PRIMS Full-text transcription (HTML)
[I]
Aeſthetik oder Wiſſenſchaft des Schoͤnen.
Zum Gebrauche für Vorleſungen
Erſter Theil: Die Metaphyſik des Schönen.
Reutlingen und Leipzig. Carl Mäcken's Verlag. 1846.
[II][III]

Vorrede.

Irre ich nicht, ſo wird den meiſten Widerſpruch die ganze Anlage erfahren, die ich dem Syſteme der Aeſthetik gegeben: daß ich nämlich nicht das Ganze auf die Phantaſie begründe, ſondern im erſten Theile das Schöne durchaus als ein Abſtractes entwickle, von dem ſich erſt zeigen ſoll, wo und wie es wirklich ſey. Wem nun die Bemerkungen nicht genügen, wodurch ich ſchon im vorliegen - den Bande den Angriffen auf dieſen Punkt vorzubeugen ſuche, den muß ich bitten, die Erſcheinung des zweiten abzuwarten. Hier wird ſich zeigen, was Alles dem Syſtem verloren ginge, wenn das Räthſel ſchon im erſten Theile gelöst, wenn nicht vielmehr der zweite die Naturſchönheit zuerſt in ihrem vollen Scheine und ihrer Breite dar - ſtellen und dann erſt in die Phantaſie aufheben würde. Keinen Raum würde ich mir vorbehalten, den Werth des Objects, des Gegebenen anzuerkennen; ich würde zuerſt einen Künſtler ſetzen, um dann eine Welt für ihn oder keine zu ſuchen, ſtatt daß ich ihm nun zuerſt eine Welt, darin er ſich umſehe, geben kann; den Naturton ſeines Elements müßte ich zerſtören und ihn, wie die neueren Aeſthe - tiker als ächte Kinder der Romantik Miene machen, auf Nichts ſtellen.

Ich hatte ſchon in dieſem Bande mehrere Fragen zu unter - ſuchen, deren gefährliche Natur in gegenwärtiger Zeit Jedem, der klüger als wahr iſt, es nahe legt, hinter dem Berge zu halten. Ich durfte und wollte kein Jota meiner Ueberzeugung verſchweigen; geböte mir dies nicht die Ehre der Wiſſenſchaft, ſo geböte es mir meine eigene, denn ich muß der Welt zeigen, daß ich keinerlei Ver -IV bindlichkeit übernommen habe, der freien Wiſſenſchaft auch den klein - ſten Theil der Aufrichtigkeit, die ihre Lebensluft iſt, zu entwenden. Wäre auch nicht in meiner eigenen Angelegenheit öffentlich und mit Nachdruck ausgeſprochen worden, daß jede philoſophiſche An - ſicht auf der Hochſchule das Recht freier Aeußerung genießen ſoll: mir ſoll man nie nachſagen können, daß ich dieſem unveräußerlichen Rechte auch nur das Geringſte vergebe. Wollen die Gegner dieſes Rechts gemäß einer bekannten Wendung, die ſie ihrem Angriffe zu geben belieben, die Reinheit der ſittlichen Weltanſchauung, welche aus meiner wiſſenſchaftlichen Grundanſicht fließt, verkennen, meine Sätze aus ihrem Zuſammenhang reißen und verdrehen, will z. B. die Augsb. Allg. Zeitung wieder Artikel aufnehmen, wie den gegen Reiff, worin die vernünftig ſittliche Anerkennung der Naturſchranken des Individuums, die das Nothwendige in ein Gewolltes und Freies verwandelt, als Naturdienſt denunzirt war: dagegen kann ich mein Buch nicht durch die Vorrede ſchützen und ich mag auch die reine Kühle der ſtrengen Wiſſenſchaft nicht durch Erörterung ſolcher Dinge beflecken. Ich folge der Wahrheit; ſie wird ſich Bahn brechen.

Ich werde wohl auch den Vorwurf zu hören bekommen, daß mein Werk eine Zuſammenfügung fremder Gedanken ſey; denn ich ſtelle mich ganz auf die Schultern meiner Vorgänger und gewinne meine Ergebniſſe dadurch, daß ich jene bald miteinander ſtreiten laſſe, bald ſelbſt widerlege, ergänze, die Folge aus den Vorderſätzen ziehe, die ſie mir hinterlaſſen haben. Wer aber den Gang des Gedankens verſteht oder verſtehen will, der weiß, daß es leichter iſt, die Reihe von Gründen und Gegengründen, aus denen ſich die Wahrheit aufbaut, aus eigenen Mitteln unvollſtändig zu geben, als ſich zu erinnern, daß irgendwie Alles, was zu ihr führt, ſchon von Andern gedacht iſt, und Jeden an ſeinem Orte das ſagen zu laſſen, was er wirklich beigetragen hat, die Wiſſenſchaft bis dahin vor - wärts zu bringen, wo ſie der letzte Bearbeiter faßt und weiter bildet.

Die Natur ihres Gegenſtands bringt es mit ſich, daß der Aeſthetik Viele ſich zuwenden, welche zwar allgemeinen Beſcheid über das Weſen des Schönen und die verſchiedenen Zweige ſeines lebendigenV Baumes ſuchen, aber dem Begriff in ſeine ſtrengen Tiefen nicht zu folgen vermögen: die Freunde der Kunſt und die Künſtler. Sie verlangen billig, daß der Kunſtphiloſoph über ſeinen Beruf ſich vor Allem dadurch ausweiſe, daß man ſeinen Worten jenen eigenen Sinn anfühle, den das Schöne überall vorausſetzt, jenen Sinn für die volle Mitte, worin Begriff und einzelne Geſtalt ihren Gegenſatz aus - löſchen, und daß dieſer Sinn durch die nöthige Anſchauung und Kennt - niß der wirklichen Schönheit ausgebildet ſey. Wer ihnen dieſen Sinn in der geforderten Reife entgegenbringt, von dem hoffen ſie, daß er ihrem weiteren Bedürfniſſe theoretiſcher Einſicht durch eine gemein - verſtändliche und leichtfaßliche Form abhelfen werde. Sie vergeſſen leicht, daß jene Eigenſchaften zwar die erſte Vorausſetzung ſind, daß aber der Philoſoph mehr zu leiſten hat: daß er zuerſt mit jeder beſon - deren Erſcheinung des Schönen auch die unmittelbare Friſche ſeiner eigenen Liebe zu demſelben in der Tiefe zurücklaſſen und ſich zu dem farbloſen Ueberblicke des Gedankens in ſeiner Allgemeinheit erheben muß. In dieſem Gebiete bewegt ſich der erſte Theil meines Werks; ich kann nicht erwarten, daß er ſich die, mir doch ſo werthe, Freund - ſchaft jener gewinne, welche auf die dargeſtellte Weiſe vom vollen und friſchen Genuſſe des Schönen nur einen halben Schritt weiter thun zum Denken über dieſen Genuß und ſeinen Gegenſtand. Der zweite und dritte Theil dagegen wird andere Wege gehen; das leben - dige Reich des Schönen ſoll ſich als Wirklichkeit ſeines Begriffs aus - breiten und der Verfaſſer hat zu bewähren, ob die ſtrenge Erörterung des letzteren, von der er ausging, wirklich auf demjenigen ruhte, was ſie vorausſetzt: ob er Auge und Nerv für das Schöne beſitzt und ob das Auge geſehen und ſehen gelernt, der Nerv gefühlt und fühlen gelernt hat. Darf er hoffen, dieſe Probe zu beſtehen, ſo darf er ſich auch der Ausſicht erfreuen, daß dann die ächten Freunde des Schö - gen gerne ſeine Gäſte ſeyn und wohl auch einigen Reiz fühlen wer - den, in die innern Gemächer, die Werkſtätte der metaphyſiſchen Grundlegung einzutreten: ſo daß, was man oft vom Schnee ſagt, er thaue nicht auf, es falle denn ein zweiter, der den erſten mit - nehme, vielleicht Anwendung auf dieſes Buch finden könnte.

VI

Vielleicht wird daſſelbe in ein ähnliches Verhältniß zu denjeni - gen treten, welche jede Schrift darauf anzuſehen pflegen, ob ſie dem Geiſte der Zeit und ſeinen neueſten Bewegungen unmittelbar und ausgeſprochener Maßen Rechnung trage und Vorſchub leiſte oder nicht. Sie werden dieſen Theil wohl für etwas ganz Unfrucht - bares anſehen; ich habe auf keine Weiſe ſuchen dürfen, ihnen un - mittelbar entgegenzukommen; die erſte Frage iſt nicht: modern? ſon - dern: wahr? Freilich aber, wer Muth des Vertrauens hat, der wird des Glaubens leben, daß das Neue das Wahre ſey, und ſo hoffe ich, daß ungeſucht das bleiche Saamenkorn, das dieſer erſte Theil in den dunkeln Schooß der Begriffswelt ſenkt, ſich als fruchtbarer Keim erweiſen, daß aus meinen Vorderſätzen geſunde Anſichten über das Verhältniß der Kunſt zum Leben, ihre Aufgabe und Zukunft ſich von ſelbſt ergeben werden.

Tübingen im März 1846.

Fr. Viſcher.

[VII]

Inhaltsverzeichniß.

  • §§. Seite.
  • Einleitung1 — 83 — 41

Erſter Theil. Die Metaphyſik des Schönen.

  • Aufgabe derſelben945 — 46

Erſter Abſchnitt.

  • Das einfach Schöne.
  • Grundbegriff10 — 1447 — 54
  • A. Die Idee15 — 2955 — 92
  • Verhältniß des Schönen zum Guten22 — 2477 — 80
  • „ „ „ zur Religion24 — 2781 — 88
  • „ „ „ zum Wahren28 — 2988 — 92
  • B. Das Bild30 — 4093 — 116
  • C. Die Einheit der Idee und des Bildes41 — 69117 — 178
  • Verhältniß des Schönen zum Guten56 — 60151 — 161
  • „ „ „ zur Religion61 — 67161 — 172
  • „ „ „ zum Wahren69 — 69172 — 178
  • Der ſubjective Eindruck des Schönen70 — 81178 — 213

Zweiter Abſchnitt.

Das Schöne im Widerſtreit ſeiner Momente.

  • Grundbegriff82 — 83214 — 220
  • A. Das Erhabene.
  • Grundbegriff84 — 88221 — 231
  • a. Das objectiv Erhabene
  • Grundbegriff89 — 90231 — 234
  • VIII
  • §§. Seite.
  • α. Das Erhabene des Raums91 — 92234 — 238
  • β. Das Erhabene der Zeit93 — 94239 — 241
  • γ. Das Erhabene der Kraft95 — 102242 — 254
  • b. Das Erhabene des Subjects.
  • Grundbegriff103 — 104255 — 257
  • α. Das Erhabene der Leidenſchaft105 — 106257 — 260
  • β. Das Erhabene des böſen Willens107 — 109260 — 264
  • γ. Das Erhabene des guten Willens110 — 116265 — 277
  • c. Das Erhabene des Subject-Objects oder das Tragiſche.
  • Grundbegriff117 — 129277 — 300
  • α. Das Tragiſche als Geſetz des Univerſums. 130 — 131300 — 303
  • β. Das Tragiſche der einfachen Schuld131 — 133303 — 312
  • γ. Das Tragiſche des ſittlichen Conflicts135 — 139312 — 321
  • Der ſubjective Eindruck des Erhabenen140 — 146322 — 333
  • B. Das Komiſche.
  • Grundbegriff147 — 155334 — 351
  • Das erſte Glied156 — 167351 — 374
  • Das Gegenglied168 — 172374 — 379
  • Zuſammenfaſſung beider Glieder zu widerſprechender Einheit. 173 — 187379 — 408
  • a. Das objectiv Komiſche oder die Poſſe188 — 191408 — 416
  • b. Das ſubjectiv Komiſche oder der Witz.
  • Grundbegriff192 — 196416 — 429
  • α. Der abſtracte Witz197 — 198429 — 432
  • β. Der bildliche Witz199 — 200432 — 435
  • γ. Der in ſeinen Gegenſtand eingehende Witz oder die Ironie201 — 204436 — 443
  • c. Das abſolut Komiſche oder der Humor.
  • Grundbegriff205 — 215444 — 459
  • α. Der naive Humor oder die Laune216 — 217459 — 462
  • β. Der gebrochene Humor218 — 219463 — 466
  • γ. Der freie Humor220 — 222467 — 473
  • Der ſubjective Eindruck des Komiſchen223 — 227473 — 480
  • C. Rückkehr des Schönen in ſich aus dem Widerſtreit ſeiner Momente228 — 231481 — 489
[1]

Einleitung.

Viſcher’s Aeſthetik 1 Bd. 1[2][3]

Einleitung.

§. 1.

Die Aeſthetik iſt die Wiſſenſchaft des Schönen. Was das Schöne und1 deſſen Wiſſenſchaft ſei, kann nur in der Durchführung der letzteren gelehrt werden. Die Deſinition der Aeſthetik durch: Wiſſenſchaft oder Philoſophie2 der Kunſt ſetzt voraus, was ſich erſt ergeben ſoll, daß nämlich das Schöne wahrhaft nur in der Kunſt wirklich ſey. Der Name Aeſthetik, durch Baum -3 garten eingeführt, genießt das Recht der Verjährung; eigentlich iſt er unrichtig, weil er nur eine Unterſuchung des ſubjectiven Moments der Empfindung anzeigt, deren Object als gegeben angenommen wird, und weil er dieſe von dem blos ſinnlichen Empfinden nicht unterſcheidet. Ebenſo einſeitig ſind die Namen:4 Kritik der äſthetiſchen Urtheilskraft, Geſchmackslehre, Theorie der ſchönen Künſte und Wiſſenſchaften u. a.

1 Prekärer Charakter der Definition überhaupt. Sie iſt die erſte Auflöſung eines wiſſenſchaftlichen Namens in einen Satz. Dieſer Satz fordert eine weitere Auflöſung u. ſ. f., bis die Wiſſenſchaft durchgeführt iſt, und nur dieſe ſelbſt iſt die Definition ihres Namens. Die ſogenannte Definition hat daher nur den Werth einer Abbreviatur, welche für den - jenigen brauchbar iſt, der ſie als Keim des ſich entwickelnden oder als zuſammenfaſſenden Schluß des entwickelten Syſtems begreift. Was das Schöne ſey, darüber iſt demnach in der Einleitung keine Erörterung zu erwarten, ebenſowenig über den Begriff einer Wiſſenſchaft des Schönen. Nur vorläufige Andeutungen bringt die Aufgabe der Einleitung mit ſich. Sollte ſogleich hier die Frage nach der Möglichkeit dieſer Wiſſenſchaft aufgeworfen werden, ſo iſt ebenfalls nur auf das folgende Ganze als auf die Antwort zu verweiſen, wo denn auch die beſonderen Zweifel gegen die Begreiflichkeit des Schönen am rechten Orte aufzuführen und1*4zu erledigen ſind. Es könnte ferner eine Beſchreibung der Methode verlangt werden, welche in der Geſtaltung dieſer Wiſſenſchaft befolgt werden ſoll. Dieſe kann keine andere ſeyn, als die philoſophiſche; die Streitfrage über die wahre philoſophiſche Methode iſt aber durch den jetzigen Stand der Philoſophie einſtimmig dahin entſchieden, daß der Gegenſatz des analytiſchen und ſynthetiſchen Gangs ſich in den dialekti - ſchen Prozeß aufzuheben hat, deſſen Natur hier als bekannt vorausgeſetzt wird und von deſſen richtiger Durchführung ebenfalls nur das folgende Syſtem ſelbſt die Probe zu liefern hat. Der erſte Abſchnitt des folgenden Syſtems ſcheint ſynthetiſch zu verfahren durch ſtete Rückberufung auf die Lehnſätze, von denen er ausgehen muß; man wird aber finden, daß nur dieſe vorausgeſetzt ſind und alles Weitere nicht Conſtruction, ſondern Entwicklung, Fortgang und Rückgang zugleich iſt.

2 Aſt: Syſtem der Kunſtlehre. Solger: philoſophiſche Kunſt - lehre. Hegel: Philoſophie der Kunſt, und beſtimmter: Philoſophie der ſchönen Kunſt. Daß die Naturſchönheit und die Schönheit des innern Phantaſiebildes nur unvollkommene Formen der Verwirklichung des Schönen ſind, welche der höheren in der Kunſt als ihre Vorausſetzungen vorangehen: dies ſoll erſt im Syſteme entwickelt, nicht in der Definition vorweggenommen werden.

3 Baumgarten: Aesthetica 1750. Aestheticorum pars altera 1758. Sie iſt bei ihm ein Theil der Gnoſeologie, welche als inſtrumen - tale Wiſſenſchaft den übrigen Haupt-Disciplinen der Philoſophie vor - angeht. Die Gnoſcologie hat das Geſchäft, die Werkzeuge der Er - kenntniß zu unterſuchen und die Anweiſung zu ihrem richtigen Gebrauche zu geben. Baumgarten findet in dieſer Wiſſenſchaft, welche ſchon das Haupt ſeiner Schule, Wolff, unter dem Namen der Logik als propädeutiſchen Theil dem Syſteme vorangeſtellt hatte, eine weſentliche Lücke. Wolff hatte alle Erkenntniß in ſenſitive und intellectuelle getheilt, in ſeiner Logik aber nur die Geſetze der letzteren dargeſtellt. Baumgarten verlangt als erſten Theil dieſer propädeutiſchen Wiſſenſchaft (scientia cognitionis in genere s. gnoseologia, logica latiori significatu) die Unterſuchung der Natur und des richtigen Gebrauchs der ſinnlichen oder ſenſitiven Erkenntniß, und dies nennt er Aeſthetik. Vergebens ſucht man (um den zweiten Einwurf des §. zuerſt hervorzuheben) nun bei Baumgarten eine Aufklärung darüber, mit welchem Rechte mit der ſinnlichen Erkenntniß die Erkenntniß des Schönen, welche zwar allerdings auch ſinnlich, aber, wie ihr Gegenſtand, ſinnlich und ideal5 zugleich, daher von der gemeinen ſinnlichen Erkenntniß unendlich ver - ſchieden iſt, ohne Weiteres zuſammengeworfen werden könne. Sogleich der erſte §. der Einleitung in ſeiner Aeſthetik heißt: Aesthetica (theoria liberalium artium, gnoseologia inferior, ars pulcre cogitandi, ars analogi rationis) est scientia cognitionis sensitivae. Eine ganz verworrene An - deutung einer Vermittlung zwiſchen jenen zwei ſo verſchiedenen Thätigkeiten enthält §. 14. Aesthetices finis est perfectio cognitionis sensitivae qua talis. Haec antem est pulcritudo; et cavenda ejusdem qua talis imperfectio. Haec autem est deformitas. Man könnte dies nämlich ſo erklären: die ſinnliche Anſchauung wird innerhalb ihrer ſelbſt über ſich erhoben, indem eine ideale Harmonie in ſie eindringt, wodurch ſie dieſelben Gegenſtände, die ſie als gemeine ſinnliche Anſchauung in ihrer Endlichkeit auffaßt, als reine Erſcheinung der Idee anſchaut und in dieſem Sinne ſelbſt Geſtalten ſchafft. Dies wäre die Phantaſie und ſo diejenige moderne Anlegung der Aeſthetik vorbereitet, welche von der Phantaſie ausgeht. Es ſcheint etwas der Art allerdings Baumgarten vorzuſchweben. Es ſoll in der Aeſthetik der Charakter der ſinnlichen Anſchauung als einer unterſchieds - (reflexions -) loſen nicht aufgehoben werden (complexus repraesentationum infra distinctionem subsistentium §. 17); innerhalb desſelben aber ſoll ein consensus cogitationum inter se ad unum, qui phaenomenon sit (§. 18) gewonnen werden; und dieſer consensus, der ſich nach der Seite des Gedankens als innere Ordnung (§. 19), nach der Seite des Ausdrucks als Einklang der Zeichen oder Bilder (pulcritudo signi - ficationis §. 20) darſtellen ſoll, iſt Schönheit. Allein Baumgarten hat nur Poetik und Rhetorik in damaliger Weiſe, nur clegantia cognitionis (§. 29) im Auge; er verlangt zwar ingenium als dispositio naturalis ad imaginandum (§. 31), aber er denkt nur an zierliche Aus - ſchmückung eines Gedankengehalts, fühlt, ſich ſelbſt widerſprechend, den Gegenſatz zwiſchen repraesentatio oder imaginatio und cognitatio nicht und man darf daher eine ſolche Theorie der Anſchauung, wie ſie ſich zur Phantaſie erhebt, nicht bei ihm ſuchen. Dies erhellt ſchon daraus, daß er ſich die Frage nicht aufwirft, ob es dieſelben Gegenſtände ſeyen, welche durch die gemeine Anſchauung als gewöhnliche, durch die voll - kommene als ſchöne angeſchaut werden oder nicht, und daß er die bildenden Künſte ganz vergeſſen hat. Auch Kant gebraucht ganz unbefangen den Namen Aeſthetik ſowohl von der gemeinen ſinnlichen Erkenntniß, als von der Betrachtung des Schönen. In der tranſcendentalen Aeſthetik erhebt er zwar (Kritik der r. V. §. 1 Anm.) Einſprache gegen die von6 Baumgarten eingeführte Anwendung des Worts Aeſthetik auf das, „ was Andere Kritik des Geſchmacks nennen. “ Allein er greift den Sprachgebrauch nur deswegen an, weil er überhaupt an der Möglichkeit einer Zurück - führung der kritiſchen Veurtheilung des Schönen auf Vernunftprinzipien zweifelt, während er für die ſinnliche Anſchauung im gewöhnlichen Sinne bekanntlich die reinen aprioriſchen Formen im Raume und der Zeit entdeckt zu haben glaubt und hiefür den Namen der tranſcendentalen Aeſthetik gebraucht. Da er nur dieſen Zweifel gegen die Richtigkeit des Sprachgebrauchs hatte, ſo konnte ihn nichts abhalten, als er ſpäter gewiſſe Grundgeſetze der kritiſchen Beurtheilung des Schönen gefunden hatte, den von ihm ſelbſt angegriffenen Namen wieder in Anwendung zu bringen und ſeine Unterſuchung „ des Geſchmacksvermögens “zu über - ſchreiben: Kritik der äſthetiſchen Urtheilskraft. Gerade dieſe Schrift ſcheint die allgemeine Einführung des Namens vermittelt und durch ihren Ruhm die Schiefheit desſelben der Beobachtung entzogen zu haben; er iſt jetzt einmal im Rechte der Verjährung und auch dadurch unſchädlich, daß man den Theil der Philoſophie, welcher die Natur der ſinnlichen Anſchauung unterſucht, nicht mehr Aeſthetik zu nennen pflegt, alſo kein Anſpruch mehr verletzt wird. Uebrigens iſt der Name nicht blos aus dem genannten Grunde ſchief, ſondern auch aus dem andern, im §. zuerſt genannten, weil er nur die Unterſuchung der Art ankündigt, wie der als gegeben vorausgeſetzte Gegenſtand empfunden wird oder empfunden werden ſoll, da doch die Wiſſenſchaft des Schönen erſt den Gegenſtand haben muß, ehe ſie den ſubjectiven Eindruck unterſuchen kann, den er hervorbringt. Allerdings hat dieſe ſubjective Auffaſſung einen tieferen Grund, der ſo eben bei Baumgarten bereits angedeutet wurde: es liegt darin die Ahnung, daß der ſubjective Geiſt das Schöne, indem er es nur zu finden meint, vielmehr ſelbſt in die Welt hineinſchaut und ſofort als Künſtler ſelbſt erzeugt; daher geht Baumgarten von der Beſtimmung der Aeſthetik als einer Wiſſenſchaft der ſinnlichen Erkennt - niß ohne Weiteres über auf das ingenium pulerum, wodurch das Schöne hervorgebracht wird, und braucht dieſes ganz gleichbedeutend mit: leichte Erregbarkeit der facultates cognoscitivae inferiores (§. 29). Dies führt, ſtrenger verfolgt, auf ſubjectiven Idealismus, welcher freilich nicht das Wahre, aber doch eine verborgene Rechtfertigung davon iſt, daß das Object und das Subject des Schönen hier nicht ausein - andergehalten wird. Jedoch nimmt Baumgarten und die von ihm hervorgerufene Behandlungsweiſe dieſe Wendung nur, um den neuen7 Irrthum zu begehen, welcher den Beruf der Aeſthetik darein ſetzt, eine Anweiſung zum Hervorbringen des Schönen zu geben. Dieſer Irrthum iſt längſt außer Gang und wird überdies in der Lehre von der Phantaſie ſeine Widerlegung finden. Kant weiß ſich bereits frei davon (Kritik der äſthetiſchen Urtheilskraft Vorrede S. IX. Ausgabe 1794).

4 Siehe die vorhergehende Bemerkung. „ Geſchmackslehre “Krug; über den Unterſchied zwiſchen Geſchmack und Schönheitsſinn, vergl. den folgenden Abſchnitt vom ſubjectiven Eindruck des Schönen. „ Theorie der ſchönen Künſte “auch: „ Philoſophie der ſchönen Künſte, oder die Wiſſen - ſchaft, welche ſowohl die allgemeine Theorie, als die Regeln der ſchönen Künſte aus der Natur des Geſchmacks herleitet “Sulzer, „ Theorie der ſchönen Wiſſenſchaften “Eberhard. Theorie erinnert ebenfalls an eine Anleitung zu ihrem Gegenſatze, der Praxis, welche nicht in der Aufgabe der Aeſthetik liegt; ſchöne Kunſt iſt tautologiſch und überdies zu eng, da die Aeſthetik keineswegs blos von den Künſten handelt, ſchöne Wiſſenſchaften ein Widerſpruch.

§. 2.

Im Syſteme der philoſophiſchen Wiſſenſchaften geräth die Aeſthetik in1 eine falſche Stellung, wenn man dasſelbe blos zweigliedrig, in theoretiſche und praktiſche Philoſophie, eintheilt. Entweder wird ſie dann der theoretiſchen zu - gezählt, und dies iſt falſch, weil es ſich in ihr keineswegs blos um die Weiſe der Erkenntniß eines fertig gegebenen Gegenſtandes handelt (vergl. §. 1, 3.), ſondern vielmehr um einen Inhalt, von dem ſich zuerſt fragt, wie er entſtehe, und der, auch wenn er als vollendeter aufgewieſen iſt, nicht in den gewöhnlichen Gegenſatz von Subject und Object fällt. Oder ſie wird, weil ihr Gegenſtand2 allerdings nur durch eine Thätigkeit entſtehen kann, der praktiſchen Philoſophie zugetheilt, und auch dies iſt unrichtig, da jene Thätigkeit von derjenigen, wodurch der eigentlich ſo genannte praktiſche Zweck verwirklicht wird, weſentlich verſchieden iſt. In der praktiſchen Sphäre nämlich wird der Endzweck des Geiſtes überhaupt als ein noch unerreichter vorausgeſetzt, er ſoll durch den Willen erſt vollführt werden, die Thätigkeit dagegen, welche das Schöne hervor - bringt, ſetzt den Zwieſpalt als überwunden voraus, ſteht über der Kategorie des Sollens und hat keinen Zweck, als die Darſtellung der als verwirklicht angeſchauten Idee.

1 Es verſteht ſich, daß von der Stellung der Aeſthetik im Syſteme der philoſophiſchen Wiſſenſchaften nur vermöge einer Vorausſetzung ſpäter8 zu beweiſender Sätze in der Einleitung die Rede ſeyn kann. Es darf aber dieſe Frage hier nicht übergangen werden; vorläufige allgemeinſte Orientirung iſt Aufgabe der Einleitung.

Die Wolff’ſche Schule theilte zweigliedrig in theoretiſche und praktiſche Philoſophie (wiewohl der erſtere Name bei Wolff noch nicht vorkommt). Dieſe Eintheilung blieb in der Philoſophie ſo lange, als die Logik oder im weitern Sinn Erkenntnißlehre noch blos formal verſtanden wurde. Sie wurde dann entweder, wenn man vom Bedürfniß des Lernenden ausging, als propädeutiſcher Theil den eigentlichen Haupt - theilen vorangeſchickt, oder, wenn man gegenſtändlich verfuhr, neben die Pſychologie in das Syſtem eingereiht. (Vergl. Erdmann’s Verſuch einer wiſſenſchaftlichen Darſtellung der Geſchichte der neueren Philoſophie B. 2, Abthl. 2. S. 269 ff. 379. 380.) Zur Logik im weiteren Sinne oder zur Gnoſcologie gehört aber nach Baumgarten eben die Aeſthetik. Von dem Schwanken zwiſchen der inſtrumentalen Voranſtellung und der ſyſtema - tiſchen Einreihung kann hier abgeſehen werden und die Frage, ob Hegel mit Recht oder Unrecht die Kunſt auch in die Phäenomenologie (als propä - deutiſche Wiſſenſchaft) aufgenommen habe (vergl. Danzel Ueber die Aeſthetik der Hegelſchen Philoſophie Abſchnitt 1.) gehört noch weniger hieher; es wird ſich übrigens an ſeinem Orte erweiſen, daß die Kunſt allerdings als eine der großen Formen des Bewußtſeyns zu begreifen iſt, in welchen der Geiſt ſein Weſen und ſeine Weltanſchauung ſo lange nieder - zulegen ſucht, bis er im reinen Denken ſich in ſeiner Wahrheit erfaßt, und welche daher allerdings ſowohl phänomenologiſch als auch, weil ſie nämlich dadurch, daß ſie als verſchwindende Stufen im Wege des Geiſtes zu ſeiner Reinheit erfaßt werden, keineswegs aufhören real fort - zubeſtehen, ſyſtematiſch auftreten können. Syſtematiſch eingereiht aber fällt die Aeſthetik nach jener Eintheilung in die theoretiſche Philoſophie. So ſtellt z. B. Krug die Aeſthetik als den dritten und letzten Theil der theoretiſchen Philoſophie auf: die theoretiſche Philoſophie betrachtet die Objecte unſerer Vorſtellungen zuerſt in ihrer Beziehung auf das Denk - vermögen — Logik, ſodann in Beziehung auf das Erkenntnißvermögen — Methaphyſik, zuletzt in Beziehung auf das Gefühl der Luſt und Unluſt — Aeſthetik. (Aeſthetik oder Geſchmackslehre S. 8.) Krug hat bekanntlich Kant’ſche Ideen zu einem breiten und ſtumpfen Formalismus verwäſſert. Nach dieſen gehört die Aeſthetik, da ſie „ blos eine aus der Natur des menſchlichen Geiſtes ſelbſt geſchöpfte Rechenſchaft über die Gründe des äſthetiſchen Wohlgefallens geben ſoll “(a. a. O. 12), aller -9 dings in die theoretiſche Philoſophie, Kant ſelbſt legt jedoch das Haupt - gewicht auf ihre Bedeutung als Uebergangsglied zur praktiſchen, was Krug mit einem ſchwachen „ gleichſam “(S. 8.) nachſpricht. Hievon im folgenden Paragraphen. Die Unrichtigkeit dieſer ganzen Stellung aber erhellt aus §. 1, 3. Das Schöne wird ſich entwickeln als ein Inhalt, welcher weſentlich ſelbſt Subject iſt, mag man ihn nun faſſen als einen Gegenſtand, der zwar zunächſt als ein vorgefundener an das Subject tritt, aber nicht als ein ſchöner vor es träte, wenn es nicht eine gewiſſe Art ihn zu ſchauen mitbrächte, oder als Gegenſtand, den das Subject durch eine wirkliche Thätigkeit erſt hervorbringt. Es wird ſich im Verlaufe zeigen, daß dieſe beiden Arten, ihn zu faſſen, nach einander in ihre Wahrheit treten. Allerdings aber ſtellt ſich der Gegenſatz von Subject und Object ein, wenn nun die Frage entſteht, wie der ſchöne Gegenſtand, mag er auch durch eigentliche Thätigkeit eines Subjects entſtanden ſeyn, auf andere Subjecte, die ihn in dieſem Sinne nicht hervorgebracht haben, wirke. Aber auch dieſe Wirkung wird ſich als eine ſolche erweiſen, worin Subject und Objekt auf eine Weiſe zuſammen - gehen, welche den theoretiſchen Standpunkt, der ſich gegenüber ein ſelbſt - ſtändiges Object annimmt, völlig ausſchließt. Hegel gewinnt den Stand - punkt für das Schöne geradezu durch Auflöſung des theoretiſchen wie des praktiſchen Verhaltens (Aeſthetik 1, S. 145. ff).

2 Solger: „ Die Kunſt ſoll etwas hervorbringen, was als Gegen - ſtand einer ſolchen Darſtellungsart noch nicht vorhanden war; ſie bringt etwas aus dem Gedanken hervor, das ſie in die Objecte verpflanzt, das aber durch dieſe ſelbſt niemals gegeben iſt, ſondern einzig und allein aus dem Bewußtſeyn erzeugt wird. Indem wir nun unſere Gedanken an äußern Objecten darſtellen, ſo handeln wir. Daher gehört die Kunſt in die praktiſche Philoſophie “(Vorleſungen über Aeſth. Herausgeg. v. Heyſe S. 3. 4.). Faßt man das Wort: Darſtellen im weiteſten Sinne, ſo iſt allerdings auch das Handeln ein Darſtellen; ſobald man aber die Be - zeichnungen genauer nimmt, ſo fallen die Begriffe des Darſtellens und des Handelns zwar unter den gemeinſamen Begriff der Thätigkeit, ſind aber von einander ſehr verſchieden. Das Handeln iſt eine Thätigkeit, welche von dem Zwieſpalte zwiſchen Subject und Object ausgeht und mitten im Drange des Zweckes ſteht, der noch nicht verwirklicht iſt, ſondern erſt verwirklicht werden ſoll; das Darſtellen iſt über dieſen Zwie - ſpalt hinaus, ein Inneres wird aus freier Nothwendigkeit und in vollem Fluſſe zu einem Aeußeren, nicht mit der Abſicht, die Außenwelt materiell10 zu verändern, ſondern nur, ſchlechtweg ſich zu manifeſtiren. Der Kampf mit dem Materiale, den dieſe Thätigkeit allerdings zu beſtehen hat, bis ſie ihm das innere Bild aufdrückt, iſt mit dem Kampfe des Handelns durchaus nicht zu verwechſeln. Dieſen Unterſchied kennt Solger wohl; er weiß, daß die Idee des Guten ein Sollen iſt, wodurch Wirklichkeit und Idee noch immer von einander geſchieden ſind, wogegen die Idee der Schönheit die Verſchmelzung beider als eine vollendete enthält (a. a. O. S. 64. 65.). Dennoch meint er das Schöne praktiſch nennen zu müſſen um der Verwandlung der Wirklichkeit willen, welche es voraus - ſetzt (a. a. O. S. 70. 71.). Den Unterſchied zwiſchen der ethiſchen und der äſthetiſchen Thätigkeit erkennt aber auch Schleiermacher (Vor - leſungen über die Aeſthetik. Herausgeg. von Lommatzſch. S. 112 ff. u. a. O.). Er ſetzt denſelben zunächſt darein, daß man das Weſen der Kunſt als einer immanenten Thätigkeit, d. h. einer ſolchen, bei welcher das innere Bild das Weſentliche, das äußere aber nur ein ſpäter Hin - zukommendes iſt (S. 58), faſſen könne, wenn man auch auf die äußere Darſtellung keine Rückſicht nehme, wogegen im eigentlich Praktiſchen das Werk den Werth des Mannes beſtimme, nicht die innere Vorbildung desſelben (S. 112 ff.). „ Es kann ſich Einer die ſchönſten Thaten innerlich conſtruiren, wenn er ſie aber nicht wirklich macht, iſt er eine Null, denn das Werk iſt hier das in die Wirklichkeit Heraustreten. “ Dies bedarf jedoch einer weſentlichen Berichtigung. Schleiermacher behandelt hier die künſtleriſche Ausführung viel zu gering, er ſcheidet viel zu ſcharf zwiſchen dem inneren Bilde und der Technik. Bei dem wahren Künſtler ſind dieſe beiden ſo wenig zu trennen, daß ſeine Technik bis hinaus in die Einzelnheiten der Manipulation u. ſ. w. von der Eigenthümlichkeit ſeines inneren Schauens geheimnißvoll durchdrungen iſt und umgekehrt ſein inneres Schauen ſchon an ſich ein inneres Zeichnen, Malen u. ſ. w., nicht jedoch, als genüge ihm dies, ſondern ſo, daß dasſelbe mit einem Drange der Nothwendigkeit auch zu einem äußern wird. Auch der Künſtler iſt nur ſo viel, als er wirklich macht, und es iſt falſch, was der Maler in Emilia Galotti ſagt: „ Meinen Sie, daß Raphael nicht das größte maleriſche Genie geweſen wäre, wenn er unglücklicher Weiſe ohne Hände wäre geboren worden? “ Umgekehrt iſt im eigentlich ethiſchen Gebiete das innere Bild der That und der geiſtige Zuſammen - hang, dem es angehört, d. h. die Geſinnung, ſo weſentlich, daß ſie weit unbezweifelter als Ergänzung für die mangelhafte That genommen werden, als das Phantaſiebild für die geringe Ausführung im Kunſtwerke; man11 müßte denn unter dem Ethiſchen blos das Rechtsgebiet verſtehen, was aber bei Schleiermacher nicht der Fall iſt. Schleiermacher hätte daher dies Moment des Unterſchieds vielmehr nur in die fließende Continuität zwiſchen dem inneren Bilde und ſeiner Ausführung ſetzen ſollen, welche der Kunſt vermöge des ihr inwohnenden Charakters der Abſolutheit zu - kommt, während der ethiſche Wille an der Außenwelt, welche er reell zu verändern ſtrebt, unendlichen Widerſtand findet. Weiter beſtimmt Schleiermacher den Unterſchied dahin, daß das praktiſche Leben durchaus ein gebundenes, das Kunſtleben aber ein Leben freier Productivität ſey. Jene Gebundenheit iſt ein Sollen (S. 127.). Schleiermacher ver - ſteht darunter das Syſtem der Pflichten im Staatsleben; von den Künſt - lern aber ſagt er, gemeinſam ſey ihnen allen das Zurückſtoßen des Bindenden (132); „ ſchwerlich werden wir den für einen großen Künſtler halten, bei welchem wir eine ſtreng pedantiſche Neigung finden, ſich der Sitte anzuſchließen. “ Dieß Zurückweiſen alles Bindenden ſoll aber der Charakter des Künſtlers ſeyn „ unbeſchadet des Ethiſchen “, — „ denn überall iſt in der äußeren Sitte viel Willkührliches “. Hiedurch wird der Standpunkt verrückt, denn wenn das Bindende im ethiſchen Leben vorzüglich das Willkührliche ſeyn ſoll, ſo erſcheint die Bindung durch ein Geſetzmäßiges als eine höhere, aber ſelbſt noch ſittliche Aufgabe. Die wahre Meinung iſt vielmehr offenbar die, daß das praktiſche Leben darum ein gebundenes ſey, weil es unter dem Gebote des Sollens, alſo in der Dualität ſteht; die Individualität iſt zwar auch in dieſem Gebiete be - rechtigt und darum kann der Künſtler unbeſchadet des Ethiſchen das Bindende zurückweiſen; aber die freie Ausbildung der Individualität iſt, vom ſpezifiſch ethiſchen Standpunkte betrachtet, ſelbſt wieder ein Sollen. Dieſer Begriff des Sollens fällt zuſammen mit dem Begriffe des erſt zu vollführenden Zwecks und Schleiermacher ſagt (S. 209. 210. ): ein rein ſelbſtſtändiges Element, welches nirgends ſeine völlige Darſtellung findet, ſucht dieſelbe in der Kunſt; — hier iſt die Selbſtthätigkeit des Geiſtes von allen Beziehungen auf Zweckmäßigkeit geſondert u. ſ. w. Trotz dieſer Einſicht in den Unterſchied nun ſetzt Schleiermacher die Aeſthetik in die Ethik, und zwar, weil das agens in der Kunſt der menſchliche Geiſt in ſeiner freien Thätigkeit ſey. Schleiermacher befaßt allerdings die ganze Lehre vom Geiſte unter den Begriff der Ethik, ſo wie er die ganze Naturwiſſenſchaft unter dem Namen Phyſik begreift; beide coordinirten Haupttheile ſubordinirt er der Dialektik oder Metaphyſik. Da er nun nachweist, daß die Aeſthetik vielfach auf12 die Lehre von der menſchlichen Sinnlichkeit und ſofort auf die Phyſik zurückgehen müſſe, daß aber hierin die Nothwendigkeit liege, zu der höheren Einheit beider, der Dialektik aufzuſteigen, ſo hätte ihn dieß auf das Richtige führen können: im Schönen verſöhnen ſich die Gegen - ſätze von Natur und Geiſt, ebenſo aber die Gegenſütze im Geiſte, und das Letztere fordert eine Theilung der geiſtigen Thätigkeiten in ſolche, die mit dem Gegenſatze behaftet, und in ſolche, welche frei von ihm ſind; dieſe ſämmtlich unter dem Namen Ethik zu befaſſen, iſt nicht räthlich und man wird auf geradem Wege zu der dreifachen Hegel’ſchen Eintheilung der Lehre vom Geiſte geführt.

Wirth (Syſtem der ſpeculativen Ethik. 1841) theilt zwar die Geiſteslehre dreifach ein, ſetzt aber die Ethik als die Wiſſenſchaft vom abſoluten, d. h. ſein abſolutes Wiſſen verwirklichenden Geiſte als die dritte, höchſte Diſciplin an den Schluß des Syſtems. Wirth hat einen bekannten Mangel des Hegel’ſchen Syſtems richtig erkannt: der praktiſche oder objective Geiſt hat hier blos endlichen Gehalt, er iſt als moraliſcher ſubſtanzloſe Subjectivität, als politiſcher ſubjectivitätsloſe Subſtanz. Der Geiſt ſoll alſo den abſoluten Gehalt der Religion, der Vernunft-Erkenntniß, der Kunſt in ſich aufnehmen und nun erſt dieß abſolute Selbſtbewußtſeyn verwirklichen. Allein die neue Schwierigkeit, welche hiedurch entſteht, hat Wirth nicht hervorgeſtellt und nicht wider - legt. Obwohl nämlich mit abſolutem Gehalte durchdrungen verwickelt ſich der Geiſt als handelnder Wille dennoch nothwendig auf’s Neue mit dem Objecte, die Dualität kehrt zurück, ſo wie der Standpunkt des Zwecks zurückkehrt, und hiemit iſt das Syſtem am Schluſſe nicht ge - ſchloſſen, es öffnet ſich noch einmal nach der Seite des getheilten Geiſtes, es kehrt nicht in ſich zurück. Wirth ſagt (Vorr. S. VIII. ): „ Kunſt und Religion betrachtet der objective Idealiſmus als Sphären des abſoluten Geiſtes. Dieß zu thun und doch die Realiſirung des Schönen und der Religion als etwas Endliches und derſelben Rechts-Idee Unter - geordnetes zu betrachten, über welche der abſolute Geiſt in der Kunſt und Religion wieder hinausgehen ſoll, iſt der härteſte Widerſpruch. “ Dieß iſt aber eben der Widerſpruch oder vielmehr die Kreisbewegung des Geiſtes ſelbſt, daß er, in’s Abſolute erhoben, auf’s Neue von vornen anfängt und wieder in die Gegenſätze eingeht. Die Sache ver - hält ſich daher ſo: durchdrungen von dem Gehalte der abſoluten Sphäre nimmt der Geiſt allerdings auf’s Neue die Form des Willens an, denn die Formen, die er hinter ſich hat, ſind nicht verloren, ſondern kehren13 zurück; dadurch iſt aber keineswegs begründet, daß die praktiſche Form am Schluſſe des Syſtems als der nun dem Geiſt adäquate Standpunkt ſelbſtändig auftreten ſoll, und der Vorwurf, der Hegel trifft, iſt weder der, daß er nicht mit der Ethik ſchließt, noch der, daß er unter - läßt, ausdrücklich zu ſagen, daß auch im abſoluten Geiſte die praktiſche Form wiederkehre (denn dieß verſteht ſich von ſelbſt), ſondern in folgenden zwei Punkten liegt der Fehler. Erſtens: die Ethik kann und muß zwar aus dem genannten Grunde, weil ſie eine Form des getheilten und die Theilung erſt aufhebenden Geiſtes iſt, ihre Stelle da behalten, wo Hegel ſie ihr angewieſen hat, aber das Syſtem hat in den vorher - gehenden Diſciplinen Gehalt genug geſammelt, um ſie in ungleich höherem Sinne zu behandeln, als Hegel gethan hat. Der Geiſt iſt bereits als freier Geiſt begriffen, daraus läßt ſich eine Ethik conſtruiren, worin die Mängel der Hegel’ſchen vollſtändig überwunden ſind, ohne daß aus Kunſt, Religion und Philoſophie mehr anticipirt würde, als ſich recht - fertigen läßt. Eine Begründung der letzteren Behauptung würde hier zu weit führen. Zweitens: die Formen des abſoluten Geiſtes, die Philoſophie insbeſondere, erſcheinen bei Hegel nicht nur contemplativ, wie ſie es allerdings ihrem innerſten Weſen nach ſind, ſondern als ein quietiſtiſcher Ariſtokratismus des Geiſtes; davon liegt aber der Grund nicht in ihrer Stellung am Schluſſe des Syſtems (wie ſchon gezeigt), ſondern in der anderweitigen Denkweiſe Hegels, welche durch eine andere Stellung der Wiſſenſchaft überhaupt zu dem Leben überhaupt, aber nicht durch eine veränderte Stellung der Ethik in der Wiſſenſchaft zu überſchreiten iſt. Was nun insbeſondere die aus der Anordnung Wirths hervorgehende Stellung der Sittlichkeit nach und über der Kunſt betrifft, und die näheren Gründe, womit er ſie rechtfertigt, ſo iſt dieß im folgenden Abſchnitt von dem Verhältniß des Schönen zum Guten zu prüfen, wie denn die hier gegebenen Bemerkungen überhaupt nur als eine unvermeidliche Vorandeutung der in dieſem Abſchnitt auszuführenden Sätze anzuſehen ſind.

§. 3.

Als ein völlig unſelbſtändiges Mittelding wird die Aeſthetik in die Schwebe geſtellt, wenn ſie als ein Verbindungsglied zwiſchen der theoretiſchen und praktiſchen Philoſophie aufgeführt wird; an großer Willkühr und Ver - wirrung neben tiefen Andeutungen, die er enthält, leidet insbeſondere der Verſuch Kants, das äſthetiſche Gebiet, ſoweit er es als Object der Wiſſen - ſchaft erkennt, in dieſen Zwiſchenraum zu verweiſen.

14

Die oben erwähnte Andeutung Schleiermachers über eine in der Aeſthetik erforderliche Rückbeziehung auf die höhere Einheit der Phyſik und Ethik gehört um ſo weniger hieher, als er dieſelbe auf alle Diſci - plinen der Ethik ausdehnt. Wohl aber iſt hier der verworrene, wie - wohl in anderer Beziehung bedeutungsvolle Verſuch Kants darzuſtellen.

Kant hat eine „ unüberſehbare Kluft “zwiſchen der Sphäre des Ver - ſtandes und der Vernunft und zwiſchen dem Boden ihrer Geſetzgebung, der Natur und der Freiheit, befeſtigt. So lauten bei Kant die Gegen - ſätze; eigentlich iſt es eine Kluft zwiſchen der Idee und ihrer Wirklichkeit. Kant ſucht eine Einheit, einen nachträglichen Uebergang; da er aber die Idee nur in der Form der ſittlichen Geſetzgebung oder des Freiheits - begriffs anerkennt, ſo meint er, dieſen Uebergang nur zu bedürfen, da - mit die Natur als empfänglich erkannt werde, die Wirkungen der prak - tiſchen Vernunft in ſich aufzunehmen, damit ſie als beſtimmbar durch das[intellectuale] Vermögen erſcheine. Er muß daher das überſinnliche Subſtrat, das der Verſtand in der Natur vorausſetzt, aber völlig un - beſtimmt läßt, näher beſtimmen, um eine ſolche Empfänglichkeit der Natur begreiflich zu machen; er muß immanenten Geiſt in der Natur annehmen. An dieſer Stelle drängt ſich eine Ahnung hervor, durch welche er über ſeinen eigenen Dualiſmus ſich erhebt, die er aber, indem er ſie aus - ſpricht, wieder erſtickt, indem er ſie nur für etwas Subjectives, für einen bloßen „ Uebergang von der Denkungsart nach den Prinzipien der einen (Welt) zu der nach Prinzipien der andern “erklärt. Dieſen Ueber - gang zu finden nimmt er (Kritik der Urtheilskr. Einl. ) die verſchrobene Wendung, die Urtheilskraft, nachdem ihr in der Kritik der reinen Vernunft ſchon ihr Gebiet angewieſen iſt, in einer neuen Form aufzu - führen. Der Begriff der Urtheilskraft als „ des Vermögens, das Be - ſondere als enthalten unter dem Allgemeinen zu denken “hätte ihn frei - lich ſchon dort auf ganz andere Einſichten führen können, als auf jene ſkeptiſche Mitte zwiſchen Dualiſmus und ſubjectivem Idealiſmus, die ſein Standpunkt iſt; nun aber nimmt er dieſes Vermögen noch einmal auf und unterſcheidet zwiſchen einer beſtimmenden und einer reflecti - renden Urtheilskraft. Beſtimmend iſt ſie, wenn das Allgemeine (die Regel, das Prinzip, das Geſetz) gegeben iſt, worunter ſie das Be - ſondere ſubſumirt. Iſt aber nur das Beſondere gegeben, wozu ſie das Allgemeine finden ſoll, ſo iſt ſie bloß reflectirend. Die beſtimmende Urtheilskraft iſt unzureichend, weil ſo mannigfaltige Formen in der Natur ſind, welche durch jene Geſetze, die der reine Verſtand a priori15 gibt, weil dieſelben nur auf die Möglichkeit einer Natur (als Gegen - ſtandes der Sinne) überhaupt gehen, unbeſtimmt gelaſſen werden, daß hiefür neue Geſetze aufgeſucht werden müſſen. Dieſe Formen ſind ſolche, welche einen in der Natur thätigen und das Mannigfaltige zur Einheit verbindenden Verſtand vorausſetzen laſſen, und das Geſetz, das ſich der reflectirende Verſtand durch Wahrnehmung derſelben bildet, iſt daher die Zweckmäßigkeit der Natur in ihrer Mannigfaltigkeit. Dieſer Begriff iſt jedoch lediglich ſubjectiv, die reflectirende Urtheilskraft gibt dadurch nur ſich ſelbſt, und nicht der Natur, ein Geſetz; „ denn den Naturproducten kann man ſo etwas, als Beziehung der Natur an ihnen auf Zwecke, nicht beilegen, ſondern dieſen Begriff nur brauchen, um über ſie in Anſehung der Verknüpfung der Erſcheinungen in ihr zu reflectiren. “ Kant unterſcheidet nun das äſthetiſche und das teleologiſche Verhalten der Urtheilskraft. Jenes beſteht darin, daß nicht ein be - ſtimmter Zweck gedacht wird, ſondern die Form des Gegenſtandes ohne beſtimmten Begriff eine unmittelbare Luſt dadurch erregt, daß das Subject ſich in die Stimmung der Zweckmäßigkeit verſetzt fühlt. Die Einbildungs - kraft faßt die Formen der Gegenſtände auf, führt dieß Bild der Ur - theilskraft zu, und dieſe findet ſich in ihrem Bedürfniſſe, die Gegen - ſtände als zweckmäßig zu begreifen, unbeſtimmt, ohne wirkliche Vorſtel - lung eines beſtimmten Zwecks, und daher ganz unabſichtlich befriedigt. Die Zweckmäßigkeit liegt eigentlich nicht im Gegenſtande, ſondern das Zweckmäßige iſt vielmehr das der Natur des Geiſtes Entſprechende, das Genugthuende in dieſem harmoniſchen Spiele zwiſchen Verſtand und Ein - bildungskraft. Dieſe Thätigkeit der Urtheilskraft iſt daher im engeren Sinne ſubjectiv, es wird am Gegenſtande gar nichts erkannt, das Weſentliche und Beſtimmende iſt die mit der Vorſtellung verbundene Luſt (oder Unluſt). Was nun „ an der Vorſtellung eines Objects blos ſubjectiv iſt, d. h. ihre Beziehung auf das Subject, nicht auf den Gegenſtand ausmacht, iſt die äſthetiſche Beſchaffenheit derſelben “und dieſe Function der Urtheils - kraft alſo die äſthetiſche. Die Frage, wie es denn komme, daß ein Gegenſtand die Erkenntnißkräfte in ein harmoniſches Spiel verſetzt, ein anderer nicht, vergißt Kant völlig aufzuwerfen und er hätte ſie auf - werfen müſſen, wenn er auch den unvollendeten Schritt zum ſubjectiven Idealismus vollendet hätte; denn auch dieſer hat auf ſeine Weiſe zu begründen, wie, warum und unter welchen Bedingungen das Schöne in einen Gegenſtand hineingeſchaut wird. Dieſe Frage hat uns aber hier noch nicht zu beſchäftigen. — Wird dagegen ein beſtimmter Zweck -16 begriff von dem Gegenſtande aufgeſtellt und die Form deſſelben als mit dieſem Begriffe übereinſtimmend beurtheilt, ſo iſt dies das teleologiſche Verhalten der Urtheilskraft. Dies iſt ein objectives Verhalten, objectiv nicht in dem Sinne einer ſächlichen Wahrheit, ſondern ebenfalls nur einer Betrachtungsweiſe, welche der Natur einen zweckthätigen Verſtand, „ gleichſam eine Rückſicht auf unſer Erkenntnißvermögen nach der Analogie eines Zwecks “unterlegt, objectiv aber, weil ein beſtimmter Zweck auf - geſtellt wird. Es iſt ein abſichtliches, logiſches Verfahren, wobei die ſubjective Beziehung auf Luſt und Unluſt wegfällt und nur Verſtand und Vernunft betheiligt ſind. Dieſe Geſetzgebung entſcheidet durch Ueber - einſtimmung mit Begriffen, jene durch das Gefühl; dort formales, hier reales Prinzip der Zweckmäßigkeit.

Eigentlich nun gehört, wie Kant ſelbſt es ausſpricht, die teleologiſche Urtheilskraft zur theoretiſchen Philoſophie, denn ſie beſtimmt zwar keine Objecte, ſondern reflectirt blos, aber ſie verfährt nach Begriffen, die ſie nach ihren beſondern Principien auf gewiſſe Gegenſtände der Natur an - wendet; die äſthetiſche aber, da ſie zur Erkenntniß ihrer Gegenſtände nichts beiträgt, gehört ſtreng genommen nur zur Kritik des urtheilenden Subjects und der Erkenntniß-Vermögen, d. h. zur Propädeutik. Demnach müßte Kant auf die Stellung der Aeſthetik zurückkommen, welche wir bei Baumgarten fanden. Er hat nun aber ſeine beſonderen Gründe, dieſes Gebiet (nicht blos der äſthetiſchen, ſondern auch der teleologiſchen Urtheils - kraft) in die Mitte zwiſchen die theoretiſche und praktiſche Philoſophie zu ſtellen. Der Hauptgrund iſt zu Anfang dieſer Darſtellung bereits aus - geſprochen: er ſucht die Kluft zwiſchen dem Naturbegriff und dem Freiheits - begriff, „ die große Kluft, welche das Ueberſinnliche von den Erſcheinungen trennt “, zu überwinden, er ſucht ein Band zwiſchen der Natur-Cauſalität und der Cauſalität durch Freiheit. Die Wirkung nach dem Freiheitsbegriffe iſt der Endzweck, der abſolute Zweck. Dieſer ſoll exiſtiren, er ſoll durch - geführt werden in der Sinnenwelt, die Natur muß daher gedacht werden, als ſey ſie fähig, ihn in ſich aufzunehmen, als komme ſie ihm entgegen. Der Verſtand in ſeiner ſtricten Bedeutung ſetzt ein überſinnliches Subſtrat hinter der Erſcheinung voraus, läßt es aber völlig unbeſtimmt; die Urtheilskraft nun aber iſt es, welche dieſes Subſtrat näher beſtimmt durch den Zweck - begriff: und ſo trifft der handelnde Geiſt in der Natur den verwandten Geiſt und kann ſeine Zwecke in ihr durchführen, weil ſie ſelbſt zweckmäßig organiſirt iſt. Dieſe Bedeutung als vermittelndes Glied kommt aber der Urtheilskraft noch aus einem weiteren Grunde zu: ſie iſt das conſtitutive17 Princip für das Gefühl der Luſt und Unluſt. Dieſes hat nun zwar als rein formales Wohlgefallen durchaus keine unmittelbare Beziehung zum Begehrungsvermögen, wohl aber befördert es mittelbar die Empfäng - lichkeit des Gemüths für das moraliſche Gefühl: theils eben durch jene Ueberzeugung von einer Beſtimmbarkeit der Natur durch den ſittlichen Willen, theils durch die ſymboliſche Analogie des Schönen mit dem Guten, worüber §. 59 der Kr. d. äſth. Urtheilskraft zu vergleichen iſt. Kant gewinnt nun die bekannte Eintheilungstafel:

Die ganze Confuſion dieſer Eintheilung drängt ſich bei dem Anblicke der Tafel ſogleich auf. Die zweite Colonne theilt nur das erſte Glied der erſten ein und ſtört dadurch den ganzen Parallelismus, der horizontal durch alle Colonnen hindurchgehen ſoll. Dieſe Störung hat ſogleich ihren innern Grund in der ganzen Schiefheit der vorhergehenden Entwicklung und der Vorausſetzungen der Kant’ſchen Philoſophie überhaupt. Ein - getheilt wird nämlich in dieſer zweiten Colonne nur das Erkenntniß - vermögen. Dennoch ſoll das zweite und dritte Glied dieſer Colonne dem zweiten und dritten der erſten entſprechen: die Urtheilskraft dem Gefühle der Luſt und Unluſt, die Vernunft dem Begehrungsvermögen. Die Ver - nunft entſpricht aber dem Begehrungsvermögen nur, wenn man zugibt, daß ihr Gebrauch rein auf das praktiſche Gebiet einzuſchränken ſey: dann aber iſt ſie nicht mehr zu den Erkenntnißvermögen zu zählen. Die Urtheils - kraft entſpricht dem Gefühle der Luſt und Unluſt nur, wenn man zugibt, daß ſie für dieſes die Geſetzgebung iſt, ja daß die geiſtige Bewegung über - haupt durch ſie hindurch muß, um bei dem Gefühle der Luſt oder Unluſt anzukommen. Dies iſt falſch, ſowohl wenn man Luſt und Unluſt im all - gemeinen, als auch wenn man es im beſondern, äſthetiſchen Sinne verſteht, denn Luſt und Unluſt iſt immer unmittelbar; dieſer Unmittelbarkeit kann zwar die Vermittlung durch alle verſchiedene Formen geiſtiger Thätigkeit vorausgehen, ja nach der einen Seite iſt alle Unmittelbarkeit eine erloſchene Vermittlung; aber ebendarum weil jene die verſchiedenſten Formen dieſer vorausſetzt, ſo iſt es ganz falſch, die Urtheilskraft ausſchließend als die Form dieſer Vermittlung aufzuſtellen. Man kann freilich jedes GefühlViſcher’s Aeſthetik. 1. Bd. 218als begründet auf das Innewerden einer Zweckmäßigkeit oder Unzweck - mäßigkeit faſſen, allein dann iſt der letztere Begriff in einer viel größeren Weite genommen, als bei Kant, und bezieht ſich z. B. ebenſo auf rein moraliſche Handlungen, wie auf das Schöne. Ueberdies wirft nun aber Kant ohne alles Recht die äſthetiſche Luſt mit der Luſt überhaupt zuſammen; er, deſſen beſtes Verdienſt darin beſteht, die Reinheit des Wohlgefallens am Schönen von allen ſinnlichen ſowohl als ſpecifiſch ſittlichen Motiven in’s Licht geſtellt zu haben, iſt ſo ungenau, dieſe ganz beſondere Art reiner Luſt, die er in das Zuſammenſtimmen von Einbildungskraft und Verſtand ſetzt, deßwegen mit der ſinnlichen Empfindung unter Einem Namen (äſthetiſch ſ. §. 1, 3) zu befaſſen, weil beide blos ſubjektiv ſind („ was an der Vorſtellung eines Objects blos ſubjectiv iſt, d. h. ihre Beziehung auf das Subject, nicht auf den Gegenſtand ausmacht, iſt die äſthetiſche Beſchaffenheit derſelben “u. ſ. w. Einl. z. Kr. d. Urtheilskraft XLII). Ferner bildet nun aber dies reine Wohlgefallen oder Mißfallen nicht den Uebergang zum ſittlichen Wollen, wie ihn der ſenkrechte Fortgang in der zweiten Colonne parallel mit dem in der erſten vorausſetzt. Kant iſt in dieſem Punkte zunächſt mit ſich ſelbſt im Widerſpruch. So nämlich, wie in der erſten Colonne das Gefühl der Luſt und Unluſt das Begehren vermittelt, kann nach ſeiner eigenen Meinung jenes rein contemplative Wohlgefallen nicht zur praktiſchen Sphäre hinüberführen: was ſoll aber dann der Parallelismus zwiſchen beiden Colonnen? Aber auch der mittel - bare Uebergang, den er von jenem reinen Wohlgefallen zum reinen Wollen zieht, iſt zu verwerfen. Das Schöne iſt allerdings nach einer Seite hin eine unabſichtliche Vorbereitung zum Guten; viel wichtiger aber iſt die andere Seite, daß nämlich das Gute ſchon wirklich ſeyn muß, um als Schönes ſich zu geſtalten und gefühlt zu werden; und werfen wir von da einen Blick auf die dritte und vierte Colonne, ſo iſt das Schöne eben die Darſtellung des erreichten Endzwecks und der thätigen Freiheit, welche hier beide im dritten Gliede ſtehen. Zu allen dieſen Einwürfen kommt nun noch der, daß ganz willkürlich die Urtheilskraft vom Verſtande getrennt wird. Der Verſtand iſt begreifend durch ſeine Kategorieen und unter dieſe gehört die der Zweckmäßigkeit, urtheilend ſubſumirt er das Mannig - faltige unter dieſelben, hat aber noch einen langen Weg zurückzulegen, bis er da ankommt, wo dieſes als wahrhaft durchdrungen von dem All - gemeinen begriffen wird. Was dann in die Einbildungskraft und das Gefühl einſtrömt, um das Bild des Schönen zu erzeugen und dem Genuſſe zu übergeben, iſt vielmehr wie ſich an ſeinem Ort zeigen wird, die Idee19 oder die Vernunft; der Zweckbegriff und das Urtheil bleiben verſtändige Reflexionsformen, welche freilich durch ihre innere Dialektik zur Auflöſung ihrer Relationen in die Einheit und ſo des Zweckbegriffs in den der inneren Zweckmäßigkeit, worin ſich der Zweck ſelbſt aufhebt, hinüberführen, aber nur ſo, wie alle andern trennenden Denk-Formen ſich ſelbſt über ſich hinaus - treiben, ohne deßwegen ihre Stelle anderswo zu behaupten, als im Gebiete des Verſtands, oder nach Hegel des Weſens und des Begriffs, aber nicht der Idee. Hiemit fällt, da Geſetzmäßigkeit und Zweckmäßigkeit ſo zu trennen nicht minder willkürlich iſt, als Verſtand und Urtheilskraft, und da an die Stelle der Zweckmäßigkeit, welche dem Schönen zu Grunde liegen ſoll, vielmehr der Endzweck tritt, auch die Folge in der dritten Colonne ſammt ihrer ſchiefen Parallele in der zweiten, wo die Vernunft dieſelbe falſche Stufe unter dem Vermögen des Schönen einnimmt; hiemit fällt aber auch die vierte und alle dieſe Bemerkungen gehen darauf hinaus, daß ſie umzuändern wäre in:

  • Natur,
  • Freiheit,
  • Kunſt.

Es wurde hier ebendeßwegen die Kritik der Kant’ſchen Eintheilung mit einiger Weitläufigkeit behandelt, weil ſie belehrend iſt in dem Sinne einer Nachweiſung, wie immer Schiefheit aller Art entſteht, wenn die Philoſophie nicht dreigliedrig eingetheilt wird, weil ſie aber bei allen Mängeln ſo viel Scharfſinn und Ahnung in ſich hat, daß ſie auch jetzt noch die Prüfung verdient. Auf den Hauptpunkt, die Einführung des Begriffs der Zweckmäßigkeit in die Lehre vom Schönen, muß am gehörigen Orte noch weiter eingegangen werden.

§. 4.

Das Schöne iſt weder theoretiſch, noch praktiſch; es iſt aber auch ſowohl1 das eine, als das andere, woraus eben folgt, daß es das eine wie das andere in einem Sinne iſt, wodurch der Gegenſatz beider ſich aufhebt, daß es daher ſeinen Platz in einer Sphäre über dieſen Gegenſätzen finden muß; und ebenda fordern auch zwei andere Formen des Geiſtes ihre Stelle: die Religion und die2 Philoſophie ſelbſt. Dieſe Formen gehören nämlich, wie die Schönheit, dem Geiſte an, der nicht mehr den Gegenſatz zwiſchen Subject und Object, ſey es als erkennender oder handelnder, zu überwinden erſt ſtrebt, ſondern überwunden hat und ſein ungetheiltes Weſen in einer abſoluten, reinen Form darſtellt. So2*20entſteht die dreigliedrige Eintheilung der Lehre vom Geiſte in den ſubjectiven (erkennenden), objectiven (handelnden) und abſoluten, ebenfalls wieder dreifach3 ſich theilenden, Geiſt, welche Hegel aufgeſtellt hat. Es macht ſich aber in der - ſelben nichts Anderes geltend, als das Geſetz der dialektiſchen Bewegung über - haupt, welches für das ganze Syſtem die dreigliedrige Eintheilung in Logik (Metaphyſik), Naturphiloſophie und Philoſophie des Geiſtes fordert und den Weg vom unentwickelt Einen durch den Gegenſatz zur vermittelten Einheit in jeder dieſer Sphären wiederholt.

1 Hier wie in den Bemerkungen zu den vorhandenen §§. iſt voraus - geſetzt, daß das Schöne ſeine Wirklichkeit in der Kunſt habe, welche Vor - ausſetzung doch §. 1. in der Definition nicht zugelaſſen hat. Allein ein Anderes iſt die Definition, ein Anderes orientirende Vorbemerkungen, wobei gewiſſe Vorausnahmen unvermeidlich ſind.

Warum die Aeſthetik weder theoretiſch, noch praktiſch ſey, iſt in Kürze ſchon geſagt; ſie iſt aber beides in dem Sinne, daß der äſthetiſch Genießende dem Schönen gegenüberſteht als betrachtender, der den Gegenſtand rein auf ſich wirken läßt und dadurch freilich das Objective in ein Sub - jectives verwandelt, aber ſo, daß er ihn doch in ſeiner Selbſtändigkeit beſtehen läßt; daß umgekehrt der Künſtler, unzufrieden, das Schöne nur als inneres Phantaſiebild zu haben, dasſelbe im Kunſtwerk objectiv macht. Allein eben hierin bewährt ſich jenes Weder Noch, denn das Aufnehmen iſt keine Arbeit des Subjects wie im eigentlich theoretiſchen Gebiete: was es aufnimmt, iſt Bild des verſöhnten Geiſtes, wie es aufnimmt, iſt unmittel - bares Zuſammengehen, und der Genuß iſt contemplativ in ſich beruhigt, hat nicht das Bedürfniß, das Aufgenommene erſt wieder durch That zu ver - wirklichen; der Künſtler dagegen muß zwar ein Inneres herausarbeiten, es iſt aber ein Drang ohne Zwang und ohne Willkür, in ſich gefüllt und frei von der Noth des Handelns, das die Welt erſt überwinden ſoll. Dies nun iſt ungetheilter Geiſt, freier, ganzer Geiſt, und dieſer fordert eine Sphäre über dem endlichen, im Gegenſatz arbeitenden Geiſte.

2 Dasſelbe Gebiet des abſoluten Geiſtes nimmt die Religion und die Philoſophie, wie ſie ſich ſelbſt im Syſteme Gegenſtand wird, in Anſpruch. Dies kann ſelbſt als dem gewöhnlichen Bewußtſeyn geläufig vorausgeſetzt werden und wird hier zunächſt nur erwähnt, um die Nothwendigkeit der Aufſtellung dieſer dritten Sphäre auszuſprechen. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß der ganze Gang ſeine innere Nothwendigkeit im Syſteme der Philoſophie dialektiſch durchzuführen hat; der ſubjective Geiſt treibt ſich21 zum objektiven, der objective zum abſoluten weiter, die Uebergänge an dieſen Hauptpunkten darzuſtellen iſt die Aeſthetik als beſondere Wiſſenſchaft nicht verpflichtet; nur auf den letztern hat ſie zurückzuſehen und wird, indem ſie das Verhältniß des Schönen zum Guten erörtert, ein beſtätigen - des Licht auf ihn werfen. Gründlicher aber hat ſie ſich mit den Sphären auseinander zu ſetzen, welche mit ihr in das Gebiet des abſoluten Geiſtes fallen.

3 Die Nothwendigkeit der dialektiſchen Bewegung des allgemeinen Gedankens durch die drei Momente, welche Hegel durch Anſich, Für - ſich und An und Fürſich bezeichnet hat, und die daraus folgende drei - gliedrige Eintheilung des ganzen Syſtems kann die Aeſthetik als ein in der jetzigen Philoſophie anerkanntes Grundgeſetz einfach hinſtellen. Selbſt die Mehrzahl derjenigen, welche über das Hegel’ſche Syſtem in den metaphyſiſchen Grundlagen hinausſtreben, meint, den Inhalt zwar be - ſtreiten, die Form aber, nämlich eben die Dialektik und ihre Momente, gelten laſſen zu können. Es hat ſich zwar neuerdings überhaupt ein Kampf entwickelt gegen das, was man Speculation nennt. Fordert dieſer, ſelbſt wiſſenſchaftlich, nur freiere Auflöſung aller Tranſcendenz und Durchführung des Begriffs durch die Wirklichkeit, ſo iſt damit gegen die Gültigkeit der dialektiſchen Grundgeſetze noch gar nichts geſagt; dringt er auf reine Empirie, ſo wäre dieſe durch eine einfache Aufweiſung nicht ſchwer zu überführen, daß ſie überall auf das Geſetz der Bewegung durch drei Momente ſtößt. Für den Zweck der Aeſthetik aber genügt es zunächſt, die Nothwendigkeit der dreifachen Theilung des geiſtigen Gebiets mit Obigem im Umriß angezeigt zu haben; dieſelbe Theilung für das ganze Syſtem der Philoſophie zu begründen, überläßt ſie dieſem ſelbſt. Daß nun der abſolute Geiſt ſich wieder in drei Sphären theilt, hat ſie nur ſo weit zu beweiſen, als die oben geforderte Auseinanderſetzung mit ihren Nachbarſphären es mit ſich bringt. Warum die Ethik nicht in dieſes Gebiet gehöre, iſt oben, §. 2, 2 beſprochen. Anders aber verhält es ſich mit der Durchführung ihres eigenen Inhalts. Kehrt hier überall die dreigliedrige Theilung wieder, ſo kann nur jene ſelbſt den Beweis führen, daß dieß kein Zwang, ſondern ein Geſetz der Sache ſelbſt iſt; wo nicht, ſo iſt jeder Vorwurf tranſcendenter Speculation ein gerechter.

§. 5.

Nach dem Geſetze dieſer Bewegung tritt als erſte Stufe im Gebiete des abſoluten Geiſtes die Religion, als zweite das Schöne, als dritte die Philo -22 ſophie auf. Zur Rechtfertigung dieſer Ordnung beſchränkt ſich die Einleitung auf die allgemeine Bemerkung, daß auch der abſolute Geiſt die Theilung in Subject und Object wiederholt, aber ſo, daß das Object das eigene, ſelbſt - erzeugte Gegenbild des vom abſoluten Gehalte durchdrungenen Subjects iſt. Die Rangordnung der Stufen nun hängt davon ab, ob das Gegenbild dem Subjecte und ſeinem abſoluten Gehalte vollkommen adäquat iſt und ob dieſes ſich mit Freiheit als Urheber deſſelben in ihm wiedererkennt. In der Religion, der ſtoffartigen Urform des abſoluten Geiſtes, bleiben dieſe beiden Bedingungen unerfüllt, indem ſie mit ihrem ſinnlichen beſtimmten Gegenbilde in unfreier Verwechslung ſich zu einer dunkeln Einheit verſchlingt; im Schönen iſt das Gegenbild ebenfalls noch ſinnlich beſtimmt, aber es genügt der zweiten Be - dingung, indem das Subject ihm als dem ſeinigen frei gegenübertritt; die Phi - loſophie aber genügt beiden: das Gegenbild iſt Geiſt, wie die Subjectivität, die es durch die reine und freie Thätigkeit des Denkens erzeugt und in ihm ganz bei ſich bleibt.

Von Hegel weicht dieſe Eintheilung darin ab, daß er die Religion als die zweite Form aufführt. Chr. H. Weiße (Syſtem der Aeſthetik als Wiſſenſchaft von der Idee der Schönheit 1830) hat die Ordnung Hegels ganz umgedreht und beginnt mit der Idee der Wahrheit (Philo - ſophie), ſetzt die Idee der Schönheit in die Mitte und die dritte, höchſte Stelle, weist er, — nicht ſowohl der Religion (denn er will das blos Phänomenologiſche aus ihrer Auffaſſung verbannen), — als vielmehr der Theologie („ Idee der Güte “) an. Dagegen ſtellt Wirth in der Sphäre, worin er Religion, Kunſt und Philoſophie (Metaphyſik, wie er es nennt) vereinigt, die Religion ebenfalls als die erſte und unmittelbarſte Geſtalt auf, die Philoſophie ſonderbarer Weiſe in die Mitte und die Kunſt als die höchſte Form. Daß er als die gemein - ſame Sphäre derſelben nicht den abſoluten Geiſt, ſondern den ſeines abſoluten Weſens ſich zwar bewußten, aber dieß Selbſtbewußtſeyn noch nicht verwirklichenden Geiſt annimmt, daher über dieſe ganze Sphäre die Ethik ſtellt, davon kann hier abgeſehen werden.

Zunächſt ſcheint nichts einleuchtender, als der Grund, warum Hegel die Kunſt vor die Religion ſtellt. Die Kunſt iſt unmittelbar, d. h. ſowohl nach der Seite des Künſtlers ein beziehungsweiſe unbe - wußtes, mit Natur behaftetes Pathos, als nach der Seite des Kunſt - werks ein ſinnliches Hinſtellen des abſoluten Gehalts in das äußerliche,23 gemeine Daſein, wodurch jener zugleich nothwendig in eine Vielheit ein - zelner Geſtalten zerſplittert wird. (Vgl. Encyclop. d. ph. W. §. 556. ff.) Die Religion dagegen hebt dieſe Unmittelbarkeit auf in der ihr eigenen Form des ſubjectiven Wiſſens: der Vorſtellung. Durch dieſe wird, was in der Kunſt ſinnliche Geſtalt war, ein inneres Bild; hiemit iſt der Gehalt zwar wiederum verendlicht, indem die innere Sinnlichkeit ihn unter Kategorien des Raums und der Zeit dem Selbſt gegenüberſtellt, aber dieſes innere Jenſeits wird „ in dem Glauben an den Einen Geiſt und in der Andacht des Cultus auch aufgehoben “(a. a. O. §. 565.), und, was aus der Religionsphiloſophie, (Th. 1, S. 86 ff. ) noch beizuziehen iſt, mit Gedankenbeſtimmungen, alſo mit Formen der Allgemeinheit, durch - flochten. Der letzte Punkt ſcheint es noch insbeſondere einleuchtend zu machen, daß die Religion in die Philoſophie münden, alſo den zweiten Platz behaupten müſſe. Allein wenn der Begriff des Schönen ſoweit entwickelt ſeyn wird, um ihn mit dem Verhalten der Religion vergleichen zu können, ſo wird ſich ein ganz Anderes ergeben. Es wird ſich, um davon vorläufig das Allgemeinſte heraufzunehmen, nicht nur zeigen, daß in der Religion das Subjekt, ſinnlich beſtimmt, wie es iſt, ſich ein ſinnlich beſtimmtes, in eine Vielheit von Geſtalten auseinandergezogenes Gegenbild gibt, wie in der Kunſt, ſondern auch, daß das Hereinnehmen in’s Innere, wie es durch die Vorſtellung und den Cultus vollzogen wird, ſammt den hineingeflochtenen Reflexionsmomenten nur dazu dient, die Sinnlichkeit um ſo viel hartnäckiger zu fixiren, weil ſie innerlich ge - ſetzt iſt; es wird ſich zeigen, daß in dieſer primitiven, dieſer Ur - und Kindheitsform des abſoluten Geiſtes das Subject mit ſeinem Gegenbilde ſich zu einem ſtoffartigen Knoten, deſſen innerſter Kern zugleich ſelbſtloſe Subſtantialität und zugleich ungebrochene Selbſtſucht iſt, zuſammenſchlingt.

Dagegen wird ſich ergeben, daß das Schöne vor Allem deßwegen nach der Religion folgen muß, weil es die Vorſtellungen derſelben zwar nicht als den einzigen, wohl aber als den erſten und zunächſt wichtigſten Stoff ihrer Thätigkeit vorausſetzt, der Geſchichte wie dem Begriffe nach, richtiger: der Geſchichte weil dem Begriffe nach. Hegel ſelbſt ſetzt in der Kunſtlehre die Religion durchweg voraus, ja er bleibt nur zu ſehr und auf Koſten der ſpezifiſchen Selbſtſtändigkeit des Schönen in ihr ſtehen.

Wenn nun die Religion ihr Gegenbild weſentlich in’s Innere her - einnimmt, ſo iſt dagegen das Schöne durchaus thätig, das innerlich Geſetzte ganz und beſtimmt in die Sinnenwelt hinauszuſtellen. Darum24 erſcheint dieſes Verhalten zunächſt noch mehr ſinnlich als die Religion, ſein Gebilde noch mehr vereinzelt und daher in Vielheit zerſplittert. Allein gerade das Deutlichmachen, welches dieß ganze Hinausſtellen mit ſich bringt, das Schärfen der Umriſſe, welche in der Vorſtellung zitternd verſchweben, wird ſich als eine Befreiung erweiſen, eine Ablöſung, worin das Subject, ſo ſehr ſein Thun verglichen mit der Philoſophie noch bewußtlos und zufällig ſeyn mag, ſich die Gewißheit gibt, der Meiſter ſeines Gegenbildes zu ſeyn, mit dem es ſich nicht mehr als dunkles und gebundenes Selbſt zuſammenwirrt, ſondern in dem es ſich als Entbundenes hell und frei wiederfindet. Alle Formen des abſoluten Geiſtes ſind ſubjectiv und objectiv zugleich. Die Kunſt erſcheint durch das Hinausbilden objectiver, die Religion ſubjectiver, daher Wirth (Ethik S. 9.) die Kunſt als die ideale Objectivirung des Selbſtbewußt - ſeyns auffaßt, das in den vorhergehenden Stufen in ſein Centrum zu - rückgegangen war. Das Handeln der Religion von ihrem Standpunkte aus hat den Charakter der Ausſchließlichkeit und der Enge; ſehr wahr ſetzt daher Wirth hinzu, daß die Kunſt die Idee der Religion ſchon concreter in der Form des Volksgeiſtes mit ſeinen beſondern Ständen, des individuellen Lebens mit allen ſeinen Leidenſchaften darſtellt. Ob - wohl nämlich die Werke der Kunſt nicht nur als ſolche ſich in die Einzelheit zerſtreuen, ſondern auch dem Inhalte nach ſich nie über die ganze Objectivität, ſie darſtellend, ausbreiten, ſo iſt doch jedes ächte Kunſtwerk von einer Univerſalität der Bedeutung, wodurch es mitten in der Begrenzung eine unendliche Perſpektive auf das All der Objecte er - öffnet. Allein ebenſoſehr kehrt ſich das ganze Verhältniß um, denn die Subjectivität der Religion hat ihren Grund eben darin, daß das Subject ſich deßwegen nicht von ſich ablöſen kann, weil es mit dem Object, der Subſtanz als Vorſtellung, dunkel verwachſen iſt; dieß iſt Subjectivität in der Form objectiver Gebundenheit. Die Objectivität der Kunſt dagegen iſt eine ſolche, worin die Subjectivität ſich frei ausbreitet, in den Erſcheinungen der Welt ſich wiederfindet, ſich ahnend in das Object legt, das innerlich Angeſchaute wieder herausarbeitet, und in dieſem weiten und offenen Thun ſich ſelbſt als reine Formthätigkeit des abſoluten Geiſtes ge - nießt. Am vollſten bewährt ſich dieß im Drama, worin die Kunſt, wie auch Wirth (S. 10.) anerkennt, die unendliche Objectivität als Seele der Geſchichte an den Tag arbeitet. Durch dieſe Geiſtigkeit iſt es die Kunſt, welche der Philoſophie unmittelbar vorangeht und in ſie hinüberführt, daher auch die Poeſie gewiſſe proſaiſche Formen anſetzt, welche dieſen25 Uebergang darſtellen. Sie iſt die Mitte zwiſchen Religion und Philo - ſophie, ſie hebt die Innerlichkeit der Religion auf, indem ſie das Gegen - bild zu einem deutlichen Aeußern macht, erwirkt aber ebendadurch eine freiere Innerlichkeit; ſie iſt objectiver als die Religion und ebendadurch ſubjectiver.

Nimmermehr aber kann die Philoſophie der Kunſt vorangehen. Das beziehungsweiſe unbewußte und zufällige Thun und die ſinnliche Verein - zelung in dem, was gethan wird und iſt, kann nimmermehr eine reifere Stufe ſeyn, als das reine Denken des Allgemeinen, in der Form der Allgemeinheit und Nothwendigkeit. Wirth nennt die Wiſſenſchaft, die er zwiſchen die Religion und Kunſt ſtellt, Metaphyſik, unterſcheidet ſie (S. 3.) von der „ Philoſophie des Weltweſens, der Dialektik “und ſagt, ſie ſey in dem von ihm gemeinten Sinne erſt zu gründen. Bis dahin wollen wir aber dieſe Wiſſenſchaft Philoſophie nennen, um ſo mehr, da er anderswo ſelbſt dieſen Ausdruck braucht. Er gibt nun als Grund davon, daß er auch dieſe vor die Kunſt ſtellt, die Thatſache an, daß die Kunſt „ ſpäterhin, wenn der Geiſt zum ſpeculativen Be - wußtſeyn gelangt iſt, auch die philoſophiſchen Ideen zur Schönheit ver - lebendigt. “ Dieß iſt aber allegoriſche Kunſt, Kunſt, die ihre Grenze überſchreitet und in ein Gebiet übergreift, das, wenn es in ſie einfließt, ſie desorganiſirt; und dieß führt uns nun auf Weiße’s Anſicht.

Was dieſe betrifft, ſo geht die Stellung auf die dritte und höchſte Stufe, welche hier der Religion, oder wie Weiße ſagen muß, der Theologie, eingeräumt wird, aus einer metaphyſiſchen Grundanſicht hervor, auf welche hier nur mit wenigen Worten eingegangen werden kann. Die Schönheit, ſagt er, geht mit der Wahrheit zugleich in die Idee der Gottheit ein, welche die höhere Einheit und Vermittlung beider iſt. Die Wiſſenſchaft ſoll auf dieſem Punkte nicht in ihren Anfang zurück, ſondern über ſich ſelbſt hinaus gehen und einen höheren Gegenſtand als ſich ſelber erhalten. Die Religion ſoll nicht phänomenologiſch gefaßt werden (auch die Aeſthetik nicht, wovon nachher) ſondern Gott „ in der Form der Selbſtheit und Perſönlichkeit erkennen “(Aeſth. S. 19). Dieſer Gott iſt als ein „ mit Freiheit ſchaffender zu faſſen, die Gedanken des Geiſtes über die ſo geſchaffene Welt, wie über Gott, ſind nur Gedanken über die Welt, über Gott, ſie ſind „ nur Abbilder, Gleichniſſe, Wiederholungen “des Weſens der Dinge; d. h. die Identität des Seyns und Denkens iſt aufgehoben. Weiße erkennt, daß er hiemit die Wurzel aller Philoſophie aufhebt, und entſchließt ſich nun, einen Gang zu nehmen,26 worin er dieſe Identität ſowohl ſtatuirt als nicht ſtatuirt. Zunächſt nämlich wird (vergl. Aeſth. §. 5.) abſolute Identität des geiſtigen Er - kennens mit dem Erkannten als die Idee der Wahrheit in Einſtimmung mit Hegel aufgeſtellt, freilich auch dieß ſogleich mit einem Zuſatze, der den Satz aufhebt: „ nicht blos das Logiſche und der Geiſt, ſondern auch die Natur iſt das, was ſie iſt, ebenſoſehr in dem Erkennen, als außerhalb des Erkennens; nur daß alle dieſe Weſenheiten außerhalb des Erkennens eine Vielheit, in dem Erkennen aber eine Einheit bilden, in welcher die Vielheit enthalten iſt “. Die Meinung des Satzes iſt ja aber, daß alle dieſe Weſenheiten auch außerhalb des Erkennens an ſich Erkennen ſind, richtiger Denken; ſie werden vom Gedanken erkannt, weil ſie ſelbſt durch und durch zum voraus an ſich ein Denken ſind. Die Vielheit aber, d. h. die empiriſche, als einen Schein zu begreifen, damit fängt die Philoſophie an, und weil ſie ein Schein iſt, müſſen die empiriſch Vielen untergehen und erhält ſich auch außerhalb des von Weiße gemeinten Erkennens in ihrem Untergang nur die Einheit. Weiße iſt in dem Momente Dualiſt, wo er den Moniſmus anerkennt. Er hat ein irrationales Plus bereit, das er nicht nennen kann, und das in Wahrheit nichts als die abſtracte Vorſtellung der Materie iſt. Wirklich bleibt es auch nicht bei dieſer zugeſtandenen Identität; ſie iſt nur „ ein nothwendiger Durchgangspunkt “, und Weiße verläßt dieſen Standpunkt mit dem Einwurf gegen die Identitäts-Philoſophie, daß, wenn ſie die ganze Wahrheit wäre, die erkannten Dinge nur durch das Erkennen geſetzt wären und beſtänden, daß das abſolute Erkennen dann Schöpfer und Erhalter, Ordner und Regierer der Welt wäre, und daß die Identitäts-Philoſophie die Erklärung ſchuldig geblieben ſey, weßhalb denn dieſes in Wahrheit ſich nicht ſo findet. Dieß iſt nichts Anders, als der bekannte Einwurf des ſogenannten geſunden Menſchenverſtands, welcher durchaus unter dem Denken, das die Philoſophie als den Kern aller Dinge darſtellt, nichts Anderes verſtehen kann, als das Denken des dem Object gegenüberſtehenden Subjects, d. h. das Erkennen. Da wird denn der Philoſophie untergeſchoben, ſie ſetze zuerſt einen denkenden Menſchen und laſſe dann aus ſeinem Denken die Welt entſtehen. Die Philoſophie ſetzt aber als Prinzip aller Dinge ein Denken, das ſich in ein gedachtes Object und ein denkendes Subject ſpaltet; das Object iſt auch Denken, aber in der Form das Anſich oder des Seyns, verhülltes, nicht entbundenes Denken; dieſes Denken kommt zu ſich im Subjecte und findet ſich durch daſſelbe im Gegenſtand, d. h. es erkennt ſich. Dieſes27 Erkennen iſt aber weſentlich auch ein Begreifen, daß das verhüllte Denken ein unfreies ſey, d. h. eine Naturnothwendigkeit, die das ent - hüllte und enthüllende Denken im Subjecte nicht zur Freiheit umſchaffen, nicht in die Macht ſeiner Willkühr bekommen kann. Nur dieß poſtulirt die Philoſophie, daß das freie Denken, da es in der verhüllten Form nicht ſich ſelbſt entſpricht, nothwendig in allen Zeiten auch als ent - hüllendes Denken müſſe dageweſen ſeyn und bleiben, d. h. daß nie eine Zeit ſeyn konnte und könne, wo keine ſelbſtbewußte Weſen exiſtirten. Wohl aber iſt Weiße und der formaliſtiſche Verſtand überhaupt die Antwort auf die Frage noch ſchuldig, wie es denn komme, daß das Erkennen und das Erkannte zuſammenſtimme. Die Erkenntniß ſoll wahr ſeyn und doch nur ein Abbild des Gedachten. Wer bürgt denn, daß dieſe zwei Uhren ſo gleich gerichtet ſind? Der Glaube bürgt, ſagt Weiße ſelbſt, der Glaube des ſpeculativen Bewußtſeyns an eine ihm im Jenſeits bleibende Wahrheit! Und dazu, um beim Glauben anzukommen, braucht es alle dieſe Anſtalten? Dazu die Phi - loſophie, um ſich ſelbſt aufzuheben? Weiße kommt auf die präſtabilirte Harmonie zurück. Der Meiſter, der die Uhren zuſammenrichtet, der „ die Beziehung zwiſchen dem Erkennen und ſeinem Gegenſtande Hervor - rufende iſt Gott “. Zu der Idee der Gottheit nämlich geht die philoſo - phiſche Erkenntniß dialektiſch ſich verneinend und aufhebend über ſich ſelbſt hinaus fort. Hier wird der Gegenſtand ein jenſeitiger, „ über - ſchwenglicher “, das Wiſſen ein Glauben. Nunmehr hat es aber auch mit der vorher eingeräumten Einheit des Denkens und Seyns überhaupt ein Ende, denn dieſer Gott wird jetzt als Schöpfer geglaubt, er „ befreit auch die Totalität der Natur und des endlichen Geiſtes von jener ihrer bindenden Einheit und gibt ihnen ein ſelbſtſtändiges Daſeyn “, und von dieſem Geſichtspunkt aus ließe ſich „ vielleicht “auch Jakobi’s Sprachge - brauch rechtfertigen, der auch für das Beſtehen der ſinnlichen und natür - lichen Dinge den Glauben fordert. — Ehe ſich dieſe Aufhebung aller Philoſophie als ein Fortſchritt über Hegel hinaus behaupten darf, ſoll ſie uns Alles das widerlegen, was die Phänomenologie und die Logik in der Auflöſung der Kategorieen der Sinnlichkeit und des Verſtandes geleiſtet hat, denn ſolche und nichts Anderes liegen dieſem ſinnlich trennenden und ausſchließenden Denken zu Grunde. Das Seyn, das jenſeits des Denkens bleiben ſoll, mag es Gott oder Natur heißen, iſt gar nichts als eine vorgeſtellte Materie, ein verlornes, in der Dialektik jener Kategorieen neben durchgeſchlüpftes Stück ſinnlichen Dunkels, und für die tiefe Trivia -28 lität dieſes Standpunktes zeugen Bemerkungen wie folgende: „ es iſt aber die Idee der Wahrheit das Erkennen unter der Geſtalt der Ewig - keit, d. h. das Bewutßſeyn des Geiſtes erſtens über das unbedingt Nothwendige, welches das Logiſche mit Einſchluß des Raums und Zeit - begriffes, in denen die logiſche Idee als ſolche ſich ausprägt, und des geſammten Mathematiſchen iſt; und ſodann zweitens über die Natur und über den Geiſt ſelbſt als über Weſenheiten, die an ſich zwar nicht mit gleicher Nothwendigkeit, wie die logiſche Idee, aber ſobald ſie einmal ſind (!), nothwendig unter der Geſtalt dieſer Idee beſtehen “. Anmer - kung: „ Auch das Seyn der Gottheit iſt nicht als unbedingte Nothwendigkeit, ſondern als That ihrer ſelbſt zu faßen. Es ſtände bei ihr, nicht ſie ſelbſt zu ſeyn, wenn ſie gar nicht ſeyn wollte, aber es ſtände nicht bei ihr, die logiſchen Geſetze und Begriffsformen des Seyns zu verändern oder zu vernichten. “

Dem ſinnlichen Gotte, der hier über die Idealität des Denkens und Seyns hinaufgeſtellt wird, ſteht nun die Schönheit, weil ſie ſinnlich iſt, um eine Stufe näher als die Wahrheit; ſie bildet ihn vor, während doch klar iſt, daß ſie ihn, als in der religiöſen Vorſtellung unvollſtändig vorgezeichneten Stoff nachbildet. So verliert Weiße, indem er die Religion nach der Kunſt aufführt, nicht nur die unentbehrliche Voraus - ſetzung derſelben, ſondern indem er das Verlorne hereinzuholen meint, verliert er die Kunſt. Statt nämlich die in der religiöſen Vorſtellung (phänomenologiſch) gegebenen Stoffe frei fortzubilden (die Poeten ſchaffen die Götter, und die Bildſamkeit der religiöſen Stoffe durch die Kunſt zeigt unter Anderem eben ihren phänomenologiſchen Charakter; die Kunſt iſt, wie kürzlich jemand ſagte, die Ironie des Ueberſinnlichen), muß nun die Kunſt ſich in die über ihr ſtehende Theologie auflöſen, wenn ſie religiöſe Stoffe gewinnen will, ſie muß der Kirche dienen und aufhören, das zu ſeyn, was doch Weiße ſelbſt mit beſonderem Nachdruck ihr vindicirt, ein ſelbſtändiges reines Formweſen. Die Aeſthetik wird ebenſo und noch mehr zur Theoſophie, wenn ſie ſich in die Theologie hinübertreiben ſoll, als wenn ſie aus ihr abgeleitet wird, wie bei Solger, dem Weiße eben dies vorwirft.

Auf der andern Seite hat Weiße der Kunſt die Idee der Wahr - heit vorangeſtellt, das reine Erkennen. Von der Frage, wie er denn aus dem objectiven Geiſte ſogleich auf dieſe reine Höhe heraufgelangen kann, wollen wir hier abſtrahiren und nur das nun behauptete Ver - hältniß zwiſchen Wahrheit und Schönheit einleitend in’s Auge faſſen. 29Weiße ſetzt den Widerſpruch, den das Schöne löſen ſoll, ausdrücklich (a. a. O. §. 8.) in das Subject. Es iſt nicht der metaphyſiſche Wider - ſpruch des Allgemeinen und Einzelnen, der zu löſen iſt, ſondern es iſt der Widerſpruch, daß das Subject der ſpeculativen Erkenntniß zugleich einzelnes und endliches Weſen und, dem Begriffe dieſer Erkenntniß zu - folge, Totalität alles Seyenden iſt. Darauf iſt zunächſt zu ſagen, daß, wenn man den Widerſpruch in dieſem Sinne als einen faktiſchen und ſeyenden faßt, dies weiter zurück in das Syſtem der Philoſophie gehört, dahin nämlich, wo das theoretiſche Denken übergeht in den Willen, um durch die Handlung als eine reale Bewegung das Subject als ſeyendes, aber vereinzeltes mit der Totalität des Seyenden that - ſächlich zu vermitteln. Da nun aber allerdings das Handeln die In - einsbildung des Allgemeinen und Einzelnen in keinem gegebenen Zeit - punkte vollendet, ſo genügt es ebenfalls nicht, und der Geiſt erhebt ſich auf den Standpunkt der abſoluten Idee, auf welchem er den ganzen Widerſpruch, jenen Reſt, der im Verſuche der realen Löſung unüber - wunden bleibt, miteingeſchloſſen, als einen in der unendlichen Bewegung des Univerſums ewig ſich löſenden, vor ſeiner Löſung ſchon gelösten erkennt. So im Bewußtſeyn vollzogen heißt die abſolute Idee abſoluter Geiſt. Unmöglich kann nun aber, wie ſo eben ſchon berührt iſt, die erſte unter den Formen, welche dieſe abſolute Löſung ſtufenförmig auf - ſteigend ſich gibt, die des ſpeculativen Denkens ſeyn. Weiße ſieht ſie als die erſte und ärmſte deßwegen an, weil er vorausſetzt, daß das Logiſche nicht das Weſen der Dinge ſelbſt ſey, daß das Denken das Beſondere, Einzelne, Endliche nicht wahrhaft begreife, ſondern ihm das Allgemeine nur „ anhefte, “daß daher die moderne Philoſophie Akosmis - mus ſey. Daher ſucht er eine Form, in welcher das Allgemeine und Einzelne abſolut, nicht blos äußerlich verſchmolzen ſeyn ſoll. Dieſe ſoll die Schönheit (und höher die Gottheit) ſeyn. Allein eben weil in Wahrheit das Einzelne nie das Ganze ſeyn kann, weil auch das von abſolutem Gehalt durchdrungene Subject der Totalität als einzelnes gegen - überſtehen bleibt, weil dieſer Widerſpruch auch durch das Handeln nicht völlig gelöst wird, ſo kann nur eine Form, welche dieſen Widerſpruch noch nicht mit der Strenge des Gedankens ergründet und zu löſen ver - ſucht hat, ſich mit jenem Schein einer Löſung durch Verſchmelzung der Gegenſätze in eine ſinnliche Geſtalt begnügen, wie dies das Schöne thut. Eben darum ſteht aber auch die Religion noch unter dem Schönen, weil ſie nicht einmal zu dieſem Schein als Schein ſich erhebt, ſondern ſtoffartig alles30 Ernſtes glaubt, es gebe Individuen, die zugleich Individuen und ſchlechtweg das Abſolute ſeyen, der Widerſpruch ſey alſo unmittelbar ſinnlich gelöst. Die letzte Löſung aber iſt eben nur da, wo das Subject jenen Widerſpruch in ſeiner Strenge denkt und denkend aufhebt. Der Philoſoph bleibt nun freilich ein Einzelner in Fleiſch und Blut, aber er begreift ſich auch als dieſen Einzelnen im Ganzen und Allgemeinen als Glied desſelben; er muß ſterben, weil er dennoch Einzelner bleibt, aber auch darüber erhebt er ſich, weil er den Tod als nothwendigen Act des Allgemeinen gegen das Einzelne begreift. Soll denn dagegen viel - mehr dies die letzte Löſung ſeyn, wenn ich mir vorſtelle: ich zwar bleibe, wie ich auch das Allgemeine denkend bin, doch dieſer Einzelne, aber über den Wolken iſt Einer, der auch ein Einzelner und doch zugleich real das abſolute Ganze iſt? Dahin kann der Philoſoph nicht zurück, und dies iſt die Hauptſache: wenn das Subject einmal ſo weit iſt, um den Gegenſatz des Allgemeinen und Einzelnen in ſeiner Schärfe zu denken, ſo kann es ihn nicht mehr in der Form der Unmittelbar - keit, welche das Schöne iſt, löſen, ſondern der durch die Vermittlung des Denkens erfaßte Gegenſatz kann nur durch dieſelbe Vermittlung ge - hoben werden, wird aber dadurch auch tiefer gelöst, und wenn nach einem bekannten Geſetze allerdings auch Vermittlung wieder in Un - mittelbarkeit erliſcht, ſo iſt dies doch in dieſem Sinne hier durchaus nicht anzuwenden. Die gemeine Erfahrung zeigt, daß die philoſophiſche Bildung ſpäter iſt als die äſthetiſche, daß das philoſophiſche Denken die Unmittelbarkeit der äſthetiſchen Anſchauung, der erfindenden Phantaſie in dem denkenden Subjecte aufhebt (worüber Schiller ſo aufrichtig klagt) und daß ebenſo ganze Zeitalter, in denen die Spekulation und Kritik herrſcht, die Friſche des künſtleriſchen Schaffens und des unmittel - baren Kunſtgenuſſes verlieren. Weiße beſtimmt nun (§. 9) die Schön - heit als die aufgehobene Wahrheit, ſie iſt aber vielmehr, wie ſich im folgenden Syſteme weiter begründen wird, die noch nicht vor - handene Wahrheit, d. h. die noch nicht vorhandene ſpeculative Erkenntniß, und es kann hier in der Einleitung gegen ſeine Beſtimmung ganz einfach die Kantiſche geſetzt werden, daß das Schöne weſentlich in einer Uebereinſtimmung der Form eines Gegenſtandes in der Auffaſſung des - ſelben vor allem Begriff mit dem Erkenntnißvermögen beſtehe. Das Schöne iſt demnach keineswegs mehr, ſondern weniger als das Wahre. Weiße ſetzt das Irrationale, d. h. das Sinnliche hier, wie in der Stellung, die er dem Inhalte der Theologie, d. h. dem anthropomi -31 ſchen Gotte gibt, höher als das Geiſtige; das Vorſtellen und Anſchauen iſt ihm reicher als das Denken. Den Vorwurf, den er von dieſem Stand - punkte gegen Hegel erhebt, daß durch das Aufſteigen des Syſtems von der Schönheit zur Wahrheit jene als eine verhüllte Wahrheit erſcheine und daß demnach immer der Begriff im Schönen die Hauptſache wäre, hat Danzel weiter ausgeführt und wir werden darauf zurückkommen. Hier iſt vorläufig nur zu ſagen, daß Jedem von ſelbſt einleuchten muß, wie dieſer Vorwurf vielmehr gegen Weiße zu erheben iſt, der, wie er bei dem Schönen ankommt, bereits den als Begriff fertigen Begriff mitbringt. Er mag ſehen, wie er ihn wieder auslöſcht, wenn er ihn ſchon hat. Der noch nicht gedachte, der noch nicht enthüllte Begriff als Grundlage des Schönen hebt deſſen Selbſtſtändigkeit nicht auf; es liegt in jeder niederen Form unentbunden die höhere, und die niedrigere bleibt um dieſer Zukünftigkeit willen dennoch beſtehen. Was aber das Andere begreift, iſt das Höhere. Weiße ſucht das Schöne in der Aeſthetik zu begreifen: das, womit er begreift, der Begriff, gehört alſo, wo er als ſolcher Gegenſtand wird, in eine höhere Sphäre. Nach Hegel und nach Weiße liegt dem Schönen das Wahre zu Grunde, nach Hegel das objectiv, das noch nicht begriffmäßig gedachte Wahre, nach Weiße das vorher bereits gedachte Wahre: wie? und Weiße darf Hegel vorwerfen, daß er die Schönheit in Wahrheit zerpflücke, was ja eben umgekehrt Hegel ihm vorzuwerfen hat? Wenn nun Hegel weiterhin den begreifenden Gedanken höher ſtellt, als das nicht begreifende An - ſchauen, ſo folgt daraus keineswegs, daß er die einzelne Umbildung des einzelnen Kunſtwerks in einen Gedankenbau, das Aufſuchen der in ihm verborgenen Wahrheit wohlweis über dieſes Kunſtwerk ſetzt; davon nach - her an ſeinem Orte.

§. 6.

Jeder philoſophiſchen Wiſſenſchaft außer der Metaphyſik ſteht eine empi - riſche Sammlung desjenigen Stoffs, welchen jene begreifend durchdringt, zur Seite. Beide ſtehen zu einander in dem doppelten Verhältniſſe: die philoſophi - ſche Wiſſenſchaft erhält den Stoff von der Empirie und bildet ihn um in den freien Gedanken und ſeinen Organismus, zugleich beſtätigt und regelt ſie die von dem Standpunkte der letzteren ſchon gefundenen, den maſſenhafter belaſſenen Stoff ordnenden allgemeinen Beſtimmungen und ſo geſtaltet ſich dieſe als Er - fahrungswiſſenſchaft. Durch die erſtere Seite des Verhältniſſes iſt aber jene32 keineswegs genöthigt, ihre Gründung aufzuſchieben, bis aller Stoff geſammelt iſt; vielmehr entſteht ſie mit Nothwendigkeit, ſobald die Erfahrung ſelbſt in einer gegebenen Maſſe von Stoff das Geſetz zu ſuchen und zum zuſammenhän - genden Denken aufzuſteigen befähigt und getrieben iſt; durch die zweite Seite iſt die Erfahrungswiſſenſchaft nicht an die philoſophiſche gebunden, ſondern be - ſteht frei neben ihr. So ſteht der Aeſthetik die Kunſtgeſchichte zur Seite.

Die Einleitung hat, nachdem ſie von der Stellung der Aeſthetik zu den umgebenden Wiſſenſchaften gehandelt, noch ein Verhältniß zweier, wie es ſcheint, verſchiedenartiger Beſtandtheile innerhalb der vorliegenden Wiſſenſchaft ſelbſt, dem ſtoffartigen nämlich und dem ſpeculativen, in’s Auge faßen. Der §. geht zu dieſem Zwecke von der allgemeinen Pa - rallele aus, welche ſich durch das ganze Syſtem der philoſophiſchen Wiſſen - ſchaften hindurchzieht; wie der Aeſthetik die Kunſtgeſchichte, ſo ſteht der Naturphiloſophie die Naturgeſchichte, der Lehre vom ſubjectiven Geiſt die empiriſch ſammelnde Anthropologie und Pſychologie, Sprachwiſſenſchaft u. ſ. w., der Lehre vom objectiven Geiſte das poſitive Recht, die Ver - waltungswiſſenſchaft, die Geſchichte, der Lehre von der Religion die Theologie, der Philoſophie ſelbſt die Geſchichte der Philoſophie zur Seite. Das Verhältniß zwiſchen der philoſophiſchen und empiriſchen Behandlung eines Gegenſtandes faßt der §. zunächſt nur als ein hiſtoriſch gegebenes Wechſelverhältniß. Daß und warum der ganze Gegenſatz nur ein relativer iſt, davon berührt der folgende §. den objectiven Grund. Es wäre aber längſt an der Zeit, den ganzen Gegenſatz auch nach der ſubjectiven Seite gründlich zu prüfen und den Uebermuth ſowohl der Empiriker als der abſtracten Philoſophen zurückzuweiſen. Es wäre darzuthun, daß es genau genommen gar keine bloſe Empirie gibt, es wäre zu zeigen, wie dem erfahrungsmäßigen Vorfinden der Gedanke, wenn auch nur als Inſtinct des Suchens und Findens, ſchon vorausgeht, dem Beobachten weſentlich involvirt iſt und ebendaher als Reſultat desſelben hervortritt. Es wäre umgekehrt darzuthun, z. B. an dem Exempel der ſpeculativen Theologie der älteren Hegel’ſchen Schule, wie die Philoſophie ſich verirrt, wenn ſie gewiſſe Reſultate der geſchichtlichen Prüfung nicht abwartet oder aus Geringſchätzung der kritiſchen Empirie nicht aufſucht. Daß überhaupt jede philoſophiſche Wiſſenſchaft die Erfahrung, die Anſammlung des von ihr zu durchdringenden Stoffes als bis zu einem gewiſſen Punkte ge - langt vorausſetzt, wiewohl ſie dieſen Ausgangspunkt, ſowie ſie entſteht, aufhebt, iſt durch die neuere Philoſophie gehörig nachgewieſen. Vergl.33 über das ganze Verhältniß Hegels Encyklopädie der philoſophiſchen Wiſſenſchaften Einleitung. Ihre Entſtehung iſt möglich, wenn der Stoff ſo weit geſammelt iſt, daß die Empirie ſelbſt vermöge des zwar nicht reinen, doch theils ſinnreich überſchauenden, theils ſcharfſinnig reflectirenden Denkens, das ihr involvirt iſt, gewiſſe allgemeine Standpunkte, Geſetze, Eintheilungen findet, welche die reine Philoſophie reizen, den Gedanken in ſeiner reinen Allgemeinheit und Nothwendigkeit in dieſes Gebiet hin - einzutreiben. Die unabſchließbare Natur der Erfahrung, welche eine un - endliche Reihe einzelner neuer Entdeckungen in Ausſicht ſtellt, darf ſie von ihrem Unternehmen nicht abſchrecken; ſie darf und ſoll das Zutrauen haben, daß ſie zu entſcheiden vermag und daß ihre Reſultate geſichert ſind, wie ſehr auch die Erfahrung den Stoff noch erweitern mag. Das beſte Beiſpiel bietet die Aeſthetik ſelbſt. Sie war in dem Augenblicke möglich, als Schelling das Prinzip der Einheit des Idealen und Realen gefunden hatte. Dies war zunächſt nur die metaphyſiſche Vor - ausſetzung ihrer Möglichkeit, doch ſelbſt der metaphyſiſchen Entdeckung mußte jene künſtleriſche Anſchauungsweiſe der Natur und jener plaſtiſche Sinn vorausgegangen ſeyn, den namentlich Winkelmann geweckt hatte. Wirklich konnte aber die Aeſthetik allerdings erſt werden, als eine geiſtvolle Kritik an der Hand der ſinnvollen Empirie, der unbefangenen An - ſchauung das große Hauptgeſetz der Kunſtgeſchichte, den Gegenſatz des Klaſſiſchen und Romantiſchen, entdeckt hatte. Schelling ſelbſt ſpricht dieſen Dualismus als leitenden Gedanken aus (Vorleſ. über die Meth. d. akad. Stud. S. 319). Nun erſt konnte der allgemeine Begriff des Schönen, zu deſſen Feſtſtellung zunächſt jene Metaphyſik die Bedingung enthielt, als Seele der wirklichen Schönheit ſyſtematiſch durch die Stufen ſeiner Realität verfolgt werden. Zugleich hatte die Empirie und Kritik eine anderweitige Maſſe von Stoff geſammelt, den dieſe Arbeit als gegeben vorausſetzte. Nun iſt allerdings ſeit den erſten ſyſtematiſchen Durchführungen der Aeſthetik unendlich viel Stoff einzelner neuer kunſt - geſchichtlicher Entdeckungen geſammelt worden und wird in alle Zukunft geſammelt werden, z. B. über einzelne Tempel des Alterthums, über die vorgothiſchen Bauſtyle, über die Entſtehung des gothiſchen u. ſ. w. Allein die Aeſthetik konnte auf die klare Erkenntniß des weſentlichen Unterſchieds im Grundcharakter zwiſchen dem Style des Mittelalters und des klaſſiſchen Alterthums in der Baukunſt (wie in den anderen Künſten) ihre Entwicklung des Ideals begründen ohne Furcht, durch neue Ent - deckungen in ihren Haupt-Reſultaten geſtört zu werden. So ſcheint,Viſcher’s Aeſthetik. 1. Bd. 334um noch ein Beiſpiel anzuführen, die hiſtoriſche Unterſuchung gegen das ſtrenge Geſetz der Farbloſigkeit, das die Aeſthetik auf das Weſen der Plaſtik und weiter zurück auf das bis dahin geſchichtlich Bekannte gegründet hatte, zum Theil umgeſtoſſen zu haben. Allein die Thatſache, daß die Griechen Statuen farbig behandelten, ſtößt ein auf das Weſen einer Kunſtgattung richtig zurückgeführtes Geſetz nicht um. Vielmehr iſt die Kennt - niß dieſes Geſetzes für den ächten Hiſtoriker ein Reiz, zu unterſcheiden zwiſchen den roheren und reineren Producten jener Kunſt, und die ſparſamen Andeutungen von Farbe, die man bei den letzteren gefunden hat, ſtehen noch nicht in Widerſpruch mit jenem Geſetze. Schwierig iſt hier am meiſten die Frage über Farbe oder Farbloſigkeit des Auges. Darüber an ſeinem Orte mehr. Neue Zeiten werden ferner neue Kunſtformen ſchaffen, die den Begriff nöthigen werden, ſich nach dieſer Seite zu erweitern; iſt aber die Entwicklung des Begriffs als bewegenden Prinzips der bisherigen Kunſtgeſchichte richtig dargeſtellt, ſo muß ſie auch nach dieſer Seite eine Perſpektive in die Zukunft mit ſich führen, welche die Probe der Erfahrung beſtehen wird.

Die entſprechende Erfahrungswiſſenſchaft von ihrer Seite entlehnt von der bereits begründeten philoſophiſchen Wiſſenſchaft eine ſtrengere Sichtung und Bindung der allgemeinen Standpunkte, welche das ihr inwohnende, wiewohl nur discurſive Denken ſchon gefunden hat, beſteht aber in ihrer Unabhängigkeit fort. Wie nothwendig dieſe Freiheit der Empirie in ihrer Trennung von der Speculation, wie heilſam für beide Theile, wie förderlich ſelbſt für den möglichen Grad der Vereinigung beider, braucht hier nicht dargethan zu werden.

§. 7.

Die philoſophiſche Wiſſenſchaft hat aber die Anſammlung von empiriſchem Stoffe bis auf einen gewiſſen Punkt deswegen abzuwarten, weil der allgemeine Begriff eben in demſelben ſeine Wirklichkeit hat. Wenn ſie daher dieſen, von der Empirie ausgehend, aber dieſen Ausgang wieder aufhebend, im Elemente des Gedankens frei erzeugt hat, ſo muß ſie ihn als Grund ſeiner Wirklichkeit weiter entwickeln, in die Gegenſätze ſeines geſchichtlichen Daſeyns verfolgen, und ſo nimmt ſie den durch die Erfahrung gegebenen Stoff wieder auf, jedoch nicht nur als einen begriffenen und daher in ſeinem Weſen umgewandelten, ſondern ebendaher auch in ſeiner Ausdehnung beſchränkt auf die für das Entwicklungs - geſetz ſchlechthin bezeichnenden Momente. Die Aeſthetik verhält ſich daher in35 dieſem Theile ihres Inhalts zur Kunſtgeſchichte, wie die Philoſophie der Ge - ſchichte zur Geſchichte.

Der §. nennt den objectiven innern Grund, warum der reine Begriff ſich erſt bildet, wenn der erfahrungsmäßige Stoff bis auf einen gewiſſen Punkt geſammelt iſt, wobei freilich ein ſubſectives Moment vorausgeſetzt iſt, das Bedürfniß der Erinnerung nämlich. Das heißt: das allgemeine Weſen oder der Begriff des Schönen an ſich iſt wirklich in der Geſchichte der Kunſt. Derſelbe ruht zugleich als Möglichkeit, ſich in der Form des Denkens zu faſſen, in dem Geiſtet welcher, wie er auch übrigens ſich ſchon als philoſophiſcher ausgebilde, haben mag, in dieſer Richtung wenigſtens noch nicht begonnen hat zu philoſophiren. Hier tritt das ſubjective Bedürfniß der ἀνάμνησις ein; das Urbild tritt im Subjecte erſt nach reicherer Anſchauung des Abbilds hervor in’s Bewußtſeyn. Es würde dies aber nicht, wäre das Abbild nicht wirklich das Abbild, oder vielmehr wiſſenſchaftlicher ausgedrückt mehr als dies: die objective Wirklichkeit des, nur noch nicht in der Form des reinen Begriffs gedachten, Urbilds. Dieſer ſubjective Anſtoß hebt ſich aber durch die wirkliche Bildung des Begriffs wieder auf, der Ausgang von der Erfahrung wird überwunden, der Begriff erzeugt ſich ſelbſtſtändig. Dann erſt kehrt ſich das Verhältniß wieder um, der reine Begriff entwickelt ſich, und breitet ſich aus, und der zuerſt in der Erfahrung vorgefundene Stoff wird wieder aufgenommen, denn die Entwicklung und Ausbreitung des Begriffs iſt eben die Geſchichte deſſen, was durch ihn begriffen iſt. Dieſer Stoff iſt aber jetzt ein Anderes geworden; der Begriff verliert ſeine Freiheit, das Element des reinen Denkens, nicht, indem er ſich in dieſes Reich der ſcheinbaren Zufälligkeit hineinarbeitet, er tilgt vielmehr am Stoffe die Unmittelbarkeit und begreift ihn als die nothwendige Wirklichkeit des Begriffs, worin die Gegenſätze, welche logiſch in dieſem liegen, als Zeitfolge hervortreten. Es wird ſich dies bewähren, wenn ſich der Begriff des Schönen als Phantaſie in die großen geſchichtlichen Gegenſätze des Ideals aufſchließen und der Begriff der einzelnen Künſte die verſchiedenen Zweige, die in ihm enthalten ſind, als geſchichtlich nach einander hervortretende darſtellen wird. Dieſe Umwandlung des Stoffs iſt aber zugleich weſentlich eine Zuſammenziehung der Maſſe auf die bedeutenden Hauptmomente, auf jene großen Uebergänge und durch - greifenden Formen in der Kunſtgeſchichte, worin ſo zu ſagen ihre Seele an die Oberfläche tritt. Nicht zur Kunſtgeſchichte, ſondern zur Philoſophie3*36der Kunſtgeſchichte breitet ſich die Aeſthetik aus. Alles, was die Bedeutung des weſentlich Bezeichnenden nicht hat, bleibt als rein poſitiv der Kunſt - geſchichte aufbehalten. Ueber den Gegenſatz des Poſitiven und des Philoſophiſchen iſt hier nur ſo viel zu bemerken. Ganz ſtreng genommen gibt es allerdings gar nichts rein Poſitives; das ſogenannte Poſitive ent - ſteht dadurch, daß, was in ſeiner Sphäre aus Naturgeſetzen oder Geiſtes - geſetzen allerdings begreiflich wäre, in der Verwachſung von Bedingungen, in welche es mit Erſcheinungen aus andern Sphären verſchlungen iſt, ſich mit Anderweitigem vermiſcht, auf deſſen Erklärung die Wiſſenſchaft, wenn ſie es eben nur mit dieſer Sphäre zu thun hat, ſich jetzt nicht einlaſſen kann. Das Schöne, deſſen Begriff hier Aufgabe iſt, bietet zugleich als Kunſt das paſſendſte Beiſpiel. Daß irgend ein Kunſtwerk gerade in einem gewiſſen Jahre, unter gewiſſen räumlichen und andern Bedingungen entſtand, dies iſt, ſobald man die äußere Geſchichte des Volkes, das es hervorbrachte, bis auf ihre urſprünglichſten Grundlagen verfolgt, die politiſche Geſchichte ſammt ihren Hülfswiſſenſchaften hinzu - zieht und weiter erwägt, daß auch dieſe ſich bis auf letzte nothwendige und begriffsmäßige Grundlagen verfolgen laſſen, keineswegs etwas Zu - fälliges. Die Kunſtgeſchichte aber, wiewohl ſie mit allen concreten Be - dingungen des Volkslebens ſich lebendig durchdringen muß, kann dies doch ſo weit keineswegs verfolgen, noch weniger die Philoſophie der Kunſt - geſchichte als Theil der Aeſthetik; ſie läßt ſich daher nur auf diejenigen Kunſtwerke und ihre hiſtoriſchen Bedingungen ein, in welchen die letzteren ſo günſtig zuſammenwirkten, daß das reine Weſen der Kunſt bedeutungsvoll hervortrat, führt auch ſie nicht in hiſtoriſcher Weiſe auf, ſondern hebt nur das Allgemeine in ihnen hervor; alles Uebrige aber iſt für ſie ein Zufälliges, was ſie als blos Poſitives der Kunſtgeſchichte überläßt; auch dieſe aber trifft noch eine Auswahl und weist das Uebrige an das Geſchäft der bloßen Stoffſammlung, in welcher die Zufälligkeit das Herrſchende iſt und daher ein bloßes Aggregat zu Stande kommt. Uebrigens hat be - kanntlich die Bezeichnung: poſitiv noch eine andere Bedeutung; ſie be - zeichnet nicht blos das, was in das Wiſſen aufgenommen wird als ein Zufälliges, das einmal ſo und nicht anders iſt, ſondern auch das, was das Empfinden und Wollen der Völker durch Autorität beherrſcht, d. h. ohne ſich zu beweiſen. Die letztere Bedeutung des Worts gehört nicht hieher. Hettner (Gegen die ſpekulative Aeſthetik S. Wigand’s Vierteljahrsſchrift 1845. B. 4.). bekämpft die hier ausgeſprochene Anſicht über das Verhältniß der Aeſthetik und Kunſtgeſchichte. Er verlangt eine37 völlige Aufhebung ihrer Trennung. Dies iſt aber ſowohl gegen das Naturgeſetz der Theilung der Kräfte, als gegen das Arbeitsgeſetz der Geſchäfte. Der Sammler, der Geſchichtſchreiber und der Philoſoph arbeiten an Einem Ziele, aber auf verſchiedenen Wegen. Der erſte ſchafft dem zweiten den Stoff in die Hände und dieſer übergibt ihn, ſchon aus - geleſen und verarbeitet, zur letzten geiſtigen Umbildung dem dritten. Der dritte gibt dem zweiten die Idee in einzelne Maximen, Einſchnitte, Stand - punkte umgeſetzt, der zweite überliefert dieſe dem erſten, wo ſie nur noch als Inſtinkt und Takt des rechten Suchens wirken. Aber welches Monſtrum würde die Aeſthetik, wenn ſie den ganzen Stoff des erſten oder auch nur des zweiten, alle Jahreszahlen, Namen Orte aufnehmen würde, und wohin würde ſich die Geduld, der Stoffſinn der letzteren verflüchtigen, wenn ſie ſtreng philoſophirten?

§. 8.

Die Geſchichte der Aeſthetik als Wiſſenſchaft iſt in das Syſtem ſelbſt in der Weiſe aufzunehmen, daß die bedeutendſten Gedanken, welche in ihr hervor - getreten ſind, als Momente desſelben ſich einreihen. Es kann dies nicht in dem Sinne vollzogen werden, in welchem die gegenwärtige Philoſophie es als Geſetz des Verhältniſſes zwiſchen der Geſchichte der Philoſophie und den Stufen der logiſchen Idee aufſtellt; denn nicht nur iſt die Aeſthetik als Wiſſenſchaft zu neu, um eine ſolche Reihe von Prinzipien darzuſtellen, ſondern es kann über - haupt, was von den Grundlagen der philoſophiſchen Syſteme gilt, nicht ebenſo auf die abgeleiteten Theile angewandt werden. Nur ungefähr und theilweiſe läßt ſich die logiſche Folge der Begriffsmomente in der Metaphyſik des Schönen mit der geſchichtlichen Folge der hierüber vorgebrachten Gedanken zuſammen - ſtellen; im Uebrigen reihen ſich dieſelben ohne beſondere Rückſicht auf ihre zeit - liche Ordnung allerdings in das Syſtem ſo ein, daß ſie, ihres Anſpruchs auf erſchöpfende Bedeutung enthleidet, als Glieder ſich zur Totalität des Begriffs zuſammenfügen.

Hegel’s wichtige Entdeckung, daß man, wenn die Grundbegriffe der in der Geſchichte der Philoſophie erſchienenen Syſteme deſſen ent - kleidet werden, was ihre äußerliche Geſtaltung, ihre Anwendung auf das Beſondere u. dgl. betrifft, die verſchiedenen Stufen der Beſtimmung der Idee ſelbſt in ihrem logiſchen Begriffe erhält, wird ſelbſt von denjenigen in ihrer allgemeinen Wahrheit nicht verworfen, welche ihre durchgängige38 Richtigkeit beſtreiten. Es iſt klar, wie viel gewonnen würde, wenn ſich in derſelben Weiſe die Geſchichte der Aeſthetik in die Aeſthetik aufnehmen ließe. Allein es verſteht ſich, daß, was von der Metaphyſik gilt, nicht ebenſo von den beſondern Disziplinen ausgeſagt werden kann. Es kann z. B. eine Philoſophie ein verhältnißmäßig ſchon reiches und erfülltes metaphyſiſches Prinzip aufgeſtellt haben, und da die Aeſthetik eine der richtigſten Proben einer Metaphyſik iſt, ſo ſollte man erwarten, daß ein ebenſo concretes äſthetiſches Prinzip ſich hier finden laſſe, das ſich von ſelbſt im Syſtem da einreihe, wo zuerſt die Grundidee in ihrer weiteſten Allgemeinheit vorangeſtellt wird, dann die abſtracteren Momente ihrer Entwicklung ſich in ihre Geſammteinheit zuſammenfaſſen. Allein die Zeit, worin jene Metaphyſik entſtand, kann ſo wenig Intereſſe für das Aeſthetiſche gehabt haben, daß dieſe ihre Folgerungen nach dieſer Seite nicht zog, ſondern nichts oder nur arme Beſtimmungen hierüber vorzu - bringen wußte. Aus Spinoza’s Prinzip, aus der Leibniz’ſchen Monadologie öffnen ſich große Ausſichten in das Schöne, allein das Intereſſe lag ferne. Von Kant’s und Fichte’s Subjectivismus ließen ſich tiefe Gedanken über das Komiſche erwarten, allein Kant gibt ſo gut als Nichts, Fichte gar nichts. Umgekehrt finden ſich bei Ariſtoteles, der über das allgemeine Weſen des Schönen nur gelegentliche Winke gibt, treffliche Gedanken über das Weſen des Komiſchen und Tragiſchen, die doch zu den erfüllteſten in der Metaphyſik des Schönen gehören; denn Ariſtoteles hatte eine große reale Kunſtwelt vor ſich, deren concrete Betrachtung ungeſucht die gediegenſten ſpeculativen Ideen darbot; und ſo treten auch jene Gedanken freilich nur bei Gelegenheit der Unterſuchung beſtimmter Kunſtgattungen hervor. Es iſt hier jedoch nicht die Rede von der Ungleichheit der geſchichtlich vorhandenen äſthetiſchen Unterſuchungen mit ſich ſelbſt in Betreff ihrer Leiſtungen in der realen Kunſtſphäre ver - glichen mit denen in der Metaphyſik des Schönen; denn wie Hegel ein Entſprechen der geſchichtlichen Prinzipien und der Stufen des Begriffs nur in Beziehung auf die Logik behauptet, ſo kann auch hier die Frage nur die ſeyn, ob ſich ein ſolches Entſprechen in Beziehung auf den erſten Theil der Aeſthetik, den allgemeinen Begriff des Schönen nämlich und ſeine Stufen, finden laſſe. Praktiſche Bemerkungen über die Kunſt fehlen da am wenigſten, wo die allgemeinen Prinzipien noch am dürftigſten ſind: bei den Alten. Um die letzteren aufzuſuchen bedurfte es erſt der Anerkennung der Selbſtſtändigkeit des Schönen, und dies konnte im Alterthum, wo die Kunſt mit dem ganzen Leben ſo untheilbar verflochten39 war, noch gar nicht eintreten. Die neuere Zeit dagegen mußte, nachdem ſie dieſe Trennung vorgenommen, erſt aus dem ſubjectiven Idealismus zum objectiven fortgeſchritten ſeyn, ehe ſie eine ganze Aeſthetik bauen konnte; ſie war erſt ſeit Schelling möglich, und wir haben das erſte Syſtem der Aeſthetik aus Solgers Hand. Dieſe Wiſſenſchaft iſt alſo auch viel zu neu, um eine logiſch ſich aufbauende Reihe geſchichtlicher Prinzipien darzubieten.

Dagegen iſt ein ungefähres Entſprechen allerdings in folgender Weiſe zu bemerken. Die Metaphyſik des Schönen, der erſte Theil der Aeſthetik, handelt zuerſt von der einfachen Schönheit vor ihrer Spaltung in die contraſtirenden Formen des Erhabenen und Komiſchen. Der Begriff des Schönen zerfällt in die Momente: Idee, Bild, Einheit beider. Man erkennt ſogleich, daß dem erſten Momente der platoniſche Standpunkt entſpricht. Das zweite, die ſinnliche Geſtalt: hieher könnte man außer einzelnen Beſtimmungen über die Form, welche Plato, Ariſtoteles, die Neuplatoniker bieten, die reichen empiriſchen Bemerkungen des ſpätern Alterthums ziehen, wenn ſie nicht weſentlich auf die wirkliche Kunſt ſich bezögen, von der hier noch nicht die Rede iſt; wohl aber gehören hieher die ſenſualiſtiſchen, in ihrer Grundlage materialiſtiſchen Reflexionen der Engländer des vorigen Jahrhunderts, alſo der Anfänge der modernen Aeſthetik. Das dritte Moment, die Einheit von Idee und Bild: hier tritt Baumgarten’s ſchwankende Definition ein, aber Kant wirft aus ihr Alles heraus, was objectiv ſeyn ſollte und die Parallele der ge - ſchichtlichen mit der logiſchen Ordnung iſt unterbrochen. Die wahre Erfüllung des von Baumgarten ſchwankend Umriſſenen gibt die neuere Philoſophie ſeit Schelling und dieſe tritt dann ganz am rechten Orte bei dieſem dritten, concreteſten Momente ein, wo ſich dann beſtätigt, daß ſie auch die erſte noch abſtracte Beſtimmung, die der Auseinanderſetzung jener drei Momente voranging, dargeboten hat. Den Abſchluß dieſes Abſchnitts bildet die Darſtellung des ſubjectiven Eindrucks des Schönen und hier widerfährt Kant ſein Recht. Es folgt der zweite Abſchnitt, der die contraſtirenden Formen des Schönen zum Inhalt hat, zuerſt das Erhabene. Einen Theil dieſer Form hat Kant auf’s Tiefſte erfaßt und der Rigorismus der ſubjectiven geiſtigen Geſetzgebung gegen den ſinnlichen Impuls erklärt, warum dieſe Philoſophie um den Begriff des Erhabenen, nicht ebenſo um den des Komiſchen ſich verdient machte, während ſie doch zu der Ergründung des letzteren ſo weſentliche Bedingungen enthielt. Dagegen verläßt ſie uns völlig in der höchſten Form des Erhabenen, dem40 Tragiſchen, um der neueren ſpeculativen Philoſophie, welche hier allein die hinreichend gerüſtete iſt und die erwähnten Winke des Ariſtoteles erſt zu benützen vermag, Platz zu machen. Die zweite Form des äſthetiſchen Kontraſts nun, das Komiſche, hat allerdings ſeit den Anfängen der Aeſthetik in der neueren Zeit die Aufmerkſamkeit in hohem Grade in Anſpruch genommen; einzelne treffende Gedanken, wie ſchon der glückliche Wurf des Ariſtoteles, liefern gediegene Bauſteine, allein Bedeutendes und Zuſammenhängendes konnte erſt geleiſtet werden in der neueſten Zeit, denn wie die Komödie in der Poeſie, ſo iſt der Begriff des Komiſchen die letzte und höchſte Frucht in der Aeſthetik. Jean Paul, der hier ſo fruchtbare Vorarbeit geliefert hat, ſteht nach der Grundlage ſeiner ganzen geiſtigen Stimmung zwar auf dem ſubjectiv idealiſtiſchen Boden Kant’s und Fichte’s, aber er iſt als Humoriſt ebenſo realiſtiſch, oder richtiger, er befindet ſich mitten in dem unverſöhnten Widerſpruch beider Stand - punkte. Indem die Philoſophie Schelling’s und Hegel’s dieſen Widerſpruch begreift und löst, wird eine methodiſche Durcharbeitung des Begriffes möglich, allein Hegel iſt hier noch zu ſubſtantiell wie in der Staatslehre und wird ungerecht gegen den Humor. Die freie Fort - bewegung ſeiner Schule hatte die Aufgabe, hier die letzte Hand anzulegen; Ruge’s und Weiße’s Verdienſte ſind bekannt und ſo faßt ſich die Spitze des Begriffs mit der Spitze der in der Zeitfolge letzten hiſtoriſchen Bewegungen zuſammen.

Obwohl nun im zweiten und dritten Theile des Syſtems, die von der Wirklichkeit des Schönen handeln, ein ſolches Entſprechen gar nicht mehr zu verfolgen iſt, ſo laſſen ſich doch im Einzelnen wenigſtens gewiſſe Andeutungen eines Parallelismus aufzeigen. Dabei fällt der erſte Ab - ſchnitt des zweiten Theils, die Lehre von der Naturſchönheit, ſogleich weg. Dieſe iſt noch am wenigſten angebaut und gibt ganz ein Bild des Zurückbleibens der Philoſophie hinter ihrer Aufgabe, die Naturwiſſen - ſchaften zu durchdringen. Hegel bietet treffliche Anfänge, iſt aber äußerſt unvollſtändig. Der zweite Abſchnitt dagegen, die ſubjective Wirklichkeit des Schönen als Phantaſie, verdankt der ſubjectiven Philoſophie Kant’s, die hier freilich über ihre Grenzen vordrang, gewiſſe unvergleichlich treffende Gedanken über das Genie, die für immer Bahn gebrochen haben. Die Phantaſie breitet ſich aus zur Phantaſie der Völker; eben an die Kantiſche Schule hängt ſich hier die Epochemachende Entdeckung des Gegenſatzes zwiſchen klaſſiſch und romantiſch; Schiller’s und der Schlegel Verdienſte finden hier ihre Stelle. Der dritte Theil enthält41 die Lehre von der Kunſt. Obgleich nun in dieſer adäquateſten Wirklich - keit des Schönen vorzüglich die Unterſuchungen der alten Philoſophie ſich bewegten, ſo iſt doch weder über den Grundbegriff der Kunſt, noch über die Gliederung der Künſte von ihnen eine zuſammenhängende Leiſtung zu erwarten; zudem mußten die zwei Künſte Malerei und Muſik ſchon des - wegen in ihrer Betrachtung zu kurz kommen, weil ſie wirklich als Künſte ſelbſt noch gar nicht in die Tiefe ihres Weſens geſtiegen waren. Großes und Ganzes konnte hier vielmehr erſt die moderne Philoſophie ausführen, denn die Kunſt iſt ſubjectiv-objective Wirklichkeit des Schönen; ſie zu begreifen bedarf es einer Philoſophie, deren Prinzip Einheit des Sub - jectiven und Objectiven und deren Werk Durchführung dieſer Einheit iſt. Demnach iſt in dieſen Theilen wenigſtens ſo viel Parallele zwiſchen der Aeſthetik und der Geſchichte der Aeſthetik, daß das ſubjectivere Gebiet von der Philoſophie des Subjectivismus, dasjenige, welches von da den Uebergang zum Objectiven darſtellt, von den das Speculative ahnenden Ausläufern dieſer Philoſophie, dagegen das objektivſte und zugleich ſubjectivſte Gebiet nur von der ſpeculativen Philoſophie ergründet werden konnte. Indem durch dieſe ſchließliche Leiſtung das ganze Syſtem ſich vollendet, iſt allerdings die Bemerkung zu §. 7 noch dahin näher zu beſtimmen, daß dieſe ſyſtematiſche Ergründung und Durchführung erſt möglich war, nachdem der Stoff bis auf den Punkt geſammelt, vorlag, wo eine ganze lange Kunſtbildung ſammt einer Summe der auf ihre Beurtheilung gerichteten vereinzelten Leiſtungen der Kritik und der Kunſt - geſchichte abgeſchloſſen war. Was im Gedanken als ein Ganzes auf - erſtehen ſoll, muß als Ganzes in der Wirklichkeit abgeblüht ſeyn. Die Verwelkung wirft aber neue Blüthen in den empfänglichen Boden; eine neue Kunſtwelt iſt, „ wenn das ſchon Gebildete wieder Stoff geworden ſeyn wird “, in unbeſtimmter Zukunft zu erwarten und nach ihr eine neue Aeſthetik; die Aeſthetik, wie ſie jetzt eine fertige Welt abſchließt, muß nur den Ausblick in dieſe Zukunft der Kunſt ſowohl als ihrer Wiſſen - ſchaft, wie oben ſchon bemerkt wurde, offen halten und dies wird einſt ihre Probe ſeyn.

[42][43]

Erſter Theil. Die Metaphyſik des Schoͤnen.

[44][45]

Die Metaphyſik des Schoͤnen.

§. 9.

Die Metaphyſik des Schönen entwickelt den Begriff des Schönen in1 ſeiner reinen Allgemeinheit, abgezogen von ſeiner Verwirklichung, durch die Ge - ſammtheit der Momente, welche überall, wo Schönes wirklich wird, mit Noth - wendigkeit hervortreten, weil ſie in der ideellen Einheit des Begriffs an ſich ſo enthalten ſind, daß ſie einander fordern. Es iſt dies inſofern eine Abſtraction, welche nur die Wiſſenſchaft vollzieht, als der reine Begriff als ſolcher kein objectives Daſeyn hat; derſelbe iſt aber darum keineswegs als eine bloſe Form des ſubjectiven Denkens anzuſehen, ſondern er ſelbſt iſt der Grund und Inhalt ſeiner Wirklichkeit. Das Andere, was in dieſer hinzukommt und eine Reihe2 neuer Unterſchiede mit ſich bringt, wird ſich als ein Solches erweiſen, wodurch dieſer Satz keineswegs aufgehoben wird.

1. Der reine Begriff iſt keine leere Allgemeinheit, ſondern in ſich ſchon eine Geſammt-Einheit von Momenten. Dieſe Momente, welche weſentlich ſchon in dem Begriff als ideelle Einheit enthalten ſind, treten ebendeßwegen überall, wo er ſich verwirklicht, hervor. Wo irgend Schönes ſich realiſirt, da realiſirt ſich auch Erhabenes und Komiſches, weil dieſe Momente ſchon im Begriffe ſich gegenſeitig fordern und ſetzen.

2. Dagegen wird von dem Punkte an, wo der Begriff in ſeine Wirklichkeit übergeht, eine Reihe neuer Unterſchiede hervortreten. Daraus ſcheint zu folgen, daß zwiſchen dem Begriff und ſeiner Realität ein Weſens - Unterſchied ſey, ſo daß jener im Sinne des formaliſtiſchen Denkens der ſubjectiven Abſtraction zugewieſen würde. Die gegenwärtige Unterſuchung ſetzt dieſen Standpunkt überhaupt als überwunden und die Einſicht als vorhanden voraus, daß der Begriff ſelbſt als allgemeine hervorbringende und bewegende Seele in ſeiner Realität wirklich iſt. Nicht die Dar -46 ſtellung des Begriffs, ſondern nur die Trennung derſelben von der Dar - ſtellung ſeiner Wirklichkeit iſt, eben weil dieſe ſeine Wirklichkeit iſt, ſubjective Abſtraction, doch nicht willkürliche, ſondern von dem Geſetze der Wiſſenſchaft geforderte. Wenn hiedurch der Begriff für eine Macht erklärt wird, welche ſelbſt der Grund ihres Daſeyns iſt, ſo wird darum kein ſpeculatives Phantom aufgeſtellt. Der Erfolg wird dies im zweiten und dritten Theile des Syſtems zeigen. Was nun aber das Andere ſey, das in der ideellen Allgemeinheit des Begriffs noch nicht enthalten iſt, in ſeiner Verwirklichung hinzukommt und jene Reihe neuer Unterſchiede in ihn einführt, wird ſich zeigen. Hier nur ſo viel: dieſes Andere iſt eine Be - dingung der Realität, welche, an ſich ſelbſt auch nichts als die Wirklichkeit eines Begriffs, aber eines ſolchen, der, urſprünglich ein anderer als der der Schönheit, in ſeiner Entfaltung dieſem entgegenkommt und von ihm in ſeinen Dienſt gezogen wird, aber ſich in dieſem Verhältniß zu ihm als dem Thätigen als das blos Verwendete und Benützte verhält. So iſt es mit jedem Begriffe und ſeiner Verwirklichung, Er bleibt in dieſer das weſentlich Beſtimmende, verwendet aber Realitäten, welche übrigens die Wirklichkeit anderer Begriffe ſind, zu ſeinen Zwecken und gibt ſich in dieſer concreten Verflechtung eine neue Reihe von Beſtimmtheiten. Dies iſt der einzige Unterſchied zwiſchen dem Begriff und der Realität. Derſelbe iſt in der Anmerkung zu §. 7 ſchon berührt, dort aber nur in Beziehung auf dasjenige, was die Aeſthetik als zur Maſſe des rein Poſitiven gehörig ausſchließen muß, während es ſich hier um Geſtaltungen des Begriffs handelt, welche allerdings weſentlich ſind, nur nicht für den erſten, meta - phyſiſchen Theil der Wiſſenſchaft. Zu dem Anderen, was nun hier als Bedingung der concreten Geſtaltungen des Schönen genannt iſt, gehört aber nicht die Phantaſie. Dieſe wird ſich im zweiten Theile als der lebendige Begriff des Schönen ſelbſt erweiſen. Dagegen z. B. die Unter - ſchiede der Phantaſie als klaſſiſche, romantiſche u. ſ. w. haben ihren Grund in ſolchem Anderen: der klimatiſch und hiſtoriſch beſtimmte Volkscharakter wird von dem Schönen in ſeine Macht gezogen und gibt ihr beſondere Formen, die nicht in die Metaphyſik des Schönen gehören.

[47]

Erſter Abſchnitt. Das einfach Schoͤne.

§. 10.

Die Aeſthetik lehnt ſich an die Metaphyſik und ſetzt als durch dieſe1 begriffen die abſolute Idee voraus. Die abſolute Idee iſt die Einheit aller Gegenſätze, welche ſich in dem höchſten Gegenſatze, dem des Subjects und Ob - jects, ſammeln, der ſich durch die getheilte, aber ſelbſt wieder zur Einheit ſich zuſammenſchließende Thätigkeit des Erkennens und Wollens aufhebt. Dieſe höchſte Einheit iſt nicht blos ein formaler Begriff; ſie kann aber auf keinem2 einzelnen Punkte der Zeit und des Raumes als ſolche zur Erſcheinung kommen, ſondern ſie verwirklicht ſich blos in allen Räumen und im endloſen Verlaufe der Zeit durch einen beſtändig ſich erneuernden Prozeß der Bewegung.

1. Würde die Aeſthetik encyclopädiſch gelehrt, ſo würde hier nicht vom Schluſſe der Metaphyſik, der abſoluten Idee, mit Ueberſpringung aller Formen des wirklichen Geiſtes unmittelbar ausgegangen; die Ent - wicklung käme her von der Betrachtung des ſubjectiven, dann des objectiven Verhaltens, worein der Geiſt ſich getheilt hat; hierauf eingetreten in die Lehre vom abſoluten Geiſte hätte ſie die Religion dargeſtellt als erſte und unmittelbarſte Form, worin die Einheit aller Gegenſätze blos empfunden und durch die verwechſelnde Vorſtellung vor das Bewußtſeyn gebracht wird, und nun wäre der einfache Schritt der, daß entwickelt würde, wie das Empfundene und vorgeſtellte vermöge eines durchgreifenden Grund - geſetzes als Gegenſtand der Anſchauung vor den Geiſt treten ſoll. Daß dies nur durch die Kunſt geſchieht, dürfte auch bei dieſem Wege nicht unmittelbar hingeſtellt werden; der Ausgang von der Nothwendigkeit des48 ſinnlichen Scheinens müßte auch dann erſt durch viele Mittelglieder weiter gehen, bis erhellen würde, daß dieſes ſinnliche Scheinen eben ein Werk des hervorbringenden, nicht blos zuſehenden Geiſtes, der Kunſt iſt. Da aber die Aeſthetik hier nicht im encyclopädiſchen Zuſammenhang gelehrt wird, ſo hat ſie ſich zunächſt einfach an das Schlußreſultat der Metaphyſik anzulehnen und muß dieſes als bekannt, ja als anerkannt und als einen geiſtigen Beſitz der Zeit vorausſetzen. Die Einleitung zwar durfte hierin vorgreifen, weil ſie das Verhältniß der Aeſthetik zu den benachbarten Sphären vorläufig zu beſtimmen hatte; das Syſtem ſelbſt aber hat in dieſer Beziehung analytiſch zu verfahren: von dem entwickelten Begriffe des Schönen ſieht es zurück und indem es ihm ſeine Stelle anweist, über - ſchaut es den Gang des Geiſtes in den Schritten, die er zuletzt noch zurück - legt, um zum Schönen, dann weiter, um über es hinaus zu gelangen. Doch im erſten metaphyſiſchen Theile wird auch dieſes Eingehen ſich noch in ab - ſtracten, aus den Lehnſätzen ſynthetiſch gewonnenen Beſtimmungen bewegen; als ein Thun des concreten lebendigen Geiſtes neben anderen Weiſen ſeines Thuns wird das Schöne erſt im zweiten Theile ſich darſtellen. Jenes Reſul - tat der Metaphyſik nun, von dem hier ausgegangen wird, iſt reiner Pan - theismus. Es könnte zweierlei eingewandt werden: entweder, es ſey gleich - gültig, ob die Aeſthetik vom Theismus oder vom Pantheismus aus conſtruirt werde, denn das Schöne ſetze zwar die Immanenz voraus, aber der Theismu[s]habe auch die Immanenz, nur die Tranſcendenz dazu; oder: es müſſe und ſolle ſogar vom Theismus aus conſtruirt werden, denn die allein wahre Kunſt ſey diejenige, welche die perſönliche Gottheit feire. Beide Einwendungen verhalten ſich ſo zu einander: die erſte verſteht die Kunſtgeſchichte nicht, die zweite mißverſteht ſie. Der höchſte Gegenſtand der Kunſt iſt immer das Abſolute; wird dies als perſönlicher Gott behauptet, ſo iſt und bleibt, ihn mit ſeinen Umgebungen und den Erſcheinungen ſeines Eingriffs in die Welt darzuſtellen, die höchſte Aufgabe der Kunſt, und dadurch ſind alle Fortſchritte rein weltlicher Kunſt ſeit der Reformation entweder verkannt oder verdammt. Der Standpunkt der erſten Einwendung verkennt dieſelben; er läßt ſie zu, da er neben der Tranſcendenz Immanenz behauptet, aber er muß ſie niedrig ſchätzen. Der Standpunkt der zweiten muß ſie ver - dammen. Es leuchtet ein, daß hievon auch die ganze Stellung der Aeſthetik im Syſteme abhängt, und daß die Weiß’ſche gefordert iſt, ſobald man vom Theismus ausgeht. Doch nicht blos um den Sinn der Kunſtgeſchichte und um die Stellung der ganzen Wiſſenſchaft handelt es ſich; ſchon die ganze Begriffsfolge in der Metaphyſik des Schönen wird durch die Vor -49 ausſetzung des Theismus zerſtört. Die höchſte Einheit des Subjects und Objects iſt auf keinem einzelnen Punkte der Zeit und des Raums wirklich, aber ein geiſtiges Geſetz fordert den Schein dieſer Wirklichkeit. Der Theismus, wie er ſich immer ſträuben mag, ſetzt einen ſolchen Punkt; dieſer Punkt iſt Gott, dem bei irgend einiger Conſequenz ein eigener Leib und ein Wohnort vom Theismus zugeſchrieben werden muß. Aeltere Kirchen - lehrer waren ſo aufrichtig, dieſe Conſequenz zu ziehen, Tertullian ſpricht ſie aus, die Clementiniſchen Homilieen ſtellen einen leiblichen Gott als Ideal der Schönheit auf. Die Darſtellung dieſes Gottes, wie er einmal vorgeſtellt wird, muß dann für die höchſte Aufgabe der Kunſt erklärt werden, während die wahre Auffaſſung ſolche Verſuche als etwas rein Phänomenologiſches in die Kunſtgeſchichte einreiht. Als ein Aufblick zu dieſem transſcendenten Leibe muß aber dann das Schöne vornherein con - ſtruirt werden. Es iſt nicht reiner Schein, es iſt Porträtiren eines abſoluten Körpers, der ihm freilich niemals ſitzt. Der Theismus, der dieſen über - irdiſchen Leib begriffsmäßig zu halten ſucht, iſt gar keine Form der Wiſſen - ſchaft; er iſt ein Verſuch des gemeinen Menſchenverſtands, die Phantas - magorie des Doppeltſetzens zu ſyſtematiſiren.

2. Die einzige Tranſcendenz, welche die Philoſophie kennt. Die abſolute Idee iſt ewiger Prozeß. Der Theismus hat einen todten d. h. einen ein für allemal fertigen, der Pantheismus einen lebendigen Ueber - ſchuß, und dadurch Raum genug für alle die poetiſchen Kräfte des Gemüths, die man ihm abſtreiten will, Sehnſucht, Hoffnung, Glauben, Beugung vor einer unendlichen Tiefe, die kein Zeitmoment erſchöpft. Nicht von dieſen Kräften iſt aber hier die Rede; der Fortgang der Begriffsfolge wird ſich zeigen.

§. 11.

Die abſolute Idee legt ſich in einen Umkreis beſtimmter Ideen aus - einander, und auch die einzelne beſtimmte Idee iſt auf keinem gegebenen Punkte des Raums und der Zeit unmittelbar wirklich, ſondern ſie verwirklicht ſich nur in der unendlichen Zahl und Bewegung der unter ihr begriffenen Weſen.

Der §. bereitet die Ergänzung eines weſentlichen Mangels der Hegel’ſchen Aeſthetik vor, wovon nachher. — Die beſtimmten Ideen ſind die Reiche des Lebens, ſofern ihre Wirklichkeit als ihrem Begriffe entſprechend gedacht wird; denn Idee bezeichnet immer den in ſeiner Wirklichkeit rein und mangellos gegenwärtigen Begriff. Dieß reineViſcher’s Aeſthetik. 1. Bd. 450Daſeyn ſtellen aber nur alle dieſem Begriff, d. h. dieſer Gattung ange - hörigen Weſen dar, wie jedes in unendlicher Reihe das andere ergänzt, die Mängel des vorhergehenden Zuſtands im folgenden überwindet. Iſt alſo Idee das Subject im Satze des §. und wird eine gewiſſe Art der Wirklichkeit ihr doch abgeſprochen, ſo iſt ſie in dieſer Beziehung blos gedachte Einheit des Begriffs und der Wirklichkeit, was ſogleich her - vorzuheben iſt.

§. 12.

Dieſe Wirklichkeit der Idee, welche in keinem einzelnen Momente und an keinem einzelnen Orte je vollendet iſt, kann in Wahrheit nur durch den Gedanken erfaßt werden. Auf zweierlei Weiſe alſo iſt ſie wirklich: im all - gemeinen, ewigen Weltverlaufe und im zuſammenfaſſenden Geiſte des Denkenden. Zwiſchen dieſe beiden Weiſen aber tritt eine andere ein. Es beherrſcht nämlich alle Sphären des Geiſtes das Geſetz des Ausgangs vom Unmittelbaren zum Vermittelten (vergl. §. 4); dieſes Geſetz, deſſen Grund und Allgemeinheit als erwieſen hier aus der geſammten übrigen Philoſophie vorauszuſetzen iſt, fordert mit Nothwendigkeit, daß auch die abſolute Idee, welche in entſprechender Wahrheit nur durch die Vermittlung des Denkens zu ergreifen iſt, zuerſt in der Form der Unmittelbarkeit oder der[Anſchauung] vor dem Geiſt auftrete.

Es iſt unvermeidlich, hier einen neuen Satz aus der Logik, wo er dialektiſch begründet wird, und aus der geſammten übrigen Philoſophie, wo er ſich als Geſetz alles Lebens bewährt, als Lehnſatz aufzunehmen, den zwar die Einl. ſchon im weiteren Sinne berührt hat in §. 4. Die beſondere Wiſſenſchaft der Aeſthetik kann ſich auf eine Begründung dieſes Geſetzes nicht einlaſſen, denn ſie würde ſich dadurch kein geringeres Geſchäft auf - legen, als eine Recapitulation der ganzen Philoſophie. Inzwiſchen kann der weniger Bewanderte ſich ſelbſt, der Bewanderte dem Schüler mit wenig Schwierigkeit begreiflich machen, daß alle Bewegung anfängt mit dem, was, um zu ſeyn oder begriffen zu werden, nicht erſt ein Anderes voraus - ſetzt, und dies iſt das Unmittelbare; daß ſie fortgeht zu dem, was ein Anderes vorausſetzt und was daher von dieſem geſetzt iſt, was ſich alſo nur durch dieſes Hindurchgehen von dem Einen zum Andern, nur durch dieſe Gegenſeitigkeit erhält oder begreifen läßt; daß ſie endlich ſchließt mit dem, worin ſich dieſe Theilung in Eines und Anderes, das einander ſetzt und trägt, wieder zur Einheit aufhebt, indem ſich zeigt, wie das Eine im Andern und das Andere im Einen iſt und ſo ihr Gegenſatz ſich auflöst. Leicht iſt es, dieſes Geſetz an jeder Sphäre des Lebens, des51 geiſtigen insbeſondere, vorſtellig zu machen. Sphäre des ſubjectiven Geiſtes: unmittelbare Einheit in der fühlenden Seele, Vermittlung im Erkennen durch den Gegenſatz des Subjects und Objects, vernünftiges Denken der Einheit dieſes Gegenſatzes. Sphäre des objectiven Geiſtes: der Wille in der unmittelbaren Geſtalt des Triebes, in der vermittelten als wählende Freiheit, in der harmoniſch mit ſich ſelbſt Einen als Wille des Guten. Staat: Naturſtaat, verſtändiger Staat (Polizeiſtaat), ver - nünftiger Staat. Sphäre des abſoluten Geiſtes, Religion: Natur - Religion, vermittelte oder verſtändig trennende Religion (Judenthum), vernünftig einigende Religion (Chriſtenthum). Je die dritte und höchſte Form, in welcher die Unterſchiede der Vermittlung zuſammengiengen, wird aber wieder zu einem Einfachen und Unmittelbaren, derſelbe Prozeß wieder - holt ſich. Dies iſt an nichts klarer nachzuweiſen, als an dem Bildungs - gange der Menſchheit, worin immer die letzte und vermeintlich bewußteſte Form einer neuen Zeit zum Gegenſtand eines höheren Bewußtſeyns, zum Stoffe einer tieferen Arbeit, alſo wieder zum Unmittelbaren und zum Aus - gangspunkte der Vermittlung wird. Dieſe Bewegung wiederholt ſich, was die beſonderen Sphären des Geiſtes betrifft, ſo lange, bis die Form gefunden iſt, welche dem Inhalte ſchlechthin entſpricht, ſo daß der Drang, den letzten Reſt des Dunkels im verhüllten Unmittelbaren aufzulöſen, geſättigt iſt und die Idee bei ſich ſelbſt ankommt. Dieſe Form iſt das reine Denken als Philoſophie; was aber den Bildungsgang des Geiſtes überhaupt betrifft, ſo iſt mit ihr die Bewegung nicht geſchloſſen; immer auf’s Neue ſchickt ſich die Vermittlung das Unmittelbare voran, um es in ſich zu verarbeiten, die Philoſophie ſelbſt hat ihre Geſchichte, worin jener Prozeß unendlich wiederkehrt, nur verbeſſert ſie in dieſem blos ihre eigenen Formen und ſucht keine weitere über ſich ſelbſt hinaus. Die Nothwendigkeit des Schönen beruht nun darauf, daß der Geiſt, nachdem er den Standpunkt bereits eingenommen hat, worin die Gegenſätze der Endlichkeit aufgehoben ſind, auch auf dieſem Standpunkt, welcher der reichſte und vermitteltſte von allen iſt, ſelbſt wieder zunächſt mit der Form der Unmittelbarkeit beginnt, daß er die abſolute Idee ſelbſt wieder in ſinnlicher Form, welche (beziehungsweiſe) ohne Vermittlung im Gefühl und der Anſchauung auftritt, vor ſich hinſtellt. Genauer betrachtet handelt es ſich von zwei der Philoſophie vorangehenden Formen, der Religion und der Kunſt (vergl. §. 5), von welchen die erſte im ſtrengſten Sinn unmittelbar und Ausgangspunkt iſt, die zweite entſchieden ſchon die Ver - mittlung darſtellt, während die dritte (die Philoſophie) mit dem rein4*52Allgemeinen beginnt und aufhört, was die Aufhebung aller Vermittlung vorausſetzt und dieſe in der Mitte ihres Wegs nur frei und ſelbſtthätig, ebendaher mit der bewußten Beſtimmung, daß ſie zu überwinden ſey, hervortreten läßt. Die Religion wird ſich als Gefühl darſtellen, worin Subject und Object noch gar nicht geſchieden ſind; was ſie von Formen der Vermittlung aus ſich erzeugt, das bleibt, eben weil ſie ſich von jener Grundlage auch in ihren höheren Formen nicht zu befreien vermag, in der ſtoffartigen Verwechslung von Subject und Object hängen, welche in §. 5 Anm. ſchon berührt iſt. Die Kunſt dagegen entſpricht der An - ſchauung, worin dem Subject — zwar in ſinnlicher Weiſe — klar ge - ſchieden ein Object gegenübertritt; dieſe Gegenüberſtellung iſt offenbar bereits Vermittlung. Die Kunſt wird ſich auch wirklich als die Ver - mittlerin zwiſchen Religion und Philoſophie darſtellen. Der §. hat ſich jedoch auf die beſonderen Formen Religion und Kunſt noch nicht einzulaſſen, ſondern nur abſtract zu Behuf der erſten Grundlegung auf das dargeſtellte Geſetz des logiſchen Prozeſſes überhaupt zu berufen, der auch der Prozeß des wirklichen Geiſtes iſt. Gegeben iſt im obigen Zuſammenhang zunächſt nur die Philoſophie, welche als die einzig adäquate Form der abſoluten Idee im Anfang des §. ausgeſprochen iſt; nur mit dieſer iſt jetzt der Stand - punkt des Schönen zu vergleichen, und da alſo nur ein Verhältniß zwiſchen zwei Formen gegeben iſt, ſo kann das in Rede ſtehende Geſetz nur nach der allgemeinen Beſtimmung aufgeführt werden, daß es einen Ausgang vom Unmittelbaren und einen Fortgang zum Vermittelten mit ſich führt. Nun erwäge man, daß das Schöne als ein gegenüberſtellendes Anſchauen verglichen mit dem, Subject und Object dunkel in Eins ſchlingenden, Gefühl zwar allerdings eine vermittelte Form iſt, wenn es aber nach vorwärts mit dem Denken verglichen wird, durchaus als gegründet auf Unmittel - barkeit erſcheint, ſo wie die Anſchauung überhaupt im pſychologiſchen Gebiete mit dem Gefühl verglichen zwar eine Vermittlung, mit dem Denken aber verglichen eine Unmittelbarkeit, eine ſinnliche Form iſt; man erwäge überhaupt, daß das Moment der Vermittlung in der philoſophiſchen Methode ſelbſt überall noch in Kategorieen der Sinnlichkeit hängt (alles blos verſtändige Trennen rührt daher, daß der Verſtand noch von den Grundformen der Sinnlichkeit, Raum und Zeit, nicht frei iſt); man erwäge aber weiter, daß die Vermittlung ebenſoſehr die Thätigkeit iſt, dieſen Reſt des Unmittelbaren aufzuheben: ſo erhellt, daß im §. der Standpunkt des Schönen als eine im abſoluten Geiſte ſelbſt noch geforderte Form der Unmittelbarkeit, das reine Denken aber als Form der (ſich im Fortgang53 aufhebenden) Vermittlung aufzuführen und davon in dieſem Zuſammen - hang zu abſtrahiren war, daß im ſtrengſten Sinne unmittelbar allerdings vielmehr die der Kunſt vorangehende Form der Religion iſt. Daher heißt es im §. : „ die Form der Unmittelbarkeit oder der Anſchauung “; die Un - beſtimmtheit, die darin liegt, wird in der weiteren Entwicklung verſchwinden.

§. 13.

Dieſem Geſetze entſprechend erzeugt ſich ihm der Schein, daß ein Einzelnes1 in der Begrenzung von Zeit und Raum Daſeyendes ſeinem Begriffe ſchlechthin entſpreche, daß alſo in ihm zunächſt eine beſtimmte Idee und dadurch mittelbar die abſolute Idee vollkommen verwirklicht ſey. Dies iſt zwar inſofern ein bloſer2 Schein, als in keinem einzelnen Weſen ſeine Idee vollkommen gegenwärtig iſt; da aber die abſolute Idee nicht eine leere Vorſtellung, ſondern allerdings im Daſeyn, nur nicht im einzelnen, wahrhaft wirklich iſt, ſo iſt es inhalts - voller Schein oder Erſcheinung. Dieſe Erſcheinung iſt das Schöne.

1. „ Erzeugt ſich ihm der Schein. “ Abſichtlich unbeſtimmt, ſonſt wäre zu ſagen: er erzeugt ſich den Schein. Es wird hier immer noch die Anſicht freigegeben, als ob dem Geiſte dieſer Schein von auſſen gegeben ſey, im Naturſchönen. Eigentlich iſt es ein Schein anderer Art, ein Schein, als ſey der wahrhaft geſuchte Schein von ſelbſt da, daß wir meinen, die Schönheit ſey eine vorgefundene; er rührt daher, daß der Act, wodurch wir die Natur unter den Standpunkt der Schönheit rücken, ein unbe - wußter iſt: — was Alles hier noch nicht erörtert werden kann. —

Der Schein beſteht darin, daß ein in Raum und Zeit Daſeyendes Alles zu erſchöpfen ſcheint, was unter reinſter Vereinigung ſeines Begriffs (ſeiner Gattung mit allen in ihr enthaltenen Momenten und Merkmalen) und ſeiner Wirklichkeit gedacht wird, d. h. was in ſeiner Idee liegt. Ganz derſelbe Gedanke iſt ausgeſprochen von Schelling (Syſtem des tranſc. Idealism. S. 473, 474): „ durch die objective Welt als Ganzes, niemals aber durch das einzelne Object wird ein Unendliches dargeſtellt, während dagegen als Product der Kunſt jedes einzelne Object die Unendlichkeit darſtellt. “

2. Bloſer Schein iſt hierin nur das, daß dieſes Einzelne mangel - loſe Darſtellung der reinen Harmonie zwiſchen dem Begriff und der Wirklichkeit ſey. Der ganze Umfang und Verlauf des Lebens ſtellt aber, wiewohl wir in unendlichem Progreſſe und daher nicht in be -54 grenztem Punkte für die Sinne faßbar, allerdings die abſolute Idee vollkommen dar. Alſo ein Schein und hinter dieſem Schein eine Wahr - heit. Dies iſt inhaltsvoller Schein: Erſcheinung. Die Etymologie des Wortes Schön iſt übrigens zweifelhaft; es kann zu Scheinen aber auch zu Schauen (schouwen, wie frône zu frô, frôwes vergl. Wacker - nagels Wörterbuch) gehören; beide Ableitungen entſprechen jedoch gleich gut dem Begriffe.

§. 14.

Das Schöne iſt alſo die Idee in der Form begrenzter Erſcheinung. Es iſt ein ſinnlich Einzelnes, das, als reiner Ausdruck der Idee erſcheint, ſo daß in dieſer nichts iſt, was nicht ſinnlich erſchiene und nichts ſinnlich erſcheint, was nicht reiner Ausdruck der Idee wäre. Es unterſcheiden ſich alſo drei Momente: die Idee, die ſinnliche Erſcheinung und die reine Einheit beider. Jedes dieſer drei Momente iſt gemäß dem wiſſenſchaftlichen Zwecke geſondert zu betrachten.

Die Definition ließe ſich mit unendlich vielen verwandten Wendungen anderer Aeſthetiker zuſammenſtellen. Dieß iſt jedoch von keinem Intereſſe, da die wichtigſten nach der in der Einleitung §. 8 aufgeſtellten Aufgabe, die Geſchichte der Aeſthetik in das Syſtem ſelbſt einzuführen, an ihrem Orte hervorzuheben ſind.

[55]

A. Die Idee.

§. 15.

Es kann nach §. 13 zunächſt immer nur eine beſtimmte Idee ſeyn, welche1 in der ſchönen Erſcheinung zum Ausdrucke kommt; denn das Allgemeine kann ſich überhaupt im Einzelnen nur durch die Mitte des Beſonderen darſtellen. Jede beſtimmte Idee iſt aber nichts Anderes, als eine Form und Stufe der2 abſoluten, es ſind in jeder alle miteingeſchloſſen; daher iſt ebenſo weſentlich die andere Seite feſtzuhalten, daß in jedem Schönen mittelbar nicht nur dieſe oder jene, ſondern die Idee als gegenwärtig erſcheint.

1. Es iſt der Inhalt von §. 13, 1. noch ausdrücklich hervorzu - ſtellen und näher auszuführen. Der erſte Satz des §. nun ſcheint ſich ſo von ſelbſt zu verſtehen, daß er als müßig angefochten werden könnte. Eine ſchöne Frucht kann nicht unmittelbar die Idee der Frucht überhaupt zur Erſcheinung bringen, ſondern zunächſt nur ihre beſondere Art und dadurch mittelbar die Form des Naturlebens, welcher dieſe Art angehört, und ſofort die Fülle des Lebens überhaupt; ein ſchöner Menſch nicht unmittelbar die Menſchheit, ſondern zunächſt eine beſtimmte Volksart, Stammes-Art, Bildungsform, Geſchlecht, Stand u. ſ. w., und nur mittelbar, weil in allen dieſen Formen die Menſchheit ſich entfaltet, die letztere. Zieht man hier ſogleich (was eigentlich ungehörig iſt) die Religion herbei, ſo ſucht dieſe allerdings, ſo ſcheint es, unmittelbar die abſolute Idee im Phantaſiebilde, das ſie der Kunſt übergibt, zu ver - gegenwärtigen. Allein auch die Religion iſt genöthigt, den Inbegriff des Vollkommenen für dieſen Zweck in einen Kreis von Göttern und Mittelweſen oder in eine Mehrzahl von Perſonen in der Gottheit, von56 Engeln, Heiligen u. ſ. w. auseinander zu legen, denn die Geſtalt iſt zu begrenzt und beſtimmt, um ohne die Mitte der Beſonderheit das All - gemeinſte in ſich darzuſtellen. Dennoch hat Hegel, indem er zwar ſonſt dieſe nothwendige Einſchränkung nicht überſah, ja ſogar mit Vor - liebe ſich für eine Epoche der Kunſt ausſprach, welche nichts weniger als unmittelbar nach dem höchſten Stoffe griff, ſich den Vorwurf zu - gezogen, daß er gerade an den entſcheidenden Stellen dieſen weſentlichen Punkt ſchief darſtellte. Die Hauptſtelle iſt Aeſthetik B. 1. S. 96, 97. Die Forderung zunächſt einer beſtimmten Idee liegt zwar hier entſchieden in dem Ausdrucke vor: „ die Idee als das Kunſtſchöne iſt die Idee mit der näheren Beſtimmung, weſentlich individuelle Wirklichkeit zu ſeyn, ſo wie eine individuelle Geſtaltung der Wirklichkeit mit der Beſtimmung, in ſich weſentlich die Idee erſcheinen zu laſſen. “ Die individuelle Geſtalt kann offenbar zunächſt nur dieſe oder jene Idee in ſich zur vollen Er - ſcheinung bringen. Gleich darauf aber wird dies geradezu abgewieſen und behauptet, es werde, wenn man es dem Kunſtſchönen freiſtelle, dieſe oder jene Idee zur Darſtellung zu bringen, in formaliſtiſcher Weiſe bloſe Richtigkeit ſtatt Schönheit gefordert. Dies iſt ein ganz über - eilter Schluß, deſſen Grund ſich übrigens einſehen läßt. Hegel hat vorher ausgeſprochen, daß die Idee im Kunſtſchönen nicht die Idee in dem Sinne ſey, wie ſie eine metaphyſiſche Logik als das Abſolute aufzu - faſſen habe, ſondern die Idee, inſofern ſie zur Wirklichkeit fortgeſtaltet ſey und mit dieſer Wirklichkeit in unmittelbar entſprechender Einheit ſich darſtelle. Nun fürchtet er, wenn er „ dieſe oder jene “Idee als Inhalt des Schönen zulaſſe, ſo denke man an blos logiſche Kategorien, oder ab - ſtracte Begriffe, wie man ja ſolche häufig genug als Inhalt künſtleriſcher Darſtellung wählen zu dürfen gemeint hat. Allein gegen dieſe Beſorg - niß hat er ſich ja vielmehr ebendadurch gedeckt, daß er ausdrücklich die äſthetiſch darſtellbare Idee erſt im Reiche des Lebens beginnen läßt, und es bedurfte etwa nur noch einer beſonderen Verwahrung, wie ſie im folgenden §. niedergelegt werden wird, um dieſes Mißverſtändniß aus - zuſchließen. Allerdings ſcheint dieſem Mangel noch eine andere, geheime Urſache zu Grunde zu liegen. In der Lehre vom Ideale nämlich unter - läßt Hegel zwar nicht, dasſelbe als ein beſtimmtes darzuſtellen, d. h. als ein ſolches, das ſich durch die Religion in einen Götterkreis, das ſich in der menſchlichen Welt in verſchiedene Zuſtände, Mächte des Handelns, Charaktere auseinanderlegt. Ueberall jedoch zeigt er hier und ſonſt eine entſchiedene Neigung, ſogleich nur den höchſten und bedeutendſten57 Inhalt, den das Schöne in ſich aufnimmt, in’s Auge zu faſſen, woraus denn auch folgt, daß er die Kunſt zu wenig von der Religion trennt. Nicht dies iſt ihm dabei zum Vorwurf zu machen, daß er gewichtigen Inhalt fordert, aber dies, daß er darüber den weiten Umkreis unendlicher Lebens - formen überſpringt, welche zwar nicht den bedeutendſten, aber gewiß auch einen würdigen Inhalt abgeben. Dies veranlaßt ihn ſogar zu dem logiſchen Fehler, das Naturſchöne von dem Kunſtſchönen oder Ideal ſo zu unterſcheiden, daß er dieſes da eintreten läßt, wo ſich das blos beſeelte Leben in begeiſtetes Leben erhebt, wiewohl er übrigens auch dieſes als der künſtleriſchen Läuterung noch bedürftig nachweist (B. 1, S. 191 ff.). Allein das Schöne jener tiefer ſtehenden Stufen des Naturlebens iſt ja auch ein Gegenſtand der Kunſt, kommt als ein Zweig der Darſtellung auch vor im Ideale; daher nimmt Hegel in dieſes viel zu wenig auf. Hegel dringt alſo auf großen Gehalt zu ſehr auf Koſten der unendlichen anderweitigen Arten von Gehalt, und dies eben iſt wohl auch der Grund, warum er ſchon in der Grundlegung des Begriffs ausdrücklich nur von der abſoluten, nicht von der beſtimmten Idee geſprochen wiſſen will.

Aus dieſem Vorwurf, der allerdings Hegels Entwicklung trifft, iſt ihm neuerdings ein weiterer geſchmiedet worden, der nicht ihn, wohl aber alle Wiſſenſchaft des Schönen und am Ende alle Wiſſenſchaft trifft und im Grunde alle Kunſt zerſtört. In der Einleit. §. 5. Anm. iſt hervorgehoben worden, wie Weiße einen Grundfehler der Hegel’ſchen Aeſthetik darin finden will, daß in ihr die Schönheit als eine verhüllte Wahrheit gefaßt werde. Er ſagt: „ dann bliebe, was in ihr Wahrheit iſt, die ſpeculativen Gedanken und Begriffe, die dem Schönen eingebildet und in ihm niedergelegt ſeyn ſollen, das allein wahrhaft Seyende in ihr, und die Bilder und Vorſtellungen, in die ſie gehüllt iſt, wären ein äußerliches Nebenwerk, von welchem jene das abſolut Geiſtige der Schön - heit ausmachenden Begriffe befreit, weit reiner und vollkommener, als mit ihnen, ſie ſelbſt wären. Wer daher die Schönheit, ſtatt für eine aufgehobene, für eine verhüllte Wahrheit hält, muß nothwendig, in dem Wahne ſtehen, daß es für jedes einzelne Schöne einen adäquaten Begriff gebe, in welchem das Weſen oder der innerſte Kern der Schönheit vollſtändiger, als in dem Schönen ſelbſt enthalten ſey. Dieſer Wahn hat außer vielen andern Mißverſtändniſſen auch das einer Kunſt - philoſophie und Kunſtkritik hervorgerufen, welche in „ „ Gedankenkunſt - werken ““das Beſte und wahrhaft Geiſtige, gleichſam die Quinteſſenz jedes wirklichen Kunſtwerkes, wiedergeben und ſolchergeſtalt dieſe letzteren wie58 alle Schönheit entbehrlich mache, indem ſie ſie in dem höhern und edlern Elemente des reinen Gedankens wiederſchaffe. “ (Syſt. der Aeſth. 1. Thl. §. 9 Anm.) Es mußte ſchon oben vom encyklopädiſchen Stand - punkte der Einleitung aus dieſer Vorwurf auf Weiße ſelbſt zurückge - wendet werden, welcher durch die Voranſetzung der Wahrheit vor die Schönheit jene ja ſchon vorher enthüllt hatte und nun erſt wieder verhüllen muß. Meint er nun, das Organ des Schönen, die Phan - taſie, ſey fähig, dieſe Verhüllung im Sinne der von ihm geforderten Aufhebung vorzunehmen, ſo ſollte man doch wenigſtens meinen, ſie ſey noch weit gewiſſerfähig, eine reine Durchdringung der Wahrheit mit der Form, wodurch die erſtere gar nicht mehr als eine geſonderte wahrzu - nehmen iſt, dadurch zuführen, wo jene Enthüllung noch gar nicht vorher - gegangen iſt. Man ſieht aber aus den weiteren Sätzen ganz deutlich: Weiße hat zwei Fragen völlig verwechſelt. Die eine iſt: was unterſcheidet die Wiſſenſchaft im Schönen? die andere: welche Verbindung dieſes von ihr Unterſchiedenen ſagt die Wiſſenſchaft vom Schönen und von der Art des erſten, rein äſthetiſchen Eindrucks desſelben auf das Subject aus? Wenn die Wiſſenſchaft im Schönen einen beſtimmten Ideengehalt und eine ſinn - liche Form, worin er niedergelegt iſt, unterſcheidet, ſo meint er, ſie finde keinen Weg und Steg mehr, nachzuweiſen, daß das Weſentliche des Schönen eine reine Verſchmelzung beider ſey. Er meint, die Wiſſenſchaft lege die Trennung, die ſie vornehmen muß, der Phantaſie oder dem Künſtler unter; er meint, weil die Wiſſenſchaft den Gehalt, den ſie vom Kunſtwerke fordert, nur in beſtimmter Gedankenform als Idee faſſen kann, ſo vergeſſe ſie, daß der Künſtler ebendenſelben Gehalt, aber nicht in der Weiſe des Gedankens, ſondern vorneherein als untrennbar eingeboren in ſinnliche Form in ſich hegt und darſtellt, er meint, weil die Kunſtphiloſophie über den reinen ungetheilten Empfindungsgenuß hinausgehend das Kunſtwerk im Gedanken noch einmal aufbaut, ſo zerſtöre ſie jenen und dieſes, da ſie doch ſelbſt durchaus nicht für einen äſthetiſchen Akt, ſondern nur für einen Akt des Nachdenkens über das Aeſthetiſche gehalten ſeyn will, und da ihr Gedanken-Umbau des Kunſtwerks zum Hauptziele hat, nicht etwa blos die Beſtandtheile desſelben aufzuweiſen, ſondern vielmehr gerade das äſthetiſche Band, das ſie künſtleriſch vereinigt; er vergißt, daß eben - daher die Philoſophie zwar mehr zu ſeyn behauptet, als die Kunſt, aber nicht der philoſophiſche Nachbau eines einzelnen Kunſtwerks mehr als dieſes, denn er dient ja eben zur Ehre des Kunſtwerks und verherrlicht es, indem er das ſpezifiſch äſthetiſch Einigende in ihm aufzeigt. Wenn59 nun die Philoſophie nicht mehr als den Kern aller Dinge den Gehalt ſoll aufweiſen dürfen und können, der unendliche Formen annimmt und für ſie und durch ſie erſt zum gedachten Begriffe wird, ſo iſt ſie aufge - hoben, ihr höchſtes Ziel iſt, ſich zu zerſtören und den Gedanken dazu zu benützen, um die Undenkbarkeit ihrer Gegenſtände zu beweiſen; die Kunſt ſelbſt aber wird ein Geſpenſt, das aus Furcht, durch Aufnahme eines Gehalts unſelbſtändig zu werden, im leeren Scheine ſpuckt.

Dieſen Keim einer falſchen Kritik hat neueſtens W. Danzel aus - geſponnen: Ueber die Aeſthetik der Hegelſchen Philoſophie (1844). Er hat in dieſer Schrift viel Wahres und Zeitgemäßes vor - gebracht, denn es thut wirklich noth, die alte Kantiſche Einſicht wieder in ihre Kraft einzuſetzen, daß das Schöne ein reines Formweſen und alles ſtoffartige Intereſſe ihm fremd iſt. Auch iſt nicht zu läugnen, daß die von Hegel zunächſt ausgegangene äſthetiſche Kritik, wie ihr der Verfaſſer vorwirft, bei der Beurtheilung von Kunſtwerken häufig nur auf den Gehalt losging, ihn ſogar blos als Gelegenheit benützte, das aus Religions - und Rechts-Philoſophie anderweitig Bekannte zu wieder - holen, während man ja „ gerade wiſſen wollte, was die Form als ſolche ſey, woher ſie ſtamme, und wie man ihre Wirkung zu erklären habe “. Von dieſer Verwechslung der ſpezifiſch äſthetiſchen Kritik mit einer auf den Gehalt gerichteten philoſophiſchen ſucht Danzel den ur - ſprünglichen Grund in einer ſtoffartigen Auffaſſung des Schönen, die der geſammten Kunſtbetrachtung des Meiſters zu Schulden kommen ſoll. Zunächſt mit Rückſicht auf die Stellen in der Phänomenologie und Encyclopädie wird Hegel Vermiſchung der Kunſt und Religion vorgeworfen; dieſer Vorwurf iſt nicht umzuſtoßen, auch die Vorleſungen über Aeſthetik trifft er in einem gewiſſen Sinne, namentlich den ganzen zweiten Theil. Wenn nun aber gerade die Vorleſungen durch die ander - weitige Entwicklung der Hauptbegriffe das Spezifiſche des Schönen mit aller Entſchiedenheit in die völlige Durchdringung des Gehalts mit der Form ſetzen, von welcher die Vorſtellung, welche Hegel als das Element der Religion aufſtellt, wohl zu unterſcheiden iſt, ſo beſchränkt ſich hier der Vorwurf, ſoweit er gerecht iſt, dahin: Hegel verkennt nicht den Unter - ſchied beider Sphären, aber er dringt, wie wir ſahen, zu unmittelbar auf den höchſten Gehalt in der Kunſt; dieſen faßt er theils als einen ſubſtanziell ſittlichen, theils als religiöſen; nun überſieht er zwar nicht, daß die Kunſt dieſen Gehalt nur in ihrer Weiſe darzuſtellen hat, aber er weist ihr einen zu engen Gehalt an und zieht ſie darum — zwar nicht in60 eine Vermiſchung mit, aber in eine Abhängigkeit von der Religion und Ethik hinein: ein Mangel, deſſen erſter Anſatz eben in der Ueber - ſpringung der einzelnen beſtimmten Idee liegt, die wir oben gefunden haben. Jenes, daß nämlich Hegel das Spezifiſche der Schönheit im Uebrigen wohl erkannt habe, iſt es nun aber eben, was Danzel über - haupt läugnet, und den Vorwurf einer Vermiſchung mit der Religion wendet er in Rückſicht auf die Vorleſungen zu dem Vorwurf einer Ver - miſchung mit der Wahrheit. Es erſcheine, ſagt Danzel, die Kunſt nur als eine beſtimmte Form der Aeußerung und Darſtellung des Wahren, als ein beiläufiges Surrogat für das Denken; Alles, was die Kunſt vom Wahren unterſcheide, trete nur als Zweites hinzu, der Gedanke werde durch etwas Anderes, als er, getrübt, die Beſonderung komme dem Ideale von außen; Hegels ganze Aeſthetik ſey daher nichts als verfeinerter Baumgartenianiſmus. Daher werde Hegels Moniſmus des Gedankens, weil ihm eine falſche Anwendung gegeben ſey, hier zum Dualiſmus. Die falſche Anwendung ſoll darin beſtehen, daß man jenen, welcher nur das Prinzip der wiſſenſchaftlichen Behandlung der Kunſt ſeyn ſollte, dieſer als Inhalt untergeſchoben habe (a. a. O. S. 52 — 68). Da nun Hegel ſelbſt überall, wo er das Weſen des Schönen darſtellt, in der Lehre vom Ideal, vom Künſtler, von den einzelnen Künſten, die auf jeder Stelle zum allgemeinen Be - griffe des Kunſtſchönen zurückführt, mit wiederholter gründlicher Ent - wicklung, mit warmer Beredtſamkeit das Schöne vielmehr eben in jenen Mittelpunkt ſetzt, in welchem das Aeußere zu dem Innern nicht hinzu - kommt, ſondern mit ihm zuſammenfällt, ſo fragt ſich, mit welchem Rechte Danzel gerade dieſe Stellen für Inconſequenzen erklärt, einige Wendungen, wo in ungenauerer Weiſe von einem bloſſen Verſchmolzen - ſeyn, von einem Hineinlegen des Gehalts in die Erſcheinung durch den Künſtler die Rede iſt, für ſich benützt und als die Grundlage des Ganzen vielmehr jenen Dualiſmus behauptet. Es iſt das Eine Denken, das durch Hegels ganzes Syſtem Stufe um Stufe Inhalt und Form wechſelt. Angekommen auf der Stufe des Schönen erſcheint es als reine Durchdringung des Inhalts und der ſinnlichen Form ohne Bruch und Reſt. Dieß und nichts Anderes ſagt und entwickelt Hegel. Es kommt nun darauf an, das Geheimniß aufzudecken, wodurch dieſe Durchdringung ſich verwirklicht. Dieß Geheimniß iſt das Weſen der Phantaſie. Hegel hat dieſes nicht am rechten Orte und nicht hinreichend zur Darſtellung gebracht. Die Phantaſie ſollte vor dem Ideale ſtehen, denn ſie ſchafft61 dieſes und ſie ſollte erſchöpfender unterſucht ſeyn. Nie aber wird auf die Frage: wie und unter welchen Bedingungen wird ein Einzelnes ſchön? anders geantwortet werden können, als: dadurch, daß die Phantaſie den reinen Gehalt des Gegenſtands, d. h. die beſtimmte Idee, die in ihm individualiſirt iſt, durch den Läuterungsprozeß, dem ſie den Gegenſtand unterwirft, zum reinen, die ganze Form durchfließenden Ausdruck bringt. In der untrennbaren Einheit bleibt die Idee das Beſtimmende, aus ihrer Durchführung fließt der reine Styl, der den Formen die Zu - fälligkeit und Partikularität nimmt, alſo die Schönheit. Wie nun die Phantaſie, welche die Idee keineswegs in der getrennten Form des Gedankens hat, dieß bewerkſtellige, darauf iſt die Antwort nicht leicht, aber, wenn Hegel dieſe Schwierigkeit nicht völlig gelöst hat, ſo findet ſich eben auch in Danzels ganzer Kritik keine Andeutung zur tieferen Löſung dieſer Schwierigkeit, und wenn es bei jenem an der Ausführung mangelt, ſo iſt darum nicht der Grundbegriff ſchief und dualiſtiſch. Die Idee, welche die Phantaſie im Gegenſtande als reinen Ausdruck des Ganzen zu entbinden und als reinigende Kraft der Allge - meinheit durch ſeine Formen[durchzuführen] hat, iſt die Idee des Gegen - ſtands, d. h. der beſtimmte Gehalt, den der beſtimmte vorliegende Stoff in ſich als ſeinen eigenen hat und trägt. Allerdings entſteht nun, da Hegel immer unmittelbar auf den höchſten Gehalt dringt, der Schein, als fordere er, daß die Phantaſie dieſen höchſten Gehalt in ihren Gegenſtand, gleichgiltig, ob er an ſich in ihm liege, oder nicht, von außen hineintrage. Dieß iſt die üble Folge davon, daß er die Beſonderung der Idee in beſtimmte Ideen überſpringt. Allein es iſt auch ein bloßer Schein, denn Hegel tritt gegen dieſes Hineintragen überall ſo ent - ſchieden auf, daß nicht dieſer, ſondern nur der andere, zwar nicht geringe, aber die Richtigkeit des ganzen Grundbegriffs nicht aufhebende Haupt - übelſtand zurückbleibt, der nämlich, daß der Künſtler nur ſolche Stoffe behandeln dürfte, in welchen der gewichtigſte Inhalt vorliegt. Der wahre Grund von Danzels Polemik ſcheint daher tiefer hinten zu liegen. Wenn es mit dem Moniſmus des Gedankens Ernſt iſt, ſo muß der Gedanke auch ernſtlich als das Weſen aller Dinge entwickelt werden. So iſt er auch im Schönen das Beſtimmende, nur nicht in der Faſſung des Be - griffs, ſondern in der bewußtloſen der Phantaſie; er iſt verborgener Gedanke, der höher hinauf in der Philoſophie als ſich begreifender Ge - danke zu Tage kommt. Danzel aber, da er dieß nicht will, und da er, wo der Gedanke als treibende, zu adäquater Form fortarbeitende62 Seele zu Grund gelegt wird, die Selbſtändigkeit der ganzen Sphäre aufgehoben ſieht, da er es nicht reimen kann, daß ebendaſſelbe, was einer Sphäre, auch allen anderen zu Grunde liegt, und daß dennoch jede Sphäre ſich in ihrer Eigenheit behauptet, daß z. B. das Thierreich beſteht, obwohl das Daſeyn des Menſchen es als wahre Geſtalt des Lebens widerlegt, daß daher in der Lehre vom Geiſte alle Sphären ebenſoſehr zugleich bleibende, als phänomenologiſch verſchwindende Formen ſind; ſo ſetzt er offenbar voraus, daß der Gedanke je in der Sphäre, wo er nicht als ſelbſtbewußter Begriff auftritt, ſich in ein irrationales Plus aufhebe, d. h. er iſt Dualiſt, wie Weiße, auf dem er fußt.

2. Der zweite Theil des §. hebt mit ausdrücklicher Beſtimmtheit noch einmal hervor, was in §. 13 ebenfalls ſchon ausgeſprochen iſt: daß nämlich durch die volle Gegenwart einer beſtimmten Idee in ihrem Individuum die abſolute Idee als gegenwärtig erſcheint, was Weiße durch den Ausdruck bezeichnet, das Schöne ſey ein Mikrokoſmus (a. a. O. §. 14). In der nächſten Bedeutung des ſchönen Gegenſtands liegt die unendliche miteingeſchloſſen. Kann eine Idee ihr Individuum rein erfüllen, ſo können es alle, und zwar nicht nur jede irgend einmal und irgendwo, ſondern wirklich iſt die Allheit in der Gegenwart der einen mitgegenwärtig, denn es iſt (§. 11) die abſolute Idee ſelbſt, die ſich in den Umkreis der beſtimmten Ideen auseinanderlegt. Sehe ich auch nur eine Pflanze, ein Thier vollkommen, ſo ſehe ich die vollkom - mene Welt. Dieſe Wahrheit ſcheint ſich auf dem Standpunkt, wohin Hegel die Philoſophie geführt hat, ganz einfach zu ergeben. Allein nicht nur die Auslaſſung der Mitte (der beſtimmten Idee) wirft ihm Danzel vor, ſondern auch, daß es nach ſeinem eigenen Prinzip un - möglich ſey, die abſolute Idee mit einer beſtimmten ſo in Verbindung zu bringen, daß ſie mit dieſer (als ihr Hintergrund) zugleich ergriffen werde. Freilich findet ſich in dieſer Stelle bei Danzel zunächſt eine Verwirrung von Begriffen. Er nennt die Anſchauungsweiſe, wonach „ der einzelne Begriff von der Ergreifung des allgemeinen Vegriffs be - gleitet ſeyn “(a. a. O. S. 53) oder dieſer hinter jenem hervorſchimmern ſoll, Theoſophie. Aber nicht dieß iſt Theoſophie, ſondern nur dieß, wenn ein Individuum ohne die Mitte des einzelnen Begriffs, d. h. der beſtimmten Idee die abſolute Idee in ſich darſtellen ſoll. Wir können jedoch davon hier abſtrahiren und dahingeſtellt ſeyn laſſen, ob das Unmittelbare, deſſen unendliche Bedeutſamkeit als durchſichtiges Ge - fäß der abſoluten Idee hier als etwas auf Hegels Standpunkt Un -63 mögliches behauptet wird, das Individuum ſey oder die beſtimmte Idee. Genug, Danzel erklärt, daß der Ruhepunkt für ein ſolches Einzelnes, in deſſen Ring die Ewigkeit gefaßt wäre, ſich in Hegels Philoſophie gar nicht finde. Seine Bedeutung in der Geſchichte der Philoſophie nämlich ſey dieſe, das Abſolute für weſentliche Vermittlung in ſich er - klärt zu haben. „ Wie ſoll nun in unmittelbarer Weiſe erſcheinen, was die Vermittlung ſelbſt iſt? Das Abſolute oder die Idee überhaupt iſt bei Hegel gar nicht etwas, das einem Andern ſimultan ſeyn könnte. Der Sinn der Vermittlung deſſelben in ſich iſt kein anderer, als der einer Vermittlung des Einzelnen unter ſich. Daher iſt nach Hegels Lehre durchaus keine andere Ergreifung des Beſondern als Beſonderung der Idee möglich, als in vollkommen ſtreng wiſſenſchaftlichem Fortgange der abſoluten Dialektik. Er kann das Allgemeine niemals, ſelbſt in der innigſten Durchdringung nicht, zugleich mit dem Einzelnen ergreifen, weil es für ihn gerade nur in dem Nacheinander dieſes letzteren beſteht. Das Abſolute kann nicht etwa nur darum in keiner andern Form er - griffen werden, weil Form und Inhalt unzertrennlich ſind, ſondern weil es gar nichts Anderes iſt, als dieſe beſtimmte Form. Daher iſt hier eine jede Unmittelbarkeit unmöglich. Die einzige Weiſe, wie das Ab - ſolute unmittelbar wird, iſt, inſofern es vom zeitlichen Menſchen gedacht wird. Dieſen kann, wenn er Seyn und Nichts geſagt hat, der Schlag rühren, ehe er Werden ſagt; ohnehin bricht er jeden Abend das Denken ab, um ſich ſchlafen zu legen “u. ſ. w.

Gut, und ſo hätte auch den Verf. dieſer Kritik der Schlag rühren können, ehe er bei der zweiten Zeile der Behauptung ankam, daß die abſolute Wahrheit ein fertiges Ding ſey, das man mit Einem Schlage haben könne, ſo könnte er Jeden in dem Augenblicke treffen, ehe er das auf Einen Schlag fertige Abſolute in ſeinen Beſitz bekommt. Hier ſind wir wirklich an der Grenze der Philoſophie und aller Vernunft. Wenn die Philoſophie das Abſolute erkennt als die Bewegung der Ver - mittlung mit ſich ſelbſt, wenn ſie ebendaher als die höchſte, allein wahr - haft entſprechende Form, es zu faſſen, ebenfalls die ſich als ſolche wollende und ſetzende Vermittlung, das reine Denken begreift, ſo iſt weder ob - jectiv noch ſubjectiv dadurch das Unmittelbare ausgeſchloſſen. Objectiv nicht, denn eben weil das Ganze Vermittlung iſt, ſo iſt jeder Knoten, den dieſe Vermittlung ſchürzt, wieder unmittelbar. Jeder weſentliche Punkt in der Reihe dieſer Vermittlungen enthält alle vorhergehenden und alle folgenden in ſich, aber ſo, daß jene in ihm zur Ruhe gekommen64 und dieſe noch nicht zur Unruhe hervorgetreten ſind, d. h. er iſt un - mittelbar, und Danzel müßte eigentlich von Hegel ausſagen, daß er nicht nur nicht das Schöne, ſondern keinerlei Exiſtenz aus ſeinem Stand - punkt ableiten könnte, daß es hier überhaupt nichts Feſtes gebe. Es gibt auch inſofern nichts Feſtes, als ſich Alles durch Alles hindurchzieht, allein ebendeßwegen, weil jedes auf ſeine Weiſe das Andere mitenthält, erhält es ſich auch im Fluſſe des Ganzen und kann feſt auf ſich ſtehen. Subjectiv nun wird dieſes Ganze freilich nur dann wahrhaft begriffen, wenn jedes Feſte in wirklichen Fluß gebracht, wenn die Reihen der Ver - mittlung, die ſich in ihm anſammeln und von ihm wieder ausfließen, auch wirklich denkend durchlaufen werden; dadurch wird aber keineswegs ausgeſchloſſen, daß auch das Ergreifen des ganzen Fluſſes auf jedem ſeiner Sammelpunkte durch eine Form der Unmittelbarkeit möglich ſey, ſo nämlich, daß in dem Einen, was der unmittelbaren Gewißheit entgegen - tritt, die Summe der Vermittlungen geahnt wird. Vielmehr gefordert wird dieſe Natur der Sammelpunkte, denn wie der Gegenſtand eben durch die Natur der Vermittlung das Unmittelbare ſetzt, um es aufzu - heben, ſo auch der Geiſt, der den Gegenſtand erkennt: er ſetzt die Kunſt und geht fort zur Philoſophie, (denn daß ſie weniger iſt als dieſe, muß ſie ſich freilich gefallen laſſen); er ahnt die Geſammtreihe der Vermitt - lungen im unmittelbar Angeſchauten, ehe er ſie denkt, er ſetzt das Ein - zelne in die Perſpective der Unendlichkeit. Dieß iſt nicht ein Ueberſpringen der Vermittlungen, wodurch freilich die Theoſophie, und, wie Danzel hätte hinzuſetzen können, als einziges Darſtellungsmittel die Allegorie in die Kunſt eingeführt wird, ſondern es iſt ein Ineinander. Im Denken wird dieß ein Nacheinander; doch dieſe Zeitform iſt Explication eines Außerzeitlichen, der Geiſt bewegt ſich in der Form der Zeit, aber er iſt nicht die Zeit, daher nimmt er ſich auch aus ihr in ſich zurück und die Philoſophie wird im Philoſophen zum Charakter, zum Beſitze und ſelbſt zur Seeligkeit der Empfindung. Hegel hat alſo Recht, wenn er aus - ſpricht, daß die Kunſt die Dinge in ihrer Wahrheit erfaßt, indem ſie ſie iſolirt (Aeſth. 1, S. 196.). Jede Anſammlung der Vermittlungen zu einem Unmittelbaren weist zugleich hinter ſich zurück und über ſich hinaus. Dadurch iſt dieſe Exiſtenz zugleich arm und reich. Was ſie in ſich auf - genommen und zur Selbſtändigkeit fixirt, das hat ſie zugleich als ſeinen Feind in ſich und um ſich. Der menſchliche Leib iſt die höchſte Samm - lung aller Naturkräfte, aber ſie prozeſſiren in ihm fort, nähren ihn von außen und zehren zugleich an ihm. Die Kunſt erhöht die Seite des65 Reichthums, indem ſie das Feindſelige und Bedürftige in dieſem Ver - hältniß ausſcheidet, den menſchlichen Leib z. B. darſtellt als begünſtigt von den umgebenden Elementen und geſund. Sie hat (im Tragiſchen und Komiſchen) freilich auch verſtärkte Abhängigkeit darzuſtellen; dieß ge - hört aber in einen andern Zuſammenhang, wo ſich zeigen muß, daß hier die Bedürftigkeit nur um ſo tiefer überwunden wird. Löst nun die Schönheit ſo den Gegenſtand von dem Hintergrunde der Bedürftigkeiten ab, ſo ſollte man meinen, um ſo weniger weiſe er über ſich hinaus, alſo um ſo weniger führe er in das Abſolute. Aber umgekehrt, je mächtiger er die fließenden Kräfte des Ganzen in ſich zur Selbſtändigkeit bindet, deſto mehr ſehe ich: das Ganze erſteigt wohl höhere Stufen, jede aber iſt recht und gut und ſelbſt ein Ganzes im Ganzen. Dieſe Erhöhung bewirkt, wie ſich zeigen wird, die Phantaſie. Danzel ſagt an einer andern Stelle (S. 38. ff. ), Hegel habe die Anſchauung vorneherein zu niedrig gefaßt. Sie iſt an ihrer Stelle vergleichungsweiſe niedrig, aber ſie kehrt bereichert als Phantaſie zurück; dieſe bereicherte Rückkehr des Niedrigeren herrſcht im ganzen Syſtem und Danzel hat ſie nicht widerlegt. Die Anſchauung ſchaut nicht nur das Sinnliche, ſie erinnert ſich nur noch nicht, daß ſie in dieſem unendlich mehr ſieht; als Phantaſie erhebt ſie ſich dahin. Danzel behauptet, eben dieſe Erhebung ſey gar nicht deducirt. Hievon muß in der Lehre von der Phantaſie die Rede werden. Zuzugeben iſt: in der Encyclopädie iſt die Deduction ſkizzenhaft, wie natürlich, der Aeſthetik gereicht es zu großem Tadel, daß ſie ganz fehlt; aber keineswegs iſt ſie, wie Danzel behauptet, durch die Prämiſſen des Syſtems abgeſchnitten.

§. 16.

Die Idee iſt ſtreng zu unterſcheiden vom abſtracten Begriff. Abſtracte1 Begriffe ſind alle diejenigen Beſtimmungen des Denkens, welche blos ein all - gemeines Moment enthalten, das zu dem Inbegriffe deſſen, was ein ſelbſtändiges lebendiges Weſen in ſich vereinigt, und wodurch es in Beziehung zu anderen tritt, mitgehört, aber ein ſolches nicht ausmacht. Dieſer Inbegriff dagegen,2 ſofern er gedacht wird als in der Objectivität völlig durchgeführt, heißt Idee; die Welt der Ideen und ebenhiemit des Schönen beginnt daher erſt mit den Reichen des Lebens und auch das Lebendige darf nicht durch bloße Auffaſſung einer Beziehung unter eine abſtracte Kategorie fallen, ſondern muß in ſeiner Selbſtändigkeit erſcheinen. Dies Alles folgt nothwendig aus der Begriffsbe - ſtimmung §. 14.

Viſcher’s Aeſthetik. 1. Bd. 566

1. Abſtracte Begriffe ſind alle blos logiſchen Begriffe, die Logik auch im Hegel’ſchen Sinne gefaßt, wo ihre Beſtimmungen als objectiv gelten und wo die Grundbeſtimmungen des Objects, wo ferner das Leben, das Erkennen (und Wollen) hereingezogen werden. Denn nach Hegel kann erſt die Idee, welche als Begriff kein weiteres Moment in ſich aufnehmen kann, ſondern ſich mit allen ſchon erfüllt und die Gegenſätze aller in ihre Einheit zurückgeführt hat, als Natur und Geiſt daſeyn und nun in den Formen beſtimmter Gattungen und Arten von Weſen ſich ausbreiten. Solche aber werden im Schönen gefordert. Abſtract ſind alle jene Begriffe, weil kein ſelbſtändig lebendiges Weſen in ihnen erſchöpft iſt, weil ſie alſo nicht als beſtimmende und durchdringende Seele eines begrenzten Umkreiſes erſcheinender Zuſtände und Lebensthätigkeiten ſich offenbaren können. Die Beſtimmungen der Qualität, Quantität, des Maßes, die ſogenannten Kategorieen, der Begriff ſelbſt in ſeinen Momenten und mit den weiteren Beſtimmungen und Gegenſätzen, welche Hegel in die Logik aufgenommen hat, ſprechen noch nicht ein daſeyendes, einer beſtimmten Gattung angehöriges Weſen aus; denn damit auch nur Eines als exiſtirend begriffen werde, iſt die Idee als erfüllte Rückkehr aller Gegenſätze in ſich vorausgeſetzt, welche nun erſt als Lebenspunkt, als concrete Lebens-Einheit, als Selbſt exiſtiren kann, und auch das unterſte Naturweſen, das einen verhältnißmäßig beſchränkten Umkreis von Beſtimmungen zur Concretion in ſich vereinigt, ſetzt die ganze Kette aller übrigen voraus, in welcher die Idee ihre Fülle ausbreitet und immer vertiefter ſammelt. — Man erinnere ſich, um die Wichtigkeit dieſes Satzes zu erkennen, an abſtracte Kunſtdarſtellungen, z. B. von Carſtens. Der Maler in Tiecks Geſellſchaft auf dem Lande parodirt ſolche Be - ſtrebungen, indem er die Caſus der Declination malt.

2. Nicht dies gehört zu der durch obigen Satz abgewieſenen Ab - ſtraction, wenn unter dem Allgemeinen eine Art lebendiger Weſen ver - ſtanden wird, wie Eiche, Pferd, Menſch. Man erwäge, daß hier von dem, wodurch eine ſolche Allgemeinheit im Sinne des Schönen individuell wird, noch nicht die Rede iſt. Es ſteht blos ſo viel feſt: ſie kann in einem Individuum erſcheinen. Wie weit auch die unorganiſche Natur im Reiche der wirklichen Idee als Inhalt des Schönen berechtigt ſey, wird ſich in der Lehre von der Naturſchönheit zeigen. Auch das Lebendige aber darf nicht vom Standpunkte einer bloſen Beziehung aufgefaßt werden. Eine ſolche iſt namentlich die äußere Zweckmäßigkeit, wodurch es in ſeiner Selbſtändigkeit, hiemit als Idee aufgehoben wird. Was wirklich blos für67 einen äußern Zweck da iſt, iſt kein Lebendiges. Daher müſſen z. B. Thiere in ihrer Freiheit erſcheinen, oder, wenn verwendet zum Dienſte und Ver - gnügen des Menſchen, als frei und ungezwungen auch in dieſem Ver - hältniß. Was das Erſtere betrifft, ſo denke man z. B. nur an die gewaltigen Schilderungen wilder Thiere im Hiob, was das Zweite, an die des Pferdes ebendaſelbſt. Auch aus dem geiſtigen Leben können wieder Momente ausgezogen werden, welche nur Verhältniſſe und Formen ent - halten, in welche die Perſönlichkeit — denn dies iſt hier die Idee — nicht ihre Totalität legen kann. Dies hat das weitere Syſtem nachzuweiſen.

§. 17.

Die Idee beſtimmt ſich demnach als Gattung und dieſes Wort begreift in1 ſich zunächſt die Reihe der Ideen innerhalb der Grenze, wo ſich die Idee erſt noch als bewußtloſe Lebenskraft verwirklicht. Jede Gattung aber iſt die Be -2 ſonderung oder Art einer höheren Gattung und dieſe aufſteigende Linie, welche jedoch bei der inneren Einheit, die ihr Grund iſt, die Unterſchiede ihrer Gattungen und Arten feſthält und nicht die eine aus der andern natürlich er - zeugt, und welche ſich durch feſte, nur durch Andeutungen des Uebergangs ge - öffnete, Grenzen in geſchloſſene, die großen Hauptſtufen darſtellende Sphären und umfaſſendere Reiche theilt, iſt die Stufenfolge, in welcher die abſolute Idee ihren Gehalt in wachſender Tiefe und Fülle verwirklicht. Je höher in dieſer3 Reihe eine Idee ſteht, deſto größer muß auch die Schönheit ſeyn, aber auch je die niedrigere enthält die weſentliche Bedingung der Schönheit, weil jede ein integrirendes Glied iſt in der Totalität der Ideen.

1. ἰδέα, εἶδος, Gattung. Die deutſche Sprache hat kein anderes Wort als dieſes, um das Allgemeine als wirkliches Lebensprinzip der Sphäre, in der es ſich verwirklicht, zu bezeichnen. Gattung wird nun zwar wohl auch von den Sphären des geiſtigen Lebens gebraucht, zunächſt aber erinnert das Wort durch ſeinen Urſprung immer an das Naturleben, wie es einen beſtimmten Typus durch die Fortzeugung ge - trennter Geſchlechter bildet und erhält, kann jedoch auch für die Formen des unorganiſchen und die niedrigeren des organiſchen Lebens gelten, welche ſich nicht durch den geſchlechtlichen Prozeß fortpflanzen. Der §. überblickt das Naturleben, den Menſchen als bloßes Naturweſen mit eingeſchloſſen. Die Aeſthetik ſetzt das Syſtem der philoſophiſchen Wiſſen - ſchaften, hier alſo zunächſt die Naturwiſſenſchaft, voraus. Iſt aber nicht5*68dieſe Unterſcheidung der natürlichen und geiſtigen Welt mit ihren Sphären eine Vorwegnahme innerhalb der Aeſthetik ſelbſt? Nein; denn der Gegen - ſatz der Naturſchönheit und der aus dem Geiſte hervorgebrachten Schön - heit, der im Verlaufe auftreten wird, iſt, wie ſich zeigen wird, ein ganz anderer als der Gegenſatz der natürlichen und geiſtigen Welt über - haupt; in der Lehre vom Naturſchönen muß auch die geiſtige Welt dar - geſtellt werden, wie ſie verglichen mit der Kunſt noch bloſe Natur iſt, und ſomit iſt auch der Uebergang der Metaphyſik des Schönen in die Lehre vom Naturſchönen ein ganz anderer, als der Uebergang der Metaphyſik in die Naturphiloſophie. Wird aber nicht wenigſtens eine Wiederholung entſtehen, da die Reiche des Daſeyns allerdings in dem Abſchnitte vom Naturſchönen wieder durchwandelt werden müſſen? Auch dies nicht. Die Metaphyſik des Schönen gibt nur den idealen Grundriß, die Lehre vom Naturſchönen aber wird einen gewiſſen Begriff, der hier noch nicht vorliegt, als Rechtfertigungsgrund vorausſchicken, warum ſich das Syſtem ſofort in die reale Breite des Daſeyns mit der Hoffnung einlaſſen darf, hier das Schöne zu finden.

2. Der Begriff der Gattung und Art iſt hier zunächſt ſo allgemein ge - faßt, daß er das unter ſich begreift, was man ſonſt Reiche, Claſſen, Ordnungen, Familien, Gattungen, Spezies u. ſ. w. nennt. Die Natur baut ſich Stufe um Stufe ſo auf, daß Gattung und Art ihre Stelle wechſeln, mag man die Stufenfolge aufwärts oder abwärts durchwandeln. So iſt der Begriff Reich ein Gattungsbegriff, die einzelnen Reiche ſeine Arten. Dieſe Arten ſind Gattungen, ſofern ſie die ſogenannten Typen oder Plane (von Cüvier in die Zoologie eingeführt) als ihre Arten unter ſich befaſſen. Dieſe ſind wieder Gattung und die Claſſen ſind die Art. Die Claſſen ſind die Gattung und die Ordnungen ihre Arten, dieſe verhalten ſich wieder zu den Familien wie Gattung zur Art; auf die Familien folgt, was die Naturforſcher gewöhnlich Gattung nennen, als Art derſelben, und dieſe begreift endlich als ihre Art die Spezies unter ſich, aber dieſe ſelbſt theilt ſich ja im Thierreich wieder in Raſſen, wie die Gattung in Arten. Eben dieſer Stellenwechſel der Begriffe von Gattung und Art verwirrt den ſtoffartigen Empiriker, ſo daß er an aller Möglich - keit einer Eintheilung verzweifelt, iſt aber in Wahrheit der Beweis, daß die Natur ein Syſtem von Stufen iſt, das auf den Menſchen als höchſte hinarbeitet. Es verſteht ſich jedoch, daß die innere Einheit, die das ſtufenbildende Band iſt, nicht eine Stufe aus der andern natürlich erzeugt (vergl. Hegel Encyclop. §. 249). Vielleicht nahm die urweltliche69 Natur mit den noch unausgebildeten Gattungsformen Umbildungen vor, als deren Analogie der menſchliche Fötus betrachtet werden kann, der die Hauptformen des Thierreichs in ſeinen Metamorphoſen darſtellt. Dieſe Frage gehört aber nicht hieher; wir haben es mit der ausgebildeten jetzigen Welt zu thun. Nur Spielarten ſind neue Formen, welche aus Impfung, Zeugung entſtehen; alle andern Unterſchiede ſind conſtant und bleiben bei ihrem Typus. In den allgemeinen Linien des Unterſchieds treten als die ſchärfſten Grenzen hervor die der Reiche. Darauf folgt die abgrenzende Linie der Hauptſtufen, unter welchen man z. B. im Thierreich die von Cüvier eingeführten vier Typen (Wirbelthiere u. ſ. w.), dann die ſogenannten Claſſen auf rein naturwiſſenſchaftlichem Boden zu be - faſſen hätte; die Aeſthetik wird aber hierin, wenn ſie im zweiten Theile ſich auf das Beſtimmte einläßt, einen andern Weg zu nehmen haben und ſich vorzüglich an die Unterſchiede halten, die durch das Element bedingt ſind. So ſtehen denn z. B. die Vögel als Art unter der Gattung Thier, zunächſt über ihnen die Säugethiere des Landes. Dieſe beiden Formen ſind nicht coordinirt, ſondern die eine ſteht als Stufe über der andern; die Linie iſt aber ſo feſt gezogen, daß dieſe ſich niemals zu jenen als Gattung zur Art verhalten können. Nun zeigen ſich zwar auf allen Grenzpunkten ſowohl der Reiche als der Haupt - ſtufen Uebergangsformen als lebendiger Beweis, daß es dieſelbe Natur iſt, welche eines wie das andere gebildet hat, aber ſie ſind durch das auffallend Verworrene ihrer Bildung, das ſich aufdrängt, ſobald man ſie nicht nur mit ſich ſelbſt, ſondern mit den klaren Hauptſtufen vergleicht, gerade die Beſtätigung der Grenze. Davon mehr im folg. §. — Grobe Empiriker bezweifeln übrigens nicht nur die Möglichkeit einer Eintheilung, ſondern noch mehr die Stufenfolge in der Natur. Es kann aber nicht die Pflicht der Aeſthetik ſeyn, die Wahrheit dieſer Anſchauungsweiſe, ohne welche die Betrachtung der Natur alles höhere Intereſſe verliert, zu beweiſen; den bekannten Schwierigkeiten der Durchführung dieſer Idee im Kleinen und Einzelnen, wie ſie theils durch die lückenhafte Kenntniß der Natur, theils durch die unendliche Vielfältigkeit der Formen, theils dadurch ent - ſtehen, daß neben der Stufenordnung die horizontale Linie verſchiedener localer, klimatiſcher und anderer Bedingungen zu berückſichtigen iſt, kann ſie jedoch belehrende Beiſpiele aus ihrem eigenen Gebiete gegenüberſtellen. So hat die lyriſche Dichtkunſt unzählige Formen, die ſo ſchwer einzu - theilen ſind, als die Inſekten; trotzdem ſtellen ihre Hauptformen eine ganz deutliche Stufenfolge dar.

70

3. Hier nimmt die nothwendige Ergänzung des eingeräumten Mangels der Hegel’ſchen Aeſthetik bereits eine beſtimmtere Form an. Selbſt den ver - gleichungsweiſe dürftigen Naturerſcheinungen iſt ihre Stelle im Schönen durch dieſen Satz geſichert. Ein Baum, ein unvollkommen organiſirtes Thier, wenn es ſich ſo darſtellt, daß ſeine Idee, d. h. ſeine Gattung in ihm zum reinen Ausdruck gelangt, eröffnet die Ausſicht in die ganze Fülle und edle Beſtimmtheit des Naturlebens, und da dieſes zum Geiſte[aufwärts] weist, läßt es auch dieſen ahnen, iſt alſo eine Welt. — Der gegen Hegel erhobene Vor - wurf eines ſtoffartigen Verfahrens erſcheint hier auch gegen uns doppelt begründet, indem wir eine ſolche durch das Gewicht des Lebensgehalts beſtimmte Stufenfolge für das Schöne feſtſetzen; er kann aber hier noch nicht beſeitigt, im Gegentheil, dieſe Betrachtungsweiſe muß noch weiter geführt werden. Es wird zwar im nächſten Fortgange Veranlaſſung ſeyn, ihn zu berühren, aber erſt wenn die Formfrage zur Sprache gekommen ſeyn wird, kann das wahre Verhältniß zwiſchen Stoff und Form erledigt werden. Uebrigens laſſen ſich aus dem Bisherigen bereits wichtige Folge - rungen zur Beleuchtung der Wahrheit oder Unwahrheit des Ausdrucks „ ſchön in ſeiner Art “ziehen.

§. 18.

1

Der Begriff der Stufenfolge beſchränkt ſich jedoch. Die Idee ſtellt, da ſie in jedem Gebiet wieder von unten beginnt, auf der niedrigeren Stufe des höheren Gebiets Gattungen oder Arten auf, welche ihr Gebiet dürftiger dar - ſtellen, als ein untergeordnetes von ſolchen ſeiner Gattungen oder Arten dar - geſtellt wird, welche eine höhere Stufe in dem Zuſammenhang des ihrigen ein - nehmen. Ferner, weil es die eine Idee iſt, welche dieſe Stufenfolge bildet, ſo ſind dadurch Uebergangsformen bedingt, welche verſchiedene Beſtimmungen verſchiedener Gebiete auf widerſprechende Weiſe in ſich vereinigen und daher auch der Forderung, daß das Schöne ein in ſich geſchloſſenes Ganze ſey, entgegen2 ſind. Eine weitere Einſchränkung wird darauf beruhen, daß die Idee auf ge - wiſſen Stufen ihren Inhalt auf Koſten der Geſtalt in der Tiefe ſammelt. Dieſe Einſchränkung iſt jedoch hier, wo von dem Unterſchiede zwiſchen dem Schönen und der Idee an ſich noch nicht die Rede iſt, nur ſo weit zu erwähnen, als zum voraus einleuchtet, daß auch das Schöne ſich verſchieden wird wenden und jenes umgekehrte Verhältniß in ſein Intereſſe ziehen können.

71

1. Die hier zuerſt aufgeführten Einſchränkungen des Begriffs einer Stufenfolge treffen ganz auf gleiche Weiſe die Idee und das Schöne. Die Unterſuchung iſt noch nicht an den Punkt gekommen, wo beide ſich trennen. Man wird dieſe Einſchränkungen anführen und hat ſie ange - führt als Einwurf gegen jenes Zuſammenfallen der Stufenfolge des Schönen mit der Stufenfolge der Gattungen. Denn ein Thier z. B., um hier die erſte Einſchränkung aufzufaſſen, das rauhe und unorganiſch erſcheinende Bedeckungen und träge Bewegung hat, gilt überall als häßlicher denn ein edler Baum, iſt aber doch gewiß eine höhere Organiſation; alſo iſt das Schöne durchaus nicht mit der größeren oder geringeren Vollkommenheit der Organiſation zuſammenzuwerfen. Allein es liegt hier in Wahrheit der Grund vielmehr wirklich in der Stufenfolge der organiſirenden Natur ſelbſt. Denn wo ſich das bedeutendere Gebiet ſchon er - öffnet hat, muß das Höhere ſelbſt wieder von unten mit ärmeren Bildungen beginnen und ſteht nun unter ſich ſelbſt, ſo daß z. B. Bewegungsloſigkeit und wirklich unorganiſche Bedeckung nothwendig harmoniſcher wirken muß, als Bewegung und thieriſche Bedeckung, die ihren Begriff ſo dürftig darſtellt. Es nützt nichts, zu ſagen: ein ſolches Thier iſt in ſeiner Art ganz recht, wie es iſt und ſteht unendlich höher als die Pflanze. Man muß, wie ſchon im §. 17, 2 berührt iſt, das Ganze betrachten und es mit dieſem zuſammenhalten. Ebenſo verhält es ſich mit den Uebergangs - ſtufen. Danzel bringt gegen Hegel vor (a. a. O. 57): „ Die Wahr - heit der einzelnen Dinge wird zum Inhalt der Kunſt gemacht. Aber dies widerſpricht ſich in ſich ſelbſt. Wir ſollen z. B. (169) das Schnabelthier häßlich finden, weil wir eine Ahnung von der Zuſammengehörigkeit der Formen des Vogels haben. Aber würde das Schnabelthier exiſtiren, wenn nicht das Fremdartige in ihm auf irgend eine Weiſe zuſammengehörte? “ Gewiß nicht. Auch der Affe, der ſo häßlich iſt, weil er dem Menſchen ſo nahe ſteht und doch Thier iſt, gehört zuſammen. Hier kommt es darauf an, den Begriff eines realen Widerſpruchs durch feſten Ueberblick des Ganzen und der deutlichen Intention in den Hauptſtufen gefaßt zu haben. Dieſen müßte Danzel widerlegen, ſtatt die abſtracte Form „ auf irgend eine Weiſe zuſammengehören “, die Niemand läugnet, vorzubringen. Auf dieſe Weiſe dürfte man auch Abnormitäten (die ich hier nur als Beiſpiel anführe, denn ſie ſind freilich etwas Anderes als Uebergangsformen) nicht Abnormitäten nennen. Im Buckligen gehört auch Alles irgendwie zuſammen.

2. Die hier angeführte Einſchränkung anticipirt etwas aus der weiteren Entwicklung, wo von dem weſentlichen Unterſchiede zwiſchen dem72 Schönen und Wahren die Rede iſt, welcher darin beruht, daß im Schönen Alles auf die Oberfläche der Geſtalt ankommt. Dennoch war ſie hier zu erwähnen, denn es gilt, den Satz von der innern Einheit des Wahren und Schönen (bei allem Unterſchiede) zu ſchützen. Es wird alſo im §. angeführt, daß die Idee auf gewiſſen Punkten ihren Inhalt auf Koſten der Geſtalt in der Tiefe ſammelt. Gewiſſe Thiere z. B. ſind klug und zugleich plump an Geſtalt. Allein das Schöne kennt ja von ſeiner Seite auch eine Bewegung und geht über einen Gegenſatz, wie ſich zeigen wird; es gehört auch in’s Schöne, wenn eine Reihe von Thätigkeiten den erſten üblen Eindruck der Geſtalt aufhebt. Freilich mit dem innern Grunde jenes umgekehrten Verhältniſſes, d. h. mit dem Bau des Gehirns und ſeinem Verhältniß zum Bau der feſten Theile beſchäftigt ſich das Schöne nicht, und jene Aeußerungen, welche den erſten Eindruck vergüten, müſſen ſelbſt anſchaulich ſeyn: da liegt der Unterſchied. Auch die umgekehrte Art des Mißverhältniſſes findet ſtatt, wurde aber im §. nicht erwähnt: arme Organiſation bei glänzender Oberfläche. Von dem blos beſtechenden Glanz der Oberfläche läßt ſich nämlich auch der äſthetiſche Standpunkt nicht verführen, über die Dürf - tigkeit des Ganzen wegzuſehen. Farbenglanz z. B. kann für Mangel - haftigkeit der Geſtalt, der Bewegung, des Ausdrucks in Ruhe und Thätigkeit nicht wirklich entſchädigen.

§. 19.

1

Die Idee baut jene Stufenfolge nur, um auf der höchſten Stufe bei ihrer eigenen, in den vorhergehenden Stufen verborgenen Wahrheit anzukommen und in ſich zurückzugehen, ſie tritt als Selbſtbewußtſeyn hervor und wird Perſönlichkeit. Auch dieſe höchſte Gattung theilt ſich wieder in gewiſſe Arten, geht aber nicht ſelbſt als Art in eine höhere Gattung über, denn der Endzweck jener ſtufen - förmigen Ueberordnung iſt erreicht. Ebendaher ſcheidet ſie ſich von den tieferen Stufen weſentlich dadurch ab, daß ſie ſelbſt ebenſoſehr Stufe als eine abſolut2 neue Welt iſt. Dieſer höchſte Gehalt der Idee iſt zugleich der höchſte Gehalt des Schönen. Das Schöne iſt perſönlich und alle vorhergegangenen Stufen er - halten nun die Bedeutung, die Perſönlichkeit als werdende anzukündigen.

1. Was den Hervorgang des Geiſtes aus der Natur durch die menſchliche Gattung betrifft, ſo kann hier keine Verpflichtung zu einer Auseinanderſetzung Statt finden. Es gehört dieſe Erkenntniß, wie die73 Natur im Menſchen ſich ſelbſt zum Geiſt aufhebt und die in ihr ver - borgene Idee in dieſem ſich ſelbſt erreicht, indem ſie als Selbſtbewußtſeyn Subject und Object in einem wird, zu den reinen und unbeſtrittenen Erwerbungen der neueren Philoſophie. Das Menſchengeſchlecht theilt ſich in Raſſen, die im weiteren Sinne Arten heißen können, aber nicht in Spezies. Theilung in die letzteren iſt eben der Beweis, daß die höchſte Stufe noch nicht gefunden iſt, daß über der Gattung eine höhere ſteht. Der §. ſagt: die Idee tritt als Selbſtbewußtſeyn hervor und wird Per - ſönlichkeit. Das „ wird “ſoll andeuten, daß Perſönlichkeit ein reicherer Begriff und daß das Subject als ſelbſtbewußtes noch nicht perſönlich iſt. Die innere Unendlichkeit der im Unterſchiede ſich ſelbſt gleichen Be - ziehung auf ſich, die im Selbſtbewußtſeyn erſt als ein unmittelbares, von ſelbſt in dem dazu organiſirten Lebendigen auftauchendes Wiſſen geſetzt iſt, führt ſich als Macht durch, indem ſie das Widerſtrebende in der umgebenden Welt und in der eigenen Natur wirklich durchdringt: das Selbſtbewußte, was das Andere wahrhaft in ſeiner Macht hat, iſt perſönlich. Gewöhnlich wird der Begriff nur formell gefaßt und ſo in der Sphäre des Rechts aufgeführt: der Einzelne iſt als unendliche Be - ziehung auf ſich, abgeſehen von allem beſtimmten Inhalte, Perſon; er wird als unendlicher, freier Punkt geſetzt, und vom Begriffe des Selbſt - bewußtſeyns unterſcheidet ſich auch dieſer abſtracte Begriff der Perſön - lichkeit dadurch, daß in dieſem die Unendlichkeit, die im Selbſtbewußtſeyn und in dem reinen, abſtracten Willen liegt, zum Gedanken erhoben und auf ihn die Forderung der unbedingten Achtung begründet wird. Die Wiſſen - ſchaft und auch die gewöhnliche Sprache hat aber dem Begriffe der Perſönlichkeit eine weit inhaltsvollere Beſtimmung gegeben. Wer ſich nicht am Bande ſeines Willens hat, wer ſich gehen läßt und was ihn umgibt ebenfalls, den nennen wir unperſönlich.

2. Die Idee iſt ein weſentlich Thätiges und die wahre Form dieſer Thätigkeit iſt eben der ſich durchführende Wille, der Wille, der ſeine Freiheit verwirklicht, indem er den Widerſtand ſeines eigenen Organes ſowie der andringenden Welt überwindet. Von der Härte des Kampfes, die dazu gehört, wird hier noch abgeſehen; die beſondere Hervorhebung dieſer Seite bleibt einem andern Zuſammenhang vorbehalten. Das ein - fach Schöne in ſeiner Liberalität hält ſich an die Gewißheit des Sieges. — Ruge (Neue Vorſchule der Aeſthetik 1837) hat das Schöne eigentlich auf den Begriff der Perſönlichkeit gegründet; es iſt dies aber in dem entwickelten Sinne zu verſtehen, daß die thätige Erzeugung und die thätige74 Aufnahme des Schönen von ihm ſogleich mit einbegriffen iſt: eine Ent - faltung, welche nach unſerem Gange erſt im Verlauf eintreten kann. Wir haben vor Allem erſt die ſpezifiſch äſthetiſche Formfrage noch zu er - örtern; daß Ruge in ſeinem übrigens ſehr geiſtvollen Werke dieſe faſt ganz überſehen und dadurch das äſthetiſche Perſonbilden mit dem ſittlichen vermengt hat, ſcheint Danzel nicht bemerkt zu haben, deſſen Kritik überall auf die ſpezifiſche Formfrage hindringt und doch das Verdienſt, die Mög - lichkeit eines „ Monismus der Kunſt “begründet zu haben, Ruge zuerkennt. Iſt Hegels Aeſthetik ſtoffartig, ſo iſt es Nuges noch weit mehr. Denn daß dieſer, indem er die Schönheit als eine lebendige Bewegung erkennt, auch für dürftige und getrübte Formen des Geiſtes einen weiten Raum hat, verändert die Sache nicht; er muß, ſo lange er, ohne auf die ſpezifiſche Formfrage einzugehen, Alles aus einem „ ſich Wiederfinden des Geiſtes in ſeinem Andern “erklärt, um ſo mehr ſittliche Kraft im er - zeugenden Subjecte vorausſetzen und er thut dies ſogar in eigentlich ethiſirender Weiſe, wie wir dies nicht billigen. Auf was es aber hier ankommt, ſind zweierlei Fragen. Die erſte iſt: ob, ſolang man bei der Frage über den Gehalt im Schönen verweilt und die Perſönlichkeit als den würdigſten darſtellt, darum die ganze Welt der im gewöhnlichen Sinne unperſönlichen Gegenſtände vom Schönen ausgeſchloſſen oder zu niedrig geſchätzt werde, wie dies Hegel wegen ſeines durchgängigen Dringens auf ſubſtantiellen ſittlichen Gehalt vorgerückt wird? Allein ſchon das unterſte Naturgebilde kündigt die Zukunft der Perſönlichkeit an; es wirkt nicht blos die Kraft des Künſtlers, Alles perſönlich zu machen, er könnte es nicht, wäre nicht Wahrheit darin und es iſt Wahrheit darin, weil das Ganze ein Syſtem von Stufen iſt. Pan-Anthropismus iſt der Standpunkt des Schönen gegenüber der Natur. Die andere Frage iſt: ob man denn dadurch, daß man einen Unterſchied der Dignität im Gehalte macht, die Unterſuchung über die ſpezifiſche Form, in welche dieſer Gehalt einzubilden iſt, zu vernachläßigen genöthigt ſey? Gewiß nicht. Wohl aber geht, wenn man gegen jene Werth-Unterſcheidung des Gehalts auftritt, als Reſultat jene formaliſtiſche Kunſt-Beurtheilung hervor, welche die Wahrheit, daß im Schönen Alles auf die Form ankomme, dahin verkehrt, daß ſie meint, es ſey dadurch eine Abſtraction vom Stoffe gerechtfertigt, während um - gekehrt, je mehr man auf die Form dringt, deſto mehr die Bedeutung des Gehalts in ihr Gewicht eintritt: denn Form-Vollendung bei geringem Gehalt erweist ſich in der Nähe vielmehr als Bedeutungsloſigkeit der Form ſelbſt, als Verflachung in äußerlicher Fertigkeit. Große Form75 macht nur großer Gehalt möglich. Göthes Kunſt-Urtheil hat Einiges zur Entſtehung dieſes Formalismus der Kunſt beigetragen. Es mag über dieſen wichtigen Punkt ſogleich folgender beleuchtender Satz aufge - ſtellt werden. Man ſtelle neben ein in der Form vollendetes Landſchaft - gemälde, Thierſtück oder Genre-Bild, worin Menſchen in anſpruchs - loſem Zuſtande dargeſtellt ſind, ein hiſtoriſches Gemälde, worin ein großer weltgeſchichtlicher Act ſchlecht dargeſtellt iſt. Hier hat das erſtere ohne Frage äſthetiſchen Vorrang; allein der Fall iſt nicht richtig gewählt. Man ſtelle vielmehr neben jene ein Gemälde der letzteren Gattung, das ebenfalls meiſterhaft in der Form iſt. Jetzt ſteht dieſes ohne Frage höher als jene.

§. 20.

Die Perſönlichkeit erweitert ſich über den Umfang ihrer ſubjectiven Ver -1 einzelung zu einer Geſammt-Perſon, welche durch vereinte Thätigkeit die weſentlichen ſittlichen Zwecke des Geiſtes verwirklicht. In dieſer geiſtigen Welt erreicht die Idee ihre wahre Bedeutung und Ideen heißen nun die großen, bewegenden ſittlichen Mächte, auf welche jedoch in dem Sinne auch der Begriff der Gattung noch angewandt werden kann, daß ſie ſich zu ihren engeren Sphären und den ſie verwirklichenden einzelnen Perſönlichkeiten verhalten, wie die Gat - tung zu ihren Arten und Individuen. Auch dieſe ſittliche Welt ſetzt ſich ihre2 Stufen, und von dieſen gilt dieſelbe Einſchränkung wie §. 18, 2. Die ſittliche Idee fügt in den Aufbau ihrer Sphären ſolche Stufen ein, worin ſie ſich von dem Schönen zu trennen ſcheint; das Schöne wird ihr aber unter gewiſſen Bedin - gungen auch dahin folgen können.

1. Der würdigſte Gehalt des Schönen liegt in den ſittlichen Mächten des öffentlichen Lebens. Die jetzige Zeit hat dies erkannt und fordert geſchichtlichen, politiſchen Gehalt. Daraus an ſich würde noch keines - wegs Tendenzkunſt und Tendenzkritik entſtehen; der Schein dieſer Con - ſequenz kann nur hier noch nicht gründlicher widerlegt werden, als er es durch die früheren Bemerkungen ſchon iſt. — Die ſittliche Macht wird Lebensluft beſonderer Stände wie der einzelnen Perſönlichkeit und verwirklicht ſich in ihnen, wie die Gattung in ihren Arten und Individuen, daher auch hier die Idee Gattung heißen kann. Die Perſönlichkeit im Dienſte der Idee tritt im Colliſionsfalle aus der Gat -76 tung im unmittelbaren, natürlichen Sinn aus und opfert dieſes Band der höheren, ſittlichen Gattung, in die ſie ſich eingereiht.

2. Es gibt allerdings Stufen, worin die ſittliche Idee und das Schöne ſich zu trennen ſcheinen. Die hier gegebene Skizze des reinen Gehalts, der in das Schöne eingeht, muß weite Schritte nehmen. Im vorhergehenden §. iſt der erkennende Geiſt nicht erwähnt. Er iſt rein innerlicher Art, allein mit dem Object noch in einem Gegenſatze be - griffen, der zu Spannungen führt, welche allerdings Inhalt für das Schöne abgeben (Empedokles, Fauſt), nur gehört dies noch nicht in die Lehre vom einfach Schönen. Abſtractere Formen des handelnden Geiſtes ſind namentlich das Recht und die ſubjective Moral, jenes zu äußerlich, dieſe zu innerlich. Allein wenn ſich zeigen wird, wie das Schöne ſeine Formen wechſelt, ſo werden wir finden, daß es auch dieſen Sphären folgen kann; freilich nur unter gewiſſen Bedingungen, d. h. um es vorher anzudeuten, nur in gewiſſen Kunſt-Gattungen und nur ſo, daß eine ſolche Sphäre nicht das Ganze eines Kunſtwerks ausmacht, ſondern blos ein Moment darin bildet. Man denke z. B. an den Rechtshandel im Kaufmann von Venedig.

§. 21.

Jede einzelne Idee für ſich betrachtet begreift eine Einheit von Momenten in ſich, die ſie theils gleichzeitig vereinigt, theils in der Zeitfolge durch Be - wegung ausbreitet. Je bedeutender aber eine Idee, deſto reicher und deſto be - ſtimmter treten, indem ſie den Inhalt der untergeordneten Ideen vertiefend und erweiternd in ſich aufnimmt, dieſe Momente als Kreiſe im Kreis hervor, deſto lebendiger durchdringt ſie aber auch die Einheit und führt ſie in ſich zurück.

Dieſer §. iſt durch einen vorläufigen Blick in die beſtimmten Er - ſcheinungen der natürlichen und ſittlichen Welt zu erläutern. Selbſt das gewöhnlich ſogenannte Unorganiſche iſt nicht einfach, ſondern eine Ein - heit von Unterſchiedenem und entweder Reſultat eines lebendigen Pro - zeſſes oder wirklich ein ſolcher. Je höher aber ein Weſen, deſto man - nigfaltiger und lebendiger die Einheit. Das Thier vereinigt die Syſteme in ſich, welche in der Pflanze ſind, vermehrt ſie und gibt ihnen ver - änderte Bedeutung durch einen neuen Einheitspunkt, im Menſchen treten neue Organe zu den thieriſchen und alle ſind in eine weſentlich andere Einheit zuſammengefaßt. Höher aber entfaltet ſich das Staatsleben in77 den beſonderen Kreiſen der Familie, der Gewerbsthätigkeit, der Kriegs - beſtimmung, der Schule, der Kirche u. ſ. w.

§. 22.

Indem die Idee ſich zuletzt in höchſter Bedeutung als der ſich verwirk -1 lichende ſittliche Zweck, hiemit als das Gute dargeſtellt hat, ſo iſt das Schöne ſeinem Gehalte nach einfach als identiſch mit dieſem zu faſſen. Selbſt das2 Reich, worin ſich die Idee erſt als unbewußte Lebenskraft ausführt (§. 17.) kann in dem Sinne unter den Begriff des Guten geſtellt werden, daß dieſes unbewußte Leben nach der einen Seite ebenſoſehr die werdende Perſönlichkeit ankündigt (§. 19.), als es nach der andern, weil es die Entzweiung derſelben noch nicht in ſich trägt, durch die feſte Geſchloſſenheit und Beſtimmtheit ſeiner Geſtaltungen ſogar als ein vorgezeichnetes Bild der Perſönlichkeit erſcheint, wie ſie ihren ſittlichen Zweck bereits verwirklicht und ſich zu einem feſten Ganzen mit ſich zuſammengeſchloſſen hat.

1. Es handelt ſich hier nur um den Gehalt des Schönen, und ſo lange blos von dieſem die Rede iſt, muß die im §. ausgeſprochene Identität mit dem Guten behauptet werden. Einſchränkungen, die jedoch ſchon §. 20, 2 berührt wurden, ſind im folg. §. wieder bis auf einen gewiſſen Punkt aufzufaſſen.

2. Auch die Natur kann unter dem Standpunkt des Guten be - trachtet werden. Die Alten ſtanden weſentlich auf dieſem Standpunkte und vergötterten daher die Naturkräfte. In der Natur ahnt ſich die Perſönlichkeit; als wirkliche iſt ſie eine geiſtige Verwendung und Umbil - dung von Naturkräften, die als ihre Grundlage und ihr Material auch vom Standpunkte der Religion des Geiſtes zu verehren ſind. Allerdings ſcheint eben ſo gut das Umgekehrte zu folgen: die Selbſtändigkeit der Natur verſchwindet, wenn ſie um eines Andern, um des Geiſtes willen da iſt, ihre Stufen und Gattungen verflüchtigen alle Grenzen, wenn ſie nur über ſich hinausweiſen ſollen. Allein die Natur iſt eben deßwegen, weil ſie als noch verhüllter Geiſt auch die Entzweiung des Bewußtſeyns noch nicht in ſich hat, einfach, compact, geſättigt und ſaftig in ſich. Ihre Stufen weiſen über ſich hinaus, dies ſehen aber nur wir, die Geiſtigen, ihnen an; ſie ſelbſt verfallen zwar der creatürlichen Angſt der bewußtloſen Exiſtenz, jedoch nur in dem Moment, wo ihnen das Schickſal der Nothwendigkeit von außen kommt, ſie ſind übrigens ganz78 was ſie ſind, zufrieden damit und ebendadurch einfach, ungetheilt, gedie - gen. Das A. Teſtament hat treffliche Stellen, worin dies Gefühl aus - geſprochen wird, daß hier Alles recht und ganz iſt und dieſe Werke gut. Der Menſch führt als Sinnenweſen ſelbſt ein animaliſches Leben, das an ſeiner Stelle die äſthetiſche Kraft dieſer Geſundheit und Ganzheit hat. Die Kunſt zieht aus dieſem Reiche eine Welt von Motiven, welche Göthe (Geſpr. mit Eckermann: über eine antike Gemme, worauf ein Knabe dargeſtellt iſt, den ein Alter trinken läßt) naiv genannt und mit Recht bewundert hat. Die geſchloſſene Ganzheit der natürlichen Exiſtenz iſt aber in ihrer kräftigen Geſtalt auch Bild der Perſönlichkeit, die zwar ſchon auf ſittlichem Boden ſteht, aber eine ganze Natur iſt. Daher werden im alten Epos die Helden ſo ſchön mit der compacten Kraft von Thieren verglichen.

§. 23.

1

Das Gute im eigentlichen Sinne hat zu ſeiner Vorausſetzung und Unter - lage das Reich der blos äußern Zwecke, der Befriedigung der Bedürfniſſe, welche als Fülle des ſich ſelbſt genießenden Lebens das Gut heißt. Dies Reich der äußeren Zweckmäßigkeit fällt gemäß §. 16 aus dem Schönen weg, weil es blos eine Beziehung, worin ein Solches, das um ſeiner ſelbſt willen da iſt,2 ſteht, und nicht dieſes ſelbſt darſtellt. Jedoch wenn entweder von den höheren Zwecken, die als Selbſtzwecke den Mittelpunkt einer Perſönlichkeit bilden können, abgeſehen und die perſönliche Welt unter den Standpunkt des unbe - wußten Lebens gerückt wird, oder wenn die blos äußern Zwecke als fördernde Momente in eine erfüllte Einheit mit dieſen unter dem Standpunkte des höch - ſten Gutes zuſammenbegriffen werden, ſo kann unter gewiſſen Bedingungen auch3 jenes Reich als Inhalt in das Schöne eintreten. Eine andere Frage iſt, ob Werke der äußeren Zweckmäßigkeit ſich nicht wenigſtens beiläufig mit dem Schönen verbinden können, und dieſe iſt nicht nur zu bejahen, ſondern es liegt ſogar nothwendig im Weſen des Geiſtes, daß er das, was um der blos äußer - lichen Zweckmäßigkeit willen vorhanden iſt, in die Sphäre ſeiner reinen Selb - ſtändigkeit heraufzieht, um die Nothdurft, mit der er behaftet iſt, zu vergeſſen und auch hierin ſich das Bewußtſeyn ſeiner Unendlichkeit zu geben. Hierauf grün - det ſich die wichtige Unterſcheidung einer ſelbſtändigen und einer anhängenden Schönheit.

79

1. Die äußere Zweckmäßigkeit gehört zu den abſtracten Begriffen, welche durch §. 16 ausgeſchloſſen ſind. Er hat ſeinen eigentlichen Ort im Syſtem der menſchlichen Bedürfniſſe und ihrer Befriedigung. Die unbewußte Natur kann auch unter den Standpunkt der äußeren Zweck - mäßigkeit gerückt werden; Luft, Erde, Waſſer, Licht dient der Pflanze, jene und dieſe dem Thier u. ſ. w.; dieſer Standpunkt iſt aber nicht nur nicht äſthetiſch, ſondern er iſt auch ſchließlich nicht der wahre. Noch un - wahrer iſt es, wenn innere Zwecke des Geiſtes, die Selbſtzwecke ſind, unter der Kategorie der äußeren Zweckmäßigkeit betrachtet werden, z. B. der Staat. Im Reich der Bedürfniſſe aber und des äußern Wohls handelt es ſich um die Befriedigung deſſen, was im Menſchen ſelbſt nur um eines Andern, um des Geiſtes willen, iſt; dieſem an ſich Unſelbſtändigen dient nun die äußere Natur und wird zu Werken ver - arbeitet, welche durchaus nur Mittel ſind, eines für das andere und alle für den ſinnlichen Menſchen, dieſer aber für den geiſtigen. Hier handelt es ſich alſo um bloſe Beziehungen, nicht um freie Wirklichkeit eines Selbſtändigen in ſeiner Totalität. Der ſich verwirklichende Selbſt - zweck heißt das Gute, die Fülle der erwirkten Mittel des äußeren Zwecks, ſofern der Menſch als Sinnenweſen, aber auf dieſer Unterlage auch als geiſtiges Weſen in ihr ſich ge nießt, heißt das Gut.

2. Es kann von dem Gegenſatze der geiſtigen Selbſtzwecke und der äußeren Zwecke abgeſehen und der Menſch unter dem Standpunkte einer höheren Natur, einer edleren Thierheit angeſchaut werden. Dann wird nicht in Erwägung genommen, daß das ſinnliche Daſeyn genährt und gepflanzt wird, blos damit der Geiſt Zeit und Raum gewinne für ſeine abſoluten Zwecke. Es iſt dieſer Standpunkt keine Erniedrigung, denn indem ſich der ganze Menſch ungetheilt in dieſe äußere Sphäre legt, bringt er auch den Geiſt als adelnde und maßgebende Seele mit. So wird dieſe Sphäre ſelbſtändig und äſthetiſch; jedoch nur unter ge - wiſſen weiteren Bedingungen. Dieſe Bedingungen können nicht hier erledigt werden, ſie gehören theils zur Frage nach den geſchichtlichen Formen der Cultur, theils zur Lehre von den verſchiedenen Künſten. Es gibt Cultur-Epochen, welche die Sphäre der Zweckmäßigkeit im Sinne jener ſelbſtändigen Anſchauung, andere, welche ſie rein als Mittel behandeln und davon tragen die Werke den Stempel in ihren Formen. Was die Künſte betrifft, ſo erinnere man ſich nur z. B., wie anders die bildende Kunſt als die Poeſie, wie anders in dieſer das Epos (namentlich die Idylle) als das Drama ſich zu dieſer Sphäre ſtellt. 80Es gibt aber noch einen andern Fall der Zuläſſigkeit. Das Zweckmäßige kann ganz als bloſes Mittel erſcheinen, aber in den Fluß der geiſtigen Selbſtzwecke ſo glücklich eingreifen, daß es als ein Beſonderes für ſich, d. h. als ein Proſaiſches, ſich gar nicht in der Anſchauung fixirt. Die angedeuteten Bedingungen gelten für dieſen Fall in eingeſchränkterem Sinne. Der Geiſt mag das äußerlich Zweckmäßige in der kürzeſten Zeit und in ſparſamer Form abthun; treten nur ſeine abſoluten Zwecke gehörig in die Anſchauung, ſo wird mit dieſer jenes Unſelbſtändige, wenn es nur leicht geht und gelingt, in Ein Bild ohne Anſtoß aufge - nommen, und dieſes Eine Bild iſt das Bild des höchſten Gutes, worin der innere und äußere Zweck, Tugend und Glückſeligkeit harmoniren.

3. Kant Kr. d. äſth. Urtheilskr. §. 16 ſtellt den wichtigen Unter - ſchied der freien und anhängenden Schönheit auf, gibt aber mehrere falſche Beiſpiele. Das blos Dienende wird äſthetiſch, wenn es ſo behandelt wird, daß es frei und ſelbſtändig erſcheint. Ein in dieſem Sinne behandeltes Geräthe z. B. wird gleichſam perſönlich, gehört zur Familie, ſcheint die Seele des Gebrauchenden in ſich aufgenommen zu haben. Der Geiſt legt ſeine Unendlichkeit in den blos endlichen (die - nenden) Gegenſtand und zeigt dies durch Entfaltung an ſich überflüßiger, doch wohl motivirter Formen, wodurch die gerade Linie, welche als den kürzeſten Weg zum Ziele das Bedürfniß nimmt, in eine ſpielende verwandelt wird. Das Nähere gehört zur Formfrage. Ihre ganze Wichtigkeit erhält dieſe Unterſcheidung in der Lehre von der Kunſt.

§. 24.

1

Ueber dieſer Grundlage erhebt ſich die Welt der ſittlichen oder der Selbſt - zwecke, welche den bedeutendſten Inhalt des Schönen abzugeben beſtimmt ſind. Dieſer höchſte Inhalt der Idee nun oder das Gute iſt aber ſo wenig als irgend eine andere Stufe der Idee auf einem beſtimmten Punkte des Raumes und der2 Zeit abſolut verwirklicht. Da nun das Schöne die Idee gerade als in die - ſem Sinne verwirklicht zur unmittelbaren Anſchauung bringen ſoll, ſo iſt hier eigentlich die Stelle, wo der gegenſtändliche Inhalt des Schönen, worin es mit der Idee zuſammenfällt, geſchloſſen iſt und die Darſtellung des Unter -3 ſchieds zwiſcken beiden zu beginnen hat. Ehe jedoch dieſer Uebergang eintritt, ſcheint noch ein höherer Inhalt eingeführt werden zu müſſen, eben um begreiflich zu machen, wie das Schöne jene Wirklichkeit als eine vollendete zur Anſchauung81 bringen könne. Einen ſolchen Inhalt ſcheint die Religion darzubieten als der Glaube an die Wirklichkeit eines Einzelnen, welches zugleich abſolut iſt.

1. Die Idee als ſittlicher Zweck iſt Selbſtzweck, das heißt erſtens: ſie ſelbſt ſetzt ſich den Zweck oder vielmehr als Zweck, ſie ſetzt ſich in Form der Zukunft, um ſich zu entfalten; zweitens: die Mittel, die ſie dazu anwendet, ſind ihre eigenen Momente, werden nicht von außen genommen, denn der Idee gehört Alles; drittens: indem ſie bei dem Zwecke ankommt, kommt ſie bei ſich ſelbſt an, denn ſie hat ſich entfaltet. Allein jedes Anlangen iſt ein neues Anfangen jenes Hinausſetzens, die Kategorie des Sollens kehrt im Reiche des Handelns, um ſich immer aufzuheben, immer wieder (vergl. Einl. §. 2, 2); denn eben jene Thä - tigkeit iſt die Idee, und wenn ſie jemals aufhörte, thätig zu ſeyn, wäre ſie todt, alſo nicht Idee. Das Wiſſen erkennt dies Verhältniß und begreift, daß eben dieſe unendliche Bewegung das Abſolute iſt. Das Wiſſen iſt alſo eben die wahre Form, durch welche das Abſolute ſchließlich in den Begriff ſeiner ſelbſt eingeht und ſich nur im Sinne gedachter Allgemein - heit zu ſeinem eigenen Gegenſtande macht. Allein das Wiſſen iſt nicht ſogleich, nachdem der Geiſt über die ganze bisher dargeſtellte Breite der Verwirklichungsſtufen der Idee ſich erhebt und ſie überblickt, vorhanden. Jene Wahrheit der unendlich ſich verwirklichenden Idee wird zuerſt als Schein einer Vollendung auf einem einzelnen Punkte (welche aber zugleich Ausdruck jener unendlichen Thätigkeit, alſo nicht etwas Todtes iſt) gefaßt. (ſ. §. 13. 14.)

2. Die Welt der Gegenſtände, welche den Gehalt des Schönen bilden, iſt hier, da es keinen höheren Gegenſtand als das Gute geben kann, zu Ende. Der Gegenſtände: dieß iſt nicht gemeint, als werde überſehen, daß es die eine und ſelbe Idee iſt, welche ſich als Natur ausbreitet, als Geiſt im Gegenſatze thätig iſt und dieſe ganze Entfaltung wieder in den höchſten Sphären des Geiſtes in Eins zuſammenfaßt. Die Trennung iſt aber hier nothwendig, eben weil ein Punkt geſetzt werden muß, wo nun das Spezifiſche eintritt, wodurch der bisher dargeſtellte Inhalt im vorliegenden Gebiete aufhört, bloßer Gegenſtand zu ſeyn. Jetzt alſo hätte die Unterſuchung zu beginnen, was im Schönen mit dem bisher geſchilderten Inhalt vorgehe, und wie eben dieſer Vorgang nun den Unterſchied des Schönen von dem bisher entwickelten Gehalte bilde.

3. Hier tritt nun aber die Frage dazwiſchen, ob nicht das Schöne, wenn es die abſolute Idee als ſchlechthin verwirklicht oder als mangellosViſcher’s Aeſthetik. 1. Bd. 682thätig in einem Einzelnen zur Erſcheinung bringen ſolle, eben dieſe Art ihrer Wirklichkeit zuerſt als Inhalt vor ſich haben müſſe. Es ſcheint, als müſſe das Abſolute auch erſt als ein beſchloſſenes Seyn auftreten, müſſe auf dieſe Weiſe Gegenſtand ſeyn und als bilde dann das Schöne dieſen Gegenſtand ab. In Wahrheit iſt es vielmehr das Schöne ſelbſt, was das Abſolute in dieſem Sinne zum Gegenſtande macht, als eine zu - gleich unendliche und doch zugleich in einem Einzelnen beſchloſſene Thä - tigkeit nämlich, was freilich nur durch einen Schein möglich iſt; eben hier beginnt alſo das unterſcheidend Eigene im Schönen; es tritt zwi - ſchen das Wiſſen, das den bisher betrachteten Inhalt in ſeiner Allge - meinheit denkt und zwiſchen dieſen Inhalt, nimmt dieſen zu ſeinem Gegen - ſtand und ſtellt ihn ſo dar, als wäre er nicht nur Gegenſtand im bis - herigen Sinne einer nie im Einzelnen beſchloſſenen Verwirklichung, ſon - dern in dem Sinne einer zugleich einzelnen und zugleich abſoluten Wirk - lichkeit. Die Meinung Vieler aber iſt vielmehr, daß nicht erſt das Schöne dieſen Gegenſtand als Schein erzeuge, ſondern, daß derſelbe noch zu den ſeyenden Gegenſtänden gehöre. Kunde von dieſem Gegen - ſtand nun, iſt die weitere Meinung, gebe die Religion; deßwegen habe ſie hier ihre Stelle. Die Religion gehört hieher, wie ſich ſogleich zeigen wird, aber aus einem andern Grunde. Was das Wiſſen oder die Philoſophie betrifft, ſo haben wir ſchon früher einleitend gezeigt, daß es nur nach dem Schönen ſtehen könne (§. 5 Anm.). Dieſer Punkt iſt noch genauer zu unterſuchen, hier aber nur ſo viel zu ſagen, daß es zwar auch noch zu den Gegenſtänden des Schönen treten kann, aber nicht von der Seite, die ſein Weſen begründet, ſondern ſofern es ſelbſt wieder in ein Unmittelbares übergeht oder auf ein ſolches wirkt, wie §. 20, 2 ſchon angedeutet iſt.

§. 25.

Dieß iſt jedoch eine logiſche Verwirrung. Die Idee kann ſich anders nicht verwirklichen, als in dem Prozeſſe einer unendlichen Bewegung, alſo auch in keinem andern Sinne zu der Welt der Gegenſtände gezählt werden, welche in den Geiſt eingehen. Wenn nun der Geiſt, in den ſie eingeht und der ſie zum Gegenſtande hat, ſie anders faßt, das heißt, wenn er, noch ehe das Schöne eintritt, ſie in der Weiſe des Glaubens als vollkommen gegenwärtig in einem Einzelnen hinſtellt, ſo iſt dies kein Gegenſtand, der außer dem Glaubenden vorhanden wäre, ſondern ein Gegenſtand, den der Glaube ſelbſt erzeugt, und83 die Wahrheit des Glaubens iſt nicht, was er glaubt, ſondern daß er glaubt. Wirklich meint die Religion in dem, was ihr Bewußtſein vor ſich hat, zwar einen Gegenſtand zu beſitzen, der ohne ihr Bewußtſeyn ſchon ſey, hebt ihn aber als Gegenſtand unvermerkt auf, indem ſie ihn in Bewegung ſetzt.

Der Inhalt der Religion ſcheint ihr ſelbſt ein Gegenſtand, der ohne ſie und außer ihr da ſey. Daß dieß nicht Wahrheit iſt, folgt aus allem bisherigen. Die Religion ſetzt die abſolute Idee als rein vollendet in Gott als einem Einzelnen oder in Göttern als Einzelnen, näher beſtimmt zur Idee der Menſchheit als rein vollendet im Sohne Gottes u. ſ. w. Indem ſie nun daran geht, die Eigenſchaften und Thätigkeiten dieſer Weſen, welche einzelne ſeyn ſollen, ſich auseinanderzuſetzen, hebt ſie unvermerkt das Subjekt dieſer Eigenſchaften und Thätigkeiten als einzel - nes auf, Gott wird als allgegenwärtig und unzeitlich durch alle Zeit wirkend und ſchaffend im Univerſum, der Sohn Gottes ebenſo in der beſonderen Beziehung zum ſittlichen Leben der Menſchheit gefaßt u. ſ. w., d. h. ſie ſind keine Einzelnen mehr, ſondern der Geiſt des Ganzen. Die Religion merkt aber dieſe Auflöſung, die ſie ſelbſt vornimmt, nicht, ſie glaubt trotz dem Widerſpruch an die Gegenſtändlichkeit ihrer Vor - ſtellung. Die Schönheit wird ſich dagegen als eine Macht erweiſen, welche dieſen verwechſelnden Glauben auflöst, alſo weit entfernt, ihren Inhalt als reinen Gegenſtand von der Religion zu entlehnen, vielmehr die Beſtimmung dieſes Inhalts, wonach er Gegenſtand iſt außer dem Glauben, der ihn glaubt, aufhebt. Der Glaube, womit die Religion glaubt, nicht das, was dieſer Glaube glaubt, iſt die Bedeutung der Religion. Sie hat in dieſer Intenſität mehr, als ſie weiß; was ſie glaubt, iſt nicht als Geglaubtes Wirklichkeit, aber der Glaube ſelbſt iſt dieſe Wirklichkeit; die Idee wird zur Gegenwart im glaubenden Subjekte, das Vorgeſtellte in dieſer Gegenwart iſt nicht die Wahrheit, aber die Innigkeit der Empfindung, aus der dieſe Vorſtellung herauswächst, iſt die Wahrheit.

§. 26.

Die Religion und die Schönheit gehören alſo allerdings in daſſelbe Gebiet, denn beide ſind Weiſen, worin der Geiſt die Idee als wahrhaft wirkliche zu ſeinem Inhalte hat, worin alſo die Idee ihre Wirklichkeit in die Gewißheit von ſich erhebt und dadurch der Gegenſatz zwiſchen objektivem und ſubjek -6*84tivem Geiſt ſich zum abſoluten Geiſte auflöst. Dieſe Gewißheit ſelbſt bewegt ſich durch verſchiedene Stufen; ſie beſtimmt ſich als Glaube in der Reli - gion, und da dieſer Glaube die Wirklichkeit der Idee unter der Form der Einzelheit auffaßt, die Schönheit aber ebenfalls ein Schein iſt, als ſey dieſe Wirklichkeit im Punkte einer Einzelheit beſchloſſen, ſo folgt, daß beide Weiſen des abſoluten Geiſtes ſeyen, die in weſentlicher Verwandtſchaft ſtehen. Der Unterſchied zwiſchen beiden Weiſen, der es nicht erlaubt, dies Verhältniß anders zu bezeichnen, iſt hier noch nicht zu unterſuchen.

Die Religion und die Schönheit ſind die zwei erſten unmittelbaren Formen des abſoluten Geiſtes. Der abſolute Geiſt gibt ſich das Wiſſen von der Wirklichkeit der abſoluten Idee; dieſes Wiſſen hat in jenen beiden Sphären noch die Beſtimmtheit des Unmittelbaren, welche nicht Wiſſen, ſondern nur Gewißheit zu nennen iſt. Beide erzeugen den Schein, als ſey die Wirklichkeit der Idee in einem Einzelnen beſchloſſen. Dieſer Schein iſt aber in beiden verſchiedener Art; der Unterſchied iſt durch die Bezeichnung der Religion als Glauben angedeutet, kann aber hier noch nicht erörtert werden, wo vom Gehalte, nicht von der Form die Rede iſt. Es leuchtet alſo ein, daß Religion und Schönheit denſel - ben Gehalt haben, und daß auch ihre Form eine verwandte iſt (bei dieſem unbeſtimmten Ausdruck muß es vorläufig bleiben). Allerdings wird ſich bei der Erörterung des Unterſchieds zeigen, daß mit der Form auch der Inhalt ſich ändert, es iſt aber Inhalt von Inhalt, d. h. es iſt verborgener oder Grund-Inhalt zu unterſcheiden von dem Inhalt, der ins Bewußtſeyn tritt; der letztere kann auch zur Form gezogen werden.

§. 27.

1

Dieſe Verwandtſchaft wird ſich als thätiges Verhältniß zwiſchen beiden dahin beſtimmen, daß die Religion dem Schönen denſelben Inhalt, den das Schöne ohnedies auch hat, die Wirklichkeit der Idee nämlich, als einen im2 Sinne des abſoluten Geiſtes bereits geformten überliefert. Meint man, die Schönheit empfange von der Religion in dieſem ſo geformten Gehalt einen von dieſer in Erfahrung gebrachten, außer ihr und der Kunſt vorhandenen neuen Gegenſtand, ſo entſteht der Fehler einer theologiſchen Ableitung des Schönen. 3Es wird ſich aber auch zeigen, daß ſelbſt jene Gemeinſchaft des Stoffes eben85 wegen des Unterſchieds in der Verwandtſchaft keine abſolute und keine dauernde iſt. Die Religion wird fernerhin in einem ganz anderen Sinne der Schönheit Stoff darbieten, ſie wird ſelbſt als Stoff in dieſe eingehen, indem nicht der vermeintliche Gegenſtand des Glaubens, ſondern der Glaube ſelbſt als vollendete Wirklichkeit vom Schönen wird zur Darſtellung gebracht werden.

1. Die Religion wird der Schönheit Stoff überliefern, aber keines - wegs im Sinne eines neuen Gegenſtands. Die Sphären des abſoluten Geiſtes haben die reine Wirklichkeit der abſoluten Idee zum Inhalte. Jede dieſer Sphären formirt dieſen Inhalt auf ihre Weiſe, die Religion in einer ſolchen, welche der Schönheit verwandt iſt, denn eine ähnliche Art des Scheines iſt in beiden. Das Leben der Natur und des Geiſtes zieht die eine wie die andere in einzelne abſolute Geſtalten zuſammen. Nur dadurch ſchöpft die Schönheit Stoff aus der Religion, daß dieſe Geſtalten, nicht das, was in ihnen zuſammengezogen iſt, ihr als will - kommene Motive entgegentreten, das zur Anſchauung zu bringen, was ſie ohnedies auch ſchon hat, den Gehalt des Lebens. In dieſen Sätzen iſt vorausgeſetzt, daß die Religion primitiver ſey und die Schönheit ihr folge: dieß wird gründlicher erſt dargethan werden, wenn vom Unter - ſchiede beider die Rede ſeyn wird, inzwiſchen kann auf die nothwendige Vorausnahme der Einleitung (§. 5) hier verwieſen werden.

2. Die theologiſche Ableitung des Schönen iſt nicht zu verwechſeln mit einer Vermengung des Schönen und der Religion. Der neueren Philoſophie von Schelling bis Hegel iſt nicht eigentlich die erſtere, ſondern die letztere vorzuwerfen. Schelling hält die Kunſt ſelbſt für thätige Erzeugung der Einheit des Idealen und Realen, nicht alſo für Nachbildung Gottes als eines von der Religion zur Kunde gebrachten und außer ihr und der Kunſt vorhandenen Gegenſtands. Allerdings iſt das Abſolute als Grund dieſer Einheit vor derſelben, aber nur implicite. Auch über das Geſchichtliche der Perſon Chriſti ſprechen d. Vorleſ. über d. Meth. des akad. Studiums in einer Weiſe, daß hier nicht von einem gege - benen Gegenſtand, ſondern nur von einem Erzeugniß der idealen Anſchauung ſelbſt die Rede ſeyn kann. Allerdings fehlt bei Schelling die ſyſtema - tiſche Aufführung der Mittelſtufen, durch die ſich der Geiſt bewegt, bis er bei dieſer Form reiner Ineinsbildung des Idealen und Realen an - langt, es iſt aber in ſeiner Meth. des akad. Studiums der Grundriß jener Durchführung, welche Hegel gegeben hat, in hingeworfenen Zügen wohl zu erkennen. (vergl. z. B. 313.) In der Darſtellung der Kunſt86 für ſich ſcheint es zwar, als ſolle die Kunſt das Abſolute ſchlechthin offenbaren; es fehlt aber natürlich die Einſicht nicht, wie dieß die Kunſt dadurch thut, daß ſie „ die Formen der Dinge an ſich und wie ſie in den Urbildern ſind, “alſo daß ſie nicht eine ohne ſie fertige einzelne Ge - ſtalt, welche ſchlechthin das All in ſich begriffe, ſondern zunächſt irgend eine einzelne Idee in beſchloſſener Geſtalt und dadurch das All darſtellt (vergl. insbeſondere d. Rede über das Verhältniß der bildenden Kunſt zur Natur); nur iſt dieſe Einſicht wie bei Hegel in der allgemeinen Ab - leitung nicht durchgeführt. Wohl aber wird die Kunſt mit der Religion auf ganz unſtatthafte Weiſe vermengt; Schelling ſpricht ſogar eine Unmöglichkeit aus, der Kunſt eine andere poetiſche Welt als innerhalb der Religion und durch Religion zu geben (a. a. O. 322) und dieß würde in ſeiner Conſequenz auch den Satz wieder aufheben, daß die Kunſt das Abſolute durch die Zwiſchenglieder der einzelnen Ideen dar - ſtellt; denn die Religion hat den Charakter der Ausſchließlichkeit, daß ſie ſich nicht über das Ganze des Lebens ausdehnt, ſondern nur die ſittlichen Höhen deſſelben in ihre Symbolik aufnimmt und das Uebrige abweist. Ganz unklar bleibt in dieſem Punkte Solger, der zuerſt Schellings Ideen zu einer Philoſophie der Kunſt durchgeführt hat. Er nennt die abſolute Idee Gott und legt auf den Begriff eines ſchaffen - den Gottes ein Gewicht, als wäre nur aus ihm das Schöne abzulei - ten. Dazwiſchen wird gegen die Anſicht, als wäre Gott ein einzel - nes und für ſich beſtehendes Weſen, proteſtirt (Erwin 1, 136. 138. 247). Es bleibt aber ein völliges Dunkel über dieſem Punkte. Die Idee eines ſchaffenden Gottes erſcheint dennoch wieder als die einzige Aushilfe aus den Irrwegen der Dialektik, die das Schöne nicht zu begreifen ver - mag. In den nachgel. Schr. Th. 2, 428 wird ein Ausdruck des Boccaccio gebilligt, die Kunſt ſey blos eine andere Art der Theologie. Solger unterſcheidet eine göttliche und irdiſche Schönheit. Jene enthält die abſoluten Geſtalten der alten Mythologie und der chriſtlichen Myſtik. Die erſteren nun ſind natürlich nur Bilder der Phantaſie, allein die zweite wird unter dem Begriff der Allegorie ſo gefaßt, daß die wahre Allegorie auch ſeyn ſoll, was ſie bedeutet. Daraus folgt, daß die wirkliche Geſchichte in heilige, abſolute Geſchichte aufgehoben werden ſoll, und der Werth der beſtimmten Idee iſt ebenhiemit in dieſer Beziehung geläugnet. Ein Gegenſatz, der nur in die Geſchichte des Ideals gehört, iſt in dieſer Entgegenſetzung des göttlichen und irdiſchen Schönen als bleibender feſtgehalten, es wird nicht als Fortſchritt der Kunſt be -87 griffen, wenn ſie die transcendenten Geſtalten aufgiebt, wenn ſie die beſtimmte, wirkliche Idee rein menſchlich und natürlich und nur durch ſie die abſolute Idee darſtellt. Aber nicht nur dies; die überirdiſchen Geſtalten wären demnach wirkliche Weſen und das Schöne hätte ihnen nur als ihre Nachbildung zu folgen. Nimmt man alſo nun Solger beim Wort, ſo iſt ihm allerdings theologiſche Ableitung des Schönen vorzuwerfen; hilft man ſeiner ſichtbaren Unklarheit nach, erwägt man, daß ihm die Vorſtellung Gottes und der ganze Bilderkreis der Religion doch nur Bild ſeyn kann, ſo iſt ihm nur dies vorzuwerfen, daß er die Kunſt nicht von der Religion emancipirt, ſondern mit dieſer vermengt. Von Hegel iſt ſchon zugegeben, daß er mit Ueberſpringung der Mittelglieder im Gehalte zu ſubſtantiös unmittelbar auf den höchſten hindrängt. Dieß äußert ſich nun allerdings weſentlich auch als Vermengung mit der Religion. Der ganze zweite Theil von den beſonderen Formen des Kunſtſchönen bezeugt dieſelbe. Er enthält zu viel — namentlich über orientaliſche Religion — und zu wenig: d. h. er vernachläßigt völlig den Punkt, wo in der neueren Zeit die Tranſcendenz der Religion über - haupt durch die Bildung ausgeſchieden, dadurch erſt die einzelne Idee in unbefangene Geltung geſetzt und das moderne, weltliche oder rein menſchliche Ideal hergeſtellt wird.

Eigentlich theologiſch könnte man die unvermittelte Weiſe nennen, in welcher Winkelmann die Idee der Schönheit aus Gott ableitet; allein man muß den zweiten Theil der betreffenden Stelle nicht überſehen. Es heißt (Geſch. der Kunſt, Buch 4, Kap. 2, §. 22) zuerſt: „ die höchſte Schönheit iſt in Gott und der Begriff der menſchlichen Schönheit wird vollkommen, je gemäßer und übereinſtimmender derſelbe mit dem höchſten Weſen kann gedacht werden, welches uns der Begriff der Einheit und der Untheilbarkeit von der Materie unterſcheidet. “ Dieß iſt nichts als ein Geſtändniß, das Schone nicht erklären zu können; eigentlich weiß Winkelmann wohl, daß, wo man alle Materie abzieht, die Schön - heit ihr Ende hat. Aber dann folgen die trefflichen Worte über das Ideal: „ dieſer Begriff der Schönheit iſt wie ein aus der Materie durchs Feuer gezogener Geiſt, welcher ſich ſuchet ein Geſchöpf zu zeugen nach dem Ebenbilde der in dem Verſtande der Gottheit entworfenen erſten vernünftigen Kreatur. “ Alſo nicht Gott ſelbſt, ſondern das Prototyp der Geſtalt iſt die Urſchönheit. Ein ächtes Beiſpiel theologiſirender Aeſthetik iſt dagegen die §. 10, 1 als ältere chriſtliche Vorſtellung er - wähnte Anſicht von Gott als dem in Leiblichkeit exiſtirenden Ideale der88 Schönheit und ebenſo eine moderne Schrift: Aeſthetik oder die Wiſſen - ſchaft des Schönen auf dem chriſtlichen Standpunkte dargeſtellt von Durſch. 1839. Hier werden die Vorſtellungen der Religion als abſolute Gegenſtände aufgeführt, welche die Kunſt von dieſer zur Darſtellung überliefert erhält: Gott, die Engel, die Seligen u. ſ. w. Dieſe Weſen werden wie Erfahrungs-Gegenſtände hergezählt. Gab es nie einen Kant? Theologiſirend iſt ferner die Aeſthetik von Weiße. Er nennt Solgers Aeſthetik theoſophiſch. Dieß wäre ſie nur, wenn ſich beweiſen ließe, daß Solgers Religionslehre theoſophiſch, d. h. Vermengung von Phantaſie und Begriff Bild und Sache ſey. Wenn nun aber Solger allerdings Miene macht, das Schöne von der Gottheit abzu - leiten, ſo verflüchtigt es dagegen Weiße in die Gottheit. Am beſten kann man ſich davon überzeugen, wenn man außer dem oben in §. 5 Anm. Angeführten und dem in §. 10, 1 Geſagten liest, wie das Er - habene über ſich ſelbſt hinaustreiben ſoll zum Guten und Göttlichen im Sinne der perſönlichen Gottes (Aeſth. §. 24) und wie daneben das Schöne, das nicht auf ein außer ihm liegendes Allgemeines hinausweist, ſondern ſich ſelbſt genügt, als das Häßliche gefaßt wird a. a. O. §. 25).

3. Es wird im zweiten Theile eine Form des Ideals auftreten, worin der Bund der Kunſt und Religion ſich auflöst. Aber noch vorher wird ſich zeigen, daß die Schönheit nicht nur dem Inhalt der religiöſen Vorſtellung, ſondern das vorſtellende Subject ſelbſt ſammt jenem, nicht nur das Geglaubte, ſondern den Glauben zu ihrem Stoffe macht: ein Beweis, daß ſie frei darüber ſteht.

§. 28.

1

Wenn die Idee als Totalität und als ewige Wirklichkeit durch das be - griffsmäßige, ſeinen Inhalt beweiſende Denken erhoben wird zum Wiſſen, ſo nennt man die Wahrheit, ſofern nämlich dieſes Wort mit genauer Unterſcheidung2 gebraucht wird. Dasſelbe wird aber auch in der Bedeutung angewandt, daß es den reinen Inhalt der ſich verwirklichenden Idee bezeichnet, abgeſehen davon, daß er in die Form des Denkens gefaßt wird. Von der Wahrheit in dieſem Sinne iſt alſo der Inhalt der abſtracten Begriffe (§. 16) ebenſo wie vom Schönen auszuſchließen, denn er iſt, obwohl nicht blos von ſubjectiver Gültigkeit, doch allein durch das ſubjective Denken in der Abſtraction feſtzuhalten; ſie fällt mit dem Schönen, wie es bis jetzt entwickelt iſt, einfach zuſammen und es muß der Satz aufgeſtellt werden: alles Schöne iſt wahr.

89

1. Wahrheit im erſten Sinn iſt der gedachte weſentliche Inhalt. Hier entſtände alſo die Vergleichung der Schönheit mit der dritten und reinſten Sphäre des abſoluten Geiſtes, der Philoſophie. Dieſe iſt jedoch hier noch nicht an der Stelle, da erſt das Spezifiſche der Form im Schönen unterſucht ſeyn muß.

2. Wahrheit wird in weiterem Sinne gebraucht von dem, was wahrhaft iſt, Lebenswahrheit, ächter Gehalt. So geht es auf die Wirk - lichkeit der Idee abgeſehen davon, daß der Gedanke die reinſte Weiſe iſt, ſie als Wahrheit zu begreifen und zu beweiſen. Man nennt nun zwar auch abſtracte Kategorieen Wahrheiten, das Cauſalitätsgeſetz, die arithmetiſchen, geometriſchen Geſetze u. ſ. w.; und zwar eben in dem Sinne, daß ſie nicht blos ſubjective Gedanken, ſondern wirkliche Be - ſtimmungen der Dinge ſind. Allein irgend eine Conſequenz und Grenze muß die Wiſſenſchaft auch im weiteren Gebrauche der Ausdrücke ziehen und ſo ſind die abſtracten Begriffe vom Wahren in dieſem objectiven Sinn auszuſchließen, weil ſie in ihrer Abſtraction kein Wirkliches füllen, ſondern damit auch nur Eines exiſtire, ihre geſammte Einheit voraus - geſetzt wird. Wahr im gegenwärtigen Sinne heißt alſo nur das volle Leben. So gibt der Satz: alles Schöne iſt wahr. Um unzeitige Ein - wendungen zurückzuhalten, erwäge man, daß er an einer andern Stelle wieder aufzunehmen iſt, wo ſich das Verhältniß ganz anders beſtimmen wird. Falſch iſt es freilich bereits, wenn Schelling im Bruno aus dem Satze, daß die höchſte Vollkommenhett nur in der ewigen und zeit - loſen Idee eines Dings ſey, den andern ableite, daß ein Kunſtwerk allein durch ſeine Wahrheit ſchön ſey. Folgende Einwendungen ſind aber ſchon im bisherigen berückſichtigt: kann auch die unorganiſche Natur, welche ja ſelbſt auch nur abſtracte Unterlage des Lebens iſt, Inhalt des Schönen ſeyn? Es iſt §. 16, 2 geſagt worden, die Grenze werde im gehörigen Zuſammenhang aufgeſucht werden. Es wird leicht zu zeigen ſeyn, in welchem Sinne auch die unorganiſche Natur Leben zu nennen iſt, und der Anſchaung Punkte genug bietet, um die werdende Perſön - lichkeit in ihr zu ahnen (§. 19, 2). Ferner: gibt ſich die Wahrheit, die alſo mit der Idee im Stufenbau ihrer Wirklichkeit zuſammenfällt, nicht Weiſen des Daſeyns, die ſich vom Schönen trennen? Die vorläufige Antwort enthält §. 18 und §. 20, 2.

Sagt man: alles Schöne iſt wahr oder ſoll wahr ſeyn (die letztere Wendung iſt eigentlich unrichtig, denn Unwahrheit hebt auch das Subject Schönheit auf), ſo wird aber damit nicht nur ausgedrückt, daß es einen90 Inhalt habe, dem wirkliches und lebendiges Seyn zukomme, ſondern man ſetzt auch voraus, daß ein Weſen zwar empiriſcher Weiſe leben, aber innerlich ſo entartet ſeyn kann, daß ſein Leben Lüge zu nennen iſt. Zu dieſer Emphaſe ſchärft ſich der Ausdruck da, wo bereits die Erfahrung vorliegt, daß auch ſolcher lügenhafter Inhalt ſich als Kern des Schönen aufzuwerfen ſucht. Das Schöne kann und muß ſogar ſolchen Inhalt aufnehmen, jedoch ſo, daß es die fortdauernde Wahrheit in der Unwahrheit aufdrückt, ſey es als heilende, ſey es als zerſtörende Kraft. Wirklich wäre ja das Unwahre nicht, ſondern müßte ſogleich zerfallen, wenn es nicht die Wahrheit in die Verdrehung ſelbſt herüber - genommen hätte.

§. 29.

Es erhellt nun aber, daß in dieſer Identität mit dem Guten, der Religion und dem Wahren das Schöne etwas Beſonderes gar nicht iſt und daß das in §. 12 aufgeſtellte Geſetz in des bisherigen Beſtimmung des reinen Gehalts im Schönen ſeine Erfüllung noch gar nicht gefunden hat. In der griechiſchen Welt war die Schönheit mit dem Leben ſo verſchlungen, daß das Moment des Unter - ſchieds, zu welchem die Einſeitigkeit dieſer Betrachtung überzugehen nöthigt, nicht in ſeiner Schärfe gefaßt werden konnte. Plato überſteht zwar in ſeiner mythiſchen Darſtellung dieſes Moment nicht, wo er aber die Idee des Schönen in ihre Verwirklichung verfolgen ſoll, vermiſcht er ſie dennoch mit der des Guten und Wahren.

Καλοκἀγαϑὸν der Griechen. Plato nimmt in der mythiſchen Dar - ſtellung im Phädrus eine Wendung, aus welcher der Unterſchied des καλὸν und des ἀγαϑὸν wohl wäre abzuleiten geweſen. In der Idee des Schönen iſt kein anderer Inhalt, als in der Idee der Güte und Weis - heit: τὸ ϑεῖον καλὸν, ϐοφὸν, ἀγαϑὸν καὶ πᾶν ὅ τι τοιȣ῀το; ſie allein aber iſt, wo ſie mit jenen Ideen am überhimmliſchen Orte verweilt, hellſchimmernd und liebreizend, ἐκφανέςαι ον καὶ ἐραςμιώτατον. Ver - wirrung iſt es, wenn Plato hinzuſetzt, die andern Ideen, Weisheit und Gerechtigkeit, ſchauen wir nicht ebenſo im ſichtbaren Bilde, weil eine zu heftige Liebe dann entſtehen würde. Denn wenn das Schöne denſelben Gehalt hat, wie das Gute und Wahre, ſo iſt es ja wirklich eben dieſer, der im Schönen hellſchimmert. Allein das Bedenkliche liegt ſchon in der Platoniſchen Ideen-Lehre überhaupt. Dieſe fixirt die Abſtraction91 des Allgemeinen gegenüber ſeiner Wirklichkeit im Beſondern als eine Hypoſtaſe und ſo kommt das Abbild gegen das Urbild zu kurz; was aber insbeſondere die Idee des Schönen betrifft, ſo muß jene Fixirung noch einen weitern Uebelſtand zur Folge haben. Da nämlich das, was dieſe vom Wahren und Guten unterſcheidet, die ſinnliche Form, eben in der Welt des Abbilds, in der Gegenwart der Sinnenwelt zu Hauſe iſt, ſo kann es mit der Aufnahme dieſes unterſcheidenden Kennzeichens in die Idee des Schönen eben um dieſer Jenſeitigkeit willen kein rechter Ernſt ſeyn und daher wird nicht nur das Abbild mißtrauiſch angeſehen, ſondern auch das Urbild wieder mit dem rein geiſtigen Weſen der Ideen, die dem denkenden Geiſte und dem Innern der Geſinnung angehören, des Guten und Wahren, confundirt. Wo daher Plato die Idee des Schönen verfolgen ſoll in ihre Verwirklichung, da benützt er jenes Moment des Unterſchieds nicht. Denn zwar heißt es im Philebus, das Schöne entſtehe, wenn μετριότης und συμμετρία durch die ordnende königliche Seele des Zeus in die Mannigfaltigkeit, wenn τὸ πέρας in das ἄπειρον und ἄμετρον trete, und wenn nun weiter[die] Tugenden einer wohlgeordneten Seele, Weisheit und Gerechtigkeit, als der wahre Inhalt des Schönen dargeſtellt werden, ſo hätten wir, da die königliche Seele des Zeus zunächſt die Naturordnung iſt, das Ergebniß: das Schöne iſt der göttliche Geiſt, wie er ſich in der Natur und in der ſittlichen Welt durch die Harmonie der Form offenbart. Allein im Sympoſion, im Phädrus, im Timäus, im Staat wird nun Seelenſchönheit und körperliche Schönheit ſo unterſchieden, daß die erſtere allein als wahre Schönheit, die letztere nicht als ihr Ausdruck, ſondern nur als ihr Symbol erſcheint; es handelt ſich darum, zu zeigen, wie die nicht rein äſthetiſche, ſondern begierdevolle Liebe zu der letzteren in eine ſittliche und erziehende zu der erſteren verwandelt werden ſoll, im Timäus wird ausdrücklich geſagt, alles Gute ſey ſchön, und in den Geſetzen heißt es ſogar: alle Gerechten ſind ſchön und Alles, was ſie thun und leiden, wenn ſie auch noch ſo häßlich von Geſtalt ſeyn ſollten. Wie mit dem Guten, ſo wird das Schöne durchgängig auch mit dem Wahren nicht nur an ſich, ſondern dem Wahren als der geiſtigen Thätigkeit des Denkens, d. h. mit der Weisheit verwechſelt, beſonders im Staate. Der pädagogiſche Rigorismus, der in den Urtheilen über die Kunſt herrſcht, iſt eine nothwendige Folge dieſer Vermiſchung, deren genauere Kritik aus der folgenden Entwicklung des Unterſchieds von ſelbſt ſich ergeben wird. Vom blos relativ Wohlgefälligen, vom Nützlichen und92 Angenehmen, weiß übrigens Plato eben durch dieſen Nachdruck, der auf den geiſtigen Gehalt fällt, das Schöne wohl zu unterſcheiden, beſonders im größ. Hippias (deſſen Aechtheit freilich bezweifelt wird). Die Neuplatoniker fixirten dieſen Idealismus. Plotin unterſcheidet weſent - lich geiſtige Schönheit und Körperſchönheit und ſtellt die erſtere, die gar nicht erſcheint, unendlich über dieſe. Das vierte Kap. 1. Schr. περὶ τȣ῀ καλȣ῀ (ed. Creuzer,) beginnt mit der Forderung, aufzuſteigen zu der höheren Schönheit, welche der Anſchauung nicht offen ſteht, ſondern von der Seele ohne Werkzeuge geſchaut und ausgeſprochen wird, wobei wir alle Sinnenwahrnehmung in der Tiefe znrücklaſſen. Dieſe höhere Schönheit iſt die Gerechtigkeit und Wohlordnung des Gemüths (σωφροσ ύνη) die Reinheit vom Affect, die wahrnehmbare Schönheit nur ihr Schatten und Scheinbild.

[93]

B. Das Bild.

§. 30.

Die Idee ſoll gemäß §. 13 erſcheinen als vollkommen verwirklicht in einem Einzelnen, das als ſolches ein räumlich und zeitlich begrenztes endliches Weſen iſt. Dies Weſen heißt Bild im Sinne eines Gebildes, das ein Indi - viduum der je im vorliegenden Falle den Inhalt des Schönen abgebenden be - ſtimmten Idee oder Gattung iſt.

Wie ſich die Gattung zu ihren Individuen verhalte, darüber hat dieſer §. noch nichts auszuſprechen, vielmehr ſind gerade die Momente des Gegenſatzes zwiſchen der Einzelnheit des Individuums und der Allgemeinheit der Idee zunächſt zu verfolgen. Es iſt nur ausdrücklich hervorzuheben, daß dies Bild ein Individuum der je im gegebenen Falle den Inhalt des Schönen abgebenden beſtimmten Idee ſeyn müſſe. Der Ausdruck Bild könnte ſonſt mißverſtanden und an das äußerliche Ver - hältniß gedacht werden, das in der bloſen Vergleichung und im Symbole zwiſchen dem Sinnlichen und dem Gedanken Statt findet. Bild hat aber hier und im Folgenden durchaus ſeine urſprüngliche Bedeutung: Gebilde. Daß nun unter dieſem durchaus nur das Gebilde verſtanden iſt, worin je die den Inhalt des Schönen ausmachende Gattung als ihrem eigenen ſich darſtellt, dies ſcheint ganz von ſelbſt einzuleuchten, aber dieſe Grund - wahrheit wird von der Kunſt ſo vielfach verkannt, daß der Inhalt des §. von den gewichtigſten Folgen iſt für die wahre Anſicht von dieſer. Dies wird ſich namentlich in der Lehre von der Allegorie zeigen.

94

§. 31.

Das Individuum iſt zufällig, d. h. die Gattung kann ſich zwar nur durch die Reihe ihrer Individuen verwirklichen, aber wann und wo ein ſolches entſtehe, iſt durch die Gattung allein nicht beſtimmt, ſondern durch ein Zuſammentreffen von Bedingungen, welche aus dem gleichzeitigen Zuſammenſeyn der einen Gat - tung mit allen andern fließen.

Der Begriff der Zufälligkeit iſt weſentlich im Schönen. Man hüte ſich, hier und in der zunächſtfolgenden weiteren Ausführung dieſes Be - griffs ſchon an diejenige Art der Zufälligkeit zu denken, welche das Schöne, wie es außer der Kunſt exiſtirt, trübt und durch dieſe zu tilgen iſt. Davon muß an ſeinem Orte ausdrücklich erſt die Rede werden. Vielmehr erinnere man ſich vorläufig, daß auch im Ideal die Zufällig - keit, von der hier die Rede iſt, erhalten ſeyn muß. Das ächte Drama z. B. behandelt eine wahre und nur etwa von der Sage vorher ſchon erhöhte Begebenheit, welche die Zufälligkeit der Jahreszahl, des be - ſtimmten Ortes u. ſ. w. an ſich trägt; ſeine Perſonen müſſen den Eindruck machen, daß ſie einmal leben konnten unter allen den zufälligen Umſtänden, die dazu mitwirken, daß dieſes oder jenes Individuum jetzt und nicht ein andermal entſteht oder auf den Schauplatz ſeines Handelns hervortritt.

§. 32.

Dieſe Bedingungen treffen in jedem einzelnen Falle der Entſtehung eines Individuums in ſo unberechenbarer Weiſe zuſammen, daß eine unendliche Ver - ſchiedenheit die Individuen derſelben Gattung von einander trennt. Die Zu - fälligkeit der Entſtehung iſt alſo der Grund einer weiteren Zufälligkeit, der unendlichen Eigenheit des Individuums.

Es darf nicht befremden, daß die Eigenthümlichkeit des Individuums hier vom Zufalle der Entſtehung abgeleitet wird, und wenn dies in ſeiner Anwendung auf den Menſchen härter klingen ſollte, als auf die Phyſiognomie beſtimmter Landſchaften, auf Pflanzen und Thiere, ſo ver - geſſe man nicht, daß hier erſt von der einen Hälfte, der Naturbaſis die Rede iſt und daß jene eigenthümliche Miſchung zum Vorzüglichen erſt wird, wenn das Allgemeine, das Gattungsmäßige, was hier der Geiſt iſt, ſich mit derſelben durchdringt. Die nothwendige Trennung der Wiſſenſchaft bringt es aber mit ſich, daß dieſe Durchdringung erſt95 in der Folge als Ergänzung des Begriffs auftreten kann. Das Eigenthüm - liche iſt angeborner Naturgrund, bedingt durch den Zufall der Entſtehung in dieſem Klima, Jahrgang, von dieſen Eltern und in dieſem Momente, wobei die Naturkräfte und auch von den geiſtigen Kräften Alles, was angeboren heißt, als verhüllter Seelenkeim in jedem einzelnen Falle verſchiedene Proportion eingehen. Das Eigenthümliche iſt immer eine Abweichung von derjenigen Einheit der Kräfte, welche in der Gattung liegt; ſehr ſchwer iſt die Linie zu beſtimmen, wo dieſe Abweichung in eigentliche Trübung, äſthetiſch betrachtet in Häßlichkeit übergeht. Dieſer Punkt iſt wieder aufzunehmen. Uebrigens handelt es ſich hier nicht blos von der Idee im Sinne der Naturgattung, ſondern auch der ſittlichen Sphäre. Der Stoff, den in jeder ſittlichen Sphäre der Geiſt verarbeitet, findet ſich in jedem einzelnen Falle auf andere Weiſe zuſammen. Kein Staat iſt wie der andere, kein Krieg, keine Revolution u. ſ. w.

§. 33.

Das vorhandene Individuum bleibt mit den außer ſeiner Gattung liegenden Bedingungen des Lebens, ſowohl denjenigen, welche zu ſeiner eigenen Ent - ſtehung zuſammenwirkten, als auch einer unbeſtimmbaren Vielheit anderer in einer fortdaurenden Wechſelbeziehung, welche als ſtetiger Lebensreiz eine Reihe von Zu - ſtänden und Thätigkeiten mit ſich bringt, die ſich ebenfalls nicht beſtimmen läßt.

Auf gewiſſen Punkten iſt, da Manche eine Aeſthetik leſen, die keine Kenntniß der Kunſt haben, ein vorläufiger Fingerzeig unentbehrlich. Daher muß ſolchen Leſern hier geſagt werden, daß der Satz des §. für alle Kunſt darum unendlich wichtig iſt, weil nirgends Bewegung, ſey es ſinnliche oder geiſtige, irgend zur ſchönen Darſtellung kommt, wo ſie nicht den Ausdruck der natürlichen Freiheit von aller mathematiſchen Nothwendigkeit hat, welche Freiheit von der ſittlichen noch ſehr zu unter - ſcheiden iſt. Ein Thier z. B. wird bald, ſo bald ſo zur Aufmerkſamkeit, zur Thätigkeit gereizt, es ſpielt, ſpitzt die Ohren, läßt ſie hängen, legt ſich bequem nieder, wie es eben der Boden gibt, ſpringt auf u. ſ. w. Es liegt freilich ſtreng in der Raſſe, wie ſich z. B. ein Hund niederlegt, ob er ſich erſt öfters im Ring dreht, die Füße gekreuzt übereinander legt u. dergl. ; aber der Zufall des Ortes, der Wärme oder Kälte, der größeren oder geringeren Müdigkeit z. B. bringt dieſe oder jene Beſonder - heit in die Lage, und der Thiermaler, der dieſe Zufälligkeit nicht dar -96 zuſtellen weiß, bringt ein mechaniſches Bild hervor. Dieſe Liberalität und légèreté der Zufälligkeit iſt ganz weſentlich, und zwar auch in der Dar - ſtellung des Menſchen; der erſte Reiz muß zufällig erſcheinen, der Wille er - hebt ihn erſt in den Zuſammenhang der ſittlichen Ordnung. Das Lebendige wählt, aber zum Wählen muß etwas da ſeyn; es nimmt es daher, wie es kommt: dies muß man dem Schönen durchaus anſehen.

§. 34.

Dieſe Zufälligkeit, wie ſehr ſich dadurch der Gegenſatz zwiſchen den Be - ſtimmungen dieſes und den Beſtimmungen des erſten Moments, der Idee, zum Widerſpruch ſteigern mag, iſt Geſetz im Schönen. Denn wenn aus der Allge - meinheit und Nothwendigkeit der Idee heraus die Abſtraction einer Geſtalt und ihrer Bewegungen abgeleitet würde, die ohne alle Abweichung ihrem Gat - tungsbegriff entſpräche, ſo ließe ſich nicht jener Schein der Verwirklichung der Idee begründen, welcher in §. 13 gefordert iſt. Der Widerſpruch aber iſt aller - dings erſt zu löſen.

Auch hier iſt, um die Sache in ihrer Conſequenz klar zu machen, vorläufig an die Kunſt zu erinnern. Mathematiſcher Charakter des abſtracten Idealismus. Der Künſtler: auch er geht, wie ſich zeigen wird, in ſeinem Schaffen vom Zufall aus. Der Grund aber, warum alle Kunſt Todtes hervorbringt, wenn ſie den Charakter der Zufälligkeit opfert, iſt in der Metaphyſik des Schönen aufzuſtellen. Die Idee er - ſcheint nämlich nicht als wirklich, wenn das, was ihre Verwirklichung zu ſtören ſcheint, weggelaſſen wird. Wenn ſich z. B. im Drama ein Charakter, weil er durch Lokal-Einflüſſe, Temperament, Erziehung u. ſ. w. ſchon anderwärts beſtimmt iſt, mit dem ihm zugetheilten Pathos nur ſchwer und widerſtrebend durchdringt, dann erſt erſcheint dieſes in ſeiner Kraft; je planer es dagegen mit jenem zuſammenfällt, deſto unmächtiger erſcheint es. Hier aber iſt noch nicht von der Löſung die Rede; es iſt zuerſt nur der Gegenſatz des idealen und des realen Moments im Schönen bis zum vollen Widerſpruch hervorzuheben; die Spitze desſelben iſt jedoch mit dem Bisherigen noch nicht ausgeſprochen.

§. 35.

Da alſo immer beides, die Regel, welche durch die Gattung, und die Abweichung, welche durch die Zufälligkeit des Individuums gegeben iſt, in der Geſtalt ſich vereinigt, ſo erhellt, daß keine Beſtimmtheit derſelben aufzufinden iſt, welche als Merkmal oder Richtmaß der Schönheit gelten könnte. Es iſt97 die ſpezifiſche Art aufzuſuchen, in welcher ſich jene beiden Gegenſätze zur Einheit des Schönen durchdringen; jede andere Feſtſtellung gewiſſer Eigenſchaften, durch welche ein Körper ſchön ſeyn ſoll, iſt entweder zu weit oder zu eng, oder vielmehr immer beides zugleich.

Man hat gemeint, das Schöne, das ein durch die Geſtalt ergoßener Geiſt iſt, mit dem Zollſtab einfangen, oder wenn man ſich hütete, das Unmeßbare meſſen zu wollen, wenigſtens einen Satz über die allgemeine Beſtimmtheit der Geſtalt, wodurch ſie eben ſchön ſey, aufſtellen zu können. Die Eigenſchaften, die man von ihr ausſagt, heißen Merkmale, ſofern man den inneren Grund, eben die ſpezifiſche Durchdringung der Gegen - ſätze (Regel und Individualität), nicht zu begreifen geſteht und nun an einer gewiſſen Beſtimmtheit der Oberfläche das Schöne zu erkennen, zu merken meint, Richtmaß oder Kanon, ſofern man gewiſſe Meſſungs - Verhältniſſe, welche man über dieſelbe aufſtellt, nur in Anwendung bringen zu dürfen glaubt, um ein Schönes hervorzubringen. Ein eigent - licher Kanon iſt zwar nur für die menſchliche Geſtalt aufgeſtellt worden, allein dieſer Verſuch eben iſt von allgemein belehrender Kraft über die Unmöglichkeit, das Schöne zu meſſen. Der Gang unſerer Entwicklung iſt nun aber der, daß wir die Nothwendigkeit, jene ſpezifiſche Durch - dringung der Gegenſätze als das Weſentliche im Schönen zu begreifen, uns erſt aus der Einſicht entſtehen laſſen, daß vor und außer dieſem Begreifen über die ſchöne Geſtalt durchaus nichts Beſtimmtes ausgeſagt werden kann. Es handelt ſich alſo hier von Erklärungsverſuchen, welche eine gewiſſe Beſtimmtheit der ſchönen Erſcheinung ſtatt des inneren Grundes aller ihrer Beſtimmtheiten, richtiger ſtatt des Einen Begriffes, der dieſen Grund ſammt ſeiner Folge, den Beſtimmtheiten ſelbſt enthält, aufſtellten. Es ſind Definitionsverſuche von außen nach innen ſtatt von innen nach außen, und ſie fixiren das Aeußere als das Innere. Dieſer Vorwurf ſcheint diejenigen nicht zu treffen, welche darauf verzichteten, eine äußer - liche Beſtimmtheit des ſchönen Körpers feſtzuſtellen, vielmehr ein Allge - meines von ihm ausſagten, das geiſtiger Natur iſt und bereits auf jene Durchdringung hinweist. Es wird ſich aber im folg. §. zeigen, daß auch dieſe, ſofern ſie diejenige Art der Durchdringung nicht nannten, die dem Schönen im Unterſchied von andern Arten der Durchdringung eigen iſt, zugleich zu viel und zu wenig von demſelben ausſagten.

Es iſt nur noch zu bemerken, daß man gegen den Ausdruck „ Ge - ſtalt “hier nicht geltend machen möge, daß derſelbe weſentlich auf dasViſcher’s Aeſthetik. 1. Bd. 798Sichtbare gehe, da doch zum Schönen auch Muſik und Poeſie gehöre. Man laße ſich zunächſt die Zurechtlegung gefallen, daß im Tone etwas wirkt, was den im Raume bildenden Geſetzen geheimnißvoll verwandt iſt, und daß in der Poeſie das Sichtbare als inneres Bild wiederkehrt. Das weitere Syſtem wird dieſen wichtigen Punkt gründlich beleuchten.

§. 36.

1

Zu weit iſt die Beſtimmung des Plato und Ariſtoteles, daß das Schöne beſtehe in einer Einheit des Mannigfaltigen, welche ſich durch Ordnung, Ebenmaß und Begrenzung ausdrücke. Allerdings wird ſich die Gegenwart der Idee im Körper als eine ſolche organiſche Einheit äußern, aber es gilt dieß nicht blos von dem Schönen; dieſes wird ſich vielmehr durch eine beſondere Art des Einklangs vom Einklang anderer Art unterſcheiden. Daher iſt dieſe Beſtimmung ebenſoſehr zu eng, weil zum Schönen mehr gehört, als ſie enthält. Die nähere Angabe des Ariſtoteles, daß das Schöne um der Ueberſchau - lichkeit willen ein gewiſſes Maß von Größe haben müße, iſt richtig und2 weſentlich, aber ganz unbeſtimmt. Dagegen ſtellten engliſche Senſualiſten ein beſtimmtes Maß, beſtimmte Linien, Arten der Oberfläche u. ſ. w. als Merkmal und Richtſchnur des Schönen auf und geriethen dadurch in den ent - gegengeſetzten Fehler einer zu engen Beſtimmung, die aber ebenſo zugleich zu weit iſt, weil ſie auch auf Anderes, als das Schöne paßt.

1. Dem Plato und Ariſtoteles kann nicht vorgeworfen werden, daß ſie das Schöne vermeſſen zu können meinten; ſie ſuchten eine geiſtige Einheit in demſelben. Plato ſagt ausdrücklich, es ſey die Idee, welche in das Mannigfaltige Einheit bringe, Ariſtoteles hat bekanntlich vor Allem die Tragödie im Auge, und die Einheit iſt hier die Handlung, die Handlung aber Verwirklichung einer Idee, alſo auch hier iſt wenigſtens mittelbar die Idee als Grund dieſer Einheit aufgeſtellt. Allein beide haben nirgends das Wort für die ſpezifiſche Art der Durchdringung des Stoffes durch die Idee, welche das Schöne bedingt, gefunden, wie dieſelbe unter dem folg. Abſch. C. darzuſtellen iſt; daher geſchieht es ihnen dennoch, daß ſie das einmal zwar von dem inneren Grunde der begrenzenden Einheit ausgehen, das andremal aber dieſe, die Begrenzung des Stoffes zur Einheit des Ganzen, für die Sache ſelbſt ausgeben. Ihnen fehlt die Mitte: nämlich eben die ſpezifiſche Art des durch die Idee bedingten Einklangs im Schönen. Es giebt ja Arten von Einklang,99 welche das Zufällige ſtreng ausſchließen, es giebt andere, die ſich ſeiner als eines zerſtörenden Feindes nicht erwehren können; es giebt mathe - mathiſche, es giebt moraliſche, philoſophiſche, techniſche, natürliche Ein - heiten, und wir wollen erſt wiſſen, wie ſich das Schöne zu denſelben verhalte. Die neueren Aeſthetiker dagegen, wo ſie die Einheit des Mannigfaltigen als weſentliches Merkmal feſthielten, ſtanden nicht einmal auf dem Standpunkte der Idee und wußten daher den inneren Grund des Einklanges nicht nur nicht in der geforderten Weiſe näher zu beſtimmen, ſondern überhaupt nicht anzugeben.

Plato hat den Ausdruck: Einheit in der Mannigfaltigkeit nicht ausdrücklich vom Schönen gebraucht. Er geht aber im Philebus von dem Verhältniſſe des Einen und Vielen aus. Jenes iſt die Idee, dieß ihr Gegenſatz, der unendliche Stoff, worin ſie wird. Als das Band zwiſchen dem Vielen und Einen wird hierauf die Grenze, τὸ πέρας, be - griffen, welche in jenes, τὸ ἄπειρον, Zahl und Maß bringt. Sogleich wird die Tonkunſt als Darſtellung dieſes Verhältniſſes angeführt, und ſo wird nun, wie ſchon zu §. 29 bemerkt iſt, μετριότης καὶ συμμετρία, ausdrücklich als das Weſen der Schönheit geſetzt. Was dazwiſchen geſagt iſt von der königlichen Seele des Zeus als der Urſache dieſes Verhält - niſſes iſt eine mythiſirende Darſtellung, die neben der Lehre von der Idee überflüſſig iſt. Dieſe Eigenſchaft des Maßes nun und der inneren Verhältnißmäßigkeit oder Proportion (dies heißt συμμετρία) die ſich zugleich nothwendig als Vollendung, τὸ τέλεον, das zwar eigentlich neben dem Schönen und dann als Charakter des Guten aufgeführt, aber offenbar ebenſo zum inneren Weſen des Schönen gezählt wird, d. h. als Abgeſchloſſenheit des Ganzen darſtellen muß, wird allerdings der ſchönen Geſtalt weſentlich ſeyn, denn die Idee, welche in ihr erſcheint, kann ſich nicht anders offenbaren, denn als ein die Theile abmeſſender und in ſtrenger organiſcher Einheit um ſich verſammelnder Mittelpunkt; aber dieſelbe Eigenſchaft hat nach Plato ſelbſt das Gute ſowohl als einzelner ſich vernünftig beherrſchender, weiſer und gerechter Geiſt, als auch in ſeiner Erweiterung zum harmoniſchen Bau des Staats, und ſo haben wir wieder die Identificirung des Schönen mit dem Guten und Wahren, aber keine ſpezifiſche Beſtimmung des Schönen als ſolchen. Anderes iſt auch ſo beſtimmt, der Begriff iſt alſo zu weit, und das Schöne noch etwas Anderes, als dies, er iſt alſo zu eng. Ganz einfach wäre geholfen, wenn man nun mit Ruge (Die platoniſche Aeſthetik S. 50) die gelegentliche Aeußerung Platos: „ mir ſcheint, wie eine unkörperliche7*100Ordnung, die ſchön über einen belebten Körper herrſchen ſoll, die ge - genwärtige Rede fertig zu ſeyn “benützen und die Platoniſche Anſicht weiter dahin beſtimmen wollte: das Schöne iſt die unkörperliche Ordnung (das Gute und Wahre), wenn ſie in einem durch ſie beſeelten Körper zur Anſchauung wird. Dann würde nur noch Ein Mittelbegriff fehlen, der nämlich zu enthalten hätte, was erſt mit dieſem Körper vor ſich gehen müſſe, wenn jene Ordnung in ihm zur Anſchauung kommen ſoll, und es wäre der Unterſchied vom Guten und Wahren (bei der Einheit) gefunden. Allein Ed. Müller (Geſchichte der Theorie der Kunſt bei den Alten, B. 1, S. 71) wendet gegen dieſe Folgerung mit Recht ein, daß man ſich hüten müſſe, dem Plato unterzuſchieben, und es iſt nicht zu läugnen: es herrſcht hierin bei ihm große Confuſion. Die Folgerung Ruges wird ſchon dadurch aufgehoben, daß Plato an mehr als Einer Stelle (vergl. Ed. Müller a. a. O. 72 ff. ) vielmehr eine Stufen - leiter annimmt, auf welcher er die körperliche Schönheit als niedrigere, die geiſtige Schönheit als höhere Stufe ſetzt und ſo die Logik des Schönen völlig verwirrt. Zwar erklärt er im Staat für das allerſchönſte Schauſpiel dies, wenn geiſtige Schönheit und Körperſchönheit zuſammen - fällt; allein das Schiefe liegt ſchon darin, daß er überhaupt rein geiſtige Vollkommenheit an ſich Schönheit nennt. Der tiefere Sitz der Ver - wirrung liegt alſo auch hier auf demſelben Punkte, auf welchem, wie §. 29 Anm. nachgewieſen iſt, überhaupt die Schwäche der Platoniſchen Lehre liegt, der Fixirung der Ideen gegen ihre Wirklichkeit. Plato verwechſelt den abſtracten Begriff des Schönen trotzdem, daß er das Hellglänzende in denſelben aufnimmt, mit der Idee überhaupt, und ſtatt ihn vom einzelnen wirklich Schönen zu unterſcheiden, unterſcheidet oder richtiger trennt er ihn mit der Idee überhaupt von der Erſcheinungswelt überhaupt, confundirt ihn daher mit jener, vergißt, daß, wenn das Urbild hellleuchtend und glänzend iſt, auch das Abbild es ſeyn muß, was doch im Phädrus ausdrücklich und mit beſonderer Beziehung auf den Ge - ſichtsſinn ausgeſprochen iſt, und kann nun den Begriff des Maßes nicht mehr als den des wahren Bands der Idee mit einem individuellen Leibe benützen.

Auch Ariſtoteles ſetzt die weſentlichen Merkmale des Schönen in die τάξις καὶ συμμετρία καὶ τὸ ὡρισμένον. Bei dieſer Beſtimmung, welche E. Müller a. a. O. B. 2, S. 97 anführt, mag znnächſt davon abgeſehen werden, daß ſie von Ariſtoteles auch auf das Mathe - matiſche angewandt wird. Hiedurch iſt eine Einheit als Band des101 Mannigfaltigen ausgeſprochen wie bei Plato und die Poetik, da ſie es mit einer beſtimmten Kunſt zu thun hat, ſetzt dieſe Einheit in die Handlung, welche Eine und eine ganze ſeyn muß (Cap. 7. 8.). Die Begriffe, die darin enthalten ſind, werden ſchärfer beſtimmt als bei Plato, zwar freilich immer nur in der Anwendung auf die dramatiſche Handlung. Die Ordnung iſt eine organiſche, kein Theil darf verſetzt werden, ohne daß das Ganze leidet. Die Symmetrie wird ebenfalls genauer begriffen als ein quantitatives gegenſeitiges Verhältniß der Theile in ihrer Zuſammenſtimmung zum Ganzen. Dies Ganze iſt noth - wendig begrenzt und abgeſchloſſen, vollendet. Der Begriff des τέλειον folgt auch bei Plato von ſelbſt aus ſeiner allgemeinen Beſtimmung und wird beſonders im Timäus ausgeſprochen. Obwohl nun Ariſtoteles dieſe Begriffe ſchärfer beſtimmt als Plato und ſchon durch die ſpezielle Natur ſeiner Unterſuchung immer die Einheit des ſo abgegrenzten Mannig - faltigen als eine ſpezifiſch äſthetiſche praktiſch im Auge behält, ſo hat doch auch er in dieſen Beſtimmungen noch keine genügende Unterſcheidung des Schönen vom Guten und Wahren, Ed. Müller giebt (a. a. O. B. 2, 95 — 97.) ſolche Stellen, worin er das Schöne mit dem Guten vermengt, und nun iſt auch hervorzuheben, daß es ſelbſt der Mathematik vindicirt wird. Ein Unterſchied von dem Guten ließe ſich zwar aus der Stelle in der Metaphyſik (XIII, 3) ableiten, welche ſagt, das Gute ſey immer im Thun, das Schöne aber auch im Unbewegten. Das Thun wäre dann zu faſſen als ein Thun mit der Kategorie des Sollens, das Un - bewegte aber als etwas, worin ſich zwar auch ein Thun, aber ein vollendetes, darſtellt. Dagegen iſt jedoch der Zuſatz: „ auch “. Eigen iſt nun aber dem Ariſtoteles die Forderung einer beſtimmten Größe (Poetik 7). Nicht nur die Tragödie ſoll eine beſtimmte Größe haben, ſondern alles Schöne. Es darf nicht zu klein ſeyn, ſonſt markirt es ſich nicht in der Anſchauung, nicht zu groß, ſonſt iſt keine Ueberſicht möglich. Dieß iſt ein ſehr richtiger Begriff und von großer Wichtigkeit. Er iſt zwar in dem der Begrenztheit (§. 30) ſchon enthalten, aber er muß allerdings noch beſonders herausgeſtellt werden, wozu hier Ariſto - teles eben die Veranlaſſung giebt. Nur der überſchauliche Ausſchnitt eines Ganzen, das als Ganzes unüberſehlich iſt, kann ſchön ſeyn. Die Herrlichkeit des Weltgebäudes z. B. kann äſthetiſcher Gegenſtand werden nur durch Darſtellung eines leicht überſchaulichen Theiles, der aber ſo beſchaffen iſt, daß er die Ahnung des Ganzen erweckt. Iſt der Gegen - ſtand ſchön im Zuſtand der Ruhe, ſo heißt er vermöge dieſer Eigenſchaft102 εὐσύνοπτος, bewegt er ſich in der Zeit, εὐμνημόνευτος. Er darf aber auch nicht zu klein ſeyn: συγχεῖται γὰρ ἡ ϑεωρία ἐγγὺς τȣ%1FC0; ἀναισ - ϑήτȣ χρόνȣ γινομένη. Dieſer Begriff des Ueberſchaulichen und in ſich Unterſcheidbaren iſt nun zwar weſentlich, aber ebenfalls keine Be - griffsbeſtimmung des Schönen; er giebt die Grenze, nicht die innere Natur an. Das innere Weſen der Durchdringung zu begreifen, wodurch die Geſtalt zur ſchönen wird, dazu hat Ariſtoteles mehr als irgendwo einen Schritt gethan in der Stelle, die Ed. Müller anführt (a. a. O. S. 105, aus der Politik III, 6.): ſchöne Menſchen unter - ſcheiden ſich dadurch von nicht ſchönen und ſo auch die Gemälde der Kunſt von der Wirklichkeit, daß das hie und da Zerſtreute in ihnen verbunden und vereinigt iſt, denn ſonſt wäre wohl, was das Einzelne anbetrifft, auch einmal ſchöner dieſes Menſchen Auge, von einem Anderen ein anderer Theil, als in den Gemälden. Allein dieſer Gedanke, der geradezu dahin führt, wohin wir unter Abſchn. C. uns zu ſtellen haben, wird nicht verfolgt.

Haben nun dieſe Beſtimmungen der Alten eine Wirkung der im ſchönen Körper gegenwärtigen Idee auf deſſen Form zwar aufgefaßt, aber eine ſolche, welche dieſer gemein hat mit Anderem, worin die Idee auf andere Weiſe wirkend gegenwärtig iſt, ſo liegt es nahe, dieſer zu großen Weite dadurch abzuhelfen, daß man ins Enge geht und nicht nur Harmonie der Form, ſondern eine beſtimmte Form oder beſtimmte Formen als das aufzuſtellen, worin das Weſen des Schönen liege. Die Sache wird jetzt erſt bedenklich; denn Plato und Ariſtoteles giengen aus von dem Grunde der inneren Einheit, verfolgten ihn in ſeine Wirkungen auf die Form, und wußten nun hier zwar das ſpezifiſch Aeſthetiſche nicht zu finden, hatten aber doch, wenn ſie nun die Merkmale der ſchönen Form zu nennen ſuchten, den inneren Grund dabei immer, wiewohl unvollſtändig, im Auge, konnten alſo nicht meynen, das Weſen erſchöpft zu haben, wenn ſie ſolche Merkmale angaben. Plato nennt zwar im Philebus auch gewiſſe abſtracte geometriſche Formen ſchön, die Kugel - geſtalt um ihrer Vollendung willen im Timäus, reine Flächen, gerundete Formen und Winkel im Philebus, ebenda reine Töne und reine Farben, beſonders das reine Weiß. Da er ſonſt das Schöne nur in einem organiſchen Ganzen ſucht, ſo hat dieſe Stelle (Phileb. 51) ihre eigen - thümliche Schwierigkeit. Nimmt er hier das Wort: ſchön nicht genau und redet nur von Momenten des Schönen, welche erſt in ihrer Zuſammen - ſtellung ein Schönes bilden können? Keineswegs. Plato bringt hier103 einen Standpunkt herein, durch den er ſeine Lehre vom geiſtigen Einklang unvermerkt verläßt, indem er ſie nur zu verengern meint. Reine Formen, Farben, Töne erklärt er für ſchön, weil die in ihnen ent - haltenen Punkte, Miſchungstheile, mittönende Faſern u. ſ. w. rein diſponirt ſind zum Ausdruck der jeweiligen Form. Er findet offenbar ſchon hierin den erforderlichen Einklang. Geht aber nun die Form ins Große und Ganze, wird ſie zur Totalität des organiſchen Körpers, ſo meint nun Plato, gerade hier ſey die Schönheit nicht rein, weil dieſe Körper (und ihre Darſtellungen) πρός τι καλὰ, d. h. weil ſie zweck - mäßig ſeyen. Genau ſo zählt Kant (a. a. O. §. 16. 17) die Schönheit des Menſchen zur blos adhärirenden, weil ſie einen Begriff vom Zwecke vorausſetze. Beide verkennen, daß die durchgeführte innere Zweck - mäßigkeit ſich als bloſe Zweckmäßigkeit aufhebt und ſelbſtändige Totalität wird. Sonſt ſpricht aber Plato ohne Einſchränkung vom Werthe der organiſchen Schönheit und wird nun ſeinem Grundbegriffe wieder treu. Ganz ebenſo Plotin (περὶ τȣ῀ καλȣ῀ Cap. 1); nur wird hier die Inconſequenz voll. Denn zuerſt läugnet er, daß das Ebenmaß aller Theile die Schönheit begründe, und nennt einzelne Theile eines ſchönen Körpers, einzelne Farben u. ſ. f. ebenfalls ſchön, dann ſagt er, ſchön werde die Materie durch Theilnahme an der geſtaltenden Idee, und vergißt, daß dieſe Geſtaltung gerade als Zuſammenſtimmung der Theile weſentlich ſich äußert.

2. Hat man nun aber die Idee als Einheitspunkt im Schönen verloren, ſo meint man ſchlechtweg in vereinzelten äußeren Merkmalen das Weſen des Schönen ſelbſt einzufangen; man vergißt, daß nur eine Concretion ſolcher formeller Beſtimmungen ein Schönes bilden kann, man vergißt alſo z. B., daß das Schöne auf gewiſſen ſeiner Stufen zwar ſymmetriſch (im jetzigen Sinne einer Wiederholung gleich gezählter ſich gegenüber - ſtehender Theile) iſt, aber nicht blos ſymmetriſch, ſondern ſo, daß das Symmetriſche von freien Linien umſpielt wird, und glaubt trotzdem durch die Symmetrie nicht nur ein Merkmal, ſondern eine Definition des Subjects der Merkmale gegeben zu haben. In dieſer Enge befanden ſich die engliſchen Senſualiſten des vorigen Jahrhunderts, welche freilich einen ganz anderen Ausgang nahmen, nämlich von dem Sinne, womit das Schöne aufgenommen wird; eine ſubjective Wendung, die uns als ſolche hier noch nicht beſchäftigt. Der Sinn nun aber, eine gewiſſe Anlage, die vom Schöpfer in uns gelegt und nicht weiter zu definiren iſt, wird zwar nicht als eine blos ſinnliche Anregungsfähigkeit genommen;104 zunächſt jedoch berührt er ſich mit ſeinem Objecte ſinnlich, man ſucht auf rein empiriſchem Wege auszufinden, wie das Object auf den Sinn ſinnlich wirke, und läßt den Reflex dieſer erſten Berührung auf die geiſtige innerliche Seite des Sinns mehr oder weniger gleichgiltig zur Seite liegen. Ebenſo geht man objectiv nicht hinter die formellen Eigenſchaften, durch die der Gegenſtand den Sinn berührt, zurück, man iſt von der Idee als innerem Grunde der Form im Gegenſtande ſo weit als möglich entfernt, und ſo geſchieht es, daß man ein äußeres Merkmal als das Weſen der Sache fixirt. Doch haben auch dieſe Unterſuchungen ihren Werth, da die ſinnliche Beſtimmtheit des ſchönen Gegenſtands zwar nie das Ganze, aber doch weſentlich iſt. Hutcheſon: Enquiry into the original of our ideas of beauty and vertue 1720 iſt dieſer Fixirung äußerer Merkmale nicht unmittelbar anzuklagen; aber indem er die Platoniſche Beſtimmung des Schönen als der Einheit im Mannigfaltigen empiriſch darzuthun ſucht, ſo verliert ſie ihm die Bedeutung eines geiſtigen Bandes, wird ihm zur „ Einförmigkeit “und ſofort zur Symmetrie im engeren geometriſchen Sinne; ſo hält er ſie als kryſtalliſche Form feſt, ferner in den Reichen des Organiſchen namentlich in dem gewöhnlichen ebengenannten Sinne eines Gegenüberſtehens gleicher gedoppelter Glieder und endlich als meßbare Proportion insbeſondere in den Verhältniſſen des menſchlichen Leibes. Er überſieht völlig, daß die Symmetrie und Proportion in dieſem geometriſchen Sinne nur das Gerippe der Schönheit iſt, zwiſchen welchem die zufällige Linie frei hindurchſpielt. Ebendaher nun, weil ihm ganz der Begriff einer Durchdringung der Regel mit dem Zufälligen der einzelnen Exiſtenz fehlt, ſpricht er auch ganz unbefangen von der Schönheit in mathematiſchen Figuren und in Lehrſätzen. Dieſe ſind ſchön, weil ſie eine Menge von Wahrheiten in genauer Ueber - einſtimmung enthalten u. ſ. f.

Hogarth in ſeinem barocken, doch nicht unintereſſanten Buche: Analysis of beauty 1753 hat das Verdienſt, über die mathematiſche Fixirung inſofern hinausgekommen zu ſeyn, als er das, was blos eine der Grundlagen und blos theilweiſe conditio sine qua non der ſchönen Form iſt, in dieſem blos relativen Sinne auch begriffen hat. Freilich geht er dabei ſehr verworren zu Werke, indem er die Begriffe der Richtigkeit, der Mannigfaltigkeit, der Gleichförmigkeit (d. h. auch bei ihm der Regelmäßigkeit oder Symmetrie im Sinne des geometriſchen Paralleliſmus), der Einfachheit „ oder Deutlichkeit, “ohne alle Ordnung, ohne alle Unterſuchung ihres inneren Zuſammenhangs aufführt, dazwiſchen105 unter dem Namen „ Verwicklung “ſeine eigene Theorie einleitet, ſie durch den Abſchnitt von der Größe unterbricht und hierauf nachher noch auf die Proportion übergeht, die ja eben zu jenen relativen Begriffen gehört und eigentlich unter die „ Richtigkeit “zu befaſſen war: Begriffe, deren blos precäre Bedeutung er nun aber mit viel polemiſchem Eifer gegen die Proportionslehre des A. Dürr und Lamozzo ins Licht ſtellt. Was nun Hogarths bekannte Theorie von der Wellenlinie und Schlangenlinie betrifft, ſo liegt darin gewiß eine Ahnung, die nicht zu verachten iſt. Hogarth ahnt in ihr die Linie der Individualität, welche die Linie des feſten Maßes, den Kanon der Gattung mit ihren rinnenden Wellen umſpielt, er weist nach, wie ſie in Muskel und Haut ſich um die feſten Beſtandtheile des menſchlichen Körpers legt, wie ſie in den Bewegungen wiederkehrt, und er faßt ſie ſelbſt von Anfang als eine bewegte, im Auge lebende; man darf nur über ſeine ſubjective Begründung (leichte Hinderniſſe beſchäftigen angenehm u. ſ. w.) hinausgehen, ſo öffnet ſich eine ahnungsreiche Ausſicht in weltbauende Geſetze, in die Symbolik der Linien. Hogarth iſt auch nicht der Meinung, in die abſtracte Wellen - linie das Ganze der Form gefaßt haben, er weiß, daß ſie mit anderen Linien verbunden werden ſoll, geht aber freilich gerade über dieſen ſchwierigſten Punkt viel zu kurz weg (S. 26. in der Ueberſ. v. Mylius 1754). Hogarth ſpricht nur von der bildenden Kunſt; die Verbindung der geraden und der gewundenen Linie in die Muſik und Poeſie im bild - lichen Sinne zu verfolgen wäre ihm ein Leichtes geweſen.

Der bedeutendſte unter dieſen Engländern iſt Burke: Enquriy into the origine of our ideas of the sublime and beautiful 1757. Man findet in ihm vielfach vorbereitet, was Kant in der Kritik der äſth. Urtheilskr. in Schärfe zuſammenfaßte. Auch er beſtreitet die Meinung, daß beſtimmte Maßverhältniſſe an ſich ſchon Schönheit begründen (a. a. O. Th. 3, Abſchn. 4 und 5): Proportion begründet nicht Schönheit, ſie beſtimmt nur die Gattung. Ueber eine gewiſſe Grenze derſelben darf zwar kein Individuum hinausgehen, ſonſt weicht es von dem all - gemeinen Begriffe ſeiner Gattung, wie ſie ſich allerdings durch das Maß und Verhältniß der Theile von andern Gattungen unterſcheidet, ab; dieſe Proportionen ſind jedoch bei keiner Gattung ſo fixirt, daß es nicht noch beträchtliche Abänderungen unter den Individuis geben könnte, und unter dieſen Abwechslungen in der Proportion, die jede Gattung zuläßt, ohne das Gemeinſchaftliche ihrer Form zu verlieren, iſt keine, bei der ſich nicht Schönheit finden ließe. In Einer Gattung können ſowohl Individuen106 von gleicher Schönheit ſehr weit in ihren Verhältniſſen von einander abgehen, als auch bei gleichen Verhältniſſen ſehr ungleich an Schönheit ſeyn. Eine nach den Verhältniſſen ſtreng gebildete Figur kann häßlich, eine von ihnen merklich abweichende kann ſchön und reizvoll ſeyn. Die männliche und die weibliche Geſtalt weichen in den Proportionen weit von einander ab und doch ſind beide der Schönheit fähig. Nicht die Größe und ihre Verhältniſſe, ſondern die Beſchaffenheit (Qualität) iſt die wirkende Urſache der Schönheit. Das wahre Gegentheil der Schönheit iſt nicht Disproportion oder Ungeſtaltheit, ſondern Häßlichkeit. Jene iſt nicht der Schönheit, ſondern der Voll - ſtändigkeit und der Richtigkeit der Form entgegengeſetzt; iſt ſie hinweg - geräumt, ſo iſt darum noch nicht Schönheit da. Schönheit iſt eine poſitive Kraft, Verhältnißmäßigkeit der Theile nur ihre negative Bedingung. Ein Buckligter iſt ungeſtalt, aber darum ein nicht Buckligter noch nicht ſchön. Bloſes Maß läßt gleichgültig, beſchäftigt nur den Verſtand; die dunkle Empfindung des Schönen mißt gar nicht, hat nichts mit Rechnungs - kunſt und Geometrie zu thun. — Das Letzte iſt nicht ganz richtig, ein Meſſen iſt allerdings in dieſer Empfindung, nur bewußtlos, und ſo, daß das Meſſen ſpielend ebenſoſehr aufgegeben wird. Die Proportion iſt überhaupt zwar nicht die Schönheit; aber nicht ein Fremdes neben ihr, ſondern ein Moment in ihr. — Unter der Kategorie der Schick - lichkeit, d. h. in ſeinem Sprachgebrauch der Zweckmäßigkeit, entwickelt er nun (Abſchn. 6. 7.) Gedanken, welche ganz ſchon auf Kant hinweiſen: man braucht, um einen Gegenſtand ſchön zu finden, den Zweck desſelben vorher nicht zu kennen und der erkannte Zweck befriedigt blos den Ver - ſtand, die Imagination denkt nicht an die Zweckmäßigkeit des inneren Baus; dieſen zerlegt die Anatomie, die dem äſthetiſchen Intereſſe gerade entgegen iſt. Burke ſteht durch dieſe Entdeckung weit über ſeinen Lands - leuten, welche geradezu von der Schönheit einzelner Theile in ihrer inneren Zuſammenſetzung reden, wie denn z. B. ſelbſt Hogarth die Wellenlinie ganz anatomiſch bis in die Faſern und Knochen verfolgt, und Home (Elements of criticism. 1762 — ein im äſthetiſchen Theile begriffloſes Buch, das wir ebendarum nicht beſonders aufführen) das Schöne ſo ſehr mit dem Zweckmäßigen verwechſelt, daß er eine Maſchine zum Schönen zählt und ausdrücklich die Schönheit eines Ganzen als Zuſammenſetzung von Theilen anſieht, die jeder für ſich ſchön ſind. Wäre Burke auf dieſer Spur weiter gegangen, ſo hätte er wichtigere Entdeckungen machen müſſen und gewiß über die Vollkommenheit Tieferes geſagt, als er unter dieſer107 Kategorie vorbringt. Was dieſen Begriff anlangt, ſo wird er an ſeinem Orte genauer betrachtet werden; er beſagt mehr, als alle Beſtimmungen, die hier erſt in Betracht kommen. Nach ſo ſcharfſinnigen Erörterungen geräth nun aber Burke in einen Senſualismus der ſchlimmſten Art. Er hat (im erſten Th. ſ. Schr.) den Ausgang von den Trieben der Selbſt - erhaltung und der Geſelligkeit genommen; das Erhabene erſchüttert jenen, das Schöne ſchmeichelt dieſem. Dieſer Dualismus der Triebe als äſthetiſches Prinzip iſt ſchon dadurch Urſache des Unrichtigen, weil dadurch das Erhabene und Schöne ſogleich getrennt und daher dieſem ſeine Hohheit genommen wird. Nun aber läßt Burke weiterhin das Pſychiſche einfach fallen, deutet (Th. 2. Abſchn. 12) nur an, das Schöne (und Erhabene) wirke durch die Sinne „ mechaniſch “auf die Seele, und fällt nun ganz in’s Phyſiologiſche, was allerdings weſentlich iſt im Schönen, aber nicht in dieſem groben Sinne, wie bei Burke, der ſofort das Schöne und Erhabene als beſtimmte Eigenſchaft der Körper als ſolcher auffaßt, wodurch ſie ſo auf die Nerven wirken, daß ſie (als erhabene) wohlthätig anſpannen, erſchüttern und von gefährlichen und beſchwerlichen Verſtopfungen reinigen (Th. 3. Abſchn. 7), oder (als ſchöne) die Fibern losſpannen und durch - aus eine angenehme Erſchlaffung und Auflöſung hervorbringen (Th. 3. Abſchn. 19). — Und nun wird aufgeſtellt: ſchöne Körper müſſen klein, von glatter Oberfläche, ferner von ſtufenweiſe abwechſelnder (Hogarths Anſicht von der Wellenlinie wird gebilligt, nur für zu eng erklärt), zart und delicat ſeyn. Dann geht er auf die Farben über, verlangt Reinheit, ſanften Ton oder Dämpfung des ſtarken durch Zuſammenſtellung, fließende Uebergänge, ſagt aber kein Wort darüber, daß und warum Farben für ſich nicht ſchön, ſondern nur angenehm heißen können, ſondern ſich an einem Körper zu einer Geſammtwirkung vereinigen müſſen. Zuſammen - hangslos ſpringt er auf die Phyſiognomie über, fordert einen ſanften Seelen-Ausdruck, führt aber, nachdem er dieſen Gegenſtand verlaſſen hat, ſogar eine Schönheit für den Taſtſinn auf, wo er zum Glatten, zur ſanften Abwechslung der Oberfläche das Weiche und Warme fügt, und ſucht endlich alle dieſe Eigenſchaften bildlich gewendet auch für die Schönheit der muſikaliſchen Töne geltend zu machen. Das Erhabene fordert natürlich überall die entgegengeſetzten Eigenſchaften. Ganz am Schluße kommt er auf die Kunſt der inneren Vorſtellung, auf die Poeſie; er iſt aber der Meinung, das Wort wirke nicht durch Vergegenwärtigung der Sache als inneres Bild äſthetiſch, ſondern nur durch die Gewohnheit der Verbindung gewiſſer Empfindungen mit demſelben, wo denn nur von Rührung über -108 haupt, von jenen phyſiologiſchen Wirkungen aber nicht weiter die Rede iſt. Burke hat, nachdem er klar eingeſehen, daß gewiſſe überlieferte Begriffe bloſe Momente des Schönen enthalten, ſeinen Weg nicht fortgeſetzt zu dem Begriffe des Schönen als einer Totalität, er iſt vielmehr ſeiner eigenen Einſicht untreu geworden.

Alle dieſe Beſtimmungen nun, wie ſie neben ihrer tieferen, doch ebenfalls noch unzureichenden Anſicht die Griechen, conſequent aber dieſe Engländer feſtſtellten, ſind zu eng und weil Anderes als das Schöne auch die Eigen - ſchaften aufzuweiſen hat, die das Schöne begründen ſollen, ebenſoſehr auch zu weit. Einiges Schöne wirkt z. B. vorzüglich durch Farbe, aber weder durch Eine Farbe allein, wie ſehr ſie durch Reinheit ein entferntes Symbol concreter Durchleuchtung eines gegliederten Gebildes durch die Einheit der Idee ſeyn mag, noch durch Zuſammenwirkung verſchiedener Farben, ſondern durch Zuſammenwirkung von Farben als der Oberfläche einer Form; und es wirkt durch Farben auch Anderes, als das Schöne, nämlich das blos Angenehme. Einiges Schöne wirkt vorzüglich durch Form und zwar entweder durch ſtrict mathematiſche, worin die gerade Linie und die ſtreng gemeſſene runde die Grundbeſtimmungen ſind (wie die Baukunſt), oder durch ein Zuſammentreten gewundener Linien, deren Proportion und Symmetrie nur von unſichtbar hindurchgehenden Maßen beſtimmt erſcheint (wie die organiſche Geſtalt), aber jedes individuelle Gebilde weicht von dem Grundmaße, wiewohl nur bis zu einer gewiſſen Grenze, ab; die Form iſt es nicht allein, welche die Schönheit begründet, ſondern Bewegung, Ausdruck u. ſ. w. kommt dazu, und Anderes, z. B. mechaniſche Werke, gefällt ebenſo durch die Regelmäßigkeit der Form. Es liegt freilich für das Formgefühl ein eigener Reiz in den reinen Winkeln, Flächen, Rundungen, von denen Plato im Philebus ſpricht; allein dabei ſetzt er ſchon Körper voraus, an denen ſie ſich zeigen, und äſthetiſch iſt jener Reiz nur, ſofern in ihnen ein formbildender Geiſt geahnt wird, der Körper baut nach dieſen Geſetzen, aber frei, d. h. ſo, daß das ſtrenge Maß von ſpielenden Linien umfloſſen iſt.

§. 37.

Abgeſehen aber davon, daß jeder Verſuch, das Schöne auf andere Weiſe zu begreifen, als durch Auffindung der ſpezifiſchen Art, auf welche die Gattungs - regel und die Zufälligkeit des einzelnen Gebildes ſich durchdringen, oder es gar in die Enge einer äußerlichen Beſtimmtheit zu zwingen, ſchon an der gleichen109 Berechtigung jener Gegenſätze ſcheitert, ſo hebt ſich die Möglichkeit einer ſolchen Ausſage auch dadurch auf, daß ſowohl die Gattung als die Zufälligkeit der Individuen eine Reihe verſchiedener Stufen durchläuft. Was die Gattung be - trifft, ſo wechſelt je mit der Stufe der beſtimmten Idee (§. 17 ff. ) auch die ſinnliche Geſtalt ihrer Individuen, ſie ſteigt von niedrigeren und ärmeren zu reicheren und beſeelteren Organismen auf und was Richtmaß für den einen iſt, kann es natürlich nicht für den andern ſeyn.

Eigentlich leuchtet dieſe Wahrheit, welche ſchon in den Anm. zum vorh. §. auszuſprechen nicht vermieden werden konnte, völlig von ſelbſt ein; man wird ſich aber überzeugen, wie nothwendig es iſt, das Einfachſte aus - drücklich herauszuſtellen, wenn man die Verwirrung in der betreffenden Literatur betrachtet, die in jenen Anmerkungen dargeſtellt iſt. Burke z. B. verkennt nicht, daß „ das Schöne jeder Gattung andere Verhältniſſe hat “, ſtellt aber im Verlaufe ſeine iſolirten äußerlichen Beſtimmungen auf, nicht nur ohne zu zeigen, wie jede Stufe eine reiche Concretion ſolcher Be - ſtimmungen darſtellt, ſondern überhaupt ohne an eine Stufenfolge zu denken; läßt er doch nach der Schönheit der Phyſiognomie noch die Schönheit für den Taſtſinn folgen.

§. 38.

Als Löſung dieſer Schwierigkeit ſcheint ſich einfach die Aufgabe darzu -1 bieten, für jede Stufe ein anderes Merkmal oder Richtmaß aufzuſtellen, um ſo mehr, da, je größer der Reichthum der Momente, den eine Stufe in ſich begreift, um ſo deutlicher auch die Idee als bindender und Maße beſtimmender Einheitspunkt in ihr wirkt. Allein in demſelben Grade, wie die hiedurch2 gegebene Regelmäßigkeit, wächst auch mit jeder Stufe die Zufälligkeit, entbindet ſich zur Freiheit und Eigenheit des gegen die Gattung ſich behauptenden In - dividuums und macht ſich als Spiel der Abweichung von der Regel geltend.

1. Die Regelmäßigkeit der Proportion, ſelbſt theilweiſe als Symmetrie im Sinne geometriſch gleich ſich gegenüberſtehenden Theile, wächst mit der Höhe und dem Reichthum der Stufen. Man könnte dagegen einwenden, daß gerade niedrige Naturproducte, wie Kryſtalle, Salze, in der Thier - welt die Muſcheln, die ſtrengſte Regelmäßigkeit zeigen; man könnte dazu ſetzen, daß auch die vergleichungsweiſe am wenigſten ſprechende Kunſt, die Baukunſt, am ſtrengſten ſich in mathematiſche Regel einſchließe. Allein es iſt hier von der höheren Regelmäßigkeit die Rede, welche ihre con -110 cretere Macht in der Gegenüberſtellung, Eintheilung, Beherrſchung ſelb - ſtändig zu Gliedern entlaſſener Theile ausſpricht. Dieſe nimmt mit der Bedeutung der Organismen zu, die menſchliche Geſtalt iſt die ſtrengſte und gerade für dieſe hat man ausſchließlich den ſogenannten Kanon auf - geſtellt. (Schon die Griechen hatten ihren, jedoch liberalen Kanon. Später ſuchten Dürer, Lamozzo, Nic, Pouſſin, Audran die Proportionen zu beſtimmen.) Anders ſcheint es zu ſeyn in der Welt der ſittlichen Idee, wo die Theile am freieſten, als Perſönlichkeiten, Stände, Staats - körper aus der Einheit entlaſſen ſind. Allein auch hier iſt ſtrenges Maß und die freieſte Handlung zerfällt in Vorbereitung, Spannung, Kataſtrophe und weitere Momente eines gemeſſenen Rhythmus, der Staat in ſeine Sphären als ſtrenger Organismus u. ſ. w. Die Regel wird nur geiſtiger.

2. In demſelben Grade wächst aber auch die Zufälligkeit und um - ſchlingt als Wellenlinie im weiteſten Sinne die feſten Maße der Regel. Je höher eine Gattung, deſto eigener an Geſtalt, Ausdruck, Bewegung, u. ſ. w. die Individuen. Dies ſcheint freilich ein Widerſpruch gegen den vorhergehenden Satz; man darf nur die Naturreiche näher anſehen: zunächſt herrſcht die größte Ungleichheit der einzelnen Gebilde im Un - organiſchen (die innere Structur der Mineralien kommt hier gegen die unendliche Abweichung von Profilen der Gebirge u. ſ. w., welche ſelbſt bei derſelben geognoſtiſchen Beſchaffenheit Statt findet, wenig in Betracht). Ebenſo im Pflanzenreiche. Kein Thier kann vom andern in Maß und Form ſo abweichen, wie ein Baum von allen andern derſelben Gattung. Je höher eine Sphäre, deſto beſtimmter die Gebilde, deſto weniger Spiel - raum alſo auch für die Abweichungen individueller Form. Von Abnor - mitäten iſt hier nicht die Rede. Allein die Zufälligkeit und Eigenheit ſchlägt nun nach innen, ſie wird ein Unterſchied des Temperaments, der Anlagen ſchon bei den Thieren, noch mehr bei den Menſchen, und dieſer Unterſchied der Seele prägt ſich in feineren, aber gerade dadurch, weil ausdrucksvoll, um ſo ſchärferen Unterſchieden der Phyſiognomie n. ſ. f. aus. In der menſchlichen Gattung iſt nun gerade dieſes Zufällige, Angeborne der Stoff, aus dem ſich, indem er in den Willen erhoben wird, der Charakter bildet. Denn der Charakter iſt ein Ineinander-Arbeiten der Naturanlage einerſeits, allgemeiner ſittlicher Potenzen andererſeits durch den Willen, der die lebendige Mitte iſt. Dies iſt freilich bereits eine Durchdringung des Zufälligen im Individuum mit dem Allgemeinen der Gattung, und von dieſer iſt ja hier noch nicht die Rede, ſondern ſoll erſt unter Abſchn. C. die Rede werden. Dennoch iſt hier keine unerlaubte111 Vorwegnahme. Denn wie gewiß es iſt, daß die Naturbaſis des Charakters erſt wahrhaft als Eigenheit geſetzt wird durch das Eindringen des Geiſtes in ſie, ſie bleibt Naturbaſis, ihre Züge ſind dem Aeußeren feſt aufgedrückt, ehe der Wille ſich ihrer bemächtigt, ſie beſtimmt die ganze Oberfläche, Bewegung, Aeußerungsweiſe, und was immer durch Umbilden aus ihr wird, das Individuum kann niemals völlig über ſie hinaus. Sie iſt aber zufällig, denn ſie iſt unter unberechenbaren und jedem Einwirken der Abſicht entzogenen Umſtänden der Zeugung u. ſ. w. entſtanden und an - geboren.

§. 39.

Die Streitfrage, ob das Schöne zu beſtimmen ſey als das Charakteriſtiſche, iſt eine müßige; denn unter dem Charakteriſtiſchen ſind ebenſowohl die Grund - züge der Gattung und der ihr untergeordneten Beſonderheit der Art, als die des Einzelweſens, wie ſie aus ſeiner zufälligen Eigenheit fließen, zu verſtehen, und es folgt aus allem Bisherigen, daß im Schönen alle dieſe Momente gleich weſentlich ſind. Obwohl noch nicht erörtert iſt, wie ſich dieſelben durchdringen, ſo iſt doch die Forderung geſetzt, daß ſie ſich durchdringen ſollen, und in dieſer Durchdringung kann die Berechtigung des einen Moments nicht die des andern ausſchließen. Eine ganz andere Frage aber iſt die, ob nicht das ganze Schöne in unterſchiedene Formen auseinander trete, in welchen das eine oder andere dieſer Momente zwar die übrigen nicht ausſchließt, wohl aber als das be - ſtimmende hervorſticht. Dieſe Frage gehört jedoch nicht hieher.

Die erſte Andeutung dieſer neuerdings vielfach abgehandelten Vexir - frage findet ſich in Winkelmanns bekannter Aeußerung, daß die höchſte Schönheit charakterlos ſey. Er ſagt (Geſch. d. Kunſt Buch 4, Cap. 2, §. 23), die Einheit der hohen Schönheit fordere eine Geſtalt, die weder dieſer oder jener beſtimmten Perſon eigen ſey, noch irgend einen Zuſtand des Gemüths oder Empfindung der Leidenſchaft ausdrücke, als welche fremde Züge in die Schönheit miſchen und die Einheit unterbrechen. Nach dieſem Begriff müſſe die Schönheit ſeyn wie das vollkommenſte Waſſer aus dem Schooße der Quelle geſchöpfet, welches, je weniger Geſchmack es hat, deſto geſunder geachtet wird, weil es von allen fremden Theilen geläutert iſt. In vollem Widerſpruch damit ſteht, was Kant ſagt (Kr. d. äſth. Urtheilskr. §. 17): die vollkommene Normalgeſtalt dürfe nichts ſpezifiſch Charakteriſtiſches enthalten, ſey aber nicht Urbild der112 Schönheit, ſondern nur unnachläßliche Bedingung derſelben, ſie ſey nur ſchulgerecht. Dazu fügt die Anm.: „ man wird finden, daß ein vollkommen regelmäßiges Geſicht, welches der Maler ihm zum Modell zu ſitzen bitten möchte, gemeiniglich nichts ſagt, weil es nichts Charakteriſtiſches enthält, alſo mehr die Idee der Gattung, als das Spezifiſche einer Perſon aus - drückt. — Auch zeigt die Erfahrung, daß jene ganz regelmäßigen Geſichter im Innern gemeiniglich auch nur einen mittelmäßigen Menſchen verrathen; vermuthlich (wenn angenommen werden darf, daß die Natur im Aeußern die Proportionen des Innern ausdrücke) deßwegen: weil, wenn keine von den Gemüthsanlagen über diejenige Proportion hervorſtechend iſt, die erfordert wird, blos einen fehlerfreien Menſchen auszumachen, nichts von dem, was man Genie nennt, erwartet werden darf, in welchem die Natur von ihren gewöhnlichen Verhältniſſen der Gemüthskräfte zum Vortheil einer einzigen abzugehen ſcheint. “ Göthe und ſeine Umgebung legten ſich in den Streit, der bekanntlich im Athenäum, den Propyläen und in Fernows Schriften geführt wurde. Von der Verworrenheit, die in dieſem Streite aus Mangel an klarer Unterſcheidung in den Grund - beſtimmungen herrſchte, geben die Stellen aus Hirts Aufſatz in den Horen 1797 Zeugniß, welche Hegel anführt (Aeſth. Einl. S. 24). Das erſte Licht wirft Schelling auf einen Punkt, wo die Löſung einzutreten hat, in ſeiner Rede über das Verhältniß der bildenden Künſte zu der Natur 1807, wo er die verſchiedene Berechtigung des Charakteriſtiſchen in der Plaſtik und in der Malerei beleuchtet. Man bemerke auch wohl, daß Kant in der obigen Anm. den Maler im Auge hat. Einen weiteren weſentlichen Punkt der Löſung deckt Solger auf (Vorleſ. über Aeſth. S. 159 — 162. vergl. mit S. 80 und mit Erwin Th. 1, S. 206. 207. ), indem er den Gegenſatz des claſſiſchen und romantiſchen Ideals herbeizieht. Die Ver - wirrung kam auch dadurch, daß man die Frage über das Charakteriſtiſche mit der Frage über Naturnachahmung vermengte: eine Vermengung, welche nahe lag, weil der gewöhnlichen, nicht künſtleriſchen Anſchauung nur das Individuum mit den Zufälligkeiten ſeiner ihm eigenen Züge ſinnlich gegeben iſt. Allein dieſe Zufälligkeit ſelbſt, wie ſehr oder wie wenig ſie auch im Schönen zugelaſſen ſeyn mag, liegt in der unmittelbaren Natur nicht rein vor; auch ſie in ihrer Wahrheit zu ſehen, braucht es ein im Anblick idealiſirendes Auge, und wenn ich daher dieſer Eigenheit der individuellen Züge auch das vollſte Recht im Schönen geſtatte, ſo iſt dadurch die Frage über Naturnachahmung noch keineswegs zum Vortheil der letzteren ab - gemacht; die Fragen ſind alſo total verſchieden.

113

Den eigentlichen Grund der Verwirrung aber in jenem Streite gibt der §. Charakter kann bedeuten: Gattung (z. B. die reinen Formen des Menſchen); es kann bedeuten: Art (z. B. Geſchlecht, Lebensalter, Volk, Volksſtamm, Stand und ſein beſonderes Gepräge); es kann bedeuten: die Eigenheit dieſes oder jenes Individuums, fließend aus den oben an - geführten Momenten der Zufälligkeit. Da nun nirgends klar vorbeſtimmt war, welche dieſer Bedeutungen man im Auge habe, ſo konnte die Ver - wirrung nicht ausbleiben. In der Metaphyſik des Schönen nun iſt keine andere Entſcheidung möglich, als: dieſe drei oder (wenn man die Art zur Gattung ſchlägt) zwei Momente ſind gleich berechtigt. Ein Unterſchied der Berechtigung (wiewohl niemals eine Ausſchließung des einen oder andern Moments) aber dringt ein, erſtens durch den großen Haupt - gegenſatz in den allgemeinen Formen des Schönen: das Erhabene und Komiſche, zweitens durch die großen Haupt-Epochen der Völker-Phantaſie (claſſiſch, romantiſch u. ſ. f.), drittens durch die verſchiedenen Künſte, viertens durch die verſchiedenen Zweige der einzelnen Künſte. Die Dar - ſtellung dieſer beſonderen Wendungen in dem Verhältniſſe beider Momente können alſo nur die betreffenden weiteren Theile des Syſtems geben.

§. 40.

Der Gegenſatz zwiſchen der Idee oder der Gattung und dem Individuum iſt jedoch in den §. 31 — 33 hervorgehobenen Formen der Zufälligkeit noch nicht auf ſeine Spitze geſtiegen. Aus dem Zuſammenſeyn der einen Gattung mit allen andern Gattungen in demſelben Raume und derſelben Zeit geht nämlich noch eine Form der Zufälligkeit hervor, wodurch jene erſtgenannten und nach §. 34. im Schönen unentbehrlichen Zufälligkeiten ſelbſt getrübt werden, ſo daß ſie nicht rein erſcheinen. Jede Gattung iſt zwar, auf welcher Stufe des Ganzen ſie ſtehen mag, vernünftig und in ſich zweckmäßig, indem ſie aber zugleich mit allen andern ihre Zwecke durchführt, ſo ſtößt ſie mit den Zwecken anderer aus abſoluter oder beziehungsweiſer Bewußtloſigkeit ebenſo leicht ſchlechtweg feindſelig d. h. ſo, daß daraus nicht ein Lebensreiz, ſondern eine völlige Störung entſteht, zuſammen, als ſie mit ihnen unmittelbar oder mittelbar günſtig zu - ſammenwirkt. Durch dieſen Conflict ſtellt jedes Individuum, während es ſeine Gattung darſtellt, zugleich Anderes mit dar, was in den Zuſammenhang ſeiner Gattung nicht gehört: eine Trübung und Störung, welche bis zu rein zufälliger Aufreibung fortgeht. Dies erſt oder das ſinnloſe Uebel als Gegenſatz desViſcher’s Aeſthetik. 1. Bd. 8114Guten im Sinne von §. 22, 2 und des Guts §. 23 erſcheint als Widerſpruch zwiſchen der Gattung und ihrer Wirklichkeit in den Individuen.

1. Es iſt davon noch nicht die Rede geweſen, wie ſich zu den §. 31 — 33 aufgeführten Formen der Zufälligkeit die Macht der Gattung verhalte. Das Verhältniß zwiſchen dieſer und jener iſt §. 35 als ein Gegenſatz, aber nicht als ein Widerſpruch bezeichnet und der Voraus - ſetzung Raum gelaſſen, daß die Gattung den Zufall in ſich aufzunehmen und zu bezwingen vermöge; worauf aber erſt unter C. einzugehen iſt. Eigentlich iſt durch jene Sätze noch gar nicht ausgeſprochen, daß ſolches in die Gattung eindringe, was ihr fremd iſt oder fremd bleibt.

2. Es geht aber aus dem Zuſammenſeyn jeder einzelnen Gattung mit allen andern in demſelben Raume und derſelben Zeit nothwendig eine Colliſion hervor, wodurch Fremdes und unüberwindlich Feindſeliges in ihre Wirklichkeit eindringt. Jede Gattung iſt in ſich und als Stufe des Ganzen vernünftig, aber dieß iſt ihr ewiges, außerzeitliches Seyn als Idee. In ihrer Verwirklichung geräth ſie in jenes Gedränge, worin neben dieſem Stufenſyſtem ein ganz anderes Verhältniß, ein Ver - hältniß außer der Linie und ein unvernünftiger Zuſammenſtoß entſteht. Ein Beiſpiel wird dieß ſogleich beleuchten. Die Atmoſphäre unſeres Planeten iſt eine Form des unbewußten Seyns, die in ſich geſetzmäßig, alſo auch ein Werk der im Univerſum thätigen Vernunft und nothwendig iſt an ihrem Orte. Alle belebten Weſen athmen in ihr, auch der Menſch. Nun unternimmt ein Menſch oder eine Geſellſchaft von Menſchen ein ſittliches Werk, ein ſolches alſo, das ganz einer andern Welt angehört, als der phyſiſchen; aber durch eine plötzliche Veränderung der Atmoſphäre, welche nicht vorauszuſehen war und gegen welche ſich nicht geſchützt zu haben alſo auch dem Menſchen nicht zum Vorwurf gereichen kann, wird das Werk vereitelt. Nun iſt darin wohl Vernunft, daß der Menſch zu ſeiner Exiſtenz die Natur bedarf; aber in dieſer Colliſion iſt keine Vernunft, es iſt reiner, roher Zufall. Die Atmoſphäre hat ihre Zwecke, welche blinde Geſetze ſind, vollführt und dabei wußte ſie um die ſittlichen Zwecke jenes Werkes nicht, und in dieſem Werk war zwar bewußter Geiſt, er konnte aber jene Störung nicht voraus in Rechnung nehmen, denn wer dieß thäte, könnte überhaupt gar nichts unternehmen. Die Handlung alſo hat jetzt etwas in ihre Mitte bekommen, was rein nicht hineingehört, etwas Fremdes, einen Feind, der ſie ſprengt. Ebenſo aber geſchieht es umgekehrt, wenn der Geiſt einen Zweck verfolgt, wobei115 er einem ungeiſtigen Naturweſen weder ſchaden noch es fördern wollte, ſondern es gar nicht zu berückſichtigen hatte, und es nun zufällig ſtört oder vernichtet. Ein Thier wäre ſchön, aber ein Menſch hat ihm zu - fällig ein Glied zertreten, abgeſtoßen u. ſ. w. Wohlverſtanden, es iſt alſo nicht die Rede von dem Fall, wo er es um ſeiner Zwecke willen ver - letzen oder tödten wollte: darin iſt Zuſammenhang, daraus kann unter Umſtänden auch ein äſthetiſches Ganzes werden (Jagd ꝛc.). In dem hier gemeinten Vorgange iſt aber kein Sinn, hier hat ſich der Geiſt (be - ziehungsweiſe) blind verhalten. Ebenſo iſt bei dem erſten Beiſpiele nicht die Rede von ſolchen Fällen, wo die Art des Zwecks es mit ſich bringt, die Natur in Rechnung zu nehmen, wie die Schifffahrt u. dgl. Hier iſt das Uebel ſelbſt ein Lebensreiz, gehört zu dem äſthetiſch ganz zuläßigen und berechtigten Zufalle (Schiff im Sturme u. dgl.). Wenn aber z. B. ein würdiger Redner eine Verſammlung zu einem großen Werke begeiſtern will und ein Schnupfen hindert ihn, dieß iſt roher, unäſthetiſcher Zufall. Hier ſind nun die Beiſpiele aus dem Zuſammen - ſtoß von Gattungen gewählt, zwiſchen denen viele Stufen liegen; aber es tritt ſolche Störung auch zwiſchen näher verwandte Gattungen. Es wird Frühling, die Blumen blühen, die Bäume ſchlagen aus, aber ein Nachwinter zerſtört Alles. Die Pflanzen wußten nicht um dieß drohende Uebel, die Luft weiß nicht um die Pflanzen, die ſie doch nährt, und folgt blind den atmoſphäriſchen Geſetzen. Das Wetter iſt wirklich einer der ſchlimmſten Feinde des Schönen. Man denke nun überhaupt bei ſolchen Störungen nicht an ſolche, welche im Zuſammenhange des vor - liegenden Falles liegen; dieſe gehören zur Sache, oder vielmehr ſie ſind keine Störungen, ſondern organiſche Kämpfe der einer Idee ſelbſt im - manenten Momente. Es kann z. B. das Intereſſe eines Gedichts ſeyn, ſolche Störungen des Pflanzenlebens darzuſtellen, wie die ebengenannte, wenn es nämlich zum Zwecke hat, Stimmungen des Menſchen, die dar - aus erwachſen, u. dergl. zu entfalten. Iſt aber der Frühling als ſolcher der Gegenſtand, ſo muß es ein ganzer Frühling ſeyn ohne Störungen dieſer Art: und davon iſt die Rede. Die Trübung der einer Gattung angehörigen Individuen durch einen Zuſammenſtoß mit Wirkungen anderer Gattungen außer dem Zuſammenhang geht fort bis zur Aufreibung. Auch hiemit iſt eine Aufreibung außer der Linie gemeint. Z. B. Tod aus Altersſchwäche gehört nicht hieher, ſondern liegt im Geſetze der Gattung. Tod durch einen gewollten Kampf gehört auch nicht hieher, denn er gehört zum Ganzen dieſes Kampfes. Wenn aber ein edler Krieger nicht8*116durch einen Tapferern fällt, ſondern weil ein Regen ſeine Waffen un - brauchbar machte, dieß gehört hieher. Die Formen der Zufälligkeit, welche §. 31 — 33 aufgeführt ſind, ſind nach §. 34 Geſetz im Schönen. Dieſe werden durch die letztgenannte Form ſelbſt getrübt, daß ſie nicht rein erſcheinen. Zu der ganzen Sphäre der Zufälligkeit werden die wider - ſtreitenden Formen des Schönen, das Erhabene und Komiſche, allerdings eine andere Stellung einnehmen, als das einfach Schöne. Wenn ſich aber zeigen wird, daß das Komiſche, wie es dem Zufall einen ganz andern Spielraum gönnt, als das Erhabene, auch die hier aufgeführte Form des ſtörenden Zufalls einläßt, ſo wird dies unter Bedingungen geſchehen, welche den ganzen Standpunkt verändern.

Dies iſt der dumpfe, dies iſt der zuſammenhangsloſe Zufall, hier iſt der volle Widerſpruch zwiſchen der Idee und ihrer Wirklichkeit, wo „ — aller Weſen unharmon’ſche Menge Verdrießlich durcheinander klingt. “

[117]

C. Die Einheit der Idee und des Bildes.

§. 41.

Was ſich zwiſchen die Idee und das Einzelweſen als ihr Bild ſtellt, iſt1 alſo die Zufälligkeit. Es iſt die Aufgabe, dieſe Zufälligkeit wie in der Noth -2 wendigkeit ihres Daſeyns, ebenſo in der Nothwendigkeit ihrer Aufhebung zu begreifen. Dies gilt zunächſt noch abgeſehen von der beſondern Aufgabe des Schönen ganz allgemein von der Idee überhaupt im Verhältniß zu ihrer Ver - wirklichung; das ganze Leben als das unendliche Zugleichwirken der in der abſoluten Idee enthaltenen beſtimmten Ideen iſt beſtändige Setzung und Auf - hebung des Zufalls und die Wiſſenſchaft des Schönen wird durch die Anerken - nung des Zufalls ſo wenig aus der Geſetzmäßigkeit des Begriffs in ein Gebiet des Unbegreiflichen getrieben, als die übrigen Wiſſenſchaften von den verſchie - denen Sphären der wirklichen Idee.

1. „ Das Einzelweſen als ihr Bild “. Das abſolute Zuſammenge - hören von Idee und Bild wird alsbald näher aufgefaßt werden; hier liegt nur erſt ſo viel vor, daß das Bild ein Einzelweſen eben der Gattung iſt, welche je im vorliegenden Falle den Inhalt des Schönen bildet, wie dies ſchon oben aufgeſtellt wurde.

2. Der Mangel des Hegel’ſchen Syſtems iſt nicht, daß es für den Zufall keine Stelle hätte, ſondern daß es ihn nur als Betrachtungs - weiſe, als eine Anſicht der Dinge unter dem Standpunkte der „ ſchlechten Endlichkeit “momentan aufnimmt, um ihn als Vorſtellung ſofort in die denkende Betrachtung aufzulöſen. So verhält es ſich mit der Zufälligkeit in dieſem Syſteme überhaupt und namentlich mit der beſonderen Form118 derſelben, die uns im gegenwärtigen Zuſammenhang nicht beſchäftigt, der Freiheit nämlich als Willkür. Frage ich: gibt es eine ſolche? So ant - wortet Hegel: es iſt nicht die wahre Form des Willens. Dieß mag ganz wahr ſeyn, aber ich will es jetzt nicht wiſſen. Die Natur und Nothwendigkeit des Zufalls müßte begründet ſeyn in der Logik und zwar, wie wir behaupten, in der Lehre von der Idee. Die innere Theilung derſelben in die Hauptſtufen ihrer Verwirklichung iſt, wie es ſeyn muß, im idealen Grundriß gegeben unter den Abſchnitten: Leben und Erkennen. Es war darzuthun, daß zwei Linien entſtehen müſſen: die vernünftige, ſtufenförmige, die eben Hegels Logik begründet, und eine zweite, welche die erſtere durchſchneidet, die Linie des Zufalls nämlich, begründet im Zuſammenſtoßen der in Einen Raum und Eine Zeit fallenden thätigen Bewegung der verſchiedenen Stufen. Raum und Zeit gehören nämlich offenbar in die Logik, in die Lehre vom Seyn, und dieſe unteren Formen wirken überall, alſo auch in den höchſten, als aufgehobene und ſtets von Neuem aufzuhebende Momente fort. Von dieſer Wahrheit mußte die Natur-Wiſſenſchaft und Geiſtes-Wiſſenſchaft die Anwendung machen und überall zeigen, daß jede Form der Idee in ihrer Verwirklichung mit allen andern ſich durchkreuzt und daß ihre Thätigkeit weſentlich die iſt, ebendieſen Zufall aufzuheben, als Stoff zu verarbeiten und zu ver - wenden. Daß Hegel den Zufall zu wenig in die Rechnung mit auf - nimmt, zeigt insbeſondere die Philoſophie der Geſchichte und die Religions - Philoſophie. Der Begriff wird überall zu ſchnell gefunden, ehe nämlich nachgewieſen iſt, wie er als thätige Wirklichkeit ſich aus dem Zufall herausarbeitet. Z. B. die Götterculte der alten Völker waren zunächſt ein Aggregat von Lokal-Kulten, die zufällig zuſammenfloßen; der tiefere Inſtinkt führte erſt einen Zuſammenhang in ſie ein, hier erſt liegt der Begriff. So verhält es ſich nach neueren Forſchungen z. B. auch mit der indiſchen Götterlehre; die Trimurti iſt kein aus dem Begriff ent - ſtandener Zuſammenhang, ſondern zunächſt eine Anreihung von örtlichen Culten.

Dieſe Bemerkungen ſind keine Einräumung für die Polemik, welche der Hegel’ſchen Philoſophie vorwirft, daß ſie die Unmittelbarkeit zu niedrig geſtellt. Die Unmittelbarkeit iſt zunächſt ein anderer Begriff. Es handelt ſich hier um die Frage, ob die reelle Zuſammenfaſſung einer Summe von Vermittlungen in die Spitze der lebenskräftigen einzelnen Gegenwart, welche ſo zu ſagen die Brücke der Vermittlung hinter ſich abwirft und von vornen entſchloſſen beginnt, darum verkannt werde,119 weil die Philoſophie jene Brücke im Auge behält, hinter dieſe Un - mittelbarkeit ſieht, ſie als vermittelt erkennt und daher die Unendlichkeit des dialektiſchen Zuſammenhangs einſieht, wo die empiriſche, objective Unmittelbarkeit ſelbſt ſich ihrer nicht erinnert. Das ganze Hegel’ſche Syſtem auf allen Punkten ſpricht es in unzählichen Wendungen aus, daß beidem ſein Recht bleiben ſoll, ſowohl der Nothwendigkeit, daß das Ver - mittelte ſich in die Form der Unmittelbarkeit zuſammenfaſſe, als auch der Einſicht des Philoſophen darein, daß das Unmittelbare ein Vermit - teltes iſt. Allein Hegel hat das weitere weſentliche Moment zu leicht abgethan, daß in der Summe von Vermittlungen, die ein Unmittelbares in ſich zuſammenfaßt, außer den Vermittlungen ſeiner eigenen Gattung und außer den homogenen Vermittlungen verwandter Gattungen, die das Leben in ſich verarbeitet, auch unberechenbare fremdartige Einflüſſe heterogener Gattungen des Daſeyns nothwendig mitenthalten ſind, daß das Leben als Unmittelbares weſentlich die Macht ſeyn muß, dieſes Fremde, was es in ſich aufnimmt, in ſich und ſein Eigenes zu verarbeiten: dies aber iſt der Zufall und ſeine Aufhebung. Alles Leben, alle Ge - ſchichte, alle Bewegung des Geiſtes in jeder Sphäre iſt weſentlich dieſe Geſchichte der Aufhebung des Zufalls. Man wendet den Vorwurf gegen Hegel auch ſo, daß er den Werth der Einzelheit, alſo insbeſondere der ein - zelnen Perſönlichkeit verkannt habe. Umgekehrt, kein Philoſoph iſt in die - ſem Sinne weniger abſtracter Idealiſt als er, denn keiner hat den Zuſammen - ſchluß des Allgemeinen und Beſondern im Einzelnen ſo ſtreng begriffen, dieſes in der Conſequenz des Ariſtoteles ſo ſicher feſtgehalten als erfüllte Spitze der thätigen Kraft der Gattung. Allerdings muß er von dem logiſch Einzelnen das unmittelbar Einzelne, das Endliche unterſcheiden als trennbare Einheit, aber durch dieſe ſeine Endlichkeit iſt ihm die Lebensmacht des Wirklichen keineswegs abgeſprochen. Der Mangel liegt vielmehr darin, daß in der reichen Geſammtheit von Kräften, als deren lebendige Zuſammenfaſſung es erkannt wird, der Zufall nicht in ſeiner Bedeutung und ſeinem Rechte mitbegriffen, ſondern nur kurzweg zum Schlechten am Endlichen geworfen wird. Daher wird auch das Recht des Einzelnen, originell zu ſeyn, nicht in Kraft geſetzt, denn Origina - lität, was ſie auch weiter ſeyn mag, ruht ohne Frage auf der Naturbaſis des Zufalls. Die Individualität ſoll ſich mit dem Allgemeinen durch - dringen, aber eben ſo, daß dieſe, in ihrem Urſprung zufällige, Eigenheit nicht aufgehoben werde, ſondern in’s Allgemeine ſelbſt erhoben ihm erſt Farbe gebe. Wie nun das Einzelne ſammt ſeiner Zufälligkeit weſentlicher Inhalt120 des Schönen iſt, ſo iſt auch das, wodurch das Schöne wahrhaft wirklich iſt (die Kunſt, wie ſich zeigen wird), als hervorbringendes Subject weſentlich von dieſem Elemente beſtimmt. Der Stoff, zufällig an ſich, erfaßt zufällig auch den Künſtler und wie ſehr im Schaffen dieſer Aus - gang vom Zufall ſich zu einer Nothwendigkeit umbilden mag, der Charakter der unendlichen Eigenheit, die ſo nur einmal unter dieſer Zuſammen - wirkung der Zufälligkeit möglich war, ſoll ihm bleiben. Die Wiſſen - ſchaft muß dieß anerkennen und begründen; rückt man ihr aber als Mangel vor, daß ſie nicht die ganze Summe aller empiriſchen Zufälle als ebenſo - vieler Gründe der Eigenheit der unendlichen Werke der Schönheit zu be - ſtimmen vermöge, ſo heißt dies freilich alle Wiſſenſchaft aufheben. Der Zufall läßt ſich, ehe er da iſt, in ſeinem allgemeinen Weſen begreifen, aber was für einer er in jedem Erfahrungsfalle ſeyn werde, iſt vorher durchaus nicht zu beſtimmen. Es gibt keine Vorherbeſtimmung, weder objectiv noch ſubjectiv. Iſt er aber da, ſo wirkt objectiv die Macht der Allgemeinheit, ihn umzuwandeln, die Kraft der beſtimmten Wirklichkeit aus ihm zu ziehen, und ſubjectiv — vom Philoſophen — kann und ſoll er begriffen werden. Ich kann alſo z. B. nicht beſtimmen, wann und wo ein Stoff auftauchen werde, der ſich zum Kunſtwerk eignet, wann und wo ein Künſtler gerade in der Stimmung ſeyn werde, ihn zum Kunſtwerk zu benützen. Meine Aufgabe iſt nur, als nothwendig zu er - kennen, daß dies nicht vorherzubeſtimmen ſey. Iſt aber der Stoff ge - kommen, das Kunſtwerk da, ſo iſt jener und dieſes zu begreifen, dieſes ſelbſt hat den Zufall, indem es ihn aufnahm, zugleich aufgehoben, und der Philoſoph leiſtet dies in noch höherem Sinne, indem er das reine, all - gemeine Weſen der Kunſt eben in dieſer Concretion aufweist. Kann ich denn die Phantaſie und ihr Weſen darum nicht begreifen, weil ich nicht beſtimmen kann, welche Stoffe ſie in den unbekannten Fällen der Zu - kunft aufnehmen und verarbeiten wird? Und wenn ich in dem verar - beiteten Stoffe ihre Thätigkeit nun als Bau des Kunſtwerks begreife, ſoll dieſes Begreifen nicht höher ſeyn, als die Phantaſie ſelbſt, die in beziehungsweiſe unbewußter Verſchlingung mit dem Zufall das Kunſt - werk entwarf? Danzel (a. a. O. S. 44) wirft Hegel vor, er habe keinen Standpunkt für das einzelne Kunſtwerk in ſeiner unendlichen Individualität. Der Vorwurf trifft zum Theile mit dem zuſammen, was zu §. 15 ausgeführt wurde. Wie nun dort zugegeben iſt, daß Hegel das Unmittelbare als Schaffendes, die Phantaſie, zu flüchtig behandelt habe, ſo iſt auch im jetzigen Zuſammenhang zugegeben, daß er das Zu -121 fällige als Bedingung des Individuellen zu ſehr von oben herab angeſehen hat, allein was er immer hätte thun mögen, dieſe Lücke auszufüllen, er hätte auch das Zufällige in das rein Allgemeine zurücknehmen und auflöſen müſſen. Dieſe Auflöſung iſt aber kein Weglaſſen der „ wunderbaren Ver - ſchlingung “des einzelnen Werks. Die Wiſſenſchaft weist nach, aus wie vielerlei Sphären der behandelte Stoff ſeine Eigenheit zog, ſie weist nach, aus wie vielerlei in dieſem Falle ſo und nicht anders zuſammen - wirkenden Bedingungen die Perſönlichkeit des Künſtlers ihre Beſtimmtheit zog, ſie kann auch anzuführen wiſſen, wie es kam, daß ihn irgend ein Stoff anlockte (z. B. den Shakespeare die damals erſchienenen Novellenſammlungen). Dieſe Sphären, Bedingungen, nach unſerem Aus - druck Gattungen, ſind aber freilich ſelbſt ebenfalls Allgemeinheiten. Allein hier ſind wir an der Grenze; etwas Anderes, als ein Zuſammen - treten von Solchem, was allgemeiner Art iſt, kann an dem Dieſen nicht aufgewieſen werden und was Hettner (a. a. O. S. 18, 19) von L. Feuerbach gegen den erſten Abſchnitt von Hegels Phäno - menologie aufnimmt, iſt keine Inſtanz, weil es nur ſagt, daß das Dieſe ein Erfülltes ſey; denn das Erfüllende iſt ſelbſt allgemeiner Art.

Weiße, der dieſelbe Polemik übt (Syſtem d. Aeſth. §. 12 — 15) hat ſich hiezu den Standpunkt gewonnen, indem er zum voraus die Erſcheinung, in welcher die Gattungs-Allgemeinheit ihre Abſtractheit auslöſcht, für ein Mehr erklärt hat, was „ durch Wiſſenſchaft, Philo - ſophie und Kritik auf keine Weiſe erſetzt werden könne “. Jene All - gemeinheit nennt er, wie wir zu §. 5 u. 15 ſahen, Wahrheit, das Schöne daher aufgehobene Wahrheit. Im jetzigen Zuſammenhang müßte nun eben die „ wunderbare Verſchlingung “der Zufälligkeit im einzelnen Schönen dieſes Mehr ſeyn. Allein ein ſolches Mehr hat jede Wirklich - keit, jedes Naturweſen, jede Perſönlichkeit, jeder Staat, und das All - gemeine bewirkt ſich in jeder Sphäre, indem es das Dunkel dieſer Verſchlingung mit ſeiner Macht durcharbeitet. Das Schöne verhält ſich nur darin anders, daß es bis zu einem Punkte der Zufälligkeit mehr Recht läßt, als alle andern Sphären, von einem andern Punkte an aber, wie ſich zeigen wird, ſie tiefer ausſcheidet. Die Wahrheit als Wiſſenſchaft nun hat keineswegs blos das getrennt Allgemeine, ſondern gerade ſeine Miſchungs-Verhältniſſe in der Einzelheit zu durchdringen und iſt daher nicht nur mehr, als eine Abſtraction des erſteren, ſondern auch als das Wahre in dem Sinne, wie es ihr Gegenſtand iſt, d. h. als das Allgemeine an ſich in den Verbindungen, die es in der Realität mit anderem122 Allgemeinem eingeht, um ſich als erfülltes Einzelnes zu verwirklichen. Wenn aber dieſe Verbindungen unbegreiflich ſeyn ſollen und das Unbegreif - liche das wahre Mehr ſeyn ſoll, warum ſchreibt Weiße eine Aeſthetik, warum hält er irgend eine wiſſenſchaftliche Erkenntniß des Realen für möglich?

§. 42.

1

Die Art der Aufhebung der Zufälligkeit muß im Schönen eine beſondere2 ſeyn. Soll ſie aber überhaupt als möglich gedacht werden, ſo muß zuerſt ganz im Allgemeinen das wahre Verhältniß zwiſchen der Idee und ihrer Erſcheinung3 in den Einzelweſen begriffen ſeyn. Dieſer Begriff fehlte der Wolffiſchen Philoſophie, daher ihre Definition des Schönen durch: ſinnlich angeſchaute Voll - kommenheit nicht leiſtet, was ſie verſpricht. Vollkommenheit nämlich ſcheint eine dem Stoff immanente und ſich ſelbſt in ihm durchführende Einheit der Idee zu bezeichnen, welche eben deßwegen, indem ſie die ganze Oberfläche des von ihr gebildeten Stoffes beſtimmt, ſinnlich angeſchaut werden kann. Da aber dem Syſteme die Bedingungen dieſes Begriffes fehlten, ſo vermochte es durch ſeine Definition das Schöne nicht von Werken, worin dem Stoff nur eine äußere Einheit aufgenöthigt iſt, insbeſondere von dem blos Zweckmäßigen, zu unter - ſcheiden, und gerieth durch den Zuſatz: ſinnliche Anſchauung in einen Wider - ſpruch.

1. Daß das Zufällige im Schönen in einem anderen Sinne aufge - hoben ſey, als in den übrigen Sphären der wirklichen Idee, geht ſchon §. 34 hervor, worin ihm eine ausdrückliche Geltung zuerkannt iſt. Dies iſt hier noch nicht weiter zu verfolgen. Der Ausdruck: Aufhebung muß ſchon darum noch unbeſtimmt gelaſſen werden, weil er eine andere Be - deutung in Beziehung auf §. 40 erhalten muß, als in Beziehung auf §. 31 — 33.

2. Das Verhältniß der Idee zur Erſcheinung iſt ſchon im §. 10 als Immanenz ausgeſprochen. Hier iſt dieſer Begriff wieder aufzu - nehmen, denn er tritt jetzt erſt durch den Zuſammenhang der Entwick - lung in das volle Licht einer unterbehrlichen Grundlage der Erklärung des Schönen. Nicht unmittelbar vom Schönen iſt aber die Rede, ſon - dern eben von dieſer allgemeinen metaphyſiſchen Vorausſetzung.

3. Die Wolffiſche, näher Baumgarten’ſche Begriffsbeſtimmung definirte die Vollkommenheit auch durch: Einheit in der Mannigfaltigkeit123 und ſcheint deßwegen zu §. 36 zu gehören. Allein Vollkommenheit ſcheint mehr zu ſagen, als jener Begriff, der jeder ganz abſtracten Art der Unterordnung des Mannigfaltigen unter der Einheit Raum läßt; es liegt dies ſchon in dem Worte; „ vollkommen “erinnert an ein völli - ges Herauskommen der den Gegenſtand als ſeine Architektonik bauenden, ſich in ihm als Organismus durchführenden Idee. „ Vollkommen iſt das, was zu ſeiner Völle gekommen, oder was gänzlich, ohne Mangel und Ueberfluß, das iſt, was es ſeyn ſoll “(Sulzer, allg. Theorie d. ſch. K. Th. 4, S. 406). Baumgarten ſchrieb lateiniſch perfectio, aber der Zuſatz: ſinnlich angeſchaut (phaenomenon s. gustui observabilis. Metaphys. §. 662), ſcheint zu ſagen, daß er eben an dieſe Plaſtik der Idee dachte, doch nur dem, der nicht weiß, was ſchon oben §. 1, 3 vorgebracht iſt. Dieſe ganze Philoſophie war formaliſtiſch, die Einheit des Begriffes war ihr eine reine Abſtraction, und ſo geräth jene Definition durch ihren erſten Theil in eine fremde Sphäre und durch ihren zweiten in einen Widerſpruch. Vollkommen nämlich in dem Sinne, in welchem ſie das Wort allein verſtehen kann, iſt eigentlich nur das Werk der äußeren Zweckmäßigkeit, worin einem von dem Verfertiger hinzugebrach - ten Begriffe der Stoff, aus ſeiner ihm immanenten Gattung (Holz ꝛc. ) herausgenommen, äußerlich ſich unterordnet. So aber ſtellte ſich die Wolffiſche Philoſophie allerdings auch das vor, was weit über dem Begriff der Zweckmäßigkeit liegt, ſo überhaupt die Welt in ihrem Ver - hältniſſe zu Gott. Gott hat als außerweltliches Weſen den Begriff zu den Dingen und dieſe ſind nach demſelben gemacht, tragen ihn nicht in ſich, führen ihn nicht ſelbſt in ſich durch. Wir ſollen z. B. nach Mendelsſohn (Ueber die Hauptgrundſ. d. ſchönen Künſte u. Wiſſenſch. Philoſ. Schr. Th. 2, S. 80) in der Schönheit der Natur die Voll - kommenheit des Meiſters bewundern, der ſie hervorgebracht. Die Dinge ſind aber nicht nur nicht wahrhaft ſelbſtthätig, ſondern der Begriff, dem ſie mechaniſch gehorchen, iſt ein bloſer Begriff der Nützlichkeit; Wolffs Teleologie iſt ganz äußerlich. Demnach müßte conſequenter Weiſe dieſe Philoſophie nicht nur auf die Unterſcheidung des Schönen vom Zweck - mäßigen, ſondern auf die Erklärung des Schönen überhaupt verzichten. Die weitere Entwicklung des Begriffs des Schönen wird ferner zeigen, wie ſich das Schöne nicht blos vom Zweckmäßigen, ſondern auch von dem Guten und dem Wahren (im engeren Sinn) unterſcheidet. Nun kann davon abgeſehen werden, daß die Wolffiſche Philoſophie auch dieſe Sphären formaliſtiſch faſſen mußte; es ſey vielmehr angenommen,124 daß ſie das Gute als organiſche Einheit des Willens, das Wahre als ſelbſtthätigen Bau des Gedankens faßte, und ſo kann man es vollkommen nennen. Immer aber wird das Schöne von dem Guten und Wahren, es wird geiſtige Vollkommenheit von plaſtiſch erſcheinender nicht unter - ſchieden; die Aeſthetiker der Schule (z. B. Sulzer) waren in großer Verlegenheit über das Verhältniß zwiſchen dem Schönen und Guten, und Baumgarten ſelbſt vermag es durch den rhetoriſchen Schmuck, den er im Grunde allein unter phaenomenon verſteht, nicht vom Wahren abzugrenzen. — In ihrem zweiten Theile, der näheren Beſtimmung des Vollkommenen als eines Objects der ſinnlichen Anſchauung, nimmt die Definition eine Wendung nach der ſubjectiven Seite, welche den Mangel der objectiven zu ergänzen ſcheint. Allein er kann nicht mehr ergänzt werden und es entſteht daher ſtatt der Ergänzung ein Wider - ſpruch; denn der Begriff, der nicht als gegenwärtige Einheit im Körper ſich ſeine eigene Geſtalt baut, ſondern über ihm als Formel ſchwebt, kann nicht ſinnlich angeſchaut werden. Wollte man nun den Wider - ſpruch um der tieferen Ahnung willen, die dunkel in ihm liegt, überſehen, ſo tritt dagegen ein beſonderer Mißſtand auch in der ſubjectiven Beſtimmung: die Anſchauung wird zu niedrig gefaßt. Die cognitio sensitiva heißt inferior, ſie iſt ſchlechthin ein complexus repraesentationum infra distinctionem subsistentium (als ob die Anſchauung nicht auch ihre Klarheit hätte), ſie wird theologiſch caro genannt und als Rechtfertigung der Ehre, die ihr widerfährt, geſagt: imperium in facultates inferiores poscitur, non tyrannis (Baumg. Aesth. §. 12). Dieſe Philoſophie hat die Mittel nicht, die Vernunft in die Form der Anſchauung ſich ergießen zu laſſen und eine ſinnlich geiſtige Erkenntniß zu begreifen; ſie hat ſie nicht, weil ſie keine objective Vernunft kennt, und ſie hat ſich den Weg, eine ſolche zu kennen, ſchon dadurch verrannt, daß ſie die Anſchauung zu niedrig faßt: es iſt ein nothwendiger Cirkel. Auf der Seite des ſubjectiven Momentes geſchah aber und mußte geſchehen der Fortſchritt. In der Philoſophie überhaupt mußte zuerſt die Idee als gegenwärtiges Subject begriffen werden, ehe ſie ſich als Object begriff. Ebenſo im Schönen. Hier tritt Kant ein. Baumgarten ſteht ihm aber bereits viel näher, als man glaubt, vergl. §. 1, 3. Die Aeſthetik wird ſchon vor Kant Empfindungslehre; ſo namentlich bei Mendelsſohn. Ganz ſubjectiv verſteht auch Eberhard (Theorie der ſchönen Künſte u. Wiſſenſch. 1783) die Vollkommenheit. Er ſetzt ſie rein in die Darſtellung und das daraus entſpringende Gefühl. Allein auch im Werke der Darſtellung ſoll ja125 der Begriff ſinnlich wirken und nicht über dem Körper ſchweben, ſondern ſeine Allgemeinheit in ihm auslöſchen. Alſo kehrt der Widerſpruch auf allen Punkten zurück.

§. 43.

Die Einheit, welche im Vollkommenen das Mannigfaltige verbindet, faßt Kant im Sinne Wolffs als Zweck und widerlegt die Anſicht der Schule Wolffs vom ſubjectiven Standpunkte aus durch den Einwurf, daß, um den Zweck zu erkennen, erſt ein Begriff vorausgehen müßte, was im äſthetiſchen Urtheile nicht der Fall ſey. Er ſelbſt erkennt nicht, daß er in der inneren Zweckmäßigkeit, wie er deren Begriff im Unterſchiede von dem Wolffiſchen Formalismus entwickelt, die Idee erfaßt hat als die ſich ſelbſt hervorbringende Einheit des Allgemeinen und des ſinnlichen Stoffes im Einzelnen, welche im organiſchen Leben als Wechſelaufhebung des Mittels und Zwecks ſich ſo durch - führt, daß ſie auf die Oberfläche des Ganzen heraus und ohne Begriff in die Anſchauung tritt. Dagegen unterſucht er den ſubjectiven Vorgang im Schönen mit einer Schärfe und Tiefe, welche ihn auf anderem Wege zu der wahren Grundlage einer objectiven Beſtimmung des Schönen, der Einheit des Begriffs und der Realität, hätte führen müſſen, wenn er die Schranken ſeines Syſtems wirklich zu überwinden vermocht hätte. Schiller ſtellt überall dieſe Einheit in Ausſicht, kann ſie aber, in Kantiſchen Vorausſetzungen befangen, nicht begründen.

Die Einheit im Mannigfaltigen, welche als Wechſelbegriff für das Vollkommene geſetzt wurde, faßte in der Aeſthetik nicht ſowohl Baum - garten, als andere, die ſich ihm anſchloſſen (Eberharo, Men - delsſohn, Sulzer) mit Rückgang auf eine Beſtimmung Wolffs (Ontologie, 3r Abſchn. ) als Zweck. Indem nun Kant dieſe Erklärung des Schönen widerlegt, überſieht er nicht, daß äußere Zweckmäßig - keit (bloſe Nützlichkeit) und innere zu unterſcheiden und daß unter Voll - kommenheit die letztere zu verſtehen iſt. Nun widerlegt er dieſe Anſicht (Kr. d. äſth. Urthlskr. §. 15) von dem Geſichtspunkte der Beſchaffen - heit des ſubjectiven Wohlgefallens am Schönen, von dem er nachge - wieſen, daß es eine von Begriffen unabhängige reine Gefühlsſtimmung ſey. Um ſich ein Ding als zweckmäßig vorzuſtellen, muß der Begriff von dieſem, was es für ein Ding ſeyn ſolle, vorangehen und dies iſt ein Verſtandes-Urtheil, nicht ein äſthetiſches. Der Einwurf iſt richtig,126 ſo lange die innere Zweckmäßigkeit ſelbſt wie eine mechaniſche gefaßt wird, in welcher der Begriff außerhalb der Materie, in der er ſich durchführen ſoll, als ein blos gedachter und blos durch Abſtraction zu findender verbleibt. So äußerlich verſtand allerdings Wolff die Zweck - mäßigkeit (ſ. §. 42 u. Erdmann Verſuch einer wiſſenſch. Darſt. d. Geſch. d. neueren Philoſ. II, 2. S. 351). Allein Kant ſelbſt faßte den Begriff des Zwecks in ſeiner Tiefe. Man muß ſeine Kritik der teleolog. Urthlskr. hinzunehmen. Hier erhebt er ſich zu dem Begriffe des immanenten Zwecks, der im organiſchen Leben den Gegenſatz von Mittel und Zweck aufhebt und eben daher in der Totalität des ſinnlichen Stoffes, worin er ſich vollführt, die Trennung ſeiner Allgemeinheit von dem Beſonderen, die im abſtracten Denken, doch nur um wieder aufgehoben zu werden, geſetzt wird, in der Geſtalt auslöſcht. Wenn Kant den Zweck definirt hat als den Begriff von einem Object, ſofern er zugleich den Grund der Wirklichkeit dieſes Objects enthält, ſo iſt nach dieſer tieferen Be - ſtimmung dieſer Begriff nun nicht ein ſolcher, den ein Subject zum Objecte hinzubringt, ſondern es iſt der im Object ſelbſt thätige, bauende Verſtand, der Demiurg, es iſt „ intuitiver Verſtand, intellectus arche - typus, “kurz es iſt Geiſt in der Natur, Geiſt als Natur —: das Prinzip iſt gefunden. Nun braucht das Subject, um dieſe Einheit im Objecte zu empfinden, keinen Begriff jenes Zwecks, denn er iſt ganz gegenwärtig in ſeinem Stoffe und braucht nicht von ihm geſondert zu werden, um in das Gefühl und die Anſchauung zu treten. Ebendies aber benützt Kant für die Aeſthetik gar nicht. Auch abgeſehen nämlich davon, daß er jenen tiefen Blick wieder aufgibt, indem er ihn nur für eine leitende ſubjective Vorſtellung erklärt, zieht er nämlich die obenge - nannte Folge nicht, daß der Begriff, indem er ſich als Realität durch - führt, ſeine innern Momente ſubjectiv herausſtellt, als Geſtalt vor das Auge tritt und nun, wie er ſelbſt ein ungetrennt Sinnliches und Geiſtiges iſt, durch das Organ der ſinnlich geiſtigen Anſchauung allerdings in das Subject eingeht, ohne daß es ihn als Begriff in ſeiner Abſtraction denkt. Die Anſchauung iſt freilich nicht ein „ verworrenes Denken “, wie ſie in der Wolff’ſchen Anſicht erſcheint, ſondern gar kein Denken, und als ſolche zwar dunkel gegenüber dem Denken, aber hell in ſich und die Begriffs - momente als Glieder der Geſtalt klar unterſcheidend. Wie ganz ihm ſein Fund verloren ging, zeigt Kant §. 16, wo die Schönheit eines Menſchen, eines Pferdes u. ſ. w. für blos anhängende Schönheit erklärt wird, weil ſie „ einen Begriff vom Zwecke vorausſetzt, welcher beſtimmt, was das127 Ding ſeyn ſoll “; das genaue Gegentheil des Richtigen, denn eben in dieſen organiſchen Geſtalten erſcheint der Begriff als immanenter Zweck ſo, daß man das Ganze genießt völlig ohne ſubjectiv abſtrahirten Begriff von dem, was es ſeyn ſoll. Kant iſt hier ganz formaliſtiſch. — Da er nun demgemäß eine objective Beſtimmung des Schönen gar nicht finden kann, ſo wirft er ſich ganz auf die ſubjective Seite. Sein Ver - dienſt in der Analyſe derſelben iſt im §. vorläufig anerkannt, aber nicht erwähnt, wie ihn der objectiv aufgegebene Begriff des Zwecks hier ver - folgt und für jenes Aufgeben beſtraft, denn das Weſentliche iſt in den Anm. zu §. 3 gegeben. In dieſer rein formalen Zweckbeſtimmung, dieſer „ Zweckmäßigkeit ohne Zweck “, welche eigentlich eine bloſe Zweckmäßigkeit der Stimmung ſeyn, aber doch mit der unbeſtimmten Vorſtellung eines im Gegenſtande ſich darſtellenden Zwecks ſpielen ſoll, liegt in Wahrheit die volle, aber ſich ſelbſt dunkle Ahnung der objectiven, inneren, plaſti - ſchen Zweckmäßigkeit. Dieſe tritt wohl nirgends erkennbarer ans Licht, als in §. 23, wo er ſagt, die ſelbſtändige Naturſchönheit entdecke uns eine Technik der Natur, wodurch unſer Begriff von derſelben über den eines bloſen Mechanismus zu dem Begriff von der Natur als einer Kunſt erweitert werde: „ welches zu tiefen Unterſuchungen über die Mög - lichkeit einer ſolchen Form einladet. “ Allein wie durch Kant die ganze Philoſophie, ſo nimmt nun auch ſeine Aeſthetik, da ſie dieſe Ahnung nicht zu benützen verſteht, einen ganz andern Weg, den Weg zum ſub - jectiven Idealismus. Wenn ſchon in der Analyſe des äſthetiſchen Wohl - gefallens die nahe liegende Frage, wie es denn komme, daß ein Gegenſtand dieſes Wohlgefallen errege, der andere nicht, gar nicht auf - geworfen, alſo auch nicht beantwortet wird, ſo ſchwebt offenbar zwiſchen den Zeilen die Anſicht, daß das Subject überhaupt die Schönheit erſt in die Gegenſtände hineinſchaue. Nun erwäge man, wie in dieſer Analyſe durchaus eine reine Harmonie der Geiſtigkeit und Sinnlichkeit im Subjecte gelehrt iſt, man gehe von da weiter zu den tiefen Be - ſtimmungen Kant’s über das Genie, das, ſelbſt eine volle Einheit von geiſtiger Regel und Natur, ein Werk ſchafft, das ebenfalls Geiſteswerk und Naturwerk zugleich iſt, ſo kommt man bei dem Schluſſe an, daß alles ſchöne Object überhaupt erſt durch die Phantaſie geſchaffen wird, ebenſo wie man durch die Conſequenzen der ganzen Philoſophie Kant’s bei Fichte anlangt. Wenn nun die folgenden Theile unſeres Syſtems uns — (es kann in dieſer Anm. immerhin ſo viel anticipirt werden) — im Schönen ebenfalls dieſe Schöpfung der Phantaſie enthüllen werden,128 warum wird in unſerer ganzen Entwicklung dieſer Gang nicht geradezu als der richtige aufgenommen? Darum nicht, weil dieſe Einheit von Natur und Geiſt, wenn ſie im Subjecte und durch daſſelbe ihre wahre Wirklichkeit erhalten ſoll, vorher als allgemeine Wirklichkeit der Idee metaphyſiſch begriffen ſeyn muß und weil, wenn es ſich auch als wahr erweiſen wird, daß die Schönheit durch das Subject in den Gegenſtand hineingetragen wird, ſofern ſie Naturſchönheit, und daß ſie von ihm ganz erſt geſchaffen wird, ſofern ſie Kunſtſchönheit iſt, immer noch die Frage vorausgeht, was denn im Gegenſtande es ſey, wodurch das Sub - ject zu jenem Hineintragen berechtigt und aufgefordert werde? Ganz gemeinverſtändlich ausgedrückt: der Künſtler ſucht Stoffe und macht Studien in der wirklichen Welt. Einiges taugt ihm dazu, Anderes nicht. Ich muß aber zuerſt aufweiſen, warum und wodurch ihm die vor ihm und ohne ihn vorhandene Wirklichkeit eine Fundgrube iſt, ehe ich ihn ſelbſt zum Gegenſtande mache; die Welt, die der Ort ſeiner Studien ſeyn ſoll, muß ſchon gefunden ſeyn, ehe er in ſie eintreten kann.

Schiller’s treffliche äſthetiſche Abhandlungen ſtehen ganz auf Kanti - ſchem Boden. Wenn nun in den genannten Punkten Kant ſelbſt über ſich hinausſtrebt, ſo iſt dies Hinausſtreben über den Dualismus des Begriffs und der Realität in Schiller’s Betrachtungen der Grund - charakter wie in ſeiner Poeſie. Aber die Einheit von Geiſt und Natur, Unendlichkeit und Endlichkeit, Materie und Form, Pflicht und Neigung, Idee und Begrenzung, Freiheit und Nothwendigkeit, die freie Zuſtim - mung des ſinnlichen Impulſes zum ſittlichen, wie ſie Schiller in hundert Wendungen ausſpricht, iſt bei ihm immer nur Ziel, Erſtrebtes, Poſtulat; zu erklären iſt ſie nicht, eine Wirklichkeit iſt ſie nicht und Schiller bleibt daher bei der Begriffsbeſtimmung des Naiven und der Anmuth immer die letzten Gründe ſchuldig, während er das Sentimentale, die Würde und das negative Pathos ſehr richtig und erſchöpfend begreift. Wir werden ihm auf einzelnen Punkten wieder begegnen und ſeine ſpezielleren Verdienſte würdigen.

§. 44.

1

Der ſubjective Idealismus Fichte’s iſt zu naturlos, um den nach §. 43 von Kant nahe gelegten Weg einzuſchlagen und einem tiefen Gedanken über das Schöne, den er in dieſer Richtung vereinzelt erzeugt hat, Folge zu geben. 2Er ſollte erſt durch Schelling zum objectiven Idealismus umgebildet werden,129 und mit dieſem Schritte iſt das metaphyſiſche Prinzip gefunden, welches die wahre Grundlage der Ableitung des Schönen enthält. Der Standpunkt der abſoluten Idee (§. 10) iſt gewonnen; jede Wirklichkeit als eine beſtimmte Form der abſoluten Einheit des Idealen und Realen zu faſſen iſt nun als Aufgabe begriffen und die Schönheit wird als diejenige Form ausgeſprochen, worin dieſe Einheit am vollkommenſten zur Erſcheinung kommt, indem ein beſtimmtes Da - ſeyn als mangelloſe Gegenwart der Idee in die Anſchauung tritt. Solger3 bildet den Grundgedanken bereits zu einem gegliederten Syſteme aus.

1. Fichte (Syſtem d. Sittenlehre §. 31: Ueber die Pflichten des äſthet. Künſtlers): „ die Kunſt macht den tranſcendentalen Geſichtspunkt zum gemeinen. Auf dem tranſcendentalen Geſichtspunkte wird die Welt gemacht, auf dem gemeinen iſt ſie gegeben: auf dem äſthetiſchen iſt ſie gegeben, aber nur nach der Anſicht, wie ſie gemacht iſt. Die Welt hat zwei Seiten: ſie iſt Produkt unſerer Beſchränkung, ſie iſt Produkt unſeres freien, idealen Handelns. In der erſten Anſicht iſt ſie ſelbſt allenthalben beſchränkt, in der letzten ſelbſt allenthalben frei. Die erſte Anſicht iſt gemein; die zweite äſthetiſch. Z. B. jede Geſtalt im Raume iſt anzuſehen als Begrenzung durch die benachbarten Körper, ſie iſt an - zuſehen als Aeußerung der innern Fülle und Kraft des Körpers ſelbſt, der ſie hat. Wer der erſten Anſicht nachgeht, der ſieht nur verzerrte, gepreßte, ängſtliche Formen, er ſieht die Häßlichkeit; wer der letzten nachgeht, der ſieht Leben und Aufſtreben, er ſieht die Schönheit. Der ſchöne Geiſt ſieht Alles frei und lebendig “u. ſ. w. Fichte vergaß nur, auch den andern, vorangeſtellten Satz näher auszuführen, daß nämlich der Philoſoph ſich auf dieſen Geſichtspunkt mit Arbeit und nach einer Regel erhebe, der ſchöne Geiſt aber unbewußt darauf ſtehe und Andere unvermerkt zu ihm erhebe. Der ganze Gedanke iſt höchſt fruchtbar und müßte auf dem Wege verfolgt werden, der zum vorh. §. angegeben iſt, aber in einem Syſteme, wo die ganze Natur blos als Object abgeleitet und dargeſtellt iſt, kann dieſer Keim nicht zur Entfaltung kommen und ſo wird gleich darauf die Kunſt als Mittel der Thätigkeit, nämlich als Schule zur Tugend betrachtet.

2. Schelling hat zuerſt in der abſoluten Einheit des Idealen und Realen den Grund aller Möglichkeit des Schönen gefunden; der Begriff iſt nun als immanenter Zweck erkannt, was eben in der Kantiſchen Lehre vermißt wurde. Wie nun im Ganzen, ſo im Einzelnen: dasViſcher’s Aeſthetik. 1. Bd. 9130Individuum fällt nicht neben und außer den Begriff ſeiner Gattung, ſondern dieſer iſt in ihm gegenwärtig eben als ſich durchführender Zweck. Das Individuum iſt Verwirklichung der Gattung im Naturſtoffe, dieſer erſcheint nun nicht mehr als ein Fremdes gegen die geiſtige Allgemein - heit der Gattung oder Idee, denn die Natur iſt gebundener Geiſt und der Geiſt zu ſich gekommene, eine zweite Natur ſchaffende Natur. Die Gattung ſelbſt aber iſt eine Idee, die ihren beſtimmten Ort hat in dem Kreiſe der Ideen, ſo daß mit ihr die abſolute Idee ſelbſt zum Ausdrucke kommt. Von da aus nun fehlt blos noch der Schritt zum Schönen, daß in dieſem das Individuum nicht nur als Ausdruck, ſondern als mangellos reiner Ausdruck der Idee gefaßt werde; und ſo hat Schelling wirklich das Schöne beſtimmt. Der Terminus Vollkommen - heit tritt wieder auf, allein jetzt ohne die Zweideutigkeit, die er in der Wolffiſchen Schule hatte. Die Schönheit heißt im Bruno der äußere Ausdruck der organiſchen Vollkommenheit. Vollkommenheit iſt aber hier nicht eine relative, eine Angemeſſenheit zu einem Zwecke außerhalb, ſondern Vollkommenheit an ſich, größte Unabhängigkeit von Bedingungen. In der Rede über das Verh. d. bild. Künſte z. Natur iſt der durchaus herrſchende Gedanke die Lebendigkeit der Natur. Keine Kunſt und keine Kunſt - philoſophie iſt möglich, wo die Natur als ein Todtes vorſchwebt. Das thätig wirkſame Band des Begriffs und der Form wird geſucht, die Kraft, durch welche die Seele ſammt dem Leib zumal und wie mit Einem Hauche geſchaffen wird. Dieſes Band liegt nicht erſt in der Kunſt, ſondern ſchon in der Natur; zu dem thätigen Prinzip in der Natur muß die Kunſt zurückgehen, wenn ſie lernen will, wie die Formen vom Begriff aus erzeugt werden, auf die poſitive Kraft, welche als ſchaffender Begriff den Theilen der Materie eine ſolche Lage und Stellung gegeneinander gibt, durch welche er ſelbſt als ihre weſent - liche Einheit ſichtbar werden kann. Dies thätige Prinzip kann nur Geiſt ſeyn, denn alle Einheit iſt geiſtiger Abkunft; die Natur iſt werkthätige Wiſſenſchaft, eine Wiſſenſchaft, worin der Begriff nicht von der That, noch der Entwurf von der Ausführung verſchieden iſt. Jedem Ding ſteht ein ewiger Begriff vor, der in dem unendlichen Verſtande entworfen iſt, die Natur als ſchaffende Wiſſenſchaft verkörpert ihn. Zu dieſem Kerne der Natur, zu dieſem im Innern der Dinge wirkſamen, durch Form und Geſtalt redenden Naturgeiſt muß der Künſtler durchdringen, und indem er ausſcheidet, was ihn nicht darſtellt, ſtellt er nur das Nichtſeyende als nichtſeyend dar und bringt das in der Natur in der131 That Seyende an’s Tageslicht; Schönheit iſt daher nichts Anderes, als volles, mangelloſes Seyn. — Dieſe Sätze ſind hier, wo der Inhalt von §. 9 — 14 nicht rein metaphyſiſch, ſondern an der Hand der Geſchichte der Philoſophie und zwar mit dem beſondern Augenmerke näher begründet werden ſoll, daß immer gefragt wird, welches Licht ein Syſtem aus ſeinem Prinzip für die Erklärung des Schönen gewonnen habe, auch darum beſonders am Orte, weil ſie die Richtigkeit unſerer ganzen Anordnung beweiſen, welche die Schönheit nicht aus der Phantaſie conſtruirt, ſondern zuerſt jene Einheit der Dinge begründet, durch welche die Phantaſie ſelbſt erſt möglich iſt. Sollte es nun aber ſcheinen, als ver - ſtehe Schelling unter dem Nichtſeyenden, welches auszuſcheiden iſt, gerade das, was wir als weſentliches Moment im Schönen aufgeſtellt haben, die Zufälligkeit nämlich und insbeſondere die Eigenheit des Individuums, ſo ergänzt er ſich in dieſem Punkte durch das, was er (a. a. O.) über das Charakteriſtiſche vorträgt. Das Eigenthümliche der Dinge wird hier als ein Poſitives anerkannt, es heißt Kraft der Einzelheit, die Indi - vidualität lebendiger Charakter. Hiemit iſt die Gattung als die Macht ausgeſprochen, die das Zufällige ſelbſt in ſich aufnimmt und mit ihrem Inhalt erfüllt: eben der Begriff, den wir ſuchen. — Die Anſichten Schellings über die Kunſt und ihren Rang ſind anderswo anzuführen.

3. Solger begründet im Erwin (Vier Geſpräche über das Schöne und die Kunſt 1815) und in den Vorleſungen das Weſen des Schönen durchaus auf die Immanenz des Begriffs in dem zu ſeiner Gattung gehörigen Individuum ſammt der ganzen Mannigfaltigkeit ſeiner Eigen - ſchaften und Zuſtände. Das Mannigfaltige iſt nur der entwickelte oder auseinander gezogene Begriff, die Einheit nur das zuſammengefaßte Mannigfaltige, die Seele der vollſtändige Gedanke des Körpers, der Körper die erſcheinende Seele, vollſtändig und ohne Scheidewand von ihr angefüllt. Beides iſt Ein Schlag, es braucht keine Abſonderung des Begriffs vom Gegenſtand, kein Urtheil. Der Begriff iſt ſchon ganz im Geiſte Hegels dargeſtellt am menſchlichen Körper als das Ganze, das ſich in dem vollkommenen und in ſich ſelbſt zurückkehrenden Zuſammen - hang des Einzelnen offenbart (Erwin Thl. 1, S. 61). Der Begriff des Zwecks wird eingeführt und als die vollkommene Geſtalt diejenige er - kannt, in welcher Zweck und Mittel ganz miteinander geſättigt ſind (63). Der Begriff iſt das Maß des Mannigfaltigen, aber das Maß, welches ſchon ſein eigenes Gemeſſenes iſt und das Gemeſſene, welches als ſolches ſchon zugleich ſein eigenes Maß in ſich trägt (65). 9*132Durch dieſen trefflichen Satz erhellt plötzlich, wo es eigentlich der Platoni - ſchen Beſtimmung (§. 36, 1) fehlt. Das Schöne nun begreift Solger, nachdem er zwiſchen dieſe Entwicklung Deductionen eingeſchoben hat, welche freilich von der Wiſſenſchaft plötzlich und unvermittelt zur Vor - ſtellung Gottes abſchweifen, welche aber hier nicht zu beurtheilen ſind, ganz ſo, wie wir es beſtimmt haben, als jene reine Einheit des Weſens und der Erſcheinung, welche in einem Einzelnen zum Ausdrucke kommt. Das Schöne iſt „ die vollſtändige Durchdringung des Begriffs und der Erſcheinung, welche ſelbſt erſcheint “(Thl. 1, S. 170), „ die Einheit des Weſens und der Erſcheinung in der Erſcheinung, wenn ſie zur Wahrnehmung kommt. “ (S. 161). Ein ſolches Einzelnes iſt daher eine Welt für ſich, ein Weltall, dies hebt Solger durchgängig in’s Licht (Weiße: „ Mikrokosmus “vergl. §. 15, 2). Aber es darf darum nicht aus dem Zuſammenhange der übrigen Dinge herausgenommen, es muß ein ganz Einzelnes und Beſonderes „ nicht blos Denkbares und Erſchloſſenes, in den allgemeinen Begriff Zerfließendes, ſondern die ganze Kraft der Beſonderheit, Begrenztheit und Gegenwart muß darin ſeyn. “ An mehreren Orten wird ausdrücklich die Zufälligkeit mit einbedungen, namentlich S. 180: „ was der Zufall der Einzelheit mit ſich bringt, iſt hier zugleich das Ewige und Nothwendige und Urſprüng - liche, ſo daß die weſentliche, ſich ſelbſt genügende Einheit Gottes unver - ſehrt durch jeden auch noch ſo kleinen Theil des Wirklichen und Einzelnen hindurchleuchtet. “ In dieſem Begriffe hat nun erſt die Aeſthetik ein Prinzip, und was auch gegen Solgers Entwicklung dieſes Prinzips zum Syſtem im Einzelnen einzuwenden ſeyn mag, er iſt der Erſte, der erkannt hat, daß das Syſtem die innere Bewegung der verſchiedenen Stellungen, welche die in jenem Prinzip eingeſchloſſenen Momente gegen - einander einnehmen können, zu entfalten habe.

§. 45.

1

Die Mängel der dialektiſchen Entwicklung, an welchen jedoch die erſte Aufſtellung jenes Prinzips leidet, liegen darin, daß, wie das Prinzip ſelbſt mehr gefunden, als begründet iſt, ebenſo auch die beſtimmte Idee nicht mit Nothwendigkeit aus der obſoluten entwickelt und an ihren Ort geſtellt, daß ferner die Individualität nicht als weſentliche Wirklichkeit und lebenskräftiger Zuſammenſchluß der mit ihren Momenten in ihr gegenwärtigen Idee begriffen wird, was auf die Lehre vom Schönen den Einfluß hat, daß ſowohl der Inhalt133 von §. 16 ff., als von §. 31 ff. nicht gehörig zu ſeinem Rechte kommt. Hegel2 hat durch die dialektiſche Begründung und Durchführung des Standpunkts der abſoluten Idee dieſe Mängel in dem Sinne getilgt, daß die Reihe der beſtimm - ten Ideen folgerichtig entwickelt, die Einzelheit in ihrer Bedeutung erkannt erſcheint, allein er hat dem erſteren Fortſchritt nicht die volle Anwendung auf das Schöne gegeben und bei dem zweiten überhaupt der Berechtigung der Zu - fälligkeit nicht volle Rechnung getragen.

1. Schelling leitet, wie er ſeine abſolute Einheit nicht durch dialektiſche Auflöſung der Mannigfaltigkeit gewonnen hat, ebenſo die Reihe der beſtimmten Ideen und den Naturſtoff, worin ſie wirklich ſind, nicht dialektiſch aus jener ab. Der Formalismus, der willkürliche Sche - matismus der Naturphiloſophie, das Schwanken in der Eintheilung der Sphären des Geiſtes iſt bekannt. Im Schönen handelt es ſich zwar nicht von der rein philoſophiſchen Ableitung des beſtimmten Gehalts aus der abſoluten Einheit, allein, wo dieſe nicht vorangieng, wird auch die Kraft ſeiner äſthetiſchen Geltung verkannt; es wird von jedem Punkte auf das Abſolute übergeſprungen und es zerfließt Alles, wie bei Novalis, in den dunkeln Grund. In der Rede über d. Verh. d. b. K. z. d. N. wird zwar die Stufenleiter der Sphären des Daſeyns als Inhalt des Schönen angedeutet, aber es wird von keinem Schüler Schellings damit Ernſt gemacht und Schelling ſelbſt fällt, weil er ſeiner Andeu - tung nicht Folge gibt, anderswo in die Vermengung mit der Religion (§. 27, 2). Ferner iſt das Verhältniß des Individuums zur Gattung nicht im Sinne der Entelechie begriffen. Jene Rede nennt zwar die Eigenthümlichkeit der Dinge ein Poſitives, die Beſtimmtheit und In - dividualität, heißt es, dürfe nicht als bloſe Begrenzung und Verneinung, ſondern müſſe als Bejahung der ſchaffenden Kraft der Gattung, als ein Maß, das dieſe ſelbſt ſich auferlegt, angeſehen werden, aber es bleibt ſchwankend, ob damit Gattung und Art oder Individuum gemeint iſt, denn es iſt in demſelben Zuſammenhange zunächſt nur von der ſcharfen Beſtimmtheit der gattungsmäßigen Geſtalt in den verſchiedenen Natur - reichen die Rede und hierauf zwar wird geſagt, in der Menſchenwelt lege die Natur ihren Weg noch einmal von vorn zurück und wiederhole ihre ganze Mannigfaltigkeit; allein ganz individuell iſt auch jede Pflanze und jedes Thier und weil Schelling die unendliche individuelle Mannigfaltigkeit erſt in der menſchlichen Gattung beginnen läßt, ſo zweifelt man, ob er nicht blos Raſſen, Völker, Stände, Ausdruck der134 Affekte, Temperamente, alſo wieder Allgemeines im Auge habe. Nimmt Schelling überhaupt zu der Vorſtellung eines Abfalls die Zuflucht, um die Wirklichkeit der Idee zu erklären, ſo wird ihm conſequent das In - dividuum zu einem flüchtigen und nichtigen Schattenbilde der Idee. Die Zufälligkeit, die ſich zur Baſis der Eigenheit des Individuums ſteigert, wird von ihm als falſcher Standpunkt zur Seite geſchoben und bleibt daher, ſtatt daß ihre Aufhebung dargethan wird, unüberwunden. — Eine andere Seite, die Kunſtvergötterung, ein Ausfluß der zu hohen Stellung des Unbewußten, iſt anderswo zu beurtheilen.

Solger ringt, dieſe Mängel aufzuheben und ſein Erwin iſt durch dies bloſe Ringen ein bei aller Trefflichkeit beunruhigendes und hetzen - des Buch, die Vorleſungen, übrigens klarer geordnet, in dieſem Punkte ebenſo. Der Gang iſt durchaus, die Erkenntnißweiſen als falſch aufzu - löſen, welche nur Gegenſätze aufeinander beziehen, aber die Gegenſätze ſelbſt werden nicht objectiv ineinander aufgelöst. Es iſt ſubjective Dialektik. Daher wird Gott und das Wunder zu Hilfe genommen, um die reine Immanenz der Idee zu erklären. Hinter dieſen ſinnlichen und ſtoffartigen Hilfen öffnet ſich eine reinere Ausſicht in den philoſophi - ſchen Begriff der abſoluten Thätigkeit (Entelechie), aber ſie ſchließt ſich wieder, die platoniſche Trennung der Idee von ihrer Wirklichkeit tritt wieder hervor und ein Schaffen Gottes in die Lücke. Solger ver - gißt nicht die Zufälligkeit als weſentliches Moment in der Wirklichkeit der Idee als Individuum, aber es wird, zunächſt abgeſehen vom Schönen, nicht dargethan, wie ſie ſich aufhebt und überwindet im Ganzen, dann, was das Schöne betrifft, wird nicht dargethan, wie ſie ſich aufhebt im Einzelnen. Darzuthun, daß dieſe letztere Aufhe - bung nur möglich iſt durch die Phantaſie und Kunſt, dahin ſtrebt Solger, dahin ſtreben auch wir; aber wie der Genius dazu gelangt, die Zufälligkeit zugleich ſo in ihr Recht zu ſetzen und ſo aufzuheben, daß dieſer Akt in Einem Gegenſtande für die Anſchauung beſchloſſen erſcheint, dieß kann nicht erklärt werden, ſo lange nicht dargethan iſt, wie die Zufälligkeit auch objektiv, vor der beſonderen Art, wie der Genius ſie in Einem Schlage aufhebt, ſich fortwährend aufhebt. Von dieſem Hauptpunkte bald mehr.

2. Es iſt hier nicht der Ort, zu beweiſen, wie durch Hegels ganzes Syſtem überall die Beſonderung des Allgemeinen ſich in die für ſich ſeyende Einheit der Einzelnheit, die Subſtanz ſich in das Subjekt zu - ſammenfaßt. Dieſe Immanenz, dieſe Ergänzung des Plato durch Ari -135 ſtoteles und beider durch den Begriff der Subjektivität iſt ſo ſehr Charakter des Syſtems, daß nur das ganze Syſtem der Beweis dafür iſt. Das wahre Subjekt iſt nun allerdings nur das abſolute Subjekt, das ebenſoſehr Objekt iſt; das einzelne Subjekt aber hat ſeinen unend - lichen Werth nur als ſubſtantielles, als ſeiner Allgemeinheit gemäßes Subjekt. Es iſt jedoch ſchon oben zugegeben, daß die im übrigen Syſtem ſtreng entwickelte Beſonderung der abſoluten Idee zu den beſtimm - ten Ideen in der Aeſthetik nicht zu ihrer gehörigen Anwendung kommt, daher Vermengung mit der Religion eintritt (§. 15, 1); es iſt ferner bereits zugegeben, daß die Zufälligkeit, ſowohl im Syſteme überhaupt, als insbeſondere in der Aeſthetik nicht zu ihrem ganzen Rechte kommt (§. 41, 2) Das Einzelne als Subjekt ſoll dem Allgemeinen gemäß ſeyn, aber mit Einſchluß ſeiner Eigenheit: dieſe ſoll ſich mit dem Allgemeinen frei durchdringen und es ſoll gezeigt werden, wie ſie dies kann und muß; dies fehlt bei Hegel, daher erhält in der Lehre vom Staate die Subſtanz ungerechtes Uebergewicht, degenmäßig zu ſeyn wird die höchſte Tugend des Subjekts, und darin liegt ein weiterer Grund, warum die Aeſthetik zu unmittelbar auf ſubſtantiellen Gehalt hindrängt.

§. 46.

Die Bedeutung der Einzelheit iſt dem reinen Begriffe nach keine andere, als daß ſie der erfüllte Inbegriff des Allgemeinen und Beſondern iſt, d. h. daß in ihr eine Art und durch ſie die Gattung ſich verwirklicht. Die Gattung alſo iſt der innere Grund und die lebendige, bildende und bewegende Macht im Individuum. In dies Verhältniß nun ſcheint eine Trübung einzutreten, wenn die empiriſche Gattung im empiriſchen Individuum ſich verwirklichen ſoll, denn dies geſchieht eben auf dem Boden, auf welchem die Gattungen anders, als wie es ihre innere Stufen-Ordnung verlangt, aufeinander wirken und daher ihre Durchführung in ihren Individuen der Zufälligkeit verfällt.

Der wahre Begriff des Verhältniſſes zwiſchen dem Individuum und der Gattung, wie ihn der §. beſtimmt, kann als ein ſicherer Erwerb der neueren Philoſophie hingeſtellt werden. Hegels Logik zeigt das Einzelne durch die Dialektik aller verſchiedenen Stellungen, die es mit dem Allgemeinen und Beſondern eingehen kann, als den concreten Zu - ſammenſchluß dieſer beiden auf (in der Lehre vom Begriffe). Das Ein - zelne iſt nichts Anderes, als die wirkliche Gattung; nicht unmittelbar,136 ſondern durch die Mitte des Beſondern oder der Art. Diejenige Man - gelhaftigkeit des Individuums, welche daraus fließt, daß es nur durch dieſe Mitte die Gattung darſtellt, kann noch nicht als Trübung ange - ſehen werden. Die Gattung theilt ſich in Arten, dieſe als Gattung wieder in Arten und jedes Individuum iſt, ſofern es nur Einer der Arten angehören kann, ein bloſes Bruchſtück der Gattung. Dies Alles kommt noch auf Rechnung der beſtimmten Idee (§. 13. 15), denn unter dieſer ſind nicht nur die Hauptſtufen, ſondern alle Arten der ein - zelnen Stufe verſtanden. Sey das Subjekt auch nur ein Bruchſtück, es iſt und kann immer ſchön ſeyn, wenn es nur das, was es ſeyn kann und ſoll und ſeiner Möglichkeit nach iſt, auch ganz und wirklich iſt. Das Bruchſtück ſelbſt kann reicher oder ärmer ſeyn, die Gattung durch eine vollere oder dürftigere Vereinigung der Kräfte derſelben, wie ſie in Arten ſich getheilt, in ſich darſtellen: daraus entſteht nicht ein weſentlicher, ſondern nur ein Grad-Unterſchied. Die Trübung aber ſcheint einzutreten durch das ſich kreuzende Zuſammenſtoßen der Gattun - gen und Arten auf Einem Raum und in Einer Zeit; dieſe nämlich wird, ſo ſteht zu erwarten, dem Individuum ſolche Hinderniſſe in den Weg legen, daß es auch ſeine noch ſo beſchränkte Aufgabe nicht rein löſen, ſondern nur Bruchſtück des Bruchſtücks ſeyn kann.

§. 47.

In Wahrheit aber tritt dieſe Trübung zunächſt durch die in §. 31 auf - geführte Form der Zufälligkeit noch nicht ein. Iſt nämlich die Gattung überhaupt die ihr Individuum bildende Macht, ſo muß ſie als ein unvergäng - licher Typus wirken, der den Stoff zu ſeiner Durchführung in einem Individuum zwar jederzeit durch das Zuſammentreffen von Bedingungen, die in ſeinem Zu - ſammenſeyn mit der Wirkſamkeit anderer Typen liegen, ſich geben laſſen und daher den Moment, wo er ein Individuum zeugen kann, gleichſam abwarten muß; allein es gibt keinen Stoff an ſich, der als ſelbſtändiges Prinzip dieſem Werk widerſtreben könnte, jeder Gattungs-Typus verwendet zu der Zeugung ſeiner Individuen den ſchon von andern geformten Stoff und wird daher in dem Augenblicke zeugend, wo die geformten Stoffe, deren er bedarf, zuſammentreten.

Zufälligkeit des Orts und der Zeit der Entſtehung. Beyſpiel: Die Zeugenden müſſen das Alter der Zeugungsfähigkeit erreicht haben, wenn ein menſchliches Individuum entſtehen ſoll; eine Welt von ſchon ge -137 formten Stoffen, Luft, Waſſer, nährenden Pflanzen, Thieren u. ſ. w. iſt vorausgeſetzt, um dieſe Reife hervorzubringen. Allein jede Gattung bedarf ſolchen von andern Gattungen ſchon geformten Stoffes und nimmt durch denſelben nichts Fremdes und Trübendes in ſich auf, ſondern iſt mit der wohl geſchnittenen Stempelform zu vergleichen, welche dem ihr, wann und wo es ſey, gegebenen Stoffe ſcharf und beſtimmt ihre Form aufprägt.

§. 48.

Die unendliche Eigenheit der Individuen (§. 32) iſt auf denjenigen1 Stufen, wo die Idee nicht als Subjectivität wirklich iſt, von geringer Be - deutung, das Einzelne erſcheint nur als ſelbſtloſer Durchgang des Allgemeinen. Dagegen wo die Idee als Seele und höher als Geiſt wirkt, da ſteigt in dem2 Grade, in welchem ein Individuum das Allgemeine ſeiner Gattung in ſich darſtellt, die Eigenthümlichkeit und umgekehrt; weit entfernt, einander auszu - ſchließen, fordern ſich alſo vielmehr dieſe Gegenſätze und hebt ſich der in §. 38 aufgeſtellte Widerſpruch in ſeiner Entſtehung auf. Die Eigenthümlichkeit iſt nämlich zunächſt eine nur dieſem und keinem andern Individuum eigene Weiſe, wie ſich die Kräfte der Gattung in ihm durchdringen; dieſe Durchdringung ſetzt aber für ihre verſchlungene Einheit einen Reichthum von Kräften voraus, und wo dieſer iſt, da werden allerdings die fehlenden vermißt, fällt alſo die Indi - vidualität als ſolche im Unterſchied von der Gattung in die Augen, da erſcheint aber ebenſoſehr die Gattung in einer Fülle von Kräften dargeſtellt, gewinnt daher das Individuum allgemeine Bedeutung und ſticht dadurch von den ge - wöhnlichen Individuen ab.

1. In der unorganiſchen und vegetabiliſchen Natur iſt das Einzelne von ganz verſchwindender Bedeutung. Im Zuſammenhange der Aeſthetik wird dies ſogleich dadurch klar, daß nicht vereinzelt eine Wolke, Erd - bildung u. ſ. w. zur Darſtellung kommen kann; der Gegenſtand ſelbſt läuft in dieſen Sphären in eine Continuität aus, worin das Einzelne ſich nicht abſchneidet. Von mineraliſchen Gebilden wird an ſeinem Orte die Rede ſeyn. Einzelne vegetabiliſche Bildungen, ein Baum z. B., werden wohl auch bewundert und dargeſtellt, aber nie wird ein Maler einen Baum dar - ſtellen dürfen ohne Luft, Erde, ein Stück Landſchaft, thieriſche oder menſch - liche Staffage, während er doch ſehr wohl einen Menſchen abbilden kann ohne irgend ein Beiwerk und mit einem bloſen Schatten als Hintergrund; ja wohl138 auch ein Thier läßt ſich ſo darſtellen. Die Individualität hat in jenen Sphären ebenſowenig Eigenheit als die Regel Strenge (vergl. §. 38). Dieß ſcheint ein Widerſpruch, denn je weniger dieſe bindet, deſto freier ſcheint ſich jene zu ergehen. Allein dieſe Freiheit iſt nicht Eigenheit; die Kraft der Eigenheit erkenne ich an der Kraft ihres Gegenſatzes, der bindenden Regel; dieſe Freiheit iſt ein unintereſſantes Hinſchweifen und das Schweifen iſt eben der Charakter der Gattung ſelbſt.

2. In der Thierwelt zeigen ſich Individuen, welche als originell in ihren Anlagen mit einigem Rechte bezeichnet werden können, aber ihre wahre Bedeutung erhält die Frage erſt in der Menſchenwelt. Es ſticht ein Individuum aus allen übrigen hervor, es ſind die Kräfte der Menſchheit ſo eigenthümlich in ihm gemiſcht, daß es keinem andern gleicht. Dazu braucht es offenbar eine ungemeine Fülle von Kräften, ſonſt iſt nicht vorhanden, was ſich miſchen könnte; eine Individualität, die ſich die Miene giebt, etwas ganz Beſonderes zu ſeyn ohne die dazu nöthigen Mittel, iſt vielmehr trivial und gewöhnlich. Eben durch den Beſitz jener Kräfte fällt aber auch in die Augen, was von Kräften der Gattung ſelbſt dem begabteſten Individuum fehlt, alſo iſt jener Unterſchied des Individuums von andern zugleich der des Individuums vom Ganzen der Gattung. Zugleich jedoch iſt ebenſoſehr die Gattung in größerer Fülle gegenwärtig in dem ſo hervorſtechenden Individuum, als in allen andern, und was daſſelbe von dieſen trennt, hebt es alſo vielmehr gerade in das Licht der Gattungs-Allgemeinheit um ſo mehr empor. Das Ungemeine iſt in dieſem Sinne das Allgemeinſte. Alſo ſteigt nicht nur mit der Beſtimmtheit der Regel, wie ſie die Gattung giebt, die Eigenheit der Individuen (§. 38), ſondern auch, während ebendadurch der Widerſpruch zwiſchen beiden zu ſteigen ſcheint, hebt er ſich vielmehr in demſelben Grade auf. Benvenuto Cellini z. B. iſt ganz Orginal, aber ebenſoſehr, ja ebendadurch ganz Repräſentant ſeines Jahrhunderts, ſeines Volks, ja „ vielleicht der geſammten Menſchheit. Solche Naturen können als geiſtige Flügelmänner angeſehen werden, die uns mit heftigen Aeußerungen dasjenige andeuten, was durchaus, obgleich oft nur mit ſchwachen unkenntlichen Zügen, in jeden menſchlichen Buſen eingeſchrieben iſt. — Ein bedeutendes, gleichſam unbegrenztes Individuum. “ (Göthe). Unter den ſogenannten Originalen pflegt man allerdings Individuen von einer nicht nur aus reichen Kräften gemiſchten, ſondern mehr oder minder krankhaft überworfenen, in ſich widerſprechenden Eigenthümlichkeit zu verſtehen; allein man wird finden, daß ſolche in Nationen zum139 Vorſchein kommen, wo ein ſolcher Widerſpruch zum Volkscharakter gehört, ſo daß das originelle Individuum ſelbſt als ſolches Repräſentant einer Allgemeinheit iſt. Wenn nun aber das Prädicat der Allgemeinheit vielmehr gerade den gewöhnlichen, nicht hervorſtechenden Individuen bei - gelegt wird, ſo iſt zu unterſcheiden zwiſchen dem doppelten Sinne, der in dem Begriffe der Gattung liegt. Menſchheit und Volk heißt Gattung im Sinne des animaliſchen und blos ſeeliſchen Weſens; in höherer An - wendung aber bezeichnet das Wort die geiſtige Allgemeinheit, zu der ſich das Menſchengeſchlecht auf ſeiner Natur-Grundlage erhebt. Das Individuum nun, das geiſtig werthlos iſt, gibt nicht Anlaß, an die Gattung im zweiten, höheren Sinne ſich zu erinnern, es gehört alſo der Gattung im Sinne der Natur an, dieſe als ſolche aber individualiſirt überhaupt nur oberflächlich; der gemeine Menſch iſt daher der allgemeine im Sinn der animaliſchen Gattung und der nichtige, der vereinzelte im Sinn der geiſtigen. In der Gattung als geiſtiger Allgemeinheit dagegen ſteigt Eigenthümlichkeit und Bedeutung für das Ganze und Allgemeine in gleichem Schritte. Der große Mann iſt nur ſich ſelbſt gleich und ebenſoſehr ganz Menſch. Allerdings haben wir den Grund ſelbſt der geiſtvollen Eigenheit in einer Naturbaſis geſucht; die Kraft, aus der Gattung als animaliſcher Natur ſich hervorzuheben, iſt als Genie ſelbſt wieder Natur-Anlage. Allein es verhält ſich mit dem höheren Gattungstypus ſo, daß er, wo er die ihm dienenden Naturſtoffe aufs Glücklichſte organiſirt, dieſelben zu geiſtigen Organe bildet, welche durch ihre Thätigkeit ihre Herkunft aus der Natur, die ſie ebenſoſehr zu einem ſpezifiſch Neuen erheben, als ſie ſelbſt aus ihr ſtammen, vergeſſen machen: ſo daß ihnen gegenüber die Gattung als Naturtypus wie gemeine Natur erſcheint, während ſie in ihnen ſich ebenſoſehr übertrifft, als ſie ganz ſie ſelbſt iſt. Auf jene Umbildung der Naturbaſis geht der folg. §. über.

§. 49.

Vermag die Gattung die in ihrem Einzelweſen vereinigten Stoffe mit ihrer Allgemeinheit und Einheit zu durchdringen, ſo wird auch der Zufall der wechſelnden Erregungen (§. 33) nur die Bedeutung einer beſtändigen Sollizi - tirung haben, wodurch eben die Aeußerungen der Thätigkeit hervorgerufen werden, welche im Weſen der Gattung liegen. Wo aber die Gattung der Sphäre des ſelbſtbewußten Lebens (§. 19. 20) angehört, da beſteht ihr Weſen darin, den ganzen, durch dieſe Art der Zufälligkeit gegebenen Stoff nicht140 nur zur organiſchen Form und für blinde Zwecke zu verarbeiten, ſondern dieſes ſo Geformte durch einen zweiten Act, in welchem ſie die Unmittelbarkeit aufhebt, in die Idealität des Willens umzubilden, welcher die geiſtige All - gemeinheit und die gegebene Eigenthümlichkeit des Individuums ſammt ihren wechſelnden Erregungen zur Einheit eines Ganzen verſchmelzt. Er kann ſich zwar von den Grenzen ſeiner Eigenheit nicht befreien, aber dieſe ſelbſt er - ſcheinen nun als gewollte und offenbaren in der Beſchränkung die Unbeſchränktheit.

Keine Perſönlichkeit kann über die in ihrer Naturbaſis begründeten Eigenheiten ganz hinaus. Indem ich aber dieſe Nothwendigkeit erkenne und darnach mit meiner geiſtigen Kraft haushalte, erhebe ich dieſe Grenze ſelbſt zu dem Meinigen und bin in der Begrenzung unbegrenzt, denn das frei Gewollte iſt unbegrenzt. Jede Gattung des Lebendigen nimmt, was kommt, ergreift den innern und äußern Zufall als Stoff der Thätigkeit. Was er bringt, läßt ſich nicht vorherbeſtimmen, alles Leben iſt ein ſtetes Verarbeiten des Zufälligen. Den Geſetzen ſeines Organismus und ſeines Inſtinctes treu verarbeitet das Thier die Stoffe, die ſich ihm bieten; der Menſch baut über der phyſiſchen Welt eine zweite; auch dieſe hängt vom Zufall ab, ſowohl dem der Geburt, als dem der ſtets neuen Erregungen, aber wie denſelben zuerſt der Leib und das Bedürfniß ergriffen hat, ſo ergreift das ſinnlich Geformte erſt der Geiſt und gliedert daraus die Welt des Willens.

§. 50.

Dieſe Einheit iſt keine ruhende, ſondern eine thätige, worin das Allge - meine der Gattungsregel und das Zufällige der Individualität ſich im Kampfe einander entgegenbewegen, der bis zu der Empörung des Einzelwillens gegen den vernünftigen und allgemeinen, zum Böſen ſich ſteigert. Allein dieſer Kampf bringt die untrennbare Zuſammengehörigkeit beider Momente dadurch zum Vorſchein, daß der Widerſtreit als ein ſich ſelbſt aufhebender Widerſpruch ſich offenbart; es kann daher in demſelben ſo wenig ein Hinderniß des Schönen liegen, daß es demſelben nicht nur zu folgen vermag, ſondern vielmehr aus ſich ſelbſt in ſeinem eigenen Intereſſe das Schauſpiel deſſelben erzeugen wird.

Der Kampf, von dem hier die Rede iſt, heißt im äſthetiſchen Gebiete das Tragiſche und Komiſche. Hiedurch ſcheint eine beſtimmte Form des Schönen vorweggenommen zu ſeyn, von welcher hier noch nicht die Rede141 ſeyn darf, da die Unterſuchung ſich noch mit der einfachen, kampfloſen Schönheit beſchäftigt. Allein es ſind zwei ganz verſchiedene Fragen: ob die aus der Wirklichkeit des ethiſchen Lebens aufgenommene Nothwendigkeit dieſes Kampfes das Schöne nicht unmöglich mache? und: ob das Schöne nicht gemäß ſeinem eigenen Geſetze und Intereſſe das Schauſpiel desſelben hervorrufe? Die erſtere Frage liegt hier vor, die zweite iſt erſt ſpäter aufzuwerfen und dann erſt heißt dieſer Kampf tragiſch und komiſch. Hier handelt es ſich nur um die Wahrheit, daß die Individualität ſich ver - nichtet, wenn ſie ſich gegen die Allgemeinheit ſträubt, und daß die All - gemeinheit, wenn ſie als äußere geiſtloſe Macht beharren will, der Individualität zum Spiele wird, daß alſo in beiden Fällen der Widerſtand ſich rächt zum Beweiſe der abſoluten Einheit beider Momente, daß daher das Schöne, das eben in dieſer Einheit beruht, durch dieſen Kampf kein Hinderniß ſeiner Exiſtenz findet.

§. 51.

Wie vollkommen aber die Allgemeinheit der Gattung das Individuum durchdringt, das Band iſt dennoch kein bleibendes. Das Individuum geht unter, die Gattung dauert. Das Schöne iſt aber, wie aus §. 13 folgt, eine Verewigung des Individuums. Allein da die Gattung das Individuum zwar überdauert, aber doch nur im Individuum wirklich iſt, ſo verewigt der Tod ſelbſt, wenn er nur aus ſeinem Verhältniß zur Gattung rein hervorgeht, das Individuum, denn es kommt in ihm die Wahrheit zum Ausdruck, daß die reine Bedeutung des Individuums aufbewahrt im Leben der Gattung ſeine zeitliche Exiſtenz überlebt.

„ Wenn der Tod aus dem Verhältniß des Individuums zur Gattung rein hervorgeht, “d. h. wenn nicht Zufälligkeit in dem Sinne ſich einmiſcht, in welchem ſie ſofort wieder aufzuführen iſt, wenn vielmehr das Individuum entweder als Naturweſen ſtirbt, weil nach natürlicher Ordnung ſeine Lebenskraft ſich erſchöpft hat, oder wenn es als geiſtiges Weſen im Dienſte einer Gattung im höheren Sinne, nämlich einer geiſtigen Macht, ſein Leben opfert. In beiden Fällen vollführt es den Kreis der in ihm liegenden Wirkungen ſo, daß es ſich in ihnen überlebt. Rückerts ſinnvolles Gedicht „ Die ſterbende Blume “ſpricht dieſe Wahrheit aus. Die Gattung als ſinnlicher Typus wie als ſittliche Sphäre überdauert das Individuum, aber nur in neuen Individuen. Sie iſt142 ſelbſt in den Individuen das abſolute Individuum. Das einzelne In - dividuum, das wahrhaft ſeiner Beſtimmung genügt, erhebt ſich aus der Reihe der einzelnen in das abſolute Individuum und dies an ihm iſt das Bleibende, wodurch es mit dem Urbilde in den Abbildern unſterblich fortlebt.

§. 52.

1

Alle dieſe Formen der Zufälligkeit heben alſo die volle Gegenwart der Gattung in ihrem Individuum, welche zum Schönen gefordert wird, nicht auf, vielmehr werden ſie weſentlich in dieſelbe mit aufgenommen und bedingen ihre Vollendung. Allein mit denſelben dringt unaufhaltſam auch die in §. 40 dar - geſtellte Art der Zufälligkeit ein und hier hat die Macht der beſtimmten Idee ihre Grenze; das Individuum verkümmert oder erliegt im Zuſammenſtoße mit dem Fremdartigen, was die Natur der Gattung in ihm weder abzuhalten noch2 auszuſcheiden vermag. So wie nun dieſes Uebel entſteht durch das Zuſammen - ſeyn der beſtimmten Gattung mit allen andern, ſo wird ſie auch aufgehoben nur durch eben dieſes Zuſammenſeyn, das aber zugleich ein unendliches Werden iſt. Im unendlichen Raume und in der unendlichen Zeit ergänzen und erſetzen ſich alle Trübungen der Idee und bewirkt ſich in der Vereinigung des Guten mit dem Gute das höchſte Gut. (Rückkehr zu den nunmehr entwickelten §§. 10. 11.)

1. Dieſe ſchlechtweg trübende Art der Zufälligkeit iſt freilich nur eine Form derſelben allgemeinen Zufälligkeit, aus welcher auch die nicht trübenden Einflüſſe fremder Potenzen hervorgehen. Die Grenze zwiſchen jener und dieſer läßt ſich durchaus nicht angeben, weil eben das Zu - fällige nicht eher beſtimmbar iſt, als bis es eingetreten iſt. Das Ve - getabiliſche z. B. iſt Nahrung für den Menſchen. Der Stoß des Zufalls führt einen Volksſtamm in ein Land, wo er eine andere Pflanzenwelt findet, als in der frühern Heimath, aber der menſchliche Organismus gewöhnt ſich an dies Neue und vermag es in ſich zu verarbeiten. Allein ein Einzelner ſtößt auf eine Giftpflanze und erkrankt oder erliegt ihrer mit dem menſchlichen Natur unvereinbaren Subſtanz. So eine Menge ſchädlicher klimatiſcher und anderer Einflüſſe. Zu den furchtbarſten Schickſalen der Menſchheit durch den Zufall gehört der Kretinismus mit ſeinen Urſachen. Wären ſie auch ergründet, wie ſie es noch nicht ſind, ſo wäre er doch nicht zu verhüten, da weitere Zufälle es mit ſich bringen, daß die Bevölkerung, die ſolchen Einflüſſen des Elementariſchen143 ausgeſetzt iſt, nicht nach Belieben ihre Sitze verlaſſen kann. Die Grenz - Linie zwiſchen dem nicht ſtörenden und dem ſchlechtweg ſtörenden Zufalle iſt aber um ſo weniger zu finden, da ebendas, was ſonſt weſentliche Bedingung oder Vorausſetzung des Lebens iſt, wie z. B. das Geſetz der Schwere, zugleich zahlloſe Verſtümmlungen und Todesfälle da ver - urſacht, wo nicht etwa mögliche, aber verſäumte Vorſicht, alſo eine Schuld oder durch einen ſittlichen Zweck gebotene Uebernahme der Gefahr ſolchen Störungen Sinn und Zuſammenhang giebt, wo ſie alſo rein zufällig ſind. — Wo nun ſolcher Zufall eindringt, ſucht die Gattung ihr Individuum durch ihre Heilkraft zu retten, ſo gut es geht; ſie vermag es aber nicht ohne vorübergehende oder dauernde Verkümmerung oder Verſtümmlung der Geſtalt, oder ſie vermag es gar nicht, ſie muß es Preis geben. Nun könnte man einwenden, daß die Trübungen, welche aus dieſem Herrſchen des Zufalls fließen, doch auch äſthetiſch brauchbar ſeyn müſſen und daß doch kein Grund ſey, hier plötzlich eine äſthetiſche Grenzlinie zu ziehen, wo ſich abgeſehen von der Aeſthetik keine ziehen läßt. Aus dieſer Einwendung macht auch der Naturalismus in der Kunſt wirklichen Ernſt. Vergl. Diderots Verſuch über die Malerei, überſetzt und mit Anm. begl. von Göthe. 1. Cap. Hier heißt es, ein Buckliger ſey eine in ſich ganz vollkommene und zuſammengehörige Geſtalt, nur nach den armen Regeln der Menſchen ſey er übel gemacht, aber nach der Natur beurtheilt werde es anders klingen. Eine ſolche Anſicht iſt jedoch als durch unſere ganze Begründung widerlegt anzuſehen; denn die Regel, die in der Gattung liegt, ſoll ja die Abweichungen des Individuums als frei umſpielende Linie zwar zulaſſen, aber ſolche Abnormitäten ſtören ſie in ihren Grundgeſetzen. Ferner iſt in §. 40 ſchon hervorgehoben, daß durch die hier aufgeführte Form der Zufälligkeit die vorgenannten, berechtigten ſelbſt getrübt werden. Z. B. die phyſiogno - miſche Eigenthümlichkeit eines Kopfes mag bis nahe an die Grenze der Abnormität und Häßlichkeit gehen und doch äſthetiſch ganz brauchbar ſeyn. Den Grund aller individuellen Eigenheit haben wir auch wirklich in der Naturbaſis des Zufalls geſucht. Allein nun iſt von Trübungen die Rede, durch welche dem Individuum dieſe ſeine Eigenheit ſelbſt ver - kümmert und gedrückt wird, ſo daß es ſich ſelbſt nicht gleich iſt, und das unregelmäßige Angeſicht erſcheint nun ſo, daß dieſe Unregelmäßigkeit ſelbſt in ihrer Bedeutung nicht hervortreten kann. Um hier, wie in §. 40, 2 das Erhabene und Komiſche zum voraus in Rechnung zu nehmen, ſo erwäge man, daß das Erhabene zwar Verkümmerung zuläßt, ja fordert, aber144 als Wirkung einer höhern Idee, welche dadurch gerade ihrem Weſen gemäß unverkümmert thätig iſt; daß dagegen das Komiſche die Verküm - merung im größten Umfange zwar aufnimmt, um ſie in ſeiner Weiſe aufzuheben, welche eine ganz andere iſt, als die, worin im nicht äſthe - tiſchen Seyn das Verkümmerte ſich aufhebt, nämlich nicht eine Auf - hebung, welche, wie im einfach Schönen, ſchon vollendet ſeyn muß, wenn der Gegenſtand überhaupt äſthetiſch ſeyn ſoll, ſondern welche dem Feinde des Schönen vielmehr zuerſt Spielraum läßt, um ihn im Fortgang auf - zuheben; aber auch dieſer Fortgang muß alsbald und in derſelben Erſcheinung eintreten, nicht anderswo oder ein andermal, wie außer dem Schönen.

2. Hier iſt der eigentliche Ort, in welchem der Theismus als Volks - glaube wurzelt. Beim Eintritt des ſchädlichen ſinnloſen Zufalls wird eine perſönliche Intelligenz angenommen, welche geheime Zwecke haben müſſe, dies zuzulaſſen, und in dieſem Vorausſetzen unbekannter Zwecke liegt für das einfache Bewußtſeyn der Troſt. Dasſelbe erkennt nicht, daß wahrer Troſt nur im Verſtehen liegt, und zieht den unendlichen Fluß des Lebens und Geiſtes, der die ewige Herſtellung und Wechſel-Ergänzung des Unvollkommenen iſt, auf den undurchdringlichen Punkt jener verborgenen Perſon zuſammen. Es iſt aber dieſe Vorſtellung hier nur anzuführen, um zu zeigen, daß der Theismus den Standpunkt der Aeſthetik in Wahrheit ausſchließt. Denn die Aeſthetik ſucht einen Act, wodurch jene unendliche Bewegung der Ueberwindung des Zufalls freilich auch auf Einen Punkt, aber einen rein gegenwärtigen, zuſammengezogen wird, der Theismus aber verlegt dieſen Punkt in ein undurchdringliches Jenſeits. Da nun der perſönliche Gott nicht abgebildet werden kann (— vom Polytheismus iſt hier nicht die Rede —) ſo iſt die Schönheit aufgehoben. Dagegen wenn ſich der Theismus mit dem ſpeziellen Offenbarungsglauben verbindet, ſcheint er den Punkt als einen präſenten zu beſitzen im Leben des Gottesſohns. Allein dann wird ein Individuum als reiner Reprä - ſentant nicht einer beſtimmten, ſondern unmittelbar der abſoluten Idee geſetzt, was gegen §. 13 und 15 iſt. — Feſtzuhalten alſo iſt dieſes: alle früher genannten Formen der Zufälligkeit heben ſich ohne beſonderes Zuthun auf im Einzelnen ſelbſt und ſeiner Thätigkeit, alſo immer in einem überſichtlich begrenzten Punkte; die letztgenannte aber hebt ſich auf nur im unendlichen Raume, wo jenes Individuum hat, was dieſem fehlt, und ſofort in’s Unendliche, und in der unendlichen Zeit, wo die Zukunft herſtellt, was in der Gegenwart verkümmert iſt, und ſofort ins Unend -145 liche. Hier tödtet der Regen die Pflanzen, hundert Stunden entfernt iſt er wohlthätig und erſehnt: das tröſtet über jenes Uebel, aber es iſt nicht äſthetiſch, denn ein ſchönes Werk kann nicht ſo entfernte Landſchaften zuſammenfaſſen. Krankheit tödtet ein ſchönes Kind, Lebensernſt und Sammlung erwächst vielleicht daraus für leichtſinnige Eltern: aber damit kann der Maler, der das Kind darſtellen ſollte, nichts anfangen.

Als vorläufiger Wink über die Art, wie die Kunſt den Zufall be - handelt, mag hier eine Stelle des Ariſtoteles ſtehen, welche zwar Bedenken erregen mag, aber auch viel zu denken giebt (Poet. Cap. 9): „ wenn die Handlungen einander bedingen, wird mehr Bewunderung erregt, als wenn ſie ſich von ſelbſt und aus Zufall ereignen. Denn auch unter den zufälligen Begebenheiten ſcheinen diejenigen am bewundernswürdigſten, welche wie aus Abſicht geſchehen zu ſeyn ſcheinen; z. B. die Bildſäule des Mitys in Argos erſchlug den, welcher die Urſache ſeines Todes ge - weſen war, indem ſie auf ihn fiel, während er ſie beſchaute. “

§. 53.

Da nun aber das Schöne nach §. 13 und 30 die reine Wirklichkeit der Idee in einem begrenzten, daher überſchaulichen einzelnen Weſen fordert, ſo folgt, daß dieſe Aufhebung dieſer Form der Zufälligkeit in der unendlichen Ausdehnung und dem unendlichen Fortgange nicht genügt, ſondern etwas ge - ſchehen muß, wodurch der Schein einer Zuſammenziehung dieſes unendlichen Flußes auf Einen Punkt erzeugt wird. Das Schöne kann nunmehr beſtimmt werden als eine Vorausnahme des vollkommenen Lebens oder des höchſten Guts durch einen Schein. Das weitere Syſtem hat die Aufgabe, darzuthun, wodurch dieſer Schein zu Stande kommt; möglich aber iſt er nur, wenn, was durch ihn als Vorgang im Einzelnen dargeſtellt oder vorausgenommen wird, im unendlichen Ganzen wirklich iſt, und gefordert iſt er durch das in §. 12 aufgeſtellte Geſetz.

In der Anm. braucht, da kein Grund iſt, hier zu ſpannen und zu überraſchen wie in einem Roman, nicht verſchwiegen zu werden, daß dieſer Act die That der Phantaſie iſt. Sie ſiſtirt den unendlichen Fluß und drängt ihn auf Einen Punkt zuſammen, bannt ihn in die Einzelheit und vollzieht ſo die große Antizipation, durch welche je auf einem beſtimmten Punkte vollendet erſcheint, was nie und immer, nirgends und überall ſich vollendet. Sie dividirt das Unendliche der Vielheit mit der Einfachheit des Geiſtes (vergl. hiezu Leſſing Hamb. Dramat. Viſcher’s Aeſthetik. 1. Bd. 10146Abſchn. 79, von den Worten: Man ſage nicht u. ſ. w. Kant aber iſt es, der die Idee der Phantaſie als einer verhüllten Diviſion zuerſt eigentlich ausgeſprochen hat Kr. d. äſth. Urtheilskr. §. 17. Dies wird an ſeinem Orte entwickelt werden). Allein das Räthſel der Phantaſie kann nicht gefunden werden, wenn nicht zuerſt metaphyſiſch entwickelt iſt, wie hinter ihrem Schein eine Wahrheit liegt, wie im großen Ganzen ſich allerdings verwirklicht, was ſie als Einzelnes vorzaubert, — oder: das Urbild kann durch die Phantaſie nicht in Eins zuſammengezogen werden, wenn es nicht außer ihr im unendlichen Ganzen wirklich iſt und zwiſchen den Dingen ſchwebend ſich unabſehlich hindurchzieht. Die Phantaſie ſchaut dieſen ſchwebenden Geiſt, wie ein geiſtreicher Leſer zwiſchen den Linien liest. Dieſer objective Grund der Möglichkeit der Phantaſie iſt nun, nachdem er §. 10 und 13 als Theſis aufgeſtellt war, entwickelt, es iſt dargeſtellt, warum das Schöne nicht leerer Schein, ſondern Erſcheinung iſt; wir wiſſen, was das Schöne leiſtet, und warum dies überhaupt geleiſtet werden kann; aber die Kraft, wodurch es geleiſtet wird, haben wir noch zu ſuchen, und zwar, wie ſich zeigen wird, auf einem weiten Wege.

§. 54.

Da nun die Wirkung dieſes Acts darin beſtehen muß, daß das In - dividuum jedem Zuſammenhange entnommen erſcheint, welcher die reine Gegen - wart der Idee in ihm trübte, ſo darf die Geſtalt desſelben nicht nach ihrer inneren Miſchung und Structur, ſondern nur nach der Totalwirkung derſelben, wie ſie auf der Oberfläche erſcheint, in Betracht kommen: nur dieſe, vom Durch - meſſer abgelöst, nur der Aufriß, nicht der Durchſchnitt. Es kommt nur darauf an, wie der Körper ausſieht, er iſt umgewandelt in reinen Schein. So lange nämlich dieſe Ablöſung der auf der Oberfläche hervortretenden Geſammtwirkung von den ſie bedingenden Theilen der inneren Zuſammenſetzung nicht vorgenommen, ſondern der Körper als ein Zerlegbares betrachtet oder wirklich zerlegt wird, ſo fällt er theils unter den Begriff der Zweckmäßigkeit, alſo einer abſtracten Kategorie (§. 16. 23), theils als empiriſcher Stoff in den Zuſammenhang der trübenden Zufälligkeit. Durch dieſen Schein verewigt das Schöne erſt wahr - haft ſeinen Gegenſtand.

Ueber dieſes wichtige Moment vergl. die Schrift des Verf. : Ueber das Erhabene und Komiſche, ein Beitrag zu der Philoſophie des Schönen. Auch Weiße hat dasſelbe ausgeſprochen (Aeſth. §. 17. 18), aber nicht147 genug hervorgehoben. Was unter dieſem reinen Scheine verſtanden ſey, zeigen am beſten zwei Stellen aus Göthe, die eine in Dichtung und Wahrheit, wie ihm die Werkſtätte des Schuſters zu Dresden als ein Bild von Oſtade, die andere in der italieniſchen Reiſe, wie ihm die Lagune mit der Gondel ganz als venetianiſches Gemälde erſcheint. Es iſt dies zwar Betrachtung von dem Standpunkte einer beſtimmten Kunſt, aber weſentlich dieſe Abſtraction vom Stoffartigen im Gegenſtande, welche auch ohne jenen Standpunkt einer beſtimmten Kunſtſchule oder der Kunſt über - haupt vollzogen werden kann. Uebrigens ſpricht Göthe das Geſetz ſelbſt in ſeinem Begriffe aus in ſ. Anm. zu Diderots Verſuch über die Malerei (Werke B. 36. S. 217. 233). Hogarth ſucht in der Einl. ſ. analysis of beauty einen Begriff von der reinen Form zu geben, indem er jeden Gegenſtand ſo zu betrachten auffordert, „ als ob Alles, was inwendig darinnen iſt, ſo rein herausgenommen ſey, daß nichts übrig bleibt, als eine dünne Schaale, die man ſich aus reinen Linien gebildet vorſtellen muß und deren innere und äußere Fläche natürlich ganz gleich iſt. “ Dann macht er einen Vorſchlag, durch einen wächſernen Rumpf Drähte zu ſtecken, deren frei hervorſtehender Theil anders gefärbt wird, als der, welcher innen ſteckt. Statt deſſen hätte er nur das Punktiren der Bildhauer auseinanderſetzen dürfen. Hogarth iſt freilich dieſen Betrachtungen nicht treu geblieben (vergl. §. 36, 2), ſie ſind aber höchſt lehrreich. Man gehe vom Innern eines plaſtiſchen Körpers heraus auf allen Punkten dahin, wo der Körper aufhört: dies iſt eben ſeine Grenze, ſeine reine Form; ſie iſt nicht ſelbſt etwas; der Grund, warum die Stoffe des Körpers auf allen Punkten ihre Raumerfüllung eben da abſchließen, wo ſie zu Ende iſt, liegt im ganzen innern Bau, aber von dieſem Grunde wird jetzt ab - ſtrahirt und nur die Wirkung, die reine Grenze aufgefaßt, welche ſelbſt kein Stoff mehr iſt. Handelt es ſich nicht von einer einzelnen Geſtalt oder Zuſammenſtellung mehrerer in ruhender Raum-Erfüllung, ſondern von bewegter Handlung, worin ein ſittlicher Gehalt erſcheint (— auch dies reichere Ganze kann Individuum heißen —) ſo ſind unter „ innerer Miſchung und Structur “die Momente der Handlung, die Perſonen, wo - durch ſie repräſentirt ſind, die einzelnen Umſtände u. ſ. w. zu verſtehen: die Handlung erſcheint äſthetiſch nur, wenn dieſe einzelnen Beſtandtheile, durch deren Zuſammenwirkung ſie entſteht, nicht herausgenommen werden und für ſich wirken, denn außer dieſer Stelle im Ganzen ſind ſie bloſer Stoff. Nicht anders verhält es ſich mit der Farbenwirkung. Es erſcheint z. B. der menſchliche Leib als ein von Blut durchſtrömter durch die Haut -10*148färbung, und die größere oder geringere Wärme dieſes lebendigen Blut - ſchimmers iſt wichtig, denn derſelbe iſt weſentlich zum Ausdruck des Tem - peraments, aber zugleich wird in der maleriſchen Auffaſſung vom Blut als einem beſonderen Stoffe ebenſoſehr rein abſtrahirt, denn durch dieſen beſondern Stoff verfällt der einzelne Körper theils der Verkümmerung und Aufreibung durch den Zufall, theils intereſſirt er nur den zerlegenden Phyſiologen. Hiemit iſt an dieſem Beiſpiel zugleich der allgemeine Grund dieſer Reduction des Körpers auf den Geſammtſchein ſeiner Oberfläche angegeben. Er iſt ein doppelter. Blickt man hinter die Oberfläche und zerlegt man, ſo erhält man die einzelnen Theile: dieſe dienen dem Ganzen, und hiemit iſt man im Gebiete der bloſen Zweckmäßigkeit; nur wenn man das Ganze mit Einem Schlage betrachtet, ſo tritt die Wechſel - Aufhebung von Zweck und Mittel, alſo die Idealität des Ganzen in An - ſchauung und Geiſt (vergl. §. 16 und 23). Zerlegt man aber immer weiter, ſo bleibt am Ende der Stoff im engſten Sinne, ſofern er nämlich nur die denkbar ärmſte Form hat, und ſo heißt er gegenüber dem edlen organiſchen Gebilde roher Stoff. Dieſe theilweiſe oder ganze Zerlegung nimmt aber nicht nur die Wiſſenſchaft für ihre geiſtigen Zwecke vor, ſondern unbewußt auch die rohe, ſinnliche Betrachtungsweiſe, welche ſich auf den Bodenſatz dieſer Zerpflückung eines Ganzen durch Begierde oder Abneigung bezogen fühlt. Davon mehr in der Lehre vom ſubjectiven Eindrucke des Schönen. So unendlich dieſe beiden Arten der Zerlegung verſchieden ſind, in ihrem Gegenſatz gegen den äſthetiſchen Act des reinen Genuſſes der Totalwirkung treffen ſie, wie ſich zeigen wird, zuſammen. — Das Schöne iſt wie die Baſis eines Monuments, welches den Gegenſtand der ver - ewigenden Kunſt aus dem Gedränge der gemeinen Verflechtung der Dinge emporhebt. Hier erhellt auch die idealiſirende Kraft der Raumferne, der Zeitferne und des Todes.

Es wird leicht ſeyn, das Geſagte vorläufig auch auf den Ton an - zuwenden. Jeder Ton iſt eine Vereinigung einzelner vibrirender Theile eines Stoffs zu einer Geſammtwirkung. Hört man dieſe einzelnen Schwingungen und die Materie der erzitternden Faſern u. ſ. w. heraus, ſo wird er ſtoffartig.

§. 55.

1

Das Schöne iſt daher reiner Schein in dem doppelten Sinne, daß in ihm blos die vom Stoffe abgelöste Oberfläche wirkt, und daß in dieſer ebendaher Alles das,149 wodurch die Geſtalt dem Einfluſſe des ſtörenden Zufalls verfällt, durch jene Zuſam - menziehung (§. 53) unſchädlich gemacht iſt. Dieſe beiden Bedeutungen faſſen ſich in dem Begriff zuſammen, daß das Schöne reines Formweſen iſt. Nicht die be -2 ſtimmte Idee, welche in der Geſtalt zum Ausdruck kommt, wird unter dem Stoffe verſtanden: dieſe heißt nicht Stoff, ſondern Inhalt; gerade ſie iſt es, welche aus der zu ſolcher Durchſichtigkeit geläuterten Geſtalt hervorleuchtet und ihr, indem ſie ſelbſt nur eine Stufe der abſoluten Idee iſt, die Bedeutung eines Weltalls gibt. Anderes als dies nun iſt über die Vereinigung der durch die Gattung gegebenen3 Regel und der Individualität im Schönen (vgl. §. 35 — 38) nicht feſtzuſtellen: jene iſt das Geſetz, durch welches die ſtörende Form des Zufalls (§. 52) ausgereinigt wird, dieſe umfließt die Regel mit der ſpielenden Linie der berechtigten Formen des Zufalls (§. 47 — 51), und beide befreiten ſich zur reinen Form, d. h. der ganz zur Geſtalt gewordenen Idee und der von allem bloſen Stoffe zum vollen Ausdruck der individualiſirten Idee befreiten Geſtalt. Dieſe Einheit iſt als eine dem Schönen ſpezifiſch eigene wohl zu unterſcheiden von dem all - gemeinen Begriffe der Einheit im Mannigfaltigen (§. 36, 1); ſie kann aber niemals in eine äußere Beſtimmtheit eingezwängt werden (§. 36, 2).

1. Wie die Ablöſung der Oberfläche von den in ihr zuſammenwirkenden ſtoffartigen Miſchungs-Elementen zugleich eine Reinigung von Allem iſt, was nicht die Idee ausdrückt, dies erhellt z. B., wenn ich erwäge, daß der ſchönſte Baum, wenn ich ihn mikroſkopiſch betrachtete, voll von In - ſekten gefunden würde. Dieſe Inſekten nähren ſich von ſeinen Säften, ſie nöthigen mich alſo, an die einzelnen Stoffe ſeiner Structur zu denken, und ſo erſcheint das Störende, die Schönheit Aufhebende in unmittelbarem Zuſammenhang mit dem Stoffartigen im Gegenſtande. Die Ausſcheidung jedes Stoffartigen, was nicht reiner Ausdruck der Idee iſt, bezeichnet Hegel treffend, indem er ſagt: die Kunſt (die wir nur hier noch nicht als die Urheberin dieſer Reinigung kennen) habe das Erſcheinende an allen Punkten ſeiner Oberfläche zum Auge umzuwandeln, welches der Sitz der Seele iſt und den Geiſt zur Erſcheinung bringt (Aeſth. 1, 197). Im Sinne dieſer Ablöſung der Oberfläche von der ſtoffartigen inneren Miſchung und Structur, welche zugleich Reinigung von Allem iſt, was an die Be - dürftigkeit und Abhängigkeit vom ſtörenden Zufall erinnert, heißt das Schöne reine Form. Dieſer Begriff iſt zuerſt von Göthe und Schiller in ſeiner ganzen Bedeutung gefaßt und in unzähligen Wendungen aus - geſprochen worden, von denen hier nur die eine angeführt werden mag:150 „ das Kunſtgeheimniß des Meiſters beſteht darin, daß er den Stoff durch die Form vertilgt “(Ueber die äſth. Erz. d. Menſchen Br. 22).

2. Häufig genug iſt nun aber dieſer Begriff ſo mißverſtanden worden, als ſey der Inhalt gleichgültig, wenn nur die Form ſchön ſey. Schon Baumgarten zieht aus der Unterſcheidung des Inhalts und der Form den falſchen Satz: possunt turpia pulcre cogitari, ut talia, et pulcriora turpiter (Aesth. §. 18), und er hat viele Nachfolger gefunden bis auf einen Menzel herab, der Göthe als Meiſter ſchöner Form bei unſittlichem Gehalt verläumdet. Die Quelle ſolcher Schiefheiten iſt vor Allem in einer Verwirrung der Begriffe zu ſuchen. Stoff kann dreierlei bedeuten: erſtens die Idee, die ein ſchönes Ganze durchdringt. Dieſe nennen wir, um der Verwirrung vorzubeugen, nicht Stoff, ſondern Inhalt. Dieſer Inhalt nun iſt ſo wenig gleichgültig, daß, wie ſchon §. 19, 2 geſagt iſt, von zwei Kunſtwerken, welche in der Form gleich vollendet ſind, entſchieden dasjenige höher ſteht, deſſen Inhalt eine höhere Stufe in dem Leben der abſoluten Idee einnimmt. Die Idee ſoll ganz in Form übergehen und aufgehen, aber eben ſie iſt es, welche übergeht und aufgeht, und ihr Rang bleibt ja natürlich nach wie vor derſelbe. Wo ſie nicht in reine Form aufzugehen vermochte, da iſt ein wahrhaft Schönes gar nicht ent - ſtanden, da iſt von ihr ſo wenig als von der Form zu reden, und das Werk iſt daher nichts neben einem wahrhaft ſchönen, das übrigens eine vergleichungsweiſe noch ſo arme Idee zum Inhalte haben mag. Iſt aber die Uebertragung in die reine Form darum mißlungen, weil die Idee ſchon an ſich nicht wahre Idee, ſondern abſtracter Begriff iſt (§. 16), ſo iſt dies ein anderer Fall, der nicht hieher gehört; man kann dann nicht ſagen, die Idee wäre gut, aber die Form ſey ſchlecht, die Idee ſelbſt iſt vielmehr ganz zu verwerfen, weil ſie in Wahrheit keine iſt. Unter den äſthetiſch darſtellbaren Ideen dagegen iſt es ja immer die höhere, welche an ſich ſchon und abgeſehen von der Läuterung zur reinen Form ihr Individuum auch höher organiſirt; eine Menſchengeſtalt iſt höher, als eine Thiergeſtalt u. ſ. w. Wird nun die Geſtalt zur reinen Form, ſo iſt doch gewiß die an ſich höhere unter Vorausſetzung gleichen Gelingens dieſer Reinigung auch die äſthetiſch höhere. Dieſe Frage hat aber noch zwei beſondere Beziehungen: eine ſittliche und eine geſchichtliche. Hierüber kann vorläufig ſo viel geſagt werden: ein unſittlicher Inhalt iſt ebenſowenig wahrer Inhalt, als ein abſtracter Begriff. Zwar baut ſich dieſer gar keine individuelle Form, jener dagegen kann ſich eine Form bilden, aber eine ſolche, die ſich von ſelbſt aufhebt, wovon ſogleich mehr. 151Was das Geſchichtliche betrifft, ſo iſt an ſeinem Orte die Forderung auf - zuſtellen, daß der Künſtler zeitgemäße Ideen behandle. Eine Idee kann ihres Orts hoch ſtehen, aber eine Zeit nicht intereſſiren, wie z. B. Liebe und Freundſchaft jetzt das von höheren Fragen in Anſpruch genommene Gefühl der Zeit wenig beſchäftigen. Dagegen können zeitgemäße Ideen ſittlicher Art darum zu mißrathen ſeyn, weil ſie abgeſehen von der Kunſt noch keine concrete Geſtalt haben und daher zu den abſtracten Begriffen fallen, wie die politiſchen Ideen der Gegenwart. Aus dieſem Allem wird man hinreichend erſehen, daß es allerdings höchſt nothwendig iſt, der Frage über die Kunſt die Frage über den Inhalt (die ſog. Stoffe) zu Grund zu legen, wie wenig man immer verkennen mag, daß das Schöne ein reines Formweſen iſt. Zweitens bedeutet Stoff: die Idee, wie ſie irgend einmal, abgeſehen von der Kunſt, Form angenommen hat; der Künſtler findet dieſen ſo weit ſchon geformten Stoff in der Erfahrung vor und wählt ihn zur Umbildung in die reine Form: eine Begebenheit, Sage u. ſ. w. In dieſem Sinne wird der Begriff des Stoffs auftreten im erſten Abſchnitte des zweiten Theils unſeres Syſtems. Drittens: Stoff heißt das Materielle, was auszuſcheiden iſt, der rohe Stoff (§. 54). Nach dieſem als Solchem darf im Schönen natürlich gar nicht weiter gefragt werden. Was nun die Form betrifft, ſo wird ſich erſt in der Lehre von der Kunſt zeigen, daß ſie ſelbſt eine äußere und eine innere Seite hat; höchſtens jene kann noch durch Schönheit täuſchen, wenn der Inhalt ſchlecht (unſittlich) iſt, niemals dieſe: was Strauß gegen Menzel treffend nachgewieſen hat (Streitſchr. H. 1, S. 127).

3. Dies alſo iſt die einzige Art, wie das Schöne als allgemeiner Begriff zu beſtimmen iſt. Es mag hier eine Stelle aus Hegels Aeſth. Platz finden, welche zwar das Schöne ſchon als Ideal beſtimmt, während wir noch vorausſetzen, daß der Schein, als finde es ſich auch außer der Ideal-ſchaffenden Thätigkeit vor, Grund haben könne: „ Das Ideal ſetzt ſeinen Fuß in die Sinnlichkeit und deren Naturgeſtalt hinein, doch zieht ihn wie das Bereich des Aeußern zugleich zu ſich zurück “(Th. 1, S. 201).

§. 56.

Wenn demnach das Weſen des Schönen reine Form und dieſe nichts Anderes iſt, als die allgemeine Harmonie der Idee mit der Wirklichkeit, aber nicht in ihrer Allgemeinheit, ſondern zur vollendeten Erſcheinung heraustretend im Einzelnen, ſo erhellt nunmehr der weſentliche Unterſchied in der Einheit152 (§. 22) des Schönen und Guten. Das Gute iſt die Thätigkeit, welche jene Einheit als eine noch nicht vorhandene ſtets erſt zu erarbeiten ſtrebt, und ruht alſo auf der Vorausſetzung des Gegenſatzes zwiſchen der Idee und der Wirk - lichkeit. Auf dieſem Standpunkte des Sollens (§. 2) kann, wiewohl auch jene Thätigkeit nothwendig in Erſcheinung tritt, nicht wie im Schönen danach gefragt werden, wie die Erſcheinung ausſehe, ja derſelbe bringt nicht nur eine Gleich - gültigkeit, ſondern auch ein Mißtrauen dagegen mit ſich, daß das Zufällige in der Individualität, wie es als weſentlich Berechtigtes in die ſchöne Form ein - geht, dieſes Recht genieße, ehe es wirklich durch den bearbeitenden Willen real umgebildet iſt, und da dieſe vergeiſtigende Durcharbeitung unendliche Aufgabe bleibt, ſo iſt dieſes Mißtrauen ein beſtändiges. Das Ganze ſoll erſt harmoniſch werden und das Einzelne als ſolches darf dieſe Harmonie nicht in der reinen Form in Anſpruch nehmen, als wäre ſie vollendet.

Solger (Erwin, 1, 177): „ Für die Thätigkeit des Willens, worin die Güte liegt, iſt das Hervorgebrachte, inſofern es Erſcheinung für ſich iſt, gar nichts werth, ſondern blos ſofern es die aus dem reinen göttlichen Begriff hervorgehende Handlung ſelbſt nicht ſowohl darſtellt, als wirklich iſt. “ Wirth (Syſtem der ſpeculativen Ethik S. 12 ff. ) ſtellt die Sittlichkeit darum höher als die Kunſt, weil ſich in ihr der Geiſt als Wille in Wirklichkeit das erarbeitet, was ihm die Kunſt durch Magie ſchenkt, und weil dieſe Thätigkeit eine totale, auf die ganze widerſtrebende empiriſche Realität gerichtete iſt, während die Kunſt die letztere je nur auf Einem Punkte idealiſirt. Das Erſtere iſt treffend ausgedrückt S. 13: „ Fleiſch und Blut nimmt ſo die Idee nicht an, wie das Ideal ſie hin - ſtellt. Das Empiriſche, die Nothwendigkeit, ſich in die Gegenſätze des Willens und des Stoffs einzulaſſen und dieſen zu bewältigen, wie die andere, ſich in der ſtrengen Ordnung der Geſetzlichkeit zu bewegen, — alles dies fällt fort für die Magie der ſchönen Phantaſie, welche wie ein zauberiſcher Gott dem Geiſte eine fertige Welt, der Form eine fließende Materie als ihre leichte Gegenwart leiht. “ Die Sittlichkeit hat allerdings einen herberen, darum tieferen, und einen breiteren, ja unendlich breiten Kampf. Allein dieſer Kampf wird ebendarum niemals fertig, und weil er niemals fertig iſt, ſo iſt die Schönheit gefordert, welche das, was nie und immer fertig iſt, d. h. was immer erſt fertig wird, als wirklich ſchon Fertiges in ihrem Scheine hinſtellt. Dieſer Schein iſt als abſolute Vollendung im Einzelnen nur Schein, aber in ihm erſcheint das ewige153 ſich Vollenden, was eine Wahrheit iſt. Die Schönheit wartet nicht, bis die Sittlichkeit fertig iſt, darum wird ihr freilich die Arbeit leicht, oder richtiger, ſie hat in dem Sinne, in welchem der ſittliche Wille ſie hat, gar keine Arbeit, keinen Kampf; die Arbeit, welche ſie braucht, um dies Arbeitsloſe darzuſtellen, hat zwar auch ihre Herbe, gehört aber nicht hieher. Dies Müheloſe ſetzt alſo jenes Mühevolle voraus, ſteht über ihm. Nur wenn ſubjectiv der falſche Standpunkt eingenommen würde, das Schöne zu preiſen, als erſpare es den ſchweren realen Kampf des Guten, dies wäre verwerflich. Es iſt dies der Standpunkt des Schöngeiſts, der insbeſondere in der eigenen Perſönlichkeit die ungebundene Natur des Schönen darzuſtellen eilt, ehe er dem bindenden Geſetze des Guten zu gehorchen verſtand. In wiſſenſchaftlichem Zuſammenhang kann aber nicht davon die Rede ſeyn, daß eine Veranlaſſung wäre, die vorausgeſetzte Sphäre darum als eine überflüßige anzuſehen, weil eine höhere über ſie tritt. Auch haben alle wahrhaft großen Künſtler-Naturen einfach und menſchlich dem Guten gedient und ſelbſt in ihrem äſthetiſchen Hervor - bringen ſich zwar billig mit den reinen Form-Prinzipien beſchäftigt, im Grunde des Herzens aber meinten ſie nur den großen Forderungen eines großen Gehalts zu folgen und waren ſich nicht einmal bewußt, daß er in ihren Händen aufhörte, bloſer Gehalt zu ſeyn. Die großen alten Dichter ſetzen, unbewußt über das Geſetz ihres eigenen Thuns, den Werth ihrer Werke in ſittliche Erhebung. Die Sittlichkeit iſt ferner als realer Kampf totaler, aber der kleine Punkt, in welchen die Schönheit das vollendete Ganze zaubert, iſt ein Weltall und zieht die extenſiv unendliche Thätigkeit des Guten intenſiv in Eins zuſammen. Wirth führt am Schluſſe die Schönheit in die Sittlichkeit ſelbſt ein als ihre höchſte Vollendung, das „ Syſtem der ſchönen Sittlichkeit “bildet den Gipfel ſeiner Ethik und ſo behauptet er, die Sittlichkeit ſetze das ſchöne Element zu einer bloſen Potenz ihrer ſelbſt herab (S. 14). Allein zuerſt iſt zu erwägen, daß die Welt der Sittlichkeit als Stoff (Inhalt) in die Schönheit eingeht; dies iſt das Hauptverhältniß und die Sphäre, welcher die andere zum Stoff wird, ſteht höher, alſo in der Rang-Ordnung weiter vorwärts. Wirklich iſt es gerade das Bewußtſeyn, daß in der Welt der Sittlichkeit ein niemals überwundener Reſt bleibt, was den Geiſt eben von da hinaufführt in die Sphäre des Abſoluten, wo er dieſen letzten Reſt als gehoben anſchaut. Der Geiſt kommt, ſo zu ſagen, müde von dem Kampfe des Willens im Reich des Abſoluten an, wo er die unendliche Verſöhnung ſich gibt. Wenn nun aber allerdings auch der ſittliche Geiſt die Schönheit in ſich auf -154 nimmt, wiewohl nur als Zugabe der Arbeit, als eine feſtliche Voraus - nahme ihrer Vollendung, durch welche er zu erneuerter Arbeit ſeines Werk - tags ſich ſtärkt, ſo iſt dies nicht ein Herabſetzen des ſchönen Elements zum bloſen Momente, ſondern es iſt das Hinaufſtreben des ſittlichen Elements in das Leben der Schönheit. Dieſer Punkt wird im Folgenden noch be - ſonders aufgefaßt werden.

§. 57.

Hiemit ſcheint eine negative Sittenlehre vorausgeſetzt. Die wahre Sitten - lehre iſt jedoch poſitiv, ſie geht von der unmittelbaren Einheit des reinen Willens und des Triebes, der Unſchuld, aus, zeigt die Nothwendigkeit ihrer Auflöſung und des ſittlichen Kampfes auf und begreift dieſen als die noth - wendige Bewegung, wodurch der Geiſt ſeiner ſinnlichen Beſtimmtheit die Natur der Unfreiheit abſtreifen und ſie zum Organe des reinen Willens umbilden ſoll: Pflicht. Sie ſtellt endlich die Verwirklichung dieſer Aufgabe als Ziel auf, worin die Welt der Triebe als durchdrungen vom Geiſte, der Geiſt als durch ſie erfüllt und ſich ſelbſt in ihr als ſeiner Welt genießend geſetzt iſt: Tugend und höchſtes Gut.

Alle Ethik, da ſie weſentlich auf dem Standpunkte des Sollens ſteht, iſt dualiſtiſch; allein der Dualismus muß auf dem Standpunkte des Monismus als ſeiner metaphyſiſchen Baſis ſtehen. Nur die Ethik, welche doppelt dualiſtiſch iſt, d. h. den Dualismus auch zur metaphyſiſchen Grundlage hat, ſetzt den Gegenſatz, den ſie als einen durch den Willen zu löſenden darſtellt, im Widerſpruche mit ſich ſelbſt als abſoluten. Es iſt zwar der Ethik weſentlich, den Gegenſatz in keinem Momente als gelöst anzuſehen, allein die unendliche Thätigkeit ſelbſt iſt zu begreifen als das ſtets neu beginnende Werk der Löſung. Kant hatte den Dualismus fixirt, Schiller ſtrebt darüber hinaus, Schelling ſtellt ſeinen Widerſpruch in genialen Blicken dar, Hegel löst ihn in der Phä - nomenologie in reine Ironie auf. Die Aeſthetik hat dies nicht weiter zu entwickeln; es genügt für ihren Zweck, die drei Hauptmomente aller Ethik hervorzuheben.

§. 58.

Dieſe poſitive Ethik wird auch die Individualität im Recht ihrer Eigenthümlichkeit und Begrenzung nicht verſäumen als Moment in ſich auf -155 zunehmen und durch dieſe drei Formen durchzuführen; ja ſie wird das Schöne ſelbſt als Pflicht des Geiſtes gegen ſeine Erſcheinung in ihren Kreis ziehen. Allein der ganze Standpunkt bleibt dennoch von dem des ſelbſtändigen Schönen völlig verſchieden. Wie beſtimmt der ſittlichen Betrachtung die Einheit der Gegenſätze zu Grund gelegt ſeyn und in der erſten und dritten jener drei Formen hervortreten mag, die ganze Ethik ſtellt ſich doch gegenüber der ganzen Wirklichkeit auf den Standpunkt der zweiten, d. h. der Pflicht oder des Sollens; ſie ſieht in der Unſchuld ſchon die Entzweiung und Schuld, in der Verſöhnung neue Entzweiung und Schuld voraus; ſie erkennt die Indivi - dualität als berechtigt an, faßt aber auch die gerechte Selbſtbegrenzung aus dem Geſichtspunkte der Pflicht und ebenſo die ſchöne Selbſtdarſtellung der Perſönlichkeit.

Hieraus folgt bereits, daß und warum die Tendenz nicht in die Kunſt gehört. Sie zieht die dargeſtellte Wirklichkeit in die Unruhe des ethiſchen Standpunkts. Die Kritik iſt aber in dieſem Punkte ſehr verworren und pflegt zwiſchen einem ſittlichen Gehalte, der im Sinne der Tendenz, und einem ſolchen, der nicht im Sinne der Tendenz den Mittelpunkt eines Kunſtwerks bildet, nicht gehörig zu unterſcheiden. Die ganze Frage gehört aber in die Lehre von der Kunſt.

§. 59.

Der äſthetiſche Standpunkt kennt und unterſcheidet ebenfalls jene drei1 Formen. Das Schöne umfaßt ein Gebiet kampfloſer Zuſtände, worin die Sinnlichkeit in edler Unſchuld ſich frei ergehen darf; es wird dieſe Sphäre durchbrechen und den in §. 50 angedeuteten ſittlichen Kampf in ſich aufnehmen, es wird den Kampf löſen und in die urſprüngliche Harmonie zurückkehren. Allein wenn im Guten die zweite, ſo iſt es im Schönen die erſte und dritte2 dieſer drei Formen, welche den ganzen Standpunkt beſtimmt. Wo das Gute erſt anlangen ſoll, da iſt das Schöne von Anfang an. Indem es keine andere Sinnenwelt kennt, als eine mit dem Geiſt harmoniſche, daher jeden Inhalt unmittelbar in der Form adäquater ſinnlicher Erſcheinung anſchaut, ſo iſt ſein Zweck niemals, das Gute an ſich, ſondern immer, ſelbſt wenn es in käm - pfender Form auftritt, daſſelbe in rein entſprechender ſinnlicher Form zur Erſcheinung zu bringen. Das Gute iſt Inhalt des Schönen und zwar der würdigſte, aber nur wie es in der reinen Form aufgeht; es iſt nicht lobens -156 werth, weil es gut, ſondern weil es ſchön iſt, und das Schlechte nicht tadelns - werth, weil es ſchlecht, ſondern weil es häßlich iſt. Uebrigens kann ſich mit dem Guten wie mit dem blos Zweckmäßigen (§. 23) die anhängende Schönheit verbinden.

1. Es kann bei dieſer Vergleichung mit dem ethiſchen Standpunkte nicht vermieden werden, das Erhabene und Komiſche anzudeuten, denn dies ſind eben die Formen, wodurch das Schöne den ſittlichen Kampf in ſich aufnimmt. Allein der Vorgriff iſt um ſo zuläßiger, da hier noch nicht als bewieſen vorausgeſetzt iſt, daß das Schöne dieſe Formen in ſeinem eigenen Intereſſe ſchafft, ſondern nur vorläufig angenommen, daß es dem ſittlichen Kampfe werde zu folgen vermögen (vergl. Anm. zu §. 50). Im jetzigen Zuſammenhang iſt zu ſagen, die Harmonie bleibe trotzdem, daß dieſer Kampf als Inhalt in das Schöne eingeht; hingegen da, wo das Schöne ſelbſt den Uebergang in dieſe ſtreitenden Formen fordert, wird der Uebergang ein ganz anderer ſeyn. Aber auch dies kann vorläufig geſagt werden, daß nichts ſicherer den Unterſchied des Schönen vom Guten beweist, als der Uebergang des Erhabenen in’s Komiſche. Der ſpezifiſch ethiſche Standpunkt kennt die Komik nicht, weil er nicht die Ruhe hat, das Reich der Zufälligkeit und des Eigenſinns einmal als unſchädlich und in ſeiner Willkür ſelbſt als berechtigt zu erkennen. Allerdings wird ebendeßwegen gefordert, daß er ſich in die äſthetiſche Freiheit zu erheben wiſſe, und ſo darf es ſogar als ſittliche Aufgabe erſcheinen, ſich nicht gegen die Komik zu verſchließen, aber dies iſt Ergänzung der Ethik durch Hereinziehung einer Sphäre des abſoluten Geiſtes, nämlich eben der äſthetiſchen.

2. Im Schönen kommt es bei allen drei Formen, die ſein Gebiet mit dem ethiſchen gemein hat, darauf an, wie die Sache ausſieht, denn der Standpunkt bleibt immer der des reinen Entſprechens zwiſchen dem Innern und Aeußern. Das Gute iſt im Schönen aufgehoben im Sinne von tollere und conservare: dasjenige an ihm, wodurch es ein Beſonderes und von der Welt der Formen Verſchiedenes iſt, erliſcht. Mit dem Guten verhält es ſich im Schönen, wie mit dem Knochenge - rüſte im lebendigen Körper. Dieſes wird nicht für ſich ſichtbar, ſondern nur, ſofern es durch die Umgebung der weichen Theile hindurch erkennbar iſt, welche allerdings an ihm Halt und Baſis haben. Iſt es leidend, ſo erſcheinen auch dieſe unſchön. Der Anatom zergliedert, nimmt als Oſteolog das Knochengerüſte heraus: ſo fragt der Moraliſt nicht nach157 der Oberfläche, ſondern beurtheilt den Gehalt für ſich. Die Bemerkungen über Inhalt und Form §. 55, 2 haben gelegentlich bereits auf dieſen Punkt geführt, und in der dort erwähnten Stelle ſagt Strauß, daß die innerliche Seite der Form, nämlich die Structur, die Oekonomie eines Gedichts immer leiden werde, wenn der Inhalt unſittlich ſey. „ Sind die Wahlverwandtſchaften Göthes ein giftiges Buch: nun ſo werden die Mißbildungen nicht fehlen, die ein ſo ungeſundes Blut an dem Leibe der Dichtung hervortreiben muß “u. ſ. w. „ Ein wirklicher Verſtoß gegen das Geſetz des Sittlichkeit beim Dichten wird immer zugleich als ein Verſtoß gegen die Geſetze der Schönheit erſcheinen und ſich nach - weiſen laſſen “u. ſ. w. Strauß vergißt nicht, die intereſſante Stelle aus einem Briefe Schillers anzuführen: „ Ich bin überzeugt, daß jedes Kunſtwerk nur ſich ſelbſt, d. h. ſeiner eigenen Schönheitsregel Rechen - ſchaft geben darf und keiner anderen Forderung unterworfen iſt. Hin - gegen glaube ich auch feſtiglich, daß es gerade auf dieſem Wege auch alle übrigen Forderungen mittelbar befriedigen muß, weil ſich jede Schönheit doch endlich in allgemeine Wahrheit auflöſen läßt. Der Dichter, der ſich nur Schönheit zum Zwecke ſetzt, aber dieſer heilig folgt, wird am Ende alle andern Rückſichten, die er zu vernachläßigen ſchien, ohne daß er es will und weiß, gleichſam zur Zugabe mit erreicht haben, da im Gegentheile der, der zwiſchen Schönheit und Moralität unſtät flattert oder um beide buhlt, leicht es mit jeder verdirbt. “ Das beſte Beiſpiel hievon iſt Wieland, der gerade durch ſein Hinüber - und Herüberſchielen zwiſchen Tugend und Sinnlichkeit, indem er ebendarum beide abſtract macht, frivol wird. Ganz im Sinne dieſer Schiller’ſchen Stelle wurde vom Verf. anderswo geſagt: „ trachtet am erſten nach dem Schönen, ſo wird euch das Gute von ſelbſt zufallen, “und man hat ihm dieſes Wort verdreht, indem man meinte, es ſey als Wahlſpruch für das ſittliche Leben aufgeſtellt, was das genaue Gegentheil des richtigen Sinnes iſt. Es folgt aus dieſen Sätzen von ſelbſt, daß man einen Dichter oder Künſtler noch nicht gelobt hat, wenn man gezeigt hat, daß er ein guter Menſch iſt; nur gegenüber einer ganz verworrenen Kritik iſt es nöthig, ſolche Trivialitäten erſt hervorzuheben.

Durch Plato iſt die Frage angeregt worden, ob eine ſchöne Seele nothwendig auch einen ſchönen Leib habe und eine häßliche einen häß - lichen? So abſtract darf aber gar nicht gefragt werden. Es kommt darauf an, was man unter ſchöner Seele verſtehe. Verſteht man darunter ein Gleichgewicht der ſinnlichen und geiſtigen Kräfte, ſo wird ſich dieß,158 wie im Großen die ſüdlichen Völker zeigen, in einem entſprechenden Ebenmaß der Formen des Körpers ausdrücken. Verſteht man darunter den durch Kampf erworbenen Charakter, ſo ſetzt dieſer eine widerſtrebende Sinnlichkeit und die ihr entſprechenden gröberen Formen voraus; dagegen wird ſich die errungene Harmonie in den geiſtig ausdrucksvollſten Theilen und ihrer Bewegung zeigen, wie dieß im Großen bei den nördlichen Völkern der Fall iſt. Die ganze Frage verliert ſich aber, wie ſchon dieſe Andeutungen zeigen, in das weite Gebiet fernerer nothwendiger Unterſcheidungen in der Aeſthetik. Die Schönheit hat verſchiedene Formen; der reine Gehalt an innerem ſittlichem Werth iſt in ihnen verſchieden, wechſelt aber auch ebendaher den Ort ſeiner Erſcheinung auf der Ober - fläche der Form. Ferner aber handelt es ſich ja im Schönen nicht blos von einer einzelnen Perſönlichkeit; auch die großen ſittlichen Mächte haben ihren Leib, aber nur in vielen Einzelnen und ihrer Thätigkeit. Hier nun kann wiederum der Gehalt an ſich ſchon entweder mehr unmittelbar oder mehr innerlich und danach wird auch ſeine Erſcheinung in dieſem Leibe verſchieden ſeyn: da kommt alſo der Unterſchied der Zeitalter in Betracht; eine naturwüchſige Bildung wird ein offeneres und greiflicheres Schauſpiel darbieten, als eine reflectirte Bildung. Endlich muß außer dieſem Allem erſt der große Unterſchied zwiſchen Naturſchönheit und Kunſt - ſchönheit zur Löſung jener Streitfrage in Erwägung kommen. — Für die Kunſt aber wird aus dem Inhalt des gegenwärtigen §. ein Satz gefolgert werden müſſen, der ſchon hier anzukündigen iſt: da das Gute nur ſchön wird durch die Erſcheinung, in die es ununterſcheidbar aufgeht, ſo muß es ſeinen Leib an ſich ſelbſt haben und für den Künſtler ſchon mitbringen, ſonſt entſteht, indem dieſer den Gehalt für ſich hat und dazu die Form erſt ſucht, nothwendig eine Behandlung im unſtatthaften Sinne der Tendenz. Daraus wird folgen, daß große ſittliche Bewegungen, wenn ſie der Künſtler wahrhaft äſthetiſch ſoll behandeln können, vergangen ſeyn müſſen.

3. Mit dem Guten verbindet ſich anhängende Schönheit z. B. in der Kleidung, ſofern ſie (neben dem Bedürfniß zugleich) von dem ſitt - lichen Zwecke der Schamhaftigkeit gefordert iſt und nun der Schönheits - ſinn einen Ueberfluß hinzufügt. So hat in der Kunſt alle tendenzmäßige und ſatyriſche Poeſie zunächſt einen ſittlichen Zweck und das Schöne iſt beiläufig mit ihr verbunden.

159

§. 60.

Daher tritt auch jede der drei unterſchiedenen Formen des ſittlichen Ver - hältniſſes im Schönen anders auf, als im Guten. Da das Mißtrauen gegen1 die Sinnlichkeit hier wegfällt, weil die lebendige Geſtalt dem Stoffartigen entrückt iſt, ſo darf ſich ungleich breiter und ſelbſtändiger die erſte Form ent - falten. Dies iſt der Grund, warum das Schöne insbeſondere über die dem gemeinen Leben vorgezeichneten Grenzen des Auſtands und der Scham erhaben iſt. In der zweiten Form darf ſelbſt der tiefſte Widerſpruch im Bunde2 mit allen Kräften der Erſcheinung auftreten und freigeſprochen von jedem moraliſchen Einſchreiten ſtetig ſeinen Gipfel erſteigen, ohne Furcht, daß die Harmonie verloren gehe, denn alle Entzweiung ſpielt nur auf ihrem Grunde und es kann nicht fehlen, daß ſie als Reſultat des Kampfes am Ende hervor - gehe. Bei der dritten Form jedoch als einer ſelbſtändigen zu verweilen hat3 das Schöne gerade darum, weil der Standpunkt derſelben ganz der ſeinige iſt, weniger Intereſſe, als das Gute.

1. Der Kreis der unſchuldigen ſchönen Sinnlichkeit iſt zwar durch die moderne Welt enger eingegrenzt, als im Alterthum und Mittelalter, aber es iſt darum nicht nöthig, hier ſchon an die Epochen des Ideals zu erinnern, denn jede Zeit und Bildung muß der Welt der Schönheit einen ſolchen Kreis vorbehalten, wie er z. B. in den römiſchen Elegieen von Göthe gezogen iſt. Das Leben ſelbſt iſt nothwendig mißtrauiſch und ungläubig, daß in der allgemeinen Verſchlingung des Guten und Böſen ein Kreis von gewiſſer Breite ſich abgrenzen laſſe, wo die Sinnlichkeit, ſelbſt die edlere und vom Gemüthe durchdrungene, aber vom beſorglichen Geſetz und der hütenden Sitte nicht anerkannte, ſich frei entfalten könne, ohne die rohe Begierde zu entfeſſeln und gegebene ſittliche Verhältniſſe zu verletzen. Im Schönen aber als Solchem iſt mit dem Stoffartigen Alles erloſchen, was am Nackten und an der Sinnlichkeit die Begierde weckt; es iſt in jener reinen Kühle untergegangen, die dem Schönen eigen iſt. Was daher die Sage der Völker in eine beſondere Zeit als ein Ver - gangenes legt, als paradieſiſchen Urzuſtand, das bleibt im Schönen Gegenwart. Daher iſt es auch entbunden von derjenigen Scham, welche eine künſtliche Bildung in die Gemüther gepflanzt hat. Vom ethiſchen Standpunkte muß die conventionelle Scham als ein Fortſchritt der wahren menſchlichen Natur behauptet werden; unſere wahre Natur iſt Ausbildung aller Kräfte, und an eine ſolche iſt in dem Zu -160 ſtande nicht zu denken, wo der Anblick des Nackten reizloſe Gewohnheit iſt. Dennoch hat dieſe Wahrheit auch auf ethiſchem Boden ihre Grenze, denn, um nur dies zu erwähnen, es gehört unbezweifelt zu den Uebeln einer allzu - künſtlichen, naturwidrigen Bildung, daß die Phantaſie durch die heimlichen Reize der Verhüllung zu ſehr verdorben iſt, um ohne Schaden die Enthüllung wenigſtens nur da, wo ſie erlaubt oder unvermeidlich iſt, ertragen zu können. Ganz andere Geſetze aber hat hierin das Schöne. Treffliche Bemerkungen hier - über enthalten Schleiermacher’s vertraute Briefe über die Lucinde, be - ſonders der Verſuch über die Schamhaftigkeit, wiewohl freilich der Lucinde, einem ſchlechten Buche voll Abſichtlichkeit, gerade jene keuſche Entbindung von der Scham vielmehr fehlt. Die Feigenblätter, die man an nackten Statuen anbringt, ſind ganz ein belehrendes Beiſpiel für die corrupte Scham. Michel Angelo, als er gehört, daß Daniel von Volterra im Auf - trage des Papſtes die Blößen an ſeinen Geſtalten im jüngſten Gerichte mit Lappen übermalt habe, ſagte: Dite al papa, che questa è piccola facenda e che facilmente si può acconciare; che acconci egli il mondo, che le pitture si acconciano presto. Das Gegentheil der ſchönen Unſchuld iſt der verſtohlene, durch das Gefühl des Verbotenen geſchärfte Reiz der halben Enthüllung; darin eben beſteht die Frivolität Wielandiſcher Darſtellung. Es kann aber in einem äſthetiſchen Ganzen auch dieſe Form auftreten, wenn es nämlich eben die Bildung mit ihrer künſtlichen Scham zum Schauplatze hat, ſofern ſie nur nicht als die wahre, ſondern als eine Form unter anderen ironiſch hingeſtellt wird; der blos moraliſche Standpunkt wird jedoch auch dagegen ungerecht ſeyn. — Von den Vor - ſchriften der Scham ſind die des Anſtands zu unterſcheiden als Verwahrungen nicht vor unzeitiger Weckung der Begierde, ſondern vor Aufdeckung des abſtoßend Schmutzigen und Rohen in der Natur. Auch hierin weicht das Schöne von der ethiſchen Geſetzgebung des wirklichen Lebens ab durch die Forderungen der Komik, wovon an ſeinem Orte zu handeln iſt.

2. Die Einheit der Unſchuld löst ſich und die Verirrung beginnt. Der moraliſche Standpunkt ſpringt hier alsbald ein mit dem Ausſpruch, daß dies nicht ſeyn ſoll; der äſthetiſche iſt contemplativ und wartet ohne Furcht den Ablauf ab, wo das ſittliche Geſetz ſich herſtellen wird, denn er kennt es nicht nur als ſtetes Sollen, ſondern hält feſt, daß die Wirklichkeit gar nicht aus ihm heraus kann, ſondern durch die Empörung gegen dasſelbe es ſelbſt vollſtreckt. Aber auch unterwegs und abgeſehen vom Ende darf im Schönen niemals weder die Auflehnung gegen das Gute als gemeine Natur, als bloſe Häßlichkeit erſcheinen, ſondern nur als volles Leben, in welchem die161 Kräfte des Guten in ihrer Verkehrung ſelbſt fortwirken, noch der Kampf für das Gute als abſtracter Wille ohne Natur und Leidenſchaft. Davon weiß zwar die Ethik auch, aber ſie hat im Ernſte des Kampfes nicht Zeit, von ihrem Wiſſen die Anwendung zu machen, daß ebendarum der Kampf ſelbſt ſchön ausſehen muß, was eben das Weſen des Schönen fordert. Die Ethik wird im gemeinſten Verbrecher einen Reſt des Guten finden und ſeine Beſſerung daran knüpfen; das Schöne aber kann einen ſolchen in ſeiner Gedrücktheit nicht einführen, weil dieſer Funke zu ſchwach iſt, um aus dem Aeußern hervorzuleuchten; wenn dagegen im Schönen ein Verbrecher auftritt, der mit gewaltigeren Kräften ausgeſtattet grauſende Bewunderung einflößt, ſo fürchtet der blos ethiſche Standpunkt, es werde dadurch die Verkehrtheit dieſer Kräfte außer Augen gelaſſen. Kämpft der gute Wille gegen die Verirrung, ſo iſt der Ethik nicht unbekannt, daß das Feuer der Natur ihm zu Hülfe kommen muß, aber ſie beſchäftigt ſich nicht damit, daß ebendarum ſein Thun auch nach außen ein ſchönes Schauſpiel gewähren muß, denn ſie ſieht nur auf die Sache, nicht auf den Schein.

3. Dante’s Paradies, Natalie im Wilh. Meiſter haben zu wenig Schatten. Die ſittliche Harmonie als Reſultat intereſſirt gerade darum im Schönen weniger, als im Guten, weil ſie dort unverlierbar durch das Ganze ſchwebt, während ſie hier als Ziel ausdrücklich geſucht und hingeſtellt wird. Das Schöne verweilt nicht dabei als einer beſonderen, bleibenden Form; der Standpunkt des Guten beſchreibt ausführlich das Ideal der Tugend und das höchſte Gut, gerade weil er die Vollendung, ob zwar metaphyſiſch ihres ewigen Sieges gewiß, von dem ethiſchen Grundbegriffe der Thätigkeit aus als ſtetes Ziel des Strebens in deutlichen Zügen hin - ſtellen muß.

§. 61.

Nunmehr findet auch der Unterſchied der Schönheit von der Religion (vergl. §. 26) ſeine Erledigung. Die Formgebung, welche die abſolute Idee durch die Religion erhält (§. 24. 25. 27. ) iſt in dieſer weſentlich anders be - ſtimmt, als im Schönen. In der Religion als der erſten Sphäre des abſoluten Geiſtes erlöſchen die Gegenſätze der Endlichkeit, aus denen der Geiſt her - kommt, zur unterſchiedsloſen Unmittelbarkeit des Gefühls. Das Ich verſenkt ſich in das ſchlechthin Allgemeine. Dieſes ſich Verſenken iſt eine Bewegung und als ſolche ſetzt es eine Unterſcheidung voraus zwiſchen dem, was ſich, und zwiſchen dem, wohin es ſich verſenkt. Jenes iſt das Ich, das ſich müde fühltViſcher’s Aeſthetik. 1. Bd. 11162der Wirklichkeit, deren Einheit in der Idee es verloren, und des Eigenwillens, zu dem es ſich als einer falſchen Einheit beſtimmt hat; dieſes iſt das Leben der Idee als das ſchlechthin Eine und Allgemeine, in welches das Ich mit Ver - tilgung des Eigenwillens als in ſeine Wahrheit eingehen ſoll. Da nun das Gefühl unterſcheidungslos iſt, ſo iſt ihm das Allgemeine, in das es ſich ver - ſenken ſoll, ein dunkler Abgrund. Allein das Gefühl iſt das fühlende Ich ſelbſt, untrennbar Eins mit ihm, und ſo zeichnet ſich dieſes, unfähig, ſich un - mittelbar zu erheben in das vernünftige Denken, wodurch die zweite Seite als concrete Einheit und Allgemeinheit begriffen würde, in jenen Abgrund hinein und findet ſich hier, wo es ſich vielmehr opfern wollte, als einzelne Geſtalt wieder. Dies iſt die Vorſtellung. Dennoch iſt dieſes Hinüberzeichnen nur vor - genommen um jener Bewegung willen, worin das Ich ſich aufzulöſen ſehnt, und ſchwebt daher nur in unbeſtimmtem Umriß über dem Gefühl als dem die ganze Bewegung Beſtimmenden. Die Vorſtellung iſt daher unſelbſtändig, ein bloſes Vehikel für dieſes, und leidet der Schönheit gegenüber an folgenden weſentlichen Mängeln.

Hegel hat das Gefühl als erſte Form der Religion ganz oberflächlich unterſucht, weil er meinte, nur die Frage liege zur Prüfung vor, ob dasſelbe Erkenntnißgrund des Inhalts der Religion ſey. Schleiermacher dagegen hat zwar erkannt, daß das Gefühl das den ganzen Charakter der Religion Beſtimmende iſt und bleibt, aber verkannt, daß, um eine Glaubens - lehre zu conſtruiren, erſt der Uebergang des Gefühls in die Vor - ſtellung, wiewohl das Gefühl das Element bleibt, einzuführen iſt. Der wahre Beweis, daß dieſes das Element iſt, liegt auf dem Punkte des Uebergangs vom gegenſätzlich beſtimmten, zunächſt vom objectiven oder praktiſchen Geiſte. Der Geiſt hat ſich ohne ſchließliche Verſöhnung im Wirklichen umgetrieben; der Staat, die Geſellſchaft, das Welt - leben iſt Wirklichkeit der Idee, aber im Gedränge ſelbſt geht dem Geiſte die Einheit der realen Gegenſätze in der Idee als ihrem Grunde verloren, er ſpannt ſich zwiſchen ihnen zur falſchen Einheit des Eigenwillens. Er be - kommt aber auch das Unglück und den Schmerz dieſer Endlichkeit in der Erfahrung unmittelbar zu fühlen. Die erſte Erhebung aus dieſer Enge, dieſer Unſeligkeit kann, weil der Grund ihrer Nothwendigkeit eben in dem Gegenſätzlichen und Getheilten liegt, nur in der Form des Ungetheilten, Unterſchiedsloſen, des Gefühls vor ſich gehen. Die Religion iſt ein Heim - weh des Geiſtes nach ſeiner Wahrheit. Schon dadurch iſt die Transcendenz in der Religion bedingt. Das Gemüth, das eben von dem Ueberdruſſe an163 der Welt herkommt, kann ſich das Vollkommene nur als ein Jenſeitiges vorſtellen. Hegel meint (Relig. -Philoſ. Th. 1, S. 66 ff. ), es handle ſich hier vom Gefühl überhaupt, und bringt vor, jeder Inhalt könne in dieſer Form auftreten. Allein es iſt hier nicht die Rede vom Gefühl überhaupt, ſondern vom Gefühl mit einem beſtimmten Inhalt; denn darauf iſt zu ſehen, wo der Geiſt herkommt bei dem Eintritte in die Religion. Er kommt von dem blinden Gedränge der Welt, er iſt ſpezifiſch erfüllt mit dem Gefühle der Nichtigkeit des Wirklichen, das er im Kampfe der Zwecke nicht als Wirklichkeit der Idee, alſo nicht als wahre Wirklichkeit zu verſtehen, zu überſchauen vermochte. Es iſt Gefühl des Ewigen, Urgefühl. Hierauf aber iſt allerdings feſtzuhalten, daß das Gefühl unterſcheidungslos iſt, daß es ſein Object nicht nennen kann. Die Gegenſätze der Idee als Wirklich - keit werden eben jetzt als nichtig gefühlt aus dem genannten Grunde, und die Einheit, worin ſie ihre Wahrheit haben, erſcheint ebendaher als leer, als Abgrund. Bei dieſer Objectloſigkeit kann es aber wiederum nicht bleiben, denn die Bewegung des Gemüths muß ein Wohin vor ſich ſehen. Könnte nun das müde Subject mit dem erſten Schritte in die wahrhaft Object - beſtimmende Thätigkeit, in das reine Denken, übergehen, ſo würde es ſeinem Gegenſtand dadurch Erfüllung geben, daß es die Wirklichkeit als Wirklich - keit der Idee, die Idee als vernünftige Totalität begriffe; dann würde es auch begreifen, daß die wahre Verſöhnung mit der Welt und die wahre Befreiung vom Eigenwillen eben in der Welt ſelbſt, wenn man ſie recht verſteht, in der Schule des Lebens und der Bildung zu ſuchen iſt. Allein bis dahin hat das Gefühl noch einen weiten Weg vor ſich. Es iſt nur erſt einer ſchwachen und unklaren Objectbeſtimmung fähig. Es ſoll jenen Ab - grund erfüllen, beſtimmen. Was hat es dazu? Die Welt liegt im Nebel hinter ihm; das fühlende Subject hat nur ſich ſelbſt, denn das Gefühl fällt mit dem fühlenden Subjecte trennungslos zuſammen. Es nimmt alſo ſich ſelbſt und zeichnet ſein Bild hinüber in das Dunkel des Abgrunds. Dies iſt ein Widerſpruch: es wollte ſich entfliehen und trifft ſich wieder an. Es wollte ſeinen Eigenwillen opfern, aber dies Opfer kann wahrhaft nur die Erziehung und Schule der recht verſtandenen Welt bewerkſtelligen. Es trägt alſo auch ſeinen Eigenwillen, den es gerade brechen wollte, mit ſeinem Ebenbild in das Jenſeits hinüber. Freilich zeichnet es mit ver - größernden Umriſſen und behauptet ſeine verklärte Geſtalt als abſolute Geſtalt und als die höchſte Liebe; aber es täuſcht ſich, denn wo es irgend Ernſt wird, beruft es ſich für all ſeinen böſen Willen und ſeine Grauſam - keit auf ſeinen Gott und macht ſo ſich ſelbſt zu ſeiner eigenen Autorität. 11*164Dies Hinüberzeichnen iſt es, was Hegel die Vorſtellung nennt. Die Zeichnung iſt aber ſchwach und zerfließend, denn das Gefühl bleibt das Beſtimmende.

§. 62.

Jede der zwei nun unterſchiedenen Seiten iſt wieder das Ganze. Das Ich, das ſich zum ſchlechthin Allgemeinen bewegen ſoll, ſchließt dieſes, aber als bloſe Möglichkeit, in ſich und da es durch die Sphäre der wirklichen be - ſtimmten Idee, weil es dieſelbe noch nicht als die vernünftige totale Wirklich - keit des ſchlechthin Allgemeinen begreift, in der Entwicklung dieſer Möglich - keit ſich geſtört fühlt, ſo verwirft es ſie als eine Scheinwelt, ſie wird als negativ geſetzt, das Ich ſoll ſich vom ſinnlichen Scheine losſagen. Die Seite des Allgemeinen aber enthält auch das Ich, und zwar angeblich zunächſt als ein verſöhntes, indem das Ich ſeine Verſöhnung als ſchon vollzogen in dasſelbe hinüberträgt. Aber nicht ebenſo wird das ganze Reich der beſtimmten Idee in das ſchlechthin Allgemeine vorſtellend hinübergetragen, ſondern nur ober - flächlich und mit Ueberſpringung aller andern werden einzelne Momente der wirklichen Idee, und zwar insbeſondere aus der Sphäre des ſelbſtbewußten, ſittlichen Lebens in das Allgemeine hinübergetragen. Hieraus ſchafft die Vor - ſtellung einen Kreis von überirdiſchen Geſtalten, deren das Gefühl zum An - halte für die verſöhnende Bewegung von ſeiner Seite bedarf. Dieſer Kreis iſt unvollſtändig, weil nicht das ganze Leben der Idee in ihm zur Vorſtellung kommt; ferner iſt in den Geſtalten dieſes Kreiſes durch jene Art der Voraus - nahme der Verſöhnung das Wirkliche überhaupt und das Subject, ſey es nun einfach ſeine Sinnlichkeit oder näher die Eigenheit ſeiner Individualität, welcher die Bejahung gilt, zwar poſitiv geſetzt, in allen Geſtalten auf der Seite der gegenwärtigen Wirklichkeit aber iſt es negativ geſetzt, von jener Verklärung ausgeſchloſſen und demſelben Mißtrauen unterworfen, wie auf dem ethiſchen Stand - punkte. Die Religion ſchafft eine Reihe bevorzugter Geſtalten und ſchließt alle andern aus; ſie iſt im äſthetiſchen Sinne ercluſiv, eine Ariſtokratie der Geſtalt.

Der Inhalt dieſes §. konnte aufgeführt werden, ohne einem ſpäteren Abſchnitte, wo die Religion in beſtimmtem geſchichtlichem Zuſammenhange mit der äſthetiſchen Phantaſie auftritt, zu ſehr vorzugreifen. Die unterſten Formen der Religion, welche das ſchlechthin Allgemeine unmittelbar mit einem ſinnlichen Dinge ohne ſchöpferiſch bildende Zuthat der Vorſtellung verwechſeln, ſind hier nicht berückſichtigt; man wird aber auch ſtreng ge - nommen gar keine Religion aufweiſen können, welche blos in dieſer165 unmittelbaren Verwechslung beſtände. Was geſagt iſt, gilt von allen Hauptreligionen. Ein Blick auf die Kunſt reicht hin, den Sinn der Sätze des §. zu erklären. Stoff der religiöſen Kunſt ſind die Götter oder, im Chriſtenthum, Gott, der Sohn und ſeine Wundergeſchichte, Maria, die Engel, die Heiligen u. ſ. w. Das wirkliche Reich der Natur - und Menſchenwelt aber in der Fülle ſeiner Kräfte und Richtungen und in der unbefangenen Zufälligkeit ſeiner Individuen iſt dadurch von der Kunſt verdrängt und ausgeſchloſſen. Die Griechen trugen, wie alle Völker auf dem Standpunkte der Naturreligion, auch einzelne Kräfte der Natur (nicht alle, dies bringt eben das Unvollſtändige der Vorſtellung mit ſich) hinüber in das Allgemeine und ſchauten ſie als Götter an: ebendarum aber war die wirkliche Natur von der Kunſt ausgeſchloſſen und ſie kannten keine eigentliche Landſchaftmalerei. Sie ſtellten ſittliche Mächte (wieder nicht alle) als Götter vor: ſo waren die übergangenen Kreiſe des Lebens und der wirkliche einzelne Menſch der Darſtellung eigentlich unwürdig. Heroen zwar wurden verherrlicht, von einzelnen Perſonen Statuen aufgeſtellt, aber ſie waren dadurch göttlicher Ehre gewürdigt; die rein hiſtoriſche Darſtellung aber konnte und durfte nicht aufkommen, das eigentliche Genre auch nicht. Es iſt Anfang des Verfalls, wo dieſe Sphären beliebt werden. Im Chriſtenthum iſt es nicht anders. Es ſind einzelne Momente des vertieften ſittlichen Lebens (auch hier nicht alle, ſonſt wäre das Jenſeits kein Jenſeits mehr und die Religion aufgelöst) hinübergetragen, aber die ganze Wirklichkeit, worin die weggelaſſenen Momente (Natur, Staat, alles ſogenannte Weltliche) ſich realiſiren, iſt dadurch ausgeſchloſſen; reine Geſchichtsdarſtellung, Genre und Landſchaft kommen auch hier erſt auf, wie dieſes religiöſe Ideal zuſammenfällt. Zwar was die Individuen betrifft, ſo will das Chriſtenthum, daß Allen geholfen werde, auch der gewöhnliche Menſch iſt daher der Darſtellung würdig; allein weil das Weltliche verworfen iſt, ſind in Wahrheit doch nur die Wenigen der Darſtellung durch die höhere, die eigentliche, d. h. die heilige Kunſt werth, die durch beſondere Aſceſe heilig geworden ſind. Dieſer Charakter der Ausſchließung geht durch Alles: die Prieſter ſind Uebermenſchen, die Andern haben keine geiſtige Perſönlichkeit; die politiſche Perſönlichkeit wird im Adel angeſchaut und die Andern ſind ebendadurch davon aus - geſchloſſen; man bewundert die Pracht des Monarchen und vergißt, daß man ſie ſelbſt gezahlt hat. Nun ſind freilich in den bevorzugten Ge - ſtalten, welche der Darſtellung allein wahrhaft würdig ſind, im Grunde alle wirklichen Subjecte vertreten, und alle Schönheit iſt ja eigentlich ein166 Vertreten aller übrigen Individuen einer Gattung durch Ein vollkommenes oder mehrere; allein jenes Vertreten in der durch Religion beſtimmten Schönheit iſt ein anderes, als das in der reinen. In der mythiſchen Kunſt der Griechen iſt zwar die Sinnlichkeit eine Bejahung, aber die unendliche Eigenheit der Individualität nicht; die Menſchengeſtalt iſt um den Preis ungetrübter Einheit der ſittlichen Bedeutung mit der ganzen Fülle der ſchönen Sinnlichkeit zur Darſtellung zugelaſſen, allein dabei hat der geſchichtliche, wirkliche Menſch das bloſe Zuſehen, weil die Grenze der individuellen Abweichung von der Linie der Gattungsregel ſo eng gezogen iſt, daß er als profanes Weſen, wenn nicht erſt mythiſche Vor - ſtellung, Sage u. ſ. w. ihn verklärt haben, ſich von jenem Himmel durch die tiefſte Kluft getrennt ſieht. Im Chriſtenthum dagegen hat auch die wirk - liche Geſtalt in der willkürlicher abweichenden Eigenheit ihrer Individualität Geltung; allein, wie ſchon geſagt, die Bedingung des Eintritts in den vor - nehmen Kreis der höchſten Geſtalten iſt nun der Ausdruck unendlicher Aſceſe, und da ſich zu dieſem nur wenige erheben und auch dieſe nur mit Hilfe der verklärenden Sage, ſo ſind auch hier alle Uebrigen in den profanen Vorhof verſtoßen. Die Religion iſt eine Vorausnahme (§. 53), wie das Schöne, aber eine durchaus unvollſtändige.

§. 63.

In dem Grade aber, in welchem die Religion ſich zur Religion des Geiſtes erhebt, im Grunde jedoch ſchon auf dem Standpunkte der Naturreligion, wird ſelbſt in der Geſtalt, welche die religiöſe Vorſtellung ſich bildet, die Sinnlichkeit negativ geſetzt und ihre Verklärung daher vielmehr eine Verzehrung. Das anbetende Subject ſtellt ſich eine düſtere und abweiſende Geſtalt gegen - über, denn ihr Anblick ſoll ihm die Forderung der Entſagung vergegenwärtigen, aber durch den Widerſpruch, der in jenem Hinüberzeichnen liegt (§. 61), iſt es vielmehr die ganze Härte des Eigenwillens im zeichnenden Subjecte ſelbſt, die aus ihren unerbittlichen Zügen ſpricht. Jene bejahende Verklärung (§. 62) iſt alſo vielmehr bereits ein Werk der Schönheit, welche als eine fremde, das ganze Verhältniß verändernde Macht in die Religion eingedrungen iſt, und dieſe hat in jener, indem ſie unendlich durch ſie gefördert ſcheint, ja den Unterſchied ihres Standpunkts von dem ihm beigemiſchten Aeſthetiſchen gar nicht bemerkt, vielmehr ihren Feind in ſich aufgenommen. Je inniger ſie ſich verbinden, deſto mehr trennen ſie ſich, der Moment ihrer höchſten Vereinigung iſt der Moment ihres völligen Bruchs.

167

In jeder Religion iſt das negative Moment der Entſagung ſtärker, als das poſitive der Verſöhnung; wird der volle Umfang des Lebens in die Verſöhnung aufgenommen, ſo iſt das ſpezifiſch Religiöſe durchbrochen und die vernünftige, totale, ſittliche Bildung an ihre Stelle getreten. Auch der griechiſche Gott iſt in der ächt religiöſen urſprünglichen Vor - ſtellung düſter erhaben, kommt dem wirklichen, anbetenden Selbſt nicht entgegen, ſondern weist es ſtreng in ſich zurück. Dies iſt der eine Grund zur Erklärung von zwei bekannten griechiſchen Aeußerungen, deren eine von Aeſchylos berichtet wird, die andere im Pauſanias ſich findet, daß die ſtrengen, einfachen und düſteren Götterbilder aus der älteſten Zeit göttlicher ſeyen, als die neueren ſchönen. Den anderen Grund werden wir ſpäter finden. Im Chriſtenthum, wo der Bruch mit der Sinnlichkeit den Grund-Charakter bildet, leuchtet es von ſelbſt ein, daß das Ideal dieſen negativen Zug in ſeiner ganzen Stärke tragen muß; er trat auch in den alten chriſtlichen Bildern (der byzantiniſchen Malerei beſonders) in abweiſender Herbe hervor. Alle Götter ſind eigentlich und urſprünglich furchtbar; das anbetende Subject ſcheint ſich und ſeine Welt - luſt in ihnen als verdammt und verworfen hinzuſtellen, und zunächſt iſt es auch wirklich ſo. Allein alle Götter ſind auch launiſch, grauſam, böſe. Zu welchem Kinder-Eigenſinn und welcher blutigen Entſetzlichkeit ſelbſt die griechiſchen Götter von der ſchönſten Heiterkeit und Milde über - gehen, bedarf keiner Darſtellung; aber auch der Monotheismus hat von ſeiner Gründung im Judenthum an unendliche Reihen von Verbrechen und Schlächtereien ſeinem Gotte als Geheiß und Auftrag zugeſchoben. Es iſt leicht ſagen, dies ſey Mißbrauch. Der Gott iſt kein Erfahrungs - weſen; wir wiſſen von ihm eben nur dies, was das ihn anbetende Be - wußtſeyn von ihm ausſagt, und noch jetzt ſind es ebendiejenigen, die ſich des ächten Bewußtſeyns rühmen, welche in Bildern des Zorns, der Rache, der grimmigen Ausſchließung ihren Gott zu bezeichnen pflegen. Der innere Grund dieſes Göttercharakters iſt im §. und ſchon in der Anm. zu §. 61 genannt. Wo nun die Fülle und Lieblichkeit des Schönen in die Götter - welt einzudringen anfängt, da iſt bereits, ohne daß man es weiß, das ſpezifiſch Aeſthetiſche thätig. Die Griechen zwar kamen bald zum Bewußt - ſeyn, daß ihnen die Dichter ihre Götter gegeben, doch ohne die Con - ſequenz zu ziehen. Was nun den inneren Widerſpruch betrifft, der durch die Fortbildung des ſchönen Elements in die Religion eindringt, ſo verweiſen wir auf das Werk des Verf. Kritiſche Gänge Bd. 1, 183 — 187.

168

§. 64.

1

Die Vorſtellung iſt Vehikel für den in der Form des Gefühls ſich bewegenden Verſöhnungsprozeß des Geiſtes. Dieſem Zwecke genügt aber ſowohl in der inneren Vorſtellung, als in der wirklichen ſinnlichen Anſchauung ſelbſt das dürftige und rohe Bild, denn es reicht hin, den Geiſt an ſich und ſeine Beſtimmung zu erinnern, ja es kann dieſem Zwecke ſogar ein äſthetiſch ganz abſtoßendes Werk beſſer dienen, als ein ſchönes. Daher verfährt auch der Cultus mit den zu ſeinem Gebrauch beſtimmten Leiſtungen der Schönheit häufig2 auf rückſichtsloſe Weiſe und zwar von ſeinem Standpunkte mit Recht. Je tiefer aber das Negative in jenem Prozeſſe von einer Religion gefaßt wird, um ſo weniger iſt es ihr um die äußere Anſchauung des Vorgeſtellten zu thun und dieſe Gleichgültigkeit kann, da ſie von derſelben Zerſtreuung, ja Götzendienſt zu befürchten hat, in Haß und Zerſtörung übergehen.

1. Das Bild mit aſcetiſchem Ausdrucke, wovon der vorhergehende §. ſpricht, kann dennoch deutlich vorgeſtellt oder mit Vollkommenheit äußerlich dargeſtellt ſeyn. Allein dies bedarf die Religion als ſolche nicht; die undeutliche innere und die rohe äußere Darſtellung genügt ihr, weil das Bild bloſes Vehikel, das Intereſſe ein praktiſches bleibt. Dies Intereſſe geht durchaus nicht auf die reine Form als ſolche; das Bild ſoll den Andächtigen in das Gefühl ſeiner Unwürdigkeit und der unverdienten Gnade zurückwerfen: eine Andeutung mit derben Strichen iſt dazu hin - reichend. Ein Chriſtusbild z. B., roh gearbeitet, mit Blutſtriemen bedeckt, graß, aber Mitleid erregend ſcheint ihm zu ſagen: dies Alles habe ich um dich gelitten! Gern verbindet ſich Rohheit der Ausführung mit äſthetiſch abſtoßender Natur des Gegenſtandes, doch tritt die letztere, welche von der erwähnten Strenge und Düſterheit noch wohl zu unterſcheiden iſt, auch mit höherer Kunſtfertigkeit in Verbindung. Die religiöſe Kunſt der chriſtlichen Kirche hat zu jeder Zeit, weil der Standpunkt nicht äſthetiſch war, neben den würdigſten die peinlichſten Dinge dargeſtellt, ſelbſt große Meiſter haben, wie es eben gerade kam, bald dieſe bald jene behandelt. Ja das rohe und das häßliche Bild dient beſſer, als das ſchöne; denn es führt den Geiſt nicht hinaus in die Fülle der Welt, wo er ſich in ſeiner Freiheit genießt, ſondern wirft ihn mit herbem Stoß in ſich zurück. Dieſes beſondere Intereſſe des Cultus iſt der zweite Grund, warum ſchon den Griechen die rohen und finſteren Götterbilder der alten Kunſt für göttlicher galten, als die anmuthsvollen der neueren. Daher auch169 die rückſichtsloſe Behandlung ſchöner Bilder durch den Cultus (Aufſtellung in ſchlechtem Lichte, Schwärzen durch Weihrauch, Lampendunſt u. dergl.).

2. Das ſchöne Bild löst den Andächtigen von ſich ſelbſt, zerſtreut ihn. Dieſe Zerſtreuung iſt nicht eine Zerſtreuung überhaupt, ſondern nur eine Zerſtreuung der Andacht; ſie führt auch zu einer Sammlung, aber einer äſthetiſchen. Die Religion, wenn ſie tiefer in’s Innere getreten, erkennt dies wohl, daher die abſichtliche Ausweiſung der Schönheit vom proteſtantiſchen Cultus. Es iſt überhaupt keine Nothwendigkeit da, daß die innere Vorſtellung äußerlich, wenn auch nur in dürftiger Weiſe, zugleich der Anſchauung gegenübertrete. Es kann zweckmäßig ſcheinen, um ihre Lebhaftigkeit zu erhöhen; allein mit dieſer Lebhaftigkeit iſt auch alsbald die wirkliche Verwechslung des äußeren Bilds mit dem Inhalte der Vor - ſtellung da. Dieſe herrſcht im ganzen Heidenthum: das Götterbild lebt und iſt der Gott ſelbſt; daß es unzähliche andere Bilder anderswo gibt und der Gott überdies zugleich auf dem Olymp wohnen ſoll, dies hebt jene Verwechslung nicht auf, denn der Polytheismus iſt nicht logiſch. Dieſelbe Verwechslung gieng in den Katholizismus über. Bilderſtreit. Reformation. Bilderſtürmerei. Die Barbarei der Bilderſtürmer iſt nicht vom äſthetiſchen Standpunkte zu beurtheilen; es war Fanatismus gegen jene Verwechslung und vom religiöſen Standpunkte ganz motivirt.

§. 65.

Götzendienſt iſt Verwechslung des äußeren Bildes mit dem Inhalte des inneren Bildes der Vorſtellung. Iſt nun aber durch einen Fortſchritt der Religion dieſe auch als ſolche erkannt, ſo wird darum eine andere Verwechs - lung, nämlich die des inneren Bildes der Vorſtellung mit ſeinem Inhalte, nicht aufgehoben. Auch dieſes iſt dem Gebrauche nach bloſes Vehikel (§. 64), aber keineswegs wird es von der Religion ſelbſt als ſolches erkannt, vielmehr ſitzt nun die Verwechslung, weil innerlich feſtgehalten, nur um ſo tiefer. Im Ge - fühle überhaupt iſt das Subject mit ſeinem Inhalte durchaus in dunkler Weiſe verwachſen (§. 61). Durch die Scheidung, welche die Vorſtellung hinzubringt, ſtellt ſich zwar das Subject ſeinen Inhalt gegenüber, aber die Wahrheit, daß er über alles einzelne Subject als das ſchlechthin Allgemeine hinausgeht, ver - kehrt es durch die ſinnliche Beſtimmtheit, die es ihm beilegt, zu dem Scheine eines einzelnen Subjects, das zugleich abſolut ſeyn ſoll. Dieſe ſinnliche Be - ſtimmtheit vermag es nicht abzuziehen, denn es iſt ſeine eigene; es gibt ſeine170 Göttergeſtalt ſo wenig auf, als ſich ſelbſt, und wird, wenn man ihm daran rührt, böſe. Der Schein in der Religion iſt ein unfreier.

Der Unterſchied zwiſchen Religion und Schönheit, wie er in §. 26 ſchon angekündigt iſt, beſtimmt ſich alſo jetzt als ein Unterſchied des ver - wechſelnden oder unfreien und des freien Scheins. Sucht die Wiſſenſchaft die dargeſtellte Verwechslung, die nur um ſo zäher iſt, je mehr ſie ſich in’s Innere zurückzieht, zu löſen, ſo kommt alsbald an den Tag, daß der Gott das anbetende Subject ſelbſt iſt, denn es nimmt den Verſuch als die ſchwerſte perſönliche Beleidigung auf und behandelt die Frage als ſeine eigene Exiſtenzfrage.

§. 66.

Der Schein im Schönen dagegen iſt dadurch ein freier, daß die Schönheit den Gehalt, wie ſie ihn zunächſt aus der Hand der Religion erhält, völlig in die reine Form herausbildet: er wird dadurch zum reinen, in der Unendlichkeit des Ausdrucks zugleich begrenzten Gegenſtande, und während in der religiöſen Vorſtellung durch jenes undeutliche Zeichnen (§. 61) mit den verſchwimmenden Umriſſen des inneren Bildes auch der Inhalt in Eins verſchwimmt, ſo kann nun das ſo Begrenzte nicht mehr mit dem Abſoluten verwechſelt werden. Das Subject ahnt und ergreift zwar in der ſo dargeſtellten Idee das All und ſich; aber es kann nicht mehr meinen, daß der Gegenſtand dieſes All unmittelbar wirklich ſey. Durch dieſe Befreiung des Bewußtſeyns aus jenem Verwachſenſeyn und jener Verwechslung wird die Schönheit die vorbereitende Bildungsſtufe für den Geiſt, der als denkender allen Schein auflöst.

Dieſer §. iſt Ergänzung zu §. 63. Das Schöne iſt frei und befreit. Wenn hier ſchon vom Künſtler die Rede wäre, ſo dürfte zum Beweiſe dieſes Satzes nur an die Wahrheit erinnert werden, daß derſelbe ſich einen Affect, mit dem er unfrei verwachſen war, indem er ihn objectivirt, von der Seele löst. Man denke an bekannte Geſtändniſſe Göthes. Wir ſtehen jedoch hier in der Religion und haben es mit dem religiöſen Bewußtſeyn zu thun, das ſich ſeinen Gehalt vom Künſtler in der Form der Schönheit zurückgeben läßt, in der Meinung, darin den Triumph ſeines Glaubens zu beſitzen. Allein das ſchöne Werk hat die undeutliche Vor - ſtellung deutlich gemacht, die verſchwimmenden Umriſſe geſchärft; es ſteht jetzt ein unverkennbar Einzelnes vor mir. Dieſes Einzelne iſt zwar durch - drungen von unendlicher Bedeutung, und in dieſe Bedeutung iſt auch171 mein Leben eingeſchloſſen; man ſollte daher meinen, von dieſer Seite wenigſtens werde ich mich nur um ſo ungetheilter mit dem Gegenſtande verwachſen fühlen. Allein dies Verwachſenſeyn iſt jetzt nur noch eine freie Vertiefung in die Bedeutung, welche dieſe vor mir ſtehenden klaren und ebendadurch begrenzten Formen zwar erfüllt, aber auch unendlich über ſie hinausgreift und nimmermehr in ihnen als gemeine Wirklichkeit aufgeht. Ich kann dieſe Formen bewundern, aber nicht mehr anbeten, ja ſie ſagen mir zugleich, daß auch meine innere Vorſtellung, die ich leichter mit der Sache verwechſeln konnte, weil ſie zerfließende Umriſſe hat, nur Bild war. Jetzt trifft das reine Denken, das allen Schein auflöst, in mir den Boden. Das Bilden der Kunſt iſt mit der Bildung im innigſten Einverſtändniß. — Daß der äſthetiſche Schein kein Betrug, keine Unter - ſchiebung (Verwechslung), ſondern freies Spiel iſt, ſagt auch Schiller. Ueber d. äſth. Erz. d. Menſchen Br. 26.

§. 67.

Das Denken iſt jedoch nothwendig ſchon vorher auch in der Religion eingetreten, aber nicht als reines Denken, ſondern mit der Beſtimmung, daß es jene Vermiſchung von Bild und Inhalt durch den Beweis zu ſchützen ſucht. Dieſes unreine, blos reflectirende Denken geht, weil das Gefühl das Be - ſtimmende und die Vorſtellung zwar ſecundär, aber weſentlicher als das Denken iſt, auf die Autorität als letzten Beweisgrund zurück und als dieſe Verflechtung von Gefühl, Vorſtellung und Denken heißt die Religion Glaube. Ueberwindet aber das Denken die Reflexion, geht es hinter die Autorität zurück und löst es ſo den unfreien Schein auf, ſo iſt die Religion in das ſcheinloſe, begriffsmäßige Denken des Inhalts, alſo in die Wahrheit im engeren Sinne (§. 28) übergegangen. Bleibt daneben die Religion noch im Beſtand, ſo iſt wenigſtens die Abweichung des Schönen von ihr, wie ſolche im Gegenſatz gegen jenes unreine Denken bereits noch deutlicher hervortritt, vollendet.

Das Denken in völliger Abhängigkeit von der Religion, die Scholaſtik, gieng allerdings neben der Blüthe der Vorſtellung unſchädlich her. Sobald es aber kritiſch wurde, ſo entbanden ſich die auflöſenden Keime in der Scholaſtik und wiewohl es noch nicht die letzten Conſequenzen zog, hörte doch die Religion bereits auf, ein wahrer Stoff der Kunſt zu ſeyn. Klopſtocks Meſſias und die reflectirte Abſichtlichkeit der neueren religiöſen Malerei beweist dies. Die Niederländer hatten ſchon im ſieb -172 zehnten Jahrhundert einen richtigeren Inſtinct. Die ganze Unmöglichkeit aber, daß Kunſt und Religion nicht ganz auseinander fallen, tritt in dem Momente ein, wo dieſes ſeine Conſequenzen gezogen und den Schein als Schein erkannt hat, denn nunmehr geht die Religion ſelbſt in die freie, denkende Bildung auf. Ob dieſe eine neue Religionsform ohne die ver - wechſelnde Vorſtellung aus ſich erzeugen, ob es einen Cultus ohne dieſe Verwechslung geben könne, iſt eine Frage, welche die Zukunft zu löſen hat. Mit der Religion im urſprünglichen Sinne aber, d. h. mit jener verwechſelnden Vorſtellung, hat die Kunſt nunmehr entſchieden gebrochen.

§. 68.

Was nun das Wahre betrifft, ſo ergänzt ſich, nachdem das Schöne als die reine Form oder die vollkommene Mitte begriffen iſt, worin der Gegenſatz des Allgemeinen mit der in ihm gegebenen Regel und des Einzelnen als eines ſinnlich und zufällig beſtimmten erliſcht, auch die Beſtimmung des Verhältniſſes zwiſchen ihm und dem Schönen. Der in §. 28 aufgeſtellte Satz iſt nun, wenn der Begriff der Wahrheit zunächſt wieder im weiteren Sinne gefaßt wird, zu beſchränken, wenn aber im engeren Sinne, umzukehren. Die Beſchränkung heißt: was wahr iſt, iſt darum noch nicht ſchön. Die Umkehrung lautet: das Wahre iſt nicht mehr ſchön, alſo iſt nichts Wahres ſchön.

Wahrheit im weiteren Sinne heißt ein Gehalt, der, wenn er in’s Denken erhoben ſeyn wird, ſich vor demſelben als wirklich und vernünftig rechtfertigen wird, der aber noch nicht in jenes erhoben iſt. Ein ſolcher Gehalt iſt alles Lebenskräftige und Tüchtige. Derſelbe iſt aber darum noch nicht ſchön, denn er muß erſt in die reine Form aufgehen. Wahrheit im engeren Sinne heißt begriffener, wirklich in’s Denken erhobener und durch dasſelbe gerechtfertigter Gehalt. Das Denken nun als ſolches hebt eben den Schein unmittelbaren Zuſammenfallens der Idee mit einem Ein - zelnen, wodurch beide einander völlig decken, auf; alſo iſt die Schönheit nicht mehr, ſie iſt aufgelöst, und nichts in dieſem Sinne Wahres kann ſchön heißen. Man ſpricht von ſchönen Gedanken, ſoll aber dieſer Aus - druck berechtigt ſeyn, ſo kann er nicht methodiſche Gedanken bezeichnen, ſondern Blitze des Geiſtes, die ſich in Ahnung und Phantaſie einhüllen, alſo noch mit ſinnlicher Hülle verwachſen ſind. Wahrheit im erſten Sinn wird mit Wahrheit im zweiten Sinn verwechſelt, wenn man meint,173 Hegel vorwerfen zu müſſen, daß er dem Schönen die philoſophiſche Idee unterſchiebe (vergl. §. 15, Anm. 1). Uebrigens gehen aus dem Inhalte dieſes Paragraphen wichtige Folgeſätze für die Kunſt hervor. Das reine Weſen des Schönen iſt überall aufgehoben, wo ein als Wahrheit aus - geſprochener Gehalt ſich neben die ſinnliche Form in einem Kunſtwerke ſtellt, ſtatt ganz in Form geſetzt zu ſeyn und in ihr aufzugehen. Die Form wird dadurch blos Vehikel; die Begriffsbeſtimmung in §. 14 iſt verletzt und es entſteht Zwitterkunſt, die in das Gebiet der blos an - hängenden Schönheit gehört (§. 23).

§. 69.

Da die ſtrenge Wahrheit jene Mitte auflöst, da ſie alſo trennt, was die Schönheit vereinigt, ſo ſcheint dieſe höher als jene. Allein die Wahrheit trennt überhaupt alle Einheit im ganzen Umfange der wirklichen Idee nur, um ſie als Einheit wahrhaft zu begreifen, und ſo hebt ſie auch die beſondere Einheit des Schönen, den Schein nämlich eines unmittelbaren reinen Zuſammenfallens der Idee mit dem Einzelnen, nur auf, um auch ihn in ſeiner Nothwendigkeit zu denken. Wenn die Schönheit den Gegenſatz des Allgemeinen und Einzelnen ſcheinbar auf Einem Punkte löst, ſo löst ihn die Wahrheit überhaupt und im Ganzen. Die Wahrheit ſetzt nicht das Allgemeine und Nothwendige und läßt das Einzelne und Zufällige liegen, ſie begreift jenes in dieſem, für den auf - gelösten Schein der unmittelbaren Einheit gibt ſie die ſcheinloſe vermittelte Einheit; aber ebendarum begreift ſie unter den Formen der Löſung jenes Ge - genſatzes auf die äſthetiſche in ihrem Recht und Grund wie in ihrem Mangel. Nothwendig aber iſt dasjenige höher, was das Andere zum Gegenſtand macht und begreift.

Der Streit über die Rangordnung des Schönen und Wahren wurde zur Zeit der Reflexionsphiloſophie zu Gunſten des Erſten entſchieden. Obwohl Kant das Aeſthetiſche vor allen Begriff ſetzt (ſ. d. Einl. §. 5 Anm.) und demnach der Begriff, weil er darüber kommt und es als ſeinen Gegenſtand begreift, folgerichtig einen höheren Platz einnehmen muß, ſo ſtand es doch eben mit dem Begriffe in dieſer Philoſophie ſo, daß er weder die Einheit der Idee und der Wirklichkeit überhaupt, welche dem Schönen zu Grund liegt, noch die ſcheinbare beſondere Einheit im Schönen begriff, ſondern nur zu einer Ahnung derſelben ſich erhob; daher mußte das Schöne über den Begriff geſtellt werden. Nur174 in der Lehre von der geiſtigen Kraft, wodurch das Schöne als Kunſt geſchaffen wird, wurde für Kant jene Ahnung zum klaren Ge - danken; im Genie wagt er Natur und Geiſt als Eines zu faſſen. Der Künſtler aber, der ſich unmittelbar in dieſer Einheit fühlt, fand in der philoſophiſchen Ueberſchätzung des Schönen einen erwünſchten Anhalts - punkt. Schiller ſagt, der Philoſoph ſey immer blos ein halber, nur der Dichter der ganze Menſch. Dieſe Frage über die Perſönlichkeit des Künſtlers verglichen mit der des Philoſophen iſt zwar nicht ganz die - ſelbe mit der allgemeinen philoſophiſchen unſeres §. Denn nach der Art menſchlicher Dinge kann immer die Beſchäftigung mit dem rein All - gemeinen, wie ſehr es ihre Aufgabe iſt, dies eben im Einzelnen zu be - greifen, die ſinnlichen Kräfte im Philoſophen abſtumpfen und ihn hindern, die Durchdringung der Gegenſätze, die er begreifen ſoll, auch an ſich ſelbſt darzuſtellen. Wenn die Perſönlichkeit durch das beſtimmt wird, was das Weſen der Sphäre iſt, der ſie angehört, ſo muß eigentlich auch hier ſich erproben, was an ſich wahr iſt. Man muß dabei die ganze Perſönlichkeit zuſammenfaſſen ſowohl in der ſpezifiſchen Thätigkeit ihrer Sphäre, als im Uebrigen. Was jene betrifft, ſo iſt der Künſtler die unmittelbare Einheit, die er im Werke darſtellt, ſelbſt. Sie iſt aber als unmittelbare eine relativ unbewußte, wie ſich in der Lehre von der Phantaſie näher zeigen wird; das Unbewußte kann aber nicht höher ſtehen als das Bewußte. Weil nun im Scheine des Schönen das Zufällige der Einzelheit nur momentan und ſcheinbar überwunden iſt, wird den Künſtler im Leben die Zufälligkeit als innere Unbewußtheit verfolgen. Göthe, ſpezifiſch mehr Dichter als Schiller, ließ ſich in eine Zerſplitterung ſeiner Kräfte hineinziehen, die er ſelbſt beklagt. Künſtler und Dichter ſuchen im Nebel ihren Weg, ſind launiſch, eigenſinnig. Auch Kant erwähnt dieſe Seite (Kr. d. äſth. Urtheilskr. §. 42) und Schnaaſe (Geſch. d. bild. Künſte, Th. 1, S. 14) vergißt nicht, der Schattenſeite der Schönheit zu gedenken, die ſich in dem reizbaren Gemüthe der Künſtler geltend mache, die aber auch oft, wo nicht immer, ſelbſt ihren Werken einen, wenn auch nur leiſen, Anflug der Wehmuth verleihe. Wenn dagegen der Philoſoph Phantaſie, Gefühl, Leichtigkeit, Energie des Augenblicks nicht in ſich ausbildet, ſo iſt dies nicht unmittelbarer Aus - fluß des Weſens ſeiner Sphäre, denn er wäre ein ſchlechter Philoſoph, wenn er den Werth der Sinnlichkeit und der Wirklichkeit nicht zu ſchätzen wüßte. Der Künſtler wird faſt nothwendig das ſtrenge Denken und alles Methodiſche verkennen, der Philoſoph aber wird Raum in ſich haben, dies175 und den heiteren Schein, die Beweglichkeit ſeines ſinnlichen Elements, den Blitz der Erfindung gleichmäßig in ihrem Werthe zu erkennen; aber freilich die Kürze eines Menſchenlebens und die Schranke aller menſchlichen Dinge wird ihn hindern, das Erkannte in der eigenen Perſönlichkeit durchzuführen.

In Widerſpruch mit dem Obigen ſcheint es zu ſtehen, daß Schelling, der den Dualismus des Reflexions-Begriffs überwand, dennoch zuerſt die Schönheit unbedingt über die Wahrheit ſetzte. Allein er überwand ihn zunächſt eben in der Form vorauseilender Ahnung und Phantaſie, war ſelbſt ein Dichter in der Sphäre der Philoſophie, und ſo war ihm die Kunſt die höchſte Ineinsbildung des Idealen und Realen, der Freiheit und Nothwendigkeit, des Bewußten und Unbewußten, die Löſung eines unendlichen Widerſpruchs. Da in der Philoſophie ſelbſt dieſe Löſung nur durch Phantaſie gefunden war, ſo mußte die Kunſt natürlich auch über die Philoſophie geſtellt werden. Im Syſtem des tranſcenden - talen Idealismus (S. 468 ff. ) ſprach daher Schelling noch folgende Sätze aus: obgleich die Wiſſenſchaft in ihrer höchſten Function mit der Kunſt Eine und dieſelbe Aufgabe hat, ſo iſt doch dieſe Aufgabe wegen der Art, ſie zu löſen, für die Wiſſenſchaft eine unendliche, ſo daß man ſagen kann, die Kunſt ſey das Vorbild der Wiſſenſchaft, und wo die Kunſt ſey, ſolle die Wiſſenſchaft erſt hinkommen. Die Wiſſenſchaft geht von einem Prinzip aus, das als das abſolut Identiſche ſchlechthin nicht objectiv iſt und doch durch Begriffe nicht aufgefaßt und dargeſtellt werden kann. Die Kunſt allein liefert durch die allgemeine und von allen Menſchen anerkannte Objectivität einer unmittelbaren Anſchauung den Beweis, daß das abſolut Identiſche, an ſich weder Sub - noch Objective, welches der Inhalt einer nur intellectuellen Anſchauung iſt, keine blos ſubjective Täuſchung ſey. Die äſthetiſche Anſchauung iſt die objectiv gewordene intellectuelle. Die Einbildungskraft hebt einen unendlichen Gegenſatz in einem endlichen Producte auf. Die Kunſt iſt daher das einzige wahre und ewige Organon zugleich und Document der Philoſophie, welches immer und fortwährend auf’s Neue beurkundet, was die Philo - ſophie äußerlich nicht darſtellen kann, nämlich das Bewußtloſe im Handeln und Produciren und ſeine urſprüngliche Identität mit dem Bewußten. Die Kunſt iſt ebendeswegen dem Philoſophen das Höchſte, weil ſie ihm das Allerheiligſte gleichſam öffnet, wo in ewiger und urſprünglicher Ver - einigung gleichſam in Einer Flamme brennt, was in der Natur und Geſchichte geſondert iſt und was im Leben und Handeln ebenſo wie im Denken ewig ſich fliehen muß. Die Philoſophie, ſo wie ſie in der176 Kindheit der Wiſſenſchaft von der Poeſie geboren iſt, wird nach ihrer Vollendung in den Ocean der Poeſie zurückfließen. Ganz ähnlich ſagt Schiller (über d. äſth. Erz. d. Menſchen Br. 25), die Schönheit allein könne die unendliche Einheit der Materie und Form, der Be - ſchränkung und Unendlichkeit beweiſen. Allein die Kunſt kann ja die höchſte Einheit nur darum ſtets vollendet objectiv darſtellen, weil ſie dieſelbe nicht im letzten Grunde wahrhaft löst, ſondern nur auf der Oberfläche ſcheinbar. Dennoch hat auch die Kunſt ihre Geſchichte, weil ſie nie fertig wird, die Einheit in immer neuer tieferer und breiterer Weiſe zu faſſen. Die Philoſophie aber iſt vielmehr eine wahrhaft objective Durchführung der Einheit, denn das Objectivſte iſt der Gedanke und ſein Bau als Form iſt von der Objectivität in der Schönheit gerade nur dadurch verſchieden, daß er die reine durchſichtige Form alles Ob - jectiven iſt. Fertig iſt zwar auch ſie niemals, allein die Thätigkeit, die auf den letzten Grund zurückgeht, iſt mit jedem Schritte auf tiefere Weiſe ein Ganzes, als diejenige, welche nicht bis dahin dringt, welche den tiefſten Widerſpruch nicht nennt. Schelling ſelbſt hat jedoch ſeine Anſicht verändert. In den Vorleſ. über die Meth. des ak. Stud. (S. 313 ff. ) iſt anerkannt, daß die Kunſt, obgleich ganz abſolut, voll - kommene Ineinsbildung des Realen und Idealen, ſich doch ſelbſt wieder zur Philoſophie verhalte, wie Reales zum Idealen. „ Erſt in dieſer löst der letzte Gegenſatz des Wiſſens ſich in die reine Identität auf u. ſ. w. In das Innere der Kunſt kann wiſſenſchaftlich kein Sinn tiefer eindringen, als der der Philoſophie, ja der Philoſoph ſieht in dem Weſen der Kunſt ſogar klarer, als der Künſtler ſelbſt zu ſehen vermag. Inſofern das Ideelle immer ein höherer Reflex des Reellen iſt, inſofern iſt in dem Philoſophen nothwendig auch noch ein höherer Reflex von dem, was in dem Künſtler reell iſt u. ſ. w. Der Künſtler, da in ihm dasſelbe Prinzip objectiv iſt, was ſich in dem Philoſophen ſubjectiv reflectirt, verhält ſich darum auch zu jenem nicht ſubjectiv oder bewußt, nicht als ob er nicht gleichfalls durch einen höheren Reflex ſich desſelben bewußt werden könnte: aber dies iſt er nicht in der Qualität des Künſtlers. Als ſolcher iſt er von jenem Prinzip getrieben und beſitzt es darum ſelbſt nicht u. ſ. w. Wie der Philoſoph die Kunſt ſogar bis zu der geheimen Urquelle und in die erſte Werkſtätte ihrer Hervorbringungen ſelbſt verfolgen könne, iſt nur vom rein objectiven Standpunkte oder von dem einer Philoſophie aus, die nicht im Idealen zu der gleichen Höhe mit der Kunſt im Realen geht, unbegreiflich. “

177

Dieſer letzte Satz iſt die rechte Antwort für diejenigen, welche Hegel angreifen, weil er die Philoſophie über die Kunſt geſetzt. Dieſe Angriffe gehen von der Meinung aus, der Philoſoph laſſe das Einzelne und Zufällige vom Allgemeinen weg, und da die Kunſt dieſe Gegen - ſätze bindet, ſo muß nun freilich die Philoſophie einſeitig ſeyn, ein Schattenweſen, grau in grau u. ſ. w. In ſtrengerer Form hat Weiße dieſe Angriffe vorgetragen. Seine Anſicht, welche ſchon in der Einleitung (§. 5 und 15 Anm.) beurtheilt werden mußte, faßt ſich am einfachſten in den Worten zuſammen, daß ſich das Schöne zum Wahren wie Urtheil zum Begriff verhalte (Aeſth. §. 12). Allein welche Subſumtion des Einzelnen unter das Allgemeine iſt die höhere, welche copula iſt die wahrhaft bindende: diejenige, welche blos ſcheinbar in ein Einzelnes die ganze Fülle des Allgemeinen fallen läßt, oder diejenige, welche das All - gemeine als die Macht begreift, die — ob zwar nur im unendlichen Fort - gang — alles Einzelne, wie ſie es geſetzt und in der Verflechtung der End - lichkeit dem Zufalle überantwortet hat, wirklich auch wieder in das Ihrige umwandelt und einſammelt? diejenige, welche ſtatt deſſen blos jenen Schein gibt, oder diejenige, welche auch dieſen Schein und ſeine Nothwendigkeit als letzte und höchſte, aber ebenfalls der tieferen und umfaſſenderen Vermittlung verfallende Form unmittelbarer Syntheſe begreift? Die Oppoſition gegen den höchſten Rang der Philoſophie vergißt immer und immer wieder, daß dieſe das Sinnliche nicht läugnet und wegläßt, ſondern durchdringt und ſo freilich als ein Solches darthut, worin ſchließlich ſich nichts aufzeigen läßt, was nicht Gedankenbeſtimmung wäre; ſie träumt von einer ungeformten Materie als Gegenſatz des Gedankens und ſetzt dieſe höher als den Gedanken. Voll von Klagen über das Tödtende des Begriffs iſt die Aeſthetik von Theod. Mundt. Der Begriff habe „ wie ein Nachtgeſpenſt das volle heiße Leben in ſeinen Armen erdrücken müſſen und dies Vergehen der Geſtalt in den Begriff hinein ſollte dann als das wahre Leben zurückbleiben! “u. drgl. In Wahrheit iſt vielmehr nichts lebendiger und Leben bringender als der Gedanke. Je weniger er zunächſt das Unmittelbare ſchont, je mehr er es „ zerfrißt und verzehrt, “um ſo ſicherer wird er, ohne ſein abſichtliches Zuthun, nachdem er ſich in das Bewußtſeyn der Zeit eingearbeitet hat, von ſelbſt wieder eine unmittelbare Macht und ſo hat er, nicht aber der ſchmeichelnde Schein des Schönen, das Ungeheuerſte in der Geſchichte bewirkt. In dieſem Buche, das von allen Entdeckungen der neueren Wiſſenſchaft mit affectirter Phraſenfülle leicht den Schaum abſchöpft, um bei der oberflächlichen Bildung die reine Arbeit in den Tiefen des Ge -Viſcher’s Aeſthetik. 1 Bd. 12178dankens anzuſchwärzen, herrſcht die trübſte Confuſion über die Begriffe des Unmittelbaren und Vermittelten. Allen denjenigen aber, welche die Kunſt bedauern, weil eine Zeit, welche vorzüglich im Gedanken arbeitet und ſelbſt die Durchführung desſelben in der Wirklichkeit, nach der ſie ſich ſehnt, auf gedankenmäßige Weiſe ſucht, allerdings zunächſt ihre Blüthe nicht begünſtigen kann, muß die ſichere Ausſicht zum Troſte dienen, daß die neue Geſtalt der Zeiten, welche hervorgehen wird, wenn erſt der Gedanke ohne viel Gerede vom Modernen, vom Unmittelbaren und von der That durch ſeine innere Nothwendigkeit eine praktiſche Macht geworden ſeyn wird, von ſelbſt auch wieder eine neue Kunſt hervortreiben muß.

Durch die §§. 56 — 69 iſt nunmehr die Stellung der Aeſthetik im Syſtem der philoſ. Wiſſenſchaften, wie die Einl. ſie angab, gerechtfertigt.

Der ſubjective Eindruck des Schönen.

§. 70.

1

Nachdem ſo das Schöne als allgemeiner Begriff in ſeinen Momenten entwickelt iſt, ſchließt es ſich auch nach außen auf; eine Beziehung, welche durch §. 12 und 13 bereits geſetzt iſt, aber nunmehr aus dem Gegenſtande ſelbſt mit2 Nothwendigkeit hervorgeht. Dieſer Gegenſtand nämlich iſt Erſcheinung der Idee in der Begrenztheit eines Einzelweſens. Durch den Begriff der Erſchei - nung iſt aber in dem Gegenſtande, welcher erſcheint, das Subject, dem er er - ſcheint, weſentlich mitgeſetzt, und zwar zunächſt als Sinnenweſen, das dieſelbe ſinnliche Beſtimmtheit, die im Gegenſtande als durchdrungen von der Idee3 erſcheint, ihm als lebendiges Organ entgegenbringt. Das Schöne iſt für Jemand da, es erwartet und fordert den Anſchauenden, und dies widerſtreitet auf keine Weiſe der durch die Abſolutheit ſeines Gehalts ihm zukommenden Selbſt - genugſamkeit und in ſich ruhenden Sättigung; denn ein Anderes iſt, mit Noth - wendigkeit wirken, ein Anderes, eine eitle Wirkung eitel ſuchen.

2. Die §§. 12 und 13 machten das allgemeine Geſetz des Geiſtes geltend, daß ihm, was nirgends und überall, niemals und immer wirklich iſt, irgendwo und irgendwann erſcheine. Dadurch wurde das Schöne als Gegenſtand erſt gefordert. Die Geneſis der Phantaſie wird weiter zeigen, daß dieſer Gegenſtand nur von demſelben Geiſte, dem er er - ſcheinen ſoll, durch eine beſtimmte Thätigkeit geſchaffen werden kann. In der Metaphyſik des Schönen darf dieſer Geneſis nicht vorgegriffen werden, ſie darf, wie ſchon mehrfach berührt iſt und ſich im Verlaufe179 noch ſtrenger erweiſen ſoll, nur in abſtracter Allgemeinheit ausführen, was das Schöne enthalten muß. Das Schöne iſt ohne ein Subject zum voraus gar nicht da: dies liegt implicite im Bisherigen und darf noch nicht explicirt werden, wenn nicht gegen alle richtige Ordnung der Be - griffe der vorhandene Schein, als bleibe der ſtörende Zufall zufällig auch einmal aus und laſſe der Gattung Luft, ein reines Exemplar zu ſchaffen, vor der Zeit zerſtört werden ſoll; iſt aber das Schöne einmal geſetzt, ſo liegt in ſeinem Begriffe weſentlich dies, daß es einem Subjecte erſcheine: dies kann und muß jetzt ſchon explicirt werden.

2. Ruge (Neue Vorſchule der Aeſthetik) iſt es, der mit treffender Dialektik das Schöne als ein weſentliches Zuſammengehen des Objects und Subjekts aufzeigt. Er geht aber in ſeiner Entwicklung ſogleich von dem ganzen Begriffe des Schönen aus, während wir nun analytiſch verfahren und das Zuſammengehen zuerſt nur als ein ſinnliches faſſen, um erſt hierauf den ſinnlichen Eindruck durch Rückgang auf den Ideen - Gehalt des Objects in einen geiſtigen zu erheben. In doppeltem Sinne iſt es der ganze Begriff, von welchem Ruge ausgeht. Er faßt das Sinnliche im Schönen ſogleich als Medium des darin eingeſchloſſenen geiſtigen Gehalts: eben dieſe Beſtimmung wird auch hier, aber erſt im Verlaufe eintreten. Er faßt aber das Schöne zugleich vorneherein als Solches, was, eben weil es Einheit von Geiſt und geiſtig durch - drungener Materie, alſo ein Perſönliches iſt, auch von der Perſönlichkeit geſchaffen, d. h. Kunſt iſt. Dieſe Seite wird aus dem unter 1. ge - nannten Grunde in unſerer Entwicklung noch nicht ausgeführt. Aber die erſte Seite genügt auch, denn als ein Perſönliches haben wir das Schöne bereits ſeinem reinen Gehalte nach und abgeſehen noch von der Perſönlichkeit als Urheberin desſelben in der Kunſt gefaßt in §. 19.

Hier wird alſo die Nothwendigkeit des mitgeſetzten ſubjectiven Mo - ments einfach abgeleitet von dem Begriffe der Erſcheinung, worin das Subject, dem etwas erſcheint, ſchon miteingeſchloſſen iſt. Dasſelbe Sinn - liche, das im Gegenſtande als reine Form wirkt, iſt in der weiten Welt überall, im Subject aber als Organ, wodurch das außer ihm vorhandene Sinnliche Gegenſtand für es wird, als Sinnlichkeit. Das Schöne will und muß geſchaut ſeyn, auch Göthe nimmt dies ſubjective Moment in den Begriff des Gegenſtandes auf, wenn er ſagt: das Schöne iſt das geſetzmäßig Lebendige in ſeiner größten Vollkommenheit Schauen. Von Ruge kann hier ſchon das geiſtreiche Wort angeführt werden, das er vom Komiſchen braucht, das aber ebenſo vom Schönen überhaupt gilt12*180(a. a. O. 264): „ an ſich exiſtirt das Lächerliche gar nicht, es iſt ein Wechſel auf Sicht, und ſeine Exiſtenz iſt der Augenblick, wo er honorirt wird. “ Man laſſe ſich an dieſer Wahrheit nicht durch gemeinen Verſtand irre machen, indem man ſich einbildet, einen vorhandenen ſchönen Gegen - ſtand ſich vorſtellen zu können, als ſehe ihn Niemand. Denn indem ich mir ihn vorſtelle, ſo ſehe ich ihn (innerlich) und nur ſo als geſehenen nenne ich ihn ſchön. Ich habe auch wirklich oder Andere haben Gegen - ſtände von derſelben Art der Schönheit geſehen und im letzteren Fall haben dieſe mir das Bild zum inneren Sehen überliefert; ich verſetze mich, indem ich es ſchön nenne, in das Sehen dieſer Andern hinein oder, im erſten Falle, in mein eigenes zurück. Das allgemeine Weſen, welches das Schöne ſchafft, ſorgt aber auch dafür, daß das Schöne ge - ſehen werde. Unzähliche Blumen verwelken ungeſehen, aber wir könnten von ihnen gar nicht reden, wenn nicht unzähliche andere geſehen würden, ſo daß wir die nicht geſehenen uns vorſtellen können: und in dieſem Augenblick erſt können dieſe ſchön heißen. Es iſt dafür geſorgt, daß es Menſchen gibt und Augen. Soll aber einmal vorausgeſetzt ſeyn, daß jenes allgemeine Weſen nur die Kunſt ſey: dieſe beſtimmt ja ihr Werk ausdrücklich für die Anſchauung. Ginge jedoch ein Werk zu Grunde, ehe es irgend Jemand geſehen, ſo hat es doch der Künſtler geſehen und in dieſem iſt dasſelbe Sehen wie in denen, für die es beſtimmt war. So lange es aber nicht geſehen wird, iſt es nur Stein, Farbe u. ſ. w. Es iſt ſchwer, dies zu denken, denn indem ich mir das Werk vorſtelle, iſt es ſchon nicht mehr dies, ſondern ſchön, weil es den Zuſchauer hat. — Die ganze Erörterung führt auf den abſoluten Kreis des Bewußtſeyns, aus dem wir nicht heraus können, noch ſollen. Es iſt gegen die Phi - loſophie von Kant bis Hegel neuerdings der Angriff auch ſo gewendet worden, daß ſie Alles als Bewußtſeyn conſtruire. Allein im Kriege ſchießt man mit Fleiß auf die Leute. Da es kein Seyn gibt, außer für das Bewußtſeyn, ſo iſt es eben die Aufgabe der Philoſophie, das Bewußtſeyn zum Ganzen zu erweitern und das beſtimmte Bewußtſeyn als Act des abſoluten Bewußtſeyns zu begreifen. Wie nun aber Alles nur in dem Bewußtſeyn und durch dasſelbe iſt, ſo auch das Schöne.

3. Aus dieſer Nothwendigkeit im Schönen, vermöge deren der Zu - ſchauer in ihm mitgeſetzt iſt, folgt noch keine Aufhebung ſeiner in ſich beſchloſſenen, auf ſich ruhenden Sättigung. Dieſe fehlt nur dem Schein - bilde des Schönen, von welchem im weiteren Zuſammenhang die Rede ſeyn wird.

181

§. 71.

Welche Organe der Sinnlichkeit hiebei betheiligt ſeyen, kann allerdings nicht beſtimmt werden, ohne daß gemäß der Beſtimmung in §. 54 und 55 vor - ausgeſetzt wird, daß das Sinnliche in dem ganzen Acte nur ein Moment iſt. Ausgeſchloſſen nämlich ſind diejenigen Sinne, welche durch unmittelbare Be - rührung und Zerſetzung den Gegenſtand auf die blos ſinnliche Luſt und Unluſt beziehen: Taſtſinn, Geruch und Geſchmack. Dagegen dringen Geſicht und Gehör als freie und ebenſoſehr geiſtige wie ſinnliche Organe nicht auf die materielle Zuſammenſetzung ein, ſondern laſſen den Gegenſtand als Ganzes beſtehen und auf ſich wirken; er wird als Object frei gegenübergeſtellt und dieſer Gegenſatz frei aufgehoben. Daher ſind nur dieſe Sinne zur Aufnahme des Schönen berufen.

Der Taſtſinn fordert unmittelbare Berührung, Hingleiten über die Oberfläche mit den Fingerſpitzen und ſo nimmt er Wärme und Kälte, Glätte und Rauheit, Weichheit und Härte u. ſ. w. wahr. Ich kann ſo allerdings über die ganze Geſtalt hingleiten und mich ihrer Formen und Wendungen verſichern, allein ich bekomme nur eine nach der andern, nicht das Ganze; die Wirkung bleibt alſo ſtoffartig, was gegen §. 54 und 55 iſt. Das Zuſammenfaſſen in Einem Act iſt nur Sache des Auges. Wenn der Blinde dennoch durch Taſten ſich des Schönen als reiner Form verſichern könnte, ſo müßte, falls er blind geboren iſt, ein ahnendes inneres Sehen, falls nicht, eine Erinnerung des Sehens angenommen werden. Weil aber das bloſe Taſten ſtoffartig aufnimmt, ſo bezieht es den Gegenſtand ſogleich auf die Begierde. Allerdings iſt jedoch im Sehen der Taſtſinn als ein vergeiſtigter mitgeſetzt, denn wir ſehen nicht blos Licht und Farbe, ſondern auch Form im engeren Sinn, Art der Textur, ſelbſt Ton der Wärme oder Kälte. Der Geſichtsſinn trägt den über ſich ſelbſt erhobenen Taſtſinn in ſich. Ungebildete be - gnügen ſich damit nicht, ſondern ſetzen den Taſtſinn in ſeiner erſten Bedeutung aus dem Geſichtsſinn heraus und befühlen Statuen und Gemälde.

Der Geruch nimmt ſeine Stoffe auf, in die ſich ein Körper ver - flüchtigt; er iſt alſo auf dieſen als einen ſich zerſetzenden bezogen und ſo iſt auch er durchaus ſtoffartig, höchſt apprehenſiv, Neigung und Abneigung raſch bewirkend, und beſonders dient er dem Ernährungstriebe. Allerdings hat er auch eine feinere Bedeutung; gewiſſe Wohlgerüche rufen Bilder182 in der Phantaſie auf, welche mit reinen Gefühlen der Erinnerung und Sehnſucht unmittelbar verknüpft ſind, eckelhafter Geruch kann am rechten Orte ein Grauſen äſthetiſcher Art verſtärken. Allein theils iſt dabei der Geruch nur ein Mitwirkendes und nicht das Organ des Ganzen, theils fragt ſich erſt, ob in einem wahrhaft äſthetiſchen Zuſammenhang ein wirklicher oder wirklich dargeſtellter Geruch vorkommen darf (wie z. B. das bei Darſtellungen der Auferweckung des Lazarus häufig von Malern angebrachte Motiv, daß ſich ein Zuſchauer die Naſe zuhält), ob nicht vielmehr nur ein innerlich vorgeſtellter; denn dieſen Sinn wie alle andern werden wir als innerlich geſetzten wiederfinden.

Der Geſchmack zerſetzt, dient der Ernährung, iſt unmittelbar mit ſinn - licher Luſt und Unluſt verbunden; er kann in gewiſſen Verbindungen aller - dings auch in einem äſthetiſchen Ganzen mitwirken, aber nur unter denſelben einſchränkenden Bedingungen, wie der Geruch. Die Sinne ſind überhaupt, wie bereits vom Taſtſinn bemerkt iſt, nichts Iſolirtes, ſie ſind Zweige Eines Sinnes, können theilweiſe die Stelle von einander vertreten, klingt der eine an, ſo klingt der andere als Erinnerung, als beglei - tender Ton, als unſichtbare Symbolik mit, und ſo ſind allerdings auch die unedleren derſelben nicht ausgeſchloſſen. Uebrigens können dieſe ſtoffar - tigen Sinne, wie der Begierde und Abneigung, ebenſo der wiſſenſchaftlichen Zergliederung dienen, ſind aber in beiden Fällen gleich außeräſthetiſch.

Die eigentlich äſthetiſchen Sinne aber ſind Geſicht und Gehör. Sie laſſen beide den Gegenſtand in ſeiner Objectivität und ruhen nicht auf der dunkeln, ſtoffartigen Verwicklung des Subjects mit dem Object. „ Die andringende Materie iſt ſchon hinweggewälzt von den Sinnen und das Object entfernt ſich von uns, das wir in den thieriſchen Sinnen unmittelbar berühren “(Schiller). Hegel nennt ſie daher die theoretiſchen, Schleiermacher (Aeſth. 93) willkürliche Sinne. Er verſteht dies ſo, daß ſie einer Thätigkeit, die von innen ausgeht, fähig und, ohne afficirt zu ſeyn, Geſtalten und Töne zu pro - duciren im Stande ſeyen. Er ſagt daher, es gebe ein inneres Sehen und Hören, von dem Riechen und Schmecken aber läugnet er zwar nicht ſchlechtweg, daß ſie auch innerlich thätig ſeyn können, ebenſo vom Taſt - ſinn, deſſen innerliche Mitthätigkeit in der Sculptur er zugibt, dagegen ſpricht er ihnen die Fähigkeit ab, auf Geheiß des Willens von innen Geſtalten - bildend thätig zu ſeyn. Je klarer nun in den zwei edleren Sinnen die Scheidung, um ſo tiefer auch das Eindringen, die Aufhebung der Fremd - heit zwiſchen Subject und Object; denn dieſe Aufhebung iſt geiſtig, iſt183 ein ſinnliches Denken. Der Geſichtsſinn umſpannt das Ganze der Geſtalt, er nimmt die Totalwirkung der Oberfläche in ſich auf, ſowohl in der Beſtimmtheit ihrer inneren und äußeren Grenzen, wie ſich Alles klar voneinander abſetzt und abbebt, hintereinander verſchiebt, (wobei er eben zugleich als höherer Taſtſinn wirkt), als auch in der ſtrengen Zuſammengehörigkeit der Theile oder Glieder Eines Körpers, hinter welche zerlegend in das ſtoffartig Innere zu treten er nur durch beſondere Veranlaſſung, ſey es der Umſtände oder des Willens, beſtimmt wird. Dann wirkt er nicht mehr äſthetiſch, wie er denn überhaupt nicht noth - wendig und nicht allein äſthetiſch wirkt; wir müſſen ihn an anderer Stelle wieder aufnehmen. Er dient, wenn er in das zerlegte Innere eingeführt wird, in die ſtoffartige Miſchung eines Körpers, entweder der unmittelbaren Luſt und Unluſt, wie die niedrigeren Sinne, oder dem wiſſenſchaftlichen Zwecke. Durch die Veränderung der Verſchiebungen nimmt aber der Geſichtsſinn auch die Bewegung wahr, und da dieſe zugleich Urſache des Tones iſt, ſo ſteht er dem Gehörsſinn nahe, der überhaupt in ihm mitgeſetzt auch bei nicht wirklichem Hören als ein innerliches Hören von Tönen wunderbar in ihm mitwirkt. Der Gehörsſinn für ſich kann auch ſtoffartig wirken, wenn der Körper nicht in reinem Zuſammenklange ſeiner Stoffe erzittert, ſondern dieſe in ihrer Materialität hindurchklingen. Im Zuſammenklang aber vernimmt er frei und objectiv, wie der Geſichtsſinn das Ganze eines Körpers, freilich in anderer Weiſe, ſo nämlich wie er in der Seele des Tons ſeine Räumlichkeit in die Zeitlichkeit aufhebt. Auf dieſem Punkte treten nun ſchwierige Fragen ein, welche auf die Eigenthümlichkeit führen, durch welche die Muſik von allen andern Künſten ſich unterſcheidet. Hier nur ſo viel: der Gehörſinn ſcheint einerſeits wieder, da im Tone ſich die Objectivität der Geſtalt aufhebt, in die dunkle Tiefe zu zeigen, worin Subject und Object verſchlungen ſind, andererſeits iſt er als Vernehmen des articulirten Tons ſo geiſtig, daß er über das Aeſthetiſche hinaus - geht und nur Vehikel für dasſelbe wird: die Muſik wird zwiſchen dieſe Pole in die Mitte treten. Uebrigens wie das Gehör das Geſicht, ſo begleitet das Geſicht als eine Art von Schluß aus dem Ton auf die Geſtalt und ihre Bewegung, auch wo nicht wirklich geſehen wird, das Gehör.

Es iſt, obwohl wir hier die Künſte noch nicht kennen, kaum mög - lich, die Frage zurückzuweiſen, wie es ſich denn mit der Poeſie verhalte, welche durch kein ſinnliches Organ (da das Gehör oder im Leſen das184 Geſicht nur Vehikel iſt) aufgenommen wird. Die Antwort iſt aber in dem Satze vorbereitet, daß alle Sinne als innerlich geſetzte wiederkehren; ein Satz, der jedoch erſt in der Lehre von der Phantaſie ſeine Auefüh - rung zu erwarten hat. Hier iſt es dann auch, wo die ſtoffartigen Sinne als mitanklingende Saiten äſthetiſche Berechtigung erhalten werden. Dies Zuſammentönen aller Sinne iſt aber nichts Anderes, als der Reflex des Ineinanderſeyns aller Beſtimmtheiten der ſich verwirklichenden Idee.

§. 72.

Die ſinnliche Beſtimmtheit des Gegenſtands iſt aber nichts Anderes, als die durchſichtige Form der in ihm erſcheinenden Idee. Die Idee iſt abſolute Thätigkeit und daher Bewegung im weiteſten Sinne; der Gegenſtand erſcheint daher weſentlich als ein bewegter. Dieſe Bewegung iſt aber zugleich eine Be - wegung zum Subjecte, das wie der Gegenſtand wirkliche Idee in der Form ſinnlicher Beſtimmtheit iſt. Nun iſt aber im Gegenſtande die Form von der Idee ſo durchdrungen, daß ſeine Zufälligkeit freigelaſſen und in die Idee mit vollkommener Zwangloſigkeit harmoniſch aufgenommen iſt. Das Subject ſucht die - ſelbe freie Harmonie und dieſem Suchen fließt der Gegenſtand durchaus homogen entgegen, indem er es durch die Sinnlichkeit und in derſelben geiſtig erfüllt und befriedigt. Dieſe Bewegung im Schönen als harmoniſches Hinüberfließen in das Subject heißt Anmuth oder Grazie.

Leſſing hatte zuerſt die Anmuth (er ſagt: Reiz, wovon nachher) als Schönheit in der Bewegung definirt (Laocoon Cap. 21). Er meint wirkliche Bewegung, die er ausdrücklich der bloſen Form und Farbe entgegenſtellt. Schiller (Anmuth und Würde) faßt den Begriff ebenſo, er beſtimmt nur genauer, welche Bewegung die anmuthige ſey. Wie Leſſing hat er hiebei nur den Menſchen im Auge. Er unterſcheidet nun die Anmuth von der durch die Natur geſchenkten architektoniſchen Schönheit der feſten Formen und ſucht ihren inneren Grund in der Schönheit der Scele, welcher die Tugend zur Neigung, zur Natur ge - worden iſt, in dem harmoniſchen Gemüthe, in welchem zum ſittlichen Impulſe die Sinnlichkeit frei und unbewußt zuſtimmt; ihre Erſcheinung aber findet er in denjenigen Bewegungen, welche die willkürlichen un - willkürlich begleiten als Ausdruck weder einer ausdrücklichen Willensbe - ſtimmung noch eines bloſen Naturtriebs, ſondern der unbewußt mitan - klingenden Empfindung, und welche er daher die ſympathetiſchen nennt185 (Mienenſpiel, Gebärden beim Sprechen, Linie des Arms, wenn er nach etwas greift u. ſ. w.). Solche Bewegungen werden endlich habituell und bilden feſte Züge, auch die Anmuth wird ſo ſchließlich zur architek - toniſchen Schönheit. In dieſer Entwicklung erſcheint die Anmuth als ein perſönliches Verdienſt, ſie iſt „ Schönheit der Geſtalt unter dem Einfluſſe der Freiheit “, es iſt „ eine Art Zulaſſung, eine Gunſt, die das Sittliche dem Sinnlichen erzeigt “. Es gibt allerdings eine Anmuth, welche Tren - nung der Triebe und des Willens, Kampf und Verſöhnung, alſo Ver - dienſt vorausſetzt. Göthes Iphigenie iſt eine ſchöne Seele, die ge - kämpft hat. Allein dieſe erworbene Anmuth muß auch abgeſehen davon, daß das Erworbene erſt, wenn es zur andern Natur geworden, als Anmuth erſcheint, was auch Schiller nicht verkennt, ſchon vor dem Kampf als Anlage und Talent, als Inſtinet in der Natur liegen, und dieſer Inſtinet der Harmonie in ſeiner Erſcheinung iſt ebenfalls nicht ein blos Sinnliches, ſondern ein ſittlich Sinnliches; nicht nur Iphigenie, auch die medizeiſche Venus iſt anmuthig. Im Kampfe ſelbſt könnte ſich dieſer Tact des harmoniſchen Spiels nicht erhalten, wenn er nicht vorher als Natur da wäre. Iſt er nun in der Natur da, ſo wird er auch da ſeyn, wo das Sittliche und Sinnliche überhaupt noch gar nicht zu ſcheiden ſind, wie im Kinde. Iſt er da, wo beide noch nicht zu ſcheiden ſind, ſo kann er auch da ſeyn, wo die Möglichkeit einer Scheidung durch die Grenzen der Gattung abgeſchnitten und in eine höhere Gattung hinaus - verlegt, doch dämmernd angekündigt iſt: in der Thierwelt. Man kann thieriſche Bewegungen, wie des elaſtiſchen Pferdes, des liebkoſenden Hundes ganz wohl anmuthig nennen. Iſt nun dieſer Anklang des Seelenſpiels im Thiere, ſo kann ihn die Ahnung auch in der unbeſeelten Natur finden und Säuſeln der Bäume, Spiel der Wellen anmuthig nennen. Erweitert ſich ſo der Begriff der Anmuth über das ganze Reich der Schönheit, ſo iſt er aber auch nach einer andern Seite noch zu eng. Kann nämlich nach Schiller die Gewohnheit des ſchönen Spiels zur habituellen, feſten Form werden, ſo muß dieſes Spiel als ein ſolches, deſſen Talent wir ſchon in die Natur ſelbſt ſetzen müſſen, auch ohne wirkliche Bewegung ſich im Körper ankündigen, und zwar nicht nur durch die Erwartung ihres wirklichen Eintritts, ſondern im Schwunge der feſten Formen ſelbſt, ohne daß man an wirkliche Bewegung denkt. Die Linien des ſchönen Körpers, auch wenn er ruht, fließen für das Auge, und dies liegt nicht nur im Acte des Sehens, ſondern ſie ſind an ſich eine Wirkung bauender und im Bauen den Stoff wirklich be -186 wegender Kräfte. Das Schöne überhaupt iſt nichts Ruhendes, denn ſein Inneres iſt die Idee, welche abſolutes Leben und daher bauende Bewegung iſt. Ganz wirkliche Bewegung iſt der Ton; nun erinnere man ſich, daß für den fühlenden Zuſchauer ſelbſt die ſtarren Formen der Architectur zu fließen und im Fließen zu tönen ſcheinen: ſo klingt fließend das ganze Reich der Schönheit. Allerdings kann bei einem ſchönen menſchlichen Körper jene (Schiller’ſche) Anmuth des Spiels im engeren Sinne ausbleiben; davon iſt anderswo zu reden, es hindert aber nicht, den Fluß der ſchönen Formen ebenfalls, im weiteren Sinne, anmuthig zu nennen. So iſt die Anmuth zunächſt im Gegenſtande als Ausdruck der lebendigen Bewegung der Idee erklärt. Dieſe Bewegung durchdringt den Stoff, aber durchaus liberal, ſo daß ſeiner Zufälligkeit kein Zwang angethan wird. Nun erwäge man, daß im Subjecte die - ſelbe Idee als Geiſt lebt und wirkt. Das Subject wird nach §. 70 vorausgeſetzt. Es iſt nun zwar in ihm daſſelbe vereinigt, was im Schönen, Geiſt und Sinnenweſen; aber im Schönen ſind beide rein von - einander durchdrungen, während das Subject zunächſt das empiriſche Subject iſt, von welchem nicht erwartet werden kann, daß dieſe freie Harmonie in ihm vollzogen ſey. Davon wird ausdrücklich die Rede werden. Das empiriſche Subject wird alſo die Harmonie ſuchen. Was es ſucht, muß es — als Möglichkeit — in ſich tragen. Im Schönen findet es das vollendet, was in ihm unvollendet iſt. So be - rühren ſich beide als ſchlechthin homogene Weſen, deren das eine dem anderen ergänzend entgegenkommt. Daher iſt die innere Bewegung im ſchönen Gegenſtande zugleich eine Bewegung nach dem Subjecte hin und dieſer Bewegung kommt das Subject ſuchend entgegen. Dieſes Herüber und Hinüber iſt die Anmuth. Der deutſche Name hebt mehr das innerlich Gemüthvolle, der römiſche (und der griechiſche: χάρις) mehr die Be - friedigung des reinen Formgefühls hervor.

§. 73.

1

Es iſt dies die Grazie des Schönen überhaupt, welche die in der Idee begründete Hohheit weſentlich in ſich ſchließt und von einer Abzweigung und einer Abart wohl zu unterſcheiden iſt. Die erſtere entſteht, wenn das Schöne in ſeine Gegenſätze auseinandertritt, wo denn im Unterſchiede von der allge - meinen Grazie, welche den Formen des Gegenſatzes bleibt, die Grazie im engeren Sinn vorzüglich derjenigen Erſcheinung beigelegt werden wird, in welcher187 die Idee einen an ſich wenig widerſtrebenden Stoff durchdringt und daher in ſpielender und anſchmiegender Leichtigkeit der Bewegung ſich äußert. Beſchränkt ſich der Stoff auf ein Geringſtes, ſo geht ſie in Zierlichkeit und Niedlichkeit über. Die Abart aber tritt dadurch ein, daß, da das Schöne dem Subject2 zuerſt ſinnlich entgegenkommt, dieſe erſte Wirkung ſich unter gewiſſen Bedin - gungen dem wahren Uebergang in die zweite geiſtige entziehen und an die Stelle derſelben eine zurückgetretene Sinnlichkeit ſetzen kann, deren Darſtellung und Aufregung als Reiz in dem übeln Sinne eines reflectirten Kitzels zu bezeich - nen iſt.

1. Sollte der Begriff der Anmuth abgegrenzt und insbeſondere der Vorwurf einer Vorwegnahme abgewieſen werden, ſo war es nicht mög - lich, eine andere in dieſem §. zu vermeiden. Es iſt nämlich herkömmlich, die Anmuth der Würde entgegenzuſtellen. Da nun hier das Gebiet der Schönheit überhaupt vorliegt, worin ſich das Erhabene noch gar nicht abgeſondert hat, ſo könnte die Meinung entſtehen, es ſey hier dieſer Sonderung vorgegriffen und was nur von einer gegenſätzlichen Art des Schönen gilt, dem ganzen Schönen beigelegt. Allein hier iſt die Rede von der Anmuth, welche die Großheit in ſich ſchließt und ſelbſt der kecken Auflehnung des Kleinſten gegen das Große, dem Komiſchen, eigen iſt; von der Anmuth, die der Venus von Melos ebenſoſehr als der medi - zeiſchen, ja jener noch mehr, als dieſer, dem Manne wie dem Weibe zukommt, von der Anmuth, welche die Rondaniniſche Meduſe wie die komiſche Maske hat, Aeſchylus wie „ der ungezogene Liebling der Grazien “. Hier iſt alſo kein Vorgriff: die Grazie gehört allen Formen des Schönen. Tritt nun aber das Schöne in ſeine Gegenſätze ausein - ander, ſo wird, weil das Große, wiewohl ohne die Grazie im weiteren Sinn abzuwerfen, ſich als Erhabenes abſondert, dieſem aber das Komiſche entgegentritt, welches zwar in allem Kampfe ſeines Widerſpruchs ebenfalls ſo gewiß ſeine Grazie behauptet, als es die bekämpfte Idee zugleich rettet, neben dieſen beiden eine Geſtalt ſich zeigen, welcher allerdings auch, wenn ſie ſchön heißen ſoll, ein Ausdruck deſſen inwohnen muß, was Quelle aller Großheit iſt, aber doch in ſo kampfloſer und harmloſer Weiſe, daß das Anſchmiegende und Entgegenkommende der Anmuth ausdrücklich hervor - ſpringt, wie namentlich im Weibe im Gegenſatz gegen den Mann. Dieſe Erſcheinung hat man gewöhnlich im Sinne, wenn man von Anmuth ſpricht; aber die wahren Kenner der Schönheit behalten die Grazie mit voller Groß - heit vor Augen, welche den Jupiter mehr umfließt, als den Ganymed,188 und ſie ſchätzen die Venus von Melos höher als die medizeiſche. Nur dies iſt Vorwegnahme, daß dieſe Erſcheinung der harmloſeren Grazie hier beſon - ders erwähnt wird. Die Vorwegnahme iſt aber unerheblich, denn dieſe kampfloſe Geſtalt iſt zu unſelbſtändig, um im vorliegenden allgemeinen Theile als eine beſondere Form des Schönen aufgeſtellt zu werden. Wir nennen zwar das einfach Schöne, wie es in dieſem erſten Abſchnitte vorliegt, auch ein kampfloſes Schöne, aber darunter verſtehen wir das Schöne überhaupt, wie es den Kampf nur noch nicht als wirklichen bereits in ſich trägt; wogegen ſolche Geſtalten, welche in den Kampf gar nicht über - gehen, in welchen ſo zu ſagen das Glück der Kindheit fixirt iſt, erſt in den Sphären der in Natur und Kunſt wirklich daſeyenden Schönheit beſonders zu erwähnen ſind. — Dieſe beſchränktere Form der Grazie ſteht ſchon jenem leichten Spiele nahe, deſſen Weſen darin beruht, einen Stoff quantitativ auf ein Minimum zu reduziren und ihm dennoch eine beziehungsweiſe Fülle von Form aufzuprägen: das Niedliche und Zierliche, was ein nicht zu ver - achtender Nebenzweig des Schönen, aber mehr als Schmuck und Zugabe ganzer Schönheit, denn als ſelbſtändig Schönes zu betrachten iſt. An dieſer Stelle geht aber das Schöne bereits in ein Gebiet über, wo ſich geſchichtliche Standpunkte, im vorliegenden Fall moderne Vorurtheile und Modebegriffe einmiſchen, durch die das Schöne mit dem Eleganten ver - wechſelt wird, was ſich zum Schönen verhält, wie die Arbeit des Schnei - ders und der Putzmacherin zum Werke des Bildhauers.

1. Hier geht der Vorgriff weiter und führt eine falſche Form, ein Afterbild der Armuth ein, das ſchon ganz dem beſtimmten Daſeyn des Schönen in der Menſchenwelt und der Kunſt angehört, aber zur Ab - grenzung des Begriffs hier ſchon genannt werden muß. Nicht vom bloſen Sinnenreiz iſt hier die Rede, denn dieſer iſt gar nicht äſthetiſch, ſondern von Formen und Bewegungen, welche auf die Phantaſie wirken und von dieſer ausgehen, aber ſo, daß das geiſtige Bild, das ſie hinter ihrer Form verbergen und dem Beſchauer zuführen, nur das Sinnliche wiederholt, und war, weil innerlich geſetzt und in’s Innere geworfen, um ſo pikirter und raffinirter. Das Bild behält einen Theil der Dar - ſtellung des Sinnlichen zurück, deutet ihn aber an, läßt den Zuſchauer merken, daß er im Bewußtſeyn des ſich darſtellenden Subjects verborgen lauſcht, und wirft ihn ſo auch ihm in’s Bewußtſeyn: die Grazie der Ballet-Tänzerin, die Muſe Wielands und häufig der Franzoſen, die ſeine Muſter ſind, wogegen die καλλίπυγος in Neapel, die Ueppigkeiten Ovids und[] die bekannte Scene im Titurel Unſchuld ſind.

189

§. 74.

Die erſte Wirkung des Schönen iſt alſo zwar ſinnlich, aber nur im Be -1 griff, in der Zeit kaum augenblicklich trennbar von der zweiten, welche geiſtig iſt, aber ſo, daß ſie die erſte, ſinnliche, völlig in ſich aufnimmt, wodurch das Verhältniß ſich umwendet. Das Sinnliche wird ſo die reine Mitte, durch welche der im Object und der im Subject lebendige Geiſt zuſammengeht, und indem ſich durch ſeine flüſſige Vermittlung die in §. 72 ausgeſprochene freie Harmonie bewirkt, ſo iſt das Schöne nicht nur überhaupt, im Sinne von §. 19, ſondern gemäß ſeiner reinen Form im Sinne zwanglos vollendeten Einklangs perſönlich in ebeademſelben, vom ethiſchen wohl zu unterſcheidenden, Sinne perſonbildend. Zuſammengefaßt mit dieſer Wirkung auf das Subject iſt nun2 das Schöne zu beſtimmen als die ſich ſelbſt erſcheinende oder ſich ſelbſt an - ſchauende Idee, der durch die Mitte des angeſchauten Bildes ſich mit ſich ſelbſt zuſammenſchließende Geiſt (Ruge).

1. „ Wodurch das Verhältniß ſich umwendet “. Was der Zeit nach zuerſt wirkt, iſt die ſinnliche Beſtimmtheit des ſchönen Gegenſtands, und was ihr zuerſt begegnet, die Sinnlichkeit des Subjects. Allein in die erſtere iſt völlig und ohne Reſt die Idee ergoſſen, welche das eigentlich Weſenhafte und Thätige im ganzen Gegenſtande iſt. Daher iſt auch im anſchauenden Subjecte die Sinnlichkeit nur in einer unendlich kleinen Zeit - dauer für ſich betheiligt, der Geiſt eilt alsbald durch ſie dem Geiſte im Gegenſtand zu. Von einer ſtumpfen und rohen Betrachtungsweiſe, die ſich aus der reinen Geſtalt nichts entnimmt als ſinnlichen Reiz, kann hier nicht die Rede werden, ſie fällt der Moral zu. Nun iſt alſo auch im Subjecte die geiſtige Erhebung das Weſentliche, dem Werthe nach Erſte. Im Object und Subject iſt nun der Geiſt zwar das Durch - dringende, das Sinnliche das Durchdrungene, aber dies Durchdrin - gen und Durchdrungenwerden iſt nicht ein Zwang, der ausgeübt und gelitten wird, ſondern harmoniſches Durchfließen; das Sinnliche iſt daher hier die zwang - und widerſtandsloſe, reine Mitte zwiſchen Geiſt und Geiſt; Mitte, nicht Mittel. Der Gehalt im Gegenſtand und der Geiſt im Subjecte ſchickt ſich das Sinnliche voraus; aber nicht, um es ſofort wie einen bloſen Boten zu entlaſſen, ſondern nur durch es und in ihm begrüßen ſich beide Geiſter. In §. 19 wurde das Schöne als Perſön - lichkeit beſtimmt, aber nur im Sinne des ſittlichen Gehaltes, der in ihm erſcheint. In Abſchnitt C. wurde erſt entwickelt, wie dieſer Gehalt rein190 in die Form aufgeht. Nachdem dieſe Entwicklung erfolgt iſt, hat Perſön - lichkeit, wenn das Schöne als ſolche beſtimmt wird, einen anderen Sinn. Im Ethiſchen nämlich führt ſich der Wille durch die ſinnliche Beſtimmtheit nur mit Widerſtand und Kampf durch. Dieſer Kampf kann und muß auch Inhalt des Schönen ſeyn, aber die Darſtellung dieſes und jedes anderen Gehalts im Schönen iſt kampflos, iſt (vgl. §. 72) völlig liberal. Es iſt keine Nothwendigkeit vorhanden, den Begriff der Perſönlichkeit weſentlich in dieſem Sinne kampfloſer Harmonie zu faſſen, denn eigentlich bleibt er ein ethiſcher Begriff, und wenn die Ethik als höchſtes Ziel allerdings auch die höchſte Leichtigkeit des Guten hinſtellt, ſo ſtellt ſie doch auch dieſes Ziel unter den Geſichtspunkt des Sollens; aber er kann ſo gefaßt werden und es iſt hier am Orte, weil dadurch ein ſehr zweckmäßiger Ausdruck für die Wirkung des Schönen gewonnen wird, der Ausdruck nämlich, den Schleiermacher von der Wirkung des religiöſen Urbildes braucht: perſonbildend. Wie durch dieſes die Einheit zwiſchen dem abſoluten und dem relativen Bewußtſeyn, zwar innerlich und ohne Rückſicht auf Form, ſo wird durch das Schöne die Einheit des geiſtigen Gehalts mit aller ſinnlichen Erregung durch die reine Form und als reine Form im Subjecte begründet. In der empiriſchen Wirk - lichkeit ſind wir abwechſelnd ſinnlich auf Koſten des Geiſtes und geiſtig auf Koſten der Sinnlichkeit; jenes iſt wild, dieſes barbariſch. Im Schönen ſehen wir dieſen Zwieſpalt, ehe er in uns ethiſch-praktiſch ge - löst iſt, aufgehoben. Dies iſt zunächſt rein anticipirender Genuß. Der reale Menſch „ ſchwankt zwiſchen ſeinem Urbild und ſeinem Zerrbild “ſagt Schleiermacher. Dies Schwanken iſt aufgehoben im Schönen; der momentane Genuß dieſer Anſchauung muß aber nothwendig auch praktiſch in uns fortwirken. Das Schöne tritt ausfüllend in jene Kluft; es ſpannt an und löst zugleich, es ſtählt und erweicht, es weist ab und lockt an, es erſchreckt, wie nach Plato der Weiſe erſchrickt, wenn er durch das Abbild des Schönen an das Urbild erinnert wird, und es löst dieſen Schrecken in volle Vertraulichkeit auf, es bildet ganze Menſchen. Vergl. die treffliche Darſtellung Schillers am Schluſſe des 15ten Briefes in ſ. Abhandlung über die äſthet. Erz. des Menſchen, beſonders die geiſtvollen Worte über die Juno Ludoviſi. Uebrigens faßt Schiller in Br. 11 den Begriff: Perſon anders als wir. Die reine Freiheit, das beharrende Ich im Subjecte nennt er Perſönlichkeit, das Wechſelnde der ſinnlichen Beſtimmtheit Zuſtand: die Schönheit ſoll beides verſöhnen. Es muß aber erlaubt ſeyn, auch dieſe verſöhnte Einheit Perſönlichkeit zu191 nennen. Uebrigens hat Schiller auch die Wahrheit ſchon ausge - ſprochen, daß das Schöne, indem es angeſchaut wird, aufhört, bloſer Gegenſtand zu ſeyn (a. a. O. Brief 25): „ die Schönheit iſt zugleich Gegenſtand für uns und Zuſtand unſeres Subjects. Sie iſt zwar Form, weil wir ſie betrachten, zugleich aber iſt ſie Leben, weil wir ſie fühlen. Mit einem Wort: ſie iſt zugleich unſer Zuſtand und unſere That “. Nur hat er dies blos pſychologiſch erklärt. —

1. Die ſpeculativ zuſammenfaſſende Schlußbeſtimmung iſt von Ruge: „ Das Sinnliche und Aeußerliche der Erſcheinungswelt, welches die Idee zeigt, iſt ſchön, es kann ſie aber nicht zeigen, als in der Anſchauung des Geiſtes; die Schönheit alſo iſt die Idee, ſofern ſie ſich ſelbſt durch ihr Aeußeres erſcheint “(Neue Vorſch. d. Aeſth. S. 33). „ Die Idee, welche ſich ſelbſt ausdrückt, iſt die Schönheit. Die Idee kann ſich aber nicht ausdrücken, ohne ſich ausgedrückt zu finden, darum iſt es daſſelbe, ob ich ſage: die ſich ausdrückende oder die ſich anſchauende Idee “(S. 33. 34). „ Die Schönheit iſt Geiſt für den Geiſt, durch die Außenwelt ſich bewirkend “(S. 43). Dieſe Sätze begründet Ruge durch jene Dialektik (vgl. §. 70, 2), worin er zeigt, daß und wie in dem Object das Subject ſich ſelbſt findet, der Geiſt, der ſich in jenem ausdrückt und der dieſen Ausdruck anſchaut, derſelbe iſt. Spiegel und Spiegelbild ſind hier Eines. Wir können dieſe Beſtimmungen hier aufnehmen, obwohl Ruge den Geiſt, der das Aeußere zum reinen Ausdrucke des Inneren umbildet, in ſeiner Entwicklung aus - drücklich als die Thätigkeit der Phantaſie oder Kunſt einführt; denn es genügt in dieſem abſtracten Theile des Syſtems, zu wiſſen, erſtens, daß der Gehalt im Schönen die lebendige Idee iſt, zweitens, daß dieſe Idee in der ſinnlich beſtimmten Einzelheit rein aufgehen muß, ſo daß es „ keine ſelbſtändige Außenwelt, kein dem Geiſte fremdes Aeußeres mehr gibt “, wie Ruge ſagt; obwohl wir noch nicht wiſſen, wie das Organ heißt und beſchaffen iſt, das dieſe Tilgung des Fremden bewerkſtelligt, oder ob nicht ſogar ohne ein ſolches Organ von ſelbſt jenes Geſchehen eintreten könne, wodurch mit Beſeitigung des ſtörenden Zufalls die günſtigen Bedingungen zur Herſtellung eines vollkommenen Individuums ſich frei entwickeln können. Wenn uns aber unſer Gang zur Geneſis deſſen führen wird, was dieſe Vollkommenheit wahrhaft be - werkſtelligt, ſo werden wir durch den Begriff des reinen Scheins und die ſtrenge Abgrenzung des Schönen gegen das Gute gewonnen haben, daß wir dieſen realen Grund nicht ethiſirend faſſen, wie dies (§. 19, 2) an Ruge’s Darſtellung getadelt wurde; ein Tadel, der ſich insbeſondere192 auf die Ausführung in Ruge’s Vorſch. S. 48 — 51 bezieht, wo jede liebevolle Vertiefung in die Natur, welche mehr in dieſe legt, als ſie hat, in die Perſönlichkeit, welche hinter dem Aeußeren derſelben den in - neren Werth findet u. ſ. w., als hinreichender Grund des ſchöpferiſchen Schauens behauptet wird, woraus das Schöne entſteht. „ Alle Handlung, alle Bethätigung des Geiſtes, die zur Erſcheinung kommt, iſt umgedichtet in Schönheit, ſobald ſie nur in ihrer Wahrheit, d. h. mit dem wahren Sinne angeſchaut wird “(S. 50). Darin iſt das ſpezifiſch Aeſthetiſche ganz verwiſcht.

§. 75.

1

Die äſthetiſche Stimmung im Subjecte iſt als Reflex des Objects auch für ſich betrachtet eine reine Mitte der gegenſätzlichen Formen ſeiner Thätigkeit. 2Dieſe Mitte iſt von Kant als ein freies Spiel und die damit verbundene Luſt als ein reines Wohlgefallen beſtimmt worden, d. h. als ein ſolches, das jedes Intereſſe ausſchließt. Das Intereſſe nämlich geht hinter die reine Form zurück auf den Gegenſtand als Stoff (vergl. §. 54) und iſt mit einem Wohlgefallen verbunden, welches „ nicht blos durch die Vorſtellung des Gegenſtands, ſondern zugleich durch die vorgeſtellte Verknüpfung des Subjects mit der Exiſtenz des - ſelben beſtimmt wird “. Dies „ ſetzt Bedürfniß voraus oder bringt eines hervor und als Beſtimmungsgrund des Beifalls läßt es das Urtheil über den Gegen -3 ſtand nicht mehr frei ſeyn “(Krit. d. äſth. Urth. §. 5). Das Schöne iſt daher nicht mit dem Intereſſanten zu verwechſeln. Alles Wohlgefallen dieſer unfreien Art kann mit Kant pathologiſch, das freie äſthetiſche aber contemplativ ge - nannt werden.

1. „ Als Reflex des Objects. “ Wir mußten zuerſt ein Object haben, ehe wir die ſubjective Stimmung, die es hervorruft, zergliedern und ab - grenzen konnten. Kant hat das Letztere mit klaſſiſcher Schärfe voll - bracht, wiewohl es bei ihm an einer objectiven Beſtimmung des Schönen gänzlich fehlt. Dieſe konnte er nicht finden, weil er mit dem Begriffe der Zweckmäßigkeit nicht fertig zu werden wußte (§. 43). Er ſucht daher das Schöne rein ſubjectiv in jener Stimmung der Gemüthskräfte, worin die unbeſtimmte Vorſtellung der Zweckmäßigkeit vom Verſtande der Ein - bildungskraft zugeſchoben wird. Man fragt nothwendig: wie kommt es denn, daß ein Gegenſtand dieſe Stimmung hervorruft, ein anderer nicht? Darauf weiß Kant keine Antwort und er ſtellt ſich auch die Frage nicht. Deßwegen nicht, weil er, wie ſchon bemerkt, unbewußt bereits auf den ſub -193 jectiven Idealismus hinarbeitet, welcher das Schöne überhaupt nur als eine Art, die Dinge zu ſehen und danach ſelbſt Dinge hervorzubringen, welche ſo geſehen ſeyn wollen, zu begreifen hat. Allein wenn wir auch das Berechtigte im ſubjectiven Idealismus feſthalten und ihn über ſich hinaus dahin ſteigern, daß der ſubjective Geiſt als Moment des abſo - luten begriffen wird, ſo iſt das Schöne doch nur ſo zu entwickeln, daß dieſer Geiſt gefaßt wird zuerſt als derjenige, welcher eine objective Welt hervorbringt, die ſo beſchaffen iſt, daß ihr Spiegelbild im Subjecte zu einem äſthetiſchen werden kann, wogegen Kant ganz aus - drücklich das Ganze nur ſubjectiv beſtimmt. „ Was an der Vorſtellung eines Objects blos ſubjectiv iſt, d. i. ihre Beziehung auf das Subject, nicht auf den Gegenſtand ausmacht, iſt die äſthetiſche Beſchaffenheit der - ſelben “(a. a. O. Einl. Abſchn. VII. u. and.). Dagegen haben wir nun, nachdem wir die metaphyſiſche Möglichkeit des Schönen auf das - jenige, was Kant innere Zweckmäßigkeit nennt, als auf ein objectives Prinzip begründet und in das ſo begründete Schöne freilich das Subject mitbegriffen haben, den Vortheil, alle Momente der Beſtimmtheit des Eindrucks, welchen das Schöne hervorbringt, und von welchem Kant den wahren Grund nicht angeben kann, als die einfache Kehrſeite des Gegenſtandes, als die ſubjectiv gewendete Beſchaffenheit deſſelben entwickeln zu können. Es iſt nur eine Ueberſetzung des Objectiven in’s Subjective, aber eine nothwendige.

2. Das „ freie Spiel “erſcheint bei Kant freilich nur als ein Spiel der Erkenntnißkräfte (a. a. O. §. 9), er meint es nur im Gegen - ſatz gegen das Gebundene und Bindende im logiſchen Urtheil; er hätte es aber wohl in dem weiten Sinne nehmen dürfen, daß er alle Merk - male des äſthetiſchen Wohlgefallens im Gegenſatze auch gegen das prak - tiſche dadurch bezeichnete. Man könnte nun gegen die Anwendung dieſes Begriffes auf das Schöne freilich vorbringen, er ſey zu niedrig, da im Spiele eine blos verſtändige Ordnung und eine blos ſinnliche Befriedi - gung durcheinander gehen; doch muß der Begriff auch höher gefaßt werden dürfen. Schiller vertheidigt ihn (Ueber d. äſth. Erz. d. M. Br. 15): „ Dieſen Namen rechtfertigt der Sprachgebrauch vollkommen, der Alles das, was weder ſubjectiv noch objectiv zufällig iſt und doch weder äußerlich noch innerlich nöthigt, mit dem Worte Spiel zu bezeichnen pflegt. Da ſich das Gemüth bei Anſchauung des Schönen in einer glücklichen Mitte zwiſchen dem Geſetz und Bedürfniß befindet, ſo iſt es eben darum, weil es ſich zwiſchen beiden theilt, dem Zwange ſowohlViſcher’s Aeſthetik. 1. Bd. 13194des einen als des andern entzogen. Dem Stofftriebe wie dem Formtriebe iſt es mit ihren Forderungen ernſt, weil der eine ſich, beim Erkennen, auf die Wirklichkeit, der andere auf die Nothwendigkeit der Dinge bezieht; weil, beim Handeln, der erſte auf Erhaltung des Lebens, der zweite auf Bewahrung der Würde, beide alſo auf Wahr - heit und Vollkommenheit gerichtet ſind. Aber das Leben wird gleich - gültiger, ſo wie die Würde ſich einmiſcht, und die Pflicht nöthigt nicht mehr, ſobald die Neigung zieht: ebenſo nimmt das Gemüth die Wirk - lichkeit der Dinge, die materielle Wahrheit, freier und ruhiger auf, ſo - bald ſolche der formalen Wahrheit, dem Geſetz der Nothwendigkeit, be - gegnet, und fühlt ſich durch Abſtraction nicht mehr angeſpannt, ſobald die unmittelbare Anſchauung ſie begleiten kann “u. ſ. w. — Das Schöne iſt eine weſentliche Erweiterung des Menſchen. „ Mit dem Ange - nehmen, mit dem Guten iſt es dem Menſchen nur ernſt; aber mit der Schönheit ſpielt er. “ Man dürfe ſich nicht an die gewöhnlichen Spiele erinnern, durch das Ideal der Schönheit ſey auch ein Ideal des Spiel - triebs gegeben. „ Die Vernunft thut den Ausſpruch: der Menſch ſoll mit der Schönheit nur ſpielen und er ſoll nur mit der Schönheit ſpielen. Denn der Menſch ſpielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Menſch iſt und er iſt nur da ganz Menſch, wo er ſpielt. “ Schiller ſtellt die reine Mitte der äſthetiſchen Stimmung in der genannten Ab - handlung in mannigfaltigen beredten Wendungen, bald Kantiſche, bald Fichte’ſche Terminologie aufnehmend, aber auch mit ſelbſtändigen tiefen Beſtimmungen dar; ſo gelangt er (Br. 21) zu dem Reſultate, daß im äſthetiſchen Zuſtande der Menſch gleich Null ſey, weil jede beſondere Determination fehle, aber (Br. 22) ebenſoſehr, wenn man auf die Summe der Kräfte achte, die hier mit Auslöſchung ihres Gegenſatzes gemeinſchaftlich thätig ſeyen, höchſte Realität: die unendliche Möglichkeit, Anlage, die Integrität der Menſchheit iſt uns zurückgegeben und daher die Schönheit unſere zweite Schöpferin.

Die weiteren höchſt fruchtbaren Beſtimmungen Kants ſ. a. a. O., außer der Einl., §. 2 — 6. Bedürfniß ſetzt auch das ſittliche Intereſſe voraus, obwohl ſein Gegenſtand abſolut iſt; das Subject trägt das Sitten - geſetz, ohne ihm empiriſch zu entſprechen, in ſich und ſucht daher im Gegenſtande nicht die Form, ſondern einen Gehalt, an dem es ſich erhebe.

3. Kant nennt nur das ſinnliche Intereſſe ein pathologiſch (durch Anreize, stimulos) bedingtes. Mit Recht aber haben ſchon Schiller und Göthe in ihrem bekannten Sprachgebrauche jedes, auch das mora -195 liſche, religiöſe Intereſſe am Schönen pathologiſch genannt, wovon nach - her weiter zu ſprechen iſt. Der Ausdruck wurde übrigens von dieſen bereits auch auf das Object angewendet. Iſt nämlich der Geiſt, der ein ſchönes Werk hervorzubringen ſucht, mit dem Inhalte deſſelben ganz oder theilweiſe unfrei verwachſen, ſo weiß er ihn nicht von ſich zu löſen und zur reinen Form herauszubilden. Davon iſt die Folge, daß auch der Anſchauende das Werk nicht als reine Form genießen kann, ſondern den Urheber dazu nehmen muß, deſſen Zuſtände ihm nun als bloſer Stoff (der Neigung, Abneigung, Beobachtung u. ſ. w.) intereſſant ſeyn mögen. Das Objective und Subjective ſind alſo auch hier nur die Kehrſeiten voneinander. Intereſſant heißt zunächſt ganz allge - mein, was aus der Reihe des Gewöhnlichen heraustritt, dadurch über - raſcht und anzieht. Das Schöne nun tritt aus der Umgebung des Gewöhnlichen allerdings heraus; allein es iſt eine reine Harmonie, in welche das Gewöhnliche, freilich über ſich ſelbſt erhoben, mitaufgenom - men iſt; es iſt daher einfach und reizt keine vereinzelte Kraft im Zu - ſchauer zur Thätigkeit. Das Intereſſante aber reizt eine vereinzelte Kraft auf und der Grund davon iſt, daß es ſelbſt ein Vereinzeltes iſt, d. h. daß es aus dem Gewöhnlichen nicht durch die Einfalt der Vollkommenheit hervor - ſticht, ſondern durch die Abnormität der Einſeitigkeit. Nun nehme man dazu das Unruhige, Unzufriedene einer gährenden, verſtimmten, ſubjectiven Zeit, wie die moderne, ſo leuchtet ein, daß ſie vorzüglich das Schauſpiel der Ver - ſtimmung anziehend finden wird, man erwäge ferner, daß die verſtimmte Perſönlichkeit, die ſich als Schauſpiel gibt, vermöge der Subjectivität der Zeit dieſen Eindruck hervorzubringen ſuchen und der Zuſchauer, weil er ebenſo iſt, dieſem Suchen entgegen kommen wird: ſo hat man den Begriff des Intereſſanten, wie ihn der Sprachgebrauch beſtimmt hat.

Den Ausdruck contemplativ hat ebenfalls Kant zuerſt gebraucht a. a. O. §. 5.

§. 76.

Das Intereſſe, das auf den Stoff im eigentlichen Sinne (§. 55) geht, iſt ein1 ſinnliches und die aus ſeiner Befriedigung entſpringende Luſt ein Wohlgefallen am Angenehmen; dasjenige, welches auf die Idee als Gehalt abgeſehen von ihrem Aufgegangenſeyn in die reine Form bezogen iſt, ein ſittliches und die Luſt ein Wohlgefallen am Guten (vergl. 56 — 60). So verſchieden dieſe beiden Arten des Intereſſes und Wohlgefallens ſind, ſo ſind ſie doch beide von der äſthetiſchen13*196Stimmung ausgeſchloſſen und, ſofern auch die Idee als bloſer Gehalt Stoff ge - nannt werden kann (§. 55, Anm. 2) beide ſtoffartig. Eine ſittliche Wirkung2 wird aber das Schöne abſichtslos und mittelbar allerdings zurücklaſſen. Die Auffaſſung unter dem Standpunkte der Zweckmäßigkeit, welcher zur einen oder andern dieſer beiden Formen das Intereſſe gezählt werden kann, iſt aus denſelben Gründen im Schönen unzuläſſig.

1. Das treffendſte Beiſpiel dafür, wie das äſthetiſche Intereſſe durch das ſinnliche aufgehoben wird, iſt das von der Eßluſt, das Kant §. 5 anführt. Wer Eßluſt hat, kann für die geſchmackvolle Form aufgeſtellter Speiſen (welche freilich nicht in das eigentliche Gebiet des Schönen gehört, doch im Sinn des Schmucks einen Anſatz davon hat) keinen Sinn haben, vielmehr er ſtrebt durch den Geſchmackſinn in das Innere, Stoffartige einzudringen. Die Eßluſt löst ihm ſchon im Sehen die Form auf. Angenehm iſt nun freilich ein feinerer Begriff, der nicht blos grobſinnlichen Genuß, ſondern, z. B. in geſelliger Unter - haltung, eine unbeſtimmte Vermiſchung ſinnlicher und theoretiſch oder praktiſch geiſtiger Genüſſe bezeichnet. Allein auch das Ganze dieſer unbeſtimmten Miſchung iſt ſinnlich zu nennen, ſofern es der Eine ſo, der Andere anders darin hält, alſo das Subjective mit ſeinen Neigungen und Abneigungen, wobei blos Sinnliches immer mitunterſpielt, dabei die Hauptrolle übernimmt. Eine ganz artige Auseinanderſetzung dieſer ganzen im engeren Sinn ſtoffartigen Weiſe des Intereſſes gibt Kant a. a. O. §. 2 von den Worten: Wenn mich jemand fragt u. ſ. w. Nur kann er auch hier den Grund nicht angeben. Er ſetzt ihn darein, daß das Wohlgefallen am Angenehmen nicht rein ſubjectiv ſey, weil nämlich darin die Exiſtenz des Gegenſtandes begehrt werde. Vielmehr aber iſt zu ſagen, daß dieſes Wohlgefallen zu ſubjectiv iſt, d. h. es geht zwar hinter die Form auf den Stoff, begehrt den Gegenſtand als empiriſch wirklichen, aber ſo, daß es ſich ſinnlich mit ihm zu durchdrin - gen, ihn als Stoff in ſich aufzuzehren ſucht und ebendies iſt ein blos ſubjectives Verhalten, denn eben in ſeinen ſinnlichen Gelüſten iſt das Subject bloſes Subject, jeder hat andere Gelüſte, der Geiſt aber iſt allgemeiner Natur. Dagegen läßt die wahre äſthetiſche Stimmung den Gegenſtand frei ſich gegenüber. Der wahre Grund davon liegt im Objecte: die ſinnliche Beſtimmtheit iſt in dieſem ſo in die Idee auf - genommen, daß ſie zwar Beſtimmtheit eines Einzelnen iſt, das aber durch dieſe ſo verallgemeinert und verewigt wird, daß dieſes Einzelne197 nicht mehr auf dem Boden ſteht, wo es als Dieſes neben anderen Dieſen dieſem Subjecte Begehren, jenem Verabſcheuen einflößt. Hat das Sub - ject nicht die Fähigkeit, den Gegenſtand in dieſem Geiſte zu faſſen, ſo iſt es ſeine Schuld, denn vorausgeſetzt im Gegenſtande iſt das wahr - haft Schöne.

Es ſcheint hart, auch das ſittliche Intereſſe vom Schönen auszu - ſchließen, beſonders in unſerer tendenzmäßigen Zeit, wo man ange - fangen, die unmittelbare Erregung einer Begeiſterung für ſociale und politiſche Erneuerung des Lebens für die Probe der Kunſt zu halten. Allein dies iſt das Zeichen einer gährenden Epoche, welche zunächſt nicht zum Schönen, ſondern zum Handeln berufen iſt. Es gibt jedoch noch einen andern, als den ſtreng äſthetiſchen Standpunkt: den hiſtoriſchen, und von dieſem aus ſind tendenzmäßige Werke und das Intereſſe, das ſie erregen, ganz anders und günſtiger zu beurtheilen als von jenem. In der Lehre von den Künſten wird für die Gattungen, worin durch vorherrſchende Tendenz das Schöne zum blos Anhängenden wird, ein beſonderer Raum aufzuſtellen ſeyn, womit denn auch das ſtoffartige In - tereſſe, das ſie erregen, in ſeine Berechtigung treten wird. Stoffartig iſt aber auch das ſittliche Intereſſe am Schönen zu nennen. In §. 55 wurde nämlich zwar, um Verwirrung zu verhüten, der Ideengehalt im Schönen nicht Stoff genannt, ſondern blos die eigentliche Materie abgeſehen von der Form. Hütet man ſich aber nur, Stoff in beiderlei Sinn zu ver - wechſeln, ſo kann allerdings auch die Idee oder die dargeſtellte ſittliche Macht, abgeſehen davon, wie ſie in reine Form aufgegangen iſt, Stoff genannt werden, ja es iſt dies im jetzigen Zuſammenhange ganz am Orte, um zu zeigen, wie in der ſubjectiven Aufnahme des Schönen das blos ſinnliche und das einſeitig moraliſche Verhalten in Einer Beziehung gleich falſch ſind, welche Beziehung eben eine ſtoffartige zu nennen iſt. Wer ſich z. B. zu einem Epos oder Drama ſo verhält, daß er das Ganze zerpflückt und danach aburtheilt, ob er gewiſſe Perſonen, die darin auftreten, leiden kann oder nicht, der nimmt es ſtoffartig auf in der Bedeutung der Sinnlichkeit; wer es aber zerpflückt, weil moraliſche Ach - tung oder Mißachtung einzelner Perſonen oder Handlungen ihn nicht zum Genuſſe des Ganzen gelangen läßt, der fehlt zwar aus anderem Grunde, aber äſthetiſch betrachtet in demſelben Punkte wie der Erſtere, er verhält ſich nämlich ſtoffartig. Die ganze Frage über die Einſeitig - keit des ſittlichen Verhaltens erledigt ſich übrigens einfach, wenn man ſich erinnert, daß hier nur ſubjectiv gewendet wird, was in §. 56 — 60198 objectiv ausgeſprochen iſt. In §. 55 Anm. 2 iſt noch eine weitere Be - deutung des Begriffes Stoff als die zweite aufgeführt worden: was man gewöhnlich Süjet nennt. Von dieſer Bedeutung iſt im jetzigen Zuſammen - hang nicht beſonders zu handeln; denn wer ſich für den Stoff in dieſem Sinne einſeitig intereſſirt, wer alſo z. B. nur fragt: iſt der Inhalt dieſes Trauerſpiels Geſchichte oder nicht, bei dem liegt im Hintergrunde immer entweder ein ſinnliches oder ein moraliſches Intereſſe, ſo daß dies mit den unterſchiedenen zwei Formen ſtoffartigen Intereſſes zuſammenfällt. Um nun aber dieſe Ausſchließung des ſittlichen Intereſſes nicht mißzu - verſtehen, erwäge man, daß eine ſittliche Wirkung, je weniger ſie ge - ſucht wird, um ſo ſicherer zurückbleibt. Im Grunde des Gemüths tönt, nachdem die Stimmung, worin Stoff und Form in Eins klang, vorüber iſt, der Gehalt nach. Schillers Tell z. B. wurde ſo zu einer Quelle der Begeiſterung für die deutſche Jugend in den Befreiungskrie - gen. Solche — vom äſthetiſchen Standpunkt — ſtoffartige Wirkungen ſind gewiß nicht zu verachten; ſo hat Homer und haben die Tragiker im Volke der Griechen Unendliches gewirkt; Göthe ſtellt überall in ſeinen Urtheilen dieſe Wirkung ſehr hoch, ſo wie er aber vom reinen äſthetiſchen Geſichtspunkte ſpricht, ſo redet er anders. Doch nicht blos durch Nachwirken eines ſpezifiſch ſittlichen Gehalts wird das Schöne eine ſittliche Gewalt; auch alle diejenigen Stufen der Idee, deren Ge - halt nicht eigentlich als ethiſch zu bezeichnen iſt (vgl. §. 22), bereiten jeder ſittlichen Erhebung den Boden und zwar aus dem Grunde, den wir mit Schillers Worten aufgeführt §. 75 Anm. 2, und dieſer Grund fällt mit dem objectiven in §. 22 zuſammen, denn wie von jeder Exiſtenz eine Linie zu den höchſten, den ſittlichen Sphären des Daſeyns führt, ſo führt jede Löſung des Zwieſpalts im menſchlichen Weſen zu der Ent - wicklung ſeiner bedeutendſten ſittlichen Kräfte.

2. Das Zweckmäßige kann ein Mittel zum Angenehmen ſeyn oder ein Mittel zum Guten; in ſeiner wahren Bedeutung iſt es beides, denn auch das Angenehme hat ſeine richtige Stelle im Begriffe des höchſten Guts. Die objectiven Hauptbedingungen, unter welchen das Zweckmäßige im Guten zuläſſig iſt, ſind §. 23 ausgeſprochen. Die eine beſtand darin, daß das Perſönliche, ganz in das Zweckmäßige vertieft, wie eine zweite Naturnothwendigkeit behandelt wird; ſo kann z. B. der Ackerbau poe - tiſch dargeſtellt werden. Die andere lag in der innigen Verbindung mit den abſoluten Zwecken. So iſt ein Dampfſchiff verglichen mit einem Segelſchiff, ein Dampfwagen verglichen mit einem von Pferden gezogenen199 oder einem Reiter proſaiſch, aber der ungeheure Zeitgewinn für die geiſti - gen Zwecke kann in einem poetiſchen Zuſammenhang dennoch große Wir - kungen thun. Hier aber iſt die Rede von der ſubjectiven Betrachtungs - weiſe, welche das, was wirklich nicht um eines äußern Zweckes willen da iſt, unter einen ſolchen rückt; daher z. B. der Landmann keine landſchaftliche Schönheit genießt, weil er Erde, Waſſer, Luft unter dem Standpunkte der Brauchbarkeit anſieht. Ebenſo kann das, was an ſich einem äußeren Zwecke dient, aber durch Behandlung in das Licht poeti - ſcher Selbſtändigkeit gerückt iſt, von einem proſaiſchen Sinn ſo betrachtet werden, daß die Schönheit zerſetzt wird. Ein Fuhrmannswagen mit tüchtigen Hengſten läßt ſich nicht ganz poetiſch auffaſſen, aber wohl vom Kaufmann, dem er die Waaren zuführt. So alle Sphären der Oekonomie.

§. 77.

Stoffartig und mit Intereſſe verbunden iſt, wiewohl hier das Intereſſe weder blos der ſinnlichen Materie, noch blos dem Gehalte, ſondern dem ganzen Gegenſtand als Stoff gilt, auch das religiöſe Verhalten; denn da es auf Ver - wechslung und unfreiem Schein beruht, ſo iſt ihm Alles an der Exiſtenz des Gegenſtandes, den es allerdings nur vermöge eines Widerſpruchs als empiriſch und zugleich als über aller Empirie vorhanden anſehen kann, und an der an - dächtigen Erhebung des Subjects zu dieſem Gegenſtande gelegen. Daher hat es mit der Form im äſthetiſchen Objecte als reiner Form nichts zu thun. Wer das Schöne mit der Stimmung betrachtet, die es nur als Mittel benützt, um die religiöſe Bewegung des Gemüths zu vollziehen, der empfindet die Schönheit nicht als Schönheit, und wer dieſe als ſolche frei anſchaut und genießt, iſt nicht im Zuſtande der Andacht. Vergl. §. 61 — 67.

Auch hier iſt nur ſubjectiv gewendet, was in §. 61 — 67 objectiv ausgeſprochen iſt. Es iſt in dieſem Zuſammenhang gleichgültig, ob das Götterbild wirklich als der Gott ſelbſt angebetet oder nur als eine Er - innerung an ihn zum Vehikel der Andacht wird, oder ob ſich das Bild als bloſe Vorſtellung in’s Innere zurückzieht; denn auch in den beiden letzteren Fällen iſt Alles an der Exiſtenz des Gegenſtandes gelegen, wiewohl dieſelbe nun nicht in dem vorliegenden Werke, ſondern auf dem Olymp, Himalaya, über den Wolken geſucht wird. Daß der ſo in ſtoffartigem Sinne als exiſtirend vorausgeſetzte Gegenſtand zugleich über200 alle Bedingungen der Exiſtenz erhaben geſetzt wird, iſt ein Widerſpruch, den die Religion nicht bemerkt, wie dies ebenfalls oben gezeigt iſt.

§. 78.

1

Vom Schönen iſt aber auch das Intereſſe der Wahrheit ausgeſchloſſen, mag es nun darauf gerichtet ſeyn, den Gegenſtand als empiriſch vorhandenen d. h. als Stoff abgeſehen von der reinen äſthetiſchen Form, oder mit und in dieſer zu begreifen, denn im erſten Falle wird der Schein durch Zurückgehen hinter die Geſammtwirkung der Oberfläche ſchlechtweg aufgehoben (§. 54), im zweiten zwar in ſeinem Grunde und ſeiner Berechtigung begriffen, aber dadurch2 als Schein ebenfalls aufgelöst. Das Subject gewinnt durch die Vollendung dieſer Auflöſung zwar ein reines Wiſſen, welches höher iſt, als die ſchöne Täuſchung (§. 69), aber wo das Schöne als ſolches ſeine Stelle hat und daher der Schein waltet, da wird dieſe, wenn das Denken als Weg zum Wiſſen ſich einmiſcht, zur Unzeit als Mangel, das Wiſſen als Bedürfniß gefühlt und ſo entſteht Intereſſe, welches in dieſem Zuſammenhang fremdartig, einſeitig und als niedrigeres Verhalten zu bezeichnen iſt.

1. Das Intereſſe der Wahrheit, d. h. des Denkens, das durch Voll - endung ſeines Durchdringens zum Wiſſen wird, kann ein doppeltes ſeyn. Entweder es nimmt den Gegenſtand abgeſehen von der reinen äſthetiſchen Form vor ſich, wie z. B. der Phyſiolog und Zoolog einen organiſchen Körper; oder mit und in dieſer Form, wie der wiſſenſchaftliche Aeſthetiker den - ſelben Körper, ſofern derſelbe durch den äſthetiſchen Act als reine Form hingeſtellt iſt. Jenes Verfahren legt den Körper auseinander und zer - ſtört die Geſammtwirkung der Oberfläche; nun bleibt zwar die Wiſſen - ſchaft bei der Zerlegung nicht ſtehen, ſondern begreift ebenſo auch die allgemeine Wechſelwirkung der zuerſt getrennten Theile, aber in dieſer Reconſtruction bleibt das Bewußtſeyn der Theile immer gegenwärtig. Der Phyſiolog als ſolcher vergißt, wenn er auch den Körper als leben - diges Ganzes anſchaut, nie, daß hier Venen, dort Arterien durch die Haut ſchimmern, hier dieſer, dort jener Muskel liegt, daß dieſer Theil auf der Oberfläche ſo und ſo erhöht iſt, weil im Innern dies oder jenes Organ ſeinen Raum braucht u. ſ. w. Daher bleibt dieſe Be - trachtung, obwohl ſie in ihrer Weiſe auch die Form begreift, gegenüber201 dem Schönen immer ſtoffartig. Nun ſteigt der Naturforſcher zwar auch zum allgemeinen Begriffe des Organismus auf, in welchem ausdrücklich geſetzt iſt, daß aller Stoff ſich in Form aufhebt, und wenn er es zum philoſophiſchen Wiſſen bringt, ſo weist er dieſem Begriffe ſeinen Ort im Ganzen des Syſtems der Idee an; allein jetzt hat er den Organismus überhaupt im Auge, er hat den Begriff in ſeiner Allgemeinheit und ihn be - ſchäftigt nicht mehr das Individuum, wie er auch übrigens etwa als Arzt ſeinen Begriff in der Behandlung des Letzteren in Anwendung bringen mag. Immer alſo iſt bei dieſem Verfahren der Schein völlig aufgehoben. Der wiſſenſchaftliche Aeſthetiker dagegen bleibt nicht bei dem Begriff in ſeiner Allgemeinheit ſtehen, ſondern er begreift auch die Nothwendigkeit des Standpunkts, auf welchem ein Einzelnes durch die reine Form unmittelbar als vollendete Erſcheinung des Allgemeinen ſich darbietet. Allein auch er ſteht nun nicht mehr im Scheine, ſondern über dem Scheine und hat ihn zum Gegenſtand, der Schein iſt ebenfalls aufgelöst.

2. Die ſtrenge Wahrheit iſt höher als die Schönheit (vgl. §. 69). Allein dadurch, daß ein Standpunkt einen höheren über ſich erkennt, verliert er ſeine Selbſtändigkeit nicht. Wo er berechtigt und an ſeinem Orte iſt, erſcheint der höhere als einſeitig und niedriger, wenn er ſich unzeitig eindrängt. Es iſt daher nicht ein Vorzug, ſondern eine Armuth, wenn man vor Kunſtwerke tritt, nicht um ſie zuerſt zu genießen und vielleicht ein andermal ſich vom Genuſſe philoſophiſche Rechenſchaft zu geben, ſondern um ſogleich zu kritiſiren und ſich über Kunſt zu belehren, wie dies jetzt immer allgemeiner wird. Der Genuß der ganzen Wahrheit in dem zum Wiſſen durchgedrungenen Denken iſt auf ſeinem Boden reicher als der äſthetiſche Genuß; allein der äſthetiſche Genuß iſt reicher als der auf ſeinem Boden ihn ſtörende Begriff, denn er iſt intereſſelos, dagegen die philoſophiſche Thätigkeit, wenn ſie ſich ſo einmiſcht, muß die reine äſthetiſche Stimmung als Täuſchung behandeln, fühlt dieſe als Mangel des Denkens und iſt nun durch das Intereſſe getrieben, dieſen erſt aufzuheben. Allein es kann auf dieſe Weiſe der Mangel nicht einmal aufgehoben werden: denn die Täuſchung ſoll begriffen werden, ſie iſt aber nur zu begreifen, wenn ſie vollendet iſt, und dies eben iſt ſie nicht, wo ſich das Denken vor der Zeit einmiſcht; es iſt keine Kunſtphiloſophie und Kunſtkritik möglich, wo ihr nicht der volle, ungetheilte, reine Kunſtgenuß vorangegangen iſt.

202

§. 79.

Obwohl alſo das Schöne vor allem und ohne allen Begriff gefällt, wird es dennoch, wie Kant richtig beſtimmt, als Object eines allgemeinen Wohlgefallens vorgeſtellt. Da nun allgemeine Uebereinſtimmung des Urtheils blos da gefordert werden zu dürfen ſcheint, wo ſie ſich nöthigenfalls durch Be - weis, alſo Begriff erzwingen läßt, ſo hat man, um dem vermeintlichen Wider - ſpruch zu entkommen, den Satz geläugnet und ihm den andern entgegengeſtellt, daß Jeder ſeinen eigenen Geſchmack habe. Allein Geſchmack und Schön - heitsſinn iſt zweierlei. Jener hat nur anhängende Schönheit (§. 23, 3; 59, 3) zum Gegenſtande und über dieſe gibt es allerdings ſo viele Anſichten als Sub - jecte, weil der Maßſtab der Empfindungsweiſe über dasjenige, was durch Verbindung einer äſthetiſchen Zuthat mit dem Zweckmäßigen und Guten entſteht, und was als angenehm (in weiterem Sinne als §. 76) zu bezeichnen iſt, in den unbeſtimmbar zufälligen Neigungen der Subjectivität liegt; zudem wechſelt ſie ihre Formen nach nationalen und geſchichtlichen Bedingungen, wonach nothwendig auch der Geſchmack am Vorhandenen wechſelt.

Die Thatſache hat Kant a. a. O. §. 6. ff. ebenſo richtig aufge - ſtellt, als mangelhaft (wiewohl mit richtigen Andeutungen) erklärt. „ In Anſehung des Angenehmen beſcheidet ſich Jeder, daß ſein Urtheil, welches er auf ein Privatgefühl gründet, ſich auch blos auf ſeine Perſon einſchränke. Daher iſt er es gern zufrieden, daß, wenn er ſagt: der Canarienſekt iſt angenehm, ihm ein Anderer den Ausdruck verbeſſere und ihn erinnere, er ſolle ſagen: er iſt mir angenehm “u. ſ. w. „ Mit dem Schönen iſt es anders bewandt. Es wäre (gerade umge - kehrt) lächerlich, wenn Jemand, der ſich auf ſeinen Geſchmack etwas einbildete, ſich damit zu rechtfertigen gedächte: dieſer Gegenſtand iſt für mich ſchön. Denn er muß es nicht ſchön nennen, wenn es blos ihm gefällt. Reiz und Annehmlichkeit mag für ihn Vieles haben, darum bekümmert ſich Niemand; wenn er aber etwas für ſchön ausgiebt, ſo muthet er Andern ebendaſſelbe Wohlgefallen zu, — er ſagt daher: die Sache iſt ſchön, er fordert von Andern die Einſtimmung, er tadelt ſie, wenn ſie anders urtheilen, und ſpricht ihnen den Geſchmack ab, von dem er doch verlangt, daß ſie ihn haben ſollen. “ Die For - derung der Allgemeinheit ſchließt den Begriff der Nothwendigkeit in ſich (a. a. O. §. 18 — 22); dies ſind Merkmale des Begriffs, der ſeine203 Wahrheit beweiſen, d. h. die Anerkennung derſelben von Allen erzwin - gen kann, und ſo iſt der volle Widerſpruch vorhanden, denn es iſt eben - ſo wahr, daß das Schöne ohne Begriffe und vor allem Begriffe gefällt, als daß es mit dieſer Allgemeinheit und Nothwendigkeit auftritt. Die - ſem Widerſpruch entgeht man freilich, wenn man die zweite dieſer Theſen läugnet und den ſprichwörtlichen Satz: jeder hat ſeinen Geſchmack, oder: de gustibus non est disputandum als ein Grundgeſetz des Schönen aufſtellt. Kant hat aber richtig nachgewieſen, daß dieſe völlige Frei - laſſung der Willkür nur auf das Angenehme angewandt werden kann. Er hätte dieſen Punkt noch ſchärfer und gründlicher beleuchten können, wenn ſeine Darſtellung nicht an zweierlei Mängeln litte: daß er näm - lich blos das Angenehme als dieſe Sphäre der Willkür beſtimmt und daß er den Namen Geſchmack (in der Weiſe ſeiner Bildungs-Epoche) ſowohl für das Schöne als für das Angenehme gebraucht, ſo daß er nur durch einen Zuſatz beides unterſcheiden kann: Geſchmack am Ange - nehmen und Geſchmack am Schönen, oder Sinnengeſchmack und Reflexions - geſchmack (§. 8). Allein es iſt etymologiſch ganz begründet, daß die jetzige Wiſſenſchaft dem Geſchmack, der von einem ſtoffartigen Sinne den Namen hat, nur die untergeordnete Sphäre der anhängenden Schönheit anweist und, wenn die ſubjektive Aufnahme des Schönen einen beſondern Namen führen ſoll, den Ausdruck Schönheitsſinn gebraucht. Es iſt aber nicht nur das Angenehme, in der Bedeutung des blos ſinnlich Wohlgefälligen, was unter den Geſichtspunkt des Geſchmacks fällt, oder vielmehr die Bemerkung §. 76, 1 iſt hier wieder aufzufaſſen und dahin zu ergänzen, daß dem Angenehmen eigentlich immer irgend eine geiſtigere Beziehung beigemiſcht iſt; angenehm kann nun alle anhängende Schönheit heißen, weil das Schöne, das einem Andern nur beigemiſcht iſt, in die Miſchung nicht rein aufgeht, ſondern als mehr oder minder blos ſinnlicher Ring daneben fällt; auf das Angenehme als ein ſo Gemiſchtes geht der Ge - ſchmack und ſo iſt es denn die ganze Sphäre der anhängenden Schön - heit, mag ſie nun an das Zweckmäßige (dem Bedürfniß Dienende) als Ueberfluß angehängt ſeyn (§. 23, 3) oder an den ſittlichen Selbſtzweck (das Gute §. 59, 3), von was es ſich hier handelt. Geſchmacksſachen ſind Hausgeräthe, Zurichtung einer Tafel und dergl., Geſchmacksſachen ſind aber auch geſellige Formen, in welchen ein ſittlicher Kern iſt, jedoch ſo, daß er durch den Unterſchied der Zeiten und Völker conventionell wird und daher die Zuthaten ſeiner Erſcheinung wechſelt, wodurch er den Veränderungen der Mode unterliegt. Hier iſt insbeſondere die Kleidung204 intereſſant. Es verbindet ſich in ihr das ſinnliche Bedürfniß, den Kör - per zu ſchützen, mit der ſittlichen Abſicht, ihn zu verhüllen. Beide Zwecke aber vereinigen ſich, indem ſie mit einem Ueberſchuſſe befriedigt werden, mit der Schönheit. Nach Kant könnte dieſe Verbindung an - genehm heißen nur darum, weil die wärmere, ſchmiegſamere Kleidung dem Körper wohler thut; allein in dem Angenehmen iſt auch die Be - friedigung der geiſtigeren Luſt, zu gefallen, die Perſönlichkeit in ein vortheilhaftes Licht zu ſetzen, miteingeſchloſſen. Dieſe ſo gemiſchte Schön - heit und die geltende Anſicht darüber wechſelt nun aber ſo, daß uns bekanntlich die letzte Mode, die wir ſo eben noch für ſchön hielten, beim Eintritt der neuen bald als unſchön, ja lächerlich erſcheint. Dieß iſt eines der Beiſpiele, worauf ſich diejenigen, welche dem Schönen die Allgemeinheit und Nothwendigkeit abſprechen, vorzüglich berufen. Allein dieſe erwägen nicht, daß es ſich hier um blos anhängende Schönheit handelt. Die Schönheit der Grundformen des menſchlichen Körpers bleibt immer dieſelbe, aber in die Art, ſie durch Kleidung zu ſchmücken, miſcht ſich außer dem Bedürfniß des Schutzes und der Verhüllung die Individualität mit ihren Launen, ihren Vorſtellungen vom Angenehmen und Gefälligen und ein Inſtinct der Zeit, in den Formen einen ſymbo - liſchen Ausdruck ihrer Geſittungsweiſe niederzulegen; dadurch wird als durch ein außeräſthetiſches Moment die äſthetiſche Zuthat beſtimmt. In dieſen Rückſichten bewußtlos befangen folgen wir der Mode. Liegt aber eine Mode ſo weit hinter uns, daß uns über dieſe bewußtlos mitſpie - lenden Beſtimmungsgründe der Blick frei wird, ſo vergleichen wir auch vorurtheilslos dieſelbe mit andern Moden und können nun allerdings über ihre Schönheit ein ganz objectives Urtheil abgeben.

Dieſe gemiſchten Nebenzweige des Schönen und der äſthetiſchen Stimmung hat Kant allerdings auch berührt, aber in anderem Zuſam - menhang und Sinn, ſo nämlich, daß er nicht von einem Zuſatze von Schönheit zu etwas nicht Schönem, ſondern von etwas Schönem, das in zweiter Linie einen nicht äſthetiſchen Zuſatz annimmt, ſpricht: §. 41 „ vom empiriſchen Intereſſe am Schönen, “§. 42 „ vom intellectuellen Intereſſe am Schönen. “

§. 80.

Der Widerſpruch löst ſich aber dadurch, daß etwas ſehr wohl als wirkliche Macht unmittelbar und ohne Begriff mit dem Anſpruche der Allgemeinheit und205 Nothwendigkeit auftreten und erſt durch einen zweiten Act, der dieſes unmittel - bar Wirkende zu ſeinem Objecte macht, in die Form des Begriffes gefaßt wer - den kann, der jenen Anſpruch beweist. So kann zwar nicht die äſthetiſche Stimmung ſelbſt, wohl aber die wiſſenſchaftliche Ergründung dieſer Stimmung beweiſen, daß der Gegenſtand derſelben in ſeiner, den Gegenſatz des Allgemei - nen und der erſcheinenden Einzelheit tilgenden, Form ein reines Bild der un - mittelbaren Harmonie der Kräfte der Perſönlichkeit enthält und daher der äſthetiſch Geſtimmte mit Recht fordert, daß der ſo beſtimmte Gegenſtand dieſe Harmonie als etwas allgemein Menſchliches in jedem Subjecte vorbereitet an - treffen, hervorrufen und mit ihr in Einer Bewegung aufgehen ſoll. Wo daher die Uebereinſtimmung über einen ſolchen Gegenſtand ausbleibt, läßt ſich durch denſelben zweiten Act nachweiſen, daß entweder das Subject ausnahmsweiſe einſeitig organiſirt oder dieſe Harmonie nicht vorbereitet ſey, und allerdings for - dert ſie eine Vorbereitung, worin auch ein Denken mitbegriffen iſt, aber nicht als beſonderes, ſondern als Denken in Formen, ein Form-Verſtändniß.

Die Löſung, welche Kant für den genannten ſcheinbaren Widerſpruch verſucht, iſt §. 78. Anm. mangelhaft genannt worden. Er beſchäftigt ſich wiederholt mühſam mit dieſem Gegenſtande, ſtreift immer an das Richtige und immer fehlt ihm zu ſeiner Erklärung der Gegenſtand, nämlich eine objektive Beſtimmung des Schönen. Vor Allem kann er den Grund nicht recht finden, warum zum Schönen, d. h. zum unmittel - baren äſthetiſchen Genuſſe des Schönen kein Begriff gehöre. In §. 6 gibt er unpaſſender Weiſe als Grund an, daß es von Begriffen (aus - genommen in rein praktiſchen Geſetzen, die aber ein Intereſſe bei ſich führen) keinen Uebergang zum Gefühle der Luſt oder Unluſt gebe. Zum Richtigen hätte ihn aber ſchon das führen müſſen, was er in demſel - ben §. unmittelbar vorher ſagt, daß ſich nämlich im Wohlgefallen am Schönen, da es ſich nicht auf irgend eine Neigung des Subjects, noch auf irgend ein anderes, überlegtes Intereſſe gründe, der Urtheilende ſich völlig frei fühle; daher könne er keine Privatbedingungen als Gründe des Wohlgefallens auffinden und müſſe es vielmehr als in demjenigen begründet anſehen, was er auch bei jedem Andern vorausſetzen könne. Hier fehlt nur noch ein Schritt, ſo wäre der Anſpruch des äſthetiſchen Wohlgefallens auf Allgemeinheit aus der Sache ſelbſt nachgewieſen. Privatbedingungen nämlich wären auf der Einen Seite die Sinnlichkeit, die zwar in Jedem, aber in Jedem andere Sympathieen und Anti -206 pathieen hat; auf der andern der Geiſt, der den Begriff denkt, aber ungleich ausgebildet iſt. Hätte nun Kant eine objective Beſtimmung des Schönen, ſo würde er zeigen, daß ſchon im Gegenſtande dieſer Gegenſatz getilgt iſt. Die ſinnliche Beſtimmtheit deſſelben iſt durchdrun - gen von der Allgemeinheit und das Allgemeine iſolirt ſich nicht als Begriff, ſondern geht eben im ſinnlich Einzelnen auf. Daher wendet ſich der ſchöne Gegenſtand auch im Subjekte nicht an das Gegenſätzliche, das ſo oder anders ſeyn kann: nicht an ſeine ſinnlichen Launen, ſondern an die allgemeine Sinnlichkeit in ihm, nicht an ſeinen Geiſt, ſofern er mehr oder minder fähig und gebildet iſt, das Allgemeine als Begriff zu denken, ſondern an den Geiſt in ihm überhaupt, wie er als reinmenſch - liche Fähigkeit ohne Gegenſatz zur Sinnlichkeit in der Einheit der Per - ſönlichkeit aufgeht; alſo es wendet ſich blos an den Menſchen im Sub - jekte, an das, worin ſich Alle gleich ſind, an die Gattung im Einzel - nen. Daher vereinigen ſich auch im Genuſſe des Schönen alle getrenn - ten Richtungen und Geſchäfte und löſchen die Beſonderheit des Hand - werks-Gepräges aus. Um feinen Geſchmack zu haben, muß man gebil - deter Weltmann, um tief zu denken, Gelehrter, um geſchickt zu handeln, Praktiker ſeyn u. ſ. f.; um das Schöne zu empfinden, darf man nur Menſch ſeyn. Kant nun, der ganz im Subjektiven bleibt, ſucht im Subjekte allerdings jene Mitte, welche vom Begriffe die Allgemeinheit und Nothwendigkeit, aber nicht die logiſche Strictheit haben ſoll. In §. 9 ſtellt er die ſcharfſinnige Frage, ob im Geſchmacksurtheile das Gefühl der Luſt vor der Beurtheilung des Gegenſtands oder dieſe vor jener vorhergehe? Die Luſt kann nicht vorangehen, denn dann wäre ſie eine blos ſinnliche, und dieſe hat nur Privatgültigkeit. Allgemein und allge - mein mittheilbar iſt nichts als Erkenntniß und Vorſtellung. Erkenntniß aber in der Form des beſtimmten Begriffs kann ebenfalls nicht vorher - gehen, denn dann wäre das Urtheil gar kein äſthetiſches. Zuerſt findet er nun den Ausweg, daß er an die Stelle der letztern die Beziehung einer gegebenen Vorſtellung auf Erkenntniß überhaupt ſetzt; er kommt auf jenes freie Spiel zurück, in welchem die Einbildungskraft, welche die Einheit in der Mannigfaltigkeit anſchaut, dem Verſtande ein Bild zuſchiebt, worin dieſer Zweckmäßigkeit ohne beſtimmten Zweck er - kennt, alſo die Einheit geiſtig zuſammenfaßt, ohne ſie in den ſtricten Begriff zu erheben. Dieſe Mitte, dieſe „ Belebung der Einbildungskraft und des Verſtandes zu unbeſtimmter, aber doch einhelliger Thätigkeit, “geht nun der Luſt voran und ſie muß allgemein mittheilbar ſeyn: „ eine207 Vorſtellung, die als einzeln und ohne Vergleichung mit andern dennoch eine Zuſammenſtimmung zu den Bedingungen der Allgemeinheit hat, welche das Geſchäft des Verſtandes überhaupt ausmacht, bringt die Erkenntnißvermögen in die proportionirte Stimmung, die wir zu allem Erkenntniſſe fordern und daher auch für jedermann, der durch Verſtand und Sinne in Verbindung zu urtheilen beſtimmt iſt, (für jeden Menſchen) gültig halten. “ In §. 12 beſinnt er ſich jedoch darauf, daß auch dieſem Spiele der Erkenntnißkräfte die Luſt nicht als ihrer Wirkung nachfolgen darf, und löst nun erſt die ganze Schwierigkeit durch den Satz: die Cauſalität iſt eine innere, das zu Grund liegende Bewußtſeyn iſt die Luſt ſelbſt, weil es die Erkenntnißkräfte belebt. Wohl aber hat dieſe Luſt nach der andern Seite eine Cauſalität in ſich, nämlich, den äſthetiſchen Gemüthszuſtand ohne weitere Abſicht zu erhalten. „ Wir weilen bei der Betrachtung des Schönen, weil dieſe Betrachtung ſich ſelbſt reproducirt. “ Kant nimmt nun aber den Gegenſtand noch dreimal vor, ſo wichtig iſt er ihm; zuerſt unter der Kategorie der Modalität §. 18 — 22, wo der Begriff der Nothwendig - keit des äſthetiſchen Wohlgefallens, getrennt von dem der Allgemeinheit, noch beſonders unterſucht wird. Hier nennt er in der Weiſe der engli - ſchen Senſualiſten das allgemeine Menſchliche, deſſen harmoniſche Mitte als Anſchauung des Abſoluten in der Form der Unmittelbarkeit die jetzige Wiſſenſchaft aus dem allgemeinen Geſetze des geiſtigen Prozeſſes ableitet, einen Gemeinſinn. Er hebt aber das Punktuelle, was in dieſer An - nahme liegt, wieder auf, indem er tiefſinnig ſagt, daß, wenn ſich beſtimmte Erkenntniſſe (ſtricte Begriffe) allgemein mittheilen laſſen müſſen, weil ſie ſonſt keine objective Wahrheit hätten, nothwendig auch der Gemüthszuſtand, d. h. die Stimmung der Erkenntnißkräfte zu einer Erkenntniß überhaupt allgemein mittheilen laſſen müſſen. Hiemit iſt die Erkenntniß vor der Erkenntniß, d. h. die Grund-Einheit des Geiſtes, worin er noch von ſeiner Sinnlichkeit nicht unterſchieden iſt, ausgeſprochen: eben auf dieſe Grund-Einheit, aus welcher das beſtimmte Denken als Begriff erſt hervortaucht, wirkt das Schöne, und ſie gehört dem Menſchen als Menſchen und muß, ohne Begriff, als Gefühl allgemein mittbeilbar ſeyn. In §. 30 — 40 läßt Kant eine „ Deduction der rei - nen äſthetiſchen Urtheile “folgen, d. h. eine Unterſuchung der objectiven Seite, welche die Rechtmäßigkeit des äſthetiſchen Urtheils in der Anwen - dung auf den Gegenſtand, der doch nicht durch Begriffe beſtimmt wird,208 begründen ſoll. Kant ſagt, das äſthetiſche Urtheil könne nur als einzelnes Urtheil allgemeine Gültigkeit haben, weil nämlich hier die begriffsmäßige, logiſche Allgemeinheit keine Anwendung finde. Es muß ein Object gegeben ſeyn, und je von dem vorliegenden Objecte wird ausgeſagt, es ſey ſchön, und dieſes Urtheil allen Andern angeſonnen; (durch Anſinnen nämlich bezeichnet Kant den Anſpruch des äſthetiſchen Wohlgefallens auf allgemeine Einſtimmung, im Gegenſatz gegen Poſtuliren, vergl. a. a. O. §. 8 and.). Dieſe Allgemeingültigkeit iſt aprioriſch, denn man fordert ſie, ohne die Zuſtimmung abzuwarten, ohne durch Stimmen - ſammlung und Herumfragen ſich ihrer zu verſichern; aber ſie beruht nicht auf logiſchen Beweisgründen a priori. Nun, meint man, komme endlich das Wahre, nämlich eine objective Beſtimmung, d. h. die Be - ſtimmung, daß zwar nicht der äſthetiſch Geſtimmte ſelbſt, wohl aber der, welcher über ihn und den Gegenſtand begriffmäßig denkt und ſowohl den Gegenſtand als dieſe Stimmung in ihren Elementen aufweist, logiſch beweiſen könne, daß und warum dieſer Gegenſtand ſchön ſey und ſchön gefunden werden müſſe, wodurch dann dasjenige durch Begriffe begründet würde, was der Erſtere ohne Begriffe fordert. „ Was ſollte man nun anders vermuthen, als daß die Schönheit für eine Eigenſchaft der Blume ſelbſt gehalten werden müſſe? “ Aber wie - der: „ es verhält ſich nicht ſo “— denn — „ das Geſchmacksurtheil grün - det ſich gar nicht auf Begriffe. “ Freilich gründet es ſich nicht auf Be - griffe, aber der Begreifende kommt darüber und begründet durch ein zweites Urtheil, was der Genießende durch ſein — rein äſthetiſches — Urtheil nicht begründen konnte. So kommt Kant hier wieder auf ſeinen „ Ge - meinſinn “hinaus und man erfährt nie, warum denn dieſer Gegen - ſtand, ein anderer nicht, dieſen Gemeinſinn in Thätigkeit ſetze, was denn in dieſem Gegenſtande es ſey, wodurch er jenes Spiel der Erkennt - nißkräfte hervorrufe. Es fehlt überall die Idee der Schönheit, welche ebenſo objectiv wie ſubjectiv iſt, ſich in Gegenſtänden niederſchlägt und aus dieſen in Subjecten reflectirt. Daß der objective Niederſchlag in Wahrheit ſelbſt das Werk des Subjects iſt, — wie ſich im Verlaufe des Syſtems zeigen wird und wie Kant in §. 36 durch den Ausdruck: die äſthetiſche Urtheilskraft ſey ſich ſelbſt Gegenſtand und Geſetz, geiſtreich, aber ohne Bewußtſeyn der Conſequenz andeutet, — dies geht uns hier nichts an, denn jedenfalls nicht im Sinne Kants, wie er ſich deſſen bewußt iſt, iſt dies wahr, welcher vom ſubjectiven Momente ja doch nur in der Bedeutung handelt, daß er ein vorgefundenes Object209 vorausſetzt. Hat man aber die Idee der Schönheit, ſo begreift ſich, daß der äſthetiſch Genießende berechtigt iſt, in Betreff des einzelnen vorliegenden Gegenſtands allgemeine Zuſtimmung aprioriſch zu for - dern, denn er befindet ſich mitten im Leben der Idee, indem er ſie in einem Gegenſtande verwirklicht anſchaut, und der, welcher über ihn und den Gegenſtand denkt, kann beweiſen, daß er ſich im Leben der Idee befand, denn dieſer begreift die Idee. Es iſt alſo nicht richtig, daß es ſich blos von einzelnen „ Urtheilen “handelt; der unmittelbar Genie - ßende kann freilich blos einzelne „ Urtheile “fällen; ſo verhält ſich aber mit jedem Allgemeinen, das in Form der Empfindung auftreten kann: der blos Empfindende findet es erſt, wenn es vorkommt, aber wer über ihn und hinter ihn zurückdenkt, der muß nothwendig allgemeine Urtheile fällen können, wie z. B.: der menſchliche Körper als Gattung iſt ſchön (wobei freilich noch gewiſſe Bedingungen fehlen, welche nicht erlauben, zu ſagen: alle menſchlichen Körper ſind ſchön, aber Bedingun - gen, die ganz wohl ebenfalls in ihrer Allgemeinheit zu begreifen ſind). Nun könnte man ſagen, Kant gebe dies Denken als einen zweiten Act wohl zu, er fügt ja hinzu (§. 33): „ der Verſtand kann durch die Ver - gleichung des Objects im Punkte des Wohlgefälligen mit dem Urtheile Anderer ein allgemeines Urtheil machen: z. B. alle Tulpen ſind ſchön; aber das iſt alsdann kein Geſchmacks -, ſondern ein logiſches Urtheil. “ Man ſieht, Kant meint das logiſche blos formell und läßt es blos auf comparativem Wege entſtehen; daher ſagt er auch §. 34: „ unter einem Prinzip des Geſchmacks würde man einen Grundſatz verſtehen, unter deſſen Bedingung man den Begriff eines Gegenſtands ſubſumiren und alsdann durch einen Schluß herausbringen könnte, daß er ſchön ſey. “ Richtiger ausgedrückt iſt dies Prinzip die Idee des Schönen, die er eben läugnet, indem er ſofort ein ſolches Prinzip für ſchlechterdings unmöglich erklärt. Zum letztenmal faßt er den Gegenſtand auf in der Dialektik der äſthetiſchen Urtheilskraft §. 55 — 58. Hier ſtellt er den vorliegenden Widerſpruch als Antinomie auf, löst dieſe dadurch, daß er zeigt, der Ausdruck Begriff ſey in der Theſe und Antitheſe verſchieden genommen, und nennt denjenigen Begriff, der dem äſthetiſchen Urtheil zu Grunde liegt, im Gegenſatze gegen den Verſtandesbegriff einen tran - ſcendentalen, theoretiſch unbeſtimmbaren Vernunftbegriff von dem Ueber - ſinnlichen. Dieſer Vernunftbegriff iſt nun kein anderer, als der von der Natur als einem innerlich zweckmäßigen Ganzen, und damit halte man nun das tiefſinnige Wort (§. 57) zuſammen: „ das GeſchmacksurtheilViſcher’s Aeſthetik. 1. Bd. 14210bekommt durch dieſen Begriff, wiewohl er keine objective Geltung hat, doch Gültigkeit für jedermann, weil der Beſtimmungsgrund desſel - ben vielleicht im Begriffe von demjenigen liegt, was als das überſinnliche Subſtrat der Menſchheit angeſehen werden kann “; d. h. für uns: die Idee im ſchönen Object und im Subject iſt dieſelbe, es iſt die abſolute Idee von Natur und Geiſt. — Ein Philoſoph, der ſo tiefe Ahnungen ausſpricht, durfte nicht flüchtig über - gangen werden.

Der Inhalt des §. iſt durch dieſe Kritik der Kantiſchen Begriffe zugleich poſitiv entwickelt. Anzuführen iſt noch, daß ja in der nächſten Nachbarſchaft des Schönen eine Idee thätig iſt, die ebenſo ohne Begriff als Macht wirkt und doch ganz begriffmäßig iſt: das Gute. Was den Unterſchied des Guten vom Schönen ausmacht, das Kategoriſche nämlich, beweist nur um ſo mehr: denn wenn auch das ſtrenge Geſetz als Macht der Empfindung wirkt, ſo erhellt, daß das Unmittelbare in der Form, wie ein Geiſtiges auftritt, nimmermehr ein Beweis iſt, daß es nicht durch Begriffe zu beſtimmen ſey. Das Gute wird auch von Kant ganz als Begriffs - mäßiges aufgefaßt, nur zu ſehr, ſo daß freilich ſeine Kraft der Unmittel - barkeit nicht einleuchtet. — Wenn nun vom Schönen geſagt iſt, daß es perſönlich ſey und daher mit der Perſönlichkeit in Rapport treten müſſe, — und ſo gewiß iſt dies, wie, daß Feuer Brennſtoff entzündet —, wenn dies Zuſammengehen ganz unmittelbar iſt, weil eben im Schönen alle trennenden Vermittlungen erlöſchen, ſo ſind nur die Urſachen des häufigen Ausbleibens der Wirkung des Schönen, alſo der Uebereinſtimmung der Urtheile noch kurz in’s Auge zu faſſen. Wir machen in unſerem Urtheile über das Schöne durchaus keine Umſtände. Wem Raphael, Sophokles, Shakespeare nicht gefällt, dem räumen wir durchaus nichts ein, ſondern erklären ihn entweder für ſtumpf oder für ungebildet. Von totaler Stumpfheit iſt hier nicht die Rede, denn dieſe fragen wir überhaupt nicht nach ihrem Urtheil; aber es gibt einſeitige Naturen, die in gegenſätzlichen Thätigkeiten ſtark, aber eben dahin, wo die Kräfte am reinſten in Eins fließen, zum Schönen nämlich, ſehr mangelhaft organiſirt ſind. Wie dies zu erklären ſey, geht uns hier nichts an; genug, wenn dieſe Einſeitigkeit als Einſeitigkeit erkannt iſt, und ſie iſt es nach allem Bisherigen. Allein ob ſolche Einſeitigkeit ſtattfinde, iſt äußerſt ſchwer zu ermitteln, denn in den meiſten Fällen wird ſie ſich als Einſeitigkeit nicht der Organiſation, ſondern der Bildung aufzeigen laſſen. Die zwei Sätze nun, daß das Schöne ganz unmittelbar genoſſen werde und daß es Bildung211 vorausſetze, ſcheinen ſich zu widerſprechen. Allein man darf nur erwägen, daß der Menſch erſt werden muß, was er iſt, daß er nur durch Bildung bei ſeiner wahren Natur anlangt, daß Bildung durch die tiefſte Vermittlung zur wahren Einfachheit zurückführt, ſo löst ſich der Widerſpruch. Der ſinnliche Menſch, das rohe Individuum und das rohe Volk, iſt nicht der Gattung adäquat, ſtellt nicht die reine Menſchheit in ſich dar; das Bedürfniß, das Ganze an ſich darzuſtellen und ſich zum Genuß zu geben, äußert ſich dennoch als dunkler Trieb im Schmucke. Der Menſch, der ſeine Rohheit über - windet und, was man gewöhnlich Natur nennt, durch gegenſätzliches Denken und Handeln in Geiſt umbildet, iſt aber auch nicht der ganze Menſch. Humanität iſt erſt die ſpäte Frucht der Bildung, die zur Natur zurückkehren darf, weil ſie ſie nicht mehr zu fürchten hat, und hier erſt blüht der Sinn des Schönen auf. Iſt ihm nun der Boden geebnet, ſo braucht es, obwohl er, verglichen mit den gegenſätzlichen Thätigkeiten ganz unmittelbar iſt, eine Vermittlung innerhalb ſeiner ſelbſt, eine Bildung des Formſinns. In dieſem liegt nun allerdings auch ein Denken. Ohne tiefes Sinnen, ohne Reflexion über die Verhältniſſe der Compoſition iſt kein Kunſtwerk zu ge - nießen, und dazu muß erſt die Uebung des Auges und Ohrs für Form, Farbe, Ton, Rythmus u. ſ. w. treten. Das ſentimentale Entzücken über ſchöne Natur und Kunſt iſt nur die Luſt des ſpielenden Thiers im Graſe. Allein jenes Denken iſt ein eingehülltes. Es geht nicht fort zur Zerlegung der Gedankenmomente in der Idee, um ſie mit den Theilen der Com - poſition zu vergleichen: es behält dieſe als ſinnliche Verhältniſſe vor ſich, es iſt nicht ein Denken, ſondern ein Sinnen. Ebenſo der beſondere Sinn für Farbe, Form u. ſ. w. Um durch die Linien, die Modellirung, die Farbentöne eines Baumes, wie er ſich von anderen Gegenſtänden abhebt, wie die Maſſen ſeiner belaubten Aeſte auseinandertreten, wie die Schatten ſich mit den Farbentönen miſchen u. ſ. w., das innerſte Gefühl mit Wonne zu durchdringen, dazu gehört ein inneres Zeichnen und Malen, das theilt und wieder verbindet; der Gegenſtand wird aufgehoben und wieder zuſammengeſetzt, wird bildend innerlich nachgeſchaffen, die Linien fließen, ſie ſind nicht todt, die Farben athmen, Schatten und Lichter durchſchneiden ſich hier und verſchweben dort: dies Alles iſt ein Reflectiren, aber kein abſtractes, ein Reflectiren, ein Denken in Formen.

§. 81.

Dieſer zweite Act nun, welcher den erſten, unmittelbaren als vollzogen vorausſetzt, löst das Schöne auf (§. 69). Wenn er aber darum allerdings un -14*212berechtigt iſt, ſobald er dieſen in ſeiner Vollziehung ſtört (§. 78, 2), ſo iſt er dagegen an ſeinem Orte und in ſeiner Selbſtändigkeit nicht nur berechtigt, ſondern als Act der ſtrengen Wahrheit nach §. 69 höher als der erſte. Dieſer Satz kann nur dann Auſtoß erregen, wenn man, ſtatt die Gebiete ſo auseinander - zuhalten, meint, der zweite Act mache irgend einen Anſpruch, an die Stelle des erſten, rein äſthetiſchen, zu treten. Vielmehr gehört jener einer ganz andern Sphäre, als der des Schönen an, und nur in dieſem Zuſammenhange, als eine beſondere Anwendung ſeiner ganzen Sphäre auf ein beſtimmtes Object, iſt er höher, weil die ganze Sphäre höher iſt. Seine Thätigkeit aber beſteht darin, in einem gegebenen Schönen zuerſt die Idee zu ermitteln, ihre Momente (§. 21) aus - einanderzulegen, hierauf nachzuweiſen, wie der äſthetiſche Körper in ſeinen Gliedern dieſen Momenten entſpricht, endlich aber dieſes Entſprechen als eine reine Durchdringung zu begreifen, ſo daß der Gehalt mit und in ſeiner Form in einem Gedankenbau umgewandelt wird.

Der Satz dieſes §. ſollte geeignet ſeyn, manches landläufige Miß - verſtändniß über die Bedeutung und die Anſprüche der Kunſtkritik zu wider - legen. Derſelbe bedarf keiner weiteren Auseinanderſetzung, nachdem ſchon in §. 15, Anm. 1 Anlaß war, den Gemeinplatz der Enthuſiaſten, den Weiße (Aeſth. §. 9) vorbringt, zu widerlegen. In ſ. Abhandl. : „ Das Verhältniß der Philoſophie der Kunſt und der Kritik zum einzelnen Kunſt - werke “(Abhandl. zur Philoſ. d. Kunſt) hat Rötſcher nachgewieſen, daß nur, ſolange die Philoſophie der Kunſt ſich auf abſtracte Reflexion be - ſchränkte, die Kunſt mehr gab, als der philoſophirende Geiſt zu faſſen im Stande war, daß die ächte Kunſtkritik das Kunſtwerk zuerſt zwar decomponirt, um ſeine Idee zu finden, hierauf aber den Bau herſtellt und die Idee in ihre Form verfolgt, die in ihrem vollen Rechte anerkannt wird. Nur darin hat er nicht ſcharf genug getrennt, daß er den Genuß, der dieſes Thun begleitet, als eine Vollendung des erſten, rein äſthetiſchen Genuſſes betrachtet. Es iſt vielmehr ein Genuß ganz anderer Art und man darf von dem letzteren nicht ſagen, daß hier „ mehr nur der Stoff in ſeiner unmittel - baren Gewalt uns ergreife, in ſeiner ganzen Organiſation aber noch gar nicht zu dem Unſrigen werde “(a. a. O. S. 20). Der wahre äſthetiſche Genuß iſt ganz und nimmt mit dem Stoffe auch ſeine Organiſation auf; dieſer ganze Genuß iſt auf ſeinem Boden vollkommener als der Act des Kunſtphiloſophen, wenn er auf dieſen Boden ſich eindrängt (§. 78, 2). Allein er iſt nicht der einzige, er löst ſich auf, wie Rötſcher213 S. 28 ff. gezeigt hat, und nun tritt die philoſophiſche Kunſtkritik ein, deren Genuß aber ein reiner Genuß des Wiſſens und durch den Gegenſtand nur ſo gefärbt iſt, wie jeder beſondere Kreis von Gegenſtänden der Philoſophie dem Gefühle der innerſten Genugthuung des denkenden Geiſtes ſeinen be - ſonderen Ton gibt. Was nun das Geſchäft der Kunſtphiloſophen betrifft, ſo hat es jene Abhandlung nicht erſchöpfend dargeſtellt; die Aeſthetik als Syſtem hat jedoch die Auseinanderſetzung dieſes Geſchäfts deswegen nicht zur beſonderen Aufgabe, weil ſie von ſelbſt in ihr als einem Ganzen durch - geführt wird.

[214]

Zweiter Abſchnitt. Das Schoͤne im Widerſtreit ſeiner Momente.

§. 82.

Jede wahre Einheit enthält den Gegenſatz als Möglichkeit in ſich, ſie bethätigt ſich als Einheit, indem ſie ihn in die Wirklichkeit entläßt, wodurch er, weil die Entgegengeſetzten Glieder derſelben Einheit ſind, zum Widerſpruch wird; ſie bewährt ſich, indem ſie im Widerſpruch nicht verloren geht, ſondern ihn überwindet. Ebenſo erſchließt ſich die Einheit des einfach Schönen gemäß ihrem eigenen Geſetze zum wirklichen Widerſtreit der Momente, welcher nur durch eine nothwendige Abſtraction in §. 50. 59. 60 zum voraus erwähnt werden konnte; es tritt aber darum keineswegs aus ſeinem eigenen Kreiſe heraus, viel - mehr, was ſich entfaltet, iſt nur eine Bewegung und Gährung im Schönen ſelbſt und dieſes muß ſich aus dem Streite wieder zu ſeiner Einheit herſtellen.

Der §. beruft ſich für die Ableitung der gegenſätzlichen Formen des Schönen zunächſt auf den wahren Begriff der Einheit als einer lebendigen, welche den Gegenſatz als Keim in ſich verbirgt, entläßt und überwindet. Dieſes allgemeine Geſetz des Lebens und des Denkens wird hier in ſeiner Wahrheit vorausgeſetzt; es kann nur in dem Sinne eine eigene Be - gründung in einem der beſonderen Zweige der Wiſſenſchaft anſprechen, daß es ſich in dem Stoffe desſelben mit Nothwendigkeit durchführt. Seine urſprüngliche