PRIMS Full-text transcription (HTML)
[figure]
West-oestlicher DIVAN.
Stuttgard,in derCottaischen Buchhandlung1819.
[1]

Moganni Nameh.

Buch des Sängers.

Zwanzig Jahre lieſs ich gehn
Und genoſs was mir beschieden;
Eine Reihe völlig schön
Wie die Zeit der Barmekiden.
1[2][3]

Hegire.

Nord und West und Süd zersplittern,
Throne bersten, Reiche zittern,
Flüchte du, im reinen Osten
Patriarchenluft zu kosten,
Unter Lieben, Trinken, Singen,
Soll dich Chisers Quell verjüngen.
Dort, im Reinen und im Rechten,
Will ich menschlichen Geschlechten
In des Ursprungs Tiefe dringen,
Wo sie noch von Gott empfingen
Himmelslehr in Erdesprachen,
Und sich nicht den Kopf zerbrachen.
1 *4
Wo sie Väter hoch verehrten,
Jeden fremden Dienst verwehrten;
Will mich freun der Jugendschranke:
Glaube weit, eng der Gedanke,
Wie das Wort so wichtig dort war,
Weil es ein gesprochen Wort war.
Will mich unter Hirten mischen,
An Oasen mich erfrischen,
Wenn mit Caravanen wandle,
Schawl, Caffee und Moschus handle.
Jeden Pfad will ich betreten
Von der Wüste zu den Städten.
Bösen Felsweg auf und nieder
Trösten Hafis deine Lieder,
Wenn der Führer mit Entzücken,
Von des Maulthiers hohem Rücken,
Singt, die Sterne zu erwecken,
Und die Räuber zu erschrecken.
5
Will in Bädern und in Schenken
Heil’ger Hafis dein gedenken,
Wenn den Schleyer Liebchen lüftet,
Schüttlend Ambralocken düftet.
Ja des Dichters Liebeflüstern
Mache selbst die Huris lüstern.
Wolltet ihr ihm dies beneiden,
Oder etwa gar verleiden;
Wisset nur, daſs Dichterworte
Um des Paradieses Pforte
Immer leise klopfend schweben,
Sich erbittend ew’ges Leben.
6

Segenspfänder.

Talisman in Carneol
Gläubigen bringt er Glück und Wohl,
Steht er gar auf Onyx Grunde
Küſs ihn mit geweihtem Munde!
Alles Uebel treibt er fort,
Schützet dich und schützt den Ort:
Wenn das eingegrabne Wort
Allahs Namen rein verkündet,
Dich zu Lieb und That entzündet.
Und besonders werden Frauen
Sich am Talisman erbauen.
Amulete sind dergleichen
Auf Papier geschriebne Zeichen;
Doch man ist nicht im Gedränge
Wie auf edlen Steines Enge,
Und vergönnt ist frommen Seelen
Längre Verse hier zu wählen.
7
Männer hängen die Papiere
Gläubig um, als Scapulire.
Die Inschrift aber hat nichts hinter sich,
Sie ist sie selbst, und muſs dir alles sagen,
Was hinter drein, mit redlichem Behagen
Du gerne sagst: Ich sag es! Ich!
Doch Abraxas bring ich selten!
Hier soll meist das Fratzenhafte,
Das ein düstrer Wahnsinn schaffte,
Für das allerhöchste gelten.
Sag ich euch absurde Dinge,
Denkt, daſs ich Abraxas bringe.
Ein Siegelring ist schwer zu zeichnen,
Den höchsten Sinn im engsten Raum;
Doch weiſst du dir ein Aechtes anzueignen,
Gegraben steht das Wort, du denkst es kaum.
8

Freysinn.

Laſst mich nur auf meinem Sattel gelten!
Bleibt in euren Hütten, euren Zelten!
Und ich reite froh in alle Ferne,
Ueber meiner Mütze nur die Sterne.
Er hat euch die Gestirne gesetzt
Als Leiter zu Land und See;
Damit ihr euch daran ergötzt,
Stets blickend in die Höh.
9

Talismane, Amulete, Abraxas, Inschriften und Siegel.

Gottes ist der Orient!
Gottes ist der Occident!
Nord - und südliches Gelände
Ruht im Frieden seiner Hände.
Er, der einzige Gerechte,
Will für jedermann das Rechte.
Sey, von seinen hundert Namen,
Dieser hochgelobet! Amen.
Mich verwirren will das Irren;
Doch du weiſst mich zu entwirren.
Wenn ich handle, wenn ich dichte
Gieb du meinem Weg die Richte.
10
Ob ich Ird’sches denk und sinne,
Das gereicht zu höherem Gewinne.
Mit dem Staube nicht der Geist zerstoben
Dringet, in sich selbst gedrängt, nach oben.
Im Athemholen sind zweyerley Gnaden:
Die Luft einziehn, sich ihrer entladen.
Jenes bedrängt, dieses erfrischt;
So wunderbar ist das Leben gemischt.
Du danke Gott, wenn er dich preſst,
Und dank ihm, wenn er dich wieder entläſst.
11

Vier Gnaden.

Daſs Araber an ihrem Theil
Die Weite froh durchziehen
Hat Allah zu gemeinem Heil
Der Gnaden vier verliehen.
Den Turban erst, der besser schmückt
Als alle Kaiserkronen,
Ein Zelt, das man vom Orte rückt
Um überall zu wohnen.
Ein Schwerdt, das tüchtiger beschützt
Als Fels und hohe Mauern,
Ein Liedchen, das gefällt und nützt,
Worauf die Mädchen lauern.
Und Blumen sing ich ungestört
Von Ihrem Schawl herunter,
Sie weiſs recht wohl was Ihr gehört
Und bleibt mir hold und munter.
12
Und Blum und Früchte weiſs ich euch
Gar zierlich aufzutischen,
Wollt ihr Moralien zugleich,
So geb ich von den frischen.
13

Geständniſs.

Was ist schwer zu verbergen? Das Feuer!
Denn bey Tage verräth’s der Rauch,
Bey Nacht die Flamme, das Ungeheuer.
Ferner ist schwer zu verbergen auch
Die Liebe, noch so stille gehegt,
Sie doch gar leicht aus den Augen schlägt.
Am schwersten zu bergen ist ein Gedicht,
Man stellt es untern Scheffel nicht.
Hat es der Dichter frisch gesungen,
So ist er ganz davon durchdrungen,
Hat er es zierlich nett geschrieben,
Will er die ganze Welt soll’s lieben.
Er liest es jedem froh und laut,
Ob es uns quält, ob es erbaut.
14

Elemente.

Aus wie vielen Elementen
Soll ein ächtes Lied sich nähren?
Daſs es Layen gern empfinden,
Meister es mit Freuden hören.
Liebe sey vor allen Dingen
Unser Thema, wenn wir singen;
Kann sie gar das Lied durchdringen,
Wird’s um desto besser klingen.
Dann muſs Klang der Gläser tönen,
Und Rubin des Weins erglänzen:
Denn für Liebende, für Trinker
Winkt man mit den schönsten Kränzen.
Waffenklang wird auch gefodert,
Daſs auch die Trommete schmettre;
Daſs, wenn Glück zu Flammen lodert,
Sich im Sieg der Held vergöttre.
15
Dann zuletzt ist unerläſslich,
Daſs der Dichter manches hasse,
Was unleidlich ist und häſslich
Nicht wie Schönes leben lasse.
Weiſs der Sänger dieser Viere
Urgewalt’gen Stoff zu mischen,
Hafis gleich wird er die Völker
Ewig freuen und erfrischen.
16

Erschaffen und Beleben.

Hans Adam war ein Erdenklos,
Den Gott zum Menschen machte,
Doch bracht er aus der Mutter Schooſs
Noch vieles Ungeschlachte.
Die Elohim zur Nas hinein
Den besten Geist ihm bliesen,
Nun schien er schon was mehr zu seyn,
Denn er fing an zu niesen.
Doch mit Gebein und Glied und Kopf
Blieb er ein halber Klumpen,
Bis endlich Noah für den Tropf
Das Wahre fand, den Humpen.
Der Klumpe fühlt sogleich den Schwung,
Sobald er sich benetzet,
So wie der Teig durch Säuerung
Sich in Bewegung setzet.
17
So, Hafis, mag dein holder Sang,
Dein heiliges Exempel
Uns führen, bey der Gläser Klang,
Zu unsres Schöpfers Tempel.
218

Zwiespalt.

Wenn links an Baches Rand
Cupido flötet,
Im Felde rechter Hand
Mavors drommetet,
Da wird dorthin das Ohr
Lieblich gezogen,
Doch um des Liedes Flor
Durch Lärm betrogen.
Nun flötets immer voll
Im Kriegesthunder,
Ich werde rasend, toll,
Ist das ein Wunder.
Fort wächst der Flötenton
Schall der Posaunen,
Ich irre, rase schon,
Ist das zu staunen!
19

Phaenomen.

Wenn zu der Regenwand
Phoebus sich gattet,
Gleich steht ein Bogenrand
Farbig beschattet.
Im Nebel gleichen Kreis
Seh ich gezogen,
Zwar ist der Bogen weiſs,
Doch Himmelsbogen.
So sollst du, muntrer Greis,
Dich nicht betrüben,
Sind gleich die Haare weiſs,
Doch wirst du lieben.
2 *20

Liebliches.

Was doch buntes dort verbindet
Mir den Himmel mit der Höhe?
Morgennebelung verblindet
Mir des Blickes scharfe Sehe.
Sind es Zelten des Vessires
Die er lieben Frauen baute?
Sind es Teppiche des Festes
Weil er sich der Liebsten traute?
Roth und weiſs, gemischt, gesprenkelt
Wüſst ich schönres nicht zu schauen;
Doch wie Hafis kommt dein Schiras
Auf des Nordens trübe Gauen?
Ja es sind die bunten Mohne,
Die sich nachbarlich erstrecken,
Und, dem Kriegesgott zum Hohne,
Felder streifweis freundlich decken.
21
Möge stets so der Gescheute
Nutzend Blumenzierde pflegen,
Und ein Sonnenschein, wie heute,
Klären sie auf meinen Wegen!
22

Im Gegenwärtigen Vergangnes.

Ros und Lilie morgenthaulich
Blüht im Garten meiner Nähe,
Hinten an bebuscht und traulich
Steigt der Felsen in die Höhe.
Und mit hohem Wald umzogen,
Und mit Ritterschloſs gekrönet,
Lenkt sich hin des Gipfels Bogen,
Bis er sich dem Thal versöhnet.
Und da duftets wie vor Alters,
Da wir noch von Liebe litten,
Und die Saiten meines Psalters
Mit dem Morgenstrahl sich stritten.
Wo das Jagdlied aus den Büschen,
Fülle runden Tons enthauchte,
Anzufeuern, zu erfrischen
Wie’s der Busen wollt und brauchte.
23
Nun die Wälder ewig sprossen
So ermuthigt euch mit diesen,
Was ihr sonst für euch genossen
Läſst in Andern sich genieſsen.
Niemand wird uns dann beschreien
Daſs wirs uns alleine gönnen,
Nun in allen Lebensreihen
Müsset ihr genieſsen können.
Und mit diesem Lied und Wendung
Sind wir wieder bey Hafisen
Denn es ziemt des Tags Vollendung
Mit Genieſsern zu genieſsen
24

Lied und Gebilde.

Mag der Grieche seinen Thon
Zu Gestalten drücken,
An der eignen Hände Sohn
Steigern sein Entzücken;
Aber uns ist wonnereich
In den Euphrat greifen,
Und im flüſsgen Element
Hin und wieder schweifen.
Löscht ich so der Seele Brand
Lied es wird erschallen;
Schöpft des Dichters reine Hand
Wasser wird sich ballen.
25

Dreistigkeit.

Worauf kommt es überall an
Daſs der Mensch gesundet?
Jeder höret gern den Schall an
Der zum Ton sich rundet.
Alles weg! was deinen Lauf stört!
Nur kein düster Streben!
Eh er singt und eh er aufhört
Muſs der Dichter leben.
Und so mag des Lebens Erzklang
Durch die Seele dröhnen!
Fühlt der Dichter sich das Herz bang
Wird sich selbst versöhnen.
26

Derb und Tüchtig.

Dichten ist ein Uebermuth,
Niemand schelte mich!
Habt getrost ein warmes Blut
Froh und frey wie ich.
Sollte jeder Stunde Pein
Bitter schmecken mir;
Würd ich auch bescheiden seyn
Und noch mehr als ihr.
Denn Bescheidenheit ist fein
Wenn das Mädchen blüht,
Sie will zart geworben seyn
Die den Rohen flieht.
Auch ist gut Bescheidenheit
Spricht ein weiser Mann,
Der von Zeit und Ewigkeit
Mich belehren kann!
27
Dichten ist ein Uebermuth!
Treib es gern allein.
Freund und Frauen, frisch von Blut,
Kommt nur auch herein.
Mönchlein ohne Kapp und Kutt
Schwatze nicht auf mich ein,
Zwar du machest mich caput,
Nicht bescheiden! Nein.
Deiner Phrasen leeres Was
Treibet mich davon,
Abgeschliffen hab ich das
An den Solen schon.
Wenn des Dichters Mühle geht
Halte sie nicht ein:
Denn wer einmal uns versteht
Wird uns auch verzeihn.
28

Allleben.

Staub ist eins der Elemente
Das du gar geschickt bezwingest
Hafis, wenn zu Liebchens Ehren,
Du ein zierlich Liedchen singest.
Denn der Staub auf ihrer Schwelle
Ist dem Teppich vorzuziehen,
Dessen goldgewirkte Blumen
Mahmuds Günstlinge beknieen.
Treibt der Wind von ihrer Pforte
Wolken Staubs behend vorüber,
Mehr als Moschus sind die Düfte
Und als Rosenöl dir lieber.
Staub den hab ich längst entbehret
In dem stets umhüllten Norden,
Aber in dem heiſsen Süden
Ist er mir genugsam worden.
29
Doch schon längst das liebe Pforten
Mir auf ihren Angeln schwiegen!
Heile mich Gewitterregen,
Laſs mich daſs es grunelt riechen!
Wenn jetzt alle Donner rollen
Und der ganze Himmel leuchtet,
Wird der wilde Staub des Windes
Nach dem Boden hingefeuchtet.
Und sogleich entspringt ein Leben,
Schwillt ein heilig, heimlich Wirken,
Und es grunelt und es grünet
In den irdischen Bezirken.
30

Selige Sehnsucht.

Sagt es niemand, nur den Weisen,
Weil die Menge gleich verhöhnet,
Das Lebend’ge will ich preisen
Das nach Flammentod sich sehnet.
In der Liebesnächte Kühlung,
Die dich zeugte, wo du zeugtest,
Ueberfällt dich fremde Fühlung
Wenn die stille Kerze leuchtet.
Nicht mehr bleibest du umfangen
In der Finsterniſs Beschattung,
Und dich reiſset neu Verlangen
Auf zu höherer Begattung.
Keine Ferne macht dich schwierig,
Kommst geflogen und gebannt.
Und zuletzt, des Lichts begierig,
Bist du Schmetterling verbrannt,
31
Und so lang du das nicht hast,
Dieses: Stirb und werde!
Bist du nur ein trüber Gast
Auf der dunklen Erde.
32
Thut ein Schilf sich doch hervor
Welten zu versüſsen!
Möge meinem Schreibe-Rohr
Liebliches entflieſsen!
[33]

Hafis Nameh.

Buch Hafis.

Sey das Wort die Braut genannt,
Bräutigam der Geist;
Diese Hochzeit hat gekannt
Wer Hafisen preist.
3[34][35]

Beyname.

Dichter.
Mohamed Schemseddin sage,
Warum hat dein Volk, das hehre,
Hafis dich genannt?
Hafis.
Ich ehre,
Ich erwiedre deine Frage.
Weil, in glücklichem Gedächtniſs,
Des Corans geweiht Vermächtniſs
Unverändert ich verwahre,
Und damit so fromm gebahre
Daſs gemeinen Tages Schlechtniſs
3 *36
Weder mich noch die berühret
Die Prophetenwort und Saamen
Schätzen wie es sich gebühret,
Darum gab man mir den Namen.
Dichter.
Hafis drum, so will mir scheinen,
Möcht ich dir nicht gerne weichen:
Denn wenn wir wie andre meynen,
Werden wir den andern gleichen.
Und so gleich ich dir vollkommen
Der ich unsrer heil’gen Bücher
Herrlich Bild an mich genommen,
Wie auf jenes Tuch der Tücher
Sich des Herren Bildniſs drückte,
Mich in stiller Brust erquickte,
Trotz Verneinung, Hindrung, Raubens,
Mit dem heitren Bild des Glaubens.
37

Anklage.

Wiſst ihr denn auf wen die Teufel lauern,
In der Wüste, zwischen Fels und Mauern?
Und, wie sie den Augenblick erpassen,
Nach der Hölle sie entführend fassen?
Lügner sind es und der Bösewicht.
Der Poete warum scheut er nicht
Sich mit solchen Leuten einzulassen!
Weiſs denn der mit wem er geht und wandelt?
Er der immer nur im Wahnsinn handelt.
Gränzenlos, von eigensinn’gem Lieben,
Wird er in die Oede fortgetrieben,
Seiner Klagen Reim, in Sand geschrieben,
Sind vom Winde gleich verjagt;
Er versteht nicht was er sagt,
Was er sagt wird er nicht halten.
38
Doch sein Lied man läſst es immer walten,
Da es doch dem Coran widerspricht.
Lehret nun, ihr des Gesetzes Kenner,
Weisheit-fromme, hochgelahrte Männer,
Treuer Mosleminen feste Pflicht.
Hafis, in’s besondre, schaffet Aergernisse,
Mirza sprengt den Geist ins Ungewisse,
Saget, was man thun und lassen müsse?
39

Fetwa.

Hafis Dichterzüge sie bezeichnen
Ausgemachte Wahrheit unauslöschlich;
Aber hie und da auch Kleinigkeiten
Auſserhalb der Gränze des Gesetzes.
Willst du sicher gehn, so muſst du wissen
Schlangengift und Theriak zu sondern
Doch der reinen Wollust edler Handlung
Sich mit frohem Muth zu überlassen,
Und vor solcher, der nur ew’ge Pein folgt,
Mit besonnenem Sinn sich zu verwahren,
Ist gewiſs das beste um nicht zu fehlen.
Dieses schrieb der arme Ebusund euch,
Gott verzeih ihm seine Sünden alle.
40

Der Deutsche dankt.

Heiliger Ebusund, du hast’s getroffen!
Solche Heilige wünschet sich der Dichter:
Denn gerade jene Kleinigkeiten
Auſserhalb der Gränze des Gesetzes,
Sind das Erbtheil wo er, übermüthig,
Selbst im Kummer lustig, sich beweget.
Schlangengift und Theriak muſs
Ihm das eine wie das andere scheinen,
Tödten wird nicht jenes, dies nicht heilen:
Denn das wahre Leben ist des Handelns
Ew’ge Unschuld, die sich so erweiset
Daſs sie niemand schadet als sich selber.
Und so kann der alte Dichter hoffen
Daſs die Houris ihn im Paradiese,
Als verklärten Jüngling wohl empfangen,
Heiliger Ebusund, du hast’s getroffen!
41

Fetwa.

Der Mufti las des Misri Gedichte,
Eins nach dem andern, alle zusammen,
Und wohlbedächtig warf sie in die Flammen,
Das schöngeschriebne Buch es ging zu nichte.
Verbrannt sey jeder, sprach der hohe Richter,
Wer spricht und glaubt wie Misri er allein
Sey ausgenommen von des Feuers Pein:
Denn Allah gab die Gabe jedem Dichter.
Misbraucht er sie im Wandel seiner Sünden,
So seh er zu mit Gott sich abzufinden.
42

Unbegrenzt.

Daſs du nicht enden kannst das macht dich groſs,
Und daſs du nie beginnst das ist dein Loos.
Dein Lied ist drehend wie das Sterngewölbe,
Anfang und Ende immer fort dasselbe,
Und was die Mitte bringt ist offenbar,
Das was zu Ende bleibt und Anfangs war.
Du bist der Freuden ächte Dichterquelle,
Und ungezählt entflieſst dir Well auf Welle.
Zum Küssen stets bereiter Mund,
Ein Brustgesang der lieblich flieſset,
Zum Trinken stets gereizter Schlund,
Ein gutes Herz das sich ergieſset.
43
Und mag die ganze Welt versinken,
Hafis mit dir, mit dir allein
Will ich wetteifern! Lust und Pein
Sey uns den Zwillingen gemein!
Wie du zu lieben und zu trinken
Das soll mein Stolz, mein Leben seyn.
Nun töne Lied mit eignem Feuer!
Denn du bist älter, du bist neuer.
44

Nachbildung.

In deine Reimart hoff ich mich zu finden,
Das Wiederholen soll mir auch gefallen,
Erst werd ich Sinn, sodann auch Worte finden;
Zum zweytenmal soll mir kein Klang erschallen,
Er müſste denn besondern Sinn begründen,
Wie du’s vermagst begünstigter vor allen.
Denn wie ein Funke fähig zu entzünden
Die Kaiserstadt, wenn Flammen grimmig wallen,
Sich winderzeugend, glühn von eignen Winden,
Er, schon erloschen, schwand zu Sternenhallen;
So schlangs von dir sich fort mit ew’gen Gluten
Ein deutsches Herz von frischem zu ermuthen.
Zugemeſsne Rhythmen reizen freylich,
Das Talent erfreut sich wohl darin;
Doch wie schnelle widern sie abscheulich,
Hohle Masken ohne Blut und Sinn.
Selbst der Geist erscheint sich nicht erfreulich,
Wenn er nicht, auf neue Form bedacht,
Jener todten Form ein Ende macht.
45

Offenbar Geheimniſs.

Sie haben dich heiliger Hafis
Die mystische Zunge genannt,
Und haben, die Wortgelehrten,
Den Werth des Worts nicht erkannt.
Mystisch heiſsest du ihnen,
Weil sie närrisches bey dir denken,
Und ihren unlautern Wein
In deinen Namen verschenken.
Du aber bist mystisch rein
Weil sie dich nicht verstehn,
Der du, ohne fromm zu seyn, selig bist!
Das wollen sie dir nicht zugestehn.
46

Wink.

Und doch haben sie Recht die ich schelte:
Denn daſs ein Wort nicht einfach gelte
Das müſste sich wohl von selbst verstehn.
Das Wort ist ein Fächer! Zwischen den Stäben
Blicken ein Paar schöne Augen hervor.
Der Fächer ist nur ein lieblicher Flor,
Er verdeckt mir zwar das Gesicht;
Aber das Mädchen verbirgt er nicht,
Weil das schönste was sie besitzt
Das Auge, mir in’s Auge blitzt.
[47]

Usch Nameh.

Buch der Liebe.

[48]49

Musterbilder.

Hör und bewahre
Sechs Liebespaare.
Wortbild entzündet, Liebe schürt zu:
Rustan und Rodawu.
Unbekannte sind sich nah:
Jussuph und Suleika.
Liebe nicht Liebesgewinn:
Ferhad und Schirin.
Nur für einander da:
Medschnun und Leila.
Liebend im Alter sah
Dschemil auf Boteinah.
Süſse Liebeslaune,
Salomo und die Braune!
Hast du sie wohl vermerkt,
Bist im Lieben gestärkt.
450

Lesebuch.

Wunderlichstes Buch der Bücher
Ist das Buch der Liebe;
Aufmerksam hab ich’s gelesen:
Wenig Blätter Freuden,
Ganze Hefte Leiden,
Einen Abschnitt macht die Trennung.
Wiedersehn! ein klein Capitel
Fragmentarisch. Bände Kummers
Mit Erklärungen verlängert,
Endlos ohne Maas.
O! Nisami! doch am Ende
Hast den rechten Weg gefunden;
Unauflösliches wer löst es?
Liebende sich wieder findend.
51

Gewarnt.

Auch in Locken hab ich mich
Gar zu gern verfangen,
Und so Hafis! wär’s wie dir
Deinem Freund ergangen.
Aber Zöpfe flechten sie
Nun aus langen Haaren,
Unterm Helme fechten sie,
Wie wir wohl erfahren.
Wer sich aber wohl besann
Läſst sich so nicht zwingen:
Schwere Ketten fürchtet man,
Rennt in leichte Schlingen.
4 *52

Versunken.

Voll Locken kraus ein Haupt so rund!
Und darf ich dann in solchen[reichen] Haaren,
Mit vollen Händen hin und wieder fahren
Da fühl ich mich von Herzensgrund gesund.
Und küss ich Stirne, Bogen, Auge, Mund,
Dann bin ich frisch und immer wieder wund.
Der fünfgezackte Kamm wo sollt er stocken?
Er kehrt schon wieder zu den Locken.
Das Ohr versagt sich nicht dem Spiel,
Hier ist nicht Fleisch, hier ist nicht Haut,
So zart zum Scherz so liebeviel!
Doch wie man auf dem Köpfchen kraut,
Man wird in solchen reichen Haaren
Für ewig auf und nieder fahren.
So hast du Hafis auch gethan,
Wir fangen es von vornen an.
53

Bedenklich.

Soll ich von Smaragden reden,
Die dein Finger niedlich zeigt?
Manchmal ist ein Wort vonnöthen,
Oft ist’s besser daſs man schweigt.
Also sag ich: daſs die Farbe
Grün und augerquicklich sey!
Sage nicht daſs Schmerz und Narbe
Zu befürchten nah dabey.
Immerhin! du magst es lesen!
Warum übst du solche Macht!
So gefährlich ist dein Wesen
Als erquicklich der Smaragd.
54

Schlechter Trost.

Mitternachts weint und schluchtzt ich,
Weil ich dein entbehrte.
Da kamen Nachtgespenster
Und ich schämte mich.
Nachtgespenster, sagt ich,
Schluchzend und weinend
Feindet ihr mich, dem ihr sonst
Schlafendem vorüberzogt.
Groſse Güter vermiss ich.
Denkt nicht schlimmer von mir
Den ihr sonst weise nanntet,
Groſses Uebel betrifft ihn!
Und die Nachtgespenster
Mit langen Gesichtern
Zogen vorbey,
Ob ich weise oder thörig
Völlig unbekümmert.
55

Genügsam.

Wie irrig wähnest du
Aus Liebe gehöre das Mädchen dir zu.
Das könnte mich nun gar nicht freuen,
Sie versteht sich auf Schmeicheleyen.

Dichter.

Ich bin zufrieden daſs ich’s habe!
Mir diene zur Entschuldigung:
Liebe ist freywillige Gabe
Schmeicheley Huldigung.
56

Gruſs.

O wie selig ward mir!
Im Lande wandl ich
Wo Hudhud über den Weg läuft.
Des alten Meeres Muscheln
Im Stein sucht ich die versteinten,
Hudhud lief einher
Die Krone entfaltend.
Stolzirte, neckischer Art,
Ueber das Todte scherzend
Der Lebend’ge.
Hudhud, sagt ich, fürwahr!
Ein schöner Vogel bist du.
Eile doch, Wiedehopf!
Eile der Geliebten
Zu verkünden daſs ich ihr
57
Ewig angehöre.
Hast du doch auch
Zwischen Salomo
Und Saba’s Königin
Ehemals den Kuppler gemacht!
58

Ergebung.

Du vergehst und bist so freundlich,
Verzehrst dich und singst so schön.
Dichter.
Die Liebe behandelt mich feindlich!
Da will ich gern gestehn
Ich singe mit schwerem Herzen.
Sieh doch einmal die Kerzen,
Sie leuchten indem sie vergehn.
59

Unvermeidlich.

Wer kann gebieten den Vögeln
Still zu seyn auf der Flur?
Und wer verbieten zu zappeln
Den Schafen unter der Schur?
Stell ich mich wohl ungebärdig
Wenn mir die Wolle kraust?
Nein! Die Ungebärden entzwingt mir
Der Scheerer der mich zerzaust.
Wer will mir wehren zu singen
Nach Lust zum Himmel hinan?
Den Wolken zu vertrauen
Wie lieb sie mir’s angethan.
60

Geheimes.

Ueber meines Liebchens Aeugeln
Stehn verwundert alle Leute,
Ich, der Wissende, dagegen
Weiſs recht gut was das bedeute.
Denn es heiſst; Ich liebe diesen,
Und nicht etwa den und jenen,
Lasset nur ihr guten Leute
Euer Wundern, euer Sehnen.
Ja, mit ungeheuren Mächten
Blicket sie wohl in die Runde;
Doch sie sucht nur zu verkünden
Ihm die nächste süſse Stunde.
61

Geheimstes.

Wir sind emsig nachzuspüren,
Wir, die Anecdotenjäger,
Wer dein Liebchen sey und ob du
Nicht auch habest viele Schwäger.
Denn daſs du verliebt bist sehn wir,
Mögen dir es gerne gönnen;
Doch daſs Liebchen so dich liebe
Werden wir nicht glauben können.
Ungehindert, liebe Herren,
Sucht sie auf, nur hört das Eine:
Ihr erschrecket wenn sie dasteht,
Ist sie fort, ihr koost dem Scheine.
62
Wiſst ihr wie Schehâb-eddin
Sich auf Arafat entmantelt,
Niemand haltet ihr für thörig
Der in seinem Sinne handelt.
Wenn vor deines Kaysers Throne,
Oder vor der Vielgeliebten
Je dein Name wird gesprochen
Sey es dir zu höchstem Lohne.
Darum war’s der höchste Jammer
Als einst Medschnun sterbend wollte
Daſs vor Leila seinen Namen
Man forthin nicht nennen sollte.
[63]

Tefkir Nameh.

Buch der Betrachtungen.

[64][65]
Höre den Rath den die Leyer tönt;
Doch er nutzet nur wenn du fähig bist;
Das glücklichste Wort es wird verhöhnt
Wenn der Hörer ein Schiefohr ist.
Was tönt denn die Leyer? sie tönet laut:
Die schönste das ist nicht die beste Braut,
Doch wenn wir dich unter uns zählen sollen,
So muſst du das Schönste, das Beste wollen.
566

Fünf Dinge.

Fünf Dinge bringen fünfe nicht hervor,
Du, dieser Lehre öffne du dein Ohr:
Der stolzen Brust wird Freundschaft nicht ent -
sprossen.
Unhöflich sind der Niedrigkeit Genossen;
Ein Bösewicht gelangt zu keiner Gröſse;
Der Neidische erbarmt sich nicht der Blöſse;
Der Lügner hofft vergeblich Treu und Glauben;
Das halte fest und niemand laſs dir’s rauben.
67

Fünf andere.

Was verkürzt mir die Zeit?
Thätigkeit!
Was macht sie unerträglich lang?
Müssiggang!
Was bringt in Schulden?
Harren und Dulden!
Was macht Gewinnen?
Nicht lange besinnen!
Was bringt zu Ehren?
Sich wehren!
5 *68
Lieblich ist des Mädchens Blick der winket,
Trinkers Blick ist lieblich eh er trinket,
Gruſs des Herren der befehlen konnte,
Sonnenschein im Herbst der dich besonnte.
Lieblicher als alles dieses habe
Stets vor Augen, wie sich kleiner Gabe
Dürft’ge Hand so hübsch entgegen dränget,
Zierlich dankbar was du reichst empfänget.
Welch ein Blick! ein Gruſs! ein sprechend Streben!
Schau es recht und du wirst immer geben.
69
Und was im Pend-Nameh steht
Ist dir aus der Brust geschrieben:
Jeden dem du selber giebst
Wirst du wie dich selber lieben.
Reiche froh den Pfennig hin,
Häufe nicht ein Gold-Vermächtniſs,
Eile freudig vorzuziehn
Gegenwart vor dem Gedächtniſs.
70
Reitest du bey e’nem Schmied vorbey,
Weiſst nicht wann er dein Pferd beschlägt;
Siehst du eine Hütte im Felde frey,
Weiſst nicht ob sie dir ein Liebchen hegt;
Einem Jüngling begegnest du schön und kühn,
Er überwindet dich künftig oder du ihn.
Am sichersten kannst du vom Rebstock sagen
Er werde für dich was Gutes tragen.
So bist du denn der Welt empfohlen,
Das Uebrige will ich nicht wiederholen.
71
Behandelt die Frauen mit Nachsicht!
Aus krummer Rippe ward sie erschaffen,
Gott konnte sie nicht ganz grade machen.
Willst du sie biegen, sie bricht.
Läſst du sie ruhig, sie wird noch krümmer,
Du guter Adam, was ist denn schlimmer?
Behandelt die Frauen mit Nachsicht:
Es ist nicht gut daſs euch eine Rippe bricht.
72
Das Leben ist ein Gänsespiel:
Je mehr man vorwärts gehet,
Je früher kommt man an das Ziel,
Wo niemand gerne stehet.
Man sagt die Gänse wären dumm,
O! glaubt mir nicht den Leuten:
Denn eine sieht einmal sich rum
Mich rückwärts zu bedeuten.
Ganz anders ist’s in dieser Welt
Wo alles vorwärts drücket,
Wenn einer stolpert oder fällt
Keine Seele rückwärts blicket.
73
Freygebiger wird betrogen,
Geizhafter ausgesogen,
Verständiger irrgeleitet,
Vernünftiger leer geweitet,
Der Harte wird umgangen,
Der Gimpel wird gefangen.
Beherrsche diese Lüge,
Betrogener betrüge!
74
Wer befehlen kann wird loben
Und er wird auch wieder schelten,
Und das muſs dir, treuer Diener,
Eines wie das andre gelten.
Denn er lobt wohl das Geringe,
Schilt auch, wo er sollte loben,
Aber bleibst du guter Dinge
Wird er dich zuletzt erproben.
Und so haltet’s auch ihr Hohen
Gegen Gott wie der Geringe,
Thut und leidet, wie sich’s findet,
Bleibt nur immer guter Dinge.
75

An Schach Sedschan und seines Gleichen.

Durch allen Schall und Klang
Der Transoxanen
Erkühnt sich unser Sang
Auf deine Bahnen!
Uns ist für gar nichts bang,
In dir lebendig,
Dein Leben daure lang
Dein Reich beständig.
76

Höchste Gunst.

Ungezähmt so wie ich war
Hab ich einen Herrn gefunden,
Und gezähmt nach manchem Jahr
Eine Herrin auch gefunden.
Da sie Prüfung nicht gespart
Haben sie mich treu gefunden,
Und mit Sorgfalt mich bewahrt
Als den Schatz den sie gefunden.
Niemand diente zweyen Herrn
Der dabey sein Glück gefunden;
Herr und Herrin sehn es gern
Daſs sie beyde mich gefunden,
Und mir leuchtet Glück und Stern
Da ich beyde Sie gefunden.
77

Ferdusi spricht.

O Welt! wie schamlos und boshaft bist du!
Du nährst und erziehest und tödtest zugleich.
Nur wer von Allah begünstiget ist,
Der nährt sich, erzieht sich, lebendig und reich.
Was heiſst denn Reichthum? Eine wärmende
Sonne,
Genieſst sie der Bettler, wie wir sie genieſsen!
Es möge doch keinen der Reichen verdrieſsen
Des Bettlers, im Eigensinn, selige Wonne.
78

Dschelâl-eddîn Rumi spricht.

Verweilst du in der Welt, sie fleieht als Traum,
Du reisest, ein Geschick bestimmt den Raum,
Nicht Hitze, Kälte nicht vermagst du fest zu halten,
Und was dir blüht, sogleich wird es veralten.

Suleika spricht.

Der Spiegel sagt mir ich bin schön!
Ihr sagt: zu altern sey auch mein Geschick.
Vor Gott muſs alles ewig stehn,
In mir liebt Ihn, für diesen Augenblick.
[79]

Rendsch Nameh.

Buch des Unmuths.

[80][81]
Wo hast du das genommen?
Wie konnt es zu dir kommen?
Wie aus dem Lebensplunder
Erwarbst du diesen Zunder?
Der Funken letzte Gluthen
Von frischem zu ermuthen.
Euch mög es nicht bedünkeln
Es sey gemeines Fünkeln;
Auf ungemeſsner Ferne,
Im Ocean der Sterne,
Mich hatt ich nicht verloren,
Ich war wie neu geboren.
682
Von weiſser Schaafe Wogen
Die Hügel überzogen,
Umsorgt von ernsten Hirten,
Die gern und schmal bewirthen.
So ruhig, liebe Leute,
Daſs jeder mich erfreute.
In schauerlichen Nächten,
Bedrohet von Gefechten,
Das Stöhnen der Cameele
Durchdrang das Ohr, die Seele.
Und derer die sie führen
Einbildung und Stolziren.
Und immer ging es weiter
Und immer ward es breiter
Und unser ganzes Ziehen
Es schien ein ewig Fliehen,
Blau, hinter Wüst und Heere,
Der Streif erlogner Meere.
83
Keinen Reimer wird man finden
Der sich nicht den besten hielte,
Keinen Fiedler der nicht lieber
Eigne Melodieen spielte.
Und ich konnte sie nicht tadeln;
Wenn wir andern Ehre geben
Müssen wir uns selbst entadeln.
Lebt man denn wenn andre leben?
Und so fand ich’s denn auch juste
In gewissen Antichambern,
Wo man nicht zu sondern wuſste
Mäusedreck von Koriandern.
6 *84
Das Gewesne wollte hassen
Solche rüstige neue Besen,
Diese dann nicht gelten lassen
Was sonst Besen war gewesen.
Und wo sich die Völker trennen,
Gegenseitig im Verachten,
Keins von beyden wird bekennen
Daſs sie nach demselben trachten.
Und das grobe Selbstempfinden
Haben Leute hart gescholten,
Die am wenigsten verwinden,
Wenn die andern was gegolten.
85
Befindet sich einer heiter und gut,
Gleich will ihn der Nachbar peinigen;
So lang der Tüchtige lebt und thut,
Möchten sie ihn gerne steinigen.
Ist er hinterher aber todt,
Gleich sammeln sie groſse Spenden
Zu Ehren seiner Lebensnoth
Ein Denkmal zu vollenden,
Doch ihren Vortheil sollte dann
Die Menge wohl ermessen,
Gescheiter wär’s den guten Mann
Auf immerdar vergessen.
86
Uebermacht, Ihr könnt es spüren,
Ist nicht aus der Welt zu bannen;
Mir gefällt zu conversiren
Mit Gescheiten, mit Tyrannen.
Da die dummen Eingeengten
Immerfort am stärksten pochten.
Und die Halben, die Beschränkten
Gar zu gern uns unterjochten;
Hab ich mich für frey erkläret,
Von den Narren, von den Weisen,
Diese bleiben ungestöret,
Jene möchten sich zerreiſsen.
87
Denken in Gewalt und Liebe
Müſsten wir zuletzt uns gatten,
Machen mir die Sonne trübe
Und erhitzen mir den Schatten.
Hafis auch und Ulrich Hutten
Muſsten ganz bestimmt sich rüsten
Gegen braun und blaue Kutten;
Meine gehn wie andre Christen.
Aber nenn uns doch die Feinde!
Niemand soll sie unterscheiden:
Denn ich hab in der Gemeinde
Schon genug daran zu leiden.
88
Wenn du auf dem Guten ruhst,
Nimmer werd ich’s tadeln,
Wenn du gar das Gute thust,
Sieh das soll dich adeln;
Hast du aber deinen Zaun
Um dein Gut gezogen,
Leb ich frey und lebe traun
Keineswegs betrogen.
Denn die Menschen sie sind gut,
Würden besser bleiben,
Sollte nicht wie’s einer thut
Auch der Andre treiben.
Auf dem Weg da ists ein Wort,
Niemand wird’s verdammen:
Wollen wir an Einen Ort,
Nun! wir gehn zusammen.
89
Vieles wird sich da und hie
Uns entgegen stellen.
In der Liebe mag man nie
Helfer und Gesellen,
Geld und Ehre hätte man
Gern allein zur Spende
Und der Wein, der treue Mann,
Der entzweyt am Ende.
Hat doch über solches Zeug
Hafis auch gesprochen,
Ueber manchen dummen Streich
Sich den Kopf zerbrochen,
Und ich seh nicht was es frommt
Aus der Welt zu laufen,
Magst du, wenn das Schlimmste kommt,
Aus einmal dich raufen.
90
Als wenn das auf Namen ruhte!
Was sich schweigend nur entfaltet.
Lieb ich doch das schöne Gute
Wie es sich aus Gott gestaltet.
Jemand lieb ich, das ist nöthig,
Niemand haſs ich; soll ich hassen;
Auch dazu bin ich erbötig,
Hasse gleich in ganzen Massen.
Willst sie aber näher kennen,
Sich auf’s Rechte, sich auf’s Schlechte,
Was sie ganz fürtrefflich nennen
Ist wahrscheinlich nicht das Rechte.
91
Denn das Rechte zu ergreifen
Muſs man aus dem Grunde leben,
Und saalbadrisch auszuschweifen
Dünket mich ein seicht Bestreben.
Wohl! Herr Knitterer er kann sich
Mit Zersplitterer vereinen,
Und Verwitterer alsdann sich
Allenfalls der beste scheinen.
Daſs nur immer in Erneuung
Jeder täglich neues höre,
Und zugleich auch die Zerstreuung
Jeden in sich selbst zerstöre.
Dies der Landsmann wünscht und liebet,
Mag er Deutsch mag Teutsch sich schreiben,
Und das Lied nur heimlich piepet:
Also war es und wird bleiben.
92
Medschnun heiſst ich will nicht sagen
Daſs es grad ein Toller heiſse;
Doch ihr müſst mich nicht verklagen
Daſs ich mich als Medschnun preise.
Wenn die Brust, die redlich volle,
Sich entladet euch zu retten,
Ruft ihr nicht: das ist der Tolle!
Holet Stricke, schaffet Ketten!
Und wenn ihr zuletzt in Fesseln
Seht die Klügeren verschmachten,
Sengt es euch wie Feuernesseln
Das vergebens zu betrachten.
93
Hab ich euch denn je gerathen
Wie ihr Kriege führen solltet?
Schalt ich euch nach euren Thaten
Wenn ihr Friede schlieſsen wolltet?
Und so hab ich auch den Fischer
Ruhig sehen Netze werfen,
Brauchte dem gewandten Tischer
Winkelmaas nicht einzuschärfen.
Aber ihr wollt besser wissen
Was ich weiſs, der ich bedachte
Was Natur, für mich beflissen,
Schon zu meinem Eigen machte.
Fühlt ihr euch dergleichen Stärke,
Nun, so fördert eure Sachen;
Seht ihr aber meine Werke,
Lernet erst: so wollt er’s machen.
94

Wanderers Gemüthsruhe.

Ueber’s Niederträchtige
Niemand sich beklage;
Denn es ist das Mächtige,
Was man dir auch sage.
In dem Schlechten waltet es
Sich zu Hochgewinne,
Und mit Rechtem schaltet es
Ganz nach seinem Sinne.
Wandrer! Gegen solche Noth
Wolltest du dich sträuben?
Wirbelwind und trocknen Koth
Laſs sie drehn und stäuben.
95
Wer wird von der Welt verlangen?
Was sie selbst vermiſst und träumet,
Rückwärts oder seitwärts blickend
Stets den Tag des Tags versäumet.
Ihr Bemühn ist guter Wille,
Hinkt nur nach dem raschen Leben
Und was du vor Jahren brauchtest,
Möchte sie dir heute geben.
96
Glaubst du denn von Mund zu Ohr
Sey ein redlicher Gewinnst?
Ueberliefrung, o! du Thor!
Ist auch wohl ein Hirngespinnst.
Nun geht erst das Urtheil an.
Dich vermag aus Glaubensketten
Der Verstand allein zu retten,
Dem du schon Verzicht gethan.
97
Und wer franzet oder brittet,
Italiänert oder teutschet,
Einer will nur wie der andre
Was die Eigenliebe heischet.
Denn es ist kein Anerkennen,
Weder vieler, noch des einen,
Wenn es nicht am Tage fördert
Wo man selbst was möchte scheinen.
Morgen habe denn das Rechte
Seine Freunde wohlgesinnet,
Wenn nur heute noch das Schlechte
Vollen Platz und Gunst gewinnet.
Wer nicht von dreytausend Jahren
Sich weiſs Rechenschaft zu geben,
Bleib im Dunkeln unerfahren,
Mag von Tag zu Tage leben.
798
Aergert’s jemand daſs es Gott gefallen
Mahomed zu gönnen Schutz und Glück,
Um den stärksten Balken seiner Hallen
Da befestig er den derben Strick,
Knüpfe sich daran! das hält und trägt,
Er wird fühlen daſs sein Zorn sich legt.
[99]

Hikmet-Nameh.

Buch der Sprüche.

7 *[100][101]
Talismane werd ich in dem Buch zerstreuen,
Das bewirkt ein Gleichgewicht.
Wer mit gläubiger Nadel sticht
Ueberall soll gutes Wort ihn freuen.
Vom heut’gen Tag, von heut’ger Nacht
Verlange nichts
Als was die gestrigen gebracht.
Wer geboren in bösten Tagen
Dem werden selbst die bösen behagen.
Wie etwas sey leicht
Weiſs der es erfunden und der es erreicht.
Das Meer fluthet immer,
Das Land behält es nimmer.
102
Was klagst du über Feinde?
Sollten solche je werden Freunde,
Denen das Wesen wie du bist
Im Stillen ein ewiger Vorwurf ist.
Dümmer ist nichts zu ertragen,
Als wenn Dumme sagen den Weisen:
Daſs sie sich in groſsen Tagen
Sollten bescheidentlich erweisen.
Wenn Gott so schlechter Nachbar wäre
Als ich bin und als du bist,
Wir hätten beyde wenig Ehre;
Der läſst einen jeden wie er ist.
Gesteht’s! Die Dichter des Orients
Sind gröſser als wir des Occidents.
Worin wir sie aber völlig erreichen,
Das ist im Haſs auf unsres Gleichen.
103
Ueberall will jeder obenauf seyn,
Wie’s eben in der Welt so geht.
Jeder sollte freylich grob seyn,
Aber nur in dem was er versteht.
Verschon uns Gott mit deinem Grimme!
Zaunkönige gewinnen Stimme.
Will der Neid sich doch zerreiſsen,
Laſs ihn seinen Hunger speiſsen.
Sich im Respect zu erhalten
Muſs man recht borstig seyn.
Alles jagt man mit Falken,
Nur nicht das wilde Schwein.
104
Was hilft’s dem Pfaffen-Orden
Der mir den Weg verrannt?
Was nicht gerade erfaſst worden
Wird auch schief nicht erkannt.
Einen Helden mit Lust preisen und nennen
Wird jeder der selbst als kühner stritt.
Des Menschen Werth kann niemand erkennen
Der nicht selbst Hitze und Kälte litt.
Gutes thu rein aus des Guten Liebe,
Was du thust verbleibt dir nicht;
Und wenn es auch dir verbliebe,
Bleibt es deinen Kindern nicht.
Soll man dich nicht auf’s schmälichste berauben,
Verbirg dein Gold, dein Weggehn, deinen Glauben.
105
Wie kommt’s daſs man an jedem Orte
So viel Gutes, so viel Dummes hört?
Die Jüngsten wiederholen der Aeltesten Worte,
Und glauben daſs es ihnen angehört.
Laſs dich nur in keiner Zeit
Zum Widerspruch verleiten,
Weise fallen in Unwissenheit
Wenn sie mit Unwissenden streiten.
Warum ist Wahrheit fern und weit?
Birgt sich hinab in tiefste Gründe?
Niemand verstehet zur rechten Zeit!
Wenn man zur rechten Zeit verstünde;
So wäre Wahrheit nah und breit,
Und wäre lieblich und gelinde.
106
Was willst du untersuchen
Wohin die Milde flieſst.
In’s Wasser wirf deine Kuchen,
Wer weiſs wer sie genieſst.
Als ich einmal eine Spinne erschlagen,
Dacht ich ob ich das wohl gesollt?
Hat Gott ihr doch wie mir gewollt
Einen Antheil an diesen Tagen!
Dunkel ist die Nacht, bey Gott ist Licht.
Warum hat er uns nicht auch so zugericht?
107
Welch eine bunte Gemeinde!
An Gottes Tisch sitzen Freund und Feinde.
Ihr nennt mich einen kargen Mann;
Gebt mir was ich verprassen kann.
Soll ich dir die Gegend zeigen,
Muſst du erst das Dach besteigen.
Wer schweigt hat wenig zu sorgen,
Der Mensch bleibt unter der Zunge verborgen.
108
Ein Herre mit zwey Gesind
Er wird nicht wohl gepflegt.
Ein Haus worin zwey Weiber sind
Es wird nicht rein gefegt.
Ihr lieben Leute bleibt dabey
Und sagt nur: Autos epha!
Was sagt ihr lange Mann und Weib,
Adam, so heiſsts, und Eva.
Wofür ich Allah höchlich danke?
Daſs er Leiden und Wissen getrennt.
Verzweifeln müſste jeder Kranke
Das Uebel kennend wie der Arzt es kennt.
Närrisch, daſs jeder in seinem Falle
Seine besondere Meynung preiſst!
Wenn Islam Gott ergeben heiſst,
Im Islam leben und sterben wir alle.
109
Wer auf die Welt kommt baut ein neues Haus,
Er geht und läſst es einem zweyten,
Der wird sich’s anders zubereiten
Und niemand baut es aus.
Wer in mein Haus tritt der kann schelten
Was ich lieſs viele Jahte gelten;
Vor der Thür aber müſst er passen
Wenn ich ihn nicht wollte gelten lassen.
Herr! laſs dir gefallen
Dieses kleine Haus,
Gröſsre kann man bauen,
Mehr kommt nicht heraus.
110
Du bist auf immer geborgen,
Das nimmt dir niemand wieder:
Zwey Freunde, ohne Sorgen,
Weinbecher, Büchlein Lieder.
Was brachte Lokman nicht hervor,
Den man den garst’gen hieſs!
Die Süſsigkeit liegt nicht im Rohr,
Der Zucker der ist süſs.
Herrlich ist der Orient
Ueber’s Mittelmeer gedrungen,
Nur wer Hafis liebt und kennt
Weiſs was Calderon gesungen.
111
Was schmückst du die eine Hand denn nun
Weit mehr als ihr gebührte.
Was sollte denn die linke thun,
Wenn sie die rechte nicht zierte?
Wenn man auch nach Mecca triebe
Christus Esel, würd er nicht
Dadurch besser abgericht,
Sondern stets ein Esel bliebe.
Getretner Quark
Wird breit, nicht stark.
Schlägst du ihn aber mit Gewalt
In feste Form, er nimmt Gestalt.
Dergleichen Steine wirst du kennen,
Europäer Pisé sie nennen.
112
Betrübt euch nicht ihr guten Seelen!
Denn wer nicht fehlt weiſs wohl wenn andre fehlen;
Allein wer fehlt der ist erst recht daran,
Er weiſs nun deutlich wie sie wohl gethan.
Du hast gar vielen nicht gedankt
Die dir so manches Gute gegeben!
Darüber bin ich nicht erkrankt,
Ihre Gaben mir im Herzen leben.
Guten Ruf muſst du dir machen,
Unterscheiden wohl die Sachen,
Wer was weiter will verdirbt.
Die Flut der Leidenschaft sie stürmt vergebens
An’s unbezwungne, feste Land.
Sie wirft poetische Perlen an den Strand,
Und das ist schon Gewinn des Lebens.
[113]

Timur Nameh.

Buch des Timur.

8[114][115]

Der Winter und Timur.

So umgab sie nun der Winter
Mit gewalt’gem Grimme. Streuend
Seinen Eishauch zwischen alle,
Hetzt er die verschiednen Winde
Widerwärtig auf sie ein.
Ueber sie gab er Gewaltkraft
Seinen frostgespitzten Stürmen,
Stieg in Timurs Rath hernieder,
Schrie ihn drohend an und sprach so:
Leise, langsam, Unglücksel’ger!
Wandle du Tyrann des Unrechts;
Sollen länger noch die Herzen
Sengen, brennen deinen Flammen?
Bist du der verdammten Geister
Einer, wohl! ich bin der andre.
8 *116
Du bist Greis, ich auch, erstarren
Machen wir so Land als Menschen.
Mars! Du bist’s! ich bin Saturnus,
Uebelthätige Gestirne,
Im Verein die Schrecklichsten.
Tödest du die Seele, kältest
Du den Luftkreis; meine Lüfte
Sind noch kälter als du seyn kannst.
Quälen deine wilden Heere
Gläubige mit tausend Martern;
Wohl, in meinen Tagen soll sich,
Geb es Gott! was schlimmres finden.
Und bey Gott! Dir schenk ich nichts
Hör es Gott was ich dir biete!
Ja bey Gott! von Todeskälte
Nicht, o Greis, vertheid’gen soll dich
Breite Kohlenglut vom Heerde,
Keine Flamme des Decembers.
117

An Suleika.

Dir mit Wohlgeruch zu kosen,
Deine Freuden zu erhöhn,
Knospend müssen tausend Rosen
Erst in Gluten untergehn.
Um ein Fläschchen zu besitzen
Das den Ruch auf ewig hält,
Schlank wie deine Fingerspitzen,
Da bedarf es einer Welt.
Einer Welt von Lebenstrieben,
Die, in ihrer Fülle Drang,
Ahndeten schon Bulbuls Lieben,
Seeleregenden Gesang.
118
Sollte jene Quaal uns quälen?
Da sie unsre Lust vermehrt.
Hat nicht Myriaden Seelen
Timurs Herrschaft aufgezehrt!
[119]

Suleika Nameh.

Buch Suleika.

Ich gedachte in der Nacht
Daſs ich den Mond sähe im Schlaf;
Als ich aber erwachte
Ging unvermuthet die Sonne auf.
[120][121]

Einladung.

Muſst nicht vor dem Tage fliehen:
Denn der Tag den du ereilest
Ist nicht besser als der heut’ge;
Aber wenn du froh verweilest
Wo ich mir die Welt beseit’ge,
Um die Welt an mich zu ziehen;
Bist du gleich mit mir geborgen,
Heut ist heute, morgen morgen,
Und was folgt und was vergangen
Reiſst nicht hin und bleibt nicht hangen.
Bleibe du, mein Allerliebstes,
Denn du bringst es und du giebst es.
122
Daſs Suleika von Jussuff entzückt war
Ist keine Kunst,
Er war jung, Jugend hat Gunst,
Er war schön, sie sagen zum Entzücken,
Schön war sie, konnten einander beglücken.
Aber daſs du, die so lange mir erharrt war,
Feurige Jugendblicke mir schickst,
Jetzt mich liebst, mich später beglückst,
Das sollen meine Lieder preiſsen
Sollst mir ewig Suleika heiſsen.
123
Da du nun Suleika heiſsest
Sollt ich auch benamset seyn,
Wenn du deinen Geliebten preisest,
Hatem! das soll der Name seyn.
Nur daſs man mich daran erkennet,
Keine Anmaſsung soll es seyn.
Wer sich St. Georgenritter nennet
Denkt nicht gleich Sanct Georg zu seyn.
Nicht Hatem Thai, nicht der Alles Gebende
Kann ich in meiner Armuth seyn,
Hatem Zograi nicht, der reichlichst Lebende
Von allen Dichtern, möcht ich seyn.
Aber beyde doch im Auge zu haben
Es wird nicht ganz verwerflich seyn:
Zu nehmen, zu geben des Glückes Gaben
Wird immer ein groſs Vergnügen seyn.
Sich liebend an einander zu laben
Wird Paradieses Wonne seyn.
124

Hatem.

Nicht Gelegenheit macht Diebe,
Sie ist selbst der gröſste Dieb,
Denn sie stahl den Rest der Liebe
Die mir noch im Herzen blieb.
Dir hat sie ihn übergeben
Meines Lebens Vollgewinn,
Daſs ich nun, verarmt, mein Leben
Nur von dir gewärtig bin.
Doch ich fühle schon Erbarmen
Im Carfunkel deines Blicks
Und erfreu in deinen Armen
Mich erneuerten Geschicks.
125

Suleika.

Hochbeglückt in deiner Liebe
Schelt ich nicht Gelegenheit,
Ward sie auch an dir zum Diebe
Wie mich solch ein Raub erfreut!
Und wozu denn auch berauben?
Gieb dich mir aus freyer Wahl,
Gar zu gerne möcht ich glauben
Ja! ich bin’s die dich bestahl.
Was so willig du gegeben
Bringt dir herrlichen Gewinn,
Meine Ruh, mein reiches Leben
Geb ich freudig, nimm es hin.
Scherze nicht! Nichts von Verarmen!
Macht uns nicht die Liebe reich?
Halt ich dich in meinen Armen,
Jedem Glück ist meines gleich.
126
Der Liebende wird nicht irre gehn,
Wär’s um ihn her auch noch so trübe.
Sollten Leila und Medschnun auferstehn,
Von mir erführen sie den Weg der Liebe.
Ist’s möglich daſs ich Liebchen dich kose!
Vernehme der göttlichen Stimme Schall!
Unmöglich scheint immer die Rose,
Unbegreiflich die Nachtigall.
127

Suleika.

Als ich auf dem Euphrat schiffte,
Streifte sich der goldne Ring
Fingerab, in Wasserklüfte,
Den ich jüngst von dir empfing.
Also träumt ich, Morgenröthe
Blitzt in’s Auge durch den Baum,
Sag Poete, sag Prophete!
Was bedeutet dieser Traum?
128

Hatem.

Dies zu deuten bin erbötig!
Hab ich dir nicht oft erzählt
Wie der Doge von Venedig
Mit dem Meere sich vermählt.
So von deinen Fingergliedern
Fiel der Ring dem Euphrat zu.
Ach zu tausend Himmelsliedern
Süſser Traum begeisterst du!
Mich, der von den Indostanen
Streifte bis Damascus hin,
Um mit neuen Caravanen
Bis an’s rothe Meer zu ziehn.
Mich vermählst du deinem Flusse,
Der Terrasse, diesem Hayn,
Hier soll bis zum letzten Kusse
Dir mein Geist gewidmet seyn.
129
Kenne wohl der Männer Blicke,
Einer sagt: ich liebe, leide!
Ich begehre, ja verzweifle!
Und was sonst ist kennt ein Mädchen.
Alles das kann mir nicht helfen,
Alles das kann mich nicht rühren;
Aber Hatem! deine Blicke
Geben erst dem Tage Glanz.
Denn sie sagen: Die gefällt mir,
Wie mir sonst nicht’s mag gefallen.
Seh ich Rosen, seh ich Lilien,
Aller Gärten Zier und Ehre,
So Cypressen, Myrten, Veilchen,
Aufgeregt zum Schmuck der Erde.
Und geschmückt ist sie ein Wunder,
Mit Erstaunen uns umfangend,
Uns erquickend, heilend, segnend,
Daſs wir uns gesundet fühlen.
9130
Wieder gern erkranken möchten.
Da erblicktest du Suleika
Und gesundetest erkrankend,
Und erkranketest gesundend,
Lächeltest und sahst herüber
Wie du nie der Welt gelächlet.
Und Suleika fühlt des Blickes
Ewge Rede: Die gefällt mir
Wie mir sonst nichts mag gefallen.
131

Gingo biloba.

Dieses Baum’s Blatt, der von Osten
Meinem Garten anvertraut,
Giebt geheimen Sinn zu kosten,
Wie’s den Wissenden erbaut.
Ist es Ein lebendig Wesen?
Das sich in sich selbst getrennt,
Sind es zwey? die sich erlesen,
Daſs man sie als eines kennt.
Solche Frage zu erwiedern
Fand ich wohl den rechten Sinn;
Fühlst du nicht an meinen Liedern
Daſs ich Eins und doppelt bin?
9 *132

Suleika.

Sag du hast wohl viel gedichtet?
Hin und her dein Lied gerichtet?
Schöngeschrieben, deine Hand,
Prachtgebunden, goldgerändet,
Bis auf Punkt und Strich vollendet,
Zierlichlockend manchen Band.
Stets wo du sie hingewendet
War’s gewiſs ein Liebespfand.

Hatem.

Ja! von mächtig holden Blicken,
Wie von lächlendem Entzücken
Und von Zähnen blendend klar.
Moschusduftend Lockenschlangen,
Augenwimpern reizumhangen,
Tausendfältige Gefahr!
Denke nun wie von so langem
Prophezeyt Suleika war.
133

Suleika.

Die Sonne kommt! Ein Prachterscheinen!
Der Sichelmond umklammert sie.
Wer konnte solch ein Paar vereinen?
Dies Räthsel wie erklärt sich’s? Wie?
Hatem.
Der Sultan konnt es, er vermählte
Das allerhöchste Weltenpaar,
Um zu bezeichnen Auserwählte,
Die tapfersten der treuen Schaar.
Auch sey’s ein Bild von unsrer Wonne!
Schon seh ich wieder mich und dich,
Du nennst mich, Liebchen, deine Sonne,
Komm, süſser Mond, umklammre mich!
134
Komm Liebchen, komm! umwinde mir die
Mütze
Aus deiner Hand nur ist der Tulbend schön.
Hat Abbas doch, auf Irans höchstem Sitze,
Sein Haupt nicht zierlicher umwinden sehn.
Ein Tulbend war das Band, das Alexandern
In Schleifen schön vom Haupte fiel
Und allen Folgeherrschern, jenen Andern,
Als Königszierde wohlgefiel.
Ein Tulbend ist’s der unsern Kaiser schmücket,
Sie nennen’s Krone. Name geht wohl hin!
Juweel und Perle! sey das Aug entzücket!
Der schönste Schmuck ist stets der Mousselin.
Und diesen hier, ganz rein und silberstreifig,
Umwinde Liebchen um die Stirn umher.
Was ist denn Hoheit? Mir ist sie geläufig!
Du schaust mich an, ich bin so groſs als Er.
135
Nur wenig ist’s was ich verlange,
Weil eben alles mir gefällt,
Und dieses Wenige, wie lange,
Giebt mir gefällig schon die Welt!
Oft sitz ich heiter in der Schenke
Und heiter im beschränkten Haus;
Allein so bald ich dein gedenke,
Dehnt sich mein Geist erobernd aus.
Dir sollten Timurs Reiche dienen,
Gehorchen sein gebietend Heer,
Badaschan zollte dir Rubinen,
Türkisse das Hyrkanische Meer.
136
Getrocknet honigsüſse Früchte
Von Bochara dem Sonnenland,
Und tausend liebliche Gedichte
Auf Seidenblatt von Samarkand.
Da solltest du mit Freude lesen
Was ich von Ormus dir verschrieb,
Und wie das ganze Handelswesen
Sich nur bewegte dir zu lieb.
Wie in dem Lande der Bramanen
Viel tausend Finger sich bemüht,
Daſs alle Pracht der Indostanen
Für dich auf Woll und Seide blüht.
Ja zu Verherrlichung der Lieben
Gieſsbäche Soumelpours durchwühlt,
Aus Erde, Grus, Gerill, Geschieben
Dir Diamanten ausgespült.
137
Wie Taucherschaar verwegner Männer
Der Perle Schatz dem Golf entriſs,
Darauf ein Divan scharfer Kenner
Sie dir zu reihen sich befliſs.
Wenn nun Bassora noch das Letzte,
Gewürz und Weyrauch beigethan,
Bringt alles was die Welt ergetzte
Die Caravane dir heran.
Doch alle diese Kaisergüter
Verwirrten doch zuletzt den Blick;
Und wahrhaft liebende Gemüther
Eins nur im andern fühlt sein Glück.
138
Hätt ich irgend wohl Bedenken
Bochara und Samarcand,
Süſses Liebchen, dir zu schenken?
Dieser Städte Rausch und Tand.
Aber frag einmal den Kaiser,
Ob er dir die Städte giebt?
Er ist herrlicher und weiser;
Doch er weiſs nicht wie man liebt.
Herrscher! zu dergleichen Gaben
Nimmermehr bestimmst du dich!
Solch ein Mädchen muſs man haben
Und ein Bettler seyn wie ich.
139
Die schön geschriebenen,
Herrlich umgüldeten,
Belächeltest du
Die anmaſslichen Blätter,
Verziehst mein Prahlen
Von deiner Lieb und meinem
Durch dich glücklichen Gelingen,
Verziehst anmuthigem Selbstlob.
Selbstlob! Nur dem Neide stinkt’s,
Wohlgeruch Freunden
Und eignem Schmack!
Freude des Daseyns ist groſs,
Gröſser die Freud am Daseyn.
Wenn du Suleika
Mich überschwänglich beglückst,
Deine Leidenschaft mir zuwirfst
140
Als wär’s ein Ball,
Daſs ich ihn fange,
Dir zurückwerfe
Mein gewidmetes Ich;
Das ist ein Augenblick!
Und dann reiſst mich von dir
Bald der Franke, bald der Armenier.
Aber Tage währt’s,
Jahre dauert’s, daſs ich neu erschaffe
Tausendfältig deiner Verschwendungen Fülle
Auftrösle die bunte Schnur meines Glücks,
Geklöpplet tausendfadig
Von dir, o Suleika.
Hier nun dagegen
Dichtrische Perlen,
Die mir deiner Leidenschaft
Gewaltige Brandung
Warf an des Lebens
Verödeten Strand aus.
Mit spitzen Fingern
Zierlich gelesen,
141
Durchreiht mit juwelenem
Goldschmuck.
Nimm sie an deinen Hals,
An deinen Busen!
Die Regentropfen Allahs,
Gereift in bescheidener Muschel.
142
Lieb um Liebe, Stund um Stunde,
Wort um Wort und Blick um Blick;
Kuſs um Kuſs, vom treusten Munde,
Hauch um Hauch und Glück um Glück.
So am Abend, so am Morgen!
Doch du fühlst an meinen Liedern
Immer noch geheime Sorgen;
Jussufs Reize möcht ich borgen
Deine Schönheit zu erwiedern.
143

Suleika.

Volk und Knecht und Ueberwinder
Sie gestehn, zu jeder Zeit,
Höchstes Glück der Erdenkinder
Sey nur die Persönlichkeit.
Jedes Leben sey zu führen,
Wenn man sich nicht selbst vermiſst;
Alles könne man verlieren,
Wenn man bliebe was man ist.
Hatem.
Kann wohl seyn! so wird gemeynet;
Doch ich bin auf andrer Spur,
Alles Erdenglück vereinet
Find ich in Suleika nur.
144
Wie sie sich an mich verschwendet,
Bin ich mir ein werthes Ich;
Hätte sie sich weggewendet,
Augenblicks verlör ich mich.
Nun, mit Hatem wär’s zu Ende;
Doch schon hab ich umgelost,
Ich verkörpre mich behende
In den Holden den sie kost.
Wollte, wo nicht gar ein Rabbi,
Das will mir so recht nicht ein;
Doch Ferdusi, Motanabbi,
Allenfalls der Kaiser seyn.
145

Hatem.

Wie des Goldschmieds Bazarlädchen
Vielgefärbt, geschliffne Lichter,
So umgeben hübsche Mädchen
Den beynah ergrauten Dichter.
Mädchen.
Singst du schon Suleika wieder!
Diese können wir nicht leiden,
Nicht um dich um deine Lieder
Wollen, müssen wir sie neiden.
Denn wenn sie auch garstig wäre
Machtst du sie zum schönsten Wesen,
Und so haben wir von Dschemil
Und Boteinah viel gelesen.
10146
Aber eben weil wir hübsch sind
Möchten wir auch gern gemalt seyn,
Und, wenn du es billig machest,
Sollst du auch recht hübsch bezahlt seyn.
Hatem.
Bräunchen komm! Es wird schon gehen.
Zöpfe, Kämme groſs und kleine,
Zieren Köpfchens nette Reine
Wie die Kuppel ziert Moscheen.
Du Blondinchen bist so zierlich,
Aller Weis und Weg so nette,
Man gedenkt nicht ungebührlich
Also gleich der Minarette.
Du dahinten hast der Augen
Zweyerley, du kannst die beyden,
Einzeln, nach Belieben brauchen.
Doch ich sollte dich vermeiden.
147
Leichtgedrückt die Augenlieder
Eines, die den Stern bewhelmen
Deutet auf den Schelm der Schelmen,
Doch das andre schaut so bieder.
Dies, wenn jen’s verwundend angelt,
Heilend, nährend wird sich’s weisen.
Niemand kann ich glücklich preisen
Der des Doppelblicks ermangelt.
Und so könnt ich alle loben
Und so könnt ich alle lieben:
Denn so wie ich euch erhoben
War die Herrin mit beschrieben.
Mädchen.
Dichter will so gerne Knecht seyn,
Weil die Herrschaft draus entspringet;
Doch vor allem sollt ihm recht seyn,
Wenn das Liebchen selber singet.
10 *148
Ist sie denn des Liedes mächtig?
Wie’s auf unsern Lippen waltet:
Denn es macht sie gar verdächtig
Daſs sie im Verborgnen schaltet.
Hatem.
Nun wer weiſs was sie erfüllet!
Kennt ihr solcher Tiefe Grund?
Selbstgefühltes Lied entquillet,
Selbstgedichtetes dem Mund.
Von euch Dichterinnen allen
Ist ihr eben keine gleich:
Denn sie singt mir zu gefallen,
Und ihr singt und liebt nur euch.
Mädchen.
Merke wohl, du hast uns eine
Jener Huris vorgeheuchelt!
Mag schon seyn, wenn es nur keine
Sich auf dieser Erde schmeichelt.
149

Hatem.

Locken! haltet mich gefangen
In dem Kreise des Gesichts!
Euch geliebten braunen Schlangen
Zu erwiedern hab ich nichts.
Nur dies Herz es ist von Dauer,
Schwillt in jugendlichstem Flor;
Unter Schnee und Nebelschauer
Rast ein Aetna dir hervor.
Du beschämst wie Morgenröthe
Jener Gipfel ernste Wand,
Und noch einmal fühlet Hatem
Frühlingshauch und Sommerbrand.
Schenke her! Noch eine Flasche!
Diesen Becher bring ich Ihr!
Findet sie ein Häufchen Asche,
Sagt sie: der verbrannte mir.
150
Suleika.
Nimmer will ich dich verlieren!
Liebe giebt der Liebe Kraft.
Magst du meine Jugend zieren
Mit gewaltiger Leidenschaft.
Ach! wie schmeichelt’s meinem Triebe,
Wenn man meinen Dichter preist:
Denn das Leben ist die Liebe,
Und des Lebens Leben Geist.
151
Laſs deinen süſsen Rubinenmund
Zudringlichkeiten nicht verfluchen,
Was hat Liebesschmerz andern Grund
Als seine Heilung zu suchen.
Bist du von deiner Geliebten getrennt
Wie Orient vom Occident,
Das Herz durch alle Wüste rennt,
Es giebt sich überall selbst das Geleit,
Für Liebende ist Bagdad nicht weit.
152
O! daſs der Sinnen doch so viele sind!
Verwirrung bringen sie in’s Glück herein.
Wenn ich dich sehe wünsch ich taub zu seyn,
Wenn ich dich höre blind.
Auch in der Ferne dir so nah!
Und unerwartet kommt die Qual.
Da hör ich wieder dich einmal,
Auf einmal bist du wieder da!
153
Wie sollt ich heiter bleiben
Entfernt von Tag und Licht?
Nun aber will ich schreiben
Und trinken mag ich nicht.
Wenn sie mich an sich lockte
War Rede nicht im Brauch,
Und wie die Zunge stockte
So stockt die Feder auch.
Nur zu! geliebter Schenke,
Den Becher fülle still.
Ich sage nur: Gedenke!
Schon weiſs man was ich will.
154
Wenn ich dein gedenke,
Fragt mich gleich der Schenke:
Herr! Warum so still?
Da von deinen Lehren
Immer weiter hören
Saki gerne will.
Wenn ich mich vergesse
Unter der Cypresse
Hält er nichts davon,
Und im stillen Kreise
Bin ich doch so weise,
Klug wie Salomon.
155
An vollen Büschelzweigen,
Geliebte, sieh nur hin!
Laſs dir die Früchte zeigen
Umschalet stachlig grün.
Sie hängen längst geballet,
Still, unbekannt mit sich,
Ein Ast der schaukelnd wallet
Wiegt sie geduldiglich.
Doch immer reift von Innen
Und schwillt der braune Kern,
Er möchte Luft gewinnen
Und säh die Sonne gern.
Die Schale platzt und nieder
Macht er sich freudig los;
So fallen meine Lieder
Gehäuft in deinen Schoos.
156

Suleika.

An des lust’gen Brunnens Rand
Der in Wasserfäden spielt
Wuſst ich nicht was fest mich hielt;
Doch da war von deiner Hand
Meine Chiffer leis gezogen,
Nieder blickt ich dir gewogen.
Hier am Ende des Canals
Der gereihten Hauptallee
Blick ich wieder in die Höh,
Und da seh ich abermals
Meine Lettern fein gezogen.
Bleibe! bleibe mir gewogen!
Hatem.
Möge Wasser springend, wallend,
Die Cypressen dir gestehn:
Von Suleika zu Suleika
Ist mein Kommen und mein Gehn.
157

Suleika.

Kaum daſs ich dich wieder habe
Dich mit Kuſs und Liedern labe,
Bist du still in dich gekehret;
Was beengt? und drückt und störet?
Hatem.
Ach, Suleika, soll ich’s sagen?
Statt zu loben möcht ich klagen!
Sangest sonst nur meine Lieder,
Immer neu und immer wieder.
Sollte wohl auch diese loben,
Doch sie sind nur eingeschoben;
Nicht von Hafis, nicht Nisami,
Nicht Saadi, nicht von Dschami.
158
Kenn ich doch der Väter Menge,
Sylb um Sylbe, Klang um Klänge,
Im Gedächtniſs unverloren;
Diese da sind neu geboren.
Gestern wurden sie gedichtet.
Sag hast du dich neu verpflichtet?
Hauchest du so froh-verwegen
Fremden Athem mir entgegen!
Der dich eben so belebet,
Eben so in Liebe schwebet,
Lockend, ladend zum Vereine
So harmonisch als der meine.
Suleika.
War Hatem lange doch entfernt,
Das Mädchen hatte was gelernt,
Von ihm war sie so schön gelobt,
Da hat die Trennung sich erprobt.
Wohl daſs sie dir nicht fremde scheinen;
Sie sind Suleika’s, sind die deinen!
159
Behramgur, sagt man, hat den Reim erfunden,
Er sprach entzückt aus reiner Seele Drang;
Dilara schnell, die Freundinn seiner Stunden,
Erwiederte mit gleichem Wort und Klang.
Und so, Geliebte! warst du mir beschieden
Des Reims zu finden holden Lustgebrauch,
Daſs auch Behramgur ich, den Sassaniden,
Nicht mehr beneiden darf: mir ward es auch.
Hast mir dieſs Buch geweckt, du hast’s gegeben:
Denn was ich froh, aus vollem Herzen, sprach,
Das klang zurück aus deinem holden Leben,
Wie Blick dem Blick, so Reim dem Reime nach.
Nun tön es fort zu dir, auch aus der Ferne
Das Wort erreicht, und schwände Ton und Schall
Ist’s nicht der Mantel noch gesäter Sterne?
Ist’s nicht der Liebe hochverklärtes All?
160
Deinem Blick mich zu bequemen,
Deinem Munde, deiner Brust,
Deine Stimme zu vernehmen
War die letzt und erste Lust.
Gestern, Ach! war sie die letzte,
Dann verlosch mir Leucht und Feuer,
Jeder Scherz der mich ergetzte
Wird nun schuldenschwer und theuer.
Eh es Allah nicht gefällt
Uns aufs neue zu vereinen,
Giebt mir Sonne, Mond und Welt
Nur Gelegenheit zum Weinen.
161

Suleika.

Was bedeutet die Bewegung?
Bringt der Ost mir frohe Kunde?
Seiner Schwingen frische Regung
Kühlt des Herzens tiefe Wunde.
Kosend spielt er mit dem Staube,
Jagt ihn auf in leichten Wölkchen,
Treibt zur sichern Rebenlaube
Der Insecten frohes Völkchen.
Lindert sanft der Sonne Glühen,
Kühlt auch mir die heiſsen Wangen,
Küſst die Reben noch im Fliehen,
Die auf Feld und Hügel prangen.
Und mir bringt sein leises Flüstern
Von dem Freunde tausend Grüſse;
Eh noch diese Hügel düstern
Grüſsen mich wohl tausend Küsse.
11162
Und so kannst du weiter ziehen!
Diene Freunden und Betrübten.
Dort wo hohe Mauern glühen
Find ich bald den Vielgeliebten.
Ach! die wahre Herzenskunde,
Liebeshauch, erfrischtes Leben
Wird mir nur aus seinem Munde,
Kann mir nur sein Athem geben.
163

Hochbild.

Die Sonne, Helios der Griechen,
Fährt prächtig auf der Himmelsbahn,
Gewiſs das Weltall zu besiegen
Blickt er umher, hinab, hinan.
Er sieht die schönste Göttinn weinen,
Die Wolkentochter, Himmelskind,
Ihr scheint er nur allein zu scheinen,
Für alle heitre Räume blind
Versenkt er sich in Schmerz und Schauer
Und häufiger quillt ihr Thränenguſs;
Er sendet Lust in ihre Trauer
Und jeder Perle Kuſs auf Kuſs.
Nun fühlt sie tief des Blicks Gewalten,
Und unverwandt schaut sie hinauf,
Die Perlen wollen sich gestalten:
Denn jede nahm sein Bildniſs auf.
11 *164
Und so, umkränzt von Farb und Bogen,
Erheitert leuchtet ihr Gesicht,
Entgegen kommt er ihr gezogen,
Doch er! doch ach! erreicht sie nicht.
So, nach des Schicksals hartem Loose,
Weichst du mir Lieblichste davon,
Und wär ich Helios der groſse
Was nützte mir der Wagenthron?
165

Nachklang.

Es klingt so prächtig, wenn der Dichter
Der Sonne bald, dem Kaiser sich vergleicht;
Doch er verbirgt die traurigen Gesichter,
Wenn er in düstren Nächten schleicht.
Von Wolken streifenhaft befangen
Versank zu Nacht des Himmels reinstes Blau;
Vermagert bleich sind meine Wangen
Und meine Herzensthränen grau.
Laſs mich nicht so der Nacht dem Schmerze,
Du allerliebstes, du mein Mondgesicht!
O du mein Phosphor, meine Kerze,
Du meine Sonne, du mein Licht.
166

Suleika.

Ach! um deine feuchten Schwingen,
West, wie sehr ich dich beneide:
Denn du kannst ihm Kunde bringen
Was ich in der Trennung leide.
Die Bewegung deiner Flügel
Weckt im Busen stilles Sehnen,
Blumen, Augen, Wald und Hügel
Stehn bey deinem Hauch in Thränen.
Doch dein mildes sanftes Wehen
Kühlt die wunden Augenlieder;
Ach für Leid müſst ich vergehen,
Hofft ich nicht zu sehn ihn wieder.
Eile denn zu meinem Lieben,
Spreche sanft zu seinem Herzen;
Doch vermeid ihn zu betrüben
Und verbirg ihm meine Schmerzen.
167
Sag ihm, aber sag’s bescheiden:
Seine Liebe sey mein Leben,
Freudiges Gefühl von beyden
Wird mir seine Nähe geben.
168

Wiederfinden.

Ist es möglich, Stern der Sterne,
Drück ich wieder dich ans Herz!
Ach! was ist die Nacht der Ferne
Für ein Abgrund, für ein Schmerz.
Ja du bist es! meiner Freuden
Süſser, lieber Widerpart;
Eingedenk vergangner Leiden
Schaudr ich vor der Gegenwart.
Als die Welt im tiefsten Grunde
Lag an Gottes ew’ger Brust,
Ordnet er die erste Stunde
Mit erhabner Schöpfungslust,
Und er sprach das Wort: Es werde!
Da erklang ein schmerzlich Ach!
Als das All, mit Machtgebärde,
In die Wirklichkeiten brach.
169
Auf that sich das Licht! sich trennte
Scheu die Finsterniſs von ihm,
Und sogleich die Elemente
Scheidend auseinander fliehn.
Rasch, in wilden wüsten Träumen,
Jedes nach der Weite rang,
Starr, in ungemeſsnen Räumen,
Ohne Sehnsucht, ohne Klang.
Stumm war alles, still und öde,
Einsam Gott zum erstenmal!
Da erschuf er Morgenröthe,
Die erbarmte sich der Quaal;
Sie entwickelte dem Trüben
Ein erklingend Farbenspiel
Und nun konnte wieder lieben
Was erst auseinander fiel.
Und mit eiligem Bestreben
Sucht sich was sich angehört,
Und zu ungemeſsnem Leben
Ist Gefühl und Blick gekehrt.
170
Sey’s Ergreifen, sey es Raffen,
Wenn es nur sich faſst und hält!
Allah braucht nicht mehr zu schaffen,
Wir erschaffen seine Welt.
So, mit morgenrothen Flügeln
Riſs es mich an deinen Mund,
Und die Nacht mit tausend Siegeln
Kräftigt sternenhell den Bund.
Beyde sind wir auf der Erde
Musterhaft in Freud und Quaal
Und ein zweytes Wort: Es werde!
Trennt uns nicht zum zweytenmal.
171

Vollmondnacht.

Herrinn! sag was heiſst das Flüstern?
Was bewegt dir leis die Lippen?
Lispelst immer vor dich hin,
Lieblicher als Weines Nippen!
Denkst du deinen Mundgeschwistern
Noch ein Pärchen herzuziehn?
Ich will küssen! Küssen! sagt ich.
Schau! Im zweifelhaften Dunkel
Glühen blühend alle Zweige,
Nieder spielet Stern auf Stern,
Und, smaragden, durchs Gesträuche
Tausendfältiger Karfunkel;
Doch dein Geist ist allem fern.
Ich will küssen! Küssen! sagt ich.
172
Dein Geliebter, fern, erprobet
Gleicherweis im Sauersüſsen,
Fühlt ein unglücksel’ges Glück.
Euch im Vollmond zu begrüſsen
Habt ihr heilig angelobet,
Dieses ist der Augenblick.
Ich will küssen! Küssen! sag ich.
173

Geheimschrift.

Laſst euch, o Diplomaten!
Recht angelegen seyn,
Und eure Potentaten
Berathet rein und fein.
Geheimer Chiffern Sendung
Beschäftige die Welt,
Bis endlich jede Wendung
Sich selbst in’s Gleiche stellt.
Mir von der Herrinn süſse
Die Chiffer ist zur Hand,
Woran ich schon genieſse,
Weil sie die Kunst erfand.
Es ist die Liebesfülle
Im lieblichsten Revier,
Der holde, treue Wille
Wie zwischen mir und ihr.
174
Von abertausend Blüten
Ist es ein bunter Strauſs,
Von englischen Gemüthen
Ein vollbewohntes Haus;
Von buntesten Gefiedern
Der Himmel übersä’t,
Ein klingend Meer von Liedern
Geruchvoll überweht.
Ist unbedingten Strebens
Geheime Doppelschrift,
Die in das Mark des Lebens
Wie Pfeil um Pfeile trifft.
Was ich euch offenbaret
War längst ein frommer Brauch,
Und wenn ihr es gewahret,
So schweigt und nutzt es auch.
175

Abglanz.

Ein Spiegel er ist mir geworden,
Ich sehe so gerne hinein,
Als hinge des Kaysers Orden
An mir mit Doppelschein;
Nicht etwa selbstgefällig
Such ich mich überall;
Ich bin so gerne gesellig
Und das ist hier der Fall.
Wenn ich nun vorm Spiegel stehe,
Im stillen Wittwerhaus,
Gleich guckt, eh ich mich versehe,
Das Liebchen mit heraus.
Schnell kehr ich mich um, und wieder
Verschwand sie die ich sah,
Dann blick ich in meine Lieder,
Gleich ist sie wieder da.
176
Die schreib ich immer schöner
Und mehr nach meinem Sinn,
Trotz Krittler und Verhöhner,
Zu täglichem Gewinn.
Ihr Bild in reichen Schranken
Verherrlichet sich nur,
In goldnen Rosenranken
Und Rähmchen von Lasur.
177

Suleika.

Wie! Mit innigstem Behagen,
Lied, empfind ich deinen Sinn!
Liebevoll, du scheinst zu sagen:
Daſs ich ihm zur Seite bin.
Daſs Er ewig mein gedenket,
Seiner Liebe Seligkeit
Immerdar der Fernen schenket,
Die ein Leben ihm geweiht.
Ja! mein Herz, es ist der Spiegel,
Freund! worinn du dich erblickt,
Diese Brust, wo deine Siegel
Kuſs auf Kuſs hereingedrückt.
Süſses Dichten, lautre Wahrheit
Fesselt mich in Sympathie!
Rein verkörpert Liebesklarheit,
Im Gewand der Poesie.
12178
Die Welt durchaus ist lieblich anzuschauen,
Vorzüglich aber schön die Welt der Dichter,
Auf bunten, hellen oder silbergrauen
Gefilden, Tag und Nacht, erglänzen Lichter.
Heut ist mir alles herrlich, wenn’s nur bliebe,
Ich sehe heut durchs Augenglas der Liebe.
179
In tausend Formen magst du dich verstecken,
Doch, Allerliebste, gleich erkenn ich dich,
Du magst mit Zauberschleyern dich bedecken,
Allgegenwärtige, gleich erkenn ich dich.
An der Cypresse reinstem, jungen Streben,
Allschöngewaschne, gleich erkenn ich dich,
In des Canales reinem Wellenleben,
Allschmeichelhafte, wohl erkenn ich dich.
Wenn steigend sich der Wasserstrahl entfaltet,
Allspielende, wie froh erkenn ich dich.
Wenn Wolke sich gestaltend umgestaltet,
Allmannigfaltige, dort erkenn ich dich.
An des geblümten Schleyers Wiesenteppich,
Allbuntbesternte, schön erkenn ich dich.
Und greift umher ein tausendarmger Eppich,
O! Allumklammernde, da kenn ich dich.
12 *180
Wenn am Gebirg der Morgen sich entzündet,
Gleich, Allerheiternde, begrüſs ich dich,
Dann über mir der Himmel rein sich ründet,
Allherzerweiternde, dann athm ich dich.
Was ich mit äuſserm Sinn, mit innerm kenne,
Du Allbelehrende, kenn ich durch dich.
Und wenn ich Allahs Namenhundert nenne,
Mit jedem klingt ein Name nach für dich.
[181]

Saki Nameh.

Das Schenkenbuch.

[182][183]
Ja, in der Schenke hab ich auch gesessen,
Mir ward wie andern zugemessen,
Sie schwatzten, schrieen, händelten von heut,
So froh und traurig wie’s der Tag gebeut;
Ich aber saſs, im Innersten erfreut,
An meine Liebste dacht ich wie sie liebt?
Das weiſs ich nicht; was aber mich bedrängt!
Ich liebe sie wie es ein Busen giebt
Der treu sich Einer gab und knechtisch hängt.
Wo war das Pergament, der Griffel wo?
Die alles faſsten! doch so wars! ja so!
184
Sitz ich allein,
Wo kann ich besser seyn?
Meinen Wein
Trink ich allein,
Niemand setzt mir Schranken,
Ich hab so meine eigne Gedanken.
So weit bracht es Muley, der Dieb,
Daſs er trunken schöne Lettern schrieb.
185
Ob der Koran von Ewigkeit sey?
Darnach frag ich nicht!
Ob der Koran geschaffen sey?
Das weiſs ich nicht!
Daſs er das Buch der Bücher sey
Glaub ich aus Mosleminen-Pflicht.
Daſs aber der Wein von Ewigkeit sey
Daran zweifl ich nicht.
Oder daſs er vor den Engeln geschaffen sey
Ist vielleicht auch kein Gedicht.
Der Trinkende, wie es auch immer sey,
Blickt Gott frischer ins Angesicht.
186
Trunken müssen wir alle seyn!
Jugend ist Trunkenheit ohne Wein;
Trinkt sich das Alter wieder zu Jugend,
So ist es wundervolle Tugend.
Für Sorgen sorgt das liebe Leben
Und Sorgenbrecher sind die Reben.
Da wird nicht mehr nachgefragt!
Wein ist ernstlich untersagt.
Soll denn doch getrunken seyn,
Trinke nur vom besten Wein:
Doppelt wärest du ein Ketzer
In Verdammniſs um den Krätzer.
187
So lang man nüchtern ist
Gefällt das Schlechte,
Wie man getrunken hat
Weiſs man das Rechte,
Nur ist das Uebermaaſs
Auch gleich zu handen;
Hafis! o lehre mich
Wie du’s verstanden.
Denn meine Meinung ist
Nicht übertrieben:
Wenn man nicht trinken kann
Soll man nicht lieben;
Doch sollt ihr Trinker euch
Nicht besser dünken,
Wenn man nicht lieben kann
Soll man nicht trinken.
188

Suleika.

Warum du nur oft so unhold bist?
Hatem.
Du weiſst daſs der Leib ein Kerker ist,
Die Seele hat man hinein betrogen,
Da hat sie nicht freye Ellebogen.
Will sie sich da - und dorthin retten:
Schnürt man den Kerker selbst in Ketten,
Da ist das Liebchen doppelt gefährdet,
Deſshalb sie sich oft so seltsam gebärdet.
189
Wenn der Körper ein Kerker ist,
Warum nur der Kerker so durstig ist?
Seele befindet sich wohl darinnen
Und bliebe gern vergnügt bey Sinnen;
Nun aber soll eine Flasche Wein
Frisch eine nach der andern herein.
Seele will’s nicht länger tragen,
Sie an der Thüre in Stücke schlagen.
190

Dem Kellner.

Setze mir nicht, du Grobian,
Mir den Krug so derb vor die Nase!
Wer mir Wein bringt sehe mich freundlich an,
Sonst trübt sich der Eilfer im Glase.

Dem Schenken.

Du zierlicher Knabe, du komm herein,
Was stehst du denn da auf der Schwelle?
Du sollst mir künftig der Schenke seyn,
Jeder Wein ist schmackhaft und helle.
191

Schenke spricht.

Du, mit deinen braunen Locken,
Geh mir weg verschmitzte Dirne!
Schenk ich meinem Herrn zu Danke,
Nun so küſst er mir die Stirne.
Aber du, ich wollte wetten,
Bist mir nicht damit zufrieden,
Deine Wangen, deine Brüste
Werden meinen Freund ermüden.
Glaubst du wohl mich zu betrügen
Daſs du jetzt verschämt entweichest?
Auf der Schwelle will ich liegen
Und erwachen wenn du schleichest.
192
Sie haben wegen der Trunkenheit
Vielfältig uns verklagt,
Und haben von der Trunkenheit
Lange nicht genug gesagt.
Gewöhnlich die Betrunkenheit
Verschwindet so wie es tagt;
Doch hat mich meine Betrunkenheit
In der Nacht umher gejagt.
Es ist die Liebestrunkenheit
Die mich erbärmlich plagt,
Von Tag zu Nacht, von Nacht zu Tag
In meinem Herzen zagt.
Dem Herzen das in Trunkenheit
Der Lieder schwillt und ragt,
Daſs keine nüchterne Trunkenheit
Sich gleich zu heben wagt.
Lieb, Lied und Weines Trunkenheit,
Ob’s nachtet oder tagt,
Die göttlichste Betrunkenheit
Die mich entzückt und plagt.
193

Schenke.

Welch ein Zustand! Herr, so späte
Schleichst du heut aus deiner Kammer;
Perser nennen’s Bidamag buden,
Deutsche sagen Katzenjammer.
Dichter.
Laſs mich jetzt, geliebter Knabe,
Mir will nicht die Welt gefallen,
Nicht der Schein, der Duft der Rose,
Nicht der Sang der Nachtigallen.
Schenke.
Eben das will ich behandeln,
Und ich denk, es soll mir klecken,
Hier! genieſs die frischen Mandeln
Und der Wein wird wieder schmecken.
13194
Dann will ich auf der Terrasse
Dich mit frischen Lüften tränken,
Wie ich dich in’s Auge fasse
Giebst du einen Kuſs dem Schenken.
Schau! die Welt ist keine Höhle,
Immer reich an Brut und Nestern,
Rosenduft und Rosenöle!
Bulbul auch, sie singt wie gestern.
195
Jene garstige Vettel,
Die buhlerische,
Welt heiſst man sie,
Mich hat sie betrogen
Wie die übrigen alle.
Glaube nahm sie mir weg,
Dann die Hoffnung,
Nun wollte sie
An die Liebe,
Da riſs ich aus.
Den geretteten Schatz
Für ewig zu sichern
Theilt ich ihn weislich
Zwischen Suleika und Saki.
Jedes der beyden
Beeifert sich um die Wette
Höhere Zinsen zu entrichten.
13 *196
Und ich bin reicher als je.
Den Glauben hab ich wieder!
An ihre Liebe den Glauben.
Er im Becher gewährt mir
Herrliches Gefühl der Gegenwart;
Was will da die Hoffnung!
197

Schenke.

Heute hast du gut gegessen,
Doch du hast noch mehr getrunken;
Was du bey dem Mahl vergessen
Ist in diesen Napf gesunken.
Sieh, das nennen wir ein Schwächen
Wie’s dem satten Gast gelüstet,
Dieses bring ich meinem Schwane
Der sich auf den Wellen brüstet.
Doch vom Singschwan will man wissen
Daſs er sich zu Grabe läutet;
Laſs mich jedes Lied vermissen,
Wenn es auf dein Ende deutet.
198

Schenke.

Nennen dich den groſsen Dichter,
Wenn dich auf dem Markte zeigest;
Gerne hör ich wenn du singest
Und ich horche wenn du schweigest.
Doch ich liebe dich noch lieber,
Wenn du küssest zum Erinnern;
Denn die Worte gehn vorüber
Und der Kuſs der bleibt im Innern.
Reim auf Reim will was bedeuten,
Besser ist es viel zu denken.
Singe du den andern Leuten
Und verstumme mit dem Schenken.
199

Dichter.

Schenke komm! Noch einen Becher!
Schenke.
Herr, du hast genug getrunken,
Nennen dich den wilden Zecher!
Dichter.
Sahst du je daſs ich gesunken?
Schenke.
Mohamed verbietets.
Dichter.
Liebchen!
Hört es niemand, will dir’s sagen.
200
Schenke.
Wenn du einmal gerne redest,
Brauch ich gar nicht viel zu fragen.
Dichter.
Horch! wir andre Muselmannen
Nüchtern sollen wir gebückt seyn,
Er in seinem heil’gen Eifer
Möchte gern allein verrückt seyn.
201

Sommernacht.

Dichter.
Niedergangen ist die Sonne,
Doch im Westen glänzt es immer,
Wissen möcht ich wohl, wie lange
Dauert noch der goldne Schimmer?
Schenke.
Willst du, Herr, so will ich bleiben,
Warten auſser diesen Zelten,
Ist die Nacht des Schimmers Herrinn,
Komm ich gleich es dir zu melden.
Denn ich weiſs du liebst das Droben,
Das Unendliche zu schauen,
Wenn sie sich einander loben
Jene Feuer in dem Blauen.
202
Und das hellste will nur sagen:
Jetzo glänz ich meiner Stelle,
Wollte Gott euch mehr betagen,
Glänztet ihr wie ich so helle.
Denn vor Gott ist alles herrlich,
Eben weil er ist der beste,
Und so schläft nun aller Vogel
In dem groſs und kleinen Neste.
Einer sitzt auch wohl gestängelt
Auf den Aesten der Cypresse,
Wo der laue Wind ihn gängelt
Bis zu Thaues luft’ger Nässe.
Solches hast du mich gelehret,
Oder etwas auch dergleichen,
Was ich je dir abgehöret
Wird dem Herzen nicht entweichen.
Eule will ich, deinetwegen,
Kauzen hier auf der Terrasse,
Bis ich erst des Nordgestirnes
Zwillings-Wendung wohl erpasse.
203
Und da wird es Mitternacht seyn,
Wo du oft zu früh ermunterst,
Und dann wird es eine Pracht seyn,
Wenn das All mit mir bewunderst.
Dichter.
Zwar in diesem Duft und Garten
Tönet Bulbul ganze Nächte,
Doch du könntest lange warten
Bis die Nacht so viel vermöchte.
Denn in dieser Zeit der Flora,
Wie das Griechen-Volk sie nennet,
Die Strohwittwe, die Aurora
Ist in Hesperus entbrennet.
Sieh dich um! sie kommt! wie schnelle!
Ueber Blumenfelds Gelänge!
Hüben hell und drüben helle,
Ja die Nacht kommt ins Gedränge.
Und auf rothen leichten Solen
Ihn, der mit der Sonn entlaufen,
Eilt sie irrig einzohohlen;
Fühlst du nicht ein Liebe-Schnaufen?
204
Geh nur, lieblichster der Söhne,
Tief in’s Innre schlieſs die Thüren;
Denn sie möchte deine Schöne
Als den Hesperus entführen.
[205]

Mathal-Nameh.

Buch der Parabeln.

[206][207]
Vom Himmel sank, in wilder Meere Schauer,
Ein Tropfe bangend, gräſslich schlug die Flut,
Doch lohnte Gott bescheidnen Glaubensmuth
Und gab dem Tropfen Kraft und Dauer.
Ihn schloſs die stille Muschel ein
Und nun, zu ew’gem Ruhm und Lohne,
Die Perle glänzt an unsers Kaisers Krone
Mit holdem Blick und mildem Schein.
208
Bulbuls Nachtlied, durch die Schauer,
Drang zu Allahs lichtem Throne,
Und dem Wohlgesang zu Lohne
Sperrt er