PRIMS Full-text transcription (HTML)
Novellen
Berlin. Verlag von Wilhelm Hertz. (Beſſerſche Buchhandlung.) 1855.

Meinem lieben Freunde Adolph Menzel zugeeignet.

Inhalt.

  • Die BlindenSeite 1
  • Marion 69
  • La Rabbiata 89
  • Am Tiberufer 125
[1]

Die Blinden.

1[2][3]

Erſtes Capitel.

Am offnen Fenſter, das auf den kleinen Blumen¬ garten hinausging, ſtand die blinde Tochter des Dorf¬ küſters und erquickte ſich am Winde, der über ihr heißes Geſicht flog. Die zarte, halbwüchſige Geſtalt zitterte, die kalten Händchen lagen in einander auf dem Fenſterſims. Die Sonne war ſchon hinab und die Nachtblumen fingen an zu duften.

Tiefer im Zimmer ſaß ein blinder Knabe auf einem Schemelchen an dem alten Spinett und ſpielte un¬ ruhige Melodieen. Er mochte fünfzehn Jahre alt ſein und nur etwa um ein Jahr älter als das Mädchen. Wer ihn gehört und geſehen hätte, wie er die großen offnen Augen bald emporwandte, bald das Haupt nach dem Fenſter neigte, hätte ſein Gebrechen wohl nicht geahnt. So viel Sicherheit, ja Ungeſtüm lag in ſei¬ nen Bewegungen.

Plötzlich brach er ab, mitten in einem geiſtlichen Liede, das er nach eignem Sinne verwildert zu haben ſchien.

Du haſt geſeufzt, Marlene? fragte er mit um¬ gewandtem Geſicht.

1 *4

Ich nicht, Clemens. Warum ſollt 'ich ſeufzen? Ich ſchrak nur zuſammen, wie der Wind auf einmal ſo heftig hereinfuhr.

Du haſt doch geſeufzt. Meinſt du, ich hörte es nicht, wenn ich ſpiele? Und ich fühl 'es auch bis hieher, wie du zitterſt.

Ja, es iſt kalt geworden.

Du betrügſt mich nicht. Wenn dir kalt wäre, ſtündeſt du nicht am Fenſter. Ich weiß aber, warum du ſeufzeſt und zitterſt. Weil der Arzt morgen kommt und uns mit Nadeln in die Augen ſtechen will, dar¬ um fürchteſt du dich. Und er hat doch geſagt, wie bald Alles geſchehen ſei, und daß es nur thue wie ein Mückenſtich. Warſt du nicht ſonſt tapfer und ge¬ duldig, und wenn ich als Kind ſchrie, ſo oft mir was weh that, hat dich meine Mutter mir nicht immer zum Muſter aufgeſtellt, obwohl du nur ein Mädchen biſt? Und nun weißt du dich nicht auf deinen Muth zu beſinnen, und denkſt gar nicht an das Glück, das wir hernach zu hoffen haben?

Sie ſchüttelte das Köpfchen und erwiederte: Wie du nur denken kannſt, ich fürchtete mich vor dem kur¬ zen Schmerz. Aber beklommen bin ich von dummen, kindiſchen Gedanken, aus denen ich mich nicht heraus¬ finde. Seit dem Tage ſchon, wo der fremde Arzt, den der Herr Baron hat kommen laſſen, vom Schloß herunter zu deinem Vater kam, und die Mutter uns5 dann aus dem Garten rief, ſeit der Stunde ſchon liegt was auf mir und will nicht weichen. Du warſt ſo in Freuden, daß du nichts gewahr wurdeſt. Aber wie dein Vater damals zu beten anfing und Gott Dank ſagte für dieſe Gnade, ſchwieg es ganz ſtill in mir und betete nicht mit. Ich ſann in mir herum, wofür ich danken ſolle und begriffs nicht.

So ſprach ſie mit ruhiger, gefaßter Stimme. Der Knabe ſchlug wieder einige leiſe Accorde an. Zwiſchen den heiſer ſchwirrenden Tönen, wie ſie die¬ ſen alten Inſtrumenten eigen ſind, klang ferner Ge¬ ſang heimkehrender Feldarbeiter, ein Gegenſatz wie der eines hellen, kräftig erfüllten Lebens zu dem Traumleben dieſer blinden Kinder.

Der Knabe ſchien es zu empfinden. Er ſtand raſch auf, trat an das Fenſter mit ſicherem Schritt denn er kannte dies Zimmer und all ſein Geräth und indem er die ſchönen blonden Locken zurückwarf, ſagte er: Du biſt wunderlich, Marlene! Die Eltern und Alle im Dorf wünſchen uns Glück. Sollt 'es nun kein Glück ſein? Bis mir's verheißen wurde, hab' ich auch nicht viel danach gefragt. Wir ſind blind, ſagen ſie. Ich verſtand nie, was uns fehlen ſoll. Wenn wir draußen ſaßen am Wäldchen, und Rei¬ ſende kamen vorbei und ſagten: Arme Kinder! ward ich zornig und dachte: Was haben ſie uns zu be¬ dauern? Aber daß wir anders ſind als die Andern,6 das wußt 'ich wohl. Sie ſprachen oft Dinge, die ich nicht verſtand und die doch lieblich ſein müſſen. Nun wir's auch wiſſen ſollen, läßt mich die Neugier nicht los Tag und Nacht.

Mir war's wohl, ſo wie es war, ſagte Marlene traurig. Ich war ſo fröhlich und hätte all mein Lebtag ſo fröhlich ſein mögen. Nun kommt es wohl anders. Haſt du nicht die Leute klagen hören, die Welt ſei voll Noth und Sorgen? Und kannten wir die Sorge?

Weil wir die Welt nicht kannten; und ich will ſie kennen, auf alle Gefahr. Ich ließ mir das auch gefallen, ſo mit dir hinzudämmern und faul ſein zu dürfen. Aber nicht immer; und ich will nichts vor¬ aus haben vor denen, die es ſich ſauer werden laſſen. Manchesmal, wenn mein Vater uns Geſchichte lehrte und von Helden und wackern Thaten erzählte, fragt 'ich ihn, ob der und der auch blind geweſen. Aber wer was Rechtes gethan hatte, der konnte ſehen. Da hab' ich mich oft tagelang mit Gedanken geplagt. Dann, wenn ich wieder Muſik machte und gar Orgel ſpielen durfte an deines Vaters Stelle, vergaß ich meinen Unmuth. Aber wenn er wiederkam, dacht 'ich: Sollſt du immer Orgel ſpielen und die tauſend Schritt weit im Dorf umher gehn, und außer dem Dorf kennt dich kein Menſch und nennt dich Keiner, wenn du geſtorben biſt? Siehſt du, ſeit7 nun der Arzt im Schloſſe iſt, hoffe ich, daß ich noch ein ganzer Mann werden kann! Und dann gehe ich in die Welt, und jede Straße, die mir anſteht, und habe Keinem was nachzufragen.

Auch mir nicht, Clemens!

Sie ſagte das ohne Klage und Vorwurf. Aber der Knabe erwiederte heftig: Höre, Marlene! ſprich nicht ſo Zeugs, was ich nicht leiden kann. Meinſt du, ich würde dich allein zu Hauſe laſſen und mich ſo fortſtehlen in die Fremde? Trauſt du mir's zu?

Ich weiß wohl, wie es geht. Wenn die Bur¬ ſche im Dorf zur Stadt müſſen oder auf Wander¬ ſchaft, da geht Keins mit, auch nicht die eigene Schwe¬ ſter. Und hier ſogar, wenn ſie noch unerwachſen ſind, laufen die Knaben von den Mädchen weg, gehn in den Wald mit ihres gleichen und necken die Mäd¬ chen, wo ſie ihnen begegnen. Bisher, da ließen ſie dich mit mir zuſammen, und wir ſpielten und lern¬ ten mit einander. Du warſt blind wie ich; was woll¬ teſt du bei den andern Jungen? Aber wenn du ſehen kannſt und du wollteſt bei mir im Haus ſitzen, wür¬ den ſie dir nachſpotten, wie ſie's Jedem thun, der's nicht mit ihnen hält. Und dann dann gehſt du gar fort auf lange Zeit, und ich hatte mich ſo ganz an dich gewöhnt!

Sie hatte die letzten Worte mit Mühe herausge¬ bracht; da übermannte ſie die Angſt und ſie ſchluchzte8 laut. Clemens zog ſie feſt an ſich, ſtreichelte ihr die Wangen und ſagte dringend: Du ſollſt nicht wei¬ nen! Ich will nicht von dir gehen, nie, nie! und eh ich das thäte, will ich lieber blind ſein und Alles vergeſſen. Ich will nicht von dir, wenn dich's wei¬ nen macht! Komm, ſei ruhig, ſei froh! Du darfſt dich nicht erhitzen, hat der Arzt geſagt, weil es den Augen nicht gut iſt. Liebe, liebe Marlene!

Er drückte ſie feſt in den Arm und küßte ſie, was er nie zuvor gethan. Draußen rief ſeine Mutter vom nahen Pfarrhaus herüber. Er führte die fort und fort Weinende zu einem Lehnſtuhle an der Wand, ließ ſie darauf niederſinken und ging eilig hinaus.

Kurz darauf ſchritt ein würdiges Paar den Schlo߬ berg herab ins Dorf, der Pfarrer, eine hohe, gewal¬ tige Geſtalt in aller Kraft und Majeſtät eines Apo¬ ſtels, der Küſter, ein ſchlichtgewachſener Mann von demüthiger Haltung, deſſen Haar ſchon weiß wurde. Sie waren beide vom Gutsherrn eingeladen worden, den Nachmittag mit ihm und dem Arzt zuzubringen, der auf die Einladung des Barons aus der Stadt herübergekommen war, die Augen der beiden Kinder zu prüfen und eine Operation zu verſuchen. Nun hatte er den hocherfreuten Vätern wiederholt ſeine Hoffnung auf völlige Heilung verſichert, und gebeten, auf den kommenden Tag ſich bereit zu halten. Den Müttern lag es ob, in der Pfarre das Nöthige zu¬9 zurüſten; denn man wollte die Kinder an dem Tage nicht trennen, der beiden das ſo lange gemeinſam entbehrte Licht bringen ſollte.

Als die beiden Väter vor ihren einander gegen¬ über gelegenen Häuſern angekommen waren, drückte der Pfarrer ſeinem alten Freunde die Hand und ſagte mit feuchtem Blick: Gott ſei mit uns und ihnen! dann ſchieden ſie. Der Küſter ging in ſein Haus; da war Alles ſtill, die Magd draußen im Garten. So trat er in ſein Zimmer und war der Stille froh, die ihn mit ſeinem Gott allein ſein ließ. Als er über die Schwelle geſchritten, erſchrak er. Sein Kind war vom Stuhle aufgefahren, drückte das Tuch haſtig vor die Augen, die Bruſt flog ihr wie von Krämpfen, die Wangen und Lippen waren blaß. Er ſprach ihr zu und bat ſie, ſich zu faſſen und fragte ernſtlich: Was iſt dir geſchehen? Sie antwortete nur mit Thränen, die ſie ſelbſt nicht verſtand.

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Zweites Capitel.

In zwei Kammern des Pfarrhauſes, die im obern Geſchoß nach Mitternacht gelegen waren, hatte man die Kinder gebettet. Die Fenſter waren in Erman¬ gelung der Läden mit dunkeln Tüchern ſorglich ver¬ hangen, ſo daß vom hellſten Tage kaum ein Zwie¬ licht herein drang. Der geräumige ſtille Baumgarten des Pfarrers verſchattete zum Ueberfluß die Mauer und hielt das Geräuſch des täglichen Lebens fern.

Beſonders für das Mädchen hatte der Arzt die größte Vorſicht eingeſchärft. Was an ihm geweſen, ſei geglückt. Nun müſſe die Natur im Stillen das Uebrige thun, und des Mädchens leicht erregbares Weſen brauche der ſtrengſten Pflege und Schonung.

Marlene war in der entſcheidenden Stunde un¬ verzagt geweſen. Als ihre Mutter bei dem Schritt des Arztes über den Flur in Weinen ausbrach, war ſie zu ihr getreten, um ſie zu beſchwichtigen.

Der Arzt fing mit dem Knaben an, der aufgeregt, aber von geſundem Muth, niederſaß und Alles ertrug. Nur wollte er nicht dulden, daß man ihn während der Operation halte. Erſt Marlenens Zureden bewog11 ihn, ſich auch das gefallen zu laſſen. Als der Arzt von den entſchleierten Augen auf einige Secunden die Hand wegnahm, ſchrie er heftig auf vor freudi¬ gem Schreck.

Marlene zuckte zuſammen, dann beſtand ſie auch ohne einen Laut die kurze Pein. Aber Thränen ſtürz¬ ten ihr aus den Augen und ihr Leib zitterte, ſo daß der Arzt ihr die Binde eilig umthat und ſie ſelbſt in ihre Kammer bringen half, denn die Kniee wankten ihr. Dort auf ihrem Lager ſtritten ſich lange Schlaf und Ohnmacht um ſie, während der Knabe verſicherte, ihm ſei völlig wohl, und nur auf den ernſten Befehl des Vaters ſich niederlegte.

Sobald aber entſchlief er nicht. Bunte Geſtalten, bunt zum erſtenmal, glitten an ihm vorüber, geheim¬ nißvoll, die ihm noch Nichts waren und doch ſo Viel werden ſollten, wenn die Leute Recht hatten, die ihm Glück wünſchten. Er fragte Vater und Mutter, die an ſeinem Bette ſaßen, nach hundert Dingen, die ihm freilich die tiefſinnigſte Wiſſenſchaft nicht hätte enträthſeln können. Denn was weiß ſie von dem Quell des Lebens? Der Vater bittet ihn, ſich zu ge¬ dulden, denn mit Gottes Hilfe werde er bald in ſeinen Zweifeln ſelbſt klarer ſehen. Jetzt ſei ihm Ruhe noth und vor Allem Marlenen, die er leicht durch ſein Sprechen aufwecken könne. Da ſchweigt er denn und horcht durch die Wand. Er bittet flüſternd, man12 ſolle die Thür öffnen, daß er hören könne, ob ſie ſchlafe und nicht etwa ſtöhne vor Schmerz. Die Mutter thut ihm den Willen. Nun liegt er unbe¬ weglich und lauſcht, und das Athmen ſeiner ſchlafen¬ den kleinen Freundin, das ruhig aus - und eingeht, ſingt ihn endlich auch in den Schlaf.

So lagen ſie ſtundenlang. Im Dorf draußen ging es ſtiller zu als ſonſt. Wer mit einem Fuhr¬ werk der Pfarre vorbei mußte, hütete ſich vor allem Lärm. Auch die Schulkinder, denen es der Lehrer geſagt haben mochte, tobten nicht wie ſonſt aus dem Unterricht nach Haus, ſondern gingen, das Haus ſcheu und flüſternd anblickend, paarweiſe entfernten Spielplätzen zu. Nur der Geſang der Vögel ſchwieg nicht in den Zweigen; aber wann hätte ſein Klang ein ruhbedürftiges Menſchenkind geſtört oder ver¬ droſſen?

Erſt die Heerdenglocken weckten die beiden Kinder. Des Knaben erſte Frage war, ob Marlene ſchon nach ihm gerufen habe. Er fragte ſie dann halblaut, wie ſie ſich fühle. Der dumpfe Schlaf hat ihr kaum wohlgethan und die Augen brennen ihr unter der leichten Binde. Aber ſie zwingt ſich, ſagt, es ſei ihr beſſer, und plaudert heiter mit Clemens, dem die abenteuerlichſten Gedanken über die Lippen gehen.

Spät, als der Mond ſchon aus dem Walde ſtieg, klopft zaghafte Kinderhand an die Thür des Pfarr¬13 hauſes. Die kleinen Mädchen vom Dorfe ſind's mit einem Kranz für Marlene von ihren beſten Garten¬ blumen und einem Strauß für Clemens. Als man ihn dem Knaben bringt, verklärt ſich ſein Geſicht. Der Duft und der kühle Thau erfriſchen ihn. Er bittet: Sagt ihnen viel ſchönen Dank. Sie ſind gute Mädchen. Jetzt bin ich noch krank. Aber wenn ich erſt ſehen darf, ſteh 'ich ihnen bei gegen die Bu¬ ben. Marlene, da man ihr den Kranz aufs Bett legte, ſchob ihn mit den blaſſen Händchen ſanft zurück und ſagte: Ich kann nicht! Mir ſchwindelt, Mutter, wenn mir die Blumen nahe ſind. Bring' ihn dem Clemens auch!

Sie fiel bald wieder in ihren fieberhaften Halb¬ ſchlaf. Erſt die geſunde Nähe des Tages beruhigte ſie, und der Arzt, der in aller Frühe kam, fand ſie außer Gefahr, wie er kaum gehofft hatte. Lange ſaß er dann am Bett des Knaben, hörte lächelnd die ſeltſamen Fragen an, ermahnte ihn freundlich zu Ge¬ duld und Ruhe und ging mit der beſten Zuverſicht.

Aber Ruhe und Geduld einem anzuſinnen, dem ein vielgelobtes Land endlich einen Augenblick aus der Ferne gezeigt worden! Der Vater muß, ſo oft ſein Amt ihm die Zeit läßt, in die Kammer hinauf und erzählen. Die Thür darf dann nicht geſchloſſen werden, daß auch Marlene die ſchönen Geſchichten hören kann, Legenden von frommen Männern und14 Frauen, denen Gott ſchwere Gebrechen gegeben und genommen, das Märchen vom armen Heinrich, für den das fromme Mägdlein in ihrer Demuth ſich hat opfern wollen, und wie Gott Alles herrlich hinaus¬ geführt habe, und was der würdige Pfarrer an er¬ baulichen Hiſtorien aufzutreiben wußte.

Wenn dann dem frommen Mann unvermerkt die Erzählung zum Gebet wurde, oder die Mutter mit ihrer klaren Stimme ein Danklied zu ſingen anhob, faltete Clemens auch die Hände und ſang mit; aber gleich darauf warf er neue Fragen hin, die zeigten, daß er mehr Antheil an der Geſchichte genommen, als am Geſang. Marlene fragte nie. Sie war freund¬ lich zu Jedermann, und Keiner ahnte, wie viele Ge¬ danken und Fragen in ihr arbeiteten.

Sichtbar genaſen ſie von Tag zu Tag, und ſchon am vierten nach der Operation erlaubte ihnen der Arzt aufzuſtehn. Er ſelber ſtützte das Mädchen, wie ſie ſchwach und zitternd durch die finſtere Kammer ging nach der offenen Thür, in der der Knabe ſtand und fröhlich ſeine ſuchenden Hände nach den ihren ausſtreckte. Dann hielt er ihre Hand feſt und bat ſie, ſich auf ihn zu ſtützen, was ſie zutraulich that.

Sie ſchritten die Kammer auf und ab mit ein¬ ander, und er mit dem feinen Gefühl der Oertlich¬ keit, wie es Blinden eigen iſt, geleitete ſie behutſam an den Seſſeln und Schränken vorüber, die an den15 Wänden ſtanden. Wie iſt dir? fragte er ſie. Mir iſt wohl, war ihre Antwort heut wie immer.

Komm , ſagte er raſch, lehn dich feſter an; du biſt noch matt. Es thäte dir gut, ein bischen Wie¬ ſenduft im Freien zu athmen, denn hier iſt die Luft dick und ſchwer. Aber noch iſt's nicht geſund, ſagt der Doctor. Die Augen werden wund und erblin¬ den gar wieder, wenn ſie zu früh ins Licht ſehen. O, nun weiß ich ſchon, was Licht und Dunkel iſt. Kein Flötenton iſt ſo ſüß, als wenn es dir ſo weit ums Auge wird. Es that mir weh, muß ich ſagen; doch hätt 'ich immer ſo ins Bunte ſtarren mögen; ſo ſelig war der Schmerz. Du wirſt es auch erleben. Aber es iſt noch mancher Tag zu überſtehen, bis es uns ſo gut wird. Dann aber thu' ich den ganzen Tag nichts als ſehen. Was ich wiſſen möchte, Mar¬ lene: ſie ſagen, jedes Ding habe eine andere Farbe. Was für Farben mag dein und mein Geſicht haben? dunkel oder hell? Es wäre garſtig, wenn ſie nicht recht ſchön hell wären. Ob ich dich wohl erkenne mit den Augen? Jetzt, ſo taſtend, will ich dich mit meinem kleinen Finger unter allen Menſchen heraus¬ finden. Aber hernach da haben wir uns ganz von neuem kennen zu lernen. Ich weiß jetzt, deine Wangen und deine Haare ſind weich anzufühlen. Ob ſie den Augen auch ſo ſein mögen? Das wüßt 'ich gern, und es iſt noch ſo lange hin!

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In dieſem Ton plauderte er unaufhörlich und ach¬ tete nicht darauf, daß ſie ſtumm neben ihm ging. Manche von ſeinen Worten waren ihr tief zu Herzen gegangen. Sie war nie darauf verfallen, daß ſie ſich ſelbſt nun auch ſehen würde, und wußte auch kaum, wie ſie ſich das zu denken habe. Von Spiegeln hatte ſie gehört, ohne es zu verſtehen. Sie dachte ſich jetzt, ſobald ein Sehender die Augen aufthäte, er¬ ſchiene ihm ſein eigen Angeſicht.

Nun, wie ſie wieder im Bett lag und die Mutter dachte, ſie ſchliefe, ging ihr das Wort durch den Sinn: Es wäre garſtig, wenn unſere Geſichter nicht hell wären. Sie hatte von Schön und Häßlich gehört, und daß häßliche Menſchen bemitleidet und oft min¬ der geliebt würden. Wenn ich nun häßlich bin, ſagte ſie ſich, und er will nichts mehr von mir wiſſen! Sonſt war es ihm gleich. Er ſpielte gern mit mei¬ nen Haaren und nannte ſie Seidenfädchen. Das wird nun aufhören, wenn er mich garſtig findet. Und er, wenn er's auch iſt, ich will's ihn gewiß nicht merken laſſen, will ihn doch lieb haben. Aber nein, ich weiß wohl, er kann nicht häßlich ſein, er nicht!

Lange grübelte ſie in Kummer und Neugier ver¬ ſunken. Es war ſchwül. Im Garten die Nachti¬ gallen riefen ängſtlich herein und ein zuckender Weſt¬ wind ſtieß gegen die Scheiben. Sie war ganz allein17 in der Kammer, denn das Bett der Mutter, die ſonſt bei ihr geſchlafen, war der Hitze wegen aus dem engen Gemache wieder hinausgeſchafft. Ueber¬ dies hielt man eine Nachthüterin nicht mehr für nö¬ thig, da das Fieber völlig geſchwunden war. Und gerade heute überkam es ſie wieder und warf ſie hin und her, bis lange nach Mitternacht ein kurzer dumpfer Schlaf ſich ihrer erbarmte.

Indeſſen zog das Wetter, das die Hälfte der Nacht murrend am Horizonte gekreiſ't hatte, mit Macht herauf, lagerte ſich über dem Wald und ſtand nun ſtill; denn der Wind ſchwieg. Ein heftiger Donner ſchallt in Marlenens Schlummer hinein. Halbträu¬ mend fährt ſie empor. Sie weiß nicht was ſie ſucht und ſinnt, in ungewiſſer Angſt treibt es ſie aufzu¬ ſtehen, ihre Kiſſen ſind ſo heiß! Nun ſteht ſie am Bett und hört draußen den ſtarken Regen nieder¬ rauſchen. Aber er kühlt ihre fiebernde Stirne nicht. Sie ſucht ſich zu faſſen und zurecht zu finden und findet in ihrer Seele nichts, als die traurigen Ge¬ danken, mit denen ſie einſchlief. Ein ſeltſamer Ent¬ ſchluß geht in ihr auf. Sie will hinein zu Clemens. Auch er iſt allein. Wer hindert ſie, ihrer Ungewi߬ heit ein Ende zu machen und ſich und ihn zu ſehn? Nur dies Eine denkt ſie und alle Worte des Arztes ſind vergeſſen. So geht ſie, ohne ſich zu beſinnen, ganz wie ſie ihr Bett verlaſſen, der Thüre zu, die218halb offen ſteht, findet die Lehne des Bettes, huſcht auf den Zehen an des Schlafenden Seite und mit verhaltenem Athem über ihn gebeugt, reißt ſie ſich raſch die Binde von den Augen.

Aber ſie erſchrickt, da es dunkel bleibt wie zuvor. Sie hatte vergeſſen, daß es Nacht ſei und daß man ihr geſagt hatte, in der Nacht ſeien die Menſchen allzumal blind. Sie hatte gedacht, es müſſe eine Klarheit ausſtrömen von einem ſehenden Auge und ſo ſich und die Dinge erleuchten. Nun fühlte ſie den Hauch des Knaben ſanft an ihre Augen wehen, aber ſie unterſchied keine Geſtalt. Schon will ſie beſtürzt und faſt verzweifelnd wieder zurück da flammt durch die nicht mehr genau verhüllten Scheiben ein ſecundenlanger Blitz, dann ein zweiter und dritter, die Luft wogt von Helle hin und her, Donner und Regenguß wachſen an Lärm ; ſie aber ſtarrt einen Augenblick auf das Lockenhaupt, das ſanft in die Kiſſen gedrückt da lag; dann verſchwimmt das Bild, die Augen thränen gewaltſam, und von unausſprech¬ licher Angſt aufgeſcheucht flieht ſie in ihre Kammer, legt die Binde um, ſinkt aufs Bett, und in ihr iſt es, als wiſſe ſie es unerſchütterlich, daß ſie geſehen hat zum erſten und letzten Male.

19

Drittes Capitel.

Wochen ſind vergangen. Zum erſten Mal ſoll ſich die junge Kraft der Augen am Licht verſuchen. Der Arzt, der indeß von der Stadt aus die einfache Pflege der Kinder geleitet hat, war an einem um¬ wölkten Tage herüber gekommen, um ſelbſt zugegen zu ſein und die Frucht ſeiner Sorge mitzugenießen.

Man hatte ſtatt der Vorhänge Laubgewinde um die Fenſter gebreitet und beide Kammern mit Grün und Blumen feſtlich aufgeſchmückt. Der Gutsherr ſelbſt und wer im Dorfe den beiden Familien am nächſten ſtand hatte ſich eingefunden, Eltern und Kindern Glück zu wünſchen und ſich am Staunen der Geheilten zu freuen.

Marlene drückte ſich in düſterer Angſt in die Zweige im Winkel, als Clemens, hochroth vor Ent¬ zücken, ihr gegenübergeſtellt wurde[und] ihre Hand faßte. Er hatte ſich's ausgebeten, ſie zuerſt ſehen zu dürfen. So löſ'te man ihnen in demſelben Augen¬ blick die Binden.

Ein Ach des höchſten wortloſen Jubels klang von des Knaben Lippen. Er blieb ſtarr auf demſelben2 *20Fleck, ein verklärtes Lächeln um die Lippen, die hellen Augenſterne hierhin und dorthin bewegend. Er hatte vergeſſen, daß Marlene vor ihm ſtehen ſollte und wußte ja noch nicht, was menſchliche Geſtalt ſei. Sie that auch nichts, ihn an ſich zu erinnern. Ohne Re¬ gung ſtand ſie, nur leicht mit den Wimpern zuckend, die klare, braune, todte Augen beſchatteten. Noch hatte man kein Arg. Die Wunder, dachte man, die ſie zuerſt fremd anſehen, verſteinern ſie. Aber als die Freude des Knaben laut ausbrach, man ihm ſagte: das iſt Marlene! und er in der alten Gewohn¬ heit mit der Hand ihre Wangen ſuchte und ſagte: du haſt ein helles Geſicht da ſtürzten ihre Thränen hervor, ſie ſchüttelte heftig den Kopf und ſagte kaum vernehmlich: Es iſt ja dunkel hier! Es iſt ja Alles wie es war!

Wer ſchildert das Entſetzen der nächſten Stunde! Der Arzt, tief erſchüttert, führte ſie auf einen Stuhl zum Fenſter und unterſuchte die Augen. Das graue Häutchen des Staars, das er entfernt hatte, war nicht wieder erneut. Nichts unterſchied die Pupille von geſunden, als, die lebloſe, traurige Starrheit. Der Nerv iſt erloſchen, ſagte er. Eine heftige Erſchütterung durch einen plötzlichen, grellen Schein muß ihn getödtet haben. Die Küſtersfrau ver¬ ließen ihre Sinne; ſie fiel ihrem Manne todtenblaß in den Arm. Clemens begriff noch kaum, was vor¬21 ging. Seine Seele war von dem neu geſchenkten Leben zu voll. Aber Marlene lag in Thränen auf¬ gelöſt und antwortete auf keine Frage des Arztes. Auch ſpäter erfuhr man nichts von ihr. Sie wiſſe nicht, wie es gekommen; man ſolle ihr vergeben, daß ſie ſo kindiſch geweint habe. Sie wolle Alles hin¬ nehmen, wie es ihr beſchieden ſei. Habe ſie es doch bisher nicht anders gekannt.

Als man Clemens das Unglück klar gemacht hatte, gerieth er außer ſich, ſtürzte zu ihr und ſchrie unauf¬ hörlich: Du ſollſt auch ſehen! Ich will nichts vor dir voraus haben. Sei ruhig, es wird nicht Alles verloren ſein. Ach nun weiß ich erſt, was du ver¬ loren hätteſt! Es iſt nichts, daß man ſelber ſieht. Aber Alles ringsum hat Augen und ſieht uns an, als hätt 'es uns lieb. Und es wird dich auch an¬ ſehen; gedulde dich nur und weine nicht. Und dann fragte er nach dem Arzt und drängte ſich ungeſtüm an ihn und bat unter Thränen, Marlenen zu helfen. Dem braven Manne ſtanden helle Tropfen im Auge; er faßte ſich mühſam, ermahnte ihn ſich zu ſchonen, er wolle ſehen, was zu thun ſei, und hielt ihn mit Hoffnungen hin, um eine Aufregung zu verhüten, die ihm hätte gefährlich werden können. Den Eltern verhehlte er die troſtloſe Wahrheit nicht.

Aber des Knaben Schmerz ſchien Marlene ge¬ tröſtet zu haben. Sie ſaß ſtill am Fenſter und rief22 ihn leiſe zu ſich. Es muß dich nicht ſo kümmern, ſagte ſie. Es kommt Alles von Gott. Freue dich nur, wie ich mich freue, daß du geheilt biſt. Du weißt ja, ich habe nie ſonderlich danach verlangt. Nun wär 'ich's auch zufrieden, wenn es meine Eltern nicht ſo betrübte. Aber ſie werden ſich daran ge¬ wöhnen, und du auch, und ſo wird es gut werden, wenn du mich nur lieb behältſt, da ich nun bleibe, wie ich war.

Er ließ ſich nicht beruhigen, und der Arzt drang darauf, die Kinder zu trennen. Man führte Cle¬ mens hinunter in das größere Zimmer, wo ſich die Leute aus dem Dorf um ihn drängten. Sie drückten ihm der Reihe nach die Hand und ſagten herzliche Worte. Ihn betäubte die Menge. Er ſagte nichts als: Wißt ihr auch ſchon, Marlene iſt blind ge¬ blieben! Und weinte dann von neuem.

Es war hohe Zeit, ihm die Binde wieder umzu¬ thun und ihn in ein einſames, kühles Zimmer zu bringen. Da lag er und war erſchöpft von Freude, Schmerz und Weinen. Der Vater ſprach mild und fromm zu ihm, was ihm doch wenig half. Auch im Schlaf weinte er viel und ſchien ängſtlich zu träumen.

Am folgenden Tag aber forderten Freude, Wi߬ begier und Staunen ihr Recht an ihn, und die Trauer über Marlenen ſchien ihm nur nahe zu kom¬ men, wenn er ſie ſah. Er hatte ſie gleich in der23 Frühe beſucht und mit der zärtlichſten Sorge gefragt, ob ſich über Nacht nichts geändert und gebeſſert habe. Dann aber beſchäftigte ihn die bunte Welt, die ſich ihm aufthat, und wenn er zu Marlenen zurückkam, war es nur, ihr ein neues Wunder zu ſchildern, wo er denn oft mitten im Fluß der haſtigen Erzählung einhielt, durch einen Blick auf die arme kleine Freun¬ din erinnert, wie weh ihr ſeine Freude thun müſſe. Im Grunde that ſie ihr aber nicht weh. Sie wollte nichts für ſich; ihn begeiſtert reden zu hören, war ihr ein Feſt. Aber als er ſeltener kam, im Wahn, ſie zu betrüben, und dann ſchweigſam war, weil ihm alles Andere verſchwand gegen Das, was er ihr nicht zu ſagen wagte, wurde ſie unruhig. Sie hatte ihn ſonſt am Tage nur ſelten entbehrt. Jetzt ſaß ſie viel allein. Die Mutter kam wohl oft, ihr Geſellſchaft zu leiſten. Aber die gute Laune der ſonſt lebhaften Frau war fort, ſeit ihre liebſte Hoffnung fehlgeſchla¬ gen. Sie wußte ihrem Kinde nichts zu ſagen, als Troſtworte, die ihre eigenen Seufzer Lügen ſtraften und die Marlenen wenig ſein konnten. Wie viel von dem, was ſie nun litt, hatte das Mädchen vor¬ aus gefürchtet! Und doch überraſchte ſie das Gefühl der Entbehrung mit unbekannten Schmerzen.

Sie ſaß nun wieder oft in ihres Vaters Gärt¬ chen unter den Zweigen und ſpann. Wenn dann Clemens zu ihr kam, glänzte es ſeltſam um ihre ar¬24 men Augen. Er war immer freundlich zu ihr, ſetzte ſich neben ſie auf das Bänkchen und ſtreichelte ihr Haar und Wangen wie ſonſt. Sie bat ihn einmal, er ſolle nicht ſo ſtill ſein. Wenn er ihr erzähle, wie die Welt ſei und was er täglich mehr von ihr lerne, ſo fühle ſie nichts von Neid. Aber wenn er gar nicht komme, ſo bleibe ſie gar zu einſam. Sie erinnerte ihn mit keinem Wort daran, daß er ihr an jenem Abend verſprochen hatte, ſie nie zu verlaſſen; denn ſie hatte längſt darauf verzichtet. Nun aber war es, als ſei ſie ihm doppelt lieb geworden, ſeit er ihr nichts mehr zu verſchweigen hatte. Da floß ihm das Herz über und er erzählte ihr ſtundenlang von Sonne, Mond und den Geſtirnen, von allen Blumen und Bäumen, und vor Allem, wie die Eltern und ſie ſelbſt ausſähen. Sie bebte freudig bis ins innerſte Herz, als er ihr unſchuldig ſagte, daß ſie hübſcher ſei, als alle Mädchen im Dorf. Nun beſchrieb er ſie, daß ſie ſo ſchlank ſei und einen feinen Kopf habe und dunkle, zarte Augenbrauen. Er habe ſich nun auch geſehen, im Spiegel, aber er ſei lange nicht ſo hübſch. Er brauch 'es auch nicht, und es ſei ihm gleichgiltig; wenn er nur ein geſcheiter Mann werde. Männer ſeien überhaupt nicht ſo ſchön wie Frauen. Sie verſtand das Alles nicht ganz; aber ſo viel begriff ſie, daß ſie ihm gefalle, und was wollte ſie mehr?

25

Sie kamen nicht wieder auf dieſe Dinge zu ſpre¬ chen. Aber unerſchöpflich war er, ihr von der ſchö¬ nen Welt zu reden. Wenn er dann nicht kam, dachte ſie ſeinen Worten nach und es beſchlich ſie faſt wie Eiferſucht auf dieſe Welt, die ihn ihr raubte. Leiſe wuchs dies feindliche Gefühl an und ward bald her¬ riſcher, als ihre Freude über ſein Glück. Vor Allem haßte ſie die Sonne; denn ſie wußte, daß dieſe glän¬ zender ſei, als Alles und in ihrer unklaren Vorſtel¬ lung war glänzend und ſchön ein und daſſelbe. Nichts verſtimmte ſie mehr, als wenn er Abends bei ihr ſaß und über den Sonnenuntergang in einen Rauſch von Entzücken gerieth. Mit ſolchen Worten hatte er nie von ihr geſprochen; und warum vergaß er ſie ſo völlig über dieſem Schauſpiel, daß er es nicht ſah, wenn ihr der ſeltſame eiferſüchtige Kum¬ mer Thränen in die Augen preßte?

Noch ſchwerer ward ihr das Herz, als der Pfar¬ rer, ſobald es der Arzt geſtattete, ſeinen Sohn zu unterrichten anfing. Vor der Heilung hatte Clemens den größten Theil des Tages mit Muſikübungen ver¬ bracht. Religionsunterricht, Geſchichte, Mathematik und ein wenig Latein war Alles, was früher nöthig und möglich ſchien, und man ließ Marlene an den Stunden Theil nehmen, die nicht viel über die all¬ gemeinſten Kenntniſſe hinausgingen. Jetzt, wo der Knabe den entſchiedenſten Hang zu Naturwiſſenſchaften26 an den Tag legte, ward er ernſtlich beſchäftigt und für eine der höheren Claſſen der ſtädtiſchen Schulen vorbereitet.

Sein feſter Wille arbeitete ſich raſtlos durch, und ſeine guten Anlagen halfen ihm, in überraſchend kurzer Zeit ſeinen Jahren nachzukommen und das Verſäumte einzubringen. Manche Stunde ſaß er denn auch wohl mit einem Buch in des Küſters Garten. Aber es war doch an kein Geplauder zu denken, wie ſonſt, und Marlene fühlte wohl, daß ſie jetzt zwei¬ fach entbehre, den Unterricht und ihren Freund.

27

Viertes Capitel.

Der Herbſt unterbrach auf einige Tage die Ar¬ beiten des Knaben. Der Pfarrer hatte beſchloſſen, noch vor dem Winter ſeinen Sohn in das nahe Ge¬ birge mitzunehmen, daß er Berg und Thal ſähe und weiter hineinblicke in die Welt, die ihm ſchon in der dürftigen Dorfebene ſo ſchön geſchienen. Als man es dem Knaben ſagte, fragte er: Und wir nehmen doch Marlene mit?

Man verſuchte es ihm auszureden. Aber er wollte nicht ohne ſie reiſen. Wenn ſie auch nichts ſieht, die Bergluft ſoll geſund ſein, und ſie iſt ſeit lange blaß und matt und fängt Grillen ohne mich. So that man ihm ſeinen Willen. Das Mädchen wurde zu ihm und ſeinen Eltern in den Wagen gehoben und eine kurze Tagreiſe brachte ſie an den Fuß des Berglandes.

Nun begann das Wandern zu Fuß. Geduldig führte der Knabe ſeine blinde Freundin, die ver¬ ſchloſſener war als je. Oft wäre er noch gern auf dieſe oder jene vereinzelte Felshöhe geklettert, die eine neue Ausſicht verſprach. Aber er ſtützte ſie, wo ſie28 ging, und trat ſein Amt nicht ab, ſo viel ſich die Eltern dazu anboten. Nur wenn ſie eine Höhe er¬ reicht hatten und auf einer ſchattigen Stelle raſteten, beurlaubte er ſich von dem Mädchen und ſuchte ſich durch die gefährlichſten Klippen eigene Wege, ſeltne Steine ſammelnd, oder Blumen, die in der Tiefe nicht wuchſen. Kam er dann zu den Ruhenden zu¬ rück, ſo hatte er immer etwas für Marlenen, Bee¬ ren oder eine ſtark duftende Blume, oder das weiche Neſt eines Vogels, das der Wind vom Baum ge¬ weht hatte.

Sie nahm ihm Alles freundlich ab und ſchien vergnügter zu ſein, als daheim. Und ſie war es auch, weil ſie doch den Tag über Eine Luft mit ihm athmete. Daneben aber begleitete ſie ihre thörichte Eiferſucht, und ſie zürnte dem Gebirge, deſſen herbſt¬ liche Pracht, wie ſie wähnte, ihm die Welt nur lieber machte und ihn ihr ſelbſt nur mehr entfremdete. Der Pfarrerin fiel ihr ſeltſames Weſen auf. Sie ſprach mit ihrem Manne dann und wann über das Kind, das ihnen Beiden wie das eigene lieb war. Und Beide gaben die Schuld ihres hartnäckigen Trübſinns der getäuſchten Hoffnung. Und doch entbehrte das Mäd¬ chen nichts, was ihr verheißen und ihrer Hoffnung vorgeſpiegelt worden war, ſondern nur was ſie ge¬ kannt und beſeſſen hatte.

Am zweiten Tage der Reiſe ſollte in einem ein¬29 ſamen Hauſe übernachtet werden, das durch die Nähe eines gewaltigen Waſſerfalls berühmt war. Sie hatten eine weite Wanderung beſtanden, und die Frauen waren erſchöpft. Als ſie das Haus erreichten, führte der Pfarrer ſeine Frau hinein, ohne vorher die Strecke nach der Schlucht weiter hinauf zu wandern, aus der man den Sturz brauſen hörte. Auch Marlene war völlig ermattet; aber ſie wollte Clemens folgen, den noch nicht nach Ruhe verlangte. So ſtiegen ſie die Stufen weiter hinan, und immer deutlicher klang das toſende Waſſer herüber. Mitten auf der ſchmalen Steile verließ Marlenen die letzte Kraft. Ich will hier ſitzen bleiben , ſagte ſie. Geh du vollends hin¬ auf und hole mich wieder, wenn du dich ſatt geſehen haſt. Er erbot ſich, ſie zuerſt ins Haus zu bringen, aber ſie ſaß ſchon, und ſo verließ er ſie und ging dem Schalle nach, ſelig ergriffen von der Einſamkeit und Majeſtät des Ortes.

Das Mädchen ſaß auf einem Stein und wartete ſeiner Rückkehr. Es däuchte ſie, daß er unendlich zögere. Ein Froſt überrieſelte ſie, und der dumpfe ferne Donner des Waſſerfalls machte ſie ſchauern. Warum kommt er nicht? dachte ſie bei ſich. Er wird mich vergeſſen über ſeiner Freude, wie immer. Fänd 'ich nur den Weg ins Haus, daß ich warm würde! So ſaß ſie ängſtlich und horchte in die Ferne. Plötzlich war es ihr, als unterſcheide ſie ſeine Stimme,30 die ihr zurief. Zitternd fuhr ſie in die Höhe. Was ſollte ſie thun? Sie verſuchte unwillkürlich einen Schritt, aber ihr Fuß glitt aus, ſie taumelte und fiel. Zum Glück waren die Steine neben dem Weg mit Moos überwuchert. Aber dennoch betäubte ſie der Fall und ſie ſchrie außer ſich nach Hilfe. Um¬ ſonſt! Ihre Stimme drang nicht zu Clemens hin¬ auf, der hart an der Kluft vom Getöſe umgeben ſtand. Und das Haus war zu entfernt. Ein ſchnei¬ dendes Weh fuhr ihr durchs Herz, wie ſie da lag zwiſchen den Steinen, verlaſſen und hilflos; Thrä¬ nen der Verzweiflung im Auge, richtete ſie ſich müh¬ ſam auf. Was ihr das Liebſte war, ſchien ihr in dieſem Augenblicke haſſenswürdig, und die Bitterkeit in ihrem Innern ließ den Gedanken an die Nähe des Allgegenwärtigen nicht auftauchen.

So fand ſie Clemens, der ſich um ihretwillen mit Gewalt von dem Zauber des mächtigen Bildes los¬ geriſſen hatte.

Ich komme , rief er ihr ſchon von ferne ent¬ gegen. Gut, daß du nicht mitgegangen! Der Platz oben iſt ſchmal und der kleinſte Fehltritt koſtet das Leben. Wie das endlos tief ſich hinunterſtürzt und rauſcht und in Wolken aufſprüht, daß einem alle Sinne vergehn. Fühl, wie es mich beſtäubt hat mit feinem Waſſerdunſt. Aber was iſt dir? Du biſt eiskalt und dein Mund zittert. Komm, es war un¬31 recht, daß du im Freien bliebſt. Gott verhüte, daß du dich krank gemacht haſt!

Sie ſchwieg eigenſinnig und ließ ſich in das Haus zurückführen. Die Pfarrerin erſchrak. Die feinen, lieben Züge des Mädchens waren unheimlich verſtört. Man ſorgte eilig für ein wärmendes Getränk und brachte ſie zu Bett, ohne mehr von ihr zu erfahren, als daß ihr nicht wohl ſei.

Und freilich war ſie krank, und ſo ſchwer, daß ſie ſich nach dem Ende ſehnte. Das Leben war ihr verhaßt, das ſich ihr ſo feindlich bewies. In bitte¬ rem, gottverlaſſenem Sinnen lag ſie, und die letzten Fäden, die ſie an die Menſchen knüpften, zerriß ſie eigenmächtig. Ich will morgen hinauf, ſprach ſie finſter bei ſich ſelbſt. Er ſoll mich ſelbſt an die Tiefe führen, wo ein Fehltritt das Leben koſtet. Und ſeines wird ihn mein Tod nicht koſten. Was ſoll er die Laſt noch ferner mit mir haben, die er aus Mit¬ leid bisher ſich aufgebürdet hat?

Immer feſter lagerte ſich der unſelige Vorſatz um ihr Herz. Was war aus dem klaren, liebevollen Ge¬ müth in den kurzen Monaten der innerlichen Noth geworden? Sie dachte ſogar an die Folgen ihres Frevels ohne Scheu und ſagte trotzig vor ſich hin: Sie werden ſich darein finden, wie ſie es ertragen, daß ich blind geblieben bin. Und ihm wird das Jammerbild nicht mehr vor Augen ſtehen, das ihm32 die Freude an ſeiner ſchönen Welt verdirbt. Das war immer der letzte Gedanke, der ihr kam, wenn ein unſicheres Gefühl gegen ihren Entſchluß laut werden wollte.

Im Nebenzimmer, das nur durch eine dünne Wand von Marlenens Kammer getrennt war, ſaßen der Pfarrer und die Pfarrerin beiſammen. Clemens zögerte noch draußen unter den Bäumen herum und konnte ſich von Gebirg und Sternen und der ge¬ dämpften Muſik des Waſſers nicht trennen.

Es ängſtigt mich, ſagte die Pfarrerin, daß Marlene ſo verkommt und verkümmert. Der ge¬ ringſte Anlaß erſchüttert ſie und das wird ſie bald aufreiben. Wenn du einmal mit ihr reden wollteſt, daß ſie ſich das Unabänderliche nicht ſo quälend zu Herzen nehmen möchte!

Ich fürchte nur, ich werde nichts ausrichten. erwiederte der Pfarrer. Hat nicht ihre Erziehung und die Liebe ihrer Eltern und unſer täglicher Um¬ gang zu ihr geredet, ſo vermag Menſchenwort nichts mehr. Hätte ſie Demuth gegen Gott gelernt, ſo er¬ trüge ſie ſeine Fügung, die ihr noch ſo viel gelaſſen hat, mit Dank, ſtatt mit Murren.

Er hat ihr aber viel genommen.

Ja wohl; aber nicht Alles für immer. Das iſt meine Hoffnung und mein Gebet. Die Kraft zu lieben und gegen die Liebe zu Gott und Menſchen33 Alles gering zu achten ſcheint von ihr gewichen. Aber ſie kommt zurück, wenn wir zu Gott zurück¬ kommen. Wie ſie jetzt iſt, verlangt ſie nicht nach ihm. Sie hat ihren Mißmuth und ihren Groll noch zu lieb. Aber ihr Herz iſt zu kräftig, um dieſe trau¬ rige Geſellſchaft lange dulden zu können. Dann, wenn es leer in ihr geworden von Unzufriedenheit, wird Gott wieder einziehen und die Liebe im Herzen die alte Stätte finden. Und dann wird es licht in ihr ausſehen, ob es auch Nacht bleibt vor ihren Augen.

Gott gebe das! Und dennoch betrübt mich der Gedanke an ihre Zukunft.

Sie wird nicht verloren ſein, wenn ſie ſich nicht ſelber verlieren will. Würden auch Alle, die ſie jetzt hüten und hegen, vor ihr abgerufen, Menſchenliebe ſtirbt nicht aus. Und wenn ſie recht auf Gottes Hand achtet und auf die Wege, die ſie geführt wird, wird ſie noch einmal ihre Blindheit ſegnen, die ſie von Kindesbeinen an dem Schein fern gerückt und dem wahren Weſen genähert hat.

Clemens unterbrach das Geſpräch. Ihr denkt nicht, rief er ſchon auf der Schwelle, wie wunder¬ voll die Nacht iſt. Ich gäbe eins meiner Augen darum, wenn ich's Marlenen ſchenken könnte, um dieſe Pracht der Sterne zu ſehen. Wenn ſie nur der Lärm des Waſſerfalls ſchlafen läßt! Ich kann mir's334noch nicht vergeben, daß ich ſie in der Kühle draußen ſitzen ließ.

Sprich leiſer, lieber Sohn, ſagte die Mutter. Sie ſchläft dicht nebenan. Und am beſten thäteſt du, du gingeſt auch ſchlafen.

Flüſternd ſagte der Knabe gute Nacht. Als die Mutter zu Marlenen in die Kammer kam, fand ſie das Mädchen ruhig und anſcheinend entſchlafen. Jener unheimliche Ausdruck der Züge war einer liebe¬ vollen Stille gewichen. Der Sturm war vorüber und hatte noch nichts in ihr verwüſtet. Auch Scham und Reue regten ſich kaum; ſo allmächtig herrſchte in ihr der freudige Frieden, der ihr im Nebengemach war gepredigt worden. Denn das Böſe erwirbt ſich langſam und auf Schleichwegen ſeine Herrſchaft über uns; der Sieg des Guten iſt ſchnell entſchieden.

35

Fünftes Capitel.

Mit Verwunderung bemerkten am andern Morgen ihre Freunde die Umwandlung, die mit ihr vorge¬ gangen war. Die Pfarrerin konnte ſich's nicht an¬ ders denken, als daß Marlenen durch die Wand ihr Geſpräch zugekommen ſei. Um ſo beſſer, ſagte der Pfarrer; ſo hab 'ich ihr nichts mehr zu ſagen.

Rührend war die Freundlichkeit, mit der das Mäd¬ chen Clemens und den Eltern begegnete. Sie wollte nichts mehr, als zu ihnen gehören dürfen. Was ihr Liebes geſchah, nahm ſie faſt beſtürzt wie ein Un¬ verdientes an. Sie ſprach noch immer nicht viel; aber was ſie ſprach, war heiter und belebt. Ihr ganzes Weſen erſchien hingegeben und weich, als wolle ſie ſtumm Abbitte thun. Sie nahm wieder Clemens Arm, wenn ſie wanderten. Aber oft bat ſie, daß ſie ein wenig ruhen dürfe. Nicht weil ſie müde war, ſondern um dem Knaben die Freiheit zu laſſen, her¬ umzuſteigen, wohin es ihn lockte. Sie lächelte dann, wenn er zurückkam und ihr erzählte. Ihre alte Ei¬3 *36ferſucht war vergangen, ſeit ſie nichts mehr für ſich verlangte, als die innige Freude an der ſeinen.

So gekräftigt und gehoben vollendete ſie die Reiſe. Und ſie war zur rechten Zeit gekräftigt worden. Denn als ſie heim kam, fand ſie ihre Mutter in ſchwerer Krankheit, der die ſchwache Frau in wenigen Tagen erlag. Nun, nachdem die erſten Wochen der Trauer überſtanden waren, forderte das traurig veränderte Leben Pflichten von ihr, denen ſie früher ſchwerlich gewachſen war. Die Sorge für das Hausweſen be¬ ſchäftigte ſie früh und ſpät. Trotz ihres Gebrechens wußte ſie in jedem Winkelchen des kleinen Hauſes Beſcheid, und wenn ſie auch ſelbſt nur ſelten Hand anlegen konnte, war ſie doch umſichtig und geſchickt, Alles anzuordnen, daß es ihrem gebeugten Vater an nichts fehle. Eine wunderbare Hoheit und Sicher¬ heit kam über ſie. Wo es früher vielfacher Verweiſe bedurft hatte, um Knecht und Magd zum Rechten zu gewöhnen, genügte jetzt ein ruhiges Wort von ihr. Und war einmal etwas Arges verſehen oder zu irgend einer Arbeit böſer Wille vorhanden, ſo wirkte ein ernſthafter Blick mit den großen, blinden Augen un¬ widerſtehlich auf die rohſte Natur.

Seit ſie fühlte, daß ſie heiter ſein müſſe um ihres Vaters willen, ſeit ſie begriff, daß ſie wirken und das Leben ſelbſt geſtalten müſſe, kamen auch die Stunden immer ſeltener, in denen ſie die Trennung von Cle¬37 mens ſchmerzlich empfand. Und als er endlich nach der Stadt in die Schule ſollte, vermochte ſie's, ge¬ faßter als die Andern ihm Lebewohl zu ſagen. Sie ging dann freilich wochenlang wie im Traum umher, als ſei die beſte Hälfte ihres Weſens von ihr geſchie¬ den. Bald aber war ſie heiter wie ſonſt, ſang ihre Lieblingslieder vor ſich hin und ſcherzte mit dem Va¬ ter, bis ſie ihm ein Lachen abgewann. Wenn die Pfarrerin herüberkam mit Briefen aus der Stadt und ihr Nachrichten und Grüße von Clemens vorlas, ſchlug ihr heimlich das Herz und ſie lag länger als ſonſt des Abends im Bett, ohne daß der Schlaf kommen wollte. Am andern Morgen war ſie hellen Sinnes, wie immer.

In den Ferien kam Clemens zu den Eltern zurück, und ſein erſter Gang war dann ins Küſterhaus. Marlene unterſchied ſeinen Schritt ſchon aus der Ferne, blieb ſtill wo ſie war und horchte, ob er nach ihr fragen würde. Sie ſtrich haſtig mit den Händ¬ chen ihr Haar ein wenig glatt, das noch immer in Zöpfchen über den ſchlanken Nacken hing und ſtand auf von ihrer Arbeit. Trat er dann an die Thür, ſo war jede Spur von Aufregung aus ihrem Geſicht verſchwunden. Heiter gab ſie ihm die Hand und bat ihn, ſich zu ihr zu ſetzen und ihr zu erzählen. Da vergaß er denn die Zeit und mußte von der Mutter geholt werden, die anfing mit ihm zu geizen. Denn38 ſelten blieb er die ganze Zeit der Ferien im Dorf, ſondern wanderte ins Gebirge, an das ihn die wach¬ ſende Leidenſchaft für die Natur feſſelte.

Die Jahre gingen ihren einförmigen Gang. Die Alten welkten langſam, und die Jungen erblühten raſch. Als Clemens einmal wieder um Oſtern zu Marlenen kam und ſie vom Spinnrad aufſtand, ſtaunte er, wie ſtattlich ſie ſich in der Zeit ſeit dem Herbſt entfaltet hatte. Du biſt ein Fräulein gewor¬ den, ſagte er. Aber ich bin auch kein Kind mehr. Fühl nur, wie mir der Bart gewachſen iſt über dem winterlangen Studiren. Sie erröthete flüchtig, als er ihre Hand ergriff und an ſein Kinn führte, daß ſie den zarten Flaum fühlen ſollte. Er hatte ihr auch ſchon Anderes zu erzählen, als in der erſten Zeit. Der Lehrer, bei dem er wohnte, hatte Töchter und dieſe Töchter Freundinnen. Die mußte er ihr alle aufs genaueſte beſchreiben. Ich mache mir nichts aus den Mädchen. Sie ſind albern und eitel, und ſchwatzen ſo viel. Eine iſt da, Cäcilie, die mag ich noch am beſten leiden, weil ſie wenig ſpricht und keine Geſichter ſchneidet, um ſchön zu ſein. Aber was gehn ſie mich Alle an? Neulich, wie ich Abends in mein Zimmer komme, find 'ich einen Blumenſtrauß auf dem Tiſch. Ich ließ ihn ſo liegen und ſtellt' ihn nicht einmal ins Waſſer, obwohl mich die Blu¬ men dauerten, denn es verdroß mich; und andern39 Tags hatten die Mädchen ein Gekicher und Geziſchel, daß ich kein Wort mit ihnen redete vor Aerger. Sie ſollen mich zufrieden laſſen, denn ich habe keine Zeit für ihre Narrheiten.

Marlene verlor keines von dieſen Worten, und ſpann ein endloſes Geſpinnſt von wunderlichen Ge¬ danken aus ihnen. Faſt wäre ſie in Gefahr gekom¬ men, in unfruchtbaren Träumen hinzukränkeln, wenn nicht begründetere Sorge und ernſthafterer Schmerz ſie gerettet hätten. Ihr Vater, der lange ſchon nur mit Anſtrengung ſeinen Dienſt verſehen hatte, wurde durch einen Schlaganfall gelähmt, und lag faſt ein Jahr im hilfloſeſten Zuſtande, bis ein zweiter Schlag ſeine Leiden verkürzte. Keine Stunde wich ſein Kind von ſeiner Seite. Auch in den Ferien, die Clemens ins Dorf führten, gönnte ſie ſich nicht, ihn länger zu ſprechen, als wenn er auf Viertelſtunden in das Krankenzimmer kam.

Sie ward immer feſter in ſich, immer entſagender. Keinem klagte ſie und hätte Keines bedurft, wenn ihre Blindheit ihr Alles ſelbſt zu thun erlaubt hätte. Und dies ihr Unglück, das ſie innerlich erzog, ge¬ wöhnte ſie auch an häusliche Tugenden, die manche Sehende vernachläſſigen. Sie hielt die genaueſte Ord¬ nung in allen Dingen, die ſie zu verwalten hatte, und that ſich nie genug in Sauberkeit, weil ſie mit den Augen nicht beurtheilen konnte, wann das letzte40 Stäubchen entfernt war. Clemens traten die Thrä¬ nen in die Augen, wenn er ſie bemüht ſah, ihren gelähmten Vater zu waſchen und ſeine dünnen Locken zu kämmen. Sie war blaß geworden in der heißen Luft der Krankenſtube, aber die braunen Augen hatten darum nur tieferen Glanz, und in aller niederen Ar¬ beit trat der Adel ihres Weſens nur lebendiger hervor.

Der alte Mann ſtarb; in das Häuschen zog ſein Nachfolger ein und Marlene fand im Pfarrhauſe eine freundliche Zuflucht. Clemens, der indeſſen eine entferntere Univerſität bezogen hatte und nicht wie ſonſt zweimal des Jahres ſeine Heimath beſuchen konnte, erfuhr dies Alles aus Briefen, die ſelten kamen und die er unregelmäßig beantwortete. Zu¬ weilen kam ein Zettel für das Mädchen mit, in dem er ſich gegen ſeine Art übermüthig ſcherzhaft geberdete und ihr faſt wie einem Kinde begegnete, daß die Mutter den Kopf ſchüttelte und vor dem Vater da¬ von ſchwieg. Marlene ließ ſich dieſe ſeltſamen Brief¬ chen ernſthaft vorleſen, bat ſie ſich aus und bewahrte ſie. Als ihr Vater geſtorben war, erhielt ſie einen kurzen aufgeregten Brief, der weder tröſtete noch ein Wort der Mittrauer enthielt, nur heftige Bitten, ihre Geſundheit zu ſchonen, ſtille zu ſein, ihn genau wiſ¬ ſen zu laſſen, wie es um ſie ſtehe. Das war im Winter und dieſer Brief der letzte an Marlenen. Man erwartete auf Oſtern einen Beſuch des Jünglings. 41Er blieb aus und ſchrieb, er habe die Gelegenheit nicht verſäumen dürfen, einen verehrten Lehrer auf einer botaniſchen Wanderung zu begleiten. Der Vater war damit zufrieden, und Marlenen gelang es endlich, auch die ungeduldige Mutter zu beſchwichtigen.

Unangemeldet kam er plötzlich um Pfingſten, zu Fuß, von einem ſtarken Marſch vor Tagesgrauen nicht ermüdet, mit friſchen Wangen und ein voller Mann. So trat er in die ſtille Wohnung, in der die Mutter allein ihr Weſen hatte; denn es war der Sonnabend vor dem Feſt. Mit einem Freudenſchrei hing ihm die überraſchte Frau am Halſe. Du? rief ſie, als ſie ſich erholte und nun einen Schritt zurück¬ tretend den lang Entbehrten mit vollem Blick der Liebe maß. Alſo kommſt du doch noch, du Böſer, du Vergeßlicher, und weißt noch den Weg zu Vater und Mutter. Gott ſei gelobt! Ich dachte, du hätteſt dir in den Kopf geſetzt, nur als Profeſſor dich wie¬ der ſehn zu laſſen, wenn meine alten Augen ſich viel¬ leicht nicht mehr hier unten an dir freuen würden. Aber ich will dich nicht ſchelten; du biſt brav, du biſt der Alte, du machſt mir ein Pfingſten, wie lange keins war, mir und dem Vater, uns Allen! Mut¬ ter! ſagte er, wie wohl iſt mir, daß ich wieder hier bin! Es litt mich zuletzt nicht mehr da draußen; ich wußte ſelbſt nicht, wie es kam, ich beſchloß es nicht erſt, ich mußte fort, eines ſchönen Morgens anſtatt42 ins Colleg zum Thor hinaus, und bin drauf los ge¬ laufen als entliefe ich einer Sünde, Tagereiſen, wie ich ſie bisher noch nicht gemacht habe, ſo gut ich von jeher zu Fuße war. Wo iſt der Vater? wo iſt Marlene?

Hörſt du ihn nicht? ſagte die Mutter. Der Vater iſt oben im Predigtſtübchen. Sie hörten über ſich den ſtarken Schritt des Alten auf und ab. Es iſt Alles wie es war, fuhr die Mutter fort. Das iſt ſein Sonnabendsgang die zwanzig Jahr, ſeit ich ihn kenne. Und Marlene iſt im Feld mit unſern Leuten. Ich habe ſie weggeſchickt, denn ſie läßt mir keine Ruhe. Wenn ſie im Haus iſt, hätte ſie am liebſten, ich ſäße da im Winkel, die Hände im Schoß; ſie thäte am liebſten Alles allein. Nun haben wir neue Knechte, und es iſt mir lieb, wenn ſie die Aufſicht führt, bis ſie ſich eingewöhnt haben. Wie wird ſie ſtaunen, dich hier zu finden! Aber komm, ich bringe dich zum Vater, nur daß er dich ſieht; es iſt auch bald Mittag. Komm, er wird nicht ungehalten ſein, daß du ihn ſtörſt.

Sie führte den Sohn, leiſe voranhuſchend, aber immer ſeine Hand in der ihren, das Treppchen hin¬ auf. Leiſe öffnete ſie die Thür, winkte Clemens, und ſelber zurücktretend, trieb ſie ihn einzutreten. Da iſt er! rief ſie, da haſt du ihn. Der Alte fuhr auf wie aus tiefen Gedanken. Wen? fragte er halb43 unmuthig. Da ſah er in das Geſicht ſeines Sohnes, das von der Sonne hell angeſchienen war. Er ſtreckte die Hand herzlich aus. Clemens! rief er, noch zwi¬ ſchen Ueberraſchung und Freude; du hier! Ich hatte Heimweh, ſagte der Sohn und drückte warm die dargebotene Hand. Ich bleibe über das Feſt hier, Vater, wenn noch Platz iſt, ſeit Marlene unter euerm Dache iſt. Wie du ſo reden kannſt! fiel die Mutter eifrig ein. Und wenn ich ſieben Söhne hätte, ich wollte ihnen Platz ſchaffen. Aber ich laſſe dich dem Vater; ich will in die Küche, in den Garten; ſie haben dich in der Stadt verwöhnt, du wirſt vor¬ lieb nehmen müſſen.

Sie war ſchon hinaus, als Vater und Sohn ſich noch ſchweigend gegenüber ſtanden. Ich habe dich geſtört, ſagte endlich Clemens. Du biſt in der Pre¬ digt. Sag, ob ich wieder gehen ſoll. Du ſtörſt nur einen, der ſich ſelber geſtört hat. Seit dem Morgen bin ich herumgegangen, mein Textwort in Gedanken, aber die Gnade war nicht mit mir und der Keim ging nicht auf. Es iſt mir ſeltſam geweſen, Schauer über mir, die ich nicht bezwingen konnte. Er trat an das kleine Fenſter, das auf die Kirche ſah. Der Weg zu ihr ging über den Todtenacker. Der lag ſtill mit Blumen und blinkenden Kreuzen im Mit¬ tagslicht. Komm heran, Clemens, ſagte der Alte ſanft. Stelle dich neben mich. Siehſt du das Grab44 zur Linken mit den Primeln und Monatsroſen? Du haſt es ſonſt nicht geſehn. Weißt du, wer da ſchläft? Mein guter, alter Freund, der Vater unſrer Marlene.

Er trat vom Fenſter zurück, an dem der Sohn ergriffen ſtehn blieb. Er ging wieder das Zimmer auf und nieder, und während ſie ſchwiegen, hörten ſie den Sand unter dem ruhigen Schritt kniſtern. Ja, ſagte der Alte mit tiefem Athemzug, es hat ihn Keiner gekannt ſo wie ich, Keiner das an ihm gehabt, Keiner das an ihm verloren. Was wußte er von der Welt und ihrer Weisheit, die ja Thorheit iſt vor Gott! Was er wußte, war ihm Alles Offenba¬ rung von innen, und aus der Schrift, und aus dem Schmerz. Er iſt ſelig geworden, weil er ſelig war.

Nach einer Pauſe ſprach er weiter: Wen habe ich nun, der mich beſchämt, wenn ich hoffährtig werde, und rettet, wenn ich ſtrauchle im Glauben, und die Gedanken ſchlichtet, die ſich anklagen und entſchul¬ digen? Die Welt wird ſo klug um mich. Was ich höre, verſtehe ich nicht, und was ich leſe, will meine Seele nicht verſtehen, denn es iſt ihr Unheil. Wie Viele ſtehn auf und meinen, mit Zungen zu reden, und ſiehe, es iſt Lippenwerk. Und die Spötter hören es und haben ihre Freude. Mein alter Freund, wäre ich wo du biſt!

Clemens wandte ſich. Er hatte den Vater nie ſo über eigne Herzensnöthe reden hören. Er trat zu ihm45 und ſuchte nach Worten. Laß, mein Sohn, ſagte der Alte abwehrend. Was willſt du mir geben, das mir nicht Himmliſche beſſer gegeben hätten? Sieh, es war kurz nach ſeinem Tode, ich ſchlief hier oben, die Nacht mit Sturm und Regen weckte mich, ich war betrübt bis zum Tode: da erſchien er mir, es leuchtete um ihn er war in ſeinen Kleidern als lebte er, ſprach aber nicht, ſondern ſtand zu Füßen des Bettes und ſah ſtill auf mich nieder. Erſt griff es mich hart an. Ich war der Gnade nicht gewach¬ ſen, ein verklärtes Angeſicht zu ſehn. Andern Tags empfand ich den Frieden, den es mir zurückgelaſſen hatte. Seitdem kam es nicht wieder. Aber die letzte Nacht ich hatte am Abend eine Schrift geleſen, aufrühreriſch gegen Gott und Gotteswort, und war im Zorn zu Bett gegangen da war es nach Mit¬ ternacht, als ich wieder auffahre, und er ſteht vor mir, angethan wie damals, aber in Händen die Bi¬ bel, aufgeſchlagen und mit goldner Schrift geſchrie¬ ben. Er weiſ't mit dem Finger darauf, aber es ging ein Glanz aus von den Blättern, daß ich vergebens hinſtarre und vor Fülle des Lichts keine Zeile leſen kann. Ich näherte mich ihm, halbaufgerichtet; er ſtand, Mitleid und Liebe im Angeſicht, die immer mehr der Angſt wichen, je mehr ich zu leſen ſtrebte und es nicht vermochte. Da gingen von der Klar¬46 heit mir die Augen über, verdunkelten ſich ganz, und er ſchwand leiſe dahin und ließ mich in Thränen.

Der Alte war wieder ans Fenſter getreten, und Clemens ſah, wie ein Zittern ihn überlief. Vater! rief er und faßte die matt herabhängende Hand. Sie war feucht und kalt. Vater! du ängſteſt mich. Du ſollteſt zum Arzt ſchicken.

Zum Arzt? ſagte der Vater faſt heftig und rich¬ tete ſich in allen Gliedern auf. Ich bin geſund, das iſt es eben. Es will und ahnt meine Seele den Tod, und mein Leib widerſteht ihm eigenſinnig.

Dieſe Träume, Vater, zerrütten dich!

Träume? Ich ſage dir, daß ich wachte wie jetzt.

Ich zweifle nicht, Vater, daß du wachteſt. Aber um ſo mehr beunruhigen mich dieſe Fieberſchauer, die dich wachend mit Träumen heimſuchen. Sieh, noch jetzt biſt du durch die Erinnerung wie außer dir und dein Puls fliegt. Ich weiß, ſo wenig Arzt ich bin, daß du Fieber hatteſt die Nacht und jetzt.

Dünkſt du dir das zu wiſſen, armer Menſch? rief der Alte. O der herrlichen Weisheit! O der gna¬ denreichen Wiſſenſchaft! Aber wen klage ich an? Bin ich nicht der Strafe werth, da ich Gottes Ge¬ heimniſſe ausplaudre und mein volles Herz den Spöt¬ tern zur Scheibe mache? Iſt das die Frucht deines Lernens und wähnſt du Feigen zu eſſen von dieſem Dornbuſch? Aber ich kenne euch wohl, ihr Armſe¬47 ligen, dte ihr neue Götter macht für das Volk und im Herzen euch ſelbſt anbetet. Eure Tage ſind ge¬ zählt! Er ging zur Thür, ſeine kahle Stirn war geröthet, er ſah Clemens nicht an, der beſtürzt zu Boden ſtarrte. Plötzlich fühlte er die Hand des Va¬ ters auf ſeiner Schulter.

Sage mir offen, mein Sohn, biſt du ſchon ſo weit wie Jene, von deren Treiben ich mit Schau¬ dern geleſen habe? Hältſt du ſchon, wo die ſaubern Materialiſten halten, daß du der Wunder lachſt und der Geiſt dir ein Märchen iſt, das die Dinge ein¬ ander erzählen und dem der Menſch zuhört? Hat weder deine Jugend, noch die Saat der Dankbarkeit, die Gott dir ins Herz geſät, das Unkraut erſticken können? Antworte mir, Clemens!

Vater, ſagte der junge Mann nach einigem Be¬ ſinnen, wie ſoll ich darauf antworten? Ein ganzes Leben hab 'ich darangeſetzt, über dieſe Frage nach¬ zudenken. Ich habe ſie von Männern, die ich ver¬ ehre, auf jede Weiſe beantworten hören. Unter mei¬ nen liebſten Freunden bekennen ſich Einige zu jener Anſicht, die du verdammſt. Ich höre und lerne, und wage noch nicht zu urtheilen.

Wer nicht für mich iſt, der iſt wider mich, ſpricht der Herr.

Wie könnt 'ich wider ihn ſein? Wie könnt' ich wider den Geiſt ſein? Wer läugnet überhaupt den48 Geiſt, wenn er ihn auch an den Stoff bindet? Blei¬ ben nicht ſeine Wunder was ſie ſind, wenn ſie auch nur die Blüte der Natur ſein sollten? Gereicht es einem edeln Bildwerk zur Schande, daß es aus Stein gehauen iſt?

Du ſprichſt wie ſie Alle; ſo berauſcht ihr euch in trüben Gleichniſſen, ſo betäubt ihr euch mit klin¬ genden Worten, daß ihr den Ruf in euch überhört. Und du biſt gekommen, Pfingſten mit uns zu feiern?

Ich bin gekommen, weil ich euch liebe.

Es entſtand eine Stille zwiſchen ihnen. Mehr¬ mals öffnete der Alte den Mund und preßte wieder ſtark die Lippen zuſammen. Sie hörten Marlenens Stimme unten im Haus, und Clemens trat horchend vom Fenſter zurück, an dem er traurig geſtanden hatte. Es iſt Marlene, ſagte der Alte. Haſt du ſie denn vergeſſen? Tritt nicht, wenn deine frevelhafte Genoſſenſchaft ſich in Aberwitz überbot, dem Geiſte ſeine freie Gotteskindſchaft zu beſtreiten, tritt dann nicht das Bild deiner Jugendgeſpielin vor deine Seele? Erinnert ſie dich nicht daran, welche Wunder der Geiſt wirken kann, wenn ihm die Sinne abgeſchnitten ſind, allein aus ſich, will ſagen aus Gott, durch Seine Gnade, in demüthiger Bruſt, die ſtark iſt im Glauben?

Clemens drängte die Antwort zurück, die er wohl bereit hatte. Sie vernahmen jetzt den zarten Schritt49 der Blinden auf der Treppe. Die Thür ging auf und mit gerötheten Wangen ſtand Marlene auf der Schwelle. Clemens! ſagte ſie und heftete die heitern braunen Augen auf die Stelle, wo er wirklich ſtand. Er näherte ſich ihr und faßte die Hand, die ſeiner wartete. Welche Freude haſt du den Eltern gemacht! Willkommen! willkommen! Du biſt ſo ſtill! fuhr ſie fort.

Liebe Marlene. ſagte er, ich bin wieder hier. Ich mußte euch wieder ſehn. Du ſiehſt wohl aus, du biſt noch größer geworden.

Seit dem Frühling bin ich wieder aufgelebt. Der Winter war ſchwer. Es geht mir ſo wohl bei deinen Eltern, Clemens. Guten Tag, lieber Vater, ſagte ſie dann; wir ſind früh am Morgen hinausgegangen, ich konnte Euch noch keine Hand geben. Sie reichte ſie ihm jetzt. Geh hinunter, mein Kind, ſagte der Alte; Clemens wird dich begleiten; du kannſt ihm deinen Garten zeigen. Bis zu Mittag iſt noch eine kleine Friſt. Denk 'an meine Worte, Clemens!

Die jungen Leute gingen. Was hat der Vater? fragte das Mädchen, als ſie unten waren. Seine Stimme klang ſeltſam, auch deine. Hatte er was mit dir?

Ich fand ihn aufgeregt; ſein Blut ſcheint ihm wieder zu ſchaffen zu machen. Hat er nicht geklagt die Tage her?

450

Nicht zu mir. Doch war er oft unruhig und ſchwieg ſtundenlang, daß es auch der Mutter auf¬ fiel. Iſt er ſtreng gegen dich geweſen?

Wir hatten einen Streit über ernſte Dinge. Er fragte mich und ich konnte ihm meine Gedanken nicht verſchweigen.

Das Mädchen war nachdenklich geworden. Erſt als ſie in die freie Luft traten, erhellte ſich wieder ihr Geſicht. Iſt es nicht hübſch hier? fragte ſie und breitete die Hände aus. Wahrhaftig, ſagte er, ich erkenn 'es nicht wieder; was haſt du aus dem kleinen wüſten Fleck gemacht? Seit ich denken kann, ſtan¬ den hier nur die Obſtbäume und die wenigen Malven - und Aſternbeete, und nun iſt es voll von Roſen.

Ja, ſagte ſie, deine Mutter hielt nicht viel auf das Gärtchen, und nun freut ſie ſich auch darüber. Der Schulzenſohn, der die Gärtnerei in der Stadt gelernt hat, ſchenkte mir die erſten Roſenſtöcke und pflanzte ſie ſelber ein. Dann fanden ſich die andern dazu und nun iſt es ganz luſtig. Die ſchönſten blühn aber noch nicht.

Und du pflegſt ſie allein?

Du wunderſt dich, weil ich nicht ſehen kann, ſagte ſie heiter. Ich verſtehe mich aber doch darauf was den Pflanzen gut thut. Ich ſpür 'es am Geruch, ob eins welkt, oder im Aufgehn iſt, oder Waſſer be¬ darf. Es ſpricht ordentlich zu mir. Aber freilich,51 pflücken kann ich dir keine Blume, ich zerſteche mir die Hände.

Ich will es für dich thun, ſagte er und brach ihr eine von den Monatsroſen. Sie nahm ſie. Du haſt ſo viele Knoſpen mitgepflückt, ſagte ſie; ich will mir eine behalten und in Waſſer ſtellen. Da haſt du die blühende wieder.

So gingen ſie den ſaubern Gang hinab, bis die Mutter ſie zu Tiſche rief. Clemens war beklommen, dem Vater gegenüber. Aber Marlene, ſo beſcheiden ſie ſonſt an der Unterhaltung Theil nahm, hatte heut hundert Dinge zu erzählen und zu fragen. Auch der Alte verlor darüber das Nachgefühl des erſten Ge¬ ſprächs mit ſeinem Sohn, und das alte trauliche Verhältniß ſtellte ſich bald wieder her.

Es konnte aber nicht fehlen, daß in den nächſten Tagen die Gelegenheit zum Streit ſich erneuerte. Der Vater erkundigte ſich nach dem Zuſtande der Theo¬ logie an jener Univerſität, und das Geſpräch ſprang bald zu allgemeineren Fragen über. Je mehr Cle¬ mens auswich, deſto eifriger drängte ihn der Alte. Manch beſorgter, zuweilen unwilliger Blick der Mut¬ ter hielt ihn freilich in ſeinem Vorſatz, offene Be¬ kenntniſſe zu vermeiden. Aber wenn er dann ab¬ brach oder ein Wort ſagte, das für ihn leer war, drückte ihm die peinliche Stille das Herz ab. Mar¬ lene wußte immer wieder den alten Ton anzuſchla¬4 *52gen. Aber er ſah, wie auch ſie zu leiden hatte und wich ihr aus, wenn er ſie allein traf; denn er wußte, daß ſie ihn befragt hätte, und ihr hätte er nichts verſchweigen können. Es ſchien ein Schatten über ihn zu fallen, ſobald er ihrer anſichtig wurde. War es jenes kindiſche Verſprechen, dem er untreu ge¬ worden? War es der Glaube, daß ſie in dem Zwie¬ ſpalt der Meinungen, der ihm die Eltern entfremden wollte, ſtillſchweigend auf ihre Seite trat?

Und doch fühlte er eine Neigung zu ihr immer unwiderſtehlicher in ſich, die er ſich nicht mehr ver¬ läugnen konnte und die er mühſam bekämpfte. Denn er war erfüllt von ſeiner Wiſſenſchaft, von ſeiner Zu¬ kunft, und wehrte ſich mit dem Eigenſinn innerer Geſundheit gegen Alles, was ſich hinderlich an ſeine Schritte hängen wollte. Ein Reiſender will ich ſein, ein Fußreiſender, ſagte er ſich oft. Ich muß ein leichtes Bündel haben. Es wurde ihm wunderlich beklemmt ums Herz, wenn er dem Gedanken nach¬ hing, ſich an ein Weib zu feſſeln, das einen Theil ſeines Lebens für ſich verlangte. Und ein blindes Weib, das er ſich ſcheuen mußte je zu verlaſſen! Hier auf dem Dorf, wo Alles ſeinen einfachen Zuſchnitt hatte, den ſie ſeit Kindesbeinen kannte, hier war ſie wohl vor verwickelten Verhältniſſen geborgen, die in der Stadt nicht ausbleiben konnten. So beredete er ſich, daß er auch ihr ein Unrecht thue, wenn er ſich53 ihr nähere. Daß er ihr Schmerzen mache durch ſeine Entſagung, wagte er nicht zu denken.

Er entſchied ſich immer unverhohlener. Am letzten Tage, da er die Eltern umarmt hatte und hörte, Marlene ſei im Garten, ließ er ihr einen Gruß zu¬ rück und mit klopfendem Herzen ſchlug er den Dorf¬ weg ein und wendete ſich dann ſeitwärts über die Felder dem Walde zu. Auch der Garten öffnete ſich nach dem Felde, und der nächſte Weg wäre durch eine kleine Gitterthür gegangen. Er machte einen weiten Bogen. Aber draußen angelangt, vermochte er's nicht, auf dem Rain durch die junge Saat fort¬ zuwandern, ohne umzublicken. So ſtand er in der milden Sonne ſtill und überſchaute die Hütten und Häuſer. Hinter der Hecke, die den elterlichen Garten einfaßte, gewahrte er die ſchlanke Geſtalt des Mäd¬ chens. Ihr Geſicht war ihm zugekehrt, aber ſie ahnte ſeine Nähe nicht. Es trat ihm heiß und heftig ins Auge, er kämpfte das Weinen gewaltſam nieder. Dann ſprang er wie unſinnig über die Gräben und Wege zurück zur Hecke. Sie fuhr zuſammen. Lebe wohl, Marlene, ſagte er mit klarer Stimme. Ich gehe fort, vielleicht auf ein Jahr. Er ſtrich ihr mit der flachen Hand leicht über Stirn und Scheitel. Leb wohl! Du gehſt, ſagte ſie. Was ich dich noch bitten wollte, ſchreibe öfter an die Eltern. Deine Mutter bedarf es. Laß mich auch einmal grüßen.

54

Ja, ſagte er zerſtreut. Dann ging er. Cle¬ mens! rief ſie noch einmal, als er ſchon weg war. Er hörte wohl, aber er ſah nicht wieder um. Es iſt gut, daß er es überhört hat, ſprach ſie leiſe bei ſich ſelbſt. Was habe ich ihm auch zu ſagen?

55

Sechstes Capitel.

Seit jenem Tage wohnte der Sohn nicht wieder längere Zeit in ſeiner Eltern Haus. Jedesmal fand er den Vater herber und unduldſamer, die Mutter immer in gleicher Liebe, aber verſchloſſener gegen ihn, Marlene ruhig, aber bei dem Geſpräch der Männer ſtumm. Sie ließ ſich dann auch wenig ſehn.

In einem klaren Spätherbſt finden wir Clemens wieder oben in der Kammer, in der er als Knabe die Wochen der Geneſung zugebracht hatte. Einer ſeiner Freunde und Studiengenoſſen hatte ihn begleitet. Die herkömmliche Univerſitätszeit war hinter ihnen und ſie kehrten von einer größern Reiſe zurück, auf der Wolf ſich ein Unwohlſein zugezogen hatte, das er in der Stille des Dorfs abzuwarten wünſchte. Clemens mußte es geſchehen laſſen, obwohl er gerade dieſen unter all ſeinen Bekannten am wenigſten ge¬ eignet wußte, dem Vater zu gefallen. Indeſſen rich¬ tete ſich der Fremde wider Erwarten mit Klugheit und Gewandtheit nach der Sinnesart der alten Leute und gewann beſonders die Mutter durch ein heiteres Intereſſe, das er an häuslichen Dingen zu nehmen56 ſchien. Er konnte ihr auch manchen Rath geben und ein Uebel, an dem ſie litt, durch ein einfaches Mittel lindern. Denn er hatte ſich dazu vorbereitet, die Apotheke eines alten Oheims zu übernehmen, ein Beruf, über den ihn Anlagen und Kenntniſſe im Grunde hinauswieſen. Doch er war von Natur be¬ quem und es war ihm recht, beizeiten auszuruhn und zu genießen.

Mit Clemens hatte er innerlich nie etwas gemein gehabt. Und ſo fühlte er ſich auch gleich beim Ein¬ tritt in das Pfarrhaus in einer durchaus fremden Luft und hätte nach der nothdürftigſten Erholung gewiß eine Umgebung verlaſſen, die ihn engte und beſchränkte, wäre ihm das blinde Mädchen nicht beim erſten Blick als ein merkwürdiges Räthſel aufgefallen. Sie hielt ſich zwar von ihm zurück, ſo viel ſie konnte. Als er ihr das erſte Mal die Hand gegeben, hatte ſie ſie mit unbegreiflicher Unruhe ihm wieder entzogen und all ihre Unbefangenheit verloren. Dennoch war er ſtundenlang um ſie und beobachtete ihre Art die Dinge aufzufaſſen, forſchte mit einer munteren Rück¬ ſichtsloſigkeit, die man nicht übel nehmen konnte, nach den Mitteln, die ihr den Verkehr mit der Außenwelt möglich machten, und belauſchte ihre Sinne, wie ſie ſich gegenſeitig für die Entbehrung des einen fehlen¬ den entſchädigten. Er begriff Clemens nicht, daß er ſich ſo wenig aus ihr zu machen ſchien. Der aber57 vermied es mehr als je, dem Mädchen zu begegnen, am meiſten, wenn er ſie in Wolf's Geſellſchaft fand. Er ward dann plötzlich blaß und ſuchte ſich loszumachen, und die Leute im Dorf begegneten ihm oft auf entlegneren Waldwegen, wo er ſich in troſt¬ loſe Betrachtungen vergrub.

So kehrte er eines Abends wieder von einem mißmuthigen weiten Irrgang zurück und trat eben aus dem Wald in die Saatfelder ein, als ihm Wolf entgegen kam. Dieſer war aufgeregter als gewöhnlich. Nach einem langen Beſuch bei Marlenen, die ihn heute beſonders gefeſſelt hatte, war er in die Dorf¬ ſchenke gerathen und hatte ſo viel von dem leichten Landwein getrunken, daß er Luſt bekam, in der Abend¬ kühle ein wenig über Feld zu gehen.

Ihr werdet mich ſo bald noch nicht los, rief er Clemens entgegen. Dieſe kleine blinde Hexe giebt mir noch auf zu rathen. Sie iſt geſcheiter, als ein Dutzend Weiber in der Stadt, die ihre Augen nur haben, um mit Gott und Menſchen zu liebäugeln. Und wie ſie mich kurz hält, das iſt nun vollends ein Meiſterſtück.

Laß dir's lieb ſein, wenn ſie dich ein wenig zah¬ mer macht, ſagte Clemens kurz.

Zahmer? das werd 'ich nimmermehr. Wenn ich ſie ſo anſehe mit ihrer prächtigen Geſtalt und dem ſchönen Geſicht, es iſt wahrlich nicht um zahm zu58 werden. Glaube nicht, daß ich ihr was thun will. Aber weißt du, zuweilen denk ich, wenn ſie einen lieb hätte, das müßte eigen ſein. So eine, die nicht ſieht, die nur Gefühl iſt, und Gefühl wie es ſonſt nirgend ſo fein und ſtark und reizbar gefunden wird, wenn die einem um den Hals fiele, es müßte ihr und ihm ſonderbar wohl thun.

Du thäteſt beſſer, deine Gedanken für dich zu behalten.

Warum? Wem ſchaden ſie? Und wem ſchadet's, wenn ich ſie am Ende ein bischen in mich verliebt mache, um zu ſehen, wie die Nerven ſich dann aus der Ver¬ legenheit ziehen? So vieles von dem innern Feuer verdampft ſonſt durch die Augen; hier aber

Ich verbitte mir, daß du mit ihr experimentirſt, fuhr Clemens auf. Ich ſage dir in allem Ernſte, daß ich dergleichen in Zukunft weder hören noch ſehen will. Danach richte dich!

Wolf ſah ihn blinzend von der Seite an, faßte ihn am Arm und ſagte lachend: Ich glaube gar, du biſt in das Mädchen verliebt und willſt das Experi¬ mentiren dir ſelber vorbehalten. Seit wann biſt du denn ſo ekel? Haſt du mich doch ſonſt ausgehört, wenn ich dir ſagte was ich von den Weibern halte.

Ich bin nicht dein Erzieher; was habe ich mit deinen unſaubern Gedanken zu ſchaffen? Aber daß du jemand damit beſchmutzeſt, der mir nahe ſteht,59 der tauſendmal zu gut dafür iſt, daß du nur dieſelbe Luft mit ihm theilſt, das denk ich noch dir verwehren zu dürfen.

Oho, ſagte Wolf gelaſſen, zu gut, zu gut! Du biſt ein guter Kerl, Clemens, ein zu guter Kerl. Geh mir aus der Luft, guter Junge.

Er gab ihm einen leichten Schlag und wollte gehn. Clemens blieb ſtehn, ſeine Wangen wurden plötzlich blaß. Du wirſt dich erklären, was dieſe Worte meinen, ſagte er feſt.

Daß ich ein Narr wäre. Frage Andere, wenn du willſt. Es wird ſich ſchon einer finden, der mehr Luſt hat, als ich, tauben Ohren zu predigen.

Was heißt das? Wer ſind die Anderen? Wer wagt es, ſchlecht von ihr zu ſprechen? Wer?

Er hielt Wolf eiſern am Arme feſt. Narr, brummte der ärgerlich, du verdirbſt mir den gan¬ zen Spaziergang mit deinen langweiligen Fragen. Laß mich los!

Nicht von der Stelle, eh du mir genug gethan haſt, rief Clemens im höchſten Zorn.

Ich? Mach es mit dem Schulzenſohn aus, wenn du eiferſüchtig biſt. Der arme Teufel! Erſt ſchön zu thun, bis er aus der Haut fahren möchte, und ihm dann einen ſchnöden Laufpaß gegeben. Pfui, iſt das ehrlich? Er hat mir ſeine Noth geklagt; ich habe ihn getröſtet. Sie iſt wie die andern Weiber auch,60 ſagt 'ich ihm, eine Kokette. Jetzt hat ſie ſich an mich gemacht. Wir aber wiſſen ſie zu nehmen, und wer¬ den uns nicht das Maul verbinden laſſen, damit nicht andere gute Jungen in dieſelbe Schlinge rennen.

Nimm dies Wort zurück, ſchrie Clemens außer ſich und ſchüttelte heftig Wolf's Arm.

Warum? Es iſt die Wahrheit, und ich will ſie noch beweiſen. Geh, du biſt ein Kind von einem Menſchen.

Und du biſt ein Lump von einem Teufel.

Oho, nun kommt die Reihe an dich zu wider¬ rufen!

Ich widerrufe nicht.

So weißt du, was die Folge iſt. Du hörſt von mir, ſobald wir in der Stadt ſind.

Damit ging er kaltblütig von ihm, dem Dorfe zu. Clemens blieb eine Weile wo er ſtand. Der Elende! brach es von ſeinen Lippen. Seine Bruſt arbeitete heftig, ein bitterlicher Schmerz niſtete in ihr; er warf ſich zwiſchen den Aehren zu Boden und lag lange, jedes Wort, das ihn empört hatte, tau¬ ſendmal wiederholend.

Als er ſpät am Abend in das Haus zurückkehrte, fand er gegen ſeine Erwartung die Familie noch bei¬ ſammen.

Wolf fehlte. Der alte Herr ging mit ſtarken Schritten durch das Zimmer; die Mutter und Mar¬61 lene ſaßen und hatten eine Arbeit auf dem Schoß gegen die Sitte des Hauſes zu ſo ſpäter Zeit. Als Clemens ins Zimmer trat, ſtand der Pfarrer ſtill und wandte das Haupt ernſt nach ihm um.

Was haſt du mit deinem Freunde gehabt? Er iſt auf und davon, da wir über Feld waren, und hat nur einen kurzen Gruß hinterlaſſen. Als wir nach Hauſe kamen, fanden wir einen Boten, der ſeine Sa¬ chen abholte. Habt ihr euch verfeindet? Denn warum ſollte er ſonſt ſo übereilt unſer Haus verlaſſen?

Wir hatten einen Wortwechſel. Es iſt mir lieb, daß ich ihn nicht mehr unter dieſem Dache finde.

Um was entzweitet ihr euch?

Ich kann es dir nicht ſagen, Vater. Ich hätt 'es gerne vermieden. Aber es gibt Dinge, die ein rechtſchaffener Menſch nicht mit anhören darf. Ich kannte ihn lange, daß er roh iſt und weder ſich noch irgend wen ſchont. So wie heut, ſah ich ihn nie.

Der Pfarrer ſah den Sohn an und ſagte mit lei¬ ſerer Stimme: Wie werdet ihr's ausmachen?

Wie es Sitte iſt unter jungen Leuten, erwie¬ derte Clemens ernſt.

Weißt du, wie es unter Chriſten Sitte iſt, Beleidigungen auszugleichen?

Ich weiß es, aber ich kann nicht ſo handeln. Wenn er mich beleidigt hätte, ſo könnt 'ich ihm ver¬ geben, und ihm die Züchtigung ſchenken. Aber er hat ein Weſen beleidigt, das mir ſehr nahe ſteht!

62

Ein Mädchen, Clemens?

Ja, ein Mädchen.

Und du liebſt dieſes Mädchen?

Ich liebe ſie, ſagte halblaut der junge Mann.

Ich hab 'es mir gedacht, fuhr der Alte auf. Die Stadt hat dich verdorben; du biſt der Welt¬ kinder eines geworden, die den Dirnen nachgehen und ſich raufen um ſie und ſie zu ihren Götzen er¬ wählen. Ich aber ſage dir, ſo lang ich lebe, will ich arbeiten, dich zum Herrn zurückzuziehen, und will deine Götzen zertrümmern. Hat Gott Wunder an dir gethan, damit du ihn verläugneſt? So wäre es beſſer, du ſäßeſt noch in der Nacht und hätteſt die Thore ewig verſchloſſen, durch die der böſe Geiſt mit ſeinen Verlockungen in dein Herz gedrungen iſt.

Mühſam bezwang der junge Mann ſeine Auf¬ wallung. Was gibt dir ein Recht, Vater, rief er endlich, mir unedle Neigungen zuzutrauen? Weil ich thun muß, was nöthig iſt, um in der Welt den Uebermuth des Gemeinen niederzuhalten, bin ich dar¬ um niedriger? Es gibt verſchiedene Wege, gegen den unſaubern Geiſt zu kämpfen. Deiner iſt friedlich, denn du haſt es mit der Maſſe zu thun. Ich ſtehe dem Einzelnen gegenüber und kenne meinen Weg.

Du wirſt ihn nicht wandeln, rief der Alte ei¬ fernd aus. Willſt du Gottes Gebote mit Füßen treten? Der iſt mein Sohn nicht mehr, der die Hand63 an ſeinen Bruder gelegt hat. Ich verbiete dir den Kampf kraft meiner väterlichen und prieſterlichen Gewalt. Hüte dich, ihr zu trotzen!

So ſtößeſt du mich aus deinem Hauſe, ſagte Clemens düſter. Eine Pauſe trat ein. Die Mutter, die in Thränen ausgebrochen war, ſtand auf und ſtürzte zu ihrem Sohn. Mutter, ſagte er ernſt, ich bin ein Mann, ich darf mir nicht untreu wer¬ den! Er näherte ſich der Thür und blickte nach Marlenen hinüber, die ihn mit den blinden Augen ſchmerzlich ſuchte. Die Mutter folgte ihm, ſie konnte vor Schluchzen nicht ſprechen. Halt ihn nicht auf, Frau! rief der alte Mann. Er iſt unſer Kind nicht, wenn er Gottes Kind nicht ſein will. Laß ihn gehn, wohin er will. Er iſt todt für uns!

Marlene hörte die Thür gehen und die Pfarrerin mit einem Schrei des tiefſten Mutterherzens zu Bo¬ den ſtürzen. Da wich die Lähmung von ihr, in der ſie bisher geſeſſen hatte. Sie ſtand auf, ging zur Thür und trug mit gewaltſamer Anſtrengung die ohnmächtige Frau auf ihr Bett. Der Alte ſtand am Fenſter und ſprach kein Wort. Seine gefalteten Hände zitterten heftig.

Eine Viertelſtunde ſpäter klopft 'es oben an der Thür von Clemens Kammer. Der junge Mann öff¬ nete und ſah Marlenen vor ſich ſtehen. Sie trat ſtill hinein. Die Kammer war voll Unordnung. Sie64 ſtieß mit dem Fuß an den Reiſekoffer und ſagte ſchmerzlich: Was willſt du thun, Clemens? Da brach ihm ſein ſtarrer Schmerz. Er ergriff ihre Hände und drückte ſeine Augen dagegen, die in Thränen ſtanden. Ich muß es thun, rief er weich. Ich habe lange empfunden, daß ich ſeine Liebe ver¬ loren habe. Vielleicht fühlt er, wenn ich ihm fern bin, daß ich nie aufgehört habe, ſein Kind zu ſein.

Sie richtete ihn auf und ſagte: Weine nicht ſo! ich habe ſonſt nicht die Kraft, dir das zu ſagen, was ich dir ſagen muß. Deine Mutter würde es ſagen, wenn der Vater ihr nicht wehrte. Ich hörte es ſei¬ ner Stimme an, wie ſchwer es ihm ankam, hart zu ſein. Aber er wird hart bleiben, ich kenne ihn wohl. Er glaubt, daß ſeine Strenge Gottesdienſt ſei, daß er ſein eigen Herz zum Opfer bringen müſſe.

Und du glaubſt auch, daß er es müſſe?

Nein, Clemens. Ich weiß nicht viel von der Welt und kenne die Geſetze der Meinung nicht, die Ehrenmännern den Zweikampf gebieten. Aber dich kenne ich genug, um zu wiſſen, daß der Leichtſinn der Welt dir nichts anhaben konnte, daß du dein Thun und Laſſen mit aller Strenge prüfſt, auch die¬ ſen Schritt. Du wirſt ihn der Welt ſchuldig ſein und deiner Geliebten. Aber du biſt deinen Eltern mehr ſchuldig, als Beiden. Ich kenne das Mädchen nicht, das man dir beleidigt hat, und fühl 'es wohl65 nicht ſo ganz, wie es dich aufbringen muß, für ſie nicht Alles zu thun. Unterbrich mich nicht. Glaube nicht, daß die Furcht mit im Spiele ſei, du könnteſt mir um ihretwillen den Reſt der Freundſchaft ent¬ ziehen, den du mir in den letzten trennenden Jahren bewahrt haben magſt. Ich gönne ihr dich ganz, wenn ſie dich glücklich macht. Aber du darfſt das um ihret¬ willen nicht thun was du thun willſt, und wäre ſie dir theurer, als Vater und Mutter. Du darfſt nicht im Zorn aus deiner Eltern Hauſe gehen, das ſich dir dann auf immer verſchließt. Dein Vater iſt alt und wird ſeine Grundſätze mit ins Grab nehmen. Er hätte dir den Kern und den Inhalt ſeines ganzen Lebens zu opfern, wenn er nachgäbe. Du opferſt ihm die flüchtige Achtung, die du in den Augen fremder Menſchen beſitzeſt. Denn wenn jenes Mäd¬ chen, das du liebſt, ſich von dir losſagen könnte, weil du die alten Tage deines Vaters nicht verbit¬ tern wolleſt, ſo wäre ſie deiner nie werth geweſen!

Die Stimme verſagte ihr. Er hatte ſich auf ei¬ nen Stuhl geworfen und ſtöhnte heftig. Sie ſtand noch immer nahe an der Thür und wartete, was er ſagen würde. Auf ihrer Stirn lag ein ſeltſam ge¬ ſpannter Zug, als horche ſie mit den Augen zu ihm hinüber. Plötzlich ſprang er auf, trat zu ihr, legte ihr beide Hände auf die Schultern, und rief: Für dich wollt 'ich's thun, nnd für dich bezwing' ich mein566Herz! Damit ſtürmte er an ihr vorbei und die Treppe hinab.

Sie blieb droben. Seine letzten Worte hatten ihr ganzes Weſen erſchüttert, und eine Fluth jauchzender Gedanken ſtrömte über ihr ſcheues, ungläubiges Herz. Sie ſetzte ſich zitternd auf den Mantelſack. Für dich, für dich! klang es ihr im Ohr. Sie fürchtete faſt ſeine Rückkehr, wenn er es anders gemeint hatte und wie ſollte er es nicht anders meinen? Was war ſie ihm?

Endlich kam er wieder herauf. Die Unruhe drängte ſie, ſie ſtand auf und wollte aus der Thür. Da trat er ein und faßte ſie in die Arme und ſagte ihr Alles.

Ich bin der Blinde! rief er. Du biſt die Sehende, die Seherin. Was wär 'ich jetzt ohne deine Klarheit? Ein Verwaiſ'ter durch alle Zukunft, vertrieben von allen Herzen, die ich liebe, durch un¬ ſelige Verblendung! Und nun nun Alles wieder mein, und mehr als ich wußte, als ich ſonſt mir gönnte!

Sie hing ſtumm und heftig hingegeben an ſeinem Halſe. All die lang verhaltene Innigkeit ward frei und glühte in ihrem Kuß und verachtete die armen Worte.

Der Tag brach an über ihrem Glück. Nun wußte er auch, was ſie bisher ſtandhaft verſchwiegen hatte, und was dieſelbe Kammer mit angeſehen, in der ſie67 jetzt, für immer einander unverlierbar, in der an¬ brechenden Frühe ſich die Hände drückten und ſchieden.

Im Laufe des Tages kam ein Brief, den Wolf noch in der Nacht vom nächſten Dorfe aus geſchrie¬ ben hatte. Clemens ſolle es gut ſein laſſen, ſchrieb er; er nehme Alles zurück, er wiſſe am beſten, daß es alberne Lügen ſeien. Der Aerger habe ſie ihm ausgepreßt und die Weinlaune. Er habe es ihm freilich verdacht, wie er ſo kalt herumgegangen ſei, da es ihn nur ein Wort gekoſtet hätte, ein ſolches Mädchen zu haben. Und wie er dann geſehn, daß es Clemens Ernſt ſei, habe er gegen das geläſtert, was ihm ſelber für immer verſagt bleibe. Er ſolle ihn nicht für ſchlimmer halten als er ſei, ihn auch gegen das Mädchen und die Eltern entſchuldigen und ſich nicht ganz und gar von ihm losſagen.

Als Clemens dieſe Zeilen Marlenen vorgeleſen, ſagte ſie bewegt: Er dauert mich nun! Mir war nicht wohl, als er da war, und wie viel hätte er ſich und uns erſparen können! Aber ich will nun ruhig an ihn denken. Wie viel haben wir ihm zu verdanken!

5 *
[68][69]

Marion.

[70]71

Zur Zeit als der heilige Ludwig in Frankreich die Krone trug, war die gute alte Stadt Arras ge¬ rade um ſechshundert Jahre jünger als heutzutage. Daß ſie aber tauſendmal luſtiger war, hatte ſie außer ihrer Jugend vor Allem der edlen Poetenzunft zu danken, die in ihr hauſ’te und durch Lieder und Mi¬ rakelſtücke und kurzweilige gereimte Romane den Ruhm ihrer Vaterſtadt weit über das ſchöne Frankreich ver¬ breitete.

Nun war es im frühen Frühling, daß in einem Gärtchen zu Arras hinter dem Haus eines dieſer wackern Poeten ein junges Weib beſchäftigt war, Reben an das Geländer zu binden. Sie war zierlich gewachſen, von jener feinen behaglichen Fülle, die ein friedliches Gemüth anzuzeigen pflegt, und gar anmuthig von Geſicht. Stille ſchwarze Augen ließ ſie dann und wann über den Garten ſchweifen, als wüßten ſie weder von Freud 'noch Leid. Aber ihre Hände feierten und träumten nicht. Nach der Sitte wohlhabender Bürgerinnen trug ſie das blonde Haar mit mancherlei künſtlichem Bänderſchmuck geziert, den72 Rock aber aufgeſchürzt der Arbeit und wohl auch den hübſchen kleinen Füßen zu Liebe.

Wie nun das ſchöne Geſchöpf in ſeiner gleichmü¬ thigen Thätigkeit ſchon tiefer in das Gärtchen vor¬ geſchritten war, erſchien in der Thür des Hauſes, die nach dem Garten offen geſtanden, ein Mann, der an Geſtalt und Weſen einen auffallenden Ge¬ genſatz zu dem jungen Weibe machte. Er war von mittlerem Wuchs, lebhaftem Blick und unregelmäßigen Zügen. Sein ſchwarzes Mäntelchen verdeckte ſchlecht die linke hohe Schulter, und ſeine Beine waren in ſehr ungleichem Stil gebaut. Aber die ganze zuſam¬ menhangloſe Geſtalt wurde durch Raſchheit und Le¬ bendigkeit der Bewegung in Fluß gebracht, und um den Mund ſpielte ein Zug, der ihn im Spott ge¬ fährlich und in der Freundlichkeit hinreißend machen mußte.

Der Mann ſah eine Weile der jungen Gärtnerin zu und ſchien ſich ihrer Schönheit zu erfreuen. Er wiegte unſchlüſſig den Kopf. Endlich drückte er den barettartigen Hut mit der grünen Hahnenfeder tiefer in die Stirn und ſchritt haſtig der Schönen nach.

Das junge Weib ſah um, ihre Wangen färbten ſich leiſe und die Augen begannen zu ſchimmern. Sie ließ die Hände ſinken und ſah dem Kommenden ſtumm entgegen.

Guten Tag, Marion, ſagte der Mann in faſt rauhem Ton. Iſt Jemand außer dir im Garten?

73

Nein, Adam.

So iſt's gut; ich habe mit dir zu reden. Du biſt ein gutes Weib, Marion, und thuſt deine Pflicht. Aber ich muß dir ſagen, ich halt's doch nicht aus mit dir.

Die ſchönen Wangen der Frau wurden todten¬ blaß. Aber ſie ſchwieg und ſah ſtill vor ſich hin.

Nein, fuhr Adam fort, ich halt 'es nicht aus. Du biſt bildſchön, Marion, und das weiß ich jetzt, vier Wochen nach der Hochzeit, beſſer, als da ich um dich freite. Aber du biſt langweilig, Marion. Ich will nicht ſagen, daß du keinen Verſtand haſt. Aber die heilige Jungfrau mag wiſſen, ob er ſchläft oder in guter Hoffnung irgend eines großen Gedankens iſt, und wann der zur Welt kommt. Ich habe dar¬ auf warten wollen; nun reißt mir die Geduld. Haſt du die ganze Zeit, daß wir Mann und Frau ſind, einmal ſo recht geplaudert oder einen Witz gemacht, oder haben meine Poſſen mehr Gnade vor dir ge¬ funden, als ein halbes Lächeln? Biſt du nicht ſtill deiner Wege gegangen wie ein wandelndes Steinbild? Was hilft mir's, daß ich dann und wann die Er¬ fahrung mache, du ſeieſt dennoch von Fleiſch und Blut, wenn ich vom Morgen bis Abend meine Späße allein belachen muß und meine Verſe allein ſchön fin¬ den? Ich Narr! Ich hätt's freilich früher bedenken ſollen damals, als ich mich in dich verliebte. 74 Nun, dacht' ich, ſie wird ſchon aufthauen. Aber ſage ſelbſt, Marion, haben wir uns nicht zuſammen ge¬ langweilt wie nur je ein chriſtliches Ehepaar?

Das junge Weib ſchwieg beharrlich. Aber die Augen füllten ſich ihr mit ſchweren Tropfen. Adam riß heftig an einem jungen Zweig und ſprach weiter:

Ich will nicht ſagen, daß andere Frauen beſſer ſind oder auf die Länge unterhaltender. Ich ſage das nicht, und ſo bin ich dir Dank ſchuldig, denn du haſt mich bei Zeiten überzeugt, daß ich einen dummen Streich begangen habe, als ich ein Weib nahm. Aber zum dritten Mal: ich halt's hier nicht aus! Soll ich in meinen jungen Jahren in dieſem Neſt verkommen und eintrocknen, bloß weil ich den Einfall hatte, dich ſchön zu finden? Und in Paris an den Hof des Königs, in die Säle der Prinzen, wo mir meine Kunſt Ehre und Anſehn einbrächte, ſoll ich keinen Fuß hineinſetzen? Und keinen Fuß in die Häuſer der gelehrten Doctoren an der Univer¬ ſität, wo in einer Stunde mehr geſcheites Zeug ge¬ ſprochen wird, als du in einem Jahr vorbringſt? Und das Alles, weil du ein ſchönes Weib biſt denn das biſt du und zufällig mein eignes Weib. Soll mich der Teufel in einen Pfannekuchen backen, wenn ich mir das gefallen laſſe!

Er ging einigemal auf und ab, lebhaft geſticuli¬ rend, ſah dann ſeine Frau von der Seite an und fuhr wieder fort:

75

Zeigſt du nun nicht, daß ich Recht habe? Warum weinſt du nicht, wie andere ordentliche Frauen, und fällſt mir um den Hals und bitteſt mich zu bleiben, und ich ſei dein lieber Adam, dein einziger, dein hübſcher Adam wenn ich auch nicht hübſch bin und verſprichſt was du kannſt, ob du's auch nie zu halten gedächteſt? Nun ſtehſt du da und weißt dir nicht zu helfen. Soll ich meine Kunſt und meine jungen Jahre darum hingeben, dich anzuſtarren? Und wenn wir Kinder kriegen und ſie arten nach dir, ſoll ich dann Luſt behalten, das geringſte Tanz¬ lied zu machen, wenn ſechs oder ſieben Jungen und Mädchen alle bildſchön und alle bildſtumm um mich herumſitzen?

Aber wir wollen nicht in Unfrieden von einander gehn, und darum ſage ich dir in aller Lieb 'und Freundſchaft, du kannſt mein Weib nicht länger ſein. Ich will fort nach Paris, ſobald ich Geld aufbringen kann. Du gehſt dann zu den Eltern zurück, oder wenn du zu meinem alten Onkel willſt, der dich ſo lieb hat, wirſt du auch gut aufgehoben ſein. Und es ſoll dir an nichts fehlen, und wenn du ein Kind bekommſt, will ich's halten als mein Kind, aber mit dir zuſammenbleiben kann ich nicht, Marion, bei mei¬ ner Seelen Seligkeit. Ein Poet bin ich und das will ich bleiben, und Langeweile iſt Gift für die fröh¬ liche Kunſt. Nun geh' ich zum Onkel. Und ſei hübſch vernünftig und laß uns in Freundſchaft ſcheiden.

76

Er hielt ihr die Hand hin, aber ſie ſah es nicht vor Thränen. Auch war ihm nicht darum zu thun, länger abzuwarten, ob ſie ſich betragen würde wie er's den ordentlichen Frauen nachgeſagt hatte. Er wandte ſich raſch zur Thür und verſchwand im Hauſe.

Eine Stunde nachdem das Ehepaar ſo in Freund¬ ſchaft geſchieden war, that ſich die Thür eines ſtatt¬ lichen Hauſes auf, in dem der reiche Rathsherr, Adam's Oheim, wohnte, und Adam trat eilig heraus in heftiger Aufregung. Er entfernte ſich, ohne des Weges zu achten, und dann und wann brachen einige Sätze ſeines innerlichen Selbſtgeſpräches hervor, wäh¬ rend er die Fauſt ballte oder in ſeinen langen rund¬ geſchnittenen Haaren wühlte.

Der Filz! brummte er; und er hatte noch Lappen von Tugenden, um die Blöße ſeines Geizes damit zu bedecken! Was geht es ihn an, wenn ich mich mit meiner Frau friedlich auseinanderſetze? Mag er ſie doch nehmen, wenn es nicht ſchade wäre um die ſchöne junge Creatur! Freilich, ob ich hier verſaure oder nicht, das iſt ſeinem Beutel nicht unbequem. Aber herumfahren und die Welt ſehn und Wiſſen¬ ſchaft ſammeln, das thut dem Junker Beutel weh. Pah! Weil er mir das Häuschen überlaſſen hat und die Wirthſchaft eingerichtet, darum ſoll ich feſt¬ frieren in Arras und mit den andern Lumpen von Versmachern zuſammenhocken und mein Licht unter77 den Scheffel ſtellen? Und wenn ich's treiben müßte wie ein gemeiner Spielmann und Affen und Hunde abrichten, um mich nach Paris durchzuſchlagen ich will dem alten Geizkragen zeigen, daß Adam de la Halle kein Weiberknecht iſt, ſondern ſeine eignen Straßen zu wandern weiß.

Und dieſe eignen Straßen führten ihn diesmal geradeswegs in die drei Lilien, die erſte Schenke der guten alten Stadt Arras. Wenig Leute waren um die Stunde in der Schenkſtube. Adam ſetzte ſich ſtumm in einen Winkel und ſah nicht auf, bis der Wirth, der ihm Wein brachte, ihn ehrerbietig begrüßte. Ihr kommt wie gerufen, Meiſter Adam, ſagte der Lilienwirth. Da iſt einer von meinen Gäſten, ſeht Ihr, der da drüben am Ofen ſitzt und nach Euch herüberſchielt. Der hat vor einer Woche die Bande Schauſpieler in die Stadt geführt, die auf Oſtern das große Paſſionsſpiel im Münſter darſtellen ſollen; die Herren Geiſtlichen haben ſie kommen laſſen. Und nun ſind noch an die vierzehn Tage bis dahin, und die Leute lungern müßig herum und zehren ihren Lohn im voraus auf, und der Herr Anführer der Bande hat bei mir ſein Quartier und zecht immer auf die Kreide los. Herr, ſagt 'ich ihm kurz bevor Ihr kamt, wenn Ihr inzwiſchen einen Haufen Geld zu¬ ſammenbrächtet mit Eurer Kunſt, das thäte Euch und mir noth und gut. Ja, ſagt' er, wer nur ein ſau¬78 beres Stück hätte, ein Myſterium oder ein Mirakel; denn meinen ganzen Packen Scripturen hab 'ich in Cambrai liegen laſſen, bis auf das Paſſionsſtück. Ei Herr, ſagt' ich da, es wimmelt bei uns zu Land von trefflichen Trouvères und Ditiers und Jongleurs; und da iſt der Meiſter Adam de la Halle, der ſteckt ſie Alle in die Taſche. Bei Sankt Niklas, ſprach der Mann, ich wollt 'ihm die Hälfte von der Ein¬ nahme geben, wenn er mir ein gutes Stück verfaßte und das auch Zulauf hätte. Da kamt Ihr juſt in die Thür. Und nun ſchickt er mich, daß ich Euch frage.

Adam ſtand auf, ſtürzte den Wein hinunter und ging dann gerade auf den Führer der Hiſtrionenbande zu, der ehrerbietig aufſprang und ſich verneigte. Sie ſprachen kurze Zeit mit einander. Dann ſchüttelten ſie ſich die Hände. So ſei's, ſagte Adam, in acht Tagen ſpielt Ihr's, und Tags drauf hab 'ich mein Geld, und nun behüt' Euch unſre liebe Frau! Ich will gehn und das Ding ins Werk ſetzen. So ging er denn und nach ſeiner Gewohnheit murmelte er was zwiſchen den Zähnen, das ungefähr klang wie: Sie ſollen an mich denken!

Da nun etwa acht Tage verfloſſen waren, ſaß eines Nachmittags Marion in ihrer Kammer, mit rothgeweinten Augen und blaßgehärmtem Geſicht, blätterte in alten Manuſcripten, die ſie auf dem Schoß hatte, und überhört 'es ganz, daß die Thür aufging79 und eine ihrer Geſpielinnen hereintrat. Erſt als dieſe ihren Namen rief, ſchreckte ſie in die Höhe. Gu¬ ten Tag, Perrette, ſagte ſie. Was bringt dich her? Oder was hält dich hier, Marion? ſprach das Mädchen flink; du ſitzeſt und weinſt, und gehſt nicht nach den drei Lilien, wo doch heut das neue Stück deines Mannes von den fremden Schauſpielern auf¬ geführt wird? Das heiß' ich eine Frau! Ich liefe doch Allen zuvor, wenn ich einen Mann hätte, der die halbe Stadt in den Hof der alten Schenke lockte. Geh, was haſt du nur? Haſt alte Gedichte geleſen, die dein Adam auf dich gemacht hat? Nun, ich meine, die wüßteſt du an den Fingern herzuſagen, wie den Roſenkranz. Die arme Frau fing bitterlich an zu weinen. Weißt du's denn noch nicht, ſchluchzte ſie, und ſpricht nicht die ganze Stadt davon, daß er fort will nach Paris und mich im Stich laſſen und nim¬ mer heimkommen? Ach Narrheiten, eiferte Per¬ rette. Wie haſt du dir das eingebildet? Er hat mirs ſelbſt haarklein geſagt, und ſeit dem Tag iſt er nicht ins Haus gekommen zur Eſſenszeit, und Nachts erſt ganz ſpät, und hat ſich unten im Erker gebettet. Ei nun, er hat alle Hände voll gehabt, das Spiel herzurichten; und dann, die Mannsleut ſtecken voll Grillen, Marion, und müſſen immer was haben, uns zu plagen; doch Gottlob! es iſt nicht alles Ernſt was nicht lacht. Trockne dir die Augen, ſei eine geſcheite80 Frau und komm ins Schauſpiel. Was ſoll dein Mann denken, wenn du nicht einmal Luſt haſt ſein Stück zu ſehn!

So halb tröſtend, halb ſcheltend zog ſie die be¬ trübte junge Frau zur Kammer hinaus nach den drei Lilien. Dort ſah es bunt genug aus. In dem ge¬ räumigen Hof hatte ein gut Theil der Bürgerſchaft auf Bänken Platz genommen; die Fenſter der niedern Seitenflügel waren zu Logen für die Honoratioren eingerichtet, die Bühne aber in einer Scheune am Ende des Hofes aufgeſchlagen, deren mächtige Thor¬ flügel man zu dem Ende ausgehoben hatte. Marion und Perrette kamen eben, als die Dame Avaritia abtrat, die den Prolog geſprochen und manchen rei¬ chen Herrn der guten Stadt ihrer fernern Protection verſichert hatte. Kein Plätzchen war für die beiden Schönen weder im Hof noch an einem der Fenſter frei gelaſſen. Perrette aber ließ ſich nicht abſchrecken, und da ſie die Wege wußte, machte ſie ſich Bahn durch eins der Seitengebäude und drang mit Marion bis zu der Scheune vor. Hier ſtellten ſie ſich hinter die großen Linnentücher, mit denen man die Bühne abgegrenzt hatte, und ſchauten durch den Spalt der Vorhänge dem Spiele zu, ungehindert von dem Per¬ ſonal des Stücks, das in ſeinen abenteuerlichen Ver¬ kleidungen den beiden Schönen den Hof zu machen ſuchte. Marion achtete der Zudringlichen nicht und81 blieb geſpannt auf derſelben Stelle. Perrette fertigte das Schauſpielervolk mit ihrem flinken Zünglein von Zeit zu Zeit verſtändlich genug ab.

Meiſter Adam aber, der ſich nicht träumen ließ, daß ſein junges Weib ihm zuſah, war indeß von der andern Seite aufgetreten, und zwar in ſeinem eige¬ nen Coſtüm und Charakter. Er begann in ſchönen Verſen ſeine Noth zu klagen: er wolle nach Paris und habe keinen Heller in der Taſche, und ſein ſtein¬ reicher Onkel