PRIMS Full-text transcription (HTML)
K. Gutzkow's
Oeffentliche Charaktere.
Erſter Theil.

Verbeſſerungen.

  • Seite 80 Zeile 9. v. o. lies Humoriſt ſtatt Hu¬ maniſt.
  • "219" 11. v. o. lies haben ſtatt holen.
  • "221" 2. v. u. "burſchikoſe ſtatt prunkloſe.
  • "224" 3. v. u. lies gern ſtatt ganz.
  • "235" 2. v. o. "Seiten ſtatt Leiden.
  • "247" 4. v. u. "ſterben ſtatt ſtecken.
  • "257" 9. v. u. "Dinge ſtatt Siege.
  • "260" 11. u. 12. v. u. iſt die Erzaͤhlung der beruͤhrten Anekdote von der Cenſur geſtrichen.
  • "264" 4. v. u. lies Modergeruch ſtatt Modegeruch.

An vielen andern Stellen wo der Zuſammenhang geſtoͤrt oder gaͤnzlich aufgehoben ſcheint, iſt dies den von der Zenſur gebotenen Auslaſſungen zuzuſchreiben.

Oeffentliche Charaktere.
Erſter Theil.
Hamburg,bei Hoffmann und Campe.1835.

Vorrede.

Der groͤßere Theil der hier mitgetheilten biogra¬ phiſchen Skizzen wurde zuerſt durch die Augsbur¬ ger Allgemeine Zeitung veroͤffentlicht. Ich ſchrieb ſie, angeregt von der laufenden Geſchichte, noch oͤfter aber aus Ueberdruß an den Begebenheiten des Tages, welche im Allgemeinen nicht viel nuͤtze ſind und hoͤchſtens fuͤr den Papierſpeculanten ei¬ nigen Werth haben koͤnnen. Man hat ſich ſeit der Julirevolution das Intereſſe fuͤr Politik angewoͤhnt, und wagt noch immer nicht, einmal eine Zeitung ungeleſen zu laſſen; ein Servilismus, eben ſo thoͤrigt, als jener, welcher in der ReſtaurationszeitVIVorrede. herrſchte, wo man ſich nur um eine Saͤngerin oder einen kleinen Almanach enthuſiasmirte. Wir, die wir Maͤnner der Geſchichte ſind, geben die Verſicherung, daß nichts in der Wagſchaale der Jahrhundertsfrage leichter wiegt, als die beiden Jahre, welche wir nun erlebt haben, und etwa noch zweimal ſoviel, welche ihnen folgen werden. Es iſt ſchon dafuͤr geſorgt worden, die Zeit recht unannehmlich, nuͤchtern und unpoetiſch zu machen.

In einer ſolchen Zeit zieht ſich der Bieder¬ mann vom oͤffentlichen Leben ein wenig ſeitwaͤrts, und beobachtet laͤchelnd die Menſchen, welche jetzt wieder die Begebenheiten machen, beobachtet die Pompzuͤge, Vermaͤhlungsfeierlichkeiten, Sterbefaͤlle und die ſchweren Geburten der Miniſterien, und findet daran ein Wohlgefallen, die Individualitaͤ¬ ten zu klaſſifiziren in Meineidige, Servile, Dum¬ koͤpfe, Gluͤckspilze, Staatsphiloſophen, Kammer¬ herrn und ſolches Gelichter. Ein Jeder dieſer oͤffentlichen Herren zieht einen langen Schweif vonVIIVorrede. Servilismus und .... nach ſich, in welchen ſich ſeine ganze Erſcheinung huͤllt, ſo daß drinnen kometen¬ artig nur ein ganz kleiner Kern wohnt, welcher oft nicht groͤßer iſt, als ein adliger Name. Andere waren ehrlicher oder hielten beſſer auf den Schein, Manche ſind bemitleidenswerth, weil ihre Stellung von jedem Kniff, aber nicht von der Tugend aus¬ zufuͤllen war, Einige ſtehen ſogar noch im Vor¬ grunde, welche zu uns gehoͤren und im weißen Harniſch wie St. George glaͤnzen, und unſicht¬ bar, von Engeln geſchuͤtzt werden, die wir vom Himmel auf - und niederſteigen ſehen kurz, das Intereſſante ſind nicht mehr die Begebenheiten, ſon¬ dern die Menſchen.

Die Praͤcedentien! dies Schreckbild wandelt durch die Tagesgeſchichte Europas, und fordert Rechenſchaft von Apoplexie und Paralyſie, welche von einer großen und titaniſchen Vergangenheit uͤbrig geblieben iſt. O koͤnnte man tilgen, was geſchehen iſt! Koͤnnte man die Buͤcher all verbie¬VIIIVorrede. ten, welche die Wahrheit an die Nachwelt uͤber¬ liefern.

Ich geſtehe, daß ich neben dem Zwecke der Entlarvung auch noch einen kuͤnſtleriſchen hatte, und ich muß mir deshalb einen zwiefachen Vor¬ wurf gefallen laſſen.

Einmal wird man ſagen, ich ſei, um nur die plaſtiſche Einheit und Ruhe in meine Auffaſſung der Individualitaͤten zu bringen, oft ſehr mild und ſchonend zu Werke gegangen und habe durch man¬ chen Hieb des Meißels getilgt, was freilich das Auge beleidigt haͤtte, was aber auch die Menſch¬ heit beleidigt. Doch wird dis immer eine Conſe¬ quenz ſein, die wenn ihre Praͤmiſſen nur da wa¬ ren, nicht genannt zu werden brauchte. Die Mi߬ lichkeit der Zeiten entſchuldige mich! Ich habe die Blumen der Poeſie auf die duͤrren, ſchlotternden Charaktere der großen Welt nicht geworfen, um die Narben ihrer Ehre, oder die offenen Schaͤden ihres Verſtandes zu verdecken, ſondern um Euch zu zeigen, wie erhaben Ihr ſteht uͤber Allen undIXVorrede. wie mitleidig Ihr ſeid mit der fremden Schwaͤche und dem Alter, das jedoch bald treten muß vor den Thron des ewigen Gerichtes! Trauet dieſen Roſen nicht, aber rechnet ſie mir auch nicht an; denn ich ſchaͤtze den Blauduft des Himmels und lerne mein deutſches Volk liebgewinnen, ſeitdem es freundlich meinen Worten zulauſcht, und moͤchte noch recht lange als feſſelloſer Fruͤhlingsbote außer dem Kaͤfig mit Euch verkehren im Scherz und Ernſt.

Zweitens mag gerade das, was in meinen Skizzen das Kuͤnſtleriſche iſt, einem Vorwurfe aus¬ geſetzt ſein, den ihnen die biographiſche Kunſt ſelbſt macht. Gewoͤhnlich verlangt die Biographie, weil ſie die Rivalitaͤt der Geſchichte nicht ertragen kann, daß ihre Helden dem Bereiche der Begebenheiten entfernt ſtehen und ſie recht viel Raum geben ſol¬ len fuͤr die kleine Detailentwickelung des Privaten - Charakters. Freilich hieran leiden meine Darſtel¬ lungen, denn ſie wiſſen nicht, um welch 'Uhr des Morgens Martinez de la Roſa aufſteht,XVorrede. ob Wellington gern geraͤucherten Schinken ißt oder ob O'Connel ſich ein Tagebuch haͤlt, worin er ſeine Ideen niederſchreibt. Hier werden meine Berichte immer luͤckenhaft bleiben und ergaͤnzt werden muͤſſen, von Varnhagen von Enſe, Wach¬ ler oder ſonſt einem biographiſchen Denkmalſetzer, der noch andere Quellen zu benutzen Gelegenheit hat, als das große aufgeſchlagene Buch der Ge¬ ſchichte, das die ganze Bibliothek iſt, welche ich beſitze. Ich habe nichts gethan, als aus den ob¬ jektiven Klammern der Geſchichte das Alles abge¬ loͤſt, was auf Rechnung der Charaktere kommt, welche dies oder jenes Faktum entweder ſelbſt ge¬ macht oder doch gebilligt haben. Nur Menſchen wollt 'ich ſchildern, bei denen ſich nichts verſtecken duͤrfte; und bei denen das Nebendetail der Privat¬ verhaͤltniſſe ſo unbedeutend iſt, daß ſie nicht ver¬ mißt werden.

Auch nicht einmal deshalb unvollſtaͤndig ſind meine Darſtellungen, weil ihre Gegenſtaͤnde noch leben und die Geſchichte keineswegs entſchloſſen iſt,XIVorrede. ſtill zu ſtehen. Bei den jungen Charakteren, welche ich zeichne, wird man nur ahnen koͤnnen, daß die Tugend und der Ruhm das Steuer und der Leuchtthurm ihrer Zukunft ſein wird; bei den alten wird die neueſte Gnade des Fuͤrſten bald nachgetragen ſein. Alles was geſchehen kann, wird doch nichts Anderes ſein, als bei Talleyrand ein neuer Meineid, bei Martinez de la Roſa ein neuer Irrthum, bei Chateaubriand eine neue Thorheit, bei Mehemed Ali eine neue Filzigkeit, bei den Na¬ poleoniden eine neue Schuldenmaſſe, bei Welling¬ ton ein neuer Steinhagel auf ſeine Kutſche, bei O'Connell ein neuer Triumph, bei Francia eine neue Gotteslaͤugnung, bei Ancillon eine Uebernahme des Miniſteriums der Cultusangelegenheiten, bei Carrel nichts als Handlungen, ſo ehrenhaft und maͤnnlich wie die fruͤhern, das Alles iſt aber leicht mit Rothſtift an den Rand dieſer Skizzen ange¬ ſchrieben.

Welche Charaktere der zweite Band bringen wird, verrath 'ich noch nicht. Denn nicht nurXIIVorrede. kann bis uͤber's Jahr noch mancher jugendliche Name hiſtoriſch werden, ſondern ich behalte auch durch Verſchwiegenheit uͤber gewiſſe Menſchen die Zuͤgel in der Hand. Dieſe Gallerie ſoll vollſtaͤndig werden. Es ſollen Viele und Manche hineinkom¬ men. Nur Eines erloͤſt davon, naͤmlich der Tod; denn nur mit lebenden Zeitgenoſſen beſchaͤftigen wir uns.

Frankfurt a. Main, im Maͤrz 1835.

Karl Gutzkow.

Talleyrand.

Gutzkow's Öffentl. Char. 1

Frau Grandt und der Monat Mai moͤgen beſſer wiſ¬ ſen, wie oft Karl Moritz Talleyrand von Peri¬ gord falſch geſchworen hat; die Geſchichte ſagt, daß er es ſechsmal that. Sie liebt ihn aber und moraliſirt nicht; denn Talleyrand war kein Ueberlaͤufer. Talley¬ rand hinkt auf dem linken Fuße, er uͤbereilte ſich nie, er lief nicht. Hat man ſich je mit mehr Grazie in die Zeitumſtaͤnde gefuͤgt! Talleyrand machte keinen Laͤrm von ſeinen gebrochenen Schwuͤren, er ließ nicht die Trommel ſchlagen, wenn er das Lager der Partei ver¬ ließ, er ging ohne Anhang, ohne Commandoſtab, er ging, nur begleitet vom Abbé Desrenaudes, der fuͤr ihn Studien machte, und vom Grafen d'Hauterive, der ihm ſeine Reden ſchrieb. Talleyrand ſuchte die ſchroffen Kon¬ traſte der Geſchichte auszuglaͤtten, er ſprang in den neuen Sattel mit einem Witze, und konnte das Blutvergießen nicht leiden. Mit einem Worte, ich finde, daß in Eu¬1*4Talleyrand. ropa viel Sympathie fuͤr ſeine grazioͤſen Meineide herrſcht, und es iſt nicht ſchwer, dafuͤr eine Urſache an¬ zugeben. Es gibt Leute, welche den greiſen Prieſter fuͤr einen verkannten Propheten anſehen. Man ver¬ gleicht ihn mit Sokrates, welcher außer ſeinem eigenen himmliſchen Geiſte noch einen beſondern in Dienſten hatte, der ihm Rath, Warnung und die Zukunft gab. Talleyrands Sehergeiſt wird bald ein Inſtinkt, bald eine Offenbarung genannt. Was davon zu halten ſei, wiſ¬ ſen wir nicht, wollen aber ſein Leben deshalb zu Rathe ziehen. Hatte Talleyrand eine eigene Maxime, ſeine Kokarde bald weiß, bald bunt zu faͤrben? War ſein Leben die Einfluͤſterung eines beſonderen Genius, der ihn zu ſeinem Liebling gemacht hatte? Beſaß Talley¬ rand eine unveraͤnderliche Idee, eine pensèe immuable, wie Louis Philipp? Wir wollen ſehen. Es war ſchon einige Jahre vor der konſtituirenden Verſammlung, daß der junge Biſchof von Autun ſich in der beſten und abwechſelnd in der ſchlechteſten Geſellſchaft von Paris ſehen ließ. Er hatte damals nur Ein Geſchaͤft: naͤm¬ lich alle Welt davon zu uͤberzeugen, daß er kein wah¬ rer Prieſter ſei. Seine Kehle, noch heiſer von der Meſſe, die er im Stifte hatte ſingen muͤſſen, ſein An¬ ſtand, noch kaͤmpfend mit dem Prieſterrocke, der dem5Talleyrand. lahmen Fuße nachſchleppte, ein zweiter Eſau, der an ſeinen juͤngern Bruder die Erſtgeburt fuͤr die Linſenge¬ richte des biſchoͤflichen Konvikts verkauft hatte, nahm er ein Betragen an, das aus Ehrgeiz, encyklopaͤdiſcher Philoſophie und Ausſchweifungen zuſammengeſetzt war. Er unterließ nicht, dem Hofe aufzuwarten, und ent¬ wickelte dort viel Tugend. Dieſer Juͤngling von Bi¬ ſchof verſtand es ſchon vortrefflich, die Maske vorzu¬ nehmen; er war galant, blumenreich, etwas ſalbungs¬ voll, und zog es in den meiſten Faͤllen vor, zu ſchwei¬ gen. Man nannte dis erſt Beſcheidenheit, aber Tal¬ leyrand beſann ſich auf jenes feine Laͤcheln, das ihn auch ſpaͤter im auswaͤrtigen Amte von London noch nicht verlaſſen hat. Von dieſem Augenblicke an hielt man ihn fuͤr geiſtreich, ſein Schweigen wurde eine Au¬ toritaͤt, man wettete, daß wenn er den Mund nur oͤff¬ nen wollte, unfehlbar etwas Geſcheidtes zu Tage kom¬ men wuͤrde. Talleyrand genoß dieſen Triumph des Stillſchweigens, empfahl ſich, und eilte auf Mirabeau zu, der ihm ſchon lange winkte. Sie legten ihre Arme ineinander, zogen die hohen Perſonen durch, ſchwaͤrm¬ ten durch das Palais-royal, und verbrachten die Nacht am Spieltiſche in der Rue Quincampoir. Talleyrand und Mirabeau waren die beſten Freunde. Dieſer6Talleyrand. ruͤhmte damals von ihm, daß er ein Mann ſei, der Ideen beſitze. Ich bin immer neugierig geweſen, was Talleyrand im Jahre 1786 eine Idee genannt hat. Welches mag die Philoſophie geweſen ſein, fuͤr die ſich Talleyrand und Mirabeau unter Roſen und gemiethe¬ ten Kuͤſſen damals ausſprachen? Nur ſo viel weiß ich, es fehlte Beiden immer an Geld; und Talleyrands Haupt¬ maxime, das, was man ſeine Idee nennen koͤnnte, war in der Folge nur, ſich davon ſo viel als moͤglich zu verſchaffen.

Die Staͤnde traten zuſammen: der Biſchof von Autun hatte ſein Kapitel zu vertreten. Es iſt be¬ kannt, was Talleyrand bei der Vereinigung mit dem dritten Stande, bei der Aufhebung der Privilegien, was er auf dem Marsfelde leiſtete, wo er die neue Verfaſſung Frankreichs durch eine Meſſe dem Himmel empfahl. Er hatte gut reformiren. Der Prieſter ver¬ folgte ihn ſchreckhaft, er haßte ſeine Beſtimmung, und warf ein Vorrecht des Standes nach dem andern nie¬ der. Durch alle ſeine Amendements und Abſtimmun¬ gen gluͤhte weniger der Enthuſiasmus der Freiheit, als der des Haſſes. Man konnte ſeine Rechnung nicht beſſer machen. Indem er ſich fuͤr die Ungerechtigkeit ſeiner Eltern, fuͤr die Vigilien, bei denen er als Chor¬ knabe einſchlief, fuͤr die Faſten und jenes Linſengericht7Talleyrand. des Eſau raͤchte, erwarb er ſich zugleich eine anſehnliche Popularitaͤt. Talleyrand wußte, welcher Monarch ſich auf den Thron Frankreichs ſetzen wuͤrde; er uͤberließ Marie Antoinette ihren Thraͤnen und Gardes du Corps, und ſchloß mit den Koͤnigen der Straßen und Vor¬ ſtaͤdte eine Freundſchaft, die ſich belohnte. Philoſo¬ phirte Talleyrand ſchon damals, ſo wußte er, daß man in den erſten Zeiten einer Aufregung nicht trotzig ge¬ nug ſein Haupt erheben kann, daß man in einem Glutfieber von Illuſionen leben muß, wenigſtens eine Zeit lang. Er ſtiftete den Jacobinerklub, er fuͤhrte, wie Mephiſtopheles bei Goethe, das Papiergeld ein, und drang in jeder Sitzung darauf, daß man das Sil¬ bergeraͤthe der Kirche, dieſe fatalen Pfannen, die er im Chorrocke hatte tragen muͤſſen, ohne Gnade verkaufe. Er wollte keinen andern Kultus als den der Nation.

Eines Tages beſann ſich aber Talleyrand. Seine Haͤnde waren zu zart fuͤr eine Popularitaͤt, welche ſich nicht wuſch und keine Handſchuhe trug. Die republikaniſche Tugend machte ihm Langeweile, ſeitdem ſie ihm vor¬ warf, daß er in einer einzigen Nacht 30,000 Livres im Spiele gewann. Er ſah ſich in dem Spiegel, und fand, daß die phrygiſche Muͤtze der Jakobiner ſeinen guten und tadelloſen franzoͤſiſchen Zuͤgen ſchlecht ſtand;8Talleyrand. er ſtiftete den Klubb der Feuillans. Das war ſchlimm. Talleyrand wurde uͤberfluͤgelt: die Ereigniſſe kamen ihm zu ſchnell. Der Abfall Mirabeaus machte ihn wan¬ kend, das Poſtmeiſterſtuͤck in Varennes und die Emi¬ gration verwirrten ihn, die Koalition des Auslands zwang ihn, die Lage Frankreichs[zu] kombiniren. Er hoͤrte das Meſſer der Guillotine ſchleifen, der Bann¬ fluch des Papſtes, der ihn perſoͤnlich traf, weckte To¬ desgedanken, ſeine Popularitaͤt ging an Maͤnner uͤber, welche haͤrtere Schwielen in der Hand hatten. Talley¬ rand haßte den Ungeſtuͤm, die Leidenſchaft und die Grauſamkeit. Er draͤngt ſich zum Geſandten auf, und kann mit guter Manier Paris verlaſſen, welches ein unſicherer Boden iſt. So lange die Dinge gut ſtan¬ den in Frankreich, ſo lange nur erſt Ludwig XVI. geblutet hatte, ſpielte Talleyrand in London einen vor¬ trefflichen Republikaner. Er hatte den Auftrag, die neue Ordnung der Dinge zu repraͤſentiren, und that es mit gleichem Wohlgefallen vor Englaͤndern und Emi¬ grirten. Seine unbezweifelte feudale Herkunft machte ſeinen politiſchen Abandon ertraͤglich, weniger ſeinen mo¬ raliſchen. Die Koͤnigin wandte dem ausſchweifenden Prieſter den Ruͤcken, ja ſeitdem der Konvent Luft ſpuͤrte nach ſeinem Kopfe, und ihn einmal uͤber das9Talleyrand. andere freundſchaftlich erſuchte, uͤber den Kanal zu kom¬ men, verlor er vollends alle Haltung. Seine Miſſion ging zu Ende. Er verzweifelte noch nicht, er rechnete auf Pitt, auf Pitt, der bei ſeinem Oheim, dem Erz¬ biſchof von Rheims, einſt Faſanen aus den Forſten von Perigord gegeſſen hatte. Allein Pitt, ſo ein gro¬ ßer Staatsmann er war, litt doch an einem ſchwachen Gedaͤchtniſſe, und wollte ſich der Faſanen nicht erin¬ nern. Talleyrand war zu ſtolz, ſie zu erwaͤhnen, und verließ England auf Pitts Weiſung. Man hielt ihn trotz ſeiner Verurtheilung noch immer fuͤr einen ver¬ ſteckten Jakobiner. In der That, Talleyrand litt nie an einer eingewurzelten Idee; denn wie ſchwer ſich London an ihm verbrach, ſo liebte er es doch unaus¬ geſetzt, und war ſogar im Stande, die engliſche Ver¬ faſſung das beſte Prinzip zu nennen, wo es die Klug¬ heit gebot, auf Prinzipien einen Werth zu legen.

Die Tage des Exils brachte Talleyrand in Nord¬ amerika und in Hamburg zu. Die Hamburger wer¬ den ſagen, daß er bei ihnen lernen wollte, was wahre Freiheit ſey. Ich glaube auch in der That nicht, daß er jenſeits des Ozeans die weiße Kokarde aufſteckte. Was haͤtte er damit gewinnen wollen? Die Liebe ei¬ ner reizenden Emigrantin, eine Lilie aus dem Geſchlechte10Talleyrand. der Montmorency oder Levis? Bis dahin ſtieg die Leidenſchaft des geaͤchteten Prieſters nicht, obſchon er ſich ſelbſt die Indulgenz der Ehe geſtattete. Er hatte andere Sympathien; er liebte die gute Hausfrau, und es war nur zufaͤllige Romantik, daß Frau Grandt aus Oſtindien ſtammte. Zu der blendenden Schoͤnheit die¬ ſer Dame geſellte ſich eine muntre, prononcirte Ein¬ falt: der arme Exbiſchof mußte ſeiner zaͤrtlichen[Nei¬ gung] wegen viel leiden. Aber er ſetzte ſich uͤber den boͤſen Leumund hinweg und ſehnte ſich nicht nach dem Gluͤcke, das inzwiſchen Herr v. Chateaubriand in den Urwaͤldern bei den Haſen - und Fuchs-Indianern em¬ pfand. Er war in Verzweiflung, daß ihn das Laby¬ rinth der Langeweile, aus welchem ihn nur zuweilen der Faden vom Strickſtrumpf der Frau Grandt ret¬ tete, nicht losließ. Er ſehnte ſich nach dem ſchoͤnen Himmel von Frankreich und Navarra: die Guillotine war ermuͤdet: Talleyrand ſah nichts mehr, was fuͤrch¬ terlich geweſen waͤre. Er ſchrieb an den Konvent, er ſchrieb im Tone des patriotiſchen Heimwehs, er weinte trotz einem Schweizer, betheuerte, daß er bei Franklin und Waſhington ſich in ſeinen republikaniſchen Tugen¬ den immer mehr vervollkommnet habe, und verlangte die Zuruͤcknahme ſeines Anklagedekrets. Der Buͤrger11Talleyrand. Talleyrand kehrte zuruͤck; Frau v. Stael und die Ko¬ terie jubelten, daß die neue Meinung nun nicht mehr des Glanzes der alten guillotinirten oder emigrirten Herrſchaft entbehren ſollte. Carnot verachtete ihn, doch Talleyrand wußte, welche Rolle er zu ſpielen hatte. Er beſuchte die Clubbs und die Salons. Sein Beneh¬ men war ein Wechſelſpiel republikaniſcher Urtheile und royaliſtiſcher Manieren. Man bewunderte ihn; denn das Beduͤrfniß nach Ruhe und Anſtand uͤberwog. Das Direktorium hatte ſein Wohlgefallen an ihm. Nach¬ dem Talleyrand durch die ſchwache ungeſicherte Gegen¬ wart zum Miniſter der auswaͤrtigen Angelegenheiten erhoben war, begann er, an eine ſtarke, vorhaltende Zukunft zu denken. Seine Augen fielen auf den jun¬ gen General Bonaparte, deſſen Ehrgeiz eben ſo feurig war, als damals ſeine Liebe zu Joſephine Beauhar¬ nois. Talleyrand machte fuͤr beide den Unterhaͤndler; denn dem Ehrgeize traute er Frankreich an. Er ver¬ anlaßte die italieniſchen Siege und die große aͤgyptiſche Cavalcade; er wußte, daß ſich Frankreich zwar noch von keinem Herrſcher, aber von dem Ruhm wuͤrde regieren laſſen, und gewann fuͤr ſeinen Guͤnſtling ſo viel Bun¬ desgenoſſen, daß die hochverraͤtheriſchen Bajonnette des 18. Bruͤmaire fuͤr eine Wohlthat angeſehen wurden. 12Talleyrand. Bonaparte vergaß niemals die Dienſte, welche ihm Talleyrand leiſtete, und konnte ihm verzeihen, ſelbſt als der Mann ſpaͤter nichts als bourboniſche Konſpi¬ ration athmete. Er ließ ihm ſeinen auswaͤrtigen Ein¬ fluß. Schon eine gewiſſe ſchwaͤrmeriſche Sentimenta¬ litaͤt, die fuͤr den Mann unſers Jahrhunderts ſo cha¬ rakteriſtiſch iſt, feſſelte ihn an Talleyrand, an dieſen Schlaukopf, der auf Koſten der guten Meinung von ſeinem Verſtande und auf die Gefahr hin, ausgelacht zu werden, den jungen General an das Direktorium als einen leidenſchaftlichen Verehrer der Geſaͤnge Oſ¬ ſians empfohlen hatte. Oſſian war es, der Talleyrand lange Zeit geſchuͤtzt hat. Napoleon verzieh dem Mi¬ niſter, der ſein Portefeuille benutzte, um ſich den Cours der Papiere zinsbar zu machen; er verzieh ihm, daß er durch ihn der Moͤrder Enghiens wurde; er vergaß Oſ¬ ſian nicht. Es iſt zu verwundern, daß Talleyrand die Sympathien ſeines Herrn nicht mehr belauſchte; denn Napoleon hatte noch mancherlei Eigenheiten. Napoleon liebte die Tugend; je aͤlter er wurde und maͤchtiger, deſto mehr zog er die guten Sitten den Geſaͤngen Oſ¬ ſians vor. Er glich darin allen beſſeren Uſurpatoren, daß er ſich zufriedener fuͤhlte, wenn er auch die Tugend um ſich hatte. Aber Talleyrand wurde Alles, Gro߬13Talleyrand. kaͤmmerer, Vicegroßwahlherr, nur nicht tugendhaft. Er war der Roué der Boͤrſe und des Spielhauſes, er liebte noch immer ohne Plan, fluͤchtig, auswaͤhlend, ja er hatte keinen Anſtoß daran, daß Frau Grandt noch nicht einmal vor den Altar mit ihm getreten war. Napoleon wollte von dieſen lockern Banden nichts mehr wiſſen, ſondern drohte ihm mit ſeiner Ungnade, worauf ſich Talleyrand murrend verheirathete. Oſſian entfiel dem Gedaͤchtniſſe des Kaiſers immer mehr: in den polniſchen Waͤldern dachte er nicht mehr daran, und Talleyrand fiel in foͤrmliche Ungnade. Es war die zweite Periode ſeiner Unthaͤtigkeit, die er mit Sarkas¬ men, Geldſpekulationen und Verſchwoͤrungen hinbrachte. Er hatte den ruſſiſchen Feldzug den Anfang des En¬ des genannt, und war fruͤh genug zur Hand, dem ge¬ fallenen Helden die Krone vom Haupte zu nehmen. Er gab ſie den Bourbonen. Er konnte das Degen¬ geklirr der Napoleoniden nicht mehr hoͤren und fuͤrchtete die Epauletten, welche um die Wiege des Kindes Reichſtadt wuͤrden geſtanden haben. Talleyrand haßte den Krieg, weil ſeine Entſcheidungen ohne Berechnung ſind und nichts ſichrer, nichts die Papiere der Boͤrſe beherrſchender iſt, als ein nicht gefahrloſer Friede, ein Friede mit etwas Beſorgniß und viel Diplomatie. 14Talleyrand. Talleyrand fing jetzt an, von Prinzipien zu ſprechen, und dieſe Prinzipien waren fuͤr ihn die Bourbons. Er hatte ihnen ſeit dem polniſchen Feldzuge viel Dienſte geleiſtet; er wollte ihnen nun auch die Mittel an die Hand geben, ihn dafuͤr zu belohnen. Er bewies den Alliirten theoretiſch und praktiſch, wie nothwendig jetzt die weiße Kokarde waͤre. Der Kaiſer von Rußland ließ ſich uͤberreden, und dem Grafen von Provence wurde gehuldigt. Man muß gerecht ſein gegen Tal¬ leyrand: die Reſtauration der Bourbone war ſeine glaͤn¬ zendſte That. Er bot alle Mittel auf, um dieſen pre¬ kaͤren Thron zu ſichern, und die Ereigniſſe brachen ſo ſeltſam herein, daß er jetzt ſogar im Stande war, ei¬ nen vortrefflichen Patriotismus zu zeigen. Er verfiel mit Alexander, der die zweite Reſtauration haßte, er kaͤmpfte fuͤr Frankreichs Unabhaͤngigkeit, und gab den Bourbonen ſo kuͤhne Vortheile, daß Louis XVIII. ſelbſt davor erſchrak. Es war Talleyrand darum zu thun, die Bourbone populair zu machen; wodurch konnte es ihm beſſer gelingen, als durch die Oppoſition gegen die Fremden? Ja er ſcheute ſich ſogar nicht, von ei¬ ner Waffenentſcheidung zu ſprechen. Louis zitterte vor dieſen guten Dienſten, Talleyrands Muth ging zu weit, der Napoleonismus hatte ihn angeſteckt, und die dritte15Talleyrand. Periode der Unthaͤtigkeit brach an. Talleyrand gab ſeine Entlaſſung und fungirte am Hofe nur noch als Reichs¬ kaͤmmerer. Es verſtrich ihm die Reſtauration unter Witzen, Titeleroberungen und Promenaden nach Va¬ lençay. Louis und Talleyrand uͤberboten ſich an feinen Bemerkungen; jener liebte das Madrigal, dieſer das Wortſpiel, jener das Impromptuͤ, dieſer den vorberei¬ teten Hieb, jener wollte geiſtreich, Talleyrand nur bei¬ ßend ſeyn. Louis haͤtte Talleyrand gern aus Paris ge¬ habt; wie oft ſprach er zu ihm von den laͤndlichen Freuden, die man fern von Geſchaͤften auf Valençay feiern koͤnnte! Dann pflegte ihn Talleyrand nach Gent zu fragen, oder hinzuwerfen, welch ſchoͤnes Wetter man am 20. Maͤrz hatte, und der Koͤnig mußte ſchwei¬ gen. Talleyrand war nicht unthaͤtig in der Reſtaura¬ tion. Er ließ ſich oft in der Pairskammer ſehen, und las trefliche Diskurſe ab, die die boͤſe Nachrede frem¬ den Federn zuſchrieb. Talleyrand wußte, daß man in Zeiten der Ruhe ſich ein Geſchaͤft nie ſoll entgehen laſſen, nemlich das, ſich populaͤr zu machen. Er ar¬ beitete daran, ohne Anſtrengung, ohne Ambition, und ſeine Reden gegen die Cenſur und dem ſpaniſchen Krieg erwarben ihm gute, ehrliche Freunde, Freunde aus der Mittelklaſſe, die Alles von der beſten Seite anſehen.

16Talleyrand.

Wir wagen nicht zu behaupten, daß Talleyrand zu der Konſpiration Orleans gehoͤrte. Doch mußte er Louis Philipp lieben, denn beide lieben England. Talleyrand wurde die Aegide der neuen Herrſchaft. Er konnte ſie am beſten beim Auslande repraͤſentiren. Die alten Ver¬ beugungen und Mienen waren allen Kabinetten be¬ kannt; man laͤchelte und erkannte ſich wieder. Talley¬ rand gab der neuen Herrſchaft ein moraliſches Gepraͤge, gleichſam die Beruhigung, daß ſie nicht anders ſeyn werde, als die fruͤhere. Es waren dieſelben Manieren, nichts hatte ſich veraͤndert. Talleyrand war gleichſam beſtimmt, wie glattes Oel die anarchiſchen Wogen der Revolution zu beruhigen; er machte die Revolution von 1830 ſo ordinair wie jede andere Staatsveraͤn¬ derung, er ließ ſie, die flog, erſt gehen lernen, machte den Enthuſiasmus bei Zeiten altklug, und wurde der pedantiſche Erzieher der jungen Franzoſen des Julius, deren unkluge Streiche er ſich bei den auswaͤrtigen Maͤchten zu entſchuldigen erbot. Es liegt die Selbſtge¬ faͤlligkeit des Alters in Talleyrands jetzigem Auftreten. Es ſind die Schwierigkeiten eines alten Geſchaͤftmanns. der einem jungen Aspiranten das alte Herkommen, die Formalitaͤten, als etwas Heiliges anvertraut. Talley¬ rand ſcheint die Diplomatie zum Selbſtzwecke machen17Talleyrand. zu wollen. Er liebt den Krieg jetzt noch weniger als fruͤher; denn er iſt alt, ſteinalt, der erſte Kanonen¬ ſchuß braͤchte ihn in Vergeſſenheit. Er ließ Polen un¬ tergehen, gab Italien hin; er haͤtte Belgien preisgege¬ ben, wenn die Protokolle ihre Wirkung verfehlt haͤtten; er ſchuf die Hauspolitik Louis Philipps, und er iſts, der die Deviſe traͤgt: Friede um jeden Preis! Talley¬ rand iſt achtzig Jahre, ſeine Augenhoͤhlen werden immer dunkler, er ſieht geſpenſtiſch um die Wangenknochen aus, er geht gebuͤckt und faͤllt immer mehr zuſammen. Wie viele Fruͤhlinge werden ihm die Lerchen in Valençay noch ſingen? Was wollt Ihr nun mit dieſem Leben beweiſen? Daß es ein Kunſtwerk war? Eine Luͤge? Ich glaube keines von beiden, und laͤugne, daß Talley¬ rand ein großer Mann war. Talleyrand erſchuf ſich ſeine Schikſale nicht ſelbſt, er machte die Ereigniſſe nicht. Denkt Euch andere Umſtaͤnde, und immer wer¬ det Ihr wiſſen, was Talleyrand unter ihnen geweſen ſeyn wuͤrde. Louis XIV. haͤtte in ihm einen vortref¬ lichen Geſchaͤftsmann gehabt, der auf Ambaſſaden durch ſeine Gewandtheit, und nebenbei in den Salons durch ſeinen Witz geſiegt haͤtte. Unter Louis XIII. waͤre er nicht einmal Mazarin geweſen; zwiſchen der Fronde und Ligue, zwiſchen Heute und Geſtern waͤre er erdruͤcktGutzkow's öffentl. Char. 218Talleyrand. worden. Er brauchte ein Terrain, das großartig genug war, um ſowohl Partei als die Flucht ergreifen zu koͤnnen. Dies großartige Terrain aber uͤberkam er, es war eine Erbſchaft des Augenblicks an den Augenblick. Talleyrand war ein kluger Mann, er wußte es zu be¬ nutzen. Talleyrands ſechs Meineide wird man vielleicht verzeihlich finden unter ſeinen Umſtaͤnden; aber ein gro¬ ßer Charakter waͤre nie in die Verlegenheit gerathen, ſie ſchwoͤren zu muͤſſen. Eine beſondere Weltanſchau¬ ung blickt aus den aufgezaͤhlten Schickſalen nicht her¬ vor, wohl aber eine Reihe einzelner Maximen, die ſich immer an ihrem Orte erproben konnten. Talleyrand philoſophirte uͤber die Begebenheiten, uͤber die natuͤrliche Schwaͤche des menſchlichen Herzens, weniger uͤber die Moral. Das Gewiſſen verwarf er nicht; doch galt es bei ihm nur gewiſſermaßen. Er ſog das Mark ſeiner Umgebungen aus, er abſorbirte Entſchluͤſſe, Intereſſen, Beſorgniſſe, ſelbſt den Verſtand der Außenwelt und verwandte Alles zu ſeinem Gewinn. Talleyrand nannte nicht Alles Betrug, was mit einer Nichteinloͤſung ei¬ nes gegebenen Wortes endete. Er brachte die Abſicht des Gegners in Anſchlag, und wußte, daß Einer von des Andern Leben zehre. Warum denen Wort halten, philoſophirte er, die jeden Augenblick bereit ſind, dich19Talleyrand. ſelbſt zu betruͤgen? Die Ereigniſſe entſchuldigten bei ihm Alles; nur das eine glaubte er dem Himmel ſchul¬ dig zu ſein, daß er ihnen nicht unterliege. Der Ego¬ ismus war ſeine Religion; er kreuzigte ſich vor einer Tugend, die ihm haͤtte Schaden bringen koͤnnen. Talley¬ rand hatte einige allgemeine Maximen, welche man ſo¬ gar erhaben nennen koͤnnte. So huͤtete er ſich von zwei gebotenen Faͤllen den zu waͤhlen, welcher den naͤch¬ ſten Vortheil brachte. Sah er, daß der Umweg mehr eintrug, ſo konnte er ſogar ſo großherzig ſeyn, z. B. gegen die Einrichtung einer Pairskammer zu ſtimmen, obſchon ſie ihm fuͤr den Augenblick eine koͤſtliche Wuͤrde gebracht haͤtte. In ſolchen Augenblicken erhob ſich ſeine Geſtalt, ſeine Worte wurden edler und der Nimbus einer uneigennuͤtzigen Tugendliebe ſchien ſich um ſein Haupt zu verbreiten. Doch war er nicht geizig nach ſolchen Augenblicken. Er ſuchte ſie nicht abſichtlich, und begnuͤgte ſich damit ſeinen Zweck zu erreichen, ſelbſt wenn man die Mittel in Abrede ſtellen mußte. Er er¬ ſchrak vor dem Jeſuitismus nicht, weder in der Mo¬ ral noch in der Politik, aber ich wiederhole es, er that dies Alles ohne Prinzip, ohne Syſtem, ohne feſte Maxime. Eine feſte Maxime hatte er, und die ſchloß alle uͤbrigen ein; ich habe ſie ſchon erwaͤhnt, es war2 *20Talleyrand. die, ſoviel Geld als moͤglich zu erwerben. Talleyrands politiſche Laufbahn wuͤrde anders ausgefallen ſeyn, wenn er nicht das Ungluͤck gehabt haͤtte, ſie mit Schul¬ den anzufangen. Es ſcheint, als konnte man beim Anfange der Revolution manche artige Summe ge¬ winnen, waͤhrend das Gluͤck des Spielhauſes, das Talleyrand immer verſuchte, ein truͤgeriſches iſt. Doch ſtuͤrzte ihn ſein Exil in große Verlegenheit, er konnte nur mit geborgtem Gelde nach Paris zuruͤckkehren, und es gab Zeiten, wo er nicht die Miethkutſche be¬ zahlen konnte, die ihn in das Hotel eines der Direk¬ toren bringen ſollte. Im Konſulat aber und waͤhrend der Kaiſerherrſchaft haͤuften ſich die Reichthuͤmer. Na¬ poleon war hoͤchſt freigebig, war es ſelbſt dann noch, wenn ſich Talleyrand, der ſchlechteſte Wirth, ploͤtzlich wieder um ein geſammeltes Vermoͤgen gebracht hatte. An der Boͤrſe machte der Miniſter das meiſte Gluͤck. Unklar ſind die Geldmachinationen geblieben, welche er mit dem Friedensfuͤrſten von Spanien trieb; doch ſcheint hinter ihnen wiederum ein ſehr leichtes Gewiſſen zu ſtecken. Talleyrand war ſtets in der Lage, immer noch mehr zu brauchen. Oft mußte er ſein Haus, ſeine Meubles, irgend ein Landgut verkaufen, ja es kam ihm gerade recht, daß ihm der Papſt fuͤr ſein Fuͤrſten¬21Talleyrand. thum Benevent mehrere Millionen zu geben erboͤtig war. Die Bourbonen waren weniger freigebig; ſie hat¬ ten nur Orden und feudale Titel zu verſchenken. Talleyrand war gezwungen, ſich an der Boͤrſe zu ent¬ ſchaͤdigen. Sie iſt noch bis auf den heutigen Tag ſeine rechte Hand, die Hand, welche zahlt. Die Politik dient ſeinem Intereſſe; um den Tagespreis gewiß zu haben, wuͤrfelt er den Voͤlkern ihre Schickſale zu. Talleyrand wuͤrde vielleicht nicht ſo oft Wort und Schwur gewechſelt haben, wenn er mehr Geld gehabt haͤtte. Wenn er ſagte: es iſt ein Ungluͤck, daß man leben muß! ſo hieß dies: es iſt ein Ungluͤck, daß man die Tugend nicht lieben kann! Man iſt gern geneigt, Talleyrand ein unveraͤnderliches Prinzip fuͤr die franzoͤ¬ ſiſche Politik unterzuſchieben, das gleichſam das Fun¬ dament aller ſeiner Unternehmungen geworden waͤre. Ich meine die Allianz mit England. Doch iſt dieſe nicht ſo alt; ſie fing erſt nach der zweiten Reſtaura¬ tion an. Als republikaniſcher und kaiſerlicher Miniſter kam er ſchwerlich in Verſuchung ſie anwenden zu wol¬ len. Der Haß jenſeits des Kanals ſchien unausloͤſch¬ lich. England fuͤrchtete die Vermehrung ſeiner Schuld nicht, um ſich dieſem blindlings hinzugeben. Doch iſt es wahr, daß Talleyrand fruͤh die geheimen Spring¬22Talleyrand. federn kennen lernte, welche die britiſche Politik in Bewegung ſetzen. Er verſtand die Zuſammenſetzung des Parlaments und den hohen Werth zu ſchaͤtzen, wel¬ chen man auf einzelne hervorragende Familien des Lan¬ des legen mußte. Sein feiner Takt ließ ihn fruͤher ſchon die Wichtigkeit erkennen, welche die Familie, der Wellington angehoͤrt, fuͤr England haben wuͤrde; er machte Napoleon ſchon zu guter Zeit darauf aufmerk¬ ſam, daß man ſich durch eine Huldigung, dieſem Ge¬ ſchlechte dargebracht, der britiſchen Politik in etwas bemeiſtern koͤnnte. Was Napoleon damals ausſchlug, nahm Talleyrand nach der Schlacht bei Waterloo wie¬ der auf. Er benutzte die Zuſammenſetzung der Allianz, ſchied die Elemente, welche eine natuͤrliche Sympathie fuͤr Frankreich haben konnten, ſehr bald von denen, welche in jedem Stuͤcke fremdartig blieben. Er be¬ diente ſich Englands als eines Schildes gegen Ru߬ land, eine Politik, die leider Frankreich noch zu ſchwach war auszuhalten. Talleyrand verſpielte die Gunſt Louis, den perſoͤnliche Eiferſucht gegen England reizte, und regte den Zorn Alexanders auf, der ihn auch ſtuͤrzte. Nach der Juliusrevolution nahm er ſeine Politik da wieder auf, wo er ſie vor funfzehn Jahren ſtehen laſ¬ ſen mußte. Er bemuͤhte ſich, jede ſich verwickelnde23Talleyrand. Frage in Englands Intereſſe zu ziehen, und auf faſt indirektem Wege ſo den Nutzen der franzoͤſiſchen Allianz nachzuweiſen. In der That ſollte man glauben, Tal¬ leyrand ſei kein Geſandter in London, ſondern ein eng¬ liſcher Miniſter. Indem er Frankreich ſcheinbar bei Seite laͤßt, zwingt er England zu alle dem, was das Pariſer Kabinet thun zu muͤſſen glauben duͤrfte, ent¬ weder beizuſtimmen, oder die gleiche Verantwortlichkeit oder gar die Initiative zu uͤbernehmen. England, das zoͤgerte ſich uͤber Polen zu erklaͤren, zwang er dazu durch geheime aus das Parlament angewandte Mittel; Bel¬ gien machte er zu einer engliſchen Frage, indem er die Wahl des Herzogs von Koburg betrieb; in Sachen des Orients ſchuͤrt er den engliſchen Ehrgeiz, und zwingt das Miniſterium, mit Noten und Demonſtrationen vor die Fronte zu treten. Talleyrand will, daß ſich Frankreichs auswaͤrtige Politik nur darauf beſchraͤnken ſoll, die engliſche zu unterzeichnen, wie denn auch der Herzog von Broglie zuruͤcktreten mußte, der es ver¬ ſuchte, auf eigne Verantwortlichkeiten in ſein Miniſte¬ rium etwas Selbſtſtaͤndigkeit und Ehre zu bringen. Die Quadrupelallianz ſoll durch einen coup de main in Madrid entſtanden ſein, und der lange Anſtand ih¬ rer oͤffentlichen Bekanntmachung ſcheint dieſen Urſprung24Talleyrand. glaublich zu machen. Doch muͤſſen dieſe Dinge ſich anders verhalten, denn die Lage der pyrenaͤiſchen Halb¬ inſel war keine ſolche, die erſt uͤber Nacht entſtand; ſie ließ ſich lange vorherſehen, und die Diplomatie mußte auf das Kommende gefaßt ſein. Das Intervenstion¬ recht, welches dieſer Allianz zum Grunde liegt, ſcheint vielmehr das Tageslicht etwas geſcheut zu haben, und nahm, um ſich beſſer verantworten zu laſſen, den Deckmantel einer Intrigue vor, da es doch im Grunde nichts Anderes war, als eine in London getroffene Ver¬ abredung. Wir koͤnnen dieſe Darſtellung nicht verlaſſen, ohne noch zum Schluß die Frage auszuwerfen, ob Tal¬ leyrand ſich noch in dem Bereiche der Territorial - und Gleichgewichtsintereſſenpolitik bewegt, oder ob er es an¬ erkannt hat, daß die voͤlkerrechtlichen Beziehungen ſich immer mehr auf Trutz und Schutz fuͤr die beiden Sy¬ ſteme des Stillſtandes oder der Bewegung herausſtel¬ len? Wir bezweifeln das Letztere. Talleyrand iſt nicht gewohnt, in der franzoͤſiſchen Revolution ein Prinzip zu ſehen; ſie iſt ihm nichts als eine Kataſtrophe. Tal¬ leyrands erſtes Geſchaͤft war, der Revolution von 1830 das Außerordentliche zu nehmen. Die große Um¬ waͤlzung, welche ſich aus ihr fuͤr Frankreichs auswaͤr¬ tige Politik haͤtte ergeben muͤſſen, hielt er im Beginne25Talleyrand. auf, und zwang ſie, in das Gleis des alten betruͤ¬ geriſchen Herkommens zuruͤckzukehren. Aus der Voͤlker¬ freiheit machte er Fragen des Gebiets und des Gleich¬ gewichts, wie Belgien zur Genuͤge beweiſt. Er be¬ treibt die Verwicklungen des Orients mit Vorliebe, weil ſie eine Frage der Suprematie ſind, eines alten Begriffes, dem die Voͤlker nicht mehr aufgeopfert ſein wollen, und weil ihm nichts paſſender ſcheint, um Oeſt¬ reich von der nordiſchen Allianz abzuziehen. Talleyrand wuͤrde im Sinne der alten Balance ſein Meiſterſtuͤck erreichen, wenn er Oeſtreich vermoͤgen koͤnnte, wieder ſeiner alten engliſchen Politik nachzugeben. Talleyrand arbeitet an etwas Unmoͤglichem. Die feinſte Kombina¬ tion der Diplomatie zerſtoͤrt in unſerm Zeitalter ein Augenblick. Unſre jetzige Periode der Legationsſekretaire kann nicht lange dauern; denn die alten Kunſtgriffe, dieſe zierlichen Fechterſtuͤcke der Parade, hauen ja doch, wie Menzel ſagt, die Rieſen durch. Frankreich beklagt nicht mit Unrecht, daß Talleyrand ſein Vaterland an England verraͤth. Denn welchen Vortheil zog es bis jetzt aus ſeiner Politik? Es hat Ehre genug, den Frieden um jeden Preis keinen Vortheil zu nennen. Talleyrands Politik iſt ein leeres Wuͤrfelſpiel. Er ſpielt mit den Maͤchten, wer die meiſten Augen hat; aber2 **26Talleyrand. er ſollte ihnen zeigen, wer die meiſten Arme hat. Talleyrand iſt zum erſtenmale genuͤgſam geworden. Er ſpielt nicht, um zu gewinnen, ſondern um den Einſatz wieder zu haben, mit dem er die zweite Partie wagt. Der alte Mann will das Heft nicht aus den Haͤnden laſſen, ſelbſt wenn er damit nur in die Luft ficht. Seine Gegner verſtehen ihre Sache und ihre Zeit beſſer; wer koͤnnte laͤugnen, daß ſich die nordiſche Allianz auf einem hoͤchſt realen Boden befindet? Sie ſteuert ſicher ihrem Ziele zu, ſie hat ihre Kanonen, ihre Koſaken, ihre Prinzipien, ihre Tendenz. Talley¬ rand hat mehr Gewandtheit; aber es iſt nur ein Au¬ genblick, wo der Witzige dem Starken uͤberlegen iſt. Talleyrand hat kein Ziel; denn Frankreichs Sache ver¬ ſteht er nicht: er iſt nicht Repraͤſentant der Revolu¬ tion, ſondern nur der Perſonen, welche zufaͤllig in ſie verwickelt ſind. So iſt er nur gemacht, dem eignen Lande durch kleine Siege eine große Niederlage vorzu¬ bereiten. Aber wie bald wird ſich in der Halle von Valençay ein ſchwarzer Katafalk erheben.

Martinez de la Roſa.

Die leichtfertigen Franzoſen uͤbertreiben, wenn ſie in Don Franzisco Martinez de la Roſa nichts gel¬ ten laſſen wollen, als die Talente eines Theaterkoſtuͤ¬ miers. Es iſt wahr, er lieferte ein laͤcherliches Mei¬ ſterſtuͤck der Poeſie, als er das Koſtuͤme entwarf, in welchem die Veteranen, die jungen Helden und die Tartuͤffes der ſpaniſchen Freiheit ihre Rolle als Depu¬ tirte ſpielen ſollen. Ein Anzug der Art, wie er ihn vorſchrieb, mit ſeinen feudalen Schleifen, ſeinen idylli¬ ſchen Baͤndern, dem Peruaniſchen Falbala koſtete meh¬ rere Tauſend Franks; die Deputirten waren unfaͤhig, in dem Augenblicke einen ſolchen Aufwand zu machen, zoͤgerten zu erſcheinen, und es haͤtte leicht geſchehen koͤnnen, daß durch die Ruͤckſicht auf die Schneider von Madrid die ganze ſpaniſche Konſtitution auf Monate eine Taͤuſchung geworden waͤre. Doch beſitzt Martinez de la Roſa ehrenwerthe Eigenſchaften, Talente und30Martinez de la Roſa. Praͤzedentien, welche den Novelliſten und Dichter fuͤr das Parterre vergeſſen machen. Nur kann man nicht laͤugnen, daß Martinez de la Roſa ſich eine große Auf¬ gabe geſtellt hat. Das Beiſpiel, welches er giebt, iſt nicht einzig, aber doch ſelten. Die Geſchichte ſtraͤubte ſich immer, Maͤnnern, welche gewohnt ſind, im Reiche der Phantaſie zu leben, ein irdiſches Portefeuille an¬ zuvertrauen. Ich beſinne mich in dieſem Augenblicke nur auf Koͤnig David, Arthur vom Nordſtern und Cha¬ teaubriand. Selbſt Alcaͤus von Mytilene und Goethe gehoͤren nicht hierher. David, der Sohn Iſai's, ſang ſchon als Miniſter Sauls. Er vertauſchte fruͤhe die Schleuder und den Flitzbogen mit der Leyer, der kleine Held, und verſtand im Palaſte, wie in den Hoͤhlen der Gebirge ſo den Dichter mit dem Premierminiſter zu verbinden, daß es zweifelhaft geblieben iſt, ob er mehr durch jenen oder dieſen aus den finſtern, tragiſchen Saul wirkte. Ein herrliches Vorbild! Der Dichter mit dem Fuͤrſten auf der Menſchheit Hoͤhen! Doch war David ein antiker Dichter. Damals war Alles noch einfach; die Sprache, die Sitte, die Poeſie koſtete kein Studium, Alles war Inſtinkt. Die Bilder waren noch nicht verbraucht; wenn man nach ihnen jagte, traf man ſelten auf ſolche, welche ſchon angeſchoſſen waren. 31Martinez de la Roſa. Es iſt wahr, David kaͤmpfte zwar auch wie jeder Dich¬ ter mit Philiſtern: aber eine ganze Voͤlkermaſſe von Proſa iſt leichter zu beſiegen, als wenn ſich die All¬ taͤglichkeit vereinzelt oder wohl gar die Maske der Kri¬ tik vornimmt. Kurz, einen Dichter der Vorwelt koſtete ſein Ruhm keine Muͤhe, ſeine Zukunft keine Gegen¬ wart, ſeine Unſterblichkeit nicht, wie den Romantiker, den Tod. Der poetiſche Miniſter Sauls durfte nur einen Blick in die Morgenroͤthe werfen, einen Blick, der ihn nichts von ſeinen Geſchaͤften verſaͤumen ließ, und das einfache Bild, das bloße Wort reichte hin, alles das auszudruͤcken, woran ein zeitgenoſſiſcher Dich¬ ter einen Tag, und Alles, was ſich in einem Tage ver¬ ſaͤumen laͤßt, ſetzen muß. Dies hat unſre Zeit ſo mi߬ trauiſch gegen Miniſter gemacht, welche mit dichteriſchen Talenten begabt ſind. Eine Ungerechtigkeit iſt einge¬ riſſen gegen Etwas, was ſich doch mit unwiderſtehli¬ chem Drange in die Seele wirft, was der ſchoͤnſte Be¬ gleiter einer dornenvollen Laufbahn iſt, und auch einen Miniſter troͤſten kann, nach den ſauern Stunden, welche eine Staͤndeſitzung, ein theilnahmloſer Blick des Mo¬ narchen, ein ploͤtzliches Defizit ihn koſtet. Warum ſoll dem erſten Staatsmanne die aufgehende Sonne keine Empfindung entlocken? Warum ſoll er kalt bleiben,32Martinez de la Roſa. wenn die Lerche ihr Morgenlied ſingt? Warum ſoll ihm uͤberhaupt der Himmel verſchloſſen ſeyn? Die grau¬ ſamen Franzoſen! Sie machen Martinez den Vor¬ wurf, daß er Dichter iſt! Wir wollen, indem wir die fluͤchtigen Schatten ſeines Lebens reißen, in ihm den redlichen, patriotiſchen und talentvollen Mann erkennen laſſen. Geboren wurde Martinez de la Roſa im An¬ fang der achtziger Jahre zu Granada. Wenn Ihr den Vorzug, Deutſche zu ſeyn, auf einen Moment vergeſ¬ ſen koͤnnt, ſo beneidet ihn darum! Beneidet ihn um die Olivenwaͤlder, die am Fuße der Sierra Nevada ſte¬ hen, beneidet ihn um den goldhaltigen Genil, in dem er baden konnte, und jenen zweiten Fluß, deſſen Name mir entfiel, der aber gediegenes Silber mit ſeinen Wel¬ len fuͤhrt! Welche zaubervolle Jugend! Die alten mau¬ riſchen Sagen umfluͤſterten den Knaben, wenn er beim Spiele ſeinen Ball in die Truͤmmer des Alhambra warf. Er hoͤrte in der wunderbaren Loͤwenhalle, wie ſich die großen Emire der Wuͤſte aus dem weisheits¬ vollen Koran die Spruͤche vorleſen ließen, welche an die Maͤßigung im Gluͤck und die Barmherzigkeit des Siegers des Paradieſes ſchoͤnſte Freuden knuͤpften. Er trank aus dem Brunnen im ſchweigſamen Hofe und fuͤhlte, wie ſich fruͤhe die Gabe der Weiſſagung und33Martinez de la Roſa. ſchoͤnen Rede auf ſeine Lippen legte. Aber nicht Alles iſt verſchwundene Herrlichkeit in Granada. Auf den Truͤmmern der mauriſchen Erinnerung pflanzte das Ritterthum und die Weltmonarchie Karls V. die Tro¬ phaͤen ihrer großen Siege. Auf dem Platze Viva¬ rambla konnte Martinez keinen Wettlauf mit ſeinen Geſpielen anſtellen, ohne daß jene die Zegris, dieſe die Abencerragen retten wollten. Er wurde aͤlter, und in den ungeheuern Dimenſionen des Palaſtes Karls V. lernte er die Geſchichte des Vaterlandes, die Univerſal¬ traͤume des ſpaniſchen Habsburgs, an dem Grabmale Ferdinands und Iſabellens, wie Amerika entdeckt und die Inquiſition eingeſetzt wurde. Hier konnte ſich fruͤh die Seele an einen maͤchtigen Fluͤgelſchlag gewoͤhnen, ſo daß die moͤnchiſche Erziehung des ſpaͤtern Alters zwar Vieles dem Wiſſensdurſte verweigern durfte, aber nichts nehmen, was ſchon da war. Martinez war reicher und angeſehener Eltern Kind. Er benutzte alle Bil¬ dungsmittel, welche ihm Spanien darbot, und gab ſich zuletzt dem Studium der Rechte und der Staatswirth¬ ſchaft hin. Das Syſtem der Reformen Karls III. ließ ſich in Spanien durch eine Herrſchaft der Guͤnſt¬ linge und Ehebrecher nicht ſogleich aufhalten. Es blieb von der encyklopaͤdiſchen Aufklaͤrung, von dem philo¬Gutzkow's öffentl. Char. 334Martinez de la Roſa. ſophiſchen Enthuſiasmus des achtzehnten Jahrhunderts, welcher auch Spanien mannichfach beruͤhrt hatte, Vie¬ les uͤbrig, was ſich nach unten hin verbreitete, und ge¬ naͤhrt von den Grundſaͤtzen der franzoͤſiſchen Revolu¬ tion, die Hauptquelle der Bildung wurde, die ſpaͤterhin in der Geſtalt des Liberalismus als eine politiſche Macht auftrat. Martinez warf ſich in dieſen Strom der Tendenzen und ließ ſich von ihm tragen, bis er in Begebenheiten endete. Die Revolution von Aranjuez, die Abtretungen von Bayonne und Madrid, die neue Dynaſtie der Napoleoniden warfen Spanien in einen anarchiſchen Kampf von Intereſſen, wie ſie auf einem kleinen Terrain in Europa niemals widerſtreitender ge¬ weſen ſind. Doch machte ſich die gute Natur durch dieſe Verwirrung Platz, der Inſtinkt des Patriotismus ließ alle Differenzen vergeſſen, und von zahlloſen ſich durchkreuzenden Leidenſchaften blieb nichts uͤbrig, als der Haß gegen die Franzoſen. Die Cortes von 1808 traten zuſammen, und Martinez de la Roſa nahm unter ihnen den Platz ein, der ſeinen Talenten und Kenntniſſen gebuͤhrte. Er theilte die Schickſale dieſer Cortes in Madrid, Sevilla und Cadiz. Ob er ſich zu irgend einer Nuͤance dieſer patriotiſchen Verſammlung bekannt hat, wiſſen wir nicht, glauben aber, daß ihn35Martinez de la Roſa. die Liebe zur Freiheit immer da hintreten hieß, wo ihre beredteſten Fuͤrſprecher ſtanden. Noch gab es keine Doktrinairs, noch hatte die Exaltation durch geſcheiterte Plane ſich nicht in Mißkredit gebracht: es gab keine andre Gefahr, als die, welche eine edle Seele immer uͤberſteht, den Servilismus. Martinez reihte ſich den glorreichen Rednern dieſer Periode an, welche durch ihre glaͤnzende Beredſamkeit, ein Talent, welches in keine Schule gegangen war, ganz Europa zur Bewunderung zwangen. Die Reſtauration Ferdinands machte allen dieſen Dingen ein Ende. Die Cortes waren zerſprengt, der Ruͤckkehrende begruͤßte ſein treues Volk mit Schaf¬ fotten und Proſcriptionen. Martinez de la Roſa wurde nach der afrikaniſchen Kuͤſte verbannt und in Ceuta wie ein Gefangener gehalten. Er ſcheint ſich waͤhrend dieſer Zeit vielen Reflexionen hingegeben zu haben. Er mag ſich bemuͤht haben, Spaniens Schick¬ ſal in ein Reſultat zuſammenzufaſſen, und philoſophirte vielleicht uͤber Dinge, die uns entmuthigen, wenn wir uns uͤber ſie ſtellen wollen. Welchen Eindruck mochte Porliers und Lascys Schickſal in ihm machen? Er beweinte es, aber nannte es vielleicht eine Thorheit, zu konſpiriren. Feſſeln entnerven: man ſage nicht, daß man nach einer vierjaͤhrigen Gefangenſchaft noch fuͤr3 *36Martinez de la Roſa. ſich gut ſteht! Martinez wandte ſich verzweifelnd von den politiſchen Kombinationen ab, und dichtete ſeinen Morayma. Die Sehnſucht des Verbannten trug ſeine Phantaſie in die poetiſchen Erinnerungen Granadas, aber ſo gefeſſelt waren ſeine Gedanken an die Schick¬ ſale des Vaterlandes, daß ſein Drama eher den Na¬ men einer Allegorie verdiente. Er laͤßt einen der letz¬ ten mauriſchen Koͤnige nach Ermordung der Abencerra¬ gen den Thron beſteigen. Die Erbitterung der Par¬ teien umgiebt ihn. Perſoͤnliches Intereſſe ſchuͤrt die Leidenſchaft, hier Intrigue und Verlaͤumdung, dort Ge¬ waltthaͤtigkeiten und Tumulte. Der Caſtilianer ſteht vor den Thoren. Der Koͤnig iſt ſchwach und weil er zwiſchen beiden Parteien in der Mitte ſtehen will, wird er Tyrann und undankbar gegen die, welchen er ſeine Krone verdankt. Hier ſind die Cortes, hier Ferdinand, die Franzoſen. Hier aber auch ſchon der Gefangene von Ceuta mit ſeinen Grillen, die er mit den Mu¬ ſcheln am afrikaniſchen Strande auflieſt; denn er ſieht in Allem, was der Hebel ſeines Dramas iſt, perſoͤn¬ liche Leidenſchaft, fuͤrchtet die rohe Gewalt, auch da, wo ſie zum Siege ſeiner Partei unerlaͤßlich iſt, und haßt den Tumult der Maſſe. Wir ſehen ihn befan¬ gen nach Madrid, in die Cortes von 1820 zuruͤckkeh¬37Martinez de la Roſa. ren. Er der auf einem, faſt moͤchte man ſagen, ge¬ ſchichtlichen Wege unter die Oppoſition gekommen iſt, findet ſich jetzt umringt von Maͤnnern, die erſt durch eine Betrachtung liberal wurden, von Maͤnnern, die dem einreißenden Carbonarismus verwandter waren, als den conſtitutionellen Erinnerungen Spaniens. Marti¬ nez mochte erſtaunen, daß die Liebe zur Freiheit ein Syſtem geworden war, daß es ein Woͤrterbuch des Li¬ beralismus gab. Inzwiſchen trug ihn eine hohe Ver¬ ehrung empor, und gleich die erſte Sitzung machte ihn zum Sekretair der Kammer, welche Spanien dem kuͤh¬ nen Muthe Riego's verdankte.

Von 1820 bis zur Kataſtrophe des Julius 1822 faͤllt Martinez de la Roſa's glaͤnzendſte Periode. In den drei Cortesſeſſionen dieſer Zeit galt er als einer der vorzuͤglichſten Redner, der mit Galiano und Au¬ guſtin Arguelles, dem Goͤttlichen, wetteiferte. Sein erſter Antrag ſtand noch unter den Eindruͤcken ſeiner Gefangenſchaft; denn er wollte, daß Spanien die afri¬ kaniſche Kuͤſte aufgaͤbe, und ſie an den Kaiſer von Marocco gegen einen Tribut abtraͤte. Dann forderte er die Miniſter auf, Maßregeln gegen die Raͤuberban¬ den, welche Spanien durchſtreiften, zu nehmen. Er wollte nicht, daß die Pfarrer zwei Pfruͤnden beſaͤßen,38Martinez de la Roſa. ein Antrag, den Graf Toreno unterſtuͤtzte, und ziemlich reformatoriſch zu einem rein politiſchen machte. Ja, er ſprach ſogar fuͤr die Geſchwornen, welche ihm in ei¬ ner neulichen Sitzung der Prokuratoren ein zu fruͤhes Geſchenk waren. Er nahm ſich lebhaft der Joſephinos an und bewirkte eine Amneſtie fuͤr ſie, kurz, es gab mannichfache Gelegenheit, wo er ſein Talent und ſei¬ nen Patriotismus zeigen konnte. Doch ſprach ſich ſeine ſpaͤterhin prononzirte politiſche Nuͤance gleichfalls allmaͤh¬ lich aus. Viele ſeiner Meinungen waren gegen die politiſchen Klubbs gerichtet, und als am 4. September 1820 dieſe Frage aufs neue zur Sprache kam, treffen wir auf eine merkwuͤrdige Allianz zwiſchen Martinez de la Roſa, Moscoſo, Garely und Toreno, die ſich in unſern Tagen wieder erneuert hat. Martinez ſagte da¬ mals: Es iſt nothwendig, zum Vortheile der natuͤr¬ lichen Freiheit der buͤrgerlichen und politiſchen Schran¬ ken zu ſetzen; ein Satz, der erſt dann wahr iſt, wenn man ihn umkehrt. Der doktrinaire Pedantismus, der ſeine jetzigen Reden auf der Miniſterbank ſo unver¬ kennbar charakteriſirt, zeigte ſich auch damals ſchon: Martinez diſtinguirte gern und zog ſich, wie alle poli¬ tiſch Zaghaften, auf die Phraſe zuruͤck, daß man die Dinge auch von der andern Seite anſehen muͤſſe. Sein39Martinez de la Roſa. Widerſtand gegen eine Entſchaͤdigung, welche Riego ver¬ langte, machte ihn unpopulaͤr, noch mehr die Debatte uͤber die unter dem Namen die Perſer bekannten meineidigen Deputirten, und am Schluſſe der Sitzung von 1821 das Repreſſivgeſetz Toreno's, welches er eif¬ rig unterſtuͤtzte. Das Volk ſtuͤrzte Toreno's Wagen um, und belagerte nach des Grafen Hauſe auch das des erſchrockenen Dichters, der hier Scenen aus ſeinen Tragoͤdien wiederkehren ſah. Nichts deſtoweniger erhielt er mit Anfang der Sitzung von 1822, im Februar, das Portefeuille des Auswaͤrtigen. Die Zuſammenſe¬ tzung dieſes neuen Miniſteriums war unpopulaͤr genug: es war aus der Majoritaͤt der entlaſſenen Cortes ge¬ bildet, die ſich durch ihren Servilismus dem Volke ſo verhaßt gemacht hatten. Die neue Kammer galt fuͤr unabhaͤngiger, als alle fruͤheren; Riego war im An¬ fange ſelbſt ihr Praͤſident. Martinez, der ſich ſchon lange an die miniſterielle Phyſiognomie gewoͤhnt hatte, fand in ſeiner neuen Wuͤrde, fuͤr die ſeine Uneigennuͤ¬ tzigkeit ſich nicht bezahlen ließ, einen ſchwierigen Stand. Der Kongreß ſaß drohend in Verona, die Glaubens¬ armee organiſirte ſich in den Gebirgen, die Camarilla Ferdinands konſpirirte, in Valenzia und Pampeluna brachen royaliſtiſche Tumulte aus. Und dennoch ſchien40Martinez de la Roſa. dem Miniſterium dieſe Gefahr geringer, als die, welche im Lager ſelbſt drohte. Es glaubte keinen andern Feind bekaͤmpfen zu muͤſſen als den Jakobinismus der Klubbs. Die Reden in der Fontana d'Oro, die Auf¬ ſaͤtze der Zuriaga und des Terzerols beſchaͤftigten die Miniſter mehr, als die Fortſchritte, welche die Inſur¬ rektion der Miſa, Jaimes, Zabala und Queſada machte. Man kann das Miniſterium des Martinez de la Roſa von jener Zeit das Direktorium der ſpaniſchen Revo¬ lution nennen: der Moderantismus deſſelben, welcher nicht durch vorangegangene, ſondern parallele Ausſchwei¬ fungen gerechtfertigt werden konnte, brachte unter Spa¬ niens damaligen Umſtaͤnden nichts zuwege, als eine Keckheit des Royalismus, der immer mehr um ſich griff. Der Moderantismus war, wenn nicht offene Verraͤtherei, was wir nicht glauben, doch jedenfalls die verfehlteſte Maßregel, um die ſpaniſche Freiheit zu ret¬ ten. Wenn er die Demokratie kurz am Zuͤgel faſſen wollte, ſo arbeitete er der Reaktion in die Haͤnde. Auch war die Demokratie nie maͤchtiger, als damals. Die Klubbs, die Communeros donnerten, die Cortes machten die Beſchluͤſſe derſelben geſetzlich. Riego rauchte mit Ferdinand Cigarren zum Zeichen ihres Einverſtaͤnd¬ niſſes, und ſeine Hymne, mit der er das Heer von41Martinez de la Roſa. Isla de Leon fuͤhrte, wurde, wie es damals hieß, fuͤr ordonnanzmaͤßig erklaͤrt. Unter ſolchen Umſtaͤnden war der Moderantismus ein Fehler. Wir wiederholen nochmals, daß es unglaublich ſcheint, wenn das Mini¬ ſterium mit Aranjuez unterhandelt haben und in ſeinem Haſſe gegen die Demokratie ſo weit gegangen ſein ſollte, daß es mit dem Feinde innerhalb und außerhalb Iliums jene beſiegen wollte. Das wuͤrde geheißen ha¬ ben, ein kleineres Uebel durch ein groͤßeres heilen. Auch unterließ Martinez nicht, Einiges zu thun, was fuͤr ſeinen guten Willen zeugte. Er ſandte ſeinen Freund Toreno (Toreno iſt Porliers Schwager) nach Paris, um die dortige Botſchafterſtelle zu uͤbernehmen, und auf das Kabinet der Tuilerien, mehr aber noch auf den Pavillon Marſan, die ultraroyaliſtiſche Coterie des Gra¬ fen Artois, und das Aſyl aller ſpaniſchen Verraͤther, einzuwirken. Er unterhandelte viel mit dem franzoͤſi¬ ſchen Geſandten Lagarde in Madrid, den man beſchul¬ digte, der Vendée in den Gebirgen Vorſchub zu leiſten. Ja als das feindſelige Benehmen der franzoͤſiſchen Re¬ gierung, die Unterſtuͤtzung, welche ſie den Inſurgenten angedeihen ließ, immer offenkundiger wurde, verbreitete ſich im Mai das Geruͤcht, Lagarde habe nach einem heftigen Wortwechſel mit Martinez ſeine Paͤſſe ver¬42Martinez de la Roſa. langt. Auch hielt der Miniſter darauf eine heftige Rede vor den Cortes, worin er Frankreich Vorwuͤrfe machte, welche einer Kriegserklaͤrung gleich kamen. Dis iſt der einzige energiſche Akt waͤhrend ſeines Amtes, der aber am deutlichſten ſeine Schwaͤche zeigte, da er ohne Folgen blieb. Die Entſcheidung des 7. Julius ruͤckte heran. Man weiß, daß die Demokratie an dieſem Tage ihren Triumph feierte. Die eben entlaſſenen Cortes wurden vom Magiſtrate Madrids, dem Ayun¬ tamiento, welcher die Rolle des Stadthauſes aus der franzoͤſiſchen Revolution uͤbernahm, erſetzt. Die auf¬ ruͤhreriſchen Garden mußten im Pardo nach einem hartnaͤckigen Kampfe mit der Nationalgarde (wenn uns Martinez erlaubt, die milicia urbana ſo zu nennen) das Gewehr ſtrecken. Auch das Miniſterium war ge¬ ſprengt. Es iſt kaum glaublich, daß daſſelbe mit dem Aufruhre in Verkehr geſtanden habe. Es war von dieſem Ereigniſſe ſo uͤberraſcht, wie die Nation, ein Beweis fuͤr ſeine Schwaͤche. Es hatte weniger An¬ theil daran als der Schlaͤchter Amerika's, Morillo, der damals eine ſo zweideutige Rolle ſpielte. In der Nacht vom 7. zum 8. ſaßen die Miniſter wie gefangen im Palaſte, alle Ausgaͤnge waren beſetzt, und in dieſer Verlegenheit mag Martinez die politiſche Laufbahn ver¬43Martinez de la Roſa. wuͤnſcht, und ſich nach dem ſtillen Umgange mit den Muſen geſehnt haben. Sein Leben war in Gefahr, die ſiegtrunkene Partei, welche viele Opfer zu betrauern hatte, wollte anfangs die Miniſter fuͤr das Geſchehene verantwortlich machen; doch da Spanien wiederum das Ungluͤck hatte, ein abgenutztes Miniſterium aus alten Truͤmmern fruͤherer, die ſchon geſcheitert waren, zu be¬ kommen, ſo fiel die Anklage, und Martinez zog es vor, ſich allmaͤhlich ganz vom Schauplatze des Tages zuruͤckzuziehen. Bald wurde auch der Abſolutismus in Spanien zum Zweitenmale reſtaurirt. Die franzoͤſiſchen Bajonnette setzten Ferdinand in ein plein pouvoir ein, das er auch zunaͤchſt gegen die Anhaͤnger der Konſti¬ tution, die er ſo oft falſch beſchworen hatte, in blu¬ tige und konfiskatoriſche Anwendung brachte. Martinez de la Roſa fuͤrchtete die Tage von Ceuta und zog mit den Proſcribirten uͤber die Pyrenaͤen.

Die ſieben Jahre der Verbannung brachte Marti¬ nez zum großen Theile in Paris zu. Er gab ſich li¬ terariſchen Beſchaͤftigungen hin, welche immer politiſche Leiden am leichteſten vergeſſen machen. Mit ſeinen Landsleuten geſpannt, ſchloß er ſich ſelbſt von ihren Konſpirationen aus, dichtete, aͤſthetiſirte und ſammelte ſeine Schriften, welche mit vieler Eleganz bei Didot44Martinez de la Roſa. gedruckt worden ſind. Er kam nach Frankreich, noch ganz voll von Verehrung des tragiſchen Kothurs eines Corneille und Racine. Man wuͤrde ſich taͤuſchen, ſuchte man bei ihm die farbengluͤhende Grandezza des alten ſpaniſchen Theaters. Er iſt als Dichter mehr Storch, als Flamingo. Seine Gefuͤhle gehen auf Stelzen, ſein Dialog ſind Wechſelreden nach den Grundſaͤtzen der Rhetorik. Er war, als er die Witwe des Padilla ſchrieb, den Morayma und Edipo, ein Dichter der drei Einheiten, mit moraliſchen, kalten Tendenzen, ſteifer als Alfieri, aͤrmer als Arnault. Statt daß ſeine Per¬ ſonen handeln, erzaͤhlen ſie; ſie reflektiren uͤber das, was ſie thun ſollten, und lieben es, alles bis auf den fuͤnften Akt zu verſchieben, welcher der Unthaͤtigkeit endlich ein Ende macht. In ſeinen Unterſuchungen uͤber die ſpaniſche Poeſie findet er es laͤcherlich, wenn Lope de Vega den Columbus von Madrid nach Gre¬ nada, von dort nach Amerika, und von hier wieder zuruͤck nach Barcelona verſetzt. Er ſieht darin eine Verletzung aller Regeln, wenn derſelbe Dichter in ein Drama drei Handlungen verflicht, und wiederholt gegen Shakesſpeare die Vorwuͤrfe, welche vor ihm ſchon Vol¬ taire machte. Nichtsdeſtoweniger brachte der Aufent¬ halt in Paris auf Martinez poetiſche Ader eine neue45Martinez de la Roſa. Wirkung hervor. Der Kampf des Romanticismus und der Klaſſiker konnte ihm nicht fremd bleiben, und ſeine ſpaͤtern Produkte bezeugen, daß er in ſeiner alten Stellung wankend gemacht wurde. Victor Hugo, welch 'ein Beiſpiel! Martinez mochte ſeine Extravaganzen haſſen, aber vielleicht ließen ihn die Lorbeeren des Dich¬ ters nicht ſchlafen, vielleicht quaͤlte ihn ein unerklaͤrli¬ ches Etwas aus ſeinen alten Anſichten heraus. Wel¬ cher wahrhafte Dichter gaͤbe ſich ſo bald zur Ruhe! Er wird niemals mit ſich zufrieden werden, und von ſeinem Naͤchſten immer die Hoffnung haben, daß es das Vorangegangene uͤbertreffen werde. Martinez kam mit dem franzoͤſiſchen Theater in Beruͤhrung, Scribe uͤberſetzte ein Luſtſpiel von ihm, er war nun in die Bewegung hineingeriſſen und verſuchte, ob ihm bei veraͤndertem Glaubensbekenntniſſe die Muſe heißere Um¬ armungen goͤnnen wuͤrde. Sein Aben Humeya gelang ihm ungleich beſſer: er hat hier den Kothurn abgewor¬ fen und tritt in leichter, freier Proſa auf. Die Sprache iſt friſch, leidenſchaftlich, bilderreich; die Scenen ſind nicht uͤbermaͤßig ausgemalt, ſondern ſie brechen ploͤtzlich ab, wenn ein Ereigniß dem andern folgt. In der Ver¬ ſchwoͤrung von Venedig, demſelben Drama, das in Madrid mit einem Applaus aufgenommen wurde, der46Martinez de la Roſa. den Dichter als Miniſter in Verlegenheit ſetzte, geht Martinez in der Verehrung des franzoͤſiſchen Theaters ſogar noch weiter. Er verſchmaͤht nicht mehr den Pomp und die Kunſt der Scenerie, er fuͤllt einen gan¬ zen Akt mit Schauſtuͤcken der Art, von denen Schle¬ gel ſagt, ſie wuͤrden ihm gefallen, wenn nicht Worte dabei waͤren. Und nun ich Schlegel nenne, ſo wolle man wiſſen, daß Martinez de la Roſa auch dieſen kannte, und ihn oͤffentlich einer geringen Kenntniß des ſpaniſchen Thearers bezuͤchtigt hat. Es thut mir leid, hievon Erwaͤhnung thun zu muͤſſen. Inzwiſchen zogen ſich nach dem Jahre 1829 durch eine Heirath einige Wolken von dem ſpaniſchen Horizonte weg. Die Herrſchaft des Beichtſtuhls wurde durch die des Alko¬ vens zerſtoͤrt. Ferdinand ſtuͤrzte durch demagogiſche Um¬ triebe das falſche Geſetz, und er ſah ſich nach Men¬ ſchen um, die ſeine Handlungen billigten. Die Erbit¬ terung gegen die Emigranten legte ſich, und die am wenigſten kompromittirt waren, durften es in Hoff¬ nung der allgemeinen Amneſtie wagen, uͤber die Pyre¬ naͤen zuruͤckzukehren. Ferdinand hatte wie Karl V., aber wider Willen, bei Lebzeiten ſchon ſeine Exequien gehalten, er hoͤrte mit ſcheintodtem Ohre, wie ihn Ca¬ lomarde an Karl verrieth, wie man ſich in die Herr¬47Martinez de la Roſaſchaft theilte, und in der oͤffentlichen Meinung von ganz Europa ſein Todtengericht hielt. Er hatte ſeinen wahren Feind kennen gelernt, und eilte jetzt, mit ſei¬ nen alten Gegnern Friede zu ſchließen, um ſie gegen den Carlismus zu verwenden. Der Name Martinez de la Roſa war in keinem der Komplotte gehoͤrt wor¬ den: welche die Sicherheit der zweiten Reſtauration ge¬ ſtoͤrt hatten; er wurde zwar nicht gerufen, aber zuge¬ laſſen. Weder Mina's noch Torrijos Expedition ließ man ihn entgelten; man wußte, wenn man den Dich¬ ter feilen hoͤrte, daß es nicht den Ketten Spaniens, ſondern ſeinen Werken galt. Marie Chriſtine liebte an Martinez Auge den lebhaften Ausdruck, ſie bewunderte die kleine weiße Hand, die ſo artige Reime und Ge¬ danken zuſammenfuͤgte, ſie hoͤrte gern die duftenden Bluͤthenflocken der Rede aus ſeinem Munde fallen, ſie ließ ſich von ihm Aeſthetik vortragen, und hatte nichts dagegen, wenn er zuweilen von dieſer auf die Politik uͤberſprang. Es bildete ſich allmaͤhlich ein Kreis um die Koͤnigin, den das Vertrauen gezogen hatte; man berieth ſich uͤber die Zukunft, waͤhrend links der kranke Koͤnig an der Magengicht ſtoͤhnte, rechts die kleine Iſabella in ihren Windeln ſchrie. Marie Chriſtine von Neapel iſt keine Heroine, ſie fuͤrchtet ſich vor dem Er¬48Martinez de la Roſa. eigniß; ſie hat nichts, als einige kleine Leidenſchaften, etwas Schwaͤrmerei und will zart behandelt ſeyn. Sie wuͤrde genug gethan zu haben glauben, wenn ſie Rizio Munnoz begluͤckte, und ſoll bald das Teſtament Fer¬ dinands vollziehen, Miniſter waͤhlen, Takt haben, die Garde defiliren laſſen, und kriegeriſche Operationen un¬ terzeichnen. Sie wuͤrde alles untereinander geworfen ha¬ ben, wie auf einem Naͤhtiſch, wenn nicht Martinez de la Roſa mit ſanfter Rede, milden Vorwuͤrfen und bildlichen Vergleichen neben ihr ſtuͤnde. Marie Chriſtine iſt durch ihn eine ſchoͤne Seele geworden. Er lieſt ihr die Dekrete wie Stellen aus ſeinen Dramen vor, er wirft um alles ein phantaſtiſches Kleid, er macht die Zuſammenberufung der Cortes zu einer Aufgabe des Garderobiers, und hat zu dem Saale derſelben ihr ſo viel architektoniſche Riſſe vorgelegt, daß ſie durch Aus¬ wahl des ſchoͤnſten ihren Geſchmack vor ganz Madrid bewaͤhren konnte. Wie artig ſind die Reglements, welche Martinez bei Feierlichkeiten der Koͤnigin vorſchrieb! Sie erſchien mit ihrem Kinde, wie einſt Fredegunde mit Clothar vor den Franken; ſie hatte in ihrer Rolle wenige und gefuͤhlvolle Worte vorgeſchrieben; alle dieſe Dinge arrangirte Martinez. Als die Cholera ausbrach, ließ ſie nur Rizio und Martinez in la Grania ein,49Martinez de la Roſa. ſie beſchied ſich, nichts als das Unentbehrlichſte um ſich zu haben; ja Martinez, der Dichter, wurde kein Ge¬ ſchichtſchreiber der franzoͤſiſchen Revolution, kein Thiers, und machte la Granja nicht zu Blaye und ſetzte keine Preiſe aus, um eines Judas Iſchariot Deuz willen. Dies iſt das enge Buͤndniß, welches die Regentin mit Martinez de la Roſa geſchloſſen hat. Inzwiſchen uͤber¬ nahm der Dichter vor den Augen der Nation ſeine mi¬ niſterielle Miſſion. Einige Splitter, welche von dem Schiffbruch Zea's noch uͤbrig geblieben waren, hemm¬ ten ſeinen erſten Lauf, doch entledigte er ſich ihrer bald. Sein eigner Name wurde fuͤr das Werdende verant¬ wortlich. Die neue Konſtitution, das Eſtatuto real iſt ſein Werk. Er verſuchte es, den Zwieſpalt Spaniens zu verſoͤhnen, die Zukunft an die Vergangenheit zu knuͤpfen, ja er hoffte ſo viel von ſeinem guten Willen, daß er ſelbſt das Arcanum, welches Ludwig Philipp an¬ bot, das Juſte Milieu abwies. Allein der gute Wille hat in dem Staatskredit einen ſchlechten Cours, er iſt eine Illuſion in Zeiten wo alle Lebensaͤußerungen mit ſcharfen Raͤndern und Kanten gezeichnet ſind. Der gute Wille war keine Garantie fuͤr ein ſo mißhandeltes Volk, das gezwungen iſt, nur in ſeinen Erinnerungen, d. h. in ſeiner Rache zu leben. Man hat fuͤr Alles inGutzkow's öffentl. Char. 450Martinez de la Roſa. Spanien gleich einen Namen, jede Partei kann die andre mit einem kurzen Kohlenumriß an die Mauer zeichnen: Worte, Abſtimmungen, alte Fehler, da iſt nichts vergeſſen. Die Maͤnner des Ringes, die Anille¬ ros, welche Martinez in ſeine Naͤhe zog, waren bald erkannt, der Moderantismus iſt eine Stereotype, die nur genannt zu werden braucht, um jede Befuͤrchtung auszudruͤcken. Zu den alten Namen hat die juͤngſte franzoͤſiſche Geſchichte noch neue geſtellt, und allgemein wird das gegenwaͤrtige Miniſterium doktrinaͤr genannt. Vor der Zuſammenberufung der Cortes ſagte man, Martinez wuͤrde ſeine Entlaſſung nehmen; allein dies Geruͤcht druͤckte nur das aus, was man wuͤnſchte. Vielmehr war Toreno's Ernennung ein Huͤlfsdetaſche¬ ment; denn Toreno iſt Martinez alter Leidensgefaͤhrte, nur iſt er ſchneller, eifriger, etwa das, was Lord Dur¬ ham unter den Whigs. Wir ſind am Ende unſrer Darſtellung, da der gegenwaͤrtige Kampf der Parteien in Spanien außer ihren Graͤnzen liegt. Nur zwei Dinge erlauben wir uns noch, ein Urtheil und ein Prognoſtikon. Selbſt die Oppoſition laͤßt der parla¬ mentariſchen Faͤhigkeit des Miniſters Gerechtigkeit wer¬ den. Es iſt wahr, ſeine Reden zeichnen ſich durch Schwung und Rundung aus, und wenn gar, was in51Martinez de la Roſa. Spanien nicht anſtoͤßig zu ſein ſcheint, Deklamation und Geſten zu dieſen Worten hinzukommen, ſo muͤſ¬ ſen ſie in dem Saale eine großartige Wirkung hervor¬ bringen. Doch ſeine Zwiſchenreden, ſeine Einwaͤnde, das, was man den parlamentariſchen Dialog nennen koͤnnte, ſind pedantiſch, mit Logik beſtaͤubt, ſie ſind pe¬ nibel, und verrathen den Kleinmeiſter. Martinez de la Roſa iſt immer zur Hand, wo es eine Diſtinktion gilt, er liebt es, am Unweſentlichen zu klauben, und auf Dinge Werth zu legen, die die Unterſuchung gar nicht weiter bringen. Aber was ihn ſtuͤrzen muß, iſt zuletzt weniger die Form, als der Inhalt ſeiner Diskurſe. Ich glaube, er iſt in ſeinen Handlungen weniger vorſichtig als in ſeinen Reden. Er gleicht den deutſchen Pedan¬ ten, welche die Freiheit lieben wuͤrden, wenn ſie nicht fuͤr alles gleich Beiſpiele haͤtten und gewohnt waͤren, die Dinge immer vom verkehrten Standpunkte anzu¬ ſehen. Martinez de la Roſa hat ſich aus der Ge¬ ſchichte der Revolutionen ſo viel Erfahrungen, kleine Saͤtze und Maximen abſtrahirt, daß er ohne Citat kei¬ nen Schritt vorwaͤrts ſetzen kann. Bald ſchwebt ihm der Konvent vor, bald die franzoͤſiſche Journaliſtik, bald weiſt er auf Mirabeau, bald auf Burke hin; es iſt eine Gelehrſamkeit, die ihn erſticken muß. Waͤre die4 *52Martinez de la Roſa. Kammer nicht ſelber ſo naiv, traͤte in ihr die Revolution nicht mit ſo vieler Angſt, ſo ſcheu und beſorglich auf, ſo muͤßte der Pedantismus des Miniſters laͤngſt durchgefallen ſein. Wir wiſſen auf die Laͤnge nicht, was Martinez de la Roſa ohne Majoritaͤt fuͤr Spanien thun will. Es iſt wahr, die Petition der Rechte mag eine Formalitaͤt geweſen ſein, in welcher es gleichguͤltig war, zu unterliegen; aber wird die Finanzfrage ſich guͤnſtiger beantworten? Wird die Kammer in ihrer wahrhaft originellen, leidenſchaftloſen Re¬ volution fortſchleudern, und nicht bald den Sturmſchritt ſchlagen laſſen? Wird endlich die Inſurrektion, dieſer uner¬ traͤgliche Widerſpruch gegen Spaniens Gluͤck und Wohl¬ fahrt, nicht durch anßerordentliche Maaßregeln ausgerottet werden muͤſſen? Außerordentlicher Maaßregeln iſt das je¬ tzige Miniſterium aber nicht faͤhig. Es muß zu einer allge¬ meinen Bewaffnung kommen; denn Frankreich beweiſt, daß die Vendee ohne Nationalmiliz nicht getilgt werden kann. Dieſe praktiſche Freiheit aber kann Martinez de la Roſa, an die Freiheit der Kouliſſen, an das Phantom ge¬ woͤhnt, nicht ertragen. Er wird noch einmal in den Pal¬ laſt der Regentin treten, das koͤnigliche Kind mit ſeinen Thraͤnen benetzen, und dann die Olivenwaͤlder von Gra¬ nada aufſuchen, um in ihrem Schatten die fluͤſternden Laute der Natur zu belauſchen, welche nur ein Dichter verſteht.

Chateaubriand.

Wenn man ſich Talleyrand zu allen Zeiten nur wie Harpokrates, alt wie die Winterſonne, denken kann, Martinez de la Roſa in mittleren Jahren, mit buͤrger¬ lichem Embonpoint, geſetzten Zuͤgen, und einen gold¬ nen Ring an dem zarten, poetiſchen Schreibfinger, ſo gibt es fuͤr Franz Auguſt Vicomte von Chateaubriand keine andere Vorſtellung, als die des Juͤnglings.

Wer glaubt es, daß Chateaubriand ein alter Herr iſt, der in wenig Jahren ſeinen ſiebenzigſten Geburts¬ tag feiern wird? Er, den wir uns noch immer von etwas phantaſtiſchem Aeußern denken, als den letzten Kreuzfahrer, der nie ſtirbt, immer bereit, noch mit neuen Epochen der Geſchichte in Kolliſion zu gerathen, ein junges Maͤdchen zu beſingen und Thorheiten zu begehen?

Ihr werdet wenig Menſchen kennen, welche mit ſo viel Jugend ihr Alter angetreten haben. Chateaubriand hat die unverwuͤſtliche Phyſiognomie der Naivetaͤt, die56Chateaubriand. er mit ins Grab nehmen wird. Er blieb ſich immer gleich, ein ſchuͤchterner junger Menſch, der vom Lande kommt, froh am Geringfuͤgigen, uͤberraſcht von Allem, ohne Vorausſicht, wie ein Kind; aber auch ungedul¬ dig, zornig und ungerecht wie ein Kind.

Chateaubriand iſt ein Greis geworden, ohne ein Mann geweſen zu ſein. Gewohnt, nur in unbegruͤnde¬ ten Hoffnungen zu leben, nahm er ſeine Erfahrung fuͤr eine feindſelige Macht, die ihn uͤberall enttaͤuſchte. Alles, was ihm geſchah, hielt er fuͤr eine Vorbereitung, und rechnete, daß immer noch eine Zeit kommen werde, wo er von ſeiner Vergangenheit Vortheil ziehen wuͤrde. Aber daruͤber iſt er alt geworden, ſeine Jugend hat bis an ſein Grab gedauert.

Koͤnnte dies die Erfahrung eines reifen Charakters geweſen ſeyn, ſo muͤßte ſeine Verzweiflung jetzt tra¬ giſch und des tiefſten Mitleids wuͤrdig werden; doch Chateaubriand fuͤhlt dieſen Widerſpruch nicht: es gibt Nichts, wofuͤr er Alles hingegeben haͤtte; er lebte ohne Plan, er hatte das ſonderbare Schickſal, immer zu ſpaͤt zu kommen. Er hat viel verloren, ohne je etwas be¬ ſeſſen zu haben; er iſt oft gefallen, ohne daß er je aufrecht ſtand; man vergaß ihn immer, ohne daß man je recht an ihn dachte.

57Chateaubriand.

Das iſt es: Chateaubriand erwartete nichts; man verſprach ihm nichts, man ſchmeichelte ihm mit keiner Hoffnung. Es iſt niemals Jemand mit ſo wenig Opfern ungluͤcklich geweſen; wenn er fiel, ſo that er ſich ſelbſt am wenigſten wehe. Chateaubriand will ein Maͤrtyrer ſeyn; er will neben den Opfern Diocletians und den eilftauſend Jungfrauen genannt ſein. Das iſt ein Scherz; aber lacht daruͤber nicht! Es iſt ihm darum zu thun, er hat es heilig damit.

Was bliebe dem ſonderbaren Greiſe noch zum Troſt uͤbrig? Nennt ihn alſo Maͤrtyrer, wenn er auch fuͤr Niemanden untergegangen iſt, als fuͤr ſich ſelbſt!

Wir haben Goethe gehabt; wir wiſſen, was hi¬ ſtoriſcher Indifferentismus iſt. Maͤnner von den groͤ߬ ten Geiſteskraͤften matteten ſich an kleinen Verhaͤltniſ¬ ſen, an geraͤuſchloſen Zeiten ab. Stuͤrmiſche, gefahr¬ volle Epochen warfen die Mittelmaͤßigen in die Hoͤhe, und da, wo die Staͤrkſten haͤtten ſtehen ſollen, ſahen wir Cretins. Maͤnner von Genie ſind vor großen Er¬ eigniſſen geflohen. Das Erhabene iſt vielfach verkannt worden, und nicht ſelten von denen, die ihm am ver¬ wandteſten waren.

Chateaubriand war kein Genie; wir muͤſſen eine Stufe herabſteigen. Chateaubriand erhielt von der Na¬58Chateaubriand. tur eine Stellung, wo ihn der Zug der Begebenheiten faſſen mußte. Er war ein junger Menſch, ohne viel Muth, verzaͤrtelt, eigenſinnig, er wußte noch nicht, wor¬ auf? Da er zoͤgerte, ſo faßte ihn der Wirbelwind unſ¬ rer großen Zeitgeſchichte, und warf ihn aus ſeinem Strome heraus.

Chateaubriand war nun gar nichts mehr, nicht ein¬ mal praͤdeſtinirt; er haͤtte koͤnnen Kaufmann werden oder ein Gelehrter, ſo wenig bedurfte ſeiner die Zeit. Aber ſeine Geburt, ſeine Verwandten und ſein Mangel an Geld brachten ihn immer wieder in die Stroͤmung der Begebenheiten hinein, in die er gar nicht gehoͤrte. Die wichtigſten Dinge, Ereigniſſe, welche niemals wie¬ derkehren werden, wurden eine ordinaͤre Mitgift fuͤr ihn, gleichguͤltiger als die Haſen, welche er in ſeinem Tor¬ niſter von Thionville trug. Fuͤr den jungen blonden Menſchen war die Zeit eine Familiengeſchichte gewor¬ den, in welcher ſeine Vettern und Großoheime die Hauptrolle ſpielten; kurz Chateaubriand war von der Natur zu nichts Außerordentlichem beſtimmt.

Er ſah auch lange ein, wie gut es die Natur mit ihm meinte, er beeilte ſich gar nicht, ſie zu beſchaͤ¬ men, ja er wuͤrde ſie auch niemals uͤberfluͤgelt haben, wenn ihm der Zufall nicht einen Gedanken an die59Chateaubriand. Hand gegeben haͤtte, der mit ſeiner ganzen ſchreckhaften Einſeitigkeit das Leben des Vicomte revolutionirte.

Es iſt unerwieſen, wer ihm den erſten Anſtoß zum Chriſtenthum gegeben hat, die Waͤlder Amerika's, die Erinnerungen Pascals, oder eine Wiederholung jenes Blitzſtrahls, der einſt auf dem Wege von Jeruſalem nach Damaskus ein ſo großes Wunder bewirkte?

Ich zweifle an allen dieſen Erklaͤrungen und be¬ gnuͤge mich mit des Vicomte alter Mutter, die ihren Sohn in London zur Vermahnung zog, ihm das Gott¬ loſe ſeiner Schrift uͤber die Revolutionen vorwarf, an die Kapelle von St. Malo und das vergoldete Geſang¬ buch, welches ſie auf der Flucht dort hatten liegen laſ¬ ſen, erinnerte, und damit eine Praͤciſion der Tendenz in ihren Sohn legte, die ihn anfangs ſelbſt uͤberraſchen mochte.

Jetzt hatte Chateaubriand eine Idee. Es war ein muthiges kleines Steckenpferd, bunt bemalt, das er be¬ ſtieg: er galoppirte damit uͤber Meere und ferne Laͤn¬ derzonen, klatſchte mit der Peitſche, pfiff, fuͤhrte das Thierchen an die Krippe von Bethlehem, als ſollte es da freſſen, traͤnkte es im Jordan, und hoͤrte noch nicht auf zu courbettiren, als er ſchon in die Salons von Paris zuruͤckgekehrt war.

60Chateaubriand.

Nach Voltaire konnte ein Kind, wie Chateaubriand, nur der Don Quixote des Chriſtenthums werden. Er brachte nichts Neues an die alte Lehre heran, als den Schmelz ſeiner Sprache. Das war Alles wenig genug fuͤr eine Zeit, zu der man im Poſaunentone des Welt¬ gerichts haͤtte ſprechen muͤſſen, wenn man aus einer Sache, die in Frankreich allenfalls Mode werden konnte, einen heiligen Ernſt haͤtte machen wollen.

Ja, in der That, Chateaubriand hatte das Ungluͤck, in die Mode zu kommen; man intereſſirte ſich fuͤr ihn etwas mehr, aber nicht viel, als fuͤr Abel Remuſat, der die indiſchen Romane aufbrachte. Chateaubriand kam in Begebenheiten, die er nicht verſtand; er verwechſelte das Chriſtenthum mit ſich, hielt ſich fuͤr unfehlbar und beging ſo viel Thorheiten, daß man ihn ſchnell bei Seite ſchob.

Jetzt aber ſaß der edle Vicomte einmal mitten drinnen in den Geſchaͤften; die Weltgeſchichte war bis an ſeine Antichambre gekommen, er hatte ſich in acht Tagen, wo man kaum die Floͤte blaſen lernt, auf die Hoͤhe der Zeit geſtellt; es kann nirgends ſo ver¬ worren ausſehen, als in Chateaubriands Kopf und in ſeinem Portefeuille, das ihm die Bourbons anvertrau¬ ten. Ich zweifle, ob dieſer Spaͤtling der Croiſaden ſich61Chateaubriand. ſelbſt nach ſeinen neuſten Unfaͤllen ſchon in die Zeit zurechtgefunden hat. Fordre er keine neue Kolliſion her¬ aus; ſie wuͤrde ihn unfehlbar in Verſuchung fuͤhren. Chateaubriand hat kein Geſchick fuͤr die Geſchichte. Goethe wollte ſeine Zeit nicht verſtehen; Chateaubriand verſtand ſie wirklich nicht.

Die Freunde des edeln Vicomte uͤbertrieben; unter Andern neulich der gutmuͤthige, oft kindiſche Plauderer Jules Janin, welcher eine Parallele zwiſchen ihm und Talleyrand zieht. Sie moͤchten, wie ſie ſich ausdruͤcken, ein Epos der Ueberzeugung aus ihm machen, waͤhrend er doch in dieſem Falle nichts iſt, als eine Tragikomoͤ¬ die derſelben, ein Roman, zuſammengeſetzt aus Ge¬ laͤchter und Thraͤnen.

Wo iſt hier der heilige Schauer, der um das Ungluͤck eines großen Mannes weht? Wo ſind die Schlangen, die er ſchon in ſeiner Wiege erdruͤckte? Welche greiſe Seherin hat die Hand auf ſein Haupt gelegt und in ihm den kuͤnftigen Propheten geſegnet? Wie ſchwer wiegen wohl die Schilde, die er aus ſei¬ nen erſten Kaͤmpfen mit der Welt heimbrachte?

Dieſer Maaßſtab paßt hier nicht; Chateaubriand koͤmmt erſt nach ſeinem dreißigſten Jahre zu einer Idee, zu einer Idee, die er unter dem Sattel des Pegaſus62Chateaubriand. muͤrbe reitet, mit der er auf Reiſen geht, die er apor¬ tiren lehrt, wie einen Pudel; zu einer Idee, die bald eine Chimaͤre wurde.

Wenn Ihr wollt, Chateaubriand iſt auch ungluͤck¬ lich geweſen. Aber Ihr wißt, daß im Schmerz eine Wolluſt liegt. Chateaubriand, dieſe romantiſche Ruine, liebte es, zu leiden. Der Dichter braucht fuͤr ſein Le¬ ben eine poetiſche Staffage, und die eines ertraͤglichen Ungluͤcks pflegt ihm die liebſte zu ſein. Chateaubriand iſt nicht einmal ein ſolcher Maͤrtyrer wie Lafitte; denn wenn er zwar ſo arm iſt wie dieſer; ſo war er auch niemals ſo reich wie Lafitte. Er ſtuͤrzte von keinen Hoͤhen herunter; die, auf welchen er eine Zeitlang ſtand, hatte er im Traume beſtiegen; wann hatte der kleine Kadet von der Goldkuͤſte, der vor der Revolu¬ tion floh, daran gedacht, Miniſter zu werden?

Glaubt mir, Chateaubriand huͤllte ſich gern in die Schatten der Melancholie; verbannte er ſich doch ſelbſt aus Frankreich, als die Bourbone nach Holyrood zo¬ gen, und kehrte, ungeachtet der ewigen Zeiten, auf die er Frankreich in Trauer werfen wollte, wieder zuruͤck, weil es keine Kleinigkeit iſt, ſich ſelbſt zu ſchneiden, und dann nicht einmal von Andern verbunden zu werden. 63Chateaubriand. Nun, was iſt? Chateaubriand kokettirte ſo gut, wie Hr. von Holtei.

Beide kamen und gingen. Beide ſind nur fluͤchtige Gaͤſte, die wie der Vogel Alcyon ihr Neſt auf dem Meere haben. Beide machten ſich ungluͤcklich, und da Niemand darauf ſehen wollte, ſchrien ſie; beide ohne Plan, und doch immer getaͤuſcht; beiden macht die Ruhe Langeweile; beide ſchluͤrfen zitternd, aber mit Wolluſt den Becher, den ihnen das Leben mit herbem Weine fuͤllt. Beide werden ewig jung bleiben: Hr. von Chateaubriand wie ein Ritter des Mittelalters, wie ein Genoſſe des Artus, der den Graal geſehen hat; Hr. von Holtei wie Wilhelm Meiſter, etwas graͤmlich und fruͤhreif, beide ſo verſchieden, wie der Genius des Chriſtenthums und die Wiener in Berlin, und beide doch, wer ſie kennt, ſelbſt im Aeußern, ſo aͤhnlich.

Unternehmen wir es, einige Epochen in Chateau¬ briands Leben wieder aufzufriſchen.

Der edle Vicomte kam nach Paris, wie in der guten alten Zeit ein junger Mann nach Paris kam noch warm von dem muͤtterlichen Schooße, in dem er daheim geſeſſen, voll guter Lehren, hoffend, mit dem gereinigten Horaz und Ovid die Welt erobern zu koͤn¬ nen, das Ohr noch klingend von den Reden Boſſuets,64Chateaubriand. welche den Styl und die guten Sitten bildeten, mit etwas Mathematik, Luſtigkeit und der Ausſicht, in ſei¬ ner Lieutenantsſtelle bei der Garde vom Hofe bald entdeckt, hervorgezogen und geliebkoſet zu werden.

Noch hat Chateaubriand keine Idee. Er laͤuft durch die Straßen von Paris, ſchließt Freundſchaften, begleitet den Koͤnig auf die Jagd, wo er einſt ſo gluͤck¬ lich war, daß Ludwig XVI. einige Worte ſprach, ge¬ rade in der Richtung, als haͤtte er ſie ihm ſagen wollen.

Malesherbes war der Oheim des jungen Menſchen, der ihn zuweilen beſuchte, und in das Getriebe des Staates ſehen ließ, das ihm zu verſtehen ſehr ſchwer wurde. Eines Tages trat der gute alte Herr in ſeinem kaſtanienbraunen Rocke mit den großen Taſchenklappen und goldgeſponnenen Knoͤpfen, das Buſentuch mit Ta¬ back beſtreut, die Stutzperuͤcke ſchlecht gekaͤmmt und ſchief geſetzt, in die Wohnung des jungen Gardiſten au quatrième ein, ſprach von Staatsverhaͤltniſſen, Re¬ volution und boͤhmiſchen Doͤrfern, und gab dem Nef¬ fen, er war damals 25 Jahre, den Rath, den kochen¬ den Veſuv der Hauptſtadt zu verlaſſen, und ein Meſ¬ ſer zu vermeiden, welches fuͤr den alten Praͤſidenten und Roſenliebhaber ſchon geſchliffen war.

Chateaubriand erſchrak, und Malesherbes examinirte65Chateaubriand. den jungen Lieutenant, der eben Kapitain geworden war, in der Geographie, in den Elementen des Euklid, kurz ſie vereinigten ſich daruͤber, daß es gar kein Spaß waͤre, wenn Einer den Weg entdeckte, welcher vom arktiſchen Amerika aus nach Aſien fuͤhrte.

Chateaubriand, der eben in den Faubourg St. Ger¬ main wollte, um dem altfranzoͤſiſchen Blute ſeine Epau¬ letts zu zeigen, der geſtern noch Freude daran fand, ſeinen Pudel abzurichten, ſprang ploͤtzlich in eine neue Sphaͤre uͤber; er umarmte ſeinen alten Oheim, den er fuͤr die Guillotine zuruͤckließ, und Thraͤnen der Freude erſtickten den perpetuellen Ausruf: die nordweſtliche Durchfahrt! die nordweſtliche Durchfahrt!

Jetzt hatte Chateaubriand eine Idee, wenigſtens ei¬ nen Schatten davon; er verließ das knirſchende, mur¬ melnde, bleiche Frankreich, und ſchiffte ſich nach Amerika ein. Er wollte ganz allein, im Frack, in Nankinho¬ ſen, auf einem Spaziergange die nordweſtliche Durch¬ fahrt ſuchen, er uͤberlegt, er ſucht auf der Karte, er orientirt ſich; ſtoͤrt ihn nicht!

Chateaubriand iſt in Amerika, das ſich von ſeiner errungenen Unabhaͤngigkeit erholt, in Amerika, das ſich nach der Schlacht den Hals luͤftet, den Rock abwirft,Gutzkow's öffentl. Char. 566Chateaubriand. recht buͤrgerlich eine Pfeife anzuͤndet, und in Hemd¬ aͤrmeln den jungen Vicomte bei ſich voruͤberpilgern ſieht. Haltet ihn nicht auf; er ſucht mehr, als ihr; er ſucht die nordweſtliche Durchfahrt; er macht eine Nordpolex¬ pedition, ganz allein zu Fuß, auf eigne Koſten und auf eignen Ruhm. Fragt ihn nicht nach Frankreich; er weiß nichts von Frankreich; er weiß nur, was ihm ſein Oheim geſagt hat, daß es beſſer ſei, die nordweſtliche Durchfahrt zu ſuchen, als in Paris die Ereigniſſe ab¬ zuwarten.

Chateaubriand befaͤhrt den Hudſon, er ſieht den Niagara ſtuͤrzen. Fuͤrchtet nicht, daß ihn der Donner des Falles etwas vergeſſen machen wird; denn noch hat er nichts gelernt! Er beſucht die Indianer, ſie ſollen ihm Auskunft geben uͤber die nordweſtliche Durchfahrt. Die Indianer lieben ihn, ſie laſſen ihn die Pfeife der Freundſchaft rauchen, er trinkt ihren Meth und bewun¬ dert ihre Taͤnze. Chateaubriand fuͤhlt ſich heimiſch in dem Urwalde, er belauſcht das Krokodil das am Hud¬ ſon ſchlaͤft, er wiederholt die Jagden von Verſailles, ſchießt Haſen und Fuͤchſe, er vergißt die nordweſt¬ liche Durchfahrt, und ſiedelt ſich in den Schauern der erſten Schoͤpfung an.

67Chateaubriand.

Dies waͤhrte einige Zeit, bis ihm der Zufall eine zerriſſene engliſche Zeitung brachte. Er las hier von der Flucht nach Varennes, und leider brach das zerriſſene Stuͤck da ab, wo das Intereſſanteſte kommen ſollte. Die Neugier, vielleicht auch die Stimme der Ehre, trieben ihn an, das Vaterland wieder aufzuſuchen. Er ſagte den Urwaͤldern, den ſchlummernden Krokodilen, den Atalas und Chaktas, allen den gefuͤhlvollen, nach den Grundſaͤtzen der Frau v. Genlis erzogenen Indianern Lebewohl, und ſchiffte ſich in die Heimath ein.

Ach! er traf Paris in einer beklagenswerthen Ver¬ faſſung! Was gab es hier nicht Alles zu thun fuͤr ei¬ nen jungen Mann! Chateaubriand verſprach auch, Hand an's Werk zu legen, aber erſt mußte er ſich verheira¬ then. Er war aber gerade nur ſo lange ſicher in Pa¬ ris, als er brauchte, um den Schaͤfer zu ſpielen; dann floh er nach Bruͤſſel zu der confédération noble et irrésistible, die ſich ſelbſt den noch geſunden Theil der Nation in ihren Proklamationen nannte.

Chateaubriand aber war im Gegentheil fortwaͤhrend krank; er friſtete elend ein kaum mehr hoͤrbares Leben, ermannte ſich eine Zeit lang, ſchoß bei der Belagerung von Thionville einigemal ſeine Flinte ab, kochte vor¬5 *68Chateaubriand. treffliche Suppen fuͤr ſeine Kameraden, Suppen à la sauvage, Suppen à la Hudson, Suppen à l'Atala, ward geliebt und geherzt von ihnen, und zuletzt ver¬ wundet, von einem brennenden Balken, nicht von ei¬ nem Schuſſe.

Unter bemitleidenswerthen Umſtaͤnden kam Chateau¬ briand nach England, wo er den in Belgien ſchon ge¬ faßten Entſchluß zur Schriftſtellerei nothgedrungen in Ausfuͤhrung brachte. Er ſchrieb uͤber die Revolution freier, als man von einem Emigranten erwarten durfte, freier, als er ſpaͤter ſelbſt billigte. Sein Prinzip, das Chriſtenthum, ſtellte ſich immer mehr heraus. Er brachte den Genius deſſelben ſchon vollendet uͤber den Kanal, als er gegen Ende des Jahrhunderts, die goͤtt¬ liche Sendung Napoleons, wie er deſſen Konſulat be¬ nannte, benutzend, nach Frankreich zuruͤckkehrte.

Wenn Napoleon waͤhlen ſollte, ſo ſah er Chateau¬ briand noch lieber, als Frau von Staël. Dieſe neckte ihn mit den Erinnerungen der Revolution, der Ideologie und mit ihrem Witze; Chateaubriand war ebenſo un¬ verbeſſerlich, aber er nuͤtzte den Planen des Konſuls durch ſeinen religioͤſen Enthuſiasmus. Napoleon, der mit dem Papſte gewiß Wichtiges zu verhandeln hatte,69Chateaubriand. wollte die roͤmiſch-katholiſchen Goͤtter in Frankreich wieder einfuͤhren, er ſah es gern, daß ſich die Poeſie mit dem Beichtſtuhl vermaͤhlte. Chateaubriands Poeſie war auch ganz dazu gemacht, Napoleon zu ergreifen, er mußte in dem Vicomte einen chriſtlichen Talma, den Himmel ſelbſt im Kothurn wiederfinden. Er be¬ lohnte Chateaubriand fuͤr dieſen angenehmen Dienſt, und ſchickte ihn als Legationsſekretair zu ſeinem Oheim, dem Kardinal Feſch in Rom.

Chateaubriand nichts als ein Legationsſekretair! Be¬ auftragt, die Paͤſſe der Fremden zu viſiren, Depeſchen zu entwerfen und zu verſiegeln!

Chateaubriand wollte nur Rom ſehen; dann war er wieder in Paris. Er wurde Geſandter eines kleinen Kantons in der Schweiz. Welche Erniedrigung!

Aber er wollte die Schweiz ſehen, er ging, und kam in wenig Zeit wieder zuruͤck.

Da fiel Enghien in Vincennes; Chateaubriand entſetzte ſich, faßte einen Entſchluß, und pilgerte gleich¬ ſam mit Dornenſtab und Muſchelhut nach dem heili¬ gen Lande. Es war der vorletzte Kreuzzug um Got¬ teswillen; die Ehre des letzten ließ er ſelbſt im Jahre70Chateaubriand. 1823 dem Herzog von Angoulème, als er nach Spa¬ nien zog.

Man weiß, was Chateaubriand von Palaͤſtina mit¬ brachte, Kleinigkeiten, welche ſpaͤter in dem Wo¬ chenbette der Herzogin von Berry eine ſo große Rolle ſpielten, ſeine Maͤrtyrer, und eine Stelle im Inſtitut.

Die Maͤrtyrer ſind der Kulminationspunkt der Autorſchaft Chateaubriands. Hier kommen alle ſeine alten Phantaſien, die Traͤume aus der Wildniß, noch einmal wieder, und die Kirchen - und Ketzergeſchichte, die Erinnerungen des Alterthums nebſt den pittoresken Reſultaten ſeiner Reiſe haben ſich zu ihnen geſellt. Noch nie iſt zu einem erhabenen Zwecke eine ſolche Miſchung aller Geſchmacksarten und poetiſchen Intereſ¬ ſen vorgekommen. Die Mythologie aller Voͤlker, die alte Literatur, die Bibel, die Acta Sanktorum, Mil¬ ton, die Archaͤologie, die Wilden und das menſchliche Herz, Alles hat hier ſeinen Tribut zahlen muͤſſen. Es iſt die wunderlichſte Maskerade, die ſich in den Maͤr¬ tyrern Chateaubriands zuſammenfindet. Die Sprache iſt nicht berauſcht von Enthuſiasmus, ſondern von Ge¬ lehrſamkeit. Die Perioden ſind behangen mit griechi¬ ſchen Orakelbecken, heidniſchen Opfermeſſern, myſtiſchen71Chateaubriand. Kaͤfern des Mithrasdienſtes, mit Genealogie, Bibel¬ ſpruͤchen, Reliquien von Skeletten der Heiligen, mit Truͤmmern alter Architektur, mit maleriſchen Perſpek¬ tiven, pſychologiſchen Entdeckungen, kurz die Maͤrtyrer Chateaubriands, ſtatt in Himmelsglorien aufzuſteigen, winden ſich keuchend und uͤberladen an den Reiſerou¬ ten der Landkarte hin. Hier iſt alles zum uͤppigen Ausbruch gekommen, was an Chateaubriand fruͤher vom Enthuſiasmus gelobt, von der Nachſicht gebilligt und von der Wahrheit gefuͤrchtet war. In dieſen Maſ¬ ſen pompoͤſer und gelehrter Worte ſucht man mit Muͤhe den poetiſchen Funken, Alles iſt in Schwulſt und Wohlrednerei aufgegangen, und nichts uͤbrig geblieben, als der eigenthuͤmliche ſentimentale Schmelz, der jeder franzoͤſiſchen Phantaſie inwohnt, ein gewiſſer ſchmach¬ tender Parfuͤm, der die Weiber und die Franzoſen ſo entzuͤckt, und doch taͤglich große Verheerungen unter Frankreichs Talenten anrichtet.

Hier kann man auch fragen, was denn Chateau¬ briand ſelbſt von der religioͤſen Poeſie hielt? Das Chri¬ ſtenthum war ihm eine Reliquie, die er mehr mit philologiſcher als katholiſcher Andacht verehrte. Chate¬ aubriand ſtand nicht einmal auf der Stufe, wie der72Chateaubriand. mittelalterliche Enthuſiasmus in Deutſchland; er ſpricht nirgends vom langen Haar, von der ſchiefen Stellung des Halſes und dem waͤſſerigen Etwas in dem Auge; er iſt ein Narr mit Grazie, umgaͤnglich und ohne Fa¬ natismus. Sein Chriſtenthum iſt mild, ohne Schre¬ cken; er predigt es ohne Feuer und Schwert; es iſt ein Anflug, der nur ihm geworden ſein ſoll und den ein Jeder haben kann, wenn er die Meſſe oder das de profundis hoͤrt.

Chateaubriand kennt nur die Vergangenheit des Chriſtenthums; er philoſophirt nicht uͤber die Zukunft dieſes Glaubens. Indem er uns auf die Leiden der Kirche hinweiſt, gewinnt er unſere Theilnahme fuͤr die Dulderin; er beſchwoͤrt uns bei den ungeheuern Blut¬ ſtroͤmen, welche fuͤr das Leben Jeſu und die Apoſtel¬ geſchichte gefloſſen ſind, wenigſtens um die Kirche zu weinen, und nicht leichtſinnig wegzuwerfen, was die Ahnen ſo theuer erkauften. Das iſt die ſchoͤne Seite, waͤhrend er ſonſt immer nur ſchildernd, intereſſirt ſpricht, niemals auffordernd. Chateaubriand wollte kein Apoſtel ſein oder eine Schule ſtiften, ſondern das Chri¬ ſtenthum ſollte eine Merkwuͤrdigkeit bleiben, welche un¬ ter Hunderten zufaͤllig ihn kenntlich machte. Man73Chateaubriand. ſieht, wie ineinanderlaufend und ungezogen hier die Graͤnzen ſind von Liebenswuͤrdigkeit, Ruͤhrung, Thor¬ heit und Koketterie.

Als Napoleons Gluͤck, wie das des Polykrates, fuͤr einen Menſchen daͤmoniſch lange zu dauern ſchien, und alle Welt auf Rechnung von Ereigniſſen, die man noch nicht kannte, zu konſpiriren anfing, ſchluͤpfte auch Chateaubriand unter die große ganz Europa deckende Nebelkappe der Verſchwoͤrung. Indem er ſich aͤußer¬ lich das Anſehen gab, als beſchaͤftige er ſich einzig damit, die Fruͤchte ſeines Ruhms fuͤr den Winter und die Zukunft einzumachen, zog ihn ſein Inſtinkt, der immer mit der Unterdruͤckung ſympathiſirte, in die Intereſſen der Bourbone hinein.

Als Napoleon zum Erſtenmale ſo ſtrauchelte, daß er erſt in Elba wieder aufſtand, zeichnete ihn und ſein Syſtem, und die Tugenden der Bourbons Chateau¬ briand in einer Schrift, welche Louis XVIII. ſtatt einer Armee konnte ſpielen laſſen. Louis ſagte dis ſelbſt und machte den prophetiſchen Vicomte, den Pro¬ pheten nach ruͤckwaͤrts, zu ſeinem Miniſter der aus¬ waͤrtigen Angelegenheiten.

Er war damals ſchon wieder in Gent, Louis5**74Chateaubriand. XVIII., und das Terrain war groß, welches der Dich¬ ter zu beſorgen hatte. Nein, wir wollen nicht ſpotten, es ging nicht weiter, als eine Meile im Umkreis von Gent.

Chateaubriand ſchrieb zwar eine vortreffliche Note an Europa, aber er war eine Figur von Pappe, die nur ſo hingeſtellt war, er war die Improviſation eines Miniſters, ein Miniſter mit einem Portefeuille, das man in die Bruſttaſche ſtecken konnte. Das gerade aber war die Thorheit der zweiten Reſtauration, daß ſie aus dem Schattenſpiele von Gent in Paris eine Wahrheit machte.

Chateaubriand gab zwar ſein Duodezportefeuille ab, behielt aber den Titel als Staatsminiſter, und trat unter die Pairs und die erſten Raͤthe des Koͤnigs.

Von jetzt an wollte ſich der edle Vicomte raͤchen fuͤr den brennenden Balken, der ihn bei Thionville verwundete; er, der nur das Ritterthum und die Ma¬ ria des Mittelalters bisher verkuͤndet hatte, ſprach jetzt auch von den Privilegien deſſelben. Er trat in die Partei der Rache und des Unverſtandes, und ſtimmte wie Labourdonnaye. Er uͤbertrug die Vergangenheit auf die Gegenwart, und traͤumte ſich in einem wirkli¬75Chateaubriand. chen Kreuzzuge gegen die muſelmaͤnniſche und jakobini¬ ſche Partei ſeines Vaterlandes.

Schon damals ging er weiter, als Louis XVIII. verantworten konnte. Seine Vorſchlaͤge waren ſo un¬ praktiſch, ſeine Erlaͤuterungen der Charte ſo unzwei¬ deutig, ſein Zweifel an der Charte ſogar ſo imperti¬ nent, daß ihn Louis aus den Pairs ſtrich, und fuͤrch¬ terlich beungnadigte, Louis XVIII., der die Charte ſelbſt verfaßt hatte, und darauf eitel war, wie ein jun¬ ger Menſch auf ſein erſtes Gedicht, Louis XVIII., der mit Maͤnnern von Geiſt und Celebritaͤt wetteiferte, und niemals gegen Chateaubriand eine Art Neid un¬ terdruͤcken konnte.

Der Pavillon Marſan griff den fallenden auf. Chateaubriand theilte die Fortſchritte dieſer ultraroya¬ liſtiſchen Camarilla, kaͤmpfte zu ihren Gunſten gegen Decazes und brachte es zuletzt, beſonders ſeitdem er an die Wiege des Kindes von Frankreich mit ſeinem wun¬ derthaͤtigen Waſſer herangetreten war, und uͤber den Herzog von Berry eine Biographie wie uͤber den hei¬ ligen Georg geſchrieben hatte, wieder ſo weit, daß man ihm den Berliner Geſandſchaftspoſten anvertraute.

Haͤtte ich damals von Frankreich ſchon mehr ge¬76Chateaubriand. wußt, als être und avoir, ſo wuͤrde ich mich um den frommen Geſandten bekuͤmmert haben; ſo aber zog mich damals der Halbmond, der unter den Linden in der Sonne wohnte, der tuͤrkiſche Geſandte, mehr an.

Chateaubriand ging auch bald nach Verona, wo er ſo beredt gegen die Revolution ſprach, daß er ſelbſt ei¬ nen Montmorency, einen Namen, der das ganze Mit¬ telalter zu umfaſſen ſcheint, verdraͤngte.

Chateaubriand kam nach Paris, und uͤbernahm das auswaͤrtige Miniſterium, das jetzt fuͤr ihn eine Wahr¬ heit war. Man weiß, was im Jahr 1823 geſchah, in jener Periode, wo faſt gleichzeitig drei Dichter die auswaͤrtigen Angelegenheiten Spaniens, Frankreichs und Englands lenkten, Martinez de la Roſa, Chateaubri¬ and und Canning; denn auch Canning hatte in eine etwas ſtumpfe Leyer gegriffen, und Griechenlieder ge¬ ſungen, wie Wilhelm Muͤller.

Chateaubriand aber hatte von allen Dreien den meiſten Ruhm zu verlieren, und er warf die europaͤi¬ ſche Achtung in ganzen Maſſen von ſich. Er ſprach fuͤr Ferdinand wie fuͤr einen Gottfried von Bouillon, der in die Haͤnde der Sarazenen gefallen ſei; er hoffte Angoulème werde ein zweiter Napoleon werden, und77Chateaubriand. das parteiiſche Frankreich ſich in ruhmbewachten Feld¬ lagern auf bruͤderliches, gemeinſchaftliches, verſoͤhnendes Stroh legen. Manuel, der widerſprechen wollte, wurde mit Bajonnetten aus der Kammer getrieben; das Al¬ les geſchah unter Chateaubriand, der ſich ſo wenig be¬ herrſchen konnte, daß ſelbſt Villèle ihn desavouirte, und der Vicomte zum Zweitenmale fiel.

Dismal war ſogar die Camarilla mit ſeinem Sturze einverſtanden.

Daß Chateaubriand kein Heiliger war, ſieht man daraus, daß er den ganz gewoͤhnlichen Weg fallender Staatsmaͤnner einſchlug, naͤmlich aus dem alten Mi¬ niſterium in die Oppoſition des neuen uͤberzugehen. Er bekaͤmpfte als Pair die Villèle'ſche Cenſur, das Wahlgeſetz, die Rentenreduktion, was man wollte, wie jeder Andre auch, bis ihn das oͤffentliche Leben zuletzt ſo aufrieb, daß er den politiſchen Schauplatz faſt gaͤnz¬ lich verließ, und ſich zur Erholung mit ſeinen alten poetiſchen und hiſtoriſchen Studien beſchaͤftigte.

Aber es war Chateaubriands Ungluͤck, daß man ihn trotz der Ungnade doch nicht ganz vergeſſen wollte: Talleyrand hatte das Unvermeidliche, daß er wie ein Daͤmon uͤberall ſpukte, Herr von Blacas, vorzugsweiſe78Chateaubriand. l'inévitable genannt, das Unvermeidliche des Kammer¬ dieners, der uns auf allen Korridoren des Hofes ent¬ gegen tritt und beſtochen ſein will, Chateaubriand das Unvermeidliche, daß er bei Allem zugegen ſein mußte, wo man ihn auch nicht brauchte. Er wurde wieder hervorgezogen und nach Rom geſandt, um vor dem neuen Papſte eine glaͤnzende Rede zu halten, eine gaͤnzlich unkatholiſche Rede, eine Chrie des konſtitutio¬ nellen Katholizismus. Die Kardinaͤle entſetzten ſich, und Chateaubriand kehrte nach Paris zuruͤck, durch die¬ ſen Freundſchaftsbeweis ſo an die Bourbone gekettet, daß er ſich in den Ereigniſſen des Julius mit ihnen begrub, obſchon ſie nie etwas von ihm wiſſen wollten.

Die Rolle, welche Chateaubriand 1830 ſpielte, lebt bizarr genug in unſerm Gedaͤchtniß und auf der Trommel unſres Zwerchfells. Ja es ſcheint, der edle Vicomte hatte ſich damals in die Vogelperſpektive ſei¬ nes Lebens aufgeſchwungen, er ſtellte eine Berechnung ſeiner Schickſale an, und zog daraus jene Schlußfolge, deren Konſequenz Europa ſo viel Unterhaltung ver¬ ſchafft hat.

Chateaubriand ſah ein, was ihm, dem Dichter, dem Manne der Geſchichte, dem Kuͤſter bei der Taufe79Chateaubriand. des Mirakelkindes geziemte. Aber er begnuͤgte ſich nicht mit dem ſchmachtenden Air des Ungluͤcks, mit der noblen Phyſiognomie der Zuruͤckſetzung, er legte ſich nicht jenes hiſtoriſche Stillſchweigen auf, welches fuͤr fallende Charaktere ſo theilnehmen macht; ſondern er¬ oͤffnete auf eigene Verantwortlichkeit einen Guerillakrieg mit dem 7. Auguſt. Seine Waffen waren glaͤnzende Phraſen, der Himmel, deſſen Zeichen er deutete, das Mitleid, welches er fuͤr das geſunkene Koͤnigshaus be¬ ſchwor. Er wußte ſelbſt, wie ſchwach dieſe Munition fuͤr ſeinen Krieg war: aber er reſignirte ſchon beim er¬ ſten Schlage auf den Sieg, er wollte nichts, als eine Rolle mit Ehren ausſpielen, und ſah ſich nicht einmal nach Bundesgenoſſen um. Es war eine Komoͤdie, von der man nur ſagen kann, daß ſie Chateaubriand mit zu vielem Nachdruck in die Scene ſetzte. Chateaubri¬ and verließ den Boden der Dichtung, dem ſeine Bro¬ chuͤren, und Proteſtationen noch angehoͤrten, er konſpi¬ rirte und mußte ins Gefaͤngniß.

Das Gefaͤngniß ſetzte dem Martyrium die Dor¬ nenkrone auf; hier haͤtte Chateaubriand ſtehen bleiben ſollen, er hatte nun Alles, was er zur Rechtfertigung ſeines Lebens bedurfte. Allein, kaum in Freiheit ge¬80Chateaubriand. ſetzt, beginnt er aufs Neue ſeine ſchriftſtelleriſche Choua¬ nerie, er heftet ſeinen Ruf an den Unterrock einer Frau, er kuͤßt die Fußſtapfen der Herzogin von Berry, und wird der geheimnißvolle Telegraph ihrer abenteuer¬ lichen Reiſen.

Wir wiſſen, wie ſich Alles in Skandal aufloͤſte. Die himmliſche Glorie zertheilte ſich, und mit gemei¬ nem Laͤcheln trat aus ihr die Hebamme hervor.

O das moderne Schickſal iſt ein grauſamer Hu¬ maniſt! Keine poetiſche Staffage mehr, der man trauen duͤrfte: das Erhabene zeigt ploͤtzlich einen Zopf, wie das Heidelberger Faß einen Fuchsſchwanz; das Mittel¬ alter erhaͤlt Hofrathspatente. Kein Koſtuͤme iſt regel¬ recht; die Schneider dieſer Welt erlauben ſich immer etwas Laͤcherliches, und ich zweifle, ob uns je das Schickſal einen Grafen Bruͤhl unſrer hiſtoriſcher Ein¬ kleidung ſchicken wird.

Chateaubriand war zerknirrſcht. Seinem Pilgrims¬ kleide entfiel ein Saugbeutel; auf dem goldnen Schilde des letzten Kreuzfahrers war ein Gevatterbrief zu leſen: er kam gerade zur rechten Zeit.

Doch was wollt Ihr? Chateaubriands Treue ging81Chateaubriand. uͤber Alles. Er warf den Ritter von ſich, und wollte nur theilnehmender Menſchenfreund ſein. Er machte ſich anheiſchig, nach Blaye zu kommen, und ſelber die Wiege zu treten. Die Dinge waren ſo zu ſagen auf den Punkt gekommen, daß Koͤlniſches Waſſer mehr nuͤtzte als der Koͤlner Dom; das ſah Chateaubriand ein, und wurde von nun an der Commis Voyageur der Graͤfin Luccheſi Palli, der auf ihre Rechnung reiſte. Er war bald hier, bald dort: er betrieb die Ausſoͤhnung der ungluͤcklichen Gefallenen mit ihrer Fa¬ milie. Er kam nach Prag, wo ihn Niemand mochte. Er flehte, er betheuerte, er ſchwur: es half Alles nichts: auf dem Hradſchin wohnte nur die Tugend: Chateau¬ briand ſank immer tiefer: er wurde von der Ungnade beungnadigt.

Jetzt war das Stuͤck aus, der Vorhang fiel und Chateaubriand legte ſich ſelbſt ein ruͤhrendes Schweigen auf. Er ſchreibt in dieſem Augenblicke ſeine Memoi¬ ren, und laͤßt in dem oͤden Theater von Verſailles, vor einem Publikum, das aus Paris auf zwei Zeiſel¬ wagen ankam, ſeine Tragoͤdien auffuͤhren. Moͤchten ihm ſeine Freunde dis Wagniß abrathen! Er verdient es wahrlich nicht, daß man zuletzt bei ſeinem Namen wohl noch gaͤhnt!

Gutzkow's öffentl. Char. 682Chateaubriand.

Chateaubriand kann nie wieder in die Ereigniſſe verflochten werden. Denn wenn man ſeine politiſche Thaͤtigkeit in dem Ausdruck zuſammenfaſſen kann, daß er fuͤr das Koͤnigthum und die Legitimitaͤt geſtritten hat, ſo fehlen in Frankreich fuͤr dieſelbe jetzt alle Vor¬ ausſetzungen.

Selbſt wenn ſich Chateaubriand, dem man von Seiten des Gemuͤths jede Schwaͤche zutrauen kann, dem Juliusthron befreundete, was z. B. nach einem Sterbefalle des jungen Bordeaux ſich ereignen moͤchte, ſo waͤre doch dem Koͤnigthum mit einem Streiter die¬ ſer Art wenig gedient.

Chateaubriand war vielleicht der uneigennuͤtzigſte Anwald der Bourbone; und doch hat er ihnen am we¬ nigſten genuͤtzt. Die wahren Freunde des Koͤnigthums haben mit den Koͤnigen eine geiſtige Verwandtſchaft, einen gleichen Trieb der Superioritaͤt, der angeboren ſein muß. Davon hatte Chateaubriand nichts.

Er war von Natur untergeordnet; er wollte her¬ vorgezogen ſein; den royaliſtiſchen Furor, das Marmor¬ herz eines Crillon oder Bayard hatte er nicht. Cha¬ teaubriand war nur der Schauſpieler des Koͤnigthums,83Chateaubriand. von dem man ſagen kann, daß er trotz ſeines Ungluͤcks doch nicht Aufopferung genug fuͤr ſeine Meinung be¬ ſaß. Was er fuͤr das Koͤnigthum litt, war in der That etwas, was er bei ſeinem Unverſtande, ſeiner unpraktiſchen Haltung und dem Inſtinkt Fehler zu machen, auch ſonſt haͤtte leiden muͤſſen. Chateaubriand vertheidigte das Koͤnigthum nicht mit der Schroffheit eines unumſchraͤnkten Befehlshabers; er war durch ſeine Schickſale unter die Partei getreten, welche gewohnt iſt, Alles mit kalter Ruhe zu pruͤfen, die oͤffentliche Mei¬ nung zu ſondiren, und Jedes von der Theilnahme zu erwarten, unter die Autoren; ſo kam es, daß er mit den Gegnern des Koͤnigthums zu viel unterhandelte.

Solche Maͤnner, welche die Alternative fuͤrchten, koͤnnen auf einen Augenblick das Koͤnigthum retten, wo es in Gefahr iſt; aber auf laͤngere Zeit untergra¬ ben ſie es, und machen aus einer Thatſache der Au¬ toritaͤt ein Zugeſtaͤndniß der Uebereinkunft. Dieſe Maͤn¬ ner werden in gefahrvollen Momenten, wo die Taͤu¬ ſchungen ſchwinden, auch immer erdruͤckt werden.

Ihr wollt dieſe Unterhaͤndler in Schutz nehmen? Ihr ſehet in ihnen Maͤnner des Friedens? Nein, ſie ſind die gefaͤhrlichſten Feinde fuͤr das unbeſchraͤnkte Koͤ¬6 *84Chateaubriand. nigthum, wie fuͤr die Freiheit. Wer nicht fuͤr die Par¬ tei iſt, iſt wider ſie. Gehe zu uns uͤber, wer will! Fehlen Euch Kugeln: wir geben ſie! Aber Parlamen¬ taire, welche ihre weiße Binde ſo tragen, wie Chateau¬ briand, ſchickt zuruͤck.

Mehemed Ali von Aegypten.

Wer verließe nicht gern einmal Europa, dieſen Welt¬ theil mit gefurchter Stirn, Europa, den verſchmachten¬ den, leberloſen Prometheus, der, angeſchmiedet an die Guͤrtel der Welt, in ſeinem Haupte die Wiſſenſchaft aller Jahrhunderte traͤgt, zum Spotte ſeiner Feſſeln, Europa, dieſe ſchon veraltete Offenbarung des Weltgei¬ ſtes, jung nur noch in ſchwermuͤthigen Liedern, Men¬ ſchen erzeugend, welche ſtatt das Leben zu genießen, ſchon in der Wiege daraus ein Kunſtwerk machen muͤſſen!

Allerdings hat in Europa, wo Alles verarbeitet wird, Alles den Stempel einer Fabrik traͤgt, wo Reli¬ gion, Wiſſenſchaft, Kunſt in tauſend Benennungen und Vorwegnahmen des natuͤrlichen Triebes verſteinert ſind, die Bildung der Charaktere ihre Schule aufgeſchlagen; aber welche Menſchen entlaͤßt ſie? Das Genie mit88Mehemed Ali von Aegypten. Verkuͤrzungen, das Talent als Roturier, die Tugend ohne Stolz, das Laſter in einem fremden Kleide.

O wir tragen alle unſre Phyſiognomien: wir lie¬ ben, aber ohne Entzuͤcken: wir haſſen, aber unter der Aſche; wir geizen nach Ehre, aber unter demuͤthigen Augenwimpern; wir ſind ſo gerecht wie Ariſtides, ſo ſchlecht wie der Verraͤther der Thermopylen; aber wir ſind es unter der Maske; wir ſcheinen nicht das, was wir ſind.

Fein, nuͤanzirt, kuͤnſtleriſch ſind die Charaktere Eu¬ ropa's, ſie ſind Alles, nur nicht erhaben. Es fehlt an Raum fuͤr die Erhabenheit, da nicht Jeder, wie Na¬ poleon, ſich ſeine eigne Welt ſchafft; unſer Horizont iſt eng, die Atmoſphaͤre der That ſo zuwider, daß man ſie gleichſam umgehen muß, um zu athmen. Wir ſind große Staatsmaͤnner, wenn wir die Stellen ausfuͤllen, welche man uns anweiſt; wir ſind Helden nach den Ordonnanzen aus dem Hauptquartier; wir ſind Maͤn¬ ner des Volks, aber mit kleinen Triumphzuͤgen, ſo weit als wir von unſerm Heerde nach der Baſtille brauchen; hier iſt nichts erhaben.

Geht uͤber den Ozean! Werdet geboren, wie das Lama, das Hausthier des Indianers, ſein Junges