PRIMS Full-text transcription (HTML)
Rahel.
Ein Buch des Andenkens für ihre Freunde.
‘— — ſtill und bewegt. ’ (Hyperion. )
Dritter Theil.
Berlin,1834.BeiDuncker und Humblot.
[1]

Aus einem Tagebuch.

Fr. von S —: gelebt, geleſen, geſchliffen, klug, gehemmt, krank erfahren, und artig. Die Tochter: artig angelebt, be - redt. Mich dünkt aber, nicht aus ihrer Natur heraus gebil - det. Der Grund dieſer Natur gefällt meiner nicht. Sie iſt zu loben, und angenehm; und nicht affektirt, oder unnatürlich in ihrer Äußerung. Nur kommt es mir vor, ihre eigenſte Natur ausgebildet, wär’s ein ganz anderes Mädchen: ſo ſehen die Grundzüge ihres Geſichts aus, und ihre ganze Komplexion, die auch ſchon gelitten zu haben ſcheint. Nicht allein die größ - ten Glücksumſtände gehören dazu, der Menſchen eigenſte An - lagen hervorzubilden, und in Harmonie zu bilden: ſondern, den meiſten Menſchen werden ganz faktice angebildet, und ſie haben nicht ſo kräftige Eigenſchaften, auch nicht Einmal ein paar in Harmonie thätige, um der Erziehung der Eltern oder der Umſtände zu widerſtehen; ſondern ſie bleiben embryoniſch monſterhaft mit den verkrüppelten, verweſten, ſparſam geſtreu - ten ſchwächlichen Naturanlagen verwickelt zum Stoffe derIII. 12traurigſten widrigſten Betrachtung in der Welt. Mir eine häufige Erſcheinung, und höchſt tragiſch, vielfältig tragiſch.

— Um 2 Uhr in die Kirche. Schleiermacher die magerſte, nüchternſte, gezwungenſte Predigt: er ſelbſt ergeben, ſie auf Bibeltexte à la fortune du pot zu machen. Vorher Geſinge. Der Klingelbeutel. Hinter mir ein Menſch umgefallen. Ich erſchrocken: krank davon den ganzen Tag. — Machiavelli’s florentiniſche Geſchichten erquicken mich etwas, weil ſie mich ſtärken: es ſind lauter faits, wie er’s erzählt. Das hab’ ich jetzt nöthig. — Viele beurtheilen die G., die gar nicht fähig ſind, zu wiſſen, daß es Perſonen giebt mit Gedanken wie ſie, und im Zuſammenhang mit ihren Gedanken wie ſie. Sie ſind ſtolz, daß ſie nie närriſch ſind. Das glaub’ ich wohl! dazu gehören auch Mittel. —

Zu Hauſe bis Abends halb 9. Dann zu M. Dort Lud - wig Liman, und Andre. Das Geſpräch über Thierſeelen. Ohme ſich ſehr übernommen: in der Verwechslung unſerer ethiſchen, und aller übrigen Anlagen. Weil ihm noch nie eingefallen, daß dieſe, wenn auch mit dem höchſten Bezug ausgeſtattete Fakultät doch kein Zweck an ſich iſt, nur eine Beziehung darſtellt, und wie alle andere Stufen eine Anſtalt bezeichnet; einfach ſcheint, und komplizirt iſt, wie alle unſere Fähigkeiten; die insgeſammt wieder nur zu einer werden können, und wie ich glaube, werden werden. Es iſt ſonder -3 bar, daß die Menſchen beinah alle ſo ſtolz auf das bischen moraliſches Urtheil ſind, welches ein Urtheil wie ein anderes iſt; und nur reichere Beziehungen trifft, andere Verhältniſſe: warum fällt es ſo Wenigen ein, daß wir durch einen einzigen Ruck, in noch viel reichere Beziehungen geſetzt werden können: und daß dieſe, in welchen wir uns überhaupt befinden, ſo gut zu unſerer Organiſation gehören, als unſer Körper. Der große Stolz läßt es gar bei Vielen nicht zu, zu denken und ſich zu beſinnen. Ich nenne unſer tiefſtes Gewiſſen doch nur ein Ur - theil. Es iſt die Beurtheilung unſeres eigentlichſten Willens. Denken iſt ſo Vielen unangenehm wegen der Reſultate; ſie haben ſie in der größten Bequemlichkeit zu beliebigem Ge - brauche ſchon in Vorrath. Es iſt gerad, als wäre der Denk - ſtoff der ungeheuerſte Marmorfels, der unſere Welt begränzte; ſo ein wenig kriecht ein jeder daran umher; und viele von den guten Arbeitern bekommen ganze Stücke ab; doch dieſe Stücke laſſen ſie unverarbeitet gelten, als brauchten ſie nicht aufgelöſt zu werden; das ſind die rohen Axiome, die ange - nommen werden; davon läßt ſich dann machen was man will. Die ganze Materie ſoll aber weg; ſonſt geht ſolcher Stein durch die Kräfte ſeiner eigenen Natur doch wieder zum großen Fels, als Weltgränze, zurück. Der Geiſt muß fleißig ſein; und die Rechenſchaft ehrlich. Es will keiner mit Re - ſultaten zufrieden ſein, die der Menſchen Fähigkeiten konzentri - ren; und ſie glauben ſie dann kleiner, weil ſie ſich beinah vereinfachen; und uns zur einzig wahrhaften Demuth brin - gen: uns zum Warten zwingen; und wicklich zu der Voraus - ſetzung eines andern höheren Geiſtes, als der des Menſchen;1 *4eines ſich ſelbſt und alles verſtehenden. Die Religionen, die ſie ſich erfunden haben, ſchmeicheln den Menſchen: daher lieben ſie ſie. Wir ſind noch in dem Paradieſe, wo man auf Erkenntniß, durch Denken Verzicht thun muß. Aber ſie drücken noch gern Schlängelchen an die Bruſt! ſelbſtfabrizirte. Wie es mit dem Menſchen iſt: ſoll eine höhere Lehre ihm unwiderſprechlich darthun; nicht ihm mit einer allegoriſchen Fabel ſchmeichlen.

Dann den Abend in dem größten Schnee zu Hauſe; mir verging dreimal die Luft gänzlich, ich glaubte zu ſterben, und rang wie im Waſſer. Varnh. glaubte, es ſei der Wind, und hielt mir immer den Mantel vor: da wär’ ich faſt geſtorben. Meine Geſundheit iſt ſehr erſchüttert. Keiner ſieht’s, und will’s glauben. Ich war den andern Tag zittrig und krank davon. —

Aßen Dr. Erhard und Koreff hier; blieben bis gegen 7. K. erzählte ſehr viel Intereſſantes: vom Staatskanzler, von Bonn, von vielem. Den Vormittag war ich bei Frau von Humboldt, die ich in mehreren Wochen nicht geſehen hatte. Dort traf ich Sch. und Koreff. Und merkte gar nicht, weil ich es nicht ahndete, daß Sch. böſe auf K. iſt. Sch. hat lau - ter vorgefaßte Meinungen bei all dem Scharfſinn, den er in ſich anſprechen kann. Er hat ſich in Wirkungen, die er in Kotterien haben kann, verliebt; und iſt von ſich ſelbſt abge - kommen. So fand ich auch daß er gegen Frau von H. wohl aufmerkſam unzerſtreut eine Art von Kour machte; welches5 Betragen ich nicht ſo nennen würde, wenn er es ſonſt nicht verſäumte. Alles dies bildet keinen ſtillen ehrwürdigen Karak - ter, iſt kein ehrwürdiges Betragen. Wenn es mir nur ſo ſcheint, ſo ſoll es mir lieb ſein: weil ich ihn innerlich liebe: aber ich glaube, die Andern irren ſich über ihn. Frau von H. lieb’ ich, wenn ich ſie ſehe. Sie iſt, wie ſie ausſieht: und mir iſt unverſtändlich, was mich an ihr verdrießt. Ich blieb allein mit ihr, und dieſe Zeit war angenehm. Ich beneide faſt allen Menſchen, auch ganz untergeordneten ſonſt, ihr haltungsvol - les, leidenſchaftloſes Betragen. Fr. von H. beſitzt das vorzüg - lich. Es kleidet ſo gut! Ich komme darin immer mehr aus dem Gleichgewicht, wenn ich auch noch ſo ruhig werde; und mißfalle mir äußerſt; obgleich ich genau weiß, woher es kommt. Ich bemühe mich die Wege zu zeigen, wie ich zu meinen Re - ſultaten gekommen bin: und darauf hört man noch weniger, als auf dieſe, oder Behauptungen. In einer beſſern Lage, mit einer beſſern oder härtern Perſönlichkeit fällt einem das nicht ein. So hat es viele Gründe, die ich kenne. Vielleicht werde ich Einmal plötzlich über dieſe abſcheuliche Art zu ſein Herr. Den Abend las ich in Mad. Necker-Sauſſure. Wir blieben zu Hauſe. —

— Ich affektire nichts. Verberge mein Beſtes; und meine Krankheit. Dore ſieht es nur; unſichtbare Geiſter; Gott, mein ewiger Zeuge. Koloſſal zwinge ich mich, und kann ich mich zwingen. Das Körperchen aber geht doch nun in ſein Älterchen dahin, und immer dahin. Ich ließe es ge -6 hen, wenn es nicht ſchmerzte; und ſchweige, wenn’s nur mög - lich iſt. Bin leicht vergnügt, und ſehr ruhig; aber — laßt mich nur ruhig, oder gebt mir Arbeit: natürliche. Nur keine Verlegenheit! Entbehrung gerne! — Als V. wiederkam, war er mild und freundlich: ich gleich glücklich. Nettchen war da, wir ſprachen, tranken Thee, und er las uns einiges aus Ma - dame d’Orleans. Eine brave Frau: deutſch, vorjetzig-alt - deutſch, tüchtig, derb. Aber bei ihr und ihren Erzählungen wurde mir klarer, und ich ſagte es auch V., wie Ein Menſch in einer Zeit nichts iſt: wie er gleich einzelnen Tropfen oder Wellen bei einem Sturme ſich verhält: keine einzelne macht den Aufruhr, nur alle machen den Zuſtand, der ein Gränzzu - ſtand, eine Bedingung anderer Zuſtände iſt. Madame d’Or - leans war ſittlich, was ſollte ſie aber allein gegen den Strom von Unſittlichkeit machen? weggehen? dann lebt ſie nicht, dann wartet ſie auf Abholen, den Tod, — wie Mad. Guion. Gegen den Strom? der bringt ſie unter. Sie war mitbefleckt, indem ſie’s duldete, und trug zu dem Unweſen bei, indem ſie in dieſem Elemente lebte und handeln mußte. Nichts iſt zu retten, als das Urtheil und die Intention: nämlich, durch Selbſtthätigkeit allein, rein zu erhalten. — Als Nettchen weg war, fielen wir uns zärtlich in die Arme: mit Blicken, worin jeder ſah, das innerſte Verhältniß iſt unberührbar, bleibt wahr, weil es wahr iſt. V. ſagte: „ Wenn du dich mit mir brouil - lirſt, fehlt mir der Boden, worauf ich lebe! “ Wie iſt es denn möglich, den für unvernünftig zu halten, und daran zu rüt - teln! Ich war aber ganz glücklich und ruhig. Nur keine Verlegenheit. Sonſt, wie Gott will! In der kann man nicht7 bleiben, das weiß Gott: er kennt ja unſer Weſen. Mad. Sauſſure beſchreibt die Frau von Staël in ihrem Umgang ſo, daß ich große Ähnlichkeit zwiſchen ihr und mir finde: ganze Äußerungen, Wort vor Wort. Sie war gutmüthig, und haßte Affektation, oder vielmehr die ennuyirte ſie zu Tod, und En - nui war ihr Ärgſtes: dies iſt auch mein Ärgſtes, ſonſt verge - ben wir viel. Die armen Menſchen, ſag’ ich immer — pau - vre nature humaine, ſagt ſie. Aber wir ſind ſehr verſchieden; ſie hat daher Talent, und ich nicht: aber wenn ich auch Bü - cher machte, ſo ſchrieb’ ich nicht. Ich ſah aber gleich Anno 1804, daß ſie eine gutmüthige natürliche Frau war: und ſagte es auch. Sie vergriff ſich ſonſt in Schätzung der sentiments; und das ſah aus wie Affektation in ihren Büchern; ſo et - was that ich auch in der frühſten Jugend nicht. —

Wie irrt ſich Frau von Staël über ſich ſelbſt, in ihren Briefen über Rouſſeau! Welche Anſtrengung von verkehrter Vertheidigung, gegen ganz unweſentliche Angriffe einer ganz verirrten Anſicht, der Leidenſchaft, der Pflicht, der Moral, des ganzen Lebens! Nicht ihre Anſicht, ſondern der Abweg, die Lügenpfade der ganzen Franzoſenwelt, das heißt der ganzen neuern. Frau von Staël liebt Rouſſeau’n, er ergreift ſie, ſagt ihr zu; aber ſie fürchtet ſich, ihre guten Freunde werden ſie für unmoraliſch halten, ſie beſchuldigen, dem Laſter, der Leidenſchaft das Wort zu reden. Sie hat weder Rouſſeau’s Ausſprüche in ſeinen Schriften, und durch ſein Werk die neue Heloiſe, eine durch Gründe vorbereitete Denkungsart erfaſſen8 können; noch war ſie ſo ungründlich und fade, und viel zu vollherzig, als daß es ihr möglich war, ſeinen gemeinen Tad - lern und deren Ausſtellungen beizupflichten. Frau von Staël war von einer andern Art von Furien, als denen, die das Gewiſſen peitſchen, verfolgt; aber dieſe garſtigen Teufel waren eben ſo fleißig, als jene zu ſein pflegen. Unaufhörlich verfolg - ten ſie ſie aus den Sälen und Gemächern von Paris; und dieſe Fratzen allein ſind es, meines Bedünkens, die ihr ganzes Talent verwinzigt, getödtet und in Konvulſion gebracht haben. Weil nur die Summe, die unſere ſittliche Anſicht von uns ſelbſt und der Welt zuſammenzieht, unſere Gaben zu Talent beleben kann. Wer nur für ſittlich hält, was Andere loben, iſt nicht mehr keuſch; und ohne Unſchuld, immer neu wieder - kehrende Unſchuld, die im reinen Willen beſteht, verwirrt ſich jedes Talent, und gebärt Geſchöpfe ohne Proportion in ihren Lebenselementen, d. h. der Tod, ein fremder Wille ſchleicht ſich mit hinein. (Thut das die Natur, ſo ſchafft ſie monstres, oder Krankheiten, die jeder erkennt, oder wenigſtens Gelehrte. Bei Kunſtwerken, Romanen, Gedichten, iſt das ſchwerer zu belegen.) Das das unvermuthet Harte, widerſpenſtig Herbe, Fremde, aus der Bahn Gleitende in den Werken der Frau von Staël, daher das ganz Inkohärente in ihren Kritiken und Behauptungen; das Abwechſten der wahrhaftigſten Ausbrüche von wirklichen Gedanken, und des ganz eitlen Nichtigen ne - benan. Sie horchte nicht auf ſich ſelbſt: und dies, weil ſie nach jedem Einfall und Gedanken gleich hinhörte, wie ihn das geehrte, geiſtvolle Paris, ihr Publikum, ihre Welt, beurtheilen würde: oder vielmehr mißverſtehen könnte. Es war nicht bloß9 Eitelkeit von ihr, und ſie mochte nicht um jeden Preis gelobt ſein: aber ſie war zu empfindlich gegen Paris — dies hielt ſie hoch! — ſie mochte um keinen Preis getadelt ſein. Ihre Moralität, ihre Religioſität, ihre Tugend, ja zuletzt gar, ihre amour d’une monarchie constitutionnelle, ſollte in nichts dem Tadel ausgeſetzt ſein. Arme Philoſophie! ſolche reicht nicht weit. Ich glaube doch, hätte ſie ſich mehr ſpekulative Kräfte gefühlt, ſie wäre von ſolcher Nachgiebigkeit zurückgekommen. Wer Gründen widerſpricht, muß es mit Gründen thun; und jeder, der denken kann, wird für ſeine Gedanken doch nicht ungedachte Ausſprüche der Geſellſchaft fürchten! Im Gegen - theil; dieſe ändert ſich allmählig nach den Urtheilsausſprüchen, welche die zuletzt ausgeſprochenen Gründe für ſich hatten, und daher ſiegten. Faſt radotirt Frau von Staël über Rouſſeau und man wundert ſich dieſes Herumfahrens, der Ausſprüche, Behauptungen, und was ſie als feſt annimmt, nicht ſowohl: als daß da drunter mit von dem Beſten zum Vorſchein kommt, und ſie öfters auf den reinen Grund untertaucht. Dies allein machte mich ſo aufmerkſam, ſo bös, und ſo gut auf ſie. So beurtheilt ſie Rouſſeau’s discours sur l’inégalité des conditions, sur les dangers des spectacles, und andre Schriften ſolcher Art, immer nur aus dem Standpunkt, was man darüber ſa - gen wird, nie was man mit Gründen dagegen ſagen könnte; kann alſo Rouſſeau’n auf gar keinem reinen oder abſtrakten Wege folgen. Sie quält ihren armen ſchönen Verſtand: er muß ihr immer unwürdige Dienſte leiſten. Wie ſie aber gar auf die neue Heloiſe kommt, plumpt ſie ſich beugend in alle alte dünkelhafte geheiligte Rohheiten. Ließe ſie doch Rouſ -10 ſeau’n lieber klagen, als ihn ſo zu vertheidigen! — Ihr in allen ihren verwickelten Läufen zu folgen, iſt mir zu ſchwer; wenn das Buch mir gehörte, ſchriebe ich alles am Rande. Sie bleibt immer in derſelben Furcht für ſich, und auch für Rouſ - ſeau, man möchte ihre Tugend, ihre Moral nicht für die äch - ten halten; fürchtet ſich, der Leidenſchaft das Wort zu reden — die ſie auch in ihrem Buch sur les passions mit Sucht verwechſelt. — Was iſt Leidenſchaft? Erſtlich! Dann verläßt ſie die Angſt nicht, daß Weiber von ſchriftſtelleriſchem Talent nicht könnten weiblich gefunden werden: oder ihre Werke doch nicht ſo hoch zu ſtellen ſeien, als die der Männer. Arme Furcht! ein Buch muß gut ſein, und wenn es eine Maus ge - ſchrieben hat, und wird dadurch nicht beſſer, wenn ſein Autor Engelsflügel an den Schultern trägt. So viel für’s Buch ſelbſt! Ob eine Frau ſchreiben ſoll? iſt eine andere Frage: und ſo poſſierlich als ernſthaft zu beantworten. Wenn ſie Zeit hat; wenn ſie Talent hat; wenn’s ihr Mann befiehlt — wird’s ehliche Pflicht ſogar, — wenn er’s leidet, gerne ſicht; wenn es ſie von Schlechterem abhält, wenn ſie Gutes thut für den Sold, u. ſ. w. und ſie muß es, wenn ſie ein großer Autor iſt. Wenn Fichte’s Werke Frau Fichte geſchrieben hätte, wären ſie ſchlechter? Oder iſt es aus der Organiſation bewie - ſen, daß eine Frau nicht denken und ihre Gedanken nicht aus - drücken kann? Wäre dies, ſo blieb es doch noch Pflicht, oder erlaubt, den Verſuch immer von neuem zu machen.

In Rouſſeau’s Heloiſe wäre ganz etwas anderes zu be - urtheilen, als was Frau von Staël anzugreifen ſcheint: aber das Werk in ſeiner Geſammtheit drückt dieſen Tadel ſelbſt aus,11 wenn auch durch kein Räſonnement; durch Juliens Unglück, das ſie uns im Tod beſtätigt. Und ſo ſoll jedes Gedicht, jeder Roman verfahren, keine einzelne Lehre der Tugend dramatiſi - ren, keine Maxime der Klugheit; was gewöhnlich ſo begierig und ſelbſtzufrieden aufgenommen wird. Mich dünkt ganz an - ders. Solche Werke ſollen ein Stück Welt vortragen; was da mit vor kommt, wird ſchön ſein: jedes Genie wird ein an - der Theil ausheben, und es nach ſeiner Gemüthslage darſtellen und färben, wie jedes Tages Licht uns die alte Erde neu zeigt, ja jedes Tages Stunde. So ſind auch die großen Werke der großen Meiſter; alles findet man darin, was man in der Welt zu finden vermag; alle großen Betrachtungen: aber ich glaube nicht, daß dieſe Meiſter ein Gedankengerüſt beklei - det haben. —

Den letzten Sonntag vor acht Tagen wurd’ ich krank; mußte Koreff holen laſſen, und zu Bette bleiben; und leiden. So viel als wohl ſonſt litt ich nicht; aber das Übel war ganz mit allem Fieber nach dem Kopf getreten. — Koreff behan - delte mich ſehr gut, und mit großer Liebe; doch fühl’ ich mich zerſtörter als je noch, von ſolcher kleinen, oder vielmehr kur - zen Krankheit. Ärger beförderte ſie, die große Kälte kam da - zu, und fand äußerſt geſtörte Nerven. — Vorgeſtern erfuhr ich Oppenheims Tod: der mich wegen ſeiner Familie ſehr ſchmerzt und beſchäftigt. Geſtern wieder eine unangenehme Nachricht, eine abſchlägige Antwort. Und dann — Goethen habe der Schlag getroffen. Darüber muß ich ganz ſchweigen. 12Es iſt ſonderbar, aber ich bin ſummariſch erniedrigt, beleidigt dadurch. — O! Gott. Wäre nicht in mir ſelbſt ſo vieles her - untergelebt, ich überlebte es nicht. Wie das ſonſt war!??? — —

— Ich las auch in den Tagen Florence Maccarthy von Lady Morgan. Reich an talentvollen Zügen, tüchtig in ge - meinen Karakteren, voller Verſtand; eine große Kraft in dem Plane der Geſchichte, eingegeben von der liebe - und ehrenvollſten Geſinnung, von der ehrwürdigſten Empörung, vom edelſten Fleiß; für Spannung und Intereſſe geſorgt; ein bleibendes Gemählde der Londner und aller großen Welt in unſerm mo - dernen Sinn; (nach der Abtheilung der Länder auf der Erde, wovon jede Gegenwart am Ende abhängt,) — das Ganze aber mir nicht, wie ſonſt Lady Morgan’s Werke, genügend: die beiden edelſten Karaktere, der eine zu leidend von dem Augenblick an, wo wir ſeine Bekanntſchaft machen, der andre gradzu zu thätig, zu liebhaberiſch am Staunen und Wun - dern der Andern, und der Leſer. Nur mit einem Karakter ſtreift ſie an das wahre Gehäge der Kunſt: mit Oleary; da ſchafft reine Eingebung, oder, was ihr allein gehören könnte, ein Bild, ein Gebiet, welches in jedem Augenblick auch von der wirklichſten Begebenheit in Anſpruch genommen werden könnte: und künſtleriſche Seelen müßten ſich dann von dieſer einen Kunſtgegenſtand vorführen laſſen, den andere Seelen nur für noch einen von ihren Kammeraden, oder ſonſt Be - kannten hielten. Dieſer Roman hatte einen zu großen Zweck, alſo war er eine Abſicht; dies, Lady! iſt ſeine ehrwürdige Recht - fertigung gegen die Anklage der höchſten Poeſie.

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Kératry, Deputirter von Finisterre, in der Sitzung vom 15. Januar 1820: — car il est rare que les mêmes illusious fassent deux fois le tour du globe. Erſchöpfend; wortſparend. Äußerſt glücklich! Eine Eſſenz vieler Gedanken.

— Nachher lobte er Undine, und mehrere kleine Gedichte von Fouqué: ich den Schlangentödter, beſonders das Vor - ſpiel. Es iſt doch ganz unbegreiflich, daß grade Undine ſo viel Aufſehen gemacht hat, und nun wieder Mlle. de Scudéry von Hoffmann ſo viel erregt. Beide Piecen tragen ihren Wurm von Haus aus in ſich: ihren eigenen Tod. Der Plan iſt den Autoren nicht klar geworden. Undine werde ich über - leſen: ſoviel weiß ich, daß ich, als ich’s las, drei verſchiedene Pläne in dem Mährchen fand, die nicht in einander, ſondern widerſprechend auf einander wirken. Wie kann Liebe mit - ſprechen, und eine Rolle ſpielen wollen, wenn erſt von Seele die Rede iſt; von dieſem wichtigſten, furchtbaren, metaphyſi - ſchen Stück, vor welchem Gedanken alle Liebe zertrümmert! Nach welchem Aufbau, Annahme oder Vorfinden ſie erſt mög - lich wird. Das iſt wie Kinderzeugen, wenn der menſchliche Körper noch in der chemiſchen Kammer der Natur producirt werden ſollte. Das dritte Element dieſes Mährchens habe ich vergeſſen: ich glaube, es war Vaterſorge, oder Kindesliebe. Jedes von denen hätte allein Stoff zu einer berühmten Fiktion werden müſſen; auch vergriff ſich Fouqué nur. — Hoffmanns Scudéry iſt nun gar der Gerichtsſtube — um das Edlere vom14 Gericht zu nennen — nahe geblieben, und „ ſoviel Worte, ſo - viel Lügen! “ Da blühen die Unwahrſcheinlichkeiten und Wi - derſprüche nur ſo, auf einem eignen Felde, das wenigſtens voller Diktion ſtehen ſollte: die man aber ganz vermißt. Ludwigs XIV. Zeit iſt ganz willkürlich gewählt, da nichts als zwei Namen, die der Damen Maintenon und Scudéry, beibehalten ſind; und die einiger Straßen. Die Leute ſpre - chen bei St. Denys, und nicht bei dem König der Schicklich - keit, deſſen Geſetze darüber noch gelten. Seine Polizei iſt, in den wichtigſten Fällen von Raub und Mord, wovon der erſte ſogar Henriette von England betrifft, die ſchlechteſte von der Welt. Sie findet, trotz perſönlichem Schreck, und Keu - chen bei der Unterſuchung des Hauſes und der Nachbarmauer des Goldſchmidts, nichts; abgleich uns Hoffmann nachher ſehr Handgreifliches finden läßt. Mlle. Scudéry behält geduldig den reichſten Schmuck Frankreichs von einem toll ſich gebär - denden Goldſchmidt: und dies, im Zimmer der Mad. Main - tenon vorgegangen, bleibt auch in Paris ohne alle Nachrede und Folgen, bei den größten Nachſpürungen über Gift und Mord, und bei einem eigenen Tribunal zur Unterſuchung die - ſer Gräuel. Der Pflegeſohn der Mlle. meldet ſich nie bei ihr, als wenn es Hoffmann nöthig hat! — Bei Ludwig XIV. geht man nur ſo in ſein Konſeil, wie an die Theaterkaſſe. Der gepanzerte Offizier ſpielt ſein Stückchen allein; und mel - det nur ſeinen gewonnenen Krieg der Dame, wenn es Zeit iſt: keiner Polizei, keiner chambre ardente. Der Goldſchmidt iſt der größte Künſtler, weil er ein Juwelenfreſſer ſchon im Mutterleib werden mußte. Wie hideux, krankhaft, unnütz,15 und ohne allen ſittlichen Grund und Kampf eigentlich! wie ein Waſſerſcheuer, dem man das Beißen verzeihen muß. Wie die Mutter zu der fausse couche gekommen, iſt wieder ein anderes Plaiſir. Tel est le bon plaisir — von Hoffmann. Und vive l’auteur! ſchreit das deutſche Publikum. Nicht zum Verſtehen. —

Schneeliches Thauwetter. Vormittag.

Anſtatt des Tagebuchs ſtehe lieber Folgendes hier: nur dies noch! Vorgeſtern hatte ich einen Thee: der alle meine Gedanken über Geſellſchaften, und Ausgaben und Einrichtun - gen, und übelgebaute Häuſer, Lügen, Langeweile ꝛc. wieder an - regte, und ſie mir immer ausführlicher macht. Geſtern wieder mit Körte’s bei Stägemann. Auch ſah ich Alceſte; auch nur ſtär - kere Beſtätigung alles Alten über unſer Berliner Theater. Schlechte Plätze. Kreiſchendes Orcheſter. Fürchterliche Tanz - kunſt, wo die Tänze nicht einmal zu der Muſik gehen wol - len; ohne Sinn, ohne Verſtand, ohne Grazie, mit Seiltänzer - Mühe, ohne ſie wie dieſe Tänzer unſchuldig uns anzurechnen. Sänger vom Berliner Publikum gebildet. Das Publikum ſich eine Art Beifall für Gluck auswendig gelernt, welchen zu wie - derholen es keineswegs unterläßt, aber doch endlich nur ſehr läſſig bezeigen kann: auch die Einzelnen in den Logen, Einer gegen den Andern. Stümer ſehr gut geſpielt; wird ſich aber die Bruſt angreifen. Weber läßt die Blasinſtrumente mit den Sängern in die Wette forciren. Töne in Fresko darzu - ſtellen, muß man von den großen italiäniſchen Sängern ge -16 hört, und es bemerkt haben. Man kann den Ton weit aus - ſchicken, ohne zu ſchreien: wie die Farben klumpenweiſe für die Ferne auftragen. Wenn Gluck nur Einmal ſolche Oper aufführen könnte! ſchon in Paris, durch Tradition im Orche - ſter, hört man wie es Gluck gemeint hat. Es iſt noch viel zu ſagen. Neulich ſagte ich zu Koreff, alle Kunſt müſſe einer Nation natürlich ſein: d. h. in den untern Volksklaſſen ent - ſtehen: ſonſt vagirt ſie, hat keinen Boden, wird Krittelei, wenn ſie vorher noch glücklich Nachahmung war. Erſt geſtern, als Goethiſche Lieder ohne Begleitung geſungen wurden, drang ſich mir von neuem auf, daß es nur verbeſſerter Wachtſtuben - und Handwerksburſchen-Geſang im Wandern war. Hier ha - ben wir keinen andern Volksgeſang. Nun giebt’s noch Sol - datenlieder aus dem Krieg. Alles andere Singen, auf den Theatern, iſt bald italiäniſch, bald halb dieſer Geſang, halb jener bezeichnete, auf Gluck, Mozart u. ſ. w. angewandt: und meiſtens ſchon damit angefangen, die Singorgane ganz miß - zuverſtehen. Dabei ein unendlicher Dünkel; auf dünkel - haften ſogenannten Patriotismus gepflanzt. Man findet hier mehr ſchöne Stimmen, als man nur irgend vermuthen ſollte; aber gleich werden ſie verdorben: in die Kehle hineingezwun - gen, die Bruſttöne bis zur Vernichtung forcirt, gequetſcht, gekälbert. Leidenſchaft beſteht nur in Forte und Piano; Piano, in Dehnen, etcetera! —

War ich unpaß zu Hauſe; erſt im Frühabend von G. geſtört; dann kam Franz Ml.: und war ſo ſtumm, ſo uner -reg -17regſam, daß ich hinaus ging und weinte, und außer mir war. Ich mußte ihn annehmen: er ging nicht; und als ich V. hatte rufen laſſen, waren ſolche abgedroſchene Geſpräche, die mich krank, und Alleinſeins oder Erfriſchung benöthigt dem Wahn - ſinn nahe brachten. Erſt ſchwieg ich; dann ging ich hinaus, da hört’ ich ſie doch: dann kam ich wieder hinein; wieder hinaus: da weinte ich. Dann, als er gar nicht ging, ſprach ich gewaltthätig und brachte zum Theil meine augenblickliche Lage als Klage im Allgemeinen vor. Marter. Schrecklichſter Abend. Ich litt unendlich. —

Nun etwas ganz anders!

Ein in unſerm ganzen Daſein gegründeter Mangel, und alſo ſich immer wiederholendes Grundunglück, beſteht darin, daß wir nur gleichſam die einzelnen Gaben des Zuſtandes der Unſchuld zu genießen bekommen, den Zuſtand ſelbſt aber und das köſtliche Glück, welches in Reinheit, in Ungeſtörtheit, be - ſteht, nicht eher zu faſſen vermögen, als bis wir in dieſem Zuſtande nicht mehr ſind, und er nur noch für unſere Betrach - tung, aber nicht für unſer Wirken vorhanden iſt. Daher auch unſer Geiſt immer unſchuldig bleibt; da wir aber hier nicht nur als Betrachtung exiſtiren, und jeden Tag auf’s neue von allen Lebenselementen berührt und ergriffen werden, und ſie wieder behandlen müſſen, ſo erneuert ſich das Unbehagen, und die Sehnſucht nach einem angemeſſenen, reinen Zuſtand für unſere Seele, auch unaufhörlich wieder. Für dieſes eigentlich unerträgliche Verhältniß iſt mir ein Troſt eingefallen; nämlich ein Mittel, den Zuſtand der Unſchuld wirklich mit Bewußt - ſein zu genießen. Mir iſt es ausgemacht, daß, wenn wirIII. 218nicht vergehen, und nach unſerm Tode noch uns perſönlich fühlen, ſo werden wir verhältnißmäßig doch wieder in einem großen Mangel ſein, und wenn auch geiſtreicher und im gan - zen Daſein beziehungsreicher, ſo werden wir Größeres im gu - ten und ſchlimmen Sinne für uns erfahren; dieſes unvermeid - lich Schlimme noch gar nicht zu wiſſen, iſt ein Stand der Unſchuld: ſich mit dieſer Unwiſſenheit begnügen, ſich ihrer freuen, heißt dieſe Unſchuld mit Bewußtſein genießen. Dieſen Genuß verſchafft die Thätigkeit des innren reinen Geiſtes. Sollte unſer Zuſtand nach dem Tode bloß ſchlimmer ſein, als hier, ſo gilt dieſelbe Betrachtung. —

Dies als einen guten Fund zum Troſt, theilte ich vor ein paar Wochen der Frau von B. mit: ſie verſtand es total nicht: und ich ſtand als neues Thor verlegen gegen ihr über; ſie ſtellte auch keine weitere Frage an, um ſich den Gedanken erklären zu laſſen. Ihr tiefer Irrthum beſtand darin: daß ſie den künftigen Zuſtand, von welchem die Rede hier iſt, nicht als etwas nothwendig zu Erfolgendes anzuſehen ver - mochte, und der Vorausſetzung eines ſolchen nicht einmal zu folgen vermochte, ſondern ſich ihn nur wie jedes andere Un - glück, welches kommen, aber auch wegbleiben kann, zu denken vermochte. Gräfin Walſh, der ich daſſelbe in Baden ſagte, faßte es gleich, und lachte ganz erhellt wie in〈…〉〈…〉 neue Ge - gend hinein: und die W. iſt fromm katholiſch. Die B. ver - ſteht ſehr wenig. Gar keinen generellen Gedanken; oder ſeine Anwendung. Ich habe ihr noch mehr über dergleichen vorge - tragen, über Ehen, Völkervorurtheile ganzer Jahrhunderte, ſie weiß nichts. Sie kann keinen Irrthum über die Dinge19 von der ſtillen Natur der Dinge unterſcheiden; der ſittliche Antrieb fehlt ihr: ſie kommt gleich auf Approbation, oder Abſtimmung der Menſchen: und das Scheidende in ihrem Geiſt iſt auch nicht ſcharf.

Natürliche Kinder werden die genannt, welche keine Staatskinder ſind; wie Naturrecht, und Staatsrecht. Kinder ſollten nur Mütter haben; und deren Namen haben; und die Mutter das Vermögen und die Macht der Familien: ſo be - ſtellt es die Natur; man muß dieſe nur ſittlicher machen; ihr zuwider zu handeln gelingt bis zur Löſung der Aufgabe doch nie; fürchterlich iſt die Natur darin, daß eine Frau gemiß - braucht werden kann, und wider Luſt und Willen einen Men - ſchen erzeugen kann. Dieſe große Kränkung muß durch menſch - liche Anſtalten und Einrichtungen wieder gut gemacht werden: und zeigt an, wie ſehr das Kind der Frau gehört. Jeſus hat nur eine Mutter. Allen Kindern ſollte ein ideeller Vater kon - ſtituirt werden, und alle Mütter ſo unſchuldig und in Ehren gehalten werden, wie Marie. —

Oelsner, in Paris.

— Von hier aus ſehe ich die Welt. Der Ort in ſeinem geiſtigen und andern Zuſtande bedingt mir die Welt. Alſo bin ich ganz eitel, ſie doch ſo anzuſehn, wie Sie: es läßt ſich meines2 *20Bedänkens nichts mehr über ſie ſagen, als was Sie ſchon im Herbſte ſchrieben: „ Beide Parthien — aus zweien beſteht ſie einmal — ſagen nicht, was ſie eigentlich wollen. “ Sie nann - ten auch dabei, was ſie wollen; ich ſetze hinzu: und ſie be - trügen ſich nicht mehr einer den andern: und dieſen Punkt Zeit halte ich für eine Reife, die uns jeden Augenblick eine unbekannte Frucht aus der Schalendecke kann hervorbrechen laſſen, welche die eine Hälfte der Leute als ſüß, die andere wird als bitter verzehren müſſen. Es muß eine neue Erfin - dung gemacht werden! Die alten ſind verbraucht. Prieſter, Regierungen, waren ſonſt ihrer Zeit vor; brachten Geſetze von Bergen, aus Wolken, von nicht bekannten Ländern; dieſe Geſetze ſind durchdemonſtrirt; jeder Miethwohner des Erden - rundes weiß ihren Grund, oder wenigſtens, er iſt ihm zu Ohren gekommen: nun will keiner ſie mehr als einſeitiges Gebot halten, ſondern ſie machen helfen: und eine geſetzliche Weiſe in dieſen Zuſtand zu bringen, wird allein noch gar nicht helfen. — Es iſt noch Phantaſie im Menſchen übrig für idealiſche Zuſtände, und die will Stoff, Nahrung. Alle gemeinſcheinende Anſprüche gründen ſich darauf; weil ſie auch von denen, die ſie machen, nicht verſtanden werden; und dieſe ſich in Mittel und Stoff vergreifen. Darum denk’ ich mir einen Geſetzgeber, einen Regenten jetzt als einen ſolchen, der eine hohe, allgemeingültige Anſicht des Lebens zu erfinden wüßte. Etwa ein neues religiöſes Element, welches die Sitt - lichkeit ſchärfer zu verſtehen gäbe, allen gebotenen Handlungen eine andere Richtung, einen neuen Ehrgeiz. — Aber aller Menſchen Geiſt, der Zufall, die Zeit, Gott wird ſo etwas21 ſchicken, das bin ich gewiß. Alles andere — wird ſchon etwas clabaudage; und ging ſie nicht an Leib und Leben, ſo beküm - merte man ſich nicht mehr drum, und ſie ennuyirte weniger. Eines wundert mich aber immer ganz von neuem: wieſo grade die faiseurs in der Welt, das Ganze ſo wenig aus dem Ganzen anſehen. Bringt das die Verlegenheit des Handelns mit ſich? — Von mir weiß ich Ihnen nichts zu ſagen. — Berlin ken - nen Sie: es ſteht nicht ſtill: es läuft aber immer in derſelben Richtung. —

An Frau von R., in Rom.

Wo ich ſeit dem 11. Oktober bin, und warte.

Tauſend Grüße! Unzählige bringt Ihnen, verehrte, liebe, theure Freundin, dieſer Brief!! Möge er Ihnen all die Sehn - ſucht nach Ihrem Umgang, nach dem ſtillen, ſichern, muntern Zuſammenſein mit Ihnen, ausdrücken können; dem einzigen, welches man ertragen kann, das einzige, welches man ſich wünſchen muß. Wo Geiſt, Güte, Witz, Nachſicht, gute Laune, Wahrhaftigkeit und prahlloſe Treue regieren, und beleben. Das fand ich in Ihrer Familie: niemand kann dies leiden - ſchaftlicher im Herzen tragen; niemand ſtäter, herber vermiſ - ſen, als ich. Das muß ich Ihnen ſagen: wie ein Liebender nicht ruht, bis er ſeine ſüße Wunde vertraute. Bald nach dem harten Schlag, Ihrer Abreiſe, den 22. Juli erfuhr ich, daß auch ich nicht in Karlsruhe bleiben dürfte, Sie dort wie - der zu erwarten. Getroffen von dieſem Gewitterſchlag, fand22 ſich der gräuliche Schmerz erſt nach und nach, mit jedem Tage ſtärker, mit allem was er vermiſſen ließ, und von Thätigkeit forderte, die ſich auf keine erwünſchte Gegen - und Zuſtände bezog, herber und zerſtörender ein. Ein liebes Leben hatte ich verloren; und konnte mir das alte hieſige nicht wieder aneig - nen, weil es nicht mehr da war, ich dem neuen fremd, das Klima, die Kälte widerſprach mir, ich ward leidend. Weil ich doch nicht zu bleiben hatte, fand ich mich auch nicht heimiſch: kurz, unbehaglich: voller regrets und souvenirs. So wollte ich durchaus nicht ſchreiben, bis ich etwas beſſeres zu melden hätte; wenigſtens eine neue Beſtimmung. Vergeblich: der Kongreß hielt alles in beſchlußloſer Ungewißheit, und noch heute — —, bloß damit ich auch mitten im Sommer noch nicht wiſſen ſoll wohin! und ihn hier verpraſſen muß. Je - doch iſt er ſchön hier bis jetzt. Unendlich viel Grün, und na - menloſe Blumen in der Stadt: bis jetzt wegen paſſendem Re - gen kein Staub. Auch muß ich der Stadt im Winter ihre Gerechtigkeit widerfahren laſſen: es iſt gewiß die reichſte, viel - fältigſte und vielhaltigſte deutſche Stadt, in Rückſicht des ge - ſelligen Umgangs. Mehr Frauen, die häuslich empfangen, findet man wohl außer in Paris nirgend; mehr Streben zum Wiſſen und Sein wohl auch ſchwerlich, trotz der allgemeinen Zerſtörung, und neuen Aufbauung der Geſellſchaft, die allent - halben zu verſpüren, und auch hier nicht ohne Wirkung iſt, Es war vieles hier ſehr ſchön. Ich aber mit meinem Sinn auf’s Badener Land, auf Karlsruhe, auf meine Dortigen, und die ganze Lage und Umgegend geſtellt! Und nur denn ſproßt Glück in der Seele, wenn wir ſie nicht umzuſtellen ge -23 nöthigt ſind, und ſie grade für die Witterung, die uns um - giebt, beſtellt iſt. Drum ſagt auch Goethens Taſſo ſo ſchön: „ O! Witterung des Glücks, begünſtige dieſe Pflanze! “ Den Troſt hatte ich hier: und wahrlich es war ein heilendes, ſtär - kendes Bewußtſein, daß Sie ſich insgeſammt in Rom wohl fühlten, gut befanden: daß Ihnen, theure Frau von R., das Klima bekam, daß Sie die herrliche Wohnung, den Garten mit den Blumen hatten, zuſammen ſind!!! und Italien obenein, Rom, für die Ewigkeit — mit Bequemlichkeit in Ih - rer Seele aufnehmen können. Glück zu! Iſt es möglich — welches ich immer glaube — daß wohlwollende Wünſche, tiefherzliches Gönnen, Glück noch mehr anfachen kann, ſo helfe ich Ihrem lodern! Jetzt, theure Freunde, ſind die Tage, wo wir voriges Jahr anfingen im Schloßgarten zu hauſen. Präch - tiges, theures, liebes Bild! In Italien freut es Sie noch! Mich beſeligt es hier; und putzt mir die Mark auf! Wir ſe - hen uns wieder! — für mich iſt das gewiß — wenn es der Tod erlaubt: denn, dem Leben fahr’ ich vor — wie Kutſcher — zwanzig, vierzig Meilen, Sie zu beſuchen! —

Ich habe mir vom 20. dieſes an mein Quartierchen in Baden-Baden gemiethet: und gedenke für meine Perſon hin zu reiſen, und zu ruhen. Dann wird ſich wohl ausweiſen, ob ich meine Effekten in Karlsruhe verkaufen, oder ſie in der Nähe wo hinſchicken ſoll. Zu beiden Geſchäften muß ich dort ſein, weil ich alles dort zu Miethe ſtehen habe. Frau von Humboldt iſt ſeit vierzehn Tagen in Dresden. Geht nach Tö - plitz und ihrem Gute Burgörner: die liebt Sie ſehr, und von der hab’ ich meine Nachrichten von Ihnen: und durch die24 Hofräthin Herz, die immer Briefe von Frau von Schlegel hatte; welche meine R’s fand, wie ich es ſagte; ihre Schutz - engel. Triumph! für mich. Meine Komplimente ſind alle wahr. Das iſt der Unterſchied: Sie kennen mich: kann ich ſchmeichlen? Frau von Tr. ſah ich auf einem Ball ſchöner, jünger, heiterer als je! und tanzend wie das kleinſte Fräulein. Sie ſcheint beruhigt, geſund, und ſehr vergnügt. Ich redete ſie als eine Henrietten-Freundin an; und ſprach ihr von Ih - nen, es war mir Bedürfniß; ſie klagte ſich in Hinſicht der Korreſpondenz mit Ihnen, liebſte, freundlichſte, harmoniſchte Henriette! an. Sie ſchien im Ganzen zerſtreut. Ein Ball! thut dergleichen.

Sie ſprechen Alle wie die Profeſſoren und die Lazzaroni italiäniſch! Fräulein E. ſingt wie Caffarelli: Papa hat den ganzen Vatikan ausgeleſen, durchſucht und auswendig gelernt; kurz, Italien iſt Ihnen Allen nur wie gemauſt; und doch iſt alle Abend Deutſchland bei Ihnen! ich ſehe es. Auch ſtehen Nähzeuge, Körbchen, Stickzeuge und Zeichnungen in der Fräu - lein Zimmer, wie in Karlsruhe: Blumen, alles! Bei Herrn von R. ſind Haufen von neuen und alten Büchern gethürmt, mit ganz dunklem Einband, und pergamentnem, und mit ſol - chen italiäniſchen Karakteren gedruckt, daß ſie kein andrer als er im Hauſe leſen kann; wenn ſie ſie auch angucken. Wenn es zu heiß iſt zur Terraſſe, hat er doch Abends eine Parthie, und giebt dem Abend auch ſeinen deutſchen Kniff! Ach! ich möchte mir gerne alles denken. Wir kommen wieder in Einer Stadt zuſammen. Iſt es heftiger Wunſch? iſt es Ahndung? Mir kommt es immer ſo vor. Herzlich umarme ich Sie ſehr,25 verehrte, liebe Freundinnen! Sie, liebſte Frau von R., Sie Fräulein Henriette und Fräulein Eliſe! Dem Herrn von R. meine treuſten Grüße! Nie vergeſſe ich wie ſchön aus ſeinem lieben Herzen er bei der Kirche auf dem Markt von mir Ab - ſchied nahm! Mögen wir uns dort wiederſehn! Varnhagen empfiehlt ſich Ihrer Gnade; legt ſich den Damen zu Füßen, und iſt mein Vertrauter und Zuſtimmer über R’s! Wünſcht nie andre, nur ſolche Diplomaten zu finden: dieſe, dieſe, ſage ich! Tauſend ſchöne Grüße an Fräulein Th.! Noch gra - tulire ich ihr, mitgereiſt zu ſein. Es thut ihr gewiß wohl: und bleibt für’s Leben, das reichſte, und durch Sie Alle, weichſte Andenken. Gott laſſe Ihnen Ihr Glück! dann gönnt er auch mir viel Freude, großen Troſt. Ihre treu ergebene wahre Freundin

Fr. Varnhagen.

Darf ich mich unterſtehen Ihre Gouvernante zu grüßen, deren Namen mir eben jetzt entgleitet? Unſre Uranie war in Paris bei den Ihren. Wie gönnt’ ich’s ihr! Adieu! adieu!

Meine Nichte, die ſchon die Ehre hat von Ihnen gekannt zu ſein, wird ſo glücklich ſein, Ihnen dieſen Brief zu über - reichen. Sie reiſt jung vermählt mit ihrem Mann. Ich em - pfehle ſie beide Ihnen. Beſſeres kann ich nicht für ſie thun; da ſie mein Kind iſt!

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An Auguſte Brede, in Stuttgart.

Kaltes, ungeſundes Wetter, wie überall, nach den Zeitungen.

— Sehen Sie Mad. Huber, die das Morgenblatt her - ausgiebt? Sahen Sie bei ihr eine Frau von Pobeheim, eine Freundin von mir aus Berlin, auf die ich unendlich halte? Sehen Sie Lindner? Sagen Sie ihm, erſt jetzt hätte ich mit unendlichem Vergnügen ſeine Antwort auf A. W. Schlegels Attake in der Allgemeinen Zeitung geleſen. Der Zorn ſtieg mir bis an den Hals über A. W. S. ’s Benehmen, daß er die — ſonſt von mir ſo geſchätzten — franzöſiſchen Phraſen bis in ſein innerſtes Blut dringen, und ſie im Deutſchen bis zur Niedrigkeit werden ließ, und die Staël „ Beſchützerin “nennt! Ein Freund iſt er ihr: iſt ſie reich, und theilte mit ihm, ſo iſt das, weil er es nicht mehr als ſie war und nicht mit ihr theilen konnte. Geſchützt muß er ſie auf Reiſen und im Le - ben haben: genutzt hat er ihr mit ſeiner Nationalität hun - derttauſendmal mehr, als ſie ihm: ihre iſt unſer altes Eigen - thum, von unſerer Litteratur hätte ſie nie ohne dieſen Freund faſeln können! Es mußte ihm endlich, und dieſer Staël An - betung ſo aufgetrumpft werden. Ich danke Lindner innigſt dafür; auch geſchickt machte er’s. Mir war das Balſam. Ich kann ordentlich litterariſch leiden. Es gilt in allen Fächern, Handlungs - und Gedankenkreiſen, um dieſelbe Sitt - lichkeit. Wahrheit oder nicht Wahrheit; die lieben, iſt ſitt -27 lich ſein; ſie zu finden wiſſen, Verſtand haben, der Vernunft folgen! Und niemals darin ermüden: iſt der höchſte Bund. —

An Auguſte Brede, in Stuttgart.

Liebe Auguſte. Ich grüße und umarme Sie noch von hier. „ Maria Stuart heißt all mein Unglück “heißt das! Dieſe Zeilen überreicht Ihnen Mad. * Sein Sie gütig gegen ſie: es iſt eine ſehr gute liebe Frau, die durch ihren Mann viel Leid erlebt hat: der es ihr durch ſeine Geſchäfte zuge - zogen hat. Jetzt folgt ſie ihm nach Stuttgart. Koreff hat ihr Empfehlungen an die Miniſter Wintzingerode und Zepelin mitgegeben, an Hrn. von Cotta und Uhland! an keine Frau. Sie ſind die beſte. Sie ſind die wahre Ver - ſüßerin; Sie ſind ſüß. Ich weiß noch, wie Sie mir in Prag auf der Treppe entgegen kamen. Im grauen Überrock; ein Häubchen, mit Puffen drauf; und Ihre Schönheit im Ge - ſichte. Adieu! Theures Herz! Ehe es Winter wird, ſchließe ich Sie in meine Arme, in Stuttgart oder gar in Dresden! — Ich ſchreibe ſehr zerſtreut in Mad. * ihrem leeren Reiſezim - mer voller Menſchen. Sie iſt eine vortreffliche Seele, aber von ihrem Vortrag, z. B. über mich, rechnen Sie ab. Adieu! Adieu!

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An Karoline Gräfin von Schlabrendorf, in Dresden.

Theure Gräfin! Sichere Freundin. Die Lebenswellen ſchlei - chen, laufen, ſtürmen, wallen vorüber, und ſitzen die Freunde nicht in einem und demſelben Schiffe, nicht an demſelben Ufer, ſo bleibt es vergeblich, jene für einander auffangen zu wollen; erhaſcht ſind ſie todt, einzeln, ohne Strom, ohne Be - deutung, Leben oder Beziehung. Darum iſt Trennung ſo hart: weil für die am meiſten Gewitzigten dann auch, wie für andere, die Mittheilung ſtarrt: nur dieſer große Gewinn bleibt ihnen, daß der Lebensſtrom in einem jeden von ihnen dieſelben Tiefen durcharbeitet hat, wenn ſie ſich wiederſehen; und noch einen Vortheil müſſen wir uns nicht entſchlüpfen laſſen! Dieſen nämlich, wenn uns ein wirklich geiſtiger Fund entgegenſchwimmt, daß wir ihn nicht in Stumm - heit für uns allein fiſchen, ſondern unvergeſſen und gleich ihn den Geiſtesverwandten zuſchiffen. In dieſer ununterbrochenen Geſinnung ſchicke ich Ihnen, geehrte Freundin, beikommendes Büchlein: Angelus Sileſius. Ein Schatz von Gedanken, Klei - node erhabenen Stolzes, der mich, bis zum Lächlen erfreut; gedachte, und daher einzig wahre Demuth; einzig wahre Re - ligion, da es Fragen an Gott ſind; getroſtes Verzweifeln; Unſchuld in höchſter Kraft bewahrt! Dies alles in bereiter, gebildeter, glücklicher Sprache, die ihr Beſtes und alles dem Gedanken verdankt, und nicht wie ein Kleid des Gedankens, ſondern wie deſſen lebendige aus ihm erwachſene Behautung29 lebt. Kurz, das Gegentheil der Zeitavortons; in Religioſität, Denken, Geſinnung, und Ausdruck von allem dieſen! Darum, theure Gräfin, ſchicke ich es Ihnen! Mir ſtärken dieſe Sprüche den ganzen Geiſt und Kopf, wie Bergmorgenluft die zu we - nig beachtete Natur des Körpers. Möge es Sie eben ſo er - freuen, und Sie mich es wiſſen laſſen! Ich dachte dieſen Som - mer gewiß nach dem Rhein zurückzugehen. Mein Beſtes, meine Vernunft, muß einwilligen, hier zu bleiben. „ Nur Geiſter können gezwungen werden, “ſagt Novalis. Machen Sie von dieſen wenigen Worten Ihr Facit! Faſt fürcht’ ich mich, noch etwas Höheres zu werden im Verlauf der Zeiten. Welcher Zwang mag da erſt eintreten! Doch bin ich ſeit heute getroſter: weil ich ein paar Zimmer im George’ſchen Gar - ten, der an der Spree liegt, als Abſteigequartier habe. Und Luft, Grünes, Waſſer, Leben, — welches auf dem Schiffbauer - damm iſt, — mich gleich heilend berührt, und mir wirklich ſo nöthig als Athemluft iſt. —

Julchen S. ſagt: „ Man kommt ſo ſtückweiſe um ſich. “ Ich ſage: „ Man trägt ſein Leben zu Grabe. “ Vielleicht lebt es Keiner. —

Es giebt eine oberflächliche, und eine tiefe Jugend!

Wir verlieren alles, was wir lieben: am Ende das was wir kennen, das Leben.

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Allmächtiger Gott ſei uns gnädig! Lehr’ uns, wie wir zu dir ſtehen!

An Adam von Müller, in Leipzig.

— Angelus tiefſte, erhabenſte, ſchönſte, kühnſte Sprüche ſind und bleiben nur unſchuldige Fragen, und demüthiges Verzichten. Die erſten bis zur kühnſten Keckheit eines geiſt - vollen Kindes. Ich muß hier noch ſagen: es findet ſich ſchon in Kindern dieſe Sitte, wie ich es nicht anders zu nennen weiß: die ganze Anlage, der ganze Keim zur Moralität. Wie ſollt’ ihnen auch ſonſt verſtändlich werden, was ſich darauf bezieht? Aber verſchieden ſind die Kinder; grad nur darin. —

Und ich möchte ſagen, was iſt am Ende der Menſch an - ders, als eine Frage! Zum Fragen, nur zum Fragen, zum ehrlich kühnen Fragen, und zum demüthigen Warten auf Antwort, iſt er hier. Nicht kühn fragen, und ſich ſchmeichel - hafte Antworten geben, iſt der tiefe Grund zu allem Irrthum: und iſt man in dieſem auch ehrlich, und irrt nur, ſo iſt es doch Verzärtelung und Mangel an Klarheit; und bei beiden können wir nicht immer verweilen: Die große allgütige Ein - richtung Gottes, das wirkliche Verhalten der Dinge unter - einander, und der Gedanken zu den Dingen, wird uns doch zum ſchwereren, demüthigern Werke mit fortreißen. Auf ſolche Weiſe, glaub’ ich, ſind wir zum ganzen hieſigen Daſein ge -31 kommen. Wir mußten es durchmachen. Wie überhaupt Menſchengeiſter lernen. Mit eigener Mühe; dabei fängt die große Mitgift, Perſönlichkeit an. Dies iſt für mich „ der Gedanke aller Gedanken, die Menſchwerdung Gottes; “die Gnade, uns eine Perſon werden zu laſſen, und in dieſer Gnade find’ ich auch gleich ihren eigenen Grund; ſie enthält ihre Bedingung in ſich ſelbſt. — Den Urgeiſt beurtheile ich nur nach meiner Mitgift von ihm, im Verhältniß von mir zu ihm: nicht ungemeſſen, ungebührlich, was er ſein kann. Der Gedanke Sein ſchwindet mir ſogar bei ſolchen Möglich - keiten. Wie ein Adjektiv komme ich mir vor. —

— Sie glauben gar nicht, was ich alles untereinander leſe. Kennen Sie Madame Guion? Deren Leben las ich vorigen Winter, und noch vieles von ihr. Die hat den me - taphyſiſcheſten Kopf. Mit welcher Kraftmacht — vigueur — ſpekulirt, mahlt die in’s Leere. Von dem großen Karakter noch gar nicht zu ſprechen. Sie werden gewiß laut lachen: aber für mich iſt ſie ein Gegenſtück zu Fichte’n. Beide laſſen Welt und Natur ganz ausfallen, und ſenden den ſtarken Geiſt in die Weite. Fichte verfolgt die Thätigkeit deſſelben bis an die Gränze des Seins: die Guion ſchwingt ſich neben ihren Vater in die Werkſtätte der Welt, wie die Bibel ſie erzählt. Mit einer Gemüthskraft, und einer Ergebung voll Zutrauen, die mich ſie mit Verwandſchafts-Zärtlichkeit lieben macht. Mir äußerſt merkwürdig. Nur krankhaft; unſäglich großartig aber. Darnach las ich Fenelon’s und Boſſuet’s Leben von Beauſſet. Fenelon lieb’ ich: den muß jeder nach ſeiner Art lieben. Boſſuet zwingt ſich ſelbſt: warum ſollte32 er nicht Andere zwingen wollen? Das iſt ſeine Ehrlichkeit. In ſeinen Briefen an Freunde find’ ich ihn liebenswürdig. Ich glaube, kein gebildeter Franzoſe damaliger Zeit konnte in näherem vertraulichen Umgang der Liebenswürdigkeit ent - gehen: ſonſt wäre er mit niemand dazu gekommen. Soviel Ächtes enthielt ihre damalige Geſammtbildung, und das, was in der Geſellſchaft herrſchte.

Geſtern lernte ich zum erſtenmale, daß man doch einen Andern mehr liebt, als ſich; wir können die Eigenſchaften, die wir für die weſentlich menſchlichſten halten, für die lie - benswürdigſten, rührendſten, wenn wir ſie uns ſelbſt zugeſte - hen müſſen, nicht in uns lieben, uns nicht ſelbſt dafür lieben. Wohl aber in Andern. Mit einer Art leidenſchaftlicher An - erkennung, mit der zärtlichſten Verehrung. So wie wir un - ſere Phyſionomie nicht ſehen können; und doch unſer Geſicht fühlen, wie kein anderes. Dieſe Entdeckung macht mir viel Vergnügen: nicht, weil ich mich und uns nun nicht mehr für ſo ſelbſtiſch halte, und für beſſer; aus Ehrgeiz möchte ich nicht über die Menſchennatur hinaus, ſie darum nicht erhö - hen: aber, daß wir dadurch reicher ſind, vielfältiger, das freut mich; und auch darum, weil ich Wahres gefunden habe. Nur der Tag iſt mir verſüßt, wo ich durch oder für meine Gedan - ken etwas Neues erfahre. Dieſes Neue verdank’ ich der B. ’ſchen Jugendkorreſpondenz; die mich ganz belebt hat. Ich möchte ihm wieder ein Vergnügen machen!

Man33

Man wundert ſich ſo ſehr, und beweiſt ſo ſtark, daß dem Adel die alten Vorzüge und Ehrerbietung nicht mehr wollen geſtattet werden. Warum bemerkt niemand, daß es den Ge - lehrten (les doctes), den Doktoren eben ſo geht? Sonſt war ein ſolcher ein vornehmer, verehrter Herr; ihm ſchrieb man Gelehrſamkeit wie Tauſendkünſte zu: man war überzeugt, es ſei ein anderer Mann, als die, welche den Ehrentitel nicht erhalten hatten, und es war eine Beglaubigung. Jetzt iſt es zu bekannt, daß eine Menge Leute gelehrter ſind, als viele Doktoren. Die Welt ſchreitet wirklich fort, und der Punkt, worin dies Fortſchreiten beſteht, iſt auch gleich das Zeichen davon. Kenntniſſe, Vermögen aller Art, Bildung, wird, iſt allgemein. Breitet ſich aus: ſagt man ſo oft, ohne an den buchſtäblichen Sinn dieſes Ausdrucks zu denken: der Ertrag der Völker breitet ſich über die Erde. Das iſt der Zeit Kör - per, möchte ich ſagen; anſtatt des ſchon mißlichen Wortes Zeit - geiſt. Die Folgerungen mag man nun ferner machen. Es glauben ja Viele und ich auch, die Geiſter machen ſich Körper. Die Zeit iſt ein Geiſt, und ſchafft ſich ihren Körper.

An Oelsner, in Paris.

— Ich weiß, es giebt keinen Troſt, keinen in Worte zu faſſenden. Lear ſagt zu einem, der ihm Unglück klagt: „ O! du würdeſt alles vergeſſen, wenn du meines hörteſt! “DiesIII. 334iſt wenigſtens der Sinn ſeiner Schmerzensworte. So ging es mir mit Ihnen! Wie Schatten, ohne Farbe noch feſte Ge - ſtalt, entſchwand mir das eben kürzlich Erlebte. Uns hier war eben eine Freundin und Nachbarin an einem unendlichen Leiden von Krankheit geſtorben; und noch nicht begraben. Meiner älteſten Freundin einziger Sohn und Hoffnung, ein junger Architekt, der mit General Menu reiſte, in Alexandrien geſtorben, und die Nachricht eben friſch angekommen. — Alles ſchwand mir gegen Ihre Schilderung, armer Freund! Wie haben Sie unvermuthet die tüchtige, edle, thätig geſunde Freundin mitgeſchildert! Die liebe, treue, kluge, ſtarke Mut - ter! Ich ſehe ſie, obgleich ich ſie nie ſah; und weine mit Ihnen. Da iſt nichts zu ſagen; als Gott anzuſehen, ob er uns nichts ſagen wird. Der ſpricht aber nur ein - für alle - mal, wenn er uns in’s Leben ruft. Und richtig citiren Sie den, der da ſagt: il y a des moments, où l’on ne peut rien faire que de vivre. Leben; iſt die große Ureſſenz, der tiefe Urſtoff, woraus alles entquillt, mit und ohne unſer Zuthun. Solchen Gemüthern, wie Sie eins ſind, kann man am wenig - ſten arbeiten helfen, weil ſie alle Arbeit ſelbſt übernehmen: denen mag ich nur zeigen, daß ich ihnen nachfühlte, und nachdenken konnte; das iſt ihr einziger Troſt, weil dieſer Troſt eine Art Umgang iſt. Am erſchütterndſten, lieber Freund, in ihrem Schreiben war mir das, daß Sie für alle übrigen Le - bensverhältniſſe ſo klar blieben, ſo voller Haltung und erfor - derliche Thätigkeit. Dieſe Stärke und Macht über ſich ſelbſt iſt mir der ſicherſte Bürge über durchgefühltes Leid, ich kenne ſchon die, die ſich nicht faſſen können: die können ſich bloß35 nicht faſſen; und auch nicht allen Schmerz und Verluſt in allen ſeinen Beziehungen. —

Wenn man behauptet, phyſiſcher Schmerz ſei der unleid - lichſte, ſo widerſprechen einem beinah alle gebildete Leute, und fühlen ſich wohl recht behaglich, und ihre Denkungsart groß - artig. Man mag ihnen was auch immer für Gründe anfüh - ren. Wie kommt es aber doch nun wohl, daß kein Mitleid, ja, kein Gericht, für einen erwürgten Zuſtand einer ganzen Seele vorhanden iſt; daß in den geſelligen, und noch engern Verhältniſſen der Familie, gewöhnlich die eine Hälfte, oder Einer, ganz erdroſſelt in allen ſeinen Regungen des Geiſtes, des Herzens und allen Thätigkeiten ſeiner Anlagen umherlau - fen muß, ohne irgend Klage anbringen zu können; oder, ohne dieſe, Hülfe und Recht zu bekommen, während bei einem viel leiſeren körperlichen Angriff alle Herzen auf offener Straße, und alle Gerichte ohne Kläger zu Hülfe eilen würden? Weil es da evident iſt, daß der Gefährdete nicht würde weiter leben können, und die Natur ſchon da dieſe gütige Einrichtung ge - troffen hat: bei der Seele Übel, und was der widerſpricht, war ſie nicht ſo nah: und aus dieſem einzigen Grunde, möchte ich dieſe Übel herber nennen; von der Seite be - trachtet. —

3 *36

An Mad. Domeier, in London.

Sind wir noch dieſelben?! Kann noch ein Zweifel ob - walten, über unſere Vorexiſtenz? Daß man ganz aus - und abgerieben wird, das iſt doch ausgemacht: daß wir keinen An - fang, und kein Aufhören denken können, auch: wir haben alſo unſer voriges Daſein rein vergeſſen. Es iſt eine ausgemachte partie de plaisir, daß wir in vorgerückten Jahren uns unſere Jugend noch zu erinnren vermögen; und zu dieſer, liebe Freun - din, lade ich Sie ein! Es iſt auch nur einer von den opti - ſchen Betrügen, woraus unſer hieſiges Leben zuſammengewitzt iſt, daß wir meinen müſſen, wir verändern uns. Die alte, nämlich ewig junge Seele muß nur durch ſo alte Kanäle; die Witzkombination iſt doch nicht groß genug, und wiederholt ſich zu ſehr: Sie ſollten ſonſt ſehen, wie jünglingsrege unſere liebe Seele wäre, wenn ſie nur alle Tage etwas Neues er - führe; durch eigne neue Gymnaſtik oder andere Organe, als da ſind das Weltall! Eines der größten Witzereigniſſe iſt nun, daß Sie nach Deutſchland kommen wollen. Nur bege - hen Sie den großen Fehler nicht, nur ſieben Wochen dazu anzuwenden, wie der Scholar, Ihr Sohn. Laſſen Sie dieſen jungen Menſchen allein zurückreiſen; und übereilen Sie ſich nicht! Eine ganz nützliche Reiſe über das deutſche Land kön - nen Sie gewiß in dieſer Zeit ganz zu Stande bringen; Sie37 können unſern techniſchen, künſtleriſchen, geſelligen, und geſetz - lichen Zuſtand gleich überſchauen: und gleich beſſer, als nach und nach; und friſch aus dem altrevolutionirten England beſſer, als lange von demſelben weg. Aber Ihre Freunde, und Deutſchlands Gutes, werden Sie in ſieben Wochen nicht finden; dies muß man ſuchen: kann es auch finden, auch häu - fig, aber in keiner beſtimmten kurzen Zeit, noch einer ſolchen Richtung. Kommen Sie nicht umſonſt über’s Meer! Nehmen Sie nicht nur den erſten ſchlechten Eindruck mit zurück! Brin - gen Sie Lord Byron und Sir Walter Scott beſſere Nachrich - ten von uns mit. Ich ſehe alle unſere Fehler ein, ich mache ſie ja mit, aber ich möchte doch gerne mit Wahrheiten gegen Lady Morgan und die beiden Herrn prahlen. Laſſen Sie keine deutſche Staël umſonſt zu uns herüber kommen! denn ich ſehe ja Ihr Werk über Deutſchland ſchon! Was ſagen Sie dazu, daß ich mich zum Publikum ſchlage? da alles ſich adelt? daß ich feſt Volk bleibe; immer nur Leſer, und nie ſchreibe? An Verſtand fehlt es mir nicht: aber der ſieht ein, daß ich kein Talent habe, wofür ihn doch alle meine Freunde in Ehren halten ſollten; denn die armen Leute ſind es doch, denen man die Manuſkripte vorlieſt: Gedrucktes warnt vor ſich ſelbſt. Was wollen Sie aber mit einem ſolchen Brief anfangen; Sie leſen ihn aus, wie man ihn anfängt: aus zehn, bis zwanzig Geduld-Eigenſchaften; Freundſchaft ge - nannt, damit wir ſie auf eine honette Weiſe in Anſpruch nehmen können. Dieſe Miſſive ſoll Ihnen aber nur kurz den Vorſchlag machen: bleiben Sie etwas länger in Deutſchland! Reiſen Sie wenigſtens nicht noch nach Schleſien: ſondern laſ -38 ſen Sie Ihren Bruder zu ſich nach Dresden, Berlin, Töplitz, oder nach dem Rhein kommen. Laſſen Sie es ſich nicht neh - men, über Calais und Paris zu kommen. Sehen Sie dort geſchwind viel, und Mad. Genlis: grüßen Sie ſie, herzen Sie ſie, küſſen Sie ſie! und ſagen Sie ihr, ihre brutalſten Vor - urtheile ſind mir lieber als ihrer Rivalin — der Welt nach — freiſinnigſte Papagai-Reden. Sie wäre ſo konſequent von der Natur begabt, daß ſie von den Straßenlaternen zur Mor - genröthe und Sonne gelangte; und jene, von der ſtrahlendſten Sonne zu den Laternen, Lampen und Lüſtres der Salons. Ich liebe die Genlis unendlich. Ihr Stil riecht gut; er verbreitet eine Atmoſphäre; von wie tief kommt eine ſo genannte Äußerlichkeit her! Laſſen Sie uns genau wiſſen, wann Sie nach Deutſchland kommen, wann hierher: kurz, eine genaue Marſchroute; damit Sie zu erhaſchen ſind. Wir wollen recht ſprechen! Über alles, Viele ſind todt. Von denen wollen wir ſprechen, da wir noch leben. Varnh, freut ſich ſehr, Sie kennen zu lernen: weil ich unendlich viel von Ihnen ſpreche. Fragen Sie Doktor Boll - mann — No. 139. Sloanesstrect — ob er uns nichts mitzu - ſchicken hat. Tauſend Grüße an ihn! Reden Sie ihm zu, mit ſeinen zwei Töchtern mitzukommen. Lebt Doktor Young noch? Hat er ſich beibehalten? Iſt er kein Pedant gewor - den? Dieſer Brief muß Ihnen ſehr lang dünken, da Sie Mad. Herz ſchreiben, daß der an ſie Ihr längſter ſeit Jahren iſt: ich im Gegentheil ſchreibe nur Briefe, dieſe äußerſt ſelten, aber ſehr lang. Dieſer iſt ein Morgenbillet. Ich richtete mich nach Ihnen, ſonſt hätte ich Ihnen alles von hier, von mir, von Todten und Lebendigen geſchrieben: doch alles dies nun39 mündlich! In London kenne ich nur noch, außer denen, die ich Ihnen nannte, Lady Caledon — Schweſter der Lady Stuart — mit ihrem Mann, Mrs. Caulfield mit ihren zwei Töch - tern, und Mad. Goldſchmidt aus Hamburg: können Sie dieſe Damen grüßen laſſen: etwas von ihnen für mich erfahren, ſo wird es mich ſehr freuen. Die jüngſte Caulf. iſt begabt, die älteſte ſchön, die Mutter gut und brav. Lady Cale - don eine heitere gereiſte Engländrin mit allen Vorzügen ih - rer Nation. Mad. Goldſchmidt eine ächte Deutſche. Unend - lich vielſeitig, alſo von der beſten Sorte. Adieu, Liebe! à revoir.

Ihre Friederike Varnhagen von Enſe. Künftig R.

Mein Bruder Louis ſchien mich gar nicht zu verſtehen, als ich ihm in Karlsruhe Einmal unter den Kaſtanienbäumen beim Zeughauſe im Verlauf mehrerer Gedankenäußerungen ſagte: der Menſch kann ſich eigentlich gar nicht beſſer machen; und ſchien gar zu glauben, ich wollte Schlechtem das Wort reden. Ich wollte aber ein altes tiefes Bewußtſein, welches mir damals klarer erſchien, ausdrücken; nämlich, daß wir ein Wille, ein beſtimmtes Streben ſind, an welchem wir nicht ändern können; welches uns nur klarer, und verworrner wer - den kann: durch Glück oder Arbeit. Nur Arbeit iſt Redlich - keit, und eigenſte Sitte. Lüge iſt Faulheit-Aufſchieben. Von der teufliſchen Lüge, die lügen will, hab’ ich keinen Begriff, das iſt Unſinn, Phreneſie; Kopfſchüttlen, bis das Denken ver -40 geht. Ich kenne auch den Teufel nicht: aber ekle faule Lüge auf jedem Wege. — Wir ſind gar nicht frei: wie unſinnig wäre dies auch, und völlig unmöglich, da wir keinen Zweck kennen: Zweck und Grund iſt Eins: und der iſt im Erſchaffer; weil wir aus ſolchem Grunde kommen, fühlen wir uns frei: der Zwang iſt ſüß: aber ſo wie wir einen eignen Zweck erfin - den und die Freiheit nachahmen wollen, fühlen wir die eigent - liche als Hemmung: unſer innerſtes Wollen nämlich; unſere eigentlichſten Wünſche ſind richtig und frei: dies, Eltern und Regierungen überhaupt, ſpähet nach! „ Erlaubt iſt, was ge - fällt. “ Goethe’s Taſſo.

Unſer innerſter Wille iſt wie eine Pflanze: einfach, be - ſtimmt: aber ohne Wurzel in der Erde; unſer Geiſt das Be - wußtſein drüber, wie eine in uns mitgegebene Sonne.

In Adams Geſchichte wird geſagt, daß ſeine Urſprache verloren ging. — Nur ſehr ſchattenartige, oberflächliche, ſchwin - dende Eigenſchaften der Dinge wiſſen wir mit unſerer Sprache anzugeben; und haben doch in unſrer Seele kein ander Mit - tel uns zu fragen, noch uns zu antworten. Es iſt kein leerer Ausdruck wenn wir ſagen, „ es will regnen, es will blitzen “u. ſ. w. Es iſt, eigentlich gedacht, keine Regung möglich, als durch Willen. Wenn wir auch nicht einmal von uns ſelbſt wiſſen, wie wir zum Willen kommen, zum Grundwillen alles unſern Wollens. Ein noch größeres Indiz, daß ein Urwille exiſtirt, aus dem unſer Grundwille, wie alle Willen hervor -41 gehen. Eine einige große Muſik. So verſtand ich auch Friedrich Schlegel, als er in Frankfurt ganz ernſt ſagte, das Feuer ſei ein Geiſt. Das Feuer will etwas Beſtimmtes: es hat gleichſam, oder es iſt ein Auftrag, des höchſten Willens: und ſo alle Geiſter; und alles bis zur Geiſtigkeit Verfolgtes. Unſres innerſten Strebens ſind wir uns bewußter, als deſſen Beſchränkung, Bedingung und Beziehung: und es iſt einer der irremachendſten und verbreitetſten Irrthümer, daß wir ge - wöhnlich glauben, wir wüßten mehr vom Körper, als vom Geiſt: wir leiden mehr vom Körper, weil wir in dem Verhält - niſſe zu ihm noch weniger thätig zu ſein vermögen, und noch weniger von ſeinen Eigenſchaften kennen, dieſe Unkenntniß allein macht ihn illuſoriſch für uns zum Körper. So iſt’s auch ſchon im menſchlichen Umgang. Je weniger wir Eines Geiſt kennen, je mehr iſt er Sache, Unkenntliches, Zwingendes für uns. Er - kenntniß iſt Fortſchreiten, Leben, höherer Auftrag, Willens - verſtändniß, Anneigung, erhöhte Exiſtenz. —

Seit Kindheit an hatte ich eine Art von Furcht vor Uh - ren und vor Waſſer in Teichen und Gefäßen, als Tonnen, oder Fäſſer; kurz, vor gefangenem Waſſer. Heute fällt mir erſt ein, daß dies nur zwei verſchiedene Richtungen derſelben Scheu ſind, die auch nur einen und denſelben Gedanken zum Grunde hat. — Iſt es nicht ſonderbar, daß man tiefer in ſich, ohne Boleuchtung des Bewußtſeins, klüger ſein kann, als im Hellen? — In den Teichen und Gefäßen iſt eine Willenskraft des Elements gefangen und eine Thätigkeit gehemmt; bei der42 Uhr eine Thätigkeit gebraucht. Bei der iſt noch der weitere Gedanke, daß die Federkraft ein Keimchen zu einer Organi - ſation iſt, fürchterlich: wäre die Wechſelwirkung von Feder zu Rad vielſeitiger, ſo ging’ es ſchon weiter. Das fiel mir heute ein, daß eine Uhr der erſte Anfang von Organiſation iſt. Witziger Gebrauch von Kräften. Die wir ſo nennen, weil wir ſie nicht kennen.

Schon ſehr oft hab’ ich gar nicht ergründen können, woher dem Menſchen ſeine Eitelkeit ſtammt. Was iſt das, daß er ſich nicht allein ſchöner, beſſer, klüger, reicher, begabter machen, ſondern auch für alles dies ausgeben mag, und nicht allein für Andere, ſondern auch wohl für ſich ſelbſt? Der Grund dieſes Beſtrebens iſt mir noch nicht klar. Es iſt viel - leicht die Sehnſucht nach einem angemeſſeneren Zuſtande für ſeine Fakultäten: er will ſich wenigſtens zur Erleichterung vorſpiegeln — oder vorſpielen — daß er nicht in dem klem - menden proviſoriſchen mehr iſt, oder zu bleiben braucht: alles dies iſt nicht klar und hinreichend für die unvertilgbare An - lage zur Prahlerei. Dies alles fällt mir immer von neuem wieder bei Angelus Spruch ein:

„ Des Weiſen Ahnen ſind Gott Vater, Sohn und Geiſt;
Von dieſen ſchreibt er ſich, wenn er ſein’ Abkunft preiſt. “

Der Grund der Eitelkeit kam mir nie ſo ſehr unedel vor; aber die Lüge ſo dumm; und je dümmer, je richtiger ihr Grund. Wie iſt mit Lüge ein Defizit auszugleichen!

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Des erreurs et de la vérité. T. 1. p. 98. Im Ab - ſchnitt de la végétation ſpricht Saint-Martin von den Prin - zipien der Dinge: nämlich der materiellen. Tiefſinnig, geheim - nißvoll, willkürlich, und ſehr ſchön; wie immer. Mir wird dabei immer klarer, daß in allem zu Ergründenden wir nur zweierlei — wie in uns ſelbſt — zu finden vermögen: den Willen und das Wiſſen. Der innerſte Trieb der materiellen Dinge iſt ein Wollen: und alles, was wir auch nicht dafür erkennen, organiſch, für ſich und für anderes zugleich beſtimmt, und hinlänglich; das heißt immer reicher in Thätigkeit, Da - ſein und Entwickelung. Je mehr Bewußtſein, je heller, je rei - cher, je mehr Daſein: und es giebt gewiß Geiſter, die alles ſchon wiſſen, was wir fragen müſſen: die den ganzen Orga - nismus dieſer Welt überſchauen. Organiſches, Lebendiges, iſt eher zu verſtehen, als Todtes, Todtes iſt nur Unverſtandenes; wir leben ſelbſt nur, inſofern wir Abſolutes in uns erkennen, Hinlängliches. Nur mit unſrem bischen Leben ſuchen wir alles zu erfaſſen. Wollen, Wiſſen; in Millionen Weiſen aus - gedrückt. —

Eine Gerechtigkeit waltet ſchon hier auf Erden;
Daß die Geſichter all wie ihre Seelen werden.

Des erreurs et de la vérité. T. 2. p. 104. J’ai dit en général que le mouvement n’était autre chose que l’effet de l’action: ou plutôt l’action même, puisqu’ils sont insépara -44 bles. — Zeit entſteht nur, wenn vor ihr nichts war. Für et - was, das immer da war, giebt’s keine Zeit. Sie iſt alſo ent - weder eine Illuſion, oder wir müſſen erfahren, wie wir nichts waren: wodurch wir zum Bewußtſein kamen. Raum iſt Satz der Zeit: iſt die für’s Geſchehene: iſt die zu Stamm gewor - dene Illuſion. Zeit, werdende Blätter und Zweige davon. Handlen, beider Prinzip. Handlen aber, iſt Exiſtenz bekom - men: hieſige. Alles in den Bedingungen unſerer Konzeption. —

(Mündlich.)

„ Ich mache zwar keine Prätenſionen, aber ich habe darum nicht wenigere. “

Bei einem Streit über eine ganz unbedeutende Sache, wo aber die auffallendſte Verkehrtheit ſich geltend machen wollte: „ Gott! rief Rahel leidenſchaftlich aus, haſt du denn keinen Donner mehr? und wenn es auch nur um einer Klei - nigkeit willen iſt, ſchick’ einen, zum Zeichen! “

Sehr kalt. Viele Leute heizen ein; ſtarker Regen.

Labruyere ſagt: Il n’y a rien qui rafraîchisse le sang comme d’avoir su éviter une sottise. Buchſtäblich wahr; in - dem man eine Thorheit begeht, weiß man es ſchon; erhitzt führt man ſie ſchon aus, und das Bewußtſein, es iſt eine Thorheit, erhitzt noch mehr: und nachher die glückliche Erho -45 lung, ich bin ihr entgangen: „ Eine auffallende Wahrheit “, ſollte man denken. Sie iſt doch nur erſt Labruyere auf - gefallen.

Wir machen keine neuen Erfahrungen. Aber es ſind im - mer neue Menſchen, die alte Erfahrungen machen.

Noch nie hab’ ich bereut, was ich gerne that: nur immer das, was ich ſchon mit Reue that.

Weißt du, warum wir hoffen? Wir können nicht ohne Bild leben. Ohne Hoffen haben wir kein Bild in der Seele; da iſt nichts.

Er muß es ja leiden; was willſt du ihn tröſten!

(Mündlich.)

Vom Shakſpeare:

„ Er iſt Leben im Leben; er kann faſt nicht zur Betrach - tung kommen, denn jede Betrachtung wird Leben; und doch iſt er lauter Betrachtung.

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An Auguſte Brede, in Stuttgart.

Recht befriedigt, liebe Freundin, hat mich Ihr Brief! Weil er mir ſagte, was ich gerne weiß. Daß es Ihnen gut geht, daß Sie anerkannt ſind. Herr von Lehr hat mir das wahr - und glaubhaft beſtätigt; und Ihr Leben etwas detaillirt: ich freue mich deſſen, und der Achtung und Behaglichkeit, die Sie genießen. Und bin Ihrer Geneſung froh! Das Beſte, was ich Ihnen nun endlich jetzt von mir zu ſagen weiß, iſt, daß kein Jahr vergehen wird, ohne daß ich Sie entweder hier, oder in den Ländern Ihrer Nachbarſchaft werde geſehen haben. Wenn bis dahin meine Augen noch ſehen! Dieſe Hy - pochondrie entfährt mir, weil geſtern vor acht Tagen meine intimſte, treuſte Freundin, die alles von mir kannte, und er - lebt hatte, Krankheiten, Leid, Geſchichten, Inneres und Äu - ßeres, der ich treu war und beiſtand, fünfundvierzig Jahr alt begraben wurde. Von allen Lebenden dacht’ ich mir deren Tod am wenigſten. Sieben Wochen lag ſie in einem Nerven - und Schleimfieber; drei Wochen pflegte ich: dann fiel ich ein, die ich ſchon zwei Jahr kranke, und litt das Unendliche, und war, wie man ſagt, gefährlich. Koreff machte ein Meiſterſtück von Fleiß, Umſicht, Glück und Weisheit. Den Tag, wo Nett - chen Markuſe begraben wurde, fuhr ich ſchwankend und wan - kend zum erſtenmal aus. Jede Blume erſchrak mich. Ich wollte mich meiner Geneſung freuen; und konnte nicht, ich mußte an der Freude, die mir die Vorſtellungen im Bette da -47 von machten, genug haben! Ich beuge mich unter Gottes Beſchlüſſe: und bin ſeelenruhig jetzt. — Unſere eigentliche Seele ſind die Wünſche, das Sehnen. Gebannt iſt ſie nur, in Widerſpruch. — Haben Sie Goethens Wanderjahre geleſen? dies apropos von allem! von Seele, Leben, Daſein; ſich faſſen, es betrachten u. ſ. w. Mit der Geſelligkeit geht es dabei ſeinen Gang. Ich habe mir in meiner Angegriffenheit nur die Menſchen abzuhalten. Sie haben es gut bei mir. Sie finden ſich, erſtlich. Werden geſchmeichelt, bewirthet, ge - pflegt, nicht perſönlich widerſprochen, umgangen, können nach dem Theater kommen, finden Geſpräch, auch wenn ſie uns allein treffen, die neuſten Bücher, immer willige Erfriſchung. Und da iſt’s — wie bei Ihnen: nachdem, was mir Herr von Lehr erzählt. — Dieſer gefällt mir ſehr gut: er iſt Ihnen ſehr gewogen; ehrt und kennt Sie. Mich freute das ſehr: herzensgeliebte, alte, immer theure Auguſte! Es bleibt ganz bei Prag! Wie dort, ſo immer. Varnhagen will abſolut von Töplitz einen Augenblick nach Prag. Da werde ich denn auf unſern Gräbern wandern, wo unſer dortiges ſchönes, wenn auch ſchreckenvolles Leben hingelegt iſt. Wir können daran denken: es hat ein ferneres erzeugt, aber wir können es nicht wiederleben; konnten es nicht halten! — Adieu Freundin! Schöne, Liebe! Meine Augen werden Sie noch ſehen! Dann wollen wir wieder lachen. Sie inſpiriren mich wie Keiner! Immer dieſelbe und

Ihre R.

Den 7. September 1821. war bei Fürſt Clary in Töplitz die Rede von Büchern und Leſen; da fragte Baron E. die48 Frau von Lubienska, ob ſie Goethens Wanderjahre ſchon ge - leſen habe? Nein, ſagte ſie, ich habe ſie aber, und werde ſie alsbald anfangen. Pourquoi lire de choses pareilles? ſprach Fürſt S —, der General, drein; l’on voit tout de suite que cet homme n’a jamais fréquenté la bonne société; et quel monde il a vu. E. erzählte mir es gleich nachher; und wollte aus der Haut fahren; und ich ſchreibe es auf, weil ſo etwas nicht verloren gehen muß. E. gab mir ſein Ehrenwort, daß es buchſtäblich ſo übereinanderging, weil ich zweiflen wollte. Auch hatte jener ſchon, als E. den Herzog von Weimar zu kennen wünſchte, und hinzuſetzte, ſchon deßwegen, weil er ſo große Talente um ſich geſammelt, und Goethen zum Freund habe, — geſagt, der Herzog habe mauvais ton, et que l’on voyait tout de suite qu’il fréquente, etc. —

Der Leute Geſpräche ſind gefährlich, die nur erzählen, nie ergründen, beurtheilen, erwägen und bemerken. Sie ſpre - chen gleichſam ohne Linienblatt; gerathen in’s Klatſchen, da ſie ſich und Andere unterhalten wollen; ſie haben weder Ziel noch Damm, nur einen kleinen Zweck, und zu dieſem kleinen Zweck noch kleinere Mittel.

Güte Dichter haben ein Bild in der Seele, und ſind ge - trieben es darzuſtellen: andere treiben ſich, Bilder zu machen.

An49

An Fanny Tarnow, in Dresden.

Schönes, helles, friſches Wetter. Man ſchreit hier Erd - beeren in Töpfen, dieſe in große Körbe geſetzt, aus, wie im Sommer.

— Vorigen Dienstag Mittag ſpeiſten wir hier, wohlbe - halten, um 3 Uhr. Um 11 waren wir hier. Man wird jetzt an der preußiſchen Gränze ein Patriot: ſo ſchön iſt Chauſſee, Poſtbedienung, Einrichtung, und Betragen der Beamten. Man fährt wie ein Kourier; aber bequem und ſicher auf den breiten gutbeſorgten Wegen. Ich habe auch ſchon ein Volksſtück geſtern hier geſehen: „ der Stralauer Fiſchzug; “das Volk aber hatte mehr Geſchmack, als Julius von Voß, und ſchrie jede Platitüde en masse an, die ihm gröblich ſchmeichlen ſollte; trommelte gemeine Stellen mit lachender Wuth aus, pfiff bei winzigen und etſchte bei gedehnten; das Haus war der ſchönſte Anblick, ſo voll war es, von allen Klaſſen; der Lärm ſo voll - ſtändig und anhaltend, daß ich meinen Kopf dem nicht zum gänzlichen Opfer bringen mochte; und ein Drittel des Stücks im Stich ließ; nach des Kaſtellans Zimmer ging, wo ich meinen Wagen abwartete. König, Prinzen, alles war drin. Wäre der raus gegangen, ſo hätte es zu viel Aufſehen ge - macht, drum blieb er wohl. Dies theilen Sie gütigſt Tieck mit. Wie ich dazu kam in’s Theater zu gehen? Ich, die bergauf, bergab, ſich gratulirte, es nicht nöthig zu haben; ſich einprägte, es nicht zu thun! Aus niedrer Feigheit — lâcheté — weil meine Familie einen Logenplatz los ſein wollte. III. 450Alles mißfiel mir: außer geſtern das Publikum. Plötzlich ganz klug! Voller Urtheil und Takt. Mad. Esperſtedt ſpielte in Vollkommenheit eine Berliner Schlächterin: und abgewo - gen in fresco gehalten; beſſer und anders als die hieſige Landſchaftsdekorationen, die mich verzweifeln machen, weil ſie eine längſt erfundene Kunſt aufgeben. Und Akademie und Stadt es leidet!!! —

— Seit ich hier bin, war ich etwa viermal Abends aus. Rheumatiſche Schmerzen, Unbehagen, völlige Niederlage bei Feuchtigkeit u. ſ. w. alſo ich bleibe zu Hauſe, und es finden ſich Abendgäſte ein: bleibt ein Abend leer, ſo gebrauch’ ich ihn zur Einſamkeit, Ruhe, Erholung, Sammlung; Erinn - rung!!! — Ich habe alſo nicht Frau von Knorring (gebor - nen Tieck) ihr Stück geſehen: kein Konzert, keine Canzi ge - hört; habe mein Billet zum Requiem und Oratorium heute bei Zelter zurückgeſandt, weil Menſchenluft für mich nicht zum Ertragen iſt, und Straßenfeuchtigkeit gar nicht. So ſitze ich denn und lebe; leſe, warte. Es geht auch recht gut. Wenn ich nur Einmal ein Geſundheitsgefühl haben könnte! Aber auch ohne dies bin ich poſitiv zufrieden; mit gefühlter Ein - ſicht; wenn ich nur nicht Schmerzen habe und ſo krank bin, wie ich ſchon oft war. Mein Herz — mein perſönliches — iſt begraben; das iſt die Hauptſache. Das kann nicht mehr zum Narren gehabt werden. Es muß kuſchen — ſtoßen Sie ſich nicht an dieſen vulgaren Ausdruck! — Es hat keine Per - ſon mehr zu verſorgen: wenn es angeſtoßen wird, iſt es für Recht und Unrecht, für Mitleid; für ſeine Brüder: und für51 erlebte Mißhandlung ſehr rege: daher iſt es, und meine Augen, ſo ſehr empfindlich. — Da haben Sie mein und meines Le - bens Bild in großem Umriß ſkizzirt! Nachträglich noch, er - warte ich Sie, und laß mir das nicht nehmen, daß Sie kom - men! — Sein Sie ſo gut, Fräulein von Winkel recht herz - lich von mir zu grüßen! Sagen Sie ihr, ſie ſelbſt wäre mir ein tröſtlich Bild; in ihren Zimmern, mit ihren Bildern, ihrer Harfe, ihrer Ruhe, ihrem Fleiß, ihrer Heiterkeit, und dem Sonnenſchein von ſchöner Sonne, und Geſundheit. Gott ſoll’s ihr laſſen, wie ich’s ihr gönne! —

„ Einwilligen “das ſublimſte Wort! die größte Bewilli - gung für Menſchen. Durch Einſicht mit-wollen zu können, begreift die Perſönlichkeit in ſich, die größte Gnadenverleihung.

Beim Leſen der Fichte’ſchen Staatslehre. Philoſophie; Erkenntniß der Erkenntniß der Anſchauung; wie wir Gott in der Welt nicht anſchauen, ſondren erkennen. Es wird immer umgekehrt bewieſen; was wir nicht anſchauen, als Anſchau - ung feſtzuſetzen. Weder fromm noch philoſophiſch; aber er - ſchrecklich eingebildet auf Frommheit und Philoſophie. Reſul - tate kann man nicht kaufen: noch durch Güte abgelaſſen be - kommen: die muß man machen.

4 *52

Handlen iſt an und für ſich ſittlich: da hebt es an. Man kann gar nicht unſittlich handlen. Im Zuſtand der größten Leidenſchaftlichkeit ſchieben wir uns Rechtsmotive un - ter — alles andre iſt Leiden. — Bei Handlen iſt, im Hand - len, Wählen, Richten, Wollen. Wollen iſt geiſtiges Handlen. Klar ſein, oder es nicht ſein, iſt ein Zuſtand, iſt die unver - ſtandene Welt. Wir verſtehen nichts, auch gar nichts, als unſern Willen. Wir wollen es gut machen; richtig; konſe - quent; uns ſelbſt verſtändlich. Boshafte Gemüther, wie es denn wirklich welche giebt, ſind unklar; in einem unrichtigen Zuſtand; durch die Saiten auf ihrem Herzen; die natürliche Bewegung deſſelben haben ſie ſchwer; es bewegt ſich ſchwerer; eine ſtärkere erſt macht ſie ihr Leben fühlen: ſie müſſen auf Andere agiren wie wir, und müſſen ſehen, daß ſie Bewegung hervorbringen; das zeigt ihnen der Andern Ärger, Scham, Zorn leichter; dann glauben die Boshaften, ſie haben etwas bewirkt: wie ſie anderes Zuſammenhängenderes, Sanftes be - wirken konnten, iſt ihnen nicht klar, und nicht leicht; und ih - rem ſchwerbeſaiteten Herzen nicht leicht vernehmlich: ſo ſagt es ihnen wieder nichts. Aber jede Bosheit, jeder Boshafte, kann klar gemacht werden: iſt die Bosheit erhellt, dargethan, daß ſie eine Schiefheit iſt, einen Mangel zum Grunde hat, ſo wählt kein Menſch — heißt kein vernunftbegabtes Weſen, kein ſich fortentwicklendes Vernunftprinzip — ſie aus ganz unzubegründender Liebhaberei. Und Fichte beweiſt es; und mir iſt es lange bewieſen, man kann jedes verſtändige Ge -53 ſchöpf zur Verſtändigkeit zwingen. Größtes Konzert! Zwang, zum Recht des Rechthabens! —

An Oelsner, in Paris.

Schlagsregen: ſchwimmende Straßen, grauer, agitirter Himmel.

Ich ärger als alles dies! mir zittern die Beine; erfuhr ich, im auf und ab gehen; womit ich mich von Nervenreiz, und glühendem Geſicht, in meiner Schwäche erholen wollte! C’est fini! Ich will kein Leſer ſein, ich will auch ein Schrei - ber werden. In dieſem Zeitpunkt geht’s nicht anders! Ich ſoll alles leſen: die Andern wollen alle ſchreiben. Ich er - liege. Hab’ ich nicht ſo eben mit dem beſten Vorſatz, Ihnen ein paar Worte zu ſchreiben, ein ellenlanges, weitläufiges, unnützes, ſchöngeſchriebenes Memoire leſen müſſen, auf hohen langen Bogen; Manuſkript! — langt mir nicht eben Varn - hagen — mit dem Ermahnen Ihnen zu ſchreiben, mit der Frage ob es fertig iſt, — wieder ein geſchriebnes Gedicht: „ Klagelied der Mutter Gottes “, von Friedrich Schlegel, ſechs - unddreißig Seiten lang! Alles ſoll man leſen: alles Einer! Ich bin der nicht: will, kann es nicht mehr ſein. Ihre Briefe mag ich leſen! Ihnen für den letzten zu danken, Ihnen zu applaudiren, darum wollte ich Ihnen ſchreiben. Reſpektirt’ ich Goethen doch nicht zu ſehr: ſo könnt’ ich ihm dieſen Brief ſchicken: wie würd’ es ihn freuen, und erheitern, die Gewiß - heit, ſolche Leſer zu haben. Begehen Sie ja den Irrthum54 nicht, und glauben, weil Goethe gelobt wird, bin ich nur zu - frieden: ich würde nie dieſen Meiſter vergöttern können, hätte ich kein unſchuldig Herz, kein immer neues Urtheil bereit; und auch als Geſchenk der Natur erhalten. Was Sie wider ſein Buch ſagen, gefällt mir eben ſo, als was Sie dafür ſagen. So munter (alerte, mein’ ich) aufgefaßt, angeſchaut, mit ſo großem Vorrath kombinirt; und ſo hell überdacht dazugelegt; ſo glücklich, natürlich, und kunſtgeübt, und kunſtvoll, und nur wie im Fluge, ſich darüber auszudrücken: kann nur Ihnen, dem im Leſen — beſter Art — und Leben ganz durcharbeite - ten, und gereiften, galliſch-deutſchen Menſchen möglich ſein. Ich goutire ſolch reifes, ironiſches, lächlend-traurig-ruhiges Weſen, als hätte ich es ſelbſt in meiner Gewalt: denn be - ſitzen thue ich wahrlich davon. Kurz, Ihr Brief — wie viele Ihrer Briefe — gefiel mir unendlich: und Sie laſſen ſich mein Applaudiſſement gefallen; weil es meine Italiäner-Natur mit ſich bringt: wie ich zu dieſer neben dem großen Kurfürſten komme, frag’ ich die ganze. (Wiſſen Sie nicht mehr, welche? die ganze Natur.) Gerne ſchrieb’ ich Ihnen Schönes, Pikan - tes, Geiſtvolles von hier: ich weiß aber nichts von hier: ich ſehe hier nichts: ich bleibe auf meiner Domaine; einem brei - ten Kanapé. Es geht ſchwach vor ſich hin, was man erfah - ren darf: vom andern weiß natürlich die Polizei, ich gar nichts. Vom Theater, von meinen Lektüren, meinen Bekann - ten, müßt’ ich erſt etwas ſpinnen; aber es iſt nichts zurecht gelegt. Vielleicht wenn Sie uns wieder einmal ſo einen ſchö - nen Brief ſchicken! Haben Sie angenehme Bekannte? Wen haben Sie bei Ihrem Kindchen: auch ſo etwas will ich wiſſen. 55Künftigen Sommer können Sie mich mit ihm im ſüdlichen Deutſchland beſuchen.

Adieu bis dahin! Ihre Fr. V.

An Oelsner, in Paris.

Es iſt hier noch immer Thauwetter, ohne gefroren zu ha - ben; Einmal den 8. dieſes fiel Schnee, der nicht liegen blieb; alle Mittag giebt ſich die Sonne Mühe; die Sterne des Abends; man ſieht ſie. „ Italien! “ſchreien die Leute: ſie meinen das Wetter.

Sie haben mir geſagt, wie Sie meine Wetternotizen fin - den: ich will Ihnen ſagen, warum ich ſie mache. Grad aus dem entgegengeſetzten Grund, aus welchem die Chemiker es thun, von denen Sie mir ſprechen. Dieſe wollen die Methode mit daraus bilden, nach der ſie zu verfahren gedenken: ich aber will, daß es mir helfe meine unmethodiſche Verfahrungs - art zu entſchuldigen. Das Wetter hilft die ganze Situation des Tages machen, ja ſie beſteht zum Theil daraus; und hat nun mein Leſer die Phyſionomie — ich bilde mir ein, es phy - ſionomiſch zu ſchildern — des Wetters in ſich aufgenommen, ſo faßt er die ganze Unregelmäßigkeit meiner Reden leichter, und ſie erſcheint ihm wenigſtens mit etwas im Zuſammenhang. Ich ſchreibe nicht ganz ohne Wahl, in der Art wie ich es thue. Ich will nämlich, ein Brief ſoll ein Portrait von dem Augenblick ſein, in welchem er geſchrieben iſt; und getroffen ſoll es hauptſächlich ſein, ſo hoch auch Kunſtanforderungen an ideelle Veredlung lauten mögen: von denen man allerdings wiſſen ſoll, aber nach denen ſich zu gebärden affektirt, und56 leer ausfällt. Glücklich die ſchönen Gebilde eines lächlenden Naturmoments, die aller Menſchenerfindung weit entrückt der kunſtreichſten zum Vorbilde dienen können! Aber erſieht man ſich nicht als ein ſolches, ſo ziehe ich es vor, Einer zu ſein, als Keiner. Es giebt methodiſche, gemeſſene Geiſter, denen es an Fülle nicht gebricht, die ſich auch nur gehen zu laſſen brauchen, und ſich doch nur immer im ſchönſten Maße zeigen. Das ſind die beglückten Gebilde; die haben keine Laune, kein Wetter! oder vielmehr: ihre Launen ſind eine Muſik der ſchön - ſten Stimmung; und ihr Wetter iſt Sonne, die durch die reinſte, mildeſte Luft ſcheint. Sie ſollen ſehen; das plät - ſchernde Kind — Sie verglichen mich mit einem ſolchen — an den Wogen der Zeit, haſcht mit Bedacht, in dieſen Wogen, und unterſcheidet ſeinen Fund ſelbſt. Da es der Arbeit — der mit Plan und Zweck — unfähig iſt, ſo wäre das Arbeiten vergeblich: ja, das Kind bemerkt ſogar, daß dieſer Strom den Fleißigſten und Geſchickteſten mit forthelfen muß, oder ſie hemmt. Denn was gehörte nicht zu dieſem Strom, ſelbſt die Philoſophieen über ihn, die ihn erklären ſollen! — Herr von Brinckmann behauptete immer, Liebe mit einem Adjektiv ſei ſchon nichts werth. Das möchte ich hier von der Weisheit ſagen! Der Schulweisheit begiebt ſich das Kind; die kann nur Weltweisheit lehren; ob es Weisheit an ſich giebt, fragt es.

Daß Ihr Knabe Boten ſpielen will, gefällt mir ungemein! Da macht er Ihnen ja die halbe Erziehung ſelbſt; es iſt durch - aus für Kinder nichts Beſſers als Geſchäfte: ſie wollen ſie auch durchaus. Mit lauter Aufträgen kann man ſie zu gro - ßen Leuten machen: dies beſchäftigt ſie, ſtärkt ſie in allen Thei -57 len ihres Weſens: und lehrt ſie am beſten kennen, was ſie zu lernen haben: und ſehen ſie das ein, ſo thun ſie’s auch wil - lig: willig heißt frei, und thätig. Für Sie weiß ich keinen beſſern Rath, als geben Sie ſich zum Sommer Rendezvous mit mir: bringen Sie Ihren Knaben mit. Für heute nichts mehr. Künftig von der Stadt und Leuten.

Ihre F. V.

Zu einem ausgeſchnittenen Bildchen.

In milder Nacht, bei hellem Mond, und ſanfter Sterne Licht, in Blumenmitten, die freier athmen, und zu einander flüſtern, was ſie bei Tag verſchweigen, oder was verhört nur werden mußte; wenn noch verſpätet Schmetterlinge jagen, die Schnecke ihren Weg verfolgt; ſtill eine Biene einholt, was ſie Tags im Kelche laſſen mußte; der Schlaf die Welt ge - fangen hält, und befreit: Weſte nur leiſe ſich, und ſchmei - chelnd, zu den Äſten wagen, Vögelchen nicht zu wecken; Grä - ſer und Halme Abendthau auf ihren Häuptern wiegen; das ganze Thal ein Feſt der Sehnſucht und der Ruh; ein Tag für Elfen und für ihre Spiele: — fehlt nichts, als eines lie - ben Mädchens Gegenwart, ihr Aug’ und ihre Bruſt, dies Feſt zu überſchauen und zu empfinden! Und was dem ſchönen Kinde nun noch mangelt, wird ſie in Liedeston uns nun berichten. —

Man beachtet immer noch nicht genug, wie viel die Nei - gungen der Menſchen untereinander in den größten und ge -58 heimſten Welthändeln bewirken, ſtören und erzeugen; noch weniger aber beachtet man, wie Liebesverhältniſſe durch Ehr - geiz, Staatsverhältniß, Stellung der Geſellſchaft überhaupt, modifizirt, ſogar öfters nur allein begründet werden.

Zu ſtolz auf unſre Gemüthsſtimmungen, halten wir jede davon ſich unmittelbar auf das Beſte in uns beziehend; auch denken wir, die Welt und ihren Verkehr willentlich zu regie - ren; und ſie regiert uns Alle: und die, welche am meiſten von ihr verſtehen, am gewiſſeſten. Ungeſchickte, Blinde, die nur zwei Augen haben, und nicht beſäet damit ſind, gehen hren Weg ſeitwärts ab; und glauben, ſie ſind im Strom, weil ſie ihn nie erkannten, und nicht wiſſen, wo er iſt. Un - geheuer Fromme müſſen wohl kein Bild der Welt gebrauchen; oder eins haben, welches ich nicht kenne; ſie ſehen grad nach oben, wo ich nichts als Sterne ſehe, wenn’s hell iſt. Wiſ - ſenſchaftliche Menſchen bearbeiten Einen Geiſtesſtrahl; hin - geführt bis zur allgemeinen Sonne des Wiſſens. Die, welche Natur, Leben, Welt, den Geiſt mit Gewalt verſtehen wollen, und darin gar nicht nachgeben und ſich ergeben, oder Einem Gegenſtande der Natur oder Welt nur leben wollen, ſind die Tollen. — Ja, die ihrer Überzeugung, und wäre es auch der edelſten, trotz des Stromes leben wollen, ſind ſchon von den Andern für toll gehalten: J. J. Rouſſeau. Nicht umſonſt iſt es ſo ſchwer, die Natur des Menſchengeiſtes, ſein noth - gezwungenes Wollen, unſere leibliche und ſeeliſche Perſön - lichkeit, ihre Stellung zur ganzen Natur und zu der Men - ſchenwelt, zu unterſcheiden, und darin wieder der Andern Per -59 ſönlichkeit in beiden Weiſen und maſſenweiſe zu erkennen; davon affizirt, und nicht verwirrt, ſondern ergeben zu werden, und thätig zu bleiben; dies Vermögen iſt nicht umſonſt, ſehe ich ein, ſo unendlich ſelten: ja, gar nicht einmal verſtanden, wo es ſich findet; und obgleich alle Menſchen wenigſtens ſich dieſe Klarheit geben könnten, ſo ſcheint es als ſollte ſie, gleich einem Edelſtein der Natur, ihnen ſchwer werden, und ſelten ſein: da ſie uns ja noch ſo viele Gaben vorenthal - ten kann, die durch kein ethiſches Bemühen erreicht werden können; und herrliche Geſchenke bleiben.

Zum Unterſcheiden kann ſich jedes vernunftbegabte Ge - ſchöpf ſelbſt erziehen: Eingebungen, ſchnelle Kombinationen, Witz u. ſ. w. ſind Gaben: wenigſtens erinnern wir uns des Prozeſſes, der Bemühung, der Thätigkeit dazu nicht; und ge - nießen ſie rein; wie Erbeutetes, in deſſen Beſitz der Krieg auch am Ende vergeſſen wird.

Ich habe jetzt Wilhelm Meiſters Lehrjahre wieder geleſen. Wie iſt es möglich, einen zweiten Don Quixote zu faſſen, zu erfinden und darzuſtellen! Küßt euch, Cervantes und Goethe! Beide ſahen mit ihren reinen Augen: vertheidigten das Men - ſchengeſchlecht; ſahen den Ritter durch, durch ſeine Thorheiten und Irrſale, konnten ihrer Augen edlen Blick bis in ſeine tiefſte Seele tauchen, und dort ſeine eigentliche Geſtalt ſehen. Wie jenem Don Quixote geht es Meiſtern; einen Narren nen - nen ihn die Leute „ ohne Tadel, “einen Herumtreiber, der ſich60 mit nichts Wirklichem beſchäftigt, der ſich mit Bettlervolk ab - giebt, nichts zuwege bringt; nicht einmal weiß, was er den - ken ſoll; der für einen Helden in einem Roman nicht einmal gut genug iſt; von welcher Sorte man ſchon tauſendmal beſ - ſere, bei den Fieldings aller Länder, gehabt hat, die doch noch ein Reſultat geben! Während unſer Weiſer die edelſte, reinſte, ehrlichſte Seele in ununterbrochenem Bemühen und Kampfe geſchildert hat mit der Welt, wie ſie leibt und lebt; ohne je einen Moment in ihre unreine Verwirrung zu gerathen; immer im Bemühen, ſich zu tadeln und zu beſſern; immer in der Unſchuld, die Andern beſſer zu ſehen, als ſie ſind, und meiſt ſie ſich vorzuziehen; immer aufgelegt zu lernen und nachzu - geben, außer dem evident Unedlen: rührenderes, verehrungs - würdigeres Benehmen, vortrefflichere Geſinnung, kann man nicht erfinden; und je mehr man ihn ſich deutlich macht, je mehr ehrt und liebt man ihn, und Goethe’n. Don Quixote mußte mit eben ſolcher Seele eine — alſo eine einſeitige — Eigenſchaft, die des Ritters, wählen, und mußte ſie in Aus - übung bringen wollen. Meiſter mußte den ganzen Menſchen ausbilden wollen; und mir iſt’s, als ob Goethe dem Cervantes nur die Feder abgenommen hätte, weil die Menſchen ſich in der Zeit folgen. Was die beiden Meiſter ſonſt noch in den Werken gelehrt und gezeigt haben, iſt ihre Zeit: und das ſo rein und wahr, daß ſich die künftigen gleich daran anſchlie - ßen, für den Geſchichtsblick, für wahre Augen überhaupt. —

61

Das Herz iſt ganz im Dunklen, ganz allein, möchte man ſagen, und weiß ganz allein alles beſſer. Nur wenn man dahin ſieht, findet man Erkenntniß; weil die verwirren - den Lichter der ganzen Welt nicht hingelangen; und es wie ein Maß einer andern Welt in uns lebt; als ein Ja, oder Nein: ſonſt nichts. —

Vernunft weiß nur, daß ſie Vernunft iſt, wenn ſie bis zum Herzenswunſch, zum letzten Wollen hinführen kann: und ſo iſt Zuſammenhang da für ein Meer von Daſein, vor und hinter uns; und nicht kommt es auf unſer ſchwankendes, un - glückſeliges Schiff an, in welches wir gebannt ſind, welches uns vor den guten und ſchlechten Ufern vorbeiführt, über wel - ches wir keine Leitung üben. So ſind auch die Ufer nur alles für die, die das Element nicht kennen und ſehen, welches ſie führt: nur die Orte, wo ſie vorbei geführt werden. Für die Beſten iſt das Element nur Troſt und Leitung, in der har - ten, ſchmeichelnden, unbeſiegten Fahrt. Die ſich umbringen, ſtürzen ſich in das Element. Dies enthält aber für uns keine Bilder: und bildergierig, bilderſchaffend, nachbildend, ſind wir gemacht. Alles iſt Zwang; Zwang zur höchſten Freiheit und Zuſammenſtimmung. —

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An Ludwig Robert, in Karlsruhe.

Vormittag 12 Uhr. Duſchig, nach dem göttlichſten Frühling, den ich genoß.

Heute nur ein Wort! und das iſt: „ Nun hab’ ich mein Sach nicht mehr auf nichts geſtellt! “ (Lies das neueſte Heft Kunſt und Alterthum: „ Geneigte Theilnahme an den Wan - derjahren. “) Ich habe Friedrichs des Zweiten ſchwarzen Adler - orden: er bedeckt mein belohntes Herz. Er iſt gemacht: aus allen Thränen, die ich weinte und verſchluckte, aus allem was ich litt; liebte; lebte; genoß im Böſen und Guten. Mein Leben iſt an ſeine Adreſſe gelangt. Daß dieſer Mann er - lebe von ſeinen Zeitgenoſſen, daß er vergöttert, anerkannt, ſtudirt, begriffen, mit dem einſichtigſten Herzen geliebt würde, war der Gipfel all meiner Erdenwünſche und Kommiſſion! Dieſer vollſtändigſte Menſch; dieſer Repräſentant, der alle andern in ſich trägt; und ſo mächtig iſt, ſie uns zu zeigen. Dieſer Prieſter, dieſer wahrhafte Geſandte! dieſer ſagt nun befriedigt ſelbſt, er ſei verſtanden; das heißt: geliebt; geliebt mit einer Liebe, die Er nur erſchaffen konnte. Dies hab’ ich ihm verſchafft. Ich Ball in den Händen der Vorſehung, — Mad. Guion will das ſein — und auf dies Glück, als Ball, bin ich ſtolz; nämlich freudig: und das freut den lieben Gott. Und der Triumph geht von Berlin aus: und das freut mich noch beſonders, weil Er von Berlin häßlich berührt wurde, weil ich ewig Friedrich dem Zweiten dankbar bleibe; und weil es die beſte deutſche Stadt iſt. (So wird ſie auch mit Recht63 am beſten gehaßt). Alſo wir drei, du, Rike und ich, umar - men uns hier. Im Brief. Und du biſt ſo gut, und ſchickſt mir mit der fahrenden Poſt den Brief, den ich dir über den jungen Staël ſchrieb.

Varnhagen, grüßt. Wie überraſcht’ ich ihn mit dem Heft. Adieu.

— Eiferſucht iſt Beſchämung; darum iſt es eine einſame Leidenſchaft — wie Sie ſagen; — Beſchämung, die Rech - nung ohne den Wirth gemacht zu haben; das fühlt jeder. Unſre Wünſche, unſre Neigung brachten wir in Anſchlag, nicht die des Andern. Uns lieben wir, den Andern wünſchen wir; darum fühlen wir uns allein. Dies iſt ſie rein, die Ei - ferſucht. Nun kann noch Neid, und hundertfältige Lebens - und Geſelligkeits-Elemente ſich hinein ſchleichen und miſchen; bei jedem Fall anders. Aber der unſelige Mann fühlt ſie wie das unſelige Weib: nämlich, den eigentlichen Inbegriff davon; der Edelſte fühlt dieſe Scham am heftigſten, aber er allein nur vermag ſie in ſich auszumerzen, wenn er ſich ſeinen Irrthum ganz eingeſteht. Sollten hier Männer und Weiber verſchieden ſein können? Verſchiedene Denkfähigkeiten, Kräfte, Herzen, Schmerzen haben? —

Ich glaube, es giebt nur ſehr wenig Menſchen, die, wenn ſie empfinden, die große und elegante Welt nur für das an - zuſehen wiſſen, was ſie iſt. Gewöhnlich ſtreiten ſie ſich die -64 ſelbe ab, daß ſie nur irgend etwas ſei oder ſchaffe; ſind aber ſehr von ihrer mindeſten Gunſt affizirt, und glauben von ihr zu empfangen, was ſie nie leiſtet und giebt; erkennen und würdigen die Leute darin durchaus nicht; und laſſen ſich, wenn nicht jedesmal komplet, doch jedesmal von neuem, durch deren Ausſprüche leiten und regieren, erſchrecken, ängſtigen, beſtimmen, wider ihres Herzens Überzeugung. Unter all mei - nen Bekannten war nur Prinz Louis Ferdinand, und L. R., welche die große Welt geliebt hatten, und wirklich von ihr unabhängig waren, denen ſie nicht mehr ſchmeichelte, ſondern ſie ennuyirte. — Louis Ferdinand, weil er ſie als ein Erſter darin kannte: L. R., weil er klar wußte, was ſie einem ihrer Letzten bietet.

Es iſt ein Glück, daß die rechtſchaffenſten Leute oft im Umgang unausſtehlich ſind; ſonſt müßte man ſich die größten Vorwürfe machen, minder bewährte Menſchen ſo ſehr liebens - würdig zu finden.

Eigenthum? eigenthümlich? Unſer Eigenthum iſt nur das, was uns keiner nachmachen kann. Dazu gehört noch unſer Sein.

Alles andere Wiſſen, außer das, was in unſerm innerſten Weſen konſtruirt iſt, ſind Materialien. Alle Wiſſenſchaften eben ſo: ſie ſind ja nur eine zuſammengefaßte Lehre, noch un - bezogener Wiſſensfähigkeiten im Menſchen.

Es65

Es iſt ausgemacht, daß wenn wir keine Anlage — oder wie man’s nennen will — von Sittlichkeit in uns hätten, wir mit der größten Anſtrengung von Nachdenken nie auf ihre Anforderungen gefallen wären. Könnte ein perſönliches We - ſen je darauf kommen, daß es ſeine Perſönlichkeit aufgeben, und die eines Andern höher ſtellen ſollte, als ſeine eigene? Mich dünkt ſogar, es iſt ſchon eine hohe Stufe der Entwicke - lung, Perſon und perſönlich zu ſein. Nun kommt mir vor, wir können in einem andern Zuſtand von Daſein noch eine ſchwerere Aufgabe in uns fühlen, die wir uns jetzt auch nicht vorzuſtellen vermögen. Und nur, daß wir dergleichen zu er - rathen vermögen, iſt ein Schimmer vom Abſoluten, allgemei - nen, ſich ſelbſt begründenden Daſein; wovon die Stufen ſich verlieren müſſen für einen Geiſt; einen abſoluten, der alles zugleich erſchaut. —

Im Artikel 5. von Pascal, véritable religion prouvée par les contrariétés qui sont dans l’homme et par le péché origi - nel betitelt, hofft’ ich irgend einen Aufſchluß über die Erbſünde zu bekommen: aber keinen! Er ſagt ſehr gute Sachen über den Zuſtand, worin wir Menſchen uns befinden, indem er nämlich dieſen Zuſtand in ſeiner größten Tiefe klar darſtellt; auch geſteht er ein für uns großes Geheimniß zu: aber er er - giebt ſich dieſem Geheimniß nicht: ſondern erfindet eine Anek - dote; wie er ſelbſt ſagt, der Vernunft widerſprechend, womit er es nun erklärt. Mir von einem ſolchen Mann unerklär - lich! Und eigentlich gar nicht ergeben.

III. 566

Er ſagt, die Größe und die Nichtigkeit im Menſchen ſeien ſo ſichtbar, daß nothwendig die wahre Religion ihn unterrich - ten müſſe, daß ein großes Prinzip von Größe — ein unver - tilgbares meint er — und zu gleicher Zeit ein großes Prinzip von Nichtigkeit in ihm ſein müſſe. Die wahre Religion müſſe unſre ganze Natur kennen; und ſie müſſe Rechenſchaft geben, über die erſtaunlichen Widerſprüche, die wir in ihr antref - fen. „ Wenn es Ein Prinzip für alles giebt, und nur Einen Zweck, ſo muß die wahre Religion uns zeigen, daß wir nur dieſes anbeten und lieben, da wir uns aber in der Un - fähigkeit befinden, anzubeten was wir nicht ken - nen, und etwas anderes als uns zu lieben, ſo muß die Re - ligion, die dieſe Pflichten lehrt, uns in dieſer Unfähigkeit un - terrichten, und uns die Heilmittel dagegen lehren. “ Einmal! Nun ſpricht er noch viel dazwiſchen, was nichts ſagen will; dann fährt er fort; und Gott ſpricht: „ Erwarte alſo nicht Wahrheit noch Troſt von Menſchen. Ich bin ſie, die euch gebildet hat, und der allein euch lehren kann, wer ihr ſeid. Aber ihr ſeid nicht mehr in dem Zuſtand, in dem ich euch bil - dete. Ich ſchuf den Menſchen heilig, unſchuldig, vollkommen. Ich erfüllte ihn mit Licht und Erkenntniß. Ich theilte ihm meine Herrlichkeit und Wunder mit. Das Auge des Menſchen ſah damals die Majeſtät Gottes. Er war nicht in den ihn verblindenden Finſterniſſen; nicht in Sterblichkeit und dem Elend, welches ihn betrübt. Aber er konnte die Herrlichkeit nicht ertragen, ohne in Vorwitz zu verfallen. Er wollte ſich zum Centrum ſeiner ſelbſt machen, und von meiner Hülfe un - abhängig. Er entzog ſich meiner Herrſchaft, ſich mir gleich -67 ſtellend, in dem Begehren ſeine Glückſeligkeit in ſich ſelbſt zu finden. Ich hab’ ihn ſich ſelbſt überlaſſen. “ Dann ſagt Gott noch weiter, „ wie er alle Kreaturen gegen ihn empört hat und feindlich gemacht, die ihm ſonſt unterthänig waren, dergeſtalt, daß der Menſch den Thieren gleich, und in ſolcher Entfer - nung von ihm, daß ihm kaum eine dunkle Erinnrung ſeines Urhebers geblieben ſei, “u. ſ. w. u. ſ. w.

Eine ſchöne Geſchichte! Dies Stück könnte ja in alle Ewigkeit fortſpielen: wie kann der Menſch beſſer werden, als Gott ſelbſt ſagt, daß er aus ſeinen Händen ging? „ heilig, unſchuldig, vollkommen: “und doch wurde er vorwitzig, rebel - liſch? Er iſt noch vorwitzig über das, was er nicht weiß; rebelliſch gegen das, was er nicht kennt. Er ſoll es aber ſein: denn er iſt ſo geſchaffen. Aus Gnade und Güte, nicht aus Sündenfall. Er ſoll eine Perſönlichkeit haben, und hat ſie: Gnade, Güte, iſt Exiſtenz. In dieſer uns bekannten Perſön - lichkeit iſt uns nichts, was wir imaginiren oder wahrnehmen, gewiß, noch bleibend — alſo keine Garantie, die wir brau - chen, — ſo gehen wir Stufe vor Stufe nach dieſer Gewißheit in uns ſelbſt hinab, bis wir einen kleinen Punkt der wahren Unabhängigkeit entdecken, und der Gewißheit: Gewiſſen, das innerſte Wiſſen, das Wollen und Thun, was wir für recht, für richtig — übereinſtimmend mit dem Meiſten — hal - ten. Und unſre höchſte Sittlichkeit iſt wieder ein ſich frei, ein ſich unabhängig machen wollen. Nichts hängt von uns ab, als dies. Und es iſt grad umgekehrt, wie man ſagt. Gott können wir uns nur mit — durch — unſre Fähigkeiten den - ken; was der beabſichtigte, nur mit der Intelligenz erdenken,5 *68die die größte Güte in uns legte; und unſere ahndende Ver - nunft kann nur vermuthen, daß noch eine höhere erleuchten - dere Aufgabe in uns aufgehen könne, als jetzt die unſerer größten Sittlichkeit. Dies iſt kein Fall: ſondern ein Stei - gen; und nicht wir ſtimmen mit Gott, das können wir nicht; er ſtimmt mit uns ein; er regiert uns, und wir müſſen uns darum frei und unabhängig glauben, — mühen, und irren: aber ohne weitere Mährchen ergeben ſein. —

Wiſſen iſt eine Vorrathskammer, ein Vorrath; Wiſſen iſt ein geiſtiges Haben. Durch Wiſſen iſt man überzeugt: Liebe iſt Überzeugung. —

Richtig Eingeſehenes und Ausgedrücktes in der Gegen - wart, paßt zur Vergangenheit und Zukunft: und iſt an die - ſem Zeichen ſogar zu erkennen.

Was hier ich ſeh, getreu berichten,
Das hieße wahrlich dichten.

Geſtern den 22. September 1822. einen Sonnabend Abend in Töplitz erzählte uns Herzogin von Cumberland von Goe - the’s Haus in Frankfurt und von ſeiner Mutter, wie ſie und die Königin als junge Prinzeſſinnen dort gewohnt haben, ſehr einnehmend und mit einer ihr ſo gefälligen Erinnerung, als69 die Frau Rath Goethe nur immer thun mochte, wenn ſie ih - rerſeits von den engliſchen Kindern erzählte.

Unſre Königin und die Herzogin waren gleich den vielen andern während der Kaiſerkrönung zu beherbergenden Fürſt - lichkeiten von Seiten der Stadt Frankfurt auf beſtimmte Wohnungen angewieſen, beide mecklenburgiſche Prinzeßchen, als Nichten der Königin von England, im ſogenannten han - növerſchen Viertel, bei der Frau Rath Goethe; und das glück - liche Haus hatte auch dies Glück. Frau Goethe empfand dieſes Glück ganz, wie aus der Herzogin Erzählung zu ſehen war; ſie that den Kindern ſo alles zu Liebe, zu Gefallen und zur Unterhaltung, daß die Herzogin noch mit dem größten Wohlgefallen, ja mit kindlicher Nachfreude erzählte, wie dieſe prächtige Frau ganz jugendlich mit ihnen ſpielte und ſchaffte, und ſie immer in ihre eignen Zimmer kommen ließ, worauf die Herzogin noch einen nachträglichen Werth legte. Wie ziert und ehrt dies Gaſt und Wirth! Auch blieben die Damen mit Frau Goethe, ſo lange ſie lebte, in Verbindung, und ſahen ſie jedesmal, wenn ſie ſpäterhin nach Frankfurt oder in deſſen Nähe kamen.

Wie die beiden ſchönſten Fürſtinnen Deutſchlands, — holde, blonde, liebe Engel, — als preußiſche Bräute mit un - ſern Prinzen und dem hochſeligen König zu Frankfurt waren, ſo hatte dieſer ſeine Loge im Theater dicht neben der, worin die Frau Rath Goethe zeitlebens ihren Platz nahm. Das leb - hafte Herz der vortrefflichen Frau triumphirte, daß ihre Prin - zeßchen ſo ſchönen und vornehmen Prinzen vermählt werden ſollten, und ſie konnte es nicht unterlaſſen, ihrem Logennach -70 bar, unſerm Könige, zu zeigen, wie wohl ſie den hohen Bräu - ten befreundet ſei. Sie beſaß nämlich eine ſchöne Doſe mit der Brillant-Chiffre des Herzogs von Mecklenburg zum An - denken für die ſo ſehr freundliche Aufnahme ſeiner Kinder. Und ſo gab die Herzogin die Worte wieder, mit denen Frau Goethe ihr die Sache nachher ſelbſt erzählt hat: „ Ich nehme meine Doſe, geh’ in’s Theater, ſtelle ſie mit draufdrückender Hand — feſt auf den Logenrand; der König ſieht nichts. Ich nehme eine Priſe, ſetze die Doſe näher an den König, und ſehe ihn an; er ſieht nicht auf die Doſe hin, er hat mehr dergleichen geſehen! Ich nehme ſie abermals, ſetze ſie noch näher, und ſehe wieder den König an: endlich blickt er auf die Doſe, und wie er ſie geſehen hat, ſagt er ganz gütig: „ Ei! Madame Goethe, was haben Sie da für eine ſchöne Doſe! “ Ja, Ihro Majeſtät, antworte ich, die hab’ ich auch von meinen Prinzeſſinnen von Mecklenburg! “ Und ſo mußte der König ihre Freude wiſſen, und die Sache war gelungen. Herz hilft zu allem. —

Aber eine viel komiſchere Geſchichte fiel vor mit Frau von Guttenhofen, gebornen Gräfin Hatzfeldt, berühmten Schön - heit am Mainzer Hofe, wobei Frau Goethe auch wieder kräftig auftritt. Als unſre Königin fünfzehn Jahr alt war, ſo wurde wohl ſie, aber noch nicht die Herzogin, manchmal von der Großmutter in Geſellſchaft mitgenommen: „ Und ſo geſchah es einmal, erzählte die Herzogin, daß meine Schweſter einen Beſuch beim damaligen Kurfürſten von Mainz mitmachte; kaum iſt ſie aber mit meiner Großmutter hinein getreten, ſo ſtürzt Frau von Guttenhofen auf ſie zu, und ſagt: Wiſſen71 Sie wohl, Prinzeß, daß man hier nicht mit langen Ärmeln herkommen kann? Die junge Fürſtin fußt ſich aber, und ſagt gleich: Ich thue alles nach den Befehlen meiner Großmutter, und ſo hab’ ich auch angezogen, was ſie mir befohlen. — Ich ſehe meine Schweſter noch, — fuhr die Herzogin erzäh - lend fort, — ſie hatte ein blauſeiden Kleid mit ſpitzen Är - meln an, wie man ſie damals nannte “— (Ich wußte dieſes auch, und bejahte es mit einem Blick) — „ mit ſchwar - zen Perlen, wahrſcheinlich Schmelz — geſtickt. Aber es machte doch einen Eindruck auf meine Schweſter, ſo jung ſie war! Sie iſt auch nicht wieder dort geweſen. “ Frau Goethe ver - nahm den Vorfall mit großem Unmuth, und ſprach lebhaft für ihr Prinzeßchen. Frau von Guttenhofen war auch gar nicht Oberhofmeiſterin, ſie fühlte ſich nur als ſolche. Ich habe eine Dame, die am Hofe des Königs von Weſtphalen eben ſo geſchaltet hatte, aber ſchon längſt aus dieſen Verhält - niſſen geſchieden war, an ganz fremdem Orte ſich ähnliches herausnehmen ſehen, und der obige Zug befremdete mich da - her weniger, als ihn die Herzogin erzählte. Späterhin, ſo fuhr die Erzählung fort, war unſre Königin mit der Herzogin zuſammen in Wilhelmsbad, wohin auch Frau Rath Goethe aus Frankfurt eingeladen wurde; die dann mit der Königin in den Brunnenſaal hinabging, und dort neben ihr ſaß, wäh - rend aller Welt Menſchen ſich einfanden, und ihre Huldigun - gen darbrachten. Frau Goethe hörte nicht auf, nach den ihr unbekannten Perſonen zu fragen: „ Wer iſt die? Wer iſt das? “und wie ſie wieder nach dem Namen einer Dame fragt,72 die eben geſprochen hatte, antwortet die Königin: Frau von Guttenhofen! — „ Die Frau von Guttenhofen? fährt Frau Goethe lebhaft auf, die ſo grob war? Laſſen Ihro Majeſtät ihr nun gleich befehlen, ſie ſoll ſich ihre Ärmel abſchneiden! “ In der größten Wuth ſagte ſie das. Die Herzogin freute ſich dieſes Ausfalls noch. Jetzt tragen alle Menſchen lange weite Ärmel; alles iſt verändert: mit dieſer Bemerkung fing auch die Herzogin ihre Erzählung an: „ Wie man noch ſo auf Koſtüme hielt. “ Jetzt iſt es beſſer. Jetzt halten viele Fürſten auf Beſſeres. —

Das Wort „ Geiſt der Zeit “möchte ich außer Umlauf ſetzen können; es verwirrt entſetzlich. „ Die allgemeine Über - zeugung, “möchte ich es nennen, was man im Guten damit zu bezeichnen denkt. Als man die vermeintlichen Hexen ver - brannte; das war der Geiſt der Zeit: die allgemeine Über - zeugung machte aber, daß dieſer alberne Gräuel aufhörte. — Und ſo herrſchen dieſe beiden ſehr verſchiedenen Zuſtände oft noch neben einander, wenn auch die allgemeine Überzeugung den Geiſt der Zeit immer verdrängen muß.

Präſumption iſt ſchon, wenn man in der Meinung oder Überzeugung, daß es einem gelingen würde, etwas unternimmt, welches Andern mißlungen iſt. Demüthigkeit, wenn man trotz einer ſolchen Überzeugung, und wenn ſie die evidenteſte iſt,73 ſolches unterläßt. Ich bin präſumptuös in Menſchenumgang geweſen.

Franzoſen, Engländer, ſonſt die Spanier und Italiäner — und natürlich auch die alten Nationen — haben National - meinungen, ſolche Gefühle, Ehre, Ehrgeiz, und Strebungen, die ſich auf theils bleibende, theils eine große Zeit lang ſich wiederholende geſellige Zuſtände beziehen; ihre Kunſt, ihre Künſtler und Dichter müſſen ſich auch darauf beziehen, wenn ſie verſtanden werden wollen, wie ſie auch ſelbſt darin befan - gen ſind. Wir Deutſchen klagen ſchon lange, und immer öf - ter darüber, daß unter uns die Dichter nicht auf Autorität verehrt werden. Dieſen Übelſtand können wir aber ertragen, wenn wir betrachten wollen, was wir eigentlich ſind. Ein Volk nicht zu einer Nation abgeformt und geſchliffen: der Menſchheit, und alſo allen Nationen noch nahe; unſer Dich - ter ſieht ſich in der ganzen menſchlichen Welt nach Zuſtänden um; erhöht ſie, denkt ſie ſich wie ſie ſein könnten, müßten, nicht nur wie ſie ſind, und ſein können in einem engen vor - gefundenen Zuſtand, den er noch ändern will, gemein mit al - len Geſetzgebern, und Erfindern; je größer ſolches Menſchen Geiſt, je erhabener ſeine Seele, je belebter ſein Herz, je reich - haltiger, vielfältiger, muß er wählen und darſtellen, und Zu - ſtände kombiniren, und in dem Alten Neues ſehen und zeigen: aber deſto weniger auch wird er begriffen, oder deſto häufiger ihm nicht gefolgt werden können, er unverſtanden bleiben; und alſo oft nicht anerkannt werden, und von Dreiſteren, die74 ſich vieles angelernt haben, ohne das zu ahnden, was nicht angelernt werden kann, getadelt; grad’zu. Dies iſt eben der Zuſtand, in dem ſich unſer Publikum mit ſeinen Autoren be - findet. Bei weitem vorzuziehen einer nur in einer Zeit, und auch da nur von den Verſtändnißreichen, wahr geweſenen, jetzt zu einem Patentbeifall gewordenen, unverdauten Aner - kennung; die eine gänzlich äußere wird; aber auch Anſehen, Einkünfte und Orden giebt: bei uns iſt alles dies im Werden und Wachſen; ganz lebendig mit allem andern Aufſtreben und Gedeihen; in einer Art von Kriegszuſtand unter einander, der dem Selbſt - und Doppelgeſpräch des Gewiſſens zu vergleichen iſt; welches uns reinigt, fördert, immer beruhigen will, und eigentlich allein nur belebt. Welchem einzelnen Menſchen wäre es wohl erlaubt, ſich ſolche Komplimente zu ſchneiden, wie es jede Nation gegen ſich ſelbſt gelaſſen und blind aus - führen darf; und wovon wir unfaſſionirten Deutſchen bis vor einiger Zeit frei waren. Wir können ja eine ganz andere Nation werden; wenn wir nur wahr bleiben; und das Gute nehmen, wo es nur zu finden ſein mag; andre nicht mit Na - tionalhaß verunglimpfen, und uns nicht aus Nationalliebe verhätſchlen. —

Wir hatten noch keinen Nationalkönig, dem wir Siege zuſchoben, die ſeine Diener erfochten; mit dem wir galant waren, und dann mit ihm und allen lebenden Sünden in Reue verfielen, deſſen Verſchwendung wir wie uns von Gott verliehene Gaben anſtaunten, zu erhaſchen ſuchten, und raub - ten, wie es kam; deſſen Pedanterei und Hoffährtigkeit und Selbſtverehrung uns nach langem Bürgerkrieg zu erretten75 ſchien; dem wir alle Künſte ſeines Jahrhunderts zuſchrieben, weil er in’s Schauſpiel ging, und ſich ſeine Vergötterung ge - fallen ließ, der auf den Thron kam, als eine Menge regie - render Vaſallen gebändigt, und ihr Land ſeinem Reiche ein - verleibt war, der, weil er nie allein ſein konnte, und alles geſprächsweiſe abmachte, die Nationalgeſelligkeit auf den höch - ſten Punkt trieb, wohin der Letzte im Volk mit hinan gezo - gen, und geſchickt dazu ward; einen Mann, bei deſſen Re - gierung die Welt gleichſam nach Luft ſchnappte, weil die kul - tivirten Gräuel bis auf den äußerſten Gipfel gekommen wa - ren; aber doch noch oft von neuem wütheten; der ſie ganz gottſelig ſelbſt befahl: und ſie von Geiſtlichen und weltlichen Gelehrten ſanktioniren, und rein waſchen ließ. Wir brauch - ten auch keinen Helden, der ſein eigen Land beſiegen mußte, wie Heinrich der Vierte: wir haben eine ganz andere Ge - ſchichte; und ſtreben doch nach den Fehlern, die jene Geſchichte der Nation aufprägen muß: könnten wir ihre Tugenden ohne ihr Unglück uns eigen machen! — Montag den 5. Novem - ber 1822, nachdem Mad. Boucher geſagt hatte, Goethens Taſſo „ c’est un hypochondre! “—

Es kommt mir ſehr gelegen, an Roſſini’s tanti palpiti und Karl Maria Webers Jungfernkranz eine alte Behauptung bewähren zu können; daß nämlich nicht alle Melodieen, die vom Volke leicht aufgefaßt und geſungen werden, dadurch allein für ſchön erklärt werden können. Es giebt Melodieen mit einem bequemen Rhythmus, die zu keiner beſondern, und76 zu keiner höheren, ja nicht einmal zu einer betrachtenden Stimmung auffordern, wobei man im Hauſe, im Quickmarſch - tritt umhergehen, Thüren ſchließen, ſpinnen, Taback rauchen, nähen, einen Gang machen kann; zu denen gehört offenbar die des Jungfernkranzes; wenn man ſich, ohne den Text zu beachten, Rechenſchaft von ihr giebt, ſo iſt ſie eine vergnüg - liche Melodie, durch einen kleinen Trotz erhöht: ſolche werden dann aus imitativer Schwäche allgemein geſungen; eine Art muſikaliſcher Strafe für höhere Muſiker, wie auch jeder, wel - cher ein ſolches Lied, faſt unwillkürlich, ſingen muß, an ſich ſelbſt erfahren kann. Ganz anderer Art iſt gleich das tanti palpiti. Es unterbricht ſchon jedes häusliche Geſchäft; es iſt eine Empfindung, die in Betrachtung ausartet, die ihre Pau - ſen macht, ſich in ſich ſelbſt variiren will, und ſich gezwun - gen wiederholt, von ſtärkerem Schmerz unterbrochen, als ſie ſich zugeſtehen will, in offenbare Muſik ausartend, die immer allgemeiner in ihren Beziehungen wird. Ein ſolches Lied wird in Deutſchland nicht ſo leicht allgemein werden, wo das Volk Jungfernkränze haben will, und die Gebildetern tiefe Rechen - exempel für den Geiſt verlangen, dem das Ohr erſt nachzu - kommen lernen muß, — von denen, die ſich nur wollen im - poniren laſſen, gar nicht zu reden! — während der Italiäner z. B. ſchon lange die ſchönen Gondolierlieder hat, die Stim - mungen fordern und hervorbringen, und zu Lande und zu Waſſer vom ganzen Volke geſungen werden. —

77

Man mag das Wort Vaterland noch ſo oft, in die Ge - wehre der Blätter, Zeitungen. Rezenſionen und Bücher gela - den, abſchießen: kein Land wird dadurch eine National-Muſik oder Mahlerei erhalten: noch irgend eine der Künſte! Kunſt erfordert das geſündeſte, vollſtändigſte Naturgefühl, unge - ſchwächte Sinne; einen unſchuldigen, von Einflüſterungen der höheren Verbildung noch ungeſchwächten Sinn; ein reges, bewegliches Gemüth: ſie iſt ein Behelf der höchſten Bedürf - niſſe des Menſchen; ſie iſt eigentlich — am allgemeinſten ge - ſehen — die Gabe, ich möchte ſagen die Kunſt, die Natur und all unſre Zuſtände unſerm innerſten Bedürfniß am ange - meſſenſten ſehen zu laſſen, und in Ermanglung, in der wir leben, darzuſtellen, wie wir Menſchen ſie eigentlich alle wün - ſchen müſſen, vermöge unſerer Beſchaffenheit; wenn uns nicht Noth und Bedürfniß verkehrt haben. Nur die geſammten Bemühungen der ganzen Erde in dieſer Rückſicht, und ſeit allen Zeiten, können die Reſultate dieſer Aufgabe liefern, ſie aber wohl nicht ganz löſen.

National werden alle Kunſterzeugniſſe der verſchiedenen Völker ſein müſſen: von ihrem Aufenthalt und Zuſtand wie von einem Element bedingt, in welchem ſie ſich befinden. Dies aber eben kann nicht vorgeſchrieben werden, nicht erbe - ten, nicht durch Beweiſe hervorgerufen werden. Uferleute werden mit Schifferliedern anfangen, wo ſie ihre kleinen oder großen Mühen und Freuden ausdrücken, die Elemente beſchrei - ben und ihre Wirkungen werden angeben wollen; wo ſie ſich die Orte ihrer Sehnſucht, von denen ſie ſich entfernen, und78 zu denen ſie hin wollen, vorſtellen und mahlen werden; und ſo progreſſio nach Umſtänden alle menſchlichen Lagen und Vorſtellungen da anknüpfen können. So auch ein Jagdvolk, ein Hirtenvolk, ein kriegeriſches, ein landbauendes, ein Ge - birgsvolk: jedes aus ſeinem Zuſtand heraus; und eben ſo mit allen Künſten. Werden die Verhältniſſe komplizirter, gegen andere Völker zu, und nach innen, ſo wird Stolz, Eitelkeit, Muth, Konventionelles, ſich hinzumiſchen, zu dem, was ſie ausdrücken wollen. Religion und ihren Gottesdienſt müſſen wir auch dahin zählen, weil auch ſie unter allen Völkern nicht ohne Zuſatz bleibt.

Wenn man alſo Nationalkünſte verlangt, ſo können ſie nur in Nationalzuſtänden ihre Quelle finden; und weil nicht jede Kunſt bei jeder Nation dieſe Nahrung findet, ſo hat von jeher eine von der andern geborgt, und ſie haben ſich einan - der nachgeahmt. Es kann mit als eine kriegfolgende Neuerungs - luſt angeſehen werden, wenn poſſirlich und gewaltthätig von einer Nation gefordert wird, was eine andere nur ihrem Zu - ſtande angemeſſen längſt geliefert hat. La chasse de Henri IV, von Schweden etwa, auf einen ihrer Monarchen angebracht und modifizirt; große Heiligenbilder in Mecklenburg, die nur unter Päpſten entſtehen konnten; eben ſo mit Gebäuden: jetzt in Hamburg, was einſt Venedig hervorbringen konnte; Schwei - zer Gebirgslieder in Holland. Wenn man auch antwortete: Das wird nicht verlangt; jedes Volk ſoll nur ſeine Zuſtände ſublimiren; das wollen wir! Dies möchte ich auch; aber alle Zuſtände laſſen ſich nicht künſtleriſch ſublimiren: es giebt auch Völker, die in Zuſtänden leben, die nur einer rechtlichen, ſitt -79 lichen Verbeſſerung fähig ſind; auch ſprungweiſe zu viel von der Geſammtbildung der Erde bekommen haben, und die Pe - riode ihrer Kunſt — die ich jedem Volke von der Natur zu - geſtehe — überſchritten haben. Wie ich denn glaube, daß ſie überhaupt für jetzt überſchritten iſt. Die Unterſuchung, welche dieſe Behauptung vorausſetzt, kann jeder Einzelne in ſeinem eignen Leben anſtellen: ob ſpätere Verhältniſſe, kombinirteres Wiſſen, ſpäter ſich entwicklende Intereſſen, ausgedehuteres Ordnunghalten, in all dieſen Dingen tieferes, vielfältigeres Studiren, der Kampf mit der Welt in reifern Jahren, eine traurigere und auch höhere Klarheit, ihn nicht von Kunſt - erzeugniſſen und Kunſtvorſätzen abhalten!

Die Welt bewegt ſich aber immer; erzeugt immer neue Menſchen und friſche Verhältniſſe; nichts urſprünglich Menſch - liches wird vertilgt werden; ſo wenig wir Wild des Waldes werden, oder als ein Mann in Amt zur Welt kommen wird; und ſo braucht uns weder um unſre Liebe zur Kunſt oder deren Werke bange zu ſein. Getrieben nur können ſie nicht werden: nicht einmal vom beſten Willen; von Eitelkeit und Liebhaberei an Nationalität gar nicht. Freien Lauf laſſe man ihnen; gute Zuſtände aller Art bereite man; und das ein je - der auf ſeiner Stelle; das iſt das herrlichſte Beförderungs - mittel; und die Wahrheitsliebe pflege man zehnfach doppelt bedacht in ſich! Alle Werke der Kunſt zeigen ſich gleich als Karikatur ohne ſie. Das zeugt, wenn es noch nöthig wäre, von ihrem hohen Urſprung, und ihrer hohen herrlichen Ver - wandtſchaft: und ſo wären wir wieder zu dem Anfang, wo wir ſie als höchſtes Bedürfniß des Menſchen anſahen, als80 das Bild, welches wir von unſerm hieſigen Leben uns vorhal - ten; zum Erſatz, zur Luſt, zur Erhebung.

(Mündlich.)

Von einer muſikaliſchen Studie des jungen Felix Men - delsſohn-Bartholdy:

„ Sie iſt wie eine Maxime eines franzöſiſchen heitern be - jahrten Landmanns, immer wiederholt und ſich ſteigernd, bis zur abſtrakteſten Spekulation. “

Es giebt Zauberei aber keine Zauberer. Dieſe wenigen Worte enthalten mehr, als man denken ſollte. —

R. iſt ein ſehr ignoranter Menſch, er weiß nur, was er gelernt hat: und das iſt wenig, weil man nur lernen kann, was man ſchon weiß.

Alt will keiner werden: jung ſoll keiner ſterben. Daran kann man’s ſehen! —

Saint-Martin ſagt: Les hommes qui ne vivent qu’à la surface, n’ont que de petites peines et de petits plaisirs; ils sont aussitôt consolés qu’affligés, aussitôt affligés que consolés. Ce ne sont que des figures d’hommes. Aussi faudra-t-il que la vie de ces hommes-là recommence, lors -qu’ils81qu’ils auront quitté cette région visible et apparente, puis - qu’ils n’auront pas vécu pendant le temps qu’ils l’auront traversée, et c’est ce prolongement de temps qui fera leur supplice, — wie jetzt, — parceque la combinaison de leurs substances ne sera pas dans une mesure si douce et si harmonieuse que dans ce monde, où tout est dans des proportions de miséricorde et de salut. — Das denk’ ich auch immer; und das iſt meine einzige Art von Todesfurcht; daß Unverhältniſſe ſich einfinden, die ſchwerer zu durchbrechen ſind mit dem tief-ordnenden Geiſt; ſowohl in dem — Haupt - — Begriff der Zeit, als fonſt; und allerdings kann das ent - ſtehen, wenn man nicht fleißig genug war; wie auch ſchon hier: man muß nachholen. Der wahre Glaube, die wahre Hoffnung, beſtehen aber darin, daß es noch ganz anders kom - men und ſein kann, als wir es uns vorzuſtellen vermögen: und dies iſt mein feſtlichſter Gedanke. Da iſt Religion. Kein Bild; die leere Tafel; wo Bilder ſind, ſchuf Gott unſre Welt; die für uns. —

Aus Saint-Martin’s oeuvres posthumes Vol. I. No. 635. „ Il y a pour la prière un degré encore plus élevé que celui du No. 626. C’est de sentir que la seule prière que nous aurions à faire, ce serait de travailler continuellement à ne pas empê - cher de prier en nous celui qui ne peut cesser de prier pour nous: car c’est en nous qu’il aime le mieux prier: puisque nous sommes son oratoire; mais quand nous ne lui laissons pas l’ac - cès libre, il va prier hors de nous, et il emporte sa paix avecIII. 682lui. “— Welch ſchöner Gedanke, ſich als bewußter Altar, wor - auf gebetet wird, vorzuſtellen! Eine ſchöne Vorſtellung! So ſagt man von einem ſchönen theatraliſchen Gedicht. So nennt man es gradezu. Ein Gedicht iſt eine halbe Schöpfung: und darum ein Feſt, ein Spiel, keine Arbeit; halbe Freiheit: mehr als man gewöhnlich denkt. So ſehe ich dieſen ganzen Gedan - ken von Saint-Martin an.

Nr. 648. „ Avant de nous livrer à des actes importans, nous aurons trois conseils à consulter: 1) si nous pouvons; 2) si nous voulons; 3) si nous devons. Malheureusement presque toujours ce sont les circonstances qui nous tiennent lieu de volonté on de désir, et ce sont nos volontés et nos désirs qui nous tiennent lieu de devoirs. Voilà pourquoi il y a tant de déceptions et d’infortunes parmi les hommes. “ Man hält dies für ſehr einfach; aber es iſt ſtark und außer - ordentlich geſehen. Mir fällt aber dabei ein: „ Erlaubt iſt, was gefällt. “ Sollen und Wollen iſt Eins; und ſollte nicht geſtört ſein. —

Nr. 674. „ Une de mes plus utiles voies a été de viser constamment et opiniâtrement au tout à l’heure, au tout entier, au partout, et au perpétuellement. Dahin zu zielen iſt die Beſchaffenheit der menſchlichen Seele. Leider vergehen uns die Kräfte im Weltverkehr ſo oft dazu; (mir, trotz der klarſten Überzeugung: das iſt, weil man nicht nur ſich, ſon - dern auch Andere zu zwingen hätte): für den Plan, den wir83 nicht machten und machen — iſt geſorgt, wir müſſen unwill - kürlich nach dieſer Regel verfahren.

Wunderſchönes Wetter.

Saint-Martin, Nr. 684. „ Parmi les douleurs spirituel - les que j’ai si fréquemment éprouvées et qui semblent être ma destination dans ce monde, il y a une qui est journalière pour moi, c’est de voir les hommes si peu curieux de s’ex - pliquer les choses. Cela me prouve ou qu’ils n’ont point en eux le moindre désir au-dessus de ceux qui sont de la classe de la bête, ou que s’ils ont déjà quelques apperçus des vé - rités supérieures, ils faut qu’ils les jugent bien mal de croire qu’elles s’arrêtent au point où ils sont parvenus, et qu’elles ne procèdent pas à tous instants, et n’engendrent pas sans cesse d’elles-mêmes des vérités nouvelles. “— Die gefun - denen Wahrheiten antworten aber nicht immer, und höchſt ſelten; man mag fragen wie man will. Doch iſt ewiges Fragen recht und nützlich; „ der Menſch iſt eine Frage — ſagte ich ſchon lange — wenn er unſchuldig iſt. “

Nr. 685. „ On me dit toute la journée dans le monde: telle opinion telle idée sont reçues. On ne sait pas qu’en fait d’opinion et d’idées philosophiques j’aime beaucoup mieux les choses qui sont rejettées, que celles, qui sont reçues. “— Alle Meinungen und alle Ideen ſind philoſophiſch: es giebt gar keine andere: wenn man auch annimmt, ſie könnten ſich manchmal auf Gegenſtände beziehen, die nicht philoſophiſch wären. Grade den Umgang und das tägliche Leben betreffende6 *84Meinungen ſind verderbt, verderben ſich leicht; weil ſie nicht philoſophiſch genug behandelt werden, und müſſen immer wie - der an’s Sonnenlicht gezogen, und verworfen werden; eben wie untauglich gewordene Nahrung: Speiſe und Trank.

An Oelsner, in Paris.

Donnerstag, 11 Uhr, in meinem Bette. Dunſtiges, feucht - liches, graues Wetter: noch kein Froſt, noch kein Schnee. Dies Letzte, damit Sie nicht denken, daß Sie auch dies in Paris voraus hätten; das Erſte, um Ihnen gleich zu zeigen, daß ich Rheumatism zu pflegen habe, und Sie mir ſowohl mein Nichtſchreiben als mein Schreiben zu Gute halten! „ Ich wünſchte meine Schuld in Perſon abzutragen, ſchreiben Sie mir in Ihrem letzten Briefe, denn die Empfindung bedarf der Gebärde und der Stimme. “ Sie bedarf — und ſie allein — der ganzen Welt, und vermißt am meiſten Gebärde und Stimme. Wie ſoll es mir nun aber gehen, da ich ohne weiteres ſtupid bin, wenn mich das Herz nicht aufrührt, was ſoll ich nun mit tonloſer Feder und ſtiller ſchwarzer Dinte anfangen, wenn ich einen Brief ſeit Juli habe liegen laſſen; in welchem Monat ich ſchon leidend und geſtört auf manche Weiſe war. Grau in grau kommt mir die Welt vor: hab’ ich recht, oder ſtecken ſie mir meine Haare bloß an? Mich dünkt, die politiſchen Fragen und die den geſelligen Umgang betreffenden, ſind abgeſprochen, abgewitzt und abgelebt. Die85 Führer und Verwalter der erſtgenannten ſuchen ſich zu ſichern und zu ſchanzen, weil die heiligen Haine, hinter denen ſie thronten, durchſchritten und gekannt ſind. Die Arbeit geht nun an ein paar andere große Inſtitutionen — die man für Religion ausgab, und hielt, und von ihr borgte — dünkt mich. Es wird nichts helfen; man wird in allen Winkeln des Geiſtes und des Herzens wahr ſein müſſen, und ſich das große, allgemein herrſchende Defizit, des Nicht wiſſens, ein - geſtehen müſſen. (Dies ahndet die größte Menge gar nicht; Viele von den Andern wollen es nicht geſtehn; noch Wenigere denken ſogar dagegen noch handeln und wirken zu können. Unnützes Verſuchen! Erſtlich iſt man immer ſelbſt in der wah - ren Schöpfung — Entwicklung — man drehe ſich Kopf vorne Kopf hinten, mit einbegriffen; und Jeder mittendrin; und Zweitens, wo ſollte es hinführen? Rückwärts? Wir müßten wieder vorwärts.) Man wird aufhören müſſen, da für die menſchliche Geſellſchaft bauen zu wollen, wo kein Grund, als ſelbſtgemachte Fabeln, zu finden ſind, und ſich das Herbe ein - geſtehen, daß man Mangel, für’s Erſte kennen muß, und ihm nicht mit Verläugnen abhilft. Seinen Hinunel wird ſich jeder Einzelne ausdenken müſſen zur Unterhaltung — wahre Poeſie — ſchaffen wird er ihn ſich müſſen, in ſeinem Gewiſſen: und daß er das muß, wird er wiſſen müſſen: Geſetze für den Lebensverkehr werden klarer, intenſiver — mit dem innerſten des menſchlichen Geiſtes, und ſeiner ganzen Natur — treffen - der und wirkender ausgedacht werden; und das, daß niemand einem Geſetze entgehen kann, ganz allgemein und herrſchend werden. Dahin, dünkt mich, will die Welt, und die häus -86 liche Geſellſchaft: und vor dieſem großen Werke — groß nur weil es endlich erkannt wird — ſteht ſie jetzt ſtockend ſtill: und darum ennuyiren wir uns! Das nenn’ ich ausgeholt: weit ausgeholt! Aber ſo iſt’s: will man nahe kommen, muß man weit ausholen, mir geht’s immer ſo. Ich hoffe, Sie ennuyiren ſich auch. Nämlich, man wird weder erſchüttert, noch angenehm hingehalten; und muß auch dies für ſich al - lein übernehmen. Sie thun es gewiß: ich auch. Ich leſe: es fällt mir dabei etwas ein; das amüſirt mich. Ich gehe, iſt’s möglich — nur irgend einträglich — in’s Theater; ſehe wo möglich noch paſſable Menſchen; und liebe Gedanken, Denken und Einfälle immer mehr: ich glaube, je weniger ich habe; ſie ergötzen und ſtärken mich ungemein. Sie heilen und flicken mich aus. Schreiben Sie uns alſo! Ohne alle Hoffnung — weil das überhaupt am meiſten beruhigt — vielleicht ſehen wir uns doch in dem erſten oder zweiten Jahr; lieber in Paris, als in Berlin. Für die Fürſtin von Salm - Kyrburg hab’ ich wahrlich gar nichts thun können, worüber ich noch in Reue bin! Der ſchwülſte Sommer; Staubſtra - ßen, leere, ganz leere Stadt; faſt keine Gegend; ich ohne Pferde, ohne Muth; ſehr unwohl! hat die Fürſtin durch alles dieſes meinen guten Willen durchgeſehen, und mich in dieſem ungünſtigſten Zuſtand nicht ganz überſehen, ſo iſt ſie noch klüger und beſſer, als ich ſie hier ſchon fand. Sie iſt artig, klug, angenehm, voll Welt, die ihr nicht ſchadete: kurz, ſehr gut. — Sein Sie gut gegen dieſen Unbrief! —

87

Es iſt nicht allein ſehr ſchwer, die Wahrheit hier in der Welt zu finden; ſondern man muß ſie auch noch ver - läugnen!

Nur nicht denken, nur nicht denken!
Nur den Tag ſo ziemlich lenken!

Vormittag, nach großer Störung; graues Wetter, welches Luſt hat ſchön zu werden.

Saint-Martin Nr. 29. „ Renferme-toi dans ton cercle atmosphérique spirituel, et demande sans cesse que l’on te remette tes péchés, c’est-à-dire, que l’on te rende ce qui te manque: car un péché n’est qu’un déficit ou un défaut! “ Dies ſchreib’ ich des Wortes Defizit willen ab; weil ich in dieſem Sinne immer von einem großen Defizit ſpreche; in dem wir uns befinden. Da muß man hungern, oder lügen, oder man macht immer noch ſchlechtere Geſchäfte. Alle drei Fälle werden angewandt.

Er ſagt Nr. 30. nach vielem andern, vom Menſchen: „ Il n’avait été émancipé que par la miséricorde. Il est de - venu l’objet de la grâce, ayant cessé d’en être l’instrument. L’univers matériel avoit été formé par la justice: il en con - serve encore le caractère! “ Er ahndet Nothwendigkeit: und will ſie mit Gewalt benennen. Nicht er, ſondern beinah Alle. Aber dieſe Ausdrücke ſind vortrefflich-ſchön!

88

Nr. 66. Es iſt merkwürdig, was er da ſagt: „ Toute la vie de l’homme devrait se diviser en deux parties, et ne s’em - ployer qu’à deux choses: la première de manger son pain quotidien spirituel: la seconde de dormir. Hors ces deux occupations, je ne vois pour l’homme que misère, péril et iniquité. “— Le pain quotidien spirituel n’arrive pas en es - prit, mais sous l’enveloppe du pain ordinaire.

Saint-Martin Nr. 205. Vortrefflich! „ Ne croyons pas que les joies de l’âme ne soient qu’une chimère, et que ces biens que nous lui acquérons dès cette vie, soient en pure perte. L’âme ne change point de nature en quittant ce corps mortel. Si elle s’est livrée au mal, elle en reçoit la punition en s’y plongeant davantage. Si elle a aimé le bien, et qu’elle ait éprouvé quelquefois les délices secrètes que donne la vertu, elles les goûtera avec encore plus de sensibilité, elle sent ici ‒ bas des ravissemens causés par la contemplation des choses qui sont au-dessus d’elle. Il lui semble, que rien sur la terre ne peut lui causer le même plaisir: il lui semble même que les plaisirs terrestres n’existent pas. etc. “ Die Seele ändert ihre Na - tur nicht, das bin ich überzeugt, das widerſpräche ihrem Ur - ſprung, aber wenn ſie andere Geſchäfte hat, iſt das eben ſo gut; die ſucht ſie auch unaufhörlich; und, wie Saint-Martin ſagt, immer in Dingen über den Bedingungen, worin ſie ge - halten iſt: die kleinſte Unterhaltung, die wir ſuchen, ſuchen wir eben auf die Weiſe, und aus demſelben Grunde: darum89 vertheidige ich die Unbeſtändigkeit; ſie hat den beſtändigſten Grund. Nur wer nicht erkennen kann, was er hat, und nicht weiß, was er will, hat den Grund der Unbeſtändigkeit verloren.

Nr. 206. „ Quelque sublime que soit un génie, même dans les choses de l’esprit, il ne pourra se soutenir qu’autant qu’il se fondra sur la piété. “— Die Spekulation muß bis dahin gekommen ſein; ſie darf davon nicht ausgehen.

Mittags, helles ſchönes Wetter.

Bei Gelegenheit der Tieck’ſchen Novelle gegen die Heuchler:

H. Vernunft iſt doch nicht despotiſch!

R. „ Allerdings. Der einzige wahrhafte Despot! “ Und mir fiel nachher ein: daß ſie auch der größte Sklave iſt; ſie kann nur verneinen und bejahen.

„ Und in allen Stücken billig ſein, heißt ſein eigen Selbſt zerſtören. “ Genau unſre Lage und Eigenſchaften kennen, ge - hört dazu: nichts iſt hemmender. —

Thiers Buch über die Pyrenäen und das mittägliche Frankreich. Ganz vortrefflich! Gar nicht wie ein Franzoſe: es iſt unglaublich, daß dies ein ſo junger Menſch und ein Franzoſe geſchrieben haben ſoll! Es iſt ein ordentliches Puls -90 fühlen, wie weit dieſe Nation fortgeſchritten iſt. — Wenn das Rouſſeau von ſeinen Landsleuten erlebt hätte! —

Man ſollte ſich wirklich alles von ſeinen Landsleuten ge - fallen laſſen! denn je mehr ſie uns tadlen und verfolgen, je mehr man in Disharmonie mit ihnen iſt, je gewiſſer iſt es, daß man auf ſie gewirkt hat.

Das Buch iſt voller Thatſachen, voller geſunder Anſich - ten; über das ſpaniſche Gränzland erhält man die größten Aufſchlüſſe; der Artikel Marſeille iſt vortrefflich. Thiers hat Anlage zu einem Staatsmann. Er ſieht, was da iſt, und mit der Sache ihren Grund zugleich: und Dichter iſt er nur im Ausdruck; das heißt, er weiß, was er geſehen hat, nach - zubilden in unendlichem Gebrauch ſeiner Sprache. —

Im Geſpräch über das Buch: Des hommes célèbres de France au dix-huitième siècle etc. par M. Goethe, ſagte

R. Franzoſen und Deutſche gehören doch eigentlich zu - ſammen, wie zwei Hälften: Engländer kommen mir ſchon nicht ſo vor: ſie ſind doch wie eine Abart Deutſcher.

A. Schweden und Dänen auch. Wie anders und eigen ſind dagegen Spanier; eine herrliche Nation! ſo mäßig: ein Volk, das mäßig iſt, iſt zu bewundern.

R. Ja, ihr großer Witz und ihre Senſibilität entzückt mich: ich meine nicht, was man gewöhnlich Witz nennt: ſon - dern den Witz in ihrer Poeſie. Ihre Litteratur. Man kann doch ein Volk nur nach ſeiner Litteratur beurtheilen. Wie gebildet müſſen ſie geweſen ſein und ihre Geſelligkeit! Und91 die größte Litteratur haben doch Franzoſen und Deutſche; darum paſſen ſie zuſammen und halten ſich das Gegengewicht.

A. Nach Litteratur kann man die Völker nicht allein beurtheilen; was haben ſie für einen Karakter? darauf kommt’s auch an. Zum Beiſpiel: die Ruſſen. Welchen Karakter! und die haben gar keine Litteratur.

R. Die ſind auch wie außereuropäiſch. Und ſie und alle Völker wollen doch unſre Bildung, und ſtreben danach —; ja, ich kann mir gebildete Völker ohne Litteratur denken; aber die müſſen ganz anders ſein, da muß die Bildung in’s Leben übergegangen ſein; Bewegung wie Tanz; und ganz andere Inſtitute und Zwecke, und Lebenseinrichtungen: — aber die Dänen, Schweden, Ruſſen, wollen doch alle nur was wir wollen; und neuere Völker können nur nach ihrer Litteratur beurtheilt werden.

A. Ja, wo ſich der Einzelne ganz in ſeine Nation verliert!

R. Nein, wo die Nation in jedem Einzelnen lebt!

A. Auch gut! wie der Flohdoktor. —

R. Auch gut? Was iſt denn eine Nation? Eine An - ſtalt — für den Einzelnen: / eine Reiſe: wie Schwalben über einen Sumpf ziehen, wenn ſie einzeln hinüber könnten, wär’s nicht nöthig.

92

An Oelsner, in Paris.

Was können Sie von mir dem Schwefel eben Entſtiege - nen verlangen! Auch ich ſollte nicht glauben, jetzt einen Brief ſchreiben zu können; und ich will Sie nur vorbereiten, daß ſo viel Zeilen Sie auch zu Geſichte bekommen mögen, es keiner iſt, und auch keinen vorſtellen ſoll. Wie mit einem Stärkungs - und Heilungsmittel lief ich vor einer Stunde zu Varnhagen mit Ihrem Paket, weil ihn wenig ſo freut, vor ſein Bette; wo er ſeinem Krampfhuſten Ruhe und Stille, als einzige Strei - ter entgegenſtellt; ich ſelbſt war noch ganz irritirt von meinem Schwefelbade; habe auch Ihren Brief noch nicht geleſen, nur geſehen was Sie uns alles ſenden. Nun hätte ich ſehr gerne mit einem Scherz begonnen, um Ihnen den Glauben an ein ernſteres Unwohlſein Varnhagens zu benehmen; ich hatte auch einen recht hübſchen ſchon fertig, aber ſie haben ihn mir weg - geſtört. Billette, Boten, ein Beſuch; zwei zum Abweiſen, ein paarmal V., noch einigemale meine Jungfer! Endlich zwi - ſchen dem allen ein Ausgang; aus Karakterſchwäche! — Un - ſer König nämlich läßt auf einem Bilde unſere zwei erſten und ſchönſten Tänzerinnen, die Damen Lemière und Hoguet, und Hrn. Rebenſtein in ihren Koſtümen des Ballets Aline mahlen: der junge, ſchön ſehende, talentvolle Mahler, Herr Henſel, beſteht gewiſſermaßen darauf, daß ich das Bild, ehe er es ganz vollendet, ſehe, ob ich nicht mit meinen Augen eine Unähnlichkeit entdecke, oder ihm eine Ähnlichkeit mehr angeben kann. Eine angenehme, ehrenvolle Kommiſſion. Nur bin ich93 zu oft leidend, das Wetter zu nord öſtlich, und ich zu ſehr mit Heilung grade jetzt beſchäftigt, und daher veranlaßt ge - weſen, ihm ſchon einige Rendezvous abzuſchlagen. —

Es iſt gut, wenn einmal ein Freund uns ganz perſönlich ſchaut, und auch unterhaltend für ihn: darum ſcheue ich mich gar nicht, Ihnen mein Bild von einer Stunde zu ſchicken, und dieſe Stunde als Rahmen. Dabei haben Sie ein Stück - chen von unſerer Kunſt, Theater und anderem erfahren, und wie ein Schnipfelchen des geſelligen Verkehrs dazwiſchen fliegt! — Adieu denn! V. war wieder hier, und ſagt, es wird ſpät. Eilender kann ich nicht. Er wollte erſt gar nicht ſchreiben, darum bot ich mich an. Nur noch dies Wort über Thiers, den Sie erwähnen. Ich vergaß Ihnen noch zu ſchreiben, daß beſtimmt ein Finanzminiſter in ihm ſitzt. Mir bürgt ſein Ar - tikel Marſeille dafür. Er ſieht die reinen faits: oder vielmehr ſucht die nur: keine Parthei und Klaſſe hat Einfluß; nur das was eigentlich ſein ſoll. Adieu für heute! Nächſtens mehr!

Fr. V.

Wenn Eltern oder Kinderpfleger etwa bis zum dritten Jahre ihren Zöglingen ſo gerne Züge von Verſtand, Auf - faſſungsvermögen, einer Art von Witz, kleiner Liſt oder auch nur des Gedächtniſſes, nacherzählen, ſo iſt das nicht nur aus Eitelkeit, oder Vorliebe für ein beſtimmtes Kind. Es iſt weit mehr das mit Recht wiederkehrende Erſtaunen, der unergründliche Zauber, das Wunder eines erwachenden Er - kenntniſſes! Wo beginnt es, wo kommt es her? Das möchten wir immer von neuem wiſſen, von neuem belauſchen; und nie94 kann das aufhören, unſre Aufmerkſamkeit in Anſpruch zu nehmen, und uns in Kindergeſtalt, als Unſchuld, zu rühren, zu erfreuen und zu gefallen; und in dieſem Fall ſcheint ſich ein reineres Intereſſe in Eitelkeit zu kleiden, wie dieſe ſo oft ſich das Anſehen höherer Motive giebt.

Felix ſpielte uns geſtern Abend vortrefflich vor; Études von Kramer, und oft kamen mir die Thränen in die Augen: als er mit einer Art Meiſterſtück von Spielen aufhörte, ſagte ich leiſe zu Robert: Er iſt doch ſo glücklich, und ich möchte ihm doch noch ſo gerne etwas anthun! — „ Gar nicht! “erwiedert Robert. — Wie ſo? ſage ich. — „ Er müßte uns noch um Verzeihung bitten! “— Warum? frag’ ich wie - der. — „ Weil wir das nicht können, was er kann. “

Schubarth über Goethe. S. XIII. Über Leſſing ganz falſch; ganz falſch und ohne Gründe behauptet, daß man nicht in entgegengeſetzten Gebieten etwas hervorzubringen im Stande ſei: und nichts damit geſagt. — S. XIV. Was er von Friedrich Schlegel und deſſen Vergleich Goethens mit Voltaire ſagt, nicht einmal zu verſtehen! —

S. 5. Verweilt er unendlich lang zu zeigen, bei was man nicht verweilen ſollte. Und ſagt Falſches. Nämlich wie nichts Tüchtiges könne hervorgebracht werden, wenn man falſche Talente auseinanderſetze! Verwirrt. — S. 7. Freilich95 iſt das eine allgemeine, konzentrirte Menſchenſeele, ein ſolcher Menſchengeiſt, der das in ſich aufnehmen kann, was das ſchwache Geſchlecht nur in Einzelnen davon verſchlendert hat: dies nennt man Genie: und kann ein ſolcher es Andern in Bildern aufdrängen, ſo iſt’s ein Künſtler. Von außer - menſchlichen Zuſtänden kann aber bei keinem Menſchen die Rede ſein: ſelbſt wenn er faſelt, kann er nur Zuſammenge - hörendes verwirren: Künſtler thun das oft ſcheinbar, ſind aber Herren ihrer Ausflüge.

S. 118, Über Natur. So? Alles Liebliche vergißt er? Alle Regelmäßigkeit? In der Natur iſt vielmehr alles, was wir zu faſſen vermögen: geſehen in dem Spiegel unſers In - nern. Eins nur iſt anders dort, und anders hier. Recht braucht die Natur nicht zu haben. Und darum iſt ſie immer erquickend; der Betrachtung nach gewiß. Paßt ſie ſchön zu uns, ſo iſt ſie ſittlich in ihrer Art, lieblich. Sie iſt nur eine große Perſönlichkeit in ihrer Art; wir kennen aber uns ähn - liche; das iſt der Knoten! — Nehmen wir alle Menſchen — wie wir müſſen — für Eine Perſon, und die Natur auch für Eine: gleich iſt der Kampf, die Mühe da; ſie weiß nichts davon: ich glaube als Menſchen erkennt ſie uns nicht an. Zum Glück haben wir auch keine Pflichten gegen ſie; ſie zwingt uns bloß. —

S. 191. Unter anderm falſch über Taſſo, und was er über den Dichter ſagt, und deſſen Reichthum und Mangel darſtellt. Taſſo’s Unglück iſt das Unglück eines gutbeſaiteten Menſchen, ob er Lieder geſpielt hat, oder nicht; Geſetze, die nicht für ihn gemacht ſind, tödten ihn. —

96

S. 222. Ich bin ganz betäubt und verwirrt, daß Goethe, Kant, Fichte, ſo beſponnen werden können: mir iſt, als müſſe man ihre Werke wieder reinigen für die Welt. S. 225. Falſch über Gottes Geheimniſſe. Sie gehen uns allerdings an, da wir eines davon ſind. —

S. 269. Bravo! Nun bin ich froh, nun tadelt er Goethen. Nun wird’s richtig: er zieht Shakeſpeare vor, er tadelt Raiſonniren, Klaſſifiziren, alle Handlungen in iren bei Goethen, und thut nichts andres ſelbſt; nur thut er’s ſchlecht. Nun iſt er bis in’s Klarſte in der Verwirrung ge - kommen. —

Madam Guion konnte nicht ohne Bild leben — im glei - chen Fall mit allen Menſchen — und wollte doch nichts mit der Welt zu thun haben; hatte ein erregbares Gemüth und philoſophiſchen Geiſt. Sie dachte mit großer Kraft in’s Leere hinein, und bildete, weil ihr Herz Nahrung bedurfte, die ganz beſtimmte, erzählte Geſchichte von Chriſtus noch einmal nach. Sie führte gleichſam ſein Leben in ſich auf: lebte es noch Einmal, wurde zum Chriſtuskinde; weil ſie ſich nicht erlaubte ein anderes Leben zu führen.

Franzöſiſche Muſik zwingt die Empfindung, ſich nach der Wortbedeutung zu richten: italiäniſche bequemt ihren Wort - vorrath nach den Empfindungen. Gluck litt beim franzöſi - ſchen Text.

Der97

Der meiſten Leute ihr Reden iſt nichtsnutziges Geſchwätz: es iſt ihnen auch ſelbſt nichts daran gelegen; ſie hoffen nur, es ſoll nur, es ſoll den Andern etwas daran gelegen ſein; und dies iſt der wahre Probierſtein weſentlicher und unwe - ſentlicher Behauptung und Erzählung. Nebenher, ein reicher verbreiteter Quell der Langeweile, die da Menſchen auszuſtehen haben, nämlich die, welche jeden Augenblick als einen ur - ſprünglichen leben.

Ich finde den ganzen Unterſchied in der Menſchen Geiſter nur bei’m Fragen: antworten können ſie alle nur auf die - ſelbe Weiſe.

Wer ſich mit dummen Antworten begnügt, und keine Fragen anzuknüpfen weiß, iſt dumm. Wer wiſſentlich, ver - wickelte, verfängliche Antworten giebt, liſtig. Liſtigkeit iſt aber verkleideter Bettel; auch geſteht man ſie nicht, und ſchämt ſich: und immer bleibt dies ein Verdruß.

Verdammt ſein, ſich zu verdammen.

Die Welt iſt ſo ordinair, als man will: man kann ſie anſehn, wie man will. Sich wundern, gar nicht wundern: wie man’s ſtellt.

III. 798

Wenn wir in Lebenskonſtellationen kommen, in denen die uns gegebenen Aufträge unſerm Karakter nicht entſprechen, ſo haben wir ſchon Unglück, wenn wir auch dadurch noch nicht unglücklich ſind. Dann können wir nicht thätig nach Wahl und Einſicht wirken; und faſt immer fühlt man dann Moment auf Moment als Leiden; wenn auch der erſte Fall ſelten bedacht wird.

Des Menſchen Karakter iſt das Reſultat der einmaligen Miſchung, und des daher beſtimmten Verhältniſſes ſeiner Ga - ben und Beſchaffenheit.

Franzoſen nennen nur die Wahl eines beſtimmten Wol - lens Karakter; wir thun gewöhnlich darin wie ſie.

Schleiermachers Reden über die Religion. Ausgabe 1821. S. 58. Das Dialektiſche. — S. 60. ſagt er: Religion habe mit dem Wiſſen der Wiſſenſchaft nichts zu thun. Gut! Aber dieſes mit der Religion: und dies wird auch nur behauptet. — S. 61. Was iſt hier — auf dieſer Seite — Unendliches? heraus mit der Sprache! Wenn es kein zu erkennendes Geſetz und kein Wahrnehmen eines er - höhten Zuſtandes iſt. — S. 62. Alſo der Fromme weiß nicht recht: das ſag’ ich auch; und ſolche Zuſtände hat jeder von uns, und das Bedürfniß, in dem wir dann ſind, die Voraus - ſetzung, die wir machen, iſt Religion. Wozu da ſo viel Re - den? — S. 64. Wie Sittlichkeit, Wiſſenſchaft und Religion, eine nicht ohne die andere beſtehen kann. Nun?! — S. 65. 99Eine unverſtändliche Stelle. — S. 66. Endlich Definition. — S. 66. Geſchimpft ohne Grund. — S. 67. Schöne Defini - tionsfrage! — S. 67. Sehr ſchön über die Gränzen des End - lichen und Unendlichen. — S. 70. Schöne Lehre über das Bewußtſein: wie man da ſuchen ſoll. — S. 73. Nach ſchö - nen Vergleichen, die mir nicht gefallen, die Thätigkeit der Seele ſchön definirt: wie ſie durch ihre Thätigkeit die Welt durch einen Theil derſelben fühlt. — S. 75. Gottlob! Über das Wiſſen endlich! — S. 79. Klar über Wiſſen und Reli - gion. — S. 80. Sehr richtig und deutlich über das Werk der Begriffe, und welches ihr Beſitz iſt. — S. 81. Sehr ſchön falſche Religion beſchrieben. „ Trägen Herzens “genannt. — S. 82. 83. Vortrefflich geſagt, was Religion iſt. Eigentlich je beſſer beſchaffen, je mehr Religion: ſie iſt allerwärts zu kriegen, ſag’ ich. — S. 82. Was das Univerſum thut. — S. 83. 84. Wunderſchön über die Religion der Alten, und beiläufig erſchöpfend bewieſen, was Myſtizismus iſt; wenn die Gränzen der Wiſſenſchaft nicht rein gehalten werden, ſag’ ich. Vortrefflich! ſo einfach, klar, erſchöpfend. Unterſchied von Religion und leerer Mythologie. —

S. 100. Herrlich definirt, was religiöſes Leben iſt! — Das allein iſt Leben, ſage ich. — S. 136. Sehr ſchön ge - ſagt: und ſchön, wenn man ſchon ſelbſt viel gedacht hat. Aber dennoch hoff’ ich, weiß ich ſogar, in einer Zeit wird dies wie Geſchwätz ſein. Ganz platt. Wer wird’s nicht wiſſen? und wer wird nicht die Fragen gemacht und beant - wortet haben, die ſich eben da anknüpfen laſſen? — Viel geſagt. — S. 140. Iſt er trotz der Schönheit des Geſagten7 *100in ein anderes Gebiet gekommen; er ſcheint nicht mehr die Religion in uns zu betrachten, ſondern die Weisheit des Weltgeiſtes. Doch agirt der unter großen Hemmungen, von deren Grund, oder unſerer Uneinſicht in denſelben, nicht ge - redet wird. Herrlich ſagt er da, was das Geſchäft des Jahr - hunderts und des Augenblicks iſt. — S. 146. Von Reue ſpricht er. Darüber iſt viel zu ſagen. Er ſagt: Sittlichkeit bereut nur die verlorne Zeit. Nicht doch! das Unwiederbring - liche der That, die in ihren Folgen nicht mehr einzuholen iſt. Reue, häßlich gehandelt zu haben, wenn ich die Möglichkeit davon zugebe, reiniget gleich die Seele. Hier iſt viel zu ſagen. — —

S. 154. ſagt er ſelbſt, Gnadenwirkung ſei der gemein - ſchaftliche Ausdruck für Offenbarung und Eingebung. Über - haupt, weiter kann die Philoſophie nicht gehen in Erklärung der künſtlichen Ausdrücke! — S. 155. Spricht er über Glau - ben endlich, wie von allen Kanzeln ſollte geſprochen werden. Er zeigt, welcher verachtet werden ſollte, und welchen ich ver - achte. — —

S. 163. Er beweiſt, das Bedürfniß für Religion ſei welche: er ſagt dies aber nicht: ſondern nur, ſich Gott als Perſon denken, ſei unzulänglich: ihn ſich als ſtarre Nothwen - digkeit denken, wieder. Alſo wie ich: als höhern Geiſt, von welchem ich nur das mir Zugetheilte faſſe. — Anmerkung Nr. 19. Wie ganz vortrefflich geſagt: wie tief, und wie in den verſchiedenen Menſchen geſchaut, wann ſie ſich Gott per - ſönlich, wann anders denken müſſen. Wie wenige Lehrer101 wiſſen dergleichen! wie wenige Leſer verſtehen es! Wie kann man ſich mit ſeinem Innern nicht abgeben!? —

S. 252. Sehr richtig, und lange nicht bekannt genug, daß es krankhaft iſt, ſich nicht mitzutheilen. Wo man ein - ſieht, daß Mittheilung nicht hilft, iſt Krankheit in den An - dern, und ſteckt uns an; und Unvermögen doch in jedem Fall in uns. Wer uns nicht Wahrheit erlaubt, iſt daher im Unrecht; und der, welchem man Unwahrheit ſagt, immer et - was gehaßt, wenigſtens während dem. — Wir ſind ja in einem ſchwachen gehemmten Zuſtand wenn wir lügen müſſen.

S. 256. bin ich nicht ſeiner Meinung über religiöſe Ge - ſpräche. Ferner will er „ Pracht “und „ Fülle, “wenn über Religion geſprochen wird. Man muß über alles, wovon die Rede iſt, ſo gut als möglich ſprechen: und eine wahrhaft gute Rede ſoll kein Schmuck ſein irgend einer Sache; eine Rede iſt eine Folge von Gedanken; eine Darſtellung unſerer ſelbſt in einem gegebenen Fall; und ſind wir frei in dieſem, in die - ſer Zeit, ſo wird ſie ſchön ſein und wahr. Was ſind das für Umſchweife, für Ausnahmen für die Religion, die er doch nur als einen Inbegriff und Ende aller Meditation und Rechen - ſchaft definirte! Es iſt mehr, als wollte er die Redner kon - ſtruiren, als ſie; und denen ihre Themata anweiſen. —

102

An Oelsner, in Paris.

Heißes, helles Wetter, mit dezidirtem Oſtwind.

Iſt dies unwahrſcheinlich, ſo iſt’s hingegen wahr. Ein ſolch Datum ſetz’ ich gern vor den Briefen, als ihren Wetter - ſtand, als Atmoſphäre, in welcher ſie wachſen; und dadurch für den Verſtändigen, als Kommentar. Als Nachſchrift die - ſes Datums ſei nur noch geſagt, daß mir heute mein Schwe - felbad ſehr gelungen iſt; ich mich nicht erhitzt, nicht geſchwächt fühle: und nun bin ich richtig bis an den Punkt, von dem mein ganzer Brief ſich herſchreibt, welches Schreiben ich ohne dieſes gelungene Schwefelexperiment gar nicht hätte unterneh - men können. —

Wie iſt es möglich, in zwei Sprachen ſo vollkommen zu ſchreiben, wie Sie in der Pariſer und Berliner! Sie kön - nen wieder fragen: wie iſt das möglich zu beurtheilen, wenn man in keiner es ſo weit gebracht hat, wie das mittelmäßigſt geſchriebene Buch? Das iſt möglich, muß ich behaupten, und will Ihnen den Beweis nicht aufdringen, bis Sie ihn durch - aus wollen: demonſtriren kann ich ihn. Außerordentlich ſchön iſt das Buch über Mahomet geſchrieben; der graziöſeſte Stil: gereinigt und ſanft, wie ein angenehmer Bach. Jeder Fran - zoſe läßt ihn auch gewiß ungehindert durch ſein Haus. Für mich ein großes prestige — ich weiß es nicht auf Deutſch geſchwind — und eine große Schmeichelei, daß wir ihnen ſolche Landsleute liefern. Ganz darin eingegangen, wie man zu der Nation zu ſprechen hat, damit ſie einen verſtehe,103 und wie man anredend zu Einzelnen zu ſprechen habe; im Ganzen ihnen aber das ſage, was auf deutſcher Seelen Bo - den gewachſen iſt, und in den Tauſchhandel — eigentlich nur Tauſch — kommen ſoll. Daß Sie den Preis bekommen ha - ben, ſchmeichelt meinem Berlinizism — ſo nenn’ ich Deutſchſinn — ſo, als ob es heute geſchehen wäre. Das ſind friedlich gewonnene Bataillen: das Exercitium dazu, Leſen, Denken, Beobachten; ſchönſtes Leben: Lohn vorauf! Der Ausſpruch der Akademie, Friedensſchluß, wo für beide Partheien Gewinn, durch einen wahrlich neu entſtandenen Beſitz, hervorgeht! Sagen Sie, wie iſt’s möglich, daß bei ſo viel Bildung, wie ſchon auf der Erde da iſt, ſich ſo große Reſte der größten Rohheit nebenan, dicht nebenan erhalten? Manchmal ſchein’ ich’s zu wiſſen, wie es zugeht, manchmal entſchlüpft’s mir wieder. Krieg, und die größten Schriftſteller. Chriſtenprahle - rei, und Chriſtentugend, und Sklaven. Die feinſten Werke der Mechanik, und verwahrloſte Städte. Der tiefſinnigſte Kalkül, und die wichtigſten Dinge und Angelegenheiten dem Ungefähr überlaſſen. Luxus, Akademien, Galerien, und kraſſe, ſchmutzige Armuth. Und das bis in’s Privateſte; z. B. ſchlech - tes Hausweſen, und große Gaſtereien. Es ſcheint beinahe leichter, hohe Gedanken und Geſinnungen zu haben, die ſchön - ſten Erfindungen zu machen; als alte Übelſtände und Ruinen loszuwerden; und die Liebhaber dieſes Schutts davon abzu - bringen, und zu reinigen. Ich weiß gar nicht wie es iſt; heute. Ihr Buch bringt mich wieder auf dieſe Gedanken. Ich habe darin ſo viel Extrakte aus den wohlgerathenſten, reifſten, edelſten Früchten der Beobachtung und des Nachdenkens ge -104 funden, die mir meinen ganzen Vorrath von Gedanken und Betrachtung in Bewegung brachten. In einer gelaſſenen Zeile, einer halben, geben Sie oft unwiderſprechlich an, wie es mit den Welthändeln ſtand, ſtehen kann, und wie ſie ſich zur Na - tur, und zur Menſchennatur verhalten: mir iſt dies nicht ent - gangen. Und gefallen hat mir dieſe Art beſonders — die ich nur, als die einzige, Geſchichtliches zu verfaſſen, geſtatte — weil ich gar kein Raiſonnement für dumme Leute mehr ertra - gen kann; das heißt, ein langes, breites, weitläufiges; ich habe zu irritirte Nerven dazu, und zu viel gedacht! Dabei bin ich ganz gehörig ignorant, und erfahre nun von Ihnen ſo viel faits, die mich ungemein unterhalten. Ich bin Ihnen alſo ſehr dankbar; und weiß meine Erkenntlichkeit nur dadurch an den Tag zu legen, daß ich es ſage.

Ich habe auch dieſer Tage Hrn. Villers Buch über Uni - verſitäten an den König von Weſtphalen geleſen: welches wirklich eine ſtärkende Bekanntſchaft iſt: troſtreich. Das Buch iſt durchaus ehrlich, und alſo edel: es macht uns viel Ehre, und wir — Deutſche — können Villers nicht genug anthun. Einfach, unterrichtet, anſpruchslos iſt dies Buch; voller edlen Muth, wenn man die Zeit, und die Attitüde der Kronen in ihr bedenkt. Ein edler Europäer war Villers; was wir Alle werden ſollen! das wollen wir ihm nachſchreien. — Hal - ten Sie Hrn. Thiers zum Deutſchen an!!!

— Nur noch dies Wort über Thiers! Ich vergaß Ihnen noch zu ſchreiben, daß beſtimmt ein Finanzminiſter in ihm ſitzt. Mir bürgt ſein Artikel Marſeille dafür. Er ſieht die reinen faits: oder vielmehr ſucht die nur: keine Parthei und105 Klaſſe hat Einfluß; nur das was eigentlich ſein ſoll. Adieu für heute. Nächſtens mehr! —

An Frau von Goethe, in Weimar.

„ Und in allen Stücken billig ſein, heißt ſein eigen Selbſt zerſtören. “ Dieſer Spruch wird von Wenigen zitirt, ſo ſehr gerecht ſind doch mitunter die Vielen! Bitterer Reue voll wend’ ich ihn hier auf mich ſelbſt an; da ſie mir nicht helfen wird, mich künftig weniger beſcheiden zu machen: man trägt die Beſcheidenheit, iſt ſie ein Fehler, wie ſein Geſicht, ohne es je vertauſchen zu können, mit ſich herum, für’s Leben. Nur allzu heilig hielt ich Ihre Morgenſtunden in Berlin, von de - nen Sie mir Einmal ſagten, daß Sie ſie zu Sprachſtunden und Ihrer Korreſpondenz nach Hauſe gebrauchten; da andre Damen dieſe Ordnung brachen, und den Lohn Sie zu ſehen dafür hatten! und wohl ſonſt es noch anzuſtellen wußten, daß ſie Sie öfter ſahen. Ich blieb mit dem tiefen Wunſch, ſtill, und ſitzen. Erlauben Sie mir wenigſtens jetzt Ihnen mein leb - haftes Bedauren nachzurufen! da ein ſtummes Papier es Ih - nen bringt, mit dem Sie nach Gefallen ſchalten können. Auch dies würde nicht bis zu Ihnen gelangen, wenn ſogar auch ſchon beſchrieben: wollt’ ich nicht, daß das beifolgende Blatt von Ihnen und den Ihrigen durchgeſehen würde. Unſre ganze Nation zeichnet zu wenig dergleichen auf, woraus ſich am Ende Memoiren bilden, oder wenigſtens daraus beurtheilen106 und berichtigen laſſen. Was Ihr Haus betrifft, iſt zu wich - tig: und der Geringſte kann, wenn davon die Rede iſt, ſol - ches liefern. Was Sie hier erhalten, ſchrieb ich gleich, nach - dem ich’s erfuhr, nieder. Es hatte das größte Intereſſe für mich; und es muß überhaupt welches haben. Bei Ihnen wird wohl unterſchieden werden, was dem Vorfall gehört, und was meinem Bericht davon zu Gute gehalten werden muß: und ſo ſchicke ich’s getroſt mit beſtem Willen. Ich bitte nur um Eine Güte von Ihnen; mich nämlich den Empfang dieſer Sen - dung wiſſen laſſen zu wollen: ein Wort an Hrn. Geheimr. N. iſt dazu hinlänglich.

— Ja, ja. Hier iſt die Schrift. „ Über Divinations - und Glaubenskraft, von Franz von Baader. “ Jetzt iſt ſie glück - licherweiſe dem Fürſten Gallizin, ruſſiſchem Kultusminiſter, de - dizirt. Anfangs ſollte ſie es mir ſein; ich konnt’ es aber noch verhindern. Du weißt, ich ſuche nicht genannt zu werden; ich ſcheue es, wo es nicht ganz von ſelbſt kommt, oder durch - aus nöthig iſt. Aber denk dir das Geſchrei, wenn bei dieſem Inhalt mein Name mitgeſtanden hätte! Die Hauptſache aber iſt, daß des Verfaſſers Artigkeit und Dank für mein Aufmer - ken hier zu ſtark ausgedrückt worden wäre, ſo ſtark wie nur die Befriedigung des vollkommnen Übereinſtimmens ausgedrückt ſein darf, welche auch der Leſer vorausſetzen würde; voreilig und unrecht, denn ich kann mich zu dieſen Sachen nicht eigent - lich bekennen, von denen auch vieles, ich will nicht ſagen über mich hinaus, aber mir abſeits liegt.

107

Baader hatte mir, als ich ihn eben perſönlich kennen lernte, ein großes Intereſſe eingeflößt: und ich hörte ihn wirk - lich erhellende Blitzworte ſagen; es nahm mich ungemein für ihn ein, daß er ſich gedrungen fühlte, mit allen Menſchen zu ſprechen: ich fand es ſchön, daß ihm jedes Menſchengebilde ein Menſch war, und daß er mit den etwas Beſſern ſich zu erörtern gedrungen fühlte, es zu lieben ſchien. —

(Mündlich.)

„ Varnhagen! du mußt in den Garten! Nein, du glaubſt es nicht, welche Roſen! Alle ſind ſie da, eilig und zugleich hervorgetreten, wie wenn die Schildwacht heraus ruft! “

An Varnhagen, in Hamburg.

Regneriſches, graues, ſchwüles, dunſtiges Wetter.

Ich ſchreibe auf dem Bogen, den du gefaltet haſt, und mit deiner Feder und deinem Tintfaß in der Mittelſtube. Theurer lieber Freund! Es iſt gut, ſich einmal zu trennen. Da erfährt man, wie lieb man hat: und wer man iſt. Alle deine Gedanken, deine Senſationen, dein Sitzen, deinen Schlaf, das Wetter, alles rechnete ich nach! Es iſt beſſer kein Son - nenſchein. Haſt du wohl etwas geſchlafen? den geſtrigen Abend genoß ich mit dir. Wie du es wollteſt fuhr ich aus. Nach Schöneberg, bis über’s Dorf weg: ich wollte wahre Reiſechauffée riechen: und dann umgekehrt. Göttlich grün,108 vielfach in Baum und Feld. Wunder-Prachthimmel von Bi - zarrerie, Lichter - und Wolkenwirthſchaft; — jetzt regnet es Platz! — das hatteſt du auch! — Nun mach’ ich Rechnun - gen, und dann leſe ich: eſſe nur Suppe und Huhn. Habe recht viel Vergnügen! regrettire mich in dem ſchlechten Ge - ſundheitsmoment nicht zu ſehr, und genieße Baum und Strauch und Luft äußerſt, dann iſt’s für mich mit. Geſtern hatten wir ja einen Sonnenuntergang, und auch dieſelben Gedanken. —

— Ich habe ihn! deinen Brief. Armer lieber Auguſt! alle Pulſe ſchlugen dir! Hätteſt du nur ganz wenig und nicht ſo ſchön geſchrieben, dich ein wenig in der Stube nach dem Garten niedergelegt. Genieße, was vor dir iſt; Düfte, Kinder, Laub, Blumen, Anblick des Wohlſtands, alles, jedes: ich ge - nieße es gewiß mit. Theuerſter lieber Freund! Dein Gärt - chen freut mich. Es beruhigt Seele und Sinne. Ich gratu - lire deiner Schweſter dazu. Täglich muß ich mehr einſehen, daß ich auf eine gute Weiſe wohl nicht hätte reiſen können. In meiner Lebensgeſchichte ſoll Wetter und meine Geſundheit vorkommen. — Geſtern Morgen machte ich Geſchäftchen, Rech - nungen, Billetchen, und fuhr dann mit den Andern nach Kö - nigs Palais. Das gefiel mir unendlich in ſeinem Bau; auch iſt’s, erfuhr ich des Abends, vom alten Schinkel, — von Schlüter nämlich: das war noch ein Schinkel! So müſſen Menſchen wohnen. „ Menſchen “kann man mit zehn Li - nien unterſtreichen, und auf jede ſchreiben, worin es beſteht, ein Menſch zu ſein. Henſels Bild hat unendlich gewonnen;109 mehr, als ich je glauben könnte; es war heilſam, daß man ihm das viele Blaue tadelte, er hat das Gelb eines Abend - himmels ganz am letzten Rande in dem Himmel ſeines Bildes angebracht, welches das Ganze rettet; hält, und ſichtbar macht, und den Köpfen, Haaren, und der Oberſtirn unberechenbar gut that. Die Dimenſion der Figuren bleibt die unglücklichſte; und ſieht kleinlicher aus, als wären ſie kleiner. Angezogen ſind ſie vortrefflich: ſogar die Fußbekleidung witzigſt erfunden. Schuhe ohne Strümpfe; vortrefflich! — Aus Beſcheidenheit war ich die Rampe nicht hinaufgefahren — reine Dummheit; du kennſt meine Königs-Ehrfurcht — das Palais war warm, und kalter Wind beim Einſteigen. Ich Schal über den Kopf, Wattenrock. — Ich ſchrieb nach drittehalb Jahren Frau von Reden nach Rom einen ſechsſeitigen Brief, wie dieſe. Doch war er kurz, und gar nicht ausführlich. Er gerieth mir trotz einiger Irritation gut; beſonders das Datum; und die Beſchreibung mehr als Kritik des Schleiermacherſchen Buchs, welches ich doch ſende. Morgen um 4 reiſt Henſel. Der Brief und das Buch iſt an die ganze Familie. — Mad. K. hatte mich zu einer Lektüre einladen laſſen, und ihre Nichte wollte mich abholen; ich mußte es aber abſchlagen. Nicht nur weil ich unwohl war, ſondern weil mich Mad. K. noch nicht beſucht hat; nicht geſchrieben hat, und der junge auteur nicht ſelbſt gekommen war. Haben einen Leute — Freunde ſind Gleichgeſinnte — wohlfeil, ſo denken ſie auch gewiß, man iſt nichts werth; und dies mit Mühe und Komplaiſance zu erkaufen, wäre zu unkundig. Eine Sévigné, eine du Deffand, eine Staël, muß man kajoliren; auch wenn ſie nichts geſchrie -110 ben hat. Non seulement ma tête, mais mon caractère aussi est une puissance; je ne m’ennuie pas moi — facilement —, ce sont d’ordinaire les autres qui m’ennuient. — Das Gärt - chen und die Kinder deiner Schweſter, das wär’ was für mich! Gott ſegne ihr den Frieden, die Ruhe, die Muße! Dir die Reiſe! und mir die Kriſis! — Du fühlſt wie Flügel meine Liebe, meine Wünſche! Kannſt dich drin einwicklen! Deine alte R. Nun lege ich mich hin und leſe Lascaſes. Adieu, lieber alter Auguſt. — Übereil dich nur aus Liebe nicht mit Kommen; und laß dich von meiner nicht verführen; ich genire mich ordentlich in Ausdrücken darum; denn eben wollt’ ich ſchreiben: wie werd’ ich dich empfangen, da deine liebe Bo - ten mir ſchon ſo lieb ſind! Deine Beſchreibung Hamburgs leuchtet mir ein. Ich freue mich, daß du lebendig neues in dir aufzunehmen haſt. Heine’n viele ſchöne Grüße. Ernſt hat der nöthig, aber keinen Mund ihn zu verſchlucken.

Seit vier Tagen kann ich erſt in einem geſtalteten Ge - danken ſagen, worin der Unterſchied des A’s der Italiäner in der Singelehre, und dem der Deutſchen beſteht, obgleich mir die Verſchiedenheit ſeit dreißig Jahren gewiß war, aber nur wie eine Wolke, die nicht zu faſſen iſt in der Sphäre des Wiſſens, vorwandelte. Der ſelige Muſikdirektor Lehmann, und ſeine gelungenen Schüler und ſchaffenden Jünger, kön - nen als Repräſentanten derjenigen Deutſchen gelten, die die Regel der italiäniſchen Schule ganz mißverſtanden, und die - ſen Mißverſtand auf’s höchſte ausgebildet haben: und mögen111 hier für die, welche ſie kannten, als lebendiges Exempel die - nen; ſie haben unverſchuldet in hieſiger Stadt — Berlin — einen großen Irrthum geſtiftet, der in den unerträglichſt alber - nen Dünkel ausgeartet iſt, und ſtarke Wurzel gefaßt hat. Ein größerer Theil des Publikums läßt ſich nur aus Man - gel an geſundem Hören, an Unterſcheiden, mit fortſchleppen; ohne weiter impertinent zu ſein. Die falſchen Kenner aber tödten Einen faſt mit ihrem Gänſe-A, und ihrem ſtupiden Stolz auf dies Gekrächze. „ Auf den Vokal A ſoll geſungen werden, “heißt’s in der Schule. Das thut der Italiäner, und meint der Deutſche zu thun. Der Erſte ſingt ein ne - gatives A, der zweite ein poſitives. Dreißig Jahre wenig - ſtens wollten mir dieſe zwei kleine Worte nicht hier dienen; ſo lange konnte ich den ewig gehörten Unterſchied nicht zwiſchen die Scheere, die hier aus den beiden Worten beſteht, treiben. Man denke nicht, ſie ſeien geſagt als ein Witz zum Behelf, weil ich noch nicht klar wiſſe, was ich zu zeigen habe; und bedenke lieber, daß man es ohnerachtet des Witzes, doch noch nicht weiß; man wird es aber gleich wiſſen! (Dieſe Wendung nehme ich hier, weil R. und C. zu anmaßend über Muſik heute gegen mich ſprachen; ohne im mindeſten etwas ſagen zu können: und nun ſchreib’ ich meinen guten Gedan - ken, als ſagte ich ihn ihnen. Schade!) Italiäner — und alle guten Sänger — ſperren die Kehle auf, als ob ſie A ſagen wollten, und laſſen ſo ihren Ton gemach hinaus: deutſche ſchlechte Sänger — nicht italiäniſche ſchlechte — ſchicken mit dem Ton, den ſie zu ſingen haben, ein wirkliches A mit aus der Kehle; und nun muß der Quetſchton kommen. 112Dieſes iſt das poſitive, jenes das negative A. Die Marchetti war vom letzten (wie Hr. Eunike vom erſten) die größte Repräſentantin, die ich je hörte; bei ihren unendlich vielen andern Eigenſchaften, aus denen ihre Geſangkunſt be - ſtand. Impertinente Leute wollen nicht einmal lernen, was unſchuldigen Seelen eingegeben wird, und denken, was als Einfall erſcheint, iſt nicht in vielen Jahren durch ehrliche ſtrenge Beobachtung und Denken vorbereitet: auch geſchieht ſolchen Gröblingen recht; bei ihnen geht’s nicht ſo zu; und darum glauben ſie, auch Andre ſprechen um zu frappiren, und ihrer Seele ſeien ihre Behauptungen doch auch ganz gleich - gültig, wie ſie es ſelbſt treiben. Mit ſolchen Leuten ſollte man nur Scherz treiben, worin ſie ſich wie in große Netze verwickeln müſſen, zum Spektakel des Auditoriums. Hab’ ich heute gelernt. —

Wiſſen um unſer Wiſſen iſt Philoſophie. Ergebenheit und Vorausſetzung, wo wir zu wiſſen aufhören, Religion. Dies begreift in ſich, was alles nicht Religion iſt, und des Wiſſens Gränze auf allen ſeinen Punkten; und erſpart viel Reden. Beim Leſen der Schleiermacher’ſchen Reden über Re - ligion S. 136. Hemſterhuis ſagt: Religion iſt die freie Be - ziehung jedes Individuums auf’s höchſte Weſen.

Bitter und Süß iſt: als ob ſie auf den Gemüthszuſtand wirkten: Salzig und Sauer, als den Geiſt berührend. Einzu113zu bittrer Geſchmack iſt eine wahre Kränkung; lange und zu ſüß, ein beinah geiſtloſer nicht zu ertragender Affekt, eine Art gedankenloſes Wohlbefinden durch die Zunge. Sauer bringt zu Nachdenken; ſchreckt es auf. Salz hat man ſchon lange zu Geiſt vergleichen; und es belebt auch, macht umſich - tig, plötzlich. Die Miſchung dieſer viere bringt alle Ge - ſchmäcke hervor; ſie iſt purer Witz. Mir kommt es vor, jeder Geſchmack, das zu Schmeckende, iſt bedingt durch die Geſtalt und Proportion der Theilchen überhaupt, welche die Mate - rien von ſich laſſen: und man wird Geſchmäcke und Töne auszählen und mahlen können, und immer mehr nachſpüren können, wie Gemüth und Geiſt in letzter Thätigkeit nur eine und dieſelbe That ausüben kann und ausübt; und daß Men - ſchen überhaupt nur auf zwei Weiſen affizirt werden können. Wir werden finden, daß der ganze Witz, wie im Kleinen, ſo auch auf’s Größte angeſehen, nur ein Behelf iſt. Dumme Leute ſollen aber doch wiſſen, daß er die größte Erdenmitgift iſt; und daß, wenn ſie keinen haben, ihnen ein unendlich Gro - ßes fehlt: nämlich die Handhabe zu dem Unendlichen; die er in unſerer Beſchränktheit darſtellt. —

Kunſt iſt: das mit Talent darſtellen, was ſein könnte, unſerer beſſeren Einſicht nach. Alſo eigentlich gutes Natur - gefühl; und Sinn für Wahrheit, in der Ausübung. Dies wird, wie geheime Kraft in Pflanzen ꝛc., immer walten, hervorbre - chen, und auch herrſchen; heißt, verwandten Sinn finden, und erregen. Dieſer iſt in der Maſſe der Leute zu ſehr verbreitet,III. 8114und hat wohl, als für Theater, jetzt ſcheinbar großen Schutz von oben: braucht ihn aber um fortzuleben nicht mehr.

Wenn Saint-Martin ſagt, die Seligkeit werde darin beſtehen, daß wir jeden Augenblick etwas Neues erfahren wer - den: ſo glaube ich nicht, daß ihn viele Leute verſtehn. Denn nicht Viele wiſſen, daß wir nichts Abſolutes kennen, und unſre ganze Thätigkeit nur Variazionen auf ein und daſſelbe Thema ſind. Wenn wir alſo in jedem Augenblick Urſachen erfahren könnten, wäre unſer Glück wirklich unendlich, weil es ſich immer neu ſteigerte; und in Erneuung unſers Selbſt. Der brillanteſte Gedanke in unſerm Dunkel.

Man darf den Menſchen wie den Fürſten vorſchmeichlen, wie ſie ſein ſollten; aber nicht wie ſie zu ſein wähnen, noch ihrem Wahn von dem, was ſein ſoll. Wer dieſen Unterſchied einmal kennt, wird ſchon wiſſen, welches Schmeichlen niedrig und falſch iſt, und den Namen als Ekelnamen zu tragen hat: da Schmeichlen an ſich eine liebliche Sache iſt.

Es muß ein jeder überſchätzt werden, ſonſt wird er gar nicht geſchätzt: da das Schätzenswerthe von Menſchen und Natur geheim gehalten wird; wie auch die größten Opfer nur von dem gewußt werden, der ſie bringt: und ſonſt auch keine ſind.

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Ich glaube, ein großer Beſtandtheil des Kinderglückes iſt der, daß ſie ſich kein Lebensbild, auch nur Eines Tag’s, ent - werfen können: und eine große Hülfe wäre es für Alte, die Jahres -, Monats - und Tagesbilder fahren zu laſſen, und nicht zu glauben, wir könnten Lebensſtoff aufſuchen und ihn uns zum Gebrauche vorlegen. Mir hilft es jetzt gleich zur Beſinnung, wenn ich jeden Tag, jede Stunde denke: dieſe Bedingungen ſind dir als Stoff gegeben; ſieh, was du daraus arbeiten kannſt: und friſch, fleißig, thätig, arbeitsluſtig! Und reißt man dir halbes Werk aus den Händen; der verliehene Tag, die Stunde will es ſo; Beſitz giebt es nicht; das Wirken, das Werk, das iſt uns zugetheilt. Man iſt ſehr verwöhnt, und falſch erzogen; ich muß mir’s ſpät anders einlernen; aber es hilft ſehr. —

Dieſe vorangegangenen drei Betrachtungen ſchrieb ich ge - ſtern, Dienstag den 19. Auguſt 1823. Heute las ich im Kunſt - blatte Frau von Helvig’s Beurtheilung der Wach’ſchen Bilder: und fand gleich die volle Anwendung von dem, was ich über Schmeichelei aufgezeichnet hatte. — Aus dieſem Punkt her, und nach dieſer Richtung hin, darf man nicht ſtreichlen. Und nicht nur, leider! daß derlei Schmeichelei nur allein wirkt, und dies, wieder leider! nicht nur allgemein, ſondern auch gemein iſt; ſondern auch, zum drittenmal leider! daß die Schmeichler, die doch die Chorführer dieſer ganzen Heerde ſind, und klüger ſein müßten, als die Geſchmeichelten und die zu Schmeichlenden, noch immer nicht beſſer zu führen verſtehen!

8 *116

Ganz in der Art dieſer zu verwerfenden Schmeichelei ſcheint es mir, wenn eine Frau, îndem ſie ſchreibt, für den Druck ſchreibt — alſo dann gewiß etwas Gedachtes aufzu - zeichnen meint — ſich noch immer als ganz untergeordnet ge - gen einen Mann oder gegen Männer ſtellt und verſtellt; und bei ihrem Schreiben zu erwähnen ſucht, als halte ſie ſich für einen liebenswürdigen, wegen doch nun Einmal unzufürchten - der Schwäche zu duldenden, Uſurpator! Nicht ihre furchtſa - men Reverenzen, das Fach, worin ſie ſchreibt, wird ſie ſchon in die weiblichen Reihen ſtellen: es wird die allermeiſte Zeit keines ſein, wo Univerſität und Studium dazu gehört. Hätte aber Einmal ein Weib das Glück, bei allem andern, was ihr vorbehalten iſt, von dieſen genährt und gepflegt worden zu ſein, und den Geiſt und die Gaben, mit denen das Studium allein Früchte trägt; und ſie brächte ſie wirklich auf den Markt der Wiſſenſchaften: was ſollen wohl die langen ſeichten Ent - ſchuldigungen, bei dem geiſtigſten, unpartheiiſchten Verkehr und Austauſch, und altfränkiſche Koketterie? Oder ſoll eine Frau läppiſch bleiben? Unter allen Bedingungen? So ſag’ ich mit Friedrich Schlegel, die Männer ſind eben ſo lange roh. „ So lange die Männer roh bleiben, ſagt er, müſſen die Weiber kokett ſein. “—

An Friedrich Auguſt Wolf.

Die unſchuldige, ſich in den Winter fügende Deutſchwalds - beere, von uns Preißel genannt, die ſich Ihres Beifalls rüh -117 men kann, erlaub’ ich mir Ihnen zu Füßen zu legen, mit der Bitte, ſie auch da, nämlich im Keller — oder ſonſt einem küh - len Ort — bis Sie ſie an Ihren Tiſch nöthigen, laſſen zu wollen! Sie iſt ſehr ſchön eingemacht; und gerne rühme ich mich deſſen, ſeit unſerm geſtrigen Geſpräch: weil ich dieſen Prozeß von einer Dame lernte, die in Muſik, in Engliſch und Italiäniſch, Unterricht giebt; Deutſch und Franzöſiſch wie wir und Franzoſen ſpricht und ſchreibt; die ſchönſten weiblichen Arbeiten macht; eine vollkommene Köchin und Einmacherin iſt; luſtig und verſtändig obenein. So wünſchen Sie ja die Mäd - chen. Ich ſuche ihr alſo abzulernen. Nehmen Sie meine Drei - ſtigkeit wegen ihrem Grund, des beſten Willens, daß Sie ein wenig Sommer im Winter haben mögen, gütig auf!

Ihre ergebene Fr. V.

Mittag, bei großer heller Hitze.

Es iſt ein krankhafter, ſchwächlicher Geiſtes - und Karakter - zuſtand, auf Lob, und nicht auf Inhalt des Lobes zu hal - ten. Das thun die Menſchen, die auch von dem Lobe ge - ſchmeichelt ſind, das ihnen von ſolchen Leuten, die ſie ver - achten, gezollt wird; von Lob über Eigenſchaften, die ſie über - zeugt ſind nicht zu beſitzen, oder die ſie ſelbſt verachten. —

„ Geiſt haben “kann doch nur bedeuten: unſern Verſtand nicht nur auf nöthige und nächſte Dinge richten, ſondern den Trieb, ihn dieſe immer von neuem auf entferntere wirken, und118 immer neue Vergleiche und Kombinationen machen zu laſſen. Unſer Gemüthszuſtand giebt auch unſerm Verſtändniß neue Aufträge; und es iſt nicht unrichtig Geiſt zu lieben, unab - hängig von der Unterhaltung — im höchſten Sinne — die er uns gewährt. „ Leidenſchaft macht witzig, “iſt eine alte Bemerkung; daß aber Leidenſchaften durchaus mit Vernunft verſetzt ſind, und nur in Vernunftbegabten entſtehen können, iſt nicht ſo bekannt. Beweislich angeführt — iſt Frau von Staël darüber, in ihrem Buche sur les passions, gar nicht klar, und eben dies von Vielen bewundert. Verſtand haben die allermeiſten Menſchen, ſie gebrauchen ihn nur ſo verſchie - den; Unſchuld und guter Wille machen ausgezeichnete gute Menſchen; alle Tage muß ich mich darin mehr beſtärken: rechts und links drängt es ſich auf. Auch muß man gleich verſtummen, wo der fehlt: da die letzte raison, die Kanonen, nur zum größten Umgang vorhanden ſind: der geſellige iſt durchaus den Unwürdigen, und dem Unwürdigſten überlaſſen.

Mit Unrecht bin ich verſtutzt, und wundert man ſich im - mer von neuem darüber, daß in Gaben untergeordnete Men - ſchen Begabte haſſen und denigriren: dies geſchieht aus dem gerechteſten, aber unverſtändigen Neid. Weil ſie gar nicht zu begreifen vermögen, warum denen Auszeichnung, Lob, Be - achtung, und manches Wünſchenswerthe begegnet, und nicht ihnen: ſie müſſen es für offenbare Willkür, Eigenſinn, blin - des Glück halten, welches die Begünſtigten nur immer kühner, ſeltſamer, ausgelaſſener, ſelbſtzufriedener macht; da ſie un - fähig ſind, ſich einen geiſtvollen Zuſtand zu denken, noch119 Geiſtbegabten zu den Gegenſtänden je folgen können, die der Geiſt ſich auswählt, für wichtig erachtet, liebt oder haßt. Dies Gebiet iſt den Unbegabten rein verſchloſſen; und ſie mei - nen zu thun wie die Andern, aber ohne Dank.

Tugend muß Unſchuld ſein: ſonſt ſind wir ein Schlacht - feld. Viele Leute wollen nur auf einem Schlachtfeld ruhen. Dabei fällt mir ein, was Goethe (vor fünf und zwanzig Jah - ren) in Karlsbad ſagte: „ Beſſer das ſchlechteſte Theater, als die ſchönſte Langeweile! “ So die Tugendprätendenten: Ge - tümmel für’s erſte! Und ſchlechter Stolz!

„ Illuſion iſt Gnade. “—

Wie paradox! —

„ Nur was iſt, iſt Gott; alles was geſchieht, Illuſion; und Illuſion iſt Gnade. Verliehenes. “

Bei Leſung des Buchs: „ Goethe in den Zeugniſſen der Mitlebenden. “ Wie ſchön iſt es, daß ſich in den Tagen um Goethe’s Geburtstag her eine ganze leſende Welt mit ihm be - ſchäftigt; über ſeine Werke zu denken angeregt wird; ſie wohl nachlieſt; über ihn denkt und grübelt; von neuem erfährt, oder erinnert wird, was alles über ihn geſagt iſt: und wir ſo zu einer Gemüths - und Geiſtesſchau über uns ſelbſt veran - laßt ſind: eine Art vielfältiger Beichte, und Unterſuchung da - zu: und gewiß Antrieb neuer Liebe und verſtärkter Verehrung. 120Ich bin recht dankbar für das Buch; mich freut’s und unter - richtet’s. Nur nachzuleſen, was Fichte geſchrieben hat, iſt höchſter Gewinn; ein Quell neuer Verehrung der höchſten Bil - dung, der vollendetſten Kritik, die wie beiläufig ihre Sprache bis zu Sternenglanz erleuchtet und verſchönt, der wiederum die billigſte, gerechteſte Seele hell beſcheint; in hellem Lichte zeigt. Ein kleiner Abſchatten des Elyſiums, wo Menſchen - ſöhne ſich verehren, verſtehen, verehrungswürdig ſind, ſich freuen, Andere ſo zu finden, und es herrlich ausdrücken. —

An Auguſte Brede, in Stuttgart.

Kälteſter Nordweſtwind, bezogner Himmel; manchmal Son - nenblicke. Nach unendlicher Hitze; zum Schaden der Menſchen.

Hier, mein theures Auguſtchen, der verlangte Taufſchein! Lange hat die Beſorgung gedauert! Mündlich könnte ich mich entſchuldigen. Auch hätte ich ihn gewiß früher beſorgt, hätte ich irgend gedacht, Sie brauchten ihn wirklich. Verhei - rathen werden Sie ſich wohl nicht — weil ich es nicht leide — und ſollten Sie eine Erbſchaft heben, ſo hätten Sie mir befohlen ich ſoll ihn ſchicken. Bei jedem Wagen dacht’ ich, Sie müßten es ſein: bis Ihr Brief aus Leipzig ankam. Oft iſt mir ſchon unendlich Angenehmes begegnet — wiſſen Sie noch, wie wir uns im goldnen Kreuz zu Karlsruhe trafen? — aber erwarten muß man nichts: weil wir noch immer nicht Einſicht genug haben, um zu ſehen, wie die Dinge kommen121 müſſen. Voltaire’s: „ le vraisemblable n’arrive jamais.” Aber ich ſage es falſch; er hat es unendlich geiſtreicher ausgedrückt. Dennoch denk’ ich wieder, Sie könnten noch ankommen: und bis Sie mir abſchreiben, hoffe ich’s von Zeit zu Zeit. Meine Schweſter iſt ſeit dem 29. Juli hier, und reiſt den 26. dieſes. Ich war ſehr beglückt ſie hier zu ſehen: und erzähle Ihnen den Reſt wohl mündlich. Ein Reſt bleibt immer. Was geht wohl grad’ auf. Sagen ja Prieſter und Philoſophen, man ſei aus Irrthum und Fehltritt hier. Daß wir nur wenig und Schattenhaftes wiſſen, haben, thun, ſehen, erfahren, muß je - der wahrnehmen, der ſich nur im geringſten mit den Dingen mehr als zum gewöhnlichſten Gebrauch abgiebt. Alles was Sie mir von Ihrem Ort ſchreiben, ſehe ich, wie die Herzogin von Parma in Brüſſel König Philipps Hof und Kabinet ſo deutlich wie auf ihren Tapeten ſah. „ Kunſt iſt, das mit Ta - lent darſtellen, was ſein könnte, unſerer beſſeren Einſicht nach. Alſo eigentlich gutes Naturgefühl; und Sinn für Wahrheit in der Ausübung. Dies wird wie geheime Kraft in Pflan - zen ꝛc. immer walten, hervorbrechen, und auch herrſchen: heißt, verwandten Sinn finden, und anregen. Dieſer iſt in der Maſſe der Leute zu ſehr verbreitet, und hat wohl, als Theater, jetzt ſcheinbar großen Schutz von oben; braucht ihn aber um fort - zuleben nicht mehr. “ Horchen Sie alſo nach Ihrem eigenen Talent, und Ihrem Sinn für Ihre Kunſt hin; arbeiten Sie nach dem: und Sie werden außen gefallen: nöthig und ge - ſucht ſein. Hätte ich ein Talent und wäre auf der Bühne, ich würde der entgegengeſetzten Richtung und Regel der jetzi - gen Schule folgen. Ich würde mich bemühen, in verſchieden -122 ſten Fächern zu ſpielen: was mit Talent, Einſicht, Grazie, Geſchicklichkeit und Geübtheit dargeſtellt wird, iſt ſchön. Es iſt ein Irrthum, wenn wir uns einbilden, wir hätten klaſſiſche Stücke wie die Franzoſen; und könnten die ein halbes oder ganzes Jahrhundert hintereinander ſpielen ſehen. Uns fehlt ein Nationalhof und König; das daher ſich ſchreibende Vor - urtheil, und feſtſtehende Sitte und Meinung; und wir können auch keine Schauſpieler gebrauchen, und ertragen, die nur zehn, acht Rollen bis zu ihrem ſiebzigſten Jahre ſpielen. Es iſt alſo gerathener, und ſchöner, wir folgen darin unſerer wirk - lichen Nationalität: die im Suchen, Finden, Verſuchen, und ſchreitender Ausbildung beſteht; und laſſen auch unſern Schau - ſpielern die Freiheit ſich in mehreren Fächern zu bewegen, und zu zeigen. Die Schröder iſt gewiß eine Große. Und auch der würd’ ich daſſelbe rathen. Was würde es ihr ſcha - den, Alte, ja Komiſche zu ſpielen, wenn ſie wie ein Gott nach - her Medea, Merope, Chawansky u. ſ. w. ſpielt! That es nicht Fleck? die Bethmann? das müßte ein ſauberes Publi - kum ſein, welches ſich andere Rollen bei dieſen denken wollte: ſolches muß endlich als Ausſchuß behandelt werden: und wird ſich bald ſchämen lernen. Oder tadelt man nicht jetzt auch die Schröder und alle Großen und Guten auf andere Weiſe? Man will ſie ja nicht immer in den paar Rollen ſehen, wie ſie’s nennen. Und doch ſich dabei einbilden, man habe ein Hoftheater wie bei Racine unter Ludwig XIV. nöthig, und wünſche es; mit großen nichten: man hielte es nicht aus. Alſo müſſen unſre Talente zuerſt den Irrthum brechen, und gemeinen Tadel überwinden. Spielen Sie alles unter -123 einander; Alt, Jung, Großes, Komiſches: und Sie werden ſehen, daß der Deutſche das eigentlich braucht und will: und das Anno 1823. Wenn er ſich auch noch ſo geleckt ſtellt und vermeint. Dann werden Sie ſich kräftig und lebendig füh - len; und Schutz erzwingen: auf den und Gunſt und Aner - kennung muß man ohnehin nie warten: die kommen immer zu ſpät. Bei ihnen iſt ſelten der Geiſt. Der geht von Phi - loſophen und Künſtlern aus; die immer litten: es iſt meiſt Maske, und Selbſtbetrug, wenn man ſie ſchützt und pronirt: und beinah nie ſchätzt man das Rechte, Ächte an ihnen, bis ſie todt, oder ihre Talente es ſchon ſind. Kurz, bis es vorbei iſt, was ſie leiſteten, und nur als Vorurtheil noch lebt. Er - mannen Sie ſich; und ſein Sie luſtig mit Ihren Gaben bis an’s Ende! Sonſt bekümmerte ſich niemand um’s Theater, als die, welche eben zuhörten, und es ging um ſo beſſer. Hö - ren Sie nach oben, und nach den Kritiken auf Papier und am Theetiſch gar nicht hin. — Am liebſten, theure Auguſte, ſähe ich Sie ohne Rollen frei in Berlin! Aber in jedem Fall mit erfreutem Herzen. Vielleicht kommen Sie noch! Ich um - arme Sie von ganzer treuer Seele! Juni, Juli war ich ſehr krank; Auguſt ging es beſſer, jetzt will es der plötzlichen Kälte gemuthen mich zu ſchüttlen; noch ſtehe ich aber gut. Ich war dieſen Sommer nicht weg. Reiſen müſſen accurat ſein wie ich ſie will, wenn ich ſie nicht gemacht zu haben regretti - ren ſoll. Doch bin ich noch mobil. Fürchten Sie nichts. Le - ben Sie wohl und antworten Sie mit Hrn. von Wagner! — ein artiger kluger Menſch, den wir viel ſehen! Empfehlen Sie mich der Mad. Huber beſtens! und Mama!

Ihre R.

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An Varnhagen, in Berlin.

In einem ſehr ſtillen aufgeräumten Zimmer. — Nie noch wohl that ich von ungefähr etwas Zweckmäßigeres auch in ſeiner Wirkung, als hieher gekommen zu ſein. Eine richtigere Ahndung hatte ich wohl noch nie. Nichts konnte ſo gene - ſen machen, als meine Ankunft: weil die Kranke hier wohl keinen kennt, der ſie ſo liebt, den ſie ſo leiden mag, und der mit ſo vieler Autorität und derſelben Nachſicht, Zärtlichkeit und Einſicht ſie zu behandlen verſteht. Sie ſagt es öfters ganz von ſelbſt. — Equilibre durch Ruhe, Ordnung, Stille, und Vermeidung der Anſtrengung und Reize, thut das Beſte. Und das ſehr bald; mit Siebenmeilenſtieflen; wenn man nur nicht gleich damit rennt! Denſelben Tag, als ich ankam, hatte ſie eben — erzählte ſie mir frei vor Allen — zur Kin - derfrau konfidirt: „ Ach! wenn man gar keine Verwandte in einem Ort hat, kann man nicht beſſer werden: wenn Fr. von Varnhagen hier wäre! die nähme mir den Knaben ab, und alles! “ Und ein paar Stunden drauf komme ich wirklich! Solcher Zauber gelingt ſelten! —

Ich ging an der Oder, dem Löwen vorbei, den Weg nach Kunersdorf — der Weg nach Breslau —, alle Menſchen gin - gen hin nach Kunersdorf, da Kirmeß; welches ich alles nicht wußte, ich lief nur der Oder nach: und alle Menſchen kamen mir entgegen vom Schießhauſe; lauter Knaben von eilf bis fünfzehn, ſechszehn Jahren, mit Stolz und Befriedigung der125 Väter Flinten tragend, und halbe Stunden vorausſchreitend. Erſt fürchtete ich mich vor den Flinten — Losgehen — und begriff es nicht. Aber redender erfuhr ich alles: Damen, Kna - ben, Frauen, junge Mädels, alles wurde angeredet; ſehr gerne antworten ſie hier, mit einer Art freudigem Stolz höflich ge - fragt zu werden. Große Spazirgänger ſind ſie hier. Mir gefiel die Brücke, die Ausſicht, der Abend: ein grauer, mit rothdurchſchoſſenen Wolken. Um 4 Uhr ging ich; dachte an dich; und immerweg, wie du da mitgingeſt, — und was du wohl thuſt. — Alles in deinen Briefen goutirte ich: nichts, kein Scherz, keine Liebe, keine Mühe iſt verloren, alles einge - pflanzt im Herzen, zur erſten Frühlingsſonne! — Eine vor - treffliche Promenade habe ich durch die Stadt gemacht, die wahrlich eine der hübſcheſten Provinzſtädte iſt; reinlich, tüch - tig; ſicher, frei; herrliche Häuſer: und ein Spazirgang, wie ihn wenige größere Orte aufzuweiſen haben: einen Park und eine Linden in der Stadt. So heißen die Orte: ich verſtarrte ganz. Ich war mit Doren allein. Mein Vergnügen. Alle gute Bürger fahren ſpaziren, wie in Berlin. Die Stadt würde dich ſehr freuen und erſtaunen, wie mich. —

— Ich leſe alſo Walter Scott. Bin im zweiten Theil, und es geht mir in dieſem Buche, wie in ſeinen andern. Große Ungeduld; wenn auch etwas Neugierde, von einer Art Intereſſe erregt, ſo viel zuwege bringt, daß ich das Buch in die Hand nehme. Welch ein Unterſchied! Peſtalozzi ſchildert auch in Lienhard und Gertrud niedrige Zuſtände, Umſtände, und niedrige Menſchen; und überhaupt Geringes, wenn man will. Aber aus welchem Herzenspunkt, aus welcher Veranlaſ -126 ſung geht der aus! Nach welcher großen Menſchenangelegen - heit ſtrebt und zielt der auf reinem Wege unaufhaltſam hin! Auch er führt uns durch accentuirte, ſcharf gezeichnete Details, ohne unnütz zu werden und ſich daher in’s Langweilige zu verlieren: im genaueſten Sinne des Worts, verlieren. Nicht als Meiſter, überläßt es Walter Scott dem Leſer, noch ſeine beſſere Beabſichtigung feſt zu halten. Er ſchildert Winkel, anſtatt die Welt. Es iſt wahr: daß wer einen Winkel ab - ſolut kennte, begriffe und ſchildern könnte, der würde der ſein, der die Natur verſtände wie ſie lebt und iſt; aber den Zuſam - menhang dieſes Winkels mit ihr, darf er nicht aus den Augen verlieren und ihn verbauen: mit je mehr Talent dieſe Verein - zelung ausgeführt wird, je peinlicher wird ſie: und Walter Scott peinigt mich. Er wird es mir verzeihen; da er ſo ſehr, ſo Vielen gefällt, die Einen Geſchmack mit ihm haben, und ihm daher lieber ſein müſſen. —

An Roſe, im Haag.

Sonnabend Vormittag 11 Uhr. Windig - ko - thig Wetter, welches manchmal hell werden will: auch die Sonne zeigte ſich Einmal.

— — Es freut mich nicht wenig, daß du wohl biſt, und die Reiſe gut überſtanden haſt! Mich ſchlug ein einziger Vor - mittag-Nebel zu Grunde. Ach! du kennſt meine Geſundheit nicht! Grad zwei Monat im ganzen Jahr war ich ziemlich. Nun! auch ein Glück. Die Stadt erwartet Feſte und Auf -127 züge mit unſerer neuen Prinzeß. Davon werden dir wohl die Andern berichten: ich werde das alles zu Hauſe abwarten. Die ſchöne liebe Prinzeß kenne ich ſchon, und werde ſie ſchon noch ohne Zug und Wind ſehn. Einzüge ſah ich bei der Kö - nigin, Prinzeß Louis und Prinzeß Wilhelm. Man muß An - dern den Platz laſſen! — Ich bin ſehr betrübt, theure Roſe, daß du Freunde durch den Tod verloren haſt; und durch den halben Tod, durch Entfernung. Man bekommt ſie nicht ſo ſchnell wieder; d. h. ſo leicht, wenn man über fünfzehn Jahr hinaus iſt; oder vielmehr nur zu leicht, weil man nicht mehr glaubt, einen Schatz für’s Leben zu finden. — Auch ich habe eine Freundin verloren, und du wirſt vielleicht verwundert ſein, wenn ich dir ſage, daß es die Prinzeſſin Amélie von Baden iſt, von der ich dir vielleicht niemals geredet habe! — Eine in vielem Betracht ſehr ausgezeichnete Perſon; ein tiefes Ge - müth; eine Beſcheidenheit, die ihr Schaden that; ſehr unter - richtet; ein frommes Herz; ein heller Geiſt; und ein unerſchöpf - liches Verlangen zu wiſſen; ſehr wenige und nur liebenswürdige Vorurtheile; immer bereit, ſich durch neue Unterſuchung zu läutern; der Freundſchaft fähig; ſie habend und aufſuchend in jedem Stande; gütig gegen ihre Dienerſchaft; ein Schatz und ein Troſt für ihre Familie, beſonders ihrer Mutter und ihrer Schweſter der Kaiſerin Eliſabeth innig ergeben. Ich ſah ſie viel in Karlsruhe; und jetzt, da ich ſie unwiderruflich ver - loren habe, fühl’ ich doppelt, was ſie geweſen iſt! —

128

An M. Th. Robert.

Am liebſten läſe ich mit dem Verfaſſer — wie bei jedem Buche — die bewußten Briefe. Weil kleine Einwürfe oft ein großer Damm ſind; und, hat man die nicht gemacht, der Strom des Autors hinführt wo er eben will. Selbſt aber vom Strom richtig nach des Verfaſſers Schlußmeinung geführt, muß ich über die Gegenſtände, die er erörtert, das ſehen, vor - finden, und wieder denken, welches mir Einer abnöthigen würde, wenn er auch, und auch mit Gründen, das Gegentheil behauptet hätte. Daß nämlich die zu machenden Einrichtun - gen eines Staatswirthſchafters tiefer zu ſuchen ſind, als in ſeinen ökonomiſchen Zuſtänden: zu welcher Tiefe der Verfaſſer der Briefe auch richtig gelangt. Er ſpricht von der Perfekti - bilität des menſchlichen Geiſtes; und von der ſeines Wohlle - bens; welches ſich alle Wirthſchafter und Regierer müſſen ge - fallen laſſen, wenn ſie nicht einſichtig genug ſind, von Hauſe aus grad danach zu handlen. Man iſt nicht fromm, wenn man dieſe Perfektibilität nicht einſieht; und weiß nicht, was fromm iſt, wenn man dieſe Einſicht nicht für Frommheit hält.

Der Grund aller Wirthſchaft iſt: bedürfen, und haben. Geld: ein Zeichen des Beſitzes, den wir nicht unmittelbar ver - zehren müſſen. Haben wir nun zu viel Geld, ſo iſt das nur ſcheinbar, und augenblicklich; da kein Land alles hat, was es verbraucht, und es ſich alſo für Geld ſolches kann kommen laſſen. Hat es zu viel Produkte, ſo kann es ſie verführen;wollen129wollen ſie die andern nicht, ſie nicht produziren, oder verder - ben laſſen. Immer aber werden ſich dieſe ökonomiſchen Klem - mungen bis zur fremden Gränze des Landes und zu des Nach - barlandes Einrichtungen und Zuſtänden hinführen laſſen. Es wird ein ewiges Laviren bleiben, und nichts Beſtimmtes im Wirthſchaften feſtgeſetzt werden können. Will man aber etwas feſt beſtimmen, ſo wird man zu Fichte’s verſchrienem „ ge - ſchloſſenen Handelsſtaat “anlangen. Da ſolcher Staat nun meines Bedünkens nur der Erdball iſt; und dieſer nur, weil keine Schiffe und keine Straße zu andern Erdbällen führen; ſo wird man nur nach den Bewegungen und Maßreglen der andern Staaten wirthſchaften können, ohne nach den feſtzu - ſetzenden Grundſätzen handlen zu können. Dieſe Grundſätze aber, die auf Beſchaffenheiten beruhen, wie der Briefſteller bemerkt, werden ſich trotz alles nicht gründlichen Verfahrens Platz machen: und Friede wird, und muß eines ihrer Ergeb - niſſe ſein, wie Vervollkommnung des Lebens, und größere Klarheit der Sittlichkeit. Hierin bin ich ganz eins mit dem Briefſteller. —

Es iſt dumm und ehrwürdig von mir, daß ich mit allen Menſchen gründlich ſpreche. Ich ſehe es ein.

Die arbeitende Klaſſe iſt größer, als man denkt. Pflicht - mäßig wollen ſie handeln (aber es muß ihnen ſehr ſauer wer - den: und eine Art Feiertags-Akt ſein — das kann man nicht täglich! —), pflichtmäßig, aber nicht ſchön.

III. 9130

Vom körperlichen Tanz weiß man ſchon etwas: ſo ar - beitslos nach ſchönſter Muſik will die Seele ſich bewegen; von ihr lernen wir den Tanz. Muſik iſt Geiſtes - und Em - pfindungsfreiheit. Melodie, unſre Empfindungsfähigkeit ohne zwingende Beziehung nach eigner Luſt und Wahl bewegt. Harmonie, fertige Rechnungsreſultate, unſerm Geiſt durch’s Ohr zur genießenden Schau geliefert. — Welche Geiſtes - und Seelenzuſtände der Vergangenheit, dem jetzigen Gedächtniß entſchwunden, ſetzt dies voraus! Darum liebt der Menſch Muſik. Je höher und reiner ſie iſt, je weniger liegen unſere Zuſtände auf ihr: — oft muß ſie unſere mittragen; alle Lei - den und Leidenſchaften — je weniger Publikum hat ſie dann: und noch Einmal ſei es geſagt, „ une pipe de tabac” und jedes Lied, was zu gemeinern Zuſtänden paßt, wird Volkslied. Vor der Hand.

Es kann nichts helfen ein großes Schickſal zu haben; wenn man nicht weiß, das man eines hat. Es hat ein jeder ein großes Schickſal, der da weiß, was er für eines hat.

An Friedrich Auguſt Wolf.

Die geflügelten Boten, die Sie ſo gütig waren mir zu ſenden, können Sie zu wahren Liebestäubchen umwandlen, wenn ſie uns die Freude machen wollen, guter Herr Geheime -131 rath, dieſen Abend bei uns zuzubringen! Punkto 7 ſoll Thee kommen, und alles was folgt will ich ſo beſchleunigen, daß Sie um halb 11 Uhr ſchon mit allen Sorten von Geiſt, und ſtillen Geiſtern bei ſich ſollen konverſiren können.

Führen Sie den Zauberſtreich aus, aus Faſanen Tauben zu machen: zum Lohn ſoll Ihnen der umgekehrte Schlag zu Gebote ſtehn! Ergebenſt

Fr. V.

(Mündlich.)

„ Der junge Graf X. iſt ganz unzufrieden gegen die Welt geſtellt. Er fühlt überall höchſt unbequem das Bornirte, und daß es in ihm liegt, weiß er noch nicht. “

Die Seele erſetzt gleich wieder, wie an Wurzeln; ſobald ſie aus ihren Tiefen das Geheimſte an’s Tageslicht geſagt hat, ſo bilden ſich gleich wieder in ihrem Grund neue Geheim - niſſe. Der Vergleich iſt ganz richtig, und läßt ſich weiter führen. Daher hat man wohl mit Unrecht die Scheu Lang - verſchwiegenes, erſt ſpät und heimlich Fertiggewordenes mit - zutheilen; fühlt man nur Boden und Sonne; behalten wir nur Herz und Geiſt!

Sehr ſchwer iſt es über einen Irrthum zu ſprechen; bei - nah gar nicht! Jeder Irrthum ſetzt viele andere voraus, und hat Nachkommenſchaft; und allermeiſt geräth man auch im9 *132Verfolg eines einzigen auf immer neue, man müßte denn mit einem gerechten Gegner bis zu einer von den Grundwahr - heiten kommen können, die eine ganze Legion ſolcher Irr - thumsanſchößlinge mit ihrem Erdreich aufhöben, und ſo die ſchwachen Wurzeln der Dörre übergeben. Mit wie wenigen Menſchen dies möglich iſt, wiſſen dieſe wenigen. Alſo muß man ſchweigen, grade wo recht viel zu reden wäre; weil man in Gegenwart der Meiſten allein iſt; je plumper aber Einer iſt, jemehr er Abgetragenes, Hergebrachtes, rein Verbrauchtes, nicht mehr Paſſendes zu Markte bringt, je breiter legt er’s aus, und je reicher hält er ſich. Es gehört noch ein beſon - ders Genie dazu, das Geniale an Mann zu bringen; dieſes hatte Mirabeau. Solche Leute müſſen ſich aber zuerſt mit ihren Nächſten brouilliren; auch das geſchah Mirabeau’n. Es wäre Moliere’n, es wäre Lafontaine’n geſchehen, hätten ſie nicht Komödien und Fabeln geſchrieben, hätten ſie ihre Werke leben wollen. Große Litteratoren brouilliren ſich immer mit ihren Zeitgenoſſen. Die Menge iſt geneigter, Bilder in ſich aufzunehmen, als Gedanken; die oft inſofern Zerſtörendes in ſich tragen, als ſie ſo vieles Falſchgeſtellte umſtoßen; das iſt unbequem, weil es mühſam iſt, und wir für’s erſte dabei etwas einbüßen. So laſſen ſie ſich lieber die ungereimteſten Geſchichten gefallen, als ſich den beſten Beweis demonſtriren. Alſo ſtellt ſich die Menge gleich feindlich gegen neue Beweiſe, und der Beweiſer muß ein Krieger werden, und ſehr verſchie - dene Talente in ſich vereinigen, z. B. die tiefſte Ruhe des Denkens, und dann wieder die immer rege Laune des An - greifens, die Geduld und Wachſamkeit des Vertheidigens, die133 Standhaftigkeit gegen Überdruß, Langeweile, und Ekel vor Liſt, Stupidität, Dünkel, und Fliegen-Beharrlichkeit. Wieder Mirabeau’s Gabe!

Wir haſſen eigentlich alles in einem Karakter, was wir nicht verſtehn; und das Unſittliche iſt auch eigentlich unver - ſtändlich. Es iſt nicht zu verſtehn, warum ein Menſch dem andern unangenehme Empfindungen machen will: da er durch - aus für ſich angenehme verlangen muß. Will Einer dem An - dern Gutes zufügen, ſo iſt das immer ganz verſtändlich: er will das für den Andern, was er für ſich will. Bosheit, die nicht Rache iſt — dieſe ſtammt von Gerechtigkeit — iſt kom - plet unverſtändlich.

Durch Rouſſeau’s Emile erfährt man, wie eine ganze Welt dazu eingerichtet ſein müßte, um ein Kind zu einem — in allem Sinn — geſunden Menſchen zu erziehn; wie weit wir aber von dieſer Bedingung ſind, und alſo nur ſehr ſtück - weiſe und wenig in Erziehung auszurichten vermögen.

Fichte zeigt uns in ſeinem geſchloſſenen Handelsſtaat, eben ſo, durch eine nicht zu erfüllende Bedingung, was für einen Staat zu thun wäre, könnte man alle andere mit einrichten oder abſchließen. Großer Beweis von Konſequenz in den beiden Büchern! ſie ſind beide bis zu dem erſt zu be - ſeitigenden Punkt gekommen. Und es wird geirrt, wenn man134 den Autoren nicht dankt, und ſie durch die Darlegung des Unmöglichen, das ſie klar gemacht haben, zu widerlegen meint.

Ich habe mich heut recht geſchämt, als ich es mit einem - male einſah, daß die meiſten Menſchen, wie „ all die andern Thiere der Erde, wandeln und weiden im dunklen Genuß. “ Ohne einen Gedanken an höhere Möglichkeit; ohne Ehrfurcht vor Erſchaffenem, und ohne wahre Ergebung in Unverſtänd - liches, wahrhaft Unendliches. Ohne Herz für Geſchöpfe; ohne Freud’ und Leid eigentlich; weder verabſcheuend, noch ent - zückt. Wahrhaft nur den Schritt vor ſich wandelnd, und weidegierig, und weideberuhigt; und beglückt, je nachdem Kü - chenweide und Zimmerweide. Dürftig, oſtentativ; kalt, kalt! dünkelvoll. Zum Todtſchämen, wenn man ſich ein wenig beſ - ſer finden muß.

Wenn wir nur wiſſen, wie eingeſchränkt wir auf der Erde ſind! Deſſen müſſen wir uns in allen Stücken im - mer wieder erinnern.

Ein Stein kann eine Geſchichte haben, aber nur eine Krea - tur mit Bewußtſein ein Schickſal. Die meiſten Menſchen ha - ben nur eine Geſchichte.

Was uns geſchieht, im Gegenſatz betrachtet von dem, was wir thun können, iſt wieder nur geiſtige Thätigkeit; und den Theil, den wir als nicht unſerer That anheimfallend in un - ſerm Erlebten anſehen, nennen wir Schickſal. In einem hö - hern Sinn müſſen wir uns dem ganz entziehen können. Für135 die Betrachtung iſt es beinah ſchon ſo. Und da tritt wieder Goethens: „ Iſt es nicht ſonderbar, daß uns nicht allein das Unmögliche, ſondern auch ſo manches Mögliche verſagt iſt! “ein. Dieſer Knoten bedingt all unſer Leben: folglich, das be - liebige Bild davon, den Roman. Wollen wir dieſen Knoten auflöſen, ſo wird ein Leitfaden zum göttlichen Willen; wir leben nicht weiter, und beugen uns im Herzen. Dies ſind Gebete; dieſe ſind aber nur Aufflüge — élans —, die Erde grünt, wir ſtehen darauf, die Sonne ſcheint: wir haben ſie und nichts gemacht: und ſie genießen und betrachten iſt ein anderes Beten. Alles iſt recht, wenn man nur ehrlich iſt; und ſich Verwirrung abwehrt. Dieſe Stelle aus Jean Pauls Titan hat mich ſehr betroffen: „ Solche Unähnlichkeiten “— er hatte ſie benannt, ſie waren tiefer als groß — „ ſchlagen unter ge - bildeten Menſchen nie zu offenen Fehden aus: aber ſie legen heimlich dem inneren Menſchen ein Waffenſtück nach dem an - dern an, bis er hartgepanzert daſteht und losſchlägt. “ Daß er hartgepanzert mit einemmale daſteht, traf mich ſo ſehr. Mild, und gepanzert, fand ich mich ſeit ganz kurzem. Ein - ſehend, warum man nicht ſo viel fordern muß; und ſehr ge - neigt zu leiſten, was nur gebraucht werden kann: das andere aber nicht. Wenn ich milde ſage, ſo meine ich das wie von einem Wetter; mir wird dabei gut zu Muthe: ich ſtimme mich nicht milde gegen Menſchen; ich finde bloß gutes Wetter in mir: zur Erquickung und endlichem Ausruhen. Heilſame Ge - danken bereiten ein ſolches Gemüthswetter, ſie kommen wie belebende Lüfte aus unbekannten Welten; und finden bearbei - teten Boden. Ich ſehe grade jetzt meine ganzen Lebensſchick -136 ſale als eine Bereitung zu andern an; und zur Ruhe. Wenn auch nur zur Ausruhe. Je mehr ich ſage, je mehr ſehe ich ein, daß ich das nicht ſage, was ich eigentlich mittheilen möchte. Vielleicht ein andermal! In zwei Worten.

Was uns unſere Irrthümer bringen — was wir in ihnen befangen wählen und thun, was ſich daraus entwickelt — ſchickt uns Gott ohne uns; was wir mit Sinn, Verſtand wäh - len, ſchaffen und behalten, ſchickt er uns durch uns. Beides muß der Menſch mit Sinn annehmen; davon kommt ruhigſte Ergebung, und Heiterkeit im Sehen.

Ancillon ſagt (Vom Glauben und Wiſſen in der Philo - ſophie S. 82.): „ Wenn man ſagt, daß die Seele für uns ein bloßes Phänomen iſt “u. ſ. w. Das könnte ſehr gut ſein, daß ſie ein Auftrag für einen Geiſt wäre! Geben wir unſerm Geiſt hier keine Aufträge? Wir wiſſen darum nur nicht, wer wir ſind, weil wir ein parzielles Geſchäft haben, und von der Sendung nichts mehr wiſſen: ich glaube, das ganze Geſchäft iſt nur unter dieſer Bedingung des Vergeſſens möglich; und alſo die große Frage über die Perſon aufgelöſt: wir ſollen uns für eine halten. Die Gränze, die uns zu einer macht, iſt darum undurchdringlich: und es wird richtig, daß die Per - ſönlichkeit nur ein Phänomen für den Geiſt iſt. Durch den Geiſt theilen wir uns unſre gegenſeitigen Perſönlichkeiten ein - ander mit, und uns unſre eigne. Ich bin überzeugt, wir ſol - len hier eine Fertigkeit gewinnen, eine Einſicht; die der Per - ſönlichkeit wird wohl ſchwer ſein. Der Geiſt mag ſie ſich ſelbſt,137 oder mitgewählt haben. Iſt man nicht ſchon jetzt mehr, mehr Perſon, umfaſſenderen Geiſtes, je mehr Perſönlichkeiten man umfaßt und einſieht? Geiſt iſt nicht Seele, iſt nicht Perſon; mit dem ſehen wir nur unſere Perſon.

Es iſt mir ganz unbegreiflich, wie Novalis über Wil - helm Meiſter ſpricht. Hingegen erklärt mir dies mein ganzes Mißfallen an ſeinem Ofterdingen. „ Die Muſen im Meiſter werden, “nach Novalis, „ zu Komödiantinnen gemacht; “— „ Es läßt ſich fragen, wer am meiſten verliert, ob der Adel, daß er zur Poeſie gerechnet, oder die Poeſie, daß ſie vom Adel repräſentirt wird; “— „ Wilhelm Meiſter iſt eigentlich ein Kandide, gegen die Poeſie gerichtet; das Buch iſt undich - teriſch in einem hohen Grade, was den Geiſt betrifft, ſo poe - tiſch auch die Darſtellung iſt. “ Es entſchlüpft ihm, unter dem Guß von Reden, zu ſagen: „ Die Ökonomie iſt merkwürdig, wodurch es mit proſaiſchem wohlfeilen Stoff einen poetiſchen Effekt erreicht. “

Im Ofterdingen und ähnlichen Unternehmungen herrſcht das Bemühen zu zeigen, was Poeſie iſt: und daher werden dieſe Anfertigungen grade höchſt unpoetiſch. Poeſie iſt in der Natur: das will ſagen: da, wo unſer Geiſt ein Freies, Bedeutungsvolles wahrzunehmen vermag; alſo auch in der Natur der Begebenheiten und den Vorfällen des menſchlichen Lebens, und folglich in der Schilderung derſelben. Dieſe täg - lich zu ſchauenden Weltereigniſſe, in einem beliebigen Raum, wie in Email, zwar klein und fein gemahlt, doch faßlichſt, farbeglänzend, deutlichſt und klar dargeſtellt, in Weitblick er -138 faßt, aus langer, vielfältiger Beurtheilung ergriffen und er - wählt, aus den tiefſten Betrachtungen hervorgegangen, und mit ihnen geſchmückt, obgleich nur damit bekleidet, in gebil - detſter, noch lange nachzuahmender — denn noch lange wird die Nachahmung neu bleiben — Sprache vorgetragen: das iſt ganz gewiß Dichterwerk und Poeſie; und mit dieſer Skizze von Erörterung iſt es hier ſchon unwiderleglich, daß Wilhelm Meiſter etwas anderes iſt, als wofür der größte Geiſt, No - valis, ihn hält.

Er, Novalis, konnte das geſellige Leben ſeiner Zeit nicht erfaſſen; und mochte es nicht, hauptſächlich. Ihre Denkmaſ - ſen, ihre Wiſſenſchaft, ihr Naturzeitpunkt, ihre Hiſtorie, wie ſie zu den andern ſtimmt und zu ſtellen iſt, alles dies war ihm mehr als klar: er bewegte dies alles, und mehr, und ſei - nen und aller Zeiten Geiſter, möchte man faſt ſagen, nach Willkür beflügelt, als Hellſeher; ehrlich und in Unſchuld. Aber ſein Geiſt war zu mächtig: er zu ſehr in ſeiner Jugend, und von dieſem Geiſte getrieben und bewegt, um den geſelli - gen Zuſtand anders als ſehr en gros zu erwägen: da ſchien er ihm freilich klein, oder vielmehr, erſchien er ihm kleinlich bis zum Ekel, zum Wegwerfen: und das wollt’ er denn auch thun, in der poetiſchen Arbeit wenigſtens; und dies that er im Ofterdingen: war aber doch vom Unternehmen ſelbſt be - zwungen, und wählte, mußte eine andere, vergangene Zeit wählen, die er ſich nach Willkür hochſtellen zu können glaubte. Aber dieſe Zeit war in dem Falle, in der unſre iſt: mit un - endlichem Unedlen, anſcheinend Unweſentlichem, zerſetzt; das konnte er großherriſch, edel, jung, kühn, überſehn; als den139 Vorwurf eines Dichters aber, und wenn er ſelbſt dichten wollte, es ſich nur zum Schaden anders zurechtſtellen. Er wollte über - haupt nicht allein dichten, ſondern neue Gegenſtände für die Poeſie erfinden, aus großem Geiſt!

Gar zu oft zeigen uns edle, hochfahrende dichteriſche Ge - müther den Prozeß ihres ganzen Kopfs und Gemüths, wie ſie zum Dichten kommen, anſtatt der Gegenſtände, die ſie darzu - ſtellen meinten. Daß auch ſo etwas Novalis begegnen konnte, bleibt mir unbegreiflich: ſo ſehr ſtell’ ich ihn hoch, ſehe ich ihn hoch in allen Stücken. Eins nur tröſtet mich dabei, daß ſein Urtheil über Meiſter und ſeine Ausführung des Ofterdingen ganz aus Einem Stück ſind: nämlich aus eben und demſel - ben Irrthum. Das Wort ſteht hier! von meinem verehrten, unſäglich geliebten Hardenberg. Schade, daß er ſo Viele darin noch verführen wird!

Um Novalis Aphorismen zu verſtehen, muß man außer - ordentlich viel Einfälle gehabt haben: und ſie ſehr gehand - habt haben. Sonſt iſt’s nicht möglich. Ich mag aber jetzt leſen, was ich will; es mag mir noch ſo viel einfallen, wenn es mir einleuchtend iſt und gefällt, ſo kommt es mir vor, als würden nur ein paar Wahrheiten dargethan, und immer das - ſelbe geſagt: das tritt beſonders bei dem Vielfältigen und Geiſtreichen von Novalis ein. Variazionen auf nur wenig Eingeſehenes, und auch gezwungen Vorausgeſetztes. Durchaus Anweiſung auf Anderes, Unbekanntes, und doch — durch und140 mit großem Witz — hier in Armuth Erkanntes; wie gering - ſtes Almoſen auf höchſten Reichthum kann ſchließen laſſen. Novalis ſagt: „ Wir ſind auf ein unbekanntes Kapital an - gewieſen. “ Ich ſpreche von einem Defizit, welches wir hier finden. Alle Geiſter haben nur Ein Thema bekommen. Fichte, Goethe, Rouſſeau, Saint-Martin, Jean Paul, Alle, Alle, die etwas Gutes ſagen, ſagen daſſelbe: lauter Variazionen auf das einfache, im höchſten Witz erſonnene Thema. Ich fühle mich und uns arm, wenn mir dies deutlich wird: es iſt wie ein Spiel, von Karten, oder Schach: wenig feſte Bedingungen, und die größten, unendlichſten Kombinationen. Nur wenn wir uns irren: das heißt, eine gemachte oder uns von der Natur vorgelegte Kombination für etwas Abſolutes, Unver - änderliches halten, und uns darüber zufrieden geben, es näm - lich lieben, dann fühlen wir uns reich; das iſt nichts, als uns in einen Zuſtand finden und ſetzen, in dem wir hier nicht blei - ben können: ein simulacre von Liebwerthheit vor uns zu ha - ben meinen. Liebe, Zufriedenheit, Approbation, Wohlgefallen, Zuſtimmung, muß frei aus uns ausſtrahlen können, nicht gebrochen von Widerſpruch; dieſe Liebe in uns iſt ein Beſitz, den wir gar nicht kennen, und eine Fertigkeit, die wir nicht, wie die des verſtändigen Geiſtes, erſt hier machen: ſie iſt ge - macht, und auch die Vollſtändigkeit ihres Beziehungsgegen - ſtandes haben wir verloren. Dieſe müßte können ergründet werden, die Liebe in uns; was ſie eigentlich ſucht. Verſtand in allen Ableitungen ſucht auch nur Liebenswerthes, Ver - nunft - Ordnung - Zuſammenhang-Gemäßes; kurz, Gegen - ſtände der Liebe. Alſo lauter Anſtalt, Hinhalten. Noch hat141 unſre Philoſophie nicht in dieſen Körper hinein operirt. Da - rum wird auch jede von der neuſten hart angegriffen. Was der Geiſt vermag, und nicht vermag, kann ſie zeigen: vom Andern wiſſen wir nichts, und kennen doch ſeine Exiſtenz; heißt, ſein Wirken. So angeſehn, iſt Liebe der Inbegriff von allem; aber nicht das bischen auf Nebenmenſchen aus Barm - herzigkeit angewandte: ſondern jene vielſtimmigſte Zuſtimmung, von der wir ein bewußtvoller, gefühlvoller Ton ſind; der ſich ſelbſt nicht kennt.

Zu Novalis Aphorismen.

„ Man verſteht das Künſtliche gewöhnlich beſſer als das Natürliche. Es gehört mehr Geiſt zum Einfachen, als zum Komplizirten, aber weniger Talent. “ (S. 395.) Es iſt nicht ganz verſtändlich, von welchem Natürlichen hier die Rede iſt. —

„ Jede Wiſſenſchaft hat ihren Gott “ꝛc. Dann ſagt er am Ende: „ Jede immer getäuſchte und immer erneuerte Er - wartung deutet auf ein Kapital in der Zukunftslehre hin. — Wir ſuchen überall das Unbedingte, und finden immer nur Dinge. “ (S. 396.) Ich finde auch nur überall, und am Ende, ein Defizit — verlornes, zu ſuchendes Kapital: daher ſind mir willkürliche Lügen und Fablen — wenn man ſie, wie in der Poeſie, nicht dafür ausgiebt, und dadurch zu Wahrheit erhebt, weil man dann zeigt, daß man dieſes Verfahrens be - nöthigt iſt — womit man dies decken und beſchönigen will,142 als albern, und kindiſches Benehmen ſo ſehr zuwider: und noch mehr zuwider, weil dies ein Frevelanſpruch an der Er - denkinder Vernunft iſt, doch ja unvernünftig ſein zu wollen; und zugleich muthlos, und zugleich begränzt und gepanzert gegen wahrhaft göttliche, nicht zu erdenkende Möglichkeiten; die in der Veränderung unſeres eigenen Verſtändniſſes beſtehen können; und womit, ſoll davon die Rede ſein, wahre Offen - barungen beginnen. —

S. 397. ſpricht er ſehr glücklich vom Wiſſen: und ſagt: „ Vollkommenes Wiſſen iſt Überzeugung, und ſie iſt es, die uns glücklich macht und befriedigt, ſie verwandelt das todte Wiſſen in ein lebendiges. “ Da kann man lange warten, eh einem ſolcher Unterſchied einfällt; wie lange denkt man da umher, vor ſolchem tiefen Griff! So lange die Wiſſen nicht zu uns ſelbſt werden, zu Überzeugung, wie die unſerer Exiſtenz zum Beiſpiel; ſo ſind die Materialien zum Wiſſen, Leitern, auf denen man zu ſich hinab ſteigt, und unten dann nicht mehr gebraucht. Wie viel ſolche Leitern mögen wir ſchon weggeworfen haben, ehe wir zu der jetzigen — jetzigen — Voll - ſtändigkeit unſeres Ich’s kamen!

„ Ich bin ein Berg in Gott, und muß mich ſelber ſteigen,
Daferne Gott mir ſoll ſein liebes Antlitz zeigen. “

Sagt Angelus. Immer daſſelbe! Wenn wir wahr ſein wol - len, und bis zur Gränze kommen. Immer bietet ſich uns dann der große Witz dar, in dem wir hier gefangen ſind: das bischen, was uns bewilligt iſt, und womit wir die un - endliche Ökonomie treiben müſſen; bis zu den größten Voraus - ſetzungen hin. Das verlorne — oder zu gewinnende — Ka -143 pital. Das Stück „ lebendiges Wiſſen “iſt unſer Unterpfand. — Das Ich muß immer vollſtändiger werden. Daß alle Ver - gleiche hinken — wie man’s nennt — iſt auch voller Bedeu - tung, und voll von Gründen; einer davon iſt, daß das zu Vergleichende auch hinkt. Das „ Kapital “und der zu erſtei - gende „ Berg, “ſo ſchön gefunden ſie ſind, ſtellen ein Gebre - chen dar. Es gebricht uns ein großes Hauptſtück. —

„ Die ganze Repräſentation beruht auf einem Gegenwär - tigmachen des Nichtgegenwärtigen und ſo fort. (Wunderkraft der Fiktion.) (Glauben und Liebe beruht auf repräſen - tativen Glauben.) So die Annahme: der ewige Friede iſt ſchon da, Gott iſt unter uns, hier iſt Amerika oder nirgend, “u. ſ. w. (S. 401.) Glauben und Liebe ſind durchaus nicht willkürlich, wir können nur Bilder fixiren, und auch das Bild eines Zuſtandes, aber nicht die Gründe zu einem intellektuellen Zuſtand. Ich verſtehe Novalis hier wohl nicht: ich werde fragen. —

„ Sittlichkeit und Philoſophie ſind Künſte. Erſtere iſt die Kunſt, unter den Motiven zu Handlungen einer ſittlichen Idee, einer Kunſtidee a priori, gemäß zu wählen “u. ſ. w. (S. 406.) Sittlichkeit iſt ein Zuſtand, aus dem heraus wir ein Motiv zu Handlungen wählen; dieſer Zuſtand entſteht, wenn wir in Beziehung mit der Idee von Sittlichkeit ſind; und allemal dieſe Beziehung herausfinden zu können, das allein kann eine Kunſt genannt werden. Philoſophie, Phi - loſophiren: den Gebrauch unſeres Verſtandes bis zu unſe - rer Vernunft zu führen; bis zum Unwiderleglichen, Abſoluten, Vorgefundenen; und wieder eine Kunſt iſt es, den Weg dazu144 immer zu finden. Den Inbegriff aller Sittlichkeit aber hab’ ich nie anders verſtanden, als aus unſerer Perſönlichkeit hinaus andere Perſönlichkeiten anzuerkennen, und ſie eben ſo zu be - handlen als uns ſelbſt; das Beſte, Angemeſſenſte, Vernünf - tigſte, was ſich auf unſer beſtes Daſein, auf das Fortſchrei - tendſte in uns bezieht, für uns zu wollen; und in Freiheit zu all dieſem zu laſſen und zu ſetzen. —

S. 442. ſpricht er vom Staate: „ Der Staat iſt immer ein Makroanthropos geweſen: die Zünfte die Glieder und einzelnen Kräfte, die Stände das Vermögen. Der Adel war das ſittliche Vermögen “ꝛc. „ Der König der Wille. “ Große Konſequenz! Erſtlich, ſollen wir Alle zu einem ſittlichen Ver - mögen werden; dann, zu einem einigen reinen ſittlichen Wil - len! Aber Novalis geht’s wie allen Biblen, man explizirt das aus ihm heraus, was man gebrauchen will. Er ſagt ſelbſt vorher: „ Der Weg zur Ruhe geht nur durch das Gebiet der allumfaſſenden Thätigkeit. “ Alſo wird es noch viel geben! Streit, ruhige Entwickelung; Abſterben, Drängen, große Er - findungen, plötzliche Entdeckungen: die Partheien werden lange todt ſein, wenn ihre Wünſche erfüllt werden. Auch ſehr na - türlich: dann braucht’s keine. —

„ Die Lehre vom Mittler leidet Anwendung auf die Po - litik. Auch hier ſind der Monarch, oder die Regierungsbeam - ten, Staatsrepräſentanten, Staatsmittler. “ (S. 443.) Leuch - tendes Bild! Schöner Punkt im Kontrakt! Eine wahre Er - mahnung: ein geſprochenes Urtheil, in letzter Inſtanz: wenn Zuſtände angeklagt werden, die ſich als krankhafte Thätigkeit zeigten. „ So iſt für das große Ich das gewöhnliche Ich nurSupple -145Supplement; jedes Du iſt ein Supplement zum großen Ich; wir ſind gar nicht Ich, wir können und ſollen aber Ich wer - den, wir ſind Keime zum Ich-Werden. “ „ Wir ſollen uns zum großen Ich erheben, “ſagt er ferner. Längſt einmal dacht’ ich: wir ſind nur Adjektive, noch kein völliges Subſtantiv. Auch kennen wir nur Eigenſchaften. Nichts durchaus: davon fiel’s mir ein. — Auch ſagt er gleich weiter, ganz luſtig: „ Aus Ökonomie giebt es nur Einen König. Müßten wir nicht haushälteriſch zu Werke gehen, ſo wären wir Alle Kö - nige. “ Wir wären nur der eine ungetheilte Wille: jetzt, hier, lauter geſpaltene. Unſer Witz beſteht bis jetzt darin, uns den großen Witz entbehrlich zu machen. Der Menſchen Witz; und Menſchen-Witz. —

S. 448. Ende eines Satzes: — „ Der Mann iſt gewiſſer - maßen auch Weib, ſo wie das Weib Mann; entſteht etwa hieraus die verſchiedene Schamhaftigkeit? “ Das könnte keine Schamhaftigkeit zu Wege bringen. Das wäre nur ein dop - peltes Naturfaktum; und würde dadurch nichts Neues hervor - bringen. Die Beſinnung verliert aber der Menſch nicht ohne Scham, d. h. er wird nicht ohne Scham unmenſchlich, wenn er ſich nicht mit den edelſten Motiven rechtfertigen kann. Er ſchämt ſich einen Menſchen ganz als Sache anzuſehen in Be - ſinnungsloſigkeit. Dieſe Beziehung mit ihren Beziehungen erregt hier Scham. —

Was an Gedanken intereſſirt: (S. 449.) — „ So läßt ſich ein an ſich trivialer Gedanke ſehr intereſſant bearbeiten; ein weitläuftiges Unternehmen der Art kann ſehr intereſſant ſein, ungeachtet das Reſultat eine Armſeligkeit iſt “ꝛc. HierIII. 10146kommt das wieder zum Vorſchein, was er über Wilhelm Mei - ſter ſagt. Das ganze Reſultat iſt ihm zu trivial: er möchte in einer neuen Natur arbeiten. Es würde aber immer wieder dahin kommen, wenn wir nicht die Dinge, ſondern nur Ei - genſchaften von ihnen erkennten. Novalis will, daß darin die neue Natur beſtände: ich glaube aber, in der neuen Tiefe würden ſich wieder tiefere Verhältniſſe zu ergründen aufthun. Höheres Glück, und vollſtändigeres Unglück — wenn dieſe Ausdrücke gelten ſollen — und doch vollſtändigere Zuſtimmung. Jedoch! alles hieſige Vermuthungen! Die großartigſte freu - digſte Hoffnung beſteht darin, daß wir’s nicht ahnden können. Man kann auch ſo verzweiflen. Ich nicht. Mein Unterpfand iſt zu unwiderleglich. Der kleinſte Strahl von Verſtändniß erbaut das Univerſum. Neigung und Abneigung gar; Kern des abſoluteſten Seins; der Unentbehrlichkeit des Verſtehns ſchon entrückt. —

„ Durch das Eigenthum wird der Beſitz veredelt, wie durch die Ehe der körperliche Genuß. “ (S. 451.) Veredelt. Iſt Eigenthum etwas Edles? Nothbehelf. Novalis führt ja ſelbſt die vielfältigſten Verhältniſſe vor, wo das Eigenthum Gemein - gut werden ſollte. Im Geiſtesverkehr iſt es ſchon ſo. —

S. 452. beſchreibt er, wie Eheleute ſein müſſen. Unver - ſehns aber lehrt er da, wie Menſchen zum Umgang überhaupt ſein müſſen: aber das iſt ſehr witzig: denn die Ehe iſt ein konzentrirter Umgang; in Nähe, Beſtändigkeit der Zeit: eine Eſſenz des Umgangs. —

S. 453. Über Liebe und Eiferſucht. Eiferſucht iſt Beſitz - ſucht, Beſitzirrthum. Kurzweg. —

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„ Die Fröhlichkeit löſt allmählig alle Bande. “ (S. 454.) Weil ſie ein Verhältniß, ein augenblickliches, angenehmes, aus allen Lebensverhältniſſen gewählt, und für ein allein gül - tiges angenommen hat, und ſich zur Zeit von ihm beherrſchen läßt. Richtig. „ Daher ſchickt ſie ſich nicht für die Jahre und Stände, wo die Erhaltung und Befeſtigung jener Bande eine heilige höhere Pflicht wird. Eheleute dürfen nicht mehr jenen jugendlichen Feſten beiwohnen. Ein milder Ernſt iſt die ihnen nöthige Stimmung, und eine klare Beſonnenheit, eine Hütung ewiger Verhältniſſe ihr Beruf. “— Pflicht iſt das, wozu unſre Einſicht uns zwingt. Kein nächſter Vortheil. Wer wird den Eheleuten weiß machen, daß eine Hütung ewiger Verhältniſſe ihr Beruf iſt! „ Hütung “! Schrecklich! Was heißt hier ewig? Doch nicht die Extenſion der Zeit? Alſo das Einmal Wahre, Wahrgeweſene, durch keine Zukunft zu Vertilgende. Dies iſt grade, was nicht gehütet zu werden braucht. Worte muß man immer von neuem ſichten. —

„ Grade wegen der Einfachheit ihrer Verhältniſſe iſt die Moral ſo ſchwierig in der Praxis. “ (S. 454.) Praxis iſt ih - rem Weſen nach komplizirt: Anwendung; alſo Hinderung: nichts als Hinderung, des einfachen Daſeins. Die alte Auf - gabe: die eine in hunderttauſend Geſtalten. —

„ Aller unbeſtimmte Reiz “ꝛc. (S. 454.) Es giebt keinen unbeſtimmten Reiz. —

„ Ein Karakter iſt ein vollkommen gebildeter Wille. “ (S. 455.) Nur der vollkommen menſchlichſte iſt ſo. —

S. 455. Vom Gewöhnlichen: ſehr gut! Aller Fehler be - ſteht darin, ſich nicht auf ſich ſelbſt beſinnen zu können.

10 *148

S. 456. Vom Handlen wider Überzeugung. Weſen des Zwangs! traurigſtes! Es kann höchſt moraliſch ſein: weit - verkrochene Moral. —

„ Wenn der Menſch nicht weiter kann, ſo hilft er ſich mit einem Machtſpruche, oder einer Machthandlung: einem raſchen Entſchluß. “ (S. 456.) Auch langſamer Entſchluß — wenn es welchen giebt — iſt empiriſch: Machthandlung, Eingriff; da wir nur Theile kennen, und keinen entfernten Einfluß noch Zuſammenhang. —

„ Die Erhebung iſt das vortrefflichſte Mittel, das ich kenne, um auf Einmal aus fatalen Kolliſionen zu kommen. “ (S. 456.) „ Fatale Kolliſion “iſt hier ein tiefſinniges, ſchwe - res Wort; in welchem Gebrauch es gewöhnlich nicht iſt: folg - lich ſehr witzig, und daher weitfaſſend und brauchbar. —

„ Neigungen ſind materiellen Urſprungs “ꝛc. (S. 457.) Neigungen ſind nicht materiellen Urſprungs, ſogar die nicht, die ſich von den Sinnen herſchreiben: materielle Wirkungen mögen ſie haben. Man verwechsle nur nicht abgeleitete Nei - gungen aus Ehrgeiz, Prahlerei u. ſ. w. — und auch die, aus dem Irrthum zurückgeführt, gehen bis zum Tiefſten, nicht wei - ter zu Erklärenden zurück. Will er dies materiell nennen? —

„ Das Ideal der Sittlichkeit hat keinen gefährlicheren Ne - benbuhler, als das Ideal der höchſten Stärke, des kräftigſten Lebens, was man auch das Ideal der äſthetiſchen Größe (im Grunde ſehr richtig, der Meinung nach aber ſehr falſch) be - nannt hat. Es iſt das Maximum des Barbaren “ꝛc. (S. 458.) Könnte man nicht ſagen: Das Leben des Barbaren iſt das Maximum des Erdlebens? Wir wiſſen, was ſich auf nicht149 leben bezieht! — Es iſt barbariſch, leben zu wollen: — Fried - rich Schlegel ſagt: „ Es iſt die größte Anmaßung, eine Perſon ſein zu wollen; “— und auch darum ein Streit gegen alles andere; nicht leben wollen: gleich Friede! das Höchſte aus einem Standpunkt! in dem wir im Leben nie bleiben können. —

S. 458. Herrlich über Gewiſſen! Im weiteſten Sinn. Mir meine Meinung ſehr beſtätigt: „ Ein Zuſtand außer der gemeinen Individualität. “ Alſo die Geſchichte mit der Perſön - lichkeit! Dies auf Phyſik angewandt, höchſter Witzſchlag! Und Rückſchlag des Witzes auf hieſige Moral. —

„ Iſt unſre Unwiſſenheit etwa Bedingung unſrer Morali - tät? Wollen wir unwiſſend ſein, weil wir es, bewandten Umſtänden nach, wollen müſſen? Wir ſind nur unwiſſend, weil wir es wollen. “ (S. 468.) Dies iſt ſehr ſchön zu ver - ſtehn! und gewiß faſt Allen zu kühn. Ich glaube, er denkt an freien Willen. Wir ſollen annehmen müſſen, daß wir ihn haben. Wir fühlen dies Gelenk, und können es gebrauchen. Denken wir aber an Weltordnung; an die Illuſion der Zeit; an Gottes Geiſtigkeit, an aller Geiſter Göttlichkeit: ſo ſchwin - det uns die vermeinte Wahl. Illuſion aber, iſt uns hier ganz hinlänglich; es iſt Pflicht hier — heißt, in ihr — nach ihr zu handlen. Sie iſt hier für uns veranſtaltet. So hoch, und ſo klein denk’ ich von unſern Pflichten. —

Wir haben eine Freiheit, die hier nicht anwendbar iſt: daraus entſtehen die Täuſchung und die Frage; Täuſchung über Freiheit; Frage nach Freiheit. —

150

Wenn man lieben könnte, was man wollte, ſo könnte man ſich ja immer glücklich machen! Die verkehrteſten Forde - rungen werden gemacht: bloß weil ſie nicht geſtehen wollen, daß ſich die Freiheit in den höchſten Zwang gerettet hat. Der gefeſſelte Wille allein iſt frei: da iſt man frei: das iſt die Fe - ſtung vom lieben Gott gebaut. —

Es giebt einen freien Weg, bis nach dem gefeſſelten Wil - len — Wollen — zu gelangen; den der Vernunft, wo man wahr ſein muß: und anſtatt den anzutreten, nennen ſie den Willen frei.

Heute den 7. April 1824. freute ich mich ungeheuer, in Jacobi von Spinoza zu finden: „ Ich bin fern, alle Freiheit zu läugnen, und weiß, daß der Menſch ſein Theil davon hat. Aber dieſe Freiheit beſteht nicht in einem erträumten Vermö - gen, wollen zu können: weil das Wollen nur in dem wirklich vorhandenen beſtimmten Willen daſein kann. Einem Weſen ein Vermögen, wollen zu können, zuſchreiben, iſt eben ſo, als wenn man ihm ein Vermögen, daſein zu können, zuſchriebe, kraft deſſen es von ihm abhinge, ſich das wirkliche Daſein zu verſchaffen. “u. ſ. w. — Ich verſtehe es. Einmal ſagt Spinoza: „ Kurz, wir wiſſen was wir thun; und weiter nichts. “

Spinoza ſagt: „ Wir irren uns über den Willen. Wir ſehen auch, daß ſich die Sonne um die Erde dreht. Laſſen wir die Erſcheinung, und beſtreben uns, die Dinge zu erken - nen, wie ſie ſind. “ Die Wahrheit kann nicht von außen kommen; ſie iſt in uns. Aber wenige Köpfe ſind für voll -151 kommene Abſtraktion gemacht; das heißt: für eine Aufmerk - ſamkeit, die nur auf das innere Sein gerichtet iſt. —

Im Morgenblatt vom Montag den 13. Oktober 1823. ſteht von Doktor Börne ein Aufſatz: „ Altes Wiſſen, neues Leben. “ Jean-Paul’ſcher Anfang; ohne Nachahmung, ſehr ſchön! Aus einer viel traurigern Seele, als Richters. Weil er viel getroffener iſt, von den wirklichen Vorfällen; berührter, von den herrſchenden Einrichtungen; und ſchwingt er ſich ab von dieſem Zuſtand zur Natur, ſo weiß er, daß die allein nicht aushilft, verliert ſich nicht an ihrer Größe; nicht in ih - ren Einzelheiten; bald iſt ſie ſchlagender Stahl bei ihm; bald der Stein, aus welchem die Witzfunken, und Witzflammen, hervorleuchten müſſen; die Fälle miteingerechnet, wo ſie der Geſang wird, der die wehmüthigſten Töne aus den Saiten des Buſens reißt; nicht ſo, als ob dann noch der Geiſt witzige Manieren hinein akkompagnirte; ſondern die Wendung ſelbſt, ſich dann an Natur zu verlieren, iſt da witzig.

Dieſer Aufſatz iſt voller Gedanken, und Gedankenanläſſe. Mit ungeſtörtem Blick ſieht er nach Jetzt, und Sonſt. Mie zwanzig ihm zuſtrömenden Vergleichen und Witzworten ſchil - dert er unvermekt den Kern des Lebens, und den Zuſtand der Alten, giebt Definitionen, die allein ſchon einen Band zum Buche machen könnten. „ Um einer Wahrheit Daſein wird ſelten geſtritten, auch nicht zwiſchen den feindlichſten Geſin - nungen; gekämpft wird nur um die Gränzen einer Wahr - heit. “ Abſchluß der meiſten Verwirrung: Bezeichnung faſt152 aller Diskuſſionen. — Herrlich ſpricht er von Sittenlehre; kurz, einleuchtend: wie klar vom Chriſtenthum; nur zur Sache gehörig. (Man ruht bei ſolchem Vortrag, von den jetzt gang - baren; wo die Verfaſſer wie in Wolken kämpfend, zu ihren Wahrheiten gelangen wollen; oft deren Gebilde ſelbſt dafür annehmen, und ausgeben wollen; und theils, hinter den Wol - ken nicht unterſcheiden, was ſie greifen, und anderntheils nichts zu gebrauchen wiſſen, was ſie hervorbringen; und eben daher, ſo verworren als weitläufig ſind.) „ Wir leben ohne Sitten - lehre, “ſagt er, „ wenn auch nicht ohne Sittlichkeit; “welches er der Güte und Kraft der menſchlichen Natur durchdrungen dankt! Vortrefflich ſchildert er unſern Chriſtenzuſtand. Mit wenigen, großen Strichen. Unter andern: „ Dort oben giebt es keine Fiskale und Verräther, und keine andere Klage hört der gnädige Richter an, als die der Kläger gegen ſich ſelbſt gewendet. Sie haben einen Gott des Himmels und einen Gott der Erde geſchaffen, die ſie als Partheihäupter betrach - ten, und mit deren einem man es verderben müſſe, wolle man mit dem andern es halten! Man müſſe unglücklich ſein, um ſelig zu werden! Als wäre die Erde nicht auch ein Stück des Himmels, als wäre die Zeit nicht auch ein Theil der Ewig - keit, und Gott überall! “ So fährt er eindringlich fort, mit den wenigſten Worten. Ich kann es beſtimmt wiſſen, wie ſchwer das iſt, und wie leicht dies ihm werden muß; weil ich eben ſo denke, und zu oft erfahren habe, daß ich es doch nicht ſagen kann. „ Jetzt iſt auch künftig, “ſage ich oft. „ Auf den Vater warten wir, der den Sohn mit dem heiligen Geiſt verſöhne. “ Fichte und Lichtenberg zuſammen im Ausdruck. 153Nur tief wahr: den kürzeſten Ausdruck gewählt; und der An - ſchein entſteht, als habe Einer nur witzig ſein wollen, wenn auch nur ſcherzhaft ſein können. „ Beim dritten Teſtament wird der Menſch zugleich Chriſt und Heide ſein, Früchte und Blüthen tragen; “und noch wunderſchön! Wie viele Gedan - ken und Betrachtungen ſetzt ſolcher kurzer Ausſpruch voraus! Welch unpartheiiſches Schauen. Das iſt Sinn für Geſchichte! Wie ſchön ſpricht er weiterhin vom Schreiben derſelben. Wie kurz und hinlänglich. Man kann beinah in einem ſo klei - nen Aufſatz nicht mehr ſagen! hervorgegangen aus ernſter, wohlmeinender, etwas verletzt - und geheilter Seele, und ehr - lichſtem Unterſuchen. Keine ſchwerfälligen Stiefel angeſchnallt, zur ſchweren Reiſe: jeder kleine Gang wird mit demſelben Ernſt, in derſelben Geſinnung unternommen, und gewährt auch reiche Ausbeute! Aus welchen guten, faſt neu gewordenen Gründen empfiehlt er Lehrern für Schüler das Leſen der Al - ten! Wie ganz anders die Aufgeregten beſchwichtigend, als durch dumme Lügen; — dumm, da das Lügen der Klügſten auch den Dümmſten nie verborgen bleibt. Schön ſagt er: „ Weil wir den Umlauf der Menſchheit nicht kennen, ver - wechslen wir die Witterung mit den Jahreszeiten, “und wei - ter ausgeführt. Von den Alten redend, zeigt er uns unſere Zeit wie ſie iſt: und Einſicht in das Nothwendige verſöhnt einzig. Im Vorbeigehen karakteriſirt er mit einem Federſtrich Jahrhunderte, und ihre Rädelsführer. So Richelieu, Alberoni: und empfiehlt Großartigere; und empfiehlt Autoren. Der Unterſchied des deutſchen und franzöſiſchen Wiſſens, und der verſchiedene Gebrauch, den die Nationen davon machen, iſt154 hier wieder einmal unpartheiiſch und im klaren Umriß gege - ben: „ Der Franzoſe weiß freilich nicht mehr, als was er ge - ſagt hat und geſchrieben; aber alles, was er weiß, ſagt und ſchreibt er, und wiederholt es jeden Tag. “ Dies wird wohl noch lange wahr bleiben: obgleich es ſchon lange wahr iſt. Sehr ſchön fordert uns Börne zur Verbeugung gegen deutſche und franzöſiſche Lehrer auf; und ihre Schriften nachzuleſen; von zu langjährigen Anfällen, und Hintanſtellung, reinigt er, ſo zu ſagen, ihre Bilder mit wenigen Worten vor unſern Au - gen, und wir ſehen was ſie waren, und thaten. Herrlich ſpricht er mit zwei Worten von Leſſing: größte Kunſt, nach Goethen es zu können; von Voltaire, Mendelsſohn; von den Engländern; Montaigne, und den Originalen der Franzoſen. Mit Dankbarkeit; wie ſich’s gebührt. Von Jean Paul: von noch Vielen. So wollen wir ihm wieder danken: und uns freuen, ihn zu erkennen. Bücher in kleinen Heften zu geben, iſt vortrefflich! und mir beſonders dankenswerth. —

An Guſtav von Brinckmann, in Stockholm.

Sonnenhelles, ſeit drei Tagen, warmes Wetter; nur noch leichtes Knospengrün: die Straßen immer breiter, immer heller. Jedoch heute erfriſchender, und viel Morgenthau auf der Erde.

Ich lebe noch. Nun wiſſen Sie alles. Da Sie doch auch wiſſen, daß man ſich, umgekehrt wie geſagt wird, nicht än - dert — garſtig werden u. dgl. abgerechnet —. Was aber155 ſchlimmer iſt, unſer Schickſal ändert ſich auch nicht: denn, woraus beſteht es, als aus uns ſelbſt! Und nun wiſſen Sie noch Einmal alles: und noch obenein, daß ſich unſer Stil auch nicht ändert; dies zeigt uns das ſtill - und tiefere Stu - dium Goethens, und aller andern Menſchen; und dann noch Einmal, ich. Hab’ ich Ihnen wohl je andere Morgenbillets geſchrieben, als das hier über Meer und über Zeit? Es wird uns nach ihr (nach der Zeit) weiter gar nichts fehlen — zu hier — als, daß wir wiſſen, daß Sie Brinckmann heißen, und ich Rahel. Eines ſollen Sie nur noch wiſſen, weil Sie es, glaube ich, ſonſt nicht genau wußten. Meine größte Kränkung beſteht darin, daß ich in keinem Garten lebe; in keiner Gegend; mit Einem Wort, auf keinem Ort, wo ich aus der Thür’ in’s Grüne trete: aus dem Fenſter dahin ſehe. Es liegt nicht in meinem Schickſal, mir das zu ſchaffen, was mir das Wichtigſte iſt; nur das liegt drin; daß ich das bin, was mir das Wichtigſte iſt. Verſtandum? (kein Witz auf dumm, nur eine lateiniſche Frage, aus Spott und Verzweif - lung:) dieſe Kränkung aber greift in alle Stunden ein; und darum halte ich ſie für eine. Große Herzensſchläge, die man nur mit ſich abmacht, exiſtiren für mich nicht mehr. Nur Un - gemach; und Privationen — der „ fünf nöthigen Dinge. “ Nie wird etwas geſprochen oder geleſen, was Sie hätten hö - ren, oder ſagen müſſen, wo ich Sie nicht laut nenne: und Varnhagen kennt ſie, und ſpricht von Ihnen, wie wir Andern. (Ich bin Einmal treu gemacht: mir treu; und ſo auch allem. Daran können Sie nun wiſſen, daß, geſchieht ein Loslaſſen, es kam immer von den Andern; ihr Katholiſchwerden allein156 macht es bei mir nicht einmal: ſie müſſen noch aparte aus - ſpannen *). So lieb’ ich Gentz als größten Publiziſten; — ich würd’ ihn Privaten nennen — noch immer. Er trägt das Kind noch in ſich, das liebe: und er mag ſagen was er will: er liebt Wahrheit: und er — iſt nie eine Lüge. So iſt’s mit vielen Andern, die ſich öffentlich über ihn ſtellen, bei weitem nicht. Ich wohne von Humboldts nur ſechs Häuſer weit, und meine Augen ſehen ſie nicht. Die Herz öfter: und alle Alten, die nicht todt und weg ſind. Pauline iſt in Paris, und die alte, nur älter: ich vermiſſe ſie täglich, und oft im Tag. Sie liebt das Freie — die Natur nennen ſie’s — wie ich. Ich habe Mad. Benedix bei Abraham Mendelsſohn geſehn; ich beneide ſie; ſo gefällt ſie mir: ſo jung; ſo ſelbſtſtändig, ſo frei im Ausdruck, und ſo ſanft und graziös dabei. Ich — ewig lâche; oder ein Ausbruch wie Erdſturz; Gewitter iſt mir zu gut. Ich gönne ſie Ihnen in Stockholm; aber ihr: air natal: und anderes! — Welches ſie nicht in Gedanken gefaßt hat, alſo nicht wünſcht. Ich ſehe auch oft Frau von Helvig, ſie iſt eine Nachbarin von uns (wir wohnen Friedrichs - und Franzöſiſche Straßen-Ecke, ſehr nah wo die Bethmann wohnte; Humboldts, wo O’Faril’s wohnten; Frau von Helvig vorne in der Behrenſtraße), nur die andere Ecke. Und wir ſtehen gut. Eine weſentliche Frau; ohne ihre bekannten Eigen - ſchaften zu rechnen! Iſt Ihnen dieſe Parentheſe nicht zu la - byrinthiſch: ich verlaſſe mich auf Ihren Faden!) Er, Varn - hagen, grüßt Sie ſchön, und ſchickt Ihnen hier ein Buch, wel - ches vorigen Auguſt erſchien, und wozu er erſt jetzt Gelegen - heit findet, es Ihnen zukommen zu laſſen, mit der Bitte, Sie157 möchten ihn doch zum zweiten Band ſo bald als möglich mit Beiträgen erfreuen: hauptſächlich in Ihren eigenen Papieren ſtöbren, wo ſich gewiß noch Unendliches zu dieſem Behuf vor - finden muß; von Ihnen und tauſend Andern. Schicken Sie von Schweden, Deutſchen; von was Sie nur können: haupt - ſächlich von ſich. In dem Band, der hierbei liegt, ſind die Seiten von 207 bis 222 („ Ungenannt. “überſchrieben) von mir. Aus meinen Briefen und Papieren genommen; die nie anderes Tageslicht, als das, wo ſie geſchrieben waren, ver - mutheten. Varnhagen ſtöbert aber alles durch: und ich bin nicht heikel: ich finde Andern ihr Bereitetes nicht ſo ſehr viel beſſer; und oft viel ſchlechter. Niemanden hat Goethe ſo durchſtrömt, wie Herzensblut ſelbſt, als mich. Das finde ich intereſſant dabei. Il n’existe point de plus franchement, que ce franchement-ci! Das Buch iſt amüſanter, als ich mir vor - ſtellte, daß es werden würde. Wieland, Fichte: vortrefflich. Und alles unterhaltend. Nun ſchicke ich Ihnen noch einen kleinen Angelus, den ich vergöttre. Eine Kinderſeele voll Muth. Der Menſch eine reine Frage; voll Witz, Menſchen - witz, den er nicht los werden kann; die höchſte Art von Er - gebung.

Nun muß ich ausgehn. Zu Ihrer Ergötzlichkeit ſollen Sie hören, wohin. Zu meiner Nichte Fanny; das Kind, was Sie kennen. Die iſt ſeit geſtern acht Tagen im Kindbett mit einer hübſchen Tochter. Ihre Mutter, „ die junge Madame, “ſeit einem Jahr todt. Ich war viel und bis die letzte Minute bei ihr. Nettchen iſt todt; im Juli wird’s drei Jahr. — Ja! man wird einſam, trotz der neuen Kinder. „ Und der Reſt iſt158 Schweigen. “ Shakeſpear wußte es; Hamlet mußt’ es ſagen. (Melancholiſch geſagt!) Alſo weiter! Adieu lieber Freund. Wenn ich treu bin, ſind Sie’s auch. Antworten Sie ja. Ge - neralkonſul Dehn ſchickt mir gern den Brief.

(Rahel, damit Sie mich kennen;) Friederike Varnhagen.

Meine Namen ſind: Rahel, Antonie, Friederike; mit dem letzen unterſchreibe ich alles Offizielle. Der Zug R bleibt meine Wappen. Mein Bruder Ludwig Robert hat eine ſehr ſchöne Frau geheirathet, auf die Sie hundert Gedichte machen wür - den: ſie iſt auch liebenswürdig, und dichtet auch: Lieder. Mein jüngſter Bruder hat eine hübſche talentvolle Polin, und zwei Knaben; der älteſte eilf Jahr. Als riſſ’ ich Grä - ber auf und mein Herz, und beſtürmte mit zwanzig neuen Leben meinen Kopf, ſo iſt es mir, muß ich einem Alten ſchreiben! Man muß bei einander bleiben: man iſt zu dumm, man ſucht Fortüne, und verläßt Glück. Wir ſind getrieben. Ich werde je klüger, immer dümmer. Ruhe, Garten! Garten! Vieles iſt nicht von hier: darunter gehören Blumen, Düfte, Stille. Wenn das Leben aufplatzen wird, was iſt dann? Neue Jugend: Wunder. Gewiß. Adieu!

*)Das Wort Ausſpannen drückt einzig den fruſtrirten Zuſtand aus; die Pferde, der Knecht, die langſam, unwieder - bringlich weiter gehn! das ſtehende Fuhrwerk, was zu nichts mehr nützt, ſondern hindert; der Embarras; das Todte darin; das Nachſehn; die Unbehülflichkeit. Wahrlich! Goethe hat das herrlichſt benutzt in der Schilderung im Meiſter, wie die armen Akteurs, ſo ausgeſpannt, im alten Theil des Schloſſes159 bleiben: eindrücklicher giebt es nichts! Ein herrlicher Ausdruck: ausſpannen. Das Triviale verliert ſich ganz bei näherer Be - trachtung.
*)

Schleiermachers Dogmatik. S. 242. „ Denn es müßte ſonſt mit der Vollendung unſerer Erkenntniß der Welt die Aufforderung zur Entwickelung des frommen Bewußtſeins aufhören, und alſo auch ſchon vorher jeder Weiſeſte am we - nigſten fromm ſein, ganz gegen die Vorausſetzung, daß die Frömmigkeit der menſchlichen Natur weſentlich iſt. “ Was iſt Frömmigkeit? Der Trieb, ein reiner Wille, alles gut finden zu mögen; entweder wir entdecken neue Gründe für dieſes Reſultat, oder wir wünſchen ſie noch; gleich fromm. Die höchſte Einſicht und Zuſtimmung kann alſo dieſen Fromm - heitstrieb nicht aufheben. Im Gegentheil iſt er befriedigt und wird er geſteigert durch Einſicht in Weisheit. Das Tiefſte in uns iſt aber dieſer Trieb oder Wille. Dieſer Wille ſelbſt aber iſt eine große Begränzung: obgleich jetzt unſer Höchſtes. Ein Thier, unter ſeinen Masken wie wir unter den unſrigen, will daſſelbe. Nur wiſſen wir ſchon von Wollen: und gene - raliſiren die verſchiedenen maskirten Willen unter Einen: das kann das Thier nicht. Und es kann abſolut nicht zu dieſem Akt kommen: wir auch wiſſen vom Zweck unſres Willens nichts, oder beſſer: von ſeiner ferneren Beziehung. Könnte nicht unſer beſter Willen in einem andern Zuſtand etwas Un - tergeordnetes werden, der ſich ſelbſt noch auf Abſoluteres, Ge - nerelleres und von uns Empfundenes und Gewußtes bezieht? 160Dies nehm’ ich gewiß an: ſo kommt Leben und Vernünftig - keit in unſre ſtarre Gränze, aus der und meiner Vorausſetzung wir beſtehen. Warum der abgeſteckte Stolz, der uns verfin - ſtert, im Finſtern läßt? —

Am Ende kann man gar kein Geſpräch mehr erdulden, was ſich nur auf der Peripherie herum treibt; man muß aus dem Centrum ſprechen.

Sie ſind nicht mehr zu erdulden, die nicht ſelbſtſtändig und urſprünglich ſind; die ihre Bildung nicht ſelbſt produzi - ren. Wenn es auch nur auf Einem Punkt in einem Men - ſchen auf dieſe richtige Weiſe hergeht, ſo iſt er liebenswürdig, erträglich und einträglich; kommt ihm aber die vielſeitigſte Bildung ſchon ausgemünzt zu, welches auch eigentlich ergrün - det nie geſchehen kann, ſo iſt er ſeicht, ſpielt mit Zahlpfenni - gen, kann ſich nie als Wohlhabender fühlen, und muß ſich als Eiteler und Leerer aufdringen; mehr und weniger, nach zufälliger Miſchung ſeiner zerſtreuten Eigenſchaften und des Erlebten. Gar nicht mehr zu ertragen!

Wir ſprechen nur ſo viel, weil wir uns nicht ausdrücken können; könnten wir das, ſo würden wir nur Eins ſagen.

Viele161

Viele Menſchen können einen recht ärgern, wenn ſie ei - nem den Verſtand bewilligen, den man uns etwa vorzugs - weiſe zugeſtehen muß. Sie machen, als wäre das ſo eine Art von Narrheit und Extravaganz, der man nun einmal freien Lauf laſſen müſſe; die man nicht ſtören kann! Aber wie ſchön paßten ſie zur ganzen Welt; zu allem, was nun einmal wimmelt, und benamt iſt; wie werden ſie gelobt, und wie ſchön loben ſie?! und haben die wahre Vernunft, wie ſie in die Welt gehört! — Mit welchem Geiſt ſollten ſie auch höheren faſſen, als mit hohem? —

Es wird nicht Gerechtigkeit geübt, wenn einer beſtraft wird, der ſein Unrecht nicht einſieht: das wußt’ ich immer, wenn auch nur dunkel, wenn ich Strafe in ſolchem Fall nicht liebte, und mir es dann jedesmal ſchien, als ſeien der Ver - brecher und der zu Beſtrafende verſchiedene Perſonen. Heute dachte ich an einen beſondern Fall, mußte ihn ſogar befürch - ten; ich ſtellte mir eine beſtimmte Perſon in Noth und Ge - fahr vor; wollte ihr gerne beiſtehn und helfen: und hatte die tiefſte Konviktion, daß, wenn es geſchehn ſei und auch vorher, dieſelbe Perſon mich in ähnlichem Fall, — ich wußte ſogar einen beſtimmten — würde untergehen laſſen. Aus den allerſchwächſten, kleinlichſten Gründen. Und dieſe tiefe klare Überzeugung ſtimmte mich wieder nicht um. Ich dachte mich in Streit darüber mit Varnhagen, weil wir ſchon oft über dieſes Kapitel ſtritten. Aber mir ward endlich deutlich: daßIII. 11162es wirklich zwei Perſonen ſind, und nicht dieſelbe: die zu ret - tende, und die feige, nicht helfende. — Nur Bewußtſein über - haupt konſtituirt Perſönlichkeit, — da wo der Feige nicht hilft, weiß er nicht, daß er Hülfe bedarf; wo ihm geholfen wird und er nur Noth fühlt, nicht, daß er nicht helfen würde. Es ſind wirklich zwei verſchiedene Weſen. Solcher iſt in der That nicht ſo weit wie eine Perſon: es iſt nur eine Kreatur. Und nun u. ſ. w.! —

Zu einem Talent gehört Karakter; Gemüths - und Gei - ſtesfertigkeiten, in Naturanlagen begründet, machen es nicht. Was hilft die reinſte, klingendſte Stimme, die beweglichſte Kehle, das ſchnellfaſſendſte Ohr, das beſte Gedächtniß, die größte Nachahmungsgabe, wenn nicht eine einmalige tiefe perſönliche Anſicht der Natur, eine ſolche Gemüthsſtimmung mit ihren Varianten, ein helles, geiſtiges Auffaſſen hoher und tiefer Zuſtände der menſchlichen Natur, die Seele und der Diktator dieſer phyſiſch materiellen Gaben wird? Dieſe eben genannten Gaben, noch ſo geübt und gut zuſammengeübt, würden z. B. einen imitativen Sänger bilden, der bald in Eines, bald in eines Andern Manier vorzutragen ſuchen wird, bald wie eine Milder die Töne ziehen, bald wie die Catalani wirbeln und ſchreien wird, Italiänern ihr parlando, furioso, affannoso und ihre Komik nachmachen, und ſogar den Fran - zoſen etwas von dem geſtörten Tonweſen ihrer Deklamation abſehn wird. Iſt dies ein Talent zu nennen? ein ausgebilde - tes? Dies ſind ein paar Gaben, die, wie geſchäftige Tiſchge - räthe, den Fremden oberflächlichen Beifall abſchöpfen! Dies163 iſt nicht ein Talent, wie es ſoll, welches an alle Kunſt erin - nert und heran führt, die höchſten menſchlichen Zuſtände of - fenbart und betrachten lehrt, uns wieder vor das Gemüth führt, was uns nur je in Naturerſcheinung anregend und ver - ſtändlich werden konnte, uns über elende Bedingungen und noch elendere Prahlſucht und Eitelkeiten hinwegführt, uns er - innert an Dinge, die wir nie ſahen und hörten, und von de - nen wir doch Erinnerungen in uns tragen, mit Einem Wort: uns zu dem Unausſprechlichen verſetzen; worunter alles Hohe, alles was Ehrfurcht gebietet und Freude ſchafft, verſtanden werden kann. Ein Komponiſt, der nur aus Eitelkeit und Imitationstrieb arbeitet, beleidigt noch vollſtändiger und dauer - hafter, wirkt noch verderblicher, da ſeine abgedruckten Mach - werke alle unkundigen Nachredner und Nachahmende leicht und ſchnell als Verderbnißförderndes immer weiter ab von aller wahrhaft belebenden Kunſtausübung und Beurtheilung führen. Ein abſcheuliches, prahleriſches, dünkelvolles Schein - treiben ſetzt ſich in die Stelle der ächten Kunſtübung und Liebe; welches, wie wirkliches Unkraut, den reichen genußſpen - denden Pflanzen Ort, Kraft und Leben raubt; es iſt erſt ein Krieg zu führen gegen dieſe Geſchlechter; ein Beweis, daß ſie ausgerottet werden müſſen, ſo geſetzlich und alles Schutzes ſich erfreuend, wie in einem Gehege, ſtehen ſie da; ſo wußte ein Kunſtjargon ſie Fürſten, Regierungen, Vornehmen, Eleganten und Geldbeſitzern unermüdlich vorzuſchreien! Das beſte Bild für dieſen Zuſtand, der in den Künſten jetzt herrſcht, möchte gar eine Galerie von den Werken der neuern Mahler liefern. 11 *164Dieſe beſehen! und dann ſtumm! Welche unbefangene Leſſings - natur wird wohl zuerſt ſprechen? Und wo? —

An Karl Grüneiſen, in Dresden.

(Durch Ludwig Tieck.)

So eben erfahre ich, lieber Herr Doktor, daß Ihnen Varn - hagen zugeredet hat, in Weimar zu Goethen zu gehen. Thun Sie’s ja! Bedenken Sie, was das heißt, daß Sie das Glück haben, mit Goethen zugleich zu leben. Bedenken Sie’s ganz. Sie kommen ja nicht mit leeren Händen. Sie können ihm ja ſo ſchön deutſch vorſingen, wie es kein anderer Menſch ver - mag; laſſen Sie den Mann dies nicht verſäumen aus einer Beſcheidenheit, die nur eine falſche ſein kann. Folgen Sie Einmal einer Freundin, die Sie nicht kennen, der Sie aber gewiß in dieſer Angelegenheit trauten, wenn Sie ſie kennten. Ich verſtehe ſehr viel Muſik und Theater. Sie ſingen und ſprechen die Worte vortrefflich; wie kein Anderer. Was wol - len Sie dazu thun, noch ſagen? Es iſt eine Gabe.

Möge Ihnen alles in der Welt eben ſo glücken; Ihre Reiſen, Pläne und was Sie wünſchen.

Ihre ergebene Friederike Varnhagen von Enſe.

Bei Louvet’s Memoiren fiel es mir auf, wie mitten im Zuſammenſturz der bisherigen Welt, wo faſt jeder als Ein -165 zelner zu handeln hatte, und Gutes und Böſes aus den dun - keln Buſen der Menſchen eben ſo hervorgelaſſen war, dieſer Mann, gleich unzähligen andern Franzoſen, ſo vielen Schutz erhielt, ſo große Wohlthaten, ſo vielfältige Opfer; oft von Unbekannten, und am öfterſten mit Gefahr ihres Lebens und der eines gräuelhaften, ſchmachvollen Todes. Bei dem beſſern Theil dieſer Nation überhaupt, kann man bemerken, welch ein Geſetz Freundſchaft bei ihnen iſt; wie geſetzlich ſie ſie behan - deln. Wie Aufopferung und Hingebung in mehreren Verhält - niſſen bei ihnen feſtgeſtellt erſcheinen: wie ausgebildet ſie auch die ernſtern Lebensformen beſitzen und behandeln. In dem Ausbruch ihrer großen politiſchen Krankheit war das beſon - ders zu bemerken; und für ihre Anerkenner, in ihrer Ruhe, wie in ihrem Kampf. Wir andern aber ſtehen ihnen in Güte, und der Überzeugung deſſen, was wir ſollen, nicht nach: und doch finde ich uns ſo verſchieden von ihnen; auch in der Ausübung, die man die moraliſche nennt. Faſt möchte ich ſagen, der Deutſche verſteht ſeine Gedanken, der Franzoſe ſeine Worte beſſer. Dévoûment, sacrifice, les sentimens de la nature, das ſind Sturmglocken für ein franzöſiſches Ohr; darauf kommt ſein Herz zu Hülfe. Alle Franzoſen verſtehen alle ihre Worte — wie oft hatte ich dies in der Revolutionsgeſchichte zu bemerken, und zu bewundern! — Wie könnte man wohl eine deutſche Volksmaſſe anreden, um ſich verſtändlich zu machen, wie ihr einen Begriff, von nur ſtädtiſchen Verhältniſſen zum Beiſpiel, geben, wie ihr eine zu zerſtörende Intrigue klar machen? Wie geſchwind wußten jene all dies, wenn auch oft verkehrt; es war ihnen166 doch eingänglich, bekannt. Sie ſind die durchlebteſten, abge - lebteſten Europäer — was die ſind, iſt ein Zweites! — ein Vorvolk; und haben unſer Aller Leben durchſprochen: daher auch ihre Sprache ſolch geübtes Werkzeug. Dies iſt wahr; wenn auch noch Unendliches anzuknüpfen. —

Der Unterſchied der antiken und der modernen Welt be - ſteht bei mir in dem Einen Punkt, aus dem alle andern her - vorgehn. In der antiken waren die Regierungen den Völkern vor. Geſetzgeber, Propheten-Könige, halbe Zaubrer. Schutzhel - den, Erfinder der erſten Elemente der Lebensgenüſſe. Ministres des dieux, — Himmelsvermittler. Religionsſtifter. In der modernen, nicht geoffenbarten, ſondern offenbaren Welt, wol - len die Regierungen mit den Ruinen der alten Mittel wirken; die jeder aus dem ganzen Volke handhabt; und wovon jedes, von einer andern Klaſſe aus dem Volke, zu ſeiner Kunſt und Wiſſenſchaft gemacht iſt; und ſo gebraucht wird. Nun müſ - ſen Regierer neue große Erfindungen machen. Der Geiſt muß regiert werden: und exploitirt von größerm: „ die Erde iſt genommen. “! —

Das geſellige Daſein und Leben muß nun in Europa eine andre Geſtalt annehmen; und ſei es noch ſo langſam: es wird aber ſchnell genug gehn. Wie ſo das Wundern? obgleich ſich nicht genug gewundert wird. Was hilft das Wundren! kann man eben ſo gut ſagen!

Kann ein Hofleben, mit ſeinen einzigen, allſeitigen Wir -167 kungen auf alles Leben unter ihm, beſtehn ohne unbedingte Ausgaben? Ein Budget, oder — was eben ſo viel — eine willkürlich gütige Einſchränkung eines Monarchen iſt ein Schuß mitten in das Herz dieſes Lebens. Ein Hofleben war ja nur eine Kunſtdarſtellung, eines beſſern unbedingtern Lebens; aber die alten Erdbedingungen ſtellen ſich früh oder ſpät ein. Viele lebten: die Übrigen alle leiſteten; ſie ſollen jetzt Alle leben, wird bewilligt; und dies Einmal geſagt, iſt kein Halt mehr. —

Im ganzen Leben, wie in Kunſt, deren Übung und An - ſicht, müſſen ſich immer mehr Beziehungen darthun (dies allein heißt weiterleben), und dies nicht, weil dadurch mehr gelebt würde: das könnte keine Wiederholung ſchaffen. Aber in je - der beſondern Beziehung wird etwas Neues erſchaffen; und deßwegen iſt deren Vermehrung allein wünſchenswerth, bele - bend, freudebringend, würdig, reel.

Saint-Martin ſagt, die Seligkeit würde darin beſtehen, daß wir in jedem Moment etwas Neues erfahren werden. Wer in muſikaliſchem Vortrag keine neuen Beziehungen hört und zeigt, iſt nur ein Inſtrument. —

An Frau von Goethe, in Weimar.

Kann man ganz abkommen von dem, was man eigent - lich iſt; ab, weit ab: wie ein ſchwaches kleines Schiff getrie -168 ben auf großem Meer weit hin von Wind und Sturm! Das Einzige, was mich wahrhaft noch perſönlich angeht, was mir tief in’s Herz geſunken iſt, unten granitſchwer und dunkel liegt: da ſeh’ ich nicht hin, das laſſe ich liegen; wie ein armer Arbeiter, der die ganze Woche ſich in Mitteln verliert, viel - leicht den Sonntag ſeinen Lebenslichtern nahe kommen zu können! Der arme Arbeiter ſtrebt doch einem beſtimmten Zwecke nach, iſt noch von ſich ſelbſt getrieben; für ſich. Ich nicht ſo. Ein Rechtſchaffenheitsgedanke im Ganzen, dann die tauſendfach zerreißende und rein daniederſchlagende Erfahrung, wie jeder den andern in Mißgeſchick verläßt; ja, nicht an - hört; wie die menſchliche Natur dahin neigen muß; — machen mich zum geneigten Vertrauten eines jeden; und Alle miß - brauchen mich, und alle meine Stunden. Dieſer Raub ent - wendet mich meinem eigenen Leben. Lokal; Stellung; alte disappointments, Wurzelſchäden, mein eigner hochfahrender, und darum biegſamer Karakter thun das Ihrige. Man ver - geſſe nicht, daß ein biegſamer Baum im Boden feſt ſein kann. Gleich als ich Ihren theuern Brief las, hatte ich eine Antwort fertig. — Aber — ich mußte das Wichtigſte verſchieben, und erſt alles obenaufliegende Leben ableben. — — Ich Arme hatte Ihnen dieſen Sommer, ehe Sie in Embs waren, ein Vergnügen zugedacht; und mit heimlichen Wünſchen und Stolz dem Vater. Uns war ein junger, für den erſten Abord ſchüchterner, fremder Mann, Dr. Grüneiſen von Stuttgart, aus Bremen empfohlen. Dieſer hübſche junge Mann ſang ſo ſchön deutſch, wie ich es auf allen unſern Theatern — nur das Ihrige ſah ich nie, doch kenne ich Ihre Sänger —169 nie hörte, und überhaupt nie. Ich ſelbſt wagte nicht, Ihnen deßhalb — eine von den abgetragenen Dummheiten — zu ſchreiben, weil ich noch keine Antwort von Ihnen erhalten hatte; bat aber Frau von B. ſtürmend, es zu thun; die eben ſo eingenommen von dieſem neuen Geſang in unſrer Sprache war, und die es mir feſt und heilig für den andern Tag ver - ſprach: und viele Wochen hinterher ſagte, es ſei nicht ge - ſchehn! Ein Strom von Zorn entfuhr mir; in dem Fall hätte ich geſchrieben, das ſagte ich ganz hart. Genießen wol - len ſie Alle. Verſchaffen muß man’s doch auch, wo man alles Gute hinhaben möchte! — Solche Art auszuſprechen erahn - dete ich nicht einmal. Der junge Mann war ſchüchtern; und ganz unbefangen wenn man ihn zu ſingen bat, und wenn er ſang: und doch zurückhaltend. Dabei ſah er einem Bilde aus Leſſings Jugend ähnlich, das die Hofräthin Herz hat. Das Bild hat eine blaue Rechts - und Feuerſeele. Nämlich, präch - tige blaue Augen. —

— Ganz techniſch will er ſchon ſeine Stücke Philoſophie gebrauchen — Philoſophie ſchlechtweg mag ich nicht ſagen. — Er hat es vergeſſen, was er urſprünglich wollte: was einen Geiſt anregen kann und ſoll, zu ſpähen und zu ergründen; er iſt in einem Auswuchs Eitelkeit begriffen, gefangen, einge - gewachſen, der ihn nichts mehr vernehmen läßt. — Das Uni - verſum, und Gottes Geheimniß, ſind ihm eine große Apotheke, und er, und noch ein paar ſchon Todte, die Famuluſſe: und das in einer Konfuſion! — Nein! der iſt kein Lehrer für mich,170 in dem ich Gott verehre; den ich lieben muß, weil ihn Gott begabte, und ihm in Klarheit überließ, was uns Alle aufklä - ren ſoll; und der mit reinem, regen, ſtarken Willen bewußt - voll ausführt, wozu er erſchaffen! das iſt kein Fichte, kein Goethe, kein Leſſing, kein Saint-Martin! Solche vergöttre ich. Und beuge mich freudig in Stolz: ſie ſind ja mein Geiſt! Sie haben Recht in Ihrem Brief; es kommt am Ende nicht drauf an, wie ſehr es zu gebrauchen iſt, was die gei - ſtigen Entdecker und Erobrer erbeuten. Mehr, wie ſie das thun; in welcher Übereinſtimmung alles Beſitzes von Wahr - heit, und aller ihrer Seelen -, Geiſtes - und Herzenskräfte; und ob ſie nie ihren Zweck in den Wegen der Mittel hinſtellen. Das thun die großen Seelen nie; ſo wie wir noch Alle be - ſchaffen ſind, kann ein Geiſt auf ſeine eigne Hand hier nicht ſchaffen und hauſen. Wir müſſen uns betragen, wie uns Gott erſchaffen hat; und alle unſre Fakultäten müſſen wir einträchtlich machen, und ſo bearbeiten! Und hiermit iſt auch ein anderer großer ſchöner Artikel Ihres Briefes beantwortet. Wir ſind das „ Centrum: “ein uns gegebenes. Und nach welchem Strahl aus dieſem hin wir Gott konzepiren, ſo iſt es gleich; wenn es heimlich, ſtill, und urſprünglich vollbracht iſt. Die ſtärkſten Konzeptionen ſind wohl die, wo die meiſten Strahlen dieſer Art zuſammentreffen. Von beſſer aber kann hier die Rede nicht ſein. Hier iſt wieder nur das Beſtreben unſre intimſte, wichtigſte, befriedigendſte, beglückendſte Auf - gabe, und unſer Nöthigſtes. Wenn wir uns nun erſt Gott nach allen unſern Kräften vorſtellen, ſo iſt es doch nur nach kleinem Muſter und Konzeption. Drum ſind alle redliche171 Vorſtellungen gleich: und auch eine „ perſönliche “nicht uner - läßlich; eine Perſon wie Gott, das Bewußtſein des Alls, welches wir nicht ſind, kann doch nicht Statt haben. Was wollen Sie alſo? daß die Vorſtellung zu einer gegebenen Zeit paſſe? zu einer? zu Zeit? Uns vor unſerm eignen Un - vermögen beugen, an jeder Gränze von uns Gott finden, ihm unbegriffen vertrauen; wegen der Pfänder, die wir in Recht, Vernunft, und Mitgefühl in uns finden: ſolch Gutes! von ihm erwarten, daß wir’s uns gar nicht vorſtellen können, darum, weil wir uns etwas Gutes vorſtellen können; und alle Tage von neuem fleißig unterſuchen: — das iſt Gottes - furcht und Gottesliebe; auf Wahrhaftigkeit dringen: — Reli - gion verbreiten. Aber Bildervorſtellungen dahingeſtellt ſein laſſen! Wie Einer kann: aber nicht wie er will! — Künftig mehr, jetzt bin ich müde: ich bin mit noch nicht fertig.

(Mündlich.)

J. Was ſiehſt du ſo grimmig aus? Sanft mußt du ſein; ganz ſanft!

R. Ich bin nicht ſanft gemacht.

J. Nun, das läßt ſich verbeſſern. Du mußt umgeſchmolzen werden. Ich laſſe dich ſchmelzen, in ganz neue Form gießen.

R. (Nach kleiner Pauſe, raſch:) Und wenn ich geſchmolzen werde, weißt du, was ich dann thue?

J. Nun?

R. (Mit komiſcher Keckheit des Trotzbietens:) Dann — ſpritz’ ich aus der Pfanne!

172

Wenn nicht das Armſelige durchaus lächerlich und luſtig dargeſtellt werden kann, ſo verlangen wir von einem Theater - ſtück, daß es tragiſch endige, und ſind unbefriedigt, wenn wir gegen Ende deſſelben vorherſehn, es werden die uns bekannt gewordenen Perſonen das Werkeltagsrad weiter drehen helfen. Was iſt aber tragiſch? Nichts Trauriges; ſondern, Erhabenes. Der Tod. Der unendlich iſt; den wir einem andern Geiſt, als unſerm, überlaſſen müſſen.

Lies Goethe’s Verſe zur neuen Ausgabe Werthers. Wie große Schatten des ganzen beleuchteten Lebens, die rück - und vorwärts reichen, von reiner hoher Sonne erzeugt: traurig, wenn’s nicht zu erhaben wäre! Großer Mann! Großes Na - turerzeugniß biſt du Goethe. —

An Ludwig Robert, in Karlsruhe.

Schon vorigen Winter hörte ich mehrere Muſiken von Händel, und jedesmal war ich gleich erhoben und begriff nicht, wie auch nur drei Töne, für den Geſang von dieſem Manne geſetzt, unausbleiblich dieſe Wirkung hervorbringen! Buchſtäblich drei Töne. Er weiß ſie anfangen zu laſſen, in eine Folge zu bringen, daß ſie uns jedesmal entheben und auf ein Feld der Wehmuth, der Erhabenheit und Ergebung verſetzen. Lagrime; möchte man ausſprechen! Was iſt das?173 frag’ ich mich ſeit einem Jahre, wodurch bewirkt er dies; mit ſo kärglichen Mitteln! Welche ungeheure Eingebung, welcher tiefe, reife Witz läßt ihn immer neue einzige Kombinationen für die wenigen Töne, für die ſparſame Abweichung finden! Ich begriff und begriff es nicht! beſonders nicht, daß kein Komponiſt, nicht einmal der metaphyſiſche, gottesfürchtige, mit höchſtem Witz begabte Sebaſtian Bach mir dieſe ge - waltſam-ſanfte Verſetzung und Erhebung unmittelbar bewirke Ich hörte vor wenigen Wochen wieder die Makkabäer von ihm und empfand das alles wieder durch, ohne Aufſchluß. Geſtern Abend ſang bei Fr. v. Redtel Fräulein Reichardt eine Arie von ihm, (die du auch gehört haſt und die man mir durch deinen Beifall empfehlen wollte,) vortrefflich. Die - ſes Stück, ein Meiſterſtück von gehaltener, gelungener Vollen - dung brachte mich auf die Spur, wie es mit Händel iſt, und ich danke es Fräulein Reichardt unendlich. Nämlich, es iſt diesmal wie mit uns Kreaturen immer, und wir irren über uns ſelbſt immer von neuem, weil wir uns nicht recht, in allem Sinne recht — betrachten. Witz: der Geiſt, den wir haben, der wird nicht mehr, nicht minder, nicht ſtärker, nicht ſchwächer. Nur ob wir ihn freilaſſen oder nicht; das iſt die Frage. Freilaſſen iſt hier: in das Gebiet ſtellen, wo er wir - ken ſoll: denn er wirkt ſtets. Händels Muſik ſtellt uns in das Gebiet höherer Wehmuth: ſie weint, ſeine Muſik, aber les larmes de la charité. Nicht Leidenſchaftsthränen über Zu - ſtände hieſiger Lebensverhältniſſe, ſondern die großen Thrä - nen der Kreatur überhaupt; die der unmittelbaren Sehnſucht nach einem Urzuſtand; er führt uns in die Gefilde der Erge -174 bung, des ſtillen Nachſpürens, der höheren Hoffnung und einer andern Ruhe, als die des Ausruhens: in eine Vorſelig - keit, deren Atmoſphäre, — Lebensbedingung, — Unſchuld, reinſtes Wollen und Streben, und dayer ſchon Ruhe iſt. Er iſt mit ſeinem Talente auf das Gebiet des eigentlichen Witzes hingeſchwungen, wo wenig viel iſt, alles immer mehr Eins wird; er, Händel, braucht keinen Witz mehr; er iſt erhaben.

Mag dies, was ich über Händel nun erdacht, ausgeführt werden, oder nicht! So muß es angeſehen ſein: das iſt mir gewiß.

Glaube nicht, daß ich das Wort: „ der metaphyſiſche “Sebaſtian Bach, nur à tout hazard gebraucht habe; es ſcheint ſo und darum will ich mich deßhalb rechtfertigen. Manchmal gebraucht man bei einer Gelegenheit einen exagerirten Aus - druck aus einem heterogenen Gebiete mit Bedacht, um ſo - wohl für ſich ſelbſt, als Andre verſtändlich zu werden; dies - mal iſt das nicht der Fall. Metaphyſik iſt doch: Überphyſik; wenn wir die handhaben, ſo iſt das doch nichts andres, als die Natur unſrer Gedanken erwägen, ermeſſen, mit Gedan - ken; und die Geſetze, die wir da entdecken, ſind reine Har - monie und am Ende Beziehung auf ein Unbekanntes, Ge - ſetzgebendes, — welches nicht nur allein Geſetzgebendes in die - ſer Beſchränkung ſein wird. — So iſt es, wenn ein Meiſter, ohne Gemüthsbeziehung in den Tönen untereinander ſelbſt, wirkt und dichtet; ſo thut Sebaſtian Bach oft, und darum nenn’ ich ihn den metaphyſiſchen. So ohne Gedanken geſchah es nicht. Punktum!

175

Nichts in der Welt fatiguirt ſo, als nachlaſſen und im - mer nachlaſſen: und unaufhörlich unſre Nachſicht ausüben zu ſollen! Wir wollen in Erregung, in Erſtaunen geſetzt ſein, im Guten oder Schlimmen. Ein Vorurtheil ſtolz und breit ausſprechen zu hören, wird unerträglich, wenn nicht wenig - ſtens die Perſon, die damit aufzutreten wagt, es ſelbſt erfun - den hat. Aber wenn unaktive Köpfe, einer nach dem andern, nichts andres thun, als bloß das Überkommene wiederholen, dann fühlt man ſich auf’s äußerſte und bis zur Racheluſt gebracht! —

Ich war irre, mit Vielen, bis jetzt über Freundſchaft, oder vielmehr über Freunde. Nicht muß ein Freund dem andern ſo viel leiſten, als dieſer ihm. Solches handelsmäßige Verfahren mag in allen übrigen Verhältniſſen Statt finden! Unſre Freunde ſind die Gleichgeſinnten, die wir, wie uns ſelbſt, müſſen ehren können; Freunde ſind Menſchen, die von einander überzeugt ſind; aber bald muß der eine, bald der andere alles leiſten, ohne Kalkül anzuſtellen, und je etwas dafür zu erhalten, noch zu erwarten, noch in ſich zu fordern. Und ſo iſt es auch in der Welt; wir haben Freunde, denen wir leiſten, und Freunde, die uns leiſten; und dies nach den verſchiedenen Naturen der Menſchen und ihrer Lage gewähren zu laſſen, grade darin beſteht die Freundſchaft. In allen andern Verhältniſſen herrſcht ja ein offenbarer Handel Ein Freund kann nur ein verehrtes176 Weſen ſein, von dem wir, der Natur der Verehrung nach, nichts verlangen. Was wäre er ſonſt?

Es wird faſt unglaublich, wenn man Belmonte und Kon - ſtanze hört, daß es nicht an einem ſüdlichen Meeresufer und üppigen Aufenthalt komponirt ſein ſollte! So durchaus herrſcht nur ein und dieſelbe Eingebung und Stimmung darin, die auf ſolche Lokalität bezogen ſein wollen. Dieſe haben ſo mächtig gewirkt, und gleichſam eine organiſche Geburt zur Welt gefördert, daß auch Mozart die wenigſten Mittel zur Ausführung dieſes Werks vor allen ſeinen andern gebraucht hat. Vollſaftig, möchte man ſagen, fließt ihm eine gleichſam von Sonne gereifte üppige Sprache der Muſik zu! Hitze, Liebe, das Wälzen in Pracht und Müſſigkeit, Luxus, Zorn, Sklavenwohlſein, Waſſerfahrt, orientaliſche Hofunterwerfung, Wetter, Freude, Liebesſtandhaftigkeit, die Ironie darüber, ein ganzes Wühlen von Leben auf einen gewöhnlichen Text, er - ſchuf ſich in dem Dichter, und ohne ſeine, ohne unſere An - ſtrengung theilt er uns dies freudige Werk mit, ſein einge - bungsvollſtes; Muſter von Heiterkeit, weil ſie voller Leben ohne Suchen danach iſt. Nach den vielen durch Mozart hergekommenen Nachahmungen eine wahre Erholung noch obenein! —

An177

An Frau von Grotthuß, in Oranienburg.

Trübes, graues, naſſes Herbſtwetter; wärmliche, unbe - ſtimmte Temperatur. Sehr ſchwarze Straßen.

Seit vorgeſtern, oder vielmehr vorvorgeſtern Abend, als ich deinen Brief erhielt, theure Grotta, will ich dir antworten, und — iſt’s glaublich — bin ich daran verhindert! Ein gro - ßer Beſtandtheil aller Verhinderung iſt meine poſſirliche Ge - ſundheit. Mit kürzeſten Worten: nicht zweimal die Woche mehr — ſo wechslen bizarre Übel, Kriſen, Nerven - und Rheuma-Tollheit in mir ab — hab’ ich drei - bis vier - minutenweiſe ein Erinnerungsgefühl — und gleich, und mir alsdann nicht gleich erklärliche Munterkeit — von Ge - ſundheitsgefühl! Auf Ehre und Gewiſſen, leider! buchſtäblich wahr! Das Abgeſchmackteſte iſt aber, daß ich die Feder ohne höchſtes Echauffement nicht führen kann. Welches mich in meinem ganzen geiſtigen Wirken und Treiben ſtört, meine Korreſpondenzen ſo gut wie aufhebt; alles, was ich ſonſt zu Papier brächte, ſo gut wie getödtet hat; und ſchlimmſtens, das, was ich dennoch ſchreibe, komplet entſtellt. Da ich nur zu ſchreiben vermag, wenn eine gewiſſe Entzündung in mir Statt hat, die Geiſt, Erinnerung, Kombination und Einfälle hervorbringt, in Licht und Bewegung ſetzt; ſo ſtört ein kör - perliches Hinderniß vollkommen dieſe ganze Operation; ich habe keine fertige Gedankenpläne zur Ausarbeitung in mir vorliegen: ſondern Einfall, Anregung, Gedanke, Ausdruck, iſt alles eine und dieſelbe Exploſion und ein Fluß. Hab’ ichIII. 12178nun eine ſchlechte Feder — die mich noch mehr irritirt — oder bin nervenzitternd bis zur Bläue — welches nach der erſten Seite Statt hat — erhitzt, ſo wird Phraſe, Wort, Ausdruck, Form und Reihe der Gedanken, Periode, Ton des Ganzen, davon affizirt; kurz, holprig, fließend, gelinde, ſtreng, ſcherz - haft, ruhig: je nachdem! Und beinah immer brech’ ich mitten im Erguß, ihn ſelbſt, oder ſeinen Ausdruck ab. Dieſes für mich große Übel hat auch dir oft die ſchönſten Briefe vorent - halten: und einmal, Freundin! wollte ich dir es doch vor - ſkizziren. — So hätte ich dir vorgeſtern gewiß ſehr gut ge - ſchrieben, denn ich war ganz voll von deinem Brief. Freund - ſchaft iſt kein leeres Wort! Goethe definirt ſie in der Elegie ſo: „ Freunde, Gleichgeſinnte, nur herein! “und ewig frap - pirte mich dies Wort; und gleich, für ewig. Was ſind Freunde? Gleichgeſinnte. Und wo kann der Menſch, die Kreatur, am Ende aller Dinge hin, als zum Geiſt der Geiſter. Über dieſe Gegenſtände müſſen Freunde — wie wir ſelbſt — ſich beſprechen; der Tod, als das Aufhören alles Seins, welches aufhören kann, muß uns an das Abſolute mahnen, und dies an unſre höchſten Gedanken: und in und bei dieſen müſſen wir Gleichgeſinnte haben; dies iſt der höchſte Punkt der Ge - ſelligkeit, und der tiefſte: und daher der Quell und das Mobil aller, noch ſo geringfähig ſcheinender. Alſo, Liebe, iſt es na - türlich, und mit Recht, daß du an mich dachteſt, als du dein Übel für ernſt halten mußteſt; und das iſt mir ein großer Troſt. Dazu iſt Sprache, Mittheilung, und ihr Werkzeug Vernunft — ohne ſie kein Verſtändigen, keine Bürgſchaft — und das Herz, die große Uhr, die auf Wohl und Weh zeigt. 179Kurz, das höchſt-Menſchliche und das Höchſte für den Men - ſchen. Pauvre humanité! ſagt Mad. Staël. Laß dieſe Män - nerworte, wie ſie mir gerathen ſind, dir als Zärtlichkeiten die - nen! Es geht! da du weißt, daß ich auch zärtlich bin. Gewiß, liebe Sara, wäre ich gekommen; ſo wie du’s ernſtlich wünſcheſt, und es dir wahrhaft Troſt iſt. Nur damals, als du ſchreiben wollteſt, war ich ſelbſt ſehr übel. Doch iſt es auch mir genug, daß du mich wollteſt. — Wir haben einen ſehr originellen, verſtandvollen Fremden hier; Fürſt Kosloffsky, Ruſſe, geweſener Geſandter in Turin, Stuttgart, Karlsruhe; in Frankreich, England, Italien zu Hauſe; voller Leben und Geiſt. Er iſt weit über die ſogenannte große Welt hinaus; bedarf ihrer aber, ſo wie großer Konverſationen, und eines großen Intereſſe’s. Seine Geburt öffnet ihm alle Salons, da hat er die große Welt, die große Konverſation macht er dort ſelbſt, und für ſich allein; und bei ſeinem ungeheuern geſell - ſchaftlichen Ehrgeiz ſchafft er ſich, ebenſo für ſich allein, auch ein großes Intereſſe, mit kleinen Mitteln. —

An Alfred Graffunder.

Morgen Abend kann ich Ihnen ſehr etwas Hübſches zei - gen, wenn Sie zu mir kommen können. Ich rathe es Ihnen. (Auch meinetwegen; denn es that mir vorgeſtern ſehr leid, Sie verwaiſt bei mir gewußt zu haben; ich bin die Mutter in meinem Hauſe: wenn ich nicht da bin, ſind die Kinder in12 *180den müßigen Stunden ganz irre.) Das Hübſche iſt ein Menſch; und der Menſch ein Mädchen; und das Mädchen, Mlle. Bauer.

Wenn Sie morgen kommen, ſo hält Sie das nicht ab, auch übermorgen zu kommen; ich muß Sie vielleicht auch auf übermorgen bitten: doch das entſcheidet ſich erſt morgen, wenn Sie da ſind. Iſt das Freundſchaft? Kann nun nicht ohne alle fernere Verſicherung mein Namen plumps daſtehen?

Friederike Varnhagen.

Beinah werden nur die Leute alt, die nichts als jung waren.

Wahres Unglück iſt nicht das, welches einem Menſchen als Unglücksfall überkommen muß, und welchem wir als ſolche ſtets ausgeſetzt ſind. Unglück iſt das Unangenehme, in allen Lebensmomenten Drückende und Hemmende, welches nothwen - dig aus einer gegebenen Lage ſich entwicklen muß: aus Ge - burtsſtellung, aus der Karaktermitgift — Konſtellation unſrer Eigenſchaften in jedem Sinn, — Körperſchönheit und Geſund - heit; oder deren Mangel u. ſ. w. Dagegen kann der Menſch nicht ſelbſt an; ſondern ein Höherer; wir können nur dieſe Fälle erkennen lernen, als Fakta, die uns als dieſen beſondren Menſchen begegnen müſſen: und uns darein ergeben, als in ein Unvermeidliches, und ein doch Troſt enthaltendes, als eben ſo nothwendig auf Neues, Hohes und Unbekanntes ſich Be -181 ziehendes und darauf Begründetes. Und weil wir die Gründe zu dieſen Fakta nicht kennen können, ſo muß da dann immer das Gemüth eintreten; heißt: ſich aus Bedürfniß — welches eigentlich wir ſelbſt ſind — einen Grund, eine Vorausſetzung in einem andern Gebiete ſchaffen — faſt erſchaffen, — und das mit Recht. Wo wir herſtammen, und wo wir hinſtrö - men, das ſind ſo gut Glieder von uns, als die, welche wir im zeitigen Gebrauch haben. „ Wer nicht verzweiflen kann, der muß nicht leben! “ſagt auch der Mann, der — und auch aus dieſem Geſichtspunkt mein’ ich — am vielfachſten, was uns Menſchen betrifft, gehandhabt, erwogen, und ergründet hat, mit Herzens - und Geiſteskräften, und der ein geſundes Menſchenkind geblieben iſt, wie er anfing, mit allen derben natürlichen Anſprüchen. Goethe ſagt’s. —

Es war mir ſchon lange zuwider, verheirathete Prieſter zu ſehn; und ich konnte mir auch manchen Grund davon an - geben, aber keinen vollſtändigen. Nun ſind mir aber die Gründe dieſes Eindrucks plötzlich erhellt, durch einen Blick auf die jüdiſchen Prieſter, deren Ehen mir nicht ſtörlich vorkommen. Ein Prieſter Israels, Moſes vorauf, war ein prophetiſcher; ein Geſandter, Auserwählter, ein Verkündiger; ohne ſein Zu - thun, ohne ſeine Wahl. In einem Stamm pflanzten ſie ſich fort. Moſes empfing und verkündete Geſetze: ſtrenge, ſcharfe, bei Strafe: ohne Raiſonnement; von Gott aus, eine Religion alſo, für Kindermenſchen. Der Chriſten Lehre iſt eine Phi -182 loſophie denkender Menſchen, (wenn auch Viele ſie nur vom Herzen aus, ohne helle Gedanken befolgen, und in ihr leben können), ſich gegen die Bilder und Intereſſen dieſes Lebens wehrend, ſie nur immer zum Genuß für den Andren; und zum ethiſchen Gebrauch ſeiner ſelbſt anwendend: deren Prieſter ſind Lehrer und Prediger, und auslegende Bekenner: und müſſen rein und einſam, wie ein abgeſondertes klares Bild gegen blauen Himmel geſehn werden! nicht in Luſt und Leid, in Lebensplage, Verwirrung, unter leidenſchaftlichem Einfluß von einem Weibe und Kindern, und nothwendigen Rückſichten auf dieſe. Solcher Prieſter iſt nicht auch Kämpfer, Geſetzgeber, liſtbedürfender Führer kämpfenden, kindiſchen, unartigen, Gott fürchtenden Volkes; er iſt ein weiſer Philoſoph, dem alle Möglichkeiten erſchloſſen ſind, und der ſie erſchließt; ein Rei - ner beſonders, der im vollen Wiſſen durch reines Wollen unſchuldig bleibt. Solcher kann nur das eine Verhältniß des Lehrers, Ermahners, und des Exempels erfüllen.

Nur wenn man in die chriſtlichen Lehren, und in ein chriſtliches Daſein, die alten Lehren, die nur Religion waren, an die Chriſtus ſich noch ſchloß, noch miſchen will, entſtehn all die Widerſprüche, mit denen wir noch kämpfen müſſen: und die die allverbreitetſte Philoſophie erſt vertilgen wird; die, welche durch und ſeit Chriſtus in die Stelle unverſtandener Religion geſtellt wurde.

„ Un homme croit avoir tout fait quand il a épousé une femme; et cela n’est que le commencement de l’oeuvre; il “183doit lui faire oublier qu’il l’a épousée!” Hört’ ich einmal im Streit ſagen; wer’s geſagt hat, ſag’ ich nicht.

(Mündlich.)

„ Die Reſultate der Weltweisheit ſtehen bei mir immer aufgeſchirrt, die müſſen ſich vorſpannen, und mich fortziehen; ich ſitze bequem im Wagen. Sie haben mich wahrhaftig ge - nug anzuſchaffen gekoſtet, jetzt müſſen ſie dafür auch Dienſt thun. “

Unſre Handlungen ſind die Kinder unſres Geiſtes. Ein - mal empfangen, gezeugt, wiſſen wir nicht mehr, was aus ihnen wird; und wie ſie auch werden, müſſen wir ſie uns ge - fallen laſſen: ſie haben ein ſo ſelbſtſtändiges Leben, daß ſie uns auch umbringen können. Unſelig machen ſie oft unſer ganzes Leben. Sie haben wieder Kinder, und werden zu gan - zen Geſchlechtern.

Ob ich weiß, was Naturwiſſenſchaft iſt.

Naturwiſſenſchaft iſt derjenige Erkenntnißweg unſeres Geiſtes, wo wir das Weltall im Großen betrachtet und der Natur unſrer Gedanken gemäß entwickelt, als Ausgangspunkt184 anſehn und annehmen. Die ganze, große, für uns vorhan - dene Welt muß ſich für unſere Gedanken beleben und leben - dig werden; nicht hier und da nur, und ohne unſer Zuthun auf uns wirken. Eben ſo wie wir den Begriff von Organi - ſation einmal auf irgend einen Gegenſtand in der Natur bezo - gen, aufgefaßt haben (als ein ſowohl ſich ſelbſt, als eines Zwei - ten benöthigtes und ihm genügendes — gleichſam ein erkenn - bares reservoir von niedergelegter Intelligenz, welches auch wieder intelligent wirkt — Organiſation:) eben ſo muß ſich Erde, Himmel, Atmoſphäre, Sterndecke, die ganze vernehm - bare Natur für uns zu Einer großen aus Organiſationen be - ſtehenden Organiſation hervorthun; die höchſte Blüthe dieſes großen Werkes ſich als Bewußtſein ergeben; deren höchſte Blüthe wieder die Vorausſetzung über ihnen ſelbſt ſtehender Organiſation iſt (und ſie ſelbſt bedingt). Alſo: göttliche Ge - danken und Hoffnung. Alſo: mehr als das Weltall, weiter - getrieben Analogieen. Der Geiſt findet ſein eignes Verfahren wieder in den Spuren des Verfahrens der Natur, der er nach - ſpürt; dieſelbe Zwangsregel, die bei ihm durch Einſicht und Zuſtimmung zur Freiheit wird, welche bei uns Menſchen ſich nur als Zuſtimmung äußern, ja geſtalten kann.

Es iſt nicht Unrecht, wenn der Menſch dieſen Weg des Erkenntniſſes wählt, weil er ſich gleich von Gott ſelbſt auf den Punkt geſtellt findet. Der Menſch überhaupt, wie wir ihn von je kennen, hat es auch immer gethan: Einzelne aber können gar bald von der äußerlich vernehmbaren Welt mit ihren Gedanken abkommen, und mit einem kleinen Vorrath davon bald nach innen unmittelbarere Fragen aufſtellen; weil185 ſie bald ſehen, daß ſie dahin doch kommen müſſen. Mit un - ſerem eigenen Geiſt erkennen wir ja doch nur den, der in der Natur niedergelegt iſt, und nur nach Maß dieſes unſeres Geiſtes. Erfreulich und tröſtend iſt es alles übereinſtimmend, und dies immer mehr ſo zu finden: die Details davon kurios und lebensnützlich; die Entdeckungen darin aufſchlußreich; halbe Offenbarungen; aber nie noch eine ganze. Weil unſer Höch - ſtes, eigentlich Lebendiges, Einziges, wo auch wir eine Schöp - ferſtimme, wo wir eine Wahl haben, wo wir richten; noch nicht in der Natur gefunden worden iſt: Recht und Unrecht nämlich. Das einzige Gebiet, wo von Traum nicht mehr die Rede ſein kann; weil wir auch in ſolchem Traum dennoch leben würden. Hier nur ſind wir gewiß: und das iſt jene Welt in uns: mitgebracht, konſervirt, erhalten. Pfand für Daſein. Ein Ewiges, ohne alle Zeit. Dies iſt unſer Weg. Auf dieſem werden wir Neues, immer Göttlicheres, Herrli - cheres, Glänzenderes, Unterhaltenderes finden. Dieſer große Schatz für jetzt; vielleicht für ferner, ein geringer Anfang! aber reel.

Will uns Steffens zeigen genau und durchgängig, wie und wozu Gott die Natur in uns gebraucht. Was die Erde vorſtellt? Schöne Lehre, aber keine abſolute.

Es giebt ganz gewiß eine Kombination, in welcher man auch hier als Menſch noch ganz glücklich ſein kann. Auch nach dieſer ſchmachten wir; und mit Recht. Ich laß es mir nicht ausreden. Glückſeligkeit iſt in, außer, neben uns, durch186 uns und ohne uns zu finden. Wer dagegen ſtreitet, vergißt bloß die Bedingungen dazu: und denkt, ich habe ſie auch ver - geſſen. Die Bedingungen ſind ethiſche, und auch andere.

Alſo Nordoſtwind. Im Winter war wärmliches Wetter.

— Sie kennen mein Leben durch früheres Mitleben. Es koſtet mich, de ne vivre — d’une certaine manière — que de privations; wenn auch die Andern meinen, ich hätte nur nicht ſolchen erhabenen gusto! zum elegant und vor - nehm leben, wie ſie, die ſich armſelig aufſpreizen für gewiſſe Tage, um an den übrigen hinter dem doch nur elenden Schein ſich noch armſeliger zu verkriechen! — Wem ſoll ich es ab - ſparen? Nur mir. Almoſen, Geſchenke, Generoſitäten, gehen ihren Gang, mit den obliquen Ausgaben! — les imprévues, les incalculables nenne ich ſo. — Aber, all dies iſt mir lieber als falſche Aufſpannung, und Schulden. Ich habe keine. Alſo Privation, und Ruhe. Und dafür noch große Dankbar - keit. Für Hoffnungen bin ich ſchon ſtumm im Innren. Aus - ſaat in meinem Alter? (mit meinem Schickſal?) da muß man ärnten! Aber auch ich ärnte. Goethe ſagt; und ich weiß lange: „ Wer nicht verzweiflen kann, der muß nicht leben! “ Ich bin ein Meiſter im Verzweiflen, und nun leb’ ich erſt ruhig. Wenn man mir den Tag, die Stunden, die Muße nicht vergiftet, mich, ohne Vergnügen, ohne erfüllte Ei - telkeit, ohne Herzensnahrung, ohne Augenweide, ohne Genuß irgend einer Art zufrieden läßt, ſo bin ich vergnügt. Mein jetziges Leben iſt ein Ausruhen, wenn man mir Ruhe läßt. 187Verſtehen Sie? Auch braucht mein geſchwächter lieber Körper viel Ruhe. Der arme treue, hat alles ausſtehen müſſen. Er iſt ſehr hin. Und doch noch brav: er will noch immer ge - ſund ſein. Auch er war vortrefflich. Ich bin mit meinen eigenen Gedanken, Einfällen, Anſichten vergnügt — wenn man mich nur zufrieden läßt; aber — und kann keine Re - chenſchaft darüber geben. Ein wogendes großes Meer, mit ſchlechtem und gutem Wetter; mit, ohne Sonne, mit tiefen Farben, Spiegelungen, Geheimniſſen, Produktionen, Dünſten, Gewölk; Empörung, Himmelsruhe! — Mit keinem Menſchen denk’ ich über gewiſſe Dinge gleich: beſpreche mich mit Vielen über vieles. Viel mit Varnhagen, und doch wie verſchieden. Daß ich mit dem Wetter in unſerm Klima nicht mehr zuſam - men ſein kann, keinen Garten habe, iſt ein ſich über alle Stunden erſtreckender Verluſt. Doch freue ich mich alte Übel los zu ſein, als unſinnige Liebe; die wir Unſeligen in Andern ſuchen, anſtatt uns an der, die wir für Andre ha - ben, zu ergötzen. Nur um dies recht zu machen, möcht’ ich noch Einmal jung ſein. Jung möcht’ ich ſchweigen wie jetzt: das muß herrlich ſein. Auch dumm. Ich könnte noch eine Stunde dafür und dagegen ſprechen. — Lebten wir im Grünen dieſen Sommer zuſammen, ehe wir nach dem ſtum - men finſtern Tod kommen! Ein anderes Leben, iſt für dies hier: der ſtumme finſtre Tod. — Alle Tage leſe ich zwei Pa - riſer Zeitungen; das unterhält mich ſehr. Im Ganzen ge - nommen, geht es überall ziemlich gleich. In Amerika nur geſtaltet ſich in etwas eine neue Art Leben. Es kann auf den alten Mauern kein anderes, als das alte Gebäude entſte -188 hen, ohne immer wieder umzufallen. Eitelkeit, Prahlerei, mehr Ausgeben als man hat, Lügen: was ſoll ſich daraus ergeben, als der alte vergoldete Quark. „ Entweder auf einem Bal - dachin getragen, oder ein Sklav! alles andre, ein bischen rauf, ein bischen runter, ein bischen gedrängt, das iſt nichts. “ Entweder das: oder die höchſte Poeſie, d. h. Philoſophie: oder wenn man will die freundliche Religion in wahrer Ausübung. Die Welt heilt ſich, ſo nach und nach! Aber zu heilen iſt ſie nicht! —

„ Avoir de l’esprit! l’esprit, c’est peu de chose!” disait hier M. Cousin. C’est vrai, c’est peu de chose: mais ce qui constitue l’esprit n’est pas peu de chose: l’harmonie des dons de l’âme, l’accord et la proportion de ces dons, qui permet d’agir à l’esprit que vous avez; voilà ce qui donne de l’esprit ou qui en prive.

Schnee und Kälte.

Steffens Anthropologie. Zweiter Band, S. 310. Von Sprache: „ Hier iſt es, wo wir dem Räthſel der enthüll - ten Freiheit näher treten. “— „ Allerdings war die Sprache ſchon da, eh ſie laut ward. “ Alle Dinge reden, thun ſich dar. Menſchen aber ſprechen andere Dinge aus, als hier zu finden ſind; daher allein ſprechen ſie. Sie beziehen das hier Vorgefundene auf etwas Unſichtbares, nicht zu Faſſendes, auf eine dunkle, aber zwingende Erinnerung; und da dieſe abſo -189 lut-wirkender, als alles hier Anzutreffende iſt, ſo regiert ſie uns: und wir fehlen jedesmal, wenn wir dies verkennen, oder nicht beachten. Daher iſt es, daß wir den Urſprung der Sprache nicht ergründen können. Wir erheben alles hier Wahrgenom - mene zu ihr; aber nicht ſie entſteht daher. Daher iſt ſie ar - tikulirt: heißt, mit Willkür (Wahl, zu einem Zweck) verſetzt. Ein Spiel iſt ſie; eine Kunſt, an und für ſich: etwas, was ein anderes vorſtellen ſoll; zu welcher ſich wiederholenden That wir ein Zwingendes in uns haben, einen Wiederherſteller ei - nes Zuſtandes, der in den Bedingungen, unter welchen wir da ſind, nur als eine Idee ſich darthun kann, die wir immer von neuem wieder ausdrücken wollen. (Dieſen auszudrücken - den Zuſtand haben wir durch keinen Sündenfall verſcherzt. Da liegt ein anderes Myſterium, als was wir erfinden kön - nen. Dem ſich unerklärt unterworfen, iſt Demuth, und Glau - ben an den höchſten Geiſt.) Thiere drücken nur ihre Zuſtände aus: artikuliren auch nicht. Menſchen drücken das Verhält - niß der Verhältniſſe aus. Erſte neue große Stufe. Ganz neues Gebiet. So macht auch der Menſch Muſik, er läßt ſie nicht bloß hören. Er ſtellt in ihr durch Töne und Folge derſelben hieſige und andere Zuſtände dar: und zeigt auch das Tonverhältniß an ſich: und gebraucht die Töne durch allerlei Nachahmung zur Muſik: aber bei allem, was er geiſtig leiſtet, kommt das große Unhieſige immer wieder vor. Der Menſch hat das bischen „ Wahl “(Goethe): was iſt ſie aber? Der kleine Raum, in welchem er Mitgebrachtes und hier Vorge - fundenes vergleichen kann. Sein ganzes menſchliches Gebiet iſt nur dies: und ein klein bischen Witz macht es zur unend -190 lichen Beſchäftigung! Wie wäre ein wirklich ſchaffender Witz erſt anzuſehen! Warten. Unterwerfung. —

Iſt wohl je ein ſchöneres Wort gegen die Lüge ausge - ſprochen worden, ein gründlicheres, naiveres zur Natur ſtimmen - deres Wort für die Wahrheit — immer gefunden von der Wahr - haftigkeit — als das: „ Die Lüge befreit nicht die Bruſt, wie jedes andre wahrgeſprochene Wort! “von Goethe’s Iphigenia. Ehre alſo der deutſchen groben Redensart, die daſſelbe aus - drückt: „ Das lügſt du in deinen Hals hinein! “

An Ludwig Robert, in Karlsruhe.

Regenwetter, mit Aprilſchauer von Wind und Hagel, mit öfterm Trocknen des Pflaſters; nach bedeutender, hellen Staubhitze. Wetter wie bei euch; und allerwärts.

Fieber hab’ ich, aus Sorge dir noch immer nicht ge - ſchrieben zu haben! Du glaubſt es. Immer mehr häuft ſich auf, was mitzutheilen, zu ſagen iſt: ein Brief von euch ſogar liegt ſchon mehr als vierzehn Tage vor mir, und doch konnte ich vor Schwefelbäder-Echauffement, Menſchen, Ereigniſſen, Beſuchen, Fremden, kurz, vor Lebenswellen, die zum Strom wurden, nicht; durch alle aber wär’ ich ſiegreich durchgeſchwom - men, einen Brief an dich hoch in der Hand haltend! Aber meine Unfähigkeit, grade zum Schreiben, iſt zu bedeutend, war es in der letzten Zeit zu beſtimmt: und grade wenn ich191 vollgepfropft von Antheil, Liebe und Mittheilung bin, wie zu einem Schreiben an dich, ſo wird aus einem rethen Echauf - fement ein blaues. Um „ die Macht der Verhältniſſe “ſehn zu können, blieb ich ſieben Tage vorher komplet zu Hauſe: damit mich keine Erkältung attrapire, die ſtündlich, und von jeder Luft provozirt wurde. Es iſt mir gelungen, und ich bin völligſt belohnt worden. Ein ſolches ſchönes Stück iſt mir lange nicht vorgekommen. (Ich weiß grade zu ſchätzen, was ich nie vermöchte.) Es iſt nämlich ſo vor - trefflich gemacht; (gedrechſelt und kombinirt in Überlegung.) Ein unüberſpannter und doch ſpannender Ton des Geſprächs, der die Ereigniſſe herbei führt und auf die richtigſte Art von ihnen herbeigeführt wird, wäre hier ſchon ganz kunſtvoll, wenn er auch nicht ſo ſelten wäre, daß er beinah nie anzutreffen, und es daher eine Kunſt iſt, ihn irgendwo zu finden! Die Scenen ſind vortrefflichſt geſtellt in ihrer Folge und Symme - trie: und manches daher hat auf mich eine Wirkung gemacht, wie noch nie etwas auf der Bühne — ſo überlobend wir ſeit Jahrereihen auch manches zu ſetzen belieben: wo mein Reſt, immer Schweigen war. — Nur zwei Züge — coups — zum Beiſpiel. Wie Weiß den Abend allein im Zimmer den Major erwartet, und die Sterne anredet, und den Major anſichtig wird, der ihn unterbricht. Von größerm Effekt hab’ ich nie etwas erlebt. Das iſt Illuſion. Es war ſo, daß ich dachte, Devrient ſieht Rebenſtein; den Menſchen Rebenſtein. So vortrefflich iſt es; und ſo vortrefflich machte es der arme kranke, zittrende Devrient! Wie richtig, wie glücklich, den Weiß hier unterbrechen zu laſſen: das iſt ein coup de théâtre,192 parce que c’est un coup de vérité; in Handlung mit Wor - ten bewerkſtelligt und ausgeführt. Der zweite trait iſt der: wie die Gemahlin in das Gräuelunglück mit der Begnadigung herein tritt, und ihr Glück nicht in die Vernichteten Eingang finden kann; und ſie erſtaunt, gehorſam, ſittig, artig, weib - lich — hier weiblich — fragt: „ Hab’ ich Unrecht gehabt, ohne Ihre Erlaubniß nach dem Schloſſe zu fahren! “ꝛc. Wenn die Nichtigkeit bis in’s tiefſte Elend, in die Auflöſung hineinreicht, der Zwang, das Äußere, die hohle Form, die ſchlechte, immer gewährte Anforderung, das Bequemen des Beſſern; und wenn gezeigt wird, — und nicht geſagt —, daß dies alles den Gräuel ſelbſt bereitete! das iſt wundertra - giſch! Nicht Betrachtungen vom „ Schönen auf der Erde. “ Gott verzeih mir meine Sünde! Es lebe Schiller! den mein Herz ehrt. Ich meine ſeine Nachbeller; und ſtupiden Logiſten und Parterriſten. Die Schröck ſagte dies göttlich. Wie wirklich. Dieſer Zug iſt als würde eine Decke aufgehoben, wo die ganze Vergangenheit dieſer Leute gezeigt würde; und der ganze nichtige Urſprung der großen Tragik! Das iſt Tra - gik. Unſre Nichtigkeit; wenn wir nicht aus dem Grund leben. Die Devrient-Komitſch ſpielte nicht, war das Mäd - chen: es iſt nicht möglich, den Brief über den Prediger beſſer zu leſen: die Freude, daß er lebt, konnte in dem erſchrockenen Körper nicht hervorbrechen; die Seele nur nahm ſie auf, mei - ſterhaft! Die ganze Scene vollkommen, von beiden. Nach - her hätte ich Kleinigkeiten von ihr noch anders gemacht. Mlle. Bauer die Comteſſe ſehr gut. Völliger Adel: komplet edel und jung. Und — Wunder! Lemm, der mich auf demZettel193Zettel erſchrak: äußerſt gut?!? Welchen pour le mérite ſoll ich aber Beſchort geben?! — nicht, daß er die großen Haupt - koups wie ein Erſter ſpielte, ein ganz Erſter. Aber welche Kunſt, welche Gewalt in den unſcheinendſten Momenten ganz zu zeigen, welcher Mann der Miniſter, ſeine Zeit, ſeine Ver - hältniſſe, ſeine Denkungsart über alle Dinge iſt! mir ein Räthſel. Er war es. Wirklich! Nichts empört mich ſo, wie ein Akteur, nichts bewundre, verehr’ ich ſo, als einen guten. Die ganze Aufführung ein Gelungenes. Devrient frappirte mich unangenehm beim Auftreten; Holzſtimme, Perſon, alles. Aber wie benahm er mir das. Ich war ganz zufrieden. Aber ſeit der Sitzung der zweiten badiſchen Kammer (1819.), wo man (Winter) dem Adel alles in’s Geſicht ſagte; habe ich ſolche Emotion, ſolches Herzpuffen, ſolches konvulſiviſches Schluckſen nicht erlebt. Und nur die zweimal im Leben. Schul - ter an Schulter ſaß ich mit einem Offizier: das erhöhte alles. Dies einmal mündlich, oder künftig: heute bin ich ſchon zu blau. Das Publikum war ganz erſchüttert: es war voll; und das beſte drin. Daß das Stück ſelbſt aus unſerm geprügelten Herzen erwachſen iſt, muß mich tief berühren: beſticht mich aber beim großen Gott nicht. Schlechter würd’ ich’s nur empfinden, wäre es nicht vortrefflichſt gemacht. Bravo donc! du plus profond du coeur! — Varnhagen ſetzt zu allem hier Stehen - den ſeinen Namen.

Euer Glück entzückt und tröſtet mich über alles an - dere! Gott geleite Mama ſanft! innigſter Wunſch. In acht Tagen reiſt Dr. Gans nach Paris über euch. Der bringt große Briefſchaften über alles mit: woran ich nach und nachIII. 13194ſchreiben will. All Ihre Briefe, theure Rike, ſind an Ort und Stelle. Sonnabend tranken wir bei Edelings mit Prof. Witte aus Breslau, Maliſzewski’s, einer Menge Offiziere, Müllers aus Deſſau — Dichter, Griechenlieder, und ſehr ſchöne Frau, en profil ſo ſchön als Sie — Ihre Geſundheit. Aus Fülle des Gefühls trank ich Roberts leiſe: Gott laſſe ihn glück - lich. Emil war vier Tage über Oſtern bei mir. Ich bin zu echauffirt! Geſtern wurden „ die Überbildeten “mit großem Beifall im Poetenklub geleſen. Von Holtei; Varnhagen war da; und grüßt. Alles iſt geſund. Alles künftig; ich umarme euch. Alle Welt grüßt. Ich kann nicht genug antworten auf Fragen nach euch. Ich küſſe jetzt noch Einmal euren Brief, in dem ihr mir ſchreibt, daß ihr glücklich ſeid! und küſſe Gott mit Thränenaugen die Vaterhand; und weine. Adieu! —

Geſtern erhielten wir einen langen, geſchwätzigen, göttli - chen Brief von Goethen. Gans bringt die Abſchrift mit. Ein Horn wüchſe mir vor der Stirn, hätte ich’s nicht weggeweint. Er ſchickte nämlich Varnhagen einen Kupferſtich von der Bild - ſäule des General Schulenburg in Corfu; und hat mich ge - adelt, durch eine Anrede.

(Mündlich.)

Im kleinen Garten, am Sonntag Vormittag, bei wärm - ſter Frühlingsluft, als eben die Sträucher im Begriff waren zu ergrünen; wir hatten davon geſprochen, wie einem das Leben vorkommt, daß einem das eigne fremd erſcheint, daß man es in ſeiner Vergangenheit nicht faßt, nur weiß: von größerer Erinnerung, die noch als verhüllte Vergangenheit195 vor dem Anfange dieſes Lebens zurückliegt; da rief Rahel in ſchwermüthiger Trauer ſchmerzlich: „ Ach, wir ſind nur ein Tropfen Bewußtſein! Ich will auch ja ſo gern wieder zurück in’s Meer, will gar nichts beſonders ſein! “

„ Freilich bin ich ein Egoiſt! Ich bin ja ein ego zu ei - nem Ich geſchaffen! “

Abſcheuliches Bekenntniß! und darauf ſind Sie noch ſtolz?

„ Es kommt auf die Auslegung an: darauf, heißt das, was wir verſtehn. Je enger Sie Ihr Ich einſchließen, je plumper Sie es beſchränken, je ungelenker im groben direkten Genuß Sie es laſſen, je unausſtehlicher wird es den andern Ich’s werden, und ſich ſelbſt am meiſten zur Laſt (im tiefſten Sinne des Worts): aber allen Ich’s mehr einräumen, als dem eignen, iſt Verdrehung oder Lüge, wenigſtens gegen uns ſelbſt. Haben Sie meine Abſcheulichkeit nun beſſer verſtanden? “

Wenn man auf der Straße nach der Vorübergehenden Geſprächen horcht: ſo wird man ſehr ſelten etwas andres hö - ren, als Klagen; oder Prahlereien. Alle Menſchen ſtreben überhaupt nach einem würdigern, angemeſſenern Daſein: in Wahrheit; dann klagen ſie: oder unterdeſſen in Lüge; dann prahlen ſie. Vieles Prahlen entſteht auch aus Mangel an Gerechtigkeit: widerführe uns Gerechtigkeit in Anerkennung aller Art; niemand prahlte; ſo aber füllt jeder Lücken mit13 *196Prahlerei aus; und ſchiebt einen wahren Anſpruch von einem Ort, wo er nicht gelten ſoll, auf einen andern.

An Ludwig Robert, in Karlsruhe.

Ein Wort vom Wetter und dann dein Brief. Kälte ſeit geſtern Nachmittag. Heute kalt mit Fenſter zu. Der Him - mel grau verſchloſſen. Himmelfahrtstag auf den Straßen, geſtern die Zauberflöte als Konzert bei Schleiermachers: wun - derſchön. Der Meiſter! dieſer Zauber in dem Kopf! Tauſendmal angenehmer, als mit Tuten und Koſtümen auf den Theatern! Schade! wie oft ſpreche ich dreiviertel Stunden lang über Spontini: und nun du mich danach fragſt, weiß ich grade nichts; oder äußerſt wenig. Lichtenberg hat Recht: man ſollte unaufhörlich aufſchreiben (ein Sonnenkuk), ſo rückt man, ſagt er, die Lücken zuſammen, in denen einem nichts einfällt: u. ſ. w. ſehr ſchön. Lies einmal wieder ſeine Apho - rismen. Sie lagen in der Gartenſtube; ich habe einen Theil durch. — Zwei Akte von Alridvr hörte ich. Große Schön - heiten. Die Inſtrumente vortrefflich behandelt. Nebeneinan - der gebraucht er ſie wie keiner; immerweg klingt es wie Ein großes Orgelinſtrument: wenn er es nicht durchaus anders haben will: daß ſich eines los reißt oder windet, wie ein klagender, tobender, ſuchender Geiſt, oder daß er ganze Muſik - ſätze übereinander ſtürzen läßt; wo der alte den neuen, oder197 mehrere neue mit fortreißt; aber ſie dann mit einander ein neues Ganzes bilden, welches beſtätigend, und vollſtändiger fortwühlt; wie ein großer Strom, der zum immenſen allge - meinen Muſikmeer führt. Mit eben ſolcher Meiſterſchaft ſind auch ſeine Sätze, bis auf die kleinſten Phraſen und Aus - drücke, behandelt: er wiederholt auch den kleinſten nicht: wie alle Muſiker bisher nicht ganz unterließen; und die ſchlechten und ſchlechteſten nie — aus Müſſigkeit, Verlegenheit oder Verführung des Ohrs, im leeren Moment: ſondern, wenn er etwas wiederholt, ſo geſchieht’s durch neue Eingebung, die man oft nicht von ſeinen kunſtreichen und kunſtgehörigen Überlegungen unterſcheiden kann: er gebraucht ſolche Tongeuppe zum Weiterſchreiten, in einem neuen Rapport, und ſie muß ihm andere Gefühls - und Gedankengefilde erſchließen und Neues bedeuten; — wie alle ſchöpferiſche Autoren; in Rede, und Muſik: wie auch Mozart Andre und ſich gebrauchte; im höchſten Witz und reinſter Eingebung. Sieben Töne giebt es ja nur: auch nur eine gezählte Wortanzahl; der wahre Gedanke, der Seelenzuſtand geht vorher; und Töne und Worte dienen dem Schöpfer zum Ausdruck ſeiner Konzeption. — Daher kommt’s, daß Spontini nie ennuyirt; wenn wir nur aufmerkſam ſind: daß wir das aber immer nur mit Vorſatz bleiben können, iſt ſein Fehler. Aber ein Fehler, den er ver - meiden kann, wenn er will; weil er darin liegt, daß er ſich nur zu ſehr ſelbſt zwingt: und ich möchte wohl ſagen, ſeine wahren Eingebungen bezwingt. Dies, glaub’ ich, hat er lei - der in Frankreich mit großer Mühe gelernt, wo Sujet, Text, Gluck, den ſie ſich dort ſowohl, als er ſie erzog, eine ſo198 große Rolle ſpielen; und wo ſie — und wir jetzt mit! — grade in der Muſik das dramatiſch nennen, was es nicht iſt: nämlich, Worten ihren Redewerth zu laſſen, und nicht viel - mehr nur die Empfindung, welche die Worte eben gebrauchen will, zu bedenken; oder vielmehr walten zu laſſen. Man höre nur mit Aufmerkſamkeit, wie viele Lieblichkeiten in ſei - nen Muſiken wider ſeinen Willen hervorſproſſen: ganz italiä - niſche, freie, üppige, liebliche, reiche, graziöſe Gewächſe. Alle Tanzmuſik: Einzelnes nicht zu rechnen; und nur Olympia’s Wunderouverture! Er überlegt zu viel; und das will doch nur ſagen, da wo er nicht ſollte: er ſollte überlegen, daß er ſich gehen laſſen, und nicht ſo ſehr influenziren laſſen muß! Alle zu häufige militäriſche Muſik iſt nun wieder von hier u. m. dgl. Sein eigener tiefer Irrthum — von Frankreich geboren; und von Eitelkeit erzogen — der, daß er’s mit Lärm und Inſtrumentenzahl zwingen muß: und was? Beifall von Leuten, die ſein wahres Weſen nicht faßten! Überließ er ſich je ſeinem eigenen Genius: könnte er ihn noch finden, ſo wäre er gewiß im Stande, Liebliches, Tiefes, Neues und Abſtraktes, und immer Meiſterhaftes, zu liefern. Er beſitzt eine Melan - cholie, er iſt melancholiſch; die müßte er einmal frei dar - ſtellen. Seine komiſchen Opern ſollen vortrefflich ſein. Er zwingt ſeinen eigenen Genius in allerlei Wahn, das iſt wahr: aber welchen von all den ſich zwingenden Komponiſten, die jetzt notiren, und oben an „ Oper “ſetzen, bleibt ſo viel Reichthum und Schönheit in ihrem Zwang! Er nimmt uns ganz in Anſpruch, wenn wir ihn hören: wenn wir ihn unter - ſuchen, wozu er auch zwingt — durch Bedächtigkeiten und199 Vorſätze aller Art, die er nicht genug verbirgt — ſtellt ſich Tadel ein; wenn wir darin fortfahren in größerer Dimenſion und größerem Detail, große Bewunderung. Hier wird er ganz verkannt — von den prôneurs; und von der Heerde, die den Tadlern nachſpringt — und das iſt faſt gerecht: da Righini wenig erkannt war, und vergeſſen iſt; obgleich ich bei jeder Schönheit in Spontini’s Muſik gleich Righini an - rufe, und mir ſage: wie würde der das ſchön finden! Spon - tini iſt ihm ſehr unähnlich; und oft höre ich doch Righini in ihm. „ Es winken ſich die Weiſen aller Zeiten! “über die weg, von denen ſie nicht erkannt werden. Liebe, wie ſie Righini dichtete, hat er noch nie geſchildert. Auch den Olymp in ſeiner Sonnenklarheit und wähligen reinen Höhe nicht: auch gli infernali nicht mit poetiſcher Ahndung des Schreckens und wühlenden Grauſens. Auch daß er Liebe ſchildern kann, glaub’ ich; hätte ſie ihm nur nicht zu oft in Frankreich ge - ſeſſen! wo ſie, wie auf der ganzen Erde, empfunden wird; wo aber die Nation ſie ſich erzogen hat, daß ſie ſoll in Ge - ſellſchaft gehen können, und noch wohlerzogner auf den Thea - tern zu erſcheinen hat. Aber eine Artigkeit tragiſch und leiden - ſchaftlich darſtellen, muß monſtrös oder lächerlich ausfallen. Alſo große réparation de talent an maitre Spontini. Heute bin ich nun zu echauffirt, Alſo Adieu! V. findet das hier über Spontini ſehr gut.

Heute Nacht träumte mir, ich ſei auf einem ganz ge - wöhnlichen Ort mit vielen nahen Bekannten zuſammen; von200 Ludwig Robert aber nur weiß ich deutlich, daß er dabei war. Plötzlich wird ein Unwetter mit Blitz und Sturm; doch gar bald blitzt es nicht mehr, ſogar erinnre ich mich nicht deutlich eines Blitzes. Aber eine Röthe entſtand am Himmel, und bald umfloß die den ganzen Raum, dick war er davon er - füllt; kein Gegenſtand mehr zu ſehn; meine Freunde waren in dieſem herrlichen Abendroth — mit Staub oder vielmehr Dunſt untermiſcht — verſchwunden, obgleich mir ganz nah, eine Stubenweite nur entfernt. Die Erde ſchwankt, das Roth immer ſchöner, allgemeiner. „ Wo ſeid Ihr? “ſchrei ich; „ das iſt ein Untergang, “denk’ ich; „ oder Tod! “ Ich will aufpaſ - ſen, wie er kommt, wo meine Seele bleibt! „ Robert, wo biſt du? “ſchrei ich; greife mit der Hand nach ihm: vergeblich. „ Wir wollen Alle zuſammen bleiben; kommt zu mir; wir wollen zuſammen ſterben. “ Die Erde ſchwankt noch mehr. „ Robert, komm her! denk’ an Gott. Denk’ nur an Gott; ich denke an Gott. “ Und ſo paſſe ich auf meine Seele, und ſchreie das immer, weil ich weiß, Robert iſt ganz nah. Vom Geſchrei erwache ich. — Iſt das nicht ein troſtvoller göttlicher Traum? Ich hatte mir geſtern Abend einen bedeu - tungsvollen erbeten, — — weil ich ſehr am Rande war. Solcher Traum iſt mir ſo lieb als Leben, und ſolche Gnade nach dem Gebet, daß ich mich ſchäme und ſcheue. Gott weiß es. —

Wir leſen und hören von jeher: „ Der Menſch kennt ſich nicht ſelbſt, der Dümmſte kennt ihn beſſer, als er ſich; will201 er wiſſen wie er iſt, ſo muß er Andere über ſich hören, die ſehen ihn wie er eigentlich iſt. “ Mir kommt es ganz anders vor. Was wir für einen Eindruck machen; das können wir nur von Andern erfahren: und das auch von dem Dümmſten und Närriſchten; aber wie wir ſind, weiß kein Menſch beſſer, als wir ſelbſt: und ſei dieſes Wiſſen auch noch ſo dunkel durch Verwirrung. Wir ſehen uns konkav; und die Andern ſehen uns konvex: wiederhole ich hier. Es heißt auch: in ei - nen Menſchen hinein gehn, um ihn zu beurtheilen. Aber jeder ſitzt in ſich ſelbſt. Wir ſind zwar Alle gleich: aber nur an unſern Gränzen: innen iſt eine Unendlichkeit von Schöp - fungen auf das Eine Exempel angewandt erfunden, erſonnen (conçu). Hier iſt der größte Witz; ſogar ſein Urſprung, für unſer Bewußtſein, zu finden; die Perſönlichkeiten; nämlich, die verſchiedenen Perſonen. —

Doktor Erhard hatte uns von afrikaniſchen Völkern und Königen erzählt, deren Grauſamkeiten ich gar nicht vergeſſen konnte; von Kinderſchlachten, aufgehäuften Menſchenköpfen zum Staat bei Audienzen u. ſ. w. Den andern Tag fing ich immer wieder davon an; und ſagte noch: vieles, was wir noch thun, wird in künftigen Zeiten den dann Lebenden eben ſo vorkommen; unglaublich! So ſprachen wir hin und her; endlich ſagt Varnh. von deutſchen Soldaten, die bei jedem Strafhieb um ſich zu bedanken mit der Hand an den Helm gegriffen hätten. Ich bekam Thränen in die Augen.

V. Du weinſt?! Worüber?

202

R. Über die Soldaten: ich kann keine Beleidigun - gen ertragen.

Sie lachen Beide; denn dies war ein ſchon alter Ausruf von mir. Ich ſah mit Frau von Br. zu Töplitz im Jahr 1822 den Prinzen von Heſſen-Homburg aufführen. Und als der Prinz dem alten Kottwitz Muthloſigkeit vorwirft, wie der des Kurfürſten Ordre nicht übertreten will, giebt der alte Brave nach, ſich zornig vertheidigend. Kottwitz ſpielte ſehr gut. Ich fing heftig an zu weinen: meine Nachbarin ſieht mich lang und verwundert an: ich wußte wohl, daß kein Menſch da weinte: und will mich vertheidigen. Vor Weinen konnte ich nicht zur Stimme kommen. „ Ich will Ihnen ſagen, bring’ ich endlich hervor, warum ich weine; “ich denke, ich werde eine lange Rede halten, ſtoße aber nur die Worte mit zerbor - ſtenem Herzen in vollen Thränen heraus: „ Ich kann keine Beleidigungen ertragen! “ In demſelben Augenblick lachen wir beide laut auf: ich konnte vor Lachen und Weinen gar nicht aufhören. Und noch hab’ ich mir die Scene nie wieder - gedacht ohne zu lachen.

So lachten wir denn auch diesmal. Ich ſage dann: „ Meine hübſchte Geſchichte iſt doch die! Die gefällt mir am beſten von mir. “

V. Und das jemand, der nicht grade zum erſtenmal in ſeinem Leben im Theater iſt! Ein alter Komödiengänger, und läßt ſich affiziren wie ein Neuling!

R. Ja! — das iſt die Illuſion; (mit der Hand auf’s Herz klopfend) die muß ich in mir tragen; — aber nicht von außen bekommen, daß ich mich als Ochſe betrügen laſſen ſoll!

203

V. (Nach einer Pauſe, lachend) „ Daß ich mich als Ochſe betrügen laſſen ſoll! “ Auch gut!

R. (Einſtimmend) Sehr gut, was ich da geſagt! Das hatt’ ich erſt ganz überhört! —

Wir ſind eigentlich, wie wir ſein möchten, und nicht ſo, wie wir ſind.

Widerſprechen iſt nicht widerlegen! Möcht’ ich oft erwie - dern; aber ich ſchweige dann ganz, weil das Widerſprechen kein Ende nähme.

Ich habe ſchon manchmal eine Vorſtellung von Heilig gehabt; ſchon Augenblicke, in denen ich wußte, was das iſt: Heilig. Erhaben über allen Wandel, rein abſolut, uner - reichbar.

Unterpfand.

Da mir durch den dunklen Mutterleib geholfen ward, ſo habe ich alle Hoffnung.

Unſer ganzes Lebenselement iſt verwirrt.

Wir machen die Jugend klug, das heißt alt. Wir rau - ben ihr den Genuß; vertilgen die Hoffnungen; was ſchadet es, wenn ſie falſch ſind? die man gar nicht hat, ſind gewiß204 todt! und eigentlich wollen wir ſie ihr nur geringer laſſen. Hoffen ſoll ſie, aber Elendes, was ſie nie wünſchen kann. —

Wer ſich ganz aufgiebt, der wird gelobt: ſo wollen ſie uns. So wird es J. gehn. Wenn ſie nur wird ahnden laſ - ſen, daß es doch noch eine J. giebt, ſo iſt die Herrlichkeit vorbei. —

„ II a vraiment de l’esprit à lui,” heißt auf Deutſch: Er hat eigne Wege, Gedanken zu finden: wenn ſie auch ſchon alle längſt von den vielen Vorfahren ausgeſprochen ſind. Die Hauptſache iſt Selbſtthätigkeit; Leben. —

Es ſagte jemand: „ Ich will gar nichts im Himmel, als mich von der Erde ausruhen. “ Ein Wort, welches aus einer Tiefe kommt, wo Menſchen nicht hinkommen; und wo er es auch nicht hergeholt hat; es iſt eins von denen, die von ſelbſt aus der Tiefe kommen, und ihren Witz mitführen.

(Mündlich.)

Den 26. Mai 1825. wurde Rahel plötzlich ſehr krank; die heftigſten Zufälle traten ein, ſie konnte glauben, es ginge zu einer großen Entſcheidung. In dieſem Gedanken erhob ſich ihr Gemüth inmitten aller Schmerzen und angſtvollen Spannungen des Körpers zu begeiſterten Ausbrüchen. Sie bat Gott um einen nicht allzu ſchweren Kampf; ſie verſicherte, ganz ruhig und gefaßt zu ſein, wie immer. Dann ſagte ſie:205 „ O, ich liebe alle Menſchen; ſie ſind alle wie von meinem Fleiſch und Blut; ſo zuckt es mir, wenn einem von ihnen was iſt. “ Über ihre Schmerzen: „ Ich verſtehe ſie nicht; aber ein Andrer. Schmerz iſt Gottes Geheimniß; der verſteht ihn. “ Ferner: „ Könnte man ſich nur recht zu Gott wenden, ſo wär’ einem gleich geholfen. Mit ſeiner Hand hebt der einen heraus; ich habe ſie ſchon an mir gefühlt, ſeine Hand. Aber ſo recht, wie man kann und ſoll, ſich ſo ganz mit dem Auge an ihn anſaugen, das gelingt nicht immer, man will und kann nicht immer ſtark genug. “ Und dann: „ Höhere Geiſter ſehen und hören jetzt meinen Jammer. Gott ſelbſt hört und ſieht mich, er weiß um mich, und um jeden Schmerz in mir; er iſt nicht zu groß dazu. “ Später äußerte ſie: „ Solche Krankheit, ich fühl’ es, iſt jedesmal eine Gnade. Es wird einem ein Ruck gegeben, ich fühl’ es, zum Beſſern, zur Entwicklung. Man muß dafür danken, und gute Gelübde thun. “

Ich wollte noch vieles der Art feſthalten und bewahren, aber das Gedächtniß konnte in der vielfachen Bewegung des Gemüths der einzelnen Gegenſtände nicht Meiſter bleiben. Der innig ſüße und zugleich ſchauerlich kräftige Ton der Stimme ergriff mehr noch als die Worte ſelbſt, ihr ganzer Inhalt lag ſchon in ihm. —

Beten iſt ein ſich Faſſen, ein Zuſammenſammlen mit anderm Willen; mit vereinfachtem allgemeinen ſoll geſchehn,206 gedacht, empfunden, eingeſehn werden. Wir fliehen in’s Cen - trum. —

An Auguſte Brandt von Lindau, in Schmerwitz.

Eben hatten wir vorgeſtern Abend von Fräulein von Brandt geſprochen, und noch Einmal die gediegenſte Liebens - würdigkeit auseinandergeſetzt; als auch geſtern Mittag die liebe Botſchaft von Ihnen kommt! — Genug, unſre Bekannt - ſchaft ſoll gepflegt werden (wir ſchätzen und lieben Sie ganz beſonders; ich ſage es doppelt gerne, weil es unſerm Sinn Ehre macht): eine ſolche edle ſchöne Pflanze ſoll gedeihen auf der Erde, wo man doch ſo viel Unkraut zu bekämpfen hat! Ihr lieber, theurer, beſcheidener Brief freute mich unendlich, obgleich ich nicht nach Ihrem und meinem innigſten Wunſch antworten kann! — Den Winter war ich unwohl, wie das Wetter; und mein Nervenſyſtem faſt ſo toll, als das Wetter im Herbſte war: im Sommer nun war ich vor vierzehn Ta - gen ernſtlicher krank. Ich bin geneſen; und wir werden künf - tigen Monat eine Reiſe über Wittenberg, Weimar u. ſ. w. machen. Reiſte ich allein, käme ich grade zu Ihnen. Ich reiſe mit Mann, Bruder und Mädchen. — Gott geſegne Ihnen Ihre ſchöne Reiſe! Mit den theuren Schweſtern und den edlen Aufſprößlingen! Den 6. Juli in Wittenberg in der Traube ſchrei’ ich Ihnen glückliche Reiſe nach. — Glücklich würde mich eine mit Ihnen, theure Auguſte, machen. Ihr leiſes,207 redliches, feines Weſen ſagt mir ganz zu. Wir wollen dieſe Sache für unſer ferneres Leben nicht verloren ſein laſſen. —

Weit öfter halten ſich die Leute untereinander für das, was ſie ſein möchten und vorſtellen wollen, als für das, was ſie wirklich ſind. Mir iſt das mit einemmale ganz klar ge - worden, als mir einfiel, wie ſehr ich Kinder liebe; wie ich mich mit ihnen abgeben kann; zeitlebens welche zu beſorgen hatte, und ſie mir ſchaffte. In allen Häuſern, in allen Städ - ten: Geſchwiſter, Nichten, Fremde, Nachbarn; alle Sorten. Nie iſt es Einem eingefallen, mir den Titel Kinderfreundin zu geben, oder mich dafür anzuſehen; mir ſelbſt iſt es nicht eingefallen.

Es kann uns nie in Verlegenheit ſetzen, wenn wir nur wir ſein ſollen; aber wohl, wenn wir unſre Maske vorſtellen müſſen! Mit andern umfaſſendern Worten: wir müßten im - mer wahr ſein dürfen. Das fiel mir von neuem bei der Vor - ſtellung ein, wie ich mich in einem Orte, z. B. in einem frem - den Bade ganz getroſt befinden könnte, mit dem geringſten Anzuge, ausgeſchloſſen aus der Geſellſchaft; nur auf den Um - gang der Leute beſchränkt, mit denen man wahrhaft zu thun hat, oder Bauersleute, u. dgl. Man müßte aber nicht wiſſen, wer ich bin; oder vielmehr, es müßte kein Bekannter dort ſein. Der wollte doch ſchon, daß ich ferner nach meiner vo - rigen ihm bekannten Maske leben ſoll; was ich war, wie ich208 war, wie ich nicht mehr bin, iſt nicht mein lebendiges Weſen, iſt eine Maske.

Unbedeutende Perſönchen, ſolche mit geringen Gemüths - anlagen, bilden ſich — wenn es geſchieht — zu Härte und kleinen Bosheiten aus; bedeutende Menſchen, zu Milde, Güte, Nachſicht. Nichts macht ſo nachdenkend, ſo einſichtig, als ſtäte Bewegung im Gemüth, großer Verkehr darin.

Nur wenn wir nicht entwandlen, wandelt alles um uns her.

Da die Maſſe ein Hinderniß iſt, ſich nicht von ſelbſt zer - ſtört, ſondern wuchernd anwächſt, ſo kann der Geiſt nicht ge - nug davon verbrennen, gleichſam. Eine Überzeugung gewinnt Raum unter den Menſchen: was heißt das? In Einem iſt ſie aufgegangen, er ſpricht ſie aus: Andere verſtehen ſie, müſſen ſie in ſich aufnehmen: bei Manchen darf ſie ſogar in Hand - lung übergehn; die Maſſe aber der Menſchen, kann dieſe Überzeugung nicht auffaſſen, ſie kann ihr nur nicht widerſpre - chen, läßt ſie ſich gefallen, prahlt auch wohl mit ihr, und bringt ſie ſo herum, weiter in Umlauf; und nach und nach wird ſie Bewegungsgrund des Handlens. So iſt die elende Maſſe der Körper und Träger einer edlen Überzeugung, undmacht209macht ſie unedel ſo viel an ihr iſt. So mit dem Schönſten bis jetzt. Drum weiter!

Freiheit haben, iſt nur das, was wir nothwendig gebrau - chen, um das ſein zu können, was wir eigentlich ſein ſollten; und zu haben, was wir eigentlich haben ſollten. Dies iſt daran genau zu wiſſen, wenn wir uns beſinnen, was wir uns ganz im Grunde wünſchen; und bedenken, woran, und wo - durch wir verhindert ſind. An dieſe Betrachtung ſchließt ſich gleich die über den Grund aller Lüge an. Der erſte Mangel an Freiheit beſteht darin, daß wir nicht ſagen dürfen, was wir wünſchen, und was uns fehlt. Im heimlichen Gebet ſa - gen wir es unſerm Gott: oder er weiß es ohnedies; in der Welt aber lügen, oder wenigſtens verheimlichen wir. Daran ſchließt ſich wieder der Gedanke: daß nur der unſer Freund ſein kann, dem wir uns ganz zeigen dürfen: und, daß, wenn einer belogen wird, er ſelbſt daran ſchuld iſt: verdient einer auch jedes Zutrauen, ſo muß er auch noch die Gabe haben, es einzuflößen, es hervorzulocken. Lieben können wir nur den, der dies vermag. Er verbirgt, er verdoppelt unſre Exi - ſtenz. Tiefſtes Bedürfniß aller Geſelligkeit. Zweck und Grund der Sprache. —

III. 14210

An Eduard Gans, in Paris.

Regenwetter; Wolkenſpiel, große Regenſchauer, minder beträchtliche, aber der Anblick immer ſchön und ununterbrochen unterhaltend. Ich bin ein Liebhaber der Natur! Ich ſehe hier, daß ich beinah nichts, als ihren freien Anblick brauche. Sollte ſolch ein Durchdrungener nicht die Gabe obenein haben, „ zu ſagen, wie er fühlt? “ (Taſſo) — und der Dichter wäre da! Sehen Sie aber ganz in mein halbes Dichterherz! dies beklag’ und bedaure ich nur für Andre; gar nicht für mich; ich fühle, und habe darin genug. — Meine Handſchrift iſt beſonders heute noch ſchlecht, weil ich mir Sonntag, im Zer - brechen einer Schüſſel, den rechten Zeigefinger auf den beiden obern Gliedern weit aufgeſchnitten habe; er iſt ganz gut in der Heilung; aber da hartgewordener Schwamm drauf iſt, will er nicht ſchreiben. Seit ich aus Berlin bin, ſeit dem 6. Juli, ſind Sie der Zweite, dem ich ſchreibe. Fürſt Kos - loffsky hatte einige Grußzeilen vor meinem Schnitt. Auch iſt unſre Univerſität Schuld an meinem griffonnage — Klauerei wollte mir nicht gleich einfallen, und Gekritzel paßte mir hier nicht — Dore hat dieſe meine Feder, mit zwölf oder vierzehn andren, für ſechs Dreier Münze im Univerſitätshof gekauft! — und was könnte ich hinzufügen, für was eine Univerſität alles211 ſorgen ſollte, wenn ſie eine rechtſchaffene, und univerſal wäre. Machen Sie den Witz, beſter G.! Sie ſollen all dergleichen Aufträge haben: ſolch einen allerliebſten, ich könnte auch ſa - gen vortrefflichen Brief haben Sie uns geſchickt. Sie verſte - hen mich, wenn ich das Wort „ Kleinigkeiten “ausſpreche. Sie haben mir in leichter Form die ernſteſten, ſcharfgeſehenſten Dinge berichtet: und mit dem natürlichſten abandon; in völlig - ſter Unſchuld; die ſchöne Ausſaat wuchert bei mir im geſün - deſten Boden, und mein Geiſt ſoll deren Sonne, die Seele deren Atmoſphäre ſein. Unter Ludwig XIV. war es unter den Geiſtreichen Mode, Karakteriſtiken zu machen von Freun - den und Bekannten, des portraits écrits; auch ſpäter haben ſich welche verſucht. Die gedruckten hab’ ich wohl meiſt gele - ſen: ich ziehe ihnen allen weit vor einige, welche Mirabeau in ſeinen Briefen gab; und Ihre, die Sie uns ſchenkten. Erſt geſtern laſen wir Ihren Brief, lieber Doktor. Zehn Tage lag er bei meinem Bruder Louis, der mit ſeiner Frau und meinem älteſten Bruder eine Spazirreiſe nach Konſtanz, dem Rhein - fall u. ſ. w. gemacht hat, die zwölf Tage währte: und eine größere Dankbarkeit, größere Anerkennung kann ich Ihnen nicht beweiſen, als mich gleich hinſetzen, um zu antworten. Gleich nach Ankunft der Reiſenden laſen wir zweimal Ihren Brief. Den lieben nenn’ ich ihn. Und wiſſen Sie warum? wiſſen Sie warum! weil er voll der ſchärfſten, genauſten, treffendſten, flüchtigſten, erſchöpfendſten Zeichnungen; die aber ihre Richtigkeit und Schärfe nur aus Talent und Gründlich - keit haben, ohne ein Gräuchen jener Ungerechtigkeit, Aufge - brachtheit, aigreur — nicht Bitterkeit — der ſonſtigen ſcharfen14 *212Urtheile! Ihr ganzes vergebungsvolles Gemüth beſeelt und durchdringt dieſe Bildſäulchen von Urtheilen; und das iſt Waſſer, was meine Herzensmühle brauchen kann! Dieſen ſchönen Zuſtand einer Seele find’ ich ſo ſelten, ob er gleich der natürlichſte in ihrem Geſundheitszuſtande iſt, und immer vorhanden ſein ſollte, daß er mich entzückt, wo ich ihn Ein - mal ſehe, und befreit, von ewiger und — wehe! — bei - nah ſchon bewußtloſer Pein. Eben ſo ſelten wird dieſe Ge - ſundheit einer lieben Seele anerkannt; und darum thue ich es hiermit laut; und, bei beſſerer Überlegung, nicht zu laut. Vortrefflich iſt Ihrer Feder Humboldt entfahren! und Eins hab’ ich doch zu erinnren: „ er iſt gutmüthig, “ſagen Sie: er beträgt ſich dabei gutmüthig, ſag’ ich. Ein Räthſel iſt es mir, daß Benjamin Conſtant ſoll Wolf ähnlich ſein; Wolf mit ſeiner Königsnaſe: und Benjamin erinnre ich mich mit einer kurzen Art von Stumpfnaſe? Können Naſen wach - ſen nach dreißig Jahren? — Grüßen Sie Hrn. Couſin freund - lichſt von mir: ſagen Sie ihm, daß es mich in die Seele freut, daß ihm Berlin wohlgefiel; dies für Berlin und mich: aber für ihn und von ihm freut es mich, ſeinen reinen Sinn — bon esprit — noch Einmal bewährt zu finden; der da ſieht, was da iſt: und nicht ſich ein gepacktes Urtheil von Paris, nach dem Herzen Deutſchlands zum Beiſpiel, mitbringt, und es unausgepackt und wohlverwahrt den Freunden nach Paris zurückbringt, wie ſie’s wünſchen. Solcher Sinn und Geiſt voll Unbefangenheit, wie er hier zeigt, iſt der, den alle Wiſſen - ſchaft braucht: und ich wünſche alſo ſeinen Freunden ſowohl, als allen ſeinen Landsleuten Glück zu ihm. Die Wiſſenſchaft213 iſt’s, die ein Kommen, Sehen und Siegen bedarf. Es weiche der rohe Kampf der armen Völker! Profeſſoren ſeien ihre Sieger! Wir waren einen langen Abend bei Goethe, der freundlichſt war, weil er wohl war. Wir ſprachen ihm aus - führlichſt über Couſins wiſſenſchaftliche Anliegen an ihn: er bedauerte, ihn nicht mehr geſehen zu haben. Herr Couſin muß noch hin, ſo lange der lebt! Mir hat Goethe eine Feder ſchenken müſſen, und gerne geſchenkt, womit er den Morgen des 8. Juli geſchrieben hatte. „ Ich kann drauf ſchwören, daß ich noch dieſen Morgen damit ſchrieb, “waren ſeine Worte. Nun muß ich noch ein Halstuch von ihm haben! Übrigens fließt er wahr und wahrhaftig in mein Blut. Sonntag gehen wir nach Straßburg, Mlle. Mars ſpielen zu ſehn. Dann ein paar Beſuch - und geſchäftliche Tage in Karlsruhe — Wagen, Geräthe — und ſo fort über Frankfurt und Kaſſel nach un - ſerm großen, alten, weiten, vielfältig guten Neſte Berlin! wo Sie im November ſchönſtens willkommen ſein ſollen. Ge - hen Sie in London zu meiner Freundin Adelheid Goldſchmidt. Zeigen Sie ihr dieſe Zeilen, und ſie wird Sie, ſchon eh ſie Sie kennt, vortrefflich aufnehmen. Die beſte, originalſte, wahrhaft liebenswürdige Frau. Der Verſtand, der ſpontanée, iſt hier wie obenein. Herrliche Töchter! die ganze Familie zuſammengehörig. Mad. Goldſchmidt wird Ihnen ſagen kön - nen, wo Mad. Domeier wohnt. Meine Jugendfreundin; viele Bekanntſchaften; voller Güte; verſäumen Sie ſie nicht! Sie war dieſen Sommer in Berlin. Millionen ſchöne Grüße beiden Damen. — Kein Heil ohne Zähne! Sie werden ſchon noch eitel werden. — Ihr ſchöner Fleiß entzückt mich. Wenn214 er nur wahr iſt; wahr bleibt! Il n’y a rien tel; croyez le, si vous ne le savez pas encore! Halten Sie ſich grade; und unſerer elterlichen, brüderlichen Freundſchaft gewiß! Schrei - ben Sie! Ende des Monats ſind wir zu Hauſe. Mille bonnes et belles choses à M. Oelsner! —

An Henrich Steffens, in Breslau.

Kühles Regenwetter nach ſchmachvoller Verdor - rung. Vormittag 12 Uhr.

Liebes Kind! So ſollte man Sie nennen, wenn Sie Ex - rellenz werden, und Ihren wahren Titel bekommen. Wie ſchön, wie frei, wie aus dem wahrſten Steffens haben Sie über das Thema „ Briefſchreiben “phantaſirt! In welche lieb - liche Seele ließen Sie ſchauen! Welche ehrliche Wanderung nahmen Sie in ſich vor! Auf ſolcher würde jeder Geſell Mei - ſter. Bei ehrlichen Menſchen bringt ein bischen Qual immer etwas Gutes zu Tage; ich kenne die Leiden, die mir den Brief erſchufen: Sie hatten welche, bevor Sie ihn beginnen konn - ten. Da er geboren iſt, vergöttre ich ihn, wie jedes Geſchaffene: und bilde mir noch obenein ein, ich würdige ihn: denn, da ich aus allen meinen Kräften liebe, ſo kann ich mir über dieſe Liebe, und dieſe Kräfte nur nichts denken: und dennoch bitte ich Sie, ſchreiben Sie mir nie nur deßwegen, weil Sie glau - ben, Sie hätten mir ſchreiben müſſen. Ich weiß, es kommt, da Sie mich kennen, ein Moment, wo Sie mich wirklich zu ſehen verlangen, und da werden Sie ſchon ſprechen; machen215 Sie mir keinen Beſuch, weil Sie mir lange einen ſchuldig ſind. Sie ſchreiben mir ja auch, wenn ſie Bücher ſchreiben. Verſtorbenen großen Männern danke ich ihre Bücher, ihre Ausſprüche, ihre hinterlaſſenen Schätze und ihren Anbau mit thränendem Dank, als Briefe an mich! „ Es winken ſich die Weiſen aller Zeiten; “und daß ich ſie erkenne, und über - ſchwänglich liebe, iſt der Segen, die Mitgift, die ich genieße. Ich vergeſſe es nie; eben ſo wenig, als wenn ich ſchön wäre. Aber auch ich bin in dem Fall, Ihnen heute nur ſchreiben zu können, wie ſo ich nicht kann. Sonſt hätten Sie ſich vor dem Rauſchquell meiner Geſchwätzigkeit in Acht zu nehmen. Ich war in Weimar, Frankfurt, Baden, Heidelberg, Straß - burg. Habe Goethe, Voß, Mlle. Mars, die Franzöſin, ſpie - len ſehn; den gut gewordenen Sänger Wild gehört: Berg und Thal, Buſch, Gras, Wald, Wolken, Schein; Sonne in aller Art Thätigkeit geſehen; Luftarten gerochen, Pflanzen aller Art, das liebe Korn, den ſtärkenden Hanf; den Rhein erboßt geſehn; Quellen, Waldflüßchen, Waſſerfälle, Fußſtege, Wälder, Kaſtanien, alles. Und wie würde Steffens das alles finden; dacht’ ich täglich. Iſt das ein Brief? Von dem allen könnte ich mit der Zunge Wunder erzählen; auch mit der Feder. Aber ich habe nach einer Augenblendung, die ich den Sonntag hatte, und die drei Viertelſtunden aus ſilber - nen, zuckenden Blitzrändern beſtand, und während deſſen ich nur den oberſten Theil der Gegenſtände ſah, und nur deren Farbe, nicht Form, — Kopfweh übrig, und kann weder ſchrei - ben noch leſen, ohne es zu vermehren. Gehe aber aus, Heute Mlle. Sontag in einem Konzert zu hören; aber wie die216 Jungfrau dies: „ es iſt nicht meine Wahl. “ Ich hütete lieber Schafe. Mad. Beer iſt in Mlle. Sontag, und etwas in mich verliebt; und nimmt mich mit. — Von unſerm Williſen hatte ich in Baden die letzte Spur, wo er meinen Bruder Ludwig und ſeine ſchöne Frau viel ſah: ſie fuhren mit ihm und dem Grafen Yorck ſpaziren, loben den ſehr, und auch Williſens Munterkeit und mittheilungsvolles Weſen. Der Menſch muß reiſen; „ da wird es ihm angeſtrichen, “ſagen ſie bei uns; heißt: nichts nachgegeben! „ Der Menſch “hat aber doch Recht; nur in der Fremde iſt er er; zu Hauſe muß er ſeine Ver - gangenheit repräſentiren: und die wird in der Gegenwart eine Maske; ſchwer zu tragen und das Geſicht verdeckend. — Be - ſchämen Sie mich nicht, werthe Frau von Steffens. Nehmen Sie mich, wie ich bin; und nennen Sie mich nicht geiſtreich. Erlauben Sie mir lebendig und beweglich zu ſein; und Klär - chen und Sie herzlich zu umarmen, und Ihnen meine treue Anhänglichkeit beweiſen zu dürfen: dann muß ich Ihnen danken. —

An Ludwig Robert, in Paris.

Die vorige Woche ſah’ ich, wie alle hieſigen Einwohner, die Italiänerin in Algier; du weißt es, ich ging mit der gün - ſtigſten Meinung hin: für Roſſini, für die Mimen, und Sän - ger; ganz unbefangen wenigſtens. Solche reine Langeweile, bloß mit höchſter Ungeduld bis zum Aufſpringen — (wenn217 dies in den ſtuhlloſen Hühnerbehältniſſen ginge), habe ich meines Erinnerns beinahe noch nicht erduldet. Dies, bei oft mir laute Bewunderung entlockenden, vollkommenen Geſang - theilen. Fangen wir bei Dem. Sontag der Italiänerin un - ter den Barbaren an: Engländer erfinden gewiß nächſtens eine Maſchine, die ſo vortrefflich ſingt. Kein Fehlerchen! Überlegung des Effekts, wie nur bei Moſcheles gefunden wer - den kann! Höchſte Leiſtung des Kehlchens! Aber („ die Aber koſten Überlegung, ich ſage: ſie ſind auch deren Ertrag “) — auch nicht die leiſeſte Überraſchung, nicht das ſanfteſte Fort - reißen, oder auch nur Mitziehen des geringſten — auch nur von der Kunſtausübung ſelbſt hervorgebrachten Affekts. Glück - lichſtes Intoniren, immer fertig bereiter Ton der Kehle, ta - delloſeſte Ausübung, glücklichſte Reminiſcenz der Lehrer und Vorbilder, mit Intelligenz aufgefaßt, mit künſtleriſcher Ruhe bewundernswerth wiedergegeben! Leiſes Gehör! richtiges Hor - chen eigner Leiſtung. Aber, die Seele, die Leidenſchaft, die wechſelnde Gemüthsſtimmung nicht mit aufgenommen, nicht mit angebracht. Alſo, der tiefbelebende Herzpuls fehlt: und ſo das, was leicht angebende bewegliche Kehle, lobenswerthe Überlegung, richtiger Unterricht, im Nothfall, erſetzt; oder vielmehr dies alles erſt recht werth und wünſchenswerth macht. Aber welcher Held wäre wohl der, der in unſrer gro - ßen Stadt, auf unſern großen Plätzen, bei unſern großen Thees, dies, unſerm großen Publikum ſagte! „ Schweigen iſt der Reſt “und ſchreiben: drum ich’s dir mein Freund — nach Frankreich. Es drängt die Bruſt das auszuſprechen, was wir für wahr halten müſſen, und worüber prachtvoller Wahn218 herrſcht. Auch bin ich nicht ganz einſam in meinem Urtheil: drei Herren und eine Dame hab’ ich ſogar auf meiner Seite. Es iſt aber genug für mich, wenn ſie nicht wie ich ſo gequält ſind, bis ſie in Worte gebracht, was ſie meinen, um daß ich es thue, welches ich eigentlich gerne — je mehr je beſſer — Andern überließe. Auch mit dem Spiel der jungen Schönen war es nicht ſo, wie ich aus den paar Bewegungen und Mie - nen, die ſie ſehr ſchön im komiſchen Duett eines früheren Kon - zerts anbrachte, ſchließen mußte. Es blieb in der Rolle der Italiänerin in Algier bei dieſen paar Bewegungen und Mie - nen, und das war durchaus gar zu wenig. Hätte ſich das Körperchen ein Exempel an den Augen genommen, ſo wär’ es ſchon beſſer gegangen; die waren allen ſeinen Theilen und dem Ganzen im Spiel weit voraus; die ganze Perſon aber durchaus angenehm, und hätte ſie noch weniger, das heißt; gar nicht, geſpielt. Angezogen war unſre Schöne allerliebſt: ganz exakt wie Franzöſinnen, als ſie noch in dieſer Tracht gingen, welches nun unſer Publikum wieder nicht goutiren wollte: es wäre nicht reiſemäßig; ſo ſtiege kein Menſch aus dem Schiff — ſie ſind zu weit vom Meere! — Warum nicht? kann man fragen, und ich frage es mit. Ein blauer, von ſtarkem Seidenzeug ſchön gemachter Überrock, ein weißer, voll - kommen modiſcher Hut, mit wohlangebrachten Maraboux; Schuhe von der Farbe des Kleides auf dem wohlgebauteſten Fuß: welches Lob man den Schuhen ſelbſt auch geben kann; die weißen Hände in weißem Handſchuh hielten das ſchnee - farbige Batiſttuch. Das Ganze vollkommen Dame. Nicht vortheilhaft war ihre Kleidung als Türkin. Zu viel Silber219 darauf verſtreut, welches kein Ganzes bilden wollte: dies noch dazu auf roth und weiß, welches ſich zu oft abſchnitt und unterbrach: von der Fußſpitze bis zum zweifarbigen Turban, immerweg ſo; keine Fresko-Maſſe für’s Auge kam zum Vor - ſchein, der Kaftan von einem ſteifen Zeuge kurz geſchnitten und dabei nach jetziger Mode, mit vielen Falten auf dem Kreuze, anſtatt graziös flach, wie ein türkiſcher Schnitt exi - ſtirt, den man zur Abwechſelung lieber hätte beibehalten kön - nen. Nichts weiter Aſiatiſches, ein wenig nur von uns Weg - verſetzendes beibehalten! Das Ganze ein kleiner verwirrender Anblick. Das Letzte empfand ich ſelbſt; die auseinandergeſetz - ten Details, die du hier findeſt, gab mir eine Frau, die vor drei Wochen aus Italien hier ankam und Theater ſtudirte, möchte man ſagen. Dies nun, was hier ſteht, hätte mich nicht in die Ungeduld verſetzen können, die ich dir äußerte; wohl aber das Ganze der verfehlten Aufführung. Man läßt es Italiäner-Opern nach, daß ſie ein lockeres Gerüſt für Scherz und Muſik ſind, welches Muſiker und Schauſpieler mit Luſt und Liebe und ununterbrochener Befliſſenheit ausfüllen. Wo ſoll man aber das Gleichgewicht finden, welches zum Anhören und Sitzenbleiben gehört, wenn ein ſolch loſeſtes Machwerk von Deutſchen in ihrem Idiom ſo aufgeführt wird, daß man jedesmal, wenn ein Muſikſtück anhebt, ſich verwundert, wo das jetzt herkommt! So wenig wußten ſie Alle — außer Spitzeder — einen Einfall des Komponiſten vorzubereiten. Weder Ironie der Muſik noch Munterkeit, noch eine der Per - ſon angemeſſene Schwerfälligkeit oder Leichtigkeit, Leichtfer - tigkeit; kurz nichts, nichts! Als ob ſie’s gar nicht merkten,220 als ob dergleichen gar nicht exiſtirte, als ob ſie ſich deſſen ſchämten! als ob es nicht ſchon genug wäre, daß die Rezi - tative wegbleiben, und nur geſprochen wird; worauf Roſſini gewiß doch keinen Anfang eingerichtet hat. Es ging ſo weit, daß ſich viele Zuſchauer wunderten, als gegen das Ende ein ſonſt ernſter Dei eine mitgeſpielte komiſche Perſonage wird. Von einer Dame, die aus übler Laune, oder Nichtbeachtung gar nicht ſpielte, mag ich eben ſo wenig reden, als ſie ſich bemühte. Jedoch war dies in ſeiner Art komplett, wie wir Berliner ſagen; und wenn man wieder zu Hauſe iſt, werth, es geſehen zu haben. Die Herren Wächter und Jäger ſangen gut. Der arme Spitzeder ſpielte ganz allein (und erinnerte ſehr an Elleviou im Irato). Eine ſo völlig auseinander gehende Vorſtellung, bei meiſt ſo gutem Geſange, kann man wohl ſelten zu ſehen bekommen. Was die Ungeduld darüber ſteigern mußte, war der, ich möchte ſagen Wiener Beifall des Publikums, welches mit der Schönheit, die der Geſang be - ſtimmt enthielt, alles mit hinunter ſchluckte und, in unver - dautem Beifalle ſich ſelbſt betäubend, wiedergab. Dem. Son - tag, wird behauptet, und ſehr gerne glaub’ ich es, ſoll noch in ganz anderem Genre vortrefflich ſingen. Ich freue mich darauf.

Wieſo grade ſeit einer kurzen Zeit ertrag’ ich’s gar nicht mehr, in Geſellſchaft zu ſitzen, und das Nichts zu hören und zu behandlen? Wieſo dies plötzlich? Aber wie alle Entwicke - lung: nur ſcheinbar plötzlich. Zu lange legte ich mein eigent -221 liches Intereſſe, mein wahres Ich beiſeite: nun gebrechen mir die Kräfte dazu: und die Gründe, es zu thun: der Ertrag iſt keiner; und da will man endlich die ungeheure Anſtrengung ſparen. Freundlich kann ich noch immer ſein, wenn ich in der Lage des Zuhörens bin; aber da hinein zu gehen, wird mir zu ſauer. Wieder, noch Einmal, aufhören ich zu ſein: und beläſtigt zu ſein, wird mir unendlich ſchwer. Alles ſchlecht ausgedrückt.

Mémoires de Madame de Genlis. Vol. VI. — S. 344. vertheidigt ſie die Autorſchaft der Frauen ſehr gut: und macht auch dabei die Bemerkung, wie viel Talent über - haupt in der Welt verloren geht, und nur im tiefſten Keim bleibt. — Weiterhin fragt ſie endlich: „ Und die Frauen, ſo verſchieden bei uns von denen der Wilden: ſind ſie wirklich das, was die Natur wollte, daß ſie ſein ſollen? “ Ja, ſagt ſie: „ parceque les sauvages ne sont que dans un état de dé - gradation et d’anarchie”, vortrefflich das Wort hier — „ Dieu qui n’a rien fait en vain, n’a pas donné à l’homme tant de facultés intellectuelles pour que ces facultés admirables res - tassent enfouies; les développer; les étendre, c’est remplir le voeu de la nature: l’homme est évidemment fait pour vivre en société, pour avoir un culte, des lois, et pour cultiver les sciences et les arts. Chez les sauvages toutes les lois de la nature sont outragées, tous les droits usurpés au hazard, parcequ’ils y sont méconnus:” wie einfach, pro - fund, glücklich geſehen und glücklich ausgedrückt. Sage man222 nicht, es ſei oft geſagt! Welch ein großer Streitpunkt war das zu J. J. Rouſſeau’s Zeit und lange nachher: und wie oft noch jetzt alle Tage in allen Blättern wird dies noch im - mer beſprochen, bloß weil es nicht ſo deutlich, kurz und faß - lich geſagt wird. „ De profondes réflexions, l’expérience des siècles, l’accord unanime de tous les peuples civilisés, ont fixé les idées sur la véritable destination des femmes, et par conséquent leur état dans la société.” Wenn man für die Autorſchaft behaupten könnte: man ſolle eine gute Schrift ehren und ſich ihrer freuen, und käme ſie aus einem Thiere oder einem Felſen; ſo könnte dagegen geantwortet werden: eine Frau aber, hätte die Welt noch ſo großen Gewinn von ihren Schriften, verfehlte nichtsdeſtoweniger ihre weibliche Beſtimmung, und die Zeit, ſie zu erfüllen. Zugegeben! und nicht einmal geſtritten über dieſe Beſtimmung: es verfehlen ſo viele Weiber ihre Beſtimmung, daß es wohl wird mit ein - gerechnet werden können, wenn einige ſie durch Schreiben verfehlen: und es wird noch Vortheil herauskommen, und viel von dem ſonſt nicht vergendeten Mitleid mit ihnen er - ſpart werden. “—

An Ludwig Robert, in Karlsruhe.

Lieb Röberchen! Hotho’s Ramiro kommt mir, wie ich dir ſchon Einmal ſchrieb, darum talentvoll vor, weil er, auf dem ſchlechtgewählten breitgetretenen Wege, doch immer, in223 Sprache, Gedanken und Wendung der Anſicht ſo aufduckt, daß er immer noch wieder unterhaltend und neu in dem ar - gen Genre wird; und dazu, glaube ich, gehört Talent. Da - gegen gefällt mir „ Dichterleben “von Tieck, in dem Almanach Urania, gar nicht, (und par hasard nannte ich ſie hier neben - einander — weil es mit dieſer Novelle gerade die umgekehrte Bewandtniß hat. Nichts von Religion, nichts von Jetztleben: alſo die Wahl höchſt vortheilhaft; und gemacht, höchſt ſchlecht). Wie kann ein ſo alter Kritiker und Würdiger ſo leichthin ar - beiten? In ſolchem Grade, daß ich das auf der erſten Seite merke. Der unſchuldig ſein ſollende Page ſpricht in ungeſchickt gewählten Ausdrücken des Dichters, riecht Genies wie Fouqué’s Pferde Heiden, in dem Zauberring. Der Wirth nennt den ar - men — hier armen — Shakeſpear eine ſtille Seele?! („ Liebe Seele. “) Dirnen betragen ſich polizeiwidrig, was die am er - ſten vermeiden, und dadurch denkt er ſie zu karakteriſiren. Wie würde man ohne ihren Namen, den er ewig wiederholen läßt, ahnden, daß das Stück unter Königin Eliſabeth ſpielt, denn bis auf Burgsdorfs Zeiten herab haben die Dichter wohl nie ſo geſprochen als hier. Auch nicht ein Zug iſt ſo, daß er Shakeſpear’n angehören müßte; nur die, welche Tieck gut kennen, erkennen ſein Bemühen, ihn ſchildern zu wollen. Vor - züglich Eine Art ſchwebt mir vor, wie ich mir Shakeſpear oft denken mußte, und müßte. Er müßte ihn in kurzen ſehr leb - haften Hin - und Herreden ſchildern, und die Andern müßten wider Shakeſpear’s Willen ſich ſo ſtellen, daß er endlich aus purer Luſt und Richtigkeit ſie zum Narren haben müßte. Haſt du das nicht oft bei geiſtreichen, und geiſtvollen, gütigen, aber224 alles ſehenden Menſchen bemerkt? und dergleichen hätte er anbringen müſſen. Ein tiefes, endlich hervorbrechendes Gefühl und Einſicht für Recht, bei einem Vorfall, wo Andere lange matt ſchwatzten, und Hergebrachtes vertheidigen woll - ten; wo es aus alter Sitte unſittlich herging! He? Muß man ſich einen Geſchichtsbetrachter wie Shakeſpear nicht in ſeiner Jugend unter Bekannten ſo denken? Die Milde, die Ruhe, das Offne, und gewiß das Beſcheidne, das von Un - ſchuld kommt, hätte er ihm laſſen, und ihn ausdrücken laſſen ſollen. So iſt die Novelle bis jetzt noch nichts; aber es ſind ſo vortreffliche Stellen darin, beſonders gegen das Ende, daß ſie ganz von ſelbſt redneriſch werden, was ſonſt bei mir ein ſchlechtes Lob iſt, da ich keine Dialektik ohne Inhalt zugebe; weil jene keinen ſchaffen kann; was gewöhnlich angenommen wird, wogegen ich ein gewaffneter Feind bin! Die Dichter ſprechen das, was ich meine: wenn auch unzeitig, ſo iſt es doch an ſich tief und vortrefflich. Das Ganze iſt Tiecks alte Krankhaftigkeit; daß er die Welt nicht friſch in ſich aufneh - men kann, und da er nun darſtellen will, nur grübelt, wie Dichter und Litteratoren ſie wohl geſehen haben; daher auch ſein Ganz-ſich-verlieren in Shakeſpear; und grübelt er wei - ter — daß ihm ſo leicht das Wirkliche auch zu einer Vor - ſtellung wird, die er überſpringen könnte, und ſo ſich alsbald unter Geſpenſtern findet; die aber auch nicht die Geſpenſter - Realität haben, weil auch deren Daſein nur von ihm ab - hängt. Mir iſt er deutlich. — Börne iſt mir auch, im beſten Sinne, kein „ Hoffmann; “ſondern einer unſerer vornehmſtenGeiſter,225Geiſter, weil er eine unſerer vornehmſten Seelen iſt, und daher ſein ſchöner Geiſt frei. —

Alter iſt immer ungerecht gegen Jugend; weil Alter wohl wiſſen kann, wie Jugend zu Muthe iſt, aber Jugend nicht, wie dem Alter; und dies verlangt immer, ſie ſoll das ſcharfe Tröpfchen Wahrheitseſſenz ſchon deſtillirt beſitzen, ohne je den Baum des Lebens, weder in Laub, noch in Blüthe, oder in Frucht erlebt zu haben. Dümmer und jünger kann kein Wik - kelkind ſein! Glauben ſoll ihm die Jugend: eben das kann ſie nicht: ſeine Falten ſind ihr an und für ſich keine Be - glaubigung.

Das Alter thut ſich auch dadurch kund, daß wir nicht mehr glauben, daß wir etwas bewirken, oder in der Welt ändern können. Dieſe Einſicht macht unthätig; und wir ſind eigentlich viel länger fähig, als wir unſre Fähigkeiten ge - brauchen: es fehlt im Leben durchaus an neuen Einſichten und Entdeckungen: wir machen ſie meiſt alle auf eine unverhält - nißmäßige Weiſe bis zum dritten Lebensjahre. Die Jugend hat auch darin einen Vorzug, daß ſie umgekehrt meint, viel bewirken, und beſonders, verändern zu können; und es iſt ſo wahr, daß That nur wirkt, daß auch Jugend wirklich nur die Welt modifizirt; in ihr ſind die erworbenen Einſichten der vorigen Generationen niedergelegt und angebaut; die ge - braucht ſie friſch, und macht neue Umkehrungen darin. Bis vierzig allenfalls wirkt der Menſch ſelbſt: nachher, wenn’sIII. 15226Glück gut iſt, ſeine Einſichten: d. h. Andre mit ſeinen Ein - ſichten. —

Saint-Martin beſſert mich immer: er macht mich nicht beſſer, als ich bin, aber ſo gut, als ich ſein kann. Ja, wenn ich nur an ihn denke. —

Leute mit noch ſo geringem Grade von Witz und Einſicht wären ſehr gut zu leiden, wenn ſie nur nie etwas Uneinge - ſehenes nachſagten: dies aber iſt Prätenſion, Narrheit, Lüge; und die ſind nicht zu ertragen. Angelus ſagt:

Die Einfalt ſchätz’ ich hoch, der Gott hat Witz beſchcert;
Die aber den nicht hat, iſt nicht des Namens werth.

Ich möchte gerne ſagen:

Die Dummheit ſchätz’ ich noch, die rein für ſich beſteht;
Die aber Narrheit hegt, mit Recht zu Grunde geht.

A. Ich weiß gar nicht, warum X. ſich vor einigen Jah - ren ſo zeigte, wie er that: eine Übereilung! Bei der beſten Denkungsart, die er hat, hätte er dieſe Dummheit nicht nö - thig gehabt.

R. „ So iſt es immer. Darin beſtehen alle Dummheiten, die wir begehen; ſie ſind immer dümmer als wir. “

Waſhington Irwing ſagt in einer Erzählung: „ Mit mei - nem Vater war ſehr ſchlecht ſtreiten: er wußte nie, wenn er227 widerlegt war. “ Das iſt wie mein: „ Er hält eine Ausrede für einen Grund. “

Als ich eine Schönſprecherei des ſpaniſchen Miniſters las: „ Das iſt accurat, als ob ich Graf Tilly hörte! Die ſchönſten Redensarten auf dem ſchwärzeſten Abgrund: der kann damit nicht ausgefüllt werden! “ Alle Ausdrücke, die ihre Gegner gebrauchen könnten, wenden ſie an, wie Waffen, die in ver - brecheriſchen Händen geſchwungen werden; der Rechtmäßige muß ſie doch erſt niederſchlagen, und ihnen ausweichen.

Der beſte Wille, die höchſte Pflicht, die größte Kreatu - renliebe, wird in Anſpruch genommen, wenn ein Armer das Wort ſagt: „ um Gotteswillen! “ Das ſoll uns immer er - ſchüttern.

Le Constitutionnel. Jeudi 27. Octobre 1825.

„ Paris, 26. Octobre. Il est maintenant bien décidé que la société est en poussière: on nous le répète sous toutes les formes dans les journaux de l’aristocratie, dans les feuilles du clergé et du ministère. La vile poussière, c’est aussi le nom que l’on donne en Orient à la tourbe des esclaves. Les congréganistes de la trésorerie, les mains pleines de notre argent, nous disent avec un fier dédain, que nous ne te - nons plus qu’ à des intérêts matériels: que nous produisons trop. Il leur faut une France plus pauvre et plus aristocratique. La fortune ne va bien qu’ à eux, et,15 *228dans leur amour des richesses, il n’y a que du spiritua - lisme pur.” Dieſer kleine Abſatz iſt wirklich die reine Wie - derholung deſſen, was oft im Ernſt geſagt zu werden pflegt. Die Einen ſollen ſich als gute Chriſten bezeigen; auf die Gü - ter dieſer Welt verzichten: nichts wollen, als was die höchſte ſittliche Anforderung ſelbſt will; Gottes Welt in Ehrfurcht da - hin nehmen; und die iſt die, welche durch Gewalt und Gier den Andern zu Theil ward. Erfindungen, Studium, Fleiß aller Art, Arbeit und Bemühung, ſollen ohne Emporſtreben dienend verbleiben. Und das Menſchengeſchlecht ſoll ſein wie Gartengewächſe. Spargel bleibt ewig Spargel: und ſo wei - ter mit Rüben, Kohl und aller Art von Wurzel und Kraut. Dahin bringt es aber kein Krieg, kein Friede! Alle Menſchen ſtreben zu ſein, wie es den Beſten möglich iſt: geiſtig und ma - teriell. Auch gelingt es dem Geſchlecht, wenn es nicht ver - brennt oder verſchwemmt, ganz gewiß, und die großen Fort - ſchritte darin ſind bei jedesmaliger Civiliſation zu ſehen; bis ein Unglück kommt: dieſes Unglück aber, käme es in aller Ewigkeit wieder, muß nie als ein Beweis angenommen wer - den, als müßten wir nun beitragen, daß nur ein Tauſends - tel der Menſchen leben, ſein, und genießen ſolle; ſondern umgekehrt! Wir müſſen der unverſtandenen Natur, die wider die menſchliche agirt, entgegenarbeiten: dieſe unverſtandene, weit entfernt, einen Beweis wider unſre Bemühungen abzu - geben, iſt vielmehr ein Beweis, daß, wenn ſie bis jetzt noch nicht beherrſcht werden kann, unſer innerſtes, abſoluteſtes Streben eben ſo wenig ausgetilgt werden kann. — Dies muß man denen antworten, die damit beginnen (weil ſie in die229 Enge getrieben ſind), daß die Geburt die erſte That des Menſchen iſt. Aber auch dieſen myſtiſchen Satz zugegeben: iſt ſie eine That, ſo ſoll ſie wie viele andere bekämpft werden, wenn dabei Unrecht und Nachtheil für die Andern iſt. —

Religion kann nur ſein: Bedürfniß, Frage; Bedürfniß uns zu reliiren; Antwort giebt Vernunft; die immer nur ent - ſcheidet, was Thatſache iſt; ſie iſt Eins mit Thatſache: ſie nur ſieht ſie ein. Welche Verwechslung! Nach ſo vielen Jahr - hunderten Sprachſtudiums!

An Wilhelm von Williſen, in Paris.

Eben weil ich Ihnen gar keine Antwort ſchuldig bin, iſt es möglich, daß ich Ihnen einen Gruß ſchreibe, — andre Briefe laſſ’ ich unbeantwortet; mein Bedürfniß nach freiem Handlen, aus wahrhaft mir angehörigen Motiven, nimmt zu: wie ſoll das werden? da mit jedem Tag Älterwerden die fatalen Bedingungen des geſelligen Lebens zunehmen! — Seit einigen Tagen beſitz’ ich Ihre beiden Briefe aus Nürn - berg und aus der Schweiz. Sie haben mir überaus wohl - gefallen. Voller Wahrheit: unſchuldig geſehen. Die haben230 Sie für mich geſchrieben. O! lieber Freund, ſo fahren Sie fort, ſo beſtreiten Sie Ihre ganze Reiſe! Nur ſo iſt ſie werth, daß Sie ſie machen. Streifen Sie alle angewöhnte, vorgefaßte Luxusmeinungen — der in der ganzen Welt jetzt ohne wahre Wohlhabenheit wuchert, wie ſchlechte verderbliche Pflanzen — Landesgeſellſchafts-Kunſtzunftmeinung, Reli - gionsmeinung — vom Blaſebalg des Dünkels und der Unſi - cherheit aufgeſchwollen — ab; werfen Sie ſie weit weg. O! dann werden Sie alles ſo richtig ſehen, ſo vortrefflich beſchrei - ben können, wie den lieben verkannten Eſel. Ohne allen Scherz, Von jeher hatte ich nur noch bei unſern ordinairen Vögeln ein ſolch Vergnügen, als ich eins empfand, wenn ich einen Eſel ſah: aber den Eſel liebt’ ich mehr, er rührte mich: Vögel ergötzten mich nur, und ich wollt’ ihnen wohlthun, wie allen Thieren: ſie gerne freilaſſen; gerne beobachten. Der aber emotionirte mich. Dieſen Sommer hab’ ich in Baden-Baden ſeine perſönliche Bekanntſchaft gemacht, und bin viel mit ihm im Gebirge umhergeritten. Tauſendmal beſſer als fahren. Er verſtand mich gleich; ich ihn auch, Sie müſſen wiſſen, ich bin der größte und ungeſchickteſte Poltron — und darum froh eine Frau zu ſein —, als ich zuerſt mich auf das Thier ſetzen ſollte, und nun drauf war, mußte ich fragen, was ich nun thun müßte, um rechts oder links zu kommen?! Bald aber waren wir einig: er merkte mir alles, ich ihm alles ab: ja mir kam’s vor, er liebe mich. Wenn ich im waldigen duf - tenden Gebirge ſo etwas voraus ritt, war ich ganz tief in - nen überzeugt, ſo hätte ich ſonſt in Spanien unter ſchönen Umſtänden, ſchöner Begleitung, in guter Lage, geritten, und231 erinnerte mich jetzt nur daran! Sind Sie wohl ſolchem un - abweisbaren Wahnſinn unterworfen? Bei dieſer Gelegenheit muß ich Ihnen auch noch ſagen, daß ich überhaupt als Re - ſultat, und letzten Punkt aller Anweiſung meiner Unterſuchung, endlich und immer nur gefunden, daß all unſer — meines gewiß — Suchen nur ein Wiederfinden iſt von dem, was wir ſchon wußten, waren, hatten. (Hier ſind zwei Kinder gekommen mich zu ſtören: ich liebe ſie zu ſehr: ſie ſind herr - lich.) Ich nehme mit Saint-Martin an, oder vielmehr, mir iſt einleuchtend: „ daß wir einen entſetzlichen Fall thaten bis auf die Erde, die uns aufnahm; von dem wir uns aber gar nicht erholen, von deſſen Zertrümmerung und Zerſchmetterung wir uns nicht wieder zuſammenfinden können: aber es ſollen. “ Ein Sündenfall iſt es bei mir aber doch nicht: ein Emanci - pirungsfall vielmehr: wie auch das Koſten vom Baume der Erkenntniß. Schrecklich! und alle Tage zu wiederholen. Iſt ein Kind nicht unſchuldig, wenn es etwas wiſſen will? Nur Unſchuld darf gefordert werden: Heiligkeit iſt glücklicher. Aber heilig iſt nur Gott: darum unerreichbar; enthoben. Manchmal weiß ich einen Augenblick, was heilig iſt: dann wieder nicht. Das, was gar nicht unheilig werden kann; ich habe ſchon ein paarmal ein Wiſſen, ein momenta - nes, ein Gefühl darüber gehabt, als wär’ ich für eine Sekunde dahin geſchwungen worden. So viel von dem Eſel: möchte ich ſagen, wenn es nicht zu Jean-Pauliſch wäre: und doch weiß ich — wie er — keine andre Wendung hier zu finden in der Geſchwindigkeit. Wir beiden, er und ich, pfleg’ ich zu behaupten, können nicht ſchreiben. Von Peter Viſcher bin232 ich auch ſo eingenommen; ich ſah ſein Werk in Magdeburg und das in Wittenberg: aber dieſe großen haben mich nicht ſo in die Seele gefreut, als ein Basrelief hinter dem Altar, in einem ſchmalen doch hellen Gang der Hauptkirche im letz - tern Ort. Gott und Chriſtus krönen die Muttergottes. Die Wahrhaftigkeit, die Reinheit, das Menſchliche da hineinge - bracht! Man möchte ſagen, in Menſch überſetzt. Andere Übernatürlichkeit erkenne ich auch gar nicht an: denn ſie iſt gelogen. Gelogen bis zur neuen Exiſtenz. Wenn die Künſt - ler etwa mit dem hier zu leiſtenden Menſchlichen nicht be - gnügt ſein wollen, ſo müſſen ſie bis zu einer neuen Zeit lü - gen. Entweder: das eleganteſte Menſchendaſein ausgedrückt, wie der Grieche: oder, ergebene, verſtändige Unſchuld, wie dieſe Deutſchen! Alles andere ſind Nüancen, Stufen, Mittel - bildungen, Irrthümerchen, kleine Nationalkoſtüme der Seelen - regimenter (des âmes enrégimentées, daß Sie mich verſtehen!) Adieu bis morgen! — Nun iſt morgen, Sonnabend. Trüb - lich graues, feuchtlich wärmliches Wetter, 10 Uhr morgens. Aber wie habe ich geweint! Dienstag wurde Goethens An - kunfts-Jubiläum in Weimar, von Hof, Land und Stadt — wahrhaft gefeiert. Das las ich heute ausführlich in der Spe - ner’ſchen — thun Sie das ja auch — und alle Schleuſen meines gelebten Lebens öffneten ſich, ſprangen auf; alle Ehr - furcht in mir ſtand unterm Gewehr, alles was Dank in mir ſein kann: gegen Gott, Fürſten, Erkenner, Menſchenfortſchritt, Gutes auf Erden, Freude ſeines Gedeihens, Freude über Ein - ſicht in mir alles deſſen, und über meine Nationalität, — die nur ſo mir erſetzt werden kann, — über mein Uremigran -233 tenthum, welches nur ſo irdiſche Verſtändlichkeit in mir er - langt. Aber auch brüllende — ich weinte mit Tönen, wie Waſſer bei Schleuſen lärmt — Thränen des Neides weint’ ich, und der Zerknirſchung; und bat Gott, dies große Opfer mir ja anzurechnen. Ich war fern, die Goethen am meiſten liebt: ihn ſeit dreißig Jahren vergöttert; deren Hofmeiſter, Freund, Vertrauter, Vermittler er iſt: mein Hochbild: an dem ich meine Verkrüpplung meſſe; und durch den ich ſie doch ſtolz ertragen gelernt habe. Welch’ elende, irreführende Worte ſprech’ ich hier aus! Sie wiſſen es auch. Aber wie weiß ich es! Dieſen Sommer wechſelte ich Pferde in Weimar, als ich mit Geſchichte dort erleben konnte, den Tag vor des Großherzogs Jubelfeſt, den ich perſönlich kenne, welches Goethe feierte. Weiter ſage ich nichts. Ich mußte. Ich reiſte mit Varnh. und meinem Bruder. Ich äußerte meinen Wunſch gar nicht. So habe ich auch — ich hatte damals nichts mehr anzubieten — Gott in ſchwerer Krankheit Anno 10, die ich nicht mehr ertragen konnte, an - gelobt: „ ich wolle auch Italien nicht ſehn! Er ſoll mich los - laſſen! “ Ich genas alsbald; natürlich. Und die Luſt, Ita - lien zu ſehn, war weg. Den Verluſt aber ermeſſe ich ſo gut, als es einer kann, der Italien nicht geſehn hat. Hätten Sie ſo etwas von mir geglaubt? Ich wollte, Sie hätten eine Stelle geleſen, die ich einmal dem Grafen Cuſtine über Gebet ſchrieb, — da würden Sie ſehen, daß ich doch nicht vernagelt bin. Dieſen ganzen Thränen-Vorfall ſchrieb ich Ihnen aber nur, weil ich ſie noch in den Augen hatte, und auf der Seele: und Sie hätten Sie doch, in dem was ich geſchrieben, gemerkt,234 und unerkannt als Störung bemerkt; und ob ich dies oder etwas anderes aus mir portofrei herausſchreibe, iſt ja gleich! Dieſen ganzen Brief ſchreibe ich auf letzte Veranlaſſung, näm - lich weil ich vorgeſtern bei dem hannöverſchen Geſandten Ba - ron Reden den Hrn. von Wildermeth ſah; der mir ſagte, er ſei an mich gewieſen wegen Ihrer zwei Briefe: ich ſagte ihm ein wenig, wie ich ſie fand. Da ſagte er mir, neumodiſch und ganz fertig: ja, er ſchreibt ſehr gut: er ſieht alles mit dem Verſtand ꝛc. Meiner ſtand ſtill; weil er kein Inſtrument bei der Hand hatte, einen Irrthum, ſo breit auf ſo verſchiede - nen Fußgeſtellen ausgelegt, zu ergreifen; und ſein (Wilder - meths) Menſchenleben dazu gehört hätte, dieſen Irrthum da - von abzulöſen, und in alle vier Winde zu ſchicken. Vorher hatte ich Ihre Wahrhaftigkeit geprieſen: und mich dagegen präkavirt, daß es nicht, wie man es nennt, ſchöne Briefe ſeien; nachher konnte ich nichts mehr ſagen, als: der Verſtand ſchadet nicht; und thut dem nicht Schaden, was ſonſt ſchon vorhanden iſt. Aber ſie haben eigenſt den T — im Leibe jetzt. Das haben die Neuphiloſophen eingebrockt mit ihrer „ ſogenannten Vernunft, “die ſie belächlen, und mit einem neuen Organ, der Naſenſpitze, weit über Vernunft, ihre Re - ligion riechen anſtatt wählen. (Das Bedürfniß dazu iſt ganz etwas anderes.) Hat Einer keinen Verſtand, und ſie müſſens geſtehen: ſo ſagen ſie gleich: er hat Phantaſie. Mit - nichten! Es iſt mit der Phantaſie nicht wie mit Luft. Wo das Waſſer weicht, dringt ſie hin. Schreiben ſie nur ferner: iſt es für niemand; iſt’s für mich. Und meinesgleichen: wir ſind ihrer noch viele. Dann ſchreibe ich Ihnen noch, um Sie235 zu ſchelten. Ein Böſewicht ſind Sie! Alle Menſchen erzäh - len mir, und nun wieder Wildermeth, von Ihrer Munterkeit, Ihrem Lachen: und ich ſehe immer nichts. Ich, die nur lebt von Lachen. Sie ſollten ſehen, wie wir bei Redens lachen. Hier? ſtill, ſtill, ſtill ſteht alles, wie Sie’s kennen. Eins fürcht’ ich nur: Ihre Zurückkunft. Sie werden denken, es müſſe fortgeſchritten ſein; werden Meeresländer, Nationen vor den Augen haben; hoff’ ich wenigſtens; und werden al - les Gewöhnliche, albernſte Frauen, gewiſſeſte Herren, und lauter Binnen-Ideen, und Stolz auf all dies wiederfinden. Reiſen Sie! reiſen Sie! Sein Sie ein glücklicher Fremder, den das Gute freut, den das Schlechte nichts angeht! Sein Sie ein freier Genießer, ein Gaſt, ein Unbekannter, ein Un - terſucher, ein Vogel in der Luft! In Baden-Baden hat man mir Sie, Ihre Munterkeit, Leutſeligkeit, Geſelligkeit, und den Grafen Yorck ſehr gelobt. Meinem Bruder glaub’ ich. Adieu, lieber Freund! V. grüßt ſchönſtens. Gehen Sie ja zu all meinen Freunden in und außer London: Mad. D. ſoll Sie mit Doktor Young bekannt machen. — Ich habe in Straßburg Mlle. Mars ihre beſte Stücke geſehen: im Esprit Stube an Stube mit ihr gewohnt; und reizend ihre perſön - liche Bekanntſchaft gemacht; grüßen, loben, vergöttren Sie ſie, wenn Sie ſie ſprechen. Ich ſollte doch mit Ihnen reiſen. In gewiſſer Art. — Steffens ſind wohl: reiſten in Schleſien, waren munter. Er hat die Vorleſungen nicht herausgegeben. Was nicht geſchieht! und die Schätze im Meer! —

236

Der iſt dumm in der Moral! Der rühmt ſich Schlech - tigkeiten nach. Er hat einige große Grundſätze aufgeſchnappt, die er dafür hält, und die er nie anzuwenden das Herz hat; man möchte ſagen, nicht den Verſtand.

Es iſt ein Wiſſen, und ein Sein, und ein Fühlen, und ein Haben, — welches ich manchmal ganz zugleich wie einen Aufflug fühle.

Einſicht iſt frei: aber nicht der Wille. Das wird ver - wechſelt. Was wir begehren müſſen, iſt ganz beſtimmt in uns, das ſind wir gleichſam ſelbſt, davon ſind wir gemacht: unſer Wollen iſt nur wie ein Gelenk, welches hierhin, oder dorthin gedreht werden kann; Einſicht kann nur freie Zuſtim - mung werden; Einſtimmung zum Zwang: und ſo iſt nur in Einſicht Freiheit für uns.

An Fanny Tarnow, in Dresden.

Hier, liebe Fanny, haben Sie einen Brief, der Sie in Frankfurt am Main bei der vortrefflichſten Familie einführt. Die Familie Louis G. iſt tüchtig, gütig, unterrichtet, unaffek - tirt, heiter, geſellig, freiſinnig; antheilnehmend an allem Wür -237 digen und Lebendigen; behaglich, wohlhabend; kurz, eine ſolche müßte man ſuchen! Die Mutter eine edle Matrone. Was ich mir unter einer Bürgerdame denken kann. Ordent - lich weiſe; in ihrer einſichtsvollen Ruhe, in dem freiheitge - währenden Regieren! Voller Weltkenntniß, wovon nie ge - ſprochen, und wonach immer ohne Unterbrechung gehandelt wird. Liebenswürdig in gediegenſter Selbſtſtändigkeit, weil ſie auch alle andere Selbſtſtändigkeit neben ſich gedeihen läßt, das beweiſen die lieben und doch ſehr verſchiedenen vier Töch - ter. Hr. G. iſt in ſeinem reifen Alter ein guter junger Menſch von einem geſetzten Mann. Eine liebe, geſellige, wohlthuende Natur; ein engliſcher Mann, dem man es abmerken muß, was er alles weiß, geſehen, erlebt, gelernt hat, weil er es ſelbſt nicht achtet, und nur Schritt vor Schritt alles, was ihn umgiebt, und ſich ſelbſt durch thätiges, aber ſtilles Wohl - wollen und Wohlthun erheiternd beglückt. Empfehlen Sie mich ja auch der ältern verheiratheten Tochter — auch eine Frau von G. — die drei unverheiratheten Töchter heißen Sophie, Roſalie, Klotilde. Eben werde ich geſtört. In allen Fällen muß der Brief beſorgt werden. Gehen Sie aber hin. —

(Mündlich.)

Man ſprach von der Begier des Menſchen nach Erkennt - niß, und daß er von den verbotenen Früchten des Baumes der Erkenntniß durchaus habe freſſen wollen. Rahel fuhr mit Eifer fort: „ Der Menſch iſt ein Geiſt; der ſoll nicht vom Baum der Erkenntniß freſſen wollen! Wovon ſoll er238 denn freſſen? Das wäre noch ſchöner! “ Ein Anweſender erinnerte zuſtimmend an den alten Spruch: felix culpa!

Der Unterſchied von Religion und poſitiver Religion be - ſteht darin, daß die letztere ihr Prinzip in einer beſtimmten Geſchichte hat, und ſich auf dieſe bezieht; und daß die erſtere ihr Prinzip und ihre Beziehung aus aller Geſchichte, und al - lem, was für Menſchen von Geſchehenem zur Erkenntniß kommt, findet. Die erſte begränzt ſich ſogar in aller Zukunft.

Komiſch war er mir neulich in Mad. de Genlis Memoi - ren zu leſen, daß ſie die Griechen tadelt, ihr Paradies beſtände nur in einer abgeſchmackten Promenade in Elyſium. Sie könn - ten ihr ſchön antworten! noch außerdem, daß eine Promenade ſo gut, als jedes, alle Seligkeit enthalten kann.

Jede Wiſſenſchaft iſt ein abgeriſſener Strahl von der Sonne alles Wiſſens und Seins: ein Behelf, bis zu ihr zu gelangen, und unhinlänglich, nach ſeinem Ende zur Sonne, und nach ſeinem Ende zur Welt, wo Wiſſenſchaft ſich mit Wiſſenſchaft verwirrt; und gearbeitet wird: wie denn wiſſen - ſchaftliches Arbeiten auf Ruhe abzielt, zu ſeiner Sonne, wo - hin wir auch nicht gelangen. Dies iſt alles nicht zu läugnen. Alle Wiſſenſchaften ſind Eine, und durch jeder gründlichſte239 Bearbeitung werden ſie zu Einer werden. Das Wiſſen fromm - ſpekulativer Menſchen iſt, das alles in der Sonne, in Gott finden. Das Finden iſt ſchon recht; aber das Erklären geht nur, ich möchte ſagen, durch den Weg der Strahlen. Troſt und Verlaß giebt die Sonne, wo wir an’s Unerklärliche kommen.

An Ludwig Robert, in Karlsruhe.

— Ich ſchicke dir einen Brief Adem Müllers über ſeinen Freund Wieſel, deſſen Tod ich ihm gemeldet hatte. Ich finde ſehr gut, was er über ihn ſagt, und wie er das Ereigniß anſieht. Ich hatte ihm nämlich geſchrieben, daß ich dem un - heilbar Kranken täglich labende und erwünſchte Speiſen aus meiner Küche zuſchickte, vier Treppen hinauf, die ich leider nicht ſteigen konnte, und wie er dafür ſich dankbar und ge - rührt erwieſen. Auch daß ſeine dicke Haut mich ſchon längſt nicht irre machte, ein doch gutes und gewöhnliches Menſchen - kind in ihm zu ſehen. Sein ſogenannter Atheismus erſchien mir von jeher eine Kinderei, erfunden, um andren Kindereien Trotz zu bieten. Wenn er ſeine Gottheit ganz in wüſte All - gemeinheit des Gedankens hinaus - oder in die Fülle der Na - tur hinein-demonſtriren wollte, machte ich ihn gleich lachen, wenn ich ihm nach meiner Art unbefangen einwandte: „ Nun, lieber Wieſel, zu dem Gedanken und zu den Gliedern wird doch ein Kopf ſein müſſen! “ Hingegen zwang auch er mir240 noch in ſeinen letzten Tagen ein Lächeln ab, als er mir Dank - worte auf einen Zettel ſchrieb, und darin ſagte: „ Das Schick - ſal vergelte es Ihnen! “— weil er „ das Schickſal “ſagte; als ob der liebe Gott nicht klüger wäre, und nicht auch un - ter dieſem Namen ſeine Gebühr annähme! — Ich rechne Müllern ſeine einſichtsvolle Milde und ſein hoffendes Ver - trauen hoch an. —

Anmerkung. Dieſer ſehr mittheilenswerthe Brief lautet vollſtän - dig alſo:

„ Hochverehrteſie Freundin! Empfangen Sie meinen herzlichen Dank für Ihr freundliches Andenken an mich, bei dem Tode des Unglücklichen. Dieſe Rechenexempel ſind alſo abgeſchloſſen, dieſe Weiſſagungen verſtum - men; ſonderbarerweiſe wurde der, der nach Wieſels Kalküls ſchon zur Zeit des Kongreſſes zuerſt zu Grunde gehen mußte, der Kaiſer, grade am Tage vor Wieſels Tode von einer wirklichen Todesgefahr gerettet. Dennoch rührt mich dieſer Fall ſehr. Sie nennen ſein Unglück ſeine dicke Haut, und es iſt wahr, innerlich war viel Schönes und äußerlich hat ihn viel Ausgezeichnetes berührt; doch hat beides nie zuſammenkom - men können. Dazu waren auch ſeine Augen zu ſcharf, kein geringes Unglück für den, der ſie hat. Farbe und Lichtton verſchwanden; er ſah nur die Unterſchiede und Umriſſe der Dinge, und da war dann Rechnung und Zahl bald zur Hand. — Ich verliere viel an ihm; er erſetzte und repräſentirte mir nicht nur die ganze liberale und demokratiſche Welt, und überhob mich nicht nur der Mühe die Journäle und Bücher meines Gegenpart zu leſen, ſondern er trieb das alles auf die rechte deutſche Höhe, bis zur Läugnung des perſönlichen Gottes, zur Behauptung, daß alles Unglück in der ganzen Weltgeſchichte aus dem Glauben an eine perſönliche Offenbarung herrühre. Drei Stunden hindurch habe ich ihn einmal über letztern Punkt auf meinem Zimmer mit wirklich teufliſcher Grazie und Sachkenntniß raſen hören. Und doch war in allem und un - ter allem wieder lauter Selbſtüberredung, ſchwaches Liebesbedürfniß, Advokatie der Armen, Entbehrungs - und Aufopferungsfähigkeit, ſieben - monatliches Leben mit 80 Thalern und von bloßen ſelbſtgefangenen Hech - ten und Kartoffeln, und die Unfähigkeit nicht bloß zum Verrath ſeiner Freunde, ſondern ſelbſt der verhaßteſten unter den Ariſtokraten, wennnicht241nicht etwa die Geldnoth allzu groß geworden wäre! Ich glaube, daß die göttliche Barmherzigkeit ihre größten Wunder für die letzten Augen - blicke des Menſchen vorbehält. Vielleicht iſt ein Strahl des ewigen Lich - tes beſſer durch die halbgeſchloſſenen, als durch die noch offnen Augen gedrungen. Wie die abſurden Räſonnements eins nach dem andern aus - löſchten, mußte doch etwas übrig bleiben; vielleicht war es der Troſt deſſen, den er ſich ſein ganzes Leben hindurch ein dummes point d’honneur gemacht hatte nicht anzuerkennen, und der am beſten wußte, wie er zu dieſer Albernheit gekommen war.

Doch zu den Lebenden. Sehn wir uns dieſen Sommer? Ich kann noch nicht nach Berlin kommen, und fühle, wie ſehr mich erfreuen würde, Sie und Varnhagen irgendwo zu begegnen. Nicht bloß weil Sie Beide einen ſo ſchönen Nachruhm bei den Meinigen zurückgelaſſen, was freilich eine weſentliche Mitbedingung aller Wünſche eines ſo eingewachſenen Hausvaters iſt, wie ich bin; ſondern weil ich glaube, daß Varnhagen einer der berufenſten Menſchen unſrer Zeit iſt, und der Sache nicht ent - gehen wird, die ſeiner bedarf. Glauben Sie nicht, daß die Biographieen und der vortreffliche Auſſatz über den Tod Alexanders mir viel Neues über ihn beigebracht. Ich habe es längſt anerkannt, und nicht geſagt, weil er mir perſönlich unangenehm d. h. zu ſchroff und zu ſteil war. Nun, da es anders iſt, möchte ich ihn ganz leiden können. Darum wäre es gut, ſich bei ſchöner Sommerszeit irgendwo im Grünen auf ei - nige Tage zu treffen.

Leſen Sie doch einſtweilen die trefflichen Aufſätze von Görres in ei - nem Journal, das der Katholik heißt und in Straßburg herauskommt; in den letzten 13 Heften ſteht vieles glänzend und gründlich Schöne; nicht Sie zu bekehren, aber um inne zu werden, wie mir zu Muth iſt. Ihr ſenſitives und ſibylliniſches Weſen wird ſich in Görres leichter zu finden wiſſen. Auch dient Ihnen zum Antrieb dieſer Lektüre, daß Gentz davon bezaubert iſt.

Mit der Ihnen bekannten, langjährigen Verehrung Ihr gehorſamſter Adam Müller.

Ich möchte wiſſen, was Ihr Herr Gemahl zu dem außerordentlichen Phänomen von Lingards Geſchichte von England meinte.

Es iſt nicht nur das eine Idee zu nennen, wenn wir mit unſerm Geiſte bis an die letzte Gränze unſeres Erſchauens ge - langen; ſondern jedesmal das, was wir in einer verſtändniß -III. 16242vollen Geſammtheit erfaſſen; und dann erſt erſchaffen wir, gleichſam durch unſre eigne Thätigkeit gott-ähnlich, Ideen; die wir, wenn wir nur bis zu unſerm Ideen-Schema hinge - langt, nach dem auffaſſen. Jedesmal wenn wir einer Gruppe von Gedanken Zuſammenhang abgewinnen, haben wir eine genialiſche — heißt ſchöpferiſche — Handlung verrichtet; und je richtiger, und genauer dieſe war, je mehr wird ihr Ergeb - niß zu allem, was wir ſchon wiſſen, paſſen; und dies iſt die Probe von dem, was wir Wahrheit nennen.

Als Frau von Arnim bei uns war, und über vieles viel und ſchön ſprach, ſagte ſie auch: Beim Einſchlafen könne man dem Geiſt eine Art von Weg vorſchreiben und gleichſam Re - gionen anweiſen; hätte ſie lange verſucht, und auch in Plato beſtätigt gefunden: da erinnerte ich Varnhagen, was ich immer ſagte: Im wahren feſten Schlaf ginge die Seele zu Hauſe; ſich ſtärken; ſonſt hielte ſie’s nicht aus: das ſei ihr verſpro - chen. Sie badete ſich in Gottes See.

Frau von Arnim hatte auch geklagt, daß ſo viel Talente und Thätigkeiten im Menſchen wären, die nicht in Anſpruch genommen würden, und nie zur That würden; man fühle das deutlich; und oft ſchmerzhaft — freilich ſchwieg ich. — Als ſie weg war, wiederholte V. das, und ſetzte hinzu: Das iſt aber bei allen talentvollen Menſchen, ja auch bei den anſchei - nend Unbegabteſten; was ſchlummert nicht alles in jedem! — „ Ja, ſagte ich, es muß ſo ſein; es iſt wie Öl auf der Lampe, ſo wie es weg wäre, ginge das Licht aus; aber es muß mehr243 Öl da ſein, als die Flamme braucht; der letzte Tropfen am Licht muß von den andern getragen ſein. “ Und nach einer nachdenklichen, faſt Schmerzenspauſe: „ A — ch! es iſt alles richtig, wir verſtehn’s nur nicht! “ V. wollte das aufgeſchrie - ben haben. Er hat Recht. Selten wohl iſt eine ſolch innige Miſchung von intellektuellen, allgemein-tiefen Gedanken, und tiefſter Trauer, mit ihrem wahren Grunde, zugleich ausge - ſprochen worden. —

(Mündlich.)

Ein Muſikſtück, von Felix Mendelsſohn-Bartholdy groß - artig geſetzt und meiſterhaft geſpielt, gefiel Rahel außerordent - lich; ſie ergoß ſich in Lobſprüchen: „ Ein gebildeter Sturm - wind, “ſagte ſie unter anderm.

An Leopold Ranke, in Berlin.

Sie haben mir ein großes Vergnügen verſchafft. Dies möge Ihnen der beſte Dank ſein, den ich Ihnen geben kann. Welch ſchönes Gedicht! Es bewegt ſich aber auch ſchon in einem Gedichte, und kann nur Stoff ergreifen aus Dichtung überhaupt. Iſt verliebte Liebe nicht ſchon ein Gedicht und nur darum ewig wiederholt, weil wir ohne Dichtung nicht leben können, mit dem Leben nicht auskämen? So ſind mir auch die vielen Blumen und Edelſteine nicht zuwider, die16 *244ſchon in der hieſigen Natur wie aus einer andern Welt nie - dergelegt ſind, und das richtigſte Spielwerk — dies Wort im buchſtäblichſten und edelſten Sinn — für uns ſind und bleiben: Werkeltagsnaturen geht der Sinn dafür ab: ja, er iſt das Maß, wonach ſie auf - und abwärts geſchätzt werden können. Mich entzücken, und beſchäftigen ſie ewig. Dieſes indiſche Gedicht hat im genaueſten Sinn einen Gedanken in mir erweckt, über dem nur noch ein Schlummer waltete; es iſt einer über Geſchichte — und was wäre nicht Geſchichte am Ende, — ich denke nämlich, es giebt zwei Arten Natio - nen, vornehme und andere. Vornehm ſind alle die, deren Entwickelung auf einem Wahn beruht; einem mythologiſchen, religiöſen, ſelbſterfundenen, dichteriſchen. Seien auch ſolche Nationen in noch ſo befeſtigten Kaſten abgetheilt; die letzte, niedrigſte, ſchaut doch durch alle über ihr hindurch nach der höchſten, und partizipirt davon in ihrem Unglück, in der nie - drigſten geboren zu ſein. Das Leben ſolcher Nation bezieht ſich nicht mehr auf die Nothdurft, deren vernünftiges Produkt Nützlichkeit iſt; und auf Vernünftigkeit, die uns ergeben macht, die Schranken anzuerkennen. Iſt es nicht beſſer, in Spiel und Wahn hier zu leben, da wir keins und keinen zu erfin - den vermögen, der ganz vernunftlos wäre, und ſo der Ver - nunft näher zu kommen; als in lauter Nutzen und Zweck uns zu bergen, und dadurch zum Wahn und Spiel zu ge - langen? Das darf man natürlich keinem Narren weiß machen: aber die Nationen ſehe ich ſo an: die nie als ſolche über ſich klar wiſſen, und ſich ihren Platz anweiſen können. Welch herrlich Spiel in dem Gedicht! unter Blumen, Steinen,245 Liebe, Sternen. Was wollen wir denn am Ende? Erleuch - tung: weil wir nicht erleuchtet ſind; und Fragen zu thun haben: iſt nicht der Zuſtand, wo ſie beantwortet ſind, der ſchönſte? und wo wir ſpielten und ſchafften: und, in Erman - gelung deſſen, ſolchen vorausſetzen, iſt dichten.

Sehen Sie, ſo ſchrieb’ ich, wenn ich mich gehen ließe: darum ſchreibe ich nicht. Ich denke ganz umgekehrt von allen Leuten: und alle Tage umgekehrter. Aber ſo ſelten Sie mir ein ſolches Gedicht mittheilen können, ſo oft darf ich Ihnen auch ſo ſchreiben, und meine innerſten Gedanken zeigen.

Sie ſollen nächſtens indiſche Bilder ſehen; ganze Geſtalt, aber nur wie dieſer Bogen groß; die werden Ihnen dies Ge - dicht völlig ergänzen: ich verſtand es beſſer daher. Frau von Helvig ihr Vater hat ſie aus Indien mitgebracht. Adieu. Sie kommen bald, baldigſt.

V. will das Gedicht nun auch erſt leſen; ich gedachte es Ihnen jetzt mitzuſchicken.

Ich hätte noch lauter Erläuterungen für meine Meinung, aus des Beſten, Goethens Gedichte geben können. In ſeinem erhabenſten, Iphigenia, mußte er in die Fabel gehen: ſein nationalſtes, Hermann und Dorothea, können nur edle biedre Geſinnungen ſein; und nur, als Schmuck, der drauf ſitzt: ſchöne Naturbilder; und die ſind? Blumen, Pflanzen, Liebe, Witterung. Und ſo könnte ich alle unſre Dichtungen durch - gehn. Erzeigen Sie mir die Ehre, mit mir zu ſtreiten.

246

Eine Sache wiſſen, iſt mehr als ſie ſein. Darum können wir Gott nicht wiſſen: und nur inſofern für uns ſein, als wir von uns wiſſen.

An Roſa Maria Aſſing, in Hamburg.

Meine theure liebe Schwägerin! Liebe arme Roſa! Was hilft es Ihnen, daß mein Herz, mein wirkliches auf der lin - ken Seite, wie von einem Dolch getroffen iſt! Könnte ich Ihren gerechten, herben, bittern Schmerz dadurch lindern! Auguſt ſeinen! Und doch, liebe Frau, arme liebe Tochter, waren Sie mein erſtes Wort. Nichts hat Ähnlichkeit mit dem Verluſt von Eltern. Ohne alle Empfindſamkeit, ohne allen Pakt noch Verſprechung, ſind ſie unſre erſten, gewiſſeſten Freunde. Wir ſetzen voraus, daß ſie uns rathen, helfen, lie - ben müſſen, und an ihrem Todestag nehmen wir dieſe große ſtumme Vorausſetzung erſt zurück, und erfahren dadurch, daß wir auf ſie gelebt hatten. Keiner kann dies Herbſte für den Andern abmachen! Ich habe es ganz empfunden, als ich meine theure Mutter verlor. Im Oktober 1809 war’s, und täglich ſpreche ich mit ihr! — ich habe ihr aufgewartet bis im letzten Augenblick. Was haben Sie jetzt ausgehalten, liebe Roſa! Manchmal iſt dies ein Troſt: wiſſen Sie alſo, Eine lebt, die all Ihren Schmerz, und ihn ganz kennt. Zu ſagen iſt nichts über dies große allgemeine Geheimniß. 247Nur an Weiterleben trotz ihm iſt zu erinnren. Leben Sie gleich weiter mit Ihren Kindern und Ihren Blumen und Ihrem großen Freund. Das iſt Ihnen Aſſing: und auch mir war er Troſt, daß Mama ihn zum Freund und Arzt hatte. Leben Sie! das iſt Mama’ens beſtes Mauſoleum und Anden - ken: und ihr beſter Wunſch! Und Ihrer, für Ihre Kinder. Mein armer, tief betrübter, mehr als glaublich zerriſſener Auguſt iſt bei dem wohlthuendſten Sommerwetter, nach Regen, in’s Freie gegangen: ich konnte aus Anſtrengung nicht mit: ich werde ihn und mich geſund erhalten. Thut das auch, liebe Kinder! Ach! wie leid, wie weh thut einem jedes, was man einem Geſtorbenen nicht anthat!! Wir wollen uns alles zu Gefallen thun, alles verzeihen, ſo lange wir leben; und nicht allein gut, ſondern auch mit Anſtrengung noch beſſer ſein! Heute mußt’ ich einen Gang ausgehen; und da hab’ ich auf der Straße alle alte Frauen beſchenkt, die mir begegneten: in Mama’s Namen; und ich will es ferner thun. Das wird Sie freuen, liebe Roſa; auch darum ſchreib’ ich es Ihnen. Ich habe Varnhagens Brief noch nicht geleſen; nun will ich’s thun, er ſieht dieſen meinen nicht mehr: er geht zur Poſt, ehe er zurück iſt. Ach! ich hoffe gar nicht mehr, daß Mama lebt! Gott ſegne ſie; und euch! Wir wollen immer beſſer werden: ſei dieſes Unglück dieſe gute Veranlaſſung! Nicht wahr, liebe Schweſter? Adieu. Ich weiß nichts Beſſeres. Ihre treue

Fr. V.

Ach! wie traurig iſt meines Auguſts Brief: ſo iſt er. Liebe Freundin Roſa, gehn Sie, fahren Sie nur gleich in’s Freie. Ich lief auch auf’s Feld, wie meine Mutter todt war,248 und noch auf ihrem Bette lag. Gott wird Sie ſtärken: mit ſeiner ganzen Welt: mit der Welt in Ihnen. Ich umarme Sie mit weinenden Augen.

Niemand iſt gnädig gegen uns, als Gott und unſer Ge - wiſſen. Weil kein Anderer uns und die Weiſe, wie etwas in uns vorgeht, kennt. Auch wir lieben nur die, welche wir ken - nen; und müſſen Alle lieben, die wir kennen. Gehäſſiges bleibt uns immer fremd; und Tadel und Haß ſind nur eine gehäſſige Bemühung und Probe zur Liebe; die dem leidenden ſowohl, als dem thätigen Gegenſtand derſelben wehe thun; darum können wir nicht zart und behutſam genug damit umgehen: und wir lügen nicht, wenn wir ſie verbergen, und dieſe Verſuche ſo zart anſtellen, als der weiſe Arzt die Werkzeuge ſeiner Kunſt gebraucht. Überhaupt thäten wir gut, einander als erſt Ge - neſende zu behandeln, da wir ja Alle erſt die völlige Geſund - heit des geiſtigen Lebens zu erſtreben haben. Welches wir immer vergeſſen. —

Es giebt nur Verwunderung, aber keine Wunder. Alles, was endlich geſchieht, muß geſchehen können; alſo hört das Wunder auf mit dem Faktum ſelbſt. —

Wer ſich recht beſinnt; ſtill und ehrlich in ſich; muß ge - wahr werden: Es ſei mit dem Urſprung und dem Auftrag der Seele wie es immer will, ihr ſind Gränzen zugemeſſen, in denen ſie jetzt lebt. Es fehlen ihr mittenin Stücke heraus, aus ihren Fähigkeiten; wie herausgebrochen. Beſchränkte249 Farben; beſchränkte Töne; beſchränktere Antworten auf ſchon beſchränkte Fragen, die ſie ſich ſelbſt vorlegt, — und doch ein ſchwaches Wiſſen eines klareren Seins, welches uns wie gleich - ſam wieder aus dem Gehirn entfällt, — daher Wunder; Wun - derbares; Vorausſetzung aller Art; und die höchſte: die eines abſoluten Geiſtes, der Grund ſeines eigenen Daſeins und Wirkens iſt; welches wir ſelbſt ſind. —

Das iſt keine Kleinigkeit, die wir erfahren werden! Probe davon iſt: Bewußtſein, unabläugbares Bewußtſein haben; wie ſchon jetzt.

Logau:

„ Alten Freund für neuen wandeln,
Heißt für Früchte Blumen handeln. “

Antwort:

Kein Andrer kann mein Thun ermeſſen;
Ich liebe Riechen mehr als Eſſen.

Ich ſag’ es ja ſchon längſt, daß mich bei weitem die mei - ſten Geſchichtſchreiber rein ennuyiren; zu leſen ſind faſt nur kurze, ächte Chroniken, und ſchwatzhafte Memoiren. Solcher Mann in ſeinem Bücherzimmer hat ſich nur mit dem bekannt gemacht, was dieſe enthalten: und was enthält denn am Ende ein Buch für den, der den Hergang des Geſchehenen ſich nur zuſammen lieſt, und nicht ſieht und hört, und das Drängen im Gedränge fühlen und ſich abwehren mußte! Im Leben kommt wohl das vor, es iſt wahr, was in den guten Bü -250 chern der Geſchichte ſteht; aber in den beſten Büchern ſteht nicht alles, was im Leben ſich ereignen muß. Und gleich fehlt auch ein Mann, ſobald er nur deßwegen handelt, um in den Geſchichtsbüchern vorzukommen; und ſo iſt auch das herrlichſte Geſchichtsbuch komplet leer für den, der ſich nicht in der Welt ſelbſt erſehn hat, was darin aufgezeichnet worden, und beſprochen iſt. Die Wahrheit dieſer Behauptung wird ein jeder an ſich ſelbſt erprobt haben, der ein ſolches Buch zwei - mal lieſt; in der Jugend, und dann in vorgeſchrittenen Jah - ren. Auch iſt als Thatſache nachzuweiſen, daß alle wahrhaft große, weiterlebende, auf die Nachwelt gekommene Hiſtoriker und Dichter mitwirkende Männer im Staate, und im Leben mit Andern vielverflochtene Menſchen waren. Bloße Bücher - leute werden immer nur wieder zum Büchermachen gebraucht werden können; und am Ende iſt ihr beſtes Glück, einmal die Nahrung lebendiger, lebenverbreitender Menſchen zu werden. Ich glaube nicht, daß Einer das Daſein der Griechen, Rö - mer, Indier, der Menſchen des alten Teſtaments, verſteht — kennt er auch die Zahl der Kapitel, Namen, Jahreszahlen, geographiſche Lage, Pſalmen, Lieder und Sprüche ohne zu ſtocken auswendig — wenn er ſich nicht ihr Leben aus un - ſerm überſetzt; und jene Schätze ganz in dem Schatz und Reich - thum des unſern gefunden hat, zu finden weiß; wie er fremde Sprachen auch nur durch ſeine jetzige lernt. Sprache und Le - ben iſt nur Entwickelung der Mitgift; die alle Erdenkinder bis jetzt gleich zuertheilt bekommen. Wir können nicht Fra - gen genug an uns ſelbſt ſtellen; das Beantwortete immer wie - der von neuem erwägen! Nur ſo ſchwinden alle vorgefaßten251 Meinungen, die ſich polypartig immer wieder von neuem an - ſetzen; unverarbeitete Denkmaterie, unorganiſirt wie die andere, aus Fleiſch und Blut; wildes Organiſiren, dem entgegenge - arbeitet ſein muß. Nur gedruckte Geſchichte ſtudiren, iſt ein ſolches wildes Gewächs! —

An Ludwig Robert, in Karlsruhe.

Frühlingswetter mit noch etwas Morgendunſt.

Levkoien, Stiefmütterchen, alles wächſt im Freien, Wein - trauben ſtehn in Fäſſern auf allen Ladenſtufen zu verkaufen, die ſchönſten! die Erde wie im Sommer grün: Bäume blü - hen wieder; aber ſeit fünf, ſechs Tagen fiel das Laub plötzli - cher; der Wind aber kommt nicht zwei Stunden von derſelben Seite; iſt oft von Süden kalt: Menſchen, die krank waren, erholen ſich ſchwer; ich an der Spitze. Gichtkranke Fäuſte und Daumengelenke, beide Hände. Nervenirritation à outrance. Dies ſoll mich, und mein Schreiben; und was ich nicht ſchreibe, und meine Handſchrift entſchuldigen.

Vorgeſtern, theurer lieber Freund, als ich deinen Brief erhielt, wollte ich auch eben ſchreiben: denn ich war den Tag eigends auf der Ausſtellung geweſen — zum drittenmal; das erſtemal ſehr krank geworden, acht Tage zu Bette, drei Wo - chen zu Hauſe; das zweitemal einen empfindlichen Rückfall; jetzt, das drittemal, einen kleinen unangenehmen; der wieder geheilt iſt, durch Klugheit und Diät: meine Ärzte — um Ri - kens Bild zu ſehen, wovon die ganze Stadt, jeder nach252 ſeiner Weiſe ſprach; höre nun die meinige. Es iſt in vieler Hinſicht ein gelungenes, wünſchenswerthes Bild. Ein Mahler, der eine ſo vollkommen ſchöne Perſon ſo ähnlich machen kann, reißt ſich ſelber die Lorbeerzweige vom Baum, die man ihm flechten muß. Augen, Stirn, Haare, vortrefflich; Haltung, Miene! bei dieſer bleib’ ich ſtehn. Wer ſolch vollkommenen Zügen die Miene abgewinnen kann, iſt ein halber Künſtler, wer ſie wiedergeben kann, ein ganzer. Weil vollkommen ſchöne Geſichter beinah keine Miene machen können, heißt, die Züge bewegen, ohne der großen Harmonie zu ſchaden — erin - nerſt du dich, wie Perregaux lächerlich ausſah, wenn er lachte? bei ſeiner Antinous - und Meduſenſchönheit; ne riez jamais! ſagte ich ihm; — daher auch nur Büſten in ihrer Schönheit ertragen werden können, und in der Natur hübſche Menſchen vorgezogen werden. Rike aber hat eine Miene, die das Glück hat, ihr beſtes Innere auszudrücken, es iſt die Feſt - haltung mannigfacher Bewegung ihrer Gedanken, und ihres Zumutheſeins. Es iſt der Moment, wenn ſie etwa einer gu - ten, hübſchen, geehrten Frau vorgeſtellt wird, wo ſie auf - merkſam, klug und unſchuldig ihren Gegner — der gegen - über ſteht — betrachtet, zugleich weiß, daß ſie betrachtet wird, und in kindiſcher Beſcheidenheit ihr Beſtes aus der Seele reicht, und doch fürchtet zu mißfallen, welches eine leichte, menſchen - freundliche Scham auf das ſchöne Geſichte führt: dann iſt ſie ſchön, und äußerſt hübſch; und dieſe ſchöne Miene, dieſen herrlichen Ausdruck hat der glückliche Magnus mit ſeinen Au - gen abgeſchöpft, mit den Kunſthänden auf die Leinewand ge - bannt. Heil ihm! das ſpricht für künftig. Sie hat noch ei -253 nen Moment zu Mahlen: den, wenn ſie ſibyllenartig aus - ſieht, und mit keinem Menſchen, keinem „ Gegner “zu thun hat, ganz allein ſteht mit ihrem angeborenen Muth — von der beſten Sorte — zornfertig, nur fertig, er könnte kommen, wenn er ſollte — und allein mit der Natur, die ſie wohl zu ſchauen, und ihrem Weſen nach, zu faſſen weiß! Dieſem Ausdruck ſtrebte der Mahler nach, der ſie hier früher mahlte; und war nicht ſchlecht: nur konnte er den Thiermen - ſchen, Haut, Haar, Knochen, Schatten, Licht, nicht ſo zu - ſammenhalten, als ſchon Magnus. Mit der Naſe aber hätte Magnus glücklicher verfahren können: ich weiß, auf die rich - tigſten, ſchönſten, fallen oft Schatten und Lichter, die ihr ihre Regelmäßigkeit rauben; das iſt wahr; und ſchadet ſolcher Naſe in der Natur nicht; den Augenblick nachher wendet ſich der Kopf, und ſie wird wieder vollkommen ſchön: weil aber ein Bild gefeſſelt iſt, ſoll der Mahler auch lügen, um wahr zu ſein: das iſt ſeine Sorge, wie; zu Gunſten der Wahrheit im Nachbilden; er muß ſie ſchaffen die Wahrheit, und ließ er einen, drei, vier wahre Schatten weg! auf die Gefahr, Schattenmeſſer tadelten ihn; kurz, die ſchöne Naſe muß er mir zeigen, mit dem Pinſel keck lügen; oder eine andre Stellung wählen. Dies nur, obgleich hier mein Gegenſtand, zum Exempel der Fälle überhaupt, wo gelogen werden muß, wie es — mein altes Exempel! — in Fresko ſo offenbar ge - ſchieht. So auch hat er Rikens Mund nicht ganz dargeſtellt, und der dadurch ſehr an Feinheit verloren im Bilde: nicht aus Unfähigkeit; bin ich für mein Theil überzeugt, ſondern aus Verführung; aus dem Irrthum, aus dem das Ideal ge -254 mißbraucht wird: das Ideal iſt ein Maß, weiter nichts; jedes Produkt aber ein Weſen, mehr oder weniger ſichtbar ſchön, und nach dem Ideale beweislich abzumeſſen; das Maß ſelbſt aber bleibt wiſſenſchaftlich-Lebendiges, hier aber als Todtes aus dem Spiele. Vielleicht ſind Rikens Lippen nach dem Maße zu dünn: gut! der Geiſt ihres Geſichts braucht ſie aber ſo, und hat glücklich auch ſie ſich ſo bereitet: das ſchien Mag - nus zu überſehn, und gab dieſen Lippen nach einem Ideal etwas zu viel Fülle; und weg ſind unſerer Schönen ihre wahren Lippen, und deren Feinheit; dies von der Unterlippe hauptſächlich. Einem jungen Künſtler, von ſeinen Meiſtern entzückt, kann das geſchehn. Wie vortrefflich hat er die Haare gemacht; den Kopfputz behandelt! Wir ſind nicht ge - wöhnt, die Perſon mit geſcheiteltem Haar zu ſehn: er hat es ſo wundervoll ſchön geſcheitelt, und gelegt, und verziert, daß er alles, was dieſes Haar leiſten kann, zugleich geleiſtet hat; und wir ſind Alle befriedigt: auch die Verwöhnten: die ver - gangene, jetzige, und künftige Mode. Die Miene aber dieſes Bildes iſt ſo vortrefflich, daß ich’s beſitzen möchte — welches ſo ſelten bei mir zum Wunſche wird —, weil ich dadurch unſre Rike zehnmal des Tages lieben würde. Wenn ſie dieſe Miene macht, berührt ſie gradzu mein Herz: dieſe Miene ſpricht um einen Beifall an, den der innerſte Menſch nie verſagt; weil der beſte innre ihn fordert. Bravo! Magnus! Schön geſehn. Stirne, Augen, Augenbraunen, vortrefflich. Es hängt auch Tizian’s Geliebte oben: die ſieht Rieken ſehr ähnlich: die hat mehr Fülle, mehr Weiches, aber weniger Geiſterartiges. Der Geliebte, glaub’ ich, ganz im Dunklen, hält ihr den Spiegel.

255

Ich werde ſuchen das Bild außer dem Akademieſaal zu beſchauen: dort erkälte, und erhitze ich mich: und geſtehe ich’s nur, noch habe ich’s aus Angſt der Erkältung nur oberfläch - lich geſehn. Ich wünſche, daß du dieſes mein Urtheil — aber wie es da iſt, Magnus zukommen läßt. Es iſt gut: weil alle andre ſo ſehr ſchlecht, ſo gar nichts enthaltend ſind. Wenn du es etwa anderweitig zum Druck verwenden willſt, iſt es mir auch recht lieb: nur bedinge ich, daß es Wort vor Wort ſo gedruckt wird, wie es hier ſteht. Ent - ſchuldige lieber ſeine Rohheit hintennach, oder vorher; als an einem dir zugekommenen kurioſen Produkte: nur laſſ’ es wie es gewachſen iſt.

Ich habe, lieb Brüderchen, heute deinen Brief noch Ein - mal geleſen, das zu Beantwortende angeſtrichen und numme - rirt: nur das Bild wollt’ ich erſt zu Papier haben: leider aber, bin ich ſchon ſo erhitzt, und ſo zittrig, daß ich wohl ohne nachhaltigern Nachtheil nicht mehr lange werde ſchreiben kön - nen, und Varnh., der eben wegging, euch ſchönſtens grüßt. und auch ſchreiben wird, — mich ſchon um Gottes willen ge - beten hat, nachzulaſſen. Noch etwas will ich ſchreiben, und dann wahrſcheinlich dies mit noch einigen Artiklen morgen ſchon abſchicken, und die andern je nachdem ſie in ein paar Tagen fertig werden. —

Das kommt davon, wenn die Ausſprüche der Religions - vorſteher in Vernünftigkeit der allgemeinen Überzeugung ſo weit nachſtehn! Daß jeder Schritt des beſten Prieſters im256 Sinn ſeiner Kaſte ein falſcher ſein muß! So hat der Erzbi - ſchof von Paris bei Talma Beſuche abgeſtattet, dem er doch den Ausdruck der ſeiner Überzeugung nach höchſten Nothwen - digkeit und gottbedürftigen Unterwerfung zu verweigern ein - ſtimmte, und hat erfahren müſſen, wie der Sterbende und ſeine Freunde laut darthaten, daß ſie das Verweigerte nicht bedürfen, wie das Angebotene nicht mögen und brauchen kön - nen. — Wenn nur ein Punkt Freiheit auf der Erde iſt, wo Vernunft eingeſtanden wird, werden darf, ſo wird ſie ſich von da aus ſchon Platz machen, wenn es auch langſam ginge, und lange dauern ſollte. —

Dramaturgiſche Blätter, von Ludwig Tieck. Vorrede S. 14. „ Wo Natur und Wahrheit in der Dichtung völlig mangeln, da kann der Schauſpieler zwar überkleiden und verhüllen, um die Karikatur wieder zu einem Gemählde zurecht zu rücken “u. ſ. w. — Nur der Bethmann ſchadete der ungezähmte Beifall, den ſie in der Gurly z. B. erwarb, nicht. Die Rolle iſt ein Unſinn, weil ſolch Mädchen unmög - lich iſt, und doch gelang es ihr; „ es “als ein Unbeſtimmtes bezeichnend, iſt ihrem Leiſten beſonders angemeſſen. — Und obgleich man ſagen könnte, eben dieſe Rolle ſei der wahre Beweis ihrer vielfältigen Talente für die Bühne, die zuſam - men genialiſche Eingebung bildeten, ſo hat Tieck doch ganz Recht; ſolche Mißgeburten verführen die Darſteller, und ſind ſehr verderblich für ein Publikum.

S. 15.257

S. 15. Die großen Schauſpieler ahndeten nicht allein, daß durch den neugebrauchten Vers die Freiheit, in der ſie ſich bewegten, gehemmt werden würde, ſondern ſie fühlten, daß es ſelten der richtige Vers war, den man ihnen bot. Es kann beſtimmt ein ganz zur Situation erforderlicher, in ihr gegrün - deter Vers nicht hindern. Allein zu leicht ſind wir Alle mit einem dramatiſchen Vers aus Vorurtheil zufrieden. Das Vorurtheil beſteht darin, daß eine Kunſtform da ſein ſoll, un - ter jeder Bedingung; da doch einen Karakter darzuſtellen in einer beſtimmten Lage die erſte vernünftige Bedingung zu ei - ner Zuſammenſtellung von Karakteren, und deren Handlungen zu Einer verſchlungen ein Theaterſtück ausmacht. Dies iſt ſo wahr, daß die Bürleske auch darin mitbeſteht, daß die Rede und der Vers öfters gezwungen erſcheinen, und ſo der Autor willigend mitſpielt: welche Thatſache umgekehrt dies eben bei ernſten Werken als ganz unſtatthaft darthut.

Wohl hat Schiller unſern Schauſpielern unendlich ge - ſchadet; wenn er ihnen auch empor geholfen hat. Sage es Tieck nur dreiſt! Aber man kann ſo etwas nicht dreiſt ſagen; nicht weil man als Ketzer verſchrieen und angeſchrieen würde: das wäre zu ertragen; nicht aber die Mißverſtändniſſe und üblen Folgen, in den Heeren von ungehobelten Machwerken, die der Erſte der Beſte, nicht nur ein anerkannter Tieck, durch ſolch Wort hervorriefe. Schiller, wie geſagt, hat unſre Schau - ſpieler erhoben, aber nicht immer auf rechter Bahn: und dies eben gefiel dem Publikum und ihnen. Hätte doch Tieck dies Wort vor fünfzehn, achtzehn Jahren geſagt. Möglich war’s, denn ich dachte es; und vielfältig habe ich dies ſogar geäu -III. 17258ßert. Es wäre ſehr heilſam geweſen: wenn man auch ſagen kann, es war ein Weg, den die Nation gehen mußte; ſie wäre auch einen andern gegangen; und von dem hätte man eben ſo geſagt; und mir ſcheint, er wäre ein richtigerer gewe - ſen, und warum ſollte der nicht auch ein ergiebiger ſein? —

Ich las in einem aufgeſchlagenen Werke: Gründe, aus welchen der Untergang der Römer hergeleitet werden ſollte. Da fiel mir auf, was mir immer bei Ergründungen auffällt, die nicht bis auf den Urgrund alles menſchlichen Strebens gehn: und mein Autor kam mir vor, als Einer, der Bewe - gung erklären wollte, und nun ſagte: „ Der Herr ſchickt die Bedienten; dadurch gehen ſie. “

Sprache iſt die Mitte und Höhe alles Wunderbaren. He - gel ſagt: „ Willſt du leben, mußt du dienen; willſt du frei ſein, mußt du ſterben. “ Solche Worte lieb’ ich, die ein In - begriff ſind: die ganze Gedankenfamilien enthalten; woraus ſich, was noch geſagt werden möchte, von ſelbſt verſteht; wo - zu man alles gedacht und gelebt haben muß, was noch nach - her geſagt werden kann. Und dabei iſt mir eingefallen, daß der, dem die wahre Kraft des Denkens oder Beſinnens gege - ben wäre, auf ein Wort zurückkommen müßte, welches alles Wiſſen enthält, und alles erklären könnte. Dies iſt gewiß „ das Wort “aus der Bibel, wovon ſo viel geſprochen wird! — Überhaupt — kann auch jeder an ſich ſelbſt ſehn — wird259 nur viel geſprochen, wenn man das nicht ſagen kann, was man ſagen möchte. Deßhalb gefallen mir redneriſche ſich wie - derholende Bücher nicht, wenn ſie beweiſen ſollen.

Über Ludwig Roberts Macht der Verhältniſſe. — Wir haben in unſerer Sprache, in dieſer ganzen Art, kein beſſeres Stück: und die Art iſt ächt deutſch, und dienlich und richtig auf der Stufe, wo wir noch ſtehn — mit Europa zu - ſammen; könnte man auch noch behaupten, — und es reicht mit den Verhältniſſen, die es behandelt, bis an die äußerſten hin, die die Geſellſchaft der Menſchen und ſie überhaupt zu behandeln haben; und ſo iſt es wohl wichtig und erhaben genug. Dabei hat es im Einzelnen ſogar große dramatiſche Schönheiten. Als wo die Mutter zurückkommt; und end - lich, aus ihrer Verſchüchterung vor dem feſten Gemahl, und aus ihrer tugendhaft gemauerten Sitte heraus, gehandelt hat; und beim Fürſten war, zu ſpät das Herz gefaßt hatte! — höchſt richtig und tief tragiſch, eben weil es Werkeltag vor Werkeltag ſo geſchieht, und doch in der Tiefe des Mu - thes, der alle Tugend iſt, ſeinen Sitz hat. Ebenſo, die Scene, wo Weiß am Fenſter ſteht, den Oberſten zum Schuß und zur Entſcheidung erwartet, und die Sterne feſt und lyriſch, und höchſt natürlich, nur glücklich vom Dichter getroffen, anredet. Und ſo iſt eigentlich der ganze Gang des Stücks geſtellt: wie Räder greift’s auf die natürlichſte Weiſe inein - ander: organiſch richtig, lebendig und fortwachſend in ſeiner Geſchichte. Irrthum gebiert Irrthum, Gräuel Gräuel; und17 *260reißt die beſten Keime mit hin: muß ſie verderben. Eine herrliche, ſittengebildete, gelobte Familie; gelungen in der Weltlüge! würde nicht ein Zipfel verrückt von der geordne - ten Lüge, und entdeckte und erhöbe ſich dadurch nicht die ge - mordete Wahrheit, die geſtreckt als vermeinte Leiche ſchon lange zum Schweigen gebracht dalag: aber nun ihrerſeits mordet, um ſich Platz zu ſchaffen! Höchſte Tragödie! Wenn auch „ Schickſal, “„ Vergeltung, “„ Nemeſis “u. ſ. w. nicht ge - nannt werden, und kein Koſtüm noch Alterthum herhalten und Reſpekt einflößen muß! Nicht zu gedenken, was der Dich - ter Negatives leiſtete: welche Leiden er uns erſparte; durch einfache, derbe, gute, geläuterte, faſſende, wirkliche Proſa. Nichts Unnützes wird geſagt, nicht ellenlange Sentenzen; kein lyriſches Zuckerwaſſer von leerer Luft zu hohen Wellen ge - peitſcht: kein Goethe, kein Schiller zum hundert - und tau - ſendſtenmal verkappt, und entſtellt hin - und hergeſchleppt, von einem treuloſen Gedächtniß, welches der Dichter Werke nicht einen Augenblick vergeſſen kann; aber in keinem Au - genblick ſich dieſes Verfahrens erinnert! —

— Lies die Calderon’ſche Tochter der Luft! Ein duften - des, regelmäßiges Phantaſiegebäude, von farbigen Edelſteinen in unendlicher Himmelsbläue von Goldſonnenſtrahlen durch - woben: von wo aus die dunkle Erde, mit Kampf, Krieg, Mord, Liſt, Schwäche, Höhlen, Prieſter, Regierung, Ehrgeiz,261 Untergang — doch geſchaut wird; von denen der Blick aber ſich wenden kann; in Kunſt und Götterſphäre. —

An Roſe, im Haag.

Eben die Lampe angezündet. Naſſes, ſchneriges Kothwetter. Bücklings-Jungen ſchreien. Sehr windig.

Vor Tiſche, 3 Uhr, ſchickte mir Moritz deinen Brief: es war höchſte Zeit: denn grad heute fing ich an zu denken, ob du wohl krank ſeiſt, und dir wohl deßhalb Moritz Brief vor - enthalten wird! — Gott gedankt! du biſt wohl: und auch ge - faßt. Das bin ich auch. Aber mein Herz-Schmerz, und mein Gram, und das Wiederholen aller Scenen, Mienen, Leiden, Worte, bleibt daſſelbe. Mein einziger Troſt iſt, daß ich ihm alles, ohne Ausnahme alles, that und opferte, was nur in meinen Kräften ſtand: das Opfer beſtand, in dem Reſt meiner wenigen Geſundheit: meine Satisfaktion, nicht in einer Pflichterfüllung, ſondern in der ſichtbaren Sicherheit, ihn wirklich ſoulagirt, und ihm beigeſtanden zu haben. Mit Pflege aller Art, und Troſt; und muthigem ſowohl, als zärtlich - ſtem Betragen. Er, der nie demonſtrativ war, und immer weniger es wurde; und immer wortkarger: nannte mich oft: „ treue Schweſter; treue Seele! “das Äußerſte! Ewig werde ich von ſeinen Leiden beleidigt bleiben; jedoch hatte er einen edlen Tod am Ende: er war nur Einen Tag mit Ohnmachten befallen: ſprach mich noch um halb 4, war um halb 9 ent - ſchlafen. Alles, den ganzen Reſt, mündlich! Phyſiſch habe262 ich die Empfindung: als wäre ich eine Blume, eine Roſe, und aus meiner Mitte ein Blatt gebrochen, und ein Stück des Mittelſtücks: ſie riecht, die Roſe, ſie iſt roth; aber ſie fühlt den Riß! So iſt’s wenn einem Geſchwiſter vorangehen. Das wußt’ ich nicht. Ich nenne es jetzt: Faſerliebe. Es iſt ein Geheimniß, welches wir von der Natur noch nicht wiſſen. Auch war er mein Spiel-Bruder: mit dem ich die Kindheit theilte; wirklich theilte. Damals war das ſo: wir mußten ſie theilen; damit wir — in gewiſſer Art untheilbar würden; und bei mir iſt es gelungen. Du haſt vielleicht überhaupt keine Vorſtellung davon — ich wußte es auch nicht — wie ich ſeit mehreren Jahren für ihn ſorgte; Vor - und Nachmit - tag; und meinen Tag zum Theil auf ihn bezog. Mir ſelbſt unbewußt. Ihm gewiß. Er nahm beinah nichts freundlich auf: man wußte nie, merkt er’s, hört er’s, will er’s, weiß er’s. Aber ich liebt’ ihn mehr, als ich’s noch wußte! — wenn ich ihn auch nicht immer approuvirte. Er betrug ſich in der Krankheit herrlich! Muthvoll, anſtändig, duldungsvoll! was du willſt! Ich küßte ihm oft die Hände, die Backen: ich rieb ihn. Alles! Ich ſchämte mich keiner Liebe. Ich war bei allen Bädern: zwölf; oder vierzehn; ich weiß nicht; noch den letzten Tag vor ſeinem Tod. Beneide mich doch nicht, lieb Röschen! Vielleicht hätteſt du’s nicht ausgeſtanden; und Eine iſt genug. Ich war grad hier. Gott wollte dies. Wie oft hatte ich mich ſonſt weggewünſcht ‒ ‒ ‒. X. hat ſich wie ein Gott betragen; und ihn beweint, und bejammert wie ich. Er ſchrieb auch hinter meinem Rücken Moritz. Kurz, ſein Herz hat eine Umſchaffung erlitten. Die Betrachtungen über263 jene Verſöhnung ſind unendlich: ſo hat’s kommen müſſen? Nicht meine Schuld. Ich ſelbſt, kann ſeit dem Juni faſt gar nicht ſchreiben. Rheuma in den Händen, Igel u. ſ. w. Zweimal war ich in fünf Wochen, Ende Juli und im Sep - tember, zu Bette: in der erſten Zeit Markus noch einen flie - genden Beſuch bei mir: das zweitemal, ich aus dem Bette zu ihm zurück; und ſodann nur ſparſam zu Hauſe. Nun war ich auch ganz weg, nach ſeinem Tod. Jetzt fahr’ ich aus, und lebe wie immer: heißt ſehr ſtill. Ich hörte vorgeſtern eine Händel’ſche Muſik. Joſua. Sehr ſchön von der Milder. Ich weinte auch da. Was thut’s! Ich bin in Weinen alt ge - worden. Es wird ſchon recht ſein. Gott iſt klüger, als wir! —

— Den Schmerz des Andern kann man einſehen; fühlen kann immer nur jeder auf ſeiner Stelle. Und ſo ſoll’s ja ſein, bei der Perſoneneinrichtung! Ich bin aber ganz der Welt, der Erde, dem Nachdenken, dem Leſen ꝛc. wiedergegeben: mit dem neuen Riß in Herz und Geiſt. So ſoll es ſein! Meine geringe Geſundheit hatte ſehr gelitten: und die wird auch mit ihren Riſſen, ſo weiter taumeln. Mir ſcheint endlich das Re - ſultat des ganzen hieſigen Lebens für den Geiſt nur dies: — ich ſoll lernen, eine ganz andere Vorausſetzung für die Exi - ſtenz überhaupt machen, als hier nur irgend eine zu ergrün - den iſt. Und da ich ſie gar nicht zu machen im Stande bin, ſo kann ſie das Hertlichſte, Göttlichſte ſein! Das iſt mein Paradies, mein Himmel, meine Hoffnung, meine Zuverſicht auf den Geiſt, der meinen ſchaffen konnte und wollte! Lauter irdiſche Worte indeſſen: bis wir das allerklärende geſunden264 haben! Bis dahin wundre ich mich über meine eignen Fähig - keiten, Wünſche und Bedürfniſſe: das Bedürfniß zum Glücke — iſt uns doch der höchſte Bürge für deſſen Exiſtenz: und ſo auch mit unſerm Schimmerchen von Vernunft.

Spaniſch.
Wollte klüger ſein, als Träume;
Ach wie dumm war Rahlchen da,
Nur die Träume waren klug!
Außen iſt man nur verwirret,
Innen iſt man klar und deutlich,
O wie hatten Träume Recht!
Könnten wir nur recht erwachen,
Uns beſinnen, Trug verſcheuchen;
Zu dem wahren Traum hinab!
Alle Geiſter ſind nur Träume,
Träume Eines Geiſtes nur.
Uns zurück in dieſen finden,
Iſt Erwachen nur zu nennen;
Oder auch: der ſchönſte Traum.

An Ludwig Robert, in Karlsruhe.

Wenn es hülfe, möchte ich dir gar zu gern empfehlen: ärgre dich nicht. Es iſt ja auch gar nichts. Nur das Ganze: daß Einer die Andern durch vorgeſchobene Namen im Bocks -265 horn hat; was nun die vorgeſchobenen Namen hält?! — und was für Glaubensmeinung, für Recht? — noch von Moſes her, alſo von Ägypten her herrſcht: die Epiſode, die einge - beizte, der Römer nicht mit eingerechnet. Die Jahrhunderte ſind eine bittre harte Schale, in der das ſüße Thautröpfchen Einſicht in das Recht, welches allein der Rückweg zur Un - ſchuld iſt, reift: zur ſanften ſüßen Unſchuld! nämlich zum Glück; zur Ruhe. Nicht weil die Unſchuld verloren iſt, iſt das Glück verloren; ſondern umgekehrt. Die Hinderniſſe ſez - zen in den Fall von Recht und Unrecht: der ganze Fall iſt die Erde; das Hier; und muß ſich auf ganz unbekannte Dinge beziehn! Es fehlt durchaus ein Stück in allen Stücken. Daher Religion. Die Vorausſetzung aus Noth, ohne Gedan - kenform: ein Wunſch! — im fertigen, für uns formloſen, nicht mit unſerm Geiſte zu behandlendem Herzen; welches den Geiſtes horizont belebt; daher ohne Geiſt und Herz kein Gemüth, und nur mit beiden zuſammen eins.

Nun noch ein Wort über Duvals Taſſo. Du haſt zwei Weſentlichkeiten von mir ausgelaſſen. Als du vom Goethe’ - ſchen Duell ſprichſt, haſt du nicht geſagt, daß es Antonio ſelbſt iſt, der da ſagt: der Edelmann iſt nicht beleidigt, der Menſch nur gekränkt. Welche Beſonnenheit bis zur Hämiſch - keit zeigt das in dem bildungsvollen, edelmänniſchen, reifen, nie ausgleitenden Benehmen; und wie das Gegenſpiel eines Taſſo! Dann, als du Athalie nennſt, haſt du nicht dabei ge - ſagt, warum grad’ die aus des Meiſters Werken genannt wird zum Gegenſtück des genannten Werkes von Goethe. Weil beide die weiſeſten Stücke der beiden Meiſter ſind. 266Mit Wohlbedacht gebrauchte ich dieſes Wort, welches du noch etwas hätteſt erklären, aber nicht vergeſſen ſollen. Wie es nun daſteht, weiß man nicht, warum man nicht eben ſo gut die herrliche Phädra nannte. Darum haſt du wohl mein Epi - thet „ Friedensfürſt “beibehalten: aber die vorhergehende Stei - gerung weggelaſſen, die allein dieſen Gipfel nothwendig, alſo nur vollkommen vollſtändig macht. Du warſt zu keuſch, woll - teſt zu sobre ſein, und wärſt es nur erſt geworden, hätteſt du den Muth gehabt weniger dezent zu ſein. Jemehr überhaupt man ſich über Dinge, über die Sache einläßt und ereifert, je weniger greift man ſeinen Gegner perſönlich an: was man, von dem zu Sagenden über den Fehl in der Sache irgend wegläßt, klettet ſich an die Perſonen. Jemehr Inhalt, und mehr Grund zur Diskuſſion, je beſſer. Daß es Perſonen ſind, die doch einmal diskutiren müſſen, tritt immer mehr hervor; die Perſonen immer mehr zurück: und alsdann wird per - ſönlichen Anreden z. B. ihr herbſter Stachel genommen; näm - lich alles Stumpfe; und er wird immer feiner, immer ſpitzer, und ſchmerzloſer. Dies überhaupt und vorläufig. —

Viele Menſchen, wenn ſie ein für ſie entſetzlich unglück - bringendes Ereigniß erfahren, ſind nach dem erſten Schreck, und den erſten Schmerzäußerungen, ganz geſaßt und zuſam - mengenommen: und andere ſind ſehr verwundert, wenn ſie dieſelben Perſonen ſpäter in Leidweſen, Traurigkeit, und Nach - ſpürung ihres Elends finden. Aber es kann gar nicht anders hergehn. Der Schreck und erſte Schmerz iſt nur Folge des267 Bewußtſeins, daß wir nun eine ganze Maſſe ſich folgender Schmerzen und Entbehrungen, zu tragen, zu leiden haben werden: wir können bei dem erſten Erfahren, daß dies jetzt unvermeidlich ſein wird, nicht Einmal auffaſſen, was dies nun im Einzelnen enthalten wird; nach und nach, in Tag und Stunde ſtellt ſich jedes Übel, jedes Entbehren, Vermiſſen, jede Lücke, Leere, jeder Verluſt, als eben ſo viele perſönliche Feinde ein, die uns martern, verſpotten, unſerer nicht achten, — das thut das Unglück, — uns aushungern, vernichten, zerſtören, und wahrlich tödten; Leben abnehmen. Wer kann dies alles zu Anfang eines Unglücks ermeſſen! Den Schlag des Donner - ſteins fühlt man; nicht aber alle ſichere Folgen der Zerſtörung.

Es exiſtirt ein großes Defizit. Wir ſind abgeſchnitten, und leiden Mangel. Und dieſer Mangel drückt ſich im irdi - ſchen Bedarf und Beſitz noch Einmal aus. Es iſt nicht ge - nug vorhanden für unſre Bedürfniſſe: langſam ſchaffen wir es erſt uns ſelbſt, durch Anwendung des Gegebenen. Wir handeln ſogar — möchte man ſagen — mit Raum und Zeit: die Aufgabe eines Staats, ſagt Fichte daher, iſt die, den Bür - gern Muße zu verſchaffen. — Im Denken nur ſind wir ſchon von einander unabhängig; es kann Einer ſo viel denken, als nur immer möglich, ohne den Andern dadurch daran zu hindern. In allem übrigen aber muß Einer für den Andern leiden; Einer ſo viel als der Andere. Darein willigen, iſt in’s Ganze willigen und einſtimmen; das Leiden mindern; welches aus Mangel beſteht. So können wir uns phyſiſche, und andere268 Schmerzen, deuten. Elemente und ihre Modifikationen kön - nen nicht in’s Organiſche kommen: phyſiſche Schmerzen; die Leiden, der Mangel, nicht richtig vertheilt werden: Seelen - ſchmerzen. Sie mit dieſer Einſicht einwilligend tragen, mil - dert ſie. Ich übernehme etwas in Gottes Natur, wenn ich leide: es wird wohl richtig ſein; am beſten, mildeſten ſo: lin - dert ſehr.

An Henrich Steffens, in Breslau.

Sonnenſchein; ja, aber melancholiſch iſt er, ſo hell er auch macht: er erregt Vorſtellungen, Erinnerungen, die er nicht erfüllt: durch die Scheiben die angedunkelten Dächer ge - gen erhelltes Blau zu ſehen, iſt ſchön; und das Ganze der Luft, der Helligkeit, zieht wie Lichter und Lüfte des erlöſten Frühlings durchs Herz; denn, jede Jahr - Monat - und Ta - geszeit hat ihre eigene Proportion von Licht und Luft. Aber dies alles geht in unorganiſirtem, formloſen, krampfvollen Wetter vor ſich, wo eine Art Wind, wie ein toller böſer Hund, bis tief unten gekommen iſt, und die Erde mit ſeiner Schnauze gepackt hat und zauſt. So iſt er — hat man ſo etwas er - lebt! — ſeit längerer Zeit, jetzt heftig kalt, wenn er aus Süden kommt. Seit mehreren Jahren giebt es nur noch er - löſte Augenblicke, wo eine Jahrszeit herrſcht, und frei iſt, ohne bis in Minuten hinein mit — beinah allen — an - dern gemiſcht da zu ſein, zu wirken und zu kämpfen. Ich269 bin der Kampfplatz, und meine ganze Lebensſaat iſt endlich davon faſt aufgezehrt, zerſtört, und hin. Dies fühle ich viele viele Jahre nun ſchon mit geſteigertem Bewußtſein! Und nun, herrlicher „ Arzt des Leibs und der Seele! “werden Sie dies lange Datum verſtehn und verzeihen. Auch wird es Ihnen erklären, warum ich nicht gleich nach Empfang Ihrer Ant - wort an uns ſchrieb, ſo nöthig ich dies auch hielt; ſo vorge - ſetzt ich es mir auch zum nächſten Tage hatte! Ich leide, und kämpfe mit allgeſtaltigem Rheuma, der in einem ſehr rich - tig und fein organiſirten Körper tobt und hauſt; wo er das all - und anſtimmigſte Inſtrument für ſeine Phantaſieen fin - det: die nicht er, aber ich begreife. Nichts iſt mir daher ſo wichtig, ſo gegenwärtig, als Wetter: ja, ich habe die Über - zeugung, daß dieſe Kunde bis zur Wiſſenſchaft ſteigen wird: d. h. man wird ihren Zuſammenhang mit allem übrigen Wiſſen rein darthun können: und ganz gewiß einſt Wetter machen können, wie jetzt ſchon etwas Medizinen.

Nun will ich, wie ich es immer mache, lieber junger Steffens, Ihren Brief Punkt vor Punkt beantworten, indem ich ihn wieder dazu nach und nach leſe. Jung, iſt ein Lie - bestitel hier. Wenn ich mir Sie im Ganzen, in Eins vor - ſtellen will: ſo habe ich eigentlich ein Herz zu lieben; eines, was jung, offen, lebendig da liegt; von keinem Gerümple der Jahre, oder Klug - und Weisheitseinbildungen verſchüttet iſt! — denn meines Bedünkens iſt das Herz und die Sphäre, welche es belebt, bei Ihnen immer da, — frei iſt der Weg von dieſem geſunden Herzen nach dem Gebiete der Gedanken! keine Abſicht, kein Plan iſt gruft - und thurmartig dazwiſchen;270 und ſo muß ich Sie als einen jungen Freund lieben; da ich Sie ſo ſehe.

Dies iſt ſchon die Antwort, auf das Wort, welches Sie ausſprachen, daß Sie nie auf äußern Antrieb ſchrieben, daß Sie alles innerlich erlebt haben. Ich bin ganz beleidigt — verletzt, meine ich — daß irgend eine falſche Berührung Ihnen eine ſolche Äußerung über Ihr Weſen auspreſſen mußte, das nicht nur die freundlichen Seher von ewig her von Ihnen kennen müßten; ſondern was gar nicht mehr in Frage geſtellt ſein müßte. Varnhagen — und auch ich — kann es gar nicht verſchmerzen, daß er Ihre Rede am Grabe Blüchers nicht hatte, und nicht in ſeinem Buche hat. Welche Glorie, mit ſo bewährten Männern wahre Geſchichtserzählung verbürgen und verſchönen zu laſſen! Welch Vergnügen, wahrheitslieben - den Nachkommen Zweifel zu erſparen, indem man ihnen ver - wahrt, was wiſſenswerth iſt, und zur Klarheit beiträgt; und ihnen in Einem noch mehrere geſchichtliche Geſchenke zu ma - chen! (Ich habe Blüchers Leben noch nicht geleſen. Nur eini - ges davon während dem Druck.) Welche ganz herrliche Stelle ſteht von Ihnen da, in Ihrem Briefe, über Biogra - phieen, über Helden und Männer, und deren Geſchichtsbehand - lung! Sie iſt grundwahr: aber nicht wie mit Dinte, nicht nur mit Worten ausgedrückt; ſondern wie Türken mit Blu - men ſchreiben, iſt ſie auch in lebendigen Naturgegenſtänden ausgedrückt. Sehr flüchtig, ſehr ſchön, ſehr gründlich! Ver - zeihen Sie, daß ich Sie ſo loben will. Loben iſt mein drin - gendſtes, innerſtes Bedürfniß: mein Lob iſt immer ein Beleg des Verſtehns, und das halte ich für ſehr nöthig. Nöthig271 überhaupt: und noch nöthiger, da ihn ſo wenige gern geben: da es faſt ſo ganz unterbleibt; und ein guter Autor — es ſei welchen Wirkens und Schaffens es ſei — faſt ganz einſam bleibt: und, wird er gelobt, nur von ſchuftiger Parthei; ohne Grund, ohne von ihm erregte Liebe, oder Verſtändniß. —

Lieber, ehrlicher Steffens! Laſſen Sie ſich doch von keiner Kritik anfechten! — Bei Ihnen, der Sie aus innrem Grund ſchreiben, wie Sie ſelbſt ſo klar und wahr zu ſagen wiſſen, einem ſolchen kann man nur eine unweſentliche Kritik machen, eine, die nie dem innren Zuſammenhang, Grund und Kern ſeiner Werke zu nahe kommen, nahe kommen kann; alles was man ſolchen Produktionen, wie Ihren, zu - und abwün - ſchen mag, iſt Ihnen und Ihrem Werke unbeſchadet, ab - und zuzunehmen, je nachdem man Sie überführt haben wird. Mö - gen die, die aus Plan und Abſicht, aus Eitelkeit, Ehrgeiz, innrer Müſſigkeit ſchreiben, ſich ängſtigen, was Akademieen, Gelehrten-Gruppen, Partheiſchwätzer von ihnen in den Blät - tern für Volk abdrucken! Hat man denn in mancher Leute Lobe nicht ſchon angefühlt, daß es gleichbedeutend mit Ta - del iſt? Alles beides ohne Herzensblut, welches durch den gan - zen Körper muß und will und ſoll; ihn bedingt, und von ihm bedingt wird. — Sie haben nicht ein zu großes Thema, wie Sie ſagen, in eine zu enge Form geſchnürt. Laß ſie brechen! Auch ein ſchönes Schauſpiel! Sie können auch andre erfin - den, andre Formen: aber kein „ leider “ſoll Ihnen entſchlü - pfen! — Laſſen Sie ums Himmelswillen keinen Einfluß da - durch auf die Vorhaben Ihrer Arbeiten einſchleichen! Auch in jedem Freunde ſtoßen wir auf Maſſen, die ſich nie mit ihm,272 mit uns einigen wollen; die ſind ſchon die Glücklichen, die Begünſtigten, die ſolche Maſſe nur erkennen: machen Sie ſich dieſen Vortheil ganz zu Nutze! Umgehn, umfliegen Sie ſie; gehn Sie nie heran, als an ein ſchon verarbeitetes belebtes Glied, welches mit dem Herzenskern in lebendiger Verbindung ſteht, ſie umarmen zu wollen; wobei nur das harte Anſtoßen die richtige Strafe des Irrthums, des Selbſt - ſchmeichelns, zu gewinnen ſteht. Verzeihen, verzeihen Sie verehrter Freund, daß ich Sie belehren will! — —

Alle andere Bewunderte ſagen freilich auch Wahrheiten; aber Goethe giebt Wahrheit; ein Ganzes, einen Grund ha - bendes Zuſammenhängendes durch die Wahrheiten, die er ſagt. Bei Jean Pauls Titan. Bei Jakobi’s und Wielands Briefen.

Vernunft iſt das Vermögen — oder beſſer ausgedrückt — die Regel in unſerm Geiſte, nach welcher wir jedesmal von neuem die Regel zum Verſtehen erfinden können. —

Das iſt nun ſo zu verſtehen: Vernunft iſt eine Regel in uns, nicht die wir machen, wir beſitzen ſie nur leidend, wir finden ſie in uns vor; wir gebrauchen ſie nur thätig, als Maß. Sie iſt außerperſönlich, ſie iſt ein Mitgift in uns, die uns antwortet. Die Vernunft antwortet uns z. B. auf die Frage: Was ſollen wir auf unverſtändliche Dinge, als etwa zu einem Wunder, ſagen? Da antwortet die Vernunft: Es muß eine mir unbekannte Regel geben, nach der auch die -ſes273ſes zu verſtehen iſt, oder nach welcher das Verſtehen unnöthig wird; alſo der Sinn jener noch zu erfindenden Regel iſt ſchon erfunden; nur die Materialien dazu fehlen noch. Daraus folgt nun Demuth, Spekulation u. ſ. w. —

(Mündlich.)

Es war von Frau von Staël die Rede; Fürſt Kosloffsky meinte, ſie ſei im Grunde auch eine recht gute Frau geweſen, von ächter Herzensgüte; „ Oh certainement, ſagte Rahel, c’est là tout son esprit! “

Von Talleyrand wurde geſagt, auch er ſei eigentlich gut - müthig; ſeine Eigenheiten abgerechnet, wie die Wechſelwir - kung ſeines Weſens und der Welt ſie ihm auferlege, ſei er gar nicht böſe; „ Je le crois bien, ſagte Rahel, il n’a pas besoin d’être méchant, la nature l’a été pour lui.”

Vetter ſagte einmal: Wen wir kennen, den lieben wir. Dies iſt auch der Weg, wo das ſchwere Recht und Unrecht aufhört. Auch was wir kennen, verſtehen wir; wir werden auch dies, gleichſam, ſelbſt: und kennen ſeine Bedingungen des Seins.

Das was wir recht kennen, ſind wir ſelbſt: Geiſt iſt Wiſſen; was der durchdringt, iſt er.

Wir ſind nur unvollſtändig, weil wir nicht alles von uns wiſſen. Durch Organiſation weiß man; darum fürchte ich ſo ſehr den unerganiſirten Zuſtand.

III. 18274

Alles iſt zu verſtehn, und zu verzeihen, nur Bosheit nicht; ſie iſt das Gift in dem Gebiete der Moral; ſich ſelbſt aufhe - bend und zerſtörend; nicht zum Erkennen. Gehört auch ge - wiß einer Welt an, von der wir gar nichts wiſſen, mit der wir in gar keiner Gemeinſchaft ſein können. Es beſtehn ge - wiß Organiſationen ganz im Großen, die noch nicht zuſam - men-organiſirt ſind. Allmählige, richtige Übergänge in or - ganiſirte — bereitete — Zuſtände, iſt Glück; das Gegentheil Leid für den Geiſt, für die Seele.

Man ſpricht nur ſo viel, weil Reden nicht hilft! — Sprechen wirkt langſam, wie ein Geiſt in dem Chaos; bis er auf einen andern Geiſt wirken kann. Novalis ſagt: „ Nur Geiſter können gezwungen werden. “ Einer der tiefgegriffen - ſten Ausſprüche, weitumfaſſendſten, kinderreichſten.

— Keine Schechner, keine Heinefetter hab’ ich gehört: wohl aber einen Halbgott von neapolitaniſchem Tänzer ge - ſehen; Samengo. Der wie ein Merkur herab zu fliegen ſcheint, wie der ſich etwa in Öde und Stille eine Nymphe haſcht. Er flattert mit den Beinen und Füßen; bei ihm lernt man verſtehen, was das Drehen bedeutet. Ein Erden - fliegen aus Freude der Überkräfte, des Wohlſeins. Welch Biegen bei dem Drehen! Welcher Wuchs aus den Schul - tern! Wie verliebt, wie rückſichtvoll gegen ſeine Partnerin; wie ſtolz auf ſie, wie neckend! Verhältniſſe, Zuſtände werden275 ausgedrückt, nicht ſchwere Pas hergeſagt und mit Füßen buchſtabirt! —

Hegels Encyclopädie. Ausgabe 1827. S. XXIX. „ Daß die philoſophiſche Wahrheit nicht etwas nur Einſames, ſondern die Wirkſamkeit derſelben in allen Geſtaltungen (rei - nern und trübern der Wahrheit) wenigſtens als Gährung vorhanden geweſen. “ Die wird der Dümmſte nicht los; ja, in den Dingen ſteckt ſie. Geiſter erobern ſie. — Ebendaſ. Anmerk. letzte Zeilen: Hier auf dieſem Punkt paßt nur ein Geſtändniß: keine Sorte Erklärung.

S. 13. „ Theils ſind die Anfänge allenthalben Unmittel - barkeiten, Gefundenes, Vorausſetzungen. “ Die Leiter des Ge - dächtniſſes weggezogen. — S. 14. Da aber hier „ das In - ſtrument unterſuchen “nichts anderes bedeutet, als erkennen, wie wir zu erkennen vermögen; ſo wird doch nichts anderes übrig bleiben, als das Erkenntnißvermögen unterſuchen. Friſch drauf los zu denken, bevor wir dieſen Prozeß unternehmen, dazu brauchen wir keinen zu ermahnen: das kann ſogar nie - mand unterlaſſen. So bleibt doch nichts, als mit Fichte’n anzufangen; nämlich mit der Frage: Wie find’ ich mein Ich vor? — S. 31. „ Ich iſt in ſofern das ganze Abſtrakte, das abſtrake Freie. “ Reiht ſich hinauf, an das Gewiß-Freie, ſich ſelbſt und ſeines Daſeins Grund Faſſende. —

18 *276

Sprüche.

1.
Du ſollſt nicht rechten und richten;
Du wirſt es doch nicht ſchlichten.
2.
Die Welt iſt reizend, viel zu lieben drin.
Sich damit begnügen, ihr innerſter Sinn.
3.
Mit Liebe willſt du die Welt umfaſſen?
Du kannſt es nicht: ſie will ſich gar nicht lieben laſſen.
4.
Mögſt du dies nie verſtehn!
Dir heil’ger Jugend Irren nie vergehn!
5.
Vergeblich iſt der Wunſch, der Gegen!
Lebſt du, mußt du durch alle Welten dich bewegen.
6.
Von hohem fremden Geiſt ſind wir bewegt.
Und unſer ganzes Daſein ſo erregt.
7.
Wir können uns nicht ſelber faſſen:
Ergeben müſſen wir uns gehen laſſen.
8.
Wenn auch das Ganze wir nicht verſtehn;
Deſto mehr wollen wir auf nächſte Schritte ſehn.
277

An Fräulein von R., in Dresden.

Wolkiges Wetter; bald Sonne, bald nicht: nach vor - geſtrigem heftigen Gewitter, mit größtem Regen, nach elektriſcher Glühhitze. Stark-thauige Herbſt - abende: ſtreng-kühle Nächte. Alle Menſchen müſſen ſich ſehr in Acht nehmen.

Wie könnte ich anders für Ihren treuen Brief, wahrhaft verehrte Freundin, danken, als mit allem was ich von Ih - nen weiß, halte, und in mein Herz geſchloſſen habe! Ich hatte Ihnen ſchon gedankt: für alles was von Ihnen kom - men kann, ja, kommen muß. Es iſt keine Kleinigkeit! Nur die beſten Menſchen ſind exakt. Nur die Beſten wiſſen, daß das höchſte gereinigte Erdendaſein bedingt iſt; nicht beſtehn kann, ohne höchſte Ordnung des Einrichtens der gewöhnlichſten Dinge, und Umgebungen; und daß nur dadurch die uns ewig unbe - greifliche wie unwiederbringliche Zeit ökonomiſirt wird: nur die beſten Menſchen unterwerfen ſich dieſen Bedingungen: die einzige Art, dieſe — Erdfeinde — zu umgehn; noch mehr! wir können ſchon die, welche ſich dem unterwerfen, und ſonſt nichts aufzuweiſen haben, zu den Guten rechnen. Schauen Sie nur, wie ſelten Vernünftig-Praktiſches anzutreffen iſt! Hiermit hört alles Schwerfällige dieſes Briefes auf: ver - ſpreche ich wenigſtens. Nur ganz in Ihrer Nähe wohnen zu können, kränklich wie ich bin, kann mir Dresden verſüßen und anlockend machen. Ich müßte in Ihrem Salon, in Ihrem Garten, oder auf Ihrem grünen Hof ſtill und ſtumm wie ein Hausgenoß ſitzen können, und meine Seele — der Reſt geht278 oben ein — auf Ihren Lorbeern ruhen können. Da nur wür - den meine erblüht ſein. Allein kann ich mir jetzt diesmal nicht helfen. Es muß mir nach langem Krankheits - (von mir und Andern) Ungemach, Hülfe von außen kommen, als Glück gedeihen; daß ich gedeihe! Es iſt mir ſehr zu lange kein Glücksfall begegnet, der einige grüne Lebensblätter ent - faltete: dies allein bedingt am Ende Krankheit. Diesmal, meine edle Vertraute! kann ich nicht einſam in fremdem Hauſe, in fremder Stadt iſolirt bleiben, oder die Aufgabe, die An - ſtrengung haben, mir eine Geſellſchaft zu bilden, zu unterhal - ten, zu bewirthen. — Krank — Abendthau-Erkältung — wir ich heute bin, laſſe ich mich doch von Dresden nicht abſchrek - ken. Wenn Varnh. reiſt: d. h. den Tag: den werd’ ich wohl auch abreiſen: und dann gradezu nach dem Ihnen am näch - ſten Wirthshauſe, in Dresden. Soll ich ſchon nicht dicht ne - ben Ihnen wohnen, ſo iſt mir ein Wirthshaus das Schick - lichſte was ich gebrauche. Illimitirte Zeit; wie ein Vogel aus dem Neſte flieg’ ich davon! Komme ich ſo ſpät, daß Sie nur noch einige Wochen bleiben, flieg’ ich noch etwas mit Ihnen; ſo, daß ich mit einem Umweg quelconque, nach Hauſe komme. Sehe ich, daß ſich dergleichen nicht für Alle gut geſtaltet; laſſ’ ich es: und fahre etwas nach Weimar; nach Töplitz, die Clary’ſche Familie beſuchen; oder was es ſei. Ich habe Ihren Beifall, ich weiß es. Und Sie können ſich auf meine Diskretion verlaſſen, was ſich nicht für Alle ſchickt, das unternehme ich nicht: Sie kennen mich ja ſchon lange; unbe - merkt Flügel einziehn, das verſtehe ich. Ihnen dies deutlich ſagen, iſt nicht unnöthig: die liebſten Freunde und Menſchen279 können einem durch Stellung und Verhältniſſe zur Plage wer - den, wenn ſie dieſe nicht einſehn; oder nicht geſchickt berück - ſichtigen: ich gelobe Ihnen dies hier mit Bedacht ausführlich, zu thun. Der Himmel geſegne Ihnen Dresden! beſonders mit Ihrer Aller Geſundheit. Die Freunde ſind ja dort: die Er - kenner und Bewunderer finden ſich nach dem Maße ihres eige - nen Werthes und ihrer ganzen Brauchbarkeit unwiderſprechlich ein. Mama aber bedaure ich äußerſt, daß ſie nicht dicht am Hauſe Grünes haben ſoll! Und gewiß noch eine große Treppe! Auf vier Wochen müßte nur Einmal eine vornehme Fee alle Hinderniſſe wegräumen! daß man ſich erholte, und erführe, ob wir ein vollſtändiges — nur hieſiges — Leben anſtändig ertrügen. Je vous laisse! ſagen die höflichen Franzoſen: ein - ſehend wie nöthig das öfters iſt. Ich empfehle mich dem ver - ehrten Vater und der glorreichen Schweſter. Weßwegen ſie mir glorreich erſcheint, mündlich! Rein, und unangetaſtet: und ſo geliebt. Im Element der Liebe lebend. —

Ihre ge - treue Friederike Varnhagen.

Es ſtürmt heftig.

An Ludwig Robert, in Baden.

(In der Urſchrift mit jüdiſchen Lettern.) Es iſt ein ſehr guter Brief.

Nun will ich ſehn, ob du wirklich mein Freund biſt. Ob alles wahr iſt, was wir gelebt haben. Es war ein Todes -280 ſchlag für mich, als du dieſen Frühling ſchriebſt, du würdeſt dieſen Winter nicht kommen. Jetzt aber wirſt du kommen. Mein theures Röberken! Ich habe zweihundert Thaler in ei - nem Sack zu liegen, auf welchem ſteht, daß das Geld dir gehört. Von dieſer Summe weißt nur du und ich. Ich habe ſie von kleinen Privatintereſſen zurückgelegt, um mir einmal! ein perſönliches Vergnügen zu machen. Dieſe Zeit iſt nun gekommen. Du mußt zu dieſem Winter kommen. Zweihun - dert Thaler machen für zehn Monat jeden zwanzig Thaler. Da iſt alſo dein Quartiergeld. Vierunddreißig Thaler liegen, wie du weißt, noch bereit, die P. oder F. dir bringen ſollten. Mit denen kannſt du kleine Einrichtungen für’s Haus machen. Antworte mir auf der Stelle. — Dieſer Tage ſchreibe ich dir über deine Oper. Für dieſe Lettern iſt mir das zu ſchwer. Sogar mein Stil, wirſt du ſehn, leidet darunter. Auch Rike ſoll von dem Gelde nichts wiſſen. Sehr gut könnt’ ich’s Au - guſt ſagen. Ich will nur nicht, daß er erfahre, daß ich eine Summe allein hatte. Sonſt denkt er, ich bin ein Millionair, und habe ewig und immer Geld; und verlernt Ökonomie. Daß ich’s dir gebe, würde ihn entzücken. Ich ſoll mir ja Schals und Ketten dafür kaufen. Ich gebe aber immer ſo viel weg. Und ſammle mir zum Glück, anſtatt zum Plaiſir. Du ſchreibſt oſtenſibel, dir wäre unvermuthet eine Schuld ein - gegangen; und nun kämſt du dieſen Winter. Du ſteigſt wenige Häuſer von mir ab, in einem guten Wirthshaus, wo ich dir Quartier mache: und ihr miethet euch hernach ſelber eins. Zieht ihr es vor, miethe ich eines. Ihr eſſet bei mir, natürlich. Mach mich glücklich! Wie lange lebt man denn,281 was begegnet denn Brillantes? Iſt Markus nicht geſtorben? Wollteſt du — aus Wahnſinn — das Geld nicht annehmen; ſo gieb es mir im neuen Jahr wieder. Ich nehme es. Nun werd’ ich ſehn, ob es wahr iſt, daß du mir gäbeſt, wenn du hätteſt! ob du wirklich Louis biſt. Antworte nur gleich! Im Frühling reiſe ich gleich mit dir hin, wo du willſt. Lebe wohl und mache mich glücklich.

Der Brief iſt von Bunim. Es iſt ein ſehr guter. Sage Rike nicht von wem. Nicht daß er von mir, von Rahel iſt. Mehr kann ich mit dieſen Lettern nicht zuwege bringen. Au - guſt verreiſt etwas zum Vergnügen; gegen Weimar hin, vor - erſt. Adieu.

An Ludwig Robert, in Baden.

Warmes, dunſtiges, ja heißes, weiches Gewitterwetter, mit Sonne, kleine Wölkchen. Halb 2 Uhr.

Bis jetzt gehindert, geſtört! Alle Tage ſo; ich kann nicht Rechnungen machen. Alle Sorten Durchreiſende, Fremde. Gräfin Henckel und Tochter und Schweſter. Barnekow’s. Graf Yorck. Williſens. Hegel, Humboldt, Ranke. Wozu die vierzig Namen noch! Eins widerſpricht dem andern. Varnhagen will eine Schnellpoſtreiſe nach München machen: ich zu Hauſe bleiben: und meiner Ruhe und meinen Gäſten leben. Und vielleicht — V. will’s heftig — noch ein Aus - flügchen machen; etwa mit Schleiermacher, ſeine Frau aus Schleſien abholen: oder zu Redens nach Dresden: oder, zur282 Fürſtin nach Carolath, oder nach Goethen. Oder — gewiß nichts. Ich nehme mir noch mit Gewalt die Zeit — heute Abends hab’ ich Henckels, Yorck, Williſen, und was noch anſchifft — um dir zu ſagen, daß wir die ganze vorige Woche bis vorgeſtern Hrn. Pirault des Chaumes bewirthet und ge - leitet haben; mit ſeinem großen Siegersdorfer Kalckreuth, dem Sohn. Würdig. Hr. P. ein alter Franzoſe, der ſehr ſchön ſeine Fabeln rezitirt. Mir fehlen Franzoſen, nämlich ſolche, wie Montigny. Bei euch ſind alle intereſſante. Man lieſt’s in unſern Zeitungen. Canning weg. Caſtlereagh weg. Alexander, die Kaiſerin weg! — Es gehn mehr, andre Wel - ten, wie eben ſo viel Schiffe, auf dem Strom des Daſeins zugleich, unbekümmert um einander. Nur Ein Geiſt, der Geiſt — unſerer auch — bringt ſie zuſammen; durch Begrei - fen! — Ein befreiter Geiſt, ein unbedingt waltender, was bekäme der wohl zu ſehn? Dies merkt man ja an jedem neuen Einfall: wahrhaft neuen, eine Welt; eine andere. Du weißt, wie wenig ich Hegel’ſche Bücher, gegen Fichte, — komparativ heißt hier gegen, — goutirte: wie wenig ſeine Schreibart! Jetzt aber habe ich angefangen — man läßt mich nicht leſen: die vielen Relationen: nicht das Zweiund - dreißigtel nannt’ ich dir — ſeine „ Encyklopädie der philoſo - phiſchen Wiſſenſchaften im Grundriß, “die er Varnhagen ver - ehrt hat, zu leſen. Parlez-moi de ça! Vortrefflich. Beinah jede Zeile eine unwiderlegliche Definition. Ich ſtreiche an und ſchreibe nebenbei. Ich finde Fichte. Was ſonſt? Wer die Silhouette des Geiſtes gemacht, wer ihn wie der Silhouetteur feſtgeſchraubt hat, um die Dimenſionen zu nehmen, die er283 ſelbſt nimmt; der muß bei jeder neuen Ausmahlung wiederge - funden werden. Alles Denken und Ergründen iſt ein Wieder - finden eines Verfahrens; es ſei nun das unſres eignen Geiſtes: einer Leiſtung ſeiner, oder eine der Natur, die wir in unſerer Geiſtesart aufzufaſſen, zu nehmen, und zu behandeln im Stande ſind. Ich finde immer nur Eins wieder; und uns ſo zu ſagen in einer Figur beſchränkt. Als Unendliches iſt dem Geiſt bloß armer Witz gelaſſen, um ſich reich in dieſer Armuth zu geriren. Auch praktiſch, angewandt, iſt es ſo mit dem Witze; wie Leſſing und Viele ſchon anders ausdrückten: er wird rege bei Leidenſchaft: wo erzeugt ſich dieſe? bei Mangel irgend einer Art. Nicht wo Befriedigung, Fülle, Harmonie, Ordnung, Elyſium, — welches wir nicht einmal zu faſſen verſtehen: daher die allée de peupliers, von der Tilly ſprach —, da iſt. Etwas ſehr Schönes, alle Tage zu Gebrauchendes ſagt Hegel. Er ſagt: eine Philoſophie müſſe alle bisherigen in ſich einſchließen; auf ihren Standpunkt ſtellen und laſſen, und mit ihnen Eine ausmachen. Mit andern Worten und Beweiſen. Weil ich nie eine anders verſtand — wofern ſie nur redlich durchgeführt war —, ſo iſt mir das ſehr einleuch - tend, und erfreuend. Ein vortreffliches Buch, welches wir Einmal mit einander leſen müſſen. Ich hatte neulich nicht den Muth, als Hegel bei uns war, ihm zu ſagen, daß ich ſein Buch leſe: obgleich mir die Überzeugung nicht fehlt, daß ich einer der Studenten bin, der es mit am beſten liebt und verſteht: oder vielmehr verſteht und liebt. — Zwanzigmal Nachts und bei Tage ſorgte ich für Rike, und möchte ſie warnen. Um Gottes willen keinen Abendthau! Nachher wie -284 der; wenn die Sterne da ſind. Montag erhältſt du Onkel Bunims Brief: antworte ihm gleich; und gütig. Ich kann es nicht erwarten! Theures: einziges Röbertchen! wenn ich euch doch dieſen Winter ſchon ſehn könnte. Gott thut mir gewiß dieſen Spezial-Gefallen. O! wie würde dir das fruch - ten in dem immer regern Treiben hier und der ganzen Welt. Wie würde dich Varnh. mit ſeinen vielen Büchern und litte - rariſchem zunehmenden Verkehr enkouragiren und ermuthigen; alle Tage ſpricht er mir von dir, und deinem Treiben; was du ſollteſt, könnteſt; was dies, was jenes für dich wäre. Du hieltſt dich ganz an unſern Kreis. Alles thät’ ich dir zu Liebe: alles beſorgte ich dir, ſchaffte ich dir. Theuer Brüderken! Im Frühling reiſten wir in zwei Wagen aus, wo du hin willſt. — Kannſt du Lindner vorausgrüßen laſſen, ſo thue es, eh ich zu ſchreiben vermag. Er hat mir einen vortrefflichen Brief, ſo einen aus unſerer alten Gualtieri - und Prinz Louis-Zeit, geſchrieben. Alte, begründete, breitgewurzelte, nur mit dem eignen Leben zu zerſtörende Freundſchaft. „ Gleichgeſinnte “über die beſten Dinge. Liebe, Ehrfurcht, Wahrheitsliebe. Weißt du, ich habe einen neuen Titel oder Namen erfunden: „ Die, welche ſich Überzeugungen wählen, “der, die — hat ſich eine Überzeugung gewählt; und dann weiß man! — Adieu, lieben Freunde; nehmt nicht übel, wenn ich nicht mehr ſchreibe: der Sommer war zu heiß, ich zu angegriffen. Nachmittag fahr’ ich mit den Damen Henckel nach dem Blumengarten, Potsdammer Thor. Sehr ſchön. Dann ſind ſie bei mir den Abend. Thee, Kaltes; Braten, Kompotte. Adieu. Eure F. V. Brava! Rikchen! Sein Sie fleißig! und ermüden Sie, weil285 ich ſchwach bin, nicht mir zu ſchreiben. Varnh. grüßt euch als herzlicher Freund und Bruder: äußerſt anhänglich: das erwirbt ihm neue Liebe von mir. —

An Fräulein von R., in Dresden.

Wieder ſehr ſtürmiſch, kühl, und ſchwül, nach vielem Regen, der noch droht.

Geſtern in Charlottenburg, welches ich einer Gräfin Henckel mit Schweſter und Tochter zeigte, große Strecken im Garten verſumpft: ſo ſoll es dort vorgeſtern zweimal ge - ſündfluthet haben, wovon hierher — wenigſtens zu mir — keine Kunde kam. Jedoch war es prächtig, und ein phanta - ſtiſcher Abendhimmel; die Damen, welche Berlin nie im Som - mer geſehen hatten, und denen es, wie bekannt, ſehr ver - ſchrieen war, fanden Thiergarten, Weg, Charlottenburg ſehr ſchön: und das ſchmeichelte mein märkiſches Herz, welches ſich hier bei Ihnen — der Ein - und Nachſichtigen Luft macht, und das Datum in eine Chronik verwandelt. So ſoll ſie denn auch noch enthalten, daß die H. ’ſche Familie eine allerliebſte iſt. Geborne von Br., Schwägerin des Generals H. von D.: und Nichte der Oberhofmeiſterin. Vortreffliche Frauen: das Töchterchen blumenhübſch, und ſechszehn Jahr; ganz beſchei - den, und doch unbefangen, wann ſie ſpricht.

Den heiterſten beſten Dank für das Geburtstagſchreiben! wenn guter Segen hilft — ich denke es — ſo hilft auch meiner, dem braven lieben Bruder, den ich wohl kenne. 286Ich hätte gewiß noch einige Tage mit meiner Antwort gewar - tet, wenn ich nicht Ihren treuen Antworten mich gezwungen fühlte zu entſprechen (d’y répondre); weil ich erſt den Sonn - abend einen Brief erhalten kann. Das wiſſen nur Sie: auch Varnh, habe ich vorgeſtern nur mit dem Verſprechen abreiſen laſſen, daß ich wahrſcheinlich Ihrer theuren Einladung folgen würde. Sie glauben es gewiß nicht, können es auch nie mer - ken, welchen Werth, welchen wichtigen, ja gerührten Werth er darauf ſetzt. Alles müßt’ ich, nach ſeinem ewigen Zureden und Ermahnen, ſtehen und liegen laſſen, und dieſem er - wünſchten Leben und theuren Rufe gleich folgen: da mir Beſſe - res nicht zukommen kann. Richtigſt! Sage auch ich. Ich hatte aber vorher meinem Bruder Ludwig einen Vorſchlag gemacht; worauf ich Antwort haben muß; deſſen Grund und Umſtände ich Ihnen mündlich vertrauen werde. Sie ſelbſt, theure verehrte Freundin, wiſſen ob ich Ihnen dankbar bin: und ob ich einzuſehen weiß, welchen Werth das Wohlwollen der Ihrigen für mich haben ſoll! „ Freunde! Gleichgeſinnte! “ruft Goethe die ſeinigen in einer Elegie an. Tiefer hat mich nie ein Ausruf durchdrungen. Er iſt eine Definition: und ſie war ſchon ganz fertig in meiner Seele. Wohlwollen — charité, Liebe — haben wir und ſollen wir haben für jede Art von Menſchen, und Kreaturen. Freundſchaft, Hochhaltung, Über - einkunft, können wir nur haben für „ Gleichgeſinnte. “ Von denen wir wiſſen, daß ſie die großen Hauptpunkte unwandel - bar mit uns wollen, daß nie eine Eitelkeit oder eine Gewinn - luſt, auch keinen Augenblick, dieſe großen Punkte ſtört, gefährdet, oder unterbricht. Dann iſt alles richtig. Geiſt. 287Talent, Witz, Laune, Kenntniſſe, Liebenswürdigkeiten, das alles ſind Zugaben; ſehr liebenswürdige, wünſchenswerthe, von mir leidenſchaftlich anerkannte, und applaudirte. Ich ſagte: Liebenswürdigkeiten: weil Liebenswürdigkeit ſchon ganz allein in der Unwandelbarkeit in den nicht benannten, und von Ihnen ſo wohlgekannten großen Punkten enthalten iſt. Die erfordern ein immer gegenwärtiges Herz, und einen feſten ungetrübten Sinn, der bei Vernunft aufrägt. Selten genug; weßwegen, weiß ich nicht; da dies grad das Natürlichſte iſt. Ich bitte wegen meiner Hamletsneigung — der, nun ſeh’ ich’s, unüberwindlichen — des ewigen Grüblens, und Raiſonirens, nicht mehr um Vergebung: ich will nur anzeigen, daß ich wohl fühle, ich ſollte es thun. Auch amüſirt Hamlet öfters; wenn man grade nichts Preſſantes vorhat; und wenn er nur ſchreibt — wo man ſeine Briefe bei Seite legen kann — geht es an. Ich habe beſtimmt noch das Glück, Sie in Dresden zu ſehen! Nur den Moment vermag ich noch nicht zu beſtim - men — ſtimmt, und ſtimmen, dürft’ ich Varnh. nicht gut ſe - hen laſſen —, Wenn ich wieder Nachricht von Ihnen haben ſoll, bitte ich um Nachricht, wie lange Sie dort bleiben: darnach richte ich mich ganz. Wenn ich auch nicht ſelbſt den Wunſch, dort ein Stückchen mit Ihnen zu leben, lebendig in mir trüge, ſo thät’ ich es doch; um einen guten Winter zu haben: den mir Varnh. im Unterlaſſungsfall nicht ließe. Er iſt beglückt, und ſtolz auf Ihre gütigen Vorſchläge! und hat mir in dieſem Sinne die ergebenſten Grüße an die ganze Familie, jeden einzeln, aufgetragen. Möge Ihnen ferner Gutes und Freundliches zukommen, Sie umgeben, Ihre er -288 hellte Seele faßt es würdig auf. Gott geſegne es Ihnen und den Ihrigen! Und geſegne Ihnen Ihre B. s! Gewiß Ihre Sie ehrende treue Friederike Varnhagen.

Ich muß Ihnen auch noch ſagen, wie Varnh. Ihren Brief bewundert hat! Weil Sie ihn ſo nicht kennen. Ihr Stil, Sie, Ihre Handſchrift, alles was ſie ausdrücken: iſt mir nur Eins. Glimpf, edel; rein, heiter, glücklich; richtig, harmoniſch. Natürlich, wohlthuend!

An Varnhagen, in München.

Nach bedeutender Nachtkühle ſo eben ein Regen; vor - her Sonne, wolkig, halb hell. Wie du’s verlaſſen haſt. Es iſt bald halb 11.

Ich ſchlief wegen genoſſenem Kaffee — glaub’ ich — nur ſehr ſpät ein; unterſuchte, weil ich wußte, daß du fuhrſt, oft das Wetter: gegen 2 war es wahrlich winterkalt. Ich konnte nicht berechnen, theurer Auguſt, wo du biſt, weil ich von Leip - zig nach Nürnberg nicht kenne. Um 9 Uhr als ich aufgeſtan - den war, nahm ich meine alte Kriegeskarte, die von Anno 13, und ſah da nach, wo Nürnberg iſt; — daß du des Nachts die ſchönſten Gegenden nicht ſiehſt, hatte man mir erſt geſtern wieder in Erinnrung gebracht; das war mir fatal. Vielleicht kommt heute ein Brief von dir.

Vorgeſtern war ich mit meinen Damen, die es noch nicht geſehn hatten, in Charlottenburg, anſtatt in Friedrichsfelde; auch mir war es des Steinpflaſters halber ganz recht. Wiefreuten289freuten ſich die drei Frauen: wie ſchön fanden ſie Weg, Thier - garten, Charlottenburg, Schloß, Garten, alles! Auch iſt es ſehr ſchön. Vor der Wache und dem Schloß war ein See. Von Regen, den wir hier nicht ſo ſehr gehabt hatten; dort ſoll er zweimal geſündfluthet haben. Ganz ſatisfaiſirt kamen ſie bei mir an, und ſprachen es immer aus. Nachdem wir uns etwas erholt hatten, und ſchon Thee tranken, kamen Wil - liſen und Graf Yorck: beide berauſcht von Mlle. Schechner; berauſcht. Langes Geſpräch über Geſang, Spiel, Singe - kunſt, ihre Technik, ihre Bedeutung. Keine Übereinkunft, als die, daß wir jeder ganz etwas anders verlangten. Ich: die Behandlungsweiſe des Inſtruments — in Bruſt, und Hals, und Mund — der Italiäner, die ihre Beobachtungen als Re - geln feſtgehalten haben; und dann, Eingebungen eines tief und leicht bewegten Herzens, und den Witz und Geiſt, der unendliche Rapports auf’s ſchnellſte zu errathen und aus - zudrücken verſteht; und die hohe Seele, die das Erhabenſte erfaßt, auf Einfaches und Großes immer zurückkommt, nach - dem aller Übermuth, und indem aller Übermuth des glück - lichſten Vermögens verſucht worden. Wovon meine Deutſch - thümler in der Muſik nichts wußten. Mir iſt dabei klar ge - worden, daß bei den Meiſten auch ihre höheren Berührungen und Anklänge, die ihnen Muſik — eigentlich nur erſt Geſang — gewährt, nur vermittelſt eines ganz ſinnlichen Behagens Eingang haben. Der Ton der Stimme an ſich muß ihnen ſchmeichlen. Sie können davon gar nicht abſtrahiren. Die Natur ſelbſt, geſtehe ich am erſten zu, muß eigentlich mit ei - nem einzelnen Ton, mit jedem aus der Skala, Muſik machen:III. 19290das iſt ſchön, vortrefflich, glücklich, angenehm; aber auch dazu muß ſchon die Seele mitwirken — ſonſt iſt der Ton nur bild - ſchön: wie manche Geſichter, — die wahre Muſik aber macht der Menſch ſelbſt. Es kann die Natur einen ganz fertigen Sän - ger hervorbringen, — wäre das nicht, ſo wäre nicht einmal ei - ner zu bilden: und nie wird ſolcher, wozu nur ſie Mittel hat, gebildet werden können: Natur iſt hier Univerſum, mit allen ſeinen Fällen — durch Stimme, Seele, und alle Requiſite. Aber mehr als ſelten! fallen die Fälle zuſammen; und auch hier, wie in allen Künſten, iſt der menſchliche Geiſt ein er - ſetzender, ſpielender, defizit-deckender, der Vernunft, Nachden - ken, Mühe, Ernſt, und wer weiß was alles zu ſeinem Spiele braucht: bedarf und gebraucht. Mit wie viel Menſchen kann man auf die Weiſe über Kunſt ſprechen?! Mit Einem Men - ſchen alle Jahrhundert, in jeder Nation: und mit den Freun - den. „ Gleichgeſinnte. “ Wir waren recht vergnügt: du kamſt oft vor: bei mir heimlich durchweg: um 11 gingen ſie. (Das göttlichſte Sonnen - und Wolkenſpiel iſt jetzt in unſerer Straße, und herrlichſter Friede in meinem Zimmer, in unſerm Hauſe. Angenehm windig. ) — Geſtern Vormittag war ich bei unſerm Kind. Schön im Thiergarten! Sie göttlich! Ich gab ihr Chokoladenplätzchen von dir, und eine halbe Feige. „ Bleib doch hier! warum gehſt du weg, Tante! “ Göttlich! Ich ex - plizirte ihr, du ſeiſt in München. Wo Baiern ſind; mit ih - rem König. Es kam ſo. Heute laſſe ich ſie holen. — Ehe ich zu Eliſen fuhr, ſchrieb ich Redens, machte Rechnungen: las Berliner Zeitung. Nachher blieb ich leſend bei mir: glück - lich. Nicht lange. X. kam, bis 10 Geſpräch über Ehe. Ge -291 ſchichte. Was ſie iſt. Alles gedankenvoll. Er liebt ſie aber nur als Einfall, die Gedanken; und zu kurzem Gebrauch; nicht zu anhaltendem noch ſchärfſten Gebrauch; ward mir geſtern ganz klar. —

An Varnhagen, in München.

Mondſchein hinter grauem Himmel. Bäckerrauch zum Er - ſticken. Nach geſtrigem Himmelswetter.

— Ich gratuliere zu Benda’s; zu Schelling! zu dem taxiſchen Haushofmeiſter! Freilich iſt das etwas für mich. — Geſtern ſtand des Königs von Baiern Beſuch ſehr ſchön in der Zeitung, der Geburtstagsbeſuch bei Goethen. Die ganze Stadt ſpricht von nichts anderm. Lange zündete nichts ſo. Ich, bin ſtolz drauf: gegen England und Frankreich: daß ſie ſehen, was bei uns vorgeht! Bald wird man das von einem König verlangen; ohne daß es ein Artikel der Charte ſei. Parlez-moi des Allemands! ils galopent aussi! Hier iſt ein ſolcher Zug — Ziehen — nach dem Lager, daß wirklich die Stadt ſichtbar leer iſt. Die Leipziger Straße hingegen, ſummt wie die Amſterdammer Börſe, wie es von den Linden her ſummte, als die Koſacken einzogen: es muß ſtauben, wi - der Willen.

— Drei Sachen muß ich dir vor dem Bade noch ſagen! Einen Gutenmorgen-Nick! und daß Eliſe bei jedem Biſſen — es war ſo geſchnitten von mir — Butterbrot, welches ſie19 *292ſtibitzte oder erflehte und nach dem Munde brachte, ganz ängſtlich ſagte: „ Werd’ ich auch nicht träumen! “und im - mer wieder; und auch: „ Laß mich aber nicht träumen! “und ſo immerfort, bis ſie alles auf hatte, was ich nur irgend nicht geſchwinder aß. Das liebe Unſchuldskind! glaubt wirklich, wir, Große, ich, die treue Liebestante, können das machen. So rührend; und es war ſo komiſch; grad in ſeinem ängſtlichen Ernſt. Sie träumt ängſtlich, und das be - nutzte die Mutter: auch kommt es von zu vielem Eſſen. (In Friedrich Schlegels Philoſophie des Lebens iſt das eine ſehr ſchöne Stelle, wo er vom Gewiſſen ſpricht, und von dem, was wir von Gott wiſſen können, welches wir eigent - lich in Zuſammenhang mit der Sprachfähigkeit erfahren; und er ſagt: ein Kind verſtehe zuerſt ſeine Mutter nicht: und verſtehe ſie doch; etwas davon. Wunderſchön. Saint-Mar - tin’ſch: heiter-fromm; klar eingeſehen.) Drittens muß ich dir ſagen, daß Williſen ganz eingenommen von deinem Blü - cher iſt. Spricht oft und lange davon. — Ich habe Friedrich Schlegel mit Ranke’n über ſeine Philoſophie des Lebens lang geſchrieben; alles was er wiſſen mußte: freudigſtes Lob: und offenen Tadel. Nichts Verletzliches: das nicht Zuſtimmende mit größter Liebe, und auf das größte Geiſtergebiet hingeſtellt. Siehſt du ihn, ſo grüße ihn. Auch mit Williſen ſprach ich viel im höchſten alſo im beſten Sinn von ihm. —

293

An D. Aſſing, in Hamburg.

Wunderſchönes Wetter, nach ſolchem rauhen Wetter, wie es in den Zeitungen von allen Orten ſteht.

Ein angenehmes Ereigniß habe ich Ihnen zu melden: Varnh. iſt auf einer ſehr angenehmen Spazirreiſe begriffen: und ich habe ſchon den vierten ſehr vergnügten Brief aus München von ihm; einen von Leipzig, Nürnberg, Regensburg: ſo nahm er ſeinen Weg. Wir beſchloſſen dieſe Reiſe mit einer Art von Gewalt, für ihn allein: die Gewalt lag darin, liebe Roſa! daß ich durchaus nicht mit wollte. Sonſt wäre es wie - der eine Verweichlichungsreiſe geworden. Ich bin rheumatiſch nervös, und muß mich, faſt unbewußt, durch den Tag durch - laviren: das thut denn Auguſt mit: oder, wird einmal är - gerlich, oder kann es nicht beachten: er ſollte durchaus Ein - mal ohne Beziehung auf mich exiſtiren; ſich durchſtuckren laſſen: und ſchnell, viel äußere Berührungen haben. Es war ihm äußerſt nöthig, ſah er ſehr gut ein. Liebe Roſa! ich wünſchte Ihnen die theuren Briefe zeigen zu können, die mir mein einziger Freund, mein Geliebter ſchreibt: zu erfahren was ſolche Trennung iſt, was ſie fruchtet, iſt allein ſchon werth, ſich ihr auszuſetzen; ſie über ſich zu nehmen. Auch ohne dieſe einzige Liebe und Freundſchaft ſind ſie ſo vortreff - lich, daß ſich jedes Journal, wenn man ſie ihm gäbe, daran erholen könnte. Er hat eine Menge alter und ganz neuer bedeutenden Menſchen gefunden und geſehen: und herrlichſte Kunſtſachen. Bleibt wohl noch vierzehn Tage aus. Es war294 ihm nöthig nach der Krankheit von vor zwei Jahren: — Sie werden’s einſehen, lieber Aſſing! — nachdem er unaufhörlich Arzneien nimmt: und ſeit dieſem Winter ruſſiſche Bäder, mein Gräuel! wie alles was den Körper auf ein Äußerſtes bringt; wenn er nicht wirklich ſchon agoniſirt, und man ihn dadurch in’s Leben zurückſchleudern will (c’est ma confession médicinale entière). Auch hat es in den Jahren all — wie in allen Menſchenjahren, — manches zu verſchlucken gegeben; und je beſſer Auguſt von Tag zu Tag, und je grimaſſenloſer er alles, was das Leben von harter bittrer Schale reicht, nimmt, je mehr muß der Körper des Leibes, und der der Seele, Zu - ſchuß und Erfriſchung haben. Zu dem allen rechnete ich noch die ſtagnirende Ruhe des herrlichen Friedens nach den Jahren 9, 12, 13, 14, 15 und den nächſtfolgenden, wo man ſich noch, auf den Eindrücken und Gedanken über dieſe Jahre, ſchauklen ließ. Nach und nach ſtellten ſich dieſe feſt; und wir Alle mit ihnen. Langſam iſt die wirkende Entwickelung ſolcher losge - knallten Exploſionen; und nur mit den Gedanken iſt ſolche ſchöne Wirkung zu erfaſſen — die Geſundheit aber, muß von wirklichen Berührungen unterhalten werden. Nicht wahr, Doktor! „ Nikias! trefflicher Mann, du Arzt des Leibs und der Seele! “und ſo reiſte denn mein geliebter, einzig vor - trefflicher Auguſt getroſt, und wehmüthig! ſo ließ ich ihn gerne reiſen; und fürchte nur ſeine zu eilige Rückkunft. Ich blieb, weil ich es wahrlich, nach vieler Anſtrengung, in lauter Konvaleszenzen nöthig hatte. Krankheit und Tod meines äl - teſten Bruders, den ich pflegte, und leiden ſah: Ausziehen, mich Einrichten: bei ſchmachvoller Hitze, die ich ſeit mehreren295 Jahren am ſchlechteſten ertrage, weil es nie faſt reine, nur immer Gewitterhitze iſt. Selbſt unſer ganz inniges Leben fa - tiguirt mich: weil ich nie ganz ohne Rückſicht krank bin, noch konvaleszent. Ein Kranker muß Einmal ganz ohne Rechen - ſchaft, ohne Gutenachtſagen, Beſorgungen u. ſ. w. zu Bette, wenn auch nur zur ſtillen ſichern Ruhe gehen können, und ganz nach Körperbedürfniß, ſich allein fühlend, wiſſend, aufſtehen können. Aſſing wird das fühlen, wiſſen. Sie, liebe Roſa! ſchieben Sie hier keine Frage ein: ob es denn neben Auguſt nicht ſo ſein könnte. Daran bin ich ſchuld: nein. Und neben keinem der Namen im ganzen Kalender. Auch iſt mir dies von anderer Seite wieder nöthig und heilſam: denn ich fühle mein Glück! und Beſorgen (avoir des soins) iſt Leidenſchaft bei mir: Leidenſchaft aber verzehrt viel; und muß Gegenwirkung erfahren — Hierauf, lieben Freunde, keine Antwort: Auguſt könnte ſich ſonſt Gedanken machen über dieſe meine Äußerung. Könnten Sie nur ſeine Briefe an mich leſen, ſo wüßten Sie, welch Feſt uns bevorſteht, wenn er ankommt. Gott ſegne jeden Herzſchlag von ihm! dann ſeg - net er das treueſte, großmüthigſte Menſchenherz. —

Die Veranlaſſung dieſes Briefs iſt ein Herr, den ich nicht ſah, er kam vorgeſtern 9 Uhr Morgens und wollte auch nicht herein, hinterließ einen Brief von Ihnen, liebe Roſa! ungeheuer verſchmutzt, und in einem reinen Papier eingeſchla - gen. Ich erbrach ihn, weil Auguſt es geheißen hatte. Potz tauſend, wie kam der Empfohlene zu ſolchem Schmutz? Er ſagte ſelbſt — zum Mädchen — er ſei ſchon acht Tage in Berlin, und reiſe morgen. Neues Räthſel! Machen Sie296 ſich nichts draus, liebe Roſa, daß Ihr guter Wille nichts fruch - tete: ich geben alle Monate unnütze Empfehlungsbriefe, die mir ſchwer ſauer werden: ich thue es aber immer wieder; es iſt Pflicht, und eine Frucht, eine ſchöne, des neuern Lebens. —

Ich nehme großen Antheil an Ihrem kurzen Landleben mit den lieben Kinderchen: es war aber bei weitem zu kurz. Konnten Sie da nicht länger bleiben? da ſie doch Aſſing alle Tage ſahen. Ein wenig inkommodirt hätte er immer noch bleiben können: ſonſt wird man zu früh alt: wenn einem das nicht manchmal geboten wird. Haben Sie noch ſo viele Blumentöpfe? ich habe einen artigen ſchönen Garten, in dem ich ſpaziren gehen kann, hinter meinem Hauſe, aber nicht die Erlaubniß mich mit Gäſten zu etabliren; und habe une pe - tite nièce, Nichtenkind, welches wir vergöttern! und wel - ches ich viel bei mir habe, Elischen; drei Jahr und ein Vier - tel. Varnh. ſchreibt ihr ganze Seiten lang. Ich führe ihr die Hand, und laſſe ſie auf das Siegel drücken. Kindern ihre Freude. Adieu lieben Freunde! Treu und anhänglich.

Fr. Varnhagen. Auch Rahel.

An Varnhagen, in München.

Im Beiſein der Geſellſchaft erhielt ich deinen fünften Brief aus München. — Welch eine Bibliothek von lieben297 Gedanken und Anreden hätteſt du, wären ſie in Briefe ge - faßt; die ich dir auf all deine lieben Briefe und Anreden zu - rufe, und ſage, und denke. Theurer Freund, wo ſoll ich auf dieſe Fülle antworten! — Bartholdy, Williſen, denen ich nur mittheile, ſind ganz hingeriſſen. Sie, die Mutter — ich kenne Menſchen beſſer, finde Herzen immer — lachte und weinte darüber, und wie ſprach ſie! Williſen ſollteſt du hören! die Bartholdy’ſchen Mädchen ſchreiben Felix davon! Treuer, theu - rer Auguſt. Du würdeſt meine Liebe erobren, und eroberſt ſie auch immer von neuem, wie es ſein muß. Komm nur nicht zu früh! ich freue mich ſo! der vielen Berührungen, die du erlebſt, der vielen Gegenſtände, Menſchen. Wie dank’ ich dem Hrn. von Baader! für die herrliche Fahrt, für die Un - terweiſung. Ich, theurer Herzensauguſt, werde nun nicht mehr ausreiſen. Ich bin wahrlich hier ſehr gut; z. B. jetzt riecht’s komplet vom Garten her nach Wald in allen Zim - mern. Bei Tage waren die Fenſter der Hitze wegen zu. Ich bin ſo ruhig, kann mich wegen der vielen Damen, die noch weg ſind, der vielen Herren, die fehlen, ſo ſchön ruhig unge - ſtört halten; die mich, genau genommen, bald hie bald da ſtören, unterbrechen; ein bischen dem, ein wenig dem - und weg iſt die Zeit, in der ich leben möchte. Es geht alles ſehr gut, während es in Freundlichkeit von beiden Seiten ge - ſchieht. Unterbleibt’s aber, ſo ruht’s aus; dies merke ich eben wieder bei *, die ſich bei mir vortrefflichſt amüſirten; aber es peſirt mich doch, ihrer immer gewärtig zu ſein, und ſie zu behandlen. Höre meinen Tag. Rechnungen: Eliſe um halb 11, vorher ſchon Guſtav mit dem Boten, den ich nach Erne -298 ſtinens Kopfweh fragen ließ; Line auch krank! Das Kind bei mir; auf den Hängeboden; dann in den Garten, mit Ka - ſtanien und Bauſteinen; ich die franzöſiſchen Zeitungen um - ſonſt mit hinunter genommen: ſie ließen mich nicht, ich mußte bauen, befehlen, ordnen. Hinauf; ſie wieder auf den Hänge - boden. Gegeſſen. Erneſtine wollte mich um 5 mit den Kin - dern zum Ausfahren abholen: ja! wir fuhren: ſehr ſchön, kein Abendth[a]u, es war bewölkt. Um 7 bei Kranzler präch - tiges Nußeis mit Johannesbeeren melirt. Profeſſor W. mit Schweſter, und noch acht Damen, Kinder, und gewiß zehn bis zwölf Offiziere. P. und W. ſchrieen immer: „ Wie in Ita - lien: und auch ſo gutes Eis! “ Braucht man auszureiſen?

Wie mich das freut, daß du des Baierkönigs Beſuch grade ſo anſiehſt wie ich, iſt wirklich nicht zu ſagen. Eben, ich die das nie thut, als Deutſche freute es mich ſo: nicht nur, oder wenig für Goethe: qui regorge d’honneur et d’ Anerken - nung. Aber da England und Frankreich auf vielen Bahnen ſo viel Nationalſchritte vor uns voraus haben, ſo müſſen Deutſchlands Könige vorſchreiten. Heil dir König Ludwig von Baiern! „ Bleib geſund! “ſagen die Juden. Grüß mir nur ja all die Herren, die ſo ſchön meiner gedenken. Ich bin ja ordentlich Eine. — Gute Nacht, einziger Auguſt: ich wün - ſche dich, wie du mich! Komme aber nicht zu früh. Sieh Friedrich Schlegel, Goethe, alles, alles! Erfriſche, ſtärke, ſehne dich! Das iſt auch gut. Wir lieben uns. Adieu. Ehe ich ausfuhr, war Gen. Pfuel hier; er bleibt nach allen Manö - vers noch vierzehn Tage hier, und beſucht mich noch nach der299 Wiederkunft vor den vierzehn Vakant-Tagen; grüßt, wie alle Freunde! und ich. —

Guten Morgen, Auguſtchen! Halb 8. Sonnenſchein. Gut geſchlafen; oft gewacht; Gaſſenhunde, Wärme; ſchöne Mondnacht, übrigens iſt Donnerstag. Ich vergaß dir noch von der Kinder-Gartenſcene zu ſagen, daß ich mir ein But - terbrot geben ließ: ſie hatten dies eben oben gehabt, Feigen, Birne, und ſollten nun endlich durchaus nichts mehr. „ Ein Stückchen! “ Ich gebe es jedem; geſchwind auf. „ Noch ein Stückchen! “ Ich ſchlag’ es ab: „ Aber ich hab’s ſo gerne! “ Ich geb’s: der Junge immer auch. „ Tante, liebes Tantche, aber es ſchmeckt ſo gut! “ſie laſſen mir in der That beinah nichts; ſo bekamen ſie an ſechs kleine Portionen: das letzte Stückchen nahm ich geſchwind in den Mund, Eliſe ſah dies nicht. „ Noch was! “ Ganz ſchnell. Es iſt nicht mehr da, zeige ich ihr, kauend; „ Ja! in deinem Mund! “ſagt ſie, „ gieb mir! “und will es daher. War aber ganz zufrieden, als ſie nichts bekam, und mich lachen hörte. — Was ich leſe, Auguſt? Schande! Nichts, als deine Briefe und die Zeitung. Leſen und ſchreiben geht bei mir nicht mehr. Alle Tage will ich Hegel weiter leſen, und komme nicht dazu. Von Schiller hab’ ich einen Theil, den ich von Ferdinand geliehen, eine Lebensſkizze dieſes lieben Mannes von Körners Vater entwor - ſen, mit Auszügen von Schillers Briefen verherrlicht, und am Ende deſſelben mit ſechszehn Zeilen von Goethen. Heiliger Gott! Welche bronzene Worte! „ Es glühte ſeine Wange roth und röther von jener Jugend, die uns nie verfliegt. “ 300Sie ſind aus dem Gedicht, mit dem er die Glocke aufführen ließ. Ich vergötterte Schiller aus dieſem Theile, weil er eine lehrſame Seele war, und all ſeinen Geiſt dazu gebrauchte; vortrefflichen Treffer hatte, — darin beſtand für mich ſein Talent: dies vergötterte ich z. B. in einem Gedicht: die Schlacht. Feſt antik in modernſter Form, und Stoff: tief ergreifend, weil die Sache in ihrer Einfachheit erfaßt, eben dadurch ihren Graus, die Unabänderlichkeit zeigt. Undenklich ſchön! So liebt’ ich „ Melancholie an Laura, “alle an Laura; eines, wo er den Frühling „ Lieber Jüngling “anredete. Ich liebte ihn ganz: war voller Freude, ihn ſo liebeswerth und wür - dig zu finden. Aber da kommt Goethe mit ſeiner Macht, ſeinen Zeilen, ſeiner Vollendung und Vorſtellung, Denken, Reife, Vollendung und Gewalt des Ausdrucks, kampfgekämpf - ter Weisheit, beſchauender überſchauender Melancholie, weiſer ausgerungener Heiterkeit, mit ſeiner vue d’oiseau, mit ſeinem Sternenblick, auf deutſch — von einem Stern herab —, mit der Götterbruſt, an der man nicht allein ruht, ſondern Ruhe findet, — und allen andern Dichtern fehlt etwas; — Großes. Kein Wunder, daß man noch täglich ihn expliziren muß: nach Maß der Gaben jedes ſeiner Zeitgenoſſen wird er nur gefaßt; wie die Welt ſelbſt: und doch kränkt, echauffirt’s je - desmal. — Bartholdy ſetzte Shakeſpear’s Weiber, gegen mich und ſeine tapfre tieffühlende Frau, über Goethens. Er ſprach Hymnen über Shakeſpear: Gutes. Ich konnte Goethen nicht loben: es gingen mir meine eignen Gedanken in das Herz. Weil ein von allem Wiſſender (Profeſſor aus —), und dem doch das Letzte und Erſte nicht in ſich Gefundenes war, da301 ſaß, und doch den redlichſten, bequemſten, alt aufgeſpeicherten, ſchon fabrizirten Antheil nahm. Nichts war bei dem wieder in die erſte Materie zurückzuführen: und da verſtummte ich bald. Immer unrecht: immer falſch. Was habe ich nur ſchon zu Tage geſprochen, zurecht geredet. Eigentlich menſch - lichſte Pflicht. Geiſter haben kein Eigenthum: und ihr Menſch gehört ihnen nicht mehr an, als alle andre Menſchen, ſie müſſen immer arbeiten. Nun will ich Kaffee trinken. „ Der Onkel ſoll leben, hoch! “ Geſtern wurde ſie ſehr verdrießlich, daß du noch nicht kommſt. Eile dich nur nicht, Augüſtle! — Nach dem Kaffee. Ich freue mich, daß Lindner und Cotta ſo ſchön wohnen. Das hübſche Fräulein Nichte kenne ich. Grüße die Damen gütigſt: grüße den lieben Oken. Mit Freu - den denke ich noch an das von mir glücklich erfundene Glas Bier für ihn. Den ſähe ich gerne in äußerſt guter Lage. Er iſt, im beſten Sinn, leidensfähig. Große Eloge bei mir. Mittelpunktsanlage. Je me flatte moi-même, comme vous voyez. Was kann ich dafür?!

Denk dir! Gans war bei Goethen im Zimmer, als der König von Baiern mit vier Pferden vorfuhr extra; hinein trat, und ſagen mußte: „ Ich bin der K. v. B. “dann auf und ab gehend zu Goethen ſagte: „ Haben Sie noch ein Plätz - chen an Ihrer Bruſt zu einem Orden? “ Ich gab Gans den Brief an Frau von Goethe. In der größten Migraine gab ich ihm den Glücksbrief! Mittags beim Eſſen; er wollte halb 6 reiſen. Er ſchrieb mir nicht einmal! ich weiß dies von An - dern. —

302

An Varnhagen, in München.

— Von da zu Frau von Kalb; den geiſtvollſten Abend voller Heiterkeit und Vorherſagen; nämlich: elle répétait mot pour mot ce que j’allais dire; ich konnte nicht aufkommen, und brauchte es auch nicht: über Frau von Humboldt hat ſie mit einer Milde, Nachläſſigkeit und Schärfe geſprochen, wie ein ſeliger Geiſt ꝛc. ꝛc. Dich läßt ſie nachdrücklich grüßen: ſie würde dir immer „ güter, “läßt ſie dir ſagen. Natürlich hat - ten wir vorher von dir geſprochen; und ich ihr von Baader und mehr dgl. geleſen was ihr frommte. Mit der Neunuhr - Trommel ging ich nach Hauſe — das Gas brannte ſchlecht — kaufte mir zwei Mandelherze und ein Stück Baumkuchen bei Conradi für vier Silbergroſchen! — Kuchen muß man in Hungersnoth eſſen, — und fand deinen theuren lieben Brief, den, wo du Macbeth geſehen hatteſt. — — Ich denke mir dich nun in Augsburg mit Schlegels. Eile nur nicht, Herzens - freund, und gehe um Gotteswillen zu Goethen. Es freut ihn, du überläufſt ihn ja nicht. Grüße den Gott. Er wird mir zum Gott, ſo wie einer ihn nicht verſtehen kann oder will (das fließt mir zuſammen), nicht aus Widerſpruch. Irrig nennt man dies Widerſpruchsgeiſt. Mein Himmel! den hat man ja gar nicht; geprügelt muß ja ein jeder nur dazu wer - den! Aber wenn ſie mir ihn bezweiflen, ſtreitig machen wol - len, einen andern Dichter vorziehn wollen; dann muß ich das hochſtehende Bild! herabnehmen, antaſten, hie und da mit303 meinem Geiſt, meinem Verſtändniß, dann wird mir das im Einzelnen, wozu ich das ganze Leben brauchte, zu ſchwer; dann ſehe ich, daß er ein Gott iſt: von Gaben, Größe, Be - herrſchung, Harmonie, Fülle, Weisheit, und ewigem Wachs - thum. Du ſiehſt, daß das noch das Ende meines letzten Ge - ſprächs bei Bartholdy’s iſt, wo er die Shakeſpear’ſchen Frauen höher als die Goethe’ſchen ſtellen wollte. Er ſprach übrigens wie von einem Einzigen von ihm. Aber weil ſie ſein Menſchliches, Menſchlichſtes, dies ſein Größtes nicht faſſen; machen ſie lieber ein monstre der Vortrefflichkeit aus ihm: und er hat grad’ die wahre Menſchengröße. Grad’ das Zeichen für mich, daß Goethe ſo groß als irgend ein alter Dichter, aber der neue, moderne par excellence iſt. Ver - ſtehſt du? Die alten hatten das Weib: die Mutter, die Toch - ter, die Schweſter. Wir haben dieſe Urgeſtalten im Lichte der Frauen (Frauenlicht; ſollte es eigentlich heißen): wir ha - ben Frauen; und die hat Goethe beim Schopf gehalten, und ihnen tief durch die Augen in’s Herz geſchaut, jedes kleinſte Winkelchen im „ Labyrinth der Bruſt. “ Erkundige dich doch, ob Gans wirklich dort war, als der König von Baiern ein - trat. Tauſend Segen auf dich! Ich küſſe dich. Morgen mehr. —

— X. Beſuche ſind nicht ſo ſympathetiſch, als ich ſie wohl durch falſchen Ausdruck habe erſcheinen laſſen. Er kam, wenn er etwas wollte und brauchte: immer als ob er gar keine Zeit habe: und immer bei Mad. * ſein müßte. Ganz richtig. In dem Maße, wie er mich eigentlich nicht vertra - gen kann, in demſelben iſt, und muß ſie ihm die Nahrung304 ſein, die er grade bedarf. Und aus demſelben intellektuellen Urgrund, um den, und aus dem ſich ſein ganzer Karakter ge - ſtaltet. Er liebt Geiſt, und bedarf Geiſt: er findet Gedanken, und nimmt ſie auf: aber „ zu kurzem, nicht ſtrengen Gebrauch. “ Dann, bedarf er, und iſt er gewöhnt von Einigen, und von ſich, für einen Kourmacher — ſchlechteſtes Wort hier! — angeſehen zu werden: und ſo auffahrend zimperlich auch Mad. *, wenn wer, durch Wort oder That, ihr Hin - und Herzerren, Minaudiren, ſo bezeichnen wollte, ſich gebärden würde, ſo giebt ſie ihm doch zu dergleichen Veranlaſſung; dieſes Üben hat er nöthig, ſeine Feierſtunden zu bewegen. So ſehe ich das Ganze ein: mit allem Guten, Menſchlichen, wirk - lichen Geiſtreichen, was es hat, und hervorbringt. Das Ver - hältniß geht aber nicht aus ſolcher Wahrheit hervor, die nicht einmal für ſie Beide eine beſſere, und alſo andre Einſicht über ihre Verbindung, und ihren Umgang zuließe. Dies iſt der Fehler daran; aber keiner für ihre jetzige Zeit: weil er nur für den exiſtirt, der ihn einſieht. Nicht der Rede werth! Nur für dich und mich, die wir gerne einander unſre Einſichten — über welchen Gegenſtand es ſei — begründen. Hilf ihm nur in allen Stücken! lieb Augüſtchen! Das Diner mit den El - tern und beiden Töchtern in freier Luft, bei Bartholdy’s vor - geſtern, nach Mittheilungen aus deinen Briefen und des höch - ſten Beifalls, war ſehr angenehm: wobei ich auch die ſchön - gewordene Marie vorſtellte mit größtem Erfolg. — Höre, was geſtern geſchah. Als ich noch im Bette liege, vor dem Kaffee, kommen beide Mädchen ſchreiend und mit Jubel, jede eine von meinen großen Glasvaſen in den Händen, die überfülltmit305mit Blumen ſind. „ Geburtstag! “ſchrieen ſie. Was iſt das? was für ein Geburtstag? „ Karolinens; Mine hat ſie be - ſchenkt. “ Iſt das nicht rührend? Ein großes Kaffeebrett hat ſie noch erhalten: ich ſchenke ihr Strümpfe, ſchöne; und be - zahle einen Ankauf Blumen, den ſie heute machte. Heliotrop - töpfe, alles! ihre Leidenſchaft: ſie kauft ſie immer erſt für ihr Geld; und das iſt immer mein Geld; die Freiheit hat ſie obenein. Prof. Lichtenſtein und Zelter ſind nach München, ſeit Montag. Ich habe mir notirt, was ich dir ſchreiben will, drum kommts bunt aber ohne Zuſammenhang heute, jetzt. Henckels reiſen heute: nahmen geſtern zärtlich durchdrungenen Abſchied, grüßen dich eben ſo; und Bartholdy Vater noch ausführlicher; nun ſoll er erſt den geſtern erhaltenen Brief von dir ſehen; wo ſo viel für ihn ſteht. Williſen iſt nun fort, vier Meilen mit den Truppen. Lobte wieder deinen Blücher ſo ſehr! und nur deßhalb unterſtände er ſich, die neuen deutſchen Ausdrücke nicht gut zu heißen. Ich dachte eben ſo, weißt du; aber jetzt denke ich: Einer muß doch anfangen: der wird erſt getadelt; und dann rühmlich zitirt, und befolgt. —

— Hier war und iſt man berauſcht von Mlle. Schechner: ich gar nicht: ihr fehlt in allen Stücken Grazie; in die ſie auch eine ſtarke, aber ſehr einſeitige, nicht viel Rapports auf - faſſende Empfindungsweiſe einzukleiden hätte! welcher Man - gel hier für tiefſte Empfindung genommen wird, und ſo in den Zeitungen — als Glaubensartikel für einen Klumpen Menſchen — ſteht. Ihre Scala iſt ſchöner, als ihre Stimme:III. 20306damit meine ich: der Ton jeder Note iſt nicht ſo ausdrücklich ſüß, oder wohllautsvoll, als vielmehr, daß alle Noten ihrer Scala — der ſeltenſte Fall! — ohne Exercitium, von Natur gleich gut, gleich ſtark ſind. Keine Stimme, weder die Sprech - noch Singeſtimme darf anders, als al fresco gebraucht werden: wie bei dem Mahler das nachdrücklichſte, noch ſo mühevollſte Detail-Nüanziren nicht — von weitem geſehen — ausdrücken würde, was ein gut applizirter Farbenklecks thut. Spricht, ſingt, mahlt man für die Ferne nicht al fresco, ſo verſchwendet man Stimme und Farben durchaus umſonſt. Farben kauft man: Stimme muß blumenartig geſchont und erhalten werden; ſie geht ſonſt häßlich werdend verloren. Dies iſt einer der Sätze, die in den Pepinièren der Bühnen als Re - gel feſtſtehen ſollten. Das junge Mädchen kann nicht ſtehn; nicht gehn; keinen Mantel, keinen Schleier; weiß nichts von Vornehm — im beſten Sinn. — Schaden Sie ihr, und allen Publikums, nicht durch dies mein Urtheil: es geht mehr die Direktionen und die Publikums unſerer Nation an, als die junge gute Schechner: ſie bilden ſolche begabte Anfängerin nicht, weil ſie all ihre Mängel gar nicht als ſolche empfinden, ſondern meiſt einem Vorſchreier nachſchreien; der ſelbſt wieder mit einigem Geſchrei, in jedem Sinn, zufrieden geſtellt iſt; wenn’s nicht gar durch eine Art von Wimmern, welches Ge - fühlvollheit vorſtellt, bewirkt wird. Leben Sie wohl! Laſſen Sie ſich durch nichts in Ihrer Kunſt, in der Kunſt — par ex - cellence; jede faßt alle in ſich — ſtören: ſo denk’ ich auch, daß Riga, Memel, Mannheim, München, Berlin, jeder Ort,307 wo Sie deutſch, und unſre beſten Stücke ſpielen können, für die Entwickelung Ihrer Leiſtungen, Ihres Talents, gleich iſt. —

Wenn wir einen all unſern beſten Anforderungen entſpre - chenden Gegenſtand fänden, würde nur Liebe, nie Leidenſchaft entſtehn: die Anſtrengung, die uns übrige Liebe anzubringen, iſt Leidenſchaft. Zergliedere man nur das Wort: ſo ergiebt ſich’s ſchon.

Neulich ſah ich am Münzplatz den Kupferſtich von Mlle. Mars aushängen. Für jemand, der die Perſon kennt, hat er etwas Merkwürdiges. Das, was in ihrem merkwürdig jung - gebliebenen Geſichte nur hie und da überreift erſcheint, und ihr ihre ganze Ähnlichkeit mit ihrer Jugend läßt, wollte der Künſtler nicht wiedergeben: konnte ſich aber deſſen Eindruck nicht erwehren; dieſen hat er hingeſtellt, oder vielmehr das was ihn bewirkte: aber als ein Ganzes: nämlich ſummariſch, alles Alternde in der Mlle. Mars Geſicht zuſammengenom - men: und dem nun, gab er ein gezwungenes Jugendlächlen, und machte ſie ganz unähnlich: indem er nur das Alte, den Eindruck davon in Summa, abſchrieb: ſehr komiſch! —

20 *308

An Varnhagen, in Nürnberg.

— Die Damen gingen: und ich fand an Mad. M. eine recht natürliche, gutgeſinnte, zu allem was ſie ſoll gefaßte Frau: die ihr ganzes Schickſal, und die Aufgabe, die ſie von ihm erhalten, verſteht. Es giebt immer mehr Menſchen, als wir nur irgend vermuthen; und bei dem Beſten, was wir ge - wöhnlich vorausſetzen: es iſt gewiß; wir ſind Alle göttlich - adlichen Urſprungs, und haben viel vom Vater. Das ſollen wir uns bei guten, und ſchlechten Gelegenheiten immer von neuem einſchärfen. Das thu’ ich hier, in deiner Gegenwart. —

Den ganzen Morgen war Elischen bei mir, oder vielmehr in der Küche: ihr Belvedere. „ Kommt Onkel heute? “ Nein. „ Warum nicht? Morgen? “ Den andern Montag — tout par hasard — „ Wann iſt anderer Montag? “ Ich rechnete ihr die Tage vor. „ Ach! “traurig und verdrießlich. Das ſagt ſie ſeit acht Tagen jedesmal, wenn du noch nicht da biſt. Sie wollte beſtändig eſſen. Dann holte die Amme ſie ab.

Als ich vorgeſtern zu Hauſe kam, ſaß Williſen todtmüde bei mir — zur großen Freud! — und trank ſchon Thee, — wir waren harmlos, vertrauensvoll; ſtill wie Freunde. Geſtern Morgen ritt er wieder zum Lager. — Wie herrlich iſt die Ge - ſchichte des Augsburger Setzers. Wie vollgültig. Und unſer Präſentmenſch (Gottesgabe, Dieudonné) in Weimar. Er iſt ein Fürſt. Er hat Orden zu vergeben; und in Klaſſen. Recht ſo! Bravo! Was du aber alles erſpähſt, berichteſt! Herzens -309 freund! Geh nur nach Weimar; und verſäume das nicht, wie Friedrich Schlegeln. Es krepirt mich. Koſtet mich viel - leicht eine halbe Reiſe nach Wien: halb mache ich ſie wegen der italiäniſchen Oper, wenn eine gute Truppe dort iſt. Nous verrons: je ne m’engage à rien; rien iſt mein Wahlſpruch. Du ſiehſt, wie viel ich dabei thue und hanthiere: nur kein Treiben! — Williſen ſagte vorgeſtern — es entzückte mich — „ Sie ſind aber jetzt ſehr wohl; unbeſchrieen! “ Unbeſchrieen. Das iſt als wenn meine Freunde beim Datum das Wetter ſetzen. Iſt das Herrſchſucht? Gar nicht; ein Bedürfniß nach Liebesbeweiſen; die aus mir immer herausſtrömen. — Nun werd’ ich wohl keinen Brief mehr auf die Poſt ſchicken; aber doch vielleicht ein kleines Lebenszeichen, ſonſt eilſt du ohne Weimar nach Hauſe. Ich freue mich wie du: aber du ſollſt alles ſehn, und in dir haben; ich genieße es mit, in jedem Sinn. — Sollſt alles ſchön finden. Adieu! Grüße in Weimar.

Durch Liebe erfährt man nur, daß man ſelbſt exiſtirt, ſonſt wüßten wir nur von Dingen und Gedanken. Denn: wir machen unſer Ich kontinuirlich, und können es nur in der Ver - gangenheit betrachten, wenn auch in der nächſten; als Ganzes ſe - hen wir nur den Andern. Wir lieben nur Andere, nicht uns.

Der größte Philoſoph kann nicht anders antworten, als der geringſte nicht tolle Menſch: die Fragen richtig zu ſtellen, auf die es ankommt; und den Weg zu bahnen, ihn aufzu - räumen, keine falſche Frage beantworten laſſen zu wollen, iſt310 das Geſchäft der Philoſophie. Daß ſie grad und unbefangen bis zu den letzten nicht zu beantwortenden kommt, das haſſen die meiſten Leute.

An Fräulein von R., in Dresden.

Nach hesperidiſchen Tagen ein Sonnenducken, umzogener Him - mel, der nur wie durch Fenſter das Blaue ſehn läßt.

All mein Glück von der Dresdener Reiſe war darin ent - halten, daß Sie, geehrte theure Freundin, ſie wünſchten und wollten. Wahr, wahrlich! das Beſte davon hab’ ich alſo hier genoſſen; und es bleibt mir zum ſtäten Genuß und tiefer Freude! Faſt ſchäme ich mich, ausgeblieben zu ſein; und doch konnte ich nicht kommen. Wenn mir die Umſtände ſo recht expreß etwas verſagen, wozu ſie ordentlich wie Anſtalt treffen müſſen, ſo halte ich es jedesmal für einen himmliſchen Avis! — wie, wenn wir unterwürfige Aufmerkſamkeit darauf richten, es ſich uns auch nachher immer zeigt. Diesmal führte, wel - ches nie noch bei mir eintraf, der Himmel mir ein peku - niäres Ereigniß, ein Erbſchaftsgeſchäft von meinem Väter - lichen (!!! dreißig Jahr alt) herbei, wo ich natürlich nicht gewann, nur nicht verlieren durfte: und das in V. s Abweſen - heit, die ich auch noch faſt nicht erlebt habe, als jetzt. Es ſollte alſo nicht geſchehn. Alle unintereſſante Details münd - lich, nur mündlich; weil es doch intereſſant bleibt, wie ſich auch niedere Geſchichten, allem Urtheil ausweichend geſtalten können; und uns das lehren kann, Geſchichte zu beurtheilen:311 aufgeſchriebene, und erlebte, da ſie doch aus Geſchichten be - ſteht: und wiederum doch nur durch Urtheil zu Hiſtorie wer - den kann. — Ich bin doch froh, da ich die erheiterndſten Nachrichten faſt täglich von Varnh. über ſeine Reiſe erhalte; Briefe, die ich mir ein Feſt mache Ihnen mitzutheilen: und wie gedruckt in der Handſchrift zu leſen. —

Haben Sie nur die Gnade für mich! mich (wenn auch nur durch Ihres Herrn Vaters Kanzelliſten) wiſſen zu laſſen, wann Sie eintreffen, hier; den Tag. Ich bitte! Den 25. dieſes erwarte ich Varnh. Eins muß mich auch noch für jetzt — es wird ſich auch wohl zu Beſſerem auflöſen! — krän - ken. Das iſt, die Familie B. nicht unter Ihrem Schutz geſe - hen zu haben. Das empfinde ich vollſtändig. Ich verfolgte alle Tagesſtunden in meinen Gedanken, wie Sie Alle ſie dort in den goldenen Herbſttagen verleben könnten; und ſah wie ſich die zwölf Stunden für Henriette zu zwanzig und noch mehr vermehren, in Vergnügensmomenten, Arbeiten aller Art, und geſelligen Leiſtungen! Das kenne ich. Meine Nichte hatte die Ehre Sie auf der Galerie zu ſehen; ich ſah Sie allent - halben. Nun geht’s in vier Tagen nach H.; da geht’s über Jena? Weimar? da könnte Varnh. das Glück haben, Ihnen zu begegnen! Glückliche Reiſe! Schönſtes Wetter: prächtige Geſundheit für die verehrten Eltern und Sie Alle! Genießen Sie Luft, Lichter, Sonne, Wolken, Grünes, Berg, Thal, Dorfſchaften; alles, ich nehme Theil daran; ſo, daß ich’s habe. Kommen Sie Alle gekräftigt, erfriſcht wieder! Das glückliche Ereigniß in H. errath’ ich auch: und gratulire herz - lich. Hier iſt es, wie Sie’s kennen, nur daß Militair und312 Civil in den reiſenden Lagern lebt, von Staub lebt, ohn - erachtet des Staubs; nur ein Komödien-Publikum iſt doch noch zurückgeblieben; findet ſich vor, um alle Tage eine auf - tretende Sängerin zu hören. Mlls. Tibaldi und Bamberger; heute, — ich mit, — Mad. Kraus-Wranitzky, Schweſter der Mad. Seidler, aus Wien. Geſtern — ſehn Sie meine Aus - ſchweifungen! — habe ich wahrlich „ nach der Kunſt gelebt; “wie A. W. Schlegel ſich Schakeſpeare’s Julie ausdrücken läßt, über einen Kuß. Goethe ſagt, man ſollte alle Tage etwas von ihr, der Kunſt, Bereitetes anſehen, hören, oder leſen. Ich ſetze hinzu: um vom Himmel zu koſten, nicht nur da - für zu arbeiten. So habe ich geſtern Königin Eliſabeth, in Kenilworth, von Mad. Wolff auf die Bewunderung verdie - nendſte Weiſe geſehn! Eine Perſon ſich ſo vorzuſtellen, als dieſe Eliſabeth, iſt ſchon vom Dichter, und vom vollkommen - ſten Künſtler: ſie dann darnach ſo vorzuſtellen, ſtupend! und weit über meine Faſſung. Durchaus wahr, ganz, erhaben, pittoresk; ſo gelungen, daß es natürlich ward, nicht blieb. Vortrefflich: das müſſen Sie ſehn: ich bereite dann Mad. Wolff vor. Sie ſpielte, ſie ſtrengte ſich meinetwegen! geſtern an. Gott befohlen! Ihre ergebene

F. V.

Die treueſten, ergebenſten Grüße Ihren liebenswürdigen Eltern! der theuren Schweſter! —

Alle Menſchen waren dereinſt Ein Menſch. Die ärgſte Folge des begangenen Irrthums iſt, dies vergeſſen zu ha - ben; und glauben zu müſſen, wir leiden ungerecht willkürlich. 313Den tiefern Urſprung aber, den der Möglichkeit des Irrens, müſſen wir einer höheren Einſicht anheim ſtellen. — — Mitt - woch, den 26. September 1827. Längſt ſchon erdacht. —

Alle begabten Geiſter und denkende Menſchen haben von je an nur immer daſſelbe ausdrücken können, ſo verſchiedener Bilder ſie ſich bedient; von ſo verſchiedener Weiſe ſie die Welt, oder was ſich in ihr bewegen kann, durch Einfälle darzuſtellen vermochten; und ſo lange nicht anders organiſirte Geiſter er - ſcheinen, wird das ſo bleiben müſſen. Ein Syſtem erfinden, kann doch nun nichts anders heißen, als die Fähigkeiten des menſch - lichen Geiſtes ſelbſt ergründen, benennen, klaſſifiziren, und ihm die Ordnungen anweiſen, nach denen er handeln muß, und worunter auch alle Einfälle (oder Eingebungen), die er haben kann, zu ſtellen ſind. Dies thut Fichte. Wie der Menſch aber ſich das vorſtellen mag, worin er gar keine Thätigkeit ausüben kann, nämlich das Vorgefundene; ſeine Fähigkeiten, die Natur, ſein unwillkürliches Handeln: gehört nicht mehr zu ſeiner Philoſophie und Thätigkeit, zu dem, was ſein Kopf ſich zu ſeinem eigenen Genügen auseinanderſetzen, zum Ver - ſtehn darlegen kann. Das ſind lauter parties de plaisir im höhern Sinn: generöſe Vorausſetzungen; Dichtungen. Alles im höchſten Sinn: wie denn in dem überhaupt nur gelebt ſein ſoll. — Donnerstag, den 27. September 1827. Bei Franz von Baaders religiöſer Philoſophie.

314

Auf der Erde kann einem nichts ſchrecklicher genommen werden, als die Erde, oder dieſe ſtückweiſe; und das iſt auch genug.

An Karoline Gräfin von Schlabrendorf, in Dresden.

Leichter Schnee auf den Dachern: endlich ohne Wind; nicht zu kalt; ich, ſeit geſtern nur, aus einem erleichternden Fluß - fieber erſtanden. Sonſt wären Sie mir nicht zuvorgekommen.

Theure Gräfin! Alſo glauben Sie mir danken zu müſſen, wenn ich Virginia einſehe, und erkenne? meine ſtrenge Schul - digkeit thue; wenn mir auch das Fräulein nicht einleuchtete? Und doch weiß ich, wie ein ſolcher Dank entſtehn kann; wir ſchieben ihn nur vom eigentlichen Orte. Dem Schickſal dan - ken wir in ſolchem Fall; daß es uns endlich Einmal einen erleben läßt, wo ein Menſch menſchlich, nicht wider - und ſtumpfſinnig, leer und hohl, handelte. So ſelten iſt dem zu begegnen! und darüber, daß es ſo iſt, kein Wort! — weil alles, was geſagt werden kann, nur dies begründete; denn es hat den tiefſten, und alle Gründe. Ich will Ihnen, treue verehrte Frau, etwas Angenehmes ſagen, woraus Sie auch zugleich den Punkt entnehmen können, auf dem wir in Bil - dung, Lebens -, Welt - und Menſchenkenntniß ſtehn. Virginia gefiel uns gleich ſo, daß wir uns ſogar gleiches Alters mit ihr dünkten, und uns gleich ſo mitten Verkehrs mit ihr fühl - ten, und erkannten, als hätten wir von den vielen Jahren315 her ohne Trennung mit einander fortgelebt. Sie iſt wahrhaft gewandt; im Verſtehn, Auffaſſen, richtig Handhaben, und Be - kanntſein mit allem, was edel iſt, verſtändig und geiſtvoll. Alle edle Vorausſetzungen findet man mit ihr fertig vor; und ſo iſt es leicht, ein feines tieferes Leben weiter leben. Sie hat ein komplet, gebildetes Betragen, welches nicht auf modiſchen Manieren, oder ſolchen Putz ankommt; bei welchen ein Vier - teljahr in Einſamkeit zurück, eine Dame oder einen Menſchen arrierirt, veraltet, altfränkiſch, unbeholfen, und unbeholfener aus Verlegenheit, macht. Sie hat in ſich wirklich gelebt; und daher mit ihren Gedanken begleitet, was in der Welt vorge - hen kann; alſo, das was vorgeht. Noch einen unumſtößli - chern Beweis wahren Fortſchreitens giebt ſie aber durch ihre zur wahren Güte ausgebildete Nachſichtigkeit, und leichtes Nehmen, freundliches, der Vorfallenheiten, und Dinge. Sie hat davon eine ganz feine Phyſionomie; und was ihr dieſe ungeſtört erhält, iſt eine vollkommene Eitelkeitloſigkeit, auf geſellſchaftlichen Stufen, irgend nur etwas ringen zu mögen! Das allein — wie die Treppe nun Einmal gebaut iſt! — giebt Adel. So erſchien ſie mir: und ich gratulirte ihr laut im Geſpräch mit Varnhagen; der beſonders viel — ſeltenſter Fall! — mit ihr ſprach, und ganz und gar ihr applaudirte; wie ich. Wir gratuliren auch Ihnen, theure Gräfin; weil ſolch gelungene Tochter von innrem Glück zeugt; und dafür bürgt; es iſt zu ächt, um noch Stolz Raum zu laſſen, ſonſt könnten Sie auch ſtolz ſein, ſo etwas neben ſich wachſen zu laſſen. Bedeutende Mütter hindern oft.

Sie wollten nun doch gewiß, gute großmüthige Gräfin,316 dieſem Kinde freundliches Leben; Freundesberührung aller Art; was Künſte, Litteratur, und geſellige Bewegung mit ſich bringt, durch die Seele rinnen laſſen! Hier ſind Sie von all dem er - wartet. — Sie ſind alt, und würdig, und — auch mate - riell — frei genug, um ſich zu zeigen, wie Sie eben grad ſind, eben grad ſein wollen. Leben Sie doch — was faſt Schuldigkeit iſt — in Ihnen angemeſſener Mittheilung und Bewegung Ihr Leben ab! Wir ſind die Geſchöpfe mit Sprache geſchaffen; zur Erörterung, zur Vernunftdarlegung bis in die kleinſten Dinge hinab: Mittheilung iſt unſer Weſen: daher unſre Pflicht. Durch ſie nur werden wir urbar. Kommen Sie, liebe gute Freundin. Ihr Neffe Kalckreuth denkt dar - über wie ich: wir haben ſchon alles erörtert. Er wünſcht es; er bittet wie ich; doch zweifelt er mehr als ich. Er war geſtern Abend mit ein paar Leuten, erſt allein bei mir, alles zufällig. Die große Welt kann Sie gar nicht ſtören: die lebt ſehr eingeſchränkt. Fragen Sie Einmal Graf Kalckreuth, Ihren Neffen von Siegersdorf — ich ſpreche immer nur von dem. — Und für die ſind Sie nur die Gräfin Schlabren - dorf. Schicken Sie alſo keine Karten mit dem Worte drauf, ſo exiſtiren Sie nicht für ſie. Sie exiſtirt doch nun auch nicht für Sie. Zu