Zweiter Theil. Das Schöne in einſeitiger Exiſtenz.
Erſter Abſchnitt. Die objective Exiſtenz des Schönen oder das Naturſchöne.
Indem das Schöne aus der reinen Allgemeinheit des Begriffs in die1 Beſtimmtheit der Exiſtenz übertritt, ſo ſtellt es ſich nach dem Geſetze aller ſich verwirklichenden Idee zuerſt in zwei aufeinander folgenden Formen dar, deren erſte als unmittelbare, deren zweite als vermittelte zu bezeichnen iſt. Beide2 Formen ſind einſeitig, denn es liegt im Weſen des Unmittelbaren, in das Vermittelte aufgehoben zu werden, und im Weſen des Vermittelten, das Unmittelbare als ein von ihm Durchdrungenes wiederherzuſtellen. Obwohl nun jene Aufhebung ſchon im vorliegenden Theile ſich vollzieht, ſo tritt doch, weil dieſe Wiederherſtellung noch ausbleibt, das Vermittelte als eine einſeitig ſelbſtändige Exiſtenz dem Unmittelbaren, das ebendaher trotz ſeiner auf - gewieſenen Unhaltbarkeit dasſelbe Recht einſeitiger Selbſtändigkeit gegen jenes behält, gegenüber.
1. Der §. iſt nur einführenden Inhalts und hat daher keine Beweiſe zu geben, ſondern vorerſt nur auf ein allgemeines Geſetz des Denkens und Seins ſich zu berufen. Der Schein einer Platoniſchen Fixirung der Ideenwelt, welcher entſtehen könnte, wenn von einem „ Uebertreten “aus der reinen Allgemeinheit des Begriffs in die Beſtimmt - heit der Exiſtenz die Rede iſt, wird ſich im Folgenden alsbald aufheben. Aufgabe aller Philoſophie iſt Deſtruction der Metaphyſik durch Metaphyſik. Die beſondere Wiſſenſchaft der Aeſthetik hat dieſe Aufgabe nicht zu löſen, ſondern nur ihre Stellung zu den Löſungsverſuchen der Philoſophie in der gegenwärtigen Zeit einzunehmen; ſie kann aber von ihrer Seite zeigen, daß ſich eine Art, die Aufgabe zu löſen, an ihrem Stoffe bewährt, eine andere nicht. Der Uebergang von der Metaphyſik in die Natur - philoſophie iſt ein anderer, als der von der Metaphyſik des Schönen in die Naturlehre des Schönen, aber beide müßen nach demſelben Geſetze erfolgen und ein unphiloſophiſcher Verſuch, jenen Uebergang zu begründen, muß ſich auch in dieſem als unphiloſophiſch erweiſen.
Viſcher’s Aeſthetik. 2. Band. 122. Die unmittelbare Exiſtenz des Schönen iſt, wie ſich fogleich zeigen wird, das Naturſchöne, die vermittelte iſt die Phantaſie. Jenes wird ſich aufheben in dieſe, dieſe aber ſoll ſelbſt wieder das Unmittelbare, das ſie in ſich aufgelöst hat, zur Freiheit entlaſſen und ſo die wahre und ganze Wirklichkeit des Schönen, die Kunſt, entſtehen, welche den Inhalt des dritten Theils bilden wird. Solange nun dieſer dritte Schritt noch nicht gethan iſt, ſo zeigt ſich die Phantaſie ſelbſt noch als mangelhaft und was ihr mangelt, iſt eben die Objectivität des Unmittelbaren; darum behauptet ſich das Naturſchöne, obwohl es nicht die wahre Form der Unmittelbarkeit hat, neben ihr als ſelbſtändige Welt und ſie neben ihm. Man könnte die Lehre vom Naturſchönen die äſthetiſche Phyſik, die Lehre von der Phantaſie die äſthetiſche Pſychologie nennen. Dieſe Namen bieten einen bequemen Gegenſatz gegen den Namen des erſten Theils: Metaphyſik des Schönen, wobei freilich die Ungleichheit bleibt, daß, während dieſer Name dem ganzen erſten Theile galt, mit jenen Bezeichnungen nur jedem der zwei Abſchnitte des zweiten Theils ſein beſonderer Name gegeben iſt. Dieß liegt in der Natur der Sache; der in ſich zwar unterſchiedene, als Ganzes aber einfache Begriff geht in der Bewegung ſeiner Verwirk - lichung zunächſt in zwei Zweige auseinander, welche ſich, ſo nothwendig auch der Uebergang vom einen zum andern iſt, aus dem genannten Grunde als ſelbſtändige und getrennte Welten gegenüberſtehen; im dritten Theile erſt vereinigen ſich dieſe Welten wieder zu Einer und der einfache Name Kunſtlehre umfaßt dieſen ganzen Theil. Der Name Pſychologie für den zweiten Abſchnitt des zweiten Theils könnte angefochten werden, ſofern er nicht nur die Lehre von der Phantaſie als Thätigkeit des Subjects, ſondern auch die Lehre von der Phantaſie der Völker, die Hauptformen des Ideals zu bezeichnen hat. Allein das Ideal kommt hier doch in Betracht weſentlich nur als ein erſt inneres, wobei von ſeiner Darſtellung in Kunſtwerken noch nicht die Rede iſt; concrete Bedingungen, die beſtimmten Zuſtände und insbeſondere die Religion der Völker ſind dabei zwar vorausgeſetzt und dadurch ſcheint das Gebiet der Pſychologie weit überſchritten zu ſein; allein wir befinden uns nicht in der Philoſophie überhaupt, ſondern in der Aeſthetik: für dieſe bleibt das Daſein des Schönen als inneres Bild, ſo lange es ſich nicht in der Kunſt verwirklicht, wie reiche geſchichtliche Bedingungen auch zu demſelben zuſammenwirken mögen, immer eine blos pſychologiſche Form.
Nachdem die Totalität der im allgemeinen Begriffe liegenden Momente entwickelt iſt, hebt ſich, indem dieſe durch gegenſeitige Negation ihre Trennung ausgelöſcht haben, die abſtract logiſche Vermittlung auf und tritt der Begriff in die erſte Form ſeiner realen Exiſtenz, in die Unmittelbarkeit des einfachen Seins über. Dieſes Geſetz begründet den Uebergang von der Metaphyſik zur Naturphiloſophie und ebenſo den Uebergang von der Metaphyſik des Schönen zu der Lehre vom Naturſchönen. Sucht man dagegen den Grund dieſes Ueber - gangs in einem Willen, ſo wird die ganze Ordnung der Begriffe hier wie dort verkehrt und dasjenige, welches vorausſetzt, daß erſt ein Anderes vor ihm ſei, gegen ſein eigenes Weſen zuerſt geſetzt. Die erſte Form der Exiſtenz des Begriffs muß vielmehr das ſein, was ohne Zuthun da iſt und was vorausgehen muß, damit ein Anderes, das durch Zuthun da iſt, an ihm ſeine Grundlage und ſein Object habe. Dieſe erſte Form aber iſt das Unmittelbare, welches ſich zu dem Erkennenden als ein ſchlechthin Vorgefundenes verhält. So iſt nun die erſte Weiſe der Exiſtenz auch des Schönen dasjenige Daſein, welches ohne Zuthun eines Willens, alſo eines Subjects, als ſchön einfach vorgefunden wird, und dieſes Daſein iſt weſentlich ein objectives ſowohl weil es ein vor - gefundenes, als auch weil es, wie der Fortgang des Begriffs zeigen wird, beſtimmt iſt, der vermittelten Exiſtenz des Schönen, welche aus einem Willen kommt, Ausgangspunkt und Stoff zu werden.
Der Uebergang vom reinen Gedanken zu dem realen Sein, wie ihn die Philoſophie auf dem Punkte des Fortgangs von der Metaphyſik zur Naturphiloſophie zu vollziehen hat, kann nur auf den in §. 231, 3. ausgeſprochenen Begriff gegründet werden, daß der ganz erfüllte Begriff1*4nothwendig zur Unmittelbarkeit des Seins ſich erſchließt. Wenn ich alle Momente durchwandelt habe, welche der Begriff in ſeiner Allgemeinheit enthält, wenn ich jedes in das andere dialektiſch aufgelöst habe, ſo habe ich das Ganze als dieſes Einfache, worin Gegenſatz und Vermittlung erloſchen iſt, als das unmittelbare, aber erfüllt unmittelbare Sein. Es liegt hierin zweierlei. Das Eine iſt, daß die Wiſſenſchaft von dem abſtracten Begriffe zu ſeiner Realität eher nicht übergehen kann, als bis ſie alle Momente durchlaufen hat, welche den Begriff conſtituiren. Soll auch nur ein Stein exiſtiren können, ſo iſt die ganze Natur und mit ihr die Welt des Geiſtes, denn ſie iſt ſeine Grund - und Widerlage, vorausgeſetzt. Es müßen alſo alle Gegenſätze und Mächte, welche in ihrer unendlichen Bewegung und Thätigkeit die Welt bilden, erſt in ihrer Allgemeinheit gedacht ſein, ehe ich auch nur die unterſte Exiſtenz in ihrer Realität denken kann, denn auch ſie iſt eine Concretion von Beſtimmungen, welche mit dem Inbegriffe der Weltbeſtimmungen ein untheilbares Ganzes bilden. Auf die beſondere Sphäre, welche hier vorliegt, das Schöne, angewandt, lautet dieß ſo: wo irgend Schönes wirklich iſt, da iſt auch Erhabenes und Komiſches in allen Begriffs-Unterſchieden, welche dieſe Gegenſätze, ſo wie das einfach Schöne in ſich ſchließen; auch die geringſte Exiſtenz des Schönen iſt eine geſchloſſene Einheit von Beſtimmungen, welche alle übrigen Beſtimmungen des Schönen in ſich begreifen, fordern, ſetzen; ich kann alſo früher von keiner Wirklichkeit des Schönen reden, als bis ich die Totalität der im Begriffe des Schönen liegenden Momente entwickelt habe. Das Andere, was in dieſem Uebergange liegt, iſt dieß: wenn ſo der allgemeine Begriff durch ſeine Momente verfolgt, wenn er mit ihrer Totalität erfüllt und geſättigt iſt, ſo kann nicht nur zu ſeiner Realität übergegangen werden, ſondern es iſt ſchon dazu übergegangen, man iſt bei ihr ſchon angekommen, ſie iſt ſchon da. Dieß iſt die Deſtruction der Metaphyſik durch Metaphyſik, von welcher zu §. 232 die Rede war. Sobald man fordert, daß zwiſchen die reale Welt und die Begriffswelt ein Drittes eingeſchoben werde, um den Uebergang begreiflich zu machen, wie der Begriff eines Abfalls, einer Emanation, einer Schöpfung, ſo ſetzt man voraus, daß Denken und Sein ein abſoluter Gegenſatz ſei: ein Standpunkt, welcher zuerſt ſelbſt ſein angemaßtes Recht zu beweiſen hätte und deſſen Schein die wahrhaft philoſophiſche Metaphyſik ſich viel - mehr frei erzeugt, um ihn aufzuheben. Die Philoſophie als Metaphyſik beſchäftigt ſich nicht mit Anderem, als was in der Welt real iſt, ſie faßt es nur in ſeiner reinen Allgemeinheit; ſie unterſucht, was den Dingen gemeinſam iſt und wenn ſie das Gemeinſame begriffen hat, ſo ſteht ſie ſchon mitten in ihnen ſelbſt. Durch die beſtimmten Gattungen und Arten der Dinge ſcheint auf den erſten Blick etwas Neues und Anderes zu5 dem Allgemeinen hinzuzukommen, das Inhalt der Metaphyſik war, und dieſer Schein des Hinzukommens iſt das berühmte Kreuz der Philoſophie. Ich habe, ſagt man, wenn in der Sphäre des reinen Begriffs auch die Begriffe Art und Gattung metaphyſiſch oder logiſch unterſucht ſind, noch kein Thier, keinen Fuchs, Haſen u. ſ. w. demonſtrirt; ebenſo iſt freilich z. B. noch kein Unterſchied der Künſte und Zweige der einzelnen Künſte abgeleitet, wenn die allgemeinen Begriffsmomente des Schönen entwickelt ſind. Allein in der Metaphyſik muß auch dieß bewieſen ſein, daß der Begriff in jeder ſeiner allgemeinen Formen ein thätig ſich Bewegendes iſt, das, um ſich bewegen zu können, ein Anderes vorausſetzt, ſich voraus - ſchickt und gegenüberſtellt, an welchem, mit welchem, gegen welches er thätig iſt; dadurch und durch nichts Anderes ſind die wirklichen Reiche des Seins bedingt, welche nur durch die Namen, die wir ihnen über - lieferter Weiſe beilegen, ſo als etwas ganz Beſonderes, in der Vernunft nicht Begründetes erſcheinen. Sie ſind aus keinem Stoffe gemacht, der zu dem Denken als ein Fremdes hinzukäme; ſo weit du die ſinnlichen Dinge durchſchneideſt, du findeſt nichts, als das Eine, was tauſend Formen annimmt, was Erde, Pflanze, Thier, Geiſt iſt, und dieß Eine nimmt dieſe Formen an, eben um durch Gegenſatz zu leben. So iſt auch in allen wirklichen Formen des Schönen nichts Anderes zu finden, als das Schöne, das, um ſich zu realiſiren, Formen einander gegenüber - ſtellt, deren eine gegen die andere ſpannt, über die andere erhebt; nur daß hier, weil eine beſondere Sphäre des Einen und Allgemeinen vorliegt, Neues und anfänglich Fremdes aus anderen Sphären hinzutritt, was aber ganz in das Schöne verarbeitet wird (vergl. §. 9, 2.).
Die erſte Form der Exiſtenz nun, in welche der Begriff aus ſeiner reinen Allgemeinheit eintritt, muß das Unmittelbare ſein: die Natur, in der Aeſthetik das Naturſchöne. Das Vermittelte, was auf der Seite der Metaphyſik dem Unmittelbaren entgegenſteht, wurde im §. abſtract logiſche Vermittlung genannt, denn vermittelte Form nimmt auch die wirkliche Exiſtenz des Begriffs an, dieſe aber iſt real vermitteltes Sein, wogegen die Vermittlung, welche zum Ende und zur Ruhe gelangt ſein muß, wenn zu dem realen Sein überhaupt ſoll übergegangen werden können, die rein dialektiſche iſt, die im allgemeinen Elemente des Gedankens geſchieht. Während nun die beſondere Wiſſenſchaft der Aeſthetik nicht die Pflicht hat, den Uebergang aus der Metaphyſik überhaupt in die Natur - philoſophie zu demonſtriren, ſo kann ſie der wahren Führung dieſer Demonſtration doch von ihrer Sphäre aus dadurch negativ zu Hilfe kommen, daß ſie zeigt, welche Verkehrung der richtigen Ordnung es zur Folge hat, wenn man einen fremden hypoſtatiſchen Begriff zwiſchen das Allgemeine der Metaphyſik und die reale Welt einſchiebt. Dieſer Begriff6 iſt in der neueſten Philoſophie, welche über den Pantheismus Hegels hinausſtrebt, der des Willens, des abſoluten Willens nämlich, durch den ein perſönlicher Gott die Welt ſetzt. So iſt ein Wille da vor dem Willen und ein Subject vor dem Subject. Denn erſt über der Natur, auf ihrer Grundlage und in der Spannung der Thätigkeit gegen ſie iſt Wille und Subject möglich; erhebt ſich die Natur über ſich ſelbſt in Subject und Wille, ſo muß ſie freilich ſchon vorher die Möglichkeit von Subject und Wille ſein, jene Behauptung aber ſetzt wirkliches Subject und Willen vor dieſe Möglichkeit, ſie ſetzt die reichſte Exiſtenz voraus, um die einfachſte und ärmſte zu erklären, ſie ſchickt den Geiſt des Ganzen als einzelne Exiſtenz ſeinem Ganzen voran. Nach demſelben Begriffe müßte in der Aeſthetik ein das Schöne ſchaffender Wille ſein vor dieſem Willen, d. h. ein Künſtler müßte da ſein, ehe wir das Naturſchöne haben, das dem Künſtler vorliegt, in deſſen Angeſichte und in deſſen überwindender Umbildung der Künſtler erſt wird. Man ſage nicht: jener Künſtler vor dem Künſtler ſei der abſolute Künſtler oder Gott, und der andere, menſchliche Künſtler bilde die Schönheit, die jener in der Natur aus - gebreitet, nach. Denn die Naturſchönheit müßte dann höher ſein als die Kunſtſchönheit, da doch jede Prüfung derſelben zeigt, daß ſie auf allen Punkten darum mangelhaft iſt, weil ſie nicht als ſolche gewollt iſt, weil ſie von keinem Bewußtſein des Schönen herrührt. Gehen wir auf den allgemeinen dialektiſchen Satz zurück, der hier in Anwendung kommt: daß in einem Stufenſyſtem die höhere Stufe die Wahrheit der niedrigeren ſei. Die innere Zweckmäßigkeit in der Natur weist hinauf zu dem Willen, wie er im geiſtigen Leben in angemeſſener Form ſich offenbart, er iſt ihre Wahrheit; ſo erſcheint das Ganze als Wille, als Gewolltes. Allein daraus ſchließen, daß vor jenem implicirten Willen ein explicirter zu ſetzen ſei in der Perſon Gottes, dieß heißt den Sinn jenes dialektiſchen Satzes geradezu wieder aufheben und das Räthſel unlösbar machen. Wenn das Geheimniß der Natur dieß iſt, daß ſie das, wozu nach unſerer Vorſtellung Wille gehört, ohne Willen, alſo, da Bewußtſein und Denken im Willen miteinbegriffen ſind, ohne Bewußtſein und Denken thut, ſo habe ich zur Löſung desſelben rein nichts beigetragen, wenn ich ſage, es ſei ihr, was ſie vollbringe, von einem perſönlichen Willen vorgedacht, vorgewollt; ſie muß es ja doch Alles ſelbſt thun, was ſie thut, und es hilft dem Baume nichts, daß ein entferntes Weſen, da er nicht denken kann, für ihn denkt, er iſt dennoch genöthigt, ohne Denken zu thun, wozu Denken zu gehören ſcheint. Dieß iſt das vergebliche Doppeltſetzen des Theismus (§. 10, Anm. 1.). Ebenſo wenn das Geheimniß der Natur - ſchönheit dieß iſt, daß ſie ſchön iſt, ohne daß doch die Naturkräfte mit Wiſſen und Willen auf Schönheit arbeiten, ſo iſt nichts zur Erklärung7 geſagt, wenn man dieſe Erſcheinung auf einen Schöpfer als ſein Werk hinüberſchiebt, es iſt dasſelbe, wie dort, es hilft der Natur gar nichts, wenn ſie einen vorbildenden Spiegel hat, ſie iſt und bleibt auf ſich ſelbſt angewieſen. Kurz, es iſt verkehrt, das Explicirte hinter das Implicirte als Explicirtes zurückzuwerfen und die Verkehrtheit leiſtet den erwarteten Dienſt nicht, ſie erklärt nichts.
Daß nun die Naturſchönheit als eine ſchlechthin (ſo ſcheint es wenigſtens vorerſt) vorgefundene, unmittelbare und in dem doppelten Sinn des §. objective Form der realen Exiſtenz des Schönen zuerſt zu ſetzen ſei, ſollte ſelbſt von denjenigen zugegeben ſein, welche die Welt aus dem Theismus conſtruiren; denn die Wendung ſteht ihnen immer noch frei, daß der göttliche Verſtand und Wille beſchloßen habe, der geiſtigen Schöpfung die natürliche zur Vorausſetzung zu geben, und ebenſo, in der Sphäre der Schönheit, dem menſchlichen Künſtlergeiſte die Naturſchönheit als ſeine Vorlage voranzuſchicken. Freilich liegt es dieſer Anſicht jeden - falls nahe, die Vorlage für das Vollkommene, alſo für das nicht nur der Folge, ſondern auch dem Werthe nach Erſte zu erklären. Die wahre und ganze Schönheit iſt dann jenſeits hinter der Welt in Gott, ihr erſter, friſcher Abglanz iſt in der Natur, der ſchwächere zweite in der Kunſt. In Wahrheit wäre dadurch die Aeſthetik aufgehoben: ein geheimes Buch, das nicht in dieſer Welt geſchrieben werden kann. Doch nicht alle Schlußfolgen werden gezogen und die Nothwendigkeit, dem Kunſtſchönen das Naturſchöne als Stoffwelt vorauszuſchicken, kann als allgemein zugeſtanden angeſehen werden. Nur Chr. H. Weiße macht Ernſt aus der Logik der Tranſcendenz und ſtellt demgemäß das ganze Syſtem der Aeſthetik auf den Kopf, indem er die Naturſchönheit unter dem Namen „ der Genius in objectiver Geſtalt “an den Schluß des Ganzen ſetzt. Ihr voran ſtellt er den ſubjectiven Genius, den Künſtlergeiſt, und vor dieſen die Kunſt. Während alſo nach jedem Begriffe einer richtigen Ordnung, nachdem der abſtracte Begriff des Schönen dargeſtellt iſt, zuerſt die Naturſchönheit, dann der Genius, zuletzt deſſen Werk, die Kunſt, ſtehen müßte, ſteht zuerſt das Werk, dann der Meiſter des Werks, dann die Vorlage und Stoffwelt, von welcher der Meiſter ausgeht. So unbegreiflich dieſe Anordnung ſcheint, ſo folgt ſie doch ganz richtig aus der ſtrengen Conſequenz des tranſcendenten Standpunkts. Der abſolute Geiſt, welcher, der Welt jenſeitig, nur den Abglanz einer höheren, über - ſinnlichen Ordnung der Dinge auf ſie wirft, offenbart ſich als der einzig wahre Grund der Schönheit in dem Grade vollkommener, in welchem die feſt beſchloſſene Geſtalt gegenwärtiger Schönheit ſchwindet und dem Unbeſtimmten weicht, das auf ein Fernes und Jenſeitiges hinüberzuweiſen ſcheint. Er zieht ſich aus dem Kunſtwerk als inneres Selbſt, als8 geheimnißvolle Macht in den Genius zurück. Die bloße Innerlichkeit iſt noch ein Mangel, und während man meinen ſollte, dieſer Mangel werde eben durch die höhere Objectivität der Kunſt getilgt, ſo iſt vielmehr die letzte und höchſte Station des in die Welt ſchimmernden abſoluten Geiſtes die Naturſchönheit. Die Zufälligkeit, die Unzuverläßigkeit des ſtets ſeine Stelle wechſelnden Naturſchönen wird zugegeben; wenn aber aus dieſem Mangel eben dieß zu folgen ſcheint, daß der Genius im Künſtler das Flüchtige feßle, das Wechſelnde befeſtige, das Zerſtreute in den Brenn - punkt des innern Phantaſiebildes und dann des Kunſtwerks ſammle, ſo ſagt Weiße (Aeſth. §. 77) umgekehrt, gerade daraus folge, daß, weil es nicht die Naturkräfte ſelbſt ſeien, die das Schöne als ſolches wollen, weil die Bedingungen des Schönen nur beiläufig eintreten, ein höherer, abſoluter Grund der Schönheit es ſein müße, welcher die Naturkräfte in ſeinen Dienſt zwingend, auf der Oberfläche der Natur hin - und wieder - ſchimmernd und umherziehend ſich wechſelnde Bezirke auserleſe, worin er ſich Erſcheinung gebe. Die Naturſchönheit iſt daher keineswegs Vorlage der Kunſt im Sinne des bloßen Ausgangspunkts und Stoffs, wie wir dieß Wort verſtehen, ſondern ſie iſt wirkliches „ Vorbild, Muſter oder Endziel “derſelben und der künſtleriſche Genius ſtrebt ihr nach, weil er ſich „ weſentlich zugleich einer noch höher ſtehenden, aber andern Sphären angehörenden und deßhalb auf die Kunſt nicht unmittelbar zu über - tragenden Schönheit bewußt iſt “(S. 427). Näher wird der Vorzug der Naturſchönheit vor der Kunſtſchönheit in ihre Lebendigkeit geſetzt. Wie es mit dieſem Vorzuge beſtellt ſei, wird ſich an ſeinem Orte zeigen.
Wir gehen einen andern Weg und dieſer bringt es mit ſich, daß der §. bereits auf das weitere Syſtem hinausweist, darauf nämlich, daß die Naturſchönheit beſtimmt iſt, ſich in die Phantaſie und Kunſt aufzuheben. Dieſe Hinausweiſung iſt durch die zweite der Bedeutungen ausgeſprochen, welche der §. in dem Begriffe der Objectivität, unter welchem er das geſammte Naturſchöne begreift, unterſchieden hat. Das Naturſchöne, heißt es, ſei beſtimmt, Ausgangspunkt und Stoff zu werden. Stoff hat hier den Sinn, der in §. 55 Anm. 2. dieſem Worte folgender - maßen zugeſchrieben iſt: „ zweitens bedeutet Stoff die Idee, wie ſie irgend einmal, abgeſehen von der Kunſt, Form angenommen hat; der Künſtler findet dieſen ſo weit ſchon geformten Stoff in der Erfahrung vor und wählt ihn zur Umbildung in die reine Form “u. ſ. w. Das Naturſchöne liegt uns nun zunächſt als das Subject der Schönheit vor; es wird ſich aber zeigen, daß es im Fortgang zum bloßen Süjet wird, d. h. daß es den Künſtler erregt, es nachzubilden, daß es aber in dieſer Nachbildung eine Umbildung erfährt, wodurch es Object der Schönheit (denn dieß bedeutet Süjet) Gegenſtand, Stoff wird. Hiemit eröffnet ſich eine ganz andere9 Streitfrage, als jene über die Idee in der Bedeutung des Inhalts, was man ebenfalls in ungenauer Weiſe Stoff zu nennen pflegt. Wer ſich in der Frage über das Gewicht des Inhalts im Schönen ſo oder ſo entſchieden hat, der hat ſich in der andern über das Verhältniß der Naturſchönheit zur Kunſt noch keineswegs entſchieden. Dort handelt es ſich um das Gewicht der Idee im Schönen, um die Frage, ob ihre reine Einheit mit dem Bilde nicht aufgehoben werde, wenn man den Werth des ganzen Schönen nach dieſem Gewichte beſtimmt und zu dieſem Zwecke Idee und Bild zuerſt ſtreng ſcheidet. Hier fragt es ſich, wo das Schöne in der ungeſchiedenen Einheit ſeiner Momente in Wahrheit wirklich ſei, ob in der Natur, ſo daß die Kunſt nur eine arme Nachahmung wäre, oder in der Kunſt. Die erſte Streitfrage geht auf den Unterſchied von Gehalt und Form, die zweite auf den zwiſchen Gegenſtand und ſubjectiver Thätigkeit in Darſtellung des Gegenſtands, es handelt ſich hier darum, ob er gegeben iſt oder geſchaffen wird, ob die Schönheit im Objecte oder im Subjecte liegt. Beide Streitfragen ſind nicht zu verwechſeln. Wenn ich z. B. etwa mit Hegel behaupte, nur eine Erſcheinung des gewichtigſten ſittlichen Gehalts ſei ſchön, ſo bleibt mir, da die Geſchichte ſowohl als die Kunſt ſolche Erſcheinungen darbietet, unbenommen, entweder hinzuzuſetzen: kein Dichter kann ſo ſchön dichten, kein Maler ſo ſchön malen, als die Geſchichte ſelbſt, oder aber: auch die gehaltvollſte Begebenheit iſt verglichen mit der Umbildung im Gedicht noch roher Stoff. Wenn ich umgekehrt behaupte, es komme auf den Inhalt als ſolchen nicht an, ſondern auf die Form und jeder Gehalt könne durch ſeine Form ſchön werden, ſo habe ich damit noch nicht entſchieden, ob ich unter Form die Naturbildung verſtehe, wie ſie der Gehalt ſchon außer der Phantaſie und Kunſt an ſich hat, oder die Geſtaltung, die er durch den Künſtler erhält. Wirklich haben wir im erſten Theile die erſte Streitfrage ſo entſchieden, daß wir den Gegenſatz der Anſichten in eine höhere lösten, und dieſe Löſung beſtand darin, daß wir zwar jedem Lebensgehalte, der Idee auf jeder Stufe ihrer Wirklichkeit mit wenigen einſchränkenden Bedingungen ihre Berechtigung in der Schönheit einräumten, allerdings aber ſo, daß je die höhere Stufe der Idee auch höhere Schönheit begründe. Nicht der Gehalt als ſolcher begründet die Schönheit in der Stufenfolge des Werth-Unterſchieds, ſondern der Gehalt wie er in die Form aufgeht; dieß hebt aber den Satz nicht auf, denn der Gehalt beſtimmt nach ſich und bringt mit ſich auch ſeine Form und zwar der höhere die höhere; die Idee baut ſich z. B. einen anderen Leib als vegetabiliſches Leben, einen anderen als thieriſches, als geiſtiges Weſen. Vergl. hiezu §. 17, 3. §. 19 u. §. 55. Nun forderten wir allerdings nicht Form überhaupt, ſondern reine Form, und ſo ſcheint es, wir haben auch die zweite Streitfrage und zwar zu Gunſten der ſubjectiven Thätigkeit,10 der Phantaſie und Kunſt, ſchon entſchieden. Allein in Wahrheit wiſſen wir noch nicht, ob die reine Form nicht durch den Zufall eines glücklichen Ausbleibens des ſtörenden Zufalls eintreten könne, wovon im nächſten §. die Rede ſein wird. Nur der ganze vorliegende zweite Theil wird alſo vielmehr die zweite der genannten Streitfragen löſen und zwar ebenſo wie die erſte, nämlich durch eine Aufhebung des Gegenſatzes der Anſichten in eine höhere. Wäre die reine Form geradezu als Phantaſie ausgeſprochen worden, ſo hätten wir die ganze Stoffwelt verloren, worin der Künſtler ſeine Studien macht, wie dieß in der Vorrede zum erſten Theile und zu §. 43 S. 128 geſagt iſt und weiterhin ſich noch ſchlagender darthun wird. Allerdings iſt im vorliegenden §. ſchon der Grund zur Löſung der zweiten Streitfrage gelegt, indem ausgeſprochen iſt, daß dieſe Welt der vorgefundenen Schönheit im Verlaufe zur bloßen Stoffwelt herabgeſetzt erſcheinen wird. Ehe ſie aber dieſem Verluſte des Scheins ihrer Selbſtändigkeit unter - liegt, ſoll ſie ſich erſt in der Fülle dieſes Scheins ausbreiten.
Vor uns alſo liegt die Welt als Fundgrube der Schönheit für den Künſtler; was er mit dem Gefundenen vornimmt, wird ſich zeigen.
Dieſem einfachen Schritte von der Metaphyſik des Schönen zu der Naturlehre des Schönen ſcheint die im §. 53 aufgeſtellte Forderung einer Zuſammenziehung des unendlichen Flußes, worin der ſtörende Zufall ſich aufhebt, zu widerſprechen, denn dieſe ſcheint einen Willen, alſo ein Subject voraus - zuſetzen. Allein da das Weſen des Zufalls iſt, daß etwas ſo oder anders ſein kann, ſo iſt vorerſt ſchlechthin die Möglichkeit feſtzuhalten, daß zufällig der ſtörende Zufall ein - und das andremal ausbleibe, oder, wenn er nicht ausbleibt, ſich eine Aufhebung des Häßlichen in das Erhabene oder Komiſche durch eine alsbald hinzutretende Gunſt des Zufalls einſtelle, und es hat ſich die Wiſſen - ſchaft für den vorhandenen Schein der Selbſtändigkeit des Naturſchönen nur auf das durchgängige Geſetz, daß die erſte Form jeder Wirklichkeit einer Idee die Unmittelbarkeit ſei, zu berufen. Es ſcheint einmal ſo, daß es neben häßlichen Individuen auch wahrhaft ſchöne, erhabene und komiſche gebe und dieſer Schein muß vorerſt ſein Beſtehen haben.
Ein Thiermaler ſieht unzähliche Pferde, die er nicht brauchen kann, aber die gute Gelegenheit führt ihm da und dort ein Pferd vor die Augen, bei deſſen Anblick er ausruft: das iſt einmal ein Pferd, das kann ich brauchen! Ebenſo findet der Bildhauer einmal ein ausgezeichnetes Modell, der Seemaler belauſcht die See in einem entzückenden Momente u. ſ. w. Dieſelbe Gunſt des Zufalls, unter welcher ein Individuum ſich ungehemmt11 zu mangelloſem Sein entwickelt zu haben ſcheint, kann aber auch auf andere Weiſe eintreten. Es iſt etwas durch Uebermaß, durch Zuſtand der Zerſtörung, durch verzerrte Bildung häßlich; aber es ſtellt ſich in demſelben Zuſammenhang (vergl. §. 152) der glückliche Zufall ein, daß es eine furchtbare Wendung nimmt, wenn wir z. B. ein häßliches Thier im Kampfe die Kraft entwickeln ſehen, die ihm gerade durch ſeine Miß - bildung gegeben iſt, oder eine komiſche, wie dieß tauſendmal ſo erleichternd geſchieht in Momenten, welche zuerſt durch Verletzung aller Sinne und jedes Anſtandsgefühls eckelhaft zu werden drohten. Das Glück dieſer guten Stunden iſt rein zu genießen, der Künſtler iſt in der Meinung, daß ihm hier das Schöne ſelbſt in reiner Geſtalt begegne, zu beſtärken; nicht jetzt iſt es am Orte, ihm zu ſagen: ſieh den Gegenſtand näher an, da iſt immer noch unendlich Vieles an demſelben, was du ſo nicht brauchen kannſt, überall mußt du nachhelfen und dabei entdecken, daß das Urbild in deiner Phantaſie das wahre Correctiv des in der Außenwelt Gefundenen iſt; nicht ſogleich iſt ihm dieſer Schein, dieſe erſte Freude zu nehmen. Thatſache iſt: er hat es gefunden, es iſt ihm ein Gegebenes und was immer weiter mag folgen müſſen, es iſt der Ausgangspunkt. Der idealiſtiſche Aeſthetiker, der von dem Satze ausgeht, die Kunſt ſei Ausdruck des Innern und nichts Anderes, begeht die Verkehrtheit, am falſchen Ort ſtatt einer Analyſe eine Syntheſe zu ſetzen. — Soll alſo die Wiſſenſchaft nicht die Wahrheit und die Ordnung des Hergangs in der Entſtehung des Schönen verkehren, ſo darf ſie ſich nicht daran ſtoßen, daß ſie auf dieſem Punkte ganz in die Empirie, in die Nacktheit eines unbewieſenen thatſächlichen Scheins ſich ergeben muß. Sie thut es mit Wiſſen in Gemäßheit des im §. wiederholten, jede erſte Form in unſerem Syſtem, ja die ganze Begründung des Schönen von Anfang an bedingenden Geſetzes, daß das Unmittelbare, d. h. dasjenige, was ſelbſt nicht Anderes vorausſetzt, aber vorausgeſetzt iſt, wenn Anderes ſoll ſein können, überall den Aus - gang bildet. So iſt das Naturſchöne dasjenige, was von Kräften hervor - gebracht wird, welche die Schönheit als ſolche nicht wollen und bezwecken, es iſt die zufällige Schönheit, welcher kein ſie hervorbringender Wille, welche vielmehr ſelbſt einem ſolchen vorausgeſetzt iſt, und der Fortgang wird zeigen, wie ſich dieſes Unmittelbare aufhebt; dieſer Wille wird das Unmittelbare, durch das er vermittelt iſt, in ſeine Macht nehmen, er wird, indem er das Letzte ſcheint, zum Erſten, zum Anfang werden. Jenes Wiſſen, womit die Wiſſenſchaft dieſen ſcheinbar nackt empiriſchen Ausgang nimmt, iſt zugleich das Vorauswiſſen dieſes analytiſchen, das Letzte im Verlauf zum Erſten ſetzenden Ergebniſſes.
Es ergibt ſich nun für die Lehre von dem Naturſchönen die Aufgabe, zunächſt die Reiche der gewöhnlich ſogenannten Natur oder der Idee, wie ſie erſt als bewußtloſe Lebenskraft wirklich iſt (vergl. §. 17), zu durchgehen und unter der Vorausſetzung des glücklichen Zufalls (§. 234) das Eigenthümliche der Schönheit jeder Hauptſtufe in ihren Gattungen und Arten zu betrachten. Die Aeſthetik geht auf dieſem Wege Hand in Hand mit der Naturwiſſenſchaft und wird zu einer Phyſiognomik der Natur.
Der Schritt von der Metaphyſik des Schönen zu der Phyſik des Schönen iſt, wie ſchon bemerkt, keineswegs mit dem Uebergang von der Metaphyſik überhaupt in die Naturphiloſophie zu verwechſeln. Der weſentliche Unterſchied der äſthetiſchen und der allgemein philoſophiſchen Naturlehre wird im folgenden §. aufgezeigt und dargethan werden, daß das Naturſchöne auch das ganze ſittliche Leben in der Unmittelbarkeit ſeiner äſthetiſchen Erſcheinung befaßt. Man könnte nun einwenden: wenn die Lehre vom Naturſchönen etwas ganz Anderes iſt, als die Natur - philoſophie, wenn daher die letztere als gegeben in der Aeſthetik voraus - geſetzt iſt, warum ſoll erſt jetzt, im zweiten Theile, das Naturgebiet (wie nachher das ſittlich geſchichtliche) vom Standpunkte der Aeſthetik durch - wandert werden? Warum geſchah dieß nicht ſchon im erſten Theile in der Lehre von der Idee, §. 15 bis 29? Warum dort nur eine Skizze der Hauptſtufen der wirklichen Idee, der Reiche des Lebens, und jetzt erſt ein genaueres Eingehen? Der Grund iſt einfach der: die Metaphyſik des Schönen hatte die Grundbegriffe zu entwickeln, das weitere Syſtem im idealen Grundriſſe vorzubilden; hier wurde die Frage noch nicht auf - geworfen, ob die wirkliche Welt unmittelbar, wie ſie erſcheint, oder nur durch das umbildende Zuthun des Subjects ſchön ſei. Nun aber iſt dieſe Frage aufgeworfen und zunächſt mit Abſicht der Schein hingeſtellt, als ſei das Erſtere zu bejahen. Jetzt erſt gilt es alſo, ſtatt der ganz gedrängten Skizze der wirklichen Idee, welche im erſten Theile §. 15 — 29 gegeben iſt, die Reiche des Lebens, zuerſt die der bewußtloſen Natur in der Nähe darauf anzuſchauen, wie viel oder wenig Schönheit das Leben ſelbſt in ſeinen Organiſationen, wenn ihnen nur der Zufall unverkümmerter Entwicklung gegönnt iſt, der Anſchauung darbiete. Die Natur ſcheint jetzt die Werkmeiſterinn des Schönen, ſie iſt uns jetzt Subject und unſere Aufgabe die, ihre Werke der Reihe nach anzuſchauen. Im zweiten Abſchnitte wird es anders lauten, jetzt iſt die Natur in ihrem Rechte und ſoll ſich daher in ihrer Breite entfalten.
13Es tritt nun das Syſtem einer großen, bisher noch ungelösten, ja in ihrem ganzen Umfang noch nicht einmal geſtellten und unendlich ſchwierigen Aufgabe entgegen. Die Phyſiognomik der Natur, welche dieſe Aufgabe iſt, fordert eine Verbindung des Naturforſchers und des Aeſthetikers, welche in der unvermeidlichen Theilung ſubjectiver Kräfte vielleicht überhaupt nicht möglich iſt. Der Aeſthetiker müßte mit umfaſſender naturwiſſenſchaftlicher Bildung ausgerüſtet ſein und der Naturforſcher nicht nur mit philoſophiſcher Einſicht in das Weſen des Schönen, ſondern mit dem feinen Gefühle, dem ſpeziellen erfahrungsreichen Formſinn des Künſtlers. Die Natur - kenntniß müßte gerade deßwegen um ſo gründlicher und vollſtändiger ſein, weil es gälte, über die ganze Maſſe des Stoffs mit der vollkommenen Freiheit des geläufigen Ueberblicks verfügen zu können, mit raſchem Blicke zu unterſcheiden, was für die Aeſthetik brauchbar, was der Naturwiſſenſchaft als ſolcher zu überlaſſen ſei, und ebendarum müßte mit dieſer umfaſſenden Naturkenntniß das Auge des Künſtlers für die Form vereinigt ſein. Die höchſte bis jetzt gekannte Einheit des Naturforſchers und des formfühlenden Auges iſt in Ritter u. A. v. Humboldt aufgetreten, allein liest man z. B. die Ideen zu einer Phyſiognomik der Gewächſe, worin der Letztere ausdrücklich der Aeſthetik in die Hand arbeiten wollte, ſo erkennt man ſogleich, daß der Verf. doch viel zu beſtimmt auf der Seite der Natur - forſchung ſteht, um der Aeſthetik zu genügen, denn dieſe hätte an den Botaniker noch eine Menge weſentlicher Fragen über die richtigſte Anordnung der Pflanzen in Rückſicht auf die äußere Phyſiognomie ihres Baus, welche Humboldts geiſtvolle Skizze unbeantwortet läßt. Iſt es äußerſt ſchwer, auch nur in einem einzelnen Zweige der Naturwiſſenſchaft, wie Geognoſie und Botanik, den Blick auf die Form, welcher der Aeſthetik, und den Blick in die innere Bildung, welcher der Naturwiſſenſchaft eigen iſt, ſo zu vereinigen, daß jener von dieſem nur überall das entlehnt, was für ihn abfällt und dieſer jenem das in die Hände arbeitet, was er braucht, ſo wird die Schwierigkeit unendlich, wenn man erwägt, daß die Aeſthetik von einer umfaſſenden Kenntniß aller Naturreiche unterſtützt ſein müßte und daß auch der erbetene Rath wenig abwirft, weil er vor Allem die abſolute Verſchiedenheit der Standpunkte aufdeckt und die Stelle, wo die Aeſthetik ſoviel vorgearbeitet finden ſollte, um von der Naturkenntniß das Feinſte für ihren Zweck abſchöpfen zu können, als eine noch unbebaute aufzeigt. Im Angeſichte einer ſolchen Aufgabe wird der folgende ſchwache und dürftige Verſuch Nachſicht verdienen.
Der weſentliche Unterſchied beider Gebiete iſt darum nicht zu verkennen,1 denn die Naturgeſchichte behandelt, vom Standpunkte der Aeſthetik betrachtet,14 ihren Gegenſtand ſtoffartig, indem ſie auf die innere Zuſammenſetzung der Dinge ſieht und die Geſtaltung der Oberfläche nur als letztes Ergebniß dieſer darſtellt, wogegen die Aeſthetik den reinen Schein der Oberfläche in’s Auge2 faßt (vergl. §. 54); ebendarum iſt das mißbildete oder kranke Individuum für die Naturwiſſenſchaft nicht ein häßliches, wie für die Aeſthetik, und auf ganz andere Weiſe zieht jene das Reich ſolcher Störungen in ihr Gebiet, als dieſe;3 endlich unterliegt die Verbindung der Aeſthetik mit der Naturwiſſenſchaft den4 in §. 18 ausgeſprochenen Einſchränkungen. Dieſer Unterſchied hebt jedoch die Anſchließung der Aeſthetik an die Naturwiſſenſchaft keineswegs auf, denn die innere Zuſammenſetzung der Körper behält für jene die wichtige Bedeutung, daß ſie der Grund der äußeren Geſtalt iſt; das Stoffartige geht auf in der Form, aber zu kennen, was in ihr aufgeht, fördert weſentlich ihr Verſtändniß und ihre Auffindung.
1. Der Hauptgrund des Unterſchieds iſt in §. 54 gehörig auseinander - geſetzt. Wenn ich die Formen eines Gebirgs äſthetiſch betrachte, frage ich nicht, ob es aus Granit, Baſalt, Sandſtein, Kalk oder anderer Maſſe beſteht, bei einem Baume nicht, in welche Klaſſe ihn Linné mit Rückſicht auf ſeine Befruchtungsorgane geſetzt, bei einem ſchönen menſchlichen Körper nicht, wie dieſer und jener Muskel vom Anatomen benannt wird. Dieſe Fragen ſind vom Standpunkte der Aeſthetik ſtoffartig; nicht an ſich ſind ſie es, denn die Naturwiſſenſchaft kennt auch von ihrem Standpunkt nur geformten Stoff, aber für die Aeſthetik, denn für ſie iſt Alles, was durch Zerlegung und Auflöſung der Oberfläche in ihrer Geſammtwirkung gefunden wird, roher Stoff. Der Geognoſt ſieht nach dem Umriſſe der Gebirge, um aus ihnen vorläufig auf die Formation zu ſchließen; der Aeſthetiker fragt nach der Formation, um aus ihr, ſo weit es möglich, zu ſchließen, was für Umriſſe zu finden ſein werden. Hat dieſer die Umriſſe vor ſich, ſo vergißt er den Namen der Formation, nur ein allgemeiner Eindruck der Gewalt ſchwebt ihm vor, deren Wirken dieſe Umriſſe bedingte. Er braucht auch als Künſtler oder einfach Beſchauender jenen Namen nie gewußt zu haben; nur die Wiſſenſchaft der Aeſthetik, da ſie in geordnetem Zuſammenhang die Naturreiche darauf anzuſehen hat, wie viel Stoff ſie dem Schönen abgeben, muß ſich bis auf einen Punkt auf die Namen und Eintheilungen der Naturwiſſenſchaft einlaſſen.
2. Die ſchlechten Individuen exiſtiren für die Aeſthetik, ſofern ſie ſchlechtweg häßlich ſind, gar nicht oder nur als Solches, was nicht ſein ſoll und daher nur das Gefühl des Abſtoßenden erregt. Für die Natur - wiſſenſchaft dagegen exiſtiren ſie zwar freilich nicht als normale Erſcheinung der Gattung, allein die Krankheit und jede Entartung hat auch ihre Geſetz - mäßigkeit und dieſe iſt für die wiſſenſchaftliche Betrachtung, welche zwar15 Gefühl und Einſicht des Zweckwidrigen, aber keinen Eckel und Abſcheu kennt, weil ſie nicht bei der Oberfläche verweilt, ſondern wiſſen will, was hinter ihr ſei, der Gegenſtand einer beſonderen Unterſuchung, wodurch für die Wiſſenſchaft des höheren organiſchen Lebens ein ſelbſtändiger Zweig, die Pathologie, bedingt iſt. Dieſe führt nun zur praktiſchen Medizin und hier wird der Gegenſatz gegen die Aeſthetik vollkommen. Wenn nämlich ſchon die blos theoretiſche Betrachtung der Naturwiſſenſchaft gegenüber dem Standpunkte der Aeſthetik darum ſtoffartig iſt, weil die getrennten und zerlegten Organe in den Geſichtspunkt der Zweckmäßigkeit fallen (§. 54), ſo wird nun aus dieſem wirklich Ernſt gemacht in der Heilkunde, der Arzt aber und der äſthetiſch Betrachtende ſtehen ſich ſo gegenüber, daß ſie einander reichlichen Stoff zum Lachen geben. Wenn nun ſo die Naturwiſſenſchaft das Entartete, was für die äſthetiſche Anſchauung häßlich iſt, einem theoretiſchen oder praktiſchen Intereſſe unterwirft, das mit dem Gefühle des Häßlichen gar nichts zu ſchaffen hat, vielmehr durch eine Verwechslung der Ausdrücke das Häßliche ſogar ſchön (ſtatt: belehrend) nennen kann, ſo vermag allerdings auch die Aeſthetik dem Häßlichen einen Werth abzugewinnen, wenn es nämlich einen Uebergang in das Erhabene oder Komiſche darbietet; es leuchtet aber ein, daß dieß ein ganz anderer Weg iſt, als der, den die Naturwiſſenſchaft einſchlägt. Dort erhält ſich Eckel und Abſcheu, nur aber als bloßes Moment, als Hebel eines anderweitigen, verſöhnenden Gefühls, das Häßliche bleibt häßlich und wird nur zugleich etwas Anderes, hier aber, für die Naturwiſſenſchaft, iſt das Häßliche gar nicht vorhanden. Dieß iſt nun auf gleiche Weiſe der Fall bei normalen, aber an ſich verworrenen, wie bei ſolchen Bildungen, die durch abnormen Zuſtand entſtellt ſind; von den erſteren reden wir in der folg. Anmerkung und dieß wird zu näherer Beleuchtung dieſes ganzen Unterſchieds im Standpunkte des naturwiſſenſchaftlichen und äſthetiſchen Gebietes führen.
3. Die Einſchränkungen, welche hier mit Verweiſung auf §. 18 wieder genannt werden, treten namentlich in der Thierwelt hervor und werden beſtimmter angegeben werden, wenn von dieſer die Rede iſt. Für die Naturwiſſenſchaft iſt ein von Hauſe aus verworren gebildetes Thier ebenſowenig häßlich, als ein durch Lebensſtörungen entſtelltes; ſie begreift die Bildung einer Fledermaus, eines Krokodils als etwas, was auf dieſer Stufe nicht anders ſein kann. Allerdings muß zwar auch ſie die Bildung dieſer und anderer Uebergangsſtufen als ſolche erkennen, welche zu einer auffallend widerſprechenden Einheit Organe in ſich vereinigen, die in reinerer, ebnerer, flüſſigerer Verbindung anderen Ordnungen angehören; nur nennt ſie dieſe widerſtrebenden Verbindungen nicht häßlich. Das Ver - hältniß wäre alſo hier daſſelbe, wie bei abnormen Entſtellungen: wie16 dieſe auch für die Naturwiſſenſchaft Störungen ſind, ſo iſt queere Bildung auch für ſie, obwohl nothwendig und geſetzmäßig zuſammenhängend, wenn ſie die Gattung nur mit ſich vergleicht, doch, wenn ſie das Thierreich über - blickt und das Zuſammengehören der Glieder in anderen Stufen an die vor - liegende hält, auffallend und gewaltſam. Die Aeſthetik aber nennt auch dieß häßlich und ſtößt es von ſich. Die Naturwiſſenſchaft hebt nun das Gefühl der Zweckwidrigkeit, das auch ihre Einſicht in die verworrene Bildung als ſolche (wie oben in die Entſtellung als Entſtellung) begleitet, durch die weitere Einſicht auf, daß unter ſolchen Bedingungen und auf ſolcher Stufe nichts Anderes entſtehen konnte, daß, wie die Krankheit ihre Geſetze hat, auch das ſeltſam gebildete Thier gerade die Organe beſitzt, die es auf ſeiner Stufe haben kann und braucht. Dieß beruht aber auf einer weitſchichtigen Unterſuchung, wogegen im Schönen das Häßliche in Einem und demſelben Zuſammenhang raſch in das Licht des Erhabenen oder Komiſchen gerückt wird. Dieß Letztere erſt begründet den ganzen Unterſchied. Raſch, in Einem Acte, muß für die äſthetiſche Anſchauung das Häßliche umſchlagen; langſam auf dem Wege der Forſchung wird für die Wiſſenſchaft das Zweckwidrige zu einem Nothwendigen.
Wenn wir nun behaupten, daß auf ſolche Weiſe die Aeſthetik und die Naturwiſſenſchaft auseinander gehen, ſo iſt dieß etwas ganz Anderes, als wenn wir behaupteten, es gebe nichts (Schönes und nichts) Häßliches in der Natur (ſondern nur in der Phantaſie und Kunſt). Auch noch ehe wir die Kunſt kennen, behaupten wir ein Schönes und Häßliches, ſowie ein in das Erhabene oder Komiſche übergehendes Häßliches, das in der Natur vor uns tritt; nur ſagen wir aus, daß dieß vermöge einer andern Betrachtungsweiſe geſchehe, als vermöge der naturwiſſenſchaftlichen, durch diejenige nämlich, welche nur die Geſammtwirkung der Oberfläche im Auge hat. Liegt es im Unterſchiede der Betrachtungsweiſen, ſo iſt ja aber, wird man uns einwenden, der ſubjective Sitz des Schönen eben - hiemit ſchon ausgeſprochen. Wir antworten darauf: dieß heißt zu viel, alſo nichts beweiſen. Das Subject iſt in jedem Prädikate, das ich einem Objecte gebe, mitgeſetzt, allein es kommt darauf an, welche ſeiner Seiten das Object dem Subjecte entgegenhält. Freilich kann das Subject mit Willkühr den Gegenſtand wenden und drehen und dann tritt ein Verhältniß ein, wo dieſer durch jenes beſtimmt erſcheint; dieß gehört dann ſchon in die Lehre von der Phantaſie, wo unſere ganze Betrachtung ſubjectiv werden wird; allein auch ohne dieſen willkührlich beſtimmenden Act des Subjects und außer ihm wechſelt das Object ſo ſeine Seiten, daß der beſtimmende Eindruck von ihm ausgeht, und davon iſt jetzt die Rede. Die Häßlichkeit des Crokodils geht auch ohne beſonderen Act der Phantaſie auf Seiten des Zuſchauers in den äſthetiſchen Eindruck des Furchtbaren17 über, wenn wir es kämpfen ſehen, und ein Froſch erſcheint nach Umſtänden auch ohne jenen Act komiſch, wenn er hüpft und ſpringt, wenn ſein Quacken an Menſchenſtimmen erinnert. Als Ausdruck der idealiſtiſchen Anſicht, welcher wir hiemit entgegentreten, ſtehe eine Aeußerung Hettners. Für ſeinen Satz, daß es im Schönen überall nicht auf den Gegenſtand, ſon - dern nur auf die Darſtellung ankomme, führt er u. A. (Wigands Vier - teljahrsſchr. 1845. B. 4. S. 16.) an, ein Crokodil, eine Kröte könne in der Natur häßlich erſcheinen, in der Kunſt aber vortheilhaft. Hettner hätte ſeine eigene Anſicht richtiger ausgedrückt, wenn er geſagt hätte, in der Natur ſei nichts weder ſchön noch häßlich, ſondern nur in der Darſtellung der Kunſt, und dieſe könne das, was ſie ſonſt häßlich darſtelle, ebenſogut auch vortheilhaft anbringen. Von dieſem conſequenten Idealismus iſt er aber ſchon dadurch weit ab, daß er wenigſtens von einem häßlich Erſcheinen des Naturgegenſtandes ſpricht und er hütet ſich wohl, zu ſagen, ſchön könne die Kunſt ein ſolches Thier darſtellen, denn nicht unmittelbar kann ſie dieß ja, ſondern nur durch die Wendung zum Erhabenen oder Komiſchen, worin dem Häßlichen zwar ſein Stachel genommen wird, doch nicht ſo, daß es ſchlechtweg aufhörte, häßlich zu ſein, ſondern nur ſo, daß wir aus anderweitigen Gründen das Häßliche nicht mehr als Häßliches wahr - nehmen. Wir können dieß dann vermittelte (kämpfende) Schönheit nennen, aber ebendaraus, daß ein ſolches Thier niemals in der Weiſe der unmittel - baren, d. h. hier der einfachen und kampfloſen Schönheit als ſchön dar - geſtellt werden kann, folgt die Unrichtigkeit des ganzen Hettnerſchen Satzes. Die Wendung zum Erhabenen und Komiſchen kann das häßliche Thier, wie ſchon geſagt, auch ohne einen beſtimmenden Act der Phantaſie von Seiten des Zuſchauers nehmen; und wenn die Kunſt, weil ſie aus einem Willen hervorgeht, aus freier Beſtimmung dem Gegenſtande dieſe Wendung gibt, auch wo er ſie in der Natur nicht nimmt, ſo fingirt ſie doch eben einen Fall, der ſonſt allerdings in der Natur vorkommt und hundertmal geſehen worden iſt, wie ſie ja überhaupt fingirt, als ſei das ganze Thier ſelbſt gegenwärtig, wo es nicht iſt. Sie fingirt es aber mit der Bildung, die es in der Natur hat; ſie fingirt es nicht nur, ſondern erhöht, (um vorläufig bei dieſem unbeſtimmten Ausdruck zu bleiben) dieſe Bildung, und dieß iſt ein Unterſchied des Naturſchönen und des Kunſtſchönen, der ſeines Orts gehörig in Geltung treten wird, aber ſie kann das in der Natur Häßliche nicht ſo erhöhen, daß die Häßlichkeit, außer durch dieſelbe Wendung, durch welche ſie auch in der bloßen Natur eine andere Wir - kung erhält, verſchwände. Verfährt ſie anders, ſo lügt ſie, und dieß kann ſie freilich eben ſo gut, wie ich im ſittlichen Gebiete das Schlechte als gut und umgekehrt darſtellen kann, aber ſie vernichtet ſich dadurch ebenſo wie die ſittliche Lüge. Hat der Maler z. B. einen Kopf abzubilden, derViſcher’s Aeſthetik. 2. Band. 218durch ſehr markirte Züge von der reinen Linie der Gattung bis zum Häß - lichen abweicht, ſo lügt er, wenn er dieſe Züge durch Abrundung verflacht; er bleibt aber der Aufgabe der Kunſt treu, wenn er gerade das Mar - kirte in ſolcher Kraft darſtellt, daß es den erhabenen Charakter, der im Original ſelbſt mit der Häßlichkeit verſöhnt, in erhöhter Reinheit kund gibt. Es kommt alſo allerdings auf den Gegenſtand an und wer dieß leugnet, ſpricht (was Hettner gewiß nicht wollte) einer bodenloſen Scheinkunſt das Wort; es kommt auf den Gegenſtand an, denn das Schöne und das Häßliche, ſowie das Erhabene und Komiſche iſt in der Natur ſchon vor der beſtimmten Thätigkeit der Phantaſie, woraus die Kunſt ent - ſteht. Wir haben auf zwei verſchiedenen Linien daſſelbe Verhältniß: in der Natur iſt ein Gegenſtand ſchön oder häßlich oder er geht vom Häß - lichen in das Erhabene, Komiſche über, und ebenſo in der ſchöpferiſchen Phantaſie und Kunſt. Auf der erſten Linie iſt ein Zuſchauer freilich vorausgeſetzt, aber noch keineswegs ein ſolcher, der von der unbeſtimmt allgemeinen Phantaſie zum ſchöpferiſchen Acte derſelben fortgegangen iſt, ſondern nur ſo iſt er vorausgeſetzt, wie ein Schmeckender vorausgeſetzt iſt, wenn wir etwas ſauer oder ſüß nennen. Auf der zweiten Linie aber ſind dieſelben Unterſchiede und Verhältniſſe da, aber alle in einer neuen Potenz, in der des geiſtig Gewollten und Geſetzten, wovon an ſeinem Orte zu reden iſt, wo denn auch der hier berührte Unterſchied der unbe - ſtimmt allgemeinen und der ſchöpferiſchen Phantaſie dargeſtellt werden wird.
4. Wenn ich die Oberfläche betrachte, ſo iſt es mir freilich gleich - giltig, welcher Stoff es ſei, der das Gebilde von innen heraus ſo ausfüllt, daß er nach ſeinen Bildungsgeſetzen gerade dieſes und kein anderes Profil bildet; allein es iſt doch immer gerade dieſer und kein anderer Stoff, aus deſſen Natur dieſes und kein anderes Profil hervorgeht, und das Profil gibt mir allerdings weſentlich die innere Qualität, nur nicht als zerlegte, ſondern in Einer augenblicklichen Geſammtwirkung kund. Jene Gebirgsformation wirkt ſo auf mich, dieſe anders; jene iſt wild zerklüftet, dieſe weich geſchwungen und rund in ihren Umriſſen. Nun brauche ich nicht zu wiſſen, wie die Gebirgs - arten heißen, welche dieſe Geſtalten bilden; aber die Bildung gibt mir, ohne daß ich Geognoſt wäre und die Namen wüßte, einen dunkeln Eindruck der Erd - Revolution, der ſie angehört und durch welche ihr Charakter bedingt iſt. Ich bekomme das im Eindrucke weſentlich mit. Weiß ich nun überdieß, welche Formation hier zu Grunde liegt, ſo hat dieß als ein ausdrückliches Wiſſen äſthetiſch zunächſt keinen Werth und iſt zufällig, allein dieſe Kenntniß kann der äſthetiſchen Stimmung eine Frucht von der größten Bedeutung abgeben, wenn ſie mir hilft, den beſondern Charakter der ungeheuren Naturkämpfe mir vergegenwärtigen, wodurch auf vulkaniſchem oder neptuniſchem Wege durch Urbildung oder Zertrümmerung früherer Gebirgsarten u. ſ. w. einſt19 dieſe Formen entſtanden. Dieſe Umſetzung des geognoſtiſchen Wiſſens in die äſthetiſche Stimmung iſt nicht leicht, aber wie wichtig ſie iſt, kann z. B. die einfache Vorſtellung zeigen, wenn man ſich einen Maler denkt, der auf einer Studienreiſe begriffen von einem nahen Gebirge hört und von der Gebirgsart Kunde erhält. Weiß er nun, welche Formen bei dieſer oder jener Gebirgsart vorkommen, ſo kann ihn dieß entweder beſtimmen, dieſelben aufzuſuchen und ihm reichen Gewinn an Studien zuführen, oder es kann ihm, wenn er weiß, daß ſie unintereſſant ſind, vergebliches Suchen erſparen. Ebenſo verhält es ſich mit Pflanzen, Thieren u. ſ. w., und nicht umſonſt liest man Künſtlern Anatomie, denn an ſich zwar brauchen ſie das Einzelne, was hinter der Oberfläche des menſchlichen Organismus liegt, nicht zu kennen, aber ſie kennen die Oberfläche erſt, wenn ſie wiſſen, nach welchen Geſetzen welche Theile in Ruhe oder Bewegung auf der Oberfläche hervortreten oder zurücktreten müßen. Mit aller gelehrten Naturkenntniß verhält es ſich demnach in der Aeſthetik ſo: man muß jene in ſich aufnehmen, um ſie aufgenommen zu haben, um ſie als eine gleichſam verdaute in die äſthetiſche Anſchauung aufgehen zu laſſen; man muß wiſſen, um wieder zu vergeſſen, aber im Vergeſſen bleibt eine Frucht von dem Gewußten.
Das Reich des Naturſchönen iſt aber ungleich weiter als das Gebiet der Naturwiſſenſchaft. Dieſe ſchließt das menſchliche Leben von dem Punkte an, wo es durch Freiheit die Natur überwindet, von ſich aus; nicht ſo die Lehre vom Naturſchönen. Hier liegt nicht der Gegenſatz von Natur und Geiſt über - haupt, ſondern der Gegenſatz zwiſchen vorgefundener oder zufälliger und zwiſchen einer ſolchen Schönheit vor, welche durch einen Willen, das Thun eines Subjects entſteht. Zum Naturſchönen gehört alſo auch das perſönliche menſchliche Leben, ſofern es, obwohl im Uebrigen ſelbſtbewußt und frei, diejenige Seite, nach welcher es ſich als ſchön darſtellt, nicht als ſolche weiß und will, ſofern alſo zwar der Inhalt deſſen, was es thut, nicht zufällig iſt, wohl aber die Form, in welcher dieß Thun erſcheint.
Nichts iſt klarer, als daß die ganze Welt der Freiheit zum Natur - ſchönen gehört, ſofern die handelnden Perſonen nicht darnach fragen und nicht darauf arbeiten, wie ſie in ihrem Thun ausſehen, ſofern alſo das, was Zuſtände und Thaten ſchön macht, nicht als ſolches gewollt, ebendaher zufällig und ein Werk unbewußter Kräfte iſt, wie die Schönheit der auch außer der Aeſthetik ſo genannten, der ungeiſtigen Natur. Eine Schlacht, eine Heldenthat in dieſer Schlacht mag den edelſten Gütern der Menſchheit gelten2*20ſie mag die herrlichſten Momente für den Maler, für den Dichter darbieten; allein den Kämpfenden iſt es gewiß nicht darum zu thun, ein maleriſches Schauſpiel darzuſtellen, nur der Zufall führt ſie in manchen Momenten des Kampfes zu maleriſchen Gruppen zuſammen. So verhält es ſich mit allen Erſcheinungen der moraliſchen Welt. Es mag theilweiſe wohl auch eine Abſicht auf die Erſcheinung als ſolche gerichtet ſein, Kleidungen, Waffen, Schmuck aller Art, Ceremonien, Bräuche, Haltung, Gebärde, Bewe - gung mögen auf einen würdigen oder gefälligen Anblick berechnet ſein; aber theils fällt die Berechnung nicht in den Moment, wo es ein ernſtliches Han - deln gilt, ſondern hat ihre beſondere Zeit als Ankleiden, körperliche Uebung u. ſ. w., theils iſt der anhängende Schmuck, obwohl durch eine Abſicht, doch nur durch eine ſolche beſtimmt, welche unvermerkt ſelbſt von einem Inſtinkte geleitet wird, wie dieß z. B. aus der Entſtehung der Trachten deutlich zu erſehen iſt.
Eine eigenthümliche Verworrenheit herrſcht in der Lehre vom Natur - ſchönen bei Hegel. Er verwechſelt nämlich die Idee überhaupt mit der Idee des Schönen. Die Idee überhaupt gibt ſich Wirklichkeit in der natürlichen und in der geiſtigen Welt, und die zweite dieſer Formen iſt die allein wahre und adäquate; da nun Schönheit die Idee in adäquater Erſchei - nung iſt, ſo meint er dieſelbe erſt in der geiſtigen Welt beginnen laſſen zu dürfen. Dieß iſt jedoch nicht die eigentliche Confuſion, es iſt nur erſt eine Unterſchätzung des äſthetiſchen Werths der nicht begeiſteten Natur; jene liegt erſt darin, daß Hegel nun ſagt, die Mängel der unbegeiſteten Natur leiten zur Nothwendigkeit des Ideals als des Kunſtſchönen hin. Dahin leiten ja aber die Mängel alles Schönen, ſofern es in der vorge - fundenen Wirklichkeit, von der Phantaſie noch nicht umgebildet, uns begegnet, und von ſolchen iſt ja auch die geiſtige Welt, die Menſchenwelt getrübt, wie Hegel ſelbſt, um die Verwirrung durch Widerſpruch mit ſich ſelbſt zu vollenden, (Aeſth. Th. 1. S. 189 ff. ) ausführt. Die Verwirrung löst ſich einfach, wenn wir die Idee überhaupt und die Idee des Schönen richtig unterſcheiden: reden wir von der Idee überhaupt, ſo iſt freilich die menſch - liche Welt als adäquate Erſcheinung des Geiſtes erſt ihre wahre Wirk - lichkeit. Sie iſt ebendaher das Gebiet, wo erſt volle Schönheit auftritt. Allein das hat mit dem Gegenſatz, der die Idee der Schönheit als ſolche in zwei Hauptgebiete, Naturſchönheit und Ideal theilt, noch gar nichts zu ſchaffen. Vielmehr die geiſtig menſchliche Welt wie die unbegeiſtete hat ihre äſthetiſchen Mängel, ſofern ſie uns ohne Zuthun der Kunſt vor - liegt, wie ſie iſt, und an beiden Welten tilgt die Kunſt dieſe Mängel. Beide Welten treten zweimal auf, als Naturſchönheit, dann als ideal umgebildete Schönheit. Iſt auch die ſittliche Welt, wie ſie zufällig vorge - funden wird, mangelhaft, ſo iſt umgekehrt die unbegeiſtete der idealen21 Behandlung darum nicht unwerth, weil ſie noch nicht adäquate Erſchei - nung iſt. Die Naturſchönheit erſtreckt ſich über die ganze Welt und das Ideal ebenfalls.
Die Gebilde der verſchiedenen Gattungen im Reiche des Naturſchönen ziehen ſich in unbeſtimmter Menge durch Raum und Zeit und finden ſich auf einzelnen Räumen häufig in verworrenem Gedränge des Verſchiedenartigen gleich - zeitig zuſammen. Durch jenes iſt die Begrenzung, durch dieſes die Einheit der Idee aufgehoben, welche zum Schönen erfordert wird (§. 36.). Allein für die Begren - zung ſorgen die Sinne des Betrachtenden, welche je nur einen Ausſchnitt des unendlich Ausgedehnten faſſen können, und daſſelbe Glück des Zufalls, wodurch einzelne Individuen aus allen dieſen Sphären als reine Bilder ihrer Gattung erſcheinen, kann ebenſogut auch auf einem einzelnen Raum in einer über - ſehbaren Zeitdauer ſolche Erſcheinungen zuſammenführen, welche durch den Mittel - punkt einer beſtimmten Idee ſich zur Einheit verbinden.
Es geht aus dieſem §. hervor, daß auch die Nothwendigkeit der Begren - zung und der Gruppirung um einen geiſtigen Mittelpunkt keineswegs unmittel - bar zum Ideale führt. Das Planetenſyſtem iſt kein Gegenſtand der Schön - heit, weil es unüberſehlich iſt, die unendliche Zeit auch nicht. Ueberſehlichkeit nämlich forderte nach §. 87. auch das Erhabene. Aber dafür ſorgt, den glücklichen Zufall der Stellung, des Standpunkts natürlich vorausgeſetzt, ſchon der Namen, den unſere Sinne ziehen, daß wir eben nur ein Begrenztes, einen Ausſchnitt des unendlich Ergoſſenen ſehen, der uns dasſelbe vergegenwärtigt: Sternenhimmel u. dgl. Für die Einheit aber ſcheint, und auch dieſer Schein iſt vorerſt noch ſtreng feſtzuhalten, mehr der Zufall ſorgen zu müſſen. Jetzt zwar ſehe ich auf Einem Raume ganz Ungleichartiges beieinander, was in keine Einheit zuſammengeht, aber ein andermal treffe ich es beſſer: die unpaſſende Staffage hat ſich aus der Landſchaft entfernt, die Berge, Bäume, Luft, Waſſer, Licht ſind günſtig, paſſend und vereinigen ſich zu einem Ganzen, durch welches Eine Stimmung hindurchgeht. Intereſſante Schickſale eines Volks, eines Individuums ziehen ſich, unterbrochen von langen, bedeutungs - loſen Zwiſchenräumen, in läſtige Länge hinaus; aber ein andermal bricht ein Silberblick der Geſchichte hervor und drängt das Schickſal eines Volks, eines Einzelnen zu einem Drama von wenigen Tagen, ja Stunden zuſammen, in denen ich mit der Gegenwart die ganze Vergangenheit durchſchaue. Der Zufall ſcheint der erſte componirende Künſtler; er ſcheint es zu ſein, der mir ein Ganzes ſo hinſtellt, daß ein Hauptſubject darin wirkt, das mir in ſeiner Vollkommenheit die ganze Gattung vertritt, wie dieß zum Schönen erfordert wird. Uebrigens wirkt natürlich auch hier22 die Begrenzung meiner Sinne, dem Schauſpiel einen Namen zu geben, der es von Anderem, nicht zur Sache Gehörigem abſchneidet.
Was im allgemeinen Begriffe in flüßiger Einheit ineinander iſt, geht in der Verwirklichung auseinander und zerfällt an einzelne Exiſtenzen, ſo daß Einiges einfach ſchön, Anderes erhaben, Anderes komiſch erſcheint, und ebenſo verhält es ſich mit den untergeordneten Momenten dieſer Hauptgegenſätze. Es findet aber, zum deutlichen Beweiſe, daß dieſelben ihren urſprünglichen Ort in2 der Einheit des Begriffs haben, zugleich ein Stellenwechſel ſtatt. Einige Gattungen ſind einfach ſchön, treten aber nach Umſtänden in das Erhabene und Komiſche über; doch iſt dieſer Uebertritt ſelten, weil das Schöne, wenn das Erhabene als ſein Gegenſatz aus ihm hervorgetaucht iſt, in harmloſe Anmuth3 zurücktritt (vergl. §. 73, 1.). Andere Gattungen ſind erhaben, treten aber in’s Komiſche über; andere komiſch, nach Umſtänden auch erhaben. Je bedeutender die Gattung, deſto voller ihre Bewegung durch die Gegenſätze. Abgeſehen von4 dem urſprünglichen Gepräge der Gattung wirſt ſich über alle der ſtörende Zufall und zieht ſie, wenn die in §. 234 genannte Gunſt des Zufalls hinzutritt, durch5 das Häßliche in das Erhabene oder Komiſche. Dieſe Vertheilung und dieſer Stellenwechſel der Grundformen des Schönen wird in der folgenden Ausführung nur an den Hauptpunkten berührt werden.
1. Es iſt ſchon in §. 82 S. 215 für die Nothwendigkeit, das Er - habene und Komiſche in der allgemeinen Begriffslehre zu entwickeln, auf die Krit. Gänge Th. 2, S. 348. 349 verwieſen worden. Der weſentliche Grund iſt, daß, wo irgend Schönes auftritt, auch Erhabenes und Komiſches ſich geltend macht, daß alſo, da alle wirklichen Exiſtenzformen des Schönen an dieſen allgemeinen Grundformen theilnehmen, dieſe letzteren nicht erſt aufge - führt werden dürfen, wo von jenen beſonderen Exiſtenzen die Rede iſt. Nun ſcheint dagegen die Natur der ſinnlichen Wirklichkeit zu ſein, gemäß welcher im Naturſchönen die Grundformen auseinanderfallen und ſich die eine an dieſe, die andere an jene Exiſtenz feſſelt, wie denn z. B. der Elephant weſentlich als ein erhabenes Thier erſcheint. Allein dieſe Verfeſtigung iſt keine abſolute, ein Umſpringen zeigt ſich auf allen Punkten, und dieß beweist nun thatſächlich die Richtigkeit jenes Satzes und hiemit die Richtigkeit der Anordnung, welche dem Syſtem eine Metaphyſik des Schönen zum erſten Theile gibt; denn wenn das einfach Schöne, Erhabene u. ſ. w. ſeine Stelle in der Welt der Gegenſtände wechſelt, ſo folgt, daß dieſe Momente des Schönen allgemeiner Natur und in ihrer inneren Ordnung vor allem wirklichen Daſein des Schönen zu entwickeln ſind. Dieſer23 Stellenwechſel leuchtet namentlich dann in ſeiner Beſtimmtheit ein, wenn wir die Lebensalter und die Verhältniſſe zu andern Individuen hinzuziehen. Die zarte Gerte wird ein erhabener Baum, das männliche Kind Jüngling, Mann, Greis u. ſ. w. Faſt alle höheren Thiere, ſelbſt die häßlichen, ſind im Spiele ihrer erſten Jugend anmuthig. Die Verhältnißſtellung durch - ſchneidet die Linie, welche durch das Grundgepräge der Gattungen gegeben iſt, mit unzählichen Zwiſchenlinien. Für eine Fliege iſt ein Kolibri, die lieb - liche Mutter iſt für ihr Kind erhaben, ein hoher Verſtand einem höheren komiſch u. ſ. w. Wir haben aber vor Allem die Gattungen im Ganzen zu betrachten.
2. Eine Blume, ein lieblich geſtaltetes Thier, ein Weib wird ſchwer erhaben; das Weib wohl als Mutter, als Herrin, als Matrone, und wenn es ausartet, durch Verwilderung im Sinne des Böſen (Häßlichen), alſo Furchtbaren. Allein die Erhabenheit der erſteren Art iſt doch ſchwach gegen die energiſcheren Formen des männlich Erhabenen, die Verwilderung eine dem Geſchlechtscharakter grell widerſprechende, ſeltene Erſcheinung und dann freilich durch dieſen Widerſpruch geſpenſtiſch ſchauderhaft. Komiſch wird das Thier im Spiel u. dergl., das Kind, das Weib durch die Naivetät, die ihm immer bleibt. Allein auch dieß ſind ſchwache Uebergriffe, da das Kind, das Weib zu den tieferen Kämpfen nicht fortgeht, wodurch die Komik in ihrer Tiefe erſt möglich wird. Es wird nun zur Thatſache, was in §. 73 geſagt iſt: das einfach Schöne tritt in die Grenze der harmloſen Anmuth zurück, da ſein eines Moment, die Idee, in beſonderen Exiſtenzen ſich in negativer Uebermacht hervorthut. Dieß zeigt ſich eben nirgends deutlicher als in der Trennung der Geſchlechter: das Weib ſteht auf der Seite des einfach Schönen, der Mann des Erhabenen, und ebendaher iſt dieſer auch allein der Komik in ihrer Tiefe, ihrem Umfang fähig. Im Ganzen kann man ſagen: Gattungen, deren Grundzug das einfach Schöne iſt, werden weniger durch ihre Entwicklungsformen, Lebensalter u. ſ. w. als durch Verhältniß - ſtellungen in die gegenſätzlichen Grundformen des Schönen übertreten.
3. Der Bär iſt furchtbar durch Kraft und Wildheit, drollig durch Schwerfälligkeit bei einigem Nachahmungs - und Spieltrieb, der Elephant erhaben durch Maſſe und Kraft, drollig aus demſelben Grunde, ähnlich der Bullenbeißer und andere Thiere. Thiere, die nur komiſch aufgefaßt werden zu können ſcheinen, wenn ſie nicht häßlich ſein ſollen, werden doch auch furchtbar, wenn ſie in Wuth kommen oder ſchauderhaft durch verzerrte Nachahmung des Menſchlichen wie der Affe. Wie die bedeutendere Gattung ſich auch durch die verſchiedenen Grundformen des Schönen vollkommener bewegt, zeigt freilich am reinſten der Menſch. Ein Berg, ein Baum kann nur räumlich erhaben ſein, ein Thier zugleich im Sinne der Kraft, und24 ebenſo geht es in die einfachſten Formen der Komik über; der Menſch durchläuft alle Formen des Erhabenen und Komiſchen.
4. Dieſe Bemerkungen galten dem Gattungstypus; derſelbe wird aber vom Zufall, und zwar jetzt abgeſehen von Lebensaltern und Verhältniß - Stellungen, welche keine Störung enthalten, ſo durchkreuzt, daß z. B. durch frühen Untergang das harmlos Schöne tragiſch, das Erhabene ohne Ver - ſchulden durch äußeren Anſtoß komiſch, das Komiſche durch ernſtes Uebel, das ſich einſtellt, tragiſch wird. Daß dabei die Gunſt des guten Zufalls zur Ungunſt des ſtörenden hinzutreten müſſe, folgt aus §. 234. Es iſt unter den hier gegebenen Beiſpielen nicht beſonders auf die höheren Er - ſcheinungen der ſittlichen Mächte hingewieſen worden; wie dieſe ſämmtlich theils durch Schuld in’s Tragiſche, theils durch Mängel, Verſehen und ſtörenden Zufall in’s Komiſche übergehen können, iſt durch die vielen Beiſpiele, die der erſte Theil des Syſtems beibrachte, ſattſam in’s Licht geſtellt.
5. Die Voranſtellung der Grundformen des Schönen in einem erſten, metaphyſiſchen Theile wird uns nun namentlich die Frucht tragen, daß ſie uns im Ueberblick der Naturreiche unterſtützt, Eintheilungen an die Hand gibt und den Erſcheinungen, die auf den erſten Anblick häßlich ſind, ihren Ort ſichert. Doch kann ſich die Aeſthetik natürlich nicht auf einen Verſuch einlaſſen, überall das Naturſchöne in die Gegenſätze des Erhabenen und Komiſchen und wieder in deren einzelne Momente zu verfolgen. Es genügt, jene da hervortreten zu laſſen, wo eine bedeutendere Gattung, Lebensform ihrem weſentlichen Gepräge nach dem einen oder andern Gegenſatze zufällt, im Uebrigen wird das Schöne immer als Ganzes ohne weitere Unterſcheidung ſeiner ſtreitenden Formen gefaßt werden.
Nach §. 19, 2. haben die der Perſönlichkeit vorangehenden Stufen der wirklichen Idee die Bedeutung, jene als werdende anzukündigen. Dieſe Bedeutung ſcheint aber erſt mit denjenigen Stufen eintreten zu können, auf welchen die Natur Individuen hervorbringt, in welchen ſie ſich zu der geſchloſſenen Einheit des aus eigenem Mittelpunkte thätigen Lebens zuſammenfaßt, denn erſt dieſe ſcheinen den nöthigen Anhalt darzubieten, um ihnen die höchſte Form des Lebens, in welcher die Idee ſich ihre wahre Wirklichkeit als Geiſt gibt, unter - zulegen. Die unorganiſche Natur iſt nun zwar der urſprüngliche Schooß alles individuellen Lebens, tritt aber gegen die Wirklichkeit deſſelben als allgemeine Bedingung, umgebendes Element und Unterlage zurück; ſo daß ſie niemals für ſich allein, ſondern nur zuſammengefaßt mit lebendigen Individuen ein ſchönes Ganzes darſtellen zu können ſcheint. Dennoch genügt dem ahnenden Rückblicke des perſönlichen Weſens jene Bedeutung derſelben als eines urſprünglichen Schooßes, um auch in dem Wechſelſpiel blos elementariſcher Kräfte ein Vorbild höherer Lebensformen, eigener Zuſtände und Bewegungen anzuſchauen.
Nach der Scheidung der Reiche, welche mit der jetzt beſtehenden Naturordnung eingetreten iſt, trat dasjenige, was wir jetzt unorganiſche Natur nennen, als nährende Umgebung und Unterlage gegen die lebendigen Individuen zurück. Wir werden zwar ſofort im Minerale bereits eine individualiſirte Materie erkennen, allein das kryſtalliſche Individuum iſt todt; es hat zwar die Begrenzung, welche in §. 30 zum Schönen gefordert wurde, während Licht, Luft, Waſſer, Erde in unbegrenzter, gleichgültiger Fortſetzung ſich ergießen und erſtrecken; allein wir werden ſehen, daß ſeine individuelle Begrenzung, weil ſie doch nur einen todten Körper einſchließt,26 ihm ſeinen äſthetiſchen Werth gerade noch niedriger anweist, als der iſt, der jenen frei ergoſſenen Materien zukommt. Zunächſt jedoch ſcheint die ganze unorganiſche Welt von dem Leben der Perſönlichkeit zu weit abzu - liegen, als daß dieſe ſich in ihr ahnen könnte; der Kreislauf ſelbſtändiger innerer Bewegung wenigſtens, wie er in der Pflanze auftritt, ſcheint ſich mit dem Anblick der übrigen Landſchaft verbinden zu müſſen, um die Per - ſönlichkeit in ihr wie vorbereitet anſchauen zu können, und ſo ſcheint die unor - ganiſche Natur überhaupt bloße Vorbedingungen zu enthalten, aus denen ſich ein ſchönes Ganzes erſt zuſammenbauen kann, wenn wir ſie mit dem organiſchen Leben zuſammenfaſſen, ſo daß wir dem Lichte, der Luft, dem Waſſer, der Erde erſt Baum, Thier, Menſch hinzugeben müſſen, die darin erſcheinen, athmen, ſich davon nähren, darin wurzeln, darauf wandeln. Können aber nicht dennoch dieſe Erſcheinungen auch ohne lebendige Staffage ſchön ſein? In ihrer Ver - einzelung jedenfalls nicht; Licht allein, Luft allein u. ſ. f. iſt als genügend zu einer ſchönen Erſcheinung gar nicht denkbar und ſoweit allerdings iſt der Satz begründet, daß das Schöne noch nicht eintreten kann, wo lebendige Individualität fehlt. Selbſt die bereits lebendig individualiſirte Pflanze fordert, wie wir ſehen werden, noch eine Zugabe, wenn ſie äſthetiſch ſein ſoll; ein Thier dagegen, ein Menſch kann für ſich allein als ſchönes Ganzes auftreten. Dagegen wenn mehrere der unorganiſchen Potenzen zu einem Wechſelſpiele zuſammentreten, ſtellt ſich die Sache anders. Ein Stück See mit oder ohne begrenzende Ufer kann durch reine Licht-Reflexe und Farben - töne bei ruhiger Luft, durch Aufwühlung ſeiner Waſſer und bewegte Luft allerdings zu einem äſthetiſchen Eindrucke genügen; Gebirgsformen ſelbſt ohne Vegetation können in guter Beleuchtung, etwa mit Waſſer zuſammen - geſtellt, das Auge befriedigen: mit einem Wort, es können ſchöne Land - ſchaften vorkommen auch bei völligem Mangel vegetabiliſcher, thieriſcher, menſchlicher Staffage. Allerdings wird dieß nur in ſeltenen Momenten möglich ſein, und welcher Art ſind dieſe Momente? Es ſind ſolche, worin ein Wechſelſpiel der elementariſchen Potenzen uns das erſetzt, was in ſtrenger Wahrheit nur das organiſche Individuum darbietet; d. h. Momente, worin die unorganiſche Natur einen Effect hervorbringt, der unwillkührlich an das organiſche Leben als ein aus einem ſelbſtändigen Mittelpunkt in ſich thätiges, in ſich prozeſſirendes, von ſich aus - und in ſich zurückgehendes Weſen erinnert. Die unorganiſche Natur ſieht in ſolchen Momenten, wo etwa Sonne und Berg im blauen Waſſer ſich ſpiegelt, aus, als beſchaute ſie ſich ſelbſt, als weidete ſie ſich an ihrem eigenen Bilde, als dämmerte ein Selbſtbewußtſein in ihr auf, oder ein andermal ſcheint es, als ränge ſie wie in jenen uralten großen Kämpfen, in denen ſie einſt die höheren Geſtalten der Lebendigen aus ihrem noch lebensſchwangeren Schooß hervor - brachte: Stürme, Fluthen, wilde Bergformen, Vulkane führen dieſes Urleben,27 dieſe furchtbaren Gährungen uns vor Augen. Nun erinnert ſich das an - ſchauende perſönliche Weſen, daß das, was wir jetzt unorganiſche Natur nennen, einſt mehr war, es ſchaut ſie als den Schooß, die Wiege alles Lebens an, verlegt ſich ſelbſt in dieſe Wiege zurück, wirft das Explicirte hinter ſich ſelbſt, die Zwiſchenglieder überſpringend, in das Implicirte zurück, ſieht in den Bewegungen der Natur Stimmungen, Leidenſchaften des menſchlichen Gemüths, läßt den künftigen Menſchen aus dem Urgrunde, worin er mit allen Lebendigen ſchlummerte, hervor und ſich entgegenblicken. Die Empfindung kann allerdings auch eine andere Wendung nehmen; die Elemente werden vorgeſtellt als wüßten ſie um das außer ihnen bereits vorhandene organiſche und menſchliche Leben und erfreuten ſich daran, es zu nähren, ſich ihm zum Genuſſe zu geben oder es neidiſch zu zerſtören. Allein die Zurückverlegung des empfindenden und ſelbſtbewußten Lebens hinter ſich in die blinde Natur iſt hier dieſelbe, nur daß der Act unver - merkt den beſtimmten Widerſpruch in ſich aufnimmt, das höhere Leben da zu ſuchen, wo es noch nicht iſt, und doch zugleich es da zu wiſſen, wo es iſt. — Die vorchriſtlichen Religionen vollzogen dieſe ganze Unterſchiebung förmlich und machten die Erſcheinungen der unorganiſchen Natur zu Göttern, die neuere Bildung vollzieht dieſelbe unbeſtimmt in ahnender, blos äſthetiſcher Weiſe; denn wo ſie beſtimmt denkt, hat natürlich für ſie die Unterſchiebung ein Ende. Dieß leihende Anſchauen kann nun gerade bei dem höchſten Producte der unorganiſchen Natur, dem Minerale, am wenigſten eintreten; denn für die Täuſchung iſt dieſes zu beſtimmt, um aber ohne Täuſchung ihm ein Bild der Perſönlichkeit unterzulegen, zu arm und todt.
Hinzuzuſetzen iſt nur noch, daß man uns nicht einwenden darf, wir ſetzen hier unberufener Weiſe die ſchöpferiſche Phantaſie ſchon voraus, die ſich uns doch erſt erzeugen ſoll. Das empfindungsvolle, ahnende Schauen iſt, wie ſchon zu §. 236 Anm. 3. berührt wurde, noch lange nicht das der Phantaſie im engeren Sinne. Einen Zuſchauer haben wir in den Begriff des Schönen ſelbſt mit eingeſchloſſen (§. 70 ff.); Auge und empfindenden Sinn braucht es auch zum äſthetiſchen Anſchauen der organiſchen Schönheit. Es wird ſich ſeines Orts allerdings zeigen, daß wir überall in das Natur - ſchöne die reine Schönheit erſt hineinſchauen; ein ausdrücklicher und ſelb - ſtändiger Gegenſtand der Unterſuchung wird dieß aber erſt da, wo die Mängel aller Naturſchönheit zur Sprache kommen. Hier handelt es ſich noch vom Unterſchied ihrer Stufen, wie derſelbe freilich bei der einen ein beſtimmteres Leihen nöthig macht, bei der andern es erſpart. Jetzt zeigt ſich, daß der Zuſchauer der unorganiſchen Natur etwas leihen muß, was ſie nicht hat; dann wird ſich zeigen, daß außer dieſem Leihen noch etwas ganz Anderes geſchehen muß, um ihre Mängel ſo wie die Mängel aller Naturſchönheit zu tilgen und ſie wahrhaft in das Schöne zu erheben.
Das Licht kommt zuerſt nicht als ſchöner Gegenſtand, ſondern als Bedingung der Möglichkeit des ſichtbaren Schönen in Betracht. Es zeigt durch Beleuchtung und Schatten die Geſtalt der Körper in ihrem allgemeinen Umriß, in ihrer vom allgemeinen Raum abgelösten Selbſtändigkeit, ebenſo in der2 Beſchaffenheit ihrer beſtimmteren Formen auf, es faßt eine Anzahl von Körpern3 wie in Eine durch die Abſtufungen des Schattens auseinandertretende, durch die höchſten Lichter vereinigte Geſtalt zuſammen.
1. Das Licht in der hier zunächſt ausgeſprochenen Bedeutung iſt alſo nicht Subject der Schönheit, es iſt rein das Aufzeigende, das Modellirende. Die Körper ſind dabei vorausgeſetzt und man kann natürlich ohne dieß ſtetige Vorausſetzen nicht vorwärts gehen. Finge man mit den Körpern an, ſo müßte umgekehrt das Licht als Bedingung ihres Erſcheinens vor - ausgeſetzt werden, und wenn man nach einem Entſcheidungsgrunde fragt, welche von beiden Vorausſetzungen vorgezogen werden ſoll, ſo liegt ein ſolcher in dem, was der folg. §. enthalten wird.
Es ſind nun hier allerdings Körper vorausgeſetzt und zwar ſchöne, wer aber zu ſehen verſteht, der weiß, wie man die Erſcheinung erſt genießt, wenn man mit dem Auge prüfend verfolgt, wie das Licht ſie von einander abhebt und die Geſtalt in ihrer Beſtimmtheit zeichnet und modellirt. Ein Gegenſtand tritt in ſeiner Selbſtändigkeit zunächſt dadurch hervor, daß ſein Umriß ſich ſcharf vom Hintergrunde abzeichnet. Das Licht ſtrömt entweder von der Seite her, wo der Zuſchauer ſteht, und je der ihm nähere Körper hebt ſich durch hellere Beleuchtung von dem dunkleren Grunde des entfernteren in ſeiner Beſtimmtheit ab; oder das Licht ſtrömt dem Zuſchauer entgegen, die ihm zugekehrte Seite der Körper liegt, je näher, deſto mehr im Schatten und ſchneidet ſich dadurch von dem beleuchteten Grunde ab. Verſchiedene Modificationen nehmen dieſe Verhältniſſe bei ſeitwärts einfallendem Licht an, je nachdem es näher vornen oder entfernter, höher oder niedriger ſteht ꝛc. Es iſt zunächſt der Reiz der Silhouette, dieß reine Abgrenzen und Ausſchneiden, was hier vorliegt. Dieſe Abhebung des Körpers vom Allgemeinen in ſeiner begrenzten Selbſtändigkeit vollendet ſich durch den Schlagſchatten, den er auf einen helleren Grund wirſt, und der in verſchiedenen Verſchiebungen ſein Bild wiederholt.
292. Nach dem Ausſchnitte des Ganzen iſt die Bildung des Körpers ſelbſt zu betrachten, wie das Licht ſie zeichnet: was dieſem zugewandt iſt, ſteht in Beleuchtung, das Abgewandte iſt dunkel und zwar in ſcharfem Abſchnitt, wenn es eckigt, in anſteigender Tiefe des Dunkels, wenn es rund iſt. So erkennt das Auge die beſondere Bildung der Oberfläche des Gegen - ſtands als eines runden, eckigten u. ſ. w. Iſt er nun aber von reicherer Beſtimmtheit der Form, ſo treten auf der beleuchteten Seite wieder einzelne Bildungen hervor in ein höheres Licht und ſtellen dadurch die umgebenden Theile in Schatten und umgekehrt in den beſchatteten Punkten heben ſich Theile dem Licht entgegen und ſind daher im Dunkel heller als ihre Um - gebung; es bilden ſich die Halb - und Mittelſchatten mit ihren Abſtufungen. Z. B. die Krone gewiſſer Bäume iſt ein ziemlich compactes Rund von wenig Unterbrechung, bei andern dagegen ſtellen ſich Gruppen von Aeſten mit ihrem Laube zuſammen, heben ſich in ein helleres Licht und trennen ſich ſo durch einen umgebenden Schatten von den andern: da hat das Auge die Befriedigung, den Körper in beſtimmte Formen auseinandertreten zu ſehen, es theilt ſich der Baum in beſondere Maſſen und bildet ſo ein gegliedertes Ganzes. Dieß läßt ſich nun natürlich fortſetzen, denn inner - halb der größeren Maſſen treten nun wieder kleinere hervor und das Auge geht vom Allgemeinen (dem Umriß) zum Beſonderen (dieſen theilenden Maſſen) und im Beſonderen ſo lange fort, bis es zu dem Einzelnen (in dem gegebenen Beiſpiele dem Baumſchlage) heraustritt. Ebenſo wie auf der beleuchteten Seite verhält es ſich nun auf der dunkeln; das Hervortretende und von der Maſſe des Ganzen ſich Abhebende iſt weniger dunkel als das Zurück - tretende und ſo ſetzt ſich die Modellirung auch im Beſchatteten fort.
Es erhellt, daß dieſe zeichnende und modellirende Wirkung des Lichtes nicht blos den Geſichtsſinn, ſondern den in dieſem mitgeſetzten Taſtſinn (vergl. §. 71 Anm.) befriedigt. Das Auge umſpannt wie mit taſtenden Fingerſpitzen den Gegenſtand in der Beſtimmtheit ſeiner Raumerfüllung.
3. Licht und Schatten treibt alſo überhaupt auseinander, aber faßt auch zuſammen. Wie nun dadurch zunächſt der einzelne Körper in den mannigfachen Formen ſeiner Bildung ebenſoſehr wie in ſeiner Einheit erſcheint, ebenſoſehr auch eine Zuſammenſtellung von Gegenſtänden, die das Auge zugleich überſchaut: die Vielheit faßt ſich in eine Einheit zuſammen, während ſie zugleich auseinandertritt. Dabei iſt freilich Einheit der Beleuch - tung oder, wenn doppeltes Licht, doch Unterordnung des einen Lichts unter das andere, es ſind ferner günſtige Verhältniſſe der Beleuchtung, ſo daß kein Körper den andern auf ſtörende Weiſe das Licht wegnimmt, endlich ſind natürlich abermals ſchöne Körper oder wenigſtens Schönheit des Luft - lebens u. ſ. w. vorausgeſetzt, wenn eine Einheit äſthetiſcher Art ſoll entſtehen können, es iſt vom Lichte noch als einer bloßen Bedingung die Rede;30 aber doch nähern wir uns bereits der ſelbſtändigen Reizwelt des Lichtes. Die höchſten Lichter, welche überall ſpielen, zeigen alle auf den Einen Punkt hin, von welchem das Licht ausgeht, und dieſer Eine Beleuchtungspunkt wird nun die Einheit, die Individualität, zu welcher die Vielheit der beleuchteten Körper ſich zuſammenfaßt; oder es tritt die Gunſt des Zufalls ein, daß der bedeutendſte unter dieſen Körpern, der die andern alle beherrſcht, im vollſten Lichte ſteht, dann übernimmt dieſer als Sammelpunkt des Lichtes die Bedeutung des letzteren. Die Mannigfaltigkeit der Gegenſtände gruppirt ſich nun um die Licht-Einheit wie die Formen Eines Körpers: das Licht modellirt das Viele in Eines. Eine Landſchaft z. B. enthält noch Anderes als dieſe Lichtverhältniſſe und eine Gruppe zuſammenwirkender Menſchen hat noch gewiſſer einen Einheitspunkt anderer und höherer Art, allein beide wollen weſentlich auch aus dieſem Standpunkte geſehen ſein.
Das Licht erſcheint aber auch ſelbſt als ſchöner Gegenſtand, zwar niemals für ſich allein, doch ſo daß es in Verbindung mit Anderem zum Mittelpunkte1 der Schönheit wird. Das Geſtirn, von welchem es unſerem Planeten zuſtrömt, iſt als Lichtkörper ein erhabenes Schauſpiel und der Sternenhimmel führt ins - beſondere durch den Glanz ſeiner unzähligen Körper die Idee der Unendlichkeit2 des Weltgebäudes als einer Lichtwelt in den Geiſt des Anſchauenden. Das Licht zeigt nicht nur auf, ſondern es belebt auch wirklich, ſein Aufzeigen wird daher als ein Hervorrufen des Seins aus dem Nichts, das Licht als poſitiv, das Dunkel als negativ erhaben empfunden. Belebend wirkt es insbeſondere durch die Wärmeſtrahlen, welche mit den Lichtſtrahlen der Erde zuſtrömen; im3 äſthetiſchen Charakter der Tags - und Jahreszeiten iſt das Gefühl des Schick - ſals des Planeten in ſeinem Verhältniß zur Licht und Wärme bringenden Sonne das Beſtimmende.
1. Die Sonne erſcheint allerdings nicht als abſtracter Lichtträger erhaben, ſie wird als Individuum angeſchaut, ja ein Geiſt wird ihr bei - gelegt, ſie iſt „ wie ein Held — anbetungswürdig; “es iſt aber doch ihre unendliche Lichtwirkung, was der Bewunderung zu Grunde liegt. Anders wirkt der blaſſere Schein des Mondes, ſein Leuchten iſt es vorzüglich, was Helldunkel hervorbringt, und von dieſem wird mit Nächſtem die Rede ſein. — Das Planetenſyſtem als ſolches iſt kein äſthetiſcher Gegenſtand, ſondern nur ein der Anſchauung dargebotener Ausſchnitt des Sternenhimmels; dieſer erweckt die Ahnung des Weltſyſtems in ſeiner Unendlichkeit, aber weſentlich iſt es der Eindruck einer Lichtwelt, der zu Grunde liegt. Man ſieht an dieſem Beiſpiele deutlich, wie ſich die Aeſthetik zur Naturwiſſenſchaft verhält;31 der ſchlichte Menſch ahnt ohne Aſtronomie die ewige Ordnung in dieſer Welt, ſonſt würde die unbegriffene Erſcheinung des Kometen nicht im vollen Sinne des Schauerlichen auf ihn wirken; der Aſtronom aber muß die Rechnungen und Meſſungen bei Seite legen, wenn die Bewunderung, die wohl auch eine Frucht des wiſſenſchaftlichen Verſtändniſſes, aber ſo noch keine äſthetiſche iſt, mit dem unmittelbaren Anblicke ſo zuſammenfallen ſoll, wie dieß das äſthetiſche Geſetz fordert.
2. Oerſted (Naturlehre des Schönen, aus dem Dän. von Zeiſer §. 34 ff. ) zeigt, wie von der Sonne nicht blos die ſichtbar machenden Lichtſtrahlen, die an ſich ſchon erfreuend beleben, ſondern auch die Wärme - ſtrahlen und die Aetherſchwingungen ausgehen, welche chemiſch, elektriſch, magnetiſch auf die Körper wirken, wie daher das Licht, wenn man es in dieſer Verbindung auffaßt, den Keim zu einer unausſprechlich mannigfaltigen Wirkſamkeit enthält, durch welche die ganze Körperwelt verhindert wird, zuſammenzuſinken, wie dagegen der Zuſtand der Finſterniß nicht ſtattfinden kann, ohne daß darin eine innere Bewegung gegen Licht und Tod vorgeht. „ In dieſem ganzen Verhalten des Lichtes und der Finſterniß liegt der tiefſte Grund zu unſerer Lichtfreude und zu unſerem Schreck vor der Finſterniß. “ Deutinger (Grundlinien einer poſitiven Philoſophie u. ſ. w. Theil 4. Die Kunſtlehre oder das Gebiet der Kunſt im Allgemeinen §. 244 ff. ) begründet auf dieſe Bedeutung des Lichtes mit philoſophiſcher Tiefe das Weſen der Malerei; er begreift die Nacht, aus welcher ſich im Gemälde die Geſtalt „ als ein für ſich beſtehender, lebensvoller Lichtſtrahl hervorhebt, “als das negativ Unendliche, die Geſtalt ſelbſt, wie ſie vom Lichte in ihrer Beſtimmtheit umſchrieben ſich vom Dunkel des unendlichen Raumes abhebt, als das beſtimmte Endliche, Seiende, das ſich vom dunkeln Grunde löst, als Sammelpunkt des Lichtes zugleich die unendlichen Weltkräfte zu relativer Beſtimmtheit in ſich geſammelt darſtellt, aber durch den Grund, von dem ſie ſich losreißt und der ſie umgibt, ebenſoſehr auf die geſtaltloſe Unend - lichkeit hinausweist. Man kann und muß aber dieß ſagen noch ohne von der Malerei zu reden. Es iſt an ſich ſo, daß das Licht die Geſtalt als begrenztes Individuum von dem unbegrenzten Grunde nicht nur beleuchtend abhebt, ſondern als bildende und nährende Kraft weſentlich auch möglich macht. Sein und im Lichte ſein iſt untrennbar. Die Geſtalt wird vom Lichte nicht nur beſchienen, ſondern nimmt es in ſich auf, ſtrahlt es von ſich, was im Weiteren beſtimmter hervorzuheben iſt. Sie ſtrahlt ihr Licht in das Dunkel hinein und hebt ſich ſo aus dem allgemeinen Weſen als beſtimmtes Weſen, als Individuum aus dem Unbegrenzten, deſſen zerſtreute geſtaltloſe Kräfte ſie in ſich vereinigt, an das ſie aber gebunden bleibt, hervor; ſie trägt das Unbegrenzte als Begrenztes in ſich, ſie iſt concentrirte Unendlichkeit, unendlich mit endlicher Grenze, daher vortretend aus dem32 Hintergrunde des Unendlichen, aber dieſem Hintergrunde verſchrieben, und wie ſie in ihn wieder vergehen muß, ſo fließen die in ihr geſammelten Lichtſtrahlen weiter auf andere Geſtalten und verlieren ſich im Dunkel. Dieſe Wahrheit tritt bei dem Anblicke des Beleuchteten in ſeinem Verhält - niſſe zum Dunkeln unmittelbar in’s Gefühl. Lichtfreude iſt Freude am Sein und Freude des Seins; die ganze Stimmung lebt auf im Lichte und ſinkt nieder im Dunkel. Im Aeſthetiſchen nun wäre zunächſt dieſes Lebens - gefühl allerdings noch ſtoffartig zu nennen. Wir anticipiren hier die Geſtalt und unſer Gegenſtand iſt noch Licht und Dunkel, in Wahrheit kommt es erſt darauf an, was beleuchtet und ob dieſes Was ein Schönes ſei, allein, wie geſagt, in der Verbindung des Lichts mit der Geſtalt kann der Hauptnachdruck auf das erſtere fallen; es wäre ohne Geſtalt, die es beſcheint, nicht ſchön, aber hat es nur ſeinen Gegenſtand in der Geſtalt, ſo kann der höhere Reiz in den reinen Verhältniſſen ſeines Wirkens liegen. Noch ehe dieß im nächſten §. weiter aufgefaßt wird, liefert das Folgende einen Beweis.
3. Das Bild einer beſtimmten Jahres - und Tageszeit kann ſich uns unter Umſtänden darſtellen, wo das Hauptgewicht auf die Zuſtände der vegetabiliſchen, thieriſchen, menſchlichen Welt unſeres Planeten fällt, wie ſie in der Kälte ſtarrt, im Frühling erwacht, im Sommer glüht und lechzt, im Herbſt von ihrer Kraft und Luſt Abſchied nimmt, am Morgen kräftig erwacht, im Mittag erſchlafft, am Abend noch einmal auflebt, aber dann der Ruhe entgegengeht. Aber dieß Schauſpiel kann ſich auch anders wenden, durch die geringe Menge und Bedeutung der organiſchen Geſtalten kann das Auge beſtimmt werden, ſich weſentlich nach den Erſcheinungen des Lichtes, nach den Graden ſeiner Intenſität zu wenden, ſich an den Beleuch - tungsverhältniſſen zu weiden. Der Maler, von dem wir noch nicht reden, kann das Eine oder Andere zum Stoffe nehmen, die Natur zeigt ſich ohne ihn bald ſo, daß die Geſtalten, bald ſo, daß die Lichtverhältniſſe, Licht - ſpiele das Auge vorzüglich auf ſich ziehen.
Die Körper verhalten ſich aber nicht blos als Gegenſtände zum Licht, ſie ſtrahlen es nach der Art ihrer Oberfläche mehr oder minder zurück und ſetzen es in die Schatten fort, glänzen, ſind Spiegel. Hier beginnt bereits ein in beſtimmterem Sinne ſelbſtändiger Zauber der Lichtſpiele, denn das Hinüber - und Herüberwirken der Reflexe, die Wiederholung des eigenen Bildes im Andern gleicht der inneren Kreisbewegung und der Anderes in ſich aufnehmenden und ſich in Anderes fortſetzenden Thätigkeit des individuellen Lebens und erſetzt gewiſſermaßen die Erſcheinung des letzteren, die eigentlich zum Schönen erfordert33 wird. Die Durchſichtigkeit gewiſſer Körper in Verbindung mit Glanz und2 Spiegelung erinnert ſelbſt unmittelbar an das ſelbſtbewußte Leben, an die Durchdringung des Stoffs durch den Geiſt.
1. Nichtglänzende Körper werfen das Licht nur in dem Grade zurück, in welchem ſie von heller Farbe ſind; obwohl wir nun noch nicht von der Farbe reden, ſo läßt ſich doch das Zurückſtrahlen des Lichts auch für ſich betrachten als eine Wirkung, welche zwar von der Art der Farbe abhängt, aber in dieſer Verbindung ſich als Hauptgegenſtand der Schönheit darbieten kann. Was ferner den beſondern Reiz glänzender Körper in den ver - ſchiedenen Arten des Glanzes als metalliſcher Glanz, Glasglanz, Seiden - glanz u. ſ. w. und das Wiedergeben der Bilder durch Spiegelung betrifft, ſo darf nur an die niederländiſchen Maler erinnert werden, welche gerade an Gegenſtänden, welche als ſolche unbedeutend ſind und daher nicht als die Subjecte der Schönheit in ſolchen Gemälden erſcheinen können, die Reize dieſer Erſcheinungen darzuſtellen ſuchten. Sie hätten als Künſtler dieſen Reizen nicht nachgehen können, wenn ſie nicht in der Natur ſelbſt als Schönheitsſtoff ſich darböten. Hier gilt nun, was ſchon in der Anm. zu §. 240 erwähnt iſt: die unorganiſche Natur erinnere in gewiſſen Momenten an das lebendige Prozeſſiren des organiſchen Lebens, ſehe aus, als beſchaute ſie ſich ſelbſt, weidete ſich an ihrem eigenen Bilde u. ſ. w.
2. Der durchſichtige Körper läßt die Lichtſtrahlen durch und macht dabei kaum durch eine merkliche Trübung ſeine materielle Textur geltend. Tritt dabei Glanz und Spiegelung in ſo vollkommenem Grade hinzu, wie im Waſſer und im menſchlichen Auge, ſo wird man ſich nicht wundern, wenn ein ſinnvoller Zuſchauer durchdrungen von der Schönheit der Licht - wirkungen im Waſſer ausruft, es ſehe aus wie Geiſt, und wenn das Auge, dieſer durchſichtige, glänzende, ſpiegelnde Lichtkörper als der reinſte Aus - druck der geiſtigen Tiefe im Menſchen erſcheint.
Eine beſondere Art der Beleuchtung erzeugt das Fcuer und der1 elektriſche Strahl. Das Feuer kann auch, abgeſehen von der Beleuchtung, die von ihm ausgeht, ſchon durch die bewegten Formen ſeiner Flamme ein ſchönes Schauſpiel darbieten; die Beleuchtung dieſes verzehrenden Elements wirkt unruhiger als das allgemeine Licht und verbreitet über ein gegebenes äſthetiſches Ganzes eine affectvolle Stimmung. Der Blitz wirkt noch ſtärker in dieſem Sinne durch die dem feierlich ruhigen Kommen und Gehen des all - gemeinen Lichtes entgegengeſetzte Grellheit ſeines augenblicklichen Leuchtens. Die Körper können nun gleichzeitig in doppeltes Licht geſtellt ſein; Sonnen2Viſcher’s Aeſthetik. 2. Band. 334licht, Mondlicht, Blitz kann ſie von der einen, Feuer von der andern Seite beleuchten und dieß iſt eine beſondere Form der Magie des Lichtes, welche ſo eigenthümlichen Zauber ausübt, daß die Formen der beleuchteten Geſtalt dagegen an Bedeutung verlieren.
1. Bei dem Feuer begegnet uns zum erſtenmale, ſchwach angedeutet, der Reiz der Linie. Das Sonnenlicht bewegt ſich in Wellen, die ſich in Strahlenkegel theilen, allein dieß ſtellt ſich dem unmittelbaren Anblick nur ſelten bei gewiſſen Brechungen des Lichts der untergehenden Sonne dar. Dagegen das Feuer ſpielt in wahrnehmbaren und zwar ſehr ſchönen Wellen - linien, die nur zu verſchwindend ſind, um uns hier ſchon ausdrücklich bei der Schönheit der Linien aufzuhalten. So iſt z. B. das Linienſpiel der flackernden Flammenzungen einer Pechfackel vom größten Zauber, keine Linie hält dem Auge feſt, es iſt ein beſtändiges Uebergehen, eine Unruhe des Verzehrens, die immer affectvoll wirkt und ſelbſt bei feſtlich ſchöner Stimmung die lebhafte Bewegung des erregten Gemüthes wiedergibt; ähnlich die Flamme des Holzes. Oel und Wachs brennen ruhiger; bekannt iſt der Zauber des Schauſpiels, wenn man die Statuen des Vaticans bei Wachsfackeln ſieht. Aber auch die ruhigere Flamme iſt immer noch unruhig in Vergleichung mit dem ſtetigen Sonnen - und Mondlicht, hat durchaus mehr den Ton einer ſpezifiſch bewegten Stimmung. Nun wirkt hier aller - dings weſentlich überall die Farbe der Flamme mit, aber darf die Kunſt ohne Farbe mit bloßem Licht und Schatten die Wirkungen des Feuers ſo gut wie die des ruhigen Lichtes darſtellen, ſo muß auch die Betrachtung die Seite der Beleuchtungs-Verhältniſſe und Linienſpiele für ſich allein feſſeln dürfen. Der Blitz gehört allerdings zum Schauſpiele des Gewitters, das wir erſt weiter unten, wo von der Luft die Rede ſein wird, zu betrachten haben, allein die Art ſeines Lichtes iſt als ſolche zu wichtig, um ſie nicht hier, wo von der Beleuchtung für ſich die Rede iſt, aufzunehmen. Beſonders im Gegenſatze gegen die wilde Schnelligkeit dieſes Leuchtens zeigt ſich das feierlich ruhige Kommen und Gehen des Sonnenlichts in ſeiner ganzen Schönheit. Dieß Anwachſen, wodurch zuerſt die Spitzen der Körper, dann Schritt um Schritt nach und nach ihre ganze Geſtalt ins Licht tritt, iſt ein Schauſpiel von der wohlthätig befriedigendſten Wirkung; ſehnſuchtsvoller bewegend wirkt das Gehen des Lichtes, wenn Geſtalt um Geſtalt in’s Dunkel ſinkt und zuletzt nur noch die höchſten Gipfel im Lichte ſtrahlen: ein Abſchiednehmen und darin ein Sehnen des Menſchen, mit dem ent - ſchwindenden Lichte fortzuwandern, aber mild und ſanft. Wie anders dagegen der blendende und augenblicklich im Dunkel zurücklaſſende Blitz, auch abgeſehen von dem Anblicke ſeiner verheerenden Wirkungen, ſtimmt, braucht keiner weiteren Darſtellung.
352. Das doppelte Licht, das jetzt in der Malerei ebenſo beliebt iſt, als das Bombardieren des Ohrs mit Toneffecten in der Muſik, iſt aller - dings eine magiſche Schönheit, welche die Natur ſelbſt aufzuweiſen hat; aber ſie nimmt auch ſo ſehr das Auge für ſich in Anſpruch, daß die ſo beleuchteten Geſtalten dagegen an Formenwerth verlieren, und weil wir durch dieſe Bemerkung gelegentlich in die Kunſt vorgreifen, ſo ſei bemerkt, daß die Natur freilich dieſen Effect über eine Scene verbreiten kann, wo wir ſagen müßen, es ſei ſchade, daß die Bedeutung derſelben in dieſem brillanten Schimmer verſchwinde, daß aber die Kunſt billig wiſſen ſollte, wo ſie der Natur folgen ſoll, wo nicht. Die Holländer wußten das beſſer und brachten ſolche Effecte nur da an, wo kein Werth des beleuchteten Gegenſtands darunter leidet.
Alles Licht verliert ſich durch Hinderniſſe in’s Ungewiſſe; ſo entſteht ein Scheinen in das Dunkel, deſſen Grenzen nicht zu beſtimmen ſind, und ebendaher ein Dunkel im Lichte; je mehr dieß der Fall iſt, deſto mehr verſchwindet die Beſtimmtheit der beleuchteten individuellen Geſtalten und wird das ungewiſſe Verzittern und Verſchweben des Lichts entſchieden zum Mittelpunkte des äſt - hetiſchen Schauſpiels: das Geheimniß des Helldunkels. Es gemahnt an die unerforſchten Tiefen der in Gefühl verhüllten Erkenntniß, der Ahnung; es iſt weſentlich ahnungsvoll.
Man pflegt in den Begriff des Helldunkels gewöhnlich die Wirkung der Farbe mitaufzunehmen. Allerdings vollendet ſich das Helldunkel durch Farbe, allein man ſpricht mit Recht von einem Helldunkel auch im bloßen Kupferſtich, der Lithographie u. ſ. w., und ſo darf auch in der wiſſenſchaft - lichen Behandlung allerdings die Beſtimmung des Helldunkels zunächſt von der Farbe abſtrahiren. Wenn nun in der Art, wie hier das Helldunkel beſtimmt wird, weſentlich geſetzt iſt, daß in dem wechſelſeitigen Verſchweben von Licht und Dunkel die Beſtimmtheit der in Helldunkel geſtellten Geſtalten gegen den Zauber ſeiner Wirkung in den Hintergrund tritt, indem ihre Umriſſe verſchweben, ſo könnte dagegen geſagt werden, daß das Helldunkel auch bei beſtimmter Beleuchtung beſtimmter Geſtalten in den Zwiſchen - partien ſeine Rolle ſpiele; dagegen iſt zu erinnern, daß wir hier das Helldunkel in ſeiner vollen und über ein Ganzes ausgebreiteten Wirkung als Subject eines äſthetiſchen Ganzen vor uns haben. Im weiteren Sinne aber verbindet es ſich allerdings auch mit der Beſtimmtheit der Beleuchtung; die Grenzen, in welchen es ſich dann zwiſchen den Wirkungen des deutlichen Lichtes ausbreitet, ſind in abſtracto nicht zu beſtimmen. Eine Landſchaft z. B. iſt ſonnig beleuchtet, aber in einer Waldpartie, welche darin vorkommt,3*36verliert ſich das Licht in Dämmerung; oder es fällt durch enge Oeffnung ein Lichtſtrahl in ein Zimmer, eine menſchliche Figur, die im Zimmer iſt, ſteht im vollen Lichte, Geräthe, Wände aber u. ſ. w. ſchwimmen im Helldunkel, denn der Strahl hat nicht genug Umfang, um Alles zu beleuchten. Ein ſolches Nebeneinander von ſcharfer Beleuchtung und Helldunkel kann ſich mit der Bedeutung der Gegenſtände höchſt ſtimmungs - voll vereinigen: Auge und Sinn ſucht in der Dämmerung des Waldes ſich von der Helle und Gluth der übrigen Landſchaft zu erholen; zu den ſcharf beleuchteten Zügen des ſtudirenden Aſtrologen gibt das Hell - dunkel ſeines mit räthſelhaftem Geräthe gefüllten Zimmers die geheimniß - volle Stimmung.
Wir müſſen hier noch einmal auf die in §. 242 erwähnte Lichtfreude zurückkommen, um ſie mit der Wirkung des Helldunkels in Contraſt zu - ſammenzuſtellen. Die Kräfte des Seins, welche in Bildung individueller Geſtalten zuſammenwirken, ſind weſentlich ein Denken, nur noch nicht in wirklicher Geſtalt des zu ſich gekommenen, geiſtigen Denkens. Indem die Natur dieſes ihr Denken, welches ein Bilden iſt, durch die Wirkung des Lichtes nicht nur theilweiſe vollzieht, ſondern auch aufzeigt, ſo iſt es als gebe ſie ein Vorſpiel des eigentlichen, wirklichen Denkens; ſie denkt in Formen und ſie ſcheint dieſes verhüllte Denken in der Manifeſtation des Lichtes ſelbſt zu denken; es iſt wie ein Bewußtſein der Natur von ſich und der Zuſchauer genießt in dieſem Vorbilde ſinnlich, was er in dem Vollziehen deutlicher Gedanken auf andere Weiſe geiſtig und innerlich genießt. Es ruht aber im perſönlichen Geiſte eine unentwickelte Welt unendlicher Gedanken, deren unausgeſprochene Tiefe im ahnenden Gefühle bang und freudig zugleich ſich als Ahnung ankündigt: dem entſpricht das Helldunkel. So ſpricht der Dichter die Wirkung des Helldunkels durch Mondſchein auf das Gemüth mit den Worten aus, daß es die Bruſt löſend aufſchließe, mit dem Freunde zu genießen,
Das Helldunkel kann auch anders wirken, als in dieſer Weiſe des Rührenden: drohend, ſchauerlich, aber auch hier eben durch das Ungewiſſe der noch nicht deutlichen Gefahr. Immer iſt etwas vom negativ Erhabenen in der Wirkung des Helldunkels, weil die Nacht an das Vergehen erinnert. Volles Licht wirkt dagegen im Sinne des Schönen, durch blendende Fülle wird es aber erhaben. Wie ſich das Schöne und Erhabene an die bisher aufgeführten Erſcheinungen vertheile, kann jedoch hier nicht weiter verfolgt werden; es mag Jeder leicht die Anwendung ziehen.
37Göthe (Farbenlehre §. 849) nimmt den Begriff des Helldunkels ganz allgemein von der Wirkung des Lichts und Schattens; dieß geſchieht auch ſonſt. Es iſt aber gewiß zweckmäßiger, mit dem Worte ſogleich die Bedeutung jenes Verſchwebens zu verbinden, da es mit abſichtlichem Scheine des Widerſpruchs ein Ineinander von Licht und Schatten bezeichnet. Göthe hebt dann allerdings dieſen Sinn als den engeren hervor: „ eine Schatten - partie, welche durch Reflexe beleuchtet wird. “
Das einfache Licht wird durch das ſpezifiſche Dunkel der Körper zur Farbe gebrochen. Dieſe entſteht zunächſt durch die Verhältniſſe ſolcher all - gemeiner Medien zum Lichte, welche ſelbſt keine Farbe haben. Die Farben - erſcheinungen, welche durch ſie hervorgerufen werden, können zwar im ſtrengen Sinn äſthetiſch nur dann heißen, wenn ſie im Zuſammentreffen mit den gebundenen Farben beſtimmter Körper ſich über ein Ganzes ſo herziehen oder doch ſo in es eingreifen, daß ſie eine eigenthümliche Stimmung über alles Einzelne verbreiten, als wäre es Ein Gegenſtand und die augenblicklich geliehene Farbe ſeine eigene. Allein eben, weil demnach ein Ganzes durch Farben, welche nicht an Individuen gebunden ſind, einen eigenthümlichen und entſcheidenden äſthetiſchen Ton bekommen kann, ſo folgt, daß die Farben an ſich ſchon eine gewiſſe Stimmung ausdrücken und daher für ſich zu erörtern ſind.
Es iſt hier zuerſt von den phyſiſchen Farben (colores apparentes, fluxi, fugitivi, phantastici, falsi, variantes Göthe a. a. O. §. 137.) die Rede. Sie gehören natürlich nur ſo weit in die Aeſthetik, als ſie durch die Natur ſelbſt und zwar in der Landſchaft hervorgerufen werden, denn das Schöne ſetzt überall Individuen voraus und hier iſt denn eine Gegend, welche durch den Farbenton der Beleuchtung einen beſtimmten Charakter erhält, das geforderte Individuum. Das Schwierige iſt aber dieß: die Farbe zeigt ihrem ganzen Begriffe nach, wie dieß der folg. §. weiter berückſichtigen wird, ungleich inniger das Eigenthümliche des Weſens der Individuen, als das einfache Licht, und dennoch gibt es Farben, welche nicht an Individuen gebunden ſind, ſondern durch Medien, welche an ſich keine beſtimmte Farbe haben, je nach ihrer Stellung zum Lichte frei erzeugt werden. Dieſe, die nicht gebundenen Farben, ſollte38 man meinen, ſeien äſthetiſch gleichgiltig, in Wahrheit aber ſind ſie höchſt ſprechend, verbreiten über ganze Gegenden und Scenen eine durchaus ſpezifiſche Stimmung. Obwohl ſie nun die Aeſthetik nur in der ſteten Vorausſetzung einer ſolchen Wirkung im Zuſammentreffen mit gewiſſen Objecten in Betracht ziehen kann, ſo geben ſie doch eben darum, weil ſie dieſe ſo entſcheidende Wirkung haben können, den Beweis, daß wir von der Farbe an ſich als einem äſthetiſchen Objecte zu reden haben. Es widerſpricht dieß keineswegs dem in §. 35 und 36 aufgeſtellten Satze, daß jede Difinition des Schönen durch eine abſtracte Eigenſchaft verwerflich ſei, denn etwas Anderes iſt eine ſolche Definition, etwas Anderes die geſonderte Betrachtung eines der Momente des wirklichen Schönen. — Um nun die Thatſache der ſpezifiſchen äſthetiſchen Wirkung der Farben zu erklären, dazu ſollte die Farbenlehre der Aeſthetik die Mittel an die Hand geben; allein hier befindet ſich die letztere in der Schwierigkeit, daß die Theorie Göthes und Hegels als widerlegt durch die neuere Lehre von den Aether - ſchwingungen behauptet wird, während ſie doch die Erklärung der geheimen und unbewußten Symbolik, welche bei der Farbenwahrnehmung das Gemüth beſchäftigt, ungleich mehr zu erleichtern ſcheint, als dieſe, ſoweit ſie bis jetzt ausgebildet iſt. Wenn das Gelbe dadurch entſteht, daß ich durch ein erhelltes Trübes auf das Licht hindurchblicke, das Blaue dadurch, daß ich durch ein ebenſolches Medium in das Dunkel ſehe, ſo wird begreiflich, warum dort mein Gemüth durch die freudige Gewißheit des Hereinwirkens des Lichts in das ſpezifiſch Trübe erwärmt, hier durch die Vorſtellung, als verliere ich mich, indem mich ein reizender Schein hinauszieht, in ein fernes Nichts, zugleich angelockt und erkältet wird. Wenn das Rothe als die geſteigerte Einheit dieſer Gegenſätze betrachtet wird, ſo wird erklärlich, warum es als voll eindringende Lichtwirkung höchſt ermunternd, als Er - haltung des Dunkels aber zugleich niederhaltend, daher in ſeiner Pracht würdig erſcheint; wenn dagegen im Grünen die Gegenſätze zur Indifferenz erlöſchen, ſo leuchtet der beruhigende Charakter deſſelben ein. So kann die innige Beziehung des ganzen Spiels menſchlicher Gemüthsſtimmungen zur Farbe dem Verſtändniß nahe gelegt werden, wenn der Satz richtig iſt, daß die Farbe auf einer Einheit des Hellen und des Finſteren beruht, welche aber in der Einheit noch auseinandergehalten ſind, ſo daß in der Trennung zugleich Eins ins Andere ſcheint und die verſchiedenen Stellungen des Hellen vor das Finſtere und umgekehrt die verſchiedenen Farben geben. Dagegen legt die Undulationstheorie die verſchiedenen Farben als Wellen verſchiedener Breite und Schnelligkeit in das Licht hinüber und es ſoll nun in den verſchiedenen Oberflächen der Körper der Grund liegen, warum die - jenige Aetherſchwingung, welche die Empfindung von Roth oder Gelb u. ſ. w. hervorbringt, durch zerlegendes Zurückwerfen von einem Körper aus dem39 Lichte herausgeſtellt, die anderen Schwingungen aber, wie man bildlich ſagt, eingeſogen werden. Dabei kommt Alles auf Grade hinaus und bleibt der qualitative Unterſchied und Gegenſatz, der in den Farbenſtimmungen liegt, unerklärt. Es kommt darauf an, ob dieſe Theorie die Mittel noch finden wird, das Räthſel glücklicher zu löſen, als die erſtere. Die Aeſthetik kann ſich nicht in den Streit der Phyſiker einlaſſen, und der §., welcher beſtimmter von dem Ausdruck der einzelnen Farben reden wird, kann ſich daher nur empiriſch auf anerkannte Thatſachen des Gefühls berufen.
Allerdings nun iſt die ungleich bedeutendere Erſcheinung der Farbe die -1 jenige, wo ſie als gebunden an beſtimmte Körper auftritt. Sie erſcheint als der Ausdruck der innerſten Miſchung, der eigentlichen Qualität der Dinge. Die innere Beſtimmtheit eines Körpers erſcheint zwar auch in der Geſtalt an ſich abgeſehen von der Farbe, aber nur ſo, wie ſie ganz in die quantitative Bildung der Oberfläche aufgegangen iſt; allein dieſelbe innere Beſtimmtheit durcharbeitet die Oberfläche des Körpers noch auf andere Weiſe: ſie tritt auf allen Punkten derſelben als ihre feinſte und letzte Qualification ſo hervor, daß das einfache Licht zu einer dieſem Körper eigenen Farbe gebrochen wird. Die Geſtalt zeigt das Innere, wie es ganz zum Aeußern geworden, die Farbe zeigt das Aeußere als Widerſchein des Innern, ſie ſpricht die Seele aus. Der2 Eindruck, den die nicht an Körper gebundene Farbe mit ſich führt, wird nun durch den, welcher die gebundene begleitet, vielfach näher beſtimmt.
1. Hier, bei den chemiſchen Farben (colores proprii, corporei, materiales, veri, fixi Göthe a. a. O. §. 487), läßt uns freilich die Farbenlehre überall im Stiche. Wie hängt es zuſammen, daß blondes Haar und weiße Haut auf eine andere Säftemiſchung, ein anderes Temperament hinweist, als dunkles Haar, braune Haut? Wie geht das Pigment aus der innerſten Natur des Gegenſtands hervor? Was iſt überhaupt Pigment? Beſteht es in einer verſchiedenen Stellung unendlich feiner, theils dunkler, theils durchſichtig heller Theile, worauf die Göthiſche, beſteht es in einem ver - ſchiedenen Relief der Anordnung der feinſten Stofftheile auf der Oberfläche des farbigen Körpers, worauf als den mechaniſchen Grund der Zurück - werfung der Aetherſchwingungen die Undulationstheorie hinauskommen muß? Die Aeſthetik kann ſich hier, wie ſchon geſagt, noch auf keine von der Natur - wiſſenſchaft an die Hand gegebene Erklärung berufen. Die Farbe zeigt die innerſte Werkſtätte des Lebens auf der Oberfläche; das Wie? Wo - durch? iſt unerforſcht. Die Farbe iſt ein über das Ganze, wenn auch in verſchiedener Färbung der Theile, doch gleichmäßig verbreiteter Schein,40 der für ſich nicht zu faſſen und zu halten iſt, wie die Form, ſondern nur die im Innern geheimnißvoll arbeitende, auf die Oberfläche hinausſtrahlende Miſchung, Gährung, Stimmung des ganzen Weſens verräth. Die Form zeigt mir wohl auch die innere Beſtimmtheit, aber nicht in dieſer Tiefe, denn in ihr iſt das innerlich Wirkende beruhigt und fertig mit ſeiner Raum - erfüllung, durch die Farbe zeigt es ſich in ſeiner thätig mit ſich fortbeſchäf - tigten ſubjectiven Einheit, es läßt nicht eine vollendete Geſtalt von außen beleuchten oder durchleuchten, ſondern macht ſich ſelbſt ſein eigenes, ſpezifiſches, ſprechendes Licht, ein ſeelenhaft ergoſſener Schein, der ſich nicht greifen läßt.
2. Die Bedeutung, die wir den phyſiſchen Farben beilegen, ſcheint zum Theil unvermerkt von chemiſchen Farben übergetragen zu ſein; das Roth würde vielleicht nicht an energiſche Leidenſchaft erinnern, wenn nicht das Blut roth wäre, das indifferente, beruhigende Grün würde nicht Farbe der Hoffnung genannt werden, wenn wir uns nicht des vollen Grüns der Vegetation im Frühling erinnern würden. Doch bei näherer Beobachtung wird man finden, daß nicht leicht eine Bedeutung von der concreten Farbe auf die blos phyſiſche übergetragen wird, welche mit der allgemeinen Bedeutung dieſer in Widerſpruch ſtände; das Leidenſchaftliche z. B. iſt nur eine weitere Modification des mächtig Vollen, was an ſich ſchon im Eindruck des Rothen liegt, das Hoffnungsvolle lehnt ſich leicht an das Beruhigende des Grünen. Dem ſcheint die Thatſache zu widerſprechen, daß die Stimmung, welche die abſtracten Farben mit ſich führen, an den concreten nicht immer zutrifft. Grün z. B. iſt an ſich beruhigend, erſcheint aber an mancher thieriſchen und an der menſchlichen Haut immer giftig. Doch dabei iſt nicht zu überſehen, welche unendlichen Abwandlungen die Ueber - gänge, Verbindungen, Miſchungen der Farbe in die der Grundfarbe zu - geſchriebene Stimmung bringen, und daß ja überhaupt alle allgemeinen Beſtimmungen im Concreten ſich unendlich modificiren, ohne daß daraus geſchloſſen werden dürfte, man ſolle ſie gar nicht aufſtellen. Eine weitere Abweichung wird der folg. §. noch einführen; doch kann wohl ausgeſprochen werden, daß eine gewiſſe Gleichmäßigkeit der Farbenbedeutung ſich beobachten laſſe, gleichgiltig, ob man von der abſtracten zur concreten Farbe fortgeht oder umgekehrt. Dagegen kann aus der Verſchiedenheit der ſubjectiven Liebe und Abneigung kein Einwand gezogen werden; denn Völker und Einzelne ſuchen und lieben die Farbe nach ihrem eigenen Temperamente, nach ihrem Ergänzungsgefühl und man muß daher ihren Geſchmack mit ihrem eigenen Weſen, der Färbung ihrer Haut, ihrem Himmel, ihrem Tempe - rament u. ſ. w. zuſammennehmen. Jetzt freilich iſt bei den gebildeten Völkern der Farbenſinn ganz erſtorben; jede volle Farbe wird verachtet, nur die ſchmutzige, der aufgelöste Koth gefällt. Danach darf man natürlich nicht urtheilen.
Theils wirken jedoch anderweitige Urſachen ein, daß Körper eine andere Farbe entwickeln, als diejenige, welche ſonſt mit einer Beſchaffenheit wie die ihrige vereinigt zu ſein pflegt, theils laſſen ſich Farben äußerlich übertragen und an Körper binden, welche urſprünglich farblos oder anders gefärbt ſind. Dann kommt es darauf an, ob jene Abweichung einer inneren Veränderung entſpricht und ob dieſe Verbindung eine glückliche iſt; iſt beides nicht der Fall, ſo kann unter Umſtänden das Schöne durch Eintritt ſeiner gegenſätzlichen Formen den Widerſpruch ausgleichen.
Es wirkt in der Erſcheinung der Gattungen und Individuen ſo Vieles mit, daß man an keine Durchführung der Farbe in abſtracter Gemäßheit mit dem Ausdrucke, den wir ihr zuſchreiben, denken darf. Phlegmatiſche Thiere zeigen brennende, ſehr lebhafte Thiere lichtarme Farben u. ſ. w. Wir ſind gewohnt, rothe Geſichtsfarbe als Ausdruck von Jähzorn anzu - ſehen, allein aprioriſche Schlüße ſind hier ſo verkehrt als in der Phyſiognomik. Ferner laßen ſich Farben auf Stoffe äußerlich übertragen und können nun mit dem Charakter der Individuen, die von ſolchen Stoffen umgeben, darein gekleidet ſind, ſtimmen oder nicht. Verkehrter Geſchmack kommt hier, wo vom Naturſchönen die Rede iſt, nur im Sinne eines Zufalls in Betracht, und zudem iſt hier der eigentliche Zufall überall im Spiele: meine Lage, Laune wechſelt, während die Wände meines Zimmers bleiben und in ihrer Farbe bald zu ihr ſtimmen bald nicht. Ein ehrwürdiger Mann kann ſich zufällig in gelbem, ein unwürdiger in purpurrothem, ein Trauriger in orangegelbem, ein Luſtiger in ſchwarzem Gewande zeigen u. ſ. w. In dieſen Fällen nun kann, wenn die Farben zum Gegenſtande nicht zu ſtimmen ſcheinen, das Schöne leicht und von ſelbſt die Wendung zum Erhabenen und Komiſchen nehmen und in dieſem Sinne auch das Verkehrte ſich aneignen. Es bethätigt ſich dann der Satz §. 18, 2., daß das Schöne durch die verſchiedenen Wendungen ſeiner eigenen Momente auch das auf den erſten Anblick widerſprechend Gebildete in ſein Bereich ziehen kann. Der grimmige Eisbär iſt nur um ſo furchtbarer, weil das reine Weiß ſeines Fells die wilde Natur nicht anzeigt, das im Zorn erbleichende Angeſicht drohender als das, welches durch Röthe den Zorn verräth; brennende Farben an bedeutungsloſen Individuen wirken komiſch, an gefährlichen wie eine höhniſche, täuſchende Maske u. ſ. w. Ein andermal kann anſpruchloſe Farbe den Eindruck machen, daß hier die Natur, um Edleres auszubilden, nicht viel auf dieſe Seite verwenden wollte; doch muß man ſich hüten, die feinen Miſchungen der organiſch verkochten42 Farben zu niedrig zu ſchätzen, weil ihnen die Pracht der elementariſchen abgeht; das Grau der Nachtigall in ſeinen Schattirungen iſt eine äußerſt edle und feine Farbe. Immer aber beweist gerade der Umſtand, daß das Gefühl in den genannten Fällen auf die geſchilderte Weiſe einen Widerſpruch ausgleichen muß, die Richtigkeit einer geſonderten Betrachtung der Farben.
Zunächſt ſind es nun neben dem Weißen, Schwarzen, Grauen, die2 einfachen Hauptfarben Gelb, Roth, Blau, Grün, welche, abgeſehen von dieſen Einſchränkungen, ihre eigenthümliche Stimmung mit ſich führen, die durch einen unwillkührlichen Art der Uebertragung ihnen als Prädicat beigelegt wird.
1. „ Il prétendait, que son ton de conversation avec Madame était changé depuis qu’ elle avait changé en cramoisi le menble de son cabinet qui était bleu “(Göthe a. a. O. §. 762). Die unbewußte Symbolik in der ſinnlich-ſittlichen Wirkung der Farben bleibt in ihrem letzten Grunde dieſelbe, man mag ſich für die eine oder andere Farbentheorie entſcheiden; es iſt immer die verſchiedene Miſchung eines doppelten Gefühls: des Gefühls der individuellen Sprödigkeit der Exiſtenz auf der einen und der Aufnahme des Alles übergreifenden, löſenden, einenden Lichtes auf der andern Seite. Die verſchiedenen Stellungen, welche dieſe Pole gegen einander annehmen, bedingen die verſchiedenen Modificationen. Dieß ſcheint in Widerſpruch zu ſtehen mit §. 242, 2. Denn dort wurde das Licht gefaßt als Grund des individuellen Seins, das Dunkel als das unbeſtimmte Unendliche; hier aber wird das Dunkle auf die Seite der ſpröden und ſchweren Zuſammenſchließung mit ſich ſelbſt bezogen, wodurch die Dinge Individuen ſind, das Licht dagegen erſcheint als das Unendliche, worin ſie von der Härte der Individualität ablaßen, ſich erweichen, befreien, in das Allgemeine aufgehen. Die Individualität iſt aber immer eine Einheit von Seyn und Nichts; ſie iſt durch die Grenze, was ſie iſt, und ſie iſt durch die Grenze vergänglich. Licht iſt poſitiv, Finſterniß negativ; ich habe eben keine Kraft der Poſition, wenn ich nicht Kraft der Negation habe. Wir denken zwar bei dem guten Charakter an das Licht und an das Weiße oder bei dieſen an jenen; aber wir ſagen auch von einem Charakter, er habe keinen Schatten, wenn er nicht zu kräftiger Beſonderung, zur Kraft der Leidenſchaft, der Selbſtbehauptung und ebendaher auch der Zerſtörung des Widerſtrebenden fortgeht. Hierin dreht ſich alſo die Sache um: das Negative, das ſein Bild im Finſtern hat, gibt ihm die poſitive Individualität, ungetrübtes Poſitives hingegen, das ſein Bild im Lichten43 und Weißen hat, verflüchtigt ihn. Es findet demnach ein Stellenwechſel der Bedeutungen ſtatt und eben dieſen Stellenwechſel in ſeinen verſchiedenen Wendungen fühlen wir in der Farbe.
Wir erwähnen nun zuerſt das Weiße, Schwarze, Graue: eigentlich nicht Farben, ſondern nur gebundenes Licht und Dunkel. Es bedarf keiner näheren Erklärung, warum das Weiße als Bild der Unſchuld und Neinheit ſich darbietet, aber auch als Bild des Langweiligen und Unge - ſalzenen. Die vorhergehende Bemerkung hat dieß ſchon berührt und ebenſo die Bedeutung des Schwarzen, wonach es an Tod und Zerſtörung erinnert, alſo traurig oder furchtbar wirkt, ebendaher feierlich im Gegenſatz gegen das Bunte, das einen Ueberfluß an Lebensluſt, aber auch an Energie der Begrenzung darſtellt. Das Böſe im härteſten Zerſtörungsprozeß iſt mehr als die verdienſtloſe Unſchuld der Kindheit. Warum das Graue düſter iſt, leuchtet ein, aber nach ſeinem Lichtantheil vermittelt es auf ſehr wohlthuende Weiſe das Weiße und Schwarze und ſo alle eigentlichen Farben, daher wirkt es ſanft beruhigend. Nach aufgeregten Stunden iſt ein grauer Himmel wohlthuend, das Schwermüthige ſelbſt wirkt löſend und verſöhnend.
2. Die Göthiſche Farbenlehre hat zwei oder vier Hauptfarben; zwei, wenn das Rothe als höchſte Einheit des zugleich ſich behauptenden Gegen - ſatzes von Blau und Gelb, das Grüne als Indifferenz beider gefaßt wird; vier dagegen, wenn die letzteren zwei trotzdem als ſelbſtändig gezählt werden. Die Luftwellentheorie dagegen zählt zwar ſieben ſelbſtändige Farben, da ſie aber Orange und Violett doch auch als Uebergänge, jenes zwiſchen Roth und Gelb, dieſes zwiſchen Roth und Blau faßen muß, da ferner Hellblau und Dunkel - (Indigo -) Blau als zwei Farben zu unter - ſcheiden müßig iſt (weßhalb die Meiſten lieber nur ſechs zählen), ſo bleiben als Hauptfarben Roth, Gelb, Blau, Grün; da aber das Grüne auch hier als die Mitte von Gelb und Blau gefaßt wird, ſo kann ſie drei Hauptfarben zählen: Roth, Gelb, Blau, und das Grüne als vierte rechnen oder nicht. — Was nun die Bedeutung dieſer Farben betrifft, ſo ſagen wir in Kürze: die lichtvolleren Farben ſtimmen lebhaft, ſtrebend, munter, offen: in ſanfterer und behaglicherer Weiſe das klare, warme Gelb, in aufregender, aber auch mächtig erhebender das feurige, volle, prächtige Roth. Dagegen erſcheint das lichtarme Blau anziehend und kalt, leicht reizend und in ein Nichts verſenkend zugleich; das Grüne befriedigt als Auslöſchung des Farbengegenſatzes und gibt ein Gefühl, daß das Leben, in wie viele Richtungen es ſich auch trennt, doch in ruhig fortwirkender Mitte ſich gleich bleibe. Uebrigens verweiſen wir, um eine zu weite Auseinanderſetzung zu erſparen, auf die feinen Bemerkungen von Göthe, (a. a. O. §. 758 ff. ), womit auch zu vergleichen Oerſted44 a. a. O. §. 43 ff. Der Letztere nimmt mehr Rückſicht auf die Bedeutung, welche durch Uebertragung von individuellen Gegenſtänden, an denen wir gewiße Farben als Ausdruck ihres Weſens zu ſehen gewohnt ſind, den Elementarfarben geliehen wird. Roth, ſagt er, als Symbol der Liebe, habe ſeine Bedeutung wahrſcheinlich von der Farbe des Bluts erhalten, mit welcher der Gedanke an das Herz, an die Wärme, an Lebensfülle ſich verknüpfe. Zunächſt pflegt aber die Bedeutung der Liebe gerade nur dem verdünnten Roth beigelegt zu werden, das volle erſcheint wohl leiden - ſchaftlich, was immerhin auf jene Uebertragung deuten mag, aber ernſt leidenſchaftlich, drückt eine Würde aus, die auch furchtbar werden kann. Das Gelbe laße man, ſagt Oerſted, Falſchheit bedeuten, wahrſcheinlich weil das Glänzende auch als betrüglich erſcheine und weil dieſe Farbe, wenn ſie von der Reinheit abweiche, ſo leicht widerlich werde. Göthe: „ durch eine geringe und unmerkliche Bewegung wird der ſchöne Eindruck des Feuers und Goldes in die Empfindung des Kothigen verwandelt und die Farbe der Ehre und Wonne zur Farbe der Schande, des Abſcheus und Mißbehagens umgekehrt. “ Wenn Göthe das Blaue ein reizendes Nichts nennt, wenn er ſagt, es liege etwas Widerſprechendes von Reiz und Ruhe im Anblick, es ziehe uns nach ſich und weiche vor uns zurück, ſo erklärt ſich dieß, wie ſchon geſagt, ſehr gut aus ſeiner Theorie; denn als Farbe iſt es „ eine Energie “, aber wohin es weist, iſt die Finſterniß hinter ihm. Wie bei ſolcher Beſchaffenheit das Blaue als Farbe der Treue gelten könne, ſcheint freilich ſchwer zu erklären und hier die Luft - wellenlehre ſich beſſer zu erproben; denn nach dieſer iſt es nur überhaupt lichtarme Farbe, daher als Farbe zwar immer noch energiſch, aber doch ruhig und verhältnißmäßig kalt: jenes würde den Affect in der Treue und dieſes die Verſchließung gegen jede Anreizung zum Wechſel des Gegen - ſtandes des Affects bezeichnen. Doch iſt es wohl die lichtdurchdrungene, Alles umſchließende, nach jedem Sturm ſich herſtellende Himmelsbläue, welche der Farbe dieſe Bedeutung geliehen hat. Wenn ſich die ruhige Befriedigung, welche das Grüne als einfache Aufhebung des Gegenſatzes der Grundfarben Blau und Gelb gewährt, jenes Gefühl „ daß man nicht weiter will und nicht weiter kann “, gern zum Gefühle der Hoffnung erweitert, ſo wird wohl hier Niemand an der ſchon erwähnten Uebertragung des Eindrucks der Vegetation im Frühling zweifeln; dieſe gibt der Befrie - digung die beſondere Wendung zur Zukunft, worin die Hoffnung begründet iſt, dieſe Hoffnung ſelbſt aber iſt ruhig, iſt eine Zuverſicht, daß der Kern und Saft des Lebens in allem Wechſel ausharren werde. Eben das Gegenſatzloſe iſt das bleibend Wiederkehrende, was nicht einſeitig iſt, das immer Friſche. — Es mag hier auch des Braunen gedacht werden; daſſelbe gehört weder zu den Hauptfarben, noch zu den prismatiſchen45 Brechungen; es iſt zu ungleichen Theilen aus Gelb, Blau und Roth gemiſcht, das Roth iſt aber überwiegend und gibt dem Indifferenten, was ohne ſeine Dazwiſchenkunft aus dem Zuſammentritt von Gelb und Blau entſtehen würde, die Bedeutung der Kraft und Tüchtigkeit, die aber in dieſer Verbindung in den Eindruck des Trockenen und Hausbackenen über - geht. Braun iſt das ergiebige, Pflanzen und Thiere tragende Erdreich, es erſcheint als Farbe der Nützlichkeit; braune Pferde gelten für die aus - dauerndſten, wie ſie zugleich durch Farbe am wenigſten auffallen, braune Haarfarbe gibt den rechten Nachdruck des Schattens zur Hautfarbe und iſt doch weniger finſter als ſchwarz. Natürlich entſtehen durch verſchiedene Grade der Beimiſchung des Rothen ſehr verſchiedene Nüancen.
Näher beſtimmt ſich dieſe ſinnlich-ſittliche Bedeutung in den zwiſchen1 jenen liegenden Uebergangsfarben, ſodann in der großen Reihe von Schattirungen und Tönen und den Verbindungen zwiſchen dieſen beiden, deren alle Farben fähig ſind. Ueberdieß verbindet ſich nun die Farbe mit Licht und Feuer, ebenſo2 mit Glanz und Durchſichtigkeit und erreicht in der letzteren beſonders eine außerordentliche Gluth und Tiefe. Scheint aber die Farbe, obwohl in’s Unend -3 liche beſtimmbar, doch für jede Gattung von Individuen eine beſtimmte zu ſein, ſo bricht ſie ſich doch in jedem einzelnen wieder anders und gibt ihm die unend - liche Eigenheit ſeiner Färbung.
1. Das feurig warme Rothgelb und das beunruhigende Rothblau werden in der Undulationstheorie noch zu den Grundfarben gezählt; Göthe, der freilich dieſe Uebergänge nicht zu den Grundfarben rechnen kann, führt ſie doch als weſentliche Beſtimmtheiten auf, unterſcheidet aber zugleich in jeder von beiden zwei Farben, je nach der größeren Theilnahme der einen oder andern Grenzfarbe: zwiſchen Roth und Gelb Rothgelb (Orange) und Gelbroth (Mennig, Zinnober), jenes mächtig und herrlich, dieſes bis zum Unerträglichen gewaltſam; zwiſchen Roth und Blau Rothblau (in ſehr verdünntem Tone Lila) und Blauroth (Violett), jenes unruhig erregend, lebhaft ohne Fröhlichkeit, dieſes höchſt beunruhigend. Es iſt aber wohl beſſer, dieſe Unterſchiede unter die bloßen Schattirungen zu zählen und nur Orange und Violett, beide mit gleichem Antheile der in ihnen ver - einigten Farben, als weſentliche Uebergangsfarben zu zählen. Nun aber beginnt die weite Reihe zunächſt der Schattirungen. Unter Schattirungen verſtehen wir mit Chevreul (Lehrbuch der Farbenharmonie) die Ueber - gänge, welche eine Farbe durch größere oder geringere Beimiſchung einer benachbarten erhält. Das reine Gelb kann nicht nur in’s Röthliche,46 ſondern auch in’s Grünliche übergehen, das Grüne blaugrün oder gelb - grün, wie das Violette rothblau oder blauroth ſein; das Braune, das ſeiner breiten Herrſchaft wegen neben den Hauptfarben angeführt wurde, ſchattirt ſich in das Gelbe, Blaue, Rothe; das Graue kann gelbliche, grün - liche, bläuliche, bräunliche Beimiſchung haben u. ſ. w. Jede Schattirung dieſer Art hat wieder eine unendlich lange Leiter von Stufen. Es gibt übrigens natürlich kein bläuliches Orange, kein röthliches Grün, kein gelbliches Violett. Neben dieſe Reihe von Schattirungen tritt aber nun noch die Stufenleiter der Intenſität, der Verdünnungen in’s Weiße oder Vertiefungen in’s Schwarze: der unendliche Unterſchied der Töne. Wie ſehr durch dieſen die ſittlich-ſinnliche Wirkung der Farbe verändert wird, mache man ſich nur z. B. an der ſanften Stimmung des Blaßrothen gegen das Hochrothe deutlich: jenes iſt ſüß und anmuthig, während dieß pracht - voll erhaben iſt. Die Stimmung wird offener, heller, milder, je mehr eine Farbe gegen das Weiße, ſie wird gedrängter, energiſcher, je mehr ſie gegen das Schwarze zunimmt, doch über einer gewißen Grenze wird die Verdünnung charakterlos matt, die Vertiefung trüb und traurig. Nun beginnt aber eine neue Reihe von Beſtimmtheiten, wenn man die Ton - leiter der Verdünnung oder Vertiefung mit der Leiter der Schattirungen verbindet: die gemiſchte Empfindung, welche die Schattirung hervorbringt, verbindet ſich mit der beſondern Weiſe der Stimmung, welche die Erhellung oder Verdunklung mit ſich führt.
2. Ueber die Farben gießt ſich wieder das reine Licht und beſtimmt ihren Eindruck durch die Intenſität oder Trübung ſeines Tons. Es färbt ſich aber auch ſelbſt und ſo entſteht eine neue Welt von Reizen. Das Sonnenlicht durch ein vor ihm ſtehendes erhelltes Medium geröthet über - gießt eine ganze Landſchaft und ihre Lokalfarben mit glühendem Roth, es erleuchtet, aus dem Meerwaſſer der blauen Grotte auf Capri widerſtrahlend, die Räume derſelben mit wunderbarem Blau u. ſ. w. Das Feuer ver - breitet ſeinen unruhigeren röthlichen, bläulichen Schein. Trifft die Farbe mit Glanz zuſammen, ſo werden nun erſt die verſchiedenen Arten deſſelben: metalliſcher Glanz, Perlmutterglanz, Seidenglanz, Schmelz u. ſ. w. wichtig. Von beſonderem Reize iſt auch farbige ſammtartige Oberfläche, welche ein mattes Licht an ihren Rändern und Falten hinzieht und durch ihren zart wolligen Charakter der Farbe eine beſondere edle Dämpfung verleiht. In der durchſichtigen Farbe verbindet ſich die geiſtig tiefe Bedeutung des Durchſichtigen (§. 243, 2.) mit der ſpezifiſchen Wirkung der Farbe. Durch dieſe behauptet ſich ein Körper in ſeiner Individualität gegen das allgemeine Licht, indem er aber das Licht zugleich durchläßt und ſich daher hinzugeben, ſeine ſpröde Materialität zu opfern ſcheint, ſo gewinnt er ſeine ſpezifiſche Beſtimmtheit in verſtärkter Kraft und Gluth, die in unendliche Tiefen ſich47 tiefer und tiefer entzündet, ihre Schönheit ſelbſt beleuchtet und beleuchtend verdoppelt, wie das Gemüth, wenn es in der Liebe ſich verliert, ſich doppelt gewinnt.
3. Keine Farbe kommt an irgend einem Körper in ihrer ungebrochenen Einfachheit vor. Die Individualität iſt, wie in allen andern Momenten, wodurch ſie in die Schönheit eintritt, auch in der Farbe unberechenbar. Aber auch dieß hebt die Nothwendigkeit, die Farben in ihrer allgemeinſten äſthetiſchen Wirkung zu faſſen, nicht auf, denn ihre unendlichen Brechungen ſind zwar nicht vorauszubeſtimmen; hat man aber ein Individuum, ſo iſt der äſthetiſche Eindruck der nur ihm eigenen Farbenmiſchung eben aus dem Grundcharakter der vereinigten Farben zu erklären.
Da nun aber die Farben das differenzirte Licht ſind, ſo fordert das Auge1 zu jeder beſtimmten Farbe diejenige, welche mit ihr zuſammengeſtellt die Totalität des Farbenkreiſes bildet, und wie von dem Auge, ſo gilt dieß von der Stimmung, welche ihren einſeitigen geiſtigen Ton zu ergänzen ſucht. Allen andern Zuſammen -2 ſtellungen von Farbenpaaren fehlt zum reinen äſthetiſchen Eindruck entweder bei übrigens wirkſamem Unterſchied die ungetheilte Kraft der die Totalität bedingen - den Farbe oder es fehlt ihnen zudem die Wirkung des Unterſchieds, ſie ſtehen ſich zu nahe. Die Mängel und Mißklänge, welche hieraus entſtehen, können3 aber theils durch die Vermittlung von Weiß, Schwarz, Grau, ſo wie durch das Verhältniß der Töne und Schattirungen, theils durch die Formen eines Körpers und durch Abſtand der Körper von einander gemildert werden oder die mangelnde abſtracte Farbenſchönheit durch die Beſtimmtheit der charakteriſtiſchen Bezeichnung erſetzen.
1. Der ganze Inhalt dieſes §. wird klar, wenn man ſich den Farben - kreis zuſammenſtellt mit folgenden Diametern:
Je diejenigen zwei Farben, welche durch einen Diameter verbunden ſind, verhalten ſich zu einander als Ergänzungsfarben, d. h. jede bringt der andern dasjenige hinzu, was ihr zur Totalität der Farbe, oder nach der Auffaſſung der Luftwellentheorie dazu fehlt, um wieder weißes Licht hervorzubringen:48 Grün enthält Blau und Gelb, es fordert alſo noch Roth und umgekehrt. Gelb entbehrt Blau und Roth, es fordert alſo Violett und umgekehrt. Orange enthält Roth und Gelb, es fordert alſo noch Blau und umgekehrt.
Das Auge ſelbſt macht dieſe Forderung: neben Roth ſieht es die Umgebung in grünlicher Farbe, neben Grün in röthlicher, Orange wirft blaue Strahlen, Blau orangegelbe, Gelb violette, Violett gelbe. Da uns die Farben durchaus einen geiſtigen Stimmungston darſtellen, ſo iſt damit zugleich ausgeſprochen, daß die geſteigerte und leidenſchaftlich gehobene Stimmung des Rothen die Beruhigung des Grünen fordert und umgekehrt, das ſchattenlos warme Gelb die unruhige und in’s Düſtere führende Bewegung des Violetten und umgekehrt, das reizende und doch leere Blau die feurige Wärme des Orangegelben und umgekehrt. Göthe ſetzt die Genugthuung in dem Zuſammentritt der Ergänzungsfarben wohl zu allgemein blos in die Befreiung aus der gezwungenen Lage, worin ſich das Auge genöthigt ſieht, ſich auf Eine Farbe zu beſchränken (a. a. O. §. 803 ff.). Muß nun Auge und Sinn die Ergänzungsfarbe nicht erſt ſuchen, ſondern iſt ſie da, ſo erhöhen beide Farben einander. Da Grün rothe Strahlen wirft u. ſ. f., ſo erſcheint Roth neben Grün röther, Grün neben Roth grüner u. ſ. w.
2. Um die mangelhaften Farbenzuſammenſtellungen und zugleich die zwei Arten des Mangels, welche unterſchieden werden, zu verſtehen, ver - folge man im obigen Kreiſe, ſtatt Diameter zu ziehen, die Kreislinie, zuerſt ſo, daß je die Mittelfarbe überſprungen wird, hierauf ſo, daß je die zwei benachbarten Farben zuſammengefaßt werden.
Bei dem erſten Verfahren erhält man folgende Farbenpaare, zuerſt vom Gelben angefangen:
Hierauf vom Grünen angefangen:
Von den ſechs Farbenpaaren, welche ſo entſtehen, iſt im §. geſagt, es fehle ihnen bei übrigens wirkſamem Unterſchied die ungetheilte Kraft der die Totalität bedingenden Farbe. Ausführlicher muß dieß ſo lauten: die Ergänzungsfarbe fehlt zum Theil ganz, zum Theil in ihrer unge - brochenen Reinheit. Ganz fehlt ſie den drei erſten Farbenpaaren: zu Gelb und Blau fehlt Roth, zu Blau und Roth fehlt Gelb, zu Roth und Gelb fehlt Blau. Dieſen Mangel muß das Auge zu erſetzen ſuchen: bei Gelb und Blau ſieht es daher im Gelben Orange, im Blauen Violett;49 bei Blau und Roth im Rothen Orange, im Blauen Grün; bei Roth un Gelb im Rothen Violett, im Gelben Grün. Das Auge erhält ſo ſeine Befriedigung, aber es muß ſie erſt ſuchen, wird herüber und hinüber - geſchickt; doch iſt die Arbeit dadurch erleichtert, daß in jeder geſuchten Farbe etwas von der vorhandenen beibehalten wird. Freilich kommt es darauf an, welcher Art die fehlende Farbe ſei. Gelb und Blau erſcheint nach Göthe arm, ja gemein, weil Roth fehlt, Blau und Roth beſitzt im Rothen eine ſo volle Farbe, daß das Gelbe nicht allzuſchwer vermißt wird, Roth und Gelb erſcheint in der Einſeitigkeit noch heiter und kraftvoll, weil nur das lichtarme Blau fehlt. Den drei andern Farbenpaaren dagegen fehlt zwar die Ergänzungsfarbe nicht, es ſind in jedem Paare alle Farben gegeben, aber es ſtehen ſich auch in jedem nur Mittelfarben gegenüber, Auge und Sinn hat daher zwar Alles beiſammen, aber nirgends eine Hauptfarbe in ungetheilter Kraft und Reinheit; daher wird zwar kein einſeitiger Mangel, wohl aber ein beiderſeitiger gefühlt und es fehlt durchaus Genüge und Entſchiedenheit. Der Name „ charakteriſtiſche Zuſammen - ſtellungen, “womit Göthe dieſe ſechs Farbenpaare bezeichnet, ohne ſie völlig aufzuführen, eignet ſich daher offenbar nur für die erſten drei.
Eine andere Bewandtniß hat es mit den Paaren, worin Farben zu - ſammentreten, die ſich zu nahe ſtehen. Man findet dieſe Farbenpaare, wenn man die Kreislinie verfolgend je zwei Nachbarfarben zuſammenfaßt. So entſteht
Hier hat das Auge überall ein viel mühſameres Geſchäft, als bei jenen obigen ſechs Paaren: es muß ganz neue Farben ſuchen, worin es von der vorhandenen nichts behalten kann: zu Gelb und Grün Roth und Violett und umgekehrt, zu Grün und Blau Orange und Roth und um - gekehrt, zu Blau und Violett Orange und Gelb und umgekehrt. Doch behalten auch unter dieſen Zuſammenſtellungen, um Göthes Ausdruck zu brauchen, diejenigen immer noch ein gewiſſes Recht, die ſich gegen Roth ſteigern, denn ſie deuten ein Fortſchreiten an; Gelb und Grün aber und Blau und Grün ſteigern ſich eigentlich nicht, ſondern in beiden Paaren ſteht die indifferente Farbe auf der einen Seite und auf der andern die eine derjenigen Farben, deren Indifferenz ſie iſt, und dieß iſt ein wirklicher Mißklang. Doch iſt noch ein Unterſchied zwiſchen beiden Paaren; Gelb und Grün nämlich hat noch eine lichtvolle Hauptfarbe, Göthe nennt esViſcher’s Aeſthetik. 2. Band. 450gemein heiter; Blau und Grün aber hat eine ſolche nicht, Göthe nennt es gemein widerlich. Ueberhaupt ſind unter dieſen letzten ſechs Paaren, welche Göthe charakterloſe Zuſammenſtellungen nennt, je die helleren die minder unglücklichen. Gelb und Orange iſt beſſer als Roth und Orange, Roth und Violett beſſer als Blau und Violett.
3. Weiß, Schwarz und Grau dienen allen Farben zur Hebung und Vermittlung. Es verſteht ſich, daß die lichtvolleren Farben beſſer durch die Nachbarſchaft des Schwarzen, die lichtärmeren durch die des Weißen gehoben werden. Sollen Ergänzungsfarben durch Weiß oder Schwarz gehoben werden, ſo iſt es natürlich ſchöner, wenn ſie nebeneinander ſtehen und Weiß oder Schwarz auf beiden Seiten zum Rahmen haben; die Farben dagegen, die ſich nicht ergänzend zu einander verhalten, nehmen Weiß oder Schwarz beſſer zwiſchen ſich als Trennungsmittel. Grau iſt beſonders günſtig zum Zweck der Vermittlung; zu lichtvollen Farben paßt es beſſer als Weiß, weil es ſie nicht wie dieſes durch Lichtſtärke ſchwächt und fühlbarer ihre Ergänzungsfarbe erſcheinen läßt. Roth und Grau z. B. iſt ein äußerſt anziehendes Verhältniß, das Rothe erſcheint reiner, das Graue zeigt einen grünlichen Schein als Ergänzungsfarbe. Es paßt aber auch zu lichtärmeren Farben, wenn es in verhältnißmäßig hellem Tone auftritt, beſſer als Schwarz; neben Grün erſcheint es röthlich und das Grüne glänzender, neben Blau orangefarbig und das Blaue glänzender, neben Violett gelblich und das Violette lebendiger. So kann es nun auch, namentlich wenn man es je nach der zunächſt ſtehenden Farbe in den rechten Tönen und Schattirungen wählt, disharmoniſche Farben trennen und dadurch verbinden.
Ferner kommt es nun bei allen zuſammengeſtellten Farben weſentlich auf Ton und Schattirung an. Tritt z. B. mit einem tiefen Blau ein dünnes Grün zuſammen, ſo iſt der Mißklang empfindlich; dagegen wo ſich dunkles, öligtes, ſchwärzliches Grün von tiefem Blau abſetzt, ſtellt ſich der nöthige Gegenſatz her. So verhält ſich im Allgemeinen die Vegetation der wärmeren Länder zu ihrem Himmel; das weißlichte Graublau unſeres nördlichen Himmels dagegen mag das ungleich dünnere und wäßrigere Grün unſerer Pflanzenwelt leiden. Die Welt von Combinationen nun, welche ſich hier aufthut, auch nur einigermaßen zu ordnen iſt äußerſt verwickelt und weitſchichtig. Das Scharfſinnigſte und Reichhaltigſte, was die Literatur hierüber beſitzt, iſt das ſchon angeführte Werk von E. Chevreul: die Farbenharmonie in ihrer Anwendung bei der Malerei, bei der Fabri - cation von farbigen Waaren jeder Art, von Tapeten, Zeugen, Teppichen, Möbeln u. ſ. w. Aus dem Franz. von einem deutſchen Techniker, Stuttg. 1840. Man kann daraus namentlich auch gute Lehren für paſſende Kleidung entnehmen.
51Außerdem kommt nun die Form der Körper in Betracht, worüber Oerſted (a. a. O. §. 65) treffende Winke gibt. In einer Blume z. B. mag Blau und Grün verbunden ſein, aber durch beſtimmte Grenzen ſo getrennt, daß das Auge beide Farben auseinander hält; im Vergißmein - nicht z. B. fällt das Grün an Stengel und Blätter, das Blau an die Blätter der Blume und außer der Farbe wirkt noch die Gruppirung an ſich als reine Form. Ebenſo Gelb und Grün am gelben Stern u. dergl.
Endlich thut auch der größere Abſtand von Körpern und Räumen ſeine Wirkung. Blau und Grün in der Verbindung von Himmel und Pflanzen - welt z. B. wird nicht nur, wie früher bemerkt, durch die Lichtfülle des Blau und durch die Verſchiedenheiten des Grün, nicht nur durch das Intereſſe, welches die Zeichnung der Pflanzenkörper für ſich in Anſpruch nimmt, ſondern ſchon dadurch zu einer Farbenverbindung, worin das Widerliche dieſes Farbenpaars verſchwindet, daß Himmel und Pflanzen ſich beſtimmt und weit von einander abſetzen, das Auge alſo beide Farben unmöglich als Farben Eines Körpers anſehen kann.
Treten nun mehr als zwei Farben zuſammen, ſo wird zwar der Mangel1 oder Mißklang in ihrer Verbindung auch durch die Fortbewegung des Augs zu weiteren Farben gemildert, die obigen Beſtimmungen behaupten aber doch in dem Grade Geltung, in welchem jene ſich als zuſammengehörig darſtellen. In2 einer Verbindung vieler Farben zu einem Ganzen ſind beſtimmte Körper als Träger derſelben vorausgeſetzt (§. 247) und ihre Farbe ſoll ſowohl ihrem Charakter an ſich entſprechen, als auch ihrer Stellung im Ganzen, ſo daß die bedeutender hervortretenden Individuen auch durch die wärmere Farbe ſich auszeichnen. Ferner wird gefordert, daß der Zufall glücklicher Beleuchtung durch trübe Medien über das Ganze den allgemeinen Farbenton ziehe, welcher ſeiner Grundſtimmung entſpricht und im Gegenſatz gegen welchen die den einzelnen Körpern eigene, durch jenen allgemeinen Ton und alle Beleuchtungsverhältniſſe hindurch ſich behauptende Farbe Localton oder Localfarbe heißt.
1. Ueber die Verbindung von mehr als zwei Farben kann in abstracto mehr nicht geſagt werden als das Obige. Wer Elementarfarben zuſammen - ſtellt, wie der Tapetenfabrikant, der Teppichwirker, kann hier immer noch Berechnungen anſtellen, aber in den unendlichen Brechungen, Zwiſchentönen, Abſtufungen, trennenden oder vermittelnden Lichtern und Schatten, welche die Farbenwelt in der Natur annimmt, iſt keine weitere Syſtematiſirung möglich. Was aber immer dazwiſchen und dazu treten mag, ſo viel bleibt dennoch richtig, daß wir z. B. nie eine Blondine in Gelb gekleidet zu ſehen4*52wünſchen können; die Farbe, die ihr paßt, iſt, da ihre Geſichtsfarbe und Haare zuſammen ſich dem Orange nähern, Blau. Tritt aber nicht als Farbe ihres Kleids, ſondern anderswie ein Gelb in ihre Nähe, ſo kann durch die verſchiedenſten anderweitigen Farbentöne, Schatten die ſich da - zwiſchen ziehen, der Mißklang ſich aufheben.
2. Es iſt aber Zeit, die abſtracte Betrachtung zu verlaſſen und ſich zu erinnern, daß in der Aeſthetik die Farbe nur als Eigenſchaft von Körpern in Betracht kommen kann, und zu dieſen können wir hier immer auch die blos phyſikaliſchen Potenzen als Urſachen von Farben ziehen, denn wiewohl ſie gegen die Farben, die wechſelnd aus ihrer Stellung zum Lichte entſtehen, gleichgiltig ſind (§. 246), ſo ſehen wir ſie im äſthetiſchen Gebiete doch ſo an, als nähmen ſie ſelbſt an der Stimmung Theil, welche ſie durch Farbe über beſtimmte Gegenſtände verbreiten; die blutroth beleuchtende Sonne ſcheint vor einer Mordthat zu erröthen u. ſ. w. Dieſe Medien nun ſind es allerdings weſentlich, von welchen der allgemeine Farbenton eines Ganzen erzeugt wird; zuerſt aber behauptet die charakteriſtiſche Farbe der in dieſem Ganzen ver - einigten individuellen Körper ihr Recht. Die tiefe Bedeutung der Farbe in ihrer bezeichnenden Kraft als Eigenſchaft beſtimmter Körper iſt in §. 247 ausgeſprochen und wie ſich eine Disharmonie der Farbe mit dem Weſen des Individuums, das ſie trägt, äſthetiſch ausgleichen kann, in §. 248 angegeben. Der Sinn der Farbe verlangt aber, daß abgeſehen davon die Geſtalten, welche in einem Ganzen die wichtigeren ſind, auch durch volle Farbenkraft ſich hervorheben; die unbedeutenderen mögen bunter ſein, allein etwas ganz Anderes, als Menge der Farben, iſt die ungebrochene Reinheit weniger und die Kraft lichtvoller Farben. Alle den individuellen Körpern und den einzelnen Theilen nicht individualiſirter Körper (Theile des Luftraums, Wolken, Waſſer) eigenen Farben nun erhalten in jedem ſichtbaren Ganzen noch ein allgemeines Farben-Element, worin ſie ſchwimmen. Dieſe all - gemeine Farbe („ ein Schleier, von einer einzigen Farbe über das ganze Bild gezogen “Göthe) iſt es, welche vorzüglich vom Licht oder Feuer in ſeiner Brechung durch das allgemeine Medium der Luft hervorgebracht wird. Es wird Ton genannt. Der Ton ſoll mit der Bedeutung ſeiner Farbe der Stimmung des Ganzen entſprechen. Es entſteht Disharmonie, wenn eine arme und öde Landſchaft in glänzendem, eine reiche und freudige in trübem Tone erſcheint; doch kann auch hier eine gegenſätzliche Form des Schönen ausgleichend eintreten, ſo daß dort die glänzende Beleuchtung wie eine tragiſche Ironie, hier die trübe in elegiſchem Sinne gefühlt wird. Ueberhaupt wird in der landſchaftlichen Natur, weil die Gegenſtände in ihr kein eigenes Leben führen, ſondern Sinn und Wirkung durch den Ton des Ganzen erſt erhalten, ein unlösbarer Widerſpruch nicht leicht auftreten. Menſchliche Scenen aber bringen eine ſo ſelbſtändige Stimmung mit ſich,53 daß ein Zufall, der einen Ton von anderer Stimmung über das Ganze zieht, ſich nur in ſeltenen Fällen löst. Wir wünſchen zu freudigen und lebhaften Scenen warm gelben, zu leidenſchaftlichen und fürchterlichen rothen, zu ſanften, traurigen, bangen, bläulichen, violetten, grünlichen, grauen Ton. Doch kann auch hier allerdings theils Ausgleichung durch gegenſätzlichen Standpunkt wirken, wie wenn die Wärme in der Färbung der übrigen Welt menſchliches Elend zu verſpotten ſcheint, theils kommt es auf die nähere Schattirung, Lichtkraft, Reinheit ein; Gelb z. B. iſt warm und mild, wird aber als ſtrohgelber, fahler Scirocco-Ton ſchwül, drohend, ängſtlich und paßt daher auch zu einer Scene dieſer Art.
Der allgemeine Ton zieht ſich zwar über Alles, aber unter ihm erhält ſich die Farbe der einzelnen Körper, d. h. die Localfarbe. Dieſes Wort mag auch in weiterem Sinne gebraucht werden, nämlich nicht nur von der Farbe einzelner Körper, ſondern auch von einem über mehrere Körper von verſchiedener Farbe verbreiteten Farbenton, der jedoch nur in einem Theile des Ganzen herrſcht und ſich daher immer noch dem Tone des Ganzen unterordnet. Ein Ganzes mag alſo z. B. gelben Ton haben, aber ein dunkler Raum in dieſem Ganzen gibt den übrigens verſchieden gefärbten Gegenſtänden, die ſich in ihm befinden, einen bläulichen, bräunlich grauen Localton. Man nennt wohl am beſten die Farbe der einzelnen Körper Localfarbe, den gemeinſamen Ton mehrerer, Localton, den Ton des Ganzen ſchlechtweg Ton oder Hauptton.
Wenn nun in dieſen Verbindungen allerdings die Farbe nicht für ſich,1 ſondern weſentlich als bezeichnende Eigenſchaft von Individuen und der Stimmung, in welcher ſie vereinigt ſind, ihre Wirkung ausübt, ſo erwartet dennoch das Auge ſelbſt noch ohne beſtimmtere Rückſicht auf die Gegenſtände eine wohlgeordnete Vereinigung der Grundfarben in ihrer vollen Kraft. Bilden nun zugleich ihre2 verſchiedenen Abſtufungen und Schattirungen harmoniſch vermittelnde Uebergänge und tritt dieß fließende Reich von Farben in Verbindung mit den verſchwebenden Wirkungen des Helldunkels, ſo entſteht jene Zauberwelt von Licht und Farbe, worin die Träger der Farbe an die Geſammtwirkung dieſer als gegen ein höheres und allgemeineres Element, von dem ſie ſelbſt getragen erſcheinen, das vorherrſchende Intereſſe abgeben.
1. Das Auge verlangt in einem Ganzen, das in Farbe ſchön ſein ſoll, daß ſämmtliche Hauptfarben in ihrer Kraft auftreten. Man fürchte davon nicht Buntheit und ſuche daher nicht Abſchwächung oder Auslaſſung; volle Farben, wenn ſie nach den obigen Geſetzen die rechte Stellung zu54 einander einnehmen, machen nicht bunt, ſondern indem ſie einander erhöhend ergänzen, ſtellen ſie das geſuchte Gleichgewicht her. Oft hält man die Bemalung eines Hauſes, eine Tapete, einen Zeug für zu bunt, wo er vielmehr nicht bunt genug, richtiger nicht energiſch genug in Farbe iſt. Schreit die blaue Farbe eines Hauſes, ſo meine man nicht, ſie wäre ab - zuwaſchen, vielmehr fehlt die zweite Farbe, die an Geſimſen, Läden u. ſ. w. anzubringen wäre, nämlich Orange. Dieſes Beiſpiel und der ganze §. ſcheint Abſicht und Kunſt vorauszuſetzen, wir ſcheinen den Satz ſo wenden zu ſollen, daß der rechte Maler die Grundfarben in ihrer Pracht ausbreiten müſſe; allein abermals iſt zu ſagen, daß der glückliche Zufall unzähligemal die rechten und vollen Farbenverbindungen dem Maler hinſtellt, ſo daß er ausrufen muß, beſſer als dießmal ſei es nicht zu treffen. Uebrigens verſteht ſich, daß in einem ſolchen gegebenen Ganzen allerdings Producte der Technik, Kleider, Pferdezeug, Fahnen, Mauerverkleidungen mit dem Licht der Sonne, des Feuers, den Farben der Erde, der Pflanzen -, der Thierwelt und dem Colorit des menſchlichen Leibes zuſammenwirken können, ohne daß wir darum das Gebiet der Naturſchönheit verlaſſen, denn jene Producte des Kunſtfleißes ſind in dieſem Zuſammenhang, wiewohl an ſich beabſichtigt, zufällige Schönheit. — Die Meinung in dem vorliegenden Satze iſt jedoch nicht, daß alle Grundfarben in gleicher Breite herrſchen ſollen; es kommt auf den Grundton an, welche vortreten, welche zurück - treten müſſen: iſt er lebhaft, ſo fordert das Auge, daß die lichtarmen, iſt er ſanft, traurig, daß die lichtreichen Farben wenig Raum einnehmen. Das Weſentliche iſt nur immer, daß das Auge die Forderung eines Vor - kommens der Hauptfarben macht, in welchen Proportionen es auch geſchehen mag, daß alſo die Farbe eine gewiſſe äſthetiſche Selbſtändigkeit behauptet.
2. Die Uebergangsfarben, die verſchiedenen Abſtufungen in Ver - dünnung und Vertiefung (Töne), die verſchiedenen Schattirungen treten nun als vermittelnde, hinüberführende Leiter zwiſchen die Hauptfarben. Dieſe Mittelfarben erſcheinen namentlich an den Stellen, wo die Körper ſich nicht mehr dem vollen Lichte zukehren, daher ihre Farben ſich durch Reflexe vermiſchen, wie denn z. B. in den Falten eines Gewands gewiſſe ſchillernde Widerſcheine auftreten, ebenſo in den Vertiefungen des menſch - lichen Incarnats. An eben dieſen mehr oder minder zurücktretenden, ab - gewendeten Stellen verſchwindet aber mit der Beſtimmtheit der Beleuchtung auch die Beſtimmtheit der Geſtalt. Nun wirkt das Helldunkel (§. 248) zuſammen mit der Farbe und dieſes allein reicht hin, den beſtimmten Charakter einer Farbe in’s Unbeſtimmte abzudämpfen. Hier nun iſt es, wo erſt der ganze Reiz der Farbenwelt eintritt: die beſtimmten Farben treten hervor, verſchweben aber miteinander durch dieſe geheimnißvollen Zwiſchentöne in ein Meer, eine Muſik von Tönen. Zugleich tritt Farbe55 und Beleuchtung in Gegenſatz: wenn durch farbloſe Lichtreflexe relatives Dunkel zu relativem Lichte und durch einwirkende Schatten relatives Licht zu relativem Dunkel wird, ſo iſt nun zu erwägen, daß auch die Farbe leuchtend oder verdunkelnd wirkt. Eine beleuchtete Stelle kann eine licht - arme Farbe, eine dunkle dagegen eine lichtvollere Farbe haben, dadurch wird jene relativ dunkel und dieſe relativ hell. Es kann dieß ganz wohl eintreten, ohne daß die Geſammtwirkung leidet, denn vorausgeſetzt iſt allerdings, daß an den Hauptſtellen, welche durch ihre Bedeutung im Ganzen Licht und warme Farbe, Schatten und kältere Farbe fordern, die Wirkung nicht geſtört ſei, jene Durchkreuzung aber an der rechten Stelle eintrete. Nun wirft alſo z. B. in die dunkle Einziehung einer Welle die benachbarte einen grünen, blauen Lichtreflex, in das geſenkte und dadurch beſchattete Angeſicht eines Menſchen die leuchtende Haut der Bruſt einen warmen Widerſchein: ſo leuchtet Eines farbig in’s Andere, die dunkelſte Stelle iſt noch durch Localfarben erwärmt, Alles ſpielt inein - ander, ſchießende goldene, bunt befiederte Pfeile bilden ein zauberhaftes Gewebe: das „ objectloſe Spiel “der Farbenmagie (Hegel Aeſth. B. 3. S. 74). Objectlos will ſagen, daß die einzelne Geſtalt und ihre Charakter - farbe in dem Ganzen wie ein flüchtiger Klang aufgeht. Man meine nicht, nur in der Kunſt gebe es ſolches „ Farbenconcert “, worin, wie im Hell - dunkel (§. 245) Licht - und Schattenſpiele, ſo die Zauber der Farbe zuſammen - fließend mit dieſen eine relative Selbſtändigkeit annehmen. Was die großen Coloriſten mit dem beſten Stoffe noch vorzunehmen haben, geht uns hier noch nicht an, ſie haben jedenfalls den Zauber des Farbenlebens in der Natur belauſcht. Welcher ganz ſchlimme Widerſpruch allerdings entſteht, wenn in einem Kunſtwerke der Gehalt der Idee verlangt, daß die Indi - viduen im Vordergrunde der Bedeutung ſtehen, und ſtatt deſſen ein zudringlicher Farbenreiz die ganze Aufmerkſamkeit auf ſich abzieht, dieß leuchtet ebenſo ein, wie das, was §. 244 Anm. 2 über das doppelte Licht geſagt iſt. Davon iſt in der Kunſtlehre mehr zu ſagen; von der Natur hoffen wir vorläufig, daß der gute Zufall es an Erſcheinungen nicht fehlen laſſen werde, wo der Farbenzauber zum Gegenſtande paßt.
Die eingreifendſte und umfaſſendſte Wirkung der Farbe, insbeſondere der1 über ein Ganzes verbreitete Ton, entſteht durch die Brechungen des Lichts in56 der Luft. Dieſelbe erfreut nicht nur durch das reine Lebensgefühl, das die lebendigen Weſen in ihrem allverbreiteten erhaltenden und labenden Elemente genießen, ſondern ſie vollendet dieſen Eindruck auch für das Auge durch das ſchöne Blau, welches durch die Tiefe ihrer Schichte zur Erſcheinung kommt. 2Dieſe Farbe, welche die Luft als trübes Medium annimmt, ſteigt nach dem Maaße der Entfernungen, nach Art der in einem Raume ſchwebenden Dünſte ſpielt ſie in’s Graue, Gelbliche, Bräunliche; der verdunkelnde Schleier, welcher ſo ſich bildet, verhüllt in dem Grade, in welchem die Gegenſtände vom Zuſchauer zurücktreten, ihre Form und Localfarben. Dieſe Wirkung der Luft heißt Luftperſpective.
1. Es iſt zunächſt das allgemeine Lebensgefühl hervorgehoben, das die Luft erregt. Dieſes ſcheint nicht äſthetiſch, da es ſich unmittelbar keinem der äſthetiſchen Sinne, nicht dem Auge, nicht dem Ohre darſtellt. Allein es fehlt dennoch die erforderte Objectivität nicht; durch das eigene Gefühl der Labung, das wir in der Luft genießen, wird uns der allgemeine tonus, den alles Lebendige hat, was wir ſehen, in ſeiner Urſache, den lebenbringenden Einflüſſen der Luft klar; wir ſehen die Geſchöpfe athmen, wir ſehen ſelbſt der Pflanze an, daß ſie Luft einſaugt. Hölderlin’s Gedicht an den Aether. Wir ſehen die Schlaffheit und Gedrücktheit aller Weſen in dumpfer, die Friſche in gereinigter Luft und zwar noch abgeſehen von dem Farbentone, der durch dieſe verſchiedene Beſchaffenheit der Luft bedingt iſt. Von dem Blau als der Farbe, welche die erleuchtete Luftſchichte über uns annimmt, war beiſpielsweiſe ſchon die Rede. Trotz ihrer verhältniß - mäßigen Armuth wirkt dieſe Farbe hier darum ſo poſitiv, weil ſie vom Lichte durchdrungen und durchſichtig iſt, ferner weil Auge und Gefühl als Gegenſatz gegen die dichten Körper und ihre energiſche Farbe gerade die dünnere und paſſivere Farbe ſucht; Auge und Sinn bedarf es, von der beſchränkenden Strenge der individuellen Körper ſich ſanft angezogen in das „ reizende Nichts “dieſes Blau zu verlieren, ſich in dieſem widerſtands - loſen Elemente zu baden.
2. Die Luftperſpective pflegt, wie das Colorit, von den Aeſthetikern erſt in der Lehre von der Malerei aufgeführt zu werden. Die Sache iſt aber vorhanden vor dem Maler und ohne ihn und der wiſſenſchaftliche Ausdruck für ſie iſt zwar erſt von der Kunſt gefunden worden, allein das verſteht ſich bei aller Naturſchönheit, daß nicht ſie ſelbſt ihren Begriff und ihre Geſetze ausſprechen kann. Erſt die Luftperſpective nun iſt es, durch welche das Auge die Entfernungen der Dinge nach der Tiefe, ihren Abſtand hintereinander zu meſſen vermag. Das Licht kann auch in den Mittel - oder Hintergrund einfallen, allein mag das Entferntere auch das vollere Licht haben, der Flor, den die dickere Luftſchichte darüber zieht,57 zeigt dem Auge die wahre Entfernung. Der Vordergrund iſt der hellſte, mag er auch viel weniger beleuchtet ſein, als die andern Gründe (oder Pläne), denn das Licht, das er hat, iſt am reinſten, ſeine Farben am vollſten, ſeine Formen am deutlichſten; aber er iſt ebenſoſehr der dunkelſte, denn ſeine Schatten ſind am ſtärkſten, und in dieſem Sinne ſtufen ſich weiter die Gründe ab. Je entfernter, deſto mehr verſchwinden Umriſſe, Modellirung, Localfarben in dem verdunkelnden Schleier, deſto ſichtbarer trübt dieſer Duft ſelbſt das an ſich vollere Licht und den ebendadurch an ſich tieferen Schatten. Die Farbe dieſes trübenden Mediums hängt von der Atmoſphäre ab. Am reizendſten blau erſcheint es in ſüdlichen Ländern, in der unreineren Atmoſphäre wird es graulich, gelblich, bräunlich, namentlich auch in geſchloſſenen Räumen. — Die ſchwerere Decke des Nebels hat auch ihren Reiz; im Trüben und Drückenden wirkt er zugleich geheimnißvoll.
Durch ihre ſchwächeren und ſtärkeren Bewegungen vom ſanften Winde bis1 zum gewaltigen Sturme iſt die Luft Haupturſache der Erſcheinung allgemeiner Lebendigkeit in dem ganzen Reiche der Natur, das eigener Bewegung entbehrt, und dieſes bewegte Leben wird, indem es ſich ebenſo dem Gehöre wie dem Auge ankündigt, von dem ahnenden Gefühle wie ein ernſtes Geſpräch der Natur mit ſich ſelbſt aufgefaßt, worin ſie ihr unbewußtes Daſein zu löſen ſuche. Erhaben im furchtbaren Sinne wirkt der Sturm, der mit dem Widerſtande der ſchwerſten Maſſen auch die freie Bewegung organiſcher Körper überwältigt. Als erſte Geſtalt in der unorganiſchen Natur treten die Wolken auf; dieſe2 iſt jedoch ſo unbeſtimmter und verſchwindender Art, daß ſie ungleich mehr durch Beleuchtung und Farbe, bald anmuthig beſchäftigend, bald erhebend, bald furchtbar wirkt.
1. Es ſind nicht blos die Dichter, welche davon ſingen, wie die ſäuſelnden Bäume ſich ein uraltes Geheimniß zuflüſtern, welche im Sturm ein Brüllen der Wuth, ein Geheul der Verzweiflung hören; dieß Leihen nimmt jede wohlorganiſirte Empfindung vor. Der Wind zeigt ſeine Wir - kungen aber allerdings dem Auge und hier ſogleich kann, unter Voraus - ſetzung der Körper, die er trifft, die große Schönheit der Linien hervor - gehoben werden, die er hervorruft. Man beobachte die reizende Biegung von Zweigen und Blättern, den wallenden Schwung der thieriſchen Mähne, die ſanften Ringe menſchlicher Haare, wenn der Wind darin ſpielt. Die Bewegungen, die er hervorruft, werden im §. zunächſt die erſte Leben - digkeit in demjenigen Reiche der Natur genannt, dem noch die eigene Bewegung fehlt; allerdings ſind aber, um das Aeſthetiſche ſeiner Wirkungen58 im vollen Umfange zu faſſen, auch Körper von freier Bewegung nicht auszuſchließen, ſofern der Sturm durch ſeinen ſtärkeren Stoß dieſe aufhebt, und ſo erſt erſcheinen die ungeheuren Wirkungen desſelben in ihrer ganzen Macht. Der Sturm überwältigt zwar leichter menſchlichen Widerſtand als maſſenhafte Laſten; aber die menſchliche Intelligenz nimmt die letzteren in ihren Dienſt und daß ſie ſammt dieſen der Sturmgewalt weichen muß, welcher doch zugleich ſelbſt etwas wie menſchlicher Zorn geliehen wird, iſt doppelt furchtbar.
2. Es iſt bekanntlich ſchwer, Wolken zu zeichnen. Es kommen hier ſchon alle Linien vor, aber jede unbeſtimmt und zerfließend. Doch ſieht man die ſpezifiſche Wirkung des Eintritts von Linien und Formen ſogleich daraus, daß es nahe liegt, in den Wolken Geſtalten von Bergen, Thieren, Menſchen zu ſehen und daß dieſes Spiel ſogar bereits Anknüpfungspunkte des Komiſchen gibt. Verſchieden iſt der Eindruck ruhig ſchwebender und bewegt hinziehender Wolken. Die äſthetiſche Wirkung beruht jedoch ungleich weniger auf Form und Bewegung, als auf der damit zuſammenwirkenden Beleuchtung und Farbe. Erſt durch ihren ſilbernen oder roſigen, gelben, hochrothen Glanz, durch ihre tiefe Schwärze, bläulich gelbliche, ſchweflichte, undurchſichtige Farbe wird die Wolke äſthetiſch bedeutend. Der Cumulus von Wetterwolken iſt wohl ſchon als Maſſe furchtbar und drohend, aber doch nicht ohne die ſchweren Farben und Schatten. Phantaſtiſch erſcheinen zerriſſene Wolken, durch welche farbiges Sonnen - oder Mondlicht bricht, beſonders reizend iſt der Silberſaum an der dunkeln Wolke.
Die furchtbarſte Lufterſcheinung iſt durch Finſterniß und grelle Beleuchtung des Blitzes, Gewalt des Sturmes und Tones, Ergüſſe des Regens und Hagels das Gewitter. Der mildere Regen wirkt erfriſchend, der anhaltend verbreitete niederſchlagend. Glänzender Schmuck iſt der Thau. Der Schnee erregt in dem Ausdruck von Kälte und Erſtorbenheit, den er der Landſchaft gibt, unter gewiſſen Umſtänden und Gegenſätzen doch ein Gefühl kräftiger Anſpannung, ſelbſt Heiterkeit.
Es darf nicht überflüſſig ſcheinen, daß neben dem Gewitter auch der Regen erwähnt iſt; nicht umſonſt haben ihn Landſchaftmaler, Genre - und Geſchichts-Maler in allen Formen nachgeahmt, um einer Gegend einen beſtimmten Ausdruck, menſchlichen Zuſtänden und Thaten einen Hintergrund von beſtimmter Stimmung zu geben. Ebenſo wirkſam iſt der ſchwüle Ton der Luft vor dem Regen, der wäßrig dünne während des Regens an offenen Stellen, der erfriſchte nach demſelben. Auch der trübſelige Landregen kann zu59 einer beſtimmten Situation die rechte Stimmung geben. Das Diamanten - geſchmeide des morgentlich erfriſchenden Thaues durfte nicht unerwähnt bleiben. Die kalte, einförmig weiße Schneedecke ſollte man für ganz unäſthetiſch halten; allein man muß mehrere gegenſätzliche Bedingungen erwägen: einmal, daß die ohnedieß erſtorbene Natur ſtatt des ſchmutzigen und fahlen Braun der Regenzeit nun doch das lichtvolle Weiß zeigt, ferner, daß nach den trüben Regen des Frühwinters der Schnee mit der Kälte, die er bringt, anſpannend auf alle Geſchöpfe wirkt. Erſcheint hier der Schnee mit ſeiner Kälte als eine Energie, ſo mag er ein andermal ſelbſt als Uebel äſthetiſch wirken, ſofern der unbequeme Puder, der auf Alles fällt, etwas Komiſches hat, oder ſofern der warme Raum, das behagliche Feuer, an das ſich der Menſch zurückzieht, mit der beſchneiten Landſchaft in eine contraſtirende Anſchauung zuſammengefaßt wird und ſo mit der ſtarren, aber abſtoßenden Erhabenheit der äußern Natur zugleich das Gemüthliche des Zuſammenwohnens und Zuſammenrückens der Menſchen in Wirkung tritt.
Die zu Waſſer verdichtete Luft kommt nach ihren Anſammlungen zu größeren Maſſen in beſonderen Betracht. Beſtimmter tritt nun in dieſem dich - teren Stoffe die Schönheit der Linie hervor; Sinn und Gemüth führt fort und erweitert die gerade in wagrechter Richtung als die Form des ruhig ſeinen Behälter füllenden Waſſers, unruhiger wirkt ſie in der ſenkrechten des freien Abſturzes und Aufſprungs (vergl. §. 91, 3.). Vollkommener iſt die runde Linie, weil ſie als die in ſich zurückkehrende die concrete Einheit des organiſchen Lebens anzukündigen ſcheint; wie ſie als Kreis und in den verſchiedenſten Kreis-Ausſchnitten, fortgeleitet zum reinſten Schwunge der Wellenlinie in Wogen und Stürzen erſcheint, erinnert ſie daher auf das Anziehendſte an das höhere Reich der Formen.
Schritt für Schritt ergänzt ſich nun poſitiv das, was über abſtracte Beſtimmungen des Schönen durch gewiſſe Eigenſchaften der Körper §. 35 und 36 negativ geſagt iſt. Vom Lichte, von den Farben iſt ſchon gezeigt, wie ſie immer Gegenſtände vorausſetzen, an denen ſie erſcheinen, aber in dieſer Verbindung allerdings im Vordergrunde der äſthetiſchen Wirkung60 ſtehen können. Mit der Linie nun verhält es ſich anders; ſie iſt keine ſelbſtändige elementariſche Potenz, wie Licht und Luft, ſie iſt nur die Grenze eines Körpers und zeigt das Bildungsgeſetz auf, nach welchem er ſeinen Stoff auf allen Punkten bis dahin und nicht weiter vom Mittel - punkte nach außen treibt. Ein Körper kann nun allerdings mehr durch Linien, als durch Farben, Ausdruck u. ſ. w. wirken, allein es wird, wenn man vom Reize der Linie ſpricht, nicht nur natürlich vorausgeſetzt, daß ſie ein Object habe, an dem ſie erſcheine, wie Licht und Farbe, ſondern ſie iſt ſchlechtweg identiſch mit ihrem Körper, iſt gar nichts für ſich. Noch viel weniger, als bei den bisher betrachteten elementariſchen Erſcheinungen, kann alſo von einer Schönheit der Linie an ſich die Rede ſeyn. Aber auch als mathematiſch regelmäßige Grenze eines wirk - lichen Körpers kann ſie äſthetiſch niemals in Betracht kommen, denn da fehlt ihr die Zufälligkeit, d. h. relative Unregelmäßigkeit, welche die nothwendige Folge der unendlichen Eigenheit jedes ſelbſtändigen, lebendigen Individuums iſt. Daher beruht eine bekannte Stelle Plato’s auf einem Mißverſtändniſſe. Er läßt im Philebus den Sokrates ſagen: „ Schönheit der Geſtalten (σχημάτων) will ich jetzt nicht, wie die Meiſten wohl glauben möchten, die der lebenden Körper oder gewiſſer Gemälde nennen; ſondern ich nenne etwas gerade, ſagt meine Rede, und etwas rund und ſomit denn die Flächen und Körper, die gehobelt und gedreht und mit Winkel und Wage beſtimmt werden, wenn du mich verſtehſt. Denn dieſe, ſage ich, ſind nicht in Beziehung auf etwas ſchön, wie Anderes, ſondern immer an und für ſich ihrer Natur nach und führen eigene Arten von Luſt mit ſich, die nichts mit denen des Kitzels gemein haben; (und auch Farben ſind in derſelben Weiſe ſchön und von Luſt begleitet). “ Zunächſt muß man den klaren Formenſinn in dieſer Stelle hochhalten; wer nicht weiß, wie das Auge in den reinen Formen einer Woge, eines Berges und in höherem Sinne freilich einer organiſchen Geſtalt ſchwelgen kann, verſteht ſie nicht. Das Mißverſtändniß aber iſt dieß, daß Plato meint, ſobald er die Linie als Begrenzung wirklicher Naturkörper herbeiziehe, ſo werde von etwas Stoffartigem die Rede, weil zu jedem wirklichen Körper eine Beziehung der Neigung oder Abneigung, alſo äſthetiſch unreines Verhalten möglich iſt. Daher faßt er die Linie in ihrer Abſtractheit auf, denn der Körper, den er allerdings vorausſetzt, wenn er von Drehen, Hobeln u. ſ. w. ſpricht, iſt hier blos gleichgiltiges Mittel; er erwägt nicht, daß ſo mechaniſch, mathematiſch ſtreng ausgeführt die Linie zwar eines Theils allerdings einen Anſatz reiner Luſt gewährt, aber nur, um dieſe in die lange Weile der Einförmigkeit wieder aufzuheben, ſofern nicht die, hieher gar nicht gehörige, Luſt des wiſſenſchaftlichen Erkennens an ihre Stelle tritt. Die Linie ſetzt einen beſtimmten Körper, deſſen Grenze ſie61 iſt, voraus, und zwar einen nicht von der Abſicht meſſenden Thuns, ſondern von der unbewußt bauenden Naturkraft geſchaffenen, und durch deſſen Individualität tritt auch die geſonderte Abweichung von der Regel, die Zufälligkeit ein. Daß aber ein ſolcher Körper nicht ſtoffartige Luft errege, dazu iſt freilich ein beſtimmter Standpunkt der Betrachtung voraus - geſetzt; für jetzt genügt es zu ſagen, es ſcheine wenigſtens, daß das Naturgebilde ſelbſt es mit ſich bringe, daß der Zuſchauer dieſen freien Standpunkt einnehmen müſſe; es wird ſich aber freilich Anderes im Schluſſe der Lehre vom Naturſchönen ergeben.
Wir faſſen nun hier die Linie zuerſt nur in ihrem flüchtigſten Gebiete auf, um ſie auf höhere Stufen zu verfolgen. Sie iſt im Waſſer durch das mechaniſche Geſetz der unendlichen Glätte ſeiner Theile bedingt und kann daher nicht zu einer feſten Harmonie des Geraden und Gerundeten ſich bilden. Die wagrecht gerade Linie der ruhigen Waſſerfläche nun erreicht die Wirkung des Erhabenen des Raums (§. 91) bei einer Ausdehnung, deren Grenze nicht abzuſehen iſt. Es iſt dieß der eine Grund der unendlichen äſthetiſchen Bedeutung des Meers. Dabei iſt jedoch auf irgend einer Seite eine Linie vorausgeſetzt, welche die wagrechte durchſchneidet; die Meeresfläche muß ſich von Uferformen u. drgl. abſetzen, damit das Auge einen Anhalt, Gegenſatz habe, ſonſt wird das Gefühl des Unendlichen zum Gefühl des unwirthlich Oeden, ja des Einförmigen. Daß die Linie des Waſſerſpiegels hinter der durchbrechenden anderer Körper in’s Unendliche fortgeſetzt werde, dafür ſorgt der Sinn des Zuſchauers. Die ſenkrechte Linie zeigt ſich in aufſteigenden Waſſerſtrahlen, — daß ſolche ſeltener durch Natur als durch Kunſt entſtehen, davon kann hier abgeſehen werden —, und in freien Abſtürzen, d. h. in Waſſerfällen, welche, nachdem ſie ſich in geſchwungener Linie über den Rand des Bettes geworfen, nun in freier Luft gerade in die Tiefe fallen. Auch noch ohne Rückſicht auf die wirkliche Bewegung wirkt dieſe Linie unruhiger; ſie erweitert das Gemüth nicht ſtill und ſachte, ſondern reißt zur Bewunderung und zum Schwindel fort. — Eigentlich nun ſtrebt das Waſſer durch die Glätte ſeiner Theile zur Kugelbildung und die Kugel iſt, wenn man von Form abſtract mathematiſch redet, die vollkommenſte, denn ſie iſt allſeitiges Rund und das Runde, als in ſich ſelbſt zurückkehrend, die concreteſte Linie. Allein die Form in dieſer Bedeutung überhaupt iſt abſtract, die Schönheit fordert Form als Bildungsgeſetz des lebendigen Individuums; der lebendige Körper ſtrebt, je vollkommener, allerdings deſto mehr zum Runden, aber nur zu Anklängen desſelben, die er in ſeiner Freiheit ebenſo wieder verläßt. Der Waſſertropfen nun hat Kugelform, aber nicht nur iſt er zu klein, um äſthetiſch zu intereſſiren, ſondern wo er durch ſeinen friſchen Schimmer dennoch das Auge anzieht, wird nichts weniger62 als Regelmäßigkeit jener Form gefordert. Gerade das freie und unregel - mäßige Spiel des Runden an größeren Waſſermaſſen iſt es, wovon hier eigentlich allein die Rede ſein kann. Solche frei geſchwungene Linien laſſen ſich nirgends in höherer Schönheit beobachten, als an den Meereswellen, wenn man bei mäßig bewegter See ſie am Ufer branden ſieht. Ueber eine ſchlanke Einziehung wölbt ſich ein Rücken mit dem Profil des reizendſten Schwanenhalſes. Iſt die Welle ſatt, ſo gießt zuerſt an einem oder mehreren Punkten des Kammes das Waſſer über jene Einziehung in einem freien Bogen herab, dann wird dieß allgemein und die Welle löst ſich auf, um einer zweiten Platz zu machen. Es kommen noch die verſchiedenſten anderen Wellenformen vor und die Seeleute haben beſtimmte Namen dafür. Eine reiche Mannigfaltigkeit zeigt ſich bei ſtürmiſcher Brandung, die Woge zerblättert ſich zu Fächern, fährt in Säulen auf, die ſich in Büſche ausbreiten, ein krauſes Geringel ſcheint an Schlangen und die mannigfachſten Thiergeſtalten zu erinnern.
Mit den Schönheiten der Linienbildung vereinigen ſich nun im Waſſer alle Wirkungen des Lichts und der Farbe. Es hat eigene Farbe, es glänzt und ſpiegelt fremde Formen und Farben, es iſt zugleich durchſichtig, ſeine Tiefe ſcheint von dem durchdringenden Lichte erwärmt und lädt zugleich zu labender Kühlung ein. In Schaum aufgelöst verliert es die Durchſichtigkeit, ſpielt aber in neuen reizenden Formen mit ſeinem leichten Staube und das Licht zeigt in ihm die Farben des Regenbogens. Gefroren bleibt es noch bis auf einen gewiſſen Grad durchſichtig, eine Eisfläche hat ſchon daher ihren beſondern Reiz; von erhabener Lichtwirkung durch Weiße und Glanz ſind die Gletſcher, von furchtbarer die wild gethürmten Eisberge.
Die Licht - und Farbenreize des Waſſers wurden beiſpielsweiſe ſchon angeführt. Nicht umſonſt nennt Novalis das Waſſer das Auge einer Landſchaft. In der Durchſichtigkeit wirkt nebſt dem Glanze die Localfarbe mit den geſpiegelten Farben, beſonders mit der Bläue, dem Gelb und Roth der Luft, mit der ganzen Welt der gegenſeitigen Reflexe und Schatten der Wellen zuſammen. Sieht man in die durchſichtige Tiefe eines ruhigen Waſſers hinab, ſo begreift man das Gefühl, das Göthe in ſeiner Ballade: der Fiſcher ausgeſprochen hat. Es iſt heimlich hier unten, denn das Licht ſcheint in das farbige Dunkel und erwärmt es, das Element iſt zugleich kühlend und gibt durch ſeine Glätte nach, indem es ſanft widerſteht; das ladet zum Baden ein, ein Genuß, den der poetiſche Sinn nicht nur als Erfriſchung überhaupt, ſondern als erſehnte Vereinigung, ein Verſenken in63 das fremdartige und doch lockende Element fühlt, dem wir nicht angehören. Die Reize des Schaumes muß man an Meer-Wellen, an Waſſerfällen, an Springbrunnen beobachten. — Eine Eisfläche wirkt gegenſätzlich aus ähnlichen Gründen, wie der Schnee; niederländiſche Maler haben ihr oft die Reize ihres halbdurchſichtigen, knarrenden, krachenden, duftbelegten Spiegels abzulauſchen gewußt.
Jene Linien ſind in ſtetem Uebergange begriffen und können ſich nie zu1 einer feſten Geſtalt zuſammenſchließen; dagegen iſt das Spiel ihrer Bewegung um ſo reizender und erregt, indem ihre mechaniſche Urſache vergeſſen wird, verbunden mit ſeinem Rauſchen das Gefühl einer immer friſchen Lebendigkeit. Zugleich iſt es ebendieß Spiel, welches die Schönheiten des Lichts und der Farbe erhöht. Als Quelle hervorſprudelnd ruft das Waſſer die ganze geheim - nißvolle und dankbare Empfindung eines aus der Tiefe geſpendeten, erfriſchenden Segens hervor, als Bach, Fluß, Strom ſich fortbewegend mahnt es bald durch die Eintönigkeit ſeines Laufs an das Unendliche der Zeit, bald zieht es das ſtrebende Gemüth in die Ferne, bald wirkt es als majeſtätiſche und doch freundlich den Völkerverkehr vermittelnde oder, überſchwellend und verheerend, als furchtbar zerſtörende Kraft. Unter den in Becken geſammelten Waſſern2 vereinigt am vollſten alle Wirkungen dieſes Elements das Meer.
1. Es erklärt ſich von ſelbſt, wie die Licht - und Farben-Reize des Waſſers namentlich durch ſeine Bewegung entſtehen, denn indem ſich Wellen bilden, treten Lichter auf ihren Kämmen, Schatten in ihren Furchen, gegen - ſeitige Reflexe, unendliche Modificationen der Farbe ein. Zwar ſcheint ſich der Himmel, das Ufer vollſtändiger auf der ruhigen Fläche zu ſpiegeln, allein ganz ruhig iſt dieſe nie, das Spiegelbild flimmert, blitzt, ſchwankt immer und ebendieß iſt der Reiz; doch auch bei ſtärkeren Wellen kann noch die ſchönſte Spiegelung Statt finden, das glühende Abendroth z. B. ſpiegelt ſich in der aufgefurchten Wellen-Straße, die das Dampfſchiff hinter ſich auf - wühlt, ſtärker als auf der übrigen ſchon dunkleren Fläche, ſo daß dieſes einen breiten Feuerſtrom nach ſich zu ziehen ſcheint. Was nun die Poeſie der Quelle, des Bachs, Flußes, Stroms betrifft, ſo wäre es leicht, ſie dadurch in’s volle Licht zu ſetzen, daß der vergötternde Glaube der Naturreligion ſchon hier herbeigezogen würde. Das Schöne fordert — und es iſt kein Geheimniß, daß wir dahin ſtreben — ein beſeeltes Individuum. In der unorganiſchen Natur übernimmt der leihende Menſch dieſe Beſeelung, auch ohne Mythologie wird uns noch heute Quelle, Fluß und Meer zu etwas Perſönlichem und die Vergötterung hat auch hier dieſen einfachen64 Grund im menſchlichen Gemüthe. Was eine Quelle heißen will, weiß man freilich nicht, wenn man es nie anders erlebt hat, als daß das Waſſer vom Brunnen in ärmlichem Gefäß in’s Haus getragen wird. Zwar auch gefaßt als Brunnen iſt ſie noch poetiſch, wenn die Faſſung die ganze Bedeutung dieſes aus dunklem Erdſchooße hervorſprudelnden, reinen, labenden Urſprünglichen edel anzeigt, beſonders, wenn ſie der aus einer Felſengrotte hervorſprudelnden Quelle zu Hilfe kommt. Und weil hier doch überall ſchon an menſchliche Zuſtände, an die Sphären des Bedürfniſſes und Genuſſes, an die Formen der Befriedigung erinnert werden darf — wiewohl dieß Alles ſeinen eigentlichen Ort anderswo hat — ſo ſei auch auf die Poeſie des Waſſerholens, wenn die Formen (z. B. die der Gefäße und der Art, ſie zu tragen) nicht proſaiſch ſind, und namentlich auf die herrliche Stelle in Werthers Leiden hingewieſen. Durch eine ſolche Vor - ausnahme hätte auch beim Schnee an das Schlittenfahren, beim Eis an das Schlittſchuhlaufen erinnert werden dürfen und kann der vorliegende §., wo von den Flüßen die Rede iſt, ihre Bedeutung für den Völkerverkehr hervorheben. — Daß das einförmige Murmeln, Plätſchern, Rauſchen der Waſſer mit dem Gefühle des Friſchen, Lebendigen zugleich den Eindruck des Erhabenen der Zeit hervorrufe, bedarf nur einer Berufung auf die allgemeine Erfahrung, der übrige Inhalt des §. aber keiner Erläuterung.
2. Ein Teich iſt etwas Unbedeutendes, aber wo er in einer gewiſſen Umſchattung von Pflanzen getroffen wird, da begegnet das dunkle, dämmernde, kühlende, durchſichtige Element als etwas Heimliches und Befreundetes, denn der Menſch fühlt ſich immer zu Hauſe, wo er Waſſer findet, und zwar nicht nur wegen des Bedürfniſſes, ſondern weil es vermöge ſeiner Durch - ſichtigkeit ihn immer wie etwas Geiſtverwandtes anſpricht. Soll auch von Sümpfen die Rede ſein, ſo weiß man wie düſter erhaben verſumpfte Gegenden mit Spuren früherer Cultur wirken, z. B. die Gegend von Päſtum. Bei Seen kommt es nun ebenfalls namentlich auf die Umgebung und Local - farbe ihres Waſſers an, wie ſie wirken. Anders erſcheint ein See in tiefem Keſſel, wie der Albaner-See, anders in breiter Fläche mit fernen Bergen, wie der Bodenſee, in der weiten Ebene, zwiſchen Bergen, auf hohem Gebirge, wie der finſtere, vom Volke mit Elfen bevölkerte Mummelſee auf dem Schwarzwalde. — Dem Meere ſcheint von den vereinigten Schönheiten und Erhabenheiten des Waſſers nur das Fortziehen zu fehlen, doch auch davon hat es etwas in Ebbe und Fluth.
Das erſte Feſte, das ſich in der unorganiſchen Natur darſtellt, iſt das Erdreich. Die Formen, die es im Großen zeigt, ſind zwar durch äußere Gewalt entſtanden und es fehlt ihnen daher die Individualität als eine von innen heraus ein durch ſich ſelbſt begrenztes Gebilde bauende Macht. Allein ſie ſind durch eine Bewegung entſtanden, dieſe Bewegung und die Art ihrer Urſache ſieht man ihnen dunkler oder deutlicher an und ſo rufen ſie die gewaltigen Gährungen und Umwälzungen vor die Seele, wodurch der Planet ſeine jetzige Geſtalt ſich gegeben hat. Dieſe Bewegung ſcheint ſich im Anſchauen zu wieder - holen, die todten Formen leben auf und der thätige Planet iſt daher das In - dividuum, welches als das eigentliche Subject der Schönheit in dieſem Schauſpiele ſich darſtellt; die einzelnen Formen erſcheinen als ſeine maſſenhafte Gliederung. Alles geht in’s Große, Erhabene.
Das rechte Sehen iſt ein inneres Nachzeichnen; man braucht dazu nicht Künſtler zu ſein, aber man muß ſehen gelernt haben. Indem ich ſo die Erdbildungen ſehend nachzeichne, hebe ich ſie eigentlich auf und ſchaffe ſie neu; ich verſtehe und ahne in ihren Linien die Gewalt, die ſie einſt aus einem Chaos wirklich ſchuf und mitgeriſſen lege ich mich ſelbſt in dieſe Gewalt und wiederhole ihren Prozeß. Die Feuergewalt höre ich wieder dumpf ziſchen, donnern und die großen Maſſen thürmen, die Urwaſſer höre ich rauſchen und ſehe, wie ſie die breiten Flächen hinwerfen, die Berge aufſchichten; die großen Strom-Durchbrüche reißen das wilde Thal, ſpülen das ſanftere aus. Der Planet arbeitet mächtig, ſich ſeine Geſtalt zu geben, er iſt als werdendes Individuum der äſthetiſche Gegenſtand in dieſem Schau - ſpiele. Er ſchafft ſich ſeine Rippen, ſein Knochengerüſte, er breitet ſeine gigantiſchen Glieder aus und legt die weicheren Umhüllungen darüber. Wie wir in Alles den Menſchen legen, ſo hat im Kleineren auch die Sprache für die Erdbildungen organiſche Namen feſtgeſetzt: Kopf, Rücken, Kamm, Schulter, Arm, Fuß, Sohle bezeichnen die Theile der Gebirge, des Thals. Da nun hier alles in maſſenhaften, großen Verhältniſſen beſteht, ſo wird durchaus der Charakter des Erhabenen herrſchen, doch tritt innerhalb deſſelben ein Gegenſatz von Schönem und Erhabenem auf.
Zuerſt bietet ſich der einfache Gegenſatz von aufſteigender und wagrecht ausgedehnter Form, von Berg und Ebene dar, beide wirken noch abgeſehen von ihrer näheren Beſchaffenheit in dem, §. 91, 3. ausgeſprochenen, Sinne. Die Berge treten zu Berggruppen, dieſe zu Gebirgen zuſammen, welche in ihren Gipfeln die Häupter, in ihren Ketten, Aeſten und Zweigen ihren Körper zeigen; hier erſt wird der nähere Unterſchied der äſthetiſchen Formen wichtig und tritt als Hauptgepräge ein Gegenſatz des formlos und des formeinhaltend Erhabenen (§. 87, 2.) oder des Erhabenen gegen das relativ Schöne hervor.
Der einzelne Berg kann natürlich die verſchiedenſten Formen haben, allein die Aeſthetik muß den bedeutenderen und umfaſſenderen Erſcheinungen zueilen. Daher wird zunächſt nur im Allgemeinen die das Gemüth aus - dehnende Wirkung der Ebene, die erhebende oder ängſtlich drohende der Erhebung hervorgehoben. Den Flachländer können Berge energiſch erfreuen, aber ſie können ihn auch drücken, mit Schwindel beängſtigen; der Berg - bewohner ſehnt ſich nach der Ebene, es wird ihm leicht und weit zu Muthe, aber die Einförmigkeit des Flachen verkehrt dieß Gefühl in Oede. Von der localen Phyſiognomie, Fruchtbarkeit und Unfruchtbarkeit iſt hier noch nicht die Rede, es kommen nur die allgemeinen Verhältniſſe in Betracht. — Der große Unterſchied des äſthetiſchen Charakters der Gebirge wird nun im Folgenden beleuchtet werden.
Das formlos Erhabene erſcheint theils als Charakter einer plumpen und rauhen Maſſenhaftigkeit, theils durch kühne, vorherrſchend eckige und zackige Umriſſe als Charakter der Wildheit und Zerriſſenheit in den körnigen Geſteinen2 des durch Feuer gebildeten Urgebirgs. Dagegen bildet ſchiefriges Urgebirge und das ſchichtenförmig durch Waſſer aufgelagerte Flötzgebirge im Allgemeinen ruhigere Formen. Durch den lebendig befriedigenden Charakter der gebogenen Linie erfreuen hier theils rundliche Kuppen und Kegel, umgeſtürzte Glocken, Mulden und Sättel, ſanftere, geſchwungene Abſenkungen, theils zieht die gerade Linie in der breiten Fläche der Rücken und dem regelmäßigen Abfalle das3 Gemüth in’s Weite. Die letztere Form wird durch ihren Mangel an Wechſel immer, die erſtere, wenn ſie bei geringerer Höhe lange in gleichen Wellen hin - zieht, leicht einförmig oder Schwermuth erregend.
1. Wenn hier eine allgemeine Charakterzeichnung der Profile der Hauptgebirgsarten verſucht wird, ſo werden darum die vielerlei Urſachen,67 welche die gewöhnliche Phyſiognomie derſelben verändern, keineswegs über - ſehen; ſie werden im Folgenden hervorgehoben werden. Sogleich iſt zu bemerken, daß die Formationen bei geringerer Höhe ihren Charakter nicht ſo beſtimmt entwickeln, wie bei bedeutender. So wird denn zuerſt das Gepräge der kryſtalliniſch-körnigen Urgebirge als das rauhe, kühne, maſſige, wilde, ſchroffe bezeichnet; hier herrſchen die ſpitzen Zacken, die hohen Nadeln, die ſcharfen Gräte, die ſteilen Abſtürze und Mauern, allerdings aber zeigt z. B. der Granit dieſen Charakter zwar in hohen Gebirgen, in minder erhabenen dagegen ſanfte Umriſſe, flache Rücken, runde Kuppen. Der Grund dieſes Unterſchieds iſt unter den weiteren Bedingungen, welche den allgemeinen Charakter local beſtimmen, nachher zu nennen. Der Syenit erſcheint ſelten in den hoch anſpringenden Spitzen und Zacken, wie der Granit, häufiger der Serpentin, der Gabbro, entſchieden der Porphyr, der Urkalk. Die kühne und wilde Wirkung der jähen und zackigen Formen dieſer Geſteine erinnert ganz an das unruhige Element des Feuers (oder des Feuers in Verbindung mit dem Waſſer), aus dem ſie hervorgegangen ſind, und man meint, das dumpfe Toſen und Brüllen zu hören, unter welchem die furchtbaren Maſſen glühend emporgetrieben wurden, um dann zum harten und rauhen Fels zu erſtarren. Je mehr das Steile und Starre in das Zerriſſene übergeht, um ſo leichter klingt in dem Beſchauer auch abentheuerlich komiſche Auffaſſung an: „ die langen Felſennaſen, wie ſie ſchnarchen, wie ſie blaſen. “
2. Es iſt offenbar der Niederſchlag durch Waſſer, welcher die ruhigeren Formen gebildet hat. In der zweiten Gruppe des Urgebirgs, welche hier zuerſt genannt iſt, dem ſchiefrigen Geſteine, hat nach der Annahme der Geognoſten Hitze und Waſſer, aber bei den meiſten Arten mit vorherrſchen - dem Antheil des Waſſers gewirkt. Schon der Anblick der blättrichen Ober - fläche erregt einen andern Eindruck, als die ſtarre Subſtanz des körnigen Urgebirgs. Gneiß iſt weniger ſchroff und zackig, als Granit, zeigt Neigung zur Teraſſen - und Plateaubildung, und eben dieſe Form vereinigt mit der ſanftgerundeten Linie wellenförmiger Erhöhungen zeigen die verſchiedenen Arten der Schiefergebirge. Dieſe ſind daher im §. mit den Formationen des Flötzgebirgs zuſammengeſtellt, unter welchem hier nach neuerer geog - noſtiſcher Eintheilung das ſogenannte Uebergangsgebirge, das ſecundäre und tertiäre Gebirge befaßt iſt. Das Gemeinſame dieſer Bildungen iſt der Niederſchlag durch Waſſer, welcher die horizontal hingeſtreckten, die runden und wellenförmigen Formen an die Stelle der ſteilen und jähen der Feuer - bildung ſetzt. Es ſind lauter geſchichtete Gebirgsarten; die Auflagerung der Schichten auf ungleich erhöhten Unterlagen, Hebungen und Senkungen durch vulcaniſche Kräfte, deren gewaltſamerer Einbruch hier aber noch nicht hereinzuziehen iſt, weil er den allgemeinen Charakter verändert, Aus -5*68ſpülungen durch Waſſer verwandeln die horizontale Linie in die gebogene und bedingen die Wellenzüge der gewölbten Sättel und der vertieft ein - gebogenen Mulden, die ſanftgerundeten Kuppen der Berge. Das Schwemm - land (diluvium und alluvium) wird im weiteren Zuſammenhang erwähnt werden, ebenſo die jüngeren Bildungen des Feuers.
3. Wo das Flache vorherrſcht, entſtehen die eintönigen und traurigen Sargformen, welche z. B. die ſchwäbiſche Alb zeigt; wo das Gerundete vor - herrſcht, die hinſchleichenden Wellenzüge, die ſanften Hügelreihen, welche zwar mild, aber zugleich elegiſch, in die Länge niederſchlagend ſtimmen und an Ketten von Maulwurfshügeln erinnern. Beide Charactere treten zwar gewöhnlich in Verbindung auf, doch mehr nebeneinander, als ſo, daß an einem und demſelben, dem Auge ſich darbietenden Gebirgstheile diejenige Wechſelergänzung gerade laufender mit geſchwungenen Linien aufträte, welche wir als die ſchönſte Form ſuchen und von welcher nun die Rede ſein wird.
Die höchſte Form wird immer entſtehen, wenn Wildes, Schroffes, Eckiges, Flaches und ſanfter oder kühner Gebogenes in unmittelbaren Zuſammen - hang tritt, durch ſeine Wechſelverhältniſſe Auge und Sinn zugleich erregt, beruhigt und ſättigt. Solche Bildungen entſtehen aber vornämlich erſt durch den Zutritt weiterer Bedingungen zu dem urſprünglichen Gepräge der Forma -2 tionen. Das Urgebirge erſcheint verſchieden, je nachdem das Feuer die Maſſen gewaltſamer oder langſamer emporgetrieben hat, und ſo verbindet ſich auch hier die ſanftere Form mit der härteren und wilderen; daher zeigen auch die jüngeren3 vulcaniſchen Gebilde zartere Formen. Umgekehrt zerreißt der ſtärkere Durch - bruch der Waſſer, der vulcaniſchen Kräfte und Maſſen gewaltſam die Schichten der an ſich ſanfter gebildeten Gebirgsarten, zerklüftet ſie in Riſſe, verſchiebt ſie, bildet das Profil aus den Schichtenköpfen verſchiedener Gebirgsarten und führt ſo die jäheren und zerriſſenen Formen zwiſchen die weicheren ein. Alle Maſſen verwittern mehr oder minder durch Luft und Regen, werden von Wellen angenagt, ſtürzen zuſammen und verändern ſo ihre Umriſſe. Das Schwemmland endlich vermittelt als letzte und weichſte Ueberkleidung die ſchrofferen Formen durch ſanfte Verbindungslinien.
1. Die verſchiedenen Bedingungen, welche als ebenſoviele Urſachen der Veränderung des allgemeinen Charakters der Gebirgsphyſiognomie hier aufgeführt ſind, werden bei dem Anblick der Formen deutlicher oder dunkler erſchloſſen und beſtimmen ſo allerdings den äſthetiſchen Eindruck mit. Natürlich bewirken ſie nicht immer und nothwendig die Form, welche nunmehr als die ſchönſte zu bezeichnen iſt, nämlich jenes Gleichgewicht,69 jene Wechſelergänzung des Schroffen, Wilden, Flachen, Geraden mit dem Runden und Geſchwungenen; aber ſie werden bei der Entſtehung desſelben immer im Spiele ſein. Einer der herrlichſten Berge der Welt iſt der Pelegrino bei Palermo; nachdem das Auge von ſanfter oder kühner ge - ſchwungenen Profilen reizend fortgezogen iſt, geben ſteile Felsabſtürze die Kraft und Erſchütterung, ohne welche das Runde weichlich wird, dann aber leiten zarte Bogenlinien das Rauhe und Jähe wieder beruhigend weiter.
2. Zuerſt mußte die gewaltſamere oder gemäßigtere Kraft der Er - hebung durch Feuer als Urſache eines weicheren Charakters im Urgebirge hervorgehoben werden. Bei geringerer Höhe erſcheinen darum die ſanftrund - lichen Kuppen des Grauits und ähnliche Formen, weil das Feuer weniger gewaltſam gewirkt hat. Die im engeren Sinne ſo genannten vulcaniſchen Geſteine, welche als ſpätere Bildungen des Feuers denen des Urgebirgs als den plutoniſchen entgegengeſetzt werden, finden am paſſendſten hier ihre Stellen, denn ſie zeigen meiſt die runderen Formen. Der Baſalt bildet abgeſtumpfte Kegel, die priſmatiſchen Säulen dagegen, in welchen er theilweiſe, z. B. in der berühmten Fingalshöhle auf Staffa auftritt, erinnern ſchon an die regelmäßigen kryſtalliſchen Formen; der Trachyt ſetzt kuppelförmige Bergmaſſen zuſammen, der Dolerit erſcheint kegelförmig u. ſ. w. Die jetzt noch thätigen Vulkane ſind Kegelberge, abgeſtumpft, wo ſich keine Spitze aus dem Krater hervorgearbeitet hat. Die wilden Trümmerhaufen von Felsblöcken, der oft in die wildeſten Formen zerriſſene Lava-Wall, die Riſſe, die vom Krater aus durch die Bergwände laufen, geben zu den runden Linien, die vielleicht nirgends reizender als am Veſuv ſich in die Ebene ſchwingen, die Energie des Furchtbaren, welche freilich in ihrer höchſten Gewalt im Ausbruche erſcheint.
3. Die an ſich ruhigere geſchichtete Gebirgsform verändert ihre Geſtalt bei ſtarker Aufrichtung der Schichten durch gewaltſame Hebungen, ſie berſten und ragen in zerriſſenen Profilen empor, welche noch durch die verwitternden Einflüſſe von Luft und Waſſer zu ſägenartigen Zacken, Nadeln u. ſ. w. ſich ausbilden. Die Einflüſſe der Verwitterung ſteigen und fallen, je nachdem ein Geſtein mehr oder weniger verwitterbare Mineralſubſtanzen enthält, je nach Beſchaffenheit der Luft, der Stärke, Schwäche, Seltenheit oder Häufigkeit der Regengüſſe. Ebenſo kommt es bei Felſen am Meere auf den Anprall der Waſſer an, wie ſie ihre Form verändern: am ſteilen Fels aufſchäumend wird die Welle das Geſtein anders umwandeln, als wenn es flach auffallend allmählig abſchwemmt und abrundet; ein Gang an klippiger Meeresküſte zeigt, welcher Reichthum äſthetiſcher Reize in dieſen Erſcheinungen liegt. Die Verwitterung ſetzt an tieferen Stellen der Gebirge als Schutt an, was ſie den Gipfeln70 genommen; während ſie daher an dieſen eckige und harte Formen hervor - bringt, kann ſie dort den ſchönen Schwung des Umriſſes erhöhen. Das Schwemmland endlich, wo es nicht ſelbſt noch von ſpäteren Revolutionen mit emporgeriſſen iſt, wird durch ſeine weichen, thonigen, ſandigen Maſſen, welche durch Verwitterung ſich nur immer mehr abrunden, durchaus die Stelle einnehmen, die ihm der §. anweist.
Dieſelben äſthetiſchen Gegenſätze treten im Charakter der Thäler auf. Sind ſie durch ſanftere Senkung, allmählige Ausſpülung entſtanden, ſo werden ſie heimlich und vertraulich, zeigen die ſchroffen und zerklüfteten Thalwände auf Riſſe und Einſtürze, auf gewaltſamen Durchbruch von Waſſern hin, ſo werden ſie, beſonders wenn ſie ſich zum wilden Paß, zur Schlucht verengen, finſter und drohend ſtimmen. Wilde Bergwaſſer pflegen noch dieſen Charakter zu erhöhen, wogegen im ſanfteren, breiteren Thale die ruhigeren Flüſſe ziehen. Die Windungen ſchöner Thäler erregen Sehnſucht, hinein und weiter zu wan - dern, wogegen die Halbkreiſe reizend geſchwungener Becken und Golfe zum Genuß der Ruhe einzuladen ſcheinen. In Thalſohlen und Ebenen ſind wieder die Formen der kleineren Vertiefungen, Senkungen, Hohlwege u. drgl. von2 nicht geringer äſthetiſcher Bedeutung. Uebrigens wirkt in allen dieſen Formen der Gebirge und Thäler die nähere Beſtimmtheit der Oberfläche nach der Art und Farbe des Gefüges, ſowie Kahlheit oder Fruchtbarkeit weſentlich mit.
1. Mit dem Charakter der Gebirgsabfälle iſt natürlich der Charakter der Thäler auch ſchon gegeben, allein obwohl nur der Standpunkt des Auges ein anderer iſt, ſo beſtimmt ſich doch bei übrigens gleichem Charakter eben durch dieſen der äſthetiſche Eindruck ganz verſchieden. Mit dem Berge ſteigt Auge und Sinn empor; das Thal dagegen ſcheint uns in ſeiner Tiefe empfangen, aufnehmen zu wollen, es lädt zur Anſiedlung, zum Hineinwandern ein. Dieſer Eindruck des Vertraulichen, Wohnlichen, Hereinziehenden ſetzt natürlich ſanfte Bildung voraus; iſt ein Thal wild, wie insbeſondere im Gegenſatz der Längenthäler die Queerthäler, welche die Streichungslinie der Schichten durchbrechen, ſteile Felſen, zerbrochene Schichtenköpfe zu Tage legen, ſo ſcheint es den Menſchen erdrücken und begraben zu wollen und ihn erhebt nur das Bewußtſein der Kraft, wenn er ſich dieſen Schauern in die Arme wirft und dieſe Gewalten wie ſeine eigenen fühlt. Hier ſtürzen in Reihen von Waſſerfällen, zwiſchen über - einandergeſchleuderten Felsblöcken ſchäumend, ganze Felsmaſſen durch - brechend und wie Kinderſpiel umherwerfend die wilden Bergwaſſer. Bei Golling hat die Salzach ganze Felſenmaſſen durchbrochen und ſtürzt durch71 ſie wie in einer Kellerwölbung fort. Dagegen ziehen in den ruhiger gebildeten Thälern in mäßigerem Falle wie menſchenfreundliche Geiſter die befruchtenden Flüſſe. Reizend, idylliſch und elegiſch lockend ſind die Windungen ſolcher Thäler. Die Beckenform, der Golf wurde ebenfalls genannt; ſie erregen das Gefühl von Ruhe, Behaglichkeit, laden den Menſchen zur feſten Anſiedlung, das Schiff zur Sicherheit ein. Die Linien mancher Golfe, wie deren von Salerno, von Neapel ſind an ſich ſchon von außerordentlicher Schönheit, rein gezeichnete Theaterkreiſe, in deren „ erwärmter Bucht “der Segen der Natur kocht, das tiefblaue Meer dem Diamante gleicht, der in den Reif der herrlichen Berge gefaßt iſt. Die kleineren Erdformen endlich durften auch nicht übergangen werden. Wer Formen ſieht, kann in der Modellirung eines Hohlwegs, eines Rains eine Welt von Reizen finden. Nur wer dieſe Schönheiten nicht ſehen gelernt hat, kann zweifeln, ob die Campagna von Rom ſchön ſei.
2. Körnig und ſchiefrig, rauh und glatt u. ſ. w. bedingen natürlich den Eindruck mit; ebenſo die Farbe, die jedoch durch Luft und Regen verändert wird. Der weiße Kreidefels wird anders wirken als der graugelbliche Kalkfels, der ſchwarze Baſalt u. ſ. w.; wo das Drohende der Form mit dem Finſteren der Farbe, die weichere Form mit hellerer Färbung zuſammentrifft, wird der Eindruck die wirkſamere Einheit zeigen. Dann kommt es auf die umgebende Vegetation an; zu den ſteilen und ſchroffen Umriſſen des Granits ſtimmt das düſtere Nadelholz, zu den ſanfteren Formen jüngerer Gebirge das weiche Laubholz. Hier käme nun freilich die Fruchtbarkeit oder Unfruchtbarkeit überhaupt zur Sprache; es darf jedoch der vegetabiliſchen Schönheit nicht zu ſehr vorgegriffen, viel - mehr muß überall ſoviel möglich das Selbſtändige der Schönheit einer Sphäre aufgezeigt werden. Griechenland z. B. iſt bekanntlich jetzt in hohem Grade kahl; ſieht man aber auch von dem Farbenreize ſeiner reinen Luft ab, ſo genügt der reine Schwung, die geſättigte, Schroffes und Gerun - detes zu erfüllter Einheit zuſammenſtellende, ſich ebenſo energiſch als reizvoll modellirende Form ſeiner Gebirge zu einem hohen äſthetiſchen Genuſſe.
Wenn nun der maſſenhaften Zuſammenſetzung der Mineralien ihre Form von außen gegeben iſt, ſo tritt dagegen im einzelnen Mineral das erſte Individuum auf, indem es ſich durch ein ihm inwohnendes Geſetz zur kry - ſtalliſchen Form bildet. Dieſe Form iſt eine mathematiſch regelmäßige1 Verbindung von Flächen, die ſich unter beſtimmten Winkeln ſchneiden, und heißt ſymmetriſch, wenn in reicherer Ausbildung um einen trennenden Mittelpunkt zwei oder mehrere Theile ſich gegenüberſtehen, die entweder einfach einander722 gleich ſind oder das umgedrehte Gegenbild voneinander darſtellen. Die mannig - faltigen Formen des Kryſtalls zeigen gerade bei vollkommener Bildung nur gerade Linien und erſcheinen ſchon deßwegen ſtarr und unlebendig. Dagegen treten bei unvollkommener Kryſtallbildung freiere Gruppirungen runder Formen auf und gerade dieſe ſind, weil ſie an organiſche Geſtaltung anziehend erinnern, äſthetiſch bedeutender.
1. Regelmäßig und ſymmetriſch wird hier nach genauerem Sprach - gebrauche unterſchieden und das Symmetriſche darein geſetzt, daß gleiche Theile oder ſolche, von denen der eine das umgedrehte Gegenbild des andern darſtellt, durch einen anſchaulichen Mittelpunkt getrennt einander gegenüberſtehen. Der Würfel z. B. iſt nur regelmäßig, denn er hat nur einen idealen Mittelpunkt, es tritt kein ſolcher, zwei oder mehrere Seiten trennend, wirklich hervor. Ein ſolcher Mittelpunkt iſt dagegen für das Auge bereits gegeben z. B. im regulären Oktaeder oder Achtflach. In dieſer Doppelpyramide ſtoßen acht Dreiecke zuſammen, deren eine Hälfte das umgedrehte Gegenbild von der andern darſtellt, und der Punkt ihres Zuſammenſtoßens iſt eben der trennende Mittelpunkt. Dieſer Mittelpunkt kann aber auch für ſich einen Theil, eine Seite bilden, alſo ſelbſtändig hervortreten und dieß iſt der gewöhnliche Begriff der Symmetrie. Sym - metriſch nennt man z. B. zwei Flügel eines Gebäudes, welche in gleicher Entfernung vom Mittelpunkte des Hauptkörpers, der durch ein Portal u. ſ. w. bezeichnet iſt, hervortreten. Die um einen ſolchen Mittelpunkt gruppirten Seiten ſind nun entweder einfach einander gleich, wie die genannten Flügel oder wie Fenſter, welche, getrennt durch anders geformte Fenſter, ſich in gleicher Geſtalt gegenüberſtehen, oder ſie ſtellen wie im obigen Beiſpiel das umgekehrte Gegenbild von einander dar. Das Erſtere findet allerdings ſtreng genommen bei den Kryſtallen eigentlich nicht Statt, denn da hier die Achſenbildung herrſcht, ſo werden bei jeder vielſeitigeren Geſtalt die Flächen, welche ſich, von einer mittleren getrennt, gegenüber - ſtehen, geneigt, alſo das umgewendete Gegenbild von einander ſein. So wird der Würfel ſymmetriſch durch das Gegenüberſtehen abgeſtumpfter oder zugeſchärfter Kanten und Ecken und dieß Alles wiederholt ſich in mannigfaltigen zuſammengeſetzten Formen. Man kann inzwiſchen auch die erſtere Art der Symmetrie im Kryſtalle finden, wenn man z. B. im geraden quadratiſchen Prisma je eine der Seitenflächen als Mittelpunkt und die zwei viereckigen Endflächen als die in gleicher Form ſich gegen - überſtehenden Seiten annimmt.
2. Der äſthetiſche Mangel der kryſtalliſchen Bildung wird hier zunächſt in die Abweſenheit der runden Linie geſetzt; denn dieſe, weil ſie in ſich zurückkehrt, iſt ſchon oben (§. 257) als die lebendigere auf -73 geſtellt. Das Runde kommt aber in vielfachen Combinationen gerade bei unregelmäßiger Kryſtallbildung vor, als Eisblume, als dendritiſche oder ſtrauch - und krautartige, baumförmige, ſternförmige, trauben - und nieren - förmige, knoſpenförmige, fächerartige, garbenförmige, kammförmige, roſen - förmige Geſtalt, dann bei den zapfenförmigen, glockenförmigen und vielfach phantaſtiſch wechſelnden Tropfſteinbildungen u. ſ. w. Die Kryſtallographie ſelbſt nennt dieſe Formen wegen ihrer Aehnlichkeit mit organiſchen zum Theil nachahmende und ebendeßwegen weicht hier die Aeſthetik von der Naturwiſſenſchaft ab: das in ſeiner Sphäre an ſich Unvollkommenere iſt das äſthetiſch Vollkommenere. Unvollkommen und Vollkommen bedeutet hier Abnorm und Normal, und dieß ſcheint noch etwas Anderes zu ſein, als was in dem Satze §. 18, 1. aufgeſtellt iſt, denn dort war von ganzen Gattungen und Arten die Rede, welche ihr Gebiet dürftiger darſtellen, als ein untergeordnetes von ſeinen relativ höheren Gattungen oder Arten dargeſtellt wird. Dieſem Satz werden wir im Folgenden ſeine Anwendung auf unſer ganzes Gebiet geben, was aber den beſonderen Punkt, der hier vorliegt, die höhere Geltung des abnorm Gebildeten betrifft, ſo verhält ſich die Sache ſo: ſtreng genommen iſt die ganze unorganiſche Natur äſthetiſch blos, ſofern in ihrem Wechſelſpiele ein Vorbild, eine Ahnung höherer, lebendiger Formen ſich darſtellt (§. 240); in allen bisherigen Erſcheinungen der unorganiſchen Natur fand dieß ſtatt bei geſetzmäßiger Wirkung der Kräfte, im mineraliſchen Reiche aber iſt, während es durch Individuenbildung höher ſteht als die bisher betrachteten Sphären, gerade das Geſetzmäßige zu ſtarr und todt, um ihm Lebendigkeit zu leihen; gerade bei dem Normalen wird daher hier der Satz §. 18, 1. in Geltung treten, das Gehemmte und Unregelmäßige dagegen erleichtert das Leihen der Lebendigkeit, iſt nun aber deßwegen doch zu dürftig und arm, um mehr darin zu finden, als einen ſpielenden und zierlichen Anklang des Schönen, daher dieſe Beobachtung über das Abnorme doch keineswegs als allgemeiner Satz ausgeſprochen werden kann.
Der Widerſpruch zwiſchen der Schönheit und natürlichen Geſetzmäßigkeit,1 der hier eintritt, beweist, daß die blos mathematiſche Regelmäßigkeit und Symmetrie noch keine wahrhaft äſthetiſche Erſcheinung begründet. Es fehlt zwar auch den ſtarren Formen der vollkommenen Kryſtalle nicht die Zufälligkeit, welche zum Schönen gefordert wird; allein dieſe Zufälligkeit iſt bloßer Mangel, weil ſie nicht durch inneres Leben zur unendlichen Eigenheit erhoben wird, und in der Abweſenheit des letzteren liegt der eigentliche Grund des äſthetiſch Unge - nügenden. Es tritt im Kryſtalle ein Bildungsgeſetz hervor, welches von nun an74 in immer höheren und reicheren Formen durch alle Reiche der Natur geht; aber in ihm ſelbſt erliſcht es, ſobald es gebildet hat, er iſt todt und wenn ſeine Form durch Zertrümmerung zu Grunde geht, ſo bleibt die Subſtanz der Bruch -2 ſtücke unverändert. Ueberdieß iſt er zu klein, um ſchön zu ſein (vergl. §. 36, 1.).
1. Der eigentliche äſthetiſche Mangel des Kryſtalls, die Lebloſigkeit, wurde im vorh. §. dadurch eingeleitet, daß ihm die runden Linien fehlen, denn dieſe ſind nicht nur ein Bild des Lebendigen, ſondern ſie kommen, wo Leben iſt, auch überall wirklich vor. Der Uebergang nun, um dieſen Mangel förmlich auszuſprechen, wird im gegenwärtigen §. durch Herein - ziehung des Begriffs der Zufälligkeit genommen. Dieſe iſt gefordert in §. 31 ff. und nachgewieſen, daß ſie ſich zur unendlichen Eigenheit des Individuums ſteigert. Nun iſt freilich kein Kryſtall derſelben Art dem andern völlig gleich; die Flächen ſind gekrümmt, rauh, druſig, unvoll - zählich, die Umriſſe unvollſtändig u. ſ. w., allein wo kein Leben iſt, da faßt ſich das Individuum in dem, wodurch es von der Gattung oder Art ab - weicht, nicht zur unendlichen Eigenheit zuſammen, die Zufälligkeit hat daher nur die Bedeutung der Abweichung oder Abnormität; der Mangel wird nicht zum Reize, ſich zu ergänzen, ſoweit es möglich iſt, und, ſoweit es nicht möglich iſt, ſich in der ganzen Einſeitigkeit energiſch zu behaupten. Schon bei der Pflanze iſt dieß anders. Hiemit iſt alſo der eigentliche Grundmangel, die Lebloſigkeit, bereits ausgeſprochen.
2. Der wichtige Satz des Ariſtoteles, der hier nach ſeiner einen Seite in Geltung tritt, iſt §. 36, 1. und näher in der Anm. zu 1 gegeben. Dieſer Satz, daß das Schöne eine gewiſſe Größe haben müſſe, daß es nicht zu klein, nicht zu groß ſein dürfe, gehört, wie dort im Verlaufe gezeigt iſt, unter diejenigen Beſtimmungen, wodurch nicht das Weſen des Schönen, ſondern nur eine negative Bedingung deſſelben ausgeſprochen iſt; in dieſer Beſchränkung aber iſt er von vollem Gewichte. Die Anſchauung, ſagt Ariſtoteles, fließt unterſchiedslos zuſammen, wenn ſie in beinahe unbe - merkbarer Zeit geſchieht. Die Formen des Kryſtalls ſind nun zwar ſcharf und beſtimmt genug, um deutliche Unterſcheidung zuzulaſſen, allein auch Ariſtoteles ſpricht von einem ganz deutlich gebildeten Kleinen, wenn er dazwiſchen bemerkt, daß ein ganz kleines Thier nicht ſchön ſein könne. Die Theilanſchauungen ſind bei einem Inſekt wie bei einem Kryſtall deutlich, aber die Anſchauung umſpannt jeden Theil in ſo kurzer Zeit, daß in der Ueberſicht dennoch alle ineinanderfließen. Groß und klein ſind allerdings nur relative Begriffe, allein das menſchliche Auge hat einmal ſein Maaß und Alles, was eine beſondere Anſtrengung fordert, um die Theile in der Anſchauung auseinanderzuhalten, kann, wenn es außerdem gewiſſe Momente des Schönen enthält, nur zierlich oder niedlich heißen. Was dagegen groß75 genug iſt, um ſeine Theile in deutlicher Unterſcheidung dem ungezwungen verweilenden Auge darzuſtellen, mag mit einem Anderen verglichen wohl ſelbſt wieder als klein erſcheinen, hat aber doch im abſoluten Verhältniß zu unſerem Auge die zum Schönen geforderte Größe. — Hier kann nach - träglich bemerkt werden, wie die andere Hälfte vom Satze des Ariſtoteles, daß nämlich der ſchöne Gegenſtand ebenſowenig allzugroß ſein dürfe, auf die Erdbildungen ſeine Anwendung findet. Ariſtoteles begründet dieſe Hälfte des Satzes ſehr richtig damit, daß, während dort in der Zuſammen - faſſung die Einzeltheile verſchwinden, hier über den Einzeltheilen die Zu - ſammenfaſſung entſchwindet: die Sinne halten ſich zu lange bei den Theilen auf, es entflieht dem Anſchauenden das Eine und Ganze bei der Anſchauung. Bei den Erſcheinungen des Lichts, der Farbe, der Luft, des Waſſers verſteht ſich, weil ſie an ſich ſelbſt keine Begrenzung haben, zum Voraus, daß eine Begrenzung durch den Standpunkt des Anſchauenden angenommen wird; ein Gebirge aber hat ſeine Grenze, wiewohl ſie ihm durch äußere Gewalt gegeben iſt, an ſich und kann daher mit dem Thiere des Ariſtoteles ver - glichen werden, das 10,000 Stadien lang wäre. Hier iſt denn zu ſagen, daß ein überſchaulicher Theil des Gebirges (oder der Ebene) vorliegen muß, der eine Vorſtellung von der übrigen Form, Höhe, Breite, Länge des Gebirges gibt. Sehe ich z. B. an einem überſchaulichen Theile des Urgebirgs, wie furchtbar hier die Feuergewalt Maſſen gethürmt hat, ſo habe ich die Vorſtellung von einem Ganzen, das ſo emporgeworfen wurde, von ſeinen rieſigen Verhältniſſen, ſeinen wilden Formen; dieſe Vorſtellung mag unbe - ſtimmt bleiben, wenn nur das, was ich wirklich ſehe, beſtimmt iſt.
Daher tritt hier ein Widerſpruch zwiſchen der Naturwiſſenſchaft und der Aeſthetik ein. Der Kryſtall iſt, vom Standpunkte der erſteren betrachtet, das höchſte Werk der unorganiſchen Natur, erſte Spur und Vorbild organiſcher Form; allein die nicht individuellen Erſcheinungen der unorganiſchen Natur ſind äſthetiſch vollkommener, weil ſie bewegt ſind. Dieſe Bewegung iſt zwar nur äußerlich und mechaniſch, aber ſie reizt, ihr organiſche Bewegung, ja Seelenſtimmung unterzulegen, während das ſtarre Mineral zwar zu einem ahnenden Vorgriff in das organiſche Leben, wo dieß kryſtalliſche Bildungsgeſetz in belebter Form wiederkehrt, anzuregen vermag, jene wirkliche Unterlegung aber ausſchließt. Daher findet hier die Einſchränkung §. 18, 1. eine Stelle ihrer Anwendung. Die genannte Umkehrung trifft aber auch die Erdbildungen im Großen.
Der Gang unſerer Darſtellung der unorganiſchen Natur dreht ſich um; der Seelenblitz des Lichtes, der Farbe, der Luft, des Waſſers erſcheint76 äſthetiſch bedeutungsvoller als der naturwiſſenſchaftlich ungleich bedeutendere, weil individuelle Kryſtall. Den Grund dieſer Umkehrung, dieſes Widerſpruchs zwiſchen der Naturwiſſenſchaft und Aeſthetik ſpricht der §. aus und ſtellt nun ausdrücklich feſt, was §. 265 Anm. 2 ſchon erwähnt wurde, daß nämlich hier die Einſchränkung §. 18, 1. ihre Stelle findet, wornach das an ſich in der Natur Höhere äſthetiſch niedrigerer ſein kann, als das in der Natur Niedrigere. Die Kryſtallbildung enthält zu viel, um ihr in unbefangener Täuſchung einen Schein des Lebens, ſelbſt des Seelenlebens beizulegen, ſie enthält zu wenig, um als wirklich belebt erkannt zu werden; ſie bindet den Beſchauenden, weil ſie ſelbſt gebunden iſt; dieß Gebunden - ſein iſt an ſich etwas Höheres, als das ungebundene Irren, Schweben und Fließen der Lichter, Lufttöne, Farbenreflexe, Waſſer, es iſt aber nicht hoch genug, um in der Bindung zugleich frei zu entlaſſen, wie das organiſche Leben, das ſeine feſten Formen hat, aber dieſe in ſteter Selbſterzeugung, ſie immer zerſtörend und wieder ſchaffend, bewegt und ſo in der Begrenzung Unendlichkeit darſtellt. Der Kryſtall iſt zu viel und zu wenig. Gerade deßwegen ſchließt er aber das Reich der unorganiſchen Schönheit ab und weist hinaus in eine höhere, denn er fordert beſtimmt auf, weiter zu gehen, das geheimnißvoll Bauende, was in ihm, ſeine Züge in die unorganiſche Maſſe zeichnend und ſie um einen Mittelpunkt ordnend, zu Tage tritt, zu verfolgen in die bedeutenderen Reiche des Lebens, wo es als Symmetrie im Baue des Thiers, des Menſchen unter ganz andern Bedingungen wieder - kehrt; ſeine Geſtalt treibt uns, die Bildungsgeſetze des dunkeln Natur - grunds da zu ſuchen, wo jene Unterſchiebung, die wir bei ihm nicht mehr anbringen können, wirklich auch nicht mehr nöthig, wenigſtens in dem Sinne, wie bei den früher betrachteten Erſcheinungen der unorganiſchen Natur, nicht mehr nöthig iſt. Darum durfte uns die genannte Umkehrung nicht beſtimmen, wirklich den umgekehrten Gang zu nehmen. Aber auch das Mineral im Großen, die Erdbildungen unterliegen der genannten Umkehrung. Sie erſcheinen zunächſt äſthetiſch belebter als der Kryſtall, dieſer tritt daher hinter ſie zurück; aber ſie ſammt dem kryſtalliſchen Gebilde treten hinter das bewegte Spiel des Lichts, der Farbe, Luft, des Waſſers zurück, denn erſt im Scheine derſelben vergeiſtigen und verklären ſich dem Auge dieſe feſten Hauptmaſſen einer Landſchaft. — Uebrigens können wir den Kryſtall nicht ſogleich verlaſſen, es ſind allerdings noch weitere Schönheitsmomente an ihm hervorzuheben.
Das einzelne Mineral gewinnt daher, während übrigens freilich der Mangel zureichender Größe immer bleibt, gerade dadurch höhere äſthetiſche Bedeutung, daß jene an ſich niedrigen Erſcheinungen der unorganiſchen Natur77 ihre Wirkung mit der ſeiner Formen vereinigen. Glanz, Durchſichtigkeit, Schönheit der einfachen Farbe und des Farbenſpiels, farbige Durchſichtigkeit vom höchſten Feuer ſchmückt ihn und beſtimmt das Gemüth, ihm tieferen Sinn unterzulegen.
Man ſchrieb einſt den Edelſteinen magiſche Wirkung zu, noch jetzt faßt man ſie gerne ſinnbildlich auf; dieß iſt immer ein Beweis, daß etwas da iſt, was an menſchliches Seelenleben gemahnt, was „ ſinnlich ſittlich “wirkt. Es kehrt die Bedeutung des Lichts, der Farbe hier zurück und zwar in ſehr nachdrücklichem Sinne, da ſie das Mineral zum Theil ſo prachtvoll darſtellt. Farbe und Glanz vereinigt ſich in dem ſo eigenthümlich und kräftig wirkenden Metallglanz, Glanz und Durchſichtigkeit oder beide auch mit der Farbe, die ſie zur intenſivſten Gluth vertiefen, in den Edel - ſteinen, und die Farbe ſpielt auf’s Reizendſte bald durch Ineinanderlaufen zweier oder mehrerer Farben (pfauenſchweif - oder taubenhalsartig), bald durch Farbenwechſel, je nachdem das Mineral von verſchiedenen Seiten betrachtet wird, durch Iriſiren bei ganzer oder halber Durchſichtigkeit. Allein es bleibt bei dem Satze, daß es zu einer großen und ganzen äſthetiſchen Wirkung an hinreichender Größe fehlt. Wir haben jetzt zur Farbe ein Object, woran ſie erſcheint, aber es iſt zu klein, daher wirkt die Farbe (und das Licht) äſthetiſch vollkommener, wo ſie nicht an ein individuelles Object gebunden iſt, ſondern in freiem Wechſel durch die allgemeinen Elemente ſich darſtellt. Die Farben, die das Licht in der Atmoſphäre hervorruft, haben die nöthige Ausdehnung, um auf ein Ganzes eine beſtimmte Stimmung zu werfen. Der Maler kann in einer Landſchaft unter farbigem Helldunkel faſt alle Umriſſe der feſten Körper verſchwimmend darſtellen, aber auch den leuchtendſten Edelſtein allein und anders denn als Schmuck an einem Gewande u. ſ. w. zu malen kann ihm nicht ein - fallen: dieß liegt aber im Stoffe, dem er nicht zuwider handeln darf.
Das Mineral erzittert durch äußeren Stoß, offenbart dem Gehöre durch1 die Luftwellen die Maſſe ſeines Umfangs, die Art ſeines Gefüges und befreit ſich ſo von dem Außereinander des räumlichen Daſeins zu der unkörperlichen, in Zeitform ſich bewegenden, in’s Innere dringenden Kundgebung des Klangs. Dieſes Innere als das Innere des hörenden Menſchen legt dem Klange gemäß jenen in ihm ſich offenbarenden Eigenſchaften unwillkührlich eine geiſtige Stimmung unter. In ihm wie in dem Schalle der bewegten Luft, dem Rauſchen des Waſſers gewinnt die unorganiſche Schönheit neuen Ausdruck der Lebendigkeit. Allein die ganze akuſtiſche Seite iſt unſelbſtändig und verhält ſich zur ſichtbaren278 Schönheit nur als begleitende; denn nur durch äußeren Anſtoß einer mechaniſchen Gewalt entſtanden bleiben die Klängen vereinzelt und verbinden ſich nicht zu einer aus inneren Geſetzen ſelbſtthätig ſich beſtimmenden Ordnung.
1. Es ſind namentlich die Metalle, deren Klang ſo zum Nerven des menſchlichen Ohrs und durch dieſen zur Seele ſpricht, daß eine beſtimmte Art von Stimmung entſteht, welche ein unbewußtes Symboliſiren dem Gegenſtande unterlegt; die Härte ihrer Textur bedingt einen Klang, welcher weſentlich Gefühle der Energie und Tapferkeit erregt. Dumpfer und bedeutungsloſer klingt das Geſtein. Die unorganiſche Welt gibt ſich nun, wenn wir das Rauſchen des Waſſers, das Sauſen der Luft, den Donner des Gewitters mit den Klängen der feſteren Körper zuſammenfaſſen, eine allgemeine Sprache als vernähmen wir das aus der Werkſtätte des Demiurgen ertönende Toſen und Klingen ſeiner Arbeit. In der Landſchaft iſt immer ein Weben von Tönen, das nicht nur von thieriſchen und menſchlichen Stimmen rührt; man fragt eben nicht, woher es kommt, man hat ein Gefühl, die geſchäftige Natur erzähle ſich ſelbſt von ihren Werken.
2. Wie der Klang erſt durch ſelbſtthätige Hervorbringung und durch Einordnung in ein Ganzes von Klängen und ſeine Verhältniſſe zum Tone wird, dieß auseinanderzuſetzen bleibt der Lehre von der Muſik aufgeſpart. Mechaniſcher Klang an ſich, auch eine Reihe ſolcher Klänge kann niemals ein ſelbſtändig Schönes begründen, während die ſichtbare unorganiſche Natur, auch klanglos, ſehr wohl ein ſchönes Ganzes darſtellen kann und ihre Schönheit durch begleitende Klänge nur erhöht wird. Das Sichtbare gruppirt ſich, hat im Licht ſeinen Seelenblick; niemals treten Klänge von ſelbſt zu einem ſolchen Einheitspunkte zuſammen.
Das erſte lebendige Individuum und ebenhiemit der erſte wahrhaft ver - einigende Mittelpunkt aller bisher dargeſtellten Schönheit iſt die Pflanze. Licht, Luft, Waſſer, Erde verwandelt ſie in einem ſtetigen Kreislaufe in ihre eigenen Säfte, aus denen ſie ihre Geſtalt als ein Ganzes von Organen, worin Alles zugleich Mittel und Zweck iſt, baut, beſtändig erneuert, bis zu dem ihr geſetzten Maaße erweitert und neue Individuen zeugt. Ihr geſammter Ausdruck zeigt das ſaugende, athmende, Säfte führende Weſen, welches an der unorganiſchen Natur vollzieht, was ihre Beſtimmung iſt, nämlich Object und Stoff für ſolche Weſen zu ſein, in welchen die zerſtreute Vielheit der Natur in ſelbſtthätige Einheit zuſammengefaßt iſt. Ein ſolches Leihen wie bei den früheren Erſchei - nungen iſt daher bei dieſem Gebilde nicht mehr nothwendig.
Es iſt noch ein Leihen nothwendig, aber die eine Hälfte dieſes Acts iſt dem Zuſchauer jetzt durch das Object ſelbſt erſpart; worin die andere beſtehe, wird ſich zeigen. Die unorganiſche Natur iſt jetzt für ein Leben - diges da, das zu dem äſthetiſchen Gegenſtande gehört; vorher war ſie nur für den Zuſchauer da, ſollte ſie daher ein Ich, ein belebtes, beſeeltes Centrum haben, ſo mußte dieſer ſich ſelbſt theilen, das eine der zwei Ich, in die er ſich theilte, der Natur unterlegen, als wolle, bewege, genieße ſie ſich vermittelſt desſelben, das andere aber zurückbehalten, um zuzu - ſchauen. Ein Centrum iſt nun im Objecte ſelbſt, das nicht nur wie im80 Kryſtall die Stoffe um einen Mittelpunkt bindet, um das ſo entſtandene Gebilde todt liegen zu laſſen, ſondern in einem fortdauernden, durch ein Ganzes von Organen vermittelten Prozeſſe das vorher frei Irrende, die Potenzen der unorganiſchen Natur, in ſich hereinnimmt, zu einem Innern macht, umwandelt und daraus eben ſich ſelbſt und dieſelben Organe, welche fortdauernd den Prozeß erneuern, bildet, in ſteter Verzehrung ſtets neu bildet und aus der reifen Fülle ſeines Ganzen neue Individuen ſelbſtändig erzeugt: denn mit dem organiſchen Leben iſt auch die innere Entgegenſetzung in Individuen verſchiedenen Geſchlechts oder in die Organe der Geſchlechtsdifferenz an Einem Individuum da, womit die Erhaltung der Art durch Zeugung neuer Individuen ihr ſelbſt übergeben iſt. Dieß Alles wäre jedoch noch nicht derſelbe unendliche Fortſchritt für das äſthetiſche Gebiet, wie er es für das naturwiſſenſchaftliche iſt, wenn es nicht auch in die Augen träte. Nun iſt zwar die ſaugende Wurzel dem Auge ver - borgen (denn von den ſogenannten Luftwurzeln kann als einer Seltſamkeit hier nicht die Rede werden), aber ſchon dem Stamme ſieht man an, daß er die Krone des ganzen Gebildes dem Lichte und der Luft entgegenzu - heben beſtimmt iſt. Seine vermittelnde Bedeutung als Saftleiter verbirgt zwar bei den baumartigen Pflanzen die Rinde und ſtellt dieſen holzigen Theil als denjenigen dar, der am meiſten noch an Unorganiſches erinnert, aber die ſtrebenden Bildungen der Zweige und Aeſte und die ſaftig durch - ſichtige Färbung der Blätter ſagen dem Auge, daß auch dort geheimes Leben ſein muß, dasſelbe Saftleben, das dem Ganzen jenen feuchten, treibenden, friſchen, thauigen, dünſtenden Charakter der Pflanze gibt. Zweige und Blätter insbeſondere laſſen in ihrem zarteren, durchſcheinenden Gewebe ſchon unmittelbarer das Weſen der Pflanze als eines Zellen - und Röhrengebildes für circulirende Säfte erkennen. Daß die Blätter weſentlich athmende Organe ſind, erkennt freilich im ſtrengeren Sinne nur der Botaniker, der ihre Spaltenöffnungen unterſucht hat, aber ihr ewig bewegter Verkehr mit Licht und Luft läßt doch auch bei der unmittelbaren Anſchauung eine ſolche Bedeutung ahnen. So haben alſo die bisher dargeſtellten Elemente der Landſchaft ihren zuſammenfaſſenden Mittelpunkt, in den ſie eingehen, ſo zu ſagen ihr Punktum, ihren letzten Druck gefunden und daher iſt es auch, — wovon weiter die Rede ſein muß —, die Pflanzenwelt, welche der Landſchaft erſt ihre ganze Phyſiognomie gibt.
Dieſe Bedeutung des Organiſchen als einer ſelbſtthätigen, die unorganiſche Natur in ihr Eigenthum verwandelnden und daraus ihr gegliedertes Gebilde bauenden Einheit iſt jedoch in der Pflanze nur auf die erſte und dürftigſte81 Weiſe verwirklicht. Die Pflanze iſt an den Boden gefeſſelt, nur ihre flüſſigen Theile bewegen ſich, nicht ſie als Ganzes. In dem ununterbrochenen Ge - ſchäfte des Ernährungs - und Zeugungsprozeſſes, welches ſie mit ſtrenger Nothwendigkeit an die unorganiſche Natur bindet, erübrigt ſie nichts, um ſich dieſe und eine weitere Umgebung noch auf andere Weiſe zum Objecte zu machen, und kann in dieſer Beſchränkung ebenſowenig ſich ſelbſt Object ſeyn. Um ſo2 mehr erſcheint ſie zwar als ein Bild ſaftiger und urſprünglicher Geſundheit und Leben braucht ihr nicht erſt geliehen zu werden, aber ihr fehlt die Seele. Indem ihr nun dieſe untergelegt wird und doch Gebundenheit an die unorganiſche Subſtanz ohne Gefühl und Bewußtſein ihr Weſen iſt, ſo erſcheint ſie geheim - nißvoll und erinnert an dunkle Zuſtände der menſchlichen Seele, an Schlaf und Traum.
1. „ Die Pflanze hat nicht einen Mund, ſie iſt ganz Mund “, ſagt Herder (Ideen z. Philoſ. d. Geſch. d. Menſchheit Th. 1, Buch 3, I.), „ ſie ſaugt mit Wurzeln, Blättern und Röhren; ſie liegt noch, wie ein unentwickeltes Kind, in ihrer Mutter Schooß und an ihren Brüſten. “ Es iſt richtiger, ſie mit dem im Mutterleibe noch zurückgehaltenen Fötus, als mit dem Säugling zu vergleichen; denn dieſer nährt ſich durch ein einzelnes beſtimmtes Organ und nicht immer, jener aber ununterbrochen und ohne Aufnahme der Nahrung durch ſelbſtthätigen Act eines beſondern Organs. Die Pflanze iſt daher der unorganiſchen Natur ebenſoſehr ganz verſchrieben, als ſie dieſelbe in ihr Eigenthum umwandelt. Nur auf die Eine Weiſe wird ihr jene zum Objecte und nur jene. Der §. ſpricht von einer „ weiteren Umgebung “: dem Thiere wird nicht nur die unor - ganiſche Natur, ſondern auch die Pflanze, ferner wird ihm ſeines Gleichen und in gewiſſem Sinne der Menſch zum Objecte, und zwar auf mehrfache Weiſe. Ein weiterer Hauptprozeß außer der Ernährung und der höchſte, zu dem ſie ſich erhebt, iſt die Fortpflanzung. Die dazu beſtimmten Organe ſind die oberſten und äußerſten, prangen als ihr Höchſtes, ſie ſchmückt ihnen den Blumenkelch „ zu einem Salomoniſchen Brautbett, zu einem Kelch der Anmuth auch für andere Geſchöpfe “(Herder a. a. O. B. 2, II. ); ſchon bei dem Thiere ſind dieſe Organe, „ als ſchämte ſich die Natur ihrer “, durch ihre verborgene Stellung als Werkzeuge eines untergeordneten Prozeſſes bezeichnet. Dieſer iſt nun allerdings höher, als der Ernährungsprozeß, es iſt die bedeutendſte Umwandlung und Verwendung des aufgenommenen Stoffs, die höchſte Form eines Anfangs von Emancipation, dieſe Fähigkeit, ſeines Gleichen ſelbſtändig zu zeugen, aber bei der Pflanze doch ebenfalls im engſten Sinne ein Geſchäft dunkler Nothwendigkeit. Wie nun die Pflanze auch hiedurch von der unorganiſchen Natur nicht zurücktritt, ſo vermag ſie ebenſowenig ſich ſelbſt, als Anderes zu vernehmen, ſie iſtViſcher’s Aeſthetik. 2. Band. 682ſelbſtlos, in der allgemeinen ſubſtantiellen Lebensſtrömung mitbefaßt, nimmt ſich nicht in ſich zurück, wird nicht ſich ſelbſt Object. Dem Blicke ſtellt ſich dieß vor Allem dadurch dar, daß ſie in das Unorganiſche feſtgewurzelt zwar ihre flüſſigen Theile in ſtetem Kreislaufe erhält, aber nicht ihre feſten, nicht ſich als Ganzes zu bewegen vermag.
2. Den alten Völkern wurde die der Pflanze geliehene Seele zu einem mythiſchen Weſen, man denke an ihre Dryaden, an ihre heiligen Bäume. Das gebildete moderne Bewußtſein mag es, wo auf die Freiheit als ein Gut der Nachdruck gelegt wird, wohl als das Verächtlichſte aus - ſprechen, blos zu vegetiren, aber müde von den Kämpfen des gegen die Welt und ſich ſelbſt geſpannten Ich ſehnt es ſich wohl auch nach dem Dunkel kampfloſer Gebundenheit und Naturnothwendigkeit. Es muß aber auch für dieſe Sehnſucht eine Anknüpfung im Objecte haben. Dieſe gibt die Pflanze, denn ſie lebt; aber auch dieß genügt nicht, wünſchenswerth kann dem Gemüthe niemals der Zuſtand eines ſeelenlos Lebendigen ſein, ſondern nur der eines beſeelten, aber kampfloſen Lebens. Es leiht daher der Pflanze eine Seele, trägt aber auf dieſe wieder den Zuſtand bewußt - loſer Nothwendigkeit über: es leiht ihr eine ſtille Kinderſeele, ein reines, ſchönes Gemüth, dem das Gute Inſtinct iſt, oder es vergleicht ſie dem Schlaf, dem Traume. Kräftiger, weniger ſentimental iſt der Eindruck, wo der Menſch im Anblick und im Geruch vorherrſchend die friſche Trieb - kraft und Lebensluft der Pflanzenwelt genießt; da athmet ihm die Pflanze Geſundheit und Energie.
Die Vergleichung mit dem Menſchen liegt um ſo näher durch die Ver - wandlungen, welche die Pflanze theils überhaupt in den Stadien ihres Keimens, Wachſens, Blühens, ihrer höchſten Kraft, ihres Abſterbens, theils vorüber - gehend in dem durch die Jahreszeiten bedingten Wechſel ihres Zuſtands durch - läuft, wogegen in letzterer Hinſicht die immergrünen Pflanzen als Bürgen der unter der allgemeinen winterlichen Erſtarrung fortwirkenden Lebenskraft erſcheinen. Sowohl durch dieſe Veränderungen, als auch durch die verſchiedenen Schickſale, denen ſie durch die beſondern Einwirkungen der Elemente, von denen ſie abhängt, ausgeſetzt iſt, kann dieſelbe Pflanze abwechſelnd unter den Standpunkt ver - ſchiedener Grundformen des Schönen treten.
Die unorganiſche Natur hat keine Lebensſchickſale; ſie keimt nicht, wächst nicht, verwest nicht. Nur die Formen der Erde laſſen ſich durch ahnenden Rückſchluß auf die Revolutionen, durch welche ſie entſtanden, wie Zeugen einer Lebensgeſchichte des Planeten faſſen. Auch dieſer Rück - ſchluß fällt bei der Pflanze weg, man zöge denn hieher den ergreifenden83 Eindruck foſſiler Pflanzen wie jener Palmenlager in nördlichen Ländern; ſie lebt wirklich ihr, nur muß noch der Schein geliehen werden, als erlebe ſie auch, was ſie lebt. Wie ganz natürlich dieß Leihen vor ſich geht, zeigt die tägliche Erfahrung. Man hofft mit den Pflanzen, man ſieht ſie an, als hätten ſie Gefühl ihrer Kraft, man fühlt etwas wie Achtung vor jenem Greiſe des Waldes, an dem ſo manche Geſchlechter der Lebenden vorübergegangen, man bedauert den vom Froſte vernichteten Fruchtbaum, die vom Blitz entwurzelte Eiche, als wäre ihr Schickſal tragiſch, und man wird durch ſeltſame, verworrene Formen nicht nur geiſterhaft aufgeregt, ſondern wohl auch durch zufällige Mißgeſtaltung oder normale Sonderbarkeit der Geſtalt, wie z. B. bei Cactus und Orchideen, zum komiſchen Leihen aufgefordert. Daher geht auch die Vorliebe für gewiſſe Formen Hand in Hand mit der Stimmungsweiſe einer Zeit. Die ſentimentale Periode z. B. liebte durchaus abſterbende oder abgeſtorbene Bäume; dieß hing freilich auch mit ihrer Kunſt-Manier zuſammen, welche das Beſtimmte und Tüchtige verachtete, das Unbeſtimmte, Zerfahrene ſuchte und durch die Darſtellung desſelben mit der Zufälligkeit der Natur in einer geiſtreichen Nachläßigkeit zu wetteifern meinte; ein Hauptgrund lag aber doch im Nebelhaften der Empfindſamkeit, dem zerfallene Formen willkommen waren. Wie ganz anders zeigt ſich Göthe, wenn er in Hermann und Dorothea den Segen des Anbaus und den noch immer kräftigen und wohlthätigen Schatten ſpendenden Birnbaum bei Hermanns väterlichem Hauſe ſchildert.
Die Geſtalt der Pflanze gliedert ſich im Allgemeinen als ein Gegenſatz der ſenkrecht aufſteigenden und der von dieſer wagrecht abſtehenden, je nach der Verſchiedenheit der Neigung verſchiedene Winkel mit ihr bildenden Linie. Jene ſtellt ſich im Stengel oder Stamm dar, welcher die Vermittlung zwiſchen den beiden die Nahrung aufnehmenden Extremen, der im Schooß der Erde verbor - genen, ſaugenden Wurzel und den athmenden Blättern übernimmt und als der unlebendigſte Theil erſcheint, dieſe in den vom Stamm abſtehenden Aeſten mit ihren Zweigen und Blättern. Zugleich aber tritt das Runde auf in der Walze des Stammes und der Anordnung der Aeſte um den Stamm, welche bei den bedeutenderen Pflanzengebilden in Verbindung mit der Umhüllung der Blätter bald mehr die Form der Kugel, bald mehr des Kegels darſtellt. Die An - ordnung der Blätter am Zweige iſt von einem feſten Geſetze der Symmetrie bedingt und ſo ſcheint ſich eine Geſtalt von kryſtalliſcher Regelmäßigkeit herzuſtellen.
Bei dieſer Darſtellung der Grundgeſtalt der Pflanze iſt weſentlich die Baumform im Auge gehalten. Der Verlauf wird zeigen, warum die6*84Aeſthetik dieſe Form vor allen zu berückſichtigen hat. Hier erſcheint denn das Organ der Saftleitung, der Stamm, in langgeſtreckter, walzenförmiger Geſtalt und zeigt ſeine Beſtimmung, blos zu vermitteln, durch den dichten Holzcharakter und die Rinde an, eine Verhärtung, die an Unorganiſches erinnert, während jedoch die runde Linie ſeiner Cylinderform bereits über dieß ganze Reich, worin das Runde nur zufällig und verſchwindend auf - tritt, weſentlich hinausweist. Dem unmittelbaren, äſthetiſchen Anblick ſtellt ſich ſo der Stamm weſentlich als der feſte Träger dar, der die lebendigere Krone in die Höhe ſchickt. Die Aeſte mit ihren Zweigen und Blättern nun ſtehen im Allgemeinen horizontal vom Stamme ab, die Linie iſt jedoch ſelten die gerade, wodurch ein rechter Winkel mit dem Stamme entſteht, wie z. B. bei einigen Nadelhölzern, ſondern durch die Richtung der Aeſte nach oben oder ihr Ueberhängen bildet ſich bald ein ſpitzer, bald ein ſtumpfer Winkel, was für den äſthetiſchen Charakter des Baums von großer Wichtigkeit iſt. Auf die Monokotyledonen, deren ſcheiden - artige Blätter ohne Veräſtung und Verſtielung unmittelbar vom Stamme ausgehen, konnte hier keine beſondere Rückſicht genommen werden; die vollkommneren unter ihnen bilden durch den Blätterbüſchel eine Krone, welche in ihrem Umriß eine Kugelform darſtellt, und theils dieſelbe Form, theils die Pyramidenform iſt es, welche die Krone der dikotyledoniſchen Bäume entwickelt. Die kugelähnliche Form der Krone iſt allerdings theils nach oben durch den höher ragenden Gipfel dem Kegel, theils nach unten, wo die Aeſte beginnen, mehr oder minder einer geradlinigen Baſis genähert; an einigen Bäumen erſcheint breite Kuppelform u. ſ. w.; es kommt aber hier auf eine kurze Bezeichnung des allgemeinen Hauptumriſſes an. Die Organe der Pflanzen ſtellen ſich kreisförmig um Stamm und Stengel her, wogegen im thieriſchen Reiche weſentlich die Anordnung von je zwei Organen zu zwei Seiten auftreten wird. Dieſe Form nun einer breiten maſſigen Krone auf einem geradlinig aufſteigenden, im Verhältniß zu ihr dünnen Träger würde unſer Auge verletzen, wenn nicht die Krone in ihrer Laubumhüllung zart, beweglich, durchſichtig, der Stamm feſt und holzig wäre. Was aber die im §. ausgeſprochene Symmetrie der Pflanze im Ganzen betrifft, welche ſich vorzüglich auch in der Anordnung der Blätter am Stengel und den Aeſten, der gegenſtändigen, wechſelſtändigen, wirtelförmigen, ſpiralartigen u. ſ. w., und ebenſo auch im geſetzmäßigen Bau des einzelnen Blatts darſtellt, ſo erwäge man zunächſt nur, daß das Thier und der Menſch zwar auch ſymmetriſch, ja ſtrenger ſymmetriſch gebaut iſt, daß aber dieſe Weſen außer der Symmetrie durch andere, reichere Eigenſchaften höhere äſthetiſche Momente in ſich vereinigen, wodurch die Symmetrie aufhört, bezeichnendes Prädicat zu ſein. Die Pflanze ſelbſt erreicht vielmehr gerade durch das erſt ihre äſthetiſche Bedeutung, wodurch ſie85 von der Symmetrie wieder abweicht, aber freilich, um in die entgegen - geſetzte Eigenſchaft, die der Unbeſtimmtheit zu verfallen, wogegen die thieriſche und menſchliche Geſtalt in aller Bewegung und Thätigkeit ihre Symmetrie bewahrt. Hievon muß nun die Rede werden.
Allein dieſe Strenge der Geſtalt hebt ſich wieder auf nicht nur durch die Zufälligkeit individueller Bildung überhaupt, ſondern durch das Weſen der Pflanze ſelbſt. Ihre wenigen Verrichtungen verſieht ſie durch unbeſtimmt viele Organe derſelben Art, welche zum Theil ohne Verluſt für das Ganze verloren gehen und ſelbſt neue Individuen gründen können und in unendlichen Ab - weichungen die Linie ihrer Richtung und ihre Form wechſeln. Bei den größeren und daher für die Aeſthetik wichtigeren Gebilden iſt die Zahl der Zweige und Blätter ſo bedeutend, daß die einzelnen in der Maſſe verſchwinden und die Zeichnung ihrer Formen nur in einem unbeſtimmten Geſammt-Eindruck auf das Auge wirkt. An die Stelle der meßbaren Beſtimmtheit tritt daher für das äſthetiſche Intereſſe ein anderes in die unbeſtimmte Maſſe eine gewiſſe Ordnung einführendes Theilungsgeſetz: das Auseinandertreten beſonderer, durch Aeſte mit ihrem Baumſchlag gebildeter Gruppen innerhalb des allgemeinen Körpers der Krone. Je kräftiger bei großem Umfange dieſe Sonderung hervortritt, deſto mehr ſelbſtändige Bedeutung hat die Pflanze, je unbeſtimmter bei geringer Größe ſie ausgeſprochen iſt, deſto mehr erſcheint ſie nur als allgemeine Beklei - dung, Schmuck, Schattengebung zu der unorganiſchen Natur.
Das Schönſte in der Pflanzenwelt iſt energiſche Modellirung einer Baumkrone in einzelne Maſſen, welche von den größeren Aeſten mit ihrem Laube gebildet ſich durch beſtimmte Schatten-Einſchnitte von einander trennen und ſo die Krone als ein gegliedertes Ganzes darſtellen. Dieß iſt eine Beſtimmtheit ganz anderer Art, als die im vorherigen §. genannte und zunächſt ſich in Unbeſtimmtheit wieder zerſtreuende Strenge der Geſtaltung. Es iſt eine Form, mit welcher der Naturforſcher ſich nicht ausdrücklich beſchäftigen kann, ſie hängt jedoch allerdings mit der Gattung zuſammen; ſie tritt vorzüglich bei dem Laubholze, bei dem Nadelholze weniger auf. Bei monokotyledoniſchen Pflanzen, wie Palmen und Bananen, ſind die Blätter ſo groß, daß gewiſſermaßen eine wohlgefällige Zuſammenſtellung von mehreren derſelben das vertreten kann, was bei den dikotyledoniſchen die Gruppirung von Aeſten bewirkt; bei pyramidaliſchen Nadelholzbäumen, Tannen, Zedern, zeigen ſich die Aeſte zwar dem Auge meiſt getrennt, doch kommen ſie durch verſchiedene Winkel ihrer Stellung auch ſo zuſammen - zuſtehen, daß ſie ſich gruppiren, ja es kann ſich am einzelnen reich86 benadelten Aſte das Nadelwerk ſchön zuſammenhäufen und wieder theilen, mehr jedoch findet ſich ſchöne Modellirung bei den gewölbten Kronen von Föhren, Pinien.
Durch ihre Mitwirkung zum Geſammt-Eindruck wird nun allerdings die Stellung, Größe, Textur, Zeichnung, Beweglichkeit oder Unbeweglichkeit des Blattes wichtig, während die verſchienenen Typen der Zeichnung, wenn ſie ver - einzelt dem näheren Anblicke ſich darbietet, zwar einen Reichthum zierlicher, kräftig geſchwungener, durch einfachere oder zuſammengeſetztere Symmetrie anzie - hender Umriſſe zeigen, jedoch ohne in dieſer Vereinzelung ein ſelbſtändig Schönes2 begründen zu können. Die Haltung nun, der beſtimmte Hauch und Wurf, welchen die Blättermaſſe einem bedeutenderen vegetabiliſchen Gebilde gibt, iſt weiter bedingt durch die Zuſammenwirkung der genannten Eigenſchaften mit der Form und Oberfläche, alſo der Schlankheit oder Dicke, der geraden, ſtarren oder geſchwungenen, gekrümmten Bildung, der Härte oder Biegſamkeit, der glatten oder rauhen Rinde des Stamms und der Aeſte. Bei vielen Bäumen zertheilen ſich die Aeſte ſo zierlich in ihre Zweige, daß das bloße Gerippe einen höchſt wohlgefälligen Anblick darbietet.
1. Die Blattform für ſich bietet bekanntlich die zierlichſten Formen, für welche die Botanik eine ausführliche Terminologie aufgeſtellt hat. Ein zierliches Skelett von Rippen oder ſogenannten Nerven hält die Fläche des Blatts zuſammen und bedingt die Zeichnung ſeines Umriſſes mit. Dieſer umfaßt in den einfacheren Bildungen zunächſt alle Verſchieden - heiten, welche zwiſchen der kreisrunden und der linienförmigen Geſtalt liegen: die lanzettförmige, ſpießförmige, pfeilförmige, eiförmige, eiförmig zugeſpitzte, herzförmige, nierenförmige u. ſ. w. Größere Mannigfaltigkeit tritt ſofort durch die verſchiedene Bildung des Randes ein; ſchärfer und eckiger erſcheint ſie, wenn er gekerbt, gezähnt, geſägt oder auch doppelt gezähnt, doppelt geſägt iſt, weicher, wenn er die ſog. buchtige Form hat, d. h. mit zugerundeten Hervorragungen und ebenſolchen Einſchnitten ver - ſehen iſt (wie das Eichenblatt). Greifen die Hervorragungen und Ein - ſchnitte tiefer, ſo entſteht die bereits reichere Form des gelappten, geſpaltenen, getheilten, zerſchnittenen Blatts; das letztere nähert ſich bereits der Geſtalt eines aus einer Blättchengruppe gebildeten, zuſammengeſetzten Blatts, eigentlich aber tritt dieſe erſt ein, wo mehrere vollkommen geſonderte Blättchen mit eigenen Blattſtielchen in den gemeinſamen Blattſtiel ein - gelenkt ein Geſammtblatt bilden. Hier tritt erſt eine entwickeltere, einfachere oder ſelbſt wieder zuſammengeſetztere Symmetrie ein. So entſteht die gefiederte, gefingerte, ſchildförmige Bildung. Einfach gefiedert iſt z. B.87 das Blatt der Eſche, der Acazie, doppelt gefiedert ſind ſolche Blätter, wo vom gemeinſamen Blattſtiele wieder ſecundäre Blattſtiele mit ſich gegen - überſtehenden Blättchen auslaufen, wie z. B. bei manchen Mimoſen; gefingert iſt das Blatt der Kaſtanie u. ſ. w. Eine neue Form entſteht durch die Stachelbildung am Rande, wie ſie namentlich die Diſteln in ſo mannigfaltigem und anziehendem Spiele darſtellen. So zierlich nun alle dieſe Formen ſind, ſo kann doch das vereinzelte Blatt niemals ſelbſtändig ſchön heißen, denn dieſe Formen führen zwar Vorſtellungen verwandter Bildungen, die eine Bedeutung haben (Organe des thieriſchen Leibes, Waffen u. ſ. w.) vor das Gemüth, aber ſo ungefähr und dunkel, das Verwandte ſelbſt iſt auch etwas für ſich ſo Unſelbſtändiges, daß dieſes anklingende Spiel unmöglich im eigentlichen Sinne ſchön heißen kann. Es wird hier Jedem ſogleich beifallen, daß die Kunſt einzelne Blattformen benutzt, aber auch nur zu Verzierungen eines Körpers, deſſen ganze Schönheit anderswo, in ſeinen Verhältniſſen überhaupt liegt, und zudem doch nicht ſowohl das einzelne Blatt, als vielmehr eine Reihe, Gruppe von Blättern und zwar meiſt nicht nur von verſchiedenartigen, ſondern über - dieß in Verbindung mit rankenden Stielen, Stengeln, mit Thier - und Menſchengeſtalten u. dergl.
Daß nun aber ein Baum mit gebuchteten Blättern einen andern Charakter haben wird, als mit gefiederten, gelappten u. ſ. w. leuchtet ein, und hier erſt erhalten auch Stellung, Größe u. ſ. w. ihre ganze äſthetiſche Bedeutung: Blätter, welche rund um ihre Axe zerſtreut ſtehen, werden dem Baume ein volleres Anſehen geben, als ſolche, die ſich zu zwei gerade gegenüberſtehen u. ſ. w. Von beſonderer Wichtigkeit iſt die Textur: der ſilhouettenartige Charakter der ſüdlichen Pflanzenwelt rührt namentlich von der lederartigen Qualität ſo vieler Baumſchläge, des Lorbeers, der immer - grünen Eiche u. ſ. w.; ferner die von der Länge des Stiels abhängige Beweglichkeit: die Zitterpappel oder Eſpe mit dem ſtets bewegten Laube wird anders zum Gemüthe ſprechen, als die ſtarre Buche mit den kurzen und feſten Blattſtielen.
2. Der dicke Stamm der Eiche hat vorzüglich rauhe Rinde, knorrige, vielgekrümmte Aeſte und ſie müßte in hohem Grade hart erſcheinen, wenn nicht die ſaftigen und ſchön gebuchteten Blätter ſie überkleideten, ſo aber entſteht ein ſchöner Gegenſatz; die lanzettförmigen Blätter der Weide müßten dem Baume ein ſcharfes, ſpitzes Anſehen geben, wären nicht Aeſte und Zweige ſo biegſam, daß jeder Wind ſie umlegt und reizende Wellen erzeugt; noch weicher erſcheint die Trauerweide mit den überhängenden Zweigen. Mit dem zarten Laube der Eſpe und Birke ſtimmt ſchlanker, großentheils glatter Stamm, in halbem rechtem Winkel abſtehende, überhängende Zweige u. ſ. w. Es iſt im Bau ſelbſt des entblätterten Gerippes der88 Bäume, deren kräftige Aeſte ſich in ein Netz zierlicher Zweige vergittern, ſo viel Reiz der Zeichnung, daß ſie auch im winterlichen Zuſtande ſchön heißen könnten, wenn nicht das Laub unentbehrlich wäre, um dem Baum eine eigentliche Stimmung zu geben.
Ueberall nun trägt zum beſonderen Ausdruck des Pflanzengebildes weſentlich die Farbe bei. Die allgemeine Farbe des Pflanzenreiches iſt das beruhigende, die nie verſiegende ſaftige Triebkraft des Lebens anzeigende Grün, das am Baum ſeine ganze Wirkung namentlich im Gegenſatze zu der braunen, grauen, gelblichen, weißlichen Färbung des Stammes und der Aeſte erreicht. Das Grün ſelbſt aber unterſcheidet ſich wieder durch mannigfaltige Miſchungs - verhältniſſe des Blauen und Gelben, ſo wie durch Abſtufungen ſeiner Tiefe und2 Helle, wodurch der Charakter der Stimmung ſich vollendet. Eine neue und prachtvolle Farbenwirkung erzeugt die Pflanze in der Blüthe, in welcher ſie zugleich die reichſte ſymmetriſche Bildung hervorbringt und den überall ſie begleitenden wohlthätigen Geruch zum feinſten Dufte ſteigert. Trotz dieſer Eigenſchaften iſt die Blume von geringerer äſthetiſcher Bedeutung, als die Gliederung eines umfangreichen Pflanzengebildes im Ganzen. Geſättigter erſcheint bei denſelben Eigenſchaften, an die volle Zeugungskraft der Natur, aber auch bereits zu ſehr an beſtimmte Zweckbeziehungen erinnert die Frucht.
1. „ In optiſcher Hinſicht bildet das Grün den polariſchen Gegenſatz des Rothen; an dem Pflanzenreiche deutet mithin ſchon die herrſchende Farbe auf den Geſchlechtsgegenſatz hin, welcher zwiſchen ihm und dem Thierreiche beſtehet, an deſſen vollkommenen Formen überall das Roth des Blutes verherrſchen würde, wenn bei ihnen das innere Getriebe der Säfte nicht durch die bergenden Decken des Felles überkleidet, ſondern ebenſo offen dargelegt wäre als bei den Kräutern. “ (Die Geſch. der Natur v. Schubert, B. 2. §. 36). Die menſchliche Haut läßt überall das Roth des Blutes durchſchimmern. Dieſer affectvollen Farbe gegenüber ſcheint nun das Grün überall auszuſprechen, daß hier, wie in der Farbe die Differenz aufgehoben, ſo im ganzen Weſen noch kein ſubjectiver Bruch, keine Empfindung und Leidenſchaft, nur ſtill und ſtumm fortgährendes Säfte - Leben iſt: da iſt Erholung, Gefühl der Geſundheit, die Farbe ſelbſt haucht ſtille, labende Kühle. Dieſe allgemeine Stimmung wendet ſich aber in vielfacher Weiſe je nach der Art des Grüns. Einen Hauptgegenſatz bildet das ſchwärzlich gelbliche dunkle Grün des häufig lederartigen Baumſchlags wärmerer und heißer Zonen mit dem helleren, dünneren der nörd - licheren Länder. Mehr Blau und Grau ſieht trauriger aus, als mehr89 Gelb; man wird ſchon deßwegen mit ganz anderer Stimmung unter Tannen und Föhren, als unter Linden wandeln. Die meiſten Bäume entfärben ſich im Herbſte und werden gelblich, röthlich; dieß iſt ein Haupt - grund der wärmeren Stimmung, welche die Landſchaft im Herbſte annimmt, und welche im Widerſpruche mit der Trauer, welche zugleich das Fallen der Blätter, die neblichte, kältere Luft hervorruft, ein ſo wehmüthig ſchönes Gefühl hervorbringt.
2. Die Blume zeichnet ſich außer der Farbenpracht namentlich durch ihren feinen ſymmetriſchen Bau aus: die Blätter ſtellen ſich meiſt im Kreiſe um ihren Mittelpunkt und bilden in ihrer beſtimmteren Form und Lage Kronen der verſchiedenſten Art, becherförmige, glockenförmige, trichter - rad - krug - teller - ſternförmige; einfache und gefüllte u. ſ. w. Aus dieſem reizenden Kinde der Pflanze ſteigt der Duft auf, den wir in berechtigter Bilderſprache die Seele der Pflanze nennen. Die Pflanzenwelt ſpricht überhaupt entſchieden auch durch den Geruch zum Gemüthe, wie denn der theilweiſe Anſpruch des Geruchſinns in §. 71 zugegeben iſt. Nicht nur durch den feineren Duft der Waldblumen, ſondern auch durch den Geſundheit - athmenden Geruch der Mooſe, der Bäume nimmt der ſtrotzende Wald mit den andern Sinnen auch dieſen gefangen und vollendet das Gefühl der Geneſung, nicht etwa eben von Krankheit, wohl aber immer von den ſpannenden Steigerungen der Geſellſchaft und Bildung, womit wir unter ſeinem Laubdach wandeln; der wohlriechende Duft der eigentlichen Blumen aber iſt ſo fein, ſo geiſtig, daß die Phantaſie beſtimmter angeregt und der ganze Menſch zart und edel geſtimmt wird. Trotz dieſen ausgezeichneten Eigenſchaften nun hat die Aeſthetik an der Blume einen ungleich geringeren Stoff, als am Baum. Es iſt ſchon geſagt, daß das Schöne eine gewiſſe Größe fordert. Die tropiſche Pflanzenwelt bringt zwar ſehr große Blumen hervor; an den ſchattigen Ufern des Madalenenflußes in Südamerika wächst nach Alex. v. Humboldt eine rankende Ariſtolochia, deren Blume, von vier Fuß Umfang, ſich die indiſchen Knaben in ihren Spielen über die Scheitel ziehen. Allein gerade dieſer Wucher iſt für die Aeſthetik im wahren und ſtrengen Sinne kein wahrhaft ſchöner Stoff; die inneren Mängel des Vegetabiliſchen treiben ſie, die Schönheit höher in andern Reichen zu ſuchen, im vorliegenden Reiche aber fordert ſie dieſelbe in der Größe und Gliederung eines ganzen Gebildes, wogegen die Ueppigkeit des Theils bei ſolchen wuchernden Gewächſen ſich auszudehnen ſcheint, um die inneren äſthetiſchen Mängel zu überwachſen, und ſie ebendadurch nur um ſo mehr aufzeigt. Die Blume höher ſtellen, als den Baum, wäre daſſelbe, wie das Kind höher ſtellen, als den Mann, und dieſelben, welche jenes thun, thun dieſes. Alle Pflanzen erſcheinen uns als ſchlafende Weſen, aber die Blume iſt ein ſchlafendes Kind, der Baum ein ſchlafender Held. 90Wir legen beſtimmteren Sinn in die Blumen, aber nur für die Spiele des engeren Empfindungskreiſes und nur in allegoriſcher Weiſe. Blumen ſind, doch auch mehr, als man glaubt, ſinnlich reizend und ebendaher iſt Vorliebe für ſie individuell zufällig, Geſchmackſache. Sieht man von dieſer Beziehung auf den Zuſchauer ab, ſo bleibt mehr die Bewunderung des ſinnreichen, aber durch ſeine Regelmäßigkeit auch wieder an das blos Kryſtalliſche erinnernden Baus, des Schöpfers, wie bei Brockes, als eigentlich äſthetiſche Betrachtung übrig. Daß der Zweig der Malerei, der die ſo - genannten eigentlichen Blumen zum Gegenſtande hat, untergeordnet iſt, liegt im Stoffe; will die Kunſt mehr damit anfangen, ſo muß ſie dieſelben als nur mitwirkende Motive in einen höheren Zuſammenhang ſtellen und das liegt (um nur gelegentlich auch hier den Idealiſten zu zeigen, daß es zuerſt auf dieſen ankommt) auch im Stoffe; daß der Maler einen Baum nicht wohl in Blüthen malen kann, hat ebenſo ſeinen einfachen Grund darin, daß dieſe kleinen Kinder gegen den Vater nichts heißen wollen, daß dieſe Ueberkleidung gegen das große, ernſt und gewaltig gegliederte Ganze ein Momentanes iſt, das man mit Vergnügen ſieht, das aber nicht als Bleibendes gefeſſelt werden ſoll: es ſieht im Gemälde kindiſch aus. Zu Ornamenten, Arabesken werden Blumen reichlich verwandt, aber da ſind ſie nur anhängender Schmuck und ebendarum nach dem Geſetze der Architectur umgebildet.
Aehnlich verhält es ſich mit der Frucht; durch ihren gefüllten Charakter iſt ſie Vollendung der Blüthe; die Mannigfaltigkeit ſymmetriſcher Zeich - nungen verſchwindet, um der Kugel der Beere, dem Oval der Pflaume, der Form des Zapfens u. ſ. w. Platz zu machen; der Reichthum der Farben - pracht zieht ſich zuſammen theils in farbloſes Braun, theils aber in ſeine Farben-Uebergänge, reizvolle Durchſichtigkeit, wie ſie die Blume nicht auf - zuweiſen hat; im Einzelnen erſcheinen freilich auch herrliche einfache, undurch - ſichtige Farben, wie das Rothgelb der Orange. Dazu kommt der feine Geruch ſo vieler Früchte. An Geſtalt ſind beſonders Sammelfrüchte ſchön, Zuſammenſtellungen von Gruppen einzelner Früchtchen zu Einer Frucht, wie der Beeren in der Traube, bei welcher zugleich die durchſichtige Farbe ſo reizvoll iſt. Früchte ſind nun aber vereinzelte Schönheit, wie Blumen. Sie erſcheinen reicher voller, ſatter, wirken aber auch beſtimmter ſtoffartig, laden zum Genuſſe ein. Man bewundert die ſtrotzende Natur, man möchte aber auch hineinbeißen. Dieß wird in der Kunſt weiter zu berückſichtigen ſein; hier aber iſt noch von einem Widerſpruche zwiſchen der äſthetiſchen und botaniſchen Rangordnung zu reden. Die Frucht iſt nicht nur an ſich das Höchſte an der Pflanze, ſondern die Gewächſe, welche vorzugsweiſe nützliche und wohlſchmeckende Früchte tragen, die Obſtpflanzen, nehmen auch die höchſte Stufe im Syſteme der Botanik ein. Da nun die Aeſthetik91 dieß ganz anders anſieht, ſo iſt hier einer der Punkte, wo der Satz §. 18, 2. eintritt. Die Frucht iſt etwas Edleres, als der ganze Baum, und doch iſt nur die Geſtalt des letzteren ſelbſtändig ſchön, jene nicht. Dieß jedoch wäre noch nicht der eigentliche Widerſpruch, denn Aeſthetik und Botanik würden ſich nur in denſelben Gegenſtand verſchieden theilen; aber gerade an den Obſtbäumen iſt die Geſtalt des Ganzen das Unſcheinbarſte, der Werth ſammelt ſich alſo auf Koſten der Geſtalt in der Tiefe, er tritt dann heraus, aber in einem Gebilde, das zu klein iſt für die äſthetiſche Bedeutung. Wenn nun in andern Fällen das Schöne ſich verſchieden wenden und dieſes umgekehrte Verhältniß in ſein Intereſſe ziehen kann, ſo iſt dieß hier deßwegen nicht der Fall, weil die Frucht nicht ein Bewegtes, Thätiges iſt, wie z. B. die Handlungen eines drolligen jungen Thieres, welche die Unſcheinbarkeit der Geſtalt durch ein komiſches Intereſſe vergüten. Trotz dieſen und noch andern Abweichungen geht aber im Ganzen und Großen der Stufenwerth der Schönheit dennoch mit dem der Organiſation an ſich Hand in Hand.
Gemäß den bisher entwickelten Bedingungen muß der äſthetiſche Ueberblick des Pflanzenreichs von denjenigen Pflanzen, welche in gemäßigten Zonen eine ſo unbedeutende Höhe erreichen, daß ſie nur in geſelliger Menge als Ueberzug des Bodens dem Auge den geforderten Umfang darbieten, zu den größeren Formen forteilen. Mooſe, Kräuter, Gräſer, zum Theil Schling - pflanzen haben dieſe Bedeutung (vergl. Schluß von §. 274). Sie erſcheinen wie ein wucherndes Streben der erſten Form des organiſchen Lebens, das Erdreich in ihren Beſitz zu ziehen und Alles, ſelbſt die eigenen feſteren Formen zu überkleiden. Das Geſträuche gibt der Landſchaft bereits einen energiſcheren Schmuck.
Manche Kräuter erreichen in heißen Zonen Baumhöhe, die Farren, die Heidekräuter; die Grasform, die wir, trotz ihrer höheren botaniſchen Bedeutung, nebſt den Schilfen noch zu der wuchernden geſelligen Ueber - kleidung des Bodens zählen müßen, von welcher hier die Rede iſt, ſteigt zu der Höhe unſerer Bäume auf. Dieſer Zonen-Unterſchied kann aber in ſolcher Ausdehnung nicht berückſichtigt, ſondern nur diejenigen bedeutenderen Pflanzen der heißen Himmelsgegenden können im weiteren Zuſammenhang ausdrücklich hervorgehoben werden, welche nicht nur durch Unterſchied der Größe, ſondern zugleich durch eigenthümlichen Charakter ſich auszeichnen. Was nun die Formen, Farben der hier genannten Pflanzen betrifft, ſo ſind ſie allerdings auch in ihrer Einzelheit nicht ohne alle äſthetiſche Bedeutung. Die Mooſe freilich, welche akotyledoniſch ſind und ſelbſt in92 dieſer Gattung niedrig ſtehen, haben ſo wenig Gliederung, daß ſie nur wie der erſte, weiche Teppich erſcheinen, den die gegliederten Pflanzen ſelbſt ſich unterbreiten. Kräuter ſind ungleich formreicher im Einzelnen, ſelbſt akotyledoniſche, wie Farrenkräuter, welche namentlich zierliche gefiederte Formen darbieten; den Gräſern ſieht man auch im Ueberblick die gegliederte Form wohl an; Schlingpflanzen zeigen reiche Geſtaltung, herrliche Blumen. Doch alle dieſe beſonderen Schönheiten fallen unter den Standpunkt des äſthetiſch Unſelbſtändigen (vrgl. §. 275 ff. ) und es kommt hier nur die Geſammtwirkung, die durch geſellige Menge entſteht, in Rechnung. Der allgemeine Eindruck iſt im §. bezeichnet; das Auge trennt dieſe grünen Ueberkleidungen nicht von der Erde, von der ſie ſich durch keinen klaren Gegenſatz von Stamm und Krone erheben, die Vegetation ſucht nur Alles zu überziehen und behandelt ſelbſt Werke der Menſchen - hand, altes Gemäuer, als ſein Eigenthum, das es verbrämt und mit ſeinen ſpielenden Franzen umhängt, zur Natur zurückführt, maleriſch macht. Die Schlingpflanze ſteigt wie ein ſpielender Schmuck, oft als prachtvoll colorirte Randzeichnung an höheren Körpern, namentlich an Bäumen hinauf. In dieſem allgemeinen Charakter treten nun freilich beſtimmte Charaktere hervor; anders wirkt der ſammtene Moosteppich, anders die Weberei des Krautes, und dieſe wieder verſchieden, wie ſie vielgeſtaltig, würzig von der heißeren Sonne hervorgelockt wird oder wie ſie einförmig weite neblige Ebenen und Berghöhen mit mattem Grüne begleitet. Wärmer, weicher erſcheint die Grasflur, die im Winde ein wogendes Meer (mar de yerbas nennen die Südamerikaner ihre Llanos) darſtellt.
Im Geſträuche, d. h. den Gewächſen, deren Zweige ſchon tief am Fuße des Stamms hervortreten, wird nun die Richtung der letzteren, auch der Blattform und Farbe ſchon ungleich wichtiger, allein es kann nur in Kürze der allgemeine Charakter der kräftigeren Betonung ausgeſprochen werden, den es der Landſchaft mittheilt. Der Baum verhält ſich zu allen dieſen Formen wie das eigentliche Subject, das wir ſuchen.
Unter den großen Gebilden von ſelbſtändiger Bedeutung nun, den Bäumen,1 läßt ſich ein dreifacher Typus unterſcheiden. Der erſte trägt durch vorherrſchende Ausdehnung zu rieſenhafter Breite und Höhe den Charakter des Erhabenen, jedoch in der näheren Beſtimmung kryſtalliſcher Gebundenheit, die das Gemüth des Be - ſchauers nicht in den Irrgängen ahnungsvoller Stimmung ſich frei ergehen läßt, ſondern ſtreng beherrſcht: eine Eigenſchaft, die in dem ſcharfen Umriß, der feſten und dichten Textur, der gemeſſenen Zeichnung, regelmäßigen, ſymmetriſchen Stellung2 dor Theile begründet iſt. Ueben der Gebundenheit bricht aber üppiger Wucher,93 glühende Pracht, betäubender Duft hervor und ſtellt dem ſtrengen Maaße die Maaßloſigkeit an die Seite.
1. Hätten wir ſchon die geſchichtlichen Hauptformen der Phantaſie und die verſchiedenen Künſte dargeſtellt, ſo könnte der hier zuerſt aufgeführte Pflanzentypus mit der orientaliſchen Phantaſie verglichen und durch das Prädicat des Architektoniſchen bezeichnet werden. Man erkennt hier ſogleich die Pflanzenwelt der heißen Länder und der Charakter überhaupt, dann die Kunſtrichtung des Menſchen, der von ihr umgeben iſt, wird weſentlich als durch ſie mitbeſtimmt erſcheinen. Die Formen dieſer Vegetation zeichnen ſich mit geometriſcher Schärfe von dem tiefen Himmel ab, gemeſſener Ernſt, kryſtalliſche, Auge und Sinn bindende Beſtimmtheit läßt die Subjectivität des Beſchauers, die Wogen der vertieften Empfindungen nicht aufkommen: es fehlt nicht nur die Romantik, ſondern ſelbſt der weichere Ernſt der Sinnesweiſe, die wir plaſtiſch nennen. Dadurch beſtimmt ſich der allgemeine Charakter des Erhabenen, der in der ungemeinen Größe dieſer Pflanzen liegt. Das Erhabene überwältigt und erhebt zugleich das befreite Gemüth; dieſe doppelte Wirkung üben auch die Rieſen der tropiſchen Vegetation aus, aber das Moment der Befreiung in derſelben beſchränkt ſich durch die Strenge der Form, in der Erhebung ſelbſt liegt etwas Deſpotiſches, Bannendes. Zuerſt ſind hier als monokotyledoniſche Formen, deren Phyſiognomie meiſt den Charakter des Erhabenen in der Form aufſtrebender Linie trägt, die Lilien und Palmen aufzuführen. Unter jenen mag, obwohl gewöhnlich nicht baumartig gebildet, die Aloe genannt werden, wie ſie aus der vollen, doch ſtrengen Roſe ihrer bläulichgrünen, dicken, fleiſchigen, in einen langen Dorn endigenden Blätter ihren hohen Stengel hinauf - ſchießen läßt. Anders erſcheint die Banane mit dem ausgebreiteten Buſche ihrer ungeheuren, dünnen, ſeidenartig glänzenden Blätter, wobei jedoch der aufſteigende Stengel fehlt. In der größten Pracht tritt dagegen der Monokotyledonencharakter als der eines geradlinigten Aufſchießens bei verhältnißmäßig dünnem Stamme vorzüglich in den Palmen auf, welche den ſchlanken Stamm bis zu 180 Fuß Höhe hinauftreiben, um ihn dann — ohne Veräſtung, deren Mangel bei den Monokotyledonen weſentlich das Gebundene, die Abweſenheit des freieren Formſpiels ausdrückt — in den königlichen Blätterſtrauß auszubreiten. Die Blätter ſind theils gefiedert, theils fächerförmig und hierin erſcheint nun namentlich jene kryſtalliſche Symmetrie, welche von dieſem ganzen Typus ausgeſagt wird. So geſtaltete Blätter bewirken immer eine große Durchſichtigkeit der Baumkrone und wenn dieſe bei aller Hoheit dem Baume etwas Leichtes gibt, ſo dient ſie doch zugleich beſonders, auf dem Grunde des durchſcheinenden Himmels die Umriſſe in ihrer gemeſſenen Schärfe, in ihrer gezählteren Symmetrie zu94 zeigen. Unter die Palmen ſtellt Oken den Pandanus; ſein Stamm wird nicht hoch, dagegen iſt in der Spiral-Stellung der ſchwertförmigen Blätter auf eigenthümlich ſtrenge Weiſe jener geometriſche Charakter ausgeprägt. Nicht durch Höhe, aber durch ungeheure Dicke und Breite zeichnet ſich der rieſenförmige Drachenbaum aus, der ebenfalls palmenartig, aber mit überhängenden Schwertblättern ſeine Krone über einem Stamm ausbreitet, welcher in dem berühmten Exemplare auf Teneriffa über der Wurzel 45 Fuß im Umfange hat. Unter den dikotyledoniſchen Formen iſt die durch Blätter - zeichnung am meiſten ſymmetriſche die gefiederte und beſonders zartgeficdert ſind die von ſchirmartig verbreiteten Zweigen getragenen Blätter der Mimoſen. Seltſame phantaſtiſche Formen ſind namentlich die Cactus - Arten, bald kugelförmig, bald ſchlangenartig am Boden kriechend, bald in ovalen flachen Gliedern im Zickzack geſpenſtiſche Arme ausſtreckend, bald in vieleckigen Säulen hoch aufſteigend. Wie ſeltſam aber dieſe Bildungen ſind, ſie tragen doch in ihrer fleiſchigen Maſſe, ihren feſten Umriſſen jenen ſcharfen, allem Zerfloſſenen ſtreng entgegengeſetzten Charakter, von dem hier die Rede iſt. Andere Formen erſcheinen äußerſt trocken und kahl, wie die Caſuarinen mit ihren blätterloſen, mausſchwanzähnlichen Zweigen.
Die hier verfolgte Eintheilung bindet ſich nicht an den geographiſchen Standpunkt. Es kommt nicht darauf an, die Pflanzenformen der heißen Zonen durchzugehen, die ungeheuren Feigenbäume, Wollbäume, Affen - brodbäume u. ſ. w. aufzuführen, ſondern den allgemeinen Typus zu ſchildern und die ihn am eigenthümlichſten bezeichnenden Formen hervorzuheben. Es war allerdings ſogleich zu bemerken, welche Sonne dieſe Formen hervorbringt, allein dieſelbe Sonne ruft auch unzählige andere Gebilde hervor, welche, nur nicht ſo üppig, nicht ſo groß, auch anderswo wachſen und ebenda gewöhnlicher ſind. Umgekehrt wachſen die Pflanzen, welche die heißen Länder vorzüglich charakteriſiren, auch in dem wärmeren Theile der gemäßigten Zone, freilich ebenfalls nicht in derſelben Größe, Anzahl der Arten u. ſ. w.
2. Neben dieſen ſtrengen Formen ſchießt nun aber in den heißen Zonen eine duftberauſchende, farbenglühende, in unendlichen Formen wuchernde Welt von Kräutern, Schlingpflanzen, Gräſern, Blüthen, Blumen (unter denen wir nur die bunten Orchideen nennen) u. ſ. w. auf. Hier verſchwindet die bindende Regel in ungemeſſener Ueppigkeit und führt das durch jene Strenge gebundene Gemüth in heiße und ſchwelgeriſche Trunkenheit hinaus, nicht in die gedankenreicheren Spiele der Empfindung, ſondern in Träume der Wolluſt. Unfrei iſt der Geiſt hier wie dort. Wir werden dieſelben Extreme im Naturell der Völker finden, welche in dieſer Pflanzenwelt leben.
Ein zweiter Typus bewahrt ebenfalls Gemeſſenheit, Schärfe, ernſte Haltung, die aber in bewegteren, weicheren, zufälligeren Formen als freier Schwung herrſcht; er entläßt und bindet das Gemüth in Einem, verſchmilzt Anmuth und Würde in edlem, geſättigtem Gleichgewichte.
Man erkennt ſogleich den Pflanzentypus des wärmeren Theils der gemäßigten Zone. Dürfen wir uns den ſchon genannten Vorgriff erlauben, ſo nennen wir ihn den plaſtiſchen. Es iſt der compacte, ſilhouettenartige, in ſich geſättigte Charakter der Pflanzenwelt unſerer ſüdlichen europäiſchen Länder, Italiens und Griechenlands vorzüglich, der durch den Schwung ſeiner Formen das Gemüth zur Freiheit entläßt, aber nur bis zu der Grenze, wo das Sentimentale beginnt; dieß weist er durch ſeine ruhige Würde, ſeine gemeſſene Haltung, ſeinen ernſten Anſtand, ſeine ſcharfe Deutlichkeit zurück. Seine Pflanzenwelt iſt im Allgemeinen von mäßigerer Größe, doch erreichen viele Bäume ſehr bedeutende Höhe und Breite. Wir erwähnen als erſtes Beiſpiel des vorliegenden Typus die reich ver - äſteten größeren Laubholz-Arten, welche ein ſtark in Saft ſchießendes, wäſſerigtes, in ſeinem Gewebe wenig compactes, üppig wucherndes Gepräge zeigen. Eine wohlgegliederte Gruppirung der Krone in einzelne Baumſchlag-Maſſen iſt dadurch keineswegs ausgeſchloſſen, am wenigſten entwickelt ſich dieſe in der Kaſtanie, welche, wo ſie nicht zu bedeutender Größe fortgewachſen iſt, ſich in faſt regelmäßiger, wenig getheilter Kugel - form ziemlich ſteif darſtellt. Was aber die üppige Fülle aller dieſer Formen zu einer gemeſſeneren, dem Kryſtallartigen wieder näher ſtehenden Strenge zurückführt, iſt die Zeichnung der Blätter: gelappt bei der (gemeinen) Feige (und zwar bei dieſer in einer äußerſt wohlgefälligen Form), der Platane, dem Ahorn, gefingert bei der Kaſtanie, gefiedert mit langen ovalen Blättchen bei dem Nußbaume, mit lanzettförmigen bei der Eſche, mit feineren ovalen bei der Acazie, die ſich durch ihre mimoſen-artige Zartheit unter den gefiederten Laub-Arten beſonders reizend darſtellt. Der dünnere, weniger ſolide, wäſſerigte Charakter iſt bei mehreren der hieher - gehörigen Bäume auch in der graulichen, grünlichen, überhaupt hellen Farbe der Rinde ausgedrückt, wie z. B. der Platane. Die näheren Unterſchiede der im Allgemeinen warmen Farbe des Grüns dieſer Bäume, der Richtung, Form der Aeſte u. ſ. w. können nicht verfolgt werden. — Eine andere Gruppe dagegen zeigt bei mäßigerer Größe ſchlanke oder bequem rundlich ausgebreitete Form, meiſt compactes Zuſammenhalten der Kronen-Maſſe, lederartige, glänzende, ſchwärzlich oder graulichgrüne Farbe der Blätter und dadurch ſcharfe Abzeichnung vom tiefblauen Himmel,96 wodurch erſetzt wird, was an reicherer ſymmetriſcher Bildung des nur beim Johannisbrodbaum gefiederten Blatts verloren geht. Alle hier genannten Bäume ſind immergrün und erſetzen dem Süden den ſchnell verſengten Reiz der Grasfluren. Durch reizende Schlankheit ſeiner Bildung macht der Lorbeerbaum den Mythus von Daphne begreiflich, breit und bequem legt der Johannisbrodbaum ſein Dach nahe über den Boden, durch das grauliche Hellgrün ſeiner lanzettförmigen Blätter gleicht der Oelbaum viel unſerer Weide, auch ſind Stamm und Aeſte knorrig wie bei dieſer, allein das Lederartige der Blätter unterſcheidet ihn zugleich ſtreng von ihr, bedingt geringere Beweglichkeit im Winde, verhindert das Ueberhängen der äußeren Zweige und hält ſo von dem elegiſchen Charakter das Sentimentale ab, was die Weide hat. Auch die Myrten mit ihren dunkeln, glänzenden Blättern, die immergrünen Eichen und andere Bäume reihen ſich an dieſe Gruppe an. Endlich iſt noch die ſüdliche Form des Nadelholzes zu erwähnen. Das Nadelholz ſcheint ſchon durch die höchſte Zuſammenziehung der Blattgefäße, die in ihm auftritt, den vollſten Gegenſatz gegen die Naturfülle, das Oeligte, Geſättigte darzuſtellen, was den hier geſchilderten Typus bezeichnet, derſelbe bildet aber auch in dieſer Gattung Formen aus, welche ihm entſprechen. Die Cypreſſe iſt, wenn gehörig entwickelt, keineswegs ſteif, ſie ſondert ſich in ſchöne Aeſte-Gruppen und ihre Umriſſe ſind zwar compact, aber in der Linie wohlgezeichnet. Sie hat ganz die edlen Formen, gibt der Trauer ſelbſt den vornehmen Anſtand der ſüdlichen Vegetation. Die Pinie ſteigt hoch hinan und wölbt dann ihre herrliche Kuppel über, von welcher nur da und dort ein Aſt, Zweig ſich verirrt und mit ſeinen Nadelbüſcheln geiſt - reiche Seitenparthien anſetzt: ganz eine jener befriedigend abgeſchloſſenen Formen dieſes Typus. Zum erſten Typus hätte als das ihr vorzüglich eigene Nadelholz die Zeder angeführt werden müſſen, wenn ſich von der Form dieſes rieſigen Baums ohne die nöthigen Anſchauungsmittel Rechen - ſchaft geben ließe. Die noch ſtehenden Zedern des Libanon ſcheinen keine Vorſtellung von den einſt berühmten Rieſenbäumen zu geben. Die Zeder iſt nicht pinienartig, der Stamm geht durch, aber ſie ſcheint ihre Pyramide in rund ausgebreiteten Aeſten mit hängenden Zweigen ſtockwerkartig auf - zubauen und dem einzelnen Stockwerk die weichere kuppelartige Form der Pinie zu geben.
Ein dritter Typus iſt vorzüglich als ſolcher zu bezeichnen, der eine tief bewegte ſubjective Stimmung bewirkt. Er bindet und beruhigt nicht das Auge durch jene in der Beweglichkeit der Linien zugleich ſcharf beſtimmte Zeichnung, ſondern er iſt entweder ſchneidend ſtarr und ſteif, erregt aber zugleich ein Gefühl97 aufſtrebender oder in ſich zuſammengefaßter Kraft, oder er iſt weich, von ſpielenden Umriſſen und ſtimmt zu wehmüthig zerfließenden Empfindungen, oder er verbindet dieſe Gegenſätze, doch ſo, daß er ſie in den Theilen des Ganzen getrennt erhält. Auch durch auffallenden Wechſel der Entlaubung im Winter und des heiteren Aufblühens im Frühling ſtimmt er bald winterlich, bald heiter, immer aber ahnungsvoll und das Gemüth in ſich zurückweiſend.
Um die einmal gewagte Vorausnahme zu benützen, nennen wir dieſen Typus der kälteren gemäßigten Zone den romantiſchen. Die kalte Zone, die ſich in Nadelholz und Birken verläuft, liegt jenſeits der Grenze, über welche ſich die Aeſthetik zu verbreiten hat. Gegenſätzlich ſubjectiv bewegt iſt die Stimmung der erſteren ſchon durch den auffallenden Wechſel des Winters und Frühlings. Dieſes Klima hat weniger Immergrün, als das ſüdliche; nach dem Pflanzentödtenden Winter überkleidet ſich die Erde mit reichem, hellem, luſtigem Grün, die Sehnſucht nach dem Frühling, den ſüdlichen Völkern fremd, iſt dadurch bedingt und wird als ein wichtiges Moment zur Erklärung der Geiſtesweiſe der nördlicheren Völker wieder aufzufaſſen ſein. Als Beiſpiel des Starren und Steifen nennen wir hier zuerſt das Nadelholz. Unter dieſem iſt es allein die Föhre, welche ſich dem ſchönen Kuppelbau der Pinie nähert, es herrſchen die Tannen, welche überhaupt am ſtrengſten den Charakter dieſes Holzes ausſprechen, denn er iſt ſtarr und winterlich düſter. Die untern Aeſte der Tanne hängen gewöhnlich wie trauernd abwärts, übrigens führt ſie die gerade abſtehenden, ſtarren, ſpitzbewaffneten Aeſte in kerzengerader Pyramide zu mächtiger Höhe hinauf und hebt in der Trauer ſelbſt das Gemüth kräftig hinan. Die Tanne ſtimmt unbehaglich, unwirthlich und befreiend, erhebend zugleich, jenes durch ihre peripheriſchen Organe, dieſes durch ihre Richtung, jedoch nicht im Sinne heiteren Schwunges, ſondern trotziger Kühnheit. Ein Tannenwald wirkt wie ein friſcher, ſtählender, kalter Morgen. Unter dem Laubholze iſt der ſtarrſte Baum die Buche. Die ſteifen, nur in der Mitte nach unten etwas ausgebogenen Aeſte ſtehen in ſchneidender, kratzender Linie ab, das gezähnte, breit elliptiſche Blatt ſitzt auf kurzem Stiele abwechſelnd gegenſtändig und ſpielt wenig im Winde, der Körper der Krone ſchließt ſich wenig modellirt feſt zuſammen. Dem Stamme ſieht man die Härte des Holzes an, ſtrenge Kraft iſt der Ausdruck, der eben - daher eine in ſich zuſammengefaßte, geſunde und tüchtige, aber herbe Stimmung bewirkt. Ungleich weicher, doch ähnlich ſind Ulme und Erle.
Unter den weichen Formen mögen zuerſt die Pappeln genannt werden, denn ihre rundlichen, dreieckigen, herzförmigen Blätter geben zarten Umriß und an langen, dünnen Stielen ſitzend ſpielen ſie ſtets im Winde, namentlich bei der Zitterpappel oder Eſpe. Dem biegſamen Holze ſieht man ſeineViſcher’s Aeſthetik. 2. Band. 798Weichheit an. Anders wirkt nun natürlich die aufſtrebende Pyramide der italieniſchen, anders die rundliche Krone der Silber - und Zitter-Pappel. Die erſtere ſcheint ſchon dem Namen nach zum ſüdlichen Typus zu gehören, allein der Baum iſt in Deutſchland wirklich häufiger als in Italien und es iſt vorzüglich ſein ſpielendes Laub, was uns beſtimmt, ihn zum dritten Typus zu ziehen. Dieſe ſehr hochgeſtreckte Art ſieht nun freilich ſtolz und vornehm aus, wird aber auch, in Reihen gepflanzt, leicht langweilig, weil die Individuen weniger Verſchiedenheit haben, als bei runden Bäumen, und, da ſie kein ſchattiges Dach bilden, getrennt wahrgenommen werden. Beſonders ſchön ſpielt die Silberpappel im Winde, welcher die untere weiße Seite der Blätter umlegt. Durch das bewegte Spiel des Baum - ſchlags nun hat die ganze Gattung das Schwebende, was das innere Erzittern ſubjectiver Empfindung hervorruft; dieß Flüſtern des Objects wird zu einem innern. Wehmüthig weich ſtimmt die weißrindige, hohe, dünnkronige, mit den überhängenden Zweigen und dünngeſtielten dreieckigen Blättern ebenfalls ſtets im Winde ſpielende Birke, noch entſchiedener die völlig überhängende Thränen-Weide, deren graulichgrüne, lanzettförmige Blätter an den fließenden, weichen, biegſamen Zweigen herabwallendem Waſſer gleichen. Man denke an ſo manches Volkslied, auch an das, welches Desdemona ſingt. Unſere gewöhnliche Weide wird leider faſt immer durch Beſchneiden um ihre Form gebracht; ſie bildet ganz mächtige, herrlich modellirte Bäume, aber ihr wäſſerigter Ton, die weichen, bei großen Bäumen immer etwas überhängenden Zweige, die lanzettförmigen Blätter, das grauliche Grün, das Hingeſtrichene im ganzen Wurfe des Baumſchlags, das ſie mit der Thränenweide gemein hat, geben immer einen weichen, mehr zerfließenden Stimmungston. Unſere ſchönſten Bäume ſind Eichen und Linden. Die erſteren vorzüglich verbinden auf die im §. genannte Weiſe das Starke und Weiche. Stamm und Aeſte der Eiche ſind hart, knorrig, dieſe meiſt rechtwinklicht abſtehend, aber in rohen Linien verkrümmt; ſie wächst zu mächtiger Größe auf, heißt mit Recht der Baum der Stärke. Bei allem Eindruck urſprünglicher Kraft aber iſt ſie nicht ſteif und herb wie die Buche, denn ihre Blätter, obwohl an kurzen Stielen ſitzend und daher wenig bewegt, ſind von der weichen, gebuchteten Zeichnung und ſaftig hellgrün; ſie ſammelt ferner ihre Maſſen an den mächtigen, reichbelaubten Aeſten zu wohlgegliederten, ſtattlichen Gruppen. In viel weniger harter Form iſt derſelbe Gegenſatz in der Linde ausgeſprochen. Sie iſt gewaltig an Größe, wie die Eiche, aber ihre ſpitzwinklicht vom Stamm aufſteigenden Aeſte ſind weniger rauh gekrümmt, ihre herzförmigen Blätter ſpielen vielbewegt am dünnen Stiele und geben dem mächtigen Ganzen zarte, weichere Empfindung erregende, in den äußerſten Umriſſen ungewiſſer verſchwebende Ueberkleidung, während99 doch ihre äußerſt reiche Fülle ſich zu ſo ſchönen, kräftig geſonderten, von energiſchen Schatten durchſchnittenen Maſſen ſammelt, daß dieſem Baume die herrlichſte Krone unter allen Laubhölzern zuzuerkennen iſt; keiner der Bäume, die zu dem vorliegenden Typus gehörten, vereinigt Würde ſo ſchön mit ſüßer, gemüthvoller Anmuth.
Wo Bäume zu Gruppen zuſammentreten, erwartet das Auge eine1 Einheit von Gegenſätzen in Zuſammenwirkung der Pflanzenſchönheit nach ihren verſchiedenen Momenten, wobei natürlich der Boden und Hintergrund von weſentlicher Bedeutung iſt. Das Starke ſoll ſich mit dem Weichen, das Zerfließende mit dem Beſtimmten, das Finſtere mit dem Hellen zu einem Ganzen zuſammenbauen, deſſen äußerer Umriß eine beruhigende Wechſelergänzung von Linien mit einem abſchließenden Gipfel darbietet. In großem Maßſtabe2 wiederholt die Ueberkleidung des Erdreichs durch geſelliges Gras und Kraut der Wald. Sein Ueberblick iſt einförmig, wenn er nicht mit Gebirgsformen als ihr krauſes Gewand zuſammengefaßt wird. Im Innern erſcheint er als eine ſelbſtändige, in ungeſtörter Urſprünglichkeit webende Pflanzenwelt und erzeugt in heimlichen Schauern am vollſtändigſten die in §. 271, 2. bezeichnete Stimmung.
1. Stellen ſich Gruppen aus Bäumen Einer Art zuſammen, ſo wird der Zufall nur dann günſtig genannt werden können, wenn ſie von ver - ſchiedenem Alter, Größe, Bau, Farbe, Stellung ſind, daher ſich durch Gegenſätze ergänzen. Handelt es ſich von Gruppen aus Bäumen ver - ſchiedener Art, ſo wird ſich der vom Auge geforderte Gegenſatz und ſeine Vermittlung leichter einſtellen. Hier iſt nun namentlich zu erwähnen, daß die aufgeführten Typen nicht mit ſtrenger Grenze an Eine Zone vertheilt ſind. So hat nicht nur die heiße Zone in höheren Gegenden auch Nadelholz, neben ſtreng gebildeten Monokotyledonen veräſtetes, weicheres Laubholz, ſondern namentlich iſt der wärmeren und der kälteren gemäßigten Zone Laubholz mit gefiedertem Baumſchlage, der immer an die tropiſche Mimoſen - form erinnert, gemeinſam. Neben den harten Tannen, den vollen Linden fehlen uns die durchſichtigen, zart gefiederten Acazien nicht und die eben - falls gefiederte, doch reichere, derbere Eſche, der gelappte Ahorn iſt ein in den deutſchen Gebirgswäldern ſogar ſehr häufiger Baum. Zu dem maſſigen, aber unbeſtimmter umriſſenen Baumſchlag unſerer Linden, zu der herben balligen Buche geben ſie die geſondertere, durchſichtige, ſymmetriſcher gezeichnete Form. Zart hebt ſich die helle, dünne Birke auf dem Grunde harter Buchen; im Vordergrunde ſteht ſie nicht ſchön, denn dieſer braucht einen ſtarken, energiſchen, in der Farbe ſatten Baum, um zurückzutreiben. Die unendliche Möglichkeit von Wechſel-Erhöhung der Farben und Formen7*100kann nicht weiter verfolgt werden. Die Gruppe kann ſich wieder in Gruppen ſondern, das allgemeine Geſetz ein reicher gegliedertes Ganzes beherrſchen. Der äußerſte Umriß des Ganzen muß ſich in einem Gipfel abſchließen, wenn wir den Zufall günſtig nennen ſollen. Das einſt mit Vorliebe auf - geſtellte Prinzip der pyramidaliſchen Gruppirung, das ſchon hier erwähnt werden kann, gehört, ängſtlich feſtgehalten, in die Zeit des Kunſt-Mechanis - mus, und nur ſo viel läßt ſich ſagen, daß der höchſte Gipfel nicht zu weit auf die Seite geſchoben ſein darf. Allein wie ſehr man ſich vor Abſtraction zu hüten hat, erhellt ſogleich auch hier daraus, daß neben dem Boden, worauf die Bäume ſich erheben, und der ihnen natürlich verſchiedene Stellung und Höhe gibt, der Hintergrund weſentlich mitwirkend eintritt. Ein Gebäude, ein Berggipfel kann gegen die Mitte aufſteigen und ſo dürfen die höchſten Baumwipfel unbeſchadet des guten Verhältniſſes ganz auf die Seite treten. Ueberhaupt käme es nun darauf an, die Pflanzen - welt mit allen Momenten der unorganiſchen Schönheit zuſammenzuſtellen; allein die Wiſſenſchaft muß ſich ihre Grenzen ziehen. So erſcheint z. B. das Ueberhängende heiterer, wenn es ſich im Waſſer beſpiegelt, das hellere Grün dunkler, wenn es ſich nur vom Himmel abhebt, Wieſengrund gibt zu finſteren Tannen eine muntere Stimmung u. ſ. w. Alles läßt ſich nicht verfolgen und wird ſich ſelbſt dann nicht laſſen, wenn wir in der Phan - taſie des Künſtlers die wahre, Geſammtwirkung bildende Einheit werden gefunden haben.
2. Mächtige, kräftige Wirkung waldiger Bergrücken, wild und finſter im Schwarzwalde mit den dunkel ſtahlblauen Schatten, freundlich und mild im Platanenwalde, urgewaltig im Eichenwalde u. ſ. w. Schauer im Innern des Waldes, Waldeinſamkeit in der grün überſchatteten, harzig duftenden Halle, wo die Vegetation mit ſich allein iſt und in ihrer Friſche nichts von dem Schweiße des kämpfenden Menſchenlebens weiß. Im Urwalde der heißen Zone wird die Ueppigkeit erdrückend, die überfüllte Anſchauung wird müde, die Pflanzenwelt nimmt zu viel Raum für ſich in Anſpruch und der Menſch erinnert ſich, daß andere, höhere Weſen auch ihren Raum fordern.
Wie jede folgende Stufe die vorhergehenden in äſthetiſcher Zuſammen - wirkung ergänzt, zeigt ſich z. B., wenn wir mit Nadelholz bewachſenes Hochgebirge durchwandern, wenn mit den mächtigen Gipfeln und Rücken, den wilden Schluchten, den toſenden Waſſern, den umhergeſchleuderten Felsblöcken das ernſt erfriſchende feuchte Dunkel unter den gewaltig auf - geſchoſſenen Stämmen, das Wurzelgeſchlinge, der ſaftige Geruch der grünenden, der modernde der gefallenen Bäume, der Anblick des allgemeinen Ueberwucherns, das jede Stelle benützt, all das Rauſchen und Sauſen in den Wipfeln das Gemüth umfängt.
Gegenüber der unbeſeelten Pflanze ſteht der äſthetiſche Zuſchauer noch außerhalb des angeſchauten Gegenſtandes und findet ſich ſelbſt darin nur ſoweit er ſich ihm leihend unterſchiebt. Er ſoll aber wirklich ſich ſelbſt im Gegenſtande begegnen, der Zuſchauer ſoll auch im Gegenſtande, dieſer ſoll wirklich perſönlich ſein. Der Verwirklichung dieſes Geſetzes tritt die Natur um einen Schritt näher, indem ſie das beſeelte, lebendige Weſen, das Thier hervorbringt. Es tritt hiemit ein Weſen auf, dem ſeine Außenwelt nicht nur thatſächlich Object iſt, ſondern ſo, daß es ſie nach vielerlei Seiten mit Gefühl ſeiner ſelbſt, des Gegenſtandes und ſeines Verhältniſſes zu ihm durcharbeitend, in ſich aufnehmend genießt; die Natur gibt ſich ein Centrum, worin ſie ſich ſelbſt vernimmt.
„ Die ganze Schöpfung ſollte durchgenoſſen, durchgefühlt, durchgearbeitet werden “, ſagt Herder (a. a. O.). Dieß iſt zunächſt Gang und Geſetz der Idee in ihrer Verwirklichung überhaupt; der §. drückt das Geſetz im äſthetiſchen Sinne aus. Dürften wir bereits Kunſtausdrücke brauchen, ſo würden wir ſagen: die Landſchaft will ihre Staffage; die Luft will ſich im ſchwebenden Vogel, das Waſſer im ſchwimmenden Fiſch zum lebendigen Centrum ſammeln, das Land ſeinen Bewohner haben; naſchende Ziegen ſollen Fels und Geſträuche, flüchtiges Wild ſoll den Wald beleben, der Stier ſich bequem am Boden lagern u. ſ. w. Unſer Stoff wird immer concreter, die unorganiſche Natur belebte ſich durch die Pflanzenwelt, jetzt bewegt ſich in Licht, Luft, Farbenglanz, Waſſer, Erde, Gras, Buſch und Wald das warme Thierleben. Es gibt allerdings Landſchaften, die wir lieber ohne Staffage ſehen; es ſind ſolche, deren Stimmung die höchſte Stille der Einſamkeit iſt, wo der Naturgeiſt nur durch Licht, Luft, Waſſer, Erde und Pflanze mit ſich ſelbſt ſprechen zu wollen ſcheint. Doch etwas Lebendiges wird das Auge immer ſuchen, wäre es auch nur ein Rabe oder ein lauſchender Fuchs; es fragt ſich aber, warum das Auge dieß bedarf, und darauf antwortet der §. Es könnte indeß einſeitig ſcheinen, daß hier das Thier mit der umgebenden Natur durchaus zuſammengenommen wird; es muß ja auch für ſich äſthetiſcher Gegenſtand ſein können, ſo daß102 das Umgebende nicht beachtet wird, denn das Thier iſt bereits ſich ſelbſt vernehmendes Naturcentrum, alſo eine Welt für ſich. Vor der Hand iſt dieß zuzugeben; die Gründe, aus denen ſich dieſe ſelbſtändige äſthetiſche Geltung des Thierreichs ſehr beſchränkt, ſind erſt da zu entwickeln, wo die Mängel deſſelben in volles Licht treten und wo ſich daher zeigen wird, daß entweder dem Thiere landſchaftliche Natur oder das Thier dem Menſchen beigeordnet erſcheinen muß, wozu dann wieder landſchaftliche Umgebung treten kann. Hier zunächſt wird aber jener Geltung des Thiers dadurch nichts verſchlagen, daß es mit der niedrigeren umgebenden Natur zuſammengefaßt wird, denn es iſt in dieſer Verbindung ihr Herr, und erſt nachher ſoll ſich zeigen, daß über dem Herrn ein höherer iſt, deſſen Würde die des erſten ſo zurückdrängt, daß dieſer nur in ſeltenen Fällen für ſich allein Subject der Schönheit ſein kann. Davon kann vorläufig ſo viel hervorgehoben werden, daß das Thier ungleich anders als der Menſch an ſein Natur-Element gebunden iſt. Der gefangene Menſch kann, erhaben über ſeine Leiden, heiter erſcheinen, das Thier, aus ſeiner Sphäre geriſſen und eingezwängt, iſt ein peinlicher Anblick, aller äſthetiſche Genuß geht im Mitleiden zu Grunde. Die Lerche gehört in die Lüfte, die Wachtel in’s Gras, die Nachtigall in’s Gebüſch, nur hier findet auch ihr Geſang das Echo, das er fordert.
Das Thier iſt von der Erde gelöst und hat Selbſtbewegung. Außer der elementariſchen Nahrung, die es unfreiwillig und ununterbrochen wie die Pflanze in ſich aufnimmt, ſucht es Trank und organiſchen Stoff als Speiſe, bewegt ſich zu ihm, nimmt ihn durch einen Act in ſich auf und hat ſodann freie Zeit für andere Thätigkeiten. Die Fortpflanzung iſt nicht bloßer, unvermittelt noth - wendiger Gipfel des Wachsthums, ſondern bei getrennten Geſchlechtern muß das Thier des einen Geſchlechts das des andern erſt aufſuchen, um ebenfalls durch einen beſtimmten Act die Zeugung zu vollziehen. Außer dieſen beiden Pro - zeſſen iſt aber das Thier dazu gebildet, die unorganiſche und vegetabiliſche Natur, zugleich aber auch ſeines Gleichen das ihm ohnedieß theilweiſe zur Nahrung angewieſen iſt, und den Menſchen noch in anderer Form und eben - darum in abſolut neuer Bedeutung ſich zum Objecte zu machen: nämlich durch die Sinne. Für alle dieſe Zwecke iſt es mit beſonderen Werkzeugen aus - gerüſtet.
Es kommt hier zuerſt nur darauf an, die Grundzüge des thieriſchen Weſens ganz allgemein auszuſprechen. Aeſthetiſch wird die Betrachtung alsbald wieder werden, wenn ſich zeigt, wie dieſelben in Erſcheinung103 treten. Der Grundbegriff iſt ein Gegenübertreten von Subject (in gewiſſem Sinne, nämlich ohne Bewußtſein, was im ſtrengſten Begriffe der Subjec - tivität allerdings liegt) und Object. Mit der Loslöſung vom Boden iſt dieſer Bruch da, die Nabelſchnur iſt zerriſſen, dem ſelbſtändig Lebendigen ſteht die Welt gegenüber, denn mit ihr zugleich ſind die Mittel dieſer Gegen - überſtellung, die Sinne: Gefühl, Geſchmack, Geruch, Geſicht, Gehör da. Es iſt im Thiere dieſelbe Welt, die ihm gegenüberſteht; die Grundſtoffe der unorganiſchen Natur und der Pflanze ſind in ihm zu einem ſich um ſich ſelbſt bewegenden Kreiſe concentrirt und dieſelben Grundſtoffe ſtehen ihm in elementariſcher und in organiſch individualiſirter Geſtalt gegenüber. Die Natur macht in ihm und durch es ſich ſelbſt ſich zum Gegenſtande, genießt ſich, ſchaut ſich an. Sie ſind geſchieden und in der Scheidung weſentlich auf einander geſpannt und bezogen, denn ſie ſind Eines. Mit dieſer Scheidung iſt ein doppeltes Neues eingetreten: dem Thiere wird dem Umfang nach ein ungleich weiterer Kreis von Gegenſtänden zum Object, als der Pflanze, zugleich aber auch auf ganz andere Weiſe, zunächſt wieder quantitativ durch die verſchiedenen Sinne, aber ebendarum auch qualitativ, weil dieſe ein Innewerden des Gegenſtands in ſeinem Gegenſatz und ſeiner Beziehung zu dem Subject als einem ſelbſtändigen, ſich ſelbſt vernehmenden Mittelpunkte ſind. Von den unteren (vegetativen) Prozeſſen bleibt nur das Geſchäft der Athmung, Verdauung und dadurch des Wachs - thums ein unfrei fortdauerndes; aber auch hier tritt die Entzweiung ein, die ſich vor Allem durch willkührliche Bewegungen ausſpricht: die Nahrung wird zum ſelbſtändigen Ergreifen, die Zeugung zu einem Begatten durch einen beſondern Act, und nachdem dieß geſchehen, iſt das Thier wieder frei für Anderes. Im Schlafe kehrt es zu dem blos vegetativen Prozeſſe zurück, doch auch dieß nicht ſchlechthin, denn es träumt, wenigſtens das höher organiſirte Thier.
Dieſe Werkzeuge, ſo wie die für den geſammten übrigen Lebensprozeß beſtimmten Glieder ſind nun erſt wahrhaft Organe zu nennen; ſie können nicht verſtümmelt oder abgelöst werden, ohne daß das Ganze leidet, erſetzen ſich nur bei den niedrigſten Gattungen und können abgetrennt niemals ein neues Indi - viduum begründen. Jedes Organ oder Glied iſt aus der ſelbſtthätigen Einheit entlaſſen und wird ebenſo von ihr als überall gegenwärtiger Lebendigkeit ſtets in das Ganze zurückgenommen. Die Selbſtändigkeit dieſes Ganzen zeigt ſich weſentlich auch darin, daß die zum Ergreifen und erſten Verarbeiten der Nahrung, ſo wie die zur Bewegung beſtimmten und gewiſſe andere Organe zugleich Waffen ſind.
104Tödtlich ſind zwar in den meiſten Fällen nur die Verletzungen der Organe des vegetativen Prozeſſes, aber eine Verkümmerung, ein Schmerz, eine Entſtellung zum Häßlichen iſt jede Verwundung, Verſtümmlung. Nur der Thierleib iſt ein ſchlechtweg zuſammengehöriges Ganzes, über deſſen ausgebreitete Glieder die ſtreng zuſammenhaltende Seele der Lebendigkeit ergoſſen iſt. Der Zahn, der Rüßel, das Horn, die Klaue, der Huf zeigen ſchon dem erſten Anblick, daß dieſes Lebendige ſich auch im Kampfe zu behaupten beſtimmt iſt.
Die Geſtalt des Thiers, welche weit unter der Größe der Pflanze bleibt, verläßt die aufſteigende, dann zu einer Krone ſich ausbreitende Form der letzteren und erſcheint im Allgemeinen als ein der Länge nach auf die Bewegungs - organe geſtellter ovaler Cylinder, der ſich in drei Hauptſyſteme, den, zwar wie die Baumkrone, aber in ganz verändertem Maßſtabe der Größe, der Kugelform zuſtrebenden Kopf, die Bruſt und den Unterleib theilt. Die Organe des Ernährungs-Prozeſſes, welche an der Pflanze auswendig ſind oder aus denen vielmehr die ganze Pflanze beſteht, ſind als Eingeweide zu einem Inwendigen geworden, von dem das Gebäude wie ein Zimmerwerk tragenden Knochengerüſte umſchloſſen und das Ganze vom Fleiſche und der Haut, deren weiche und elaſtiſche Subſtanz überall gerundete Wendungen der Oberfläche bedingt, über - zogen. Die Zeugungs-Organe ſind zu unterſt geſtellt und verborgen.
Durch ihre Größe, welche wieder durch die lange Dauer bedingt iſt, fallen alle bedeutenden Pflanzengebilde, des übrigen Unterſchieds innerhalb dieſer Form unbeſchadet, unter den Standpunkt des Erhabenen und zwar des quantitativ Erhabenen (§. 90). Das Thier wird nicht ſo groß und nicht ſo alt: die höhere Werthſtufe zieht die Größen-Verhältniſſe auf einen kleineren, aber intenſiveren Kreis des Raums und der Zeit zuſammen, und im Allgemeinen können wir ſagen, es trete hier, wenn das Erhabene der vorſtechende Charakter iſt, das der Kraft ein, richtiger jedoch, ein Uebergang von dieſem in das Erhabene des Subjects.
Die Grundform des Thierleibs iſt von den höheren Thieren, den Rückenwirbelthieren, näher den vierfüßigen Säugethieren, und gewiß mit Fug, entlehnt. Man könnte ſagen, ſie ſtelle einen umgelegten Baum vor. Die Pflanze genießt für den Nachtheil der Gebundenheit an den Boden den Vortheil des ſchönen Aufſtrebens; das Thier hat ſich vom Boden befreit und zur Strafe muß es ſich bücken und an ihm hinſuchend dem Planeten ſeinen Zoll abtragen. Wie niedrig dieſe Bildung, der wie eine mechaniſche Laſt auf die Füße gelegte Rumpf iſt, wird ſich erſt im Gegen - ſatze gegen die menſchliche zeigen. Der Rumpf wiederholt alſo nach unſerer105 Vergleichung in veränderter Linie den Stamm, die Bewegungsorgane wären, was in der Pflanze die Seiten-Arme, die Aeſte ſind, der Kopf die reduzirte Krone, und die Athmungs-Organe der Pflanze, die Blätter, wären zu den Sinnen des Kopfs umgebildet. Genauer betrachtet iſt zwar vielmehr das Blatt zur Lunge, Stamm und Aeſte zum Blutgefäß, die Wurzel zum Mund, Magen und Darm geworden; da aber die Pflanze nicht ſowohl ihr Eingeweide auswendig hat (Oken Allg. Naturgeſch. B. 4 S. 19), als vielmehr lauter ſolches iſt, was erſt im Thier Eingeweide wird, ſo mag ebenſo richtig ſein, daß auch im ganzen Thiere die Pflanzen - geſtalt in der zuerſt bezeichneten Weiſe umgebildet ſich wiederholt. Der §. gibt nun weiter nur den allgemeinſten Umriß des Thier-Typus und erwähnt zunächſt die drei Hauptſyſteme des Kopfs, der Bruſt, des Unterleibs, ohne noch ihre Bedeutung zu verfolgen, da nur erſt die einfachſten Unterſchiede von der Pflanzengeſtalt hervorzuheben ſind. Der Kopf hat freilich ein ganz anderes Größen-Verhältniß, als die Krone des Baums, womit er verglichen wird; dieſelbe iſt zwar auch das Edelſte am Baume, aber das Edelſte am Thiere iſt ein ſolches im Sinne des Beſeelten und ſchon das Größenverhältniß ſoll anzeigen, daß der übrige Leib in Vergleichung mit Jenem nur das Maſſenhafte, Schwere iſt. Je mehr er der Kugelgeſtalt zuſtrebt, deſto höher das Thier. Nur als Umſchließung der zu Athmung, Blutumlauf, Verdauung beſtimmten Eingeweide iſt ſofort das Knochen - gerüſte hervorgehoben, um die Vergleichung mit der Pflanze fortzuſetzen; denn das Nähere iſt erſt bei den Wirbelthieren darzuſtellen, daher auch die zweite Höhle, die das Hirn - und Rückenmark einſchließt, noch nicht erwähnt wurde. Der ganze Bau zeigt aber auch auf ſeiner Oberfläche jene feſte Baſis als die Grundlage des Weichen, das die ganze Bildung bedeckend abſchließt und die gerundeten Hügel und Senkungen ihres Um - riſſes bedingt. Das eigenthümliche Anhängſel des Schwanzes iſt hier noch zu erwähnen; es dient nicht nur, den After zu decken, in Luft und Waſſer zu ſteuern, den Fliegen zu wehren, ſich feſtzuhalten und durch die letzteren Verrichtungen den Mangel der Hand erſetzen zu helfen, ſondern auch, einen Theil des Ausdrucks der inneren Stimmung, der dem Geſichte verſagt iſt, nachträglich zu ergänzen; der Hund z. B. lacht, trauert, ſpricht Muth aus mit dem Schwanze. Von den Zeugungstheilen war ſchon bei der Pflanze §. 271 Anm. 1 die Rede.
Der Kopf folgt der Länge-Richtung des Leibes und das Ganze ſpitzt ſich ſo in den vorragenden, am Boden hinſuchenden Mund zu, wodurch, obwohl das Thier zu vielfachen ungleich höheren Thätigkeiten ſich befreit, dennoch ein106 Ausdruck gebundener Freßgier ſeiner Geſtalt aufgedrückt bleibt. Der Gefühlsſinn iſt theils über das Ganze verbreitet, theils concentrirt er ſich in einem Organe des Kopfs oder denen der Bewegung. Die übrigen Sinnes-Organe ſind paar - weiſe ſymmetriſch am Kopfe und ebenſo die Bewegungs-Organe am Leibe vertheilt. Die Geſtalt iſt daher ungleich beſtimmter, als die der Pflanze, die Organe ſind gezählt, das Ganze eine in ſich beſchloſſene und geſättigte, in Gemeſſenheit abgerundete Geſtalt.
Alle Thiere ſehen aus wie ein lebendig gewordener Schnapp - und Freß-Zweck. Dieß hat zwar ſeine Grade; das Thier ſteht um ſo höher, je weniger der Kopf mit dem Rumpfe in horizontaler Linie fortgeht und je mehr der Kiefer zurücktritt, die Stirne ſich hervorwölbt, aber ganz werden wir dieſe pronitas erſt in der menſchlichen Geſtalt überwunden ſehen.
Der Gefühlsſinn iſt über die ganze Haut verbreitet und ſammelt ſich in beſonderen Organen zum Taſtſinne. Nur der Affe iſt es eigentlich, der dieſen im Finger hat, bei den meiſten übernehmen Lippe und Naſe ſeine Rolle, bei einigen tritt als beſonderes, für ihn hauptſächlich beſtimmtes Organ, der Rüßel hervor, bei niedrigeren Thieren Fühlfäden, Fühlhörner. Das Entzweiungsgeſetz tritt entſchiedener in den übrigen Sinnen als paarweiſe gegenüberſtellende ſymmetriſche Seiten-Anordnung hervor. Der Geſchmack zwar hat nur Ein, die Mitte der Mundhöhle einnehmendes Organ, die Zunge; die Zähne jedoch, die ihm in die Hand arbeiten, ſind ſymmetriſch geordnet, die Naſe hat zwei Löcher oder Flügel, die Ohren, die Augen ſtehen ſich paarweiſe gegenüber, ebenſo Floßen, Flügel, Füße. Der Gegenſatz gegen die zerſtreute Pflanze vollendet ſich darin und nehmen wir die durchblickende Baſis des Knochengerüſtes, die plaſtiſchen Muskel - lagen, welche die Wölbungen der Haut bedingen, dazu, ſo haben wir ein gediegenes Ganzes vor uns, ein feſt begrenztes und ſeine Grenze ſatt ausfüllendes, gegoſſenes Weſen.
Auch von der Farbe ſollte hier vielleicht die Rede ſein, allein was hierüber in Kurzem zu ſagen iſt, wird beſſer bei den verſchiedenen Haupt - ſtufen angegeben, wo ſich zeigen wird, in welchem Sinne die Farbe ſich mit ihnen ſteigert. Einiges iſt ſchon im Abſchnitte von der Farbe berührt.
Es könnte jedoch ſcheinen, als ob hiedurch die Thiergeſtalt in kryſtalliſche Regelmäßigkeit verfalle. Allein das Starre, was dadurch entſtünde, wird durch den theils über das Ganze ſtetig ergoſſenen, theils im Spiele der wirklichen Bewegung ſich darſtellenden Ausdruck der inneren, beſeelten Lebendigkeit in ungleich anderem Sinne, als durch die unbeſtimmte Vielheit der Pflanzen -107 Organe (§. 274) aufgehoben. Dieſer Ausdruck und Alles, was ein Thier in2 der Bewegung thut, kann auch in Widerſpruch mit der Geſtalt treten, indem er eine höhere Organiſation verräth, als dieſe erwarten ließe. Da nun die äſt - hetiſche Betrachtung das Thier auch in ſeine Thätigkeit begleitet und doch die Organiſation nicht in das Innere verfolgt, ſo kann ſich für ſie dieſer Wider - ſpruch nur durch eine der gegenſätzlichen Formen des Schönen ausgleichen (vergl. §. 18, 2.). Der mechaniſche Charakter der Regelmäßigkeit wird aber auch durch die Zufälligkeit der Individualität gebrochen. Dieſe geht äußerlich nie ſo weit wie bei der Pflanze, aber ſie wird zur innern Eigenheit der einzelnen Thierſeele, die ſich in der ganzen Thätigkeit und feineren Unterſchieden der Form kund gibt (vergl. §. 38 Anm. 2).
1. Der Ausdruck zeigt die unendliche Beſtimmbarkeit des inneren Lebens, das die Außenwelt in ſich aufnimmt, zum Reize erhebt und danach jeden Augenblick den Ort des ganzen Leibs, die Lage der Glieder verändern kann. Dadurch wird das kryſtalliſch, geometriſch, mechaniſch Gewiſſe ungewiß und ebendieß iſt das Höhere, deſſen die Pflanze nicht fähig iſt.
2. Naturwiſſenſchaftlich betrachtet kann ein Thier höher ſtehen, als äſthetiſch betrachtet, ſo lange man blos die Geſtalt anſieht. Nun zergliedert der Aeſthetiker freilich nicht die innere Bildung und ſo ſcheint denn ein Widerſpruch zwiſchen der Sache an ſich und der Schönheit zu entſtehen, der die ganze Behauptung des erſten Theils unſerer Aeſthetik, daß mit den Stufen des Daſeins auch die Schönheit ſteige, aufheben müſſe. Allein die höhere Organiſation bleibt nicht im Innern verborgen, ſie offenbart ſich auch im Aeußern, nur nicht auf den erſten Anblick in der ruhenden Geſtalt, ſondern in dem, was das Thier thut, und dieſem Thun kann ja und muß auch das Schöne folgen. Zeigt nun ein ſolches Thun den vorher blos dem Zoologen bekannten Werth auch dem äſthetiſchen Zuſchauer, ſo wird dieſer auf die Geſtalt noch einmal zurückſehen und Vieles an ihr entdecken, was dem genaueren Blicke allerdings auch an ihr die edlere innere Bildung, die höhere Organiſation des Gehirns u. ſ. w. verräth. Man denke namentlich an den Elephanten. Doch wenn man die Merkmale der edleren inneren Organiſation in der Geſtalt erſt ſuchen muß, ſo bleibt allerdings immer ein Widerſpruch; dieſer hebt ſich aber in’s Erhabene oder Komiſche auf durch das wirkliche Thun. So erſcheint der Elephant trotz dem klugen Auge immer plump, die Geſcheutheit ſeiner Verrichtungen aber, wenn er ſeine unbehülfliche Maſſe in Bewegung ſetzt, macht ihn komiſch, ſeine Wuth furchtbar. — Nicht berückſichtigt iſt im §. der andere Fall, daß nämlich ein Thier innerlich dürftiger organiſirt ſein kann, als es nach der Oberfläche ſcheint; warum nicht? ſagt der Schluß der Anm. 2 zu §. 18.
1083. Ein Pferd, Hund derſelben Race iſt boshaft, gutmüthig, gelehrig, ungelehrig u. ſ. w. Dieß iſt ſchon innere Individualität und ſie drückt ſich nicht nur in allem Thun und Laſſen aus, ſondern auch in feinen phyſiognomiſchen Unterſchieden, die nur der oberflächliche Zuſchauer nicht bemerkt. Der Hirte kennt ſehr wohl ſeine einzelnen Schafe, Schweine auseinander. Die Grenze dieſer Eigenheit der Individuen kann man ſich freilich ſogleich deutlich machen, wenn man ſich, in die Kunſt vorblickend, fragt, ob es eigentlich Porträt-Darſtellung von Thieren geben oder ſolche ſich je als ein Kunſtzweig feſtſetzen könne.
Das Seelenleben des Thiers erhebt, was es durch die Sinne aufgenommen, zu einem Innern, das ſich ſelbſt und die Beſchaffenheit des Gegenſtands, wie2 es durch ſie afficirt wird, fühlt. In dieſes ungetheilte Gefühl des Gegenſtands und ſeiner ſelbſt tritt aber auch innere Trennung in Subject und Object ein, indem jener als Bild im Innern wiederholt und von der Thierſeele beſchaut wird. Die Bilder bleiben aufgehoben, ſpielen innerlich fort, treten als Erinnerung aus dem Dunkel wieder hervor. Der Zuſammenhang dieſer Bilder, getragen durch ſeine Beziehung auf das Thier ſelbſt, vertritt die Stelle des ihm ver - ſchloſſenen Denkens. Das Thier verſteht ohne Begriff, Urtheil und Schluß, das Verſtehen hat aber eben darum durchaus da ſeine Grenze, wo ein Inhalt nicht unmittelbar ſinnlich erſcheinen kann, ſondern ſich hinter einem willkührlichen, auf die eigene Natur des Thiers beziehungsloſen Bilde ſo verſteckt, daß nur die wirkliche, durch Denken trennende Reflexion ihn zu ſetzen und zu finden vermag.
1. Das Thier hat Selbſtgefühl und Gefühl des Gegenſtandes in Einem. Beide ſind ſo verſchlungen, daß es keinen Gegenſtand anders fühlend aufnehmen kann, als in ſeiner ſinnlichen Beziehung zu ihm. Im Menſchen ſetzen ſich auch die höheren Thätigkeiten, welche weſentlich auf freier Betrachtung ruhen, wieder in Gefühl um, er hat Gefühl des Guten, des Schönen, des Wahren. Solche freie Gefühle hat das Thier nicht, weil es ſich nicht zur freien Betrachtung erhebt. Die Blume iſt nur dem Thiere wahrhaft Gegenſtand, das ſie frißt; das Fleiſchfreſſende ſieht, riecht ſie zwar, aber da es mit ſeinem Triebe nicht auf ſie bezogen iſt, ſo iſt ſie ihm nichts, die Weisheit ihres Baues, ihre Schönheit geht es nichts an.
2. Die Einbildungskraft, die das Thier allerdings hat — der deutlichſte Beweis davon iſt, daß es träumt — ſcheidet die dunkle Einheit, worin Selbſtgefühl und Gefühl des Gegenſtands verſchlungen iſt. Der Gegen - ſtand ſteht dem Selbſt des Thiers als inneres Bild gegenüber. Was iſt nun in dieſer Entgegenſtellung das Selbſt geworden? Weiß das Thier109 ſich als Ich dem Bilde des Gegenſtands gegenüber? Gewiß nicht; als Ich weiß ſich und Ich iſt ebendaher nur der Menſch. Das Thier kann dem Bilde gegenüber auch ſich ſelbſt nur als Bild ſetzen und hat ſo ſich als Inneres ſelbſt wieder in ſinnlicher Form. Dieſes plaſtiſche Denken iſt es offenbar, was ihm die Stelle des wirklichen Denkens vertritt, und zwar weſentlich auch dadurch, daß hiemit die Erinnerung und ebendamit auch Vorſtellung der Zukunft gegeben iſt. Das Thier iſt „ träumende Monade. “ So erinnert es ſich der Schläge, die es bei einer Gelegenheit erhalten, und vermeidet ſie bei der nächſten. Da meint man, es mache einen Schluß; ihm ſchwebt vielmehr die frühere Scene vor, es ſieht ſich, wie es geſchlagen wurde, und ſtellt ſich dieß vor als wiederkehrend im jetzigen Moment, falls es daſſelbe thäte, wofür es geſchlagen worden iſt. Es iſt hier ein Punkt der trübſten Begriffe-Verwirrung, eine Quelle der peinlichſten Erörterungen, wenn man mit Solchen zu thun hat, welche keinen lebendigen Widerſpruch zu faſſen vermögen. Man ſagt: das Thier hat mehr, als Inſtinct, es hat Verſtand, nur keine Vernunft, und man ſagt es, weil man es Dinge verrichten ſieht, welche der Menſch durch Vermittlung des Denkens verrichtet. Den Begriff des Inſtincts werden wir im folg. §. in ſeiner eigentlichen Sphäre, der praktiſchen, aufführen; er kann aber auch auf die theoretiſche Sphäre wohl angewandt werden, da das Thier nur für ſeine Zwecke fühlt und träumt und das Räthſelhafte ſeines ſcheinbar berechneten Thuns gerade eben in dem theoretiſchen Vorgang ſitzt, der dieſes Thun begleitet. Dann aber iſt ſchlechterdings alle Thätigkeit der Thierſeele unter dem Begriffe des Inſtincts zu befaſſen. Hegel definirt dieſen als die auf bewußtloſe Weiſe wirkende Zweckthätigkeit (Encyclop. §. 360). In dieſer Beſtimmung fehlt ein Moment der Unterſcheidung des thieriſchen Thuns von der Zweckthätigkeit in der unorganiſchen und der unbeſeelten organiſchen Natur. Dieſe bildet und baut ebenfalls auf eine Weiſe, welche nur durch Denken möglich zu ſein ſcheint, ohne zu denken, und doch ſchreibt ihr Niemand Verſtand zu, aber dem Thiere meint man ihn zuſchreiben zu müßen, weil es ein innerlich fühlendes und vorſtellendes Weſen iſt: wo dieſe Innerlichkeit eingetreten iſt, da meint man ſei das dunkle Zweck - Wirken nicht mehr möglich, wie in der unbeſeelten Natur. Zunächſt aber kommt es allerdings darauf an, erſt die Wirklichkeit des Widerſpruchs in dieſer letzteren zu faſſen. Wer ſich wundert, wie das Thier Zweckmäßiges ohne urtheilendes und ſchließendes Denken thun könne, muß ſich zuerſt und noch mehr wundern, wie der Baum und der Thierleib ſoweit er mit einfacher Nothwendigkeit wächst, nicht nur ohne Bewußtſein, ſondern ſogar ohne Fühlen und innere Bilder-Erzeugung ſeinen kunſtvollen Bau vollendet. Vermögen dieſe ihr Werk ſo zu vollbringen, ſo vermag die Thierſeele ihre weiteren Zwecke um ſo gewiſſer mit dem Mittel des Fühlens und inneren110 Bilderzeugens zu vollführen. Im Unterſchiede jedoch von dem zweckmäßigen Thun ohne Selbſtgefühl und Vorſtellung ſind in die Beſtimmung des thieriſchen Inſtincts weſentlich dieſe Momente aufzunehmen. Hätte aber das Thier Verſtand, ſo hätte es auch Sprache. Verſtand iſt Denken des Allgemeinen und des Beſonderen in ihrer Trennung und Beziehung, und dieſes iſt nicht möglich ohne Nennen des Einen und des Andern, ohne den ganzen Namen-Vorrath der Sprache. Der Verſtand weiß das ſo Getrennte blos zu beziehen und nicht als Unterſchied in der inneren und höchſten Einheit zu faſſen. Dieß thut die Vernunft. Vernunft iſt aber nicht ohne Verſtand möglich, denn nur im Unterſchiedenen iſt die Einheit herzuſtellen, und wo Verſtand iſt, da iſt auch Vernunft, denn der unendliche Progreß, in den der Verſtand durch bloßes Beziehen des Unterſchiedenen geführt wird, muß in den Begriff der wahren Unendlichkeit umſchlagen. Der Menſch hat Verſtand und Vernunft und doch thut auch er Vieles, wozu ſie nöthig ſcheinen, ohne ſie doch zu verwenden; auch er thut Gedankenmäßiges, wozu Bewußtſein zu gehören ſcheint, auf bewußtloſe Weiſe. Dieß Alles erklärt die Philoſophie aus der Einheit des Denkens und Seins, aus der inneren Zweckmäßigkeit der Welt, welche die Stufen ihres Baus höher und höher führt, bis das Sein im wirklichen Denken ſich ſelbſt ganz in ſeine Macht bekommt in der Vernunft des Menſchen; keine Form des Helldunkels, worin ein verhülltes Denken in ein Sein eingewickelt iſt, kann auf irgend einer Stufe ſie überraſchen und zu unbe - rechtigten Uebertragungen verleiten. Wie auffallende Anekdoten man von thieriſcher Liſt erzählen mag, ſie kann Alles im Begriffe des Inſtinctes befaſſen. Das Thier verſteht die Welt, ſo weit es ſie verſteht, ſo, wie der Menſch eine Pantomime verſteht. Jede Bedeutung erſcheint ihm ſo, wie ſie unmittelbar Eins iſt mit dem Bilde, das ſie bedeutet. Der Hund hört aus dem Tone, womit ſein Herr ſeinen Namen ruft, deſſen Zorn oder freundliche Stimmung heraus; ſpricht aber der Herr ein ſtrafendes Wort mit freundlichem Tone, ſo verſteht er den Widerſpruch zwiſchen dem Wort und dem Tone nicht, denn er verſteht nicht die Sprache als ſolche, d. h. als blos conventionelle Bezeichnung; ſonſt könnte er eben auch ſprechen, leſen u. ſ. w. Die Thiere haben unter ſich eine viel aus - gedehntere Zeichenſprache, als man gewöhnlich weiß, aber keines ihrer Zeichen iſt ſymboliſch, conventionell, ſondern jedes verräth unmittelbar ſinnlich die Abſicht: der Ton der zur Wache ausgeſtellten Krähe, Gemſe klingt warnend, die Bewegung des Hunds, der den andern einlädt, mit ihm zu jagen, zu ſpielen, ſieht unmittelbar einladend aus u. ſ. w. So durchläuft denn das Thier auch innerlich die Reihe von Momenten, die der Menſch begreifend und ſchließend durchläuft, um die Mittel zu einem Zwecke zu finden, durch eine innere Folge von Bildern, deren jedes das111 betreffende Moment unmittelbar ausdrucksvoll darſtellt. Da das Zeitwort unbeſtimmter iſt, als das Hauptwort, das der Gebrauch zur Beſtimmtheit eines Terminus fixirt, ſo kann man vom Thiere ausſagen, es verſtehe, aber nicht, es habe Verſtand. Verſtehen kann entweder ein bloßes Merken bedeuten oder ein Durchdringen mit Reflexion; jenes iſt dem Thiere gegeben, dieſes nicht. So kann man denn freilich auch, wenn man ſich nur genauere Unterſcheidung vorbehält, vom Thiere ausſagen, es ſei dumm oder geſcheut. Ein Hund z. B. verſteht das Deuten mit dem Finger, er vermag eine Linie mit dem Auge in der Richtung zu ziehen, wohin der Finger deutet, ein anderer meint, man wolle ſpielen und beißt in den Finger, er iſt nie dahin zu bringen, daß er merkt, was man will.
Wie vielſeitig das Thier gegen ſeine Außenwelt geſpannt iſt, ſo viele1 Triebe hat es, und da kein Denken die durch vielfache Reize ſtets erregten Triebe mäßigt, ſo iſt der Grundcharakter ein leidenſchaftlicher. Die Ruhe und Stille der Pflanzenwelt verſchwindet in Unruhe und Lärm. Außer den Thätigkeiten, welche unmittelbar der Erregung folgen, verrichtet jedoch das Thier Vieles, was ein Anſichhalten, einen Bruch des bloßen Triebs durch ein Denken, darauf begründete Negation des unmittelbaren Anſtoßes und eine auf einen weiterhinaus liegenden Zweck gerichtete Vermittlung ausdrückt. Dieſe Eigenſchaft, vermöge deren es Solches, was nur durch Denken möglich zu ſein ſcheint, ohne Denken durch bloßes Fühlen und Vorſtellen thut, heißt im engeren Sinn Inſtinct. Die niedrigere Sphäre des Inſtincts umfaßt eine Reihe von2 Thätigkeiten, welche durch techniſches Bilden, geſellige Unterordnung der Individuen zu einem gemeinſchaftlichen Zwecke der Selbſterhaltung dient; eine zweite, höhere die zufälligen Handlungen der Liſt zu demſelben Zwecke; die dritte, höchſte begreift Aeußerungen von Liebe und entſagender Thätigkeit, indem das Thier theils aus Anhänglichkeit an ſeines Gleichen für ſie entbehrt und arbeitet, theils aber im Gefühle, daß ihm die Perſönlichkeit mangelt, ſich an den Menſchen anſchließt, ihm gehorcht, von ihm lernt, dem Herrn treu bleibt: die Form, worin das Thier Sittlichkeit hat.
1. Man nennt wohl auch das unmittelbare, dem erſten Reize fol - gende Thun des leidenſchaftlichen, heißen Thiers ein Thun aus Inſtinct. Nimmt man es aber genauer, ſo wird man finden, daß der Sprach - gebrauch durch dieſen Begriff weſentlich ein vermitteltes Thun bezeichnet, das ein Denken, wie davon im vorherigen §. die Rede war, vorauszu - ſetzen ſcheint. Der Unterſchied der jetzigen und der dortigen Betrachtung iſt nur der, daß dieſes ſcheinbare Denken jetzt in ſeiner praktiſchen Bedeutung112 zur Sprache kommt, wie es nämlich den erſten Impuls des Triebes bricht und dieſen zum Zweckeſetzenden, den Zweck durch Mittel vollführenden Willen zu erheben ſcheint. Es iſt immer ein vorläufiges Verzichten darin. Nur dieſes räthſelhafte Thun nennt man, wenn man genauer redet, Inſtinct: nicht z. B. wenn das Thier Speiſe ſucht, ſondern wenn es, ohne völlig ſatt zu ſein, einen Theil der Speiſe aufbewahrt für künftigen Hunger. Das Vorſtellen dieſes künftigen Hungers iſt der theoretiſche Inſtinct, die augenblickliche Enthaltung und das Thun im Zwecke dieſer Vorſtellung iſt der praktiſche Inſtinct, und im letzteren Sinne brauchen wir jetzt das Wort. Die Definition faßt die Vermittlung durch Fühlen und Vorſtellen aus dem vorherigen §. auf.
2. Der ſogenannte Kunſttrieb: das Bauen von Zellen, Gängen, Neſtern, das Spinnen von Netzen u. ſ. w., ferner die politiſchen Triebe, womit viele Thiere ihre Arbeit vertheilen, ihre Ordnungen und Geſetze halten, ihre Kriege führen, ſich zum Wanderzuge verſammeln, im Fluge, in der Gegenwehr die zweckmäßige Form des Keiles bilden u. dergl., ihrem Weiſel, Hahn, Lockhammel folgen u. ſ. w. Dieſe Triebe pflegt man ſehr hoch zu ſtellen und doch ſind ſie noch ſo mechaniſcher und blinder Art, daß ſie dem Bauen und Bilden der unbeſeelten Naturkraft am nächſten ſtehen. Vergl. darüber Herder Ideen z. Philoſ. d. Geſch. Th. 1 B. 3, IV. Schubert Allg. Naturgeſch. B. 3 §. 20. Ungleich höher ſteht die zufällige Liſt der feiner, vielſeitiger organiſirten Thiere, die der §. als zweite Stufe aufführt. Sie haben mehr zu thun, ſie ſind für verſchiedenartige Reize empfänglich, ſtehen der Freiheit näher, ſind daher nicht an ein gleichmäßig wiederkehrendes, blindes Thun gebunden, laſſen ſich vielmehr durch den Zufall die Gelegenheit zu einzelnen Aeußerungen geben, in deren ſpielender Reihe die willkührlichere Liſt nicht in der ſtets gleichen Form des Sorgens, Arbeitens, Bauens, ſondern in immer neuen Formen ſich ausſpricht. Da iſt erſt ein Thiercharakter möglich, wie Reineke. Ganz fehlt dieſe zufällige Liſt allerdings auch niedrigeren Thieren nicht. Der Käfer ſtellt ſich todt, um dem Feinde zu entgehen u. dergl. Auf dieſer wie auf der erſten Stufe des Inſtincts dient jedoch das Thier nur der Selbſterhaltung. Das ſcheinbar Berechnete im Thun iſt daher hier auch überall von ſolchen unmittelbaren Trieben begleitet, welche ſelbſtſüchtiger Art ſind: Brunſt, Zorn, Eiferſucht, Neid u. ſ. w. Einer dritten Stufe weiſen wir die Verrichtungen und Unterlaſſungen zu, die vom Triebe des Wohlwollens eingegeben ſind. Die Liebe zu den Jungen iſt unter dieſen am reinſten animaliſch, die wechſelſeitige Vertheidigung von Thieren, die nicht unmittelbare Liebe des gleichen Fleiſchs und Bluts, ſondern nur Anhänglichkeit verbindet, die vielleicht ſogar verſchiedenen Klaſſen angehören, das Ueberlaſſen von Speiſe u. dergl. ſteht ſchon dem113 Sittlichen näher, iſt ſchon ein Analogie der Freundſchaft. Am höchſten müſſen wir aber die Anhänglichkeit, Ergebenheit an den Menſchen ſetzen, die in Treue oft ſo feſt wird, daß das Thier ſogar den Tod des Herrn nicht überlebt. Hier iſt auch am meiſten Bildungsfähigkeit, das Thier lernt, was irgend gelernt werden kann durch ſinnliche Zeichen unmittel - barer Art, und darunter ſind nicht die Prügel verſtanden: dieſe ſind nur die negative Hälfte der Erziehungsmittel, die andere, poſitive ſind die Erweiſungen der Liebe, die das Thier wohl verſteht. Das Thier lernt ſogar Eigenthum anerkennen, aber freilich nur das ſeines Herrn, denn nicht den Begriff des Eigenthums kann es faſſen, ſondern nur die Beziehung ſeines Herrn zu ſeinem Beſitze, weil dieſe ſich ihm ſinnlich im Schalten des Herrn damit darſtellt. Dieſe Unterordnung unter und Hingebung an den Menſchen erhebt ſich von der Furcht zu einer bleibenden Ahnung, keine eigene Perſönlichkeit, ſondern eine ſolche nur im Herrn zu beſitzen. Dieß iſt die höchſte mögliche Analogie des Sittlichen im Thiere. Das Thier iſt unſchuldig, weil es nicht Gutes und Böſes unterſcheidet, hier aber iſt ein Anklang an Tugend und Schuld. Der Hund, der ein Cal - facter wird, iſt wirklich demoraliſirt zu nennen. Dem Thiere iſt der Menſch ſein Gott. Es kann das Allgemeine als ſolches nicht denken, noch vorſtellen, ſondern nur Einzelnes ſchauend verſtehen. Der einzelne Menſch ſtellt ihm durch Geſtalt, Blick u. ſ. w. die Vernunft, dieß All - gemeine dar, es ahnt, daß ſein Helldunkel in ihm Licht iſt, das iſt ſeine Religion. Die Naturreligion kehrte im Thiercultus die Sache um und ſuchte im Helldunkel der Thierſeele das Göttliche; wo die Vernunft noch nicht explizirt iſt, ſcheint das Implizirte das Abſolute, ſein Abgrund ver - birgt ungetrennt, was im Menſchengeiſte getrennt iſt und ſich doch noch nicht wieder im Gedanken zuſammenfaſſen kann.
Was ſich bewegt, iſt ein Zeitleben. Die Pflanze führt ein ſolches, aber weil ſie als Ganzes noch räumlich gebunden iſt, ein unvollkommenes, das nicht ſeiner ſelbſt als im Zeitwechſel mit ſich identiſch bleibender Einheit inne wird. Der durch äußere Gewalt ihren verhärteten Theilen entlockte Klang iſt zwar geeigneter, den Ausdruck des Seelenlebens in ſich aufzunehmen, als der des unorganiſchen Stoffs (§. 269), aber ſie kann ſich zum Kundgeben ihres Zeit - lebens nicht ſelbſt befreien, ſie kann ſich nicht vernehmen laſſen, weil ſie ſich ſelbſt nicht vernimmt. Das Thier dagegen lebt nicht nur in der Zeit, ſondern fühlt ſich auch als die im Wechſel des Zeitverlaufs in ſich zuſammengefaßte Einheit. Dieſes innere Leben verräth es durch die zum Stimm-Organe gebil - deten Athmungs - und Geſchmacks-Organe im Tone. Der Ausdruck deſſelbenViſcher’s Aeſthetik. 2. Band. 8114iſt jedoch theils nur der des dumpfen Triebes, theils erhebt er ſich zwar zu einer Kundgebung reinen Wohlſeins in einer Folge von Tönen, welche Anklang einer ſchönen Ordnung enthält, aber dieſer ungefähre Anklang iſt weit entfernt von der klaren Form der thieriſchen Geſtalt und dem ganz anders geordneten Ausdrucke geiſtiger Stimmung in Tönen nur ebenſo analog, wie die übrigen Thätigkeiten des Thiers dem Sittlichen und Vernünftigen.
Was zuerſt die Pflanze betrifft, deren Klangfähigkeit wir abſichtlich erſt hier, in Vergleichung mit der thieriſchen Stimme, erwähnen, ſo haben die Theile derſelben zwar erſt, wenn ſie durch Abſterben gleichſam zum Unorganiſchen zurückgekehrt ſind, durch ihre zartere, urſprünglich elaſtiſche Textur einen ſeelenvolleren Klang, als Metalle, was Jedem von den Inſtrumenten bekannt iſt, deren Hauptkörper aus Holz verfertigt wird. Noch ungleich ausdrucksvoller iſt freilich die aus der thieriſch elaſtiſchen Sehne gebildete Saite, wo aber ebenſo das Thieriſche nur als ein zum Unorganiſchen Verhärtetes gebraucht wird. Dieſer Stoff bleibt ganz paſſiv, alle Form geht vom Künſtler aus; Stoff bedeutet hier blos Material, das für äſthetiſche Form erſt verwandt werden ſoll, wie der Stein vom Baumeiſter, wogegen uns die übrige Naturſchönheit, die uns in dieſem Abſchnitte vorliegt, nach allen übrigen Seiten einen ſchon geformten Stoff vor das Auge ſtellt, von welchem ſich nur erſt fragen ſoll, ob er ſo bleiben kann oder ob er einer Umſchaffung bedarf, wenn wahrhaft Schönes ſoll entſtehen können, einen Stoff, den wir als eine nur noch unreife, zur Umbildung beſtimmte Form erkennen werden, als einen Stoff im Sinne der Vorlage, des Vorbilds. Anders nun ſcheint es ſich mit dem frei hervorgebrachten Tone des lebendigen Thiers zu verhalten: das beſeelte Thier führt aus ſich ſelbſt ein Zeitleben, in welchem es ſich als dieſe lebendige Einheit ſelbſt vernimmt; es beſtimmt ſich ſelbſt zum Ortwechſel, bewegt ſich aus ſich und ſo verräth es die Bewegung auch im Sinne der Stimmung durch die Stimme, deren Ton jener ihren Ausdruck gibt. Es bringt alſo dem Zuhörer ſelbſtgeſchaffenen, geformten, ausdrucksvollen Klang, und dieß heißt Ton, entgegen. Nun müſſen wir aber einen doppelten thieriſchen Ton unterſcheiden: zuerſt den dumpfen Schrei des Triebs, der Begierde; dieſer mag nun zuſammenwirkend mit der An - ſchauung der Geſtalt wohl ſehr wirkſam ſein in einem thieriſch belebten äſthetiſchen Ganzen, aber wir werden finden, daß die Kunſt, welche ſelbſtändige akuſtiſche Schönheit ſchafft, nichts mit ihm anfangen kann; Material kann er ihr nicht ſein, denn er läßt nicht über ſich verfügen, und Stoff im Sinne einer nur noch unreifen Form auch nicht, weil ihm jede freie und ſelbſtändige Bedeutung abgeht, wie ſolche dem Thiere ſelbſt, das ihn hervorbringt, als einem Gegenſtande des Auges in gewiſſem115 Sinn allerdings zukommt. Dieſe Widerſpenſtigkeit eines zwar lebendig ſeeliſchen, aber dumpfen und eigenſinnigen Lautes ſcheint in einer zweiten ungleich freieren Form des thieriſchen Tons, im Vogelgeſange zu ver - ſchwinden. Er iſt nicht Material, paſſiver, formloſer Stoff wie der Klang, er iſt aber auch nicht eine rohe und dumpfe, widerſpenſtige, ſondern bereits eine freiere, ſeelenvollere, in Rhythmus anklingende, und ſo ſcheint er denn in dem Sinne Stoff zu ſein, wie es die übrige Naturſchönheit für die Kunſt iſt, nämlich Vorlage, Vorbild. Vergleichen wir auch hier dieß Gebiet mit dem der Baukunſt, ſo können wir ſagen: wie das Mineral für dieſe, ſo iſt der Klang für die Muſik bloßes Material, aber die Baukunſt hat, wie ſich an ſeinem Orte zeigen wird, mehr als bloßes Material, ſie hat ein geheimnißvolles Vorbild an der Kryſtallbildung und den bauenden Urgeſetzen der Natur, die ſich in ihr ausſprechen, und ebenſo hat die Muſik mehr als bloßes Material, ſie hat Vorbild im thieriſchen Geſange. Allein gewiß nur ganz ebenſo unbeſtimmt, wie der Kryſtall für die Baukunſt, iſt ihr der Geſang des Vogels ein ſolches Vorbild und auch dieß noch mit dem Unterſchiede, daß der Kryſtall beſtimmte Form in einem zu enggeſchloſſenen Kreiſe der Geſetzmäßigkeit hat, der Vogelgeſang aber von der Beſtimmtheit regellos abirrt und auf kein Geſetz zu bringen iſt. Die enge Gebundenheit des Kryſtalls legt ſich in der Baukunſt auseinander, die irrende Entbundenheit des Vogelgeſangs bindet ſich in der Muſik. Muſik iſt aber ſo wenig durch Nachahmung des Vogelgeſangs entſtanden, als die Baukunſt durch Nachahmung des Kryſtalls; jener wie dieſer iſt nur als eine Art von Vorbote anzuſehen von dem, was die Menſchenſeele ſchafft. Was dem thieriſchen Geſang zur Schönheit eigentlich fehlt, kann ohne einen zu ſtarken Vorgriff nicht näher auseinandergeſetzt werden; inzwiſchen vergl. man Hand Aeſth. d. Tonkunſt B. 1 §. 17 ff. So viel iſt an ſich klar, daß dieſer ſogenannte Geſang zwar Ausdruck reinen Wohlſeins ſcheint, daß aber dieß Wohlſein genau geſprochen doch keineswegs den Namen eines reinen, freien ver - dient; beſtimmtere, dem Bedürfniß angehörige Triebe liegen ihm zu Grunde, insbeſondere Geſchlechtsbetrieb; es iſt meiſtens ein Locken. Manche Vögel lernen nun allerdings auch Melodieen, aber ſo mechaniſch und ohne Gefühl für ihre Bedeutung, daß damit gar nichts für die Aeſthetik an dieſem Orte anzufangen iſt, ſondern für einen ganz andern äſthetiſchen Zweck, nämlich die Komik. Der Vogelgeſang iſt nur wie eine Stimme der allgemeinen Natur, worin ſich dieſe ein Gefühl ihrer Fülle zuzujubeln ſcheint; ſo wird im Grund auch er nur zu einem begleitenden, in der landſchaftlichen Schönheit mitwirkenden Momente.
Der allgemeine äſthetiſche Eindruck des Thierlebens beſtimmt ſich ver - ſchieden, je nachdem in der Menſchenähnlichkeit die Unähnlichkeit oder jene in1 dieſer ſich aufdrängt. Im erſteren Falle erſcheint das Thierreich wie ein aus - einandergezogenes Zerrbild des Menſchen, eine häßliche, grauenhafte Larven -2 welt. Legen wir dieſer Entſtellung einen wirklichen Menſchen unter, ſo löst3 ſich die Häßlichkeit in das Komiſche auf (vergl. §. 158 Anm. 4). Die Leihung hat aber berechtigten Anhalt, die wirkliche Menſchenähnlichkeit tritt, vornämlich dem Hausthiere gegenüber durch Gewohnheit des Umgangs, in den Vorder - grund und das Thier wird als mittleres Weſen zwiſchen Freiheit und Noth - wendigkeit wie ein freundlicher und unſchuldiger Grenznachbar geliebt. Erſteigt jedoch die Menſchenähnlichkeit den höchſten möglichen Grad, ſo wird die Heimlichkeit wieder zur Unheimlichkeit.
1. „ Die Thiere ſind gebrochene und durch katoptriſche Spiegel aus - einandergeworfene Strahlen des menſchlichen Bildes, disjecti membra poetae “Herder (a. a. O. B. 2, IV). Oken hat auf dieſe Idee, daß der Menſch der Typus oder das Schema des geſammten Thierreichs, dieſes der auseinandergelegte Menſch ſei, ſeine ganze Zoologie gegründet, und dieß iſt gewiß auch die einzig richtige Begründung. Es liegt darin nun allerdings ein, jedoch nothwendiger, wiſſenſchaftlicher Vorgriff. Eigentlich iſt nicht das Thierreich der auseinandergelegte Menſch, ſondern der Menſch das zuſammengefaßte Thierreich. Das Ringen der Natur, den Menſchen zu erzeugen und in ihm Geiſt zu werden, arbeitet die Stufen des Thier - reichs heraus. Der Menſch iſt darum allerdings implicite im Thierreich da, bevor er noch explicite als er ſelbſt da iſt. Die Wiſſenſchaft hat das Recht, die Hauptmomente ſeines Typus von der explizirten Geſtalt aufzunehmen und ſie der implizirten, dem Thierreiche, als Modell zu Grunde zu legen. Daſſelbe thut in anderer Weiſe der äſthetiſche Zuſchauer und zunächſt muß ihm ſo die Thierwelt, da dieſe andere Weiſe der Betrachtung auf die Oberfläche geht, als eine Entſtellung des Menſchen, eine unheimliche Larve erſcheinen. Beſonders iſt dieß natürlich der Fall bei Thieren, die noch dazu dem Menſchen gefährlich ſind, und doppelt, wenn ſie überdieß, ſelbſt nur mit benachbarten Thierſtufen verglichen, ſehr häßlich ſind, wie das Krokodil. Wie die Formen der Thiere als eine Verzerrung des Menſchenbildes, ſo erſcheint ihr Ausdruck, ihr Thun wie der geiſtige Abgrund eines Wahnſinnigen, der jeden Augenblick Ungeheures, Entſetzliches hervorbringen kann.
2. Nachdem der Akt des Komiſchen im erſten Theile entwickelt iſt, braucht es keiner Ausführung der Bedingungen mehr, unter welchen dieſe117 Häßlichkeit komiſch wird. Das Gefährliche muß wegfallen oder mißlingen, es muß ein Zufall die Aufforderung herbeiführen, die menſchliche Folie ernſtlicher unterzulegen und die Thierform in widerſprechender Einheit mit ihr zuſammenzufaſſen, und natürlich muß der Zuſchauer den Sinn und die Stimmung mitbringen. Es gibt Leute, die auf dieſen Punkt gar kein Organ haben und nie begreifen, welcher Schatz des Komiſchen zu heben iſt, wenn man das Thier darauf anſieht, es ſolle eigentlich einen Menſchen vorſtellen. Die Caricaturmalerei hat dieß bekanntlich vielfach ausgebeutet, aber auch die reine Thiermalerei (Landsheer dignity and impudence). Uebrigens bietet auch die Thierwelt eine Scala objectiver und ſubjectiver Komik dar (vergl. §. 181 — 183), deren Spitze immer der Menſch iſt: das liſtigere Thier überliſtet das dummere, aber für den Menſchen iſt auch die überliſtende Liſt eine komiſche Naivetät.
3. Die Leihung, die Unterſchiebung des Menſchen iſt ebenſo berechtigt als unberechtigt. Thiere ſind, ſagt Hippel, unſere Grenznachbarn. Die ſtumme Nothwendigkeit der Pflanze iſt gebrochen, die menſchliche Freiheit noch nicht da. Der Menſch erfreut ſich des belebten, affectvollen Thuns, das ihn überall an ſeine Welt erinnert und doch ſchuldlos iſt (bis zu der Grenze, wo das Thier untreu wird §. 289 Anm. 2). Von menſchlicher Falſchheit ermüdet kann ich mich an dem ehrlichen Weſen des treuen Hundes ernſtlich erholen, der mich nicht verläßt, wenn mich auch Alles betrügt. Im alten Epos ſprechen ſelbſt die Pferde mit ihrem Herrn, betrauren ſeinen Tod, das Thier wird ganz zum Freunde des Menſchen, der ſelbſt noch naiv, edles Thier iſt. Die Verwendung zum Nutzen darf nicht zur Niederdrückung der Lebendigkeit und Friſche des Thieres gehen; das dreſſirte Reitpferd jetziger Zeit hat nicht mehr das Feuer und den Muthwillen, den man ſonſt auch dem Reitpferde ließ. Aber auch dem geſchonten Hausthiere gegenüber hat wieder das Wild den Reiz des Ungebeugten und Friſchen, den Waldesduft; es erinnert an den Menſchen, deſſen Bildung noch nicht mit der Natur gebrochen. Trotzdem bleibt richtig, daß die Heimlichkeit mit der Menſchenähnlichkeit, mit der Bildungsfähigkeit, der Anhänglichkeit des Hausthiers ſteigt, aber im Affen ſchlägt dieß in ſein Gegentheil um. Er iſt zu menſchenähnlich, das Grauſen vor dem Thier als einer verzerrten Maske des Menſchen ſtellt ſich wieder ein und zwar im höchſten Grade und ſo ſtark, daß kaum die Auflöſung in’s Komiſche ganz zu vollziehen iſt, worüber nachher.
Die ganze Klaſſe der wirbelloſen Thiere bietet als eine unreife1 Vorſtufe des Thierreichs dem Schönen ſehr geringen Stoff. Selbſt für die118 äſthetiſche Wirkung des Häßlichen iſt ſie großentheils verloren, weil ſie einen Eckel und Widerwillen erregt, der weder durch theilweiſe Furchtbarkeit, noch2 durch den dürftigen Anklang des Komiſchen ſich überwinden läßt. Die unterſte Ordnung dieſer Klaſſe, die der Pflanzenthiere, ſchreitet von der einfachen Kugelform zu vielfach verſchlungenen Gliederungen fort, welche theils durch die hier noch herrſchende peripheriſche Bildung, theils durch die Veräſtung ihrer Gehäuſe, womit ſie, ſelbſt der vollſtändigen Bewegung noch entbehrend, am Grunde feſtſitzen, der Pflanzen - und Kryſtall-Form ſich nähern und neben dem Niedlichen, was dieſe Bildung hat, theilweiſe auch durch Farbe gefallen.
1. Dieſe ganze Klaſſe ſtellt die unreife, unausgebackene Vorſtufe des Thierreichs dar und iſt im Allgemeinen häßlich, weil ſie, abſolut höher als Pflanze und Stein, doch wieder zu dieſen herabſinkt, wodurch wieder der Satz §. 18, 1. ſich beſtätigt. Ein Baum iſt äſthetiſch etwas ungleich Bedeutenderes, als eine Polype, eine Qualle u. ſ. w. (Am wenigſten gilt dieſe niedrige Schätzung den Inſekten, worüber nachher.) Das ganze Geſchmeiß iſt eckelhaft. Wohl iſt es zwar zum Theil auch furchtbar, wie namentlich jene ſcheußliche Sepie, welche mit ihren Fang - Armen ſelbſt Menſchen umklammert und zum Fraße in die Tiefe reißt, wie unter den Kruſtenthieren der Scorpion, die Tarantel, und die eigent - lichen Inſecten, um ſie ſoweit zum voraus anzuführen, durch ihren Stachel. Allein nur in ſeltenen Verbindungen und Gegenſätzen wird das Furchtbare der Waffen dieſer Thiere die Energie haben, das widerwärtig Läſtige, was vielmehr darin liegt, zu überwiegen. Ein Kampf mit einem Wolfe, Bären kann für ſich ein äſthetiſcher Stoff ſein, ein Skorpionſtich dagegen nur, wenn er der Bedeutung einer menſchlichen Situation poſitiv oder negativ bezeichnend entſpricht. Das ganze wimmelnde, krabbelnde, tappende Reich, von dem hier die Rede iſt, gehört größtentheils dem Schooße alles Lebens, dem Waſſer an; zuſammengefaßt mit dieſem, mit dem Meeres - grunde, und vorgeſtellt in ſeiner unendlichen Menge verſtärkt es freilich das Unheimliche und Wilde des Abgrunds (Schillers Taucher). Auch das Komiſche klingt an; denkt man, daß dieſe ſchwimmenden Säcke, Därme, u. ſ. w. Thiere vorſtellen ſollen, legt man ihnen den wahren Thiertypus oder gar den Menſchentypus als Folie unter, ſo lacht man wohl über die allerlei Koſtgänger, die der liebe Gott hat. Beſtimmtere Komik bieten die wenig gefährlichen großen Waffen, die nach der Seite oder gar rück - wärts gehende Bewegung mancher Cruſtaceen (Krabben, Krebſe), das Hüpfen, Kitzeln und der unſchädlich unbequeme Biß des Flohs. Allein auch der komiſche Stoff iſt kärglich; es bleibt in der Wendung zum Komiſchen wie zum Furchtbaren überall eine Apprehenſion, ein Eckel unüberwunden zurück, den theils das Schleimige, Breiige, theils die119 Vielheit dünner Organe bei dem unwillkührlichen Gedanken erregt, ſo ein Ding auf der Haut fühlen zu müſſen. Unter die häßlichſten Thiere gehört z. B. unter den Inſecten (Heuſchrecken) die Maulwurfsgrille (Werre), die dem Krebs ähnlich iſt und deren widrigen ſackartigen Leib doch nicht deſſen harte Kruſte überkleidet.
2. Der unterſte Typus oder Plan nach Cüvier, die Zoophyten oder Strahlthiere, nach Oken die Darmthiere. Die Würmer ſtellen wir in eine andere Gruppe und rechnen zu der gegenwärtigen die Infuſorien, Polypen oder Corallen, Sternthiere und Quallen oder Meduſen. Oken ſtellt die Sternthiere höher, zu den Würmern und in die Nähe der Cruſtaceen, überhaupt unter die Ringelthiere; die Gründe ſ. Allg. Naturg. B. 4 S. 576. Wir laſſen die Richtigkeit derſelben dahingeſtellt und betrachten ſie vielmehr als diejenige Form, in deren von einem Mittel - punkt zu einer ſtachelichten, buckligten Kugel oder einem Stern ausſtrah - lender Bildung am meiſten der peripheriſche Typus dieſer ganzen Gruppe, der übrigens viele Ausnahmen erleidet, zum Vorſchein kommt, ein Typus, der gerade bei dieſen hartſchaaligen Thieren an die Kryſtallbildung, im Allgemeinen aber ebenſoſehr an die Kranzſtellung der Blumenblätter erinnert. Die vorliegende Ordnung beginnt mit der Kugelform der einfachſten Infuſorien, die ſofort in Faſern, Ecken, Spitzen u. ſ. w. auseinanderläuft, auch ſchon zur Längsrichtung übergeht und dann bereits Pflanzenblättchen ſehr ähnlich wird. In den Polypen nun erſcheint die Pflanzenbildung nicht nur durch die kreisförmig um den Mund geſtellten Fangarme, ſondern auch durch den baumartig verzweigten Korallenſtock, mit dem ſie unbeweglich anſitzen und aus deſſen Enden ihr bewegliches Vordertheil hervortritt wie die Blüthe am Zweig. Zugleich aber erinnert die kalkige Ausſcheidung, woraus der Korallenſtock beſteht, an das Mineraliſche; die unvoll - kommenen Kryſtallbildungen zeigen ja ähnliche zierlich veräſtelte Formen. Ganz pflanzenartig ſieht namentlich die Seefeder aus. Die Polypen ſind es daher, die gewöhnlich im engeren Sinne Zoophyten heißen. Der von einem Mittelpunkt ſtrahlenförmig auslaufende Bau tritt nach den Stern - thieren beſonders deutlich wieder in den runden Scheiben-Hut-Glocken - Formen der Quallen oder Meduſen auf. Unter allen dieſen Bildungen nun trifft man auf mancherlei zierliche Formen, die erfreuen könnten, wenn es nicht immer unheimlich wäre, daß es Thiere ſind, die ſo der Pflanze und dem Kryſtalle gleichen. Ihre Niedlichkeit ergötzt eigentlich erſt, wenn ſie todt ſind, wenn das gallertartige Thier aus ſeiner Kalkbehauſung weggenommen, getrocknet iſt, oder wenn man es nur in der Zeichnung ſieht u. ſ. w. Manche Korallen, Seeſterne, Quallen zeigen auch ſchöne Farben.
Dieſe vielgegliederte Bildung zieht ſich zum trägen ſchleimigen Klumpen, zur einſchnittloſen Walze zuſammen in den Weichthieren und Würmern, von denen nur die erſteren das Auge durch Form und Farbe ihrer in’s Mineral -2 reich zurückweiſenden Gehäuſe, der Muſcheln, erfreuen. Die Zuſammenziehung tritt wieder auseinander in getheilte Gliederung und ſymmetriſche Längsrichtung durch die meiſt bepanzerten, vielfüßigen, unheimlich bewaffneten Kruſtenthiere, welche den Uebergang zu den eigentlichen Inſecten bilden.
1. Wir weichen hier von der gewöhnlichen, durch Cüvier begründeten Eintheilung ab. Jener ſetzt die Mollusken über die Inſecten oder Ringel - thiere, zu denen man gewohnt iſt mit ihm auch die Würmer zu ſtellen, wogegen wir die Mollusken tiefer als die Inſecten und mit den Würmern zuſammenſtellen, wodurch wir drei Gruppen der wirbelloſen Thiere erhalten: Pflanzenthiere, Mollusken (nebſt den Würmern), Ringelthiere oder Kruſten - thiere und eigentliche Inſecten. Hiefür haben wir eine naturwiſſenſchaft - liche Autorität wenigſtens in Oken, der aufſteigend nach den Pflanzen - thieren (Darmthieren) die Mollusken (als Aderthiere) und nach dieſen die Inſecten aufführt und dieſe Stellung dadurch begründet, daß bei dieſen zuerſt Luftröhren hervortreten, weßwegen er ſie Athemthiere nennt. Uns ſcheint ſchon der Eine Umſtand hinreichend, die Stellung der Inſecten über den Mollusken zu begründen, daß ſie ungleich höher beſeelt ſind, als dieſe, daß ſie an mannigfaltiger Erregtheit des Lebens den Vögeln (wie die Mollusken an Stumpfheit den Fiſchen) analog ſind. Wie in der Gruppe der Wirbelthiere das Luftthier höher ſteht, als das Waſſerthier, ſo auch in der Gruppe der wirbelloſen. Zudem ſind die meiſten Mollusken Zwitter, das Geſchlecht der Gliederthiere iſt getrennt. Nur darin weichen wir auch von Oken ab, daß wir die Würmer nicht unter die letzteren, die Gliederthiere oder die Inſecten, aufnehmen, ſondern auf tieferer Stufe mit den Weichthieren zuſammenſtellen, was ſich nach unſerer Meinung auch naturwiſſenſchaftlich rechtfertigen ließe, der äußeren Anſchauung aber jedenfalls gewiß näher liegt. Beide erſcheinen als einſchnittloſe, ſchleimige Maſſe, nur daß im Wurme die Längsrichtung wieder eintritt und in ſeinen weichen Ringeln das Gliederthier ſich vorbereitet, während der Mollusk „ einen Klumpen, eine auf ſich zurückgeſchlagene Maſſe “(Lehrb. der Zool. von Voigt §. 167) darſtellt. Dieſe formloſe Maſſe theilt ſich nun aller - dings zunächſt noch einmal in der höchſten Klaſſe der Mollusken, den Cephalopoden oder Sepien (Ruderſchnecken oder Kracken nach Oken), deren ausgebildeterer Kopf von acht bis zehn Armen umſtellt iſt und welche121 auch bereits leidenſchaftlich grauſam, ſelbſt liſtig ſind. Dennoch iſt es der Wurm, der nicht nur durch die Längsrichtung, ſondern (in der Klaſſe der Rothwürmer) durch die zur Seite angeſetzten fußartigen Fäden und durch die, zwar noch nicht hornigen, Ringel ſeines Leibs höher ſteht, als dieſe und alle andern Weichthiere, in zwei ſymmetriſche Hälften der Länge nach zerfällt und den Uebergang zum Kruſtenthiere, durch dieſes zum Inſecte darſtellt. Letzteres zeigt in ſeiner erſten Metamorphoſe als Raupe Wurm - geſtalt und ſein ſackiger, geringelter Leib iſt nichts Anderes als der frühere Wurm.
Mit den Weichthieren und Würmern iſt nun äſthetiſch natürlich blut - wenig anzufangen. Zur Komik geben jene Stoff, weil ſie ihr Haus mit ſich ſchleppen und durch ihre Langſamkeit unwillkührlich an Trägheit erinnern. Gefällig ſind ſie theilweiſe durch das abſtracte Moment der Farbe, die namentlich an den Muſcheln vorkommt, auch als Glanz verſchiedener Art, namentlich Perlmutterglanz (Schönheit der Perle). Die Subſtanz der Muſcheln weist wieder entſchieden in’s Mineralreich zurück, ihr Bau iſt ein äſthetiſch zweifelhafter Gegenſtand: er zeigt keine völlige Regel - mäßigkeit und Symmetrie, ſondern weicht ſpielend in allerhand Wendungen, Zacken u. ſ. w. aus und durch dieſe Schnörkel hat er etwas Rokoko - Artiges. Wenn nun geometriſche Regelmäßigkeit, wie bei dem Kryſtall, uns an die Architectur erinnert, wenn ebendarum die Muſchel einen archi - tectoniſchen Charakter hat und zu Ornamenten ſehr paſſend erſcheint, ſo ſtört ſie vielmehr durch die Schnörkel die ſtatiſche Ruhe und Klarheit wieder, und ſo kommt es, daß wir allerdings von einer ganzen Periode der Architectur die Muſchel vielfach, und zwar ſogar als Thurmpyramide in ſpiralförmig gewundener Form verwendet ſehen, aber eben von einer willkührlichen und manirirten Periode, dem ſogenannten Zopfſtyle. — Der Molluske ſelbſt iſt aber immer eckelhaft durch ſeine breiige Schmierigkeit, zum Theil auch furchtbar, wie oben erwähnt iſt. Auch der Wurm iſt eckelhaft, nur in einigen Gattungen zeichnet er ſich durch ſchöne Farbe aus (vierkantiger Spritzwurm u. and.).
2. Hornartige Feſtigung der Haut und eingeſchnittene Theilung tritt mit den Kruſtenthieren ein, der Vorſtufe des eigentlichen Inſects. Dieſe Claſſe beſteht noch größtentheils aus Waſſerthieren. Sie ſind ein wahres Reich der Häßlichkeit, alle durch die ſtachlichte, zackigte Vielheit ihrer Organe, dieſer Borſten, Fühlhörner, Taſter, Saugrüßel, zwickenden Kinn - laden, wuſelnden Füße u. ſ. w., ein Theil durch die noch halbweiche, wäſſerigte und durchſichtige Hornhaut, welche die eckelhafte Vorſtellung eines bei der Berührung berſtenden Schleimſacks gibt, andere durch ihre widerlichen Waffen, Zangen, Scheeren u. dergl. Noch wurmartig ſind die vielfüßigen Aſſeln, in welchen nur erſt der Kopf vom Rumpfe unter -122 ſchieden iſt. Die Haut verhärtet ſich ſchaalthierartig, der Kopf iſt mit dem ausgebildeten Bruſtſtück Eines und ſcheidet ſich nur von dem dünnen ſchwanzförmigen Bauche in der zweiten Klaſſe, der der Krebſe. Auf jedem Fiſchmarkte kann man ſehen, wie eckelhaft die krebsartigen Thiere mit noch weniger verhärteter Haut, die Meerläuſe und ſolches Geziefer ſind. Dagegen erſcheint nun der Krebs (und die Krabbe) mit ſeinem Panzer und ſeinen Scheeren, ſeinen zum Theil ſchönen Farben, ſeinen wunderlichen Bewegungen als ein leidlich komiſches kleines Raubthier. Die Haut erweicht ſich wieder, die ganze Geſtalt verkleinert ſich, das Thier tritt auf’s Land über, um ſich bald als geflügeltes Inſect in die Luft zu erheben, in der widerlichen Spinne. Hieher gehört die läſtige Milbe und Zecke. Was die eigentlichen Spinnen betrifft, ſo iſt es nur das kunſtreiche Netz, das zu anziehender Betrachtung einlädt; die Geſtalt iſt durch den Sack des Bauches mit den dünnen Füßen, zum Theil durch die haarigen Aus - wüchſe durchaus unſchön, und weil man einmal den Giftbiß der Tarantel, den Stich des Skorpions kennt, ſo trägt man, durch dieſe allgemeine Häß - lichkeit veranlaßt, unwillkührlich auf alle die Vorſtellung des Giftigen über.
Die Inſecten ſind es zuerſt, welche d n thieriſchen Grundtypus (§. 285) durchgängig darſtellen, aber durch Trennung der Hauptſyſteme des innern Baues in drei dürftig zuſammenhängende Theile mit abſtehenden dünnen Fühl - und Bewegungsorganen erſcheint in ihnen die Vielheit ſo ſehr auf Koſten der Einheit ausgebildet, daß ſie das Gefühl entſchieden abſtoßen würden, wenn nicht Farben - pracht bei vielen die Häßlichkeit der Form überglänzen würde. Mit ihnen erhebt ſich die Gruppe der wirbelloſen Thiere aus dem Waſſer in die Luft; ſo ſehr aber der Flug einen Charakter der Leichtigkeit und die bei dieſen Thieren auffallend hervortretende Metamorphoſe zu höheren Vergleichungen Anlaß gibt, ſo erinnert doch immer die überwiegende Dicke des Leibs an die vorherrſchend vegetabiliſche Beſtimmung. Uebrigens tritt nun bereits der techniſche und geſellige Inſtinct, die leidenſchaftliche Erregbarkeit und theilweiſe ſchon die Liſt in merk - würdiger Weiſe hervor und würde den Mangel der Geſtalt durch das An - ziehende der Thätigkeit ergänzen, wenn nicht jene zu den übrigen Mängeln überhaupt zu klein wäre; daher ſie nur durch Maſſe theils als allgemeine Belebung der Luft erfreulich, theils als Plage furchtbar werden.
Mit der ausgebildetſten Klaſſe der Glieder - oder Ringelthiere, den eigentlichen Inſecten entläßt der Naturgeiſt das niedere Waſſerthier zuerſt entſchieden an die Luft, die verworrene Geſtalt reift im Reize des Lichts zu einer einfacheren, klar und ſchneidend getheilten Form mit reduzirter123 Menge der Organe. Das unterſcheidend Eigene iſt die Theilung des Körpers in Kopf, Bruſt und Bauch, welche ſo über die Einheit herrſcht, daß dieſe drei Theile nur durch einen Faden wie beiläufig verbunden erſcheinen. Zwei Fühlhörner ſitzen am Kopf, drei Fußpaare und bei den meiſten zwei bis vier Flügel an der Bruſt. Zum erſtenmale tritt nun durchgängig der Grundtypus des Thiers auf: eine länglichte gerundete Laſt auf die Bewegungsorgane der Füße als ihre Unterlage horizontal geſtellt. Dieſe Geſtalt iſt nun aber trotz der Einfachheit, auf welche das verworrene Kruſtenthier jetzt zurückgeführt erſcheint, weſentlich häßlich, weil das Auge durchaus die abrundende Vermittlung ſowohl zwiſchen den Hauptſyſtemen, als auch zwiſchen ihnen und den dünnen, wie von außen eingelenkten Bewegungs-Organen vermißt. Dagegen iſt die Metamor - phoſe von der Raupe bis zum eigentlichen Inſect von jeher Stoff ahnungs - voller Vergleichungen für den menſchlichen Geiſt geweſen, freilich auch bis zur ermüdenden Trivialität. Ferner verdeckt die ungemeine Farbenpracht, welche über Schmetterlinge und Käfer verbreitet iſt und alle Arten des Glanzes, Schmelzes, des Sammtenen, des Gefleckten, Bunten durchläuft, jene Häßlichkeit der allzuſcharf eingeſchnittenen Geſtalt. Dazu kommt theilweiſe die Bewegung. Der Flug des Schmetterlings iſt verſchiedenartig wie bei den Vögeln, ſchießend, rudernd, kreiſend u. ſ. w., reizend beſonders das wählige Auf - und Zuſchlagen der Flügel, wenn er am Boden ſitzt, wobei er ſeine Schönheit zeigen zu wollen ſcheint. Schmetterlinge gleichen frei gewordenen Blumen, und wenn überhaupt die wirbelloſen Thiere im Allgemeinen, nicht blos die Zoophyten, pflanzenhaft erſcheinen, ſo wird man auch bei dieſer beweglichſten Klaſſe derſelben durchaus und gerade am meiſten an die Pflanze erinnert. Freilich erſcheint die Pflanze friſch, feucht, thauig; das Inſect aber ſieht trocken aus, man ſieht ſeiner Ober - fläche nichts von der Säftethätigkeit an, es hat etwas Papierenes, Gläſernes, Staubiges. Doch erſcheint es in Form und Farbe immer Blatt - Stengel - und Blüthenartig. Die Thätigkeit der Pflanze vertheilt ſich übrigens durch die Metamorphoſe ſo, daß der Raupe mehr die Ernährung, dem entwickelten Inſecte mehr die Fortpflanzung zukommt; auch dieſe gehört aber noch zum Vegetabiliſchen und außer den übrigen Formen zeigt noch immer der ſackartige Leib auch durch ſeine Maſſe die Pflanzenbeſtimmung an. Doch iſt dieſer verdeckt oder wenigſtens das widerlich Weiche deſſelben durch Flügel und Flügeldecken verborgen. Solider, gedrungener als die übrigen Inſecten erſcheint der Käfer; er ſieht durch ſeine harten Schaalen wie ein bepanzerter Krieger aus, die Hörner, zu denen ſich ſeine Zangen verfeſtigen, erreichen ſolche Größe, daß dieſe Bewaffnung um ſo mehr komiſch wirkt, je kleiner das Thier ſelbſt im Verhältniß zu dieſen furchtbaren Werk - zeugen iſt.
124Wie ſchon geſagt, ſtehen nun die Inſecten wie durch die ſtrenge Beſtimmtheit ihrer Geſtalt, ſo auch durch ihre ſeeliſchen Eigenſchaften am höchſten unter den niederen Thieren. Sie ſind höchſt rührig, immer bewegt, die allgemeinen Durchwühler, Umkrabbler, Umflatterer, die individualiſirte Luft, die Alles umwebt, in Alles eindringt; leidenſchaftlich, luſtig, wollüſtig, zornig, höchſt blutdürſtig, wie denn unter den Raubkäfern z. B. die Laufkäfer wahre Tiger der Inſektenwelt ſind; zudringlich, eigen - ſinnig, impertinent, nickelhaft. Es gibt noch zu lachen, wenn die Fliege hundertmal weggejagt hundertmal auf dieſelbe Stelle ſitzt, wenn der Floh mit ſeinem verhältnißmäßig ungeheuren Sprunge des Jägers ſpottet, es wird aber die Frechheit ſchon läſtig bei den ſchmerzlich ſtechenden Inſecten, den Schnaken, Bienen u. ſ. w. und eckelhaft bei der ſtinkenden Wanze, der trägen Laus. Von dem Inſtincte der Inſecten haben wir oben (§. 289, 2.) ſchon geſprochen und gezeigt, warum ihr architectoniſcher und politiſcher Trieb ſo hoch nicht zu ſtellen iſt, als es ſcheint, während er übrigens immer in einem ländlich anmuthigen Ganzen eine anziehende Stelle ein - nimmt. Viel höher ſteht ihre Liſt im Einzelnen: das ſich todt Stellen des Käfers u. ſ. w. Aber auch dieß will nicht viel ſagen; ſie ſind und bleiben dumme Thiere, dem Lichtreize willenlos Preis gegeben zappeln ſie ſich an der Glasſcheibe todt, verbrennen im Lichte, ſtechen ohne Grund und Noth u. ſ. w.
Wie ſie faſt nur als individualiſirte Luft erſcheinen, ſo klingen nun auch die Töne, die ſie im Wohlgefühle des Lebens durch Reiben der Flügeldeckel auf den Flügeln, durch die Bewegung dieſer im Fluge u. ſ. w. hervorbringen, dieß unendliche Summen an ſchönen Frühlings - und Sommer - tagen, wie eine allgemeine Stimme aus unſichtbarem Munde, womit die Schöpfung ſich ſelbſt den Segen der Wärme erzählt. Wie ſchöne Motive ſich da finden laſſen, zeigt Anakreons Lied an die Cicade. Doch iſt es mehr die Vielheit der Inſectenwelt, welche bekanntlich an Menge der Individuen und Gattungen faſt unüberſehlich iſt, was in die äſthetiſche Betrachtung fällt. Das einzelne Inſect kann um ſeiner Kleinheit willen nur eben den Stoff zu einem ſolchen kleinen Liedchen oder zu irgend einem Nebenmotiv geben. In Maſſe aber ſind die Inſecten theils auf die genannte Weiſe ein allgemeiner Schmuck der Landſchaft, theils können ſie als Landplagen wahrhaft furchtbar werden. Prophet Joel.
Es gilt aber im Grunde von allen Thieren dieſer Vorſtufe, daß ſie weniger als Individuen, denn in Maſſen als allgemeine Belebung eines Elements äſthetiſche Bedeutung haben. Selbſtändige Geltung des Individuums tritt erſt125 mit den Wirbelthieren ein und ſie iſt vor Allem in dem feſten Knochen - gerüſte derſelben ausgeſprochen. Durch dieſes erſt erſcheint das Thier als eine2 auf ſich ruhende, auf ſeine Säulen feſt gegründete Einheit, denn allerdings beſtimmt dieſer innere Bau auch die äußere Form und gibt ihr Halt. Das Knochengerüſte bildet zwei Höhlen, deren eine die Organe des blos vegetativen Lebens im Rumpfe umſchließt, die andere dagegen das Centrum des höher organiſirten Nervenſyſtemes theils als Rückenmark in einer wagrecht geſtreckten Säule, theils zur länglich runden Schädelhöhle ausgewölbt, als Gehirn. Dieſes, nun zum Centrum ſelbſtändigen Seelenlebens erhoben, verſteht namentlich die Sinne mit ihren Nerven, welche nun erſt als deutlich ausgebildete und ebendarum nebſt den Organen der Ergreifung und erſten Verarbeitung der Speiſe vereinfachte Organe am Kopfe hervortreten. Nur die Wirbelthiere haben einen eigentlichen Kopf und ein Angeſicht.
1. Lavater ſpricht in der Phyſiognomik von Pferde-Phyſiognomieen und betrachtet zwar nur gewiſſe Race-Typen; gewiß aber wird es Niemand einfallen, von der Phyſiognomie einer einzelnen Schnecke, eines Käfers, Schmetterlings, einer Biene reden zu wollen: der Maler ſetzt ſie auf Kraut und Blumen und dieſe ſind dann das eigentliche Object ſeiner Darſtellung, oder er wirft eßbare Kruſtenthiere todt in eine Küche, auf einen Fiſchmarkt und dann iſt die Beſtimmung zum Eſſen das Beab - ſichtigte, der Dichter läßt ſie in ihren Elementen ſpielen; niemals aber wird man verſuchen können, Individuen für ſich als intereſſant darzuſtellen und die Kunſt kann dieß nicht, weil es der Stoff nicht zuläßt.
2. Daß nun die Wirbelthiere dem Gebiete der Perſönlichkeit näher rücken, davon iſt der erſte Grund im Knochengerüſte zu ſuchen. Das hierüber Geſagte bedarf keiner weiteren Erklärung und ebenſowenig das Folgende. Es iſt zwar hier und weiterhin immer auch auf den innern Bau hingewieſen, doch immer nur in dem Zuſammenhang, wie er ſich im Aeußern ausſpricht; ebendeßwegen darf man aber auch nicht meinen, es könne hier irgend in der Abſicht liegen, eine Anatomie des Thiers zu geben. — Was den Kopf betrifft, ſo iſt klar, wie er nicht nur als Hirn - kopf nun zur reiferen Kugelform hinſtrebt, ſondern auch als Sinnen-Organ erſt den Ausdruck des hellen Umſichſchauens, des beſtimmteren theoretiſchen und praktiſchen Objectivirens annimmt. Die Sinnen-Organe ſind durch ihre höhere Ausbildung weſentlich vereinfacht, die Fühlhörner, Taſter, Faſern, Borſten u. ſ. w., all dieß zackige Büſchelweſen verſchwindet; nur die Bart - haare der Katzen, Mäuſe u. ſ. w., die Bartfäden der Fiſche erinnern noch daran. Ebenſo fallen die Fangarme, die Scheeren, Kieferzangen weg und an ihre Stelle tritt das Gebiß mit Ober - und Unterkiefer und eigentlichen Zähnen. Schnabel und Rüßel erinnern allerdings an jene niedrigeren Formen.
Im Rumpfe iſt mit dem Syſteme der Ernährung durch Verdauung und der Zeugung, welches dem Unterleib angehört, das in der Bruſt eingeſchloßene Syſtem der Athmung vereinigt. Hier ſchlägt das vollkommenere Herz, deſſen rothes Blut, ein Strom höherer und affectvollerer Belebung, weſentlich auch das Muskel - fleiſch ernährt, das faſt alle Ecken des Knochengerüſtes mit rundlichen Schwellungen umhüllt, ſo die geſchwungene und gewundene Schönheit des höheren Thierleibs bedingt und zugleich die höhere Kraft vermittelt. Die Haut iſt weder nackt noch hornig, ſondern eine wohl abſchließende weiche und ſchmiegſame, das mineralähnlich Harte an die Extreme verweiſende Bedeckung. Die Bewegungs - Organe ſind auf zwei Paare zurückgeführt und durch ihre Stellung, ſo wie durch die übrigen genannten Momente tritt nun überhaupt die Bildung auf, welche in §. 285 ff. dargeſtellt iſt, und mit ihr das reichere, auch in vielſeitigerer Beweglichkeit der Glieder ſich kund gebende Seelenleben (§. 288. 289). Dieſe Geſtalt erreicht eine Größe, die bei keinem wirbelloſen Thiere vorkommt und auch dadurch iſt dem Schönen nun erſt die nöthige Greiflichkeit gegeben.
Der §. hält ſich ſo allgemein als möglich, kann es aber ſo wenig, als die früheren, vermeiden, theilweiſe ſchon Beſtimmungen auszuſprechen, welche keineswegs von allen Thieren dieſer Sphäre gelten; es wird aber mit Nächſtem darauf eingegangen werden, daß der abſolute Thiertypus nicht mit Einem Sprunge da iſt. Doch hinderte die nöthige Allgemeinheit, die Blutwärme bei doppelter Herzkammer als weſentlichen Quell und Ausdruck des erhöhten Lebens ausdrücklich aufzunehmen, ſonſt wären die Amphibien und Fiſche mit einfachem Herzen und kaltem Blut ausgeſchloßen worden. Was die Muskel betrifft, ſo mußte noch einmal und beſtimmter ausgeſprochen werden, was ſchon §. 285 geſagt iſt, daß es die Ecken durch rundliche Linien vermittelt. Nur wo die Füße vom Leib abſtehen, zeigt die Geſtalt eigentliche Ecken; auch der Ferſenknochen ſpringt, ausgenommen die Sohlenläufer, allerdings ziemlich ſpitz in der Mitte des Beins hinaus, wie bei dem Menſchen der Ellenbogen, wenn er ihn biegt. Die Haut erſcheint freilich bei Amphibien theils nackt, theils mineral-artig hornig; auf dieſe Zwiſchenthiere brauchte aber wenigſtens in dieſem Punct keine Rückſicht genom - men zu werden. Die beſtimmteren thieriſchen Bedeckungen, die nun hier als Vorzug gegen das Nackte erſcheinen, müßen an ihrem Orte erwähnt werden; ſoviel aber kann man ſich hier ſogleich vergegenwärtigen, daß, während Niemand Luſt hat, die Schnecke, den Polypen anzurühren, die Hand gerne das glatte Fell des Säugthiers ſtreichelt. Der Elephant und wenige andere Thiere höherer Ordnung machen, nicht zu ihrem äſthetiſchen Vor - theil, eine Ausnahme. Die Haut des Menſchen iſt nun zwar auch nackt,127 da tritt aber dafür eine ganz andere, neue Schönheit auf. Hörner, Zähne, Schnäbel, Klauen, Hufe ſind der Reſt des Mineral-ähnlichen, der auf der Oberfläche erſcheint, aber an die Extremitäten gedrängt iſt. Dieſer ganze Organismus, deſſen Geſtalt theils früher ſchon im Allgemeinen dar - geſtellt, theils im Folgenden weiter darzuſtellen iſt, unterſcheidet ſich nun auch durch den Unterſchied der Größe von den niederen Thieren. In dieſen iſt je kleiner das Individuum, deſto größer die Menge der Gattungen und die Fruchtbarkeit, wenigſtens bei den Inſecten. Nur die Fiſche und Vögel ſind ſo unendlich an Zahl wie jene; die Säugthiere ſind an Zahl die kleinſte Stufe. Dafür iſt das Individuum größer; denn es iſt ungleich mehr eine Welt für ſich und ſo bietet es nun auch dem äſthetiſchen Anblick den nöthigen Umfang. Doch iſt trotz der Vielheit dieß auch bei einem Theile der Fiſche und Vögel der Fall. Neben dem Umfang, der das rechte Maaß hat, tritt aber auch der Gegenſatz der Kleinheit und der maſſen - haften Größe ſo hervor, daß wo jene ſtattfindet, wieder nur allgemeine Belebung des Elements die äſthetiſche Bedeutung abgibt, wo dieſe, das formlos Erhabene eintritt, wenn es nicht durch das Thun des Thiers in anderer Richtung aufgehoben wird.
Dieſen Typus bildet die Natur nicht mit Einem Male aus, ſondern ſie verſucht ſich erſt in Formen, worin die Stufen der wirbelloſen Thiere in höherer Weiſe ſich wiederholen, und dieſer neue Stufengang iſt weſentlich durch das Element bedingt, in welches ſie das Thier wirft. Sie beginnt wieder mit der Belebung des Waſſers. In dieſen Schooß des Lebens, in dieſe ſchwerere Subſtanz ſetzt ſie den Fiſch, dem Pflanzenthier entſprechend; in die leichte Luft den Vogel, das höhere Abbild des Inſects. Ueber dieſen Gegenſatz aber ſtellt ſie eine neue Welt von Thieren, welche, den Fuß am feſten Lande und dieſen Stützpunkt mit ſelbſtthätigerer Bewegung überwindend, durch klare und entſchiedene Gegenüberſtellung gegen das tragende Element in höherem Sinne ſich ſelbſt gehören, als alle andern Thiere, und nur momentan ſich in die Luft erheben, nur freiwillig in’s Waſſer übertreten: die Landthiere, die ihr ſelbſtändigere Bedeutung namentlich auch dadurch kund geben, daß ſie Säugethiere ſind.
Dieß wäre alſo zunächſt eine Eintheilung der Hauptklaſſen nach dem Elemente, ſo jedoch, daß die Landthiere eine relative Befreiung von dem - ſelben genießen. Die Waſſerthiere und Luftthiere nämlich ſind von ihrem Elemente getragen wie kein Säugthier des Landes von dem ſeinigen. So anſtrengungslos wie der Fiſch ſchwimmt und der Vogel fliegt, geht kein Säugthier; jene ſchweben in ihrem Elemente als gehörten ſie zu ihm128 und wie wir die Inſecten individualiſirte Luft nennen, ſo erſcheint bei zwar ungleich höherer Selbſtändigkeit des Lebens das Reich der Fiſche und Vögel nur wie eine allgemeine Belebung des Waſſers und der Luft. Dieß gilt allerdings ungleich mehr von jenen als von dieſen. Iſt doch das Element, außer welchem die Fiſche gar nicht leben können, zwar durchſichtig, doch eine ſchwerere Maſſe, ſo daß man ſie nur ſterbend oder todt deutlich zu Geſichte bekommt und ſich die äſthetiſche Anſchauung beinahe mit dem unbeſtimmten Bilde des von ſeltſamen Geſtalten durchwimmelten Elements begnügen muß. Der Vogel dagegen tritt in dem feinen Medium der Luft deutlich vor uns; die größeren und bedeutenderen Arten, die Raubvögel namentlich, ſind auch von ſo charaktervoller Geſtalt, daß Ein Thier allein für ſich ſchon ein nicht zu verachtender äſthetiſcher Stoff iſt. Doch ſind der kleinen Arten mehr und das Element wiegt ſie alle. Das Landthier dagegen gehört nicht ſo dem Boden, an den es gewieſen iſt. Es liegt, ſteht, geht auf ihm; liegt es, ſo iſt er nur ſeine Stütze, zum Stehen und noch mehr zum Gehen braucht es ſchon Muskelthätigkeit bis zur Anſtrengung und ver - hältnißmäßig früher Ermüdung. In der Luft athmet es, aber wird nicht von ihr getragen. Dieſe Thiere ſind alſo ungleich gelöster vom elemen - tariſchen Leben, ſind geſpannt als feſte Einheiten gegen die feſte Grundlage der Erde, müßen ſich durch thätigere Ueberwindung des Raums in der Bewegung, alſo durch ſtärkeren Kampf als ſelbſtändige Monaden behaupten. Sie können zum Theil auch ſchwimmen, aber nicht im Waſſer, ſondern auf dem Waſſer. Das Gebären lebendiger Jungen iſt eines der weſentlichſten Momente, worin ſich ihr freieres Daſein ausſpricht; nicht das verbreitete Element, auch nicht die thieriſche Wärme überhaupt, ſondern der innere Organismus reift den Keim im Mutterleibe und übergibt ihn ſchon als ſelbſtändiges Leben der elementariſchen Außenwelt. Die niederen Thiere verhalten ſich überhaupt zu den Elementen noch wie ein Fötus zum Mutterleib. Dennoch ſtellen wir das Moment der Fortpflanzung nicht als grundweſentliches, nicht als Eintheilungsprinzip auf. Die Cetaceen ſind Säugthiere, aber ihr ganzer Habitus iſt der des Fiſchs; er iſt es, weil das Waſſer ſchlechtweg ihr einziges Element iſt und umgekehrt. Die Zoologie trennt ſie als Säugethiere von den Fiſchen; äſthetiſch wäre dieß jedenfalls unthunlich, aber auch die Naturwiſſenſchaft geräth durch dieſe Trennung in einen Widerſpruch zwiſchen der Motivirung der Einreihung durch ein vereinzeltes Moment und zwiſchen jenem Geſammt-Habitus und würde ſie vielleicht zweckmäßiger bei den Fiſchen behalten als einen Verſuch der Natur, in dieſem urſprünglichſten Wirbelthier auch ſchon die höchſte Klaſſe vorzubilden.
Daß ſich nun in den unteren Klaſſen der Wirbelthiere die Stufen der wirbelloſen wiederholen, hat in neuerer Zeit namentlich Oken aus -129 geſprochen. „ Die Aehnlichkeit der Fiſche mit den Polypen oder Quallen, überhaupt mit der Geſtalt und Conſiſtenz des Darmkanals, iſt nicht zu verkennen in ihrer ſchleimigen Haut, in ihrem meiſt ovalen Leibe, an welchem Kopf, Rumpf und Schwanz gleichförmig ineinander verfloßen ſind und in welchem der Bauch auffallend vorherrſcht; ebenſowenig in ihren Floßen und in den vielen Bartfaſern, die oft um den Mund ſtehen. “ (Allg. Naturg. B. 4, S. 581). Hier iſt nur die Hauptſache nicht aus - geſprochen, daß nämlich beide ſchlechtweg Waſſerthiere ſind. Von den Amphibien ſogleich. „ Die Aehnlichkeit der Vögel mit den Inſecten iſt ſchon ſeit den älteſten Zeiten aufgefallen und bedarf kaum bemerkt zu werden. “
Zwiſchen dieſe Hauptgegenſätze ſind Uebergänge geſtellt. Die Natur thut einen Schritt, das Waſſerthier an das Land zu ſetzen, und erzeugt das Weichthier und Wurmähnliche Amphibium; ſie gibt ihn wie einen unglücklichen wieder auf und ſchickt den Vogel in die Luft, um hierauf erſt im Säugthiere des Landes jene Abſicht wahrhaft zu verwirklichen. Dieſes weist aber ſelbſt wieder Geſtalten auf, welche theils dem Fiſch und Amphibium, theils dem Vogel ähnlich ſind. Alle dieſe Uebergänge offenbaren auf höchſt merkwürdige Weiſe die innere Einheit der ganzen Thierwelt, für den Standpunkt des Schönen aber ſind ſie, weil ſie Momente niedrigerer Stufen mit dem Typus der eigenen zu einem Widerſpruche verwickeln, durchgängig häßlich.
„ Zwiſchen den Amphibien und den Schnecken beſteht eine gleiche Aehnlichkeit ſowohl in den mannigfaltigen Geſtalten des Leibes als in den harten ſchaalen - und ſchildartigen Bedeckungen, in ihrer kriechenden Bewegung und in ihrem ganzen Betragen “(Oken a. a. O.). Faßt man mit den Schnecken (Mollusken) die Würmer zuſammen, ſo fällt die Aehn - lichkeit noch mehr an den Schlangen auf. Die Säugthiere des Landes ſtehen nach dem vorh. §. allein und ſich ſelbſt gleich; dadurch ſind Analogieen mit wirbelloſen Thieren ausgeſchloſſen, aber nicht ebenſo mit niedrigeren Klaſſen der Wirbelthiere, wie ſolche ebenfalls Oken aufſucht. Wir werden die weſentlichſten dieſer zurückgreifenden Analogieen nur nennen dürfen, um ihre Häßlichkeit vor die Erinnerung zu führen.
Auf der niedrigſten Stufe der Wirbelthiere, in dem Fiſche, beginnt die Natur ihre Bildung wieder mit der einfachſten Form, indem ſie den geſpaltenen Leib des Inſects zu der einſchnittloſen Einheit eines Ovals zuſammenzieht, inViſcher’s Aeſthetik. 2. Band. 9130welchem nicht nur Kopf, Bruſt und Rumpf ununterbrochen ineinanderfließen, ſondern ſelbſt die Glieder, als Floßen nur zum Rudern, nicht zum Greifen oder Anderem beſtimmt, ohne ſelbſtändigere Abhebung an das Ganze gelegt ſind. Der Kopf, horizontal vorgeſtreckt, ſpricht durch das ſchnappende Maul Gefräßigkeit als Haupteigenſchaft aus, im klotzenden Auge wohnt Dummheit, der Mangel an Concentration der Empfindung überhaupt verräth ſich in der Stummheit. Durch dieſe Eigenſchaften wäre der Fiſch wildfremd und unſchön, wenn nicht ſein auſtrengungsloſes Schweben im behaglich tragenden Elemente Wohligkeit ausdrückte, ſeine Bewegungen, ſeine raſchen Windungen ſchöne Linien dar - ſtellten, ſeine Schuppen durch Glanz und Farbe prangten.
Zu dieſer allgemeinen Charakteriſtik des Fiſches iſt wenig zu fügen. Das Auge wäre durch ſeinen Silber - und Goldglanz ſchön, aber es hat keine Lider und „ muß daher wider Willen ſehen “(Oken); dieß gibt dem Fiſch ſeinen klotzenden Ausdruck und iſt ein Hauptgrund, warum kein höheres Thier bei ſo großer Unähnlichkeit mit dem Menſchen ihm ſo verzerrt ähnlich vorkommt: es erinnert nämlich durchaus im erſten Anblick an einen Menſchen, der in ſtumpfer, ſtierer Verwunderung die Augen aufreißt. Dieß Auge iſt es namentlich, das die Dummheit des Fiſches ausſpricht. Es fehlt ihm nicht an einiger Liſt, allein ſeine Seele iſt doch ſo ungetheilt und gedrückt, wie ſein Leib. Alle jungen Thiere ſpielen, kein Fiſch; nur hin und wieder meint man an den raſchen Schüſſen der Forelle und anderer kleiner Fiſche etwas Scherz und Muthwillen zu bemerken. Die weiteren Urſachen der Unſchönheit ſpricht der §. aus. Unter die Momente, welche mit dieſer verſöhnen, könnte unter gewiſſen Bedingungen auch die Geſtalt abgeſehen von der Bewegung aufgenommen werden. Sobald man ſie an die der anderen höheren Thiere oder gar die menſch - liche hält, ſo hat man ein Gefühl, als ſollte man ſich mit abgehauenen Armen und Füßen bewegen; ſobald man ſie aber mit dem Inſect ver - gleicht, ſo erſcheint ſie wohlthuend ſatt, ganz, voll, zeigt hübſch geſchwungene Linien und verläuft ſich nach hinten in die angenehm gezeichnete Gabel der Schwanzfloßen. Der §. konnte ſich dabei nur nicht aufhalten, weil er zu dem wichtigeren fortzueilen hatte, wo er dann an eine bekannte Stelle in Göthes Fiſcher erinnert, dann die ſchönen Wellenformen der Bewegung, endlich die Farbe hervorhebt. Die Schuppen, dachziegelartig ineinander geſchoben, ſind an ſich eine zwar noch mineral - oder vegetabilienartige, doch ſolide, wohl - gefügte allgemeine Bekleidung. Sie haben Perlmutterglanz, was an die Verwandtſchaft mit den Schaalthieren erinnert (Göthe Farbenl. §. 644). Neben Grau und Weiß kommen alle Farben in Streifen, Flecken, Tupfen in voller Pracht, feurigem Metallglanz, den feinſten Tönen und Schattirungen vor und werden durch die Reflexe des durchſichtigen Elements noch erhöht.
Die unentwickeltſte Bildung zeigt der Wurm - Scheiben - Kugelförmige1 Knorpelſiſch, deſſen Häßlichkeit bald komiſch, bald höchſt furchtbar wird. Von2 der klumpigten Form geht dieſer Thiertypus wieder zu Formen von großen - theils Schlangen - und Spindelförmiger Länge über in den Fiſchen, die den regel - mäßigen oder Grätenfiſchen näher ſtehen. Wenn dieſe im Allgemeinen das3 ſchönere Oval einhalten, durch Schuppen und ſeitlich geſtellte Augen klarere Geſtalt zeigen, ſo treten doch auch hier wieder die Extreme einer der Scheiben - form genäherten Dicke und wa〈…〉〈…〉 zenartiger Länge hervor.
1. Einige Eintheilung durfte nicht umgangen werden, ſonſt käme z. B. jenes ſeltſame Larvenreich, das Schillers Taucher mit Grauſen ſchildert, nicht zur Sprache. Es ſind hauptſächlich die Knorpelfiſche, welche wie Zerrbilder der verſchiedenſten thieriſchen und menſchlichen Figuren und Profile dieſe Welt der Häßlichkeit darſtellen. Zu den wurmförmigen gehört der langgeſtreckte, entſetzliche Hai, der in einigen Gattungen durch eine naſenförmige Emporragung ein ſtulpnaſiges Menſchenprofil phantaſtiſch nachzuahmen ſcheint, in einer andern die furchtbare Säge vorſtreckt, in einer dritten durch die Hammerform des Kopfes aller organiſchen Geſtalt zu ſpotten ſcheint. Als breite Scheibe dehnt ſich der ſcheußliche Roche aus, bald ſchleimig und glatt als Zitter-Rochen, der elektriſche Schläge aus - theilt, bald mit Nägeln beſetzt, mit einem Stachel bewaffnet, mit Hörnern verſehen, wie der ungeheure Rieſen - oder Hornroche. Die Scheibe wird zum dicken, Keulen - und Kugelförmigen Klumpen in den Weitmäulern oder Dickköpfen (nach Okens Eintheilung), wie dem Froſchfiſch, Kröten - fiſch, Sternſeher. Dieß ſind die eigentlichen Klotzer und erſcheinen mit der vorgeſchobenen Unterkinnlade, den auf den Scheitel geſtellten Augen wie die ſcheußlichſte Menſchen-Caricatur. Die ſeltſame Bildung iſt wieder mit Schienen, Tafeln, Stacheln beſetzt im Hornfiſch, Klumpfiſch, Igelfiſch u. ſ. w.
2. Die Fiſche, welche Oken unter dem Namen Stummelfloßer als zweite, der regelmäßigen Form nähere Ordnung der unregelmäßig geſtalteten Fiſche aufführt, meiſt nackt, theilweiſe gepanzert: hieher gehören nun vorzüglich die Aale, durch ihre Form unheimlich wie die Schlange, der Zitter-Aal auch durch ſeine elektriſchen Schläge. Um ihres ſchleimigen, nackten oder nur mit dünnen Schuppen bedeckten Leibs willen ſtellt Oken mit ihnen die bald walzenförmigen, bald kegel - und tafelförmigen Quappen (Schleimfiſche, Schildfiſche, Schollen mit der ſeltſamen Stellung beider Augen auf Einer Seite, und and. ) zuſammen, und läßt dann die meiſt keulenförmigen Grundeln, theils ebenfalls nackt, theils gepanzert, lang -9*132ſtrahlich befloßt, beſtachelt, folgen, zu denen er die immer noch höchſt ſeltſamen Geſtalten der zum Theil flugfähigen Knurrhähne, des Gabel - fiſchs, Meerweihs, Drachenkopfs, Wannenfiſchs u. ſ. w. ſtellt.
3. Die regelmäßigen Fiſche, nach dem inneren Bau durchgängig Grätenfiſche, mit trockenen Schuppen bedeckt, die Augen ſeitlich geſtellt, halten zwar im Allgemeinen die Ovalform ein, gehen aber doch wieder in die Extreme der ſcheibenförmigen Verkürzung und der walzenförmigen Streckung auseinander. Man darf nur den breiten Karpfen und den langhinſchießenden, räuberiſchen Hecht aneinanderhalten, um den großen Unterſchied des Bildes ſich zu vergegenwärtigen. Jene breite Form erſcheint aber bis zur komiſchen Scheibe mit plumpem Philiſtergeſicht ausgedehnt im Spiegelfiſch, Sonnenfiſch u. dgl., die lange und ſpitze drohend im Schwertfiſch, im Knochenhecht und in dem noch ſpitzer und furchtbarer geſchnabelten Horn-hecht (esox belone).
Wie um zu zeigen, daß das Waſſer das Ur-Element aller Formen der organiſchen Welt iſt, belebt die Natur dieſes Reich noch mit einem Thiere, das bei völliger Fiſchgeſtalt und in den meiſten ſeiner Gattungen formlos ungeheurer Größe dennoch warmblütig iſt, aus beweglichen Augen mit Lidern blickt, ſeine Jungen ſäugt und zärtlich liebt: dem Geſchlecht der Wale, in welchem ſich beſonders der Delphin auszeichnet.
Es iſt ſchon geſagt, daß wir die Cetaceen um ihres allgemeinen Habitus willen bei den Fiſchen laſſen müſſen. Niemand würde dieſen nackten, auf den erſten Anblick nur furchtbaren Ungeheuern, dem keulen - förmigen Walfiſche, dem ſpießbewaffneten Narwal die humanen Eigen - ſchaften zutrauen, welche die genauere Kenntniß ihrer bedeutenden Organi - ſation zu erklären weiß; ein Widerſpruch für die Anſchauung, der ſich bei weiterer Beobachtung ihres Thuns in eine wohlthätige Komik auflöst. Dieſer Widerſpruch verſchwindet aber in dem liebenswürdigen Delphin, dem ſogar bereits einige Stimme gegeben iſt. Sein ſchlanker Bau endet noch vornen in den Kopf, deſſen kugelförmig gewölbte Stirn und ſchnabel - artig hervorgeſchwungenen Mund die alten Bildhauer nur wenig zu ſtyliſiren brauchten, um ihn zu ſchöner Form zu erhöhen. Er iſt nicht nur das ſchnellſte Thier und folgt dem beflügelten Dampfſchiffe, ſchwimmt unter ihm durch, ſpringt in die Höhe, ſondern ſeine Bewegung iſt auch der ſchönſte und kräftigſte Bogenſchuß, den man ſehen kann. Er macht den Hanswurſt um die Schiffe, zeigt eitel ſeine Künſte vor den Zuſchauern; die Griechen erzählen noch heute der Delphin komme heraus, wenn man133 ihm pfeife, und Liebe zur Muſik wird ihm ſelbſt von Naturforſchern noch nachgerühmt. Auch die Arionſage lebt noch; man glaubt, daß er Schiff - brüchige rette, nur ſolche nicht, die Delphinfleiſch gegeſſen. Anhänglichkeit an den Menſchen, die er außer der bekannten Anhänglichkeit und Sympathie im Unglück für ſeines Gleichen zeigt, iſt die höchſte thieriſche Eigenſchaft; es iſt der beruhigendſte, erheiterndſte Eindruck, nach einem Sturme bei noch empörtem Meere dieſe edlen Thiere um das Schiff ſcherzen zu ſehen, im wilden Elemente ſelbſt das wunderbar befreundete Thier zu erblicken. — Die Natur geht aber noch ganz andere Wege, um den Werth der inneren Organiſation und des Thuns mit der äußeren Form in Einklang zu bringen.
Unter den Amphibien tritt auf der unterſten Stufe die unheimliche1 Schlange auf. Ausgebildeter erſcheinen durch kurze Bewegungsorgane der2 widerliche Molch, die theils zierliche, theils furchtbar häßliche Eidechſe. In3 dem verkürzten, ſchwanzloſen Leibe der Kröte und noch mehr des weniger miß - farbigen Froſches, deſſen längere Hinterfüße zugleich zum Sprunge dienen, deſſen Stimme ein beſeelteres Weſen verräth, wird die Häßlichkeit des Amphibiums komiſch.
1. Alle Völker haben in der Schlange etwas Unheimliches geſehen, jedes Gefühl ſträubt ſich vor ihr und der Gedanke an eine trügeriſche dunkle Macht liegt durchaus nahe. Zunächſt muß der Grund davon in dem Widerſpruch liegen, der zwiſchen der unläugbaren Schönheit der Bewegungen, Farben und zwiſchen der zerſtörenden Kraft der Muskel, Zähne, insbeſondere der Giftzähne beſteht. Allein dieß iſt nicht Alles; man würde die Schlangen vielleicht ſelbſt dann für giftig halten, wenn man es auch nicht aus Erfahrung wüßte. Die Linien der Bewegung ſind zwar ſchön, aber nur in ganz abſtractem Sinne; als Bewegungsweiſe eines verhältnißmäßig ſchon bedeutend organiſirten Landthiers iſt dieſes ſich Schieben durch Spiralbewegungen der Muskel an ſich ſchon äußerſt unheimlich: ein Mißverhältniß, ein Gehen ohne Gang, ein Nahen ohne Füße, geiſterhaft. Erſt durch die Geräuſchloſigkeit und ſcheinbare Mittel - loſigkeit der Annäherung wird der gefährliche Anfall doppelt fürchterlich. Die Farbenpracht erhöht den Eindruck der Falſchheit. Neben dem Biß iſt das Zuſammenſchnüren des Opfers qualvoll beängſtigend; man denke an den Laokoon.
2. Ein langer, geſchwänzter Körper wird auf kurzen Füßen wie ein Block fortgeſchoben; zu dieſer häßlichen Form und Bewegung kommt bei dem Molche die Trägheit, die nackte, klebrige, mißfarbige Haut. Dagegen mag die raſche Lazerte manchem individuellen Gefühle zwar ebenfalls134 widerlich ſein; aber dieß verhält ſich wohl wie mit den Mäuſen, welche doch ſehr niedliche Thiere ſind. Ihr Körper iſt zwar aus dem im §. genannten Grunde allerdings eine Mißgeſtalt, aber die Haut iſt trocken, theilweiſe geſchuppt, ſchön grün, das Umherlauſchen des Köpfchens niedlich, die Bewegung ſchlank, neckiſch gewandt. Im Krokodil dagegen fällt die - ſelbe Geſtalt in ihrer Häßlichkeit ſchon deßwegen mehr auf, weil ſie groß iſt, dann, weil die Schönheit der Bewegung durch die ſchwerfällige, zu Wendungen unfähige Härte aufgehoben iſt, ferner durch den furchtbaren und mißfarbigen Panzer und endlich durch den ſchrecklich bewaffneten, überwiegend großen Rachen. Ein Krokodil kann nur durch ſeine Furcht - barkeit, in welche ſich ſeine Häßlichkeit aufhebt, ein äſthetiſcher Stoff ſein.
3. Die Kröten ſind freilich faſt zu häßlich, um komiſch zu werden. Ihre warzige Haut iſt mißfarbig; in der Schildkröte iſt die Verwandtſchaft der meiſt bepanzerten Amphibien mit den Schalthieren am beſtimmteſten ausgeſprochen. Scheußlich iſt die Pipa oder Wabenkröte durch den Anblick ihrer Haut, worin ſich aus den Eiern die Jungen entwickeln und ihre Glieder herausſtrecken. Die Hinterbeine ſind nicht zum komiſchen Sprunge verlängert, wie bei dem Froſche; ſie können am Lande nur ungeſchickt ſchleichen und fortkrabbeln. Sie haben zwar Stimme, ſelbſt die Schildkröte läßt bei der Begattung einen Ton hören, aber kräftiger und luſtiger quackt der Froſch. Nur das ſchöne Auge hat die Kröte mit dieſem gemein. Daß nun aber insbeſondere der ſchön grüne Laubfroſch ein komiſch charakter - volles Thierchen ſei, iſt nicht zu läugnen. Das Häßliche, was durchaus allen Amphibien eigen und auch hier keineswegs überwunden iſt, ſondern in der nackten Haut, in der platſchigen Geſtalt mit ihren Bewegungs - organen, welche gerade deßwegen zum Gehen ungeſchickt ſind, weil ſie auch zum Schwimmen dienen, ſich aufdrängt, wird durch die auffallende Aehnlichkeit des Geſichts mit manchen Menſchengeſichtern, durch die Energie der Stimme, die ſich in ihrer gequetſchten Häßlichkeit ſo wohl zu gefallen ſcheint, und durch den luſtigen Sprung vollkommener, als irgendwo in dieſer Klaſſe von Thieren, in das Komiſche aufgehoben.
Der wahre Fortſchritt vom Fiſch zum höheren Wirbelthier iſt das Luſt - thier, der Vogel. Der Rumpf behält, jedoch mit vorgewölbter Bruſt, die ovale Form, der Kopf aber trennt ſich von ihm durch einen langen und ſehr beweglichen Hals, an welchem er jedoch fiſchartig mit ſeitlich geſtellten Augen und dem zum Schnabel verlängerten Maule ſich vorwärts ſtreckt. Die Floßen ſind zu zwei Flügeln und zwei Füßen geworden; jene legen ſich, wenn ſie nicht zum Fluge gebraucht werden, floßenartig an den Leib, dieſe ſtehen tragend ab135 und ſchließen in greifende Zehen. Die Schuppen haben ſich zu Federn auf - gefaſert und glänzen in herrlichen Farben. Der Gang iſt unvollkommen, frei und ſchön der Flug. Das kalte Blut iſt heiß geworden und die träge und zähe Natur der Fiſche und Amphibien hat einer zwar inſectenartig noch in Bautrieb thätigen und koſmiſch ſehr abhängigen, aber auch äußerſt lebhaften, leidenſchaftlichen, die Jungen zärtlich liebenden, des Anſchluſſes an den Menſchen fähigen und ſelbſt vielfach menſchenähnlichen, zu Charaktertypen und einiger Individualität ausgeprägten Thierſeele Platz gemacht, die ſich geſchwätzig und melodiſch in der klangreichen Stimme verräth.
Der Vogel hat noch ſo Manches vom Fiſche, daß man ihn einen Fiſch der Luft nennen könnte. Unter dieſe Aehnlichkeit gehört neben der anſtrengungsloſen Bewegung im Elemente, dieſem Getragenſein, der ovalen Form des vorherrſchenden Rumpfes bei kleinem Kopfe, namentlich das ſeitlich geſtellte Auge. Es geht aber daraus bei der beweglichen Natur dieſes Thiers gerade ein beſonders naiver, dummlich anmuthiger Zug hervor: das Hindrehen des Kopfes, das neugierige Hinlauſchen nach der Seite. Nur bei der Eule iſt dieß anders, die namentlich durch die vorwärtsſtehenden Augen ſo menſchenähnlich iſt. Das Maul hat ſich in den hornenen Schnabel verlängert und die horizontale Streckung nach Fraß erſcheint allerdings noch als Hauptcharakter; auf Picken geht die ganze Geſtalt hinaus. Was die Füße betrifft, ſo kommt es ſehr darauf an, wie ſie geſtellt ſind: ob der Leib mehr aufrecht auf ihnen ruht, wie bei den Raubvögeln, oder mehr vorhängt, wie bei den Schwimmvögeln; doch mag ein Vogel ſtolz ſchreiten oder watſcheln, ſein Gang iſt immer ungeſchickt, der Leib wird dabei immer wie ein unbequemer, zu großer Frack herüber und hinübergeſchwenkt: zwei Füße ſind ihm zu wenig. Beſonders komiſch iſt das Hüpfen, z. B. bei Elſtern. Doch iſt es gerade der Fuß, der weſentlich den Fortſchritt des Vogels über den Fiſch, ſeinen ganzen höheren Bau bedingt. Der Vogel iſt zwar hauptſächlich auf den Flug organiſirt und dadurch Element-Thier, aber er kann doch auch gehen, ſtehen, ſitzen und trägt daher den feſten Gegenſatz gegen die Erde, der überall die Bedingung freierer Exiſtenz iſt (vergl. §. 297), in ſich. Schöner iſt aber allerdings nur ſeine eigentliche Bewegungsweiſe, der Flug, in ſehr verſchiedenen Abſtufungen und Arten freilich, bald ein Flattern wie bei den meiſten kleinen Vögeln, bald ein gleichförmiges Rudern wie bei Raben, Reihern, bald ein geradlinigter energiſcher Kern - Schuß voll Lebensluſt wie bei den Schwalben, bald eine Reihe abwech - ſelnder Bogenſchüſſe wie bei den Spechten, am herrlichſten aber das ruhig ausgeſpannte Schweben, das majeſtätiſche Kreiſen des Adlers in hohen Lüften, dieſe bewegungslos ſtolze Bewegung, als hätte der Luftgeiſt ſelbſt136 ſich verkörpert und wiegte ſich in ſeinem freien Elemente. Eigenthümlich iſt, daß die Vögel jederzeit dämoniſch erſchienen, wie die Schlangen, zukunftver - kündend oder überhaupt geiſterhaft. Dieß ſcheint tief begründet; jedenfalls wirkt der Flug theils als geheimnißvolle Bewegung überhaupt, wie beſon - ders der ſehr geräuſchloſe nächtliche der Eulen, theils als überraſchendes Auffliegen, Herfliegen u. ſ. w. zu dieſer Auffaſſung mit, dann der Aus - druck der Stimme in Verbindung mit ihm. Die ſtets unruhige Seele des heißblütigen Vogels ſpricht ſich aber in allen ſeinen übrigen Bewegungen aus; er iſt immer unruhig, das iſt ein ewiges Nicken, Schwanz auf - und nieder-Strecken, Herumlauſchen, Bücken, Aufrichten, Federn Auf - pruſten und glatt Niederlegen, Plaudern, Zanken und Lieben. In dieſer Leidenſchaftlichkeit beſonders zeigt ſich die Verwandtſchaft mit den Inſecten, den niederen Luftthieren; nur daß ſie bei dem Vogel natürlich eine tiefere Reſonanz hat und ſogar mit einer Selbſtgefälligkeit, Koketterie verbunden erſcheint, deren das Inſect natürlich nicht fähig iſt. Auch durch den techniſchen Trieb iſt der Vogel dem Inſect analog, durch den Bau des Neſtes, eine Fertigkeit, die aber, wie ſchon geſagt, nicht zu hoch anzu - ſchlagen iſt, denn nur das dem Elemente ſtrenger verſchriebene Thier baut Häuſer; dahin gehört auch die ſtarke koſmiſche Abhängigkeit, Vorgefühl der Tageszeit, des Wetters, der Jahreszeit, Zug und Strich; die Geſelligkeit äußert ſich namentlich in den gemeinſchaftlichen Zügen nach Nahrung und andern Himmelsſtrichen und dabei ſind die politiſchen Triebe merkwürdig. Der Vogel iſt wie das Inſect mehr in Schaaren als einzeln ein äſthetiſcher Gegenſtand. — Neben der Liebe zu den Jungen, welche ſchon ungleich höher ſteht, muß noch die bei den meiſten Vogelgattungen herrſchende zeitweilige Ehe als höherer Zug erwähnt werden. Die Anhänglichkeit an den Menſchen als höchſter Zug hat freilich enge Grenzen, aber es iſt von weſentlicher Bedeutung, daß in dieſer Thierwelt die erſten Hausthiere vorkommen. Was die Charaktere betrifft, ſo darf nur an die Thierſage und Fabel erinnert werden, um zu zeigen, wie gut der Stoff iſt; Rabe, Hahn, Pfau, Storch, Sperling und ſo manche andere Vögel ſind ent - ſchiedene Charakter-Maſken. Vom Gattungstypus iſt aber die Individualität zu unterſcheiden, die hier noch ausgeprägter, als bei vielen Säugethieren, hervortritt; ein Vogel derſelben Gattung iſt in Temperament und Anlage vom andern höchſt verſchieden. Gerade nun, weil die Vögel im höchſten Grade Temperamentsthiere ſind, ſo iſt von ihnen wenig Intelligenz zu erwarten: wie ſie nur bis auf einen Grad Hausthiere werden, ſo lernen ſie auch nur mechaniſch Einiges ein; Liſt fehlt nicht, aber Verſtehen freier menſchlicher Winke, vermittelterer außer ihrer Sphäre liegender Dinge faſt ganz; die Vögel ſind dumm. Von der Stimme des Vogels war bereits in §. 290 die Rede.
Die erſte große Gruppe der Vögel umfaßt diejenigen, welche weſentlich1 zum Fluge gebaut ſind und in welchen daher das eigentlich Vogelartige ſich darſtellt. In ihr tritt der Gegenſatz des zahmen und des Raubthiers in ſeiner2 ganzen Beſtimmtheit auf. Sie begreift zunächſt die große Maſſe der kleineren Vögel, durch Geſang oder Farbe ausgezeichnet, die meiſten zierlich von Geſtalt, höchſt rührig und lebhaft von Bewegung. Dagegen ſind die Raubvögel eintönig3 an Stimme, ſchmuckloſer an Farbe, mächtig und aufrecht von Geſtalt, hell von Augen, drohend durch Waffen, majeſtätiſch im Flug, charaktervoll im Ausdruck, ernſt, ſtill und grauſam von Temperament.
1. Die Eintheilung der Vögel, die hier in Kürze verſucht wird, führt auf einen intereſſanten Punkt, der vielleicht auf die ſchwierige Frage über die Durchführung einer Stufenfolge in der Natur einiges Licht ver - breiten könnte. Wir werden nämlich auf die eigentlichen Luftvögel die Schwimm - und Sumpf-Vögel, dann die Landvögel, d. h. die faſt allein zum Gehen beſtimmten folgen laſſen. Betrachtet man nun den Vogel an ſich, ſo iſt ſein Typus natürlich in den weſentlich zum Fluge beſtimmten oder Luftvögeln am reinſten ausgebildet, daher dieſe am höchſten ſtehen müßten, wie ſie denn gewiß die ſchönſten Vögel ſind. Allein es bilden ſich in den weniger ſchönen, meiſt unbehülflichen Waſſer - und Land-Vögeln Eigenſchaften aus, wodurch dieſelben dem Säugethiere näher treten, theils pſychiſche, theils organiſche; ſo daß, wenn man den Zuſammenhang des Thierreichs im Großen in’s Auge faßt, dieſe höher ſtehen, obwohl ſie an Geſtalt weniger edel ſind. Je mehr der Vogel aus der Luft herabkommt und ſich an das Feſte hält, deſto bedeutender iſt ſeine Organiſation. Daraus erhellt, daß die Natur, indem ſie ein Stufenſyſtem baut, keines - wegs nach allen Seiten die höhere Stufe über die niedrigere ſtellt. Während ſie auf einer Seite fortſchreitet, läßt ſie auf der andern wieder fallen und erſt in weiteren Knotenpunkten vereinigt ſie das im Fortſchritt Gewonnene wieder mit dem früher Verlorenen. Der Strauß iſt ein ungeſchickter Vogel, weil er ſich in Vielem vom Vogel entfernt und doch noch kein Säugthier iſt; iſt aber einmal das Säugthier da, ſo tritt wieder die Ganzheit und Zuſammengehörigkeit der Geſtalt ein, welche in ſeiner Art der Luftvogel hat. Die Natur geht alſo zwar an den Hauptpunkten ihres Syſtems aufwärts, zwiſchen dem Aufwärts aber beziehungsweiſe auch wieder abwärts. Dieſer Satz ſagt noch etwas Anderes aus, als der oft angeführte in §. 18, 1. Der letztere ſpricht von niedrigeren Stufen des höheren Gebiets, nun aber iſt von Zwiſchenſtufen die Rede, welche nach den ſchon erſtiegenen höheren eines Gebiets wieder138 abwärts zu führen ſcheinen. Allein das Verhältniß bleibt natürlich daſſelbe, die Aeſthetik kann auch hier ſo gut als die Naturwiſſenſchaft ihre Gründe haben, das ſcheinbar wieder Niedrige dennoch höher zu ſetzen. So könnte es zunächſt ſcheinen, als müßten wir vom äſthetiſchen Standpunkte die Luft - vögel als die ſchönſten zu oberſt, alſo zuletzt ſtellen; allein die Eigenſchaften, wodurch die Waſſer und Landvögel bei beziehungsweiſem Verluſte an Schön - heit dennoch höher ſtehen, ſind ebenfalls äſthetiſche, wie? wird ſich zeigen.
2. Die ganze erſte Gruppe ſtellt auch Oken niedriger, hauptſächlich weil ſie nackt und blind aus dem Ei kommen und lange Zeit geätzt werden müſſen, daher er ſie Neſthocker nennt. So anziehend es nun wäre, hier die kleinere Vogelwelt näher zu betrachten, ſo muß doch der Kürze wegen bei ihren allgemeinſten Eigenſchaften verweilt, ja es kann im Grunde nur ihre allgemeine Bedeutung als Zierde der Luft in’s Auge gefaßt werden. Was den Geſang betrifft, ſo hätten wir uns nun auf ſeine verſchiedenen Arten einzulaſſen, müſſen aber aus demſelben Grunde auf die niedlichen Unterſuchungen in Bechſteins Schrift über die Stubenvögel verweiſen. Die Farbenpracht iſt am höchſten bei den Vögeln der heißen Zone, entſprechend der Pflanzenwelt derſelben (vergl. §. 278); die Federn ſind überhaupt pflanzenartig. Keine Schönheit der Farbe und des Glanzes iſt bei den Vögeln geſpart; jede Farbe erſcheint ſowohl in ihrer einfachen Kraft, in jeder ihrer Abſtufungen und Uebergänge, als auch jede in den verſchie - denſten Uebergängen zu den andern, in jeder Art der Zeichnung: Punkten, Augen, Ringen, Flecken, Bändern, Streifen u. ſ. w., der Glanz als Perlmutterglanz, Seidenglanz, Metallglanz, Schillerglanz u. ſ. w. Die zierliche Geſtalt iſt in beſtändiger Bewegung und die Naivetät derſelben wird bei manchen durch ein Häubchen, einen Schopf, einen ſtets compli - mentirenden Schweif erhöht. Am meiſten tritt der unruhige, leidenſchaft - liche Vogelcharakter, der ſich überhaupt in dieſer Klaſſe am beſtimmteſten ausſpricht, bei dem kleinſten Vogel, dem Kolibri, hervor. Beſtimmtere Charaktere prägen ſich aber erſt bei den etwas größeren Gattungen aus, bald in unheimlicher, bald in heimlicher, in beiden Fällen auch wieder in komiſcher Weiſe: unter den Klettervögeln der ewig hämmernde, fleißige Holzhauer Specht, im Krähengeſchlechte neben dem Hanswurſt von Staar die geſchwätzige, diebiſche Elſter, der ebenfalls diebiſche, durch ſeine Schwärze und als Aasfreſſer als unheimlich vorgeſtellte Rabe, unter den dickſchnäb - lichen Pflanzenfreſſern der Sperling, dieſer Bauer und Freibeuter unter den Vögeln, die ſchönſingenden Finken und Lerchen, die Taube, die in Anſchlußfähigkeit an den Menſchen ſchon den Hühnern ſich nähert und als der fromme Vogel berühmt iſt, unter den Kolbenſchnäblern der Papagei, dieſer koketteſte, affenartigſte unter allen Vögeln, mit ſeiner fleiſchigen, zur ſinnloſen Nachahmung der Sprache, ſelbſt zur Ausſprache des R geſchickten139 Zunge und großen, doch immer eigenſinnigen Anſchlußfähigkeit an den Menſchen. Den Raubvögeln am nächſten ſteht die Schwalbe, die doch durch ihr zutrauliches Niſten an unſern Häuſern, das rührende nächtelange Plaudern im Neſte, das Jauchzen im ſchießenden Fluge und als Frühlings - bote uns ein ganz anderes, liebliches Bild gewährt.
3. Die Raubvögel ſind, wenn man den Vogel als ſolchen im Auge behält (vergl. Anm. 1), nach Geſtalt und Flug gewiß die ſchönſten Vögel, in der näheren Beſtimmtheit des Erhabenen, Furchtbaren. Dieſe gegen - ſätzliche Form tritt in den Wirbelthieren mehr und mehr durch einen aus - geſprochenen Contraſt des Raubthiers und des zahmen Thiers hervor; es gibt Raubfiſche, Raub-Amphibien (die großen Schlangen, die auf blutigen Kampf mit ſtarken Thieren angewieſen ſind, die Krokodile), aber in der Klaſſe der Vögel zuerſt tritt das Raubthier in beſonders gebildeter Form, eigenen Gattungen auf. Das Eigenthümliche beſteht in der Größe, dem ganzen ſtahlharten Ausdrucke des ſchlanken Leibs auf den ſtarken, mit Hoſen (Waff) beſetzten Füßen und Krallen, dem kühn vorſtrebenden in die drohende Krümme des packenden, hauenden Schnabels endigenden Kopfe. Das Auge des Raubvogels hat nicht nur den Ausdruck ungemein ſcharfen Geſichts, ſondern zeichnet ſich auch durch die meiſt hellgraue, durchſichtige Farbe, durch dieſe reine, kalte Friſche aus. Die Farbenpracht verſchmäht er, ſein ſchattirtes Grau und Braun erſcheint aber gerade als organiſch höhere Farbe; davon mehr bei den vierfüßigen Thieren. Vom Flug war ſchon die Rede; der Charakter bedarf keiner Auseinanderſetzung. Ein beſonders charaktervoller Vogel iſt die Eule mit dem runden Kopfe, den großen, herrlichen, golden durchſichtigen Augen; ein Stoff, den kein Künſtler verachten darf. Sie iſt durch dieſe Kopfform und die ſchon erwähnte Stellung der Augen nach vornen ſehr menſchenähnlich, hat einen Ausdruck mürriſcher Gravität, macht aber beſtändig ſeltſame Gebärden, nickt, bückt ſich, ſcheint tanzen zu wollen und ſo geht das Unheimliche, das ſie als Nachtraubvogel und durch ihren klagenden Ruf für das Gefühl des Volkes hat, ſtark in das Komiſche über.
Eine zweite Gruppe beſteht aus Vögeln, welche weniger zum Flug, als1 zum Schwimmen gebildet ſind. Vom dicken Leibe trennt ſich der kleine Kopf bei manchen Gattungen durch einen ſehr langen Hals, der jedoch eine ſchöne Linie bildet. Im Waſſer ein erfreulicher Anblick werden dieſe Vögel durch den watſchelnden Gang komiſch. Ihre ſeeliſchen Anlagen ſind bedeutender, als es ſcheint, und die meiſten ſchließen ſich vertraulich dem Menſchen an. Zu der2 dritten Gruppe, den Landvögeln, bilden die großentheils hochbeinigen, lang -140 halſigen und langgeſchnäbelten, zum Fluge geſchickten, gewöhnlich aber am3 Waſſer gravitätiſch ſchreitenden Sumpfvögel den Uebergang. Dieſe ſelbſt theilen ſich in Hühner und Laufvögel: die erſteren ganz in’s Hausthier über - grhend, zum Theil herrlich von Farben, der Hahn von beſonders ausgeprägtem Charakter; die letzteren nur des Ganges und ſehr ſchnellen Laufes fähig, ſehr groß, langhalſig, komiſch durch großes Mißverhältniß des Kopfes zum Leibe, ſehr ſtark von Füßen und namentlich dadurch den Säugthieren verwandt, dumm, gutmüthig, zähmbar.
1. Die zweite und dritte Gruppe ſteht ſchon dadurch höher, daß alle dieſe Vögel „ Neſtflüchter “ſind, d. h. daß ihre Jungen ſehend und gefiedert aus dem Ei kriechen und nicht geäzt werden. Je mehr auf das Waſſer, ſchwimmend oder darüber hinfliegend, je weniger noch zum Sitzen, Gehen organiſirt, deſto mehr wildfremd iſt die zweite Gruppe: ſo die Meervögel, die unſteten, vielgeſchäftigen, wimmernden Möven. Der im §. bezeichnete Charakter tritt eigentlich erſt in den Schwimmvögeln des ſüßen Waſſers, namentlich den Enten, Gänſen, Schwänen auf. Die Gans gilt ſprichwörtlich für dumm, wogegen die alten Römer und Ger - manen ſie für einen ahnenden, prophetiſchen Vogel hielten; ſie hat viel Komiſches, namentlich durch ihr ewiges Geſchwätz, wodurch ſie ſich ſo ſehr von ihrem ſtillen, ſtolzen Bruder, dem Schwan, unterſcheidet. Alle dieſe Vögel gewöhnen ſich zutraulich an menſchliches Hausweſen. Dumm ſcheinen ſie namentlich wegen ihres watſchelnden Ganges, da die Füße weit hinten ſitzen; aber wie zierlich iſt die buntſchillernde Ente im kühlen Teich, der ſchneeweiße Schwan mit dem Wellenhals, den herrlich auf - getriebenen Schwingen, wenn er majeſtätiſch hinrudert! Seltſame und komiſche Geſtalten ſind der Pelikan mit dem weiten Kehlſack, von dem die Sage das bekannte Wunder der Mutterliebe erzählt, die fiſchartigen, auf den kurzen Füßen aufrecht ſtehenden, die unnützen Stummel der Flügel ohne Schwungfedern am Leib herabhängenden Pinguine und Fettgänſe.
2. Die kurzhalſigen und kurzfüßigen Sumpfvögel (Water), Schnepfen u. dergl. ſind uns hier zu unbedeutend, von ſehr ausgeſprochenem Cha - rakter dagegen die ſogenannten Stelzfüßler, Ibis, Reiher, Kranich, Storch, Marabu. Sie fliegen hoch mit zurückgeſtreckten Füßen, der Reiher legt dabei den Hals in einer ſehr ſchönen Biegung zurück auf den Rücken; beſonders aber charakteriſiren ſie ſich durch ihr gravitätiſches Stehen und Schreiten am Rande der Waſſer, wobei mit jedem Schritte der Kopf vorwärts nickt. Pietät genießt der Storch wie die Schwalbe, der zutraulich auf menſchlichen Wohnungen niſtet. Faſt giraffenartig erſcheint durch Höhe und Länge des Halſes der purpurrothe Flamingo, dem übrigens141 ſein kurzer und dicker Schnabel, ſeine Schwimmfüße den Ort zwiſchen Schwimmvogel und Sumpfvogel anweiſen.
3. Die dem Menſchen eigentlich heimlichen Vögel ſind die Hühner, die Hofhühner nämlich, woneben allerdings das Waſſerhuhn, das auf die vorher - gehende Gruppe zurückweist und die nicht zähmbaren Feldhühner, das zierlich trippelnde Rebhuhn, das ſchöne Waldhuhn (Auerhahn, Birkhahn) nicht zu überſehen ſind. Die äußere Geſtalt erfreut bei einigen Gattungen durch große Farbenpracht (Faſan, Pfau); übrigens kann man dieſe kurz - füßigen, dickleibigen, klein - und nacktköpfigen, kurzſchnäbligen Vögel nicht eben ſchön nennen. Der Hahn zeichnet ſich durch Kamm, Klunker, Trottel, Federbuſch, Sporn, durch die reichen Schwanzfedern aus, mit denen Truthahn und Pfauhahn auch ein Rad ſchlagen können, und während die ewige Gefräßigkeit der Henne überhaupt widerwärtig und nur ihre Mutterliebe rührend iſt, ſo gewährt nun der ganze, an menſchliches Haus - weſen angeſchloſſene Harem dieſer polygamiſchen Vögel mit dem ſtolzirenden, krähenden Sultan in der Mitte ein heiteres Bild.
Schon bei den Hühnern iſt die Flugkraft ſehr gering, die eigentlichen Landvögel aber ſind die des Flugs unfähigen Rennvögel (zu denen den noch näheren Uebergang die Trappen bilden): Caſuar und Strauß. Die derben, fleiſchigen Füße, an denen die Hinterzehe verſchwunden iſt, dienen als Waffe zum Ausſchlagen und als Bewegungsorgane zu äußerſt raſchem Rennen, wobei die kurzen Flügel nur als Ruder dienen. Im innern Bau wird zugleich mit dieſer Beſchränkung Vieles ſäugthierartig und insbeſondere erinnern ſie wie auch die Hühner vielfach an die maſſigen, reproductiven Wiederkäuer. Auch die Federn werden ſchlaff und haarartig, ſchön ſind nur die Schwanzfedern. Die Mißgeſtalt liegt beſonders in der Kleinheit des Kopfes, der bei dem Caſuar ein Horn trägt. Im Zorn können ſie furchtbar werden, ſonſt ſind ſie dumm, ſanft, zähmbar, ſelt - ſame Thiere, die durch ihre Situation am Ende einer Thierklaſſe, der ſie kaum mehr angehören, wie verſchüchtert ſcheinen.
Im Landthiere werden die Flügel des Vogels zu Vorderfüßen und legt ſich nun, nicht ohne theilweiſen Verluſt an Schönheit und zunächſt ſich aufdringende mechaniſchere Anordnung, aber ebenſoſehr zum größten Vortheile allgemeiner Beweglichkeit und reicherer Modellirung, der Rumpf auf zwei Paare von Bewegungs-Organen. Der Hauptfortſchritt liegt in der vollſtändigen Ent - wicklung der Sinne. Die Federn ſind Haare geworden und dieſe nicht mit brennenden Elementarfarben, ſondern vielmehr mit „ gemiſchten, durch organiſche Kochung bezwungenen “Farben geſchmückt. Der Geſang verſchwindet, die142 Stimme drückt nur in einzelneu Lauten das innere Leben der Thierſeele aus, welche nun die höchſten Stufen der ihr möglichen Vollkommenheit erreicht.
Es darf nicht überſehen werden, daß im Bau des Säugethiers, der ſchon in §. 205 als der eigentliche Thiertypus aufgeſtellt iſt, Vieles ver - loren geht, was der Vogel an Schönheit beſitzt. Der ächte Vogel ſteht aufrecht, die Bruſt tritt hervor. Bei dem Säugethiere ſinkt der Leib horizontal auf die Vorderfüße herab, die Bruſt wird zwiſchen die Schulter - blätter eingedrückt, der Kopf ſtrebt horizontal ab oder bildet in edlerer und höherer Form mit dem Halſe einen Winkel, wo er freier vor ſich und um ſich ſieht; immer aber iſt der Ausdruck, daß das Thier zur Erde ſehe, gerade den höchſten Thieren, den Säugethieren, weil ſie dem Menſchen am nächſten ſtehen und der Gegenſatz daher um ſo ſtärker auffällt, ent - nommen. Der ganze Bau ſoll erſt wieder aufgerichtet werden. Allerdings aber entſtehen mit dieſem theilweiſen Verluſte neue Schönheiten. Der Körper iſt beweglicher und kann eine Menge von Stellungen annehmen, die dem Vogel unmöglich ſind: auf die Hinterfüße ſitzen, wo denn die Bruſt mehr hervortritt, auf den Bauch liegen, wo die Hinterbacken ſchön heraustreten, die Vorderfüße dabei ausſtrecken oder einziehen, auf die Seite liegen u. ſ. w. Das reichere Skelett, die vielfachen Muskeln und Sehnen bilden die verſchiedenſten Hebungen und Senkungen, plaſtiſche Entwicklungen, wo der Vogel nur abwechslungslos runde Oberflächen zeigt. Auch die Rückenwirbel ſind beweglich, der kürzere Hals aber ungleich weniger, als bei dem Vogel. Die geäſtete Feder iſt zu dem fadenartigen, der Haut mehr angehörigen Haare geworden; „ die Elementarfarben fangen an uns ganz zu verlaſſen, Weiß und Schwarz, Gelb, Gelbroth und Braun wechſeln auf mannigfaltige Weiſe, doch erſcheinen ſie niemals auf eine ſolche Art, daß ſie uns an die Elementarfarben erinnerten. Sie ſind alle vielmehr gemiſchte, durch organiſche Kochung bezwungene Farben. Wenn bei Affen gewiſſe nackte Theile bunt, mit Elementarfarben erſcheinen, ſo zeigt dieß die weite Entfernung eines ſolchen Geſchöpfs von der Voll - kommenheit an: denn man kann ſagen, je edler ein Geſchöpf iſt, deſto mehr iſt alles Stoffartige in ihm verarbeitet, je weſentlicher ſeine Ober - fläche mit dem Innern zuſammenhängt, deſto weniger können auf derſelben Elementarfarben erſcheinen. Denn da, wo Alles ein vollkommenes Ganzes ausmachen ſo, kann ſich nicht hier und da etwas Spezifiſches abſondern “(Göthe Farbenl. §. 662. 664. 666.). Ueber dieſe weichere Oberfläche iſt eine höhere Empfindung verbreitet, die ſich in den Pfoten und im Munde, vorzüglich wo er zum Rüßel verlängert iſt, als Taſtſinn concentrirt. Der Hauptfortſchritt aber liegt im Kopfe. Er iſt überhaupt größer als bei den Vögeln. Das Gehör erſcheint zuerſt jetzt als äußeres Ohr, das theils143 Schallfang, theils Organ des Ausdrucks der Affecte iſt. Das Auge iſt vollſtändiger entwickelt, der Geruch zur ſelbſtändigen Naſe ausgebildet, höherer Geſchmack wohnt in der breiteren, fleiſchigen Zunge und eigentliche Zähne ergreifen, verarbeiten die Speiſe und drohen als Waffe. Das freie Spiel der Stimme als Geſang verſchwindet; es iſt nur dem ſorgen - loſen Luftthiere gegönnt, der Luft ſeine Luſt im geſetzlos modulirten Schalle zurückzugeben, das Landthier ſpielt, wie es überhaupt körperlicher iſt und beſtimmteres Seelenleben hat, mehr mit Bewegungen. Wie nun in dieſen Sinnenthieren die Seele reicher und höher iſt, ſo iſt natürlich hier auch am meiſten Individualität. Man denke nur an Hunde und Pferde, wie verſchieden die einzelnen Thiere derſelben Race ſind.
Die erſte große Gruppe umfaßt die mausartigen Thiere. Hier ſcheiden1 ſich zunächſt einige Gattungen ab, welche durch Bildung und Thun entſchieden2 an niedrigere Klaſſen erinnern und daher häßlich ſind, indem mit dem Bau des Säugethiers Beſtimmungen des Fiſch-Amphibien-Vogel-Typus wider - ſprechender Weiſe vereinigt erſcheinen. Die ganze Gruppe aber beſteht aus3 meiſt ſehr kleinen Pfotenthieren, welche durch die ſpitzig verlängerte Schnautze, durch Hurtigkeit, Zierlichkeit der Geſtalt und Bewegung, Vielheit der Gattungen und Individuen der Gruppe der kleineren Vögel analog iſt und, wie dieſe ganz Luftthiere ſind, ſo durch Wühlen und Bauen unter der Erde ihrem Elemente im engeren Sinne verſchrieben erſcheint als alle übrigen Landthiere.
1. Wir faſſen in dieſer Gruppe zuſammen, was Cüvier in der Ordnung der Nager und zahnloſen Thiere begriffen hat, aber wir greifen zugleich höher hinauf und ziehen viele Thiere herein, die dieſer in die dritte Ordnung ſetzt. Er legt die Zähne und Klauen als Eintheilungs - merkmal in ihrer Strenge zu Grunde; allein ſo berechtigt dieſes Verfahren iſt, da „ das Aeußerſte eines Organiſchen deſſen Inneres anzeigt “(Voigt Zoologie §. 201), ſo darf es doch wohl nicht dahinführen, um einiger Abweichungen willen zu trennen, was durch ſeinen Habitus und namentlich durch ſeine Größe zuſammengehört, und einige Thiere von offenbar maus - artigem Charakter deßwegen, weil ſie vollſtändigeres Gebiß haben, in eine höhere Ordnung, oder z. B. den Igel, die Spitzmaus, den Maul - wurf, weil ſie Sohlenläufer ſind, zu dem Bären zu ſtellen, wie Voigt. Wir folgen vielmehr Oken, der ſich darauf beruft, daß die Eckzähne und Backenzähne der Beutelthiere, Maulwürfe, Spitzmäuſe, Fledermäuſe verkümmert und gleichförmig ſind, und ſtellen in dieſer großen Gruppe Alles zuſammen, was er in ſeiner erſten Stufe von Säugethieren mit der144 Bezeichnung: untere Haarthiere oder Mäuſe, kleine Thiere mit Zahnlücken und handartigen Vorderfüßen oder Pfoten, zuſammenfaßt.
2. Die Aeſthetik fordert, daß zuerſt die Thiere von widerſprechender Bildung ausgeſchieden werden. Oken zählt nicht nur die Fledermäuſe und übrigen Flatterfüßer, ſondern auch das Schnabelthier, die Ameiſen - bären (worunter Gürtelthier, Schuppenthier), das Faulthier und die Beutelthiere unter die Mäuſe. Die zuletzt genannten Thiere gehören jedenfalls als zahnarme (edentata) der unterſten Ordnung an. An Trägheit ſind die meiſten von ihnen amphibienartig. Die Zuſammenſetzung von Fiſch, Vogel, Säugethier im Schnabelthier, die Ameiſenfreſſer mit der langen, wurmförmigen Zunge, dann die amphibienartig gepanzerten unter ihnen: Gürtel - und Schuppenthier, das Faulthier, deſſen Bewegung ſchlechter iſt als gar keine, Igel und Stachelſchwein, deren Stacheln an Federkiele erinnern, die Beutelthiere auf hohen Hinterfüßen wie Stelzvögel gehend und die unreifen Jungen im Sack wie in einem natürlichen Neſte fortſchleppend, die Fledermäuſe, Flatterkatzen, fliegenden Eichhörner, welche ſo abſtoßend die Bewegung des Vogels und des vierfüßigen Thiers ver - einigen: alle dieſe Geſchöpfe wird gewiß Jedermann häßlich finden, und ein Künſtler niemals anders als um eines Kontraſts willen anbringen können.
3. Die zahlreiche Welt dieſer huſchenden, wühlenden, nagenden, kletternden Thiere erinnert durchaus an die kleinen Vögel und ſofort an die Inſecten, und wie dieſe nur in Maſſen als Belebung des Elements Geltung haben, ſo gehören jene in einem unfreieren Sinne ihrem Elemente an, als die übrigen Landthiere; ſie ſind die Troglodyten der Thierwelt. Sie ſind an bauenden Kunſttrieb gewieſen, wie jene. Berühmt als Zimmermann und Baumeiſter iſt namentlich der Biber. Einige bauen ſogar, in directer Aehnlichkeit mit dem Vogel, Neſter auf Bäume. An ſich größtentheils zu klein, um als einzelne äſthetiſche Geltung zu haben, ſind ſie im Großen, freilich wieder in weſentlichem Unterſchied vom beluſtigenden Vogel, aber deſto mehr wieder in Analogie mit den Inſecten, Ungeziefer; ihre Geſtalt und ihre durch die längeren Hinterfüße bedingte hüpfende Bewegung iſt jedoch größtentheils niedlich, namentlich gerade die der gewöhnlichen Maus. Alle dieſe Thiere haben das Eigene eines ununter - brochenen Spielens oder Schnupperns der beweglichen Naſe. Sehr zierlich iſt unter den etwas größeren Formen das Eichhorn, beſonders wenn es aufrecht ſitzend frißt; drollig der Haſe mit den zum eiligen Lauf ſtark verlängerten Springfüßen, den langen, bald aufgerichteten, bald zurück - gelegten Löffeln, den Tanzbeluſtigungen zur Rammelzeit, der berühmten Furchtſamkeit. Wir haben hier bereits in der unterſten Gruppe viel - benützte Thiercharaktere.
Als zweite Stufe legt ſich in die Mitte dieſer Thierwelt eine Gruppe1 von Thieren, welche durch die Verfeſtigung der Pfote zum Hufe, durch meiſtens gewaltige Größe und Genährigkeit, durch eigenthümliche mineral - und pflanzen - artige Auswüchſe, den Charakter der Compactheit und Maſſenhaftigkeit tragen. In der erſten Ordnung, dem Geſchlechte der mehrhuſigen, unförmlichen, klein -2 augigen, ſchweinartigen Thiere, tritt neben dem unbändigen, unorganiſchen Maſſen gleichenden Flußpferd und Nashorn der nackte, mit Rüßel und Hau - zahn bewaffnete, aber trotz ſeiner plumpen Größe zähmbare, ſanfte und kluge Elephant und das kleinere, niedrige, wühlende, borſtige, gedrungene, mit unbieg - ſamem Halſe durchfahrende Schwein auf.
1. Unter den Hufthieren finden ſich die eigentlichen Urgebirge der Thierwelt. Es könnte beſſer ſcheinen, die Säugethiere mit ihnen zu eröffnen, wo ſich denn zeigen ließe, wie ſie auf die Wale zurückweiſen. Allein die höhlenbewohnende Inſectenwelt der Nagethiere muß als die weſentlich elementariſche gewiß zuerſt ſtehen. Durch ihre Zähne und die fühlloſen Schuhe, welche die Zehen zum Taſten und Greifen unfähig machen, ſind die Hufthiere auf Pflanzenkoſt gewieſen und nähren ſich von ihr reichlich, um den maſſenhaften Leib zu mäſten. Die Auswüchſe, Hörner, Hauer, Höcker erinnern an Mineral und Pflanze.
2. Nilpferd und Nashorn ſind ſchrundig nackt mit wenig Borſten wie der Elephant und erinnern dadurch allerdings beſonders an die Wal - thiere; die Haut des Nashorns iſt widrig lappig und faltig. Seltſam hebt ſich unter dieſen bergähnlichen Thteren der Elephant hervor. Daß ſeine Geſtalt trotz der Plumpheit einzelne ſchön entwickelte Theile hat, daß der Kopf mit der Muſchel des Ohrs und den zwar kleinen, doch ſinnigen Augen ſehr ausdrucksvoll iſt, konnte in der Kürze des §. nicht geſagt werden. Seine Sanftmuth, ſo lang er nicht gereizt wird, ſeine Dienſt - willigkeit, Klugheit, die das wunderbare Organ des Rüßels zu den ver - ſchiedenſten Zwecken gebraucht, iſt bekannt. Das eigentliche Schwein hat etwas Fiſchähnliches durch die ſeitlich platte Form des Leibs und den ſpitzen Rückgrat. Von äſthetiſchem Werthe iſt beſonders das Wildſchwein; man kennt den herrlichen antiken Eber zu Florenz. Bei dem zahmen meint man ſogleich nur an Unreinlichkeit denken zu müſſen; es hat aber weit mehr freundliche, dem Menſchen zugewandte Eigenſchaften, weit mehr Individualität, als man gewöhnlich weiß. Kein Thier ſcheint ſo gemein an die Erde gedrückt, ſo ſtörrig, und doch hat das Schwein ſehr tiefe Empfindungsfähigkeit, die es beſonders durch ſein erbärmliches Jammern ausdrückt, wenn es unbequem behandelt oder zum Tode geführt wird.
Die zweite Ordnung umfaßt die faſt durchaus gehörnten, auf geſpaltene Hufe geſtellten, im Durchſchnitt mit ſehr beſchränktem Inſtincte begabten2 Wiederkäuer. Sie theilt ſich in das Geſchlecht der maſſigen, ſtarken, am Hinterleib häßlich gebauten und die Hinterfüße nachſchleppenden, nach vornen zu Druck und Stoß, an Wamme, Nacken, Bruſt, Schulter mächtig und ſchön entwickelten, breitſtirnigen, großaugigen, horngeſchmückten, dumpfen, doch im Zorn furchtbaren Rinder, deren glatthaariger zähmbarer Theil geduldig, doch3 auch ſtörriſch und ſtößig iſt, und in das durchaus weniger maſſige, ſchlankere, ziegenartige Geſchlecht: die wolligen, gähnenden, ſtets weidenden, dummen, ſtrenggeſelligen Schaafe, die geilen, naſchhaften, bärtigen, zottigen, aufgeweckteren und ſtoßluſtigen eigentlichen Ziegen, nebſt dem größeren, höckerigten, langhalſig vorgeſtreckten, hornlos und widerſtandslos dienenden Kameele mit der gebogenen Geſichtslinie und dem hängenden Maule, die ſchwungvoll und zierlich gebauten, leichtfüßigen, ſchlankhalſigen, ſchönaugigen, furchtſamen, waldliebenden, mit ſtolzem Geweih gezierten Hirſche mit Nehen, Gemſen, woneben die ſeltſame Geſtalt der Giraffe auftritt.
1. Die Wiederkäuer ſind das vorzugsweiſe genährige Thiergeſchlecht, das in ſeiner Weideluſt das maſtige, ſich ſelbſt genießende, gedeihliche Naturleben darſtellt, am meiſten im Geſchlechte der Rinder. Dieſer Charakter iſt bei allen ſchon durch die großen Kinnbacken angezeigt. Außer dem Kameele ſind alle Wiederkäuer gehörnt und die Form der Hörner iſt ſehr entſcheidend für die Phyſiognomie dieſer Thiere.
2. Es war nicht Raum, die wilden Stiere — denn durchgängig begleitet uns der Gegenſatz des Wilden und Zahmen —, den Auerochſen (Urochſen, Wiſant), die amerikaniſche Art deſſelben, den zähmbareren Büffel, ihre dunklere Farbe, zottiges Fell, dumpfen, wilden Blick u. ſ. w. beſonders hervorzuheben, ebenſowenig den Gegenſatz zwiſchen dem ſüdlichen Hausochſen mit den ungleich freieren, losgewickelteren Formen, größeren Hörnern und dem nördlichen: ein Gegenſatz, der auch dem der Pflanzen - welt (§. 279) entſpricht. — Bei den Rindern drängt die ganze Geſtalt nach vornen, nicht in der Maſſe, denn der Bauch iſt ſehr dick und macht die Geſtalt ſchwerfällig, ſondern in der Kraft, daher iſt die hinterſte Parthie mit der eingeſunkenen Schüſſel des Afters, den Hinterfüßen, die ſich im Halbkreiſe drehen müſſen, um nachzukommen, die ſchlechteſte. In einem Fragmente zu Lavaters Phyſiognomik ſagt Göthe ſehr treffend vom Rinde, es diene dem Menſchen „ in geruhiger Würde. “ Die großen klotzenden Augen werden im Zorn, indem ſie ihr blutrothes Weiß hervor - drehen, furchtbar. Wie beſchränkt die Seele dieſer Thiere iſt, geht ſchon147 daraus hervor, daß ſie nicht auszuweichen wiſſen, wenn man hinter ihnen fährt oder reitet.
3. Schaafe: Schönheit des Widderkopfs mit den gewundenen Hörnern; ein tüchtiger Lockhammel ſchreitet ſeiner Heerde recht gravitätiſch voraus. (Homer: Odyſſeus.) Dieſen Thieren gibt beſonders die langgezogene Naſenlinie den langweiligen, gähnenden Ausdruck, der bei dem Kameele noch ſtärker iſt. Auch die Schaafe ſind ſo dumm, daß ſie nicht einmal auszuweichen wiſſen. Die eigentlichen Ziegen haben frei ausgebogene Hörner; ihr Faunen-Charakter und ihre Geſtalt bedarf ebenfalls keiner Erläuterung. Sie machen ſich äußerſt maleriſch an Büſchen, Ruinen gelagert, naſchend. Sehr behaglich läßt es ſich an, wenn ſie ſich mit dem Horne kratzen. Der Bock iſt ein gemachter Komiker. Uebrigens beginnt bei ihnen der nach unten herausgebogene (umgekehrte) Hals, der aber noch dürr und ihr häßlichſter Theil iſt und erſt bei dem Hirſch - geſchlechte voll und ſchön wird. Zu dieſem gehören die Rehe und Gemſen, wozu die zierlichen, gefleckten Antilopen gerechnet werden und neben welche die kurzgehörnte Giraffe ſich ſtellen mag. Weitere Beſchreibung iſt über - flüſſig, nur auf das Auge mag noch beſonders aufmerkſam gemacht werden: dieſe freiheitliebenden, nicht leicht an die Behauſung des Menſchen gewöhn - baren und zum Dienſte verwendbaren, flüchtigen Thiere haben das helle, klare Auge des Wilds, das bei dem Raubvogel erwähnt wurde, auch bei dem Haſen hätte erwähnt werden können und ſchon allein durch ſeine offene Friſche den in Stuben und Qualm verſeſſenen Menſchen erquickt; es hat aber bei ihnen den ſanften Ausdruck, der das Gazellenauge dem vergleichenden Dichter ſo beliebt macht.
Zu Einem Hufe ziehen ſich die beſchuhten Zehen zuſammen in der dritten Ordnung, dem Pferde-Geſchlechte, in welchem die dünneren Formen des Hirſches ausgerundeter und zu ſtählerner Feſtigkeit geſammelt erſcheinen, wodurch die Schlankheit noch ſchwungvoller ſich darſtellt. An dem edlen und freier geſtellten Kopfe ſind die Hörner verſchwunden, Mähne und Schweif erhöhen wallend die herrliche Bewegung des wiehernden, feurigen, nervöſen, muthigen, empfindlich ſtolzen und doch zur Arbeit wie zum Kriege dienſtwilligen, freundlichen, gelehrigen Thieres, dem als ſein wahres Zerrbild der kleinere, ſchwerfällige, eigenſinnige Eſel gegenüberſteht.
In der Verwachſung der beſchuhten Zehen, deren die vorhergehende Gruppe zwei, die erſte fünf, vier oder drei hat, zu Einem Hufe ſpricht ſich aus, daß das Pferd der feſter zuſammengefaßte Hirſch iſt. Die10*148edlere Organiſation dieſes Thiers zeigt ſich nun ſogleich in der Stellung des Kopfs: er ſteht in ſpitzem Winkel zum Halſe, eine Linie, die immer bedeutender iſt, denn ſie bedingt freieres Umſchauen und nähert dem Menſchen (daher auch die Eulen höher ſtehen, als die übrigen Raubvögel). Bei den Mäuſen ſteht der Kopf faſt in gleicher Linie mit dem Halſe; bei den Schweinen, den Elephanten ausgenommen, ebenfalls, bei den Rindern zwar faſt ſenkrecht, aber von oben bildet der kurze Hals mit ihm einen ſtumpfen Winkel, ebenſo bei den Schaafen; bei Ziegen und Hirſchen ſtrebt der Hals auf, aber der Kopf ſteht faſt wagrecht hinaus und ſo entſteht ebenfalls ein ſtumpfer Winkel. Die Pferde edleren Schlags dagegen tragen den Kopf faſt ſenkrecht, indem der Mund gegen den Hals ſich hereingibt. Was den Ausdruck betrifft, ſo ſieht derſelbe nicht ſowohl, was man ſo nennt, geſcheut aus, als vielmehr empfindungsreich, oder wenn das Wort erlaubt iſt, geiſtreich, phantaſiereich. Der Hals iſt voller, als bei dem Hirſche, und geht in die ſchönere Linie des Schwanen - halſes über, die Bruſt iſt breiter, an dem kräftiger ausgerundeten, glatt - haarigen Leibe ſind beſonders die Oberſchenkel von kräftig geſchwungener Form, die gelenkigen Füße ſind ſtärker, doch immer noch zierlich. Die Bewegung iſt ſchwebend, das Thier wiegt ſich tanzend wie in Schwungfedern; ſie iſt mannigfach und verändert das Tempo im Trab, Paß, Galopp, Carriere. Jedes Auge muß ſich am rhythmiſchen Takte des ſtolzen Galopps erfreuen. Beſonders ſchön iſt bei dem Pferde der Satz oder Sprung, wo es zuerſt gemſenartig die Hinterfüße eingezogen unter den Leib ſtellt, dann ſich emporſchnellt und mit zurück an den Leib gezogenen Vorderfüßen, flach ausgeſtreckten Hinterfüßen hinfliegt. Kein vierfüßiges Thier bäumt ſich ſo ſtolz, als das Pferd. Viele erklären das Pferd für das ſchönſte Thier. Die Geſtalt der höheren Thiere verliert allerdings Manches im Schwunge der Formen, ſie werden weicher, unbeſtimmter, weniger feſt ausgefüllt, gediegen und ſtählern; aber es kommt auch bei der Schönheit auf den Ausdruck an und zwar wie er ſich auf alle Organe als viel - ſeitigere Fähigkeit erſtreckt; wir müſſen nicht nur der Plaſtik, ſondern auch der Malerei, nicht nur dieſer, ſondern auch der Dichtkunſt den Stoff vor - bereiten. Das Pferd iſt übrigens auch in ſeinen Racen-Unterſchieden um ſo wichtiger, weil ſie Zeugniß geben, daß es ein Culturthier iſt, das in ſteter Begleitung des Menſchen ſeine Formen nicht nur durch Einfluß des Klima’s, ſondern noch mehr der Zucht, der Pflege, der Dienſtverwendung je nach den verſchiedenen Zwecken, geſchichtlichen, politiſchen Bedingungen (Jagd, Krieg, Frieden, Bewaffnungsart, Taktik u. ſ. w.) vermannigfacht, verändert hat. Manche Formen verſchwinden durch Wechſel des Geſchmacks faſt ganz, wie z. B. die ſpaniſche Race, die noch im vorigen Jahrhundert ſo beliebt war und die wohldreſſirteſten Schulpferde abgab; ſo iſt es auch149 mit Farben: faſt ſieht man z. B. keine Schecken mehr, die im ſiebzehnten Jahrhundert Mode waren und die Helden ſeiner blutigen Kriege trugen. In den Pferderacen tritt zunächſt ein Gegenſatz des Schweren, Groben und des Leichten, Schlanken auf. Jene können wir im Allgemeinen als die nordiſche bezeichnen (flandriſche, frieſiſche, burgundiſche u. ſ. w.). Großer Kopf, ſtarker, kurzer Hals (Annäherung an den Sauhals), fleiſchige Schultern, ſehr ſtarke Bruſt, breite Kruppe, ſtämmige Füße zeigen die Beſtimmung zum Laſtzuge, in beweglicherer Ausbildung zum ſchweren Reiterdienſte. Ein Fuhrmannswagen mit einem Zug ſolcher Hengſte, Dachsfelle über das Kummet, Meſſingkamm am rothen Tuche iſt eine ſtattliche Erſcheinung. Die ſchlanke Race ſtellt ſich am ſchönſten in den arabiſchen und den verwandten Racen dar. Dieſes mittelgroße Pferd mit dem geraden Profil, den feurigen Augen und weit offenen Rüſtern, dem ſchlanken, zwiſchen Hirſchhals und Schwanenhals die Mitte ziehenden Halſe, dem erhabenen Widerriſt, den kräftigen Lenden und Schultern, der breiten Bruſt, den ſtarken Schenkeln und leichten Unterfüßen, der glänzenden Haut iſt das ächte edle Reitpferd. Hier iſt jede Bewegung Leben und Feuer, wozu der Schweif bogenförmig hoch getragen wird. Die Pferde am Parthenon ſind orientaliſch (vergl. Ruhl über die Auf - faſſung der Natur in der Pferdebildung antiker Plaſtik). Die Römer hatten Pferde vom ſchweren Schlage. Zweierlei Zweigformen gehen von der ſchlanken Race ab: das Pferd der aſiatiſchen Steppenvölker und der Slaven, der ausdauernde Hetzer mit dem Hirſchhalſe, dem langgeſtreckten Leib, der geſenkten Kruppe, den ſehnigen Füßen, langer Mähne und Schweif, etwas gebogenem Kopf (halber Ramsnaſe): ganz das Pferd der eigentlichen Reitervölker. Dagegen ſtammen von der arabiſchen Race gewiſſe Pferdeſchläge ab, welche die meiſten ihrer Schönheiten, doch in das Lange und gleichſam Weitläuftige gezogen, theilen: die eigentlichen Zucht-Kunſt-Dreſſur-Pferde. So das engliſche Vollblutpferd mit etwas eingetieftem (dem Hechtkopf genähertem), doch edlem Kopfe, langem, vor - geſtrecktem Schwanenhals, überhaupt ſchlank, ſehnig und langgeſtreckt. Mit dieſen Eigenſchaften verbindet ſich ſtarke Ramsnaſe und ſtärkerer Bau bei den holſteiniſchen Pferden, ähnlich bei den hochauswerfenden (fuch - telnden) ſpaniſchen und normänniſchen Pferden. Alle dieſe Schläge haben etwas Vornehmes, Nobles, aber auch Langweiliges, ſie erinnern an den engliſchen Lord, den hannöveriſchen Junker, den ſpaniſchen Grande. — Es iſt nicht Raum, uns über das Seelenleben dieſes edlen Thiers und ſeine Affekte zu verbreiten. Die bedeutende Stufe, die es einnimmt, zeigt beſonders ſein Gefühl für Feierlichkeit, ſein Stolz, ſein feuriger Muth, den das Buch Hiob ſo gewaltig ſchildert, ſeine Liebe zu dem Herrn, ſeine Trauer um ihn. — Der Eſel iſt nicht ſowohl dumm, als träg und ſtörriſch,150 er verräth die widerwärtige Gemüthsart ſchon im Geſchrei, welches den Ausdruck des widerlichſten, nachdrückenden Eigenſinns hat. Freilich iſt dieſes Thier verkommen, der wilde Eſel iſt eine gewaltigere Erſcheinung.
Der geſchloſſene und ſcharf gezeichnete Typus der Hufthiere löst ſich wieder in eine weichere, feinere und weniger große Geſtalt auf; dieß iſt durch die taſtfähige Pfote ausgeſprochen, in deren fünf mit Klauen gewaffnete Zehen der Huf ſich wieder aufblättert, während das vollkommene Gebiß anzeigt, daß der Maustypus in höherer Ausbildung zurückkehrt. Dieſe dritte Stufe, die1 oberſten Landthiere umfaſſend, beginnt aber wieder von unten und taucht in erſter Ordnung ihr fiſchartiges Gebilde in’s Waſſer: die mißgeſtalteten, aber2 ſinnigen Robben. Auf dieſe letzte und höchſte Analogie des Amphibiums folgt in zweiter Ordnung, eingeleitet durch die noch ſchwimmfüßige Fiſch-Otter, dann das ſchleichende, diebiſche und blutdürftige Geſchlecht der Marder, den höhlenbewohnenden Dachs, der Bär, der plumpe, zottige, melancholiſche, brummende, aber gelehrige und drollige Sohlengänger mit der verlängerten, beweglichen Schnauze, welcher, in’s Große und Furchtbare gezogen, aber ent -3 ſchieden wieder die Mausform darſtellt; in dritter Ordnung aber das merk - würdige Geſchlecht der Katzen und Hunde.
1. Die Robben (Seehunde, Seelöwen, Wallroſſe) knüpfen an die Wale an, gehören aber ſchlechtweg in eine entfernte, höhere Ordnung, denn ſie ſind behaart, mit vollkommenen Zähnen verſehen, treten aus dem Waſſer, ſtellen ſich und gehen aufrecht auf den vorderen Schwimmfüßen oder Finnen, während ſie mit den hinteren, mehr floßenartigen, den walzigen Leib nachſchleppen. Dieſe ſeltſamen Thiere haben durch ihre Menſchen - ähnlichkeit zu vielen Fabeln Veranlaſſung gegeben; ſo niedrig ſie in der höchſten Thierwelt ſtehen, ſo erſetzen ſie doch die offenbare Häßlichkeit der Geſtalt durch ziemlich bedeutende Eigenſchaften der Thierſeele: ſie ſind munter zum Spiele, neugierig, lieben die Jungen ſehr zärtlich und ver - theidigen ſie furchtbar, übrigens ſind ſie ſanft und ſchließen ſich ſogar auf rührende Weiſe an den Menſchen an.
2. Die Fiſchottern und das Marder - oder Wieſelgeſchlecht mit dem Dachſe ſtellt Oken wegen ihres ſchlanken, wurmförmigen Leibs mit ſehr kurzen und liegenden Füßen und meiſt verbundenen Zehen, wodurch das Kriechende des Gangs bedingt iſt, noch mit den Robben zuſammen. Die Fiſchotter mit ihren Schwimmhäuten erinnert an den Biber, alſo an das Mäuſegeſchlecht, ſo alle dieſe Thiere, die den Uebergang zum Bären machen, ſammt dieſem; ſie ſind aber ſämmtlich länger geſtreckt, als die151 ähnlichen Mäuſearten, und blutdürſtige Raubthiere, die mehr Thiere tödten, als ſie freſſen oder ausſaugen können. Am wenigſten Raubthier iſt der Dachs, der wieder Höhlenbewohner iſt wie die Nagethiere. Er iſt, nebſt dem Vielfraß, zugleich Sohlenläufer und dieſe Eigenſchaft, die ſchon bei den Spitzmäuſen, Maulwürfen, Igeln auftritt, wird nun erſt bei dem Bären, dieſem größten mausähnlichen Thiere, wichtig und in die Augen fallend. Bekanntlich gehen alle übrigen Thiere eigentlich auf den Zehen, das höher und frei ſtehende Gelenk, das uns ein hinten ausſtehendes Knie ſcheint, iſt eigentlich Ferſengelenk, das Knie ſteckt oben im vorderen Ende des Hinterbackens. Der Bär tritt nun wie jene kleineren Thiere mit ganzer Sohle bis zum Ferſengelenke auf und dieß giebt den ſchlei - chenden Gang, der menſchenähnlich wäre, wenn nicht ſo weſentliche andere Momente fehlten. Zugleich erleichtert es ihm die aufrechte Stellung, die er vorübergehend annehmen kann und die nun auch die Menſchennähe andeutet. Was ihn aber am meiſten mausähnlich macht, iſt der verlän - gerte, bewegliche Naſenknorpel, wodurch unter ſpitzvorlaufender Schnauze das Maul tiefer zurücktritt; auch den Schweinen, die wir als die erſten unter den Hufthieren zunächſt auf die mausartigen folgen ließen, wird er dadurch ähnlich. Der finſtere Petz, der in die Urwälder des Nordens wie der Auerochs weist, iſt bekanntlich ſo übel nicht, als er ausſieht; ſeine Eigenſchaften, zu denen ſelbſt einiger muſikaliſche Sinn gehört, ſind geläufig und bekannt. Steht er an Geſtalt auf den Anſchein niedriger, als Thiere tieferer Stufe, ſo iſt er dafür auf den erſten Anblick ſeiner Erſcheinung und durch einen Theil ſeines Thuns furchtbar; täuſcht aber zum Theil die Erwartung des Furchtbaren, begnügt ſich das ſchreckliche Raubthier mit Honig und läuft es oft furchtſam vor dem Fürchtenden davon, lernt es tanzen und thut es manche drollige Dinge, ſo wird es komiſch.
3. Von Katzen und Hunden muß nun etwas ausführlicher die Rede ſein, da ſie auch für die Aeſthetik von beſonderer Bedeutung ſind.
Die Geſchlechter der dritten Ordnung ſind wieder hochbeiniger, indem ſie auf den Zehen auftreten, kurzhaariger, aber langgeſchwänzt, von durchgearbeiteterer Geſtalt, behender, ſpringender, vielfacher Bewegung und die höchſtbegabten unter allen Landthieren. Sehr reizbar, durchgängig Fleiſchfreſſer, ſind ſie zwar die eigentlichen Raubthiere, die mörderiſchen Jäger, allein ein Theil ſondert ſich ab, wird zahm und dem Menſchen mehr noch zu gemüthlichem Umgange, als zum Dienſte treu befreundet. Dieſe Theilung tritt noch nicht ein in dem Geſchlechte der unzähmbaren, mit beiden verwandten, zugleich aber ſchweins - ähnlichen Hyänen mit dem niedergedrückten Kreuze, dem giftigen Blicke. 152Das Katzengeſchlecht nun erinnert durch die hängende Haltung des ſeitlich flachen Leibs an ſie und den Bären, iſt jedoch rundköpfig und von fein gezeich - neter Naſe. Den größeren, wilden Katzenarten, dem bemähnten Löwen, dem gefleckten Tiger u. ſ. w. ſteht als ſchmeichleriſcher Genoſſe des Menſchen die Hauskatze gegenüber, ohne jedoch den verſchloſſenen, falſchen, lauernden Charakter, der jenen eigen iſt und worüber ſich nur der ſtolze, aber großmüthige, königliche Löwe theilweiſe erhebt, völlig aufzugeben.
Je geläufiger und dem Menſchen näher die Thierwelt wird, deſto weniger iſt zu erläutern. Die Hyäne iſt ſchweinsartig durch den fiſchähnlich an den Seiten flachgedrückten, auf dem Rückgrate borſtigen Leib. Sie knickt die Hinterfüße ein, iſt daher hinten niedrig und ſcheint kreuzlahm; dieß iſt katzenartig, die Mopsſchnauze aber hundeartig. Der Charakter dieſes ſcheußlichen Thiers, im ſchmutzigen, klebrigen Glanze des giftig blickenden Auges, ſowie im Geheule vorzüglich ausgeſprochen, iſt bekannt. Daß die Katzen ebenfalls einen ſeitlich flachen Leib haben und im Gange das Kreuz und den Kopf hängen laſſen, zeigt der erſte Blick auf die Hauskatze; im Sitzen ſind ſie ſchöner, die Bruſt namentlich tritt gewölbt hervor. Der Löwe freilich unterſcheidet ſich auch im Gange zu ſeinem Vortheil. Der feine Schnitt der Naſe mußte beſonders hervorgehoben werden. Die Katzen nun ſind vorzüglich die eigentlichen Springer, die ſich heranſchleichen, mit dem Schwanze ringelnd lauern und ſich mit einem Satze „ wie ein geſpanntes Holz, das dem Wagner ausgleitet und ſauſend hinausſpringt “(ſagt Theokrit trefflich vom Nemeiſchen Löwen) auf die Beute werfen. Löwe, Tiger, Panther, Leoparde, Jaguar, wilde Katze brauchen keine weitere Darſtellung. Die Hauskatze iſt beſonders durch ihr behagliches ſogenanntes Spinnen, die niedlichen Bewegungen, wenn ſie ſich putzt, ihr ſchmeichelndes Anſchmiegen ein gemüthlicher Hausgenoſſe, läßt aber nicht von der Falſchheit. Mehr von ihr im folgenden §. Den Luchs erwähnen wir nicht beſonders; er macht etwa den Uebergang von der Katze zum Hund, iſt durch ſein ſcharfes Auge ſprichwörtlich und in dieſem Sinne auch äſthetiſch verwendbar.
Der Hund iſt hirſchähnlicher, hat längeren, mehr horizontalen Kopf, runderen Leib, trägt ſich geſammelter, elaſtiſcher, höher, iſt vielfacherer Bewe -1 gungen fähig, läßt die blutige Wildheit dem hyänenartigen Wolfe, die Liſt,2 dieſe geringere Form der Intelligenz, dem ſpitzſchnauzigen Fuchſe und iſt nicht nur das gelehrigſte und geſcheuteſte, ſondern auch das durch Analogie ſittlicher Tugenden ausgezeichnetſte Landthier. Dieſer treue Begleiter, Luſtigmacher,153 Wächter, Jagdgeſelle des Menſchen iſt zutappend, aber gehorſam, ehrlich, uneingedenk der Beleidigung und dankbar für die Wohlthat, Feind des Unfugs und polizeilich, tapfer und mehr ſtolz als eitel, freilich auch ſchmutzig und ſchamlos, aber deſto mehr fügt er zum Rührenden das Komiſche. Seine hohe3 Bedeutung im Thierreiche zeigt dieſes Geſchlecht auch dadurch, daß es in merk - würdigem Spiele nicht nur einige ſeiner vielfältigen Racen in verſchiedenem Größenmaßſtabe, ſondern zugleich verſchiedene andere Thierformen und Thier - Charaktere nachahmend in ſeiner Bildung wiederholt.
1. Der Wolf iſt auf den erſten Anblick hyänenartig, namentlich durch das gedrückte Kreuz. Von Freund Reineke wiſſen wir Alle genug; was Haltung betrifft, ſo iſt er gebückt, hängend, ſchleichend wie die Katze, ſo ſehr er durch ſeine Schnauze übrigens der Spitzmaus ähnelt. Seine Farbe jedoch, ſein dickes Fell, ſein dichtbehaarter Schwanz putzen ihn heraus. Die Hunde kehren in Bildung des Kopfes überhaupt mehr zum Maustypus zurück, ſo ſehr ſie ihr ſatterer, ſtraffer modellirter Leib, ihre ſchwungreichere Haltung über dieſen und die Katze hebt. Der rundere Kopf der Katze ſteht zwar dem menſchlichen näher, ſieht aber hier mehr eulen - artig aus. Die reichere Mannigfaltigkeit an Bewegungen, deren der Hund fähig iſt, braucht keine Aufzählung; auch Ohren und Schwanz ſpielen ausdrucksvoller. Die Liſt iſt wohl komiſch am Fuchſe, aber dieſe Eigen - ſchaft gehört gewiß unter die geringeren Fähigkeiten der Intelligenz; auch iſt es keine Kunſt, liſtig ſein, wenn man kein Gewiſſen hat.
2. Der Charakter des Hunds zeigt ſich in ſeiner ganzen Beſtimmt - heit im Gegenſatz gegen die Katze; dieſe Geſchlechter ſtehen ſich ſo feind - ſelig wie Diplomat und Biedermann gegenüber. Er läßt ſich weniger auf Liſt ein nicht nur, weil er beſſer, ſondern auch, weil er geſcheuter iſt; wie denn ja auch das vernunftloſere Weib liſtiger iſt, als der Mann. Der Hund merkt und verſteht unendlich mehr, als die Katze, ſowohl Deut und Wink, als Worte. Mädchenhaft iſt die Katze durch ihre Koketterie, Reinlichkeit, womit ſie ihr Fratzengeſicht ewig putzt, die ſauberen Stellen ausſucht und die Pfote ſchüttelt, wenn ſie in Koth getreten. Sie iſt Nachtſchleicherin, diebiſch und liebt nicht ſowohl den Herrn, als das Haus. Der Hund wird perſönlich Freund des Herrn und iſt daher ſelbſt das perſönlichſte Thier, weil er ſeine Perſönlichkeit in Disciplin und Gehorſam gegen die menſch - liche aufgibt; dieſer Bruch des erſten Inſtincts durch einen zweiten höheren, der ihn fremder Vernunft gehorchen lehrt, fehlt der Katze ganz, ſie gleicht auch in ihrem Eigenſinn dem Weibe. Gerade dieſe ſeine beſte Eigenſchaft wird in gewiſſen Redensarten: hündiſche Kriecherei u. ſ. w. am meiſten verkannt. Er läßt ſich nicht von Jedem, ſondern nur von ſeinem Herrn ſchlagen, weil er anerkennt, daß er Erziehung bedarf. Er trauert, wenn154 er mißhandelt wird, aber er trägt es nicht nach, während er für Wohl - thaten das treuſte Gedächtniß hat. Der Hund hat ſolchen Ordnungsſinn, daß er nicht nur den Dieb und Räuber, ſondern auch den lumpig Geklei - deten, ſelbſt den Anſtändigen, der ſchlechten Gang und ſchlotternde Stiefel hat, den Rauſchigen angreift. Um ſeiner ſchmutzigen Sitten willen hat er den Namen Cyniſmus hergeben müſſen. Nicht leicht iſt ein Thier in der Verrichtung der Bedürfniſſe, Anknüpfung der gegenſeitigen Bekannt - ſchaften daran und der Begattung ſo ſchamlos. Er hat freilich dadurch etwas Gemeines, Hausknechtsmäßiges, weil er aber gut iſt, gibt es zu lachen; dazu trägt er mit eigenem Humor, denn er ſpielt gern und treibt Poſſen, ſo viel als möglich bei. Er iſt nicht kokett, aber etwas Renommiſt: wo ausgegangen, geritten, gefahren wird, zeigt er mit prahleriſchem Lärm an, daß er auch dabei iſt; wenn er dem Herrn etwas tragen darf, ſtarrt ihm der Schweif hoch, richtet ſich der Hals vor Stolz auf. Wenn er aber Dienſt hat, tritt die gemeſſenſte Amtswürde ein. Auf die Liebe ſeines Herrn iſt er mit Recht höchſt eiferſüchtig. — Plato ſagt vom Hunde: κομψόνγε φαίνεται τὸ πάϑος αὐτοῦ τῆς φύσεως καὶ ὡς ἀληϑῶς φιλόσοφον. (de repub. L. II).
3. Keine Thierart zeigt ſo viele Racen mit beſonderen Formen und Charakteren, die anderen Thierarten und menſchlichen Charaktertypen ent - ſprechen. Im Allgemeinen laſſen ſich drei Hauptformen unterſcheiden: die hohe, ſchlanke Race der Windhunde, Schäferhunde u. ſ. w. mit langem, ſpitzem Kopf, hechtähnlich und raubvogelähnlich; als anderes Extrem die breitköpfigen, kurzſchnautzigen, muſculöſen Doggen, Bullen u. ſ. w., ſtier - ähnlich; in der Mitte ſtehen die vielerlei Arten mit breiter Stirn, aber etwas vorgezogener Schnauze, eingebogenem Profil: Spitz - und Jagdhunde, Neufoundländer, Bracken u. ſ. w. Eigenthümlich iſt aber dann die Er - ſcheinung, daß mehrfach eine und dieſelbe Form in verſchiedener Größe ſich wiederholt: ſo der kleine Mops, mittelgroß die gelbe Bulldogge, noch größer der (faſt verſchwundene) gelbe deutſche Bullenbeißer, alle von derſelben Form; der Pincher, ihm ähnlich der mittelgroße Schweißhund und der größere, ſchwarze, über den Augen gelb getupfte und an den Extremitäten gelbe Metzgerhund. Theils die Racen im Großen, theils einzelne ihrer Unterarten erſcheinen als ſpielende Wiederholung anderer Thiergeſchlechter. In Beziehung auf jene ſind dieſe Analogieen ſo eben angedeutet, in Beziehung auf die zweiten ſetzen wir hinzu: löwenartig ſind Bologneſer, Spitz, Pudel, rehartig iſt der Pincher, wolfartig der Schäferhund, der langhaarige Ratten - fänger, bärenartig der Neufoundländer, ſchlangenköpfig die Dogge, eidechſen - ähnlich der Dachshund, adlerähnlich, in den ſchönen Wellen ſeines Laufs aber delphinartig der Windhund u. ſ. w. Charaktertypen in der größten Mannigfaltigkeit: Naſeweisheit des Rattenfängers, Leidenſchaftlichkeit des155 Pinchers, mürriſcher Ernſt des Mopſes, der Bulldogge, des Bullenbeißers, Feuer und Gelehrigkeit des Pudels, Zuchtmeiſtercharakter des Schäferhunds, Eigenſinn des Dachshunds, Kläfferei und doch zähe Charakterfeſtigkeit des Spitzhunds, Jägernatur des Hühnerhunds u. ſ. w.
Keiner dieſer Stufen gehört der Affe an. Was ihn von allen Thieren unterſcheidet, nähert ihn dem Menſchen; was ihm aber zu dieſem fehlt, wirft ihn über eine unendliche Kluft zu dem Thiere zurück. Dieſe ſucht er durch beſtändige Nachahmung zu überwinden, bleibt aber mitten im Verſuche ſtecken und ſcheint von einem verbiſſenen Grimme über dieß immerwährende Wollen und nicht Können durchdrungen und die höhere Begabung dient nur, das rein Thie - riſche in ſeinem Seelenleben um ſo zäher und geſpannter auszubilden. Daher iſt dieſer unreife Menſch, dieß greiſenhafte Thier ein widerliches, geſpenſtiſches, kaum in’s Komiſche auflösbares Zerrbild des Menſchen.
Die Urform des Thiers, der Maus-Typus, näher die Bildung der hochbeinigen Springmaus, erfährt im Affen ihre letzte thieriſch mögliche Fortbildung. Viele Affen ſind ſehr mausähnlich; alle Mäuſe haben ſchon die Neigung, die Vorderpfote als Hand zu gebrauchen. Die nähere Beſtimmtheit der Affengeſtalt, ihr Unterſchied von der thieriſchen auf der einen, der menſchlichen auf der andern Seite muß in der Darſtellung des Menſchen kurz zur Sprache kommen. Ueber das Weſen des Affen mögen hier die Worte Herders ſtehen (Ideen z. Philoſ. d. Geſch. der Menſchh. B. 4, I.): „ Der Affe hat keinen determinirten Inſtinct mehr, ſeine Denkungs - art ſteht dicht am Rande der Vernunft. Er ahmt Alles nach, er will ſich vervollkommnen. Aber er kann nicht: die Thür iſt zugeſchloſſen; die Ver - knüpfung fremder Ideen zu den ſeinen und gleichſam die Beſitznehmung des Nachgeahmten iſt ſeinem Gehirn unmöglich. — Sie greifen die Neger an und ſetzen ſich um ihr Feuer, haben aber nicht den Verſtand, es zu unterhalten “u. ſ. w. Der Inſtinct iſt nur nicht im Sinn einer beſondern Gattung determinirt, die allgemein thieriſchen Triebe ſind um ſo ſtärker und der Affe iſt daher dem Menſchen ähnlich in allen Unſitten und garſtigen Manieren, ja vom Mandrill ſcheint es eigentlich, die Natur habe in ihm ein Bild des Laſters aufſtellen wollen mit aller ſeiner Häßlichkeit (Oken a. a. O. B. 7, 3. S. 1704. 1791). Beobachtet man den Affen, ſo meint man jeden Augenblick: jetzt, jetzt wird Vernunft und Sprache kommen; ſie kommt aber nicht, er bleibt auf der Schwelle ſtecken, die Thüre iſt ihm, ſo muß man Herders Wort erweitern, ganz eigentlich vor der Naſe zugeſchlagen. So bleibt er denn auch in dem, was er nachzuahmen wirklich156 beginnen kann, ſtecken: er fängt klug an, aber eine Dummheit, eine Unart, und die Ordnung iſt zu Ende. Er lernt daher weniger, als Elephant, Pferd und Hund, denn er hält nicht aus, bleibt nicht dabei. Er iſt ein blaſirtes Thier und ein ungezogener Junge von Menſch. Wie ſeine Häßlichkeit nicht ganz in das Komiſche aufgehen kann, vergl. §. 291 Anm. 3.
Die großen und bedeutend organiſirten Thiere haben zwar mehr Indivi - dualität, als die kleinen und ärmer geſtalteten, aber dennoch liegt auch bei ihnen, wo nicht das Verhältniß zwiſchen dem Menſchen und einem einzelnen, ſehr anhänglichen Thiere das Weſentliche iſt, der äſthetiſche Werth mehr in geſelliger Zuſammenſtellung mit Thieren der eigenen oder einer andern Gattung. 2Entwickeln ſie in friedlicher Geſellung den Umfang ihrer freundlichen Eigen - ſchaften, ſo kommt dagegen im Kampfe, ſei es einzelner mit einzelnen oder vieler mit vielen, ihre ganze Kraft zur Entladung und entſteht je nach dem Grade derſelben ein furchtbares oder ein komiſches Schauſpiel.
1. Pferde, Hunde, Katzen ſind es am meiſten, die als Hausthiere getrennt von ihres Gleichen, aber dafür in Zuſammenhang mit dem Menſchen geſtellt, äſthetiſchen Werth haben können. Doch abgeſehen von dieſem Heraustreten aus ihres Gleichen ſtehen auch die höheren Thiere der Perſönlichkeit zu fern, um anders als in einer gewiſſen Anzahl zu wirken. Große Rudel, Züge von Thieren wirken im Sinne des Erhabenen der Vielheit (vergl. §. 92). Rinder des Augias, amerikaniſche Büffel - heerden u. dergl. In kleineren Gruppen zeigt ſich Freundſchaft, Mutter - liebe, Scherz u. ſ. w. oft in den anziehendſten Scenen, ſo daß man in ganze kleine Thierwellen hineinſieht. In der Gruppirung mit Thieren anderer Gattung hebt ſich der Charakter und das Eigene der Geſtalt durch Gegenſatz.
2. Kämpfe kleiner Thiere komiſch: Wachteln, Hähne, Hahn und Ente, kleiner Hund und Katze, bockende Widder, Ziegenbock mit Hunden u. dergl. Dabei iſt der Gebrauch der Waffen, die Kampfſitte oft inter - eſſant und beluſtigend. Große und wilde Thiere: Schlangen mit Rindern, Hirſchen u. ſ. w., Elephant mit Nashorn, Wolf mit Pferd, Bär, Wild - ſchwein mit Hunden, Löwe mit Stier, Pferd u. ſ. w. (Freiligraths Löwenritt). Dann die großen Kämpfe ganzer Heerden, z. B. von Wölfen gegen Pferde, von wilden Elephanten untereinander, von Raubvögeln mit vierfüßigen Raubthieren.
Das organiſche Leben erhebt ſich zu der abſoluten Geſtalt, welche In - begriff und Maß aller Schönheit der unorganiſchen, der vegetabiliſchen und thieriſchen Schönheit iſt. Es geht aber mit ihr eine neue Welt auf, welche unendlich mehr, als organiſches Naturleben iſt, denn dieſe Geſtalt iſt das reine Aeußere eines Innern, welches nicht nur mit allen Mitteln der nun über - wundenen Naturſtufen ſich die übrige Welt zum Objecte macht, ſondern, indem es durch die That des Selbſtbewußtſeins ſich ſelbſt und die in ihm geſammelte Natur ſich als Subject gegenüberſtellt, nun erſt auf wahrhafte Weiſe auch die ganze umgebende Welt ſich zum Objecte macht und ebenſo die Weſen der eigenen Gattung erkennt, mit ihnen in bewußte Gemeinſchaft tritt und neue Werke, eine zweite Natur aufbaut. In dieſem perſönlichen Weſen, dem Ich der Welt hat erſt die Idee ihre wahre Wirklichkeit und durch die ſchlechtweg entſprechende Einheit des Aeußern und Innern das Schöne ſein wahres Daſein gefunden. Ebendieß iſt auch ſo auszudrücken, daß jetzt der Zuſchauer ſich ſelbſt nicht mehr erſt durch Leihung in den Gegenſtand zu legen hat, ſondern ſich wirklich darin findet.
Die Schönheit des Menſchen iſt noch eine organiſche und wäre daher unter B als dritte Unterabtheilung c zu ſetzen. Der Menſch iſt das ſchönſte Säugthier des Landes. Dieſer Superlativ iſt aber falſch; ſtatt des Schönſten tritt ein wahrhaft Schönes ein, welches nicht mehr thieriſch iſt. Der Menſch iſt Natur und ebenſo abſolut nicht mehr Natur, die höchſte Stufe ein unendlicher Sprung. Daher muß ſtatt einer letzten Unterabtheilung c eine neue Abtheilung C ſtehen; denn auch die Geſtalt158 nur als unmittelbare Erſcheinung der Seele, wie wir ſie zuerſt zu betrachten haben, hat ihre ganze Bedeutung ſogleich als eine geiſtig durch - leuchtete. Schlechtweg entſprechende Einheit eines Innern und Aeußern iſt auch das Thier; man kann aber und muß vielmehr ebenſowahr und wahrer ſagen, daß das Thier ſein Inneres im allgemeinſten formalen Sinne zwar hat, aber das wahre Innere, das die Natur ſucht, außer ihm, jenſeits ſeiner, über es hinaus im Menſchen liegt, daß ſein Aeußeres dieſes nur erſt geſuchte Innere als ein ſolches, als ein noch nicht gefundenes anzeigt, daher ein wildfremdes Aeußeres iſt, das ankündigt und nicht leiſtet, wogegen das Innere des Menſchen das erreichte Innere iſt, das in ſeinem Aeußeren anzeigt, daß es von ſich ausgeht und bei ſich an - kommt, die bei ſich, bei ihrem Ich angekommene daher über ſich ſelbſt erhabene Natur iſt. Die bisherige Welt hatte ihr Centrum, ihren Schwer - punkt außer ſich, die menſchliche hat ihn in ſich, in der Schöpfung wandelt jetzt ihr König, eine ſatte und erfüllte Schönheit, die Gegenſtand und Zuſchauer zugleich iſt, die daher dem äußeren Zuſchauer ſein Selbſt entgegenbringt. Die Natur hat darum nicht aufgehört, weil ſie ſich ſelbſt übertroffen hat, ſie beſteht als Königreich des Herren fort; die Pflanze ſchmückt den unorganiſchen Boden, das Thier belebt beide, der Menſch „ der herrliche Fremdling mit den ſinnvollen Augen, dem ſchwebenden Gange, den zartgeſchloſſenen, tonreichen Lippen “überſchaut, genießt, beherrſcht, krönt durch ſeine Schönheit alle, iſt die wahre Staffage der Natur oder richtiger ſie nur die ſeinige, erkennt aber nicht nur ſeine Brüder in Buſch und Wald, ſondern auch, was wirklich ſeines Gleichen iſt, kennt er anders, als das Thier ſeines Gleichen kennt, und umfaßt er in einem Bunde, welcher die Vielen zu einer Idealperſon vereinigt und darin dem Einzelnen die wahre Perſönlichkeit gibt, wodurch das menſchliche Individuum abſoluten äſthetiſchen Werth erhält.
Wir haben nun die Formen, in die ſich die menſchliche Schönheit entfaltet, zu verfolgen.
Die geiſtige Schönheit der Geſtalt drückt ſich vor Allem durch die auf -1 rechte Stellung aus, zu welcher der Stamm des organiſchen Gebildes wieder aufgerichtet iſt. Der Ausdruck der Schwere verſchwindet, durch Wechſeldienſt der Organe bewegt ſich frei das Ganze. Leicht getragen und vielmehr Alles tragend ſchaut der ausgerundete Kopf von der Höhe des Körpers herrſchend um ſich. Die drei Hauptſyſteme treten ebenſo klar geſondert, als vereinigt hervor. 2Hals, Bruſt, Schultern, Arme, Hände, Rücken, Unterleib, Hüften, Sitzmuskel, Füße drücken jedes für ſich und alle zuſammen abſolute Zweckmäßigkeit aus und ſind durch die Lagerungen der Muskeln um die feſten Theile zum edelſten Wechſel von Schwellungen und Einziehungen gebildet. Ein Reichthum von neuen Bewegungen iſt dadurch dem Menſchen möglich, wogegen er auf manche thieriſche verzichten muß. In der allgemeinen Bedeckung iſt von Allem, was Unorganiſchem3 oder Vegetabiliſchem gleicht, nur ſo viel geblieben, um die helle, halbdurch - ſichtige, eine allgemeiner verbreitete, in den Fingerſpitzen geſammelte Empfindung vermittelnde, in fein verſchmolzenen, warmen Farbentönen athmende Haut mit kräftig begrenzenden Schattenſtellen zu ſchmücken.
1. Die Eintheilung, welche hier mit a und α eröffnet iſt, wird ſich rechtfertigen. Zur Erläuterung vorläufig ſo viel: „ die menſchliche Schönheit überhaupt “drückt den Gegenſatz des Abſtracten gegen die concrete Schönheit der Geſchichte aus. Es werden hier durchgängig die Gebiete, Kreiſe des Lebens, deren Ineinander erſt die Geſchichte bedingt, auseinandergehalten, für ſich betrachtet. Innerhalb der erſten Abtheilung tritt nun zunächſt wieder eine Allgemeinheit auf, im Gegenſatz nämlich gegen die beſonderen Gattungstypen: Race, Volk u. ſ. w. werden hier zuerſt die Formen betrachtet, die den Menſchen ſchlechtweg als Gattung charakteriſiren.
Es iſt gleichgültig, ob man die Organiſation zur aufrechten Stellung von unten oder von oben verfolgt, denn Alles bedingt ſich gegenſeitig. Der Affe kann aufrecht gehen, aber nur vorübergehend und mühſam;160 er iſt nicht darauf gebildet. Er hat vier Hände ſtatt zwei Hände und zwei Füße. Damit iſt ſchon Alles geſagt. Am Fuße nämlich hat er ſtatt der großen Zehe einen Daumen, daher keinen Widerhalt zum Anſtemmen gegen die Erde; darum bekommt er die Hände, die ihm an überlangen Armen vorhängend die Bruſt verſchmälern, nicht frei und ſie dienen zwar zum Halten, aber ſammt den Füßen weſentlich auch zum Klettern. Er hat keine Waden, ſchwache Knjemuskeln, hängt, wenn er aufrecht geht, in den Knien, die ſchmale Hüfte iſt zurückgezogen, der Rücken gekrümmt, der Rückgrat verläuft ſich bei den meiſten Gattungen in einen Schwanz, am kurzen Halſe hängt der Kopf vorwärts, die Unterkiefer ſind vor - geſchoben, die Naſe ſteht nicht ab, die ſchmale Stirne iſt zurückgedrückt und hat nicht Raum zur freien Ausbildung des Gehirns, und eben durch die ſchlechte Bildung dieſes höchſten Nervencentrums iſt umgekehrt wieder die ganze hinſinkende Haltung, der höhniſche Aufenthalt an der Schwelle der aufgerichteten Menſchengeſtalt bedingt. Indem dagegen dem Menſchen die aufrechte Stellung weſentlich iſt, ſehen wir den umgelegten Baumſtamm (vergl. §. 285) wieder aufgerichtet, die Krone als Haupt wieder gerundet, aber freilich in abſolut anderen Formen; das erſte Aufſtreben vom Planeten, das im Beginne der organiſchen Welt, der Pflanze, auftrat, im gebückten Thiere wieder hinſank, iſt wieder da, aber es iſt ein Anderes geworden. Die Wurzel iſt längſt weg, die Geſtalt ſtemmt ſich aus freier Kraft an die tragende Erde und trägt ſich wie ſchwebend im geſchwungenen Wechſel - druck ihrer Glieder. Zu oberſt trägt ſie den zur vollkommenen Kugel - geſtalt ausgewölbten Kopf; allein man ſieht ſeine Schwere nicht, man fühlt im Anblick, daß in ihm der Mittelpunkt des Lebens wohnt, der den tragenden Gliedern ſelbſt erſt die Kraft gibt, zu tragen; ſo iſt es vielmehr ſelbſt tragend, ſo verſchwindet aber überhaupt im ganzen Leibe der Gegenſatz des Tragenden und Getragenen, das Mechaniſche, Tiſchartige des Thiers
2. Der Kopf hebt ſich vom Rumpfe durch den ſchwungvoll ein - gezogenen Hals frei ſchwebend ab. Breit wölbt ſich die Bruſt, Wohnſitz des Muthes, hervor. Bei uns ſieht man ſelten eine ſchöne Bruſt; ſie erſcheint eingeſunken, bei Griechen und Italienern dagegen tritt ſie frei und entſchloſſen mit ihren zwei breiten vom Bruſtbein getheilten Blättern hervor. Ein feiner, aber deutlicher Umriß trennt von der Bruſt den Unterleib. Dieſe beiden Syſteme werfen Front, weil ſie Raum gefunden haben, zwiſchen den Seiten-Organen herauszutreten. Die Schulterblätter treten zurück, die Schulter ſteht wie ein Seitenbau ab und zeigt an, daß hier ſeitlich der Ort zum Tragen angebracht ſei, um dieſes niedrige Geſchäft dem Kopfe und Rücken zu erſparen. Doch zeigt auch dieſe vor - ſpringende Ecke wieder die ſchönſte Abſenkung vom Halſe und Abrundung am äußerſten, härteſten Theile. Der Vorderfuß iſt jetzt erſt eigentlicher161 Arm geworden; verkürzt gegen den Affen-Arm trägt er, in ſchwungreicher und feiner Wellenlinie ſeine kräftigen Muskeln anſetzend, das Wunderwerk der Hand, das Werkzeug der Werkzeuge, denn alle ſind in ihr vorgebildet. Der Rücken iſt nicht ſteil und nicht gekrümmt, ſondern zart gebogen, die breiteſte Fläche am Körper, aber durch die Rinne des Rückgrats, durch die mächtigen Schulterknochen, durch die Muskeln herrlich modellirt; der Bauch bedeckt mit zarter Wölbung die zu niedrigem Dienſte beſtimmten Eingeweide, die Hüften treten durch das breite Becken und die vollen Muskeln mächtig heraus und bilden ſo mit der Einziehung der Weiche die energiſche Linie der Taille. Wir ſahen §. 295, 2., wie die Natur im Fortſchritt die allerhand Anhängſel je der niedrigeren Stufen mit ſcharfem Meſſer abſchneidet; der Ueberfluß des Schwanzes iſt weg. Das Geſäß iſt eine weſentliche menſchliche Schönheit und es iſt kindiſch, zu lachen, wenn der reine Formſinn den ſchwellenden Pfirſich dieſer großen Muskeln, die zugleich ein ſo bequem hingegoſſenes, plaſtiſches Sitzen möglich machen, bewundert. Die männlichen Geſchlechtstheile werden wieder ſichtbarer, als bei den Thieren; die Griechen haben ihre Kraft mit gutem Grunde wichtig behandelt und ſich deſſen ebenſowenig geſchämt, als wenn das Buch Hiob vom Nilpferd ſo gewaltig ſagt: „ die Adern ſeiner Scham ſtarren wie ein Aſt. “ Mächtig ſchwellen als die Hauptſtützen des Oberleibs und Beweger der Beine die Schenkel an, ziehen ſich gegen das Knie ein, das in ſeiner niedlichen Schüſſel etwas ſpitzer heraustritt, dann ſchwillt am Schienbein wieder die rundlich gedrehte Wade ſanft an, geht verloren gegen die Knötchen hinab, die Ferſe iſt zur Fußſohle gezogen, dieſe ſteht hohl auf dem elaſtiſch geſchwungenen Reien, und dann breitet ſich das Blatt der zierlichen Zehen aus, um nach unten als derber Ballen die Laſt tragen zu helfen und ſchwungreich vom Boden abzuſchnellen. Die Zehen greifen gleichſam den Boden, eine Feinheit, die freilich in unſern harten Schuhen ganz abgeſtumpft iſt, in denen wir das Terrain nicht fühlen und von dem Gehen, deſſen ſandalenbekleidete Naturvölker auf dem ſchwierigſten Boden fähig ſind, keine Ahnung haben. Manche thieriſche Bewegungen muß dieſes Ganze opfern: der Menſch kann nicht fliegen, nicht lang ſchwimmen, nicht leicht wie Affen klettern, nicht den Kopf drehen wie ein Vogel am langen Halſe, nicht den Rückgrat biegen wie ein Hund, der ſich in den Schwanz beißt, er hat am Arm eine mangelhafte Naturwaffe; er iſt auch nicht ſo groß, wie die Mehrzahl der Thiere: ein wichtiger Punkt, der aber ſo auf flacher Hand liegt, daß wir uns nicht bei ihm aufhalten, — noch iſt er ſo ſtark, allein er kann unendlich viel Anderes, abſolut Bedeu - tungsvolleres, am meiſten mit Arm und Hand, dann insbeſondere mit den Füßen; nämlich zunächſt noch abgeſehen von allen Werkzeugen, Waffen, die er durch ſeinen Geiſt erfindet, gebietet er über eine Summe vonViſcher’s Aeſthetik. 2. Band. 11162Bewegungen, deren kein Thier fähig iſt. Seine ganze Haltung hat einen tonus der ſtraffſten Lebendigkeit, ſchwebend, wie in Stahlfedern ſich ſchwingend. Auch das Pferd wiegt ſich elaſtiſch, aber mit willenloſerem Ausdruck, im beweglichen Fußgelenk, das menſchliche iſt feſter, der Fuß tritt breiter auf, das ganze Muskelleben aber hebt den Leib mit jenem Ausdrucke des Gehenwollens, der erſt den wahren Druck und Schwung gibt. Und doch iſt in dieſer emphatiſchen Straffheit Alles weich, warm, leicht, mühelos. Insbeſondere zeigt ſich die Schwungfähigkeit im Tanze; dieſer aber gehört ſchon in ein höheres Gebiet.
3. Außer den Zähnen Haare und Nägel. Die letzteren, ein Reſt der Hufe, Klauen, ſind durchſichtig geworden, laſſen die Blutfarbe durch - ſchimmern, die erſteren, ein Reſt des Pelzes, beſchränken ſich auf Haupt - haar, Barthaar, Bruſthaar, Schamhaar, ein beſchattender Anſatz und Umgrenzung, der den dunkleren Nachdruck zur hellen Haut gibt, wie die Vegetation zur Landſchaft. Ueber das „ ideelle Ineinander der Farben, — den glanzloſen Seelenduft “der Haut ſpricht trefflich Hegel Aeſth. B. 3. S. 71. 72. und erinnert an die feinen Aeußerungen Diderots bei Göthe in den „ Verſuchen über Malerei mit Noten des Ueberſetzers “(Göthes Werke B. 36). Es erſcheint hier „ durchaus keine Elementarfarbe mehr, ſondern eine durch organiſche Kochung höchſt bearbeitete Erſcheinung “(Göthes Farbenl. §. 670). Es handelt ſich aber nicht blos von Farbe; die haarloſe Haut des Menſchen läßt überall die Form ſehen, während bei dem Thiere der Pelz ſie bedeckt, was ſie hier, wo weniger ſchön vertheilte Muskel-Umkleidung ſtatt findet, wo mehr Knochen eckig heraus - ſtehen, zur letzten Abrundung der Linien freilich auch bedarf. Zugleich fühlt ſich die Haut warm, ſammten an und dieß ſieht fühlend auch das Auge. Ueber dieſe Haut iſt nun natürlich eine zartere Empfindung ver - breitet, als über das Fell; ſie ſammelt ſich als Taſtſinn in den Finger - ſpitzen zu einer Feinheit, welche dieſer Sinn in keiner Thierpfote haben kann, denn da dieſe, auch die Hand des Affen, zum Gehen dient, ſo iſt die Haut rauh und ſchwielig.
Wie nun an dieſer Geſtalt Alles ſpricht, ſo iſt insbeſondere das Haupt nicht nur die Vereinigung der zu geiſtigem Ausdruck umgebildeten Sinne, ſondern überhaupt durch Stellung, Geſtalt, namentlich durch die gedankenvoll hervortretende und dadurch die Grundlinie bedingende Stirn der abſolute Sitz des unendlichen Ausdrucks, der ſich weſentlich auch durch das Sprachorgan in2 der ſeelenvollen Stimme und in dem articulirten Worte kund gibt. Zugleich ſteigert ſich hier die Schönheit der menſchlichen Farbe zum höchſten Zauber.
1631. Niemand hat ſchöner, als Herder, nachgewieſen, wie durch die innere und äußere Organiſation des Kopfs zum perpendiculären Schwer - punkte der ganzen Geſtalt, durch ſeine gewölbte Form das letzte Thieriſche, das im Affen auftrat, verſchwindet und der ἄνϑρωπος, das über ſich, weit um ſich ſchauende Geſchöpf gebildet wird. (Ideen z. Philoſ. d. Geſch. d. Menſchh. B. 4, I.). Der kleinere Hinterkopf genügt für das kleine Gehirn, den Sitz des thieriſchen Seelenlebens, die Wölbung nach vornen mit der herrlich, hoch und breit herabſinkenden Stirne gibt dem geiſtigen Central-Organe, dem großen Gehirne „ den weiten und freien Sammel - platz, einen Tempel jugendlich-ſchöner und reiner Menſchengedanken. “ Geheimnißvoll, ein Sitz weiſer Geiſter, die über dieſe ſanften, glatten Rundungen unfaßbar hinſchweben, iſt die Stirne; zur Seite wendet ſie ſich in die flacheren Schläfe, die aber nicht „ den tödtlichen Druck “des Affen erlitten und den Ausdruck heimlicher Gedankenarbeit bei einem gewiſſen durch die zarten hervorſchimmernden Schlagadern und die einſinkende Fläche gegebenen Hauche des Rührenden fortſetzen. Durch dieſe Vorwölbung der Stirne iſt nun die ganze Linie bedingt: die Naſe fällt abwärts, auch iſt ſie mit dem Munde nicht in unmittelbarer Fort - ſetzung verbunden, wie in der Schnauze der Thiere, deren „ geruchartige Seele “(Herder) nichts Nöthigeres zu thun hat, als ihren ganzen Bau ſo in die Naſe zuzuſpitzen, daß Auswittern der Speiſe im Dienſte des Mundes als Hauptgeſchäft ſich aufdrängt. Die zarten, rothgezeichneten Lippen mit den feinen Winkeln umſchließen die ſenkrecht aufeinander ſchließende Perlenreihe der Zähne, die nicht mehr zu Waffen beſtimmt erſcheinen, und man ſieht dem Organe der erſten Ergreifung und Ver - arbeitung der Speiſe augenblicklich an, daß es zu höherem, zum melodiſchen, nicht mehr die Qual des Bedürfniſſes, noch auch die gedankenloſe Luſt, ſondern eine unendliche innere Welt aushauchenden Tone und zur Sprache beſtimmt iſt. Nach einem kurzen Abſtande wölbt ſich markig das Kinn hervor. Kein Thier hat ein Kinn; dieſe runde, durch eine zarte Rinne getheilte Baſis ſichert erſt dem Haupte ſeinen Ausdruck geiſtigen Gleichgewichts, bedingt von unten das Zurücktreten des Munds und trägt ſo weſentlich zur Aufhebung der ſchnappenden Schnauze bei. Eine ſanft gerundete, durch die Backenknochen mäßig hügeliche Breite dehnt ſich nach Schläfen und Augen aus. Sicher geſchützt unter den kräftigen Augenknochen, dem feinen Bogen des Augbrauns, das zugleich markirende Interpunction für die helle Farbe des Ganzen iſt, von dem Geſimſe der Lider, die nicht bei allen Völkern ſo kleinlich verſchrumpft ſind, wie bei den germaniſchen, durch den anmuthigen Schleier der Wimper, leuchtet aus der durch die Vertiefung in Schatten geſtellten, etwas dunkel incarnirten Umgebung auf weißem, bläulich angeflogenem Grunde die durchſichtig gefärbte Iris mit11*164dem ſchwarzen Apfel, dem wechſelnden Lichtpunkte hervor. Dieß Auge hat nicht die Waldfriſche des Rehs, nicht die ſchneidende Schärfe des Raubvogels, aber es iſt beweglicher nach allen Seiten, auch nach vornen und rückwärts, als das thieriſche, denn es dringt im Zorne hervor, ſinkt im Schmerze und jedem niederſchlagenden Affecte zurück in ſeine Höhle; es faßt den Gegenſtand anders mit ſeinem Blicke, es ergreift ihn mit dem Ausdrucke des Wiſſens um ihn und darum kann es durchbohren, wie kein Thierblick; und ſo iſt es nun überhaupt der aus der verarbeitetſten Materie geformte Seelenſpiegel, durch deſſen Waſſer man hinunterſieht in unergründliche Geiſtestiefen. Beſcheiden ſchmiegt ſich die zierliche Muſchel des Ohrs mit jenem ſchmuckartigen Fleiſchtropfen, den kein Thier hat, dem Läppchen, an die Schläfe; es hat nicht ſo weit zu hören wie der thieriſche Löffel, es hat Anderes zu hören und zeigt ſelbſt durch die ſinnigen Schlingungen ſeines äußeren Baues die Beſtimmung, den abſolut bedeu - tungsvollen Ton, die Menſchenſtimme und Sprache zum innern Ver - nehmen zu führen.
2. Die Farbe vereinigt auf dieſem kleinen Runde ihren feinſten Zauber. Auf dem matt durchſichtigen röthlichen Weiß, dem die durch - ſchimmernden ſtärkern Adern mit den Schatten der Modellirung die bläulichen, grünlichen, bräunlichen Töne geben, die nur auf der geſpannteren Haut der Stirne das ungetheiltere Helle walten laſſen, breitet ſich das ſanft verſchwindende glanzloſe Roth, die Geſundheitsblüthe der Wangen, hebt ſich die Zeichnung der Lippen durch ihren rothen Kirſchen - glanz ab. Neben dem ſchon erwähnten Augbraun und den Wimpern hebt das magiſch hervorleuchtende Ganze des Angeſichts die dunklere Umbuſchung der Haupthaare und des männlichen Bartes.
Was dieſe Geſtalt in Ruhe und Bewegung ausſpricht, iſt die reiche Welt des Geiſtes zunächſt als Seele, d. h. in der Form der Unmittelbarkeit, alſo die geſammte theoretiſche Thätigkeit, ſoweit ihre abſtracten Verrichtungen erſt als Möglichkeit in der lebendigen Friſche des Anſchauens ſich kund geben, der praktiſche Geiſt als natürlicher Wille im Umfang ſeiner Triebe, Neigungen, Leidenſchaften, das Gefühl als der Schooß, von dem ſie alle ausgehen, als der innere Wiederklang, der alle begleitet, als der Grund, in den ſie alle zurück - ſinken. Jede dieſer Formen iſt, mit Vorbehalt ihres verſchiedenen, durch den jeweiligen Zuſammenhang beſtimmten Werthes, äſthetiſch.
Es kommt zunächſt nur darauf an, den ganzen Menſchen als Leib - und Seelenweſen aufzuſtellen und ſo denn auch das innere Gebiet, zunächſt165 als Naturleben des Geiſtes, mit wenigen Strichen zu verzeichnen. Wie ſich die Seele zum Geiſte beſtimmt, iſt im Fortgange zu verfolgen, aber daß das geſammte Geiſtesleben zuerſt in ſeiner Unmittelbarkeit betont werde, gerade für die Aeſthetik von beſonderer Wichtigkeit; denn ſie will den Menſchen in ſeiner Lebendigkeit und Friſche, die ihm auch der Fort - ſchritt zur Reflexion und zum Charakter nicht nehmen ſoll, alſo den Menſchen, wie ſich im offenen Blicke, mit dem er um ſich ſchaut und die ſichtbaren Gegenſtände erfaßt, in der Lebendigkeit jedes Sinnes die Anlage ſelbſt zum tiefſten und in ſeiner wirklichen Ausbildung freilich dem äſt - hetiſchen Gebiete ſich entziehenden Denken, in jeder Bewegung das Feuer der Triebe, Neigungen, Leidenſchaften, und im Ganzen die zuſammen - gefaßte Innerlichkeit des Gefühls ausſpricht. Es kann jedoch nicht die Aufgabe der Aeſthetik ſein, dieſe ganze Welt ſo zu durchwandern, daß ſie jeder beſondern Form des geiſtigen Thuns ihre Bedeutung für das Schöne anweist. Nehmen wir z. B. den natürlichen Willen vor uns, ſo iſt die ſinnliche Lüſternheit freilich etwas, was wir in einem äſthetiſchen Ganzen nur momentan und auch dann nur in komiſcher Wendung ertragen können, dagegen jeder wohlwollende Trieb ſchon die zu durchgreifender Entwicklung berechtigte Grundlage ſittlicher Geſinnung; doch unter Umſtänden, z. B. als zu große Weichheit und mit zu ſchwachem Selbſtbewußtſein verbunden, wird auch der edlere Trieb komiſch. Haß iſt erhaben, wenn er energiſch dem Böſen, komiſch, wenn er einem ganz unbedeutenden Gegenſtande gilt, welcher der Leidenſchaft nicht werth iſt u. ſ. w. Rötſcher z. B. hat in dem beſonderen Intereſſe einer beſtimmten Kunſt den relativeren oder ſelbſtändigeren Werth einzelner Hauptformen des natürlichen Willens dar - geſtellt in ſeiner Kunſt der dramatiſchen Darſtellung. Erſt in ſolcher Aus - führung beſtimmter Sphären kann mehr auf das Einzelne eingegangen werden. Soweit aber die Aeſthetik die einzelnen Hauptformen des Seelen - lebens aufzuführen hat, geſchieht dieß im Folgenden, ſofern wir die realen Sphären des menſchlichen Lebens überblicken, welche ebenſoviele Beſtimmtheiten der denkenden, wollenden, fühlenden Seele zuerſt in Naturform, dann in ſittlicher Form zum Inhalt haben.
Es müßte nun die Bewegungsfähigkeit der ganzen Geſtalt, die wir eigentlich erſt als ruhende dargeſtellt, in dieſem Zuſammenhange erörtert, der Ausdruck, den ſich die weſentlichen Seelenthätigkeiten durch die Bewegung der ihnen vorzüglich zugewieſenen Organe geben, verfolgt werden. Insbeſondere das Haupt würde hier von einer neuen Seite betrachtet. Allein wir müſſen uns begnügen, im Bisherigen dieſe Seite nur ganz allgemein berührt zu haben, und das Weitere dem Abſchnitt über das Mimiſche vorbehalten. So haben wir auch die Beweglichkeit der Geſtalt an ſich, als ſinnliche zunächſt, in §. 317 nur angedeutet, wir166 haben nicht von der Schönheit der einzelnen Bewegungen, des Hiebs, Wurfs, Sprungs u. ſ. w. geſprochen. Dieß gehört dahin, wo das Gebiet der Bewegungen im Dienſte der wirklichen Zwecke (z. B. Jagd, Krieg u. ſ. w.) ſeine wahre Bedeutung findet, wird aber auch hier nur berührt werden können, denn Ordnung und ſchönes Maß tritt erſt hinein, wo die Bewegungen Gegenſtand künſtleriſchen Thuns werden (Gymnaſtik in der Kunſtlehre). Ebenſo kann die Mimik noch nicht ſowohl als Theil der Lehre vom Naturſchönen, vielmehr erſt als Theil der Kunſtlehre das Syſtem der ſprechenden Bewegungen durchgehen; doch wird auch hier die Aeſthetik das ſtrengere Eindringen in das Einzelne der beſonderen und ſelbſtändigen Behandlung dieſer Gebiete zu überlaſſen haben.
Wie die Geſtalt an ſich, ſo iſt jede Naturbeſtimmtheit, welche in das menſchliche Weſen durch ſein Zeitleben eintritt, zugleich eine geiſtige. Auf - blühend und verblühend bewegt ſich das menſchliche Leben in einem Wechſel von Schlaf und Wachen zunächſt durch den Unterſchied der Altersſtufen1 und erliegt dem Tode. Als vorübergehende Erſcheinung iſt auch der Schlaf2 äſthetiſch und kann rührende Contraſte erzeugen. Unter den Altersſtufen iſt die unbeſtimmte Weichheit und Unſchuld des Kindes, die leibliche Vertrocknung und das geiſtige Ausruhen des Greiſes weniger ſchön, als die erwartungsvolle Blüthe der Jugend und die zur Reiſe der Form gediehene, auf Erfahrung und3 That geſtellte Mitte des Lebens. Krankheit gehört in das Häßliche und kann nur unter denſelben Bedingungen, wie dieſes, äſthetiſch ſein; der Tod, wenn er tragiſch iſt.
1. Der Zuſtand des Schlafs ſcheint ein ſchlechter Stoff zu ſein als der eines Rückfalls in das ernährende Naturleben. Allein die Losſtrickung, das Hingegoſſene der Glieder, das ſtille Athmen, das Zurückſinken des Geiſtes in den Schooß des urſprünglichen Dunkels hat ſeine beſondere Schönheit, ſein eigenthümlich Rührendes. Die Kunſt hat daher den Stoff als einen günſtigen vielmehr reichlich benützt. (Wir führen hier, wie bisher, Kunſtwerke als Beiſpiel an, natürlich nicht, um zu zeigen, was der Künſtler aus dem Stoffe gemacht, ſondern, was ihm dieſer geboten hat). Lears, Attinghauſens Schlaf; Makbeth mordet, wie der König im Hamlet, den heiligen Schlaf: „ Schlaf, der entrollt der Sorge wirren Knoten, den Tod von jedem Lebenstag, den Balſam kranker Seelen, den zweiten Gang im Gaſtmahl der Natur, das nährendſte Gericht beim Feſt des Lebens, “drum ſoll auch Cawdor nicht ſchlafen mehr, Makbeth nicht ſchlafen mehr.
167Die beſondern Stimmungen der Tageszeiten zu durchgehen würde uns zu lang aufhalten, die der Jahreszeiten kommen noch anderswo zur Betrachtung. Von wichtigem Einfluß auf den Menſchen iſt auch das Wetter im Einzelnen; Reizbarkeit bei Scirocco (Romeo und Jul. Act. 3, Sc. 1. Anfangsworte Benvolios) u. dergl.
2. Kinder ſind noch zu geiſtesarm und in Formen unbeſtimmt, zerfloßen, doch unter Umſtänden rührende Motive. Die verſchiedenen Darſtellungsweiſen des Chriſtuskinds, Hektors Abſchied von Aſtyanax, das etwas reifere Knabenalter in Shakespeares Prinz Arthur, Söhnen Eduards, Makduffs Knaben zeigen, was im Stoffe liegt. Shakespeare hat nicht vergeſſen, das Abſurde im Knabenwitz in ſeine lieblichen Bilder ein - zutragen. Tieck hat Kinder mitunter zu genial, frühreif, blaſirt hingeſtellt. Die ſentimentale Kunſt macht großen Lebtag mit der zwar rührenden, aber werthloſen Unſchuld und eingehüllt ſchlummernden Unendlichkeit des Kinds; das Komiſche iſt auch nicht zu vergeſſen, Unart, Spiel, Trägheit zum Lernen, Unflätherei, Nothwendigkeit draſtiſcher Erziehungsmittel. Für dieſe Seite, wie überhaupt für die Schwächen aller Lebensalter iſt eine claſſiſche Stelle die grämlichkomiſche Schilderung durch Jacques in So wie es euch gefällt von Shakespeare (Act. 2, S. 7). — Eigenthümlich anziehend iſt die Stufe unmittelbar vor der Pubertäts-Entwicklung; die Knospe iſt halb aufgebrochen, halb noch geſchloſſen, rundliches Anſchwellen vermiſcht ſich zart mit Magerkeit und ſchüchterner Herbe in den Formen (dornausziehender Knabe); das Betragen iſt verlegen, ungeſchickt, ungewiß, wohin man ſich zu zählen habe, zu den Kindern oder zu den Erwachſenen. Die Knospe ſpringt auf mit der Pubertät: die Formen haben ihre Bedeutung erhalten, ſie ſind noch nicht in ihrer Fülle ausgewirkt, aber noch durchaus elaſtiſch; dem Geiſte iſt die Welt aufgegangen, aber nur innerlich als Ideal, erfahrungslos ſchwärmeriſch, träumeriſch, ſtolz und ſchamhaft. Ganz Zukunft: darin liegt der große Reiz, aber auch der Mangel der Schönheit dieſes Alters. Mit dem Momente der höchſten Reife nun iſt die volle Roſe offen, aber es iſt auch nur ein Moment. Die Schönheit iſt in dieſem Augenblicke, ſo ſcheint es, die höchſte, allein wenn durch Kinderzeugung, Arbeit, Kampf der Erfahrung die Formen ſchon etwas ſpröder, trockener werden, die Friſche der Haut zu erſchlaffen beginnt, ſich die erſten Furchen zeigen und zugleich auch andrerſeits ein Anſatz von Ueberfülle ſich einſtellt, ſo entſteht doch eine neue und eine offenbar höhere Schönheit, wogegen jene Blüthe geiſtloſer erſcheint. Dieſe Schönheit, die Schönheit des reifen Alters, iſt die höchſte der menſchlichen Erſcheinung; die Formen ſind ſatt, das Gefäß iſt ganz ausgefüllt, ſie haben jetzt erſt den Ausdruck des Gewollten, des Eigenthums und dienſtwilligen Organs, worin ſich der Geiſt eingewohnt; dieſer iſt ebenfalls erfüllt, in’s168 Leben hineingewachſen, die erwartete Unendlichkeit hat ſich beſchränken müſſen, allein nur in der Beſchränkung wird das Höchſte erreicht; die Idee als Perſönlichkeit iſt nun erſt wirklich, real, ganz Gegenwart. Auf die Hochebene dieſer dauerhaften Lebensſtufe folgt allmählich das Greiſen - alter. Der Körper erlahmt, vertrocknet, die Haut zieht ſich in Falten, die Sinne ſchwinden, der Geiſt wird in der Richtung, welche das Wirkliche anfaßt, ſtumpfer, zieht ſich aus den Kämpfen des Lebens in Ruhe, Beſchau - lichkeit, Weisheit, Rath zurück, ſchwebt milde über dem Leben, blickt mit Sehnſucht in die Vergangenheit und kehrt zur Kindheit zurück wie der Körper durch die wachſende Hilfloſigkeit. Der Greis wird dadurch eine rührende Erſcheinung, doch wenn gerade die Schwäche hervortritt, wirkt ſie nur im rechten Zuſammenhange gut (Lear); wir wollen auch den Greis noch gewaltig wie Neſtor, Priamus, heiter wie Anakreon, Göthe ſehen; der durchfurchte Körper mit dem weißen Haupte muß mehr als ehrwürdige, denn als hilfsbedürftige Erſcheinung wirken. Am rechten Orte mögen aber auch die Schwächen des Greiſes komiſch wirken (Polonius, Capulet).
3. Krankheit: gehört freilich im Grunde unter die Uebel, die wir als ein Häßliches, das ſich in’s Furchtbare oder Komiſche bewegen muß, um äſthetiſch zu werden, überall nicht beſonders erwähnen. Aus ihr gehen z. B. viele bleibende Entſtellungen hervor, durch welche der menſch - liche Leib ins Thierähnliche ſinkt und komiſch oder unheimlich wird. Es wäre intereſſant, zu verfolgen, wie durch dieſe und aus andern Urſachen entſtandene Entſtellungen das Thier aus dem Menſchen ſchnappt, pickt, gähnt, blöckt, rudert, wackelt u. ſ. w. Die Krankheit ſelbſt wird als unmittelbar phyſiſches Leiden nur ſelten zur Anſchauung kommen können ohne Verletzung der Schönheit, ſelten ſo ergreifend wie König Johanns Fieberhitze durch Shakespeares Künſtlerhand, immer aber nur als vor - übergehender Moment und als Wirkung oder Folge ſittlicher Erſcheinungen, denn wir ſind jetzt im Gebiete der Schönheit, die immer auch wirklich geiſtige Bedeutung haben muß. Tod: ein Auslöſchen aus Schwäche (Götz von Berlichingen, Attinghauſen) oder durch Gewalt: das Hin - geſchmettertwerden, die Wunden, wo Schuß und Hieb ſicher ſitzt und der Röchelnde dumpf hinraſſelt in den lang hinſtreckenden Tod, hat beſonders Homer mit unnachahmlicher Naturwahrheit dargeſtellt. Wie weit dürfen die Einzelnheiten, die letzten Zuckungen u. ſ. w. vor die Anſchauung treten? beantwortet ſich aus dem, was wir überhaupt vom Häßlichen geſagt haben. Sterbender Held von Selinunt, berühmt durch die treffliche Wieder - gebung des Hippokratiſchen Geſichts. Leichnam: ſchön, wenn man ihm die Charakterfurchen des Lebens neben dem entſeelten Ausdrucke der Schwere anſieht. Verſchiedene Behandlung des Leichnams Chriſti. Die169 Erſcheinung hat aber ihre Bedeutung durchaus nur in dem Zuſammen - hang einer der Formen des Tragiſchen.
Die menſchliche Schönheit theilt ſich als Gattung in die männliche1 und weibliche. Jene drückt durch die Strenge, womit die Maſſe des Körpers bezwungen und zu ſcharfer Beſtimmtheit gebunden iſt, die als Einſicht und Wille thätige, dieſe durch den ununterbrochenen Fluß der weicheren und rundlichen Umriſſe, in welchen die freiere Fülle des Stoffes ſpielt, die in Naturdunkel verſenkte, in ungeſchiedener Einheit der Empfindung webende Perſönlichkeit, die Beſtimmung des Empfangens aus: dort Erhabenheit oder Würde, hier Anmuth. Dieſe Gegenſätze ergänzen ſich durch Bildung und durch2 den Tauſch der Liebe.
1. Der Geſchlechtsgegenſatz hätte, wie die meiſten hier aufgeführten und aufzuführenden Naturelemente des Geiſtes, auch bei den Thieren berückſichtigt werden können; es ſind dieß aber lauter Beſtimmtheiten, die erſt da ihre ganze Bedeutung erhalten, wo ſie ſinnlich geiſtige ſind. In den meiſten Thierarten iſt das Männchen ſchöner, als das Weibchen, in einigen das Weibchen; immer aber jenes ſtärker, ſtolzer, muthiger. In der menſchlichen Gattung aber macht ſich auf dieſem Punkte mit beſonderer Deutlichkeit der Satz §. 73, 1. geltend, daß das Schöne, indem es wirklich wird und den Momenten ſeiner Einheit verſchiedene Stellungen gibt, neben das Erhabene jene harmloſere Anmuth ſetzt, welcher die Großheit des einfach Schönen, die nun an das Erhabene übertragen iſt, abgeht. Die menſchliche Schönheit — um hier einige Sätze der trefflichen Abhandlung über die männliche und weibliche Form von W. v. Humboldt (geſamm. Werke B. 1) aufzunehmen — ſpezifizirt ſich und ſtellt zwei getrennte Hälften eines unſichtbaren Ganzen auf, die einander fordern, ſo daß der Betrachtende unbefriedigt von der einen zur andern übergeht und nur in der Wechſelergänzung die höhere Einheit, die Menſchheit findet. In der männlichen Geſtalt iſt die Maſſe mehr durch Form bezwungen, ſie ſtellt die Regel dar. Die ſtärkeren Knochen, die hervorragenden Sehnen begründen ſcharfe Umriſſe, wenig von Fleiſch gemildert. Alle Ecken ſpringen ſchneller und minder vorbereitet hervor, der ganze Körper iſt in beſtimmtere Abſchnitte getheilt und gleicht einer Zeichnung, die eine kühne Hand mit ſtrenger Richtigkeit, aber wenig bekümmert um Grazie, bis an die Grenze der Härte, entwirft. Die geſpannten Muskeln verkündigen heftige Entladung der geſammelten Kraft nach außen und athmen den Charakter der Thätigkeit, ſo wie die ſtrenge Beſtimmtheit des Ganzen das170 Gepräge des Verſtandes trägt. In der weiblichen Geſtalt dagegen herrſcht freiere Fülle des Stoffs. In ununterbrochener Thätigkeit der Umriſſe ſcheint ein Theil aus dem andern gleichſam auszufließen. Das Ganze verkündigt die Geſchlechtsbeſtimmtheit des Empfangens und die liberalere Herrſchaft des Geiſtes in der Form des Gefühls. Die trefflichen Bemer - kungen gehen nur zu wenig auf die einzelnen Formen ein. Die ganze weibliche Geſtalt iſt vor Allem weſentlich durch das Becken und die dadurch gegebene Breite der Hüfte beſtimmt. Daher müßen ſich die aus - gebogenen Schenkel gegen das Knie hin wieder einbiegen und von da biegt ſich das Schienbein ſanft wieder aus. Ueber der breiten Hüfte erſcheint die Taille doppelt ſchlank; die Bruſt durfte ſich, da ſo viel Stoff an die Hüfte abgegeben war, nicht mächtig ausbilden und die Brüſte ſprechen die Beſtimmung zum Säugen wie die Hüfte die zum Empfangen, Schwangergehen und Gebären aus. Die Schulter hat daher einen ſchnelleren Fall; auf dem ſchlankeren und längeren Halſe ruht der ſanfter, mit niedrigerer Stirn gebildete Kopf. Die ernährende Thätigkeit, beſtimmt, in leichtem Säftelauf den empfangenen Keim zu ſpeiſen, ſetzt überall das reichere Fett ab und vermittelt ſo jeden Uebergang durch ſanft ſchwellende Hügel, Rundungen, Einſenkungen. Durch dieſen herrſchenden Ausdruck der Geſchlechtsbeſtimmung iſt das Weib ungleich mehr Naturweſen, als der Mann mit der höheren Stirn, den ſchärferen Zügen, den ſtärkeren, eckiger abſtehenden Schultern, der breiten Bruſt, der ſchmäleren Hüfte, den geraden Beinen; er erſcheint durch ſeine Geſchlechtstheile zum Zeugen, durch das Gepräge ſeiner ganzen Geſtalt aber zum freien Handeln, zur Allgemeinheit des geiſtigen Zwecks beſtimmt. Das Weib gleicht den Element-Thieren, der Mann den freieren Landthieren. In dieſer Natur - beſtimmtheit des Weibs gibt ſich die Form ihres geiſtigen Lebens ihren Ausdruck; dieſe iſt Geiſt in ahnenden Inſtinct eingehüllt, geiſtiges Taſten; die Entgegenſetzung von Subject und Object wird nicht mit vollem Bewußtſein vollzogen, daher iſt das Weib ſubjectiver, weil ſie im wogen - den Gefühlsleben ſich und die Dinge nicht ſtreng zu ſcheiden vermag, ſie iſt objectiver, weil ſie ebendadurch noch zu der Natur gehört, der ſie ſich nicht mit dem inneren Bruche der freien und kämpfenden Perſönlichkeit gegenüberſtellt. Fragt man, welches von beiden Geſchlechtern ſchöner ſei, ſo muß man ſich wohl hüten, den ſtoffartigen Reiz in Rechnung zu nehmen, der jedes Geſchlecht dem andern als das ſchönere erſcheinen läßt. W. von Humboldt ſagt, die männliche Bildung befriedige ſichtbarer durch Richtigkeit der Verhältniſſe die Anforderungen der Kunſt, der Künſtler müße damit anfangen; erſt ſpäter könne er auch die Noth - wendigkeit im weiblichen Körper fühlen, dieſer ſei ſchwerer, denn er ſei geſetzmäßig und doch ſei der Schein der Geſetzmäßigkeit zu vermeiden;171 da aber Freiheit von allem Zwang die Seele der Schönheit ſei, ſo ſei er, da kein Theil in ſtraffer Beſtimmtheit ſich vordränge, ſchöner. Allein dieſe Zwangloſigkeit iſt auch zu unbeſtimmt, zu zerfloßen, verſchwommen, wie im Manne umgekehrt zu beſtimmt und ſcharf die Regel herrſcht. Man muß den Bau und die Geiſtesform, die er ausdrückt, zuſammen - nehmen und ſo ſtellt ſich auf beide Seiten ein ganzes Schönes, eine Einheit von Idee und Bild, Geiſt und Natur. Dieſe Einheit iſt im Weibe unmittelbarer, liberaler, ſie iſt durch keinen Kampf gegangen; im Manne ſtrenger, denn ſie iſt Einheit aus und durch Scheidung. Allein die Idee, die noch nicht in Scheidung getreten, iſt wirklich auch in ihrer Tiefe und Kraft noch nicht da, der Ausdruck des Denkens und der Frei - heit iſt mit jener harmloſen Anmuth nicht vereinbar. Es fehlt dem Körperbau, dem Ausdruck, dem Thun der letzte Druck, die rechte Schneide; das Weib iſt undeutlich wie halbverwiſchte Schrift an Leib und Seele. Im Manne iſt Beſtimmtheit und geht freilich auf Koſten der Zufälligkeit, aber es iſt doch die ganze Idee da, die in dieſer walten und herrſchen ſoll. Ein bedeutendes Kunſtwerk, deſſen Gehalt immer eine große ſittliche Idee ſein muß, kann ſeinen Gehalt nur durch eine Vereinigung von Männern, nie von Weibern darſtellen, dieſe können nur einzeln darin auftreten. Alſo: wie weder der Mann noch das Weib der Menſch iſt, ſondern nur der Mann und das Weib, ſo ſind auch nur beide zuſammen die ganze menſchliche Schönheit; wie aber der Mann eher allein ſtehen kann und Männer zuſammen etwas ausführen können, was groß iſt, nicht aber Weiber zuſammen ohne Männer, ſo hat der Mann bei der Vertheilung der Schönheit an beide Geſchlechter zwar nicht das Ganze, aber einen größeren Theil des Ganzen erhalten. Die verſchiedenen Stadien männ - licher und weiblicher Schönheit hat die antike Plaſtik reichlich angebaut. W. v. Humboldt nennt die bedeutendſten Werke. Ein Verſuch, die ganze Schönheit, die unſichtbar zwiſchen beiden Geſchlechtern ſchwebt, in einem Dritten zu vereinigen, war der Hermaphrodit: trotz allem Reize der Ausführung widerlich.
2. Es muß uns hier frei ſtehen, in das anthropologiſche Gebiet mehr aufzunehmen, als ſonſt geſtattet wäre, die fertige, ſittliche Welt vorauszuſetzen und ſo das Verhältniß der Geſchlechter in ſeiner ganzen Bedeutung aufzufaſſen. Jedes Geſchlecht muß ſich durch das andere wirklich ergänzen; das Weib mehr, als der Mann. Wie jenes leiblich zum Empfangen beſtimmt iſt, ſo geiſtig; Erziehung und Bildung durch Männer gibt ihr zur Anmuth die Würde, denn ſie gibt ihr Charakter. Das Weib hat ihren Schwerpunkt, ihr Ich außer ſich, ſie wird erſt durch den Mann perſönlich und frei. Fehlt ihr die Zucht, ſo ſtürzt ſie haltlos in das Böſe und wird häßlicher, als der rohe Mann. Der Mann aber172 ſoll ſich durch das Weib ergänzen und Würde in Anmuth kleiden lernen. Seine Perſönlichkeit, auf Herrſchaft des Denkens und Willens, auf Kampf gewieſen, ſetzt wildere Sinnlichkeit, entfeſſeltere Begierde voraus; der Ausdruck der Kraft macht auch die Verwilderung erträglich, aber an der Hand der ſanften Naturnothwendigkeit des edlen Weibs ſoll das Band der Harmonie die kämpfenden Extreme ſeiner Perſönlichkeit verſöhnen. Die Wechſel-Erziehung beider Geſchlechter iſt theils die allgemeine durch die Geſellſchaft, theils die beſondere durch das Verhältniß des Kinds zur Familie, theils die einzelne und innigere durch die Liebe. Der Mann ſucht und liebt im Weibe die Natur, ihre ſtille Nothwendigkeit, ihr unbe - wußtes Dunkel, er liebt ſie aus demſelben Grunde, aus welchem wir uns nach der Pflanzen - und Thierwelt, nach dem Zuſtande der Naturvölker und Griechen ſehnen; das Weib liebt den Mann, wie die Natur ſich ſehnt, ſich zum Geiſte zu befreien und Ich zu werden, wie das Kind groß und ein Mann werden möchte, wie Alcibiades den Sokrates ahnend bewundert im Sympoſion. Das Pathos der Liebe muß nun näher betrachtet werden.
Die Leidenſchaft der Liebe b[e]ruht auf einer durch individuelle Wahlver - wandtſchaft berechtigten Verwechslung einer einzelnen Perſon mit dem Inbegriff aller Vorzüge ihres Geſchlechts. Der äſthetiſche Stoff erweitert ſich durch ſie zu der höheren Erſcheinung einer Perſönlichkeit, in welche zwei Perſonen auf - gehen, deren jede ihr Selbſt hingibt, um es in derſelben Hingebung der andern verdoppelt zurückzuerhalten: eine unerſchöpfliche Quelle von Schönheit und, durch zahlloſe Arten des Zuſammenſtoßes mit der umgebenden Welt, von tragiſchen und komiſchen Entwicklungen. In der abſoluten Hingabe der ganzen Perſon iſt die leibliche von ſelbſt miteingeſchloſſen, aber nur als Schluß und Zeugniß der geiſtigen.
Ein ſo geläufiger Stoff bedarf keiner Erläuterung noch einer Hin - weiſung auf die Kunſtwelt, die ihn in unendlichen Formen benützt hat. Romeo und Julie, dieß Trauerſpiel, das „ die Liebe ſelbſt dictirt hat “, werde allein genannt, um die Tiefe und Fülle dieſer Quelle der Schönheit mit einem Blicke zu vergegenwärtigen. Wie vielſeitig der Stoff ſei, zeigt ſelbſt eine flüchtige Andeutung ſeiner weſentlichſten Momente. Das erſte iſt die Entſtehung der Liebe aus geheimem Anklang. Die Wahlverwandten haben das Recht, ſich gegenſeitig für den abſoluten Mann und das abſolute Weib zu halten, denn es iſt ein geheimes Naturgeſetz in der Perſönlichkeit, das ihnen ſagt, daß ſie zuſammengehören, und der ſchöne Irrthum iſt nur, daß ſie ſich, während jedes nur für das andere der Inbegriff der173 Geſchlechtsvorzüge iſt, gegenſeitig für ſchlechthin abſolut halten, ſo daß die andern Perſonen des Geſchlechts als Nullen erſcheinen. Freilich kann das Gemüth ſich auch über die Zuſammengehörigkeit täuſchen und dieß iſt ſchon eine Quelle tragiſcher (Göthe’s Wahlverwandtſchaften) oder komiſcher Schickſale. Die Liebe wächst, wird reif, ſtößt auf die Hinderniſſe, welche ihr die umgebende Welt entweder ungerecht durch Laune und ſinnloſen Zufall oder im Rechte eines wichtigeren, größeren Zuſammenhangs, für den ſie die Perſonen in Anſpruch nimmt, bereitet: die Beſiegung jener führt zum Komiſchen, das Unterliegen unter dieſe und die Erhebung im Untergang iſt tragiſch. Die Unſchuld und Heiligkeit der ſinnlichen Beſieglung des Bundes iſt nirgends ſchöner ausgeſprochen, als in Juliens Monolog. Daß aber auch ein Reichthum komiſcher Motive im ſinnlichen Momente der Liebe liege, wurde ſchon in der Lehre vom Komiſchen vielfach berührt. Das Komiſche fließt aus der Trennbarkeit des Sinnlichen von dem Gei - ſtigen, deſſen Zeuge und Schluß es ſein ſoll. Die Trennung braucht, damit komiſche Beleuchtung entſtehe, keine wirkliche zu ſein; freier Humor kann im Bewußtſein, das Getrennte leicht wieder zuſammenzufaſſen, die Momente der Liebe ſpielend in ſeiner Darſtellung trennen und in wider - ſprechendes Durcheinanderſchimmern ſtellen. Das Komiſche verlangt, daß aus dem Idealismus der Liebe ſinnliche Regung hervorſchimmere, aber jener darf nicht als Täuſchung in platten Genuß auslaufen nach der Philoſophie des Mephiſtopheles; umgekehrt muß die rohe Begierde ſelbſt wenigſtens den Schein der Vergeiſtigung des Weibes bedürfen und ſuchen, um irgend komiſcher Stoff werden zu können. Ebenſo verhält es ſich mit Eigennutz, Ehrgeiz und andern Triebfedern, die ſich in die Liebe ein - ſchleichen oder ihre bloße Maske anlegen. Ueberhaupt aber geht die Liebe am Rande des Komiſchen hin aus demſelben Grunde, aus dem ſie ſich am Abgrunde des Tragiſchen bewegt: es ſteht der ſubjectiven Unendlichkeit eine objective Welt gegenüber, welche dem erfahrungsloſen Idealismus dieſes jugendlichen Pathos als unberechtigte Proſa erſcheint, deren ſtrengere Berechtigung es aber in tauſend Anſtößen zu erfahren bekommt.
Zucht und Vollendung der Liebe iſt die Ehe, welche erſt die einſeitige1 Schönheit der Geſchlechter thätig ergänzt. Als unbewegter Zuſtand iſt ſie ein äſthetiſch weniger günſtiger Stoff, die Störung aber, ſei ſie innere oder äußere, bringt die ungleich mächtigere Tiefe und Stärke dieſes beruhigteren Pathos in furchtbaren Erſchütterungen und herrlichen Thaten der Tugend zu Tage; zugleich geht durch vielfache innere Störungen unſchädlicher Art und durch zahlloſe Reibungen mit dem Kleinen, welche dieſe Einwohnung der Liebe in die Wirk -1742 lichkeit mit ſich bringt, eine neue Quelle des Komiſchen auf. Die Ehe erweitert ſich zur Familie, worin die verſchiedenartige Liebe zwiſchen mehreren Gliedern aus vielen Perſonen Eine reich belebte Perſönlichkeit ſchafft: die Wurzel des Völkerlebens, ehrwürdige Grundſäule und Vorbild des Staats, worin ein Schooß unendlicher äſthetiſcher Stoffe gegeben iſt.
1. Der gährende Wein der Liebe wird ruhig und ſtill in der Ehe. Dieſe wurde eine Zucht genannt nicht nur überhaupt als Schule der Liebe und gegenſeitige, wiewohl vom Manne thätiger ausgehende Erziehung der Perſönlichkeit, wodurch die Anmuth des Weibes, das nun ſeine Beſtimmung erreicht, erſt der wahren Würde theilhaftig wird, ſondern auch näher als Reinigung der Sinnlichkeit durch den weihenden Act, welchen die Sitte der Völker zwiſchen den Bund der Gemüther und ſeine ſinnliche Vollziehung geſetzt hat. Das Schöne kennt und entfaltet zwar wohl eine Welt, worin die Sinnlichkeit unſchuldig iſt, wie ſie es ſein ſoll, und in ungetrenntem Verlaufe ihren reinen Genuß an die innere Hingabe knüpfen darf (vergl. §. 60, 1.); allein auch im Schönen hat dieſer Kreis ſeine Grenze und iſt nur wie eine glückliche Inſel, denn die unreine Welt mit der Gefahr der Ausartung, welche im unmittelbaren Uebergang zur ſinnlichen Vollziehung liegt, dieſe ganze Wirklichkeit, welche ohne die Schranken des Geſetzes und der Sitte in jede Zerrüttung fiele, dieß iſt ja eben auch die Welt, worin das Schöne ſeine weiteſten und größten Stoffe findet und deren ſcheinbare Proſa es daher nicht ſcheuen darf. So iſt es ja auch nichts weniger als proſaiſch, wenn Julie, ehe ſie ſich dem Romeo hingibt, auf Ehe dringt und getraut wird, und wird das ſinnliche Feuer in dieſer Tragödie dadurch im Geringſten nicht geſchwächt. Die Ehe als dauernder Zuſtand nun wird allerdings nur durch Störungen äſthetiſch, denn ihr Charakter iſt, daß die Liebe als ein Beſonderes für ſich nicht mehr wahrgenommen wird, ſondern beide Perſönlichkeiten ſo durchdrungen hat, daß ſie ihren weiteren Thätigkeiten ruhig nachgehen. Die Erſchütterung aber bringt zu Tage, daß das Pathos, je ſtiller, um ſo tiefer und mächtiger geworden iſt. Innere Störung ernſter Art: Untreue oder zerſtörende Eiferſucht auf einen Schein der Untreue begründet (Othello: „ lieb’ ich dich nicht mehr, ſo kehrt das Chaos wieder “). Aeußere Störung: Probe der Treue (Göz zu Eliſabeth: „ Du bleibſt bei mir. “ Eliſ. : „ Bis in den Tod “). Die komiſchen Störungen müſſen unſchädlich ſein, zunächſt objectiv und an ſich. Hier dringen alle die kleinen Uebel herein, die in der täglichen Reibung der Charaktere, theils der gegenſeitigen an den Launen, Eigenheiten, Gewohnheiten u. ſ. w., theils der gemeinſchaftlichen an der kleinen Noth, den Mühen, Widerwärtigkeiten in Erwerb, Ver - waltung des Beſitzes, Ernährung u. ſ. w. begründet ſind. Man darf175 unter zahlloſen Benützungen dieſes Stoffes durch die Kunſt nur an Siebenkäs und Lenette denken. Dieſes Beiſpiel zeigt aber auch bereits, daß das zunächſt Unſchädliche ſehr ſchädlich ſein, ja die Ehe zerſtören kann, und umgekehrt kann auch das Schädlichſte im Sinne des Komiſchen als ein Unſchädliches erſcheinen, je nach dem Lichte, das auf das Ganze fällt. Die Eiferſucht kann ebenſo komiſch als tragiſch ſein; die Untreue kann freilich nie komiſch erſcheinen, wo ſie eine vorher gute Ehe zerſtört, aber an einer gemeinen Ehe, die vorher ſchon ein Zerrbild der guten iſt, iſt auch durch ſie nichts zu verderben und dieſe Dauerhaftigkeit des Schlechten kann allerdings komiſch erſcheinen.
2. In der Familie fließt die Liebe des Vaters zur Mutter, der Mutter zum Vater, beider zu den Kindern, des Kindes zu den Eltern, der Kinder unter ſich in Eine Liebe, Eine geiſtige Perſon zuſammen und iſt dieß ein um ſo reicheres Schauſpiel, da jedes unter dieſen die andern wieder mit einer andern Liebe liebt. Daß Zerſtörung der Familienliebe Zerſtörung der Menſchheit, Weltuntergang iſt, ſpricht in gewaltigen Lauten Shakespeare im König Lear aus. Laokoon. Niobe. Fruchtbares Motiv des Kindermords in Bethlehem. Colliſionen: Vaterliebe mit Mutterliebe: Oreſtie, Bruderliebe mit Geſetz: Antigone, Bruderliebe und Leidenſchaft der Liebe zum Weib: Braut von Meſſina. Der Liebesbund der Familie bietet aber auch des Komiſchen genug dar und wohl ihm, wenn er ſelbſt dieſen Stoff frei auffaßt und die Glieder nicht in Sentimentalität ſich verhätſcheln, was zur ſchlimmſten Heuchelei führt. Sie behalten im Wechſeltauſch der Liebe einen guten Reſt des Eigenſinns zurück, bemerken gegenſeitig ſehr wohl ihre Schwächen und im guten und geiſtigen Hauſe erzeugt ſich daraus das behagliche Element des Familienhumors.
Durch die unendliche Verzweigung der Familien hat ſich das menſchliche1 Geſchlecht über die Erde verbreitet. Es theilt ſich, weil die abſolute Form gefunden iſt, nicht in Arten, ſondern nur in Racen, welche durch Körperbau überhaupt, Form des Schädels, Geſichtsbildung, Haut, Temperament und Anlage ſich unterſcheiden. Unter dieſen iſt nur die kaukaſiſche als wahrhaft äſthetiſche2 Erſcheinung anzuerkennen, denn nachdem die Aeſthetik aus dem Thierreich in die menſchliche Welt eingetreten iſt, genügt ihr nur der in §. 317 ff dargeſtellte176 rein menſchliche Typus, welcher zugleich mit dem ſchönen Gleichgewichte des Temperaments und der Anlagen nur in dieſer Race ausgebildet iſt. Die andern, mehr oder weniger thierähnlichen Racen können daher nur in unterordnender Zuſammenſtellung und Contraſt mit ihr als äſthetiſcher Stoff auftreten.
1. Bisher war von ſolchen anthropologiſchen Formen die Rede, welche das Menſchengeſchlecht überall begleiten und daher, wiewohl ſie Differenzen enthalten, allgemeiner Art ſind; jetzt wird zu feſtſtehenden Unterſchieden, welche jene allgemeinen Formen ſelbſt in ihre Kreiſe ziehen, übergegangen und zwar natürlich zunächſt von der Verzweigung der Familien zu den Racen. Die Aeſthetik hat ſich nicht in die ſchwierige Frage nach der Entſtehung derſelben einzulaſſen; wenn man aber dagegen, daß die klimatiſchen und anderweitig phyſikaliſchen Beſtimmtheiten der Wohnſitze die Urſache dieſer Abartungen ſei, die bekannte Beobachtung geltend machen will, daß in einerlei Erdſtrich jetzt verſchiedene Racen auftreten und daß eine Race, in einen anderen Erdſtrich verſetzt, keines - wegs von ihrem Typus laſſe, ſo iſt dieß keine Widerlegung. Die Racen müſſen entweder auf verſchiedenen Punkten nach Maßgabe der telluriſchen und klimatiſchen Bedingungen entſtanden und ſo das Menſchengeſchlecht von mehrerlei Individuen ausgegangen ſein oder ein urſprünglich gleicher, an Einem Ort entſtandener Menſchentypus muß zur Zeit, da er noch weicher und bildſamer war, unter den Einflüßen veränderter Sitze in dieſe Typen auseinandergegangen ſein, und in beiden Fällen verſteht ſich, daß, was am urſprünglich bildſamen Stoffe geſchah, ſich ſofort verfeſtigt und die gleichen Bedingungen an der eingewurzelten und verhärteten Form nicht mehr daſſelbe bewirken. Für die Aeſthetik nun iſt dieſe älteſte Bildungsgeſchichte zwar gleichgiltig, aber das fortdauernde Zuſammenſein der Race mit der Natur, zu welcher ihr Typus gehört, eine weſentliche Forderung; ſie will den Kaukaſier in ſeinen breiten und milden Strom - thälern zwiſchen Mittelgebirgen, an ſeinen auffordernden Meerküſten, ſie will den Mongolen in ſeinen Steppen, über ſeine Schneegefilde mit den ſchiefgeſtellten, ſchmalgeſchlitzten Augen hinblinzend, ſie will den Neger in ſeinen glühenden Sandwüſten, in ſeiner erſchlaffenden Tropen-Natur ſehen. Allein freilich dieſe entſprechende Umgebung iſt vielfach verſchoben; der Mongole iſt in die fruchtbaren Stromflächen Chinas gedrungen und zeigt ſich hier in anderen Umgebungen, als in den Hochſteppen und Schnee - feldern des nördlichen Aſiens, wo urſprünglich ſeine Geſtalt zu der breiten und ärmlichen Form einfror, die wir an ihm kennen; der Neger findet ſich ebenfalls in verſchiedenen Zonen u. ſ. w. Dieſe Verſchiebungen des Zuſammengehörigen bereiten jedoch hier keine Verlegenheit, denn aus dem Grunde, der unter N. 2 im §. ausgeſprochen iſt, haben wir den Racen -177 Unterſchied nur flüchtig zu berühren, wovon ſogleich mehr. Bei den Völkern der kaukaſiſchen Race aber ſind dieſe Verſchiebungen theils ſo bedeutend nicht und bleibt der äſthetiſche Einklang mit der Naturumgebung in Kraft, theils wo ſie ſtattfinden, iſt die Ueberwindung der Einflüſſe der Natur - umgebung durch Bildung ſelbſt wieder eine in anderweitigem Zuſammen - hang wichtige äſthetiſche Erſcheinung. — Unter den Merkmalen, wodurch ſich die Racen unterſcheiden, iſt das Temperament genannt. Bekanntlich hat man es im weiteſten Sinne auf die Racen angewandt und dem Neger das ſanguiniſche, dem Mongolen das melancholiſche, dem Amerikaner das phlegmatiſche, dem Malayen das choleriſche zugetheilt, von den kaukaſiſchen Völkern aber geſagt, daß ein Gleichgewicht der Temperamente, zwar aller - dings unter Vorherrſchen des Choleriſchen, ihren Grundzug bilde. Wir können uns dieß ohne weitere Unterſuchung gefallen laſſen, verweilen aber hier noch nicht weiter bei dem Temperamente, wiewohl es im äſthetiſchen Gebiete, wo wir den Geiſt durchaus in ſeinem Natur-Elemente webend erblicken wollen, von Wichtigkeit iſt; es tritt uns erſt näher in den Völkern kaukaſiſcher Race, dann in den Individuen.
2. Die Zählung und Beſchreibung der Racen überlaſſen wir der Anthropologie. Es mag rathſam ſein, mit Cüvier nur drei Racen, die kaukaſiſche, mongoliſche und äthiopiſche zu zählen, die amerikaniſche als Uebergang zwiſchen der kaukaſiſchen und mongoliſchen, die malayiſche zwiſchen jener und der äthiopiſchen anzuſehen. Alle nicht kaukaſiſchen ſtreifen mehr oder weniger an’s Thieriſche, am meiſten die äthiopiſche; ſie iſt affenähnlich, die mongoliſche, wenn man die ſchmalen Augen ausnimmt, eulen - oder katzenähnlich, die amerikaniſche hat neben den mongoliſchen Backenknochen viel von dem ramsnaſigen Mecklenburgerpferde. Der malayiſche Typus ſchwankt, nähert ſich am meiſten dem kaukaſiſchen. Um dieſer Thierähnlichkeit willen werden wir keine Scene, worin die wilden, halbwilden oder nur phantaſtiſch gebildeten Menſchen dieſer Racen allein auftreten, ſchön nennen. Das Thier kann, allein auftretend, ſchön ſein, denn es iſt in der anſpruchsloſen Armuth der Stufe des Lebens, auf die es geſtellt iſt, reich; wo aber Menſchen wirken, da wollen wir auch den reifen Menſchen ſehen, nicht den halbgebackenen, verhärteten oder überkochten „ bis in den Sitz der Seele geröſteten “(Lichtenberg). In einem Kampfe, Heerzuge mögen Mongolen zwiſchen Kaukaſiern ihre Roſſe tummeln, Neger mögen als Sklaven Mitleid erregen, im Piratenſchiffe, im perſiſchen Heere unter weißen Menſchen mitfechten, bei dem Tode des General Wolfe mag eine Rothhaut trauernd zur Seite kauern: da wirkt Zuſammenſtellung und Contraſt. In Shakespeares Othello iſt die Hauptperſon (eigentlich ein Araber) als Mohr dargeſtellt, aber auch gerade dem Seltſamen dieſer Er - ſcheinung eines der tragiſchen Motive entnommen. Muley Haſſan im Fiesko.
Die ſchöne Race theilt ſich, wie die andern, in Völkergruppen, Völker, Stämme. Der leiblich geiſtige Unterſchied derſelben iſt ein durch die geſammte Natur-Umgebung beſtimmter und ſo wirkt dieſe, wie ſie urſprünglich bildend eingriff, neben der menſchlichen Erſcheinung fortbeſtehend äſthetiſch mit: das ganze unperſönliche Reich des Schönen hat nunmehr im concreteren Sinne ſeinen2 Mittelpunkt gefunden. Die Schönheit ſteigt nun in dem Grade, in welchem ein glücklicher Landſtrich dem Menſchen ein vertrautes, im Gleichgewichte zwiſchen Anſtrengung und Genuß ſchwebendes Zuſammenleben mit der Natur geſtattet. Die Grenze des Schönen tritt mit der Erſtarrung auf der einen, der wuchernden Ueppigkeit auf der andern Seite ein.
1. Es kommt hier nur erſt darauf an, die allgemeinen Geſetze auf - zuſtellen; nachher wird, ſo weit eingegangen werden kann, von den beſtimmteren Formen der Völkerſchönheit die Rede ſein. Hier alſo leuchtet zunächſt im Allgemeinen ein, wie nun erſt die ganze Welt des Natur - ſchönen bis zum Menſchen in ihm ihren Genius erhält, mit ihm zu beſtimmten Charakteren zuſammentritt; was in §. 316 vom Menſchen überhaupt geſagt iſt, theilt ſich in concrete Bilder. Jetzt tritt im heißen Sonnenlichte, in der reinen Luft und unter den brennenden Farben, am Fuße mächtiger Hochgebirge in paradieſiſchen Stromthälern, an der Wüſte und am Meere, unter Palmen, Cedern, Aloen, Mimoſen, Rieſenblumen, von Kameelen, Gazellen, Elephanten, Pfauen umwimmelt, von Löwen, Tigern, Schlangen bedroht der Orientale, im gemäßigteren Klima, in den von Mittelgebirgen getheilten lieblichen Thälern, an ſeinem Mittel - meere, dieſem uralten Cultur-Centrum, unter Pinien, Lorbeer, Oelbaum, Platanen, den plaſtiſch gebildeten ſilbergrauen Stier mit den breiten Hörnern an den Pflug ſpannend, das ſchlanke Roß tummelnd der Grieche und Römer, unter dem grauen, neblichen Himmel, am rauh zerklüfteten Gebirge, in der breiteren Ebene, am wilderen Nordmeere, unter düſteren Tannen, in dunkeln Laubwäldern, den Ur und Bären bezwingend der Germane auf; Geſtalt, Profil, Farbe u. ſ. w. ſtimmt mit der Umgebung und es baut ſich ein Genrebild zuſammen.
2. Die allzufreigebige Natur erſchlafft und verzieht, die allzu karge drückt zuſammen, reibt auf. Dieſe Extreme bezeichnen eben die Grenzlinie der ſchönen Race. Wir können hier ganz einfach an das Bekannte ver - weiſen, was Geographie und Geſchichte ſagen, daß und warum nämlich die gemäßigte Zone der Schauplatz der Weltgeſchichte iſt, denn die geſchicht - lichen Völker ſind eben auch die ſchönen Völker; wo das Menſchliche ſich entwickelt, iſt Schönheit. Intenſität des Lichts ohne übermäßige Hitze,179 nicht allzuſtarker Wechſel von Kalt und Heiß wie in den breiten conti - nentalen Steppen-Ebenen, dieß iſt die atmoſphäriſche Grundbedingung; eiſige Kälte, überſteigernde Hitze, zu ſtarke klimatiſche Kontraſte erzeugen „ die ſtabilen Völker der Erde, die Wanderſtämme der Jäger, Fiſcher, Hirten und die vermeintlich paradieſiſchen, ſcheinbar bevorzugten Natur - kinder “(Roon, Grundzüge der Erd - Völker - und Staatenkunde B. 1, S. 156). Unter den telluriſchen Formen begünſtigt thal - und waſſerreiches Hochgebirge die ſchöne Entwicklung. Dagegen iſt kahle Hochſteppe ungünſtig, ſie erzieht nur unſtete Nomaden. Die eigentlichen Culturſitze aber ſind die Uebergangs - oder Mittelgebirgs-Länder, die mittleren Stufenländer, von Flüßen belebte, von mäßigen Gebirgen durchzogene Thäler, eine Mannigfaltigkeit der Bodengeſtaltung, welche ſowohl die Einförmigkeit allzubreiter Ebenen, als die beengende Laſt öder Hochgebirge ausſchließt; „ in dieſen lieblichen Thälern, dieſen reizenden Landſchaften war gut Hütten bauen, weil ſie in der Regel ſo anmuthig als fruchtbar ſind “(Roon a. a. O.). Hier blüht der Ackerbau, die Grundlage aller Bildung; von da aus wird denn auch die Tief-Ebene von der Cultur überzogen; mag ſie ſelbſt Steppe oder Wüſte ſein, ſie bietet keine Schranke und als Küſtenland führt ſie an’s Meer: eine der weſentlichſten Bedingungen ſchöner menſchlicher Entwicklung; denn ſelbſt noch abgeſehen von Handel und Schifffahrt athmet es ſich anders, hebt ſich Auge, Bruſt und Gedanke anders, wo ſie hinausdringen in das ſchrankenlos ergoſſene, ewig bewegte, kühle und reine Naß. Das Meer duldet keine Philiſter, nur eingeſchloſſene Binnen - wohner können verknöchern wie die Deutſchen. Man könnte dagegen die Holländer und Engländer anführen, allein ſie haben Thatkraft und ihr unternehmender Geiſt hat zur Zeit, da die eigentlichen Deutſchen ſchon politiſch abſtarben, der Kunſt die gewaltigſten Stoffe geboten.
Dieſe Naturverhältniſſe laſſen nun natürlich einen Reichthum von Abſtufungen zu. Die nördlicheren Völker Europa’s haben einen viel härteren Kampf mit der Natur, als die ſüdlichen; die öſtlichen ſtehen an der Grenze der Verweichlichung durch die Ueppigkeit ihrer Lüſte, ihres Bodens. Gerade dieſe Abſtufungen aber erzeugen Mannigfaltigkeit der Formen, Reichthum verſchiedener Stellungen der Momente des Schönen, je nachdem das geiſtige Leben von einer härteren Natur in ſich zurückgeworfen und zugleich zum herben Kampfe aufgefordert oder von einer weicheren in ſinnlichen Taumel herausgelockt oder in ſchönes Gleichgewicht mit der Sinnlichkeit verſetzt wird. Das Glück dieſes Gleichgewichts genießen am meiſten die ſüdlichen Völker, doch können wir die morgenländiſchen, wo der Genuß, die nördlichen, wo die Anſtrengung überwiegt, wo z. B. der Niederländer mühſam die einförmigen Dünen gegen das Meer befeſtigt, immer wohl noch unter den Satz unſeres §. befaſſen. Die Grenze, wo die Extreme12*180beginnen, kann man freilich nicht mit dem Zollſtabe geographiſch auf - ſuchen. Der Skandinavier iſt noch äſthetiſch, der gequetſchte Lappe nicht mehr; der dunkelbraune Beduine iſt es noch, der affenähnliche Neger nicht mehr.
Zum vorh. §. (1.) wurde bemerkt, daß die Völker ihre Wohnſitze frei verändern, aber auch ſogleich hinzugeſetzt, daß dieſe Verſchiebungen in der kaukaſiſchen Race nicht bedeutend ſeien. Wären ſie nämlich ſo ſtark, daß wir ein Volk in einer Natur-Umgebung fänden, die ſeinem Habitus offenbar widerſpricht, ſo wäre dieß freilich eine Ohrfeige für die äſthetiſche Betrachtung. Der Menſch bezwingt die Erde, allein dieſe abſtracte Freiheit der Bildung iſt nicht äſthetiſch. Im Gebiete des Schönen wollen wir den Bezwinger ſelbſt von dem Bezwungenen eine gewiſſe Naturfärbung annehmen ſehen. So bezwingt der Seemann den Ozean, aber ebendaher bekommt ſeine ganze Erſcheinung einen Meerton. Wirklich iſt nun aber auch das Verhältniß völliger Inconvenienz entweder ein vorübergehendes und vereinzeltes, wie bei Reiſenden, die wir in einer fremden Naturumgebung finden, und da liegt eben in der Fremdheit wieder ein anderweitiger äſthetiſcher Reiz, oder es ſind Niederlaſſungen wie von Pflanzern, und Niemand nöthigt uns, dieß äſthetiſch zu finden; es ſind Eroberungen wie die der Römer in Gallien, in Deutſchland, der rothhaarigen Engländer in Indien und China, der ſtämmigen blonden Holländer auf dem Kap, und da können tapfere Kämpfe dem Widerſpruche des erſten Anblicks eine beſondere äſthetiſche Wendung geben u. ſ. w. Viele Verſetzungen aber führten die Völker in eine ihrer heimiſchen verwandte Natur, ſo daß ſie ſich ihr anbequemen konnten, ihren Typus nach ihren Bedingungen nur mäßig zu modificiren brauchten; ſo ſiedelten Griechen in dem um ein Mäßiges heißeren Jonien, in der verwandten Natur Siciliens und Italiens an, Spanier in Süd - Amerika, Engländer aber in Nord-Amerika, Sachſen und Normannen in dem nebligen England, Bretonen auf der Nordweſtküſte Frankreichs, und da iſt nirgends ein weſentlicher Widerſpruch zwiſchen der Natur und den Anſiedlern. Endlich beſiegt aber auch die Natur neuer Wohnſitze einen anfänglich ſtärkeren Widerſpruch; die Gothen und Longobarden haben ſich mit den Lateinern verſchmelzt und ſind Italiener geworden, ebenſo Gothen, Sueven, auch Araber mit den Spaniern, Franken mit den Galliern u. ſ. w.
Der Unterſchied der Völker iſt zunächſt ein Unterſchied der körperlichen Bildung: dieſe aber gibt einen inneren Unterſchied der geiſtigen Organiſation kund, welche ſich in dem dunkeln Grunde des nun erſt concreter in ſeine Gegen -181 ſätze ſich theilenden und miſchenden Temperaments zuſammenfaßt. Dieſe in der Complexion des Nerven - und Blutlebens beruhende Art der Grundſtimmung der Perſönlichkeit iſt der Schooß des beſonderen Naturells, d. h. der Form, in welcher die ſämmtlichen theoretiſchen und praktiſchen Anlagen (§. 319) zu eigenthümlicher Einheit verbunden als beſondere Diſpoſition hervortreten, und gibt jedem Volke ſeinen, für die Aeſthetik höchſt wichtigen, Naturton. Alle Bewegungen der Geſtalt, wie der Klang der Stimme, die Sprache und ſämmtliche Formen des ſittlichen Lebens ſind ein Ausdruck dieſer urſprünglichen Naturbeſtimmtheit der Nationalität.
Das Temperament wurde als einer der Punkte, worin ſich die Racen unterſcheiden, bereits erwähnt; von der kaukaſiſchen durfte ein ſchönes Gleichgewicht der Temperamentsgegenſätze ausgeſagt werden; in den Völkergruppen dieſer Race treten die Gegenſätze auf dem Grunde einer Allſeitigkeit und Miſchung, welche die Ausartung in Einem derſelben nicht zuläßt, wieder hervor. Der ganze Unterſchied der geiſtigen Organi - ſation der Völker nach allen Richtungen des Seelenlebens wird im §. gewiß nicht mit Unrecht weſentlich im Temperamente zuſammengefaßt. Es kann jedoch an dieſer Stelle die Sache nicht weiter verfolgt, es können die Temperamente nicht aufgezählt, noch weniger kann dargeſtellt werden, wie ſie ſich an die wichtigſten Völker vertheilen. Wollten wir dieß thun, ſo müßten wir hier, da der Ausdruck der eigenthümlichen Organiſation im Aeußern für die Aeſthetik von größter Wichtigkeit iſt, auch eine Phyſiognomik, eine Mimik, eine Phonognomik der Völker geben, wie denn der Schluß des §. dieſe Aeußerungsformen erwähnt. Im Weiteren geben wir dann zu der wirklichen Geſchichte der äſthetiſch bedeutendſten Völker über und da iſt mit dem Uebrigen allerdings auch ihr Temperament zu bezeichnen. Seine eigentliche Wichtigkeit erhält jedoch das Temperament erſt im Individuum, wo es ſich zum Charakter umbildet. Hier gilt es zuerſt nur, die äſthetiſchen Hauptbedingungen auf - zuſtellen und zu ſagen, daß die Nationalität äſthetiſch nur wirkt, ſofern ſich mit dem höheren Gehalte ihres ſittlichen Charakters, von dem wir noch nicht reden, dieſe ganze Nerven - und Blut-Atmoſphäre, von welcher er umwebt iſt, mitausſpricht. Greifen wir in die Kunſt vor, ſo heißt dieß, kein Künſtler, kein dramatiſcher Dichter z. B., wiſſe Charaktere aufzuführen, der nicht als Element ihres individuellen Gepräges die Nationalität und als Element der Nationalität dieſe ihre Naturwurzel, dieſen Ton ihrer Heimathluft und ihrer Erde, der ſich geheimnißvoll in ihr Blut und ihre Nerven übergetragen hat, in ſeiner Friſche mitgibt. Man denke z. B. an die Niederländer und Spanier in Göthes Egmont.
Nacht und wehrlos von Geburt muß ſich der Menſch ſeine Nothdurft, ſeine Genüſſe erarbeiten und durch dieſe Reibung mit der Natur wickelt ſich aus der Rohheit der Geiſt heraus, deſſen Erſcheinung jedoch nur ſo lange äſt - hetiſch bleibt, als er nicht auf Koſten der ſinnlichen Lebendigkeit und Ein - fachheit ſeiner Culturformen ſich ausbildet. Den Körper verhüllt, ſchützt,2 ſchmückt die Kleidung und bildet ſich nach der Beſchaffenheit des Wohnſitzes und der dadurch bedingten Sinnesweiſe und Lebensart einer Volksnatur über - haupt, aber auch unter der Leitung eines höheren, geiſtigen Inſtincts zu den Formen verſchiedener Trachten aus. Die umgebende Natur wird thätig behandelt3 zunächſt durch Fiſcherei, Jagd, Viehzucht, mit welchen erſt ein unſtetes Wanderleben verbunden iſt, durch den Landbau, der mit der feſten Anſiedlung auch die geſellige Ordnung begründet, und durch die wichtigere Schule des4 Völkerverkehrs und der Bildung, Schifffahrt und Handel. Der Krieg, urſprünglich roher Ausbruch der Naturkraft, fängt an zu einem edleren Aus - druck der Unternehmungsluſt und Selbſterhaltung der Nationen zu werden.
1. Daß der Menſch ein „ Invalide ſeiner oberen Kräfte “iſt (wie Herder geiſtreich ſagt), geht die Aeſthetik mittelbar ebenſo an, wie alle in die Cultur einſchlagenden Erörterungen. Zunächſt freilich im Sinne des Häßlichen, das kaum ganz in das Komiſche aufgeht, wie die ganze elende Hilfsbedürftigkeit und Unflätherei des Neugeborenen, dann alle die dürftigen Lebensformen der wilden Völker. Die erſten Hauptformen, wodurch der Menſch die äußere Natur und dadurch die innere Rohheit überwindet, werden nun im Folgenden kurz genannt und dabei iſt freilich die Vorausnahme nothwendig, daß ſie äſthetiſch allerdings erſt werden, wenn ſie das herbeigeführt haben, was ſie vorbereiten, nämlich das gebildete Geſammtleben, in welchem ſie als einzelne Zweige der Thätigkeit fortdauern. Der Wilde, der blos Fiſcher, blos Jäger, der unſtete Nomade, der blos Hirte iſt, gehört nicht in die Aeſthetik, auch Landbau allein kann ihr nicht genügen und ein Volk, das faſt nur Handelsvolk iſt, widert ſie an. Der §. ſtellt nun zuerſt das Geſetz auf, das von der vorliegenden ſowie von allen weiteren Sphären des menſchlichen Lebens gilt und nur eine Anwendung des allgemeinen Begriffs des Schönen iſt: geiſtloſe, rohe Natur iſt noch nicht, naturloſer Geiſt nicht mehr äſthetiſch. Das vorliegende Gebiet der Culturformen können wir im Allgemeinen das der Zweckmäßigkeit nennen. Die befriedigte Zweckmäßigkeit führt aber zum Ueberfluß des Angenehmen in unmittel - barem Genuß und Schmuck, und auch darauf dehnt unſer Gebiet ſich aus. Geiſtloſe Natur nun tritt in zwei Fällen ein. Der eine findet Statt, wenn die183 Natur zu karg iſt, ſo daß der Menſchengeiſt im Kampfe mit ihr, während er zunächſt durch dieſen Kampf ſeine Freiheit zu bethätigen ſcheint, viel - mehr durch die ewige Noth der Mühe ganz Knecht der Natur wird, wobei nothwendig auch ſeine Geſtalt verkümmert; aber bis zu dieſem Extrem hin gibt es manche, immer noch äſthetiſche Stufen. Der andere Fall tritt ein, wo die Natur ſo freigebig iſt, daß ſie der Thätigkeit zu wenig übrig läßt, wo ebendaher auch die Geſtalt in’s Thierähnliche wuchert; auch hier gibt es jedoch bis an die unäſthetiſche Grenze reichliche Uebergänge. In dem Spielraum aber, der bis an dieſe Grenze geht, tritt auf beiden Seiten wieder eine doppelte Neigung zu einer andern Ueberſchreitung der Grenze ein: zunächſt nämlich wird der Menſch in beiden Fällen zu wenig thun, um den Formen die zum Aeſthetiſchen nöthige Leichtigkeit und Fülle zu geben, ſie ſind zu hart und ſteif im Norden, zu nackt im heißen Oſten; aber mit beiden Mängeln iſt zugleich eine begreifliche Neigung vorhanden, zu viel zu thun, von der Kargheit und Nacktheit in einen abentheuerlichen Ueberfluß überzugehen: da wird alſo die geforderte Einfachheit überſchritten. Beiſpiele werden ſich ſogleich bei der Tracht zeigen. Hier iſt zunächſt die Rede von einem localen, durch die äußere Natur bedingten Mangel oder unſchönen Ueberfluß; es tritt nun aber als weiterer Punkt der Unterſchied der Culturperioden ein. Vor dem Uebergang aus der Wildheit in die erſte, jugendliche Bildung wird jener Mangel und Ueberfluß auch bei denjenigen Völkern Statt finden, welche eine gemäßigte Zone zur rechten Mitte, zum ſchönen Gleichgewichte führt. Dann tritt die geforderte jugendliche und mittlere Bildung ein. Dieſe Culturperiode erreichen natürlich die begünſtigten Völker am leichteſten, die von der Natur zu wenig oder zu reichlich begünſtigten folgen ihnen ſchwer und kurz. In dieſer Bildung nun, welche Natur bleibt, blühen die im §. geforderten Formen, welche eine zugleich geiſtig gebildete und doch ſinnlich lebendige, edel einfache Erſcheinung darbieten. Hegel gibt darüber (Aeſth. B. 1, S. 335 ff. u. a. and. Stellen) bekanntlich vortreffliche Bemerkungen. Es ſind Formen, welche die Bearbeitung der Natur, die Bewegung in ihr, die Herbeiſchaffung des Nöthigen und Angenehmen ſo weit erleichtern, daß der Anblick der gemeinen Noth verſchwindet, aber nicht bis zu der Grenze, wo die lebendige Perſönlichkeit ſich zurückzieht, die Maſchine arbeiten läßt, ihre Genüſſe zur Raffinerie ſteigert. Die Geſchichte, wenn wir ſie mit den Culturformen zuſammenfaſſen, wird dieß Alles ins Licht ſetzen. — Durch eine ſolche Mitte von Natur und Bildung ſind die in §. 23, 2. in Ausſicht geſtellten Bedingungen, unter welchen das Zweckmäßige ſchön wird, erfüllt. Es heißt dort zunächſt: „ wenn von den höheren Zwecken, die als Selbſtzwecke den Mittelpunkt einer Perſönlichkeit bilden können, abgeſehen und die perſönliche Welt184 unter den Standpunkt des unbewußten Lebens gerückt wird. “ Eben die Formen, die wir hier verlangen, drücken freudige Leichtigkeit der Menſchen - würde aus, aber ſie ſind zugleich noch naiv, nicht mit Reflexion gewählt, wie von der Mode, ſondern ein Müßen, man weiß es nicht anders, man lebt mit der Natur, die der Meiſterhand willig gehorcht, vertraulich, wie mit einem Freunde, man iſt ſelbſt noch Natur. Hierauf folgt aber unauf - haltſam die trennende, verſtändige Bildung und macht die Formen unlebendig, maſchinenmäßig, naturlos. Dieſer Bildung können ſich auch die naturwüchſig gebildeten Völker in die Länge nicht entziehen, natürlich aber tritt ſie am ſchnellſten bei den Völkern ein, die eine karge Natur haben, am ſpäteſten folgen die verſchwenderiſch von der Natur begünſtigten. Es fragt ſich nun, ob nicht auf ſolche von der Lebendigkeit ausgeſchiedene, zum Mechanismus herabgeſetzte Formen der zweite der in §. 23, 2. genannten Standpunkte anwendbar ſei: „ oder wenn die bloß äußern Zwecke als fördernde Momente in eine erfüllte Einheit mit den Selbſt - zwecken unter dem Standpunkte des höchſten Gutes zuſammenbegriffen werden “; gemeinfaßlich ausgedrückt: es fragt ſich, ob nicht auch z. B. eine Eiſenbahn oder ein Dampfſchiff, das doch neben dem windbeſeelten Segelſchiff ſo mechaniſch ausſieht, äſthetiſch erſcheine, wenn man bedenkt, wie viel dadurch Zeit für Wichtigeres gewonnen wird? Man wird ſo antworten dürfen: wenn nur die maſchinenmäßige Form nicht gar zu dürftig iſt, wie denn das Brauſen des Dampfwagens, das Rauſchen des Dampfſchiffs mit den ſchäumenden Schaufeln immer noch einen energiſchen Eindruck macht, ſo kann die weite Ausſicht, welche ſich mit der Vorſtellung unendlichen Verkehrs durch beſchleunigte Mittel verbindet, für das Verlorene entſchädigen. So iſt ein Stapelplatz zunächſt ein äſthetiſch dürftiger Anblick, aber er wird ſehr bedeutend, ſofern er das Bild des großen Austauſchs ferner Zonen und all der Bildung, all des Wohlſtands erweckt, welchen er begründet. (Stelle im W. Meiſter).
2. Die Tracht der von der Natur hart gebetteten Völker iſt ſteif, hart, verbergend, die der Völker heißer Zone läßt den Körper faſt nackt; beide aber ſchweifen ebenſoſehr in lebhaften, ja überladenen Putz, aben - theuerliche Pracht aus. Das Mittelalter, ſeit ſein Geſchmack durch die nördlichen Völker beſtimmt wurde, welche Bein und Arm in Hoſen und Aermel hüllten, wodurch erſt für die übrigen Theile der Kleidung ein größerer Spielraum der Willkühr entſtand, liebte die grellſte Farben - verbindung, die bunteſte Mannigfaltigkeit der Schnitte, Verſchnürungen u. ſ. w.; der Orient pflegte neben der Nacktheit immer verhüllende Pracht bis zur Ueberladung. Griechen und Römer beſaßen die ſchöne Mitte zwiſchen Nacktheit und Bedeckung, zwiſchen dem Genähten, was dem Leibe folgt, und dem Freien, was in jedem Augenblicke getragen, drapirt ſein will;185 die Kleidung war perſönlich lebendig und beſeelt. Die abſtracte moderne Bildung hat die nördlichen Trachten vorgefunden und nach der flachen Allgemeinheit der Mode alle Phantaſie und Individualität, die darin lebte, in Mechanismus und knappe Geſtutztheit umgewandelt. Darüber ſowie über Tracht überhaupt iſt an anderem Orte mehr zu ſagen. — Der höhere Inſtinct, der im §. neben dem klimatiſchen Bedürfniß, neben der Lebensart (wir könnten in der antiken Tracht unſere moderne Lebensweiſe gar nicht führen), der ganzen angebornen nationalen Sinnesweiſe erwähnt wird, iſt ein unbewußter Trieb, der jeweiligen ſittlichen Stimmung einer Zeit in der Kleidung ihren Ausdruck zu geben.
3. Durch Fiſcherei, Jagd, Viehzucht, Landbau, Schifffahrt entſteht eine neue äſthetiſche Zuſammenſtellung des Menſchen mit der um - gebenden Natur, eine ſolche, worin der Menſch thätig auf dieſe einwirkt. Wir ſehen den Fiſcher die zappelnden Thiere aus ihrem Elemente ſchleudern, den Jäger mit der Waffe das Wild verfolgen und erlegen, den Hirten in behaglicher Muße bei den weidenden Thieren gelagert, den Bauern mit Hilfe derſelben den Boden umackern, ſäen, die Erndte einheimſen. Der Fiſchfang freilich wirft wenig Stoff ab, friedlichen und ſanften gewöhnlich, furchtbaren in der gefährlichen Walfiſchjagd. Die Jagd gibt natürlich, ſo wie auch die auf ſie beſchränkten Völker in roherem Zuſtande verbleiben, bewegtere, mehr oder weniger im Sinne des Furchtbaren wirkende Bilder, um ſo äſthetiſcher, je anſtrengender und gefahrvoller ſie iſt: der kühne, freie, waldfriſche Jäger iſt ein vielbenützter äſthetiſcher Stoff. Die Grenze des Schönen iſt auf der einen Seite der Verzweif - lungskampf aus Noth, auf der andern die blaſirte Grauſamkeit, die zum Zeitvertreib hetzt, ebenſo die Jagdeitelkeit ohne Object, weil Alles weg - geſchoſſen iſt, und die Reduction des Jägers auf den Forſtbeamten. Vieh - zucht und Landbau geben an ſich ein milderes, ruhigeres Bild, wie ſie im Culturzuſammenhang Geſittung und Staatenbau vermitteln. Das Wild zum vertrauten Hausthiere heranziehen war ein ſchöner menſchlicher Act und es iſt ein freundliches Schauſpiel, wenn der Senner in die Berge zieht, die Kühe mit den Glocken ſich fleißig nach den Kälbern um - ſehen, der trutzige Stier voranwandelt, die Ziege um Salz bettelnd die Hand leckt; es liegt hier ein Reichthum von Stoffen: Hinaustreiben, Weidenlaſſen, Mittagsruhe im Schatten, Tränke, Heimtreiben. Hirten ſind aufgeräumt, luſtig, die Arbeit macht geſund bei mäßiger Anſtrengung, einfach und tüchtig. Ein Wink genügt, um die reiche Quelle äſthetiſcher Motive anzuzeigen, die im Landbau liegen. Er nimmt allerdings der Landſchaft von ihrer freien Schönheit, doch erhöht er ſie auch, wo ſeine Pflanzungen nicht allzu ſchnurgerade in’s Auge fallen; die Grenze iſt, wo kein unbebauter Fleck mehr bleibt, wo Zerſtücklung und Ueber -186 völkerung den Bauern, den Weingärtner in vergebliche Schinderei, Armuth, Häßlichkeit herabdrückt. Schon die ägyptiſchen Darſtellungen haben dieſen Stoff benützt; der Schild des Achilles, L. Roberts Schnitter und jede Idylle zeigt ſeine Schönheit. Der Bauernſtand iſt der „ ſubſtantielle “, alterthümlich ſchlichte Stand. Daß feſte Anſiedlung, Häuslichkeit, Schutz des Eigenthums, Recht und Sitte mit dem Landbau begann, iſt eine Betrachtung, die unmittelbar mit dem ſinnlichen Bilde, das er gibt, in Ein äſthetiſches Ganzes aufgeht. Schillers Eleuſiſches Feſt und Spazier - gang. Wie viel Großes in der Schifffahrt liegt, ſpricht Horaz höchſt poetiſch in der Ode an Virgil aus. Die Kühnheit iſt das eine große äſthetiſche Moment, der Kampf mit dem Ozean; dann legt ſich in das bewegte Bild des ſchwebenden Schiffes mit den todverachtenden Matroſen und dem ernſten Steuermann die große Idee des Völkerbildenden Verkehrs. Dieſer iſt namentlich durch die Beſtimmung der Schifffahrt für den Handel vermittelt und der letztere bietet, wie ſchon angedeutet iſt, noch ſinnlichen Erſcheinungsſtoff genug, um der Idee der Humanität, zu deren Verwirk - lichung er ſo weſentlich beiträgt, die nöthige Unterlage zu geben. Auch die „ Völkerverbindende “Straße, die ſich, ein weißes Band, in die Ferne windet, die Brücke u. ſ. w. gehören hieher. Allerdings kommt nun Alles auf die Formen an. Eine Karavane iſt äſthetiſcher, als ein Commis voyageur, der gefahrvolle, von Raubrittern bedrohte Zug früherer Kauf - leute zur Meſſe war ein anderes Bild, als die jetzige leichte und gefahr - loſe Beförderung und je moderner, um ſo proſaiſcher erſcheint der rechnende Kaufmann.
4. Der Krieg iſt eines der bedeutendſten äſthetiſchen Schauſpiele im Sinne des Furchtbaren; die höchſte Entladung ſinnlicher Kräfte durch den Geiſt des todverachtenden Muthes. Die Grenze des Schönen liegt auch hier in der blutigen Wildheit ohne ſittlichen Zweck auf der einen, im mechaniſchen Dienſte, der den Zweck zu wiſſen und zu fühlen den Herrn und Diplomaten überläßt, auf der andern Seite; in demſelben Grade, als das Letztere herrſchend wird, werden auch die Formen eintönig mathematiſch, abſtract. Die ſchöne Mitte iſt der Krieg für das Vaterland in lebendigen Formen, welche den ganzen Mann in Anſpruch nehmen, den Körper in voller Bewegung zeigen und die Maſſen zwar ordnen, aber zugleich der freieren Zufälligkeit des Zweikampfs, der aufgelöst kämpfenden Gruppen Raum laſſen. Der Soldatenſtand trägt den Stempel ſeines Pathos als dauerndes Gepräge, das aber im ſtehenden Heere bei langem Frieden ganz philiſterhaft und ſpezifiſch langweilig wird. Der kriegeriſche Ausdruck gehört eigentlich jedem Mann und jeder Mann ſoll Krieger ſein. Der Krieg iſt ſeiner Natur nach momentan; er ſoll Frieden ſchaffen, daß die menſchliche Bildung blühe, daher kann es eigentlich187 keinen beſondern Stand für ihn geben. Weil der Krieg momentan iſt, ſo wird auch ſein fortgeſetzter Anblick wüſt, ermüdend. Wir wollen das ſittliche Leben, das ſich in ihm Raum ſchafft, auch wieder in ſeinem wahren, poſitiven Bilden, in der Regung des bürgerlichen Lebens und ſeiner Sphären anſchauen.
Alle dieſe Sphären müßen noch anderwärts berührt und dieſe flüchtigen Bemerkungen ergänzt werden.
Aus dieſen bildenden Thätigkeiten erwächst der Staat, in deſſen geſetz - licher Ordnung die Völker aus dem Naturzuſtande zur freien ſittlichen Perſön - lichkeit ſich erheben. Das Schöne findet daher hier erſt den wahrhaft bedeutenden Gehalt, ein Reich und Schauſpiel der ſittlichen Idee (§. 24). Wenn aber die Durchführung der ſittlichen Idee zur Allgemeinheit öffentlicher Geltung eine immer abſtractere Ablöſung von der unmittelbaren Einheit mit der lebendigen Individualität zu fordern ſcheint, ſo erheiſcht dagegen das Schöne (vergl. 327, 1.), daß eine ſolche beſtehe, und eignet ſich daher vorzüglich diejenigen Zuſtände an, worin das Allgemeine weſentlich in der zwar mit Zufälligkeit behafteten, aber auch gewaltiger Regung der Kräfte im Guten und Böſen freien Raum gebenden Form der ſtarken Individualität ſich bewirkt. Solche Zuſtände waren nach den patriarchaliſchen insbeſondere die heroiſchen des ſagenhaften Jugendalters der hiſtoriſchen Völker vor ihrem Eintritt in das reife Staatsleben.
Der §. ſetzt als anerkannt voraus, daß der Gehalt, der in §. 24 als der bedeutendſte aufgeführt wurde, das Gute, nicht zuerſt im engen Kreiſe des Familienlebens und der ſubjectiven Moral, ſondern da zu ſuchen ſei, wo freie Männer zuſammentreten, Geſetze geben und aus - führen, Recht pflegen, Wahrheit verbreiten, Menſchen erziehen, für das Vaterland Gut und Blut einſetzen, veraltete Geſetze mit kühnem Wagen umſtürzen, um der Freiheit neue Wege zu brechen. Das ganze Seelen - leben (§. 319) wird nur im Staate zum geiſtigen, aus dem Syſteme der Triebe das Syſtem der Tugenden. Nun begegnet uns die viel - beſprochene Thatſache, daß je vollkommener, je garantirter das Staats - leben, deſto abſtracter, naturloſer die Formen werden, und doch gilt vom Staate natürlich daſſelbe, was in §. 327, 1. für die Culturformen als äſthetiſches Geſetz aufgeſtellt wurde: rohe Natur und Naturloſigkeit bezeichnen auf zwei Seiten die Grenze des Schönen. Der vorliegende §. wiederholt dieß Geſetz nur in der beſonderen Anwendung auf die Sphäre, zu der wir jetzt gelangt ſind. Vorläufig läßt er jedoch durch ein „ ſcheint “der188 Ausſicht Raum, daß der Staat von der Höhe der Reflexionsbildung das wieder in ſich aufnehmen werde, was am Natur-Staate ſchön iſt, die Anſchaulichkeit, die unmittelbare Lebendigkeit. Darauf müſſen wir am Schluſſe der kurzen Ueberſicht der geſchichtlichen Staatsformen, die wir demnächſt zu geben haben, zurückkommen. Ein Zuſtand, der nun aber jedenfalls unſerer äſthetiſchen Forderung noch ganz entſpricht, und welcher als ein vorgeſchichtlicher hier, wo wir noch nicht auf die concrete Geſchichte eingehen, aufgeführt werden muß, iſt der patriarchaliſche und heroiſche. Der patriarchaliſche Zuſtand iſt in ſeiner kindlichen Einfalt und Urſprünglichkeit rührend und ehrwürdig, „ Patriarchenluft “iſt erfriſchend wie Sonnen-Aufgang. Dieſe erweiterte Familienform reicht natürlich nicht aus, ſobald einige Verwicklung nach innen und außen eintritt; es iſt daher eine ſtille, friedliche, dem Hirtenleben, den Anfängen des Ackerbaus entſprechende Form. Die Geſchichte der Erzväter im A. T. iſt eine Reihe der geſundeſten, markigſten, ſonnigſten Bilder. Der heroiſche Zuſtand iſt zunächſt der Uebergang aus dieſer Urform zur Monarchie. Mehrere kleine Herren, die zu ihrem Volke ſelbſt in einem mehr patriarchaliſchen Ver - hältniß ſtehen, ordnen ſich unter einen größeren, dem bedeutendere Herr - ſchaft und Perſönlichkeit das Anſehen gibt. Der Verband iſt aber frei, Geſetz, Ordnung, Recht nicht in abſtracten Normen durchgeführt, ſondern die einzelnen Herrſcher, wie der höhere, haben in jedem Augenblicke ſich durch ihre lebendige Perſönlichkeit erſt Gehorſam zu verſchaffen und ſind ſelbſt die einzige, die lebendige Form, worin das Allgemeine beſteht, daher auch ihre gegenſeitige Unterordnung eine durchaus lockere iſt, woneben ſich jeder die freieſte Willkühr vorbehält. Die gewaltige Perſönlichkeit hilft ſich ſelbſt, iſt ſelbſt Recht, Polizei, Geſetz. Hier iſt freier Spielraum für das Gute und für das Böſe. Die unmittelbare Sittlichkeit dieſes Lebens übt die ſchönſten Thaten, aber keine äußere Macht hindert den ungebrochenen Sturz der Leidenſchaft in blutige und entſetzliche Verbrechen, die kein Gerichtshof und kein verhörender Beamter, die nur die Rache, welche ſelbſt die Strafe in der unmittelbaren Naturform iſt, vergilt. Die Cardinaltugend iſt Tapferkeit; es ſind die liebenswürdigen Flegeljahre der Völker. Die Culturformen ſind eben die in §. 327 geforderten; die erſte Nothdurft iſt befriedigt, der heitere Schmuck und Ueberfluß legt ſich, aber noch einfach und lebendig, um das Nothwendige. Die Stände fangen an ſich zu trennen, aber noch iſt keine Spur von verhärtender Theilung der Geſchäfte. Alle Gunſt für das Schöne, die in dieſem Zuſtande liegt, braucht nach der liebevollen Darſtellung Hegels (Aeſth. 1, 230 ff. ) keine weitere Ausführung.
Hat ſich aus dieſen Anfängen die ſtrengere Ordnung entwickelt, doch ſo,1 daß ſie die Naturlebendigkeit noch nicht zerſtört, ſondern die unmittelbare Betheiligung des Einzelnen am Allgemeinen feſthält, ſo wird ſich dieß auch dadurch zeigen, daß die allgemeinen Thätigkeiten ſelbſt ſich in öffentlichen Handlungen eine bedeutungsvolle, nicht gemachte, ſondern in ehrwürdiger Gewohnheit feſtgewurzelte ſinnliche Darſtellung geben. Das naturfreudige Volk2 wird ſich in Feſten, Aufzügen, Spielen ein Bild ſeiner Schönheit bereiten und dieſe an einen Gottesdienſt knüpfen, der einen Reichthum anſchaulicher Formen mit ſich führt.
1. Der reifere Staat iſt noch nicht der naturlos abſtracte, von dem zu §. 328 die Rede war; die künſtliche Ordnung hebt noch nicht die Lebendigkeit der Form auf. Das beſte Beiſpiel iſt die proſaiſche, abſtracte Grundlage des Staats, das Recht. Dieſes iſt in ſeiner urſprünglichen, jedoch über die heroiſchen Zuſtände bereits hinausliegenden Form noch mündlich überliefertes, in Verſen, Reimen, Sprichwörtern ausgedrücktes, durch Alter ehrwürdiges Gewohnheitsrecht und bezeichnet die wichtigeren Acte durch ſinnbildliche Bräuche und Gegenſtände. Oeffentlich, auf dem Marktplatze, unter Linden wird Recht geſprochen und der Prozeß iſt ein belebtes Drama. Vergl. beſ. J. Grimm von der Poeſie im Rechte (Zeitſchr. f. geſchichtl. Rechtswiſſ. v. Savigny, Eichhorn, Göſchen B. 2.). Aber auch das geſchriebene Recht kann und ſoll ſolche Formen beibehalten oder theilweiſe zu ihnen zurückkehren und was das Wohl der Völker fordert, iſt zugleich auch Gewinn für das Schöne. In der Sphäre der Geſetz - gebung und Verwaltung bezeichnet eine naturvolle Bildung ebenfalls jeden bedeutenderen Act, Promulgation von Geſetzen, Eröffnung von Verſamm - lungen, Einſetzung von Würden u. ſ. w. durch bedeutende öffentliche Scenen. Selbſt Erziehung und Unterricht halten ihre Feſte, der italieniſche Dorf - ſchulmeiſter lehrt noch heute im Freien, ſitzt mit einem langen Rohrſtabe im Kreiſe ſeiner muthwilligen Schüler. Handwerk und Zunft haben ihre Bräuche. Man kann die Sache überhaupt ſo beſtimmen, daß das Schöne im öffentlichen Leben den Brauch liebe und in dem Grade an Stoff verliere, in welchem reflectirte Willkühr in die Bräuche einreiße, flacher Sinn ſie gar zerſtöre.
2. Olympiſche Spiele, Turniere, Schützenfeſte, Schifferſtechen u. ſ. w. Den Mittelpunkt aller ächten Feſte haben von jeher kriegeriſche, ſelbſt gefahrvolle Spiele gebildet; die ſcherzhafteren, Tanz, Geſang, Gelage u. ſ. w. knüpfen ſich daran. Wir werden ſpäter ſehen, wie arm und freudlos190 unſere Zeit in dieſem Punkte geworden iſt. Man denke z. B. nur an das luſtige Altengland! Es war hier auch der Gottesdienſt zu erwähnen. Das innere Leben der Religion und ſeine Bedeutung für die Phantaſie gehört allerdings nicht hieher, ſondern in den folgenden Abſchnitt, wohl aber, was der Cultus dem Auge und Ohr an Schönheit darbietet, nicht die Kunſtwerke nämlich, die ihn erhöhen, ſondern „ das lebendige Kunſtwerk “, der ſchöne Menſch, der in Aufzügen, Ceremonien, im Ausdruck der innerſten Andacht ſelbſt zeigt, daß ſich ſein Gott nicht an ihm zu ſchämen hat. Es wird durch die Erwähnung auch dieſer Formen, welche ſich nicht nur der ſittliche, ſondern der abſolute Geiſt als religiöſes Bewußtſein gibt, dem Satze §. 24 und 25, daß die Religion dem Schönen keinen neuen Inhalt gebe, ſondern ihren Inhalt mit dem Schönen gemein habe und ihn in einer gewiſſen, dem Schönen verwandten Weiſe geformt dieſem entgegenbringe, nicht widerſprochen, denn nicht von den Vorſtellungen iſt hier die Rede, ſondern nur davon, welche Erſcheinung ſie ſich im Gottes - dienſte als einem Schauſpiel (für den Künſtler) geben. Es iſt daſſelbe ſittliche Leben, das ſich im Staate Wirklichkeit gibt, das ſich die Völker in der Religion als Gott vorſtellen und verehren. Die Formen dieſer Ver - ehrung entſprechen daher in ihrem Charakter genau den Formen, wodurch der Staat ſich äſthetiſch repräſentirt. Athene iſt das attiſche Volk und die Griechen feiern ſie durch jenen herrlichen Aufzug der Panathenäen, worin ſie im Grunde ſich, ihrem reinen Genius, die Herrlichkeit aller Künſte, Thätigkeiten, Producte des Staates zur Schau ſtellen. Die chriſtliche Religion hat nicht den Volksgenius, ſondern allgemeiner den Genius der Menſchheit zum Inhalt, aber auch dieſer iſt nichts anders, als die nach der Stufe der Völkerbildung vorgeſtellte, durch die beſondere Art der einzelnen chriſtlichen Völker überdieß auch hier ſehr beſtimmt gefärbte Vorſtellung von allen natürlichen und ſittlichen Mächten in einer perſönlichen Einheit; es wird die neu aufgegangene Gemüthstiefe verehrt und der Cultus hat daſſelbe Gepräge, wie das ritterliche Leben, hart und glänzend zugleich. Wo aber der Staat proſaiſch abſtract wird, ebenda wird der Cultus abſtract innerlich und gibt der Schönheit keinen Stoff mehr. Aller Cultus theilt ſich in das Moment der Entſagung, der Einkehr in das Innere, und der Heiterkeit im Bewußtſein der gewonnenen Verſöhnung. Das erſte Moment wird im abſtracten Cultus zum Ganzen; daß in der Verſöhnung auch die Sinnlichkeit verklärt und geweiht iſt, daher ihre Feſtesfreude haben ſoll in Spiel und jedem freien, geſunden Genuſſe, wird verkannt. Ungebrochnere Völker aber knüpfen eben an das zweite Moment ihre heiterſten weltlichen oder vielmehr dem falſchen Gegenſatze des Weltlichen und Geiſtlichen fremden Volksfeſte.
Das Allgemeine vollzieht ſich durch die beſonderen Maſſen der Stände, und je mehr der Bau des Ganzen ſich gliedert und dadurch die Arbeit ſich theilt, deſto beſtimmter und einſeitiger wird der Typus, den jedem Stande ſeine Beſchäftigung aufdrückt. Wenn nun diejenigen Stände, welche ſich frei in der1 Natur bewegen, zunächſt im äſthetiſchen Vortheil zu ſein ſcheinen, aber durch Entfremdung gegen geiſtiges Leben leicht in Nachtheil kommen, wenn diejenigen, welche entweder in einem kleinlichen körperlichem Geſchäfte verſitzen oder durch geiſtige Arbeit von der Natur abgezogen werden, leicht in’s Komiſche fallen, ſo fordert das Geſetz des Schönen eine flüſſige Vielſeitigkeit, worin kein2 Stand den Geſchäften des andern ſich völlig entfremdet und ſo keiner naturlos und keiner roh wird, ſondern jeder nach Kräften ſich im Elemente der ganzen Menſchlichkeit bewegt. Eine der weſentlichſten Bedingungen hievon iſt all - gemeine Wehrhaftigkeit.
1. Die Stände, die unmittelbar mit der Natur beſchäftigt ſind, erhalten ſich auch Naturfriſche, ſie unterliegen nicht jenem Gepräge, das man „ Geſchmäckchen “nennt. Hieher gehört zunächſt der Fiſcher, der Jäger, der Bauer. (Die Beſchäftigungen, die in §. 327 als allgemeine Völkerverrichtungen erwähnt ſind, treten jetzt, im Staate, an Stände vertheilt wieder auf). Den ſanfteren Gärtner müſſen wir noch neben den derberen Bauern ſtellen und den myſtiſchen Bergmann erwähnen. Die Stände des Gewerbes dagegen haben das Geſchmäckchen, denn ſie arbeiten aus zweiter Hand, meiſt in geſchloſſenen Räumen, der Körper verhockt, verkrümmt ſich irgendwie, der Geiſt wird in der Verſtändigkeit, welche er ſeinen Stoff verarbeitend üben muß, wohlweis. Am meiſten ſind ausgenommen Müller, denn die Mühlen liegen häufig in lieblichen Thälern, wo ſie das nöthige Waſſer finden, dieſes flüſſige Element belebt, die einfache Maſchine ſelbſt ſcheint lebendig, und Feuer-Arbeiter, wenigſtens Schmiede, vorzüglich Waffenſchmiede. Am meiſten komiſchen Stoff bieten Schneider und Schuſter, kein Handwerk verſitzt ſo ſehr und determinirt den Körper ſo beſtimmt, daß der habitus ſich, wie bei dieſen, ſelbſt auf die Familie fortpflanzt. Ueber die Merkmale des Stempels, der ſich dem Körper aufdrückt, hat bekanntlich Tieck in den Cevennen feine Bemerkungen, die ſich leicht vermehren ließen. Den Uebergang zu den geiſtigen Ständen macht der Handelsmann, deſſen Geſchäft zwar proſaiſch iſt, dem aber vielfacher Verkehr, Reiſen, Unternehmungsgeiſt, weiter Blick noch einen Ton von Leichtigkeit geben, die ihn ſehr von der folgenden Gruppe unterſcheidet. Dieſe enthält die geiſtigen Stände: Gelehrte, wozu Aerzte und Schulbeamte ſich ſtellen, und Staatsbeamte192 ſcheinen vorzüglich Würde anſprechen zu dürfen, die Erſteren um der rein geiſtigen Beſchäftigung willen, die anderen, weil ihnen zugleich mehr oder weniger Macht beiwohnt. Allein ihr Geſchäft zieht ſie von der Natur ab und ſie ſind die eigentlichen Philiſter, daher äſthetiſch entweder ſehr wenig oder beſonders im komiſchen Sinne brauchbar. Den Gelehrten fehlt außer dem körperlichen Schwung häufig der praktiſche Blick. Aerzte ver - kehren mit der Natur in einer Weiſe, die ſie gern zu Cynikern macht (Katzenberger). Schulleute ſind meiſt hochweis. Der Beamte verknöchert zum Subalternen nach der Schnur, zum Bureaukraten; Amtsſtubengeruch. Den auf freieres Handeln geſtellten Staatsmann mag Antonio in Göthe’s Taſſo charakteriſiren und der Held dieſes Dramas den Dichter (und Künſtler), wie er das Vorrecht genießt, vom Athem der Freiheit umgeben zu ſein, den die Beſchäftigung mit dem Schönen haucht, aber darüber leicht launenhaft, eitel, empfindlich, unordentlich wird. — In dieſem flüchtigen Ueberblick über die Stände ſind bloß diejenigen genannt, welche alle Staatseinrichtung mit ſich bringt, nicht die rein hiſtoriſchen: Adel und Gipfel des Adels Fürſt, Geiſtlichkeit und Soldat. Alle dieſe Stände ſind nicht allgemeiner, rationaler Art, Adel und Fürſtenthum ruht auf Geburts - vorrecht, Clerus auf poſitiver Offenbarung und der Kriegerſtand behauptet ſich in ſtrengem Zuſammenhang mit dem Poſitiven ebenfalls als exceptionell. Es iſt ſchon zu §. 327, 4. geſagt, daß ein beſonderer Stand der Krieger nicht rationell iſt. Alle dieſe Stände gehören alſo nur in die geſchichtliche Schönheit.
2. Soll nun ein Staatsleben ſchön ſein, ſo muß Flüſſigkeit des allgemein Menſchlichen die Beſchränktheit dieſer Standes-Gepräge er - mäßigen. In Italien iſt der Bauer fein und ſpricht gebildet, der Schneider und Schuſter hat den verhockten Handwerkſtempel nicht, Beamte und Gelehrte ſind nicht Philiſter. Hier erleichtert die Nace, der Himmel, aber auch die republicaniſche Vergangenheit. Am meiſten bei nördlichen Völkern ſind dieſe Vortheile durch ein Thun zu erſetzen. Bildung zum Kriege, alſo die Gymnaſtik, jedoch mit dem Reiz und Intereſſe der militäriſchen Uebung, iſt Hauptmittel, nicht nur wegen der Veredlung der Formen an ſich, ſondern wegen des geiſtigen Schwunges, den ſie gibt, wenn ſie nicht Dreſſur von Söldnern iſt. Sokrates kämpfte tapfer, Zwingli fiel in der Schlacht. Johannes Oſiander commandirte Regimenter; ſolche Gelehrte ſind Menſchen. Es verſteht ſich, daß freies Staatsleben noch andere wichtigere Hebel der Verbreitung ganzen menſchlichen Lebens mit ſich führt, der genannte aber iſt erſte Bedingung, iſt überall zuerſt vorausgeſetzt. In Hermann und Dorothea erſcheint der Geiſtliche würdig durch hellen und edlen Sinn, aber mit poetiſchem Takte erzählt der Dichter, daß er Pferde wohl zu lenken wußte; der Philiſter des Gedichtes, der Apotheker, glaubt es nicht und ſitzt zum Sprunge gerüſtet.
Aus den verſchlungenen Wurzeln dieſes Bodens wächst das Individuum. 1Von der einen Seite faßt ſich in ihm die Naturſeite dieſes ganzen Bodens, nämlich die leibliche Bildung und die Seelen-Anlage des Volks, des Stamms, der Familie zu der unendlichen, keinem Thiere ſo zukommenden Eigenheit einer angeborenen Körperbildung und Sinnesweiſe zuſammen. Die letztere webt in dem Dunkel der natürlichen Grundſtimmung; dieſe oder das Temperament und mit ihm das Naturell überhaupt tritt nun erſt in ſeiner ganzen Bedeutung für die Aeſthetik hervor. Die vier Temperamente, welche man richtig unterſcheidet,2 verwickeln ſich in jedem Einzelnen, während das Volkstemperament (§. 326) die Unterlage bildet, zu einem unberechenbaren Ganzen, in welchem eines derſelben hervorſticht.
1. Wir haben nun die Momente zu ſammeln, deren Concretion der Charakter iſt. Am meiſten ſcheint uns einer erſchöpfenden Ent - wicklung dieſes complicirten Begriffs Rötſcher durch ſ. Abh. über das Weſen der dramat. Charaktergeſtaltung (Cyclus dramat. Charaktere oder die Kunſt der dramat. Darſt. Thl. 2.) vorgearbeitet zu haben. Wir unterſcheiden, von ſeiner Anordnung übrigens abweichend, zwei Reihen von Momenten der Allgemeinheit und Beſonderheit, die ſich zur Spitze der Individualität zuſammenfaſſen; zuerſt im gegenwärtigen §. die Reihe der Momente auf der Naturſeite. Unter dieſen iſt außer Volk, Stamm namentlich die Familie wichtig; man kennt die eingewurzelt vererbende Körperbildung und ſeeliſche Richtung einzelner Familien. Selbſt in der alten Tragödie iſt der wilde Sinn, der ſich in einzelnen Häuſern vererbt, ein Hebel; engere Diſpoſition für gewiſſe Lebensſphären, ſchärfere Eigenheit einzelner Familien iſt natürlich moderner: ein Punkt, wovon an ſeinem Ort mehr. Alles nun, was durch Fortpflanzung in den Einzelnen übergeht, faßt ſich in jedem zu unendlich neuer und eigener Miſchung zuſammen. Er iſt nur ſich ſelbſt gleich. Dieß mußte in der metaphyſiſchen Begründung ſchon ausgeſprochen werden, vergl. §. 31 ff. In wem die Eigenheit ſo ſchwach iſt, daß man ſie kaum wahrnimmt, der iſt kein äſthetiſcher, oder ein nur ſehr untergeordneter Stoff.
2. Die Temperamente zu zählen, zu ſchildern, zu begründen und zu erklären, iſt die Aeſthetik nicht ſchuldig, ſie nimmt dieß aus der Anthro - pologie auf. Man mag mit Kant zwei Temperamente des GefühlsViſcher’s Aeſthetik. 2. Band. 13194annehmen, Erregbarkeit: ſanguiniſch (leichtblütig), Abſpannung: melancho - liſch (ſchwerblütig), und zwei der Thätigkeit, nämlich intenſiv: choleriſch (warmblütig), remiſſiv: phlegmatiſch (kaltblütig); man mag allgemeiner ein ruhendes, an ſich haltendes mit zwei Formen, einer ſtarren, harten und einer tiefen, die Eindrücke in ſich hereinnehmenden und innerlich verarbeitenden, von einem lebhaften und thätigen mit den zwei Formen: der Beweglichkeit ohne Sammlung und Nachdruck und der ſtraff geſpannten, ſtetigen Thätigkeit unterſcheiden: dort phlegmatiſch und melancholiſch, hier ſanguiniſch und choleriſch; man mag vielleicht am paſſendſten die Tempera - mente mit Wirth (Syſtem der ſpecul. Ethik Thl. 2. S. 22) ſo ableiten: „ das Temperament iſt die ſinguläre Beſtimmtheit des Gemüths oder die, indeß auch dem geiſtigen Produciren ſeinen eigenthümlichen Trieb gebende, durch die ganze Natur beſtimmte Weiſe des Gemüths, von der Objekti - vität afficirt zu werden, ſich in ihr unmittelbar zu fühlen und auf ſie zurückzuwirken. Dieſes Verhalten iſt das dreifache, in allſeitiger Rezep - tivität für die Objectivität offen zu ſein, ſodann aus dieſer Objectivität in die Tiefe der Innerlichkeit ſich zu reflectiren, endlich aus dieſer Inner - lichkeit zurückzuwirken auf die Welt (ſanguiniſch, melancholiſch, choleriſch), und nur noch ein viertes Temperament iſt denkbar, in welchem jene Gegenſätze zur gleichmäßigen Indifferenz der Subjectivität und Objectivität gebunden ſind, das phlegmatiſche. “ Wirth beweist hierauf, daß jedes Temperament auch die andern enthält, alſo eine relative Totalität iſt; der Phlegmatiker, der Melancholiker kann natürlich auch zürnen, aber ſein Zorn iſt anders, als der des Cholerikers u. ſ. w. Das Weſentliche iſt aber nun, daß dieſe Totalität in jedem eine andere, daß die Miſchung in den Individuen von unendlicher Eigenheit iſt. Ein beſtimmtes Tem - perament wird zwar — innerhalb des Spielraums, den das, an ſich ſchon entſchiedene, Volkstemperament läßt — in Jedem hervorſtechen, aber die übrigen, die gebunden im Hintergrund bleiben, werden unendliche Proportionen unter ſich und zu dem hervorſtechenden eingehen, ebenſo wie aus den einfachen Formen des Geſichts ſo unendliche Zuſammen - ſtellungen werden, daß Keiner dem Andern gleich ſieht. Der Melancholiker Hamlet zürnt choleriſch auf ſein Phlegma und bricht in ſanguiniſche Freude über die gelungene Finte gegen den König aus; ſo wird jeder Melancholiker auch choleriſch; phlegmatiſch, ſanguiniſch ſein, aber jeder auf andere Weiſe. Kant läugnet jede Miſchung verſchiedener Tempera - mente, weil er nicht begreift, daß jede Perſönlichkeit weſentlich eine Con - cretion von Widerſprüchen iſt. Sonſt entſtänden die planen Charaktere, welche in der falſchen Kunſt zu finden ſind und von der Natur beſchämt werden. Treffliche Beiſpiele von Behandlung des Temperaments ſind außer Hamlet der Choleriker Percy, der Sanguiniker Egmont, der195 Melancholiker Brackenburg. Ueber die äſthetiſche Bedeutung des Tempera - ments überhaupt nun kann zunächſt nur wiederholt werden, daß es ebenſo weſentlich iſt, als alle andern Momente, wodurch das Geiſtige den zum Schönen erforderlichen Ton der Natur und Zufälligkeit erhält; der Fort - gang zum Charakter wird von ſelbſt die Schranke der Geltung aufzeigen. Natürlich wiegt es unter verſchiedenen Bedingungen, die hier noch nicht verfolgt werden können, verſchieden: Völker und Culturperioden, daher Kunſtperioden und verſchiedene Künſte werden ihm verſchiedene Grade der Geltung anweiſen. So bemerkt Rötſcher ſehr richtig, daß es in der Komödie weiteren Spielraum hat, als in der Tragödie.
Von der andern Seite faſſen ſich die allgemeinen und beſondern geiſtig ſittlichen Mächte im Individuum zuſammen, ſo jedoch, daß dieſe Seite ſelbſt wieder zum voraus eine vom Willen zwar geſchaffene und zu geiſtig objektiver Kraft erhobene, aber nicht nur auf Naturgrund geſchaffene, ſondern bereits auch wieder in Naturform zurückgekehrte, in das leibliche und ſeeliſche Leben verſenkte und vererbte Beſtimmtheit darſtellt. Das ſittliche Volksleben im Zuſammenhang mit dem ſittlichen Zuſtande der Menſchheit, die jeweilige Stufe, auf der das Volk ſteht, ſodann die beſondere ſittliche Beſtimmtheit des Standes und der Familie wird von dem Individuum nicht nur als ein außer ihm Beſtehendes, ſondern als ein vom Hauſe aus in es ſelbſt Ueber - gegangenes vorgefunden.
Die Verwicklung wird immer reicher und ſchwieriger. Hier tritt die zweite Reihe allgemeiner und beſonderer Momente auf; es ſind die geiſtigen, es iſt von dem die Rede, was Volk, Stand, Familie durch Willen und Freiheit aus ſich gemacht hat. Allein dieſe Seite iſt ſelbſt wieder Naturmacht, nicht nur objektive ſittliche Macht im Sinne des Beſtehenden, was als Sitte, Geſetz, Ueberlieferung Nothwendigkeit gewonnen hat, ſondern im Sinne deſſen, was ſelbſt auf Naturgrund (auf den Grund der Triebe nämlich und zwar der Triebe in der Beſtimmtheit des Volkstemperaments und Volksnaturells überhaupt) gebaut, auf dieſem Grunde dann zwar in Freiheit umgebildet, aber durch Dauer und Gewohnheit wieder Naturerbſchaft geworden iſt. Es hat z. B. Einer nach §. 331 ein gewiſſes Naturell, Temperament an ſich; da aber ſeine Eltern und Voreltern einem gewiſſen Stande ange - hörten, der zwar vielleicht von den Ureltern frei gewählt war, ſo hat ſich ein weiteres leibliches und geiſtiges Gepräge auf dieſes erſte gepfropft, er hat es mitgeerbt. Nun erwacht die Freiheit in ihm; ſeine urſprüngliche13*196Natur zieht ihn zur Wahl einer Lebensrichtung, ſeine Eltern wünſchen, daß er ihren Stand wähle, der einer andern Lebensrichtung, als der in erſter Linie angebornen zugehört, und eben dahin lockt ihn auch wieder eine durch die genannte Impfung ihm ſelbſt in zweiter Linie eigene Diſpoſition. Ueberdieß aber zieht vielleicht der ſittlich politiſche Zuſtand der Nation, die Zeitſtimmung, wieder zu einer andern Richtung, und er hat auch dieß mit der Muttermilch eingeſogen. Dieß nur ein Wink über den verſchlungenen Boden, auf dem das Individuum ſteht.
Durch die reine Selbſtbeſtimmung tritt nun aber das Individuum aus den Bedingtheiten beider Reihen heraus und ſteht frei zwiſchen ihnen. Dieſe Freiheit iſt jedoch keine abſtracte Losreißung vom Naturgrunde und ſittlichen Grunde, ſondern das Individuum erkennt, was ihm möglich iſt, ergreift aus den Kreiſen des ſittlichen Lebens denjenigen, den es mit ſeiner erkannten Naturbeſtimmtheit in Einklang weiß, und arbeitet in einem organiſchen Prozeſſe beide ſo ineinander, daß das Angeborene zum Gewollten, das geiſtig Allge - meine zum Eigenen, zum freien Mittelpunkte ſeines Lebens wird. Dieß iſt die bewegte und doch ſtetige Einheit des Charakters, ein Werk der Freiheit, das ſelbſt wieder zu einer zweiten Natur wird, ein Mikrokoſmus.
Es kehrt hier derſelbe Inhalt zurück, der ſchon in der Lehre vom Erhabenen des Subjects §. 110 ff. dargeſtellt wurde; allein der Stand - punkt iſt ein anderer. Charakter nennen wir das Erhabene des guten Willens erſt, ſofern es eine Concretion der bisher dargeſtellten realen Bedingungen iſt (vergl. Anm. 1 zu §. 110). Die Metaphyſik des Schönen gab überhaupt im idealen Grundriſſe die ganze Welt des Schönen; die Lehre vom Naturſchönen entfaltet dieſen als vorgefundene Wirklichkeit, die Lehre von der Kunſt wieder in anderem Sinne. Der Charakter fällt aber auch unter das Komiſche und damit hängt eine Frage zuſammen. Hat Charakter blos derjenige, der ein ſittliches Pathos zum Mittelpunkte ſeines Lebens erhoben hat? Nennen wir nicht Charakter auch die ſtetige Gleichheit der Unſtetigkeit? Die Verrennung in Affect, Leidenſchaftlichkeit, Laſter? Die conſequente Bosheit? Die Eigenſchaft, eine Maxime, wäre ſie auch nicht gut, ſtetig zu wollen, einer Partei treu zu ſein? Dann wären Formen des Charakters auch was unter α und β in der Lehre vom Erhabenen des Subjects aufgeführt wurde, und dieſe fallen dann ebenſo wie auch der wahre, ſittliche Charakter unter den in §. 159 ff. aufgezeigten Bedingungen in’s Komiſche. Der Sprachgebrauch iſt dafür: wir ſprechen vom Charakter des Jähzornigen, Polterers, des Unſteten,197 des Geizigen, Verſchwenders, Trinkers, Lumpen, Verliebten, Eiſer - ſüchtigen, des Böſen. Auch der Sonderling iſt hier noch aufzuführen; es iſt derjenige, der zwar wohl auch das Gute zu ſeinem Geſetze erhoben haben kann, aber ſo, daß er die angeborne unendliche Eigenheit nicht darnach vernünftig umbildet, ſondern mit einer Hartnäckigkeit zur Geltung erhebt, die den guten Zweck ſelbſt trübt, zur Grille macht und ihn der Einſamkeit überantwortet. Neben dem erhabenen Charakter ſteht ferner der Ehrenmann von gewöhnlicher Rechtſchaffenheit; er unterſcheidet ſich von jenem dadurch, daß der ſittliche Zweck, der ihm Lebensgeſetz iſt, untergeordneter Art und daß er in der Verwirklichung desſelben nicht productiv iſt, ihm keine neue Geſtalt gibt, ſondern trivial bleibt. Die aufgeworfene Frage aber löst ſich durch die einfache Bemerkung, daß emphatiſch und inhaltsvoll genommen freilich nur ein großes ſittliches Pathos den Charakter bildet und keine jener andern Formen Charakter heißen kann, ſelbſt der conſequente Böſewicht nicht, denn da er ſein Wollen im Innerſten nicht billigt, ſo reißt ihn ſchließlich Gewiſſen und Schickſal in innere Entzweiung auseinander; nimmt man aber Charakter nur formal, d. h. hebt man nur das Moment der Gleichmäßigkeit hervor, und wäre es auch Gleichmäßigkeit des Ungleichmäßigen, ſo iſt die Befaſſung aller jener Formen unter dem Begriff des Charakters richtig. Man darf alſo den §. ſo verſtehen, daß er im ſtrengen Sinne zwar den ächten Charakter bezeichnet, aber Alles, was ihm, auch nur formal, gleicht, mitbefaßt. — Man nennt auch das Gepräge, das die objectiven ſittlichen Kreiſe dem Individuum aufdrücken, Charakter, und zwar ohne zu fragen, wie viel dieſes gethan habe, das ſeinem näheren oder entfernteren Kreiſe eingewurzelt Eigenthümliche frei zu dem Seinigen zu machen: Charakter des Republikaners, Charakter der Stände (z. B. Bedientencharakter) u. ſ. w. Auch dieſer Sprachgebrauch und der noch weitere, jedes gemein - ſame Gepräge überhaupt (alſo auch Volk, Geſchlecht, Lebensalter, Zeitgeiſt u. ſ. w.) Charakter zu nennen, mag immerhin ſein Recht behalten, und ſo könnte man alſo alles Menſchliche, was wir hier darſtellen, Charakter nennen, wodurch beſtätigt wird, was in §. 39 über das Schwankende der Beſtimmung des Schönen als des Charakteriſtiſchen geſagt wurde. Daneben muß aber immer der emphatiſche Gebrauch des Worts im Sinne des jetzigen §. in ſeinem Rechte bleiben.
An der Beſtimmung, die der §. aufſtellt, wird man nun namentlich bemerken, daß ſie feſthält, was für die Aeſthetik das Wichtigſte iſt: daß nämlich die ganze Naturſeite durch den Charakter nicht aufgehoben, ſondern zu einer gewollten erhoben wird. Alle bisher dargeſtellten Naturmomente bleiben die in den frei gewollten Mittelpunkt in lebendiger Bewegung immer auf’s Neue ſich zuſammenfaſſenden Grundlagen. Der Charakter198 kann nicht mit der Natur brechen, ſondern ſie nur dadurch zum Geiſte befreien, daß er ihre Kraft und Grenze erkennt und, nachdem er ſie erſt nur vorgefunden, nun will und frei ſetzt. Die Gewohnheit dieſes Wollens arbeitet ſich dann in ſie hinein und die Einheit beider Factoren, des Angeborenen und des Freien, wird ſelbſt wieder zur Natur. Im Charakter nun geht die Welt in Einen Punkt zuſammen; er iſt nicht nur eine Welt, ſondern indem er alle Mächte der Welt, Naturbeſtimmtheit, ſittliches Leben in ſeinen Brennpunkt zuſammenfaßt, die Welt. Das Schöne iſt immer Mikrokoſmus, im tiefſten Sinne aber, wenn es den wirklichen Mikrokoſmus, den Charakter, zum Stoffe hat.
In dieſer zweiten Natur wird, was durch Umbildung der erſten Natur erkämpft iſt, in die Wärme der unmittelbaren Lebendigkeit zurückverwandelt. Das Denken, das den Willen in der Bildung des Charakters leitet, hallt in Gefühlstiefe wieder, wird Geſinnung, die Geſinnung bewegt mächtig die Welt der Triebe und Leidenſchaften und hält ſie zugleich zur Einheit des geiſtigen Geſetzes zuſammen. Mit dieſer geiſtigen Wärme die Welt in ſich und ſich in der Welt vernehmend heißt der Charakter Gemüth und dieß gibt ihm zu der Schneide die Innigkeit.
Dieſe innere Reſonanz des Charakters, wodurch er ſich in ſeiner Geiſtigkeit den Naturton bewahrt, ausdrücklich hervorgeſtellt zu haben, wird uns ſpäter zu Statten kommen. Die Kunſt wird ihre eigenen Formen ſchaffen, worin ſie den Wiederhall der Charakterwelt als innere Bewegung ausſpricht ohne den Uebergang in die Thätigkeit auf Objecte: das ganze lyriſche und muſikaliſche Gebiet ſucht hier ſeine Stoffe. Der wahrhaft freie, Charakterbildende Wille nun iſt ein umgeſetztes Denken, zunächſt natürlich ſelbſt ein praktiſches, und dieſes wird als ebenſoſehr übergegangen in ſtetige Gefühlsſtimmung Geſinnung genannt. Doch auch das abſtracte Denken dürfen wir jetzt nicht mehr bloß als Anlage (§. 319), ſondern auch als wirklich ausgebildetes Vermögen aufführen, ſofern es die Perſönlichkeit als Geſinnung färbt und ſo in das Element zurücktritt, das ihm die äſthetiſche Darſtellbarkeit ſichert, vergl. §. 103. Dieſer ganze geiſtig vertiefte Naturton gibt nun alſo dem Charakter ſowohl in der Schärfe des Denkens, als in der Straffheit der Richtung des Willens auf den Zweck ſeine Wärme. Wenn wir die zuſammengehaltene, im eigenen Centrum unendlich webende und dieſes Centrum zum Welt - Einklang erweiternde Gefühlstiefe des Charakters Gemüth nennen, ſo wende man nicht ein, der große Mann, der energiſch Entſchiedene ſei199 nicht gemüthlich. Gemüthlichkeit, was man ſo nennt, iſt es nicht, wovon wir reden; dieſes Element einer halbſinnlichen wohligen Behaglichkeit bezeichnet keineswegs jene im Kampf errungene Umbildung, jene geiſtige Liebe, um die es ſich hier handelt, vielmehr ſteckt dahinter gewöhnlich nur das ungebildete Herz, das gutmüthig iſt, ſo lange es nicht boshaft, aufgeräumt, ſo lange es nicht launiſch iſt. Das Gemüth iſt tief, feſt und treu, denn es gründet im Willen. Dieſe ächte Innigkeit iſt es, durch die wir im Anblick des Charakters den Eindruck haben, zu Hauſe zu ſein; denn er iſt ſeine eigene Welt und hat in dieſe ſeine Welt die Welt aufgenommen und an’s Herz geſchloſſen, iſt alſo eine Angel der Welt und der Zuſchauer ruht an ihm aus, weil er die Unendlichkeit findet. Gemüthlichkeit geräth bei der nächſten Gelegenheit außer ſich, Gemüth bleibt in ſich, iſt ſeiner und der Welt Bürge, ſeine Milde iſt ſtark, ſeine Stärke mild; da iſt Sicherheit, da iſt man aufgehoben. Sein Grundton gibt den wechſelnden Stimmungen ihren Halt und Takt. Dieſe dürfen unter der Einheit nicht verkümmern. Wie weſentlich der ſo bewegte Menſch für die Kunſt iſt, mag ein kurzes Wort von Göthe bezeichnen. Er preist Shakespeare mit den Worten: da ſieht man, wie dem Menſchen zu Muthe iſt.
Die Bildungsgeſchichte des Charakters bietet das durch Colliſionen jeder1. Art bewegte Schauſpiel des Ineinanderwirkens der umgebenden Welt und des Individuums dar, worin dieſes theils ſeine beſondere Beſtimmung zu verwirk - lichen, theils ſich zum allgemein Menſchlichen zu erweitern ſtrebt. In dieſem2. jugendlichen Werden und Wachſen tritt neben der Leidenſchaft der Liebe als Hauptmoment der Bildung des Charakters durch und zur Innigkeit des Gemüths - lebens der Bund der Freundſchaft auf, ein ſchöner, aber nicht zum Mittel - punkte eines äſtheliſchen Ganzen geeigneter Stoff.
1. Man erkennt leicht, wie hier namentlich derjenige Stoff vorliegt, den der Roman verwendet. Zwei Seiten des Charakters: die beſondere Beſtimmung und die Ausrundung zu einem ganzen Menſchen ſind zu unterſcheiden. In §. 333 wurde die Vielſeitigkeit, welche dem Charakter über der Energie der Einſeitigkeit nicht verloren gehen darf, nicht beſonders hervorgehoben, ihre Nothwendigkeit liegt aber von ſelbſt im Begriffe eines Mikrokoſmus. Das als Kunſt wirkliche Schöne wird ſeine ver - ſchiedenen Zweige haben, deren einer mehr die energiſche, obwohl nicht geiſtlos beſchränkte, Beſtimmtheit, der andere die mildere Erweiterung des Individuums zur reinen Humanität mehr zum Stoffe haben wird,200 wo denn im letzteren Sinne gleichgiltiger wird, was das Individuum treibt und im Speciellen unternimmt. Es kommt dabei auf die Sphäre an, in der ein Charakter auftritt oder ſich bilden ſoll: Privatleben oder Staat. Von den Colliſionen des Bildungswegs nun dürfen wir nur einige andeuten: Ungewißheit des Individuums über ſeine eigene Beſtim - mung inmitten der unendlichen ihm offen liegenden Kreiſe; Täuſchungen darüber (Wilh. Meiſter). Täuſchungen über das objectiv Wahre, Irr - thümer; die tüchtige Natur ſucht und findet durch ſie ihren Weg. Aeußere Hemmniſſe: Zuſtand des Volks im Widerſpruche mit dem Drang des Einzelnen, z. B. Drang der Tapferkeit oder der Wahrheit in einem unterdrückten Volke. Einrichtung der Geſellſchaft, die dem Strebenden irrationelle