Druck von C. Krebs-Schmitt. in Frankfurt a. M.
Ein ungemeiner Reichthum lebender Weſen drängt ſich dem Blicke eines Jeden entgegen, der die Augen auf die ihn umgebende Natur lenkt. In allen Elementen, in der Luft, auf und in der Erde, in allen Tiefen des Waſſers lebt und webt es in den mannigfachſten Geſtalten. Schwärme von Inſekten und Vögeln erheben ſich auf leichten Flügeln, während andere Thiere, durch ihre Organiſation an den Boden ge - feſſelt, auf dieſem nach Nahrung umherſchweifen, oder ſelbſt unter der Oberfläche Wohnung und Unterhalt ſuchen. Jeder Baum, jeder Strauch beherbergt ſeine eigenthümlichen Gäſte, jede Erdſcholle dient belebten Thierweſen als Aufenthaltsort. Die ſüßen und ſalzigen Gewäſſer ſind erfüllt mit ſchwimmenden Thieren, mit Fiſchen, Kruſtern, Weichthieren, Infuſorien, ihr Boden überzogen von Polypen, Strahlthieren und anderen Organismen, die ein ſelbſtſtändiges Leben führen. Wie hoch der Menſch ſich auch erheben mag an den Gehängen der Gebirge, wie tief er auch ſein forſchendes Senkblei in den Ocean verſenken mag, überall findet er Spuren ſchaffenden Thierlebens, überall ſieht er ſich von be - lebten Formen umgeben, deren Mannigfaltigkeit ſeine Bewunderung erregt. Nicht minder groß iſt der Wechſel, welchen der Beobachter beim Durchmeſſen größerer Entfernungen auf der Erdoberfläche wahr - nimmt. Der Bewohner der Polargegenden findet bei uns eine durch - aus veränderte Thierwelt, er ſieht keine Robben, die zu Hunderten in dem Strahle einer kärglichen Sonne ſchlafen, keine Alke und Fett - gänſe, die in unzähligen Schwärmen an den Felſenufern ſeiner Eis - meere niſten. Der weiße Bär, der blaue Fuchs, die ungeſchlachten Walthiere haben ihn verlaſſen, ſtatt des Elenns’ und des Renns, ſieht er Hirſche und Rehe in unſern Wäldern, Schwärme von Sing - vögeln und Tauben auf unſern Feldern, andere Fiſche, andere Muſcheln in unſern Flüſſen und Meeren. Nicht minder erſtaunt der Bewohner unſerer Zone bei dem Anblicke jener tropiſchen Gegenden, die wieder1*4ganz andere Thiere in noch weit größerer Mannigfaltigkeit ihm ent - gegen tragen und durch die ſeltſamen Geſtalten, deren oft rieſenmäßige Größe und ſchimmernde Farbenpracht die Eindrücke wiederholen, welche die Ueppigkeit der tropiſchen Pflanzenwelt dem Nordländer übermächtig aufdrängt.
Es iſt natürlich, daß dieſe außerordentliche Mannigfaltigkeit der thieriſchen Weſen, welche den Erdball überall ſchmückt und belebt, von Anbeginn an die Aufmerkſamkeit der Menſchen erregen, ihre Wißbe - gierde ſtacheln mußte. Zuerſt feſſelte das Ungeheuerliche, das Bizarre, das Gewaltige ihren Geiſt und entzündete die Phantaſie zu oft ſon - derbaren Uebertreibungen. Die Leichtgläubigkeit der Menſchen war zu allen Zeiten dieſelbe, und nicht ſelten wurde das Wahre als un - wahrſcheinlich verworfen, und das offenbar Falſche als wahrſcheinlich angenommen. Je mehr ſich aber die Beziehungen zwiſchen den einzel - nen Völkerfamilien mehrten; je weiter der Unternehmungsgeiſt Ein - zelner oder ganzer Nationen nach entfernten Gegenden hin ſich aus - breitete, deſto mehr wurde auch die Wißbegierde angeſpornt, die Thier - welt jener Gegenden kennen zu lernen und mit derjenigen des Vater - landes zu vergleichen. Da es eine tiefbegründete Eigenſchaft der menſchlichen Forſchung iſt, bei unbekannten Dingen zuerſt die Aehn - lichkeit mit bekannten Dingen aufzuſuchen und ſpäter erſt auf die Unter - ſchiede aufmerkſam zu werden, ſo ſehen wir auch bei den älteren Völ - kern, daß ſie gänzlich verſchiedenen Thieren die Namen von ſolchen Geſchöpfen geben, die ihnen näher bekannt waren, und daß ſie die Unterſchiede derſelben oft nur in unbedeutenden Merkmalen ſuchen. Mit der Zeit erweitern ſich die Kenntniſſe; die Aufmerkſamkeit, die früher nur von dem Wunderbaren gefeſſelt wurde, ſteigt zu ſcheinbar unbedeutenderen Gegenſtänden herab, die Wißbegierde begnügt ſich nicht mehr mit dem, was ſie zufällig findet, ſie ſucht mit Bewußtſein auf und gibt ſich ganz ihrem Zwecke hin. Mühſelige Reiſen werden unternommen, Beſchwerden aller Art ertragen, um nicht nur die Sit - ten und Gebräuche fremder Menſchen, ſondern auch die fremder Thiere kennen zu lernen. In dem ungemein reichen Material, welches man aus allen Ecken der Erde zuſammenſchleppt, verliert ſich der Ueberblick. Man beginnt deßhalb zu ſichten und zu ordnen; man ſtellt Aehnliches zuſammen, trennt das Unähnliche von einander, oft nur nach äußern Merkmalen, die Jeder ſo wählt, wie ſie ihm am beſten zuſagen. Bald genügt die äußere Geſtaltung nicht mehr; man will tiefer in das Innere dringen; man will wiſſen auf welche Art ein abweichend geſtaltetes Thier ſeine Nahrung ſich verſchaffen, ſein5 Leben friſten könne. Man unterſucht die Structur der Organe, welche dieſen wunderbaren Thierleib zuſammenſetzen; man vergleicht die gefundene Organiſation mit derjenigen der bekannteren Thiere, man entdeckt innere Merkmale, welche geeignet erſcheinen, die mannichfaltigen Formen unter gemeinſchaftliche Geſichtspunkte unterzuordnen. Die natürlichen Hilfs - mittel des menſchlichen Körpers genügen zur Forſchung nicht mehr; man ſchärft die Sehkraft der Augen durch Lupen und Mikroskope und ſteht erſtaunt vor einer neuen Welt, deren Kleinheit ſie bisher dem Auge entzog. Unermüdlich und raſtlos dringt man weiter auf den ge - öffneten Wegen, hier ſuchend und forſchend, dort ordnend und ein - reihend. Von dem kleinſten Thiere will man wiſſen, wie es entſtehe, lebe, ſich fortpflanze und zu Grunde gehe; jedes bekannte Geſchöpf will man neben ſeinen Nachbarn und natürlichen Verwandten einreihen in das Regiſter, welches nach ſtreng geſetzmäßigen Normen die Namen und deren Bedeutung aufnimmt. Ein neues Feld eröffnet ſich. In den Tiefen der Erde, in den Schichten der Felſen hat man eine Menge von verſteinerten Körpern gefunden, deren Aehnlichkeit mit Schnecken und Muſcheln, mit Knochen und Gehäuſen ſie anfänglich für Naturſpiele halten läßt, bis man entdeckt, daß die Reſte untergegangener Schöpfungen hier der zerſtörenden Kraft von Jahrtauſenden entgangen ſind und daß es nur der genauen Unterſuchung der jetzt lebenden Thiere bedarf, um dieſe längſt vernichteten Geſchöpfe vor unſerm geiſtigen Auge wieder erſtehen zu laſſen und ſie ihren Verwandten näher zu bringen.
Wir ſind an der Aufgabe der heutigen zoologiſchen Wiſſenſchaft angelangt. Sie ſoll uns die unendliche Mannichfaltigkeit der thieri - ſchen Formen, welche den Erdball jetzt bevölkern und früher bewohn - ten, vor die Augen führen; nicht in einem ungeordneten Haufen, aus dem nur hie und da eine auffallende Geſtalt hervorſieht, ſondern wie ein wohlgeordnetes Heer, deſſen einzelne Waffengattungen in be - ſtimmter und geſchloſſener Reihe vorüberziehen, ſo daß die Eigenthüm - lichkeiten eines jeden Gliedes bemerkt, kritiſch unterſucht und gewürdigt werden können; ſie ſoll uns zeigen, wie dieſe verſchiedenen Gruppen in ihrem Junern geſtaltet, wie dieſe Organismen beſchaffen ſind und in wel - chem Verhältniß dieſe Beſchaffenheit zu derjenigen anderer Gruppen ſteht; ſie ſoll uns die Geſchichte eines jeden klar machen, von ſeiner erſten Entſtehung an bis zu ſeiner Auflöſung in die Elemente; ſie ſoll end - lich die Gräber aufdecken und zeigen, welche Verwandte, welche Ah - nen in unendlichen Generationsfolgen in den Schichten der Erde begra - ben liegen. Es iſt wahrlich nicht die trockene Aufzählung der Thiere und ihrer äußern Merkmale, welche das letzte Ziel der zoologiſchen Wiſſen -6 ſchaft bildet! Dieſe ſoll vielmehr ein Bild geben vonder Art und Weiſe, wie das Leben in den verſchiedenen Organismen ſich geſtaltet und wie es von den unſcheinbarſten Anfängen in mannichfaltige Blüthen - zweige ausſtrahlt, um in der Krone aller Geſchöpfe, dem Menſchen, ſeinen jetzigen Endpunkt zu finden. Die Zoologie begnügt ſich nicht mehr mit jenen Kenntniſſen, welche die ſyſtematiſche Zoologie bilden, ſie bleibt nicht mehr bei Haaren und Zähnen, Klauen und Federn, Beinen und Kiemen ſtehen, zufrieden Kennzeichen entdeckt zu haben, welche die Einreihung in das Syſtem möglich machen; ſie verlangt von der vergleichenden Anatomie die Zerlegung des Thierleibes, die Kenntniß der einzelnen Organe und ihrer feinern Structur; von der vergleichenden Phyſiologie die Ergründung der Func - tionen, welche dieſe Organe ausüben und der Art und Weiſe, wie dieſe verſchiedenen Functionen zu einem Ganzen zu der Erhaltung des Lebens zuſammenwirken; ſie will durch die vergleichende Ent - wickelungsgeſchichte erfahren, welche Reihen von Umwandlungen jedes Thier durchlaufen muß, welche verſchiedene Formen es nachein - ander annimmt, bis es das Ziel ſeines Lebens erreicht hat; die Palä - ontologie oder Verſteinerungskunde endlich ſoll ebenfalls ihren Tribut bringen, indem ſie aus den verſteinerten Reſten ausgeſtorbener Thiergeſchlechter die Geſtalten zuſammenſetzt, welche früher die Ober - fläche der Erde bevölkerten. Wenn ſo die Zoologie nach allen Rich - tungen hin die einzelnen Theile ihres Gebietes kennen gelernt hat, ſo fragt ſie nach den Geſetzen, welche die Vertheilung der thieriſchen Organismen über die ganze Erde regeln; ſie ſucht die Wohnbezirke zu umgränzen, welche jeder einzelnen Art eigenthümlich ſind und er - fährt durch die zoologiſche Geographie, welche Bedingungen des Klimas, des Bodens u. ſ. w. erfüllt werden müſſen, um dieſer oder jener Art das Leben möglich zu machen.
Ich mache in den nachfolgenden Blättern den Verſuch, dieſes außerordentlich weitſchichtige Gebiet mit meinen Leſern zu durchſtreifen. Schon aus dem Umfange der Arbeit ergibt ſich, daß es unmöglich wäre, auf das Einzelne einzugehen. Nur die größern und größten Gruppen können genauer in das Auge gefaßt und ihrem Weſen nach verſtändlich gemacht werden. Der Leſer wird mit dieſem Buche in der Hand nicht dieſen oder jenen Käfer beſtimmen und den ihm von den Zoologen gegebenen Namen auffinden können; — kaum wird es ihm möglich ſein, ſeine Schmetterlings - oder Muſchelſammlung einiger - maßen darnach zu ordnen und in die ſyſtematiſchen Gruppen zu ver - theilen. Das Ziel, das ich mir geſteckt habe, iſt ein anderes; ich7 hoffe der Leſer ſoll, nachdem er dieſes Buch aufmerkſam geleſen und ſich mitſeinem Inhalte vertraut gemacht hat, wiſſen, was ein Inſekt, eine Qualle, ein Fiſch, ein Säugethier iſt, wie die Lebensverrichtungen der Thiere zu Stande kommen, auf welche Weiſe ſie ſich von andern Thieren unterſcheiden und welche Stelle ſie in dem Bilde einnehmen, welches die Thierwelt vor uns aufrollt. Die Wiedergabe eines ſolchen unermeßlichen Bildes in ſo kleinem Rahmen, wie der unſrige, kann nur in ähnlicher Weiſe erreicht werden, wie bei einem Landſchafts - bilde, wo die einzelnen Blätter und Grashalme, Steinchen und Waſ - ſertropfen verſchwinden, aber Wald und Wieſe, Fluß und Hügel, Berg und Thal dem Beſchauer dennoch aus gewiſſer Ferne entgegen treten.
Wenn jemals, ſo darf ich ſagen, daß ich mit Luſt und Liebe an dieſem Bilde gemalt habe, das mir in ſeinen erſten Umriſſen ſchon vorſchwebte, als ich das Gebiet der Wiſſenſchaft betrat und deſſen einzelne Parthieen ich ſtets durch eigene Beobachtung und das Stu - dium Anderer zu vervollkommnen geſucht habe. Nach dem traurigen Mißlingen der deutſchen Revolution, die ſich hoffentlich bald wieder glänzender aus ihrer Aſche erheben wird, kann ich einem Miniſterium des liberalſten Sinnes nur dankbar ſein, wenn es mich für unwürdig erklärt, der zum Dienſte eines chriſtlich-germaniſchen Duodez-Staates be - ſtimmten ſtudirenden Jugend Naturgeſchichte vorzutragen, und der fort - ſchreitenden Reaction darf ich zutrauen, daß ſie durch ſtete Verſchlimme - rung der unleidlichen Zuſtände Deutſchlands nicht den Wunſch in mir aufkommen läßt, während der Ausarbeitung meines Werkes die freie Luft der Schweiz mit der Schwüle meines Geburtslandes zu vertauſchen. Ich bin dadurch in den Stand geſetzt, einen Lieblingsgedanken auszu - führen, den ich ſeit langer Zeit hegte.
Zweck und Plan des Buches habe ich ſchon angedeutet. Ich wollte, ſo viel an mir, den Grundplan verſtändlich machen, nach welchem das Thierreich in ſeinen verſchiedenen Richtungen ſich darſtellt und in früheren Perioden der Geſchichte unſeres Erdballs ausgebildet hat. Die einſeitige Kenntniß der lebenden Thiere würde hierzu nicht ge - nügt haben — der innere Zuſammenhang der einzelnen Gruppen, die Verbindung ſo mancher, ſcheinbar iſolirt ſtehender Typen wird erſt erſichtlich, wenn auch die früheren Bewohner unſeres Planeten in Be - rückſichtigung gezogen werden. Jede Naturgeſchichte des Thierreiches, welche nur die lebende Schöpfung zuſammenfaßt, bleibt Flickwerk. — Ich habe demnach die foſſilen Thierreſte, die Verſteinerungen in dem - ſelben Umfange und mit derſelben Gleichberechtigung behandelt, wie die lebenden Thiere.
8Die Entwicklung der einzelnen Typen des Thierreiches kann nicht aus den äußeren Formen, nicht aus den dürftigen Notizen über den inneren Bau, die man in den meiſten Schulbüchern oder populären Naturgeſchichten findet, noch weniger aus den ſtets wiedergekäuten amüſanten Hiſtörchen alter und neuer Scharteken erkannt werden. Das Leben der Thiere kennt für alle Erſcheinungen die es bietet, nur zwei große Triebfedern, welche alle Kräfte und Fähigkeiten in Bewe - gung ſetzen, die Erhaltung des Individuums und die Erhaltung der Art — Ernährung und Fortpflanzung. Beide Seiten des Thierlebens forderten gleiche Sorgfalt der Behandlung. Es war unvermeidlich, bei Beſprechung der letzteren Seite auf manche Organe und Functionen einzugehen, welche eine, meines Erachtens höchſt übel angebrachte Prü - derie aus den meiſten Lehrbüchern der Naturgeſchichte verbannt hat. Die unbefangene, einfache Behandlung dieſer Verhältniſſe ſcheint mir zweckmäßiger, als die reizende, gefliſſentliche Verhüllung. Bei dem heutigen Stande der Wiſſenſchaft, welche den Bau ihres Syſtemes, die Erkenntniß der Verwandtſchaft zwiſchen den einzelnen Gruppen und Typen weſentlich auf die Entſtehungsgeſchichte der Thiere im Ei, von dem erſten Augenblicke ihres Keimens an, und auf die Verwand - lungen, welche ſie im Leben erleiden, ſtützt, iſt es unmöglich, eine klare Einſicht in die Thierwelt zu verſchaffen, wenn man dieſe Entſtehungs - geſchichte zur Seite läßt. — Ich habe alſo die Zeugungs - und Ent - wicklungsgeſchichte der Thiere, die vergleichende Embryologie, über die man ſonſt nur ſpärliche Notizen findet, mit beſonderer Aufmerk - ſamkeit behandelt.
Zur Verſinnlichung des Abgehandelten waren Figuren nothwen - dig. Der Leſer wird der Verlagshandlung dankbar ſein können für die reiche Ausſtattung, welche ſie gewährte. Dieſelbe würde noch voll - ſtändiger in Beziehung auf die Verſteinerungen geworden ſein, wenn ein anderer Buchhändler, in deſſen freundſchaftliche Beziehungen zu mir die politiſchen Ueberzeugungen ſtörend eingegriffen zu haben ſchei - nen, nicht ſtillſchweigend die Mittheilung der Holzſchnitte eines meiner eigenen Werke verſagt hätte, zu welchen ich ſelbſt vor mehren Jah - ren die Zeichnungen gefertigt hatte.
Bern am 1. September 1850.
Die naturwiſſenſchaftlichen Kenntniſſe des ganzen Alterthums, ſo wie eines großen Theiles des Mittelalters finden in dem einzigen großen Naturforſcher Griechenlands, in Ariſtoteles, ihren gemeinſamen Sammelpunkt. Der Vater der Naturgeſchichte faßte Alles zuſammen, was von früher erbeuteten Kenntniſſen ihm vorlag, fügte einen unge - meinen Reichthum höchſt genauer und oft erſt in der ſpätern Zeit be - ſtätigter Beobachtungen hinzu und wurde für die Scholaſtiker des Mittelalters ſowohl, wie für die geiſtloſen, alles wiſſenſchaftlichen Sin - nes entbehrenden Römer, gleichſam der Codex, zu welchem die Gloſſen - fabrikanten jener troſtloſen Perioden Erläuterungen und Anmerkungen fertigten. Ariſtoteles trug zuerſt das Scalpell in den Körper der Thiere; er unterſuchte ihren Bau und faßte ſie zuweilen nach gewiſſen Aehnlichkeiten zuſammen, die meiſtens von der innern Organiſation hergenommen ſind. Einen großen Werth legte Ariſtoteles auf die Er - zeugungs - und Fortpflanzungsweiſe der Thiere und gar manche cha - rakteriſtiſche Eigenthümlichkeiten, die er in dieſer Hinſicht beſonders von Seethieren anführt, erhielten erſt in der neueſten Zeit ihre voll - kommene Beſtätigung. Die Beſchreibung der äußeren Charaktere bleibt ihm nur Nebenſache; er bedient ſich der allgemein angenommenen Na - men in der Vorausſetzung, daß dieſelben allgemein verſtändlich ſeien und fügt nur dann einige hervorſtechende Merkmale kurz an, wenn er Mißverſtändniſſe vermeiden oder größere Gruppen bezeichnen will. Die große und einfache Naturanſchauung der Griechen weht durch dieſes Werk, ein Erzeugniß außerordentlichen Fleißes und jahrelanger Anſtrengungen. Keine läppiſchen Unterſuchungen über den Zweck, welchen ein fingirter Schöpfer mit dieſem oder jenem Thiere oder gar Thier - theile habe erreichen wollen, ſondern eine einfache, nüchterne Darſtellung der Thatſachen und der aus ihnen hervorgehenden Schlüſſe. Aber auch kein ſyſtematiſch trockenes Gebäude, in welches die Beobachtungen oft mit Zwang und indem man ihnen Gewalt anthut, eingereiht werden; ſon -10 dern nur hie und da Andeutungen von Abgränzungen, welche für die Betrachtung dieſes oder jenes Organes bei beſtimmten Gruppen von Wichtigkeit erſcheinen. Die Hülfsquellen, welche dieſem außerordent - lichen Manne durch ſeinen Schüler, Alexander den Großen von Ma - cedonien, zu Gebote geſtellt wurden, ſollen ungemein geweſen ſein; indeß beruhen doch die weſentlichſten Thatſachen, die Ariſtoteles anführt, auf dem kleinen Kreiſe des griechiſchen Archipelagus und der Küſten, welche den öſtlichen Theil des Mittelmeeres begränzen.
Wir können füglich eine lange Periode überſchreiten, in welcher abſtrakte philoſophiſche Theorieen, kritikloſe Compilationen oder trockene ſcholaſtiſche Uebungen das Weſen der Naturwiſſenſchaften bildeten. Die ganze lange Zeit, welche ſich von dem Verfall des griechiſchen Alterthums durch das Mittelalter hinzieht, zeigt keinen Mann und kein Werk auf, das nur des Erwähnens werth wäre. Die fortſchreitende Ausbreitung des Chriſten - thums tödtete, wie jede andere Wiſſenſchaft, ſo auch vor Allem die Na - turlehre, welche ihm nothwendig feindlich gegenübertreten mußte. Erſt in der zweiten Hälfte des 16ten Jahrhunderts, wo der freie Gedanke ſich wieder Bahn zu brechen begann, erſcheinen Männer, welche ſelbſt - ſtändig zu beobachten und die Beobachtungen ihrer Zeitgenoſſen über - ſichtlich zu ordnen verſtehen. Die Periode der Wiedergeburt beginnt zum Theil mit naiven Menſchen, welche eine reine Liebe zur Natur und deren Wundern beſitzen und zwar nicht ganz frei von Vorurtheilen, mit einer gewiſſen religiöſen kindlichen Andacht, den Zeitgenoſſen die Reſultate ihrer Studien mittheilten. Die menſchliche Anatomie bahnte die Wege, während zugleich Männer wie Geßner, Aldrovandi das ganze Gebiet der Thierwelt zu umfaſſen ſtrebten. Die wiſſenſchaft - lich ſtrenge Methode, welche zuerſt in der Aſtronomie angewandt wurde, wird allmählig in die Naturgeſchichte übertragen. Mit unglaublicher Geduld und ſcharfſinniger Geſchicklichkeit zerlegt Swammerdamm die kleinſten Inſekten und weiſt ihre Verwandlungen und Metamorphoſen nach, während kurz darauf ein ordnender, intelligenter Geiſt, Ray, dem Vater der heutigen Zoologie, Linné, die Wege bahnt. So man - nichfachen Reiz auch dieſe Periode der Vorbereitung haben mag, indem hier namentlich beobachtet werden kann, wie nur langſam die voran - ſtrebenden Geiſter die Feſſeln brechen können, welche religiöſer Aber - witz und ſcholaſtiſche Spitzfindigkeit Jahrhunderte hindurch geſchmiedet haben, ſo finden wir doch hier nur geringe Ausbeute, da die ſpätere Zeit die Früchte der Kämpfe aufnahm und nützte, während ſie das ver - altete Kriegsmaterial als unbrauchbar verwarf.
Der außerordentliche Einfluß, welchen Linné, der im Beginne11 des achtzehnten Jahrhunderts geboren wurde, als Geſetzgeber der zoo - logiſchen Wiſſenſchaft ausübte, beruht weniger auf der von ihm ein - geführten Claſſification und dem Werthe der einzelnen Abtheilungen, die er darin feſtſetzte und die durch die ſpäteren Forſchungen mannig - fach abgeändert wurden, als vielmehr auf dem ſtreng logiſch durchge - führten Syſteme der Benennung und Eintheilung, welches er zuerſt aufſtellte und das ſeither unverändert geblieben iſt. Die einfachen Namen, welche der gewöhnliche Sprachgebrauch für die ihm bekannten Thiere wählt und die bisher von den Naturforſchern ebenfalls benutzt worden waren, genügten für eine ſyſtematiſche Zuſammenſtellung nicht, welche das Aehnliche nähern, das Unähnliche entfernen wollte. Jeder - mann weiß, daß der Hund und der Wolf, die Katze und der Tiger, der Eſel und das Pferd eine bedeutende Summe von Merkmalen mit - einander gemein haben und Aehnlichkeiten beſitzen, welche ſich durch die gebräuchlichen Namen nicht errathen laſſen. Linné führte alſo die doppelte Namengebung, das Syſtem der binären Nomenclatur, ein; ganz in ähnlicher Weiſe wie mit zunehmender Civiliſation auch unter den menſchlichen Völkern der doppelte Name Regel ward. So wie wir das Individuum durch ſeinen Taufnamen unterſcheiden, wäh - rend wir durch den Familiennamen die Herkunft deſſelben bezeichnen, ſo bezeichnet Linné gewiſſermaßen durch einen Taufnamen, der meiſtens von einem hervorſtechenden äußern Merkmal hergenommen iſt, die Art, und durch einen vorgeſetzten Namen die Beziehungen dieſer Art zu ver - wandten Thieren, welche mit ihm eine Gattung (Genus) bilden. So heißen ihm alle hundeartigen Thiere Canis, alle katzenartigen Felis, alle pferdeartigen Equus; der Haushund erhält einen Beinamen: fa - miliaris, der Wolf einen andern: lupus; die Katze heißt: Felis catus, der Tiger: Felis tigris; das Pferd: Equus caballus, der Eſel: Equus asinus.
Die Individuen verſchwinden für den Zoologen und wenn es auch eine Wahrheit iſt, daß das ganze Thierreich nur aus einzelnen Individuen zuſammengeſetzt iſt, ſo lehrt doch ſchon der natürliche Ver - ſtand, daß wir alle diejenigen Individuen, welche einander bis auf einen gewiſſen Grad ähnlich ſind, in unſern Bezeichnungen zuſammen faſſen. Der Name Wolf z. B. iſt ſchon gewiſſermaßen eine Abſtrak - tion, unter welcher wir alle diejenigen Thiere vereinigen, welche die eigenthümliche Farbe, Behaarung, Gebiß, Fußbildung, kurz alle jene charakteriſtiſchen Kennzeichen des Wolfes gemeinſam haben — Kennzeichen, die ſo ſehr in die Augen fallen, daß ſelbſt ein Kind, welches einmal einen Wolf geſehen hat, ein anderes Individuum unmittelbar wieder als Wolf wiedererkennen wird. Eine weitere Abſtraktion iſt diejenige,12 welche auf den Linné’ſchen Genus - oder Gattungsnamen führt. Die Vergleichung des Eſels und Pferdes z. B. bietet bei großen Ver - ſchiedenheiten in der Behaarung, in der Geſtalt des Körpers, der Ohren, des Schwanzes, eine außerordentliche Summe verſchiedener Merkmale dar, welche auf das Engſte mit einander übereinſtimmen, wie z. B. die Geſtalt und Bildung der Hufe, der Zähne u. ſ. w., ſo daß ſich eine Verwandtſchaft herausſtellt, die ebenfalls Jeder auf den erſten Blick fühlt, eine Verwandtſchaft, welche von Linné in dem erſtgenannten Gattungsnamen ihren Ausdruck erhielt.
Mit dieſer ſo einfachen und ſo bequemen Benennungsweiſe ver - einigten die Linné’ſchen Arbeiten einen Grad von Genauigkeit, Klar - heit und Kürze in der Aufzählung der charakteriſtiſchen Kennzeichen der Thiere, der von keinem ſeiner Nachfolger erreicht wurde. Er verglich die Beobachtungen ſeiner Vorgänger, ſtellte größere Gruppen auf, die er ſcharf nach äußern und innern Merkmalen ſchied und ent - wickelte eine ungemeine Thätigkeit, ſowohl ſelbſt als auch namentlich durch ſeine Schüler, welche ſich über die ganze damals bekannte Erde zerſtreuten und ihrem Meiſter Materialien zur Vervollſtändigung ſeines Syſtems ſammelten. Trotz des Einſpruches, den namentlich Buffon von Anfang an gegen die claſſificirende Methode Linné’s erhob, wur - den dennoch die einfachen Grundſätze des ſchwediſchen Naturforſchers bald ſo allgemeine Regel, daß Jeder, der geleſen und verſtanden ſein wollte, ſich der Linné’ſchen Sprache bedienen mußte. Die Bezeichnungs - art, welche er einführte, iſt in der That bis auf heute geblieben und kann um ſo weniger geändert werden, als ſie das alleinige Mittel bleibt, die Forſcher verſchiedener Länder in Uebereinſtimmung zu bringen.
Während mit Linné und von ihm aus ſich eine Schule der Syſtema - tiker entwickelte, welche oft in dürren Formelkram verſank und ihre Wißbegierde vollkommen befriedigt fühlte, wenn ſie ein neu bekannt gewordenes Thier in den Katalog regiſtrirt hatte, bildeten ſich auf der andern Seite einige Männer hervor, welche beſonders auf das Leben und Verhalten der kleinern Thiere ihre Aufmerkſamkeit richteten und mit unendlicher Geduld die Sitten und den Haushalt derſelben ſtudirten. Réaumur, Röſel, de Geer etc. beſchäftigten ſich beſonders mit dieſen zeitraubenden Beobachtungen und lieferten dadurch den Sy - ſtematikern vortreffliche Grundlagen zu ſpäterer Verbeſſerung ihrer Gebäude und Fachwerke.
Auch eine ariſtokratiſche Richtung der Wiſſenſchaft ſollte in der letzten Hälfte des vorigen Jahrhunderts nicht fehlen. Buffon war13 ein abgeſagter Feind jeder Claſſiſication; er ſah geringſchätzig herab auf die plebejiſchen Mühen von Réaumur und Andern, welche mit ſo gemeinem Zeuge wie Mücken und Schmetterlingen ihre Zeit füllten. Durch fein geglättete und pomphafte Beſchreibungen ſuchte der Herr Graf unter der Ariſtokratie einen gewiſſen nobeln Dilettantismus zu wecken, der in der That die beſten Früchte für die Vermehrung der Pariſer Sammlungen brachte. In magnifiquen, hochtönenden Phra - ſen beſchrieb Buffon die höhern Thiere, Säugethiere und Vögel, ihre Sitten und Haushalt, ohne Ordnung, ohne inneren Zuſammenhang, je nachdem ihm dieſer oder jener Stoff geeigneter ſchien, ſeinen Styl daran glänzen zu laſſen. Er gehört jetzt nur noch der Literatur-Ge - ſchichte als franzöſiſcher Schriftſteller an und ihm iſt es hauptſächlich zuzuſchreiben, wenn die hauptſächlichſten Beſtrebungen jener Zeit ſich mehr auf die höhern und brillanten Claſſen, auf die Säugethiere und Vögel einerſeits und die Inſekten andererſeits lenkte. So darf es denn auch nicht wundern, wenn dieſe Claſſen vorzüglich in ihrer Bearbei - tung vorſchritten und die damals angenommenen Syſteme ſich den jetzigen ſehr näherten, während die übrigen Claſſen, beſonders die Weichthiere und die Meeresbewohner faſt nur als Ballaſt nachgeführt wurden.
Während für Linné das Syſtem und deſſen methodiſche Anord - nung nur ein Mittel geweſen war, ſo wurde es ſeinen oft geiſtloſen Nachfolgern meiſt Zweck, und ihre Claſſificationen, ſtatt die Geſammt - organiſation der Thiere im Auge zu behalten, klammerten ſich oft ängſtlich an untergeordnete äußere Merkmale an. Ein trockenes For - melweſen breitete ſich immer mehr und mehr in der Wiſſenſchaft aus und drängte das friſche Leben zurück, welches unter Linné’s Anregung das Syſtem durchſtrömt hatte. Der Zopf welcher vor der franzöſi - ſchen Revolution im politiſchen Leben herrſchte, wuchs auch in der Wiſſenſchaft rieſengroß, und es drohte eine Zeit der Verödung, die glücklicher Weiſe durch den erfriſchenden Hauch der franzöſiſchen Re - volution überwunden wurde.
Die franzöſiſche Revolution, die alle Geiſter ſo mächtig erſchütterte und überall neue Bahnen eröffnete, brachte auch neue Richtungen in der zoologiſchen Wiſſenſchaft hervor. Cuvier hatte die Lücken ent - deckt, welche die Naturgeſchichte der Thiere bot, und indem er während einer langen Reihe von Jahren beſonders die Anatomie der vernach - läſſigten Claſſen förderte, ſtellte er neue Grundlagen für die Claſſifi - cation der geſammten Thierſchöpfung her. Die vergleichende Anatomie als Grundlage der Zoologie wurde jetzt in allen Ländern mit außer -14 ordentlichem Eifer betrieben. Man beſuchte die Seeküſten, um den Bau der Organismen des Meeres in friſchem Zuſtande zu unterſuchen, und je tiefer man in die Organiſation dieſer niederen Thiere eindrang, deſto überraſchendere Ergebniſſe hatte man zu berichten. Während ſo die Kenntniß der niedern Thiere raſch gefördert wurde, bahnte Cuvier zugleich einen neuen Weg durch Unterſuchung der Knochenreſte, welche die Schichten der Erde einſchließen. Durch die genaueſten Vergleichun - gen der einzelnen Fragmente mit den Skeletten jetzt lebender Thiere, gelang es ihm die vorweltlichen Säugethiere und Reptilien meiſt in ihren wahren Formen wieder herzuſtellen, ihre Beziehungen zu der jetzigen Schöpfung aufzuklären und hierdurch den wichtigſten Einfluß auf ein ſtrenges und nachhaltiges Studium der Thatſachen zu üben. Umfaſſende und genaue Beobachtung des Baues der Thiere bis in ſeine größten Einzelnheiten und ſeine letzten Geſtaltungseigenthümlich - keiten, kritiſche Lichtung und Vergleichung der Arbeiten der Vorgänger und unmittelbares Feſthalten an den beobachteten Thatſachen, waren weſentliche Eigenthümlichkeiten der Cuvier’ſchen Richtung. Cuvier ſelbſt war ein ſtreng methodiſcher, aber knapper Geiſt, der niemals den Boden der Thatſachen verließ, durch keine Spekulation die Lücken der Beobachtung zu erſetzen ſuchte, wohl aber ein reiches Material mit vieler Klarheit zu ordnen und zu beherrſchen wußte.
Es war natürlich, daß neben der Richtung Cuvier’s, die ſich durch das ſtrenge Feſthalten an den Thatſachen auszeichnete, eine mehr idealiſtiſche Schule ſich entwickelte, welche die Thiere nicht nach Merk - malen, ſondern nach den Prinzipien ordnen wollte, in deren Befol - gung die Natur die thieriſchen Organismen überhaupt hervorgebracht hätte. Begreiflicherweiſe trugen die Natur-Philoſophen dieſe Prin - zipien von ſich aus in die Natur hinein, anſtatt ſie aus den Thatſachen hervorgehen zu laſſen, welche nur Nebenſache, gleichſam nur Verbrämung des philoſophiſchen Fachwerkes waren, nach welchen ſie ſich die Natur zuſchnitten. Die beiden ſo gänzlich in ſich verſchie - denen Tendenzen ſtießen bald mit äußerſter Heftigkeit aufeinander, und während die Schlachtfelder Europa’s vom Donner der Geſchütze wider - hallten, war ein nicht minder heftiger Streit zwiſchen den beiden wiſſenſchaftlichen Heeren entbrannt, an deren Spitze einerſeits Cuvier, Meckel, Rudolphi und Tiedemann, andererſeits Geoffroy St. Hilaire, Schelling und Oken fochten. Wie jeder Kampf, ſo förderte auch dieſer ungemein dadurch, daß die Gegner von beiden Seiten ſoviel Material als möglich herbeiſchafften, um ihre Widerſacher zu vernichten, und15 daß die gegenſeitige Kritik die Beobachtungen ſichtete und ihren that - ſächlichen Werth feſtſtellte.
Wir ſind mit dieſem Kampfe in die neuere Zeit hinübergetreten. Die letzten Nachklänge deſſelben hallen noch hie und da wieder; ver - einzelt trifft man noch zuweilen Ruinen aus der naturphiloſophiſchen Schule, welche die Natur in die engen Schranken ihres Kopfes zwän - gen möchten. Die thatſächliche Richtung hat offenbar den Sieg davon - getragen und es iſt nicht zu läugnen, daß die weſentlichſten Fortſchritte der Wiſſenſchaft hauptſächlich auf ihr beruhen. Die Claſſification, das Syſtemmachen, obgleich noch hie und da eifrig gepflegt, ſteht im Hin - tergrunde; — man hat eingeſehen, daß jede Claſſification theils nur ein Mittel iſt, unſere Kenntniſſe überſichtlich zu ordnen und ſich in dem Labyrinthe zurecht zu finden, theils auch wieder ein Ausdruck dieſer Kenntniſſe, in welchem die vergleichende Beobachtung ihre Re - ſultate kund gibt. Der Forſcher, der neue Seiten einem beobachteten Körper abgewinnt, drückt dieſelben gleichſam im Lapidarſtyl durch Veränderung des Syſtems an der betreffenden Stelle aus, und wäh - rend ſo das Gebäude im Ganzen ſeit Cuvier’s Zeiten dasſelbe geblieben iſt, ſo dürfte kaum eine Stelle zu finden ſein, die nicht mehr oder minder durchgreifend verändert worden wäre.
Als Ausläufer des Kampfes zwiſchen der naturphiloſophiſchen und realiſtiſchen Richtung ſtellt ſich in der ſyſtematiſchen Zoologie weſentlich die verſchiedenartige Tendenz der Gruppirung dar. Die Einen behaup - ten, das Thierreich bilde eine lange und ununterbrochene Reihe, nach ein - heitlichem Plane gebaut, wo immer ein Weſen vollkommener ſei als das andere, ſo daß von den niedrigſten Infuſionsthierchen bis zu dem Menſchen eine Kette aus zuſammenhängenden Gliedern ſich fortziehe. Derſelbe gemeinſame Plan der Organiſation liege dem Baue aller thieriſchen Organismen zu Grunde, und je nach der Entwickelung der einzelnen Organe, aus welchen der Thierleib zuſammengeſetzt ſei, könne man die Rangſtufe beſtimmen, auf welche jeder Organismus geſtellt werden müſſe.
Andere behaupten, dem Baue der Thiere liegen im Gegentheil mehre verſchiedene Urplane zum Grunde. Es ſei zwar vollkommen richtig, daß in kleinen Gruppen, welche nach demſelben Typus gebaut ſeien, ſich auch eine Ueberordnung, eine allmählige Vervollkommnung erkennen laſſe, für das Ganze ſei dies aber nicht richtig, indem jeder Typus ſich zu einer eigenthümlichen Stufe der Vollkommenheit erhebe und von ſeinem Gipfelpunkte aus kein Uebergangspunkt zu der Grund -16 lage des nächſten Typus ſtattfinde. Wir werden Gelegenheit haben die letztere Meinung noch weitläufiger auseinanderzuſetzen.
Wenn man früher ſich weſentlich an die äußern Charaktere der Thiere gehalten hatte, ſelbſt ſo ſehr, daß Linné vielen Spott erdulden mußte, als er die Ordnungen der Säugethiere auf den Bau der Zähne gründete (einer ſeiner Gegner warf ihm vor, Adam habe bei der Namengebung im Paradieſe den Thieren das Maul nicht aufgeriſſen, um nach den Zähnen zu ſchauen); wenn dann durch Cuvier’s und ſeiner Nachfolger Beſtrebungen die Claſſification hauptſächlich auf die innere Organiſation, auf den Bau der Organe im erwachſenen Thiere und auf die Beziehungen der Letzteren zu einander gegründet wur - den, ſo bricht ſich jetzt eine neue Richtung Bahn, auf deren Ent - wickelung die Revolution von 1848 vielleicht beſtimmt iſt einen ähn - lichen befruchtenden Einfluß zu üben, wie diejenige von 1798 auf die Cuvier’ſche. Hat man doch überall bemerkt, daß durch politiſche Stürme die mächtigſte geiſtige Anregung erzielt wird, die ſich auf andere Gebiete, der Kunſt und der Wiſſenſchaft, des Handels und der Induſtrie wirft, ſobald ihr dasjenige des politiſchen Handelns ver - ſchloſſen wird.
Die Entwickelungsgeſchichte der thieriſchen Weſen beginnt allmäh - lig den Platz einzunehmen, welchen erſt die äußern Charaktere, ſpäter die innere Organiſation der erwachſenen Thiere behauptete. Wenn man ſchon früher gewußt hatte, daß die äußeren Umwandlungen, welche viele Thiere während ihres Wachsthums erleiden, oft in dem Maße durchgreifend ſeien, daß man das Thier in ſeinem Jugendzu - ſtande durchaus nicht zu erkennen vermöge (ich erinnere hier nur an die Raupe und den Schmetterling, an die Kaulquappe und den Froſch) ſo lehrten die umfaſſenden Beobachtungen der Neuzeit, daß gemeinſame Typen vorhanden ſeien, nach welchen ſich die Embryonen aus dem Ei entwickeln und daß den Metamorphoſen, welche die Thiere wäh - rend ihres Lebens erleiden, Geſetze zum Grunde liegen, welche zu - gleich für die Ausbildung der geſammten Schöpfung, wie auch für die Aufeinanderfolge der früheren Erdſchöpfungen maßgebend ſeien. Die Entwickelungsgeſchichte beſtätigte es, daß verſchiedene Typen der allgemeinen Organiſation vorhanden ſeien, welche in aufſteigender Richtung ſich entwickelten, und daß dieſe Typen unter ſich keinen nähern Zuſammenhang zeigten, indem die urſprünglichen Anlagen des wer - denden Thieres ſchon bei ihrem erſten Auftreten nichts Gemeinſames zeigten. Es gelang bei einzelnen Claſſen nachzuweiſen, daß das voll - kommnere Thier während ſeiner Jugendzuſtände, von der Entwicklung17 aus dem Eie an, gewiſſe Stufen der Organiſation durchlaufe, welche den Bildungsſtänden, in denen die niedern Thiere desſelben Typus verhar - ren, parallel gehen, ohne jemals eine völlige Gleichſtellung zu erreichen. Man kann in der That nachweiſen, daß der Embryo eines Säugethieres z. B. in früheſter Zeit gewiſſe Organiſationseigenthümlichkeiten beſitzt, welche nur den Fiſchen und auch dieſen nur auf der niedrigſten Stufe zukommen; man kann nachweiſen, daß die allmählige Ausbildung des jungen Säugethieres Stadien durchläuft, welche der Ausbildung der erwachſenen Amphibien entſprechen. Die Vertheidiger der ununter - brochenen Reihe in der Thierwelt haben ſogar behauptet, dieſe Aehn - lichkeit gehe bis zur vollſtändigen Identität und das werdende Säuge - thier ſei in ſeinem erſten Entwickelungszuſtande Infuſionsthierchen, Wurm, Weichthier, Fiſch u. ſ. w. Dieſe Behauptungen überſchreiten die Grenzen der Wahrheit. In der Entwickelung eines jeden Thieres läßt ſich von Anfang an mit Sicherheit neben dem allgemeinen Grund - plane, wonach das Thier dieſem oder jenem größeren Organiſationstypus angehört, die ſpecielle Richtung ſehr wohl erkennen, nach welcher hin ſeine Ausbildung fortſchreiten wird und wenn auch der Säugethierembryo in ſeinen Anfängen fiſchähnliche Ausbildung mancher Organe zeigt, ſo iſt doch niemals ſeine Geſammtorganiſation derjenigen eines Fiſches gleich oder ein ſelbſtſtändiges Leben für ihn in dieſem Zuſtande der Ausbildung möglich. Der Embryo des vollkommneren Thieres durch - läuft daher in ſeiner Entwickelung zwar Bildungsmomente, welche denjenigen der niedern Thiere desſelben Typus analog ſind, niemals aber iſt ſeine vorübergehende Organiſation vollkommen gleich derjenigen der niederen Thiere in ihrem erwachſenen Zuſtande.
Noch mehr der Wahrheit entgegen iſt es, wenn man, auf un - genaue Beobachtungen geſtützt, behauptet, die vollkommenen Thiere durchliefen in ihrer Entwickelung Zuſtände, welche den erwachſenen Thieren anderer Grundtypen analog ſeien; — wenn man, wie die An - hänger der ununterbrochenen Stufenleiter in der Schöpfung es oft thaten, z. B. behauptet, der Vogel ſei während ſeiner Entwickelung aus dem Eie zuerſt Infuſionsthierchen, dann Weichthier, dann Fiſch u. ſ. w. Zu keiner Zeit ſeiner Exiſtenz gleicht der Vogelembryo einem Inſekt oder einem Weichthier, zu keiner Zeit gleicht das werdende Inſekt einem Weichthiere oder einem Strahlthiere; gemeinſam iſt allen nur der Typus, nach welchem das urſprüngliche Ei gebildet iſt. Mit dem erſten Augenblicke der Formbildung des neuen Individuums in dem Eie tritt aber auch der Grundtypus hervor, welcher in den einzelnen Ab - theilungen des Thierreiches ausgebildet iſt.
Vogt, Zoologiſche Briefe. I. 218Es geht ſchon aus dem Geſagten hervor, daß in den einzelnen Familien und Gattungen, welche die Grundtypen oder größeren Abtheilungen des Thierreiches zuſammenſetzen, eine allmählige Evo - lution zur höheren Vollkommenheit erkannt werden kann, deren ein - zelne Stadien auch in den verſchiedenen vorübergehenden Bildungs - momenten der höher ſtehenden Embryonen erkannt werden können. Das Thierreich in ſeiner Geſammtheit betrachtet wiederholt demnach in ſeinen einzelnen Formen und Geſtaltungen bleibend gewiſſe Bil - dungsmomente, welche in den Embryonen im zuſammenhängenden Wechſel vor unſern Augen vorübergeführt werden, und an denjenigen Organen, an welchen die Entwickelungsgeſchichte dieſe vorübergehenden Phaſen der Bildung nachweiſt, läßt ſich die größere oder geringere Vollkommenheit des Thieres und ſein Rang in der Bildungsrichtung, der es angehört, erkennen. Wenn wir z. B. ſehen, daß die Wirbel - ſäule des Säugethieres bei ihrem erſten Auftreten aus einem einfachen Knorpelſtabe beſteht, der noch keine Abtheilungen zeigt, ſo werden wir denjenigen Fiſchen, welche im erwachſenen Zuſtande nur einen ſolchen Knorpelſtab beſitzen, einen ſehr niedrigen Platz in der Bildungsreihe der Wirbelthiere überhaupt anweiſen müſſen.
Dasſelbe Geſetz, welches wir hier für die Ausbildung der jetzt lebenden Schöpfung aufgeſtellt haben, findet auch auf diejenigen Thiere ſeine Anwendung, deren Reſte in dem Schooſe der Erde begraben liegen. Die Unterſuchung der Geſteinsſchichten, aus welchen die Rinde unſerer Erde zuſammengeſetzt iſt, weiſ’t nach, daß die Oberfläche unſeres Erdkörpers viele Geſchichtsperioden durchlaufen hat, in wel - chen unter ſich verſchiedene Schöpfungen die Erde bevölkerten; — eine allmählige Vervollkommnung der Geſchöpfe, welche nacheinander auf der Erde erſchienen und wieder untergingen, läßt ſich im Großen nicht läugnen, wenn gleich über die einzelnen Grade dieſer Vervoll - kommnung verſchiedene Anſichten herrſchen können. Aus den vorhan - denen Thatſachen aber läßt ſich ſchon nachweiſen, daß dieſelben Typen, welche in unſerer jetzigen Schöpfung vorhanden ſind, in ihren An - fängen ſchon in der erſten Zeit der organiſchen Entwickelung auf der Erde vertreten waren und daß ſie durch analoge Stufen der Ausbil - dung hindurch gingen, wie diejenigen ſind, welche wir in der jetzigen Schöpfung und in den Metamorphoſen der werdenden Thiere erkennen. Dasſelbe Beiſpiel, welches wir ſoeben benutzten, können wir auch hier anwenden. Die älteſten Fiſche, welche in den unterſten Schichten ge - funden werden, beſitzen noch keine ausgebildete Wirbelſäule, ſondern an ihrer Statt einen Knorpelſtab, der in ähnlicher Weiſe gebildet iſt19 wie der Knorpelſtab der niedern Fiſche unſerer jetzigen Schöpfung und der Knorpelſtab der Wirbelthierembryonen überhaupt in der erſten Zeit ihrer Bildung.
Die Erkenntniß dieſer dreifachen Richtung in der Ausbildung der Thierorganismen, nämlich der hiſtoriſchen Entfaltung durch die ver - ſchiedenen Geſchichtsperioden der Erde hindurch, der Flächenausbildung durch die mannigfaltigen Formen ausgebildeter Thiere, welche jetzt den Erd - ball bevölkern, und der genetiſchen Entwickelung in der Ausbildung der Embryonen, die Verfolgung dieſer dreifachen Richtung bis in ihre letzte Einzelheit iſt es, welche der heutigen Wiſſenſchaft die zu löſenden Aufgaben ſtellt. Nach allen Seiten hin beſtrebt man ſich die Lücken der Beobachtungen zu füllen und mit den vortrefflichſten Hülfsmitteln ausgerüſtet in die Einzelnheiten der Organiſation einzudringen. Die Einen verfolgen die einzelnen Thiere von dem erſten Augenblicke ihrer Entſtehung an, während Andere die verſteinerten Reſte mit den Pro - dukten der jetzigen Schöpfung vergleichen und aus dieſer Vergleichung ihre Beziehungen ergründen. Noch iſt zwar das Widerſtreben nicht ganz überwunden, welches gegen die Verſchmelzung der Thiere der jetzt lebenden Schöpfung mit der früheren Erdperiode herrſchte, in - deſſen lichten ſich doch die Reihen der Gegner von Tage zu Tage und jede neue Arbeit bringt den Beweis, daß nur durch Beobachtung der angeführten Richtungen die Wiſſenſchaft überhaupt gefördert wer - den kann.
Sobald man einmal begonnen hatte, die bekannten Thierweſen zu ordnen und größere oder kleinere Abtheilungen feſtzuſtellen, welche eine Ueberſicht gewährten, ſo wurde nothwendiger Weiſe das Syſtem der Ausdruck der jedesmaligen Kenntniſſe über das geſammte Thierreich. Wir haben ſchon oben geſehen, wie Linné zuerſt durch ſeine doppel - namigen Bezeichnungen zwei feſte Begriffe in die Wiſſenſchaft einzu - führen ſuchte, denjenigen der Art (Species) und den weiteren der Gattung (Genus). Hierbei beſchränkten ſich indeß weder Linné noch2*20die ſpäteren Claſſifikatoren. Man ſtellte unter ſtets größer werdenden Gruppen und Abtheilungen die durch gewiſſe Charaktere mit einander übereinſtimmenden Arten und Gattungen zuſammen, um endlich bis zu wenigen großen Kreiſen zu gelangen, welche die einzelnen Genustypen umfaßten, ſo daß das ganze Syſtem füglich mit einem Gebäude ver - glichen werden kann, in dem man einzelne Stockwerke, Wohnungen, Säle, Zimmer bis zu den Fachwerken an den Wänden unterſcheidet. Wie viele öde Regiſtratoren der Wiſſenſchaft gab es, die ihr Leben damit zubrachten, den einzelnen Aktenbündeln ihre Ueberſchrift zu geben und ſie aus dieſem oder jenem Gefache in ein anderes hinüber zu tragen!
Die Grundlage auf welcher das ganze Gebäude der Syſtematik beruht, iſt die feſte Beſtimmung des Begriffes der Art (Species). Giebt es wirklich ein ideales Weſen, Art genannt, dem wir feſte und unab - änderliche Charaktere zuſchreiben können, oder haben wir es nur mit einzelnen Individuen zu thun, deren Charaktere durch die äußeren Um - ſtände bedingt und ſo weit modificirt werden können, daß es zweifel - haft wird, ob ſie noch derſelben Art angehören?
So weit wir jetzt blicken können, ſo müſſen wir den Begriff der Art dahin beſtimmen, daß zu derſelben Art alle Individuen gehören, welche von gleichen Eltern abſtammen und im Verlaufe ihrer Ent - wickelung, entweder ſelbſt oder durch ihre Descendenten den Stamm - ältern ähnlich werden. Zur Feſtſtellung der Charaktere, welche einer Art eigenthümlich ſind, würde alſo ſtets die Beobachtung ihrer Ab - ſtammung gehören und man würde bei einem einzelnen Thier, deſſen Leiche oder verſteinerte Reſte man nur in die Hand bekäme, niemals entſcheiden können, ob es einer andern Art angehört. In der That hat auch die Wiſſenſchaft ſchon eine unzählige Menge von Irrthümern ausgemerzt, welche aus vereinzelten Beobachtungen entſtanden ſind, und täglich dienen weiter greifende Beobachtungen dazu, Thiere, die man weit verſchieden glaubte, als zu derſelben Art gehörig anzuer - kennen, oder andere zu trennen, die man früher vereinigt hatte. Nie - mand wohl würde die Raupe oder den Schmetterling, die beide ſo unendlich in ihrer äußeren Geſtalt wie in ihrer inneren Organiſation verſchieden ſind, für daſſelbe Weſen halten, wenn es nicht jedem Kinde bekannt wäre, daß die Raupe ſich in eine Puppe und dieſe wieder in einen Schmetterling verwandelt. Die Beobachtung iſt aber nicht überall ſo leicht, wie in dem angeführten Falle. Wir könnten hunderte von Beiſpielen anführen, wo es jahrelanger, mit der größten Ausdauer fortgeführter Beobachtungen bedurfte, um darzuthun, daß dieſes oder21 jenes Thier, deſſen iſolirte Kenntniß man längſt hatte, nur die Ent - wickelungsſtufe eines andern ſei, welches man gänzlich davon verſchie - den glaubte. Beſonders bei den niedern Thieren, denen man erſt in der neueſten Zeit die vollſte Aufmerkſamkeit zuwandte, deren Organi - ſation ihres abweichenden Typus wegen ſo räthſelhaft war und deren Lebensweiſe oft nur durch glückliche Zufälle ſtückweiſe aufgehellt wurde, beſonders bei dieſen waren und ſind Verſehen dieſer Art noch jetzt außerordentlich häufig. Hat man aber ein Recht, aus ſolchen Irr - thümern die Nichtigkeit des Artbegriffes herzuleiten, oder müſſen ſie nicht vielmehr dazu dienen, die Lücken unſerer Beobachtungen anerken - nen zu laſſen und zu ihrer Ausfüllung aufzufordern?
Man hat auf der anderen Seite eingeworfen, daß die tägliche Beobachtung uns zeige, wie allerdings durch dauernde Einwirkung be - ſtimmter Einflüſſe, beſonders des Klima’s und der Nahrung, in auf - einander folgenden Generationen Veränderungen erzeugt werden kön - nen, die bedeutender ſeien, als diejenigen Merkmale zulaſſen, welche man für die Art angiebt; — allein auch hier hat die Beobachtung, ſo weit ſie möglich war, nachgewieſen, daß die Art in ihren Haupt - zügen unveränderlich ſei und daß es nur ein Mißgriff der Zoologen war, wenn man die Charaktere der Art wirklich von ſolchen Merk - malen hergenommen hatte, welche durch die äußeren Umſtände geändert werden konnten. Die Beobachtungszeit eines einzelnen Forſchers über die andauernden Wirkungen veränderter äußerer Einflüſſe iſt freilich nur kurz und im Verhältniß zur Dauer der Geſchichtsperioden des Erdkörpers verſchwindend klein; wir haben aber nichts deſto weniger Mittel zur Hand, wodurch wir nachweiſen können, daß wenigſtens ſeit der Zeit, aus welcher wir geſchichtliche Denkmale beſitzen, die Charaktere der Arten unverändert geblieben ſind. Die alten indiſchen Denkmäler laſſen den aſiatiſchen Elephanten und den heiligen Buckel - ochſen mit vollkommener Sicherheit unterſcheiden, und die Mumien der Krokodille, des Ibis, des Ichneumon und des heiligen Käfers der Aegypter, von denen einige nach den neueren Forſchungen zum we - nigſten Zeitgenoſſen von Adam nach der jüdiſch-chriſtlichen Chronologie waren, ſind bis auf die kleinſten Einzelnheiten in ihrer Struktur iden - tiſch mit den Thieren, welche heute noch an den Ufern des Nils leben; wir können alſo mit vollkommener Sicherheit behaupten, daß bei den in wildem Zuſtand lebenden Thieren die Charaktere der Art unver - änderlich ſind und daß die Vergleichung dieſer Charaktere die mangelnde Beobachtung der direkten Abſtammung erſetzen kann.
Man hat die Erkenntniß dieſer Wahrheit zum Theil auch in der22 Abſicht, gewiſſen religiöſen Sagen gefällig zu ſein, ſogar ſo weit aus - gedehnt, daß man die Art dahin definirte, ſie ſei der Inbegriff aller Individuen, welche von einem Eltern-Paare abſtammen. Man that hier wahrlich den Mährchen von der Arche Noah zu viel Ehre an. Hätte man geſagt, die Art ſei der Inbegriff aller derjenigen Indivi - duen, deren Charaktere ſo übereinſtimmend ſeien, daß ſie möglicher Weiſe von denſelben Eltern abſtammen können, ſo wäre man voll - kommen in den Grenzen der Wahrheit und der Wahrſcheinlichkeit ge - blieben, wenn gleich ſelbſt dieſe Annahme eines einzigen Elternpaares bei genauerer Betrachtung eine vollkommene Abſurdität in ſich ſchließt. Die größere Zahl der Thiere, wenigſtens weit über die Hälfte, lebt von anderen Arten und iſt in ihrer Exiſtenz auf die Verzehrung der - ſelben angewieſen. Die Entſtehung der jetzigen Schöpfung in je nur einem Paare in jeder Art würde zur nothwendigen Folge gehabt ha - ben, daß die von Pflanzen lebenden Thiere unmittelbar vertilgt und die Ueberbleibenden dem Hungertode in wenig Tagen Preis gegeben geweſen wären. Wir gehen hier nicht weiter auf das theoretiſche Gebiet der Entſtehung der Arten ſelbſt ein; wir ſtellen nur ſo viel als Reſultat der Beobachtungen hin, daß dieſelbe ſich mit den gleichen Charakteren fortpflanzt und daß dieſe Charaktere im Laufe der Zeiten unverändert geblieben ſind.
Man hat noch aus den ziemlich bedeutenden Veränderungen, welche die Hausthiere in Folge ihrer Abhängigkeit vom Menſchen er - leiden, Schlüſſe auf die Veränderlichkeit der Art ziehen wollen. In der That hat es die Kunſt ſoweit gebracht, durch Kreuzung beſonders gebildeter Eltern, durch beſondere Nahrung und Wartung, Abarten und Raçen zu erzeugen, die ſich conſtant fortpflanzen und durch Farbe, Beſchaffenheit der Haare und Knochen, Größe und Körperverhältniſſe oft die bedeutenſten Differenzen darbieten. Nichts deſto weniger gehen dieſe Verſchiedenheiten nie ſo weit, daß ſie die weſentlichſten Organe betreffen. Die Theile des Skelettes bleiben dieſelben und es iſt noch Niemanden eingefallen behaupten zu wollen, daß man durch Kreuzung der Naçen den Zahnbau oder die Gehirnſtruktur der Hunde ge - ändert habe.
Wenn es ſo feſtſteht, daß die Art beſtimmte Charaktere habe, welche ſich bei der Fortpflanzung ſtets wieder fortzeugen, ſo iſt freilich die praktiſche Anwendung dieſes Grundſatzes in einzelnen Fällen oft ſchwierig. Beſonders in den Fällen ſind Irrthümer nicht zu vermei - den, wo durch direkte Beobachtung der Fortpflanzung diejenigen Cha - raktere nicht ermittelt wurden, welche durch die äußern Einflüſſe modi -23 ficirt werden können; ſelbſt in nahverwandten Thiergattungen iſt die Möglichkeit der Veränderungen oft ſehr verſchieden. Die Unterſchiede zwiſchen unſerm gewöhnlichen Fuchs und dem braſilianiſchen ſind bei weitem nicht ſo groß, als diejenigen zwiſchen einem Dachshunde und einem Windhunde und dennoch ſind die beiden Füchſe gewiß verſchie - dene Arten, während die beiden Hunde derſelben Art angehören und nur Varietäten darſtellen. Es begreift ſich darnach, wie ſo viele Streitigkeiten ſich entſpinnen konnten über die Grenzen der Art-Cha - raktere und wie es möglich war, daß der eine Naturforſcher zwei Thiere als verſchiedene Arten auffaſſen konnte, während der andere in ihnen nur Varietäten derſelben Art erblickte.
Von ungemeiner Wichtigkeit iſt die Schlichtung dieſer Streitig - keiten, beſonders für die Beſtimmung derjenigen Reſte, welche wir nur im verſteinerten Zuſtande kennen. Während hier eine große Partei be - hauptet, die Perioden der Erdgeſchichte ſeien durch gewaltige Revolu - tionen von einander getrennt, durch welche alles Lebende vernichtet wurde und nach denen neue Arten entſta[n]den ſeien, welche von den Arten der vorhergehenden Periode vollkommen verſchieden waren, ſo läugnet die andere Partei zwar dieſe Revolutionen nicht, ſchreibt ihnen aber nur partielle Wirkungen zu und ſucht die Veränderung der ein - zelnen Arten aus der Veränderung der Erdverhältniſſe zu erklären. Die Einen behaupten, es finde kein Uebergang ſtatt, die Andern wol - len, daß die jetzigen Thiere ihre Stammeltern und zwar ihre direkten Stammeltern in den untergegangenen Schöpfungen beſitzen. Dieſelben Charaktere foſſiler Muſcheln, welche der Eine zum Beweis anführt, daß eine Species untergegangen und eine neue entſtanden ſei, dieſelben Charaktere dienen dem Andern als Stützpunkte für ſeine Behauptung, daß die Art ſich im Laufe der Jahrhunderte umgewandelt habe. Wem nun hier Recht geben, wo die Entſcheidung durch direkte Beobachtung nicht möglich und die aus der Analogie hergenommene Wahrſcheinlich - keit ſtets dem Angriffe ausgeſetzt iſt? Indeß läßt ſich auch die Löſung in der Folge hoffen. Da wo die übergebliebenen Reſte wichtigen und charakteriſtiſchen Theilen angehören, ſind dieſe Diskuſſionen über die Abgrenzung der Arten allmählig von ſelbſt erloſchen. Ueber foſſile Säugethiere z. B., deren vollſtändige Zahnreihen und charakteriſtiſche Gliederknochen man kennt, taucht nur ſelten ein Streit auf; aber bei Muſcheln und Schneckenſchalen, die doch nur unweſentliche Theile des Körpers bilden und über deren Veränderlichkeit wir noch bei kei - ner einzigen Art eine genügende Beobachtungsreihe beſitzen, bei dieſen brennt der Streit jetzt noch häufig fort; er wird auch hier ſeine Er -24 ledigung finden, ſobald die betreffenden Vorunterſuchungen in derſelben Art erledigt ſind, wie dies bei andern Thieren der Fall iſt.
Die Art iſt demnach, dem jetzigen Stande unſerer Forſchung zu Folge, ein unveränderlicher Organiſations-Typus, der entſtehen und vernichtet werden kann, aber keiner weſentlichen Aenderung ſeiner Charaktere fähig iſt. Die Art entſpricht beſtimmten Lebensbedingungen, äußern Einflüſſen, mit deren Aufhebung ſie zu Grunde geht; ſie iſt gleichſam die lebende Realiſation dieſer äußern Bedingungen und kann mit und durch dieſe nur in ſo weit verändert werden, als unweſent - liche Charaktere betroffen werden. Die Individuen derſelben Art pflanzen ſich nach beſtimmten Geſetzen fort und erzeugen Weſen, welche entweder ſelbſt, oder in ihren Nachkommen den Erzeugern ähnlich werden. Früher konnte man nach dem damaligen Stande der Wiſſen - ſchaft behaupten, daß die Jungen ſtets wieder ſelbſt den Alten ähnlich werden müßten. Die Unterſuchungen der neuern Zeit haben gelehrt, daß dies nicht überall der Fall iſt und daß es ganze Gruppen nie - derer Thiere gibt, bei welchen der Cyclus der Fortpflanzung erſt durch das dritte oder vierte Individuum geſchloſſen wird. Wir werden Meeresbewohner, ſogenannte Quallenpolypen kennen lernen, bei wel - chen der Polyp eine Knospe treibt, die ſich allmählig ablöſt und end - lich als vollſtändig ausgebildete Qualle, mit allen zur Ernährung, Bewegung, Empfindung und Fortpflanzung nöthigen Organen aus - gerüſtet, frei im Meere umherſchwimmt. Dieſe Qualle wird niemals zum Polypen; ſie legt Eier und ſtirbt dann; das Junge iſt alſo niemals dem Mutterthiere, dem Polypen, ähnlich geworden. Aber die Eier, welche die Qualle legte, dieſe ſetzen ſich allmählig feſt und wach - ſen zu Polypen aus, die dem Mutterthiere in allen Stücken ähnlich ſehen und zuletzt wieder Quallenknospen treiben. In dieſem Falle ſind alſo nur Großeltern und Enkel mit einander identiſch, während Eltern und Kinder einander ſo vollkommen unähnlich ſind, daß man ſie bisher ſogar verſchiedenen Claſſen zutheilte.
Der erſte Name der binären Bezeichnung nach Linné iſt der Name der Gattung (Genus). Man umſchreibt dadurch eine Summe von weſentlichen Charakteren, welche mehreren Arten gemeinſam ſind. Na - türliche Gattungen haben meiſt ein ſo eigenthümliches Gepräge, daß man unwillkürlich auf dieſelben hingeleitet wird. Bei den höheren Thieren hat man auch vielfältig die Beobachtung gemacht, daß ſich die einzelnen Arten mit einander begatten und Baſtarte erzeugen kön - nen, welche indeß meiſt unfruchtbar bleiben. Pferd und Eſel ſind ver - ſchiedene Arten derſelben Gattung, ſie erzeugen bekanntlich den Maul -25 eſel und das Maulthier; ſo hat man auch Baſtarte geſehen von Hund und Wolf, Löwe und Tiger u. ſ. w. Trotz dieſer Charakteriſtik der Gattung, muß indeſſen zugeſtanden werden, daß die Anwendung dieſes Begriffes eine mehr oder minder willkürliche iſt, indem die Werth - ſchätzung der weſentlichen Merkmale hauptſächlich dem Takte der ein - zelnen Forſcher überlaſſen bleibt. Auch das iſt noch zu berückſichtigen, daß oft mit dem größern Reichthum an Material gewiſſe Charaktere, die den früheren Forſchern, welche nur wenig Arten kannten, ziemlich unweſentlich erſchienen, eine größere Wichtigkeit erhalten, indem Grup - pen von Arten derſelben Gattung dieſe Charaktere beſitzen, während ſie andern abgehen. Aus dieſem Grunde iſt es erklärlich, warum faſt aus jeder neuen Bearbeitung eine größere Zerſpaltung der früheren Geſchlechter hervorgeht. Ein Beiſpiel möge dies erläutern: Linné hatte unter der Gattung Hund (Canis) nicht allein den Hund, den Wolf und den Fuchs, ſondern auch die Hyäne begriffen, obgleich letztere einen, von den übrigen Arten ſehr abweichenden Zahnbau beſitzt und ihr namentlich die Höckerzähne, welche jene haben, gänzlich mangeln. Ein Zeitgenoſſe Linné’s ſchon, Storr, trennte die beiden Hyänen mit Hervorhebung ihrer Unterſchiede von den Hunden ab und bildete für ſie die beſondere Gattung Hyaena, welche jetzt ſogar, beſonders durch foſſile Gattungen, der Typus einer Familie geworden iſt. Linné kannte nur eine Art Fuchs; er hielt die nordiſchen Eisfüchſe nur für Va - rietäten des gewöhnlichen Fuchſes. Man entdeckte nach und nach faſt ein Dutzend verſchiedener Arten, welche alle mit unſerm gewöhnlichen Fuchſe ſich dadurch von den übrigen Hundearten unterſcheiden, daß ſie einen dichtbehaarten, langen Schwanz, eine ſpitze Schnauze und Pupillen haben, welche eine ſenkrechte Spalte bilden, während die Pu - pille der übrigen Hunde rund iſt; auch die obern Schneidezähne zeigen eine geringe Verſchiedenheit. Auf dieſe Gründe geſtützt, trennten einige Naturforſcher die Füchſe gänzlich von den Hunden ab, indem ſie die Gattung Vulpes errichteten; — andere, indem ſie die alte Gat - tung Canis beibehielten, bildeten darin mehrere Gruppen oder Unter - gattungen (Subgenus), die eigentlichen Hunde, die Füchſe, die groß - ohrigen Hunde von Afrika u. ſ. w. begreifend. Man ſieht aus dieſem Beiſpiele, daß es gewiſſermaßen von dem freien Willen des Natur - forſchers abhängt, ob er die unterſcheidenden Merkmale der Füchſe für genügend hält, um ſie durch einen eignen Gattungsnamen auszuzeich - nen, oder ob er dieſe Merkmale nur zur engeren Gruppirung der Arten innerhalb einer größeren Gattung benutzt.
Durch die verſchiedenen Begrenzungen, welche die Gattungen ſeit26 Linné’s Zeiten wohl ohne Ausnahme in mannichfacher Weiſe erhielten, wurde ein großer Uebelſtand herbeigeführt, der in der Unbeſtimmtheit der Gattungsnamen beruht. Spricht Jemand heut zu Tage von der Gattung Canis, ſo iſt es erſt nöthig zu fragen: „ Meinſt Du die Gattung in der Ausdehnung wie Linné, wie Storr, wie Illiger, wie Fred. Cuvier, oder wie Iſidor Geoffroy-St. -Hilaire, indem jeder dieſer Forſcher die Gattung in anderer Weiſe umſchreibt? “ Man hat dieſem Uebelſtande dadurch abzuhelfen geſucht, daß man den Namen der Au - torität, welche die Gattung in der Weiſe umgrenzt hatte, wie man ſie ſelbſt annahm, hinter den Artnamen ſetzte. Allein auch diejenigen, welche neue Arten beſchrieben hatten, wollten durch Beifügung ihres Namens die Verantwortlichkeit für die Berechtigung der neuen Art über - nehmen. So entſtand aufs Neue Verwirrung; — man wußte nicht, ſollte man die Autorität auf die Umgrenzung des Gattungsnamens oder auf die Beſtimmung der Art beziehen, und da die liebe Eitelkeit gar Manchen verleitete, nur um deßwillen eine neue Gattung oder eine neue Art aufzuſtellen, um ſeinen Namen in den Regiſtern der Wiſſenſchaft fortgeführt zu ſehen, ſo wurde die Verwirrung nur noch heilloſer. Endlich hat man ſich ſo ziemlich dahin verſtändigt, daß man den Namen desjenigen ſowohl, welcher die Gattung umgrenzte, wie auch desjenigen, der die Art zuerſt aufſtellte, hinter den eigentlichen Artnamen ſetzt und daß man als Synonyme diejenigen Namen an - führt, welche von früheren Autoren gegeben wurden. Sehr oft kommt es vor, daß dieſelbe Art von verſchiedenen Forſchern verſchieden benannt wurde, meiſt wohl weil die Spätern in der Beſchreibung ihrer Vor - gänger das ihnen vorliegende Object nicht wieder erkannten. Man zieht in dieſem Falle den älteſten Artnamen vor, indem man die üb - rigen als Synonyme citirt.
Die Nomenclatur und Synonymik bilden das unentbehrliche ABC der Wiſſenſchaft und ſind ebenfalls ſo trocken und langweilig als die - ſes. Weit übler aber als dieſe Trockenheit iſt der Umſtand, daß in ihnen ein grauenerregender hiſtoriſcher Ballaſt mitgeführt wird, der ſich mit jedem Jahre mehrt, ohne daß man wüßte, wie man der alten Steine los werden könnte. Wenn es nur irgend einmal einem Quer - kopfe eingefallen iſt, in einem verbreiteten Journale einer längſt be - kannten Art einen neuen Namen zu leihen, oder einen gewöhnlichen Spatzen von den andern deßhalb zu unterſcheiden, weil er ein röth - liches Federchen auf dem Kopfe hat, ſo wird der neugebildete Namen fort und fort durch Regiſter,[] Abhandlungen und Handbücher unter27 den Synonymen mitgeführt, ohne daß man ſich ſeiner wieder entledigen könnte.
Kehren wir zu unſerm Aufbau des Syſtems zurück. Wir wiſſen, wie die Arten beſtimmt, wie die Gattungen umgrenzt werden, wir kennen die Bedeutung der Doppelnamen, welche die Arten tragen und wiſſen, weßhalb in ſyſtematiſchen Handbüchern die Autoritäten und die Synonyme beigefügt werden. Indeß genügen die erhaltenen Abthei - lungen noch nicht um eine überſichtliche Anſchauung des Thierreichs zu gewähren. Wir bedürfen größerer Kreiſe, die uns durch beſtimmte Charaktere bezeichnet werden. Hier tritt uns zuerſt die Familie (Familia) entgegen, als Inbegriff derjenigen Thiere, welche einen ge - meinſamen Habitus zeigen und in ähnlicher Weiſe durch weiter gehende Merkmale um einen Mittelpunkt ſich gruppiren, wie die Gattungen um beſtimmte charakteriſtiſche Kennzeichen. Wir können auch hier das vorige Beiſpiel anwenden; die Hunde, die Füchſe, die Großohren zeichnen ſich dadurch aus, daß ſie in ihrem Gebiſſe oben und unten wenigſtens zwei Höckerzähne haben und daß ihre Füße gleich hoch ſind; alle dieſe Gattungen unterſcheiden ſich dadurch von den Hyänen und den Wolfs - hyänen (Proteles), welche keine Höckerzähne beſitzen und deren Rücken nach hinten abfällt. Die hundeartigen Thiere begreift man unter der gemeinſchaftlichen Familie der Caniden, die Hyänen unter der Familie der Hyaeniden, indem man den Namen derjenigen Gattung, welche gewiſſermaßen als Typus gilt, mit einer paſſenden Endigung verſieht. Auch bei dieſen natürlichen Familien hat man beſonders dann, wenn die Gattungen ſehr zahlreich waren, oft Unterfamilien (Subfamilia), Zünfte (Tribus) oder Sippen unterſchieden, die man meiſtens wieder durch beſondere Kennzeichen charakteriſirte.
So gelangt man bei ſtets weiterem Aufwärtsſteigen und freierem Ueberblicken der gemeinſamen Kennzeichen zu ſtets größeren Abtheilun - gen. Die Katzen, Hyänen und Hunde, die Marder und Stinkthiere, ſowie die Bären ſind alle reißende Thiere, die ſich von Fleiſch und Blut nähren und ein eigenthümliches zu dieſer Nahrung in Beziehung ſtehendes Gebiß beſitzen, das ſo charakteriſtiſch iſt, daß ſelbſt der we - niger Geübte auf den erſten Blick die Kinnlade eines ſolchen Fleiſch - freſſers erkennen mag. Man begreift deshalb alle dieſe Thiere zuſam - men in der Ordnung (Ordo) der Fleiſchfreſſer (Carnivora). Aber dieſe unterſcheiden ſich auch wieder durch charakteriſtiſche Merkmale. Die Familie der Bären ſetzt die Füße mit der ganzen Sohle auf den Boden auf, die Marder und Stinkthiere berühren nur mit der halben28 Sohle den Boden, die Hunde, Hyänen und Katzen gehen auf der Spitze der Zehen. So ergeben ſich denn drei natürliche Unterord - nungen (Subordo) in der Ordnung der Fleiſchfreſſer, die Sohlen - gänger, die Halbſohlengänger und die Zehengänger, deren jede eine beſtimmte Anzahl von Familien und Gattungen einſchließt. Die Ord - nungen, wie die Unterordnungen können meiſt weit ſicherer durch be - ſtimmte Merkmale charakteriſirt werden als die Familien; und wenn man die Geſchichte derjenigen größern Abtheilungen des Thierreiches betrachtet, mit denen man ſeit längerer Zeit vertraut war, wie z. B. der Säugethiere, ſo überzeugt man ſich leicht, daß die verſchiedenen Syſteme nur in ſofern ſich unterſcheiden, als man den einzelnen Ab - theilungen verſchiedenen relativen Werth beimaß, daß aber die Cha - raktere dieſer Abtheilungen ſelbſt ſeit Linné’s Zeiten faſt dieſelben ge - blieben ſind.
Schon das Zuſammenfügen der Ordnungen würde einen ſichern Ueberblick gewähren; allein man findet noch allgemeinere Merkmale, nach welchen man die Ordnungen zuſammenſtellt. Trotz der großen Verſchiedenheit zwiſchen einem Affen, einem Hunde, einem Pferde und einer Robbe, wird man dieſelben doch einem Vogel oder einem Fiſche gegenüber als Glieder eines gemeinſchaftlichen Typus erkennen und bei genauerer Unterſuchung wird man in der Behaarung ihrer Haut und in der Art und Weiſe, wie ſie ihre Jungen ſäugen, genügende Kenn - zeichen finden, um dieſe Säugethiere als Klaſſe (Classis) und als ein Ganzes mit beſtimmten Merkmalen den Vögeln oder Fiſchen gegen - über zu ſtellen.
So gelangt man endlich zu den letzten großen Gruppen des Thierreiches, zu den Kreiſen und Provinzen. Verſchiedene Klaſſen haben wieder gemeinſame Merkmale in der Geſammtbildung ihres Körpers, in der Lagerung ihrer Organe, in ihrer Entwickelung wäh - rend der Embryonalzeit; ſo ſtimmen Fiſch und Vogel, Froſch und Säugethier in der Exiſtenz eines inneren Skelettes, eines wahren Hir - nes und Rückenmarkes und in deren Lagerung auf der Rückenfläche mit einander überein, unterſcheiden ſich als Bildungstypus, als Kreis der Wirbelthiere und ſtehen als ſolche den Gliederthieren, den Weich - thieren, den Strahlthieren, die eine andere Lagerung der Leibesorgane, eine andere Entwicklungsart haben, ſcharf gegenüber.
Es ergiebt ſich aus dem Vorhergehenden, daß nicht alle Merk - male welche ein Thier zeigt, von gleicher Bedeutung für die Klaſſi - ficationen ſind, daß man, wie ſchon oft geſagt wurde, die Charaktere wägen und nicht zählen muß. Die Geſammtbildung des Körpers, die29 Art und Weiſe wie die Organe deſſelben hervorgebildet, das Ver - hältniß wie ſie zu einander gelagert ſind, iſt weit wichtiger als die relative Ausbildung dieſes oder jenes Organſyſtemes, dieſes oder jenes einzelnen Gliedes. Und durch dieſe Berückſichtigung der geſammten Organiſation unterſcheidet ſich denn auch das Streben der neuen Claſſificatoren weſentlich von den früheren Zeiten. Man ſucht jetzt natürliche Syſteme aufzuſtellen, d. h. man ſucht durch einzelne her - vorſtehende Merkmale aus der geſammten Organiſation eines Thieres ſeine Beziehungen zu den übrigen zu ermitteln und diejenigen Lebens - bedingungen hervorzuheben, welche einen weſentlichen Einfluß auf die Bildung des Thierkörpers ausüben. Hierdurch geben ſich dann die Verwandtſchaften, die nähern und entfernteren Beziehungen zwiſchen den größeren oder kleineren Gruppen von ſelbſt und es zeigt ſich dann bei der Ueberſicht eine überraſchende Harmonie, die freilich an häufigen Stellen durch die Lücken unſerer Kenntniſſe geſtört wird. Es würde überflüſſig ſein hier weiter auf dieſe Verhältniſſe einzugehen, da uns die poſitive Grundlage noch mangelt, aus welcher die über - ſichtlichen Betrachtungen hervorgehen müſſen; jedenfalls werden wir auch in der Folge damit nur ſehr ſparſam ſein, und indem wir uns fernhalten von jenen ſonderbaren Auswüchſen, mit welchen beſonders die Naturphiloſophen ihre Syſteme auszuſchmücken pflegten, werden wir es mehr dem denkenden Leſer überlaſſen, auf den von uns mit - getheilten Thatſachen ſein eigenes Gebäude zu errichten.
Was iſt ein Thier? Wodurch unterſcheidet es ſich von der Pflanze?
Eine unnöthige Frage! wird Mancher antworten und die Meiſten werden ihm Recht geben. Wie iſt es möglich einen Baum und einen Hund, ein Gras und eine Raupe mit einander zu verwechſeln? Das Eine bewegt ſich willkührlich und frei aus innerem Antriebe, nimmt Nahrung zu ſich, die es aufſucht und durch eine offene Mündung ein - führt, das Andere iſt an den Boden gefeſſelt, zeigt weder Empfindung noch willkührliche Bewegung und läßt die Aufnahme der Nahrungs - ſtoffe, aus welchen es ſich aufbaut, nicht unmittelbar erkennen. In dem Thierorganismus eine große Anzahl mannigfach gebildeter Organe, die den einzelnen Funktionen vorſtehen; in der Pflanze die complicir - teſten äußern Bildungen und im Innern ein mehr homogenes Gewebe, deſſen charakteriſtiſche Eigenthümlichkeiten erſt das Mikroskop darlegen kann. Es ſcheint eben ſo unnöthig den Begriff des Wortes Thier oder Pflanze feſtzuſtellen, als zu beweiſen, daß zwei mal zwei vier macht.
Stellt man aber dieſelbe Frage an den Forſcher, welcher tiefer eingedrungen iſt und ſich namentlich mit den niedern Pflanzen und Thierclaſſen beſchäftigt hat, ſo wird er bedenklich das Haupt ſchütteln und geſtehen müſſen, daß es kaum möglich ſei eine befriedigende Ant - wort zu geben und die Grenze zwiſchen Thier und Pflanze mit Sicher - heit zu legen. Ein Merkmal nach dem andern verſchwindet, je tiefer man in die einfachſten Formen des Thier - und Pflanzenreiches hinab - ſteigt; — was uns kaum noch einen ſichern Halt gewährte, muß im nächſten Augenblicke als unzureichend erkannt werden und ohne voll - kommene Sicherheit befinden wir uns endlich einer Gruppe von Or - ganismen gegenüber, welche hier von dem Botaniker, dort von dem Zoologen als ſein ihm rechtmäßig zuſtehendes Eigenthum beanſprucht wird. Der Streit iſt nicht neu und beginnt ſtets von Neuem wieder, denn ſobald ein zweifelhafter Gegenſtand erledigt und mit anſcheinender Gewißheit an ſeinen Platz in dem einen oder andern Reiche geſtellt iſt, tauchen wieder über ein neues Object erneute Zweifel auf. Bis in die Mitte des vorigen Jahrhundert’s hielt man die Korallen ihrer äußern Geſtalt wegen für Pflanzen. Ein Italieniſcher Forſcher hatte31 die vermeintlichen Blüthen des Korall’s entdeckt und dieſelben weit -
Korallenbaum mit entwickelten Polypen — vermeintliche Blüthen.
läufig beſchrieben. Ein Arzt in Mar - ſeille unterſuchte die Sache genauer und fand zu ſeinem Erſtaunen, daß dieſe vermeintlichen Blüthen wirk - liche Thiere ſeien, die ſich nach Willkühr bewegten. Der Arzt theilte ſeine Entdeckung der Pariſer Aka - demie mit; dieſe fand aber die Sache ſo gänzlich unwahrſcheinlich, daß Réaumur Anfangs den Namen des Entdeckers nicht zu nennen wagte, um den Mann nicht dem öffentlichen Spotte auszuſetzen. Heut zu Tage ſetzt ſich derjenige dem Spotte aus, welcher aus Unkenntniß Polypen als Pflanzen beſchreibt oder Koral - len für pflanzliche Erzeugniſſe hält.
Die Zweifel haben ſich in unſern Tagen auf andere Körper über - tragen. Noch vor wenigen Jahren behauptete man, jedes Thier habe einen Mund zur Aufnahme der Nahrung oder in Ermangelung des - ſelben mehrere freie Oeffnungen; aber es giebt eine Menge von Thier - weſen, die ganz gewiß und unzweifelhaft Thiere ſind und dennoch kei - nen Mund beſitzen, keine äußere Oeffnung irgend einer Art haben, ſondern ihre Nahrungsſtoffe durch Einſaugung auf der Körperfläche
Opalina aus dem Darm - ſchleime des Froſches.
zu ſich nehmen. So lebt in dem Darmkanale der Fröſche ein ziemlich großes Infuſions - thierchen, vollkommen durchſichtig, das mit - telſt Wimpern, die auf ſeiner Oberfläche an - gebracht ſind, ſich freiwillig in den Flüſſigkeiten des Darmes umherbewegt und das ganz be - ſtimmt weder einen Mund, noch zerſtreute Saugöffnungen beſitzt. Viele Infuſionsthier - chen, ja ſelbſt hoch organiſirte Eingeweide - würmer ſind durchaus in demſelben Falle, ſie friſten ihr Leben nur dadurch, daß ſie durch Ein - ſaugung ihrer Körperfläche Stoffe aus den Flüſſigkeiten aufnehmen, in welchen ſie leben. Die Aufnahme der Ernährungsſtoffe geht hier32 ganz auf dieſelbe Weiſe vor ſich wie bei vielen niedern Pflanzen, welche ſich im Waſſer bilden.
Man glaubte die freie Beweglichkeit der Thiere ſei ein cha - rakteriſtiſches Kennzeichen. Viele von ihnen ſind zwar gänzlich oder während der größten Zeit ihres Lebens in ähnlicher Weiſe wie viele Pflanzen an den Boden feſtgeheftet, aber ſelbſt dieſe feſtſitzenden Thiere, die beſonders im Meere häufig vorkommen, öffnen und ſchließen ſich, breiten ihre Fangorgane aus und erhaſchen die Beute, welche in ihre Nähe kommt. Man glaubte alſo in der freiwilligen Bewegung ein ſicheres Merkmal gefunden zu haben und bis vor wenigen Jahren hatte man nach dem damaligen Stande der Kenntniſſe vollkommen Recht, wenn man ſagte, ein Thier ſei ein abgeſchloſſener Organismus, welcher ſich willkührlich bewege. Bald aber mußte man erkennen, daß es eine Anzahl niederer Pflanzen gebe, beſonders Waſſerfäden (Con - ferven) deren Keimkörner oder Sporen ſich vollkommen ebenſo be - wegten, wie kleine Infuſionsthierchen. Man ſah, wie im Innern die -
Waſſerfäden mit daraus entſtehenden beweglichen Keimkörnern (Sporen). In dem unteren Faden Fig. 3 ſieht man bei a die Sporen mit ihren rothen Kernen, die ſich iſoliren, bei Fig. 4 eine freigewor - dene Spore mit ihrem Kern b und ihren Bewegungsfäden c; bei 5 eine Spore die zu keimen beginnt, bei 6 eine, die ſchon eine zweite Zelle getrieben hat. Fig. 7 iſt eine ge - panzerte Spore von einer andern Gattung, die ebenfalls früher für ein Thier gehalten und Disceraea genannt wurde.
ſer Waſſerfäden (Fig. 3.) ſich grüne Keimkörner bildeten, die nach einer gewiſſen Zeit hervorbrachen und ſich in ſolcher Weiſe in dem Waſſer umhertummelten, daß jeder unbe - fangene Beobachter ihre Bewegun - gen unbedingt für willkührliche hal - ten mußte. Nur ausdauernde, ſtun - denlange Beobachtung konnte über - zeugen, daß dieſe Keimkörner nach einiger Zeit ſich feſtſetzten und nach und nach zu wirklichen Waſſerfäden auswuchſen. Während der Zeit ih - rer Beweglichkeit verhalten ſich dieſe Keimkörner vollkommen wie lebende Infuſionsthierchen; — ſie wälzen ſich nach allen Richtungen raſch im Waſſer herum, bewegen ſich vor - wärts, halten zuweilen einen Augenblick ſtill, ſchnellen plötzlich wie krampfhaft zurück um dann auf’s Neue wieder vorwärts zu ſchie - ßen, kurz benehmen ſich in Allem, wie Weſen, denen Empfindung und willkührliche Bewegung zukömmt; auch ſtanden manche Be - obachter durchaus nicht an in Folge dieſer Thatſachen zu behaupten, es gebe keine Grenzlinie zwiſchen Thier und Pflanze und die niedern33 Pflanzen verwandelten ſich bei ihrer Fortpflanzung für eine Zeit lang in Thiere, um ſpäter wieder Pflanzen zu werden. Beſonnenere For - ſcher gaben zu, daß man in der That die Bewegung dieſer Pflanzen - ſporen kaum von derjenigen wirklicher, mit einem Munde verſehener Infuſionsthierchen unterſcheiden könne und daß demnach die freie Be - wegung nicht als charakteriſtiſches Kennzeichen zwiſchen Pflanzen und Thiere angeſehen werden dürfe.
Dieſer freien Beweglichkeit der Keimkörner wegen werden noch bis heute von vielen Naturforſchern die Schwämme (Spongia) als eine
Lebender Meerſchwamm.
Art Mittelding zwiſchen Pflanzen und Thie - ren betrachtet. Es ſind meiſt knollige oder un - regelmäßige, an den Boden der Gewäſſer gehef - tete poröſe Maſſen, die ein horniges, kalkiges oder ſelbſt kieſeliges Skelett im Innern be - ſitzen, das aus netzartig verbundenen Fäden oder einzelnen Stacheln und ſpießartigen Nadeln be - ſteht und mit einer gallertartigen Maſſe überzogen iſt. Auf der Außenfläche ſieht man kleinere Poren, durch die das Waſſer eindringt und größere Oeffnungen, durch welche es im Strahle ausfließt. Unſer gewöhnlicher Badeſchwamm, der zu dieſen Organismen gehört, liefert das beſte Beiſpiel der Structur der Schwämme. Man bemerkt keine Spur von Empfindung und Bewegung an dieſen Weſen; nur zu gewiſſen Zeiten werden mit dem ausfließenden Waſſer kleine runde oder eiförmige Keimkörner ausgeſtoßen, die ſich mittelſt eines Ueberzuges von Wim - perhaaren ſehr lebhaft im Waſſer bewegen, umherſchwimmen, ſich dann fixiren und wieder zu Schwämmen auswachſen. Es iſt, wie man ſieht, dasſelbe Verhältniß hier, wie mit den Keimkörnern der Waſſer - fäden und gewiß kein Grund vorhanden, die Schwämme eher zu den Thieren als zu den Pflanzen zu ſtellen.
Kurze Zeit hindurch glaubte man auch in der Natur der bewegen - den Organe ſelbſt ein charakteriſtiſches Merkmal entdeckt zu haben. Bei den meiſten höhern Thieren kommen auf den innern Häuten, bei dem Menſchen z. B. in der Naſe und an einigen andern Stellen, Ueberzüge von mikroskopiſchen Zellen vor, auf denen höchſt feine Flimmerhaare oder Wimpern ſtehen, die ſich in beſtändiger ſchwingen - der Bewegung befinden. Dieſe Flimmer - oder Wimperbewegung hängt bei den meiſten Thieren nicht von dem freien Willen ab; ſie dauert oft noch lange nach dem Tode fort; einzelne losgeriſſene Zellen dieſer Art ſchwimmen ſelbſt mittelſt ihrer Flimmerhaare in der Flüſſigkeit umher. Viele Infuſionsthierchen haben entweder auf der ganzenVogt, Zoologiſche Briefe I. 334Oberfläche ihres Körpers oder an beſtimmten Stellen ſolche Wimpern, durch deren Hilfe ſie nach Willkühr in dem Waſſer umherſchwimmen; — andere beſitzen einen oder mehrere peitſchenförmige Anhänge, mittelſt deren ſie im Waſſer umherrudern. Man glaubte, daß dieſe Bewe - gungsorgane den Keimkörnern der Waſſerfäden abgingen und hielt ihre Anweſenheit deshalb für ein charakteriſtiſches Kennzeichen des thie - riſchen Organismus. Man hatte ſich auch in dieſem Punkte getäuſcht. Man entdeckte Keimkörner, welche auf ihrer ganzen Oberfläche einen flimmernden Ueberzug oder einen Kranz von Wimperhaaren beſaßen; man fand andere, die mittelſt peitſchenförmiger Anhänge luſtig im Waſſer umherſchwammen. Auch dieſes Unterſcheidungszeichen war vernichtet.
Die Empfindung äußerer Eindrücke, ſagte man, ſteht nur dem Thiere zu; die Pflanze beſitzt keine Senſibilität. Wir wollen zugeben, daß die ſeltſamen Bewegungen der Sinnpflanzen keinen Beweis dafür abgeben, daß ſie Reſultate von Empfindungen ſeien, wir wollen ſelbſt zugeben, daß wirklich der pflanzliche Organismus nicht empfindet, wohl aber der thieriſche; wir wollen anerkennen, daß dieſer Unterſchied theoretiſch feſtgehalten werden dürfe, aber man wird uns dafür zugeben müſſen, daß er durch die Beobachtung nicht nachgewieſen werden könne. Es gibt kein anderes Maß für die Größe der Empfindung eines außer uns ſtehenden Weſens, als die Reaktion des empfindenden Organismus durch Bewegung. Einen Körper, der ſich auf Reize nicht bewegt, ſeinen Schmerz nicht zu erkennen gibt, halten wir für empfindungslos. Wo wir freilich Sinnesorgane zur Aufnahme äußerer Eindrücke wahrneh - men, da ſchließen wir nothwendig auch auf empfindende Fähigkeit. Aber die rothen Fleckchen, welche man bei vielen Infuſionsthierchen vollkommen unbegründeterweiſe für Augen hielt, hat man auch an vielen Keimkörnern mit Sicherheit nachgewieſen. Viele Infuſionsthier - chen aber, ſogar ſolche, welche durch die Exiſtenz eines Mundes ihre Thiernatur unzweifelhaft bekunden, zeigen auf äußere Reize nicht die mindeſte Spur von Reaction, ſo daß uns vollkommen der thatſächliche Nachweis ihrer Empfindlichkeit abgeht. Erſchütterungen, plötzliche Lichteindrücke, heftiger Schall, Zuſammenpreſſen und Quetſchen und ähnliche ſolcher Eindrücke gehen an dieſen Thieren ſpurlos vorüber; — wie ſoll man nun bei dieſer Stumpfheit der Empfindung und Bewe - gung die Gränze ziehen, wo beide aufhören?
So wäre es denn völlig unmöglich in den niedrigſten Stufen der Organiſation eine Scheidelinie zwiſchen thieriſchen und pflanzlichen Weſen zu finden? Faſt will es ſo ſcheinen! Doch iſt uns noch ein Merkmal geblieben, wenn auch ein gar ſchwaches und vielleicht in35 einzelnen Fällen unzureichendes Merkmal. Die pflanzlichen Gebilde, welche ſich während einiger Zeit der Bewegung erfreuen, ſind von einer ſtarren Hülle umkleidet, welche ihrer Geſtalt eine feſte, faſt un - veränderliche Abgrenzung verleiht. Zwar hat dieſe Hülle eine gewiſſe Elaſtizität, ſo daß ſie z. B. beim Herausſchlüpfen aus der Röhre des Waſſerfadens ſich einbiegen, winden, verlängern und zuſammenpreſſen können, um durch den oft engen Riß hindurch zu kommen. Kaum aber hört die äußere Gewalt auf, ſo nimmt auch der Pflanzenkörper ſeine normale Geſtalt an und ſtellt ſeine urſprüngliche Form durch die Elaſtizität ſeiner Hülle wieder her. Anders verhält ſich der thie - riſche Körper auf jenen niederen Stufen der Organiſation. Sein Ge - webe iſt jeder Zuſammenziehung fähig, mit jedem Augenblicke wird die Geſtalt durch Contractionen der weichen äußern Hülle verändert. Dasſelbe Weſen, welches eben noch kugelig erſchien, nimmt im näch - ſten Augenblicke eine Flaſchen - oder Eiform an und biegt ſich ohne Einwirkung äußerer Gewalt nur unter dem Einfluſſe ſeines freien Willens nach allen Seiten hin zuſammen. Die Contractilität der äußern Hülle läßt alſo nach den bis jetzt vorliegenden That - ſachen die Entſcheidung zu, daß der contractile Organismus ein thie - riſcher Körper ſei, während auf der andern Seite der Mangel dieſer Contractilität, die Starrheit der äußeren Hülle durchaus nicht mit Sicherheit beweiſ’t, daß wir es mit einem pflanzlichen Organismus zu thun haben. Es gibt viele niedrig ſtehende Organismen, die einen
Euglypha. a, die fingerförmigen, zur Bewegung dienenden Fort - ſätze; — b, der im Panzer eingeſchloſſene Körper.
harten, unbiegſamen, aus Kieſel, Eiſen oder Kalk gebauten Panzer beſitzen, in welchem der Körper ſo eingeſchloſſen iſt, daß nur die feinen zur Be - wegung dienenden Peitſchenanhänge hervorragen. Manche Infuſionsthierchen kapſeln ſich während einer gewiſſen Zeit ihres Lebens in harte, kugel - förmige Schalen ein, in welchen ſie vollkommen unbeweglich ruhen, wie Puppen in ihrer Schale. In ſolchen Fällen fehlt auch das letzte Criterium zur Unterſcheidung zwiſchen Pflanze und Thier, und da, wo die fernere Beobachtung noch nicht dargethan hat, daß in der ſtarren Hülſe den - noch ein aus contractilem Gewebe gebildeter Or - ganismus vorhanden ſei, iſt die Entſcheidung vor der Hand unmöglich:
Wenn wir ſo auf den niedrigſten Stufen der Organiſation oft lange ſchwankend ſtehen3*36müſſen, bevor wir entſcheiden können, ob wir es mit einem Thier oder mit einer Pflanze zu thun haben, ſo wird uns dies, ſobald wir einige Schritte weiter gehen, außerordentlich leicht gemacht durch die all - mählige Entwickelung der Organe in dem thieriſchen Körper. Je weiter wir den Thierorganismus in ſeiner Ausbildung nach oben verfolgen, deſto größer wird die Complikation ſeiner Bildung, deſto mannigfaltiger die Zahl und das Spiel ſeiner Organe, deſto genauer und ſchärfer umſchrieben die Function jedes einzelnen dieſer Organe. Der Thierorganismus hebt ſich in der That aus dem Unbeſtimmten und Allgemeinen zu ſtets größerer Beſtimmtheit und Präciſion ſeiner einzelnen Theile empor und es wird nöthig ſein wenigſtens in kurzen Umriſſen zu ſchildern, in welcher Weiſe dies geſchieht.
Die niederſten Thiere welche wir kennen, beſtehen aus einer
Amiba.
eigenthümlichen, weichen, gallertartigen, mit fei - nen Körnchen durchſtreuten Grundſubſtanz, wel - che in ihrer ganzen Maſſe der Zuſammenziehung und Ausdehnung fähig iſt, und die man Sarkode genannt hat. Bei vielen dieſer niedern Thiere wird die Bewegung nur dadurch hervorgebracht, daß dieſe Subſtanz, fließendem Wachſe ähnlich, ſich da und dorthin ausdehnt, bei anderen gibt es eigenthümliche Bewegungsorgane in Form von Wimpern oder Fäden. Im Innern dieſer Subſtanz laſſen ſich meiſt nur feine Körnchen oder blaſige Räume unterſcheiden, die von keinem Beſtand ſind. Dieſe thieriſche Grundſubſtanz entſpricht allen Funktionen des Thierkörpers ohne Ausnahme. Ihre äußere Schicht erſcheint etwas feſter, als die Maſſe im Innern und bildet ſo eine Art von äußerer Haut, die ſich wie ein Schwamm mit Flüſſigkeiten vollſaugt und ſo den Körper ernährt; ihre Zuſammenziehungen ver - mitteln die Bewegung, ihre äußere Oberfläche die Empfindung; — ein Theil dieſer Subſtanz iſt eben ſo lebensfähig als das Ganze. Los - geriſſene Stücke dieſer Subſtanz ziehen ſich zuſammen, dehnen ſich aus, höhlen Blaſenräume in ſich aus, treiben Fortſätze vor ſich her — kurz — erleiden durch die Trennung keine Aenderung ihrer Lebenserſcheinungen. Der Körper des Thieres theilt ſich freiwillig oder ſelbſt durch äußere Gewalt und jede Hälfte ſchließt ſich wieder zum vollkommenen Thiere ab. So iſt Alles vereinigt in einer Grundlage, aus welcher die einzelnen Organe ſich nach und nach zu differenziren beginnen, ähnlich wie bei dem Embryo, wo ebenfalls aus der Grundſubſtanz des Ei’s die ein - zelnen Organe und Formelemente durch fortdauernde Differenzirung ſich37 aufbauen. Die weitere Ausbildung dieſer formloſen, körnigen Grundſub - ſtanz geht ſowohl bei den Embryonen, wie bei den Thieren im erwach - ſenen Zuſtande in gleicher Weiſe vor ſich. Es entſtehen beſtimmte Elementarformen, Bläschen von mehr oder minder kuglicher Geſtalt, Zellen von mancherlei Beſchaffenheit, in welchen eine deutlichere Son - derung zwiſchen äußerer Hülle und eingeſchloſſenem Inhalt Statt ge - funden hat, und deren Zuſammenhäufung den Thierkörper bildet. Erſt ſpäter entwickeln ſich aus dieſen Zellen, aus ihrem Inhalte und der form - loſen Subſtanz, die ſie umgibt, die einzelnen Gewebtheile hervor, deren Mannigfaltigkeit den Thierleib und ſeine vielfachen Organe auf ihrer höheren Stufe zuſammenſetzt. Wir kommen in den folgenden Blättern auf dieſe Ausbildung der Gewebe zurück. Hier ſei nur ſo viel bemerkt, daß die Abhängigkeit eines Theiles vom ganzen Thierleibe um ſo größer, die Verbindung deſſelben mit dem übrigen Organismus um ſo nöthiger iſt, je weiter dieſe Ausbildung der Gewebe fortgeſchritten und damit auch die Sonderung der einzelnen Organe und ihrer Func - tionen gediehen iſt. Bedenkt man, daß die Sarkode alle Functionen des Thieres, Empfindung und Bewegung, Einnahme und Austauſch von Stoffen im Keime in ſich vereinigt, ſo wird es begreiflich, daß auch jeder Theil derſelben mit dieſen Functionen ausgerüſtet als ſelbſt - ſtändiger Organismus auftreten kann. Je mehr aber die Trennung der Functionen eintritt, deſto weniger iſt dies ferner möglich.
Daher denn auch die erſtaunliche Wiedererzeugungskraft der niederen Thiere, die ſo weit geht, daß bei vielen jedes Stück des Organismus ſich zu einem ſelbſtſtändigen Thiere ausbilden kann. Im normalen Leben des Thieres tritt dieſe Eigenſchaft als geſchlechtsloſe Zeugung durch Theilung, Knospung, Sproſſung auf; der Thierleib, welcher entweder nur aus Sarkode oder aus Zellen mit ſehr wenig differenzirten Organen beſteht, theilt ſich freiwillig in mehre ſelbſt - ſtändige Weſen oder treibt an irgend einer Stelle Sarkode gleichſam als Ueberwucherung hervor, welche ſich nach und nach zu einem ſelbſt - ſtändigen Thiere ausbildet. Als letzter Reſt dieſer Fähigkeit bleibt auch bei den höchſten Thieren die Thätigkeit des Eierſtockes, als eines Organes, welches die Eier, d. h. die aus formloſer Körnchenſubſtanz, aus Sarkode, beſtehenden Keime der neuen Weſen allein hervorzubrin - gen im Stande iſt.
Bei abnormen Zuſtänden tritt uns dieſelbe Erſcheinung entgegen und in um ſo ausgebildeterem Maße, je tiefer das Thier in Hinſicht ſeiner Gewebs - und Organ-Entfaltung ſteht. Der zerſchnittene Arm - polyp wächſt zu zwei ſelbſtſtändigen Thieren aus; jede ſeiner Hälften38 ergänzt das ihr Fehlende bis zur Vollſtändigkeit. Der Naturforſcher mit ſeinem Scalpell befindet ſich dieſen Thieren gegenüber vollkommen in der Lage des Göthe’ſchen Zauberlehrlings — die getrennten Hälften werden ganze Individuen. Bald aber, mit der Differenzirung be - ſtimmter Organe und weſentlicher Organſyſteme, beſchränkt ſich dieſe Fähigkeit. Der verſtümmelte Körper reproducirt ganz oder unvoll - ſtändig die Theile, die ihm verloren gingen — der Krebs bildet ſich neue Scheeren, neue Füße, die Eidechſe einen neuen Schwanz, der Salamander ein friſches Auge (wenn anders die Beobachtung richtig) — ja die Synapte und die Seewalze ſollen ſich einen neuen Darm, neue Athemwerkzeuge bilden können. Aber dieſe Neubildung geht nur von demjenigen Theile des verſtümmelten Thierleibes aus, der die weſentlichſten Organſyſteme noch enthält. — Das abgeſchnittene Bein des Salamanders kann ſich nicht einen neuen Körper bilden, wohl aber der Körper ein neues Bein hervorſproſſen laſſen. Und dieſe Re - production geſchieht auf dieſelbe Weiſe, wie die Bildung der Organe im Ei beim Werden des Embryo’s, durch Erguß formloſer Bil - dungsmaſſe, die ſich zu Zellen und Geweben umwandelt. Als letzter Reſt dieſer Thätigkeit bleibt bei den höchſten Thieren der Heilungs - proceß der Wunden, die Bildung der Narbenſubſtanz.
Doch kehren wir zur Entfaltung des Thierleibes und zur Diffe - renzirung ſeiner Organe zurück.
Beſondere Höhlen zur Aufnahme der zur Ernährung des Kör - pers eingeführten Stoffe bilden ſich zuerſt, weßhalb man auch oft behauptet hat, der Grundtypus des thieriſchen Körpers ſei ein vorn eingeſtülptes Bläschen, deſſen innere durch die Einſtülpung hervorge - brachte Höhle die Aneignung der von Außen eingebrachten Nahrungs - ſtoffe vermittele. Die Verdauungsorgane zeigen in ihrem Stre - ben nach höherer Ausbildung eine unendliche Mannigfaltigkeit der Form; zuerſt nur ein vorderer Eingang, ein Mund, mit einem kurzen röhrenförmigen Schlunde, aus deſſen hinterem unbeſtimmten Ende die aufgenommenen Nahrungsmittel in das weiche Gewebe des Körpers hineingedrückt werden; dann ein geſchloſſener Schlauch, der die un - verdauten Reſte der Nahrung, den Koth, durch dieſelbe Oeffnung auswirft, durch welche die Nahrungsſtoffe aufgenommen werden; end - lich ein mehr oder minder gewundenes Rohr, welches durch zwei Oeffnungen, Mund und After, nach Außen mündet und weſentliche Complikationen in ſeinen einzelnen Theilen darbietet. Wenn die Wan - dungen dieſes Rohres, welche mit den aufgenommenen Nahrungsſtoffen in Berührung kommen, anfangs der äußern Körperwand analog ge -39 baut und nur als eine Einſtülpung derſelben nach Innen zu betrachten ſind, ſo entwickeln ſich ſpäter zur Bewältigung und Auflöſung der eingeführten Nahrungsmittel eine Menge von verſchiedenen Apparaten, welche die mannigfaltigſte Struktur beſitzen. Abſonderungsorgane, Drü - ſen aller Art, welche bald ſauere, bald alkaliſche Stoffe in die Darmhöhle ergießen, treten an verſchiedenen Stellen auf. Es entwickelt ſich auf dieſe Weiſe die Leber, die verſchiedenen Speicheldrüſen, die man - nigfachen eigenthümlichen Abſonderungsorgane, welche theils in den Darmwandungen ſelbſt, theils in ihrer Nähe ſich ausbilden. Die Um - ſetzung der ſo verſchiedenartig geſtalteten und chemiſch ſo mannigfaltig zuſammengeſetzten Organe erzeugt Auswurfsſtoffe, welche durch be - ſondere Drüſen abgeſondert werden, die zum Theile, wie die Haru - organe, anfänglich in Beziehung zu dem Darmkanale ſtehen, dann aber ſich von ihm trennen und ſelbſtſtändig werden.
Die Function der Verdauungsorgane bietet demnach vorzugsweiſe zwei Seiten dar — eines Theils die Zerlegung der Nahrungsſtoffe in ſolche Subſtanzen, welche von dem Organismus aufgenommen werden können — andern Theils die Aufnahme dieſer zubereiteten Stoffe in den Or - ganismus ſelbſt und in deſſen Theile. Der Darmkanal iſt ſo einerſeits der Behälter, in welchem die aufgenommenen Gegenſtände durch Zuſatz von verſchiedenen chemiſchen Agentien behandelt und löslich gemacht werden, anderſeits der Filter, durch den die aufgelöſten Stoffe abgeſeiht, in den Organismus aufgenommen und von den unverdaulichen Reſten getrennt werden. So mannigfaltig bekannt indeß die Formen des Darmrohres und der Drüſen, welche die auflöſenden Agentien liefern, ſowie die Zuſammenſetzung ihrer einzelnen Gewebe iſt, ſo wenig wiſſen wir von der eigentlichen Natur dieſer Vorgänge, beſonders bei den niederen Thieren. Die raſtloſe Bemühung der Phyſiologen und Che - miker hat uns nachgewieſen, daß bei den höheren Thieren die einzelnen Abtheilungen des Darmkanals verſchiedene Funktionen haben, ſo wie auch die Nahrungsſtoffe, wenn ſie ihren Zweck vollkommen erreichen ſollen, mehrere Stoffe enthalten müſſen; daß beim Menſchen z. B. der Magen hauptſächlich zur Aufnahme derjenigen Stoffe beſtimmt iſt, welche dem Eiweiße oder dem Fleiſche in ihrer chemiſchen Zuſammen - ſetzung entſprechen, während der Darm weſentlich die Aneignung der Subſtanzen, die dem Fett ähnlich oder in Fett überführbar ſind, ver - mittelt und daß demnach die in den Darm - und den Magenhäuten liegenden Drüſen, ſo wie die großen Hülfsdrüſen, Leber und Speichel - drüſen, welche ihre Abſonderung in die Darmhöhle ergießen, ſehr verſchiedenartige Flüſſigkeiten bereiten. Bei der zunehmenden Zerſplit -40 terung der Functionen an beſondere Organe, die man bei der Ent - faltung des Thierleibes beobachtet, läßt ſich erwarten, daß in den niederen Thieren, wo nur geringe Diverſität der Verdauungsorgane herrſcht, auch die Function derſelben mehr vereinigt ſei. Hier fehlen uns aber die näheren Grundlagen eindringenderen Wiſſens. Unzäh - lige Thiere leben einzig und allein von Stoffen, die den höheren Thieren, deren verdauende Thätigkeit vorzugsweiſe unterſucht iſt, keine Sub - ſtanz zur Erhaltung ihres Lebens bieten könnten; ich nenne nur als Beiſpiel ſo manche Inſekten, deren einzige Nahrung aus Holzfaſer, Hornſubſtanz (Haaren und Federn), fauligen Materien und anderen, für uns und die höheren Thiere ganz unverdaulichen Stoffen beſteht. Die aufrichtige Naturforſchung kann hier nur ſagen, von welchen Stoffen dieſe Thiere leben, und wie die Form der Organe beſchaffen iſt, womit ſie die Nahrungsſtoffe erfaſſen, mechaniſch zerkleinern, auf - löſen und verdauen — aber das Wie? der letzteren Vorgänge bleibt noch ein reiches Feld für künftige Forſchung.
In gleicher Ungewißheit ſchweben wir über die zweite Seite der Verdauungsfunction, über die Aufnahme der Stoffe in den Organis - mus ſelbſt. Wir kennen eine einzige durchgreifende Bedingung für die Aneignung fremder Stoffe, welche für die ganze Thierwelt gilt — die aufzunehmenden Stoffe müſſen flüſſig ſein, oder durch die Verdauungsorgane verflüſſigt werden können, um durch Einſaugung der Darmwandungen aufgenommen und mittelſt Austauſch gegen die allgemeine Ernährungsflüſſigkeit dem Körper angeeignet zu werden. Die Bedingungen dieſes Austauſches, des Uebertrittes gewiſſer Stoffe, während andere zurückbleiben, kennen wir kaum bei den Säugethieren, geſchweige denn in der übrigen Thierwelt.
Jedes Thier iſt auf Ernährung angewieſen. Zwar können viele längere Zeit hindurch ohne Aufnahme von Nahrung fortexiſtiren und dies um ſo eher, je niedern Stufen ſie angehören; aber dennoch bleibt es ein allgemeines Geſetz, daß der thieriſche Organismus zu Grunde geht, wenn ihm nicht von Zeit zu Zeit Stoff von Außen zur Erhal - tung zugeführt wird; das materielle Thierleben beſteht weſentlich in Verbrauch von Stoff, der durch die verſchiedenen Abſonderungsorgane aus dem Körper ausgeſchieden wird. — Die Zufuhr, welche dieſen verbrauchten Stoff erſetzen ſoll, muß demnach alle Subſtanzen enthal - ten, welche den Körper ſelbſt zuſammenſetzen. Die Ernährung des thieriſchen Körpers, der Erſatz der unbrauchbar gewordenen Theile durch den verarbeiteten Nährſtoff iſt mithin nur dann möglich, wenn derſelbe in dem ganzen Körper überall hin dringen, nach allen Orga -41 nen hin vertheilt werden kann. Zu dieſem Zwecke entwickelt ſich all - mählig im thieriſchen Organismus der Kreislauf der allgemeinen Ernährungsflüſſigkeit, des Blutes. Bei den niedrigſten Stufen der Thierwelt durchdringen die von der Außenfläche oder von der Darm - haut aufgeſogenen Stoffe leicht die ſchwammige Grundſubſtanz, aus welcher der Körper beſteht. Bald genügt die einfache Imbibition der Sarkode nicht mehr; — ein contractiler blaſenförmiger Raum wird hergeſtellt, durch deſſen Zuſammenziehung die allgemeine Ernährungs - flüſſigkeit in eine gewiſſe Bewegung verſetzt wird. Der contraktile Raum bildet ſich zu einem eigenen Schlauche, deſſen muskulöſe Wan - dungen rhythmiſche Zuſammenziehungen ausführen, durch welche die allgemeine Ernährungsflüſſigkeit in ſtetem Umſchwunge durch den Kör - per erhalten wird. In den niedern Stufen ergießt ſich das Blut, ohne in beſondere Wandungen eingeſchloſſen zu ſein, ohne eine feſt beſtimmte Richtung zu haben, ſchrankenlos durch die Zwiſchenräume der Gewebe und Organe, umſpült dieſelben überall und durchdringt die Körperſubſtanz. Bei der höheren Thieren kreist das Blut in einem anfangs unvollſtändig, ſpäter vollkommen geſchloſſenen Syſteme von Röhren, die man Gefäße nennt. Die Wechſelwirkung mit dem Gewebe der einzelnen Organe wird durch die äußerſt zarten Wandungen der feinſten Endigungen dieſer Gefäße, durch die Netze der Haargefäße bewerkſtelligt, während die Richtung des Blutſtromes, die bei den niedern Thieren oft unbeſtimmt iſt, oft ſelbſt periodiſch wechſelt, bei den höheren durch äußerſt ſinnreiche mechaniſche Klappen - vorrichtungen in der Bewegungsmaſchine des Herzens genau fixirt wird. Auf dieſe Weiſe wird im Körper ſelbſt eine Flüſſigkeit gebildet, das Blut, in welches alle Stoffe eingeführt werden, die von Außen her genommen oder durch den Umſatz der Körperorgane abgeſchieden werden. Der ſtete Umſchwung dieſes Blutes durch die aufnehmenden Organe einerſeits, durch die abſondernden andrerſeits, die Durchdrin - gung aller Theile mittelſt dieſer Flüſſigkeit vermittelt Ausſcheidung und Aufnahme und es iſt ſomit das Blut gewiſſermaßen der aufgelöſte Organismus, der ſeine eigene Zukunft (die aufgenommenen Nahrungs - ſtoffe) und ſeine Vergangenheit (die verbrauchten Stoffe der Organe) in ſich enthält.
Mit der Function des Kreislaufes ſteht in genaueſter Verbindung diejenige der Athmung. Ein tiefer Unterſchied beſteht in dem Ver - halten der beiden organiſchen Reiche, des Pflanzenreiches und des Thierreiches zu der atmosphäriſchen Luft. Das Thier verbraucht den Sauerſtoff derſelben und haucht an ſeiner Statt Kohlenſäure aus; die42 Pflanze im Gegentheile, ſaugt Kohlenſäure ein und gibt dafür Sauer - ſtoff an die Atmosphäre zurück. So ſtehen beide Reiche in inniger Wechſelwirkung durch das Mittel der Atmosphäre. Die Exiſtenz des Einen bedingt die des Andern; ohne Pflanzenwelt keine Thierwelt und umgekehrt. Die in dem Waſſer lebenden Pflanzen und Thiere ſind hinſichtlich ihrer Athmung auf diejenigen Gasarten angewieſen, welche in dem Waſſer ſelbſt enthalten ſind. Der im Waſſer aufgelöſte Sauer - ſtoff dient den Thieren, die darin aufgelöſte Kohlenſäure den Pflanzen zur Unterhaltung dieſer Wechſelwirkung mit der Atmosphäre. Durch Abhaltung der Luft, durch Entziehung derſelben aus dem Waſſer kann man die Bewohner dieſes Elementes ebenſo erſticken, wie die Land - thiere durch Entziehung der Atmosphäre. Aber auch bei den Orga - nen, welche die Athmung vermitteln, zeigt ſich eine ſtufenweiſe Aus - bildung und genauere Specialiſirung ihrer Function. Anfänglich iſt die Athmung der allgemeinen Körperoberfläche anheim gegeben, dann entſtehen beſondere Organe, welche oft mit den Bewegungsorganen verſchmolzen oder nur theilweiſe von ihnen getrennt ſind; dann erſchei - nen ſie als Anhängſel auf der äußern Fläche, bis ſie endlich beſondere Höhlen im Innern bilden, die einen complicirten röhrenförmigen Bau annehmen. Man unterſcheidet hier in der Thierwelt weſentlich zwei Arten von Athemorganen: Kiemen, die unterſte Stufe, beſtimmt im Waſſer zu athmen und deßhalb weſentlich in Form von Vorſprüngen, Blättern, Bäumchen etc. entwickelt und Lungen, beſtimmt mit der atmosphäriſchen Luft unmittelbar in Wechſelwirkung zu treten und deßhalb in Form von Blaſen, Säcken oder Luftröhren ausgebildet. Wie der Darmkanal das Organ für die Aufnahme von Stoffen in flüſſiger Form iſt, ſo haben die Athemorgane die ſpecielle Function des Austauſches von Gasarten, welche ſich im Blute finden, mit denen des Mediums, in welchem das Thier lebt. Aber dieſer Austauſch be - ſchränkt ſich nie, ſelbſt bei der höchſten Entwickelung der Athemorgane nicht, auf dieſe allein, indem ſtets auch die äußere Haut an dieſer Function, die ſie Anfangs allein hatte, Antheil nimmt. Eine weſent - liche Bedingung zur Erhaltung der Athemfunction iſt der ſtete Wechſel des zur Athmung dienenden Mediums, zu welchem Zwecke theils eigen - thümliche, der Einrichtung eines Blaſebalgs ähnliche Vorrichtungen dienen, theils auch beſondere Wirbel - und Strudelorgane, welche eine Strömung des Waſſers oder der Luft erzeugen, vorhanden ſind.
Die ſogenannten vegetativen Functionen, welche die Erhal - tung des Individuums bezwecken, zerſplittern ſich in der angedeuteten Weiſe immer mehr und mehr bei fortſchreitender Ausbildung des thie -43 riſchen Organismus. Nicht minder findet dieſelbe Erſcheinung ſtatt in dem Bereiche derjenigen Organe, welche die Empfindung und Bewegung vermitteln, alſo den eigentlichen thieriſchen, oder ani - malen Functionen vorſtehen. Die Hautoberfläche iſt Anfangs das gemeinſchaftliche Organ für Empfindung und Bewegung zugleich. Die niedern Thiere taſten mit jedem Punkte ihrer Oberfläche und jede Stelle derſelben dient zugleich als Bewegungsorgan. Nach und nach aber treten beſondere Taſtorgane hervor, die an einzelnen Stellen nur beſonders ausgebildet ſind, während die übrige Hautoberfläche, mehr und mehr differenzirt, ſich zum Schutzorgan des ganzen Körpers und zum Stützpunkt der Bewegung ausbildet. Dort entſtehen Anhäufungen anorganiſcher Maſſen, die in mehr oder minder engem Zuſammen - hange mit dem Hautgewebe ſtehen und ſchützende Röhren, Schalen, Schilder, Schuppen und Panzer bilden. In den niederen Stufen, wie bei den Korallen, den Polypen und den Schalen der Weichthiere zeigen dieſe anorganiſchen Schutzbildungen im Innern ihrer Maſſen mehr oder minder kryſtalliniſche Struktur, während da, wo ſie als Knochen - Zahn - oder Emailſubſtanz auftreten, eine organiſche Maſſe ihre Haupt - grundlage bildet. Anderwärts ſind es feſte organiſche Bildungen, aus Holzfaſer, Chitin*)Ein eigenthümlicher unlöslicher Stoff, der bei den Gliederthieren vorkömmt., oder Hornſubſtanz gewebt, welche der äußern Haut ihre Feſtigkeit verleihen und ſie faſt unzerſtörbar für ſchwächere chemiſche Agentien machen. Eigenthümliche Angriffsorgane, theilweiſe auch zur activen Vertheidigung beſtimmt, entwickeln ſich in Geſtalt von Stacheln, Haken, Giftbläschen u. ſ. w. — kurz eine Mannigfaltigkeit der äußeren Bildungen tritt auf, welche beſonders von der beſchrei - benden Zoologie mit großer Ausführlichkeit in das Bereich ihrer Be - trachtungen gezogen werden muß. Die größere oder geringere Härte, welche die Haut an vielen Stellen beſitzt, befähigt ſie, paſſives Bewe - gungsorgan zu werden, indem die activ bewegenden Theile, die Mus - keln, ſich an ihrer inneren Fläche feſtſetzen und ſo feſte Stützpunkte für ihre Wirkſamkeit finden. Wenn die Hautoberfläche noch wie bei vielen höhern Thieren mehreren Functionen zugleich vorſteht, wie der Ab - ſonderung, dem Taſtgefühl, dem Schutze gegen äußere Einflüſſe, ſo ſind dieſe ſtets an verſchiedene ſtreng individualiſirte Theile des Hautgewebes gebunden.
Die Bewegung, welche bei allen Thieren willkührlich iſt (es iſt damit nicht ausgeſchloſſen, daß auch unwillkürliche Bewegungen vor - kommen,) und bei den niederen Stufen als Function der geſammten44 Thierſubſtanz gleichmäßig zukömmt, wird nach und nach ebenfalls auf beſondere Gewebe und Organe beſchränkt. Man findet Fäden, die zu Bündeln zuſammentreten, den Thierleib in beſtimmten Richtungen durchziehen und durch ihre Zuſammenziehungen beſtimmte Bewegungen veranlaſſen. Anfänglich ſetzen ſich dieſe Fäden nur hier und da an der Körperwandung oder an Organen feſt, welche durch ihre Elaſti - zität und relative Feſtigkeit einerſeits Stützpunkte abgeben, anderſeits aber auch Beugungen geſtatten. Bald aber entwickeln ſich feſtere Stücke, Hebel, welchen zugleich beſondere wohl characteriſirte, ein eigenes Ge - webe bildende Fadenbündel, Muskeln, entſprechen, die an den hebelartig beweglichen feſten Theilen gleich Zugſeilen angebracht ſind und dieſe mittelſt oft ſehr künſtlicher Gelenke auf einander bewegen. In den niedern Formen der Geſtaltungen bilden dieſe Hebel hohle Röhren, aus Horn, Chitin, oder theilweiſe unorganiſcher Subſtanz geformt, auf deren innerer Fläche die jetzt höchſt charakteriſtiſch gebauten und mit keinem andern Gewebe verwechſelbaren Muskelfäden angeheftet ſind. In den höheren Bildungsſtufen befinden ſich die Hebel, die Knochen und Knorpel, welche ebenfalls ſehr eigenthümliche Gewebe bilden, im Innern des Organismus als mehr oder minder ſolide Körper und die Muskeln ſind auf ihrer Außenfläche angebracht; bei den höheren Thieren ſind es die Bewegungsorgane, das innere Skelett und die Muskeln, von welchen die äußere Formgeſtaltung des Körpers abhängt, bei den niedern Thieren ſind es oft ganz andere Organe, beſonders aber die Verdauungs - und Geſchlechtsorgane, welche auf die äußere Geſtaltung des Körpers bedingend einwirken.
Auch die Sinnesorgane differenziren ſich erſt allmählig in dem Körper hervor und zwar urſprünglich in einer Form, welche es faſt zweifelhaft läßt, ob das Sinnesorgan wirklich eines ſei und welcher ſpecielleren Function, dem Hören oder Sehen, es eigentlich vorſtehe. Daß alle Thiere Sinnesempfindungen beſitzen, wenn auch oft nur in ſehr ſtumpfer Weiſe, iſt unzweifelhaft — ob aber die Zahl der Sinne dieſelbe ſei, wie bei dem Menſchen und den höheren Thieren, iſt eine andere Frage. Es kann vermuthet werden, daß bei den niederen Thie - ren die verſchiedenen Sinnesempfindungen die wir, mit ſpeciellen Or - ganen dafür begabt, als Sehen, Hören, Riechen, Schmecken unter - ſcheiden, ebenſo untereinander und mit dem Taſtſinn zuſammenſchmelzen, wie dies auch bei anderen Functionen der Fall iſt — uns eine Vor - ſtellung von dieſem Zuſammendrängen ſpecifiſch verſchiedener Sinnes - empfindungen in eine zu machen, erſcheint mir aber unmöglich. Eben ſo können wir die Gränzen der einzelnen Sinnesempfindungen nicht nach45 den unſern abmeſſen — es iſt ſehr wahrſcheinlich, daß dieſelben für jedes Thier verſchieden ſind und daß das Eine noch Wellenerſchütterungen als Schall und Ton empfindet, die für das Andere unhörbar ſind etc. Wie dem auch ſei, die Sinnesorgane differenziren ſich erſt allmählig aus der Körpermaſſe hervor und laſſen auch deutliche Spuren allmähliger Ausbildung erkennen. Zuerſt tritt in einfacher Blaſenform mit einem in dieſem Säckchen eingeſchloſſenen kryſtalliniſchen Kerne, das Gehörorgan in die Erſcheinung. Tief im Innern des Körpers verborgen und oft unmittelbar dem Centralnervenſyſteme aufgeſetzt, wurde dieſe primitive Form des Ohrs erſt neuerdings durch das Mikroſkop entdeckt. Nach und nach hebt es ſich an die Oberfläche empor, um die Schallwellen direkt zu empfangen, die es vorher nur durch Vermittelung der Körpergewebe erhielt. Die hinzutretenden Theile erhalten das Uebergewicht über das urſprüngliche Ohrbläschen und auf der höchſten Stufe der Ausbildung zeigt ſich ein eigentliches äußeres Ohr, welches mit einem wunderbar complicirten inneren Organe in Zuſammenhang ſteht. In ähnlicher Weiſe verhält ſich das Auge, bei welchem zugleich jenes Geſetz in den Vor - dergrund tritt, nach welchem die vielfachen Wiederholungen eines und deſſelben Organes mit denſelben Functionen eine Stufe niederer Aus - bildung verrathen, während die complicirte Bildung eines zur ſpe - ciellen Function beſtimmten Organes, das in einfacher Zahl vorhanden iſt, die höhere Bildungsſtufe andeutet. So ſind im Anfange die äußeren Hüllen für das Auge in ihrer Beſchaffenheit nicht verſchieden von der allgemeinen Körperhülle, die eine gewiſſe Durchſichtigkeit be - ſitzt; — ſpäter differenziren ſie ſich mehr als durchſichtige Augenhäute; aber nur auf höheren Stufen werden eigenthümliche Schutzorgane, Lider, für das Sehorgan nach und nach ausgebildet. In den erſten Rudimenten der Augen exiſtirt nur ein lichtbrechender Körper, die Linſe, während nach und nach noch mehre Organe gleicher Art, Glaskör - per, Augenflüſſigkeit, hinzutreten. Ebenſo differenziren ſich nur nach und nach als ſelbſtſtändige Organe diejenigen Bildungen, welche das Seitenlicht abzuhalten, die Schärfe und Genauigkeit des Bildes zu er - höhen haben, und wozu namentlich die farbigen Augenhäute und die in Art von Schirmen beweglichen Regenbogenhäute gehören. Anfangs iſt das Sehorgan unbeweglich in die Körperſubſtanz eingefügt; ſpäter wird es, ſelbſt unbeweglich, von beweglichen Körpertheilen getragen; auf der höchſten Stufe endlich wird das Organ willkührlich beweglich und kann nach Belieben ſelbſtſtändig auf den zu betrachtenden Gegen - ſtand gelenkt werden. — Nur ſehr ſpät treten beſondere Organe für diejenigen Empfindungen, welche wir als Geruch und Ge -46 ſchmack bezeichnen, hervor und die Zunge iſt Anfangs namentlich oft Taſtorgan, Ergreifungsorgan und Geſchmacksorgan zugleich, während ſpäter erſt ſich dieſe Functionen mehr nnd mehr differenziren.
Die Empfindungen und willkührlichen Bewegungen hängen bei den höheren Thieren von der Exiſtenz eines eigenen Organſyſtems ab, welches wir mit dem Namen des Nervenſyſtems bezeichnen. So wie das Blut der Mittelpunkt aller vegetativen Functionen iſt, durch welchen aller Austauſch der Körpertheile bedingt wird, ſo ſtellt das Nervenſyſtem das Centrum der animalen Functionen dar, welches die Empfindungen zum Bewußtſein bringt und die Bewegungen regelt. Auch dieſes ſo äußerſt wichtige Syſtem dringt erſt durch vielfache Pha - ſen bis zu dem letzten Punkte ſeiner Ausbildung, die es in dem Men - ſchen erreicht, vor. Bei den niedern Thieren hat auch die genaueſte Unterſuchung keine Sonderung, weder ein Centralorgan, noch peri - pheriſche Nerven entdecken laſſen; — weiter hinauf begegnet man ein - zelnen Nervenknoten, von welchen feine Fäden an die wichtigſten Organe ausſtrahlen. Durch dieſe Fäden verbinden ſich die verſchie - denen Knoten zu einem gemeinſchaftlichen Syſteme, das meiſt bei den niedern Thieren noch aus unregelmäßig durch den Körper zerſtreuten Knoten zuſammengeſetzt iſt. Später bildet ſich eine Reihe von Knoten, welche durch dicke Verbindungsſtränge mit einander zuſammenhängen und von einem in dem Kopfe gelegenen aus mehrfachen Anſchwellungen zuſammengeſetzten Knoten ausgehen ein Bauchmark, welches auf der Bauchſeite des Körpers unter den Eingeweiden liegt; — endlich in den höheren Thieren ſondert ſich die Centralmaſſe als Hirn und Rücken - mark ſcharf von den ausſtrahlenden Nervenfäden ab und wird in dem Verhältniſſe zu dem Körper ſtets bedeutender an Maſſe, indem ſie zugleich die Rückenlage einnimmt.
Mit der Entwickelung des Nervenſyſtems hält die Ausbildung der geiſtigen Fähigkeiten vollkommen gleichen Schritt und erhebt ſich in jedem einzelnen Typus der Organiſation bis auf eine gewiſſe Höhe, welche ſtets bedeutender iſt als diejenige, womit der nächſte Typus anfängt. Die geiſtigen Fähigkeiten der Thiere ſind auf das Engſte an das materielle Subſtrat gebunden; — es giebt kein ſelbſt - ſtändiges, unabhängiges, geiſtiges Prinzip, welches den thieriſchen Körper nur als Maſchine zu ſeiner Manifeſtation benutzt. Die geiſtigen Fähigkeiten überhaupt ſind nur das Produkt der Function der Nervenmaſſe und hängen von der Integrität dieſes Organſyſtems ab, wie alle übrigen Functionen von ihren ſpecifiſchen Organen.
Die Organe, deren Entfaltung wir bisher mit kurzen Zügen an -47 zudeuten verſuchten, beziehen ſich auf das Leben des Individuums und auf die Erhaltung deſſelben als abgeſchloſſener organiſcher Körper. Zu dem thieriſchen Leben gehört indeß nothwendigerweiſe noch eine zweite Bedingung, die Erhaltung der Art durch Fortpflanzung des Einzelweſens und ſomit die Erhaltung der ganzen thieriſchen Schöpfung in ihrer Geſammtheit während des Laufes der Zeiten. Jedem thieriſchen Organismus iſt nur eine gewiſſe Zeit der Exiſtenz angewieſen; der Tod iſt ein allgemeines Geſetz für alle, während die Fortdauer in der Art durch Erzeugung von Nachkommenſchaft ebenſo ein allgemeines Geſetz zu ſein ſcheint. Auch für dieſe ſo äußerſt wich - tige Function begegnen wir dem allgemeinen Geſetze der Differenzirung. In mannigfach wechſelnder Weiſe tritt uns zuerſt die geſchlechtsloſe Zeugung der Nachkommenſchaft entgegen. Die organiſche Grundſub - ſtanſt, welche den Körper bildet, iſt, wie wir ſchon oben erwähnten, befähigt, durch Theilung, durch Knospen, durch Sproſſen, kurz in ſehr mannigfach verſchiedener Weiſe ſich und damit die Art zu ver - vielfältigen. Nur langſam, faſt wie im Kampfe, weicht dieſe geſchlechts - loſe Zeugung zurück vor der Thätigkeit beſonderer Organe, welche ſich in dem Körper entwickeln. Die Produkte dieſer Fortpflanzungsorgane ſind es, welche zur Erzeugung neuer Weſen nothwendig ſind. Zwei Gegenſätze, das männliche und weibliche Geſchlecht treten her - vor. Anfangs noch auf denſelben Individuen vereinigt, trennen ſie ſich bei den ausgebildeten Thieren, bei welchen dann jedes Individuum einem beſtimmten Geſchlechte angehört. Die Vereinigung beider Ge - ſchlechter, die Vereinigung der Produkte der beiderſeitigen Fortpflan - zungsorgane, des Eies und des Samens iſt nun nöthig zur Bildung des werdenden Geſchöpfes. Anfangs unterſcheiden ſich die Geſchlechter nur durch den Inhalt der Organe, nicht durch die Form derſelben; ſpäter zeigen die Geſchlechtsorgane Verſchiedenheit der äußeren Bil - dung, ohne daß die Individuen durch andere Kennzeichen ihr Geſchlecht verriethen; endlich drückt die Geſchlechtsverſchiedenheit der ganzen Or - ganiſation ihren Stempel ſo tief auf, daß ſchon in dem Aeußeren dieſe Verſchiedenheit erkannt werden kann, und oft ſo bedeutend wird, daß die Individuen derſelben Art, aber verſchiedenen Geſchlechtes nicht nur in ganz verſchiedene Klaſſen, ſondern ſogar in verſchiedene Organi - ſationstypen eingereiht wurden.
Wenn die Grundform, von welcher aus ſowohl das Pflanzen - wie das Thierreich in entgegengeſetzter Richtung ſich entwickeln, beiden ſo gemeinſam iſt, daß kaum eine Scheidelinie erkannt werden kann, ſo läßt ſich erwarten, daß auch in der Ausbildung der einzelnen Form -48 elemente, aus welchen die Organe des pflanzlichen und thieriſchen Körpers ſich aufbauen, anfänglich eine große Uebereinſtimmung herrſcht, die erſt bei nachträglicher Differenzirung mehr und mehr aufgehoben wird. Dies iſt in der That der Fall. Wir haben oben geſehen, daß die formloſe Grundſubſtanz, welche die niederſten Thiere bildet und die bald mehr bald minder flüſſig iſt, den Grundſtock des thieriſchen Bau’s darſtellt und daß die erſte Formgeſtaltung, welche ſich hervorhebt, die eines Bläschens, einer Zelle iſt, die dann auch bei niederen Thieren gleichmäßig wie bei niederen Pflanzen die größere Maſſe des Orga - nismus zuſammenſetzt. Ebenſo iſt das primitive Ei, wie es ſich in dem Eier - ſtocke der meiſten Thiere nach einem gemeinſamen Plane ausbildet, nach dieſer Grundlage aller Gewebe und Organismen als Zelle gebaut.
Dieſe beſteht weſentlich aus mehren Theilen. Der Zellenin - halt entſpricht meiſt der Sarkode; es iſt eine mehr oder minder flüſſige, mit Körnchen durchwebte Subſtanz, die meiſt eiweißartig iſt, während die Körnchen fettiger Natur ſind. Der Zelleninhalt wird meiſtens von einer ſtrukturloſen feinen Haut, der Zellenmembran oder Zel - lenwand umſchloſſen; — dieſe tritt in Wechſelwirkung mit den umgebenden Subſtanzen. Sie hat die Eigenſchaft, dieſe oder jene Stoffe, je nach der Natur der Zelle aufzunehmen oder abzugeben. Die Zelle des Pflanzengewebes iſt ſtarr, die ſie einhüllende Membran aus einem eigenthümlichen Stoffe, der ſogenannten Celluloſe oder der Holzfaſer gewebt, welcher als ſolche vollkommen unlöslich iſt, keinen Stickſtoff enthält und auch bei einer ganzen Klaſſe von Thieren, den Mantel - thieren, als eigenthümliches Formelement vorkommt. Die thieriſche Zellenmembran dagegen beſteht aus eiweißartiger Subſtanz oder aus Modificationen derſelben und beſitzt meiſtens einen bedeutenden Grad von Elaſticität, die ſich bis zu wahrer Zuſammenziehungsfähigkeit ſtei - gert. Bei den einzelligen Thieren bildet dieſe Zellenmembrane die äußere Haut und iſt dann jeglicher Bewegung fähig.
Im Innern der Zellen bemerkt man meiſt außer dem beſchriebenen Inhalte noch andere eigenthümliche Gebilde, die faſt überall conſtant vorkommen und beſonders bei der Vermehrung der Zellen eine bedeu - tende Rolle zu ſpielen ſcheinen. Dieſe Gebilde ſind der Kern (nucleus) und das in demſelben eingeſchloſſene Kernkörperchen (nucleolus), welche letztere auch in mehrfacher Zahl vorkommen können. Der Kern bildet bald ein Bläschen, bald einen ſcheinbar ſoliden, mehr oder min - der feſten Körnchenhaufen, in deſſen Maſſe das oder die Kernkörper - chen eingebettet liegen. Auch bei einzelligen Thieren iſt der Kern wohl überall vorhanden und bietet beſonders bei der Fortpflanzung und49 Vermehrung höchſt eigenthümliche Erſcheinungen, welche wir bei dieſen Thieren ausführlicher betrachten werden.
Die Vermehrung der thieriſchen Zellen hat man beſonders bei dem Eie der höhern Thiere beobachtet, wo man dieſe Erſcheinung den Furchungsprozeß des Dotters genannt hat. Der Kern oder das ſoge - nannte Kernbläschen, das Anfangs (Fig. 11, c) vorhanden iſt, ver - ſchwindet hier, und die formloſe Subſtanz des Dotters oder der Zellen - inhalt (b) beginnt ſich in einzelnen Maſſen zu ballen, deren jede als Mit - telpunkt einen neu gebildeten Kern beſitzt. Meiſtens ſchreitet die Bil - dung dieſer kernhaltigen Ballen in der Weiſe vor, daß jeder derſelben ſich ſtets auf’s Neue in zwei Theile ſpaltet, ſo daß zwei (Fig. 12) vier, acht (Fig. 13) und noch mehr Furchungskugeln (Fig. 14) ent -
Furchungsprozeß im Ei des Seeigels.
ſtehen, welche wieder ſelbſtſtändige Kerne beſitzen. Dieſe Vermehrung nach der Zweizahl ſetzt ſich ſo lange fort, bis das ganze Ei, oder ein Theil deſſelben in eine Anzahl von Elementarzellen zerlegt iſt, aus welchen die Gewebe des Embryo ſich aufbauen. Nach und nach erſt ſcheidet ſich an der Oberfläche dieſer Zellen die Zellenmembran immer beſtimmter ab, während anfangs nur die mehr verdichtete äußere Lage des Inhaltes ſelbſt als ſolche auftritt. Aus dieſen primitiven Zellen nun bilden ſich die Organe heraus. Der Embryo der höheren Thiere, der Kör - per der niederen Thiere während ihres ganzen Lebens iſt aus Zellen zuſammengehäuft, welche zwar in jedem Organe eine eigenthümliche Bildung zeigen, aber dennoch ſtets nach demſelben Grundtypus ge - baut ſind.
Auch bei den höchſten Thieren ſind noch viele Gewebe vorhanden, bei welchen ſich auch im ausgebildeten Zuſtande die Zellenſtructur er - hält. Faſt alle normalen, wie abnormen Flüſſigkeiten des Körpers, namentlich aber das Blut, enthalten mehr oder minder häufig einge - ſtreute Zellen oder Körperchen, die aus Zellen herſtammen. Die zarten Auskleidungen der inneren Höhlungen, die Wandungen des Darm - kanals, der Luftwege, der Drüſenſchläuche, ſind meiſt von pflaſterför - migen, hautartigen Ausbreitungen von Zellen gebildet, die man mit dem gemeinſamen Namen der inneren Oberhäute oder der Epithe - lien belegt hat. Alle jene Subſtanzen, welche von der ConſiſtenzVogt. Zoologiſche Briefe. I. 450einer weichen Gallert bis zu der elaſtiſchen Härte des Knorpels und zu dem noch feſteren Gewebe des Knochens fortſchreiten, ſind entweder aus noch erkennbaren oder aus ſolchen Zellen zuſammengeſetzt, die in mannigfacher Weiſe durch innere Ablagerungen, Verdickungen, Ver - ſchmelzungen verändert und unkenntlich geworden ſind. Es würde zu weit führen, wollten wir hier auf dieſe mannigfachen Modificationen eingehen, welche alle jene Gebilde hervortreten laſſen, die weſentlich als innere Stützpunkte der Bewegung benutzt werden und wo bei wei - terem Fortſchritte durch Ablagerung unorganiſcher Subſtanz (meiſt Kalk) in dem verſchmolzenen Zellengewebe jene feſten Elemente des Thierkörpers entſtehen, die wir als Knochen, Zähne, Schalen u. ſ. w. bezeichnen. — Die verſchiedenen Fette, die Farbſtoffe und Pigmente, welche wir in dem thieriſchen Körper abgelagert finden, ſind meiſt ebenfalls Inhalt von Zellen und in Zellen urſprünglich abgelagert, wenn auch oft nachträglich dieſer Urſprung gänzlich verwiſcht wird. Meiſt läßt ſich bei dieſen verſchiedenen Modifikationen der Zelle die urſprüngliche eiweißartige Natur ihres Inhalts und ihrer ſtructurloſen Wandung nachweiſen; zuweilen aber treten beſondere Stoffe auf, wie namentlich die Hornſubſtanz, das Chitin, jener eigenthümliche, ſtickſtoffhal - tige Beſtandtheil des Skelettes der Gliederthiere, oder gar die ſtick - ſtoffloſe, unlösliche Holzſubſtanz der Pflanzenzellen, die Celluloſe, bei den Mantelthieren.
Eine eigenthümliche Ausbildung der Gewebe iſt die in Faſern, die ſowohl im Innern der Zelle, als in ihrer Wandung, als auch in ihrer Umgebung ſich entwickeln können. Zuerſt ſieht man in der form - loſen Subſtanz gleichſam nur Züge, unbeſtimmte, verſchwimmende Längslinien, die namentlich bei Bewegungen durch Zuſammenziehung hervortreten. Dieſe Züge werden feſter, beſtimmter; genau abgegränzte Faſern von beſtimmbarer Dicke und mannigfaltiger Zuſammenſetzung treten hervor. Die verſchiedene Feſtigkeit, Zuſammenſetzung und Dicke laſſen weiche Bindefaſern, feſtere Sehnenfaſern, elaſtiſche Faſern u. ſ. w. unterſcheiden, und man kann in der Thierwelt eine faſt ununterbro - chene Skala von den unbeſtimmt abgegränzten Faſern der niederſten Thiere bis zu den Hornfaſern der Hufen, Klauen und Federn, den Zahnfaſern und ähnlichen Gebilden verfolgen. Aus dieſen Faſern weben ſich dann beſonders die hautartigen Gebilde, welche in dem thieriſchen Organismus vorkommen, die Röhren der Gefäße etc. zu - ſammen, denen durch eine ſolche Bildung meiſt eine große Dehnbarkeit und Elaſticität geſichert iſt. Nach einer andern Richtung hin entwickelt ſich die Faſer, welche die Bewegung vermittelt. Stets weich bleibend51 nimmt ſie immer beſtimmtere Charaktere an und ſteht endlich bei den höheren Thieren als Muskelfaſer in zwei Typen da, je nachdem ſie der willkürlichen oder der unwillkürlichen Bewegung dient. In ebenſo eigenthümlicher Weiſe, als Hohlfaſer mit beſonderem Inhalt, bildet ſich die Nervenfaſer allmählig mit unterſcheidenden Charakteren hervor.
Es wäre unmöglich, die Charaktere der verſchiedenen Formele - mente der thieriſchen Körper auch nur überſichtlich auseinander zu ſetzen. Auch dürfte dies um ſo mehr unthunlich erſcheinen, als bei den niederen Thieren namentlich das meiſte noch der ſpäteren Forſchung überlaſſen bleibt.
Alles Lebende entſteht aus einem Eie, hatte der alte Harvey ge - ſagt, und lange Zeit galt ſein Ausſpruch für eine unumſtößliche Wahr - heit. Man ſtritt ſich nur darüber, ob die Eier oder Keime der Thiere neu in dem mütterlichen Individuum entſtünden, oder ob ſie in dem - ſelben in unendlicher Kleinheit in einander geſchachtelt vorhanden ſeien, ſo daß das Mutterthier gleichſam bei ſeiner Erſchaffung ſämmtliche Keime bis zum Untergange ſeiner Nachkommenſchaft vorgebildet im Leibe tragen ſollte. Neben dieſen beiden Anſichten erſtreckte ſich freilich ein noch vergeſſenes Feld, von dem man lieber ſchwieg, als daß man die ſchwachen Seiten hätte aufdecken ſollen. Die Fortpflanzung der Eingeweidewürmer und mancher anderen Schmarotzer, ſowie derjenigen Weſen, die in außerordentlicher Fülle und Kleinheit die Gewäſſer be - völkern, war für beide ſtreitende Parteien in ein undurchdringliches Dunkel gehüllt. Indeſſen führte doch die Nothwendigkeit und der zu - nehmende Gebrauch der Vergrößerungsgläſer immer wieder auf dieſe Gebiete zurück und um manche außerordentliche Erſcheinungen zu er - klären, nahm man endlich ſeine Zuflucht zu der Anſicht, daß viele nie - dere Thierweſen nicht von Eltern ihrer Art abſtammten, ſondern un - mittelbar aus dem organiſchen Stoffe durch Urzeugung (Generatio aequivoca) entſtünden. Von gewiſſen Thieren galt dieſe Anſicht ſeit uralten Zeiten; ja Ariſtoteles hatte ſchon behauptet, die Aale erzeugten ſich aus dem Schlamme, das Ungeziefer aus dem Kothe und Kehricht. Die4*52Volksmeinung ließ die Thiere unmittelbar aus der Subſtanz entſtehen, in der man ſie zuerſt als Junge fand.
Die naturphiloſophiſche Periode unſerer Wiſſenſchaft bildete mit beſonderer Vorliebe die Theorie von der Erzeugung der niedern orga - niſchen Weſen durch Urzeugung aus. Man glaubte an die Exiſtenz eines organiſchen Grundſtoffes, der überall verbreitet ſein ſollte. Die Organe der höheren Thiere und Pflanzen, nahm man an, bildeten ſich aus dieſem Grundſtoffe hervor und würden wieder in ihn zurück - geführt, ſobald ſie verfaulten und ſich auflöſten. Dieſe thieriſche Grund - ſubſtanz nun (Urſchleim, Eiweiß, Gallert) ſollte die Fähigkeit haben, unter dem gemeinſamen Einfluſſe von Luft und Waſſer in thieriſcher oder pflanzlicher Richtung ſich zu organiſiren und ſich je nach den äußeren Umſtänden zu beſtimmten Formgeſtaltungen, zu beſtimmten Pflanzen und Thieren, beſonders Schimmelfäden und Infuſorien, zu entwickeln. Ohne ſich viel näher um die Organiſation der entſtehenden Pflanzen - oder Thier-Weſen zu bekümmern und in derſelben die Erklärung der unendlichen Vervielfältigung jener meiſt mikroſkopiſchen Weſen in Auf - güſſen organiſcher Subſtanzen zu ſuchen, mühte man ſich ab, durch vielfache und in ihrem Weſen ſtets ungenaue Verſuche die Bedingun - gen zu finden, unter welchen aus denſelben Stoffen bald Pflanzen, bald Thiere erzeugt würden. Man ſtellte auf mühevollen Umwegen endlich ſo viel feſt, daß zur Urzeugung organiſcher Weſen drei Bedin - gungen nöthig ſeien: eine organiſche Subſtanz, ſei ſie nun thieriſchen oder pflanzlichen Urſprungs, Waſſer und Luft. Hinſichtlich der Ent - ſtehung der Eingeweidewürmer waren die Aerzte einſtimmig und die Naturforſcher mit ihnen der Anſicht, daß ſie unmittelbar auf Koſten des Thieres erzeugt würden, welches ſie bewohnten. Wenn man auch hätte annehmen wollen, daß die im Darmkanal befindlichen Würmer als junge Thiere, oder in Geſtalt von Eiern mit der Nahrung oder dem Trinkwaſſer von Menſchen und Thieren hinabgeſchluckt ſeien, ſo konnte man doch nach dem damaligen Stande der Wiſſenſchaft unmög - lich von den in geſchloſſenen Höhlen, im Muskelfleiſche, im Auge und an ähnlichen Orten anweſenden Eingeweidewürmern glauben, daß ſie von Außen dort hin gelangt ſeien. Man war überzeugt, daß hier eine falſche Plaſticität des thieriſchen Organismus walte; der ſtatt irgend einer normalen, zum Körper gehörigen Bildung oder eines krankhaften Aftergebildes ein thieriſches Weſen niederer Art hervorbringe.
Die genaueren Unterſuchungen der uns zunächſt liegenden Zeit ſtellten ſich alsbald dieſer allgemein verbreiteten Annahme einer Ur - zeugung entgegen, und wenn auch in vielen Fällen unſere gegenwärtige53 Kenntniß durchaus nicht hinreicht, um mit vollkommener Sicherheit die Herkunft der Organismen darzuthun, welche man in Aufgüſſen und in anderen thieriſchen Körpern findet, ſo war doch ein einziger, aus phyſikaliſchen Grundſätzen hervorgehender Verſuch hinreichend, die Nich - tigkeit des ganzen naturphiloſophiſchen Gebäudes darzuthun. Ein Aufguß, den man kocht, alſo zu einer Temperatur bringt, bei welcher das thieriſche Eiweiß gerinnt und zu jeder fernern Geſtaltung unfähig wird, ein ſolcher Aufguß bringt niemals organiſche Weſen hervor, wenn er vollkommen luftdicht verſchloſſen wird; läßt man ihn dagegen offen ſtehen, ſo erzeugen ſich dieſelben Weſen in dem Aufguſſe, als wenn er ungekocht geblieben wäre. Es ſchien hierin der Beweis zu liegen, daß der freie Zutritt der Luft es ſei, welcher die Urzeugung bedinge. Man ſuchte nun die Luft von jeder organiſchen Beimiſchung zu reini - gen, ohne jedoch ihre Zuſammenſetzung zu verändern. Man kochte den Aufguß in einem Kolben, durch welchen man einen Luftſtrom leiten konnte, der vorher durch Schwefelſäure oder irgend eine andere Sub - ſtanz ſtrich, welche alle in der Luft mitgeführten organiſchen Stoffe zerſtörte, ohne der Zuſammenſetzung der Luft ſelbſt Eintrag zu thun. Man ließ dieſen Apparat wochenlang, monatelang in Funktion und erneuerte täglich die Luft, indem man ſie durch Schwefelſäure ſtreichen ließ, ohne den mindeſten Erfolg. Es bildeten ſich niemals organiſche Weſen in einem ſolchen Apparate. In einem anderen Kolben aber, deſſen Inhalt vollkommen gleich behandelt war, deſſen Erneuerungs - luft man aber nicht durch Schwefelſäure oder Aetzkali, ſondern nur durch eine leere Glasröhre ſtreichen ließ, alſo ihrer organiſchen Ein - ſchlüſſe nicht beraubte, wimmelte es bald von mikroſkopiſchen Pflanzen und Thieren aller Art. Es war ſomit der thatſächliche Beweis gelie - fert, daß nach Anwendung ſolcher Mittel, welche die Lebensfähigkeit organiſcher Körper zerſtören, auch bei Anweſenheit von organiſcher Subſtanz, Luft und Waſſer, keine neuen Weſen entſtehen, und es war der mittelbare Nachweis geliefert, daß in der Luft, in den ſoge - nannten Sonnenſtäubchen, trockene Keime und Weſen der niederſten Art den Aufgüſſen zugeführt wurden, in welchen ſie einen geeigneten Boden zu ihrer Entwickelung und Fortpflanzung hatten. In der That iſt die Fortpflanzungsfähigkeit der Thiere und Pflanzen, die ſich in ſolchen Aufgüſſen finden, ungeheuer, ſo daß ein einziges ſolches Individuum in kurzer Zeit eine Nachkommenſchaft von Millionen beſitzen und durch dieſelbe eine bedeutende Menge von Flüſſigkeit bevölkern kann.
54Den Nachweis gegen die geſchlechtsloſe Urzeugung der Eingewei - dewürmer auf Koſten der Thiere, welche ſie bewohnen, hat man auf andere Weiſe zu liefern geſucht. Einestheils erreicht bei den meiſten Gattungen derſelben die Produktion von Eiern und Keimen wahrhaft fabelhafte Proportionen, ſo daß Millionen dieſer Eier und Keime zu Grunde gehen können, ohne daß deßhalb die Art vernichtet würde. Dann hat man die meiſt mikroſkopiſchen Eier und Jungen auf ihren dunkelen Wegen verfolgt; man hat geſehen, daß die ſtaunenswertheſten Verwandlungen durchlaufen werden; daß oft derſelbe Schmarotzerwurm angewieſen iſt während ſeines Lebens in verſchiedenen Geſtalten ver - ſchiedene Thiere zu bewohnen; daß viele Würmer eine Zeitlang frei ſind und ſich von Außen her in ihre Wohnthiere einbohren — kurz man hat eine Menge von Wegen entdeckt, auf welchen dieſe Eingeweidewür - mer an ihre Wohnſitze gelangen und von denen man früher gar keine Ahnung hatte. Täglich vervielfältigen ſich dieſe Forſchungen, und wenn ſie auch noch kein vollſtändiges Licht verbreiten, ſo geben ſie doch Fingerzeige und Analogieen genug, durch welche man alle paradoxen Erſcheinungen auf dieſem Gebiete weit natürlicher und ungezwungener erklären kann, als durch die Annahme einer Urzeugung der Eingeweidewürmer auf Koſten ihrer Wohnthiere.
Wir verwerfen alſo gänzlich und unbedingt die ſogenannte Ur - zeugung als ein Hirngeſpinnſt, oder vielmehr als einen theoretiſchen Deckmantel für unſere factiſche Unwiſſenheit. Jedes thieriſche Weſen, welches exiſtirt, iſt für uns das Produkt der Fortpflanzung von an - deren Weſen, welche ihm ähnlich waren. Uns vorbehaltend bei der Betrachtung der einzelnen Thierklaſſen näher auf die Einzelnheiten einzugehen, müſſen wir hier einen Blick auf die Fortpflanzungsweiſen der Thiere im Allgemeinen richten.
Die geſchlechtsloſe Zeugung kommt, wie wir ſchon in dem vorigen Briefe bemerkten, hauptſächlich nur in den niedrigſten Stufen der einzelnen Organiſationstypen vor und auch hier wieder in ſehr verſchiedener Art und Weiſe. Es gibt Thiere, deren Geſammtorgani - ſation indeß noch nicht ſo weit erforſcht iſt, um ein genügendes Ur - theil abgeben zu können, deren Körper nach einer gewiſſen Dauer ſeiner Exiſtenz, ſich in eine Unzahl von Keimkörnern auflöſt, die wie es ſcheint, dazu beſtimmt ſind, jedes ſich zu einem neuen Individuum zu geſtalten. Das Mutterthier geht hier bei der Erzeugung ſeiner Keime zu Grunde, und die Keime ſelbſt ſtreuen ſich, wie es ſcheint, nach verſchiedenen Richtungen aus, um ein neues ſelbſtſtändiges Leben zu beginnen.
55Eine andere Vermehrungsweiſe iſt die durch Theilung, welche beſonders bei den Infuſionsthierchen häufig vorkommt. Ein Thier,
Glockenthierchen (Vorticella), die ſich durch Theilung und Knospung fortpflanzen. Das Thierchen Fig. 15 iſt eben in der Theilung begriffen, der Kern b iſt ſchon voll - kommen doppelt; Fig. 16 will ſich von ſeinem Stiele loslöſen; Fig. 17 bildet an der Baſis des Stieles eine ſeitliche Knospe, die noch un - vollkommen iſt. Bei allen dreien iſt a der Mund mit der Wimperkrone, b der Kern, d die gefüllten Magenblaſen, e die contractile Blaſe, f der Stiel, i der acceſſoriſche Wimper - kranz, den die ſich loslöſenden Individuen wäh - rend ihrer freien Beweglichkeit haben.
welches bis dahin ein ſelbſtſtän - diges Leben führte und keine Spur eines ſymmetriſchen Baues zeigte, läßt plötzlich eine Rinne oder Furche oder eine ſonſtige Verän - derung in ſeinem Inneren gewah - ren, welche ſich bis zu einer Thei - lung in zwei, meiſtentheils gleiche Hälften ausbildet — eine Theilung, die zuweilen nach einigen Stunden ſich bei den kaum getrennten Hälf - ten auf’s Neue wiederholen kann. So ſchreitet die Fortpflanzung durch immer fortgeſetzte Theilung der neu entſtandenen Individuen in geometriſcher Weiſe vor, und man weiß aus dem Beiſpiele des Schachbrett’s, zu welch ungeheu - ren Zahlen man auf dieſe Weiſe gelangen kann und nothwendig gelangen muß, wenn nicht ander - weite Hinderniſſe hemmend da - zwiſchen treten.
Bei der Theilung ſind die beiden Hälften, in welche das Thier zerfällt, meiſt einander vollkommen gleich. Es findet kein Un - terſchied zwiſchen dem alten und jungen Thiere ſtatt. Anders iſt es bei der Fortpflanzung durch Knospen, die ſich in ſehr verſchiedener Weiſe darſtellen und meiſtens die ſogenannten ſocialen oder geſellſchaft - lichen Formen der Thiere zu Folge haben. An irgend einem Theile des Körpers, bald an dem vorderen Ende, bald an der Seite, bald an dem hinteren Ende zeigt ſich ein Auswuchs, der Anfangs mit dem Körper des Mutterthieres in dem innigſten Zuſammenhange ſteht. Die allgemeine Ernährungsflüſſigkeit cirkulirt aus dem Körper des Mutter - thieres in die Höhlung der Knospe. Dieſe ſcheint anfangs nur ein zufäl - liger, von frühern Forſchern oft für krankhaft gehaltener Auswuchs. Die Knospe gewinnt nach und nach ein zunehmend ſelbſtſtändiges Leben. 56
Waſſerlinſen, a an deren Wur - zeln mehrere Armpolypen (Hy - dra) ſitzen. Aus dem Polypen bei c ſind zwei ſchon mit Armen verſehene Knospen entwickelt, die der Ablöſung nahe ſind.
Oft bleibt ſie in Verbindung mit dem Mut - terthier und indem die neuen Knospen nach beſtimmten Normen bald mehr bald minder regelmäßig ſich entwickeln, entſtehen jene gemeinſchaftlichen Colonieen, die wir als Polypen, Corallen, Moosthiere u. ſ. w. kennen lernen werden; oft aber auch reißen ſich die Knospen los und führen während einiger Zeit ein ſelbſtſtändiges Leben, ſo daß man wohl zwiſchen freien Knospen und zwi - ſchen bleibenden Knospen unterſcheiden muß, indem erſtere meiſtens bei feſtſitzenden Thie - ren vorkommen und zur Gründung neuer Colonieen in der Ferne beſtimmt ſind, wäh - rend Letztere die Vergrößerung des Polypen - ſtockes zur Folge haben und zu dem Ende mit dem Mutterſtocke in Verbindung bleiben. Zuweilen bilden ſich die Knospen auch in der Weiſe, daß feſtſitzende Thiere lange Ausläufer oder Ranken von ihrer Baſis ausſchicken, aus denen dann ähnlich wie aus den Aus - läufern der Erdbeerpflanze von Zeit zu Zeit durch Knospungen neue Individuen entſtehen. Manchmal ſelbſt bilden ſie ſich im Innern des Körpers und werden nach ihrer Ablöſung ausgeſtoßen.
Die höheren Thiere in allen Typen pflanzen ſich durch die ge - ſchlechtliche Zeugung fort, und dieſe iſt auch bei vielen niedern Thieren vorhanden, bei welchen außerdem noch die Vermehrung durch Knospenbildung ſtattfindet. Die geſchlechtliche Zeugung bedingt, wie ſchon in dem vorigen Briefe dargethan wurde, die Exiſtenz zweier ver - ſchiedener einander entgegengeſetzter Zeugungsſtoffe, des männlichen oder des Samens und des weiblichen oder des Eies, die meiſtens in beſonderen Geſchlechtsorganen ausgebildet werden. Beide Produkte haben durch die ganze Thierwelt ſo eigenthümliche Charaktere, daß ſie nur ſelten verkannt werden können. Das Ei aller Thiere iſt nach einem beſtimmten Plane gebaut; eine mehr oder minder körnige weiche oder flüſſige Subſtanz, deren Hauptbeſtandtheile Fett und Eiweiß ſind, der Dotter, bildet den Hauptinhalt des Ei’s und wird von einer außerordentlich zarten, nur in ſeltenen Fällen feſter werdenden, ſtrukturloſen Haut, der Dotterhaut, umſchloſſen. In dieſem Dotter liegt ein helles Bläschen, welches meiſt eine waſſerhelle Flüſſigkeit57
Eierſtocksei des Kaninchens. a Dotter haut (bei den Säugethieren ausnahms - weiſe ſehr dick); b Dotter; c Keimbläschen; d Keim - fleck.
in ſich ſchließt und welches man das Keimbläs - chen genannt hat. In dem Innern des Keim - bläschens ſelbſt findet ſich bald ein körniger Fleck, bald an deſſen Statt, eins oder mehrere außeror - dentliche kleine Bläschen, die Keimflecke. Das primitive Ei aller Thiere iſt aus dieſen verſchie - denen ineinander geſchachtelten Gebilden, dem Keimfleck, dem Keimbläschen und dem Dotter zu - ſammengeſetzt und hat ſtets eine nur mikroſkopiſche Größe. Die Eier werden in beſonderen, manch - mal ſich periodiſch entwickelnden Organen, in den Eierſtöcken gebildet. Ihre in die Augen fallende Größe erhalten ſie meiſtens durch Vermehrung des Dotters, oder durch ſpätere Umbildung verſchiedenartiger Hüllen und Schalen und des Eiweißes. Zur Bildung dieſer Letzteren entwickeln ſich eigene Hilfsorgane und Drüſen, ſo daß bei vielen Thieren die weiblichen Geſchlechtstheile einen äußerſt complicirten Bau beſitzen.
Das männliche Zeugungsprodukt, der Same, wird ebenfalls in eigenen drüſenartigen Organen ausgebildet und zeigt eine nicht minder charakteriſtiſche Zuſammenſetzung. Mit nur wenigen Ausnahmen enthält er bei allen Thieren zur Zeit der Zeugungsfähigkeit lebendig bewegte Körperchen, die man mit dem Namen der Samenthierchen oder
Saamenthierchen rerſchiedener Thiere. a. Von einem Polypen (Actinia). b. Von einer Qualle (Rhizostoma). c. Von einem Säugethier (Bär). d. Von einem Vogel (Sperling). e. Von einem Krebſe (Hummer).
Samenfäden belegte. Früher hielt man ſie, ihrer lebhaften Be - wegungen wegen, all - gemein für Thiere, die man bald den In - fuſionsthierchen, bald den Eingeweidewür - mern zuzählte. Allein alle Verſuche eine in - nere Organiſation an ihnen zu entdecken, wa - ren durchaus frucht - los. Durch genauere Unterſuchung ihrer Entſtehungsweiſe an ihrer Bildungsſtätte, dem Hoden, überzeugte man ſich, daß ſie nicht ſelbſtſtändige Thiere, ſon - dern nur Formelemente des männlichen Organismus ſeien, welche eine ähnliche Beweglichkeit beſitzen wie die Flimmer - und Wimperhaare. 58Dieſe Samenfäden haben meiſt einen mehr oder minder eiförmigen, ſcheibenartigen Körper, der zuweilen auch cylindriſch oder korkzieher - artig gedreht iſt und einen langen ſchwanzförmigen Anhang, der ſich peitſchenartig hin und her bewegt. Das Gewimmel von Tauſenden dieſer beweglichen Formelemente in einem einzigen Tropfen zeugungs - fähigen Samens iſt eins der merkwürdigſten Schauſpiele, welches man unter dem Mikroskope erblicken kann. Nur bei wenigen Thieren ſind die Formelemente vollkommen ſtarr und von äußerſt abweichender Ge - ſtalt, bei manchen aber werden ſie noch in eigenthümlichen Samen - ſchläuchen eingeſchloſſen, aus welchen ſie ſpäter hervorgetrieben werden. Auch die männlichen Geſchlechtsorgane erhalten oft eine äußerſt com - plicirte Form, indem ſich in ihrem Vereiche mannigfache Drüſen und abſondernde Gebilde entwickeln, welche die Vermehrung der Samen - maſſe bezwecken. Außerdem kommen bei den höheren Thieren, ſowohl bei dem männlichen wie weiblichen Geſchlechte, äußere Organe vor, welche zur Vereinigung beider Geſchlechter im Fortpflanzungsakte, zur Begattung dienen und oft von ſehr ſonderbaren Haft - und Haltwerk - zeugen begleitet ſind.
Beide Geſchlechter bedingen ſich wechſelſeitig, kein Ei ohne Samen und kein Samen ohne Ei. Es gibt keine Art von Thieren, die nur männlich oder nur weiblich wären. Mannigfaltige Verhältniſſe wech - ſeln aber in dieſer Beziehung ab. Bei den Einen wird das Ei auf dem Wege ſeiner Ausſtoßung aus dem Organismus nothwendig mit den männlichen Zeugungsſtoffen in Berührung gebracht, die von dem - ſelben Individuum in männlichen Organen erzeugt werden; — das Thier iſt ein wirklicher Hermaphrodit, ein Zwitter, und genügt als ein einzelnes Individuum zur Fortpflanzung der Gattung. Vielleicht dürfte ſich in ſpäteren Zeiten herausſtellen, daß dieſe Anſicht eine irrige ſei, und daß die Geſchlechter ſtets auf verſchiedene Individuen derſelben Art vertheilt ſeien; — bis jetzt aber iſt der ſichere Beweis dieſes Verhal - tens noch nicht geliefert, und wenn man auch verſucht hat, das thatſächliche gemeinſame Vorkommen von Zeugungsſtoffen beiderlei Art auf einem und demſelben Individuum dadurch zu erklären, daß man behauptete, die männlichen Zeugungsſtoffe ſeien erſt durch Begattung eingeführt, ſo iſt dieſe Behauptung dennoch weit entfernt, genügend unterſtützt zu ſein. Die meiſten hermaphroditiſchen Thiere indeſſen pflanzen ſich dennoch in der Weiſe fort, daß ſie wechſelſeitig ihre Eier befruchten.
Die Befruchtung ſelbſt geſchieht indeſſen in mannigfach ver - ſchiedener Weiſe. Bedingung für ſie iſt, daß die ſpecifiſchen Produkte der Fortpflanzungsorgane, die Samenthierchen und die Eier, mit ein -59 ander in direkte, unmittelbare Berührung kommen. Bei den einen wird dies dadurch erreicht, daß die Eier, von dem mütterlichen Orga - nismus ausgeſtoßen, außerhalb deſſelben durch den von dem männ - lichen Individuum ausgeſtoßenen Samen befruchtet werden, und zwar geſchieht dieſes ebenſowohl bei ſolchen Arten, welche an dem Boden feſtſitzen, als bei ſolchen, die ſich frei im Raume bewegen können. Selbſt unter den Thieren, welche gemeinſchaftliche Colonieen oder Stöcke bilden, kommt es nicht nur vor, daß männliche und weibliche Indi - viduen auf demſelben Stocke ſich finden, ſondern auch, daß ſämmt - liche Individuen eines Stockes nur einem einzigen Geſchlechte angehören, alſo entweder männlich oder weiblich ſind, und daß demnach die Zeu - gungsſtoffe auf’s Geradewohl dem Waſſer überlaſſen werden müſſen, in der Hoffnung, daß der Strom des flüſſigen Elementes ſie den Stöcken des andern Geſchlechtes zuführen werde. Es findet hier das ähnliche Verhältniß ſtatt, wie bei denjenigen Pflanzen, bei welchen ebenfalls männliche und weibliche Blüthen auf verſchiedenen Stämme vertheilt ſind, und wo der Wind den Blüthenſtaub den weiblichen Blumen zuführen muß.
Bei den höhern Thieren findet die Befruchtung des Eies noch innerhalb des mütterlichen Organismus ſtatt, in welchen die männ - lichen Zeugungsſtoffe durch die Begattung eingeführt werden. Wie bei denjenigen Thieren, deren Eier außerhalb der Mutter befruchtet werden, ſo löſt ſich auch hier zu gewiſſen, periodiſch wiederkehrenden Zeiten, das Ei aus ſeiner Geburtsſtätte, dem Eierſtocke los und wird nach Außen geführt. Auf ſeinem Wege trifft es die männlichen Zeu - gungsſtoffe, die entweder durch unmittelbare Begattung dem weiblichen Organismus einverleibt wurden, oder aber ſchon ſeit längerer Zeit dort verweilten. Bei vielen Thieren nämlich und beſonders bei den Inſekten exiſtirt als beſonderer Anhang der innern weiblichen Ge - ſchlechtsorgane eine Taſche oder ein Behälter, in welchem der männ - liche Same ſelbſt Jahrelang unverändert ſich erhält, ſo daß eine einzige Begattung für vielfache Perioden des Eierlegens zur Befruchtung genügend iſt. Meiſt wird das Ei nach erfolgter Befruchtung von dem mütterlichen Organismus ausgeſtoßen, zuweilen aber auch entwickelt ſich das junge Thier im Innern des mütterlichen Organismus an einer beſonderen zu den Geſchlechtsorganen gehörigen Brutſtätte, dem Uterus oder der Gebärmutter, und verläſſt dann erſt denſelben als mehr oder minder ausgebildeter Fötus. Bei den höchſten Typen des Thierreiches tritt ſogar das Junge in einen engen Zuſammenhang60 mit dem mütterlichen Organismus ſelbſt, aus deſſen Blut es diejenigen Stoffe entnimmt, welche zu dem Aufbaue ſeines Körpers nöthig ſind.
Jedes Thier durchläuft von dem Augenblicke ſeiner erſten Bil - dung an bis zu ſeinem normaler Weiſe eintretenden Tode eine Reihe von Bildungsſtufen, deren genauere Betrachtung für die Naturgeſchichte um ſo wichtiger iſt, als oft die größten Geſtaltveränderungen durch dieſelben erzeugt werden. Wir werden im Verlaufe dieſes Briefes noch die Veränderungen im Ei und die allmählige Hervorbildung des Embryo’s aus dem urſprünglich formloſen Stoffe ſchon um deßwillen genauer in’s Auge faſſen, weil wir auf dieſelben hauptſächlich die Ent - wickelung der Urtypen bauen, aus denen uns das Thierreich zuſam - mengeſetzt erſcheint. Nicht minder wichtig ſind aber die Veränderun - gen, welche die Thiere auch dann noch erleiden, nachdem ſie durch Befreiung aus den Hüllen des Eies ſelbſtſtändig geworden ſind; oft betreffen dieſe Veränderungen und Umgeſtaltungen nur das Indivi - duum, in einzelnen Fällen greifen ſie aber ſo tief, daß das Indivi - duum darüber zu Grunde geht und erſt durch erneute Fortpflanzung der Typus des Mutterthieres hergeſtellt wird.
Der Gang der ſtufenweiſen Entwickelung der Thiere geſchieht meiſt in der Weiſe, daß die Geſchlechtsreife und diejenige Periode, in welcher ſie zur Fortpflanzung fähig ſind, den Gipfelpunkt ihrer Aus - bildung bezeichnet. Bei denjenigen Thieren, in welchen periodiſch weit von einander abſtehende Epochen der Geſchlechtsäußerung vorkommen, überraſcht ſogar die höhere und kräftigere Entfaltung aller Lebenser - ſcheinungen in dieſer Periode des Geſchlechtslebens. Mit dem Schwin - den der Fortpflanzungsthätigkeit tritt meiſt auch eine allmälige Zurück - bildung der Organe ein, die dem endlichen Tode entgegenführt. Es gibt aber viele Gattungen und Arten, ja größere Abtheilungen des Thierreiches, bei welchen dieſe Zurückbildung der Organe, dieſe rück - ſchreitende Metamorphoſe, wie man ſie genannt hat, ſchon frü - her beginnt, bevor noch die Geſchlechtsreife eingetreten iſt. Dieſes findet namentlich ſtatt bei ſolchen Thieren, welche in der Jugend frei umherſchweifen, während ſie im Alter ſich feſtſetzen oder endlich als Schmarotzer in andern Thieren leben. Die Bewegungsorgane, mit welchen ſie ausgerüſtet waren, verkümmern, die Sinnesorgane ſchwin - den, und oft wird der Körper in ſo bedeutender Weiſe umgeſtaltet, daß man die erwachſenen Thiere in andere Organiſationstypen und in niederſtehende Claſſen vertheilte, während man die jüngern Thiere höheren Claſſen zuwies. Wir werden die auffallendſten Beiſpiele die -61 ſer Art, namentlich unter den Kruſtenthieren und den Eingeweide - würmern finden.
Bei vielen Thieren geſchieht die Ausbildung und Rückbildung des Körpers in ſo allmähliger Weiſe, daß es faſt unmöglich iſt, be - ſtimmte Stadien derſelben nachzuweiſen. Das Junge verläßt das Ei in einer Geſtalt, die dem alten Thiere ſchon gewiſſermaßen ähnlich iſt und nur durch die Verhältniſſe der einzelnen Theile des Körpers, oder durch die mangelnde Ausbildung untergeordneter Organe ſich unterſcheidet. So verläßt der junge Fiſch z. B. meiſt das Ei in einer Geſtalt, welche zwar dem erwachſenen Thiere ähnlich iſt, obgleich ſeine Floſſen wenig ausgebildet und die Größenverhältniſſe ſeiner Körper - theile ſo von dem Erwachſenen verſchieden ſind, daß es dem Unge - übten unmöglich iſt, Gattung und Art zu erkennen. Dennoch aber geſchieht die Umgeſtaltung der Floſſen und der Körpertheile ſo allmäh - lig, daß man keinen beſtimmten Haltpunkt erkennen kann.
Bei vielen und großen Thiergruppen findet das entgegengeſetzte Verhältniß ſtatt, ſie gehen Verwandlungen ein, welche durch beſtimmte charakteriſtiſche Epochen geſchieden ſind, meiſtens in der Art, daß in der äußeren Hülle des Thieres die neue Geſtalt ſich entwickelt und aus der geſprengten Hülle in vollendeter Form hervorgeht. Man hat dieſe, gewiſſermaßen plötzlich eintretenden Umänderungen, Metamor - phoſen oder Verwandlungen genannt und ſie beſonders in den Reihen der Gliederthiere, faſt in allgemeiner Verbreitung angetroffen. Zuweilen geſchieht es, daß das Thier während einer ganzen Ent - wickelungsperiode, ohne Nahrung zu finden, in ruhendem Zuſtande verharrt, während welcher Zeit die innern Veränderungen vor ſich gehen; in anderen Gruppen nimmt das Thier beſtändig Nahrung zu ſich, während es in ähnlicher Weiſe ſucceſſive Veränderungsperioden eingeht. Die Form, in welcher das Thier das Ei verläßt, wird die Larve, Raupe, Made (Larva), die zweite Verwandlungsſtufe die Puppe (Pupa, Nympha), die dritte das Bild (Imago) genannt. Raupe, Puppe und Schmetterling ſind die bekannteſten Beiſpiele ſolcher Verwand -
lungsſtufen eines und deſſelben Individuums.
Eine abweichende Art der Metamorphoſe kommt bei nie - drig ſtehenden Gruppen ein -62
Larve, Puppe und Bild des Schwalben - ſchwanzes (Papilio Machaon Linné.)
zelner Organiſationstypen vor. Das aus dem Ei hervorgebil - dete Individuum wird zu kei - ner Zeit dem Mutterthiere ähnlich, es entwickelt vielmehr in ſeinem Inneren, entweder gleichzeitig oder nach einan - der eine Reihe von Keimen, die ſich zu neuen Weſen ge - ſtalten und dabei oftmals wäh - rend ihrer allmähligen Aus - bildung bis zu dem Typus des Mutterthieres ähnliche Ver - wandlungen eingehen, wie die, welche wir ſo eben betrachteten. Zuweilen ſelbſt ſcheint dieſer Prozeß des Untergangs des Individuums und der Erzeugung neuer Keime aus demſelben ſich mehrfach zu wiederholen, ſelbſt in der Weiſe, daß man innerhalb des entſtehenden Tochterthieres das noch im Leibe der Mutter einge - ſchloſſen iſt, das Enkelthier ſich bilden ſieht. Man hat dieſe ſeltſame Weiſe der Fortpflanzung, den Generationswechſel oder die Am - menzeugung genannt und mit dem Namen Ammen, diejenigen ge - ſchlechtloſen Zwiſchenſtufen bezeichnet, aus welchen durch innere oder äußere Knospen die Individuen hervorgehen. Eines der complicirte - ſten Beiſpiele dieſer Art, welches man bis jetzt kennt, möge als Bei - ſpiel dieſer Ammenzeugung dienen. Ein Eingeweidewurm, Monosto - mum mutabile erzeugt Eier, in deren Innern ein mit Flimmern
Ammenzeugung des Monostomum mutabile. Fig. 24 das Ei, Fig. 25 die freie Großamme, Fig. 26 die freie Amme. a Eihülle, b Großamme, c Amme, d Augenpunkte.
beſetzter Embryo entſteht. Dieſer Embryo, den man die Groß - amme nennen könnte, und der niemals dem Mo - noſtomum ähn - lich wird, geht zu Grunde. Die Großamme be - wegt ſich durch einen Beſatz von63 Wimperhaaren ſchwimmend umher und gleicht ganz einem freien Thiere, welches ſogar ein deutliches Verdauungsorgan und Augenpunkte be - ſitzt. In dem hintern Theile dieſer Großamme bildet ſich nun auf dem Wege der Knoſpung ein Ammenſchlauch (c) von hinten dreizipflicher Geſtalt, in dem ſich, wieder auf dem Wege der Knoſpung, eine Menge eigenthümlicher Thiere, ſogenannte Cercarien, erzeugen, welche, ſobald ſie ihre vollſtändige Ausbildung erreicht haben, aus der Amme her - vorbrechen und frei im Waſſer einherſchwimmen. Aber dieſe Cerca - rien ſind nur Larven, welche dazu beſtimmt ſind, ſich in Inſekten ein - zubohren und dort förmlich ſich einzupuppen, alſo ganz in ähnlicher Weiſe ſich zu verwandeln, wie die Raupe in die Puppe; erſt aus der Puppe der Cercarie geht wieder ein Monoſtomum hervor. Man ſieht, daß hier zwei Generationen, diejenige der Großamme und der Amme, zu Grunde gehen, bis endlich diejenigen Individuen erzeugt werden, welche durch eine eigenthümliche Verwandlung den Typus des Mut - terthieres erreichen, und daß demnach bei dieſen und ähnlichen Weiſen der Fortpflanzung nicht die unmittelbaren Nachkommen, ſondern erſt die mittelbaren jene Charaktere der Art wieder zeigen, welche die El - tern beſaßen.
Nicht minder bedeutend für die Geſammt-Anſchauung des Thier - reichs und namentlich für die Begründung der größeren Kreiſe, in welche ſich daſſelbe eintheilt, iſt die genauere Betrachtung der Art und Weiſe, wie ſich der Thierleib aus ſeinem Keime hervorbildet und in ſeinen erſten Formgeſtaltungen ſich verhält. Wie bei dem Bildhauer der formloſe Stein nur nach und nach der vollendeten Statue ſich entgegenbildet, anfangs nur die gröberen Umriſſe der Gruppen und Geſtalten, ſpäter erſt die Einzelnheiten der Form ſich darſtellen, ſo tre - ten auch bei der Entwicklung der Thiere zuerſt die allgemeinen Grund - linien des Planes hervor, nach welchen es gebaut iſt, und erſt bei fortgeſetzter Differenzirung laſſen ſich die Einzelheiten der Geſtaltung erkennen. Die Betrachtung der erſten Entwicklungszuſtände gibt am leichteſten und klarſten die leitenden Grundſätze an die Hand, nach welchen die größeren Kreiſe und Gruppen des Thierreiches geſchieden werden können, indem ſie dieſe Grundſätze unmittelbar aus der Beob - achtung ohne weiteren Zwang hervorgehen läßt.
Ueberblickt man das Thierreich in ſeiner Geſammtheit, ſo ergeben ſich, je nach der Bildung der jungen Thiere, drei große Gruppen oder Provinzen, die ſich wieder in mannigfache Unterabtheilungen zerlegen. 64Bei den niederſten Thieren, den Urthieren oder Protozoen, exiſtirt
Verſchiedene Infuſorien.
durchaus keine geſchlechtliche Zeugung, keine Bildung eines wahren Eies, welches durch Befruchtung erſt die Fähigkeit erhält, ſich zu einem ſelbſtſtän - digen Thiere zu entwickeln. Der Charakter ihres geſamm - ten Körperbaues entſpricht dem der Zelle, ihre Körperſubſtanz iſt we - ſentlich die oben erwähnte Sarkode; der Körper ſelbſt hat eine mehr oder minder rundliche Geſtalt, in welcher keine beſtimmte regelmäßige Gruppirung von Organen wahrgenommen werden kann. Die jungen Thiere entwickeln ſich in ähnlicher Weiſe wie die primitiven Zellen, meiſtens durch Theilung des Mutterthieres und ſelbſtſtändige Ent - wickelung eines jeden einzelnen Theiles, oder durch Knoſpung oder Erzeugung ſelbſtſtändig belebter Sproſſen aus dem Inneren des Körpers. Uebereinſtimmend mit dieſer Entwickelung iſt auch bei dem einfachen Bau der niederſten Thiere ihre Unterſcheidung von den Pflanzen um ſo ſchwieriger, je mehr ſie den Charakter einer einfachen Zelle bei - behalten.
Alle übrigen Thiere pflanzen ſich durch geſchlechtliche Zeugung, durch wirkliche Eier, wirkliche Embryonen fort, obgleich andere Arten der Fortpflanzung wie Knoſpung, Sproſſung etc. durch dieſe geſchlecht - liche Funktion nicht ausgeſchloſſen ſind. Aber hier laſſen ſich wieder zwei große Gruppen oder Provinzen unterſcheiden. In der einen Provinz verwandelt ſich das ganze Ei, der geſammte Dotter durch allmählige Umbildung in das junge Thier; nirgends zeigt ſich ein Gegenſatz zwiſchen dem werdenden Thiere und einem Theile des Dot - ters. Die Anlagerung verſchiedener Organe aber bedingt bemerkens - werthe Unterſchiede in dieſer Provinz und dadurch eine weitere Ein - theilung in beſchränktere Kreiſe. Bei dem Kreiſe der Strahlthiere (Radiata) lagern ſich die Organe in gleichnamiger Wiederholung ſtrahlenförmig um eine Axe, welche hauptſächlich durch den Mund bezeichnet wird, ſo daß der Körper in eine gewiſſe Anzahl von Seg - menten zerfällt, welche dieſelbe Zuſammenſetzung haben, und die ein - zeln vorkommenden Organe (Mund, Darm etc.) in dieſer Axe ſelbſt liegen. Die Entwickelung um dieſe Axe geht gleichmäßig in allen Organen vor ſich und wiederholt ſich nach den einzelnen Strahlen - richtungen hin in gleichmäßiger Weiſe. Die Korallen, die Scheiben - quallen, die Seeſterne können als Typen dieſer Bildungsweiſe dienen. 65
Seeſtern. (Asterias.)
Sie entſtehen alle aus Embryonen, welche in ihrem erſten Bil - dungszuſtande gewiſ - ſen Infuſorien äu - ßerſt ähnlich ſehen, bei denen aber als - bald, in Folge der Ausbildung ihrer de - finitiven Organe, der ſtrahlige Charakter und die Zuſammen - ſetzung aus ver - ſchiedenen gleichbe - deutenden Segmenten auf das deutlichſte hervortritt.
Bei einer andern großen Gruppe, bei dem Kreiſe der Würmer
Ein Ringelwurm (Nereis.)
(Vermes), wandelt ſich ebenfalls das ganze Ei zu einem infuſorienartigen Embryo um. Al - lein ſehr bald tritt hier ſtatt einer ſtrahlenförmigen Segmentation eine Tendenz zur bilateralen Lagerung der Organe her - vor, die von der vorigen gänzlich verſchieden iſt. Es bildet ſich nämlich ſtatt einer Axe eine Mittelebene aus, welche ſenkrecht den Körper durch - ſchneidet und ſomit ein Rechts und Links erkennen läßt. Dieſe ſenk - rechte, durch die Mittellinie gelegte Ebene theilt den Körper in zwei ſymmetriſche Hälften, welche dieſelben Organe in gleicher relativer La - gerung enthalten, und durchſchneidet die einfach vorhandenen Organe, die ſtets in der Mitte liegen, in zwei gleichnamige Hälften. Die Ent - wicklung dieſer ſymmetriſchen Lagerung aus der vorher mehr oder min - der kugeligen Form des Embryo’s geſchieht hauptſächlich durch Streckung des Leibes mit welcher bei den höhern Formen der Würmer zu - gleich eine quere Gliederung verbunden iſt. Die gleichnamigen Organe wiederholen ſich dann, entſprechend dieſen queren Gliedern, die man auch Zoniten genannt hat, und bei den höchſten Typen derVogt. Zoologiſche Briefe, I. 566Claſſe tritt eine mehr oder minder deutliche Sonderung des Vorder - endes, ein wahrer Kopf hervor. Die hauptſächlichſten Knoten des Nervenſyſtemes, die weſentlichſten Sinnesorgane, die am Anfange des Verdauungskanales angebrachten Freßwerkzeuge ſind in dieſem Kopfe vereinigt, während in den nachfolgenden Ringen die einzelnen Organe oft ganz in derſelben Form und Zuſammenſetzung ſich gleichförmig wiederholen. Man gewahrt alſo hier ſchon eine doppelte Richtung der Entfaltung, einestheils in der Lagerung der ſymmetriſch ausgebildeten Organe zu beiden Seiten der Mittellinie und andererſeits in der gleich - namigen Wiederholung mehrerer Körperringe von vorn nach hinten; — beides Richtungen, wodurch ſich dieſer Kreis zunächſt an denjenigen der Gliederthiere anſchließt.
Ein dritter Kreis, derjenige der Weichthiere (Mollusca) bildet ſich ebenfalls aus Embryonen hervor, die durch Umbildung des gan - zen Eies entſtehen. Der Typus indeſſen, nach welchem dieſe Thiere ſich hervorbilden, iſt ſchon mannichfaltiger, die Anlagerung der Organe, weder dem ſtrahligen noch auch ganz dem bilateralen Typus entſpre -
Seeſcheiden.
chend. In den untern Formen der Weich - thiere, bei den Molluskoiden, läßt ſich zwar bei den höher ſtehenden Familien eine Axe mit radiärer Anordnung der Organe, oder eine Mittelebene mit ſymmetriſcher Anlagerung der einzelnen Körpertheile erkennen, nicht aber bei den meiſten See - ſcheiden, die vollkommen regellos ſind. Bei den eigentlichen Mollusken kommt zwar allerdings ſymmetriſche Anordnung vor, aber doch ſtets nur in ge - ringerem Maße entwickelt und durch weſentliche Ausnahmen verwiſcht. Häufig ſelbſt iſt dieſe Mittelebene nicht mehr grade, ſondern wie bei den Schnecken ſpiralig aufgewunden und die äußern Organe zu bei -
Teichhornſchnecke.
den Seiten dieſer Spiralebene angebracht. Die innern Or - gane und beſonders diejeni - gen, welche der Fortpflan - zung angehören, zeigen dieſe ſymmetriſche Anordnung faſt niemals und laſſen ſo auch in den höchſten Typen der Claſſe jenen Mangel an Symmetrie, der in den unteren ſo ſcharf67 hervortritt, deutlich wahrnehmen. Man bemerkt niemals eine Abthei - lung bes Körpers von vorn nach hinten in gleichnamige Körperringe, wie bei den Würmern, wenn auch eine ſolche Anhäufung der weſent - lichſten Sinnes - und Freßwerkzeuge, ſowie der hauptſächlichſten Ner - venknoten in einem mehr oder minder abgetrennten Theile, einem Kopfe, bei den höhern Formen ſich vorfindet.
Die dritte Provinz des Thierreiches, welche in ihrer höchſten Vollendung das ausgebildetſte Thier, den Menſchen hervorbringt, zeich - net ſich dadurch aus, daß der Embryo nur aus einem Theile des Eies hervorgeht, und daß von vorne herein, mit dem erſten Momente der Keimanlage des werdenden Thieres, ein Gegenſatz zwiſchen dem Embryo einerſeits und dem ganz oder theilweiſe zu der Bildung des Embryo’s zu verwendenden Dotter andererſeits hervortritt. Dieſer Gegenſatz verſchwindet nach und nach dadurch, daß der Dottertheil entweder ganz zur Bildung des Embryo’s verwendet oder theilweiſe von demſelben abgeſchieden wird. Die embryonale Bildung aller Thiere aber, welche zu dieſer Provinz gehören, ſtimmt darin überein, daß ſie von einem begrenzten Mittelpunkte ausgeht und nicht wie bei der vorigen großen Gruppe das ganze Ei zugleich in Anſpruch nimmt. Indeſſen zeigen ſich auch hier die weſentlichſten Verſchiedenheiten, je nachdem man dieſe oder jene Gruppe ſpecieller in’s Auge faßt.
Bei dem Kreiſe der Kopffüßler (Cephalopoda), die man
Loligopsis Veranyi.
bis jetzt noch allgemein zu den Weich - thieren rechnete, von denſelben aber wohl unterſcheiden muß, geht die Entwickelung des Embryo’s in der Weiſe von einer beſtimmten Stelle des Eies aus, daß der ab - geſchnürte Dottertheil zuletzt in der Axe des Körpers dem vordern Ende derſelben, dem Kopfe, vorliegt. Der Kopffüßler umfaßt mit ſeinen im Kranze geſtellten Bewegungsor - ganen den Dotter, der ſeinem Hinterleibe gegenüber liegt, und ſchon durch dieſe La - gerung entwickelt ſich eine gewiſſe Ten - denz zur Gruppirung der Organe um eine Axe, welche indeß, trotz der äußern un - ſymmetriſchen Form des Thieres durch eine ſehr ſymmetriſche Anlagerung der Organe5*68
Embryo eines Kopffüßlers (Sepia. ) a Der Dotter, b die Fangarme, c die Au - gen, d der Körper, e die Schwimmfloſſen.
im Innern bedeutend überwogen wird. In der That erſcheinen bei allen Kopffüßlern Nervenſyſtem und Sinnesorgane, Gefäßſyſtem und Athemorgane nach ſtreng ſymmetriſchem Plane gebaut und die Abwei - chung in der Anordnung der übrigen Syſteme nicht bedeutender, als ſie auch bei andern bilateralen Thie - ren vorkommt. Niemals aber tritt bei den Kopffüß - lern eine quere Theilung des Körpers in Ringe auf, und auch die Abgrenzung eines Kopfes von dem übrigen Körper erſcheint nicht immer ganz deutlich.
Bei dem zweiten und größten Kreiſe dieſer Ab - theilung, welcher eine Unzahl von Thieren einſchließt, bei den Gliederthieren (Articulata) ſetzen ſich Embryo und Dotter in der Weiſe gegenüber, daß der Embryo ſeine Rückenſeite dem Dotter zuwendet und dieſe erſt zuletzt ſich zur Bildung des vollſtändigen Organismus ſchließt. Der Embryo entfaltet ſeine Organe in entſpre -
Embryo des Fluß-Krebſes. Fig. 34 zeigt den Embryo in ſeiner zuſammengekugelten Lage im Ei, Fig. 35 denſelben entwickelt. a Der Dotter, c das Auge, d die Beine, e der Hinterleib (Schwanz), f das Herz.
chender Weiſe, wie die Würmer, zu bei - den Seiten einer Mit - tellinie, ſo daß bei dem vollendeten Thiere ein ſtreng ſymmetri - ſcher Bau beider Kör - perhälften vorhanden iſt, während zugleich eine Gliederung des Körpers von hinten nach vorn eintritt. Das Reſultat dieſer neuen Richtung in - deſſen iſt nicht die Hervorbringung gleichartiger Ringe, in welchen die einzelnen Organe ſich in ähnlicher Form wiederholen, wie bei den Würmern, ſondern vielmehr die Entwickelung gewiſſer geringelten Kör - pergruppen, die wir mit dem Namen Kopf, Bruſt und Bauch unter - ſcheiden, und die in jeder Beziehung ſehr unter ſich verſchieden ſind.
Bei dem dritten und höchſten Kreiſe dieſer Abtheilung endlich, bei den Wirbelthieren (Vertebrata), findet man dieſelbe ſymmetriſche Anlage, dieſelbe Tendenz der Theilung des Körpers in drei große Abtheilungen, Kopf, Bruſt und Bauch, aber eine gänzlich verſchiedene69 relative Lagerung der Organe, welche dadurch bedingt iſt, daß der
Embryo eines Fiſches (Coregonus). a. Der Dotter, über welchen der junge Fiſch mit der Bauchfläche hergebogen iſt; b Fettblaſen im Dotter; c Hof der Blutbildung; def Theile des Gehirns; g Ohrbläschen; h Auge; i Wirbelſaite mit den Wirbelabtheilungen; k After; l Darm; m Niere; n Schwanz; o Herz; p Anlage der Bruſtfloſſe.
Embryo mit ſeiner Bauch - fläche dem Dotter gegenüber liegt und ſich von der Mit - tellinie des Rückens aus ent - wickelt, während die Bauch - linie ſich in letzter Inſtanz abſchließt. Es iſt daher hier vollkommen der Gegenſatz zu den Gliederthieren ausgebil - det, und da die relative Her - ſtellung der einzelnen Haupt - ſyſteme des Körpers von der Peripherie des Embryos die - ſelbe bleibt, ſo folgt daraus jener merkwürdige Gegenſatz in der Lagerung der Haupt - organe, wonach bei den Gliederthieren das Herz auf dem Rücken, die Verdauungs - organe in der Mitte, das Centralnervenſyſtem auf der Bauchfläche liegt, während bei den Wirbelthieren das Herz die Bauchfläche, das Nervenſyſtem die Rückenfläche einnimmt.
Halten wir die eben angeführten Unterſchiede, die wir ſpäter aus - führlicher darſtellen werden, feſt, ſo bildet ſich folgendes Syſtem der Eintheilung, dem wir auch jetzt ſchon die Klaſſen beifügen, um eine vorläufige Ueberſicht zu gewähren.
70Die verſchiedenen Schichten der Erde bergen in ihrem Innern einen großen Reichthum von Ueberreſten zu Grunde gegangener Thiere, welche früher die Oberfläche der Erde bevölkerten. Anfangs nur Ge - genſtände des Staunens oder der Neugierde, feſſelten dieſe verſteinerten Reſte doch ſpäter die ungetheilte Aufmerkſamkeit vieler Forſcher, und je mehr man ſich mit ihnen beſchäftigte, deſto wichtiger erſchien ihre Vergleichung mit den Thierformen der Jetztwelt, ſowie die genaue Beſtimmung ihres Fundortes und der Schicht, in welcher ſie einge - ſchloſſen waren. Man erkannte, daß die Verſteinerungen, wenn ſie oft auch noch ſo abweichend geſtaltet waren, dennoch den Plan ver - vollſtändigten, welchen die jetzige Schöpfung uns vor Augen ſtellt; daß ſie gleichſam die Lücken ausfüllten, welche in der Geſammtheit des Bil - des vorhanden waren, und weſentlich zur Erläuterung mancher iſolirten Erſcheinungen dienten, deren Anknüpfungspunkte man vergebens in der Jetztwelt ſuchte. Die Unterſuchung der Verſteinerungen wurde bei der Mangelhaftigkeit der Reſte, die uns geblieben ſind, ein wahrer Prüfſtein für die Genauigkeit unſerer Kenntniſſe. Lebende und foſſile Thiere bildeten gleichſam eine Doppelkontrole für die Fortſchritte der Wiſſenſchaft im Allgemeinen, denn zur Erkennung der oft unſcheinba - ren Reſte und loſen Theile (Knochen, Zähne etc.) bedurfte es der ge - naueſten Kenntniß und der minutiöſeſten Vergleichung mit den analogen Theilen lebender Thiere, wodurch die Unterſuchung dieſer letzteren weſentlich gefördert wurde.
Für die Geologie hatten die Verſteinerungen inſofern einen unge - mein großen Werth, als ſie zur genaueren Beſtimmung der Schichten dienten, in welchen ſie ſich vorfanden. Man hatte bald bemerkt, daß gewiſſe leicht kenntliche Verſteinerungen ſich überall wieder fan - den, wo dieſelbe Geſteinsſchichte wiederkehrte, und man fand, daß dieſe Foſſilien für den Geologen etwa denſelben Nutzen hatten, wie für den Geſchichtsforſcher die Münzen, welche er aus dem Schutte verſunkener Städte hervorgräbt, daß ſie gleichſam Erkennungsmedaillen waren für die Zeitperioden, in welcher die Schicht ſich bildete. Mehr und mehr geſtalteten ſich bei fortdauernder Unterſuchung die Kenntniſſe über die Einſchlüſſe der Schichten. Man verglich die Verſteinerungen, dieſe Münzen einer großen telluriſchen Geſchichtsperiode unter ſich ſelbſt72 und mit denen anderer Perioden; man ſuchte ſo näher zu ergründen, wie das Leben überhaupt ſich in jenen Zeiten geſtaltet und in welcher Weiſe es bis zu ſeinem jetzigen Ziele fortgeſchritten ſei. So gewann man nach und nach eine Reihe einzelner Bilder, beſtimmte abgegränzte Epochen in aufeinanderfolgender Reihe zeigend, jedes folgende verſchie - den von dem vorhergehenden, vollſtändiger in ſeiner Ausführung, reicher in ſeinen Einzelnheiten; — Bilder, die ſich endlich in harmo - niſcher Uebereinſtimmung mit der jetzigen Schöpfung zu einem gemein - ſamen Ganzen gruppiren. Es ergab ſich aber daraus auch die Noth - wendigkeit, untergegangene und beſtehende Schöpfung nicht wie früher getrennt von einander zu halten, ſondern im Gegentheile bei der Be - trachtung der Lebensformen mit einander zu verſchmelzen und als un - zertrennbares Ganze zu betrachten. Unſere Kenntniß der Verſteine - rungen iſt jetzt wenigſtens ſo weit fortgeſchritten, daß wir zu den meiſten foſſilen Formen Anhaltspunkte kennen gelernt haben, welche uns erlauben, ihre wahrſcheinliche Lebensart und ihre Beziehungen zu der Umgebung zu erſchließen. Wir haben deßhalb in den folgenden Darſtellungen die Todten den Lebenden ganz gleich geſtellt und beiden daſſelbe Recht zu erhalten geſucht, indem es uns unmöglich ſcheint, eine klare Einſicht in die Entwickelung des Thierreiches überhaupt zu gewinnen, wenn man nicht die vergangenen Generationen zu Hülfe nimmt. Bei der ſpeciellen Betrachtung der einzelnen Formen, ſowie bei der Claſſification ſind deßhalb überall die Verſteinerungen an der ihnen zukommenden Stelle des Syſtemes eingereiht und von allen Klaſſen, Ord - nungen und Familien iſt in kurzen Zügen die telluriſche Geſchichte angegeben.
Die Perioden der Erdgeſchichte, als deren Ausdruck ſtets die ſie belebenden Schöpfungen dienen, ſind mannigfaltig in ihrer Aufeinan - derfolge. Es exiſtiren indeſſen einzelne größere Gruppen, welche man be - ſonders feſthalten und ſcharf charakteriſiren kann. Es erſcheint nöthig, dieſelben kurz zu erwähnen, da wir bei jeder einzelnen Familie auf die Zeit zurückgehen werden, wo dieſelbe ihren Urſprung nahm.
Als älteſte Belebungsperiode der Erde kennen wir die Ueber - gangsgebilde, die man beſonders zu beiden Seiten des Rhein’s, in Rußland, Schweden, England, in der Bretagne und in Nordamerika reich entwickelt findet. Grauwacke, Schiefer, ſchwärzliche Kalke und dunkle Sandſteine ſetzen vorzüglich die Schichten zuſammen, in welchen man die Verſteinerungen antrifft. Dieſe finden ſich oft in ungeheuren Mengen, wenn auch nicht immer ſo wohl erhalten, daß bei ihrer ab - weichenden Form eine genaue Ermittelung ihrer Natur möglich wäre. Die Unterſuchung der Verſteinerungen der Uebergangsgebilde, unter73 welchen man noch beſonders zwei Gruppen, das ſiluriſche als untere und das devoniſche Syſtem als aufliegende Gruppe unter - ſchieden hat, iſt beſonders in neuerer Zeit ungemein fruchtbringend ge - weſen und verdient auch um deßwillen beſondere Berückſichtigung, weil hier die Anfangstypen des ganzen Thierlebens ſich unſern Blicken darbieten. Von großer Wichtigkeit iſt es daher zu ſehen, daß alle jene Grundtypen der Kreiſe, welche wir in dem Thierreiche unterſcheiden, ſchon im Beginn re - präſentirt ſind, wenn auch hauptſächlich nur in ihren niederen Formen.
Ueber den Uebergangsgebilden, wohl von ihnen unterſchieden und eine durchaus andere Schöpfung bietend, ſehen wir die Steinkohlen - gebilde mit einer ungemein reichen Entwickelung der Vegetation, deren Ueberreſte uns jetzt die Steinkohlen liefern. Auch hier findet ſich eine große Anzahl thieriſcher Verſteinerungen, beſonders in dem die Steinkohlen begleitenden Kohlenkalke; wie es denn überhaupt all - gemeines Geſetz iſt, daß thieriſche Verſteinerungen vorzugsweiſe in kalkigen Schichten, pflanzliche dagegen in kieſelig ſandigen Schichten ſich vorfinden. Die Kohlenformation kommt hauptſächlich in einzelnen Becken vor, welche bald Meeresufer, bald aber auch weit ausge - dehnte Binnenſümpfe geweſen ſein mögen, an welchen die üppigen Wälder der Kohlenzeit gediehen. Auch in der Kohlenzeit ſind von Wirbelthieren nur noch Fiſche vorhanden, und man hat deßhalb die Uebergangsgebilde und das Kohlengebirge zuſammen wohl auch als das Reich der Fiſche bezeichnet.
Auf dem Kohlengebirge lagern vielfache Schichten, welche man, der vorwiegenden Ausbildung der Reptilien wegen, auch als Reich der Reptilien bezeichnet hat. Das Kupferſchiefergebirge oder das permiſche Syſtem, das Salzgebirge oder die Trias, der Jura und die Kreide bilden die vier Gruppen, welche man in die - ſer Periode unterſchieden hat. In dem triaſiſchen Syſtem, wel - ches namentlich zu beiden Seiten des Oberrheines und in Mittel - deutſchland als bunter Sandſtein, Muſchelkalk und Keuper ausgebildet iſt, ſind es beſonders die Schichten des Muſchelkalkes, welche eine reiche Ausbeute in Verſteinerungen liefern und ganz beſonders hin - ſichtlich der Ausbildung der Gliederthiere und namentlich der Krebſe wichtig erſcheinen. Die Kalk - und Mergelſchichten des Jura, durch ihre Korallenriffe ausgezeichnet, bilden einen nicht minder eigenthüm - lichen Abſchnitt in der Erdgeſchichte, indem im Jura beſonders die Ausbildung der Reptilien ihren Höhepunkt erreicht. Die gewaltigen Bogen, welche von dem juraſſiſchen Gebirge in Nord - und Süddeutſch - land, in der Schweiz, Frankreich und England angelagert ſind und74 die meiſt treffliche Erhaltung der Verſteinerungen in den mergelichen Lagen derſelben machten den Jura von jeher zu einem vortrefflichen Ausgangspunkte für die Forſchung über Verſteinerungen. Man hat bei ihm viele einzelne Schichten unterſchieden und jedenfalls ſo viel feſtgeſtellt, daß in ihm wenigſtens drei verſchiedene vollkommen ſelbſt - ſtändige Epochen vorkommen, die man in Deutſchland als Lias oder ſchwarzer Jura, mit Oolith oder brauner Jura, Korallen - kalk oder weißer Jura unterſchieden hat. In der Kreide, welche beſonders durch die maſſenhafte Entwickelung der Rhizopoden ausge - zeichnet iſt, unterſcheidet man ebenfalls mehrere Schichten und zwar namentlich: das Néocomien, den Grünſand, die untere chlori - tiſche Kreide und die obere weiße Kreide, welche beſonders in Norddeutſchland, Nordfrankreich und Südengland entwickelt iſt, wäh - rend die unteren Schichten der Kreide vorzüglich in der Umgegend des Mittelmeeres, in den Pyrenäen und Apenninen ſich ausgebildet zeigen.
Die ſogenannten Tertiärgebilde, welche in unſere jetzige Schöpfung gewiſſermaßen allmählig übergehen und mit ihr zuſammen als Reich der Säugethiere bezeichnet werden können, bilden den Schluß - ſtein für die Entwicklung der Erdgeſchichte. Sie ſind in einzelnen Becken abgelagert, die zerſtreut auf der ganzen Erde vorkommen und ſchon den Einfluß der Climate erkennen laſſen. Man unterſcheidet bei ihnen untere, mittlere und obere Tertiärgebilde (Eocen, Miocen, Pliocen) ſo wie die Diluvialgebilde. Da in der Tertiärzeit die Anfangstypen der Säugethiere auftreten, ſo erſcheinen die Verſteine - rungen derſelben beſonders für die Betrachtung dieſer Klaſſe von un - gemeiner Wichtigkeit.
Die einzelnen Perioden, welche wir in aufſteigender Reihenfolge als Uebergangsgebirge, Kohlengebirge, permiſches Syſtem, Trias, Jura, Kreide, Tertiärgebilde, Diluvium und heutige Schöpfung kennen lernten und in welchen noch einzelne, nicht minder unabhängige Le - bensepochen unterſchieden werden können, dieſe Perioden, ſage ich, wurden von einzelnen mächtigen Revolutionen unterbrochen, welche die beſtehenden Lebensformen durchaus vernichteten und nach deren Vorübergehen neue Gattungen und Arten an die Stelle der frü - her Vorhandenen traten. Es dauert freilich über dieſe Annahme noch ein mit Heftigkeit geführter Streit unter den Geologen fort, indem die Gegner keine ſprungweiſe Entwickelungen durch Revolutionen, ſon - dern nur eine allmählige Ausbildung und Umwandlung der einzelnen Arten anerkennen wollen. Es wäre unmöglich, hier auf die Entwick - lung dieſer Streitigkeiten einzugehen, welche einem andern Zweige der75 Wiſſenſchaft angehören; — doch können wir nicht umhin, den Grund der verſchiedenen Anſichten anzugeben, da dieſer in das Bereich der Zoologie gehört. Es handelt ſich hierbei weſentlich um die genaue Beſtimmung und Abgrenzung der einzelnen Arten, welche ſich in benachbarten Schichten vorfinden, und um die ſpecielle Beſtimmung der Grenzen, innerhalb welcher die Charaktere der Arten variiren können. Wir führten ſchon früher an, daß hier ein Zwiſt vorhanden ſei, der vielleicht niemals endgültig entſchieden werden könne, da uns der einzig ſichere Maßſtab für die unzweifelhafte Feſtſtellung der Art, die Herſtammung von gleichgebildeten Körpern bei den Ver - ſteinerungen durchaus abgeht. Für uns iſt der Streit entſchieden, denn es mag höchſtens 1 / 10000 Theil der bekannten Arten ſein, von welchen man behauptet, daß ſie mehr oder weniger modificirt eine Revolution überſtanden und von einer Formation in die andere übergegangen ſeien. Und auch dieſe Arten gehören meiſtens zu ſolchen Gattungen, bei welchen die Artcharaktere äußerſt ſchwierig zu umſchreiben ſind, und wo ſelbſt über die lebenden Arten viele Zweifel obwalten. Wenn es alſo auch von den wenigen Arten, die jetzt noch zweifelhaft ſind, nach - gewieſen werden ſollte, daß ſie wirklich aus einer Schöpfung in die andere übergehen, ſo bleibt dennoch für die ungeheure Mehrzahl der Arten jetzt ſchon der Satz unbeſtreitbar richtig, daß ſie durch Revolutionen vernichtet wurden, um einer anderen Schöpfungsperiode und deren Erzeugniſſen Platz zu machen.
Da bei den Verſteinerungen nur die feſteren Theile, Schalen und Knochen, uns erhalten ſind, dieſe aber bei vielen Thieren nur ſehr unweſentliche Beſtandtheile des Körpers ausmachen, bei andern ganz fehlen, ſo darf man ſich über die Unvollſtändigkeit unſerer Kenntniß der Verſteinerungen einerſeits, ſowie über die Schwierigkeit der Be - ſtimmung andererſeits nicht wundern. Von ganzen Claſſen weicher, gallertartiger Thiere, die wahrſcheinlich in den älteren Zeiten unſeres Erdballes wimmelten, iſt uns keine Spur übrig geblieben; nur unbe - ſtimmte vage Eindrücke deuten auf ihre Exiſtenz hin. Bei den Frag - menten anderer bedurfte es oft jahrlanger, mühſeliger Unterſuchungen, nur um die Klaſſe oder Ordnung zu bezeichnen, zu welcher das Thier gehört haben mochte, von dem uns der räthſelhafte Reſt blieb. Nur die genaueſten Vergleichungen und die ſtrengſte Aufmerkſamkeit auf die geringfügigſten Unterſchiede, kann in ſolchen Fällen ſichere Auf - ſchlüſſe geben. Und dieſe Methode, ſo ſchwierig und zeitraubend ſie auch iſt, bleibt dennoch die einzige, welche zum Ziele führen kann!
Betrachten wir die Entwicklung der einzelnen Typen des Thier -76 reiches durch die Erdgeſchichte hindurch, ſo zeigt ſich zuerſt in ihrem allgemeinen Verhalten eine merkwürdige Verſchiedenheit. Wir können behaupten, daß von allen Kreiſen, in welche wir das Thierreich ein - theilten, Repräſentanten in den älteſten Schichten vorhanden ſind. Al - lein das Verhältniß dieſer Repräſentanten iſt ein eigenthümliches. Es gibt ganze Ordnungen, vielleicht ſelbſt Klaſſen bei näherer Kenntniß, welche maſſenhaft mit vielen Familien, Gattungen, Arten und Indivi - duen plötzlich in den älteſten Schichten auftreten und deren Mannig - faltigkeit mit der Annäherung an unſere Epoche ſtets mehr und mehr abnimmt, bis ſie endlich, bald früher, bald ſpäter gänzlich verſchwin - den, oder in unſerer jetzigen Schöpfung nur einzelne wenige Reprä - ſentanten zählen, gleichſam verlorne Poſten, welche rückwärts hindeu - ten, auf das Heer, welches ihnen vorangegangen iſt. So iſt jener merkwürdige Typus der Trilobiten, dieſer ſeltſamen Krebſe, welche die älteren Meere bevölkerten, durchaus verſchwunden, und vergebens hat man in der jetzigen Schöpfung ihre näheren Verwandten geſucht. So hat jene gewaltige Ordnung der Ganoiden, welche einſt einzig die Klaſſe der Fiſche repräſentirten, in unſerer jetzigen Schöpfung nur vereinzelte Angehörige, die man früher kaum beachtete und wohl oder übel anderwärts anzureihen ſuchte. Aehnliches findet Statt bei den Armmuſcheln (Brachiopoda), den Ammoniten u. ſ. w. Das ſel - tene Vorkommen einzelner ſonderbarer Typen in unſerer Schöpfung, die vereinzelt daſtehen, nirgendshin paſſen wollen und doch zu wenig zahlreich erſcheinen, um die Aufſtellung beſonderer Ordnungen oder Familien zu motiviren, iſt ſchon häufig durch dieſen Zuſammenhang mit den Verſteinerungen aufgeklärt worden. Sie ſind nur die Reſte zahlreicher Ordnungen, die in der Vergangenheit lebten. Andere ver - einzelte Typen dieſer Art können freilich nicht als Ueberreſte zu Grunde gegangener Lebensformen angeſehen werden, ſondern mögen vielleicht als Vorboten zukünftig erſcheinender Thierformen in unſerer jetzigen Schöpfung vorhanden ſein.
Auch dieſe Entwicklungsweiſe, worauf der letztere Umſtand hin - deutet, kömmt vor. Zuweilen erſcheinen gewiſſe Typen in älteren Schichten nur mit einigen wenigen Repräſentanten, deren Zahl mehr und mehr anſchwillt, bis in irgend einer Schicht der Höhepunkt der Entwicklung erreicht wird. Von dieſer Epoche ab vermindert ſich die Mannigfaltigkeit, und oft bleibt nur ein vereinzelter Repräſentant in der heutigen Schöpfung zurück. Die Gruppe der Nautilen unter den Kopffüßlern, diejenige der Seelilien unter den Stachelhäutern geben Beiſpiele dieſer allmähligen Ausbildung zu einem Höhepunkte, von77 welchem ſie zu gänzlicher Verarmung herabſinken. Manchmal ſcheint es, als ſei die Entwicklung der Typen, die von geringer Mannigfal - tigkeit ausgehen, noch jetzt in ihrem Fortſchritte begriffen und als habe die Mannigfaltigkeit der Familien und Gattungen im Laufe der hiſto - riſchen Entwicklung nur zugenommen. Die meiſten Mollusken und Strahlthiere dürften für dieſe Art der Ausbildung Zeugniß ablegen.
Man erſieht ſchon aus dieſer Mannigfaltigkeit in der Entwicklung der einzelnen Typen, daß von den beſonderen Schöpfungsperioden, welche wir unterſchieden haben, jede einen eigenthümlichen Charakter beſitzen muß, indem bald dieſe, bald jene Klaſſe oder Ordnung vor - wiegend in ihrer Entwicklung iſt und dem Ganzen ſeinen Stempel der Präponderanz aufdrückt. Wie rothe Fäden ziehen ſich aber durch alle dieſe Schöpfungen die einzelnen Entwicklungstypen durch, welche wir in der jetzigen Schöpfung beobachten. Und überall ſehen wir die Wiederkehr des Geſetzes, daß die hiſtoriſche Entwicklung durch die Erdgeſchichte hindurch derjenigen des Individuums durch ſeine Jugend aualog iſt, und daß die Lebensformen der ältern Schichten in vieler Beziehung die embryonalen Entwicklungsphaſen wiederholen, welche wir bei den höheren Typen der einzelnen Klaſſen wahrnehmen. Neben dieſem Geſetze, deſſen all - gemeine Gültigkeit vielleicht nur deßhalb noch nicht überall nachge - wieſen werden konnte, weil die Grundlagen des Nachweiſes bei den lebenden Thieren noch nicht hinlänglich hergeſtellt ſind, begegnen wir noch einer andern charakteriſtiſchen Erſcheinung, nämlich einer eigen - thümlichen Verſchmelzung beſonderer Charaktere, welche ſpäter mehr und mehr bei den einzelnen Gruppen ſich ſcheiden. Manchmal will es ſcheinen, als träten erſt nach und nach die Scheidelinien hervor, welche in der jetzigen Schöpfung ſcharf gezogen ſind, ſo daß Verbindungs - glieder im foſſilen Zuſtande zwiſchen Klaſſen und Ordnungen gefun - den werden, welche derjenige, der nur die jetzige Schöpfung betrachtet, für unvereinbar erklärt haben würde. So findet man bei den älteſten Fiſchen im Verein mit embryonalen Charakteren andere, welche auf eine Annäherung zu den Reptilien hindeuten, während unter dieſen ſelbſt wieder Uebergangsformen zwiſchen Eidechſen und Krokodilen, Schildkröten und Eidechſen u. ſ. w. vorhanden ſcheinen. Dieſe Mittel - formen bieten indeß nur um ſo mehr den überzeugenden Beweis, daß ein gemeinſamer Plan die untergegangenen Schöpfungen mit der jetzigen verbindet, und daß beide einander gegenſeitig erläutern und verſtänd - lich machen.
Auf der niederſten Stufe der Organiſation ſtehen dieſe meiſt mikro - ſkopiſch kleinen Thierchen, welche in allen Arten ſüßer und ſalziger Gewäſſer oft in zahlloſen Mengen gefunden werden. Ihr geſammter Körperbau läßt ſich meiſt auf den Typus einer einfachen Zelle zurück - führen oder auf eine Verbindung mehrerer einfachen Zellen zu ge - meinſchaftlichen Stöcken, welche im Kleinen zuweilen jene Geſellſchaf - ten nachahmen, die im größeren Maßſtabe von den Korallen, Polypen und Seeſcheiden erzeugt werden. Vergebens ſucht man in den Pro - tozoen ausgebildete innere Organe. Der Verdauungsapparat im höchſten Grade ſeiner Entfaltung hat nur einen Anfang und ein Ende, einen Mund mit abgekürztem Schlunde und einen After, aber keine mittlere Röhrenentwicklung, keinen eigentlichen Darm. Bei vielen exi - ſtirt durchaus keine Spur eines Ernährungsapparates, und das Thier lebt nur durch Aufſaugung von Flüſſigkeit mittelſt ſeiner äußeren Fläche oder durch Einſchmelzung feſter Subſtanz in die gallertartige Maſſe, aus welcher es gebildet iſt. Die Charaktere der primitiven Zelle ſind faſt bei allen Urthieren erkannt. Namentlich zeichnet ſich ein mehr oder minder dunkeler Kern im Inneren ihres meiſt glas - hellen und durchſichtigen Körpers aus, welcher bei der Fortpflanzung eine große Rolle ſpielt. Richt minder unterſcheidet man oft als erſte Anfangsſpur eines Cirkulationsſyſtemes einen oder mehrere pulſirende Räume im Innern der Körperſubſtanz, die oftmals ſo weich iſt, daß ſie zu zerfließen ſcheint. Bei vielen dieſer Thiere läßt ſich indeß mit Deutlichkeit eine feſtere Subſtanzlage erkennen, welche die äußere Haut bildet und die ſogar oft eine lederartige Feſtigkeit erhält, ſo daß ſie beim Trocknen der Thiere und nach der Zerſtörung der übrigen Kör - perſubſtanz in erkenntlicher Form zurückbleibt. Außer dieſer äußern Haut kommen bei vielen Formen und namentlich bei den zuſammenge - wachſenen ſchalenförmige Hüllen oder Panzer vor, in denen die Thiere ganz oder theilweiſe ſtecken und aus welchen ſie bald ihre Bewegungs - organe, bald ſelbſt einen großen Theil ihres Körpers hervorſtrecken können. Zuweilen treten dieſe Panzerhüllen als gallertartige Maſſen,79 in andern Fällen als hornartige Büchschen auf; — oft ſogar ſind ſie durch Aufnahme von Kieſelerde oder Kalk unzerſtörbar gemacht, ſo daß ſie ſelbſt nach dem Glühen des Thieres ſo wie in foſſilem Zuſtande zurückbleiben. Im Gegenſatze zu der organiſchen Einfachheit des Kör - pers, erſcheinen dieſe Schalen oft von äußerſt complicirter Geſtalt, ſo daß man ſie vor genauerer Unterſuchung des thieriſchen Körpers, welcher ſie erzeugt und bewohnt, für Produkte weit höherer Thiere anſah. Die gewöhnlichſte Fortpflanzungsart der Protozoen iſt die durch Theilung, und zwar findet dieſe ſowohl der Länge als der Quere nach ſtatt. Der Kern, welcher im Innern des Thieres liegt und ſich durch ſeine feſte Beſchaffenheit von der zerfließenden Subſtanz des übri - gen Körpers wohl unterſcheidet, leitet dieſe Theilung ein; — man ſieht ihn innerhalb des noch einfachen Körpers in Geſtalt einer Schuh - ſohle oder eines Bisquits, das ſich immer mehr in der Mitte durch - ſchnürt, während zugleich die Theilung des ganzen Körpers bis zur vollſtändigen Trennung der beiden Hälften ſich vollzieht. Seltener nur und zwar namentlich bei denjenigen Urthieren, welche gemein - ſchaftliche Colonieen bilden, erſcheint Sproſſen - oder Knoſpenbildung, indem an irgend einem Theile des Körpers eine Ausbuchtung entſteht, welche ſich allmählig zu einem vollſtändigen Thiere geſtaltet und ent - weder mit dem Mutterthiere im Zuſammenhang bleibt, oder ſich von demſelben losreißt, um ſelbſtſtändig eine Colonie zu bilden. Wenn dieſe Knoſpen, wie es häufig der Fall iſt, nach beſtimmten mathema - tiſchen Geſetzen an berechneten Stellen ſich entwickeln, ſo entſtehen Schalen von regelmäßiger Form, während ſonſt meiſt unregelmäßig veräſtelte baumartige Kolonieen ſich bilden. Endlich kommt bei einigen höheren Gattungen der Urthiere (den Glockenthierchen oder Vorticel - liden), ſogar eine Fortpflanzungsweiſe vor, welche mit der Ammen - zeugung verglichen werden kann. Das Individuum als ſolches ſtirbt ab und verwandelt ſich in einen meiſt unbeweglichen Körper, der in ſeinem Innern in ſteter Reihenfolge Kerne erzeugt, die ſich zu ſelbſt - ſtändigen Weſen entwickeln, ſo daß alſo aus der Amme mehrfache Jun - gen hervorgehen, die, wie es ſcheint, ſich unmittelbar durch Metamor - phoſe in die Form des Mutterthieres umwandeln. Geſchlechtsorgane und deren Produkte, wie beſonders Eier, Sinnesorgane, abgeſondertes Nervenſyſtem, Athmungsorgane ſind noch bei keinem zu den Protozoen gehörigen Thiere entdeckt worden.
Die Bewegungsorgane geben durch ihre verſchiedene Beſchaffen - heit hauptſächlich den Grund zur weitern Klaſſeneintheilung der Pro - tozoen. Die Körperſubſtanz ſelbſt iſt überall in hohem Grade contrac -80 til, ſo daß bei denjenigen Gattungen, welche an dem Boden befeſtigt ſind, oder die nur kriechen, die Zuſammenziehung und Ausdehnung des Körpers ſelbſt zur Ortsbewegung genügt. Die eine Klaſſe, die Wurzelfüßer oder Rhizopoden, bewegt ſich nur mittelſt ausſtülpbarer Fortſätze des Körpers, die ſogar nach der Behauptung einiger Be - obachter in einander überfließen können; bei der anderen Klaſſe, den Infuſorien, ſind dagegen Bewegungsorgane auf der äußern Körper - fläche entwickelt in Form von peitſchenförmigen Anhängen, Wimperhaaren oder Borſten, welche meiſt auch zugleich zum Ergreifen der Nahrung dienen.
Die Protozoen finden ſich nur im Waſſer, aber meiſt in zahl - loſen Mengen, ſo daß ihre mit harten Schalen verſehenen Gattungen maſſenbildend werden. Sie ernähren ſich theils von mikroſkopiſchen Pflänzchen, Bacillarien, Navicellen, Oscillatorien, theils von Proto - zoen ſelbſt oder auch von faulenden Thier - und Pflanzenſtoffen, in deren Nähe ſie ſtets in Menge ſich finden. Einige Arten ſind förm - liche Schmarotzer, die auf anderen Waſſerthierchen oder im Innern des Darmkanales von höheren Thieren ſich aufhalten. Viele der im Meere lebenden Protozoen leuchten Nachts und erſcheinen dann als zahlloſe zitternde Lichtpunkte, namentlich im bewegten Waſſer.
Der Körper dieſer Thiere beſteht gänzlich aus jener gallertartigen Grundſubſtanz mit eingeſtreuten dichteren Körperchen, deren wir ſchon öfter erwähnten und die ſich im Inneren zur Aufnahme von Flüſſig - keit oder von feſteren Stoffen hie und da aushöhlt, ſo daß man ver - änderliche Blaſenräume in dem Gewebe wahrnimmt. Die Phantaſie hat dieſe Blaſenräume, welche bald erſcheinen, bald wieder verſchwin - den, für Magenblaſen erklärt, ohne bei dieſer ganzen Klaſſe indeß die Exiſtenz eines Mundes nachweiſen zu können. Flüſſige Stoffe werden von der Körperoberfläche eingeſaugt, feſtere dadurch aufgenommen, daß der gallertartige Körper ſich gleichſam um den aufzunehmenden Stoff herumſchmilzt, der nun an irgend einer beliebigen Stelle in das Ge - webe des Thieres eindringt, im Innern liegen bleibt und allmählig81 aufgelöſt wird. Oft ſind die in ſolcher Weiſe aufgenommenen Gegen - ſtände ſo groß, daß das Thier nur eine Art von gallertartigem Ueber - zug über den in ſeinem Innern befindlichen Körper bildet, von wel - chem Ueberzug hie und da ſich einzelne Zacken ausſtülpen und wieder einziehen. Außer einer hellen Blaſe, welche ſich hin und wieder zu - ſammenzieht und die man als Anfang eines Organes zur Umtreibung der Säfte im Körper anſehen kann, und einem feſten, dunkleren Kerne, hat man noch keine innere Organiſation in dieſen Körpern beobach - ten können. Sie kriechen mittelſt ausſtülpbarer Fortſätze ihres Kör - pers, die bald dicker und fingerförmig, bald fein und mannigfach ver - äſtelt erſcheinen, auf dem Boden der Gewäſſer einher und finden ſich beſonders im Meere in zahlloſen Mengen.
Die äußere Körperform der Rhizopoden bietet ſehr mannigfache Geſtaltverhältniſſe dar. Die meiſten derſelben beſitzen einen Panzer, der bald nur ein einziges Thier enthält, bald einen gemeinſchaftlichen Korallenſtock für viele Thiere dieſer Art darſtellt. Durch ein oder viel - fache Löcher dieſes hornigen oder kalkigen Panzers werden die der Bewegung dienenden Fortſätze hervorgeſtülpt. Die kalkige Beſchaffen - heit der Schale unterſcheidet die Wurzelfüßer ſcharf von den Jufuſo - rien, bei welchen nur hornige oder kieſelhaltige Schalen vorkommen. Nur wenige Wurzelfüßer ſind ganz nackt oder haben nur einen hor - nigen oder lederartigen Panzer von der Form einer Büchſe.
Die Wurzelfüßer leben ſowohl in ſüßen Gewäſſern als beſon - ders in dem Meere und ihre Schalen ſind in manchen Schichten der Erde in ſo ungeheurer Zahl aufgehäuft, daß man von der Kreide z. B. mit vollem Rechte behaupten kann, ſie ſei zum größten Theil nur aus mikroſkopiſchen Rhizopodenſchalen zuſammengeſetzt. Auch in unſerer jetzigen Zeit beſteht namentlich der feine Kalkſand, welcher an ſo vielen Orten den Meeresſtrand bildet, ſeiner Hauptmaſſe nach aus ſolchen Rhizopoden und in dem Niederſchlage und dem Bodenſatze klarer Bäche, ſo wie an den Waſſerpflanzen finden ſie ſich oft in großer Anzahl.
Man theilt die Klaſſe der Rhizopoden in zwei Ordnungen ein. Die erſte Ordnung oder die Einleibigen (Monosomatia) um - faßt alle diejenigen Wurzelfüßer, welche nur aus einem einzigen Thiere beſtehen und entweder nackt ſind, oder in einer hornigen Kapſel ſtecken, die nur eine einzige Oeffnung beſitzt.
Die vollkommen nackten Formen bilden die Familie der Wechſel - thierchen (Proteida), Thiere unbeſtimmbarer Form und Größe,Vogt. Zoologiſche Briefe. I. 682
Amiba.
die faſt überall auf der bewohnten Erde, von Sibirien bis nach Norditalien hin, im Boden - ſatze ſüßer Gewäſſer gefunden worden ſind. Ein körniges, durchſichtiges, hie und da mit inneren Bläschen verſehenes Klümpchen Schleim reckt und dehnt ſich unter den Augen des Be - obachters nach allen Seiten hin aus und wech - ſelt beſtändig die Geſtalt ſeines Körpers, in welchem man als conſtante Beſtandtheile nur einen rundlichen Kern und einen pulſirenden helleren Raum unter - ſcheiden kann, der eine rundliche Form hat. Feſtere Stoffe, wie Bacillarien, werden dadurch aufgenommen, daß das Thier beim Dar - übergleiten ſie in ſeine Maſſe gleichſam eindrückt. Die Gattung Amiba, welche man früher ihrer wechſelnden Geſtalt wegen Proteus nannte, und die Sonnenthierchen (Actinophrys) bilden dieſe ſonderbaren Körper.
Die zweite Familie dieſer Ordnung, die Kapſelthierchen (Arcellida),
Euglypha.
beſitzt einen hornigen oder kalkigen Panzer, der eine mehr oder minder vollſtändige Büchſe mit einer einzigen Oeffnung darſtellt, aus welcher die bewegenden Fortſätze herausgeſtülpt werden. Bei einigen Gattungen ſind dieſelben fingerförmig, bei anderen ſehr fein und vielfach veräſtelt. Oft tritt die Veräſtelung ſo plötzlich ein, daß man unter dem Mikroſkope einen langſam rinnenden Strom geſchmolzenen Wachſes zu ſehen glaubt, welcher nach allen Seiten hin ſich vertheilt. Bei der Gattung Arcella iſt der Panzer mehr oder minder glockenförmig mit großer runder Oef - nung, bei Difflugia und Euglypha ei - oder flaſchen - förmig mit vorderer Oeffnung, und bei der letz - teren Gattung wie es ſcheint aus einzelnen moſaikförmig zuſammen - gefügten Stücken gebildet. Bei der Gattung Miliola windet ſich der Panzer, aus deſſen Oeffnungen das Thier ungemein lange fadenför - mig veräſtelte Anhänge hervorlaſſen kann, im Halbkreis um eine Axe. Der Bauſtein, welcher in Paris ganz allgemein angewendet wird und unter dem Namen des Grobkalkes eine von den Geologen wohl un - terſchiedene Schicht der Tertiärgebilde darſtellt, iſt faſt einzig aus foſſi -83 len Miliolenſchalen zuſammengeſetzt, ſo daß man wohl ſagen kann, Paris ſei einzig aus dieſen Thieren gebaut, von welchen mehrere Millionen auf eine Unze gehen.
Die zweite Ordnung der Wurzelfüßer, die Vielkammerigen (Polythalamia) beſteht aus ſocialen Thieren, deren Organiſa - tion nur ſehr wenig ermittelt iſt, zumal da es bis jetzt unmöglich war, die undurchſichtigen Schalen ohne Zerſtörung der darin enthal - tenen Körper aufzuhellen. Die Schalen ſelbſt beſtehen aus einzelnen Kammern, die bald durch Oeffnungen mit einander in Verbindung ſtehen, bald gänzlich von einander abgeſchloſſen ſcheinen und in deren jeder wahrſcheinlich ein beſonderer Thierleib eingeſchloſſen iſt. Viel - leicht auch hängen die einzelnen Thierleiber durch die Communikations - öffnungen der einzelnen Kammern ſo mit einander zuſammen, daß eine gemeinſchaftliche Grundmaſſe exiſtirt, mit welcher die einzelnen Thier - leiber theilweiſe verſchmolzen ſind. Oft findet ſich an jedem Kämmer - lein nur eine, in den meiſten Fällen aber zahlreiche feine Oeffnungen, welche den Durchtritt der zarten fadenförmigen Anhänge durch die kalkigen Schalen vermitteln. Alle Polythalamien bewohnen das Meer und ihre Schalen finden ſich beſonders in den mergeligen, ſandigen und kreidigen Schichten der Tertiär-Epoche und des Kreidegebirges abgelagert; doch hat man ſie bis zu dem Kohlengebirge abwärts noch vorgefunden. Nur höchſt wenige Gattungen ſcheinen ſich anzu - heften; meiſtens ſind die Panzer durchaus frei und wahrſcheinlich exiſtirt außer der Bewegung der einzelnen Individuen noch eine Ge - ſammtbewegung der ganzen Stöcke, wodurch dieſe langſam kriechend fortbewegt werden. Die äußerſt zierliche Form dieſer vielkammerigen Schalen, die derjenigen mancher Kopffüßler ſehr ähnlich ſieht, verlei - tete früher die Beobachter, dieſe foſſilen Schalen für Reſte von mikro - ſkopiſchen Cephalopoden zu halten; ſpäter glaubte man ſie den Moos - thieren oder den eigentlichen Polypen anreihen zu können, bis die Entdeckung ihrer höchſt einfachen Körperſtruktur ihre Verwandtſchaft mit den einleibigen Wurzelfüßern beſtätigte. Man hat bis jetzt nahe an 2000 Arten dieſer mikroſkopiſchen Schalen unterſchieden, die man mit Beziehung auf die Stellung ihrer Kammern in mehrere Familien getheilt hat.
6*84Nodosaria.
In der Familie der Einzeiler (Stichostegida) liegen die einzelnen Kammern in einer geraden oder wenig gebo - genen Linie mit ihren Enden aneinander gereiht, während in der Familie der Doppelzeiler (Enallostegida) die Kam - mern auf zwei oder drei parallelen Reihen neben einander oder abwechſelnd geſtellt erſcheinen. Da die Gattung dieſer Familie meiſt mit einer einzigen Kammer anfangen und die Kammern in beiden Reihen ſtets größer werden, ſo bilden die Schalen gewöhnlich pyramidale Formen. Die Familie
Planulina.
der Schneckenzeiler (Helicostegida) be - ſitzt ſtets an Größe zunehmende Kam - mern, welche wie die Schneckenhäuſer ſpiralförmig aufgerollt ſind und ſo gänzlich den Anblick der gekammerten Schalen wiederholen, welche der Papier - nautilus im Großen darbietet. Bei vielen Gattungen dieſer Familie iſt die Schale in einer Ebene, bei andern mehr oder minder ſpindelförmig wie eine Gartenſchnecke oder ein Tritonshorn aufgerollt. Eine vierte Familie, die Spiralzeiler (Entomostegida), zeigt ebenfalls ſpiralförmig in einer Ebene aufgerollte Kammern, die aber in doppelten Reihen geordnet ſind, ſo daß ſie zu den Schneckenzeilern oder den Helicoſtegiern in demſelben Verhältniſſe ſtehen, wie die doppelzeiligen Enalloſtegier zu den einzeiligen Stichoſtegiern. Als fünfte Familie hat man die Axen - zeiler (Agathistegida) unterſchieden, bei welchen die Kammern ſo um eine ſenkrechte Axe geſtellt ſind, daß ſie die ganze Länge der Schale einnehmen und einander umfaſſen.
Als zweifelhafte Körper müſſen wir bei dieſer Klaſſe der Wur - zelfüſſer noch der ſogenannten Nummuliten oder Linſenſteine
Nummulites.
erwähnen. Es ſind meiſt linſenförmige verſtei - nerte Körper, von welchen man noch keine lebende Art gefunden hat, die aber namentlich in der Umgegend des Mittelmeeres ganze Gebirge bil - den und beſonders in dem Kreidegebirge und den unteren Tertiärſchichten verbreitet ſind. Die Pyramiden ſind großentheils aus Nummuliten - kalk gebaut, der faſt nur aus dieſen linſenförmi - gen Körpern zuſammengeſetzt iſt. Schleift man einen ſolchen Nummuliten, der äußerlich vollkommen feſt erſcheint, an, ſo ſieht man, daß ſein Inneres eine Unzahl von Kammern enthält, die85 einer in einer Ebene gewundenen Spirallinie nach geſtellt ſind und durch ſchiefe Scheidewände getrennt werden. Die dicke Schale, welche dieſe Körper umgibt, hat noch keine Oeffnungen wahrnehmen laſſen, ſo daß es zweifelhaft erſcheint, ob ſie wirklich zu den Rhizopoden ge - hören, oder nicht innere Schalen von Thieren waren, welche den ſpäter zu betrachtenden Röhrenquallen angereiht werden müſſen. Hero - dot kannte ſchon dieſe eigenthümlichen linſenartigen Verſteinerungen und gibt für ihre Entſtehung die Sage an, daß ein Theil der für die Arbeiter an den Pyramiden beſtimmten Linſenvorräthe übergeblie - ben und verſteinert ſei.
Die Verbreitung der Wurzelfüßer auf der Erde iſt noch wenig unterſucht, da man die genaueren Nachforſchungen auf wenige Küſten - punkte im Ocean, im rothen und Mittelmeere eingeſchränkt hat. Gegen den Aequator hin nimmt die Zahl der Gattungen und Arten bedeutend zu. In der Kohlenperiode hat man nur wenige Arten gefunden; mehr ſchon im Jura; maſſenbildend treten aber dieſe kleinen Schalen erſt in der Kreide und dem Tertiärgebirge auf, wo auch die Zahl ihrer Arten ſtets im Zunehmen begriffen iſt.
Verſchiedene Infuſorien bei ſchwacher Vergrößerung. I Monas, II Trachelius anas, III Enche - lis, im Augenblicke, wo ſie Koth durch den After entleert, IV Paramecium, V Buſenthierchen (Kol - poda), VI Trachelius fasciola auf Waſſerfäden kriechend.
Die Körperform dieſer Thiere, welche im Gegenſatze zu den Rhizopoden nur we - nig zuſammengewachſene Ge - ſellſchaften und Stöcke bildende Gattungen beſitzen, iſt im Ganzen rundlich oder eiför - mig; ihre Größe erreicht nie - mals eine halbe Linie und nur bei den ausgezeichnetſten For - men können die einzelnen In - dividuen bei günſtiger Beleuchtung des Waſſers als bewegte Punkte unterſchieden werden. Das Mikroſkop nur konnte die Kenntniß dieſer Thierklaſſe vermitteln und obgleich die Ergebniſſe unbefangener For - ſchung vielfach durch das Bedürfniß, die Welt mit außerordentlichen Wundern in Erſtaunen zu ſetzen, getrübt wurden, ſo hat doch in neuerer Zeit die ungeſchminkte Anſchauung ſich auf’s Neue Bahn gebrochen.
Die Körperoberfläche der meiſten Infuſorien beſteht aus einer feſteren Schicht der weichen, gelatinöſen mit Körnchen durchwebten86 Subſtanz, aus welcher ihr ganzer Organismus aufgebaut iſt, und die wir unter dem Namen Sarkode kennen gelernt haben. Manchmal iſt dieſe Hautſchicht auf dem größten Theile des Körperumfanges oder ſelbſt vollſtändig nackt, in den meiſten Fällen jedoch ſtehen darauf Wimperhaare entweder zerſtreut oder in regelmäßigen Reihen, be - ſonders aber in häufiger Anzahl in der Umgebung des Mundes ent - wickelt. Dieſe Wimper - oder Flimmerhaare ſind feine Läppchen oder Härchen, die ſehr biegſam ſind und nach dem Willen des Thieres bewegt werden können. Sie dienen entweder als Schwimmorgane oder zum Erregen von Strudeln und Wirbeln im Waſſer, wodurch kleine Körperchen mit fortgeriſſen und dem Infuſionsthierchen zuge - führt werden. Bei einigen Gattungen bilden ſich dieſe Wimperhaare zu beweglichen Borſten, Griffeln und Haken aus, ſo daß bei den höchſt organiſirten Thieren dieſer Klaſſe ziemlich verſchiedene Arten von Bewegungsorganen vorkommen können. Einige Familien der Klaſſe beſitzen Panzer, welche aus verſchiedenen Stoffen gewebt ſind. Bald iſt es nur eine einfache Gallerthülſe, die ein einziges oder viele Individuen gemeinſchaftlich umfaßt, bald eine mehr oder minder hor - nige Kapſel, die auf Waſſerpflanzen feſtſitzt und in welche ſich das Thier ganz oder theilweiſe zurückziehen kann. Bei den frei beweglichen Infuſorien hat der hornige oder lederartige Panzer die Geſtalt eines Schildchens, welches den Rücken deckt und meiſt mehr oder minder biegſam iſt, oder die einer geſchloſſenen Büchſe, die vorne eine Oeffnung beſitzt; eine einzige Familie hat kieſelige und unverbrennliche Panzer, die beſonders in zahlreichen Maſſen in den Feuerſteinen der Kreide in foſſilem Zuſtande gefunden werden.
Die Bewegungsorgane der Infuſorien ſind in mannigfacher Weiſe geſtaltet. Bei mehreren Familien exiſtirt nur ein langer faden -
Euglena viridis. Verſchiedene Contractionszuſtände der Euglena viridis. a der Rüſſel. b der Augenfleck. c der Kern.
förmiger Anhang, welcher peitſchen - förmig im Waſſer hin und her bewegt wird. Zuweilen vervielfältigt ſich die Zahl dieſer Geiſeln, welche man höchſt unpaſſender Weiſe auch mit dem Na - men Rüſſel belegt hat, obgleich ſie nicht hohl ſind und niemals zur Anfnahme von Nahrung dienen. Die Anweſen - heit eines ſolchen Rüſſels konnte bis vor wenigen Jahren für einen Beweis der thieriſchen Natur eines Organis - mus gelten. Seitdem man aber ent -87 deckt hat, daß dieſe Anhänge beſonders häufig bei pflanzlichen Keim -
Keimkörner.
körnern vorkommen, welche damit im Waſſer herumwirbeln, ſo ſpricht die Exiſtenz eines ſolchen Rüſſels eher für die pflanzliche Natur des Organismus und es gehören weitere Beweiſe dazu, wenn man die thie - riſche Natur feſtſtellen will. Eine Menge jener grünen Organismen, welche von Ehrenberg ihres Rüſſels
Opalina.
wegen für Thiere erklärt wurden, müſſen jetzt bis zum Nachweis des Gegentheils für Pflan - zen angeſehen und dem zu Folge ganze Fa - milien, wie die Kugelthierchen (Volvociden), Panzermonaden (Cryptomonadinen), aus den Catalogen des Thierreiches geſtrichen werden. Die Wimpern bilden die am häufigſten verbreitete Bewegungsart bei den Infuſorien und da ſie dieſelben willkürlich ſpielen oder ruhen laſſen und ihnen eine beliebige Richtung ertheilen können, ſo dienen ſie ebenſowohl zum Schwimmen, wie zum Herbeiſchaffen der Nahrung. Die oft außerordentlich feinen Härchen erregen dann durch ihre regelmäßigen Schwing - ungen einen Strudel, welcher oft die Erſcheinung eines umrollenden Rades erzeugt und von ferne her alle feinen Partikelchen, die in dem Waſſer ſchwimmen und ſelbſt kleinere Thiere heranreißt und an der Mundöffnung vorbeiführt, ſo daß das Infuſorium dieſelben verſchlucken oder nach Belieben verſchmähen kann. Frühere Beobachter, deren Inſtrumente nicht Schärfe genug beſaßen um die Wimperhaare ſelbſt zu ſehen, die aber wohl den von ihnen hervorgebrachten Strudel er - blickten, ſprachen deßhalb von einer gewiſſen Zauberkraft der Infuſo - rien, wodurch ſie kleinere Thiere, die ſich im Waſſer befänden, an ſich heranzögen. Bei allen Infuſorien welche einen Mund beſitzen, iſt wenigſtens dieſer mit Wimpern beſetzt, wenn auch der übrige Körper nackt iſt. Auf dem Körper ſelbſt ſtehen die Wimpern bald in Längs - reihen, bald in Querreihen oder in Randſäumen um den Körper herum, zuweilen auf häutigen Fortſätzen, die ein - und ausgeſtülpt wer - den können, zuweilen ſelbſt auf Ringen von feſter Subſtanz. Endlich gibt es noch zwei Familien, bei welchen ſteife Borſten, Griffel und88 gebogene ſtarke Haken vorhanden ſind, welche ſich nur auf der Bauch - fläche finden und die vollkommen wie fußartige Stützen verwendet werden, mittelſt deren die Thierchen ſehr geſchickt an Waſſerfäden, Meerlinſen, Wurzeln und ähnlichen Gegenſtänden unter dem Waſſer umherlaufen oder ſpringen können. Beim Schwimmen bleiben dieſe Borſten und Haken unbewegt.
Man hat noch bei keinem Infuſorium eine abgeſonderte Nerven - maſſe oder Sinnesorgane wahrnehmen können. Zwar entdeckt man bei vielen derſelben und am häufigſten bei den niedrigſten For - men einen meiſt hochroth gefärbten Fleck, der mit großer Sicherheit für ein Auge angeſprochen wurde. Bei einigen Arten findet man auch zwei oder drei ſolcher Flecke; vergebens aber hat man in der Nähe dieſer Pigmentflecke nach einer Nervenmaſſe oder nach einem lichtbre - chenden Körper geſucht und die Entdeckung, daß viele Pflanzenſporen, deren Keimen und Auswachſen in Waſſerfäden man ſpäter ganz ſicher beobachtete, ebenfalls ſolche augenartige rothe Flecken hatten, bewies zur Genüge, daß hier von einem Auge keine Rede ſein könne. Im Gegentheile dürfte man aus dem Vorkommen eines röthlichen runden Fleckes bei bewegten Organismen von grüner Farbe eher auf die pflanzliche Na - tur ſchließen. Nichtsdeſtoweniger bemerkt man, daß alle, auch die voll - kommen augenloſen Infuſorien, wenigſtens Licht und Dunkel ſehr wohl empfinden, daß ſie mit ihrer Körperoberfläche taſten und nicht ohne Auswahl Nahrung einnehmen.
Die Aufnahme der Nahrungsſtoffe findet in ſehr verſchiedener Weiſe ſtatt. Die Infuſorien der einen Ordnung entbehren gänzlich einer jeden Oeffnung an dem Körper, wodurch feſte Stoffe eingeführt werden könnten. Die Körperſubſtanz iſt indeſſen nicht mehr ſo weich, wie bei den Rhizopoden, ſo daß, wie bei dieſen, durch Eindrücken in die Maſſe ſelbſt die Aufnahme fremder Körper geſchehen könnte. Die mundloſen Infuſorien ernähren ſich demnach nur durch Einſaugen flüſſiger Stoffe in die gelatinöſe Körpermaſſe. Oft ſammeln ſich dieſe Flüſſigkeiten in blaſenförmigen Räumen im Innern des Gewebes an, welche zwar ſpäter ſpurlos verſchwinden, die man aber doch, einer verkehrten Anſicht zufolge, als eben ſo viele Magenblaſen betrachtet hat. — Diejenigen Infuſorien welche eine Mundöffnung beſitzen, nähren ſich beſonders von feſten Stoffen, mikroſkopiſchen Thierchen und Pflanzen, die ſie ſtets in der Nähe ihrer Wohnorte finden. Unſchädliche aus dem Pflanzen - und Thierreiche entnommene Farb - ſtoffe wie Carmin oder Indigo werden von den meiſten Arten mit Leichtigkeit in großer Menge verſchluckt, ſo daß man nach einer89
Paramecium caudatum. a. Der Mund, der in den ſchlauchförmigen, hinten geſchloſſenen Schlund b führt. c. Futterballen im Körper zerſtreut, d. der Kern. e. die beiden con - tractilen Blaſen, wovon die vordere ſternförmig zuſammengezogen iſt, f. Körnchen des Gewebes.
ſolchen Mahlzeit die Farbſtoffe im Innern des Körpers erblicken kann. Seit dem vorigen Jahr - hundert ſchon hat man dieſe ſinnreiche Fütterungs - methode der Infuſorien benutzt, um über ihre in - nere Organiſation Aufſchlüſſe zu erhalten. Der Mund der Infuſorien befindet ſich entweder am vordern Leibesende, wo er meiſt eine runde Oeff - nung darſtellt, oder auf der Bauchfläche mehr oder minder weit nach hinten gerückt in Geſtalt einer ovalen oder ſelbſt ſpiralig gewundenen Spalte. Er iſt von wimpernden Lippen begrenzt, die in einzel - nen Fällen ſelbſt klappenartig verlängert ſind und meiſt ein - und ausgeſtülpt werden können, ſo daß der Mund oft nur im Acte des Freſſens zur Anſchauung kommt. Die Mundhöhle ſetzt ſich trich - terförmig nach Innen fort und iſt bei einigen we - nigen Gattungen mit hornartigen Stäben bewaff - net, welche einen cylindriſchen Korb, ganz ähnlich einer Fiſchreuße bilden, der allerdings beim Faſ - ſen der Beute thätig iſt. Im Uebrigen iſt die Mund - höhle ſtets mit zarten Wimpern ausgekleidet, die ſich auch durch den Schlund fortſetzen, der bald grade, bald mehr oder minder gewunden in das weiche Parenchym des Körpers hineinragt. Kleine Nahrungspartikel werden durch den Strudel, den die Wimpern des Schlundes erregen, in eine rundliche Kugel zuſammengeballt und dieſe Kugel zuletzt durch den Schlund in das nachgiebige Körpergewebe hineingepreßt. Starre Körper, wie namentlich Stücke mikroſkopiſcher Pflanzen werden ſehr häufig in das Körpergewebe hineingetrieben und ſtecken dann an irgend einer Stelle in der gallertartigen Sub - ſtanz. Meiſt zeigt ſich ein heller blaſenartiger Hof um dieſe in das Körpergewebe hineingepreßten Nahrungsſtoffe. Aufgenommene Flüſſig - keiten bilden einen hellen blaſenartigen Tropfen und häufig gewahrt man, daß nahe ſtehende Tropfen dieſer Art in einander fließen, ein ſicherer Beweis, daß ſie nicht durch häutige Wände von einander ge - trennt ſind. Beim lebhaften Freſſen von Infuſorien, welche lange ge - hungert haben, erſcheint der Körper oft ganz angefüllt mit ſolchen Nahrungskugeln und wenn man Sorge trägt, verſchiedene Farben nacheinander zu füttern, ſo ſieht man leicht, daß die betreffenden Farb - ſtoffe durchaus unregelmäßig und nicht in der Reihenfolge ihrer Auf -90 nahme durch den Körper vertheilt ſind. Man hatte geglaubt, dieſe Erſcheinung dadurch erklären zu können, daß man die Exiſtenz eines Darmkanales annahm, von welchem geſtielte Magenblaſen berabhin - gen und man hatte ſogar nach gewiſſen angenommenen Formen eines nicht vorhandenen Darmkanales die Infuſionsthierchen in Ordnungen zerfällt. Man hat ſich jetzt überzeugt, daß man hierin viel zu weit gegangen iſt, denn man ſieht nicht nur im Innern des Körpers die Nahrungsballen hin und her ſich verſchieben, ſondern auch bei man - chen Arten eine vollſtändige Kreisdrehung derſelben im Innern, die oft ſtundenlang anhält und wobei der ganze Körperinhalt des ruhen - den Thieres ſich ſtets in derſelben Richtung langſam um die Körperaxe herumwälzt. Daß eine ſolche Erſcheinung mit der Exiſtenz eines Darm - kanales und geſtielter Magenblaſen in direktem Widerſpruche ſteht, iſt leicht einzuſehen. Die unverdauten Stoffe werden bei vielen Infu - ſorien durch den Mund wieder ausgeworfen, bei andern durch eine Afterſtelle hinausgepreßt, welche ſich meiſt am hintern Theile des Kör - pers befindet.
In dem Körper aller Infuſorien findet man bei genauerer Unter - ſuchung ein oder mehrere helle Räume, welche ſich abwechſelnd aus - dehnen und zuſammenziehen, aber keine eigene Wandungen zu beſitzen ſcheinen. Vielleicht dürfte die Anweſenheit dieſer pulſirenden Räume ebenſo wohl, wie Contractilität der äußern Leibeswandungen für einen Beweis der thieriſchen Natur eines Organismus gelten können. Mei - ſtens ſind dieſe Räume rund und zuweilen in ſolcher Zahl vorhan - den, daß ſie in ein einziges langes Gefäß zuſammenfließen. Bei man - chen Gattungen erſcheinen ſie in Geſtalt vielſtrahliger Sterne und bei den Zuſammenziehungen verſchwinden abwechſelnd die Strahlen oder der Mittelraum. Obgleich dieſe Räume ſtets an beſtimmten Stellen wiedererſcheinen, ſo ſind ſie doch ſicher wandungslos, da man bei hef - tigen Zuſammenziehungen ſowohl einzelne Räume ſich theilen als auch im Beginne der Ausdehnung dieſelben einzeln auftreten und ſpäter in eine große Blaſe zuſammenfließen ſieht. Jedenfalls ſind dieſe blaſen - artigen Räume weniger dichte Stellen des Körpergewebes, an welchen ſich die daſſelbe durchdringende Flüſſigkeit ſammelt, um dann durch eine Zuſammenziehung wieder in das ſchwammige Gewebe hinausge - trieben zu werden, ſo daß alſo hierdurch eine erſte, wenn auch höchſt unvollkommene Spur eines Kreislaufes der Säfte hergeſtellt wird. Vielleicht auch haben dieſe contractilen Blaſenräume eine feine Oeff - nung nach Außen, ſo daß bei ihrem Zuſammenziehen Flüſſigkeit aus dem Körper hinausgepreßt, bei ihrer Ausdehnung Waſſer von Außen91 aufgenommen würde. Sollte dieſe Beobachtung ſich erwahren, ſo müßte man dieſe Räume als erſte Spuren von Athemorganen auffaſſen.
Die Fortpflanzung der Infuſorien geſchieht durch Knospung, Theilung oder durch eine höchſt eigenthümliche Art von Ammenbildung, welche indeß nur bei wenigen Gattungen und auch hier nicht ganz vollſtändig beobachtet worden iſt. Die Knospung hat man bis jetzt
Glockenthierchen (Vorticella), die ſich durch Theilung und Knospung fortpflanzen. Das Thierchen Fig. 54 iſt eben in der Theilung begriffen, der Kern b iſt ſchon voll - kommen doppelt; Fig. 55 will ſich von ſeinem Stiele loslöſen; Fig. 56 bildet an der Baſis des Stieles eine ſeitliche Knospe, die noch un - vollkommen iſt. Bei allen dreien iſt a der Mund mit der Wimperkrone, b der Kern, d die gefüllten Magenblaſen, e die contractile Blaſe, f der Stiel, i der acceſſoriſche Wimper - kranz, den die ſich loslöſenden Individuen wäh - rend ihrer freien Beweglichkeit haben.
nur bei feſtſitzenden Thieren aus der Familie der Glockenthierchen beobachtet. An dem Stiele der - ſelben bilden ſich ſeitliche Aus - wüchſe, welche allmälig mehr und mehr die Form des Glockenthier - chens erhalten und nach ihrer Loslöſung, mittelſt eines eigenen Wimperkranzes am hintern Ende davon ſchwimmen. Solche los - gelöſte Knospen ſetzen ſich dann wieder feſt und bilden neue Glok - kenthierchen.
Die Theilung der Infu - ſorien wird durch den feinkörni - gen Kern, der ſich in allen dieſen Thieren vorfindet, eingeleitet und kommt ſowohl bei kleinen noch nicht ausgewachſenen, wie bei den größten Individuen vor. Der Kern iſt bald rundlich, bald in Form eines Roſenkranzes oder eines langen, graden oder ge - wundenen Bandes ausgebildet. Meiſtens erſcheint er feſt mit dem umliegenden Gewebe verbunden, oft aber auch ſieht man, daß der Leib des Infuſoriums, während der Kern ſtill liegt, ſich um ihn wie ein Mittelpunkt herumdreht; wahr - ſcheinlich iſt dieſe Erſcheinung die Einleitung zu jenem Vorgange der Fortpflanzung, bei welcher der Kern als ſelbſtſtändiges Individuum auftritt. Bei der Theilung ſchnürt ſich zuerſt der Kern in der Mitte durch und der übrige Körper folgt nach. Bei einigen Jufuſorien hat man bis jetzt nur Längstheilung, bei andern Quertheilung, bei an - dern beide Arten der Fortpflanzung zugleich beobachtet.
92Die dritte eigenthümliche Fortpflanzungsart der Infuſorien, welche bis jetzt nur bei der Familie der Glockenthierchen beobachtet wurde, werden wir bei dieſer näher betrachten.
Die Infuſorien finden ſich zuweilen in größeren Maſſen zuſam - men und die gallertartigen Polypenſtöcke oder die Bäumchen, welche einige Gattungen bilden, ſind ſo groß, daß ſie auch dem freien Auge ſichtbar ſind. Klare Torfgräben, langſam rieſelnde Bäche mit Waſſer - pflanzen und ſchleimigem Ueberzuge von mikroſkopiſchen Waſſerpflanzen auf dem Grunde und an den Seiten, Waſſerfäden und Meerlinſen, die Ufer ſtehender Gewäſſer und klarer Seeen dienen ihnen vorzüglich zum Aufenthaltsorte. Die meiſten zeigen trotz des Mangels an ſpe - cifiſchen Sinnesorganen deutliche Auffaſſung von Licht und Schatten, indem ſie ſich meiſt an der Lichtſeite der Gläſer ſammeln. Der Taſt - ſinn iſt ſehr ausgebildet, wie man deutlich bei Berührungen ſieht und ebenſo erſcheinen die meiſten dieſer Thiere ſehr wähleriſch in ihrer Nahrung, die ſie ebenſo ausſuchen, ja ſelbſt ihr mit einiger Liſt nach - ſtellen, indem ſie auflauern und plötzlich hervorſchießen. Viele Arten leben geſellig in großen Schwärmen; andere mehr vereinzelt; die Schmarotzer wiſſen ſehr gut, beſonders wenn ſie ſich an der Außen - fläche anderer Thiere feſtſetzen, die Stellen zu wählen, wo dieſe ſie nicht abſtreifen können. Viele Arten erheben ſich mit den Gasbläschen, welche die Waſſerfäden unter dem Einfluſſe des Sonnenlichtes ent - wickeln, von dem Grunde der Gewäſſer nach oben und bilden dort eine Art Schaum, der ſich am Abend wieder zu Boden ſenkt. Oft - mals erſcheinen grüne und rothe Infuſionsthierchen in ſolch’ ungeheu - rer Menge plötzlich auf der Oberfläche derGewäſſer, daß die aben - teuerlichſten Vorſtellungen dadurch erweckt und von Abergläubiſchen und Pfaffen nach ihrem Sinne ausgebeutet wurden. Viele Infuſorien haben die Eigenſchaft, auch nach längerem Trockenliegen durch Be - feuchtung wieder aufzuleben, wodurch leicht ihre Verbreitung in Auf - güſſen erklärt werden kann, indem die trockenen Körper als Sonnen - ſtäubchen durch die Luft hinweggeführt in den Aufgüſſen einen geeig - neten Boden zu ihrer Entwicklung finden. Mit Ausnahme einer ein - zigen Familie, welche Kieſelpanzer beſitzt und ſich in der Kreide vor - findet, hat man noch keine foſſilen Infuſorien gefunden, deren weiche Körperſubſtanz begreiflicher Weiſe die Erhaltung nicht begünſtigte.
Die Eintheilung der Klaſſe der Infuſorien erſcheint aus zweierlei Gründen beſonders ſchwierig: einestheils ſind viele dieſer Thiere ſo klein, daß bei manchen die Erkenntniß der äußern Körpergeſtalt, bei allen diejenige der feineren Struktur ihrer Organe an der Grenze der Vergrößerungskraft unſerer beſten Mikroſkope ſteht, und dann hält93 es außerordentlich ſchwer, die Entwicklungsſtufen und die jungen Thiere höher organiſirter Klaſſen, ſowie die zweifelhaften Pflanzen - arten abzutrennen, von welchen man ſich durch weitere Beobachtung noch nicht genau hat überzeugen können, in welches der beiden Reiche ſie gehören. Nachdem man aus der Klaſſe der Infuſorien, wie ſie der umfaſſendſte Beobachter dieſer Klaſſe, Ehrenberg, im Jahre 1838 um - ſchrieb, die Räderthiere als weit höher organiſirte, zu dem Typus der Würmer gehörige Thiere abgeſchieden, die unzweifelhaften Pflanzen, wie die Closterinen, Bacillarien, Volvocinen abgetrennt hat, ſo blei - ben noch eine ganze Menge von Organismen, bei denen man außer der Beweglichkeit durch einen fadenförmigen Rüſſel und der Exiſtenz eines rothen Punktes, die auch unzweifelhaften Pflanzengebilde zukom - men, noch keine thieriſche Charaktere, wie namentlich Zuſammenziehung der Leibeswand oder innere contractile Räume hat wahrnehmen kön - nen. Wir haben auch dieſe Organismen, wohin viele Arten der Ehrenberg’ſchen Monaden und alle Panzenmonaden gehören, für ſo lange ausgeſchieden, bis der präciſe Beweis ihrer thieriſchen Natur hergeſtellt ſein wird. Ebenſo erſcheint es unzweifelhaft, daß die Vi - brionen oder Zitterthierchen theilweiſe bewegliche Schimmelfäden, theil - weiſe junge Würmer ſind, die mit den Infuſorien nichts gemein ha - ben. Nach dieſer Sichtung der Klaſſe kann man mit Rückſicht der Verdauungs - und Bewegungsorgane folgende Eintheilung begründen:
Die erſte Ordnung, die mundloſen Infuſorien (Astoma) um - faßt alle Thiere, welche keinen Mund beſitzen, niemals zur Aufnahme feſter Nahrungsmittel gebracht werden können und ſich entweder durch einen peitſchenförmigen Rüſſel oder durch Wimperorgane fort bewegen. Die
Euglena viridis. Verſchiedene Contractionszuſtände der Euglena viridis. a der Rüſſel. b der Augenfleck. c der Kern.
Familie der Aenderlinge (Astasida) zeichnet ſich durch einen äußerſt contrac - tilen Körper, meiſt von grüner oder ro - ther Farbe und länglicher ſpindelförmi - ger Geſtalt aus, welcher bei den eigent - lichen Aenderlingen frei iſt, während bei der Unterfamilie der gepanzerten Aen - derlinge (Dinobryida) ein horniges Büchschen vorhanden iſt, in welches der feſtſitzende Körper ſich zurückziehen kann. Die meiſten Thiere dieſer Familie be - ſitzen einen rothen, ſogenannten Augen - punkt, nur den Aenderlingen und den Hermenthierchen (Epipyxis) geht derſelbe ab. Eine Gattung die Augenthierchen (Euglena) mit ſpindel - förmig geſchwänztem grünem oder rothem Körper und rothem Punkte94 iſt es hauptſächlich, welche durch ihr maſſenhaftes Auftreten die Ge - wäſſer grün oder roth färbt.
Eine andere Familie, die Kranzthierchen (Peridinida) zeichnet ſich
Peridinium a. Der Rüſſel, b. der Panzer, c. der Wimperkranz, d. der Kern.
aus durch einen feſten Horn - oder Kieſel - panzer, der zuweilen in ſonderbare hornartige Spitzen ausgezogen iſt. Die - ſer Panzer hat einen queren oder ſchie - fen Spalt, der von einem Wimperkranze ausgefüllt iſt und außerdem noch in ſeiner bewegenden Thätigkeit von einem fadenartigen Rüſſel unterſtützt wird, der an einer beſtimmten Stelle des Panzers hervorgeſtreckt werden kann. Foſſile Pan - zer dieſer Familie ſind zwar in den Feuerſteinen entdeckt worden, indeſſen dürfte die thieriſche Natur dieſer Körper überhaupt noch ſtarken Zweifeln unterliegen, zumal da zwei von Ehrenberg zu dieſer Familie geſtellte Gattungen, (Chaetotyphla und Chaeto - glena), welche keinen Wimperkranz beſitzen, gewiß wohl Pflanzen ſind.
Die dritte Familie der mundloſen Infuſorien, die Glasthierchen
Opalina.
(Opalinida) ſind bis jetzt nur durch Arten bekannt, welche als Schmarotzer im Darme von Fröſchen und Plattwürmern leben. Sie be - ſitzen nur Wimperorgane, die in geraden Rei - hen auf dem eiförmigen platten Körper ſtehen und mittelſt deren ſie ſich langſam in dem Darmſchleime umherwälzen. Da das Thier - chen vollkommen durchſichtig und farblos iſt, ſo hat man ſich mit Sicherheit von dem Fehlen einer Mundöffnung überzeugen können.
Bei weitem zahlreicher an verſchieden - artigen Formen iſt die Ordnung der mund - führenden Infuſorien (Stomatoda). Bei allen Formen iſt eine wahre, von Wimpern umſtellte Mundöffnung vorhanden, welche die Aufnahme feſter Nahrungsſtoffe geſtattet. Die erſte Fa - milie, die der Monaden (Monadida), beſteht aus kleinen rundlichen Thierchen, welche als hauptſächlichſtes Bewegungsorgan einen oder mehrere rüſſelförmige Anhänge beſitzen und außerdem eine deutliche, ſehr fein bewimperte Mundöffnung zeigen, durch welche feſte Nahrungs - ſtoffe aufgenommen werden, die man im Innern als runde Futter - ballen wieder erkennt. Sie ſtehen durch ihre außerordentliche Klein -95 heit an der Grenze unſeres Auffaſſungsvermögens und ſind bisher mit einer Menge von pflanzlichen Gebilden zuſammen geworfen worden. Die thieriſchen Monaden ſind alle farblos, haben einen contractilen, biegſamen Körper und erſcheinen in zahlloſen Mengen, beſonders in Aufgüſſen faulender Subſtanzen, während die mit ihnen verwechſelten Pflanzenkörper meiſt grün ſind und einen ſtarren Körper zeigen.
Eine höchſt merkwürdige Familie iſt diejenige der Glockenthierchen (Vorticellida), die man wieder, je nach dem ſie frei ſind oder in einer Hülſe ſtecken, in zwei Unterfamilien als eigentliche und als gepanzerte Glockenthierchen (Ophrydina) eintheilen kann. Alle dieſe Thierchen haben einen mehr oder minder glockenförmigen Körper, der meiſtens auf einem längern oder kürzern Stiele feſtſitzt. Nur die Trompetenthierchen (Stentor) und die Urnenthierchen (Tri - chodina) machen hievon eine Ausnahme, indem ſie auf keinem eigent - lichen Stiele feſtſitzen, während die eigentlichen Glockenthierchen theils einſam, theils in Form veräſtelter Bäumchen auf Stielen ſtehen, die bald ſtarr ſind, bald auch durch einen im Innern angebrachten Mus - kel, deſſen Faſerſtructur deutlich iſt, ſchnellend zurückgezogen werden können. Der auszeichnende Charakter der Glockenthierchen beſteht in einem an dem vordern Rande des Körpers angebrachten Flimmer - ſaume mit verhältnißmäßig langen Wimperhaaren, der nach Willkühr ausgeſtülpt und wieder eingezogen werden kann und wodurch ſie einen Strudel im Waſſer erregen, der kleinere Thierchen und ſchwimmende Körperchen in die am Rande des Flimmerſaumes gelegene, meiſt ſpi - ralförmig gewundene Mundöffnung führt, die ſich in einen kurzen Schlund öffnet. In derſelben Vertiefung des Körpers, in welcher der Mund liegt, befindet ſich auch der After. Bei den auf Stielen ſte - henden Gattungen dieſer Familie reißen ſich ſowohl die Knospen als auch die vollendeten Thiere öfters von ihrem Stiele los und ſchwim - men mittelſt eines zweiten Wimperkranzes, der ſich an ihrer hintern Körperhälfte entwickelt, davon; ein Gleiches thut eines der durch Theilung entſtandenen Individuen bei den einſamen Gattungen, wäh - rend bei den baumartigen Glockenthierchen die lieblichen Formen dadurch entſtehen, daß die getheilten Individuen mit mehr oder minder langen Stielchen auf dem gemeinſamen Stamme ſtehen bleiben und ſo verſchieden geſtaltete Bäumchen bilden, die oft mit bloßem Auge ſichtbar ſind, beſonders dann, wenn ſie paraſitiſch an größeren Waſſerinſekten angeheftet ſind. Nach den verſchiedenen geſelligen For - men und der Natur des Stieles hat man beſonders die einzelnen Gattungen unterſchieden. So haben die eigentlichen Glockenthier - chen (Vorticella) einen langen biegſamen Stiel, auf deren jedem nur ein96
Vorticella.
einzelnes Thierchen ſitzt, während die Glockenbäumchen (Car - chesium) gemeinſam auf veräſtel - ten, biegſamen und ſchnellenden Stielen ſitzen. Bei der geringſten Erſchütterung ziehen ſich die Stiele mit Blitzesſchnelle ſpiralförmig ſchnellend zuſammen, was der in ihrer Höhlung befindliche faden - artige Muskel bewirkt, während zugleich der Wimperkranz einge - zogen wird. Bei einer andern Gattung, den Säulenglöck - chen (Epistylis), iſt der Stiel ſtarr und das Glöckchen wirft ſich bei der Zuſammenziehung mit einem plötzlichen Rucke hinten
Epistylis nutans. Fig. 66. zwei Thierchen von denen das eine ſich zuſammenge - zogen hat, auf demſelben Stiele. a die Mundöffnung mit dem Wimperkranze. b der Kern. c Magenblaſen. d der Schlund. e die contractile Blaſe. f der Stiel. Fig. 67. Die Aeinetenform des Thieres, in die es ſich bei der Fortpflanzung verwandelt.
über, ſo daß es wie geknickt am Stiele hängt. Un - ter den gepanzerten Glockenthierchen unterſcheidet man die Gallertglöckchen (Ophrydium), wo eine Unzahl ſpindelförmiger, langgezogener, durch grüne Körnchen gefärbter Thiere in der Peripherie eines gemeinſchaftlichen Gallertklumpens ſtecken, der zu - weilen die Größe eines kleinen Apfels erreicht, ſo - wie die Mantelglöckchen (Vaginicola), die inner - halb horniger, meiſt flaſchenförmiger Büchs - chen einzeln auf Pflanzen und Thieren aufſitzen.
Die Beobachtungen der neueſten Zeit haben bei den Glockenthierchen (Vorticella), den Säu - lenglöckchen (Epistylis) und den Mantelglöck - chen (Vaginicola) eine übereinſtimmende Art der Fortpflanzung er - kennen laſſen, welche den Weg zu ganz neuen Forſchungen anbahnt. Der Körper dieſer97
Fig. 68 — 72. Vaginicola. Fig. 68 — 71. Verſchiedene Acineten-Formen, die das Thier bei der Fortpflanzung annimmt. Fig. 72, Ein ausgebildetes und entwickeltes Thier, in deſſen Büchſenpanzer. ſich auf dem Grunde eine Knospe gebildet hat, die ſchon einen hinteren Wimperkranz beſitzt und ſich baldigſt loslöſt. Die Bedeutung der Buchſtaben iſt für alle Figuren dieſelbe, a. Der Mund. b. Der Kern. d. Der Schlund. e. Die contractile Blaſe. f. Der Stiel. g. Der Panzer. h. Die Fäden der Acinetenformen.
Thiere ballt ſich allmählig zuſammen und umgiebt ſich mit einer rundlichen Kapſel, die bei den Glockenthierchen durch eine Art Aus - ſchwitzung, bei den bepanzerten Arten durch Umbildung des Panzers ſelbſt hervorgebracht wird. So entſtehen rundliche Körper, die bald ſtiellos, bald geſtielt ſind und im Innern einer glasartig durchſichti - gen Hülle den zuſammengekugelten Leib des Thieres enthalten, an welchem alle übrigen Organe, mit Ausnahme des Kernes und einer runden contractilen Blaſenſtelle, gänzlich verſchwinden. Von dieſen Kör - pern ſtrahlen radienartig Fortſätze aus, welche ſich ähnlich verhalten, wie die Fortſätze, mittelſt deren ſich die Rhizopoden bewegen, in Knöpf - chen endigen und in langſamen Schwingungen hin und her bewegt werden. In dieſer Form, welche wir die Acineten-Form nennen, hat man die ein - gekapſelten Glockenthierchen ſchon lange gekannt, und ſie unter mehreren Gattungsnamen, als Sonnenthierchen (Actinophrys), Strahlenfuß (Podo - phrya), Strahlenbäumchen (Acineta), beſchrieben, ja ſogar als ſelbſtſtändige Familie hingeſtellt. An den aus den Vaginicolen hervorgehenden Acineten hat man nun ferner beobachtet, daß der Kern allmählig ſchärfer her - vortritt, während die Fäden zu ſchwinden anfangen. Der Kern ent - hält endlich einen Wimperüberzug, bewegt ſich ſelbſtſtändig und wird zuletzt aus dem Körper hervorgetrieben, um als freies Infuſorium unter der Geſtalt eines Urnenthierchens (Trichodina) davon zu ſchwimmen. Wenn auch dieſe Beobachtungen noch der Beſtätigung bedürfen, ſo geht doch we - nigſtens ſoviel aus denſelben hervor, daß viele Infuſorienformen, die man bis jetzt für ſelbſtſtändig anſah, nur Uebergänge darſtellen, die bei genauerer Verfolgung ihrer Entwickelung mit andern der äußeren Geſtalt nach höchſt verſchiedenen Formen zuſammenfallen. Die AcinetenVogt, Zoologiſche Briefe. I. 798können gewiſſermaßen als Zwiſchenſtufen, als Ammen gelten, in deren In - nern durch Knospung ein Kern nach dem andern ſich erzeugt, welcher im wei - tern Verlaufe ſeiner Ausbildung als ſelbſtſtändiges Junge davonſchwimmt.
Unter den vielfachen Formen, welche nach Ausſcheidung der Mo - naden und der Glockenthierchen, bei den mit einem Munde verſehenen Infuſorien noch übrig bleiben, kann man zwei Hauptgruppen unter - ſcheiden. Die eine, die große Familie der Haarthierchen (Trichodida) bildend, umfaßt alle diejenigen mundführenden Infuſorien, welche ſich nur durch Wimperhaare bewegen, während die Gattungen der anderen Familie, die Borſtenträger (Setifera), außerdem noch Borſten, Haken oder Griffel zum Klettern oder Kriechen haben. Die erſtere dieſer großen Familie kann wieder in folgende Unterfamilien zerlegt werden: Bei den Walzenthierchen (Enchelina) iſt die Körperfläche nackt und nur am vordern Ende des Körpers, der zuweilen in einen langen Hals ausgezogen iſt, befindet ſich in der Umgebung des Mundes ein Wimperkranz, der eine rundliche Form hat. Der After befindet ſich bei allen an dem entgegengeſetzten Körperende, während bei den Glocken - thierchen, welchen ſie ſonſt am nächſten ſtehen würden, die unverdau - ten Nahrungsſtoffe durch den Mund ſelbſt wieder ausgeworfen wer - den. Diejenigen Gattungen dieſer Unterfamilie, deren vorderer Kör - pertheil halsförmig ausgezogen iſt, biegen und winden denſelben ſchlan - genförmig umher und ſcheinen ihn ſowohl als Taſtwerkzeug wie auch zur Bewegung zu benutzen. Lacrymaria; Trichoda; Enchelys.
Bei einer zweiten Unterfamilie, den Halsthierchen (Trachelina),
Paramecium.
iſt entweder der ganze oder doch der größere Theil des Körpers mit wirbelnden Wimpern beſetzt, die meiſtens in Längsreihen geordnet und an dem Munde etwas län - ger ſind. Dieſer liegt meiſt an der Unterſeite des Körpers in einem länglichen Spalte unter einer mehr oder minder ausgebildeten Oberlippe, welche zuweilen halsartig oder zungenförmig geſtaltet iſt. Der After befindet ſich bald an dem einen Ende, bald etwas ſeitlich an dem Körper. Trachelues; Loxodes; Bursaria; Para - mecium, Kolpoda. Eine dritte Unterfamilie, die der Reuſenthierchen (Nassulina), kann aus denjenigen wimpertragenden Formen gebildet werden, welche einen reuſenartigen Zahnapparat beſitzen, der den Ein - gang des Schlundes umgibt; auch hier hat man nach der Stellung dieſer Zahnreuſe, die bald am vordern Ende, bald in der untern Fläche ſteht, meh - rere Gattungen unterſchieden. Nassula; Prorodon.
99Die letzte große Familie, die Borſtenthierchen (Setifera), haben
Ploesconia von der Seite geſehen, wie ſie auf den Bauch - borſten wie auf Füßen läuft.
eine mehr oder minder abge - glattete Geſtalt und auf der untern Fläche des Körpers, außer den Wimpern, welche in der Mundrinne entwickelt ſind, Borſten oder Haken zum Kriechen und Springen auf feſten Gegenſtänden im Waſſer. Mund und After befinden ſich ſtets auf der Bauchfläche des Körpers, zuweilen nahe bei einander in einer ſpaltförmigen Rinne. Man kann unter ihnen die eigentlichen Hechelthierchen (Oxytrichina) (Kerona; Urostyla Stylonychia) mit weichem biegſamen Körper, die oft ſogar nur mit Hinterlaſſung ihrer Borſten zerfließen und die Nachenthierchen (Euplota) unterſcheiden, bei welchen letzteren der Rücken durch ein flaches horniges Schild von ziemlicher Conſiſtenz gedeckt iſt. Chlamidodon; Euplotes.
Die Verbreitung der Infuſionsthierchen auf der geſammten Erde iſt nur noch ſehr unvollſtändig gekannt. Wie es ſcheint, wirken die klimatiſchen Verhältniſſe weniger auf dieſe kleinen Weſen ein, da derſelbe Beobachter viele Formen von Berlin bis nach Süddeutſchland, ja von Arabien bis nach Sibirien hin in den ſüßen Gewäſſern vorfand. Viele For - men entſtehen überall in faulenden Aufgüſſen von thieriſchen und pflanz - lichen Stoffen, nach der irrigen Behauptung Einiger durch Urzeugung, nach der Anſicht Anderer durch Entwicklung von Keimen und eingetrockneten Körpern, die im Waſſer wieder aufleben. Die Vermehrung vieler Arten durch Selbſttheilung iſt ungeheuer, da ſie in geometriſcher Pro - portion zunimmt und jedes durch Theilung entſtandene Individuum faſt unmittelbar darauf ſich wieder theilen kann. So kann es denn nicht verwundern, wenn in Aufgüſſen thieriſcher und pflanzlicher Stoffe unter günſtigen Umſtänden oft nach kurzer Zeit Schwärme von Mil - lionen gewiſſer Infuſionsthierchen erſcheinen, die dort ein ephemeres Daſein führen.
Ein weſentlicher Schlüſſel zur Aufklärung der Erſcheinungen, welche ſolche Aufgüſſe namentlich hinſichtlich der Aufeinanderfolge ver - ſchiedener Arten geben, dürfte in der Verfolgung der Beobachtungen über die Entwickelung derſelben liegen, indem hierdurch ſicherlich in ähnlicher Weiſe, wie bei den Glockenthierchen, noch eine Menge für7*100verſchieden gehaltener Formen als Uebergangsſtufen einer und derſel - ben Art erkannt werden würden.
In geologiſcher Beziehung iſt einzig die Familie der Kranzthier - chen (Peridinida) wichtig, da ſie durch ihren Kieſelpanzer der Zerſtö - rung entging. Ihre Reſte finden ſich beſonders in den Feuerſteinen der weißen Kreide, ſo wie in den verſchiedenen Trippeln und Putz - mergeln, welche der Kreideformation angehören. Was ſonſt als foſſile Infuſorien angeführt wird, gehört entweder zu den Wurzelfüßern, oder zu den mit Kieſelſchalen verſehenen mikroſkopiſchen Pflänzchen, die man irrthümlich als thieriſche Formen auffaßte.
Wenn wir bei den Protozoen nur eine ſehr langſame und un - bedeutende Entwickelung zu höheren Stufen der Ausbildung gewahren konnten, ſo gibt ſich im Gegentheile unter den weit zahlreicheren Klaſſen und Ordnungen der Strahlthiere eine unverkennbare allmäh - lige Ausbildung der geſammten Organiſation kund, obgleich auch hier der höchſte Typus, welcher erreicht wird, trotz der großen Mannich - faltigkeit der einzelnen Gewebe und Organe dennoch ſtets die niedere Stellung des ganzen Kreiſes erkennen läßt.
Der unveränderliche Charakter der Strahlthiere, welcher überall wiederkehrt, beſteht in der ſtrahligen Gruppirung ihrer Organe um eine mehr oder minder verlängerte Axe, die in den meiſten Fällen durch den Mund geht, aber auch dann, wenn der Mund ſeitlich von dieſer Axe liegt, ſich ſehr wohl durch die Lagerung der übrigen Kör - pertheile erkennen läßt. Außerdem bilden ſich überall, wo Eier durch geſchlechtliche Zeugung entſtehen, (und dies iſt in allen Klaſſen der Strahlthiere der Fall, während bei den Urthieren weder Eier noch überhaupt geſchlechtliche Zeugung vorkommt) die Embryonen in ihrer Vollſtändigkeit aus dem ganzen Eie heraus und durchlaufen zuweilen höchſt complicirte Larvenzuſtände oder auch eigenthümliche Ammen - generationen.
101Die Körperſubſtanz der Strahlthiere tritt bei den niederen Typen kaum aus dem Zuſtande der Sarkode, jener unbeſtimmten gelatinöſen, körnigen Subſtanz der Urthiere, hervor; — differenzirt ſich aber bei den höheren mehr in einzelne Gewebe, die faſt vollſtändig die Zellenſtruktur beſitzen. So ſehen wir denn auch faſt überall eine deutliche wohl - charakteriſirte äußere Haut, die von dem übrigen Körper unter - ſcheidbar iſt und bei den Stachelhäutern eine wahrhaft lederartige Conſiſtenz gewinnt, während ſie bei den übrigen Klaſſen dieſes Kreiſes zwar weicher bleibt, allein häufig theils Flimmerorgane, theils wechſelnde Bläschen und andere Vertheidigungswaffen in ihrem Innern entwickelt. Bei mehren Klaſſen, wie namentlich bei den Po - lypen und den Stachelhäutern, finden ſich außerdem ſtets mehr oder minder bedeutende Kalkablagerungen auf und in der Haut, welche bei den letzteren ſogar zu einem förmlichen aus einzelnen Stücken zuſam - mengeſetzten Skelette ſich verbinden und eine feſte Schale um das Thier bilden.
Als eine Abſonderung der äußern Haut, die aber von dem Kör - per mehr getrennt iſt, kommt beſonders bei den Polypen und Quallen - polypen ein lederartiges, horniges oder kalkiges Gehäuſe vor, in welche ſich dieſe Thiere ganz oder theilweiſe zurückziehen können. Dieſe Gehäuſe oder Polypenſtöcke (Polyparium), welche meiſtens trotz der Kleinheit der Thiere eine bedeutende Größe errei - chen, da Millionen Individuen auf demſelben Stock organiſch mit einander verbunden hauſen, bilden die bekannten Korallen, welche ſo - wohl in jetzigen als in früheren geologiſchen Epochen einen weſent - lichen Einfluß auf die Bildung der Erdrinde übten. Die Korallen, ſowie die Schalen der Stachelhäuter ſind in beſonders bedeutender Anzahl von den älteſten Schichten der Erde bis auf die neueſte Zeit vorhanden und zwar in ſo großer Zahl und ſo mannichfach wechſeln - den Formen, daß die Unterſuchung derſelben auch für die Erkenntniß der jetzt lebenden Formen von der größten Wichtigkeit iſt.
Nur bei den höchſten Formen der Strahlthiere glaubt man ein geſondertes Nervenſyſtem und eigenthümliche Sinnesorgane gefunden zu haben, die indeß nur in ſehr unvollkommener Weiſe aus - gebildet erſcheinen und an der ſtrahligen Gruppirung des ganzen Körpers theilnehmen ſollen. Dieſe Organe, ſowie die einzelnen Theile des Nervenſyſtems, welches einen Ring um den Schlund darſtellen ſoll, wiederholen ſich eben ſo oft, als der Körper gleichſam durch die ſtrahlige Anordnung in einzelne Segmente zerfällt, und beſtehen bei den Quallen aus Bläschen, die kryſtalliniſche Maſſen einſchließen,102 bei den Stachelhäutern aus einem knotenloſen Schlundringe und gefärbten Pigmenthaufen an beſtimmten Körperſtellen. Die Bewe - gungsorgane ſind äußerſt mannigfach geſtaltet. Viele Strahlthiere ſind freilich für immer an dem Boden feſtgeheftet und entbehren gänz - lich der Ortsbewegung, während ſie ſich mit größter Lebhaftigkeit zu - ſammenziehen und ausdehnen können; andere aber kriechen und klet - tern, theils mit beweglichen Stacheln, beſonders aber mit eigenthüm - lichen Saugröhren, die ſie gleich Zugſeilen zur Fortſchleppung des Körpers anwenden. Viele endlich ſchwimmen frei umher, entweder durch klappende Zuſammenziehungen ihres ſcheibenförmigen Körpers oder durch eigenthümliche knorpelige Schwimmblaſen, die ſich an be - ſtimmten Theilen des Körpers entwickeln. Alle Strahlthiere leben im Meere, mit Ausnahme einer einzigen Gattung, des Armpolypen, welcher ſich in dem ſüßen Waſſer findet.
Die Ernährungsorgane der Strahlthiere ſind ebenfalls ſehr mannigfaltig geſtaltet. Alle ohne Ausnahme beſitzen einen Mund, aber nur die wenigſten einen After, der dann meiſtens in der Axe des Körpers, dem Munde gegenüber liegt. Bei denjenigen, welche keinen After beſitzen, werden die unverdauten Speiſereſte durch den Mund wieder ausgeworfen, während die aus der Speiſe gewonnene Nah - rungsflüſſigkeit durch eine hintere Oeffnung des Darmes in die Kör - perhöhle übergeht und ſo bei zuſammengeſetzten Stöcken allen Indi - viduen, die an der Kolonie betheiligt ſind, zu Gute kömmt. Bei eini - gen Gattungen der Strahlthiere findet man ſtatt eines einzigen Mundes viele kleine Oeffnungen, welche durch Röhren mit einer meiſt ſehr ge - räumigen Verdauungshöhle in Verbindung ſtehen, von welcher aus dann wieder Röhren nach allen Seiten hin ausſtrahlen. Meiſt ſind in der Umgebung des Mundes einziehbare Fortſätze, Fühler oder Tentakeln, in einem trichterförmigen Kranze aufgeſtellt, die zum Einfangen der Nahrung dienen. Bei einigen Stachelhäutern bemerkt man ſogar einen äußerſt complicirten Zahnapparat, der zum Kauen der meiſt vegetabiliſchen Nahrung dient.
Nur bei den höhern Typen der Strahlthiere kommt ein ſchlauch - förmiges Herz vor, welches durch ſeine Zuſammenziehungen den Nahrungsſaft in dem Körper umhertreibt. Bei den niederen Typen finden ſich weder Gefäße noch ein ſpecieller Bewegungsapparat für den Nahrungsſaft vor, welcher indeſſen entweder durch Wimperorgane oder durch die Contractionen der Leibeswand im Körper und in den Zwiſchenräumen der Organe hin und her getrieben wird. Hierzu kommt dann noch in einigen Klaſſen ein Syſtem von Röhren, welche103 den Körper durchziehen und die durch äußere Mündungen Waſſer aufnehmen, das in dem Körper circulirt. Beſondere Athmungsorgane, welche nur zu dieſem Zwecke beſtimmt ſind, kommen einzig bei der höchſten Klaſſe der Strahlthiere, bei den Stachelhäutern, vor.
Die Fortpflanzung und Entwickelung der Strahlthiere iſt theilweiſe erſt in den neueſten Zeiten und auch hier in vieler Bezie - hung nur unvollſtändig erkannt worden. Sie unterſcheiden ſich von den Protozoen ſcharf durch die Exiſtenz geſchlechtlicher Zeugung, die Allen ohne Ausnahme zukommt, und durch den Mangel hermaphrodi - tiſcher Bildung, beſonders in den höheren Klaſſen. Faſt alle Strahl - thiere ſind getrennten Geſchlechtes und zwar finden ſich ſogar bei denen, welche Kolonien bilden und an dem Boden feſtſitzend ſich einander nicht nähern können, die Geſchlechter meiſt auf verſchiedene Stöcke vertheilt, ſo daß hier die Befruchtung der Vermittlung der Waſſer - ſtrömungen überlaſſen bleibt. Außer der geſchlechtlichen Zeugung in - deſſen kommt auch bei allen geſellſchaftlich lebenden Formen, wie ſich faſt von ſelbſt verſteht, Knospenbildung mit freien, ſich ablöſenden und mit feſtſitzenden Knospen vor. Eine ganze Klaſſe, die der Quallen - polypen, zeichnet ſich durch eine höchſt merkwürdige Ammenzeugung aus, welche bis jetzt die Mutterthiere und die Ammen ſogar in zwei verſchiedene Klaſſen bringen ließ. Ob eine freiwillige Längstheilung irgend wo vorkomme, dürfte noch zweifelhaft ſein, das aber iſt ſicher, daß gewaltſam getheilte Individuen der Quallenpolypen zu ſelbſtſtän - digen Körpern heranwachſen können. Eine eigenthümliche Erſcheinung iſt die Tendenz zur Fixirung an dem Boden, welche bei den unvoll - kommenen Formen ſowie im erwachſenen Alter eintritt, während die Larven und Jungen der Strahlthiere meiſtens frei beweglich ſind. Die meiſten Strahlthiere erſcheinen im unvollendeten und Jugendzuſtande in der Form eines umgekehrten Kegels, deſſen Spitze dem Boden zu - gewandt, und deſſen nach oben gerichtete Baſis von der Mundöff - nung in der Mitte durchbohrt iſt. Wir werden bei den einzelnen Klaſ - ſen und Ordnungen die nähern Erſcheinungen der Fortpflanzung, ſo - wie die Larvenentwickelung dieſer Thiere genauer betrachten.
Die genauere Begrenzung der einzelnen Klaſſen, welche den Kreis der Strahlthiere bilden, konnte bis jetzt hauptſächlich aus dem Grunde nur unvollſtändig durchgeführt werden, weil die Entwickelung der mei - ſten derſelben nur höchſt unvollſtändig bekannt war. Auch jetzt noch wiſſen wir von einer ganzen Klaſſe, den Röhrenquallen, durchaus gar nichts über die embryonale Entwickelung, ſo daß die Stellung und Umgrenzung dieſer Klaſſe ſo lange eine rein hypothetiſche iſt, bis er -104 neute Beobachtungen das über ihr herrſchende Dunkel aufhellen. Wir unterſcheiden nach der äußeren Körperform, nach der Anordnung der Verdauungs - und Bewegungsorgane und nach der Fortpflanzungs - weiſe folgende vier Klaſſen unter den Strahlthieren.
Einzelner Polyp des Koralls vergrößert.
1. Polypen. Weiche, mehr oder min - der gelatinöſe, ſehr contractile Körper von cylindriſcher Geſtalt, die mit ihrem Fuße meiſt unbeweglich feſtgewachſen an dem Bo - den haften. Der Verdauungskanal beginnt mit einem kreisförmigen Munde in der Mitte eines trichterförmigen Tentakelkranzes und führt in eine von beſondern Wänden um - gebene Magenhöhle, die ſich nach unten in die allgemeine Leibeshöhle öffnet, in welcher ſich die Geſchlechtswerkzeuge in Geſtalt band - artiger Streifen befinden. Sie bilden meiſtens hornige oder kalkige Korallenſtöcke, auf welchen die Thiere in großen Maſſen zuſammen - leben. Wir trennen von ihnen die Armpolypen, welche zu der näch - ſten Klaſſe, und die Moospolypen, welche zu den Weichthieren gehören.
2. Quallenpolypen. Sie erſcheinen ſtets in zwei verſchie -
Sertularia.
denen Formen. Die unvollendete Form gleichet der vorigen Klaſſe ſo ſehr, daß
Pelagia.
105 man ſie als Armpolypen bisher nur als eine Familie oder Ord - nung der Polypenklaſſe bezeichnete. Indeſſen unterſcheiden ſie ſich weſentlich durch den Mangel aller inneren Geſchlechtstheile und einer eigenen Darmwandung, indem die afterloſe Verdauungshöhle unmittel - bar in der Leibesmaſſe ſelbſt ausgehöhlt iſt. Die höhere Form dieſer Thiere, welche aus der Polypenform durch Knospung hervorgeht, um - faßt die ſogenannten Schirmquallen, Thiere mit ſcheiben - oder glocken - förmigem Körper und meiſt centralem, auf der Unterfläche ange - brachtem Munde von gelatinöſer Beſchaffenheit und faſt glasartiger Durchſichtigkeit, die ſich durch Klappen ihres Scheibenkörpers ſchwim - mend im Waſſer bewegen und deren Organe alle nach dem ſtrengſten radiären Typus angeordnet ſind.
Velella.
3. Die Röhrenqual - len haben eine äußerſt unbe - ſtimmte Geſtalt, an welcher der radiäre Typus nur an den An - hängen ſich erkennen läßt. Sie ſchwimmen mittelſt eigenthüm - licher Knorpelſtücke, die bei den meiſten durch geſchloſſene mit Luft gefüllte Blaſen unterſtützt werden. Man kennt faſt nur die äu - ßere Form dieſer Thiere, welche bisher mit den Schirmquallen und den Rippenquallen, die zu den Weichthieren gehören, in eine Klaſſe zuſammengeſtellt wurden.
4. Die Stachelhäuter beſitzen eine lederartige Haut, in welcher
Echinus.
Kalkablagerungen vor - kommen, die bis zu getäfelten und ganz ge - ſchloſſenen Schalen zu - ſammenſchießen. Es ſind rundliche, ſternförmige, abgeplattete oder cylind - riſche Thiere, welche ſich meiſt mittelſt Saugfüh - lern kriechend auf dem Boden bewegen. Die ſtrahlige Anordnung der Organe iſt nur bei den106 Familien von cylindriſcher Körperform einigermaßen verdeckt; eine Hinneigung zum bilateralen Typus läßt ſich nur undeutlich bei einigen höhern Formen erkennen. Das Nervenſyſtem, welches einzig bei dieſer Klaſſe und auch hier nur ſehr zweifelhaft erkannt worden iſt, ſoll aus einem feinen Schlundringe beſtehen. Die Geſchlechter ſind überall ge - trennt und auf verſchiedene Individuen vertheilt; die Entwickelung durch höchſt ausgebildete Larven und Ammenformen merkwürdig; ungeſchlecht - liche Zeugung fehlt gänzlich.
Korallenbaum mit entwickelten Polypen.
In der Ausdehnung, wie wir dieſe Klaſſe begreifen, indem wir die Armpolypen einerſeits und die Moospolypen als Weichthiere an - derſeits davon abtrennen, bilden die Polypen eine nach höchſt einfa - chem Typus und in ſehr überein - ſtimmenden Formen entwickelte Klaſſe, die ſich durch den cylindriſchen Kör - per, den in der Mitte eines meiſt flimmerloſen Fühlerkranzes ſtehenden Mund und die mit eigenen Wänden verſehene Verdauungshöhle, welche nach hinten ſich in die Leibeshöhle öffnet, durch die inneren Geſchlechts - theile, die in bandartigen Streifen angelagert ſind, und durch die meiſt außerordentlich entwickelten horni -107
Einzelne Polypen von Veretillum cynomorium. Stark vergrößert. a Eine Zelle, in welche ſich ein Polyp zurückgezogen hat. b der Fühlerkranz. c die Magenhöhle. d die Krauſen der Geſchlechts - theile. Zur Seite iſt Fig. 82. ein Polyp quer durchſchnitten um das Verhältniß der ſtrahlich geſtellten Falten mit den Geſchlechtskrauſen zur mittleren Verdauungshöhle zu zeigen.
gen oder kalkigen Korallenſtöcke, welche ihren gemeinſchaftlichen Kolonieen als Boden und Um - hüllung dienen, vor allen übri - gen Thieren auszeichnen, welche mit ihnen die ſtrahlige Anordnung der Körpertheile um eine centrale Axe gemeinſchaftlich beſitzen. Die einzelnen Thiere, welche in den Polypenſtöcken hauſen, ſind nur ſelten mikroſkopiſch, obgleich zu ihrer genauern Unterſuchung Vergrößerungsgläſer angewendet werden müſſen. Diejenigen Gat - tungen, welche einzeln leben, be - ſitzen oft eine weit bedeutendere Größe und es giebt z. B. Meer - neſſeln, welche wohl den Umfang einer Fauſt erreichen mögen.
Die äußere Haut der Polypen iſt bei denjenigen Thie - ren, welche in Polypenſtöcken hauſen und ſich in eine ſchützende Röhre zurückziehen können, äußerſt weich und zart und nur in höchſt ſeltenen, vielleicht noch der Beſtä - tigung bedürfenden Fällen dürftig mit ſeinen Wimperhaaren beſetzt. Bei den nackten Polypen erlangt die Haut, beſonders am Leibe, eine lederartige Feſtigkeit und bildet einen unten geſchloſſenen Sack, in welchen die Fühler oder Tentakeln zurückgezogen werden können. In der Haut dieſer Letzteren finden ſich in vielen Fällen Neſſelorgane, glashelle Bläschen, welche nebſt einem langen Spiralfaden eine ätzende Flüſſigkeit hervorſchnellen, die ein Brennen auf der Haut erzeugt.
Von beſonderer Wichtigkeit erſcheint die Bildung der kalkigen Korallenſtöcke, welche beſonders in ſüdlichen Meeren feſte Maſſen von bedeutender Größe und Härte bilden, während in nördlichen Breiten hauptſächlich nur nackte, oder mit ſchwammartigen Stöcken verſehene Polypen vorkommen. Unterſucht man die chemiſche Zuſam - menſetzung dieſer Polypenſtöcke, ſo findet man, daß ſie größtentheils aus reinem kohlenſaurem Kalke beſtehen, dem oft etwas kohlenſaure Talkerde beigemiſcht iſt. Nur bei wenigen Gattungen erſcheinen ſie hornig und bei einer ſogar iſt der Polypenſtock aus Kieſelerde gebaut. 108Dieſe mineraliſchen Concretionen, die meiſt noch einen kryſtalliniſchen Bau zeigen, ſind dennoch keine einfachen Ausſchwitzungen, ſondern trotz ihrer oft großen Härte ein Beſtandtheil der Haut ſelbſt und zwar desjenigen Theiles, welcher den hintern Theil des Leibes um - giebt. Hier ſetzen ſich bei dem Wachsthum des Polypen theils minder theils mehr zahlreiche Kalkpartikelchen ab und bilden ſo entweder eine ſchwammige, von Kalknetzen durchzogene Maſſe, oder endlich eine ſteinartige Subſtanz, in welcher der organiſche Stoff faſt gänzlich verſchwunden iſt.
Polypenſtock einer Caryophyllia.
Unterſucht man die Polypenſtöcke näher, ſo ſieht man, daß auch in den zuſammengeſetz - teſten Kolonieen jedes Thier eine eigene Zelle hat, welche ſich nach unten zur Röhre verlän - gert und ſich in gemeinſchaftliche Kanäle fort - ſetzt, die ein Röhrenſyſtem bilden, das mit der verlängerten Leibeshöhle eines jeden Indivi - duums zuſammenhängt. Bei den todten und foſſilen Polypenſtöcken, bei welchen die organiſche Subſtanz verſchwunden iſt, kann man dieſe Dis - poſition der gemeinſchaftlichen Kanäle noch ſehr wohl verfolgen. Bei vielen Polypen fließen indeß die Röhren und Zellen, welche den einzelnen Thieren ange - hören, mehr oder minder in einander über oder werden durch da - zwiſchen entwickelte Subſtanz in ſolcher Weiſe in einander verſchmolzen, daß manchmal die Unterſcheidung jeder einzelnen Zelle ſchwierig wird. Mag auch die Geſtalt des Polypenſtockes ſelbſt ſein, welche ſie wolle, ſo zeigen doch die Zellen ſtets eine einfache, runde oder ſtrahlige Geſtalt und wiederholen in dieſer Weiſe den Typus, nach welchem der ganze Leib des Thieres gebaut iſt.
Die Bildung eines Polypenſtockes beginnt mit einer Incruſtation desjenigen Körpers, auf welchem der junge Polyp ſich feſtſetzt, iſt alſo offenbar eine Ausſchwitzung der Baſis des Polypenleibes. Man hat dieſe Ausſchwitzung das Fußblatt oder Oberhautblatt genannt, da ſie ſich gleichſam wie ein Blättchen Wachs an die Gegenſtände an - ſchmiegt, auf welchen ſich der Polyp feſtſetzt. Häufig beſchränkt ſich dieſes Fußblatt auf die beſchriebene Ausdehnung, in andern Fällen erhebt es ſich am Rande und umgiebt wie ein dünnes Firnißblatt den unteren Theil des Polypenſtockes, zuweilen auch vergrößert ſich dieſes Fußblatt durch ſtets neu aufgelegte Schichten in der Mitte, ſo daß es Anfangs eine kegelförmige Warze bildet, die nach und nach109 zu einem Stamme oder einem veräſtelten Baume auswächſt. Auf dieſe Weiſe bildet ſich das Fußblatt bei einigen Familien, wie namentlich bei dem ächten Korall, zu einer inneren Axe aus, die durchaus keine Zellen enthält und um welche herum die gemeinſchaftliche Maſſe er - goſſen iſt, in deren Zellen die einzelnen Polypen ſitzen und welche von den gemeinſchaftlichen Kanälen durchzogen iſt. Dieſe Axenſtöcke wachſen ſtets wie alle Fußblätter durch Auflage neuer Schichten auf der den Polypen zugewandten Seite.
Die Verſteinerung, welche in der Haut des hinteren Leibestheiles vor ſich geht und welche die Zelle ſelbſt für den Leib des einzelnen Polypen bildet, ſtrahlt von einzelnen Punkten des Gewebes aus und entwickelt ſich in dem Maße nach beſtimmten mathematiſchen Geſetzen, wie die Knospen der Polypen ſelbſt ſich ausbilden. Man kann auch hier wieder verſchiedene Theile unterſcheiden, die für die genauere Auffaſſung der zoologiſchen Unterſchiede und des Verhältniſſes der Polypenſtöcke zur ganzen Organiſation der Thiere von Wichtigkeit erſcheinen.
Als äußere Schicht der einzelnen Polypenzellen kann man in den meiſten Fällen ein Kalkblatt unterſcheiden, welches das Reſultat der Verſteinerung der äußerſten Hautſchichte des Thieres iſt. Meiſt bildet die - ſes Blatt eine kegelförmige Dute oder ein längeres Rohr, nur zuweilen, wie bei den Orgelkorallen, conſtituirt es für ſich allein die röhrenförmige Zelle der Polypen. Man hat dieſes Blatt, welches meiſtens an der Baſis der Polypenſtöcke und als Umhüllung der einzelnen Zellen ſich bemerkbar macht, das Mauerblatt genannt. Durch Vereinigung und Verſchmelzung der Mauerblätter auf ihrer äußeren Seite und durch Verdickung ihrer Maſſe bildet ſich jene Zwiſchenſubſtanz, welche beſonders bei den ſchwammigen Polypenſtöcken die einzelnen Zellen mit einander verbindet.
Schon in der Charakteriſtik der Thierklaſſe bemerkten wir, daß die inneren Geſchlechtstheile der Polypen in krauſen bandartigen Strei - fen angeordnet ſeien, welche ſtets eine ſtrahlige Gruppirung um den Magenſack und tiefer hinab darböten. Die Verſteinerung dieſer haut - artigen Falten, welche in das Innere der Leibeshöhle hineinragen, bil - det nun die Strahlen, die wir meiſt in den Zellen der Polypenſtöcke erblicken. Es entwickeln ſich dieſe Strahlen von außen nach innen, entſprechend den häutigen Falten und Geſchlechtskrauſen, welche bald weniger, bald mehr vorſpringen. So ſieht man denn in den Zellen der Polypenſtöcke zuweilen nur kurze Blätterſtrahlen, die den Rand der geräumigen Zellenhöhle zacken, während in den meiſten Fällen110 wenigſtens die Hauptſtrahlen in der Mitte ſich treffen und zu einer Säule zuſammenſchmelzen, die bald aus den gewundenen Blättern der einzelnen Strahlen, bald aus einer ſchwammigen Zuſammenſchmel - zung derſelben beſteht. Zuweilen wächſt die Säule, welche die Axe der Zelle einnimmt, ſich verlängernd fort, während die Scheidewände oder Strahlen in ihrem Wachsthume zurückbleiben. Die Säule bildet dann ein mittleres unabhängiges Stäbchen im Centrum der ſtrahligen Zelle. Meiſtens wachſen auch von der Säule aus den Strahlen kor - reſpondirende Blätter entgegen, welche eine innere Krone bilden, deren nach der Peripherie gewendete Zacken bald frei bleiben, bald ſich mit den von der Mauer aus hereinwachſenden Strahlen verbinden. An den Stellen wo die Strahlen oder dieſe Kronenblätter das äußere Mauerblatt erreichen, wird dieſes oft durchbrochen, ſo daß die Strah - len ſich über die Umgebung der Zelle hinaus fortſetzen.
Fig. 84 — 86. Junge Polypenſtöcke einer Schwammkoralle (Fungia). Fig. 84 die Kammer hat nur ſechs primäre Strahlen; die ſekundären be - ginnen am Mauerblatte vorzuſproſſen. Fig. 85. Die ſekundären Strahlen ſind gebildet; die tertiären wach - ſen. Fig. 86. Die quaternären und quintären Strah - len bilden ſich. 1. die primären, 2. die ſekundären, 3. die tertiären Strahlen.
Beim erſten Beginne der Bildung einer neuen Polypenzelle zeigen ſich nur äußerſt wenige Hauptſtrah - len, welche die Zelle in ſechs primitive Kammern abthei - len; — wenigſtens iſt die Sechszahl, ſo viel man bis jetzt hat beobachten können, die Normalzahl, nach wel - cher ſich die vielſtrahligen Polypen der eigentlichen Korallenſtöcke entwickeln. Auch bei denjenigen Polypenſtöcken, bei welchen, wie bei den Schwamm - korallen, eine ungeheure Anzahl einzelner Strahlen exiſtirt, auch bei dieſen tritt zuerſt nur eine einfache Zahl von ſechs Strahlen auf, die ſich ſpäter in ſtreng geſetzmäßiger Weiſe vergrößert, und ſelbſt dann kann man noch die primären Strahlen meiſt an ihrer größeren Dicke und Höhe von den ſpäter entſtandenen unterſcheiden. Die neuen Strahlen entwickeln ſich bis zum vierten Cyclus ſtets in der Weiſe fort, daß eine jede Kammer in der Mitte durch den neu entſtehenden Strahl in zwei Hälften getheilt wird. So wird beim Auswachſen einer Schwamm - koralle z. B., die Anfangs nur ſechs Strahlen hat, jede dadurch ge - bildete primäre Kammer durch den ſekundären Strahl in zwei Hälf - ten getheilt und die ganze Zelle hat nun zwölf ſekundäre Kammern. Durch die Entſtehung der tertiären Strahlen erhält ſie vier und zwan -111 zig tertiäre Kammern, dann aber nicht acht und vierzig, ſondern nur ſechs und dreißig, indem nur die Hälfte der tertiären Kammern und zwar diejenigen, welche an dem primären Strahl anliegen, durch qua - ternäre Strahlen in zwei Hälften getheilt werden. Mit Beobachtung dieſes Geſetzes läßt ſich die Zahl aller Strahlen, welche an einer Po - lypenzelle vorkommen, auf die urſprüngliche Sechszahl reduziren, zu - mal da es ein durchgreifendes Geſetz iſt, daß die gleichnamigen Strah - len ſich auch ſtets zu gleicher Zeit im ganzen Umfange der Zelle entwickeln.
Die Bildung der Polypenſtöcke wird noch durch den Umſtand be - ſonders complicirt, daß auch die gemeinſchaftliche Maſſe, welche die einzelnen Polypen mit einander verbindet, ſich in bald mehr, bald minder zuſammenhängender Weiſe verſteinert und nun mit den Strah - len und Mauerblättern zuſammenwächſt. Dieſelbe ſtrenge Geſetzmä - ßigkeit, welche ſich in der Bildung der Strahlen bemerkbar macht, herrſcht auch in der Entwickelung der einzelnen Knospen, welche die Polypen treiben. Bei den einen werden dadurch mehr oder minder veräſtelte Bäume gebildet, wo bald jede Knospe oder jede Zelle einen Aſt darſtellt, bei andern entwickeln ſich ganze Syſteme von Knospen zu einzelnen Aeſten und Zweigen oder zu fingerförmig ausgebreiteten Maſſen, bei wieder anderen werden alle Zellen in eine einzige, mehr oder minder rundliche Maſſe von oft ungeheurer Größe zuſammen geſchmolzen. Das Skelett eines jeden zu Grunde gegangenen Polypen bleibt der gemeinſchaftlichen Kolonie als unvergänglich integrirender Theil, und ſo entſtehen aus der Vereinigung vieler kleiner Weſen und aus ihrer geſetzmäßigen Entwicklung jene merkwürdigen Maſſen, auf deren Bildung im Großen wir noch einen weiteren Blick werfen werden.
Von eigentlichen Bewegungsorganen kann bei den feſtſitzenden Polypen nicht wohl die Rede ſein und auch diejenigen freien Stöcke, welche im Sande oder im Schlamme ſtecken und von welchen man bisher glaubte, ſie ſchwämmen im Meere umher, entbehren jeglichen Bewegungsorganes. Nur die freien Einzelpolypen, wie die Seeane - monen, beſitzen einen breiten, ſcheibenförmigen Fuß, mit welchem ſie
Seeanemone (Actinia.)
ſich anſaugen und hin und her gleiten können. Wohl aber beſitzen die Polypen einestheils ein ſehr[ausgebildetes] Faſergewebe, das ihre einzelne Leibes - theile zuſammenzieht und anderſeits einziehbare Tentakeln, welche eine große Bewegbarkeit beſitzen. Bei denjenigen Polypen, welche acht Tentakeln um den Mund beſitzen, ſind dieſelben meiſt blattförmig und an den Rändern mehr oder minder gekerbt,112 während ſie bei den ſechs und mehrſtrahligen Polypen eine mehr wal - zenförmige Geſtalt haben und eine hohle am vordern Ende geſchloſſene Röhre darſtellen. Bei allen Polypen ohne Ausnahme ſteht die Höhlung der Tentakel in Verbindung mit der Leibeshöhle und die Entfaltung ſcheint zum Theil dadurch bewirkt zu werden, daß von der Leibes - höhle aus Flüſſigkeit in ihre Höhlung eingepreßt wird.
Obgleich die Polypen namentlich in den Fühlern eine große Empfindlichkeit zeigen, ſo iſt es doch noch nicht gelungen, Nerven oder Sinnesorgane bei ihnen wahrzunehmen. Auch die Verdauungs - organe ſtehen auf einer ſehr niederen Stufe der Entwickelung. Der runde, zuweilen auf einem Knopfe in der Mitte der Fühler ange - brachte Mund führt in eine weite Magentaſche, welche ſich nach hinten frei durch offene Spalten in die Leibeshöhle öffnet, ſo daß Waſſer und Nahrungsſtoffe ge - meinſchaftlich durch dieſe hinte - ren Oeffnungen in die Leibes - höhle übergehen. Dieſe iſt durch häutige Blätter, welche in dem untern Theile der Leibeshöhle nach innen zu frei ſind, oben ſich an die Magenwandung an - ſetzen und auf ihrem freien ge - krausten Rande die männlichen oder weiblichen Geſchlechtsor - gane tragen, in eine große An - zahl von Taſchen oder Kammern zerfällt. Bei den gemeinſchaftlich lebenden Polypen geht die Lei - beshöhle, in welcher der Nah -
Einzelne Polypen von Veretillum cynomorium. Stark vergrößert. a Eine Zelle, in welche ſich ein Polyp zurückgezogen hat. b der Fühlerkranz. c die Magenhöhle. d die Krauſen der Geſchlechts - theile. Zur Seite iſt Fig. 89. ein Polyp quer durchſchnitten, um das Verhältniß der ſtrahlich geſtellten Falten mit den Geſchlechtskrauſen zur mittleren Verdauungshöhle zu zeigen.
rungsſaft mit Waſſer vermiſcht beſtändig hin und her circulirt, in ein Netz von Gefäßen über, welches ſich in der gemeinſchaftlichen Maſſe des Polypenſtockes hinzieht und mit allen übrigen Polypen in direkter Communication ſteht. Der Strom der Flüſſigkeit, welcher durch dieſe Gefäße läuft, wird durch zarte flimmernde Wimpern bedingt, und geht an der einen Seite der Fühler bis an deren Spitze, um auf der andern Seite wieder hinab zu gleiten. Da die Polypen die Oeffnungen der Magenhöhle gegen die Leibeshöhle hin113 nach Belieben durch Zuſammenziehung ſchließen können, ſo hängt es auch von ihrem Willen ab, welche Stoffe ſie in die Leibeshöhle über - treiben, welche durch den Mund wieder auswerfen wollen.
Die Geſchlechter ſind ſtets getrennt und ſoweit man bis jetzt unterſucht hat, ſogar bei den geſelligen auf verſchiedene Polypenſtöcke vertheilt, an denen keine äußere[Geſchlechtsverſchiedenheit] zu bemerken iſt. Eier und Samen bilden ſich in kapſelartigen Höhlungen der Ge - ſchlechtstheile aus, treten in die Leibeshöhlung über und werden erſtere zuweilen ſchon als ausgebildete Embryonen durch den Mund ausge - worfen, worauf ſie ſich entwickeln und feſtſetzen. Bei den vielſtrahli - gen Polypen findet daſſelbe Verhältniß ſtatt, welches wir bei der Ent - wickelung der Strahlen ihrer Zellen beobachteten. Sie haben zuerſt nur ſehr wenige Fühler, deren Zahl ſich mit ihrem Wachsthum vermehrt.
Die ungeſchlechtliche Zeugung iſt außerordentlich weit ver - breitet, wie ſich ſchon daraus ergibt, daß nur höchſt wenige Polypen als einzelne Individuen leben. Indeſſen hat man die Erſcheinung der Knospung faſt noch gar nicht an lebenden Thieren beobachtet, ſon - dern nur aus der Bildung der Polypenſtöcke erſchloſſen, wo ſich dann allerdings erkennen läßt, daß die Knospung nach beſtimmten Geſetzen vor ſich geht, wodurch je nach der Gattung der Polypen baumförmige oder ſchwammige Formen erzeugt werden. Aus den zuſammenfließen - den Zellen mancher Polypenſtöcke hat man ſchließen wollen, daß hier eine freiwillige mehr oder minder vollſtändige Längstheilung ſtattfinde, welche indeß durchaus noch nicht erwieſen iſt. Auch über die innere Entwicklung dieſer Knospen und Sproſſen wiſſen wir nur ſo viel, als ſich auf die äußern Organe und auf die Vermehrung der in der Lei - beshöhle angebrachten Scheidewände bezieht, was aus der Vervielfälti - gung der Strahlen in den Zellen erſchloſſen werden kann.
Alle Polypen ohne Ausnahme leben im Meere und zwar die be - weglichſten mit ihrem Fuße an dem Boden feſtgeſogen, andere mit ihrer Baſis im Schlamme ſteckend, andere feſtgewachſen und unfähig je den Ort zu ändern. Dieſe letzteren geben beſonders Veranlaſſung zu jenen Bildungen, welche in den ſüdlichen Meeren unter dem Namen der Korallenriffe bekannt ſind. In den nördlichen Breiten ſind es hauptſächlich nackte und gelatinöſe Polypen, Seeanemonen, welche die Klaſſe repräſentiren. In den Meeren der gemäßigten Zone findetman neben den nackten Polypen noch ſolche mit ſchwammigen Polypenſtöcken, in welchen Kalknadeln zerſtreut ſind. Erſt in dem Mittelmeere kommen wahre Korallenſtöcke vor, die indeß nur raſenförmige AusbreitungenVogt, Zoologiſche Briefe I. 8114bilden. Die eigentliche Zone der Korallenriffe beginnt am 30ten Grade nördlicher Breite und hört faſt gänzlich unterhalb des 25ten Grades ſüdlicher Breite auf, ſo daß ſie alſo eine Art Gürtel um die Erde bildet, der mit dem Aequator parallel läuft. Felsboden begünſtigt be - ſonders ihre Entwickelung, während Schlamm und Sand ihnen hinder - lich iſt. In der genannten Ausdehnung aber ſind ungeheure Strecken von den Productionen der Polypen überdeckt und wenn man die Ge - ſchichte der Erde näher unterſucht, ſo findet man, daß früher die Ko - rallenthiere und ihre Riffe eine weit größere Ausdehnung beſaßen und daß mächtige Gebirgszüge zum großen Theile von ihnen auferbaut ſind.
An den ſeichten Stellen der ſüdlichen Meere rudert der Seefahrer oft über weite Strecken hin, deren Farbenpracht mit den ſchönſten Tin - ten unſerer Gegenden im Herbſte wetteifert. Durch das durchſichtige Waſſer ſchimmern die prächtigſten Abſtufungen von Grün, Gelb und Roth hindurch, die augenblicklich einem eintönigen Grau Platz machen, ſobald das Schleppnetz ausgeworfen oder das Waſſer ſtärker beunru - higt wird. Das Netz bringt aus der Tiefe ſteinige Aeſte oder Knollen hervor, welche einen grauen ſchleimigen Ueberzug zeigen. Die Polypen, die äußerſt empfindlich gegen Berührung oder Waſſerſtrömungen ſind, haben ſich ſämmtlich in ihre Zellen zurückgezogen, ſo daß die Stöcke nur die kalkige Maſſe zeigen. Legt man aber die Stücke in’s Waſſer und läßt ſie darin ruhig, ſo entfalten ſich allmählig wieder die Poly - pen, die beſonders an ihren Fühlern jene lebhaften Farben zeigen. Längeres Verweilen außer dem Waſſer tödtet die Polypen unausbleib - lich, weshalb ſie denn auch niemals über eine gewiſſe Höhegränze ſich anſiedeln, die bei ſtillen Gewäſſern etwa 4 bis 6 Fuß unter dem Stande der Ebbe ſich hält. Ebenſo behaupten diejenigen Gattungen, welche beſonders die Korallenriffe bilden, hinſichtlich der Tiefe eine gewiſſe Gränzlinie unter welcher ſie ſich nicht anſiedeln. So hat man in dem rothen Meere beobachtet, daß alle Korallen, welche man aus mehr als 9 Faden Tiefe hervorzog, nur todte Bruchſtücke waren und 20 Faden dürfte überall als die größte Tiefe angeſehen werden, in welcher ſich noch lebende Korallen anſiedeln, obgleich man aus weit bedeuten - derer Tiefe lebende Polypen hervorgezogen hat, die aber nur kleine Bäumchen, keine großen ſteinigen Maſſen bilden. Die Bildung der Korallenriffe ſelbſt hat manches Eigenthümliche. Die ältern Seefahrer im ſtillen Ocean waren ſchon betroffen von der eigenthümlichen, meiſt kreisförmigen Geſtalt der einzelnen Inſeln, welche oft in ihrem Innern einen ſtillen See, eine Lagune umſchloſſen, die nur einige Zugänge durch das ſchmale Riff zeigte, welches den Kreis der Inſel ausmachte. 115Man glaubte, daß die Korallen ſich hauptſächlich auf den Rändern von Kratern vulkaniſcher Kegelberge entwickelt hätten und nahm an, daß ſie aus beliebiger Tiefe herauf ſenkrechte Mauern aufführten, welche an der Oberfläche die Bildung des Bodens abzeichneten. Erſt die ge - nauere Beobachtung des Lebens der Korallenthiere und des Verhaltens ihrer Riffe gab die genauere Erklärung der auffallenden Erſcheinungen.
Man unterſcheidet jetzt der Form nach drei verſchiedene Arten von Korallenriffen. Die Atolls oder Lagunenriffe beſtehen aus einem ſchmalen, mehr oder minder regelmäßig gekrümmten Streifen feſten Landes, der einen innern See, eine Lagune umſchließt und aus todten zerbröckelten Korallenmaſſen beſteht, die durch Kalkſand wieder verkittet und in einen fruchtbaren Boden verwandelt ſind, welcher kaum über das Meeresniveau hervorragt und meiſt zuerſt mit Kokospalmen ſich be - pflanzt. Zuweilen iſt die Lagune in der Mitte eines ſolchen Atolls gänzlich abgeſchloſſen von der See, die außen brandet; meiſt aber zeigt ſie einen oder mehrere Einſchnitte durch welche das Waſſer der La - gune mit dem Meere in Verbindung ſteht. Die Tiefe der Lagunen iſt meiſt nicht bedeutend, höchſtens bis zu 40 Faden und bietet einen ſichern Ankergrund. Die Lagune ſelbſt iſt ein wahrer Sammelplatz von feſt - ſitzenden und ſchwimmenden Seethieren aller Art, welche ſich hieher vor der Brandung und der Strömung des freien Meeres flüchten. Nach außen hin findet ſich meiſt ſchon in geringer Entfernung von dem Riffe eine bedeutende Tiefe, ſo daß dieſes eine faſt ſenkrecht aus der Tiefe aufſteigende Mauer bildet. Die Dammriffe unterſcheiden ſich nur dadurch von den Atolls, daß im Innern der Lagune ſich eine Inſel aus anſtehenden Felſen und feſtem Lande befindet, welche, wie durch einen Feſtungsgraben, durch einen mehr oder minder breiten Lagunenkanal von dem wie ein Gürtel ſie umgebende Riffe getrennt iſt. Dieſer Lagunenkanal iſt meiſt nur von geringer Tiefe, zuweilen aber von ſehr bedeutender Breite und die Dammriffe, welche gürtel - förmig das Land umziehen und den Lagunenkanal von der See ab - ſcheiden, beſitzen oft eine ungeheure Ausdehnung. So hat das Damm - riff, das ſich an der Küſte von Neu-Caledonien findet, eine Länge von 400 engliſchen Meilen und dasjenige der auſtraliſchen Küſte er - ſtreckt ſich mit geringen Unterbrechungen durch etwa 15 Breitengrade. Endlich die dritte Art von Riffen wird durch die ſogenannten Küſtenriffe gebildet, welche ſich nur dadurch von den Dammriffen unterſcheiden, daß ſich zwiſchen ihnen und dem feſten Lande kein Lagunen - kanal hinzieht, ſondern daß ſie ſich unmittelbar an die Küſten anlehnen.
Bedenkt man, daß die Korallenpolypen ſich nur bis zu einer ge -8*116wiſſen Tiefe anbauen können, daß aber die der See zugekehrten Seiten der Korallenriffe oft eine faſt ſenkrechte Mauer von mehreren hundert Faden Tiefe bilden, aus deren Tiefe das Senkblei nur todte Bruch - ſtücke hervorbringt, vergleicht man mit dieſer Eigenthümlichkeit der Korallenthiere die verſchiedenen Arten der von ihnen gebauten Riffe, welche allmählig in einander übergehen, ſo ergiebt ſich die Erklärung der Erſcheinung im Großen in höchſt einfacher Weiſe. Alle Korallen - thiere haben ſich ſicher in der Nähe der Küſten in ſolcher Tiefe ange - ſetzt, wie dies ihre Lebensbedingungen ihnen vorſchrieben und haben ſo urſprünglich Küſtenriffe gebildet. Nun ſenkte ſich der Boden allmählig langſam im Laufe von Jahrhunderten und bis zu einer ſolchen Tiefe, daß die untern Polypen abſtarben. Die Polypen bau - ten nach oben fort, um die ihnen zukommende Höhe unter dem Mee - resſpiegel zu behaupten. Die Korallenſtöcke der todten Polypen dien - ten als feſter Felsboden für die jüngeren Generationen. Indem der Boden ſich immer mehr ſenkte, bildeten ſich die Dammriffe und als er gänzlich verſchwand, die Atolls aus, die alſo nur ringförmige Umkrei - ſungen von Stücken feſten Landes, von Inſeln und Bergſpitzen ſind, welche im Laufe der Zeit unter die Oberfläche des Meeres ſich hinabſenkten. So ſind dieſe Werke ſo unſcheinbarer Thierchen die unwiderſprechlich - ſten Zeugniſſe für jene langſamen und allmähligen Veränderungen der Erdoberfläche, zu deren Erkenntniß die Mittel unſerer Forſchung ſonſt nicht hinreichen würden, und aus dem Vorhandenſein der zahl - reichen Atolls und Lagunenriffe im ſtillen Ocean kann der ſichere Be - weis entnommen werden, daß in der Gegend jenes Meeres einſt weite Continente exiſtirten, die ſich allmählig unter die Oberfläche des Waſ - ſers hinabſenkten und deren Spitzen nur noch als zerſtreute Inſel - gruppen hie und da aus der Tiefe hervorragen.
Die Klaſſe der Polypen iſt in allen Schichten der Erde von der früheſten Zeit her bis auf die Gegenwart in äußerſt zahlreichen und mannigfaltigen Formen vertreten. Doch waren in den Zeiten der Grauwacke und der Trias hauptſächlich mehr ſolche Formen entwickelt, welche raſenförmige Polypenſtöcke bildeten, ſo daß die Maſſe der Po - lypen von nicht ſo bedeutendem Einfluß auf die Schichtbildung war. In der juraſſiſchen Periode ändert ſich dieſes Verhältniß. Ueberall wo man noch den Jura angetroffen hat, in Frankreich, der Schweiz, Deutſchland und England, alſo in Breiten, welche jetzt durchaus keine Riffe mehr zeigen, exiſtirten damals außerordentlich ausgedehnte Korallen - riffe, welche theilweiſe zwar von der jetzigen abweichende Gattungen und gänzlich verſchiedene Arten enthalten, ſonſt aber dieſelben Eigenthümlichkei -117 ten zeigen, welche wir auch in den Korallenriffen der Gegenwart beobachten. An vielen Stellen bilden die juraſſiſchen Korallenriffe wahre Atolls, hügel - förmige Erhöhungen von höchſtens 50 Fuß Mächtigkeit, die auf kieſeligen und ſandſteinigen Schichten angebaut ſind. Im Umkreiſe der Atolls zeigen ſich die Korallen — im Innern aus feinem Schlamm gebildete Schich - ten, die ſich offenbar bei größerer Ruhe des Waſſers ablagerten, mit zahlreichen, Schlamm und Sand bewohnenden Muſcheln, dünnſchaligen Seethieren und ähnlichen Meerbewohnern, welche ruhige Orte vor - ziehen. An dem Fuße der von den Korallen gebildeten Mauer ſieht man Breccien - und Lumachellenkalke, die aus den Bruchſtücken zer - riebener und zerbrochener Schalen zuſammen gebacken ſind und offen - bar als Reſultate der den Atoll umwogenden Brandung ſich darſtellen. Die Korallenſtöcke ſelbſt und die ihre Zwiſchenräume bewohnenden Muſcheln und Seelilien ſtehen ſenkrecht auf den Schichten, ein Beweis, daß ſie ſich auf denſelben als auf ihrem urſprünglichen Wohnſitze befinden.
Die Nahrung der lebenden Polypenthiere beſteht offenbar aus kleinen thieriſchen und pflanzlichen Partikelchen, welche durch die Strö - mung ihnen zugeführt werden. Das Entfalten und Schließen ihrer Arme, wie überhaupt ihre ganzen Lebenserſcheinungen, ſind meiſt äußerſt träge; doch bemerkt man deutlich Empfindlichkeit gegen das Licht und gegen Berührungen oder Waſſerſtrömungen, welche plötz - liches Zurückziehen in die Zelle verurſachen. Die Korallenſtöcke ſelbſt dienen einer Unzahl von Muſcheln, Schnecken, Würmern und Fiſchen zum Wohnort und Schlupfwinkel und viele dieſer Thiere nähren ſich auch von den Polypen, indem ſie dieſelben mit ihren ſcharfen Zungen und Kiefern abkratzen oder auch die Zellen ſelbſt zwiſchen den Zähnen zermalmen.
Die Eintheilung der Polypen in Ordnungen, Familien und Gat - tungen hat beſonders deßhalb viele Schwierigkeiten, weil man nur von ſehr wenigen Arten die Thiere und deren engeres Verhältniß zu den Polypenſtöcken genauer kennt. Wir begegnen deßhalb auch vielen verſchiedenen Verſuchen, die aber alle nur zu unſicheren Reſultaten gelangten, indem ſie entweder die foſſilen Arten mit umfaßten und dann einzig die Charaktere des Polypenſtockes berückſichtigten, oder aber, indem ſie die Foſſilen fern hielten, eine weſentliche Lücke ohne alle Ausfüllung ließen. Wir nehmen als Baſis der Eintheilung das Zah - lengeſetz, nach welchem die Fühler und Strahlen ſich entwickeln, an und indem wir zugleich nach einem allgemeinen Naturgeſetze die ſocialen Formen für die niedriger ſtehenden, die freien für höher entwickelt an - ſehen, erhalten wir folgende drei Ordnungen, die alle ſehr zahlreich in allen Schichten der Erde vertreten ſind.
118Erſte Ordnung: Sechsſtrahlige Polypen (Hexactinia). Alle zu dieſer Ordnung gehörigen Polypen haben eine bedeutende An - zahl von rundlichen, cylindriſchen oder pfriemenförmigen Fühlern und Strahlen in den Zellen der Polypenſtöcke, welche ſich indeſſen ſämmt - lich aus der Sechszahl entwickeln. Die Embryonen und freien Sproſ - ſen ſind freilich noch nicht beobachtet, aber die jüngſten Zellen beſitzen nur ſechs einfache Strahlen, die ſich im ſpätern Alter vermehren. Alle haben kalkige Polypenſtöcke, welche baumartige oder ſchwammige Maſſen bil - den. Sie bilden jetzt einzig die ächten Korallenriffe, während in früheren geologiſchen Epochen auch die achtſtrahligen Polypen Riffbildend auftraten.
Die Familie der Baumkorallen (Madreporida) beſitzt meiſtens
Madrepora.
verhältnißmäßig kleine Polypen, deren zwölf Tentakel in einer einzigen Reihe ſtehen, ſehr kurz ſind und wie verküm - mert ausſehen. Der Polypenſtock iſt ſehr porös, meiſt fingerförmig ver - äſtelt, die einzelnen Zellen rund oder verwaſchen ſechseckig, durch poröſe Maſſe verbunden oder röhrenartig an der Oberfläche hervorſtehend. Die Strah - len ſind nur in geringer Zahl vor - handen, reichen nur ſelten bis in die Mitte der Zelle und bilden niemals eine eigentliche Säule in derſelben. Je nach der Tiefe der Zellen und den im Grunde vorhandenen oder fehlenden Scheidewänden hat man in dieſer äu - ßerſt zahlreichen Familie, welche auch beſonders in den älteſten Schichten durch eigenthümliche Gattungen vertreten iſt, mancherlei Unterabtheilungen unter - ſchieden, deren Werth noch näher er - örtert werden muß. So haben die ei - gentlichen Madreporen ſehr tiefe, bis in die Mitte des Stockes reichende Zel - len; die Reihenkorallen (Seriatopora) die Kettenkorallen (Catenipora) die ſich im Uebergangsgebirge finden, ganz tiefe, durch quere Scheidewände getheilte Zellen, während die Poriten überall poröſe, mit ſehr oberflächlichen, niemals die Mitte des Koralls erreichen - den Zellen beſetzte Polypenſtöcke bilden.
119Die Becherkorallen (Cyathophyllida) bilden ſtets einfache Po - lypenſtöcke von Becherform mit wohl ausgebil -
Caryophyllia.
deten Strahlen, welche aber löcherig und oben zackig ſind, und ſchiefen oder queren Boden - wänden. Ihre Polypen ſind groß, mit vielen, ziemlich langen Fühlern verſehen; die Zellen ebenfalls geräumig. Die Sproſſen neuer Po - lypen wachſen bei einigen Gattungen nicht ſeit - lich, ſondern oben aus der Zelle, ſo daß der Polypenſtock aus mehren in einander geſchach - telten Polypen zu beſtehen ſcheint. Cyathophyllia; Dendrophyllia; Stephanophyllia; Caryophyllia.
Die Drehkorallen (Turbinolida) haben mit der vorigen Familie die Geſtalt ſo wie die großen, mit langen Tentakeln verſehenen Thiere gemein; aber ihre meiſt einfach zelligen Korallenſtöcke zeigen ſtets durchgehende Kammern und niemals Bodenwände, durch welche die Zellen in horizontal über - einander liegende Abtheilungen getrennt würden. Je nach der Anwe - ſenheit einer Säule oder von Säulenblättern ſo wie nach der Ganz - heit oder Durchbohrung des äußeren Mauerblattes, das bei manchen Gattungen dieſer Familie ganz zellig, bei andern ſehr vollſtändig er - ſcheint, hat man mehre Unterabtheilungen in dieſer zahlreichen Familie gebildet. Turbinolia; Desmophyllum; Cyathina; Desmia.
Die Sonnenkorallen (Astreida) ſind es hauptſächlich, welche durch
Astrea.
ihre ſchweren, ſteinigen Maſſen die Korallenriffe bilden. Sie ſind ungemein zahlreich in Gattungen von dem Muſchelkalke an bis in unſere heutige Schöpfung vertreten und deßhalb in viele Unterfamilien und Gruppen zerlegt worden. Die Fühler der Thiere ſtehen meiſt etwas zerſtreut; die Strahlen der Leibeshöhle ſind außerordentlich zahlreich, weßhalb auch in den Zellen der Korallen ein ſehr entwickelter Strahlenkranz ſich findet. Die dadurch gebildeten Kammern ſind tief, durch Querbalken der Länge nach unvollkommen getheilt. Niemals finden ſich vollſtändige Bodenwände. Die meiſten Polypen dieſer Familie ſcheinen ſich nicht nur durch Knospen, ſondern auch durch freiwillige Theilung zu ver - mehren, wodurch langgedehnte, meiſt gewundene Zellen entſtehen, die120 dem Polypenſtocke etwa das Ausſehen der ſchraffirten Karte einer Berggegend geben. Die Korallen bilden meiſt rundliche, dicke ſteinige Maſſen. Nach dem oberen Rande der Strahlen, die dort ausgezackt, hier ganz rundlich ſind, hat man zwei Unterfamilien und in dieſen ein - zelne Gruppen von zahlreichen Gattungen unterſchieden, je nachdem die Zellen ganz iſolirt bleiben, ſo daß die Koralle ein äſtiges Anſehen erhält, oder durch poröſe Zwiſchenmaſſe zuſammengeleimt, durch ihre Wände aneinander gekettet oder endlich gänzlich zuſammenfließend ſind. Eusmilia; Diploctenium; Ctenophyllia; Dendrogyra; Stylina; Sarcinula; Astraea; Angia; Echinopora; Maeandrina
Die Schwammkorallen (Fungida) bilden oblonge oder rundliche
Junge Schwammkorallen (Fungia.)
Maſſen von bedeutendem Umfange, die meiſtens frei ſind oder ſich der Unterfläche, auf der ſie liegen, wie ein dicker Ueberzug anpaſſen. Die Strahlen der Zellen ſind außerordentlich zahlreich, gezackt und ſo ausgebreitet, daß die eigentliche Umſchreibung der Zel - len ſelbſt verloren geht. Bei den eigentlichen Schwammkorallen, die einſam ſind und dennoch oft mehr als den Umfang eines Tellers erreichen, iſt das Thier groß, mit einem röhrenförmigen Munde und runden, wurmähnlichen Fühlern, die hie und da aus den Strahlen des Ko - ralls hervorſtehen. Bei anderen Gattungen ſind nur noch verkümmerte, wulſtartige Fühler vorhanden. Die zahlreichen Arten und Gattungen ſind beſonders von den juraſſiſchen Schichten an bis jetzt ungemein häufig.
Die Augenkorallen (Oculinida) zeichnen ſich durch die ſchöne, ver - äſtelte Form ihrer Polypenſtöcke aus, welche ausgebreiteten Sträuchern gleichen. Die Zellen ſind klein, rundlich, die Strahlen nur wenig ent - wickelt, doch ſtärker wie bei den Madreporen. Was ſie vor dieſen auszeichnet, iſt die ungemeine Härte und Feſtigkeit der Zwiſchenſub - ſtanz, die keine poröſe Beſchaffenheit zeigt und ſich nur durch das Röhrennetz in der Mitte von den ſoliden Axen der ächten Korallen unterſcheidet. Manche Gattungen dieſer Familie werden deßhalb oft als weißes Korall bezeichnet. Die Polypen ſind klein, ihre Fühler lang.
Eine höchſt merkwürdige Familie dieſer Ordnung ſind die Stau - denkorallen (Antipathida). Der Polypenſtock wird von einer hornigen Axe gebildet, die eine lederartige Hülle hat, in welcher zuſammenzieh - bare, durch die Polypen bewahrte Zellen ſich finden. Dieſe haben nur ſechs cylindriſche Fühler im Kreiſe um den Mund, während die üb -121 rigen Rinden - und Hornkorallen, welche ſonſt in der Structur der Axe mit den Staudenkorallen vollkommen übereinſtimmen, acht gekerbte Fühler beſitzen und deßhalb einer folgenden Ordnung angehören.
Die zweite Ordnung umfaßt die fünfſtrahligen Polypen (Pentactinia). Sie beſteht vorzugsweiſe aus einſamen Polypen, welche einen einfachen oder doppelten Tentakelkranz um den Mund tragen, deſſen meiſt zahlreiche Fühler von der Fünfzahl ſich herleiten, ein Verhältniß, das namentlich im Jugendzuſtande, wo der Fühler nur noch wenige ſind, deutlich hervortritt. Sie haben niemals einen kalkigen Korallenſtock, ſondern nur eine lederartige, ſackförmige Haut, in welche die Fühlerkrone zurückgezogen werden kann. Der hintere Theil ihres Körpers ſitzt bei den geſelligen Arten auf einer lederar - tigen, mit Ausläufern verſehenen Grundlage, während die freien Gat - tungen entweder eine Saugſcheibe beſitzen oder mit dem zugeſpitzten weicheren Hintertheile im Schlamme ſtecken.
Die Familie der Seeblüthen (Zoanthida) beſteht aus keulenför - migen, biegſamen geſelligen Polypen, die meiſt in Büſcheln zuſammen - ſitzen und deren Mund von einer einzigen Reihe ſehr kurzer aber zahl - reicher Fühler umgeben wird. Die meiſten dieſer Polypen können ſich theilweiſe in die lederartige Haut, die den mittleren Körper umgiebt, zurückziehen; anderen, die man deßhalb zu einer eigenen Gattung er - hoben hat, geht dies Vermögen ab.
Die Familie der Seeanemonen oder Meerneſſeln (Actinida)
Actinia.
kommt beſonders in den warmen und gemäßigten Zonen häufig vor. In ausgedehntem Zuſtande bil - det der Körper dieſer Polypen ſtets einen auf bei - den Seiten abgeſtutzten Cylinder von größerer oder geringerer Höhe. Die untere Fläche des Cy - linders wird von einer Saugſcheibe gebildet, wo - mit ſie ſich ſo feſt an Steine, Felſen, Muſcheln feſtſaugen, daß es oft kaum möglich iſt, ſie ohne Zerreißung loszutrennen. Am beſten gelingt dies noch durch das Unterſchieben einer dünnen breiten Klinge. Sie krie - chen langſam mittelſt ihrer Saugſcheiben fort und halten ſich beſonders gerne in geringer Tiefe auf. In ſolchen Meeren, welche bedeutende Ebbe und Fluth haben, wohnen viele Arten vorzugsweiſe an der Gränze der letzteren in Waſſertümpeln, die auf den Felſen zurückblei - ben. Die Fühler ſind äußerſt verſchieden geſtaltet und geſtellt; bald in einer, bald in vielfachen Reihen, in einfachem Kreiſe oder auf einem fünflappigen ausſtülpbaren Sterne. Bei den einen ſind ſie ſehr122 lang, dünn und wurmförmig, bei andern kurz und dick, bei einigen veräſtelt und ausgezackt. Die Meerneſſeln ſind äußerſt gefräßige Thiere, welche von Muſcheln, Schnecken und Kruſtenthieren leben, deren im Magen ausgeſogene Schalen durch den Mund wieder ausgeworfen werden, was oft mit ſo vieler Energie geſchieht, daß der ganze, weite, faltige Magenſack aus dem Munde hervorgeſtülpt wird. Bei der Be - rührung ziehen ſie ſich mit großer Lebhaftigkeit zuſammen und ſpeien das im Innern enthaltene Waſſer durch den Mund oder durch eigene Oeffnungen an dem Grunde der Tentakel aus. Sie prangen meiſt in den lebhafteſten Farben und beſonders zeichnen ſich die Fühler durch brennende Tinten aus. Sie haben ein äußerſt zähes Leben und laſſen ſich Jahre lang in Gefäßen, deren Waſſer oft gewechſelt wird, erhal - ten. Ein Beobachter an der Küſte von Schottland hatte ein ſolches Exemplar 40 Jahre lang, während welcher Zeit es, wahrſcheinlich durch innere Knospenbildung, über 600 Junge erzeugte. Die Eier entwickeln ſich im Innern der Leibeshöhle ſo weit, bis die Jungen nackte Polypen mit fünf rundlichen warzenartigen Strahlen darſtellen. In dieſer Geſtalt werden ſie durch den Mund ausgeſpieen. Die Zahl der Fühler wächſt nun ſchnell, während zugleich die inneren Organe ſich ausbilden. Einige Arten werden in den italieniſchen Küſtenorten von dem gemeinen Volke gegeſſen. Actinia; Cribrina; Minyas.
Die freien Seeneſſeln (Edwardsida) ſind bis jetzt nur durch eine einzige Gattung bekannt, die aber ihrer eigenthümlichen Beſchaffenheit wegen eine beſondere Familie bilden muß. Es ſind wurmförmige Thiere, welche verſteckt im Sande leben und bis jetzt nur an der Weſtküſte Frankreichs aufgefunden worden ſind. Die größte Art er - reicht die Länge eines halben Fußes und die Dicke eines Federkieles. Um den Mund ſtehen in ein oder zwei Reihen 10 bis 20 Fühler, die mit dem ganz durchſichtigen Vordertheile des Körpers in die lederar - tige Hülle des Mittelkörpers zurückgezogen werden können; auch die ſtumpfe Spitze des Hinterleibes iſt in ähnlicher Weiſe zurückziehbar. Im Innern des Körpers ſcheint hinſichtlich der Scheidewände der Leibeshöhle die Achtzahl zu herrſchen.
Die Ordnung der achtſtrahligen Polypen (Octactinia) hat höchſtens acht in einfachem Kreiſe um den Mund geſtellte und meiſt dreieckige, blattartige Fühler, welche an den Seiten gekerbt, zuweilen ziemlich tief ausgezackt ſind. Die Korallenſtöcke haben in dieſer Ord - nung, welche auch nackte Repräſentanten hat, eine außerordentliche Mannigfaltigkeit in Struktur und chemiſcher Zuſammenſetzung, indem ſie bald Röhren, bald ſchwammige Stöcke, bald innere Axen bilden.
Die Familie der Orgelkorallen (Tubiporida) hat meiſt kalkige123 oft an Maſſe ziemlich bedeutende Korallenſtöcke, aus einzelnen, faſt parallelen rundlichen Röhren gebildet, die bündelartig zuſammenſtehen und von dünnen Polypen mit langen einziehbaren Fühlern bewohnt werden. Die Ränder der Fühler ſind ſehr tief eingekerbt, ſo daß ſie faſt gefiedert erſcheinen. Die einzelnen Röhren ſind durch Zwiſchen - wände mit einander verbunden, die auch in den Röhren ſelbſt als quere Scheidewände auftreten. Die jetzigen Orgelkorallen haben alle eine prächtig purpurrothe Farbe, während die Thiere grün oder röth - lich ſind. In den Schichten der Uebergangsgebilde war dieſe Familie beſonders reich in einzelnen Gattungen repräſentirt, die man beſonders nach der Stellung der Röhren unterſchieden hat.
Die Familie der Pilzkorallen oder Seekorke (Alcyonida) hat fleiſchige Polypenſtöcke von ſchwammiger Beſchaffenheit, die ſich zuweilen fingerartig ausbreiten. Das ganze Gewebe des Polypenſtockes iſt von einer Unzahl unregelmäßiger kalkiger Concremente, die meiſt warzige Nadeln darſtellen, durchſpickt und bietet einzelne ſternförmige Zellen auf der Oberfläche dar, welche nach dem Rückzuge der Polypen wie Warzen erſcheinen. Sie kommen namentlich in den gemäßigten Meeren ſehr häufig vor, erreichen aber niemals eine bedeutende Größe. Die Polypen ſind kurz, dick, ihre Fühler von mittlerer Länge, aber ſeitlich ſehr tief eingekerbt.
Die Rindenkorallen (Gorgonida) unterſcheiden ſich von al -
Isis nobilis. Das Edelkorall.
len übrigen Polypen durch die Entwickelung einer kalkigen, kie - ſeligen oder hornigen Axe, die in Baumform veräſtelt und mit einem lederartigen Ueberzuge ver - ſehen iſt, in deſſen einzelnen Zellen die Polypen ſtecken. Zuweilen ver - ſteinern dieſe Zellen ebenfalls und
Ein einzelner Polyp.
124 ſtellen ſich dann als kurze Becherchen dar, welche der Axe aufſitzen. In der weichen Rindenſubſtanz, welche die Axe umgiebt, ſind meiſt in ganz ähnlicher Weiſe, wie in dem Polypenſtocke der Seekorke, Kalk - nadeln abgelagert und außerdem die Netze der gemeinſchaftlichen Ka - näle, welche die Polypen verbinden, ſichtbar. Die Polypen ſind denen der Seekorke ähnlich, nur ſind ihre Fühler meiſt noch kürzer und weniger tief eingekerbt. Man hat die einzelnen Gattungen beſonders nach der Struktur und Subſtanz der Axen unterſchieden. Unter den mit ſteinerner Axe zeichnet ſich beſonders das ächte Korall (Isis nobilis) durch ſeine große Härte und Polierfähigkeit, ſowie durch die lebhaft rothe Farbe aus. Der ganze Polypenſtock bildet einen Baum, deſſen Stamm in ſeltenen Fällen ſogar Mannsdicke erreichen ſoll. Die ganze Axe iſt vollkommen ungegliedert, zuſammenhängend und auf der Oberfläche mit feinen parallelen Streifen gezeichnet. Die Axe dieſer Blutkoralle wird ſeit den älteſten Zeiten zu allerhand Schmuckſachen verarbeitet. Ihre Heimath iſt das Mittelmeer, wo ſie beſonders an der afrikaniſchen Küſte in Riſſen und Spalten der Felſen wächſt und mit eigenen Inſtrumenten und Schleppnetzen abgeriſſen wird, was ſtets eine langwierige Operation iſt, da ſie ſich bis in eine Tiefe von 700 Fußen anbaut und die größten Stöcke meiſt nur in dunkeln ſeitlichen Spalten der Felſen ſich finden. Für die Fiſcher des Mittelmeeres iſt der Korallenfang eine eben ſo reiche Quelle von Sagen und abenteuerlichen Geſchichten, wie für die Bewohner des Binnenlandes die eingegrabenen Schätze und die mineraliſchen Reich - thümer im Innern der Berge. Andere der Blutkoralle nahe verwand - ten Gattungen haben eine gegliederte Axe mit hornigen oder ſteinigen Zwiſchenſtücken, während die eigentlichen Gorgonien eine nur hornige Axe beſitzen, im übrigen aber eben ſo wie die im Mittelmeere vor - kommende Kieſelkoralle in ihrer Struktur ganz mit den Blutkorallen übereinkommen. Isis; Gorgonia; Mopsea; Prymnoa.
Veretillum cynomorium.
Die Familie der Seefedern (Pennatulida) zeichnet ſich dadurch aus, daß der gemeinſchaftliche Polypenſtock von einem beſonderen Stiele125 getragen wird, der in ſeiner Mitte eine feſte Axe enthält, ſonſt aber von einer Hülle umzogen wird, in welcher nur die gemeinſamen Nah - rungskanäle ſich verzweigen, aber keine Polypenzellen ſich finden. Mit dieſem ſtets freien und zugeſpitzten Stiele ſteckt der Polypenſtock in dem Schlamme oder Sande ohne weitere Befeſtigung. Die Länge und die Dicke des Stieles ſowie ſein Verhältniß zu dem polypentragenden Theile wechſelt ungemein. Bei den Seegurken (Veretillum) und eigentlichen Seefedern (Pennatula) hat er die Länge und Dicke eines Fingers und erſcheint fleiſchig, bei der Ruthenfeder (Vir - gularia) iſt er nur ſehr kurz, bei dem grönländiſchen Sonnenſchirme (Umbellularia) dagegen ungemein dünn und lang, während er bei der Nierenfeder (Renilla) nur ſehr unbedeutend erſcheint. Die Polypen erſcheinen verſchieden geſtaltet, doch meiſt von länglicher Geſtalt mit ſchmalen tief eingekerbten Fühlern und in verſchließbare Zellen zurückziehbar. Der Theil des Polypenſtockes, welcher die Polypen trägt, iſt höchſt verſchieden gebildet. Bei der Seegurke iſt er walzenförmig und die Polypen ſitzen unregelmäßig an allen Seiten herum. Bei den See - federn ſtehen auf beiden Seiten eines mittleren Stieles breite kalkige Lamellen, die nach außen hin ſich fächerartig ausbreiten und wo jede Fächerleiſte eine Zelle für einen Polypen bildet. Noch complicirter iſt dieſe Bildung bei den Ruthenfedern, wo zu beiden Seiten eines Schaf - tes Sförmig gewundene kurze Röhren ſtehen, welche wie Armleuchter auf der äußeren Seite Röhrchen mit endſtändigen Polypen tragen.
Als letzte Familie der achtſtrahligen Polypen und gewiſſermaßen als analoge der Meerneſſeln, betrachten wir die Familie der Meer -
Lucernaria. a der Stiel. b die Fühler - haufen. c die Geſchlechts - krauſen.
ſchirme (Lucernarida) gallertartige, durchſich - tige, mit einem runden Stiele ſich anheftende Polypen, die entweder nur acht einfache oder ſelbſt nur vier ſpäter getheilte dicke Fühler be - ſitzen, welche durch eine trichterförmige Zwiſchen - haut verbunden ſind. An der Spitze dieſer Fühler bemerkt man eigenthümliche Saugfäden und Neſſelhaufen, die bei keinem andern Poly - pen vorkommen. Die Verdauungshöhle iſt außerordentlich kurz und öffnet ſich nach hinten ſogleich in die Leibeshöhle, welche nur vier Scheide - wände beſitzt. Die Eierſtöcke, welche ganz den gewöhnlichen Bau haben, erſtrecken ſich bis weit hervor in die ſchirmähnliche Ausbreitung der Tentakeln. Man findet verſchiedene Gattungen dieſer Familie an den europäiſchen Küſten des Oceanes.
Die Thiere welche dieſe Klaſſe bilden ſind ihrer außerordentlich wechſelnden Körperform wegen bisher in zwei vollkommen getrennten Klaſſen aufgeführt worden. In der That treten ſie in zwei ganz ver - ſchiedenen Geſtalten in die Erſcheinung. Als unvollkommene Formen ſind es polypenartige Körper, bald einzeln, bald Stöcke bildend, meiſt feſtgeheftet an den Boden aus einem einfachen Magenſacke gebildet und mit einer unbeſtimmten Anzahl rundlicher Fangarme verſehen; als vollkommnere Form findet man ſie frei ſchwimmend im Meere in rund - licher Scheiben - oder Glockengeſtalt, von beſtimmt ſtrahligem Bau, der genaue Zahlenverhältniſſe erkennen läßt. Wir wiſſen jetzt, daß beide Formen von einander abſtammen, allein nichts deſtoweniger ſind wir gezwungen, auch noch in ſyſtematiſcher Hinſicht ſie getrennt von einander zu behandeln, da wir nur erſt von ſehr wenigen Arten mit Gewißheit angeben können, wie ſie in beiden Lebensformen ſich geſtalten.
Armpolyp des ſüßen Waſſers, (Hydra) ter eben einen Waſſerfloh (Daphnia) gefangen hat und im Begriffe ſteht, die Beute dem Munde (a) zuzuführen.
Die unvollkommene Form welche wir mit dem Namen der Armpolypen be - zeichnen, umfaßt Thiere von weichem Kör - perbau, die meiſtens in Kolonien zuſammen - leben und deren Mund von einer ver - änderlichen Zahl wimperloſer, rundlicher, ſehr ausdehnbarer Fühler umgeben iſt. Viele Gattungen haben einen Polypenſtock, der entweder nur eine Inkruſtation oder veräſtelte Bäumchen bildet, die glockenförmige Zellen tragen, in welche ſich meiſt die einzelnen Polypenleiber zurückziehen können. Dieſe Polypenſtöcke ſind dann äußerſt zart, papier - artig oder hornig und biegſam; ſie bilden niemals größere Maſſen oder Korallen, wie die eigentlichen Polypen.
In der weichen Haut der Armpolypen finden ſich ſowohl Neſſel - organe als eigenthümliche Giftorgane, welche aus einem mit Wider - haken verſehenen Bläschen beſtehen, das einen klebrigen Faden hervor ſchnellt, welcher ſich beim Erhaſchen der Beute um dieſelbe ſchlingt. Die Bläschen reißen ſich bei dieſer Gelegenheit aus der Haut los und ihre Berührung tödtet unausbleiblich die kleinen Thierchen, welche von den Armen erfaßt waren. Die Fangarme ſelbſt ſind ſtets rundlich127 und bei einigen Gattungen ſcheinbar aus einem großzelligen Gewebe gebildet, während ſie bei andern hohl ſind und dieſe Höhle mit der Magen - höhle in Verbindung ſteht. Nervenſyſtem und Sinnesorgane hat man noch bei keinem Armpolypen entdeckt. Der Mund, der in der Mitte des Fühlerkreiſes ſich befindet, führt in eine einfache Ver - dauungshöhle über, welche zwar von feſteren Wandungen umgeben, aber nicht von der Leibeswandung getrennt iſt. Das Thier bildet ſo - mit einen einfachen hauptſächlich aus Sarkode gebildeten Schlauch, wäh - rend die Korallenpolypen, deren Magen ſelbſtſtändige Wandungen beſitzt, einen doppelten in ſich ſelbſt eingeſtülpten Schlauch darſtellen. Bei den einſamen Armpolypen iſt die Verdauungshöhle nach unten blind ge - ſchloſſen, während bei den geſellſchaftlichen Gattungen ſie nach unten in eine Röhre übergeht, welche in ein für alle Individuen des Stockes ge - meinſchaftliches Netz von Röhren mündet. In allen dieſen Röhren wird die Ernährungsflüſſigkeit durch zarte Wimpern umgetrieben. Die un - verdauten Stoffe werden bei Allen durch den Mund ausgeworfen.
Die Fortpflanzung der Armpolypen geſchieht auf mehrfache Art. Innere Geſchlechtstheile findet man niemals bei den Armpolypen, während Knospung bei allen vorkommt. Die innere Höhle der Knospen ſteht Anfangs mit der Verdauungshöhle des Körpers in Ver - bindung, iſt gleichſam nur eine Nebenhöhle, eine Ausſackung derſelben, ſchnürt ſich aber bei den freien Gattungen nach und nach ab, während zugleich die Fühler hervorſproſſen. Bei den ſocialen Gattungen bleibt die Verbindung beſtändig, wodurch die veräſtelten Baumformen ent - ſtehen. Die Geſchlechtsorgane entſtehen bei den Armpolypen perio - diſch an der Außenfläche in ähnlicher Weiſe wie Knospen und ver - ſchwinden allmählig wieder nach ihrer Entleerung. Bei dem gewöhnlichen Armpolypen des ſüßen Waſſers (Hydra) bilden ſich am untern Theile des Körpers Wülſte, die beginnenden Knospen ganz ähnlich ſind und in welchen ſich Dotterkugeln entwickeln, die eine förmliche Schale um - gebildet erhalten. Offenbar ſind dieſe äußeren Knoten als Eierſtöcke anzuſehen. Oberhalb dieſer Eierſtöcke brechen ähnliche Wülſte hervor, die anfangs geſchloſſen, ſpäter aber mittelſt einer durchbohrten Warze nach außen geöffnet ſind. In dieſen Wülſten entwickeln ſich Samen - thierchen, die einen runden Körper und einen ſehr langen und zarten Haaranhang beſitzen, nach einiger Zeit durch die Warzenöffnungen ausſchlüpfen und im Waſſer umherwimmeln, offenbar zu dem Zwecke, die in den Eierſtöcken befindlichen Eier zu befruchten.
Bei denjenigen Armpolypen welche einen Polypenſtock beſitzen, wie namentlich bei den Glockenpolypen (Campanularia) bilden128 ſich zu gewiſſen Zeiten eigenthümliche Individuen aus, deren Verdau - ungsapparat meiſt nur rudimentär oder ſelbſt gänzlich verkümmert iſt; auch die Fühler dieſer Geſchlechtsindividuen ſind durchaus verkümmert und meiſtens bilden ſie nur geſchloſſene Becher, in deren Innerem ſich vollſtändige Eier oder Samenthierchen erzeugen. Nach ihrer Entleerung verſchwinden dieſe kapſelförmigen Individuen wieder und der Polypenſtock erſcheint dann vollkommen geſchlechtlos. Die letzte Art der Fort - pflanzung, welche die vollkommnere Quallenform liefert, werden wir erſt ſpäter betrachten.
Man findet die Armpolypen in allen Meeren und eine Gattung, das einzige Beiſpiel unter ſämmtlichen Strahlthieren, auch im ſüßen Waſſer. Sie bilden ſtets nur ſehr kleine, dünne Polypenſtöcke, die entweder kruſtenartig ſind oder kleine Fädchen und Bäumchen dar - ſtellen, die ſich überall, beſonders aber auch auf den Blättern der Tange und andern Seepflanzen anſiedeln. Diejenigen der ſüdlichen Meere ſind noch faſt gar nicht bekannt und auch die der nördlichen See nur unzureichend unterſucht.
Die Zahl der bekannten Armpolyen iſt nur gering und ſteht durchaus in keinem Verhältniß mit derjenigen der vollendeteren For - men, ſo daß eine genauere Eintheilung derſelben auch ſchon deshalb unthunlich iſt, weil dieſelbe aus der Kenntniß der beiden Erſcheinungs - formen gemeinſchaftlich hervorgehen müßte. Wir theilen einſtweilen die Armpolypen in folgende Familien ein:
Die Familie der Süßwaſſerpolypen (Hydrida) beſteht hauptſäch -
a Waſſerlinſen, an deren Wurzeln die Polypen ſitzen. b ein entwickelter Polyp. c ein ſolcher mit zwei, der Ablöſung na - hen ausgebildeten Knosven. d ein anderer, ganz zuſammengezogen.
lich aus der Gattung Hydra, deren Arten man vorzüglich häufig an Waſſerlinſenwur - zeln angeheftet findet. Das Thier iſt ganz nackt, mit langen Fangarmen verſehen, die es auch zum Umherklettern braucht, obgleich es ſich gewöhnlich mit ſeinem Fuße feſtſetzt und ruhig auf Beute lauert. Die Fangarme ſelbſt ſind hohl und ihre Höhle ſteht mit der, den ganzen Leib des Thieres bildenden Verdauungshöhle in Verbindung. Sie kön - nen ungemein verlängert werden und dienen durch ihre Neſſel - und Haftorgane zum Fangen der Beute, die beſonders in Waſſer - flöhen (Cyclops), kleinen Mückenlarven und derlei Thierchen beſteht. Die Thiere ſind ungeheuer gefräßig und pflanzen ſich bei gu - tem Futter lebhaft durch Knospen fort, die129 an der unteren Leibeshälfte hervorſproſſen. Ihr Leben iſt ſehr zähe, ihre Reproduktionskraft ungemein groß, ſo daß einzelne Stücke wieder zu ſelbſtſtändigen Thieren auswachſen. Die hervorſproſſenden Knospen ſtehen Anfangs mit der Leibeshöhle in Verbindung, ſchnüren ſich aber vollſtändig ab, ſobald ihre Arme entwickelt ſind. Die Warzen und Wülſte, welche von den beſonders im Sommer hervorſproſſenden Ge - ſchlechtstheilen gebildet werden, wurden von vielen Beobachtern für eine Ausſchlagskrankheit gehalten. Die Thiere ſelbſt gehen im Winter zu Grunde, während die Eier überwintern und ſich im Frühjahre entwickeln.
Die Familie der Röhrenpolypen (Tubularida) begreift meiſtens
Syncoryne. Fig. 103. Eine Gruppe Polypen in natürlicher Größe. Fig. 104. Ein Polyp mit Quallenknospen. Fig. 105. Eine losgelöste Qualle. a der Stiel; b, c, d, e Quallenknospen in verſchiedenen Stufen der Ausbildung; f Arme des Polypen; g Anheftungsſtelle der freien Qualle; h Mund; i Fangfä - den; k Glockenrand; l Körper.
geſellige Thiere, die oft eine zarte Röhre als Umkleidung ihres Körpers beſitzen, in welche ſie ſich aber nie - mals gänzlich zurück - ziehen können. Die frei werdenden Quallen - Knospen entwickeln ſich an der Baſis der Fühler, welche nicht hohl ſind. Die Ge - ſchlechts - Individuen bilden da wo ſie be - obachtet ſind keulen - förmige kurz geſtielte Formen mit ganz ver - kümmerten Fühlern. Faſt bei allen hat man die Bildung der höheren Quallenform beobachtet. Je nach der Stellung der Fühler in einer oder zwei Reihen und ihrer verhältnißmäßigen Länge, nach dem Vor - handenſein einer dünnhäutigen Röhre oder deren Fehlen, hat man verſchiedene Gattungen unterſchieden, die faſt alle an der Küſte der Nordſee und des Oceans vorkommen. Coryne; Syncoryne; Tubularia; Eudendrium; Synhydra.
Eine dritte Familie iſt diejenige der Glockenpolypen (Campanularida), bei welchen die Polypen ſämmtlich in flaſchenförmigen Bechern auf ver - äſtelten Bäumchen ſitzen und ſich in dieſe Becher zurückziehen können. Vogt, Zoologiſche Briefe I. 9130
Sertularia.
Je nachdem die einzelnen Becher lang geſtielt oder ſtiellos ſind, hat man verſchiedene Gattungen aus dieſen Glockenpolypen gebildet. Die Becher in welchen ſich Eier und Samen ent - wickeln, zeigen weder Fühler noch Verdauungskanäle, während die ge - ſchlechtsloſen Individuen dieſelben be - ſitzen. Die ganzen Polypenſtöcke bil - den federartige Bäumchen oder einzelne Glöckchen, die mit langen Stielen auf meiſtens zellig veräſtelten Wurzeln aufſitzen. Die größeren Formen fin - den ſich beſonders in ſüdlichen Mee - ren, während in den nördlichen mehr die zarteren kleineren Gattungen vor - handen ſind. Campanularia; Sertu - laria; Plumularia; Dyomea.
Bei den meiſten Armpolypen des Meeres kannte man ſchon früher eine eigenthümliche Art der Fortpflanzung, welche indeß erſt in der neueren Zeit in ihren anderweitigen Beziehungen genauer er - kannt und gewürdigt wurde. Dieſe Fortpflanzungsweiſe beſteht darin, daß an irgend einer Stelle des Leibes, bald in den Axenſtellen der Bäumchen, wo die Zweige abgehen, bald in der Nähe des Tentakel - kranzes, bald ſelbſt innerhalb deſſelben eigenthümliche Sproſſen ent - ſtehen, welche Anfangs ganz in derſelben Weiſe wie die feſtſitzenden Knospen fortwachſen, nach und nach aber eine eigenthümliche Form annehmen, die von derjenigen der urſprünglichen Polypen außeror - dentlich verſchieden iſt. Es bildet ſich eine Art Höcker auf der Ober - fläche des Polypenleibes, in welchem die Ernährungsflüſſigkeit ebenſo cirkulirt wie in der übrigen Leibeshöhle. (Fig. 104, b.) Allmählig häuft ſich in dieſer Art Bruchſack und um den Strom der Flüſſigkeit herum ein Kern von feſterer feinkörniger Subſtanz an, der ſich nach und nach unter dem Einfluſſe der Saftſtrömung in der Weiſe aushöhlt, daß man nach einiger Zeit einen mittleren Strom und 4 oder 6 Seitenſtröme ſieht, welche nach außen zu auseinander gehen. (Fig. 104, c u. d.) Nun iſt ſchon aus jenem Kerne der hohlen Knospe eine Art Embryo gebildet, indem der urſprüngliche Kern ſich nach außen in 4 oder 6 Lappen, entſprechend den Seitenſtrömen der allgemeinen Ernährungsflüſſigkeit, ausgezackt hat. 131Der ſproſſende Embryo ſtellt nun eine Glocke dar, die mit dem Gipfel ihrer Wölbung an dem Stamme des Polypen anſitzt, während ihr freier Rand nach außen ſchaut. (Fig. 104, e.) Je nach den Gattungen wachſen dann die Randlappen in mehr oder minder lange Fäden aus, während zugleich der Anſatzpunkt auf dem Gipfel der Glocke ſich mehr und mehr abſchnürt und der mittlere Zapfen, in welchen der Strom der Ernährungsflüſſigkeit ſich fortſetzte, mehr ſelbſtſtändig wird und ſich zur Verdauungshöhle des werdenden Individuums umbildet. Zugleich erhält die Knospe Beweglichkeit; der äußere freie Rand klappt gegen die Mitte hin auf und zu. Endlich ſchließt ſich der Verbindungsſtrom zwiſchen dem Polypen und der glockenförmigen Knospe, der Stiel mit dem dieſe anhing ſchnürt ſich an ihrem Gipfel ab und ein kryſtall - helles Weſen, faſt von der Geſtalt eines Schirmes mit einem in der Mitte angebrachten Fortſatze, auf dem der Mund ſitzt, eine wahre Schirmqualle (Fig. 105.) ſchwimmt frei und ſelbſtändig in dem Waſſer umher. Manchmal beſitzen dieſe jungen Schirmquallen ſchon bei der Ablöſung von dem Polypen ausgebildete Geſchlechtsorgane; in andern Fällen bilden ſich dieſe erſt ſpäter bei weiterem Wachsthum aus.
Hydra tuba und die aus ihr hervorknospenden Quallen. a der Fuß der Hydra, c ihre Fangarme, d die einzelnen, taſſenförmig aufeinanderſitzenden Quallen - knospen, e die Ströme, welche durch dieſelben auf - ſteigen und die Magenhöhle bilden, f der Mund, g die Randkörper. Fig. 107 ein freier Polyp; Fig. 108 ein Polyp mit auffitzenden Quallenknospen; Fig. 109 eine losgelöſte junge Qualle.
In der einfachen Weiſe wie wir es ſoeben beſchrie - ben, findet die Quallenzeu - gung nicht bei allen Arm - polypen ſtatt. Man hat ſowohl an der engliſchen, wie an der norwegiſchen und nordamerikaniſchen Küſte Armpolypen gefun - den, welche dem gewöhn - lichen Armpolypen des ſüßen Waſſers ſo ähnlich ſahen, daß man ſie ſogar mit demſelben in eine Gattung brachte und nur als Art unterſchied. Bei dieſen bildet ſich die Knospe, welche zur Qualle werden ſoll, in der Mitte des Fühlerkran - zes wahrſcheinlich neben, vielleicht ſelbſt auf dem Munde, ſo daß die Wöl -9*132bund des glockenförmigen Individuums auf dem Munde des Polypen aufliegt und der freie Rand nach oben ſteht. Ehe ſich noch dieſe Knospe abgelöst hat, bildet ſich zwiſchen ihr und dem Polypen und zwar von dieſem letzteren ausgehend, eine neue Knospe und ſo fort, bis endlich, da die glockenförmigen Individuen ſehr flach ſind, der Polyp das Anſehen eines Aufſatzes von Untertaſſen hat, welche auf einem kurzen, durch - ſichtigen Stiele ruhen; die oberſte flache Glocke iſt der älteſte Keim, die unterſte der jüngſte. Die ſämmtlichen Knospen ſind miteinander durch Ströme verbunden, welche aus der Leibeshöhle des Polypen nach oben aufſteigen. Dieſe aufſteigenden Ströme, welche auch hier zur Bildung der centralen Verdauungshöhle und ihrer Sei - tenkanäle beitragen, verſiechen allmählig, indem ſich die Knospen ablöſen und als freie Quallen davonſchwimmen. Im Augenblicke ihrer Befreiung haben dieſe Quallen die Breite eines viertel Zolles; ſie wachſen bis zu einem Durchmeſſer von mehr als einem halben Fuße und ſind in der Nord - und Oſtſee eine der häufigſten Arten, die in Schwärmen von Millionen zu gewiſſen Zeiten erſcheinen. Es iſt die ſogenannte Ohrenqualle (Aurelia aurita). Nach früheren Be - obachtungen glaubte man, die ſchüſſelförmigen Individuen, welche auf dem Polypen aufſitzen, ſeien das Reſultat einer Quertheilung des Polypenkörpers, deſſen Tentakelkrone darüberſitze. Neuere Unterſuchungen haben gezeigt, daß dies ein Irrthum ſei, und daß der Fühlerkranz die in ſeiner Mitte entſtandenen vielfachen Knospen trägt.
Wir kennen durch die genaueſten Beobachtungen den ganzen Kreis der Entwickelung, welche die Ohrenqualle durchläuft. Die
Eier der Ohrenqualle. Fig. 110 das reife Ei; Fig. 111 daſſelbe in der Dottertheilung; Fig. 112 nach der Dotter - Theilung; Fig. 113 erſte Bildung des Embryo; Fig. 114 der frei bewegte Embryo. a Saugnapf am hinteren Ende zum Anheften.
Quallen ſind getrennten Ge - ſchlechtes, ihre Eier entwickeln ſich in beſonderen Bruttaſchen. Nachdem ſie den Furchungs - prozeß durchlaufen haben, bil - den ſie ſich zu einem ovalen infuſorienartigen Weſen um, das an dem vordern dickern Ende eine ſeichte Grube beſitzt und einen Ueberzug von Flim - merhaaren hat. In dieſem Zuſtande verlaſſen die Jungen die Bruttaſchen und ſchwimmen frei in dem Waſſer umher, ſetzen ſich aber nach einiger Zeit mit der bemerkten Grube feſt und gehen nun weitere Veränderungen ein. Sie werden cylindriſch, das freie Ende133
Junge der Ohrenqualle. Fig. 115. Der Embryo bekommt einen Mund; er ſchwimmt in dieſer Geſtalt frei umher; Fig. 116. Die Arme ſproſſen hervor; Fig. 117. Die Arme bilden ſich aus, der Embryo ſitzt feſt; Fig. 118. Vollſtändige Polypenform. a der Saugnapf, b der Mund, c die Arme.
wulſtet ſich auf und läßt bald in der Mitte die runde Mund - öffnung erken - nen. Später zeigen ſich um dieſe Mund - öffnung zwei, dann vier, dann acht kurze Fort - ſätze, ſo daß das Thier etwa die Geſtalt einer Kurbel hat, die mit ihrem freien gezahnten Ende ein Kammrad bewegt. Die Fortſätze wachſen allmählig zu langen Armen aus und nun iſt das Thier ein vollkommener Armpolyp von großer Gefräßigkeit, der mit ſeinem ſtumpfen Ende feſtſitzt und ſein Leben eine Zeitlang in dieſem Zuſtande fortſetzt, um ſpäter durch Knospung wieder Ohrenquallen zu erzeugen.
Es zeigt uns alſo dieſe merkwürdige Klaſſe der Quallenpolypen eine dopelte geſchlechtliche Zeugung, indem einerſeits feſtſitzende Knospen entſtehen, welche als Geſchlechtsindividuen auftreten und nur Eier oder Samen erzeugen, deren Ernährung aber durch die Circula - tion der allgemeinen Flüſſigkeit bedingt wird, welche von den geſchlechts - loſen Individuen des Polypenſtockes ausgeht, — und anderen Theils durch Bildung freier Knospen, die ſich nach ihrer Loslöſung ſelbſtſtändig ernähren und zu verhältnißmäßig bedeutender Größe anwachſen. Dieſe Knospen ſind die Schirmquallen, deren Struktur weit vollkommener iſt, als diejenige der Polypen.
Die Schirmquallen oder Meduſen ſind ſtets nackte gallertartige
Rhizostoma.
Thiere von mehr oder minder ſcheiben - förmigem, zuweilen glockenförmigem Körper, deſſen freier, meiſt mit Fäden beſetzter Rand durch wechſelnde klap - pende Zuſammenziehungen und Aus - dehnungen als Schwimmorgan dient. An der untern Fläche dieſes meiſt glasartig durchſichtigen Körpers be - findet ſich der Mund oder die ſeine Stelle vertretenden Saugorgane, oft134 von ſtielartigen Verlängerungen umgeben, ſo daß der ganze Körper einigermaßen einem Hutpilze ähnlich ſieht.
Alle Quallen ſind nackt und ihr aus einer oft knorpelharten Zel - lenſubſtanz zuſammengeſetzter Körper von einer zarten Oberhaut be - deckt, in welcher ſich meiſt ähnliche Neſſelorgane finden, wie wir ſie ſchon bei den Polypen kennen lernten. Die Gäſte der Seebäder ken - nen dieſe neſſelnde Eigenſchaft oft aus eigener ſchmerzlicher Erfahrung. Der ſcheibenförmige Körper ſelbſt zeigt ſtets in der Anordnung aller ſeiner Organe einen ſtreng regelmäßigen ſtrahligen Typus, ſo daß man jede Qualle in je vier oder ſechs vollkommen gleiche Segmente zerſpalten kann. Nach dieſen Zahlen geordnet zeigen ſich denn auch bei den meiſten dieſer Thiere an dem Rande angebrachte, oft außer - ordentlich lange contractile Fäden, welche offenbar als Fühlfäden be - nutzt werden.
Als Nervenſyſtem und Sinnesorgane hat man eigenthüm -
Pelagia noctiluca von unten geſehen. a. Die vier Arme, zwiſchen welchen ſich der Mund befindet. b. Die Glocke. c. Der Rand derſelben. d. Die Randkörper. e. Die Fangfäden. g. Die Höhlen neben dem Magen, in welchen die Geſchlechtskrauſen ſitzen.
liche Körper gedeutet, welche an dem Rande der Scheibe meiſtens in Sechs - oder Achtzahl eingebettet liegen. Es beſtehen dieſe Randkörper aus einem kapſelartigen Bläschen, in welchem ein runder oder eckiger kryſtalliniſcher Kern enthalten iſt. Bei einigen Gattungen ſind dieſe Bläs - chen von einem lebhaft gefärbten Pig - mente umgeben, was ſie für Augen an - ſprechen ließ, während ihre Zuſammen - ſetzung aus einem kryſtalliniſchen Kerne, der in einem Bläschen eingeſchloſſen liegt, eher darin die erſte Bildung von Hör - organen erkennen laſſen dürfte.
Die Verdauungsorgane ſind in eigenthümlicher Weiſe geſtaltet. Meiſt iſt ein einfacher Mund vorhanden, der zuweilen nur von einem Randſaume umgeben, in den gewöhnlichen Fällen aber von Fangarmen der verſchiedenſten Geſtalt umſtellt iſt. Oft beſitzen dieſe135 Fangarme Randſäume, die wie eine Krauſe gefaltet ſind. Bei vielen
Geryonia a. Die Glocke. b. Die 6 Fühlfäden, an und zwiſchen welchen die Randkörper ſitzen. c Der Stiel. d. Die End - lappen deſſelben, von welchen die 6 Kanäle in den Magen e. aufſteigen. f. Der Scheiben - rand.
Gattungen indeſſen findet ſich keine einzelne Mundöffnung, ſondern feine Saugmündungen, die entweder auf einem einfachen Mittelſtiele oder auf vielfachen Fühlern, die oft noch ver - äſtelt ſind, ſich nach außen öffnen. Die fei - nen Röhren, welche von dieſen Saugmün - dungen aufſteigen, führen ebenſo wie der ein - fache Mund in eine größere oder kleinere Magenhöhle, welche meiſt eine gewiſſe Anzahl von ſtrahlig geſtellten Nebenſäcken beſitzt. Aus dieſen Nebenſäcken entſpringen Gefäße in be - ſtimmter Zahl, welche ſtrahlig nach dem Rande zulaufen und dort entweder in ein Randgefäß oder in ein äußerſt zierliches Maſchennetz von feineren Gefäßen übergehen. Der ganze Kör - per wird auf dieſe Art von der Ernährungs - flüſſigkeit durchzogen und nicht ſelten ſieht man ſogar noch unverdaute Reſte kleiner Thierchen in dieſen Kanälen.
Die Geſchlechtsorgane zeigen ſich in der Form bandförmiger Drüſen, welche bald als Streifen an dem untern Rande der Scheibe oft in bedeutend großer Zahl, bald in eigenen nach außen geöffneten Höhlen zur Seite der Magenhöhle in Form gekrauſter Franzen ange - bracht ſind und einzelne Säckchen enthalten, in welchen bei dem einen Geſchlechte die Samenthierchen, bei dem andern die Eier ſich ent - wickeln.
Bevor der Zuſammenhang der einzelnen Formen der Schirmquallen mit den ſie erzeugenden Polypen hergeſtellt iſt, kann unmöglich eine auf richtige Grundſätze gegründete Claſſification derſelben hergeſtellt werden. Man kann nur die mannigfaltigen Formen derſelben, die in allen Meeren und zwar meiſt geſellig in Schwärmen angetroffen wer - den, nach der Normalzahl ihrer Organe und der Anordnung derſelben in einzelne Familien zerlegen.
Die Familie der Pilzquallen (Medusida) hat einen faſt kugligen ſchirmförmigen Hut und einen vierſeitigen mittleren Mund, der von vier Fangarmen umſtellt iſt. Alle Organe ſind nach der Vierzahl136
Pelagia.
geordnet; die Randkörper, deren Zahl wenigſtens acht beträgt, hoch - roth gefärbt und bei ganz jungen Individuen an dem Rande ſo be - deutend ausgekerbt, daß die Rand - körper auf zapfenartigen Verlänge - rungen zu liegen ſcheinen. Die Bän - der der Geſchlechtstheile haben meiſt eine hochgelbe, rothe oder braune Farbe, die durch den glashellen, ziemlich weichen Körper durchſchim - mert. Zu dieſer Familie gehört die erwähnte Ohrenqualle (Aurelia) die Seeleuchte (Pelagia) und meh - rere andere weit verbreitete Gattungen. Medusa; Cyanea; Ephyra; Chrysaora.
Ihnen nah verwandt iſt die Familie der Seequallen (Oceanida),
Syncoryne.
deren Organe eben - falls nach der Vier - zahl geordnet ſind. Der Schirm dieſer Quallen iſt mehr glocken - oder hutför - mig, der Mund ein - fach und an der Spitze eines längeren Rüſ - ſels angebracht. Die Geſchlechtsorgane lie - gen frei auf der un - tern Seite der Scheibe, während ſie bei der vorigen Familie im Grunde von Höhlungen verſteckt ſind, die ſich an der Baſis der Fangarme be - finden. Die an der Scheibe angebrachten Randfäden erſcheinen bei manchen Gattungen veräſtelt, bei andern einfach. Die Randkörper ſind ungefärbt, die Magenhöhle klein und die von ihr ausgehenden Gefäße nur wenig veräſtelt. Zu dieſer Familie gehören faſt alle die - jenigen Quallen, welche man bis jetzt als direkte Abkömmlinge der Röhren - polypen (Tubularida) beobachtet und unter dem Namen Cladonema, Sthenyo, Callichora etc. bezeichnet hat. Oceania; Thaumantias; Cytacis; Callirhoe.
Die Familie der Scheibenquallen (Aequorida) hat eine meiſtens ſehr flache linſenförmige Scheibe mit farbloſen Randkörpern und ge - wöhnlich kurzen Randfäden, auf deren unterer Seite die Geſchlechts -137 organe in zahlreichen, bandartigen Streifen angebracht ſind. Es ſcheint bei ihnen die Sechszahl vorzuherrſchen; der Mund iſt ungemein groß und von keinen Fangarmen umgeben; die von dem Magen ausgehenden Gefäße äu - ßerſt zahlreich, aber wenig veräſtelt. Aequorea; Cunina; Eurybia; Aegina.
Die Haarquallen (Berenicida) haben eine flache Glocke mit un - zähligen, äußerſt feinen Randfäden, durch welche ſehr dünne Kanäle nach oben aufzuſteigen ſcheinen. In der Scheibe hat man nur ein Gefäßnetz entdeckt, welches ein veräſteltes Kreuz bildet, ſo daß alſo die Organe nach der Vierzahl geordnet erſcheinen. Wahrſcheinlich wird die Nah - rung durch die Randfäden aufgeſaugt, wenigſtens hat man noch keine Verdauungsorgane, aber auch eben ſo wenig die Geſchlechtsorgane ent - deckt. Berenice; Eudora.
Um ſo bekannter iſt die Familie der Wurzelquallen (Rhizosto - mida). Unter einem glockenförmigen Hute ſtehen nach der Vierzahl
Rhizostoma.
geordnete Fangarme, die zuweilen baum - artig veräſtelt ſind und an deren Spitzen ſich Saugmündungen zeigen, die in einen geräumigen Magen führen. Ein Mund exiſtirt nicht; die aus dem Magen aus - gehenden Gefäße bilden am Rande der Glocke ein zierliches Maſchennetz. Die Randkörper ſind lebhaft roth gefärbt, die Geſchlechtstheile in Höhlen am Grunde der Fangarme verborgen. Einzelne Gat - tungen dieſer Familie erreichen einen Durch - meſſer von mehreren Fußen. Rhizostoma; Cephea; Cassiopea.
Die Rüſſelquallen (Geryonida) haben ebenfalls keinen Mund, ſondern unter der glockenförmigen Scheibe einen ſehr bewegli -
Geryonia.
chen maſſiven Stiel, an welchem ſechs glatte Kanäle nach oben ſteigen, um ſich in einen ſechsſeitigen kleinen Magen zu öffnen. Die Randkörper ſind ebenfalls nach der Sechszahl vertheilt und ungefärbt. Die Spitze des Rüſſels, an welcher ſich die ſechs Saugöffnungen befinden, erſcheint gefältelt oder zuweilen auch mit Fäden beſetzt. Gery - onia; Favonia; Saphenia; Lymnorea.
Da faſt die ganze Klaſſe der Quallen - polypen aus weichen, gallertartigen Thieren beſteht, ſo kann von einer Aufbewahrung in den Schichten der Erde keine Rede ſein,138 obgleich unbeſtimmte Abdrücke in den Schiefern von Solenhofen allerdings darauf hindeuten, daß die älteren Meere ebenfalls von Quallen bewohnt waren. Auch die Bäumchen, welche die Glocken - polypen bilden, ſind zu weich, um ſich erhalten zu finden. In der jetzigen Schöpfung ſind beide Formen der Klaſſe in allen Meeren verbreitet; die Quallen namentlich meiſt in ungemein zahlreichen Schwärmen, die in beſtimmter Richtung ſchwimmen und von Rippenquallen und ſchwimmenden Schnecken verfolgt werden, welche ihre hauptſächliche Nahrung an ihnen finden. Annäherung der beiden Geſchlechter oder ſonſtige beſondere Lebenserſcheinungen hat man bei den Quallen noch nicht beobachtet. Die meiſten leuchten des Nachts mit zitterndem, gelbem Lichte, das beſonders bei Bewegungen ſtär - ker wird.
Ein ſonderbares Gemiſch ſonderbarer Thiere, deren Zuſammen - ſtellung als Klaſſe oder Ordnung nur ein Reſultat unſerer großen Un - kenntniß ihrer Organiſation iſt. In der That wiſſen wir von den meiſten dieſer ſeltſamen Thiere noch nicht einmal, ob wir ſie als einfache Thiere mit vielen Saugmündungen oder als ſchwimmende Polypenſtöcke betrachten ſol - len, wo an einem gemeinſchaftlichen Stamme, der zum Schwimmen einge - richtet iſt, eine bedeutende Anzahl einfacher Polypen ſitzen. Die Ana - tomie dieſer Thiere iſt nur ſehr wenig gekannt, ihre Fortpflanzung vollkommen dunkel, ſo daß man ſtets nur mit Unſicherheit die einzel - nen Thiere zuſammenſtellen kann, welche zu dieſer Klaſſe gehören ſollen. Wir müſſen, da die Struktur dieſer Thiere ſo außerordentlich verſchie - den iſt, auf die einzelnen Familien ſogleich eingehen, indem wir nur bemerken, daß man weder Nervenſyſtem, noch Sinnesorgane, noch Athemorgane erkannt hat, und daß auch die Anatomie der Geſchlechts - theile noch faſt unbekannt erſcheint.
Die Familie der Seeblaſen (Physalida) beſteht aus großen blaſen - förmigen Körpern von gelatinöſer Beſchaffenheit, aus deren unterem Raum139
Physalia. a. Der blaſenförmige Körper. b. Fühlfäden. c. Saugmündun - gen. d. Fangfäden.
eine Menge von wurmförmigen Saugmün - dungen, Fühlern und ungemein verlänger - baren Fangfäden hervorhängen. Der blaſenförmige Körper beſteht eigentlich aus zwei in einander geſchachtelten Blaſen, von welchen die innere vollkommen geſchloſſen und mit Luft gefüllt iſt, während die äußere einen obern Kamm hat, welchen das Thier beim Schwimmen wie ein Segel benutzt. Dieſe äußere Knor - pelblaſe dient außerdem als Decke für die Fangfäden und die Saugmündungen, welche ſich darin zurückziehen können. Träubchen rother Körper am Grunde der Saugröhren wurden als Eiertrauben an - geſehen. Die wunderſchön blau und roth gefärbten Thiere ſchwimmen in Haufen auf der Oberfläche der ſüd - lichen Oceane und bringen bei der Berührung eine ſo bedeutende Neſſelſucht hervor, daß ſie von älteren Beobachtern für giftig erklärt wurden. Physalia; Discobale.
Die Familie der Knorpelquallen (Velellida) beſitzt ſtatt einer Knor - pelblaſe eine zellige Scheibe
Velella. a. Die mittlere Saugöffnung. b. Saug - fäden. c. Körper. d. Knorpelſcheibe. e. Fühl - fäden.
aus Knorpelſubſtanz, die ſo - gar manchmal Kalkablagerun - gen enthält, und auf deren unterer Fläche ſich die Kör - perorgane befinden. Die Zellen der Scheibe ſind mit Luft ge - füllt und dienen ſo, dem Kör - per eine bedeutende ſpecifiſche Leichtigkeit zu geben. Auf der Unterfläche der Scheibe ſieht man in der Mitte eine größere Oeffnung, von einem wurmartigen Fortſatze getragen, welche die Einen für den Mund, die Andern für die Oeffnung eines Waſſergefäßſyſtems erklären. Im Umkreiſe dieſer größern Saugmündung ſtehen vielfache kleinere Saugmündungen von ebenfalls wurmförmiger Geſtalt, welche von den Einen für Füh - ler und Oeffnungen von Waſſerröhren, von den Andern für eben ſo viele ſaugende Mundöffnungen gehalten werden. Am Grunde dieſer Sauger ſieht man kleine Träubchen, welche für die Geſchlechtsorgane140 gehalten werden. Die Thiere dieſer Familie, welche meiſt eine wun - derſchöne blaue Farbe haben, erſcheinen zu gewiſſen Zeiten in zahl - loſen Schwärmen an den Küſten des Mittelmeeres und der tropiſchen Oceane. Die eine Gattung Velella, welche im Mittelmeere vorkommt, hat auf der Knorpelſcheibe einen ſchiefen aufrechtſtehenden Kamm, die andere, in den ſüdlichen Meeren häufigere Porpita, eine einfach runde ſtrahlig zellige Scheibe.
Die Familie der Doppelquallen (Diphyida) beſteht aus mehr
Diphyes Brajae. Fig. 130. Natürliche Größe des ganzen Thie - res. Fig. 131. Ein Einzelthier ſtark vergrößert. a. Der gemeinſame Stiel, an dem bei dem abgebildeten Exem - plare, das zwei Fuß lang war, 38 Einzelthiere hingen, von welchen nur vier abgebildet ſind. b. Knorpelhelm des Einzelthieres. c. Schwimmblaſe. d. Saugmund. e. Zuſammengezogene Fangfäden. f. Oelbläschen. g. Schwimmblaſenöffnung des Einzelthieres. h. Oberes Ende des Stiels mit unentwickelten Knospen neuer Ein - zelthiere. i. Oelbläschen k. Oeffnungen der beiden ge - meinſamen Schwimmblaſen.
oder minder zuſammen - geſetzten Weſen, deren Struktur weit compli - cirter iſt, als bei den vorhergehenden Thieren. Man findet in dem Meere ſehr häufig ein - zelne Körper von glas - artiger Helle umher - ſchwimmen, welche deut - lich aus zwei Stücken beſtehen, einem Deckſtücke und einer klappenden Schwimmhöhle, welche meiſt die Form einer hohlen Glocke hat und mit einer rundlichen Oeffnung verſehen iſt, die lebhaft auf und zu - klappt. Das aus der Schwimmglocke ausſtrö - mende Waſſer treibt durch ſeinen Rückſtoß das Thier vorwärts, deſſen Hauptorgane un - ter dem Deckſtücke an - gebracht ſind. Dort befindet ſich nämlich ein wurmartiger Saug - körper, der in der Ausdehnung einen Mund von ſtrahlig eckiger Form zeigt, und an deſſen Grunde ungemein lange Fang - und Neſſel - fäden verborgen ſind. Dem Anſatzpunkte dieſer Saugmündung gegen - über ſieht man im Deckſtücke eine zellige Höhle, welche für das Ge - ſchlechtsorgan gehalten wird.
141Es iſt noch die Frage, ob die beſchriebenen Thiere, welche haupt - ſächlich die Gattung Diphyes bilden, nicht abgelöſ’te Stücke zuſammen - geſetzter Thiere ſind; denn man findet Weſen, wo eine Menge ſolcher Thiere, bis zu vierzig und mehr, jedes aus einem helmartigen Deck - ſtücke, einer Schwimmglocke und einem Saugkörper mit Fangfäden be - ſtehend, an einem gemeinſchaftlichen Stiele befeſtigt ſind, an deſſen obern Ende zwei große Schwimmblaſen und zwei Knorpelſtücke ſich finden, die jedes ein Oelbläschen zu enthalten ſcheinen. Zwiſchen die - ſen Endknorpelblaſen ſcheinen die Thiere hervorzuſproſſen, denn die größten befinden ſich am hintern Ende, die kleinſten in der Nähe der beiden großen Schwimmblaſen. Jedes einzelne Thier bewegt ſich ſelbſt - ſtändig für ſich, aber der äußerſt contractile Stiel hat ebenfalls ſeine eigenthümliche Beweglichkeit und das Ganze wird von den beiden großen Schwimmblaſen mit Leichtigkeit im Waſſer nach allen Richtun - gen hin und her gezogen. Der die Theile vereinigende contractile Stiel iſt hohl und in ſeiner Röhre circulirt die von den einzelnen Thie - ren herkommende Ernährungsflüſſigkeit.
Bei andern Gattungen, wie z. B. Stephanomia, wird die Vereini - gung der einzelnen Thiere noch größer. Die einzelnen Schwimmglocken ſtehen iſolirt, bald in Reihen, bald mehr unregelmäßig am vordern Ende des Stieles, der eine Luftblaſe enthält. An dem Stiele ſelbſt ſitzen unzählige wurmartige Saugmündungen, jede von einem Paket Neſſel und Fangfäden umgeben, deren Verdauungshöhlen alle in den Kanal des gemeinſamen Stieles einmünden. Bei der leiſeſten Berüh - rung ſchnellt der Stiel zuſammen und alles birgt ſich zwiſchen den Schwimmglocken, die mit größter Schnelligkeit davon eilen. Kein merk - würdigerer Anblick als ein ſolches Weſen, das mit allen ausgebreiteten Organen wie ein durchſichtlicher, röthlicher, ſpannenlanger Federbuſch im Meere ſchwimmt und aufgefangen, zuſammengezogen im Glaſe ein unſcheinbares Gallertklümpchen bildet, das der Laie verdrießlich über den mißglückten Fang wegſchüttet. Iſt es ein einfaches Thier mit Schwimm - glocken und Saugröhren oder ein zum Schwimmen eingerichteter Po - lypenſtock, mit verſchiedenartigen Individuen, ſchwimmenden und freſ - ſenden? Spätere Unterſuchungen werden die Antwort auf dieſe Frage bringen. Physophora; Diphyes; Ersaea; Rhizophysa; Agalma; Hippopodius.
Die letzte am höchſten organiſirte Klaſſe der Strahlthiere, bei welchen der ſtrahlige Typus ſogar allmählig einer ſymmetriſchen An - ordnung ſich annähert. Sie unterſcheiden ſich von den Klaſſen, welche wir bisher betrachteten, weſentlich durch die Exiſtenz einer mehr oder minder lederartigen, undurchſichtigen Körperbedeckung, in welcher ſtets Kalk in verſchiedenen Formen abgelagert iſt und bald nur eine unter dem Meſſer knirſchende Haut mit eingeſprengten Concretionen bildet, bald ein förmliches Skelett zuſammenſetzt, das die innern Organe von allen Seiten einſchließt, und aus Ringen oder Täfelchen aufgebaut iſt. Bei den meiſten Stachelhäutern zeigt ſich auf den erſten Blick die ſtrah - lige Anordnung der Organe die oft ſo ausgeſprochen iſt, daß der Körper ſelbſt eine Sternform annimmt. Wie bei den Quallen und Polypen die Vier - und Sechszahl, ſo herrſcht bei den Stachelhäutern faſt allgemein die Fünfzahl vor und man kann in den meiſten Fällen bei dieſer Anordnung einen unſymmetriſchen Mittelſtrahl und auf jeder Seite zwei ſymmetriſche Strahlen unterſcheiden, wo ſich denn meiſtens der Mittelſtrahl durch beſondere Entwicklung einzelner Theile kenntlich macht. Die Körperform iſt ſehr mannichfaltig und geht von der Kugel - geſtalt bis zu der einer platten Scheibe oder eines Sternes, oder bis zur Walzenform in allen nur erdenkbaren Zwiſchengeſtalten vor. Bei den angehefteten Gattungen wird die Körperform becherartig und dann befinden ſich Mund und After auf der oberen vom Stiele abgekehrten Körperfläche. Bei den Kugel - und Scheibenformen wird der Mund ſtets auf der unteren, der Bauchfläche, angetroffen, während bei der Walzengeſtalt die Stellung des Mundes an dem einen Ende das Vorn und Hinten deutlich bezeichnet. Die Bewegung iſt nicht ſo mannichfaltig, als in anderen Klaſſen. Kein erwachſener Stachelhäuter kann förmlich ſchwimmen, obgleich alle nur in dem Meere leben. Sie kriechen vielmehr meiſtens mit eigenthümlichen Saugfüßen, die man Ambulacien nennt, auf dem Boden des Waſſers umher. Nur einigen wenigen gehen dieſe Saugfüße ab und ſie behelfen ſich dafür durch windende Bewegungen ihres wurmförmigen Körpers oder durch Um - klammerung mittelſt beweglicher Strahlen und Ranken. Eine ganze Familie der Stachelhäuter bleibt zeitlebens durch einen mehr oder min - der langen Stiel an den Boden geheftet und bietet durch ihren glocken - förmigen Körper, ſowie die oft gefiederten Arme, welche den Mund umſtehen, eine große Aehnlichkeit in ihrer äußeren Geſtalt mit den143 Polypen dar. Uebrigens gibt es in der ganzen Klaſſe der Echinoder - men keine ſocialen Thierformen; alle leben iſolirt als Individuen und pflanzen ſich nur durch geſchlechtliche Zeugung fort.
Die Haut der Echinodermen beſteht aus einem dichten Faſer - gewebe, welches meiſt eine lederartige Feſtigkeit hat. Die Kalkablage - rungen, welche darin vorkommen und die manchmal bis auf kleine Ueberreſte die Lederhaut gänzlich verdrängen, ſind in einfachſter Form bei den ſogenannten Seewalzen (Holothuria) vorhanden. Hier bil -
Holothuria.
den ſie meiſt unregel - mäßige, netzartige Körper, die indeß bei einer anderen Fami - lie einen förmlichen Angelhaken oder An - ker tragen, welcher aus der Haut her - vorſteht und dem Thiere beim Angreifen eine gewiſſe Rauhigkeit gibt. Es ſcheinen dieſe Angelhaken, welche nach Willkühr bewegt werden können, von Wichtig -
Synapta Duvernoy. Man ſieht den äſtigen Fühlerkranz, der den Mund umgiebt, von welchem aus ſich der Darm durch den glashellen, hie und da zu - ſammengezogenen Leib bis zum After hinzieht. Die kleine Figur nebenbei ſtellt einen Anker - haken mit ſeiner in der Haut ſitzenden Platte ſtark vergrößert vor.
keit für das Kriechen des Thieres im Sande zu ſein. Sie finden ſich übrigens nur bei den Gattungen wurmförmiger Stachelhäuter, welchen andere Bewe - gungsorgane und zwar namentlich die Saugfüße abgehen. Bei der Familie der Seeſterne rücken die unregelmäßigen netzartigen Kalkkörperchen in der Haut ſo nahe zuſammen, daß ſchon ein förm - liches, freilich nur aus einzelnen Stücken zuſammengeſetztes, nach allen Richtungen hin bewegliches Skelett entſteht, das in gewiſſer Beziehung einem Kettenpanzer nicht unähnlich ſieht. Von den äußeren Panzerringen, welche den Körper und beſonders die Strahlen deſſelben zu - ſammenſetzen, gehen nach innen hin Querbalken, die gelenkartig mit ein -144
Asterias.
ander verbunden ſind und in der Mitte un - ter einem Winkel zu - ſammenſtoßen, ſo daß an der Bauchfläche der Arme eine tiefe Rinne, die ſogenannte Bauchrinne, gebildet wird. Zwiſchen die - ſen Stücken befinden ſich einzelne Oeffnun - gen, durch welche die zum Kriechen dienen - den und in der Bauch - rinne gelegenen Saug - füße nach außen her - vortreten können. Man kann ſich auf dieſe Weiſe das Skelett der Seeſterne als aus ein - zelnen geſchloſſenen Panzerringen beſtehend vorſtellen, welche Ringe nicht vollkommen rund, ſondern auf der Bauchfläche nach innen ein - gedrückt ſind. Außer dieſen Ringen ſind in der Haut der See - und Schlangenſterne eine Menge von Stacheln eingepflanzt, deren Baſis in die Lederhaut eingeſenkt und beweglich iſt, ſo daß dieſe Kalkſtacheln zugleich als Stützen und zur Wehre benutzt werden können. Bei den Schlangenſternen nehmen die Panzerringe an den Armen die Geſtalt von Tafeln an und laſſen ſo die Lederhaut bis auf die Fugen der Tafeln verſchwinden. Noch weiter geht dieſe Täfelung bei den
Echinus.
Seeigeln; hier iſt der ganze Körper von einer Schale umhüllt, welche aus einzelnen meiſt fünf - oder ſechseckigen Täfel - chen zuſammengeſetzt iſt und nur eine Oeffnung für den Mund und eine für den After übrig läßt. Es ſind dieſe Täfelchen aus Kalknetzen gebildet, welche noch mittelſt orga - niſcher Faſermaſſe durch -145 webt ſind. In der Nähe des Mundes und des Afters ſtehen dieſe Täfelchen oft nur in mittelbarem beweglichem Zuſammenhange, indem ſie in die lederartige Haut gleichſam eingelegt ſind. Bei den verſteinerten Seeigeln fallen deßhalb dieſe beweglichen Tafeln leicht heraus, wäh - rend die übrigen Tafeln des Körpers feſt mit einander verbunden, eine einzige Schale bilden. Auf beſonderen Höckern dieſer Schale ſind meiſtens mehr oder minder große bewegliche Stacheln eingepflanzt, welche ebenfalls aus Kalkmaſſe und zwar aus einem einzigen Stücke beſtehen und hauptſächlich zum Stützen des Körpers bei der Bewe - gung dienen. Außer den Stacheln findet man noch eigenthümliche Greif -
Pedicellarien. a Der Stiel, b die Zange.
organe, Pedicellarien genannt, die aus einem langen Kalkſtiele und einer drei - oder vierklap - pigen Zange beſtehen, welche beſtändig geöffnet und wieder geſchloſſen wird. Dieſe Pedicellarien, die man früher für Schmarotzer hielt, ſtehen auf beſonderen kleinen Höckerchen, beſonders häufig in der Nähe des Mundes bei Seeigeln und Seeſternen und ſcheinen zum Ergreifen von Nahrungsſtoffen beſtimmt. Sie erſcheinen ſchon früh bei den Embryonen und zeichnen ſich dann durch ihre plumpe Geſtalt aus. Später wird der Stiel länger und nun ſchwanken dieſe Zan - gen auf dem Stiele beſtändig hin und her, wäh - rend ihre oberen Backen auf und zuklappen. Selbſt nach dem Tode des Thieres dauern dieſe Bewegungen der Pedicellarien noch eine ge - raume Zeit fort.
In gleicher Weiſe wie das Skelett der Seeigel, iſt auch dasje - nige der Seelilien (Crinoidea) zuſammengeſetzt, welche beſonders in den älteren Schichten der Erde häufig vorkommen. Der Stiel dieſer Thiere, womit ſie unbeweglich feſtſitzen, wird aus ſcheibenförmigen Stücken aufgebaut, die wie Münzen aufeinander liegen, währnd der becher - förmige Körper aus einzelnen Tafeln gebildet iſt. Die obere Fläche die - ſes Körpers iſt mit weicher lederartiger Haut überzogen, während die Arme mit ihren Nebenarmen und Zweigen, die an dem Rande des Bechers ſtehen, wieder in ähnlicher Weiſe wie die Säule des Stieles aus einzelnen Tafelſtücken aufgebaut ſind. Bei der Betrachtung der Gattungen, Familien und Ordnungen werden wir auf dieſe Verhält - niſſe näher eingehen müſſen.
Die Bewegungsorgane der Stachelhäuter ſind ziemlich über - einſtimmend bei allen gebildet. Bei den wurmförmigen ſind deutlicheVogt. Zoologiſche Briefe. I. 10146Muskelmaſſen entwickelt, welche äußerſt energiſche Zuſammenziehungen des Körpers bewirken können. Bei den übrigen ſieht man dieſe Mus - keln nur an den ſpeciellen Bewegungsorganen entwickelt und hier auch oft in ausgezeichneter Weiſe. Die Saugfüßchen (Ambulacra),
Ambulacra. a Der Stiel, b die Saugſcheibe.
welche mit Ausnahme einer einzigen Familie allen Stachelhäutern zukommen, ſind die we - ſentlichſten Bewegungs - und Haftorgane der - ſelben. Es ſind hohle, wurmförmige Organe, welche durch Oeffnungen des Skelettes oder der Haut hervorgeſtreckt werden können und eine außerordentliche Ausdehnbarkeit beſitzen. Bei einigen Familien ſind die Saugfüßchen nur ſehr klein und kurz, pfriemenförmig, ohne end - ſtändigen Saugnapf, zuweilen ſelbſt veräſtelt und ſcheinen hauptſächlich nur als Taſtorgane benutzt werden zu können. Sie ſtehen dann auch nur auf der Bauchſeite des Körpers und können nicht durch eigene Oeffnungen in das Innere zurückgezogen werden. Bei den Seeſternen, den Seeigeln und den eigentlichen Meer - walzen dagegen bilden dieſe Saugfüßchen lange derbhäutige Cylinder, die an ihrer Spitze mit einem förmlichen Saugnapfe verſehen ſind, welcher noch obenein durch einen poröſen Kalkring in ſeiner Form geſtützt wird. Dieſe Saugfüße treten durch eigene Löchlein hervor, welche entweder in der Haut oder in den Täfelchen und zwiſchen den Ringen der Schale angebracht ſind und werden von den Thieren als Taſt - und Bewegungsorgane benutzt. Sie ſind in ungemein großer Anzahl vor - handen und es gewährt ein eigenthümliches Schauſpiel, bei einem le - benden Seeigel die Bewegung dieſer Füßchen zu ſehen. Nach allen Seiten taſten ſie herum, indem ſie ſich ſo ſehr verlängern, daß ſie nur wie ein dünnes Haar erſcheinen. Eine Saugſcheibe nach der anderen ſetzt ſich an, ſaugt ſich feſt und indem nun eine Menge dieſer Füßchen ſich verkürzen, ziehen ſie den Körper wie an eben ſo vielen Zugſeilen weiter. Seeigel und Seeſterne klettern auf dieſe Weiſe mit größter Leichtigkeit an den glatteſten Glaswänden umher und heften ſich ſo feſt, daß man eher die Saugfüßchen zerreißt als ſie durch Gewalt ablöſ’t.
Faſt bei allen Stachelhäutern hat man geglaubt, ein Nerven - ſyſtem nachweiſen zu können. Daſſelbe ſoll aus einem ſehr feinen Nervenringe beſtehen, welcher den Schlund umgibt und meiſtens ein Fünfeck darſtellt, aus deſſen Winkeln Aeſte in die Körperſtrahlen aus - laufen. Die Nervenäſte gehen hauptſächlich den Reihen der Saugfüß -147 chen entlang und geben, wie es ſcheint, Aeſte an dieſelben ab. Beſon - dere Knoten hat man bis jetzt an dieſem Nervenſyſteme nirgends wahr - nehmen können, ſelbſt da nicht, wo Nerven davon abgehen ſollen. Dies läßt die ganze Natur dieſes ſogenannten Nervenſyſtemes ſehr problematiſch erſcheinen und in der That behaupten auch neuere, aus - gezeichnete Beobachter, daß ſie darin nur Sehnenfäden zwiſchen Mus - keln, ſogenannte Muskelnäthe, aber kein Nervenſyſtem erkennen könnten. Sinnesorgane ſind äußerſt zweifelhaft. Man findet zwar an den Spitzen der Arme der Seeſterne, ſowie oben auf dem Rücken der See - igel rothe Flecken, welche ſogar bei den Seeigeln in feinen Löchlein beſonderer Platten eingelagert ſind und die man für Augen gehalten hat. Indeſſen ſuchte man vergebens in dieſen Pigmentflecken, zu wel - chen man ſogar bei den Seeſternen die äußerſten Spitzen der Haupt - nerven verfolgt haben will, nach einem lichtbrechenden Körper, ſo daß die Bedeutung dieſer Organe zumal bei der Unſicherheit des Nerven - ſyſtems noch ſehr zweifelhaft bleibt. Jedenfalls auch wenn es Augen ſind, erſcheinen dieſelben nur äußerſt unvollkommen und werden erſetzt durch den höchſt feinen Taſtſinn, welchem die Saugfüße oder bei den wurmförmigen Stachelhäutern die den Mund umgebenden Fühler als Organe dienen.
Die Verdauungsorgane der Stachelhäuter bieten ziemlich mannichfaltige Geſtalten dar. Faſt bei allen befindet ſich der Mund in der Axe des Körpers, bei den wurmförmigen am vorderen Ende, bei den übrigen in der Mitte oder vornen an der Bauchfläche als rundliche oder fünfeckige Oeffnung. Nur bei einigen Seeigeln erſcheint der Mund aus dieſer centralen Stellung gewichen und mehr nach vorn hingerückt; aber dann ſtets in ſolcher Weiſe, daß dieſe Abwei - chung in der Fortſetzung des unpaaren Strahles liegt und dadurch die Mittellinie angedeutet wird, welche den Körper in zwei Hälften trennt. Bei den wurmförmigen Stachelhäutern iſt der Mund von einem Fühlerkranze umgeben, welcher meiſt veräſtelt erſcheint und in die lederartige Hülle des Körpers zurückgezogen werden kann. Es ſind dieſe Fühlerkränze im Gegenſatze zu der Körperhaut äußerſt weich und zart und ein ausgezeichnetes Taſtorgan, wie man ſich leicht bei Beobachtung lebender Thiere überzeugen kann. Bei den übrigen be - findet ſich der Mund in der Mitte einer mehr oder minder bedeuten - den beweglichen Hautausbreitung, die meiſtens nur mit den ſchon er - wähnten Pedicellarien beſetzt iſt. Bei den Seeſternen ſind in dieſer Haut vorſpringende mit harten Kalkſtücken beſetzte Warzen angebracht, welche die Function von Zähnen ausüben. Ein ſehr entwickelter10*148
Anatomie eines Seeigels. Die untere Fläche der Schale iſt entfernt und der Mund auf die Seite ge - zogen. a Mund mit Zähnen und Zahngeſtell, b Schlund, c erſte Windung des Darmes, d zweite Windung bis zum After, e Eierſtöcke, f Waſſerſäckchen der Fühlergänge, g die Schale mit ihren Stacheln.
Kauapparat zeigt ſich bei zwei Unterfamilien der Seeigel, nämlich bei den eigentlichen Seeigeln und bei den Scheibenigeln. Bei letzteren beſteht der Kauapparat aus dreieckigen Kalkſtücken, von welchen je zwei zu einem V förmigen Stücke zuſammenſtoßen, deſſen Spitze gegen den Mittelpunkt des Mundes gerichtet iſt. An dieſer vorderen Spitze ſind harte Schmelzſtücke eingeſenkt, welche wirkliche ſchneidende Zähne dar - ſtellen. Im ruhenden Zuſtande ſtellen ſich dieſe Zähne ſo zuſammen, daß ſie eine fünfeckige Roſette bilden, welche den Mund gänzlich ſchließt. Weit ausgebildeter iſt der Kauapparat der eigentlichen Seeigel. Ein hohes Kalkgerüſte, aus 15 Stücken zuſammengeſetzt, umgibt hier den Schlund, der von dem Munde grade nach oben in die Höhe ſteigt. Dieſe Kalkſtücke ſind untereinander beweglich und beſitzen einen ſehr ausgebildeten Muskelapparat, der ihre Bewegungen vermittelt. Als Hauptſtücke erſcheinen darin fünf dreiſeitige ſchmale Pyramiden, welche gegen die Mitte zu eine Rinne tragen, in welcher ein langer Schmelz - zahn eingelaſſen iſt. Es entſprechen dieſe Pyramiden den einfachen Pyramiden, welche bei den Scheibenigeln vorkommen. Die meiſelartigen Schmelzzähne ragen in der Mundhöhle nach unten hervor und rücken im Maße ihrer Abnutzung von oben nach unten weiter. Bei den149 übrigen Stachelhäutern iſt der Eingang des Mundes vollkommen un - bewaffnet.
Der Darmkanal ſelbſt, welcher von dem Munde ausgeht, iſt je nach der Körpergeſtalt äußerſt verſchieden gebildet. Bei den See - lilien und Haarſternen windet ſich der von dem centralen Munde aus - gehende Darm um eine ſchwammige, in der ſenkrechten Axe des Kör - pers gelegene Mittelſpindel und öffnet ſich dem unpaaren Strahle gegenüber auf derſelben Seite wie der Mund, ſo daß demnach Mund und After ſich auf einer Fläche befinden. Bei den eigentlichen See - ſternen führt die Mundöffnung unmittelbar in einen weiten Magen - ſack, der ſeitliche Ausbuchtungen und Blindſäcke beſitzt. Bei den wah - ren Seeſternen erſtrecken ſich dieſe Seitenäſte, die oft noch auf beiden Seiten traubenförmige Anhänge haben, in die Strahlen des Sternes hinein. Bei den Schlangenſternen bilden ſie nur mehr oder minder veräſtelte ſeitliche Säcke, die in der Körperſcheibe ſelbſt liegen und nicht in die Strahlenarme eingehen. Den Schlangenſternen ſowohl, wie vielen Seeſternen fehlt der After, ſo daß die unverdauten Nah - rungsmittel durch den Mund ausgeworfen werden müſſen. Bei den meiſten Seeſternen iſt aber der After vorhanden und dann ſtets auf der Rückenfläche dem Munde gegenüber angebracht. Bei den See - igeln findet ſich ein langer gewundener Darmkanal, welcher von dem Munde ausgehend, in faſt ſtets gleicher Weite ſich durch den Körper windet und entweder auf der Spitze der Rückenfläche oder in der Mittellinie dem unpaaren mittlern Strahle gegenüber endet. Man findet bei den verſchiedenen Seeigeln jede abweichende Stellung in dieſer Richtung, ſo daß der After ſich bald am Rande, bald ſeitlich auf der Oberfläche, bald auf der Unterfläche, aber ſtets dem mittleren Strahle gegenüber findet. Bei den wurmförmigen Stachelhäutern liegt der Mund an dem einen, der After an dem entgegengeſetzten Ende; meiſt indeß iſt der gleichweite Darm mehrfach in dem Körper und zwar in zwei S förmige Schlingen gebogen. Bei allen Stachelhäu - tern iſt der Darm durch ein Gekröſe, das gewöhnlich aus einzelnen brückenartigen Sehnenfäden beſteht, an der Leibeswand angeheftet. Die mit Zähnen bewaffneten Stachelhäuter nähren ſich meiſtens von Pflanzenſtoffen, beſonders von Tangblättern, während die zahnloſen vorzugsweiſe kleine Schalthiere verſchlingen, für deren Panzer ihr Darmkanal eine vortreffliche Fundgrube abgibt.
Man darf erwarten, daß bei ſo hoch organiſirten Thieren wie die Stachelhäuter überhaupt ſind, ein Blutgefäßſyſtem und Ath - mungsorgane nicht fehlen können. Faſt bei allen findet ſich ein150 herzartiges Centralorgan, welches bald, wie bei den Seewalzen, eine contractile Blaſe, bald einen länglichen Schlauch darſtellt und ſtets in der Nähe des Mundes an dem Schlunde gelegen iſt. Von dieſem Herzen aus entſpringen bei den ſtrahligen Stachelhäutern mehr oder minder zahlreiche Gefäßringe, von welchen aus Gefäße gehen, die ſich beſonders an die Saugfüßchen und an die Kiemen verbreiten. Es haben dieſe Gefäße deutliche Wandungen, allein ihr Verlauf iſt den - noch bei den einzelnen Gattungen nur ſehr unvollſtändig gekannt, was
zum Theil in der Schwierigkeit der Beobachtung ſeinen Grund haben mag. Außer den Blutgefäßen exiſtirt auch noch eine beſondere Waſſer-Circulation im Innern des Körpers. Die Leibeshöhle aller Stachelhäuter iſt ſtets mit Seewaſſer erfüllt, das durch Wimperhaare, welche ſämmtliche Eingeweide der Thiere überziehen, in beſtändiger Bewegung erhalten wird. Bei vielen Stachelhäutern hat man entweder Spalten oder einfache Löcher oder Röhr - chen gefunden, durch welche das Waſſer in die Leibeshöhle eindringt, und ſo die Organe umſpült. Außer dieſen aber kommen noch im Körper Waſſer-Syſteme vor, welche aus geſchloſſenen Gefäßen beſtehen, die beſonders mit den Saugfüßchen in Verbindung ſtehen und in wel - chen das Waſſer ebenfalls durch Wimpern bewegt wird. Dieſe Waſ -151 ſergefäße entſpringen meiſt von einem Gefäßringe um den Mund und ſenden Hauptſtämme in die Strahlen, welche auf der Bauchſeite ver - laufen. Mit jedem Füßchen und mit jedem Mundfühler ſteht ein be - ſonderes Bläschen in Verbindung, welches durch ein Aeſtchen des Waſſergefäßes geſpeiſt wird. Auf dieſen innern Bläschen der Saug - füßchen und der Mundfühler verbreiten ſich zahlreiche Blutgefäße, ſo daß namentlich bei ſolchen Thieren, welche keine eigentliche Kiemen beſitzen, dieſe Bläschen die Stelle der Athemorgane zu vertreten ſcheinen. Zugleich dienen dieſe Bläschen aber auch zur Entfaltung der Fühler ſelbſt, indem bei der Zuſammenziehung der Bläschen das Waſſer von dem Bläschen aus in die Fühler hineingepreßt und die - ſer vorgeſtreckt wird, während bei der Ausdehnung der Bläschen das Waſſer aus den Fühlern zurückſtrömt. Abgeſonderte Athemorgane kommen nur bei den eigentlichen Seewalzen und bei den Seeigeln vor. Bei den letztern finden ſich auf der äußern Bauchfläche in dem Um - kreiſe des Mundes baumartig verzweigte hohle Läppchen, welche frei in das Waſſer hineinragen und deren innere Höhle mit der Leibes - höhle in directer Verbindung ſteht, ſo daß das Gewebe dieſer Kiemen innen und außen vom Waſſer umſpült iſt. Bei den Seewalzen ſind die Kiemen oder Lungen im Innern des Körpers angebracht und beſtehen aus einem zweiäſtigen hohlen Baume, der in eine Erweiterung des Darmes, unmittelbar vor dem After, in eine Kloake mündet. Der eine Aſt dieſer baumartigen Kieme liegt an dem Darme, der andere, die Hautlunge, an der äußern Leibeswandung an. Die Aeſte und Zweige dieſer Kiemen, welche innen mit dem lebhafteſten Flimmerüberzuge verſehen ſind, be - finden ſich in ſteter wurmförmiger Bewegung, die ſelbſt tagelang nach der Zerſtückelung des Thieres noch anhält. Das Waſſer, welches die Kiemen anfüllt, wird durch den After eingeſogen und wieder ausge - ſpritzt, oft mit ſolcher Gewalt, daß ein großer Theil der Eingeweide mit hervor gepreßt wird.
Bei allen Stachelhäutern ſind die Geſchlechter getrennt. Es giebt männliche und weibliche Individuen, die indeß äußerlich keine kenntlichen Merkmale darbieten; auch in ihrer Struktur gleichen ſich die männlichen und weiblichen Geſchlechtsorgane durchaus und laſſen ſich nur in der Brunſt durch ihren Inhalt unterſcheiden. Sie bilden traubige oder lappige Schläuche, welche meiſtens durch eigne kurze Ausführungsgänge ſich nach außen öffnen. Die Eier gehen nach ihrer Befruchtung einen vollkommenen Furchungsprozeß ein, in Folge deſſen aus dem ganzen Dotter ſich ein mit Wimperhaaren beſetzter Embryo bildet, welcher die Eiſchale durchbricht und frei bewegt im152 Waſſer umherſchwimmt. Bis zu dieſem Punkte iſt ſich die Entwicke - lung aller Stachelhäuter gleich; von hieran aber laufen die Embryo - nen ſo merkwürdige Veränderungen durch, die erſt in der neuern Zeit aufgehellt wurden, daß wir dieſelben bei den einzelnen Ordnungen und Familien näher betrachten müſſen.
Die Stachelhäuter leben in allen Meeren oft in großen Mengen zuſammen, ſtets auf dem Boden und an den Küſten umherkriechend. Ihre Reſte finden ſich gleichfalls in allen Schichten der Erde und in merkwürdiger Aufeinanderfolge ihrer einzelnen Formen. Durch die äußerſt mannigfaltigen Geſtaltungen der einzelnen Theile ihres Kalk - ſkelettes, welche ſelbſt bis zu den Arten herab in jedem Täfelchen cha - racteriſtiſch ſind, eignen ſich die Stachelhäuter vorzugsweiſe zur genau - eren Beſtimmung und zur Paralleliſirung der einzelnen Schichten, ſo - wie zur Anſchauung der Fortſchritte, welche der Plan der Strahl - thiere im Laufe der Erdgeſchichte macht.
Die Eintheilung der Echinodermen ergibt ſich leicht durch die äußere Form des Körpers, ſowie durch die Bildung des Skelettes, das bald aus einzelnen Ringen, bald aus zuſammengefügten Täfelchen beſteht. Bei zwei Ordnungen der Stachelhäuter iſt der Körper mehr oder minder platt, ſcheibenförmig und in einzelne Strahlen getheilt, bei einer dritten mehr kugelig, bei der vierten walzenförmig. In der Ordnung der Seelilien (Crinoidea) beſteht das Kalkgerüſte aus ein - zelnen Platten, welche mit einander zuſammenſtoßen, während bei den Seeſternen (Stellerida) nur einzelne Panzerringe exiſtiren. Bei der dritten Ordnung, den Seeigeln (Echinida) findet man wieder eine förm - liche Schale aus einzelnen Kalkplatten gebildet und bei der vierten, den Seewalzen, (Holothurida) nur einzelne in der Haut zerſtreute Kalk - anſammlungen.
Die Ordnung der Seelilien (Crinoidea) iſt faſt ganz aus der heutigen Schöpfung verſchwunden, während ſie in den frühern einen ausgezeichneten Rang einnahm und in den älteſten Zeiten ganz allein die Klaſſe der Stachelhäuter überhaupt repräſentirte. Die mei - ſten dieſer Thiere ſaßen auf langen beweglichen Stielen feſt und hatten in ihrer äußern Geſtalt viel Aehnlichkeit mit Polypen, ſo daß ſie in der That von älteren Forſchern unter dieſe geſtellt wurden. Der153
Pentacrinus europaeus. Eine Gruppe von jungen Haarſternen, während ſie noch geſtielt ſind (Penta - crinus europaeus) auf einer Seepflanze ſitzend. Das Thierchen links hat ſeine Arme ausgebreitet und die obere Mundfläche dem Beſchauer zugewendet; das mittlere iſt ganz zuſammengezogen; das auf der rechten Seite ausgebreitet, von der Seite geſehen. Um die Figuren nicht zu verwirren, hat man die Seitenſtrahlen (pinnulae) der zehn Arme nur in der Figur links, nicht aber bei den beiden andern darge - ſtellt. a der Stiel; b der Körper aus Täfelchen gebildet; c die Arme; d der fünf - ſtrahlige Mund; e der After, am Urſprung des unparen Doppelſtrahles gelegen.
Körper iſt becherförmig, die untere dem Stiele zugewandte Fläche aus einzelnen Kalktafeln gebildet, welche in der Mitte eine Höhle für die Eingeweide laſſen. Die obere Fläche des Bechers iſt von einer leder - artigen Haut überwölbt, in welcher ſich mitten der Mund und zur Seite der After befindet. An dem Rande des Körpers ſtehen Arme, welche von den Tafeln, die den Becher bilden, ausgehen, meiſt ſehr beweglich ſind, entfaltet und zuſammengelegt werden können und zum Ergreifen der Beute dienen. Dieſe Arme ſind aus vielen einzelnen Stücken zuſammengeſetzt, und tragen oft wieder beſondere Aeſte, Zweige und Ranken, die auf den einzelnen Gliedern der Arme einge - lenkt ſind. Der Körper mit ſeinen zuſammengelegten Armen hat be - ſonders bei einigen kurzarmigen Arten ganz die Form einer Lilien - knospe auf langem Stengel.
Eine normale Seelilie kann man als zuſammengeſetzt aus vier einzelnen Theilen anſehen: die Wurzel, womit das Thier an den Boden befeſtigt iſt, wird von einer kalkigen Maſſe gebildet, ähnlich der Grundmaſſe, an der die Polypen aufſitzen. Sie erſcheint meiſt als eine Ausſchwitzung ohne weitere ſpecielle Ausbildung. Auf dieſer Wur -154 zel erhebt ſich der Stiel oder die Säule, zuſammengeſetzt aus ein - zelnen, meiſt runden oder fünfeckigen Gliedern, welche gewöhnlich eine mittlere centrale Oeffnung beſitzen, durch die ein Kanal nach unten ſich erſtreckt, der hauptſächlich nur für die bewegende Faſermaſſe des Stieles beſtimmt ſcheint. Die Täfelchen der Säule haben meiſt auf beiden Seiten Kerben und Vorſprünge, die in einander greifen und oft die Figur eines fünfſtrahligen Sternes bilden. Dieſe iſolirten Täfelchen, die man auch Trochiten oder Entrochiten genannt hat, finden ſich häufig in den Schichten der Erde vor, während wohlerhaltene Seelilien in ganzer Geſtalt ſeltener ſind. Bei vielen Gattungen trägt der Stiel ſeitliche Ranken, die andern fehlen; bei andern verkümmert er oder zeigt ſich nur als knopfartiges Rudiment. Der Körper oder Becher der Seelilie beſteht aus einzelnen Stücken, welche man je nach der Entfer - nung oder der Nähe des Stieles und der Arme ziemlich unzweckmä - ßigerweiſe Beckenglieder, Hüftglieder, Schulterglieder u. ſ. w. genannt hat. Dieſe Täfelchen bilden mehrere über einander liegende, ſich er - weiternde Kreiſe, auf deren äußerſtem die Arme eingelenkt ſind. Dieſer ſind fünf oder zehne, die ſich aber oft noch vielfältig in Aeſte ſpalten. Auf ihrer innern Seite zeigen die Arme eine Rinne, welche von der weichen Hautbedeckung überzogen iſt und auf der die kleinen Saug - füßchen angebracht ſind. Indeſſen haben nicht alle Familien in der Ordnung der Seelilien die bezeichneten Theile des Körpers. Der Fa - milie der Seeäpfel, die ſich nur in den älteſten Schichten der Erde findet, fehlen die Arme durchaus und nur ein kurzer geringfügiger Stiel iſt ausgebildet. Der Familie der Haarſterne, welche in unſern Meeren häufig vorkommt, geht im erwachſenen Zuſtande der Stiel ab und es exiſtirt nur ein ſcheibenförmiger Körper mit ſehr langen beweg - lichen Armen verſehen.
Die Familie der armloſen Crinoiden oder die Seeäpfel (Cysto -
Sphaeronites. Aus dem ſchwediſchen Uebergangsgebirge (Siluri - ſches Syſtem). Fig. 141 ſtellt das Thier von der Seite, Fig. 142 den Umriß von oben dar. a der ſehr kurze Stiel. b Mund. c After. d fünfſtrahlige Genital - platte mit den Geſchlechtsöffnungen.
crinida) haben einen eiförmi - gen oder runden Körper, der aus harten meiſt ſechseckigen Täfelchen zuſammengeſetzt iſt und durch einen kurzen bieg - ſamen Stiel auf dem Boden angeheftet iſt. Der kugelför - mige Körper zeigt drei Oeff - nungen; eine obere cen - trale, der Mund, neben wel - chem ſich eine zweite Oeff -155 nung befindet, die wahrſcheinlich die Afteröffnung iſt; — eine dritte in der Nähe des Stieles befindliche, welche meiſtens noch durch be - wegliche Platten verdeckt iſt, ſcheint eine Geſchlechtsöffnung geweſen zu ſein. Es findet ſich dieſe Familie nur in den älteſten Schichten des Uebergangsgebirges, in dem Unterſiluriſchen Kalke, und ſie ſtellen gleich - ſam die Anfangsform des Typus der Seeigel und der Seelilien in einander vereinigt vor. In der That zeigt ſich auch eine Gruppe, welche inſofern den Uebergang vermittelt, als ſich auf ihrer Spitze einige Platten zeigen, welche zur Durchlaſſung von Fühlern durch - löchert ſind. Dieſe Fühlergänge ſind nach der Fünfzahl geſtellt, wäh - rend bei den eigentlichen Seeäpfeln, welchen ſie fehlen, die Sechszahl vorherrſchend iſt. Cystocrinus; Sphaeronites.
Die eigentlichen Seelilien (Encrinida) beſitzen alle einen Stiel, einen becherartigen Körper, deſſen obere Fläche Mund und After neben - einander zeigt, und Arme, die auf ihrer Innenfläche eine Rinne zur Aufnahme der Füßchen zeigen. Sie kommen von den älteſten Schichten an in ſtets abnehmender Zahl bis auf unſere Zeiten vor und erſchei - nen in unſern jetzigen Meeren nur noch in zwei höchſt ſeltenen Gat - tungen, während ſie in dem Uebergangs - und Kohlengebirge die große Mehrzahl der Stachelhäuter ausmachten und in den juraſſiſchen Mee - ren beſonders an den Korallenriffen blühten, welche ſich daſelbſt vor - fanden. Von der einen lebenden Gattung dieſer Seelilien (Holopus)
Actinocri - nus. a Der Stiel, b der Kelch, c die Arme, d die Zweige mit den Ranken daran.
iſt bis jetzt nur ein einziges Exemplar, von einer an - dern (Pentacrinus) nur 4 oder 5 nach Europa gebracht worden. Beide wurden aus großer Tiefe in dem Meere der Antillen hervorgezogen. Die foſſilen Seelilien hat man in mehrere Gruppen (Unterfamilien) zerlegt, welche indeß noch nicht ſo vollſtändig unterſucht ſind, als es wohl wünſchenswerth wäre. Ich erwähne hier als beſondere Typen der Gattung Caryocrinus, die auf einem kurzen runden Stiele einen eichelför - migen Körper mit ſechs Armen und aus ſechs - ſeitigen Täfelchen gebildet trägt, die Actinocri - niden mit langer runder Säule, becherförmigem Körper, deſſen einzelne Täfelchen nur wenig zu - ſammenhalten, und langen mehrfach getheilten Armen, welche auf ihrer innern Seite eine große Menge ar - tikulirter aus einzelnen Kalkſtücken zuſammengeſetzter Anhänge tragen, ſo daß der Arm einigermaßen dem156 Barte einer Feder ähnlich ſieht. Es kömmt dieſe Familie nur in den älteren Schichten, aber hier auch äußerſt zahlreich vor; ſie wird er - ſetzt in den juraſſiſchen Meeren durch die Gruppe der Pentacriniden, welche ſich durch die feſte Verbindung ihrer Kelchplatten und durch die Einlenkung ihrer Arme auszeichnet, die auf beſonderen, dem Stiele aufſitzenden Stücken angeheftet ſind. Der Stiel iſt fünfeckig, zeigt meiſtens viele Seitenausläufer und Ranken und an ſeinen einzelnen Stücken ſehr complicirte Gelenkflächen, die fünfblättrige Figuren dar - ſtellen. Der becherförmige Körper iſt einigermaßen zwiſchen dem Grunde der Arme verborgen. Man hat berechnet, daß das Skelett eines ein - zigen Thieres, bei der ungemeinen Verzweigung der Arme und der zahlreichen Federchen, aus mehr als 150,000 einzelnen Kalk - ſtücken zuſammengeſetzt iſt. Zu der Gattung Pentacrinus gehört die jetzt lebende Art. Eine andere ſehr ausgezeichnete Gruppe, die ebenfalls erſt nach den Uebergangsgebirgen auftritt und in dem Muſchelkalke durch eine Gattung repräſentirt iſt, äußerſt zahl - reich die juraſſiſchen Korallenbänke bewohnt und in der Kreide nur noch ſpurweiſe erſcheint, iſt die der Apiocriniden, mit langem, meiſt rundem Stiel, deſſen Täfelchen ſtrahlig gerippt ſind, ohne Seitenran -
Encrinus liliiformis aus dem Muſchelkalke. a der Stiel; b der aus Platten zuſammenge - fügte Körper; c die Arme; d die getheilten aus unzähligen Stück - chen zuſammengeſetz - ten Aeſte derſelben.
ken, mit dickem Körper, deſſen einzelne Stücke äußerſt ſolid ſind und nur einen geringen Raum zwiſchen ſich laſſen, und höchſtens einfach getheilten Armen, welche ziemlich kurz ſind. Es gehören zu dieſer Abtheilung die im Muſchelkalke ſo außerordentlich häufigen Seelilien (Encrinus) und die Gattung Apiocrinus, welche be - ſonders an den Korallenbänken des Jura vorkommt. Es ſcheint dieſe Gruppe in der Jetztwelt durch die höchſt eigenthümliche Gattung Holopus erſetzt, deren Stiel ſelbſt einen Theil des Körpers ausmacht und zum Theil die Körperorgane beherbergt. Das Thier ſoll nur vier Arme haben, iſt übrigens bis jetzt nur durch ein einziges bei Martinique aufgefiſchtes Exem - plar bekannt.
Die[dritte] Familie der Seelilien, die Haarſterne, (Comatulida) iſt aus Thieren gebildet, welche im er - wachſenen Alter vollkommen frei ſind und häufig noch jetzt in unſeren Meeren vorkommen. Die Haar - ſterne haben einen abgeplatteten Körper, deſſen Rük - kenfläche aus einzelnen Täfelchen zuſammengeſetzt iſt157 und auf deſſen Bauchfläche ſich zwei Oeffnungen zeigen, eine mittlere, der Mund, eine ſeitliche warzig hervorſtehende, der After. Die zehn
Haarſtern. Comatula mediterranea. Von der Mundfläche aus. Die dort ſitzenden Nebenſtrahlen ſind weggelaſſen, um den Mund a und den After b ſehen zu laſſen.
Arme, welche dieſe Thiere beſitzen, ſind an dem Rande des abgeplatteten Be - chers eingelenkt und aus Täfelchen zu - ſammengeſetzt, auf welchen zweizeilige bewegliche Feder - anhänge ſtehen. Mittelſt dieſer Ar - me und Anhänge klettert der Haar - ſtern ſehr geſchickt an Meerpflanzen umher, die er mit ſeinen Armen um - faßt, wobei ihm die kurzen Fühler be - hülflich ſind, welche auf einer Rinne an der Bauchfläche der Arme ſtehen. Es gleichen ſomit dieſe Thiere, wenn ſie die Arme gegen die Bauchfläche hin zu - ſammenſchlagen, vollkommen einer Seelilie, deren auf der Rückenfläche befindlicher Stiel verſchwunden iſt. Comatula; Alecto; Comaster.
In der That entdeckte man, daß die Haarſterne in der Jugend
Junge Haarſterne, Pentacrinus europaeus genannt.
158 einen biegſamen Stiel beſitzen, durch welchen ſie an den Boden feſt - geheftet ſind und daß ſie in dieſem Zuſtande vollkommen einer See - lilie mit zehn Armen gleichen. Die frühern Entwicklungszuſtände der Haarſterne ſind nicht bekannt. Wahrſcheinlich ſchwimmen die Larven, wie diejenigen der übrigen Stachelhäuter, während einiger Zeit im Meere umher, um ſich dann ſpäter feſtzuſetzen und die Seelilienform an - zunehmen. Die jungen Haarſterne haben Anfangs einen ſtabförmigen Körper, der knopfförmig endet und hier mit einigen kurzen Fortſätzen (Fühler) verſehen iſt. Nun beginnt in dem Stiele die Kalkablagerung der einzelnen Glieder, während zugleich der Becher ſich deutlicher aus - bildet und die Arme hervorſproſſen. Bald ſieht man auf der Ober - fläche des Bechers den mit fünf dreieckigen, klappenartigen Vorſprün - gen beſetzten centralen Mund und am Rande den warzenartig vor - ſpringenden After. Das ausgebildete Junge hat fünf doppelt getheilte Arme, mit ſeitlichen Ranken beſetzt und am Stiele ebenfalls einen Kranz von Ranken, der auch im ſpäteren Leben bleibt. Der Stiel ſchwindet nun an der Anheftungsſtelle; die Thierchen reißen ſich end - lich von ihren Stielen los und kriechen dann frei umher. Es zeigt ſich durch dieſe Entwicklung eine merkwürdige Uebereinſtimmung in der geologiſchen Ausbildung der Ordnung und der Entwicklung der am höchſten ſtehenden Familie, indem die in den älteren Schichten vor - kommenden Seelilien alle geſtielt ſind und die ungeſtielten Haarſterne erſt in den juraſſiſchen Gebilden auftreten und ſich in ſtets zunehmen - der Zahl bis in unſere Jetztzeit entwickeln.
Die Ordnung der Seeſterne (Stellerida) begreift nur platt - gedrückte Thiere mit ſcheibenförmigem, fünfeckigem Körper und mehr oder minder ausgezackten Armen, welche von der Körperſcheibe nur unvollſtändig getrennt ſind. Der Mund befindet ſich auf der Unterfläche der Scheibe im Mittelpunkte, der After, (wenn ein ſolcher vorhanden iſt, denn bei vielen Gattungen fehlt er) ſtets gegenüber auf der Rückenfläche. Die Körperhaut iſt lederartig; das Kalkſkelett aus einzelnen, loſen Panzerringen zuſammengeſetzt, die eine große Be - weglichkeit und Biegſamkeit des ganzen Körpers geſtatten; die Strah - len dieſer Panzerringe beginnen an dem Munde und laufen fünfeckig nach den Seiten aus. Auf der Unterfläche der Scheibe und, je nach den Familien, auch der Arme ſind in den Strahlen entſprechende Rin - nen angebracht, welche die Saugfüßchen beherbergen, die faſt ganz in die Rinne zurückgezogen werden können. Außerdem bemerkt man bei allen an irgend einer Stelle der Körperſcheibe eine eigenthümliche ſchwammige Kalkplatte, die ſogenannte Madreporenplatte, welche wie wir ſpäter ſehen werden, nebſt den ihr zugehörigen Gebilden ein Ueber -159 bleibſel aus der Embryonalzeit iſt. Die Entwicklung der Seeſterne iſt in einigen ihrer Stadien ziemlich genau gekannt, da aber viel Ueber - einſtimmung in dieſer Hinſicht mit den Seeigeln herrſcht, ſo werden wir ſie erſt bei dieſen im Zuſammenhange abhandeln.
Die Ordnung der Seeſterne erſcheint zuerſt in dem Muſchelkalk und läßt im Jura, in der Kreide, wie in den Tertiärgebilden einige, wenn gleich ſehr wenig zahlreiche Arten erkennen. Sie gehört zu den - jenigen Ordnungen, welche in ſtets zunehmender Häufigkeit ſich in der Erdgeſchichte entwickeln. In unſeren Meeren kommt eine große Anzahl dieſer Thiere und oft ungemein zahlreich vor, ſo daß z. B. an der Küſte der Normandie einige Arten als Dünger auf dem Felde benutzt werden.
Man theilt die Ordnung in drei, ſehr leicht kenntliche Familien. In der Familie der Sonnenſterne oder Meduſenhäupter (Euryalida) ſind die Arme vollſtändig von der Scheibe abgeſetzt und ohne Rinne auf der Bauchfläche. Die Körperorgane befinden ſich nur in der Scheibe, welche rund iſt und auf ihrer Oberfläche keine Afteröffnung zeigt. Der Mund befindet ſich auf der Mitte der Unterfläche; auf der - ſelben Seite gegen den Rand hin die Madreporenplatte. Die Arme ſind ſtets veräſtelt, äußerſt biegſam und meiſtens mit Ranken verſehen, welche ſich ſpiralig aufrollen. Es finden ſich dieſe Meduſenhäupter be - ſonders in den ſüdlichen Meeren, aber ſtets nur ſelten. Euryale; Trichaster; Asteronyx.
Eine zweite Familie iſt die der Schlangenſterne (Ophiurida).
Ophiura. Von der Rückenfläche. Die untere Figur zeigt die Körperſcheibe von der Bauchfläche mit dem centralen, fünfſtrahligen Munde.
Der Körper ſtellt eine rundliche oder fünfeckige Scheibe dar, mit fünf langen, ſtets unveräſtelten Armen, wodurch ſie ſich weſent - lich von der vorigen Familie unterſcheiden; auch ihnen fehlt ſtets ein After und die Madre - porenplatte verſchwindet bei den Erwachſenen faſt gänzlich. Die langen Arme, welche keine Bauch - furche haben, ſind meiſt mit Stacheln oder Warzen in Quer - reihen beſetzt und ſchlangenartig biegſam. Sie ſind in allen Meeren äußerſt häufig und von dem Jura an in den jüngern Schichten der Erde repräſentirt. Ihre Entwicklungsgeſchichte iſt vorzugsweiſe der Gegenſtand neuerer Unterſuchungen geweſen. Ophiura; Ophiocoma; Ophiolepis.
160In der Familie der eigentlichen Seeſterne (Asterida) iſt der
Asterias.
Körper zuweilen nur fünfeckig oder in fünf kurze Arme ausgezo - gen, in welche Blind - ſäcke des Magens hineinragen, die ſich oft noch veräſteln. Nur ſelten ſind dieſe Strahlen zahlreicher und in dieſem Falle wechſelt oft ihre An - zahl oder läßt Ab - weichungen von dem Normaltypus Fünfer - kennen. Die Ge - ſchlechtstheile liegen ebenfalls theilweiſe in den Armen, die ſtets auf der Bauchfläche eine Rinne haben, in wel - chen die Füßchen in doppelter oder vierfacher Reihe ſtehen. Bei der ungemein großen Anzahl der Arten und Gattungen hat man beſonders hiernach die Hauptgruppen der Familie unterſchieden. Von bedeutendem Einfluß auf die Claſſification iſt ferner die Körperform, das Vorhandenſein oder Fehlen eines Afters, ſowie die Stellung der Madreporenplatte, welche in dieſer Familie mit einem eigenthümlichen Kanale in Verbindung ſteht, der als ſchwammige Säule von der Rückenfläche ſich gegen den Mund hin erſtreckt. Asterias; Astropecten; Stellaster; Solaster; Echinaster.
Die Ordnung der Seeigel (Echinida) iſt wohl die zahl -
Echinus.
reichſte unter den Stachel - häutern, da ſie nicht nur in ungeheuren Mengen in unſern Meeren, ſon - dern auch in allen Schich - ten der Erde in ſtets zunehmender Zahl ver - treten iſt. Die Seeigel haben einen rundlichen oder abgeplatteten Kör - per, welcher gänzlich aus eingelenkten Täfelchen zuſammengeſetzt iſt, die161 zwiſchen ſich nur zwei Oeffnungen, eine ſtets auf der Unterfläche ge - legene für den Mund, eine zweite für den After laſſen. Man unter - ſcheidet auf dieſer Schale ſelbſt fünf Hauptabtheilungen, welche theils durch die Ecken des Mundes, theils aber ganz beſonders durch die Fühlergänge angezeigt ſind. An beſtimmten Stellen nämlich zeigen die einzelnen Platten ſehr charakteriſtiſch gebildete feine Oeffnungen, welche zu dem Durchtritte der hauptſächlichſten Bewegungsorgane des Seeigels, der Saugfüßchen oder Ambulakren beſtimmt ſind. Es ſtehen dieſe Oeffnungen ſtets in Reihen, welche bald von dem Munde aus - gehend nach oben gegen den Gipfel der Schale hin zuſammenfließen und dort einen fünfſtrahligen Stern bilden, bald auch nur ſich auf der oberen Fläche zeigen, wo ſie dann in einer fünfſtrahligen Roſette zu - ſammenſtehen. Die gegenſeitige Stellung und Zahl dieſer feinen Löcher, ihre Verbindung oder Iſolirung bieten ſehr wichtige Merkmale für die Gattungen und Arten dar. Man unterſcheidet hiernach auf den Scha - len, deren Theile ſich nach der Fünfzahl wiederholen, die Ambula - kralfelder, welche dieſe Poren enthalten, und die dazwiſchen liegenden Interambulakralfelder. Dem Munde gegenüber auf der Rückenfläche des Seeigels befindet ſich meiſtens der After, welcher keinem einzigen dieſer Thiere fehlt, und welcher dann den Mittelpunkt für die Roſette oder den Stern der Fühlergänge bildet. Der After iſt meiſtens von beweglichen Platten eingefaßt, welche bei den foſſilen Seeigeln leicht ausfallen. Außerdem findet ſich in ſeinem Umkreiſe eine Roſette von Platten, deren jede deutlich durchbohrt iſt, zum Durchtritte der Pro - dukte der Zeugungsorgane. Selbſt in den Fällen, wo der After nicht im Mittelpunkte der Scheibe liegt, ſondern mehr nach hinten gerückt iſt, ſelbſt in dieſen Fällen bilden, nur mit Ausnahme einer einzigen Gruppe, die Genitalplatten auf der Mitte des Rückens einen Mittel - punkt mit 5 oder 4 Oeffnungen, von welchem die Fühlergänge aus - gehen. Die Geſchlechtsorgane liegen nämlich bei den Seeigeln in einem vier oder fünfſtrahligen Sterne von Traubenſäcken an dem Rücken der Schaale und ihre Ausführungsgänge befinden ſich in den erwähnten Genitalplatten. In den Ecken des Sternes, welcher durch dieſe Platten gebildet wird, ſieht man meiſt noch andere feinere Oeff - nungen, in welchen die rothen Augenflecken eingebettet ſind.
Auf den Täfelchen, welche die Schalen der Seeigeln zuſammen - ſetzen, ſtehen noch zwei verſchiedene Gebilde, welche beſondere Beach - tung verdienen. Dies ſind einerſeits die Stacheln, kalkige, bewegliche Säulen, welche von der Dicke eines Haares bis zu der einer Nuß wechſeln und durch Geſtalt, Struktur und Einlenkung äußerſt charak -Vogt, Zoologiſche Briefe. I. 11162teriſtiſch ſind. Es ſtehen nämlich dieſe Stacheln ſtets auf runden Knötchen, welchen entſprechend ſie an dem untern Ende eine hohle Gelenkfläche beſitzen, ſo daß ſie auf einem förmlichen Kugelgelenke ſich drehen können. Im Umkreiſe dieſes Kugelgelenkes ſind faſerige Bän - der entwickelt, welche den Stachel bewegen können. Je bedeutender die Stacheln, deſto größer werden auch die Zapfenhöcker, welche ſie tragen, ſo daß bei denjenigen Seeigeln, wo ſehr bedeutend große Sta - cheln vorkommen, ſich auch auf der Oberfläche der Schale dicke Höcker zeigen, welche meiſt noch einen beſonderen Gelenkknopf tragen und oft auch auf ihrer Spitze ein Loch zur Befeſtigung mittelſt eines Sehnen - bandes zeigen. Das Verhalten dieſer Höcker und der großen Stacheln zu den kleinen, deren Höckerchen der Oberfläche der Schale nur ein rauhes Ausſehen geben, alles dies wird mit Vortheil zur Beſtimmung der Gattungen und Arten benutzt. Die zweite Art von eigenthüm - lichen Organen, die Pedicellarien, die beſonders in der Umgebung des Mundes ſtehen, wurden ſchon früher erwähnt.
Die Entwickelungsgeſchichte der Seeigel, Seeſterne und Schlangen - ſterne iſt beſonders in der neueſten Zeit ſo umfaſſend beobachtet wor - den, daß man im Allgemeinen wenigſtens die Grundzüge dieſer Entwickelung angeben kann. Es beſtehen dieſe aber im Folgenden:
Seeigel-Eier im Furchungsprozeſſe. Fig. 150. Das reife Ei. a Dotterhaut; b Dotter; c Keimbläschen. Fig. 151. Zweitheilung. Fig. 152. Achttheilung. Fig. 153. Maulbeer - form des Dotters.
Die Eier der Seeigel und Seeſterne zeigen eine deutliche Hülle, einen meiſt gelblich oder röthlich gefärbten Dotter und ein ſehr deutliches Keimbläschen mit Keimflecken, während die den Eierſtöcken ganz gleich geſtal - teten männlichen Organe Samenthierchen mit rundlichem Körper und einem Schwanzanhange erzeugen. Nach der Befruchtung und dem regel - mäßigen Furchungsprozeſſe, welchen dieſe Eier durchlaufen, ent - ſteht ein rundlicher Embryo, der mittelſt ausgebildeter Wimper - haare nach Durchbrechung der Eiſchale frei in dem Waſſer um - herſchwimmt. Nach und nach erhält dieſer Embryo die Geſtalt einer vierſeitigen Pyramide, welche ſich mehr und mehr in die163
Larvenbildung des Seeigels. Fig. 154. Kuglicher Embryo, ſchwimmend. g Innere Zellenſchicht; f Aeußere Zellenſchicht; c Wimperhaare. Fig. 155. Ecſter Anfang; Fig. 156. Ausbildung der ſtaffeleiförmigen Larve. a Mund; b Darm; c Kalkſtäbe; e Wimperhaare.
Länge zieht und auf der, der Spitze gegen - über ſtehenden Baſis eine Oeff - nung zeigt, wel - che ſich als Mund zu erkennen gibt, der in einen wei - ten Schlund und einen ſackartigen Magen führt. Zugleich zeigen ſich im Innern dieſes Körpers Kalkſtäbe, welche längs der Seite der Pyramide hinlaufen und an der Spitze derſelben miteinander verbunden ſind. Da wo die Kalkſtäbe an der Baſis der Pyramide auseinanderſtehen, bilden ſie ſpitzenartige Verlängerungen, ſo daß die ganze Larve einem pyramidalen
Ausgebildete Seeigellarve. a der Mund, b der Darm mit dem links gelegenen After. c Kalkſtäbe.
Uhrgehäuſe nicht unähnlich iſt. Die Wim - pern ſind jetzt vorzugsweiſe längs der Kalk - ſtäbe entwickelt, welche merkwürdiger Weiſe vollkommen ſymmetriſch angeordnet und meiſt in der Zahl von vier oder acht vor - handen ſind. Bis zu dieſem Punkte hat man die unmittelbare Ausbildung der Larve der Seeigel aus den Eiern der Seeigel ſelbſt verfolgt. Weitere Beobachtungen machte man an Thieren, die man in der See aufgefangen hatte und anfangs als eigenthümliche Weſen unter dem Namen Pluteus beſchrieb. Die geſtellartigen Formen mit ſymmetriſchen Kalkſtäben und Wimper - ſchnüren längs der Fortſetzungen dieſer Kalk - ſtäbe, oder auch mit epaulettenartigen Räder - organen zeichnen dieſe kaum eine halbe Linie großen Thiere vor allen andern thieriſchen Gebilden aus. Außerordentlich merkwürdig iſt indeß die weitere Ent - wicklung dieſer ſeltſamen Larven, welche durchaus keinen ſtrahligen Typus zeigen. Das eigentliche Strahlthier ſproßt nämlich aus dieſer Larve ſelbſt hervor und ſteht anfangs in einem Verhältniſſe zu der - ſelben, wie eine Knospe zu ihrem Mutterthier, während ſpäter im11*164Gegentheile die urſprüngliche Larve nur wie ein Schwimmapparat erſcheint, der an dem Thiere ſelbſt befeſtigt iſt. Die Larven, welche ſich aus dem urſprünglichen Ei der Seeſterne und Seeigel entwickeln, ſtehen alſo zu dem zukünftigen Strahlthiere etwa in dem Verhältniſſe einer Amme zu der ſich entwickelnden Knospe, doch mit dem Unter - ſchiede, daß ſogar ein Theil ihrer Organe in die Organe der ſich ent - wickelnden Knospe übergeht. Die Larve beſitzt nämlich einen Mund und einen Schlund, welcher in den Magen des jungen Strahlthieres überführt und, wie es ſcheint, iſt auch bei denjenigen Strahlthieren, welche einen After beſitzen, die Larve mit einem ſolchen verſehen, während der After bei den Larven fehlt, welche afterloſen Gattungen zugehören.
Die ſtaffeleiartigen Larven der Echinodermen finden ſich da, wo die Mutterthiere häufig vorkommen, ebenfalls in großen Mengen frei um - herſchwimmend im Meere. Man hat ihre weitere Entwickelung haupt - ſächlich bei den Schlangenſternen beobachtet. Hier ſproſſen im Innern des Thieres zur Seite des Mundes blindſackartige Figuren hervor,
Vollſtändige Larve eines Schlan - genſternes vor dem Aufſproſſen des Sternes.
Die Bezeichnung iſt für alle drei Figuren die ſelbe. a der Mund, c die Kalkſtäbe, h der afterloſe Magen der Larve, i der aufſproſſende Schlangen - ſtern.
welche anfangs ganz in der Subſtanz der Larve eingeſchloſſen ſind, ſpäter aber über dieſelbe hinauswachſen, zuſam - menſchießen und die Scheibe des Schlan - genſternes darſtellen. Es hängt dieſe Scheibe ſchief an der geſtellartigen Larve, ſo daß die Fortſetzung der
Eine ähnliche Larve, bei welcher der Schlangenſtern in Geſtalt von Blinddärmen aufſproßt.
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Eine dritte Larve, bei welcher in dem Schlangenſtern ſchon die gegitterte Kalk - maſſe erſcheint.
Larvenaxe nicht in die Axe des neuen Thieres fällt. Erſt nach einiger Zeit bildet ſich für das eigentliche Thier auch ein Mund, während es früher durch den Mund der Larve ernährt wurde. Später wenn die Larve ſich von ihrer ausgebildeten Knospe losreißt, zeigt dieſe an der Eintrittsſtelle eine Narbe, welche durch die Madreporenplatte ge - ſchloſſen wird. Dieſe Platte dient mit - hin bei den erwachſenen Stachelhäutern zur Bezeichnung der Stelle, an wel - cher beide embryonale Gebilde zu - ſammenhingen. Indem nun zugleich an den Seiten der Scheibe die Arme hervorſproſſen, zeigen ſich in dem Innern des jungen Thieres die erſten Spuren des Kalkſkelettes in Form netzartig verzweigter Stäbchen, die bald drahtförmig gegitterte Stäbe bilden. Nach der Bildung der Stacheln ſproſſen auch die Füßchen hervor, anfangs nur in ſehr ge - ringer Zahl und äußerſt plumper Form, wenn man ihr ſpäteres Ver - hältniß zu den erwachſenen Thieren berückſichtigt. Je mehr nun der junge Seeſtern wächſt, deſto geringfügiger wird die Larve in dem Verhältniß zu demſelben, bis ſie endlich ganz abreißt und der junge Schlangenſtern allein überbleibt. Dieſer ſchwimmt noch eine Zeitlang durch Wimperhaare, welche ſpäter verſchwinden, wo ſich dann das Thier kriechend bewegt.
Die Larven der verſchiedenen Ordnungen und Familien der Stachelhäuter haben alle, ſoweit ſie bis jetzt bekannt ſind, einen über - einſtimmenden Typus, wenn auch ſehr häufig eine ſehr verſchiedene Form. So beſchrieb man unter dem Namen Bipinnaria asterigera eine Larve mit außerordentlich langem Stiel und ſehr kurzen Fort - ſätzen, welche einen Seeſtern trägt, und man lernte andere Arten kennen, aus welchen ſich Seeigel hervorbilden, die mehr hut - oder glockenförmig mit ſteifen Fortſätzen erſcheinen. Weitere Unterſuchungen werden ohne Zweifel die noch übrigen dunkeln Punkte ſchnell aufklären.
Man theilt die Seeigel in vier große Familien ein, welche ſich durch ſcharfe Charaktere von einander unterſcheiden. Bei den eigent - lichen Seeigeln (Cidarida) iſt der Körper kugelig, der Mund in der166
Echinus.
Mitte der Unterfläche in einer bald ganz nackten, bald mit Wärzchen be - ſetzten Haut gelegen. Der After liegt dem Munde gegenüber auf der Mitte des Rückens in einer Roſette, welche aus fünf Genitalplatten gebildet iſt, die mit fünf Augenplatten ab - wechſeln. Die Madre - porenplatte iſt mit der unpaaren Genitalplatte verſchmolzen. Der Zahnapparat iſt äußerſt complicirt und wird durch innere Vorſprünge der Schale an ſeinem Platze gehalten. Die Fühlergänge ſind ſchmal und gehen von dem Munde bis zu dem After, meiſt in etwas geſchlängelter Linie fort. Auf den Feldern zwiſchen den Fühlern ſind große runde Höcker ange - bracht, welche in Reihen ſtehen und die Stacheln tragen. Bei den zahlreichen Gattungen, welche ſich in dieſer Familie finden, hat man wieder mehrere Gruppen unterſchieden, ſo die Turbanigel (eigent - liche Cidariden), (Cidaris; Salenia; Hemicidaris) bei denen auf einer dicken Schale ſehr dicke auf dem Gipfel durchbohrte Höcker in je zwei Reihen geordnet ſtehen, die ungemein große und lange, oft keulenförmige Stacheln tragen, und die eigentlichen Seeigel (Echiniden), (Dia - dema, Echinus, Echinometra) die eine weit dünnere Schale beſitzen, mit kleinern Höckern und dünnen ſpitzigen Stacheln. Es kommt dieſe Familie von dem Kohlenkalke an in allen Schichten der Erde vor und ſcheint ihre größte Entwicklung in den juraſſiſchen Gebilden zu erhalten.
Laganum. Von oben. Daneben der Umriß der unteren Fläche, um die Lage von Mund und After zu zeigen. a Mund. b After. c Un - tere Fühlergänge. d Stern der obern Fühlergänge. e Mitt - lere Platte mit den Geſchlechtsporen.
Die zweite Familie, diejenige der Schildigel (Clypeastroida) begreift Thiere von meiſt ſcheiben - förmiger Geſtalt, deren Schale ſehr dick und mit fei - nen Höckerchen beſetzt iſt, welche ſehr dünne, kurze,167 haarartige Stacheln tragen. Dieſe Höckerchen ſind überall gleich. Der Mund befindet ſich in der Mitte der Unterfläche und iſt mit fünf einfachen Zäh - nen von pyramidaler Form bewaffnet; der After dagegen ſteht niemals auf der obern Fläche des Scheitels, ſondern ſtets auf der untern Fläche mehr oder minder näher dem Rande und dem mittleren Strahle entgegengeſetzt. Die Fühlergänge bilden auf der Rückenfläche einen aus fünf breiten Blättern zuſammengeſetzten Stern, dem die Madreporenplatte mit fünf Geſchlechtsöffnungen als Mittelpunkt dient. Es iſt dieſe Familie haupt - ſächlich neueren Urſprungs. Man findet ihre erſten Repräſentanten in den Tertiärgebilden und die meiſten leben jetzt in den ſüdlichen Meeren. Manche Gattungen zeigen durch Einſchnitte eine Hinneigung zur ſtrah - ligen Form. Clypeaster; Laganum; Scutella; Echinocyamus.
Eine dritte Familie, die Nußigel (Cassidulida), hat einen rund - lichen oder eiförmigen Körper, der meiſt ziemlich hoch iſt und ſehr feine Stacheln, die auf zerſtreuten Höckerchen ſtehen. Die Fühlergänge ſind bald blattförmig wie bei den Schildigeln, bald reihenförmig wie bei den Seeigeln. Der Mund ſteht in der Mitte der Unterfläche oder etwas mehr nach vorn, der After am Rande oder an der Unterfläche, ſo daß bei der ſonſt eiförmigen Geſtalt des Thieres die Mittelaxe oft ſehr deutlich wird. Der Mund iſt gänzlich unbewaffnet, was weſent - lich zur Unterſcheidung von den vorigen Familien dient. Es erſcheint dieſe Familie zuerſt in den juraſſiſchen Schichten und diejenige Gruppe, welche blattförmige Fühlergänge hat, vermehrt ſich bis zu unſerer Zeit, während die andere Gruppe in unſerer Zeit faſt ganz verſchwunden iſt. Echinoneus; Discoidea; Galerites; Nucleolites; Cassidulus; Echinolampas.
Die vierte Familie, die Herzigel (Spatangida), hat eine herzför -
Spatangus. Von oben. Auf der einen Seite ſind die Haare und Stacheln gelaſ - ſen, auf der andern weggenommen, um die Platten des Panzers und die Fühlergänge a zu zeigen.
mige Geſtalt, an welcher man beſonders deutlich eine mittlere Axe unterſcheidet, die den Körper in zwei ſymmetriſche Hälften theilt; auch dieſer Familie fehlt wie der vorigen jede Spur von Bezahnung. Der Mund liegt ſelten in der Mitte, meiſt an dem vordern Rande, der After an dem hintern Rande der Unterfläche ihm gegen - über, ſo daß auch hierdurch die Mittel - linie ſehr deutlich angezeigt iſt. Die Füh - lergänge ſind meiſtens auf dem Gipfel in einer Roſette vereinigt, bei einer Gruppe aber vollkommen getrennt. Der hintere unpaare Fühlergang liegt meiſtens in einer tiefen Rinne, wodurch die herzförmige Geſtalt erzeugt wird und unterſcheidet ſich in ſeiner Natur von den übrigen. Meiſt finden ſich nur vier Genitalöffnungen und auch nur168 vier Eierſtöcke im Innern. Es erſcheint dieſe Familie zuerſt in dem Jura mit Formen, welche den Nußigeln ähnlich ſehen und ihre Zahl wächſt ſtets bis auf die heutige Zeit. Spatangus; Brissus; Hemiaster; Schizaster; Holaster; Ananchytes; Dysaster.
Die letzte Ordnung der Stachelhäuter begreift die Seewalzen (Holothurida), welche eine lederartige Haut mit ſparſam einge -
Holothuria.
ſtreuten Kalkkörnchen und eine walzen - oder wurmförmige Geſtalt beſitzen, die nur noch durch einen Fühler - kranz im Umkreiſe des Mundes den ſtrahli - gen Typus erkennen läßt. Der After liegt an dem hintern Theile des Thieres und dient, wie ſchon oben bemerkt, zugleich als Athemöffnung, durch welche das die inneren Kiemen erfüllende Waſſer aus - und eingepumpt wird. Im Innern des Körpers findet ſich um den Mund ein kalkiger Ring, an welchen die Längsmuskeln ſich befeſtigen, welche beſonders zur Zuſammenziehung des Körpers dienen. Man unterſcheidet in dieſer Ordnung zwei Fami - lien, die ſich beſonders durch Anweſenheit oder Mangel von Saug - füßen auszeichnen. Bei der erſten Familie, den Haftwalzen (Synap - tida), fehlen die Füßchen durchaus und ſind durch eigenthümliche
Synapta mit ausgebrei - teten Fühlern. Daneben ein Kalkanker, aus der Haut, ſtark vergrößert.
Kalkanker erſetzt, welche die Haut rauh machen. Ebenſo fehlen innere Kiemen oder eigene Reſpirationsorgane, indem das Waſſer durch Spalten in die Leibes - höhle tritt. Der Darmkanal iſt grade, der After am entgegengeſetzten Leibesende. Eine an den Küſten des Oceans lebende Art, die ungemein genau unterſucht iſt, dient als Typus der Familie, die ſonſt meiſtens in ſüdlichen Meeren verbreitet iſt. Chirodota; Synapta.
Die zweite Familie, die der See - walzen (Holothurida), hat kurze Saug - füßchen, ganz denen der Seeigel ähn - lich, welche meiſt in Reihen ſtehen und durch Spalten der Haut hervorgeſtreckt169 werden können. Der Darmkanal im Innern iſt S förmig gewunden und an ſeinem hintern Ende mit einer baumartig verzweigten Kieme in Verbindung. In der Gefangenſchaft ziehen ſich dieſe Thiere oft mit ſolcher Energie zuſammen, daß ſie einen großen Theil des Darm - kanales mit der Kieme losreißen und durch den After entleeren. Es ſollen ſich indeß dieſe Theile ſpäter wieder erzeugen. In den ſüdlichen Meeren kommt eine Gattung vor, der Trepang, welcher in großen Maſſen gefiſcht und beſonders nach China als ſtärkendes Reizmittel verkauft wird. Die Seewalzen finden ſich in allen Meeren ungemein häufig an dem Boden kriechend, wo ſie ſich beſonders von Schaal - thieren nähren. Pentacta; Psolus; Holothuria; Bohadschia; Cladolabes.
Eine an Anzahl und Mannigfaltigkeit der Ausbildung dem Kreiſe der Protozoen und Strahlthiere nicht nachſtehende Entwickelungs - richtung iſt in den Würmern gegeben, welche durch die Geſtalt ihres Körpers, durch die Anordnung und Ausbildung ihrer Organe einen weſentlichen Unterſchied von allen übrigen Typen der niederen Thiere darbieten und namentlich in ihren höheren Formen ſich bis in die Nähe des Kreiſes der Gliederthiere erheben, zu welchen ſie in weit näherer Beziehung ſtehen, als zu den Weichthieren. Meiſt dunkel in ihrer Lebensweiſe, oft ſchmarotzend in andern Thieren und auf Koſten derſelben, oder verborgen in Erdlöchern, unter Steinen und im Schlamme der Gewäſſer lebend, wenig anziehend durch Form oder Farbe, wurde dieſer Kreis anfangs von den Naturforſchern nur ſehr wenig in Betrachtung gezogen, bis tiefere Blicke in ihre Organiſation und ihren Haushalt Geheimniſſe entdecken ließen, die in nicht geringem Grade die Wißbegierde anſpannen mußten. So ſind denn in unſerer Zeit gerade die Würmer ein weſentlicher Gegenſtand der Forſchung geworden und ſtellen ſich jetzt als denjenigen Kreis des Thierreichs dar, in welchem die meiſten Reſultate erzielt werden und wo auch die meiſten ferner dem umſichtigen Beobachter ſich darbieten. Umſomehr iſt aber darauf hinzuweiſen, daß faſt überall unſere Kenntniſſe bis jetzt nur fragmentariſch und demnach die ganze Behandlung des Ge -170 genſtandes eine mehr proviſoriſche iſt, die in jedem Augenblicke von Grund aus durch neue Entdeckungen geändert werden kann. Die verſchiedene Umgränzung des Begriffes, welchen man mit dem Worte „ Würmer “überhaupt verbindet; die mannigfach verſchiedenen Verſuche der Claſſification, welche von Zeit zu Zeit wiederholt werden, ſind ſprechende Beweiſe für den Mangel an ausreichender Kenntniß in dieſem Felde. Wir machen überall die Erfahrung, daß bei mangel - haftem Material die perſönlichen Anſchauungen und Anſichten in’s Unendliche wechſeln, während bei gehöriger Kenntniß der Thatſachen die Discuſſionen von ſelbſt aufhören und ihre faktiſche Erledigung finden.
Die Würmer zeichnen ſich dem Kreiſe der Strahlthiere gegenüber durch eine weſentlich ſymmetriſche Anlage ihrer Organe aus. Sie ſind vollkommen nach bilateralem Typus gebaut. Eine ſenkrechte durch die Mittellinie gelegte Ebene theilt das Thier in zwei vollkom - men gleiche Hälften. Die einfachen Organe liegen in der Mittellinie, die mehrfach vorhandenen zu beiden Seiten meiſt in ſymmetriſcher Folge. Zwar finden Abweichungen von dieſer Symmetrie ſtatt, doch ſind dieſelben nur ſelten und betreffen meiſt nur den Darmkanal und die Geſchlechtsorgane; zwei Organſyſteme, welche überhaupt auch bei ſonſt ſymmetriſch gebauten Thieren leicht eine Ausnahme zu machen pflegen. Der Körper der Würmer iſt bei dieſer Symmetrie der Or - gane meiſtens lang geſtreckt und von oben abgeplattet, oft ſo ungemein lang im Verhältniß zu der Breite, daß die Thiere wie ſchmale Bän - der oder dünne Bindfaden ausſehen. In den niedern Typen herrſcht meiſtens bei geringer Körperlänge mehr die Abplattung von oben vor, ſo daß ſie eine eiförmige Umgränzung des Körpers zeigen, während bei den höhern Typen noch ein zweites charakteriſtiſches Merkmal her - vortritt, nämlich die Gliederung des Körpers in quere Ringe, ſogenannte Zoniten, die ſich in faſt vollkommener Gleichheit oft hundertfach wiederholen. Dieſe quere Gliederung, welche wir noch bei einem andern Kreiſe des Thierreiches, bei den Gliederthieren, eben - falls mit ſtrenger Symmetrie gepaart wahrnehmen, iſt entweder Reſultat einer Art von embryonaler Knospung, wie namentlich bei den höheren Rin - gelwürmern, oder die Folge einer unvollſtändigen Knospung, welche während des ganzen Lebens fortdauert, wie dies namentlich bei den Bandwürmern der Fall iſt. Aber auch in den höchſten Typen, bis zu welchen ſich die dem Kreiſe der Würmer angehörenden Thiere auf - ſchwingen, trägt die Gliederung des Leibes inſoferne den Stempel der Unvollkommenheit, als die Glieder meiſtens unter ſich gleich ſind,171 dieſelben Organe enthalten, die mithin ſich vielfach wiederholen, wäh - rend bei den Gliederthieren die einzelnen Ringel meiſt durchaus ver - ſchiedenen Gehalt und Bedeutung zeigen. Die Anatomie eines einzigen Bandwurmgliedes genügt beinahe, um die Zuſammenſetzung eines jeden der tauſend und aber tauſend Glieder zu kennen, aus welchen ein ſolches Thier zuſammengeſetzt iſt; ein Kieferwurm (Eunice) hat hun - derte von Ringeln, welche ganz dieſelben Füße, Borſten und Kiemen tragen. Dieſe öftere Wiederholung gleicher Organe, die zu derſelben Function beſtimmt ſind, iſt ſtets ein Zeichen niederer Organiſation, während die Sonderung beſtimmter Theile in vielfacher Zahl mit ver - ſchiedener Function höheren Bildungsgrad anzeigt. So ſehen wir auch nur bei den höchſten Typen der Würmer einen wirklich abge - ſonderten Kopf ſich ausbilden, während bei den übrigen, auch bei durchgreifender Ringelung des Körpers, der Kopf, als Träger der Sinnesorgane und des Centralnervenſyſtems, oft nicht von dem übri - gen Körper abgetrennt iſt.
Wie in den übrigen Kreiſen, ſo ſehen wir auch in dem Kreiſe der Würmer eine allmählige Vervollkommnung von niederen zu höheren Lebensformen. Dieſelbe ſpricht ſich nicht nur in der äußern Körper - form, ſondern auch in der ſtufenweiſen Ausbildung der einzelnen Or - gane aus. Das Nervenſyſtem, welches bei allen Würmern ohne Ausnahme vorhanden, aber in den niederen Stufen nur rudimentär iſt, und dann aus zwei unbedeutenden zu beiden Seiten des Schlundes gelegenen Knötchen beſteht, welche zwei dünne Seitenäſte längs des Körpers herabſenden, ſchwingt ſich ſtufenweiſe zu höherer Entfaltung hervor, bis es bei den höchſten Würmern einen Schlundring mit vor - zugsweiſe entwickelter oberer Hälfte (Gehirn) bildet und eine Aufein - anderfolge von Knoten zeigt, welche längs der Mittellinie des Bauches durch Längsſtränge verbunden ſich hinziehen und nach allen Seiten hin Aeſte ausſenden. Die Sinnesorgane, welche den niederen Typen fehlen, entwickeln ſich anfangs in großer Zahl, wenn auch mit geringer innerer Ausbildung und gehen meiſt denjenigen Gattungen und Familien ab, welche in dem Körper anderer Thiere oder in Röh - ren leben. Auch die Bewegungsorgane entfalten ſich aufſteigend in mannigfacher Weiſe, denn während bei den niederen Typen entwe - der nur der ganze Körper durch abwechſelnde Zuſammenziehungen und Ausdehnung die Bewegung vermittelt, oder höchſtens Haken, Rüſſel und Saugnäpfe ſich ausbilden, zum Feſthalten an beſtimmten Orten, ſo wird bei den höheren Typen die Fortbewegung durch beſondere Borſten, Fußſtummel und Schwimmplatten bewirkt, welche zu beiden172 Seiten der Ringel und am ganzen Körper oft in ungeheurer Zahl angebracht ſind. Indeß zeigen dieſe Bewegungsorgane niemals und unter keinen Umſtänden die bei den Gliederthieren vorkommende Glie - derung aus verſchiedenen in einander eingelenkten Stücken. Es ſind ſtets nur einfache Hornſtücke, welche in muskulöſen Zwiebeln ſtecken und durch dieſe bewegt werden können.
Nicht minder in die Augen fallend iſt der Fortſchritt der Ent - wickelung in dem Blutſyſteme und den Athemorganen. Mit Ausnahme einer Klaſſe, bei welcher die äußerſt geringe Körpergröße die Kenntniß der gewiß farbloſen und dadurch unſichtbaren Blutſtrö - mungen verhindert haben mag, kennt man jetzt bei allen Würmern ein Blutgefäßſyſtem, das aus geſchloſſenen Röhren beſteht und deſſen oft ſelbſt roth gefärbter Inhalt bei den höher ſtehenden Typen durch contractile Gefäße und herzartige Erweiterungen derſelben in Bewe - gung geſetzt wird. Auch die ſucceſſive Ausbildung der Athemorgane läßt ſich deutlich nachweiſen, denn während dieſelben in den niederen Typen ganz fehlen und die Function der Athmung wahrſcheinlich durch die Haut übernommen iſt, ſo ſind bei den höheren Gliedern des Krei - ſes oft ſehr vollſtändig ausgebildete Kiemen vorhanden, welche einzig zu dem Zwecke der Athmung beſtimmt ſind und keine Nebenfunction beſitzen.
Die Verdauungsorgane fehlen den niederen Typen durchaus, ſie werden erſetzt durch ein bedeutendes Einſaugungsvermögen der Haut; dann findet ſich nur ein Mund, welcher in einen mehr oder minder verzweigten blindgeendeten Darmkanal führt, bis endlich bei den höheren Typen ein an beiden Enden geöffneter Darmkanal exiſtirt, der oft mit Zähnen, Kiefern und andern Vorrichtungen zum Fangen und Zerkleinern der Beute bewaffnet iſt.
Geſchlechtsorgane ſind bei allen ausgebildeten Würmern vorhanden, oft in außerordentlich vervielfältigter Zahl, ſo daß die Produktion der Eier eine wahrhaft ungeheure iſt. Beſonders bei denjenigen Gattungen, deren Erhaltung auf ſcheinbar außerge - wöhnliche Zufälle ſich berechnet zeigt, ſteigt dieſe Erzeugung der Eier ins Unendliche. Der Embryo entwickelt ſich ſtets aus dem ganzen Dotter, niemals findet ſich ein Gegenſatz zwiſchen einer Keimanlage und einem Ernährungsdotter und wo man einen ſolchen zu finden glaubte, irrte man ſich inſofern, als man die für den Aufbau der innern Organe beſtimmten Zellen für den Dotter, die äußeren Zellen für die Keimlage anſah. Die meiſten Embryonen ver - laſſen das Ei als eine dem Mutterthiere höchſt unähnliche Larve,173 welche erſt durch ſucceſſive Metamorphoſe der Organiſation des er - wachſenen Thieres nahe kommt. Außer dieſer Larven-Metamor - phoſe, welche oft nur durch die überraſchendſten Aenderungen des Wohnortes möglich gemacht wird, ſind ſowohl Knospung als Quer - theilung und Ammenzeugung bei den Würmern ungemein verbrei - tet. Die letztere namentlich kommt beſonders bei denjenigen Ord - nungen vor, welche in den Eingeweiden anderer Thiere leben, und wird auch hier meiſtens durch Aenderung des Wohnortes mit bedingt. Die Knospung findet faſt in allen Fällen an dem hintern Ende des Leibes ſtatt und iſt bald eine unvollkommene, ſo daß die aus ihr hervorgehenden Gebilde niemals zu einem ſelbſtſtändigen individuellen Leben gelangen, theils eine vollſtändige, wo dann die Jungen eine Zeitlang nur eine Fortſetzung des mütterlichen Leibes bilden, bis ſie ſich gänzlich abſchnüren und frei werden. Eigentliche ſociale Formen, wie ſie bei den Strahlthieren ſo häufig waren, kommen bei den Wür - mern nur bei einer einzigen Familie vor, welche zudem noch nur eine krankhafte Abänderung eines andern Typus darſtellt. Quer - theilung iſt zwar bei einigen Gattungen beobachtet; es fragt ſich indeſſen, ob ſie nicht ſtets Folge mechaniſcher Verletzung und Repro - duction der einzelnen Theile zu ſelbſtſtändigen Individuen war, oder ob man nicht eine unvollſtändig beobachtete Knospung für eine Thei - lung anſah.
Die größere Hälfte der Würmer lebt ſchmarotzend in den Eingeweiden anderer Thiere, in welche ſie theils durch die natürlichen Oeffnungen, beſonders der Verdauungs - und Luftwege gelangt, theils auch mit Gewalt von außen ſich einbohrt. Viele bringen irgend eine Zeit ihres Lebens als Schmarotzer, eine andere Zeit in der Außenwelt zu. Für die meiſten dieſer Schmarotzer iſt die Wanderung von einem Thiere zu dem andern eine Bedingung der Entwickelung. Von den frei leben - den Würmern finden ſich die meiſten im Waſſer, wenige in der feuchten Erde, einige in Röhren, welche ſie bald aus fremden Materialien zu - ſammenkleben, bald durch Ausſchwitzung aus dem Körper bilden. Als durchgreifendes Geſetz zeigt ſich hier, daß die ſchmarotzenden Gattun - gen ſtets die niederen Stufen der Organiſation einnehmen, die frei lebenden dagegen die höheren. Viele Eingeweidewürmer ſchließen ſich in der Einfachheit ihrer ganzen Körgerorganiſation theils an die Pro - tozoen, theils an die unterſten Strahlthiere an, während die höheren Typen deutliche Annährungen an die Gliederthiere und an die Weich - thiere gewahren laſſen. Selbſt bei denjenigen Thieren, welche einen Theil ihres Lebens in der Freiheit, einen andern als Schmarotzer174 oder an den Ort gebunden als Röhrenbewohner zubringen, zeigt ſich die Verwirklichung dieſes Geſetzes der verhältnißmäßig niederen Or - ganiſation der Schmarotzer, indem die freien Thiere (meiſt die Jungen) mit deutlichen Sinnesorganen und ausgebildeten Bewegungsorganen verſehen ſind, welche allmählig beim Verluſt der freien Lebensart ſpurlos verſchwinden. Noch deutlicher tritt dieſes Geſetz freilich bei den Gliederthieren hervor, wo die Degradation der Organe oft ſo bedeutend iſt, daß die Thiere verſchiedenen Alters in ganz verſchiedene Klaſſen eingereiht wurden.
Wir theilen den Kreis der Würmer vorzüglich nach der äußern Körpergeſtalt in vier größere Klaſſen: die Klaſſe der Plattwürmer (Platyelmia) mit plattem meiſt wenig verlängertem Körper; der Rundwürmer (Nematelmia) mit meiſt
Diplostomum.
Echinorhynchus.
Rotifer.
drehrundem, langem, fadenartigem Körper; der Räderthiere (Ro - tatoria) mit wim - pernden Schwimm - rädern am vorderen Körperende; und der Ringelwürmer (Annelida), mit deutlich geringeltem, meiſt walzigem Kör - per und ausgebilde - tem Nerven-Syſtem. So unbedeutend auch die äußere Körper - form im Allgemeinen ſein mag, ſo ſteht ſie
Nereis.
doch mit tieferen Organiſations - verhältniſſen im Zuſammenhang, deren Einzelhei - ten wir bei den Klaſſen ſelbſt begründen wer - den. Unverträglich aber mit allen zoologiſchen Grundbegriffen hat es uns geſchienen, die ſo verſchieden geſtalteten Eingeweidewürmer nur aus Berückſichtigung ihrer Wohnung in einer einzigen Klaſſe zu laſ -175 ſen, während doch jeder Bearbeiter dieſer merkwürdigen Thiere offen geſtehen mußte, daß es ihm unmöglich ſei, auch nur durch ein einziges in der Organiſation begründetes Merkmal dieſe Klaſſe der Eingeweide - würmer zu charakteriſiren. Man hatte hier Alles zuſammengeworfen, was nicht mit äußerſter Evidenz andern Klaſſen angehörte und wagte nicht, mit Trennungen vorzuſchreiten, welche alte Gewohnheiten be - leidigen konnten, obgleich man aus andern Klaſſen viele reine Para - ſiten kannte, die man trotz ihres Wohnſitzes nicht zu den Eingeweide - würmern rechnete, da es zu evident war, daß ſie dem Kreiſe der Würmer nicht angehörten.
Spul - wurm (Ascaris) Oben der Mund um die drei knotigen Lix - pen zu zeigen; unten das Körperende des Männchens mit vorſtehender Ruthe.
Die ſämmtlichen Rundwürmer, mit Ausnahme einer Familie, bringen die größte Zeit ihres Lebens ſchmarotzend im Körper anderer Thiere zu, wo man ſie ſowohl in den Eingeweiden als auch innerhalb ganz geſchloſſener Organe findet, zu welchen ſie ſich meiſtens in der Jugend einen Weg durch die Gewebe gebahnt haben. Der Körper der Rundwürmer iſt meiſt cylindriſch, zuweilen gleich - förmig an beiden Seiten zugeſpitzt, ſelten abgeplattet oder mehr rundlich. Einzelne Gattungen derſelben erreichen im Verhältniß zu ihrer Dicke eine ungeheure Länge, ſo daß ſie wie dünne Faden oder Drähte erſcheinen; bei vielen iſt das eine oder andere Ende des Körpers bedeutend verſchmä - lert und ſtellt ſich wie ein Rüſſel oder feiner Schwanz - anhang dar, während bei andern mancherlei Anhänge, wie Lippen, Schwanzblaſen etc. das eine oder andere Körperende breiter oder ver - dickt erſcheinen laſſen. Die Haut dieſer Thiere iſt ſtets derb und bei den meiſten in zahlreiche Querrunzeln gefaltet, ſo daß der Körper manchmal mehr oder minder geringelt erſcheint. Es verſchwinden dieſe Runzeln leicht durch Einſaugung von Waſſer, wodurch ſich der Kör - per oft bis zum Platzen füllt. Bei den meiſten Typen der Klaſſe kann man außer der homogenen Oberhaut, eine aus Längs - und Quer - faſern gewebte Lederhaut und außerdem noch eine Schicht von Muskelfaſern unterſcheiden, durch welche die Zuſammenziehungen und Ausdehnungen des Körpers bewirkt werden. Nur bei der nieder -176 ſten Ordnung, deren Stellung an dieſem Orte man wohl bezweifeln dürfte, die ich aber nirgend beſſer unterzubringen wußte, bei den Gregarinen, findet ſich eine einfache derbe Hautſchicht, welche zugleich als Zellenwand gedeutet werden könnte und an der man noch keine weitere Theilung hat wahrnehmen können.
Bei den meiſten Rundwürmern hat man das Nervenſyſtem aufgefunden und zwar will man es bei den Kratzern in Geſtalt eines centralen Haufens am Beginne des Schlundes geſehen haben, von welchem aus die Nervenfäden ausſtrahlen ſollen. Indeß läßt die Form dieſes Nervenſyſtems noch große Zweifel über ſeine richtige Deutung zu. Zweifellos iſt aber das Nervenſyſtem bei den Spulwürmern in Form zweier ſeitlicher Ganglien dargeſtellt worden, welche durch einen ſehr feinen Schlundring miteinander verbunden ſind und von denen aus zwei ſeitliche Nervenſtämme ausgehen, die man bis an das Hin - terende des Körpers hin verfolgen kann. Bei der niedrigſten Ordnung iſt keine Spur eines Nervenſyſtems vorhanden, und eben ſo vergebens hat man es bei den Saitenwürmern geſucht. Sinnesorgane ſind bei keinem dieſer Thiere entwickelt und nur zum Behufe des Taſtens erſcheinen bei einzelnen Gattungen Knötchen oder Läppchen in dem Umkreiſe des Mundes. Von manchen Gattungen werden dieſe Knötchen auch zum Durchbohren der Gewebe benutzt und ſo Wanderungen im Innern des Körpers bewerkſtelligt. Bei den Kratzern findet ſich hierzu ein eigener einfacher walzenförmiger Rüſſel, der in eine entſprechende, ringsum abgeſchloſſene, durch eigene Muskeln be - wegte Scheide zurückgezogen und aus dieſem Sacke wieder hervorge - ſtülpt werden kann. Es iſt dieſer Rüſſel in ſeinem ganzen Umfang mit in Längsreihen geordneten, rückwärts gebogenen ſcharfen Haken beſetzt und er dient dem Thiere beſonders zur Durchbohrung der Darmhäute und zur Fixirung an einem beſtimmten Orte.
Das Verdauungsſyſtem iſt bei den Rundwürmern höchſt einfach. Bei zwei Ordnungen, den Gregarinen und den Kratzern, fehlt jede Spur eines Darmkanals. Die Thiere ernähren ſich nur durch Einſaugung der ſie umgebenden Flüſſigkeiten mittelſt der Haut. Bei den Saitenwürmern findet ſich wohl ein Darmkanal, der in dem Körper hinläuft und auch eine Mundöffnung, aber kein After, wäh - rend bei den Spulwürmern ſtets ein vollſtändig ausgebildeter Darm - kanal mit endſtändiger Mund - und Afteröffnung vorhanden iſt. Bei dieſen laſſen ſich auch öfter in dem Schlunde und dem Anfange des Darmkanales hornige Zähnchen oder Wülſte unterſcheiden, die oft177 beſonders bewegt werden können und eine Bewaffnung des Darmein - ganges darſtellen.
Ein Gefäßſyſtem iſt bei den höher ſtehenden Ordnungen be - obachtet worden. Es entwickelt ſich hauptſächlich in der Haut und beſteht aus höchſt feinen, meiſt wohl wandungsloſen Kanälen, in welchen die Ernährungsflüſſigkeit durch die Bewegungen des Körpers ſelbſt hin und hergetrieben wird. Eigene Athmungsorgane da - gegen ſind noch bei keinem Rundwurme aufgefunden worden, während man bei einigen Gattungen eigenthümliche Abſonderungsorgane geſehen hat, deren Beſtimmung in der thieriſchen Oekonomie nicht ge - nau bekannt iſt.
Mit Ausnahme der Gregarinen, bei welchen ſich nur, ähnlich wie bei den Infuſionsthierchen, ein innerer Kern entdecken läßt, ſonſt aber keine weiteren Leibesorgane vorhanden ſind, beſitzen die übrigen Rundwürmer wohl ausgebildete Geſchlechtsorgane, welche ſtets auf verſchiedene Individuen vertheilt ſind. Auch tritt uns bei ihnen zuerſt der Geſchlechtsunterſchied äußerlich wahrnehmbar entgegen, indem die Weibchen meiſt viel größer und die Männchen mit beſonderen Begat - tungsorganen und Anhängen zum Feſthalten verſehen ſind. Die männ - lichen Individuen ſind viel ſeltener als die weiblichen und von einigen Gattungen nur in höchſt ſeltenen Fällen beobachtet worden. Eine wirkliche Begattung ſcheint bei allen mit Fortpflanzungsorganen verſehenen Rundwürmern vorzukommen und zuweilen iſt dieſelbe ſo innig, und die beiden Individuen in dem ſehr lange andauernden Begat - tungsakte ſo feſt mit einander verbunden, daß man ſchon ſolche Pärchen für zuſammengewachſen anſah und als doppelleibige Thiere beſchrieb. Wir werden bei den Ordnungen auf die Struktur der Geſchlechtsorgane näher eingehen, ebenſo auf die Bildung und Entwickelung der Eier. Dieſe letztere geht in der Art vor ſich, daß entweder eine Furchung des Dotters auftritt, welche den ganzen Dotter nach und nach in Zellen umwandelt, oder aber, daß ſich in dem Dotter erſt einige Zel - len entwickeln, die nach und nach die übrige Dottermaſſe aufzehren. Sobald die ganze Dottermaſſe in Embryonalzellen umgewandelt iſt, ſo bildet ſich der Embryo, welcher dem Mutterthiere ſehr ähnlich iſt und keine weitere Metamorphoſe durchläuft. Die jungen Thierchen ſind außerordentlich dünn und fein und bohren ſich ſehr leicht durch die Gewebe der Thiere, in welchen ſie ſchmarotzen. Sie gehen, wie es ſcheint, mehrere Häutungen ein, bevor ſie ihre definitive Größe erlangt haben und man kann ſtets die jungen, noch unentwickelten Thiere ſo -Vogt. Zoologiſche Briefe. I. 12178wohl an der ſtrukturloſen Körperhülle, wie an dem Mangel der Ge - ſchlechtstheile unterſcheiden.
Wir theilen die Rundwürmer in vier, durch vielfache Unterſchiede der Organiſation leicht zu beſtimmende Ordnungen. Bei der niederſten Ordnung, die man der Einfachheit ihrer Bildung wegen auch zu den Protozoen ſtellen könnte, bei den Gregarinen, fehlt jede Spur innerer Organe; bei den Kratzern findet ſich ein Hakenrüſſel ohne Darmkanal; bei den Saitenwürmern ein unvollſtändiger Darm ohne After; bei den Fadenwürmern endlich vollſtändige Verdau - ungsorgane, Geſchlechtsorgane und Nervenſyſtem.
Die Ordnung der Gregarinen (Gregarinea) beſteht aus kleinen mikroſkopiſchen Thierchen, welche nur bis jetzt hauptſächlich
Fig. 171 — 182. Gregarina. Fig. 171 — 182. Verſchiedene Arten von Gregarinen nebſt ihrer Entwickelung. Fig. 171 u. 172. Einleibige Gregarinen, eine mit zwei Kernen. Fig. 173 u. 174. Dop - pelleibige Gregarinen mit ſonderbaren vorderen Körperbildungen. Fig. 175. Zwei zuſammengelegte Thiere. Fig. 176. Die Conjugation iſt inniger geworden. Fig. 177. Beide Thiere bilden eine getheilte Zelle mit zwei deutlichen Kernen. Fig. 178. Die Kapſel iſt gebildet, die Kerne fangen an zu verſchwimmen. Fig. 179. Die Kerne ſind verſchwunden; die beiden Thierleiber in große Körner umgeſetzt. Fig. 180. Die Körner werden kleiner. Fig. 181. Sie nehmen eine ſpindelförmige Geſtalt an. Fig. 182. Die Scheidewand iſt verſchwunden, der Navicellenbehälter vollſtändig hergeſtellt.
in Ringelwürmern, Kruſtenthieren, Tauſendfüßen und Inſekten, ſehr ſelten in Weichthieren und anderen Würmern ſchmarotzend gefunden wurden. Die ganze Ordnung iſt trotz vieler genauer Unterſuchungen der Neuzeit nur ſehr unvollſtändig bekannt und dürfte ſpäter vielleicht gänzlich aufgelöſt oder den Protozoen einverleibt werden. Die Geſtalt dieſer Thiere iſt cylindriſch oder eiförmig, zuweilen mit abgeſchnürtem Kopfende, an dem ſich weiche Fortſätze und Lappen entwickeln, ohne daß ein wahrer Kopf vorhanden wäre. Das ganze Thier ſelbſt be - ſteht aus einer glashellen, homogenen Körperhülle, auf welcher nur179 bei einigen Arten ſteifere Härchen, die aber unbeweglich ſind, oder ſelbſt Flimmerhärchen ſich entwickeln. Die Thierchen bewegen ſich äußerſt träge durch Zuſammenziehungen ihres Körpers, ſchwellen durch Einſaugung von Waſſer an, haben ſichtlich ein gewiſſes Taſtgefühl, welches ſie Hinderniſſe vermeiden läßt, zeigen aber in ihrem Innern keinen weitern Inhalt als einen dunkeln Kern und eine eiweißartige Flüſſigkeit, in welcher ſich Fettkörperchen befinden. Einige dieſer Thiere ſcheinen einfache Zellen; andere ſind offenbar aus zwei Zellen zuſam - mengeſetzt, deren jede einen Kern hat. Nach dieſen Unterſchieden, ſo wie nach der äußeren Form, hat man mehrere Gattungen, ſelbſt Fa - milien unter den Gregarinen aufgeſtellt, die indeß noch weiterer Be - ſtätigung durch die Entwickelungsgeſchichte bedürfen.
Höchſt eigenthümlich iſt die Fortpflanzungsweiſe dieſer mikroſko - piſchen Schmarotzer, die freilich erſt unvollſtändig[beobachtet worden] iſt. Je zwei Gregarinen legen ſich mit gleichnamigen Stellen ihres Leibes zuſammen und kleben anfänglich ſo feſt aneinander, daß ihre Tren - nung unthunlich erſcheint. Nun bildet ſich um die beiden Körper eine helle Kapſel, welche ſie vollſtändig einſchließt; — innerhalb dieſer Kapſel verſchmelzen die beiden Körper vollſtändig in eine einzige Maſſe, welche gekörnt erſcheint und durchaus keine Spur von weiterer organiſcher Aus - bildung zeigt. Die ganze Kapſel ſieht nun gewiſſermaßen einem Ei mit Dottermaſſe ähnlich. In dem Inhalte dieſer Kapſel bildet ſich aber allmäh - lig eine große Maſſe von Keimkörnern aus, die eine kahnförmige Geſtalt haben und in vielen Beziehungen den Navicellen gleichen, kleinen mi - kroſkopiſchen Pflänzchen aus der Familie der Bacillarien, welche man häufig zu den Infuſorien gerechnet hat. Man kannte dieſe ſoge - nannten Navicellenbehälter ſchon ſeit langer Zeit beſonders aus den Fortpflanzungsorganen des Regenwurms und hatte ſie ſogar theilweiſe für Produkte der Geſchlechtsorgane dieſes Thieres, für Eier deſſelben erklärt, bis man ſpäter dieſen Irrthum erkannte. Nach vollſtändiger Ausbildung der Keimkörner gehen dieſe Behälter entweder ganz mit dem Kothe des Wohnthieres ab oder ſie platzen vorher in dem Darme deſſelben, ſo daß nur die Keimkörner entleert werden. Das weitere Schickſal, die fernere Entwickelung der Keimkörner, die Art und Weiſe, wie die Gregarinen wieder in die Thiere gelangen, deren Darmkanal von ihnen bewohnt wird, iſt gänzlich unbekannt, weßhalb auch fer - nere Beobachtungen gewiß noch bedeutenden Modificationen des jetzt über die Gregarinen Bekannten bringen werden.
12*180Echinorhynchus.
Die Ordnung der Kratzer (Acanthoce - phala) enthält nur eine einzige Gattung, Echinorhyn - chus. deren Arten aber ſehr zahlreich ſind und von welchen die größte Art, ein Wurm, der zuweilen eine Länge von 1½ Fußen erreicht, in dem Darme der bei uns ein - heimiſchen Schweine, der wilden wie der zahmen, ziemlich häufig vorkommt. Die Kratzer haben einen ſchlauchförmigen quergeringelten Körper, welcher vorne einen Hakenrüſſel zeigt, der wie ſchon angegeben in eine Scheide zurückgeſtülpt werden kann. Die in Reihen geſtellten Häkchen ſind rückwärts gewendet und dienen beſonders als Halter, ſo wie zum Durchboh - ren der Darmwände und Gewebe des Körpers. Der Rüſſel, ſowie ſeine Scheide werden von eigenen Mus - keln bewegt. Zwiſchen der Oberhaut und der Leder - haut liegt ein Netz weitmaſchiger, wandungsloſer Kanäle, die in einer meiſt röthlich gefärbten weichen Maſſe ausgehöhlt ſind und hauptſäch - lich die Einſaugung von Flüſſigkeiten zu vermitteln ſcheinen. Dieſe ſcheint faſt gänzlich in dem Willen des Thieres zu liegen, denn man ſieht die Kratzer ſich abwechſelnd vollſaugen und dann die Flüſſigkeit vielleicht durch feine Oeffnungen der Haut wieder auspreſſen. Mit dieſem Sy - ſteme einſaugender Kanäle ſtehen zwei bandförmige Organe, die ſo - genannten Lemniscen, in Verbindung, welche von der Rüſſelſcheide aus in die Leibeshöhle hineinragen und die ebenfalls von wandungs - loſen Kanälen durchzogen ſind. Verdauungsorgane und ſonſtige innere Organe fehlen durchaus. Die Geſchlechter ſind getrennt. Die klei - neren Männchen haben ſtets zwei ovale Hoden, deren Ausführungs - gänge durch eigenthümliche Drüſen hindurch in eine ſchiefe napfförmige Taſche münden, welche ſich auf die weibliche Geſchlechtsöffnung bei der Begattung aufkittet. Die großen Weibchen zeigen an der Rüſſel - ſcheide ein frei herabhängendes Band, an welchem die Eierſtöcke her - vorſproſſen, um ſich ſpäter loszulöſen und in die Bauchhöhle zu fallen. In dieſen loſen Eierſtöcken entwickeln ſich die langen Eier, die meiſtens eine faſerige Hülle beſitzen und dadurch ein eigenthümliches Ausſehen erhalten. Die ausführenden Geſchlechtsorgane beſtehen aus einem, mit trichterförmiger Mündung in die Leibeshöhle mündenden Schlauche, welcher äußerſt beweglich iſt, die reifen Eier förmlich einſchluckt und nach Außen befördert. Man hat in dieſen reifen Eiern auch ſchon hie und da Embryonen wahrgenommen, die ſelbſt in einzelnen Fällen einige Häkchen erkennen ließen, kennt aber über die weitere Entwicklung,181 ſowie über etwaige Wanderungen dieſer Kratzer durchaus noch keine ſpeciellen Thatſachen. Bei den Menſchen ſchmarotzt kein Wurm dieſer Ordnung, dagegen ſind ſie bei den Säugethieren nicht ſelten und am häufigſten bei Fiſchen, wo ſie beſonders mit ihren Rüſſeln in der Darmwand feſtgehakt ſitzen.
Die Ordnung der Saitenwürmer (Gordiacei) beſteht nur aus einigen wenigen außerordentlich dünnen, ſehr lang gezogenen, drahtähnlichen Würmern, die unter dem Namen der Waſſerkälber be - kannt ſind. Die Haut dieſer Würmer iſt lederartig, ſchwärzlich und ſaugt außerordentlich leicht Flüſſigkeiten ein. Der röhrenförmige Darmkanal hat niemals einen After und bei dem eigentlichen Waſſer - kalbe iſt der Mund kaum zu entdecken. Die Geſchlechtsorgane ſind röhrenförmig, die Geſchlechtsöffnung am hintern Ende. Die Eier werden in langen Schnüren in das Waſſer abgeſetzt. Die Männchen haben an dem Ende des Hinterleibes eine Zange oder hornige Begat - tungsglieder.
Das eigentliche Waſſerkalb (Gordius) ſchmarotzt in der Leibes - höhle der verſchiedenartigſten Land - und Waſſerinſekten, vorzugsweiſe aber in Heuſchrecken, wo dieſe im Verhältniſſe zu ihren Gaſtwirthen rieſengroßen Würmer auf einen Knäuel zuſammengeballt liegen, ſo daß oft die im Bauche gelegenen Organe dieſer Thiere ganz von ihnen zuſammengedrückt ſind. Zur Zeit der Geſchlechtsreife wahrſcheinlich, brechen dieſe Würmer zwiſchen den Ringen des Hinterleibes ihrer Gaſt - wirthe durch, um in das Freie, in Gräben, Tümpel oder Brunnen zu gelangen. Auf dem Trockenen können ſie nicht leben, ſie verſchrum - pfen gänzlich und werden zerbrechlich, wie ein horniger Faden. In dieſem Zuſtande aber bleiben ſie lange lebensfähig und erwachen wie - der vollſtändig, ſobald ſie benetzt werden. So iſt es ihnen möglich, auch wenn ſie beim Ausbrechen aus dem Inſekte in’s Trockene gelan - gen, nach eingetretenem Regen geeignete Pfützen für ihre Brut zu ſuchen. Wie dieſe ſpäter wieder in die Inſekten gelangt, wie ſie namentlich in ſolche Raupen kommt, welche niemals das Waſſer be - wohnen, iſt bis jetzt noch durchaus unbekannt, ſowie auch die Ent - wickelung der Jungen in dem Ei zur Stunde noch nicht beobachtet iſt. Mermis; Gordius.
Die Ordnung der Fadenwürmer (Nematoidei) iſt die182
Der gewöhnliche Spulwurm Ascaris lumbricoides. Bei b ſieht man den Mund von oben, mit den drei harten, vorſpringenden Wülſten, die ihn bei dieſer Art umgeben; bei c das Hinter - ende des Männchens mit den beiden vorſtehenden hornigen Begattungswerkzeugen (Spi - cula.)
zahlreichſte Ordnung der Rundwürmer und auch diejenige, welche durch einige im Menſchen ſelbſt vorkommende Schmarotzer am beſten bekannt iſt. Die Fadenwürmer erreichen keine ſo unge - meſſene Länge, wie die Saitenwürmer, erſchei - nen aber dafür in ihren ausgewachſenen Indi - viduen meiſt dicker und der Unterſuchung zu - gänglicher. Ihre Haut iſt leicht in die Quere gerunzelt, lederartig, ſtraff, mit bedeutender Einſaugungsfähigkeit begabt, die indeß nicht von dem Willen des Thieres beherrſcht wird, ſo daß dieſelben ſogar, wenn man ſie aus dem dichtern Darmſchleime in reines Waſſer bringt, oft bis zum Berſten ſich vollſaugen. Ihre Be - wegungen, welche durch eine gegitterte Mus - kelſchicht unter der Haut bewirkt werden, ſind meiſt lebhaft ſchlängelnd. Das Nervenſyſtem iſt deutlich aus einem ſehr dünnen Schlund -
Sclerostoma equinum aus dem Darme des Pferdes. Fig, 185. Das Männchen. Fig. 186. Das
ringe und zwei ſeitlichen Nerven - ſtämmen gebildet. Der Mund befindet ſich am vordern Ende des Körpers und der davon ausgehende Ver - dauungskanal läuft meiſt grade durch den Körper hindurch, um ſich am entgegengeſetzten Ende zu öffnen. Der Mund ſelbſt iſt meiſt mit Kno - ten und Wülſten, ſelten mit Horn - zähnen umgeben, der Schlund oft ſehr lang und mit einem rund - lichen Schlundkopfe verſehen. Zu - weilen iſt der ganze Schlund und der Schlundkopf mit einem feſten hornigen Ueberzuge oder mit beweg - lichen, hornigen, vorſpringenden Wülſten innen beſetzt. Die Gefäße ſind äußerſt geringfügig und beſte - hen hauptſächlich aus zwei Längs - kanälen, welche unmittelbar unter der Körperhaut verlaufen. Die bei - den Geſchlechter, welche überall vor - kommen, ſind ſowohl durch ihre183
Weibchen, beide von oben her durch einen Längsſchnitt geöffnet und die Organe ſo ausgebreitet, daß ſie möglichſt in natürlicher Lage bleiben. a Der Mund, von einem ſchwieligen Wulſte umgeben. b Schlund - kopf. (Zwiſchen beiden ſieht man beim Männ - chen Fig. 185 die zwei feinen, ſeitlichen Nerven - knötchen). c Darm. d. Längsgefäß des Kör - pers. e Hoden. f Samenblaſe. g Muskulöſe Anheftungsfäden des Penis. h Schwanz - blaſe des Männchens. k Drüſen. l After. m Eierſtöcke. n weibliche Geſchlechtsöffnung.
Größe, als auch durch ihre äu - ßere Geſtalt meiſt ſehr leicht zu unterſcheiden. Bei den Weib - chen befindet ſich nämlich die von einem auffallenden Wulſte umge - bene Geſchlechtsöffnung entweder in der Mitte des Körpers oder ſelbſt weiter nach vornen gegen den Mund hin, während bei den Männchen dieſelbe ſtets in der Mitte des Schwanzendes angebracht und oft mit hornigen Begattungswerkzeugen verſehen iſt. Die inneren Ge - ſchlechtsorgane beſtehen bei dem Männchen aus einem einzigen röh - renförmigen Hoden, der durch eine längere Röhre in das bald ein - fache, bald doppelte hornige Begattungsorgan ausmündet und ſtets unbewegliche Samenthierchen enthält. Bei den Weibchen findet ſich in der Familie der Spulwürmer ein doppelter Eierſtock, bei den Pfahl - würmern dagegen ein einfacher. In dieſen Eierſtöcken, welche meiſt um den Darm herumgewunden ſind, erblickt man die Eier ſtets auf ſtufenweiſer Entwickelung und häufig ſieht man in dem letzten erwei - terten Theile des Eileiters, welcher nach außen mündet, und den man oft auch Uterus genannt hat, ſchon ausgeſchlüpfte Junge, die ganz die Geſtalt der erwachſenen Rundwürmer haben. Die weitere Ausbildung dieſer Rundwürmer bietet manche merkwürdige Verhältniſſe dar. Zu - weilen ſcheint ſich eine beſondere Wanderluſt der erwachſenen Indivi - duen zu bemächtigen. Es brechen dann Spulwürmer (Ascaris) ſogar durch die Darmwandungen hindurch, während die bei Kindern ſo häufigen Spitzſchwänze (Oxyuris) durch den After auswandern. Es ſcheinen dieſe Wanderungen mit der Reife der Eier und Jungen zu - ſammenzuhängen, die entweder nach außen geſchafft, oder aber, wie es ſcheint, in vielen Fällen ſogar in die Blutgefäße des Wohnthieres ab - geſetzt werden. Die meiſten Fadenwürmer, welche man kennt, hat man bis jetzt nur in erwachſenem Zuſtande geſehen. Die Jungen des ſo häufig beim Menſchen vorkommenden Spulwurmes z. B. ſind gänz - lich unbekannt. Dagegen hat man bei Fröſchen beobachtet, daß die erwachſenen Fadenwürmer ihre Jungen in die Blutgefäße ſelbſt ab - ſetzen und daß dieſe Jungen eine Zeitlang in den Blutgefäßen kreiſen, bis ſie an irgend einem geeigneten Orte die feinſten Haargefäße durch - brechen und ſich nun für einige Zeit verpuppen. Sie bilden ſich näm - lich eine Anfangs ganz helle, ſpäter meiſt braun werdende Kapſel um, in welcher ſie ſpiralförmig gerollt liegen und die ſie ſpäter ver -184 laſſen, um ihren im erwachſenen Zuſtande ihnen angewieſenen Aufent - haltsort aufzuſuchen. Man findet dieſe eingekapſelten jungen Faden - würmer ſehr häufig in den verſchiedenen Organen des Unterleibes der Fröſche, im Gekröſe, in der Leber, in den Darmhäuten und kann ſich beſonders an dem durchſichtigen Gekröſe kleinerer Thiere leicht über - zeugen, daß ſie ſtets den Blutgefäßen entlang gereiht ſind. Dieſe ſo verpuppten Fadenwürmer zeigen niemals Geſchlechtsorgane, welche ſich erſt ausbilden, ſobald der Wurm die Puppenhülſe durchbrochen hat; häufig aber verirren ſich die Würmchen an Orte, die ihrer Entwick - lung nicht günſtig ſind. In ſolchen Fällen ſterben ſie meiſt in ihren Puppenhülſen ab, die dann verkalken und als ſteinige Knötchen im Gewebe zurück bleiben. Dies iſt namentlich der Fall bei einem Wurme, den man in neuerer Zeit einigemale in unzähligen Exemplaren in dem Muskelfleiſche des Menſchen ſelbſt gefunden und mit dem Namen Trichina spiralis bezeichnet hat.
Wir theilen die Fadenwürmer in drei Familien. Bei den einen, den Spulwürmern (Ascarida), findet man doppelte Eierſtöcke bei den am häufigſten vorkommenden Weibchen. Hieher gehört der Spul - wurm (Ascaris) ſelbſt, welcher in dem Darmkanale des Menſchen lebt und nur dann Beſchwerden verurſacht, wenn er in allzu großer Zahl angehäuft iſt; der Fadenwurm der Tropengegenden (Filaria medinensis), welcher ſich in die Haut einbohrt und dort Geſchwüre bildet, die endlich, wenn der Wurm ſeine Brut abſetzen will, aufbre - chen. Man wickelt ihn dann durch höchſt langſames Aufwinden her - aus und hütet ſich ſehr, ihn zu zerreißen, da ſeine Leibeshöhle eine ätzende Flüſſigkeit enthält, welche auf das Geſchwür vergiftend ein - wirkt. Zu dieſer Gruppe gehören ferner die in dem Maſtdarme der Kinder ſo oft vorkommenden Pfriemenſchwänze (Oxyuris), von denen man bis jetzt nur einmal die Männchen, ſonſt aber unzähliche Weibchen vorgefunden hat.
Zur Familie der Pfahlwürmer (Strongylida) gehört der Rie - ſenwurm (Strongylus gigas), welcher in den Nieren des Schweines und auch, in höchſt ſeltenen Fällen, des Menſchen vorkömmt, eine Länge von mehreren Fußen erreicht und durch ſeine Zerſtörung des Organs ſtets den Tod des Individuums herbeiführt, ſo wie der ganz unſchädliche Peitſchenwurm des Menſchen (Trichocephalus dispar), deſſen vorderes Ende außerordentlich lang und dünn, das hintere dagegen, in welchem die Geſchlechtsorgane liegen, etwas dicker iſt.
Die Familie der Aalwürmchen (Anguillulida) beſteht aus kleinen rundlichen Fadenwürmchen mit ſpitzem, bei einer Gattung warzigem185 Schwanzende, die in großen Mengen in gährenden und faulenden Stoffen vorkommen. Die weibliche Geſchlechtsöffnung liegt in der Mitte des Körpers oder etwas mehr nach vornen; die männliche, mit einem einfachen, hornigen Begattungsorgane verſehene, weit nach hin - ten am Beginn des Schwanzendes. Der rundliche, endſtändige Mund iſt unbewaffnet, der Darm gerade, meiſt mit einem zwiebelar - tigen dickeren Schlundkopfe verſehen. Eierſtock und Hoden bilden einen einfachen Schlauch. Die bekannten Eſſigälchen und Kleiſterälchen, ſo wie die im Mutterkorn und im roſtigen Getreide vorkommenden Würmchen gehören dieſer Familie an. Die Eier entwickeln ſich meiſt im Leibe der Mutter, ſo daß ſie lebendige Junge gebären.
Es zeichnen ſich die Thiere, welche wir in dieſer großen und
Diplostomum. Von dem vorderen kleinen Saug - napfe, der zugleich Mund iſt, geht der anfangs einfache Darm aus, der ſich dann theilt, die beiden großen hinteren Saugnäpfe umfaßt und gabelförmig blind hinten endet.
zahlreichen Klaſſe zuſammenſtellen, auf den erſten Blick vor den übrigen Wür - mern durch eine bedeutende Abplattung ihres Körpers aus, die ſelbſt dann noch bemerkbar iſt, wenn der Körper, wie bei den Schnur - und Bandwürmern, eine anſehnliche Länge erreicht. Die meiſten Gattungen freilich haben eine mehr ellip - tiſche platte Geſtalt, die zuweilen faſt ſcheibenförmig wird. Wir erkennen unter den Plattwürmern zwei große Abthei - lungen, welche ebenſowohl durch ihren äußern Charakter, wie durch ihre Lebens - art ſich auszeichnen. Die Einen ſchma - rotzen in andern Thieren und beſitzen eine nackte, ſtets farbloſe Haut, in wel - cher meiſt weiße undurchſichtige Kalkhörner in Maſſe abgelagert ſind; ſie entbehren höhere Sinnesorgane und leben nur von Säften ihrer Wohnthiere; — die andern leben frei in dem Waſſer, ſind meiſtens gefärbt und zeigen186
Planaria. Anatomie einer Planarie. Die Haut des Rückens iſt wegge - nommen. a Schlundröhre. b Magen - höhle, von welcher viele verzweigte Blind - därme ausgehen, die nur auf der rechten Seite gezeichnet ſind. c Nervenſyſtem, da - hinter die Augenpunkte. d Männliche Ge - ſchlechtsöffnung. e Hoden. f Weibliche Geſchlechtsöffnung. g Eileiter. Auf der linken Seite ſieht man den Eileiter mit Eiern angefüllt, die außerdem im Gewebe zerſtreut ſind.
auf der Oberfläche entweder über - all oder nur an einzelnen Stellen deutlich ausgeprägte Wimperorgane, die ihnen beſonders beim Schwim - men förderlich ſind, und weſentlich als Bewegungsorgane dienen. Die Haut der Plattwürmer hat niemals jene derbe Beſchaffenheit wie die der Rundwürmer, und bei einigen frei lebenden Gattungen geht ſogar dieſe Weichheit ſoweit, daß ſie bei Mißhandlungen förmlich zerfließen, in ähnlicher Weiſe wie die Infu - ſorien.
Die neueren Unterſuchungen ha - ben bei allen Plattwürmern ohne Ausnahme ein Nervenſyſtem er - kennen laſſen. Es beſteht daſſelbe ſtets aus zwei ſeitlichen Knoten, welche in den niedern Ordnungen ſehr unſcheinbar ſind, in den höhern aber zuweilen eine ziemliche Größe erreichen und dann auch öfter aus mehreren Knoten zuſammengeſetzt erſcheinen. Es liegen dieſe Knoten ſtets in der vordern Hälfte des Körpers, meiſt ſogar ganz nahe an dem Kopfende, und ſie ſind durch ein ſchmales Bändchen von Nervenſubſtanz, welches bei den Gattun - gen mit endſtändigem Munde unter dem Schlund liegt, mit einander verbunden. Oft rücken dieſe ſeitlichen Nervenknoten auch ſo nahe zu - ſammen, daß ſie förmlich in der Mittellinie mit einander verſchmelzen und nur einen einzigen zweiſchenklichen Knoten darſtellen. Von die - ſem Knoten aus laufen zwei, meiſt ziemlich dünne Nervenſtämme zu beiden Seiten des Körpers hinab, um ſich in die Körperſubſtanz zu vertheilen, während von den Hauptnervenknoten einige weniger bedeu - tende Fäden nach vorn ſtrahlen, die ſich an die Organe des Kopf - endes veräſteln. Sinnesorgane kommen nur den freilebenden Plattwürmern zu; ſie beſtehen in einer gewiſſen Zahl von Augen, die ſich meiſt durch einen ſchwarzen Farbſtoff auszeichnen und ſymmetriſch zu beiden Seiten an dem Kopfende vertheilt ſind. Man hat in dieſen187 Organen mit Beſtimmtheit einen runden lichtbrechenden Körper, eine wahre Linſe wahrnehmen können und an vielen auch die Nerven - fäden, welche darin endigen, dargeſtellt. Zuweilen ſitzen dieſe Au - gen unmittelbar auf den Centralnervenknoten auf und werden von der Körperhaut gänzlich überzogen und verdeckt. Die gefärbten Flecken, welche man in dem Nacken mancher Larven ſchmarotzender Plattwür - mer wahrnimmt, ſcheinen dieſer lichtbrechenden Körper zu entbehren und können demnach nicht wohl als Augen angeſehen werden, wenn ſie gleich als Rudimente oder Andeutungen ſolcher Organe gelten können.
Bei den niedern Gattungen der ſchmarotzenden Plattwürmer ſind die Bewegungen meiſt nur ſehr unvollkommen und träge und werden durch die Zuſammenziehungen des ganzen Körpers ausgeführt, zu welchem Zwecke unter der Haut ein maſchenförmiges, ſehr fein faſeriges Muskelnetz angebracht iſt. Bei den höhern Gattungen laſſen ſich meiſt förmliche Bündel unterſcheiden, die bei der Weichheit des ganzen Körpergewebes zuweilen eine ſo außerordentliche Contractilität bedingen, daß dieſe Thiere auf ein Zehntel ihrer urſprünglichen Länge ſich zuſammenziehen können. Dieſer bedeutenden Zuſammenziehung wegen werden auch die Plattwürmer meiſt beim Aufbewahren, ſei dies nun in trockenem Zuſtande oder in Flüſſigkeiten, ſehr un - kenntlich. Die freilebenden Plattwürmer gleiten mit großer Schnellig - keit ſowohl an Flächen feſter Körper, als auch an der Oberfläche des Waſſers fort, wobei, wie es ſcheint, ihre Wimperhaare eine nicht unbe - deutende Rolle ſpielen. Die ſchmarotzenden Plattwürmer haben alle mehr oder minder bedeutend ausgebildete Organe zum Feſthalten, welche theils aus Saugnäpfen, theils aus einziehbaren Haken und Hakenrüſſeln beſtehen. Die Saugnäpfe ſind ſchüſſelförmige Organe von äußerſt muskulöſen Schichten gebildet, welche meiſt in grö - ßerer Zahl vorhanden ſind; nur bei einigen Gattungen iſt ein mitt - lerer vorderer Saugnapf zugleich der Mund, während ſonſt dieſe Or - gane ſtets undurchbohrt ſind und nur zum Anheften dienen. Meiſt ſind die Saugnäpfe einfach rund und ohne weitere Complication — oft aber finden ſich gefranzte Ränder, Hornleiſten und ſelbſt ſehr ent - wickelte Horn - und Hakengerüſte im Innern der Saugnäpfe ſelbſt, welche das Feſthalten durch dieſelben unterſtützen. Außer dieſen Saug - näpfen kommen auch einzelne Vertiefungen in der Leibeshaut vor, welche man unter dem Namen von Sauggruben unterſchieden hat. Zuweilen ſind dieſe Sauggruben noch außerdem durch oft ſehr com - plicirte Horngerüſte unterſtützt und mit Haken und Stacheln beſetzt,188 wodurch ſich die Thiere mit äußerſter Hartnäckigkeit an den Organen ihrer Gaſtwirthe feſtklammern können. Bei den Bandwürmern findet man einfache oder doppelte Hakenkränze, die auf einem mehr oder minder bemerkbaren, der Einſtülpung fähigen Fortſatze feſtſitzen und an dem vordern Ende des Kopfes zwiſchen den Saugnäpfen ange - bracht ſind. Jeder der nach rückwärts gekrümmten Haken iſt einzeln für ſich beweglich und bei manchen Gattungen gehen dieſe Haken leicht verloren, ſo daß frühere Beobachter ſie für unbewaffnet hielten. Ein eigenthümlicher Typus der Bandwürmer, welcher wahrſcheinlich nur ein Larvenzuſtand iſt, Vier-Rüßler, Tetrarhynchus, beſitzt vier, oft ſehr lange, in eigene Scheiden zurückziehbare Rüſſel, die in ihrer ganzen Länge mit außerordentlich vielen ſcharfen Hornhäkchen beſetzt ſind und welche die Thiere mit großer Geſchicklichkeit zu benutzen wiſſen, um durch das Körpergewebe ihrer Gaſtwirthe ſich einen Weg zu bahnen.
Die Verdauungsorgane der Plattwürmer ſind nach ſehr verſchiedenen Typen angeordnet. Bei den Bandwürmern ſieht man
Zwei Glieder eines Bandwurmes (Taenia solium) vergrößert. Man ſieht die ſeitlichen Darmröhren, durch Queräſte verbunden und die abwechſelnd an den Seiten hervorſtehenden männlichen Begattungsor - gane. Im Gliede a iſt die von dem vollen Eierſtocke ge -
zwei ſeitliche Längsgefäße, welche untereinander durch Queräſte in Verbindung ſtehen, aber überall geſchloſſen ſind, ſo daß weder ein Mund noch ein After vorhanden iſt. Bei den Saug - würmern und den Sohlenwürmern iſt ein Mund vorhanden, aber kein After und bei den erſteren führt dieſer Mund meiſt in zwei ſeitliche blind endende Darmſchläuche, die oft äußerſt verzweigt ſind, während bei den Sohlenwürmern zuweilen die Verzweigung unmittelbar am Munde be - ginnt, der mit einer langen, ſehr beweglichen Schlundröhre verſehen iſt, welche zum Einſchlucken der Nahrung hervorgeſtreckt wird. Bei den Schnurwürmern endlich findet ſich ein meiſt grader Darmkanal, welcher bei den höher ent - wickelten Gattungen auch einen After zeigt und noch außerdem oft mit einem unabhängigen Taſt - und Greiforgan, einem bewaffneten Rüſ - ſel, in indirecter Verbindung ſteht.
Das Gefäßſyſtem iſt überall erkannt, bietet aber ſo große Unregelmäßigkeiten dar, daß wir es bei den einzelnen Ordnungen näher betrachten müſſen. Nirgends kann man ein189
bildete Figur enthalten; im Gliede b dagegen dieſelbe weg - gelaſſen und dafür die Aus - führungsgänge der männli - chen Organe dargeſtellt.
eigentliches Herz unterſcheiden, nur bei den höheren Familien findet man einzelne Ausbuch - tungen der Stämme und meiſtens eine größere Blaſe in der Umgebung des Central-Nerven - ſyſtemes, ſo daß dieſes förmlich im Blute gebadet erſcheint. Bei die - ſen Familien haben denn auch die Gefäßſtämme eine ſelbſtſtändige Contractilität und die Ernährungsflüſſigkeit, das Blut, zeigt eine mehr oder minder geſättigte rothe Färbung, während bei den niedern Fami - lien die Ernährungsflüſſigkeit ungefärbt iſt und die Gefäße ſich nur äußerſt ſchwierig unterſcheiden laſſen.
Bei allen Plattwürmern kommen Geſchlechtsorgane vor und zwar ſind die Bandwürmer, die Saugwürmer und die Sohlenwürmer Hermaphroditen, während bei den Schnurwürmern getrennte Geſchlech - ter vorhanden ſind. Auch hier ſind die Typen äußerſt verſchieden, ſo daß wir dieſelben bei den einzelnen Ordnungen behandeln müſſen, ebenſo wie die Entwicklung der Eier und der Jungen, welche oft auf die merkwürdigſten Zufälle angewieſen iſt. Man wurde erſt in der neueſten Zeit auf die eigenthümlichen Larvenzuſtände und Wanderun - gen, welche mit dieſen Larvenzuſtänden verbunden ſind, ſo wie auf die Knospung und Ammenzeugung aufmerkſam, welche bei den ſchma - rotzenden Plattwürmern eine ungemein große Rolle ſpielt. In Folge dieſer, meiſt noch ſehr unvollſtändigen Beobachtungen, iſt zwar jetzt ſchon die Klaſſifikation dieſer Würmer eine durchaus andere geworden, es kann aber wohl nicht bezweifelt werden, daß die Vervollſtändigung dieſer Entdeckungen noch manche große Aenderung hervorbringen werde und daß wir viele jetzt noch weit von einander getrennte Gattungen, die in ganz verſchiedenen Thieren hauſen, ſpäter als zu - ſammen gehörende Entwicklungsſtufen eines und deſſelben Weſens erkennen werden.
Wir theilen die Plattwürmer zuerſt in zwei große Unterklaſſen, die ſich durch ihre Lebensart und die Beſchaffenheit der Haut weſent - lich unterſcheiden: die ſchmarotzenden Plattwürmer und die freien Plattwürmer, und jede dieſer Unterklaſſen wieder in zwei Ordnungen, die Bandwürmer und die Saugwürmer einerſeits und die Sohlenwürmer und Schnurwürmer andererſeits.
190Die Bandwürmer (Cestoidea) haben meiſt einen ſehr langen
Der menſchliche Bandwurm (Taenia solium). Man ſieht das vordere Ende mit dem feinen Kopfe, den unentwickelten Hals - gliedern und den mehr entwickelten Mittelgliedern, an deren Seiten meiſt abwechſelnd die Begattungsorgane hervorſtehen.
und aus einzelnen Gliedern zuſammengeſetzten Leib, welche durch un - vollſtändige Knospung aus einem kopfähnlichen, oft deutlich abge - trennten vordern Endgliede hervorſprießen. Die Haut der Band - würmer iſt weich und zart, ihr Muskelſyſtem ſehr wenig entwickelt, ihre Bewegungen äußerſt träge, theils auf die einzelnen Glieder, theils auf abwechſelnde Zuſammenziehungen und Ausdehnungen des ganzen Körpers beſchränkt. Das äußerſt unbedeutende, aus zwei zarten, durch einen ſehr dünnen Verbindungsfaden vereinigten Knötchen beſtehende Nervenſyſtem liegt in dem dünnen Kopfende und ſendet zwei ſehr feine ſeitliche Nervenſtämme nach hinten, die ſich nur in dem vordern Endgliede verfolgen laſſen. Die weitern Glieder, welche bei den ty - piſchen Bandwürmern vorkommen, ſind um ſo vollkommener ausgebildet, je weiter ſie von dem Kopfe abſtehen; aber auch bis zu dem Mo - mente ihrer Reife, wo ſie ſich lostrennen, ſieht man niemals eine Spur von Nervenſyſtem in ihnen entwickelt. Bei den jungen Indi - viduen einiger Gattungen finden ſich im Nacken Pigmentflecken, die im Alter verſchwinden.
Das Gefäßſyſtem der Bandwürmer beſteht aus Längsgefäßen, welche ſich durch alle Glieder fortſetzen und unter denen ſich zwei auf den Seiten neben den rudimentären Darmröhren beſonders auszeich - nen, während zugleich zwei andere der Mittellinie ſich näher befinden. Dieſe Gefäße ſind durch zahlreiche Queräſte mit einander verbunden, welche ſich kaum veräſteln. Die Bewegung des farbloſen Blutes in ihnen wird durch die Zuſammenziehungen des Körpergewebes hervor - gebracht. Unabhängig von dieſen Gefäßen ſind diejenigen Längs - kanäle, welche man für verkümmerte Darmröhren anſieht und191 die in jedem Gliede durch ein Quergefäß mit einander verbunden ſind. Man glaubte früher, daß dieſe ſeitlichen Darmröhren mit den Saugnäpfen in Verbindung ſtünden, deren ſich vier ins Kreuz ge - ſtellt an dem äußerſt dünnen Kopfende der eigentlichen Bandwürmer vorfinden. Dieſe Saugnäpfe ſind indeſſen nur ſchüſſelförmige Vertie - fungen, welche undurchbohrt ſind und zwiſchen welchen der doppelte oder einfache Hakenkranz ſich befindet, der meiſt auf einem kleinen Vorſprunge ſich befindet und aus feinen, rückwärts gebogenen Häk - chen zuſammengeſetzt iſt. Bei den ſogenannten Grubenköpfen ſind dieſe Saugnäpfe durch eine längliche Sauggrube erſetzt und bei eini - gen unvollſtändigen Bandwürmern fehlt jede Art von Bewaffnung.
Die Fortpflanzungsorgane ſind bei den eigentlichen Band - würmern ganz ungeheuer entwickelt und in unendlicher Zahl vor - handen. Es enthält nämlich ein jedes Glied ein weibliches und ein männliches Geſchlechtsorgan. Abgeſehen von den übrigen Organen könnte man nach den Geſchlechtsorganen jedes abgelöſte Glied eines Bandwurmes für ein hermaphroditiſches Individuum, für einen aus - gebildeten Plattwurm erklären, was um ſo thunlicher erſcheint, als bei vielen Arten dieſe losgelöſten Glieder eine große ſelbſtſtändige Be - weglichkeit beſitzen und nach der Loslöſung lange fortleben. Die Eier - ſtöcke bilden in jedem Gliede eine mehr oder minder verzweigte Maſſe, welche in einer gewundenen oder graden Röhre nach außen mündet, ent - weder mit einer beſondern Oeffnung oder in einer gemeinſchaftli - chen Mündung mit den männlichen Geſchlechtsorganen. Dieſe be - ſtehen aus einem vielfach gewundenen Hodenſchlauche, der in eine Samenblaſe und von da in ein meiſt heraushängendes Begattungs - organ übergeht. Die Eier ſind in einem einzigen Gliede ſchon in außerordentlicher Anzahl aufgehäuft, mikroſkopiſch klein und ent - weder von einer einfach braunen Eihülle umgeben, oder durch viel - fache Kapſelhäute eingeſchloſſen, welche ihnen oft ein höchſt ſeltſames Anſehen geben. Es widerſtehen dieſe Eier allen chemiſchen Agentien mit außerordentlicher Hartnäckigkeit und es iſt daraus erklärlich, wie ſie in faulenden Stoffen, in Dünger und Koth jahrelang ihre Lebens - fähigkeit behaupten.
Eigenthümliche Erſcheinungen bietet die Fortpflanzungs - weiſe der Bandwürmer dar. Das kopfähnliche Endglied, welches in der Darmhaut feſtſitzt, erreicht wahrſcheinlich ein ſehr hohes Alter. An ſeinem hintern Ende ſproßt knospend ein Glied hervor und wäh - rend dieſes wächſt, ſproßt ſtets wieder ein neues und abermals ein neues, ſo daß der Wurm allmählig eine oft ungeheure Länge — man192 ſagt bis zu fünfzig Ellen und mehr bei den den Menſchen be - wohnenden Arten — erreicht. Das jüngſte Glied iſt ſtets das un - mittelbar am Kopfende befindliche, das älteſte das hinterſte Glied. Je älter die Glieder werden, deſto mehr entwickeln ſich in ihnen die Ge - ſchlechtsorgane. In reifen Gliedern ſind Eierſtöcke und Eileiter ſtrotzend mit Eiern angefüllt, in denen ſich zuweilen ſchon die Embryone er - kennen laſſen. In dieſem Zuſtande löſen ſich die Glieder ab, bei den Bandwürmern einzeln, bei den Grubenköpfen in ganzen Reihen und werden mit dem Kothe nach außen geführt. Die Abſtoßung der Glieder, welche zur regelmäßigen Zeit wiederkehrt, iſt alſo ein wahres Ausſäen einer ungeheuren Anzahl von entwicklungsfähigen Eiern, welche in dem Gliede eingeſchloſſen ſind und auf irgend[eine] Weiſe wieder in ein Thier hineinkommen müſſen, in deſſen Innern ſie wohnen können. Millionen dieſer Eier gehen wahrſcheinlich zu Grunde, ohne an einen ſolchen Ort zu gelangen; da aber bei einer jeden Ab - ſtoßung von Gliedern auch Millionen von Eiern ausgeſäet werden, ſo iſt dennoch die Erhaltung der Art auf dieſe Weiſe geſichert. Bei eini - gen Arten von Bandwürmern haben die abgeſtoßenen Glieder eine große Beweglichkeit, wodurch ſie gewiſſen Saugwürmern ſehr ähnlich werden. In der That glaubten auch einige Naturforſcher dieſe losgeſtoße - nen Bandwurmglieder als eigene Individuen anſehen und den Band - wurm als ein zuſammengeſetztes Thier, ähnlich einem Polypenſtocke auffaſſen zu müſſen. Andere betrachten das feſtſitzende Kopfende als eine Art Amme, welche durch Knospung aus ſich die eigentlichen Thiere, die Bandwurm - glieder entwickelt, welche dann durch geſchlechtliche Zeugung Eier und Embryonen entſtehen laſſen. Auch dieſe Anſicht, ſo ſehr ſie eine An - näherung an die Saugwürmer gewährt, hat den Umſtand gegen ſich, daß dieſe abgeſtoßenen Glieder nie ein ſelbſtſtändiges Leben führen, ſondern nur bewegte Kapſeln oder durch äußere Knospung erzeugte unvollſtändige Ammen der Bandwurmeier ſind.
Man weiß noch nicht, auf welche Art die mit den abgeſtoßenen Gliedern zerſtreuten Bandwürmer wieder an die Orte gelangen, wo ſie ſich entwickeln können. Die Verbreitung des menſchlichen Gruben - kopfes (Bothriocephalus latus) giebt hier freilich einen Fingerzeig. Man findet denſelben mit faſt ſcharfer geographiſcher Abgrenzung in der Schweiz, in Holland und in Polen und zwar in allen dieſen Län - dern an einzelnen Orten ſo häufig, daß faſt jeder Menſch einen ſol - chen Schmarotzer beherbergt, während in Deutſchland und Frankreich nicht der Grubenkopf, ſondern der eigentliche Bandwurm (Taenia193 solium) einheimiſch iſt. Deutſche und Franzoſen, welche in die Schweiz kommen, holen ſich dort den Grubenkopf, nicht aber den in ihrem Lande einheimiſchen Bandwurm und umgekehrt. In allen den Län - dern aber, wo der Grubenkopf ſo häufig iſt, herrſcht die Sitte, die Gartengewächſe unmittelbar mit Jauche aus den Abtritten zu begießen und zu düngen. Es kann alſo keinem Zweifel unterliegen, daß von den Millionen mikroſkopiſchen Eichen, welche durch die abge - ſtoßenen mit dem Kothe fortgehenden Glieder in die Abtrittsjauche gelangen, einige mit Salat oder andern ungekochten Kräutern, die man genießt, hinabgeſchluckt werden und wieder in den Darmkanal gelan - gen, wo ſie ſich entwickeln können.
Indeß iſt dies nur eine Hypotheſe; — über den Hergang der Ent - wickelung ſelbſt kennen wir aber folgende Thatſachen. Die Embryo - nen, welche ſich in den Eiern befinden, ſind äußerſt contractile Thier - chen, welche ſich mit vieler Lebhaftigkeit ſtrecken und zuſammenziehen und am vordern Ende ſechs hornige Häkchen ein - und ausſchieben können. Man weiß nicht wie ſich dieſe Embryonen weiter ausbilden, hat aber einige Fingerzeige dafür aufgefunden.
In der Lungenhöhle der gewöhnlichen Wegſchnecken kommen kleine Cyſten, runde milchweiße Bälge vor, die nur 1 / 6 Linie groß ſind und in ihrem Innern einen jungen Bandwurm enthalten, deſſen Kopf und
Fig. 191. Die Kapſel mit dem zuſammengekugelten Bandwurm darin. Fig. 192. Derſelbe ausgeſtreckt. Fig. 193. Reifer Tetrarhynchus, im Wandern begriffen. Bei allen Figuren bedeutet a Hakenrüſſel, b Saugnäpfe, c Scheiden oder Höhle, worin die Rüſſel zurückgezogen werden können, d Leib, e Undeutlich gegliederter Leibes - anhang, f Kapſelhülle.
Schwanz ſo in dem aufgeblähten Leib zurückgezogen iſt, daß manVogt. Zoologiſche Briefe. I. 13194einen Kopf eines Bandwurms in einem Saugwurmleibe zu ſehen glaubt. Iſt der Wurm ausgeſtreckt, ſo zeigt er vier große ſeitliche Sauglappen oder ovale Saugnäpfe, einen kegelförmigen Mund, der in eine Höhle führt, worin der Saugrüſſel mit einem doppelten Hacken - kranze liegt und einen undeutlich gegliederten Leib, in dem man zarte, waſſerhelle Gefäße ſieht. Wie dieſe jungen Bandwürmer aus den in den Eiern befindlichen Embryonen entſtehen, ob direkt durch Meta - morphoſe, ob indirekt durch Knospung in ähnlicher Weiſe, wie bei dem ſpäter zu erwähnenden Monostomum, iſt noch durchaus unbekannt. Auch was ſpäter aus dieſen jungen, eingekapſelten Bandwürmern der Schnecken wird, weiß man nicht — wahrſcheinlich bilden ſie ſich, nachdem die Schnecken von andern Thieren gefreſſen wurden, in der Weiſe aus, daß ſie die Kapſel verlaſſen, ſich feſtſetzen und hinten durch Knospung Glieder entwickeln, in denen Eier ſich bilden. Für andere Bandwürmer hat man gefunden, daß beſonders die Gattungen Scolex und Tetrarhynchus, die man häufig in den Eingeweiden der Seefiſche trifft, ſolche junge Kopfglieder ſind, die ſich ſpäter anſetzen und Glie - der treiben, während ſie zugleich die Hakenrüſſel verlieren, die ihnen beſonders zum Wandern durch die Eingeweide der Fiſche hindurch ſehr nützlich ſind. Man glaubte bisher, daß dieſe Vierrüßler (Tetrarhyn - chus) auf dem Wege der Knospung innerhalb eines eingekapſelten Saugwurmes entſtänden, indem man ihren aufgeblähten Leib, in wel - chen Rüſſel und Schwanzende zurückgezogen waren, als ein beſonderes Hüllenthier anſah. Wahrſcheinlich iſt auch bei dieſen Vierrüßlern eine weitere Ueberpflanzung in andere Thiere nöthig, um vollſtändige Bandwürmer entſtehen zu laſſen. Wenigſtens hat man ſolche Erſchei - nungen anderwärts beobachtet. So findet ſich z. B. in den Stichlingen äußerſt häufig ein Grubenkopf, welcher mittelſt Durchbrechen des Ge - kröſes in die Leibeshöhle, ſeinen gewöhnlichen Wohnort, gelangt, aber niemals Geſchlechtstheile erhält, ſo lange er in der Bauchhöhle der Fiſche lebt. Werden aber die Stichlinge von Waſſervögeln gefreſſen, ſo entwickelt ſich der Wurm im Darmkanale dieſer warmblütigen Thiere vollſtändig und ſtößt mit reifen Eiern gefüllte Glieder aus, die mit dem Kothe der Waſſervögel wieder an den Wohnort der Stichlinge gelangen und wahrſcheinlich von dieſen verſchluckt werden, wenn nicht die ausgeſchlüpften Embryonen von außen her in die Stichlinge ſich einbohren.
Wir ſehen alſo, daß bei der ungemeinen Vermehrung der Keime, wie ſie in den Bandwürmern vorkommen, weſentlich die Berechnung der Zufälle mit als Faktor eintritt, welche das Thier bei ſeiner Ent -195 wickelung zu durchlaufen hat. Oder iſt es nicht ein Zufall zu nennen, wenn ein Stichling von einem Tauchvogel gefreſſen wird, und dieſer Raub erſt das Signal zu einer weitern Entwicklung des im Innern des Stichlinges lebenden Bandwurmes geben muß? Schon bei den Rundwürmern kamen ähnliche Verhältniſſe vor, ſie wiederholen in noch ausgedehnterem Maße ſich bei eigenthümlichen krankhaften Ver - hältniſſen der Bandwürmer, ſowie bei den Saugwürmern. Während man früher glaubte, die Eingeweidewürmer müßten nothwendigerweiſe zu Grunde gehen, ſobald ſie den Körper ihres Wohnthieres verließen, ſo erſcheinen jetzt im Gegentheile dieſe Wanderungen behufs weiterer Ausbildung als ein faſt allgemeines Geſetz, das ſtets auf mehr Gat - tungen Anwendung findet, je mehr man ſich von dem alten Glauben losmacht und die in einem beſtimmten Thiere vorkommenden Würmer mit den Einwohnern derjenigen Thiere vergleicht, von welchen es ſich nährt und denen es wieder zur Nahrung dient.
Wir unterſcheiden unter den Bandwürmern drei beſondere Familien: die Nelkenwürmer (Caryophyllida) haben einen läng - lichen Körper ohne Gliederung, deſſen eines Ende ſpitzig, das an - dere breit und ſehr veränderlich in ſeiner Form iſt. Die Geſchlechts - theile ſind nur einfach und münden in einer gemeinſchaftlichen, an dem ſpitzeren Ende angebrachten Oeffnung. Das ganze Thier iſt gleichſam nur ein einziges in Wurmform ausgezogenes Bandwurm - glied und vielleicht ebenſo wie jene durch Knospung entſtanden. In dieſem Falle kennt man die Kopfenden, welche dieſe Nelkenwürmer ent - ſprießen laſſen, noch nicht mit Sicherheit und es würde dann die ganze Familie eingehen, während zugleich die Betrachtungsweiſe der Band - wurmglieder als unvollſtändige Ammen hierdurch eine neue Stärke erhielte.
Eine zweite Familie bilden die Riemenwürmer (Ligulida), lange, zuſammengedrückte, riemenartige Würmer, an welchen ſich kein Kopf - noch Schwanzende unterſcheiden läßt und die namentlich in Fiſchen vorkommen. Man ſieht keine Quertheilung an dieſen Geſchöpfen, welche, ſo lange ſie in den Fiſchen bleiben, keine Geſchlechtsentwicklung zeigen, aber alsbald eine ſolche wahrnehmen laſſen, wenn die Fiſche von Vögeln gefreſſen ſind.
Die Familie der eigentlichen Bandwürmer (Taenida) iſt leicht an der Querringlung des Körpers zu unterſcheiden. Nach der Bewaffnung des Kopfes laſſen ſie ſich indeſſen wieder in zwei Gruppen ſpalten. Bei den Grubenköpfen oder Bothriocepha - len ſieht man an den Seiten des dünnen Kopfes nur flache Saug -13*196gruben; die Glieder ſind meiſt mehr breit als lang und die Geſchlechts - theile in der Mitte der Glieder angebracht, wo ſie eine Roſette bilden. Die Grubenköpfe ſind äußerſt häufig, beſonders in Fiſchen und bei dieſen grade hat man nachgewieſen, daß ſie im Jugendzuſtande vier einziehbare Hakenrüſſel haben und daß die beiden Gattungen Scolex und Tetrarhynchus nur ihre Larvenzuſtände ſind. Eine Art, der breite Grubenkopf, bewohnt den Dünndarm des Menſchen, und iſt in Hol - land, Polen und der Schweiz einheimiſch. Obgleich er eine fabelhafte Länge erreichen kann, ſo iſt er doch niemals von ſo unangenehmen Zuſtänden begleitet wie der eigentliche Bandwurm und läßt ſich leicht durch Wurmmittel abtreiben. Die eigentlichen Bandwürmer (Taenia) haben mehr kürbiskernförmige, in die Länge gezogene Glie - der. Die mit Eiern angefüllten Geſchlechtstheile bilden darin eine baumartige Verzweigung und die Geſchlechtsöffnungen befinden ſich auf der Seite der Glieder, nicht aber in der Mitte. Man unterſcheidet die einzelnen Glieder leicht durch die ſeitlich heraushängenden Begat - tungsorgane, während bei dem Grubenkopfe die Begattungsorgane mitten aus dem Gliede hervortreten. Der Kopf der Bandwürmer trägt ſtets einen doppelten oder einfachen Hakenkranz und vier Saugnäpfe und iſt äußerſt ſchwierig zu entfernen.
Eine eigenthümliche Entartung der Bandwürmer iſt diejenige, welche die ſogenannten Blaſenwürmer (Cystica) hervorbringt. Man findet nämlich in vielen Thie - ren, beſonders aber in ſonſt unzu -
Der gewöhnliche Finnenwurm (Cysticercus cellulosae) vom Schweine. Bei a ſieht man das ganze Thier in natürlicher Größe mit dem vierſeitigen Kopfe, dem geringelten dünnen Halſe und der Endblaſe. Bei b den Kopf vergrößert, ſo daß der mittlere Hakenrüſſel und die Sauggruben deutlich ſind.
gänglichen Theilen und ſtets in Cyſten eingeſchloſſen, Würmer oder Wurmkolonieen, welche Köpfe mit Saugnäpfen und Hakenrüſſeln be - ſitzen, die vollkommen den Köpfen der Bandwürmer entſprechen. Es ſitzen dieſe Kopfenden auf einem mehr oder minder langen gegliederten Halſe, der in eine mit dicklicher, ei - weißhaltiger Flüſſigkeit gefüllte Blaſe endigt. Nie und unter keinen Umſtänden findet man bei dieſen Blaſenwürmern, deren Köpfe meiſt in die Blaſe zurückgezogen werden können, eine Spur von Geſchlechtstheilen. Man hat dieſe Thiere früher als eine eigene Ordnung betrachtet, hat aber jetzt eingeſehen, daß es197 nur auf ihren Wanderungen verirrte und krankhaft veränderte Band - würmer ſind, die oft nur eines Zufalles harren, um ihre Weiterent - wickelung zu beginnen. So befindet ſich in der Leber der Mäuſe und Ratten ein meiſt ſehr langer Blaſenwurm mit dünner Endblaſe, deſſen geſchlechtliche Ausbildung erſt dann beginnt, wenn die Mäuſe von Katzen gefreſſen werden. In dem Darme dieſer Raubthiere angelangt, verliert der Wurm ſeine Endblaſe, treibt neue Glieder und iſt nun ein vollſtändiger Bandwurm, den man ſeit langer Zeit als beſondere Art gekannt hat. Viele Blaſenwürmer bleiben indeſſen beſtändig an dem Orte, wo ſie durch Verirrung hingekommen ſind, und ver - mehren ſich alsdann, ſtatt durch Eier, durch Knospung. Bei dem Finnenwurm (Cysticercus), der beſonders bei Hausthieren, nament - lich dem Schweine, aber auch beim Menſchen vorkömmt, findet eine ſolche Knospung nicht ſtatt. Bei dem Drehwurm der Schafe da - gegen (Coenurus cerebralis) ſproſſen auf der innern Seite der Blaſe eine Menge von Köpfen hervor, während die Blaſe ſtets zunimmt und anfangs durch Druck auf das Hirn die Drehkrankheit, endlich aber durch Verdrängung der Hirnſubſtanz den Tod herbeiführt. Bei dem Echinococcus, der zuweilen beim Menſchen vorkommt, löſen ſich die auf der innern Seite der Blaſe entſtandenen Köpfe ſpäter ab, ſo daß die einzelnen Generationen in einander geſchachtelt ſtecken. Eine ſolche Echinococcus-Kolonie bildet manchmal einen ungeheuren Sack, in wel - chem die jüngern Generationen, die oft nur die Größe eines Nadel - kopfes erreichen, ſich eingeſchloſſen befinden.
Die Ordnung der Saugwürmer (Trematoda) beſteht aus abgeplatteten, meiſt elliptiſchen oder ſcheibenförmigen, im Verhältniß zu den Uebrigen ſehr kurzen Würmern, die alle, wenigſtens während einer gewiſſen Zeit ihres Lebens, in andern Thieren ſchmarotzen. Die Haut iſt weich, ſehr dehnbar und in ihr finden ſich meiſt eigenthüm - liche Kalkkörperchen von ſcheibenförmiger Geſtalt, die concentriſche Ringe zeigen und oft für Eier erklärt worden ſind, mit welchen ſie durchaus nichts gemein haben. Die Haut und der ganze Körper ſind äußerſt contractil und von einem maſchenförmigen Muskelgewebe gebildet. Zum Anheften beſitzen die Saugwürmer einen oder mehrere198
Tristoma coccineum auf den Kiemen von Seefiſchen lebend, in natürlicher Größe. Fig. 195 Das unverletzte Thier von unten, um die vorderen ſeitlichen Saugnäpfe mit dem röhren - förmigen Munde dazwiſchen und den großen hinteren Saugnapf mit dem ſternförmigen Horngerüſte darin zu zeigen. Fig. 196 Das Thier vom Rücken her ge - öffnet. Man hat nur den Darm und das zweiknotige Nervenſyſtem dargeſtellt. a Der in ſich kreisförmig zuſammenlaufende Darm. b vorderer, c hinterer Saug - napf. d Mund.
Saugnäpfe, welche oft noch von hornigen Gerüſten und innern Haken unterſtützt wer - den, niemals aber ſolche Hakenrüſſel, wie die Bandwürmer haben. Bei einigen Gattungen enthält der am vordern Ende des Leibes gele - gene, meiſt kleinere Saug - napf zugleich den Mund. Die übrigen Saugnäpfe ſind undurchbohrt, auf der Bauchfläche oder an dem Hinterende des Lei - bes angebracht und manchmal ſelbſt in großer Anzahl vorhanden. Dieſe hintern Saugnäpfe ſind dann zuweilen mit eigenthümlichen Horn - gerüſten und Haken verſehen, die innerhalb der Saugnäpfe ſelbſt an - gebracht ſind. Bei vielen Saugwürmern kommen auch nur Saug - gruben vor, die zuweilen zu einem förmlich gegitterten Netze an der Bauchfläche zuſammenfließen. Mittelſt dieſer Saugnäpfe und Horn - gerüſte heften ſich die Saugwürmer ſowohl an den innern als an den äußern Organen anderer Thiere ſehr feſt und entgehen dadurch auch ziemlich leicht der Nachforſchung. Das Nervenſyſtem beſteht aus zwei feinen, durch einen ſchmalen Faden vereinigten Knötchen und liegt bei den Gattungen, die einen vordern Mund haben, auf der Bauchſeite des Schlundes, bei den übrigen an der entſprechenden Stelle. Die beiden Seitenfäden, welche nach hinten gehen, ſind nur dünn und zart, laſſen ſich aber meiſt durch den ganzen Körper ver - folgen. Sinnesorgane fehlen durchaus, nur bei einigen Larven oder ammenartigen Weſen hat man Pigmentflecke geſehen, deren Be - deutung als rudimentäre Augen indeß noch ſehr zweifelhaft iſt. Die Verdauungsorgane der Saugwürmer ſind deutlich entwickelt. An dem Vorderende des Leibes in der Mittellinie, meiſt etwas auf der Bauchſeite, ſeltener am Rande, befindet ſich der Mund, der in einen bald längeren, bald kürzeren meiſt graden, zuweilen geſchlängelten Schlund übergeht; zuweilen findet ſich noch ein beſonderer muskulöſer Schlundkopf, niemals aber ein eigentlicher Magen. Am Ende des Schlundes theilt ſich nämlich der Darm in zwei gabelförmige Aeſte,199 die meiſtens blind endigen, bei den Einlöchern aber in der Mitte zu - ſammenlaufen, ſo daß der Darmkanal einen förmlichen Kreis bildet. Nur bei einigen wenigen und in ihrem ganzen Verhalten ſehr abwei - chenden Saugwürmern findet ſich ein einfacher grader Darmkanal, der aber ſtets afterlos iſt. In den meiſten Fällen ſind die gabelför - migen Darmſchläuche einfache blinde Säcke von meiſt gleicher Weite, oft aber gehen von den beiden Hauptſtämmen ſehr viele verzweigte Nebenäſte aus, die ſich durch den ganzen Körper verbreiten und ſehr verzweigte Gefäßbäume bilden, welche indeß überall blinde Enden beſitzen. Das Gefäßſyſtem der Saugwürmer iſt jetzt von vielen Gattungen bekannt. Es beſteht meiſtens aus zwei ſeitlichen Haupt - ſtämmen, die ſich in der Mittellinie vereinigen und in ihrem Innern Flimmerbewegungen zeigen. In den meiſten und häufigſten Fällen bilden die Verzweigungen dieſer feinen Gefäße zuſammenmündende Netze; bei einigen Arten will man einzelne kleine lebhaft flimmernde Endbläschen geſehen haben, von welchen die feinſten Gefäßchen aus - gehen. Auch hat man hier ein mittleres, an dem Hinterleibsende ge - legenes Reſervoir gefunden, in welches die Stämme einmünden. Es fragt ſich indeß, ob dieſe Beobachtung nicht auf einer Verwechslung mit einem eigenthümlichen Drüſenorgane beruht, welches faſt bei allen Saugwürmern ſich an dem hintern Ende öffnet, aus einem ein - fachen gabelförmigen oder aus veräſtelten Schläuchen beſteht, und eine waſſerhelle oder derbkörnige Abſonderung liefert, deren Zweck noch nicht näher ermittelt iſt. Auch waſſerführende Gefäße, welche innen Flimmer - bewegung zur Fortſetzung der Flüſſigkeit zeigen und an beſtimmten Stellen nach Außen münden, offenbar alſo eine Art von Athemor - ganen darſtellen, hat man bei manchen Saugwürmern entdeckt.
Alle Saugwürmer, mit alleiniger Ausnahme einiger zweifelhaften Gattungen, ſind Hermaphroditen und pflanzen ſich durch Knos - pung und geſchlechtliche Zeugung fort. Die weiblichen Geſchlechts - theile nehmen meiſtens den größten Theil des Leibes ein und haben merkwürdiger Weiſe beſondere Bildungsſtätten für die einzelnen Theile des Eies. Das Keimbläschen bildet ſich in einem mitten im Leibe gelegenen eiförmigen Behälter, dem Keimſtocke, deſſen kurzer Ausführungsgang in eine Erweiterung des ſchlauchförmigen Uterus mündet; dorthin münden ebenfalls die Ausführungsgänge vielfach ver - äſtelter traubenförmiger Blindſäcke, der Dotterſtöcke, in welchen die Dotterſubſtanz gebildet wird. Dotterkörnchen und Keimbläschen treten in dem ſchlauchförmigen Organe, dem ſogenannten Uterus, erſt zur Bildung des eigentlichen Eies zuſammen. Der meiſt unregelmäßig gewundene Uterus - ſchlauch mündet gewöhnlich an dem Vorderrande des Körpers hinter dem200 Munde und neben dem männlichen Begattungsorgane auf der Bauch - ſeite nach außen. Jeder Saugwurm enthält außerdem zwei Hoden, die meiſtens hintereinander liegen und von welchen zwei Samenleiter abgehen; der eine in ein inneres Samenbläschen, welches in den Grund des Uterusſchlauches mündet, die beiden andern in ein äuße - res Samenbläschen, welches durch einen langen Gang in das Be - gattungsglied ausmündet. Es iſt auf dieſe Weiſe ſowohl Begattung zweier Individuen möglich, als auch die Selbſtbefruchtung der in einem Indivi - duum erzeugten Eier hinlänglich gewahrt. Die Eier der Saugwürmer haben nur eine hornige Schale, die zuweilen mit einem Deckel aufſpringt; ſie ſind meiſt eiförmig, bräunlich, hart und bei einigen Gattungen ſo unverhältnißmäßig groß, daß man ſie für beſondere Organe anſah.
Die Entwickelung der Eier geht faſt niemals vollſtändig an denjenigen Orten vor ſich, wo die Saugwümer ſelbſt leben. Ein Ueber - wandern nach andern Thieren ſcheint faſt eine Nothwendigkeit für die Larven und Ammen, ſowie für die Jungen, welche ſich unmittelbar aus den Eiern entwickeln. Hier entſtehen nämlich aus dem ganzen Dotter platte Embryonen, welche meiſtens mit Wimperhaaren verſehen ſind und bei einigen Gattungen einen Saugnapf beſitzen. Wahrſchein - lich erhalten diejenigen Embryonen, welche eine Zeitlang in dem Waſſer frei umherſchweifen müſſen, Wimperhaare, während ſie andern, die ſtets als Binnenthiere leben, abgehen. Häufig entwickeln ſich dieſe Embryonen ſo weit im Uterus, daß ſie dort ſchon die Eiſchale ver - laſſen und lebendig geboren werden. Für die weitere Ausbildung be - ſitzen wir bis jetzt nur eine einzige Beobachtung. Ein Wurm näm - lich, welcher die Luftzellen vieler Waſſervögel bewohnt, das Monosto - mum mutabile, bringt Eier hervor, die noch im Innern ſeiner Ge -
Ammenzeuguug des Monostomum mutabile. Fig. 197 das Ei, Fig. 198 die freie Großamme, Fig. 199 die freie Amme. a Eihäute, b Großamme, c Amme, d Augenpunkte.
ſchlechtstheile ſich entwickeln, ſo daß er zuletztſehr lebhaft ſchwim - mende Jungen (Großammen) gebiert, die in dem Nacken ſo - gar zwei Augen - punkte haben und in deren Innerem ſich ein ſchlauch - artiger Körper201 der ſich ſelbſtſtändig wurmartig bewegt, und ganz denjenigen Schläu - chen gleicht, welche man in Waſſerſchnecken häufig als Ammen antrifft. Höchſt wahrſcheinlich verlaſſen die Embryonen des Monostomum die Luftwege der Vögel, während dieſe im Waſſer ſind und dringen dann auf irgend eine noch unermittelte Art in die Weichthiere ein.
In unſern Waſſerſchnecken und Muſcheln findet man faſt conſtant Schläuche, welche mehr oder minder ſelbſtſtändig bewegt ſind und zuweilen ſelbſt vollſtändig entwickelte Thiere mit einem wahren Verdauungsapparate
Fig. 200 — 206. Keimſchläuche und Ammen. Fig. 207 — 211. Die daraus entſtehenden Cercarien. Fig. 200. Keimſchlauch der in Fig. 209 gezeichneten Doppel - ſchwänzigen Cercarie, Bucephalus polymorphus genannt, aus dem Eierſtocke der gewöhnlichen Malermuſchel (Unio.) Fig. 201. Baumförmig verzweigte Keimſchläuche aus den Eingeweiden der Bernſteinſchnecke (Succinea). Die vollſtändig entwickelten Keimſchläuche bewegen ſich frei, haben einen langen Schwanz, wurmförmigen, hell - grüngeſtreiften Körper und wurden in dieſer Form (Fig. 203) Leucochloridium paradoxum genannt. Die darin enthaltenen Cercarien (Fig. 210) haben einen blaſenförmigen hohlen Schwanz, in den ſich der Körper des Thieres zurückſtülpt, ſo daß es ausſieht, als ob dieſer Körper in einer Eihülle läge. Fig. 202. Veräſtelte Keimſtöcke aus der Teichhornſchnecke (Lymnaeus). Fig. 204. Durchſichtiger, mit Cercarien angefüllter Keimſchlauch aus der Kiemen-Sumpfſchuecke (Paludina vivi - para). Fig. 205. Lebhaft bewegte wurmförmige Ammen mit deutlichem Verdau - ungskanal aus verſchiedenen Waſſerſchnecken. Die daraus hervorgehenden Cercarien (Fig. 207) zeigen deutlich den gablichen Darm und haben, nebſt den aus den Keim - ſchläuchen (Fig. 204) hervorgehenden Thieren (Fig. 208) die gewöhnlichſte Cer - carienform. Fig. 211. Cercarie aus runden Keimſäcken, die in den Eingeweiden der Malermuſchel liegen, ausgezeichnet durch den dicken, mit zickzackförmigen Muskel - faſern erfüllten Schwanz (Distoma duplicatum genannt.)
darſtellen. Bei einigen Gattungen erſcheinen dieſe Schläuche als lange Fäden, welche hie und da angeſchwollen ſind und in dieſen Anſchwel - lungen durch Knospung eine Menge von Jungen erzeugen. Meiſt ſind es mehr oder minder bewegliche cylindriſche, zuweilen ſelbſt ge - ſchwänzte Körper, die ſich manchmal lebhaft bewegen, und oft202 förmliche Verdauungsorgane und eine ſo complicirte innere Bil - dung zeigen, daß man manche dieſer Ammen für ſelbſtſtändig or - ganiſirte Würmer halten muß. Von dem ſtarren, hie und da erwei - terten Fadenſchlauche bis zu dieſen, den erwachſenen Saugwürmern ſelbſt wieder ähnlichen lebendigen Keimſchläuchen kennt man alle Arten von Zwiſchenſtufen. In allen dieſen Ammen bilden ſich aber die Jungen auf folgende Art. Die Höhlung des Schlauches, oder bei den mit Ver - dauungsorganen verſehenen Ammen nur ein Theil deſſelben, meiſtens der hintere, füllt ſich mit körnigen Körperchen an, die niemals die Cha - raktere eines Eies an ſich tragen und nach und nach zu einem wurm - ähnlichen Weſen auswachſen, das man ſchon lange kannte und unter dem Namen Cercaria bald den Infuſorien anreihte, bald ſelbſt mit den Samenthierchen zuſammenbrachte. Es beſtehen nämlich die faſt mikroſkopiſchen Cercarien nach ihrer vollſtändigen Ausbildung inner - halb des Schlauches aus einem Vorderkörper, der meiſtens einen oder zwei Saugnäpfe, Verdauungskanal, Waſſergefäße etc. beſitzt, zuweilen vornen am Kopfe mit Hornſpitzen verſehen iſt und einen vollſtändigen Saugwurmleib darſtellt, und einem ſchwanzförmigen Anhange, welcher bei den meiſten einfach, bei einer bekannten Art doppelt iſt. Sobald die Cercarien ſo weit entwickelt ſind, ſo brechen ſie aus ihrer Amme, aus dem Keimſchlauche, hervor und ſchwimmen mit Hülfe ihres Schwanzes in dem Waſſer umher, in welchem ſie ſich äußerſt lebhaft unter den ſonderbarſten Krümmungen und Windungen umhertummeln. Man braucht im Sommer nur einige Waſſerſchnecken in einem Glaſe mit reinem Waſſer zu ſammeln, ihnen, zur Beförderung des Aus - trittes der Cercarien, die Schale abzunehmen und ihre Haut an ver - ſchiedenen Stellen einzuritzen, um bald lebhaft bewegte Wolken im Waſſer zu ſehen, die unter dem Mikroſkope als Schwärme von Cer - carien erſcheinen. Viele dieſer Thiere ſind nun darauf angewieſen, ſich in Inſektenlarven, welche das Waſſer bewohnen, von Außen her einzubohren und deren Leibeshöhle zu bewohnen. Man hat dieſen Akt des Einbohrens ſelbſt beobachtet, wobei die ſpitzigen Stirnwaffen den ſie beſitzenden Arten weſentliche Dienſte leiſten. Beim Hinüber - ſchlüpfen in die Inſektenlarve verlieren die Cercarien ihren Schwanz - anhang und erſcheinen nun ſchon in der Form von Saugwürmern. Sie ziehen ſich nun zuſammen, ſchwitzen einen glashellen Stoff aus und bilden ſich ſo eine Puppenhülſe, in welcher ſie ihrer weitern Aus - bildung entgegen gehen. Gewiß erfolgt dieſe erſt, wenn die Larven vollkommene Inſekten geworden ſind, oder auch dann, wenn ſie von203 Raubthieren, Fiſchen, Fröſchen und Vögeln gefreſſen wurden, inner - halb der neuen Wohnthiere. Viele Cercarien gehen vielleicht auch un - mittelbar aus den Weichthieren in Waſſervögel und andere Raubthiere über. Die Cercarien ſind ſomit die Larven der Saugwürmer und es entſtehen dieſe Larven als Knospen in einem Ammenſchlauche, welcher ſelbſt wieder als Knospe in dem Leibe des aus dem Ei entwickelten Em - bryo entſtand. Alle dieſe wunderbaren Wandlungsſtadien gehen in ſo verſchiedenen Thieren vor ſich, daß man faſt ſagen möchte, ein ſol - ches Doppelloch müſſe ſämmtliche Kreiſe des Thierreiches, Weichthiere, Gliederthiere und Wirbelthiere durchwandern, um die Stufenfolge ſei - ner Ausbildung zu durchlaufen.
Wir theilen die Saugwürmer nach der Natur, Stellung und Beſchaffenheit ihrer Saugnäpfe in drei Familien: Die Doppellöcher (Distomida) haben ein oder zwei Saugnäpfe, von welchen der vordere als Mund dient, während der hintere meiſt größere, bald vorn, bald mehr in der Mitte, bald hinten an dem Körperende liegt oder auch ganz fehlt. Zu dieſer Familie, die in den Eingeweiden, ja ſelbſt in den Augen und dem Gehirn vieler Thiere ſehr verbreitet iſt, gehört namentlich der Leberegel (Distoma hepaticum), welcher beſonders in den Gallengängen der Schafe außerordentlich häufig vorkommt. Die zweite Familie iſt diejenige der Dreilöcher (Tristomida), bei welchen
Tristoma coccineum.
zu beiden Seiten des Mundes zwei kleinere Saugnäpfe, und an dem hintern Ende ein gro - ßer, meiſt runder Saug - napf exiſtirt. Man findet dieſe Würmer hauptſäch - lich nur auf den Kiemen von Fiſchen. Endlich die Familie der Viellöcher (Polystomida) hat ſtets hintere große Saugnäpfe, welche von einem Horngerüſte oder ſelbſt von hornigen Stacheln unterſtützt ſind; mei - ſtens fehlen die vorderen Saugnäpfe und wenn dieſelben vorhanden204
Fig. 214. Fig. 214. Polystomum integerrimum aus der Harnblaſe des gewöhnlichen Froſches, ſtark vergrößert von der Bauchſeite, ſo daß man die ſechs großen Saug - näpfe des Hinterleibes mit den Sternleiſten in ihrer Höhlung, ſowie die Hornhaken dazwiſchen ſieht. a Vorderer kleiner Saugnapf mit der Mundöffnung. b Härterer Schlundkopf. c Der getheilte, mit ſeitlichen Blinddärmchen verſehene Darmkanal, der ſich hinten wieder vereinigt. d Theile des Geſchlechtsapparates. e Hintere Saugnäpfe. f Horn - ſtacheln zwiſchen denſelben. Fig. 215. Diplozoon paradoxum von den Kiemen des Brach - ſen (Abramis brama). Da die beiden Leiber des Thieres vollkommen gleich gebaut ſind, ſo wurden in der rechten Leibeshälfte hauptſächlich die Geſchlechtstheile, in der linken der Darmkanal gezeichnet. a Mundöffnung. b Schlundkopf. c Darmkanal mit ſeinen verzweig - ten Blinddärmen. e Hintere Saugnäpfe, jeder mit vier queren Horngerüſten beſetzt, die auf ihren Außenrändern Stacheln tragen. g Verdere kleine Saugnäpfe, deren jeder eine ſchiefe Leiſte im Innern trägt. h Eileiter. i Ein ausgebildetes Ei, das bei die - ſer Gattung unverhältnißmäßig groß iſt und an ſeinem Ende mit einem langen, wie ein Ankertau aufgewundenen hornigen Spiralfaden verſehen iſt. k Oeffnung der Geſchlechtsorgane nach Außen. Die ganze Figur iſt ebenfalls bedeutend ver - größert.
ſind, erſcheinen ſie nur klein. Es gehören hieher die merkwürdigen Doppelwürmer (Diplozoon), von denen mehrere Arten auf den Kiemen der Weißfiſche leben und die ſich dadurch auszeichnen, daß jedes Indi - duum aus zwei gleichen Wurmkörpern beſteht, welche gleich den ſia - meſiſchen Zwillingen in der Mitte durch eine Brücke vereinigt ſind.
Viele Arten und Gattungen von Saugwürmern werden wahr - ſcheinlich in Folge ſpäterer Unterſuchungen aus der Liſte der ſelbſtſtän - digen Thiere geſtrichen werden. So wurde erſt neuerdings entdeckt, daß ein zur Familie der Viellöcher gerechneter Wurm (Gyrodactylus), der an den Kiemen vieler Süßwaſſerfiſche, beſonders der Weißfiſche und Stichlinge lebt, nur eine Entwicklungsſtufe iſt, die ſich ſtets durch Knospung fortpflanzt. Im Innern dieſes Wurmes, der einen gabli -205 chen Darm, Waſſergefäßſyſtem, kurz alle Organe der Saugwürmer beſitzt, entwickelt ſich durch Knospung ein Junges, das faſt die Größe des Mutterthieres erreicht und nach erfolgter Ausbildung dieſes durch eine an der Bauchſeite befindliche Spalte verläßt. Noch während das Junge in der Mutter ſich befindet, erzeugt ſich ſchon in ihm eben - falls ein Junges auf demſelben Wege der Knospung, ſo daß ein ſol - cher trächtiger Wurm Tochter und Enkelin in einander geſchachtelt im Leibe trägt. Die weitern Schickſale dieſer Würmer ſind noch unbekannt.
Die zweite Unterklaſſe der Plattwürmer begreift diejenigen Fa - milien, welche frei leben und auf dem ganzen Körper einen ausge - zeichneten Flimmerüberzug beſitzen, der meiſtens ihre Bewegung im Waſſer vermittelt.
Die erſte Ordnung dieſer Plattwürmer, die Sohlenwürmer (Planarida), hat einen ſehr platten, meiſt ſcheibenförmigen oder ellipti -
Anatomie einer Planarie. Die Haut des Rückens iſt wegge - nommen. a Schlundröhre. b Magen - höhle, von welcher viele verzweigte Blind - därme ausgehen, die nur auf der rechten Seite gezeichnet ſind. c Nervenſyſtem, da - hinter die Augenpunkte. d Männliche Ge - ſchlechtsöffnung. e Hoden. f Weibliche Geſchlechtsöffnung. g Eileiter. Auf der linken Seite ſieht man den Eileiter mit Eiern angefüllt, die außerdem im Gewebe zerſtreut ſind.
ſchen Körper, an welchem ſich manch - mal einzelne lappige Anhänge zei - gen und der eine außerordentliche Contractilität beſitzt. Das Nerven - ſyſtem beſteht aus zwei enge zu - ſammenliegenden, oft verſchmolzenen Knoten, von welchen aus zwei dünne Hauptnervenſtämme nach hin - ten laufen, die keine Knötchen zu beſitzen ſcheinen. An dem vordern Ende des Körpers befindet ſich oft eine große Anzahl von Augenpunk - ten, die meiſt durch Pigment ſchwarz gefärbt ſind und in denen man eine runde Linſe unterſcheidet. Das Ver - dauungsſyſtem iſt deutlich ent - wickelt, zeigt aber niemals einen After. Der Mund befindet ſich an der Bauchfläche, bald mehr nach vorn, bald ſelbſt in der Mitte des Körpers oder ſogar hinter derſelben. Er führt bei der einen Familie in einen muskulöſen dicken Schlundkopf, in welchem eine äußerſt bewegliche Schlundröhre verborgen liegt, die beim Freſſen hervorgeſtreckt werden kann206 und oft länger als der Körper ſelbſt iſt. Bei den meiſten Gattungen hat dieſe rüſſelartige Schlundröhre eine runde Oeffnung, bei andern befinden ſich oft ſelbſt verzweigte Lappen daran, welche die Beute um - faſſen. Dieſe Schlundröhre führt in eine mehr oder minder runde Centralhöhle, die zuweilen gefäßartig verlängert iſt und von wel - cher eine Menge baumartig veräſtelter blindendigender Zweige aus - gehen, welche den ganzen Leib durchziehen. Bei der andern Familie findet ſich nur ein einfacher gerader Darm ohne Schlundröhre und After. Das Gefäßſyſtem beſteht aus einer das Gehirn umgebenden contractilen Blaſe, von welcher aus feine Gefäße ſich in dem Körper netzartig verbreiten. Alle Sohlenwürmer ſind Hermaphroditen und zwar haben die im ſüßen Waſſer lebenden meiſt eine einzige ge - meinſchaftliche, die im Meere lebenden dagegen geſonderte Oeffnungen für die beiden Geſchlechtsorgane. Die Eier ſollen ſich im Gewebe des Körpers ſelbſt entwickeln, wenigſtens hat man bis jetzt noch keinen be - ſonders abgegrenzten Eierſtock wahrnehmen können. Sie gelangen in zwei trompetenförmige Kanäle, die ſich in eine mittlere Begattungstaſche vereinigen, welche hinter dem Munde nach Außen mündet. Die Hoden beſtehen aus zwei langen gewundenen Schläuchen, deren Ausführungs - gänge in eine Samentaſche münden, in welcher ſich ein einfaches Be - gattungsorgan befindet.
Die Entwicklung der Eier weicht auf noch unerklärte Weiſe von derjenigen der übrigen Thiere ab. Es bilden ſich nämlich im Dotter eigen - thümliche Zellen, die ſehr ſonderbare ſelbſtſtändige Zuſammenziehun - gen zeigen. Nach einiger Zeit hören dieſe Bewegungen auf, die Zellen fließen hie und da zuſammen, bilden Inſeln von Dottermaſſen in unbe - ſtimmter Zahl, die ſich allmählig abgrenzen, mit Wimperhaaren über - ziehen und nun als ſelbſtſtändige Embryonen erſcheinen. Die Schlund - röhre entwickelt ſich bei dieſen Embryonen zuerſt, verſchluckt die noch übrigen Dotterzellen und nun plattet ſich der früher kugelförmige Em - bryo allmählig ab und durchbricht endlich in einer dem Mutterthiere ſehr ähnlichen Geſtalt die Eiſchale. Je mehr Embryonen ſich in einem Ei bilden (wovon ihre Zahl abhängt iſt noch ein Räthſel), deſto kleiner ſind die kleinen Sohlenwürmer, wenn ſie das Ei verlaſſen.
Wir unterſcheiden bei dieſer Ordnung zwei Familien. Die eine Familie, die Schwarzwürmer (Rhabdocoela), beſteht aus mehren, meiſt ſehr unvollſtändig gekannten Gattungen, die alle einen geraden, after - loſen Darm, keine Neſſelorgane in der Haut und einen gleichförmigen Wimperüberzug des kleinen Körpers beſitzen. Die Stellung des gro -207 ßen, mit keiner Schlundröhre verſehenen Mundes wechſelt ſehr. Die Geſchlechtstheile ſind, wie bei der folgenden Familie, hermaphroditiſch. Sie finden ſich im ſüßen Waſſer wie im Meere.
Die zahlreichen Gattungen der eigentlichen Sohlenwürmer (Pla - narida s. Dendrocoela), die man beſonders nach den fühlerartigen Anhängen des Körpers, ſowie nach Zahl und Stellung der Augen unterſchieden hat, finden ſich ſowohl im Meere als in ſüßen Gewäſ - ſern ſehr häufig auf Steinen und Waſſerpflanzen, wo ſie mit großer Schnelligkeit einherkriechen und ſich von mikroſkopiſchen Thierchen und Pflanzen nähren. Sie erreichen nur eine unbedeutende Größe und die helleren Arten ſind oft nicht leicht zu finden, da ſie ſich zu einem unſcheinbaren Klümpchen zuſammenziehen. Sie ſchwimmen ſehr ge - ſchickt mit ſchlängelnden Bewegungen wie Blutegel und gleiten ebenſo an der Oberfläche des Waſſers wie an feſten Gegenſtänden fort.
Die Ordnung der Schnurwürmer (Nemertina) begreift meiſt ziemlich lang geſtreckte plattgedrückte Würmer, von welchen einige Arten eine ungeheure Länge erreichen. Der Körper iſt platt wie eine Schnur, glatt und durchaus mit flimmernden Wimpern bedeckt, ſeine Contractilität außerordentlich groß. Das Nervenſyſtem beſteht bei der höheren Familie aus zwei ſeitlichen, meiſt ziemlich bedeutenden Knoten, die aus mehreren Anſchwellungen zuſammengeſetzt ſind und durch einen breiten Verbindungsſtrang auf der Bauchſeite vereinigt werden. Von dieſen Knoten aus ſtrahlen Nerven nach vorne und zwei ziemlich bedeutende Hauptnervenſtränge laufen längs den Seiten des Körpers nach hinten. Die ebenſo wie bei den Sohlenwürmern gebauten Augen finden ſich am vorderen Ende des Kopfes und außer ihnen ſtets noch zwei ſeitliche Gruben, welche mit größeren Wimper - haaren verſehen ſind als die übrige Hautoberfläche, deren Bedeutung für die Oekonomie des Thieres aber noch nicht enträthſelt iſt. Der Verdauungsapparat erſcheint bei den beiden Familien dieſer Ord - nung verſchieden gebildet; bei den Strudelwürmern führt der an der Bauchfläche befindliche, bald mehr vorne, bald weiter hinten angebrachte Mund in einen einfachen Darmkanal, der gerade nach hinten läuft und am hinteren Ende in einen engen After endet. Bei den eigent - lichen Nemertiden bildet der Mund eine Längsſpalte, die in einen ge - räumigen Darmkanal führt, der ganz gerade verläuft, viele ringför - mige Einſchnürungen beſitzt und ebenfalls nach hinten in einem After endet. Bei dieſen Thieren iſt über dem Darme und unabhängig von demſelben eine am vorderen Ende des Körpers geöffnete Röhre ange -208 bracht, welche einen oft bedeutend langen Rüſſel enthält, der nach Außen hervorgeſtülpt werden kann und an deſſen Grunde ſich eine dolchähnliche Waffe befindet, mit welcher wahrſcheinlich die Beute durch - bohrt und dann ausgeſogen wird. Das Gefäßſyſtem beſteht aus zwei ſeitlichen und einem mittleren, auf der Rückenfläche verlaufenden Stamme, in denen eine lebhafte Flimmerbewegung bemerkt werden kann und die ſich vorn und hinten durch Querſchlingen vereinigen. Bei einigen Gattungen iſt das Blut, welches dieſe Gefäße führen, gelb oder roth gefärbt. Die Geſchlechtsorgane ſind bei allen dieſen Würmern noch ſehr ungenügend erforſcht, jedoch ſo weit bekannt, daß ſie nicht, wie die Sohlenwürmer, Hermaphroditen, ſondern eingeſchlechtige Thiere ſind, deren Geſchlechtstheile ſich meiſt periodiſch entwickeln. Bei den nieder - ſtehenden rüſſelloſen Schnurwürmern bilden die Geſchlechtstheile einfache Säcke, in denen ſich Eier oder höchſt ſonderbare Samenthierchen ent - wickeln. Bei den eigentlichen Nemertiden ſcheinen ſie aus trauben - artigen Blindſäcken zu beſtehen, die auf der äußern Fläche des Darm - kanales aufſitzen und die bei dem einen Individuum Eier, bei dem andern Samen erzeugen. Die entwickelten Eier fallen in ſeitliche Räume und ſcheinen durch Oeffnungen an den Seiten nach Außen zu gelangen. Begattungsorgane hat man noch nicht geſehen. Die Eier werden in Schnüren gelegt und es entwickelt ſich in ihnen aus jedem Dotter, deren oft mehrere gemeinſchaftlich in einer Gallerthülſe eingeſchloſſen ſind, ein rundlicher, mit Wimpern verſehener Embryo, der nach eini - ger Zeit die Gallerthülſe durchbricht. Dieſe Embryonen laſſen in ihrem Inneren einen dunkleren Kern wahrnehmen, der ſich bald ſchärfer ab - grenzt und eigene wurmförmige Bewegungen macht. Endlich durch - bricht der Wurmkörper die flimmernde Hülle, die er verſchrumpft zurückläßt, während er ſelbſt weiter zum Wurme auswächſt. Es zeigt ſich alſo hier ein ganz ähnlicher Prozeß, wie bei den Embryonen der Saugwürmer, nur mit dem Unterſchiede, daß dort innerhalb des in - fuſorienartigen Embryo’s ein Keimſchlauch, hier aber der junge Wurm ſich ausbildet, welcher dem Mutterthiere ähnlich wird. Außerdem pflanzen ſich alle dieſe Würmer durch freiwillige Theilung fort, indem der abgeſchnürte Körpertheil zu einem neuen Thiere auswächſt.
209Microstomum lineare. a die mit ſtarken Wim - perhaaren ausgekleideten Flimmergruben, hinter welchen die beiden Augen ſtehen; b der Mund; c der After; d Eier; e Neſſel - organe der Haut.
Wir theilen die Schnurwürmer in zwei Fa - milien. Die einen, die rüſſelloſen Schnurwür - mer (Microstomida), meiſt kleine ſchwimmende Würmer, die übrigens durchaus noch nicht voll - ſtändig unterſucht ſind, haben keinen vorſtreckbaren Rüſſel, einen geraden Darm und in der Haut zerſtreute Neſſelorgane ähnlich denen der Armpo - lypen. Der ſehr ausdehnbare Mund liegt meiſt ſeitlich am vorderen Körperende. Ihren Augen - punkten fehlen brechende Medien; Nervenſyſtem, Ge - fäßſyſten ſind kaum in Spuren entdeckt. Die eigentlichen Schnurwürmer (Nemertida) hinge - gen haben einen vorſchiebbaren Rüſſel und zei - gen alle jene anatomiſchen Eigenthümlichkeiten des Baues, deren wir bei der Ordnung erwähn - ten. Unter dieſen giebt es Gattungen, wie die Borlasia, die an den Küſten von England und Frankreich vorkommt, welche eine Länge von 50 und mehr Fuß erreichen. Es halten ſich dieſe großen Würmer tagsüber zuſammengeballt unter Steinen auf, während ſie Nachts wie es ſcheint ihrem Raube nachgehen.
Das gewöhnliche Kryſtallfiſchchen. (Hydatina senta) ſehr ſtark vergrößert. a die im Kreiſe um den Mund ge - ſtellten Räderorgane; b der Schlundkopf; c der Magen; d Cloake; e After; f Spei - cheldrüſen; g Eierſtöcke; h Falten der Haut, die für Ge - fäße angeſehen wurden.
Ihrer mikroſkopiſchen Kleinheit wegen, (denn die meiſten können nur noch bei günſtiger Be - leuchtung als bewegte Punkte erkannt werden), hat man dieſe Thiere früher allgemein zu den Infuſorien geſtellt, bis man ihren ſo beſonders eigenen Organiſationsplan genauer erkannt hatte. Später entſtanden vielfache Zweifel über ihre Stellung und manche Forſcher glaubten ſogar, ſie den Kruſtenthieren beiordnen zu ſol - len. Obgleich aber bei den meiſten Gattun - gen ein ſchwanzförmiger Anhang des Leibes exiſtirt, welcher gegliedert erſcheint, ſo iſt in - deſſen doch dieſe Gliederung nur in der gewöhn - lich bei den Würmern vorkommenden Form vorhanden, indem die einzelnen Glieder des Anhanges ſeitlich gebogen nnd wie ein Fern - rohr ineinander geſchoben werden können, nicht aber durch förmliche Gelenke mit einander ver - bunden ſind. Eine Stellung unter den Glie - derthieren, deren Bewegungsorgane ſtets wahre Gelenke zeigen, iſt demnach ſchon aus dieſem Grunde unſtatthaft. Ueberdem entfernt die Entwickelung des Eies jede Aehnlichkeit mit den Gliederthieren, indem der Embryo ſich aus dem ganzen Ei entwickelt, ohne daß jemals die geringſte Spur eines dem Rücken zugewandten Dotters vorhanden wäre.
Der Körper der Räderthierchen hat meiſtens eine mehr oder minder eiförmige oder ſpindelförmige Geſtalt, welche beſonders bei den gepanzerten Arten etwas abgeplattet erſcheint. Er iſt genau ſymme - triſch getheilt, und eine Rücken - und Bauchfläche meiſt ſehr wohl durch die Stellung der Augen, der Athemröhren, des Mundes und Afters unterſcheidbar. Die Haut des Körpers iſt äußerſt elaſtiſch und mit Ausnahme der Räderorgane durchaus frei von Wimperhaaren oder ähnlichen Anhängen. Bei vielen Arten ſieht man ſowohl auf dem Körper als auf dem ſchwanzförmigen Anhange einzelne Ringel und Querrunzeln, die von einzelnen Beobachtern für Gefäße gehalten wurden, aber gewiß nur Falten der Haut ſind. Die Thiere können ſich bei dieſer Ringelung der Haut außerordentlich zuſammenziehen,211 ſo daß ſie eine faſt kugelförmige Geſtalt annehmen. Bei einigen Gat - tungen erſcheint die Haut wirklich als ein hornartiger, oft mit ſonder - baren Spitzen verſehener Panzer, der entweder nur ein Rückenſchild oder auch eine abgeplattete Büchſe darſtellt, in welcher das Thier wie in einer Schildkrötenſchaale ſteckt und Kopf und Schwanz hereinziehen kann; einige dieſer Thiere ſtecken auch ähnlich wie Polypen vereinzelt oder gemeinſam in gallertartigen oder hornartigen cylindriſchen Büchs - chen, in die ſie ſich gänzlich zurückziehen können.
Die Räderthiere haben ihren Namen von einem eigenthümlichen Bewegungsapparate, welcher an dem vorderen Ende, dem Kopfe, angebracht iſt und in den meiſten Fällen aus einer mehr oder minder einziehbaren einfachen oder doppelten Scheibe beſteht, auf welcher ein Kranz langer Wimpern ſich befindet, die nach Willkühr in Bewegung geſetzt werden können. Zuweilen bildet dieſes Räderorgan, welches zum Schwimmen wie zum Fangen der Beute durch den von ihm er - regten Strudel dient, im ausgeſtülpten Zuſtande eine vollkommen runde Scheibe, die manchmal nur eingekerbt iſt, bei andern aber in einzelne geſonderte Räderorgane zerfällt. Dieſe Organe ſtehen dann bald zu beiden Seiten des Kopfes auf zwei einſtülpbaren Fortſätzen, bald in einzelnen Haufen, die meiſtens einen Kreis bilden, zuweilen auch ſind eigene Stirnfortſätze mit einem ſolchen Räderorgane beſetzt. Am eigenthüm - lichſten und abweichendſten ſind die Räderorgane in der Familie der Blumenfiſchchen gebildet; hier erſcheinen ſie nämlich als lange Borſten, die meiſt nur träge bewegt werden und bei der einen Gattung ſogar auf fünf einzelnen Armen ſtehen, die von dem in einer Hülle lebenden Thiere ganz wie die Fangarme eines Polypen benutzt werden. Ein zweites Bewegungsorgan befindet ſich faſt bei allen Räderthieren an dem hinteren Theile des Leibes und zwar auf der Bauchfläche, als beweglicher Körperanhang, nicht als eigentlicher Schwanz, da der After ſich ſtets auf der Rückenfläche des Anhanges befindet. Bei den polypenartigen Räderthieren bildet dieſer Anhang einen förmlichen Stiel, der an ſeinem hintern Ende mit einem Saugnäpfchen verſehen iſt, mittelſt deſſen ſich die Thiere anheften; bei den übrigen Gattungen iſt es meiſt eine mehr oder minder lange, fernrohrartige Verlängerung, die an ihrer hintern Spitze oft eine gabelförmige Endigung trägt. Dieſe Gabelzange dient den Räderthierchen zum Anheften während ſie ihren Wimperkranz ſpielen laſſen, oder auch zum Kriechen und Fort - ſchieben auf dem Grunde des Waſſers. Sie bewegen ſich dabei förm - lich wie die Spannraupen, indem ſie bei eingezogenem Räderorgane ſich abwechſelnd mit dem Kopfe anheften, den Gabelſchwanz nachziehen14*212und dann auf dieſen geſtützt den Körper ausdehnend fortſpannen. Bei einigen Gattungen ſind einzelne oder ſelbſt Bündel von ſteifen Borſten auf der Bauchfläche des Körpers angebracht, mittelſt deren ſich die Thiere völlig ſchnellend und hüpfend im Waſſer fortbewegen. An der Baſis der Räderorgane ſieht man meiſtens Faſermaſſen in Knollen - geſtalt, welche offenbar zur Bewegung der Wimperorgane dienen, ſo wie man auch im Innern des Körpers Längs - und Quermuskeln ſieht, welche zur Zuſammenziehung beſtimmt ſind.
Obgleich das Nervenſyſtem noch nicht mit aller Deutlichkeit ermittelt iſt, ſo iſt doch ſo viel ſicher, daß bei allen Räderthieren ein Nervenknoten im Nacken exiſtirt, von welchem einzelne ſeitliche Aeſte ausſtrahlen. Ebenſo unzweifelhaft ſind Augen, welche ſich meiſt durch rothe Pigmentflecke kenntlich machen. Die gepanzerten Räder - thiere beſitzen meiſt nur ein Auge, die übrigen zwei im Nacken gele - gene; nur ſehr ſelten kommen drei oder vier Augenpunkte vor und bei einigen feſtſitzenden Gattungen findet das auch in andern Klaſſen vor - kommende Verhältniß ſtatt, daß die frei ſchwimmenden Jungen Augen beſitzen, die bei den alten feſtſitzenden Thieren gänzlich verſchwun - den ſind.
Fig. 219. Diglena forcipata ſtark vergrößert von der Seite. a das Räderorgan, hinter welchem die zwei Nacken - augen ſich zeigen; b der mit zwei ſcharfen
Das Verdauungsſyſtem der Räderthiere bildet ſtets einen geraden in der Mittellinie gelegenen Darmſchlauch, der mit einem deut - lichen Aſter an dem Grunde des ſchwanzförmigen Anhanges endet. In dem Verlaufe des Darmkanales ſelbſt kann man folgende Abthei - lungen unterſcheiden. Der Mund liegt ſtets am vorderen Ende des Körpers zwiſchen den Räderorganen in ſolcher Weiſe angebracht, daß der erregte Strudel gegen ihn hin - geht. Zuweilen führt der Mund in eine weite Rachenhöhle, an deren Grunde ſtets ein kugeliger Schlund - kopf angebracht iſt, der eine äußerſt ſtarke Muskulatur beſitzt und in den meiſten Fällen mit Zähnen bewaff - net erſcheint, welche auf hornige Kiefer aufgeſetzt ſind. Die Kiefer213
ſpitzen Zähnen bewaffnete Schlundkovf; c Magen und Darm; d After; e Eierſtock f Gabelſchwanz. Fig. 220. Der Schlund - kopf deſſelben Thieres ſtark vergrößert, von oben her geſehen, um die beiden Zähne, ihre Einſetzung in die Kiefer und die rundliche Muskelmaſſe zu zeigen. Fig. 221. Der Schlundkopf von Philodina citrina, wo jede ovale Kauplatte zwei vorſtehende quere Leiſten zeigt.
wirken ſtets von beiden Seiten ge - geneinander und die Zähne ſelbſt erſcheinen bald in Geſtalt horniger, mit queren vorſtehenden Rippen verſehener Kauplatten, bald als förmliche, mehrſpitzige oder ein - ſpitzige Gabelzangen, die an einem Griffe befeſtigt ſind. Die Gabelzähne der letztern Art werden von den Thieren zugleich als Greiforgane benutzt, indem ſie den Schlund - kopf lebhaft aus der Mundöffnung hervorſtülpen und mit den ſcharfen Zangen die Beute packen und durchbohren. Der Schlundkopf ſelbſt iſt bei dem Wirbeln und Freſſen ſo ſehr in beſtändiger Bewegung, daß frühere Beobachter ihn für ein Herz hielten. Von dem Schlund - kopfe aus erſtreckt ſich der dickwandige, leberartig gekörnte, innen mit Wimperhaaren beſetzte Darm nach hinten, indem er meiſt eine an - fängliche Erweiterung, einen Magen, dann eine Verengerung und am Maſtdarme eine zweite Erweiterung, eine Art von Kloake zeigt. Un - mittelbar hinter dem Schlundkopfe münden bei allen Räderthieren zwei dicke knollige Drüſen, die man als Speicheldrüſen betrachten kann, in den Darm ein. Die Nahrung der Räderthiere beſteht bei den mit kauenden Leiſten am Schlundkopfe verſehenen Gattungen gewöhnlich aus pflanzlichen Stoffen, während die mit Gabelzähnen bewaffneten arge Räuber ſind und meiſt gierig über Infuſorien und andere Rä - derthiere herfallen.
Ein Gefäßſyſtem hat man bei den Räderthieren noch nicht entdeckt; — was man für Gefäße anſprach, ſind nur Falten der lederartigen Haut; dagegen kennt man ein inneres Athmungsſy - ſtem mit ziemlicher Genauigkeit. In der Nackengegend, meiſt in einiger Entfernung hinter den Augen, befindet ſich eine Oeffnung, welche bei vielen Gattungen auf einer ein - und ausziehbaren Röhre ſteht. Nur höchſt ſelten iſt dieſe Röhre auf der Bauchſeite augebracht. Von dieſer Athemröhre oder Athemöffnung aus, erſtrecken ſich zwei ſeitliche Kanäle nach hinten und vereinigen ſich in der Nähe des Afters zu einer lebhaft zuſammenziehbaren Blaſe, die oft durch die Afteröffnung ihren waſſerklaren Inhalt im Strahl nach Außen ergießt. An dieſen Kanälen ſelbſt ſieht man in größerer oder geringerer Zahl kurze Seitengefäße, welche frei in die Leibeshöhle münden und an deren Mündung ein wellenförmig zitterndes Wimperläppchen angebracht iſt, welches faſt in ſeiner flimmernden Bewegung dem Flackern eines Flämm - chens gleicht. Offenbar dienen dieſe Röhren mit ihren Zitterorganen214 dazu, Waſſer in das Innere der Leibeshöhle zu bringen und auf dieſe Weiſe die Athmung zu unterhalten.
Die Räderthiere ſind Zwitter und zwar findet ſich bei ihnen ein doppelter oder einfacher Eierſtockſchlauch, in dem man die Eier mit ihren Keimbläschen ſehr wohl unterſcheiden kann. Dieſer Eierſtock mündet in einen kurzen Eileiter, der ſich mit dem After nach Außen öffnet. Die männlichen Geſchlechtstheile ſind noch nicht genügend er - kannt, doch hat man die Samenthierchen frei in der Leibeshöhle ge - funden und zwar bei ſolchen Thieren, welche zugleich Eier trugen, und niemals eine Begattung oder eine Befruchtung der Eier durch ein zweites Thier geſehen, was bei der ungemeinen Vermehrungskraft dieſer Thiere um ſo eher geſchehen ſein müßte, als bei vielen die Eier ſich noch im Leibe des Mutterthieres ſo weit entwickeln, daß man die Hauptorgane des Embryo’s erkennen kann. Die ſtets elliptiſchen Eier treten an der Afteröffnung hervor und werden von einigen Gattungen am Leibe hängend umhergetragen, bei andern frei in das Waſſer ab - geſetzt. Der Dotter geht in ſeiner Geſammtheit den auch bei andern Thieren bekannten Furchungsprozeß ein und der Embryo entwickelt ſich aus dem ganzen Dotter, in der Weiſe, daß man bei dem zuſam - mengekugelten Thierchen zuerſt den Schlundkopf und das Auge und dann die Räderorgane unterſcheidet. Der Embryo kommt aus dem Ei ganz vollkommen ſo geſtaltet, wie das alte Thier, ſo daß alſo weder eine Metamorphoſe noch eine Larvenperiode ſtattfindet.
Die Räderthiere kommen an allen Orten vor, wo man Infuſo - rien findet und waren ſeit den älteſten Zeiten berühmt durch die Eigenſchaft einiger Gattungen, nach langer Eintrocknung bei Zubringen friſchen Waſſers wieder aufzuleben. Auch in Infuſionen finden ſich einzelne Gattungen derſelben häufig.
Die Organiſation der Räderthiere iſt nach Ausſcheidung zweier Gattungen, welche vielmehr den Strudelwürmern angehören, (Ichthy - dium und Chaetonotus) eine ſo übereinſtimmende, daß es ſchwer hält Ordnungen zu unterſcheiden. Als erſte Ordnung trennen wir die polypenartigen Räderthiere (Sessilia) ab, die meiſtens eine ganze Wimperſcheibe beſitzen, die mehr oder minder eingekerbt iſt und beim Wirbeln den Eindruck eines rollenden Rades macht. Bei einigen erſcheint dieſes Rad in der Mitte an der Bauchſeite eingekerbt, bei andern mehrfach geſpalten, bei andern endlich in Fortſätze oder ſelbſt in Fangarme ausgezogen. Der glockenförmige Körper geht nach hin - ten in einen langen Stiel über, der oft gegliedert erſcheint und an ſeinem Ende eine ſaugnapfartige Höhlung trägt, mit welcher ſich die215 Thiere feſtſetzen. Die Familie der Blumenthierchen (Floscularida) beſteht aus zwei Gattungen, die in gallertartigen Hülſen auf Waſſer - pflanzen aufſitzen. Der Schlundkopf iſt mit gebogenen Zähnen be - waffnet. Bei den eigentlichen Blumenthierchen (Floscularia) ſitzen ſehr lange Borſten, die ſich nur träge bewegen, auf einziehbaren Fortſätzen und bilden beim Zuſammenziehen einen langen ſteifen Bün - del, der aus der Röhre hervorragt. Die jungen Thiere haben zwei Augen, welche den Erwachſenen fehlen. Bei den Kronenthierchen (Stephanoceros) ſind fünf förmliche Fangarme entwickelt, die in Wirteln mit Wimperhaaren beſetzt ſind und förmlich zum Ergreifen der Beute benutzt werden.
Melicerta ringens von der Seite geſehen. a die Lap - pen des Räderorgans; b der Mund; c der mit zwei dreileiſtigen Kau - platten bewaffnete Schlundkopf; d Speicheldrüſen; e Magen; f After; g Athemröhren im Nacken; h die Panzerbüchſe, durchſichtig dargeſtellt; i Stiel des Thieres; k Eier mit mehr oder minder entwickelten Em - bryonen, bei welchen man zum Theil Augen ſieht, welche die Erwachſenen nicht haben; l Waſſerfaden, woran das Thierchen feſtſitzt.
In der Familie der Großräder (Megalotrochida) findet ſich ein einfach rundes, hufeiſenförmiges oder gelapptes Räderorgan, welches lebhaft wirbelt und ein mit Leiſten zum Kauen eingerichteter nicht aber mit ſcharfen Gabelzähnen be - waffneter Schlundkopf. Die Thiere ſind entweder frei mit ihrem Schwanzende an Waſſerpflanzen angeheftet, oder, bald ein - ſam, bald geſellig in Gallerthülſen ver - ſteckt. Bei einigen Gattungen (Ptygura, Oecistes) iſt das Räderorgan ganz rund, bei andern (Megalotrocha, Limnias, La - cinularia) durch einen mittleren Einſchnitt hufeiſen - oder nierenförmig, bei einer an - dern Gruppe (Melicerta) ſelbſt vielge - lappt; — die Jungen beſitzen meiſt zwei Augen, welche den Erwachſenen öfters abgehen.
Die Ordnung der ſchwimmenden Räderthierchen (Natantia) zeichnet ſich durch einen meiſt ſpindelförmigen Kör - per aus, an deſſen hinterem Ende ein deutlich abgeſetzter, meiſt in eine Gabel - ſpitze endender, fernrohrartiger Schwanz - anhang ſich befindet. Man theilt ſie je nach der Anordnung der Räderorgane in zwei große Familien ab, welche wieder nach der Beſchaffenheit der äußern Haut zwei Unterfamilien bilden.
216Hydatina.
Die Familie der Vielräderthiere (Poly - trocha) hat an dem vorderen Ende des Kopfes eine größere Anzahl von einzelnen Räderorga - nen, die auf zwiebelartigen Wülſten aufſitzen und bei einzelnen Gattungen, wie z. B. beim Kry - ſtallfiſchchen (Hydatina) noch von einem einfachen runden Wimperkranze umgeben ſind. Zuweilen ſtehen dieſe einzelnen Räderorgane auf einſtülpbaren Fortſätzen (Notommata), in andern Fällen ſcheinen ſie in die Vorderfläche des Kopfes angepflanzt. Der Schlundkopf iſt bei dieſer ganzen Familie, welche die größten Arten der Räderthiere enthält, mit ſpitzen Ha - kenzähnen bewaffnet, die bei einigen eine Hechel darſtellen, bei andern aber nur zwei außeror - dentlich ſpitze Stacheln bilden, die aus dem Munde hervorgeſtreckt werden, um die Beute anzubohren. Einige Gattungen, die ſtreng ge - nommen wohl nicht zur Familie gehören dürften (Triarthra, Polyarthra), haben vorn und hinten am Leibe lange ſtielartige Anhänge, womit ſie faſt wie Flöhe ſpringen, und einen verſchieden gebildeten Schlundkopf mit gerippten Kauplatten. Eine Unterfamilie wird durch diejenigen Gattungen gebildet, welche einen lederartigen oder hornartigen Panzer
Rotifer. a Kopfende. b Rä - der. c Schlundkopf. d Eierſtock. e Darm.
haben, wie z. B. Euchlanis, Brachionus etc. Die Gattungen dieſer Familie haben meiſt nur eine ein - fache Athemöffnung im Nacken und ein oder zwei, ſehr ſelten drei Augen Einige ſogar ſind Zeitlebens blind.
Die Familie der Doppelräderthiere (Zygotrocha) hat nur zwei ſeitliche, auf einſtülpbaren Fortſätzen ſtehende Räder, zwiſchen welchen meiſt noch ein Stirnrüſſel mit einem zärteren Wimperkranze an der Spitze angebracht iſt. Sämmtliche Gattungen, (z. B. Philodina) dieſer Familie haben einen Schlundkopf mit gereiften Kauplatten, und eine Gattung (Pterodina) einen härteren Panzer, während die übrigen voll - kommen weich ſind.
Blutegel.
Die große Klaſſe der Ringelwürmer, deren Angehörige meiſtens frei im Waſſer oder in feuchten Erdhöhlen leben und nur ſehr ſelten ſchmarotzend vorkommen, beſteht aus meiſt langgeſtreckten, mehr oder minder cylindriſchen Thieren, die nur ſelten abgeplattete oder eiförmige Formen darbieten. Ihr Körper beſteht faſt immer aus einzelnen que - ren Ringeln, die in den meiſten Fällen deutliche Körperabſchnitte bil - den und nur bei den niederſten Gruppen mehr oder minder verwiſcht ſind. Es ſind dieſe Ringel durchaus nicht zufällige Runzeln der Haut, ſondern wahrhafte Gliederungen des Körpers, indem an ihnen ſich äußerlich beſonders die Bewegungsorgane, innerlich aber verſchie - dene Abtheilungen der Geſchlechtsorgane, des Nervenſyſtems, des Ge - fäßſyſtems u. ſ. w. wiederholen. Die Zahl dieſer Ringel iſt meiſt äußerſt unbeſtändig; — bei denjenigen Gattungen, welche eine große Menge derſelben beſitzen, ſcheint das Thier durch Zugabe neuer Ringel zu wachſen. Nur bei denjenigen Familien, wo eine ſehr geringe An - zahl von Ringeln exiſtirt, iſt die Zahl derſelben im erwachſenen Zu - ſtande conſtant.
Kopf eines Schlangen - wurmes (Nereis) mit dem mittleren Fortſatze, der die Punklangen trägt, den ſeitlichen Kopf - fühlern und den Füßen zu beiden Seiten der Körper - ringel.
Bei den höhern Ringelwürmern unterſcheidet man einen deutlichen, von den übrigen Ringeln abgeſetzten Kopf, welcher die Centralſcheide des Nervenſyſtems, die Sinnesorgane, Augen, Fühler, Taſtwerkzeuge und die Mundöffnung mit ihren Kauwerkzeugen trägt. Bei den niedrigen Familien im Gegentheile iſt meiſtens das vor - dere Ende des Körpers durchaus nicht abgeſetzt und nicht als beſonderer Ringel, als eigentlicher Kopf, zu unterſcheiden. Die äußern Anhänge, welche der Kör - per trägt und die theils zum Taſten (Fühler), theils zur Bewegung (Fußſtummel), zum Athmen (Kiemen) und zur Vertheidigung (Stacheln und Borſten) beſtimmt ſind, erſcheinen äußerſt wichtig für die Unterſcheidung der Familien und Gattungen und werden bei dieſen noch beſonders betrachtet werden.
218Die Haut der Ringelwürmer beſteht aus einer mehr oder min - der hornigen Oberhaut, welche niemals flimmert und aus einer meiſt derben Lederhaut, deren gekreuzte Faſern durch die Brechung der Licht - ſtrahlen oft ſehr ſchöne ſchillernde Farben hervorbringen. Bei vielen Gattungen iſt dieſe Haut vollkommen nackt, bei andern mit mehr oder minder langen hornigen Haaren beſetzt und bei den Seeraupen von häutigen Schildern überdeckt, die oft mit den verfilzten Haaren eine förmliche zweite Decke auf dem Rücken bilden. Viele dieſer Würmer bilden ſich Röhren, in denen ſie entweder gänzlich hauſen oder nur zeitweiſe ver - ſteckt ſind. In letzterem Falle ſind es Gallerien im Sand oder in feuchter Erde, innen meiſt mit Schleim ausgekleidet; in erſterem aber leder - artige oder kalkige Röhren, durch Ausſchwitzung aus der Haut entſtanden und meiſt von charakteriſtiſcher Form für die einzelnen Gattungen und Arten.
Die Bewegungsorgane der Ringelwürmer ſind ſehr mannig - faltig. Alle Würmer bewegen ſich durch ſchlangenförmige Windungen des Körpers fort; — allein dieſe Windungen werden unterſtützt durch verſchiedene Apparate. Bei den Egeln ſieht man ſtets einen hintern, oft aber auch einen vorderen Saugnapf, mittelſt deren ſich dieſe Thiere ſpannend fortbewegen. Bei den übrigen Ordnungen findet man oft äußerſt ſonderbar geſtaltete Borſten, Stacheln und Haken, die
Fuß eines Kieferwurms (Eunice). b die Kieme; e obere Fühler; t Borſtenbündel; ci unterer Fühler.
entweder nur loſe in Gruben der Haut oder auf beſondern ſeitlichen Stummeln ſtehen, welche ſich längs der Körperringel wiederholen und Füße oder Fußſtummeln genannt werden. Meiſtens unterſcheidet man an jedem Fußſtum - mel einen oberen und unteren fleiſchigen Höcker, den Rückenſtummel (ramus dorsalis) und den Bauchſtummel (ramus ventralis), welche nach allen Richtungen hin bewegt werden kön - nen und außer einem fadenartigen Fühler (cirrhus) einen Bündel von Borſten oder feinen
Querdurchſchnitt eines Schlangenwurms. (Amphinome. ) d Rückenſeite; v Bauchſeite; rd Rückenſtummel; rv Bauchſtummel; s Borſtenbündel; c Fühler.
Stacheln tragen. Die - ſe Borſtenbündel leiſten ſowohl beim Kriechen, als beim Schwimmen die weſentlichſten Dienſte. Man hat je nach der Form dieſer Borſten, beſonders Pfriemen - borſten (festucae), Stachelborſten von219 bedeutenderer Dicke (aciculae) und Hakenborſten (uncinuli) mit ge - zähnten Haken - oder Ankerähnlichen Spitzen unterſchieden.
Das Nervenſyſtem der Ringelwürmer ſteht im Verhältniß zu den übrigen Klaſſen deſſelben Kreiſes auf einer hohen Stufe der Ent - wicklung. Es beſteht in allen Fällen aus einer vorderen, im Kopfe über dem Schlunde gelegenen Anſchwellung, die man als Gehirn be - zeichnen kann und die bald mehr, bald minder deutlich aus zwei ſeit - lichen Hälften zuſammengeſetzt iſt. Von dieſen Anſchwellungen aus gehen zwei ſeitliche Aeſte, die einen Ring um den Schlund bilden und auf der Bauchfläche in eine Kette von Knoten zuſammenfließen, welche in der Mitte der Körpers ſich nach hinten erſtreckt. In der Regel liegt in jedem Ringel des Leibes ein Nervenknoten, der Aeſte nach allen Seiten hin, beſonders an die Fußſtummeln ausſendet. Es exiſtirt alſo bei der großen Mehrzahl der Ringelwürmer eine auf der Rückenfläche des Schlundes gelegene Hirnanſchwellung, ein Schlundring und ein auf der Bauchfläche gelegenes aus einzelnen Anſchwellungen beſtehendes Bauchmark. Bei den meiſten Familien iſt dieſes Bauchmark ſcheinbar einfach, wenn auch ſtets aus zwei ſeitlichen Strängen gebildet, die in den einzelnen Knoten durch Gang - lienmaſſe zuſammengeſchweißt ſind; bei andern ſind die Verbindungs - ſtränge zwiſchen den Knoten getrennt und bei einigen niedern Typen der Ordnungen kommt ſogar als Annäherung an die übrigen Klaſſen der Würmer eine völlige Spaltung des Bauchmarkes in zwei ſeitliche Stränge vor, welche der Mittellinie bald näher gerückt, bald gänzlich auf beide Seiten hin geworfen ſind. Man hat dieſen Umſtand, wenn auch wohl mit Unrecht, dazu benutzen wollen, die mit ſeitlichen Strän - gen verſehenen Ringelwürmer von den übrigen loszutrennen und in andere Klaſſen zu verſetzen.
Beſondere Sinnesorgane ſind als Augen, Taſtorgane und vielleicht auch als Ohrenbläschen vorhanden. Vielen Würmern, be - ſonders den Röhrenbewohnern, fehlen die Augen faſt durchaus und ſind nur bei einigen wenigen Gattungen aufgefunden worden; bei den Egeln finden ſie ſich zuweilen in ziemlicher Anzahl und beſtehen aus einer gewölbten Hornhaut, die einen lichtbrechenden Körper enthält und von ſchwarzem Pigmente umgeben iſt. Die höheren Ringelwür - mer beſitzen meiſt nur zwei oder drei ſymmetriſch geſtellte deutliche Augen; bei einigen gibt es deren ſogar am hinteren Ende, ſowie an den Seiten des Körpers. Bei einigen Ringelwürmern hat man auch auf den Gehirnknoten ſelbſt kleine runde Bläschen mit einem ſteinar - tigen Inhalte gefunden, welche man für Gehörbläschen anzuſpre -220 chen berechtigt iſt. Die Taſtorgane bilden mehr oder minder lange Fäden, welche entweder am Kopfe oder auch ſeitlich an den Fußſtum - meln angebracht ſind. Die Gliedfäden (cirrhi) des Körpers ſte - hen ſowohl auf den Rücken, als auf den Bauchſtummeln; da wo ein deutlicher Kopf vorhanden iſt, ſind ſie nach vorn gerichtet und werden dann mit dem Namen Kopffühler (antennae) bezeichnet. Bei einigen Gattungen erſcheinen ſowohl die Gliedfäden als die Kopf - fühler geringelt, ſo daß ſie den Fühlhörnern mancher Krebſe und Inſekten nicht unähnlich ſehen. Sie unterſcheiden ſich aber ſtets von den Antennen der Gliederthiere dadurch, daß ſie contraktil ſind und daß keine eigentliche Gliederung mit eingelenkten Abſchnitten, ſondern nur eine mehr oder minder deutliche Ringelung der Haut vor - handen iſt.
Anatomie des Pieres. (Arenicola piscatorum) Der Wurm iſt von oben der Länge nach aufgeſchlitzt, die
Der Verdauungsapparat der Ringelwürmer beſteht in den meiſten Fällen aus einem geraden Darmkanale, der von dem am Vorderende angebrachten Munde durch den ganzen Körper nach hinten ver - läuft und ſich in einem endſtändigen After öffnet, welcher meiſt ein wenig nach der Rückenſeite zu angebracht iſt. Nur ſelten iſt der After näher am Munde angebracht. Der Mund iſt bei den Meiſten mit wulſtigen Rändern verſehen und oft auch von ſchar - fen Kiefern umſtellt, welche zum Durchboh - ren der Beute oder zum Anbeißen ihrer Haut und zum nachherigen Ausſaugen be - hülflich ſind. Sehr oft wird die Aufnahme feſter Nahrungsmittel auch durch einen mus - kulöſen Schlund und das Fangen der Beute durch einen Rüſſel unterſtützt, welcher aus der Mundöffnung hervorgeſchoben werden kann. Die meiſten Ringelwürmer ſind auch in der That ſehr räuberiſche Thiere und das Fangen der Beute wird bei denen, wel - che Röhren bewohnen, oft noch durch die ungeheuer langen Kopffühler unterſtützt, welche zugleich als Schlingen benutzt werden. An dem Darmkanale ſelbſt kann man meiſtens einen Schlund, der bald länger bald kürzer221
Eingeweide in ihrer natürlichen Lage behalten. a Mund. b Schlund. c zwei ſeitliche Blind - därme am Anfange des Magens. d herzähnliche contraktile Blaſe, welche den Schlund umfaßt und von welcher die Gefäßſtämme ausgehen, von denen man hier beſonders die Längsgefäße des Darmes und die Quergefäße ſieht, welche die Kiemen ſpeiſen. e Darm. f After. g Leberar - tige Blinddärmchen. h Kiemen. i hinteres kiemenloſes Körperende.
iſt und den dünnhäutigen Darm unterſchei - den, der durch ſeitliche Brücken von Zellſtoff, manchmal auch durch ein förmliches Gekröſe in ſeiner Lage erhalten wird. Meiſt hat dieſer Darm einzelne knotenförmige Anſchwel - lungen oder zuweilen förmliche Blindſäcke, welche den einzelnen Ringeln entſprechen. Bei einzelnen Gattungen hat man an dieſem Darme theils Speicheldrüſen, theils einen leberartigen Ueberzug von gelber, gekörnter Maſſe unterſchieden.
Bei den meiſten Ringelwürmern laſſen ſich beſondere Athemor - gane unterſcheiden, welche in der Form baumartig veräſtelter Kiemen, bald an dem Kopfe, bald an der Rückenfläche über den Rückenſtum - meln ausgebildet ſind. Trotz der bedeutenden Entwickelung, welche dieſe Kiemen bei vielen Würmern zeigen, fehlen ſie oft nahe verwand - ten Familien, wo dann die Haut oder die innere Darmfläche die Athemfunction zu übernehmen ſcheint. Bei den Erdwürmern und den Egeln finden ſich innere Säcke oder Knäuel mit ſchleifenartigen Kanä - len, in welchen eine ſehr lebhafte Flimmerbewegung exiſtirt und die mit engen Oeffnungen nach Außen münden. Ob dieſe Kanäle wirk - lich innere Waſſerkanäle und Athemorgane ſind, wofür man ſie an - geſprochen hat, erſcheint ſchon um deßwillen zweifelhaft, weil man nie - mals gefärbte Flüſſigkeiten in ſie hat eindringen ſehen, weßhalb auch viele Forſcher dieſe Schleifen-Organe, vielleicht mit größerem Rechte, für abſondernde Drüſen anſehen.
Das Gefäßſyſtem iſt bei allen Ringelwürmern bedeutend ent - wickelt, ſeine geſchloſſenen Röhren laſſen ſich faſt überall leicht nachweiſen, da ſich in ihnen ein meiſt roth, zuweilen auch gelb oder grün gefärbtes Blut bewegt. Die Hauptgefäßſtämme pulſiren deutlich ihrer ganzen Länge nach und oft exiſtiren noch einige beſonders ausge - zeichnete pulſirende Anſchwellungen in Schlauch - oder Bläschenform, die man mit Herzen vergleichen kann und die ſtets paarig in der Nähe des Schlundes liegen. Gewöhnlich findet ſich ein mittleres Rücken - gefäß, welches das Blut nach vorn und ein mittleres Bauchgefäß, welches daſſelbe nach hinten treibt. Bei den Egeln ſind indeß zwei ſeitliche Gefäße meiſt ſtärker entwickelt als die mittleren. Es werden dieſe Gefäße durch zahlreiche Querbogen und Netze mit einander ver - bunden und da wo Kiemen exiſtiren, erhalten dieſe ſtets einen zufüh - renden und einen rückführenden Aſt von den Hauptgefäßen.
222Geſchlechtsorgane ſind bei allen Ringelwürmern vorhanden, entwickeln ſich aber meiſt nur periodiſch zu gewiſſen Jahreszeiten, ſo daß oft die Thiere vollkommen geſchlechtslos erſcheinen. Außerdem pflanzen ſich indeß viele derſelben entweder durch Theilung oder auch durch Knospung fort. Die Theilung geſchieht in der Weiſe, daß bei ſolchen Individuen, die noch keine Geſchlechtsorgane zeigen, etwa in der Mitte des Leibes oder weiter hinten ein ſchärferer Einſchnitt ent - ſteht, an welchem ſich ein neuer Kopf mit mehren Ringeln bildet. Sobald nun der Wurm aus Vorderthier und Hinterthier beſteht, ſo bemerkt man an dem Vorderthier, daß der vorletzte Ringel des Leibes ſich mehr abſchnürt und daß aus dieſem ſichtlich getrennten Ringel, während er noch continuirlich mit dem Vorder - und Hintertheile des Thieres zuſammenhängt, nach vorne hin drei oder vier Kopfringe, mit Augen und Fühlern, nach hinten hin Leibes - ringe mit Fuß - und Seitenborſten hervorſproſſen. Iſt dieſe Sproſ - ſung ſo weit gediehen, daß das neugebildete Thier ſich loslöſen will, ſo beſteht alſo das Ganze von vorn nach hinten aus drei Stücken, dem Vorderleibe des Mutterthieres, dem jungen, aus einem Ringel des Mutterthieres entſtandenen Mittelthiere und dem mit einem Kopfe ver - ſehenen Hinterleibe des Mutterthieres, deſſen Schickſal nach der end - lichen Loslöſung noch unbekannt iſt. Das Vordertheil des Mutter - thieres pflanzt ſich zuweilen noch mehrfach durch Theilung fort, bekommt aber dann Geſchlechtstheile und legt dann nur noch Eier. Bei dieſen Ringelwürmern findet auch noch die Eigenthümlichkeit ſtatt, daß abgetrennte Stücke ſich wieder zu ganzen Individuen ausbilden. Von der Theilung verſchieden iſt die Knospung, bei welcher an dem Hinterende des Leibes meiſt zwiſchen dem letzten und vorletzten Rin - gel ein Glied hervorſproßt, welches deutlich das Kopfende des neu zu bildenden Individuums iſt; während dieſes nun auswächſt und Ringel an Ringel reiht, entſteht wieder zwiſchen ihm und dem Mut - terthiere eine neue Knospe, die ſich ebenfalls zu einem unabhängigen Individuum ausbildet. Man hat auf dieſe Weiſe an einem Mutter - thiere bis zu ſechs Knospen hängend gefunden, wovon die hinterſte, älteſte, ſchon ein ſehr vollſtändig ausgebildetes Thier darſtellte, während die vorderſte, jüngſte, nur erſt den Kopfringel zeigte. Es unterſcheidet ſich die Knospung alſo dadurch weſentlich von der Theilung, daß bei letzterer wirklich ein Theil des Mutterthieres (wenigſtens ein Ringel) in das neue Inviduum übergeht, während bei erſterer dieſes ganz neu gebildet iſt.
Die Egel und die Erdwürmer ſind Hermaphro diten und jedes223 Individuum mit männlichen und weiblichen Begattungsorganen ver - ſehen, während die andern Ordnungen getrennte Geſchlechter beſitzen. Bei den erſtern findet, wie es ſcheint, keine Metamorphoſe ſtatt, wohl aber bei den Letztern, weßhalb wir die Zeugungs - und Entwickelungs - verhältniſſe bei den einzelnen Ordnungen betrachten werden. So viel ſei nur noch bemerkt, daß auch bei allen Ringelwürmern ohne Aus - nahme der Embryo ſich aus der ganzen Maſſe des Dotters bildet und daß diejenigen Beobachtungen, aus welchen man das Gegentheil er - ſchließen wollte, irrig aufgefaßt wurden. Bei keinem Ringelwurme findet ſich jemals während des Laufes der Entwickelung ein dem Dot - ter gegenübergeſtellter Embryonaltheil und hierdurch, ſowie durch den Mangel jedes gegliederten Bewegungsorganes trennen ſich die Ringel - würmer weit ab von den Gliederthieren, mit welchen man ſie bis in die neueſte Zeit in Beziehung bringen wollte. Es iſt aber dieſe Be - ziehung nur ſtets eine äußerliche, durch die Ringelung des Körpers und ſeine Theilung in gleichnamige Abſchnitte hervorgebrachte und keineswegs zu vergleichen mit der ungleichnamigen Gliederung des Leibes, die bei den eigentlichen Gliederthieren vorhanden iſt.
Aus der weichen Körperbeſchaffenheit der Ringelwürmer geht ſchon hervor, daß ihre verſteinerten Reſte nur ſelten und unvollkommen er - halten ſein können. Zwar findet man von den Urgeſteinen an oft in ſchiefrigen Gebilden, welche ſich am Strande bildeten, Abdrücke, die offenbar von Ringelwürmern herrühren, denen aber die charakteriſti - ſchen Merkmale, die von den weichen Fühlern, Fußſtummeln, Kiemen etc. hergenommen ſind, gänzlich abgehen, ſo daß ihre Beſtimmung und Vergleichung mit den lebenden Arten unausführbar wird. Eine Aus - nahme hiervon machen diejenigen Röhrenwürmer, welche ſich feſte Kalkröhren bauen, die wohl erhalten bleiben und meiſt charakteriſtiſche Merkmale bieten.
Wir theilen die Klaſſe der Ringelwürmer in fünf Ordnungen, die ſich gewiſſermaßen in zwei Reihen gegenüberſtehen, indem die Egel, die Stern - und Erdwürmer einerſeits und beſonders die Röhren - und Schlangenwürmer anderſeits ſo viele Berührungspunkte zeigen, daß letztere beide kaum von einander zu ſcheiden ſind.
224Sanguisuga medicinalis. Der mediciniſche Blutegel.
Die Ordnung der Egel (Hirudinea) begreift meiſt lange, ſchlanke, rundliche oder abgeplattete Würmer, die eine ſchlüpfrige aber derbe Haut beſitzen und auf der Oberfläche ſehr viele Querrunzeln zeigen, welche indeß den durch die inneren Organe angedeuteten Glie - derungen nur in Ausnahmsfällen entſprechen. Der Körper iſt meiſt nach vorn verſchmälert, nach hinten breiter und trägt an dem hintern Theile ſtets einen breiten, muskulöſen Saugnapf, welcher zum Anheften dient. Das dünnere Kopfende iſt niemals als eigentlicher Kopf abge - ſetzt, zeigt aber bei den meiſten Gattungen ebenfalls einen runden oder aus zwei ſeitlichen Lippen gebildeten Saugnapf, in deſſen Grunde ſich der Mund befindet. Dem Körper fehlen alle ſonſtigen Bewegungs - organe, namentlich jede Spur von Fußſtummeln oder Borſten; er be - wegt ſich beim Kriechen nach Art der Spannraupen durch abwechſeln - des Anheften der Saugnäpfe oder mittelſt ſchlängelnder Windungen beim Schwimmen. Das Nervenſyſtem iſt ſehr entwickelt; — es finden ſich ſtets zwei Stränge, welche die Knoten des Bauchmarkes mit einander verbinden. Bei der am niedrigſten ſtehenden Familie der Weichegel ſieht man indeſſen das Nervenſyſtem in ähnlicher Weiſe wie bei den Saugwürmern angeordnet, indem nur zwei ſeitliche Kno - ten exiſtiren, die durch eine dünne unter dem Schlund herziehende Schlinge verbunden ſind und zwei ſeitliche Aeſte nach hinten ſchicken, die keine Knoten zu beſitzen ſcheinen. Zum Taſten dient beſonders das vordere Kopfende; Augen finden ſich bei allen frei lebenden Egeln in der Zahl von zwei bis zehn, fehlen aber den ſchmarotzenden Gattungen.
Die Egel leben hauptſächlich von dem Blute anderer Thiere und beſitzen zu dieſen Endzwecke in der Mundhöhle meiſt hornige Waffen,225
Anatomie des Blutegels. (Hirudo s. Sanguisuga medicinalis.) Das Thier iſt von der Bauch - ſeite her durch einen Längsſchlitz ge - öffnet und die Haut nach beiden Seiten zurückgeſchlagen worden. Nur die vordere Hälfte des Körpers iſt dargeſtellt, ſo daß man beſonders die Geſchlechtstheile, das Nervenſyſtem, den ſchwarzen Darm, mit ſeinen un - vollſtändigen, ſeitlichen Blindſäcken, die Schleimdrüſen (Reſpirationsbla - ſen) deutlich ſieht. a die 3 Kiefer. b der muskulöſe Schlund. c der Darm. d Ruthenblaſe. e Samen - blaſe. f Hoden. g Uterus. h Eier - ſtöcke. i Nervenſtrang (die ſeitlich abgehenden Nerven wurden nicht dargeſtellt. k Reſpirationsbläschen (Schleimdrüſen) mit den ſchleifenför - migen Flimmerkanalen. l Seitenge - fäß. m unteres Längsgefäß.
A der vordere Saug - napf eines Blutegels mit den Kiefern m in natürlicher Lage; B ein Kiefer ſtärker ver - größert; C einige Zäh - ne deſſelben noch ſtär - ker vergrößert.
womit ſie die Haut an - bohren, um nachher zu ſaugen. Bei den[Blut - egeln] findet man im Grunde des vorderen Saugnapfes drei harte bogenförmige Kieferwül - ſte, die auf ihrer Schneid - fläche mit kleinen, hor - nigen, knollenförmigen Zähnen beſetzt ſind und beim Anbohren ſo vor - geſchoben werden, daß ſie einen dreizackigen Stern bilden. Jeder Kiefer wirkt auf die Haut wie eine Säge. Der Blutegel be - wegt dieſe Bogenſägen unter beſtändigem Aufdrücken ſo lange hin und her, bis er die Haut durchbohrt hat, wo er dann die Kiefer zurückzieht und das Blut durch abwechſelnde Ausdehnung und Zuſammen - ziehung des muskulöſen Schlundes auf - pumpt. Bei den Kiemenegeln finden ſich nur zwei Kiefer vor, bei den Rüſſelegeln dagegen eine Schlundröhre ähnlich der - jenigen der Sohlenwürmer. Der auf den muskulöſen Schlund folgende Darm iſt meiſtens durch mehr oder minder ſtarke Einſchnürungen in einzelne Säcke getheilt und zeigt noch außerdem in häufigen Fällen im hintern Theile des Körpers gelegene Blindſäcke, welche zuweilen ver - äſtelt ſind. Der Maſtdarm iſt von dem übrigen Darme meiſt durch eine enge Klappe getrennt und öffnet ſich mit einem engen After, unmittelbar vor dem Saug - napfe des Hintertheiles an der Rückenfläche. In dem Blutgefäß - ſyſteme findet ſich bald rothes, bald farbloſes Blut und man unter - ſcheidet als weſentliche contractile Stämme zwei ſeitliche Längsgefäße,Vogt, Zoologiſche Briefe. I. 15226ein Rücken - und ein Bauchgefäß, die vorn und hinten durch weite Querbogen und in den Körperringeln durch feinere Zwiſchenäſte mit - einander in Verbindung ſtehen. An den Seiten des Körpers ſieht man meiſt eine ziemliche Anzahl von ſehr feinen Oeffnungen, welche in rundliche Säcke, die mit ſchleifenförmigen lebhaft flimmernden Ka - nälen in Verbindung ſtehen, einmünden. Die Bedeutung dieſer Kanäle iſt noch nicht genauer feſtgeſtellt.
Sämmtliche Egel ſind, mit Ausnahme der Weichegel, Herma - phroditen und pflanzen ſich nur durch Eier, nicht durch Knospung oder Theilung fort. Die Geſchlechtsöffnungen liegen auf der Bauch - ſeite meiſt in der Nähe des Mundes unmittelbar hintereinander. Die vordere männliche Oeffnung führt in ein zwiebelförmiges Säckchen, aus welchem das lange fadenförmige Begattungsorgan hervorgeſtreckt wer - den kann. In jedem Ringel des Vorderleibes liegt ein Paar Hoden, welche mit langen, an den Seiten hinlaufenden Samengängen in Ver - bindung ſtehen. Die weiblichen Geſchlechtsorgane beſtehen aus zwei bohnenförmigen Eierſtöcken, die in einen kurzen Eileiter und einen flaſchenförmigen, nach Außen mündenden Eibehälter ſich fortſetzen.
Die Entwickelung der Egel iſt höchſt eigenthümlich, gleicht indeſſen in vieler Beziehung derjenigen der Sohlenwürmer, wie denn überhaupt zwiſchen dieſen beiden Ordnungen ſich vielfache Beziehungen zeigen, die vielleicht noch zu einer nähern Vereinigung führen dürften. Bei den eierlegenden Egeln ſchwitzt am Vordertheile des Leibes ein gallert - artiger Stoff aus, welcher eine Art Gürtel darſtellt. Der Wurm legt die Eier in dieſen Gürtel, zieht ſich dann aus demſelben heraus, die Oeffnungen des Gürtels ſchnurren zuſammen, und es iſt ſo eine hornartige Eikapſel gebildet, welche an Waſſerpflanzen angeklebt wird, und die man mit den Cocons der Seidenraupen verglichen hat. Die Cocons der Blutegel ſind von bedeutender Größe und enthalten ſtets viele Eier. In den Eiern ſelbſt ſcheint ſich nun der Embryo gewiſ - ſermaaßen aus einzelnen Stücken zuſammenzuſetzen. Eine bewegliche Schlundröhre bildet ſich zuerſt an dem mit Wimperhaaren überzogenen Embryo. Dieſer Magenſchlauch tritt dann mit einem Saugnapfe in Verbindung und ſchluckt, während ſich der Embryo fortentwickelt, die noch übrigen Dotterzellen auf. Der Anfangs kugliche Embryo wird nach und nach platt, länglich, verliert ſeine Wimperhaare und ſchlüpft endlich in der Geſtalt des Mutterthieres aus dem Ei hervor. Es findet alſo eine eigentliche Metamorphoſe nicht ſtatt, ebenſowenig wie bei den Sohlenwürmern.
227Malacobdella.
Wir theilen die Egel in drei Familien. Die Weichegel (Malacobdellida) ſchließen ſich am Nächſten den Saugwürmern an. Ihr Körper iſt abgeplattet, vorn ſtumpf, hinten mit einem großen Saugnapfe verſehen; der Mund weich, unbewaffnet, mit kleinen Wärzchen beſetzt; der Darmkanal gerade, ohne Blind - ſäcke und Verzweigungen; das Nervenſyſtem beſteht aus zwei ſeitlichen Stämmen und zwei ſeitlichen Schlund - knoten. Die Geſchlechter ſind getrennt — äußere Begattungswerkzeuge fehlen ganz. Die Zeugungs - ſtoffe entwickeln ſich in zelligen Kammern der Leibes - höhle und dringen durch ſeitliche Oeffnungen derſelben hervor. Die Körperhaut iſt halb durchſichtig und läßt die Eingeweide im Innern erkennen. Es ſchma - rotzen dieſe Egel, von welchen man nur eine Gattung (Malacobdella) kennt, in der Mantelhöhle verſchiedener Meermuſcheln, beſonders der Trogmuſcheln.
Clepsine hyalina.
Die zweite Familie, diejenige der Rüſſelegel (Clepsinida) hat einen hinten breiten, vorne ſehr ſchmalen Körper, mit einem breiten, hintern Saug - napfe, einen vorſtreckbaren Rüſſel ohne Bewaffnung und einen mit langen Blinddärmen verſehenen Darm - kanal. Sie leben beſonders häufig in ſüßen Waſſern, wo man ſie an Waſſerpflanzen kriechend antrifft und nähren ſich vom Blute der Waſſerſchnecken. Clepsine.
Die Familie der Blutegel (Hirudinida) hat einen mehr gleichförmig breiten Körper, zuweilen mit deut - lichen Ringeln und außer dem großen hintern Saug - napf einen vorderen Mundnapf, welcher bald per - manent iſt, bald auch, wie bei dem mediziniſchen Blutegel, durch Ausdehnung der lippenförmigen Um - gebung des Mundes gebildet werden kann. Der Mund iſt ſtets ohne Rüſſel, bei einigen mit Kiefern bewaffnet, bei andern nur mit einem fleiſchigen Wulſte verſehen. Zu dieſer Familie gehört der gewöhnliche Blutegel (Sanguisuga), in Mitteleuropa, Kleinaſien und Oſtindien einheimiſch, der zum Blutſaugen am Menſchen benutzt wird; der Roß - egel (Haemopis) und viele auf Fiſchen (Piscicola) und auf Krebſen (Branchiobdella) ſchmarotzenden Würmer. Die meiſten Blutegel lauern im Verſteck auf die Thiere, welche zur Tränke kommen, andere heften15*228ſich an die äußere Haut an und laſſen ſich ſo herumtragen. Eine ganz augenloſe Gattung (Branchiobdella) lebt beſonders häufig an den Kiemen der Flußkrebſe, und kann wegen der Durchſichtigkeit ihrer Haut leicht zu mikroſkopiſchen Beobachtungen benutzt werden. Der große Verbrauch des mediziniſchen Blutegels zu ärztlichen Zwecken iſt bekannt. Man legt zu ſeiner Aufbewahrung eigene Zuchtteiche und Tümpel an, deren Behandlung viele Sorgfalt erfordert und bezieht jetzt die meiſten aus Oſtindien und Aegypten, da die ungariſchen und polniſchen Sümpfe, welche ſie früher in ungeheurer Anzahl lieferten, faſt erſchöpft ſind. Aulacostomum; Pentobdella.
Die Ordnung der Sternwürmer (Gephyrea) wird von
Sipunculus. a Der mit rückwärtsgebo - genen in Querreihen ſtehen - den Haken beſetzte Rüſſel; b die Fühlwarzen; c der durch die Körperhaut durch - ſcheinende Darm; d der After.
einer höchſt eigenthümlichen Gruppe von Meer - würmern gebildet, welche man bis jetzt großen - theils als zu den Strahlthieren gehörig be - trachtete, indem man ſie den Seewalzen an - reihte. Der Körper dieſer Thiere iſt walz - enförmig, drehrund, von einer derben leder - artigen Haut umhüllt und meiſt nackt, doch ſieht man bei einigen Gattungen ſteife, in die Haut eingepflanzte, unbewegliche Borſten, oder auch an dem Vorderende einige Haken, die zum Feſthalten dienen. Alle dieſe Thiere leben im Sande, in Löchern und in Höhlen in ähnlicher Weiſe unter dem Waſſer, wie die Regenwür - mer auf dem feſten Lande. Sie zeigen keinen beſonders abgeſetzten Kopf und keine Sin - nesorgane. Das Nervenſyſtem beſteht aus einem Bauchmarke und einem Schlundringe, an dem ſich ein unbedeutender Hirnknoten erkennen läßt. Der Mund befindet ſich an dem vordern Ende des Körpers und iſt bei den meiſten Gattungen mit einem lan - gen Rüſſel verſehen, welcher in ähnlicher Weiſe wie bei den Kratzern, mit rückwärts ge - bogenen Haken beſetzt iſt. Der Darmkanal er - ſcheint bei den meiſten Gattungen gewunden, nur bei einigen grade und öffnet ſich an dem hintern Ende des Körpers; nur bei einer Gat - tung findet ſich der After auf der Bauchſeite in der vordern Hälfte des Körpers. Es ſind dieſe Thiere meiſt noch ſehr unbekannt, ihre Anatomie ſowie ihre Entwicklung bedarf noch vieler Aufklärung, bevor229 ihre Stellung mit Genauigkeit angegeben werden kann. Es gehören zu dieſer Ordnung die Heberwürmer (Sipunculus), die Stachel - würmer (Echiurus) und einige andere Gattungen, welche man nur dem äußern Anſehen nach kennt. Thalassema; Priapulus.
Die Ordnung der Erdwürmer (Scoleina) hat einen lan - gen runden Körper, der nur undeutlich gegliedert erſcheint. Die Haut iſt derb, zuweilen ſelbſt lederartig und auf beiden Seiten des Körpers ſind Borſten in dieſelbe eingeſenkt, welche zur Unterſtützung der Be - wegungen dienen. Es ſtehen indeß dieſe Borſten niemals wie bei den folgenden Ordnungen auf eigenen Fußſtummeln, ſondern ſtecken viel - mehr oft faſt gänzlich verborgen in paarigen Gruben der Haut. Man unterſcheidet keinen deutlich abgeſonderten Kopf, wohl aber bei der einen Familie zwei Nackenaugen, die den Regenwürmern abgehen. Der Mund zeigt niemals Kiefer oder rüſſelförmige Organe, der Darm läuft grade durch den Körper und läßt nur abwechſelnde, den Rin - geln entſprechende Einſchnürungen, aber keine Blindſäcke wahrnehmen. Das Blut iſt meiſt roth; es cirkulirt hauptſächlich durch zwei in der Mittellinie des Bauches und des Rückens gelegene Längsgefäße, welche durch Queräſte verbunden ſind, die bei den Regenwürmern na - mentlich im vordern Leibesende perlſchnurartig geformt ſind und leb - haft pulſiren. Man findet auch bei dieſen Thieren ähnliche ſchleifen - förmige Kanäle mit innerer Wimperbewegung wie bei den Egeln und iſt ebenſo wenig wie bei dieſen über ihre Bedeutung klar geworden. Sämmtliche Erdwürmer ſind Hermaphroditen und haben auf der Vor - derfläche des Bauches paarige Geſchlechtsöffnungen, welche zu beiden Seiten der Mittellinie liegen, zum Unterſchiede von den Egeln, welche nur je eine Geſchlechtsöffnung zeigen. Hoden und Eierſtöcke ſtecken übrigens öfters ſo in einander, daß es unmöglich iſt, ſie zu trennen, indem in dem ſchlauchförmigen Eierſtocke ſelbſt der Hodenſchlauch ein - geſchachtelt iſt. Ueber die Entwicklung der Erdwürmer im Ei liegen durchaus noch keine Beobachtungen vor; man weiß nur ſo viel, daß die Jungen keine ſpätere Metamorphoſe mehr durchmachen, ſondern vollkommen ausgebildet das Ei verlaſſen.
Die Familie der Regenwürmer (Lumbricida) beſteht aus walzenförmigen, höchſt ungleich gegliederten Thieren ohne geſchiedenen Kopf und ohne Augen, auf deren Bauchfläche in ſeitlichen Gruben, welche nahe an der Mittellinie angebracht ſind, Packete gekrümmter Borſten ſtehen, die gänzlich in dieſe Gruben zurückgezogen werden können. Sie leben in Erdhöhlen, im feuchten Boden und ſcheinen be - ſonders Nachts ihrem Raube nachzugehen. Daß ſie Pflanzenſtoffe, Wur -230 zeln und Schoſſen abfreſſen, iſt eine Fabel. Zur Brunſtzeit entwickelt ſich bei dieſen Thieren hinter den Geſchlechtstheilen eine Anhäufung von Drüſenbälgen, welche einen zähen klebrigen Schleim abſondern, der beſonders zum Feſthalten bei der Begattung dient. Die Drüſen - bälge ſelbſt ſchwellen zu dieſer Zeit an und bilden entweder einen auf dem Rücken liegenden Sattel oder einen förmlichen Gürtel um den Leib, welcher von Unkundigen meiſt für eine vernarbte Wunde gehal - ten wird. Einige Gattungen dieſer Erdwürmer bauen ſich förmliche Röhren, während die meiſten ſich begnügen, ihre Gallerieen mit Schleim auszufüttern und ſie dadurch vor dem Zuſammenfallen zu ſchützen. Lumbricus; Saenuris; Enchytraeus; Euaxes; Rhynchelmis; Sternaspis.
Die Familie der Waſſerſchlängel (Naidida) begreift kleine, un -
Nais (Stylaria) pro - boscidea. a Rüſſelartiger Fortſatz des Kopfes, hinter dem man den Anfang des Dar - mes und die beiden Augen ſieht. b Schlund und Ma - gen. c Darm, durchſcheinend durch den Körper.
deutlich gegliederte, außer den Borſtenbündeln am Leibe auch noch mit einfachen Seitenborſten verſehene Würmer, welche beſonders den Schlamm der ſüßen Gewäſſer bewohnen und darin ſich Galerieen gra - ben, aus denen ſie den ſtets lebhaft ſchlängelnden Kopf hervorſtrecken. Einige Arten (Chaetogaster) ſchmarotzen auch in der Mantelhöhle der Waſſer - ſchnecken. Die meiſten haben zwei deutliche Augen. Es pflanzen ſich dieſe Thiere unabhängig von der geſchlechtlichen Entwicklung auch noch in der oben beſchriebenen Weiſe durch Theilung fort und ihre ausgezeichnete Reproductionskraft nach Verletzungen iſt ſchon oft der Gegenſtand vielfacher Beobachtungen geweſen. Nais; Chaetogaster; Stylaria; Proto; Aeo - losoma.
Die Ordnung der Röhrenwürmer (Tubicola) gehört ausſchließlich dem Meere an und bildet mit der folgenden Ordnung eine natürliche Gruppe in ähnlicher Weiſe, wie die Egel und die Erdwürmer eine größere zuſammenhängende Gruppe darſtellen. Alle dieſe Würmer wohnen in dem ausgewachſenen Zuſtande in Röhren, welche eine ſehr verſchiedene Beſchaffenheit zeigen. Bei den einen erſcheinen ſie als vielfach gewundene Gallerieen aus fremden Kör -231
Grupre von Röhren des Meerpinſels (Serpula). Der aus der einen Röhre hervorgeſtreckte Wurm zeigt den Kranz von Kopffühlern und Kiemen; den mittleren zu einem Deckel der Röhre ver - dickten Fühler[und] die erſten Leibesringel mit den ſeitlichen Borſten.
pern, Sand, Steinchen, Schalenſtücken zuſam - mengeklebt und im Innern mit einer ſeiden - artigen Schicht verhärteten Schleimes ausge - klebt; bei andern ſtellt ſich die Röhre perga - mentartig oder ſelbſt hornig dar, und noch bei andern Gattungen iſt ſie feſt und aus kohlen - ſaurem Kalk gebildet. Die Windungen dieſer Wurmröhren, ihre äußere Verzierungen ſind in dieſem Falle meiſt ſo charakteriſtiſch, daß man auch aus der leeren Röhre Gattung und Art beſtimmen kann. Die Haut, der in dieſen Röhren ſteckenden Würmer iſt meiſtens ziem - lich weich und ihre Contractilität iſt ſehr be - deutend. Zum Feſthalten in ihren Röhren dienen ſeitliche, mit Borſten beſetzte Fußſtum - meln, welche Büſchel von Haken und Horn - ſpitzen, niemals aber bewegliche Anhänge tra - gen. Es ſind dieſe Borſten meiſt hakenförmig gekrümmt und ſo geſtellt, daß das Thier ſie gegen die Röhre anſtemmen und gegen das Hervorziehen einen bedeutenden Widerſtand leiſten kann. Durch die Hakenborſten unterſcheiden ſich die meiſten Röhrenwürmer von den Schlangenwürmern, welche niemals Hakenborſten beſitzen.
Man kann bei den[Röhrenwürmern] keinen geſonderten Kopf un - terſcheiden. Sinnesorgane fehlen faſt immer; nur bei einigen Gattun - gen hat man kaum bemerkbare Augen wahrgenommen. Ebenſo fehlt ſtets irgend welche Bewaffnung des Vorderendes, Kiefer, Rüſſel oder dergleichen. Dagegen finden ſich bei allen Röhrenwürmern an dem Kopfende eigenthümliche Kopffühler, contractile Fäden, welche ſo - wohl zum Taſten als auch zum Fangen der Beute dienen. Bei eini - gen Gattungen erſcheinen dieſe Kopffühler in Form gefiederter An - hänge, welche eine Art Federkrone in Trichter - oder Spiralform bil - den und eine mehr ſteife Natur haben. Bei andern bilden ſie eine Menge außerordentlicher dünner langer Fäden, welche eine wunder - bare Beweglichkeit beſitzen und die man abgetrennt für ſelbſtſtändige Würmer halten könnte. Mit dieſen Fäden, welche man früher irr - thümlicher Weiſe für Kiemen hielt, angeln die Würmer beſtändig im Waſſer umher und wenn irgend ein Umſtand ſie zwingt, ihre Röhre zu verlaſſen, ſo bedienen ſie ſich auch häufig derſelben, um den Kör - per daran nachzuziehen. Bei manchen Gattungen finden ſich nur zwei232 ſolcher Kopffühler, wovon der eine oftmals zu einer Art Pfropf um - gewandelt iſt, mit welchem das Thier beim Zurückgehen ſeine Röhre ſchließt.
Bei[den] Röhrenwürmern ſind die Hirnganglien ſtets ſehr bedeutend, aber als eine Annäherung zu den niedern Klaſſen der Wür - mer beobachtet man auch hier, daß die Verbindungsſtämme des Bauch - markes aus einander weichen und zu beiden Seiten der Mittellinie mit eigenen Knoten ſich hinziehen.
Der Darmkanal der Röhrenwürmer iſt deutlich in einen mus - kulöſen Schlund, einen ſchlauchförmigen Magen und einen meiſt engern Darm getheilt. Er verläuft zuweilen in ſeinem hintern Theile ſpira - lig gewunden bis zu dem am Körperende liegenden After. Doch gibt es einige Gattungen, bei welcher er auch mehrere ſchlingenförmige Win - dungen macht. In dieſen Darm münden meiſt unmittelbar hinter dem Kopfe zwei Speicheldrüſen ein.
Alle Röhrenwürmer beſitzen Kiemen, welche an dem Kopfe in Form baumartig veräſtelter Anhänge, zuweilen aber auch zur Seite oder ſelbſt auf dem Rücken angebracht ſind. Meiſt können dieſe Kie - men nach Willkür ausgeſtreckt und eingezogen und auf dieſe Weiſe die Circulation des Blutes in ihnen gehemmt oder gefördert werden. Die Gefäße, welche dieſe Kiemen ſpeiſen, entſtehen aus dem Rücken - gefäße, welches gewiſſermaßen das Kiemenherz repräſentirt und das oftmal in zwei Stämme geſpalten iſt, wovon der eine unter der Haut, der andere längs des Darmkanales läuft. Die Kiemen zeigen ſtets eine ſehr lebhafte Flimmerbewegung und ſind immer ſo geſtellt, daß nicht die ganze Blutmaſſe, ſondern nur ein Theil davon durch ſie hin - durchgetrieben wird.
Alle Röhrenwürmer ſind getrennten Geſchlechts und pflanzen ſich nur durch geſchlechtliche Zeugung fort. Die Geſchlechtstheile ent - wickeln ſich periodiſch als innere Drüſenbälge, deren Inhalt nach der Reihe durch Platzen in die Bauchhöhle entleert wird. Auf welche Weiſe die zu gewiſſen Zeiten die Leibeshöhle ganz erfüllenden Pro - dukte nach Außen geſchafft werden; ob durch Ablöſung des hintern Körperendes, ob durch beſondere Oeffnungen am Kopfe oder an den Seiten des Leibes, iſt bis jetzt noch unbekannt, doch iſt das Letztere wahrſcheinlicher. Die meiſten Röhrenwürmer legen ihre Eier in ſchleimigen Klumpen, welche an der Mündung der Röhre feſtgeklebt ſind und dort leicht aufgefunden werden können.
233Die Entwickelung der Röhrenwürmer wurde erſt in neueſter Zeit bekannt und ließ noch mehr als alle andern Charaktere
Erſte Entwickelung eines Röhrenwurmes (Terebella) Fig. 238. Der reife Dotter. Fig 239. Ein Embryo, welcher eben das Ei verlaſſen hat und mittelſt eines breiten Wimperkranzes (e) wälzend einherſchwimmt. Fig. 240. Ein weiter gebildeter Embryo, an dem ſich ein Kopfringel, ein be - wimperter Halsringel, ein Körperringel und der gleichfalls be - wimperte Endringel unterſcheiden läßt. Fig. 241. Ein noch weiter ausgebildeter Embryo, an dem man mehrere Körperrin - gel, Augen und die Anlage des Darms unterſcheidet. a Dot - terhaut. b Dotter. c Kopfende. d Hinterende. e Bewimper - ter Halskragen. f Hinterer Wimperkranz, letztes Körperglied. g′ Vorletztes Körperglied, g″ Drittes Körperglied. h Augen. i Darm.
die nahe Ver - wandtſchaft zwi - ſchen ihnen und den umherſchwei - fenden Ringel - würmern, den Schlangen-Wür - mern, erkennen. Man fand, daß dieſe Jungen eine vollſtändige Me - tamorphoſe durch - machen, und daß ſie im Anfange ganz auf dieſelbe Weiſe wie die Jungen der um - herſchweifenden Ringel-Würmer gebildet ſind, ſo
Weitere Entwickelungsſtufen deſſelben Wurmes. Fig. 242. Von oben. Fig. 243. Von der Seite geſehen. Der Darm hat ſich jetzt in einen
daß es ſchwer hält, dieſelben zu unterſcheiden. Nach vollendetem Furchungsprozeſſe verwandelt ſich nämlich der Dotter im Ganzen in einen faſt kugelrunden Embryo, welcher dicht mit Wimperhaaren beſetzt iſt. Das kugelförmige Thier durchbricht nun meiſt die Eihülle und ſchwimmt frei im Waſſer umher. Die Larve wird eiförmig, an dem vordern Ende ſieht man zwei deutliche Augen - punkte. Die Wimpern ziehen ſich zuſammen und bilden un - mittelbar hinter den Augen eine Art Halskragen. Der Körper verlängert ſich ſtets mehr, man ſieht Querabtheilungen und an234
Schlund (i′), Magen (i″) und Darm (i‴) getheilt, die Wimperkränze fangen an zu ſchwinden, und dafür die Fußborſten hervorzuſproſſen. Das Kopf - ende iſt ſpitz geworden und eine deutliche Unter - lippe (k) hervorgeſproßt. Bedeutung der Buch - ſtaben wie in den vorigen Figuren.
Terebella. Fig. 244 u. 245. Der Wurm hat ſich eine Röhre umgebildet und es ſproffen all - mählig Fühler und Kiemen hervor. In Fig. 244. kommt der erſte Fühler in Geſtalt eines Zapfens am Kopfende hervor; in Fig. 245. zählt man ſchon acht Fühler (o) und die Kie - men erſcheinen in der Nackengegend in Geſtalt kleiner Stummeln. m Röhre. o Fühler. p Kiemen; die übrigen Buchſtaben wie oben.
dem hinteren Ende des Körpers einen zweiten Wimperkranz. Die Larve ſchwimmt nun ſehr ſchnell im Waſſer umher. Die Ringel vermehren ſich und werden deut - licher, die beiden Wimperkränze verſchwinden allmählig, während zugleich an den Seiten des Kör - pers ſich einzelne Borſten zeigen. So iſt allmählig aus der eiförmi - gen Larve ein länglicher Wurm mit deutlichem Kopfe, zwei Augen, einem flimmernden Halskragen und mehrfachen Körperringeln gewor - den, welche mit Borſten beſetzt ſind und dem Thiere beim Kriechen dienen. Nun beginnt die Larve ſich feſtzuſetzen und eine Röhre umzubilden, während zugleich an der Stelle des Halskragens die Kiemen hervorſproſſen. Die Augen verſchwinden, die Kopffühler ſproſ - ſen an ihrer Statt hervor und bei zunehmender Entwickelung bildet ſich das Thier auf dieſe Weiſe ſtets mehr und mehr zum erwach - ſenen Röhrenwurm um, welchem bekanntlich die Augen gänzlich feh - len. Bei den Larven der umher - ſchweifenden Ringelwürmer, welche Anfangs vollkommen mit den beſchriebenen der Röhrenwürmer hinſichtlich ihrer Bildung überein - kommen, ſchreitet dagegen die Entwickelung des Kopfes ſowohl wie die des ſonſtigen Körpers in gleichem Maaße fort. Man kann alſo mit vollem Rechte behaupten, daß die Röhrenwürmer und235
Terebella. Der erwachſene Wurm aus der Röhre gezogen in natürlicher Größe. Die feinen Fühler bilden einen Buſch geſchlängelter Fäden, die beſtändig umherangeln und ſich deutlich von den baumartigen Kiemen p im Nacken unterſcheiden.
Drei verſchiedene Entwickelungsſtufen eines Schlangenwurmes (Nereis. ) um die allmählige Verlängerung des Körpers durch Streckung und Zuwachs neuer Ringe zu zeigen. In dem jungen Embryo Fig. 247. beginnen die Kopffühler erſt zu ſproſ - ſen; die Kiefer des Schlundkopfes ſind kaum angelegt, die
die Schlangenwürmer zuſammen nur einen Typus bilden und daß die erſteren durch rück - ſchreitende Metamor - phoſe zu der ſitzenden Lebensart umgebildet werden, welche ſie im erwachſenen Zuſtande behaupten. Die Fixa - tion eines Thieres an einem beſtimmten Orte, das Leben in Röhren und Schalen, die feſt - ſitzen, wirkt ſtets ganz in ähnlicher Weiſe de -236
Augen nur einfach, man unterſcheidet nur zwei Leibes - ringe. In Fig. 248. haben ſich die Leibesringe vermehrt, die Fühler ſind größer, die Augen ſind zweipaarig, die Kiefer deutlich geworden. In Fig. 249. endlich ſind die Fühler ausgebildet, ebenſo die Kiefer, die Füße der Lei - besringe getheilt, das Ganze, bis auf die Länge, dem Erwachſenen ähnlich. a Kopfende mit den Fühlern. b Kiefer. c Hinteres Ende. d Leibesringel.
gradirend auf daſſelbe ein, wie das Schma - rotzerleben, indem bei beiden Zuſtänden die edleren Sinnesorgane und die activen Bewe - gungsorgane verkümmern, um Haftorganen und mehr oder minder ausgebildeten Taſtwerkzeugen Platz zu machen.
Wir theilen die Ordnung der Röhrenwürmer nach der Lage der Kiemen und der Form der Borſten in drei Familien. Bei den erſten, den Auſternwürmern (Hermellida) ſtehen die Kiemen paarweiſe zu beiden Seiten des Rückens, und an dem vordern Ende des Kopfes ſieht man außer einem Haufen baumartig verzweigter Fühler zwei dicke Wülſte, welche auch zum Schließen der Röhre dienen. Dieſe iſt meiſt rund und aus Sandkörnern zuſammengeklebt. Arten dieſer Au - ſternwürmer entwickeln ſich in ſo enormen Geſellſchaften auf den Auſternbänken, das hierdurch das Wachsthum und die Ausbildung derſelben vielfach beſchränkt wird. Hermella.
Gruppen von Röhren des Meerpinſels (Serpula).
Die Familie der Meerpinſel (Sabellida) hat die Kiemenbüſchel vorn am Kopfe, bald in Form eines aus zwei Hälften gebildeten Kreiſes von Federn, bald aus ſeitliche ver - zweigte Bäumchen, bald auch als Kämme in der Halsgegend. Diejenigen Gattungen, welche kalkige Röhren beſitzen, bilden oft große Grup - pen, welche ſich beſonders auf Muſcheln, Ko - rallen u. ſ. w. feſtſetzen, während die, welche Röhren aus Sand oder verhärtetem Schleime beſitzen, mehr einzeln leben. Man hat Ge - häuſe, welche meerpinſelartigen Thieren an - gehören, faſt in allen Schichten der Erde von den älteſten an gefunden, ohne daß indeß ihre genauere Beſtimmung bis jetzt möglich geweſen wäre. Manche Nöhren dieſer Würmer (Spirorbis) ſind vollkommen ſchneckenartig gewunden; andere (Serpula) unregelmäßig geſchlängelt; andere (Sabella) gerade und hautartig; noch andere (Terebella) aus Steinchen zuſammengeklebt. Amphicora; Amphitrite; Pectinaria.
Den Uebergang zu den Schlangenwürmern bildet die Familie der Grünwürmer (Chloraemida), die einen mehr oder minder deutlichen Kopf beſitzt, an welchem die Kiemen ſtehen, während die Fußſtummeln237 ganz ſo gebildet ſind, wie bei den Schlangenwürmern, und durchaus keine Hakenborſten tragen.
Die Ordnung der Schlangenwürmer (Errantia) begreift alle diejenigen Ringelwürmer, deren Körper deutliche Quergliede - rungen zeigt, welche mit Fußſtummeln verſehen ſind, und bei denen meiſt ein deutlich abgetrennter Kopf mit entwickelten Taft - und Sinnes - organen und Kiemen vorhanden ſind, die zu beiden Seiten des Rückens in Büſcheln vertheilt ſtehen. Die Haut dieſer Thiere iſt ſehr derb und aus gekreuzten Sehnenfaſern gewebt, welche die ſchön - ſten Schillerfarben erzeugen. Der deutlich getrennte Kopf trägt kurze contractile Kopffühler, deren oft nur zwei, oft aber mehrere vorhanden ſind. Es dienen dieſe Organe zum Taſten, während zwei ſeitliche einfache Augen das Sehen vermitteln.
Fuß eines Kieferwurms (Eunice).
Die Bewegungsorgane beſtehen ſtets aus Fußſtummeln, die nur ſelten einfach oder ſo mit einander verſchmolzen ſind wie bei den Röh - renwürmern, vielmehr in der Weiſe doppelt ſind, daß ſie in einem obern und untern Wulſt enden, welche beide Borſtenbüſchel tragen, weß - halb man ſie auch als Rückenſtummel und Bauchſtummel unterſchieden hat. Außer den Büſcheln verſchiedenartiger Borſten, welche außerordentlich wechſelnde Formen beſitzen und die Geſtalt von Pfeilen, Harpunen, gezähnelten Spieſen und Bayonetten u. ſ. w., niemals aber Hakenform, wie bei den Röhrenwürmern, zei - gen, tragen dieſe Füße faſt immer noch fadenförmige Körperfühler, oder Cirrhen, die meiſt an dem Rückenſtummel angebracht ſind, über welchem außerdem noch die baumförmigen Kiemen befeſtigt erſcheinen.
Der Kopf eines Schlangen - wurmes (Glycere) mit entwickeltem Rüſſel. tr der Rüſſel; b der Mund; m die daran liegenden Kiefer; t der verhältnißmäßig ſehr kleine Kopf; c die erſten Körperringel.
Im Gegenſatze zu den Röhrenwür - mern zeigt der Mund der Schlangen - würmer meiſt eine ausgezeichnete Bewaff - nung, welche am häufigſten in einem Rüſſel oder auch in hakenförmig gekrümm - ten Kiefern beſteht. Der Rüſſel iſt meiſt ungemein groß, rund, keilförmig, an ſeiner Spitze durchbohrt und hier entwe - der waffenlos oder mit ſcharfen gekrümm - ten Kiefern verſehen. Es wirken dieſe Kiefer ſtets von der Seite her gegen einander. Zuweilen ſtellen ſie einfache Zangen dar, zuweilen auch ſind ſie vielfach gekerbt und in238 ungleicher Zahl auf beiden Seiten angebracht. Der übrige Verdau - ungskanal, ſowie das aus einem Bauchmarke und deutlichen Hirn - knoten beſtehende Nervenſyſtem, bieten keine weſentlichen Verſchieden - heiten von den Röhrenwürmern dar. Das Gefäßſyſtem iſt au - ßerordentlich entwickelt und namentlich das Rücken - und Bauchgefäß von Bedeutung. Erſteres ſpeiſt die Kiemen, welche meiſt in Baum - form zu beiden Seiten des Rückens angebracht, aber oft ziemlich rudimentär ſind, während ſie bei andern Gattungen eine enorme Entwickelung und Zahl erreichen. Die Geſchlechter ſind getrennt, die Geſchlechtsorgane ganz ſo ausgebildet, wie bei den Röhrenwürmern. Die Eier werden entweder an Steine oder Waſſerpflanzen gelegt oder, in ſchleimige Säcke gehüllt, von der Mutter an dem Leibe mit herum -
Fig. 253. Ein Vielauge (Poly - ophthalmus). Man ſieht die ent - wickelten wimpernden Kopflappen und auf dem Leibe die ſeitlichen Augen als weiße Punkte. Fig. 254. A. Das Kopfende vergrößert. a die Oberlippe mit dem Centralner - venſyſteme; b die Räderlappen, c der Leib. Fig. 255. B. Die Bewegungsorgane. a die Fußbor - ſten. b die beiden muskulöſen Säckchen, in welchen ſie ſtecken. c obere und untere Muskelbündel.
getragen. Die Entwickelung geſchieht ganz in derſelben Weiſe wie bei den Röh - renwürmern, nur mit dem Unterſchiede, daß die Anfangs eiförmigen Larven den Hals - kragen wie es ſcheint noch lange behalten und daß die Gliederzahl, welche Anfangs nur eine unbedeutende iſt, ſtets mehr und mehr neben der Ausbildung des Kopfes ebenfalls zunimmt.
Neben der geſchlechtlichen Zeugung iſt auch bei einigen Schlangenwürmern wahre Knospenbildung beobachtet worden, und zwar in der Weiſe, daß die Jungen an dem Hinterleibsende hervorſproſſen und die neuen Knospen ſich ſchon entwickeln, ehe noch die ältern ſich losgetrennt hatten.
Unter den vielen Familien, in wel - che ſich die Ordnung der Schlangenwür - mer theilt, zeigen die Vielaugen (Poly - ophthalmida) eine merkwürdige Beziehung zu den Räderthieren. An der Spitze des Kopfes ſtehen nämlich zu beiden Seiten eines kurzen, mit Wimpern beſetzten rüſſelartigen Fühlers, zwei ſeitliche mit langen Wimperhaaren beſetzte Wülſte, die wie die Räder der Räderthiere eingezogen und ausgeſtülpt werden können. Die Füße dieſer Vielaugen ſind239 denen der Regenwürmer ähnlich; die Fußborſten ſtecken in Gruben, die auf kaum bemerkbaren Stummeln ſtehen. Außerdem