Die Wolfiſchen Unterſuchungen über die urſprüngliche Geſtalt der Homeriſchen Geſänge haben ſich theils durch ihre innere, in den Hauptpunkten wenigſtens unangreifbare Beweiskraft, theils durch die Anwendung auf andere Werke der älteſten Griechiſchen Poeſie ſo kräftig bewährt, daß nun ſchon, wo ſich bei anderen Völkern an Gedichten aus uralter Zeit derſelbe räthſelhafte, wahrhaft epiſche Cha - rakter zeigt, die Vermuthung rege gemacht oder wenig - ſtens eine ſtrenge Unterſuchung unerläßlich wird, ob ſie vielleicht auf eine ähnliche Art, wie jene, entſtanden und erſt allmählig zu ihrer letzten feſten Geſtalt gediehen ſein mögen.
So wurde ich auf eine gleiche Unterſuchung geleitet, die von jenen, aus denen ſie gefloſſen iſt, Beſtätigung hofft, ſo wie ſie hingegen ſelbſt durch ihre Ausführung jene noch mehr zu bekräftigen und wo möglich zum Theil noch zu ihrer genaueren Beſtimmung ein Weniges beizu - tragen wünſcht. Ich glaube nämlich und werde in dem Folgenden zu beweiſen ſuchen, daß unſer ſo genanntesA 24Nibelungenlied, oder beſtimmter, die Geſtalt deſſelben, in der wir es, aus dem Anfange des dreizehnten Jahr - hunderts uns überliefert, leſen, aus einer noch jetzt er - kennbaren Zuſammenſetzung einzelner romanzenartiger Lie - der entſtanden ſei.
Wenn dieſe Behauptung nicht neu erſcheinen möchte, weil einige von den Männern, die ſich mit ſo regem Eifer der Kenntniß und Erforſchung altdeutſcher Dichtung ge - widmet, eben dieſelbe oder doch manche ihr auffallend ähnliche aufgeſtellt haben:1) ſo würde dies theils eine ge - nauere mehr ins Einzelne gehende Erörterung nicht aus - ſchließen; theils ſcheint es auch, daß zu ihrer rechten Feſt - ſtellung und Begründung mehrere zwar verwandte und ſich überall berührende Fragen, deren jede aber dennoch in einen anderen Kreis eingeſchloſſen iſt, beſtimmter, als bisher geſchehen zu ſein ſcheint, von einander getrennt werden müſſen.
Man hat ſich mi[t]Recht beſtrebt, von der einen Seite her das Geſchichtliche, aus dem Sage und Lied allmählig gebildet worden, zu erforſchen; man hat in anderer Bezie - hung angefangen, dem Zuſammenhange und der Ausbil - dung der Sage, und der Dichtung mit ihr, nachzuſpüren. Durch die Verbindung beider Unterſuchungen iſt ſchon ein Bedeutendes für die Geſchichte der Sage und des ganzen Deutſchen Liederkreiſes gewonnen. Von dieſer möchte ich nun aber einmahl die Geſchichte dieſes einzelnen Gedichts von der Nibelungen Noth abſondern; und wenn die frü - heren Forſchungen meiſtens auf die Geſchichte des ganzen Sagenkreiſes gerichtet waren, oder, wo ſie auf dieſes Werk insbeſondere bezogen wurden, dennoch immer mehr die Bildungsgeſchichte aller in dieſe Reihe gehörigen Lieder5 trafen, ſo iſt dagegen meine oben aufgeſtellte Behauptung nur in Beziehung auf dieſes Gedicht gemeint, und ſoll in dem Folgenden auch einzig und allein durch dieſes durch - geführt werden.
Dabei mag nun die Frage fürs erſte ausgeſetzt blei - ben, deren Beantwortung großentheils ſelbſt erſt von dem Erfolg unſerer Forſchungen abhangen wird, ob das Ge - dicht in ſeiner jetzigen oder einer ihr ſehr ähnlichen frühe - ren Geſtalt ein künſtliches ſei, oder ein Volkslied,2) und im letzteren Falle vielmehr aus Volksliedern zuſammenge - fügt. Bei den Homeriſchen Geſängen iſt dieſe Frage eben - falls zur Sprache gekommen und ein bedeutender Theil des Beweiſes eben darauf gebaut worden. Aber bei dieſen war ausgemacht, daß ſie von Sängern und Rhapſoden geſungen worden: dagegen, wie gewiß es ſein mag, daß ein Theil der Lieder, die unſerem Deutſchen Sagenkreiſe ange - hören, bis ins ſiebzehnte Jahrhundert hinein im Munde des Volkes lebte, ſo iſt doch gerade von unſerem Liede noch durch kein beſtimmtes Zeugniß bewieſen, daß es je - mahls unter das Volk gekommen, und am wenigſten, daß es in ſeiner gegenwärtigen Geſtalt je nicht bloß geleſen, ſondern geſungen ſei .3).
Auch ſcheint in der That auf den erſten Blick in der ganzen Geſtalt und Darſtellung des Gedichts gar ſehr Vie - les der Behauptung, daß es aus mehreren Liedern zuſam - mengefügt ſei, zu widerſprechen; ſehr Vieles deutet, ſo lange man ſich nicht verbunden hält, einen ſpäteren Über - arbeiter und Ordner anzunehmen, auf einen einzigen Ver - faſſer des ganzen Werkes, der ſich mit demſelben überall6 einem beſtimmten Zeitalter anweiſet. Denn der Sprache zuvörderſt iſt doch ganz deutlich durch und durch der Stem - pel der Jahrzehende auf der Gränze des zwölften und drei - zehnten Jahrhunderts aufgedrückt, wiewohl noch hin und wieder auch beſonders einige Freiheiten der Wortfügung auf eine etwas frühere Zeit hinzudeuten ſcheinen. Fer - ner führt uns in eben jene Jahre die ausgezeichnete Rein - heit der Reime,4) die im zwölften Jahrhundert bis auf Heinrich von Veldig niemand erreicht hatte; denn dieſer Dichter, der nach dem Ausdruck Gottfrieds von Straßburg das erſte Reis in deutſcher Zunge impfte, hat zuerſt das bis dahin allgemeine Schwanken zwiſchen Reim und Aſ - ſonanz durch ſeine ſtrengen Reime faſt ganz aufgehoben. Eine Eigenthümlichkeit aber eben dieſer Reime in unſerem Liede ſcheint eben ſo deutlich auf einen einzigen Dichter des ganzen Werkes hinzuweiſen; ich meine die ſehr be - merkliche Armuth, die ſich überall in einer oft lange fort - geſetzten Wiederhohlung derſelben Reime und Reimwörter offenbart5). Dann iſt ja aber die Darſtellung gewiß im Ganzen ſich gleich genug; überall jedes in ſeiner Erſchei - nung rein ohne Schmuck dargeſtellt; überall dieſelben Be - ſchreibungen, beſonders der Kleidung; dieſelben Andeutun - gen des Zukünftigen, bald das Nähere, eben ſo oft auch den endlichen Schluß des Ganzen verkündigend. Dieſes Ganze ſelbſt gibt ſich als Eins: dem Dichter iſt Kriemhil - dens Rache an Siegfrieds Mördern und der Untergang der anderen, die ſie mit ſich ins Verderben reißen; ihm iſt in höherem Sinne die Idee des Schickſals, das immer Leid auf Freude muß folgen laſſen,6) das Bewegende und Treibende des ganzen Werkes. Ja auch der Name des Ganzen, der Nibelungen Noth, obwohl ihm hätte ein paſſenderer mögen gegeben werden,7) deutet beſtimmt7 auf den Endpunkt, nach dem alles Übrige hinſtrebt, den Tod der Burgundiſchen Könige mit ihren Magen und Mannen8). Gegen dies alles möchte ich noch nicht die Kürze, das Abgebrochene und Springende in einigen Thei - len der Erzählung, wovon ſpäterhin die Rede ſein wird, in Anſchlag bringen, noch weniger aber die größere Run - dung, Glätte und Beweglichkeit der Darſtellung in man - chen Abſchnitten der erſteren und in der ganzen letzteren Hälfte des Gedichts, die ich beim Leſen immer weit leb - hafter zu fühlen glaube, als ich ſie einem beſtimmten Geg - ner meiner Meinung klar und überzeugend zu beweiſen mich unterſtehen würde.
Vielmehr ſcheint es ſicherer, vor allen in dem Gedichte ſelbſt zu forſchen, wo ſich vielleicht noch Spuren der Zu - ſammenfügung möchten nachweiſen laſſen; und es wird dabei wohl am bequemſten ſein, die Stellen, die ſich bloß als Zuſätze verrathen, mit den anderen zu vermiſchen, in denen beſtimmte Beweiſe der Zuſammenfügung größerer Lieder zu finden ſind. Denn beides wird ja doch gewiß öfter zuſammentreffen, und wenn wir nur beides in jedem Falle genau unterſcheiden, daraus auch für die Unterſu - chung kein weiterer Schade erwachſen können. Hier - bei mag es uns aber vergönnt ſein, von dem zweiten Theile des Gedichts, in dem Burgund mit Ungarn in Ver - bindung kommt, auszugehen, weil man in demſelben leich - ter zu auffallenden Reſultaten gelangt, theils wegen der Beſchaffenheit der Erzählung ſelbſt, theils auch durch ein anderweitiges äußeres Zeugniß, das uns bald, aber eigent - lich nur für dieſen letzteren Theil des Werkes, zu Hülfe kommen wird.
Und da mögen denn zuvörderſt einige Perſonen der Fabel auftreten, deren Erwähnung ſich hin und wieder noch in der jetzigen Geſtalt des Liedes als ſpäter eingeſchoben er - kennen läßt.
Zunächſt möchte man auf den Markgrafen Rüdiger von Bechlaren fallen, der erſt im zehnten Jahrhundert ge - lebt und mithin, wie auch A. W. Schlegel ſchon be - merkt, auf die Bildung der Sage einen erweislichen Ein - fluß gehabt hat. Er iſt aber ſo eng in die zweite Hälfte unſerer Nibelungenfabel verwebt, daß ſich in dem Liede keine deutliche Spur einer Einfügung mehr nachweiſen laſ - ſen möchte. Dagegen kommt ſein Zeitgenoſſe, Biſchof Pil - grin von Paſſau, der im Jahr 991 ſtarb, wiewohl er Utens Bruder ſein ſoll, doch in dem ganzen Liede nur ſelten und auf ſolche Art vor, daß er für unſere Unterſuchung bedeu - tend und wichtig wird.
Als Kriemhild zu Etzel reiſt, kommt ſie durch Baiern;
da noch ein kloſter ſtat, Und da daz In mit fluzze in du̓ Tůnowe gat, In der ſtat ze Pazzowe ſaz ein biſchof.Es iſt der Biſchof Pilgrin, der ihr entgegen reitet. Sie bleibt eine Nacht in der Stadt, wohl empfangen von den Kaufleuten, und reiſt von da in Rüdigers Land. Dies wird in fünf Strophen (Z. 5193 — 5212) erzählt. Als Kriemhild Rüdigers Gemahlinn ſieht, reitet ſie ihr näher und läßt ſich vom Pferde heben. Dennoch findet Ecke - wart, Kriemhildens Ritter, und der Biſchof, von dem nicht erzählt war, daß er von Paſſau mitgeritten, nöthig Kriem - hilden zu der Markgräfinn zu weiſen (Z. 5261 — 5264):9
Den biſchof ſach man wiſen ſiner ſweſter kint, In und Eckewarten, zů Gotelinde ſint. Da wart vil michel grüzen an der ſelben ſtunt. Do kuſte du̓ ellende an der Gotelinde munt.Am dritten Tage reiſt Kriemhild von Bechlaren weiter; und als ſie endlich nach Mautern kommt, wird der lange vergeſſene Biſchof auch wieder erwähnt (Z. 5333 — 5336):
Der biſchof minnerliche von ſiner niftel ſchiet; Daz ſi ſich wol gehabte, wie vaſt er ir daz riet! Und daz ſi ir ere koͧfte, als Helke het getan. Hei, waz ſi grozer eren ſit da zen Hu̓nen gewan!Ferner, Wärbel und Swemmel, Etzels Fiedeler, die nach Burgund geſandt ſind, um die Könige einzuladen, kommen unterwegs, nachdem ſie von Vechlaren gegangen ſind, auch zu dem Biſchof (Z. 5721 — 5728):
E daz die boten komen vol durch Beierlant, Wœrbel der vil ſnelle den gůten biſchof vant.Der Dichter hat aber wenig Nachricht davon:
Waz er do ſinen fru̓nden ze Rine hin enbot, Daz iſt mir nicht gewizzen;er gibt ihnen Geſchenke, und ſagt, er wünſche ſehr ſeine Schweſterſöhne bei ſich zu ſehen. Und nun fängt die fol - gende Strophe höchſt auffallend an:
Welhe wege ſi füren ze Rine durch du̓ lant, Des kan ich niht beſcheiden.Denn bei Kriemhildens Reiſe wird ja auch wenigſtens zwi - ſchen der Donau und Worms kein Ort genannt; und Rü - diger reiſte, eben wie jene (Z. 5733), in zwölf Tagen von Bechlaren nach Worms (Z. 4713), und es wurde von ihm10 nur geſagt (Z. 4711), er ſei durch der Baiern Land gerit - ten: wozu alſo hier die Entſchuldigung, wenn ſogar Paſſau erwähnt war? Noch auffallender iſt aber, daß Rüdiger, der doch nach der zuerſt angeführten Stelle (Z. 5261 f.) den Biſchof kannte, nicht nach Paſſau kam; denn wenn er auch Eile hatte, Wärbel und Swemmel beendigten ja, trotz ihrem Aufenthalte in Paſſau, die Reiſe zum Rheine eben wie er in zwölf Tagen. Endlich aber wird die letzte Stelle auch dunkel durch die Erwähnung des Biſchofs, weil nun nicht mehr recht klar bleibt, daß Etzels Boten in zwölf Tagen nicht von Paſſau, ſondern von Bechlaren nach Worms kamen.
Wenn nun aus dem bisher Angedeuteten wahrſchein - lich wird, daß die erwähnten neun Strophen eingeſchoben ſind, ſo muß dies wohl auch von einer anderen (Z. 5993 — 5996) angenommen werden, in der Wärbel und Swem - mel auf der Rückreiſe allen Freunden und auch Pilgrin die baldige Ankunft der Burgunden melden, und eben ſo von den dreien noch übrigen bei der Reiſe der Burgunden ſelbſt (Z. 6525 — 6536), wenn ſie auch keine Widerſprüche oder Unſchicklichkeiten enthalten, obwohl bei den letzten in einer ſonſt ſehr ausführlichen Aventüre die Kürze der Er - zählung gerade da, wo der Biſchof mit ſeinen Neffen zu - ſammen kommt, beſonders auffallen muß. Die den letzten vorhergehende Strophe ſchloß demnach wahrſcheinlich:
Si wurden wol enpfangen da ze Bechelaren ſint,was denn natürlich, ſobald die Strophen von Pilgrin ein - geſchoben wurden, ſo, wie wir es jetzt leſen, verändert werden mußte: » da ze Pazzoͧwe ſint. « In den anderen Stellen iſt aber eine ſolche Änderung nicht einmahl nö -11 thig; nirgend werden Sinn und Zuſammenhang durch die Auslaſſung jener Strophen geſtört.
Weit bedeutender, als der Biſchof Pilgrin, greift Vol - ker, der Fiedler, in die Vegebenheiten der letzten Aventüren ein, über die ſeine doppelte Natur des Helden und Spiel - manns eine wunderbarzauberiſche poetiſche Heiterkeit aus - breitet. Er wird ſchon in dem erſten Abſchnitte unſeres Werkes unter den Vaſallen der Burgundiſchen Könige ge - nannt:
Volker von Alzeie, mit ganzem ellen wol be - wart. Nachher iſt der Fiedler, der kühne Spielmann Volker in dem Kriege gegen die Sachſen und Dänen Bannerführer. Dann wird er auf lange Zeit vergeſſen, bis er endlich beim Empfange Rüdigers, der für Etzel um Kriemhilden warb, mit Gere, Giſelher und Dankwart wieder zum Vor - ſchein kommt, ohne daß dabei mehr als ſein Name ge - nannt wird (Z. 4465 — 4468). Es wird ſich ſpäterhin zeigen, daß eben ſolche Strophen, in denen plötzlich meh - rere der Burgundiſchen Mannen, gleichſam nur um ſie doch auch wieder zu erwähnen, genannt werden, ſich eben dadurch als eingeſchoben verrathen: für jetzt mag dieſe Stelle, als wenig bedeutend, immer ihr altes Recht be - haupten.
Aber nun ferner, wo Günther auf Hagens Rath Recken und Knechte verſammelt, um in Ungarn vor Kriem - hildens Rache ſicher zu ſein, kommen Hagen und Dank - wart mit achtzig Recken, Volker mit dreißig ſeiner Man - nen. Die ganze Stelle lautet alſo (Z. 5913 — 5924):12
Do hiez von Tronege Hagene Dankwart den brůder ſin Ir beider recken ahzec füren an den Rin. Die komen ritterliche; harnaſch und gewant Fůrten die vil ſnellen in daz Gu̓ntheres lant. Do kom der küne Volker, ein edel ſpileman, Zů der hovereiſe mit drizec ſiner man. Die heten ſölich gewœte, ez möht’ ein ku̓nic getragen. Daz er zen Hu̓nen wolde, daz hiez er Gu̓nthere ſagen. Nun weiter, als wenn wir ihn gar noch nicht kennten:
Wer der Volker wœre, daz wil ich u̓ch wizzen lan: Er was ein edel herre; im was oͧch undertan Vil der gůten recken in Burgondenlant; Durch daz er videln konde, was er der ſpilman genant.Dieſe Strophen ſind höchſt merkwürdig, und es ergibt ſich aus ihnen für unſere Frage Mehreres. Von den drei - tauſend Helden, die aus Günthers Lande auf ſein Gebot zuſammen kamen (Z. 5907), hatte Hagen tauſend ausge - wählt (Z. 5903. 5925 ); Hagen und Dankwart brachten acht - zig Recken, Volker dreißig. Als ſie von Worms wegge - hen, kleidet Günther ſeine Mannen, ſechzig und tauſend, und neuntauſend Knechte (Z. 6042 f.). Hagen ſetzt über die Donau wohl tauſend Ritter hehr, dazu ſeine Recken, und noch neuntauſend Knechte (Z. 6305 ff.). Bei Rüdiger ſollen beherbergt werden ſechzig ſchnelle Recken und tau - ſend Ritter gut, nebſt neuntauſend Knechten (Z. 6603 f.). Bei Etzel gehen mit den Königen zu Hofe
Ir edeln ingeſindes tuſent küner man; Daru̓ber ſehzec recken, die waren mit in komen, Die het’ in ſinem lande der küne Hagene genomen.13(Z. 7246 ff.) Günthers Geſinde, nicht das edele, ſondern die Knechte wurden ſchon früher mit Dankwart in die Her - berge geſchickt (Z. 6959 ff.). Hier wurden hernach erſt fünfhundert erſchlagen (Z. 7805), und endlich alle neuntau - ſend Knechte (Z. 7818), und‘Daru̓ber ritter zwelve der Dankwartes man.’Von dieſen und Hagens Mannen (Z. 6411) wurden ſchon unterwegs in der Schlacht, die der Nachtrab den Baier - fürſten lieferte, vier verloren (Z. 6489). Von des Königs Degen lebten, nachdem Krlemhilde das Haus angezündet hatte, noch ſechs Hundert kühner Mann (Z. 8599). Nach der Schlacht mit Dietrichs Mannen,‘Do waren gar erſtorben die Gu̓ntheres man.’(Z. 9309). In dieſer Zählung nun finden ſich bedeutende Schwie - rigkeiten. Hagens und Dankwarts achtzig Mann kommen nur in der Stelle vor, die uns auf dieſe Unterſuchung lei - tete. Einigemahl werden Günthern tauſend Mann und ſechzig Recken gegeben; wo Hagens und Dankwarts Recken beſonders erwähnt werden, da bekommt der König nur tauſend; und in der einen Stelle (Z. 7248) iſt es ganz deut - lich, daß die ſechzig Recken Hagens Mannen ſind:‘Die het’ in ſinem lande der küne Hagene genomen. 9)’Hagens und Dankwarts Mannen brauchten aber in der Stelle, wo das Heer zuſammen kommt, eben ſo wenig ge - nannt zu werden, als der Dichter dies dort von den neun - tauſend Knechten nöthig fand. Es ſcheint alſo die ganze Strophe von Hagens und Dankwarts achtzig Recken ein - geſchoben, oder doch zum wenigſten die Zahl achtzig, in der die Handſchriften übereinſtimmen, unrichtig zu ſein. Die folgende aber, worin Volker mit dreißig Mann kommt,14 um mit nach Hünenland zu fahren, iſt ſicher erſt ſpäter eingefügt; die armen Leute, die weiterhin gar nicht mehr vorkommen, müßten denn, ihrer Abſicht zuwider, ſtatt mit - zugehen, am Rheine geblieben ſein. Endlich aber bringt uns die letzte von jenen Strophen:‘Wer der Volker wœre, daz wil ich u̓ch wizzen lan ꝛc. ’auf eine ſichere Spur, woher dieſe Einfügungen kommen. Las ihr Verfaſſer, wie wir, die früheren Aventüren, ſo hätte er Volkern, den wir genugſam kennen, nicht auf dieſe Art eingeführt. Er mußte dies aber thun, weil er nachher Volkern häufig erwähnt fand, ohne daß irgendwo geſagt wurde, wer er war. Anderswoher und ſelbſt durch die Sage kannte er ihn ſchwerlich weiter, weil er uns nicht einmahl erzählt, daß er Herr von Alzeie war.
Und ſo finde ich, daß bis dahin, wo Volker einen nä - heren Antheil an den Begebenheiten nimmt, alle Stellen, in denen er erwähnt wird, entweder offenbar eingeſchoben oder doch vollkommen überflüſſig ſind. Es wird ſchon nö - thig ſein, ſie einzeln durchzugehen und an jeder die Wahr - heit dieſes Satzes beſonders zu zeigen.
Die nächſte (Z. 5953 — 5960) iſt die, wo Etzels Bo - ten, Wärbel und Swemmel, denen Günther vor dem Ab - ſchiede, wenn ſie wollten, Frau Brünhilden zu ſehen er - laubte, durch Volker davon abgehalten und auf morgen vertröſtet werden. Dann heißt es ganz kurz:‘Do ſi ſi wanden ſchowen, done kundes niht geſchehen. ’Er handelt hier wohl in ſeinem Charakter, der ſich ſpäter entwickelt, als Hagens und alſo auch als Brünhildens15 Freund: aber es iſt doch wunderbar auffallend, daß der eben erſt Eingeführte jetzt auf einmahl ſchon ſo mächtig mit einſpricht.
Kriemhild fragt die rückkehrenden Boten, wer von ih - ren Verwandten aus Burgund kommen werde. Sie erklä - ren, die drei Könige würden kommen; wer noch mit ihnen, könnten ſie nicht ſagen:‘Ez lobte mit in riten Volker der küne ſpileman. ’Es iſt wunderbar genug, daß ſie ihn gerade nennen, und nicht einmahl Hagen, nach dem die Königinn beſtimmt ge - fragt hatte. Späterhin aber wird ſich uns noch etwas anderes zeigen, das dieſe ganze Stelle (Z. 6009 — 6024) verdächtig macht.
Auf der Reiſe der Burgunden nach Ungarn wird Vol - ker, ehe ſie nach Bechlaren kommen, noch einigemahle er - wähnt.
Die erſte Stelle iſt gar ſehr verworren, theils eben durch Volkers Erwähnung, theils durch andere noch bedeu - tendere Interpolationen, wie ſich dies ſogleich ergeben wird, wenn wir den Inhalt der dazu gehörigen Strophen verfolgen (Z. 6301 — 6384). Hagen läßt Gold und Klei - der in das Schiff tragen, dann ſetzt er alle nach und nach über. Dabei wird des Königs Kapellan ins Waſſer ge - worfen und rettet ſich nur mit Mühe. Als ſie das Schiff entladen und ihre Sachen herausgenommen, ſchlägt es Hagen in Stücken und wirft es in die Flut. Dankwart fragt, wie es nun bei der Rückreiſe werden ſolle;‘Sit do ſagete in Hagene, daz des kunde niht geſin. ’16Er ſagt ihnen aber nicht, was er von den Meerweibern erfahren, ſondern
Do ſprach der helt von Tronege: ich tůn iz uf den wan, Ob wir an dirre reiſe deheinen zagen han, Der uns entrinnen welle durch zœgeliche not, Der můz an diſem wage doch liden ſchamelichen tot.Dann folgt eine Strophe von Volker:
Si fůrten mit in einen uz Burgondenlant, Einen helt ze ſinen handen, der was Volker genant; Der redete ſpœheliche allen ſinen můt: Swaz ie begie der Hagene, daz duhte den videlœre gůt.Ihre Roſſe waren bereitet, ihre Saumthiere beladen. Sie hatten auf der Reiſe noch kein bedeutendes Unglück erlit - ten, bis auf den Kapellan; der mußte zu Fuß wieder zum Rheine wandern. Da ſie nun alle ans Ufer gekommen waren (vorher hatten ſie ſchon alles wieder zum Weiter - reiſen in Stand geſetzt), fragte der König:
Wer ſol uns durch daz lant Die rehten wege wiſen, daz wir niht irre varn? Do ſprach der ſtarke Volker: daz ſol ich eine bewarn.Nun heißt es ferner ohne Übergang:
Nu enthaltet u̓ch, ſprach Hagene, ritter unde kneht; Man ſol fru̓nden volgen; ja dunket ez mich reht. Vil ungefügu̓ mœre du̓ tůn ich u̓ bekant: Wir en kumen nimmer wider in der Bu̓rgonden lant.Darauf erzählt er ihnen, was ihm die Meerweiber geſagt, und wie er die Wahrheit ihrer Ausſage an dem Kapellan habe prüfen wollen.
Das17Das Verworrene dieſer Erzählung fällt auf den erſten Blick in die Augen, ſo daß es dafür keines Beweiſes, ſon - dern nur der Verſicherung bedarf, daß eben die zweite Hälfte unſeres Gedichts von dieſem Fehler, bis auf wenige Stellen, ſonſt gänzlich frei iſt.
Die erſte Strophe von Volker zeigt deutlich einen neuen Verſuch, den Fiedler in das Gedicht einzuführen. Was in dem Folgenden von ihm geſagt iſt, läßt ſich kaum recht begreifen. Hagen kannte ja die Wege, ſo daß ſie keines andern Führers bedurften. Außer den Stellen, die ſich auf Hagens früheren Aufenthalt bei Etzel beziehen, heißt es auch ſchon auf eben dieſer Reiſe, da ſie durch Oſterfranken gehen:‘Dar leitete ſi do Hagene, dem was ez wol bekant. ’(Z. 6111.) Ja Kriemhilde hatte den Boten gerade dies als den Grund angegeben, warum Hagen mit zu ihr kom - men müßte (Z. 5690):
Und ob von Tronege Hagene welle dort beſtan, Wer ſi danne ſolde wiſen durch du̓ lant. Dem ſint die wege von kinde her zen Hu̓nen wol be - kant.Und dennoch kannte ſie auch Volkern recht wohl; in der 7093 Zeile ſagt ſie zu den Hüniſchen Recken:
Swie ſtark und ſwie küne von Tronege Hagen ſi, Noch iſt er verre ſterker, der im da ſitzet bi, Volker der videlœre, der iſt ein u̓bel man. Jane ſult ir die helde niht ſo lihte beſtan.Aber auch einige andere Strophen in dieſer Stelle ſind mir ſehr verdächtig, eben der ſchon angedeuteten Ver -B18worrenheit wegen. Die Probe, die Hagen an dem Kapel - lan nimmt, möchte ich gern ganz, als eine ſpätere Ausbildung, wegſchaffen. Dann müßte zuerſt eine oder auch zwei Strophen in der Erzählung von den Meerwei - bern (Z. 6177 — 6184) ausfallen, worin auf Hagens Fra - ge, wie es möglich ſei, daß ſie alle in Hünenland den Tod leiden ſollten, und nach der Ankündigung, daß ſie ihm darauf die Sache deutlicher geſagt haben, doch nur zum zweitenmahle der Untergang aller im Allgemeinen ver - kündigt und der Kapellan ausgenommen wird. In unſe - rer Stelle aber würde erſt (Z. 6305 — 6308) erzählt, wie Hagen alle übers Waſſer gebracht;‘Des tages was unmüzec des künen Tronegœres hant. ’dann weiter (Z. 6337 — 6344), ohne Erwähnung des Ka - pellans:
Do ſi daz ſchif entlůden, und gar getrůgen dan Swaz daruſſe heten der drier ku̓nige man, Hagen ſlůc ez ze ſtucken ꝛc.Sodann fragt Dankwart: wenn wir nun wieder an den Rhein fahren, wie ſollen wir überkommen? ‘Sit do ſagete in Hagene, daz des kunde niht geſin. ’Und darauf gleich die hier angekündigte Rede Hagens (Z. 6361):‘Nu enthaltet u̓ch, ſprach Hagene, ritter unde kneht ꝛc. ’In dieſer und der folgenden Strophe (Z. 6361 — 6368) kündigt er ihnen ihr Schickſal an, und bittet ſie ſich zu waffnen. Die nächſte (Z. 6369 — 6372), worin er erzählt, warum er den Kapellan habe ertränken wollen, bliebe wie - der weg, und dann hieße es gleich (Z. 6373):19
Do flugen diſu̓ mœre von ſchare ze ſchar; Des wurden ſnelle helde vor leide miſſevar, Do ſi begonden ſorgen uf den herten tot An dirre hoveteiſe; des gie in wœrliche not.Doch möchte vielleicht auch dieſe Strophe mit der nächſten (Z. 6373 — 6780) wieder von einer ſpäteren ausmah - lenden Hand ſein. Wenigſtens iſt in der letzteren gleich wieder eine neue Verwirrung:
Da ze Möringen ſi waren u̓berkomen, Da dem Elſen vergen der lip was benomen. Das ſieht aus, wie eine geographiſche Anmerkung. Es heißt weiter:
Do ſprach aber Hagene: ſit daz ich viende han Verdienet uf der ſtrazen, wir werden ſicherlich beſtan.Warum ſpricht er aber, zum zweitenmahl? Noch dazu ſagt er ihnen hier, was er vorher ſchon, ohne daß ſie es verſtehen konnten, mit der hinzugefügten Warnung ſich zu waffnen, geſagt hat:
Nu rat’ ich, waz man tů, Daz ir u̓ch waffent, helde; ir ſult u̓ch wol bewarn, Wir han hie ſtarke viende, daz wir gewœrliche varn.Nach der Abſicht des erſten Dichters dieſes Liedes ſetzte er wohl gleich hinzu, was jetzt erſt nach drei Strophen folgt (Z. 6381 ff. ):
Ich ſlůc den Elſen10) vergen hu̓te morgen frů; Si wizzen wol du̓ mœre. nu grifet, helde, zů, Ob Gelfrat und Elſe hu̓te hie beſte Unſer ingeſinde, daz iz in ſchœdelich erge.Auf dieſe Art, glaube ich, kann eine noch erkennbare ältere Geſtalt dieſes Abſchnittes hergeſtellt werden. IndeßB 220mag immerhin ein Theil dieſer Herſtellung als Hypotheſe auf ſich beruhen: es kommt uns hier hauptſächlich nur auf Volker an.
Acht Verſe darauf (Z. 6389 — 6396) wiederhohlt Gi - ſelher ſehr unnöthig Günthers Frage noch einmahl:
Wer ſol daz geſinde wiſen u̓ber lant? Si ſprachen: daz tů Volker; dem iſt hie wol bekant Stic unde ſtraze; der küne ſpileman.Da waffnet er ſich und bindet ein rothes Zeichen an ſei - nen Schaft. Gegen dieſe Erzählung iſt wieder, wie gegen die vorige, einzuwenden, daß man neben Hagen keinen weiteren Führer mehr nöthig hatte. Wenn aber wahr iſt, was Göttling aus dieſer rothen Fahne und einigen ande - ren Umſtänden vermuthet,11) daß die Nibelungen Gibel - linen ſeien, ſo gibt ſich eben darin auch dieſe Stelle als eine ſpätere zu erkennen.
Einmahl noch kurz darauf, wie Gelfraten und Elſen die Schlacht geliefert iſt, kommen wieder zwei Strophen von Volker, in denen ſeine Erwähnung zum allerwenig - ſten müſſig iſt (Z. 6501 — 6508). Das ſtreitmüde Ge - ſinde fragt ſeinen Führer Dankwart, wie lange ſie reiten ſollen;
Do ſprach der küne Dankwart: wir mugen niht her - berge han. In der erſten dieſer beiden Strophen fährt er noch fort:‘Ir müzet alle riten, unz ez werde tac.’21Da läßt Volker, der des Geſindes pflag, (der übrigen, die nicht geſtritten hatten,) den Marſchall auch fragen, wo ſie die Nacht ruhen ſollen:
Do ſprach der küne Dankwart: ine kans niht geſagen; Wir en mu̓gen niht gerůwen, e iz beginne tagen. Swa wirz danne finden, da legen uns an ein gras. Do ſi du̓ mœre horten, wie leit in ſumelichen was!Dieſe Strophe mag wohl echt und alt ſein, wenn auch die erſten Worte, Do ſprach der küne Dankwart, viel - leicht interpoliert ſind; die vorhergehende (Z. 6501 — 6504) aber verräth ſich in jeder Zeile als Einſchaltung. Damit Volker verherrlicht werde, muß das übrige Geſinde, das vor und nach der Überfahrt über die Donau geruhet, auch über Müdigkeit klagen, und Dankwart ihm wieder die nämliche Antwort geben. Daß ſie am Morgen ruhen ſol - len, ſagt er, wenn jene Strophe ſtehen bleibt, nur den Übrigen und nicht ſeinem Geſinde, dem dieſe Nachricht weit tröſtlicher und nöthiger war.
Von dem Theile der Erzählung an, wo die Burgun - den nach Bechlaren zu Rüdiger kommen, werden ſich ſchwerlich mehr Stellen von Volker finden, in denen klei - nere Interpolationen beſtimmt könnten nachgewieſen wer - den. Er tritt ſeitdem ſo förmlich mit den andern in die Reihe, daß man ſelten ihn allein, ſondern höchſtens größere Stücke, in denen er mithandelt, wird ausſcheiden können. Und ſo will ich es auch nur als eine nicht ſtrenger - weisliche Muthmaßung geben, daß ein ritterlicher Sän - ger, einer der Diaſkeuaſten unſerer Lieder, auch in den folgenden Geſängen ſein Augenmerk beſonders auf ihn ge - richtet und ihn in einigen gerade der ſchönſten Stellen22 durch ein ausgeführteres Lob faſt zu ſehr über die anderen könne erhöhet haben12).
Es bleibt uns noch eine andere Unterſuchung derſelben Art zu führen übrig, nämlich ob auch noch jetzt Spuren in dem Liede anzutreffen ſind, daß die Stadt Wien, die erſt im Jahre 1162 erbaut worden, nur durch eine ſpätere Überarbeitung, wie auch ſchon A. W. Schlegel angenom - men, in dem Gedichte ihre Stelle gefunden habe.
Wien wird überhaupt nur zweimahl erwähnt. Zuerſt, ehe Rüdiger, um Kriemhilden für Etzel zu werben, von Ungarn abreiſt, läßt er ſich Kleider von Wien kommen. Dies wird in der folgenden Strophe erzählt (Z. 4661):
Rüdeger von Ungern in ſiben tagen reit; Des was der ku̓nic Etzel fro und gemeit. Da zer ſtat ze Wiene bereite man in wat; Done moht’ er ſiner reiſe do niht langer haben rat.Dann wird uns weiter geſagt, wie ihn Gotelinde und ihre Tochter zu Bechlaren erwarteten, worauf die Erzählung alſo weiter fortgeht (Z. 4669):
E daz der edel Rüdeger ze Bechelaren reit, Uz der ſtat ze Wiene do waren in ir kleit Rehte volleclichen uf den ſoͧmen komen; Die fůren in der maze, daz in wart wenic iht ge - nomen. Do ſi ze Bechelaren komen in du̓ ſtat, Die ſinen reisgeſellen herbergen do bat Der wirt vil minnecliche ꝛc.23Ob er die Kleider vor ſeiner Abreiſe von Etzels Burg oder erſt auf der Reiſe bekommen, iſt nicht deutlich,13) und, wie man wohl ſieht, durch die Erwähnung Wiens alles et - was in Unordnung und Verwirrung gerathen, ſo daß ſelbſt nicht mehr klar iſt, ob Rüdiger nach ſieben Tagen abge - reiſt oder in ſieben Tagen nach Bechlaren gekommen ſei, und erſt die Klage völligen Aufſchluß darüber gibt, in der (Z. 4428) Dieterich am ſiebenten Morgen in Bechlaren an - langt. Wie viel aber in dieſer Stelle neu ſei, und ob nicht hier vielleicht etwas Neues an die Stelle des Alten geſetzt worden, wage ich nicht zu entſcheiden.
Eben dies muß ich von der anderen Stelle ſagen, wo Etzel ſein Beilager mit Kriemhilden zu Wien hält. Hier wird Wien dreimahl (Z. 5458. 5475. 5513. ) namentlich an - geführt. Man wird ohne Zweifel annehmen müſſen, daß auch hier Einiges eingefügt ſei: doch wüßte ich keine ſichere Spur der Interpolation anzugeben14).
Es können vielleicht einſt noch mehrere den bisher ge - führten ähnliche Unterſuchungen angeſtellt werden, wenn es ſich wird möglich machen laſſen, die Unterſchiede der Sitten in dem Zeitraum zwiſchen dem zehnten und drei - zehnten Jahrhundert genau zu erkennen; denn vermuthlich werden ſich aus einer ſolchen Vergleichung noch manche neuere Zuſätze in unſerem Liede ergeben. Man hat auch die Stellen, die ſich auf das Chriſtenthum beziehen, ſpäte - rer Zeit zuſchreiben wollen: allein ich habe nirgend ein ein Zeichen gefunden, woran ſie ſich als neuer eingefügt erkennen ließen, obwohl es wahr iſt, daß nirgend15) das Chriſtliche hervortritt und auch nach der Beſchaffenheit der Fabel nicht oft und nicht ſehr bedeutend hervortreten kann16).
Aber es iſt Zeit, auf einige andere Punkte aufmerk - ſam zu machen, durch deren Betrachtung, wie ich hoffe, unſere Unterſuchung wieder um einige Schritte weiter ge - führt werden ſoll. Denn wenn die bisher durchgegange - nen Stücke nur als eingefügt anzunehmen ſind, ſo zeigen ſich nun auch eben in bedeutenden Punkten der Erzählung einige beſtimmte Anfänge einzelner Lieder, die aus der Zeit, wo die Begebenheiten zwar wohl durch die Sage, aber noch nicht durch die Form eines einzigen Epos ver - knüpft waren, nachher in das letztere mit übergegan - gen ſind.
Dahin gehört in der zweiten Hälfte, von der wir noch immer allein reden, gleich der Anfang (Z. 4585):
Daz was in einen ziten, do froͧ Helke erſtarp, Und daz der ku̓nic Etzel umb ein’ ander froͧwen warp, Do rieten ſine fru̓nde in der Burgonden lant Z’ einer ſtolzen witewen, du̓ was froͧ Kriemhilt ge - nant. Etzel läßt ſich darauf noch mehr von Kriemhild und ihren Brüdern erzählen, das der Dichter, dem man nicht die Künſte unſerer nachgeahmten Heldengedichte zuſchreiben darf, ſchwerlich ſo würde vorgetragen haben, wenn er nicht auch uns erſt mit jenen Perſonen bekannt machen wollte.
Eine Stelle derſelben Art (Z. 5705 ff.). Etzel hat ſeine Boten nach Worms abgeſchickt; wir wiſſen ſchon alle Um - ſtände, alles was ihnen beſtellt iſt. Die Erzählung von ihrer Fahrt, die urſprünglich einzeln ſtand, hebt an:25
Die boten dannen fůren uzer Hu̓nenlant Zů den Burgonden, dar waren ſi geſant, Nach drien edeln ku̓nigen und oͧch nach ir man; Si ſolden komen Etzele. des man do gahen began.Wir ſind gewohnt dergleichen Anfänge mitten in der Erzählung gerade für eine epiſche Manier zu halten: al - lein man muß geſtehen, daß dieſe Anſicht eben auch nur aus den Homeriſchen Geſängen genommen iſt, in denen ge - rade daſſelbe neue Anheben und ein neues Einführen ſchon bekannter Perſonen am Anfang der einzelnen Lieder ſehr gewöhnlich iſt17).
Und ſo müſſen wir eben dahin auch die Stelle rech - nen (Z. 6581 ff. ), wo Eckewart Günthern verſprochen hat, ihn und die Seinen bei Rüdiger anzumelden, und nach der Erzählung davon ganz wie von vorn angefangen wird:
Man ſach ze Bechelaren ilen einen degen; Selbe erkande in Rüdger; er ſprach: uf diſen wegen Dort her gahet Eckewart, ein Kriemhilde man. Er wande, daz die viende im leide heten getan18).Den Beweis, daß hier ein neues von dem vorigen unab - hängiges Lied anhebe, verſtärkt noch ferner der Umſtand, daß gerade in dem Folgenden und ſelbſt ſchon in Ecke - warts Bothſchaft auch Volker in die Reihe der übrigen tritt, mit deſſen Erwähnung in dem Vorigen es, wie oben gezeigt worden, ſeine eigene Bewandtniß hat, und der ſelbſt da, wo man Eckewart ſchlafend gefunden, noch nicht ge - nannt wurde.
Aber auch eben dieſe zunächſt vorhergehende Erzäh - lung von Eckewart zieht unſere Aufmerkſamkeit insbeſon -26 dere auf ſich. Es wird darin ſo fragmentariſch, wie nicht leicht in einer anderen Stelle unſeres Gedichts, erwähnt, daß Eckewart, von dem man nicht begreift, wie er dahin kam,19) auf Rüdigers Mark ſchlafend gefunden wurde; worauf ihm Hagen ſein Schwert abnahm, das ihm die Burgunden wieder gaben und darauf von ihm zu Rüdiger eingeladen wurden. Dabei iſt auffallend, daß Eckewart, den wir aus dem erſten Theile noch recht wohl kennen und im zweiten ungern vermiſſen, hier wieder als eine neue Perſon vorgeführt wird:‘Ja was geheizen Eckewart der ſtarke ritter gůt;’die Burgunden ihn auch nicht weiter zu kennen ſcheinen, ob er gleich klagt:‘Sit ich verlos Sivriden, ſit was min freude zergan,’und auch zu erkennen gibt, daß er wohl wiſſe, wer ſie ſeien:
Doch ru̓wet mich vil ſere zen Hu̓nen u̓wer vart. Ir ſlůget Siveride, man iſt u̓ hie gehaz.Ich bin daher der Meinung, daß einer unſerer Diaſkeu - aſten, der aber die erſten Geſänge wenigſtens nicht voll - ſtändig kannte,20) hier das vorhergehende Lied fand, das nach den vorher angeſtellten Unterſuchungen mit der Zeile (6526) ſchloß:‘Si wurden wol enpfangen da ze Bechelaren ſint,’welches er mit dem Folgenden (Z. 6581 ff. ),‘Man ſach ze Bechelaren ilen einen degen ꝛc.’durch jene Erzählung, bei der er eine andere Sage21) vorausſetzte, in Verbindung zu bringen verſuchte.
Endlich iſt noch an dieſer Stelle bemerkenswerth, daß27 Eckewart die Burgunden warnt, und ihnen ſagt: man iſt u̓ hie gehaz. Der Verfaſſer las alſo oder beachtete we - nigſtens nicht, daß ſpäterhin angenommen wird, es ſei ih - nen davon noch nichts bekannt. Dietrichen, heißt es (Z. 6911 ff. ), war ihre Reiſe leid;‘Er wand’ ez wiſte Rüdger, daz erz in hete geſeit. ’Er fragt:
iſt u̓ daz niht bekant? Kriemhilt noch ſere weinet den helt von Nibelunge - lant. worauf Günther antwortet:
Wie ſol ich mich behüten? ſprach der ku̓nic her. Etzel uns boten ſande, (wes ſol ich fragen mer?) Daz wir zůz’ im ſolden riten her inz lant; Oͧch hat uns menigu̓ mœre min ſweſter Kriemhilt ge - ſant. Darauf erſt ſagt Dieterich Günthern und Gernoten heimlich die Sache genauer.
An die zuletzt bemerkten Widerſprüche mögen ſich nun noch ein Paar andere anſchließen, und zwar zuerſt die Stelle, wo Kriemhild den Boten beſonders aufträgt ihre Brüder und Hagen von ihr zu grüßen und einzuladen (Z. 5652. 5666 — 5696). Damit übereinſtimmend heißt es in einer eben angeführten Zeile:
Oͧch hat uns menigu̓ mœre min ſweſter Kriemhilt ge - ſant. Hingegen in dem nächſtfolgenden Liede (denn als verſchie -28 den von dem vorhergehenden haben wir es ſchon an ſei - nem Anfange erkannt) beſtellen die Boten zu Worms nichts von der Königinn insbeſondere, Hagen wird eigent - lich gar nicht einmahl mit eingeladen. Und mit dieſer Er - zählung, nicht aber mit der erſteren, verträgt ſich wieder was Kriemhild zu Hagen ſagt (Z. 7169):
Her Hagene, wer hat nach u̓ geſant, Daz ir getorſtet riten her in dizze lant, Unde ir daz wol erkandet, waz ir mir habt getan? Hetet ir gůte ſinne, ir ſoldet ez billiche lan.und was er ihr antwortet:
Nach mir ſande niemen, ſprach do Hagene; Man ladete her ze lande drie degene; Die heizent mine herren, und bin ich ir man; In deheiner hovereiſe bin ich ſelten hinder in beſtan.Es wird ſich ſpäterhin zeigen, daß alle die Lieder, in de - nen dieſe Stellen enthalten ſind, auch nach anderen Kenn - zeichen als verſchieden und urſprünglich einzelnſtehend an - genommen werden müſſen.
Damit aber die Kritik ja nicht übermüthig werde, ſoll hier ſogleich eine andere Stelle angeführt werden (Z. 6009 — 6024), in der ſie ſich bei reiflicher Überlegung endlich doch beſcheiden muß, zweifelhaft zu laſſen, ob der darin enthaltene Widerſpruch bloß auf Rechnung des Dichters komme, der ein anderes Lied nicht kannte, oder hingegen die ganze Stelle als ein ſpäter eingefügtes Stück anzuſe - hen ſei; auf die letztere Seite wird ſie ſich vielleicht mehr hinneigen dürfen, weil darin wieder Volker der Spielmann erwähnt wird. Die Königinn fragt nämlich die zurückge - kehrten Boten, welche ihrer Verwandten zur Hochzeit kommen29 würden, und was Hagen dazu geſagt habe. Sie ant - worten:
Der kom zer ſprache an einem morgen frů; Lu̓tzel gůter ſpru̓che reder’ er derzů, Do ſi du̓ reiſe lobten her in Hu̓nenlant; Daz was dem grimmen Hagene gar zem tode ge - nant. Ez kument u̓wer brůder, die ku̓nige alle dri, In herlichem můte; wer mer damite ſi, Der mœre ich endeclichen wizzen nine kan. Ez lobte mit in riten Volker der küne ſpileman.Vergleicht man nun damit die vorhergehende Erzählung, die nach meiner Meinung in demſelben Liede enthalten iſt, ſo findet man darin nicht, daß Günther und die Seinen ſich gerade an einem Morgen früh zum Rath verſammelt, daß aber Wärbel und Swemmel nicht wohl wiſſen konn - ten, was Hagen dabei geſagt hatte, weil ſie über ſieben Tage wieder zum Könige beſchieden waren und bis dahin in der Herberge blieben.
Nun mag aber eine andere Stelle erwähnt werden, in der keinesweges ein Widerſpruch, ſondern eine unnöthige und deshalb eben ſo verdächtige Wiederhohlung zu finden iſt. In dem Liede, bei dem wir uns ſo eben aufhielten, wirft in der Berathung über die Reiſe (Z. 5865 — 5872) Giſelher dem Hagen vor, er widerrathe die Reiſe, weil er ſich ſchuldig wiſſe; worauf dieſer zornig erwidert, man werde wohl ſehen, daß niemand mit größerem Muthe mit ihnen reiſe. Zum klaren Beweis nun, daß wir da, wo wir die Abreiſe der Burgunden erzählt leſen, uns in einem anderen Liede, welches das vorhergehende nicht als be - kannt vorausſetzte, befinden,22) kommt hier die ganze30 Geſchichte noch einmahl (Z. 6051 ff.). Hagen verſpottet Utens Traum: wir mögen immer freudig in Etzels Land reiſen.
Hagen riet, du̓ reiſe, iedoch geroͧ ez in ſit. Er het’ ez widerraten, wan daz Gernot Mit ungefügen worten im alſo miſſebot. Er mant’ in Sivrides, froͧn Kriemhilden man; Er ſprach: davon wil Hagene du̓ grozen hovereiſe lan. Do ſprach von Tronege Hagene: durch vorhte ich niene tů. Swenne ir gebietet, helde, ſo ſult ir grifen zů; Ja rit’ ich mit u̓ gerne in Etzelen lant. Sit wart von im verhoͧwen vil manic helm unde rant.Wir ſtellen abſichtlich mancherlei Erſcheinungen zuſam - men, um zu zeigen, aus wie vielen einzelnen ganz ver - ſchiedenen Punkten ſich der Urſprung unſeres Gedichtes er - kennen laſſe. Deshalb ſoll hier gleich von einer Stelle ge - redet werden, die uns wieder auf eine andere Seite der Unterſuchung weiſt. Als alles zur Reiſe fertig war, heißt es (Z. 6045),
Do trůc man du̓ gereite ze Wormez u̓ber den hof. Do ſprach da von Spire ein alter biſchof Zů der ſchönen Ůten: unſer fru̓nde wellent varn Gegen der hochgezite; Got müz’ ir ere da bewarn!Der eigentliche Sinn dieſer Stelle iſt unverſtändlich; doch läßt ſich vermuthen, daß der alte Biſchof von Speier, der31 nicht weiter vorkommt, Unglück ahnte und ſie warnen wollte. Wenigſtens ſcheint dies daraus zu erhellen, daß unmittelbar da auf Ute ihren Kindern erzählt, wie ihr von dem Tode aller Vögel in dieſem Lande geträumet habe. Es iſt wohl erlaubt anzunehmen, daß wir hier nur ein Bruchſtück, einen halbverlorenen Nachklang des alten Lie - des haben, zumahl wenn ſich dies noch von anderen Stel - len zeigen ließe.
Dergleichen finden wir aber, wie ich glaube, in der Erzählung von Hagens Geſpräch mit den Meerweibern und der darauf folgenden Ermordung des Schiffers. Die Meerweiber verſprachen ihm, wenn er ihre Kleider heraus - geben wollte, ſein Schickſal in Hünenland zu ſagen (Z. 6160).
Des er do hin z’ in gerte, vil wol beſcheideten ſi im daz. Nach der Erzählung aber begehrte und fragte er nichts. Ferner, der Schiffer drohet Hagen, wenn er nicht wieder aus dem Schiffe trete (Z. 6248):
So liebe dir ſi ze lebene, ſo trit vil balde uz an den ſant. Es iſt auch nachher deutlich, daß Hagen bei ihm im Schiffe ſtand: wie er aber hineinſprang, wurde nicht erzählt; und dieſe Auslaſſung ziemt der epiſchen Breite unſeres Liedes nicht. Weiter wird zwar erzählt, daß Hagen dem Schiffer das Haupt abgeſchlagen und es auf den Grund, nämlich des Fluſſes, geworfen (Z. 6262): aber aus dem Folgenden (Z. 6278), wo Günther und die Übrigen nur das Blut im Schiffe fließen ſehen, iſt klar, daß er den ganzen Leib des Schiffers hinausgeſchafft habe.
Hierbei iſt nun merkwürdig, daß die drei Däniſchen32 Lieder von Grimil[d]s Rache, die in ſo vielen Punkten mit unſerer Fabel zuſammenſtimmen, wenigſtens einen Theil gerade jener Lücken in unſerer Erzählung ausfüllen. In allen dreien fragt Haagen das Meerweib, wie es ihm ge - hen werde, wenn er nach Hven zu ſeiner Schweſter Gri - mild komme. In dem erſten ſchlägt er dem Meerweibe, in dem dritten aber dem Vergen das Haupt ab, und wirft es ins Meer; worauf er ihm dann den Rumpf nachſendet, damit ſich beide auf dem Grunde zuſammen finden mögen. Dagegen erſchlägt er in dem erſten und dritten dieſer Lie - der den Fährmann aus Grimm, weil er ihn nicht überfah - ren will, dagegen in unſerem Liede, wo der Verge Hagen zu - erſt angreift, die Sache beſſer und vollſtändiger dargeſtellt iſt.
So wie hier aus der Vergleichung dieſer Kiœmpeviſer, ergibt ſich noch manches der Art, beſonders aus der Vil - kinaſaga, ſelbſt zum Theil vielleicht für die Geſchichte der einzelnen Lieder unſeres Werkes. Wir enthalten uns aber hier dergleichen anzuführen, weil dabei doch immer zwei - felhaft iſt, ob wir über die Bildung unſerer noch vorhan - denen Geſänge oder über die Geſtalt der Sage in anderen Liedern einen Aufſchluß gewonnen haben.
Vielmehr wollen wir uns jetzt nach einem beſtimmte - ren Zeugniſſe für unſer Werk umſehen, das, wenn ich nicht ſehr irre, die bisher aus einigen Theilen des Liedes ſelbſt erwieſene Behauptung zur hiſtoriſchen Gewißheit bringen ſoll. Dieſes Zeugniß finden wir in der bekannten Fort - ſetzung der Nibelungennoth, dem Mähre von der Klage. Um aber zu erforſchen, ob das Zeugniß dieſes Gedichtsauch33auch wirklich unſere Nibelungennoth treffe, wird es nöthig ſein zu unterſuchen, was der Dichter ſelbſt von ſeiner Quelle für Nachricht gibt.
Als den letzten Urſprung ſeiner Erzählung gibt er am Schluß ein Mähre an, das auf Befehl des Biſchofs Pil - grin ſein Schreiber, Meiſter Konrad, nach den Erzählun - gen des Hüniſchen Fiedelets Swemmel, geprüft, das heißt, bereitet23) und in Lateiniſchen Buchſtaben geſchrieben24). Was den Inhalt dieſes Werkes betrifft, ſo las man darin,
Wiez ergangen wœre — — — — — — — Von der alreſten ſtunde, Wiez ſich hůb und oͧch began, Unde wiez ende gewan Umbe der gůten knehte not, Und wie ſi alle gelagen tot;oder, wie es in einer anderen Stelle (Z. 3705 ff. ) heißt:
Die ſtu̓rme und der recken not, Und wie ſi ſin beliben tot.Ferner nennt er es (Z. 17) ein viel altes Mähre, und berichtet (Z. 12), es ſei von alten Stunden her viel währ - lich geſagt; noch deutlicher am Schluß, gleich nach der Er - zählung von Konrads Arbeit:
Getihtet man ez ſit hat Dicke in Tu̓tſcher zungen;25) Die alten mit den jungen Erkennent wol daz mœre.Im Anfange erwähnt er nun aber auch ein einzelnes Deutſches Gedicht:C34
Diz alte mœre Bat ein tihtœre An ein bůch ſchriben; Des en kund’ ez niht beliben, Ez en ſi oͧch noch davon bekant, Wie die von Burgondenlant Bi ir ziten und bi ir tagen Mit eren heten ſich betragen.So lautet die Stelle in der Sanct-Galler Handſchrift:26) die erſte Hohenemſer weicht nicht allein in den letzten Worten ab, ſondern wiederhohlt in den erſten auch nur das Zeugniß von dem Lateiniſchen Buche:
Dizze vil alte mœre Het’ ein ſchribœre Wilen an ein bůch geſchriben, Latine; des n’ iſt ez niht beliben ꝛc.wonach es ſcheinen möchte, der Dichter der Klage habe ſelbſt das Lateiniſche Werk geleſen. Dagegen führt er ſelbſt, dem wir doch mehr als dem Hohenemſer Überarbeiter glau - ben müſſen, dieſes niemahls beſtimmt an, wohl aber kom - men bei ihm ein Paar nicht darauf paſſende Ausdrücke vor (Z. 84):‘Als uns du̓ aventu̓re giht,’und (Z. 4529):
Uns ſeit der tihtœre, Der uns tihte diz mœre27).In anderen Stellen ſagt er (Z. 56), wie am Anfange und Ende:Diz mœr’ im grozer tugende giht;dann (Z. 291), auch wieder wie dort:35Daz hiez man allez ſchriben;auch mit einem neuen Ausdrucke für den Dichter (Z. 1774):
Der meiſter ſagt, daz ungelogen Sin diſu̓ mœre;und abermahl (Z. 88):
Der rede meiſter hiez daz Oͧch tihten an dem mœre;28)und wieder (Z. 583):Des bůches meiſter ſprach daz e.Ferner (Z. 35):Als uns daz bůch geſaget hat;dann (Z. 68) ſogar in der Mehrzahl:
Als uns iſt geſaget ſit, Und iſt uns von den bůchen kunt,aus übergroßer Genauigkeit, die verſchiedenen Exemplare anzudeuten, deren er und die anderen ſich bedienten. Ein - mahl auch (Z. 29):U̓ch iſt nach ſage wol bekant;und anderswo (Z. 2405), zur Erklärung davon:
Ein teil ich u̓ der nenne, Die ich von ſage bekenne, Wand ſi angeſchriben ſint.In den übrigen Stellen heißt es nur: wie wir oft vernommen haben, das iſt uns, oder iſt euch wohl be - kannt, und was dem ähnlich iſt; womit der Dichter denn zum Theil wohl auf die Sage deuten mag29): wenig - ſtens aber fand er ſie ſeinem Buche gleichlautend; ſonſtC 236würde er nach ſeiner Genauigkeit die falſchen Sagen ge - wiß widerlegt haben30). Eben dieſe Genauigkeit kommt uns aber bei unſeren Unterſuchungen ſehr zu Statten, ſo wie ſeine Weitläuftigkeit; durch beide ſind wir ſicher ge - ſtellt, daß er nichts irgend Bedeutendes geändert und nichts, das für ſein Gedicht paſſen konnte, unerwähnt habe vorbeigehen laſſen. Wagt er doch nicht einmahl, die Gold - ſtickerei an der ſeidenen Decke an Herrats Sattel, den Helke zuvor geritten, aus eigener Phantaſie zu beſchreiben (Z. 4353):
Jane kan ich u̓ beſunder Niht geſagen daz wunder, Wie dem werke wœre.Um ſo wichtiger iſt es denn, das Verhältniß des Buches, dem der Dichter der Klage folgte, zu unſerem Nibelungen - liede genau zu erforſchen.
Nach ſeiner Ausſage wurde darin die Familie der Burgundiſchen Könige eben ſo wie in den Nibelungen an - gegeben, ferner Siegfrieds Ältern gerade wie dort, ſeine Ermordung durch Hagen, wie Etzel die Burgunden einge - laden und freundlich empfangen, wie viele bei ihm in Hü - nenland das Leben verloren. Außerdem begriff das Mähre aber auch alles in der Klage Enthaltene, das der Dichter der letzteren ſich zur weiteren Ausführung wählte. Denn auf das ausdrückliche Zeugniß des Meiſters dieſes Mähres erzählt er (Z. 1774), wie die Frauen den Todten die Rie - men aufgeſchnitten, ſtatt ihnen die Kleider auszuziehen; und am Ende (Z. 4529) berichtet er, der Dichter, der uns37 dies Mähre dichtete, erzähle, er habe gern ſchreiben wol - len, was endlich mit Etzel geworden ſei, wenn er es nur in der Welt von jemand hätte erfahren können. Daraus erhellet alſo, daß das Werk nicht unſere Nibelungennoth, ſondern wenigſtens am Ende weit vollſtändiger war.
Daß es aber auch nicht unſer Gedicht, etwa nur mit dem Anhange eines Liedes, einer Aventüre von der Klage31), geweſen, ergibt ſich ſchon daraus, daß die Grundan - ſicht unſerer Nibelungen, Freude und Leid, nirgend er - wähnt wird, womit der Dichter Etzeln und die übrigen, die ſo viele Troſtgründe aufſuchen, ſich gewiß wenigſtens einmahl würde haben beruhigen laſſen, wenn ſie ihm das Gedicht an die Hand gegeben hätte. Hingegen findet ſich zwar auch der Gedanke, daß um Siegfrieds Tod ſo man - cher kühne Mann ſein Leben habe laſſen müſſen (Z. 1422. 4000); und Brünhild beklagt ſelbſt, daß ſie Kriemhilden je geſehen, die ihr mit Rede den Muth erzürnt, wodurch Siegfried das Leben verloren (Z. 4174):
Davon ich nu den ſchaden han. Ir wart ir freude von mir benomen: Daz iſt oͧch mir nu leider komen Heim mit grozen ru̓wen:aber es kommt daneben eine andere unſerem Gedichte völ - lig fremde Anſicht zum Vorſchein, daß dies große Unglück, welches die Burgunden getroffen, die Strafe für eine alte Schuld und zwar für den Kriemhilden geraubten Nibelun - genhort geweſen (Z. 263. 1426 — 1438. 226 — 231). Wenn aber dieſe vielleicht dem Verfaſſer der Klage ſelbſt ange - hört, ſo ſchreibt dieſer dafür dem früheren Dichter aus - drücklich eine andere den Nibelungen nicht minder unbe -38 kannte zu, durch welche Kriemhildens That ſollte ent - ſchuldigt werden (Z. 583):
Des bůches meiſter ſprach daz e: Dem getru̓wen tůt untru̓we we. Sit ſi durch tru̓we tot beleip, Und ſi groz tru̓we darzů treip, Daz ſi in tru̓wen vlos ir leben, So hat uns Got den troſt gegeben: Swes lip mit tru̓wen ende nimt, Daz der zům himeltiche zimt.Deſſenungeachtet unterſtehe ich mich zu behaupten, und es ſoll ſich durch die nachfolgende Vergleichung ergeben, daß der Verfaſſer der Klage einen großen Theil der Ni - belungennoth vor ſich hatte. Jetzt mag nur auf die be - merkbare Gleichheit einiger Gedanken und Ausdrücke in beiden Gedichten aufmerkſam gemacht werden.
In der Klage werden (Z. 32), wo der Dichter eben als bekannt angegeben, daß ihr Land Burgund hieß, nun aus dem Buche genannt,Die in du̓ erbe liezen,nämlich Dankrat und Ute. In den Nibelungen (Z. 25):
Ein richu̓ ku̓neginne, froͧ Ůte ir můter hiez; Ir vater der hiez Dankrat, der in du̓ erbe liez.Ferner ſoll den Leſern oft geſagt ſein (Z. 106),
Wie froͧ Kriemhilt ſit geſaz Zen Hu̓nen, als frö Helke e.39Eben ſo in den Nibelungen (Z. 5548):Hei, wie gewaltecliche ſi ſit an Helken ſtat geſaz!Der Verfaſſer der Klage fährt fort (Z. 108):
Doch tœt ir z’ allen ziten we, Daz ſi ellende hiez.In den Nibelungen klagt ſie Etzeln (Z. 5628):Ich höre min die lu̓te niwan fu̓r ellende jehen.Nach beiden Erzählungen kann ſie ſich nicht tröſten (Kla - ge 151);
Swie dicke daz geſchœhe, Daz Kriemhilt vor ir ſœhe Zwelf ku̓nege under krone ſtan, Die ir waren undertan Mit dienſt, ſwie ſi gerůchte Und ſiz an ſi verſůchte.(Nibelungen Z. 5577):
Nu het ſi wol erkunnen, daz ir niemen widerſtůnt, Alſo noch fu̓rſtenwibe ku̓niges recken tůnt, Und daz ſi alle zite zwelf ku̓nige vor ir ſach.Auch in der folgenden Stelle iſt die Ähnlichkeit nicht zu verkennen. Klage Z. 164.:
Jane kunde ir beider kunne Den willen niht erwenden, Sine hete mit ir henden, Ob ſi mohte ſin ein man, Ir ſchaden, als ich mich verſtan, Errochen manigu̓ ſtunde.In den Nibelungen ſagt ſie, obwohl mit anderer Bezie - hung (Z. 5679):40
Die Hu̓nen wellent wœnen, deich ane fru̓nde ſi. Ob ich ein ritter wœre, ich köm’ in etwenne bi.Der König Etzel klagt laut (Kl. 681):
Als ob man hort’ ein wiſenthorn, Dem edeln fu̓rſten wolgeborn Du̓ ſtimme uz ſime munde Erdoz in der ſtunde, Do er ſo ſere klagete, Daz davon erwagete Beidu̓ tu̓rne und palas.Ganz daſſelbe ſagen die Nibelungen von Dietrich (Z. 8025):
Mit kraft begonde růfen der degen uzerkorn, Daz ſin ſtimme erlute, alſam ein wiſenteshorn, Und daz du̓ burc vil wite von ſiner kraft erdoz.Ferner von dem Fiedler in der Klage (Z. 1555):
Durch daz er videln kunde, Daz volk in z’ aller ſtunde Hiez niwan einen ſpileman.Dies iſt die Stelle in den Nibelungen, die wir oben als eingeſchoben bezeichneten32) (Z. 5924):
Durch daz er videln konde, was er der ſpilman ge - nant. So ſtimmen wieder beide Gedichte in einem Umſtande bis auf den Ausdruck zuſammen, (Kl. 1812):
Daz blůt allenthalben volz Durch du̓ rigelloch hernider.(Nib. 8406):
Daz blůt allenthalben durch du̓ löcher vloz, Und da zen rigelſteinen, von den toten man.41Und ſo finden wir Rüdigern in der Klage mit demſelben Beiſatze geehrt (Z. 2334):
Do trůc man Rüdegere, Vater aller tugende,den ihm die Nibelungen gaben (Z. 8916):Vater aller tugendr33) lac an Rüdegeren tot.
Ich will es gern zugeſtehen, daß durch die wörtliche Übereinſtimmung beider Lieder in dieſer und anderen Stel - len meine Behauptung von dem näheren Zuſammenhange beider nicht erwieſen und noch gar nicht dadurch ihr Ver - hältniß zu einander ins Licht geſetzt werde: aber es ſei er - laubt, dennoch jetzt die Vergleichung, aus der ſich das Wahre erſt ergeben kann, ſo anzuſtellen, daß es ſchon als gewonnen angeſehen und ſogleich wieder zur weiteren Er - forſchung der Geſchichte unſeres Liedes angewandt werde; wodurch die Unterſuchung, bei der ich nun freilich meine Leſer mit nicht mehr als Gegner denken darf, erfreu - licher und zugleich die doppelte Forſchung, ich hoffe ohne Nachtheil, in eine einzige umgewandelt wird.
Hier zeigt ſich nun zunächſt, daß die Beziehungen der Klage auf die Lieder des zweiten Theils, bei dem wir fürs erſte noch immer ſtehen bleiben, erſt von der Stelle an, wo Etzel die Burgunden empfängt, beſtimmter werden und auf einzelne Punkte gehen. Dort wird nämlich, nachdem die Burgunden ins Land gekommen, ſehr auffallend hin - zugeſetzt (Z. 226):
Daz Kriemhilden golt rot Si heten ze Rine lazen,42woduurch ohne Zweifel Kriemhildens feindlicher Gruß an Hagen bezeichnet wird; ſie fragte ihn dabei, wohin er den Hort der Nibelungen gethan (Z. 6984):Den ſoldet ir mir füren in daz Etzelen lant.
In der Klage wird darauf ſogleich weiter erzählt (Z. 232 — 237), wie Etzel mit Züchten gegen die Fürſten ge - gangen ſei und ſie freundlich aufgenommen. Nach den Nibelungen ſind die Burgunden auf Volkers Rath zu Hofe geritten, dann iſt das Geſinde in die Herberge gebracht; hierauf folgte der eben erwähnte Gruß Kriemhildens, die ſie noch draußen empfing, und als ſie entdeckte, daß Die - terich die Fremden gewarnt, voller Scham und Zorn ſich eilig entfernte. Nun wird ferner berichtet, wie Diete - rich und Hagen mit einander darüber redeten, und Etzel (in der Teichoſkopie unſeres Liedes) ſich nach Hagen erkun - digte; bis endlich Hagen und Volker von ihren Herren weiter ab gingen, und vor Kriemhildens Saal mit bloßen Schwertern auf einer Bank ſitzend die Königinn und vier - hundert Recken empfingen, die nach einem neuen Wort - wechſel, ohne den Kampf zu wagen, wieder gingen. So - dann geht Volker mit Hagen wieder zu den Königen, die noch immer draußen ſtanden, und räth ihnen zu Hofe zu gehen. Dies geſchieht, Etzel ſpringt vom Seſſel, als er ſie kommen ſieht, und grüßt ſie ſo freundlich, daßEin grůz ſo rehte ſchöne von edeln ku̓nigen nie geſchach.
Wenn nun bei dieſer Erzählung in die Augen fällt, daß die Könige viel zu lange auf dem Hofe ſtehen blei - ben, ſo gibt der Umſtand, daß die Klage nichts von dem zweimahl darin berührten früheren Aufenthalt Ha - gens bei Etzel erwähnt, einen ſicheren Beweis, daß der43 Dichter dieſen ganzen Abſchnitt nicht kannte, und alſo die Erzählung von der Zeile (7021) an, wo ſich Dieterich und Hagen bei Handen fingen, bis (Z. 7237) wo Dieterich Günthern an die Hand nahm, ein anderes hier eingeſcho - benes Lied ausmache, das denn mit dem folgenden durch die Wiederhohlung von Volkers Rath, und durch die Er - zählung (Z. 7221 — 7236), daß die Könige, die nach dem Vorhergehenden (Z. 6945) ſchon längſt zu Hofe gegangen waren, ſo lange draußen in großem Empfange geſtanden, in eine leidliche Verbindung gebracht wurde.
Nach dem Empfange der Burgunden wird in den Ni - belungen die Anmerkung gemacht, daß ſie am Abend vor Sonnenwende zu Etzel gekommen ſeien, und dann erzählt, wie man zu Tiſche ging. Nach der Klage dagegen ſchei - nen ſie vor Mittag gekommen zu ſein; denn ſie weiß wie - der von den folgenden Begebenheiten (Z. 7305 — 7636) nichts. Nach den Nibelungen nämlich gehen ſie jetzt zu Bette; Kriemhildens Recken, abgeſandt ſie im Schlaf zu ermorden, fliehen zum zweitenmahle vor Hagen und Vol - ker, die die Wache übernommen haben; dann am Morgen der Kirchgang, der Buhurd und der Tod des ſchönen jun - gen Hünen durch Volkers Grimm und Übermuth; Etzel hat Mühe die Hünen zu beruhigen und ſeine Gäſte zu Tiſche zu bringen.
Von allem dieſem findet ſich, wie geſagt, in der Klage nichts, obgleich der Verfaſſer derſelben, wenn er dieſen Ab - ſchnitt kannte, kaum vermeiden konnte, wenigſtens den Tod des jungen Hünen zu erwähnen, mit dem die Feindſelig - keiten ihren erſten Anfang nahmen. Er gibt aber mehr - mahl Blödelin und der Burgunden Knechte als die erſten an, die gefallen ſeien (Z. 337. 2625. 4014.).
Nun finden wir nach beiden Gedichten Etzel mit den Fremden bei Tiſche; Kriemhild bittet Dieterich vergebens ihm zu helfen. In der Klage (Z. 1414 f.) erzählt dies Hildebrand Etzeln. Darauf wendet ſie ſich an Blödel, dem ſie Nudungs Land und Nudungs Braut verheißt; er ver - ſpricht ſie zu rächen, und ſie geht wieder hinein an den Tiſch34). Nach der Klage that es Blödel der Königinn zu Liebe, um ihr Leid zu rächen (Z. 330 — 337. 976 — 987. 1410 f.); eine kleine Verſchiedenheit, die ſchwerlich von einigem Belang iſt.
Darauf läßt die Königinn, um auf eine andere Art Zank zu ſtiften, den kleinen Ortlieb bringen. Etzel bittet die Fremden, ihn mit zu nehmen, damit er » nach dem ku̓nne gewahſe. « Hagen ſchilt ihn, und meint, er ſehe ſo nach Tod aus; das that dem Könige und den Übrigen weh. Der Verfaſſer der Klage ſcheint auch dieſe Erzäh - lung vorauszuſetzen; denn auch nach ihm wird das Kind hernach bei Tiſche ermordet, und Etzel klagt, als er den erſchlagenen Gernot ſieht (Z. 2081 — 2092): Wenn dieſer Held lebte, ſo wäre mein Sohn nach denen von Burgun - denland gerathen.
Indeſſen geht Blödel mit ſeinen Recken zu der Her - berge, wo Dankwart mit den Knechten eben zu Tiſche ſaß. Der Knechte waren nach beiden Erzählungen neuntauſend (Kl. 2624). Blödelin kam nach den Nibelungen (Z. 7758) mit tauſend Halsbergen; dennoch führte er früher (Z. 7553) dreitauſend Mann zu dem Buhurd, und ſo ſagt auch hier die Klage (Z. 329): Blödel verlor an Freunden und MagenWol dru̓ tuſent küner man.45Nach beiden Liedern wurde Blödel von Dankwart, nach der Klage aber, wie es ſcheint, auch alle neuntauſend Knechte von Blödels Recken erſchlagen (ang. St.), nach den Nibelungen (Z. 7803) dagegen nur fünfhundert oder mehr, weshalb hier auch wohl aus Blödels dreitauſend Recken nur tauſend gemacht ſind. Dann ſtanden aber aus eige - nem Antriebe zweitauſend oder noch mehr Hüniſche Recken auf, die das Geſinde vollends erſchlugen und denen Dank - wart kaum entging. Dies erzählt wieder die Klage nicht: doch wird gleich nach Blödels Erwähnung (Z. 341 — 365) geſagt, der Herzog Hermann, ein Fürſt aus Pohlen und Sigeher von Wlachen hätten willig Kriemhildens Leid ge - rächt; ſie brachten zweitauſend Ritter, Walther aus Tür - kei zwölfhundert Mann, die alle dort ihr Leben ließen; dahingegen alle dieſe Namen in den Nibelungen gar nicht vorkommen.
So ergänzen ſich hier beide Gedichte wechſelſeitig, und es wird daraus wahrſcheinlich, daß der Verfaſſer der Klage ſtatt unſerer 32ſten Aventüre ein anderes Lied las, von je - ner etwa eben ſo verſchieden, wie die drei Däniſchen Lieder von Grimhilds Rache unter einander.
In dem Folgenden (Nibel. Z. 7877 — 8120) iſt nun wieder die genaueſte Übereinſtimmung. Dankwart bringt auch nach der Klage ſein Mähre zu Hofe, Hagen ſchlägt Ortlieb im Angeſichte des Königs das Haupt ab (Z. 1468 — 1473. 923 — 925. 4019 f.). Nur der Nebenumſtand fehlt, daß des Kindes Haupt Kriemhilden in den Schoß ſprang (Nibel. Z. 7923). Bedeutender möchte ſein, daß der Tod des Magezogen und Wärbels abgeſchlagene46 Hand (Nibel. Z. 7925 — 7940) nicht erwähnt wird; Etzels Klage über ſie hätte uns der Dichter ſchwerlich er - laſſen35).
Darauf erzählen beide weiter, daß die drei Könige ſo - gleich mitgeſtritten (Kl. 4023 f.) und der Kampf allgemein geworden; nur daß in den Nibelungen noch vollſtändiger berichtet wird, wie Dankwart und Volker die Thür be - ſetzten. Dann bittet Kriemhild Dieterich um Hülfe, und wird auf ſein Rufen mit Etzel, der Königinn und Rüdiger hinausgelaſſen. Auch dies erwähnt die Klage (Z. 4052. 4058 ):
In vil angeſtlicher zite Wart geſcheiden noch herdan Her Dieterich und ſine man. — — — — — — — Rüdeger der helt mœre Lie oͧch beliben den haz.Volkers Tapferkeit wird von Freund und Feind gelobt; die Klage ſagt von ihm einſtimmend (Z. 340):
Dem man ie grozer eren jach Vor den andern beſunder.Die übrigen Hünen, die noch in dem Saale bleiben, werden erſchlagen, und die Burgunden ruhen nach dem Kampf aus.
Hier folgen nun in den Nibelungen (Z. 8121 — 8160) zehn Strophen, die dem Verfaſſer der Klage vermuthlich unbekannt waren. Es wird darin erzählt, wie man auf Giſelhers Rath die Todten aus dem Saale geworfen, wo - bei Volker noch einen Hüniſchen Markgrafen erſchießt und dadurch die Übrigen weit fort treibt. Hiervon wird nicht nur in der Klage gar nichts erwähnt, ſondern auch der47 kleine Ortlieb (Z. 922) darin, in dem Haufe, ohne Haupt gefunden.
Alsdann ſagt Hagen zu Etzel, es zieme wohl einem Könige, vor den andern zu ſtreiten; worauf Etzel ſeinen Schild faßt, von Kriemhilden aber zurückgehalten wird. Eben ſo erzählt Swemmel in der Klage (Z. 3442 ff. ):
Und hete man den ku̓nec rich, Etzeln, zů dem ſtrite lan, Wir müſen in oͧch verloren han.Kriemhilde, von Hagen verſpottet, bietet einen Schild voll Goldes für Hagens Haupt. Die Klage gibt den Helden, die nun auſſtanden, wieder nur die edlere Abſicht, der Frau und des Königs Leid zu rächen; ſie thaten, heißt es (Z. 396 ff. ), was er gebot.
In den nächſten Kämpfen Irings, Irnfrieds und Ha - warts mit den Burgunden36) findet ſich wieder eine große Übereinſtimmung beider Lieder, mit wenigen Verſchieden - heiten; einige Strophen in den Nibelungen werden ſich als ſpäter eingefügt erkennen laſſen.
Zuvörderſt ſagt uns der Dichter der Klage (Z. 366 — 412), daß jene drei Helden vor dem Kaiſer zu Etzel geflo - hen, daß Irnfried zuvor Landgraf von Thüringen, Hawart König von Dänemark, und Markgraf Iring ſein Mann ge - weſen; und vielleicht mochte er alles dies, das in den Ni - belungen nicht ſo vollſtändig erzählt wird, in ſeinem Liede ausführlicher finden.
Hawart, Iring und Irnfried hatten nach der Klage (Z. 413 — 415) dreiunddreißighundert Mann: nach den48 Nibelungen (Z. 8219 — 8374. vgl. 7547) kommen ſie wohl mit tauſend Mann, und noch beſtimmter (Z. 8401) mit tauſend und vieren.
Zunächſt erwähnt nun die Klage nicht, was uns in den Nibelungen (Z. 8253 — 8296), deren Erzählung hier überhaupt ſehr vollſtändig und eine der ſchönſten des gan - zen Liedes iſt, berichtet wird, wie Iring zuerſt, nachdem er Hagen, Volker, Günther und Gernot vergebens ange - griffen, vier Knechte tödtet, dafür aber von Giſelher, wie - wohl ohne Wunde, zur Erde niedergeſchlagen wird. Er ſprang auf (Z. 8295),
Do lief er uz dem huſe, da er aber Hagen vant, Und ſlůg im ſlege grimme mit ſiner ellenthafter hant.Hier verräth ſich die Überarbeitung; denn Hagen war ja im Hauſe oder doch auf der Treppe (ſ. Z. 8211 f.).
Nun folgt Irings Kampf mit Hagen, wobei Hagen verwundet wird; dies erwähnt auch die Klage (Z. 1176 f.). Dennoch muß Iring fliehen; und auch das wird in der Klage berührt (Z. 1173).
Jetzt wieder ein neuer Zuſatz (Z. 8305 — 8348): Iring, von Hagen verfolgt, kommt geſund zu den Seinen und empfängt Kriemhildens Dank. Von Hagen zu neuem Kampfe gereizt, läßt er ſich wieder waffnen; Hagen läuft ihm entgegen, die Stiege hinab, und verwundet ihn mit dem Schwerte.
An dieſe Umſtände, die in der Klage fehlen, ſchließt ſich eben ſo gut, wie an das Borhergehende, daß Hagene nun einen Ger aufnahm und Iring damit in den Kopfſchoß.49ſchoß. Eben dies erzählt auch die Klage (Z. 1171. 423), und weil ſie noch hinzuſetzt, Etzel habe Iring mit dreißig ſeiner Mannen (Z. 1224), die nach den Nibelungen erſt ſpäter erſchlagen wurden, vor dem Hauſe gefunden, wo ihn Hagen erſchoß, ſo erhellt daraus, daß in den Nibelun - gen die nächſten Umſtände (Z. 8353 — 8372) wieder dem Umarbeiter gehören: wie Iring mit der langen Gerſtange, die ihm vom Haupte ragte, zu den Dänen flieht und ſter - bend Kriemhilden nicht weinen heißt.
Nun ſpringen Irnfried und Hawart mit tauſend Mann vor das Gadem37); Irnfried verwundet Volkern, Volker erſchlägt den Landgrafen. Das letzte wenigſtens er - zählt auch die Klage (Z. 419 — 422). Hawarten, ſagt ſie weiter (Z. 433), den ſchlug Dankwart. Nach den Nibe - lungen that es Hagen; und dieſer Unterſchied mag immer - hin für ein Verſehen gelten38). Die Dänen und Thü - ringer dringen nun in den Saal. Von Volker, der ſie nach den Nibelungen hineinlaſſen hieß, wird in der Klage ebenfalls beſonders geredet (Z. 416):
Der wart von Volkeres hant Alſo maniger ſint erſlagen, Daz manz ze wunder wol mac ſagen.Darauf ruhen die Burgunden abermahl, der König und alle klagen laut.
Die folgende Aventüre hat nun wieder der Verfaſſer der Klage nicht gekannt. Das Lied hebt mit einem neuen Kampf an, der bis zur Nacht währt. Darauf folgt die Bemerkung, die große Schlacht ſei auf Sonnenwende ge -D50liefert worden. Weiter bitten die Fremden in der Nacht vergebens um Frieden; Kriemhild wehrt den Hünen, die die Gäſte zum Kampf aus dem Saal laſſen wollen; end - lich, wie man ihr Hagen als Geiſel verweigert, läßt ſie das Haus an vier Ecken anzünden; es wird uns erzählt, wie ſie ſich vor dem Feuer zu ſchützen ſuchen, und die Durſtigen endlich auf Hagens Rath das Blut der Gefalle - nen trinken. Am Morgen leben noch ſechshundert; gegen die wagen es noch einmahl zwölfhundert Mann, die Kriem - hildens Gut verdienen und thun wollen, was ihnen der König gebot39); und auch dieſe müſſen ſämmtlich von der Burgunden Hand ſterben.
Es befremdet ſchon, von dem allen in unſerem Ge - dichte weiter nichts wiederzufinden: aber den Dichter der Klage müßten wir gar nicht kennen, wenn wir nicht glau - ben ſollten, daß er faſt auf jeden Punkt dieſer Erzählung mehr als einmahl hätte zurückkommen müſſen. Es iſt frei - lich wahr, er erwähnt das Verbrennen des Saales ein - mahl (Z. 641):
Daz hus was verbrunnen gar Ob der vil herlichen ſchar, Die durch ſtrit kom darin.Aber eben daraus, daß er es nur einmahl im Vorbeigehen berührt, wird gewiß, daß er die Beziehung darauf in dem Liede, das er vor ſich hatte, nicht verſtand.
Dagegen las er gewiß das Lied von Rüdiger und ſei - nem Tode (Nibel. 8641 ff. ), ſo wie alle die folgenden. 51Doch darf man ſchwerlich annehmen, daß er irgend eins davon nicht in einer bloß ſehr ähnlichen, ſondern ganz in derſelben Geſtalt gekannt habe, wie ſie, in kleineren Um - ſtänden oftmals abweichend, in vielen andern aber mehr ausgebildet und ausgeſchmückt, in unſere Nibelungennoth aufgenommen wurden. Es wird leicht ſein, ſich hiervon zu überzeugen, wenn wir angeben, was die Klage von die - ſem letzten Abſchnitte erwähnt, und dabei nur auf einige bedeutendere Auslaſſungen aufmerkſam machen, die Abwei - chungen aber deſto genauer anzeigen; wodurch ſich zugleich ergeben wird, daß auch dieſe Aventüren, wie wir ſie jetzt leſen, nicht von einem einzigen Dichter verfaßt, ſondern nur durch den Ordner ohne durchgängige Hebung aller Widerſprüche zuſammengeſtellt worden ſind.
Von den nächſten Begebenheiten erzählt nun die Klage nur die folgenden: wie Kriemhild Rüdiger ſo lange bat, bis er die Degen mit Streite beſtehen mußte (Z. 4070 — 4073). Gernots Schwert, ein Geſchenk von Rüdiger, wird beſchrieben (Z. 2061 — 2075). Der Schild aber, den Rü - diger jetzt Hagen gab, für den, welchen er bis dahin trug (ein Geſchenk Gotelindens), wird eben ſo wenig erwähnt, als die Armbänder von Gotelinden, die Volker trug; nicht einmahl, daß Hagen und Volker ſich des Streites gegen Rüdiger begaben. Nach beiden Gedichten erſchlagen ſich Gernot und Rüdiger wechſelsweiſe. In den Nibelungen (Z. 8983) ſchlägt Rüdiger Gernoten durch den Helm: Etzel findet ihn dagegen in der Klage (Z. 2040)
So ſere verſchroten Mit einer verchwunden; Gein den bru̓ſten unden Was ſi wol ellen wit geſlagen.D 252Über beider Tod zürnt in den Nibelungen Hagen. Dann folgt eine Strophe, die nach dem Zuſammenhange der Rede noch Hagens Worte enthält (Z. 9001):
O we mines brůder, der tot iſt hie gefrumt! Waz mir der leiden mœre z’ allen ziten kumt! Oͧch můz mich immer ru̓wen der edel Rüdeger; Der ſchade iſt beidenthalben und du̓ vil grözlichen ſer.Aus dieſer Stelle ſcheint alſo zu folgen, daß wenige Verſe nachher (Z. 9009), wo Günther, Giſelher, Hagen, Dank - wart und Volker an die Stelle hingehen, wo Gernot und Rüdiger erſchlagen liegen, ein neues Lied anfange, das vorhergehende aber Dankwarts Tod ſchon vorausſetze; wie denn auch in der Klage (Z. 1579) nicht erzählt wird, wer Dankwart erſchlug, obgleich er nach ihr (Z. 1627 — 1657) ſpäter noch einen von Dieterichs Mannen tödtete, nämlich Wolfbrand, und nach einem anderen Liede in den Nibelungen (Z. 9273) von Helfrichs Hand fiel. In dem vorhergenden Liede wurde zwar Dankwart auch noch er - wähnt, eben unter denen, die gegen Rüdiger ſtritten; aber auch nur in dem vorhergehenden, denn offenbar zeigt doch dieſe Strophe (Z. 8965) den Anfang eines Liedes:
Vil wol zeigete Rüdiger, daz er was ſtark genůc, Küne und wol gewaffent; hei, waz er helde ſlůc! Daz ſach ein Burgonde, zornes gie im not; Davon begunde nahen des edeln Rüdegeres tot.Das Lied, welches wir hier zuerſt von den anderen trennen mußten (Z. 9009 — 9116), gibt ſich auch durch ei - nen anderen Umſtand, der darin enthalten iſt, als verſchie - den von den übrigen zu erkennen. Die Burgunden ruhen wieder aus, ſo daß die Königinn ſchon glaubt, Rüdiger habe ſich mit den Feinden verſöhnt: da ſtraft ſie Volker53 Lügen und läßt Rüdiger vor den König tragen. Dahin - gegen ſagt Volker nachher (Z. 9174 f.), als Dieterichs Mannen Rüdigers Leichnam fordern, ſie ſollen ihn aus dem Hauſe hohlen, wo er liegt,Mit ſtarken verchwunden gevallen in daz blůt.Noch mehr: in der letzten Stelle verlangt Hildebrand den Leichnam von den Burgunden auf Dieterichs Geheiß (Z. 9156 ff.). Dieterich hatte ihm in dem eben ausgezeichneten Liede nichts dergleichen aufgetragen, ſondern er bat (Z. 9099 f.):
Hildebranden zů den geſten gan, Daz er an in erfu̓nde, waz da wœre getan;und in dem folgenden Liede40). als Hildebrand wieder - kommt und Rüdigers Tod meldet, ſagt er (Z. 9369):So we mir dirre leide! iſt Rüdeger doch tot?Endlich ſagt Wolfhart, Dieterichs Mann, eben wo ſie mit den Fremden über Rüdigers Leichnam rechten (Z. 9179 f.):
Getörſt’ ich vor minem herren, ſo kömet irs in not; Des müzen wir ez lazen, wand’ er uns ſtriten hie verbot. Daſſelbe Verbot Dietrichs erwähnt die Klage (Z. 4082 f.), und Dieterich ſelbſt ſagt in den Nibelungen (Z. 9356) zu Hildebrand, als er zurückkommt:
Ich wœne, ir mit den geſten zem huſe habt geſtri - ten; Ich verbot ez u̓ ſo ſere, ir het ez billiche vermiten.Dennoch kommt auch hiervon in jenem Liede nichts vor; und als ſich Dieterichs Mannen rüſten, um mit Hildebrand zu gehen, verbietet er es ihnen nicht; ja es iſt nicht ein -54 mahl deutlich, ob von Dieterich oder von Hildebrand ge - ſagt wird (Z. 9112):Dem helde was iz leide, vil gerne het’ erz erwant,und (Z. 9116):Do er daz gehorte, davon geſtattes in der degen.
Aber es iſt Zeit zu der Klage zurückzukehren, die an - ſtatt der Strophe, welche uns auf die letzten Unterſuchungen führte, nicht Hagens, ſondern Giſelhers Klage um Rüdiger erwähnt (Z. 474):
Giſelher der here Den heizblůtigen bach Ungerne fliezen ſach An den ſelben ſtunden Von Rüdegeres wunden.Ferner wird (Z. 464) einſtimmig mit den Nibelungen (Z. 9008. 6852) erzählt, alle fünfhundert Mann Rüdigers ſeien erſchlagen, obgleich ſich doch nachher (Z. 2799) noch ſieben finden, die auch (Z. 3079) mit Swemmel heim nach Bech - laren geſandt werden.
Um Rüdigers Tod, heißt es weiter (Z. 4078 — 4086), haßten die Berner die Fremden und wollten ſogleich Rü - diger rächen; doch hatte es Dieterich ſeinen Recken ſehr verboten. Da war Wolfhart ſo grämlich, daß er den Streit nicht laſſen wollte, ohne die Burgunden zu beſte - hen. Von einem Punkte dieſer Erzählung iſt ſchon die Rede geweſen; das Übrige iſt zu kurz, um etwas für un - ſere Unterſuchung daraus zu ſchließen. Von dem, was in55 den Nibelungen folgt, wie Dieterichs Recken gegen die Burgunden anſtürmen, die Kämpfenden aber noch immer geſchieden werden, weiß auch der Verfaſſer der Klage. Denn wenn es in unſerem Liede (Z. 9209 ff. ) heißt:
Do geſpranc zů Hagenen meiſter Hildebrant; Du̓ ſwert man hort’ erklingen an ir beider hant ꝛc. Die wurden do geſcheiden in des ſturmes not; Daz taten die von Berne, als in ir kraft gebot;ſo ſagt Hildebrand dagegen ſelbſt in der Klage (Z. 1498), aber von Volker:
Er ſlůc mir einen nitſlac Uf die minen ringe, Daz der min gedinge Zem lebene was vil kleine; Er beſtůnt mich aleine. — — — — — — — Het mich geſcheiden nicht herdan Helfrich, daz wil ich u̓ ſagen, So hete Volker mich erſlagen.Dann tödtet Volker den Sigeſtab, den Hildebrand an Volkern rächt (Z. 1269 — 1271. 1543 — 1546. 1674 — 1676), Von wem Dankwart fiel, wird (Z. 1579) nicht geſagt. Er ſchlug mehr als » Hagene viere «41) (Z. 1588); Volker er - ſchlug wohl zwölf von Dieterichs Mannen (Z. 1537), Gün - ther dreißig oder mehr (Z. 1992); Dieterichs Recken waren überhaupt ſechshundert (Z. 321). Die letzte Angabe ſtimmt mit zwei früheren Stellen der Nibelungen (Z. 7529. 8060), die übrigen fehlen. Giſelhers und Volkers Wechſelmord erkennen beide Gedichte an. Von Dietrichs Recken nennen die Nibelungen außer den ſchon erwähnten noch Ritſchart, Gerbart, Wolfwin, Helfrich, Wichart und Wolfbrand;56 wer jeden tödtete, erfahren wir nicht. Nach der Klage (Z. 1627 ff. ) wurde Wolfbrand von Dankwart erſchlagen, Wolfwin, Nitiger und Gerbart von Giſelher, endlich Wig - nand, Sigeher und Wichart von Günther. Hagen ſchlug Hildebrand eine Wunde durch die Ringe42) außen vor dem Gadem, Hildebrand entrann (Z. 1273 — 1278). In den Nibelungen (Z. 9358) erzählt Hildebrand Dietrichen, die Wunde habe er von Hagen in dem Gadem empfangen.
Das ſagen wieder beide Lieder ausdrücklich: eh’ es Dieterich befand, lebte keiner mehr als Hildebrand, Gün - ther und Hagen; Hildebrand brachte Dieterich die Nach - richt, mit einer Wunde von Hagen (Kl. 4037 ff.). Diete - rich war ſehr betrübt, weil ſein Schade an Magen und Mannen ſo traurig war (Z. 4100). Er ging nun zu Günther und Hagen. Dieterich ſelbſt erzählt (Z. 1255):
Ich en weiz oͧch, wes ich engalt, Daz mich Hagene beſchalt Zů allem mime ſere, Daz ich ez niht mere Vor laſter kunde vertragen;welches wohl auf die Stelle in unſeren Liedern geht, wo ſich Hagen entſchuldigt (Z. 9446):
Ez giengen zů diſem huſe u̓wer degene, Gewaffent wol ze flize, mit einer ſchar ſo breit; Mich dunket, daz du̓ mœre u̓ niht rehte ſin geſeit.Dieterich erzählt weiter, wie er Güuthern gebeten, Frieden zu machen und ſich ihm als Geiſel zu ergeben, er wolle ihn geſund an den Rhein bringen; Hagen habe keinen57 Frieden gewollt. Hiermit ſtimmt der Nibelungen Noth vollkommen überein. Nur den Grund, den Hagen nach Dieterichs Bericht angab: weil Giſelher und Gernot todt wären und Hildebrand Volkern erſchlagen, oder wie es in einer anderen Stelle (Z. 4110 f.) heißt, weil ſie vor Leide nach den anderen nicht leben wollten — dieſen Grund kennt unſer Lied nicht, vielmehr wird der in der Klage (Z. 1288) Günthern zugeſchriebene,
Do het’ er des gedingen, Ern lieze niemen hie geneſen,hier noch deutlicher ausgeſprochen, indem Hagen ſchon als er Dieterich kommt ſieht, ſich vermißt, er wage ihn recht wohl zu beſtehen;
Man ſol daz hu̓te kieſen, wem man des beſten muge jehen.Nach der Klage nun ſtreitet Dieterich nicht, wie in den Nibelungen, zuerſt mit Hagen, ſondern mit Günther, der ihn, obgleich müde, als ein Degen beſtand (Z. 4114 f.). Dreimahl von Günther niedergeſchlagen (Z. 1292 — 1295) — ein Umſtand, den die Nibelungen nicht erwäh - nen, — zwingt ihn Dieterich zuletzt mit Schwertſchlägen, und gewinnt ihn zum Geiſel (Z. 4116 f.), indem er ihn bindet, » mit einer verchwunden « (Z. 1296 — 1299). Da - nach beſtand ihn Hagen zu derſelben Zeit (Z. 4120 ff. ); auch ihn band Dieterich (Z. 803 — 805) und überantwor - tete beide der Königinn (Z. 4126 f.). Er vermuthetr nicht, daß Kriemhild Günthern würde tödten laſſen (Z. 1300 — 1303). Nach den Nibelungen bringt er ihr jeden beſon - ders, und Hagen ſchlägt ihm zuvor noch eine Wunde, die war tief und lang (Z. 9516). Was ſie dann noch mit Ha -58 gen über den Schatz ſprach, davon erfahren wir in der Klage nichts. Sie ließ beide hinführen und rächte ſich furcht - bar: Günthern ließ ſie den Kopf abhauen, Hagen ſchlug ſie ſelbſt mit einem Schwertſchlag; darum erſchlug Hilde - brand ſie, den Held zu rächen, ohne Noth (Z. 4128 — 4135. 798 — 809). Als das Etzel ſah, da entſtand allge - meiner Jammer (Z. 537 f.). Dieſen Zuſatz fand der Dich - ter noch in dem Liede, das unſerer letzten Aventüre ent - ſprach.
Darauf folgte ein Schluß, dem jetzigen ſehr ähnlich (Z. 548 ff. ):
Ez was nu allez daz getan, Daz da ze tůne was; Sit der neheiner da genas, Die da getorſten wappen tragen. Die lagen als daz vihe erſlagen Und gevallen in daz blůt; Damite beſwœret was der můt Den, die mit freuden wanden leben. Du̓ gabe was in da gegeben, Daz man da anders niht en pflac, Beidu̓ naht unde tac, Nu̓wan weinens unde klagen ꝛc.Sogar die Zeile unſeres Liedes war, wie man ſieht, ſchon darin angedeutet:Mit leide was verendet des ku̓nges hohgezit;freilich aber nicht die folgende, die gewiß unſerem Ordner eigen iſt:Als ie du̓ liebe leide z’ allerjungeſte git.59Und daß überhaupt der Schluß mit dem unſerigen nicht genau ſtimmte, beweiſt unſere Zeile:Ze ſtucken was gehoͧwen do daz edele wip;denn nach der Klage ſchlug Hildebrand Kriemhilden das Haupt ab (Z. 855):
Do man ſi geleite uf den re, Der fu̓rſte het’ ir hoͧbet e Zů dem libe dan getragen.Aus der bisher angeſtellten Vergleichung ergibt ſich, wie es mir ſcheint, ſehr beſtimmt, daß der Verfaſſer der Klage viele von den Liedern der letzten Hälfte unſerer Ni - belungen in einer, dem Inhalte nach wenigſtens, im Gan - zen nur ſelten abweichenden, bald mehr, bald weniger voll - ſtändigen Geſtalt vor ſich hatte, hingegen einige andere auch wieder gar nicht kannte.
Ein Umſtand muß hier aber noch berührt werden, auf den die Klage mehrere mahle zurückkommt, ohne daß ſich in unſerem Liede etwas davon findet, obgleich die erſte von den Stellen, worin ſich die Klage darauf bezieht, noth - wendig auch in unſerem Gedichte vorkommen mußte, wenn es nicht vollſtändigere und mangelhaftere Überlieferungen der einzelnen Lieder gab, und der Verfaſſer der Klage hier etwas mehr las als der Ordner unſeres Gedichtes. In der Stelle, die ich meine, (Z. 1394 ff. ) ſagt Hilde - brand:
Ez weiz oͧch wol der herre min, Daz ſi Hagen, den einen man, Geſcheiden hete gern herdan;60 Do kundes leider niht geſchehen. Wir horten ſi des beide jehen. Daz ir vil leit wœre, Ob iemen deheinu̓ ſwœre Von ir ſchulde ſolde han, Nu̓wan der einige man; Daz hete ſi gerne gebroͧwen.Dieterich und Hildebrand hörten das ohne Zweifel von ihr, als ſie Dieterich zuerſt um Rath und Hülfe bat. Die Ni - belungen (Z. 7648) laſſen ſie aber auch nur darum bitten, ohne jene beſtimmte Äußerung, daß ſie die übrigen, außer Hagen, wollte geſchont haben. Ja ſpäterhin, wo ſie um Frieden bitten, antwortet ſie (Z. 8509):
Ine mac u̓ niht genaden, ungenade ich han; Mir hat von Tronege Hagene ſo grozu̓ leit getan; Ez iſt vil unverſünet, du̓ wil’ ich han den lip. Ir müzetes alle engelten, ſprach daz Etzelen wip.Dagegen heißt es in der Klage an einem anderen Orte (Z. 622 — 640): Sie hatte es nicht ſo gemeint, ſie wollte gern, daß nur der eine Mann getödtet würde; damit hätte ihr Schmerz und Zorn eine Ende gehabt; da wollten ihn ſeine Herren und Mage nicht erſchlagen laſſen, ſo ließ ſie es gehen wie es wollte. Und abermahl (Z. 2098 — 2105): Kiemhild hätte Hagen wohl von den drei Königen aus - geſchieden; nur geht Weibesſinn ſelten weiter als eine Spanne. Dieſer Gedanke, der in der Klage noch öfter wiederhohlt wird, iſt, wie geſagt, den Nibelungen fremd. Denn daß er doch dreimahl in der erſten Hohenemſer Hand - ſchrift, und ſelbſt an der zuerſt angeführten Stelle (Z. 7653 — 7660, ferner Z. 7385 — 7388. 8441 — 8444) vorkommt,61 das wird niemand wundern, der da weiß, was es mit die - ſer Handſchrift für eine Bewandtniß habe.
Nun bleibt noch übrig zu unterſuchen, welche Aventü - ren vor dem Punkte, von dem wir die Vergleichung aus - führten, der Verfaſſer der Klage möge gekannt haben.
Da zeigt ſich zuvörderſt ſchon aus der oben angeführten Gleichheit einiger Ausdrücke, daß er den Abſchnitt kannte (etwa von Z. 5533 an, bis 5704), in dem erzählt wird, wie Kriemhild nach Ungarn kam, ihr Leid zu rächen dachte und Etzeln bewog die Burgunden einzuladen, wie der Kö - nig Boten von Land zu Land ſendete, und durch ſie zu ſeiner Hochzeit bat und gebot. Er fand im Anfange des Liedes vermuthlich mehr von den Königstöchtern, die Helke erzogen hatte. Wir leſen (Z. 5535) nur:Siben ku̓nige töhter Kriemhilt noch da vant:dagegen erwähnt er (Z. 2396 — 2449) aus hoher Könige Geſchlecht
Wol ſehs und ahzec meide, Die froͧwe Helke het’ erzogen,von denen er einige nennt, die er angeſchrieben gefunden, denn aller Namen ſeien nicht bekannt. Weiter erzählt er (Z. 116 — 215): das Geſinde diente ihr mit eben ſolcher Ehrfurcht, wie zuvor Frau Helken; ſie hatte täglich Rittet - ſchaft vor ſich. Dennoch weinten immer ihres Herzens Augen. Endlich da ſie die große Gewalt in den Hüniſchen Reichen gewonnen, brachte ſie es dahin, daß ſie auf Rache ſann. Sie hatte ſich aller Freuden begeben, wiewohl ſie täglich62 zwölf gekrönte Könige in ihrem Dienſte ſah. Es iſt be - kannt, daß Etzel viel Fürſten zu einer Hochzeit in ſein Land geladen, auf Kriemhildens Bitte.
Do was du̓ froͧwe alſo wis, Daz ſiz mit liſten ſo anvie, Daz ſi der niht beliben lie, Die ſi z’ ir hochzit gerne ſach, Den da vil leide ſit geſchach.Es fällt in die Augen, daß dieſe Erzählung bis auf einige Auslaſſungen, deren Grund theils in dem Dichter der Klage ſelbſt, theils aber auch in ſeiner Quelle liegen mochte43), genau und faſt wörtlich mit der in den Nibelungen übereinſtimmt.
Um ſo gewiſſer ſcheint es mir denn, daß er höchſtens eine kurze Nachricht von Swemmels und Wärbels Rück - kehr und dem Folgenden, ausgeführte Lieder aber von der Reiſe der Boten nach Worms, und was während ihres Aufenthaltes daſelbſt vorging, wie von der Reiſe der Bur - gunden ſelbſt, nicht geleſen habe. Zwar erwähnt er Giſel - hers Verlobung mit Rüdigers Tochter, die er Dietlinde nennt, und ſogar den mit den Nibelungen doch nicht ganz genau ſtimmenden Umſtand, daß Volker dazu gerathen (Z. 1996 ff. ), ja ſelbſt des Küchenmeiſters Rumold Rath, daß die Könige zu Worms bleiben möchten (Z. 4253); endlich kennt auch nach ihm Brünhildens Geſinde den Swemmel, der am Ende der Klage wiederum nach Worms geſandt wird (Z. 3755. 3808). Aber dafür weiß er auch gar nichts von den übrigen Begebenheiten aus dieſer Zeit zu ſagen; Swemmel findet Rumold nicht einmahl als Reichs - verweſer44); ſo daß man alſo wohl annehmen muß, er habe jene Nachrichten, die auch zum Theil in den letzten Liedern63 unſeres Werkes vorkommen, beiläufig aus anderen Stellen erfahren, zumahl er an einem Orte ganz beſtimmt eine Beziehung auf die Reiſe der Burgunden ſelber nicht ver - ſtand. Bei Swemmels und ſeiner Gefährten Reiſe nach Worms heißt es nämlich (Z. 3727):
Do ſi uf in Beiern quamen, Und ſi daz wunder da vernamen, Daz zen Hu̓nen was geſchehen, Genůge under in begunden jehen: Got von himele ſis gelobt, Daz her Hagene hat vertobt!Sie verbreiten ſich noch lange in allgemeinen Ausdrücken über Hagens Übermuth, ohne beſtimmt auf den Punkt zu kommen, der eigentlich ihre Freude erregte, daß nämlich Hagen für den Schaden geſtraft ſei, den er ihnen auf der Hinreiſe gethan.
Wenn wir nun auch das durchgehen, was in der Klage von den früheren Schickſalen Kriemhildens und ihrer Ver - wandten vorkommt, ſo wird daraus klar werden, daß der Dichter nicht den erſten Theil unſeres Liedes, ſondern nur einen kurzen hin und wieder auch abweichenden Auszug der Geſchichte deſſelben vor ſich hatte.
Zuerſt fand er ohne Zweifel eine der unſerigen ziem - lich gleichlautende Nachricht von den Königen zu Worms und ihren Mannen. Aus dem Buche nennt er Dankrat und Ute als Kriemhildens Ältern; die Namen ihrer Brü - der ſeien bekannt. Außer den Mannen Günthers, die mit nach Ungarn reiſten, kennt er Rumold und den Schen -64 ken Sindolt (Z. 3968 ff. ), und erzählt von Volker (Z. 1522 ff. ):
Er hete bi Rine daz lant Mit Gu̓nthere beſezzen; Der helt vil vermezzen Was von Alzeie erboren.Dagegen kommen Ortwin, Gere, Hunold und Eckewart nirgend vor, zum klaren Beweis, daß die erſte Aventüre, bei den verſchiedenen Bearbeitungen, nach dem Umfange des Inhalts anders ausgeführt war.
Ferner wird berichtet, Kriemhild habe Siegfried ge - heirathet; ihm ſchreibe das Mähre große Tugenden zu, daß er demüthig und Falſches leer, bei allen beliebt, ſehr ſtark, kühn und wohlgethan geweſen. Es iſt uns geſagt und aus den Büchern bekannt, daß ſein Vater Siegmund, König zu Santen, ſeine Mutter Siegelinde hieß. Er wurde nachher aus Haß und Neid, durch anderer Recken Übermuth, von Kriemhildens nächſten Verwandten ermor - det, weil die » vil eregerende « Kriemhild Brünhilden den Muth mit Rede erzürnt hatte; Brünhild benahm ihr ihre Freude, was ſie nachher oft bereuete45) (Z. 4170 ff.). Günther rieth, daß Siegfried ſterben müßte (Z. 504 f.). Hagen erſchlug ihn, und nahm Kriemhilden nachher auch ihr Gut und bot ihr zu allen Zeiten viel Schmach zu ih - rem großen Schaden (Z. 4235 — 4247). Der Nibelungen Hort46), ihre Morgengabe, war ſo viel, daß er nicht klei - ner wurde, wie viel man auch davon hingab. Nach Sieg - frieds Tode kam ihr der Schatz nach Worms. Als ſie ihn in ihre Gewalt nahm und in ihre Kammer bringen hieß, da ließen ihre Brüder es Hagen, » mit ſchanden, laſter - liche, « hingehen, daß er ihr den Hort raubte; er verſenkteihn65ihn all in den Rhein (Z. 1360 — 1379). Auch Brünhil - dens Sohn, der nach den Nibelungen Siegfried hieß, kommt am Ende der Klage vor, und wird zuletzt zum Kö - nig gekrönt. Wie aber
der ku̓nic ſit geſaz, Und wie lang’ er krone mohte tragen, Daz kan ich niemen geſagen; Du̓ mære ſuln uns noch komen.(Z. 4292 ff.). Ute wohnte nach der Klage (Z. 3908 ff. ) zu Lorſe47), von wo ſie nach Worms eilte, als Swem - mel kam.
Als Kriemhild nach Siegfrieds Ermordung verwitt - wet ward, brachte ſie der Schmerz ſo weit, daß ſie ſich alle Freuden verſagte, und vor Klagen kaum das Leben behielt. Nachher ward ſie Etzels Weib;
Durch rache můſte ſi daz tůn, Und durch deheinu̓ minne niht, Als uns du̓ aventu̓re giht.(Z. 83 ff.) Auch dies hieß der Rede Meiſter in dem Mähre dichten, wie reich der König Etzel geweſen: täglich hatte er zwölf Könige unter ſich; die dienten ihm mit Ehren48). End - lich iſt uns auch bekannt und oft geſagt, daß der König zuvor ein tugendhaftes Weib hatte, die Helke hieß, und daß Kriemhild in Hünenland herrſchte, wie Frau Helke zuvor gethan.
So findet ſich in der ganzen Klage nirgend eine Spur von Siegfrieds früheren Thaten, ſeiner Unverwundbarkeit - den Nibelungen und der Tarnkappe49), oder wie Brün - hild zweimahl dadurch bezwungen wurde, daß GüntherE66die Gebärde und Siegfried die Werke hatte: lauter Um - ſtände, die der Verfaſſer der Klage gewiß nicht überging, wenn ihm in ſeinem Buche etwas Beſtimmtes davon wäre überliefert worden. Ja man darf wohl annehmen, daß er bei ſeiner übrigen Weitläuftigkeit und dem Beſtreben, überall neue Umſtände des Jammers zuſammenzutreiben, uns den kleinen Günther, Siegfrieds Sohn, den Kriemhild in Niederland gelaſſen, ſchwerlich würde geſchenkt haben.
Ich müßte mich ſehr irren, oder es iſt durch die bisher geführten Unterſuchungen nun nicht nur unſere Haupt - frage ſchon großentheils ins Klare gebracht, ſondern auch ein Bedeutendes für die Geſchichte der Ribelungenlieder überhaupt gewonnen. Wir haben eine Anzahl interpolier - ter Stellen und einzelner Lieder in der letzten Hälfte des Gedichts nachgewieſen; wir haben gezeigt, wie an manchen Liedern drei bis vier verſchiedene Hände gearbeitet; es hat ſich neben der unſerigen eine andere Reihe theils derſelben theils anderer Lied[er gef]unden, die durch eine Einleitung, welche den Inhalt unſerer erſten Aventüren in der Kürze angab, verbunden waren. Ob dieſe andere Sammlung auch ſchon der Nibelungen Noth hieß, oder dieſe letztere Auf - ſchrift nur allein unſerer Sammlung zukommt, läßt ſich aus dem Umſtande, daß die Burgunden in der Klage nicht Nibelungen heißen, wohl nicht ausmachen50). Die Ver - bindung der Lieder war darin auf das ohne Zweifel am Anfange oder Ende als Quelle erwähnte, entweder erdichtete oder wirklich vorhandene Lateiniſche Buch von Pilgrims Schreiber, Meiſter Konrad, bezogen, wie denn auch die Verwandtſchaft Pilgrims mit den Burgunden darin ſchon eben ſo, wie in unſeren Liedern, angegeben67 wurde. Daß aber auch dieſes Gedicht, das der Ver - faſſer der Klage vor ſich hatte, eine Sammlung mehrerr Lieder, und insbeſondere der Erzähler der Geſchichte, die den eigentlichen Inhalt der Klage ausmacht, von denen der vorigen Aventüren verſchieden war, erhellt daraus, daß da, wo die Deutſche Sage überhaupt ſchloß, und der Ordner unſeres Werkes, in dem nie Beziehungen auf ſpä - tere Begebenheiten genommen werden, uns ſagt:Ine kan u̓ niht beſcheiden, waz ſider do geſchach,jene andere Sammlung, wie ſchon gezeigt worden, eben - falls einen Schluß hatte, und der Verfaſſer der Aventüre von der Klage ſich auf Umſtände bezog, die der Dichter des Mähres von der Klage nicht fand, wie die Schlacht, welche Hagen den Baiern lieferte, und das Verbrennen des Saales.
Nun wird es, um unſeren Beweis ganz vollſtän - dig zu führen, nur noch nöthig ſein, daß wir auch die erſte Hälfte unſeres Gedichtes durchgehen, damit ſich zeige, ob auch dieſe aus mehreren Liedern zuſammengefügt oder von einem Dichter in der gegenwärtigen Geſtalt verfaßt ſei. Dabei muß denn vorausgeſagt werden, daß bei dem Abgange eines Gedichts, das in eben ſo nahem Verhält - niſſe zu dem erſten Theile, wie die Klage zu dem zweiten, ſtände, hier dieſe Seite der Unterſuchung ganz verſchwinden und deshalb auch ohne Zweifel Manches völlig im Dunkeln bleiben muß. Dagegen zeigt aber hier ſich überall we - niger Ausgebildetes und ein ſtrengeres Beibehalten der al - ten Form; weshalb in dieſem Theile auch auf anſchei - nend kleine Punkte weit mehr gebaut und vielleicht ſogarE 268noch mehr ins Einzelne gehende Reſultate, als in der zweiten Hälfte des Gedichts, können gewonnen werden.
Ja es zeigt ſich auch hier ganz unerwartet ein ſehr nahe liegendes Zeugniß, wenigſtens für Einiges, das un - ſere Frage zunächſt betrifft, und, wo es auch dieſe nicht genau berührt, doch immer für die Geſchichte unſeres Lie - des. Ich meine die jetzt in München befindliche zweite Hohenemſer Handſchrift deſſelben, deren Vergleichung auch in der zweiten Hälfte, wo ihre Lesarten noch unbe - kannt ſind, vielleicht eine neue Seite für unſere Unter - ſuchung darbieten möchte. Es iſt ausgemacht, daß die erſte Hohenemſer Handſchrift das Gedicht in einer augen - genſcheinlich ſpäteren, beſonders in vielen Punkten gemil - derten Überarbeitung liefert51). Und wenn ich nun ſage, daß, wie dieſe Handſchrift eine ſpätere, ſo die andere eine frühere Recenſion unſeres Liedes enthalte, das in der Sanct-Galliſchen, mag die Handſchrift ſelbſt jünger oder älter, als die zweite Hohenemſer ſein52), in der höchſten Blüthe ſteht und den Grad der Vollkommenheit, den ge - rade jenes Zeitalter der damahligen Geſtalt des Liedes ge - ben konnte, erreicht hat: ſo ſoll das, denke ich, niemand wundern, der bei der Vergleichung beider in den mannig - faltigen Änderungen und Zuſätzen der Sanct-Galler Hand - ſchrift eine meiſtentheils abſichtliche künſtliche weitere Aus - bildung der noch weniger glatten und geſchmückten Form in der anderen erkannt hat53).
Dabei iſt nun aber ſehr auffallend und bemerkens - werth, daß man keineswegs überall in der Sanct-Galler Handſchrift, ſondern nur in einigen Aventüren ſehr viele, in anderen nur wenige und in manchen gar keine neue69 Strophen findet; woraus denn doch zum allerwenigſten er - hellt, daß der geſchickte Urheber der Sanct-Galler Recen - ſion einen Unterſchied zwiſchen jenen Liedern bemerkte, von denen er einige vieler Veränderungen und Zuſätze, andere nur einer geringen Nachhülfe bedürftig glaubte. Wenn nun gerade dieſelben Lieder auch an anderen Kennzeichen, mit denen Inhalt oder Darſtellung behaftet wären, ſich von den übrigen verſchieden zeigten, ſo möchte ſich auch daraus Manches für die weitere Erörterung unſerer Frage ergeben. Es ſei erlaubt, hier in Voraus das Reſultat anzuzeigen, daß gerade in den Liedern, welche in der Sanct-Galler Recenſion keinen bedeutenden neuen Zu - wachs erhalten haben, ſich am häufigſten die Hand des früheren Ordners, deſſen Arbeit uns das Hohenemſer Ma - nuſcript liefert, zu erkennen iſt, und daß insbeſondere, um gleich etwas ganz Einzelnes anzuführen, alle Strophen mit inneren Reimen theils dem Ordner, theils dem Sanct - Galler Verbeſſerer, aber nie der urſprünglichen Geſtalt un - ſerer Lieder angehören.
Aber es wird beſſer ſein, auch hier die einzelnen Theile des Gedichts durchzuſehen und überall auf die in - neren Merkmahle, wie auf die Punkte, zu denen uns die Vergleichung jener Handſchriften führt, aufmerkſam zu machen.
Zunächſt geben ſich die erſten Strophen ſogleich als eine beſonders für die jetzige Geſtalt des Gedichts verfertigte Einleitung kund, der man darum, weil wir gerade alle ſpäterhin vorkommende Perſonen und keine mehr noch70 weniger darin verzeichnet finden, eben kein höheres Alter, als jener zuſchreiben darf. Die Erwähnung dieſer Perſo - nen iſt überhaupt einer der wichtigſten Punkte der Unter - ſuchung; überall zeigt ſich das Beſtreben, die, welche in einzelnen Liedern handelnd auftreten, auch in die anderen einzuführen. Daß der Sanct-Galler Recenſion die erſte Strophe fehlt, die alle übrigen anerkennen, mag immerhin bloßer Zufall ſein; die dritte,Der minneclichen meide truten wol gezam ꝛc.
wurde wohl mit feinem Gefühl abſichtlich weggelaſſen, als in den erſten Anfang des Gedichtes nicht paſſend, wo noch keine Theilnahme für eine einzelne Perſon erweckt, ſondern die Hörer nur mit allen bekannt und auf ihr end - liches Schickſal aufmerkſam gemacht werden ſollten.
Der nun folgende Traum Kriemhildens iſt gewiß nicht von dem Dichter unſeres Liedes erfunden, da ſich noch eine mythiſche Beziehung darauf anderweit nachweiſen läßt54). Dennoch möchte ich den Abſchnitt, wenn er auch aus ei - nem älteren Liede genommen wurde, in dieſer ſchönen Form, ſo zart gehalten in jeder Zeile, nur dem Dichter zu - ſchreiben, dem wir die letzte Geſtalt des Ganzen ver - danken; wofür auch die in einer Strophe ganz durchge - führten Mittelreime55) und der am Ende des Gedichts wiederhohlte Gedanke, daß Freude zuletzt immer Leid gebe, zu ſprechen ſcheinen. Der Sanct-Galliſche Ver - beſſerer fand in dieſem Liede nur Weniges zu ändern, das er mit großer Geſchicklichkeit beſſer und gefälliger einrichtete56).
Dagegen iſt nun unverkennbar der folgende Abſchnitt von Siegfrieds Jugend und Fahrt nach Burgund in ei - nem weit älteren Stile keck und ſchroff gearbeitet. Das Lied gibt ſich auch ſelbſt als ein einzelnes durch einen ei - genen Anfang und Schluß (Z. 565 — 568), durch eine neue Einführung Kriemhildens (Z. 185 — 200), endlich darin, daß es in Burgund nur Günther, Gernot, Hagen und Ort - win, aber nicht Giſelher und die Übrigen kennt. Eine an - deren Liedern ſehr geläufige Manier der Erzählung zeigt ſich nur in einer Stelle (Z. 81):Ich ſageu̓ von dem degene, wie ſchöne der wart,die ich gerade deshalb gern dem Ordner zuſchreiben möchte, wie ſie denn auch der Beſorger der Sanct-Galler Recen - ſion als ein fremdes Stück ausſtieß. Hingegen findet ſich eine ganz eigenthümliche Manier des Ausdrucks in zwei Zeilen von Ortwin (Z. 334. 486 ):
Rich unde küne moht’ er vil wol ſin57). Er mohte Hagenen ſweſterſun von Tronege vil wol ſin.Die Beziehungen auf Künftiges gehen überall nur bis auf Siegfrieds Vermählung mit Kriemhilden (Z. 188. 196. 200. 525 ), wenn auch der Schluß auf ſein ſpäteres Schickſal deutet:Davon im ſit vil liebe und oͧch vil leide geſchach.Das ahnungsvolle Weinen bei Siegfrieds Abſchied von Xanten (Z. 285 — 292) ſcheint hier, eben weil es ſonſt noch öfter vorkommt, und ſich die Stelle durch einen Mit - telreim auszeichnet, ein Zuſatz des Ordners zu ſein, dem überhaupt in dieſem Abſchnitte, wo der Sanct-Galler72 Kritiker nur wenig zuzuſetzen und zu ändern nöthig hielt, ſehr vieles wird müſſen zugeſchrieben werden.
Die bedeutendſte Änderung war denn wohl die, daß er höchſtwahrſcheinlich aus zwei Liedern eins machte, und, wie man eben daraus, daß wir es noch zu erkennen im Stande ſind, ſchließen kann, bei der Verbindung ein we - nig ungeſchickt verfuhr. Wir erkennen es aber daran, daß man nach der jetzigen. Darſtellung zu der Meinung ver - führt wird, daß Siegfrieds Reiſe nach Burgund ſeine erſte Ausfahrt geweſen, einer Meinung, die mit dem ganzen Mythus unvereinbar ſtreiten würde. Das eine Lied, mit dem Anfange (Z. 93):
In ſinen beſten ziten, bi ſinen jungen tagen Man mohte michel wunder von Siveride ſagen ꝛc.enthielt die Beſchreibung der Feierlichkeiten bei Siegfrieds Schwertnahme, bis auf den Punkt, wo er ſich weigert, bei ſeines Vaters Leben die Krone zu tragen (bis Z. 180). In dieſem Liede erſtrecken ſich die Andeutungen der Zukunft nur bis auf ſein reiferes Alter, wo ihn die Weiber liebten und ſeines Vaters Lande mit ſeinen Tugenden geziert wur - den (Z. 96. 98). Die oben angezeigten weiteren Bezie - hungen finden ſich dagegen in dem anderen Liede, worin nach einer kurzen Erzählung von Siegfrieds Ältern und Wohnort vorbedeutend geſagt wird (Z. 88):
Durch ſines libes ſterke er reit in menigu̓ lant; Hei, waz er ſneller degene ſit zen Burgonden vant!An dieſe Einleitung ſchließt ſich der Bericht von ſeiner Fahrt nach Burgund (Z. 185):
Den herren müten ſelten deheinu̓ herzenleit, Er horte ſagen mœre, wie ein ſchönu̓ meit73 Wœre in Burgonden, ze wunſche wolgetan, Von der er ſit vil freuden und oͧch arbeit gewan.In dieſem zweiten Liede aber iſt, des Ungewiſſeren nicht zu erwähnen, außer einer Strophe mit inneren Rei - men, die dem Ordner eigen iſt (Z. 469 — 472), wie mich dünkt, auch Hagens ganze lange Erzählung von Siegfrieds früheren Thaten (Z. 357 — 412), während welcher Sieg - fried auf dem Hofe warten muß, wenn ſie nicht gar zu dem erſten dieſer zwei Lieder gehört, doch wenigſtens ein nur loſe angeknüpftes fremdes Stück, wie dies die Kürze in der Nachricht von Siegfrieds Unverwundbarkeit (Z. 409 — 412), und das unrichtige Präteritum bei der Er - wähnung des Schwertes (Z. 389: daz hiez Balmunc) noch weiter zu beſtätigen ſcheint. Endlich iſt auch am Schluß die Erzählung von Siegfrieds und Kriemhildens Liebe, wo - bei ſie nur ihn, er aber ſie nicht ſah (Z. 545 — 564), zu ſehr ausgeführt und viel zu weich für dieſes Lied, als daß man nicht leicht auch darin eine ſpätere ausmahlende Hand erkennte.
In dem nächſtfolgenden Liede von dem Kriege mit den Dänen und Sachſen zeigen ſich nun wirklich ſolche Ankün - digungen, wie die in dem vorhergehenden ausgezeichnete: Z. 573, » Die wil ich u̓ nennen; « Z. 745, » Ich ſag’ u̓, wer der wœre. « Den Schluß des Liedes und zugleich den einzigen Bezug auf die Zukunft enthalten die Zeilen (1053 — 1056):
Durch der ſchönen willen gedaht’ er noch beſtan, Ob er ſi geſehen möhte. ſit wart ez getan;74 Wol nach ſinem willen wart im du̓ magt bekant. Sit reit er fröliche in daz Sigmundes lant.Von dem voranſtehenden Liede ſondert ſich dieſes durch ein neues Vorführen Siegfrieds (Z. 626). Giſelher wird auch hier noch nicht genannt, ſondern nur Günther und Gernot. Und nun mag es wunderlich ſcheinen, wenn ich alle Strophen, in denen Hagen, Ortwin, Dankwart, Vol - ker, Sindolt und Hunold vorkommen, für ſpäter einge - ſchoben erkläre; ich will auch gern zugeben, daß weder die Erwähnung dieſer Männer59), noch die Mittelreime, noch die öfter wiederhohlten Formeln: da mußten Helden ſter - ben, da wurden viel Helmbänder zerhauen, da that er noch mehr Schaden, des Tages wurden viel gute Ritter getödtet u. ſ. w. — daß jeder dieſer Umſtände für ſich al - lein keine Stelle verdächtig machen könnte: wenn aber der - gleichen immer in gewiſſen Strophen zuſammenkommt, ſo wird es doch wahrſcheinlich, daß in dieſem Liede, dem die Sanct-Galler Handſchrift keine neue Strophen hinzu - fügt, jene gerade auf die Rechnung des Diaſkeuaſten kommen60).
Hingegen eignet ſich die ganze folgende Erzählung, wie Siegfried Kriemhilden zuerſt ſah, (Z. 1057 — 1236) durch breitere Darſtellung und größere Zierlichkeit, die ſich be - ſonders in ausgeführteren Bildern und der Erzählung von Siegfrieds minniglichen Gedanken, dann in ſeiner ritter - lichen Unterhaltung mit Kriemhilden zeigt61), einem weit ſpäteren Zeitalter an; und eben dieſes auffallend Jün - gere des Liedes heißt uns bei der 1237 Zeile ein neues anfangen, in dem die Darſtellung bei weitem gedräng - ter und manchmahl überkurz iſt, obgleich auch in dieſem ſchon Giſelher vorkommt, auf deſſen Rath Siegfried noch75 länger in Burgund bleibt. Anfang und Ende ſind vor - trefflich:
Freude unde wunne, vil grözlichen ſchal Sach man allertœgelich vor Gu̓ntheres ſal ꝛc.und:
Wan daz in twang ir minne, du̓ gab im dicke not; Darumbe ſit der küne lar vil jœmerliche tot.Nach einer Übergangsſtrophe mit einem Mittelreime (Z. 1313 — 1316) folgt ein ſehr verſchiedenes Lied von Brünhild:
Ez was ein ku̓neginne geſezzen u̓ber ſe ꝛc. Daz gehorte bi dem Rine ein ritter wolgetan ꝛc.(Z. 1326). Es zeichnet ſich durch ein häufiges Hervortreten des Dichters und Anreden an die Hörer aus. Von Albe - rich, dem Zwerg, und der Gewinnung der Tarnkappe wird als von noch unbekannten Dingen erzählt (Z. 1359), über - all aber Siegfrieds frühere Bekanntſchaft mit Brünhild vorausgeſetzt (Z. 1334 — 1340. 2605). Sehr oft weiſt der Dichter auf ſpätere Begebenheiten, wie Kriemhild Sieg - frieds Weib geworden, daß Siegfried nachher Leid von ſeiner Bemühung hatte, daß die Frauen ſich entzweiten und Günther Siegfrieds Dienſte vergaß. Höchſt merk - würdig iſt aber in dieſem Liede, daß Dankwart hier eine der Hauptperſonen iſt, dagegen er in den übrigen nur bei - läufig erwähnt wird und alſo vielleicht von ſpäterer Hand in dieſelben eingeführt iſt. In dem zweiten Theile des Gedichts ſagt er nämlich (Z. 7771) ſelbſt zu Blödelin:76
Ich was ein wenic kindelin, do Sivrit vlos den lip. Außer den vier Geſellen, die zuſammen nach Island fuh - ren, erwähnt das Lied auch Gernot und Giſelher62).
Übrigens mag ſich, bis auf weniges Einzelne63), die urſprüngliche Geſtalt des ganzen Liedes ſchon erkennen laſſen, wenn man die vielen Zuſätze der Sanct-Galler Handſchrift wegläßt64). Nur möchte ich einen größeren Abſchnitt (Z. 1921 — 2060) nebſt zweien ihm anhängenden Strophen (Z. 2333 — 2336. 2401 — 2404), in denen Siegfrieds Fahrt zu den Nibelungen erzählt und dieſe ſelbſt erwähnt werden, gern aus dem Liede ausſcheiden, ſchon weil ſie der Manier des Übrigen nicht gleichen und in der Sanct-Galler Handſchrift nicht weiter ausgeführt worden ſind.
Und ſo ſcheint es mir auch, daß der Abſchnitt, wie Siegfried Brünhilden für Günthern bezwang, von dem Vorigen müſſe geſchieden werden. Das Lied von Brün - hilden endigt:
Der ku̓nic beite kume, daz man von tiſche gie; Du̓ ſchonen Bru̓nhilde man do komen lie, Und oͧch froͧn Kriemhilde, bedu̓ an ir gemach; Hei, waz man ſneller degene vor den ku̓neginnen ſach!Und nun hebt hier ein neues Lied an, mehr ausgebildet und nicht in der Manier des vorhergehenden (Z. 2657):
Sivrit der herre vil minneclichen ſaz Bi ſinem ſchönen wibe, mit freuden, ane haz ꝛc.Zuletzt kommt auch hier noch (Z. 2765 — 2768) eine77 Strophe von den Nibelungen, die ich wieder dem Ordner zuſchreibe. Der Schluß (Z. 2772) lautet:
So endete ſich du̓ hochzit; ez ſchiet von dannen ma - nic degen;oder nach der Sanct-Galler Handſchrift: » Daz wolde Gu̓nther der degen. «
In der folgenden Aventüre, in der die Darſtellung wieder ſehr kurz und wenig geſchmückt iſt, nehmen Sieg - fried und Kriemhilde von Worms Abſchied und reiſen nach Niederland. Der Verfaſſer findet nöthig uns noch mit Xanten bekannt zu machen (Z. 2847):
Unze daz ſi komen z’ einer burge wit, Du̓ was geheizen Santen, da ſi krone trůgen ſit.Eine Strophe (Z. 2857 — 2860), in der uns, im Gegen - ſatze mit der Pracht des Feſtes zu Worms, geſagt wird, nie habe man den Helden beſſer Gewand gegeben als bei Siegmund, und eine frühere (Z. 2793 — 2796), die eben - falls Kriemhildens Herrlichkeit zu Xanten weiter ausführt, ſo wie eine ſpätere (Z. 2889 — 2892) von der Erziehung des jungen Siegfried, gehören der Sanct-Galler Recen - ſion: an die erſte ſchließt ſich eine andere (Z. 2861 — 2864), die Kriemhildens und ihres Geſindes Pracht be - ſchreibt und ſich mit ihren inneren Reimen dem Ordner aneignet. Außer den drei Königen erwähnt das Lied Ha - gen und Ortwin, und vorzüglich noch Eckewart. Es zeich - net ſich durch die oft wiederhohlte Redensart aus: Das war ihm lieb, als ers erfuhr, und dergl. (Z. 2776. 2780. 2785. 2828. 2838. 2868. 2876). Übrigens beweiſt es auch, daß wir vorher ganz richtig die Nibelungen aus dem Liede von Brünhild ausgeſondert haben; denn indem der Ver -78 faſſer dieſe tauſend Mann bei der Abreiſe von Worms nicht erwähnt, erklärt er, daß er ſie ſich in dieſer Ver - bindung nicht dachte.
Ganz unvereinbar mit dieſem Liede iſt nun aber das folgende (von Z. 2909 an), worin die vom Rhein geſand - ten Boten Siegfried mit Kriemhilden und ſelbſt Sieg - mund, der doch noch einmahl (Z. 3057) König von Nie - derland heißt, in Nibelungenland antreffen, oder noch be - ſtimmter (Z. 2970):
Ze Nibelunges bu̓rge, dar waren ſi geſant, Ze Norwœge in der marke, da funden ſi den degen.Dahin kommen die Boten (Z. 2969) in drei Wochen65) geritten, alſo vermuthlich zu Lande; Siegfried, Kriemhild und Siegmund reiten mit ihrem Gefolge gegen den Rhein von Nibelungenland. Nach Siegfrieds Tode reitet Sieg - mund mit den Nibelungen von Worms an den Rhein66) und ſetzt nicht über, ſondern ſcheint den Strom entlang reiſen zu wollen, obgleich der Dichter (Z. 4409) ſagt:Wie ſi nu gefüren, des kan ich niht geſagen.Endlich aber hohlen nur ſiebzig Verſe nachher Giſelher und Gernot den Schatz aus Nibelungenland. Er wird von dem Berge, worin er verborgen lag, » zů dem ſewe « das iſt, aufs Meer, in die Schiffe gebracht;
Den fůrt man uf den unden unz ze berge an den Rin67).(Z. 4500). Danach fährt man alſo von Worms den Rhein hinunter ins Meer und von da nach Nibelungenland. Nun zeigt ſich aber außer dieſem Widerſpruche eine neue Schwierigkeit; denn es möchte nicht leicht ſein, den Berg79 am Rheine zu zeigen, von dem man nun den Schatz auf zwölf Ganzwagen, die vier Tage und Nächte täglich drei - mahl gingen68), nach Worms brachte. Dieſe Verſchieden - heit der Geographie beweiſt nun, denke ich, nicht nur wie - der die Zuſammenfügung unſeres Gedichts aus mehreren Liedern, ſondern die eben bemerkte Unbekanntſchaft mit der Gegend bei Worms zeigt auch, daß, wiewohl erweislich von Siegfried und Kriemhildens Rache beinah in ganz Deutſchland geſungen wurde, dennoch unſere Lieder mit A. W. Schlegel nur dem ſüdlichen Theile zuzuſchreiben ſind. Was die ebenfalls von Schlegel bemerkte Verwechſelung des Wasgaus mit dem Odenwalde betrifft, ſo kann man auch dieſe nicht läugnen69), ſondern höchſtens ſagen, daß zwar in dem Liede, worin die Jagd angekündigt wird, der Waskenwald genannt ſei, in dem von jenem verſchie - denen aber, das die Jagd ſelbſt erzählt, nur ein tiefer Wald jenſeit des Rheines70).
Aber wir kehren zu dem Liede zurück, in dem Günther Siegfried und Kriemhilden durch den Markgrafen Gere einladen läßt. Ich mag nicht mit Gewißheit behaupten, daß es ſchon mit den Worten Hagens ſchließe, worin er von Siegfried ſagt:
Hort der Nibelunge beſlozzen hat ſin hant; Hei, ſold’ er kumen ie mer in der Bu̓rgonden lant!Wenigſtens aber ſcheint mir ſicher, daß die nächſten Stro - phen (Z. 3113 ff. ) wenn nicht ein ganz eingeſchobener Über - gang, doch wenigſtens zum Theil ſpäter eingefügt ſind, um Sindolt, Ortwin und Rumold wieder in ihren Ge - ſchäften für die folgende Hochzeit zu zeigen.
80In der ſehr ausgeführten Erzählung von Siegfrieds und Kriemhildens Empfang zu Worms, die wieder manche Hindeutungen auf die Zukunft enthält, iſt gewiß ſehr vie - les von dem Ordner, zum Beiſpiel (Z. 3197 — 3200) die beſondere Erwähnung Hagens und Ortwins bei dem Kampfſpiele, aus einer früheren kürzeren Stelle (Z. 1240) entlehnt, und der Marſchall Dankwart, der (Z. 3213 — 3216) des Geſindes pflegt.
Noch weit mehr ausgebildet, in einer breiten und edeln Manier gearbeitet, iſt der nächſte Abſchnitt (Z. 3269 — 3464) von der Königinnen Zank. Ganz verſchieden da - von zeigt ſich der folgende, worin Günther und die Übri - gen Siegfried den Tod ſchwören. Er fängt mit der allge - meinen Sentenz an:Mit rede wart geſcheiden manic ſchöne wip,(Z. 3465) und endigt:
Von zweier frowen bagen wart vil manic helt ver - lorn. Die ganze Erzählung aber iſt ſehr wenig ausgeführt, mangel - haft, trocken und durchaus nicht mit Liebe noch nach friſchle - bendiger Sage gedichtet, ſo daß vermuthlich alles ſammt dem inneren Reime, Z. 3469 f., dem Ordner gehört71). Über - all gibt ſich der Dichter Mühe, jeden einzelnen etwas re - den zu laſſen, wobei beſonders Gernot in ein übeles zwei - deutiges Licht geſtellt wird.
Sehr vortheilhaft zeichnet ſich dagegen die Erzählung (Z. 3521 — 3676) aus, wie Kriemhild Hagen entdeckte, an welcher Stelle Siegfried verwundbar ſei. Das Lied un - terſcheidet ſich von einigen anderen dadurch, daß es Sieg -fried81fried den Held von Niederland nennt, und überall auf den Tod deſſelben, einmahl auch (Z. 3540) auf das nachherige Verderben der Burgunden hinweiſt, und durchweg auf die große Untreue, die man an Siegfried begangen, aufmerk - ſam macht. Am Ende kommt die ſchon erwähnte Stelle vom Waskenwalde.
Noch weit vortrefflicher, aber auch hin wieder ohne Zweifel ſehr ausgeſchmückt iſt die nächſte Darſtellung der Jagd und der Ermordung Siegfrieds. Wir begnügen uns auch hier nur einiges Eigenthümliche des Liedes aus - zuzeichnen und die Aufmerkſamkeit auf einige Einſchie - bungen zu lenken, bei denen ſich eher zur Gewißheit kom - men läßt. Der Anfang konnte nicht leicht ſchöner ſein (Z. 3677):
Gu̓nther unde Hagene, die recken vil balt, Lobten mit untru̓wen ein pirſen in den walt. Mit ir ſcharfen geren ſi wolden jagen ſwin, Beren unde wiſende; waz möhte küners geſin?So auch der Schluß (Z. 4021 — 4024):
Do erbiten ſi der nahte und fůren u̓ber Rin, Von helden kunde nimmer wirs gejaget ſin. Ein tier, daz ſi ſlůgen, daz weinten edlu̓ kint; Ja můſen ſin engelten vil gůte wigande ſint.Die übrigen Beziehungen auf Künftiges: Wäre es wohl verendet, ſo hatten ſie fröhlichen Tag; der Rath war vie - len zu Sorgen gethan; nachher ward er von ſchönen Frauen beweint. Dagegen iſt zuerſt alles, was (Z. 3631 — 3720) von Siegfrieds Abſchied von Kriemhilden erzähltF82wird, eingeſchoben. Nach dieſer eingeſchalteten Erzählung ritt Siegfried mit Günther und Hagen: hernach (Z. 3728) kommt auch Siegfried auf den Wert, und das wird dem Könige gemeldet. In dem ausgezeichneten Stücke wird er - zählt, daß auf Brünhildens Rath Siegfrieden das Leben an einem Brunnen genommen, Giſelher und Gernot aber nicht mit auf die Jagd gegangen ſeien. Von Kriemhilden heißt es (Z. 3716):Sine geſach in leider darnach nimmer mer geſunt.Ferner folgen noch ein Paar Strophen, die in der Hohen - emſer Handſchrift fehlen (Z. 3773 — 3776. 3793 — 3796), dann noch einige (Z. 3817 — 3840), die ſich durch weitläuf - tige Beſchreibungen und dabei durch Anreden an die Zu - hörer auszeichnen. So oft in dem Folgenden die Untreue Hagens und Günthers getadelt wird, glaube ich einge - fügte Strophen zu bemerken (Z. 3869 — 3872. 3877 — 3884. 3893 — 3900. 3937 — 3940). Zweimahl (Z. 3869. 3885. ) ſtören ſie den Zuſammenhang; das drittemahl (Z. 3893 ff. ) enthalten ſie faſt nur müſſige Wiederhohlungen; zuletzt iſt nach der 3936 Zeile, in der vermuthlich urſprünglich ſtand, daß Hagen Siegfrieden ſchoß, nun in der folgenden Strophe ſehr unpaſſend die weitere Ausführung im Bezug auf eine frühere Erzählung eingefügt, Hagen habe ihn durch ein Kreuz am Gewande geſchoſſen. Einmahl ſcheint es faſt, als wenn ſie noch immer (wie Z. 3917) ohne Kleider in weißen Hemden geweſen; und wenn ſie ſich auch etwa wieder angekleidet hatten, wie denn nachher (Z. 4037) Siegfrieds Kleid von Blut ganz naß war, und man end - lich (Z. 4118) ſeinen ſchönen Leib aus den Kleidern ziehen mußte: ſo hatte ja Kriemhild das verborgene Kreuz (Z. 3629) in das Kleid genäht, das er auf der Scheinheerfahrt trug, auf welcher es ſich auch Hagen (Z. 3644 f.) genau83 anſah. um ſich die Stelle zu merken; jetzt aber trug Sieg - fried ein anderes, das vorher (Z. 3821 ff. ) beſchriebene Jagdkleid.
Das folgende Lied. von dem Anfange (Z. 4025),
Von grozer u̓bermüte mu̓get ir horen ſagen, Und von eislicher rache ꝛc.bis zu dem Ende der Klage über Siegfrieds Tod (Z. 4304) fortlaufend, iſt ſehr ausführlich; doch laſſen ſich nur we - nige Strophen an kleinen Widerſprüchen und Reimen (Z. 4045 — 4056. 4101 — 4104. 4265 — 4268) als eingefügt erkennen; eine (Z. 4249 — 4252) gehört der Sanct-Galler Recenſion an. Die Manieren des Liedes: Da hatte Hagen Brünhildens Zorn gerächt (Z. 4078); Siegmunden ſagte ſein Herz, was ihm geſchehen war (Z. 4069); Niemand könnte euch all den Jammer vollkommen erzählen (Z. 4157).
Hingegen mögen in das nächſte Lied, das (Z. 4416) ſchließt:Sit getœt ir oͧch froͧ Kriemhilt du̓ vil herzenlichen leit,wohl Ute und Gernot (Z. 4337 — 4344) eingeſchoben ſein. Am Ende aber ſind drei Strophen (Z. 4397 — 4408) ge - wiß neueren Urſprungs. Hier begleiten Giſelher und Ger - not den König Siegmund, der vorher, um nach Nibelun - genland zu reiſen, ohne Geleit an den Rhein ritt, heim — nach Niederland; und dennoch heißt es in dem Folgenden:Wie ſi nu gefüren, des kan ich niht geſagen.
Endlich der letzte Abſchnitt des erſten Theiles, keiner der beſonders hervortretenden, enthält eine gute, kurze, unge -F 284ſchmückte Erzählung. Die Manieren ſind: Nun mögt ihr von dem Horte Wunder hören ſagen (Z. 4501); Hagen meinte von dem Schatze noch Vortheil zu ziehen, das konnte nicht geſchehen (Z. 4564); nachher rächte ſich wohl mit Kraft des kühnen Siegfrieds Weib (Z. 4436). In die - ſem Liede kommt auch wieder die Tarnkappe vor. Zwei Strophen (Z. 4549 — 4552. 4573 — 4576), die das nur kurz erzählte Verſenken des Schatzes in den Rhein erklä - ren ſollen, aber den Zuſammenhang nur verwirren und dunkel machen, ſind leicht als eingeſchaltet zu erkennen; eine andere (Z. 4469 — 4472) verräth ſich durch den in - neren Reim.
So kehren wir endlich von unſerer langen Reiſe durch das Gedicht zurück, wobei, wie ich hoffe, nun der Beweis für unſeren Hauptſatz als vollſtändig geführt angeſehen werden kann: auf vollſtändige Nachweiſung der Verände - rungen jedes Liedes machen wir keinen Anſpruch, deren man ſich ſelbſt dann noch nicht vergewiſſert halten dürf - te, wenn auch alle erkennbaren Änderungen genau und vollſtändig gezeigt wären. Uns iſt genug, wenn die eigene Angabe des Ordners unſerer Lieder, der erzählen wollte, was uns Großes in alten Mähren geſagt ſei, durch ſichere Anzeigen in der dermahligen Geſtalt des Gedichtes iſt be - währt worden.
Wir fügen noch hinzu, daß ſelbſt das ſpätere Fortle - ben einzelner Lieder, die wenigſtens dem Inhalte nach mit Theilen unſeres Gedichts zuſammenfielen, aus beſtimmten Zeugniſſen kann erwieſen werden. Für norddeutſche Ge -85 ſänge zeugt die Niflungaſaga, wo ſie berichtet, was in Deutſchen Liedern, » i Thydverſkum kvœdum «, geſungen ſei72). Der Marner, ein Schwabe, und Hugo von Trim - berg, der bei Bamberg lebte, erwähnen als Vorwürfe ver - ſchiedener Gedichte, » wen Kriemhilt verriet73), und Kriem - hilden mort, Sigfrides tot, der Nibelungen hort. « Der Verfaſſer des Liedes vom hürninen Seifried74) verweiſt nicht eigentlich auf unſere Nibelungennoth75), ſondern auf ein Gedicht, das nur einen Theil der Geſchichte umfaßte:
Die drei brüder Kriemhilde, wer weiter hören wöll, So wil ich im hie weiſen, wo er das finden ſöll. Der les Seifrides hochzeit; ſo wirt er des bericht, Wie es die acht jar gienge. hie hat ein end das dicht.Aus der Thüringiſchen Chronik des Joh. Rothe, der in die Mitte des funfzehnten Jahrhunderts fällt, wird die für unſere Unterſuchung allzu unbeſtimmte Angabe aufge - führt, man habe damahls noch Geſänge von dem ſtarken Sifrid, von Hagin und Kunehild (Kriemhild) gehabt76). Hingegen kenne ich nur Ein ausdrückliches Zeugniß für unſere Nibelungennoth; die augenſcheinliche Nachahmung in dem Anfange des Liedes von der Rabenſchlacht, wovon die hierher gehörigen Zeilen alſo lauten77):
Welt ir von alten meren Wunder horen ſagen, Von recken lobeberen, So ſolt ir gern dazů dagen. — — — — — — — Dem tet er wol geliche, Als mir iſt geſeit; Dem herren Dietriche Frumt’ er manig ſtarke leit86 Mit wůſte und mit brande In ſinem eigen lande. Nu ſolt ir hören gerne Von grozer arbeit, Wie der vogt von Berne Sit gerach ſine leit An Ermrichen dem ungetru̓wen. Waz er begie, daz kam im ſit zů ru̓wen. Nu horet michel wunder Singen unde ſagen, Und merket alle beſunder, Sich hebt weinen und klagen Und jamer alſo ſtarke, Der geſchach uf Romiſcher marke.Denn wenn Wolfram von Eſchenbach im Parzifal er - wähnt, was Rumold
ku̓ner Gu̓nthere riet, Do er von Wormez gein den Hiůnen ſchiet.und noch beſtimmter ſagt, den Rath gebe ein koch
Den künen Nibelungen, Die ſich unbetwungen Uzhůben78), da man an in rach, Daz Sivride davor geſchach,ſo iſt zwar darin die Geſtalt der Fabel, welche der Nibe - lungen Noth und die Klage gibt, unverkennbar; aber wer will entſcheiden, ob Eſchenbach, deſſen Parzifal in die er - ſten Jahre des dreizehnten Jahrhunderts fällt, ſchon un - ſere oder eine andere79) Sammlung oder auch nur ein - zelne Volkslieder kannte? 80)
Und nun ſei es erlaubt, zum Schluß noch eine Frage zu berühren, deren Beanwortung die Kritik ſich niemahls an - maßen darf: vielmehr wird ſie ſich verbunden halten, was auch bei den Unterſuchungen über den Hamer vielleicht mit Recht konnte gefordert werden, deutlich und be - ſtimmt zu erklären, daß jene Frage jetzt durchaus keiner Löſung mehr fähig ſei. Es iſt nämlich die gemeint, ob bei der Zuſammenfügung unſerer wie der Homeriſchen Lie - der die Diaſkeuaſten Zuſammenhang und Folge nach ei - nem vorhandenen, wenn auch kürzeren Gedichte, das aber den ganzen Inhalt der Geſchichte befaßte, oder nur nach Anleitung der Sage beſtimmten.
Bei den mannigfaltigverſchiedenen Verbindungen, in die einzelne Theile unſerer Nibelungengeſchichte in anderen und anderen Geſtalten der Sage geſetzt worden ſind, muß man endlich den, welcher Kriemhildens Rache an Sieg - frieds Ermordung durch Hagen und ihren Bruder Günther geknüpft, für den eigentlichen Dichter des Deutſchen Epos erklären. Wenn aber gefragt wird, nicht was jeden wahr - ſcheinlich dünke, ſondern was ſich ſtreng erweiſen laſſe, wer will dann zu beſtimmen wagen, ob ſich in einem ein - zelnen größeren Gedichte, oder nur in der Sage, wenn auch nur eines Theiles von Deutſchland, die weniger bei jener Verbindung weſentlichen Umſtände zuſammengefun - den und in dieſem Sinne, nach Grimms freilich ſehr wun - derlichem Ausdrucke das Nibelungenlied ſich unbewußt ſel - ber gedichtet habe, oder von Einem Dichter geſchaffen ſei? Eben ſo wenig mag es aber auszumachen ſein, ob die Ho - meriſchen Lieder nach einem urſprünglichen Gedichte ge -88 ordnet, ja vielleicht möglicher Weiſe zum Theil als Ab - ſchnitte eines Jedermann bekannten größeren Gedichts geſun - gen ſeien, oder ob die einfache Fabel der Odyſſee und die nicht mehr zuſammengeſetzte der Ilias81) nur durch die Sage ſich neben den einzelnen Liedern erhalten habe. Wir wol - len die Völker glücklich preiſen, in denen Sage und Volks - geſang ſich zu ſolchen großen poetiſchen Bildungen geſtal - teten, und den Dichtern danken, die den Zorn des Achilles und Odyſſeus Rückkehr, und den tragiſchen Wechſel von Freude und Leid in Kriemhildens Geſchichte, in ſo herrli - chen Werken verewigten, daß noch ſpäte Jahrhunderte ſich an ihnen erfreuen und kräftigen mögen.
So ſingent uns die blinden. Das Sifrid hürnein wœre ꝛc.zwar allerdings auf Volksgeſang zu deuten; aber es iſt doch zweifelhaft, ob ſie ſich eben auf unſer Lied oder auf den Hornſiegfried beziehe.Wie liebe mit leide ze jungeſt lonen kan. Als ie du̓ liebe leide z’allerjungeſte git.In der erſten bezieht ſich Kriemhild auf ihrer Mutter Worte:Soltu immer herzenliche zer werlte werden fro.Si erſturben ſit jœmerliche von zweier edeln froͧwen nit.Auch in anderen Stellen, wie Z. 3520:Von zweier froͧwen bagen wart vil manic helt ver - loren.Wenn man aber unſer Lied ein großes Trauerſpiel genannt hat, das, von einer übereilten Plauderei zu einer immer furchtbarern Unthat rieſengroß anwachſend, jeder Unbill ihre Beſtrafung auf dem Fuße nachfolgen laſſe, ſo ſcheint man eben durch dieſe Anſicht aus dem großen Schickſalsſpiele ein moraliſches Familiendrama gemacht zu haben. Dem Liede ſelbſt iſt dieſe Beziehung ganz fremd. Nur mit Hindeutung auf Siegfrieds Tod heißt es (Z. 2735) von ihm, als er Brünhilden Ring und Gürtel ge - nommen:Er gab iz ſinem wibe; daz wart im ſider leit.93Und was jener Anſicht noch am nächſten kommt, das fin - det ſich nur in der bekanntlich ſtark überarbeiteten erſten Hohenemſer Handſchrift, Z. 2751:Diz kleinot er ir daheime doch ze jungeſt gap; Daz frumte vil der degene mitſamt im ſelben in daz grap.Sifrid von Niderlande Der zogete darnach; Einen vanen rot in der hande Man den fu̓rſten fůren ſach.Dieſe Abzeichen muß man doch wohl für ſpäter halten, wenn auch ſelbſt, wie nun Göttling in ſeiner neueſten Schrift behauptet, Nibelungen und Gibellinen urſprünglich nur Ein Name wäre. Dies iſt aber keineswegs erwieſen, ob ich gleich gern glauben will, was Göttling auch nicht ſtreng genug gezeigt hat, daß der Streit Gibelliniſcher und Welfiſcher Dichter im zwölften und dreizehnten Jahrhun - dert auf die Bildung und Darſtellung der Heldenfabel ei - nen bedeutenden und merklichen Einfluß gehabt. Am min -94 deſten iſt aber zu glauben, was er S. 34 ſagt, daß dem Dichter (nach unſerer Anſicht, dem Ordner) des Ni - belungenliedes die Bedeutung des Namens der Nibelun - gen als Gibellinen recht lebendig geweſen. Dagegen ſpricht ſchon der ſchwankende Gebrauch dieſes Namens ſelbſt (ſ. Anmerk. 7) und die Dunkelheit welche durchaus über Nibelungenland und den Königen von Nibelungen - land waltet*)Die andere Erklärung Göttlings (in ſeiner erſten Schrift S. 34, in der zweiten S. 36 und 37), nach welcher die Nibelungen Unverzagte, ni bilun - nane ſein ſollen, von bilinnan cessare, iſt ſprach - widrig. Theils kann die verneinende Partikel ni, ſpäter en, nicht bei dem Particip ſtehen; theils wird bei dieſer Ableitung ein Theil der Namensendung zu der Wurzel des Wortes gezogen; denn die letzten Buchſtaben ung enthalten ohne Zweifel die mittlere der drei nordiſchen Bezeichnungen der Geſchlechts - namen, ingr, u̓ngr, lingr. (S. Raſks Veiled - ning til der Islandſke eller gamle Nordiſke Sprog, S. 160 f.), Deutſch ing, ung, ling..E daz der edel Rüdeger ze Bechelaren reit Uz der ſtat ze Wiene, do waren in ir kleit Rehte volleclichen uf den ſoͧmen komen.Swie vil von manigen landen geſamnet wœre dar, Vil fu̓rſten krefterliche gegen ir kleinen ſchar, Wœren die Kriftenlu̓te wider ſi niht geweſen, Si wœren mit ir ellen vor allen heiden wol gene - ſen.Und als ich die rede pru̓fen kan An worten eines andern man.Die97Die von uns angenommene (vgl. Docen im Muſeum f. Altd. Litt. u. Kunſt i. S. 463) beſtätigt Wolfram von Eſchen - bach, wenn er im Parzifal S. 81 c entweder von ſich oder von Kiot von Provenz ſagt:Ze machenne nam diz mœre ein man, Der aventu̓re pru̓ven kan.Ein ganz ähnlicher Sprachgebrauch findet ſich ebenda - ſelbſt:Eine wile zů ſinen handen Sol nu dize aventu̓re han Der werdeerkande Gawan. Du̓ pru̓vet manegen ane haz Derneben oder fu̓r im baz, Den des mœres herren Parcival.und S. 105 a, wo Eſchenbach zu Frau Aventüre ſpricht:Nu pru̓vet uns die ſelben zal, Waz von ſinen henden ſi geſchehen.Eben daraus erklärt ſich, was wir in den Nibelungen Z. 9042 leſen:Ez en ku̓nde dehein ſchribœre geprieven noch geſagen Du̓ manige ungebœre von wibe und oͧch von man.Denn dieſes geprieven leitet von der Hagen unrichtig von Brief ab, ſtatt es mit der Münchner Handſchrift durch gepru̓fen zu erklären, wie ja auch in der Stelle der Klage die Sanct-Galler Handſchrift nach Hagens Grundriß S. 83 priven hat, nämlich ſtatt privven.an Brituniſchen bůchen las Aller der lantherren leben, Und ez uns ze kunde hat geben. «S. Docen im Muſeum f. Altd. Litt. u. Kunſt i. S. 462. G 2100Dagegen heißt Wolfram von Eſchenbach ſeinen Helden Parzifal der Aventüre Herrn, und S. 105 a beider, ſein und der Aventüre Herrn; von Schianatulander ſagt er in den Bruchſtücken des echten Titurels, Strophe 34: » Er wirt dirre aventu̓re herre. « Eben ſo wenig als Pilgrin iſt aber auch dieſer Meiſter der Rede der Schreiber Kon - rad, der ſelbſt ſchrieb und nicht dictierte, ſondern es muß ein anderer Dichter gemeint ſein.Etzel bat und gebot, Daz man rœche ſin kint.Daz ich ſol von manne nimmer gewinnen deheine not, veränderte er:Daz ich von mannes minne ſol gewinnen nimmer not. Z. 72, wo es wie 64 » gůten ritters « hieß, wechſelte er ab mit » künen recken, « u. ſ. w.Wer auf dem Reine ſich erdürſten lieſſe, Man zalt’ in zů den ſwachen, Die in ſelber lebent zů widerdrieſſe.U̓ber Rin kann weder Z. 3721 noch 4021 auf dem Rheine bedeuten. » Wormez u̓ber Rin « ſagt der Dichter in einer von Göttling angeführten Stelle, Z. 2827, weil er ſelbſt nicht auf dem linken Rheinufer wohnte. Auch die Lesart der erſten Hohenemſer Handſchrift in der 703 Zeile, » von Wormez an den Rin « ſtatt » u̓ber Rin, « beweiſt nichts für Göttling; denn hier iſt an den Rin zu erklä - ren wie Z. 4393. S. Anmerk. 66.S. 6, Z. 27 reißen, S. 9, Z. 3 michel wichen Z. 19 Waz er do ſinen fru̓nden hin ze Rine enbot, S. 12, Z. 8 tragen. S. 20, Z. 7 ingeſinde Z. 8 iſt ez hie S. 21, Z. 8 ſu̓melichen S. 22, Z. 16 im S. 25, Z. 20 heten leide Z. 24 Botſchaft S. 26, Z. 18 Sivriden, S. 32, Z. 19 Bildung S. 41, Z. 9 dieſen S. 42, Z. 1 wodurch S. 48, Z 27 Ha - gen S. 53, Z. 1 Rüdigern S. 56, Z. 3 v. u. Günthern S. 60, Z. 25 Kriemhild S. 67, Z. 2 mehrerer S. 81. Z. 8 hin und wieder S. 87, Z. 7 v. u. wenigen S. 91, Z. 5 v. u. unterwarf und die ihm den Schatz bewahrten; S. 92, Z. 17 verloren.
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