τὰ ἱρὰ ἐόντα πρήγματα ἱροῖσιν ἀνϑρώποισι δείκνυται, βεβήλοισι δ̕ οὐ ϑέμις, πρὶν ἢ τελεσϑέωσιν ὀργίοισιν ἐπιστήμης.(Demokritos. )
ALMAE-MATRI PORTAE V - S - L - M - ΟϒΠΑϒΣΟΜΑΙΤΑΣΧΑΡΙΤΑΣ ΜΟϒΣΑΙΣΣϒΓΚΑΤΑΜΕΙΓΝϒΣΑΔΙΣΤΑΝΣϒΖϒΤΙΑΝ 9 ix 1867 21 v 1889
Als ich vor 22 jahren das kleine katheder des betsaales bestieg, um abschied von der Pforte zu nehmen, überreichte ich ihr nach alter guter sitte eine valedictionsarbeit, die das motto trug, das ich heute wiederhole. es war und ist ein gelübde für’s leben: den Musen und auch der alten schule werde ich die treue halten. die abhandlung selbst gieng die griechische tragödie an und war natürlich ein geschreibsel, ganz so grün wie ihr verfasser. der würde tief unglücklich geworden sein, hätte er geahnt, wie bald er so urteilen würde; aber im stillen herzen gelobte er sich doch, wenn er ein mann würde, der Pforte ein buch zu widmen, das denselben gegenstand wissenschaftlich behandelte. dies gelöbnis würde er nie ausgesprochen haben, wenn er es nicht zugleich erfüllte. er tut es heut, indem er das drama, aus dem er damals das motto nahm, er - läutert, und ein buch veröffentlicht, das vor allem so grünen aber von den Musen begeisterten jünglingen, wie er damals einer war, das ver - ständnis der tragödie erschlieſsen soll.
Denn geplant und begonnen habe ich dieses buch zunächst nicht um neue forschungen vorzutragen, sondern um das verständnis der tra - gödie, das doch gemeinbesitz der wissenschaft ist, zu vermitteln. nun ist freilich etwas ganz anderes herausgekommen, das jenen zweck viel - leicht nicht mehr so gut erfüllt, jedenfalls ein anorganisches gebilde, dem ich zur entschuldigung seine entstehungsgeschichte mit auf den weg geben muſs.
Meine wissenschaftliche arbeit ist von der tragödie ausgegangen, und mich interessirte zu anfang das meiste nur entsprechend dem, wie ichVIIIVorwort.es für dieses gebiet nutzbar machen konnte. das war freilich nicht wenig, denn mein lehrmeister war Welcker, in dessen werke ich mich mit leidenschaft vertiefte. damit ist gesagt, daſs mich die herrschende tragiker - kritik nur mit widerwillen erfüllen konnte. und doch gehört ein jeg - licher seiner zeit an, und mein erstes buch war stark in den irrtümern der nämlichen methode befangen, gegen die es laut protestirte. ich hatte es zum äuſseren zwecke der habilitation in unverzeihlicher eilfertigkeit hingeworfen, und wollte es schleunigst durch etwas reiferes ergänzen. aber ich war noch unreif. zwar widerstand ich der versuchung, die an mich herantrat, meine collationen zu einer Euripidesausgabe zu ver - wenden, auch der, ein buch über das drama zu schreiben. aber ich wähnte doch in kurzer frist eine erklärende ausgabe des Herakles und dann anderer dramen fertig stellen zu können, weil ich den text fleiſsig durchgearbeitet hatte, und bot deshalb der Weidmann’schen buchhand - lung 1877 diese ausgabe für die Haupt-Sauppe’sche sammlung an. darin war der gedanke ganz richtig, daſs es nützlicher ist, das was man ver - steht vorzulegen als was man nicht versteht und deshalb ändert, daſs es zunächst gilt zu erklären; aber ich würde meine sache noch nicht ordent - lich gemacht haben, weil ich zu wenig wuſste. zum glücke zwang mich das lehramt zum lernen, und als ich 1879 den Herakles ernsthaft wieder angriff, wuſste ich wenigstens das drama eingerückt an seinen richtigen platz sowol in der entwickelung der sage wie in der gesammtentwickelung der hellenischen geschichte und cultur zu betrachten. und auch sprache und verskunst hatte ich begonnen geschichtlich zu erfassen. mir selbst war nicht klar, wie gewaltig die veränderung war; aber ich sehe es jetzt, wenn ich die excurse zu Euripides Medea mit den Analecta Euripidea vergleiche. wie ich damals zum Herakles stand, zeigt der text und die übersetzung, welche 1879 als manuscript gedruckt in vieler händen ist. der gröſste teil des commentars und der einleitung war auch ausgearbeitet oder skizzirt, als äuſsere verhältnisse mich 1882 zwangen abzubrechen. damals hielt ich mich noch im rahmen der schulausgabe, und vielleicht hätte ich ihn damals inne halten können. weihnachten 1886 habe ich mich denn wieder daran gesetzt, entschlossen um keinen preis abzulassen, bis ich die arbeit von der seele hätte. das habe ich denn freilich er -IXVorwort.zwungen. aber das buch ist gänzlich ungefüge geworden. zwar den vorteil wollte ich nicht aufgeben, den strom der erklärung von der wasserpest der kritischen debatten und der polemik rein zu halten: ver - geblich wird der leser moderne eigennamen suchen, die jetzt mode ist womöglich durch gesperrten druck kenntlich gemacht wie fettaugen auf der wissenschaftlichen suppe schwimmen zu lassen. aber die berechtigte forderung, gleichmäſsig zu erklären und streng bei dem gegebenen zu bleiben, ist doch verletzt, und es ist wieder ein commentar, der einen index nötig hat. vollends aber die einleitung ist zu einem bande aus - gewachsen, und ich habe mich schlieſslich dazu verstehen müssen, sie durch einen sondertitel als einleitung in das attische drama zu verselb - ständigen. unmittelbar diesem zwecke dient nur die hälfte, cap. 2 — 4; auch 5 und 6 fallen nicht ganz heraus, denn wer auf das verhältnis der tragödie zur sage so viel wert legt, daſs er es sogar in ihre definition einbezieht, wird ein beispiel unter allen umständen vorführen wollen, und das kann Heraklessage und Heraklestragödie so gut wie eine andere sein. aber ein γένος Εὐριπίδου ist ganz unberechtigt, wenn die beiden anderen tragiker fehlen, und die wieder können in die einleitung zum Herakles nimmermehr hinein. es ist nicht anders, das buch wie es ist ist keine einheit und hat objectiv keine berechtigung. dies urteil ver - diene ich, fälle ich selbst zuerst, aber ich konnte nicht anders: was ich gemalt hab’ hab’ ich gemalt, und die subjective berechtigung lasse ich mir nicht nehmen. ist denn die wissenschaftliche production eine andere als die dichterische, wo wir doch wissen, daſs der dichter unter dem zwange des geistes schafft, der über ihn kommt? auch unser tun ist πο〈…〉〈…〉 εῖν, und auch wir können die poesie nicht commandiren. nur was wir verfehlen, ist unser, und etwa die handwerksarbeit, die jeder kann, wenn er den schweiſs daran setzt: was uns gelingt, das danken wir der Muse, und soll ihr, nicht uns, danken, wer sich dadurch gefördert fühlt. mir hat sie versagt zu schaffen, was einen reinen eindruck macht; ich bin philologe genug, den mangel einzusehen, aber ich bin nicht poet gemug, ihn zu überwinden.
Ich hatte jahre lang meinen zorn damit beschwichtigt, in dieser vorrede einmal gegen die behandlung aufzustehen, die sich die wortführerXVorwort.der s. g. öffentlichen meinung in den recensiranstalten und jahresbe - richten meinen arbeiten gegenüber herausnehmen, immer dreister, weil sie ungestraft bleiben. nun bin ich auch darüber hinaus, und lasse sie ruhig gewähren, sich selbst zum gerichte. jeden ehrlichen jungen, der der wissenschaft noch so verworren zu dienen beginnt, betrachte ich mit freuden als meines gleichen: aber die sphäre, in der das licht von Nicolaus Wecklein leuchtet, liegt hinter mir, in wesenlosem scheine.
Ein buch, an dem so lange geschrieben und gedruckt ist, wird einzelne wiederholungen und selbst widersprüche enthalten müssen, weil der ver - fasser zu lernen fortfährt. so würde des berichtigens und nachtragens kein ende sein. schon die bücher, die mir nach abschluſs des manuscripts be - kannt geworden sind, z. b. Naucks neubearbeitung der tragikerbruchstücke, Ramsay on Phrygian art, Dümmlers Akademika, erfordern eigentlich eine nachträgliche berücksichtigung; noch viel mehr müſste ich neu machen, wollte ich den mahnungen und anregungen meiner freunde G. Kaibel und F. Leo gerecht werden, die mir zu liebe die druckbogen gelesen haben. das würde also endlos sein, und so habe ich mich auf einen nachtrag beschränkt, der die überraschende rechtfertigung klar stellt, welche einem verse der tragödie in seiner überlieferten gestalt durch die neusten funde auf der athenischen burg zu teil geworden ist. schlieſs - lich muſs ich mich, wie gewöhnlich, anklagen, die druckfehler schlecht verbessert zu haben. verlagsbuchhandlung und druckerei bedürfen zwar keines lobes; aber ich schulde ihnen um so mehr die öffentliche an - erkennung, daſs sie für dieses buch alles getan haben was ich wünschte, und daſs die mangelhafte correctheit des druckes in allem wesentlichen meine schuld ist.
Wenn diese ausgabe eines euripideischen dramas als erstes capitel der prolegomena eine biographische skizze bringt, so geschieht das im an - schluſs an die weise der antiken philologie. wir lesen in den erhaltenen handlschriften der dichter, wenigstens so weit sie auf gelehrte ausgaben des altertums zurückgehen, einen lebensabriſs, der meistens γένος heiſst, weil er mit der herkunft anhebt, auch wol weil den verfassern βίος zu anspruchsvoll klang. denn es lag ihnen fern, von dem wesen und wirken des dichters eine schilderung zu geben, geschweige daſs sie etwas hätten leisten wollen, was wir biographie nennen: dazu hat sich niemand im altertum erhoben. sie wollten dem leser nur kurz die nachrichten über die äuſsern lebensumstände des mannes angeben, dessen werke folgten. durch deren lecture mochte dann jeder sich den rahmen selbst füllen; zur richtigen beurteilung erhielt er in dem γένος einige orientirende beobachtungen und kunsturteile. diese weise, schon in alexandrinischer zeit geübt, ist praktisch und wird deshalb von den modernen häufig und so auch hier befolgt. eine wirkliche biographie, eine entwickelungs - geschichte des individuums innerhalb der kreise, in die es gestellt war, eine biographie wie Justi’s Winckelmann, können wir von keinem Hellenen schreiben, weil dazu das material für uns fehlt: im altertum würde es z. b. von Aristoteles und Epikuros möglich gewesen sein, weil deren correspon - denz veröffentlicht war; von einem manne des fünften jahrhunderts würde es auch damals niemand haben leisten können. M. Cicero ist überhaupt der älteste sterbliche, von dem eine solche biographie geschrieben werden kann: das beste zeugnis für die eminente persönliche bedeutung des mannes. aber eine biographie in groſsen zügen, eine mehr erörternde als er - zählende darlegung von eines einzelnen menschen wirken, zunächst in seinem kreise, dann aber weiter für sein volk, für die folgezeit, für uns und die ewigkeit, eine biographie wie Goethe’s Winckelmann, die lieſsev. Wilamowitz I. 12Das leben des Euripides.sich sehr wol auch von Euripides schreiben, und zwar ist er der zweite Hellene, von dem das möglich ist. der erste ist Pindaros. doch liegt das nur an der zufälligen erhaltung zahlreicher und datirbarer werke. von Aischylos und Sophokles ist es lediglich deshalb nicht möglich. so hohe ziele werden hier nicht verfolgt: auch dies ist nur ein γένος Εὐριπίδου.
Ein solches wird zunächst deshalb nötig, weil der moderne forscher die ehrenpflicht hat, das gedächtnis der groſsen personen des altertums von dem schmutze törichter und böswilliger erfindungen zu reinigen, welche die antike philologie zusammenlas und weitergab, weil es ihr zumeist an jeder historischen einsicht gebrach. für Euripides sind wir jedoch, obwohl des schmutzes mehr als genug ist, wesentlich günstiger gestellt. denn kein geringerer als der letzte Athener, Philochoros, hat mit hilfe des damals noch zugänglichen urkundenmaterials und der noch lebendigen mündlichen tradition ein leben des Euripides geschrieben, worin eine anzahl der schon damals verbreiteten erfindungen abgetan wurden. es genügt also oft auf Philochoros zurückzugreifen, während andererseits angaben, die einen schlicht urkundlichen charakter tragen, als philochoreisch und als wahr gelten dürfen. denn die historische kritik hat wie die diplomatische weder conservativ noch destructiv zu sein: sie hat vielmehr zu ermitteln, was wirklich überliefert ist, und dem ist sie verpflichtet zu glauben, bis es widerlegt ist, andererseits aber un - beglaubigter überlieferung den glauben zu versagen, so lange sie nicht bewiesen ist. 1)Das in den handschriften des dichters erhaltene γένος Εὐριπίδου findet man vor den ausgaben von Kirchhoff und Nauck; die überlieferung der handschriften vollständiger in der ausgabe der scholien von E. Schwartz, wo auch der auszug ab - gedruckt ist, welchen Gellius (XV 20) entweder selbst aus dem γένος, wie es damals in den handschriften stand, genommen hat, oder von Varro überkommen, der es dann ebenso gemacht haben muſs. wenigstens eine notiz ist auf diesem umwege zu Gellius gelangt (XVII 4, 3). Nauck hat in seiner praefatio die sonstigen zerstreut überlieferten notizen so gut wie vollständig gesammelt; worauf hiermit verwiesen sei. im folgenden werden nur belege angeführt, wo es aus besonderen gründen an - gezeigt erscheint.
Aristophanes hat seine Frösche unter dem archon Kallias im gamelion aufgeführt (januar 405). damals waren Euripides und Sophokles eben gestorben; Sophokles später, wie ausdrücklich gesagt wird. man braucht sich aber nur die ganze fabel des stückes, das auf ein duell zwischen Aischylos und Euripides angelegt ist, zu überlegen und vollends die dürf - tige und gezwungene weise, wie Sophokles in den Hades eingeführt, für den gang der komödie aber bei seite gestellt wird, zu erwägen, um3Todes - und geburtsjahr.zu erkennen, daſs dies ein vom dichter aus not wider seinen ersten plan eingeführtes motiv ist, mit anderen worten, daſs er den plan zu seinem drama entworfen hat, als Sophokles noch lebte. dieser ist also, wie auch die beste chronographische überlieferung angibt, in der ersten hälfte des jahres des Kallias (zweite hälfte von 406) gestorben, Euripides nicht viel früher, unter Antigenes. es scheint, daſs wir noch genaueres wissen können. eine zwar nicht ganz verbürgte, aber in sich glaub - würdige2)Glaubwürdig ist die notiz, weil die institution des proagon früh verfallen und aus dem gedächtnisse der gelehrten geraten ist, sie muſs also verhältnismäſsig alt sein und wird auf einen der alten peripatetiker zurückgehen. inhaltlich ist sie wahrscheinlich, weil die ehrenbezeugung eine so schlichte und im geiste des diony - sischen festspieles gehaltene ist (vgl. zu vers 677). die nachrichten über den tod des Sophokles sind alle geschichtlich unverwendbar. nachricht besagt, daſs Sophokles an einem proagon zu ehren des eben verstorbenen Euripides den chor ohne kränze auftreten lieſs: das war also am 8 elaphebolion des Antigenes, ende märz 406, und kurz vorher war die nachricht vom tode des Euripides nach Athen gelangt, aus Makedonien, wo er notorisch gestorben ist. an dem winter 407 / 6 dürfen wir somit festhalten. andererseits steht urkundlich fest, daſs Euripides unter Diokles (408) den Orestes in Athen aufgeführt hat: sein aufenthalt in Makedonien hat also nicht mehr als etwa 1½ jahre ge - dauert.
Unter Kallias, 455, hat Euripides den ersten chor erhalten: das konnte jeder aus der urkundlichen theaterchronik constatiren. damals konnte er nicht wol jünger als 20 jahre sein, war also bei seinem tode mindestens ein siebziger. so hat Philochoros gerechnet und müssen wir rechnen, ohne zu vergessen, daſs er sehr wol ein par jahre älter gewesen sein mag.3)Vielleicht hat sich Philochoros so ausgedrückt, daſs Euripides bei seinem ersten auftreten mindestens ephebe gewesen sein müsse. indem man das als tatsache nahm, konnte man zu der torheit gelangen, daſs Euripides mit 18 jahren die erste tragoedie gegeben hätte: so Gellius. die consequenz, entweder das überlieferte datum 455 oder das allgemein geglaubte 480 aufzugeben, hat man aber nicht gezogen. das wirkliche geburtsjahr eines Atheners des 5. jahrhunderts war für die späteren nicht zu ermitteln4)In anderen gegenden stand es anders. Soran hat in den archiven von Kos gefunden, daſs Hippokrates am 17. Agrianios unter dem monarchen (dem auch ur - kundlich bezeugten eponymen beamten von Kos) Habriades geboren war: eine solche angabe blieb jedoch ungenügend, so lange die gleichsetzung der koischen beamten und das verhältnis des koischen jahres zu einem festen chronologischen system unbestimmt war, und so ist es hier. die aufzeichnung war eine folge der; noch die des Sokrates Iso - krates Platon sind lediglich durch rechnung gefunden.
1*4Das leben des Euripides.Also nahe an das epochenjahr 480, die schlacht bei Salamis, reichte das geburtsjahr des Euripides sicher; auf Salamis lag das gut seines vaters: da lag es nahe genug, die geburt nach der schlacht zu datiren. das hat die treffliche alexandrinische chronographie getan, selbst Era - tosthenes, und wir dürfen ihr zutrauen, daſs sie sich bewuſst war, mit einem approximativen datum zu operiren. ihre absicht war, mit der richtigkeit die bequemlichkeit zu verbinden, und in der antiken jahres - rechnung, die jedem jahre einen individualnamen gab, war das auch dringend nötig. so erzielte man aber auch, daſs Euripides unter einem Kallias geboren ward, unter einem zweiten den ersten chor erhielt, unter einem dritten starb — denn um des synchronismus mit Sophokles willen rückte man auch seinen tod ein jahr hinab. auch die pointe hat ja selbst auf Lessing ihre wirkung nicht verfehlt, daſs die tragische Muse ihre drei lieblinge in einer vorbildlichen gradation auf Salamis versammelt hätte, Aischylos zu kämpfen, Sophokles den siegesreigen zu tanzen, Euri - pides geboren zu werden. wenn man sich hütet, das für wirklichkeit zu halten, hat es in der tat eine symbolische wahrheit. für Aischylos ist der freiheitskrieg die lebenserfahrung, die sein ganzes herz erfüllt. Sophokles hat zwar nicht mitgestritten, aber er hat die siegesfreude und begeisterung mit in das leben genommen, und der helle stral, welcher in die jugendliche seele fiel, hat sie für alle zukunft durchleuchtet und erwärmt. Euripides hat die güter, welche 480 / 79 errungen wurden, von kindesbeinen an als etwas selbstverständlich gegebenes hingenommen. in solcher zeit geht das leben rasch und machen ein par jahre einen gewaltigen unterschied. das alte Athen, das bei Marathon gesiegt hatte, gieng in dem attischen Reiche auf. die nächste generation schon, der Euripides angehörte, hatte kein verständnis und keine pietät dafür. und der nationale gegensatz gegen die Barbaren, der das Reich gegründet hatte, war für diese so wenig jüngeren Athener nicht mehr vorhanden. Euripides hat gewiſs, wenn wir auch nichts davon wissen, seiner wehr - pflicht genügt5)Ob zu fuſs, in seiner τάξις, der Kekropis, oder auf der galeere, welche die kleruchen von Salamis zu stellen hatten, ist nicht zu sagen. militärische neigungen hat er nicht, seine schlachtengemälde in Hiketiden und Herakliden streben, wie alle an - deren, nach anschaulichkeit, aber sie erreichen sie nicht. für den sport des reiters, den Sophokles verherrlicht, hat er vollends nichts übrig. der reiche Sophokles hat natürlich bei der cavallerie gedient.: aber dann hat er wider Aegineten, Boeoter, Peloponnesier4)geburtsaristokratie, die in jenen dorischen gegenden herrschte. wir besitzen von dem Kos benachbarten Kalymnos listen, die genau in derselben weise jahr und monat (den tag aber nicht) angeben, selbst für weiber. Bull. de Corr. Hell. VIII 30.5Todes - und geburtsjahr. herkunft.im felde gestanden, und diesen politischen gegensatz hat er denn auch sein leben lang bewahrt. Athen, die hauptstadt von Hellas, das attische Reich berufen zur vormacht aller Hellenen, das ist die voraussetzung seines politischen denkens, wie sie es sein muſste.
Es gibt noch ein anderes geburtsjahr, 484, das sogar in der zeit des Philochoros selbst aufgestellt ist.6)In der parischen chronik z. 65. 75. aber es hat auch nur symbolische bedeutung. 455, in dem jahre, wo Euripides zuerst auftrat, soll nach allgemeiner vielleicht urkundlich begründeter tradition Aischylos gestorben sein, 484 hat er den ersten sieg errungen: damit schien als viertes glied der gleichung die geburt des Euripides gegeben. symbolisch ist auch das wahr. Euripides folgt auf Aischylos wie der sohn auf den vater; es steht kein dritter zwischen ihnen, aber der eine muſste vom schau - platz abtreten, damit für den anderen raum wurde.
Euripides war der sohn des Mnesarchides oder Mnesarchos vonHerkunft. Phlya; patronyme ableitungen wechseln häufig mit dem vollnamen und seinen abkürzungen, so daſs keine differenz vorliegt. die mutter, Kleito, war eine adliche. 7)Suid. Κλειτὼ — τῶν σφόδρα εὐγενῶν ἐτύγχανεν, ὡς Φιλόχορος. da es nötig war, die persönlichkeit festzustellen, um über die herkunft etwas zu ermitteln, darf man dem namen glauben schenken.Mnesarchides war aus keinem adlichen aber doch aus einem ansehnlichen hause, welches an dem dienste des Apollon in Phlya anteil hatte. Phlya war ein dorf östlich vom Hymettos, schon in der adels - zeit namhaft. aber der Apollon war nicht der des ionischen adels, dem die Apaturien gelten, sondern der delische, dessen fest die Thargelien sind. wie an diesen eine procession vom Phaleron nach Athen zog, und knaben zweige mit allerhand guten dingen daran trugen, so ist Euripides als knabe im festzuge von cap Zoster nach Phlya gezogen. er hat auch das schenkenamt für eine cultgenossenschaft der ‘tänzer’ inne gehabt.8)Das γένος gibt an γενέσϑαι δ̕ αὐτὸν καὶ πυρφόρον τοῦ Ζωστηρίου Ἀπόλ - λωνος. Theophrastos περὶ μέϑης (Athen. X 424b) beruft sich auf ein schriftstück im δαφνηφορεῖον von Phlya, aus dem er sich über die culthandlung, die tracht, die herkunft der tänzergilde (τῶν πρώτων Ἀϑηναίων) unterrichtet hat: das waren also die statuten der ὀρχησταί. daſs Euripides das schenkenamt geübt, gibt er an; das ist aber nicht auf jene urkunde zurückzuführen. wenn Theophrast den de - lischen Apollon nennt, die vita den von Zoster, jener Euripides schenken, dieser feuerträger sein läſst, so sind das differenzen, welche verschiedene herkunft der notizen beweisen, aber die glaubwürdigkeit nicht berühren; die urquelle sind fasten der ὀρ - χησταί. für das γένος ist man berechtigt an Philochoros zu denken. wer zuerst das tempelarchiv benutzt hat, steht dahin, wie es scheint beide. in betreff der das6Das leben des Euripides.alles zeugt dafür, daſs des vaters geschlecht ein ansehnliches war, um so mehr als dieser für gewöhnlich nicht in der gemeinde wohnte, der ihn die kleisthenische gemeindeordnung zugeteilt hatte, sondern auf dem landgut, das er auf Salamis erhalten oder erworben, und das der familie erhalten blieb, während von verbindungen des erwachsenen Euripides mit Phlya nichts verlautet. man möchte annehmen, daſs der vater und der sohn doch nur der dritten steuerclasse angehörten, die für kleruchien eher in betracht kommt9)Sicher ist das nicht, da man die praxis der perikleischen zeit nicht ohne weiteres auf die peisistratische übertragen darf. der adliche Timodemos von Acharnai, den Pindar als Salaminier besingt (Nem. 2), beweist nach keiner seite; einmal braucht er kein ritter gewesen zu sein, zum andern konnte er als vermögender mann ge - meindeland gepachtet haben: daſs er auch in dem falle auf Salamis zu wohnen ver - pflichtet war, lehrt der volksbeschluſs CIA IV 1a. Mnesarchos war kein pächter, da das gut im besitze des sohnes erscheint.; wie dem auch sei, so viel ist sicher, daſs Euripides dem alteingesessenen guten bürgerstande angehörte, und zwar dem von landbau nicht von industrie lebenden. diese kreise traten an wolstand zurück, als Athen eine industriestadt ward, obwol sie immer für etwas vornehmer galten. der fabricantensohn aus der vorstadt Sopho - kles war pentakosiomedimne, aber altererbte culte hatte er nicht zu ver - sehen. auf dem salaminischen hofe ist Euripides geboren und hat dort viel gelebt. Philochoros bezeugt es, und auf seine angabe hin dürfen wir uns den dichter in einsamer grotte mit dem blicke auf das meer arbeitend den - ken.10)Gellius berichtet: Philochorus refert in insula Salamine speluncam esse taetram et horridam, quam nos vidimus, in qua Euripides tragoedias scriptitavit. ob den neugierigen zu Gellius’ zeit die echte grotte gezeigt ward, ist um so zweifel - hafter, als er sie graulich findet. das γένος aber lehrt uns φασὶ δὲ αὐτὸν ἐν Σα - λαμῖνι σπήλαιον κατασκευάσαντα ἀναπνοὴν ἔχον εἰς τὴν ϑάλασσαν ἐκεῖσε διη - μερεύειν φεύγοντα τὸν ὄχλον· ὅϑεν καὶ ἐκ ϑαλάσσης λαμβάνει τὰς πλείστας τῶν ὁμοιώσεων. hier liegt Philochoros reiner vor: der ort ist durchaus behaglich. die tatsächliche angabe über die metaphern ist wahr und fein beobachtet; aber der causalnexus ist falsch. nicht aus der natur der see, wie sie dem naturfreunde sich gibt, wählt Euripides seine bilder vorwiegend, sondern aus dem schiffer - und see - fahrerleben. das ist nur in so weit individuell bezeichnend, als Euripides der dichter der attischen seeherrschaft ist. allein nicht die erhabene natur spiegelt sich in seiner poesie wieder,8)tänzer vergesse man nicht, daſs die älteste attische inschrift, die lange vor Drakon fällt, also lautet: ὃς νῦν ὀρχηστῶν πάντων ἀταλώτατα παίζει τοῦ … (CIA IV 492a). der bericht des Theophrast lautet allerdings so, als wäre der sitz der tänzer in Athen gewesen, wo dann der tempel des delischen Apollon das Delphinion wäre. allein da das archiv im δαφνηφορεῖον, also Apollonheiligtum, zu Phlya war, werden die tänzer, wenigstens ursprünglich, auch dorthin gehört haben.7Hausstand.für die er vielmehr nicht viel mehr sympathie hat als Sokrates, dem nur im menschengewühle wol war11)Plat. Phaidr. 230c τὰ χωρία καὶ τὰ δένδρα οὐδέν μ̕ ἐϑέλει διδάσκειν, οἱ δ̕ ἐν τῷ ἄστει ἄνϑρωποι. Philine (Wilh. Meist. II 4) “wenn ich nur nichts mehr von natur und naturscenen hören sollte — — wenn schön wetter ist, geht man spazierem, wie man tanzt, wenn aufgespielt wird — der tänzer interessirt uns, nicht die violime, und in ein par schöne schwarze augen zu sehen tut einem par blauen augen gar zu wol. was sollen dagegen quellen und brunnen und alte morsche linden. ” die liebenswürdige verdient ihren griechischen namen., wol aber die einsamkeit und das suchen der antworten auf die ewigen fragen in der tiefe der eigenen brust.
In den jahren, wo der Athener sich seinen hausstand zu gründenHausstand. pflegte, hat auch Euripides ein weib genommen und drei söhne mit ihr gezeugt. sie hieſs wahrscheinlich Melito12)Zwei namen sind überliefert; der bericht von zwei ehen ist erst ein con - ciliatorisches autoschediasma, zumal die erfahrungen, die Euripides macht, in beiden ehen dieselben sind. auch sind unsere excerpte selbst im widerspruch darüber, welche frau die erste, welche die tochter des Mnesilochos ist, der als verwandter und freund des dichters durch ältere komiker bezeugt ist. (der κηδεστής der Thes - mophoriazusen kann ihn schon deshalb nicht meinen, weil er 411 kaum noch leben konnte, sicher keine kleinen kinder hatte. ) folglich ist ein name falsch, der andere aber muſs als überliefert gelten, da er ja die verdoppelung verschuldet. da die fabel das wesen einer Χοιρίλη angeht, kann kein verständiger zweifeln, daſs dieser, nicht der harmlose name Μελιτώ, erfunden ist. nun hat aber Philochoros über metaphorische bedeutung des namens Χοιρίλη in dem buche περὶ τραγῳδιῶν gehandelt (schol. Hek. 1): es liegt also sehr nahe, schon ihm die kritik zuzutrauen, welche wir auch ohne ihn sicher vollziehen können. daſs der name Χοιρίλη wirklich als eigenname vorkommt, ist eine triviale wahrheit, mit der nur ein geck etwas kann ausrichten wollen. Κινησίας hieſsen auch wirkliche menschen: ist deshalb der name in der Lysistrate minder redend? und der hofmarschall von Kalb in Kabale und Liebe heiſst doch wol so wegen seiner dummheit; kritiker, wie sie sich in sachen Choiriles hervorgewagt haben, werden ihn für einen verwandten der Charlotte von Kalb ausgeben. und war die tochter des Mne - silochos. da dessen name an Mnesarchos anklingt, ist anzunehmen, daſs Euripides der volkssitte gemäſs ein mädchen aus seinem väterlichen ge - schlecht, etwa eine nichte, geheiratet hat. wenn der thukydideische spruch wahr ist, war Melito eine brave frau: denn wir wissen nicht das mindeste von ihr; ihr vater aber stand dem dichter nahe. von den söhnen wurde der älteste, der nach dem vater des vaters hieſs, kaufmann, der zweite, nach dem mütterlichen groſsvater genannt, schauspieler; von dem jüngsten, Euripides, wissen wir nur eine einzelne tat, aber diese macht ihn uns interessanter als seine brüder. er hat bald nach des vaters tode eine himterlassene tetralogie desselben auf die bühne gebracht, zu welcher auſser den Bakchen auch die aulische Iphigenie gehört. nun enthält8Das leben des Euripides.diese, abgesehen von ganz späten interpolationen, z. b. dem schlusse, nicht weniges, was der dichter Euripides unmöglich geschrieben haben kann, z. b. die anapästische scene des prologs, was aber doch zu allen zeiten, schon im 4. jahrhundert, darin gestanden hat. der schluſs ist unabweisbar, daſs Euripides das drama unvollendet hinterlassen hatte, und für die ergänzungen muſs der sohn Euripides die verantwortung vor der nachwelt tragen, wie er sie vor dem archon getragen hat. die verse zeugen von einigem geschick; aber es war doch verständig, daſs der sohn das handwerk des vaters nicht fortgesetzt hat. unsere kunde von der familie des dichters erlischt hier; sie mag aber fortbestanden haben wenigstens bis auf Philochoros zeit und diesem das salaminische gut gezeigt und die weitere auskunft gegeben haben. wenigstens machen die angaben den eindruck der familientradition.
Dagegen halte man nun das zerrbild, das die conventionelle Euri - pideslegende gibt. der vater war ein bankerottirer aus Boeotien und in Athen höker; die mutter handelte mit grünkram und betrog ihre kunden. die frau heiſst Choirile und beträgt sich ihrem namen gemäſs, buhlt unter anderm mit Kephisophon, dem haussclaven des dichters, der diesem übrigens auch beim dichten hilft wie schwiegervater Mnesilochos auch. Choirile wird ertappt, verstoſsen, durch Melito ersetzt, die es aber nicht besser treibt u. dgl. m.
Es ist nicht nötig den ganzen schmutz zu durchwühlen. das meiste wird jeder halbwegs einsichtige einfach wegwerfen, und den litteratoren ist doch nicht zu helfen, die den historischen kern tauber nüsse suchen, zwar gewissensbedenken tragen, eine angabe zu verwerfen, weil sie bestimmt auftritt, aber den ehrlichen namen eines mannes und die ehre einer frau ohne weiterungen preisgeben; und dann ist die neugier nach dem quark nun einmal unersättlich und unbelehrbar. der herkunft nach zerfallen die schwindeleien in zwei gruppen: einmal sind es gänzlich inhaltsleere autoschediasmen, als z. b.: weshalb heiſst Euripides Euripides und nicht z. b. Kephisiades? beides sind gute attische namen, nur daſs natürlich viel mehr Athener nach dem oder den flüssen Kephisos heiſsen, die das land durchströmen, als nach dem Euripos, an den Attika kaum mit einer ecke stöſst. vater Mnesarchos wird auch einen grund gehabt haben, seinen jungen Euripides zu nennen, und am letzten ende wird das auch auf den Euripos zurückführen. nur würde man die familiengeschichte kennen müssen, um diese frage zu beantworten. und kennt man sie nicht, so erfindet man: z. b. vater Mnesarchos nannte seinen sohn Euripides, war aber aus dem innern Attika: also hatte er früher am Euripos gewohnt, also9Hausstand.in Boeotien. wie war er nach Phlya gekommen? etwa als bankerotter kaufmann. daſs so erfunden ist, ist keineswegs sicher, im gegenteil, dies ist eine construction im stile jener litteratoren. aber verwerfen müssen wir all dieses gerede, das abenteuerlich, inhaltsleer und weder durch einen verläſslichen autornamen, noch durch irgendwie urkundlichen cha - rakter beachtung fordert. in diesen regionen der litteraturgeschichte hat die regel zu gelten: was nicht in einer der angegebenen weisen ge - stützt wird, gilt bis auf weiteres für erfunden.
Von relativem werte dagegen ist die gleichzeitige erfindung, mag sie num vom haſs oder von der bewunderung eingegeben sein. durch sie wird immer das licht reflectirt, das von einer bedeutenden persönlichkeit ausgeht, wenn auch von so oder so geschliffenem spiegel. spiegel ist für die Euripideslegende einzig die komödie, die ihn, soviel wir sehen, seit dem anfange der peloponnesischen kriege, d. h. seit der zeit, aus der den Alexandrinern zahlreiche dramen vorlagen, mit einstimmigkeit verfolgt hat, während sie Sophokles ziemlich schonte. pietätvolle sage, wie sie diesen verherrlicht, gibt es für Euripides nicht. schon das ist bezeichnend: der eine liebenswürdig, volkstümlich, respectsperson und doch einer, in dem jeder Athener den landsmann grüſste, der dachte wie er. der andere ein schuhu unter den lustigen käuzlein Athenas, allen um so unsympathischer, weil sie seine macht selbst an sich em - pfinden, und immer stärker, je häufiger sie ihn verfolgen; als sie ihn glücklich verscheucht haben, hat er sie alle in die kreise seiner kunst verstrickt.
Komische erfindung ist vor allem der ganze roman von der hahnrei - schaft des Euripides, und es läſst sich die zeit dieser komödie noch ziemlich fixiren. es liegt auf der hand, daſs Aristophanes ganz anders reden würde, wenn er in den Thesmophoriazusen (411) etwas von den ehellichen erfahrungen des dichters gewuſst hätte. in den Fröschen aber spielt er darauf an (1048). der komiker, welcher jene fabel aufbrachte (sicher nicht Aristophanes selbst), hat auf reellen glauben natürlich keinen anspruch gemacht: die angegriffene frau hatte, wenn sie noch lebte, die silberne hochzeit lange hinter sich. sehr witzig war die erfindung nicht und namentlich sticht sie übel ab von den Thesmophoriazusen, die doch vorbildlich gewesen sind. denn herausgesponnen ist die fabel aus der tatsache, daſs Euripides gern probleme des weiblichen liebes - lebems behandelt und von der weiblichen treue recht häufig geringschätzig redet. immerhin ist mehr witz darin, als wenn später feine nasen zu erzählen wissen, der weiberhaſs wäre nur theoretisch gewesen, oder auch10Das leben des Euripides.das gegenteil, oder auch der weiberhaſs wäre durch knabenliebe motiviert gewesen13)Sophokles als den vertreter der knabenliebe, Euripides als den der weiber - liebe einander entgegenzustellen hat dem peripatetiker Hieronymos von Rhodos be - liebt, der mehreres über den dichter vorgebracht hat. er hat auch ein ganz albernes epigramm verfertigt, auf des Sophokles namen (Athen. XIII 604d), aber gleich im ersten verse mit einem groben metrischen schnitzer und im zweiten wieder mit einem: denn in χλιαίνω ist die erste sylbe bei allen älteren dichtern, wie ihre natur ist, lang, und das iota des dativus singularis zu elidiren ist weder dem Sophokles noch irgend einem sorgsamen dichter des vierten oder angehenden dritten jahrhun - derts zuzutrauen. daſs sich bewunderer dieser sophokleischen elegie gefunden haben, ist minder zu verwundern, als daſs die schnitzer auch sonst nicht gerügt sind. u. s. w.
Wie der mensch Euripides zu den frauen stand, wäre man freilich verlangend zu erfahren. daſs er sie gehaſst hätte, ist eine kurzsichtige abstraction daraus, daſs er geneigt ist, allgemeine urteile über das ge - schlecht abzugeben, und daſs diese allerdings von dem cultus und von der galanterie sehr weit abliegen, die wir aus perioden überkommen haben, deren gesittung uns doch viel ferner liegt als die attische cultur. Euripides mag die frauen nicht günstig beurteilt haben: aber er hat sie studiert. für Pindar Sokrates und die meisten Sokratiker existiren sie kaum. nicht bloſs daſs die euripideischen dramen eine fülle weiblicher charaktere bieten, mit so feinen unterschieden der charakteristik, daſs die männer dagegen stark abfallen: es muſs geradezu gesagt werden, daſs Euripides das weib und die durch das verhältnis der geschlechter ent - stehenden sittlichen conflicte für die poesie entdeckt hat, und daſs die hellenische poesie nicht viel mehr hat tun können, als von diesem seinem schatze zu zehren. es gibt wenig dichter, denen das weibliche geschlecht so dankbar zu sein grund hat. aber die frauen, die ihm das verständnis des weiblichen herzens eröffnet haben, sind für alle ewigkeit verschollen. wer spielen will, mag annehmen, daſs die mutter, die das nächste anrecht hat, ihm viel gewesen ist. sie hat ja auch für den sohn zu leiden gehabt, wenn auch wol erst im grabe. wir können freilich nicht einmal die frage beantworten, wie sie in ein renommee gekommen ist, das sich auf unsere verhältnisse übertragen etwa so wiedergeben läſst, Kleito hätte als beruf das pilzesammeln gehabt und ihren kunden haferpilze statt champignons aufgeschwatzt. den wilden kerbel (σκάνδιξ, ne legitima quidem holera Plin. n. h. 22, 18) der mutter gibt Aristophanes dem Euripides schon 425 zu hören (Acharn. 478), und zwar als etwas offenbar dem publicum bekanntes. Kleito war damals lange tot. es wäre leicht sich einen anlaſs auszudenken, wenn man den breiten weg der litteratur -11Lebensführung.geschichtler wandeln wollte. so muſs man sich bescheiden. schlieſslich würde unsere minder aristokratische anschauung die gemüsehändlerin weder selbst als bescholten noch als einen schimpf für den sohn ansehen. die liebevolle weise, mit der der sohn sehr häufig die gefühle der mutter zu den kindern und die pietät gerade des erwachsenen sohnes zur mutter geschildert und besprochen hat, legt es nahe, von Kleito nicht gering zu denken.
Seine vermögensverhältnisse haben dem Euripides von jugend aufLebens - führung. gesttattet ganz den Musen zu leben. im 4. jahrh. war die dramatische poesie dazu angetan, ihren dichter reich zu machen14)Platon Laches 183d Staat VIII 568c.; damals wurden die dramen aber auch aller orten gegeben. der attische staat zahlte sehr ansehnliche preise15)Wir kennen die preise der tragiker und die der komiker (Ar. Frö. 367 mit scholl. ) nicht, wol aber einige der bei den Panathenaeen gezahlten (CIA II 965). für die kitharoden war der erste ein goldener olivenkranz von 1000 dr. und 500 dr. silber, für den zweiten 1200 dr., den dritten 600, den vierten 400, den fünften 300. aber auch das verhältnis dieser preise zu den tragischen läſst sich nicht abschätzen.; aber sie waren sehr stark abgestuft, und Euripides hat im leben nur viermal den ersten erhalten. somit hat er von den gaben der Musen nicht leben können, und jedenfalls haben sich seine söhne eine lebensstellung selbst erwerben müssen. er hat als ein echter gelehrter nur einen schatz hinterlassen, den die motten fressen, seime bibliothek. freilich ist in anschlag zu bringen, daſs sein greisen - alter mit dem unheil zusammenfällt, das nicht nur den staat Athen, sondern jeden einzelnen bürger arm machte. liturgien hatte jeder bürger zu leisten, der nur einigen besitz hatte, mochte er auch so fern dem staatsleben sich halten, wie Platon Isokrates Euripides, von denen allem es feststeht. und zwar hat Euripides als bejahrter mann sogar vor gericht gestanden und seine sache geführt, als ihm ein gewisser Hygiainon eine liturgie zuschob (ἀντέδωκεν16)Aristoteles Rhet. III 15, wol aus mündlicher überlieferung. es ist die ältestte erwähnung eines falles von ἀντίδοσις, da der zweite Hippolytos vorausgesetzt wird, nach 428. der name ϓγιαίνων ist genugsam belegt.). auch muſs man sich die weltflucht bei einem sohne der sophistenzeit nicht zu arg denken: wer so das menschliche getriebe zu schildern weiſs, hat es selbst gesehen, wer das menschenherz so kennt, menschen beobachtet. offenbar durch die zufällige beachtung eines beschriebenen steines hat irgend ein gelehrter des alter - tums entdeckt, daſs Euripides von Magnesia mit atelie und proxenie bedacht worden ist. welche der beiden Magnesia, die beide nicht zum attischen, sondern zum persischen reiche gehörten, gemeint ist, läſst12Das leben des Euripides.sich nicht sagen, und der schluſs des γένος, daſs die ehre einen per - sönlichen besuch Magnesias voraussetzte, zeigt nur, daſs wir epigraphische documente richtiger zu verwerten gelernt haben17)Mit dieser proxenie den zufall zu combiniren, daſs Euripides (Oineus 571) für uns zuerst die Μαγνῆτις λίϑος erwähnt, wird man sich um so mehr hüten, als keines - wegs fest steht, daſs das bezeichnete metall in Magnesia wirklich vorkam, mag es nun das magneteisen sein, wie der durch die ganze citatengelehrsamkeit sich compromit - tirende verfasser des Ion meint, oder das katzensilber, das der gewährsmann Diogenians (schol. Pl. Ion. Phot. Hesych) und Buttmann verstehen, dessen aufsatz (Mus. f. Alt. wiss. II) die modernen teils nicht kennen, teils nicht würdigen: er hat Soph. fgm. 728 erkannt. die verdorbenen Euripidesverse lauten τὰς βροτῶν γνώμας σκοπῶν ὥστε Μαγνῆτις λίϑος τὴν δόξαν ἕλκει καὶ μεϑίστησιν πάλιν. damit kann erstens nicht der magnet gemeint sein, denn derselbe magnet stöſst dasselbe stück eisen, das er angezogen hat, nicht wieder ab. auch würde dann notwendig statt δόξαν σίδηρον stehen müssen. wie vollends ἐπισπῶν ἕλκει καὶ μεϑίστησιν πάλιν (so conjiciren sie) ge - sagt und, wenn gesagt, mit γνώμας und δόξαν verbunden werden sollte, ist gar nicht auszudenken. irgend etwas zieht wie das katzensilber die meinung an und ‘bringt sie wieder in andere lage’ (wie μεϑίστασϑαι φρενῶν), wenn der trug durch - schaut ist. wir fragen, was ist das, und worauf bezieht sich die meinung. das letztere steckt in den verdorbenen worten. sie bezieht sich auf die γνῶμαι βροτῶν, den cha - rakter des menschen, und man verbessert leicht σκοποῦντος. also die dem Euripides so geläufige klage, daſs die kriterien für den charakter so unsicher sind. nehmen wir z. b. die εὐγένεια: zunächst beurteilen wir den εὐγενής darauf hin als ἀγαϑός, aber rasch erkennen wir, daſs der adel katzensilber ist. am nächsten aber liegt wirkliches silber, der reichtum: denn dann ist die vergleichung am schlagendsten.. allein eine inhalt - lose ehre ist die proxenie damals noch nicht, sondern sie schlieſst, wenn man auch zugeben mag, daſs die Magneten nur den dichter ehren wollten, verpflichtungen ein, die praktisch wenigstens werden konnten. daſs die späteren sich Euripides durchaus nur als einen menschenscheuen und menschenfeindlichen griesgram denken konnten, liegt im wesent - lichen daran, daſs sie die charakteristik des tragikers Alexandros von Pleuron als maſsgebend ansahen ὁ δ̕ Ἀναξαγόρου τρόφιμος χαιοῦ στρυφνὸς μὲν ἔμοιγε προσειπεῖν καὶ μισόγελως καὶ τωϑάζειν οὐδὲ παρ̕ οἴνῳ μεμαϑηκώς. ἀλλ̕ ὅ τι γράψαι τοῡτ̕ ἂν μέλιτος καὶ Σειρήνων ἐτετεύχει18)Den verfassernamen hat Gellius und der Aristophanesscholiast zu Frö. 839 erhalten, wonach auch die krauthökerin Kleito bei ihm vorkam. im γένος ist durch leichtes versehen Aristophanes für den verschollenen dichternamen gesetzt, und es ist dort auch s. 5, 21 Schw. ein apophthegma aus den versen gemacht. es ist selt - sam, daſs man die verse dem komiker hat geben wollen, obwol man dann das nicht attische τέτευχα und das dorische χαιός ändern muſs. übrigens zeigt das citat aus einem bald vergessenen alexandrinischen dichter, daſs der grundstock des γένος, wie ja a priori anzunehmen war, von einem der alexandrinischen compilatoren der zeit 230 — 130 herrührt.13Lebensführung.darüber haben sie ganz vergessen, daſs der dichter sowol für sein vater - land in officiellem auftrag tätig gewesen ist, wie auch in verbindung zu dem staatsmanne gestanden hat, der für sein vaterland verhängnis - voll geworden ist. uns ist das durch die geschichtsschreiber überliefert worden.
In der perikleischen zeit, wo Sophokles in den höchsten staatsämtern tätig ist, verlautet von Euripides nichts, und seine ältesten dramen zeigen keine starken einwirkungen der zeitgeschichte; was vorkommt, sind nur äuſserungen der allgemeinen stimmung19)Ins besondere liegt keine spur davon vor, daſs Eur. zu Perikles und seinem kreise beziehungen gehabt oder die perikleische politik in entschiedener weise ver - treten hätte. Böckh hat zwar auf den unlängst vorher erfolgten tod des Perikles das wort bezogen, das Theseus an der leiche des Hippolytos spricht, 1459, ὦ κλείν̕ Ἀϑη - νῶν Παλλάδος ϑ̕ὁρίσματα οἵου στερήσεσϑ̕ ἀνδρός. aber einen auſserhalb des dramas liegenden bezug dürfte man nur hineintragen, wenn die unmittelbare deutung nicht genügte. und die würdigung des Hippolytos ist nur die gerechte (955. 1100). übrigens ist der vers verdorben, da ὁρίσματα nicht mit den namen des landes und der göttin verbunden werden kann. gefordert wird, da Theseus in Trozen spricht, eine be - zeichnung dieser stadt, wie 973, 1095, 1159. zu schreiben ist ὦ κλείν̕ Ἀϑηνῶν Πελοπίας ϑ̕ ὁρίσματα, vgl. 373. damit ist die beziehung auf Perikles unmöglich, denn dessen tod als ein unglück für die Peloponnesier hinzustellen, würde eine be - leidigung des toten gewesen sein.. aber längst hat man bemerkt, daſs er gegen ende des archidamischen krieges geradezu tendenzstücke dichtet. davon sind die Hiketiden erhalten, in welchen der rat, frieden mit Sparta, aber anschluſs an Argos zu suchen, kaum minder hervorsticht als die forderung, daſs Athen einen νεανίας στρατηγὸς ἐσϑλός erhalte, wie The - seus es ist (192). damals bewarb sich Alkibiades um diese stellung und nahm bald die führung des staates mit der entschiedenen tendenz in die hand, durch den bund mit Argos Sparta im Peloponnes selbst matt zu setzen. den höhepunkt persönlichen glanzes erreichte derselbe, als er an der feier der neunzigsten olympiade, von der Sparta ausgeschlossen war, mit einer ganzen reihe viergespanne auftrat und preise davontrug. und zu dieser siegesfeier hat Euripides ihm das siegeslied gedichtet, das letzte nach - weisbare beispiel dieser pindarischen weise. damit hatte er partei ge - nommen im angesichte aller Hellenen. der groſsartige Athenerstolz, der in den dichtungen jener jahre lebt, und der auch ein stolz auf die demokratische verfassung ist, zeigt, wie zukunftsfreudig seine stimmung war. ohne zweifel hat er in Alkibiades einen gröſseren Perikles gehofft. aber was er gleichzeitig ersehnte, war der friede, und ausdrücklich ist uns überliefert, daſs ein friedenslied aus dem Erechtheus in aller munde14Das leben des Euripides.war, wie er schon im Kresphontes eins gedichtet hatte, das selbst des Aristophanes beifall fand. der friede aber lag nicht in Alkibiades sinne: nacht muſs es sein, wo die sterne des tyrannen stralen. und so sehen wir den staatsmann die sicilische expedition vorbereiten, während der dichter seine troische tetralogie damit schlieſst, daſs die stolzeste flotte hineinfährt in das sichere verderben. diesmal war er ein prophet gewesen. geglaubt hatte man ihm so wenig wie dem groſsen mathematiker Meton; aber man erinnerte sich seiner nach der entsetzlichen erfüllung. es ist bezeichnend, daſs 412 die Athener den greisen Sophokles in das neu - gestiftete zehnmännercolleg von probulen wählten: der sollte den peri - kleischen geist zurückrufen; aber er war schwach geworden und gab den oligarchen, obwol er aufrichtiger demokrat war, das heft in die hände. Euripides aber erhielt den auftrag, das epigramm für das riesengrab zu machen, das auf dem staatsfriedhof für das gedächtnis der tausende er - richtet ward, die im fernen westen für das vaterland gestorben waren20)Plut. Nik. 17. auch Helen. 398 enthält einen zug, den nur dieser katalog der gefallenen verständlich macht, zumal im jahre 412. Menelaos sagt ‘wir können jetzt die toten zählen und die überlebenden, die die namen der toten nach hause bringen’. also die einen sind verzeichnet, die andern sind ἀριϑμητοὶ ἀπὸ πολλῶν.. zu handeln traute man ihm nicht zu, wol aber aus der seele seines volkes zu reden. aber es waren nur einzelne momente noch, wo alles, was Athen noch besaſs, im gemeinsamen vaterlandsgefühle sich zusam - menfand. das entsetzliche, das über allen häuptern schwebte, und die widerstreitenden gefühle, die es erregte, scham und stolz, heroismus und verzweiflung gewannen allzurasch wieder die oberhand in den seelen des nur allzu vollblütigen Athenervolkes. es ist als überkäme sie alle ein bakchischer taumel, daſs sie wider einander, wider alles was groſs im vaterlande ist, wider sich selbst wüten, und schlieſslich daran zu grunde gehen. auch die euripideischen dramen dieser zeit sind wie im fieber geschrieben. zwar die zeitereignisse selbst berührt er höchstens im vorübergehen, wenn ihn schmerz oder zorn einmal übermannt. und das erkennt man wol, daſs ihn ein tiefer abscheu gegen die radicale demokratie erfüllt21)Daſs die heftige schilderung eines demagogen, Or. 772, dem Kleophon gilt, hat Philochoros wol selbst angemerkt (schol. 371, 772, 903). derselbe hatte im Ixion eine beziehung auf den tod des Protagoras gefunden, was wir nicht mehr controlliren können, aber natürlich nicht bezweifeln dürfen. (Diog. Laert. IX 55.) Phoin. 783 schildert das Dionysosfest im belagerten Athen., was ihm dann den vorwurf oligarchischer gesinnung eingetragen hat, den Aristophanes, obwol er ihn mehr verdiente, weiter -15Lebensführung.zugeben nicht unterläſst22)Frö. 952. wir haben kein mittel, festzustellen, wieso man in früher zeit dazu gekommen ist, eine tetralogie des Kritias, die also wahrscheinlich in den letzten lebensjahren des Euripides gegeben ist, diesem zuzuschreiben. wenn die didaskalien ihn mannten, so hatte er dem Kritias einen freundschaftsdienst getan, und das er - weckt dann weitere perspectiven auf die Kreise zu denen er sich hielt. aber ebenso - gut können die didaskalien Kritias genannt haben, und nur stil und gedanken und der fluch, der auf dem gedächtnis des tyrannen lag, den irrtum der nächsten gene - ration bewirkt haben. Kritias ist ein so bedeutender mensch, daſs man an sich einen verkehr ganz gern glauben würde.. aber das gebiet, auf welchem der dichter die von auſsen an ihn dringenden erschütterungen mit sich und vor dem publicum durchkämpft, ist das poetische. auch er läſst, wie sein volk, nichts unversucht und rüttelt an den gesetzen seiner kunst wie an ketten. jetzt erst wird er der Euripides, den wir im bilde schauen und der als typus im gedächtnis der Hellenen fortlebte, bitter und menschenverachtend, jede leidenschaft aufwühlend, ohne je zur befriedigung zu kommen, und daneben in kalter dialektik den schönen schein zersetzend, unter dem sich die nichtigkeit alles irdischen verbirgt. die zeitgenossen empfanden es, daſs er sie verachtete und doch als geborner lehrer des volkes beherrschte und beherrschen wollte. die meute der komiker stürzte sich wider ihn, und diesen, nicht ihm fielen die siegerkränze zu. er gab auch ihnen mit bittrem worte die antwort23)In der zweiten Melanippe 495 μισῶ γελοίους οἵτινες τήτει (lies τήτῃ: das fordert τητᾶν) σοφῶν ἀχάλιν̕ ἔχουσι στόματα κἀς ἀνδρῶν μὲν οὐ τελοῦσιν ἀρι - ϑμόν, ἐν γέλωτι δ̕ εὐπρεπεῖς οἰκοῦσιν οἴκους., er trug in der Antiope mit seiner ganzen kraft, der dialektischen wie der pathetischen, das eigenlob des ϑεωρη - τικὸς βίος vor: aber dann gab er das spiel selbst verloren, gab auch das vaterland verloren und wanderte aus.
Die götter waren immer freundlich gewesen gegen Sophokles. schön - heit und heiterkeit, genuſsfähigkeit und liebenswürdigkeit hatten sie ihm verliehen. ein langes leben hindurch hatte ihn die volle βίου εὔροια getragen. auch das war eine gnade, daſs er nun steinalt war, wenn auch jugendkräftig bei der arbeit, aber lebend mehr in dem reiche seiner ideale als in der traurigen gegenwart, mit sich selbst und seinem volke in harmonie. nun schenkten die götter dem schönen leben gnädig den schönen schluſs: er durfte noch im freien Athen sterben und die feind - lichen vorposten öffneten sich ehrfurchtsvoll dem leichenzuge, der den letzten tänzer des salaminischen siegesfestes an die seite seiner väter trug. fern in Gela ruhte Aischylos, fern an der makedonischen Arethusa war Euripides jüngst gebettet. die beiden waren kurz vor ihrem tode16Das leben des Euripides.in die ferne gezogen, aber Aischylos in der höchsten schaffenskraft, nachdem er noch eben sein gröſstes werk unter dem vollen beifalle seines volkes gekrönt gesehen hatte, und dieses volk strebte dem höchsten hoffnungsvoll und kraftvoll zu24)Daſs Aischylos im grolle über die politischen veränderungen aus Athen gewichen sei, ist nicht zu beweisen. die Eumeniden schlieſsen mit der vollsten har - monie und nichts verrät, daſs der dichter die macht und den stolz der heimat, wozu auch der Areopag, ἀσυνδέκαστον τοῦτο βουλευτήριον, gehört, für beeinträchtigt oder bedroht gehalten hätte. es ist ganz unmöglich zu sagen, was er mit seiner reise bezweckte. übrigens braucht er nicht älter als 60 jahre gewesen zu sein, und er kann somit mit dem gedanken heimzukehren und von neuem zu siegen fort - gezogen sein.. Euripides hatte die schwelle der sieb - ziger überschritten, er war ein leben im engsten kreise und in der unab - hängigkeit aber auch der beschränkung des gelehrten gewohnt: jetzt siedelte er an einen halbbarbarischen hof voll soldatischen getöses, in ein fremdes land über, und er schied auf nimmerwiedersehn von der vaterstadt, deren politischer sturz sicher zu erwarten stand, deren ver - tilgung gar nicht unwahrscheinlich war. es war ein schritt der ver - zweiflung.
Am hofe des königs Archelaos fand er freilich eine stattliche reihe geistiger celebritäten; selbst dem Thukydides wird er hier begegnet sein25)Daſs Thukydides in Makedonien gestorben wäre, durfte freilich nicht für historisch ausgegeben werden, da es nur auf einem dialoge des Praxiphanes beruht. aber seine anwesenheit daselbst, wahrscheinlich an sich, ist schwerlich von Praxi - phanes erfunden, denn auch die zuerteilung des bekannten grabepigramms auf Euri - pides (Athen. V 187d, auch im γένος) setzt sie voraus, und eben deshalb wird es auch dem Timotheos zugeschrieben, der ja auch in Makedonien gewesen ist. das epigramm dem 4. jahrhundert abzusprechen, ist man nicht veranlaſst., und vor allem mochte ihm der verkehr mit Agathon wol tun, der auch tragiker war und rückhaltlos die consequenzen der euripideischen tragödie und der neuen gorgianischen stilistik zu ziehen versuchte26)Agathon zum ἐρώμενος des Euripides zu machen, lag nahe, und ist an sich nichts als eine ausgestaltung ihres zusammenlebens in Pella. aber bei Aelian steht nicht nur dies (V. H. XIII 4), sondern auch, daſs Euripides ihm zu ehren den Chry - sippos dichtete (V. H. II 21). das kann ja bloſs deshalb gesagt sein, weil der Chry - sippos das problem der knabenliebe behandelt. aber es gibt zu denken, daſs der Chrysippos mit den Phoinissen wirklich in den letzten attischen jahren des Euri - pides verfaſst ist (etwa 410), und Platons Symposion führt Agathon und Pausanias, auf den auch Xenophon verweist, als typen der knabenliebe ein. es ist sehr zu bedauern, auch für die symposien, daſs wir von der behandlung des Euripides nicht mehr wissen, als daſs er die knabenliebe verwarf, obwohl sich Laios auf die φύσις für sie berief. geurteilt hat Euripides immer so, denn nur sein Kyklop gibt sich solcher neigung hin, während Aischylos und Sophokles arglos der volkssitte folgen.. rasch entledigte17Lebensführung.er sich auch des auftrags, für den könig ein makedonisches drama zu schreiben und ihm einen ahn zu schaffen, der dem bankert des Perdikkas ein heroisches relief gäbe; er fühlte sich zu neuen geistvollen und sicht - lich mit frischer liebe durchgeführten schöpfungen angeregt, er glaubte endlich den hafen gefunden zu haben. aber er erhielt doch auch proben von der rohheit der gesellschaft, in die er versetzt war27)Ein höfling höhnt Euripides, weil er einen übelriechenden atem hatte: Archelaos liefert ihn dem dichter aus, daſs er ihn durchpeitsche. Aristoteles polit. E 10, wol aus den traditionen, die Aristoteles selbst oder sein vater am hofe ge - sammelt hatte. der üble atem ist dann weiter zu albernen apophthegmen benutzt, die nichts lehren. es liegt eine bittre kritik darin, daſs wir von ganz persönlichem, äuſserlichem über Euripides nichts wissen, als daſs er als greis schlecht aus dem munde roch. aber mancher unserer gebildeten hat von Schillers wesen auch nichts behalten, als daſs er eine neigung für faule äpfel hatte.. wir wollen nicht vergessen, daſs der vers βαρβάρων Ἕλληνας ἄρχειν εἰκός (I. A. 1400) in Makedonien gedichtet ist, und es ist pikant, daſs Thrasymachos dieselbe spitze gegen Archelaos wendet28)Clemens strom. 746, der Thrasymachos citirt, verweist auf Telephos 717, wo der nämliche gedanke steht. die rede war vermutlich älter als die aufführung der Iphigenie; an eine entlehnung ist nicht zu denken.. dieser edle attische baum war zu alt zum verpflanzen in noch so fettes barbarisches erdreich. nach 1 ½ jahren starb er, gefeiert von dem könige, und sein grab ist bis in späteste zeit eine merkwürdigkeit der gegend geblieben.
Von seiner todesart hat Aristophanes ein jahr später nichts merk - würdiges gewuſst, und dabei haben wir uns selbstverständlich zu beruhigen. aber sehr früh schon ist die fabel entstanden, daſs hunde ihn zerrissen hätten, und sie hat im altertum die oberhand behalten: denn selbst ein kategorischer widerspruch29)Adaios Anth. Pal. VII 51, es ist eine rettung im stile der von Dioskorides für Lykambes töchter (A. P. VII 351) und der von Aischrion für Philainis (A. P. VII 345). erst der aberwitz eines litterators hat dann aus den hunden weiber gemacht: das ist nicht komikererfindung, sondern auch nur eine λύσις für die aporie: was waren das für hunde, die Euripides zerrissen. ist geschichtlich um nichts begründeter als die behauptung. an sich könnte dem dichter ein unfall so gut wie jedem sterblichen sonst zugestoſsen sein, und einem nächtlichen wan - derer kann ähnliches in Makedonien auch heute noch passiren. es ist auch eine tendenz, welche zu der fabel geführt hätte, nicht ersichtlich, vielmehr zeigen die mannigfaltigen widersprechenden und sich also auf - hebenden motivirungen, wie Euripides unter die hunde oder die hunde über Euripides gekommen wären, daſs man die pointe derselben schon im altertum vermiſste, und bei solchen geschichten ist es eine empfehlung,v. Wilamowitz I. 218Das leben des Euripides.wenn sie keine pointe haben. aber das schweigen des Aristophanes gibt den ausschlag: wir müssen urteilen, der tod durch die hunde hätte zwar passiren können, aber er ist nicht passirt.
Dies der äuſsere lebensgang; aber bei dem geistig wirkenden sind die inneren erlebnisse unendlich wichtiger, und vielleicht ist überhaupt an dem einzelnen menschen das merkwürdigste nicht, wie er als vollen - deter erscheint, sondern wie er ward; wie denn selbstbiographien, selbst wenn sie schlecht sind, soweit interessiren, als sie entwickelungsgeschichte darstellen. die entwickelung ist für den animalischen menschen fertig, wenn der körper vollausgereift ist, und bei dem durchschnitt ist dann auch die geistige entwickelung auf ihrem höhepunkt. die bedeutung des menschen aber bemiſst sich danach, wie spät er klug wird, und es ist ein zeichen der geistigen kraft unseres deutschesten stammes, daſs er wie die Hellenen dazu 40 jahre brauchen soll. in wahrheit bringen wol nur die allerhöchststehenden sterblichen die entwickelungsperiode zu solcher dauer. bei Goethe und bei Platon macht allerdings das vierzigste jahr epoche: da erst sind sie fertig. aber es ist schon viel, wenn wie bei Dante nel mezzo del cammin di nostra vita der tag kommt, wo alles was uns zu schaffen auferlegt ist, δυνάμει getan ist, so daſs das weitere leben nur noch mit dem umsetzen in die energie zu tun hat. es lieſse sich darüber viel sagen30)Glücklich, wen die götter wegrufen, wenn er fertig ist, wie Eupolis, wäh - rend Aristophanes bis zu den Ekklesiazusen sinken muſste, wie Catull, wie A. de Musset und Byron; weise, wer sich selbst bescheidet, wenn er nichts mehr zu geben hat, wie Kallimachos (wahrscheinlich), Horaz, Uhland: aber sich selbst zum gericht lebt, wer den alten jugendton immer weiter pfeift, überhört oder durch die schrille ausgesungene stimme nur verletzend, wie Ovid, wie Klopstock, dessen geistige ent - wickelung über die eines grünen jünglings nicht hinauskam, und H. Heine.; das γηράσκω αἰεὶ πολλὰ διδασκόμενος hat seine wahrheit, aber der andere spruch auch, daſs der mensch nur lernt was er lernen kann: und der fertige mensch kann nun einmal nur äuſser - liches umlernen, er hat vielmehr auszugeben was er in sich trägt, viel - leicht nur als keim, sich selbst kaum bewuſst, aber wenn er es nachher von sich gibt und es anderen neu erscheint, so ist es ihm doch ein lang - bekanntes, und wenn die nachwelt ein leben so genau übersehen kann wie wir es mit dem Goethes tun, so kann sie auch beweisen, daſs dem so ist, und daſs die Wanderjahre schon concipirt waren, ehe die Lehrjahre erschienen. wie jämmerlich steht es da nun mit dem was wir von den antiken menschen wissen können! Platons entwickelung zu übersehen würde einen ähnlichen reichtum von psychologischer belehrung bieten wie die Goethes. jetzt sehen wir die widersprüche, die in einer solchen19Geistige entwickelung.natur während der gährenden jugendzeit vorhanden sein müssen, in den systemen seiner chronologen widergespiegelt. man weiſs es wol, daſs nur seine persönlichste entwickelung die reihenfolge der jugendwerke be - stimmt hat: jetzt fehlen die äuſseren daten und in das innere kann niemand dringen. die meisten groſsen denker der älteren zeit treten uns nur als die hinter ihrem einen werke verschwindenden verfasser entgegen, als ausgereift, auch wenn sie, wie Anaxagoras, die herausgabe des buches lange überleben. von Sophokles erscheint uns die Antigone fast als jugendwerk, weil er alle andern erhaltenen dramen als greis verfaſst hat, und doch war er in den funfzigern als er jene schrieb. und auch von Euripides haben wir nur werke aus reifer zeit: der Phaethon wird wol das älteste kenntliche sein, aber auch das ist nur erschlossen, weil es so stark von den erhaltenen absticht31)Sehr auffällig ist, daſs die nicht ganz wenigen trimeter der Peliaden, des ersten dramas, weder im versbau, noch in der diction, noch in den schon sehr sen - tentiös und allgemein gehaltenen gedanken eine abweichung von der späteren weise des dichters zeigen.. wir können uns ein eigenes urteil über die entwickelungsjahre dieses dichters auch nicht bilden.
Aber einige nachrichten treten ein. da ist vorab eine fabel zu ent - fernen. er soll in gymnastischen kampfspielen gesiegt haben, weil ihn sein vater zum athleten ausbilden wollte, auf grund eines orakels, das ihm siege in agonen verhieſs. die geschichte, gebaut auf den doppelsinn der ἀγῶνες, ist eine wandergeschichte, bestimmt, göttliche vorsehung und menschliche kurzsichtigkeit zu illustriren. Herodot (9, 33) hat sie sich von einem seher als selbsterlebt erzählen lassen, der auch kampf - spiele verstand, wo der gott kämpfe gemeint hatte. als sie auf den unterschied der musischen und gymnischen wettspiele übertragen ward, griff man einfach den berühmtesten scenischen dichter auf und knüpfte sie an seinen namen. denn damit würde man dem erfinder zu viel ehre antun, wenn man meinen wollte, er habe die notorische verachtung der gymnastik, welche Euripides zeigt, aber, wie auch im altertum bemerkt ist, im anschluſs an Xenophanes ausspricht, aus bösen jugenderfahrungen ab - leiten wollen. übrigens ist die geschichte nicht vor dem zweiten jahrhundert erfunden, da sie die der alten zeit fremden Theseen erwähnt32)In dem berichte des Gellius, der nur vollständiger und reiner, kein anderer ist als der im γένος und gelegentlichen anführungen.. mindestens nicht aus den fingern gesogen, sondern durch ein document belegt und also von einem achtungswerten forscher, wahrscheinlich Philochoros33)Megara ist 306 und um 264 zerstört worden; es ist unwahrscheinlich, daſs ein archaischer πίναξ sich länger erhalten hätte. Pausanias weiſs nichts davon.2*20Das leben des Euripides.aufgebracht ist dagegen die merkwürdige angabe, daſs Euripides in der jugend maler gewesen wäre und in Megara eine von ihm bemalte ton - tafel gezeigt würde. solche πίνακες haben wir jetzt selbst genug, um uns eine vorstellung machen zu können; auch künstlerinschriften tragen sie zuweilen. aber so sicher man annehmen wird, daſs in irgend einem heiligtum Megaras ein solches werk euripideischer zeit vorhanden war mit der künstlerinschrift Εἰριπίδης Ἀϑηναῖος ἔγραψε, so unwahr - scheinlich ist es, daſs der vatersname dabei stand, und dann ist die autor - schaft des späteren tragikers sehr unsicher. im allgemeinen jedoch muſs zugestanden werden, daſs der gewaltige aufschwung, den die malerei in Athen während der jugendjahre des Euripides nahm, einen künstlerisch begabten knaben sehr wol reizen konnte. wenn er ihn denn beschritten hat, so hat dieser irrweg, von dem er bald zurückkam, kenntliche spuren in der poesie des Euripides nicht hinterlassen.
Gelernt muſste auch die poesie werden. noch war sie zu ihrem glücke so schwer, daſs ein dilettant, der nichts als die allgemeine schul - bildung hatte, die finger davon lassen muſste, und ein zweites glück war es, daſs es noch keine handbücher gab34)Am ende des 5. jahrh. hat es technische schriften über landwirtschaft u. dgl., auch kochbücher gegeben. die medicinische litteratur, die am besten be - kannte, geht, so weit sie nicht ein erzeugnis der sophistik ist, auf kurze regeln zurück, προγνώσεις, προρρητικά u. dgl., die nur ein hilfsmittel mündlicher unter - weisung sind. und natürlich besaſs jeder der ein handwerk übte seine papiere, die er als einen wertvollen schatz seinem nachfolger vermachte, der koch oder arzt recepte, der seher formulare für sprüche und spruchdeutung (Isokrates 19, 5 τὰς βίβλους τὰς περὶ μαντικῆς). aber buchmäſsiger vertrieb bestand für diese dinge nicht und die schriftstellerei der sophistik behandelt eben das technische nicht. das ändert sich erst um und nach 400, wo Simon und Xenophon über pferdezucht, Chares und Apollodoros über landbau, Hippokrates und Polybos über medicin technisch schreiben. und trotzdem redet man noch immer so, als hätte Sophokles eine aesthetische ab - handlung über den chor wider Phrynichos schreiben können (Suid. s. v.), etwa wie Schiller vor der braut von Messina oder wie Seneca und Pomponius ihren tragödien praefationes gaben. es ist eine fiction wie die technischen schriften uralter bau - meister, von denen Vitruv redet.. der jugendunterricht gipfelte allerdings darin, daſs er den schatz der classischen poesie den knaben fest und unverlierbar für das leben einprägte; dabei lernten sie die ihnen ausnahmslos fremden mundarten der poesie und lernten die weisen der groſsen dichter singen und sagen. das befähigte sie dann als erwachsene die tragödien und die dithyramben zu verstehen, und das war nicht wenig. sie mochten wol auch einmal vor liebchens tür oder beim rund - gesang einen vers eigner fabrik auf die alte weise versuchen, auch für21Geistige entwickelung.ein weihgeschenk oder einen grabstein ein distichon zu stande bringen: das war noch kein dichten. wir sehen sogar einzelne Athener, die eine volle bildung haben wollen, noch weiteren musikalischen unterricht als beim kitharisten nehmen. den lehrer des Perikles hat Aristoteles verzeichnet; dieser hat sein mündel Alkibiades auch von einem virtuosen im flöten - spiel unterrichten lassen, und Sokrates hat in der muſse des gefängnisses ein προσόδιον an Apollon verfassen können, weil er bei Konnos noch als alter mann die mängel seiner jugendbildung zu ersetzen versucht hatte. daſs die sophistik auch musik und metrik in ihre kreise zog, ist selbst - verständlich und wird durch die erfahrungen des Strepsiades illustrirt35)So hat Damon Damonides’ sohn über musik und metrik geschrieben. die scene der Wolken, in der Sokrates den Damon vertritt wie sonst den Apollo - niaten Diogenes, ist der älteste reflex seines buches. die sophistische fiction war eine rede vor dem Areopag, freilich eine fiction (Philodem de mus. 104 K.), aber nicht ärger als wenn Gorgias alle Hellenen in Olympia, oder die trauerversammlung im Kerameikos anredet. und daſs der Areopag wirklich die εὐκοσμία zu überwachen hatte (Isokr. 7, 37), zu bezweifeln ist kein grund. das buch Damons ist nach der zeit der alten Peripatetiker verschollen. vgl. Bücheler Rh. M. 40, 309.. wie viel mehr bedurfte der angehende dichter eines meisters, der ihm die kunstgriffe und fertigkeiten des handwerks übermittelte. Pindars lehrer kennen wir. Sophokles soll die musik bei Lampros, die tragödie bei Aischylos gelernt haben. über Euripides hören wir nichts. daſs Aischy - los, der sogar die tänze den choreuten selbst beibrachte und das dichter - handwerk seinem sohne und mehreren anderen verwandten hinterlieſs, auch andere unterwiesen hat, ist glaublich. aber Sophokles hat jedenfalls nichts bei ihm gelernt. weit eher könnte man es von Euripides glauben, wo die zeit es verbietet. denn Sophokles vertritt im gegensatze zu seinen beiden rivalen eine andere kunstrichtung, und gerade im technischen liegt der gegensatz. offenbar ist Sophokles dem ionischen einfluſs hingegeben; seine rede strotzt von ionismen und versteigt sich nicht selten zu einer künstlichkeit der metaphern, die an Ion von Chios erinnert, und das greift selbst auf das prosodische über: nur Sophokles hat (wenigstens im dialog36)Im liede scheint es Aisch. Eum. 347 zu haben: doch ist dort ὔμμιν wahr - scheinlicher, da er auch ὔμμε hat. Ar. Ach. 556 ist nicht von Eur., darf also ὑμῖν be - halten. bei Eupolis inc. 2, 3 ist ἡμῖν ἐπίστασ̕ εὑρών statt ἐ. ἡμἰν zu setzen. das ionische ἡμίν. sein versbau folgt andern prinzipien37)Vgl. zu v. 280., sodaſs er sich nicht scheut am versende zu elidiren, was nur Achaios von Eretria sonst tut, und sehr lax in der verkürzung eines schlieſsenden langen vocals vor vocalischem anlaut ist, eine freiheit, die aus dem epos22Das leben des Euripides.stammt38)Die 7 sophokleischen tragödien zeigen diese erscheinung etwa so oft wie die 18 euripideischen, und in oft sehr harten fällen. der verfasser des Rhesos folgt hierin wie in der melopoeie ganz dem Sophokles.. gewiſs würden wir noch mehr bemerken, wenn nicht Sophokles als greis sehr stark unter dem einflusse des Euripides stünde; auf das umgekehrte verhältnis deutet nichts39)Auch im altertum hat man bemerkt, daſs Aischylos und Euripides auf der einen, Sophokles auf der andern seite steht. Porphyrio zu Horaz ep. II 1, 55 Pa - cuvius famam docti aufert et consequitur Sophoclis, Accius Aeschyli Euripidisque qui dicendi sunt alti. da die horazische doctrin, welche hier erklärt wird, varro - nisch ist, wird es auch diese erklärung im kerne sein. und wenn wir es nur sti - listisch fassen, ist es wahr. Sophokles künstelt an der sprache..
Daſs Euripides für das musikalisch metrische sehr viel gröſsere neigung und erfindsamkeit besaſs als Sophokles, zeigen die werke. aber auch die alten haben schon hervorgehoben, daſs er mannigfache neue an - regungen in sich aufnahm und nichts unversucht lieſs. insbesondere hat er sich seit 420 etwa der neuen musik rückhaltlos angeschlossen, welche die dithyrambiker unter heftiger opposition der komödie aufbrachten. uns ist eine vergleichung versagt, und die klagen über Phrynis lehren, daſs die bewegung selbst schon mehrere jahrzehnte früher begonnen hat, als wir ihre spuren sicher nachweisen können. der niederschlag dieser verhältnisse in der legende ist die persönliche verbindung des Euripides mit Timotheos. von selbst werden wir glauben, daſs der greise tragiker anregungen auch nach musikalischer seite gegeben hat, wie sein stili - stischer einfluſs nicht bloſs bei tragikern der rhetorischen richtung zu tage liegt, sondern selbst bei dem Sophokles copirenden verfasser des Rhesos.
Aber die lehre, welche er bei seinen zunftgenossen fand, war für die bildung des Euripides keineswegs die wichtigste. er hat die neue weisheitslehre, welche in Athen von den zusammenströmenden gelehrten Ioniens teils verkündet teils fortgebildet ward, mit vollen zügen in sich aufgenommen, und schon den zeitgenossen war das für ihn am meisten bezeichnend, daſs er auch auf der bühne sophist war: σοφός heiſst er in spott und in bewunderung. unsere berichterstatter wissen so ziemlich alle namhaften sophisten, die es der zeit nach gewesen sein könnten, als lehrer des Euripides zu nennen. daſs sie über eine wirkliche über - lieferung verfügten, ist kaum glaublich, denn zeitgenössische berichte, wie sie die memoiren des Chiers Ion für die beiden andern tragiker boten, hat es unseres wissens für Euripides nicht gegeben. wol aber haben sie nachweislich mit recht aus den werken des Euripides die ein - wirkung bestimmter personen erschlossen, und nur das ist zweifelhaft23φιλοσοφία.und muſs es bleiben, in wie weit diese einwirkung auch wirklich eine persönliche gewesen ist. denn der leibliche verkehr ist für die einwirkung, die ein denkender mensch durch fremde gedanken erfährt, häufig selbst da unwesentlich, wo er statt hat, und erschlieſsen läſst er sich aus den werken des beeinfluſsten nur da, wo entweder persönliches berührt wird, oder aber wo es sich um einen menschen handelt, der vornehm - lich durch die dämonische gewalt seiner person gewirkt hat. dies letztere trifft so stark wie auf kaum einen zweiten sterblichen auf Sokrates zu. aber eben darum würden wir deutliche spuren seines geistes bei Euri - pides antreffen, wenn der immer noch von der gedankenlosigkeit be - hauptete verkehr der beiden grundverschiedenen groſsen Athener statt - gefunden hätte. allerdings hat der gleiche haſs, den sie gegen die beiden verführer der jugend empfanden, einzelne komiker (doch nicht Aristo - phanes40)Immerhin hat auch bei diesem der unterricht des Sokrates den erfolg, daſs der schüler die groſsen dichter der vergangenheit für stümper erklärt und für die wagnisse der euripideischen frauenbilder schwärmt. von da aus zu der erfindung der beihilfe des Sokrates ist nur ein schritt. dazu veranlaſst, Sokrates an den unsittlichen dramen mithelfen zu lassen, und wie hätte sich die spätere klatschsucht es entgehen lassen sollen, diesen faden weiter zu spinnen41)Aelian V H. II 13, erzählt daſs Sokrates sonst selten ins theater gieng, aber wenn Euripides καινοῖς τραγῳδοῖς ἠγωνίζετο oder im Peiraieus aufführte, kam er. diese fabel ist auf die verhältnisse seit der demosthenischen zeit zugeschnitten, wo der unterschied der καινοὶ τραγῳδοί und der παλαιά gilt und die Πείραια staatsfest sind; von beidem war zu Euripides zeit keine rede.. indessen hat einer der wenigen kritischen köpfe der griechischen gelehrsamkeit, Panaitios von Rhodos, bereits dieser fabel mit der nötigen entschiedenheit widersprochen, wenn auch nicht ohne selbst bedenkliche hypothesen zuzulassen42)Panaitios half sich bei stellen wie Frö. 1491, die in wahrheit ganz irre - levant sind, mit der fiction eines doppelgängers, ἕτερος Σωκράτης τῶν περὶ σκηνὰς φλυάρων. das ist auch in das γένος gekommen. denn s. 1, 10 Schw. steht in der zuverlässigsten handschrift (Vat. 1345) Σωκράτης δὲ ἕτερος αὐτῷ δοκεῖ ὁ φιλό - σοφος καὶ Μνησίλοχος ⟨συμ⟩πεποιηκέναι τινά. da ist der zusatz ἕτερος ὁ φιλόσοφος an verschiedene stellen des textes, dem es übergeschrieben war, hineingeraten. die andern fassungen sind darauf zurückzuführen; in den meisten ist aus ἕτερος ἑταῖρος geworden und dann Σωκράτης in den genetiv gesetzt. ein zusatz ist auch 2, 5 γεν - νηϑῆναι δὲ τῇ αὐτῇ ἡμέρᾳ [καὶ Ἑλλάνικον] ἐν ᾗ ἐνίκων — οἱ Ἕλληνες..
Sokrates war etwa 10 jahre jünger als Euripides und begann eine rolle nicht vor 430 zu spielen, als Euripides längst ein innerlich fertiger mann war. und wenn sie sich dann etwa bei Alkibiades begegnet sein sollten, so haben sie sich abstoſsen müssen. der menschenjäger liegt24Das leben des Euripides.den lieben langen tag im gymnasium, Euripides grübelt in stiller grote; jenes stolz ist das nichtwissen, dieser steht wie alle sophisten auf seiten der bildung und verachtet die ἀμαϑία; der philosoph traut auf die kraft des menschlichen willens, der das rechte tun wird, wenn er es nur erkennt: der tragiker sieht das grundübel in der schwäche des fleisches, welche die verwirklichung der guten vorsätze verhindert. flach und modern zu reden, jener ist optimist, dieser pessimist. zwischen ihren ist keine vermittelung. daſs aber beide groſse Athener das menschenherz kennen und kündigen, und daſs sie ihren blick mit vorliebe auf sitt - liche probleme richten, besagt nichts anderes, als daſs sie beide auf der höhe derselben geistigen entwickelung stehn und deshalb beide die folge - zeit beherrscht haben. höchstens mag man annehmen, daſs der Milesier Archelaos auf beide ähnlich gewirkt hat, denn er wird beider lehrer ge - nannt und gilt als erster philosoph über ethik; aber wir wissen nichts von ihm, und nach Theophrast ist sein werk verschollen gewesen43)Nach Diogenes II 16 soll er das δίκαιον καὶ ἄδικον νόμῳ gelehrt haben. auf die formulirung ist nicht viel zu geben, aber daſs sich der satz mit seiner ent - wickelungslehre (Hippolyt. I 9 p. 564 Diels) gut verträgt, ist nicht geeignet, ihn zu discreditiren. die wiederkehr des satzes bei Euripides aber spricht für ihn. ebenso ist man geneigt, dem Aetius starke verwirrung zuzutrauen, wenn er sagt Ἀρχέλαος ἀέρα καὶ νοῦν τὸν ϑεόν, οὐ μέντοι κοσμοποιὸν τὸν νοῦν (I 7 p. 302 Diels): aber auch da gehen Euripides und der falsche Epicharm mit, vgl. über beide unten. viel - leicht hätte ich richtiger getan, alle diese lehren auf Archelaos bestimmt zu be - ziehen, und dann würde noch manches folgen. allein ich zog vor, das bild minder einheitlich zu geben, damit die einzelnen züge schärfer blieben.. wenn wir endlich bei den Sokratikern, oder vielmehr bei Platon, über den Eros gedanken finden, welche an Euripides seltsam anklingen, so ist es einleuchtend, daſs Platon eben von diesem anregungen erhalten hat44)Die prophezeiung (Med. 830), daſs am Kephisos die Eroten als πάρεδροι der Weisheit walten, ist dadurch in erfüllung gegangen, daſs Platon neben dem gymnasium der Akademie seine schule gegründet hat, und in jener schon zu Euri - pides zeit die jünglinge den sophisten lauschten und der Erosaltar stand. der doppelte Eros ist wol wirklich schon in jenem zeitalter von der speculation viel behandelt. übrigens ist die anregung auf Platon von Euripides stärker als man annimmt, nicht bloſs in einzelnen wendungen der conversation wie οὐκ ἐμὸς ὁ μῦϑος, oder die ἰσό - ϑεος τυραννίς (Tro. 1169 Staat 568b). wenn die seele des Odysseus φιλοτιμίας λε - λωφηκυῖα sich den βίος ἀνδρὸς ἰδιώτου ἀπράγμονος aufsucht (Staat 620c), so tut sie das im anschluſs an die worte, welche der euripideische Odysseus im prolog des Philoktet sprach (785) πῶς δ̕ ἂν φρονοίην, ᾧ παρῆν ἀπραγμόνως ἐν τοῖσι πολ - λοῖς ἠριϑμημένῳ στρατοῦ ἴσον μετασχεῖν τῷ σοφοτάτῳ τύχης, wovon ihn die φι -, die sich mit den sokratischen nur in dem gegensatz gegen die grobe sinnlichkeit decken.
25φιλοσοφία.Dagegen läſst sich die für uns zufällig zuerst durch Alexandros von Pleuron ausgesprochene tradition nicht wol abweisen, daſs Euripides zu Anaxagoras in persönlichem verkehr gestanden hat, und dieser hat in der tat sehr stark auf ihn gewirkt. der verkehr kann schon in Euri - pides jünglingszeit begonnen und fast ein menschenalter gedauert haben, denn Anaxagoras lebte in Athen friedlich und still seinen studien. daſs Euripides lehrsätze desselben berührt oder auch geradezu citirt, zeugt nur von seinem studium des in weiten kreisen gelesenen buches, auch war Anaxagoras lange tot, als Euripides die berufensten stellen in der Melanippe (488) und im Chrysippos (836) schrieb. aber 438 läſst er den chor der Alkestis (903) von einem manne seiner verwandtschaft erzählen, der als greis den tod seines einzigen sohnes gefaſst ertragen hätte. damals war Anaxagoras ein greis, von ihm erzählt die legende das ᾔδειν ὅτι ϑνητὸν ἐγέννησα, wie freilich von manchem andern: wir dürfen also, wie neuerdings vielfach geschehen ist, die legende als ge - schichte und Euripides als ihren zeugen betrachten. auch das hat man mit recht bemerkt, daſs Euripides dem wegen gotteslästerung nicht sowol als wegen μηδισμός vertriebenen lehrer ein ehrendenkmal gestiftet hat in den versen (902) ὄλβιος ὅστις τῆς ἱστορίας ἔσχε μάϑησιν, μήτε πολιτῶν ἐπὶ πημοσύνας μήτ̕ εἰς ἀδίκους πράξεις ὁρμῶν, ἀλλ̕ ἀϑανάτου καϑορῶν φύσεως κόσμον ἀγήρω πῇ τε συνέστη χὤϑεν44)λοτιμία abhält (786). ἐμὲ [νῦν] “ἤδη καλεῖ”, φαίη ἂν ἀνὴρ τραγικός, ἡ εἱμαρ - μένη sagt Sokrates Phaid. 115a. εἱμαρμένη sagt der tragiker nicht: aber Alkestis ruft 254 Χάρων μ̕ ἤδη καλεῖ· τί μέλλεις; ἐπείγου, σὺ κατείργεις. so citirt die con - versation das erste wort eines allbekannten verses. am meisten aber hat Platon den Hippolytos gelesen. das motiv des Symposions, Ἔρωτα δὲ τὸν τύραννον ἀν - δρῶν οὐ σεβίζομεν stammt aus ihm, 538. in der wunderbaren schilderung des tyrannen (Staat 573) entzückt das bild, wie die umgebung die den werdenden mit nachgiebig - keit (Hipp. 462) und müſsiggang (Danae 324) verdirbt, ihm einen Ἔρως schafft, ὑπό - πτερον καὶ μέγαν κηφῆνά τινα. sie treiben es aber schlieſslich so weit, daſs diese drohne einen stachel bekommt und nun verderblich wird: deshalb heiſst Eros τύραν - νος. das ist eine schilderung, die freilich einer entwirft, der selbst ein dichter ist, aber jenes chorlied des Hippolytos, das den Eros schildert πέρϑοντα καὶ διὰ πάσας ἰόντα συμφορᾶς ϑνατῶν, ὅταν ἔλϑῃ, schlieſst mit dem nicht ausgeführten bilde daſs Aphrodite δεινὰ μὲν τὰ πάντ̕ ἐπιπνεῖ· μέλισσα δ̕ οἵα τις πεπόταται, das man wol versteht, wenn man die definition der liebe ἥδιστον ταὐτὸν ἀλγεινὸν ϑ̕ ἅμα hinzunimmt und andere andeutungen, das aber doch unverstanden geblieben ist: Platon liefert die erklärung, weil der same in seiner seele aufgegangen ist. der Hippolytos, 374 ff., enthält auch die euripideische lehre von des fleisches schwäche, die den willen überwindet; auch diese schärfste formulirung des gegensatzes zur Sokratik hat Platon aufgenommen, natürlich mit schärfster verurteilung als ansicht der πολλοί Protag. 352b. die stellen sind zu lang zum ausschreiben.26Das leben des Euripides.χὥπως·45)Überliefert ist καὶ ὅπη καὶ ὅπως und die krasis, welche die euripideische metrik herzustellen fordert, ist nur eine orthographische änderung. allein ὅπῃ neben πῇ ist, wie wol zugestanden ist, unmöglich. die leichte und elegante änderung von πῆ in τίς kann kaum richtig sein. man verlangt ποῖος, und die frage nach der qualität wird neben dem aorist συνέστη unbequem. vor allem aber fragt die physik nach der ἀρχή, und diese frage muſs irgendwo gestanden haben. somit muſs ὅπη weichen, obwol ὅπη καὶ ὅπως passend verbunden wird, noch von den archaisten wieder aufgenommen (Philostrat der jüngere εἰκόνες 16). τοῖς δὲ τοιούτοις οὐδέποτ̕ αἰσχρῶν ἔργων μελέδημα προσίζει, verse, in denen die apologetische absicht zu tage liegt. daſs sie auf Anaxagoras gehen, bestätigt sich dadurch, daſs dieser der typus des ϑεωρητικὸς βίος in älterer zeit ist. Eudemos (ethik I 5) läſst ihn auf die frage τίνος ἕνεκ̕ ἄν τις ἕλοιτο γενέσϑαι μᾶλλον ἢ μὴ γενέσϑαι antworten τοῦ ϑεωρῆσαι τὸν οὐρανὸν καὶ τὴν περὶ τὸν ὅλον κόσμον τάξ03B9; ν, was eine seichte paraphrase für τοῦ ϑεωρῆ - σαι τὸν κόσμον τοῦ παντός ist, weil der peripatetiker in κόσμος nicht mehr die τάξις hört. derselbe erklärt kurz vorher ein auch von Aristoteles (Eth. Nik. X 9) angeführtes wort des Anaxagoras, ἴσως ᾤετο τὸν ζῶντα ἀλύπως καὶ καϑαρῶς πρὸς τὸ δίκαιον ἤ τινος ϑεωρίας κοινωνοῦντα ϑείας, τοῦτον, ὡς ἄνϑρωπον εἰπεῖν, μακάριον εἶναι. das entspricht ganz den euripideischen versen, und die persönliche sympathie wird man in ihnen um so mehr anerkennen, als der dichter selbst nicht die ruhe hatte, auf den himmel statt auf die menschen zu sehen, freilich auch die friedlosigkeit im eignen busen durch den gegensatz doppelt fühlte, und als Athener nicht vergessen konnte, daſs er auf erden eine heilige heimat hatte. als philosoph ist Euripides keineswegs ein anhänger des Anaxagoras, sondern gibt mit derselben zustimmung auch wider - sprechende lehren anderer wieder. das princip der homoeomerie kommt nicht vor, und der νοῦς steht nach ihm neben dem σῶμα in durchaus dualistischem sinne.
Ähnlich wie zu Anaxagoras steht Euripides zu Protagoras. auch ihn hat er nach seinem tode persönlich berücksichtigt, doch wissen wir nicht, ob verteidigt. auch seine tätigkeit fällt zum teil (bevor er nach Thurioi gieng) in Euripides bildsame jahre. auch hier erzählen die alten von persönlicher berührung46)In das haus des Euripides wird die erste vorlesung von Protagoras gottes - leugnerischer schrift verlegt (Diog. Laert. 9, 54): aber da ist die tendenz klar, den dichter des Bellerophontes mit Protagoras zu verbinden, wie er mit Kritias ver - bunden worden ist., und sie scheint unabweisbar, weil die beeinflussung eine sehr starke ist und nicht die lehre angeht sondern27φιλοσοφία.die methode. den subjectivismus des Protagoras hat Euripides zwar ge - legemtlich berücksichtigt (Aiolos 19), aber nicht geteilt, und πάντων χρημάτων μέτρον ἄνϑρωπος nicht in verse gebracht. wol aber hat er die kunst des ἀντιλέγειν so sehr ausgebildet wie nicht einmal ein rhetor, und seine ganze technik ist davon durchdrungen. der leser hat immer damit zu rechnen, daſs in jedem einzelnen spruche nur einer der beiden λόγοι zu worte kommt, die es von jeder sache gibt; was der dichter wirklich meint, kann aus einer äuſserung nicht abstrahirt werden.
Zu Prodikos sind berührungen nicht nachweisbar: denn die ety - mologischen spiele, an denen Euripides seine freude hat47)Vgl. zu v. 155., und die er wenigstens in seinen letzten 20 jahren mit gröſserem ernste vorträgt als die andern dichter, weisen vielmehr auf die ὀρϑοέπεια des Protagoras und auf Heraklit zurück. die synonymik des Prodikos, die Platon im Protagoras persifflirt und Thukydides ernsthaft anwendet, kommt wol nirgends vor. Gorgias trat erst 427 in Athen auf; seine schüler sind Thukydides und Antiphon geworden, Euripides war dazu zu alt. seine speciell rhetorische technik weist vielmehr auf Thrasymachos48)Vgl. zu v. 336.. indessen ist am der sophistik ja nicht der einzelne name von bedeutung. was sie im ganzen leistet, die verarbeitung und vermittelung der philoso - phischen und überhaupt wissenschaftlichen gedanken, welche die einzelnen groſsen denker in der einsamkeit gefunden hatten, und die dialektisch rhetorische schulung, welche dem redner wie dem schriftsteller erst die zunge löste, ist nicht an einen einzelnen gebunden. die hippokratische sammlung und die dorischen διαλέξεις lehren das am besten. und so ist Euripides einfach als sophist zu fassen, und nicht nach den etwaigen vermittlern sondern nach den urhebern der gedanken zu fragen, welche er vorträgt. so mag ihm die kenntnis des Herakleitos durch bekenner von dessen lehre zuerst vermittelt sein, die in Athen nicht fehlten: daſs er sein buch selbst gelesen hat, ist ganz unzweifelhaft49)Vgl. zu v. 101. die fabel hat das schlieſslich so weit ausgesponnen, daſs Euripides nach Ephesos reist, die bei der Artemis deponirte schrift des Herakleitos auswendig lernt und einem erwählten kreise mitteilt und erläutert; Tatian 3.. ebenso hat er Xenophanes gekannt50)Vgl. zu v. 1346., allein bezeichnender weise bezieht er sich nur auf dessen polemik gegen die vorstellungen und wertschätzungen der menge: die lehre vom ewigen sein und der monotheismus wird nicht berührt, und von einer benutzung des Parmenides oder der sophistischen28Das leben des Euripides.verbreiter der eleatischen lehre, Zenon und Melissos, ist keine spur. die zeitgenössischen philosophen kennt er wenig. auf Empedokles deutet nichts. Diogenes von Apollonia wird nur einmal so berücksichtigt, daſs das schlagwort seines systemes in einer aufzählung von δόξαι erscheint51)Tr. 884 γῆς ὄχημα κἀπὶ γῆς ἔχων ἕδραν Ζεύς Hippokrat. π. φυσῶν 3 (ἀἡρ) γῆς ὄχημα; dies ist eine schöne entdeckung von Diels.. Leukippos ist, wie zu erwarten, unbekannt: denn die bei Demokritos allerdings stark hervortretende ansicht von der gewalt des νόμος als des nicht im wesen ruhenden conventionellen hat nichts mit der atomen - lehre zu tun: das kann ebensogut von protagoreischem und auch von elea - tischem standpunkte vertreten werden; wahrscheinlich stammt es von Archelaos. Euripides hat es, wie natürlich, sehr fruchtbar gefunden und bis in die letzten consequenzen verfolgt (Hek. 799). die orphischen poesien waren ein attisches erzeugnis; sie hatten stark auf Pindaros ge - wirkt, einigermaſsen auf Aischylos: daſs Euripides sie kannte, ist natür - lich. und er hat zwar an sühnungen und ihren einfluſs auf das leben im jenseits nicht geglaubt52)Überhaupt an kein leben nach dem tode. τίς οἶδεν εἰ τὸ ζῆν μὲν ἔστι κατϑανεῖν gehört in die heraklitische lehre; der so ganz modern anmutende spruch Hipp. 194 constatirt nur das ewige rätsel, auf das er nicht mehr antwort gibt als Hamlet., auch dem widerwillen der menge wider ihr pharisäertum mit wohlgefallen worte geliehen (Hipp. 953), aber in den Kretern ihre doctrinen im feierlichsten ernste behandelt. schon dieses führt auf die Pythagoreer. Euripides redet zwar nicht von der zahl noch von der harmonie, auch nicht vom sündenfall der geister und der seelen - wanderung. aber er hat nicht nur auf einen ethischen ausspruch des Pythagoras so bestimmt verwiesen, daſs er die existenz einer schrift unter Pythagoras namen zu bezeugen scheint53)Fgm. 392 (Theseus spricht; drama unbekannt, d. h. Aigeus Theseus Hippo - lytos I möglich; da der spruch für einen knaben nicht paſst, wol der letzte) ἐγὼ δὲ τοῦτο παρὰ σοφοῦ τινὸς μαϑὼν ἐς φροντίδας νοῦν συμφοράς τ̕ ἐβαλλόμην φυγάς τ̕ ἐμαυτῷ προστιϑεὶς πάτρας ἐμῆς ϑανάτους τ̕ ἀώρους καὶ κακῶν ἄλλας ὁδούς, ἵν̕, εἴ τι πάσχοιμ̕ ὧν ἐδόξαζον φρενί, μή μοι νεῶρες προσπεσὸν μᾶλλον δάκνοι. Poseidonios (auf den das citat bei Cicero, Galen, Ps. -Plutarch an Apollon. zurückgeht) hat in Anaxagoras jenen weisen gesehen, doch ohne anhalt. das richtige hat Cobet entdeckt: Jamblich vit. Pyth. 196 ἦν αὐτοῖς παράγγελμα, ὡς οὐδὲν δεῖ τῶν ἀνϑρωπίνων συμπτωμάτων ἀπροσδόκητον ε[ΐ]ναι παρὰ τοῖς νοῦν ἔχουσι. das steht hier in einer partie, deren herkunft unbekannt ist; wahrscheinlich stammt es von Ari - stoxenos. die benutzung einer Pythagorasschrift durch beide ist nicht abzuweisen. aber es ist auch durchaus verkehrt, diese alle als junge fälschungen zu betrachten. die reste bei Diogenes zeigen ja ionischen dialekt, der zwar dem Samier und dem phi -, sondern er hat mehr -29φιλοσοφία.fach eines der gedichte berücksichtigt, welche auf den namen des Epi - charmos giengen54)Die wichtige sache wird verkannt; es soll kurz der beweis gegeben werden. Epicharm: νᾶφε καἰ μέμνασ̕ ἀπιστεῖν· ἄρϑρα ταῦτα τᾶν φρενῶν (zuerst von Poly - bios citirt, damals schon fliegendes wort): Eur. Hel. 1650 σώφρονος δ̕ ἀπιστίας οὐκ ἔστιν οὐδὲν χρησιμώτερον βροτοῖς. Epich. emori nolo: sed me esse mortuum nil aestimo (Cic. Tusc. I 15, griechisch nicht herzustellen): Eur. Herakl. 1016 ϑανεῖν μὲν οὐ χρῄζω· λιπὼν δ̕ ἂν οὐδὲν ἀχϑοίμην βίον, wie das vorige als schluſseffect längerer rede. Ep. συνεκρίϑη καὶ διεκρίϑη κἀπῆλϑεν ὅϑεν ἦλϑεν πάλιν, γᾶ μὲν εἰς γᾶν, πνεῦμα δ̕ ἄνω· τί τῶνδε χαλεπόν; οὐδὲ ἕν. (Consol. ad Apoll. 110a) dasselbe Eur. öfter, z. B. Hik. 533. wo haben diese epicharmischen sprüche gestanden? komödien hat Eur. nicht citirt und wahrlich auch Xenophon nicht, der Mem. II 1, 20 (vgl. Hell. VI 1 15, damit man das athetiren lasse) epicharmische sprüche anführt. es gab ja aber γνῶμαι, welche nach dem durch Apollodor (bei Athen. 648d) er - haltenen urteil des Philochoros von einem gewiſsen Axiopistos herrührten. allein ob das sittensprüche waren ist fraglich. Philochoros besprach sie in dem buche über mantik zugleich mit einem κανών, und als traumdeuter nennt Tertullian de anim. 46 Epicharm neben Philochoros, so daſs man diese schriften eher unter die technischen pseudepigrapha rechnen möchte, die es auch über tierarzneikunst u. dgl. unter Epicharms namen gegeben hat. nun hat aber schon Aristoxenos (wie Apol - lodor am gleichen orte bezeugt) eine Πολιτεία unter Epicharms namen gekannt, so daſs der sonst nahe liegende verdacht schweigen muſs, daſs die aus dieser citirten sprüche aus alexandrinischer zeit stammten und ihre verherrlichung des ϑεῖος λόγος, von dem ein teil der menschliche ist (Clem. strom. V 719), stoisch wäre; auch zeigt ein von Clemens zugleich angeführter vers, daſs dieser λόγος oder vielmehr seine betätigung, λογισμός, mit der zahl gleichgesetzt wird, wir also in pythagoreischer gegend sind, wenn auch der einfluſs des Anaxagoras kenntlich ist: denn νόος ὁρῇ καὶ νόος ἀκούει, τἄλλα κωφὰ καὶ τυφλά (zuerst citirt von Aristoteles probl. XI 33: nicht von Platon Phaid. 65b, der auf einen wol euripideischen tragikervers geht) gehört offenbar eben dahin. nun tritt wieder Euripides ein. Hel. 122 αὐτὸς γὰρ ὄσσοις εἰδόμην, καὶ νοῦς ὁρᾷ. das tilgt man, weil man die beziehung verkennt. die echte Helene fragt den Teukros, ob er ihre doppelgängerin gesehen habe. der sagt ‘so wie ich dich jetzt mit augen sehe’. sie wirft ein ‘es kann ein trugbild gewesen sein’. er weist das rund ab. sie ‘ihr traut also ganz auf die zuverlässigkeit der erscheinung?’ (spiel mit δόκησις, vgl. zu v. 287). er ‘ja ich habe sie mit eignen augen gesehen, und der νοῦς sieht’, d. h. weil der νοῦς sieht, ist keine δόκησις, ψευδὴς δόξα möglich. Helene verstummt: sie kann nichts ausrichten, wenn die sinneswahr - nehmungen gelten sollen, weil die sinne nicht sehen, sondern die infallible vernunft. aber der dichter widerlegt die misdeutung des epicharmischen wortes durch die tat: Teukros täuscht sich doppelt, sein νοῦς hat die falsche Helene anerkannt, die echte verworfen. allerdings ist die Helenestelle nur durch eine beziehung auf etwas. seine eigene ansicht von den ἀρχαί, ein dualismus53)losophen des 5. jahrhunderts zukommt, aber zu der zeit des Archytas schon un - denkbar wäre: damals war diese ionische pflanze längst für das Dorertum reclamirt. die herstellung des pythagoreischen evangeliums ist eine schöne aufgabe: denn er - sichtlich gehört die älteste schicht der wunder, z. b. die daunische wölfin, auch in so gute zeit hinauf.30Das leben des Euripides.von geist gott aether und stoff körper erde, ist ein compromiſs zwischen der philosophie des ostens und der theologie der heimat und des westens. das hauptprincip seiner ethik, die macht der φύσις, der intellectuellen und moralischen veranlagung des einzelnen, ist wol durch die verschie - denen philosopheme beeinfluſst: aber gewonnen hat gerade dieses der menschen beobachtende, leidenschaften nachempfindende dichter. er ist natürlich kein schöpferischer philosoph; aber kein anderer kann uns von dem, was der forschungsdurstige Athener kannte und las, eine vorstellung geben: und φιλ[ί]σοφος im echten sinne ist er auch, obwol er auch σοφιστής ist, im echten, wie im üblen sinne.
Es ist jedoch eine bedeutende einschränkung nötig. denn eineἱστορία. seite der zeitgenössischen geistesarbeit hat Euripides so gut wie ganz vernachlässigt, die ἱστορίη ins weite. fremder völker sitten, fremder länder wunder kennen zu lernen ist er nicht beflissen; mit geographischen namen zu prunken verschmäht er55)Bei Eur. wundert man sich schon, wenn er einmal in der weise die Pindar geläufig ist statt der grenzen der welt Atlas und Pontos (zu v. 234) oder Phasis und Nil (Andr. 650) nennt. wo es eine besondere wirkung macht, erscheint natür - lich auch solches wissen. die vorzügliche schilderung Messeniens im Kresphontes (1068) hat eine politische spitze; Sparta besitzt die schönste landschaft widerrecht - lich, und die Messenier fordern ihre zurückführung. daſs Iphigeneia am baumlosen gestade, in der südrussischen steppe, sich nach den hellenischen gärten und hainen sehnt (134, 229), ist durch die localfarbe sogar dem suchen Griechenlands im schatten des dichtbelaubten haines überlegen. die sicilische expedition macht die dortigen maulesel (Tr. 222 ὀρῆς, auch Soph. OK. 313 Αἰτναία πῶλος) und das ϑαυμάσιον des thurischen Krathis (Tr. 227) interessant. der hain von Knosos in den Kretern mit dem uralten blockhaustempel hat gewiſs auch localen bezug, aber auch besondere bedeutung. einen starken irrtum über die lage von Kelainai rügt Strabon (XIII 616. fgm. 1070), beziehung unbekannt. zwar schwerlich den magneten, aber doch einen stein von Magnesia hat Eur. in einem gleichnis erwähnt: sicher den magneten Sophokles (oben s. 12). auffällig ist in den Troerinnen 1075 der phry - gische Zeuscult auf dem Ida; doch hängt dies mit dem vorhergehenden zusammen, wo der Ida der ort heiſst, den die sonne zuerst bescheint: in der tat haben astronomen den sonnenaufgang dort beobachtet (Diodor XVII 7, Lucrez V 663), offenbar gelegent - lich des phrygischen höhendienstes. auffällig ist auch in den Bakchen die sehnsucht nach Kypros, wobei die rieselfelder von Paphos geschildert werden (406). man möchte denken, daſs der dichter sich hier als Athener aus dem versinkenden Reiche fortwünscht in irgend einen winkel, den das kriegsgetöse nicht erreicht, wo dann Kypros und Makedonien nahe lagen. er ist nach dem letzteren gegangen, Ando - kides z. b. nach beiden.; kaum eine spur deutet darauf, daſs er die geographische und die mit ihr meist zusammenfallende histo - rische litteratur der Ionier gelesen hätte56)Strabon (XI 520) sagt, er wolle noch ein par berufene νόμιμα βαρβαρικά erwähnen, z. b. daſs ein volk bei sich als sitte übe τὸ Εὐριπίδειον ῾τὸν φύντα ϑρηνεῖν u. s. w. (Kresphont. 452). moderne haben das umgedreht und lassen Euri - pides aus Herodot V 4 schöpfen. das würde berechtigt sein, wenn er sich auf irgendwo existirende sitte beriefe: so stellt er sich nur in schroffsten gegensatz zur heimischen. für den gedanken aber bedurfte er keiner anregung von auſsen: μὴ φῦναι κράτιστον, τὸ ζῆν κατϑανεῖν legte den schluſs nahe genug.. er hält es auch hierin wie Sokrates, nicht wie Sophokles, der freund des Herodotos57)Abgesehen von den bekannten beziehungen auf Herodotos, unter denen die Intaphernesgeschichte nur eine ist (geschrieben nicht um Herodot zu huldigen, an den niemand denken sollte, sondern weil Sophokles die geschichte hübsch fand), wirft Sophokles mit geographischen namen fast wie ein Römer um sich. Phasis und. Aischylos32Das leben des Euripides.hatte sein volk durch ganze geographische excurse, wie die fahrten der Io und des Herakles, unterhalten; besonders lebhaft aber gab er die eignen eindrücke wieder, die der weitgereiste empfangen hatte, so vom feuer - speienden berge und den thrakischen pfahlbauten (Pers. 870). auch das fehlt bei Euripides, der wol nicht weit herum gekommen ist58)Ein gewiſser Eparchides hatte in einer specialschrift über Ikaros (Athen. II 61) ein epigramm mitgeteilt, das Euripides bei einem gelegentlichen besuche auf der insel gemacht haben sollte. es ist ein recht schlechtes gedicht, denn es nennt die namen der toten nicht und auch nicht die todesart. Eparchides wuſste aber zu sagen, daſs es einer frau galt, die mit drei kindern an dem genusse von giftigen pilzen gestorben war. auf einem grabe kann es neben den namen allenfalls ge - standen haben. in diesem falle hätte Eparchides eine ciceronefabel aufgezeichnet, für die sowol das sujet wie der berühmte dichtername trefflich passen. wir wissen aber gar nicht, ob nicht Eparchides selbst schwindelte. Euripides steht als ver - fertiger von epigrammen so gut wie sonst Homer, Sappho, Archilochos: ernsthaft ist all das nicht zu nehmen.. die nach - bargegenden, zumal die cultstätten Delos Delphoi, Trozen Argos Theben, schildert er mit besonderen localen beziehungen und bezeichnungen, sicher verstanden zu werden. von Korinth mochte man 431 wol nichts hören: die Medeia könnte ebensogut vor jedem schlosse spielen. aber auch Pherai59)Die localfarbe der Alkestis, soweit sie da ist, gehört der quelle, Hesiods Eoee von Asklepios, an. daſs v. 835 eine straſse von Pherai nach Larisa erwähnt wird, heiſst gar nichts. eine bestimmte angabe muſste gemacht werden; ob Larisa oder Pharsalos oder Krannon genannt ward, war einerlei. und Pharsalos60)Das Θετίδειον ist zwar eine wirkliche örtlichkeit und wird genau bezeichnet, weil es dem publicum fremd war. aber das war von der sage, wenn auch nicht der Andromachesage gegeben, denn es stand bei Pherekydes, schol. 18., die Chersones, die doch kleruchenland war, und gar der Aetna61)Vgl. zu v. 639. sind eigentlich gar nicht gezeichnet. die Helene spielt in Aegypten, aber nicht das mindeste localcolorit ist aufge - tragen62)Die Περσέως σκοπιαί 769 sind zwar an der aegyptischen küste localisirt,, während Sophokles die gelegenheit bei den haren herbeizieht,57)Istros treten auf als typen für einen groſsen strom (OT 1227), indisches gold und sardisches elektron als typen orientalischen reichtums (Ant. 1037), der wein von Italien (Ant. 1119, dies vielleicht wegen Thurioi), das gold vom Paktolos (Phil. 391), das menschenopfer an Bal (Andromeda 622), der byzantische tunfisch mit seinem localen namen (fgm. 460). ein ϑαυμάσιον aus Euboia wird in vielen versen be - schrieben (Thyest. 235). die κλητικοὶ ὕμνοι putzen sich vollends mit diesem billigen zierrat, Ai. 693 soll Pan von Kyllene kommen, nysische knosische tänze zu lehren, Apollon über Ikaros von Delos. Ant. 1115 der Thebaner Dionysos nach Theben, er der herrscher in Eleusis und Italien, in der korykischen grotte über der Kastalia und in Nysa. der Triptolemos gab eine ganze periegese der οἰκουμένη im stile der aischy - leischen, aber noch viel umfassender.33ἱστορία.ein aegyptisches νόμιμον aus seinem Herodot anzubringen (OK 337). nur die neue makedonische umgebung hat dem greisen dichter nicht nur besondere localschilderungen eingegeben, sondern hat ihn auch empfänglich gemacht für den zauber der freien natur mit wald und wasser und wild, den ja am meisten der von der friedlosen civilisation und dem getriebe der groſsstadt abgehetzte empfindet63)Diese stimmung weht zwar durch die ganzen Bakchen, deren chor eben deshalb gewählt ist, besonders aber in dem ausgeführten bilde 866: das reh, das dem jäger entronnen ist, springt fröhlich in der waldeinsamkeit über die wiese. Pieriens natur schildert er 409, 565, die ströme von Pella 571, in leider heillos ver - dorbenen versen. er scheint gegen B 850 zu polemisiren. denn dort heiſst der Axios der strom mit dem schönsten wasser, hier wird der Ἀξιὸς ὠκυρόας genannt, aber unmittelbar darauf dem Ludias das schönste wasser zugeschrieben — wenn nicht noch ein dritter fluſs genannt war, denn nach der ganz ähnlichen stelle Hekab. 454 erwartet man den Apidanos.. in dieser hatte Euripides sich sein langes leben bewegt, hier hatte er beobachtet, ohne sich in ihren strudel selbst zu stürzen, dennoch ganz in ihren kreis gebannt, und gewohnt mit seinen gedanken in die tiefe zu dringen, nicht in die weite zu schweifen. am gastlichen tische des Ion in Chios, gar als feldherrn mit diplomatischem auftrage, könnte man sich ihn so wenig denken wie den Sophokles mit Protagoras im Herakleitos lesend. aber auch mit Perikles und Anaxagoras ein physisches problem erörternd ist er nicht zu denken: alle die physikalischen einzelfragen interessiren ihn nicht im mindesten, selbst die μετέωρα nicht, wenn er auch einmal die sonne eine χρυσέα βῶλος nach Anaxagoras nennt (Phaeth. 777 Or. 983). und wenn er im Phaethon einen lieblichen sternmythos dramati - sirt, so vermenschlicht er ihn ganz: selbst für die wunder des gestirnten himmels, die den Hellenen so besonders religiös stimmen, hat er nicht entfernt die innige liebe wie seine landsleute Sophokles und Platon, geschweige wie die sternliebenden Aioler64)Er bringt es selten über ein bild, das schön aber herkömmlich ist, wie Ἕω λευκὸν ὄμμα, oder Hik. 990, Andromeda 114, Ion 82. etwas selteneres ist der vergleich mit einer sternschnuppe fgm. 961. sternbilder auf schildern oder tapeten, eine geschichte, wie die umkehr des sonnenwagens bei den thyesteischen greueln (Or. 1000) beweisen nichts für das naturgefühl des dichters. und wenn er einen geblendeten sich sehnen läſst hinaufzufahren zu den hellen lichtern von Orion und Seirios (Hekab. 1100), so ist das wundervoll aus der seele dessen, der ewige nacht schaut, empfunden, aber keine περἰ τὰ μετέωρα πολυπραγμοσύνη. sehr verkehrt haben also die antiken verteidiger des Rhesos sich darauf berufen, daſs hier aller - dings 531 eine seltsame constellation geschildert wird, und Iph. Aul. 5 ist eben.
Historische studien in gewissem sinne forderte von dem tragiker sein beruf. denn er behandelte ja einen ὢν λόγος; nur schöpfte er die nötige kenntnis in erster linie bei seines gleichen. es versteht sich von selbst, daſs Euripides das epos, Homer und Hesiod, in der weise studirt, wirklich studirt hat, wie man es damals konnte, an der hand der da - maligen Homerphilologen, der rhapsoden. die spuren dieser studien sind schon bei Aischylos in seinem eignen wortgebrauche nachweisbar, und so bei allen spätern dichtern. der anschluſs an bestimmte einzelne Homer - verse ist aber bei Euripides seltener als bei den andern tragikern. auch hat er nur im satyrspiel Kyklops eine einfache dramatisirung einer homerischen geschichte geliefert, was Aischylos mit dem kernstück der Ilias Π — Ω, Sophokles wahrscheinlich mit teilen der Kyprien, der kleinen Ilias und Odyssee getan hatte. die Troerinnen vereinen zwar eine anzahl scenen der Πέρσις in der art der Vivenziovase, allein der reiz liegt hier in der vollkommen verschiedenen beleuchtung, die bei Euripides eine troische ist. übrigens ist für uns die vergleichung des dramatischen stoffes mit dem epischen nur in den seltensten fällen möglich, da wir die sage nur in der fassung zu kennen pflegen, die herrschend ward, und das ist die dramatische oder gar eine jüngere, so daſs wir das epos erst durch das drama einigermaſsen kennen lernen. nakte facta, wie sie z. b. die hypothesen bei Proklos liefern, sind für solche vergleichungen unergiebig. daſs aber bei Euripides die epischen stoffe, selbst wenn man die kühn umgestalteten mitzählt65)Vgl. was unten über Phoinix beigebracht wird. am klarsten ist die geniale freiheit des dichters im Aiolos. die Odyssee erzählt daſs der könig der winde, der auf einsamer insel lebt, seinen söhnen seine töchter zu frauen gegeben hat, ganz unschuldig, wie Adam das auch getan hat. das greift Euripides auf und hängt das ganz moderne problem daran, die geschwisterliebe, die blutschande, das problem das Byron und seine zeit so tief beschäftigt hat, ein problem von ewiger bedeutung., zurücktreten, lehrt ein blick auf Welckers tragödien.
Die nächsten vorgänger der tragiker waren eigentlich gar nicht die epiker, sondern die chorischen lyriker, und von deren compositionen waren viele, wie die nachbildungen der komödie zeigen, allbekannt,64)auch nicht von dem dichter Euripides. daſs wir an unserm himmel die personen der Euripideischen Andromeda sehen, hat er allerdings bewirkt, aber nur dadurch, daſs er eine vorhandene geschichte dramatisirte, deren herkunft unbekannt ist und die über - haupt singulär ist und wenig hellenisch aussieht. gegenüber Euripides sehe man wie Sophokles das überkühne wagnis begeht, die aufzuckenden stralen der morgenröte ‘die wimper des tages’ zu nennen (Ant. 102) und vom wechselnden monde (fgm. 786), der ewig kreisenden bärin (Tr. 130) ein gleichnis nimmt.35ἱστορία.hatten auch in der schule eingang gefunden. natürlich kannten sie die tragiker um so besser. allein weder im stofflichen noch (was aber wol an unserer kenntnis oder erkenntnis liegen wird) im formellen findet sich auſser ganz vereinzeltem und gelegentlichem eine beziehung zu Pin - dar66)Die λιπαραί Ἀϑᾶναι des pindarischen dithyrambus waren fliegendes wort. wie Aristophanes (Ritt. 1329) hat sie auch Eur. öfter, schon Alk. 452 und noch J. T. 1130. das wort λιπαρός war aus dem hohen stile geschwunden, Soph. hat es nie, Eur. nur im satyrspiel. eine mythische beziehung hat ein gescheidter gram - matiker zu Androm. 796 aufgedeckt. Eur. läſst dort seinen chor zu Peleus sagen ‘jetzt glaube ich, daſs du in Troia mit Herakles und auf der Argo gewesen bist’. das letztere ist eine gewöhnliche sage, das erstere war eigentlich notwendige folge von der durch die Aegineten aufgebrachten beteiligung Telamons an dem troischen zuge des Herakles. aber es findet sich sonst nicht ausdrücklich erwähnt. da bringt nun der scholiast eine Pindarstelle bei, welche auch beide züge vereinigt, und da Eur. den chor ausdrücklich seine zustimmung zu der ihm also vorher bedenklichen geschichte aussprechen läſst, ist die vermutung wol richtig. — die Rhesosfabel hat Pindar so behandelt, daſs eine gewisse verwandtschaft mit dem stoffe der tragödie nicht zu verkennen ist (schol. K 435), aber das sind gemeinsame sagenzüge: der ver - fasser des Rhesos hat Pindar nicht benutzt; wie viel verständiger würde sein stück geworden sein, wenn Rhesos wirklich, wie bei Pindar, einen tag lang die Achaeer besiegt hätte, statt bloſs zu renommiren. dagegen hat der schauspieler, der den zweiten falschen prolog verfertigt hat, seine personen, Hera und Athena, von Pindar entlehnt, was recht interessant zu wissen ist. Simonides Bakchylides. wir kennen ja nur Pindar, können daraus aber den grund wol abnehmen. Pindar neuerte nicht viel, wo er es tat, selten glücklich, auſserdem ist er durch seine engen zwecke bestimmt. daſs aber mit der ganzen sagenwelt, in der er lebte, die Athener sich nicht stark berühren, liegt in dem politischen, landschaftlichen, noch mehr dem gesellschaftlichen gegensatze. für Simonides trifft dies nur beschränkt zu; aber von ihm wissen wir gar zu wenig.
Ganz anders stehen die Chalkidier, Ibykos67)Die scholien irren zwar, wenn sie in dem geschicke der Helene und der Polyxene bei Euripides einfluſs des Ibykos (fgm. 35. 36) sehen, denn das ist schon epische sage; aber eine sehr merkwürdige anregung ist kenntlich. Apollonios III 158 schildert den abstieg vom Olymp auf die erde. es ist ein platz vor dem tore, neben dem garten der götter: von da schwingt sich Eros wider Medeia herab. der scho - liast bemerkt dazu, es wäre eine nachbildung eines liedes von Ibykos an Gorgias, worin zuerst der raub des Ganymedes und dann der des Tithonos vorkomme. also Ibykos verglich die schönheit des von ihm oder seinem auftraggeber geliebten Gorgias mit den beiden Troerknaben, welche himmlische liebe in den Olymp entführt hat. Eur. Tr. 820 klagen die Troerinnen ihr leid dem Ganymedes, der in heiterer schön - heit neben Zeus blüht, während sein vaterland verwüstet wird. dann wendet sich das lied an Eros, der die himmlischen zu den Dardaniden herabgeführt hat, τὸ μὲν οὖν Διὸς οὐκέτ̕ ὄνειδος ἐρῶ, aber auch Tithonos ist von Eos in einem sternenwagen und zumal Stesichoros. 3*36Das leben des Euripides.der dichter, welchem die tragiker die Atreidengreuel, Euripides eine so gewalttätig neuernde sagenform wie die seiner Helene verdankt, hat ohne zweifel noch viel häufiger bestimmend eingewirkt. aber die ver - suche genauerer nachweisungen sind nicht nur bisher wenig glücklich gewesen, sondern auch kaum von der zukunft zu erwarten, da keine vermehrung des materiales in aussicht steht.
Elegie und iambos wurden in den schulen gelesen, waren äuſserst populär, es finden sich auch einzelne bezüge auf sie bei den tragikern68)Mimnermos vgl. zu v. 637. bemerkenswert ist, daſs Or. 1546 ein spruch des Semonides wiedergegeben wird (fgm. 1, 1)., aber eine tiefere anregung war hier nicht möglich. die lieder der Lesbier und Anakreons standen ähnlich, wenn auch von jenen wie von Alkman wol nur einzelne lieder populär waren69)Auf Alkaios nimmt Aischylos Sieb. 387 nach den scholien bezug. er war sonst nicht populär in Athen. das einzige von einem Attiker berücksichtigte alk - manische lied (Ar. Vög. 250) ist in der form nicht lakonisch. als Aristophanes aber Lakoner einführte, im schlusse der Lysistrate, griff er nach dem lakonischen poeten. an seine rhythmen gemahnt nur Sophokles öfter, und das wird zufall sein.. mythisches konnten sie wenig geben, und die künstliche metrik wird nur noch hie und da eine an - regung aus ihren einfachen weisen geschöpft haben, während allerdings Aischylos bei Anakreon nachweislich gelernt hat. vielleicht wird sich aus geschichtlicher betrachtung der metrik noch mehr ergeben.
Stoffliche ausbeute würde den tragikern die mythographische litte - ratur in reicher fülle geboten haben. denn ohne zweifel hat es davon viel mehr gegeben, als auf die nachwelt kam. ist doch die schriftstellerei des Akusilaos und des in Athen lebenden Leriers Pherekydes70)Die lebenszeit des mannes und alles was seine person angeht ist freilich nur aus dem urteil über sein werk abzuleiten, da jede verläſsliche angabe fehlt. der versuch ihn zu einem Athener zu machen wird hoffentlich keine verwirrung an - richten. wenn die grammatiker einzeln die benutzung der mythographen durch Euri - pides annehmen (schol. Or. 1654 Phoen. 71), so hat das keine beweiskraft., von geringern wie Anaximandros abgesehen, nur so verständlich wie die der nordischen prosaischen sagenbücher, als auflösung des epos. deshalb67)entführt, und nun ist doch die liebe der götter zu Troia verflogen. da sind die beiden mythen auch in erotischer wendung vereinigt: das mag man zufall nennen, mag auch dem Euripides die hübschen züge selbst zuschreiben, des Ganymedes γυμνάσια καὶ λουτρά (Phoen. 371, Phaeth. 782), und den sternenwagen, obwol letzterer sehr von der attischen weise abweicht, die wir von den vasenbildern her kennen, und ersteres dem dichter der knabenliebe wol ansteht. entscheidend ist die figur der praeteritio, die auf die vorige strophe nicht gehen kann, in der der raub nicht erzählt und Zeus nicht gescholten ist. ein quaerere distuli weist immer auf eine art polemik.37ἱστορία.wird aber die vermittelung zwischen epos und tragödie durch diese bücher schwer nachweisbar, glücklicherweise aber auch wenig bedeutend. so viel sich bisher die immer noch nicht recht erfaſste schriftstellerei des Pherekydes übersehen läſst, ist mit zuversicht zu verneinen, daſs er die tragödie benutzt hat, nirgend zu erweisen, daſs die tragiker ihn gelesen haben und nicht seine quellen. Hekataios ward durch seinen rationalis - mus unverwendbar in dem was er eigenes gab, und so wird man sich auch auf etwa hervortretende übereinstimmungen nicht verlassen71)Die Augesage haben Euripides und Hekataios ähnlich erzählt, aber wir kennen die epischen bearbeitungen derselben nicht. daſs Euripides in der Helene Hekataios und Herodotos nicht berücksichtigt hat, ist eine tatsache, die schwerer wiegtt als alle solche möglichkeiten.. Euripides speciell hat die historiker sonst so sehr verschmäht, daſs man nicht geneigt sein kann ihm die lecture der bücher zuzutrauen, die erst wir als mythographische von den historischen scheiden. und doch gibt es ein gebiet, wo er irgend eine solche quelle aufgesucht haben muſs, die altpeloponnesischen traditionen von den Herakleiden, die in Kresphontes Temenos Temeniden, vielleicht nach Likymnios behandelt sind. für uns ist Euripides der älteste zeuge selbst für die namen. die nächste tradition, bei Isokrates und Ephoros, berührt sich einzeln mit ihm, ohne sich doch zu decken; manches ist auch ganz verschollen.
Es wäre eben so töricht wie geschmacklos, wenn man für jeden tragischen stoff eine schriftliche quelle suchen wollte. natürlich haben die dichter sehr viel aus der mündlichen sage, und natürlich steht die heimische in erster reihe. die dürftigen attischen vorher kaum irgend wo berück - sichtigten localüberlieferungen haben ja erst die tragiker geadelt und selbst sie doch nur zum teil allgemein beliebt gemacht. die maratho - nische Herakleidensage, die eleusinische von der bestattung der Sieben hat Euripides von Aischylos geformt überkommen, die Alopesage war es auch schon. aber die eigentliche königssage, Aigeus Theseus Hippo - lytos Ion, und vor allen Erechtheus hat er erst bearbeitet und festge - stellt. Sophokles folgte ihm hierin zum teil, wie er ihm ja selbst die anregung dazu verdankt seinen eignen demos zu verherrlichen. aber Prokris und Prokne hat Sophokles populär gemacht. auch die kleruchien haben die heimatssage etwas bereichert. die geschichte des Polymestor stammt von der Chersones, und auch der altepische Protesilaos ist unter einwirkung des cultes von Elaius umgestaltet. Lemnos hat auf Philoktet und Hypsipyle gewirkt, Skyros den ganz neuen stoff der Skyrier geliefert, Achilleus und Deidameia, Syleus ist ohne die besetzung von Amphipolis38Das leben des Euripides.nicht denkbar72)Es ist die erwerbung der landschaft Phyllis am untern Strymon durch Herakles. die sage selbst ist aber schwerlich dort gewachsen, da Συλεύς ein redender name ist, der neben dem bruder Δίκαιος in einer thessalischen sage (Konon 17) wiederkehrt; der inhalt aber ist derselbe in dem volksliede der schnitter vom Lyder Lityerses. Herakles zeigt, daſs Athener die Syleussage nicht gebildet haben; vor ihnen waren ja auch Nesioten in jener gegend, und die bewohner der Chalki - dike und der insel Thasos verehren Herakles als gründer ihrer cultur; in Amphi - polis wohnten sehr viele Akanthier. die attische sage, die nachher die Syleussage verdrängt hat, ist die von der eponymen heroine Phyllis und einem Theseus - sohn. sie ist aber erst im 4. jahrhundert nachweisbar, gehört also der zweiten besetzung von Amphipolis an. die Syleussage tritt gleichzeitig mit dem euripidei - schen drama in der vasenmalerei auf (Annali 1878 C): sollte sie im 6. jahrhundert schon dargestellt sein, so erhöhte das bedeutend die bedeutung der damaligen ver - bindung von Athen mit Thrakien (Jahrbuch des Arch. Inst. II 229). es leuchtet ein, daſs Euripides nach dem verlust von Amphipolis 424 den Syleus nicht mehr schreiben konnte, und lange vor der gründung (438) ist es mindestens recht unwahrscheinlich. so haben wir für ein satyrspiel ein annäherndes datum.. auch von Sophokles sind mindestens Phineus und Tereus durch die nordischen kleruchien in der färbung bestimmt. die sagen der übrigen Reichsstädte treten dagegen ganz auffallend zurück73)Aischylos mag die Europa aus Milet, Sophokles den Kedalion aus Chios haben. die Perseussage, die auf Seriphos spielt, ist alles andere eher als seriphisch. denn für sie ist die insel das gottverlassene elende felseneiland, das sie, wie die tributlisten lehren, zur zeit des Reiches nicht war. in dem rufe stand sie freilich auch damals (Kratinos Seriphier, Aristoph. Ach. 542. Plat. Staat 330a), aber das war aus der alten sage geerbt; schon 479 ist Seriphos trotz seines gerechten an - spruches (Herod. VIII 46) nicht in den Hellenenbund aufgenommen.: man be - denke, Chios Samos Miletos Kolophon Kos Rhodos Naxos Keos Euboia, jeder ort hatte mindestens so viel zum teil altberühmte sagen zu bieten wie Athen. aber die Athener hören lieber von Theben Argos Korinth Sparta; Ionien sollte in Athen aufgehen, das Reich nur die empfindungen seines hauptes mit und nachfühlen. von den ruhmvolleren gegnern nahm man vorab ihren alten stolzen sagenschatz: der politische anschluſs sollte folgen.
Mit dem stoffe ist dem dichter oft recht wenig gegeben, und oft be - währt er sich an ihm als dichter schon ehe die ausgestaltung beginnt. manches mal wird vorgekommen sein, was wir dank dem sonst wenig erfreulichen peripatetiker Hieronymos von dem euripideischen Phoinix wissen, daſs ein fruchtbares motiv irgendwo in unscheinbarer localsage auf - gegriffen aber auf einen altberühmten heroischen namen übertragen ward74)Die stellen bei Hiller in der satura Sauppiana 73. ganz sicher ist es nicht, daſs Hieronymos die sache richtig aufgefaſst hat, aber wahrscheinlich.. dem steht nahe, daſs der dichter um einer dürftigen fabel fülle zu geben,39ἱστορία. nachlaſs.motive aus einer anderen herübernimmt75)So war es offenbar etwas ganz dürftiges, was Euripides als Kresphontes - sage überkam. er fügte hinzu, daſs der tyrann den rechtmäſsigen erben für vogelfrei erklärt hat und dieser der bote seines eignen todes ist; dies aus der Orestessage; daſs der tyrann ein ohnmächtiges weib zur ehe zwingen will, aber durch die zwischen - kunft des sohnes daran gehindert wird; dies aus der Danaesage, wenigstens wie er sie wenige jahre zuvor im Diktys gestaltet hatte. seinen Archelaos soll er nach der Temenossage gemacht haben, Agatharchides bei Phot. bibl. 444b 29. die gefangene Melanippe hat motive aus den sagen von Ino, Antiope, Meleagros verbunden: eigen - tümlich scheinen nur die namen; doch sind wir über die heimat der sage nicht unterrichtet., und das berührt sich wieder mit dem ausmalen von situationen oder charakteren nach dem vorbilde einer älteren eigenen schöpfung, wofür die schwesternpare in Sophokles Antigone und Elektra das bekannteste beispiel sind. allein das greift schon über in die künstlerische analyse der werke, die hier nicht berührt werden soll. das stoffliche läſst sich für menschen die überhaupt geschichtliche fragen begreifen nicht selten überzeugend dartun: aber vielfach gilt schon von ihm und noch weit mehr von der beurteilung des poetischen, daſs erst eine reife kenntnis des dichters die dinge überhaupt sieht, und daſs sie auch für ähnlich gereifte allein einen beweis führen kann.
Was hier in betreff des stoffes gegeben ist, ist eine dürftige skizze. erst wenn nicht bloſs die einzelnen tragödien alle genau durchgearbeitet sind, sondern überhaupt die heldensage eine erneuerung erfahren haben wird, kann es gelingen dem einigermaſsen gerecht zu werden, was eigent - lich die vorbedingung des aesthetischen urteils sein muſs, was schon die peripatetiker angestrebt haben: das verhältnis des dichters zu seinem stoffe klar zu stellen. was die alten so viel behandelt haben, zumeist freilich von einseitig rhetorischem standpunkte aus, die charakteristik von stil und sprache, erfordert, ehe sie wirklich geliefert werden kann, auch noch eine fülle von beobachtungen untersuchungen und namentlich vergleichungen, die heut zu tage nur für die geschmacklosigkeit und den stumpfsinn der gesunkenen latinität angestellt werden, denen es aller - dings leichter ist congenial zu sein. die erklärung des einzelnen dramas gibt aber auf schritt und tritt gelegenheit zu einschlagenden bemerkungen; bei denen mag es sein bewenden haben. —
Über den poetischen nachlaſs des Euripides sind wir auffallend gutNachlaſs. unterrichtet. verfaſst soll er 92 dramen haben: das sind 23 × 4 (γένος); oder 22 mal aufgeführt (Suid.). also war eine tetralogie bestritten; und wirklich werden in der summe der erhaltenen 3 unächte tragödien, ein unächtes satyrspiel aufgeführt. da für die tragödie Peirithoos und das40Das leben des Euripides.satyrspiel Sisyphos76)Ein satyrspiel Sisyphos hat Euripides nach ausweis der didaskalie der Troerinnen 415 gegeben. das war verloren, ward mit dem Sisyphos des Kritias verwechselt und gab mit veranlassung zu der irrtümlichen zuteilung der ganzen tetra - logie, in welcher auch ein Sisyphos stand. auch Kritias als verfasser angegeben wird, ist der schluſs geboten, daſs diese ganze tetralogie zwischen den beiden dichtern schwankte, in wahrheit dem minder berühmten gehörte. die gesammt - summe 92 oder vielmehr 88 ist nun allerdings vorschnell fixirt. erstens ist fraglich, ob nicht lenäische agone darunter waren, an welchen viel - leicht weniger stücke gegeben wurden; zweitens hat der Archelaos sicher - lich nicht in den 22 didaskalien gestanden, und von der Andromache ist dasselbe ausdrücklich überliefert. somit ist der schluſs auf die gesammt - zahl der verfaſsten stücke unzulässig, und der verlust von dramen noch höher anzusetzen, als die Alexandriner getan haben.
Praktisch kommt nun auf die sofort vergessenen stücke nichts an, die zum teil wol gar nicht veröffentlicht waren77)Anaxandrides verkaufte das manuscript einer durchgefallenen komödie sofort als maculatur. Chamaileon bei Ath. IX 374.. um so erfreulicher ist, daſs wir über das was nach Alexandreia kam sicherheit erzielen können. es waren 67 tragödien, 7 satyrspiele78)Die angaben sind trotz aller verwirrung durchsichtig. wenn man die un - ächtheit des Sisyphos bestritt, wozu dieselbe veranlassung vorlag wie beim Rhesos, so war die gesammtsumme 75: diese gibt Varro (Gellius XVII 4 3) und Suidas. rech - nete man die ganze bestrittene tetralogie zu, so waren es 78: so das γένος, und das wird in den σωζόμενα οζ΄ bei Suidas auch stecken.. die letzte zahl ist auffallend gering. daſs Euripides einzeln statt eines satyrspiels eine tragödie gab, wie die Alkestis, erklärt das misverhältnis nicht genügend. wir kennen auch noch 3 satyrspiele, die verloren waren79)Θερισταί· οὐ σῴζονται in der didaskalie der Medeia, καὶ … σῴζεται in der der Phoenissen, deren ergänzung in diesem teile sicher ist. endlich der Sisyphos.. offenbar hatte Euripides für das komische weder neigung noch begabung. selbst von den 7 ist eines so wenig gelesen worden, daſs wir nicht einmal den namen ken - nen80)Unsichere vermutungen Anal. Eur. 161. die beziehung auf die Marsyas - sage läſst sich nicht mehr aufrecht erhalten.. und in den 6 kenntlichen war dasselbe motiv, die überwindung der barbarischen vis consili expers durch die hellenische rite nutrita indoles, viermal angewandt (Buseiris, Kyklops, Skiron, Syleus); zweimal war der held ein listiger betrüger, Autolykos Sisyphos, denen Odysseus nahe steht; dreimal trat Herakles auf (Eurystheus Syleus Buseiris), einmal sein pendant Theseus (Skiron). die erfindsamkeit war also sehr gering.
41Nachlaſs.Von verlornen tragödien kennen wir nur den Rhesos. denn daſs das erhaltene den Sophokles nachahmende drama unter die werke des Euripides geraten ist, liegt lediglich daran, daſs aus den didaskalien die existenz eines jugenddramas Rhesos von Euripides fest stand81)Das erhaltene stück fordert vier schauspieler wie der Oidipus auf Kolonos und hebt mit einer anapästischen scene an, wie der jüngere Euripides eine vor die aulische Iphigenie gesetzt hat. man möchte es also zeitlich diesen nahe rücken. andererseits ist überall das bestreben deutlich in verston sprache und metrik die weise zu vermeiden, welche in ihren letzten jahren von Euripides und Sophokles beliebt war, und von der rhetorischen tragödie, z. b. Agathon Karkinos fortgebildet ward. so möchte man etwas weiter herabgehen. unsere kenntnis des dramas im 4. jahrhundert ist aber zu gering, als daſs man auf diese formalen kriterien viel bauen könnte. der inhalt setzt indessen ein lebhaftes interesse für die thrakischen gegenden voraus, in denen Athen erst im zweiten seebund wieder festen fuſs faſste auf etwa zwanzig jahre. in diese wird man den Rhesos am ehesten rücken dürfen. Dikaiarchos hat ihn schon von den schauspielern erweitert gelesen. die nachahmung des Sophokles ist in den motiven und der stilisirung der personen nicht minder greifbar als in der diction und namentlich der metrik.. die den Alexandrinern bekannten 67 kennen wir aber alle, doch eines, Epeios, nur durch eine erwähnung in einem kataloge, nicht durch ein citat, und von dem unächten Tennes ist nur ein unsicheres citat erhalten. die irrtümer, welche diese zahl zu vermehren schienen, sind alle mit sicher - heit erledigt82)Ein auch der form nach unmöglich euripideisches fragment wird in den in trostloser verwahrlosung erhaltenen sog. Probusscholien zu Vergil dem Kadmos des Euripides zugeschrieben (fgm. 451). wie der irrtum entstanden ist oder ob gar fälschung vorliegt, ist fraglich. ein aegyptischer schulknabe hat in der zeit Aristarchs unter andern stücken auch 44 trimeter abschreiben müssen, die die überschrift Εὐρι - πίδου tragen und die noch ungedeutete unterschrift Εἰριπίδης σμοδρεγατης. die verse imitiren die weise des Euripides, aber ganz erbärmlich. sie begehen den me - trischen fehler ἐγδίδως νῦν πλουσίῳ (20) als versausgang, elidiren αι (44), setzen wider die weise des Euripides έαυτῆς (11), wider die des 5. jahrhunderts καίτοιγε (10). οὐσία bedeutet das vermögen (30), τυχὸν ἴσως heiſst vielleicht, wie in spätattischer prosa (9), ἴδιος ἐμαυτῆς vertritt, wie in dieser, das possessiv (28), es steht, wie im peri - patetischen traktat λοιπόν ἐστιν ἴσως ἐμἐ λέγειν (4), ἀπορεῖν bedeutet ‘arm sein’, daneben wird aber auch ἀπορεῖσϑαι gebraucht (26), ἁρμόττει (man ändert ἀρμόζει) in - transitiv (2) ist nicht euripideisch, φιλάνϑρωπος steht in dem gemeinen sinne der späten decrete: im 5. jahrhundert können nur götter oder tiere φιλάνϑρωποι sein. das perfect ist in der weise der κοινή gesetzt, wo es nicht hin gehört 6, 19; ein gebrauch des artikels wie πρὸς τῆς Ἑστίας, ἐμαυτῆς τὸν ἴδιον βίον, gehört nicht in die tragödie. es kommt aber noch hübscher μέχρι πόσου τὴν τῆς τύχης πάτηρ δὲ λήψει πεῖραν (31): darin ist falsch μέχρι, denn das sagt die tragödie nicht, μέχρι πόσου, denn das ist höchstens ganz plebejisch für ‘wie lange’, ganz unzulässig der artikel bei τίχην, ganz unmöglich in jeder rede die stellung des δέ. da hat man denn auch wenigstens. doppeltitel hat es nicht gegeben; doppelbearbeitungen42Das leben des Euripides.auch nicht83)Et. Florentinum citirt fgm. 824 aus dem zweiten Phrixos und aus demselben eine verwirrte notiz der Aristophanesscholien fgm. 816. mitgezählt ist das drama sicher nicht; aber es ist nicht undenkbar, daſs neben der echten fassung eine von schauspielern zugestutzte bestand. tatsächlich haben zwei solche fassungen der Herakleiden wirklich bestanden, aber davon erzählen uns die grammatiker nichts. daſs der erhaltene Hippolytos eine umarbeitung des ersten gewesen wäre, wie wir sie von Götz und Carlos haben, ist eine eitele erfindung der modernen um ihre fal - schen athetesen zu stützen. es ist überliefert und ganz sicher zu erkennen, daſs es vielmehr eine völlig neue bearbeitung desselben stoffes war. wie es mit den gleichnamigen dramen des Sophokles stand, welche durch ziffern unterschieden werden ist unbekannt; wahrscheinlich aber gerade so., auſser daſs die Aristophaneserklärer von solchen fabeln, wenn sie ein citat nicht verificiren können.
Ein viertel der werke des Euripides ist erhalten; die summe der einzeln sonst überlieferten verse füllt nahezu weitere anderthalb tragödien und von einem zweiten viertel sind wir so weit unterrichtet, daſs wir selbst die behandlung einigermaſsen übersehen können; den stoff im allgemeinen kennen wir nur von ganz wenigen nicht. notorisch steht die spätere litteratur sehr stark unter euripideischem einflusse: daſs die forschung also unsere kenntnis des verlornen noch sehr stark bereichern kann, ist klar. neue citate von einzelnen versen tröpfeln sacht aus der grammatischen litteratur nach, die erst allmählich erschlossen wird; die aegyptischen funde haben einen fetzen auch aus einem verlornen drama, freilich einem recht schwachen, der zweiten Melanippe, ergeben. also auch von dieser seite ist bereicherung zu hoffen. aber nicht nur expansiv, vor allem intensiv muſs unsere kenntnis wachsen. denn Euripides ist zwar keiner von den dichtern, die die menschheit nicht entbehren kann ohne in die bestialität hinabzusinken: aber er ist doch einer, der noch so frisch ist, daſs man liebe und haſs zu ihm empfindet, und die poesie jeder zeit, wenn sie eine ist, sich mindestens mit ihm auseinandersetzen muſs: er fordert und verdient ein individuelles verständnis. die über - lieferung gibt die möglichkeit dazu zu gelangen: möge man über ein menschenalter die dürftigkeit dieser skizze belächeln können.
Wenn man ein attisches drama in die hand nimmt, so pflegt manStellung der frage. daran zu gehen in der voraussetzung, es sei ein gedicht derselben gattung wie Sakuntala, Leben ein Traum, Polyeucte, Macbeth, Wallenstein. dem - gemäſs bringt man bestimmte anforderungen mit, die in dem wesen dieser gattung liegen sollen; man erwartet eine aesthetische wirkung, welche zu erzielen der zweck der tragödie sein soll, und das urteil über das gelesene gedicht wird sich danach bemessen, in wie weit es seine aufgabe erfüllt und die erwartungen befriedigt hat. nun wird zwar ein jeder in jedem drama mancherlei gewahr, was ihm störend ist, was der dichter aber mit absicht so gemacht hat, also entweder als vorzug oder doch als etwas unerläſsliches angesehen hat. im attischen drama ist ein chor gegenwärtig, der oft dem interesse der handlung widerstrebt; bei Calderon ermüdet das endlose a parte reden der personen und die eben so end - losen schilderungen; im Cinna wird die einheit des ortes abgeschmackt, bei Shakespeare die clowns, bei Schiller die liebespare. der leser ist zwar in den meisten fällen schon zuvor davon unterrichtet, was er finden wird; er ist also nicht mehr so stark befremdet, drückt ein auge zu, über - schlägt auch wohl eine überflüssige partie, und findet sich schlieſslich mit dem störenden als einer berechtigten eigentümlichkeit ab. es ist aber bekanntlich eine berechtigte eigentümlichkeit etwas, das allenfalls entschuldigt werden mag, zumal sich’s leider nicht ändern läſst, das aber eigentlich durchaus unberechtigt ist. und die ehrlichkeit fordert das eingeständnis, daſs zwar die dichter durch diese dinge ihre aufgabe haben erfüllen wollen, sie aber in wahrheit höchstens trotz denselben erfüllen. sie haben also ihre aufgabe schlechter verstanden als wir; was denn schlieſslich eine schmeichelhafte bestätigung für das hochgefühl ist, wie herrlich weit wir es gebracht haben.
44Was ist eine attische tragödie?Für das attische drama stellt sich die sache noch besonders ungünstig, weil es die geltung als classisch, d. b. unbedingt mustergiltig, viele jahrhunderte hindurch behauptet hat, und durch den jugendunterricht der glaube immer neue nahrung erhält, als würde dieser vorrang auch heute noch ernsthaft behauptet. der leser glaubt sich deshalb zur anlegung eines absoluten maſsstabes doppelt berechtigt, und jeden einwand, den er bei eigenem lesen wider die classicität mit fug und recht erhebt, richtet er gegen die alten dichter, gleich als ob sie die ungehörigen an - sprüche selbst erhöben. so haben diese für die traditionelle schätzung zu büſsen und scheinen mit dieser zugleich auch ihren eigentümlichen wert zu verlieren.
Es soll eine solche betrachtungsweise nicht ganz verdammt werden. es muſs einen maſsstab geben, der sich an jede poesie jeder zeit anlegen läſst ohne irgend jemand unrecht zu tun, wenn anders wir den glauben an die realität und ewigkeit des schönen nicht verlieren wollen. vor allem aber wird und soll sich keine zeit ihr recht verkümmern lassen, an ihrer eigenen empfindung die werke der vergangenheit zu messen. allein diese beiden maſsstäbe wird zwar ein jeder zunächst für identisch halten: in wahrheit ist jener ideale maſsstab dort wo die idee des schönen ist; was aber wir menschen uns an seiner statt machen, das ist selbst dem wechsel unterworfen, war etwas anderes als es ist und wird etwas anderes sein. wir mögen getrost mit dem messen was uns absolut erscheint, denn der lebende hat recht. aber der lebende hat auch recht gehabt zu seiner zeit, und ihm zu seinem rechte zu verhelfen ist die bescheidenere aber ungleich schwerere aufgabe der geschichtlichen wissenschaft. diese darf gar keine andern voraussetzungen machen als das individuum und die zeit, welcher das betrachtete werk angehört. aus sich und den bedingungen seines wesens und werdens hat sie es zu erklären. sie ver - zichtet mit nichten auf ein urteil, aber sie rechnet mit dem wollen und können des volkes, der zeit, des einzelnen menschen. sie sucht zu ver - stehen, nicht um zu verzeihen, sondern um gerecht zu richten.
Diese aufgabe, das verständnis als grundlage der κρίσις zu er - schlieſsen, hat die philologie gegenüber dem drama in arger weise ver - absäumt. es ist dahin gekommen, daſs auſserhalb der zünftigen kreise die abschreckendste trivialität und die nakteste ignoranz sich unbehelligt an den edelsten werken der hellenischen poesie versündigen kann, und in den zünftigen kreisen die sehenden bei seite treten, die einäugigen oder gar blinden die führung sich anmaſsen. allein auch diese versäumnis will geschichtlich begriffen werden; sie darf nicht nur gescholten, son -45Stellung der frage. moderne aesthetik.dern muſs erklärt werden. die entwickelung der philologie, wie sie im vierten capitel dargestellt ist, gibt die erklärung.
Daſs die hellenische poesie aus dem staube der folianten an dasModerne aesthetik. tageslicht trat, ist wenig über ein jahrhundert her. es geschah zu einer zeit, deren richtung durchaus philosophisch war. wenn Lessing auf das antike drama hinwies, so geschah das so, daſs er diesem die geltung als classisch lieſs, um das französische von der gleich hohen stellung zu stürzen. zu dem zwecke hat auch Diderot die antike tragödie herange - zogen1)Es ist sehr bezeichnend, daſs er schon in den bijoux indiscrets, welche zuerst Lessing diese schwerlich von ihm dort gesuchte anregung gegeben haben (Hamb. Dramat. 84 stück), den Philoktet des Sophokles als musterstück wählt: ein auf das einfachst moralische reducirter, des mythischen fast ganz entkleideter stoff, daneben die feinste charakteristik und die stärkste abweichung von der Versailler decenz. so erscheint denn der Philoktet auch im Laokoon. für die verehrer der comédie larmoyante war Philoktet das rechte: aber die Iphigenie mit ihm zu verbinden war ein herzlich abgeschmackter einfall. da wirkt das mythische, echt tragische, und hat die Elektra gevatter gestanden.. vollends die aristotelische poetik ward als kanonisch anerkannt, um so lieber, als sie einen absoluten maſsstab gab, der für alle zeiten anwendbar schien. Herder erhob sich zwar zu geschichtlicher betrach - tung, aber nicht durch ein voraussetzungsloses studium der vergangen - heit, sondern durch die philosophie der geschichte. auch lenkte er das nachdenken und die arbeit der forscher vornehmlich auf die anfänge und die ersten stadien der culturentwickelung, so daſs das drama, die letzte und vollkommenste blüte der hellenischen poesie, eine geringere beachtung fand, zumal seine kunstvoll durchgebildete form dem volks - tümlichen ferner liegt als in den meisten andern litteraturen. dieser umstand hat noch lange fortgewirkt. als aus den kreisen der Roman - tiker oder doch unter dem impulse, der von ihrer schule ausgieng, wieder - holt der versuch gemacht ward, eine geschichte der griechischen litteratur zu schreiben, gelangten die wenigsten auch nur bis an das drama heran, und dann giengen sie darauf aus, es irgendwie mit der volkspoesie zu verknüpfen.
Als dem deutschen volke eine anzahl dramen von seinen groſsen dichtern beschert wurden, die den antiken ebenbürtig waren, da waren diese unabhängig von der antiken praxis und theorie entstanden; wo der anschluſs ein bewuſster gewesen war, da ward die wirkung zum mindesten dadurch beeinträchtigt. der erfolg konnte nicht ausbleiben, daſs man die antiken werke unwillkürlich mit den modernen verglich, von ihnen forderte, was die modernen leisteten, und die form, die man46Was ist eine attische tragödie?in der braut von Messina mit recht anstöſsig fand, auch im Oedipus beanstandete. über die theorie des dramas hatten Goethe und Schiller tief nachgedacht, auch sie im unmittelbaren anschluſs an Aristoteles, weshalb sie auch das drama im gegensatz zum epos auffaſsten; hätten sie aber auch die antiken gedichte im originale wirklich verstehen können, als dichter würden sie dennoch nicht die bedingungen und ziele fremden schaffens, sondern anregung und förderung für eigenes schaffen in ihnen gesucht haben. ganz besonders aber ward für die theorie des antiken dramas gerade so wie für die bald verlachte praxis der nachahmer ver - hängnisvoll, daſs Schiller, der bekenner der Kantischen freiheitslehre, den begriff des groſsen gigantischen schicksals, welches den menschen erhebt, wenn es den menschen zermalmt, als leitstern der tragischen sittlich - keit auſstellte.
Die grundlinien der anschauung, welche bis auf den heutigen tag die verbreitete ist, gab A. W. Schlegel in den vorlesungen über drama - tische kunst und litteratur. es war in der tat ein versuch, die dichtungen der verschiedenen völker, welche Schlegel aus wirklicher eigener kenntnis beurteilte, geschichtlich zu würdigen. aber dieser versuch ward mit einer bestimmten praktischen tendenz gemacht. er predigte das evangelium einer einigen reinen hohen kunst, und er glaubte mit recht, daſs er für dieses ideal am besten dadurch propaganda machen könnte, wenn er zu gunsten des allertrefflichsten all das auf das schärſste verurteilte und herabsetzte, auf das sich der herrschende ungeschmack zu berufen pflegte, welchen er eben brechen wollte2)Schlegel gesteht (I 133) halb und halb ein, daſs er Euripides nur schlug, weil er Iffland und Kotzebue meinte. das mochte ein geschickter streich sein, wenn Schiller ganz dasselbe in Shakespeares schatten auch unvergleichlich wahrer schöner und edler erreicht hatte; es durfte dann aber nicht als eine objective beurteilung auf - genommen und weitergegeben werden.. im innersten grunde der seele endlich betrachtete sich Schlegel als propheten des groſsen romantischen tragikers, der nach der geschichtsphilosophie kommen sollte, um den bau der deutschen poesie zu krönen. ob er die täuschung der genossen mitge - macht und den heiland in L. Tieck gesehen hat, mag zweifelhaft sein; ausgeblieben ist der heiland jedenfalls. die romantiker waren eine viel zu reflectirte, geistreiche, ironische, angekränkelte gesellschaft, als daſs sie die unmittelbare kraft einer groſsen tragischen wirkung hätten erzeugen können; die meisten waren für eine solche überhaupt gar nicht empfäng - lich, und selbst wenn sie die gröſsten tragiker bewundern und erläutern wollen, so tun sie die auffälligsten irrgänge. es soll Tieck unvergessen47Moderne aesthetik.sein, daſs er die hetze gegen Euripides nicht mitgemacht hat, aber wenn er seine gedichte ‘von dem morgenrot einer ahndungsvollen romantik übergossen’ nennt, wobei er ‘vornehmlich an die wundersame Helene denkt’, wenn er die taurische Iphigenie und die Elektra ‘seltsam von wald - gefühl und einsamkeit erfrischt’ findet (bei F. v. Raumer Vorlesungen über alte Geschichte II 544), so gibt er selbst die seltsamsten proben ahndungsvoller romantik. er hat sich bekanntlich in der beurteilung Ophelias eben so vergriffen, wo es minder verzeihlich war, da Wilhelm Meister vorlag. bei andern romantikern, die wol eher die fähigkeit des geschichtlichen nachempfindens besessen hätten, fehlte es am besten. F. Schlegel würde wol die euripideischen frauen in den irrgängen ihrer seelenkrankheit haben verfolgen können, und er hatte für den groſsen zug der entwickelung, der die griechische poesie von stufe zu stufe bis auf den gipfel aischyleischer erhabenheit trägt, einen helleren blick als sein bruder. aber er war ein zu verkommener selbstling ohne religion und ohne ehrgefühl3)homo longe omnium pessimus nennt ihn G. Hermann an Volkmann 1. August 1796. da war Schlegel an den rechten gekommen.: wie sollte er nicht schaudern vor der unerbitt - lichen sittlichkeit dieser poesie, die sein ganzes treiben verurteilte; hat er doch Schiller aus demselben grunde so glühend gehaſst. auch die weltumfassende philosophie gieng aus der romantik hervor, die es sich zutraute, wissenschaft leben und kunst (ϑεωρεῖν πράττειν ποιεῖν) mit ihren gedanken zu umspannen und alle scheinbaren widersprüche zu lösen. sie fand auch für das drama eine formel, und man soll nicht bestreiten, daſs viele und tiefe wahrheit in ihr lag. aber selbst die Antigone muſs arg misdeutet werden, um als musterstück den Oedipus zu ersetzen und darzutun, wie sich aus dem conflicte zweier einseitig berechtigter bestrebungen die höhere harmonie, wenn auch um den preis des unter - ganges der individuen, ergibt.
Es könnte scheinen, als hätte es geringe bedeutung, auf diese be - strebungen hinzuweisen, da doch die herrschaft der romantik und der hegel - schen philosophie nicht mehr besteht. allein das philosophische denken der folgezeit hat an die erkenntnis des antiken dramas wenig arbeit gewandt4)Fr. Vischer hat daran ganz recht getan, daſs er Shakespeare in den mittel - punkt gestellt hat. seine individualität zog ihn von Athen fort: wer Pandora nicht zu würdigen weiſs, wird auch Prometheus nicht würdigen. es ist doch eine arge verirrung, die ὑποϑέσεις von tragödien in epische erzählungen umzusetzen, wie es Vischer gar mit dem Oidipus auf Kolonos getan hat: und doch zeigt sich hier, daſs auf den kernmenschen, den σαρκασμοπιτυοκάμπτης, der kern des dramas am mäch - tigsten gewirkt hat, die sage.,48Was ist eine attische tragödie?was durchaus berechtigt ist, und jedenfalls wenig auf das studium des - selben eingewirkt. die philologie aber wandte sich unter dem drucke der stimmung, welche der streit zwischen Hermann und Welcker Otfried Müller erzeugte, von diesem felde ab. die bedeutenden gelehrten ver - achteten was ihnen unfruchtbares spiel schien. in der breiten masse aber wirken zu allen zeiten gedanken noch lange nach, wenn sie auch in wahrheit überwunden sind. was so im allgemeinen über die attische tragödie geglaubt, den knaben gepredigt und von diesen ins leben mit - genommen wird, sind im wesentlichen reflexe dessen was Lessing und Schiller, die romantiker und ihre philosophischen nachfolger ausgesprochen haben. das letzte halbe jahrhundert hat wenig davon noch dazu getan. wir hören ja freilich alle tage, daſs die geisteswissenschaften abgewirt - schaftet haben, wenn sie nicht die exacte methode der königin natur - wissenschaft einigermaſsen nachmachen. und es ist auch von einer zukunftspoetik die rede, welche empirisch psychologisch, empirisch an - thropologisch die rechte grundlage sucht. es scheint aber für sie wich - tiger zu sein, die Botokuden und Kamtschadalen zu verhören als die Hel - lenen. wenn dem Mephistopheles schon in der classischen Walpurgisnacht ungemütlich wird, was sollen die proktophantasmisten machen, die sich längst von geistern und von geist curirt haben? wem die Orestie und die poetik des Aristoteles — griechisch sind, wie dem Casca Ciceros rede, der muſs es sich schon gefallen lassen, daſs seine rede dem Hellenisten böhmisch ist. welchen wert hätte es auch, ein system durch ein anderes zu ersetzen, das doch auch nur beurteilen, nicht verstehen lehrt?
Verstehen gelernt hat freilich erst die letzte generation vor uns ein hauptbuch, die aristotelische poetik, und der groſse meister hat über - haupt erst jetzt die dominirende stellung in der griechischen wissenschaft erhalten, die ihm gebürt, ja, seine macht wird noch steigen. allein darum ist unser verhältnis zu ihm nur ein freieres geworden. es ist nicht mehr erlaubt, mögen auch die naiven nicht aussterben, das was man für wahr hält, in den Aristoteles hineinzulesen; deshalb ist aber auch das eigene urteil des Aristoteles und seine aesthetische theorie nicht mehr für uns maſsgebend. was er uns als geschichtliche tatsache übermittelt, das sind wir verpflichtet als solche gelten zu lassen, so lange sich nicht der irrtum beweisen läſst: die beurteilung der tatsachen und die daraus abgezogenen allgemeinen gesetze haben nicht die geringste verbindlichkeit. Aristoteles ist unser vorzüglichster zeuge für die tatsachen der attischen verfassungs - geschichte; aber nicht leicht wird jemand seine beurteilung ihres ganges und des wertes der leitenden personen sich zu eigen machen: auf alle fälle49Aristoteles.ist die politische theorie des Aristoteles und seine construction des besten staates für die geschichtliche und rechtliche auffassung der concreten erscheinungen der griechischen geschichte von geringer bedeutung. es ist zeit, daſs wir in der poesie nicht mehr anders vorgehen. nicht mehr Aristoteles der aesthetiker, sondern Aristoteles der historiker ist der ausgangspunkt unserer betrachtung. wenn wir uns zu dem geschicht - lichen verständnis der attischen dramen durchgearbeitet haben, dann können wir fragen, ob die aesthetische theorie des Aristoteles für sie das richtige getroffen hat, und in wie weit seine ansicht von dem wesen der kunst absolut richtig ist. um die wirkung der tragödie auf Aristo - teles oder gar auf uns haben wir uns zunächst nicht im mindesten zu kümmern, sondern um die absicht ihrer dichter. es kann uns also auch die vergleichung mit irgend welcher anderen dramatischen poesie nichts helfen, ganz abgesehen davon, daſs doch alle und jede dramatische poesie von den Athenern abstammt5)In betreff der indischen ist die entscheidung dadurch erschwert, daſs sie erst jahrhunderte nach dem erlöschen der griechischen spiele zur blüte kommt; deshalb ist die unmittelbare vergleichung (Windisch Abhdlg. des 5. orientalistencongresses) wenig überzeugend, und ein stricter historischer beweis wird erst möglich sein, wenn auf indischem gebiete die forschung jahrhunderte vordringen kann. aber daſs in den zeiten der griechischen vormacht im osten auch die techniten ihre höchste blüte gehabt haben, steht fest, und man kann gar nicht bezweifeln, daſs an den höfen der helle - nischen fürsten Indiens im 2. jahrhundert scenische spiele gewesen sind, wenn sich gar die Parther im 1. jahrhundert die Bakchen vorspielen lassen. und daſs die hellenische civilisation auf die Arier ganz intensiv gewirkt hat, zeigt am besten die sculptur (Curtius Arch. Zeit. 1876, 90).. wir wollen ja weder eine tragödie schreiben noch schreiben lehren, sondern die welche wir besitzen ver - stehen. dazu ist denn freilich nötig zu wissen, welche aufgabe die dichter lösen wollten, was ihr volk von ihnen erwartete, und weit genug wird uns der weg führen, ehe wir dieses ziel erreichen: aber aus seiner ver - gangenheit, nicht aus seiner zukunft erklären wir das attische drama.
Wenn es uns verstattet wäre, überall bis zu den quellen vorzudringen,Fundamen - tale tat - sachen. so würden wir auch bei dieser historischen forschung von Aristoteles ab - sehen. aber uns sind nur trümmer überliefert, so daſs wir längst nicht alles mehr mit eignen augen übersehen und prüfen können, sondern auf die zeugnisse anderer angewiesen sind. und hier ist es, wo Aristo - teles mit voller autorität eintritt; nur wenige zeugnisse, die wir anders - woher auflesen, die aber auch zumeist auf seine schule zurückgehen, treten hinzu; erst nach peinlichster prüfung reihen wir sie ein, und für die hauptsache würden wir sie auch entbehren können. unser fundamentv. Wilamowitz I. 450Was ist eine attische tragödie?ist und bleibt was in der poetik steht. die tragödie stammt ab von den sängern des dithyrambos; sie ist zuerst satyrspiel gewesen in leb - haften tanzrhythmen und lustiger sprache; den zweiten schauspieler hat erst Aischylos eingeführt und den chor von der protagonistenstelle zurück - gedrängt; der dritte schauspieler stammt erst von Sophokles. mit diesen allbekannten notizen hat zu allen zeiten jeder gerechnet; der fortschritt aber liegt darin, daſs wir erstens jede spätere überlieferung zunächst fern halten, zweitens eine vorstellung davon haben, woher Aristoteles seine kenntnis hat, was er überhaupt wissen konnte. ob er ein drama aus dem sechsten jahrhundert gelesen hat, ist fraglich; die spätere zeit besaſs keins mehr6)Von Choirilos ist eine mythographische angabe und ein als tropus ange - führter vers auf uns gekommen. die grammatiker kennen ihn nicht mehr. jene er - wähnungen können sehr wol auf schriftsteller aristotelischer zeit zurückgehen. die lyrischen fragmente des Pratinas stammen alle aus einem musikgeschichtlichen werke, da sie sich auf musik beziehen; von einer tragödie ist ein wort aus zoologischem interesse gerettet, wol aus einem schriftsteller wie Speusippos oder Phainias. mehr gibt es von Phrynichos, nicht bloſs bei mythographen, sondern auch bei gramma - tikern. allein daſs die von ihm erhaltenen tragödien nicht aus der zeit des Aischylos gewesen wären, ist weder erweislich noch wahrscheinlich. im gröſseren publicum ist in den vorchristlichen jahrhunderten noch hier und da etwas von einem andern dichter als den dreien gelesen und gespielt worden: nach Christus ist nur die kenntnis des Ion bei Plutarch nachweislich und auch sonst glaublich, da noch commentare geschrieben werden. die jüngeren tragiker las man längst nicht mehr; daſs sich ein - zelne verse in die florilegien gerettet haben, beweist nur, wie alt deren grund - stock ist., und Thespis z. b. war schon für Aristoteles nur ein name. immerhin konnte er incunabeln genug lesen, um sich über den charakter des ältesten spieles zu unterrichten. das wichtigste aber war, daſs in den archiven des mit der ausrichtung der spiele betrauten beamten sich das reiche und zuverlässige material befand, um die aufführungszeit jeder einzelnen tragödie und die äuſsere einrichtung der schauspiele kennen zu lernen, und die über die heiligtümer der stadt verstreuten weihgeschenke, die freilich nur ausnahmsweise über die persische invasion hinaufreichen konnten, brachten erwünschte controlle und erweiterung; sie sind nachweislich von Aristoteles benutzt7)Er führt ein gemälde, weihgeschenk wegen komischen sieges, an, Polit. Θ 6. die früher meist vorgetragene ansicht, daſs die didaskalien auf diese weihgeschenke allein zurückgiengen, ist ganz verkehrt. sie enthalten viel mehr; denn die namen der stücke, der unterlegenen concurrenten und deren stücke waren nimmermehr auf steinen zu lesen. also sind archivalische studien unzweifelhaft. dort stand aber ver - mutlich noch sehr viel mehr, und z. b. was wir über costumveränderungen er - fahren, wird daher stammen. man könnte noch mehr vermuten, wenn nicht ganz. das so gesammelte mate -51Fundamentale tatsachen.rial hat er selbst oder seine schule dem publicum in mehreren bänden vorgelegt, und die tüchtigsten gelehrten der nächsten generationen haben es viel benutzt; dann ist es wie die meisten ähnlichen stoffsammlungen verschollen. übrigens hat der attische staat, wahrscheinlich gelegentlich der erbauung des steinernen theaters (vollendet 330), auch eine solche festchronik und ähnliche verzeichnisse in stein gehauen im heiligen be - zirke aufstellen lassen, vielleicht beeinfluſst von dem aristotelischen geiste. reste davon sind uns erhalten sowol im original wie in copien römischer zeit8)Zu den altbekannten stücken dieser classe CIG. 229, 230 ist jüngst ein neues bruchstück getreten (Notizie degli scavi 1888, 190), auf dem aber nur so viel kenntlich ist daſs es hierher gehört.; auch vereinzelte inschriften von siegesdenkmälern besitzen wir. dieser ganze strom der überlieferung ist also ein einheitlicher. was dazu gehört, ist auch leicht kenntlich, wenn es bei späten compilatoren er - halten ist, und wir dürfen uns mit besonderer zuversicht auf diese angaben verlassen. danach also reihen wir ein, daſs die erste tragödie von Thespis an den groſsen Dionysien 534 aufgeführt ist, 508 der erste dithyrambos durch Hypodikos von Chalkis, daſs eine neuorganisation der schauspiele um 465 stattgefunden hat, bei welcher sicher die erste komödie gespielt ward, wahrscheinlich auch die tragödie durch die einführung des dritten schauspielers ihre definitive gestalt erhielt9)Näheres Hermes 21 ‘die bühne des Aischylos’.. das ist unser fundament. mit eiserner strenge muſs alles verworfen werden, was sich mit diesen grundtatsachen nicht verträgt; an ihnen darf nichts verrückt noch ver - schoben werden. es liegt aber auf der hand, daſs sie nicht ausreichen, um wirklich einen aufriſs von dem alten gebäude zu errichten, wir müssen mehr material suchen.
Das wird manchen weg und umweg kosten; es scheint sogar geraten, zunächst einen holzweg einzuschlagen, weil in der litteraturgeschichte die holzwege die betretensten zu sein pflegen. die komödie ist viel verständlicher als die tragödie: fangen wir mit ihr an. das muſs dem modernen doch sehr aussichtsvoll erscheinen. denn wir sehen mit recht7)unklar bliebe, wo die grenze zwischen den pflichten der beamten und der choregen war. da einzelne angaben auch aus der zeit vor 480 erhalten sind, muſs man an - nehmen, daſs die archive vor den Persern gerettet waren, was ja auch nur natür - lich ist. aber sie werden für die alte zeit längst nicht so reich gewesen sein. dramentitel von Thespis z. b. hatten sich sicherlich nicht erhalten, da man deren früh erfunden hat. und es dürfte ähnlich mit Choirilos u. a. stehen. auch dichter - namen für die tragödie sind auffällig wenig erhalten und nur solche, von denen sich auch vereinzelte werke bis auf die Peripatetiker gerettet hatten.4*52Was ist eine attische tragödie?trauerspiel und lustspiel nur als zwei arten derselben gattung, der dra - matischen poesie, an. darin sind uns die peripatetiker vorangegangen, und logisch ist es gewiſs. nur hat es für Athen keinen sinn. dort konnte zwar der gröſste philosoph, zugleich der gröſste dichter, auf den gedanken dieser einheit kommen, aber selbst er lieſs es nur in der vorgerücktesten weinlaune aussprechen. in der praxis waren komödie und tragödie zwei so grundverschiedene dichtungsgattungen, daſs es gleich ungeheuerlich erschien, Aristophanes eine tragödie, Agathon eine komödie dichtend zu denken; woran nichts geändert wird, auch wenn in den zeiten des verfalls geringere leute diesen versuch gemacht haben, wie z. b. von Timokles feststeht. für Athen ist das dramatische etwas accessorisches sowol in der komödie wie in der tragödie. die übergeordnete gattung könnte nur dionysisches festspiel heiſsen, wo dann aber sofort der dithyrambos als dritte gleichberechtigte art hinzutreten und diesen versuch einer definition unbrauchbar machen würde. für uns ist das dramatische entscheidend, ist aber auch die sonderung in tragödie und komödie eine inhaltsleere concession an die antike, welche nur zu der annahme von bastard - gattungen wie des s. g. schauspieles oder dramas führt. wir wissen also im voraus, daſs wir zum ziele über die komödie nicht kommen können; aber bei wege dürfte doch manche wichtige belehrung abfallen.
Die komödie hat sich an zwei orten Griechenlands aus verschiedenen aber allerdings gleichermaſsen dem breiten volksleben angehörigen wurzeln zu einer litterarischen blüte entwickelt. in Sicilien zu der zeit, wo diese insel unter dem regimente hochstrebender und hochstehender gewaltherren ihre schönste aber allzu kurze blütezeit erlebte, und in Athen zwanzig jahre später, als dort die demokratie ihr reich vollendete. in Sicilien waren die vorstufen die burlesken spiele der spaſsmacher, die wie die ganze zunft der fahrenden leute in den üppigen städten Neugriechenlands fort - dauernd am besten gediehen, und auf märkten oder in den hallen der reichen teils pantomimisch, teils mit einfachem gesange, teils in meist wol improvisirter prosaischer rede ein zerrbild des lebens darstellten, das treiben des festtags und des werkeltags, der alter und geschlechter, der stände und berufe in derber charakteristik wiedergebend. in Syrakus gestaltete der Megarer Epicharmos dieses spiel zu einer dramatischen poesie aus10)Die tendenz, den Megarern von Nisaia eine komödie zu vindiciren, hat daran keinen anhalt, daſs Epicharmos aus dem hybläischen war. und was die alten von einem ‘dorf’ gesange fabeln könnte die attischen κῶμοι nicht erzeugt haben, auch wenn es mehr wäre als ein aus dem namen schlecht gefertigtes autoschediasma., für welche er jedoch die formen von der attischen tragödie53Komödie.nahm, deren begründer Phrynichos und Aischylos der könig Hieron an seinen hof gezogen hatte. doch fehlte der chor, mochte auch hie und da getanzt und gesungen werden11)Pollux IX 41 bezeugt daſs χοραγός im sinne von διδάσκαλος vorkam. Hephaestion 8, 3 nennt eine komödie Χορεύοντες, welche ganz in anapaesten ge - dichtet war. das gibt sich selbst als ausnahme. lyrische maſse fehlen in den bruchstücken ganz, wenn man von gänzlich ungewissen absieht. die Musen in dem gleichnamigen stücke sind als chor in attischem sinne undenkbar.. es hätte sich hieraus das moderne lustspiel entwickeln können; allein die künstliche blüte verfiel, die posse ward aus einem dramatischen gedichte wieder ein prosaischer mimus, und nur dem interesse, welches Platon, der über vorurteile erhaben war, an der realistischen kraft dieser volksspäſse nahm, als er um 390 in Syrakus war, danken wir es, daſs die mimen des Sophron nach Athen und damit auf die nachwelt kamen, wie ja auch das athenische litteraturgeschicht - liche mehr als litterarische interesse den Epicharmos einzig erhalten hat. die spätern Griechen fanden den Sophron nicht selbst genieſsbar, sondern nur so wie ihn das theokritische raffinement salonfähig aufgestutzt hatte. wir bewundern in den kümmerlichen resten eine unmittelbare lebens - wahrheit oder besser wirklichkeit, wie man sie bei Hellenen sonst ver - geblich sucht (denn sie stilisiren alle), aber wol bei den besten Italikern findet. an Petron erinnert Sophron. es hat das seinen geschichtlichen grund. denn späſse wie sie in Groſsgriechenland gäng und gebe waren, haben zwar auch bei einigen stämmen dorischer abkunft oder doch cultur im mutterlande analogien, aber nirgend ist auch nur ein ansatz zu künst - lerischer ausbildung gemacht. dagegen war und ist die italische nation geboren dazu das charakterische und namentlich das lächerliche scharf und wahr aufzufassen und wiederzugeben. auf italischem untergrund ist der mimus und seine künstlerische blüte, die epicharmische posse, er - wachsen; ebenso später die rhinthonische. man kann nur dazwischen schwanken, ob die mischung mit italischem blute die Groſsgriechen so veranlagt hat, oder ob nicht vielmehr, was ungleich wahrscheinlicher ist, die Italiker schon damals die commedia dell’ arte besaſsen und also auf10)aber eine tradition von alten volksspäſsen und einem possenreiſser Susarion haben die Megarer wirklich besessen, und das verdient um so mehr glauben, als ähnliche späſse sich ja auch in andern dorischen orten, z. b. Sparta, finden. nur hat das selbst nach der angabe der Megarerfreundlichen tradition nichts mit Dionysos, also nichts mit den attischen κῶμοι zu tun. die attischen komiker des 5. jahrhunderts wenden Μεγαρικὸν ᾆσμα, Μεγαρικὴ κωμῳδία, σκῶμμα Μεγαρόϑεν κεκλεμμένον durchaus nur metaphorisch an: so wie wir noch heute ‘boeotisch’ und ‘attisch’ als gegensätze brauchen (auch sie einzeln boeotisch, Kratin. inc. 152).54Was ist eine attische tragödie?diesem gebiete die lehrmeister derer geworden sind, denen sie wie wir alle andere cultur verdanken.
Wir wissen nicht, wie Epicharmos seine gedichte genannt hat; κω - μῳδίαι sicher nicht, da sie das nicht waren. erst in Athen hat man dieses wort sehr bald nach τραγῳδία gebildet, als bezeichnung für die lieder, welche bei den κῶμοι gesungen wurden, die man um 465 dem Dionysos von staatswegen darzubringen beschloſs. denn so bezeichnet die offizielle chronik die einführung der komödie. Aristoteles läſst uns noch etwas mehr erkennen, und die reste der späteren komödie (denn erhalten hatte sich wol nichts aus den ersten zwanzig jahren ihres bestehens12)Wenigstens bietet weder ein titel noch ein bruchstück einen anhalt, der über die dreiſsiger jahre hinaufzugehen veranlaſste. es kommen auſser ein par resten des Ekphantides, wenn auf sie verlaſs ist, und einer komödie des Lysippos nur die des Krates und Kratinos in betracht. und daſs bei diesem nichts verläſs - liches auf die so vielbewegten vierziger jahre deutet, während so sehr viele komö - dien erst in den archidamischen krieg passen, ist schwerlich zufall. gestatten sichere rückschlüsse. das volk ordnete und legitimirte nur einen tat - sächlich bestehenden brauch. es war nämlich aufgekommen, daſs an dem feste des Dionysos eine oder auch mehrere scharen von männern sich zusammentaten, sich vermummten, zunächst nur um unerkannt zu bleiben, und im festzuge mit flötenmusik in den heiligen bezirk zogen, dem gotte ein phalloslied sangen und das volk, das zu der religiösen feier und zur tragödie versammelt war, mit einer auf die interessen der bürger - schaft und des tages bezüglichen scheltrede haranguirten. dann zog der lustige κῶμος wieder ab. ähnliche züge, nur ohne den festlichen charakter, tobten an manchem abend durch die gassen, aber der phalloszug war ein notwendiger bestandteil der religiösen feier, weshalb denn auch das lied (ᾠδή) welches der ‘nachrede’ (ἐπίρρημα) vorausgeht, noch bei Aristo - phanes meist einen religiösen charakter trägt. es ist sehr wol möglich, daſs schon in der zeit der freiwilligen aufführungen ein oder zwei einzelredner aufgetreten sind und die gesänge durch eine lustige scene unterbrochen haben. geschah es aber, so war dafür das vorbild der tragödie maſs - gebend, nach welchem dann, als die komödie staatlich geordnet ward, die ganze anlage des spieles sich richtete. es dauerte noch eine weile, bis man statt einzelner zusammenhangsloser scenen eine einzige handlung durchzuführen versuchte. erst am anfange des archidamischen krieges gestalteten zwei blutjunge talentvolle dichter, Eupolis und Aristophanes, die komödie die wir kennen; zuerst sehen wir sie wenigstens den komos und die ansprache sammt religiösem liede festhalten. dann schwindet das;55Komödie.immer mehr wird die komödie zum lustspiel. nach dem abblühen der tragödie fällt ihr ein teil des erbes zu, ein ersatz für den verlust dessen, was eigentlich die komödie erzeugt und belebt hatte. hundert jahre später vollendet sich, nicht ohne beihilfe der peripatetischen kunstlehre, die echte erbin der euripideischen tragödie, aber nicht der aristophanischen komödie, das menandrische lustspiel. das erst ist wirklich mit dem modernen drama vergleichbar, weil es lediglich künstlerische zwecke hat, weder für einen bestimmten tag noch auf ein bestimmtes publicum berechnet ist, und weil seine stoffe rein menschlich und wirklich dem tagesleben entnommen sind: sie ist μίμησις βίου, κάτοπρον ὁμιλίας, ὁμοίωμα ἀληϑείας13)Dies die originale, die in Ciceros übersetzung (de re p. IV 11) durchschim - mern. er sagt imitationem vitae, speculum consueiudinis, imaginem veritatis. die doctrin ist, auch wenn sie Cicero durch stoische vermittelung empfangen haben sollte, peripatetisch. das τέλος aller poesie ist ψυχαγωγία, was er mit voluptas wiedergegeben zu haben scheint (τέρψις bei Aristides Quintilian ist schlechte rück - übersetzung). die Alexandriner folgen in der kunstlehre den peripatetikern. die ψυχα - γωγία bekennt Eratosthenes, und Aristophanes dichtet von Menander ὦ Μένανδρε καὶ βίε, πότερος ἄρ̕ ὑμῶν πότερον ἀπεμιμήσατο. Theophrasts kunstlehre erlaubt und erfordert eine zusammenhängende behandlung; die Römer, Sueton zumal, sind am ergiebigsten..
Für die tragödie ergeben sich aus der vergleichung des jüngeren spieles zwei schlüsse. erstens daſs es für sie, deren entstehung viel älter ist und die der komödie Siciliens und Athens gerade für die dra - matischen teile die formen geliefert hat, noch viel weniger als für die dichtung des Kratinos erlaubt sein kann, die aesthetischen abstractionen, zu welchen allenfalls ihre letzte ausgebildete gestalt veranlassung geben mag, als voraussetzungen ihres werdens oder auch nur als maſsstab ihres wertes zu verwenden. zweitens daſs sie unmöglich aus volkstümlichen tänzen, die am Dionysosfeste stattgefunden hätten, entstanden sein kann, weder sie noch ihre vorstufe, der dithyrambos, der neben ihr und neben der komödie bleibt. denn aus den volkstümlichen tänzen geht die komödie hervor, und sobald sie da ist, verschwindet diese vorstufe14)Am bezeichnendsten ist, daſs die spiele der freiwilligen sofort wieder auf - kamen, als der staat den vergeblichen versuch machte, die komödie zu unterdrücken, weil ihre zügellosen angriffe politisch bedenklich geworden waren (440 — 38 schol. Ar. Ach. 67). Kratinos erhielt keinen chor: da führte er seine Rinderhirten mit freiwilligen als einen dithyrambos auf. dasselbe scheint er mit seiner ‘Odysseus - komödie’ getan zu haben. denn dies bedeutet Ὀδυσσῆς, wie Ἀϑῆναι und Φίλιπποι die stadt der Athena und des Philipp, Αἶτναι und Καμικοί (wie die titel überliefert sind, wenn man genauer zusieht) die tragödien von Aitna und Kamikos. wahr - scheinlich ist der plural früher noch öfter verwandt worden; namentlich in komödien -. eben die -56Was ist eine attische tragödie?selbe konnte also nicht zwei menschenalter vorher die tragödie oder noch viel früher den dithyrambos erzeugt und doch neben diesen ausge - bildeten formen fortbestanden haben. wir können sogar noch weiter gehen: auch der dithyrambos, aus dem die tragödie hervorgegangen ist, kann nicht eben der dithyrambos gewesen sein, der neben ihr fortbe - stand; da muſs etwas anderes stecken. die modernen haben sich nun aber so sehr daran gewöhnt, die tragödie aus volkstümlichen improvi - satorischen spielen des faschings hervorgehen zu lassen, daſs es notwendig ist, einen zweiten umweg durch diese regionen zu machen, um nicht bloſs diese vermutung abzulehnen, sondern ihre unmöglichkeit positiv darzutun.
Der Dionysosdienst und neben ihm der Demeterdienst unterscheidet sich, wenn auch schwerlich von anfang an, so doch in der gestalt, welche allein genauer bekannt und für die tragödie bedingend ist, von den diensten der olympischen götter dadurch, daſs die gemeinde eine active bedeutung erhält. Dionysos hat selbst auf erden gewandelt, hat nicht nur seine gaben verteilt, sondern auch seine feiern, die zwei - jährigen auszüge in berg und wald, oder was an stelle derselben tritt, eingesetzt, er hat mit den ungläubigen harte kämpfe bestanden, er fordert also von jedem einzelnen die anerkennung seiner göttlichkeit und eine persönliche betätigung des glaubens. das ist mehr als was in den alten culten geschieht. da vollzieht die heiligen handlungen der durch geburt und erbrecht oder durch staatlichen auftrag dazu berufene, im eigenen hause der herr oder die frau, in den staatstempeln der könig oder sein rechtsnachfolger, in sehr vielen culten, die sich aus geschlechts - culten zu allgemeiner anerkennung erhoben haben, der durch ererbtes recht dazu berufene. die menge steht dabei, schweigend, oder an festen punkten der heiligen handlung festbestimmte rufe erhebend (εὐφημεῖν15)So stand auch der daduche bei den Lenaeen, rief καλεῖτε ϑεόν, und die ge - meinde respondirte Σεμελήιε Ἴακχε πλουτοδότα, schol. Ar. Fr. 479. die einmischung des Iakchos und des eleusinischen priesters in den altattischen cult zeigt, daſs dies nichts ursprüngliches war. verse in diesen und ähnlichen hier und zu Fried. 968 angeführten worten zu sehen, ist willkür. sie stehen bei Bergk unter den volks - liedern., ganz selten eine symbolische handlung in festen grenzen mit vollziehend, die ἱερουργίαι verstehen die οἷς πάτριόν ἐστιν: die ὄργια gehen jeder -14)titeln schwankt die überlieferung sehr oft zwischen ihm und dem singular, und nur bei Kratinos ist noch Ὀδυσσῆς Κλεοβουλῖναι Ἀρχίλοχοι ganz fest. noch Wolken - kukukshein heiſst auch Νεφελοκοκκυγίαι. Πλάταια und Μυκήνη und Θήβη sind die älteren ortsnamen; als man aber die eponymen nymphen lebhafter persönlich empfand, drangen die pluralbildungen durch.57Dionysosdienst.mann an, der an den gott glaubt16)ὀργεῶνες sind darum die genossen eines religiösen vereines, an dem sie aus freiem willen teil haben; so schon in dem solonischen genossenschaftsgesetze, auf welches sich die richtige erklärung des Seleukos bezieht (Harp. Phot. s. v.), und dieser gebrauch des wortes dauert. verwirrung ist nur dadurch gestiftet, daſs die von der kleisthenischen gesetzgebung erzwungene cultgemeinschaft der alten und neuen bürger, weil sie nicht auf blutsbruderschaft, sondern nur auf milchbruder - schaft beruhte (daher ὁμογάλακτες), wie sie zwischen hoch und niedrig gewöhnlich ist, an sich nicht den charakter eines geschlechtscultes von ἀπάτορες oder γεννῆται trug, sondern eine durch freien willen geschaffene, als ὄργια, erschien, im fortgang der demokratie ersetzten nun diese ὄργια die geschlechtsculte, und so haben Aristo - teles und Philochoros die ὁμογάλακτες im widerspruche zu dem wortsinne als bluts - verwandte angesehen, weil sie sich von dem kleisthenischen staate nicht losmachen konnten.. damit ist der entfaltung der indi - vidualität das tor geöffnet. spöttereien und unflätige reden, namentlich der weiber, sind an den Demeterfesten ein notwendiger teil der feier. ihn zu motiviren sind die heiligen geschichten von Baubo und Iambe ersonnen. diese reden haben sich in volkstümliche verse gekleidet; be - deutende dichter haben die gelegenheit ergriffen, ihren haſs gegen einzelne und auch allgemeinere gedanken vor die öffentlichkeit zu bringen. so ist der iambos des Archilochos und Semonides entstanden: bei ersterem noch deutlich in verbindung mit dem Demeterdienste17)Auch das weibergedicht des Semonides, eine predigt über ein hesiodisches thema, welche an sich ohne rechten zweck erscheint, erhält als replik auf die spöt - tereien der weiber am Demeterfeste sinn und salz. dazu braucht sie gar nicht einmal wirklich dabei vorgetragen zu sein, sondern nur als ἴαμβος zu den späſsen der Iambe in beziehung zu stehen und so empfunden zu werden., wenn auch schon weit über die anfänge und anlässe hinaus gehoben. auch die entstehung der elegie auf ähnliche weiberspäſse zu beziehen, ist verlockend, aber die combination hält nicht stich18)Usener Altgr. Versb. 113 hat dafür angeführt, daſs Ἐλέγη eine der manns - tollen töchter des Proitos heiſst (Aelian V. H. III 42; die bessere mythographische über - lieferung hat andere namen), und eine mannstolle tochter des Neleus Ἐλεγηίς. diese namen sind ohne zweifel gegeben, weil man ἐλεγαίνειν als ἀκολασταίνειν verstand, wie denn auch überliefert ist. und nun soll Theokles von Naxos im wahnsinn ἐλεγαίνων, die elegie erfunden haben, die davon benannt sei. auch mir hatte diese combination eingeleuchtet, als ich in Et. M. ἀσελγαίνω, ἐλεγαίνω (dies auch Suid), Ἐλεγηίς las. aber die combination hält die kritik nicht aus. erstens ist die grammatische verbindung von ἐλέγη und ἀσελγής, an welcher Usener festhält, unmöglich. das anlautende s, das vor ἐλέγη fortgefallen sein müſste, konnte sich nicht im anlaute von σαλαγεῖν (das Usener trotz σαλάσσω σάλος ζάλη heranzieht) und im inlaute ἀσελγής halten: also gehen diese worte sich nichts an. das e von ἐλέγη u. s. w. ist vielmehr ein bedeutungs - loser vorschlag, nicht anders als in ἐλεύϑερος ἐλαφρός. wirklich belegt Epaphroditos,. sie gehört vielmehr zum epos, aus58Was ist eine attische tragödie?welchem ihr versmaſs entwickelt ist, und ist wie dieses ein kunstmäſsiges, kein volkstümliches gedicht geblieben. im Dionysosdienste ist der aufzug des phallos ein notwendiger teil der feier. daſs die männer, welche ihn tragen, die gelegenheit nicht vorüberlassen, von diesem gewaltigen ein kräftiges wort zu sagen, versteht man leicht. man könnte aus mittel - alterlicher und auch späterer litteratur und aus recht hohen gesellschafts - schichten analogien beibringen. so tat es Dikaiopolis zu hause, so taten es die phallophoren vieler orten, und aus späterer zeit fehlt es nicht an belegen19)Die lieder, welche Semos der Delier (bei Athen. 622) erhalten hat, sind wirkliche cultlieder, die zu seiner zeit (um 180 v. Chr.) in gebrauch waren. aber. in Athen giengen sie einen schritt weiter, παρέβησαν18)auf den die ganze etymologie zurückgeht, λέγαι δἐ γυναῖκες aus Archilochos (174) im sinne von ἀκόλαστος. davon kommt ἐλεγαίνειν und kommen die weibernamen; aber davon führt keine brücke zur elegie. auf obscöne gesten und lieder führt nur die sicherlich alte (Lykophr. 1385) geschichte der Neleustochter: aber gerade hier ist der redende name Ἐλεγηίς schwerlich der ursprüngliche, denn er hat an dem echten Nelidennamen Πηρώ (im Et. M. fälschlich Πειρώ) einen concurrenten und vor allem hat der, welcher die Pero zu einer Ἐλεγηίς machte, nur an ihre unanständigkeit, nicht an die elegie gedacht, denn sie redet in hexametern. (sie spricht in Athen ἐπικροτοῦσα τὸ ἐπείσιον “δίζεο δίζεό σοι μάλα δὴ μέγαν ἄνδρ̕ ἀπ̕ Ἀϑηνῶν· ἢ ἐς Μίλητόν σε κατάξω πήματα Καρσίν. so etwa mag es gelautet haben. im Et. M. ist überliefert δ. δ. δὴ μέγαν ἄνδρα Ἀϑηναῖον, ὅς σ̕ ἐπὶ Μ. κατάξει π. Κ. in den Lyk. schol. δ. σ̕ εὖ μάλα ἐς (oder εὖ Tzetz. ) ϑαλερὸν πόσιν ἢ ἐς Ἀϑήνας ἢ ἐς Μίλητον κατάξω π. Κ. es kommt der Pero auf den ἀνήρ, nicht auf den πόσις an). daſs Theokles, der führer der chalkidischen besiedler Siciliens, die elegie er - funden haben soll, ist eine merkwürdige für mich nicht deutbare notiz: aber sein wahnsinn ist denn doch nur ein hebel für die etymologie. nun kann man allenfalls ἔλεγος, den wilden klagegesang, von λεγός ableiten: aber dann sitzen wir wieder vor dem alten rätsel: wie vermittelt sich die bedeutung der elegie mit dem klage - gesang. Didymos freilich (Et. M. ἐλεγεῖα und vollständiger schol. Dionys. Thr. 750 Bek. ) oder vielmehr seine vorgänger, wol sicherlich alte peripatetiker, griffen das auf und giengen von den elegischen ἐπικήδεια aus. deshalb war Archilochos der erfinder: denn man bedenke, daſs dessen elegie auf Perikles tod diese ganze lehre bestimmt hat, als die berühmteste elegie des berühmtesten dichters. nur ist das für uns nicht beweiskräftig mehr. besser ist freilich die ableitung ἔλεγος von λεγός als die nur kindlicher grammatik genügende von ἔλεγε, die gar zu dem urkolon geführt hat ἒ ἒ λέγ̕ ἒ ἒ λέγε. eine hypostase ἔλεγος von ἒ λέγε ist an sich möglich: ist doch οὖλος als liedname aus dem imperativ οὖλε salve geworden. aber wie hätte man in λέγε den imperativ je vergessen sollen? wer von ἔ ausgeht, der mag den zweiten teil für so irrelevant halten wie den von ἰήλεμος, αἴ-λινος vgl. zu v. 378. ἔλεγος aus dem armenischen zu holen ist so viel wert wie αἴλινος aus dem phoenikischen. das kolon ἐλεγεῖον kann im ἔλεγος vorgekommen und daher benannt sein: nur weiſs niemand, ob dem so ist. also verzichten wir auf die etymologie und die praehisto - rische elegie: sein wir froh, die historische verstehen zu können.59Dionysosdienst.πρὸς πὸν δῆμον, und das ward der kern der komödie. aber damit ist es auch zu ende. es ist sehr bemerkenswert, daſs der Dionysosdienst ein gamz vorwiegend weiblicher ist. aus frauen besteht in Elis, in Del - phoi, in Athen das collegium seiner priester. die königin von Athen ist als priesterliche würdenträgerin um dieses dienstes willen erhalten wordem. das gefolge des gottes selbst ist bei Euripides durchaus weiblich; die männer dienen ihm auch, aber sie handeln nicht und sind eigentlich nur in der theorie vorhanden. so ist es auch in der bildenden kunst. Dio - nysos unter weibern ist seit alter zeit eine gewöhnliche darstellung; wir nennem sie mänaden und bezeichnen sie damit als sterbliche, wie sie denn in der tat die scharen der weiber darstellen, die zu den trieterides hinausgezogen sind. männliche begleiter der art gibt es nicht. sie würden sogar in dem festzuge fehlen, wenn nicht die phallagogie diesen einen dienst von ihnen forderte. wenn Heraklit das ληναΐζειν schilt, gilt das eben diesem anstöſsigen acte, dem ὑμνεῖν ᾄματα αἰδοίοισιν ἀναιδέσ - τατα. es fehlt also für den tragischen chor im cultus jede anknüpfung. wenn wir in später zerfahrener zeit von einem carneval hören, wo sich die männer als satyrn, die weiber als nymphen u. dgl. costumiren, die ganze bürgerschaft einer stadt sich in den späteren thiasos des gottes umsetzt20)Dionysios arch. VII 72 p. 1491. Philostrat. vit. Apoll. IV 2, 21. die νέοι Δώνυσοοι, Antonius (Plut. Ant. 24), von den Ptolemäern nicht bloſs der, der den beinamen annahm, sondern schon Φιλοπάτωρ, am letzten ende Alexander selbst haben diese orgien erzeugt: aber dadurch, daſs ein Dionysos leibhaft wieder auf erden weilend gedacht ward., so ist es anachronismus, etwas ähnliches für das 6. jahrhundert zu glauben.
Noch viel weniger ist mit der modernen anschauung anzufangen, daſs die taten und leiden des gottes gegenstände mimischer tänze und spiele gewesen wären21)Was die modernen unbewuſst oder bewuſst beherrscht, ist schlieſslich doch nichts als die analogie der christlichen weihnachts - und passionsspiele. sie können sich nicht daran gewöhnen, daſs es eine religion ohne heilige geschichte und ein heiliges buch geben kann. die consequenz, daſs Dionysos dann wirklich auf erden gewandelt sein müſste, sehen sie nicht ein: oder wird sie vielleicht jemand ziehen?. leiden zunächst gibt es nicht; es sei denn allenfalls der von Hera gesandte wahnsinn, von dem wir sehr wenig19)sie tragen keine spur des archaischen an sich und können somit für den gebrauch der alten zeit nicht zeugen. überhaupt sind die s. g. griechischen volkslieder nicht altertümlicher als die zeit, welche sie aufzeichnet, was meist durch die peripatetiker geschehen ist. nur die attischen skolien und einzelnes was früh durch einen be - rühmtem dichternamen geschützt ward, reicht in das 5. und 6. jahrhundert. wenn rituelle lieder der kaiserzeit auftreten, sind sie in sprache und versmaſs auch jung.60Was ist eine attische tragödie?wissen. der überfall der Titanen, die zerfleischung des Zagreus ist eine orphische dichtung, die man sich hüten muſs über das pisistratische zeitalter hinauf zu datiren, und in den cultus hat sie nicht einmal zu Eleusis zu irgend wie berücksichtigenswerter zeit eingang gefunden. ver - wendbare überlieferungen von mimischer darstellung der Dionysostaten gibt es nicht. das genügt eigentlich. aber es konnte auch nicht anders sein. der gegensatz des Dionysosdienstes zu dem der olympischen götter, der die beteiligung der gemeinde herbeiführte, schlieſst solche vorstellungen aus. gewiſs haben in manchen culten bestimmte personen durch bestimmte handlungen ein abbild einer heiligen geschichte geliefert. allein diese mimischen darstellungen haben nicht an sich wert, sondern nur als sym - bole, als ein augenfälliger ausdruck desselben gedankens oder derselben empfindung, welche auch in der heiligen geschichte niedergelegt sind. das δρώμενον und der λόγος bedingen sich nicht gegenseitig, sondern sie stammen aus derselben wurzel, der religiösen empfindung. der mensch, der sich zu der hohen culturstufe des ackersmanns erhoben hat, empfindet eine innere scheu, den stier, seinen arbeitsgenossen, zu schlachten und zu essen, den er doch als jäger und hirte ohne anstand getötet hatte, und er kann und will doch den genuſs des rindfleisches nicht entbehren. wir mögen nur daran denken, daſs wir unsere näherstehenden gefährten, roſs und hund, auch nicht essen mögen, und auch ein rind, das uns als individuum wert geworden ist, schwerlich für unsern tisch schlachten lassen möchten. aus diesem widerstreit der empfindungen entsteht der ritus der Buphonien, die symbolische ceremonie, entsteht die geschichte vom ersten rinderschlächter Thaulon, auf den die befleckung des mordes abgewälzt wird. das erste ergibt allerdings ein dramatisches, wenn auch stummes spiel, das andere eine legende. die legende kann sich nun freilich von dem αἴτιον loslösen; sie kann als geschichte einen stoff - lichen wert erhalten, die phantasie des volkes und der dichter kann sich ihrer bemächtigen, sie weiterbilden, schlieſslich so umgestalten, daſs die erinnerung an ehemalige symbolische bedeutung völlig verloren geht. aber die symbolische handlung ist nicht entwickelungsfähig; wenn sie nicht heilig ist, wird sie absurd. sie kann sich wol gemäſs den wand - lungen des religiösen empfindens umformen, wie es das opferritual getan hat; allein der spielraum für diese entwickelung ist ein sehr beschränkter. sie wird sich als eine leere form durch die macht des herkommens lange zeiten behaupten. das ende aber ist in beiden fällen, daſs einmal der augenblick kommt, wo man sich eingesteht, daſs eine leere schale nur noch zum wegwerfen taugt. die geschichten von Heras eifersucht und61Dionysosdienst. Eratosthenes.versöhmung leben in mannigfachen umgestaltungen fort: die spiele mit den puppen (δαίδαλα) auf dem Kithairon haben bestanden, als sie längst läppisch geworden waren: aber zu machen war aus ihnen nichts. sollte sich etwa aus solchen fratzen die tragödie entwickeln; d. h. sollte man einmal statt Zeus und Hera Iason und Medeia spielen? nirgends ist das mimische im cultus weiter getrieben als in dem drachenkampf des pythischen Apollon. die musik hat das dankbare motiv aufgegriffen und in immer neuen variationen mit immer reicherer instrumentirung durch - geführt. aber ein ausgangspunkt für dramatisches spiel ist es nicht ge - wordem und konnte es nicht werden. da nun im attischen Dionysos - dienste auch nicht einmal eine ähnliche ceremonie existirt hat (oder wollte man mit dem beilager des gottes und der βασίλιννα rechnen?), und nicht mehr existiren konnte, seit die gemeinde der gläubigen statt der wenigen berufenen den gottesdienst betrieb, so ist diese herleitung des dramas eine unmöglichkeit; wie sie denn auch den alten ganz fern gelegem hat; wenigstens im ernste.
Allerdings hat Eratosthenes in der Erigone gedichtet, daſs DionysosEratosthe - nes. die tragödie gewissermaſsen selbst gestiftet hätte. als er nämlich den Ika - rios dem weinbau lehrte, fraſs ein bock die junge rebe an; zur strafe ward er geschlachtet, und die Ikarier zogen ihm das fell ab, bliesen es auf und machten sich den spaſs, zu versuchen wer auf dem aufgeblasenen schlauche tanzen könnte; die meisten fielen ab und der sieger erhielt den schlauch voll wein. daraus ist das attische kannenfest geworden, das der schluſs der Acharmer so deutlich darstellt. den braten aber erhielten die tänzer, welche um ihm einen reigen zu ehren des gottes aufführten: diesen reigen nannte man ‘bocksgesang’, und daraus ist die tragödie entstanden, welche ein Ika - rier Thespis viele hundert jahre später in Attika verbreitet hat, auf dem lande herumziehend, wie sein ahn Ikarios, der den weinbau verbreitete, das gesicht mit hefe beschmiert, woraus das ‘hefespiel’ geworden ist, die τρυ - γῳδία, wie man in alter zeit die komödie genannt hat22)Ob Eratosthenes diese etymologie von τρύξ befolgt hat, die in den ein - leitungem und scholien zu Aristophanes häufig ist, oder die von τρύγη, weinlese (Athen. II 40), kann zweifelhaft scheinen. allein τρύγη für τρυγητός ist kein alt - bezeugtes wort und daſs die tradition in der komikererklärung auf den meister zu - rückgeht, vorwiegend wahrscheinlich. übrigens ist das wort zwar von τρύξ wirk - lich abzuleiten, aber es ist nicht verständlich. wer es erklären will, muſs auch die ‘hefeteuffel’ τρυγοδαίμονες Ar. Wolk. 296 erklären. die reconstruction der Erigone hat Maaſs Philol. Unters. VI Herm. 18 geliefert; so weit sie hier in betracht kommt, ist sie sicher. eine bearbeitung von Eratosthenes περὶ κωμῳδίας ist dringend nötig.. da Eratosthenes nur in zweiter linie dichter war, in seinem bedeutenden werke περὶ62Was ist eine attische tragödie?κωμῳδίας aber die ursprünge des dramas behandeln muſste, so ist aller - dings zu glauben, daſs er seine dichterischen bilder nicht ohne rücksicht auf seine wissenschaftlichen vermutungen gestaltet haben wird. manches darin macht auch den eindruck, als wäre es von ihm schon übernommen, wie denn die Erigonefabel in ihren grundzügen so wenig seine erfindung sein kann wie die Hekale erfindung des Kallimachos. aber als tatsachen hat der sehr besonnene forscher die fremden oder eigenen autoschediasmen gewiſs nicht gegeben; auf alle fälle sind sie nichts weiter. denn die ein - kehr bei Ikarios ist zwar eine echte attische dorfsage; nur ist Dionysos auf seinem erdenwallen vielfach eingekehrt, bei Pegasos in Eleutherai, bei Semachos in dem dorfe, das nach ihm heiſst, bei könig Amphiktion in der stadt. und die tragödie geht die einkehr nichts an. das andere sind spielend erson̄ene αἴτια für die ἀλῆτις, für den ἀσκωλιασμός und das wetttrinken an den Choen, für die rätselhaften namen τρυγῳδία und τραγῳδία; das herumfahren könnte nur die πομπή angehen, ist für den Dionysoscult nicht charakteristisch, würde auch nur zur komödie führen: das lehren die dem Demetercult angehörigen spottreden ἀφ̕ ἁμάξης23)Ich kann berichtigend hier noch das attische vasenbild nachtragen, welches Dümmler Rh. M. 45, 355 veröffentlicht: Dionysos zwischen zwei satyrn auf einem schiffe auf rädern. es ist eine wichtige überraschung: der Thespiskarren oder eigent - lich der des Ikarios, ist eine fiction, entnommen dem currus navalis des faschings, der somit ein ableger der Dionysien ist. für die Dionysosreligion ist das überaus wichtig; ich habe keinen raum mehr, das in verbindung mit dem Διόνυσος πελάγιος (Maaſs Herm. 22) und dem homerischen hymnus zu erläutern. aber für das drama lehrt es nichts. doch verfehle ich nicht hervorzuheben, daſs Dümmler die probleme richtig erfaſst hat, welche unten gelöst sind.; der frevel des bockes endlich soll das tieropfer überhaupt motiviren und hat viele analogien in den δρώμενα, z. b. der Buphonien, und in peripate - tischen und pythagoreischen speculationen24)Vgl. Robert Eratosth. 7. Graf de aureae aetatis fabulis Leipzig 1883. Schmekel de Ovid. Pythag. Greiſswald 1883. an Papirius Fabianus als quelle Ovids kann ich freilich nicht glauben.. nicht an sich haben also diese dinge wert. aber Eratosthenes hatte sowol als forscher wie als dichter einen ganz ungemessenen einfluſs; so bestimmte er die folgezeit, und was uns von kind auf aus Horaz und Vergil geläufig ist, geht schlieſs - lich eben so gut auf ihn zurück wie die gelehrte doctrin Varros, deren niederschläge neben den dichtern Roms auch die antiquare, vor allem Sueton, uns übermitteln. von diesen vorstellungen müssen wir uns losmachen. und das gelingt am sichersten, wenn wir einsehen, wo sie eigentlich herstammen und wie sie sich gebildet haben. es sind con -63Eratosthenes. dithyrambos.structionen, keine überlieferung. sie müſsten schon deshalb fallen, weil das aristotelische zeugnis mit ihnen unvereinbar ist, nach welchem die tragödie aus dem dithyrambos stammt. um so wichtiger wird dieser, nachdem wir aus inneren gründen das ganze gebäude des Eratosthenes umgestürzt haben.
Die tragödie stammt von den sängern des dithyrambos. das scheintdithyram - bos. zunächst wenig zu helfen, da ein wenig bekanntes ding durch ein ganz unbekanntes erklärt werde. wir wissen ja wol so viel mit sicherheit, daſs der dithyrambos dem wortsinne nach nur einen göttlichen d. h. besonders schönen oder erfreulichen ϑύραμβος bedeutet; ϑύραμβος oder auch ϑρίαμβος ist der appellativname eines gesanges oder tanzes, den wir so wenig zu deuten vermögen wie ἴϑυμβος oder ἴαμβος25)δῖϑύραμβος formell wie διπόλια Δισωτήριον Δικέτας (d. h. Διιικέτας); der metaplastische accusativ διϑύραμβα Pind. fgm. 86 lehrt nichts; der bedeutung nach wie Διὸς ἐγκέφαλος, Διὸς βάλανος. iuglans. triumpe im Arvallied kann man nicht leicht als entlehnt ansehen. eher dürfte es interjection sein, wie τήνελλα, und das ursprüngliche enthalten. aus ihr mag sich der name entwickelt haben, wie eine Οὖπις aus den οὔπιγγες auf Delos, Οἰτόλινος u. a. vgl. zu der zweiten gesang - nummer die einleitung.. in ältester zeit ist der dithyrambos ein lied, das der zecher anstimmt, wenn er des gottes voll ist26)Philochoros bei Athen. XIV 628 οἱ παλαιοὶ οὐκ ἀεὶ διϑυραμβοῦσιν ἀλλ̕ ὅταν σπένδωσιν (beim symposion), τὸν Διόνυσον ἐν οἴνῳ καὶ μέϑῃ, τὸν δ̕ Ἀπόλ - λωνα μεϑ̕ ἡσυχίας καὶ τάξεως μέλποντες. Ἀρχίλοχος γοῦν φησί (77) ‘ὡς Διω - νύσου ἄνακτος καλὸν ἐξάρξαι μέλος οἶδα διϑύραμβον, οἴνῳ συγκεραυνωϑεὶς φρένας. ’ καὶ Ἐπίχαρμος δ̕ ἐν Φιλοκτήτῃ ἔφη ‘οὐκ ἔστι διϑύραμβος ὅκχ’ ὕδωρ πίῃς. also auch in Syrakus ist es noch ein einzellied. es wird dahin aus dem sicilischen Naxos importirt sein, welches den satyr auf den münzen führt. der zusammenhang, in dem Philochoros auf diese dinge zu sprechen kam, ergibt sich durch die vergleichung mit Phanodemos Ath. XI 465: es sind die alten cerimonien der attischen Lenäen.. mit ziemlicher sicherheit läſst sich als heimat des dithyrambos die insel Naxos ansehen, das centrum des Dionysos - dienstes auf den inseln27)Das sagt Pindar (fgm. 71) einmal geradezu, und die concurrenten, Theben und Korinth, fallen von selbst weg. Paros, die heimat des Archilochos, das sicilische Naxos, Methymna, weisen alle in dieselbe richtung: der gott des dithyrambos, der nesiotische Dionysos, ist der πελάγιος. dies wird durch Dümmlers vase bestätigt.. wir wissen ferner, daſs Arion von Methymna, einer stadt mit lebendigem Dionysoscult und keinesweges ausschlieſslich aeolischer bevölkerung28)Dies letztere haben die steine gelehrt. die tausendschaften, in welche die bürgerschaft Methymnas zerfiel, hieſsen, so weit wir bisher wissen, Πρωτεῖς, Φωκεῖς, Ἐρυϑραῖοι, Σκύριοι., am hofe des Periandros dieses weinlied des einzelnen weinseligen zechers zu einem chorgesange umgestaltet hat,64Was ist eine attische tragödie?und daſs die Korinther auf diese bei ihnen, wenn auch nicht durch sie, entstandene gattung besonders stolz waren29)Herodot I 23 Ἀρίονα — διϑύραμβον πρῶτον ἀνϑρώπων τῶν ἡμεῖς ἴδμεν ποιήσαντα καὶ οὐνομάσαντα καὶ διδάξαντα ἐν Κορίνϑῳ. Pindar Ol. 13, 18 ταὶ Διωνύσου πόϑεν ἐξέφανεν σὺν βοηλάτᾳ Χάριτες διϑυράμβῳ· d. h. die reize der dionysischen poesie traten zu Korinth in verbindung mit dem dithyrambos auf; der ausdruck ist aber in pindarischer weise persönlich gewandt. Dithyrambos als person ist in attischer weise leicht zu denken, vgl. die vase Welcker A. D. III 125: er ist silen, so gut wie öfter τραγῳδία eine mänade. aber was Pindar sich gedacht hat, kann niemand sagen, weil der ‘stiertreiber’ unbekannt ist. die scholien fabeln von einem stier als siegerpreis: aber der Dorer kennt keine solchen agone. Simonides scheint in demselben sinne βουφόνος gesagt zu haben (Chamaileon bei Athen. X 456c); aber auch das bleibt dunkel. der irrtum, Lasos zum erfinder des dithyrambos zu machen, ist schon im altertum zurückgewiesen, schol. Ar. Vög. 1403. vermutlich glaubte Euphronios, der ihn begieng, gedichte von Lasos zu besitzen, die dann frei - lich die ältesten erhaltenen gewesen wären., wie denn auch in der tat der dithyrambos zunächst nur in benachbarten gegenden in aufnahme kam. aber das hilft uns wenig; denn nicht nur wir besitzen keine proben mehr von jenen poesieen, sondern schon unsere antiken berichterstatter kannten die dithyramben des 6. jahrhunderts nur von hörensagen: er - halten hatte sich nichts30)Von gedichten des Arion weiſs kein grammatiker. das bei Aelian erhal - tene gedicht ist in den ausgearteten daktyloepitriten verfaſst, welche für den dithy - rambos des 4. jahrhunderts charakteristisch sind, und diesem steht die ethopoeie auch ohne fälscherabsicht wol an. von Lasos glaubten Klearch und Herakleides noch etwas zu haben (Athen. X 455 XIV 624), aber Aristophanes von Byzanz (bei Ael. H. A. VII 47) citirt ihn mit dem ausdruck des zweifels; dann ist er verschollen. Xenokritos von Lokroi blieb im gedächtnis der musikgeschichte, aber nicht einmal seine zeit stand fest, und wenn man ihm dithyramben zuschrieb, weil seine gedichte heroischen inhalt gehabt hätten (s. Plutarch de musica 10, unsicherer herkunft), so hat da der späte dithyramb verwirrung gestiftet. Kleomenes von Rhegion (Ath. IX 402b) sieht vollends nach fälschung aus, dürfte zudem derselbe sein mit einem rhap - soden Kleomenes aus dem 5. jahrhundert (Diog. Laert. VIII 63). selbst von Simonides, der doch wenigstens in Keos und Athen dithyramben aufgeführt hat, ist kein sicher auf sie bezüglicher rest erhalten. was bei Strabon 728 steht ταφῆναι δὲ λέγεται Μέμνων περὶ Πάλτον τᾶς Συρίας παρὰ Βαδᾶν ποταμόν, ώς εἴρηκε Σιμωνίδης ἐν Μέμνονι διϑυράμβῳ τῶν Δηλιακῶν ist nicht nur unverständlich, sondern un - heilbar verdorben. weder konnte Simonides das berichten, noch ist in dem schluſs - worte überhaupt ein sinn: also auch auf den heroischen titel des dithyrambos kein verlaſs.. somit sind wir und waren jene im wesent - lichen auch auf die dithyramben des Pindaros und seiner zeitgenossen angewiesen, und diese unterscheiden sich in nichts auſser einer gewissen metrischen freiheit von den übrigen chorliedern. damals bestand nun die tragödie bereits selbständig neben dem dithyrambos, und so viel liegt65dithyrambos. bildung der hellenischen nation in Asien.auf der hand, daſs sie gerade jene bezeichnende metrische freiheit nicht besitzt, vielmehr mit den andern chorliedern gegen den dithyrambos steht. das aber ist allerdings eben so offenkundig, daſs die tragödie in metrik und sprache, soweit sie chorlied ist, mit den andern chorliedern zusammengeht. hier also bietet sich ein angriffspunkt. wenn wir die art nicht mehr kennen, an die uns Aristoteles weist, so wenden wir uns an die gattung. weit muſs ausgeholt werden; es ist wol auch ein umweg: aber ein holzweg ist es nicht.
Die völkerwanderung hatte die in der cultur vorgeschrittenen stämmeBildung der helleni - schen nation in Asien. teils unterjocht, teils aus dem lande getrieben. die zurückgebliebenen waren hörige häusler untertanen geworden; eine selbständige entwickelung war für sie unmöglich. ihre noch fast ganz barbarischen herren hatten gleichwol viel bei ihnen zu lernen, so viel, daſs es zu einer reinen ent - faltung ihres eigenen wesens auch nicht kam. jahrhunderte waren nötig, damit überhaupt die widerstrebenden elemente zu einem neuen volkstum verschmolzen; und damit war doch nicht viel mehr erreicht, als daſs der boden für die aus dem osten zurückflutende cultur empfänglich gemacht war, und auch das war nur in einem kleinen teile von Hellas der fall: die ganze westküste ist der cultur so gut wie verloren geblieben. die wenigen gegenden aber in welchen sich die alte bevölkerung behauptet hatte, Euboia, Attika, die dryopische und saronische küste der Argolis, waren einstmals die etappen für die auswanderung gewesen und jetzt wieder die berufenen träger der vermittelung. hier nur konnte sich eine stätte finden, wo sich alle lebensfähigen culturelemente zusammen - finden und zu einer höheren wahrhaft nationalen cultur vereinigen und steigern mochten.
In den durch harte kämpfe erworbenen neuen sitzen an der herr - lichen asiatischen küste verwuchsen zunächst die hinübergeworfenen splitter von stämmen und völkern zu neuen gröſseren stammesgenossenschaften, hier auch empfand man durch den gegensatz der barbaren zuerst die verwandtschaft auch der ferneren glieder des gemeinsamen volkes, erhob man sich ganz allmählich zu der erfassung des begriffes eines einigen Hellenentums in race und cultur. zu der zeit, von welcher es zuerst möglich ist, sich einigermaſsen ein bild zu machen, etwa vom achten jahrhundert ab, ist der vorwaltende stamm der ionische, von seinen sitzen an der mysischen lydischen karischen küste nicht nur nach norden und süden übergreifend, sondern bereits die Propontis und fernere gestade mit pflanzstädten besetzend. die süddorischen inseln haben die inner - liche ionisirung bereits begonnen, vorbildlich für das mutterland; aberv. Wilamowitz I. 566Was ist eine attische tragödie?auch die Aeoler sind schon im niedergange, verlieren manche küsten - plätze31)Man hat auf grund der mundart vermutet, daſs auch Chios ursprünglich aeolisch gewesen wäre. aber dafür liegt weder in der geschichte noch in der sage ein anhalt vor. und der schluſs aus der sprache beruht auf einer verkennung des ge - schichtlichen vorganges. die neuen stämme waren ja niemals vorher da gewesen, sowol Aeoler wie Ionier bilden sich erst allmählich unter dem drucke besonderer geschichtlicher factoren. zunächst war das mischungsverhältnis der bevölkerung aller - orten verschieden, die geschichtlichen factoren waren verschieden und so ergaben sich zunächst ganz verschiedene volks - und sprachtypen. eine sprachgrenze von aeolisch und ionisch gab es also auch noch nicht; diese ward erst gezogen, als der zusammen - schluſs der staatenbünde bestimmte kreise zog. gewiſs haben in Lesbos und Chios mehr verwandte familien sich angesiedelt als in Lesbos und Milet, und hat auch in Lesbos nicht nur eine unter sich verwandte bevölkerung gesessen: das spürt man dann in den mundarten. die Chier würden unter der herrschaft der Mytilenaeer oder in staatlicher gemeinschaft mit ihnen Aeoler haben werden können: in der panionischen gemeinschaft sind sie Ionier geworden. aber hier liegt kein gewaltact vor, sondern ein stilles organisches wachstum. und sind in der cultur nunmehr die empfangenden. dennoch erkennen wir daſs es einst umgekehrt gewesen war. eben das epos, welches doch der lebendige ausdruck der ionischen suprematie ist, trägt die deutlichen spuren in form und inhalt davon, daſs es aus aeolischer wurzel stammt. aber freilich, die Ionier haben es aus ihrem geiste neu geboren; nur dem bewaffneten auge des forschers erscheinen die ein - zelnen fremden züge. und erst als ein ionisches, als Homers werk, hat das epos die culturmission übernommen, das mutterland wieder für das Hellenentum zu gewinnen. ist doch selbst Aeolien in den zauberbann des ionischen epos getreten. Hesiodos (wol um 700), der aus einer aeoli - schen familie stammte, und als hintersasse in dem boeotischen Askra zum dichter ward, hängt vollkommen von dem homerischen epos ab, seine stolzeste erinnerung ist, daſs er bei den leichenspielen eines fürsten in dem ionischen Chalkis den preis erhalten hat: und um 600 ist seine dichtung in Mytilene populär.
Das ionische epos befand sich in den händen von beruſsmäſsigen sängern oder besser sprechern. wie alle griechische kunst, war auch der homerische stil das ergebnis langer handwerksmäſsiger übung, und nur wer ihn gelernt hatte, vermochte ihn zu üben. dichten und vortragen waren keine geschiedenen berufe. der stoff aber war volksmäſsig. denn auch die von den Aeolern entlehnten elemente waren es längst geworden. allein nach dem mutterlande trugen die sänger den Homer als etwas inhaltlich und formell neues, höchstens durch die von mund zu mund gehende sage ein wenig vorbereitetes. das epos kam übers meer wie67Das ionische epos wandert in Hellas ein.andlere ionische ware auch; die rhapsoden, die zuwanderten, verdienten sich mit seinem vertriebe ihr brot. sehr früh muſs dieser verkehr be - gomnen haben, lange ehe ein bauernsohn in Askra aus eignem drange sich dem dichterberufe in den fremden formen hingeben konnte. und die empfänglichkeit der hörer muſs eine groſse gewesen sein, da sie sich diese fremde dichtung nicht nur angeeignet haben, sondern ihre ganze eigne dichtung auf ihr aufgebaut. die neuen völkerschaften, die sich im mutterlande aus der mischung von eingewanderten herrn und alteingesessenen untertanen und knechten gebildet hatten, besaſsen zwar einen reichen schatz von nationaler überlieferung, aber sie hatten noch keime lebenskräftige poesie. der gehalt war da: das gefäſs fehlte. nun kam ein solches völlig fertig aus Ionien, und es kostete verhältnismäſsig wenig mühe, den neuen wein der festländischen sage hineinzugieſsen. die sagen, welche den inhalt des importirten epos ausgemacht hatten, wurden freilich auch übernommen, wirkten als kräftigstes ferment auch für die ausgestaltung der neuen epik mit, muſsten sich aber dafür mannig - fache umformungen gefallen lassen. die kunstform, versmaſs, sprache, stil, blieb; was sich darin änderte, geschah unwillkürlich und den ändern - den unbewuſst. so erlebt denn das homerische epos im mutterlande während der jahrhunderte 750 — 550 eine neue blüte, mochte es in seiner heimat gleichzeitig auch immer mehr zurücktreten. auch die sage der Peloponnesier und der amphiktionischen völkergruppe schlug sich noch in epischer form nieder; nur in die westlichen colonien ist das epos nicht mehr gelangt. es sind wesentlich die culturkreise von Chalkis Del - phoi Korinth Argos, welche sich seiner pflege widmen. übrigens bleibt die dichtkunst durchaus in den händen der handwerksmäſsigen sänger. noch viel stärker als der Ionier muſste der Peloponnesier empfinden, daſs er sich eine fremde mundart und ausdrucksweise aneignen sollte, um die taten seiner vorfahren und die idealbilder seiner eignen phantasie den landsleuten vorzuführen. und für uns büſst, wer immer es versucht, so ziemlich seine heimische nationalität zu gunsten der internationalen homerischen oder hesiodischen weise ein: erscheint doch Hesiodos selbst beinahe als ein Homeride. dieser umstand hat vielleicht ein wenig dazu mitgewirkt, daſs die herrschende gesellschaft, die dorischen oder chalkidi - schem ritter, selbst an der pflege des epos nicht hand anlegen. aber das ward noch durch etwas viel eingreifenderes gehindert, durch das standes - gefühl. zwischen dem adlichen burgherrn und dem fahrenden spielmann, den er sich dang, daſs er in der halle eine schöne mär sagte, von Ilios oder Theben, lieber noch eine von Herakles und Kyknos, oder von Medeias5*68Was ist eine attische tragödie?heimholung, oder des Aigimios ritterspiegel, war die kluft allzugroſs: weder konnte der spielmann ritterbürtig werden, noch der herr mehr für die dichtung tun, als daſs er etwa dem dichter die geschichten von seinen und seines volkes ahnen erzählte und gute bezahlung gab, damit jener sie in homerische verse setzte und etwa eine Mekionike in die reihe der er - habenen götterfrauen aufnähme, die aus himmlischem samen die ahnherrn der erlauchten häuser geboren hatten. das epos hat im mutterlande un - endlich viel für die erhaltung des stoffes gewirkt. aber es hat nur den boden für eine wirklich nationale poesie vorbereitet: selbst ist es immer etwas halbfremdes und ich möchte sagen halbfreies geblieben.
In Ionien vollzog sich nun aber in eben den jahrhunderten 7 und 6 eine gewaltige verschiebung aller schichten der gesellschaft und der cultur. hier gieng das rittertum zu grunde durch das bürgertum der groſsen handelsstädte. zwar behauptete sich, auch wenn der name demokratie war, durchweg ein bevorrechteter stand, welcher den gröſsten besitz mit der höchsten bildung verband; allein es stieg fortwährend frisches blut von unten empor in die bevorrechteten kreise. jedes geistige schaffen aber nahmen diese selbst in die hand; die handwerksmäſsige pflege der homerischen poesie blieb, aber immer weniger productiv und immer weniger geachtet. es wehte ein scharfer wind. weithin übers meer zogen die schiffe, weiterhin ins ungemessene die gedanken. aus der tiefe des arbeitenden volkes stiegen rücksichtslose wagemutige männer auf, die durch die kraft der eignen faust und des eignen kopfes sich eine stellung schufen, die herrschenden gewalten bezwangen und ihr volk befreiten bevormundeten bedrückten. aus den tiefen des menschen - herzens stiegen die ewigen gefühle, des menschenherzens unendlichkeiten in wonne und weh, des menschengeistes qualen in antwortlosem fragen nach den ewigen rätseln der welt auf die lippen empor. der mann, der im rat und auf dem markte der erste war, trat vor das volk oder den vertrauten kreis in der halle des marktes, auf den stufen des gotteshauses, im saale des festgelages, und sprach sie an aus eigner seele in eignem namen. er erzählte nicht von Giganten und längst vermoderten ahn - herrn, sondern von der gegenwart, schalt der bürger lässigkeit, warnte vor der gefahr, schleuderte dem gegner den schimpf entgegen, oder auch er sagte, was ihn das eigne denken gelehrt, wie die welt geworden, was des lebens wert sei, und tausend weise sprüche. die form war bald die aus dem ältesten urbesitze des volkes emporgeholte und durchaus volks - tümliche des iambos, oder die kunstmäſsig aus dem epos abgeleitete ele - gische strophe. aber auch in dieser bemeisterte die gegenwärtige sprache69Iambos und elegie.das fremdartig altertümliche. um 550 tat man dann den letzten not - wendigen schritt, und streifte als letzte aller bande die gebundene rede ab.
Was der elegiker oder iambograph in seinem kreise vorgetragen hatte, trug der rhapsode bald ebenso wie das epos weiter, und so gelangte auch diese poesie in das mutterland. aber hier war der boden noch nicht reif für die entfaltung dieser subjectivität, und nur in dem stamm - verwandten Athen bemächtigte sich der gründer der verfassung der poesie als einer waffe um die stimmung seines volkes zu beeinflussen. was der handelsmann Solon konnte, der in vielen ländern mit vielerlei volk ver - kehrt hatte, dazu war der ritter auf seiner burg oder am gemeinsamen tische unter seinen zeltgenossen nicht fähig. wol nahm die politische hauptstadt des Peloponnes, nunmehr Sparta, die elegie auf, weil der adel mit der bunten homerischen bildlichkeit nie viel hatte anfangen mögen, dagegen gefallen daran fand, sich einen spiegel der tugenden, zu denen ihn der zwang seiner standesehre erzog, in den gefälligen formen der verständigen und verständlichen ionischen elegie vorhalten zu lassen. aber dabei gieng eben das verloren, was den fortschritt der elegie über das epos gebildet hatte, das individuelle. der herrschenden überlieferung nach war der einzige dichter ein zugewanderter Ionier. mag diese tradition wahr oder falsch sein32)Wir kommen über das dilemma nicht hinweg, das Apollodor (Strab. 362) richtig formulirt. wenn Tyrtaios ein Athener war, so kann er die Ennomia nicht ge - dichtet haben, und wenn er die gedichtet hat, so war er ein Lakone. denn der ausweg, ihm das bürgerrecht erteilen zu lassen, zu dem schon Platon greift (Ges. 629a), reicht gegenüber dem stolze auf die herkunft aus der dorischen tetrapolis nicht hin. und der dichter der Eunomia ist heerführer wider die Messenier gewesen: das stand in den elegien. nicht leicht wird man das einem fremden zutrauen. hier haben wir also sicher eine bedeutende persönlichkeit: aber dieser alle die ganz allgemein gehaltenen mahnungen zur tapferkeit zuzuschreiben, ist eine vertrauensseligkeit, vor der die namen Homer Hesiod Orpheus Theognis und selbst Sappho und Anakreon warnen sollten. auf den berühmten namen gieng die lakonische elegie wie sie war. die tradition, daſs Tyrtaios ein Athener war, ist älter als die bekannte ausgeschmückte fabel von dem lahmen schulmeister, eine parodie des kimonischen hilfszuges, wie man jetzt ja wol zugesteht. daneben erscheint Milet als heimat (Suid. s. v.), was sich gar nicht discutiren läſst, da der gewährsmann unbekannt ist. der name klingt nicht attisch, gehört doch wol zu Τύρταμος; allein in vereinzelten wörtern hat sich auch in Athen t vor u gehalten: Τυρμεῖδαι ist ein demos, war zweifellos ein geschlecht, und neben συρβηνέων χορός steht τύρβη und τυρβάζειν. so bleiben die probabilitäten in der schwebe., sie beweist, daſs man den Lakonen einen solchen dichter nicht zutraute. und wirklich spricht aus den meisten gedichten, die auf Tyrtaios namen giengen, nicht ein einzelner mensch, sondern ein70Was ist eine attische tragödie?stand. der culturkreis von Korinth und Argos, Theben und Chalkis ver - schlieſst sich dieser poesie. auch nach dem westen kommt sie so wenig wie das epos. denn als Theognis in den beiden Megara dichtet, ist bereits Athen mehr maſsgebend als Korinth. der iambos vollends, der volkstüm - lichere kräftigere bruder der elegie, ist auf Athen beschränkt geblieben: daſs Solon ihn dort eingebürgert hat, sollte allerdings die ungeahntesten früchte tragen.
Das lied, das nicht der dumpfen menge ertönt, das der dichter nicht singt die menschen zu bessern und zu bekehren, noch sie zu er - götzen und zu unterhalten, das er nur der Muse oder etwa der geliebten singt, das echte lied ertönt von Lesbos und nur von Lesbos; es ertönt als der schwanensang der sterbenden aeolischen cultur. Sappho steht einzig da in der ganzen stolzen geschichte des griechischen geistes: und wenn sie nicht so ganz natur wäre, würde man sie für unbegreiflich halten. für die eigentliche lyrik gilt in noch höherem maſse als für die poesie überhaupt, daſs nur das allerbeste lebensfähig ist. wol täuscht sich die gegenwart über den wert des sanges, der von allen lippen tönt, besonders stark; aber die nachwelt ist dafür um so grausamer. deshalb erkennt man die übergänge schwer. man wird ja nicht bezweifeln, daſs trotz dem schweigen der überlieferung neben der lesbischen nachtigall auch in Ionien mancherlei vöglein gezwitschert und gepfiffen haben, ein jegliches bewundert in seinem haine. und gesungen hat das lokrische und peloponnesische mädchen bei der spindel und beim wassertragen ohne zweifel auch: aber das alles ist spurlos in die winde verhallt. weder hier noch dort war für das lied im 7. und 6. jahrhundert eine stätte. das gebun - dene wesen der ritterschaftlichen cultur lieſs die knospen des herzens noch nicht springen. in den sich immer mehr demokratisirenden städten Asiens wehten die frühlingsstürme, die den boden befruchten, schoſs die heiſse sonne einer arbeitsfrohen geschäftigkeit ihre raschreifenden stralen: da begehrte man keine frühlingsblumen und träumte nicht am bachesrand. die tieferen geister grübelten über gott und welt, die menge jagte nach macht und gold; sie verschmähte wie alle guten dinge auch das lied nicht, aber ihre lyrik war nur die der begierde und des genusses. Anakreon mochte im kreise der zechbrüder am üppigen hofe des Polykrates von wein und liebchen singen, mit vollendeter grazie, aber ohne daſs selbst in den knabenliedern das herz stärker mitspräche. einem ernsten manne würde diese poesie zuwider werden müssen, wenn nicht der dichter sich als ein wirklicher bewiese, νήφων κἀν βακχεύμασιν, immer seinem stoffe überlegen, das ganze treiben und sich selbst leise ironisirend. aber71Das lied. Alkman.selbst für Athen war dies lied eine exotische pflanze und hat nur durch die form nachhaltig gewirkt. noch viel weniger hätten Dorer, z. b. die uns aus Pindar so wolbekannte aeginetische gesellschaft damit anfangen können. unter den festlandsgriechen üben nur einige weiblein das lied, die so oder so, als vaterlandsverteidigerin wie Telesilla, oder als hetäre33)Ein weib, das trinklieder dichtet, ist man berechtigt als eine solche zu betrachten. wie Praxilla, aus den schranken ihres geschlechtes treten. Korinna ist ein braves mühmchen, und erzählt in ihren sehr kunstlosen aeolischen rhythmen den Tanagraerinnen ihre mährlein (γέροια); sie ist allerdings eine art Sappho, nur eine boeotische. das alles stieg nicht in die leitenden kreise der gesellschaft.
Und doch war schon im 7. jahrhundert ein kräftiger bach aeolischer liederpoesie nach dem mutterlande herübergekommen, der immer stärker anschwellend schlieſslich das stolze schiff der aischyleischen tragödie flott gemacht hat.
Schon früh im siebenten jahrhundert sind fahrende sänger aus LesbosAlkman. im Peloponnes aufgetreten und der name des Terpandros zumal steht an der spitze der musikgeschichte. in wie weit die theoriker der aristo - telischen zeit, welche uns davon erzählen, eine zuverlässige kunde von seinen musikalischen leistungen besaſsen, sind wir auſser stande zu con - trolliren, worin nicht liegt, daſs wir darauf fest bauen dürften. dichtungen aus dem siebenten jahrhundert waren nicht erhalten34)Die gute grammatikertradition hat die gedichte verworfen, welche auf Ter - pandros namen giengen, Strab. XIII 618. und wenn wir τετράγηρυν mit kurzer erster sylbe und ἔργων mit vocalischem anlaute finden, so sieht das wenig nach dem siebenten jahrhundert aus, bei einem Aeoler in Sparta zumal. daſs in der musikalischen praxis sich lieder fanden, die man ihm zuschrieb, ist sehr begreiflich: sehen wir doch daſs die neuern geschäftig sind ihm adespota zuzuweisen, und nicht einmal daran an - stoſsen, wenn Zeus als die ἀρχή des alls bezeichnet wird, und der dichter ihm seiner - seits deshalb die ἀρχὴ ὕμνων sendet. als ob dies weltprincip und dieser wortwitz überhaupt in der archaischen zeit zu denken wäre.. dennoch reichen die reste Alkmans hin, um von dem litterargeschichtlichen zusammen - hange eine deutliche vorstellung zu gewinnen. er wendet die formen der lesbischen poesie an, zwar nicht die ausgebildeten des Alkaios oder gar der Sappho, aber ersichtlich ihre vorstufen, die Terpandros einge - führt hatte. er beherrscht auſserdem eine ganze reihe der ionischen versmaſse (iamben, trochaeen, paeone, ioniker), und hat begonnen nach dieser analogie einzelnes epichorische auszubilden (anapaeste). seine sprache ist das getreue abbild dieser mischung der formen, denn das lesbische,72Was ist eine attische tragödie?epische, lakonische steht auch in ihr nebeneinander. aber eins ist neu bei Alkman: er ist chordichter. zwar hat auch Sappho für ihre mädchen und in den hochzeitsliedern auch für jünglinge lieder gedichtet zu ge - meinsamem gesange. und in vielen culten wurden processionslieder, wiederum vorwiegend für mädchen, gebraucht. daſs bei den volkstüm - lichen reigen allerorten auch gesungen worden ist, ist selbstverständlich. und doch ist bei Alkman etwas völlig neues da. wenn er auch bei manchen feierlichen gelegenheiten das eigne ich zurückgehalten haben wird, so ist doch zumeist der chor für ihn nur ein instrument, dem er so gut seine eignen empfindungen leiht wie der laute. von sich, seinem namen, seiner herkunft, seinem hunger und seinen versen redet er oder läſst er vielmehr die mädchen singen. ja, sie müssen uns von seinen liebeleien unterhalten. die kärglichen und schwer zu deutenden reste gewähren kein volles bild von dem dörflichen dichter, den man vielleicht am ehesten mit Neidhard von Reuental vergleichen kann. aber gerade das formelle, auf das es für die entwickelung ankommt, ist sonnenklar: der chorgesang und daneben doch die äuſserung der individualität des dichters ist erreicht.
Alkman und sein bäschen Agido gehören nicht zur ritterbürtigen gesellschaft, die sich gleichzeitig etwa an der Eunomie des Tyrtaios erbaute. die chorpoesie ist die der perioeken. so dringt denn auch die vornehme heldensage nicht stärker ein, als der allgemeine lakonische patriotismus und die auch hier gewaltige macht Homers mit sich bringt. die helden - sage als inhalt und die höchste gesellschaft als publicum erobert für die chorische lyrik erst Stesichoros. Sparta und Himera liegen weit von einander, und niemand wird sich vermessen, etwa weil Stesichoros in der tat specifisch lakonische sagen kennt, einen directen zusammenhang anzu - nehmen. die etappen der allgemeinen entwickelung beobachten wir nur an vereinzelten punkten, und daſs sich ein scheinbarer zusammenhang ergibt, ist der erfolg der gleichartigkeit, welche über weite räume hin die kunst beherrscht. in der zweiten hälfte des 6. jahrhunderts sind dichter aus Chalkis und seiner nachbarschaft die bedeutendsten; ein chal - kidisches volkslied zeigt die charakteristischen formen der Stesichoreischen daktyloepitriten35)Aristoteles bei Plut. amator. 7— — ⏖ — ⏖ — ⏑ ⏐ — ⏖ — ⏖ — — — ⏑ — — ⏐ — ⏖ — ⏖ — — — ⏑ — — ⏐ — ⏖ — ⏖ — ⏑ ⏐ — ⏖ — ⏖ — — ⏐ — ⏖ —Bergk (carm. pop. 44) hat das richtige gesehen, wenn auch nicht festgehalten.: was wunders daſs in einer chalkidischen enkelstadt73Stesichoros. die chorische lyrik.um 580 der ordner dieser gattung auftritt? und daſs gerade in Sicilien, wo das epos fehlte, die chorische lyrik das gefäſs der sage ward, ist vollends begreiflich. wir wissen nun leider nicht, zu welchen heiligen oder profanen zwecken Stesichoros seine chorlieder verfaſst hat, wenn auch die novelle darin ein richtiges bild zweifellos von ihm bewahrt hat, daſs er in den höchsten kreisen der nation eine stellung wie Simo - nides hat. wir sehen aber, daſs er bald so objectiv erzählt wie Homer, bald so subjectiv wie Alkman (denn nur so ist die palinodie verständ - lich): und wir werden nicht fehl gehen, wenn wir die späteren verhält - nisse so ziemlich auch auf ihn übertragen. daſs er es vor allen gewesen ist, der den späteren dichtern ihr instrument, den chor, hergerichtet hat, und daſs er als die aufgabe der lyrik erkannt hat das epos zu ersetzen, ist deutlich und ist die hauptsache.
Simonides und Pindaros lassen uns die verhältnisse, wie sie seitDie chori - sche lyrik. der zweiten hälfte des 6. jahrhunderts lagen, mit vollkommener deutlich - keit übersehen. bei allen möglichen gelegenheiten, zu ehren der götter oder der menschen, an den tagen, deren feier von der allgemeinen sitte geboten ist, ebenso wie ohne solchen äuſsern anlaſs, wenn nur stimmung und möglichkeit vorhanden sind, treten chöre auf, von männern oder jünglingen, was nicht gesondert wird, im götterdienste einzeln auch von jungfrauen. sie singen zum tanze oder auch zum marsche ein lied eigens zu diesem behufe gedichtet. dies lied ist immer das wort des dichters; er redet durch den chor in eigener person. er erfindet jedesmal ein neues maſs; aber fast ausschlieſslich aus ganz wenigen bestimmten rhythmen - geschlechtern. auch den inhalt gestaltet er frei; aber trotz aller mannig - faltigkeit der anlässe und also auch der aufgaben ist die behandlungsart und der ton durch ein festes herkommen gebunden. die sprache ist ein künstliches gebilde; noch immer zeigt sie, wenn auch in anderem mischungsverhältnis36)Das aeolische grundelement ist zurückgetreten, der einfluſs der epischen sprache wiegt stark vor. das dorische element hat mit groſser feinhörigkeit alles abzustreifen gewuſst, was nicht aller orten galt; specifisch Lakonisches, Korinthisches, Boeotisches ist gänzlich ausgetilgt. es ist verkehrt dies grundelement landschaftlich benennen zu wollen. daſs sich der geborne Boeoter etwas anders benimmt als der geborne Chalkidier ist natürlich: das geschieht unwillkürlich. diese differenzen innerhalb der gleichen sprache finden sich nicht bloſs im epos ähnlich: sie gibt es auch in der prosa, gibt es zu allen zeiten. Lessing Goethe Schiller schreiben die - selbe sprache, schreiben deutsch; aber den Lausitzer Franken Schwaben verleugnen sie nicht. nicht stärker ist die differenz zwischen Hesiod und asiatischen epikern, Mimnermos Solon Tyrtaios Theognis, Stesichoros Pindaros Simonides. und genau, die drei ingredientien wie bei Alkman; aber die74Was ist eine attische tragödie?willkürlich einmal gegebenen gesetze werden jetzt streng befolgt. sie ist international wie die des epos, weil sie nirgend national ist. wie im epos ist auch der stil ein conventioneller, fest gefügter. all das ist nur erklärlich durch die arbeit von generationen und die kunstmäſsige, wenn man will handwerksmäſsige, schulung der dichter. diese stehen also nicht wesentlich anders da als die epiker. der rhapsode war freilich zugleich dichter und ausübender künstler; auch Alkman war es noch bis zu einem gewissen grade gewesen. das war jetzt anders. aber die handwerks - mäſsige ausbildung war nun für die sänger nicht minder nötig, als für die dichter. denn diese ziehen nicht nur durch alle gauen und setzen voraus, ihr instrument überall vorzufinden, sie senden auch ein werk in ferne lande hinüber, und können sicher sein, daſs es zur aufführung kommen kann. das ist ohne einen stand von berufsmäſsigen sängern und musikern nicht möglich, wenn auch vieler orten die dilettanten so weit geschult sein mochten, um selbst ausübend aufzutreten. dieses und noch viel - mehr daſs solche gedichte auf leidenschaftlichen beifall und auf verständnis rechnen konnten, zeugt auf das nachdrücklichste von einer durchgehenden gleichartigen bildung, einem keinesweges verächtlichen niveau der cultur durch die ganze gesellschaft hin, für welche diese poesie gilt. allerdings ist es nur eine oberste schicht, ein geschlossener kreis des adels, mit dem dieselbe überhaupt rechnet. so weit dieser adel reicht, reicht sie, über viele lande hin, aber nirgends tief in das volk hinunter, d. h. genau soweit wie die ideale des dorischen adels gelten, die sie ja zum ausdruck bringt. es ist das ganze Griechentum, mit ausschluſs des eigentlichen Ioniens; doch auch die Inseln und das nicht ionische Asien nimmt nur vereinzelt daran teil. allerdings lag in der gemeinsamkeit des standes - gefühles, der cultur und der ideale alles das was diese zeit an nationaler einheit besaſs. es war nicht wenig: es hat der einheit des volkes mächtig vorgearbeitet. allein wir sehen am besten daraus, daſs in den nicht do - rischen landschaften Euboia und Attika eben die bevorrechteten classen, welche als ständisch gleichberechtigt an dieser cultur teilnahmen, gestürzt werden muſsten, damit der nationale staat entstünde und die cultur das hellenische volk als ganzes durchdränge, wie unmöglich es war, auf diesem boden die einigung durchzuführen. Athen hat auf allen gebieten den kampf mit dieser gesellschaft aufgenommen; die cultur hat es über -36)wie diese haben die ältesten attischen tragiker ihre chöre gedichtet: erst die weitere rein attische entwickelung hat die sprache der chöre immer mehr attisch gemacht, aber niemals die fremde herkunft derselben ganz verwischt. genau wie in den tragi - schen ist es in den lyrischen liedern der Athener, den dithyramben, gegangen.75Die chorische lyrik.wunden, und zuerst ist diese poesie untergegangen. daſs es die mate - rielle kraft nicht gewann, auch die politische herrschaft durchzuführen, daran ist nicht bloſs Athen sondern ist Hellas zu grunde gegangen. weil für jene ganze cultur das Dorertum führend und maſsgebend ist (obwol das schon versteinernde Sparta an der poesie gar keinen anteil mehr hat), nennt man nicht ohne grund auch die poesie dorisch, und hat es schon damals getan: festzuhalten aber ist, daſs die Dorer kaum einen dichter gestellt haben, und daſs es schon eine bewunderte und bewun - dernswerte ausnahme war, als ein boeotischer adlicher, aus einem ge - schlechte das noch über die einwanderung zurückreichen wollte, das hand - werk ergriff, das sonst ein Dryoper, Lasos, ein Lesbier, Arion, ein Keer, Simonides, ein Chalkidier aus Rhegion, Ibykos, übten.37)Pratinas von Phleius im hyporchem τὰν ἐμὰν Δώριον χορείαν: er ist der einzige Dorer, aber er ist in Athen zugewandert, wo auch sein sohn bleibt. die musiker sind oft Argeier. erst Pindaros, und auch er nur mit einsetzung seiner ganzen persönlichkeit, hat die dichtung aus den händen der bezahlten fahrenden genommen. der adel hörte zu, sang wol auch mit; aber er hielt das dichten doch nicht für ganz standesgemäſs. Archilochos, “zugleich ein sänger und ein held”, war ihm widerwärtig.
Die antiken philologen haben sich abgemüht die chorischen gedichte in classen zu sondern. der zweck war zunächst ein rein äuſserlicher, nämlich für die erst von ihnen in gesammtausgaben vereinigten gedichte eine ordnung zu finden, die man nach einigem schwanken in solchen classen fand, wie hymnen paeane dithyramben u. s. w. da die über - lieferung über diese äuſserlichkeiten zufällig eine ziemlich reiche ist (weil die uns erhaltenen grammatiker ein buch des Didymos eifrig ausge - schrieben haben), so haben sich die modernen zu dem irrtum ver - leiten lassen, als käme auf die gattungen etwas besonderes an. das wichtige ist vielmehr, daſs die gedichte selbst, alle wie sie da sind, die individuellen äuſserungen des dichters sind. der anlaſs wird ihn ver - schieden stimmen; er wird einen andern ton anschlagen beim festmal als an der bahre, vor dem delischen Apollon als vor dem libyschen Am - mon, aber das verhältnis zwischen ihm und dem gegenstande seines ge - dichtes, dem chore der es singt, dem publicum das es hört, ist in allen fällen dasselbe. einmal und überall sind der dichter und das publicum höchst concrete personen, und ist der chor gar keine person. selbst was die form angeht, ist der unterschied nur für eine gattung hervor - stechend, allerdings die welche uns hier vorzüglich angeht, den dithyrambos. 76Was ist eine attische tragödie?allein auch dieser unterschied ist ganz äuſserlich: die gliederung in strophe und antistrophe fällt weg, und daraus folgt eine viel bewegtere, für uns oft nicht mehr ganz verständliche metrik, und ohne zweifel eine ganz andere art des tanzes, von dem wir wie überhaupt so auch hier weder etwas wissen noch wissen können. und nicht einmal das ist dem dithy - rambos ausschlieſslich eigen, sondern fand sich auch in andern liedern als denen, welche für den Dionysosdienst verfaſst waren; die grammatiker haben sie, weil sie keinen bezeichnenden namen hatten, als tanzlieder (ὑπορχήματα) bezeichnet und in besondere bücher geordnet.38)Von dem was die modernen hyporchema nennen und z. b. in den tragikern so bezeichnen, ist nichts weder überliefert noch an sich berechtigt. die moderne metrische kabbala ist ganz unerträglich, aber auch das altertum hat unleidlich viel mit worten gekramt, die freilich sehr bequem sind das mangelnde verständnis zu verhüllen. es ist ein schlechter name; denn tanzlieder sind sie ja alle. und vollends der dichter äuſsert sich in den nichtstrophischen gedichten just so subjectiv wie in allen andern. Pindar erzählt den Athenern in einem dithyrambos, das wäre das zweite mal, das er für sie dichte (fgm. 75, 8), und seinen Thebanern führt er gar ohne jeden äuſseren anlaſs ein tanzlied vor, um nach einem fürchterlichen vorzeichen (107) oder in einer politischen krisis seine meinung zu äuſsern (109 110). im gleichen falle dichtete Solon eine elegie, Archilochos einen iambos: Isokrates und Demosthenes schrieben eine rede.
Eine änderung hatte freilich die demokratie für den chor gebracht: Pindaros wird in Theben geschulte berufsmäſsige sänger verwandt haben; in Athen sang ein bürgerchor seinen dithyrambos. diesen wichtigen umschwung hatten die neuen ordnungen sofort herbeigeführt, als das volk sich mit hilfe der Lakedaemonier und des delphischen gottes erst von den tyrannen und dann mit der eignen kraft um den preis des eintritts in den peloponnesischen bund von den Lakedaemoniern frei gemacht hatte, seine wehrhaftigkeit aber durch die überwältigung seiner nördlichen nachbarn bewiesen hatte. wie die gesammtleitung seiner angelegenheiten, nahm es auch den gottesdienst und die öffentlichen spiele in die eigne hand. es wollte durchaus nicht auf die pflege der höhern cultur ver - zichten, welche es den ionischen verbindungen seiner fürsten verdankte, aber es wollte auch darin die eigene kraft beweisen; die kunst sollte nicht mehr das vergnügen einer bevorzugten classe sein, sondern das des volkes, das selbst turnen und tanzen wollte. während also vorher die athleten und sänger in gilden sich zusammengetan hatten, und eine inter -77Der attische bürgerchor.nationale stellung einnahmen, so daſs wir die pindarischen sänger von ort zu ort wandern sehen und sehr oft das lob des ringlehrers vernehmen, wurden diese gilden in Athen aufgehoben, die ringschulen verstaatlicht und der zutritt jedem bürger kostenlos gewährt39)Wer aus den institutionen, wie sie bestanden und uns in der praxis be - merklich sind, den schluſs auf das recht, den leitenden gedanken, machen kann, der braucht hierfür kein zeugnis. es fehlt aber nicht. der aristokrat, der die πο - λιτεία Ἀϑηναίων geschrieben hat, empfand das charakteristische der festordnung sehr wol, wenn er sie auch gehässig darstellte. er sagt 1, 13 τοὺς δὲ γυμναζομέ - νους αὐτόϑι καὶ τοὺς μουσικὴν ἐπιτηδεύοντας καταλέλυκεν ὁ δῆμος, νομίζων τοῦτο οὐ καλὸν εἶναι γνοὺς ὅτι [οὐ] δυνατὰ ταῦτ̕ ἐστὶν ἐπιτηδεύειν ἐν ταῖς χορηγίαις· αὐ⟨τοὶ γὰρ σφίσιν αὐτοῖς ἀγαϑὸν ἐνεῖναι ἐν ταῖς χορηγίαις⟩ καὶ γυμνασιαρχίαις καὶ τριηραρχίαις γιγνὠσκουσιν, ὃτι χορηγοῦσι μἐν οἱ πλούσιοι, χορηγεῖται δὲ ό δῆμος, ⟨καὶ τριηραρχοῦσι μὲν⟩ καὶ γυμνασιαρχοῦσιν οἱ πλούσιοι, ὁ δὲ δῆμος τριη - ραρχεῖται καὶ γυμνασιαρχεῖται· ἀξιοῖ γοῦν ἀργύριον λαμβάνειν ὁ δῆμος καὶ ᾄδων καὶ τρέχων καὶ ὀρχούμενος καὶ πλέων ἐν ταῖς ναυσίν, ἵνα αὐτός τε ἔχῃ καὶ οἱ πλούσιοι πενέστεροι γίγνωνται. die erste lücke habe ich angesetzt und ausgefüllt, auch οὐ gestrichen. die sehr gewaltsame gewöhnliche behandlung verfehlt den sinn: sie läſst den demos, der die dramen spielt, sich eingestehn, daſs er nichts von musik verstünde, und macht γιγνώσκουσι völlig unverständlich. der demos hält die gilde für verwerflich, weil er erkennt, daſs sich dasselbe in der form der choregie erreichen läſst, die ihm doch um des profites willen so sehr am herzen liegt. vgl. Hermes 20, 67; dem gleichzeitig geäuſserten bedenken Büchelers Rh. M. 40, 312 wird so genüge geleistet. die opposition der gilden, von welcher das erhaltene hypor - chem des Pratinas ein so beredtes zeugnis ablegt, war damals schon gänzlich ver - stummt. die choregie hatte die probe längst glänzend bestanden; in der ersten zeit wird freilich das selbstgefühl der geschulten sänger berechtigt gewesen sein.. die herkömmlichen wettkämpfe blieben zwar bestehen und der zutritt stand ausländern frei, aber die wertschätzung sank und keinerlei gunst ist diesen aristokra - tischen vergnügungen zu teil geworden. die bauern und ruderer hatten nicht die geschmeidigen glieder und weder zeit noch lust sich dem training zu unterwerfen. dafür bildete man die volksbelustigung des fackellaufes zu einer staatlichen einrichtung aus, für welche die gymnasiarchie ge - stiftet ward, und lieſs die militärische parade das wettturnen ersetzen. auch die gilden der sänger und tänzer wurden geschlossen. für die musik brauchte man freilich fremde, zumal die argivischen und boeotischen pfeifer, weil auch dafür eine ausbildung nötig war, zu der die bürger nicht zeit hatten; aber die chöre stellten sie selbst. die reichen wirkten mit als choregen, die unbemittelten als choreuten: es war beides eine frohnde, ein munus, ganz wie die verpflichtung als offizier oder gemeiner zu dienen. und auch die regellosigkeit der musikalischen aufführung ward beseitigt. wol verwehrte man dem einzelnen nicht, sich zu seinem ver -78Was ist eine attische tragödie?gnügen lustbarkeiten bei sich anzustellen wann und wie er mochte, und so gab es noch lieder für die feste der vornehmen. Pindaros hat für die Alkmeoniden, Euripides für Alkibiades gedichtet. aber das tritt gänz - lich in den hintergrund vor den vom staate übernommenen und dem festen jährlichen gottesdienste eingeordneten gelegenheiten, bei welchen musische wettkämpfe angeordnet wurden, nur zum teil im anschlusse an die bisherige übung. der staat brauchte alljährlich eine bestimmte recht hohe zahl neuer gedichte, dramen und dithyramben: das volk, das noch keinen bedeutenden eigenen dichter besaſs, traute sich zu, sie zu er - zeugen. und es hat auch darin die höchsten erwartungen von der eignen leistungsfähigkeit übertroffen.
Ein instrument des dichters war auch dieser chor, aber es ist doch etwas anderes, ob man gedungene musikanten unter sich hat, oder die vertreter des souveränen volkes. und der dichter wird ja auch selbst anders dastehen, wenn er für irgend einen anlaſs auf bestellung oder wunsch eines anderen oder auch aus eignem triebe schafft, als wenn er zu bestimmten höchsten festen seines eigenen volkes für bestimmte ver - treter desselben in einer halbamtlichen eigenschaft seine kunst übt. er wird mehr mit der seele dabei sein als Simonides es wol je war, aber minder aus eigner person zu reden wagen als es Pindar immer tat. der staat und sein souverän, oder besser sein lebendiger leib, das volk, ist in Athen die oberste macht. der dichter ist ein glied desselben, der chor auch, beide ordnen sich ihm unter, der chor auch dem dichter, aber dieser muſs sich wie Perikles stets gegenwärtig halten, Ἀϑηναίων ἄρχεις. selbst die tragödie zeigt von diesem verhältnisse die deutlichsten spuren. der chor ist auch in ihr vertreter des volkes am religiösen feste: er geht nicht ganz in seiner maske auf. der dichter ist dagegen der erbe der pin - darischen persönlichen lehrer - und predigerstellung: auch er verschwindet nicht ganz hinter seinen personen. dies verhältnis war in dem ursprunge der ganzen gattung begründet; es hat sich wol verloren, aber nicht im laufe des 5. jahrhunderts. die abstracte betrachtung mag sich dazu stellen wie sie will: die geschichtliche hat mit dieser besonderheit durchgehends zu rechnen40)Der Herakles selbst gibt für die wichtigkeit der sache hinreichende belege, die ihres ortes genauer erläutert sind..
Die chöre, die man stellte, unterschied man in chöre von τραγῳδοί und einfach von männern und knaben. diese nannte man auch wol die ‘rundtänze’ (κύκλιοι χοροί), nicht weil die tänzer hier in einem rund geordnet waren, in der tragödie aber in einem viereck, wie wol gramma -79Attische dithyramben.tiker gemeint haben, sondern weil die tänze auf dem runden tanzplatz in die runde giengen, während im drama eine bude (σκηνή) daneben stand, die dem schauplatz eine front und einen hintergrund gab. die gedichte hatten zunächst nicht mehr einen eigenen gattungsnamen, als ihn vorher die der pindarischen lyrik gehabt hatten. und man wird für die an den Thargelien wol oft παιάν, für die der Panathenaeen ὕμνος gesagt haben: für die dionysischen festlieder vielleicht von vornherein διϑύραμβος; Pin - dars zweites attisches gedicht (75) war tatsächlich auch in der form dithy - rambisch. der Dionysosfeste, die der staat begieng, waren mehr als sonst einem gotte gefeiert worden; so mochte der name dithyrambos durch verallgemeinerung die ganze gattung allmählich begreifen. immerhin ist das officiell nie durchgedrungen und in der gewöhnlichen rede erst seit - dem bedeutende männer diese lyrische poesie, die um 500 — 430 zurück - tritt, gewaltig erhoben, so daſs sie zuerst die noch berühmtere tragische schwester beeinfluſst, dann, als deren meister tot sind, die erste stelle im interesse der nation erorbert und auf lange hinaus behauptet. dieser neue dithyrambos, wesentlich durch Philoxenos und Timotheos geschaffen, zwar nicht durch Athener, aber doch ein ganz attisches gewächs, wirkt wesentlich durch die musik; und wenn wir auch selbst kein urteil, weder über die musik noch über die poesie der neuen dichter haben können, so zeugt die leidenschaftliche polemik der komödie und der reactionären musiktheoretiker von ihrer bedeutung. daſs sie metrisch die ganze frei - heit des alten dithyrambos aufgriffen und bis in das ungemessene stei - gerten, können auch wir noch sehen. und ebenso zeigen einzelne proben, daſs ein sehr starkes mimisches element aus dem drama hinübergezogen ist, während in andern, wie im Diner des Philoxenos, die person des dichters so frei sich äuſsert, wie in der alten zeit. und in der tat hat diese neue chorpoesie völlig die stelle wieder inne, welche zu Simo - nides zeiten die alte eingenommen hatte; eben deshalb gerät diese im 4. jahrhundert fast ganz in vergessenheit, wird aber gerade in dorischen gegenden der neue dithyrambos volkstümlich, wie nur je eine ältere gattung: selbst in den tälern von Kreta, wohin nicht einmal das epos gedrungen war, und in Arkadien. mit Dionysos haben die einzelnen lieder vielleicht zumeist gar nichts zu tun, aber durch das 5. jahrhundert ist dieser gott der schirmherr jeder chorischen poesie geworden, und so befremdet es nicht im mindesten, daſs der name dithyrambos für das ganze gilt41)Aristoteles braucht διϑύραμβος mit seinen ableitungen in der erweiterten bedeutung, welcher alle lyrische chorpoesie umfaſst, häufig. im eingange der poetik. dieser dithyrambos ist gemeint, wenn Aristoteles den namen80Was ist eine attische tragödie?im gegensatz zu epos und drama braucht; sein eigner hymnus auf die tugend ist solch ein dithyrambos. und wie er in seiner geltung der chor - poesie pindarischer zeit gleich geworden ist, so auch in der art der auf - führung durch geschulte musiker und tänzer, die, überall und nirgends zu hause, sich in gilden zusammenschlossen, oft vermischt mit den schau - spielern, die das gleiche nun auch anstrebten und bald erreichten42)Im dritten jahrhundert fällt in der tat, wie die inschriften namentlich der ionischen techniten lehren, dithyrambos komödie tragödie derselben gilde zu, und auch dieselben leute treten in verschiedenen gattungen auf. doch war dies schon im 4. jahrhundert wenigstens für komödie und tragödie regel, Aristot. polit. Γ 3. es ist bedauerlich, daſs wir nicht angeben können, wann statt aushebung aus der phyle anwerbung durch den choregen getreten ist, mit andern worten, wann statt der analogie des landdienstes die der flotte für die tragischen chöre begonnen hat. die grammatiker wuſsten nur das allgemeine wie wir: schol. Hom. N 637 ἕως τινὸς ὠρχοῦντο οἱ εὐγενεῖς νέοι ἐν ταῖς τραγῳδίαις..
So ist der bürgerchor ein intermezzo: er gehört nur in die erhabene zeit des groſsen Athens, mit dessen Reiche er verschwindet. tragödie aber und dithyrambos stehen, was die aufführungsart anlangt, stets parallel. vor Kleisthenes kann man sich’s nicht anders denken, als daſs dieselben leute in beiden auftraten, und am hofe Hierons werden dieselben leute die pindarischen gedichte und die tragischen lieder des Phrynichos und Aischylos aufgeführt haben. überhaupt ist die wechselwirkung der beiden dionysischen schwesterarten handgreiflich. es sind geschwister, kinder der - selben mutter, des alten chorgesanges, aber unmöglich kann die tragödie von diesem dithyrambos stammen. als attisches festlied ist er notorisch jünger; was aber der pindarische dithyrambos mit der tragödie gemein - sam hat, das liegt alles im gattungsbegriff; das was ihn zu einer beson - deren art macht, die absonderlichen rhythmen und der mangel der respon - sion, fehlt gerade der ältesten tragödie. endlich muſs, wie eben bei der komödie, der schluſs auch hier gelten, daſs die tragödie aus dem dithy - rambos Athens nicht stammen kann, weil er neben ihr kräftig weiter besteht. so kann es scheinen, daſs Aristoteles uns doch auf einen holzweg geführt habe. die herleitung aus dem dithyrambos heiſst entweder gar41)gesellt er ihm die νόμοι zu, nennt aber als dichter für beides Timotheos und Phi - loxenos. in den problemen (XIX 15) sagt er, die νόμοι allein wären nicht antistro - phisch: wodurch sie die alten dithyramben und z. b. auch das Δεῖπνον des Philoxenos umfassen. nun ist νόμος ‘weise’ ein ganz indifferentes wort, und man mag sich denken, daſs man den weisen, die unter keine bestimmte art fielen, den namen der gattung gelassen hat. indessen ist das ersichtlich nicht consequent geschehen und für uns überhaupt keine unterscheidung möglich. da der charakter der poesie auf jeden fall identisch ist, kommt auch nichts darauf an.81Attische dithyramben. die böcke.nichts, als daſs die tragödie aus dem lyrischen chorgesang des 6. jahr - hunderts stammt: dazu brauchen wir nicht erst das zeugnis des Aristo - teles; oder es muſs eine charakteristische form des dithyrambos gemeint sein, welche sowol der pindarische dithyrambos als auch der attische tragische chor gemeinsam voraussetzen. ja, wir können noch einen schritt weiter gehen. an der chorlyrik, aller und jeder im 6. jahrhundert, ist das charakteristische, daſs der chor als solcher verschwindet, der dichter hervortritt. im drama verschwindet der dichter, redet nicht nur durch fremden mund, sondern auch aus fremder person heraus. das ist ein gegensatz, und alle gleichheit der form hilft nicht darüber hinweg, daſs ein drama ohne μίμησις δρώντων, ohne die vornahme einer maske vor das antlitz des dichters eben kein δρᾱμα ist. also wenn Aristoteles eine vorstufe der tragödie suchte, muſste er sie bei irgendwie mimetischer poesie suchen. wir postuliren also, daſs der dithyrambos, von welchem er als der vorstufe der tragödie redet, ein mimischer gewesen ist. aber wo den finden?
Aristoteles selbst hilft weiter: er sagt ja daſs die tragödie aus demdie böcke. satyrspiele stammt, und wenn er es nicht sagte, so müſsten wir doch dieses sonst rätselhafte und in den zeiten der blühenden tragödie ver - kümmerte spiel herbeiziehen, zumal die τραγῳδοί in ihrem namen die - selbe auskunft geben, wie Aristoteles. sie sind bockssänger. und daſs unter den böcken satyrn verstanden sind, lehrt sicherer als die verdäch - tige nachricht, daſs die Dorer den bock σάτυρος und τίτυρος genannt haben sollen43)σάτυρος und τίτυρος sind gleiche hypokoristische bildungen, aber der stamm muſs verschieden sein, da beide wörter dorisch sind. auch werden sie in der besten behandlung der frage, durch Apollodor am schluſs von Strab. X, ge - sondert. σάτυρος kann natürlich weder mit σαίνω noch mit σαίρω noch mit satur etwas zu tun haben; es wäre zu wünschen, daſs es bock bedeutet hätte. von τίτυρος wird das behauptet, und hat es wol Theokrit geglaubt, als er einen ziegenhirten so nannte. doch wird auch das nur metaphorisch sein. denn die τίτυροι dürften sich nur in der ableitungssylbe von den τιτᾶνες unterscheiden, und auch diese gelten wie die Ἄγριοι für obscoene daemonen, sind auch vorwiegend peloponnesisch. da man nun Τιτυός, den erdensohn der der Leto gewalt antut, und den riesen Τίτακος von ihnen nicht wird sondern wollen, so dürfte die urbedeutung die sein, welche Bücheler (Wölfflins Archiv II 119. 508) in Titus aufgezeigt hat: es sind alles ὀρϑάνναι., der eine aischyleische vers (Prometh. πυρκαεύς 202), in welchem der satyr des satyrspieles wirklich bock, τράγος, angeredet wird. darin also hat der fortschritt von dem chorgesange zur tragödie bestanden, daſs an die stelle gänzlich indifferenter sänger dämonische wesen, böcke, getreten sind. aber wo und wie ist das geschehen?
v. Wilamowitz I. 682Was ist eine attische tragödie?Hier greift ein bedeutendes ergebnis der monumentalen forschung ein44)Furtwängler in den Annali dell’ Instituto 1877 und im Berliner Winkel - mannsprogramm 1880 ‘satyr aus Pergamon’., das auf den ersten anblick freilich nur einen vollkommenen wider - spruch zu constatiren scheint. der satyr, den Aischylos einen bock ge - nannt hat, ist in seiner äuſseren erscheinung keiner gewesen. die aus der spätgriechischen und römischen kunst uns so sehr geläufigen satyrn, die in der bildung der ohren, des halses, oft auch der nase, und durch das schwänzchen ihre bocksnatur offenbaren, hat das alte Athen nicht gekannt. und doch hat jeder, der die attischen gemälde des 6. und 5. jahrhunderts auch nur flüchtig kennt, die phantasie voll von dem köstlich frechen treiben der attischen satyrn, die das gefolge des Dionysos bilden. wir besitzen ja jetzt sogar die reste des giebelfeldes von einem attischen Dionysostempel, auf welchen diese gesellen dargestellt sind.45)Mitteilungen des arch. Inst. Athen. XI 78. das stammt zwar nicht von dem uralten heiligtume am kelterplatz, in welchem das beilager der Basilinna mit dem gotte vollzogen ward, sondern von dem des Dionysos Eleuthereus am südostfuſse der burg: es ist aber immerhin etwa aus solonischer zeit und älter als das satyrspiel. alle diese attischen satyrn haben mit den böcken nicht das mindeste zu schaffen; sie sind zwar auch halbtiere, aber das tierische in ihnen stammt vom pferde. es ist auch ganz klar, daſs diese conception der volksphantasie ionisch ist, und auf den inseln und in Asien (wo die vermehrung des materials zu wünschen und sicher zu erwarten ist) ebenso gegolten hat. und der name dieser wesen ist ebenfalls unzweifelhaft, es sind Σιληνοί: ein unterschied zwischen σιληνοἰ und σάτυροι ist für die alte kunst derselben gegend nicht vorhanden. also die ionischen waldteufel stammen vom gaule; es sind die ϑῆρες, vettern der φῆρες, der aeolischen, thessalischen wald - teufel, die auch in alle poesie gedrungen sind, wie die aeolische metrik und sprache. auch diese stammen vom gaule, die Κένταυροι, und sind kinder desselben geistes. so haben wir also ein spiel, das bocksspiel heiſst, aber von halbgäulen aufgeführt wird. mit andern worten, hier hat eine übertragung stattgefunden. nur der name und das bocksfell, welches der pferdedämon trägt46)Im Kyklops 80 klagt der chor, daſs er bei dem scheusal ausharren muſs σὺν τᾷδε τράγου χλαίνᾳ μελέᾳ: so wenig war dem dichter die bedeutung der con - ventionellen tracht gegenwärtig, daſs er sie als etwas besonderes motivirte. auf der bühne ist der alte satyr der vater der andern, und er kann nicht aus dem chor - führer hervorgegangen sein, denn ein chorführer ist ja neben ihm vorhanden. er heiſst Σατύρων ὁ γεραίτατος 100, wird meist nur γέρων genannt, Σιληνέ aber auch, erinnert an die alte bocksnatur; es ist83die böcke. bockschöre.begreiflich, daſs man da des ursprungs rasch vergaſs. wir aber müssen die heimat des satyrspiels da suchen, wo die böcke zu hause sind.
Auch diese antwort ist aus den monumenten bereits gegeben. im Peloponnes, dessen künstlerischer vorort Korinth ist, gibt es keine satyrn in pferdegestalt. freilich bisher auch keine böcke: aber es steht doch die tatsache fest, daſs dieser typus um 500 auf einen peloponnesischen gott übertragen worden ist, der in seiner heimat und seiner echten be - deutung nach ein weit vornehmerer herr war, aber als er aus dem un - civilisirten hirtenlande in die städte der hochentwickelten cultur hinabstieg, die gestalt und bald auch die geltung eines vertreters der ungesitteten und unverkünstelten elementargewaltigen bergeswildnis annahm: Pan, der ein bock geblieben ist.47)In der im kerne hochaltertümlichen argolischen sage, die ursprünglich dem eponymen Argos, nicht dem πανὀπτης gehörte, Apollod. 2, 1, 2, erschlägt Argos den arkadischen stier, die Echidna und den Satyros, der die herden der Arkader raubte: das ist erfunden, ehe Argos dorisch war, wenn auch in nachbildung des dorischen Herakles. stier und hydra, tochter Echidnas, sind deutlich: Σάτυρος entspricht den Kentauren. es bleibt der archaeologie die schöne aufgabe, zu zeigen, wie eine spätere zeit die künstlerische bildung der satyrn vom bocke aus doch noch versucht und wunderbar geleistet hat, so daſs die ältere pferdegestalt in den hintergrund trat: es liegt auf der hand, daſs den anstoſs Peloponnesier gegeben haben müssen. geschehen ist das erst, als das satyrdrama zu gunsten der tragödie verkümmert war, und diese eine spur ihrer herkunft von den böcken nur noch in dem namen trug, den man nicht mehr verstand.
Das führt zu dem postulate, daſs es im Peloponnes einen bockschorbocks - chöre. gegeben habe. und wirklich, einen bockschor nennt uns Herodot (V 64) in Sikyon zur zeit des Kleisthenes; wir lernen dabei daſs derselbe keines - weges bloſs zu ehren des Dionysos auftreten konnte, daſs aber dem be - richterstatter des Herodotos dies als eine anomalie erschien, die er sich nur als willkür eines tyrannen zu denken vermochte. wir werden anders urteilen, denn daſs die böcke des Peloponnes ihrer natur nach lediglich ein gefolge des Dionysos bildeten, ist weder erweislich noch glaublich. wir haben eben alles was die ionischen wesen, die pferdewesen, angeht von ihnen fern zu halten; Pan ist später auch ein genosse des thiasos geworden, aber von ihm wissen wir sehr genau, daſs er das weder seiner natur nach war, noch in den jahrhunderten 6 — 3, wo sein cultus sich46)einmal angeredet 539, gleich als ob das sein eigenname wäre. sein aussehen lehrt die Neapler vase mit dem siegesfest eines satyrchors. er hat noch nichts von der späteren schweinenatur des papposilens.6*84Was ist eine attische tragödie?ausbreitete, dafür galt. wir wissen freilich von den satyrn äuſserst wenig, aber das einzige alte zeugnis, verse eines der hesiodeischen gedichte, rechnet sie mit den bergnymphen und Kureten zu der descendenz einer Phoroneustochter48)Strab. X 471 Ἡσίοδος μὲν γὰρ Ἑκατέρῳ καὶ τῇ Φορωνέως ϑυγατρὶ πέντε γενἐσϑαι ϑυγατέρας φησὶν ἐξ ὧν ὄρειαι νὐμφαι ϑεαὶ ἐγἐνοντο καὶ γένος οὐτι - δανῶν Σατύρων καὶ ἀμηχανοεργῶν Κουρῆτές τε ϑεοὶ φιλοπαίγμονες ὀρχηστῆρες. so überliefert (über B vgl. Roellig de codd. Strab. Halle 1886 p. 333). nur ist bei dem trostlosen zustande dieser Strabonbücher weder der name des vaters noch die namenlosigkeit der mutter zu glauben oder zu beseitigen. die stelle der verse in Hesiods werken ist ganz unsicher, auch der erste vers nicht ohne weiteres als (ἐξ ὧν) οὔρειαι ν. ϑ. ἐξεγ. zu acceptiren. leider führt Strabon danach nur für die Kureten das zeugnis der Phoronis an. die hesiodeische tradition steht ganz vereinzelt, gehört aber in die sehr wichtige, leider sehr früh verblaſste argolische theo - und an - thropogonie, die mit Phoroneus und Zeus-Niobe anfängt. sie ist mit Deukalion Hellen (also den Katalogen) kaum vereinbar. jene ist asiatischer herkunft, diese echt peloponnesisch.: sie sind also jünger als der anfang des menschen - geschlechtes und haben mit Dionysos von haus aus nichts zu tun. äuſserst belehrend ist ihre zusammenstellung mit den Kureten, welche zwar in der folge zu einem thiasos des Zeuskindes und seiner mutter geworden sind, durch Rhea auch in bezug zu Dionysos treten, aber einen ganz anderen ursprung haben. die ‘geschorenen’ (κουρής ὡς γυμνής) sind ein priestercollegium in Ephesos geblieben bis in späte zeit49)Z. b. auf dem steine Dittenberger syll. 134 und auf anderen., etwa wie die luperci und salii in Rom. es ist durchaus nicht unwahrscheinlich, daſs dies das ursprüngliche ist, und mit dem stamme, welchen das Meleager - gedicht der Ilias neben den Aetolern nennt, entweder nur namensgleich - heit obwaltet, oder ein verhältnis wie zwischen luperci Fabiani und der gens Fabia. der mythische thiasos aber ist ein abbild des im festen cultus gegebenen, wie ja auch die Korybantentänze nicht die pyrrhiche her - vorrufen, sondern mythische pyrrhichisten sind.50)In Erythrai gab es mehrere collegien von Korybantiasten, Dittenberger syll. 120. es geht nicht an über die satyrn etwas bestimmtes zu vermuten: aber die möglichkeiten muſs man eröffnen, damit man aufhöre die erst auf grund der über - tragung der bockstänze nach Athen eingetretene dionysische natur als voraussetzung zu behandeln. vor allem aber lehren die Kureten am besten, wie man aus solchen böcken einen chor bilden konnte, und daſs es ver - wegen wäre, darin bereits ein dramatisches spiel zu sehen, wenn einmal statt des gewöhnlichen menschenchores satyrn auftreten. daraus war wol das drama leicht zu schaffen: aber zu schaffen war es immer noch, und es war mehr als ein schritt nötig.
85Arion. Satyrspiel und tragödie.In Korinth hat Arion den ersten dithyrambischen chor eingeübt.Arion. diese tatsache wird jetzt in ihrer bedeutung verständlich. Arion wählte sich statt der gewöhnlichen choreuten die peloponnesischen böcke und lieſs sie das besonders orgiastische dionysische festlied singen. eine späte notiz, die wir nun wol einreihen dürfen, drückt das ganz scharf so aus, daſs er die dithyramben im τρόπος τραγικός verfaſst hätte51)Suid. s. v. Ἀρίων. was die modernen von tragischen dithyramben, lyri - scher tragödie und komödie zusammengefabelt haben, die späten grammatiker von tragödien Pindars und anderer lyriker erzählen, ist ein gebräu von unkritik und con - fusion. die sache ist längst abgetan und jedes wort darum verloren. wer so etwas glaubt, den soll man nicht stören., nur muſs man dabei nicht an etwas tragisches denken.52)Hephaestion citirt 22 einen hexameter aus einem dithyrambos Ἀχιλλεύς von der Sikyonierin Praxilla. und die dortigen τραγικοὶ χοροί galten dem Adrastos. leider bleibt das ganz unklar, zumal der älteste attische dithyrambos auch unkennt - lich ist. aber hier ist das mittelglied zwischen dem pindarischen und philoxenischen dithyrambos verborgen. damit haben wir wirklich das grundelement, aus welchem der pindarische und in seinem gefolge der spätere attische dithyrambos stammen: Pindaros lieſs die böcke fort zu gunsten der herkömmlichen choreuten, behielt aber die metrische freiheit bei. andererseits ist aus dem bockschore die τραγῳδία geworden, die zuerst satyrspiel war. sie ward in Athen dramatisch, und das empfand man so sehr als das charakteristische, daſs der name blieb, als die böcke auch hier weichen muſsten. wie lange sich in seiner heimat der dithy - rambos des Arion gehalten hat, ist uns leider ganz unbekannt; kennt - lichen einfluſs hat er nicht weiter geübt.
Schon dem Aristoteles war offenbar durch litterarische behandlung bekannt, daſs die Peloponnesier auf die erfindung der tragödie anspruch machten. das tritt auch später noch oft auf; speciell Phleius, die dio - nysische stadt, und Sikyon, wo wir die ältesten τραγικοὶ χοροί kennen, werden genannt. es ist das in übler weise durch erfindungen und über - treibungen entstellt worden. es ist eine lächerlichkeit, ebenso wie bei der komödie, wenn es sich um das wesentliche, die welt beherrschende handelt: aber wir erkennen nunmehr, daſs es doch in gewissem sinne wahr ist. allerdings, der bocksgesang ist peloponnesische erfindung: aber die tragödie gehört Athen.
Nach Athen kamen die bockstänze wie die übrigen kunstmäſsigenSatyrspiel und tragödie. reigen und so viele erzeugnisse der korinthischen cultur, als Peisi - stratos seine herrschaft befestigt hatte und dank der solonischen ver - fassung und der tüchtigkeit des fürsten Athen aufblühte, während rings86Was ist eine attische tragödie?die adelsstaaten und demokratieen herunterkamen. durch die aufnahme in die gewerbsmäſsige tanzlyrik hatte Arion den bockstanz den kreisen des volkes entrückt; für Athen war das ganze fremd, denn die böcke kannte man nicht, und die form des dorischen liedes war sprachlich und metrisch dem ionischen überhaupt entfremdet. aber hier ward das spiel volkstümlich, indem die peloponnesischen satyrn den attischen silenen ihren namen gaben, aber ihr wesen an sie verloren. der wandel vollzog sich leicht: lustig und unanständig waren sie beide, springen mag das füllen wie der bock. und hier ward, wenn es nicht schon in Sikyon und Phleius erreicht war, das satyrspiel fest an den dionysischen cult geknüpft und erhielt so eine gesteigerte weihe. der Dionysosdienst war bei den Ioniern seit alter zeit als ein ganz besonders heiliger empfunden. er ward in feierlichen formen von der königin und ihrer adlichen um - gebung begangen. er hatte mit seiner ekstase die ganze masse des weib - lichen geschlechtes ergriffen. die zeit war jetzt einer neuen religiösen stimmung hingegeben, welche vom himmel neue wunder, vom sterb - lichen individuelle seelische regungen und stimmungen verlangte. und ganz äuſserlich verlangte man neue prächtige feste. Peisistratos wuſste seiner zeit genug zu tun und stiftete ein neues fest mitten im vollsten frühling, um den vollmond des Elaphebolion, die groſsen Dionysien: für sie wurden auch die satyrtänze eingeführt. wie sie sich auch entwickelt haben, den charakter des dionysischen frühlingsspieles haben sie nimmer eingebüſst; auch damit hat trotz allen aesthetischen theorien die erklärung immer zu rechnen.
Und nun tat Thespis im jahre 534 den nächsten schritt: denn name und jahr darf geglaubt werden. er fügte den ersten schauspieler hinzu, oder richtiger, er trat als sprecher zu seinem chore. dieser schritt konnte nur in einer ionischen stadt geschehen, da aber lag es nahe genug, denn der sprecher war als solcher vorhanden: der recitator des ionischen iambos. man darf auch hier in dem schritte auf das mimische zu nicht zu groſses sehen. denn wenn ein rhapsode eine archilochische fabel wie ἐρέω τιν̕ ὑμὶν αἶνον, ὠ Κηρυκίδη, ἀχνυμένη σκυτάλη, recitirte, so mochte er allenfalls noch ziemlich so hinter seinem stoffe verschwinden, wie wenn er ein homerisches gedicht vortrug. aber wenn er πάτερ Αυκάμβα ποῖον ἐφράσω τόδε vortrug, so sprach er als Archilochos, und vollends οὔ μοι τὰ Γὑγεω τοῦ πολυχρύσου μέλει waren worte des zimmer - manns Charon, die eine vollkommene ethopoeie forderten: der schluſs muſste ebenso drastisch wie in der horazischen nachbildung wirken, oder vielmehr um so viel drastischer, als Archilochos an frischer keckheit87Satyrspiel und tragödie.den Horaz übertrifft. es war also zunächst vielleicht ein ganz leichter übergang, daſs der sprecher das bockskleid nahm; jedenfalls verhielt er sich zu dem rhapsoden der iamben genau wie der bockschor zum ge - wöhnlichen dithyrambischen chore. daſs der sprecher auch bock war, folgt aus der tatsache, daſs das satyrspiel noch bei Euripides einen satyr neben dem chore als schauspieler hat, und dieser vater der satyrn über - haupt eine ebenso feste person desselben blieb wie der satyrchor.
So hatte sich die vereinigung der ionischen und dorischen poesie vollzogen, vollzogen an einem dritten orte, wo für beides empfänglichkeit vorhanden war, wo aber beides nicht zu hause war. und beides trat als etwas fertiges neben einander; ganz verschmolzen hat es sich nie. so lange es eine tragödie gegeben hat, hat der dichter für die gesprochenen verse im der einen, für die gesungenen in der andern mundart dichten müssen; und beide waren nicht die seiner heimat noch seiner sänger noch seiner hörer. das ihnen allen gemeinsame attisch hat wol allmählich immer stärkeren einfluſs auf alle teile der tragödie gewonnen, hat also den gegensatz verringert; wie denn die von den Athenern übernommenen mund - arten selbst schon nicht mehr rein waren; aber ganz verschwunden sind die unterschiede nie, oder vielmehr erst in der neuen komödie, welche dafür auch den chor und damit den religiös festlichen charakter eingebüſst hat.
Erst in der neuen komödie hat auch das dramatische gesiegt. im sechstem jahrhundert wird davon kaum eine spur gewesen sein, und Thespis hat sich von der tragweite seiner erfindung nichts träumen lassen. aber dem stein war im rollen; schrittweise gieng es vorwärts, bald sprung - weise; wierzig jahre etwa hat es gedauert, für das was zu leisten war, eine kurze frist. man hatte also den satyrchor, und ‘wenn noch einer dazu kam’, so hatte man ein ἐπεισόδιον. daſs dem chore eine ‘vor - rede’,[π]ρόλογος, in iamben vorhergieng, ist erst etwas späteres; in den siebziger jahren des 5. jahrhunderts kommt es neben der andern weise vor, aber es stand vollkommen fest, als die komödie ihre formen bildete. der sprecher brachte zunächst nichts dramatisches mit; er brauchte ja nur zu erzählen oder an den chor eine rede zu richten, die diesem zu neuen tänzen und gesängen anlaſs gab. aber es fand sich bald die nötigung, den chor auch in gesprochener rede erwidern zu lassen, und da er das in voller menge nicht konnte, so sonderte sich von ihm der chorführer ab. nun sprach einer für alle; zu einer persönlichkeit unter - schiedem vom chor hat es dieser sprecher aber nie gebracht. seine stellung hat nie gewechselt, besteht aber überall, so weit wir denkmäler haben. nun war es wahrlich keine sehr kühne tat, entweder den sprecher einmal88Was ist eine attische tragödie?auch als etwas anderes kommen zu lassen denn als satyr, oder auch den chor in ein anderes kleid zu stecken. es ist nicht zu entscheiden, welchen schritt man zuerst tat, ja man mag vermuten, daſs noch ein zwischen - stadium eintrat, in welchem die herkömmlichen figuren nur der abwech - selung halber in einer ihrem eigentlichen wesen widerstrebenden oder doch fremden beschäftigung auftraten, etwa wie in der Atellane Maccus als kneipwirt, jungfrau, soldat. darauf deuten titel wie κήρυκες, ἰχνευ - ταί, παλαισταί σάτυροι, wol auch ϑεωροί und manches andere. aber wenn wir uns an die peloponnesischen verhältnisse erinnern, so müſsten z. b. Kureten sich von selbst als ersatz für ihre brüder dargeboten haben, und wenn der Phleiasier Pratinas dymanische tänzerinnen am feste der Artemis in Karyai eingeführt hat, so braucht man nur dessen eingedenk zu sein, daſs die bukolische poesie, die eigentlich mehr eine aipolische ist, an die Karyatiden angeknüpft wird, um der leichtigkeit eines solchen tausches inne zu werden. und auch in späterer zeit ist es eben kein groſser abstand von der ältesten weise, wenn die geschichte vom Thraker Lykurgos so von Aischylos zur darstellung gebracht wird, daſs der chor erst als Edonen, dann als thrakische maenaden, dann bloſs als jünglinge und endlich als satyrn auftritt. daran hat man freilich noch lange und im princip immer festgehalten, daſs die satyrn als solche auch erscheinen müſsten, wol minder weil das dionysische fest die diener des gottes er - heischte, als weil das volk seinen spaſs haben wollte; wenigstens ward der lustige charakter des schluſsstückes nicht zugleich mit dem satyrchor aufgegeben; dafür ist Euripides Alkestis (438) der älteste, aber nicht der einzige beleg53)Von Euripides ist keine andere tragödie erweislich an stelle des satyrspiels gegeben; wahrscheinlich ist es von der Auge. aber von Sophokles ist ein beispiel ganz sicher, der Inachos, wol aus dem ende des archidamischen krieges, denn seitdem ist es eines seiner populärsten stücke. es gilt für ein satyrdrama, aber es ist un - erlaubt, in fast 30 anführungen, wo diese bezeichnung fehlt, zufall anzunehmen. und es ist arg, die anapäste 249. 50 einem satyrchor zu geben. andererseits ist die anmutige fabel wahrlich keine tragödie. die hypothesis war folgende. in Argos herrschte könig Inachos, der gott des flusses, dessen gewässer vom fernen Pindos stammen, und so weit reichte denn auch des königs herrschaft (auch die des Pelasgos in den Hiketiden). er hatte eine schöne tochter Io, in die sich Zeus verliebte. sein diener Hermes erschien in Argos, und unterhielt könig und volk, während der herr mit Io koste; Plutos selbst sollte eingezogen sein. das wasser des Inachos schwoll, befruchtete die ebene, sie trug hundertfältige frucht, alle scheuern füllten sich, jedes haus bot jedem gedeckten tisch. es war eitel herrlichkeit wie im schlaraffenland. aber die eigentliche landesherrin Hera ward mit zorn der bösen dinge inne, die ihr gatte trieb; sie sandte ihre dienerin Iris, die die eindringlinge vertrieb, und es kam. noch viel näher als für den satyrchor lag es, für den89Satyrspiel und tragödie.sprecher eine andere person zu wählen, da er ja seiner herkunft nach indifferent war, und so gut wie eins konnte man mehrere epeisodia zu - lassen; den sprecher hinausgehen und sich umkleiden zu lassen war ja ungleich leichter. die aischyleische poesie hält in älterer zeit noch völlig daran fest, daſs sich das einzelne stück durch die einführung einer neuen person in ἐπεισόδια gliedert, wie dieser name fordert; die zahl ist nicht festgestellt. dagegen muſs sich schon früh die vierzahl für den costum - wechsel des chores festgesetzt haben, eine weit wichtigere aber quali - tativ ganz analoge erscheinung. dadurch gliederte sich also die aufführung in vier stücke. ob diese für sich ein jedes oder alle zusammen erst eine einheit im dichterischen sinne bilden, hängt lediglich von dem können und wollen des dichters ab. nachweislich ist von Aischylos beides neben einander geübt worden, doch so, daſs schon bei ihm die tendenz mächtig war, die einzelnen chöre oder ‘stücke’ immer selbständiger zu gestalten, was später feststehende regel ist, auch wenn zwischen ihnen ein bezug waltet. auſserdem gilt es bereits, daſs der satyrchor an letzter stelle stehen muſs, und seine verbindung mit den andern dramen ist eine losere, auch wenn sie inhaltlich vorhanden ist54)Die Amymone der Danais und der Lykurgos der Lykurgie mögen die ge - schichte fortgeführt haben. die Sphinx der Thebais aber hätte zeitlich zwischen Laios und Oidipus gehört, der Proteus der Orestie zwischen Choephoren und Eume - niden. auf ihn deutet im eingangsstück nicht bloſs die lediglich dadurch motivirte frage nach Menelaos (Ag. 617), sondern auch die erwähnung des Odysseus (841): denn der inhalt des Proteus war ja dem δ entnommen. die verbindung mit der Orestie ist also eine äuſserliche. in der Persertetralogie steht Prometheus so selb - ständig wie die drei tragödien.. wie es zu diesen regeln gekommen ist und durch wen, ist gar nicht möglich zu vermuten. die jüngeren dichter überkommen die institution als eine durchaus feste,53)eine schlimme zeit. die belebenden gewässer blieben aus; die felder verdorrten, Inachos selbst ward fast zu einer trocknen mumie, spinneweben füllten die leeren scheuern. lo ward zur kuh und ein schauerlicher wächter saſs neben ihr und blies die schalmei, während die menschen mit wehmütigen gesängen die gute alte zeit feierten. — so weit die reste, die man nachlese. daſs ein glückliches ende kam, indem Argos durch Hermes erschlagen ward und Hera sich versöhnte, ist selbstverständlich. τὰ τοῦ δρά - ματος πρόσωπα: χορὸς Ἀργείων, Ἴναχος Ἰώ Ἄργος Ἑρμῆς Ἶρις. die beiden himm - lischen diener ersetzen die herren, die zu vornehm für solch ein spiel sind. die diener waren beide auf der bühne, schol. Ar. Vög. 1203 = fgm. 251 ὁ Ἑρμῆς ἄγγελος ὢν (d. h. τῆς Διὸς ὡς Πλούτου ἐπεισόδου) παρὰ Σ. ἐν Ἰ. ἐπὶ τῆς Ἴριδος (so Rav. nach Martin) “γυνὴ τίς ἥδε· κυκλὰς Ἀρκάδος κυνῆς;”. denn so hat Toup richtig verbessert ἥ δε συληνᾶς Α. κυνῆ B. V.), wie für κυνῆς andere citate, für den sinn die aristophanische copie zeigt. merkwürdig ist, wie unter den liebenswürdigen scherzen sich die symbolik der das δίψιονἌργος angehenden fabel nicht verloren hat.90Was ist eine attische tragödie?aber auch als eine jeder inneren berechtigung entbehrende. wir vermögen die versuche, diese fessel zu brechen55)Dahin gehört die notiz bei Suidas s. v. Σοφοκλῆς, καὶ αὐτὸς ἦρξε τοῦ δρᾶμα πρὸς δρᾶμα ἀγωνίζεσϑαι ἀλλὰ μὴ τετραλογίαν. ob es richtig ist, daſs Sophokles so die sitte des vierten jahrhunderts (für die παλαιὰ τραγῳδία) anticipirt hat, können wir nicht wissen. was die notiz will ist klar, so oft sie auch misdeutet ist. der jüngste versuch (Comment. Ribb. 205) würde unterblieben sein, wenn bedacht wäre, daſs Euripides, Philokles, Meletos inhaltlich zusammenhängende tetralogieen gedichtet haben. es hat viel geschadet, daſs man eine solche vereinzelte angabe und die der dichterwillkür nicht dem gesetze angehörige tetralogische einheit als grundsteine für die geschichte der ältesten tragödie benutzt hat. oder zu lockern eben so wenig zu verfolgen, wie wir das einzelne über die art kennen, wie sie sich ge - knüpft hat. ganz im allgemeinen aber ist ihre entstehung durchaus nicht befremdend, und was im νόμος Διονυσιακός stand war gesetz und her - kommen zugleich, hielt also fest und war nicht durch individuelle willkür oder bessere einsicht zu beseitigen.
Die vorführung des chores ward durch die einführung des sprechers nicht geändert. auch jetzt noch konnten diese tänze so gut wie alle übrigen auf der runden orchestra vor sich gehen, die das volk im kreise umstand. auch die zahl der tänzer wird einfach dieselbe gewesen sein, mochten sie als satyrn oder ohne verkleidung auftreten. daſs freilich zur zeit der sängergilden dafür eine feste norm bestanden hätte, kann man nicht behaupten. notwendig aber trat dieses ein, als die bürgerschaft die chöre stellte, und es ist einleuchtend, daſs damals wirklich für tragödie und dithyrambos dieselbe zahl, 50, bewilligt ward56)Man wird das auch im altertum gewuſst haben; es ist aber nur eine ganz verwirrte reminiscenz davon bei Pollux IV 110 geblieben.. diese konnte der dichter verwenden wie er mochte. als sehr bald die verteilung in vier chöre eintrat, ergaben sich 12 für jeden, wobei dann die beiden über - schüssigen untergebracht sein werden, wie es eben gieng. eine erhöhung auf 60, also 4 × 15, ist bei der definitiven ordnung des dionysischen ge - setzes um 465 eingetreten. es ist übrigens durchaus nicht ohne weiteres anzunehmen, daſs die sänger nur in einem der chöre auftraten. in den Hiketiden des Aischylos besteht der chor aus den Danaostöchtern und ihrem gefolge, also, wie wir zu rechnen durch das stück selbst veranlaſst werden, aus 50 + x. es ist eine zu starke zumutung sich diese zahl durch 12 tänzer vorstellen zu lassen, zumal es ja in des dichters freiheit lag, die dienerinnen wenigstens fort zu lassen. nichts hindert uns, den dichter verständig verfahrend zu denken, und also einen weit zahlreicheren chor anzunehmen.
91Phrynichos.Es war freilich ein weiter weg der entwickelung gewesen, von denPhrynichos. ersten satyrtänzen bis zu diesem stücke zu gelangen, ein weiterer als der zwischen diesem für uns ältesten denkmale der attischen tragödie bis zu ihrer überreifen letzten gestalt, etwa der aulischen Iphigenie, liegt. und es ist nicht möglich mehr als einen oder den andern schatten von den ältesten erzeugnissen zu haschen, die sich auf die nachwelt erhalten hatten. erst von dem älteren zeitgenossen des Aischylos, dem Athener Phrynichos gelingt das; vermutlich weil er länger der alten weise treu blieb. wenn er noch 476 die Phoenissen so anlegen konnte, daſs der prolog, eine neuerung, die er also mitmachte, schon die niederlage von Salamis in Susa verkündete, wenn dann der chor, Phoenikerinnen, also wittwen der bei Salamis gefallenen schiffstruppen, in Susa auftrat, so ist ersichtlich, daſs zwar für erzählung und für den reflex derselben, klage - lieder und tänze, der breiteste raum da war, jedoch gar keiner für irgend welche handlung. über zwanzig jahre früher, noch zur zeit des einen schauspielers, hatte Phrynichos den fall Milets aufgeführt. das stück war von dem volke durch besonderen beschluſs geächtet worden, also können nicht nur wir, sondern konnte schon Herodotos, der diese tat - sache erzählt, nichts genaueres davon wissen57)Der bericht des Herodot (VI 21) erhält erst sinn, wenn man dessen psy - chologische motivirung der strafe ἀναμνήσας οἰκῇα κακά fallen läſst und die sache rechtlich faſst. nach dem feste, am 21. elaphebolion (wenigstens später ist der tag fest), wird in dem heiligen bezirk sitzung des volkes gehalten, zunächst über die sachen des gottes, dann über die laufenden geschäfte. die verstöſse gegen die fest - ordnung kann das volk an den rat zur aburteilung weiter geben, wie es mit Aristo - phanes wegen der Babylonier geschah, es kann aber selbst darüber erkennen, ob ein verstoſs vorliegt, worauf die im gesetze vorgesehene εὔϑυνα fällig wird. so war es hier; die 1000 dr. die Phrynichos bezahlte, waren in einem paragraphen des νόμος vorgesehen, ὃς δ̕ ἂν δοκῇ ἀδικῆσαι τὸν ϑεόν oder auch τὸν δῆμον, εὐϑυ - νόσϑω χιλίασι δραχμῇσι. es ist kein richterlicher act, wie denn der beschluſs μηδένα χρῆσϑαι τῷ δράματι eine verwaltungsbestimmung ist, es ist eine art ἐπιβολή, welche nur so hoch sein kann, weil sie der souverän selbst auferlegt. es ist auch kein be - schluſs, denn es ist kein probuleuma da. es ist ein act des souveränen willens, der aber dem volke durch specialgesetz für diesen fall zugesichert und umgrenzt ist. daſs man in späterer zeit die sache an den rat überwies, ist begreiflich, da die formen dann die gewöhnlichen waren. aber formell ist an dem ältesten todes - urteil über ein litterarisches werk nichts auszusetzen, und der fall hat seine hohe staatsrechtliche bedeutung. das praecedens war schlimm; aber im grunde haben die überzeugungsstarken demokraten recht getan: die sentimentale beeinflussung der volksstimmung durch die selbstgesetzten vorsprecher der öffentlichen meinung war wirklich eine gefahr. nur läſst sie sich mit der censur nicht beschwören, wie Athen bald zu lernen gelegenheit gehabt hat.. aber das ist unzweifel -92Was ist eine attische tragödie?haft, daſs wieder nur erzählung und gesänge, durchaus keine handlung darin sein konnte. das waren also zwar tragödien, denn der chor, seiner art nach von dem dithyrambischen kaum verschieden, und der sprecher der iamben waren vorhanden, beide neben einander, durch das costum verbunden: aber ein drama würden wir unmöglich ein solches gedicht nennen, es würde höchstens ein oratorium sein, mit 50 stimmen und tanz, aber ohne soli. an dem Falle Milets ist die von dem satyrspiel grell abstechende stimmung uns auffällig, doch ist zu beherzigen, daſs die Athener an dem in unserem sinne tragischen selbst anstoſs genommen haben. und Phrynichos selbst gibt auch für die satyrhafte behandlung eines an sich ernsten stoffes einen beleg. von dem inhalt seiner Alkestis wissen wir nämlich dreierlei, erstens daſs Apollon bei der hochzeit seines schützlings Admetos, dem er zur frau verholfen hatte, die Moiren betrunken machte, damit sie ihm das leben des Admetos gegen ein anderes schenkten. zweitens kam der Tod vor, der tölpelhafte bediente des Hades, den die märchen aufgebracht hatten, und schnitt der Alkestis eine locke ab, sie dem tode zu weihen58)Schol. Verg. Aen. VI 694. offenbar stammt das citat des verschollenen dichters aus der hypothesis der euripideischen Alkestis; jetzt steht zu v. 1 nur noch die δημώδης ἱστορία, d. h. die hesiodische.. drittens erschien der freſsgierige Dorerheld Herakles, rang mit dem Tode und jagte ihm die Alkestis ab. wie stark die burlesken züge waren, ist jetzt nur aus der verfeinernden und mil - dernden euripideischen nachbildung zu entnehmen, aber für ein aufmerk - sames auge sehr deutlich. es ist gar nichts dagegen zu sagen, wenn man die satyrn selber noch als chor zulassen will. handlung ist genug, und recht lebhafte, allein sie liegt in der geschichte, die der dichter schwerlich selbst gestaltet hat, und ob der zuschauer handelnde personen sah, ist fraglich, da sich ziemlich alles gut erzählen lieſs; von der schilderung des ring - kampfes ist ein bruchstück erhalten.
Es war also nun so ziemlich alles zusammen, was zu einem attischen drama gehört; und doch könnte jemand vom modernen standpunkte sagen, daſs noch das specifisch dramatische fehle. es gab längst die τραγῳδία: und doch muſs man sagen, daſs noch das specifisch tragische fehle. und in der kunst, in welcher nur das vollendete wirklich lebensfähig ist, gilt es c’est le dernier pas qui coûte. bislang konnten wir auch noch jeden schritt als etwas nahe liegendes ansehen, das man sich allenfalls selbst zutrauen mag: hier war ein genius von nöten, der zwar nicht nach verstandesmäſsiger überlegung eines tages beschlieſst ‘nun wollen wir das drama schaffen’, aber über den der göttliche geist kommt, der ihn schaffen93Aischylos.heiſst, was er muſs, und sich dann selbst über die schönheit des geschaf - fenen verwundern. Aischylos des Euphorion sohn von Eleusis führte den dialog ein: damit war das dramatische gefunden. und er gab dem bocks - gesang die heldensage zum inhalt: damit war das tragische gefunden.
Auch das ist nicht mit einem kühnen streiche gelungen; das schöne ist schwer. Aischylos hatte schon mehr als ein jahrzehnt chöre erhalten, ehe er einen sieg errang, vier jahre vor der schlacht bei Salamis. erst seitdem kann man glauben, daſs er die volksstimmung hinter sich hatte. aber noch nicht 20 jahre später ward die tragödie in den festen formen constituirt, die wir kennen. der dichter selbst hatte unablässig an sich und seinem werke gearbeitet: seine letzte schöpfung ist nicht nur die voll - kommenste seiner, sondern überhaupt der attischen tragödie, mit seinen eignen anfängen kaum zu vergleichen. es ist ein abstand wie zwischen dem Athen, das bei Marathon schlug und dem, welches am Eurymedon sein Reich vollendete. der aber dieses im reiche der dichtung vollbrachte, war kein geringerer organisator als Themistokles und Aristeides. als er sich zuerst einmal entschloſs, statt nur allein als sprecher neben dem chore aufzutreten, noch einen gefährten mitzubringen, mochte das ein geringes scheinen: er hat es noch erreicht, nicht nur das echt attische wortgefecht, schlag auf schlag, einzuführen, sondern selbst drei redner neben einander zu verwenden. er hat nicht nur den chor von der stelle des protagonisten zurückgeschoben, sondern auch den sprecher zum sänger gemacht, so daſs das aeolische lied neben die ionische recitation und den dorischen chorgesang trat; die benutzung volkstümlicher weisen durch Aischylos ist ausdrücklich überliefert und auch unschwer zu beweisen. die vierzahl der chöre, die absonderung des satyrspiels, ein gewisses her - kommen für den umfang der einzelnen stücke und ihre gliederung hat sich festgestellt. eine hinterwand ist an den runden tanzplatz heran - getreten, und so hat sich erst das gebildet, was wir bühne nennen. eine feste sprache, ein tragischer stil ist geschaffen, unendlich reich an mitteln des ausdrucks, ermöglicht nur durch das zusammenarbeiten der mannig - fachsten zum teil widerstrebenden elemente, unter denen die noch völlig unausgebildete heimische sprache das sprödeste war. ganz wie den grün - dern des Reiches hat auch dem fürsten der attischen dichtung der dank seiner nachfolger gefehlt. Euripides setzt sich selbst herab durch die armselige sophistik, mit der er ihn schulmeistert, und Sophokles hat das häſsliche wort gesprochen, daſs Aischylos höchstens unbewuſst das rechte tue. für den schöpfer waren die regeln, welche die späteren erfindsam genug waren, mit leichtigkeit zu erfüllen, freilich minder verbindlich,94Was ist eine attische tragödie?und er fand sie erst im suchen allmählich. wem so vorgearbeitet war, der mochte leicht wenigstens im dialog die einheitlichkeit der diction und des stiles erreichen, die dem gründer allerdings fehlt. aber in der fertig - keit der formen liegt nicht bloſs ein vorzug; die manier stellt sich nur zu leicht ein, und hat es auch bei Sophokles und Euripides schon getan. und in dem was das wesentliche war und ist, durch Aischylos zum wesent - lichen in der tragödie geworden ist, konnten sie ihn nicht übertreffen, und haben sie auch nicht bewuſster das rechte getan, vielleicht das unrechte.
Was ist das wesentliche? das liegt in dem stoffe, den Aischylos der tragödie gab, und in dem sinne, in welchem er seinen beruf faſste. es geht nicht sowol den tragiker als den dichter überhaupt an. Aischylos ward der erbe Homers. er selbst oder doch jemand, der ihn völlig ver - stand, hat das ausgesprochen. seine dramen sind stücke von dem groſsen male Homers, d. h. Homer hat dem volke ein gewaltiges mal zubereitet, und Aischylos setzt ihm davon einzelne gänge vor59)Athen. VIII 347〈…〉〈…〉. das apophthegma ist von Athenaeus in seine proso - popoeie eingeflickt; diese ist albern, entscheidet aber gar nichts. die herkunft und darum auch die echtheit ist nicht zu bestimmen: nur daſs es gut ist, kann man sagen. daſs die Perser oder die Αῖτναι kein τέμαχος vom homerischen male sind, ist so trivial, daſs man sich scheut zu erinnern, daſs die ausnahme eine regel nicht entkräftet. es soll doch der versuch nicht mislungen sein, die tragödien nach dem epischen cyclus zu ordnen, eben weil die überwiegende mehrzahl aus ihm stammt. wenn jemand aber einwendet, daſs dann ja jeder tragiker wol oder übel aus Homer schöpfen muſste, so ist das verzweifelt naiv: darin liegt ja gerade das charakte - ristische, daſs durch Aischylos die tragödie homerischen inhalt empfängt. und die - selben leute erklären dann selbst, daſs Aischylos nur aussage, seine wie jede andere poesie wäre eigentlich nur ein teil der bewirtung, deren ‘urheber’ Homer ist, d. h. der verfasser von Ilias und Odyssee, weil ohne diesen die griechische poesie nicht entstanden wäre. ‘urheber einer bewirtung’, was ist das? Homer hat gekocht, was Aischylos vorsetzt: wenn das nicht auf das stoffliche geht, d. h. auf das was wirklich Homer und Aischylos gemein haben, worauf denn?. die heldensage wird der inhalt der poesie und der dichter führt ihre einzelnen stücke seinem volke in demselben sinne vor, in dem es Homer getan hatte, zur erbauung und erhebung. diese erkenntnis, ohne welche man dem attischen drama nimmer gerecht werden kann, hat Platon völlig gehabt, nicht bloſs, weil er Homer den ἄκρος τραγῳδίας nennt (Theaet. 152e), sondern weil deshalb seine polemik im Staate ganz unterschiedslos Homer und Aischylos trifft. ja auch Isokrates (2, 48) behandelt die epiker, welche die sagen von den kämpfen der helden erzählt haben, und die tragiker, welche diese sagen den zuschauern vor augen geführt haben, als leute gleichen schlages. Aristoteles hat hier nicht mehr attisch empfunden;95Aischylos. die heldensage; ihr wesen.Agathon und Theodektes waren ja auch keine solchen tragiker mehr. für die stellung des dichters zu seinem volke zeugt am besten der ernst - hafte spötter Aristophanes. belehren und bessern soll der dichter: tut er das nicht, so ist er des todes schuldig (Frö. 1012), und selbst das entschuldigt ihn nicht, wenn er für eine verderbliche geschichte sich auf die sage beruft (Frö. 1052). das ist derselbe maſsstab, den Platon an - legt, und so zur ausschlieſsung Homers und der tragödie kommt. ob wir die aufgabe der dichtkunst ebenso fassen mögen, stehe dahin. die Athener haben sie so gefaſst, und Dante ist eines solchen berufes sich bewuſst gewesen, und Goethe hat zeitlebens mit leidenschaft dagegen protestirt: wir wissen aber, daſs er selbst diese erhabenste aufgabe so vollkommen erfüllt hat wie Aischylos, Platon, Dante, und daſs er noch für jahrhunderte der lehrer und erzieher nicht nur seines eignen volkes sein wird.
Weil wir selbst noch unter dem banne solcher allmächtigen dichterdie helden - sage; ihr wesen. stehen, ist uns die ungeheure macht des attischen dramas noch ver - ständlich, und die tatsache liegt ja auch vor augen, daſs es für die er - ziehung und erbauung des volkes ein complement des epos wird, während die lyrik dazu nur geringes, die elegie nur hübsche aber triviale sprüche beigesteuert hat. Homer und die tragiker sind Moses und die propheten für Hellas. aber das wird schwerer begriffen, daſs der grund dieser er - habenen stellung darin zu finden ist, daſs Aischylos die sage zum inhalte seiner dichtungen macht, und dadurch für immer der tragödie ihren stoff zuweist. ist es uns, die wir so sehr geneigt sind die persönlichkeit zu überschätzen, schon befremdlich, daſs gerade die dichtung so mächtig wird, in welcher der dichter hinter seinem werke verschwindet, ganz wie im epos (doch da haben wir ja Shakespeare, der dasselbe lehren kann), so sträubt sich vollends der moderne gegen eine macht, die freilich einem papiernen saeculo ganz fremdartig ist, die macht der sage. der ratio - nalismus kann sich’s nun mal nicht anders vorstellen, als daſs alles, was doch gar nicht passirt ist und gar nicht passirt sein kann, sich einer bloſs mal so ausgedacht haben muſs, und dann kann doch nur auf diese person etwas ankommen und nicht auf ihre hirngespinnste. zum mindesten erscheint ihm als eine des verständigen mannes unwürdige schwachheit, wie der teufel sagt, abzuhängen von creaturen die wir machten. die romantik aber, die freilich die tiefe empfindung von dem besitzt, was der rationalismus am liebsten negirt und immer zerstört, bleibt in der trauer und der sehnsucht befangen, daſs das paradies, dessen schönheit sie fühlt, ein verlornes, und nur im traum noch für uns zu betretendes sei. das ist nicht der rechte weg. die poesie und die96Was ist eine attische tragödie?sage, die mutter der poesie, lebt ja: und statt im traume hinüberzu - schweben, haut sich die phantasie mit dem guten schwerte der geschicht - lichen erkenntnis durch die dornenhecke zu dem schlummernden Dorn - röschen durch. der weg ist frei: Welcker hat ihn gewiesen. so gewiſs die poesie die muttersprache des menschengeschlechtes ist60)Die moderne poetik bringt es freilich dazu die poesie für ‘somtagsstaat neben der alltagskleidung’ zu erklären; für die sphäre, in der sie evangelum (oder thora) ist, paſst vielleicht besser, sonntagsbeilage zum wochenblättchen. aber Homer und Platon, Herder und Goethe waren keine bildungsphilister und haben nicht für bildungsphilister gearbeitet. und der liebe gott hat auch nicht bloſs sonntags von 9 bis 11 sprechstunde., und deshalb für jeden von natur verständlich, so gewiſs ist die sage die naturform für des menschengeschlechtes ἱστορίη und φιλοσοφία, verständich dem kinde, wie wir noch täglich sehen, und für jeden, der noch nicht zu vornehm für den spruch ist, werdet wie die kinder.
Die sage — ich rede allgemein, aber ich denke natürlich an die griechische, von der ich allein etwas verstehe — umfaſst vor alem die summe der lebendigen geschichtlichen erinnerung des volkes. das was der einzelne selbst erlebt hat, was also unmittelbar im gedächtnis lebt, wird sich stets von ihr absondern, aber diese scheidelinie ist keine feste und sie verschiebt sich für das volk im ganzen von stunde zu stunde. nur das lebt wirklich fort, was noch als für die gegenwart beleutsam empfunden wird. deshalb erhält sich wol an einzelne ungeheure taten oder verbrechen, an katastrophen von völkern stämmen staaten eine erinnerung, aber wenn sie nicht eine exemplificatorische bedeutung em - pfangen und so in die nächste kategorie übertreten, so werden sie in beziehung gesetzt zu den zuständen der gegenwart; an dieser hingt das interesse, und das vergangene hat nur wert, in soweit es das gegenwärtige erklärt, das kommende ahnen läſst. aber weil man sich abmiht, das gegenwärtige zu verstehen, so setzt sich jede darstellung des zuständ - lichen in eine geschichte um. denn die homerische zeit beschreibt nicht bloſs den schild des Achilleus durch die erzählung seiner anfertigung: auch die stammesverhältnisse in einer landschaft, die standesunterschiede in einer staatlichen gemeinschaft, den einzelnen satz des geltenden rechtes, die einzelne ceremonie eines gottesdienstes wird nur im werden darge - stellt. sehr oft ist unentwirrbar, wo die geschichtliche erinnerung auf - tritt, die paradigmatische construction beginnt. denn auch an der summe der geschichtlichen erinnerungen übt der mensch sein causalitätsbedürfnis, wie sie jetzt sagen, besser und antiker gesagt, seinen philosophischen sinn; man kann auch sagen, er sucht den gott in der geschichte. so tritt in97Die heldensage; ihr wesen.die verworrene masse der ordnende gedanke von schuld und strafe, vom endlichen siege der besseren sache oder auch der gröſseren tüchtigkeit. das mag oft die apologie des erfolges oder doch der begehrlichkeit sein, und befriedigend ist diese wie jede teleologie nur für die von vorn herein zustimmenden. es muſs der ordnende proceſs deshalb immer von neuem begonnen werden, sobald die sittlichkeitsbegriffe, die erkenntnis des tat - sächlichen und das τέλος selbst sich verschoben haben. aber das geht in alle zeiten weiter. jede geschichtschreibung, die lebendig wirken will, muſs den gott in der geschichte aufzeigen, mag sie nun Ahriman oder Ormuz, πρόνοια oder τύχη in ihr finden.
Die sage wird aber mit nichten durch die geschichtlichen erinnerungen ausgefüllt. wie der rechtssatz ‘die rache ist mein, spricht der staat, ich werde richten’ in einem paradigmatischen falle ausgesprochen wird, so geschieht es mit den sittlichen erfahrungen und grundsätzen des volkes. die sprüchwörter sind nach Aristoteles reste alter weisheit: sie sind in der tat häufig nur der rest einer exemplificatorischen geschichte, eines epiloges, den sie ja auch noch oftmals an sich tragen61)Die sprüchwörter mit epilog (Haupt op. II 395 Crusius Anal. in paroemiogr. 73) sind bereits verkrüppelte erzählungen, und sie sind doch noch vollständiger als die nakte sentenz. es kann freilich das sprüchwort auch nur ein bild sein, ‘κακοῦ κόρακος κακὸν ᾠόν’. ‘der apfel fällt nicht weit vom stamm’: dann liegt darin das was das homerische gleichnis gibt (ὡς οὐκ ἔστι λέουσι καὶ ἀνδράσιν ὅρκια πιστά): und das faſst doch auch ein sinnliches einzelbild. was man töricht den gnomischen aorist nennt, ist in wahrheit das tempus der sage, welche das regelmäſsige als einzelnen fall auffaſst und ausspricht. auch die gnome ist nur das residuum der erzählung des falles, in dem sie gesprochen ist. ‘geld ist der mann’ sagte der arme Aristodemos in Sparta (Alkaios 50. Pind. Isthm. 2). ‘denk’ an Admetos’ wort und liebe die braven leute’ (Praxilla 3). καὶ τόδε Φωκυλίδεω. auch an den sprüchen der sieben weisen ist der urheber mit nichten irrelevant. was wäre τέλος ὅρα μακροῦ βίου ohne die novelle von Kroisos? wenn der kanon der pflichten des ritters in den Χείρωνος ὑποϑῆκαι so gegeben wird, daſs der gröſste held von seinem und vieler anderer meister unter - wiesen wird, so nennen wir das eine einkleidung, und eine einkleidung nennen wir es, daſs Platon Σωκρατικοὶ λόγοι dichtet. das trifft für uns zu: wir werden auf der dürren heide der abstraction von dem bösen geiste herumgeführt. in wahrheit ist das sagenhafte nicht kleid, sondern ist lebendiger leib; und die unverdorbene seele hat denn auch die grüne weide nicht aufgehört zu suchen.. es verkehrt das tatsächliche verhältnis, wenn man meint, die fabel wäre später als das fabula docet. die moral ist der gehalt der fabel, aber dieser wird ursprüng - lich nur in der form einer geschichte ausgesprochen, und die kahle sentenz ist erst aus dieser abstrahirt. und gewonnen werden die moralischen sätze zunächst auch aus der welt, den capiteln des buches, zu denen sie nur die überschriften sind. ob die bäume oder die tiere, die götter oder diev. Wilamowitz I. 798Was ist eine attische tragödie?menschen träger der handlung sind, macht keinen wesensunterschied. fabel und novelle und märchen, wie wir die verkümmerten überreste nennen, sind reiser an demselben stamme. und es ist nur ein quanti - tativer unterschied, wenn sich eine solche conception der volksmoral bis in die hohen himmel hebt, der satz ‘seid dankbar’ von Ixion auf seinem feurigen rade verkündet wird, wenn Vorbedacht und Nachbedacht zwei Titanen werden, und der hehre glaube, daſs menschenwürde nicht der götterhöhe weicht, sich in der gestalt des Herakles verkörpert. in so weit die schöpferische tätigkeit der volksphantasie sich also mit der production des einzelnen dichters deckt, darf sie wol bei denen auf ein verständnis rechnen, welche dieser nachzudenken vermögen. an der Heraklessage wollen wir unten selbst den versuch machen.
Schwierig dagegen ist es, das verhältnis der sage zu den göttern und zu der religion zu erfassen, zumal das unerträgliche wort mythologie den ganzen luxe de croyance umfaſst, den sich ein volk mit göttern helden ungeheuern und ihrem geboren werden kämpfen und sterben erlaubt, ein wort, anwendbar eigentlich nur für solche, die froh sind, sich nicht mehr in die unkosten eines solchen luxus zu stürzen. wenn die paradig - matische sage götter oder dämonen einführt, so tut sie das nicht anders, als wenn sie nach menschen oder tieren greift. sie verwendet alles was sie hat, aber es muſs eben schon vorhanden sein. dabei kann sie ja ohne be - schränkung nach der analogie selbst schöpferisch auftreten, und nament - lich personificationen hat vornehmlich sie erst zu göttern gemacht, auf diesem umwege greift sie stark in die ausbildung der götterlehre ein, denn die geschöpfe der phantasie sind sehr wol dazu fähig, religiöse potenzen zu werden. so ist Eros ganz und gar ein geschöpf der dichtung. aber es muſste eben doch schon vorher die existenz von göttern und dämonen fest - stehen, und die götter, welche wirklich im glauben und im cultus leben, werden auf diesem wege nimmermehr erklärt. ja, wenn der rationalismus recht hätte, und auch die religion nur etwas wäre, das sich zuerst einmal einer ausgedacht hat, oder wenn der euhemerismus recht hätte, und die götter einmal fleisch und bein gehabt hätten, oder wenn die natursymbolik recht hätte, und die religion nichts wäre als in metaphern umgesetzte meteoroleschie, dann möchten die götter in der sage aufgehen und dem - nach die taten derselben so alt oder älter sein als die personen. aber das ist ja alles nichts oder doch nur etwas äuſserliches. die gottheit hat keine andere wohnung als das menschliche herz, und selbst wenn sie sich im elemente offenbart, das sie noch am reinsten reflectirt, so ist das so wenig ihre wahre gestalt, wie wenn der Erdgeist im feuer erscheint99Die heldensage; ihr wesen.‘in widerlicher gestaltt’. lediglich das gefühl, das überwältigend aus dem eignen busen aufquilltt, offenbart dem menschen die gottheit — wie er dies gefühl verkörpert und benennt, ist im grunde etwas unwesentliches und immer etwas accessoriisches. die wirkung empfindet er in wonnen und in tränen: die ursache sucht er, ahnt er, glaubt er, betet er an. so die einzelne menschenseele, so die seele des volkes. die götter wirken freilich, natür - lich; denn täten sie es nicht, so wären sie so nichtig wie die götter Epikurs. sie wirken auch unmittelbar und sinnfällig; denn täten sie es nicht, so wären sie so gleichgiltig wie der aristotelische gott: aber sie sind stetige gewalten. sie haben die dauer: der menschen leben gehört dem wechsel. auch am elementaren ist mit nichten die vereinzelte kata - strophe, etwa das gewitter, was die gottheit dem natürlichen sinne offen - bart, sondern die ewigen gesetze. das wunder, die ausnahme, ist dumm; wunder tun kann der teufel auch: nur die regel gehört der ewigen weis - heit. Goethe hat erklärt, daſs er sich ohne weiteres geneigt fühle, die sonne anzubeten: warum? wenn sie auch sinkt: von osten, hoffe nur, kommt sie zurück. am abend der seine qualen endet findet Manfred frieden im anschauen der ewigen sonne. Platon und Aristoteles haben ebenso empfunden wie Goethe und Byron und aus der gesetzmäſsigkeit des kosmischen lebens den stärksten religiösen impuls hergeleitet.62)Auch Nathan sagt ‘der wunder höchstes ist, daſs uns die wahren echten wunder so alltäglich werden können, werden sollen’. Lessing erfaſst das nur durch raisonnement, aber er erfaſst es doch. die wirklichen dichter geben die offenbarung unmittelbar. das menschenherz ist ruhelos: es sucht den frieden; an ihm zerren die wider - sprüche: es sucht die harmonie. das irdische kennt nur ein ewiges werden: es sucht das ewige sein: und wo immer es dieses findet, da hat es die gottheit gefundlen.
Werden ist geschichte: vom sein kann es keine geschichte geben. darum haben die götter mit der sage ihrer natur nach nichts zu tun, und darum ist aus der göttergeschichte, die es gleichwol gibt, für die religion so viel und so wenig zu lernen wie aus irgend einer theologie. sage und religion stehen neben einander. die religion wird wie alles so auch die sage durchdringen: aber wenn die sage in die religion dringt, so ist das etwas fremdes. die vermischung ist gefährlich, wird schlieſslich verderblich, aber unvermeidlich ist sie allerdings. denn wie von seiner geschichte und seinem staate und rechte versucht das volk auch von seinen göttern sich ein bild zu machen, und auch das tut es auf dem wege, daſs es eine geschichte vom dem werden und handeln der götter ersinnt. in7*100Was ist eine attische tragödie?dem sinne ist es wahr, daſs Homer und Hesiod den Hellenen ihre ϑεογονίη schaffen. wie alle andern sagen, werden auch diese in einem beständiger flusse bleiben entsprechend der umformung des sittlichkeitsideales und der erweiterung des empirischen wissens. und wie die φιλοσοφία des volkes sich allmählich ein weltbild macht, so wird sie auch versuchen einen zusammenhang in die vereinzelten göttersagen und personen zu bringen. aber die schwierigkeit des abstracten gegenstandes bedingt schon allein, daſs dies verhältnismäſsig spät geschieht, und weit gefehlt, daſs die göttersage vor der heldensage vorhergienge, diese also ausgeartete ‘mythologie’ wäre und Ilios eigentlich eine wolkenburg bedeutete, borgt vielmehr Hesiod von Homer, trägt die göttersage oft farben der heroen - sage und hat heroisch zugestutzte göttersage wie die ϑεομαχία oder die Titanomachie für die religion nicht höheren wert als für die poesie. 63)Ein schlagendes beispiel sind die Διὸς γοναί, wie sie schon Hesiod erzählt. das zum höchsten berufene kind, von einem tyrannen verfolgt, ausgesetzt, von den tieren des waldes gepflegt, schlieſslich herrlich erwachsen und wunderbar zum siege geführt: ein allbekanntes motiv der heroensage. das ist widersinnig für den himmels - herrn, den die religion sich nur ewig denken kann, und für die religion hat es auch nirgend etwas bedeutet, als in dem Kretischen winkel etwa, wo der Zeus der ge - boren ward auch begraben lag. die besonderen verhältnisse dort fordern für sich eine aufklärung, und die funde der Idäischen grotte zeigen wol, daſs die religion, welche hinter dieser hellenischen sage sich verbirgt, keine hellenische war.
So fassen wir also die sage als die ἱστορία καὶ φιλοσοφία des volkes zu einer zeit, wo das volk nur concret, in der form einer ge - schichte, eines μῦϑος, zu denken vermag, so daſs sich auch die vor - stellungen von zuständen nur in den bildern handelnder personen fassen lassen, wo endlich die unterschiede in der empfindung und der geistes - kraft der einzelnen individuen noch nicht so stark sind, um den eindruck eines gemeinsamen empfindens und denkens zu stören, so daſs wir ledig - lich das volk als das alleinige subject erkennen und anerkennen. das weltbild, welches die sage auffaſst, ist dem, welches ein dichter gibt, völlig analog; das volk schafft es sich auch in wahrheit nicht wie ein dichter, sondern als dichter. es redet eben noch seine muttersprache, die poesie: die ungeschriebene litteratur dieser muttersprache ist die sage.
Wenn wir nun wissen, was sie ist, so verstehen wir auch leicht ihre geschichte. aufhören wird die sage niemals, so lange dichter aufstehen, die den erzeugnissen ihrer phantasie die lebenskraft zu verleihen ver - stehen, daſs sie die herzen des volkes erobern und dauernd behaupten. aber es macht doch einen entscheidenden abschnitt, wenn das volk als collective einheit nicht mehr der producent der sage ist, und der dichter101Die heldensage; ihr wesen; ihre geschichte.der sie erzeugt seine individualität wol gar im gegensatze zu dem volke empfindet und hervorkehrt. das wird eintreten, wenn eine weile in leerer trägheit nur noch das vorhandene sagenmaterial weitergegeben ist, ohne wesentlich vertieft und bereichert zu werden. und es kann dieses ge - dankenlose weitergeben des einmal formirten stoffes noch lange zeit neben neuen revolutionären bestrebungen einzelner dichter fortbestehen: aber das kommt kaum noch in betracht. auch für die sage ist die ruhe der tod.
Sie ist ein strom geschmolzenen metalls. es rinnt dahin, verzehrend und einschmelzend was in seinen weg kommt, schlacken abstoſsend, blasen werfend, bis die hitze verflogen ist: dann liegt es starr und kalt und tot: aber es bewahrt nur in dieser starrheit seine form. so können wir die sage nur in dem erstarrten zustande erfassen, der ihr ermöglichte zu dauern, während sie, so lange sie lebte, dem wechsel unterworfen war. ersichtlich handelt es sich also für ihre beurteilung und ihr ver - ständnis wesentlich um den zustand, in welchem sie erstarrte, d. h. dauernde form gewann. da wollen wir denn aber kurzer hand die all - gemeine art zu reden aufgeben und ganz einfach die tatsachen der hel - lenischen sagengeschichte überschauen.
In Ionien hat sich für die sage das rechte gefäſs gebildet, das home -Die helden - sage; ihre geschichte. rische epos, und hat sich ein stand gebildet, der sich dem singen und sagen, dem vertriebe des epos, berufsmäſsig widmete. das ward für alle folgezeit entscheidend. gewiſs wollen wir nicht unterschätzen, daſs sich in diesem stande eine anzahl bedeutender dichter befunden haben, welche den stil des epos feststellten und musterstücke schufen, die sich die jahr - hunderte hindurch in der gunst des volkes behaupteten. es war aber auch das für die ganze entwickelung des epos von segensreichstem ein - flusse, daſs die Ionier das epos selbst oder vielmehr seinen keim von den Aeolern entlehnten, und daſs sich diese entlehnung auch auf den stoff erstreckte, die kämpfe um Ilios und eine reihe heroengestalten. denn sofort erwuchs nun für die dichter des epos die aufgabe, da sie doch vornehmlich die heroen des eigenen volkes verherrlichen sollten und wollten, diese in das epos einzuführen, d. h. auf den gegebenen schau - platz und in die gegebene umgebung zu bringen. so entstand von selbst ein sagenkreis, der sich räumlich und zeitlich zwar bequem ausdehnen lieſs, aber doch die nötigung den dichtern auferlegte, mit ihren neu - schöpfungen anschluſs zu suchen. so rückten die helden vieler städte, die ahnen vieler geschlechter, die in wahrheit zeitlos sein mochten, oder auch ganz verschiedenen zeiten angehörten, in ein par generationen zu -102Was ist eine attische tragödie?sammen, und selbst zwei von hause aus ganz gesonderte sagenkreise, wie Ilias und Thebais, traten wenigstens in ein festes verhältnis. das ionische epos, gepflegt mindestens von 900 — 700 ohne erkennbar sin - kende kraft der phantasie, war etwas so überwältigendes aller anderen sage und dichtung gegenüber, daſs sie sich entweder an dasselbe an - gliedern muſste oder in kümmerlicher vereinzelung verdorrte. das galt namentlich für die reiche und schöne, aber noch ganz formlose sagen - welt des mutterlandes, das durch die herübernahme des ionischen epos, wie sie vorhin erzählt ist, zwar das bequemste gefäſs erhielt, um seine eignen gedanken und empfindungen aufzufassen, aber nicht bloſs diese ionisch-episch stilisiren muſste, sondern auch seine helden und götter in die kreise derer einführen, die im ionischen epos herrschten. die ausdehnung der epischen dichtung im mutterlande kann nicht leicht zu hoch angeschlagen werden; bis tief in das sechste jahrhundert, ja in wahrheit noch weiter herab reicht die production, und es werden sowol neue stoffe in groſser zahl dem epos zugeführt, als auch das vorhandene überarbeitet. aber so gut wie immer bestrebt man sich nicht nur den epischen stil inne zu halten, sondern man projicirt alle und jede stim - mung und strebung der gegenwart in die heroenzeit. wie dem Herakles neue abenteuer zuwachsen, welche den dorischen colonisationen ent - sprechen, wie die blüte Korinths die Argonautenfahrt umgestaltet, die aegi - netischen adlichen ihren ruhm in den zügen der Aeakiden an Herakles seite finden, die erwerbung Kyrenes sowol an die Argonautensage wie an die Odyssee angefügt wird, drittens auch ein altthessalisches märchen zu neuem selbständigen leben bringt, wie die colonien an der Acheloos - mündung und am golfe von Ambrakia der Thebais einen neuen ausgang schaffen: so stellt es sich allerorten dar. die gegenwart wird in ihren eigenen ereignissen und personen vergessen, ihr spiegelbild in die sage aufgenommen und erst dieses scheint würdig einer fortexistenz. es wäre eine torheit, wollte man meinen, daſs die gegenwärtigen kämpfe und siege den leuten wertlos gewesen wären, oder daſs ihre phantasie nicht auch daran sich betätigt hätte: die so spät erst aufgezeichneten und doch so urwüchsig palikarenhaften messenischen freiheitskämpfe, die tragödie des Kypselidenhauses, Krisas untergang, die geschichten von Rhadina, Othrya - des, Kleobis und Biton dürften sogar manch einem wertvoller erscheinen als die bearbeitung der Odyssee oder der Schild des Herakles. es soll wahr - haftig nicht als eitel segen hingestellt werden, daſs die Hellenen jahrhun - derte lang sich selbst und ihre eigenen taten und leiden der hohen poesie für unwert gehalten haben. es harmonirt das damit, daſs die Peloponnesier103Die heldensage; ihre geschichte.und Boeoter auch ihre eigene sprache nicht zu schreiben wagten. aber die tatsache ist vorhanden, und weil sie uns modernen so fremdartig ist, kann man sie nicht stark und oft genug hervorheben. vixere fortes ante Agamemnona multi, sed omnes illacrimabiles urguentur ignotique longa nocte, carent quia vate sacro, das gilt auch, wenn man post für ante setzt, und die gewalt Homers zeigt sich darin vielleicht am stärksten, wo er der rieseneiche gleich kein wachstum aufkommen läſst, so weit sein schatten reicht; aber den epheu am stamme und die mistel in den ästen nährt er mit dem eigenen safte.
Nun trat ja freilich seit 600 etwa in der chorischen lyrik eine poesie auf, welche bedeutende dichter erzog, ein allgemeines interesse bei dem herrschenden adel fand, und dem dorischen wesen weit näher stand als das ionische epos. aber wo hat sie ihre vollendung erfahren? in Sicilien, im Neuland, das kein epos besaſs. und wodurch hat sie Stesichoros aus den dörflichen kreisen, die Alkman befriedigte, in die auch noch Korinna gehört, emporgehoben? dadurch daſs er epici carminis onera lyra sustinuit, durch die reception der sage. daſs der aufschwung der chorischen lyrik den niedergang des epos im 6. jahrhundert beschleunigt hat, ist nicht zweifelhaft, allein das traf nur die form. den inhalt übernahm sie; denn wenn auch ihr kleid verschlissen war, war die sage selbst doch noch frisch, und das volk konnte sich ohne sie eine erhabene poesie nicht denken. wenn der dichter so wirken wollte, wie er es beanspruchte, das volk es verlangte, muſste er die homerische sage behandeln. da be - sitzen wir ja nun glücklicherweise die pindarischen gedichte, und können mit eignen augen sehen. es sind lauter gelegenheitsgedichte, die erhal - tenen rein menschlich persönlichen anlässen gewidmet. der dichter selbst, erfüllt von einem selbstgefühl, das zuweilen an Platen erinnert, setzt seine ganze individualität ein. aber der sage kann er kaum ein par mal entraten. wenn ein obskurer herr aus einem obskuren kleinstaat, etwa ein Opuntier, zu Olympia im ringkampfe gesiegt hat, so bemüht Pindar nicht nur die olympischen heroen, er feiert nicht bloſs den home - rischen helden, den die Opuntier sich vindicirt haben, sondern er formt selbst die dortige localsage um, damit eine heroische verbindung zwischen Opus und Elis die jüngste olympische groſstat eines Opuntiers verherr - liche. er hat es sich zum gesetze gemacht, wie er selbst sagt, keinen seiner lieben Aegineten zu besingen, ohne daſs die unvermeidlichen Aea - kiden mit ihren heroischen bei der neuesten, freilich nur turnerischen, groſstat gevatter stehn. und für den tyrannen von Kyrene liefert er geradezu eine neue darstellung der Argonautensage. der dichter ist eine104Was ist eine attische tragödie?imponirende gestalt: aber diese sorte von poesie, wo die mythische er - zählung in conventioneller stilisirung und unerträgliche aufzählungen vo[n]früher gewonnenen turnprämien, complimente an turnlehrer und reit - knechte neben einander stehen und das was wahre individuelle poesie ist auf einen kärglichen raum zurückdrängen, ist ein fragwürdiges product einer mischcultur, erwachsen in einer gesellschaft, deren sämmtliche lebensformen sich überlebt haben und den stempel des verfalles tragen. die sage ist äuſserlich zu einer decoration herabgedrückt und innerlich hat sie dennoch die übermacht und erstickt die reine flamme der subjectivität selbst ein Pindar vermag sich weder ganz in die sage zu versenken noch auch sie ganz auszuscheiden.
In der heimat des epos war man weiter; die culturentwickelung war eben dort immer um ein par jahrhunderte voraus. während im mutter - lande das epos noch neue stoffliche aufgaben in überfülle zu bewältigen hatte, war hier in Ionien der moment der erstarrung für die epische sage schon um 700 eingetreten. energische dichterpersönlichkeiten waren er - standen, hatten für ihre liebe und ihren haſs, ihre gefühle und ihre ge - danken sich die waffen der elegie und des iambos geschmiedet, und damit auch der sprache des lebens die litterarische weihe gegeben. die revo - lutionen in den städten und die seit 600 immer weiter greifende, durch Harpagos auf die ganze küste ausgedehnte fremdherrschaft hatte auch die heroischen ideale gestürzt. die menschen waren über die zeit hinaus, welche durch die sage befriedigt wird. in rücksichtslosester weise drängte sich die subjectivität hervor; der einzelne, der selbsterworbenen weisheit voll, begnügte sich nicht nur nicht mehr mit den errungenschaften des volkes, sondern er trat ihm voll verachtung entgegen, der weise den blinden toren. und die sage trifft vollends haſs und verachtung. da sagt einer ἐδιζη - σάμην ἐμωυτόν, verkündet den ewigen λόγος, den er besitzt, die anderen menschen aber weder kennen noch, wenn er ihn verkündet, verstehen, und schilt auf Homer und Hesiod. und der zweite sagt Ἑκαταῖος ὧδε μυϑεῖ - ται· τάδε γράφω ὥς μοι ἀληϑέα δοκεῖ εἶναι· οἱ γὰρ Ἑλλήνων λόγοι πολλοί τε καὶ γελοῖοι, ὡς ἐμοὶ φαίνονται, εἰσίν. und der dritte ver - wirft die alten götter und ihre propheten, die epiker, und erklärt die ge - stalten der sage für πλάσματα τῶν προτέρων. der tag ist da, wo die ἱστορίη und φιλοσοφία des einzelnen die des volkes ersetzt, wo die wissenschaft die sage ablöst. so weit war Ionien zur zeit des Aischylos.
Athen steht zwischen Ionien und den Dorern. Solon und die tyrannen haben die front des staates, die früher ganz nach westen gerichtet war, nach osten gewandt. Solon und Kleisthenes haben das joch der vermorschten105Die heldensage; ihre geschichte.gesellschaftsformen gebrochen. die lebendige kraft einer in gesetzmäſsiger freiheit zum selbstbewuſstsein und zur selbstregierung berufenen bürger - schaft ist entfesselt. die schönsten aufgaben werden dem volke zur rechten zeit gestellt, werden gelöst und neue höhere ziele eröffnen sich dem blicke. in dieser atmosphäre schuf Aischylos die tragödie, ward er ein neuer Homer. das volk in seiner breiten masse lebte und webte noch in der sage, und die demokratie verwarf die tyrannische subjectivität der Ionier und die oligarchische des Pindaros. aber das volk verlangte seine eignen wahren und innigen empfindungen aus der sage hervortönen zu hören, und wollte mittun auch an seinem gottesdienste. und das volk war fromm und ernst; die höchsten und tiefsten gefühle regten sich in seiner seele: es verlangte nach dem dichter, der den gefühlen gestalt farbe klang ver - liehe: es verlangte nach dem dichter der ihm lehrer und erzieher werde, der es zu gott führe.
Also konnte für das Athen, das bei Marathon und Salamis geschlagen hat, nur eine poesie genügen, welche objectiv und volkstümlich blieb wie die des epos, in welcher der dichter mit seiner person zurücktrat. und es muſste eine ernste und erhabene poesie sein (σπουδαία, wie Aristo - teles sagt), die ein weltbild gab und gott in der geschichte zeigte, wie die homerische. damit war zugleich als stoff der einzig vorhandene ge - geben, die heldensage. aber die poesie muſste gleichwol eine neue natio - nale von dem geiste der groſsen gegenwart durchtränkte sein: die home - rische sage muſste aus dem attischen geiste wiedergeboren werden, das waren die forderungen für den inhalt. was die form angieng, so ist oben gezeigt, daſs die chorische lyrik, aber von einem bürgerchore aus - geübt, und der ionische sprecher und für beide das costüm, also die μίμησις gegeben war. man kann sagen, Aischylos brauchte nur zuzu - greifen, der tragödie durch zufügung des zweiten schauspielers zur wirk - lichen handlung zu verhelfen und sie ἐκ μικρῶν μύϑων καὶ λέξεως γελοίας ἀποσεμνύνειν: dann war alles geschehen. gewiſs, wir vermögen die geschichtlichen kräfte zu wägen, einzusehen, daſs und warum sie auf das eine ziel hinwirken, welches dann durch den glücklichen griff des einzelnen erreicht wird. und es ist dann die probe gemacht, daſs das geschichtliche exempel aufgegangen ist. nur wird darum die gröſse des genies nicht geringer: seine tat bleibt immer das ei des Columbus, mögen wir ihm den platz noch so genau nachrechnen können, den ihm die geschichte vorsorglich bereitet hatte.
Es ist offenbar geworden, daſs der anschluſs an die heldensage das ist, wodurch Aischylos die tragödie geschaffen hat. damit ist die tatsache106Was ist eine attische tragödie?erklärt, welche sonst unbegreiflich aber nichts desto weniger tatsache bleiben würde, daſs nicht nur die tragödie des 5. jahrhunderts, sondern auch jede nachbildung derselben in der folgezeit die heldensage zum inhalte hat. auf diesem verhältnis beruht die einzige gröſse der griechi - schen tragödie; aber nicht minder liegt darin auch ihre vergänglichkeit beschlossen. ihr untergang war unvermeidlich, sobald auch das attische volk der sage entwuchs. denn dann muſste die attische nachfolgerin Homers das schicksal ereilen, welchem Homer in Ionien verfallen war. und nun eröffnete dieselbe groſsartige politische bewegung, welche dem drama des Aischylos die weihe gab, Athen völlig dem ionischen einfluſs, oder verlegte vielmehr den schwerpunkt des geistigen lebens von Ionien nach Athen. dadurch ward der an sich notwendige entwickelungsproceſs beschleunigt, der durch befreiung des subjectiven denkens und der indi - vidualität die sage und ihr gefäſs, die tragödie, überwinden muſste. wo Anaxagoras Protagoras Sokrates lehren, ist in der tat kein raum mehr für sie. wenn nicht ihre beiden dichter noch gelebt hätten, würde sich die tragödie kaum bis 406 gehalten haben. als sie aber starben, empfand das publicum selbst den tod der tragödie. Aristophanes lieſs Dionysos in den Hades hinabsteigen. Platon verbrannte seine tetralogie; nicht weil er darauf verzichtete, ein dichter zu werden im sinne des Aischylos, son - dern weil er erkannte, daſs der tragiker jetzt nicht mehr der lehrer und meister des volkes sein konnte. er versuchte freilich — so stark war die gewalt der tragödie — sich eine neue kunstform von dramatischem cha - rakter zu schaffen, und er schuf sich statt der überwundenen heroen - sage auch einen sagenkreis, den von Sokrates; aber er erlebte doch oder bewirkte vielmehr selbst daſs die wissenschaft das poetische gewand ganz abwarf; wenigstens die wahre, denn in niederen aber deshalb volkstüm - licheren kreisen trat dem sokratischen sogar noch der sagenkreis von Diogenes zur seite. die poetische form des dramas dauerte freilich, ja das dramatische ward erst jetzt recht als artbildend erfaſst; man tat auch hier den notwendigen schritt, da die heroischen abbilder nicht mehr ver - fiengen, frisch in das volle menschenleben der gegenwart hineinzugreifen und von da die stoffe zu holen. Menander steht zum βίος wie Aischylos zu Homer: er bewirtet seine zuschauer mit τεμάχη von den μεγάλα δεῖπνα τοῦ βίου. aber das drama ist, seit es die sage verloren hat, nur noch komödie; das σπουδαῑον ist dahin, unwiederbringlich. die Hellenen haben nach Platon keinen dichter und keine poesie im hohen stile mehr besessen: um so ungeheurer war und blieb die gewalt, welche die fast schon bei lebzeiten an die seite Homers erhobenen drei attischen107Beantwortung der frage. die aristotelische definition.tragiker ausübten. allein diese geschichtliche wirkung, die in gewissem sinne ewig dauern wird, ist in jeglicher hinsicht eine andere als die welche die dichter selbst beabsichtigten und ihre werke zu ihrer zeit ausübten. und die philologie hat zwar auch die aufgabe jene geschicht - liche wirkung zu verfolgen und zu erklären: aber das nächste und not - wendigste ist, den dichter und sein werk selbst zu begreifen.
Wir stehen am schlusse: es ist nur noch nötig, den ertrag unsererBeantwor - tung der frage. betrachtungen zusammenzuziehen, damit die frage beantwortet werde, was ist eine attische tragödie? eine attische tragödie ist ein in sich ab - geschlossenes stück der heldensage, poetisch bearbeitet in erhabenem stile für die darstellung durch einen attischen bürgerchor und zwei bis drei schauspieler, und bestimmt als teil des öffentlichen gottesdienstes im heiligtume des Dionysos aufgeführt zu werden.
Das ist ohne zweifel eine definition, mit welcher die aesthetische theorie so nichts anfangen kann, vielmehr wird diese sofort und mit leichtigkeit sich aus ihr nur das aussuchen, was für sie wesentlich ist. denn die aesthetische theorie will die tragödie definiren; die philologie hat es aber mit der attischen tragödie zu tun, und für diese ist alles wesentlich, was für die dichter als gesetz gegeben war, und sich demnach in ihren werken wirksam zeigt, also z. b. die qualität der tänzer, die be - schränkte zahl der schauspieler, zeit und ort der aufführung. die theorie hat die aufgabe, die notwendigkeit für jede der forderungen begrifflich zu erweisen, welche sie in der definition zusammenfaſst; die philologie hat ihre aufgabe eigentlich schon erfüllt, wenn sie die existenz jedes einzelnen kennzeichens, das sie in die definition aufnimmt, an den con - creten erscheinungen, den tragödien, dartut: im vorstehenden soll aber auch für alles einzelne die entstehung erläutert und somit zwar nicht ihre begriffliche, aber wol ihre geschichtliche notwendigkeit erwiesen sein.
Aristoteles hat nicht die attische tragödie geschichtlich, sondern dieDie aristote - lische defl - nition. tragödie begrifflich definiren wollen, und nur weil sein einziges beobach - tungsmaterial in attischen tragödien und ihren nachahmungen bestand, kann der moderne sich leicht über seine absicht täuschen. gleichwol wird jeder erwarten, daſs hier die aristotelische definition zur vergleichung herbeigezogen werde. ἔστιν οὖν τραγῳδία μίμησις πράξεως σπου - δαίας καὶ τελείας μέγεϑος ἐχούσης ἡδυσμένῳ λόγῳ χωρὶς ἑκάστου τῶν εἰδῶν ἐν τοῖς μορίοις — so weit stimmt das, wenn man den ver - schiedenen standpunkt berücksichtigt, im wesentlichen, und die einheit und abgeschlossenheit, die freilich für jedes kunstwerk gilt, ist ein sehr wichtiges moment, das gewürdigt zu haben vielleicht das wertvollste an der108Was ist eine attische tragödie?ganzen definition ist64)Wenn man die einheit der handlung so misverstanden hat, daſs nur eine verwickelung erlaubt sein sollte, und demgemäſs die Hekabe und den Herakles des Euripides, Lear und Kaufmann von Venedig getadelt hat, so ist das geschehen, weil man den Aristoteles nicht im urtext zu grunde legte. selbst der Götz genügt der wirklich aristotelischen forderung, mag auch ein gewisses ἐπεισοδιῶδες als vor - wurf mit recht haften bleiben. aber Heinrich IV. oder Faust genügen nicht.. Aristoteles fährt fort, δρώντων καὶ μὴ δι̕ ἀπαγγελίας. insofern hierdurch nur der unterschied vom epos bezeichnet werden soll, ist es ohne weiteres zutreffend; ich habe dem durch das wort ‘darstellung’ genüge zu leisten gesucht. aber Aristoteles selbst hat ohne zweifel mehr darin gesucht und von der tragödie gefordert, daſs sie ihre handlung im wesentlichen vor augen führen, darstellen und nicht erzählen soll. eben so wenig werden wir zögern, die forderung als be - rechtigt anzuerkennen; unser gefühl werden auch die attischen dramen besonders ansprechen, welche ihr genügen, also z. b. Philoktet und Oedi - pus, Medeia und Ion. aber für die attische tragödie ist, wie wir gesehen haben, das dramatische accessorisch, und vollends die μίμησις πράξεως — δρώντων καὶ μὴ δι̕ ἀπαγγελίας sehen wir zwar von Richard III Othello Götz erfüllt: allein, wer auf das dramatische das höchste gewicht legt, dem haben erfahrungsgemäſs die nachahmungen der antike und diese selbst nicht genüge geleistet. nicht bloſs die Perser, auch die Sieben geben nicht die handlung, oder doch nur im reflexe, halb episch, halb lyrisch. Aischylos Εὐρώπη ἢ Κᾶρες65)Karer bilden den chor, weil sie für die totenklagen geeignet sind. daſs Sarpedon ihr fürst und nur nebenher der der Lykier ist, zeigt, daſs die ausbildung der sage milesisch ist, wohin die verbindung des Sarpedon mit Kreta auch weist: denn das hinterland von Milet ist karisch. können wir uns nach dem pro - loge und der zu grunde liegenden homerischen episode ganz wol vor - stellen, die sorge der mutter um den fernen sohn, den barbarenchor, dem die fremdartige wilde klage geziemt, einen botenbericht, der das Π nacherzählt, Schlaf und Tod mit der leiche Sarpedons, die errichtung des schon von Homer erwähnten grabmals: ein herzzerreiſsendes bild des mutterschmerzes und der früh gebrochenen menschenblüte, versöhnt durch den ewigen ruhm der mannesehre, die im grabe des Aresgefällten das leben hat, ein abbild der empfindungen, welche die Erechtheiden haben mochten, als sie den leichenstein CIA I 433 errichteten: das gibt eine echte attische tragödie, aber ob es ein wirkliches drama gibt, ist mir selbst zweifelhaft. der unterschied zwischen dem abstract von uns geforderten und dem concret in Athen erkannten und erstrebten ist in diesem punkte besonders augenfällig. wir erleben ja aber auch, daſs das dramatische109Die aristotelische definition.übertrieben wird, das sinnfällige allein als handlung erscheint, und ein flachkopf dem Tasso mangel an handlung vorwerfen darf, während anderer - seits für die sitte der botenreden im attischen drama, die doch lediglich aus seiner herkunft erklärt werden darf, eine aesthetische rechtfertigung erkünstelt wird.
Immerhin liegt hier nicht der hauptunterschied, der das attische drama von dem aristotelischen scheidet. aber er fährt fort δι̕ ἐλέου καὶ φόβου περαίνουσα τὴν τῶν τοιούτων παϑημάτων κάϑαρσιν. und dieses kleinod der aristotelischen lehre können wir nicht brauchen, mag es auch das unschätzbarste sein. man kann doch darüber keine worte verlieren, daſs eine kathartische wirkung weder Aischylos erstrebt noch die Athener erwartet haben. mag der philosoph auch noch so scharf und fein die wirkung beobachtet haben, welche eine tragödie auf das publicum oder auch auf ihn bei einsamem lesen ausübte: diese wirkung war den dichtern und ihrem volke unbewuſst. der dichter, der für den festtag ein spiel lieferte, für das ihm bestimmte bedingungen gestellt waren, wollte gewiſs höheres als beklatscht und bekränzt werden; ge - wiſs wollte er sein volk lehren und erbauen: aber das lag in seinem berufe als dichter, nicht als tragiker. und das volk erwartete und erfuhr die wirkung der poesie als solcher: was es von der tragödie als solcher forderte, das lag in deren äuſserem anlaſs, den Aristoteles (mit recht für seinen absoluten standpunkt) nicht berücksichtigt, wol aber wir aufzu - nehmen haben. die tragödie ist ein teil des dionysischen gottesdienstes. nun liegt am tage, daſs die besten tragödien im tiefsten sinne erbaulich wirken: aber dem dionysischen dienste darf man das nicht zurechnen, denn dieser verlangt ja nicht nur auch das satyrspiel, sondern er hatte sich mit diesem lange begnügt, ohne etwas im ernsten sinne erbauliches zu fordern. um so weniger darf diese wirkung in die definition der tragödie eingang finden.
An sich betrachtet ist in der kunstlehre des Aristoteles ohne zweifel die volle gröſse des unerbittlichen menschenkenners zu bewundern, und wer mag sich nicht gern daran erquicken, wenn er die hochmodernen sich mit dem probleme des wolgefallens an tragischen gegenständen ver - gebens quälen sieht. wie sollte nicht bedeutende wahrheit in dem liegen, worin Aristoteles und Goethe sich zusammenfinden? aber das sollte man sich eingestehen, daſs die κάϑαρσις für das drama nicht artbe - stimmend sein kann, und selbst wenn man die affecte, durch welche das drama wirkt, als artbildend anerkennen wollte, so würde das unselige par furcht und mitleid recht unzureichend bleiben. für uns gewiſs; denn110Was ist eine attische tragödie?wirkt etwa z. b. Calderons Andacht zum kreuze nicht kathartisch, tragisch selbst auf den, dem eine solche religion widerwärtig und entsetzlich ist? der affect aber, durch den sie wirkt, ist doch wol weder ἔλεος noch φόβος sondern devocion. der Prinz von Homburg schlieſst mit einer scene überwältigenden jubels, und selbst der leser in stiller kammer stimmt laut in den schluſsruf ein “in staub mit allen feinden Branden - burgs”: der affect, der sich da entlädt, ist doch wol von furcht und mitleid sehr weit entfernt, ist patriotismus. nun mag Aristoteles ent - schuldigt sein, denn er hatte für religiöse hingabe nicht viel mitgefühl, und patriotismus kannte der heimatlose nicht. aber die alten Athener hatten beides, und in den Eumeniden weht der echte fromme glaube an die gerechtigkeit und das erbarmen der gottheit und der echte stolz auf das herrlichste vaterland. also ist die beschränkung auf jene zwei affecte zu eng. und doch ist noch schlimmer, was durch die einseitige hervor - hebung derselben bewirkt wird. natürlich findet Aristoteles den dichter und das gedicht am besten, welche diese affecte am stärksten spielen lassen. unvermeidlich ist, daſs ihm ein ‘tragischer’ ausgang mindestens vorzüglicher erscheint, wobei denn Eumeniden und Philoktet und Iphi - genie und Prinz von Homburg übel fahren müssen. und wenn die dichter und das publicum erst dahinter kommen, daſs die wirkung eine patho - logische sein soll, so wird eine verrohung der empfindung unvermeidlich sein, weil die reizungen immer stärker werden müssen. diese definition führt zu Seneca; und wenn nur Shakespeare nicht so oft in diesem sinne ‘tragisch’ wäre. aber auch in der nötigen verallgemeinerung von der tragödie auf die kunst überhaupt streift die aristotelische kunstlehre an das philistergefühl, daſs man in’s theater gehe, um sich aus der misere des tageslebens auf ein par stunden dadurch zu entrücken, daſs man sich recht ausweint oder auslacht; das bekommt gut; man geht am andern morgen frischer in die tretmühle. es ist auch hier etwas von der frömmig - keit am sonntagvormittag für die ganze woche. wenn Goethe vor der meduse Rondanini die menschheit höher fühlt, Schiller meint, nie ganz unglücklich werden zu können, seit er die Leichenspiele des Patroklos gelesen hat, so ist das doch wol mehr: was wir für das leben dem ver - danken, daſs wir den Faust besitzen, täglich und stündlich bewuſst und unbewuſst unter seiner wirkung stehen; die lebenserfahrung, die darin liegt, daſs einmal das groſse auge des einen stoischen gottes aus der kuppel des Pantheons oder das bunte göttergewimmel der Christen in S. Maria della Arena auf uns niedergeschaut hat, das ist etwas höheres als eine ein - malige pathologische wirkung, die etwa nur im gedächtnis lebte: was man111Die aristotelische definition.empfindet ist nicht pathologisch sondern moralisch, ist keine κάϑαρσις sondern eine reinigung. aber das gehört nicht hierher; oder doch nur so weit, als die Athener im gegensatze zu Aristoteles von ihren dichtern, weil sie dichter waren, et delectare et prodesse verlangt haben. und wenn es ein ruhm sein sollte, daſs Aristoteles die moralische wirkung nicht an - erkennt, so hat er das erreicht, weil er nicht mehr hellenisch empfand.
Wie wenig er das tat, zeigt sich am stärksten darin, was seine defi - nition vermissen läſst, obwol es das wichtigste ist: er ignorirt die sage. das beispiel, das er an der Iphigeneiafabel gibt (17), zeigt, daſs er sich die tätigkeit des dichters wirklich etwa so vorstellt, wie Raffaels handzeich - nungen es für den maler beweisen. erst wird das allgemein menschliche motiv in seiner natürlichen naktheit durchgeführt, dann erst findet die bekleidung mit den sagenhaften namen statt. die tatsache, daſs gleichwol die tragiker keine erfundenen stoffe behandeln, ist Aristoteles unbequem; mit wolgefallen notirt er eine ausnahme, obwol Agathon weder nach - haltigen beifall noch nachahmung gefunden hatte. endlich hilft er sich damit, daſs das publicum auf wahrscheinlichkeit halte und diese doch vorhanden sein müsse, wenn die geschichten wirklich passirt sind. also die sage hat nur als geschichtliche wirklichkeit bedeutung. nun lehrt aber Aristoteles selbst, daſs die wirklichkeit unpoetisch ist, muſs sich also damit helfen, daſs doch unter dem was passirt auch einzelnes ist, das der anforderung des poetischen (οἷον ἂν γένοιτο) entspricht, wofür ihm eine bestätigung ist, daſs zu seiner zeit nur noch eine beschränkte zahl von sagenstoffen wieder und wieder bearbeitet wurden. wer wollte leugnen, daſs Aristoteles auch hier nur sagt was er empfindet und zu empfinden ein recht hat. denn für ihn war die sage tot, so daſs er sie weder als lebendige macht anerkennen noch, wie Platon, bekämpfen mochte. wenn ein bedeutender tragiker noch erstanden wäre, so hätte er jedenfalls die heldensage aufgegeben und in das menschenleben der gegen - wart hineingegriffen; dabei würde dann freilich die scheidelinie zwischen tragödie und komödie durchbrochen worden sein und ein ganz neues ‘drama’ entstanden. aber das hat Aristoteles nicht geahnt: nicht er hat Shakespeare prophezeit, sondern Platon. er hat der folgezeit die richtige directive nicht gegeben, sondern ist in den formen einer innerlich über - wundenen poesie stecken geblieben. und geschichtlich verstanden hat der die alte groſse attische tragödie wahrhaftig auch nicht, der ihren inhalt ignorirt. es ist in der poetik wie in der politik, wo er weder der groſsen vergangenheit, dem attischen Reiche, noch der groſsen zukunft, dem reiche Alexanders gerecht zu werden versteht, vielmehr in der misere112Was ist eine attische tragödie?der kleinstadt und der dafür geeigneten gesellschaftsordnung verharrt, welche von der speculation und von der geschichte in wahrheit längst überwunden war.
Endlos und nutzlos würde es sein die modernen definitionen des dramas mit der des attischen zu vergleichen, welche die geschichte gibt; das οἷον ἂν γένοιτο ist philosophischer, aber es ist mit dem οἷον ἦν incommensurabel. nur einige consequenzen zu ziehen wird praktisch sein, weil gewisse vorurteile sich fest eingewurzelt haben, so daſs es nicht genügt gezeigt zu haben, daſs sie unkraut sind; sie müssen ausgerissen werden.
‘Tragisch’ braucht eine tragödie weder zu schlieſsen noch zu sein. nur die ernsthafte behandlung ist nötig. die peripatetiker, welche an dem ausgange des euripideischen Orestes und gar der sophokleischen Elektra anstoſs nehmen66)Orestes hypoth. und aus dieser schol. 1691, Alkest. hypoth. diese führt in einer handschrift (Laur. C) den autornamen Δικαιάρχου: das ist ganz unverständlich, wenn man es nicht auf diese aesthetische kritik bezieht. ebendaher der wertvolle litterar-historische traktat, der meist περὶ κωμῳδίας genannt wird, obwol er weiter greift und vermutlich auf die chrestomathie des Proklos zurückgeht; jetzt zu lesen in dem neudruck von Studemund Philol. 46, 13. die auszüge des Tzetzes hieraus haben nun kein anrecht auf beachtung mehr., sind durch Aristoteles auf einen holzweg ge - lockt. die Alkestis enthält gerade sehr rührende partien, sie soll und kann als tragödie gelten: aber sie schlägt in den zankscenen einen scherz - haften humoristischen ton an und führt Herakles als komische figur ein: dadurch wird sie dem satyrspiel angeähnelt, das ja aber die tragödie aus sich entwickelt hat, so daſs die grenze (wenn man von dem satyrchor absieht) keine feste ist.
Es ist die meinung verbreitet, daſs die attische tragödie erst allmäh - lich dazu fortgeschritten wäre, individuelle menschen zu schildern, nach - dem sie typen gebildet hätte, also z. b. Sophokles ‘den könig’ ‘die schwester’ ‘den greis’. das würde sehr seltsam sein, denn erst die abstraction findet solche typen, während die beobachtung nur individualitäten liefert. und daſs die bildende kunst lange zeit nur ‘mann’ und ‘weib’ gebildet hat, ehe sie Perikles und Lysimache bilden kann, zeigt nur den gegensatz der künste, der in ihrem wesen liegt. es würde aber auch schwer begreif - lich sein, daſs Sophokles nicht können sollte, was Homer schon zur voll - kommenheit geführt hat: Achilleus und Nausikaa sind wahrlich keine bloſsen typen. der gang der entwickelung ist umgekehrt. der jüngling schreibt Götz und Werther, die jedermann verständlich sind; Epimenides113Moderne vorurteile.und Natürliche tochter versteht nur, wer dem Goethe der aus Italien heimkehrt in das reich des typisch symbolischen zu folgen vermag. nun ist aber tatsächlich jener ansicht der boden entzogen: die tragiker em - pfamgen ihre gestalten von der sage, und die liefert ihnen nicht greis und schwester, sondern Oedipus und Antigone. und zugleich ist erklärt, wie jener irrtum entstehen konnte: figuren, welche die sage prägt, tragen allerdings nicht die zufälligkeiten eines modells an sich. vor allem aber wirkt verwirrend, daſs die tragischen gestalten für uns typisch geworden sind. wir mögen ja in Antigone die schwesterlichste der seelen be - wumdern, wobei wir das ὠμὸν γέννημα ἐξ ὠμοῦ πατρός vergessen. aber dazu hat sie die gewalt der sophokleischen poesie und der von jahr - humderten dieser zugestandene classische vorrang gemacht, und es ist nicht damit gleichzusetzen, was sie für Sophokles und seine zeit war. bei Seneca ruft die amme Medeas entsetzt ihre herrin an ‘Medea’, und diese antwortet fiam: für sich selbst ist sie das typische bild der kindesmörderin, die euripideische Medeia. wie sollte es erlaubt sein, Euripides selbst schon ähnlich empfinden zu lassen, als er diese Medeia erst schafft.
Es könnte nun freilich scheinen, als lieferte die sage zugleich mit dem stoffe die charaktere, und wenn die epischen dichter alle so viel vermocht hätten, wie die welche Nausikaa und den Achill der Litai ge - staltet haben, würde das auch zutreffen — in dem falle würde aber freilich auch die sage einer erneuerung durch die tragödie nicht bedurft haben. in der überwiegenden menge von epen war von so ausgeführter charakte - ristik nicht die rede; man denke nur an Hesiodos. schon der stoffreichtum der meisten gedichte schloſs das aus. ferner erhielt der tragiker auch durch die wielgestaltigkeit der sage die freiheit. Odysseus, der göttliche dulder des ionischen epos, war für die Dorer der verlogene Sisyphide; die Atreiden des epos waren heldenkönige, die Pleistheniden des Stesichoros waren frevler. mit ausnahme von ganz wenigen älteren schöpfungen hat tat - sächlich erst das drama die charaktertypen aus den heroen gemacht, als welche sie dann gegolten haben. wenn der peripatetiker lehrt sit Medea ferox invictaque, flebilis Ino, perfidus Ixion, Io vaga, tristis Orestes, so steht er zu den charakteren wie Aristoteles zu den mythen, aus deren reichster fülle er nur noch wenige praktisch verwertbar findet. die groſsen tragiker aber fühlten sich noch als freie herren, durften dies und jenes versuchen, gebunden weder an fremde noch an eigene charakteristik: gebunden nur an den μῦϑος, nicht an die ἤϑη. und wenn diese durch den μῦϑος bis zu einem gewissen grade vorgezeichnet erscheinen sollten, so genügt ein hinweis auf die Elektra des Sophokles und Euripides um zu lehren,v. Wilamowitz I. 8114Was ist eine attische tragödie?wie weit der freie spielraum war. die tragiker und ihre frische und kühne schaffenskraft stehen mitten inne zwischen dem conventionellen heroentum des epos und dem conventionellen heroentum, das die spätere zeit aus der tragödie selbst abstrahirt. und darum ist eine befreiung von diesen beiden fesseln für jeden nötig, der sie verstehen will. eben dieselben leute, welche über die typische stilisirung der tragödie klagen, reden dem Aristophanes die klagen über die bettelhaftigkeit euripideischer helden nach, die doch nur dadurch eingegeben sind, daſs das athenische durch - schnittspublicum, an die conventionelle epische stilisirung gewöhnt, es unschicklich fand, daſs könig Telephos sich trug und betrug wie ein armer reisender von dazumal. die wahre kunst ist immer anachronistisch und läſst ihre geschöpfe fühlen reden und sich tragen, wie sie es im leben kennt, und sie lebt darum im widerstreite sowol mit dem conventionellen stile, den sie überkommt, wie mit der trägkeit der denkfaulen zeitgenossen. wer dem dichter gerecht werden will, wird ihn auf kosten des conven - tionellen erheben. für unsere anschauung ist es ein greulicher zopf, daſs die classische tragödie Frankreichs nur könige oder doch standespersonen als helden duldet und kein schnupftuch auf der bühne nennen kann: aber ihre dichter sind dichter, weil Andromache eine vollblutfranzösin ist und Mahomet der verbrecherische betrüger, den sich die aufklärung allein als religionsstifter denken kann. eine ähnliche abstraction von dem conven - tionellen costüm fordert auch die attische tragödie. ohne zweifel sind in Euripides Orestes die personen ziemlich alle lumpen, wie die peripatetiker klagen, aber deshalb ist das drama mit nichten schlecht. hier zeichnet Euri - pides Helene als coquette weltdame und Menelaos als einen schwachmütigen aber nicht bösartigen egoisten. ein par jahre zuvor war in der Helene der - selbe als ein sentimentaler, wenig gescheiter aber im entscheidenden augen - blicke entschluſsfähiger mann, Helene als eine etwas verblühte tugendrose neben dem polternden barbarischen dummkopf Theoklymenos eingeführt. daſs dies verfahren dem wesen der sage gewalt antat, und so der greise dichter selbst den beweis lieferte, daſs die tragödie ihre existenzberechtigung verloren hatte, ist unbestreitbar: aber die bewuſst geübte fähigkeit der in - dividuellsten charakterzeichnung liegt zu tage. und ist etwa die aulische Iphigeneia und ihr Achilleus, ist die verliebte Andromeda, ist Pentheus im gröſsenwahnsinn nicht für alle zeiten damals charakterisirt, und ist die flebilis Ino, die Medea ferox und auch die schwesterlichste Antigone, der redliche Neoptolemos auf anderm wege als durch die dichterwillkür der tragiker geschaffen?
Weil die dichter noch aus eigner machtvollkommenheit die ἤϑη115Moderne vorurteile.schufen, hatten sie auch allein die möglichkeit, einen charakter sich ent - wickeln zu lassen. nicht bloſs die Klytaimnestra des Aischylos tut es, da sie in drei dramen hinter einander auftritt: Medeia sehen wir zur ver - brecherin werden, Phaidra, Hekabe, Kreusa sind vollkommene gemälde psychischer krankheiten. daſs Bellerophontes die tragödie der menschen - feindschaft war, können wir nur noch ahnen: Herakles aber zeigt uns die krankheit und die heilung zugleich. das war nicht mehr möglich, als die tragischen personen wirklich zu typen geworden waren: Seneca lehrt es genugsam, und hat doch auch eine Medea und Phaedra gedichtet. das ward aber schon viel früher weder verstanden noch geschätzt. der fluch des menandrischen lustspiels ist es, daſs es χαρακτῆρες gibt wie Theophrastos sie gezeichnet hatte — ob sie anonym blieben oder Philon und Chremes hieſsen, macht wahrlich keinen unterschied. und schon bei Aristoteles sehen wir, daſs er so gröblich sich versehen kann, die aulische Iphigeneia zu tadeln, weil sie nicht entweder lediglich als schlachtopfer weint, oder als heldenjungfrau mutvolle reden hält. es war nur eine con - sequenz davon, daſs seine schüler der Medeia die regungen der liebe zu ihren kindern verübelten67)Hypothes. und schol. 922..
In diesen dingen sehen wir die freiheit der dichter gegenüber der sage, die unvergessen bleiben muſs, zumal wenn man der sage endlich das ihre gibt. aus den charakteren wird die handlung motivirt: die hand - lung aber war gegeben, also auch der ausgang. da wird die moral for - dern, daſs der dichter so motivire, daſs die poetische gerechtigkeit be - friedigt wird. und wirklich hört man oft, daſs die antike tragödie, wenn sie auch sonst ein überwundener standpunkt wäre, in groſsartiger naivetät schuld und strafe in ihrer unerbittlichen verkettung darstellte. Schiller hielt seine Braut von Messina doch wol für eine tragödie in antikem sinne, und in ihr soll ja die schuld, der übel gröſstes, böses fortzeugend bis zum allgemeinen untergange dargestellt sein. derselbe Schiller hat auch mindestens mit verschuldet, daſs die Athener in den geruch des fatalismus geraten sind. in der ersten classe der mädchenschule, in den aesthe - tisch-kritischen ergüssen der monatsschriften, also dort wo man im vollbesitze der allgemeinen bildung ist, auch in poetiken, die sich an diese kreise wenden, ist es eine ziemlich ausgemachte sache, daſs Sophokles und Müllner schicksalstragödien verfaſst haben. und ganz besonders weiden sich die christlichen von heute, schwarze wie graue, daran, daſs die blinden heiden ein recht blindes schicksal geglaubt hätten, das den menschen sünde8*116Was ist eine attische tragödie?tun lieſs, die er nicht verschuldete, und ihn dann strafte für taten, die er nicht auf dem gewissen hatte. die sprünge mittelst deren man das blinde schicksal neben der verkettung von schuld und strafe halten zu können vermeint, brauchen nicht vorgeführt zu werden. es liegt ja auf der hand, daſs beides sich ausschlieſst und eines so falsch wie das andere ist, in wahrheit nichts als eine gedankenlose verallgemeinerung des eindrucks, den einerseits die Orestie, andererseits der Oedipus macht. auch das liegt am tage, daſs hier ein maſsstab angelegt ist, den die Hellenen gar nicht gekannt haben. die antike theorie des dramas hat niemals an solche dinge gedacht noch denken können, zumal mit Aristoteles ist es alles ganz unvereinbar, und gar den Athenern des 5. jahrhunderts den glauben an ein blindes schicksal, den kalten faulen determinismus, zuzutrauen ist schlimmer als lächerlich. die Athener erzeugten ja damals die Sokratik. und was würde Sokrates dem prediger des unfreien willens anders sagen, als ‘das ist weibergerede’. Shakespeare nicht anders. ‘ist’s mein schicksal, gut, ist’s nicht, auch gut’ so redet sein frauenschneider Schwächlich. das problem der willensfreiheit liegt dem 5. jahrhundert ganz fern, dessen philosophisches interesse vielmehr dem erkenntnis - theoretischen probleme zugewandt ist. und auch die ethik fragt zunächst nach der berechtigung der wertschätzung moralischer handlungen. es wäre schlimm, wenn man an die absurdität dieses modernen geschwätzes noch mehr worte verlieren sollte: philosophie geschichte poesie sträuben sich gleichermaſsen dagegen.
Gewiſs, die tragödie ist ein weltbild, und sie schildert die menschen in ihrem handeln und leiden. also muſs sie bewuſst oder unbewuſst die ewigen probleme der menschlichen verantwortlichkeit und der göttlichen gerechtigkeit behandeln. aber da das leben fortwährend sowol für wie gegen den determinismus, für wie gegen die theodicee zu zeugen scheint, wird auch sein abbild diese widersprüche zeigen. und da auch die einzelnen dichter bewuſst oder unbewuſst zu diesen problemen stellung nehmen müssen, werden ihre werke so oder so eine antwort geben. anders wird aus Aischylos der glaube an einen allgütigen weltenherrscher reden als die protagoreische sophistik aus Euripides. aber das ist die individuelle sache der dichter. sie lehren ihr volk was sie ihr herz heiſst. mit ihrem dichter - berufe oder gar mit der dichtgattung, deren sie sich bedienen, hat der in - halt ihrer lehre nicht das mindeste zu tun. wir mögen immerhin urteilen, daſs die höchste und herrlichste tat des dichters erst die sein wird, welche im menschengeschicke den triumph der idee des guten so zu offenbaren weiſs, wie es Aischylos vermocht hat. wir mögen recht haben, wenn117Moderne vorurteile.ums die hehre weihe, die das ende des Oedipus verklärt, teurer ist als das herzzerreiſsende bild des geblendeten, der vergeblich um den tod bittet. allein der dichter der mit gleicher glaubenswahrheit die grellsten disharmo - nieen ertönen läſst, die der menschen wollen und sollen und können, der menschen streben und gelingen durchziehen, hat das gleiche recht, und auch er erfüllt seinen erhabenen dichterberuf. vollends die s. g. poetische gerechtigkeit ist ja überhaupt nur für den pöbel da, der den schluſs des Lear nicht verträgt, Hamlet auf den thron führt, und die Wahlverwandt - schaften unmoralisch, Kain gotteslästerlich findet. dieser pöbel existirt für die attischen tragiker so wenig wie für Shakespeare und Byron. was Euripides hinter mehrere dramen als schluſswort gesetzt hat, könnte hinter jedem attischen, hinter jedem drama von Shakespeare stehen:
πολλαὶ μορφαὶ τῶν δαιμονίων, πολλὰ δ̕ ἀέλπτως κραίνουσι ϑεοί. καὶ τὰ δοκηϑέντ̕ οὐκ ἐτελέσϑη, τῶν δ̕ ἀδοκήτων πόρον ηὗρε ϑεός· τοιόνδ̕ ἀπέβη τόδε πρᾶγμα.
man hat das trivial genannt. sei dem so. sei es etwas höheres, wenn das drama lehrt, daſs das schicksal mit dem menschen spielt wie die katze mit der maus, oder daſs der gott dem menschen neidisch sein glück nicht gönnt, oder daſs er wenigstens in jedem funften acte die zeche macht und jeden so viel zahlen läſst wie er auf dem kerbholz hat — das attische drama gehen alle diese schönen sachen darum doch nichts an. der dichter beabsichtigt auch nicht zu zeigen, wie sich zwei widerstreitende gewalten zerreiben wie zwei mühlsteine, noch will er sein publicum zu einer woltätigen entladung vom furcht und mitleid sollicitiren: er beansprucht nur, eine merkwürdige geschichte dargestellt zu haben. Theophrastos war nicht geistreich, die rechte famulusnatur war er neben Aristoteles, aber wenn er es ist (wie er es wol sein wird), der die tragödie ἡρωικῆς τύχης περίστασις genannt hat, im gegensatze zu der ἰδιωτικῶν πραγμάτων ἀκίνδυνος περιοχ〈…〉〈…〉, der komödie (Diomedes p. 488 K.), so ist das trotz einiger trivialität gar nicht so übel, und namentlich würde es die modernen von den irrgängen tieff - und scharfsinniger construction auf das geschichtliche object haben zurückleiten können.
Indessen auch alle diese irrtümer wollen wir nicht bloſs abweisen, son - dern auch erklären. auch sie kommen daher, daſs man der sage vergaſs, welche in die gedichte zumal der greise Euripides und Sophokles aller - dings befremdliche disharmonien hineingetragen hat. weil die sage die tatsachen gibt (und so sieht sie ja selbst Aristoteles an), hat der dichter118Was ist eine attische tragödie?ausgangspunkt und ziel, wenigstens in den meisten fällen, und aus sich findet er nur den weg. auch dem publicum ist der ausgang bekannt: über - raschungen im fünften acte kann die attische tragödie nicht wol geben; die ‘spannung’ der zuschauer in der rohen weise, wie sie ein dutzendroman zu erregen sucht, kann sie gar nicht ermöglichen. nun treiben es die dichter aber nicht selten so, daſs sie die handlung einen weg führen, der der wahrscheinlichkeit nach nicht zu dem unvermeidlichen ziele führen kann. das muſs dann also gewaltsam erreicht werden, denn der ausgang ist ja eine notorische tatsache, und so rufen sie das schicksal an, das in wahrheit nur ein ausdruck für den zwang der sage ist, der auf dem dichter liegt. er hilft sich mit diesem deus ex machina aus der verlegen - heit, und die einführung des wirklichen maschinengottes ist im grunde nur das eingeständnis dieser verlegenheit. sein aufkommen ist freilich ein beweis dafür daſs die dichter die harmonie mit der sage verloren haben, und also ein symptom des baldigen endes für die nicht mehr inner - lich berechtigte tragödie. aber mit den metaphysischen überzeugungen oder gar der religion der dichter hat er nichts zu tun, geschweige mit der ihres volkes68)Mitgewirkt hat zu dem modernen glauben an die schicksalstragödie die vorliebe, welche Sophokles für orakel hat, eine manier, die noch viel tiefer in die ökonomie des dramas eingreift als der maschinengott. der moderne kann in den orakeln natürlich keine hinreichende motivirung der ereignisse und höchstens rohe willkür des gottes sehen. Sophokles, auch hierin mit Herodot einer meinung, hat aber ohne zweifel an orakel geglaubt und, auch wenn er sie erfand, durchaus wahr - scheinlich zu erfinden gemeint. für den gläubigen sind das tatsachen, die er so gut wie alle andern mit seiner weltanschaung in einklang bringen muſs und wird, wie auch immer diese sonst beschaffen ist..
Häufig fragen die leute auch, wie es denn zugehe, daſs die Griechen keine historische tragödie gehabt hätten; denn die tastenden versuche der ältesten zeit, zu welchen die analogie der chorischen lyrik verführte, hat man ja rasch und entschieden aufgegeben. die frage selbst zeigt, wie wenig die grundbegriffe erkannt sind. die Griechen haben ja in wahrheit nur historische tragödien gehabt: selbst Aristoteles hält ja die sage für geschichte. was man mit jenem verkehrten worte wirklich fragt, ist nur das, warum haben die Athener nicht die gegenwart oder die nur novellistisch verarbeitete jüngste periode, die freilich damals schon nach jahrhunderten zählte, für die tragödie verarbeitet, also z. b. warum hat Sophokles nicht einen Periandros oder Kroisos nach Herodot gedichtet. und auch hier ist die antwort gegeben: die tragödie bearbeitet eben die heldensage, weil sie die erbin des epos ist. weshalb die helden -119Moderne vorurteile.sage sich auf jenen engen kreis beschränkte, ist oben ausgeführt; der grund hat für die tragödie keine bedeutung mehr, aber sie stand vor der ge - gebenen tatsache. sie vermochte wol hie und da jenen kreis zu erweitern, und das hat sie redlich getan, allein sie hätte sich selbst aufgeben müssen, wenn sie mit der heldensage gebrochen hätte. noch in seinem letzten lebensjahre hat Euripides dafür den schlagendsten beleg geliefert. er wollte Archelaos von Makedonien verherrlichen: aber er tat dies, indem er ihm einen heroischen ahn gab, der sich wenigstens an die Herakliden - geschichte angliedern konnte.
So führt eine jede betrachtung zuletzt auf das verhältnis der tragödie zur sage zurück. darin liegt die wurzel ihres wesens, daher stammen ihre besondern vorzüge und schwächen, darin liegt der unterschied der attischen tragödie von jeder andern dramatischen poesie, die seitdem gekommen ist, wahrscheinlich auch, die kommen wird. es ist eine tor - heit den vorzug der classicität für die dramen Athens zu fordern, eine torheit aus ihnen den begriff des dramatischen abzuleiten, eine torheit be - streiten zu wollen, daſs die letzten drei jahrhunderte gedichte erzeugt haben, welche den attischen gedichten gleichwertig sind. allein die attische tragödie im ganzen ist allerdings mehr als die dramatische poesie irgend einer anderen zeit, denn sie ist nicht nur die letzte erhabene poesie, die die Hellenen hervorbringen, und es dauert anderthalb jahrtausende, bis in Dante etwas vergleichbares auf erden entsteht: es redet durch sie das fühlen und denken eines ganzen volkes, und die zeit, wo sie blüht, ist ihres volkes blüte. die ganze geschichtliche entwickelung der Hellenen strebt auf diese zeit zu, die ganze entwickelung der hellenischen poesie strebt auf die tragödie zu. somit ist sie nicht nur ein geschichtliches object von ganz einziger bedeutung, sondern es wird auch jede theore - tische untersuchung nicht bloſs der dramatischen sondern überhaupt aller poesie jämmerliches stückwerk sein, wenn sie nicht die attische tragödie verstanden hat. das kann sie nicht aus sich, würde sie selbst beim besten willen nicht können. die philologie aber verwirkt das recht, kenntnis - lose hoffart und flache geistreichigkeit zurückzuweisen, wenn sie nicht ihre pflicht erfüllt und das rechte, das geschichtliche verständnis der philosophischen betrachtung übermittelt, auf daſs diese dann in voller freiheit damit schalte. weil er (wie zu unterschiedlichen anderen schätzen) zur attischen tragödie allein die schlüssel führt, werden poesie und philo - sophie in alle ewigkeit des philologen nicht entraten können.
Das fünfte jahrhundert macht in allen stücken der archaischen cultur ein ende und legt den grund zu der modernen. auch das buch ist seine schöpfung: und die attische tragödie, ihrem wesen nach von einem buch - drama so entfernt wie keine andere, hat den anstoſs zu der erschaffung des buches gegeben. die ersten wirklichen bücher sind die attischen tragödien gewesen.
Die pflege des epos und im anschlusse daran die der elegie und des iambos hatte in den händen eines standes gelegen, der von ihrem vertriebe lebte. die rhapsoden besaſsen natürlich textbücher, aber sie trugen aus dem gedächtnis vor, und das publicum genoſs die poesie aus - schlieſslich mit dem ohre. als diese poesie der hauptgegenstand des schulunterrichts ward, brauchte der lehrer (γραμματιστής und κιϑα - ριστής) ein hilfsbuch für sein gedächtnis; der schüler schrieb sich seine bücher selbst. es lag die möglichkeit vor, daſs ein liebhaber sich eine büchersammlung zusammen schrieb oder schreiben lieſs; die im einzelnen unbeglaubigten bibliotheksgründungen von Peisistratos und Polykrates sind an sich ganz glaublich. ein gelehrter dichter wie Pindaros muſs eine stattliche sammlung von schriftwerken gehabt haben, da er sie für sein handwerk brauchte: es sind das aber auch für ihn nur ‘hilfsmittel für das gedächtnis’, ὑπομνήματα. bücher sind sie nicht, so wenig wie die acten in den staatlichen oder privaten archiven, die abschriften von gesetzen, orakelsprüchen, chroniken. es fehlt der act der publication, das lesepublicum, der buchhändlerische vertrieb. lesepublicum und act der publication sind vorhanden für die gesetze und die sonstigen öffent - lichen verordnungen und bekanntmachungen, die auf den märkten, an den straſsen, in den heiligtümern, wenn sie dauernde geltung haben, auf erz oder stein, wenn sie vergängliche bedeutung haben, auf holz geschrieben121Die tragödie ein buch.stehn: in gewissem sinne sind das ‘bücher’ oder können dazu werden, und wol mag man die gesetze Solons in dem sinne das älteste attische buch nennen wie die XII tafeln das älteste römische. aber diese bücher bestehen nur in einem exemplare oder doch in wenigen, wie der be - sondere zweck sie erheischt; vertragsurkunden werden z. b. bei jedem paciscirenden teile und zuweilen noch an stätten, die allen gleich heilig sind, aufgestellt; die hypothekensteine stehen auf jedem acker, den die hypothek belastet, u. dgl. aber diese ausfertigungen sind alle originale. abschriften können sich in den händen von privaten befinden, werden es häufig tun, tragen aber alle nur den charakter von ὑπομνήματα.
Die gedichte der lyriker waren noch viel mehr als das epos an das lebendige wort gebunden, und gerade die wichtigsten und umfangreichsten, die chorischen, waren zumeist gelegenheitsgedichte. ob sie sich länger erhielten, hieng von dem beifall ab, den sie fanden. nun schrieb sie freilich der dichter nieder, schon weil er sie oft in die ferne verschickte, und der chormeister, der sie einstudirte, brauchte wie der rhapsode ein ὑπόμνημα. wenn ein heiligtum sich für bestimmte feste ein solches gedicht hatte machen lassen, so gehörte eine abschrift zu den acten. es gab ferner auch gilden von sängern und tänzern, welche nicht ohne einen schatz von gesängen, die sie zur verfügung hatten, denkbar sind. auch in den schulunterricht traten die lieder sehr früh ein — es wieder - holen sich also dieselben erscheinungen wie bei dem epos. hinzu tritt nur, daſs auch die sangweise zu überliefern war. für diese muſs es somit irgend eine gedächtnishilfe auch gegeben haben. allein noch viel mehr als die worte muſste sich die musik in den fachmännischen kreisen halten, und in wie weit ihre überlieferung eine vollständige war oder nur andeutungen gab, läſst sich nicht sagen. die modernen, welche so reden als ob nicht nur sie partituren von Klonas und Sakadas gelesen hätten, sondern als ob es deren je gegeben hätte, lassen ihre durch keine geschichtliche kritik gezügelte phantasie spielen. im übrigen ist selbst - verständlich, daſs man später, als man die gedichte von Pindaros Simonides Sappho buchmäſsig vertrieb, lediglich das interesse des lesepublicums im auge hatte, das diese gedichte nicht mehr sang: also damals muſste die bezeichnung der melodie, so weit sie bestanden hatte, notwendig als ein unnützer ballast fortgeworfen werden.
Ein philosoph oder sonst ein weiser mann des 6. jahrhunderts war auf die poesie und ihren rhapsodischen vertrieb angewiesen gewesen, wenn er auf das publicum wirken wollte. so haben es nachweislich Xenophanes und noch Empedokles gehalten, in keiner weise anders als122Geschichte des tragikertextes.die theologen, nur daſs diese die mythischen namen Orpheus Epimenides Musaios vorschoben. die Ionier, welche diesen weg verschmähten, schrieben in prosa; aber bücher schrieben sie nicht. sie zeichneten ihren λόγος auf, legten ihre ἱστορίη dar: das waren ὑπομνήματα, mochten sie auch eine so feste form gewonnen haben wie die gesetze des staates. denn zunächst berechnet waren diese aufzeichnungen, abgesehen von der be - friedigung des eignen triebes zu schaffen und zu gestalten, auf den kreis der γνώριμοι und ἑταῖροι. diesen trugen die schriftsteller teile oder auch das ganze vor, gaben sie es zu lesen und abzuschreiben. aber was sie ihnen mitteilten war der λόγος und die ἱστορίη, nicht das buch als solches. die schrift blieb auch hier nur unterstützung des gedächtnisses: die verwendung welche solche bücher in Platons Theaetet finden, illus - trirt das am besten. wenn die schüler dann in die ferne zogen oder den meister beerbten, so konnten sie die originale schrift im ganzen oder in teilen erhalten wie sie war, sie konnten sie ebensogut umarbeiten, so daſs es ihr λόγος ward, und so weiter geben. so wenig wie der begriff des geistigen eigentums, den die bettelarmut der modernen schriftsteller so hoch hält, existirte der moderne begriff des buches. die schriftmasse, die nach Hippokrates, und sogar noch die welche nach Aristoteles heiſst, versteht niemand, ehe er von diesen uns selbstverständlichen begriffen ab - strahirt hat. die sophistik erzeugt sich dann ihr organ, den epideik - tischen vortrag, eine neue rhapsodik, und auch dafür gibt es ὑπομνήματα der vortragenden wie der hörer. ein Euthydemos brauchte einen schatz von sophistischen kunststückchen so gut wie der seher einen schatz von sprüchen, der parasit einen von anekdoten1)Isokrates aegin. 5. ein seher hinterläſst einem freunde auſser einem legate τὰς βίβλους τὰς περὶ μαντικῆς. das wiederholt sich dann bei den wanderpredigern des christentums, 2 Timoth. 4, 13, Usener Weihnachtsfest 94. der Gelasimus des plautinischen (menandrischen) Stichus will die bücher seiner kunst verkaufen und präparirt sich dann daraus. der Saturio des Persa (392) hat einen kasten voll bücher und will einem mädchen 600 echt attische witze daraus zur aussteuer geben., und der hörer besaſs gern schwarz auf weiſs, wofür er schweres geld erlegt hatte. auch für diese sorte von schriftwesen liefert die hippokratische sammlung die besten be - lege: consistenz und dauerhaftigkeit gewinnt aber selbst die geschriebene rede erst durch die entstehung des buches, also erst in Athen im gefolge der tragödie.
In der tragödie entstand mit wunderbarer schnelligkeit eine neue überaus reiche poesie, die das epos in jeder hinsicht ersetzen konnte. aber jedes einzelne werk war wie alle chorische poesie nur auf eine vorführung123Die tragödie ein buch.berechnet, und die gelegenheiten zu einer wiederholung waren zuerst gar nicht vorhanden, später kümmerlich. der umfang der gedichte schloſs die bewältigung durch das gedächtnis aus, zumal jedes jahr neues gleich - wertiges brachte. auch ward Athen zwar von tag zu tag mehr die geistige hauptstadt, aber längst nicht jeder, der an der tragischen poesie anteil nehmen wollte, konnte die attischen aufführungen besuchen. den Homer kannte ein um 500 geborner aus der schule, den Theognis und einiges von Stesichoros auch: von Simonides dies oder jenes kennen zu lernen, fand sich wol die gelegenheit. es war nicht so viel was die litteratur der letzten zeiten erzeugt hatte: aber nun, die fülle von tragödien — es gab kein anderes mittel sie kennen zu lernen als die lectüre: das buch war für das publicum ein bedürfnis. die dichter aber erhoben den an - spruch die lehrer des ganzen volkes zu sein, sehr viel bewuſster als Homer, sehr viel mehr ins weite als Pindar. durch die einmalige aufführung konnten sie die gewollte wirkung nicht ausüben; es lag also auch für sie das bedürfnis vor dauernd mit dem publicum zu verkehren, durch das buch zu wirken. und die centralisirung des geistigen lebens fiel mit dem wirtschaftlichen aufschwunge Athens zusammen, so daſs die mög - lichkeit für einen buchhandel gegeben war. all das führte mit notwendig - keit zur veröffentlichung des dramas durch den dichter für die lectüre.
Von einem buchhandel, dem exporte von büchern, dem vertriebe auf dem attischen bazar hören wir durch allbekannte schriftstellen seit dem ende des 5. jahrhunderts. daſs die werke der tragiker in den händen des publicums vorauszusetzen sind, sagt ausdrücklich Aristophanes auch erst in den Fröschen (1113), aber seine polemik lehrt seit den Acharnern, daſs das publicum so vollkommen mit den werken der zeitgenössischen dichter2)Aischylos war damals doch schon etwas mehr verblaſst. er wird von Aristo - phanes Vög. 807, Thesm. 134, Lys. 188 mit nennung des namens citirt. auch be - nutzen die Frösche einen verhältnismäſsig beschränkten kreis von dramen. vertraut ist, wie es nur die lectüre ermöglicht.
Es tritt aber auch das drama wirklich als buch auf. vorab hat es einen titel, den ihm sein verfasser gegeben hat. dazu ist es freilich ge - kommen, weil die anmeldung bei dem archon, der den chor zu vergeben hatte, auch wol die ankündigung des chores beim proagon oder auch agon einen namen forderte. aber erst jetzt gibt es wirklich einen titel. die epischen gedichte haben ihn erst lange nachdem sie bestanden erhalten, zum teil so zufällig wie Κύπρια, Ναυπάκτια (ἔπη), so wenig bezeichnend wie Ἰλιὰς (ποίησις), so ungeschickt wie Ἔργα καὶ Ἡμέραι. die lyrischen gedichte haben keinen individualnamen: denn wo ein solcher bei den124Geschichte des tragikertextes.grammatikern erscheint, tritt ein bescheidenes buchzählen daneben auf. so geschieht es mit den gedichten des Stesichoros, wo zudem homo - nymien stören, und Korinna; sonst ganz vereinzelt3)Σιμωνίδου Ναυμαχία; das kann ein aus dem inhalte geschöpfter name sein, kann aber auch für ein dankfest an die Artemis προσηῴα bestimmt gewesen sein, und dann ist es nicht anders als Ἴβυκος ἐν τῇ εἰς Γοργίαν ᾠδῇ u. dgl. das lob des Leonidas (4) ist ohne jeden grund und sehr verkehrt in dieses gedicht ge - setzt. über dithyrambennamen oben s. 64, anm. 30 und 85 anm. 52.. auch in der tragödie ist zuerst ein schwanken; Λυκουργεία (ποίησις) folgt der epischen weise; Προμηϑεύς muſs als name für einen complex von drei chören gelten, und daneben sicher noch für ein satyrspiel desselben verfassers. Αἶτναι oder in der komödie Ἀρχίλοχοι zeigt die bald verschwindende verwendung des plurals statt einer ableitung. aber Euripides ist mit der namengebung ersichtlich ganz überlegt verfahren. und so dann die komiker, und die prosa, als sie sich zum buche erhebt. daſs Herodot und Thukydides so wenig wie alle die alten philosophen einen andern titel für ihre bücher gehabt haben als die eingangsworte, der und der sagt das folgende, oder ähnlich, ist wol von den verständigen jetzt ein - gesehen4)Vgl. z. b. Diels Herm. 22, 436. der anfang von Hekataios Herodot Thukydides liegt ja vor. auch der des Herakleitos fordert vor τοῦ λόγου τοῦδε ein Ἡράκλειτος Ἐφέσιος ὧδε λέγει. auch ein auffälliger anfang mit einer adversativpartikel wird verständlich, z. b. Ions τριαγμοί. ⟨Ἴων Χῖος τάδε λέγει·⟩ ἀρχὴ δέ μοι τοῦ λόγου· πάντα τρία. debatten über den namen des heraklitischen werkes, verwunderung darüber, daſs die alten philosophen ihre bücher περὶ φύσεως genannt hätten, zweifel daran, daſs dasselbe buch unter verschiedenen namen bei späteren citirt wird, fallen so in nichts zusammen.: die titel, die wirklich als die ältesten gelten können, Γοργίου Ἑλένη Ἀλέξανδρος, Προδίκου Ὧραι, Πλάτωνος Φαῑδρος, Πολυ - κράτους Βούσειρις und noch Ἰσοκράτους Φίλιππος, Ἀριστοτέλους Εὔδημος zeigen die abhängigkeit von Εὐριπίδου Ἑλένη Ἀλέξανδρος.
Sodann zeigt die äuſsere ausstattung die bewuſste fürsorge für den leser. vereinzelt in der tragödie, häufig in der komödie haben die gramma - tiker bühnenanweisungen, παρεπιγραφαὶ vorgefunden, und auch auf uns sind einzelne gekommen5)Uns sind nur zwei παρεπιγραφαί erhalten (A. Eum. 117 — 29, E. Kykl. 485), und schon den grammatikern fiel dieser unterschied der tragödie von der komödie auf. die wichtige stelle steht in einem ζήτημα zu Eur. Or. 1384 Ἴλιον — ὥς σ̕ ὀλόμενον στένω ἁρμάτειον ἁρμάτειον μέλος βαρβάρῳ βοᾷ. da zerbrach man sich über ἁρμάτειον unnütz den kopf. Ἀπολλόδωρος ὁ Κυρηναῖος παρεπιγραφὴν λέγει (Kirchhoff: ἐπιγράφει λέγων codd. ) τὸ ἁρμάτειον (Schwartz: ἁρμόδιον) [ὦ Ἴλιον]. εἰ δ̕ ἦν παρεπιγραφή, ἅπαξ ἂν [ἐπ] ἐγράφετο [τὸ Ἴλιον ἀπώλετο]. Apollodor meint, die worte ἁρμάτειον ἁρμάτειον μέλος gehörten nicht dem sänger, sondern. dem regisseur, der das stück künftig125Die tragödie ein buch.einmal einzustudiren hat, kann so etwas wenig helfen wie ‘heftiges stöhnen’ ‘er lacht’ ‘gesang von innen’, ‘sie nicken’, ‘er gibt ihm eine ohrfeige’. und unmöglich würde sich eine regievorschrift in der nur ausnahmsweise wiederholten komödie häufiger finden können als in der tragödie. aber für den leser hat es allerdings seine annehmlichkeit, und wir sind deshalb in unseren dramen daran gewöhnt. wer es gesetzt hat, hat es aus dieser rücksicht gesetzt: und das ist in der komödie unmöglich ein anderer gewesen als der welcher das buch machte. nirgend aber liegt ein hinderungsgrund vor, in diesem den dichter zu sehen.
Aber auch der text selbst legt trotz aller entstellung beredtes zeugnis dafür ab, daſs er auf eine niederschrift aus der zeit des dichters, d. h. auf die handschrift oder das dictat des dichters am letzten ende zurück - geht. in gewissem sinne ist das freilich auch von Pindar, Epicharm und schon von den compilatoren der uns erhaltenen epen wahr. allein zwischen dem original, auf welches unsere überlieferung in jenen dichtern führt, und der wirklichen urschrift liegen viele oder wenige mittel - glieder, die den überkommenen text in stark umgeformter gestalt weiter gaben. es ist kein willküract aus bestimmter absicht vorgenommen, sondern es hat sich der text allmählich modernisirt, unter dem drucke bestimmter geschichtlich zu erfassender momente. und gerade wer diese zu beurteilen vermag, sich also über die glaubwürdigkeit der überlieferung keinen illusionen hingibt, wird sich am meisten vor der schlimmeren illusion hüten, selbst das original herstellen zu können, so oft er auch im einzelnen etwas groſses oder kleines berichtigen kann. aber für die tragiker, und die tragiker zuerst, ist das original, auf welches unsere über - lieferung zurückführt, auch wirklich das original. seitdem das gespenst einer umschrift aus dem attischen in das ionische alphabet völlig ver -5)wären bühnenanweisung für das orchester. er wird aber schlagend damit widerlegt, daſs dann ἁρμάτειον nicht verdoppelt sein könnte. die schreiber, die das nicht ver - standen, haben die glossen eingeschwärzt. ὦ Ἴλιον erklärt σε, τὸ Ἴλιον ἀπώλετο steht zu σ̕ ὀλόμενον. ein auszug des scholions lautet τινἐς τοῦτο παρεπιγραφὴν εἶναι ὡς εἰς τἀ κωμικὰ δράματα, in der form byzantinisch, wie εἰς für ἐν zeigt, dem inhalt nach gut, da auch so die erklärung jenes Apollodor unwahrscheinlich gemacht wird. als unmöglich erschien eine tragische παρεπιγραφή offenbar auch damals nicht. für die komischen hat Holzinger (Parep. bei Aristoph. Wien 1883) das material nützlich vermehrt und namentlich gezeigt, daſs einzelne wirklich auf die zeit des dichters zurückweisen. seine eigne erklärungsart ist freilich fast lächerlich, und abgesehen von anderen misgriffen hat er die byzantinische verkehrtheit, die er bei Tzetzes anerkennt, bei womöglich noch jüngeren scholien zu Arist. und Eurip. in alte echte gelehrsamkeit umgedeutet.126Geschichte des tragikertextes.trieben ist6)Vgl. zu allem Hom. Unt. II 3. die möglichkeit daſs Aischylos attisch ge - schrieben hätte, ist nach den durch Köhler (Mitteil. X 359) erschlossenen tatsachen nicht mehr vorhanden. ich war also nur zu zaghaft noch gewesen; um so mehr können mir die leid tun, welche sich damit brüsten, daſs sie mir die leugnung einer umschrift nicht glauben. nur das ist zuzugeben, daſs sehr alte ionische poesie (z. b. Homer) aus altionischem in neuionisches alphabet umgeschrieben sein kann, und allenfalls inselgriechische poesie aus ihrem alphabet in ionisches. aber was dabei versehen werden konnte, erklärt in wahrheit gar nichts: nur wer erklärt, wie ἀντιάουσι zu ἀντιόωσι wird, erklärt wirklich etwas., kann man daran nicht aus allgemeinen gründen mehr zwei - feln. und der commentar zu dem einzigen Herakles lehrt (zu groſser überraschung seines verfassers), daſs die scheinbare regeilosigkeit der feinen dialektischen unterschiede, welche die überlieferung bietet7)Aischylos ist allerdings so stark entstellt, daſs zeugnisse seines textes wesent - lich nur, wenn sie etwas weder attisches noch s. g. dorisches bieten, glauben ver - dienen. sehr belehrend ist für diese feinen abtönungen des vocalismus die ver - gleichung der theokritischen gedichte; was dort herrscht ist willkür, aber willkür des dichters, und die gleichzeitigen steinschriften liefern den urkundlichen beweis, daſs eine solche willkür geübt ward., bei der nötigen individualisirenden betrachtung sich sehr wol verstehen läſst: man vergleiche damit die vollkommene confusion in der überlieferung Pindars, der doch seit Aristophanes von Byzanz wenig gelitten hat, oder die plumpe gleichmacherei und die solöcismen, welche antiker aberwitz in den Herodot, W. Dindorf in die tragiker, Fick in alles dessen er habhaft wird hineinträgt, um sich zu überzeugen, daſs wirklich die handschrift der dichter selbst zu grunde liegt, und die entstellung, so groſs sie sein mag, nur dem einzelnen irrtum und der nachlässigkeit schuld gegeben werden kann. die orthographischen sünden sind zudem in überwiegender menge jünger als die Alexandriner, und daneben zeigen sich erscheinungen, die schlechterdings nur aus den originalen stammen können. in der 2. person sing. pass. gilt den atticisten - ει für attisch, und die Engländer haben es also den tragikern aufgezwungen gegen die überlieferung, die ηι er - halten hat. ηι fordert die sprache als das organische. wir wissen, daſs erst seit 360 etwa in der aussprache ηι und ει zusammenfiel, und zwar ει gesprochen ward, daſs dann dies ει monophthongisch teils e teils i ward, die grammatiker aber, wo sie das organische erkannten, die histo - rische schreibung ηι herstellten. aber in der betreffenden form erkannten sie das organische entweder nicht oder beugten sich doch der angeblich attischen sitte. wie konnten sie da in der tragödie ηι schreiben, wenn es nicht überliefert war, und wie konnte es überliefert sein, wenn es nicht auf der schreibung der bücher in ionischer schrift beruhte, die127Die tragödie ein buch. erste periode der textgeschichte.älter als 360 waren? ein anderer beleg ist, daſs sich im dialoge der altattische dativ plur. der ersten declination auf ησι, wenn auch ver - einzelt nur, erhalten hat. und doch kann wenigstens Aischylos in dem ursprünglich ionischen iambos unmöglich den dativ auf αισι gebraucht haben; die grammatiker aber kannten kein wirklich altes attisch und wir haben es auch erst von den steinen gelernt8)Bei Aischylos ist also sicherlich der dativ auf ησι ασι herzustellen, im dialog und in anapaesten. so bin ich im Agamemnon verfahren. es scheint aber nicht auszureichen, daſs man etwas tut, man soll dazu sagen, daſs man es tut. bei den beiden andern tragikern ist kein urteil möglich, weil die sprache zu ihren leb - zeiten sich änderte. alle späteren setzen längere dative nur als archaismen. für die alexandrinischen epiker ergibt die prüfung der vortrefflichen überlieferung das was ich schweigend in meiner ausgabe des Kallimachos durchgeführt habe. die untersuchung über die ionismen des dialogs verspricht unter dem richtigen gesichts - punkte noch manchen ertrag: nur muſs man dazu von den steinen attisch gelernt haben. wer πύλησι für einen ionismus hält, hat allerdings nicht das recht mitzu - sprechen..
Das also läſst sich nicht bezweifeln, daſs buchausgaben der dramenErste periode der text - geschichte. von den dichtern besorgt sind, und daſs auf sie vornehmlich die über - lieferung, die den Alexandrinern vorlag, zurückgieng. es würde überaus wichtig sein, wenn wir von dem aussehen dieser ältesten wirklichen bücher eine vorstellung gewinnen könnten. aber dazu ist kaum eine aus - sicht. die geringen orthographischen schwankungen, welche die schrift noch lieſs, kann freilich jedermann durch die steinschriften bequem über - sehen; die mangelnde oder schwankende bezeichnung der hybriden e und o, die assimilation der einander berührenden consonanten, die willkür im setzen des paragogischen n und in der bezeichnung von elision und krasis sind kleinigkeiten. wichtiger wird es, daſs die interpunction unsicher bleibt. Aristoteles kennt nicht nur den querstrich am rande, der den schluſs eines satzes oder besser einer periode bezeichnet9)Rhet. III 3. er sagt παραγραφή; später παράγραφος., sondern auch die στιγμή, welche das zusammengehörige im satze abgrenzt, aber er setzt sie nicht in dem texte voraus10)Rhet. III. 5. das στίζειν ist ersichtlich aufgabe des lesers, oder höchstens des erklärers; der text selbst ist ursprünglich nicht interpungirt gedacht.. es darf somit wol als wahrscheinlich gelten, daſs die bücher wesentlich wie die gleichzeitigen steine und die späteren bücher geschrieben waren. in ihnen ist dem leser fast nichts gegeben als die ‘elemente’, die buchstaben. wörter und sätze muſs er sich selbst bilden. die alte gute interpunction des 6. jahrhunderts ist wesentlich durch die entfaltung der litteratur und des buchhandels verdrängt worden. als das schreiben auf stein wie auf papier ein gewerbe ward, besorgten es leute,128Geschichte des tragikertextes.die ganz mechanisch buchstabe für buchstabe setzten; nach der zahl der - selben wurden sie bezahlt. fehler, die dadurch entstehen, daſs der schrei - bende wortbilder im geiste hat, gibt es auf den steinen nicht, dagegen wol auslassungen, verschreibungen und versetzungen von buchstaben. inter - pungiren kann man aber nur was man zu verstehen meint. absetzen der verse ist für den dialog nach analogie des hexameters mit sicherheit zu glauben. man mag denken, daſs die später ganz feststehende praxis schon damals galt, die endlosen reihen von trochäischen iambischen anapästischen metra nach dimetern abzuteilen, soweit nicht eine ungerade summe eine abweichung forderte. denn die praktischen rücksichten empfehlen diese schreibart allein, die in anapästen ziemlich die länge des trimeters gibt: daſs unsere metriker von dimetern reden, zeigt nur, wie sehr sie mit den augen messen. die dichter rechnen nicht mit dimetern: erst als die buchpraxis eine buchmetrik erzeugt hat, in der kaiserzeit, gibt es welche. übrigens mögen auch die trochäischen iambischen anapästischen tetrameter ge - brochen sein, da sie überlange zeilen bilden und durch die beliebte diaerese in der mitte leicht teilbar erscheinen. die chorlieder aber sind ganz als prosa geschrieben zu denken, da ihre abgliederung erst den grammatikern zugeschrieben wird, die die maſsgebenden ausgaben ge - macht haben. dazu stimmt das einzige aus vorgrammatischer zeit in - schriftlich erhaltene lyrische gedicht, der paean des Isyllos, während die praxis der kaiserzeit in sorgfältigeren aufzeichnungen11)Z. b. wird der paean des Makedonios, CIA III 171b, durch seine perioden - teilung für die metrische theorie der hadrianischen zeit recht wertvoll., zwar nicht glieder, aber perioden absetzt, nachlässigere schrift12)Z. b. die auf dem Casseler stein CIA III 171 vereinigten gedichte. aber auch dann noch jede gliederung vermissen läſst. selbst die personenverteilung kann man nicht als voralexandrinisch mit sicherheit ansprechen, angesichts dessen, daſs sie in den prosaischen dialogen so unvollkommen durchgeführt ist13)Der gegenstand erfordert eine besondere untersuchung, da die herausgeber ungenügend über die handschriften berichten. die beischrift der abgekürzten personen - namen kommt im altertum vor; am merkwürdigsten ist, daſs der Bankesianus des Ω die redenden personen und den Ποι (ητής) unterscheidet. Homer gehörte eben zu dem μικτὸν γένος wie Theokrit, halb διηγηματικόν, halb δραματικόν. in den dramen tritt diese bezeichnung subsidiär neben der παράγραφος auf, die noch häufiger ist als in dem folgenden textabdrucke des Herakles und von Hephaestion bezeugt wird. in den prosaischen dialogen stand sie am rande, z. b. im T des Platon (Schanz Platocodex 5). natürlich ward so etwas sehr leicht übersehen, und z. b. der Clar - kianus des Platon und die Leidenses der Ciceronischen dialoge bezeichnen den per -. an die einzeichnung von noten oder neumen ist von vorn herein129Erste periode der textgeschichte.nicht zu denken, sintemal die bücher zum lesen bestimmt waren. alles zu - sammen genommen ist das aussehen von steinschriften gleicher zeit, die buchstabenformen abgerechnet14)Die formen stellt man sich am besten etwa so vor wie auf dem ältesten erhaltenen papyrus, wahrscheinlich noch aus dem 4. jahrhundert. Blass Philol. 41, 746., gar nicht sehr verschieden zu denken, und es gehörte eine sehr ansehnliche vorbildung dazu diese bücher vom blatt zu lesen.
Zwei volle jahrhunderte hat der tragikertext sich in dieser weise ohne grammatische controlle durch den buchhandel fortgepflanzt. welchen fährlichkeiten er dabei ausgesetzt war, dem ist es müſsig nachzudenken, da das nicht gewuſst werden kann, was man vorab wissen müſste, die praxis in der herstellung und dem vertriebe der bücher. daſs man nicht eine fürchterliche verwüstung mit notwendigkeit aus der handschriftlichen ver - vielfältigung ableiten darf, lehrt die vorzügliche erhaltung, in welcher notorisch die hauptschriftsteller des 4. und 3. jahrhunderts vorliegen, Platon Isokrates Demosthenes, Lykophron Aratos Kallimachos. die klagen über fahrlässige schreiber, welche in der kaiserzeit und einzeln schon früher ertönen, sind eben so wenig beweiskräftig wie etwa moderne ana - logien, die ältesten drucke Shakespeares und die verwüstung des Goethe - schen textes in den späteren Cottaschen drucken. aber auch für die zu - verlässigkeit der überlieferung in dieser ersten periode der textgeschichte sind allgemeine erwägungen nur in so weit triftig, als die tragödie durch die feste buchform wenigstens gegen die zerstörung geschützt war, welche die hypomnematische litteratur nachweislich betroffen hat und betreffen muſste. der traurige zustand, in welchem schriften wie die hippokra - tischen περὶ εὐσχημοσύνης, περὶ φύσιος ἀνϑρώπου, die διαλέξεις σκεπτικαί, die schrift vom staate der Athener, die schrift des Aineas von Stymphalos über belagerungen, vorliegen, muſs im wesentlichen schon in diesen jahrhunderten eingetreten sein. die einen unter diesen sind nur durch einen glücklichen zufall überhaupt in die zeiten ge - rettet worden, welche sich die conservirung der alten litteratur bewuſst zur aufgabe machten. irgend ein litterator des vierten jahrhunderts hatte sich an die Xenophontische schrift vom staate der Lakedaimonier von dem altattischen pamphlete so viel hinzugeschrieben, wie er vorfand oder wie ihm beliebte. die ärztlichen und die kriegswissenschaftlichen schriften aber waren nach bedürfnis ohne rücksicht auf die form von13)sonenwechsel gar nicht. daneben wandte man den doppelpunkt in der zeile an, der aber auch oft fehlt (Porphyr. zu Horaz sat. I 9, 52. Rothstein qu. Lucian. 18) und z. b. im Laur. C des Euripides zur bezeichnung der rhythmischen κᾶλα verwandt wird.v. Wilamowitz I. 9130Geschichte des tragikertextes.dem oder den benutzern umgestaltet, verkürzt, erweitert worden. wenn die poesie auch nur dem bedürfnis diente und in händen war, die sie als material brauchten, gieng es ihr nicht besser. die homerischen hymnen stellen sich jedem urteilsfähigen als sammlungen von rhapsoden des 5. oder 4. jahrhunderts dar (mit welchem das rhapsodentum im wesentlichen aufhört), und das conglomerat, das sich Apollonhymnos nennt, ist eine eben so wüste masse wie die schrift περὶ φύσιος ἀν - ϑρώπου. am letzten ende sind überhaupt die erhaltenen epen nicht anders zu beurteilen; nur hatten sie viel früher eine leidlich feste form erhalten, weil sie buchhändlerisch vertrieben wurden, sobald es einmal einen buchhandel gab.
Aber waren die tragödien nicht auch fortwährend in praktischem gebrauche, und sollen die schauspieler schonender verfahren sein als die rhapsoden? gewiſs nicht. der zustand würde nur noch viel trostloser sein, wenn wir die dramen durch die vermittelung der schauspieler er - halten hätten: das gilt für die überlieferung des Plautus bis auf Varro, während Terenz seine komödien selbst herausgegeben hat. an diesem analogon kann man gut ermessen, daſs die überlieferung der attischen dramen nicht auf bühnenexemplare, sondern auf lesebücher zurückgeht.
Schauspielertruppen sind schon am ende des 5. jahrhunderts in Griechenland herumgezogen15)Ps. -Demosthenes gg. Eubulides 18. ein schauspieler kauft in Leukas einen Athener los, der im dekeleischen kriege gefangen ist. und das interesse warf sich im 4. nur um so lebhafter auf die alten dramen, je stärker in der schauspielkunst das virtuosentum ward, je geringer die lebenskraft der neuen dichtungen war. um die mitte des jahrhunderts lieſs selbst der attische staat die classische tragödie in einem besonderen agon zu, und die ausbreitung der attischen cultur durch Alexander hat die Euripideischen tragödien am Indus und am oberen Nil auf die bühne gebracht. natürlich ver - fuhren die regisseure, wie sie es immer tun und wie ihr recht ist, denn stilgetreue inscenirungen classischer dramen sind wie all solch gelehrter historischer kram erst möglich, wenn kein wirkliches sondern ein an - gelerntes kunstgefühl die leitung hat. wer auf der bühne zu hause ist, nimmt keinen anstoſs an der verstümmelung, die Schiller an Goethes Egmont, dieser selbst an seinem Götz verübt hat. schonender sind die im 4. jahrhundert ton angebenden schauspieler auch nicht verfahren. zu dem Rhesos, der erst um 370 — 60 entstanden ist, gab es um 300 schon einen unechten prolog, um 200 noch einen anderen. vollends131Schauspieler.unbequem waren die chöre. die zahl der tänzer war längst beschränkt, die komödie hatte sich der chöre fast ganz entschlagen, die rhetorische tragödie sie wenigstens mit nichtachtung behandelt und entbehrlich ge - macht. die schauspieler konnten wol mit monodieen etwas anfangen, obwol auch die zuweilen fortblieben16)So ist zu erklären, daſs einzelne gelehrte die monodie Antigones OK 236 — 43 verwarfen: denn in ihr selbst ist kein anlaſs zu dem grundlosen verdachte. aber ein regisseur, der das überlange stück zurichten sollte, würde allerdings hier den rötel brauchen., aber die eigentlichen chorge - sänge waren ihnen nur hinderlich. dazu kam, daſs die musik sich ganz anders entwickelt und mit den künstlichen versmaſsen längst zu wirt - schaften verlernt hatte, daſs die tanzkunst noch viel mehr die alte be - deutung eingebüſst hatte, so daſs sie noch im 3. jahrhundert unter - gieng17)Der Babylonier Diogenes setzt das voraus: er hatte offenbar behauptet, der reiz des dramas ruhe in der musik neben dem worte, denn er wäre seit dem schwinden des tanzes (den Aristoteles noch mitgerechnet hatte) nicht gesunken. Philodem (de mus. IV 7 s. 70 Kemke) erweitert das dahin daſs auch die musik neben dem texte bedeutungslos wäre., wie die chöre um 100 n. Chr. ganz verschwunden sind18)Dion von Prusa 19, 5; so viel scheint die verdorbene stelle zu ergeben; die ganze rede ist fragment. Dionys v. Halikarnaſs kennt die chorlieder noch von der bühne.. als in Athen um 330 die groſse theaterreform des Lykurgos durchgeführt ward, forderte der dem alten durchaus huldigende staatslenker freilich, daſs die schauspieler nach einem officiellen textbuche zu spielen hätten, was für die darstellung einer παλαιὰ τραγῳδία auch in der ordnung war. allein was verschlug diese vereinzelte maſsregel, und wie wenig kümmerte man sich in dem demosthenischen Athen um gesetze. vollends in diesem staatsexemplar ein werk diplomatischer kritik zu sehen und es gar zu einer art archetypus für unsere handschriften zu machen, ist ein recht unhistorischer einfall der modernen. Lykurgos brauchte dazu nur die dramen aus dem buchladen zu kaufen: es ist nichts andres, als wenn ein hoftheater heut zu tage die unverkürzte aufführung der opern eines bestimmten componisten oder auch die und die bearbeitung Shakespeares befiehlt. die allgemeine verwahrlosung gieng deshalb ihren gang ruhig weiter, und wenn die fortpflanzung der dramen durch die schauspieler statt - gefunden hat, unsere texte also auf bühnenexemplare zurückgehen, so ist ihre zuverlässigkeit eine ganz geringe. das freilich war ganz natürlich, daſs auch schauspielerexemplare in die bibliotheken kamen und die antiken philologen auch solche einsahen, ja es ist sehr glaublich, daſs sie sie für9*132Geschichte des tragikertextes.einzelne dramen nicht entbehren konnten, weil die buchmäſsige über - lieferung nicht genügte, oder auch ein oder das andere stück nur in bühnenexemplaren erhalten war. auch das ist sicher, daſs sie sich über die verwilderung des textes durch die schauspieler keinerlei illusionen gemacht und mit der möglichkeit gerechnet haben, daſs der text unter deren einwirkung gelitten hätte. wir aber sind auſser diesen allgemeinen erwägungen lediglich auf die schlüsse angewiesen, die wir aus dem zu - stande der erhaltenen dramen ziehen, und diese sind glücklicherweise im ganzen beruhigend.
Es ist überaus peinlich, daſs wir über diese periode so wenig con - cretes wissen oder ermitteln können, denn ohne frage ist sie für den text die wichtigste und ist auch das interesse und verständnis für das drama ein lebendiges gewesen. die tragödie war ja schon zu lebzeiten ihrer schöpfer oder doch vollender classisch geworden. die fülle von feinen gedanken und treffenden urteilen über tragische kunst und des dichters aufgabe und macht, die in den Fröschen des Aristophanes bei jedem neuen lesen neu entzückt, lehrt, daſs die groſsen dichter wirklich ein minder verächtliches publicum hatten, als das mit den Xenien oder der Verhängnisvollen gabel gezüchtigte war. in den gebildeten kreisen der athenischen gesellschaft würde sich eine der poesie ebenbürtige kritik entwickelt haben, wenn die gesellschaft nicht durch das nationale elend niedergezogen worden wäre, und mit dem notwendigen welken der groſsen kunst nicht die wucherblume der rhetorik ins kraut geschossen wäre. feder - helden wie Isokrates Polykrates Anaximenes hatten ja das erhebende bewuſst - sein, den groſsen dichtern weit überlegen zu sein, wie das so leute haben. und im schatten dieser rhetorik erwuchs was sich damals tragödie nannte, Aphareus und Karkinos, Astydamas und Theodektes. die echte erbin der poesie, die wissenschaft, vergaſs ihrer mutter nicht. Platon hat an der tragödie gelernt; jene im leben zerstörte attische gesellschaft lebt in seinen dramatischen schöpfungen fort, und die tragischen reminiscenzen sind im munde seiner personen lebendig: die Antiope war wenig über 10 jahre alt, als der Gorgias die debatte zwischen politiker und dichter aufnahm. aber da Platon die alten volkstümlichen ideale bekämpfen muſste, um den neuen und höheren raum zu schaffen, diese alten ideale in der sage und diese selbst nunmehr vornehmlich in der tragödie verkörpert war, so ergab sich für ihn die polemik auch gegen das drama, ergaben sich dieselben sittlichen probleme, wie sie schon in früher sophistenzeit Glaukon Stesimbrotos Anaximenes Metrodoros im Homer gefunden und zu lösen versucht hatten. aus diesen meist moralischen anstöſsen war ja133Aesthetische kritik.die aesthetische kritik und die exegese Homers erwachsen. auch sie über - trug sich auf die tragiker. wir können nur mutmaſsen und vereinzelt an der sagenkritik erweisen, daſs die Kyniker neben dem epos auch das drama berücksichtigt haben. um ihrer selbst willen haben erst Platons schüler Herakleides und Aristoteles die aesthetische kritik getrieben; die poetik, zu welcher letzterer emporzusteigen wagte, zeigt besser als alles andere die centrale stellung des dramas. aber Aristoteles machte wie überhaupt der rhetorik, so auch der rhetorischen tragödie starke zuge - ständnisse, trübte dadurch die theorie und hat trotzdem weder einen dichter noch einen redner erzogen. daſs er auch ἀπορήματα Εὐριπίδου geschrieben hat, wissen wir durch die schriftentafel des Hesychios (no. 144 = Hermippos 119), und mögen sie uns als historische probleme denken, wie eines in einem dialoge behandelt war (Eur. Meleag. 534). viel - leicht ist ein oder das andere ζήτημα, an dem sich in den scholien die Alexandriner versuchen, schon am zechtische des peripatos aufge - worfen worden. denn hier bewahrte man die neigung für φιλόλογα, wenn man auch nur den namen der philologie erzeugt hat. Theo - phrastos popularisirte die aristotelische rhetorik und poetik. neben ihm setzten viele die litterargeschichtlichen arbeiten fort, und Dikaiarchos, weitaus der bedeutendste dieser generation, knüpfte zugleich auch an Herakleides an. indem er den aesthetischen maſsstab der poetik an die einzelnen tragödien anlegte, untersuchte er die ὑπόϑεσις, d. h. den dem gedichte zu grunde liegenden stoff, den μῦϑος, sowol im sinne der ‘handlung’, in welcher Aristoteles mit recht den lebensnerv des dramas gesehen hatte, als im sinne der geschichte. damit war die frage aufge - worfen, woher denn der dichter seinen stoff genommen hätte, also die quellenfrage, die uns moderne so viel beschäftigen muſs19)Daſs dies die tätigkeit des Dikaiarchos war und ὑπόϑεσις also eigentlich den stoff bezeichnet, aus dem das drama gemacht ist, hat H. Schrader gezeigt (quae - stiones peripateticae Hamburg 1884). früher hatte man einen durch die gewöhn - lichen confusionen im Suidaslexicon erzeugten Lakedaemonier Dikaiarchos, den es nie gegeben hat, fälschlich eingemischt und ὑπόϑεσις als excerpt aus dem drama im stile von Lambs tales from Skakespeare gefaſst., und wie merk - würdige dinge dabei ermittelt werden, zeigt die zurückführung des euri - pideischen Phoinix auf eine attische dorfsage durch den Rhodier Hierony - mos20)Vgl. oben s. 38.. der ansatz zu einer lösung der groſsen geschichtlichen aufgabe war da. aber als erst ein naturwissenschaftler und dann ein schönredner die schulleitung des peripatos übernahm, verdorrte die blüte. den rechten134Geschichte des tragikertextes.weg auf philologisch-grammatische behandlung der litteraturwerke oder der sprache und verskunst hat niemand in dieser schule eingeschlagen. die anregung zur poetischen production, welche sie gab, kam der komödie zu gute, die zu den biologischen tendenzen der aristotelischen ethik und politik besser paſst. und auffallender weise beteiligte sich an den specula - tionen über diese zeitgenössische dichtungsart auch die sonst litterarischen fragen ganz entfremdete akademie21)Das schulhaupt Krates schrieb über die komödie nach Apollodors chronik (Diog. IV 23); nach Philodem (bei Gomperz festgabe für Zeller 149) ward die schrift einem seiner schüler Εὐμένης zugeschrieben. durch vermittelung der μουσικὴ ἱστορία des Aelius Dionysius ist ein schwacher rest dieser lehre zu den Byzantinern gelangt, in dem traktat über den oben s. 112, Philol. 46, 13. das citat ist κατὰ Διονύσιον καὶ Κράτητα καὶ Εὐκλείδην, wozu eine handschrift ἴσως Εὐβουλίδην notirt. es liegt nahe Εὐκλείδης und Εὐμένης zu identificiren. ob eine weitere ausscheidung des alten gutes in jenen confusen excerpten möglich ist, steht dahin. ein schluſs ist aber unabhängig davon möglich. Aristoteles kennt, wie er es nur konnte, zwei komödien, ἀρχαία und νέα. seine schüler hatten keine neigung zu dissentiren, und so hat sich diese lehre sehr lange gehalten und liegt noch vielfach vor. daneben gibt es die jetzt törichter weise vielfach verlassene doctrin von drei komödien, von denen die μέση ursprünglich begrifflich gemeint ist, nicht zeitlich, denn ihr haupt - vertreter ist Platon, und Alexis gehört ihr auch an: sie wird also 420 und 270, neben Aristophanes und nach Menander, geübt. diese lehre begegnet für uns zuerst bei Horaz sat. II 3, 11, dann herrscht sie vor, meist jedoch in der verkehrten chro - nologischen umdeutung. so auch in den byzantinischen excerpten περὶ κωμῳδίας. es liegt sehr nahe dem Aristoteles den Krates entgegenzustellen, und wer konnte eher als ein zeitgenosse der wirklich neuen menandrischen komödie auf diese ver - besserung der aristotelischen lehre verfallen?. nebenher war natürlich die clas - sische poesie in einer ausdehnung bekannt wie niemals später, und die gescheidten leute redeten auch über sie sehr gescheidt. die philosophen - biographieen des Antigonos verzeichnen von ihren helden auch die lieb - lingsdichter und manches litterarische urteil. aber das verdichtet sich nirgend zur wissenschaftlichen arbeit.
Den weg zur philologie und grammatik hat nicht Athen gefunden, sondern Ionien. schon einmal, zu Demokritos zeiten, war es auf dem wege gewesen, ward aber durch die athenische begriffsphilosophie ge - hemmt. jetzt ward das ziel erreicht, aber man strebte ihm nicht un - mittelbar zu. es führte nur dahin der umweg über die poesie, weil man aus opposition gegen Athen und seine cultur auf die vorattischen gat - tungen und formen zurückgriff, die sich nur noch durch studium erreichen lieſsen. diese opposition, die sehr verschiedene elemente in sich schloſs, galt der attischen weltsprache: daher das aufkommen der dialektdichtung; der attischen bis zum extrem wählerisch und feinhörig gewordenen rhetorik:135Das dritte jahrhundert.daher der asianische vulgarismus; der weltmännisch und hauptstädtisch verfeinerten form der geselligkeit: daher das bukolische element, die weiberpoesie, das aufgreifen des barbarischen; der strengen stilisirung auch des lebens durch die attische σωφροσύνη: daher die freude am ab - sonderlichen verwachsenen wildnatürlichen in den stoffen wie in der be - handlung; den kühlen abstractionen der begriffsphilosophie: daher die vorliebe für die naturwissenschaft und die weite schöne welt ebenso wie die für dionysischen taumel und aphrodisisches schmachten; der attischen bürgerlichen politie: daher das höfische eben so gut wie das ländliche; es galt endlich auch den attischen dichtungsformen, drama und dithy - rambos. jetzt gieng man auf die alten lyriker zurück, ahmte Alkaios und Anakreon nach, suchte sich in Stesichoros und Pindar stoffe, griff auf die erotische elegie des Mimnermos zurück, auf den iambos des Archi - lochos und Hipponax und endlich versuchte man wie Homer zu dichten oder Homer durch eine immer frische, niemals kyklische behandlung mit seinen eignen mitteln zu schlagen. das führte mit notwendigkeit zum studium der alten dichter, die zum teil recht eigentlich wieder entdeckt wurden, oder doch wenigstens für die attische gesellschaft des 4. jahr - hunderts nicht mehr existirt hatten und von den peripatetikern Dikai - archos und Chamaileon aus historischem interesse hervorgezogen wurden. so kam man von den versuchen im dialekte zu dichten bald zur unter - suchung des dialekts und zu der exegese der archaischen dichter. Theokrit dichtet aeolisch so gut er kann: Kallias von Mytilene schreibt über die lesbischen dichter22)Athen. III 85 f. polemisirt Aristophanes gegen eine lesart des Kallias; die stelle ist allerdings verwirrt., Dionysios Iambos, auch ein dichter, über die dialekte, und der wird der lehrer des Aristophanes von Byzanz. der dichter Zenodotos von Ephesos bringt es zu der ersten textrecension, die sich wirklich die wiederherstellung des echten zum ziele setzt, natürlich des Homer; er behandelt aber auch in einzeluntersuchungen die lyriker und macht zu Pindar und Anakreon einzelne conjecturen. Kallimachos, gleich gewandt in dorischer wie in ionischer mundart zu dichten, treibt die sammlung des sprachlichen materials ins groſse und beginnt schon selbst für die ionische prosa die philologische tätigkeit, indem er an den gröſsten ionischen schriftsteller, Demokritos, ansetzt, freilich zunächst auch hier nur als sammler; bald folgen für Hippokrates ähnliche arbeiten. mit der tragödie haben diese männer alle nichts zu schaffen23)Es gehört zu den unbegreiflichkeiten, an denen Schneiders Kallimachos reich ist, daſs er auf grund von ein par übereinstimmenden vocabeln aischyleische.
136Geschichte des tragikertextes.Aber es blühte doch gerade in Alexandreia die tragische Pleias, und die Alexandra des Lykophron gilt doch für eine nachahmung der tragödie, so gut wie Theokrits Spindel die Sappho nachahmt. diese letzte verbreitete ansicht ist falsch. die Alexandra ist keine tragödie, sondern ein iambos. Lykophron, selbst verfasser von tragödien, hat die stilgesetze denn doch zu gut gekannt, um diese poesie für tragisch auszugeben. es geschieht nur durch einen für den modernen nahe liegenden irrtum, daſs man den unterschied in sprache und versmaſs verkennt, die menge von ionismen in der form, der messung, der wortwahl ist ganz nicht zu ver - treiben, und ihre vertreibung deshalb unglaubhaft24)Der neueste herausgeber hat es versucht, und ich habe ihm zuerst zugestimmt, aber die verlängerung eines anlautenden vocals durch tenuis cum liquida (z. b. 1056. 1250), die elision von αι (850, 1220), τοκῆος 1394 (so auch 451 Κυχρῆος) κατ Τρ. (374) ἐπάλξιες (292) καρηβαρεῦντας (384) σαώσει (679) ῥάμφεσσι (598) u. dgl. viel zeigt, daſs es auch unerlaubt ist den ionischen vocalismus in stämmen wie Τιτῆνες ἠώς, und namentlich den dativen wie πολλῆσιν zu ändern. zuzugeben ist nur, daſs erstens die überlieferung in diesen dingen unzweifelhaft unzuverlässig ist, und daſs Lyko - phron keine consequenz hat: einen dorischen genetiv ἀίτα 461, παραιολίξει 1094 βλώξας 1327 und die schon von Aristophanes von Byzanz gerügten vulgarismen ἐσχάζοσαν, auch πέφρικαν, müssen wir ja doch auch ertragen.. wahrlich auch für die Byzantiner lag es näher die ihnen bekannten attischen formen einzu - führen als die dialektischen. eine consequenz ist freilich bei Lykophron so wenig wie bei Theokrit zu erzielen, und sehr viel fremdartiges hat der dich - ter nur weil es fremdartig war herbeigezogen. der tragödie konnte sich der tragische dichter natürlich am wenigsten entziehen, obwol schon der sagenstoff zeigt, daſs er es beabsichtigt hat. und dann gilt für die Alexandra was für die wirklich tragische poesie der Alexandriner gilt und die be - denken verscheucht, welche die Pleias erregen kann: sie suchen die älteste tragödie auf, die den Attikern, gegen welche die Asianer front machen, so fremd geworden war wie die andere chorische poesie auch. dieser neuen romantik war schon Euripides viel zu modern, zu glatt, zu städtisch, zu ähnlich den Isokrateern, die man überwinden wollte, die man überwunden hat, wenn auch die eignen productionen kein längeres leben gehabt haben. nichts ist bezeichnender, als daſs man sich mit vorliebe auf das satyrspiel warf, und was wir von der Pleias kennen so gut wie ausschlieſslich satyr - spielen angehört. die archaistische tendenz brauchen wir auch nicht einmal selbst zu erschlieſsen: diese zeit redet, wie unsere romantik, beständig23)studien dem Kallimachos zuschreibt. nur von einem grammatiker aus der ersten hälfte des 3. jahrhunderts ist ein euripideisches ζήτημα vorhanden, Lysanias schol. Andr. 10, und da ist der name keineswegs sicher.137Das dritte jahrhundert. Aristophanes von Byranz.von ihren tendenzen, und das kunsturteil steht auch bei ihr höher als die leistungsfähigkeit. Dioskorides legt in einem cyclus von epigrammen auf Thespis Aischylos Sophokles und Sositheos davon zeugnis ab; Euri - pides hat mit recht keinen platz in dieser reihe, und von Sophokles wird bezeichnender weise die herbste frucht am meisten geschätzt: diese zeit sah, wie unsere romantik, in Antigone und Elektra das höchste25)Dioskorides Anth. Pal. 7, 37. ähnlich urteilte der philosoph Polemon (Antig. Kar. s. 65)..
Entsprechend ist die stellung dieser kreise zur komödie. die der gegen - wart gilt ihr nichts, dagegen holt sie die von Aristoteles und seiner schule zurückgesetzte alte komödie vor, die zudem den sprachlichen glossogra - phischen studien eine überreiche ausbeute bot. für die alte komödie ist das dritte jahrhundert das fruchtbarste gewesen, während es für die tragödie fast ausfällt. schon Lykophron26)Noch ein anderer tragiker der pleias hat über die komödie geschrieben, Dionysiades, Suid. s. v., dann Euphronios, dann Era - tosthenes haben ihr grammatische arbeit zugewandt: und hier steht der allerdings vereinzelte versuch der reproduction am ende, aber auch er findet an Dioskorides den herold seines lobes. Machon von Alexandria, sonst verfasser sehr salopp und modern gehaltener anekdoten in versen, hat ‘den bitteren thymian’ vom Hymettos an den Nil zu verpflanzen ver - sucht. derselbe Machon war neben Kallimachos und Dionysios Iambos der lehrer des gröſsten antiken grammatikers, der, als die blume der alexandrinischen poesie im verdorren war, den richtigen schritt tat, die alexandrinische und die peripatetische philologie zu vereinen, die philo - logie in dem uns geläufigen sinne zu schaffen, und die texte der classiker festzustellen. seine aesthetische überzeugung gieng nicht mit seinem lehrer; er hat Menander in versen verherrlicht, und die classiker, die wir so nennen und deren besitz wir ihm, wenn einem menschen, danken, alle mit der rechten philologenliebe gehegt und gepflegt. auch für die textgeschichte der tragiker ist die ausgabe des Aristophanes epoche - machend.
Von dieser ausgabe sich ein möglichst klares bild zu machen, istAristo - phanes von Byzanz. eine hauptbedingung für einsichtige beurteilung unseres erhaltenen textes. es ist wahr, daſs die directen zeugnisse nichts als ein par einzelnheiten geben, allein die allgemeinen erwägungen helfen sehr viel weiter. und sie sind verwendbar, denn wenn wir auch davon absehen wollten, daſs Aristophanes unseren text fundirt hat, so müſste das doch irgend jemand getan haben, und dieses unbekannten mannes tun müſsten wir uns ver -138Geschichte des tragikertextes.gegenwärtigen, und würden es einigermaſsen erschlieſsen aus den voraus - setzungen und den folgen seines wirkens. so tun wir notgedrungen sehr häufig: hier sind wir aber in der glücklichen lage mit einer benannten gröſse zu operiren.
Die Homerkritik der Alexandriner kennen wir am besten; natürlich holt man sich aus ihr belehrung, aber es wird verhängnisvoll, wenn man die unterschiede vergiſst, welche zwischen ihr und der herausgebertätig - keit vorhanden sein muſsten, die den lyrikern tragikern komikern galt. das hauptinteresse an den Homerausgaben des Aristophanes oder Aristarch liegt für die späteren, welche uns über sie unterrichten, und für uns in dem, was sie neues und eigenes enthielten, dem woran der name der gelehrten haftete, besonderen lesarten, athetesen, grammatischen einzel - beobachtungen, z. b. in betreff der prosodie wortabteilung orthographie. die ausgabe erscheint als ein von dem gelehrten geschriebenes oder cor - rigirtes exemplar mit kritischen und diakritischen zeichen, welche die meinung des herausgebers andeuten, übrigens aber eine mündliche oder schriftliche erläuterung fordern. es ist ein gelehrtes werk, wendet sich an gelehrte kreise, wenn es überhaupt mehr als hypomnematisches leben beansprucht. es ist aber keinesweges ausgemacht, daſs die ausgabe wirk - lich ausgegeben ward, ja es ist nicht einmal wahrscheinlich, da selbst Aristarchs ausgaben so bald verschollen waren; ἔκδοσις bedeutet bei den grammatikern durchaus nur ein exemplar. wie sich die Homertexte, die im buchhandel waren und blieben, dazu stellten, ist eine ganz andere frage. notorisch ist der einfluſs Aristarchs sehr groſs gewesen, da wir nicht nur viele seiner lesarten in unsern handschriften lesen, sondern auch verse, die er ausgeworfen hat, verschwunden sind, verse die er erst ein - gesetzt hat, sich vorfinden. man mag auch von vorn herein als wahr - scheinlich betrachten, daſs der kritiker selbst eine ‘kleine textausgabe’ hat ausgehen lassen mögen. aber damit rechnen seine schüler nicht, und ein buchhändlerisches bedürfnis, neue Homertexte zu schaffen, lag auch nicht vor. gegen die correctheit seiner classikertexte ist das groſse publicum ganz gleichgiltig; nur billig sollen sie sein.
Ganz anders steht es mit den anderen dichtern, z. b. Pindar, mit welchem am besten exemplificirt wird, da hier die verhältnisse am durch - sichtigsten sind und auch die tätigkeit des Aristophanes ganz ausdrück - lich bezeugt ist. von Pindars werken hatte es noch gar keine ausgabe gegeben. die gedichte hatten von vorn herein vereinzelt existirt; viele oder wenige werden ja wol zusammengeschrieben sein, aber davon ver - lautet nichts: man kennt vor der aristophanischen ausgabe nur die ver -139Aristophanes von Byzanz. ausgabe des Pindar.einzelung, und deren erfolg muſste auf die dauer für sehr viele gedichte der untergang werden. da trat nun die tätigkeit der alexandrinischen biblio - thekare ein, die ihnen von den zeiten des Demetrios her vorgezeichnet war. zwei menschenalter waren damit zugebracht, daſs die hellenische litteratur gesammelt und geordnet war: die consequenz lag vor, daſs es nun zu gesammtausgaben der classiker kommen muſste, durch welche die schätze der bibliothek erst recht nutzbar wurden. auch darin wirkt das akademische beispiel nach, auf deren mitglied der spottvers λόγοισιν Ἑρμόδωρος ἐμπορεύεται gemacht ist. es war in erster linie ein buch - händlerisches unternehmen. es muſste aus den handschriften der biblio - thek eine sammlung der werke Pindars veranstaltet werden, die in feste ordnung gebracht, deren text für die vervielfältigung festgestellt werden muſste, damit dann abschriften genommen und vertrieben würden. man mag sich das immerhin nur als eine leistung vorstellen wie Lachmanns Lessing, so ist doch einleuchtend, daſs die Alexandriner sich durch diese ausgaben, welche allmählich von allen classikern erschienen, unendlich viel höhere verdienste erworben haben als durch alle ihre conjecturen und commentare.
Als Aristophanes die erhaltenen gedichte Pindars zusammen hatte,Ausgabe des Pindar. ordnete er sie nach einem einfachen schema, das jeder begreifen sollte. er vereinigte die gedichte in bücher, 8 εἰς ϑεούς, 8 εἰς ἀνϑρώπους, von denen ein jedes noch einen besonderen gattungsnamen erhalten konnte ὕμνοι παιᾶνες, ἐγκώμια ϑρῆνοι u. s. w. dabei blieb ein rest von gedichten, der sich in diesen gattungen nicht wol unterbringen lieſs. die cultlieder der art waren zahlreich genug um ein ganzes buch zu füllen, das als neuntes nach dem vorhergehenden ‘Jungfrauenlieder III’ oder ‘Von den Jungfrauenliedern gesonderte’ hieſs. die lieder an men - schen lieferten aber, nachdem anderes anderswo untergesteckt war27)So z. b. Pyth. 3, ein undatirter und an keinen sieg geknüpfter brief an Hieron, steht hinter den beiden siegesliedern für denselben. überhaupt können die gattungs - namen ὕμνοι διϑύραμβοι, ἐγκώμια ἐπίνικοι nur mit einiger gewalt auf die menge gelegenheitsgedichte angewandt sein. die ordnung innerhalb der bücher ist nicht con - sequent. in Ol. (1 — 6) Pyth. (1 — 3) Nem. 1, nachtrag N. 9 stehen die Sikelioten voran, doch muſs einer (Pyth. 6) einem könige anderer herkunft (P. 4. 5) den vortritt lassen, und O. 12, Isthm. 2 stehen abseits. in Nem. sind die Aegineten vereinigt (3 — 8), in Isthm. nicht u. dgl. m. übrigens haben die alten zu allen zeiten gefallen daran gefunden, in gedichtsammlungen ein princip nur mit willkürlichen änderungen durch - zuführen., nur noch 3 heimatlose stücke, die dem letzten, zudem sehr dünnen buche als κεχωρισμένα τῶν Νεμεονίκων angefügt wurden, wo sie140Geschichte des tragikertextes.noch stehen28)Aber in der trefflichen florentiner handschrift D steht τέλος hinter dem letzten wirklich nemeischen gedichte 8, am schlusse des buches πινδάρου ἐπίνικοι νεμεονίκοις. die debatten der grammatiker, welche besonders belehrend sind, stehn zu N. 11, weil dies gedicht nicht einmal ein siegeslied ist, wie 9 und 10. übrigens haben die grammatiker den gesichtspunkt des Aristophanes nicht gewürdigt; Bergk noch viel weniger. das richtige hat im wesentlichen Hiller Herm. 21 gesehen.. mit den gedichten an die götter begannen sicher auch die werke des Alkaios29)Die anordnung Bergks ist ganz willkürlich. als ob ein dichter, der lieder an götter und liebeslieder verfaſst, deshalb ein buch ὕμνοι und gar eins ἐρωτικά genannt haben müſste. als ob σκόλια dadurch bezeugt würden, daſs ein attischer vater seinem sohne zuruft ᾆσον σκόλιον Ἀλκαίου κἈνακρέοντος; dies derselbe fehler, der die pindarischen skolien erzeugt hat. endlich als ob Strabon ein buch der ausgabe bezeichnete, wenn er sagt, daſs sich auf die mytilenäischen parteikämpfe τὰ στασιωτικὰ καλούμενα τοῦ Ἀλκαίου ποιήματα bezögen (617). στασιωτικὰ ist gar kein grammatischer gattungsname; Strabon kennt es auch aus aesthetischen kritiken des dichters. es wird eine hauptaufgabe der dringend nötigen neuausgabe der lyriker sein, statt der Bergkischen ordnung die des Aristophanes herzustellen. und Anakreon, aber die stoffliche ordnung schien sich nicht durchgehends zu empfehlen; passender erschien die vereinigung der gleichen versmaſse, nach denen auch die werke Sapphos geordnet waren. wie viel bücher gemacht wurden, darüber wird bis zu einem gewissen grade die rücksicht auf die übersichtlichkeit und die be - quemlichkeit des lesens bestimmt haben, auch bald ein gewisses her - kommen. einiges wird man also für den umfang des nachlasses daraus entnehmen, daſs Pindars werke 17 bücher umfaſsten, die des Hipponax und Mimnermos je 2. aber das buch Olympien ist anderthalb mal so groſs als das buch Nemeen einschlieſslich des nachtrags, und jede stoff - liche ordnung bedingt eine starke verschiedenheit des buchumfanges; auch haben ja die ganz willkürlich gesetzten einschnitte im Homer und Herodot noch viel stärkere differenzen erzeugt. um so weniger wird man die bücher der Sappho eben so lang ansetzen wie die Pindars, ja wenn, wie es scheint, bei Stesichoros buch und gedicht zusammenfiel, so hat man den beleg für sehr viel kürzere bücher: denn daſs ein chorisches gedicht auch nur so lang wie eine tragödie gewesen wäre, wird so leicht niemand glauben, und dies maſs überschreiten die pindarischen bücher bei weitem. Homer und Pindar lassen sich schlecht vergleichen, weil die zeilenlänge, d. h. die columnenbreite mindestens sehr verschieden gewesen sein kann. denn die prosa lieſs sich freilich bequem auf die gröſse des ἔπος ein - richten, weil sie sich beliebig abteilen läſst: für die lyrische poesie muſste mit dieser älteren praxis gebrochen werden, wenn die ausgabe auf die versmaſse rücksicht nehmen wollte. die bekannte zählung nach στίχοι,141Aristophanes von Byzanz. ausgabe des Pindar.d. h. ἔπη, kann demnach auf diese classikerausgaben gar nicht angewandt sein. sie hatte aber auch keinen zweck, denn der umfang ward ja fest - gestellt um schreiberlohn und buchpreis zu bestimmen. für gewöhnliche schrift reichte dazu die feststellung der buchstabenzahl (wie auch für die steinschrift), später die der sylbenzahl aus30)Die subscriptionen der zeilensummen erfüllen also ihren zweck sehr wol auch in büchern welche die normalzeile selbst aufgegeben haben. da auſserdem die hunderte am rande bezeichnet wurden, so blieben selbst die citate nach zeilen brauchbar. daſs unsere handschriften von Pindar und den scenikern keine sticho - metrischen angaben führen, ist somit begreiflich: die hinter dem Sophokles im Lauren - tianus sind nicht antik, wie die form zeigt, und sind sinnlos.: in den dichterausgaben waren bestimmte zeilen inne zu halten, lesezeichen zu setzen u. dgl. m., so daſs die bloſse zählung der elemente ihre bedeutung verlor.
Es war also eine tiefgreifende neuerung, daſs die dichtertexte nach metrischen regeln abgeteilt wurden. es war das für die leser eine notwendig - keit geworden, aber ein sachverständiger gelehrter war allerdings dazu nötig. in wie weit die leser in älterer zeit die lyrischen als prosa geschriebenen verse richtig gelesen haben, stehe dahin; da sie rhythmus und versglieder auch in der prosa hörten, und zwar dieselben wie in der poesie, so werden sie jedenfalls einen rhythmischen genuſs gefunden haben. aber um 200 war die sprache des lebens schon stark verändert, die kenntnis der metrik sehr zusammengeschrumpft, da fast ausschlieſslich nur noch die stichisch gebrauchten maſse in der praxis fortbestanden. der leser bedurfte also einer hülfe. da stand nun der herausgeber vor einer entscheidung. Aristo - phanes hat die abteilung nach den gliedern gewählt, nach dem, was man für die elemente der rhythmischen kunstwerke hielt, befangen in der rhetorischen lehre, die an der prosa namentlich durch die peripatetiker ausgebildet war, die metrik war durch diese nicht zu einer eignen wissen - schaft ausgebildet, und so ist sie immer zwischen musik und rhetorik ohne halt herumgeworfen. bald nach Aristophanes zeit ist die grund - lage der uns überlieferten metrik festgestellt worden, doch kennt man die maſsgebenden personen nicht. daſs Aristophanes das κωλίζειν an den lyrikertexten durchgeführt hat, ist bezeugt31)Dionysios de comp. verb. 22. 26 (p. 156. 221 R.). natürlich ward nicht bis auf die kleinsten einheiten zurückgegangen, die man jetzt πόδες oder gar ἡμίποδες nannte; auch mehrere kleine kola, deren vereinigung fest stand, lieſs man zusammen. für die lyriker helfen uns auſser dem unschätzbaren blatte Alkman die nachbildungen der Römer und deren praxis, die häufig durch die ganz äuſserliche abteilung der texte bedingt ist, wie sie z. b. die sapphische und aeolische strophe als vier perioden behandeln, während es drei sind, weil sie so abgesetzt waren, und auf solche ver - kehrtheiten kamen wie Horaz I 8, II 18.. er hat damit die praxis142Geschichte des tragikertextes.aller folgenden generationen bestimmt, bis auf die uns erhaltenen hand - schriften, ja bis auf Boeckh: wir dürfen ihm freilich nicht mehr folgen, da wir die metrik der classischen zeit richtiger aufzufassen im stande sind. daſs übrigens die gliederung der lieder immer durch das absetzen neuer zeilen bezeichnet worden sein müſste, ist keinesweges nötig; ein kurzer zwischenraum in der zeile oder eine interpunction, wie es z. b. in der florentiner Euripideshandschrift vorkommt, tut dieselben dienste. nicht die art der bezeichnung, sondern daſs überhaupt die gliederung bezeichnet wird, ist das wesentliche. es war aber damit nicht genug. in sehr ver - ständiger fürsorge haben die grammatiker dem leser durch ein bestimmtes system der bezeichnung auch zu erkennen gegeben, wo strophe und antistrophe oder in nicht strophischen liedern die perioden zu ende waren, auch den schluſs der lieder, einzeln den umschlag der rhythmen, endlich die personenverteilung. nur wenig davon ist in unsere handschriften übergegangen, aber wir kennen das system durch Hephaestion περὶ ποιήματος, der nur zusammenstellt, was er (oder seine quelle) in den ausgaben der classiker fand.
Diese bisher geschilderte tätigkeit, die man immerhin mit unsern an - weisungen an den setzer vergleichen mag, führte nun schon mittelbar zu sehr bedeutenden kritischen schlüssen, vergleichbar denen, welche unsern gelehrten zufielen, als sie die responsion der chorlieder erkannten. es war damit in vielen fällen ein kriterion gegeben um zwischen verschiedenen lesarten zu wählen, überschüssige glieder oder lücken zu erkennen. ein äuſserst merkwürdiger beleg für die persönliche tätigkeit des Aristophanes in dieser richtung ist auch erhalten32)Schol. Pind. Ol. 2, 48 zu dem überschüssigen kolon φιλέοντι δὲ Μοῖσαι, ἀϑετεῖ Ἀριστοφάνης, περιττεύειν γὰρ αὐτό φησι πρὸς ⟨τὰς⟩ ἀντιστρόφους. in einer andern fassung fehlt der name des Aristophanes und steht dafür ὀβελὸς πα - ράκειται. daſs eine solche interpolation nicht beseitigt ward, beweist sowol die vorsicht des herausgebers wie die abhängigkeit der ganzen folgezeit..
In wie weit die für das publicum bestimmten exemplare inter - pungirt und mit den lesezeichen versehen waren, die wieder Aristophanes für die prosodie erfand, ist nicht auszumachen. ganz dürfte beides in diesen schwierigen texten nicht gefehlt haben; ganz durchgeführt war es keinesfalls, und es gehört schon mehr zu dem eigentlich gelehrten be - triebe, ebenso wie die kritischen zeichen, von welchen doch der obelos wenigstens selbst im Pindar nicht zu entbehren war33)Für die gelehrten bestand natürlich in der prosodie auch hier, wie im Homer, eine feste παράδοσις. ein gutes exempel liefert Eur. Hek. 1030, wo niemand vor Hemsterhuys auf den gedanken gekommen ist ου als οὗ statt οὐ zu nehmem..
143Aristophanes von Byzanz. ausgabe des Pindar.Unmittelbar in die textkritik spielte ein geschäft hinüber, das der herausgeber gar nicht versäumen konnte, die herstellung einer ortho - graphie. unser Pindartext zeigt zwar schwankungen, die nicht alle auf schreiberversehen späterer zeit zu schieben sind, aber sie verschwinden gegenüber der einheitlichkeit. diese aber kann nur durch eine durch - greifende recension herbeigeführt sein. denn es ist weder die schreibung des dichters noch die einer bestimmten späteren zeit; auch konnten die aus aller herren länder in Alexandreia zusammengekommenen handschriften überhaupt nicht so ähnlich aussehen. nicht anders steht es in den anderen schriftstellern. einmal muſs doch befohlen sein, bei Sappho setzt man kein stummes iota, bei Pindar schreibt man φιλέοισι, bei Aischylos αἰσϑάνῃ πράσσω ἐς, bei Aristophanes αἰσϑάνει πράττω εἰς. also zeigt sich das eingreifen eines organisators in den folgen. er hatte keine leichte aufgabe. das sehen wir selbst am Homer, dessen sprache doch längst zu festen formen erstarrt war und durch die nie unterbrochene nachbildung immer gelehr - terer dichter selbst dem publicum geläufig blieb. am Homer sehen wir auch am besten, daſs die gelehrten selbst diese aufgabe nicht leicht nahmen. es sind auch wirklich keine kleinigkeiten, fällt doch das dialektische zum gröſsten teil unter diese rubrik. wir dürfen sicher sein, daſs die absicht nicht war, den hirngespinnsten eigner theorie raum zu schaffen, sondern die echte überlieferung zu geben. aber zum mindesten muſste eine aus - wahl getroffen werden, und schon das führte zum systematisiren; auſserdem war nicht weniges an sich von der überlieferung ungenügend oder doch inconsequent bezeichnet, wo denn auch eine entscheidung nötig ward.
Die hauptaufgabe war endlich die feststellung des textes selbst. wenn nur eine quelle für ihn zu gebote stand, oder wenn die tradition eine ganz feste war, so konnte die recensio freilich nichts tun als diese weiter geben. indeſs das muſsten ausnahmen bleiben; in gedichten, die seit jahr - hunderten in den verschiedensten gegenden gelesen worden waren, muſsten sich vielmehr ähnliche und zum teil noch ärgere zustände gebildet haben, wie wir sie dank den Alexandrinern im Homer vor augen haben, obgleich wir auch da gewiſs nicht den hundertsten teil von dem kennen, was jene durcharbeiten muſsten. sehen wir nun den Pindartext an, so bietet uns die reiche überlieferung sehr wenig wirkliche varianten; denn die schreib - fehler, die wir durch die vergleichung unserer handschriften erledigen, sind spätere wertlose entstellungen. vor allem aber, die gelehrten, deren äuſserungen in den scholien zahlreich erhalten sind, rechnen, ganz anders als im Homer, gar nicht mit varianten, sondern betrachten die überlieferung als eine sicher gegebene gröſse. mit anderen worten, im Pindar hat die144Geschichte des tragikertextes.grundlegende ausgabe, die aristophanische, alles ältere definitiv beseitigt: sie ist ganz und gar identisch mit der ‘überlieferung’ geworden, und nur die erinnerung erhielt sich dunkel, daſs es ältere texte gegeben hätte. die geschichtliche bedeutung der aristophanischen tätigkeit ist also eine ganz ungeheure. man denke sich, daſs die wirkliche überlieferung des Lucrez ganz zu grunde gienge und an ihre stelle der Lachmannsche text träte, so daſs gewissermaſsen Lachmann gleich Lucrez würde. in diesem falle würden wir gar nicht weniges durch die conjectur oder auswahl des herausgebers verderbt lesen, und dennoch würde es gegenüber der verwüstung, die vor Lachmann im Lucreztexte herrschte, ein unschätz - barer segen gewesen sein, daſs ein zielbewuſster wille durchgegriffen hätte. müſsten wir freilich Tibull und Properz mit Scaligers ausgabe indentificiren, so würde die kritik nur zu dem negativen ergebnis gelangen können, daſs irgend ein willküract die gedichte aus den fugen gerissen hätte. von den alexandrinischen gelehrten sind wir sicher, daſs sie an methode und scharf - sinn mit Lachmann nicht zu vergleichen waren, aber wir dürfen uns wol auch darauf verlassen, daſs sie diesen mangel durch gröſsere zurückhaltung und selbstbescheidung zum teil ersetzt haben: Scaligersche willkür imputirt ihnen nur, wer für die eigene die bahn frei haben will. Aristophanes zumal ist schon durch die ungeheure ausdehnung seiner herausgebertätig - keit von der conjecturalkritik zurückgehalten: ihm ist es gegangen wie Immanuel Bekker, mit dem man ihn immer wieder vergleichen muſs, den er aber doch wol überragt. denn was ihm gelungen ist, ist etwas so groſsartiges, daſs man kaum nach den tausend einzelheiten fragt, die man nicht wissen kann, da die hauptsache sonnenklar ist, die für alle zukunft maſsgebende codification der nationalen poesie, zu der mit recht auch Platon gerechnet war. so etwas zu erreichen erfordert mehr als philo - logie. es fordert die einsicht, daſs auf die lösung der aufgabe mehr an - kommt als auf die tausend bedenklichkeiten, ob es so oder so besser wäre; den mut, dem besserwissen der faulen und undankbaren nachwelt zu trotzen, die das gute gedankenlos nutzt und zugleich schilt, weil es nicht das bessere ist; den sicheren nie zu lernenden blick für das wesentliche; endlich die energie des willens, die durch die riesenhaftig - keit der arbeit immer neu gestärkt wird. auch wenn Aristophanes ein gewalttätiger kritiker gewesen wäre (solch einer löst freilich erfahrungs - gemäſs keine groſsen aufgaben), so würde sein andenken gesegnet werden müssen: und wir dürfen doch glauben, daſs er ein kritiker wie Bekker war.
Daſs Aristophanes für die tragiker dieselbe bedeutung hat wie für die lyriker ist nicht überliefert. dennoch ist es ganz unzweifelhaft. vor145Aristophanes von Byzanz. ὑποϑέσεις.ihm gibt es keine philologische beschäftigung mit ihnen; er eröffnet die reihe der grammatiker, welche sich ihrer erklärung widmen, und steht unter diesen selbst für unsere kenntnis in der vordersten reihe. die tragikerkritik setzt eben so gut wie die Pindars einen festen text voraus, über welchen hinaus die forschung kaum je geht, dann aber in völliger finsternis tappt34)Nur der tüchtige forscher Asklepiades (um 150) hat in Athen nach über - schenen handschriften gesucht, schol. Ar. Frö. 1344. wenn einer von der attischen schrift redet, so zeigt er nur, daſs er von ihr überhaupt nichts weiſs (schol. Phoen. 682). nicht besser ist meistens, was von den schauspielern ausgesagt wird. wo παλαιά, ἀναγκαιότερα ἀντίγραφα u. dgl. citirt werden, sind fast immer viel spätere zeiten gemeint, nirgend ist man veranlaſst über Aristophanes zurückzugehen.. die einteilung nach κῶλα ist auch im drama durch - geführt. also irgend jemand hat für dieses dasselbe geleistet wie Aristo - phanes für die lyrik: man kann an keinen andern als ihn denken. und eine deutliche spur ist auch erhalten geblieben, welche allein schon auf eine grundlegende ausgabe des Aristophanes führen würde, die ὑπο -ὑποϑέ - σεις. ϑέσεις. daſs Aristophanes den dramen eine kurze vorbemerkung vor - gesetzt hätte, vergaſs man bis in die späteste zeit nicht. sein name blieb diesen vorsatzstücken, die zu dem drama so notwendig gehörten, daſs der verfertiger des Okypus seiner parodie auch eine hypothesis, zum teil in aristophanischen formeln, vorausgeschickt hat. selbst als man, wahrscheinlich im 2. jahrhundert n. Chr., wo die lateinische grammatik solche spielereien treibt35)Die didaskalien, welche den römischen schauspielen im 1. jahrhundert v. Chr. vorgesetzt sind, sind natürlich nach dem vorbilde der aristophanischen vor - bemerkungen verfertigt, die damals in den griechischen texten standen., den inhalt der tragödien und komödien in schlechte verse faſste, hastete an diesen der alte berühmte name36)Die letzte spur ist wol, daſs in den Statiusscholien XII 510 der inhalt des Oid. Kol. dem Aristophanes zugeschrieben wird. denn in dieser gegend der litteratur ist eine vertauschung der dichternamen nicht wahrscheinlich.. mit einem commentar hängen die ὑποϑέσεις nicht zusammen; das zeigt auſser Terenz und Plautus die reihe der scholienlos überlieferten euri - pideischen dramen, vor denen sich nicht nur ὑποϑέσεις, sondern selbst reste aristophanischer gelehrsamkeit, allerdings ohne den namen, erhalten haben37)Auſser formelhaften, also nicht für den aristophanischen ursprung beweisen - den, wendungen steht zu den Hiketiden die aesthetische kritik τὸ δρᾶμα ἐγκώμιον Ἀϑηνῶν. die Bakchen zeigen auch durch die erhaltung des aristophanischen namens, daſs sie nicht in diese classe von tragödien gehören.. hieraus und übrigens aus dem ganzen inhalte der gelehrten notizen ergibt sich, daſs Aristophanes die ausgabe, welcher er sie beigab, für das publicum bestimmt hatte, nicht für die philologen.
v. Wilamowitz I. 10146Geschichte des tragikertextes.Die anregung und sehr vielfach auch den stoff hat er von den peri - patetikern entlehnt. so wenig wie ihnen war es ihm darum zu tun, den inhalt des folgenden stückes zu erzählen; was wir der art lesen, sind erzeugnisse späterer zeit, die mit den mythographischen hand - büchern zusammengehören. es werden vielmehr nur ganz kurz und nur dem im allgemeinen unterrichteten verständlich die hauptereignisse der folgenden handlung bezeichnet38)Wenn ein stück Φοίνισσαι hieſs, so war eine solche bemerkung in der tat angezeigt, wie er sie macht: ἐπιστρατεία Πολυνείκους μετὰ τῶν Ἀργείων ἐπὶ Θήβας καὶ ἀπώλεια τῶν ἀδελφῶν Πολυνείκους καὶ Ἐτεοκλέους καὶ ϑάνατος Ἰοκά - στης, und doch ist der ausdruck hier von einer redseligkeit, die den überarbeiter zeigt. auch die vergleichenden bemerkungen forderten diese angaben, wie denn die Phoe - nissen fortfahren ἡ μυϑοποιία παρ̕ Αἰσχύλῳ ἐν Ἕπτ̕ ἐπὶ Θήβας πλὴν τῆς Ἰοκάστης.. auſserdem folgt der litterarische nach - weis, ob und wo derselbe stoff von den beiden anderen tragikern oder auch überhaupt behandelt war38a)Diese notiz, παρ̕ οὐδενὶ κεῖται ἡ μυϑοποιία, steht vor dem Orestes, dessen absonderliche erfindung diese besondere hervorhebung wol verdient.. damit verband sich nötigenfalls eine erörterung über echtheit und integrität des vorliegenden dramas. sodann ward aus den schriften des Aristoteles und seiner schule der auszug aus den amtlichen aufzeichnungen hingesetzt, welcher jahr fest erfolg con - currenten der ersten aufführung angab. zum teil nach denselben büchern ward eine aesthetische würdigung gegeben, teils ganz kurz, wie z. b. von Euripides stücke erster und zweiter classe unterschieden werden, teils in ausführlicherer begründung, auch mit hinweis auf die älteren kritiker. endlich ersetzte die angabe des ortes der handlung, der zusammensetzung des chores und der person, die den prolog sprach, vollkommen ein per - sonenverzeichnis, das nicht üblich und in der tat ganz entbehrlich war. nützliche gelehrsamkeit ward gelegentlich hier oder dort zugefügt39)So steht über den sprecher des prologs eine gelehrte notiz zum Aga - memnon; öfter sind auch reste der hypothesis in die scholien verschlagen, so am schlusse der Antigone und am anfange des Philoktet über die euripideischen con - currenzstücke, zu Hek. 1 τὰ περὶ Πολυξένην ἔστιν εὑρεῖν παρἰ Σοφοκλεῖ ἐν Πολυ - ξένῃ (so zu lesen). das aesthetische urteil über den Orestes steht zum teil auch am schlusse. auch die kritik des aischyleischen concurrenzstückes Ai. 134 dürfte aus der hypothesis stammen.. die reihenfolge der teile ist in unserer überlieferung nicht fest; auch kann man nicht alles mit gleicher sicherheit auf Aristophanes zurückführen, da die grammatiker, welche nach ihm einzelne stücke herausgaben, auch an den vorbemerkungen änderten40)So ist unsere hypothesis zum Rhesos geschrieben von dem welcher die echtheit des dramas behauptete, und der nahm dabei die auf, welche der von ihm, und auch solche zusätze ihren weg in die147Aristophanes von Byzanz. textkritik.publicirten texte fanden: schon Ovid hat unsere erhaltene hypothesis der Medeia, welche den Rhodier Timachidas41)Timachidas war noch dichter, verfasser eines vielbändigen epischen δεῖπνον, glossograph und verfasser von commentaren zur Medeia, den Fröschen und dem Κόλαξ des Menandros (Et. M. [Sorb. ] καραδοκῶ). seine zeit steht nicht fest; man möchte ihn in das 2. jahrhundert setzen. citirt, in seinem Euripides - exemplar gelesen42)Das hat Robert (Bild und Lied 231) sehr schön aus Metam. VII 159 — 296 ermittelt.. um so deutlicher wird die macht des aristophanischen vorbildes und die weite geltung dieser grammatischen sitte.
Von den hilfsmitteln und der methode, welche Aristophanes für dieTextkritik. recensio der tragiker zu gebote standen, wissen wir so gut wie nichts. texte der meisten dramen muſsten in groſser zahl in der bibliothek liegen, und die könige setzten ihr geld und ihre diplomatie dafür ein, daſs wert - volle handschriften, z. b. das lykurgische exemplar aus Athen, für Alexan - dreia gewonnen wurden43)Galen XVII 607.. wenn wir bedenken, daſs Aristophanes in seinen Homertext sehr viele verse aufgenommen hat, die Zenodotos gar nicht geschrieben hatte und er selbst für unecht hielt, so dürfen wir uns nicht wundern, daſs so viel unechte verse in den dramen stehen, dürfen aber zugleich keinesweges glauben, daſs Aristophanes sich über dieselben immer getäuscht hätte44)Z. b. Vög. 1343, ein vers, den andere mit recht gar nicht schrieben. in ganz interpolirter gestalt ist die letzte scene der Frösche überliefert, wo Aristophanes den trug, wie es scheint, gar nicht, Aristarch zum teil durchschaut hat. man wundert sich in der tat, daſs so üble dittographien und zusätze sich haben halten können; leider finden sie jetzt sogar verteidiger. zu streichen sind 1429, 1432, 1437 — 41, 1446 — 48, 1452. 53 (1455. 6 ist abzuteilen ΔΙΟ. πόϑεν; μισεῖ κάκιστα. ΑΙΣ. τοῖς πονηροῖς δ̕ ἥδεται; ΔΙΟ. οὐ δῆτ̕ ἐκείνη γ̕, ἀλλὰ χρῆται πρὸς βίαν. ΑΙΣ.) 1462 — 66, 1478.. auch doppelte recensionen, die nicht selten sind, hat er erweislich zuweilen trotz richtiger einsicht aufgenommen45)Frö. 153; anders wird er es mit den sinnlos wiederholten versen in Eur. Medeia und Phoenissen auch nicht gehalten haben. gerade die existenz von ditto - graphien beweist in der griechischen wie in der römischen dramatischen poesie, daſs unsere überlieferung auf die ausgabe von gelehrten zurückgeht, welche die ver - schiedenen fassungen, die sie in den handschriften einzeln vorfanden, neben einander gerückt haben. denn nur das zusammenarbeiten der vorher gesonderten fassungen kann sie vereinigt haben. sehr oft wird ein kritisches zeichen zuerst gesetzt ge - wesen sein. hätten diese herausgeber die anmerkung als eine berechtigte eigentüm - lichkeit wissenschaftlicher schriftstellerei gekannt, so würde der gang der textge - schichte ein ganz anderer geworden sein, würden übrigens z. b. auch Aristoteles ethik,. wir40)bekämpfte grammatiker geschrieben hatte, der den Rhesos verwarf. dieser erst hat den Aristophanes benutzt.10*148Geschichte des tragikertextes.werden ihm auch dafür dankbar sein. denn sein bestreben war offenbar, möglichst wenig von dem überlieferten umkommen zu lassen. und doch liegt es in der natur der sache, daſs sehr vieles unterdrückt werden muſste, nicht bloſs einzelne lesarten, da ja die ausgaben keinen kritischen apparat enthielten, sondern verse und versreihen. wie hätte das gegenüber schau - spielerredactionen anders sein sollen? wirklich hat Aristophanes die beiden unechten prologe des Rhesos ganz unterdrückt. so sehr wir also auch wünschen würden, mit dem apparate, der ihm zur verfügung stand, selbst zu arbeiten, so dürfen wir uns doch dazu glück wünschen, daſs der text, der für uns genau so wie im Homer auch im drama zunächst anzu - streben ist, der der Alexandriner, ein so vorsichtig festgestellter ist. auf die torheit, bei ihm stehen zu bleiben, ist glücklicherweise niemand ver - fallen, obgleich der schade geringer wäre als im Homer.
Eine gesammtausgabe würde ihren zweck verfehlen, wenn sie nicht durch eine feste ordnung die erhaltung des gesammtbestandes der werke sicherte, wenn also z. b. die tragödien, weil eine jede für ein buch besser zureicht als ein gedicht von Stesichoros, vereinzelt publicirt wurden und vereinzelt blieben. tatsächlich haben denn auch die herausgeber aus diesen lediglich praktischen rücksichten etwas unseren ‘bänden’ ent - sprechendes eingeführt, eine mittelstufe zwischen der summe der werke und dem einzelnen stücke oder buche. wir sehen in der zeit des ent - falteten litterarischen lebens einzelne vielschreibende schriftsteller schon selbst dafür sorgen und ihre bücher in gruppen von 5 oder 10 oder wie viel ihnen beliebt zusammenfassen. die historiker Dinon von Kolophon und Deinias von Argos nannten das eine σύνταξις46)Δίνων ἐν α΄ τρίτης συντάξεως schol. Nik. Th. 613. Δεινίας ἐν ϑ΄ πρώτης συντάξεως, ἐκδόσεως δὲ δευτέρας schol. Eur. Or. 872. später kommt das wort ab. Erotian in der vorrede braucht es abwechselnd und gleichbedeutend mit βιβλίον. Anaximenes schlieſst seine rhetorik mit der aufforderung, in der rede ἐκ τῆς προτέρας συντάξεως γυμνάζεσϑαι, bezeichnet also sein werk damit. da ist es noch ganz gleich einem ἐξ ὧν πρότερον συντετάχαμεν.. die werke des Chrysippos wurden ebenfalls in συντάξεις gesammelt, doch wol schon bei seinen lebzeiten oder bald danach; denn lange konnten sich diese massen schlechtester prosa nicht halten, und der buchhandel blühte damals in Athen47)Lykon, gestorben 224, übergibt seinen nachlaſs einem Kallinos zur publi - cation in seinem testamente (Diog. V 73). wir ersehen aus demselben, daſs dieser mit dem peripatetischen schulhaupte befreundet und in Hermione heimatberechtigt. die ebenso ungeheure und unlesbare masse des Epi -45)politik, psychologie ganz anders aussehen. und der Homer würde den hexaplarischen bibelhandschriften noch viel ähnlicher sein, als er es jetzt ist.149Aristophanes von Byzanz. verteilung in bände.kurischen nachlasses war auf κύλινδροι verteilt48)Diogenes X 26. die einzelnen bücher können nicht gemeint sein, denn für sie wäre die zahl 300 viel zu niedrig: von Aristoteles zählt das hesychische verzeichnis mehr als das doppelte. auch waren die bände Epikurs wie die des Livius besonders schwer (Seneca ep. 46, 1 Usener Epicurea 87). das trifft auf die livia - nischen bücher nicht zu, erklärt sich vielmehr daraus, daſs er nach dekaden oder doch pentaden publicirt hatte, eine einteilung, die unsere überlieferung noch fest hält. entsprechendes hat man für Epikur anzunehmen.. den des Antisthenes gliederte man nach τόμοι, den platonischen verteilte Aristophanes in τριλογίαι49)Hier war die rücksicht maſsgebend gewesen, daſs Platon zwei trilogien innerlich und formell verbundener dialoge verfaſst hatte. da sich darunter der Staat als ein buch neben dem Kritias befand, war an gleiches gewicht der bände nicht zu denken. und Aristophanes hat denn auch kein bedenken getragen, die Epinomis neben die Gesetze, jedes als eine nummer, zu setzen.. das bei den Byzantinern gewöhnliche wort τεῦχος findet sich wenigstens in der augusteischen zeit für die vereinigung von fünf büchern lyrischer gedichte50)Krinagoras Anth. Pal. IX 239. das gedicht ist so zerstört, daſs man nicht sicher erkennen kann, was eigentlich die fünf bücher lyrische gedichte waren. einen sammelband mehrerer gedichtbücher erwähnt Catull 14.. auch wenigstens für einen dramatiker ist die einteilung kenntlich. Apollodoros von Athen hat die gedichte des bisher vernachlässigten Epicharm auf 10 τόμοι verteilt. da nicht fest - steht, ob Apollodor die umfängliche pseudepicharmische, epische und prosaische, litteratur aufnahm, ist nicht sicher zu sagen, wie viel stücke auf einen τόμος kamen; indessen führt die beste angabe, 40 komödien, darunter 4 bestrittene51)Anon. de com. 3, der ausdrücklich die σῳζόμεναι angibt. 35 zählte vor Apollodor der Pythagoreer Lykon. das harmonirt mit Apollodor ganz gut. 52 bei Suidas ist dem gegenüber zu verwerfen., auf die tetralogie, und man darf sie als wahr - scheinlich betrachten52)Daran ist nicht zu denken, daſs etwa 4 epicharmische komödien die länge einer attischen ausgemacht hätten. denn die dicke des bandes entscheidet über - haupt nicht, und wenn auch die sicilischen possen zweifellos kürzer als die komödien waren, so ist ihre gröſse doch ganz unschätzbar, konnte sich übrigens, da das vor - waltende versmaſs trochäische tetrameter waren, ja zwei ganze komödien aus ana - paestischen tetrametern bestanden, in der schrift möglicherweise ganz anders stellen als die summen der in unserer weise gezählten verse es ergeben würden.. Porphyrios, der die angabe über Apollodor macht um seine enneaden zu begründen (vit. Plotin. 24), wuſste nichts mehr von τόμοι der tragiker. aber wir werden nicht bezweifeln, daſs47)war. Lukian (advers. indoct. 1. 24. ) erwähnt die βιβλιογράφοι Atticus und Kallinos als die verfertiger der schönsten alten bücher. der athenische verlag des Atticus ist aus Ciceros correspondenz, die Ἀττικιανά sind aus den grammatikern bekannt: Kallinos werden wir auch nicht zögern zu identificiren.150Geschichte des tragikertextes.Apollodor der weise seiner lehrer folgte. dazu tritt nun ein wichtiges zeugnis. ein bücherkatalog aus Athen (CIA II 992) zählt unter anderem euripideische tragödien auf; sie sind nach den anfangsbuchstaben der namen geordnet, doch so, daſs erst alle mit Σ, dann alle mit Θ, Δ, Π, dann vier mit Α, einige mit Ε anfangende auf einander folgen. wir sehen also die ordnung κατὰ στοιχεῖον, wie sie auch die zahlreich er - haltenen verzeichnisse von dramen zeigen, aber in der eigentümlichen weise modificirt, daſs die mit demselben buchstaben im titel beginnenden dramen eine einheit bilden, diese einheiten aber nicht mehr die buch - stabenfolge des alphabetes inne halten. den grund der anomalie vermag man nicht wol zu erraten; so viel aber ist klar, daſs die buchstaben nicht die τόμοι bilden konnten, sonst hätten mehrere τόμοι nur eine tragödie umfaſst. und da von Α, welches die meisten enthält, zwischen Π und Ε vier tragödien eingezwängt sind, so liegt auch hier die tetralogie zum mindesten sehr nahe. und das muſste sie von vorn herein für den heraus - geber tun, der unter den aischyleischen dramen eine anzahl wirklich inhaltlich zusammengehöriger und zugleich gegebener tetralogien vorfand, von welchen z. b. der Prometheus53)Der erhaltene Prometheus stand in der ausgabe, für welche schol. 511 geschrieben ist, noch im verbande der trilogie, denn der λυόμενος heiſst τὀ ἑξῆς δρᾶμα. angeführt wird auch das dritte stück, 94. auch die erhaltene Orestie dürfte der veranstalter unserer auswahl nicht erst selbst zusammengestellt, sondern im selben bande vereint gelesen haben. selbst nur den einen titel für die drei tragödien bot. man mag vermuten, daſs diese tetralogien zuerst als ein τόμος vereint blieben, wie sie wol zum teil auch überliefert waren, und dann bei Euripides und auch Sophokles54)Auch von diesem stehen einige mit gleichem buchstaben beginnende tragödien - namen auf dem steine CIA II 992., wo der inner - liche zusammenhang fortfiel oder zurücktrat, ein compromiſs zwischen dieser einteilung und der ordnung nach dem anfangsbuchstaben getroffen ward. indessen bleibt das einzelne zunächst noch ganz unsicher; wichtig aber ist die erkenntnis des einteilungsprincipes im ganzen, und sie wird sich später noch in wichtigen folgen bewähren55)Zwei notizen scheinen darauf zu führen, daſs die tragödien auch eine laufende nummer führten, in der hypothesis der Alkestis τὸ δρᾶμα ἐποιήϑη ιζ΄, und in der der Antigone λέλεκται δὲ τὸ δρᾶμα τοῦτο τριακοστὸν δεύτερον: aber sie haben sich bisher jeder deutung entzogen..
Auch die reihe der commentatoren beginnt Aristophanes. daraus folgt, daſs er im Museion tragiker erklärt hat, ebenso wie auch epiker lyriker und komiker. denn für die älteste grammatik gilt noch ebenso wie für die151Aristophanes von Byzanz. erklärung.peripatetiker die wechselwirkung von mündlicher lehre und schriftstel - lerei55a)Für den betrieb der philologischen studien in Alexandreia sind wir auf rückschlüsse angewiesen, da directe zeugnisse fehlen. nun hat man ja das richtige aus der anwendung der kritischen zeichen, welche mündliche belehrung zur ergänzung fordern, aus den ὑπομνήματα und namentlich aus der παράδοσις, wie sie z. b. in betreff der aristarchischen vocabelerklärung fest steht, geschlossen. es ist aber doch sehr belehrend, auf dem gebiete der mathematik im rhestachoterischen und exote - rischen schulbetrieb hineinzusehen. die vorreden, welche Apollonios von Perge seinen einzelnen büchern über die kegelschnitte vorausschickt, gewähren diesen ein - blick, und die tiefe und klare würdigung, welche Zeuten jüngst diesem werke hat zu teil werden lassen, wird dem philologen auch dann wichtig, wenn er dem mathe - matiker auf sein gebiet nicht zu folgen vermag. für diesen ist es kein geringes lob, daſs er, ohne kenntnis von den geschichtlichen bedingungen zu haben, die verhält - nisse genau so gezeichnet hat, wie sie umfassende geschichtsbetrachtung kennen lehrt, von der leider die meisten philologen noch weit entfernt sind.: sie schreiben ὑπομνήματα, und man schreibt sich nach ihren vorträgen ὑπομνήματα. proben von der conjecturalkritik des Byzantiers sind freilich zu den tragikern nicht mehr beizubringen, weil ihre scholien sehr viel dürftiger sind als die zu dem Athener Aristophanes. indessen ist doch an einer stelle so viel erhalten, daſs etwas wichtiges sich erschlieſsen läſst. in den scholien zum Orestes ist ein ὑπόμνημα des Aristophaneers Kallistratos benutzt, und da dieser einmal als gewährsmann für eine lesart seines lehrers angeführt wird56)1038; auſserdem von Kallistratos 314 zeugnis für eine lesart, 434 eine aporie. schlüsse auf seine eigene leistung und tendenz sind daraus nicht zu ziehen., so darf man auch die andern, eben auch in diesem drama allein häufigeren, Aristophanescitate57)713 eine lesart; 489 ist nur noch der name da. er galt einer erklärung. auf die rechnung seiner vermittelung setzen. darunter ist nun eine sehr merkwürdige notiz. Aristophanes rechtfertigt eine lesart durch berufung auf Stesichoros, der die von Euripides gewollte situation erkläre58)1287 (p. 214, 15 Schw.) Ἀρ. γράφει ῾ἐκκεκώφωνται ξίφη᾽· σημαίνει γὰρ ὅτι εἰς τὸ κάλλος Ἑλένης ἀποβλέψαντες ἀνεπαίσϑητοι ἕμειναν καὶ εἴασαν τὰ ξίφη. das erhält erst eine pointe durch die andere fassung (z. 6) ἆρα εἰς τὸ Ἑλένης κάλλος βλέψαντες οὐκ ἐχρήσαντο τοῖς ξίφεσιν; οἷον καὶ Στησίχορος ὑπογράφει κτέ.. unzweifelhaft gehört ihm dann auch eine weitere stelle, wo ebenso Stesichoros die absicht des Euri - pides erläutert59)269 Στησιχόρῳ έπόμενος τόξα φησὶν αὐτὸν εἰληφέναι παρὰ Ἀπόλλωνος. ἔδει οὖν τὸν ὑποκριτὴν λαβόντα τοξεύειν· οἱ δὲ νῦν ὑποκρινόμενοι τὸν ἥρωα αἰτοῦσι μὲν τὰ τόξα, μὴ δεχόμενοι δὲ σχηματίζονται τοξεύειν. Stesichoros wird auch 249 zur erläuterung der fabel citirt und 46 bei besprechung des ortes, wo Euripides die fabel spielen läſst. es liegt nahe auch diese stellen auf Aristophanes zu beziehen. indessen hat über die quellen des Euripides auch der kyklograph. hier aber richtet sich die spitze der bemerkung gegen152Geschichte des tragikertextes.die praxis der schauspieler, wie sie zu zeiten des verfassers auf der bühne in geltung war. und von dieser in keinen anderen scholien vorhandenen kategorie gibt es zum Orestes eine reihe bemerkungen, welche die gesti - culation60)643 τούτου ῥηϑέντος αἴρουσιν οἱ ὑποκριταὶ τὴν χεῖρα, ὡς τοῦ Μενελάου ἀγωνιῶντος κτέ. εὐήϑης δέ ἐστιν [ὁ] τοιαύτης ὑποψίας ἀντιλαμβανόμενος ⟨ὁ⟩ Με - νέλαος. das scholion ist auſser im Et. Gud. 79, 19 auch in den proleg. zu Hermogenes IV 7 Walz ausgeschrieben., die sangweise61)176 τοῦτο τὸ μέλος ἐπὶ ταῖς λεγομέναις νήταις ᾄδεται καί ἐστιν ὀξύτατον. ἀπίϑανον οὖν τὴν Ἠλέκτραν ὀξείᾳ φωνῇ κεχρῆσϑαι, καὶ ταῦτα ἐπιπλήσσουσαν τῷ χορῷ. ἀλλὰ κέχρηται μὲν τῷ ὀξεῖ ἀναγκαίως, οἰκεῖον γὰρ τῶν ϑρηνούντων, λεπτότατα δὲ ὡς ἔνι μάλιστα. davon daſs des dichters absicht die oder die ge - wesen wäre, weiſs der verfasser nichts: nur die praxis, wie sie auf der bühne ist, kennt er. ganz so Dionysios, der de comp. verb. 11 den anfang desselben liedes zum beispiele wählt. ἡ ᾠδικὴ Μοῦσα … τὰς λέξεις ταῖς μέλεσιν ὑποτάττειν ἀξιοῖ, … ὡς … δῆλον ἐκ τῶν Εὐριπίδου μελῶν ἃ πεποίηκε τὴν Ἠλέκτραν λέγουσαν. Euripides hat Elektra die μέλη ‘sagen’ lassen. den gesang schuf die ᾠδικὴ Μοῦσα, oder, wie Aristophanes sagt, sie werden so und so gesungen. — übrigens ist die stelle noch in anderer weise für die schauspieler sehr merkwürdig. unsere hand - schriften und scholien geben 140. 1 dem chore, wie wegen der responsion nötig ist. aber nicht nur Dionysios, sondern auch eine sehr gute anekdote von Kleanthes (Diog. IV 172), gibt sie Elektra; so war also die bühnenpraxis. dann können diese gewährs - männer aber v. 136 — 39 nicht gehört haben, denn das ist offenbar eine dittographie zu 140. 1; ja wir vermögen nun erst die verderbnis von 141 mit Elmsley sicher zu heilen (μὴ ῎στω κτύπος für μηδ̕ ἔστω κτύπος aus 137). die schauspieler verhelfen uns hier also zur entfernung einer in den gelehrten texten befindlichen dittographie. was sie änderten, lief darauf hinaus, daſs der sänger erhielt was eigentlich dem chore gehörte. das begreift man leicht. aber auch die verse 135 — 39 sind auf der bühne entstanden, nur einer anderen: sie fordern entweder die beseitigung des chorliedes, oder doch seines anfanges, oder aber sie sind gedichtet um den sinn der chorverse deutlich zu machen, als die musik in gewohnter weise die worte unverständlich gemacht hatte., die neigung für entfaltung von pomp62)οὐκ ὀρϑῶς νῦν ποιοῦσί τινες τῶν ὑποκριτᾶν πρῲ εἰσπορευομένην τὴν Ἑλένην καὶ τὰ λάφυρα. ῥητῶς γὰρ αὐτὴν νυκτὸς ἀπεστάλϑαι φησίν, τὰ δὲ κατὰ τὸ δρᾶμα ἡμέρᾳ συντελεῖται. man lieſs also Helene während des prologes mit einem triumphzuge, beutestücken, sclavinnen etc. auf die bühne kommen, während der dichter sie bereits bei nacht, vor beginn seines stückes, hatte kommen lassen., die selbst vor einem einschube nicht zurückschreckende sorge für die eigene bequemlichkeit63)Der eunuch sagt 1369, er wäre der ermordung entflohen κεδρωτὰ παστάδων ὑπὲρ τέραμνα Δωρικάς τε τριγλύφους, also durch einen sprung vom dache. vorher gehen drei verse des chores, worin in üblicher weise das knarren der türe und heraustreten des Phrygers notificirt wird. das vorzügliche scholion hebt den wider - an den schauspielern tadeln. das bestätigt sich weiter59)Dionysios gehandelt 995, vgl. 872. diese mythographische gelehrsamkeit wird man nicht trennen dürfen. auch das verhältnis zu Homer gehört dahin, 39, 256.153Die zweite periode der textkritik.dadurch, daſs bei einer zu zwei stellen anderer dramen angemerkten diffe - renz zwischen dem texte und der inscenirung einmal Aristophanes namhaft gemacht wird64)Hipp. 172 τοῦτο σεσημείωται τῷ Ἀριστοφάνει, ὅτι καίτοι τῷ ἐκκυκλήματι χρώμενος τὸ ἐκκομίζουσα προσέϑηκε περισσῶς. Alk. 234 οὐκ εὖ· κατὰ γὰρ τὴν ὑπόϑεσιν ὡς ἔσω πραττόμενα δεῖ ταῦτα ϑεωρεῖσϑαι. die form dieser notiz ist entstellt, ähnlich wie die geringeren fassungen des Hippolytosscholions. die sache verhält sich so. man stellte die scenen so dar, daſs das ekkyklema zur anwendung kam, also die kranke Phaidra und die sterbende Alkestis im zimmer blieben. das ist der sache eigentlich allein angemessen, und deshalb glaubte Aristophanes den dichter tadeln zu müssen, der trotzdem beide male ausdrücklich angibt, daſs die kranken ins freie gebracht würden. wir werden natürlich umgekehrt urteilen, daſs Euripides ein ekkyklema nicht beabsichtigt hat und sich wol oder übel mit den verhältnissen seiner bühne beholfen hat. aber ein heutiger regisseur würde gut tun lieber dem antiken collegen zu folgen als dem dichter. es liegt nahe die anweisungen für das spiel, die vereinzelt gegeben werden (Hipp. 215 tout d’ accord avec madame Rachel, fügt Weil hinzu) auch auf Aristophanes zurückzuführen. natürlich nicht solche, wo der grammatiker durch ein ἴσως selbst eingesteht, daſs für ihn das drama nicht mehr auf der bühne existirt, schol. Soph. OT. 41. 80. 1297. auch wenn über das umcostümiren geredet wird, ist die verkehrtheit der bemerkung beweis genug, daſs das am schreibtisch ausgedacht ist, schol. Soph. OT. 147, E. Phoen. 93.. es wird also kein vorschneller schluſs sein, wenn wir annehmen, daſs Aristophanes in das schauspielhaus gegangen ist, um die tradition der bühne für die exegese des textes nutzbar zu machen65)Über die bühnenwirksamkeit urteilt er in den hypothesen zu Orestes und Phoenissen ganz unbefangen, ohne seine gesunde kritik der dichtung dem gegenüber zu verleugnen.. es ist begreiflich, daſs der erste erklärer das tat: die folgezeit hat eine be - lebung der anschauung durch die bühne so wenig gekannt wie eine fort - gesetzte textverderbnis durch dieselbe65a)Leo verweist mit recht auf den Donatcommentar zu Terenz, wo die rück - sicht auf die bühne noch viel deutlicher hervortritt. natürlich geht das auf sehr viel ältere erklärer zurück; Leo vermutet, auf Probus.. auch hieran sieht man so recht, daſs Aristophanes eine neue periode eröffnet.
Diese zweite periode der textgeschichte umfaſst etwa drei jahrhunderte,Die zweite periode der textkritik.63)spruch hervor und stellt die sichere vermutung auf, die drei verse wären von den schauspielern eingelegt οἴτινες ἵνα μὴ κακοπαϑῶσιν ἀπὀ τῶν βασιλείων δόμων καϑαλλόμενοι, παρανοίξαντες ἐκπορεύονται τὸ τοῦ Φρυγὸς ἔχοντες σχῆμα καὶ πρό - σωπον. eine ähnliche interessante schauspielerinterpolation ist Aisch. Eum. 405. Aischylos in seiner einfachheit lieſs Athene von der Troas nach Athen durch die luft fliegen, ohne fittiche, aber so daſs sich fittichgleich die Aegis blähte, πτερῶν ἄτερ ῥοιβδοῦσα κόλπον αἰγίδος. das genügte dem bedürfnis nach sinnenreiz nicht mehr, das die spätere zeit zu befriedigen wuſste, und schien wol auch der göttin nicht würdig. so fuhr Athene auf ihrem streitwagen durch die luft auf die bühne, und dafür ward der vers eingefügt πώλοις ἀκμαίοις τόνδ̕ ἐπιζεύξασ̕ ὄχον.154Geschichte des tragikertextes.vom fünften Ptolemaeer bis auf Hadrian, und läſst sich bezeichnen als die zeit des wirklich grammatischen studiums. sie ist in ihrer studen - richtung uns modernen vergleichbar. die beschäftigung mit den tragikern ist sehr rege und productiv an büchern, von denen aber sehr wenig auf die nachwelt kommt, denn ein commentar verdrängt den andern, eine special - ausgabe die andere. das verdienst dieser zeit liegt auf dem gebiete der kritik lediglich in der conservirung des aristophanischen textes und der sicherung des verständnisses, so weit es die einzelnen worte und sätze des dichters angeht. tieferes eindringen in die kunstwerke ist fast nirgend vorhanden, und selbst der versuch wird nicht häufig gemacht. die con - jecturalkritik hat so gut wie gar nichts gutes geleistet, würde aber viel verdorben haben, wenn ihre einfälle bestand gehabt hätten.
Neben Kallistratos, den die verehrung für seinen meister in die hef - tigste fehde mit Aristarch verwickelte, wird man diesen vor allem als erklärer tätig zu sehen erwarten. sein schüler Dionysios Thrax sagt, er hätte die ganze tragödie auswendig gekonnt66)Et. M. Διονύσιος Θρᾷξ. das ὑπόμνημα Λυκούργου Αἰσχύλου citirt schol. Theokr. 10, 18., und daſs er ὑπομνήματα verfaſst hat, steht fest. aber es ist nicht nur so gut wie gar nichts er - halten, man spürt auch nichts von seinem einfluſs, oder doch nichts was den tragikern nützte. denn daſs wir seine homerischen doctrinen nicht selten in den scholien der tragiker vorgetragen finden, nützt für das verständnis der vorliegenden stellen nicht das mindeste. oder was läge daran, daſs wir lernen, Homer unterscheide im gegensatze zu den attikern οὐτάσαι und βαλεῖν67)Schol. Androm. 616, Hipp. 683, Ar. Ach. 345.; und gar die mythographische erudition würde ganz zu grunde gegangen sein, wenn die aristarchische mode durchge - drungen wäre, bloſs den unterschied der νεώτεροι vom ποιητής einzu - schärfen68)Z. b. schol. Hek. 3. 4. 1279. eine anzahl solcher stellen ist gesammelt in der sonst unbrauchbaren arbeit von Barthold de scholiorum in Eur. fontibus Bonn 1864 p. 12. ganz ähnliches findet sich auch in den Pindarscholien, Horn de Ar. stud. Pindar. Greiſswald 1883, p. 76. vereinzelt findet sich auch eine solche be - ziehung auf Aristophanische lehren; Phoen. 886 und Tr. 44 (zu lesen σεσημείωται ὡς [καὶ cod. ] μηκέτι αὐτῆς οἰκουμένης) beziehen sich auf seine homerischen arbeiten, auf seine παροιμίαι schol. Soph. Ai. 746, auf seine λέξεις Phoen. 684, häufig wird sein συγγενικόν stillschweigend berücksichtigt, z. b. Hipp. 634 Alk. 988 Pind. Ol. 9, 96: aber dies buch ist bis in byzantinische zeit in gebrauch gewesen und von den lexikographen reichlichst ausgenutzt, also konnten solche bemerkungen jederzeit aufgenommen werden und für die tragikercommentare des Aristophanes beweisen sie gar nichts.. gewiſs wird Aristarchs besonnene exegese auch hier sehr155Aristarch. ὑπόμνημα zum Rhesos.viel gutes haben stiften können, und die einzige stelle, wo sein name erscheint69)Zu Rhes. 540. denn Alk. 1154 ist der name aus Ἀριστοτέλης verdorben, wie Harpokration s. v. τετραρχία lehrt., zeigt ihn auch als den verteidiger des wahren. entsprechend steht es im Pindar; aber ebenda ermiſst man leicht die schranken seines könnens. die vollkommene anistoresie, die für seine philologie charakte - ristisch ist, rächt sich empfindlich. so hat er im Aristophanes, wo seine eigentümlichen vorzüge sich noch weniger entfalten konnten, nur wenig geleistet. und auch die tragiker haben von ihm und seinen nächsten an - hängern wenigstens keine kenntliche förderung erhalten.
Unsere überlieferung über die leistungen der einzelnen grammatiker des zweiten und ersten jahrhunderts ist aber überhaupt so dürftig, daſs wir von keinem einzigen benannten manne eine vorstellung gewinnen können. es hilft wenig, daſs Krates ein par mal genannt wird70)Zum Rhesos muſs er ein ὑπόμνημα verfaſst haben. sonst in einem ζήτημα Phoen. 208. über Parmeniskos Robert Eratosth. 229., Tima - chidas zur Medeia einige scharfe zurechtweisungen erhält71)Zu Med. 1 Τιμαχίδας ἀγνοήσας, 167 T. ἐπὶ τὰ πρόχειρα πᾶσιν ἐνεχϑείς, hier wird er mit mythographischer gelehrsamkeit bekämpft, und da Didymos den Parmeniskos in ähnlicher weise 273 zurückweist, auch den Apollodoros von Tarsos 148, 169 citirt, so werden wir ihm alle diese citate verdanken., Parmeniskos, dieser ein Aristarcheer, in irgendwelchen büchern textkritische und exe - getische fragen zu Rhesos, Troerinnern, Medeia behandelt, und ein und der andere name, vorzüglich in aporieen, genannt wird72)Darunter sind einige, über die man gar nichts vermuten darf oder mag. Aischines, E. Or. 12, 1371, welch letztere stelle wenigstens den anschein hat, als suchte er den von Aristophanes gerügten widerspruch zu beseitigen. Praxiphanes, S. OK. 900, der unmöglich der bekannte schüler des Aristoteles sein kann, Hellanikos, S. Phil. 201, der allerdings höchstens ein Herodoterklärer sein könnte und von Schrader (de not. crit. 27) für den Zenodoteer gehalten wird. aber es ist wol eher irgend ein misverständnis oder autoschediasma, und der historiker gemeint.. sehr viel deut - licher als aus diesen zerstümmelten einzelheiten lernt man, was die antike philologie leisten konnte, durch zwei ὑπομνήματα, die zwar anonym bleiben, aber dafür in ihrer ganzen art kenntlich sind. das eine ist ein commentar zum Rhesos, den citaten nach aus dem ersten jahrh. v. Chr.,ὑπόμνημα zum Rhesos. wol dem angehenden, welcher den nachweis liefern wollte, daſs dieses drama unecht wäre. das verschob sich, wie es zu gehen pflegt, zu dem versuche, das stück als an sich schlecht zu erweisen, wodurch der rich - tigen tendenz nur abbruch getan ward. jetzt erscheinen die kritischen bemerkungen verzettelt als erklärungen zu kritischen zeichen; aber es ist nicht zu sagen, ob sie als solche niedergeschrieben sind, denn das ganze156Geschichte des tragikertextes.ist nicht im originale erhalten, sondern nur durch einen commentar, welcher sich die widerlegung der behauptungen des älteren, doch wol höchstens 100 jahre älteren, gelehrten zur aufgabe gestellt hatte, die er mit minderem scharfsinn, aber auch nicht ohne wertvolle, wenn auch meist aus handbüchern geborgte, gelehrsamkeit zu lösen versucht. diesen com - mentar wieder hat der redactor unserer scholien, die noch dazu sehr stark verstümmelt in einer einzigen wenig zuverlässigen handschrift (Vat. 909) erhalten sind, ausgezogen und mit seinen ungelehrten er - klärungen vermischt. trotz alledem ist dieses bild eines antiken philo - logenkampfes sehr wol kenntlich und in seiner art ziemlich so interessant wie das object selbst73)Der nähere nachweis ist in meinem programm de Rhesi scholiis (Greiſswald 1877) geliefert..
Noch wertvoller ist durch die fülle seltener gelehrsamkeit ein ὑπό - μνημα zu dem Oidipus auf Kolonos, auf welches die hauptstücke der scho - lien dieses dramas sich zurückführen lassen, die von den übrigen scholien, nicht bloſs den sophokleischen, sondern allen tragikerscholien abstechen. es ist das allerdings schon eine compilatorische arbeit, denn sie setzt eine gröſsere zahl von ὑπομνηματισάμενοι voraus, die sie ursprünglich gewiſs genauer citirt hat, als es in dem jetzigen verstümmelten auszuge ge - schieht74)388, wo der verfasser ihnen gegenüber einen kritischen zweifel äuſsert. er hat richtig erkannt, daſs Sophokles die orakelsprüche erfunden hat, welche seine handlung ermöglichen. dazu gehören 457, 1156, 1181. ferner werden die ὑπομνημα - τισάμενοι 681 genannt, wo der verfasser im gegensatz zu ihnen eine andere, übrigens falsche, mythologische erklärung versucht, die eine textänderung im gefolge hat. 1375, wo er stolz ist etwas bisher ganz vernachlässigtes zu erklären; es ist mytho - graphisch; 900, wo es sich um eine antiquarische glosse handelt, und 390, wo ein altes wort (εὔσοια) erklärt wird. die bemerkung über die lesart der handschriften gehört nicht zu dem hypomnema, sondern hat für didymeisch zu gelten.. der verfasser lebte nicht vor dem anfange der kaiserzeit75)56 wird Lysimachides citirt, der gegen Caecilius von Kalakte schrieb (Ammon. s. v. ϑεωρός)., aber auch schwerlich später; denn die richtung seines interesses stimmt zu den damaligen auf das attische altertum gerichteten von dem atticismus angeregten studien, und die art der wesentlich material häufenden gelehr - samkeit hat an den arbeiten des Theon eine vollkommene parallele. wie dieser den Apollonios ausschlieſslich nach der mythographischen seite er - läutert hat, so daſs das object unter der fülle des herbeigeholten stoffes fast verschwindet, und nur die frage nach den quellen des Apollonios die erklärung des dichters wirklich angeht, so werden hier die attischen alter -157ὑπόμνημα zum Oidipus Kol. Didymos.tümer und localitäten und culte an dem drama erläutert, welches dazu besonders reiche gelegenheit bot, und daneben wird allerdings auch wenigstens die frage gestreift, in wie weit Sophokles frei erfunden habe. dabei fehlt dem verfasser allerdings das beste, die eigene anschauung von Attika, so daſs er stark in die irre geht76)Wer Athen kennt, kann ein Pythion, das am wege zwischen dem Kolonos und Theben liegt, nicht bei Marathon suchen, zumal wenn der Aigaleos erwähnt wird, an dem das Pythion von Daphni liegt. so tut aber unser mann 1047.. als zusammengehörig lassen sich nun freilich nur die inhaltlich verwandten stücke erkennen, und nicht mit völliger sicherheit lassen sich sacherklärungen auf denselben verfasser be - ziehen, die nur in der erudition verwandt sind. dagegen ist ganz klar, daſs textkritik und worterklärung, das eigentlichste grammatikergeschäft, für diesen gelehrten ganz so wie für Theon nebensache sind. für solche dinge erscheint in den scholien ein par mal der name des Didymos77)156, 237, 763: ihn geht ganz offenbar das textkritische an, in dem sinne, daſs der redactor dieses wesentlich bei ihm fand. und die aesthetischen und exege - tischen scholien, welche denselben charakter tragen wie die zu den andern dramen des Sophokles, wird man ihm auch ohne zögern zuweisen. mit dem ὑπόμνημα ver - mischt sich das fast nie., der denn auch seiner studienrichtung nach nicht der verfasser dieser arbeit sein kann, der zeit nach aber auch nicht ihr benutzer. vielmehr hat ein spä - terer, der welcher unsere Sophoklesscholien redigirt hat, neben Didymos für dieses drama ein anderes ὑπόμνημα in die hände bekommen und excerpirt.
Da ist denn der name des Didymos gefallen, der für die, welcheDidymos. scholien nur von ferne kennen, so ziemlich mit dem identisch zu sein pflegt, was sie in ihnen gut finden; das schlecht befundene wird dem ano - nymen scholiasten aufgebürdet, der sich alles gefallen lassen muſs. Didy - mos ist eine zeit lang stark überschätzt worden; jetzt hat sich eine laute und beachtenswerte stimme erhoben, welche ihn kurzweg für einen dumm - kopf erklärt. das lehrt in wahrheit, daſs man im banne der Aristarcho - latrie zu keinem gerechten urteil kommen kann.
Es ist ausgemacht, daſs wir von Didymos die schrift über Aristarchs Homerausgabe besitzen, aber so gut wie nichts von seinem Homercom - mentar; wenigstens ist bisher nichts mit sicherheit auf ihn zurückge - führt, und es wird auch nur in der überarbeitung durch jüngere, wie Herakleon und Epaphroditos, vorliegen. es ist weiter ausgemacht, daſs die hauptmasse des gelehrten materiales in den Pindarscholien, sowol was die excerpte aus älteren erklären wie was das historische angeht, ihm gehört. Symmachos, der verfasser unserer Aristophanesscholien, hat ihn ausgiebig158Geschichte des tragikertextes.benutzt, und z. b. an den Vögeln kann man seine komikererklärung gut studiren. von seinen arbeiten für die redner steht nicht wenig bei Harpo - kration. einzelne minder zusammengestrichene proben seiner eignen dar - stellung finden sich hie und da, z. b. bei Athenaeus. das buch περὶ λυρι - κῶν ποιητῶν wird sich vielleicht inhaltlich einigermaſsen herstellen lassen, wenn auch wol nur in überarbeitung durch Dionysios. an material ge - bricht es also nicht um die wissenschaftliche persönlichkeit zu erfassen. für die tragiker steht es minder günstig. indessen hat man doch längst bemerkt (zuerst wol Lehrs), daſs unsern Sophoklesscholien als letzte grund - lage der commentar des Didymos gedient hat, wenn man auch feste um - risse für seinen anteil an dem erhaltenen nicht ziehen kann, und so viel be - stimmte einzelheiten, wie durch Symmachos erhalten sind, hier nicht mehr zu constatiren sind. das allgemeine was man erfaſst ist erstens, daſs Didy - mos wesentlich das kritische material der früheren generationen sammelt und verwertet: das entspricht der tätigkeit die er an Homer oder vielmehr Aristarch wendet. zweitens besorgt er das eigentlich grammatische ge - schäft der exegese, und hier bedauert man am meisten, daſs sich so wenig anhaltspunkte für die ausdehnung seiner arbeit finden. daſs dabei die glossographische erklärung besorgt ward, steht anderweitig fest. ob ihm aber die mythographische gelehrsamkeit gehört, scheint sich bisher weder bejahen noch verneinen zu lassen. denn damit daſs er sie zuweilen heran - zieht, wo es eine besondere schwierigkeit zu lösen gilt78)Vgl. anm. 71. auch die homerischen scholien liefern vereinzelte belege dafür., ist für die haupt - masse dieser scholien noch nichts bewiesen. ganz besonders aber tritt in dem commentar zu allen Sophoklesstücken eine starke vorliebe für diesen dichter und seine kunst zu tage in scharfem gegensatze zu Euripides. und da nun in dessen scholien die feindliche kritik zuweilen sicher didymeisch ist, so wird mit vollem rechte in dieser tendenz etwas für Didymos be - zeichnendes gesehen. am deutlichsten ist es in den scholien zur Andro - mache, wo man auch bemerken kann, daſs Didymos an das aesthetische urteil des Aristophanes ansetzte79)Von dem urteil des Aristophanes ist nur der anfang erhalten, in welchem gelobt wird der prolog, die elegie der Andromache (zu lesen εὖ δὲ καὶ τὰ ἐλεγεῖα für ἔστι δ. κ. ), die reden der Hermione an diese, die intervention des Peleus. da das drama τῶν δευ - τέρων ist, muſste starker tadel folgen, zu welchem der zweite teil herausfordert; über ihn ist nichts mehr erhalten, auſserdem ist im ersten die haltung der Andromache und des Menelaos übergangen. in den scholien polemisirt 32 gegen die φαύλως ὑπομνημα - τισάμενοι, die dem Euripides vorwerfen, er hätte komische motive, eifersucht und weibergezänk, eingeführt, was herzlich albern abgewehrt wird. 229 wird die haltung der Andromache als παρὰ τὰ πρόσωπα καὶ τοὺς καιρούς getadelt. 329 ebenso, und. eine gleiche tendenz läſst sich auch in159Didymos.den Troerinnen80)Genannt ist Didymos nur für die richtige erklärung eines katachrestisch gebrauchten wortes (1079, auch bei Hesych erhalten). man ist gewöhnt auch noch eine zweite (1175) auf ihn zurückzuführen, weil viele lexikographen sich mit ihr berühren (Ael. Dionys bei Eust. 907, 40 Phot. Hes. κῆπος, schol. Thuk. II 62 u. a. m.): jedenfalls spricht die alte gelehrsamkeit dafür, da selbst Eratosthenes citirt wird, der den Euripidesvers in seinem buche über die komödie besprochen hatte. auch 1176 ist in wahrheit sehr gelehrt und geht auf Apollodor zurück (Athen. II 66). die tadelnde kritik ist aber genau dieselbe wie in der Andromache, und es sind noch viel mehr bemerkungen erhalten, 1, 14, 31, 36, 209, 448, 630, 906, 943, 975, 1010, 1049, 1057, 1129, und da hierin die sitte des Euripides öfter notirt wird, so darf man auch stellen wie 628, 989 dahin ziehen, wo sprachliche lieblingswendungen von ihm angemerkt werden. überhaupt sind diese scholien besonders einheitlich: was nicht paraphrase ist, scheint einem zu gehören. auch die mythographischen dinge, so weit sie nicht in den schon berührten scholien stehen, berühren sich mit Andromache und Hekabe; doch das liegt vielleicht lediglich am stoffe. erkennen, und obwol die anhaltspunkte schwach sind, darf man wol dem allgemeinen eindruck folgen und den grundstock der scholien zu diesem drama, wie auch den der noch dürftigeren zur Hekabe für Didymos in anspruch nehmen81)Genannt wird Didymos viermal für kritisch exegetisches 13, 736, 847, wo. daran ist bei der Medeia nicht zu79)dabei steht Δίδυμος μέμφεται τούτοις. 362 ebenso und wieder wird Didymos ge - nannt. 885 führt sich Orestes mit motiven ein, die Euripides allerdings erfunden hat: Δίδυμος δέ φησι ψευδῆ ταῦτα εἶναι καὶ ἄπιστα. 1077 tadelt Didymos, recht kleinlich, einen ausdruck, den er für eine schlechte nachahmung Homers hält. danach wird man ihm auch 616 den tadel zutrauen, wo in dem vorwurf οὐδὲ τρωϑεὶς ἦλϑες ἐκ Τροίας ein παρὰ τὴν ἱστορίαν gefunden wird, weil Menelaos von Pandaros ge - schossen ist; es folgen zwei λύσεις, die eine auf dem misverstandenen aristarcheischen unterschiede von τιτρώσκειν (οὐτάζειν) und βάλλειν beruhend. 1241 wird genau notirt, in wie weit die von Euripides gegebene sagenform bei Pherekydes bestätigung findet, der rest wird gescholten διέψευσται. man wird soweit mit sicherheit gehen dürfen, den tadler überall in Didymos zu finden, den also sein gegner φαύλως ὑπομνη - ματισάμενος nennt, zumal der tadel mit der hypothesis in harmonie ist. aber man möchte weiter gehen. 733 wird als κατασυκοφαντεῖν τὸν Εὐριπίδην abgewiesen, daſs einige hier (wie auch 445, wo wieder die hypothesis in ihren verlornen didas - kalischen teilen benutzt ist) an tendenziöse beziehungen auf die zeitgeschichte dachten. die ἔνιαι scheinen doch dieselben mit den φαύλως ὑπομνηματισάμενοι, d. h. Didymos. und ferner wird das παρὰ τὴν ἱστορίαν, wie 885 und 1077 von Didymos, auch 24, 224 aufgeworfen, und die befolgte sagenform öfter belegt, darunter 18 mit tadel der νεώτεροι, und die verwandtschaft mit schol. Pind. Nem. 3, 81 ist hier deutlich, und 796 wird andererseits benutzung des Pindar angenommen (vgl. oben s. 25). das alles möchte man einem zuschreiben, und das wäre dann Didymos: aber die conse - quenzen dieses schlusses scheinen zur zeit noch zu groſs, als daſs das fundament sie trüge: denn dann würde er der sein, welcher das mythographische in diese scholien gebracht hat. obwol ich das glaube, habe ich im text die frage ganz offen gelassen.160Geschichte des tragikertextes.denken, wo sich dagegen eine reihe einzelner angaben finden, die ganz be - sonders geeignet sind, die textkritik des Didymos kennen zu lehren: hier nennt ihn auch die subscriptio. die Phoenissen setzen auch einen com - mentar voraus, der die kunst des Euripides scharf angriff, und beschäftigt hat sich Didymos auch mit diesem stücke82)Phoen. 1747 eine exegetische bemerkung; 751 eine aesthetische. Euripides lehnt die nennung der einzelnen kämpferpare ab, Didymos meint mit recht, daſs das geschehe, weil er die concurrenz mit Aischylos vermeiden wolle. aber daſs in den worten διατριβὴ πολλὴ λέγειν ἐχϑρῶν ὑπ̕ αὐτοῖς τείχεσιν καϑημένων eine hämische kritik des alten meisters liegt, hat er übersehen: so ist ihm eine gute gelegenheit zum tadel entgangen., allein selbst wenn er jener tadler gewesen sein sollte, so würden wir doch nicht mehr viel von ihm haben: denn der umfängliche erhaltene commentar gehört in seinem hauptteile ersichtlich einem verteidiger. die scholien zu Orestes83)Behandelt hat er aus diesem mindestens eine frage, das άρμάτειον μέλος 1384, erhalten im Et. M. aber hier ist die fülle von erklärungen auf uns wenigstens nicht durch ihn gekommen, sondern er ist einer der vielen, die ein späterer zusammenstellt. und Rhesos, von denen schon gehandelt ist, und die zum Hippolytos tragen vorwiegend einen abweichenden charakter.
Mag tieferer forschung auch noch viel zu ermitteln übrig sein, so ist dies doch genug, um über die art des Didymos und sein verdienst um die tragikerkritik ein urteil zu gewinnen. allerdings hat er selbst keinen81)er zugleich den dichter verkehrt tadelt, 1029. ein tadel des dichters in der bekannten weise steht 241, 254, 280, 825, 898, 1068, 1219, und auch das lob 342 gibt sich selbst als ausnahme; 825 ist der tadel jetzt durch eine verteidigung ersetzt. auſserdem wird Didymos 887 für ein sprüchwort genannt. das könnte aus seiner sammlung genommen sein, was dann immerhin beweisen würde, daſs das scholion älter wäre als die auszüge, welche dieses werk seit hadrianischer zeit verdrängten. aber es ist natürlicher, daſs Didymos sich in dem commentar ebenso vernehmen lieſs wie in dem buche. zudem ist die erklärung aus Herodot gezogen und dasselbe geschieht auch 1199, wo kein sprüchwort vorliegt. auſserdem ist für diese scholien charak - teristisch eine neigung antiquarisches detail zu erläutern, die ἔργα Δαιδάλεια 838, mit reichen komikercitaten, die sehr selten in diesen scholien sind, der attische peplos 467, mit demselben materiale, die φυλλοβολία, mit benutzung von Eratos - thenes περὶ κωμῳδίας, die dorische tracht 934, wo auſser einem langen Durisfrag - mente Anakreon citirt wird, was ebenso für ein wort 361 (vgl. 943) geschieht: auch das ist sonst selten. alles fällt in die studiensphäre des Didymos. einen durch - schlagenden beweis liefert es allerdings nicht: aber im grunde sind der anhaltspunkte doch mehr, als die, auf welchen Lehrs und seine nachfolger die abhängigkeit der Sophoklesscholien von Didymos aufgebaut haben. Hek. 1267 und Alk. 966 hat der - selbe commentirt: aber das hilft nicht weiter, denn ein selbstcitat liegt nicht vor, und die Alkestisscholien sind so traurig zugerichtet, daſs sie keine schlüsse mehr gestatten.161Didymos.anspruch auf einen hohen rang als erklärer oder kritiker. wie natürlich, macht er hier denselben eindruck wie zum Pindar und Aristophanes. be - sonderer scharfsinn ist nirgend zu loben, arge verkehrtheiten sind nicht selten. verglichen mit den proben, die er von älteren erklärern gibt, mag man ihm aber einen gewissen gesunden sinn zugestehen. was methodische textkritik ist, ist ihm wol überhaupt nicht aufgegangen; seine minutiöse reconstruction der aristarchischen textausgabe könnte das vermuten lassen, aber abgesehen von der schulsuperstition, die nicht wenig mitwirkte, muſs man ohne zaudern zugestehen, daſs Aristonikos ganz anders die aristar - chische consequenz begriffen hat und ein besserer zeuge (nur nicht e silentio) ist als Didymos. nicht besser bewährt er sich, wo er selbst textkritisch vorgeht. bezeichnend ist in der tragödie vor allem das was er von den schauspielern erzählt. daſs sie die textverderber sind, weiſs er offenbar von den älteren erklärern, aber er hat von ihrer tätigkeit weder eine klare vorstellung, noch gibt er sich die mühe, die vorwürfe, die er gegen sie richtet, zu beweisen. er braucht die schauspieler vielmehr, wie man hübsch gesagt hat84)Bruhn lucubr. Eurip. 250, dessen verdienst es ist, die vorstellungen über schauspieler und schauspielertexte von antiken und modernen fabeln gereinigt zu haben., so wie moderne kritiker den sciolus magistellus, den proter - vus interpolator, als deus ex machina um kritische knoten zu durchhauen, wenn er sie nicht lösen kann.
Trotzdem hat Didymos zwar keine epochemachende, aber doch eine eminente geschichtliche bedeutung. er hat die ergebnisse der älteren kritisch exegetischen arbeit zusammengefaſst und auf die nachwelt ge - bracht. die zeit für wirklich schöpferische gelehrte war längst vorbei: die griechische nation producirte keine talente mehr, die weiter zu denken fähig waren; das höchste was geleistet ward, war die erhaltung des schatzes der älteren leistungen. aber dem was die zeit verlangte hat Didymos und hat überhaupt die grammatik der augusteischen zeit, neben ihm vornehm - lich Theon85)Die persönlichkeit des mannes ist schwer zu fassen, da der name so sehr gewöhnlich ist. aber die verbreitete ansicht scheint richtig, daſs der sohn des Ari - stophaneers Artemidoros, der zeitgenosse des Didymos, und der herausgeber der Odyssee, und der der vornehmsten alexandrinischen dichter identisch sind; von anderem minder wichtigem, z. b. der berufenen λέξις κωμική, zu schweigen. und Seleukos86)Dieser hofgelehrte des Tiberius, tätig noch unter Claudius, beginnt, seit Maaſs die persönlichkeit identificirt hat (Phil. Unt. III 33), in seiner groſsen bedeutung mehr und mehr anerkannt zu werden. aber für die tragödie kommt es gar nicht in betracht., genug getan. und die anforderungen derv. Wilamowitz I. 11162Geschichte des tragikertextes.zeit waren in der tat neue. die alexandrinische bibliothek, die grundlage der dortigen philologie, war vernichtet. Alexandreia hörte auf residenz zu sein und verlor die leitende stellung in den geisteswissenschaften. auch die grammatik muſste sich in Rom eingewöhnen. hier lagen die ver - hältnisse anders. ein wissenschaftliches institut wie das Museion fehlte; die esoterische lehre des meisters, der schülern, die wieder gelehrte werden wollten, seine weisheit vortrug, hatte keine stätte mehr; wissen - schaftlicher betrieb, wie ihn Aristarch geübt hatte, war unmöglich, denn wenn das auditorium fehlte, das sich die kritischen zeichen erläutern lieſs, so fehlte auch für die detailbehandlung der aristarchischen hypomnemata das publicum: es sei denn daſs man sich auf den engsten kreis der zunst beschränken wollte, wie es Probus seiner zeit getan hat86a)Sueton de gram. 24: hic non tam discipulos quam sectatores aliquot habuit, numquam enim ita docuit ut magistri personam sustineret u. s. w., vielleicht der einzige wirkliche philologe, den die Römer hervorgebracht haben. so mögen es auch von den Griechen die besten, wie Aristonikos, gehalten haben. die sprachwissenschaft ist ihrer natur nach auf engere fachkreise angewiesen. doch empfand jetzt jeder stärker das bedürfnis, die sprache theoretisch zu erfassen, der als grammatiker sein brot verdienen wollte; denn viel mehr als früher muſste er die sprache selbst lehren. so erhielten diese studien in Tryphon einen bedeutenden87)Tryphon wird auch in der lexikographie noch eine groſse rolle spielen, genauer geredet, er ist ein hauptautor für die späteren onomastica. da er zugleich mit vorliebe von Herodian ausgeschrieben und compilirt wird, bietet ein aufsuchen seiner reste gute chancen: denn die sorgfältige arbeit von Velsen gibt nur die nament - lichen citate., daneben in anderen leuten wie dem Aska - loniten Ptolemaios immerhin unverächtliche vertreter, im publicum aber waren die, welche für die classische poesie interesse hatten und kenntnis von ihr nehmen wollten, nicht weniger, sondern viel zahlreicher geworden, und entsprechend bedurften sie stärkerer beihilfe. die aristophanischen texte genügten dafür längst nicht mehr. auch um 200 v. Chr. werden die s. g. gebildeten vieles im Sophokles nicht verstanden haben, aber sie bildeten sich’s doch ein und würden eine erklärende ausgabe weg - geworfen haben, wie jetzt die s. g. gebildeten den anspruch erheben Schillers gedichte zu verstehen und sich entrüsten, wenn sie ihnen einer erklären will. in der augusteischen zeit, wo die rhetoren einge - standen, daſs sie zum Thukydides ein lexikon und einen commentar brauchten, hatte sich das geändert, zum teil wirklich deshalb, weil die welt aus dem zeichen des barocco in das des classicismus getreten war,163Didymos. τραγικὴ λέξις.und also nach den classikern verlangte. die bestrebungen der römischen litteratur, die am reinsten und reiſsten in Horaz sich verkörpern, wirkten auf die ganze cultur des weltreichs ein, und die umkehr auf dem rhe - torischen gebiete war schon älter, von der theorie Pergamons schon um 100 gefordert, seit 60 mit entschiedenem erfolge.
Auf diesem gebiete, der pflege der attischen kunstprosa, schien etwas neues nötig zu sein, denn exegese des Demosthenes oder Thukydides hatte man in Alexandreia nicht getrieben. was Didymos aber leistete, commen - tare und lexika, war gleichwol keine neue production, sondern nur samm - lung, wesentlich auszüge aus historikern, antiquaren, peripatetikern, und für das sprachliche aus den schätzen der älteren lexikographie, wie sie Aristophanes selbst begründet hatte88)Neben den ἀττικαὶ λέξεις (welche sich als eine art vorstufe der atticis - tischen lexica betrachten lassen, obwol sie in ganz anderem sinne angelegt waren, nämlich nur als eines der dialektischen wörterbücher, nicht als fundgrube schöner floskeln für den praktischen gebrauch) war die specialarbeit περὶ τῶν δοκούντων μὴ εἰρῆσϑαι τοῖς ἀρχαίοις sowol in der zeit des Caecilius wie in der des Phrynichus ein sehr erwünschtes buch; deshalb sind auch von ihr excerpte erhalten. natürlich hatte sie nicht antiatticistische tendenz, sondern war eingegeben von der kritik, mit welcher schon Eratosthenes (schol. Frö. 1263, vgl. Phot. εὐϑὺ Λυκείου) den ψευδότ - τικα zu leibe gieng. die trefflichen männer wuſsten, daſs die litterarische falsch - münzerei im schwunge gieng: die falschen dialoge Platons, die falschen reden des Demosthenes, Lysias u. s. w., selbst falsche komödien wurden verfertigt und ver - kauft: das dritte jahrhundert hat die fälschungen erzeugt, die jetzt wieder zu origi - nalen zu machen mode ist., und aus den so überaus reichen arbeiten, die der komödie gewidmet waren: diese einwirkung zeigen die rhetorischen lexika auf jeder seite. wie viel mehr konnte man für die erklärung der classischen dichter sich mit dem vorhandenen begnügen. die schätze waren da, nur ausgemünzt muſsten sie werden. es bedurfte keines productiven geistes, höchstens geschickter auswahl, und dann eines eisernen sitzfleisches, und das besaſs ja Didymos. wir wollen ihm aber auch gerne den ruhm zugestehen, daſs er die veränderungen in der form der litterarischen production vorgenommen hat, die wir nun bemerken, obwol wir richtiger nicht den einzelnen mann, sondern die zeit dafür verantwortlich machen.
Didymos hat ein groſses lexikon geschrieben, in welchem er denτραγικὴ λέξις. sprachschatz der tragödie zusammenfaſste, so weit dieser für die gebil - deten seiner zeit der erklärung bedurfte. es liegt in der natur dieser aufgabe, daſs das lexikon wesentlich aus den erklärungen der gedichte genommen war, und andererseits, daſs es fortan für die erklärer das11*164Geschichte des tragikertextes.nächstliegende hilfsbuch ward: das gelehrte material der scholien, soweit es lexikalisch ist, deckt sich mit dem der lexika. es liegt eben in der natur der sache, daſs ein lexikon umgeformt und ausgezogen und er - weitert wird, so lange der betrieb der studien lebendig bleibt. es mag in einem solchen noch so viel individuelle arbeit stecken (was hier schwer - lich der fall war): sie verflüchtigt sich bald, und die nachwelt nutzt nur den gebotenen stoff. es ist also nicht zu verwundern, daſs des Didymos τραγικὴ λέξις selbst sehr bald durch spätere arbeiten aus den händen der leser verdrängt ward, mochten sie auch meist nichts tun als sie epi - tomiren. mit recht nimmt man an, daſs die lexikalische gelehrsamkeit, die auf uns gekommen ist, soweit sie die tragödie angeht, wesentlich Didymos verdankt wird. das nächste jahrhundert nach ihm trieb die lexikographie noch lebhaft und häufte den stoff bis zur völligen unüber - sichtlichkeit. als die unten eingehender dargestellte wandelung in der griechischen cultur eintrat, in der zeit Hadrians, kam das epitomiren auf, und ein wahrscheinlich an sich recht geringwertiges machwerk, das lexikon des Diogenian, behauptete sich schlieſslich als hilfsbuch für die classische und auch die nachclassische poesie so gut wie allein. es kam auf die Byzantiner, ward immer weiter verdünnt, und erhielt zum entgelt gering - haltige oder ganz wertlose zusätze in masse. bis gegen 1000 hat das lexikon Diogenians noch bestanden. dann wendet sich das interesse der Byzantiner von den lexikalischen werken ab, den etymologika zu. die wertvolleren hand - schriften, die wir von lexicis haben, sind meistens älter als das 12. jahr - hundert, auch meist unica88a)Auch wo wir scheinbar eine fülle von handschriften besitzen, wie von den lexicis des Harpokration und des Erotian, liegt es in wahrheit so, daſs ein einziger text bis auf das 14. jahrhundert erhalten war, der uns nur verloren ist, und den herzustellen die nächste aufgabe der recensio ist. allerdings repräsentirt in älterer zeit beinahe jede neue abschrift eine neue redaction, und selbst in späterer zeit geht das fort. man denke sich, daſs von dem Harpokration von Cambridge eine abschrift genommen wäre: dann würden wir die jetzt am rande befindlichen glossen (den jetzt fälschlich so genannten Cl. Casilo) aufgenommen und ein ganz neues werk lesen, das gewiſs viele für einen ‘plenior Harpocratio’ erklären würden.: ein Diogenian ist zufällig nicht darunter. auch ein unicum ist die handschrift, welcher wir das lexikon des Hesychius verdanken, und in diesem steckt, allerdings vermischt mit sehr viel wert - losem oder doch fremdartigem, durchgehends in der späteren weise, die auch wir befolgen, die aber dem altertum fremd war, umgeordnet nach der buchstabenfolge durch das ganze wort, endlich entsetzlich verkürzt, verstümmelt, verschrieben, also im jämmerlichsten zustande, aber es steckt wirklich der Diogenian darin. und so ist dieses buch trotz aller165τραγικὴ λέξις. scholien.unbill, trotzdem daſs der schreiber der handschrift lüderlich, Hesychius ein gänzlich stupider geselle, und Diogenian ein bloſser compilator ge - wesen ist, unschätzbar. auch die τραγικὴ λέξις des Didymos kann man sich in ihrer ungeheuren glossenfülle nur nach den tragischen glossen des Hesych vorstellen; die einzelnen aber muſs man sich statt in hesy - chischer magerkeit so stattlich denken, wie etwa Athenaeus eine glosse abhandelt, oder wie eine probe des Didymos es tut, die sich zufällig bei Macrobius (V 18) erhalten hat. nicht bloſs den drei tragikern, und zwar allen ihren dramen, galt das lexikon, es umfaſste auch die andern namhafteren des fünften jahrhunderts; jüngere allerdings nicht mehr. es erläuterte ihren vocabelschatz so, daſs keinesweges bloſs die glossematischen worte vorkamen, sondern auch leichtverständliche compositionen und ableitungen, die nur eben der gewöhnlichen sprache fremd waren. es gab für sehr viele einzelne verse die erklärung, so daſs also der individuell gefärbten be - deutung eines sonst geläufigen wortes gedacht ward. es zog gelehrsam - keit aller art heran: natürlich aber all dies ohne consequenz, wie denn eine erschöpfung des materiales über die kräfte nicht nur eines menschen gegangen wäre. es ist nicht zu bezweifeln, daſs auch hier, wie wir es für die komödie beweisen können, im wesentlichen auszüge aus den vor - handenen commentaren die bausteine waren, mit denen Didymos ein in seiner art groſsartiges und abschlieſsendes werk errichtet hatte. wir aber besitzen nur den schatten, der uns lehrt was wir verloren haben. die wörter, die noch den namen der tragödie oder wenigstens des dichters tragen, reihen wir in die fragmentsammlung ein, ohne daſs sie selbst uns sehr viel hülfen, denn sätze sind nicht mehr viel erhalten. noch viel mehr können wir als adespota tragica führen; aber dieser gewinn ist dürftig. auf die erhaltenen dramen kann in einem werke, das mehrere hundert berücksichtigte, ohne daſs man eine bevorzugung einzelner wahr - nähme, nicht sehr viel kommen; die torheiten derer, die die Hesych - glossen mit gewalt in unsere texte interpoliren, überführt schon allein die wahrscheinlichkeitsrechnung. fast überall bestätigt sich nur die über - lieferung unserer handschriften, ein par mal wird sie berichtigt. was aber der wiederholte epitomirungsproceſs von der erklärung übrig gelassen hat, ist selten noch geeignet uns etwas zu übermitteln, das wir nicht selbst finden könnten. so sind die tragischen glossen des Hesych an praktischem werte nicht entfernt mit den dialektischen zu vergleichen; aber von dem werte der τραγικὴ λέξις dürfen wir deshalb nicht gering denken: die gröſse kann man auch am schatten messen.
Hand in hand mit der lexikographie gieng die abfassung von com -Schollen.166Geschichte des tragikertextes.mentaren oder vielmehr von commentirten ausgaben, und dies war das neue und wichtige. in der tat, wenn die schule und die mündliche unterweisung für die gelehrte schriftstellerei nicht mehr maſsgebend sein konnte, das publicum aber mit den textausgaben nicht mehr auskam, so war diese lösung von selbst geboten. daſs Didymos nicht bloſs ὑπομνή - ματα über die tragödien (und sonstigen dichtungen) schrieb, sondern auch texte gab, lehren die scholien ganz deutlich, die sich auf seine les - arten und ausgaben berufen89)O. K. 237 Ant. 45 Ai. 1225 Hek. 13 Med. 379, u. a.. das fortleben und die umgestaltung seiner commentare und texte führt ebenfalls darauf, daſs beides mit einander überliefert ward. sein buch über die aristarchische ausgabe ist ohne Homertext kaum zu denken; dies war denn freilich eine streng gelehrte arbeit. aber die ausgaben sind für das weitere publicum mit berechnet gewesen: es sind mit einem worte texte mit scholien gewesen. die aus - stattung der dichtertexte, wie wir sie in unsern handschriften finden, ist auf diese zeit zurückzuführen: in der mitte der metrisch abgeteilte text, mit zeichen, metrischen und kritischen, wol nur obelos und kreuz, χῖ oder σημεῖον genannt, und den erklärungen dazu am rande, der auſser - dem noch bemerkungen zu einzelnen stellen aufnahm.
Daſs diese ausstattung der bücher wirklich in guter zeit üblich gewesen ist, hat man lange nicht glauben wollen; allem reden ist aber ein ende ge - macht, seit wir ein stück eines solchen buches besitzen, den Alkmanpapyrus, den die palaeographen möglichst hoch hinaufrücken. da er in seinen scho - lien den grammatiker Pamphilos citirt, so kann er, wenn man sich nicht durch die annahme einer homonymie retten will, nicht älter als aus der zeit der flavischen kaiser sein. aber das beweist auch genug. und eine reihe anderer erwägungen tritt hinzu. der poet Valerius Flaccus hat, als er die Argonautica des Apollonios bearbeitete, die mythographische gelehrsamkeit benutzt, die noch heute in unserer handschrift steht, der - selben, welche Aischylos und Sophokles mit ihren scholien enthält. sie nennt als quelle unter andern selbst den Theon. also vor Valerius Flaccus war jene erlesene gelehrsamkeit für den Apollonios zusammengetragen: in der tat, man kann den schluſs nicht abweisen, daſs Theons scholien an dem rande der Apollonioshandschriften schon zur zeit der Flavier standen90)E. Schwartz de Dionysio Scytobrachione 34.. Germanicus, wahrscheinlich auch Ovid, haben die scholien des Arat, die wir besitzen, auch schon neben dem gedichte benutzt91)Robert Eratosth. catast. 29. so schlagend wie die dort von mir angegebene benutzung derselben scholien durch Avien ist es nicht. allein die ganze benennung. 167Scholien.belehrender noch als die römischen dichter sind die grammatiker. von Horaz ist sehr früh eine ausgabe gemacht worden, in welcher die ge - dichte überschriften erhielten, in denen sicherlich die namen der adres - saten aus vorzüglichster kenntnis und bezeichnungen der dichtgattung (propempticon, paraeneticon u. dgl. ) aus vorzüglichster griechischer theorie standen, wahrscheinlich aber auch bemerkungen über die quellen, wo solches angezeigt schien92)Die kurzen bemerkungen über Alkaios Pindaros Bakchylides zu Carm. I 10, 12, 15, die quelle des Ars poet. u. s. w. hat Porphyrio natürlich vorgefunden, und da sie ganz ohne citate geblieben sind, so machen sie den eindruck eines kurzen vermerks im stile der hypothesen. auch sie möchte man nur der allerbesten zeit der römischen grammatik zutrauen.. dies mag man noch für ein analogon der aristophanischen hypothesen erklären. aber wenn wir zu einer mytho - graphischen bemerkung, die in wahrheit auf Apolloniosscholien zurück - geht, lesen traditur haec historia de Aristaeo in corpore Argonautarum a Varrone Atacino (Prob. zu Verg. georg. I, 14), so ist eine ausgabe des Varro mit scholien deutlich bezeichnet, von der in jenen scholien noch mehrere spuren sind93)Georg. II, 136, III 6.. später als im ersten jahrhundert ist Varro gewiſs nicht commentirt. aber auch die praxis der vornehmsten römischen gram - matiker deutet darauf, daſs sie scholien schrieben. wenn der Berytier Probus die kritischen zeichen der Aristarcheer übernahm, und daneben erklärungen von ihm reichlich angeführt werden, so hat er die bemer - kungen zu den zeichen aufgeschrieben; ein schulbetrieb wie der zu Ari - starchs zeit bestand eben nicht mehr, am wenigsten für den einsamen Berytier. auch zeigen unsere Vergilscholien, zumal die Veroneser im vergleich zu dem commentare des Servius, dem bei Macrobius ausgezognen und den s. g. zusätzen zum Servius, genau dasselbe verhältnis wie die griechischen scholien, nur daſs das material reicher ist: es ist ein strom der erudition, der bald dünner wird, bald neue zuflüsse erhält, wie es bei der fortpflanzung von scholien geht, und nichts spricht dafür, daſs in den ersten jahrhunderten der betrieb der studien andere formen hatte, als mindestens vom dritten ab. und die Vergilscholien (von denen die zu Lucan und Statius nur späte ableger sind) führen unmittelbar auf die Griechen. denn sie hängen ja ganz ersichtlich von den scholien zu Homer Arat Theokrit94)Selbst die prolegomena, die wir in den Theokritscholien lesen, werden in Lykophron und anderen ab: niemand versteht91)der sternbilder aus der sage geht auf diese doctrin zurück, die am natürlichsten in Aratscholien niedergelegt gedacht wird. Manilius im letzten buche und das gedicht des Columella geben weitere ausbente.168Geschichte des tragikertextes.mit diesen reichen schätzen zu wirtschaften, der sie nicht fortwährend mit einander vergleicht und als einheitliche masse betrachtet. ganz deut - lich aber ist, daſs diese befruchtung der römischen studien im ersten jahrhundert schon stattgefunden hat: sie verfügt über einen reichtum, von welchem die nächste periode schon weit entfernt ist.
Nun würde es freilich verkehrt sein, wollte man bestreiten, daſs randnotizen, auch gelehrten inhaltes, den älteren handschriften fremd gewesen wären. die scholien, welche Simplicius in der Parmenideshand - schrift vorfand, die er benutzte, sind in sehr früher zeit, wol nicht nach dem 3. jahrhundert v. Chr., beigefügt. die scholien zu den briefen Epi - kurs, welche Diogenes mit dem texte aufgenommen hat, sind verfaſst, als die fülle der epikurischen werke noch gelesen ward: das ist in der kaiserzeit nicht glaublich. die parallelstellen, welche wir in den dichtern vorfinden, die zusätze, welche unzweifelhaft einzeln in Xenophons Kyro - paedie Anabasis Hellenika stecken, stammen vom rande; auch die hypo - thesen des Aristophanes sind ja etwas ähnliches. aber es ist doch noch ein unterschied. in der kaiserzeit ist der text mit scholien eine legitime form des buches, ist er die legitime form der gelehrten erklärung.
In diesen scholien, und zwar zu allen classikern, und bei Griechen und Römern gleichermaſsen, findet sich eine überaus reiche und ge - lehrte mythographische schicht. Alkman und Lucan, Homer und Statius, Aischylos und Lykophron, alle zeigen reste derselben ungeheuren sammel - gelehrsamkeit. und ebendieselbe finden wir in den compendien vor, die wir freilich erst in sehr jungen fassungen unter den gleichgiltigen, um der berühmtheit ihrer längst vergessenen träger willen gewählten namen Era - tosthenes Apollodoros Hyginus besitzen. und dieselbe gelehrsamkeit sehen wir mit verschweigung ihrer herkunft von den litteraten auf den markt gebracht, von Pausanias und Aclian und Athenaeus, wo man sich nicht wundert, aber auch schon von Diodor. ja, es ist die einleuchtende ver - mutung ausgesprochen, daſs Ovid die stoffe seiner Metamorphosen zum teil aus dieser selben quelle hat95)Bethe de Diodori lib. IV (Göttingen 1887), p. 97.. daſs Theon für die scholien zu den Alexandrinischen dichtern und dadurch für die römischen scholien der hauptvermittler gewesen ist, erkennt man wol. auch Pamphilos kommt94)naivster weise zu prolegomena der vergilischen Eklogen umgeformt, erhalten in den Probusscholien, Bernerscholien und bei Diomedes III. die wissenschaft fordert dringend, daſs die anlehen, welche die römische grammatik bei der griechischen ge - macht hat, zurückgezahlt werden: die scholien nicht nur der Alexandriner, sondern selbst die Homerischen, werden dann ein anderes ansehen gewinnen.169Mythographie.stark in betracht96)Oder de Antonino Liberali (Bonn 1886) p. 26.. man kennt auch ein par namen von sammlern, wie Lysimachos, der für die Euripidesscholien stark benutzt ist, und den bisher sehr dunklen Kyklographen Dionysios. aber die forschung, welche erst vor kurzem begonnen hat, durch die bearbeitung dieses gebietes für die mythographie ein fundament zu schaffen, kann sich bisher nicht mit namen oder festen zeitbestimmungen hervorwagen. nur das allgemeine ist auſser allem zweifel, daſs schon im zweiten jahrhundert v. Chr. die sammelarbeit begonnen, im folgenden fortgesetzt ist, und daſs die zeit der Didymos und Theon mit der überführung der gelehrsamkeit in die commentare und handbücher beginnt, auch wol noch zusätze macht, aber seit 100 n. Chr. fast nur noch epitomirt wird. entsprechend der bildung der zeit, welche den grund legte, ist die classische tragödie, die damals noch den leuten geläufig war, wenig berücksichtigt; dagegen wird die ganz entlegene litteratur, nicht oder nachclassische tragiker, sogar dithyrambiker, herangezogen (was dann zuerst beseitigt wird), aber Ale - xandriner sehr spärlich97)Diese bestandteile werden diakritische bedeutung erhalten, denn es gibt partien, welche von ihnen so gut wie ganz frei sind, während andere voll davon sind. ein haupt - und grundwerk, Apollodoros περὶ ϑεῶν, hat die jungen dichter, selbst Nikandros, nachweislich benutzt; von Lysimachos ist es unwahrscheinlich. ähnlich wird man in den glossenerklärungen operiren können., vor allem aber die masse der epen, welche nicht mehr als echt homerisch und echt hesiodisch galten, und die eigent - lichen mythographen. somit lernen wir nicht so viel für die verlornen dramen wie wir möchten, wol aber das beste was uns zugänglich ist für die archaische litteratur, mittelbar also für die quellen der tragiker. sehr viel weniger wert hat die darstellung der sagengeschichte, zu welcher als wie zu einem texte die varianten hinzugestellt wurden, wie wir sie bei Diodor, dann in den compendien und jüngeren scholien lesen: hier wird gegeben, was wirklich die vulgäre fassung war. dies sind ὑποϑέσεις vergleichbar den tales from Shakespeare oder Schwabs Sagen des classischen altertums. uns kann eine erzählung der Argonauten nach Apollonios, der Oedipussage nach Sophokles König Oedipus und Euripides Phoenissen wenig helfen: aber wo uns die originale fehlen, nehmen wir doch auch hiervon mit dank kenntnis, und als gradmesser für die popularität der gedichte wird es sogar sehr bedeutend: nur wenige dramen haben so wie die eben genannten und z. b. Antiope Bakchen Hippolytos Iphigeneia Andromeda durchgeschlagen. z. b. sind die Ante - und Posthomerica immer auf grund von auszügen der homerischen epen,170Geschichte des tragikertextes.die Heraklessage auf grund der mythographen erzählt worden, mochte auch für einzelne episoden ein drama, wie der Herakles des Euripides, die Trachinierinnen des Sophokles, sich einschieben. existirt haben auch nacherzählungen einzelner dramen, vielleicht in sammlungen, wie wir sie von dem dichter Parthenios und Antoninus Liberalis besitzen, und sie haben in der späteren zeit, als man die dramen nicht mehr las, ihre bedeutung gehabt, sind uns natürlich sehr erwünscht98)Es scheint, daſs die rhetorenschulen sich ihrer bedient haben, wenigstens haben wir durch späte rhetorische bücher die hypothesen von Auge Peirithoos Sthe - neboia erhalten. die späten scholien zu Aristides verfügten über die des Protesilaos. die des Syleus stand in dem oben s. 112 erwähnten litteraturgeschichtlichen buche. die annahme aber, daſs in späterer byzantinischer zeit eine solche sammlung noch bestanden hätte, hat keinen boden unter den füſsen.. aber in der grammatischen litteratur stehen sie auf der niedrigsten stufe.
Die lebhaftigkeit und die ausdehnung des interesses, welches die sagen um die augusteische zeit fanden, zeigt sich durch nichts greifbarer, als durch ihren einfluſs auf die bildende kunst. denn lediglich dieses interesse hat die industrie der tabulae Iliacae und was damit zusammen - hängt erzeugt. diese, die besser tabulae Homericae heiſsen, wie sie ihr verfertiger Theodoros genannt hat, und die farnesische apotheose des Herakles gehören ganz und gar mit den mythographischen arbeiten zu - sammen. daſs die tragödie auch einen solchen plastischen niederschlag gefunden hat, haben erst die letzten jahre gelehrt. in Tanagra sind mehrere tönerne becher mit relief gefunden, auf denen scenen aus Ilias und Iliupersis, der raub der Helena durch Theseus in ganz neuer form und endlich eine reihe scenen der aulischen Iphigenia des Euripides dar - gestellt sind, diese mit der inschrift Εὐριπίδου Ἰφιγενείας99)Ἐφήμ. ἀρχ. 1884, 59. 1887, 67, 197. die arbeit ist roh, die inschriften teils unleserlich, teils auch falsch. in der Iphigeneia sind die scenen unvollständig. von derselben art scheint ein bruchstück eines gefäſses in London, das sich auf die Phoenissen bezieht, Classical Review II 327. alles zeigt einen zustand vergleichbar den ilischen tafeln: das einzelne exemplar ist immer nur ein excerpt.. lehrt uns dieses auch nichts, so nährt es doch die hoffnung.
Die mythographischen arbeiten, so wertvoll sie sonst sind, haben für die textkritik keine bedeutung. die reste der τραγικὴ λέξις würden sie haben, wenn sie nicht so jämmerlich verstümmelt wären; doch be - zeugen sie immer noch die ausdehnung der grammatischen tätigkeit über das ganze gebiet der tragödie. dieses selbe lehrt ein anderes feld der überlieferung und ermöglicht zugleich eine controlle unserer handschriften in sehr ausgedehntem maſse: die anthologien. die sitte, aus den dichtern171Mythographie.auszüge zu machen, von moralischem gesichtspunkte und zunächst für den jugendunterricht, stammt aus dem vierten jahrhundert: die elegiensamm - lung, die nach Theognis heiſst, ist der älteste beleg. die tragiker und zumal den sentenzenreichen Euripides für die moralische paraenese aus - zunutzen ist auch schon im vierten jahrhundert begonnen und hat nie aufgehört. aber wir hören nichts von florilegien in der zeit des alter - tums, noch weniger von leuten, die sie verfertigen. es ist das ja auch ein sehr untergeordnetes geschäft und keine litteraturgattung, die in ehren steht; um so mehr wird sie gebraucht. wir besitzen erst die kleine sammlung des Orion und dann die groſse des Stobaeus aus der allerletzten zeit des altertums: aber es hieſse die ganze textgeschichte auf den kopf stellen, wollte man annehmen, daſs diese leute ihren poe - tischen stoff selbst gesammelt hätten. sie haben dafür lediglich vorhandene florilegien ausgeschrieben. und daſs solche, und zwar dieselben, welche Stobaeus vorlagen, schon im 2. jahrhundert n. Chr. vorhanden waren, lehrt ihre benutzung durch Clemens von Alexandreia und Theophilos von Antiocheia. Clemens ist ein schriftsteller, der die gepflogenheiten seiner zeit, das erheucheln einer profunden gelehrsamkeit und verstecken der sehr trivialen handbücher, aus denen sie stammt, aus dem grunde versteht: aber wer da weiſs, wie viele und seltene dichterstellen bei Clemens und Stobaeus übereinstimmend stehen, wird keinen augenblick über die ur - sache dieser übereinstimmung in zweifel sein. Theophilos ist ein plumper plebejer: bei ihm liegen die ganzen reihen vor100)Der wichtige nachweis ist durch Diels, Rh. M. 30, geliefert. Diels setzt das urflorilegium in das 1. jahrhundert v. Chr., zwar auf einen ungenügenden anhalt hin, aber in der sache hat er sicherlich recht. die analyse wird, sobald die über - lieferung des florilegiums festgestellt sein wird, sehr vieles mit sicherheit ermitteln können. bisher ist für die classische litteratur nichts brauchbares geschehen.. in diese gesellschaft waren also unter kaiser Marcus die florilegien geraten, wo man doch weder die verse verstand noch sich um die verfasser kümmerte. wie viele jahr - hunderte früher sie angelegt waren, stehe dahin: aber an nachchristliche zeit zu denken verbietet die geschichte der antiken bildung. wir haben also die citate bei Stobaeus und seinen ausschreibern101)Alle Byzantiner hängen von Stobaeus ab, abgerechnet solche die ledig - lich aus erhaltenem schöpfen und eine gesonderte überlieferung haben. diese sind aber wertlos. so z. b. ein euripidisches gnomologium in einer Venediger handschrift, Ritschls Acta VI 333. oder mitaus - schreibern als eine spätestens in der zeit des Didymos von den dichter - handschriften abgezweigte überlieferung anzusehen, für die so eine äuſserst wertvolle controlle erwächst. dies wird zwar beeinträchtigt durch die un -172Geschichte des tragikertextes.gemeine verderbnis, welche den text des Stobaeus heimgesucht hat, dessen überlieferung zudem bisher nur ungenügend bekannt ist. längst ist auch bemerkt, daſs die veranstalter und benutzer des urflorilegiums teils um volle verse zu erhalten, teils um die sentenzen für ihre zwecke abzurunden, mit dem texte, den sie vorfanden, willkürlich umgesprungen sind. das beein - trächtigt aber nur den wert der varianten, welche Stobaeus liefert: wo er mit unsern handschriften stimmt, liegt ein zeugnis dafür vor, daſs die verse zu Didymos zeit ebenso gelesen worden sind. und da nicht bestritten wird, daſs dies in der überwiegenden masse der fälle, auch der fehler, statt - findet, so hat man wenigstens für die überlieferung der texte von Didymos zeit bis auf uns das allergünstigste ergebnis anzuerkennen. für Euripides speciell kann man noch mehr wissen, denn trotz der verwahrlosung durch die ausschreiber und anordner läſst sich nicht verkennen, daſs zu den quellen, sei es des urflorilegiums oder der mittelsmänner oder des Stobaeus gar (dies schwerlich), ein florilegium aus Euripides gehörte, das neben dem aus allerhand dichtern, unter denen natürlich der beliebteste tragiker nicht fehlte, ausgezogen worden ist. dieses nun hat die gesammtausgabe excerpirt, die stücke sind also nach den anfangsbuchstaben ihrer titel geordnet. das florilegium war sehr umfangreich, und die excerptoren lieſsen also sehr vieles fort: so ist es zu erklären, daſs aus den dramen mit Α besonders viele bruchstücke bei Stobaeus stehen, viele auch aus denen mit Φ: aber die mitte des alphabetes ist schwächer, einzelne buchstaben kaum ver - treten102)Z. b. Θ, Θησεύς bei Stobaeus nur in einem unsicheren falle, Θυέστης dreimal, wozu gleich drei bei Orion kommen, der anders excerpirt hat. Κ, Κρε - σφόντης dreimal (und einmal ohne titel), Κρῆσσαι fünfmal, Κρῆτες gar nicht, Λικύ - μνιος gar nicht. dagegen hatte man Φοῖνιξ elf (in wahrheit noch mehr), Φρίξος zehn, und gar Αἴολος 21, Ἀλέξανδρος 18, Ἀλκμήνη 13 u. s. w. die rechnung ist nur ganz obenhin angestellt, weil sie auch so genügt.. ähnlich geordnete excerptenreihen begegnen sonst nur ver - einzelt, aber eine solche reihe aus Euripides ist doch noch erhalten103)Ps. Iustin de monarch. 107d ff. (III 146 Otto). Ὀρέστης Ἱππόλυτος Ἴων Ἀρχέλαος Βελλεροφόντης — Φρίξος Φιλοκτήτης, dann zwei verwirrte citate (Τρῳάδες). von diesen sind die stellen aus Orest, Ion und die beiden letzten von dem verfasser aus älterer apologetischer litteratur genommen, die erste vielleicht vielmehr aus dem drama selbst. aber ΑΒΦΦ ist rasch aus anfang und schluſs eines capitels aufgerafft. ebenda Menander Ἡνίοχος Ἱέρεια Μισούμενος Παρακαταϑήκη vor Euripides, nachher Ἁλιεῖς Ἀδελφοί Αἰλητρίδες: ganz evident. in der grammatischen litteratur habe ich nur einen beleg gefunden (und ich bin seit 15 jahren auf der suche), Athen. X 417c, komödien des Eubulos Ἀντιόπη Εὐρώπη Ἴων Κέρκωψ Μυσοί.. natürlich möchte man sehr gern die oben ermittelte abweichung von der alphabetischen ordnung in folge der bandeinteilung bei Stobaeus wieder -173Mythographie. dritte periode der textgeschichte.finden; aber die anhaltspunkte sind bisher zu schwache, so daſs es ge - raten scheint von ihnen abzusehen104)Ich gebe nur proben, da sich die sache ohne einsicht in die überlieferung nicht erledigen läſst und im vorbeigehen überhaupt nicht. flor. 7 ΒΑ, ΑΔ, ΗΟ. 22, 1 Εὐρ. Γλαύκῳ falsch; es ist ein komikervers, fgm. 644 zu tilgen, wol der name des Euripides mit Eubulos zu vertauschen; dann drei bruchstücke ohne tragödien - name (eins aus Ixion), dann ΑΑ, ΑΑΑΒΗ, später noch Α und Τ. 34:? Α, ΑΑ. 35: Α. 39 Τ? Φ? ΑΑΔΦΤ, Φ, Φ, Φ. 40 ΦΦ. 43 ΦΦ? Φ, ΙΑ?, Φ, ΕΑΑΑ. das lemma von 3 (adesp. 450) ist also in Εὐρ. Φ — zu ergänzen. 47 ΦΦΑΑ. 49 ΙΙΑ? ΑΑΠ. das lemma von 4 ist in Ἠλέκτρα verdorben, fgm. 846: es ist in ἀλκμέων zu ändern: für den korinthischen paſst der sinn; doch ist auch ἀλκμήνη möglich. 54: ΑΑΒ ΠΡΑΑΕΕΒΤΤΤΦΒΕ, Ι. 62: ΕΜΑ; ΑΑΑΑΑ, ΑΑΑΒΑΕΑΕΑΕΙ, ΜΜΦ, Α. 63: ΑΑΙΑΙ; Α, ΑΙ. 64: ΑΔΑΑΔ, Μ. 67: ΟΟ, ΟΟ, ΑΑ, Φ. 73:?, ΙΟ,?, ΜΕΜΔΑΑΑΑΑΑΑΑΒΔΔΙΙΙΙΜΟΜΙ ΜΜΜΟΦΦ; Α; Ι, Φ. 88:? ΤΑΑΑΕΗ? (Ἱππόλ. nach Monk fgm. 1052) ΙΙ. 91: ΦΔΗΚΠ, Φ, Α, ΑΑΑΕΠ. 92: ΑΕ ☉ ΠΚΗΔΕ. 93: ΦΙΙΜΔ? ΑΠΑΑΑΑΠΦΦΤ. 98, 31 ff. ΑΑΑΑΑΒΕΙΟΠ. 111: ΑΑ, ΠΟΑΑΑΒ. 114: Α, Α, ΑΑ. 115: ΦΒΕΜΠ. Orion I: ΑΟΑΕΙΠΡΦ, Σ..
Die lexikographie, wie sie bei Hesychius, die anthologie, wie sie beiDritte periode der text - geschichte. Stobaeus vorliegt, beweist für die zeit dieser compilatoren weder die kenntnis noch den besitz der citirten tragödien. aber für das erste jahr - hundert nach Christo sind allerdings beide beweisend. doch dafür würde schon ein hinweis auf die beiden trefflichen männer genügen, in denen die cultur dieses jahrhunderts culminirt, Plutarchos und Dion. wer bei ihnen nach den spuren einer auswahl von tragödien suchen wollte, oder ihre kenntnis auf etliche meisterwerke beschränkt glauben, würde sich lächerlich machen. die schätze des dramas, wie überhaupt der classischen litteratur, sind nicht nur vorhanden, sondern werden auch genutzt105)Seneca verachtete die grammatik und hatte als Römer minister und stoiker für die classische poesie der Griechen nicht viel übrig. seine sonstigen schriften zeigen keine spur von solchen studien. aber als er tragödien dichten wollte, griff er nach Elektra Oidipus Trachinierinnen Polyxena Thyestes von Sophokles, Medeia beiden Hippolytos Hekabe Troerinnen Phoenissen Phaethon Kresphontes Herakles von Euripides, Agamemnon von Aischylos. wahrscheinlich hat er noch viel mehr gelesen. von römischen tragödien natürlich nur die beiden der augusteischen zeit, nicht die barbarischen übersetzungen des 2. jahrhunderts. daſs damals keine auswahl von musterstücken in den händen des publicums war, liegt auf der hand. nicht einmal die berühmheit hat mehr als eine erste anregung zur lecture gegeben.. das bezweifelt auch niemand. aber den seltsamen gegensatz, den schon das zweite jahrhundert hierzu zeigt, pflegt man zu vergessen. in wahrheit beginnt mit der hadrianischen zeit die letzte und längste periode der antiken grammatik, und so auch der tragikerkritik, welche bis auf die uns erhaltenen handschriften reicht. es ist ein jahrtausend, das sich mit dem excerpiren und noch viel mehr mit dem verlieren beschäftigt; wenn174Geschichte des tragikertextes.es lob verdient, so kann das nur darin bestehn, daſs man ihm zu gute rechnet, doch nicht alles verwahrlost und verloren zu haben.
Wenn sich mit schlagenden belegstellen und directen zeugnissen die tatsache kurz feststellen lieſse, daſs etwa im anfange des 2. jahrhunderts ein mann von den drei tragikern eine anzahl stücke ausgewählt und in neuer fester reihenfolge mit erklärungen edirt hat, zum zwecke zunächst der schule, daſs aber der erfolg fast unmittelbar der gewesen ist, daſs die übrigen werke zu gunsten dieser wenigen vergessen wurden, und zumeist auch in folge dessen verloren gegangen sind, so würde es keines weiteren ausholens bedürfen. allein als eine augenfällige tatsache tritt dies erst dem entgegen, der die geschichtlichen bedingungen der cultur zu verstehen gelernt hat, der die textgeschichte der einzelnen bücher lediglich als ein einzelleben innerhalb des ganzen einheitlichen lebens der grammatik und diese wieder als eine seite des ganzen groſsen volkslebens und seiner stätigen entwickelung aufzufassen im stande ist. darum ist es notwendig, ins weite zu gehen.
In der geistigen kraft des hellenischen volkes bemerkt man seit dem epochenjahre 222, daſs des lebens flutstrom nach und nach ebbet. aber es gibt doch noch bedeutende, neues schaffende geister bis tief in die zeit der revolution hinab. der arzt Asklepiades, der philosoph Ainesidemos, vor allem die letzte wahrhaft groſse forschergestalt des Poseidonios sind zeugen dafür. aber die materielle und sittliche verwüstung, welche durch die fluchwürdige wirtschaft der römischen oligarchie erzeugt wird, und dann die schrecken des gerichtes, welches über diese hereinbricht, zerreiſsen alle fäden der natürlichen entwickelung. kaiser Augustus erscheint dann freilich als ein heiland: wie er es selbst erwartet106)Er selbst schreibt an seinen sohn benignitas enim mea me ad caelestem gloriam efferet (Sueton Aug. 71): man entfernt sich also doch wol nicht von dem sinne des kaisers, wenn man den bericht, den er gleichzeitig über sein leben auf - zeichnet, unter diesem augenpunkte betrachtet. und verdient hat, haben ihm seine woltaten die apotheose verschafft. die höchsten irdischen güter, frieden und wolstand, hat er der welt gebracht. es schien, als wollte wirklich neues leben aus den ruinen erblühen. man besann sich auch auf das herrliche vermächtnis der ahnen, in welchem man das palladium der gesittung nicht verkannte. die cultur des zwiesprachigen weltreiches, die doch die hellenische war, gewann expansiv eine starke kraft und viele treffliche männer in allen kreisen des lebens bemühten sich dem volke glauben und sitte und philosophie und die in der herrlichsten poesie be - schlossenen ideale zu erhalten. aber dem seelenleben seines volkes hatte175Verfall der cultur im 2. jahrhundert n. Chr.der kaiser frieden und gesundheit nicht wiedergeben können, und er selbst täuschte sich am wenigsten darüber, daſs die sittlichen kräfte einer regeneration bedurft hätten, damit die blüte nicht eine taube bliebe. der staatliche notbau den er errichtete, die gesellschaftsordnung die er be - gründete, haben freilich vorgehalten, doch nur in der weise, daſs sie wider seinen willen auf etwas gänzlich dem Hellenen wie Italiker fremdes hin sich entwickelten, auf den beamtenstaat eines absoluten fürsten. das war der staat der Ptolemaeer und Seleukiden nur für die barbaren gewesen: nun wird die welt durch diese staatsform allmählich barbarisirt. für barbaren - herzen sind die ideale Ioniens und Athens zu hoch. keinesweges erst Dio - cletian, sondern schon Septimius Severus vollendet die barbarisirung der welt. und besiegelt ist ihr geschick schon durch Hadrian. das zweite jahr - hundert, das sich selber und noch einem manne wie Gibbon das goldene zeitalter war, ist die zeit des todes für die antike welt. wol prangt diese zeit noch in gleiſsenden farben: aber was ist sie anders als ein getünchtes grab? wie spreizen sie sich, die stimmführer dieser selbstvergötterten civilisation, die Aristides und Lukian, Favorin und Apuleius, Herodes und Fronto — auſsen schminke, drinnen moder. was hilft’s daſs diese zeit von allgemeiner bildung trieft, vor der kein lykisches bergtal und keine africanische landstadt sicher ist, daſs die reichspost von Lissabon bis Palmyra geht, kunststraſsen und wasserleitungen gebaut werden, stil - volle kirchen und villen, statuen im geschmacke Thutmosis III oder Nebu - kadnezar oder Peisistratos, und Euriposse und Kanoposse und Mauso - leen? der geist ist es allein der lebt und leben schafft: der geist aber läſst sein nicht spotten. und viel schlimmer und barbarischer als die zeiten, in denen er noch nicht erwacht ist, sind die, wo er verflogen ist und erheuchelt werden soll.
Vielleicht das fürchterlichste in solchen zeiten ist, daſs das gute selbst nur eine kraft wird, die das böse schafft. der classicismus der augus - teischen zeit hatte in edelstem streben die echten ideale hoch aufgerichtet und den menschen geboten, im glauben an sie sich selbst zu erheben. nun war er mode geworden, die journalisten hatten sich seiner bemächtigt, die schulmeister handelten mit ihm: was die halbgebildeten anfassen, das schneiden sie sich nach der dürftigkeit ihrer eigenen leistungsfähigkeit zu. statt den idealen innerlich sich zu nahen, wollte man sie kurzerhand haschen und betasten. statt andächtig sich der pracht der sterne zu freuen, begehrte man sie zu fassen, herunter zu holen und ihr gold zu eignem gebrauche auszumünzen. der atticismus trieb die studien der alten litte - ratur lediglich um selbst so schön zu schreiben und zu reden wie die176Geschichte des tragikertextes.Attiker: Aristides sagte es, daſs ers besser könnte, und Lukian war zum sagen zu klug, aber er glaubte es auch. an den verächtlichen siegespreis, ein erlognes attisch zu reden, sich seinem eignen volkstum zu entfremden, in den wolken zu leben, setzte man sauren schweiſs, jahrelange arbeit, beständigen training. und diesem niedern zwecke zu dienen, spannte sich auch die grammatik ins joch: mag es auch mancher nicht eingestehen, die grammatische arbeit des 2. jahrhunderts ist im grunde nichts als σοφιστικὴ προπαρασκευή.
Was diesen praktischen zwecken dienen kann, das wird eifrig fort - studirt. nicht bloſs die redner in der ausdehnung, welche der per - gamenische kanon festgestellt hatte, sondern auch andere brauchbar erscheinende schriftsteller, wie Xenophon und die anderen nicht gar zu philosophischen Sokratiker: selbst Phaidon ist bis in das 4. jahrhundert erhalten geblieben107)Synesius (Dion. 17, p. 297 Krab. ) nennt unter einer langen reihe von situa - tionen die er platonischen dialogen entnimmt auch οὐδὲ Σίμων ὁ σκυτεὺς πάνυ τι συγχωρεῖν ἠξίου Σωκράτει, ἀλλ̕ ἐπράττετο λόγον έκάστου λόγου, notwendigerweise mit beziehung auf einen dialog, der dann Phaidons Simon war, den Iulian noch gelesen hat. vgl. Herm. XIV 476.. Kritias hat sich eben so lange gehalten, nachdem ihn die laune der archaisten entdeckt hatte. und da diese ihre experi - mente bis zum ionisch schreiben steigerten, so erhielt selbst Hekataios eine stilistische würdigung durch Hermogenes und sein geographisches werk ist noch in frühbyzantinischer zeit gelesen108)Stephanus von Byzanz hat ihn selbst ausgezogen, Niese de Steph. Byz. auct. 13.; auch die ionischen mythographen, Akusilaos und Pherekydes, haben keinesweges bloſs in excerpten gelebt109)Das beweisen lange wörtliche den ionismus bewahrende stücke in den scholien zur Odyssee (z. b. λ 287, 321) Pindar (P. 4, 133) Apollonios (4, 1396, 1515).. vollends die komödie war die ergiebigste fundgrube des archaisten, und keinesweges bloſs Menander, der bis über Iustinian hinaus bekannt blieb, sondern selbst andere alte komiker als Aristophanes haben noch leuten wie Libanius und Synesius vorgelegen. Galen schreibt seine tragikercitate aus glossaren und philosophischen tractaten ab: über die komödie hat er specialarbeiten verfaſst. es war so ziemlich der ganze nachlaſs der μέση und νέα, den Athenaeus selbst excerpirt hat: derselbe, der keine einzige tragödie, kein lyrisches gedicht aus eignen mitteln citirt. wozu sollte man auch diese gedichte lesen, die man nicht copiren wollte? den sagenstoff, so weit man ihn für die allgemeine bildung brauchte, lieferten die handbücher, und die vocabeln konnte man nicht brauchen.
Poesie ward freilich auch noch producirt, massenhaft sogar, während177Verfall der cultur im 2. jahrhundert n. Chr.im ersten jahrhundert wenig davon zu spüren war, und das wuchs sich um 400, als die sprache schon so gut wie tot war, zu einer wirklich eigen - artigen, wenn auch barbarischen kunst aus. dafür brauchte man aber auſser Homer, dessen naivetät die geringsten ingenia kindisch copirten, die alexandrinische dichtung ausschlieſslich, deren formen, deren wort - schatz, deren poetische technik unerschüttert regierten: freilich Antimachos Aratos Apollonios Nikandros mehr als die dichter ersten ranges. aber darum, daſs am kaiserhofe ein Mesomedes lahme rhythmen unmelodisch componirte, war ein studium der lyriker nicht von wichtigkeit. und die tragödie vollends war stumm geworden. es wird im zweiten jahrhundert gewiſs noch vielfach etwas tragisches gespielt sein, obwol die zeugnisse der atticisten nicht schwer wiegen, denn sie erheucheln auch alte sitten. dann aber ist es vorbei, und für die gebildeten war längst statt der tragödie als darstellerin der alten sage eine modernere Muse aufgetreten, das ballet: die gute gesellschaft Roms lernte den Aiolos des Euripides durch dasselbe mittel kennen, wie die heutige den Sardanapal Byrons, durch die beine eines Pylades.
Und doch stand es ja fest, daſs die classiker classisch waren, und es gehörte zu den voraussetzungen der allgemeinen bildung, daſs das classische bekannt war. das war es auch, in der weise, wie zeiten mit sinkender cultur ihre verblassenden ideale kennen lernen. die classiker waren in die schule herabgesunken. da muſsten sie gelesen werden, das verstand sich und verlangte jeder. und wenn der junge mensch aus der schule in’s leben trat, da warf er den plunder weg, der für’s leben, das heiſst für gelderwerb und ehrengier und sinnesgenuſs, doch nichts hilft. so sagte niemand (das würde ja ehrlich gewesen sein), aber so tat jeder. die schule aber ist genötigt, sich mit einer auswahl zu behelfen, ihre aufgaben fordern einen ganz besonderen maſsstab der auslese und eine besondere art der behandlung. sie tut nur ihre schuldigkeit, wenn sie mit den strengen forderungen der wissenschaftlichkeit in conflict kommt.
Schulmäſsige behandlung oder wenigstens eine beträchtliche ver - flachung ihres niveaus muſste die grammatik aber überhaupt vornehmen, wenn sie weiteren kreisen irgendwelche alte poesie erschlieſsen wollte. denn trotz allem attisch parliren, trotz den totenerweckungen des duales, der dative οἱ und σφίσι, des doppelten t statt doppeltem s, so schöner vor 300 verstorbner formen wie γεγράφαται und νᾶπυ und von tausend vocabeln konnten die herren Titianus und Lucianus, die sich Τιτάνιος,v. Wilamowitz I. 12178Geschichte des tragikertextes.oder zeitgemäſs mit einem schreibfehler Τειτάνιος110)Τειτάνιε δεῖε in einem spartanischen epigramm, Kaibel 473, zu dem Kirch - hoff auf Lukian de hist. conscr. 21 verweist μεταγράψαι εἰς τὸ Ἑλληνικόν, ὡς — Τιτάνιον τὸν Τιτιανόν. das pikante ist, daſs der tadler sich selbst als Λυκῖνος einzuführen pflegt., und Λυκῖνος nannten, herzlich wenig griechisch. die meisten stammten auch aus der barbarei und verwunderten sich baſs, wenn sie auf einer ferienreise ins griechische gebirge (denn auch die nervenschwäche natur suchender groſsstädter grassirte) köhler und sennen besser griechisch reden hörten als die gefeiertsten professoren. die voraussetzungen, welche die ältere grammatik gemacht hatte, trafen nicht mehr zu. es half nichts, man muſste dieser gesellschaft den Pindar ganz und den Euripides auch auf weite strecken hin in ihre sprache übersetzen. die zeit der paraphrase bricht herein110 a)Einen ganz anderen zweck hatte die rhetorische paraphrase gehabt, welche Quintilian mit recht als eine der vorzüglichsten stilübungen preist. I 9, 3 versus primo solvere, mox mutatis verbis interpretari: tum paraphrasi audacius vertere, qua et breviare quaedam et exornare salvo modo poetae sensu permittitur. quod opus, etiam consummatis professoribus difficile, qui commode tractaverit, cuicum - que discendo sufficiat. wenn unsere schulen dieses progymmnasma übten, würden die s. g. gebildeten vielleicht ein bischen stilgefühl besitzen, das ihnen jetzt der deutsche und vollends der lateinische auſsatz gründlich auszutreiben pflegt. natür - lich haben die antiken rhetoren auch solche musterstücke veröffentlicht, wie Dion die paraphrase des euripideischen Philoktetprologes. aber rhetoren und grammatiker berühren sich kaum, und auf unsere scholien hat die rhetorische paraphrase nur spät und wenig gewirkt.. übersetzt hatte Aristarch homerische vocabeln auch, sowol um den bedeutungswandel zu erklären wie um die irrtümer der glosso - graphen fern zu halten. rätselgedichte, wie die Alexandra des Lykophron, waren überhaupt nicht ohne paraphrase verständlich. aber diese wenigen ausnahmen beweisen nichts, und die pindarische paraphrase war von jener homerischen worterklärung Aristarchs himmelweit verschieden. nicht nur war jetzt das drama so alt geworden, wie Homer zu Aristarchs zeit ge - wesen war: die menschen waren nicht nur der sprache sondern dem ganzen wesen der tragödie so entfremdet, daſs sie eine übersetzung brauchten.
So erzeugte also wiederum das bedürfnis der zeit einen veränderten betrieb der auf die dichtererklärung gerichteten studien. schulmäſsig muſste er in seinem wesen werden, und in der schule wurden wenigstens die classiker gelesen, zu denen jedoch immer allgemeiner auch eine reihe von dichtern des dritten jahrhunderts gerechnet wurden. doch kamen an diese offenbar erst vorgerücktere: so stark trivialisirt ward ihre erklärung179Verfall der cultur im 2. jahrhundert n. Chr. Aristophanesscholien.selten. und die schule selbst führte zur auswahl und festen ordnung der lesestücke. diese einrichtung hat natürlich nicht im entferntesten bezweckt, die ausgeschlossenen werke in vergessenheit zu stürzen, was auch wenigstens für die komödie lange noch nicht eintrat, und nirgend ist das unheil so schnell gekommen wie für die tragödie und Pindar. daſs es überhaupt kommen konnte, bleibt[unbegreiflich] und findet deshalb keinen glauben, wenn man nicht die ganze geistige temperatur des zweiten jahrhunderts ermiſst. der unbekannte mann, der für Pindar, der eben so unbekannte, der für die tragödie den entscheidenden schritt tat, war auch kein an sich bedeutender mann, so daſs wir an seinem namen nicht viel verloren haben. er würde selbst staunen über den erfolg seiner schul - ausgabe. aber das ist eben das charakteristische für die zeit des verfalles, daſs die letzte leistung, wie sie auch ist, kanonisch wird, weil keine weitere kommt, und so die folgezeit beherrscht. Ptolemaios als astronom und geograph, Galen als mediciner, Apollonios und Herodian als sprach - gelehrte sind zwar in vieler hinsicht achtunggebietend, aber ihre geistige bedeutung ist wahrlich nicht danach angetan, ihre herrschaft über die jahrhunderte als berechtigt erscheinen zu lassen. nicht ihrer kraft, der schwäche der andern danken sie ihre machtstellung. die wissenschaft muſs diese machtstellung zertrümmern um über sie zu der wirklich wissen - schaftlichen ebenbürtigen arbeit des Hellenentums aufzusteigen. und sehr viel geringere leute haben in ihrem kreise eben so abschlieſsend gewirkt, Diogenian für die nichtatticistische lexicographie, Zenobius für die sprich - wörter, Herennius Philo für die synonymik, Heliodor und Hephaestion für die metrik, Dionysios und Pausanias für die atticistischen handbücher, der erstere auch für die dichter - und musikgeschichte. in denselben rang und dieselbe zeit gehören die begründer unserer schulauswahlen, mögen wir sie benennen können oder nicht.
Dies ist möglich für Aristophanes, dessen überlieferung überhauptAristopha - nesscholien. die reichste ist. da hat Symmachos111)Symmachos citirt nicht nur specialschriften des Seleukos (Th. 840, 1175), sondern auch Epaphroditos (Ritt. 1150, Wesp. 332, durch die rückbeziehung gesichert. das Herodiancitat in den Rittern ist zusatz, wie die mangelnde verbindung πλέγμα τι κτέ. zeigt). aber nicht bloſs Herodian ist ihm selbstverständlich fremd, sondern auch dessen vater Apollonios (Plut. 103, Frö. 826, Ritt. 22: alle andern Apollonios - citate gehören dem sohne des Chairis, über den Kydathen 134), und Irenaeus (Pl. 75. Wesp. 900): denn diese geben nur τονικά, und solche dinge sind dem Symmachos fremd. auch Sallustius und Telephus (2. jahrhundert) stehen in einem der antiquarischen scholien des Plutos (725), die sich von selbst absondern. Phrynichos ist durch Hero - dian, mit dem er Fried. 618 verbunden ist, ausgeschlossen, und selbst Palamedes die maſsgebende ausgabe gemacht,12*180Geschichte des tragikertextes.wol um 100 n. Chr., denn wenn ihn auch erst Herodian citirt, so ist doch der erfolg seiner auswahl schon in den rhetorischen lexicis des 2. jahrhunderts zu spüren, die demgemäſs die betreffenden stücke be - vorzugen112)Man kann das leicht sehen, wenn man die indices zu Nabers Photius mustert. auf welchen umwegen auch immer hineingelangt, die quellen dieses lexi - cons gehören dem 2. jahrhundert an. damit man nicht irre, bemerke ich, daſs die atticistischen glossen im Hesych nicht Diogenian sind. selbst bei Lukian sind die erhaltenen komödien stark bevorzugt, P. Schultze quae ratio inter Lucianum et comicos intercedat. Berlin 1883.. Symmachos bezieht sich in seinem commentar häufig auf früher von ihm behandelte stellen, so daſs die reihenfolge der erklärten dramen ganz feststeht