VJlen dingen wirdt die Welt artlich vergli - chen / bißweiln einem prato florido, oder gruͤnen vnnd luſtigen Wiſen / dann wie in derſelben ſich zu Sommerszeit allerhand ſchoͤne vñ wolriechende Blumen vnd Kraͤuter ſehen laſſen / vnd die Augen der Men - ſchen erluſtigẽ / alſo wañ der Schnit - ter kombt / vnd mit ſeiner Sichel al -): (2lesVorꝛede.les abmehet / alsdann fallen vnd li - gen alle vnd jede ſchoͤne vnd heßliche / gute vnd boͤſe Blumen vnd Kraͤuter durch einander / verwelcken vnd ver - dorꝛen. Alſo vnd ebner geſtallt ſeind die Menſchen in diſer Welt je nicht anders / als vnderſchidliche Blu - men / die einander in der groͤſſe / in der ſchoͤnheit / in der guͤte / vnd in der ehr vnd hochheit ſehr vngleich ſeind aber wann der grauſamb Todt ſein Sichel anſetzet / alsdann machet er alles gleich: omnia mors æquat Dann wo ſeind anjetzo die Scepter der Koͤnige / die Huͤt der Cardinaͤln / die dryfache Jnfeln der Baͤpſte / die Kronen der Kaiſern / wo ſeind anjetzo die Samſones, Gedeones, Hercu - les vnd Achilles: Wo ſeind die rei -cheVorꝛede.che Craſſi, Midæ, Cræſi vnd weiſe vnd geſcheide Salomones.
Bißweiln wirdt die Welt einem dicken Waldt verglichen / dann in demſelben ſehen wir vnderſchidliche art der Baͤum / dern etliche wachſen in alle hoͤhe / vnd verbergen jre Haͤu - pter vnd Haar biß in die Wolcken / etliche ſeind ſehꝛ nutzlich vnd frucht - bar / aber benebens heßlich / etliche ſeind vnnutzlich vnnd vnfruchtbar / vnd doch darneben ſchoͤn / gruͤn / lu - ſtig vnd lieblich anzuſehen / etliche a - ber ſeind dermaſſen klein vnd kurtz / daß ſie jhre Zweig biß auff die Erden hangen laſſen / Alsbald aber die Art an ſie geſchlagen wirdt / vnnd ſie ins Fewr geworffen vnd zu Aſchen ver - brennt worden / alsdann keñet man): (3dieVorꝛede.die hohe vnd nidrige Baͤum nit von einander. Die Welt iſt der Waldt / die Menſchen ſeind die Baͤum / vnd wie der Waldt / alslang er gruͤnet / mit vnderſchidlichen farben geziert iſt / alſo ſeind etliche Menſchen pur lautere ignoranten, ſtam̃ler vñ vn - beredt / andere ſeind geſchwetzig vnd wolredent: Etliche ſeind Sophiſten vñ Philoſophi, andere ſchoͤn / ande - re heßlich / etliche werden erkent auß jren heroiſchen Fruͤchten vñ dapfern thaten / andere aber ſeind forchtſam̃ vnd doͤrffen ſich nichts vnderfahen / aber alsbaldt der Todt ſein Sichel anſchlaͤgt / alsdann redigiret vnd verkehꝛet er alles in Aſchen.
Ferner wirdt die Welt dem Hauſe eines Hafners verglichen / Dañ wieinVorꝛede.in deſſelbẽ Hauſe allerhand geſchirꝛ / groſſe vnd kleine / ſchoͤne vnd heßliche verhanden / dern etliche zu ehren ge - braucht vnd auf den Tiſch geſetzt / an - dere aber zu vnehꝛen vnd nur in die Winckel geſetzt werden / aber doch al - leſambt vnuerſehens oder langſamb zerbrochen vnd zu lauter Scherben gemacht werden / alſo findt man in der Welt Magnates, Fuͤrſten / Koͤ - nige / Monarchen / Edelleut / Bur - ger / Bawren vnd Armen / wie aber die vaſa alia in honorem, alia in contum eliam: vos nobiles, nos autem ignobiles; alſo ſeind wir al - leſampt dem fall vnderwoꝛffen / vnd von Natur ſehr ſchwach vnd baw - fellig / deſcende ergo, ô homo, in domum figuli. Ierem. 18.
): (4DerVorꝛede.Der jenig aber triffts meines er - achtens / am beſten / welcher die Welt einem Laborint oder Jrꝛgarten ver - glichen / dann was ſeind die Men - ſchen in diſer armſeligen Welt an - derſt / als die hin vnd wider / auff vnd nider wanderen / lauffen / ſuchen / dichten / trachten / ſich bemuͤhen / jm - merdar vnnd vil jrꝛen / aber wenig finden noch treffen? Dann zum tref - fen iſt nur ein einiger weg verhan - den / aber zum faͤhlen vnd jrꝛen ſeind vnendtlich vil verhanden. Das ha - ben nun die jenigen mit jhrem ſcha - den wol erfahren / welche in der ewi - gen qual ſich jhꝛes auff Erden voll - brachten boͤſen Lebens halben be - klagten vnd ſagten: ambulauimus vias difficiles.
DiſesVorꝛede.Diſes haben etliche gelehrte be - tracht vnnd geſagt / daß deß Men - ſchen Leben nur ein inconſtantiæ i - mago, ein ebenbild der vnbeſtaͤndig - keit ſeye / vermuͤg der Wort: in ima - gine pertranſit omnis homo. Pſ. 38. Andere habẽs dem vnbeſtaͤn - digen vngeſtuͤmmen Meer vergli - chen / welches ſtuͤndtlich newe Wel - len / Vngewitter vnnd Schiffbruͤch verurſachet: Dañ hominum vita imitatur mare veſaniens, quoti - die parens naufragia. Andere ſa - gen / daß deß Menſchen Leben ein ver - gehender Windt: vermuͤg der Wort Nazianzeni, eſt homo turbo re - ferens puluerem omnibus infi - dum, & incertũ hucatq; illuca - gitãs Iob 37. Aber noch beſſer ſagt): (5derVorꝛede.der weiſe Mann / Vniuerſa vanitas omnis homo viuens, als wolte er ſagen: alle vnd jede eytelkeiten / vnbe - ſtaͤndigkeiten / thorheiten / arm: vnd vngluͤckſeligkeiten befinden ſich in dem Menſchen.
Daß nun ſolches alles alſo war zu ſein erſcheine / hab ich allen vnnd jeden Standts Perſonen zur nach - richtung vnd gutem / die Hiſtori vom Leben Johan Guſmans in Truck verfertigt / vnd E. Gn. zu einen Pa - tron deſſelben erwoͤhlen / vnnd bey - nebens derſelben zu jhrer erlangten Pręlatur von Gott dem Allmaͤchti - gen vil gluͤck vnd heyl wuͤnſchenwoͤl - len / damit alſo E. Gn. derſelben vil Jarlang gluͤcklich vnnd wol vorſte - hen / vnd jedermennigklichs zu der -ſelbenVorꝛede.ſelben geſetzter guten hoffnung / ein gnuͤgen thun moͤgen / Daran dann deſtoweniger zu zweiflen / allweil E. Gn. nunmehr vil Jahrlang der Probſtey Gloͤcknitz in Oeſterꝛeich loͤblich vnd wol gehauſt vnd vorge - ſtanden / vnd dardurch allbereit ei - nen guten Namen præparirt vnd erlangt haben. Datum Muͤnchen den 1. Ianuarij 1615.
E. Gn. dienſtwilliger Ægidius Albertinus den Fuͤrſtl: Durchlein Bayꝛn Secretarius.
Guſman erzehlt / wer ſein Herꝛ Vatter geweſt / nemblich ein ſeltza - mer Geſell vnd ſehr erbarer Mann.
OHne zweiffel wirdt man mirs fuͤr vbel haben / daß ich wider das vierdte Gebott GOTtes handle / vnnd in Beſchreibung meiner ſchaͤndtlichen Geburt / die Laſter vnd Schand meiner Eltern entde - cke / dann jederzeit ſeindt die calumnianten vnnd Ehrenſchaͤnder veracht vnnd verhaßt worden / zumaln die jenigen / welche jhrer eyg - nen Eltern nicht verſchonen: Aber doch troͤſte ich mich mit deme / daß man von mir ſagen wirdt: O / wie gleich iſt Guſman ſeinen El - tern: Zu dem iſt jhr Leben allermennigklichen dermaſſen bekannt / daß es ein Thorheit were / wann ichs laugnen wolte / derwegẽ halte ichs vilmehꝛ fuͤr ein pur lautere hoͤflichkeit / daß ichAden2Der Landtſtoͤrtzer.den wahren vnd klaren Text ableſe / vnd etli - cher Leuth daruͤber gemachte falſche gloſſas ablaine: Dann man findt Leuth / welche / zu erzeigung jhꝛer Kunſt vnd Wolredenheit / auß einem Zwergl einen Riſen / vnd auß der præ - ſumption oder veꝛmutung ein euidentiam vñ warheit machen / Jnmaſſen einem fremb - den Edelman zu Madril widerfahren / wel - cher einen ſo groſſen Luſt vnnd wolgefallen an Spaniſchen Pferden hatte / daß er ſich ent - ſchloſſen / eins abmahlen zulaſſen / vñ es ſeinen Freunden heimbzubringen vnd zu zeigen: Zu ſolchem end verfuͤgte er ſich zu zween beruͤm̃ - ten vnd Kunſtreichen Mahlern / vnd verhieß dem jenigen einen beſtimbten Lohn / der das Pferdt am aller zierlichſten vnd natuͤꝛlichſten mahlen vnnd treffen wuͤrde: Der ein Mah - ler mahlte es dermaſſen vollkom̃lich / daß jhm nichts mehr abging / als nur die Seel: Son - ſten vnnd nichts anders mahlte er auff das Tuch: Der ander Mahler mahlte gleichfals ein Pferd / aber bey weitẽ nit ſo ſchoͤn vnd vol - kom̃lich / wie der erſt / ſondern darneben mahl - te er einen ſehr ſchoͤnen Sattel / deßgleichenſchoͤne3Der Landtſtoͤrtzer.ſchoͤne Baͤum / alte Gebaͤw / zerfallene Maw - ren vnd dergleichen / luſtige Felder / Wieſen / Blumen vnnd Kraͤuter. Als der Edelman diſe Gemaͤhld ſahe / verliebte er ſich alsbaldt ins erſte / vnnd ſchenckte dem Mahler einen koͤſtlichen guldinen Ring / ſampt ſeinem ver - dienten Lohn: Diſe deß Edelmanns groſſe Freygeblichkeit verurſachte / daß der ander Mahler fuͤr ſein Gemaͤhld einẽ vberſchweng - lichen werth forderte. Deſſen verwunderte ſich der Edelman vnnd gab jhm zuuerſtehen / daß ſein Arbeit der andern bey weitem nicht gleichte. Der Mahler replicirte vnd bekente / daß das Pferdt gleich wol nit ſo gar ſchoͤn vñ wol getroffen / aber daß jhm die vbrige darne - ben gemachte Zierlichkeiten vil Muͤh vnnd Arbeit gekoſt hatten: Aber der Edelmann antwoꝛtet / daß er dergleichen gemahlte Landt - ſchafften / Gebaͤw / Baͤum / Felder / Bluwen vnd Kraͤuter nicht begert / ſonder nur zu ſchoͤ - nen Pferden groſſen luſt gehabt / vnd mit ſich heim̃ zu fuͤhren begert habe / derwegen (ſprach er zu jhm) ſo bezahle ich dir nur das Pferdt / das vbrige Gemaͤhld aber behalte du ſelbſt. A 2Auff4Der Landtſtoͤrtzer.Auff eben diſen Schlag findt man Leuth / welche / wann man von jhnen begert / daß ſie vns die ſubſtantz vnd warheit deſſen / was ſie gehoͤrt oder geſehen / erzehlen ſollen / es jres ge - fallens / vnd jhren paſſionen nach / exagge - riren, coloriren, vermehren / ferben / anſtrei - chen / verbluͤmlen oder vernichten / auß einem Bachanten einen Comitẽ Palatinũ oder Pfaltzgrauen / auß einem Narꝛen einen Wei - ſen / auß einem heßlichen einen ſchoͤnen / vnnd auß einer verzagten Lettfeigen einen dapffern Held machen: Nit mahlen ſie nur das Pferd / ſonder cõmentiren, dichten vnd ſetzen darzu was jhnen wolgefallt. Eben diſes begegnete auch meinem lieben Vatter / dann / ſo vil die warheit belangt / ſagt man nunmehr nit / was der handel an jhm ſelbſt iſt / ſonder auß drey machet man dreyzehen / vnnd auß dreyzehen dreyhundert: Ein jeder vnderſtehet ſich etwas hinzu zuſetzen: Vnnd auß demſelben Zuſatz wirdt letztlichen ein groſſer hauffen / welcher doch keinen grundt noch Bodem hat. Dem ſey aber wie jhm woͤlle / ſo kan ich mich doch meines Vatters nit verlaugnen: Hat er vbelgehand -5Der Landtſtoͤrtzer.gehandlet / ſo wirdt er ſeinen Lohn darumb em - pfahen: Ein jeglicher kehre fuͤr ſeiner eygnen Haußthuͤr / ſo wirdt er villeicht befinden / daß ſeine Eltern eben ſo wenig kein nutz vnd vne - del geweſt ſeyen / als die meinigen. Mancher ſtoltzieret vnd pranget mit ſeinem Adelichen Geſchlecht / vralten Stammen vnd herkom - men / wann mans aber eygentlich beym Liecht beſchawt / ſo befindt ſich daß ſein Anherꝛ et - wan ein Jud oder ein Pfannenflicker / oder ein Schalcksnarꝛ / oder wann es vil iſt / ein ſchreiber oder wucheriſcher Kaufman geweſt.
Was aber meinen lieben Vatter belangt / iſt er vnd ſeine Blutsfreunde Mohꝛen geweſt: als ſie gen Genua kamen / wurden ſie fuͤr pa - tritios oder Edelleut angenom̃en vnd gehal - ten / dañ ſie hatten vil Gelts / vñ handleten mit dem Wechßl / derwegen ward er von etlichen mißguͤnſtigen verfolgt / vñ ein Wucherer ge - ſcholten / aber er hatte ein ſo gute natur / dz ers nicht andete / ſonder diſſimulierte vnnd ſich ſtellete / als hette ers nit gehoͤꝛt. Gleichwol wil ich jne nit loben / vil weniger wil ichs beſtreitẽ vnd ſagen / daß es zugelaſſen ſeye / Gelt vmbA 3Gelt6Der Landtſtoͤrtzer.Gelt oder auff Pfandt / auff ein beſtimte zeit / bey verluſt deß Pfands / woferꝛn es nit zu rech - ter zeit geloͤſt wird / außzuleyhen: Noch vil we - niger wil ich die vſuras palliatas gutheiſſen / noch auch die jenigen verthaͤdigen / welche den trucknen Wechßl fuͤhren / vnd die Stim̃ Jacobs / aber die Haͤnd Eſaus haben / ſonder ich lobe nur die gute intention, mit dern die Wechßl vnd Wucher bißweilen beſchehen / zu dem befinde ich / daß man in dreyen faͤllen etwas ex mutuo oder vltra fortem, ohne Suͤnd / nem̃en moͤge / erſtlich ratione dam - ni emergentis: am andern ratione lucri ceſſantis, vnd drittens ratione gratitudi - nis: dann der Menſch iſt gleichwol ſchuldig / ſeinem Nechſten zu helffen / aber doch der ge - ſtallt / daß er ſelbſt ſchadloß verbleib: Alſo / daß man den Wucher wol vnd vbel bꝛauchen kan / derwegen verwundere ich mich / daß man jhn an etlichen Orten verachtet vnd verbietet / da doch bißweilen die meiſte vnd fuͤrnembſte Ge - ſchlechter / Herꝛen vnnd Edelleuthen in den groſſen Staͤtten ſich darmit ernehren vnnd dereicheren. Dannenhero hette mans auchmeinem7Der Landtſtoͤrtzer.meinem lieben Vatter nit ſo hoch fuͤr vbel ha - ben ſollen.
Ferꝛner hielt man meinen lieben Vatter fuͤr einen Heuchler: Wann nun ich ſihe / daß ein Prieſter oder religios mitten in der Nacht an einem verdaͤchtigen Ort durch das Fenſter ſteigt / vnd ein Woͤhr an der Seyten hat / alsdann kan ich je nit ſagen / daß derſelb im willen habe / jemande mit den heiligen Sa - cramenten zuuerſehen: Wann aber einer vil bettet / offt beichtet / communiciret, vnd taͤglich Meß hoͤret / vnnd wann man jhn deß - wegen fuͤr einen Heuchler vnd Gleißner hal - ten wolte / das were je ein vnbillicher handel vnd ein groſſe Boßheit: Mein lieber Vatter pflegte allzeit einen groſſen Roſenkrantz oder pater noſter bey ſich zutragen / alle Morgen hoͤrte er ſeine dꝛey Meſſen mit gebognẽ Knyen vnd gen Himmel auffgehebten Haͤnden / dar - neben gab er auch vtl Almuſen. Das legten jhm nun ſeine Mißgoͤnner zu einer Gleißne - rey auß: Die vrſach deſſen war / allweil er ſich einsmals ſchier ein gantzes Jahrlang ab - ſentirte, vnſichtbar machte / vnnd ſeinemA 4Mitge -8Der Landtſtoͤrtzer.Mitgeſellen / der jhm ein groſſe ſumma Gelts hinweg gefuͤhrt hatte / nachzohe: Das Schiff / darauff er fuhr / ward durch die Tuͤrcken erobert / gepluͤndert / vnnd mein Vatter ſampt vilen anderen gefaͤngklich gen Argel gefuͤhrt. Damit nun er widerumb frey vnnd ledig werden moͤchte / ſo verlaugnete er daſelbſt ſeinen Chriſtlichen Namen / ver - ehelichte ſich mit einer ſehr reichen Moͤhrin / vnnd verblib zwey gantze Jahrlang alldort. Jnmittelſt erholte vnd erquickte ſich meines Vatters Mitgeſell / vnd vergliche ſich mit ſei - nen creditoribus vnnd Glaubigern: Als mein Vatter ſolches vernommen / entſchloſ - ſe er ſich heimblich daruon zu ziehen / vnnd zu ſolchem end vberꝛedete er ſein Fraw Moͤh - rin / daß er Kauffmanſchafft treiben wolte. Sie glaubte jhm / vnd verwilligte daß er jren Haußrath / aller beſte vnnd koͤſtlichſte ſachen verkauffte / aber mit dem darauß geloͤſtem Gelt zohe er heimblich hinweg gen Genua, nam den Chriſtlichen Glauben widerumb an / wainte / buͤßte vnnd bate GOTT den HErꝛn vmb Verzeyhung / Gnad vnndBarm -9Der Landtſtoͤrtzer.Barmhertzigkeit. Eben diſes war nun die einige Vrſach / warumb man meinem Vatter hernacher nit glaubte noch trawete / vnangeſehen er noch ſo ſehr vnnd andaͤch - tigklich bettete / vnnd vil guts thate: Man ſagt gleichwol / quod, qui ſemel malus ſemper præſumitur malus: Wer das Ziel der Erbarkeit einmal vberſchritten / vnnd ein Schelmenſtuͤckl begangen / deꝛ wagts wol oͤff - ter / aber kein einige Regel iſt ſo gar gewiß / daß ſie nicht etwan ein exception litte / dann niemandt waiſt / wie vnnd was geſtallt Gott bißweilen die Hertzen der Menſchen wunder - baꝛlich beruͤre / jnmaſſen auch meinem Vatter beſchehen / vñ er allerdings ein newer Menſch woꝛden / vnd mit redintegratis morib. auff - zohe. Dann ob ſchon jm nachgeredt ward / dz er zwey oder dreymahl fallirt oder banckerot - tirt hatte / ſo iſt doch hergegẽ war / das andere gleichfals meineydig an jhm worden / vnd jne darzu gebracht vñ verurſacht haben: Einmal iſt gewiß / daß die Menſchen nicht von Stahl gemacht worden / derwegen auch nicht ſchul - dig ſeyen / wie Naͤgel ſteiff zu halten / dannA 5ſo10Der Landtſtoͤrtzer.ſo gar die Negel ſelbſt verlieren / letztlichen jh - re Krafft wacklen / laſſen nach vnnd werden loß. Diſes ſeindt die ſtratagemata vnnd griffel der Kauffleuten / welche taͤglich practi - ciert werden / derwegen ſoll man ſich nicht ſo ſehr druͤber verwundern / ſonder es Gott dem HErꝛn vnnd dem Beichtuatter heimbſetzen: Vil Kauffleuth kenne ich / welche dergleichen ding ſtarck treiben / aber keinen einigen habe ich deßwegen hencken ſehen: woferꝛn derwe - gen das fallieren vnnd Leut anſetzen boͤß oder ein Diebſtuck were / ſo wurde mans ohne zwei - fel mit ernſt ſtraffen / zumaln weil wir ſehen / daß offt einer wegen eines einigen geſtohle - nen Guldens mit Ruthen außgehawen oder auff die Galeren geſchmidt wuͤrdet.
Ob wol auch mein Vatter dreymal ge - faͤngklich befaͤngnuſt woꝛdẽ / ſo machte er ſich doch allzeit widerumb ledig / dañ weil er reich war / vnnd der Oberꝛichter gleichſamb ſein Vatter / vnnd der Gerichtſchreiber ſein Ge - natteꝛ war / ſo ward er bald wider außgelaſſen. Es waren gleichwol inditia gnug verhan - den / aber die bloſſe inditia ſeindt nit gnug -ſamb /11Der Landtſtoͤrtzer.ſamb / ſo waren auch die Zeugnuſſen falſch / vnd galten nichts bey Gericht / noch bey ſol - chen guͤnſtigen vnnd wolgeneigten gefatteri - ſchen Richtern vnd Schreibern / zu dem pur - gierte mein Vatter ſolche inditia durch die Tortur / vnd machte alſo die Zeugen / welche ohne einiges Fundament vñ auß lauter præ - ſumptionibus deponirten, offentlich zu - ſchanden.
Beſchließlich hielt mans meinem Vatter hoch fuͤr vbel / daß er ſehr hoffertig war / vnnd ſein Angeſicht anſtriche / welchs ich nit loben koͤndte / woferꝛn deme alſo were / Aber ich hab nichts dergleichen an jm koͤnnen vermercken / allein ſahe ich / daß er weiß vnd roth duꝛch ein - ander war / vnnd ich glaube / daß er von Natur alſo war / vnd groſſe Augen vnnd rothe Car - funckelſtein im Angeſicht hatte / dannenhero vnd woferꝛn ers von Natur alſo gehabt / ich jn nit verdencken noch tadlen koͤndte / daß er der - gleichen mengel vnd gebrechen durch den an - ſtrich bedeckt vnnd verboꝛgen haben moͤchte: Hat ers aber auß Hoffart vnd fuͤrwitz gethan / ſo were es vnrecht / dañ es thuns nur die Wei -ber12Der Landtſtoͤrtzer.ber / vnd zwar die faile vnd liderliche Metzen / welche / ob ſchon ſie von Natur / ſchoͤn gnug ſeindt / nicht deſto weniger deß Morgens im Beth anfahen / ſich anzuſtreichen biß zu Mit - tag / vnd begeren alſo noch ſchoͤner zu werden: Je mehꝛ aber dergleichen Weiber jhꝛ Ange - ſicht zieren vnnd beſchawen / je mehr gehet jhr Haußweſen zu grundt: So dann das anſtrei - chen deß Angeſichts den Weibern ein ſchand iſt / vmb wie vil mehr iſts dañ den Maͤnnern? Was aber meinen lieben Vatter betrifft / ob ſchon ers gleichfals gethan hette / ſo iſt er doch nit allein der jenig geweſt / der ſich dißfals ver - ſuͤndigt / ſonder es thuns jhm villeicht auch andere ſtattliche Herꝛen nach.
Guſman erzehlt wie vnd was ge - ſtallt ſein Vatter anfangs vmb ſeine Fraw Mutter gebuelt / vnd auß was fuͤr einem ehr - lichen Stammen er geboren worden / J - tem / was ſein Fraw Mutter fuͤr ein erbare Fraw geweſt.
ALs vor verſtandener maſſen / mein Vatter widerumb gen Seuilia kom - men / ſeine ſchulden theils eingebracht / theils abgelegt / vnnd widerumb redlich / ja vil redlicher vnnd reicher / weder zuuor / worden / (dann ſeine creditores muſten ſich wider jhꝛen willen mit jhm einlaſſen vnd etwas we - nigs annemmen / dann vom vmbgekehrten oder vergoſſenen Wein muß man auff faſſen was man kan) fing er an / ſich vmb ein Hauß - weſen anzunem̃en / vnd kauffte ein Hofmarch oder Landtgut / welches nahe bey der Statt Seuilia gelegen / vnd Alfarche genent ward / welches dann kein wunder / dann zu Seuilia werden bißweilen auß verdorbenen Wuche - rern / anſehenliche Edelleut. Nun begabs ſich / daß / als einsmals mein Vatter ſampt andern Kauffleuten auffm Marckt ſpatzieren ging / daſelbſt ein Kindtstauff fuͤr paſſierte / vnnd von vilen ſchoͤnen Frawen gen Kirchen begleitet ward. Der fuͤrwitz ſtach vnd reitzte meinen Vatter dermaſſen / daß er jhnen nach - folgete / vnnd ſahe / was geſtallt mein Mutter vnd noch ein feiner alter Geiſtlicher Ordens -herꝛ14Der Landtſtoͤrtzer.herꝛ / das Kindt auß der Tauff hebten. Beſag - te mein Mutter war huͤpſch / ſchoͤn / holdſelig vñ ſehꝛ verſtaͤndig: Mein Vatter ſchawte ſie jmmerdar an / verliebte vnd vernarꝛte ſich als - baldt in jhre Schoͤnheit: Das merckte mein Mutter / vnnd verliebte ſich gleichfals in jhn / aber doch diſſimulirte ſie es ſehr verſtaͤndig - klich / dann es ſey ein Fraw ſo ſtattlich / wie ſie immer woͤlle / ſo frewet ſie ſich doch / geſehen vnd gelobt zu werden von Maͤnnern / vnan - geſehen dieſelbigen nicht ſehꝛ ſtattlich ſeindt. Mit redenden Augen / vnd mit ſchweigendem Mund redeten mein Vatter vnnd Mutter mit einander / vnd entdeckten alſo einander jhꝛ Hertz. Damals koͤndte mein Vatter meiner Mutter halben mehr nit erfahren / als allein / daß ſie deß vorberuͤrten Ordensherꝛn Fraw oder Anhang war / vnd dz er ſie heimblich bey ſich hatte. Vnangeſehen nun mein Mutter ſampt jhrem Herꝛn heimb ging / ſo blib doch das Hertz meines Vatters jmmerdar bey jhr / vnnd ſuchte gelegenheit ſie in der Kirchen bey der Meß widerumb zuſehen / dann laider die Kirchen vnd Haͤuſer Gottes muͤſſen bißwei -len15Der Landtſtoͤrtzer.len das beſte thun / vnd Kuppel / Huren vnnd Teufels haͤuſer vertretten: Diſes ſehen vnnd anſchawen wehꝛte ſo lang / biß letztlichen mein Vatter ein feine erbare Fraw antraff / die ſich fuͤr ein Kuplerin gebrauchen ließ / vnd meiner Mutter ein holdſeligs Brieffel / welches jhr mein Vatter geſchriben / vberantwortete / vnnd benebens gute muͤndtliche officia præ - ſtirte. Weil dann der Ordens Ritter nun - mehr alt vnd jmmerdar kranck war / ſo vber - kam mein Mutter ein vil beſſers gefallen an meinem Vatter / der noch ein junger / friſcher vnd ſtarcker Mann war / derwegen entſchloſſe ſie ſich gleichwol / jhren alten Herꝛn zuvertau - ſchen vñ zuverlaſſen / aber doch wolte ſie auch die gute bey jhm habende gelegenheit vnd ſtat - liche vnderhaltung nit gern verlaſſen / derwe - gen ſuchte ſie ein mittel auſſerhalb Hauſes / zu meinem Vatter zukommen / vnnd ſtellte ſich / als wolte ſie ein Kirchfarth nah bey meines Vatters Hof Alfarche verꝛichten: Wie nun ſie ſampt jhrem Herꝛn auffm Weg / vnd nicht weit von Alfarche war / fing ſie vnuer - ſehens an / ſich vber jhren Magenwehthumbzu16Der Landtſtoͤrtzer.zu beklagen / vnd ſich dermaſſen vbel zugeha - ben / daß man ſie fuͤr paſſiert hielt / vnd daß ſie deß Todts erloſchen were: ein hertzlichs mit - leyden mit jhr hatte. Die Leut / welche der or - ten fuͤruͤber gingen / bliben ſtill bey jhr ſtehen / vnd ein jegklicher wolte jhr einen guten Rath geben / was ſie brauchen vnd einnemmen ſol - te: Weil man aber nit gelegenheit hatte / ſol - che jr gerathene ſachen zuwegen zubringen / ſo waren alle fuͤrgeſchlagene remedia vnd mit - tel vergebens: Widerumb in die Statt zu gehen war ir vnmuͤglich / weiter fort zu gehen war beſchwerlich: vnnd mitten auffm weg al - ſo ſtill zu ligen / war ſpoͤttlich: Jnmittelſt ward mein Mutter je lenger je ſchwecher / (ſcilicet) jederman ward trawrig / vnnd man wuſte je nit / was man thun oder anfahen ſolte: Letztli - chen ſprach ein Fraw / fuͤhret ſie von der ſtraſ - ſen / ein ſpott vnd ſchandt iſts / daß man die gu - te Fraw alſo ligen vnnd ſterben laͤſt / traget ſie dort in deß Edelmans Hof / biß es gleichwol beſſer vmb ſie wirdet. Jederman lobte diſen Fuͤrſchlag / vnd der Ordensherꝛ ſchickte als - bald hin / vnd ließ das Haußgeſindt erſuchen /daß17Der Landtſtoͤrtzer.daß ſie doch diſe krancke Fraw nur ein ſtund - lang / biß es etwas beſſer vmb ſie woꝛden / ein - nemmen wolten Ein altes Weib befand ſich im Hauſe / die war allbereit vnderwiſen / was ſie thun ſolte / gab derwegen zur antwort / daß man die krancke Fraw nur kecklich herbꝛingen ſolte / damit jhr geholffen / vnd aller guter wil - len erwiſen werden moͤchte. Der Ordensherꝛ ließ ſie hintragen / ging ſelbſt mit / vnd erzeigte ein groſſes mitleiden mit ſeiner krancken Fra - wen / welche jhren ſchmertzen ſtarck klagte / vñ doch heimblich lachte: Die alte Fraw oder Haußpflegerin eroͤffnete alsbald alle Zimmer vnnd Loſementer / vberzohe ein Beth mit fri - ſchen Leylachern / legte mein Mutter darein / waͤrmete jhꝛen Bauch mit warmen Tuͤchern / labte vñ erquickte ſie mit confect vnd andern kraͤfftigen guten ſachen / biß ſich der ſchmertzẽ allgemach verluhr: Mein Mutter ſtellte ſich / als begerte ſie ein wenig zu ruhen vnnd zu ſchlafen / deſſen frewete ſich der alt Herꝛ / ließ ſie allein im Beth ligen: ſperꝛte alle Fenſter vnd Thuͤr fleiſſig zu / vnd befahl / daß man ſtill ſeyn / vnd niemandt zu jhr hinein gehen laſſenBſolte:18Der Landtſtoͤrtzer.ſolte: Er ſelbſt ging auch von dannen vnnd im Garten ſpatzieren: Aber mein Vatter ſchlieff nicht / ſonder hoͤrte in einer abſonderli - chen Kammer alles / was fuͤruͤber ging / er er - oͤffnete in aller ſtill die Kammerthuͤr / darinn mein Mutter lag / verfuͤgte ſich zu jr / vnd ver - trib jr jnnerhalb zweyer ſtunden allen ſchmer - tzen. Letztlichen ging der alt Herꝛ auß dem Garten / ſuchte mein Mutter heimb / vnd als er ſahe / daß es etwas beſſer vmb ſie worden / danckte er Gott / ſchickte alsbald in die Statt / ließ allerhand Speiſen vnd Getranck herauß bringen / vnd hatte einen guten Muth mit ſei - ner Frawen. Jnmittelſt aber ging mein Vat - ter heim̃lich von dannen gen Seuilia / ließ jm ein Pferdt ſatteln vnd ritte / ſeiner gewonheit nach gen Alfarche / fandt daſelbſt den alten Ordens Ritter ſam̃t der Frawen / erzeigte ſich gantz freundlich gegen jhnen / leiſtete jhnen ein zeitlang geſellſchafft / vnd begleitete ſie wider - umb in die Statt.
Bald hernacher ward der alt Herꝛ je laͤn - ger je kraͤncker vñ ſchwaͤcher / aber mein Mut - ter je lenger je gatler vnd begieriger / biß letztli -chen19Der Landtſtoͤrtzer.chen ſie jhne ins Grab brachte: Jn ſeinem letzten End vnnd Zuͤgen aber / zohe ſie gleich - fals / vnnd raumte aller orten dermaſſen auff / daß ſchier kein einiges gantzes Leylach mehr verhanden war / darin man ſeinen todten Leib wicklen hette moͤgen. Vnd ob ſchon man ein ſtarcke nachfrag hatte / wo doch ſein Gelt vnd Gut hinkommen ſein moͤchte / ſo wolte doch mein Mutter nit beſtehen / daß er ſonderbars vil gehabt / ſonder ſagte / daß er das ſeine ſelbſt an worden / vnd ob ſchon er jhr etwas wenigs geſchenckt / ſo hette ſie es doch wol vm̃ jne ver - dient / vnd jhm fleiſſig vnnd trewlich außge - wart. Darmit thate ſie nun jhrem Gewiſ - ſen ein gnuͤgen / vnnd die Rechtsgelehrten ga - ben jhr zu verſtehen / daß ſie es gar wol vnnd mit gutem Gewiſſen behalten doͤrffte / dann ob ſchon ſie es ſchendtlich gewunnen / ſo hab ſie es doch nicht ſchaͤndtlich / ſonder redlich angenommen.
Bey diſem Todtfall hat ſich wahr zu ſein befunden / was ich zuuor hab ſagen hoͤren / daß nemblich die Reichen auß Armut / die Armen auß vberfluß / vnnd die Geiſtlichen auß KaͤlteB 2ſterben /20Der Landtſtoͤrtzer.ſterben / dann die Reichen doͤrffen auß lauter Geitz vñ mißtrawen gegen Gott / nicht gnug eſſen / vnd ſterben mehꝛers auß hunger / weder wegen der ſchaͤrpffe der Kranckheit: Mit den Armen aber hat jederman ein mitleyden / dañ etliche ſchicken jhnen etwas / andere bringen jhnen einen gantzen hauffen Speiſen / zumaln wann ſie in extremis vnnd letzten noͤthen li - gen. Man findt etliche mente captas oder vnweiſe Frawen / welche die krancke Armen / auß lauter andacht / in jhren Haͤuſern oder Spitaͤlen beſuchen / vnnd jhnen gantze Haͤfen vnd Koͤrb voller collationen vnnd Speiſen bringen / aber an ſtatt deß Almuſens / welches ſie jhnen dardurch zu geben vermeinen / befuͤr - dern ſie jhren Todt / dann entweder koͤnnen die Krancken es alsdann im Todtbeth nim̃er genieſſen / oder aber ſie genieſſen es vnordent - lich / koͤnnens nicht veꝛdaͤwen / vnnd erſticken gleichſam̃ druͤber. Was aber die Geiſtlichen belangt / weil ſie in jhren toͤdtlichen Kranck - heiten bißweilen keine rechte Erben bey ſich haben / ſo ſterben ſie gleichſamb vor lauter Kaͤlte / wie zu ſehen an diſem Ordensherꝛn /deme21Der Landtſtoͤrtzer.deme man in ſeinem Leben kein Hemmet ließ / vnd kaum ein altes zerꝛiſſenes Leylach wider - fahren hat laſſen / das iſt nun aber der Con - cubinariorum rechter Lohn.
Jnmittelſt vnnd noch in wehrendem deß alten Ordensherꝛn Leben / ward mein Fraw Mutter ſchwanger / vnd gebahr einen Sohn / der war ich / vnd hatte ich / der rechnung vnnd regel der ſcientiæ fœmininæ nach / zween Vaͤtter / dann mein Mutter wuſte mich der maſſen zu filioliſiren, daß ich gleichſamb ein vnmuͤglichs ding erhielt vnd zuwegen brach - te / dann ich gefiel zweyen Vaͤttern oder Her - ren / vnnd ſie alle beyde erkennten mich fuͤr jh - ren Sohn / Wann der Ordensherꝛ allein bey mir war / ſagte vnnd beruͤmbte er ſich / daß ich jhm vil gleicher vnd aͤhnlicher ſehe / weder ein Ey dem andern: Wann ich mit dem andern meinem Vatter redete / ſagte vnnd bezeugete derſelb / daß ich jhme je gleicheꝛ nit ſehen koͤnd - te. Diſer geſtallt zaͤrtelten vnd liedten ſie mich alle beyde: Kein anderer vnderſchidt war hierunder verhanden / als allein / daß der Or - densherꝛ mich in ſeinem noch wehrenden Le -B 3ben /22Der Landtſtoͤrtzer.ben / offentlich fuͤꝛ ſeinen Sohn hielte / aber der ander hielt mich heimblich darfuͤr / dann mein Mutter hat mich deſſen hernacher verſichert vñ mir deßwegen ein lange Relation gethan / derwegen ſage vñ proteſtire ich hiemit / daß mir das jenig / deſſen mich die mißguͤnſtige calumnianten bezeyhen / daß nemblich ich mehꝛ / als zwen Vaͤtter gehabt haben ſolle / nit wahꝛ iſt / dann nit allein meine zwen Vaͤtter haben mich ſelbſt fuͤr jren Sohn erkennt / ſon - der es hats auch mein Mutter beſtaͤttigt: Jſt alſo vil beſſer / daß man ſage / daß ich vbel ge - boren woꝛden / weder keines einigen Sohn vnd niemande zugehoͤrig ſeye: Es liebte mich auch mein Vatter Guſman dermaſſen / daß er gleichſam̃ ein Abgoͤtterey dardurch beging / dann vnangeſehen mein Mutter von menig - klichen ein Fraw Commenthurin (wegen jhres erſten alten Herꝛn deß Commenthurs) genennt ward / ſo verthedigte er ſie doch / ſamb hette er ein Wohnung oder rechtſame zu der cõmenda: Ja was mehr iſt / er fragte nichts nach ſolchem Namen / ſondern er ehelichte ſie auch offentlich / vnd zwar nit ohne vrſach /dann23Der Landtſtoͤrtzer.dann er wuſte ein anſehenlichs Gelt bey jhr / Aber wie das Gelt war gewunnen / alſo iſt es entrunnen / dann bald nach dem mein Vatter Hochzeit mit meiner Mutter gehalten / fing er an / ſich ſehꝛ ſtattlich zu halten / zu bancketiren / zu ſpielen / vnd dermaſſen zu dommiren / daß er jnner halb zwey Jaren nit allein 10000 Du - caten meines Muͤtterlichen Guts hindurch jagte / ſonder auch ſein Landtgut Alfarche ge - nannt / verkauffte / vnnd bald hernacher auß Hertzleyd ſtarb. Da fing mein Mutter an / arm / elendig / veracht vnd demuͤtig zu werden / dann vnangeſehen jederman wol wuſte / daß ſie an dem alten Herꝛn Commenthur hing / nicht deſto weniger war ſie dermaſſen vnuer - ſchambt / ſtoltz vnnd hoffertig / daß ſie ſich ge - dunckte vil beſſer zu ſeyn / weder andere ehrli - che matronen, vnnd diſes iſt aller Fetlen ge - brauch / derwegen vnd als mein lieber Vatter auß diſer zeitlichen Wanderſchafft erfordert worden / diſem Leben vꝛlaub gegeben / ſeine letz - te Taͤg mit vollendung deß Todts beſchloſſen hatte / vnnd vom Liecht diſer Welt verſchiden war / ward jederman meiner Mutter ſpinnen -B 4feindt /24Der Landtſtoͤrtzer.feindt / vnd man redete jhr ſehꝛ ſpoͤttlich vnnd ſchimpflich nach: Vnder andern ſagte man auch / daß jhr Vatter ein Ehrwuͤrdiger Prie - ſter / vnd jhꝛe Fraw Mutter ein Fettel geweſt war: An ſtatt auch / daß mein Mutter nur zwen Maͤnner in jhre Netz verwickelt hatte / ſagte man / daß mein Anfraw zwey gantze du - tzet gehabt / vnnd dieſelbigen / wie junge Huͤn - lein / auß einerley Geſchirꝛ eſſen / vnd in einer - ley Beth ſchlaffen hatte laſſen / ohne daß ſie einander biſſen. Mit jhrer diſer Tochter mei - ner Mutter vberkam ſie vil Vaͤtter / dern je - den ſie vberꝛedete / daß jhre Tochter jhnen zu - gehoͤrte / ſeytemal ſie einem jeden ſehr gleich vnd aͤnlich ſahe / vnd zwar dem einen mit den Augen / dem andern mit dem Mund / dem dꝛit - ten mit der Naſen / dem vierten mit dem Re - den / dem fuͤnfften mit den Geberden / vnd dem ſechſten ſo gar mit dem außſpeyen.
Guſmans erſter Auffzug.
AVß oberzehlten vrſachen ward ich ein armes Waißlein / vnd dermaſſen troſt: vnnd huͤlffloß / daß kein einiger Baum verhanden war / der mir einen Schatten ge - macht oder gegeben hette / Kein anders mittel ſahe ich / als mich von dannen anderſt wohin vnbekanter weiß / in die frembde zu begeben / vnd mich nicht nach meinem Vatter / ſonder nach meiner Mutter Geſchlecht / Guſman von Alfarche zu nennen / ſeytemal ich allda zu Alfarche meinen Anfang vberkommen. Nun begab ich mich hinauß / in meinung / die Welt zu beſehen / vnd befahl mich Gott vnd guten Leuten. Jch war gleichwol noch ſehr jung / zu Seuilia zartiglich one einige vaͤtter - liche noch muͤtterliche Zucht / mit Hoͤnigſup - pen vnd Roſenzucker erzogen / derwegen kam es mir je ſchwer an / meines Vatters Hauß vñ Freunde zuverlaſſen / aber die noth trib mich hinauß / alsbaldt nun ich zum Thor hinauß kam / floſſen zwen Waſſerbaͤch auß meinen Augen / die Nacht kam auch herzu / ſahe der - wegen weder Himmel noch Erde / gelangte letztlichen gen S. Lazaro, welches vngefaͤhr -B 5lich26Der Landtſtoͤrtzer.lich ein Meil wegs von Seuilia ligt / daſelbſt ſetzte ich mich auff der Straſſen nider / fing an mein Leben zu betrachten / vnd begerte wider zu ruck zu gehen / allweil ich mich mit einer groſſen vnbedachtſambkeit vnd wenig Gelts auff ein ſolche lange Reiß hatte begeben. Jch hatte weder zu Mittag noch zu Nacht geſſen / derwegen ſing mich an zu hungern / vnnd ich empfandt den vnderſchidt / der da iſt zwiſchen einem ſatten vnd hungerigen Menſchen: Alle muͤhe vnd arbeit paſſieren / wann man darne - ben zu eſſen hat / wo aber nichts zu freſſen ver - handen / da gehets vnwirſch zu. Jch hette gern zu Nacht geſſen / fand aber nichts anders / als ein friſch Bruñenwaſſer / ich wuſte je nit / was ich thun oder anfahen ſolte: Jch befand mich in forcht vnd hoffnung / ergab mich doch letzt - lichen Gottes Haͤnden / vnnd verꝛichtete ein kurtzes Gebett / ging wider hinauß / ſetzte mich bey einem Brunnen nider / vnd entſchlief auß lauter Melancoley vnd Trawꝛigkeit / erwach - te deß Morgens fruͤh / vnd ging den nechſten weg fort / vnnd gedachte an die vbel formirte vnd beſtelte reſpublicas, in denen die Fuͤß dasAmbt27Der Landtſtoͤrtzer.Ambt deß Haupts / vnd das Haupt das Ampt der Fuͤſſen verꝛichten. Meine Fuͤß trugen mich / vnd ich folgte jnen vber Berg vñ Thal / vber Wiſen vnnd Aecker / denſelben gantzen Tag ging ich nur zwo kleine Meil wegs / aber doch gedunckte mich / daß ich die antipodes erꝛeicht / vnd ſampt dem Columbo ein newe Welt erſunden hatte. Als nun ich in ein kalte vnd duͤrꝛe Herberg kam / fragte man mich / wo ich hinauß woͤlle? Jch antwortet / daß ich vor - habens were / mich an deß Koͤnigs Hof gen Madril zu begeben / aber dz mich faſt hunger - te / ſeytemal ich ſchier in zwen Tagen nichts geſſen / man ſetzte mir Eyer fuͤr / die aß ich ge - ſchwindt vngeſchawt / aber in wehrendem eſ - ſen / empfand ich etwas von zarten Gebeinen vnd Fleiſch / ohne zweiffel warens junge Huͤ - ner / die allbereit außgebruͤt waren. Jch ver - merckte gleichwol / daß ſie nit beſchaffen wa - ren wie andere Eyer / die ich in meiner Mut - ter Hauß hatte geſſen / aber doch ließ ich ſie paſſieren / dann der Hunger trib ſie fort / daß ſie durch den Mundt in Halß / vnd auß dem Halß hinab in Bauch kamen: Mit demBrot28Der Landtſtoͤrtzer.Brot hielt ich mich etwas laͤnger auf / dann es war dermaſſen hart vnd ſchimlecht / daß ichs nur zu kleinen broͤcklsweiß hinab bringen vnd ſchlicken muſte: Vngefaͤhrlich vber ein vier - tel ſtund hernacher fingen die Eyer an zu wir - cken / vnd ich empfandt / daß die arme Huͤnlein anfingen in meinem Bauch zu kratzen / der - wegen fing ich / wie ein ſchwangere Fraw / an zu ſpeyen vnnd außzuwerffen / biß mir nichts mehr im Bauch verblib. Dem allem aber vnangeſehen / begab ich mich deß Morgens fruͤh widerumb auff den weg / vnd traff einen Eſeltreiber an / der fragte mich was mir man - gelte? Jch erzehlte jhm / was ich fuͤr ein herꝛ - liche Mahlzeit gehabt / vnd wie es mir mit den Eyern gangen war. Aber an ſtatt deß troͤſtens lachte er mich rein auß / vnnd ſpottete meiner noch darzu / vnd fuͤhrte mich zu Mittag in ein Herberg vnd zum allergroͤſten Dieb / den man in derſelben gantzen Gegent hette finden moͤ - gen / Diſer Wirth hatte vnder ſeinem Vieh auch ein Eſelin / die ließ er bißweilen mit al - lem fleiß ledig im Stall vmblauffen / damit ſie den andern Roſſen der frembden Fuhrleu -ten29Der Landtſtoͤꝛtzer.ten vnd Gaͤſten jhre lectiones leſen vnd das Futer auffeſſen helffen ſolten / darauß aber er - folgte / daß ſie letztlichen ſchwanger von jhnen ward / weil aber die Geſetz in Andaluſia ſol - che vngleiche vermiſchungen bey ſchwerer ſtraff verbotten / vnnd aber ſich begab / daß die Eſelin vor der rechten zeit einen jungen Eſel gebar / ſo verbarg jhne der Wirth / vnd hielt jn gantz heim̃lich / aber als er ſahe / daß ers in die laͤng nit verbergen kondte / ſo ließ er jhne an ei - nem Freytag niderſchlagen / das Fleiſch ein - ſaltzen / vnd den Kopff / das Hirn / die Fuͤß vnd das Jngeweid an einem Sontag ſieden vnd zubereiten: Wir zwen kamen auch gerad zur rechten zeit / vnd fragten den Wirth / ob er vns hette etwas zu eſſen zu geben? Der gab vns zuꝛ antwort / daß er geſtrigs Tages ein ſehr gutes vnd feiſtes Kalb hatte abgeſtochen / vnnd das Jngeweidt geſotten / vnd ſeye vrbietig / vns et - was daruon mit zutheilen: Deſſen frewete ich mich zum hoͤchſten. Der Tiſch ward gedeckt / vnnd man ſetzte vns vier geſottene Eyer fuͤr / deßgleichen ein in Butter gebachenes Hirn / folgends ein geſottenes Jngeweyd / das allesaber30Der Landtſtoͤrtzer.aber ſchmeckte vns nit wol / dañ die Eyer waͤ - ten inwendig blutig / vnd das Hirn vnd Jnge - weyd ſtanck ſehr vbel: Jch vnd mein Mitge - ſell ſahẽ einander an / lachten vnd aſſen nichts darnon / der Wirth merckte es vnd ſpꝛach: Jhꝛ Herꝛn / jhꝛ doͤrffet mir meine Speiſen nit ver - lachen / die Eyer ſeind friſch / vnd das ander iſt von einem guten faiſten Kalb / das kan ich be - weiſen woferꝛn jhrs begert. Mein Mitgeſell der Eſeltreiber aber antwortet vnnd ſprach: Was gehet dich vnſer lachen an / haſtu dann einen Tax im Hauſe / warumb vnd wie vil der Gaſt lachen ſolle? Laß du einen jeden lachen oder weinen ſo vil vnd offt es jhne geluſtet / vñ nimb du dein Gelt darfuͤr ein: Die vrſach meines lachens iſt / allweil deine Eyer mich erjnnert haben an die jenige Eyer / welche diſer mein Mitgeſell vorgeſtern an einem andern ort geſſen / vnnd dermaſſen friſch waren / daß jhme das Blut der jungen darin verhandenen Huͤnlein auß dem Mundt gerunnen. Der Wirth gab ſich zufriden / weil er ſahe / daß wir es ferner nit andeten: Weil aber die Eyer bey mir anfingen zu operiren, vnd die darin ge -weſte31Der Landtſtoͤrtzer.weſte junge Huͤner in meinem Magen vmb - zukratzen / ſo ergriffe ich geſchwind die Wein - kanten / vnd thate zwen ſtarcke truͤnck / dann es heiſt: poſt ouum molle, bonum hauſtum tibi tolle: poſt ouum durum bis, ſi diu viuere cupis. Bald hernacher brachte vns der Wirth widerumb etwas anders / das kon - ten wir eben ſo wenig kewen noch eſſen / ſon - der ſtunden vom Tiſch auff / vnnd ſchawten zu vnſern Eſeln: Jnmittelſt aber ward mir mein Mantel auß der Kammer verzuckt / vn - angeſehen vnſer nur vier Perſonen im Hauſe waren / derwegen lieff ich hin vnnd wider im Hauſe herumb / vnnd ſuchte meinen Mantel mit ſchmertzen: Letztlichen kam ich auch in die Kuchel / darinn ſtundt ein groſſer Hafen mit friſchem Blut / vnnd nah darbey lag ein Eſelshaut ſampt den abgehawenen Fuͤſſen / Kopff vnnd langen Eſels Ohren: Nur die Zung vnd das Hirn maͤngelte / dann wir hat - tens allbereit zum theil geſſen: Da lief ich als - bald hin zu meinem mitgeſellen / zeigte jme die vberwerlein vnſers Nachtmals / vnd ſprach: Sihe / das iſt das friſche Kalb / welches vnsder32Der Landtſtoͤrtzer.der Wirth ſo ſehr gelobt hat: Als ich nun alſo mit jhm redete / ſahe ich mich noch ferner in der Kuchel vmb / vnnd ſahe an der Wandt ein feiſte abgezogene Katz hangen / vnnd die Koͤchin ſagte vns / daß der Wirth vil derglei - chen Katzen an ſtatt der Haſen vnnd Koͤnigl / braten vnd anrichten lieſſe. Wir lachten vnd verwunderten vns vber diſe deß Wirths ſo groſſe fuͤrſichtigkeit: Folgendts ging ich zu jhm / vnd fragte mit ernſt nach meinem Man - tel / er aber gab mir boͤſe antwoꝛt / vnnd trohe - te mir mit der Ruthen / da hebte ich Stein auff / vnd warff ſie jhm nach dem Grindt: Er lieff in ſein Zimmer / holte ſein Woͤhr vnnd wolte mich erſtechen: Aber mein Mitgeſell ſtund mir bey / da ward ein groſſer Lermen / al - le Nachbarn lieffen herzu / der Richter / Ge - richtſchreiber vnnd die Schoͤrgen lieſſen ſich geſchwindt ſehen / vnnd namen mich beym Grindt / vnd wolten mich gefaͤnglich hinweg fuͤhren: Aber ich bate ſie zum allerhoͤchſten / daß ſie mich nit alſo vbereylen / ſonder mich zuuor zur verantwortung kommẽ laſſen wol - ten / jnmaſſen beſchehen / vnnd ich jhnen alleserzehlte33Der Landtſtoͤrtzer.erzehlte / was ſich zwiſchen vns verloffen / vnd wz wir fuͤr ein ſchoͤnes Kalbfleiſch geſſen vnd gefundẽ: Darauff lieſſen ſie alsbald dẽ Wirth gefaͤngklich annem̃en / durchſuchten ſein gan - tzes Hauß / vnd fanden nit allein meinen Man - tel / ſonder auch die abgezogene Eſelshaut ſampt dem Kopff / Ohꝛen / Fuͤſſen vnd Jnge - weid / deßgleichen zwo abgezogene faiſte Ka - tzen. Was nun ſie fuͤr ein Straff gegen jhme fuͤrgenommen / iſt mir vnbewuſt / dann ich vñ mein Mitgeſell trolten vns von dannen hin - weg / vnd danckten Gott / daß er vns auß diſer gefahꝛ erꝛett hatte.
Guſman diſcurriret artlich von der Gluͤckſeligkeit vnnd vngluͤckſeligkeit der Menſchen / vnd was geſtalt er vnſchul - digklich gefangen wor - den.
REcht vnnd wol ſagt der heilig Job: militia vita hominis ſuper terrá: als wolte er ſagen: Das Leben derCMen -34Der Landtſtoͤrtzer.Menſchen iſt je nichts anders / als ein Streit vnnd Krieg auff Erden / nichts iſt ſicher / kein Standt iſt beſtaͤndig / kein Luſt iſt vollkom̃en / kein freud iſt warhafftig / alles iſt ein falſchheit vnd eytelkeit: Dann als der Gott Iupiter alle ding auff Erden erſchaffen / vnd die Men - ſchen darumb foꝛmirt hatte / daß ſie ſie beſitzen vnd genieſſen ſolte / befahler / daß ein ſonder - bare Goͤttin / namens die Gluͤckſeligkeit / in der Welt reſidiren vnd wohnen ſolte / im we - nigſten gedachte vnnd vermeinte er / daß die Menſchen ſo gar vndanckbar gegen jhm wer - den wurden / jnmaſſen ſie hernacher gethan / vnnd ſich gegen jhm ſtarck geſetzt haben / Dann weil ſie diſe Goͤttin Gluͤckſeligkeit bey ſich hatten / ſo gedachten ſie an keinen andern Gott / ſonder opffertẽ diſer Goͤttin allerhand Opffer / vnd ſangen jhꝛ vil Lobgeſaͤng. Dar - uͤber erzuͤrnete ſich Iupiter, beruffte alle an - dere Goͤtter zuſammen / erzehlte jhnen die boͤſe correſpondentz vnnd vndanckbarkeit der Menſchen / in deme ſie nun die Gluͤckſeligkeit verehꝛten vnnd anbetteten / da doch er jhnen ſo vil Gutthaten erwiſen / vnd ſie auß nichts er -ſchaffen /35Der Landtſtoͤrtzer.ſchaffen / begerte derwegen von jhnen / daß ſie jhm jhre meinung vnnd guten rath geben ſol - ten / was er mit den Menſchen anfahen moͤch - te: Etliche der guͤtigſten / barmhertzigſten vnd mitleidenlichſten Goͤttern ſagten / daß die Menſchen einer ſchwachen Materi waͤren / vnd daß man derwegen ſie vbertragen vnd jh - nen etwas nachſehen / aber doch ſie mit etwan einer leidenlichen correction vnnd Straff anſehen ſolte / in gaͤntzlicher hofnung / ſie wur - den ſich dran kehren / vnd jhnens ins kuͤnfftig ein gewarnung ſein laſſen. Der Gott Mo - mus vnderſtund ſich ſein meinung darzu zu - ſagen vnd frey herauß zu reden / aber Iupiter hieß jhne ſtill ſchweigen / biß die frag an jhn kaͤme. Gleichwol waren auch andere Goͤtter verhanden / welche es mit dem Momo hielten / vñ vermeinten / daß das verbrechen der Men - ſchen wider den allerhoͤchſten Gott Iupiter vnendlich were / vnd daß derwegen von rechts wegen die Straff gleichfals vnendtlich ſeyn ſolte: Vns gedunckt (ſprachen ſie) daß man das gantze Menſchliche Geſchlecht zerſtoͤren vnnd gar vertilgen / auch niemaln widerumbC 2auffs36Der Landtſtoͤrtzer.auffs new erſchaffen ſolle / ſeytemal wir jhrer nicht beduͤrffen. Andere Goͤtter votirten vñ ſagten / dz man die allermeiſte / maͤchtigſte vñ boßhafftigſte Menſchen außreuten vnd ver - brennen / vnd hinwider andere from̃e erſchaf - fen ſolte.
Letztlichen gab auch Apollo ſein Stimm vnd ſprach: Allerhoͤchſter Herꝛ / dein gefuͤhr - te klag wider die Menſchen iſt dermaſſen bil - lich vnd gerecht / daß man dir kein einige wi - der ſie vorhabende Raach abſchlagen kan / a - ber doch iſt darneben auch diſes zubedencken / daß / woferꝛn du die Welt zerſtoͤreſt / alles ver - gebens vnnd verlohren iſt / was du erſchaffen haſt: Man wuͤrde dirs auch fuͤr ein vnuoll - kommenheit außrechnen / wann du das jenig zerſtoͤrteſt / was du erſchaffen haſt / gleichſamb hetteſtu gejrꝛt vnd empfuͤndeſt ein Rew. Vil weniger wil dir gebuͤhren vnd wol anſtehen / daß du die Menſchen vertilgeſt / vnd widerum̃ newe erſchaffeſt / dann thuſtu es / ſo muſtu jnen einen freyen willen / oder keinen geben / gibſtu jhnen einen / ſo werden ſie eben alſo beſchaffen werden / wie die vorigen geweſt: Benimbſtujhnen37Der Landtſtoͤrtzer.jhnen den freyen willen / ſo werden ſie keine Menſchen ſein / vñ wuͤrdeſtu ein ſo groſſe ma - chinam deß Himmels / der Erden / der Ster - nen / deß Mohns / der Sonnen / vnd die com - poſition der Elementen / vergeblich erſchaf - fen haben. Dannenhero iſt ein notturfft / daß kein andere newerung fuͤrgenommen / ſonder nur ein heylſames remedium an die Hand genommen werde: Du / O allerhoͤchſter Herꝛ / haſt jhnen die Goͤttin Gluͤckſeligkeit ge - geben / auff dz ſie dieſelbe recht vnd wol brau - chen / vñ nit vndanckbar noch widerſetzig ſein ſolten / weil aber ſie dieſelbe mißbraucht vnnd vngehoꝛſamb woꝛden / ſo iſt billich / daß ſie ge - ſtrafft werden / vnd daß du zu ſolchem end jh - nen dieſelbe Goͤttin Gluͤckſeligkeit benem̃eſt / vnd jhnen an ſtatt derſelben die Vngluͤckſelig - keit zuſchickeſt / damit ſie alſo hinfuͤran jhre Armſeligkeit / vnd hergegen dein Macht vnd Ernſt ſehen vnnd erkennen. Darneben aber kanſtu nach allem deinem Goͤttlichen willen den wolverdienten Perſonen die Gluͤckſelig - keit vnd Wolfahrt beſcheren vnd mittheilen: Aber doch ſtehets in deinem Gefallen vnndC 3willen /38Der Landtſtoͤrtzer.willen / was du dißfals thun woͤlleſt.
Diſes war nun das votum oder gutach - ten Apollinis, vñ ob wol Momus ſich ſtarck befliſſe / mit ſeiner vergifften Zungen das ver - brechẽ der Menſchen zu exaggerirẽ, ſo erken - ten doch die andere Goͤtter ſeinen alten grol - len / neyd vnd feindſchafft wider das menſch - liche Geſchlecht / vnd lobten die meinung A - pollinis; derwegen befahl Iupiter dem Mer - curio die execution, derſelb verfuͤgte ſich alsbald hinab auff Erden zu den Menſchen / fand bey jhnen die Goͤttin Gluͤckſeligkeit / vnd ſahe / daß ſie nichts anders thaten / als eſ - ſen / trincken / ſpilen / tantzen vnnd froͤlich ſein / ſamb wuͤrde es ewigklich wehren. Aber Mer - curius ging heimblich zu der Goͤttin Gluͤck - ſeligkeit / zeigte jhr den willen vnnd befehl der andern Goͤtter an / vnd fuͤhꝛte ſie mit ſich hin - weg: Das verdroß die Menſchen / woltens verhindern / vnnd widerſetzten ſich dem Mer - curio mit aller macht. Als Iupiter diſen vnwillen vnnd rauffhandel ſahe / ſtig er vom Himmel herunder / vñ in deme die Menſchen ſich an den Kleydern der Goͤttin Gluͤckſelig -keit39Der Landtſtoͤrtzer.keit ſteiff hielten / zohe er ſie auß den Kleydern / ließ die Vngluͤckſeligkeit an jhr ſtatt vnnd in jhren eygnen Kleydern / vnd fuͤhrte ſie mit ſich gen Himmel: Dardurch wurden nun die Menſchen betrogen / dañ ſie vermeinten / daß ſie jhꝛ intent erhalten / vñ jre Goͤttin Gluͤck - ſeligkeit behalten hatten / aber das widerſpil befand ſich.
Eben diſer Jrꝛthumb der alten zeiten iſt auch gelangt auff diſe vnſere jetzige gegenwer - lige zeiten / dann es vermeinen die Menſchen / daß die Gluͤckſeligkeit allhie auff Erden ver - bliben / vnd daß ſie dieſelbe bey ſich haben / aber ſie jrꝛen ſich / dann ſie haben nur jhr bloſſes Kleyd / vnnd euſſerliche Figur / dann die Vn - gluͤckſeligkeit / muͤhe vnnd arbeit ſteckt mitten drin. Wann man einen fragt / wohin er ge - hen woͤlle? ſo gibt er mir zur antwort / ich ge - he in ein Hochzeit / oder zu einer Gaſterey oder Frewdenſpiel: Nun wolan / er gehet hin / er jſſet / trinckt / ſingt / ſpringt / tantzt / buelet vnnd hat einen guten muth / wann aber er widerum̃ heimb gehet / alsdann ſpricht er: O / wie bin ich ſo muͤd / wie ſchwitze ich? wie thut mirC 4der40Der Landtſtoͤrtzer.der Kopff ſo wehe? wie iſt mir der Magen ſo ſehr verſtellt? O wie hab ich mein Gelt ſo v - bel an woꝛden? O wie hab ich mein Gelt ſo ſchaͤndtlich verſpielt? O wie vbel iſts mir gangen mit diſer vnd jener ſchoͤnen Frawen? Alsdann / alsdann bekennt man / daß man nur das euſſerliche Kleyd der Gluͤckſeligkeit traͤgt / vnd daß die maſcara vns habe betrogen: E - ben: diſes iſt auch mir in meiner zarten Ju - gendt begegnet / dann als ich mich entſchloſſe in frembde Landen zu ziehen / imaginirte vnd bildete ich mir ſelbſt allerhand Gluͤckſeligkei - ten fuͤr: Jch ſahe den April / die ſchoͤnheit der Feldern / vnd die breite vnnd ebne Straſſen / vnnd vermeinte / daß ich auff denſelbigen nie - maln muͤd werden ſolte / daß auch ich in den Herbergen vnd Wirtshaͤuſern vmb ſonſt eſ - ſen vnd trincken wuͤrde: Vnnd im wenigſten wuſte ich was hinder den Wirthen ſteckte. Deßgleichen ſaͤhe ich die Vnderſchidlichkeit vñ hochheit der dingẽ / die voͤgel / Thier / Beꝛg / Waͤld / Staͤtt / Maͤrckt vnnd Doͤrffer / ſamb wuͤrde man mich aller orten auff den Haͤnden vmbtragen / Nichts anders bildete ich mirfuͤr /41Der Landtſtoͤꝛtzer.fuͤr / auß lauter Gluͤckſeligkeit vnd wolfarth / vnd vermeinte / daß ich aller orten mein Mut - ter antreffen wuͤrde / die mich zaͤrtlen / vnd ein Magd / die mir meine Kleyder abziehen / vnd mir dienen / vnd alle Morgen mein Fruͤhſtuck bringen wurde. Wer wolte vermeint ha - ben / daß die Welt ſo groß were? geſehen hat - te ich die Mappen / vnnd es gedunckte mich / daß die gantze Welt alſo beyſammen were: Wer wolte vermeint haben / daß mir die not - turfft maͤngeln wuͤrde[?]Keins wegs gedach - te ich / daß der Menſch ſo vilen muͤheſeligkei - ten vnderworffen were. Jch handelte wie ein einfaͤltiger junger Bub / O wie vil ding nam ich mir fuͤr / als ich auß der vorbemelten Herberg gehen / vnnd meinen Mantel dahin - den laſſen muſte: O wie gern hette ich auß den Egyptiſchen Fleiſchhaͤfen geſſen? Aber leyder / die gute Taͤg erkennt man erſt / wann ſie hin vnd verlohꝛen ſeind. Jch vnnd mein Mitgeſell gingen trawrig auß der Herberg / vnd waren trawrig auffm weeg / Er lachte vñ ſchertzte nimmer: Die zwen Prieſter / welche mit vns gingen / recitirten jhꝛe horas, vnndC 5ich42Der Landtſtoͤrtzer.ich betrachtete mein Vngluͤck / vnuerſehens a - ber ſahen wir vier reitende Schoͤrgen zu vns kom̃en / in meinung / einen jungen Buben / der ſeinem Herꝛn vil Kleynoder geſtohlen / nach zu eylen / vnd als ſie mich ſahen / vermeintẽ ſie daß ſie den rechten Geſellen ertapt hatten / griffen mich derwegen an / banden mir meine Haͤnd / vnd wolten mich hinweg fuͤhren / der - maſſen groß iſt die vnbeſcheidenheit / gꝛobheit vnd Tyranney der Schoͤrgen vnd Gerichts - diener: Letztlichen aber erjnnerten ſie ſich / daß der Bub / welchen ſie ſuchten / keinen Daumẽ an der lincken Hand hatte / vnd weil derwegen ſie an mir kein ſolches Zeichen / ſonder ſahen / daß ich gantze vnbeſchaͤdigte Haͤnd hatte / ſo lieſſen ſie mich widerumb frey vnd ledig / vnd ich kam wider zu meiner Geſellſchafft dem Eſeltreiber vnd den zwen Prieſtern.
Guſman wirdt durch einen from̃en Prieſter heylſamblich vnder - wiſen.
DER ein Prieſter ſchawte mich ey - gentlich an / hatte ein mitleyden mit meiner zarten Jugendt / vnd ſpꝛach: Mein Kind / ich ſihe vnd erkeñe die gꝛoſſe ge - fahꝛ vnd vnheyl / welches dir beuoꝛ ſtehet / dañ du biſt je noch ein junges Buͤbel / Vatter vnd Herꝛnloß. Damit derwegen du dich aller or - ten deſto beſſer huͤten vnd fuͤrſehen moͤgeſt / ſo merck auff mein Wort / vnnd folge meinem Rath. Vor allen dingen ſey Gottsfuͤrchtig / dann wirſtu dich in der Gottsforcht nit ſtaͤt vnd feſt halten / ſo wird dirs vbel gehen / allhie zeitlich vnd dort ewigklich. Auß diſer Gotts - forcht wird dir entſpꝛingen vnnd erfolgen die ſoꝛgfaͤltigkeit eines guten vñ reinẽ gewiſſens / Jtem dein eigne erkaͤntnuß / die demut / der ge - hoꝛſam̃ vñ die gedult / deßgleichẽ die ſobrietet Nuͤchterkeit vnd maͤſſigkeit / Jtem die Keuſch - heit, modeſtia vñ geſchaͤmigkeit Am andern huͤte dich voꝛ allẽ vñ jeden ſuͤnden / vñ gedenck / dz du in deinem ſuͤndigẽ niemaln alleinig ſey - eſt / ſonder daß Gott bey dir iſt / welchen du er - zuͤꝛneſt / dz die Engel bey dir ſeind / die du betruͤ. beſt / dz die Teufel bey dir ſeind / die du eꝛfreweſtdaß44Der Landtſtoͤrtzer.daß die Creaturen bey dir ſeind / die du inqui - nireſt, vnd dz das gewiſſen bey dir iſt / welches du beleidigeſt vnd verwundeſt. Dreyerley guͤ - ter hat der Menſch von GOtt empfangen / nemblich die Guͤter deß Gemuͤts / die Guͤter deß Leibs / vnd die Guͤter deß Gluͤcks / alle die - ſelbige verliereſtu durch begehung einer ſuͤnd / vnd macheſt dich ſelbſt zu einen Sclauen deß Teuffels.
Drittens huͤte dich vor boͤſer geſellſchafft / wie voꝛm hoͤlliſchen Fewꝛ / dañ wer das Bech beruͤhret / der wirdt daruon beſudelt / ſonder ſchlage dich allzeit zu den Frommen / vnd hab gemeinſchafft mit den Freunden Gottes / dañ mit den Heiligen wirſtu heilig / vnnd mit den vnſchuldigen vnſchuldig ſein / vnd durch jhre heylſame Lehꝛ vnd warnungen / wirſtu abge - halten werden von deinem boͤſen vorhaben / vnd durch jhꝛ Exempel / wirſtu ermahnt zum guten.
Viertens rathe ich dir / daß du dich enthal - teſt der gemeinſchaft der vnkeuſchen Weiber / dann nur einem einigen iſts mit jhnen wol er - gangen / vñ derſelb ward gehenckt. Beſchließ -lichen45Der Landtſtoͤrtzer.lichen / gedencke offtermals an den Todt / vnd daß du / ob ſchon du noch jung biſt / doch ent - weder bald oder ehender / denn du vermeinſt / ſterben werdeſt: Betrachte den Spruch Sa - lomonis: Lætare iuuenis in adoleſcentia tua, & in bono ſit cor tuum, in diebus iu - uentutis tuæ: & ambula in viis cordis tui, & in intuitu oculorum tuorum: & ſcito quia pro his omnibus adducet te Deus in iudicium: Als wolte er ſagen: Ob ſchon du noch jung biſt / ſo ergib dich doch nicht den Laſtern / Eytelkeiten vnd Leibs wol - luͤſten / dann GOtt wirdt dich vor Gericht ſtellen / ſtrenge Rechenſchafft von dir fordern / vnnd dich ſtraffen nach deinen Verdienſten: Vmb wie vil mehr auch du dich in den wol - luͤſten erhoͤcht vnnd erluſtigt haſt / vmb ſo vil deſto mehꝛer vnd groͤſſere Marter vnd Qual wirdt dir angethan werden.
Diſes waren die Wort deß from̃en Prie - ſters / vnnd wolte GOtt / ich hette ſie zu Her - tzen gefuͤhꝛt / vnnd behalten / aber ich war noch vil zu jung vnd wild / ſie zu faſſen.
Guſman dienet einem Wirth auffm Gey.
MJt obbemelter meiner Geſellſchafft raiſte ich zwoͤlff meil wegs / vnd weil mein Beutel allbereit laͤr / vnd mein Leib vnd Glieder muͤd vnnd math woꝛden / ſo ging es mir eben wie einem krancken oder kre - tzigen Hund / welcher von allen Hunden ange - bellt wird / vnd der jhnen allen die Zaͤhne zeigt / aber doch niemande beiſſet: Dañ die muͤheſe - ligkeiten vmbgaben mich / jederman ſtach auff mich / vnnd ſpottete meiner / ſeytemal ich kein Gelt hatte / damals erkeñte ich / was ein haͤller ſeye / vnd was geſtalt der jenig / der jhne nit ge - wiñet / ſeiner nit achtet / wie auch ſeinen werth nit weiſt / ſo lang jhm nichts mangelt: Diſes war nun das erſte mal / dz ich der laidigen Ar - mut vnder Augen ſahe: damals erkente ich jre Ziffer / aber hernacher betrachtete ich jre effe - cten vnnd wirckungen / was nemblich ſie fuͤr ſchaͤndliche ding begehe / wz ſie fuͤr boͤſe einbil - dungẽ veꝛuꝛſache / wz ſie fuͤꝛ vnehꝛ vñ boͤſe ſtuckſolli -47Der Landtſtoͤrtzer.ſollicitire, vnd was ſie fuͤr vnmuͤgliche ding ſich vnderfahe. Damals ſahe vnd befand ich / wz maſſẽ vnſere mutter die natur ſich mit gar wenigẽ laͤſt benuͤgen / vñ ob ſie ſchon menigli - chẽ vil gibt / doch niemand zu friden iſt / ſonder ſein noth vñ armut beklaget. Jch ſahe klaͤrlich was geſtalt das widerwertige Gluͤck die Men - ſchen fuͤrſichtig machet: Damals gedunckte mich / daß ich ein newes Liecht ſahe / dann wie in einem klaren Spiegel repræſentirte ſich mir das vergangne / das gegenwertige / vnd dz zukuͤnfftige: Biß dato war ich gleichſamb nur ein junges Fuͤllel / einer Witfrawen Sohn vñ ein verwent es vbel / vnderwiſenes Kindt ge - weſt / das Alter / der verſtand vnd die erfahren - heit gingen mir ab / vnd das aller aͤrgiſte war / daß ich keinen einigen Menſchen hatte / der mir etwan einen guten Rath hette gegeben / derwegen wuſte ich je nit / was ich thun ſolte / Nicht gern wolte ich weiter fort reiſen / dann ich hatte kein zehrung: Widerumb zu ruck zu gehen / ſchaͤmte ich mich / O wie vil Menſchen hab ich verderbẽ ſehen wegen deß bloſſen ſche - mens / O wie vil feine Jungfrawẽ habẽ vnder -laſſen48Der Landtſtoͤrtzer.laſſen Jungfrawen zu ſein / O wie vil außge - lihenes Gelt wirt verlorẽ / keiner andern vꝛſa - chen halben / als weil man ſich ſchemet / es wi - derumb vom Freund abzufordern. Die vere - cundia oder geſchaͤmigkeit iſt beſchaffen wie ein geſtricktes Netz / welches / wann ein einiger Faden bricht / alsdann alles auffgeloͤſt wirdt: Wann derwegen einer das ziel der verecun - diæ oder Geſchaͤmigkeit einmal hat vber - ſchritten / alsdann ſchaͤmet er ſich hernacher nimmer / diſer vrſachen halben hatte ich mein Ehr in obacht / vnnd weil ich meinen Mantel allbereit verlohren hatte / ſo wolte ich ohne denſelben nicht wider zu ruck anheimbs kom - men / ſonder weil ich mich einmal entſchloſ - ſen hinweg zu ziehen / ſo hielte ich dz wider zu - ruck ziehen fuͤr ein ſchandt / ſonder nam mir fuͤr / fort biß gen Madril zu gehen / allda da - mals alles florirte vnd erfuͤllt war mit groſ - ſen Herꝛen / Prælaten vnnd Edelleuten: Der Koͤnig war auch noch jung / vñ hatte erſt new - lich geheurat: Es gedunckte mich / daß man ſich vmb mein feine vnnd ſchoͤne Perſon ſehr reiſſen / vnd ein jeglicher mich gern haben vndannem -49Der Landtſtoͤrtzer.annemmen wuͤrde. O wie vil vnnd ſeltzame ding begegnen den einfaͤltigen jungen Leuten / O wie weit ſeind die gedancken von den wer - cken: O wie leichtlich nimbt jhm der Menſch etwas fuͤr / aber ſehr ſchwerlich richtet ers zu Werck: Damals bawete ich Schloͤſſer im Sandt / ich machte mir fantaſtiſche chyme - ras, vil ding nam ich mir fuͤr / aber es ging al - les zu ruck / vnd gewann den Krebsgang: Alle meine imaginationes, einbildungen vñ fuͤr - ſatz waꝛen eytel / vergeblich vnd ein betrug / dañ ich bawte auff den Sandt / vnd nicht auff die Gottsfoꝛcht / ich wuſte nit / was Gottsforcht war / vnd meine Eltern hatten mich nit drin vnderwiſen / noch darzu erzogen / derwegen bettete ich weder deß Morgens noch deß A - bends / vnd hoͤrte niemaln Meß: Weil dann das Fundament aller meiner Anſchlaͤg vnnd vorhaben boͤß war / ſo iſt kein wunder / daß jh - re effecten vnnd wirckungen laͤr außgingen. O wie gluͤckſelig ſeind die Kindeꝛ / denen Gott jhre Eltern ſo lang leben laͤſt / von denen ſie Gottsfoͤꝛchtiglich erzogen werden / vnnd ſo weit kommen / daß ſie jhre Nahrung ſelbſt ge -Dwinnen50Der Landtſtoͤrtzer.winnen koͤnnen / vnd nit gezwungen werden / den frem̃den in die haͤnd zu ſehen / vnd hin vnd wider elendiglich vmbzuſtoͤꝛtzen. Jnmaſſen mir widerfahren / dañ als ich meinen weg foꝛt reiſẽ wolte / ſahe ich zwen Fuhrleut voꝛan fah - ren / denen eylte ich nach / biß ich ſie ertapte / vñ ſampt jhnen in die Herberg kam: Daſelbſt de - muͤtigte ich mich / halff jhnen jre Roß abſpan - nen / in den Stall fuͤhren vnd fuͤtern in hoff - nung / ſie wuͤrden mir etwann ein ſtuck Brot geben / aber ſie waren vil zu geitzig vnnd vn - barmhertzig / vnd gaben mir nichts / vnangeſe - hen ich mich / als ſie am Tiſch ſaſſen / ge - rad gegen jhnen vber auff einen block nider - ſetzte vnd jhnen ſuͤndlich zuſchawte: biß letztli - chen ein Barfuſſer kam / vnd ſich niderſetzte / Brot vnd Speck auß ſeinem Sack herfuͤr zo - he / vnnd ſein Mahlzeit verrichtete. Vnd weil ich jhne auß lauter ſcham oder verzagtheit nit bitten doꝛffte mit Woꝛten / ſo bate ich jhne mit den Augen / deß er mir doch vmb Gottes willen ein biſſel Brots mittheilen wolte: Der fromm Muͤnch verſtundt mich geſchwindt / vnnd theilte mir trewlich mit / alles was erhatte:51Der Landtſtoͤrtzer.hatte: Dardurch ward ich dermaſſen ge - ſterckt / daß ich meinen weg foꝛt paſſieren kon - te / vnd als ich deß Abends in die Herberg kam / begerte der Wirth zwen Kreutzer fuͤr die Nachtherberg / aber weil ich nichts hatte zu zahlen / ſo fragte er mich von wañen ich were / vnd ob ich nicht luſt hette jhm zu dienen? Jch gab jhm zur antwoꝛt: Ja / gar gern: Jch blib ein zeitlang bey jhm vnnd lehrnete / wie man den Habern mit warmem waſſer netzen ſolle / damit er auffgeſchwuͤlle / Jtem wie man jhne faͤlſchlich meſſen / mit doppelter Kreiden an - ſchreiben / den Wein buttern / vnnd die Gaͤſt ſchinden vñ vbernemmen ſolte: Deßgleichen erfuhꝛ ich / dz die Wein ſchwim̃en koͤñen / dañ ſonſten ertruncken ſie / weil die Wirth ſo vil Waſſer zu gieſſen. Jhꝛer vil vnd zwar die ver - ſtaͤndigſten / bezahlten ohne Widerꝛed alles wz wirfoꝛderten / ſamb waͤre es ein Gebott der Obrigkeit / dann die wort der Wirthen ſeind gleichſam̃ ſententiæ diffinitiuæ, darwider hilfft kein ſuppliciren noch repliciren, Sonder es heiſt: Thu den Beutel auff / vnnd zahle. Etliche andere verwaigertenD 2ſichs /52Der Landtſtoͤrtzer.ſichs / aber es halff nichts / dann die Schoͤꝛgen ſeind geſchwind verhanden / vnnd machen jh - nen ein boͤſes ſpiel: O was fuͤr Tyranneyen / Buͤbereyen / vnuerſchambtheiten / Diebereyẽ / Schindereyen vnnd Boßheiten gehen in den Wirtshaͤuſern fuͤr / man foͤꝛchtet weder Gott noch die iuſtici wegen der ſo groſſen ſchin - dereyen der Wirthen / werden entweder biß - weilen die Straſſen gar vmbgangen / oder die Kauffmanſchafft gar eingeſtelt / dann ſie ſeind ſchier nichts anders / als offentliche Dieb vnd Rauber: Jch ſelbſt habs mit meinen Augen geſehen / habs erfahꝛen vnnd darzu geholffen: Nichts weꝛe ſchier nothwendiger / als eben ein gute reformation der Wegen / Prucken vnd ſonderlich der Wirtshaͤuſer.
Guſman kombt gen Madril / vnd wirdt ein Picaro, oder ein Schwa - rack.
DAs vnruͤhige vnd gottloſe Leben der Wirthſchafft gefiel mir je lenger jeweni -53Der Landtſtoͤrtzer.weniger / dann es kamen bißweiln junge Kna - ben zu vns zur Herberg / dern etliche hatten Gelt / etliche hatten keins / etliche bettelten vnd zohen alle foꝛt. Da gedachte ich bey mir ſelbſt: Guſman / was macheſtu? warumb biſtu ſo gar verzagt? warumb verligſtu dich allhie bey diſem ſchinderiſchen Wirth? warumb zeuchſtu nit auch weiter? warumb trachteſtu nit auch nach anderm vnd mehrerm: Letztli - chen zeigte ich dem Wirth vnnd ſeiner Arbeit die Feygen / zohe von jhm / vnnd als ich mein bey jhm erobertes Gelt verzehꝛt hatte / fing ich an zu betteln / weil aber eben damals der liebſe - lig Getraidt vbel gerathen / vnnd aller Orten ein groſſe Thewrung verhanden war / ſo gab man deſto weniger Almuſen. Weil dann das bitten vnnd begeren mir wenig halff / ſo ward ich gleichſamb gezwungen / mein Kleyd anzu - greiffen / vnd meiſten theils zu verkauffen / dañ es heiſt: vt vitam redimas, Schuch / Bruch & omnia vendas. Dannenhero als ich gen Madril kam / befandt ich mich nur in einem bloſſen Hemmet / vnd ſo gar war daſſelb aller - ding zerꝛiſſen vnd vnflaͤtig / vnd ob derwegenD 3ſchon54Der Landtſtoͤrtzer.ſchon ich gern etwan einẽ Herꝛn gedient het - te / ſo wolte mir doch niemand trawen / dann man hielt mich fuͤꝛ einẽ Picaro oder Schwa - racken / der kein nutz were. Das verurſachte mich / daß ich mich in die loͤbliche Picariſch - zunfft oder geſellſchafft begab / dañ die ſcham hatte ich allbereit auffm weg verlohꝛen / dann weil ich zu Fuß gehen muſte / ſo war ſie mir vil zu ſchwer zu tragen / derwegen ließ ich ſie fah - ren / vñ bekleidete mich mit der vnuerſcham̃t - heit / dann vnmuͤglich iſts / daß der hunger vñ die ſcham gute fꝛeunde vnd beyſammen ſeyen: Diſer vꝛſachen halben ſchlug vñ verfuͤgte ich mich zu etlichen andern jungen Knabatzen meines gleichen / halff jnen arbeiten / folgte jh - nen in allen dingen / thate wie ſie / ging auch mit jhnen hin vnd wider betteln / vnd ſamblete vil Realn. Darneben vnderwiſen ſie mich in allerhand Karten: vnnd Wuͤrffelſpieln der - maſſen / daß ichs ſchier den Eltiſten beuoꝛ tha - te. Diſes Picariſche oder ſchwarackiſche Le - ben gefiel mir ſo gar wol / daß ichs keins wegs gegen dem vorigen vertauſcht hette: Jmmer - dar ſpeculirte vñ ſubtiliſirte ich in meinemverſtandt55Der Landtſtoͤrtzer.verſtand je laͤnger je mehꝛ / vñ ſahe / was geſtalt man mit einem ſchlechten anfang vil guts zu - ſam̃en bꝛingen / vnd ohne begeren / reich werdẽ konte / dañ fuͤrwar / wer erſt andern Leuten in die Haͤnd ſehen muß / der jſſet das Brot deß Schmertzens vnd Bluts / vnangeſehen jhms ſo gar ſein leiblicher Vatter gebe.
Diſe herꝛliche freyheit deß Lebens gefiel mir trefflich wol / derwegen accommodirte vnd gewehnte ich meinen Rucken zum Puttẽ oder Kraͤtzen tragen: ſehr groß iſt die Bruͤder - ſchafft der Eſeln / ſeytemal ſie ſo gar die Men - ſchen in jre geſellſchafft einlaſſen / vñ der maſſẽ hoͤflich ſeind / dz ſie verwilligen / daß die Men - ſchen jre vnſauberkeitẽ außtragen / vnd ſie vi - ler muͤhe vberheben. Vnnd ob ſchon / omne principium graue, der anfang aller guten dingen ſchwer iſt / ſo wirds doch alles leichter / wann man nur beſtendiglich beharꝛet: Jch ge - wehnte vnd ſchickte mich allgemach dermaſ - ſen in diſes Picariſche Leben / daß es mir auß - buͤndig wol ſchmeckte / dañ zu meiner vnd’hal - tung bedoꝛffte ich weder eins fingerhuts / noch einer Nadel / noch einer Zangen / noch einesD 4Ham -56Der Landtſtoͤrtzer.Hammers / noch einer Axt / ſonder ich brauch - te nur ein bloſſe Putte / Kraͤxen oder Korb / vnd war aller ſorgen frey.
Offt gedachte ich an das Leben meines Vatters / was geſtallt nemblich derſelb ſampt dem Zolner Matthæo am Zoll oder auff der Wechßelbanck / wie ein Cederbaum / mitten vnder den Doͤꝛneꝛn / geſeſſen / vnd meniglichen mit ſeinen wucheriſchen haͤndeln vil muͤh vñ arbeit gemacht / vnd verurſacht hatte. O wie vil Kaufleut ſitzen noch heutiges tags ſam̃t dẽ Matthæo am Zoll in einem Seſſel / ſaugen frembdes blut / werffen jhꝛe Angel auß / vnd fi - ſchen dz Gelt auß allen Staͤtten vnd Landen: O wie vil Rechtsgelehꝛten ſitzẽ in jꝛen Seßln / durchkucken vnd durchblettern jhre Buͤcher / ſpitzen jhꝛe Feder / vnnd erobern mit ſchlechter muͤh ein jaͤmmerlichs Geltwerck: Warumb thun ſie es aber? wohin zielen die Kauffleut / was iſt jhr intent vnnd meinung / wann ſie alſo mit dem Judenſpieß rennen / vnnd ande - re Leuth betriegen? Was haben etliche an - dere im Sinn / welche erſt geſtern auß den ho - hen Schulen kommen / heut aber das Landregie -57Der Landtſtoͤꝛtzer.regieren / hohe Haͤuſer bawen / vnnd ſtattliche Herꝛſchafften kauffẽ? Fuͤrwar / nichts anders ſuchen / ſoꝛgen / dichten vnd trachten ſie / als dz jre Neſter in der hoͤhe ſtehen moͤgen. O wie ſe - lig aber weren ſie / wañ ſie ſich mit jrem mitel - maͤſſigen ſtand / darin Gott ſie geſetzt / benuͤgẽ lieſſen / vñ mit gutem ruͤhigen Gewiſſen leben theten: Aber leyder / weil die begeren Edelleut zu ſein / vñ ſehꝛ hoch zu ſteigen / ſo geraichts jh - nen bißweilen zu groſſer zeitlichen Soꝛg vnd ewigen quaal / malam enim telam & con - fuſionem domui ſuæ orſi ſunt. O wie gefaͤhrlich iſt die Ehꝛ zu erlangen / wie ſchwer - lich zu erhalten / wie muͤheſamblich zu tragen / vnnd wie leichtlich zu verlieren / vnnd nicht deſto weniger reiſſet man ſich dermaſſen dar - umb / als muͤſte man durch ſie ſelig werden: Deſſen allen waꝛ ich bey meinem Picariſchen oder Bernhaͤutiſchen Leben allerdings vber - hebt / war ſorgloß / vnnd beſaß die edle Frey - heit / welche von den Gelehrten ſo ſehꝛ ge - lobt / von vilen verlangt / vnnd von den Poeten beſungen wird / vnd gegen dern alles Goldt vnnd Reichthumb der Erden nit zu -D 5ſchetzen58Der Landtſtoͤrtzer.ſchetzen iſt. Diſe edle freyheit hatte ich / kondte aber ſie nit behalten / noch die gute tag laͤnger tragen / ſonder begab mich in einen andern / a - ber doch nit vil ehꝛlichern ſtandt / dañ ich waꝛd ein rotziger vñ ſchmotziger Kuchelratz / wie im nachfolgenden Capitel zu vernemmen.
Guſman dienet fuͤr einen Kuchel - buben / fahet an / ſich mit der vnbegerten Arbeit / das iſt / mit ſtehlen / zu ernehꝛen.
ALs ich mich ein zeitlang gewehnt hatte / allerhand Buͤrd vnd laſt auffm rucken zu tragen / vñ ich nunmehr / wegen mei - ner trew vñ fleiſſes / wolbekant woꝛden / ſchick - te mich einsmals eines Grafen Einkauffer / mit etlichen eingekaufften Speiſen in ſeines Herꝛn Hauß / vnd vberꝛedete mich / dz ich mei - nen Picariſchen / beꝛnheutiſchen odeꝛ ſchwaꝛa - kiſchen ſtand verließ / vñ mich in ſeines Herꝛn Kuchel gebrauchen ließ / dann er verhieß mir / daß er mich von dannen in deß Koͤnigs dienſtbefuͤr -59Der Landtſtoͤrtzer.befuͤrdern / vnd zu einem Herꝛn machen wolte. Der Graf nam mich an / dañ ich kondte auß - buͤndig wol ſchwetzen / diente jhm anfangs gantz fleiſſig / verhielte mich auch gegen allem Haußgeſindt dermaſſen / daß mich jederman lieb gewan / dañ nit allein war ich willig / ſon - der auch ſtill vnnd verſchwigen / wann man auch mit mir greinte / ſo ſchwig ich ſtock ſtill / derwegen ſchenckte man mir hin vnnd wider ſo vil Kleyder vnnd Gelts / daß ich meinen nackenden Leib gar luſtig widerumb bedeckte / vnd am Sontag einem erbarn jun - gen Menſchen gleich ſahe: Vnd dz beſte war / daß ich darneben mein Beſoldung vnd Koſt - gelt erſparte / aber das aͤrgiſte war / daß man mich zuuoꝛ im Picariſchen Leben hatte ſpielen gelehꝛt / dannenhero verkauffte ich anjetzo al - les / was ich erſparen kondte / vnnd verſpilte es fein ſauber bey einem biſſen. Jm Ambt oder in meinem Kucheldienſt ward ich in kur - tzer Zeit gleichſamb ein Doctor, aber im ſpilen war keiner vber mich / vnnd weil mein Koſtgelt vnnd Beſoldung mir zum ſpilen nicht erkleckte / ſo ſuchte ich etwas anders /vnd60Der Landtſtoͤrtzer.vnnd hieß alles mit mir gehen / was ich im Hauſe ſahe / aber doch mit einer ſolchen Be - ſcheidenheit vnnd ſubtilheit / daß mans nit ge - war ward.
Einsmals begegnete mir ein artlicher poſ - ſen / dann mein Herꝛ der Graf brachte auff ein zeit etliche Bacchus vñ bon tempo, oder Sauffbruͤder mit ſich heimb / vnd weil er ein ſonderbarer guter Kanten muſicus war / vnd nit nachließ drin zu ſingẽ vñ zu blaſen / biß jm der Flaſchen humor in Kopff ſtieg / ſo mach - te ich jhnen geſchwind ein gute Collatzen von guten Zapfraͤſſen Wuͤrſten vnnd Weinzie - henden Speiſen / darauff ſchmeckte jhnen der Wein dermaſſen wol / dz ſie nit wuſten wie ſie letztlichẽ von einander geſchiden. Mein Herꝛ vñ Fraw legten ſich vnuerſehens ins Beth / dz Hauß blib offen / der Tiſch gedeckt / vnnd das Silbergeſchirꝛ blib drauff ſtehen. Jch befand mich damals in meiner Kuchel / vnd verꝛich - tete mein Arbeit / als ich aber vermerckte wie es zugangen war / ſo verfuͤgte ich mich in aller ſtill in den Saal / folgends in die Silberkam - mer / vnnd ſahe / daß das Silbergeſchirꝛ theilsnoch61Der Landtſtoͤrtzer.noch ordentlich ſtund / theils aber hin vnd wi - der zerſtrewtlag. Vnder andern aber lag ein ſilberne Schuͤſſel auff der Erden / die ſahe mich gar ſuͤndtlich an / vnnd bate mich gleichſamb / daß ich mich vber ſie erbarmen / auffheben vnnd zu mir nemmen wolte: Das thate ich nun / hebte ſie auff / nam ſie zu mir / vnnd ging in aller ſtill daruon / ohne daß es mein Herꝛ vnnd Fraw gewar wurden / dann ich ſahe / daß ſie im Wein begꝛaben lagen: Jch hette jhnen gern ein Poſſen geriſſen / vnnd jh - nen jhre Fuͤß an die Bethſtatt gebunden / a - ber es gedunckte mich / daß die ſilberne Schuͤſ - ſel beſſer were.
Deß Morgens fruͤ maͤngelte mein gnedi - ge Fraw alsbald der ſilbernen Schuͤſſel / kam zu mir in die Kuchel / vñ durchſuchte alle win - ckel: Jch fragte ſie / was ſie doch ſuchte? ſie antwortet mit weinenden Augen: Ach Guſ - maͤndl / daß Gott erbarm / ich maͤngle einer ſilbernen Schuͤſſel / was wird mein Herꝛ dar - zu ſagen / wofern ſie verlohren iſt: Jch hatte mit jhrem weinen durchauß kein mitleyden / dann man ſagt / daß / wann ein Weib weinet /man62Der Landtſtoͤrtzer.man alsdann eben ein ſolches mitleiden mit jhr tragen ſolle / wie mit einer Ganß / welche mitten im Winter barfuß im Waſſer vmb - zeucht: Aber doch ſtelte ich mich ſehr mitlei - dig / troͤſtete ſie / vnnd erbotte mich / daß ich ge - ſchwind hin zu etwan einem Goldtſchmidt gehen / vnnd ein andere dergleichen Schuͤſſel kauffen / wie auch etwan einen guten Freund finden wolte / der das Gelt darfuͤr herlihe. Mein gnedige Fraw bedanckte ſich gegen mit wegen diſes guten Raths / vnd bate mich / daß ich doch geſchwindt hingehen / vnd es alſo zu werck ziehen wolte. Jch ging zwar alsbaldt hin / nam die geſtohlene Schuͤſſel zu mir / brachte ſie einem Goldtſchmidt / vnd bate jh - ne / daß er ſie geſchwindt ein wenig renoui - ren vnnd verneweren thete / ich gab jhm fuͤr ſein benuͤgung zwen Real / brachte meiner Frawen die gleichſamb newe Schuͤſſel vnnd ſprach: Gnedige Fraw / zu allem vnſerm Gluͤck hab ich ein Schuͤſſel beym Goldt - ſchmidt angetroffen / die wigt ſiben vnnd funfftzig Real / vnnd er fordert fuͤr ſein Arbeit weniger nicht / als acht Real. Wer war froͤherals63Der Landtſtoͤrtzer.als die Fraw? Das Gelt zahlte ſie mir als - bald baar auß / nam die Schuͤſſel zu ſich / vnd erſetzte darmit den verſpuͤrten mangel. Diſer geſtallt verkauffte ich jhr jhre eygne Schuͤſſel / ſamb hette ich ſie nit geſtohlen: Sie war froh vnnd ich war nicht trawrig / dann ich vber - kame dardurch vil Gelts: Das blib aber nicht lang bey mir / dann wie es war ge - wunnen / alſo iſt es Entrunnen / Dann in einem einigen Abend verſpielte ich alles mit - einander / vnnd es blibe mir kein Haller im Beutel.
Nicht allein behalff ich mich diſer geſtalt mit ſtehlen / Sondern auch der Einkauf - fer / der Kuchelmeiſter / der Kellermeiſter vnnd alle andere Officier ſtahlen vnnd raub - ten heimlich alles / was ſie jmmer zuwegen bringen kondten / an Fleiſch / Wein / Ge - fluͤgelwerck / Gewuͤrtz / Eſſig / Traidt / Mehl / Kertzen / Holtz / dann jhre Beſoldung warklein / vnnd kondten derwegen ſich vnnd jhre Baͤſel nicht darmit ernehren / Der - wegen iſts nit allzeit gut / daß die Herꝛen jh - ren Dienern ein ſo gar kleine Beſoldunggeben /64Der Landtſtoͤrtzer.geben / dann ſie gewinnen dardurch Vrſach zum ſtehlen. Mit deme / was ſolche Officier jhren Herꝛn ſtehlen vnd abtragen / koͤndten ſie ſechs Diener gratificiren: vnnd ob ſchon die Herꝛn vermeinen / daß ſie ſehꝛ geſcheid ſey - en / vnd auf alle ſachen dermaſſen fleiſſig mer - cken / daß nit muͤglich ſeye / ſie zu betriegen vnd zu beſtehlen / ſo ſeind doch die Officier vil ge - ſcheider / liſtiger vnnd verſchlagener / vmb wie vil mehꝛ auch ſie vermercken / daß man jhnen nit trawe / vmb ſo vil deſto mehr befleiſſen ſie ſich deß ſtehlens vnd abtragens. O wie offt vnd vilmals hab ich deß Mundtkochs Hauß - fraw die allerbeſte Paſteten / Torten vnd an - dere gute Biſſel muͤſſen zu Hauß tragen: O wie offt hab ich auß befehl deß Kelners / groſſe Flaſchen deß allerbeſten Weins vnd Malua - ſier muͤſſen hin vnnd wider zu ſeinen guten Freunden vnd Baͤſeln / ꝛc. tragen? Weil ich dann ſahe / daß meine Obrigkeiten ſolches thaten / vnnd daß jederman ſtahl / ſo ſtahl ich auch / vnnd weil ich mich vnder den Woͤlf - fen befand / ſo vermeinte ich / daß ich ſampt jh - nen muͤſte heulen. Mein beſte vbung war da -mals65Der Landtſtoͤrtzer.mals das ſtehlen vnd ſpielen: Einsmals aber als ich biß in die Mittenacht ſaß vnd ſpielte / vnd wir mit einander vneins wurden vnd ru - morten / hoͤrte es vnſer Herꝛ der Graf / nam einen duͤrꝛen Pruͤgel / vnnd ſchlug vns den Staub dermaſſen auß den Kleydern / daß vns ſtarcke Puͤndtl auffm gantzen Leib auflieffen / dardurch fing ich von derſelben zeit an / mei - nen credit vnd guten Glauben bey jhm zu - uerlieren / vnd je laͤnger je weniger bey jhm zu gelten / zumaln weil ſich noch ein anderer fall begab / daruon im nachfolgenden Capitel mel - dung beſchehen ſoll.
Was dem Guſman / als einem Ku - chelbuben / fuͤr ein wercklicher Poß widerfahꝛen.
NJl iſts / wann einer ſich ernehren kan mit ſeiner Arbeit / aber vilmehr iſts wann einer mit tugendt das jenig kan behalten / was er hat gewunnen. Gewinnen kondte ich mein Brot / vnnd hatte allbereit einEgutes66Der Landtſtoͤrtzer.gutes Lob vnd vertrawen bey meinem Herꝛn erlangt / aber ich verluhꝛs gaꝛ bald durch mein boͤſes verhalten / dann was andere Diener im Hauſe thaten / das thate ich auch: Etlich Dieb ſeind dermaſſen gluͤcklich / daß ſie alt ſterben / andere aber ſeind ſo gar vngluͤckſelig / daß ſie wegen deß erſten Diebſtahls in der zarten ju - gendt gehenckt werden: Andere meines Herꝛn Diener ſtahlen in groſſo, vnnd wurden reich dardurch / ich aber zwickte vñ zwackte meinem Herꝛn nur hin vñ wider etwz wenigs ab / vnd blib doch arm darbey / wz derwegẽ bey andern ein laͤßliche Suͤnd war / das muſte an mir ein Todtſuͤnd ſeyn: Jch ſahe nit auff mich ſelbſt / ſonder nur auf andere / vnd ich vermeinte / daß mir das ſtehlen eben ſo frey waͤre / als jnen / im wenigſten betrachtete ich / dz ſie allbereit drin eraltet vñ anſehenlich waren / ich aber nur ein ſchlim̃er picaro vñ Bernhaͤuter war. Nit ge - dachte ich / dz dißfals nur die reichẽ / die mech - tigen / die auffgeſchwollnen / vnd hoffertigen / welche die lachrymas crocodili fellen / vnd nit mit dem Mundt beiſſen / ſonder mit dem ſchwantz verwunden / Jtem die Schmeichlervnd67Der Landtſtoͤrtzer.vnd Fuchsſchwaͤntzler / priuilegirt ſeyen / vnd daß jhnen alles / was ſie thun / wol anſtuͤnde / aber daß es mir vnnd meines gleichen armen Tropffen fuͤr ein ſacrilegium crimen læſæ Maieſtatis auffgenom̃en werde: Jn ſumma / ich armer junger Schelm muſte jrer aller ent - gelten / vnd die Zech fuͤr ſie zahlen.
Dañ es begab ſich eins mals / daß mein Herꝛ einen frembden Fuͤrſten zu gaſt geladen / vnnd zu ſolchem end außzohe / vnd ſelbſt allerley ge - fluͤgelwerck procurirte vnd zu Hauß ſchickte / derwegen befahl mir mein gnedige Fraw / daß ich ſolches Gefluͤgelwerck fleiſſig vnd ſauber butzen / vnd in der Speißkam̃er ordenlich auf - hencken ſolte / jnmaſſen auch beſchahe. Nun war es damals ein ſehꝛ warme zeit / derwegen vnnd nach verꝛichteter meiner arbeit / zohe ich mir meine kleideꝛ ab / vñ legte mich nackent ni - der / dañ die kleine thierlein od’ wuͤrmlein / wel - che man ſonſtẽ Leuß vñ floͤch neñet / lieſſen mir kein ruh. Jn wehꝛendẽ meinem beſtẽ ſchlaffen hoͤꝛte ich ein jaͤm̃erlichs ſcharmuͤtzeln vñ reiſ - ſen der Katzen / welche an einem Schaͤfenen ſchloͤgel bancketirten vñ zechten / dañ es habenE 2die68Der Landtſtoͤrtzer.die Katzen ein boͤſe art vnd eygenſchafft / vnnd nit weiſt man wañ ſie content ſeyen / ſonder / allermaſſen wie die alte Maͤnner / koͤnnen ſie nit ſtillſchweigendt oder fridlich eſſen / ſonder murꝛen / gꝛonen vnd greinen jmmerdar. Diß Katzen getuͤmmel weckte mich auf / da gedach - te vnd beſorgte ich / daß die Katzen villeicht in die Speißkammer vber das Wildtpraͤt kom - men waͤren: derwegen ſprang ich geſchwind nackendt vnd bloß auß dem Beth / vnd rum - pelte in aller eyl die Stiegen hinab / in mei - nung / meinem Wildtpraͤt zu huͤlff zu kom̃en: Aber mein gnedige Fraw / welche laͤngſt vor mir ſchlaffen war gangen / war vil geſchwin - der auß dem Beth / weder ich / dann ſie hatte das getuͤmmel / reiſſen vnd beiſſen der Katzen alsbaldt vernommen: derwegen ſaumbte ſie ſich nit lang / vergaß in ſolcher eyl vnnd noth jhꝛer Kleyder vnd Hemmets / lieff Mutterna - ckendt herfuͤr / vnd hatte nur ein Wachsliecht in der Hand. Jhre vnd meine gedancken vnd voꝛhaben waren einerley / vnnd zwar in cauſa propria: Mitten auff dem Fletz kamen oder ſtieſſen wir beyde zuſammen: Sie erſchrackals69Der Landtſtoͤrtzer.als ſie mich in ſolcher geſtalt ſahe / vnd ich er - ſchrack / als ich ſie alſo ſahe: Sie vermeinte daß ich etwan ein Geſpaͤnſt were / derwegen ließ ſie die Koͤrtze fallen / vnd fieng an vberlaut zuſchreyẽ: Jch aber erſchrack vber diſer figur / vnd ſchꝛye noch vil ſtaͤrcker / dann ich gedachte daß es der Geiſt deß vnlengſt verſtorbenen Einkauffers waͤre. Die Fraw ſchrye dermaſ - ſen / dz mans in derſelben gantzẽ Gaſſen hoͤrte / ich aber ſchꝛye daß mans in der gantzen Statt hoͤrte: Sie zwar lieff eilends jhrem Loſament zu / deßgleichen wolte ich auch thun / die Katzẽ begabẽ ſich gleichfals auff die Flucht / vnd jh - rer zwo erwiſchten mich auff der Stiegen / die eine hinden beym Geſaͤß / vnnd die andere bey der hindern Ferſen meines Fuſſes / deſſen er - ſchrack ich noch mehr / fiel die Sttegen gar hinab / lag ein zeitlang in Ohnmacht / kam doch wider zu mir ſelbſt / vnnd fing auffs new an zu ſchreyen / vnd mich zu klagen. Das hoͤr - te nun mein gnedige Fraw auß jhrem Loſe - ment / hatte ein mitleiden mit mir / ſchrye mir zu / vnd hieß mich widerumb hin ſchlaffen ge - hen / vnangeſehen ſie gleichwol ſelbſt auff einE 3endt70Der Landtſtoͤrtzer.endt vbel erſchrocken vnnd ſehr krafftloß war worden / dann in wehrendem jhrem lauffen entrann jhr die virtus retentiua, ehr vnnd beuor ſie widerumb in jhre Schlafkammer kam / eroͤffneten ſich jhre beyde hinderſte Ge - ſchoß deß Leibs dermaſſen / daß ſie gar nichts mehr im Bauch behielt / ſonder alles mit ein - ander theils herauſſen im Fletz / theils auff den Stiegen verzettete vnnd fallen ließ / dardurch vberkam ich ein ſchoͤne vnnd ſaubere Arbeit / kehꝛte vnd faßte es alles ſauber auff / dann der Reinigkeit befliſſe ich mich jnſonderheit. Damals ſahe vnnd erkennte ich / daß die Vnreinigkeiten / welche in dergleichen acci - dentiis vnnd Zuſtaͤnden geſellt vnnd auß - geworffen werden / vil vbler ſchmecken / we - der andere ordinariæ, die Philoſophi vnnd Sophiſten aber werden die eygentliche vr - ſachen deſſen wol wiſſen zu inquiriren vnnd zu erforſchen.
Mein Fraw erſchrack wegen diſes zuſtands vber alle maſſen / aber ich noch vil mehr / dar - neben ſchaͤmte ich mich / als waͤre ich ein Jungkfraw geweſt: Jch ſchaͤmte mich auchwegen71Der Landtſtoͤrtzer.wegen jreꝛ ſcham / leyd war mirs von Hertzen / daß ich ſie alſo geſehen hatte / ſie aber wolte es nit glauben / ſonder vermeinte vnnd glaubte veſtigklich / daß ichs auß lauter Boßheit ge - than / vnnd ſie mit allem fleiß eygentlich vnd wol / hinden vnnd vorn / geſchawt hatte: Von derſelben zeit hero / ward ſie mir von Hertzen ſeind / vnnd vnſer Nachbaͤwrin eine (dern ſie diſen Handel erzehlt hatte) ſagte mir / daß mein Fraw zu jhꝛ geſagt vnnd bekennt hatte / daß jhꝛ nichts leiders waͤre / als daß ſie ſich da - mals embloͤſt / vnd daß ich jhre Nackendtheit geſehen hatte.
Als mein Herꝛ deß andern tags hernacher widerumb heimb kam / fragte er mich / ob alle Sachen in der Kuchel fertig waͤren? Jch ant - wortet: Ja. Folgendts veroꝛdnere vnd gab er alle andere Sachen vnnd Speiſen herfuͤr / vnd ich vnnd meine Mitgeſellen vberkamen damals ein ſehr gewuͤnſchte gelegenheit zu - ſtehlen / dañ es ging alles vnordenlich durch - einander / man kondte nicht ſo eygendtlich auff alle ſachen mercken / derwegen neñen wir dergleichen Bancket / iubileos, auff denenE 4die72Der Landtſtoͤrtzer.die Officier allerhand indulgentias erlan - gen / die beſte Wein / Paſteten / Torten / Ge - wuͤrtz / Schmaltz / vnnd dergleichen erſchnap - pen vnd heimbtragen koͤnnen. Was nun an - deꝛe thaten / dz thate ich gleichfals / vnd ſchiebte mein Hemmet vnnd Hoſen voller Eyer vnnd Fleiſch: Meinen Hut fuͤllte ich mit ſchmaltz / ſetzte jhne auff meinen Kopff / vnd wolte dar - mit heimgehen / aber mein Vngluͤck war / daß mir mein Herꝛ auffm weg begegnete / ich waͤre jhm gern gewichen / vnd draͤhte mich hin vnd her / aber es halff alles nichts / dann je mehꝛ ich mich ſeiner enteuſſerte / je mehr nahete er zu mir / vnd fragte mich / wo ich ſo ſtarck / eylends vnd wol beladen hinauß wolte? Jch aber er - ſchrack dermaſſen / daß ich nit wuſte / was ich thun ſolte: blib ſtock ſtill ſtehen / vnd erſtum̃e - te: Steteruntque comæ, & vox faucibus hæſit: Die Sonn ſtach auch damals der - maſſen heiß / daß die Butter / welche oben auff meinem Kopff im Hut lag / anfing zu zerge - hen / zu verſchmeltzen / vnd tropffenweiß vber mein Angeſicht herunder zu rinnen / deſſen lachte mein Herꝛ heimlich vnd ſpꝛach zu mir:Guſ -73Der Landtſtoͤꝛtzer.Guſmandl / was iſt das? eytert dir dein Kopf? laß ſehen was du fuͤr einen grindigen Kopff habeſt? Folgends hebte er meinẽ Hut herundeꝛ vnd fand den allbereit halb zerꝛuñenen But - ter / deßgleichen alle andere geſtohlene ſachen bey mir / vnd ſprach: O Schelm / biſtu der ge - ſell / welchen man mir ſo ſehr gelobt hat / vnnd deme ich am meiſten getrawt? Troll dich / du Boͤßwicht / vnnd kom̃ mir nimmer in mein Hauß: Deſſen allen erſchrack ich zum hoͤch - ſten / wuſte auß lauter ſcham nichts zu reden / ſonder ging ſtillſchweigendt hinweg / dann vil beſſer vnd ehrlicher iſts / daß man vor den zu - gefuͤgten iniurien fliehe / weder daß man ſie durchs verantwoꝛten vberwinde.
Guſinan nimbt ſein voriges Pica - riſches oder Bernhaͤuteriſches Leben wider - umb an / wird durch ein ſonderbares gehebiges mittel reich.
JNallen vnnd jeden zuſtaͤnden / gilt die ſcienz vilmehꝛ / denn der reichthumb oder guͤter / dañ ob ſchon dz Gluͤck wi - der den Menſchẽ rebelliret / ſo verlaͤſt jne doch die ſcienz niemaln: Das Gut wird verzehꝛt / aber die ſcienz waͤchſt / vnd wirdt das wenige was ein Gelehrter weiſt / vil hoͤher geacht / we - der das vile / was ein reicher hat: Nun moͤchte aber einer fragen vnd ſpꝛechen: Warumb wi - ſchet Guſman diſer geſtalt mit der ſcienz heꝛ - fuͤr / oder was hat er fuͤr ein ſcienz? warumb lobet er die ſcienz ſo ſehr? was hat er dar - mit im Sinn? Hierauff gib ich zur antwort / daß mein gantze ſcienz vnd Kunſt in meiner Putten oder Kraͤxen ſteckte / dañ nichts andeꝛs noch beſſers konte vñ wuſte ich / als allerhand ding vnd Buͤrd auffm ruͤcken in einer Putten oder Kraͤxen tragen / vñ benebens ſpielen / ſteh - len vnd allerhand buͤberey treiben: Durch diſe ſcienz konte ich mein bꝛot reichlich gewiñen / diſes officiũ war mein beneficium: wie V - lyſſes ſich ernehꝛte mit ſeinem Liſt / vnnd De - moſthenes mit ſeiner eloquentz, alſo be - halff vnnd ernehrte ich mich mit diſer meinerſcientz,75Der Landtſtoͤꝛtzer.ſcienz, dañ nach dem ich voꝛerzehlter maſſen auß meines Herꝛn dienſt geſchidẽ / zeigte jeder - man mit fingern auf mich / vñ ſagtẽ: ſihe / doꝛt geht der Dieb: diſer vꝛſachen halbẽ wolte mich niemand annem̃en noch mir trawen / vñ waꝛd ich derwegẽ verurſacht / mein voꝛiges leben vñ arbeit zutreiben / vñ die Eſelarbeit mit Kraͤxen tragẽ widerum̃ zu verꝛichtẽ. Wie were es mir aber ergangẽ woferꝛn ich diſe picariſche kunſt nit zuuor gelehrnt / ergriffen vnd practiciert hette? Dañ nunmehꝛ war ich dienſtloß / Kley - derloß vnd Chꝛloß / alles was ich mit arbeiten hatte erobert / das verluhr ich ſpielent / ich war allerdings zerꝛiſſen / hinden vnd voꝛnen / vnnd kente kaum mein ſcham bedecken: Aber doch war mein ſcientz noch gantz vñ vollkom̃en / vnd die ſcham verlohren / dann den Armen iſt ſie wenig nutz. Jch fing widerumb allerhande Waaren vñ ſachen auffm Rucken zu tragen / vnd aß mein notturfft: niemaln ließ ich mei - nen Bauch meinen Gott ſeyn: Der Menſch ſoll nit mehꝛ eſſen / als ſein notturfft / wer aber excediret vnnd mehr jſſet / der iſt ein Viech: Vermittelſt diſer meiner ſobrietet, nuͤchter -keit76Der Landtſtoͤrtzer.keit vnnd maͤſſigkeit verblib mein Leib allzeit friſch vnd geſund / vñ mein Beutel voll Gelts. Niemaln tranck ich mich voll / dann ich ſahe / wie ſchaͤndlich meinen Geſellen die Voͤllerey anſtunde. Daß nun die Picari oder Bernhaͤu - ter ſich voll ſauffen / das gehet wol hin / dann ſie haben ohne das wenig Ehr / daß es aber die Gelehrten / die edle vnnd maͤchtige Herꝛen vñ Obrigkeiten thun / iſt ſolches je ein ſchand vnd ſpott.
Nit allein war ich ſehꝛ maͤſſig / ſonder auch fleiſſig / vnnd dermaſſen embſig in meiner ſci - entz, officio vnnd Ambt / daß ichs allen mei - nen Mitgeſellen beuor thate / vnnd jederman mir trawte vnd mich liebte. Einsmals begabs ſich / daß etliche Faͤndl Soldaten in Jtalien ſolten verſchickt werden / das gedunckte nun mich ein gewuͤnſchte gelegenheit ſeyn / mein Vatterland vnd meine Freunde zu beſuchen / aber weil ich aller nackendt vnd zerꝛiſſen war / ſo gedachte ich auff alle mittel vnd weg / mich ſtattlich zu kleyden. Das Sprichwort: Si volete eſſere Papa, ſtampate lo en la te - ſta: Das iſt: Vegerſtu ein Bapſt zu werden /ſo77Der Landtſtoͤrtzer.ſo preſſe dir jhne in deinen Kopff: ward bey mir verificirt, dann als ich mit vorbemeltem meinem intent vnnd verlangen ſchwanger ging / vnd ſehr ſollicitus vnd ſorgfaͤltig war / mich ehꝛlich zu kleidẽ / ich auch einsmals aufm Marckt ſaß / vnd auf etwan ein Gluͤck warte - te / hoͤꝛte ich vnuerſehens ein ſtimm / die ſpꝛach: Guſmaͤndl gehe her: Jch ſprang geſchwind auff meine Fuͤß / vnnd ſahe einen / der winckte mir / legte einen Sack mit 500. Realn / vnnd noch einen andern mit 300. Kronen in meine Putten / vnd befahl mir / dz ich jm nachfolgen ſolte. Jch war willig / vnnd trug jhms etliche Gaſſen lang nach / aber vnuerſehens verdraͤ - hete ich mich von jhm ab / verſchwand voꝛ ſei - nen Augen / machte mich vnſichtbar / gewann das Statt Thor / lieff noch denſelben Abendt zwo meil wegs / vnd verbarg mich in einer di - cken Stauden vier gantze Taglang / biß ſich die Schoͤrgen / welche mir nacheylten / wider - umb verluhren.
Als nun ich vermeinte ſicher zu ſeyn / mach - te ich mich auf / ging nur bey der Nacht durch abgelegene ort vnd Doͤrffer / biß ich auff zwomeil78Der Landtſtoͤrtzer.meil wegs nahe bey Toledo kam / daſelbſt traf ich einen jungen Knaben meines gleichen an / der war ſeinen Eltern entloffen / vnd hatte ein ſtarckes Felleiſſel bey ſich / darinn war ein ſehr ſchoͤnes Kleyd / das kauffte ich jhm ab vmb ei - nen rechten werth / Er nam das Gelt zu ſich / vnnd ging ſeinen weg fort / deßgleichen kam ich noch denſelben Abendt gen Toledo / da - ſelbſt aber erging es mir ſehꝛ artlich.
Was geſtallt Guſman zu Toledo ſich ſtattlich gekleydet vnnd ſein Gelt verbuelt.
WAn ſagt / daß / ob man ſchon einen Af - fen in lauter Seiden vnnd Sammet kleidet / er doch ein Aff ſeye vnnd ver - bleibe: Es mag gleichwol einer einen ha bitũ oder Kleid anlegen / aber doch wird er darumb nicht deſto beſſer oder anderſt / weder er zuuor war. Eben diſes begegnete auch mir / dann gar baldt werde ich werden ein Galan oder Juncker / aber baldt hernacher werde ich wi -derumb79Der Landtſtoͤrtzer.derumb ein Ganapan oder Betler. Das al - ler erſte / welches ich am morgen fruͤh zu To - ledo thate / war / daß ich das obuermelte er - kauffte Kleyd etlicher maſſen verkehren vnnd veraͤndern ließ / damit mans nicht kennen / vnnd man mich villeicht an ſtatt deß vori - gen Knabens anſehen vnd ergreiffen moͤchte. Jn diſem ſchoͤnen Kleyd ging ich zwen Tag - lang zu Toledo vmb / vnnd fragte nach der Geſellſchafft der Soldaten / aber keine waren verhanden / ward derwegen gezwungen noch laͤnger daſelbſt zu verbleiben. Einsmals an einem Sontag kam ich in die Kirch vnd hoͤꝛ - te Meß: folgendts ging ich hin vnnd wider in der Kirchen ſpatzieren / vnd ſahe letztlichen in einer Capellen etliche ſehr ſchoͤne Frawen / ſie vñ jederman ſahen mich an / vñ verwunderten ſich vber meine naͤrꝛiſche ſitten vnd geberden / dann ich ſtoltzierte vnnd prangte mit meinem Kleyd vnd Federn / ſamb waͤre ich der Hanen Koͤnig. Jhrer eine warff jhr Aug auff mich / oder / daß ich recht ſage / auff mein Gelt / ich a - ber nam es nit gewar / ſonder verwendete mei - ne Augẽ auf ein andere / welche neben jr ſtund:vnd80Der Landtſtoͤrtzer.vnd als dieſelbe heimb ging / folgte ich jhꝛ von weitem nach / biß zu jhrem Loſement / vnd im hinein gehen / kehꝛte ſie ſich vmb / zeigte mir ein ſehꝛ freundlichs Angeſicht / vnnd gruͤſte mich gleichſam̃. Da fing ich alsbald an in der Lieb zu brinnen / vnnd wolte allgemach widerumb heimb in mein Loſement gehen / aber ſahe / daß ein Magd mir von weitem nachfolgte / vnnd mir mit dem Kopff vnd Fingern winckte: der - wegen wartete ich / biß ſie zu mir kam / vnd mir ein langes parlament herein machte / mit vermelden / daß ſie einer anſehenlichen Ehe - frawen zugehoͤrte / welche ein verlangen hette zu wiſſen / wer vñ von wannen ich doch were / dann ſie etwas ſonderbares mit mir hette zu tractiren: Das hielt ich nun fuͤr ein groſſe Ehr / vnd hette mein Gluͤck nit vertauſcht ge - gen dem Gluͤck deß Alexandri Magni, dann es gedunckte mich / daß alle vnnd jede ſchoͤne Frawen ſich vmb mich riſſen: Jn wehren - der vnſer conuerſation vnnd vnderꝛedung kamen wir zu meiner Herberg / dieſelbe ward durch die magd fleiſſig gemerckt / ich aber nam vrlaub von jhr / ging heimb vnnd verꝛichtetemein81Der Landtſtoͤrtzer.mein Mahlzeit: weil ich aber nit wuſte / was diß fuͤr ein Fraw war / ſo kummerte ich mich nit ſo ſehr vmb ſie / als vmb die andere / dann derſelben zu gefallen ging ich voꝛ jhrem Hauß auff vnd nider ſpatzieren / vber ein kleine Zeit ließ ſie ſich ſehen / redete mit mir auß dem fen - ſter / vnd bate mich letztlichen / daß ich mit jhr zu nacht eſſen wolte: deſſen frewete ich mich / ſchickte meinen Diener alsbald hin / vnnd ließ einen Kaupaun / zwey Rebhuͤner / ein Koͤnigel vnd ein flaſchen mit dem beſten Wein holen. Als nun wir vns niderſetzten vnnd eſſen wol - ten / klopffte einer gar ſtarck an jrer Haußthuͤr / da ſtellte ſie ſich / als were ſie zum hoͤchſten er - ſchrocken / vnd ſagte / daß es jhr Bruder were / der bißweilen voll vnd doll heimb kaͤme / vnnd boͤſe haͤndel anrichtete / derwegen bate ſie mich daß ich mich eylends in einen gꝛoſſen Waſſer - krug / welcher herauſſen im Fletz ſtund / verber - gen wolte. Jch folgte jhrem Rath / vnd ver - barg mich darin: Als jhr Bruder ins Hauß vnd in die Kuchel kam / verwunderte er ſich v - ber die Kocherey / ſtellte ſich ſehr zornig / ſetzte ſich doch letztlichen ſampt jhr zu Tiſch / aſſenFein82Der Landtſtoͤrtzer.ein guts genuͤgen von meinen ſpeiſen / vñ gin - gen letztlichen mit einander in ein Kam̃er / wz nun ſie daſelbſt beyſamen thaten / das war mir vnbewuſt / aber das weiß ich wol / daß ich im Waſſerkrug verblib / zitterte / ſchwitzte vnnd hungerte / weil auch ich vermerckte / daß alles ſtill war / ſo ſtig ich allgemach auß dem bauch deß Waſſerkrugs / allermaſſen wie Jonas auß dem Bauch deß Wahlfiſches / ging hin vnnd wider im finſtern im Hauſe herumb / vnd ſuch - te etwan einen Außgang: fandt aber nir - gendts keinen / ſonder muſte wider meinen Willen alldort verbleiben / groſſe Kaͤlte ein - nemmen / vnd deß Tags erwarten. Alsdann ging ich zornigklich von dannen widerumb in mein Herberg / legte mich mit hungerigem vnd laͤrem Bauch ins Beth / vnnd ſuchte den Schlaf zum Troſt meines empfangenen Leydts.
Bald hernacher klopffte man an meiner Kam̃erthuͤr / vnd es war eben die vorbemeldte Magd / welche miꝛ deß tags zuuoꝛ nachgefolgt war / vnd ſie kam ſampt jrer Frawen. Dieſelbe ſetzte ſich alsbald in einen Seſſel / zum Hauptmeines83Der Landtſtoͤrtzer.meines Beths / die Magd aber ſetzte ſich auff die Erden nah bey der Thuͤr. Die Fraw fing an mich zu fragen / wer ich waͤre / was ich all - da zu Toledo zu ſchaffen hette / vnnd wie lang ich daſelbſt gedaͤchte zu verbleiben. Weil ich aber ein lauter Lugner war / ſo ſagte ich jhr die Warheit nicht: Jn wehrender vnſer con - uerſation vnd vnderꝛedung / zohe ſie mit allẽ fleiß etliche koͤſtliche Kleinoder herfuͤr / zeigte mirs vñ fragte mich / ob ich mich auff derglei - chen ding verſtuͤnde? ſo gar gab ſie mir die Wahl eins daruon zu nemmen / vnnd von jh - rentwegen zu behalten: aber ich ſchlug jhꝛs ab / vnd bedanckte mich deß guten willens. Bald drauff ſtellte ſie ſich / als mengelte jhꝛ ein Klei - not / vnd zwar das allerliebſte / welches ſie von jhrem Haußwirth vberkommen gehabt / der - wegen ſtundt ſie geſchwindt auff / ſamb waͤre jhr vil dran gelegen / vnnd daß ſie zu Hauß ge - hen vnd ſehen wolte / obs villeicht daſelbſt ver - bliben waͤre / damit ſie es bey zeiten ſuchen / vnd widerum̃ zu wegen bꝛingen moͤchte. Ob auch ich ſchon jhr verhieß / daß ich jhr ein anders ſchenckẽ wolte / ſo wolte ſie ſich doch lenger nitF 2laſſen84Der Landtſtoͤrtzer.laſſen auffhalten / ſonder ging hinweg / mit vertroͤſtung / daß ſie mich zu einer andern zeit heim̃ſuchẽ / mich auch durch die Magd wiſſen laſſen wolte / ob ſie das Kleinod gefunden. Jch ward trawrig / daß ſie diſer geſtallt von mir ging / dann ſie war vber alle maſſen ſchoͤn vnd holdſelig.
Vber ein kleine zeit hernacher kam die Magd wider / vnnd ſagte mir / daß jhr Fraw vermeinte / daß ſie das Kleinod gewißlich bey mir verlohren / wir alleſampt durchſuchten mein Loſement mit allem fleiß / fanden aber nichts dergleichen / derwegen bate mich die Magd / daß ich doch jhrer Frawen ein anders Kleynod kauffen wolte: Jch ließ mich vberꝛe - den / ging mit jhr zu einem Jubilirer / kauffte ein ſchoͤnes Kleynod vmb 20. Ducaten / ſtellte jhrs zu / vnnd bate ſie / daß ſie es jhrer Frawen fleiſſig vberantworten wolte. Das verhieß ſie mir gleichwol trewlich / aber ſeythero ſahe ich weder ſie noch jhre Fraw.
Diſer betrug hette mich billich ſollen wi - tzig machen / aber es halff nichts / dann als ich in der Melancoley hinauß ſpatzieren gehenwolte /85Der Landtſtoͤrtzer.wolte / erſahe mich die andere Fraw / von dern obẽ meldung beſchehen / winckte mir auß dem fenſter / vñ gab mir zu verſtehen / dz ich mich in vnſer L. Frawen Kirch verfuͤgen / vnd jhꝛer da - ſelbſt erwarten ſolte: Deſſen frewete ich mich zum hoͤchſten / ging vor an / vnd ſie folgte mir auff dem Fuß nach: Kehrte aber zuuor in ei - nes Kauffmans Laden ein / entſchuldigte ſich gegen mir wegen deſſen / daß ſie mir die voꝛige Nacht kein beſſere Geſellſchafft hatte geleiſt. Jch glaubte jhren verlognen vnnd falſchen worten / dann ſie ſchwur vnd verhieß mir / daß ſie es in der zukuͤnfftigen Nacht alles wider herein bringen wolte. Darneben kauffte ſie et - liche ſachen / ſo vngefaͤhꝛlich biß in 30. Duca - ten anlieffen: Als aber ſie außzahlen ſolte / fragte ſie den Kauffman / wie lang er jhr bor - gen wolte? Der Kauffman antwortet / daß er jhr nit koͤndte borgen / fonder bar Gelt ha - ben muͤſte. Da ſprach ich zu jhm: Diſe Fraw ſpottet nur / dann ſie hat Gelts gnug / ich hab jren Bentel / vnd bin jr Rentmeiſter: folgends griffe ich in meinen Sack / zohe ein Hand voll Ducaten herauß / bezahlte den Kauffman vndF 3loͤſte86Der Landtſtoͤrtzer.loͤſte die Fraw auß der ſchuldt / ſie ging heimb / vnd ſagte / daß ſie meiner vmb acht Vhren zu Abends gewiß: vnnd vnfehlbarlich wolte er - warten. Jch kam / klopffte an jhrer Haußthuͤr / wartete biß in die zwoͤlffte Stund / vnnd ſahe / daß es aber mals ein lauter Betrug vnd falſch - heit war / dann der jenig / welchen ſie fuͤr jhꝛen Bruder außgab / war jhr Galan, vnnd ſteckte jmmerdar bey jhr: Wie derwegen ich wider hinweg gehen wolte / ſahe ich turbam mul - tam vnd vil Schoͤrgen vnd Gerichtsdiener / welche in diſes Hauß filen / alle Winckel durchſuchten / vnnd letztlichen einen zarten Schreiber inn einem groſſen Waſſerkrug / deßgleichen noch einen andern in einer Tru - hen fanden / vnd gefaͤngklich hinweg fuͤhrten: Da danckte ich Gott / daß ich nit auch in diß Hauß kommen war / dañ es mir gewißlich eben ſo vbel als diſen Schreibern ergangen waͤre.
Guſman kompt gen Almagro zu einem Hauptman / vnd wirdt ein Soldat.
WEil mir oberzehlter maſſen mein Bulerey zu Toledo ſo gar vngluͤck - lich gerathen / ſo verfuͤgte ich mich von dannen gen Almagro / vnd legte mich in ein anſehenliche Herberg: weil dañ der Wirth ſahe / dz ich ſo ſehꝛ wol ſtaffiert war / ſo fragte er meine Diener / wer ich were? die gaben jm zur antwoꝛt / dz ich Dõ Iohan de Guzman hief - ſe / vñ ein anſehenlicher vom Adl were / derwe - gen hielt mich der Wirth in hohen ehꝛen. Vñ weil ich vernom̃en / dz daſelbſt ein Haupt man verhanden / der ein Regiment Knechte warb / ſo verfuͤgte ich mich zu jhm / vnd erbotte mich jhm zu dienen. Jch war ſchoͤn gekleidt / vnnd hatte noch 300. Kronen bey mir / (dann das vbrige war allbereit theils mit Kleidern / vnnd theils mit den obberuͤrtẽ ſchoͤnen Frawen auf - gangen) derwegen nam mich der HauptmanF 4als -88Der Landtſtoͤrtzer.als bald an / vnnd erzeigte mir allen guten wil - len / ſo gar ſetzte er mich an ſeinen Tiſch ſampt andern vom Adel vnd Befelchshabern. Weil auch er ein Gelt bey mir ſchmeckte / ſo ſpielte er mit mir anfangs nur vmb ein Pfenning / folgends vmb Groſchen / vnd letztlichen vmb Kronen. Dardurch ward mein Beutel je len - ger je geringer / vnd letztlichen gar laͤr.
Nun kams zu der Muſterung / vnd als ich gleichfals durchgehen wolte / ſahe der Com - miſſarius mich eigentlich an / vnd wolte mich wegen meiner groſſen Jugendt / nit paſſieren laſſen: das empfand ich nun billich vnd ſprach zu jhm: Herꝛ / das Alter iſt gering / aber das Gemuͤt iſt groß: Mein Arm̃ kan dz ſchwerdt fuͤhꝛen: Er antwortet vnnd ſprach: ich glaub / daß wahr ſeye / was du ſagſt / aber mein com - miſſion bringts nit mit / daß ich dergleichen ſo gar junge Leuth in der Muſterung paſſiren laſſen ſolle. Weil ich dann ſahe / daß es andeꝛſt nicht ſein kondte / ſo muſte ich gedult haben. Mein Hauptmann war gleichfalls mit dem Commiſſario deßwegen ſehr vbel zu friden / aber doch troͤſtete er mich mit deme / daß ermich89Der Landtſtoͤrtzer.mich in Jtalia zu einem Fenderich machen wolte / woferꝛn ichs erwarten / vnd ſo lang bey jm bleiben wuͤrde. Jch ließ mich vberꝛeden vñ blib bey jhm / ſo lang biß die Galeren kamen / vnd das Kriegsvolck in Jtalien fuͤhꝛen ſolten: Jnmittelſt aber thate mein Hauptman nichts anders / als dominiren / freſſen / ſauffen vnnd ſpielen / deßgleichen verthate ich alles mein zu Toledo geſtohlenes Gelt / vnd hatte je nichts mehr zu verzehꝛen / da gedachte ich an den jeni - gen / welcher geſagt hat: diues eram iam du - dum, fecerunt me tria nudum, Alea, Vi - na, Venus, tribus his ſum factus egenus. Derwegen ward ich nit allein wegen meiner Jugendt veracht / ſonder auch wegen meiner Armut verwoꝛffen: Dann pauper & va - cuus cogitur ire forâs: Der freye Tiſch / welchen ich bey meinem Hauptmann gehabt / ward mir hinfuͤran abgeſchafft / meine beſte Freund vnd Tautzbruͤder verlieſſen mich / vñ ſahen mich vber die Achſſeln an / niemandt wolte ſchier mehꝛ mit mir reden noch vmbge - hen / ſond’ ich war bey meniglichẽ ſchabab / kei - ner andern vꝛſachen halben / als weil man keinF 5Gelt90Der Landtſtoͤrtzer.Gelt mehr bey mir wuſte: Das war nun mein rechter vnd woluerdienter Lohn. An ſtatt nun / daß ich zuuor meinem Hauptmann fuͤr einen Juncker gedient / mit jhm geſſen / geſpielt vnnd burſtert hatte / vnnd man mich nur Don Io - han de Guzman genennt / nennete er mich hinfuͤran nur Guſmaͤndl / hielt mich fuͤr ſei - nen Buben / vnnd brauchte mich bißweilen fuͤr einen Kupler / ja was mehꝛ iſt / als wir in Jtalien kamen / ſprach er zu mir: Du Bub / nunmehr hab ich dich deinem begeren nach / in Jtalia gebracht / ich brauche dich ferner nit / derwegen magſtu dir ein andere gelegen - heit ſuchen: Diſer geſtallt ward ich abdanckt / vnd erfuhr mit meinem Schaden / wie wenig man ſich auff Weiber vnnd Herꝛn habe zu verlaſſen.
Guſman kompt gen Genua / fragt ſeiner Freundtſchafft nach / wirdt aber vbel von jhnen tra - ctirt.
NJchts iſt auff Erden veraͤchtlicher vñ verhaßter / als eben die armut / dann ſie iſt der Welt Kchꝛkoth: Wie das vn - nutze / ſtinckende vnd verfaulte Fleiſch verwor - fen / vnnd den Hunden fuͤrgeworffen wirdt / alſo wirdt ein Armer / ob er ſchon noch ſo verſtaͤndig iſt / verworffen vnnd von men - nigklichen veracht: fuͤr vil ſchaͤdlicher wirde die Armut gehalten / denn der Todt ſelbſt / dann das Gelt viuificiret vnnd waͤrmet das Blut / wer es derwegen nit hat / der iſt gleich - ſam ein todter Leib / der vnder den Lebendigen vmbgehet. Aber ein reicher iſt allzeit vnd aller orten willkomb / lieb vnd angenemb / vnange - ſehen er ein vngeſchickter grober Eſel / vnnd ein Narꝛ in der Haut iſt: Ein alter gebrauch vnnd gewonheit iſts / daß mans nur mit der proſperitet vnnd Gluͤckſeligkeit helt / wo aber bey jemande Armut vnd Vngluͤckſelig - keit verſpuͤrt wirdt / da wirdt der Sohn ver - laſſen vom Vatter / der Vatter vom Sohn / der Bruder vom Bruder / der Freund vom Freund / Ja ſo gar iſt ein Armer jhm ſelbſt feindt / vnnd hat einen verdruß vnnd abſche[u]an92Der Landtſtoͤrtzer.an ſeiner eygnen Perſon. Diſes alles lehrt mich die zeit / veꝛmittelſt deꝛ diſciplin, diſcur - ſen, vnd ſie caſtigirte vnnd ſtraffte mich mit vnendtlichen muͤheſeligkeiten.
Dañ nach dem mein Hauptman mir den Sack gegeben / verfuͤgte ich mich gen Genua / in hoffnung meine Blutsfreunde allda anzu - treffen / vnd groß bey jhnen zu werden / vnan - geſehen auch ich aller zerlumpt vnd zerhadert war / nit deſto weniger vnderſtundt ich mich / einer von den alten vnd edlen Gothen zu ſein / vnd mich zu beruͤhmen / daß ich den edlen pa - tritijs vnnd Geſchlechtern daſelbſt befreundt waͤre / derwegen fing ich an / mich fuͤr den jeni - gen außzugeben / der ich war: vnd als ich der - wegen dẽ namen meines lieben Vatters nach - fragte / fing jederman an zu lachen / vnd mich außzuſpoͤtteln / vnnd ſagten: Du zerrißner Schelm / biſtu ein Genueſer? einem Huren Sohn ſiheſtu vil gleicher: Vnnd gleichſamb waͤre mein Vatter vor 200. Jahren geſtor - ben / fandt ich keinen einigen Menſchen / der jhm verwandt waͤre. Letztlichen begegnete mir ein gar alter Mañ / der hatte einen ſchneeweiſ -ſen93Der Landtſtoͤrtzer.ſen langẽ bart / ein ſehꝛ anſehẽliche geſtalt / aber ein ſchlangiſches vergifftes vnd falſches hertz / der ſprach zu mir: Mein Sohn / ich hab wol etwas von deinem Vatter vnd Freunden ge - hoͤrt / daß ſie nemblich die aller edleſten in diſer Statt geweſt / vñ wofern du allbereit zu nacht geſſen haſt / ſo gehe mit mir heimb vnd ſchlafe in meinem Hauſe / Moꝛgen woͤllen wir ferner von der ſachen reden. Weil dann diſer alte Mann mir ſo gar freundlich zu redete / vnd dz anſehen eines heiligen Pauli hatte / ſo trawte ich jhm / folgte jhm nach / vnnd hatte einen vil groͤſſern Luſt zu eſſen / weder zu ſchlafen: dann es tawrte mich mein Gelt / vnd hette vil lieber auffm Salueblaͤtl oder vmbſonſt geſſen / dann wir Spanier leben gantz maͤſſigklich / vnnd eſ - ſen ſehꝛ wenig / wanns vnſer eigen Gelt koſtet / aber wann andere Leuth die Zech fuͤr vns be - zahlen / alsdann freſſen wir wie die Geyer / vnd ſauffen wie die Buͤrſtenbinder. Als nun wir in ſein Hauß kamen / fragte er mich vmb das Spanniſche weſen / vnd vmb meiner Mutter gelegenheit? das erzehlte ich jhm außfuͤhrlich. Letztlichen rieff er ſeinem Diener / vnd befahljhm /94Der Landtſtoͤrtzer.jhm / daß er mich in ein Schlafkam̃er fuͤhren ſolte / jnmaſſen beſchehen / vñ ich ſahe / daß das Loſament herꝛlich vnd ſchoͤn / vnnd das Beth dermaſſen ſauber vñ koͤſtlich war / dz ich mich foͤrchtete drein zu legen / dann ich vnnd mei - ne Kleyder vnd Hemmet waren nit ſehr ſau - ber / ſonder zerꝛiſſen vñ voller vnzifers / derwe - gen muſte ich mich Mutternackendt abziehen vnd drein legen. Nach Mittnacht in meinem beſten ſchlaffen / hoͤꝛte ich ein getuͤm̃el vnd ſahe vier erſchꝛoͤcklich geſtaltẽ der Teufeln mit lan - gen Haren / krum̃en Schnaͤbeln / vnd langen ſchwaͤntzen / die naheten zu meinem Beth / vnd zohen die deck herunder: Jch fing gleichwol an zu betten / den ſuͤſſen namen Jeſu anzuruffen / vñ mich voꝛ diſen getaufften Teuffeln zu ſeg - nen / aber es war alles vergeblich / dann ſie leg - ten mich auff eine Kotzen oder Deck / vnd ein jeglicher nam einen Zipffel in die Hand / vnd ſchutzten mich laͤnger als ein halbe Stundt in die hoͤhe / allermaſſen wie die Metzger in der Faßnacht den Jaͤckel oder einen Hundt zu - ſchutzen / hin vnd wider zu werffen / zu blencklẽ vnnd zu peinigen pflegen: Biß ſie letztlichenmuͤd95Der Landtſtoͤrtzer.muͤd wurden / vnnd mich fuͤr halb todt ligen lieſſen: Das machte mich nun dermaſſen ohn - kraͤfftig / daß ich nichts bey mir im Leib behal - ten kondte / ſonder alles vnden auß / ins Beth gehen ließ / vnd vber alle maſſen vbel ſchmeck - te. Damals gedachte vnd erjnnerte ich mich meiner gnedigen Frawen / von dern oben ge - melt worden / dz ſie gleichfals auß lauter angſt vnd ſchꝛicken jre virtutem retentiuam ver - lohren hatte: Das war mir nun ſehr leyd / vnd ich wiſchte vnd butzte meinen Leib mit dem v - brigen / was an den Leylachern ſauber bliben war: Folgendts deckte ich das Beth fleiſſig zu / damit man mein ſchwachheit vnd mißge - rathene vngelegenheit nicht ſehe vnnd wahr - nemme. Deß Morgens fruͤ kam der Die - ner / vnnd ſagte mir / daß ſein Herꝛ in der Kirchen auff mich wartete: Damit nun der Diener den vnrath im Beth nit fuͤnde / vñ ſei - nem Herꝛn das Bottenbrot abgewinne / ſo ba - te ich jhne / daß er mir den weg zeigen wolte. Er ging mit mir / brachte mich auf die Gaſſen / vñ ging wider zu ruck: da fing ich an zu lauf - fen / ſamb waͤren mir an den Fuͤſſen Fluͤgelgewach -96Der Landtſtoͤrtzer.gewachſen / vnd ſuchte den weg zum Statthoꝛ hinauß.
Guſman fahet an zu betteln / geſel - let ſich zu andern Bettlern / lehrnet jhꝛe Statuta, Geſetz vnd Ord - nungen.
ALsbaldt ich auß Genua kommen war / eylte ich dermaſſen / daß kein Curꝛier oder Poſtlauffer mich erwiſchen hette koͤnden / vnd wofern deß Loths Weib auch al - ſo gethan hette / ſo wuͤrde ſie in keine Saltzſeul verwandelt ſein worden: Niemaln ſchawte ich zu ruck / ſonder lieff ſechs gantze meil wegs in einem Athem / ohne einiges verſchnauffen / das verurſachte der zorn vñ die groſſe mir er - wiſene ſchmach: das aller aͤrgiſt aber war / dz ich allerdings zerꝛiſſen / kranck / ſchwach vnnd ohne Gelt war: O Armut vnd noth / wie ſehr ſchwaͤcheſt vnd zernichteſtu die Gemuͤter vnd Leiber der Menſchen / dann ob ſchon du die ingenia ſubtiliſireſt, ſo zerſtoͤreſtu doch diepoten -97Der Landtſtoͤrtzer.potentias vnd ringeſt die ſeinen dermaſſen / daß ſie ſampt der gedult ſich verlieren. Zwey - erley art der Armut iſt verhanden / die eine iſt vnuerſchambt / vnnd kompt ſelbſt vnberuffen: die andere aber kompt beruffen vnd gebetten. Vor der erſten / welche ſich ſelbſt ladet vnd be - ruffet / behuͤte vns Gott / vnd dieſelbe iſt die je - nige / von dern ich tractire / dann ſie iſt ein ge - zwungener Gaſt in dem Hauſe / vnnd bringt ſehr vil boͤſe effecten mit ſich / nemblich / Vn - trew / Dieberey vnnd Verachtung: Die an - dere voluntaria oder freywillige Armut / die wir ſelbſt beruffen vnd erwehlen / iſt ein herꝛli - che vnnd fuͤrtreffliche Fraw / freygebig / reich / maͤchtig / redſelig / freundlich / lieblich vnd an - genem̃: Sie iſt ein vnuͤberwindlicher Thurn / ein wahꝛer Reichthumb / vnd ein wares Gut / welches die Gemuͤter der Menſchen erhebet / die Leiber ſtaͤrcket / die Ehr erleuchtet vnnd be - fuͤrdert / die Hertzen erfrewet / die werck erhoͤ - het vnd deß Menſchen guten namen vnſterb - lich machet: Jhre Fuͤß ſeind von Diaman - ten / jhr Leib von Saphier / jhr Angeſicht von Carfunckel / ſie glantzet / erfrewet / viuificiretGvnd98Der Landtſtoͤrtzer.vnd macht lebendig: Aber die andere jhre Nachbaͤwrin iſt allerdings ſchaͤndtlich / vn - flaͤtig vnnd veraͤchtlich / vnnd in eben dieſelbe verliebte ich mich mit aller macht / vnd begab mich allerdings zum betteln auffm Landt / in den Staͤtten vnnd in Haͤuſern. Darzu gab mir das edle Jtalien groſſe vrſach vnd anlaͤß / dann daſelbſt wirdt ein ſo groſſe Lieb deß Naͤchſten verſpuͤrt / vnd dermaſſen gern vnnd vil gibt man den Armen / daß es ſchier ein v - berfluß iſt / vnnd nur vil Bettler dardurch ge - macht vnd geziegelt werden. Von Genua auß biß gen Rom verzehrte ich keinen einigen Haͤller / vnnd hatte aller Orthen zu eſſen ge - nug. Jch war gleichwol damals erſt ein nouitz, vnnd gab offtermals den Hunden etwas / welches ich verkauffen vnnd vil Gelts drauß loͤſen hette koͤnnen. Als ich gen Rom kam / hette ich mich gern von newem gekley - det / aber doch vnderließ ichs / damit es mir nicht widerumb erginge wie zu Toledo / dann ob ſchon vnſer einer ein guts Kleidt an hat / ſo hat er doch drumb nicht zu freſſen / vnnd nie - mandt gibt einem wolgekleidten Bettler gernein99Der Landtſtoͤrtzer.ein Allmuſen / derwegen entſchloſſe ich mich / daß ich mein erſambletes vnd erſpartes Gelt fein fleiſſig beyſammen behalten wolte: ſetzte mich nider / vñ machte noch ein andern knopf vor meiner Muͤntz / vñ ſprach zu jhr: Da bleib / dann ich weiß nit / wann ich deiner bedoͤrffen moͤchte.
Jn meinen zerꝛiſſenen Kleidern vnd Ha - derlumpen fing ich an / das Allmuſen zu be - geren / beſuchte die Haͤuſer der Cardinaͤlen / Geſandten / Fuͤrſten / Biſchoffe vnd anderer Potentaten: Ein anderer junger Bub fuͤhr - te mich / vnd gab mir alle gute anleitung vnnd lectiones, vnnd vnderwiſe mich in den prin - cipijs, wie vnd was / vnd auff was fuͤr vnder - ſchidliche form vnd weiſe ich von einem jegli - chen dz Almuſen begeren / wie ich mit den Rei - chen ein mitleiden erzeigen / vñ die andaͤchtigẽ verobligiren ſolte: Dermaſſen proficierte ich in diſer profeſſion, dz ich vberfluͤſſig zu eſſen vnd Gelts gnug vberkam / dann ich kente den Bapſt / vnd ſo wol die jenigen / welche Kutten trugen / als welche keine trugen: Alle GaſſenG 2durch -100Der Landtſtoͤrtzer.durchſtraiffte ich / vnd alle Winckel vnd Haͤu - ſer durchnaſchte ich / aber doch viertheilte ich die Statt / vnnd theilte die Kirchen nach den Feſttaͤgẽ auß. Das meiſte Almuſen war brot / das verkauffte ich denen Leuthen / welche die Hennen / Kapaunen vnnd andere dergleichen ziglen / vnd loͤſte vil Gelts drauß: deßgleichen brachte ich hin vnnd wider vil alte Kleider zu wegen / dann weil ich nackendt vnd bloß war / ſo gab man mir allzeit etwas / das verkauffte ich aber alles wider / vnnd ſamblete ein feines Schatzgeltl.
Folgends begab ich mich in die geſellſchaft etlicher alten Betler / damit ich durch ſie deſto perfectior vnd vollkom̃ner in diſer facultet werden moͤchte. Einer vnder jnen nam mich in ſeine diſciplin vnd zucht / vnnd vnderwiſe mich in den aller fuͤrnembſten geheimnuſſen / grandezen vnnd hochheiten deß bettlens / ſo gar gab er mir ein geſchribene Betteloꝛdnung damit ich mich vor allem ſchaden vnd aͤrger - nuſſen deſto beſſer moͤchte huͤten. Jn ſumma / ich ward in kurtzer zeit ein abgefuͤhꝛter Betler / vnd hette mich trefflich wol darbey befunden /wo -101Der Landtſtoͤrtzer.woferꝛn nicht die zeit vnnd das vngluͤck mich daruon getriben vnd entſetzt hetten / dann als mich einsmals der fuͤrwitz ſtach / daß ich wiſ - ſen moͤchte / ob man zu Gaeta ebẽ ſo barmher - tzig vnnd mitleidig waͤre / wie zu Rom / ſo ver - fuͤgt ich mich dorthin / ſetzte mich mit meinem ſehr grindigen vnd ſchadhafften Kopff (vn - angeſehen derſelb ſonſten friſch vnnd geſundt war) vor die Kirchthuͤrn / vnnd ſamblete das Allmuſen / mit ſehr lauter klaͤglicher vnnd be - weglicher Stim̃. Der Statthalter daſelbſt ſahe mich eygentlich an / vnnd gab mir gleich - fals ein reiches Allmuſen: Aber der Geitz v - berging mich vnnd brach den Sack / dann an einem andern Feſttag brauchte ich ein anders vñ newe inuention, præparirte meinen ge - ſunden vnnd friſchen Schenckel dermaſſen / daß es ein grewel war anzuſehen: darmit ſetz - te ich mich vor die Kirchen / fing an vber laut zu ſchreyen / vñ meinen verwundten elendigen (aber doch geſunden) Schenckel zu erheben vnnd zu zeigen: zu meinem Vngluͤck kam der vorbemelte Statthalter damals in dieſelbe Kirch / vnd als er mich erkennte / hieß er michG 3auff -102Der Landtſtoͤrtzer.auffſtehen vnd ſprach: gehe mit mir heimb / ich wil dir ein Hemmet geben. Jch glaubte es / kam in ſein Loſament / vnnd er ſchawte mich eygentlich vnder mein Angeſicht / vnd ſprach: Wie iſts muͤglich / daß ein ſolches rothes friſches vnd faiſtes Angeſicht einen ſo gar boͤ - ſen Schenckel habe? Es reimen vnd ſchicken ſich diſe zwey ding gar nicht zuſammen? Jch antwortet: Herꝛ / ich weiß es je nit / vnſer Herꝛ hat mirs alſo zugeſchickt: Aber der Statthal - ter ſchickte vmb einen Balbierer / der beſchaw - te mich eygentlich / erkennte letztlichen den be - trug vnd ſprach: Herꝛ / diſer Bub hat eben ſo wenig einen ſchadhafften Schenckel / als ich ein ſchadhafftes Aug hab: Folgendts fing er an / meine Windel vnd Pflaſter auffzuloͤſen / vnnd zeigte mennigklichen meinen friſchen vnd geſunden Schenckel: Deſſen verwunder - te ſich der Statthalter / vnd befalch dem Hen - cker / daß er mir in ſeiner gegenwertigkeit ein Wammes vnder das Hemmet gab / vnnd mich mit Ruthen auß der Statt hawen ließ / nam luit in corpus quiſquis non poſſidet æra. Diſer geſtallt ward mein fuͤrwitz gebuͤſt /vnd103Der Landtſtoͤrtzer.vnd ich nam meinen weg widerum̃ auff Rom zu / allda man nicht ſo gar haͤck vnd geſtreng iſt / vnnd nicht ſo fleiſſig auffmercket / wie zu Gaeta, ſonder man laͤſt einen jeglichen ſein Nahrung ſuchen / wie er am beſten kan vnnd mag.
Was geſtallt Guſman zu Rom durch einen Cardinal auß mitleyden / in ſei - nem eygnen Hauß vnd Beth curirt worden.
DJe junge Leuth haben in zarten vnd wichtigen ſachen ein kurtzes geſicht / nicht zwar auß mangl deß verſtands / ſonder auß mangel der fuͤrſichtigkeit / welche nur durch die experientz zu wegen gebꝛacht: die experientz aber durch die zeit erlangt wirdt: dann wie ein gruͤne vnzeitige frucht kei - nen vollkom̃nen Geſchmack hat / ſonder bitter vnd ſawr iſt / alſo vnd ebner geſtallt ſehen wir / daß / weil die junge Leuth noch vnzeitig vnndG 4vnge -104Der Landtſtoͤrtzer.vngeſchmackig ſeind / jnen die ſpeculationes vnd die wahꝛe erkaͤndtnuß der dingen mengelt vnd abgehet / derwegen iſts je kein wunder / dz ſie jrꝛen / jnmaſſen auch ich gethan / vnfuͤrſich - tigklich handlete / vnd das allerboͤſeſte fuͤr das beſte erwehlte. Dann einsmals ſtund ich mei - ner gewonheit nach / deß Morgens fruͤ auff / verband meinen geſundten Schenckel / ſetzte mich voꝛ dem Hauſe eines Cardinals nider / vnnd als derſelb außgehen wolte / erhebte ich mein klaͤgliche Stimm vnd ſprach: O edler Chriſt / O Freund Chriſti Jeſu / erbarme dich vber diſen betruͤbten / elendigen / verwundten vnd armſeligen Menſchen / O hochwuͤrdig - ſter Vatter / habt doch ein mitleiden mit diſer armen Creatur / vnd jungen Knaben / ꝛc. Der Cardinal merckte auff mein ſchreyen / erbar - mete ſich vber mich / vnnd vermeinte / daß ich kein Menſch / ſonder Gott ſelbſt were / derwe - gen ließ er mich alsbald durch ſeine Diener in ſein Hauß tragen / meine alte zerꝛiſſene Kley - der außziehen / vnnd mich in ſein eygnes Beth legen. Folgendts ſchickte er nach den allerbe - ſten Stattbalbierern vnd Wundtartzten / vndbefalch105Der Landtſtoͤꝛtzer.befalch jhnen / daß ſie mich fleiſſig curiren vnd heilen ſolten / dañ ich hatte meinẽ Schen - ckel dermaſſen armſeligklich præparirt vnd zugericht / als waͤre er vnheylbar vnnd mit dem Krebs befangen / aber doch hette ich jhne jnnerhalb dꝛey Tagen gar wol widerumb hey - len koͤnnen. Die zwen Balbirer vermeinten anfangs / daß es ein ſehr boͤſer Schenckel waͤ - re / legten jhre Maͤntel von ſich / begerten ein Glutpfanne / Kuͤhſchmaltz / Eyer vnd andere ſachen / fingen an den Schenckel auffzuloͤſen / vnnd gaben ſo vil zu verſtehen / als muͤſte man jhne gar abſchneiden. Da fing mir erſt an angſt vnd bang zu werden / der ſpott / welcher mir zu Gaeta erwiſen war worden / gedunckte mich ein Kinderſpil gegen diſer gefahr zu ſein / dann ich beſoꝛgte mich einer vil groͤſſern Straff / derwegen wuſte ich meiner ſachen kei - nen rath / dann weder in der gantzen Letaney / noch im Flore Sanctorum fand ich keinen einigen Helffer noch Beſchuͤtzer der Schel - men.
Je laͤnger die Artzten meinen Schenckel beſchawten / je mehꝛ fingen ſie an zu zweiffeln /G 5ein -106Der Landtſtoͤrtzer.einander anzuſchawen vnd zu laͤchlen / letztli - chen aber eroͤffnete mir der Geitz der Artzten ein Thuͤr / auß diſem laborinth zu kommen / vnd als derwegen ſie von mir hinweg gingen / vnd ſich ſtelleten / als wolten ſie hingehen / vnd dem Cardinal die beſchaffenheit meines ſchen - ckels vnnd Kranckheit referiren, ſprang ich geſchwindt auß dem Beth / vnnd hoͤrte / was ſie herauſſen im Saal mit einander heimlich vnd vertrewlich redeten: dann der ein ſprach zum andern: diſer Knab iſt ein arger Schelm / ſeine Wunden ſeind falſch / was woͤllen wir a - ber thun? Verlaſſen wir jhne / ſo gehet vns vnſer Lohn vnd nutz auß den Haͤnden / ich ver - meine / wir ſolten vns gegen dem Cardinal nichts mercken laſſen / ſonder den Knaben all - gemach mit langſamer hand curiren, vnd vil Tag vnnd Zeit mit jhm verzehren / damit vn - ſer Artztlohn deſto groͤſſer vnd mehrer werde. Der ander Artzt aber wolte nicht darein ver - willigen / ſonder war der meinung / daß man dem Cardinal den Betrug entdecken ſolte: Als ich das hoͤrte / ging ich nackendt zu jhnen hinauß / fiel vor jhnen nider vnnd ſprach:Ach107Der Landtſtoͤrtzer.Ach jhr meine liebe Herꝛen / mein Leben vnnd mein verderben ſtehet in ewren Haͤnden vnnd Zungen. Jhr ſelbſt wiſſet die groſſe noth der Armen / vnnd die haͤrtigkeit der Reichen / dan - nenhero vnd zu jhrer beweg: vnd erwaichung jhꝛer Hertzen / iſt je ein notturfft / daß wir vnſer Fleiſch verwunden / vnnd alſo das heilige All - muſen herauß preſſen. Vmb Gottes willen bitte ich / jhr woͤllet euch vber mich erbarmen vnd mich nicht offenbar machen / ſonder hier - under auch ewren eignen nutz vnd gewinn be - trachten: Jnmittelſt vnnd in wehrender vnſer vnderꝛedung ging der Cardinal herein / vnnd der ein Balbierer ſprach zu jhm: Gnediger Herꝛ / groß iſt die Kranckheit vnnd der Scha - den diſes jungen Menſchen / dann der Krebs hat ſich allbereit an vnderſchidlichen orten ſeines Leibs angeſetzt / vnnd muß durch ein lange Cuhr vertriben werden: Der ander Balbirer ſprach: Gnediger Herꝛ / woferꝛn di - ſer Knab nicht in ewer gnedige vnd barmher - tzige Haͤnd gerathen waͤre / ſo hette er muͤſſen verfaulen / ſterben vnnd verderben / aber wir verhoffen jhne jnnerhalb 6. Monat zu heilen. Der108Der Landtſtoͤrtzer.Der fromb Cardinal antwoꝛtet: nit nemmet nur 6. ſonder 10. Monat darzu / damit er wol curiert werde. Wer war froͤher / als eben ich? Dann fuͤrwar / die gefahr / darinn ich mit den Balbierern ſteckte / war je groß. Man tra - etirte mich mit eſſen vnnd trincken / wie einen Fuͤrſten / vnnd der Cardinal ſelbſt ſuchte mich taͤglich heimb / conuerſirte mit mir / vnd hoͤꝛ - te mich gar gern reden. Als nun ich letztlichen gefundt worden / namen die Balbierer vꝛlaub / vnd wurden wegen jhꝛer gehabten bemuͤhung reichlich ergetzt vnd befeidigt. Jch aber ward gekleidt vnd in die zahl der Edelknaben geſetzt / muſte auch ſampt jhnen dem Herꝛn Cardinal dienen / vnd in ſeiner Kammer auffwarten.
Was geſtallt Guſman dem Car - dinal fuͤr einen Edelknaben ge - dienet.
ALle vnd jede ding haben jhre periodes viciſſitudines vnnd veraͤnderungen. Vor -109Der Landtſtoͤrtzer.Vorzeiten war die Poeterey in hohem werth / deßgleichen kan das alte Rom zeugnuß geben / wie hoch man die Oratores geſchetzt habe: Vnſer Hiſpanien waiſt / wie ſehr bey jhr die ſtudia Theologiæ vnnd beeder Rechten flo - rire. Deßgleichen ſihet man / wie offt vnnd vilmals ſich die Spanniſche Kleydungen veraͤndern / vnnd was man taͤglich fuͤr newe - rungen erdencke / die ignorantz, Toꝛheit vnd vermeſſenheit deß gemeinen Manns iſt der - maſſen groß worden / daß ſie in der Hoffart vnnd ſeltzamkeit der Kleidern / dem Adel vnnd Herꝛenſtandt nichts beuor gibt. So gar die phraſes vnd termini deß redens vnd ſchrei - bens verkehren ſich in allen Sprachen / vnnd muß alles auff den newen form gerichtet ſein / der alt ſtylus gilt nichts mehr. Die Gebaͤw vnnd Kriegs Jnſtrumenten verneweren ſich jmmerdar: Die Sitten der Menſchen ſeind nunmehr nicht Chriſtlich / ſonder Heydniſch: Die Frawen vnd Jungkfrawen ſelbſt muͤſſen bekennen / daß ſie ohne zarte Polſterhuͤndlein / Affen / Meerkaͤtzel / Papageyen / vnnd ſonder - lich ohne Galanen oder Seruidorn ſich nitbehelf -110Der Landtſtoͤrtzer.behelffen / leben noch jhꝛe zeit vertreiben koͤnd - ten / da doch ſie vor zeiten jhre beſte vnd mei - ſte Kurtzweil pflegten mit dem Spinnrocken / vnd mit der Haußarbeit zu haben. Eben ein ſolche meinung hats auch mit der Warheit / dann dieſelbe brauchte man vor alten zeiten dermaſſen ſehr / daß ſie vber alle Tugenden reſpectirt ward / vnnd daß einer der ein Lu - gen redete / offentlich mit Steinen zu todt ge - worffen ward: wie aber alle gute ding baldt ab: aber die boͤſe auffkommen / alſo iſts allge - mach dahin gelangt / daß man die Warheit weder hoͤren noch reden will: Ja ſo gar hat man jhre ſtatuam oder Bildtnuß zerſtoͤrt / ſie banniſirt / vnd in jhren Stul die Fraw Men - dacium oder Lugen geſetzt. Die Warheit muſte dem Jnhalt deß ſententzes nachkom̃en / vnd allein arm vnnd veraͤchtlich vmbziehen: Dann der gebrauch iſt / daß / wann einer / der zu Hof im hohen anſehen iſt / fellt / alsdann jhm jederman feind wirdt / ja ſeine allerbeſte Freunde ſehen jhne nur vber die Achßeln an / vnd kennen jhne nimmer.
Jn wehrendem jhrem exilio vnd Elendtſahe111Der Landtſtoͤrtzer.ſahe ſie einsmals auff einem Buͤhel ein groſſe mennig Volcks / mitten vnder jhnen gingen die Koͤnige / Fuͤrſten / Regenten vñ Geiſtlichen vnd begleiteten einen herꝛlichen vnnd Maye - ſtaͤtiſchẽ triumphwagẽ / darauff ſaß ein Fraw / die war gekroͤnt vnd gekleidt wie ein Koͤnigin / vnd hatte von ferne ein ſehꝛ ſchoͤnes angeſicht vnd glantz / aber je nahender man zu jhꝛ kam / je haͤßlicher vnd ſchaͤndlicher ſahe ſie auß / vnd jhr Leib war erfuͤllt mit gebrechen Die War - heit blib ſtill ſtehen / biß die vorbemelte Auff - warter vnnd Gleidtsleut fuͤruͤber gangen wa - ren / vnd als ſie diſe Koͤnigin Fraw Lugen ſa - he / verwunderte ſie ſich / vñ laͤchelte heimlich: deſſen ward die Koͤnigin gewar / ſtund ſtill vñ fragte ſie / wo ſie hin wolte? die Warheit ſagte jrs alles: da befahl jr die Lugen / dz ſie mit jr zie - hen ſolte / dann ſie vermeinte / daß ſolches jhꝛer grandeza vñ hochheit wol anſtuͤnde / dz auch einer vmb ſo vil deſto maͤchtiger waͤre / vm̃ wie vil groͤſſere Feinde er vberwindet: weil dann die Warheit jhr keinen Widerſtandt thun koͤndte / ſo gehorſambte ſie / folgte jhr nach / a - ber blib weit hinder der gantzen turbæ, dannſie112Der Landtſtoͤrtzer.ſie wuſte jhꝛ bekandtes vnd gehoͤꝛiges oꝛt wol / dann wer die Warheit begert zu ſuchen / der wirdt ſie nit finden bey der Lugen vnnd jhren Miniſtris vnd Dienern / ſonder hinden nach vnd zu aller letzt laͤſt ſie ſich ſehen vnnd offen - baren.
An der erſten Tagreiß kamen ſie zu einer Statt / darin regiert ein ſehꝛ maͤchtiger Fuͤrſt / der hieß Fauor, der ritte jhr hinauß entgegen / vnnd begerte ſie in ſeinem Pallaſt zu beher - bergen / aber die Koͤnigin Lugen nam nur ſei - nen guten willen an / vnnd verfuͤgte ſich in das Hauß deß Ingenij: derſelb hatte ein ſehꝛ koͤſt - lichs Haußweſen / vnnd tractirte ſie ſehr ſtatt - lich mit allerhandt ſpeiſen. Jhr Hofmaiſter hieß Oſtentatio, hatte einen langen Barth / ein grauitetiſches Anſehen / reputatiſche ſit - ten / vnnd ein ſehr ſittſame Rede: Der fragte den Wirth / was ſein gnedige Fraw die Koͤni - gin verzehrt vnd ſchuldig waͤre? Der Wirth machte die Rechnung / vnnd der Hofmeiſter ſagte anders nichts daꝛzu / als daß es recht vnd gut waͤre. Da ruffte die Koͤnigin Lugen jhrem Hofmeiſter Oſtentatio vnnd ſprach: Be -zahle113Der Landtſtoͤrtzer.zahle diſen guten Mann von dem Gelt / wel - ches du jhm zu verwahꝛen haſt gegeben / als du allhie einzoheſt. Der Wirth erſchꝛack / vñ wu - ſte von keinẽ ſolchem jm zugeſtellten Gelt: vnd er hielts anfangs nur fuͤr einen Schertz / aber als er ſahe / daß es jhnen ernſt war / beklagte er ſich / vnnd ſchwur / daß man jhm niemaln ein Gelt hatte zu geſtellt: Aber die Koͤnigin Lu - gen rieff zu Zeugen jhren Schatzmeiſter O - cium, vnd jren Kuchelmeiſter Adulatio, deß - gleichen jhre Kammer Jungfraw Fraus. Da - mit ſie auch jhne deſto mehꝛ conuinciren vñ vberzeugen moͤchte / ſo ließ ſie auch herfuͤr tret - ten deß Wirths Sohn / namens Intereſſe, Jtem ſein Weib / namens Auaritia: Diſe alle zeugten einhelligklich wider den Wirth Ingenium. Weil dann derſelb ſich in ſol - chẽ gedraͤng befandt / ſo fing er an ſeine Haͤnd gen Himmel zu erheben / zu exclamiren, zu - ſchreyen vnd Gott den HErꝛn zu bitten / daß er doch der Warheit einen beyſtandt leiſten wolte / ſeytemal diſe Leuth jhm nit allein das jenig ablaugneten / was ſie jhm ſchuldig wa - ren / ſonder auch etwas begerten / was er jhnenHnit114Der Landtſtoͤrtzer.nit ſchuldig war. Da ging die Warheit zu jhm / vnnd ſprach: Mein lieber Freund In - genium, du haſt recht / aber ich kan dir nicht helffen / dann die Koͤnigin Lugen iſt die je - nige / die dir das deine ablaugnet: du haſt nie - mande auff deiner Seyten / als allein mich / vnnd kan je mehr nit darbey thun / als daß ich mich zu erkennen gib / vnd ſage / daß dir durch die Koͤnigin Lugen gewalt vnnd vnrecht be - ſchicht. Diſe der Warheit kuͤnheit vnnd red - ligkeit verdroß die Koͤnigin Lugen dermaſſen / daß ſie alsbald befelch gab / den Wirth außzu zahlen.
Nun reiſte diſe Koͤnigin noch weiter / vnd kam in ein Statt / die gehoͤrte einer Frawen zu / namens Murmuratio, die war der Koͤni - gin gꝛoſſe Freundin / zohe jhꝛ ſambt jren maͤch - tigen Landtſaͤſſen / fauoriten vnnd Hoſ - geſindt entgegen / die hieſſen Superbia, Tra - ditio, dolus, gula, ingratitudo, malitia, o - dium, accidia, pertinatia, vindicta, Inui - dia, iniuria, ſtultitia, vana gloria, &c. Darneben erbotte ſie ſich ſie zu beherbergen / das bewilligte nun die Koͤnigin / doch mitdem115Der Landtſtoͤrtzer.dem Beding / daß ſie ſich ſelbſt verzehren wolte. Jhr Prouiantmeiſter Sollicitudo vnnd der Schaffner Inconſtantia trachte - ten nach den Speiſen / die wurden von allen orten her vberfluͤſſig herzugebracht / vnd auff - kaufft. Als aber ein jeglicher ſein Gelt beger - te / gab jhnen der Schatzmeiſter zur antwort / daß er jhnen nichts ſchuldig waͤre / ſeytemal der Einkauffer allbereit außzahlt hatte: Da erhebte ſich ein groß Getuͤmmel / vnnd die Koͤnigin Lugen ſelbſt ging herfuͤr vnd ſprach: Jhr gute Freunde / was begert jhr / hat man euch doch alle ewre Sachen bezahlet: Jch ſelbſt habs geſehen / vnd man hat euch das Gelt geben in beyſein vnnd gegenwertig - keit der Warheit / dieſelbe moͤget jhr fragen / ſie kans auch nicht laugnen / dann es iſt je wahr / was ich geredt. Man ging hin zu der Warheit / vnnd begerte daß ſie die War - heit ſagen vnnd bekennen ſolte / aber ſie ſtell - te ſich / als ſchlieffe ſie: Vnnd ob ſchon man jhr ſtarck in die Ohꝛen ſchrye / ſo ſtellte ſie ſich doch / als waͤre ſie ſtumm / dann ſie foͤrchtete ſich vor der Boßheit jhrer Feinde / dann werH 2zu116Der Landtſtoͤrtzer.zu Hof mit der Warheit vmbgehet / der muß jhꝛer entgelten / vnd wer das Maul zu weit auf - thut / der muß fort.
Noch artlicher aber vnd beſſer wirdt die Warheit dem Nagel eines Jnſtruments / vnd die Lugen einer Saiten verglichen / dann wie die Saite einen lieblichen Thon oder Klang hat / vnd aber der Nagel / wann er vmb - getriben wirdt / krachet vnnd ſich ſchwerlich vmbkehꝛet / aber doch letztlichen je lenger je fe - ſter hafftet / hergegen die Saite zerſpꝛinget vnd bricht / alſo ſehen wir / daß die Warheit nicht anders iſt / als eben ein ſolcher hoͤltzener nagel vñ dz die Lugẽ nichts anders iſt / als ein Saite vnnd ob ſchon die Lugen bißweilen den Nage der Warheit dermaſſen trucket / daß ſie es em - pfindet vnnd ein Zeichen vberkompt / ſo muß doch letztlichen die Saite der Lugen zerſprin gen / aber der Nagel der Warheit bleibt je len - ger je feſter im Jnſtrument deß Hofs: O wir offt wirdt zu Hof ein warhaffter vnd redlicher Mann durch die neidige Luͤgner vnd Judas - geſellen ſtaꝛck getruckt / gepetnigt vnd verfolgt / aber doch ſihet man jederzeit / daß die Warheittrium -117Der Landtſtoͤꝛtzer.triumphiret, vnd daß die Lugner letztlichen zerſpringen / vnnd jhren verdienten Lohn em - pfahen.
Wofern ich diſes alles in meiner Jugendt wol verſtanden / gewuͤſt vnd betracht hette / ſo wuͤrde es mir nicht ſo gar widerwertig vnnd armſelig ergangen ſein / dann mein handel vñ wandel war ein lauterer Betrug / Lugen / Falſchheit vnnd Buͤberey / derwegen hatte es keinen beſtandt / ſonder zerſprang vnnd brach jedesmals: Jmmerdar vnnd je lenger je mehr gerieth ich von dem einen vnheyl ins ander / abyſſus enim inuocat abyſſum. Anjetzo bin ich eines Cardinals Edelknab / vnd Gott geb / daß es nit bald aͤrger mit mir werde / dañ vnmuͤglich iſt / daß die violentirte oder mit gewalt gezwungene ding vnderlaſſen koͤnnen widerumb zu jhrem centro zu gelangen. Wie der vngewurtzelte Baum keine fruͤchte traͤgt / vñ bald verduͤrꝛet / alſo konte auch ich in meinẽ newen Edelknaben dienſt keine wurtzeln ſetzen noch fruͤchte tragen. Nit war ich geſinnt wie andere Leuth / dann man ſagt / daß / vmb wie vil mehr die Ehr waͤchſt / ſie vmb ſo vilH 3deſto118Der Landtſtoͤrtzer.deſto mehr begert werde / aber bey mir be - fandt ſich das widerſpil / dann ich verachtete die Ehr eines Edelknabendienſts / vnnd hatte einen verdruß dran. Wie es ein vngereimb - ter Handel waͤre / wann einer die Fiſch auß dem Waſſer nemme / vnnd Pfawen drein zieglen wolte / oder wann einer einen Ochſ - ſen fliegen / vnnd einer Adler pfluͤgen laſſen wolte / oder wann einer ein Roß mit Sandt fuͤtern / vnnd den Habich mit Stroh ſpeiſen wolte / eben ein ſolche vngereimbtkeit war es auch mit mir / in deme man auß einem Pi - caro / Bernhaͤuter / Bettler / vnnd Lodter - buben / einen Edelknaben machen wolte: Dann nunmehr ward ich der Egyptiſchen Fleiſchhaͤfen gewohnt / mein centrum, da - hin ich zielte / war die Tafern / der punct mei - nes Circuls oder Rings / waren die Laſter / die waren das endt vnnd ziel / darnach ich ringete / trachtete vnd mich erfrewte vnnd er - luſtigte.
Nit ohne iſts / daß ich mich anfangs fein anließ / vnd mich ſampt andern meines Herꝛn Edelknaben zim̃lich in den Poſſen wuſte zu -ſchicken119Der Landtſtoͤrtzer.ſchicken / dann ich befliſſe mich fuͤrnemblich vnd jnſonderheit deß eylfften Gebotts / Du ſolt nit fuchsſchwaͤntzlen: Vnnd durch diſes mittel gewann vnnd erlangte ich mei - nes Herꝛn deß Cardmals gnad vnnd gunſt dermaſſen / daß er mich jmmerdar bey ſich haben muſte / vnnd gleichſamb ohne mich nit ſein kondte. Darneben aber ſtach ich jhm heimblich alles auff / was ich ſo wol in der Statt Rom / als auch in ſeinem Hauſe ſa - he vnd hoͤrte. Das wuſte ich auch bißweilen dermaſſen zu exaggeriren vnd zuuermehꝛen / daß es ein luſt war / aber weil meine ſachen auf Lugen vnd betrug fundirt waren / ſo hatte es keinen beſtandt mit mir / dann erſtlich kond - te ich mein angebornes ſtehlen nicht laſſen / nichts war ſicher vor mir: Meines Herꝛn Gelt vnd Kleinoder waren mir nicht zu gut / vnnd der andern Edelknaben meiner Mitge - ſellen Kleyder vnnd Gewandt verſchmahete ich nicht / ſonder ſchiebte es alles ein / verkauff - te es / vnnd loͤſte Gelt drauß: Sie waren von Natur faul / hinlaͤſſig vnnd vnauffmerck - lich / aber ich machte ſie munter / vnd verur -H 4ſachet /120Der Landtſtoͤrtzer.ſachte / daß ſie jhr Gewandt / Kraͤß / Hembder / Struͤmpff / Huͤt / Schuch / vnnd dergleichen etwas fleiſſiger aufhebten vnd einſperten / dañ wann ſie es nur ein wenig vergaſſen vnd ligen lieſſen / ſo ſahens jhꝛe Augen nimmer. Eins - mals brachte ich meines Herꝛn vergulten ſchluͤſſel zum Confect Kaſten zu wegen / den - ſelben truckte ich ins Wachs ab / ging darmit zum Schloſſer / ließ einen darnach machen / ſperte den Kaſten bißweilen auff / vnnd labte mich mit dem beſten darin verhandenen con - fect, das trib ich ſo lang / biß man einmals ein ſonderbares ſtuck oder Geſtadel mit Zucker - Roſat mengelte / vnd merckte / daß ein falſcher Schluͤſſel verhanden ſein muͤſte: Dannen - hero inquirirte man ſehr ſtarck bey allen Dienern vnd ſonderlich bey vns Edelknaben / nichts aber befandt ſich damals / ſonder als mein Herꝛ auff ein zeit etliche Herꝛn zu Gaſt hatte / vnd etwz lenger zu Tiſch ſaß / vnd con - uerſirte, ſtund er vnuerſehens auff / ging in ſein Schlafkammer vnnd wolte ſein Waſſer abſchlagen / da erwiſchte er mich beym Con - fect Kaſten ſtehen / vnd weydlich ſchlecken: Erfragte121Der Landtſtoͤrtzer.fragte mich / was ich da machte? Aber ego obmutui, ich erſtummete / da ließ er den Do - mine Nicolao ſeinen Secretarium holen / vnd befalch jhm / daß er mir zwoͤlff ſtreich mit der Ruthen geben ſolte: Das thate er fleiſſig / vnd gab mir nit nur 12. ſonder 24. Streich / dann er war mir feindt.
Aber ich zahlte jhne rein auß / dann als er vermeinte / daß ich ſolche ſtreich allbereit ver - geſſen hatte / begab ſichs einsmals / daß jhne die Mucken vbel ſtachen / dann das Hauß vnd gantz Rom war voller Mucken: da ſprach ich zu jhm: Herꝛ Domine Nicolao, woͤllet jhr / ſo wil ich euch ſagen / was man in Hiſpanien wider die Mucken brauchet / vnnd wie mans vertreibt? Er ſagte: Ja. Da holte ich ein ſonderbares Kraut / netzte es in Eſſig / ſetzte es zun Haupten ſeines Beths / vnd vberꝛedete jh - ne / daß alle Mucken zu deſſen geruch fliegen / vnd alsbald niderfallen vnnd ſterben wuͤrden. Er glaubte es / vnd als er ins Beth kam / vber - fiel jhne ein vnendtliches geſchwader derglei - chen Mucken / biſſen jm ſchier die Augen auß / vnd fraſſen jhm ein ſtuck von der Naſen hin -H 5weg /122Der Landtſtoͤrtzer.weg / muſte derwegen das Loſament raumen vnnd ſich anderſtwohin ſaluiren. Deß mor - gens fruͤ wolte er mich kurtzumb todt haben / vnd verklagte mich beym Herꝛn Cardinal / a - ber ich verantwoꝛtete mich vnd ſprach: Gne - diger Herꝛ / E. Gn. wiſſen / daß ſie diſem Do - mino Nicolao befohlen haben / mir zwoͤlff ſtreich zu geben / wegen deß geſchleckten Con - fects / aber er hat vier vnnd zwantzig drauß ge - macht / derwegen hab ich nicht vnderlaſſen koͤnnen / jhne diſer geſtallt außzuzahlen. Der Cardinal lachte / vnnd ließ es fuͤr ein poſſen paſſieren.
Guſman wirdt ſeinem Herꝛn dem Cardinal je lenger je lieber / ſtudieret vnnd ſtellet ſich ſehꝛ andaͤchtig / beſchreibt auch die fuͤrnembſte Roͤmiſche Kirchen / ſampt de - nen darin verhandenen Reli - quien / ꝛc.
JE lenger je mehr gewann mich mein Herꝛ der Cardinal lieb / vñ ſein lieb vñ gunſt wurde gewißlich einen beſtandt gehabt haben / wofern nur mein woluerhalten einen beſtandt gehabt hette. Gar gern con - uerſirte er mit den Leuthen / vnnd ſonderlich mit mir / vnnd weil mir vornen im Munde ein Zahn mengelte / vnd ich derwegen Zahn - lucket war / ſo fragte er mich / wie ich vmb denſelben Zahn kommen waͤre? Jch erzehlte jhm die vrſach vnd ſprach: Gnediger Herꝛ / einsmals zu Madril empfand ich einen groſ - ſen Wehthumb in diſem verlohrnen Zahn / derwegen war ich vorhabens / jhne außziehen zulaſſen. Nun war gleichwol ein Zahnbrecher verhanden / der forderte aber zu vil Gelts / vnd ich hatte keins: derwegen ging ich auffm Marck hin vnd wider in groſſer Melancoley ſpatzieren / blib aber letztlich vor eines Kuͤ - chelbachers Laden ſtehen / vñ ſahe / was geſtalt er die Kuͤchel bachete / vnnd verkauffte: Das ſahe ein Soldatiſcher Speyvogel vnd ſprach zu mir: Du Edelman ſag mir / wie vil Kuͤ - chel traweſtu dir auff einmal zu eſſen? Jchantwor -124Der Landtſtoͤrtzer.antwortet: Vil gnug trawe ich mir zu eſſen / wofern einer verhanden were / der mirs zahlte: der Soldat ſprach: woferꝛn du mir verſpre - chen wirſt / daß du 500. ſolche Kuͤchel eſſen woͤlleſt / ſo wil ich ſie fuͤr dich zahlen / aber doch mit dem beding / daß / wofern du ſie nit alle jſ - ſeſt / du mir etwas dargegen gebeſt: Jch ant - wortet: Kein Gelt hab ich / aber wofern ich ſie nit alle jſſe / ſo mag ich leyden / daß man mir einen Zahn auß dem Mund reiſſe: dem Sol - daten gefil diſer Fuͤrſchlag / vnnd zahlte die Kuͤchel: Jch fing an waidlich zu eſſen (dann es hungerte mich) vnd als ich hundert Kuͤchel verſchluckt hatte / ſagte ich / daß ich keine mehr kondte eſſen / gab mich alſo fuͤr vberwunden / da begerte der Soldat mir den Zahn außzu - ziehen / aber ich wolte es nit geſchehen laſſen / vnd gab jhm zu verſtehen / daß ich jhm nit druͤ - ber trawte. Da fuͤhret er mich geſchwindt zum Zahnbrecher / der ohne das ſeinen Laden am Marckt hatte / vñ ich bewilligte / dz mir der Zahn ward außgebrochen. Der Meiſter Zan - brecher foꝛderte alsbald ſeinen Lohn von mir / ich aber ſagte / daß ich kein Gelt hatte / vnd wi -ſe125Der Landtſtoͤrtzer.ſe jhne an den Soldaten / der mich mit allem fleiß zu jhm gefuͤhꝛt hatte. Der ward letztli - chen gezwungen den Zahnbrecher zu befridi - gen / diſer geſtalt bin ich gleichwol vmb mei - nen boͤſen Zahn / aber hergegen zu guten Kuͤ - cheln kommen. Diſes Poſſens lachte mein Herꝛ Cardinal von Hertzen.
Jn wehꝛender diſer vnderꝛedung kam mei - nes Herꝛn Cardinals Medicus darzu / ſahe mich vnnd meine kleine geſtallt an / (dann ich hatte kurtze Bein vnnd lange Finger) vnnd ſprach: Guſmaͤndl du biſt artlich vnd poſſir - lich / ich glaub / die Natur hab dich mit allem fleiß ſo klein gemacht / damit einer dich in ſack oder Beutel ſchieben koͤnne / vnd dich nit ver - liere? Jch wil dich auch einmal in meinen Sack ſchieben / damit ich dich bey mir haben moͤge: Darauff antwoꝛtete ich jhm geſchwind vnnd ſprach: O Domino Gerhardo, kaͤme ich euch einmal in ewren Beutel / ſo wuͤrdet jhr mich nicht ſo bald wider herauß bringen. Diſer Medicus war auch zugleich ein Aſtro - logus, derwegen diſcurrirte er mit meinem Qerꝛn gar vil von den Him̃liſchen dingen:Letztli -126Der Landtſtoͤrtzer.Letztlichen lachte ich: Mein Herꝛ fragte mich warumb ich lachte? Jch antwortet: Gnedi - ger Herꝛ: Jch moͤchte gern wiſſen / wie lang es waͤre / daß diſer Doctor vom Himmel herab kommen / ſeytemal er von Him̃liſchen dingen ſo vil reden kan? Das empfandt der Doctor, laͤchelte / ſchawte den Cardinal an / vnd ſprach: Gnediger Herꝛ / ich komm hin / wo ich woͤlle / ſo findt ich Narꝛen / wo haben aber E. G. diſes geſcheide Naͤrꝛl vberkommen? Jch aber ant - wortet: Ja / Herꝛ Doctor, Narꝛen muß man haben / man neme ſie gleich wo man woͤlle / a - ber vnder 100. Narꝛen find man nit einen / der geſcheyd iſt. Seyt aber jr geſcheyd? Der Car - dinal hatte ein wolgefallen an diſer vnſer cõ - uerſation, vnnd weil er ein ſubtiles ingeniũ bey mir verſpuͤrte / ſo entſchloſſe er ſich / daß er mich ſtudieren laſſen wolte / vñ zu ſolchem end hielt er mir einen eygnen Præceptorem, der mich im Lateiniſchen ſo weit vnderwiſe / dz ich etlicher maſſen ein perfectus Latinus oder vollkom̃ner Latiniſt ward.
Nit allein ward ich erzogen in den ſtudiis, ſondern auch gewehnt zu der Andacht vnndGotts -127Der Landtſtoͤrtzer.Gottsforcht / dann wochentlich muſten wir Edelknaben die ſiben fuͤrnembſte Kirchen an - daͤchtigklich beſuchen: die erſte war S. Ioan - nis Lateranenſis, welche auffm Berg Cæ - lio ligt / vñ vom Keyſer Conſtantino dẽ groſ - ſen gebawt vñ mit reichem einkom̃en verſehẽ / aber durch die Ketzer zerſtoͤrt / folgendts durch die Baͤpſt Nicolaum den IV. Martinum V. Eugenium IV. vnnd Pium IV. reparirt iſt worden. Bapſt Sylueſter hat ſie zu der Ehr deß Erloͤſers / vnd Joannis deß Taufers con - ſecrirt Die Bildnuß deß Erloͤſers ſtehet oben auff dem Choraltar / vnnd iſt nicht verbrennt worden / vnangeſehen die Kirch zwey mahl verbrunnen. Jn diſer Kirchen werden am H. Oſtertag nachfolgende reliquien oder Heyl - thumb gezeigt: nem̃lich das Haupt deß H. Za - chariæ / welcher deß H. Tauffers Joannis Vatter geweſt. Das Haupt deß H. Marty - rers Pancratij / auß welchem drey Tag ein ander Blut gefloſſen / als die Ketzer diſe Kirch verbrenten. Jtem die Reliquien der heiligen Mariæ Magdalenæ. Jtem ein Achſſel deß H. Laurentiz. Jtem ein Zahn vom H. ApoſtelPetro,128Der Landtſtoͤrtzer.tro. Jtem der Kelch / auß welchem der heilig Euangeliſt Joannes auß Befelch Keyſers Domitiani das Gifft / ohne allen ſchaden ge - truncken. Jtem die Ketten / mit dern er von Epheſo gefaͤngklich gen Rom gefuͤhrt wor - den. Jtem deß heiligen Tauffers Joannis A - ſchen vnd haͤrines Kleyd. Jtem die Haar vnd Kleyder der allerheiligſten Jungfrawen Ma - riæ: Jtem das Hem̃et / welches ſie dem Herꝛn Chriſto gemacht: Jtem das Tuch / mit wel - chem vnſer Erloͤſer die Fuͤß ſeiner Juͤnger ge - truͤcknet: Jtem das Rohr / mit welchem ſein allerheiligſtes Haupt geſchlagen worden. J - tem das rothe vnd mit ſeinem koͤſtlichen blut gefaͤrbte Kleid / welches jhm Pilatus angelegt: Jtem vom Holtz deß Creutzes: Jtem die Lein - wat / welche jhm auff ſein Angeſicht im Grab gelegt ward: Jtem ein theil deß Waſſers vnd Bluts / welches auß ſeiner Seyten gefloſſen. Auff deß Bapſts Altar ſeind deß heiligen Pe - tri vñ Pauli Haͤupter. Jn einer neben Capeln iſt der Altar / welchen der heilig Tauffer Jo - annes in der Wuͤſten gehabt: Jtem die Arch deß Bundts: Der Stab Aarons vnnd Moy -ſis:129Der Landtſtoͤrtzer.ſis: die Tafel / darauff vnſer Erloͤſer ſein letz - tes Abendtmahl ſampt ſeinen Juͤngern geſ - ſen: Alle diſe ding hat Keyſer Titus von Jeru - ſalem gen Rom gebracht. Jm obern Saal ſeind drey Thor von Marmelſtein / welche im Pallaſt Pilati zu Jeruſalem geweſt / dardurch vnſer Erloͤſer zum Pilato gefuͤhrt worden: Jtem ein Marmelſteines Fenſter / durch wel - ches der Engel Gabriel gangen / vnd die ver - kuͤndigung der Menſchwerdung Chriſti ver - richt: Jtem die Stiegen mit 28. Staffeln / darauff der Erloͤſer nidergefallen vnnd ſein koͤſtliches Blut vergoſſen: Jtem die Saͤul / welche im Todt Chriſti mitten von einander zerſpꝛungen. Jn der Capelln Sancta Sancto - rum befindt ſich die bildtnuß vnſers Erloͤſers als er nur zwoͤlff Jar alt war / welche der heilig Lucas gemahlt / vnnd ein Engel gar vollendt haben ſoll / ꝛc.
2. Die Kirch deß heiligen Petri in vatica - no iſt gebawt vnd geſtifft woꝛden vom Keyſer Conſtantino Magno, darinn ſeind die Lei - ber deß heiligen Simonis vnd Judæ / deß H. Ioan: Chryſoſtomi, Bapſts Gregorij vndJPetro -130Der Landtſtoͤrtzer.Petronillæ, das Haupt deß heiligen Andreæ / Jtem deß heiligen Euangeliſten Joannis / S. Sebaſtiani, S. Iacobi deß juͤngers / deß heili - gen Thomæ Biſchoffs zu Canterberg / vnnd deß H. Amandi / Jtem ein Achſſel vom heili - gen Chriſtophoro / vñ deß H. Stephant. Vn - der dem groſſen Altar iſt der halbe Leib deß H. Petri vnd Pauli / Jtem im Tabernacul die H. Veronica / das Eiſen deß Spieſſes / welches die heilige Seiten deß Erloͤſers durchdrungẽ / vnd welches der Tuͤrckiſch Keyſer dem Bapſt Innocentio VIII. zugeſchickt hat. Jtem die Saͤulẽ / an welcher der Erloͤſer geleint hat / als er predigte / vnd man die beſeſſene fuͤrbrachte.
3. Die Kirch deß H. Pauli ſtehet ein halbe meil auſſer der Statt Rom / vnd iſt gleichfals vom Keyſer Conſtantino gebawt vnd dotirt woꝛden an dem oꝛt / wo das Haupt deß H. Pau - li wunderbarlicher weiß gefunden worden. Jn diſer Kirchen ſeind die Leiber deß heiligen Timothæi, Celſi Iuliani, Baſiliſſæ, vnd vi - ler vnſchuldigen Kindlein / Jtem ein Armb von S. Anna der Mutter Mariæ / Jtem die Ketten / an dern der H. Paulus gefangen ge -legen /131Der Landtſtoͤrtzer.legen / Jtem das Haupt der Samaritanin / ein Finger vom H. Nicolao.
4. Die Kirch S. Mariæ maior, iſt gebawt worden von dem Joanne einem Roͤmiſchen Patritio vnnd ſeiner Frawen / dann weil ſie keine Kinder hatten / ſo begerte ſie jhre Guͤter zu der Ehr der allerheiligſten Jungkfrawen Mariæ zu verwenden / derwegen hatten ſie in der Nacht ein viſion, daß ſie deß Morgens hinauß gehen / vnd an dem ort / ſo mit Schnee bedeckt waͤre / ein Kirch bawen ſolten. Eben ein ſolche viſion hatte auch der Bapſt / der ging ſam̃t ſeinem gantzen Hofgeſindt zum ber ſagten ort / fand den Schnee / ſing mit ſeinen eignen Haͤnden an zu graben / vñ ward daſelbſt die Kirch gebawt: Dariñ ſeind verhanden die Leiber deß H. Apoſtels / Matthiæ, Romuli, Redemptæ, Hieronymi, die Krippen / dar - inn Chriſtus zu Bethlehem gelegen / die Win - del / darinn die allerheiligſte Jungkfraw jhne gewickelt / Jtem ein Arm vom heiligen Apo - ſtel Matthæo / Luca vnd deß heiligen Biſchofs Thomæ.
5. Die Kirch S. Laurentij ſtehet auſſerJ 2Rom132Der Landtſtoͤrtzer.Rom ein halb meil / vnnd iſt ebenmeſſig durch den Keyſer Conſtantinum gebawt worden / darin ligt der Leib deß heiligen Laurentij vnnd Stephani deß erſten Martyꝛers / ſampt einem Stein / mit deme er geſteinigt worden. Jtem der Stein / darauff der heilig Laurentius nach ſeinem todt gelegt worden / vnd ein Stuck ſei - nes Roſtes / darauff er gebraten worden.
6. Die Kirch deß H. Sebaſtiani iſt gebawt worden durch die H. Lucinam, darin ligt deß H. Sebaſtiam vnd der H. Lucinæ vnnd deß H. Bapſts Stephani Leib. Jtem der Stein / auff welchem Chriſtus die Fußſtapffen ſeiner Fuͤß gelaſſen / als er dem von Rom fliehenden heiligen Petro erſchin.
7. Die Kirch S. Crucis zu Jeruſalem iſt gebawt worden vom Conſtantino deß Keyſers Conſtantini Magni Sohn auff beſchehe - nes begeren der H. Helenæ / darm iſt der Leib deß H. Anaſtaſij vnnd Cæſarij, ein Ampel voller Bluts Chriſti / der Schwam̃ / mit wel - chem jhm der Eſſig vnd Gall zu trincken ge - geben worden / zwey Doͤrner von der Kronen die jhm auffgeſetzt ward / vnnd ein Nagel / mitwelchem133Der Landtſtoͤrtzer.welchem er an dem Creutz gehefftet worden / Jtem der Tittel / welchen Pilatus oben dran ſetzen laſſen: Jtem das Holtz deß H. Creutzes / welches die H. Helena dorthin verordnet. J - tem ein Silberling von denen / mit welchen der Herꝛ verꝛathen worden: Jtem das halbe Creutz deß frommen Schaͤchers / ꝛc. Alle diſe ding werden am H. Carfreytag gezeigt.
8. Die Kirch S. Mariæ populi, darin die allerheiligſte Jungkfraw inſonderheit verehrt wirt / vnd iſt anfangs vom Roͤmiſchen Volck gebawt woꝛden zur zeit Bapſts Paſcalis. Da - rin findt man den Nabel vnſers HErꝛn / J - rem etwas von der Milch / Schlair vnd Kley - dern der allerheiligſten Jungkfrawen. Die fundation diſer Kirchen iſt wunderbarlich / dann eben an dem ort / da anjetzo der groß Al - tar ſtehet / war vor zeiten ein ſo hoher Nuß - baum / daß er alle andere benachbarte Baͤum vbertraff. Vnd in diſem Baum hielten ſich die Teuffel auff / vnd verwarten den Leib Key - ſers Neronis / der vnden an den Wurtzeln be - graben lag: Diſe Teuffel vexierten / peinigten vnd erwuͤrgten alle die jenigen / welche der or -J 3ten134Der Landtſtoͤrtzer.ten fuͤr vber gingen / derwegen ließ Bapſt Pa - ſcalis dem gantzen Roͤmiſchen Volck ein dreytaͤgiges Faſten vnd betten verkuͤnden / da - mit doch das Volck von diſer ſo gar boͤſen Peſt erloͤſt moͤchte werden: Jn der dritten Nacht erſchin jhm die allerheiligſte Jungk - fraw vnnd ſprach: Paſcalis, verfuͤge dich zu der Porten flaminea, da wirſtu einen Nuß - baum finden / vnder welchem die Gebein Ne - ronis begraben ligen / denſelbẽ ſolleſtu zerhau - wen / vnd allerdings außreuten / auch an dem - ſelben ort ein Kirch in meinem namen bawen laſſen: Jnmaſſen beſchehen / vnnd in wehren - dem außreuten hoͤrte man ein ſehr erſchroͤck - lichs getuͤm̃el der Teuffeln: der Leib Neronis ward daſelbſt gefunden / vnd in die Tiber ge - worffen / vnd die Kirch gebawt. Bapſt Gre - gorius IX. hat die durch den heiligen Lucam gemahlte Bildtnuß der allerheiligſten Jungkfrawen Mariæ ge - tragen.
Guſman erzehlt ferꝛner / was geſtalt er auch wegen ſeines ſpilens vom Cardinal beurlaubt / vnnd widerumb in deß Frantzoͤ - ſiſchen Geſandten dienſt angenommen worden / was er auch bey demſelben fuͤr artliche boſſen ge - riſſen.
VJl gute gelegenheiten hatte ich Gotts - fuͤrchtig vnnd andaͤchtig zu ſeyn / aber es war vnſere andacht ſehr klein / vnnd ich ſahe / daß das Sprichwort: Je naͤ - hender Rom / je aͤrger Chriſt: wahr iſt / vnnd daß die jenigen / ſo die beſte Gelegen - heit zur Gottsforcht haben / am aller Gott - loſeſten ſeindt. Dann wann wir Edelkna - ben Kirchfahrten gingen / thaten wir nichts anders / als newe Maͤrlein auffklauben vñ er - zehlen / vnd vnderwegs die Tafernen beſuchen vnnd ſpilen: Bey der Nacht aber lieffen wir auff den gaſſen vmb vnd bulten. Diſes Leben fuͤhrte ich ſo lang / biß mir der Barth anfing herfuͤr zu ſtechen / fuͤꝛnem̃lich vnd inſonderheitJ 4aber136Der Landtſtoͤrtzer.aber ergab ich mich dem ſpilen allerdings / zu - maln ala primera. O was fuͤr ſchoͤne ſtuͤckel falſchheiten vnd betrug lernete ich im ſpilen? nichts vnderließ ich zu lernen / was ein Spitz - bub wiſſen vnnd koͤnnen ſoll: Dardurch aber verſaumbte ich nicht allein vilmals meinen dienſt / ſonder verſpilte auch alles / was ich hat - te: Einsmals bliben alle meine Leibskleyder im ſtich / derwegen dorffte ich auß meinem Lo - ſament nicht gehen / noch zum dienſt kom̃en: Mein Herꝛ mengelte meiner alsbald / vnd er - fuhr alles / wie es mir ergangen war: Er hat - te ein mitleyden mit meiner ſo gar boͤſen ey - genſchafft / vnuerſchambkeit vnd hartneckig - keit / vnd gab befelch / daß man mich widerumb kleyden / vnd fort ziehen laſſen ſoll. Das ver - droß mich ſo gar ſehꝛ / daß ich alsbald auß ſei - nem Hauß ging / vnnd niemaln wider kam / vnd ob ſchon man mir ſtarck rieth / dz ich vmb gnad anhalten / vñ vmb verzeyhung bitten ſol - te / ſeytemal mein Herꝛ mich gewißlich wider - umb annemmen wuͤrde / ſo wolte ich doch nit / ſonder ſchlug alle mir erwiſene gutthaten in Windt / zohe / als ein vndanckbarer heyloſerletzer137Der Landtſtoͤꝛtzer.letzer Schelm / hinweg / vnnd trachtete mit al - lem fleiß meinem vngluͤck nach: Dann ob ich mich ſchon etliche tag bey meinẽ guten freun - den vñ Bruͤdern auffhielt / ſo wurden ſie doch meiner bald muͤd / vnd zeigten mir das Kuͤhe - fenſter / ſeytemal ich kein Gelt hatte. Da fing das Elendt widerumb bey mir an zu regieren / keinen einigen Baum kondte ich finden / der mir einen Schatten hette geben / der Hunger ward ſo gar gꝛoß bey mir / daß ich ſambt jenem verloꝛnen Sohn gar gern mit deß Herꝛn Car - dinals Schweinen auß jhrem Trog geſſen / vnd mich mit jhren Kleiben erſaͤttiget hette.
Letztlichen nam ich mein Zuflucht zu der Frantzoͤſiſchen Bottſchafft oder Geſandten / der meines Herꝛn deß Cardinals ſeligen gar guter Freund geweſt / vnnd mich bey jhm wol gekennt hatte. Diſer Herꝛ nam mich auff / vnd hielt mich wol / aber mit einem vnderſchidli - chen intent, dann der Cardinal ſahe allzeit auff meinen nutz / heyl vnd wolfahrt / aber der Geſandte ſahe nur auff ſeinen luſt / dann er er - luſtigte ſich mit den boſſen vnd kurtzweiligkei - ten / die ich jhm vorſagte / vnnd mit den Bott -J 5ſchafften /138Der Landtſtoͤrtzer.ſchafften / die ich jm hin vnd wider bey groſſen Herꝛn vnd ſchoͤnen Frawen außrichtete. Er gab vñ benente mir keinen eigentlichen dienſt noch Beſoldung ſonder ich diente jhm gene - raliter, vnnd er belohnte mich generaliter, dann man hielt mich gleichſamo fuͤr ſeinen Schalcksnarꝛen vnd Kupler: Wann auch er Gaͤſt hatte / brauchte er mich fuͤr ein Auff - warter vnnd kurtzweiligen Tiſchrath: Vnd weil bißweilen ſich etliche vngeſchickte / grobe vngeſchmackige vnd vnannembliche Geſellen vnnd Knoͤpff ſelbſt zu Gaſt luden / vnnd vn - beruffen kamen / ſo erwiſe ich denſelbigen allerhandt Poſſen / dann etliche ließ ich oh - ne Tranck ſitzen / vnnd gewehnte ſie wie die duͤrꝛe Melonen: andern gab ich nur gar wenig zu trincken auß gar kleinen Glaͤſern: andern gab ich den gewaͤſſerten Wein / vnnd andern einen gar warmen Wein. Wann ich vermerckte / daß jhnen ein Speiſe wol ſchmeckte / ſo ruckte ich die Schuͤſſel von jnen hinweg / vnnd ſetzte jhnen was anders vn - geſchmackiges fuͤr: Allerhandt mittel erſann ich / damit jhnen die Mahlzeit vbel be -kaͤme /139Der Landtſtoͤrtzer.kaͤme / vnd ſie nit vrſach hetten wider zu kom - men.
Einsmals erſchinen neun Perſonen / vnd als man gleich zu Tiſch ſitzen ſolte / kam ein wolbekandter Schmorotzer / vnnd wolte ſich gleichfals zum eſſen laden / vnangeſehen der Tiſch allbereit wol beſetzt war / da ging ich zu jhm vnnd ſprach: Herꝛ / jhr ſollet wiſſen / daß mein Herꝛ der Geſandte niemaln vber neun Perſonen ſetzet / derwegen will ich hingehen vnd die verhandene Perſonen abzehlen. Jch ging hin / zehlte ſie / kam wider zu jhm / vnnd ſprach: Herꝛ / die zahl iſt erfuͤllt / jhꝛ moͤget wol wider hinweg gehen: Aber er antwortet vnnd ſprach: Du haſt gejrꝛt / gehe hin / vnnd zehle ſie noch einmal / aber an mir muſtu anfahen / ſo wirſtu befinden / daß ich kein vbriger bin. Deſſen muſte ich gleich lachen / vnd jhne paſ - ſiren laſſen.
Zu einer andern zeit kam ein Spaniſcher Soldat zu mittag / als mein Herꝛ der Geſan - le eſſen wolte / ging in den Saal zu jhm vnnd ſprach: Herꝛ / ich bin ein Soldat vnd ein fuͤr -nemmer140Der Landtſtoͤrtzer.nemmer Cauallero vnnd Cordua, befinde mich aber anjetzo bloß an Gelt / vnnd bin ge - ſchoſſen worden mit dem Pfeil der Armut / derwegen bitte ich vmb ein Ritterzehrung? Der Geſandt griffe in ſeinen Beutel / zohe et - liche Ducaten herauß / vnnd gab jhms: Der Cauallero war aber damit nit vernuͤgt / ſon - der erzehlte dem Geſandten wer er waͤre / vnd in was fuͤr Feldtſchlachten vnd impreſen er ſich befunden Als auch der Geſandt zu Tiſch ging / ſetzte ſich diſer Cauallero gleichfalls hinzu. Jch ging damals vmb die Speiſen hinauß / vnnd ſahe zwen andere Spanier her - ein gehen / vnnd als dieſelbigen diſen Solda - ten oder Cauallero ſahen am Tiſch ſitzen / ſprachen ſie zu einander: Jſt dann das nit ein klaͤglicher handel / daß vns diſer Schwarack vnd Bernhaͤuter aller orten den weg ablauf - fet: Als ich das hoͤrte / ging ich zu jhnen vnnd ſprach: Jhr Herꝛn / kennet jhꝛ diſen Caualle - ro? Sie antwoꝛteten: Ja / wir kennen diſen Hudler gar wol / ſein Vatter hat vns offter - mals die Schuch angelegt vnd gepletzt / ſeinen Schuſter Laden hat er zu Cordua nahe beyvnſer141Der Landtſtoͤrtzer.vnſer behauſung. Zu erbarmen vñ ein ſchand iſts / daß / wann vnſer zwantzig Caualleri in Jtalien ziehen / alsdann hundert heyloſe Leut / wie diſer einer iſt / mitkommen / vnd jnen gleich ſein woͤllen / dann weil ſie wiſſen / daß man ſie nit kennet / ſo vermeinen ſie / daß / wann ſie nur jhꝛen Knoͤbelbarth ſtreichen / vnnd vil Federn auffſetzen / ſie dardurch den Adel vnd dapffer - keit allbereit erlangt haben / vnangeſehen ſie letze Lettfeigen vnd verzagte Hennen ſeind / vñ niemaln kein fliegendes Faͤndel geſehen ha - ben / dann nicht die Federn vnd Knoͤbelbaͤrth / ſonder die Hertzen vñ Maͤñer muͤſſen ſtreiten. Darmit gingen ſie hinweg. Jch aber ſchoͤpff - te allerhand nachgedencken drauß / hielt eben ſo vil von jhnen / als dem andern vnuerſcham - ten Geſellen / der an meines Herꝛn Tiſch ſaß / derwegen vberkam ich einen luſt / jhm einen poſſen zu reiſen: vnd als er zu trincken beger - te (dann in Hiſpanien ſetzet man keine Glaͤ - ſer mit Wein auff den Tiſch / wie in Teutſch - landt / ſonder wer da begert zu trincken / der mags fordern vnnd begeren) gab er mir ein zeichen mit der Handt / oder mit den Augen:Jch142Der Landtſtoͤrtzer.Jch aber verwendete meine Augen anderſt - wohin / oder ſtelte mich / als ſehe ichs nit / weil dann er vermerckte daß man keinen luſt hatte jhme einzuſchencken / ſo ſprach er zum Ge - ſandten: Ob wol es villeicht ein vermeſſen - heit ſein moͤchte / daß ich mich an eine Taſel geſetzt / ſo bin ich doch deſſen / we - gen meines adelichen Geſchlechts vnd dapfe - ren verhaltens im Kriegsweſen / wol wuͤr - dig / derwegen bitte ich / jhr woͤllet Beuelch geben / daß man mir einſchencke / dann diſer Spanier ewer Diener hat mich nit verſtan - den / vnangeſchen ichs begert hab. Da be - falch gleich wol mein Herꝛ vns / daß wir jhm zutrincken geben ſolten / aber ich ſchwur jhm heimblich einen Eydt / daß ich jhne außzah - len wolte: Derwegen ſetzte ich jhm ein gar kleines Glaß mit wolgewaͤſſertem Wein fuͤr / mit welchem er den Durſt nicht loͤſchen koͤndte. Er vermerckte auch / daß ſo wol ich als meine andere Mitgeſellen vnnd auffwar - ter vnſere Augen vnnd Geſichter von jhm abwendeten / vnnd jhne nicht anſchawen wolten? damit wir nicht Vrſach hetten /jhme143Der Landtſtoͤrtzer.jhme einzuſchencken / derwegen verluhre er letztlichen die Gedult / ſtunde vom Tiſch auff / vnnd ſprach zu meinem Herꝛen dem Ge - ſandten: Herꝛ verzeyhet mirs / ich muß hingehen vnnd trmcken: Folgendts ging er zum Schencktiſch / ſchenckte jhm ſelbſt ein groß maͤchtiges Glaß mit Wein ein / loͤſch - te ſeinen durſt / nam ſeinen Hut ab / thate ſein Reuerentz vnnd ging hinweg ohne ei - niges reden oder vrlaub nemmen. Deſſen lachte der Geſandt / vnnd ſprach zu mir: Guſmaͤndl / diſer Soldat iſt dir vnnd dei - nem Vatterlandt gleich / allda man alles mit Hoffart trutzen vnnd bochen hinauß fuͤhret.
Sonſten war noch ein Engellaͤnder ver - handen / der gab ſich fuͤr meines Herꝛn Bluts - verwandten auß / vnnd kam ſchter taͤglich zu jhm zum eſſen. Weil er aber ein vngeſchma - ckiger / vngelegener vnnd vnannemblicher Mann war / ſo hatte mein Herꝛ einen ver - druß an jhm / das merckte ich / vnd als derwe - gen man einsmals waidlich zechte / vnnd der Wein jhm das Hirn allerdings einge -nommen144Der Landtſtoͤrtzer.nommen hatte / fing er an mich zu vexiren / vñ wegen meiner kleinen Perſon / zu verſpotten / vnnd ſagte / daß der Bapſt im werck vnd vor - habens were / die kleine Maͤndl zu lauter Pul - uerflaſchen zu brauchen / das empfandt ich / nam einen Strick / kroche heimlich vnder den Tiſch / band jhm den Fuß an den Seſſel / vnd an Tiſch: Folgendts beſtellte ich durch mei - ner Geſellen einen / daß er vnuerſehens herein zu der Tafel lieffe vnnd ſchrye: Jhꝛ Herꝛen / es brint / es brint: deſſen erſchracken die Gaͤſt / ſprangen vom Tiſch auff / vnnd wolte ein jeg - licher der erſt beym Fewr ſeyn: Mein ſchoͤner Engellaͤnder aber fiel ſampt dem Seſſel vber vnnd vber / zohe den Tiſch nach ſich / vnnd be - ſchaͤdigte ſich dermaſſen im Geſicht / daß er vberall ein lauters Blut war. Nun hatte auch mein Herꝛ der Geſandt einen groſſen ſtarcken ſehr ſchwartzen Mohꝛen / der diente in der Ku - chel / denſelben beſtellte ich / daß er mit einer Hellebarten vnuerſehens auff jhne zu lieff / vnd ſich ſtelte / als wolte er jhne erſtechen: deſ - ſen erſchrack der Engellender noch mehr / ver - meinte / daß es der Teuffel waͤre / lieff derwe -gen145Der Landtſtoͤrtzer.gen vor jhm auff ſeine Knye nider / vnd ſprach mit auffgehabenen Haͤnden: O ſancte Dia - bole, miſerere mei, O heiliger Teuffel / erbarme dich meiner. Seyther derſelben zeit kam diſer Engellaͤnder nimmer zum eſſen.
Noch einen andern vngeſchmackigen taͤg - lichen Gaſt oder Schmarotzer hatte der Ge - ſandt / der war ein Aduocat vnd beyder rechten Doctor / ſpilte jmmerdar mit meinem Herꝛn / vnd gewann jhm vil Gelts ab / der fragte mich einsmals vber Tiſch / was doch die vrſach were / daß ich ſo glat vmbs Maul were / vnnd daß mir der Bart nicht wachſe? Jch aber fragte jhne hingegen / was doch die Vrſach were / daß er auffm Kopff ſo kahl were? (dann er war kahlkoͤpffig / vnnd hatte die Frantzoſen etliche mal gehabt) Er ward ſchamrot / vnnd wuſte nicht was er darzu ſolte ſagen: Jch aber halff jm vñ ſpꝛach: Domine Doctor, calui - tium non eſt vitiũ, ſed probitatis indiciũ, ſi morbus gallicus nõ fuit initium. Weil ich auch vernommen / daß ſein Fraw bulte / ſo fragte ich jhne noch ferꝛner vnnd ſprach: Herꝛ Doctor / weil jhꝛ hochgelehꝛt ſeyt / ſo ſagt mir /Kan146Der Landtſtoͤrtzer.an was fuͤr einem Ort deß Menſchlichen Leibs die Haut am aller harteſten ſeye? Der Doctor lachet vnd ſagte / daß ers je nit wiſſe / aber wofern ichs wiſſe / ſo moͤchte ers gern von mir vernemmen. Da antwoꝛtet ich vñ ſpꝛach: Ewre Haut iſt nirgents dicker vnd groͤber / als eben voꝛnen an der Stirn / dann ob ſchon ew - re Fraw euch allbereit vil Jahr lang die Hoͤr - ner auffgeſetzt / ſo haben ſie doch niemaln wachſen woͤllen / welches dann ein zeichen iſt / daß die Haut an demſelben Ort (nemblich an der Stirn) ſehr hart iſt. Der Doctor lachte / aber zum eſſen kam er nimmer. Diſer geſtallt erlaidete vnnd vertrib ich meinem Herꝛn vil Schmorotzer vnd vnuerſchambte freſſer.
Guſman verlaͤſt den Dienſt der Frantzoͤſiſchen Bottſchafft / zeucht auß Rom / vnd wirdt be - raubt.
DAs Leben bey der Frantzoͤſiſchen Bottſchafft gefil mir nicht / dann ich hatte einen ſchlechten nutz vnnd ge - winn / aber vil muͤhe vnnd gefahr bey jhm. Dann nit allein war ich ſein Schalcksnarꝛ vnd Brillenreiſſer / ſondern auch ſein Kupler / vnnd brachte jhm vil ſchoͤne zarte Fraͤwlein zuwegen / darbey aber hatte bißweilen auch ich vnnd andere gute Geſellen vnſern theil / dann man machts keinem anderſt / die groſſe Herꝛn muͤſſen ſich auch bißweilẽ narꝛen laſſen. Eins - mals als er an einem Sontag etliche Schrei - ben auß Franckreich empfangen / vnnd beym Bapſt audientz haben ſolte / ging ich im Ca - pitolio ſpatzieren / vnnd ſahe von vngefahr zween junge Spanier: Wir erkennten als - bald einander am Angeſicht / vnnd ſie rede - ten mich in Spaniſcher Sprach an: Deſ - ſen frewete ich mich / ſamb hette ich zween Engel angetroffen: Wir erzehlten eman - der vnſere Gelegenheit vnnd Zuſtaͤndt / ich vermerckte auch / daß ſie wegen jhrer Vnruhe jhr Vatterlandt verlaſſen / im Ni - derlaͤndiſchen Krieg gedient / mit gefahr jhresK 2Lebens148Der Landtſtoͤrtzer.Lebens entloffen / vnd voꝛhabens waͤren Rom zu verlaſſen / derwegen vergliche ich mich mit jhnen / daß wir mit einander fort ziehen wol - ten: Aber doch bate ich ſie / daß ſie doch mit mir vor meines Herꝛn Loſament vber gehen ſolten / dann ich woͤlle meinen Wanderbuͤnd - tel / darin ein bar Hembder vnnd Kraͤß / zu mir nemmen: Ja (ſagten ſie) gar gern / aber ſchaw / daß du ſonſten noch etwas anders vnd beſſers zu wegen vnd mit bringen moͤgeſt: Jch folgte jhrem Rath / verfuͤgte mich in meines Herꝛn Hofmeiſters Loſament / vnnd ſahe / daß er ſich fertig machte / mit dem Geſandten gen Hof zu gehen / weil auch er mich jederzeit lieb gehabt / vñ wol wuſte / daß mir zu trawen war / ſo ſprach er zu mir: Du Guſmaͤndl / ich muß dem Geſandten auffwarten / derwegen ver - bleibe du hie im Loſament / vnnd ſchaw fleiſſig auff / damit niemand frembder herein komme / oder etwas verlohren werde: Jch antwortet: gar gern wil ichs thun / kein frembder ſol euch etwas beruͤhren.
Alsbaldt er hin war / fiſchte ich ſeine beſte Kleider / Hoſen / Wambes / Maͤntel vñ Hemb -der /149Der Landtſtoͤrtzer.der / wicklet ſie in ein Leylach / als waͤre es ein kotiges gewandt / kam zu meinem geſellen / ſuchte das Statt Tohr auff Neapolis zu / vnd theileten die Kleider in drey vnderſchidliche Buͤndtel / damit wir deſto leichter vnnd ge - ſchwinder gehen vnnd fort kommen moͤchten. Wie nun wir drey Meil wegs fort geloffen waren / vnnd in ein gehuͤltz kamen / entſchloſ - ſen wir vns daſelbſt vber nacht zu verbleiben / wir aſſen vnd trancken was wir bey vns hat - ten / erzehlten einander / wie es vns jederzeit vñ aller orten ergangen war / vnnd machten ver - trewliche Bruͤderſchafft. Letztlichen legten wir vns nider zum ſchlaffen. Sie ſtelten ſich als waͤren ſie ſehr muͤd vnd ſchlaͤfferig / vnnd entſchlieffen vor mir: Derwegẽ thate ich auch dergleichen / vnd entſchlieff ohn alle ſoꝛgen: Jn wehrendem meinem beſten ſchlaff aber / ſtunden ſie fein huͤbſchlich vnnd ſtill auff / na - men jhren[Buͤndtel vnd] alle meine dem Hof - meiſter entfrembde Kleider vnd ſachen zu ſich / vnd lieffen darmit daruon. Deß Moꝛgens fruͤe erwachte ich / ſahe mich hin vnnd wider vmb / vnnd rieff meinen Mitgeſellen / aber ichK iijkondte150Der Landtſtoͤrtzer.kondte keinen ſehen noch erſchreyen / dann ſie hatten ſich allbereit vnſichtbar gemacht: Jch ſuchte meinen Buͤndtel hin vnnd wider / aber fand nirgents nichts: Jch erſchrack vnnd ge - dachte / daß es villeicht ein Traum waͤre: doch ſahe ich / daß es wahr war: Es war mir gleich - wol leyd / aber doch ſprach ich ſampt dem Job: Nackent bin ich geboren worden / vnd nackent befindt ich mich: Jch gedachte auch an das Epheu Jonæ / welches in einer einigen Nacht gewachſen / vnd in der andern verdorꝛt. Nun wolan / ich ging meinen weg foꝛt / troͤſtete mich ſelbſt mit allerhandt gedancken / allermaſſen die jenigen thun / welche alles verſpilt / oder ei - nen Schiffbruch auffm Meer erlitten hatten / ich gedacht auch an diſe meine falſche Bruͤder vnd Freunde / vnnd was geſtallt der ein Dieb den andern beſtohlen. Mein beſter troſt vnd gluͤck war / daß ſie mir nit auch das Leben genommen hat - ten.
Guſman trifft einen Jtalieniſchen Grafen an / erlangt dienſt bey jhm / vnd erzehlt allerhandt artliche Schnacken.
JN oberzehlter meiner ſo groſſen Me - lancoley / Vngluͤck vnnd Trawrigkeit erſahe ich einẽ groſſen hauffen volcks / welches gen Neapolis raiſte / Darunder war nun ein Graf von Mirandola, zu dem - ſelben geſellete ich mich / vnnd lieff allzeit neben ſeinem Pferdt / damit er vrſach hette mich anzureden / vnnd mit mir zu diſcur - riren: Jch hielt jhm den Stegreiff wann er wolte abſteigen / vnd gab jhm etliche Blumen die ich auffm weeg abbrache: Derwegen ver - ſtundt er mich / vnnd fragte wo ich hin wolte? ich antwortet: gen Neapolis: Er begerte zu wiſſen / von wannen ich waͤre / vnd womit ich mich ernehꝛte? Jch antwoꝛtet jm vermuͤg mei - nes gewoͤnlichen ſtyli, dann nit allzeit ſol man die waꝛheit ſagen / damit nicht mehꝛ ſchadẽ / alsK 4nutz148[152]Der Landtſtoͤrtzer.nutz drauß erfolge / ein jegklicher iſt ſchuldig ſein Ehr zuerhalten. Als wir zu der Herberg kamen / ſprach er zu mir: Guſman, raſte ein wenig / vnd laſſe dir zueſſen geben / ich wil fuͤr dich außzahlen: Diſe ſtimm klingte vil liebli - cher in meinen Ohren / dann die Harpffe Or - phæi. Diſe frewd wehrte aber nit lang / dann ich ſahe zwen Betler vorm Wirts hauß ligen / die kennten mich / vnd redeten mich an / das ſa - he der Graf vnnd fragte mich / was ich fuͤr kundtſchafft mit Bettlern hette? Jch erſchrack ſchaͤmte mich von Hertzen vnd ſprach: Herꝛ / zu Rom ſeind ſie jmmer dar voꝛ meines Herꝛn deß Cardinals Thuͤr gelegen: Er aber fing an zuzweiffeln / vnd fragte mich noch ferner: weil du beym Cardinal gedient haſt / wie biſtu dann ſo arm vnd zerriſſen von jhm kommen? da war ich geſchwindt mit noch einer andern Lugen beſchoſſen / vnd ſprach: Weil mein Herꝛ der Cardinal mich ſehr lieb hatte / ſo warẽ mir alle andere Diener feindt / derwegen beſoꝛgte ich mich / daß ſie mich einsmahls in vngnad bey jhm bringen moͤchten: Das verurſachte mich nun / vrlaub von jhm zunemmen / vnndweil153Der Landtſtoͤrtzer.weil ich zu Rom etliche Wochenlang dienſt - loß vmbzohe / ſo hab ich meine Kleider vnd ge - wandt theils verkauffen / vnnd theils verpfen - den muͤſſen. Der Graf glaubte mirs: Die Tiſch wurden gedeckt vnd die Speiſen ange - richt: Jch ſtelte mich / als wolte ich zu Tiſch dienen vnd auffwarten / aber mein Herꝛ hieß mich nider ſitzen / vnd ſetzte mir ein Schuͤſſel mit Fleiſch fuͤr: Die aß ich dermaſſen luſtig vnnd geſchwind auß / daß mein Herꝛ zu mir ſagte: haſtu es ſchon gar? einen guten Hun - ger haſtu mitbracht. Jch antwoꝛtet vñ ſprach: Herꝛ / wir Colerici haben diſe eigenſchafft / das wir alle vnſere ſachen geſchwindt verrich - ten / mein Magen iſt der maſſen redlich im ver - dewen / daß ers wenig achtet / was zwiſchen den Zaͤhnen beſchicht / derwegen ſchicke ich jhm die Speiſen bißweilen halb vnd dermaſ - ſen gekewt zu / daß ich ſie am dritten tag herna - cher wider herauß werffen kondte / allermaſſen wie der Waalfiſch den Jonam außgeſpyen. Deſſen lachte mein Herꝛ von Hertzen / vñ ſetzte mir noch zwo Schuͤſſeln mit Speiſen fuͤr: die expedirte ich eben ſo geſchwindt als die er -K vſten /154Der Landtſtoͤrtzer.ſten / derwegen vergliche er mich etlichen be - ruͤmbten Freſſern / nem̃lich dem Claudio, Al - bino, vnd dem Mileſiſchen Aſtidama, wel - che alles allein fraſſen / was fuͤr die Gaͤſt zube - reit war: Vom Camble Koͤnig in Lidia ſag - te er auch / daß derſelb dermaſſen gefraͤſſig ge - weſt / daß er einsmals beym Nachtmal ſein Weib gefreſſen: Jch ließ gleichwol mei - nen Herꝛn reden / vnnd vil andere dergleichen Exempel der Freſſern allegiren / aber doch fraß ich darneben wie ein Wolff / vnnd erleu - terte alle Schuͤſſeln dermaſſen / daß ein vnnot - turfft war ſie abzuſpuͤlen oder anderſt zu rai - nigen. Das verdroſſe aber die andere Diener vnnd ſahen mich ſawr vnnd vnwirſch an: Da gedachte ich alsbald bey mir ſelbſt: wol - an Guſman / mache dich gefaſt / du muſt durch die Spieß rennen / vnnd vil contradictio - nes vnd widerwertigkeiten außſtehen: Aber doch ließ ich mich gegen jhnen nicht mercken / ſonder demuͤtigte mich / als vil mir muͤglich war. Nun ward die Rechnung gemacht / der Wirth nam ſein Gelt ein / vnnd mein Herꝛ machte ſich wider auffn weeg: Jch lieff all -zeit155Der Landtſtoͤrtzer.zeit neben jhm her / vnd wartete jhm vil fleiſſi - ger auff / denn ein Hundt.
Vnder wegs ſprach er: Guſman / erzehle vns etwas kurtzweiliges / damit vns der weg deſto kuͤrtzer werde / dann weil du ein Spa - nier biſt / ſo haſtu ohne zweiffel die Welt geſehen vnnd wol etwas erfahren. Jch ent - ſchuldigte mich gleich wol / daß ich nit vil wuͤ - ſte zu ſagen / ſeytemal ich noch jung vñ vil juͤn - ger auß Hiſpanien gezogen war / aber doch er - botte ich mich / dz jenig von Hiſpanien zu mel - den / was ich wuͤſte. Hiſpanien (ſprach ich) iſt ein Kron der Welt / ein Haupt der Waffen / ein compendium der gelehrtheit / ein ſubtil - heit der ingenien, ein monarchia der maͤch - tigen / ein Saͤul der Kirchen / ein Beſchuͤtzung der religion / vnd hat keinẽ ſuperiorẽ oder O - berherꝛn. Der Koͤnig in Hiſpanien iſt der aller groͤſt Monarch der Welt / auf deſſen Achſſeln ſich die Chriſtenheit lainet / deſſen Kron die zwo Welten begreiffet / deſſen Wapen die zwẽ Poli ſehen / deſſen Adler vnd gulden Fluͤß alle grandezẽ vbertreffen. Jn Reichthum̃en iſt er der groͤſt / vnnd der allermaͤchtigſt Herꝛ vnderder156Der Landtſtoͤrtzer.der Sonnen / er ſauget die guldine Bruͤſt der Orientaliſchen vñ Occidentaliſchen Jndien: Alle Nationes vnnd Voͤlcker verehren den Spanniſchen namen / jederman verwundert ſich vber der Spanier Thaten / Monarchi - am vnd triumphen: niemandt darff ſich ge - gen jhnen competiren vnd ſetzen.
Wann wir die beruͤmbte Spaniſche Hel - den / welche ſeyt der zeit der vnuͤberwindlichen Gotten gelebt / betrachten / ſo wirdt man ſehen wie offt ſie die gewaltige Statt Rom er - ſchreckt / vnd alle andere Voͤlcker bezwungen. Cantabro Pelayo hat mit wenig Volcks gantz Hiſpanien wider erobert / Koͤnig Bam - ba hat den anfang der Chriſtlichen Religion vnd der Policey in Hiſpanien gemacht: Fer - dinandus Gonzales war der erſt Herꝛ in Caſtillia, von deſſen Lini die Koͤnige in Hi - ſpanien herkommen. Bernardus del Carpio hat die zwoͤlff pares in Franckreich erſchreckt vnd die Schlacht zu Ronzes Valles vnſterb - lich gemacht. Rodrigo de Viuar der Cid ge - nannt / hat vil Koͤpff der Mohren in Af - frica vnd Hiſpania fuͤr ſeine Fuͤß ligen ſehen. Der157Der Landtſtoͤrtzer.Der vnuͤberwindtliche Don Iayme de A - ragon iſt wegen ſeiner herꝛlichen Thaten ge - nennt worden der Vberwinder. Was ſoll ich auch ſagen von dem gewaltigen vnnd vber - windtlichen Koͤnig Ferdinand vnd Jſabella von Aragon / vnnd von jhrem Hauptmann Gonzalo Hernandez de Aguilar vnnd Cordua, vor deſſen namen ſich das Koͤnig - reich Neapolis vnnd Franckreich pflegte zu - entſetzen? Hat nicht der allermaͤchtigſt Keyſer Carl durch das bloſſe gereuſch vnd ſchwingen ſeiner Fluͤgel / die Tuͤrckiſche macht voꝛ Wien vertriben? Hat er nit Niderlandt vnd Franck - reich entſetzt vnd erzittert? Hat nit ſein Sohn Philippus die Frantzoͤſiſche macht gedempfft vnnd jhren Koͤnig gefaͤngklich vberkommen? Hat nit Don Iohan d’ Auſtria ſein Bruder deß Tuͤrcken macht auffm Meer erlegt / vnnd die Niderlaͤnder vor Namur ſcheutzlich ge - butzt? Was hat nicht Don Aluaro Bazan Marggraf zum heiligen Creutz in Portugal vnd Terzera gethan? deß Ferdinandi Cor - teſij herꝛliche Thaten ſeind mehꝛ zu verwun - dern / denn zu erzehlen: Wie auch deß DonFernan -158Der Landtſtoͤrtzer.Fernando de Toledo, von deſſen herꝛlichen Siegen vnd Triumphen Portugal / Nider: vnd Hochteutſchlandt gnug haben zu reden.
Hierauff antwortet der Graf vnd ſpꝛach: Du Guſman / lobeſt dein Hiſpanien waid - lich / aber es laͤſt ſich anſehen / als habeſt du nit geſehen die ding / dern ſich andere nationes vñ Voͤlcker beruͤhmen. Sag aber mir / wo ha - ſtu diſe ding erfahren? haſtu villeicht etwas ſtudiert? Jch antwortet / daß mich meine El - tern von zarter jugend auff / hatten zur ſchulen gehalten / vnd daß ich etliche Hiſtoꝛibuͤcher ge - leſen. Folgends fragte er mich / wz ich von den Laſtern der Spanier hielte? dann (ſprach er) gemeinlich ſeind die Spanier ſtoltz / hoffertig / vbermuͤtig / auffgeblaſen / ignoranten, vnnd woͤllen alleſampt Caualleri ſein / ꝛc. Darauff antwortet ich vnd ſprach: Die Spanier ſeind nit hoffertig / ſonder haben gemeinlich ein ho - hes großmuͤtiges Hertz vnd gemuͤt / vnd daſſel - be waͤchſt bey jhnen vmb ſo vil deſto mehꝛ / vm̃ wie vil mehꝛ ſie mercken / daß ſie andern nati - onen voꝛ gezogen werden wegen jrer dapfern vñ ritterlichen thaten. Ob derwegen ſchon ſienit159Der Landtſtoͤrtzer.nit alle Adelichen Geſchlechts ſeind / jedoch wann ſie in frembde Landt kommen / ſo ſuchen vnd bewerben ſie ſich vmb den Adel durch das Kriegsweſen / dann nur der jenig Soldat iſt edel / der edle thaten verꝛichtet.
Beſehe man jhre Thaten in Niderland / ſo wird man bekennen muͤſſen / daß ſie deß Adels wol wuͤrdig. Vñ ob ſchon etliche ſtoltze vnder jnen gefunden woꝛden / ſo haben doch alle vnd jede andere rechtſchaffene vñ beſcheidene ſpa - niſche Soldaten deſſen nit zu entgelten. Mein Herꝛ aber fil mir in die red / vnd ſagte: Du biſt halt auch ein Spanier / derwegen lobſtu deine Landtsleuth / vnangeſehen ich alzeit ſagen hab hoͤꝛen / daß in Hiſpanien nit vil Roß / aber vn - endlich vil Eſel verhanden / dannenhero we - nig Caualleri, aber vil Aſinini oder Eſel - leut gefunden werden. Darauff antwoꝛtet ich vnnd ſprach: Gnediger Herꝛ / die Eſel ſeind nit zu verachten / dann ich bin auch eins mals ein Eſel geweſt / vnd hab jren dienſt vnd Ampt mit tragen allerhand buͤrden / verꝛichten helf - ſen. Es hat auch mit den Eſeln vnd der Eſell - ſchafft eben die meinung / welche es hat mit dẽSigno -160Der Landtſtoͤrtzer.Signori vnd Signorie, dann wie die Signo - ria oder herꝛlichkeit von menigklichen gelobt / verlangt vnd verwundert wirdt / hergegen die Herꝛn gemeinglich veracht vnd geflogen wer - den / (dann niemandt hat gern / daß jhm ſein Herꝛ auff der Hauben ſitze) alſo werden die Eſel veracht / aber die Eſelſchafft wirdt hoch geacht / vnd iſt dem Menſchen gleichfoͤrmig / vnd nah verwandt. Dann als die Welt an - fangs erſchaffen war / vnnd alle Thier dem Menſchen vnderthaͤnig gemacht wurden / iſt gleichwol vom Eſel kein einige meldung be - ſchehen / ohne zweiffel darumb / allweil man zweiffelte / ob der Menſch vber den Eſel / oder der Eſel vber den Menſchen herꝛſchen wuͤrde / von wegen ſeines verſtandts vnd ſonderbarer Tugenden vnd Hochheiten / dann erſtlich iſt ein Eſel wuͤrdig woꝛden / den Engel GOttes zu ſehen / vnd die Menſchliche Sprach zu re - den / welches aber keinem einigẽ andern Thier jemals verguͤnſtigt iſt worden / wie zu ſehen iſt im alten Teſtament. So gar hat vnſer Erloͤ - ſer ſelbſt ſeinen triumphierlichen Einritt ni[cht]halten wollen auff einem Cauallo vnd ſchoͤ -nen161Der Landtſtoͤrtzer.nen Pferdt / ſonder auff einem Eſel: deßglei - chen leſen wir von keinem einigen heiligen Einſidler / daß er in der Wuͤſte oder Einoͤde ein Pferdt hette bey ſich gehabt / ſonder ſie ha - ben ſich allzeit mit Eſeln bedient.
Am andern beſtehet die Guͤte deß Eſels in ſeiner demut / dann weil diſes holdſelige Thier begert von mennigklichen geliebt zu werden / ſo erzeigt es ſich gegen jederman demuͤtig / an - nemblich vnd dienſtbar. Er fragt auch nichts nach koͤſtlicher zierd / oder ſtattlichen waaren / ſonder er laͤſt ſich beladen mit den allerſchlim - ſten dingen vnd vnreinigkeiten / er leydet vnd geduldet alle ſchmach vnd ſchlaͤg / die man jm zufuͤget / vnd iſt darneben nutzlich zu brauchen im Krieg / dañ ob ſchon er von Natur nit krie - geriſch noch hitzig / ſonder kalt vnnd fridſamb iſt / ſo iſt er doch darneben langſamb / vnd die - ſelbe langſambkeit iſt nit allzeit ſchaͤdlich im Kriegsweſen / ſonder vilmals ein vrſach deß erhaltenen Siegs geweſt / wie zu ſehen iſt am Fabio Maximo, qui cunctando reſtituit rem. Vnangeſehen auch die Eſel im Krieg oder in der Schlacht nit feindtlich ſpringenLvnd162Der Landtſtoͤrtzer.vnd lauffen / ſo erzeigen ſie doch ein ſonder - bare erſchroͤcklichkeit. Als Darius die Sci - thier bekriegte / vnnd ſehr vil Eſel bey ſich hat - te / forchteten ſich die Scitiſche Pferdt jhren Feindt anzugreiffen / dermaſſen erſchroͤcklich war das ſchreyen der Eſein Darij: Er eroberte auch letztlichen durch diſes mittel die Schlacht. Eben diſes widerfuhr im Krieg / welchen die Rieſen wider die Goͤt - ter fuͤhrten / dann als man ſehr hefftig wi - der einander ſtritte / kam gleichwol Silenus ſambt vilen Satyribus vnnd Syluanis / ſaſ - ſen auff den Roſſen der Eſeln / vnnd hetten ſchier den kurtzeſten theil gezogen vnnd auß dem Himmel weichen muͤſſen / wofern jhre Eſel nit geweſt waͤren / dann als die Eſel die ſo groſſe erſchroͤckliche Maͤnner vnd Rie - ſen ſahen / fingen ſie an dermaſſen zu ſchreyen / das es alle Lufft durchklang vnnd alle Berg erziterten. Es brachte auch diſe Stimm ein ſolche Forcht vnder den Rieſen / daß ſie die Flucht namen: Eben diſer vrſachen halben haben die Goͤtter den Eſel zu einem Zeichen in Himmel geſetzt. Wir wiſſen / daßjener163Der Landtſtoͤrtzer.jener ſtarcke Samſon ſeine Feinde nit vber - winden hat koͤnnen / ohne huͤlff deß Kinba - ckens diſes edlen Thiers / dann mit demſelben erſchlug er vil tauſent ſeiner feinde.
Ferꝛner haben nicht allein die alten darfuͤr gehalten / daß die Eſel dem Menſchlichen Leben ſehr nutzlich vnnd dienſtlich ſeyen / ſonder auch ſo gar zu diſen vnſern zeiten wer - den ſie dermaſſen in Ehren gehalten / daß / wann man etwan einen Menſchen einen E - ſel nennen will / man allzeit das Wort Meſ - ſier aſino, oder Herꝛ Eſel / brauchet: Wann auch einer einen groͤtzel gehen laͤſt /[oder ſonſt] ein grobianiſch ſaͤwiſch Stuͤckel brauchet / vnnd man jhm ſagt: bon por vous fa Signor Porco, alsdann gibt jhm derſelb zur antwort vnnd ſpricht: beſo las manos Meſſier aſino: diſer geſtallt ehret man ein - ander. Dermaſſen hoch vnnd ehrwuͤrdig iſt vor zeiten der nam eines Eſels geweſt / daß ſo gar die edliſte Roͤmer ſich nach jhm die Aſinii genennt / wie zu ſehen iſt an dem Aſinio Pollione, Aſinio Tro - illo, Aſinio Celere vnnd andern. Stra -L 2bo164Der Landtſtoͤrtzer.bo bezeuget / daß etliche Staͤtt vnd Jnſeln im Adriatiſchen Meer Aſinæ genennt worden: Fuͤrwar / gluͤckſelig vnnd abermal gluͤckſelig ſeind geweſt diſe Ort / ſeytemal jhꝛe Jnwoh - ner Eſel geweſt.
Nit weniger ſeind die Eſel lobwuͤrdig we - gen jhꝛer weißheit / welche vil groͤſſer bey jhnen iſt / weder bey allen andern Thieren / vnnd diſe Weißheit haben ſie ohne zweiffel durch jhre Melancoliam / in deme nem̃lich ſie jmmerdar mit nider hangendem Kopff gehen / gleichſam̃ theten ſie nichts anders / als allzeit gedencken / ſpeculiren / dichten vnd trachten / jn maſſen alle melancolici zu thun pflegen. Alle hohe vnd ſpitzfindige Maͤnner haben eben diſe Natur an jhnen gehabt / vnnd Ariſtoteles erzehlt die vrſach. Gleichwol machen die Gelehrten ei - nen vnderſchidt zwiſchen der melancolia, vnnd ſagen / daß die eine kalt ſeye / auch kalte / faule vnnd grobe Leuth mache: Noch ein an - dere melancolia iſt dermaſſen hitzig vnnd heißſiedent / daß ſie die Menſchen naͤrꝛiſch vñ vnſinnig machet. Noch ein andere iſt maͤſſig / vnd theils kalt / theils warm / vnd dieſelbe ma -chet165Der Landtſtoͤꝛtzer.chet die Leuth weiſe vnd ſpitzfindig / die ſpitz - findigkeit der Eſeln aber erſcheint auß deme / daß ſie gleichſamb Propheten vnd verkuͤnder deß guten vnd boͤſen Wetteꝛs ſeind / dañ wann ſie deß Morgens fruͤ laut ſchreyen / vnnd mit den Fuͤſſen ſcharꝛen / iſt ſolches ein zeichen ei - nes guten Wetters / wann aber ſie langſamb vnnd faul herein gehen / alsdann wehets oder regnets gern.
Man vermeint / daß die Eſel / woferꝛn ſie nur gute vnnd rechtſchaffene Meiſter hetten / in vilen kuͤnſtlichen dingen koͤndten vnderwi - ſen vnnd abgericht werden / nemblich in den ſtudiis vnd auff Lautenſchlagen / deßgieichen im muſiciren / dann damit einer ein guter mu - ſicant ſey / werden zwey ding darzu erfordert / nemblich ein gutes Gehoͤr / vnd ein gute ſtim̃: vnd eben diſe zwey requiſita vnd eygenſchaf - ten hat der Eſel in ſuperlatiuo gradu vnnd außbuͤndig / dann kein einiges anders Thier / ja die Talpæ oder Maulwirff ſelbſt / vber trift den Eſel im Gehoͤr / vnnd derwegen hat er ſo ſchoͤne lange Ohren. Als Apollo mit dem Marſia Satiro in die wett muſiciren wolte /L 3beſtel -166Der Landtſtoͤrtzer.beſtellte er den Koͤnig Midam zu einen arbi - trum oder Schidtsrichter / weil aber Midas ein vngeſchickter grober Koͤnig war / vnnd wider den Apollinem erkennte vnnd vrtheil - te / ſo ſetzte Apollo jhm lange Eſelsohren an / zum zeichen vnnd gedaͤchtnuß / daß er hin - fuͤran ein deſto beſſere gelegenheit haben ſol - te / die muſicaliſche Jnſtrumenten vnnd to - nos deſto beſſer von einander zu vnderſchei - den. Gleichwol ſagen andere / daß durch deß Koͤnigs Midæ lange Eſelsohren nichts anders bedeut wirdt / als daß etliche Koͤni - ge vnnd Fuͤrſten ſich / wie die Eſel / von jh - ren Schmaichlern vnnd Vnderthauen bey den Ohren lupffen / vnd dermaſſen vmbziehen vñ narꝛen laſſen / dz dieſelbigen keinen ſchnal - ler vmb jre Gebott geben. Was aber die ſtim̃ deß Eſels belangt / iſt dieſelbe dermaſſen hell vñ klar / daß ſie vber ein halbe meil wegs gar wol gehoͤrt werden kan / vnd derwegen treflich wol in die Orgel taugt.
Vber oberzehltes alles hat der Eſel die tu - gendt der arbeitſeligkeit / vnnd iſt allen Hof - leuthen ein Spiegel vnd Exempel der gedultvnd167Der Landtſtoͤrtzer.vnnd vnuerdroſſenheit / dann wie der Eſel den gantzen Taglang hart vnnd ſtreng ar - beitet / vnnd nicht außſetzet noch auch nach - laͤſt / biß er nider faͤllt vnnd verrecket / vnnd doch darneben nur mit ein wenig Stroh fuͤr gut nimbt / Alſo haben die Hofleuth von jugendt auff / biß in jhrem hohen Al - ter / harte vnnd ſtrenge Dienſt / vnnd ſonder - lich die jenigen / welche die Feder fuͤhren / vnnd die geheimnuß der Koͤnige vnder Haͤnden ha - ben / derwegen werden ſolche Leuth der Fuͤr - ſten Eſeltrager genennet / ſie muͤſſen auch bißweilen mit einem buͤſchlen Stroh fuͤr gut nemmen / wann andere muthwillige Roß vnd Schwetzer den Habern freſſen / Wie auch der Eſel einfeltig / nicht begirig / eygenwitzig / noch auch ein Vollſauffer / Schwaͤtzer vnd Verꝛaͤther iſt / vnd nit deſto weniger bißweiln vbel tractirt vnnd gepruͤgelt wirdt / alſo ob ſchon die Hofleuth ſchlecht / recht / fromb / auffrecht / redlich / ſtill vnnd verſchwigen ſein / ſo vberkommen ſie doch bißweilen letztli - chen den Eſelslohn: Weil (ſag ich) ſie wie die Polſterhuͤndlein den Wadel nicht ruͤh -L 4ren /168Der Landtſtoͤrtzer.ren / fuchsſchwaͤntzlen / vnnd ſich inſinuiren vnnd zudaͤppiſch machen koͤnnen / ſonder wie der Eſel Eſopi / mit den groben Fuͤſſen der Warheit / auff die Herꝛn ſpringen / ſo werden ſie mit Bruͤglen der Vngnad abgedanckt / vñ eben diſes iſt auch mir beſchehen / dann weil ich meinem vorigen Herꝛn dem Cardinal vnd der Frantzoͤſiſchen Boitſchafft bißweilen die Warheit zu verſtehen gab / ſo wurden ſie mir feind / vnd gaben mit den Sack.
Beſchließlichen wie man allerley Eſel ha - ben muß / nem̃lich groſſe / kleine / mittelmaͤſſige wilde vnnd zaͤme / ja gehoͤrnte Eſel ſindt man in Jndien / alſo vñ ebner geſtalt werden in den rebus publicis vnd Landen / oder an den Hoͤ - fen der Fuͤrſten allerley dergleichen Perſonen Eſeliſche Perſonen erfoꝛdert / welche mit den oberzehlten guten qualiteten vñ eygenſchaf - ten geziert vnnd verſehen ſein muͤſſen / dann ſonſten wirdts jnen ergehen / wie jenem vnbe - ſonnenen ſtoltzen Eſel Eſopi / welcher mehr zu ſcheinen vnd zu ſein begerte / weder er war / derwegen ſich mit einer Loͤwenhaut bedeckte / vnd in ſolcher geſtalt vnder den andern Thie -ren169Der Landtſtoͤrtzer.ren erſchine / in meinung / daß man jne durch diſes mittel fuͤrchten / vnnd vor jhm entſetzen / auch letztlichen jhrer aller Herꝛ werden wuͤr - de: Aber die andere Thier waren nit ſo gar thierlich vnd beſtialiſch / daß ſie den betrug di - ſes verkleidten Eſels nit verſtunden / derwegen wiſchten ſie alle vber jhne her / zohen jhm die Loͤwenhaut ab / vnnd tractirten jhne wie einen Eſel dermaſſen / daß er keinen luſt mehꝛ hatte / ſich zu verkleiden. Wer derwegen mit der E - felshaut vberzogen / vnd in der Haut ein Eſel iſt / der ſchaͤme ſich nit / einer genennt zu wer - den / dann wie ein Eſel / ein Eſel iſt vnd bleibt / auch ſchwerlich in einen Caual verkehrt kan werden / vnangeſehen man jhm den Zaum / Sattel / Zierd vnd Woldrappa eines Pferds auflegt / alſo ſehẽ wir / daß / ob ſchon ein Bawr / Handtwercksman oder Kauffman / oder Schreiber noch ſo vil Gelts vnnd Guts ero - bert / vnd die Zierd vnd das Kleynod deß Adels erlanget / er doch ſein vorige grobitet vnnd vnartigkeit jederzeit behelt: Aber ob ſchon dem allem alſo / ſo woͤllen doch vil geboꝛne Eſel keine ſein / ſonder legen ein Loͤwen hautL 5oder170Der Landtſtoͤrtzer.oder Fuchshaut / oder Schafhaut an / das iſt / ſie ziehen mit groſſen dicken Leibern / mit lan - gen Baͤrthen vnd grauitetiſchen Sitten auf / ſtellen ſich / als waͤren ſie Loͤwen / dapffere / herꝛ - liche vnd fuͤrtreffliche Maͤnner / woͤllen von allerhand ſachen diſcurriren, oder die Staͤtt vnd Laͤnder regieren / aber vnuerſehens laſſen ſie jhre Eſelsohren vnd vngeſchicklichkeit her - fuͤr kucken / vnd beſtehen mit ſpott vnnd ſchan - den. Weil dann die Menſchen ein ſo groſſe conformitet, vergleichnuß vnd correſpon - denz mit den Eſeln haben / vnd wir ſchir auff einerley weiß genaturt ſeind / ſo haben wir nit vrſach vns jhrer ſo ſehꝛ zu ſchaͤmen / noch auch vns zu erzuͤrnen / wann man vns Eſelleuth nennet / vnd den ſchoͤnen Tittel Meſſier Aſi - no gibt.
Guſman redet ferꝛner von der Ignorantz.
AVff diſen meinen diſcurs’ gab der Herr Graf kein andere antwort / alsallein171Der Landtſtoͤrtzer.allein / daß er mich fragte / was dem Men - ſchen beſſer anſtuͤnde / die aſinitet vnnd E - ſellſchafft / oder die Jgnorantz? Jch ant - wortet vnnd ſprach: Gnediger Herꝛ / ich bin gleichwol noch jung vnnd vngelehrt / aber doch will ich euch gern ſagen / was ich von der Jgnorantz halte / daß nemblich ſie eben ſo loͤblich vnnd nutzlich iſt / als die aſinitet: Vil beſſer iſt ſie / denn die gelehrtheit / dann wann die gelehrtheit nit beglait wird mit der from̃ - keit (jnmaſſen gemeingklich beſchicht) als dañ iſt ſie vil ſchaͤdlicher / denn nutzlich: derwegen ſagt Cicero / dz die eloquentz in der Hand ei - nes boͤſen Menſchẽ / gleich ſeye einem ſchwerdt in der hand eines vnſiñigen Narꝛen / vnd eben diſer vrſachen halben ſeind die Rectores vnd Oratores vilmals auß Rom vertriben vñ auf ewig verwiſen worden. Die gelehꝛten Poeten ſeind gemeinglich eytel / veꝛlogen vñ ſchmeich - ler. Ein Poet iſt gleich einem Gartner / der jmmerdar in ſeinem Mundt die Blu - men / Zweig / klare vnnd friſche Waſſer / Roſen / Violen vnd dergleichen ding fuͤhret / aber in ſeinem eygnen Garten niemaln einigefrucht172Der Landtſtoͤrtzer.frucht abbricht / bißweilen transformiret et ſich in einen verdorbenen Jubilirer / der mit Corallen / Hiacinten / Chꝛiſtall / Topat / Dia - manten / ꝛc. vmbgehet / aber an ſeinen Fingern ſihet man niemaln einen: Dannenhero iſt ein ſolche Kunſt eytel / ſeytemal kein feucht oder nutz drauß erfolget / vnd iſt vil beſſer / daß einer kein Poet ſeye / weder daß er naͤrꝛiſch oder be - ſeſſen waͤre. Die Logici machen ſich mit jh - ren Syllogiſmis mauſig vnd vnnuͤtz / vnd ver - wirꝛen die Warheit: Die Arithmetici ver - tieffen ſich in jhrer algebra dermaſſen / daß der Compaß jhr es verſtandts allerdings ver - ruckt wirdt: Es verurſachet vnd machet auch diſe Kunſt ſpitzfindige Rechner / Wucherer / falſche Kramer / Kauflenth vnd Banckerotti - rer. Derwegen ſagte Plato, daß diſe Kunſt durch die boͤſe Geiſter erfunden worden / vnd Licurgus hat ſie gar verbotten. Die Geo - metria diſtrahirt die Menſchen dermaſſen / daß ſie nicht wiſſen / ob ſie lebendig oder todt ſeyen / vnd gleichſam̃ den vnſinnigen gleich ſe - hen. Was kan verwirꝛters ſeyn / als eben die quadratur deß circuli? Die Aſtrologia iſtſchir173Der Landtſtoͤrtzer.ſchir ein lauters Lugenwerck / vnnd erfuͤllt mit allerhand eyteln imaginationen, einbildun - gen vnd meinungen der Aſtrologorum vnd contemplanten, welche nichts anders thun / als Sterngucken / gen Himmel ſchawen / vnd mit jhꝛem blechenem verſtandt die geheimnuß der zukuͤnfftigen dingen außmeſſen / wiſſen vñ weiſſagen / O wie vil beſſer aber vnnd annem - licher iſt Gott dem Herꝛn ein gute vñ beſchei - dene ignorantz, deñ ein ſolche ſchaͤdliche ge - lehꝛtheit der Aſtrologorum. Derwegen iſt kein wunder / daß Keyſer Domitianus alle Mathematicos vnd die jenigen / welche man Philoſophos nennet / auß Rom vertriben / dann in deme ſie jmmerdar die Geheimnuß der Natur vermeſſentlich ſuchen / von der zeit / vom vacuo, infinito vnnd ſummo bo - no diſputiren, ſo verlieren ſie dardurch jhre zeit / vnnd werden laͤr am verſtandt / vnnd vn - gluͤckſelig.
Die Legiſten oder Iuriſten ſeind bißwei - len erfuͤlt mit widerwertigkeit / meinungen vñ jrꝛthumben / ſeind authores vnd patroni der controuerſien vnnd feindtſchaffter / ſeindverder -174Der Landtſtoͤrtzer.verderber der Witwen vnnd Waiſen / ja die allerbeſten Juriſten ſeindt bißweilen die aͤrgiſte Chriſten: dermaſſen ſtoltz / hoffertig / vnd auff geblaſen werden die Gelehrten zu zei - ten / daß ſchier niemandt mit jhnen außkom̃en kan / ein ſchlimmer Bachant, Baccalaureus oder Orator machet ſich ſo gar mauſig / daß er vermeinet / daß jm ein jeglicher weichẽ muͤſ - ſe: Wann ein Legiſt nur die paragraphos mit vilen falſchen cautelis allegiren kan / vermeinet er / daß er vnnd ſein Fraw in den Gaſtereyen oben an ſitzen / vnnd in dem ge - hen allzeit die præminentz haben muͤſſe. Je - ner Sophiſt Diogenes war dermaſſen ſtoltz / dz er ſich nit allein nit bewegte / als Alexander der groß jhne gruͤſte / ſonder auch jhne hinweg ſchaffte / damit er nit voꝛ jhm ſtehen vnnd den ſchatten der Sonnen benemmen ſolte.
Hierauß erſcheint nun / daß die ſo groſſe ge - lehꝛheit nichts anders iſt / als ein tribulati - on, vnruhe vnnd reiſſung deß Kopffs / ja ein verderbung deß Leibs vnnd der Seelen / aber die Jgnorantz iſt ein jmmerwehꝛende vnd ſuͤſ - ſe ruhe des Geiſtes.
Diſes175Der Landtſtoͤrtzer.Diſes hat Keyſer Licinius wol verſtanden die gelehrtheit veracht / vnd die Gelehrten ver - jagt / deßgleichen thate auch Keyſer Valenti - nianus / nach jhrem Exempel thuns auch biß - weiln die Potentaten / Herꝛen vnnd Edel - leuth / dann gemeinlich ſeind ſie mit der Edlen Jgnorantz gezierdt / vnnd ſie ſelbſt zieren vnd lieben auch die Jgnoranten vilmehr / denn dir Gelehrten vnd Weiſen / vnd zwar nit vnbil - lich / dann was kan jhnen ſpoͤttlicher ſeyn / als wann man von einem Koͤnig / Fuͤrſten oder groſſen Herꝛen ſagt / daß er ein gelehrter Magi - ſter geweſt / oder Buͤcher cõponirt / oder ein diſputirer geweſt? Kein Fuͤrſt ſoll ſo hoch gelehrt ſeyn / daß er Ketzereyen ſtifften koͤnne[:]Das haben ohne zweiffel die Alten wol ver - ſtanden / vnd derwegen veroꝛdnet / daß auf den hohen Stifften / ſonderlich im Teutſchland / keine Thumherꝛn / ſo Doctores / ſonder nur die Edelleuth zu Biſchoffe erwehlt werden.
Beſchließlichen iſt die Jgnorantz vil ſiche - rer / weder die Gelehrtheit / dann wer vil kan / den gehet vil an / weil die Gelehrten vil wiſ - ſen vnnd verſtehen / ſo muͤſſen ſie vil verant -worten /176Der Landtſtoͤrtzer.woꝛten / vñ jhꝛ von Gott empfangenes talent verꝛechnen / wer vil hat empfangen / von dem - ſelben wirdt vil gefordert werden: Weil ſie die Geſetz / Gebott vnd willen Gottes gewuͤſt vñ verſtanden / vnd aber ſie nit vollzogen haben / ſo werden ſie vil harter vnd ſchwerer geſtrafft werden / denn die ignoranten vnnd einfaͤlti - gen / ſo die ſach nit verſtanden.
Was aber das zeitliche belangt / ſeind die ignoranten gleichfals ſicherer / dann lieber / was kan gefaͤhrlicher vnd armſeliger ſein / als eben die jenige gelehrte fauoriten, welcht entweder ſchlechter vrſachen halben in vn - gnad vnnd Lebensgefahr bey jhren Koͤnigen gerathen / oder von andern verhaſt / verfolgt vnd gepeinigt werden / oder ſonſten mit jhren dienſten vnnd verꝛichtungen ſo vil zu ſchaffen haben / daß ſie durchauß kein ruhe / troſt noch ergetzlichkeit haben / ſonder als Sclauen vmb - gezogen werden / hergegen ſihet man bißweilẽ die Ignoranten, vngeſchickte grobe Ge - ſellen / vnnd Teutſche Michel vnnd Toͤlpel zu Hof vnnd auff den Ambtern dominiren vnnd triumphiren, &c. O heilige Jgno -rantz /177Der Landtſtoͤrtzer.rantz / O nuͤtzliche / O ſichere Jgnorantz / ſelig iſt der dich beſitzet / vnnd wolbrauchet: Selig iſt das Landt / deſſen Regenten vnnd Officier Jgnoranten ſeind / oder welches gar keinen magiſtrat hat / vnd ohne Geſetz iſt / jnmaſſen in der newen Welt beſchehen / alida die Jn - wohner vil ordentlicher vnnd fridlicher leben / denn wo vil Officier / Doctores vnd Aduoca - ten ſeind. Diſes hat wol verſtanden ein fuͤr - nemmer Roͤmiſcher Rathsherꝛ zu Rom / wel - cher ſagte / daß vor alten zeiten die Roͤmiſche Rathsherꝛn einen ſehr vbel ſtinckenden A - them hatten / aber daß jhre Maͤgen nach By - ſem vñ Amber deß guten Gewiſſens ſchmeck - ten: Hergegen daß die jetzige Rathsherꝛn ei - nen parfumterten lieblichen Athem / aber ein ſehr boͤſes Gewiſſen haben: Hierdurch gab er meines erachtens zu veꝛſtehen / daß vnſere jetzi - ge Rathsherꝛen biß weilen den vberfluß der ge - lehrtheit / aber groſſen mangel an der diſcre - tion, fuͤrſichtigkeit vnd weißheit leiden. Die vnhoͤfligkeit / die vnwiſſenheit / die einfalt vnd die vngelehrtheit wirdt gar gern begleidt mit der innocentia vnnd vnſchuidt / aber die cu -Mrio -178Der Landtſtoͤrtzer.rioſitet vnd ſubtilitet wird beglait mit der Boßheit: Die demut / foꝛcht / gehoꝛſam vnnd guͤtigkeit begehren ein laͤhre / gelehrnige vnnd demuͤtige Seel / welche nit vil von jhr ſelbſt preſumiret. Kein ſchaͤdlicher ding iſt auff Erden als eben der Fuͤrwitz: Die ſoꝛg vnnd begird ſich in der Weißheit vnnd ſcientz zu augmentiren / iſt geweſt der erſte fall vnnd verderben deß Menſchlichen Geſchlechts / ſie iſt auch der weeg / auff welchem man ſich ſtuͤr - tzet in die ewige Verdamnuß. Selig vnnd a - bermal ſelig ſeind derwegen die Jnnwohner in Breſilia / welche nur wegen deß hohen al - ters ſterben / vnnd nicht wegen deß geſunden Luffts / ſonder wegen der jhrer geſunden / ruhi - gen vnnd ohn paſſionirten Seelen ſo lang le - ben. Dann fuͤrwar / diſe Leuth verzehren jhr le - ben in aller einfalt / in der Jgnorantz / ohne Gelehrtheit / ohne Geſetz / ohne Koͤ - nig vnnd ohne Reli - gion.
Capvt179Der Landtſtoͤrtzer.Guſman erzehlt / was jhm ſeines Herꝛn Hofmeiſter fuͤr einen poſſen geriſſen.
DEr Herꝛ Graf lachte vber diſes mein Geſchwaͤtz / vnd ſagte / Guſ - man / du redeſt von der ſachen wie ein Lapp / aber auffm Weg gehets wol hin. Jn wehrender ſolcher vnſer conuerſation kamen wir zu der Herberg / vnnd mein Herꝛ befalche / daß man mich ſolte wol tractiren / das verdroß aber die andere Diener / wur - den mir neydig vnnd feindt / vnnd legten mir vber Tiſch nur die Bein vnd Nieren fuͤr / ich aber erzeigte jederzeit ein groſſe Gedult / vnnd gedachte an die Wort: Oſſibus & ner - uis compegiſti me: Als auch ich mich in einen winckel deß Hauſes (dann kein beth gab man mir) ſchlafen gelegt / namẽ ſie mich beym Kopff vñ Fuͤſſen / trugẽ mich in meines Herꝛn Schlafkammer / legten mich vnden bey ſeinẽ beth nider / vñ banden mir ein wachsliecht anM 2den180Der Landtſtoͤrtzer.dem Fuß. Das Wachsliecht hielt ſeinen diſ - curs, vnd vollbrachte ſeinen Lauff / vnd als es zu meinem Schuch vnd Fleiſch kam / erwach - te ich / vnnd fing jaͤmmerlich an zu ſchreyen / dann es traumte mir / daß mich der Teuffel hinweg fuͤhren wolte: Jch gedachte auch / daß ich allbereit in der Hoͤllen lege / ſeytemal mein Fuß anfing zu brinnen. Mein Herꝛ lag gleich - fals im erſten Schlaf / erſchrack ob meinem geſchrey / ſpꝛang im Hembd vom Beth / ſchrye vñ vermeinte / daß es ein Geſpenſt waͤre. Vn - ſer beyder alteration vnd ſchrecken / vnd ſon - derlich meines Herꝛn / war dermaſſen groß / dz er gedachte zu ſterben / man ſchickte alsbaldt nach dem Balbirer / der jhm zur Ader ließ vnd mir meinen verbrenten Fuß verbandt. Er war ſehr vbel mit den Dienern zu friden / vnd ſonderlich mit dem Hofmeiſter / der deſſen al - lein ein Anſtiffter geweſt war / vnnd mir diſen poſſen auß lauter neyd geriſſen / derwegen gab er jm als bald vrlaub / vnangeſehen ich (gleich - wol nur zum ſchein) ſtarck fuͤr jhne interce - dirte vnd bate.
Folgendis ſprach er zu mir: Guſman / dugefelſt181Der Landtſtoͤꝛtzer.gefelſt mir wol / vnnd will dich fuͤr einen Die - ner annemmen / fuͤr einen Hofmeiſter gebrau - chen / vnd zu Neapolis mit Kleidern ſtaffiren. Das empfandẽ die andere Diener noch mehꝛ / weil ſie ſahen / daß ein ſolcher vnbekandter Stoͤrtzer / vnnd vmblauffender zerꝛiſſener Menſch jhr Hofmeiſter ward. Jch aber ward heimlich froh / hielt mich fuͤr den allergluͤckſe - ligiſten Menſchen auff Erden / fing an mei - nen dienſt zu vertretten / vnd wuſte mich zim - lich in die Sach zu ſchicken / dann ich war von Natur demuͤtig / hatte allbereit gelernt zu ge - horſamen / vnnd derwegen kondte ich deſto beſſer ſchaffen: Darzu halff auch vil mein an - gebornes adeliches Gemuͤth / das ward aber verderbt durch boͤſe geſellſchafft / jnmaſſen voꝛ zeiten dem Roͤmiſchen Catalina beſchehen / dann derſelb war ſehr edel / aber ward dermaſ - ſer verfuͤhꝛt vnd boßhafftig / daß er vil andere ſeines gleichen verfuͤhꝛte / dañ vnmuͤglich iſts / daß einer lang tugentſamb ſein / vnd in ſeinem ſtandt verbleiben koͤnne / woferꝛn er vmbgeben iſt mit boͤſer geſellſchafft. Eſopus erzehlt / was geſtallt ein Kohler vnnd ein Waͤſcher ſich mitM 3einan -182Der Landtſtoͤrtzer.einander verglichen / daß ſie beyſammen woh - nen vnd arbeiten wolten / aber der vnbeſonne - ne Waͤſcher erfuhꝛ im werck die gefahꝛ vnnd vngelegenheit / dar in er ſich geſetzt hatte / dann alles was er reinigte vnnd weiß machte / das machte der Kohler ſchwartz vnd vnrein: we - der das edle Blut / noch die fleiſſige erzeigung / noch die ſorgfaͤltige vnderweiſungen vnnd er - mahnungen / noch die vberfluͤſſige vnderhal - tung ſeind ſufficient vnnd gnugſamb / das Hertz eines Menſchen zu arbeiten / wofern es vmbgeben iſt mit boͤſer geſellſchafft / vnd eben diſes iſt auch mir widerfahren / dann weil die junge Leut einer zarten condition ſeind / vnd ein duͤnnes ringes vnd liederliches Blut habẽ / ſo folgen ſie nur deme nach / was ſie ſehen / vnd ſie vnderſcheiden das boͤſe nit von dem boͤſen: Jhre diſcretion erſtrecket ſich noch nit ſo weit / daß ſie erkennen moͤgen / was jhnen wol oder vbel anſtehet / vnd wer ein guter oder boͤ - ſer Freundt ſeye / weil auch ſie mehreꝛs lieben / denn verſtehen / ſo verlieben ſie ſich leichtlich in die jenigen / mit denen ſie vmbgehen. Aller - dings transformiren vnd verkehren ſie ſichin183Der Landtſtoͤrtzer.in jhre Sitten / eben diſes war mein aller groͤ - ſter Schad / vnnd hat verurſacht / daß ich die gantze zeit meines Lebens muͤhſelig vnd arm - ſeligklich vmbgezogen.
Guſman wirdt ſtattlich wie ein Hofmeiſter gekleidt / vnd fahet wider - umb an zu bue - len.
ALs wir gen Neapolis kamen / ließ mich mein Herꝛ ſtattlich kleiden / wie einem Hofmeiſter gebuͤhret / da wuͤnſchete man mir gluͤck / vnd die Diener fingen erſt an / mich zu reſpectiren / zu verehꝛen vnd meinen befehlen zu gehorſamen / gleichſamb hette mir das Kleidt die ſufficient vnnd laugligkeit zum Dienſt gegeben. Nit allein ward ich al - ſo ſtattlich gekleidt / ſonder wañ mein Herꝛ der Graf in der Kaꝛotzen wohin außfur / muſte ich auff einẽ ſchoͤnen Pferdt neben jhm herreitẽ / daß war mir nun ein groſſe ehꝛ / vñ ich gedũck - te mich nit wenig zu ſeyn. Einmals ſahe ich /M 4daß184Der Landtſtoͤrtzer.daß ein ſehꝛ ſchoͤne Jungfꝛaw in meines Herꝛn Hauß mit fleiß auff mich ſahe / die hieß la Si - gnora Liuia: war aber meines Herꝛn ſchwe - ſter / vnd nit deſto weniger war ich ſo gar naͤr - riſch vnd vermeſſen / daß ich mir einbildete / dz ich jr in meinem ſchoͤnen Kleid ſo gar wol ge - fallen / vnd daß ſie einlieb zu mir geſetzt hatte / derwegen fing ich gleichfals alsbald an / mich in ſie zu veriieben / vnd alle meine Sinnen vnd gedancken nur auff ſie zu ſetzen. Nur die Si - gnora Liuia lag mir im Sinn: Sehet was ſchoͤne Kleider vnd Gelt verurſachet: im we - nigſten betrachtete ich meinen voꝛigen Bettel - ſtaudt / Bernhaͤuterey vnd Armut / ſonder v - berkam newe gedancken vnd hoffnungen: ich vnderſtund mich / mein Hertz auff ſolche Fra - wen zu ſetzen / die ich zuuoꝛ nit hette mit meinẽ Augen doͤrffen anſchawen: Nit gebachte ich an das Exempel deß verlohꝛnen Sohns / vnd wie vbel es jhm mit ſeiner Bulerey vnd ſchoͤ - nen Frawen ergangen war. Als lang einer reich vnd im guten wolſtande iſt / laden ſich die ſchoͤne Fraͤwlein ſelbſt zu jhm zu gaſt / es præ - ſentiren vnd erbieten ſich tauſent Kupler vñKuple -185Der Landtſtoͤrtzer.Kuplerin / vnnd in allen Wirtshaͤuſern iſt er willkomb / lieb vnd angenemb / aber wann er arm worden / alsdañ iſt er menigklichs ſchab - ab. Das Roß / darauff ich in der Statt hin vnnd wider ſpatziren ritte / war ſchoͤn / ſtoltz / vnnd hoffertig / es beſchawte ſich ſelbſt / vnnd ſprang auß mutwilligkeit vñ geylheit / aber ich war vil ſtoͤltzer vnd hoffertiger: Taͤglich rit - te ich zweymal ſpatzieren / vnd hette mich gern den gantzen Taglang auff der Gaſſen befun - den / nur damit man meine ſchoͤne Kleider vnd den newen jungen Hofmeiſter ſehen ſolte. Einsmals ſahe ich ein ſehr ſtattliche vnnd ſchoͤne Fraw voꝛ mir hergehen / die war begleit von einer andern alten erbarn Frawen. Nun fing diſe Fraw an zu ſtraucheln / vnnd ſo gar nider zu fallen: Villeicht wars jhr ernſt / vil - leicht aber nicht: Jch aber ſprang geſchwindt / wie der Wind / vom Pferdt herunder / halff jr wider auffſtehen / vnnd ſprach auff Spaniſch zu jhr: Weil jhr mir / ſo bald ich euch geſehen / mein Hertz habt geſtohlen / ſo bitte ich / jhꝛ woͤl - lets gnedigklich tractiren. Sie verwunderte ſich / daß ſie mich hoͤrte Spaniſch reden / vndM 5ſtelte186Der Landtſtoͤrtzer.ſtelte ſich / als hette ſie ein wolgefallen dran / darneben gab ſie mir zur antwort / daß ſie ſich meines dienſts vnd huͤlff nit wuͤrdig erkennte. Jch ſetzte mich wider zu Roß / vnnd ſie ging heimb in jhrer Mutter Hauß: Da fing ich an / Schloͤſſer im Lufft zu bawen / vnd die re - uolution der gedancken zu empfinden. Der jetzt bemelten wort / die ſie zu mir geredt hatte / kondte ich je nit vergeſſen / vnnd ich nam dar - bey ab / daß ſie mir nit vnguͤnſtig waͤre.
Als ich nun wider heimb kam / ſetzte ſich mein Herꝛ zu Tiſch / vnd mein Signora Li - uia ſaß neben jhm / die gedunckte mich aber nimmer ſo ſchoͤn zu ſeyn / wie das erſte mahl / ohne zweiffel darumb / allweil die jetztbemel - te Fraw / dern ich wider auffgeholffen / mir mein Hertz allbereit etlicher maſſen hatte ge - ſtohlen. Nun fragte mich mein Herꝛ vber tiſch wie mir Neapolis gefiele? Jch antwoꝛtet jm / daß meines bedunckens in der gantzen Welt kein ſchoͤnere / herꝛlichere noch kurtzweiligere Statt gefunden weiden koͤnte: Mein ſigno - ra Liuia ſahe mich allzeit ſtarck an / wann ich anderſtwohin ſchawte. Dañ ich ließ mich ge -duncken /187Der Landtſtoͤrtzer.duncken / daß alle vnd jede Frawen ein gefallen an mir vnd meinem weſen hatten: Aber doch gedachte ich vilmehꝛ an die andere Fraw / dern Handt ich beruͤhꝛt hatte / als ich jhꝛ wider auff halff. Derwegen ging ich nach der Mahlzeit hinauß ſpatzieren / vnd erſahe ſie von ferne in Fenſter ſtehen / geſchwindt aber veꝛwendete ſie jhr Angeſicht von mir ab / deſſen betruͤbte ich mich zum hoͤchſten / Aber ein Magd eroͤffnete die Haußthuͤr / winckte mir mit den Angen / fuͤhrte mich durch zwo Gaſſen / vnnd gab mir zu verſtehen / was geſtalt jhꝛe Jungfraw gern geſehen hett / daß ich den voꝛigen Abendt we - re zu jhꝛ kommen / weiles aber nit beſchehen / ſo ſolte ich doch in der Nacht vmb zwoͤlff vhr kommen / vnnd auß dem Fenſter mit jhr reden: Deſſen frewte ich mich zum hoͤchſten vnnd ſchenckte jhr alsbald ein bar Ducaten wegen der guten Bottſchafft. Jch vergaß der benennten zeit nit / kein Schlaf fandt ſtatt in meinen Augen / ein jeglich ſtundt gedunck - te mich 100. Jahꝛlang zu ſeyn. Meines Herꝛn Hauß war gleichwol verſperꝛet / aber ich ſtieg zum Fenſter hinauß / verfuͤgte michzum188Der Landtſtoͤrtzer.zum Hauſe vnd Fenſter meiner Jungfrawen / das ſtundt gleichwol offen / vnd ſahe ein Liecht brinnen / aber darneben hoͤrte ich ein ſtarckes greinen / dann die alte Fraw zanckete ſich mit jrer Tochter / leydt war mirs / daß die alte noch auff war / vnd ſich noch nicht ſchlaffen gelegt hatte / dann ich muſte deſto laͤnger herauſſen auff der Gaſſen warten / vnnd gefahr außſte - hen. Letztlichen kam die Magd zum Fenſter / vnnd ſprach zu mir: Herꝛ / es gibt diſe Nacht nit gelegenheit mit der Jungfrawen zu reden / dann ſie hat geſtern ein koͤſtlich Kleynod ver - lohren / vnd jhre Mutter hats heut bey jhr ge - mengelt / vñ iſt ſehꝛ vbel zu friden. Da gedach - te ich gleichwol / daß ſolches nur ein Betrug ſein moͤchte / jnmaſſen mir dergleichen Poͤß - lein zu Toledo widerfahren war / aber doch weil die Buler blindt ſeindt / vnnd ich meines Herꝛn Beutel hatte / ſo gab ich jhꝛ zur antwoꝛt / daß ſie ſich deßwegen nicht kummern / ſon - dern ſehen ſolte / daß ich mit der Jungkfrawen reden moͤchte / es muſte entweder das Kleynod wider gefunden / oder ein anders erkaufft wer - den. Die Magd hieß mich warten / vnd baldtherna -189Der Landtſtoͤrtzer.hernacher kam die Jungkfraw Lelia, redete gantz lieblich mit mir / vnd ließ doch benebens etlich hertzliche ſeufftzer gehen / wegen jres ver - lohrnen Kleynods: Darneben ließ ſie ſich auch mercken / daß ich jhr nit vbel gefiel / vnnd daß ſie mich alsbald anfangs als ſie mich erſe - hen / lieb gewunnen / zumaln weil ich ein Spa - nier / vnd ohne zweifel eines guten Adelichen Geſchlechts waͤre. Jn ſumma / verurtheilt ward ich / das Kleynod zu zahlen / welches ſie ſagte / daß ſie es vorgeſtern / als ich ſie auff der Gaſſen angetroffen / verlohren hatte / vnnd v - ber 80. Ducaten werth geweſt ſein ſolte / dann ſie ſagte / daß es ein guldiner Papagey / vnnd mit etlichen ſchoͤnen Rubinen vnd Diaman - ten verſetzt geweſt / derwegen jre Mutter ſtarck mit jhr gegrinen / vnnd der gaͤntzlichen mey - nung waͤre / daß eben der jenig Mann / der jhr auff der Gaſſen wider auffgeholffen / jhrs ge - nommen: Dardurch gab nun die Jungkfraw zu verſtehen / daß / ob ſchon ich jhꝛs nit genom - men / ich doch der jenig ſein ſolte / der jhꝛs wi - der geben vnd ein anders kauffen ſolte. Nun verglichen wir vns dahin / daß ich in der an -dern190Der Landt ſtoͤrtzer.dern Nacht vñ zu eben derſelben ſtundt widet kommen / 80. Ducaten mit mir bringen / vnd daß es an einem Strickel gebunden / vnd zum Fenſter hinauff gezogen werden ſolte. Dar - mit gingen wir damals von einander / vnnd ich war eben ſo froh / als hette ich beyde Jn - dien erfunden: Die gantze Welt wolte ich nit darfuͤr genommen haben / daß ich Nea - polis nit geſehen hette.
Nunmehr O guͤnſtiger Leſer / befandt ich mich in einer groſſen melancolia vnnd vn - ruhe / vnd doch benebens in frewden / dann ich gedachte auff alle mittel / damit ich einen griff in meines Herꝛn mir anuertrautes gelt thun moͤchte / damit ers nit merckte oder erfuͤhre. Letztlichen entſchloſſe ich mich / es anzu - greiffen / vnangeſehen ers erfuͤhre / dermaſ - ſen groß ward die Begierd / mein Jung - fraw Leliam zu contentiren / dann fuͤr - war / die verliebte Buler gedencken nit auff das zukuͤnfftige / ſonder nur das gegenwerti - ge / dann weil ich reich war / vnnd den Beu - tel voller Gelts hatte / ſo gedachte ich nur auff die gegenwertige erluſtigungen / vnnd imwenig -191Der Landtſtoͤrtzer.wenigiſten machte ich mein Rechnung auffs kuͤnfftig Jahr / derwegen erging mirs dem gemeinen Sprichwoꝛt nach: Wer nit ſihet fuͤr ſich / der findet ſich hinder ſich: oder wer nit iſt Fuͤrſichtig / der wirdt hinderſichtig.
Mit groſſem verlangen erwartete ich die andere Nacht / zuuoꝛ aber wickelte ich 80. Kronen in ein ſtarnitzel / legte ſie in einen ſeydenen beutel fuͤr den verlohꝛnen Papagey / welcher mich gedunckte / das er zu mir ſagte: como eſtas loco cautiuo? das iſt: Gefan - gener Narꝛ / wie ſtehts / vnd wie gehts dir?
Nun wolan / in der beſtim̃ten nacht ſandt ich mein Nympham im Fenſter ligen vñ auf mich warten: Jch gab jhꝛ zu verſtehen / daß ſie ein Baͤndel oder ſtrickel herunder laſſen ſolte: Aber ſie war allbereit darmit gefaſt / vnnd zohe darmit den Beutel mit Gelt zu ſich hinauff / dann nach demſelben hatte ſie zwei - fels ohne / ein vil groͤſſers verlangen / weder nach meiner Perſon: Sie erzeigte mir auch groſſe zeichen der Lieb / vnd ſagte / daß wofern es in jhrer macht ſtuͤnde / ſie mich in derſelben Nacht zu jhꝛ einlaſſen wolte / aber doch woͤlleſie192Der Landtſtoͤrtzer.ſie auff alle muͤgliche mittel vnnd weg geden - cken / daß es ehiſtens beſchehe: Jn ſumma / ſie erfuͤllte mir beyde Wangen mit Windt / den verſtandt mit vnrichtigkeit / vnnd den willen mit guten hoffnungen / jnmaſſen der Weiber eygenſchafft iſt / daß ſie die einfaͤltige Buler aͤffen / bezaubern / vnd alslang der Beutel voll iſt / darin niſten / aber wann er laͤr iſt worden / ſie verlaſſen / vnnd ſampt den Schwalben ge - gen der Winterzeit ein anders Loſament oder Herberg ſuchen: Jn derſelben Nacht vnd nah beym Tag / kam ich wider heimb in meines Herꝛn Hauß / legte mich nider / vnd ſchlieff biß vber acht: das ward nun meinem Herꝛn ge - ſagt / derſelb lehrte ſein Schweſter die Jungk - fraw Liuiam an / daß ſie mich vber Tiſch fragte vnnd ſprach: Herꝛ Hofmeiſter / iſts in Hiſpanien auch der gebrauch / daß man deß Morgens nicht fruͤ auffſtehet? Jch antwortet vnd ſprach: der gleichen Geſellen / wie ich bin / vnd welche jhrem Herꝛn auff den dienſt haben zu warten / ſtehet das lange ſchlaffen nit wol / an / aber die Herꝛen vnd Frawen haben im ge - brauch / daß ſie auß dem Tag ein Nacht / vndauß193Der Landtſtoͤrtzer.auß der Nacht einen Tag machen / daß auch ſie der Soñen die Fenſter verſperꝛen / vnd ſich mit dem Liecht vnd ſchein deß Mohns behelf - fen / aber ich habs nit mit willen / ſonder auß noth gethan / dann ich hab mich in der vergan - genen Nacht vbel auff befunden. Die Jung - fraw vnnd jhr Bruder mein Herꝛ winckten einander / vnd gaben dardurch zu verſtehen / dz ſie von meinen Woꝛten nit vil hielten. Jch a - ber nam 100. Kronen von meines Herꝛn gelt zu mir / in meinung / ſie meiner Jungkfrawen zu ſchencken: Als derwegen ich zu jhrer Be - hauſung kam / lag ſie im Fenſter / vnnd ſagte mir / daß ſie auf mittel vnd weg gedaͤchte mich einzulaſſen: Jch glaubte es / vnd ſagte jhr / daß ſie ein Schnur herunder laſſen ſolte: daran band ich den Beutel mit 100. Kronen. Als - bald ſie diß Gelt vberkom̃en / gedachte ſie vil - leicht / daß an mir nit vil mehꝛ zu rupffen war / oder villeicht hatte ſie allbereit etwan einẽ an - dern Galan bey jhr im Hauſe / derwegen vnd in wehrendem vnſerm allerbeſten diſcurrirẽ vnd vnderꝛedung / ſprangen vier junge ſtarcke Kerl herfuͤr mit bloſſen wehꝛen / vñ ſtelten ſich /Nals194Der Landtſtoͤrtzer.als wolten ſie vber mich herwiſchen: aber ich nam den fluͤchtigen Fuß alsbald in die Hand / vnd es verkehrte ſich mein zarte vnd inbꝛuͤnſti - ge Lieb in ein groſſe foꝛcht / ſchꝛecken vñ angſt / dañ mein Beutel war laͤr woꝛden / vnd ich wu - ſte je nit / wie ich gegen meinem Herꝛn mit der rechnung beſtehen ſolte. Nun hoͤret wie mirs ferꝛner ergangen.
Guſman wirdt befaͤngnuſt.
SElten kompt ein Vngluͤck alleinig / ſonder wirdt gemeingklich mit noch andern beglaidt / dann als ich wider zu hauß kam / fandt ich das Fenſter meines Loſa - ments offen / das gefil mir gleichwol nit / aber doch ſtig ich hindurch / vñ ſahe meinen Herꝛn ſampt vilen Dienern in meinem Zimmer ſtehen / dieſelbigen erſchracken an mir / ſchryen vnnd ſprachen: Jetzt haben wir den Dieb: ich wolte mich gleichwol entſchuldigẽ / aber kein entſchuldigung fand ſtatt bey jhnen / dann ſie vermeinten / daß ich der jenig Diebwar /195Der Landtſtoͤrtzer.war / welcher kurtz daruor in meinem abweſen durch das Fenſter geſtigen / vnd nichts im Lo - ſament gelaſſen hatte: Dannenhero hielt man mich fuͤr den rechten Thaͤter / vnd daß ich an jetzo keiner andern vrſachẽ halben waͤre wider hin kommen / als noch mehr auß dem hauſe zu entragẽ. Mein Herꝛ wolte mich nit anhoͤren / vnd die Diener verhetzten jne wider mich / vnd ſagten / daß eꝛ mir nit ſo vil trawen hette ſollen / ſeytemal er mich nicht zuuoꝛ gekennt hatte. Mein Herꝛ begerte Rechnung von mir / die gab ich jm geſchwind / aber es gingen die 300. Kronen ab / die ich verbult vnd vernarꝛt hatte / derwegen ließ er mich geſchwind auß dẽ Liecht in die Finſternuß legen / vnd mit einem ſteini - gen Haͤubel vberziehen / da gedachte ich an das jenig / was die Aſtrologi vñ ſternſeher meiner Mutter geweiſſagt hatten / dz nemblich ich vil Muͤhe / arbeit vnnd leibsſtraff wuͤrde außſte - hen / dann ob ſchon die Aſtrologia vilmals fehlt vnnd leugt / ſeytemal ſie ſich auff die ex - perientz der vergangnen effecten (welche vngewiß ſeind wegen der vngewißheit der ele - mentiſchen diſpoſition) fundiret / ſo pflegenN 2doch196Der Landtſtoͤrtzer.doch dergleichen Weiſſagungen bißweilen zu zutreffen / zumaln wann der Menſch ſich ſelbſt zum verdeꝛben geneigt vñ befliſſen iſt / vñ ſelbſt ſemem vnheil nachtrachtet. Jch bate meinen Herꝛn vmb gnad vnd verzeihung / aber es war alles vergebens / ſonder man fuͤhrte mich auß meines Herꝛn Gefaͤngknuß in die gemeine Schachteley oder Hofgefaͤngknuß / deſſen ſchaͤmete ich mich zum hoͤchſten / dann auß al - len Gaſſen vnd Haͤuſern lieffen die Leuth her - zu / vnd wolten den jungen vnd ſchoͤnen Spa - niſchen Hofmeiſter ſehen: Nichts aber ver - droß mich ſo ſehr / als eben daß ich vor dem Lo - ſament der Jungkfrawen / dern ich die 180. Kronen angehenckt hatte / fuͤrgefuͤhrt ward / dann ich ſahe / daß ſie neben jhrem Galan im Fenſter lag / mit Fingern auff mich zeigte vnd meiner ſpottete.
Als ich nun in diſe Gefaͤngknuß kam / da fing ich an in mich ſelbſt zu gehen / vnd meinen elendigen Standt vnnd beuoꝛſtehende gefahr zu erkennen / dann nicht allein war ich meiner freyheit beraubt / ſonder ich hatte auch nichts zu eſſen / zu dem befandt ich im werck / daß der -gleichen197Der Landtſtoͤrtzer.gleichen gefaͤngnuß je nichts anders ſeind / als ein ebenbild der Hoͤllen / dañ wañ einer bey der Nacht hinein kompt / ſo ſihet vnnd hoͤret man nichts anders / als ein ſchroͤcken der dicken Finſternuſſen / deß verwirꝛten ſchreyens vnnd ruffens / deß rauſchens der Ketten / deß vnley - denlichen geſtancks / vnd deß klaͤglichen ſeuff - tzens / dann nur der Hepffen oder der faum der Welt kompt daſelbſt zuſammen / gezwungen ward ich / einem jeglichen in der Gefaͤngnuß zu dienen / vnd jhnen jhre Speiſen zu zutragen / dardurch bekam ich bißweilen ein ſtuck Brots vnnd einen trunck Weins: Weil man mich auch ſechs wochenlang ligen ließ / ſo ward mir gerathen / daß ich ein Supplication machen / vnd vmb erledigung anhalten ſolte: Jch folg - te diſem guten rath / ſuchte Feder vñ Dinten / vnnd ſchrib ein ſupplication: Als die ande - re Gefangenen mein Schrifft vnd Gedicht ſahen / verwunderten ſie ſich / hielten mich fuͤr einen Gelehrten / vnnd jederman kam zu mir / vnnd begerte / daß ich jhnen ſupplicationes machen vnd ſchreiben wolte / durch diſes mit - tel gewann ich etliche Real / vnd ſpickte darmitN 3meinen198Der Landtſtoͤrtzer.meinen Beutel: Letzlichen erbarmte ſich mein Herꝛ vber mich / vnd ließ mich widerum̃ auff freyen Fuß ſtellen.
Guſman dienet widerumb fuͤr einen Koch / vnnd komptgen Montſerrat.
ALsbald ich widerumb ledig worden / begegneten mir zwen junge Spanier / die dienten dem Koͤniglichen Statt - halter zu Neapolis / vnnd ſagten mir / daß jhr Herꝛ vorhabens waͤre / widerum̃ in Hiſpanien zu ziehen / vñ daß er eines Kochs bedoͤꝛffte / der mit jhm reiſte: Jch gab jhnen zur antwort / daß ich wol kochen koͤndt / vnd vrbietig waͤre / jhrem Herꝛn zu dienen: Sie brachten mich zu jhm / vnnd er empfing alsbald / vnd hatte ein ſo gutes gefallen an meinem reden vnnd weſen / daß er mich fuͤr einen Koch annam: Sehet die vnbeſtaͤndigkeit deß Gluͤcks: zu - vor war ich eines anſehenlichen Herꝛn Hof - meiſter / an jetzo aber bin ich nur ein ſchmotzi -ger199Der Landtſtoͤrtzer.ger vnd rotziger Koch / Suppenſchmidt vnnd Abſpuͤler. Jch kehrte widerumb zu meinem centro, wie der Fiſch zum waſſer / vñ ſchickte mich dermaſſen in die kocherey / dz mein Herꝛ der Statthalter ein ſonderbares gefallen an mir hatte / mich wie ſein eygnes Kindt liebte / mir allen meinen willen ließ / vnnd das Laſter deß Spielens verſtattete. Meines Herꝛn Fraw war ein Hochteutſche / ſie hatte ein bar Augen / die glantzten wie zwen Stern deß Himmels / vnd kondten im vbrigen vergli - chen werden dem Mohn am juͤngſtẽ Gericht / wann er blutroth ſein wirdt: Jhre Wangen waren wie Scharlach / vnnd ob ſchon ſie weiß war / ſo hatte doch das durch den Noe erfun - dene Laſter jhr Angeſicht / vnnd ſonderlich die Naſe / mit etlichen Rubinen geziert: Sie war auch ſehꝛ from̃ vnd guͤtig / außgenom̃en wann ſie nichts zu trincken hatte / dann alslang der Wein wehrete / war ſie guter ding / ſon - ſten aber thate ſie nichts anders / als grei - nen / toben vnnd wuͤten. Mein Herꝛ der Statthalter ſchickte ſich gar fein inn jhren humor, vnnd tranck eben ſo gern / als ſeinN 4Fraw:200Der Landtſtoͤrtzer.Fraw: Einsmals ließ ſie ſich im Trunck verlauten / daß ſie Neapolis nicht gedaͤchte zu - uerlaſſen / ſeytemal er jhr verſprochen allda zu verbleiben / an jetzo aber ſehe ſie das widerſpil / daß er nemblich ſie gedaͤchte in Spanien zu - fuͤhren / dahin man aber ſie lebendig nit brin - gen werde. Mein Herꝛ lachte anfangs druͤber / vnnd hieß ſie ſtillſchweigen / aber ſie ſchrye je lenger je hefftiger: derwegen wolte mein Herꝛ verſuchen / ob nit andere ding kraͤfftiger waͤ - ren / weder ſeine Wort / derwegen hub er ſein freundliche Hand auff / vnd beruͤhrte ſie der - maſſen an ein ort / daß jhr nit allein ein Zahn auß dem Halß gewichen / ſondern auch zween Brunnquellen auß jhrem holdſeligen Mund entſprangen / der erſt war blutroth / vnnd war ein gerechter Menſchlicher Safft vnd roſen - farbes Blut / der ander aber war ein allbereit verderbter blaicher Rebenſafft / deſſen ſie vber Tiſch vil zu vil getruncken hatte / dann der ge - brauch iſt an vilen orten / daß die zuͤchtige Fra - wen eben ſo trewhertziglich trincken vnnd be - ſchaid thun / als die Maͤnner: Mein Fraw aber erzuͤrnete ſich / ergrimte wie ein Loͤwin /vnd201Der Landtſtoͤrtzer.vnnd wolte meinen Herꝛn mit einem Meſſer erſtechen / aber ich vnd meine Mitgeſellen ver - hindertens / lieſſen jhre Wunden verbinden vnnd fuͤhrtens ins Beth. Deß andern Tags hernacher wuſte ſie ſchier nichts vmb diſen verloffenen handel / aber doch kennte man ſie an den Mahlzeichen / die ſie im Angeſicht hat - te / deſſen ſchaͤmte ſie ſich etlicher maſſen / nit ſo ſehꝛ wegen deſſen / dz ſie voll vnd truncken ge - weſt / (dann die Voͤllerey iſt in Teutſchlandt weder den Maͤnnern noch den Weibern kein ſchandt) ſonder daß jhr Herꝛ ſie geſchlagen hatte / dann daß die gemeine Burgers-vnnd Handtwercksleut jhꝛe Weiber bißweilen mit den Haͤnden vmbziehen / vnd ſie mit den Fin - gern kaͤmplen / das iſt nichts newes / dann man ſagt / daß das Fingerkraut / wañ es ſtarck auffn Kopff gelegt wirdt / ſehꝛ gut ſeye fuͤr der Wei - ber boßheit vnd vnhaͤußlichkeit: Deßgleichen haben die Maulbeer ein groſſe krafft / die boͤſe Launen vnd humorn der Weiber zu vertrei - ben: Aber mit den ſtattlichen Frawen hats kein ſolche meinung / dann wann ſie von jhꝛen Maͤnnern geſchlagen werden / ſo klagen ſie esN 5jhren202Der Landtſtoͤrtzer.jhren Befreunden / dieſelbige nemen ſich als - dann jhꝛer an / vñ wirt derwegen bißweilen ein Blutbad drauß: jnmaſſen auch allhie beſche - hen waͤre / woferꝛn mein Herꝛ der Statthalter nit der weiſeſt vnd geſcheideſt geweſt waͤre / vñ fich ſelbſt fein freundlich vñ lieblich mit ſeiner Frawẽ verglichen vñ vereinbart hette. O wie ein groſſe gedult muß ein ſolcher Mañ haben / der ein ſolches vnhaͤußliches veꝛſoffenes Metz - lein vberkom̃t / dañ vxor iſt entweder ein tutũ refugium, oder ein pœnale tormentum.
Der beſtim̃te tag meines Herꝛn verꝛeiſens in Hiſpanien kam herbey / weil dann ich auff der Galern gehoͤrt hatte / daß ſich vil Leuth zu vnſer L. Frawen zu Montſerrat verloben / vñ ich nit weit von dannen war / ſo bate ich meinẽ Herꝛn vmb erlaubnuß dorthin zu gehen / der wolte mir aber nit erlauben / derwegẽ nam ich mir ſelber erlaubnuß / in hoffnung / daß mir in Hiſpanien kein gelegenheit ermangeln wuͤrdt mich zu vnderhalten vnd zu ernehrn. Jch ſtig auff den Berg Montſerrat / ſahe vil wunder - werck vnd ein vnendlichs ab vnd zu gehendes andechtiges volck / vnd hoͤrte predig.
Guſman wirdt durch einen Ein - ſiedler zu Montſerrat erinnert / von ſeinem liderlichen Leben abzuſtehen / vnd ſich zu den ſtudiis zu begeben / ſo beſchehen / vnd er vier junger Herꝛn Pœdagogus worden.
NAch angehoͤrter Predig / beſuchte ich etliche Einſtedler zu Montſerrat / vñ kam zu einem / der war mein Landts - man ein Spanier / vnd ein ſehr feiner vnd ge - lehrter Man / vnd nach dem ich jm den gautzẽ verlauff vnd verſtandt meines Lebens entdeckt vñ erzehlt hatte / ſprach er zu mir / mein Sohn / ich ſihe / daß du auf dem weg deß todts vñ ver - derbens biſt / vnd wenig gedenckeſt an die woꝛt deß weiſen Manns: Memento Creatoris tui in diebus iuuentutis tuæ: Jtem / Læ - tare adoleſcens in iuuentute tua & ſcito, quod pro omnibus his adducet te Deus in iudicium, als wolte er ſagen: Vor al - len dingen gedencke an den Todt vnnd dasGericht /204Der Landtſtoͤrtzer.Gericht / dann GOtt hat vns nit erſchaffen / daß wir jhme im Alter / ſonder daß wir jhm in der gantzen zeit vnſers Lebens / vnd ſonderlich in der bluͤhe der Jugendt dienen ſollen / dann diſe blum der Jugend gebuͤrt Gott dem Herꝛn vil billicher / weder dem Teufel vnd der Welt / dann omnes morimur & quaſi aquæ di - labimur, quæ non reuertuntur: Vnſer Le - ben iſt ein jmmerwehrender Todt / zu demſel - ben eylen wir / alsbaldt wir anfahen zu leben: Zu gleicher weiß auch wie man ſagt / daß der Dieb gehenckt wirdt / wann er auffm weg iſt / oder auff der Laiter ſtehet / vnangeſehen er den Strick noch nit vmb den Halß hat / dann die hinfuͤhrung / das auffſteigen auff die Laiter vñ das binden gehoͤrt alles zum hencken / alſo vnd ebner geſtallt wird das Leben ein Todt geneñt allweil es zum Todt verordnet wirdt. Wie auch der jenig Dieb naͤrꝛiſch waͤre / welcher / wann er zum Galgen gefuͤhꝛt wird / vnd es fuͤr einen Pomp vnd Pracht hielte / daß er auff ei - nem Wagen gefuͤhꝛt wirdt / zwen Prieſter bey jhm ſitzen hat / vnnd ein groſſe ſchaar Volcks zu Roß vnd zu Fuß hinden vnd voꝛ jhm gehenhette /205Der Landtſtoͤꝛtzer.hette / Alſo ſeind die jenigen Chriſten lauter Narꝛen / welche nicht gedencken / daß alles was vns allhie geſchicht / Jnſtrumenta deß Todts ſeind / dann die Kleyder ſeind gleichſamb ſym - bola vnd zeichen deß Todts / banden vnd fuß - eyſen der Dieben: Die Speiß fuͤhret vns zum Todt wie ein Wagen: Vnſere Kinder / das iſt / der Leib ſambt deſſen vier Elementen tra - gen vns ins Grab: Keins wegs kan der Todt deß Leibs geflohen vnnd entgangen werden / dann er iſt vnſer Trabant vñ Schoͤrgant / der vns jmmerdar mit ſeiner Lantzen ſticht vnnd verwundet / aber du ſey fuͤrſichtig vnd entflie - he dem wahren Todt der Seelen / welches als - dann beſchicht / wann du dein Leben beſſeren / bekehren / vnnd durch gute Werck / vermittelſt deß leiblichen Todts / gehen wirſt ins wahre Leben. Deß Morgens fruͤ gedenck / daß du villeicht den Abendt nit wirſt erꝛaichen: Vnd zu Abends gedenck / dz du villeicht in der nacht werdeſt ſterben / jnmaſſen taͤglich vilen andern beſchicht: Wann du außgeheſt / ſo gedenck daß du villeicht nit wider heimb kommen wer - deſt / wann auch du etwas anfahen oder thunwilſt /206Der Landt ſtoͤrtzer.wilſt / alsdann gedenck / daß du es vor GOtt dem Herꝛn wirſt muͤſſen verantworten.
Folgendts rieth mir der Einſidler / daß ich mein herꝛliches vnd ſchoͤnes ingenium beſſer als bißher beſchehen / vnd zwar zu den ſtudiis verwenden vnnd anlegen ſolte: Jch folgte ſei - nem rath / vnd verfuͤgte mich gen Alcala / vnd als ich nah zũ Collegio Vniuerſitatis kam / ſahe ich ſechs Studenten / die gingen hinein / vnd wurden gantz freundlich empfangen: Jch folgte jnen nach / vnd veꝛmeinte gleichfals hin - ein zu gehen / aber man ſchlug mir die Thuͤr vor der Naſen zu / dann ſie ſahen mich fuͤr einẽ ſchmotzigen Koch vnd Kuchelratzen an: weil ich dañ ſahe / daß mein vnflaͤtiges Kleid ſchul - dig dran war / ſo fing ich an Lateiniſch mit jh - nen zu reden: Da fuͤhrten ſie mich in das ge - meine Loſament / vnd erbotten ſich aller guten befuͤrderung. Als nun wir zu Tiſch ſitzen ſol - ten / wolte niemandt bey mir ſitzen / von wegen meines vnflaͤtigen Gewandts: derwegen ſetz - te ich mich an ein anders ſchlechters Ort auff die Banck: Jederman murꝛete vnnd ver - wunderte ſich / daß man einen ſolchen vbel ge -kleidten207Der Landtſtoͤrtzer.kleidten vnd nach der Kuchel ſtinckenden Ge - ſellen herein gelaſſen / vñ zu andern feinen an - ſehenlichen Studenten ſetzen vñ geſellen wol - te: Letztlichen kam der Regens darzu / vnd fragte mich / ob ich auch einen Studenten ge - daͤchte abzugeben? Er fragte mich / warumb ich dann kein Studenten Kleid an hatte? Jch aber antwortet vnnd ſprach: Zu Rom hab ich die Lateiniſche vnnd Griechiſche gram - maticam vnd die Rhetoricam gehoͤꝛt / vñ ob ich ſchon nit ſo excellens vnd fuͤrtreflich bin / wie Demades vnd Demoſthenes, vñ jenem Koch Demoſtheni, (welcher ſich vnder - ſtundt ſeinen Loͤffel außzuziehen / als der heilig Baſilius vnd Keyſer Valens von der Arꝛia - niſchen Ketzerey mit einander diſputirten / vnnd derwegen Baſilius zu jhm ſagte: Vidimus ſine literis Demoſthenem. ) gleich ſihe / ſo bin ich doch villeicht inwen - dig etwas beſſers beſchaffen / als außwen - dig / villeicht ſteckt auch vnder diſem mei - nem boͤſen Mantel ein feines Latein: Die Liebhaber der ſcientzen ſollen nicht auff die bloſſe Kleider ſehen / quia corporis habi -tum208Der Landtſtoͤrtzer.tum contemnit Philoſophus: Die Tu - genden ſeind die wahre Kleyder / ſo den Men - ſchen ehren vnnd zieren / derwegen ſpricht E - phraim: Dum veſtem audis nuptialem, ne de veſtimentis, quibus induimur, id exiſtimes, ſed de bonis operibus. Vnnd Origenes ſpricht: Ornamentum tibi eſt vnaquæque virtus. Nit ohne iſts / daß Ro - diginius ſpricht: Quod ſi prætenuem nimiſq; vilem affectaueris veſtitum ſpe - ctaculo & riſui eris inimicis: vel etiam vt extreme pauper, inops, & paſſim con - temptibilis fies: Deßgleichen ſagt der hei - lig Hieronymus in tractatu de vitando ſuſpecto contubernio, daß die Kleyder ein anzeig ſeyen deſſen / was im Hertzen ſteckt / vnd ein zeichen der Ehr / die ein jeglicher hat / aber etliche Leut gedencken nit / daß ſolches kein Ar - gument / ſonder nur ein indicium vnd Keñ - zeichen iſt / vñ dz es faͤhlen kan / dann es iſt kein gewiſſe demonſtratio oder Regel / derwegen mag ich wol gedulden / daß man mich exami - nire / vnnd ſecundum rationes veras, aber nicht ſecundum præſumptiones fallacesiudicire. 209Der Landtſtoͤꝛtzer.iudicire. Jch bin ein Seuilianer / zu S. Io - han de Alfarche geborn / gen Rom tranſ - plantirt, in allen Spꝛachen erfahren / zu Ne - apolis purificirt / vnd gleichwol ein Nouitz zu Alcala / aber ein alter in den Vniuerſiteten.
Als ſie mich diſer geſtalt Lateiniſch parlirn hoͤrten / verwunderten ſie ſich / halſeten / vmb - fingen vnd verſahen mich mit newen ehꝛlichẽ Kleidungen / vnd machten mich zu einen Pœ - dagogum vber vier junge edle Studenten. Diſes war nun widerumb ein guter anfang meines Heyls vnd wolſtandts / aber mein Na - tur war alſo beſchaffen / daß ich meinen vnor - denlichen appetiten folgte / wie hernacher zu ſehen.
Guſman wirdt ein Student / vnd et - licher jungen Herꝛen Præceptor, vnd bene - bens in dem modo deß ſtudii Iuri - dici vnderwiſen.
ALsbaldt ich obbemelter geſtallt in der Vniuerſitet zu Alcala immatricu - lirt worden / vnnd der Rector mein fuͤrtreflichs ingenium vermerckte / vnderwi - ſe er mich in dem modo ſtudendi iura, dann ich zum ſtudio Iuridico am meiſten geneigt war / vñ ſpꝛach: Mein Son Guſman / deß ver - ſtaͤndlichen Menſchen natur iſt / dz er etwz be - gert zu wiſſen / vñ aller ſcientzen ziel vñ end / iſt die warheit / vnd wer dieſelbe gefunden hat / der hat gefunden das aller lieblichſte vnd koͤſt - lichſte ding auff Erden / dann ſie erſaͤttiget al - les verlangen / vnd ſetzet das Gemuͤth zu ruh. Diſe Warheit aber wirdt nit erlangt oder er - griffen durch die ſtaͤrcke deß Leibs / ſonder durch ratiociniren vnd ſpeculiren: die ſpe - culirung aber erfordert ein freyheit deß Ge - muͤths: Frey aber kanſtu nicht ſein / woferꝛn deine affecten vñ begierlichkeiten dich beher - ſchen: Dann wie waͤre es muͤglich / daß einer / welcher dem Fraß vnnd vnkeuſchheit ergeben iſt / recht vñ wolſpeculire? oder daß ein Spiel - gurꝛ oder Spitzbub der Beſtaͤndigkeit der Warheit nachtrachte? Oder daß ein Neidt -halß211Der Landtſtoͤrtzer.halß rechtſchaffen ratiocinire? oder daß ein Zornmuͤtiger die Fußſtapffen der Gerech - tigkeit ſehe? Oder daß ein Geitzhalß oder Ehꝛgeitziger ſich rechtſchaffen vmb die Phi - loſophiam (welche alle eytelkeiten verach - tet) begebe? Dann weil die ding / ſo einander geſtracks zu wider ſeind / nit beyſamen beſtehen koͤnnen / vnnd die Warheit keinen groͤſſern Feindt hat / als eben die Vnwarheit vnnd ſchnoͤde Begierden / ſo folgt / daß nit muͤglich iſt / daß einer der mit boͤſen affecten erfuͤllt iſt / commode vnd fuͤglich ſpeculiren vnd zu der ſcientz der warheit gelangen koͤnne / dann die Warheit erfordert ein candorem, ſie haſſet alle Falſchheit vnnd Vnlauterkeit / ſie iſt / frey vnd kan nicht dienen / vnd wil mit fremb - dem Schatten bedeckt werden: Sie frey det ſich deß Liechts / vnnd mag mit keinem dienſt - barlichen / faulen vnnd vnreinen Meyſchen zu ſchaffen haben: Begereſt derwegen du Guſman / die Warheit zu erꝛaichen / vermit - telſt deß ſpeculirens vnnd ſtudirens / ſo muſtu vor allen dingen frey vnd ledig ſein von allen boͤſen affecten vnnd dîſtractionibus, vnndO 2weil212Der Landtſtoͤrtzer.weil ich von dir verſtanden / daß du deinen ſiñ auff das ſtudium Iuridicum geſetzt / ſo mu - ſtu alle andere ſtudia vnnd vbungen fahren laſſen / dañ nit wol muͤglich iſts / daß einer den hoͤchſten ſtaffel oder nagel der Gelehrtheit in vnderſchidlichen facultatibus erꝛeiche vnnd in vilfeltigen generibus præcellire vnd fuͤr - trefflich werde: Vnius rei ſtudium totum hominem poſcit, & vbi quiſq; intende - rit, eius ingenium valet: Dann wie der Magen / welcher mit vilerhandt Speiſen v - berladen / vnnd in vnderſchidlichem Getranck ſchwimmet / nichts verdewen kan / alſo wann das ingenium vnd der verſtandt deß Men - ſchen in vnderſchidlichen gedancken vnd ſor - gen diſtrahiret iſt / als dann verlieret es ſein beſte Krafft: Sic ergo legibus operam da - bis, vt nullus extraneus actus tua ſtudia interrumpat, nulla alterius diſciplinæ li - bido (niſi recreationis ergo) tuum inge - nium diſtrahat: Inueniat te nox Iuriſ - conſultorum monumentis inuigilantẽ, diurna lux te in eiſdem lucubrãtem de - prehendat; ita fiet, vt non modo Iaſonesaut213Der Landtſtoͤrtzer.aut Decios æquare, ſed & ipſam Iuris lu - cernam Bartolum excellere valeas.
Nach dem nun du diſer geſtalt deinen ſinn vnd gemuͤt zu etwan einem gewiſſen ſtudio o - der ſcientz ergeben haben wirdeſt / muſtu erſt - lich vnd vor allen dingen betrachten / daß ein jegliche ſcientz jhꝛe fuͤrgeſchribene ordnung hat / vnd daß man von den generalibus vnd vniuerſalibus anfahen / folgends ſucceſſiue ad ſingula ſpecialia gehen oder ſchreiten muͤſſe. Keins wegs ſoll man die vniuerſalia nit wiſſen / ſeytemal man ohne dieſelbige zu der erkentnuß der particularium nit gelanget: Dann was iſt das fuͤr ein arithmeticus, der nit waiſt / totum qualibet parte maius eſſe & ſi à pari numero par dematur, æ - qualem numerum remanere? Was iſts fuͤr ein Rhetor, welcher nit weiſt / daß dreyer - ley genera dicendi verhanden / nem̃lich de - liberatiuum, demonſtratiuum vnd iudi - ciale? Was iſts fuͤr ein Phyſicus, der da nit weiſt / ex nihilo nihil fieri, vniuſque gene - rationem ex alterius corruptione dedu - ci? Item omnium priuationem habitumO 3præno -214Der Landtſtoͤrtzer.prænotare? Was iſts fuͤr ein Medicus, der nit waiſt / contraria contrariis curaui, ex - tremiſque morbis extrema remedia ad - hiberi? Was iſts fuͤr ein Aſtronomus, der nit verſteht / ſuperiora corpora inferiorib. dominari, maxime verò Lunam ob pro - pinquitatẽ? Was iſts fuͤr ein Theologus, der von der Erſchaffung der Welt vil waiſt zu diſcurriren, aber die Krafft deß Glaubens (welcher das fundament der Theologiæ iſt) nit verſtehet? deßgleichen hat auch die Juriſte - rey oder diſciplina legalis jhre rudimenta de moribus, in quib. omnia: tum cõmu - tatiue tũ diſtributiue iuſticiæ præcepta cõcluduntur. Eſt enim ars boni & æqui, per quã à malo arcemur, & ad bonũ in - uitamur: Keiner ſoll ſo gar vnuerſchambt ſein / dz er ſich fuͤr einen Juriſten außgebe / wo - fern er jm nit nachfolgende wenige præcepta Iuris bekannt ſeind: als nemblich:
Abſurdum intellectum ab omni diſpoſi - tione reiiciendum. Ab omni vi atque iniuria penitus abſti - nendum. Actum215Der Landtſtoͤrtzer.Actum dubium in meliorem partem ac - cipiendum. Alterius factum alteri non obeſſe; Arte non concedi quod naturaliter de - negatur. Autoritate propria neminem fibi ius di - cere poſſe. Cauendum ne reſpectu innocentis in - nocens patiatur. Certa pro incertis relinquenda non eſſe. Contra ius & bonos mores conuentio - nes hominum non valere. Contra vim atque iniuriam licitam eſſe defenſionem. Cum alterius detrimento nemini con - ſulendum. Cum alterius iactura neminem debere locupletari. De minimis conſiderationem non ha - bendam. Æquitatem rigori præferendam. Ex cauſa nonnunquam à communibus regalis recedendum. Executionẽ non faciendam iuris ordine prætermiſſo. O 4Faci -216Der Landtſtoͤrtzer.Facilius tolli ius ſpeciale, quam commu - ne. Finalem cauſam diligenter inſpiciendã. Grauius in committendo, quam omit - tendo delinquens. Honorem lucro, imo etiam vitæ præfe - rendum. In neceſſitatibus leges non obſeruari. In obſcuris ſecundum magis veriſimilia iudicandum. Leges non ex verbis ſed ex mente intel - ligendas. Mediam viam in perplexitatibus eligen - dum. Multa in conſequentiam permitti, quæ principaliter denegantur. Neminem multiplici onere prægrauan - dum. Nemini officium ſuum damno verti de - bere. Nemini iniuriam facere qui ſuo iure vti - tur. Non factum ſed faciendi cauſam inſpi - ciendam. Non217Der Landtſtoͤrtzer.Non cupiditatibus ſed iuſtis affectionib. indulgendum. Non negligentibus ſed impotentibus’ ſuccurrendum. Nobiliores præſumptiones ſemper in. dubio eligendas. Odia reſtringi, fauores ampliari debere. Omnem actum ab agentis intentione iudicandum. Omne incommodum aliquo commo - do compenſandum. Paria delicta mutuo compenſari. Prodeſſe alteri nemo cogitur, ſed tantũ obeſſe vetatur. Publica vtilitas priuatorum commodis præferenda. Quod nemini nocet & alicui prodeſt fa - cile conceditur. Quod quis in ſe approbat, in alio repro - bare non poteſt. Quod quiſque iuris in alium ſtatuerit, i - pſe quoque eodem vti debet. Rationes naturales pro legibus ample - ctendæ. O 5Satius218Der Landtſtoͤrtzer.Satius eſt nocentem abſoluere quam in ſontem damnare. Vbicunque æquitas ſuadet ſubuenien - dum eſt.
Am andern / muſtu nit allein die genera - lia oder vniuerſalia Iuris wiſſen / ſonder auch weil ein jegkliche diſciplin, Kunſt oder ſcientz nach erkaͤndrnuß der Warheit zie - let / vnnd eben diſes das einige ziel vnnd zweck aller ſpeculanten oder Studenten ſeyn ſol - le / ſolche Warheit aber nicht auff opiniones oder meinungen / ſonder auch cauſas vnd vr - ſachen beſtehet vnnd gegruͤndet iſt / ſo iſt auch die ergruͤndung der cauſarum vnnd ratio - num ſehr notwendig: Tunc enim vnum - quodque ſcire arbitramur, cum eius cau - fam & principia cognoſcimus’. Por - rò (ſprach der Rector ferꝛner) omnis ſcien - tia duas habet præcognitiones, quid eſt, & quia eſt: Altera ad cauſati, altera ad cauſæ intelligentiam ſpectat: verùm tantò dulcius eſt cauſarum notitia, qua corum que ab his ſunt (quos effectus ap - pellamus) quantò veritas certior ac po -tior219Der Landtſtoͤrtzer.tior eſt opinione. Quare Homerus: Fœ - lix qui potuit rerum cognoſcere cauſas: Denen / welche die Iura profitiren, kan zu er - langung der vollkom̃en gelertheit nichts nutz - lichers ſein / als eben die erforſchung der cau - ſarum, rationum vnd vꝛſachen / dañ ſonſten wer incognita cauſa, oben hin vnd nachlaͤſ - ſigklich darmit hindurch gehet / der verlieret zeit vnd vnkoſten / dann was hilffts / daß man weiſt / de ſolo adulterio tranſigi non poſ - ſe, niſi & huius definitionis cauſam in - tellexeris? Was hilffts / daß man diſe vñ vil vnzehlig andere dergleichen der Iurisconſul - torum definitiones, aber nit vrſachen deren weiſt? Plané (ſprach der Rector ferꝛner) ſi ſic ineunda forent legalis diſciplinæ ſtu - dia, vt circa deciſionũ atq; indiuiduorũ cumulos dũtaxat verſarem ur, vix ad eo - rum conſummationem vita hominis vel longiſſima ſuppeteret: per cauſas verò & rationes artem ingenioſe colligentib. breue luſtrum cum Iuſtiniano ſufficere arbitramur. O diuinam cauſarum ſcien - tiam, quam irrefragabilem methodumgeris:220Der Landtſtoͤrtzer.geris: Exurgant juuenes ſcientiæ cupidi, non vltra in nudis deciſionibus torpe - ſcant: non quid ſit intelligere ſufficit, ſed cur ſit diligenter inquirendum eſt.
Nit allein muſtu auch die rationes vel cauſas inueſtigiren vnnd erfoꝛſchen / ſonder auch die cauſas dubitationis wiſſen vñ ver - ſtehen / vt cauſam intelligas quæ vel con - ſultorem vel conſultum in ea re perple - xum reddere poteſt: quæ cauſa tanti æ - ſtimatur vt ſine illa non modo leges in - telligi perfecte poſſint, ſed & in multipli - ci varioq; ſenſu ille præualeat, quem ma - ioris dubitationis ratio commendarit. Perquiſita dubitationis cauſa & iam bo - na legis parte intellecta, tum cauſam de - finitionis ſeu rationem decidendi facili - us aſſequeris. Hæc ergo totius legis ra - dix eſt, hæc omnem controuerſiam ſo - pit: per hanc veritas eluceſcit, legislator comprobatur, legentis deſiderium ex - pletur inuenta cauſa animus acquieſcit: cauſæ cognitio perfecta ſcientia eſt.
Ferꝛner vnd zum dritten / weil die leges vñreſpon -221Der Landtſtoͤrtzer.reſponſa prudentum, wegen jhrer menge vnd weitlaͤufftigkeit / nit allzeit in der gedacht - nuß behalten werden koͤnnen / ſo haben vnſere Vorfahren auß dem gantzen contextu der geſetzen etliche kurtze regulas zuſammen gezo - gen / jnmaſſen in den tit: Regul: juris vnnd im Tractat / welcher axioma iuris intitulirt zu finden iſt. Diſe regulæ iuris ſeind den iu - riſprudentiæ ſtudioſis ſehr nothwendig / erſtlich weil ſie wegen jhrer kuͤrtze / das inge - nium delectiren, die gedaͤchtnuß im wenig - ſten beſchwerẽ / zu der ſcientz deſto geſchwin - der befuͤrderen / vnd die Zung inſonderheit e - rudiren, dann durch die Regel vnnd ſchoͤne formulas koͤnnen wir die concepta vnſers gemuͤths geſchwindt vnnd zierlich exprimi - ren: Wer aber ſolche regulas nit weiſt / der muß notwendig per inutiles verborum. circuitus & inextricabiles periſſologias vagiren, da doch es ſonſten mit zweyen wor - ten leichtlich explicirt kan werden. Auß den regulis werden auch die ſyllogiſmi compo - nirt, vnd dardurch die falſchheit von der war - heit vnderſcheiden.
Zum222Der Landt ſtoͤrtzer.Zum fuͤnfften / nach dem du die Kunſt die Leges zu tractiren, jhren wahren verſtandt per rationes & cauſas zu diſcurriren, vnd ſo wol auß den worten / als auß dem mente die notabiles ſententias, regulas vnd axio - mata zu colligiren ergriffen haſt / ſolleſtu al - len fleiß anwendẽ / ne alienis laboribus aut vigiliis omnino incumbas, ſed nouas re - gularum formulas tuo tibi ingenio ex - cudes, quantò breuius, clarius, purius & elegantius id fieri poterit. Eæ verò du - plicis generis ſunt, nam aut facti ſpeciem breuius perſtringit, idque ſummarium vulgo appellatur; aut cauſam tantum ſeu rationem legis ſubtiliter complectitur; Primum quidem genus ad verba, alterũ ad mentem refertur.
Sechſtens iſt den ſtudioſis iuris das vil - faͤltige diſputiren ſehꝛ notwendig / dann dar - durch wirdt der verſtandt / die gedaͤchtnuß / die geſchwindigkeit / die kuͤnheit geſchaͤrpfft vnnd vermehrt / vnd die Warheit deſto beſſer erleu - tert: Damit ſie aber diſes alles deſto gluͤck - licher verꝛichten vnnd erlangen moͤgen / ſomuͤſſen223Der Landtſtoͤrtzer.muͤſſen ſie mit ſolchen geſellen conuerſiren vnnd vmbgehen / welche jhnen gleichmaͤſſig vnd benebens fromb vnd zuͤchtig ſeind / dann improborum iuuenum commertio ni - hil peſtilentius, nihilque ad virtutum ſtudia bonorum conſuetudine præſtan - tius inuenitur.
Vber diß vnd zum ſibenden / muſtu wenig vnnd taugliche authores erwehlen / vnd die - ſelbigen fleiſſig leſen / nemblich den Barto - lum, Baldum, Caſtrenſem, Alexandrum Iaſonem vnd Ioannem ab Immola, dann diſe ſeind die aller fuͤrtreflichſte Commenta - riſten, folgends den Anchoranum, Roma - num, Alexandrum vnd Decium, dann di - ſe vier ſeind die beſte Conſiliatores.
Nit weniger ſeind dir vñ allen deines gleichẽ ſtudenten zwey ding ſehꝛ notwendig / nem̃lich die loci cõmunes vñ materiarũ ſedes, dañ durch die locos cõmunes wirdt dz ingeniũ ſehꝛ geuͤbt / vñ durch die ſedes materiarũ ſehr geholfẽ. Die loci cõmunes aber ſeind nichts anders / als modi argumentandi, dardurch mã deſto leichtlicher zu der warheit gelanget.
Beſchließ -224Der Landtſtoͤrtzer.Beſchließlichen magſtu auch bißweilen die Philoſophos, Oratores, Hiſtoriogra - phos, Poetas vnd andere gute authores, re - creationis gratia, vnd von kurtzweil wegẽ / le - ſen / nemblich den Platonẽ, Iſocratem, Ho - merum vnd Heſiodum: Deßgleichen den Ciceronem, C. Cæſarẽ, Liuium, Saluſti - um, Suetonium, Plutarchum, Plinium, Virgilium, Horatium: Jtem den Iouium, Pontanum, Senecam. Vor allen dingen aber liſe die heilige Schrifft gern / dann eytel vnnd vergebens ſeind alle andere ſtudia, wo - fern die pręcepta dogmatis Chriſtiani hin - dan geſetzt werden: Vnnd die jenigen ſeind die aller groͤſte Narꝛen / welche in der weltli - chen Weißheit auffgeblaſen / ſich im Geiſt niemaln colligiren, die erkentnuß Gottes vñ jhꝛer ſelbſt verachten / vnd ſich nur dem fleiſch zu gefallen befleiſſen / aber ſelig vnnd weiſe iſt der jenig / welcher ſein gantzes ſtudium fuͤr - nemblich dahin verwendet / daß er Gott vnnd ſich ſelbſt recht erkennen / wol leben / vnd ſelig - klich ſterben moͤchte: Has tuus ad metas ſu - det oportet equus, dann ſonſten wirdt letzt -lichen225Der Landtſtoͤꝛtzer.lichen nur ein Eſel auß dir werden / der mit Buͤchern beladen iſt.
Guſman wirdt noch ferꝛner vnder - wiſen / wie er ſich bey ſeinen ſtudiis verhal - ten / vnd voꝛ was dingen ver - huͤten ſolle.
BEgereſtu aber noch mehrers in dei - nen ſtudiis zu proficiren vnd zu zu - nemen / ſo muſtu dich voꝛ etlichen ſehr ſchaͤdlichen dingen huͤten / vnnd zwar erſtlich vorm Muͤſſiggang / welcher ein Mutter aller nugarũ vñ eytelkeiten / wie auch ein ſtiefmut - ter der Tugendten / benebens ein fomes oder Ziegler der Laſtern / ein Roſt der Gemuͤter / ein peſtilentziſche Sucht / ein toͤdliche Kranckheit vnd ein Ohrkuͤß deß Sathans iſt.
Am andern huͤte dich voꝛ der Hoffart / mit dern die Studenten vnd junge Leuth gemein - lich behafft ſeindt: Dann auß jhr entſpringen die vermeſſenheit / halßſtaͤrꝛigkeit / ruhmſucht / vndanckbarkeit / anderer Leut verachtung / vn -Pgehoꝛ -226Der Landtſtoͤrtzer.gehorſamb / ehrgeitz / fuͤrwitz in Kleydern vnd allen andern dingen.
Auß dem Muͤſſiggang vnnd Hoffart ent - ſpringet das dritte Laſter / daruor du vnnd ein jeglicher Student ſich huͤten ſoll / nemblich die Freyheit vnnd erlaubnuß / welche man hat oder nimbt / ſeines eygnen willen oder gefah - lens zu leben / dann dardurch werden die naͤr - riſche vnd blinde Juͤngling bewegt vnnd ver - urſacht / jhre ſtudia zu verlaſſen / jhre Præce - ptores zu verachten / die Lehr / befelch vnd er - mahnungen jhrer Vorſtehern vnd Eltern in Windt zuſchlagen / alles zu verlachen / ſich deß Jochs deß gehorſambs zu entſchuͤtten / vñ ſelbſt ex leges, exempt vnd gleichſam Frey - herꝛn zu ſein / dardurch aber gerathen ſie letzt - lich in die ſchaͤndliche dienſtbarkeit der La - ſtern / deß Fraſſes vnd Voͤllerey / werden Scla - uen der ſchaͤndlichen vnd ſchnoͤden Weiber / vnd gerathen in Hader / Zanck / ſchlagen / rau - fen / dalgen vnd Todtſchlaͤg.
Beſchließlichen vnnd vor allen dingen huͤte dich vor der Bulerey vnnd Loͤffelley / vnnd vor aller Geſellſchafft / die dich dar -zu227Der Landtſtoͤrtzer.zu fuͤhren vnnd raitzen moͤchte / dann fuͤrwar einem Juͤngling ſtehet je nichts vbler an / vnd nichts iſt jhm ſchaͤdlicher / als eben die Geyl - heit vnnd Vnkeuſchheit / dann wie das Fewr leichtlich entzuͤndt wirdt in einer duͤrꝛen ma - teri / alſo entzuͤnden ſich die Flammen der Geylheit gar leichtlich in den Leibern der jun - gen Geſellen / diſes iſt das erſte Fieber / welches vilen jungen Leuthen den Todt der Seelen verurſachet / vnd wann das koͤſtliche Kleynod der Jungkfrawſchafft einmalhin / verſchertzt vnnd verloren iſt / ſo kan man das verheiſſene Lorberkraͤntzel der Jungfraͤwlichkeit niemaln wider erlangen.
Wer auch den erſten ſprung der Hurerey wagt / vnnd das Ziel der Zucht vnnd Er - barkeit einmahl vberſchritten / der wagt her - nacher liderlich vnd oͤffter / vnd gerahtet letzt - lich in den abyſſum vnd abgrund der Vnrei - nigkeit vnnd Verderbens. Derwegen / mein Sohn (ſprach der P. Rector) meide erſtlich alle occaſiones, allaͤß vnd gelegenheiten der geylheit vnd vnkeuſchheit / denn cætera vitia pugnando vinci ſolent, ſola libido eſt,P 2quæ228Der Landtſtoͤrtzer.quæ fugiendo potius, quam pugnando ſuperatur. Sibenerley occaſiones vnnd anlaͤß aber der geilheit find ich / erſtlich die ge - faͤhrliche ort / geſellſchafft vnd gemeinſchafft der Vnkeuſchen. Am andern / die conuerſa - tion vnnd vnderꝛedung mit Weibsperſonen. 3. das leſen der vnkeuſchen boͤſen Buͤcher. 4. das geyle vnnd vnkeuſche anſchawen. 5. die ſchaͤndliche vnnd vnreine reden. 6. die geyle Comedien: vnd 7. der Muͤſſiggang.
Darneben verehꝛe mit allem fleiß die aller - heiligſte vnd reineſte Jungfraw Mariam / als ein Magiſtram Virginitatis, lucem Virgi - num, Virginitatis Principem, exemplũ perfectionis Virginalis vnnd Virginem Virginum. Ferꝛner frequentire offtermals die heilige Beicht vnnd Communion / vnnd mortificire, diſciplinire deinen Leib / ſey ſehr maͤſſig im eſſen vnd trincken / vnd enthal - te dich deß Weins / als eines Giffts vnd fuͤr - nemſten Waffens deß Sathans / dann vinũ & adoleſcentia duplexivoluptatis eſt in - cendium. Woferꝛn du aber den Wein je nit kanſt gantz vnd gar entrathen / ſo trincke jhnedoch229Der Landtſtoͤrtzer.doch gewaͤſſert / vnd enthalte dich ſeiner beym Nachteſſen. Wofern nun du diſer meiner vn - derweiſung vnd rath folgeſt / ſo wirſtu merck - lich proficiren, nit allein in deinen ſtudiis, ſonder auch in guten Sitten.
BJllich hette ich deß Rectoris lehꝛ vnnd er mahnung in mein Hertz preſſen / vnd jnen folgen ſollen / aber ich hoͤrte gleich wol die Inſtitutiones Iuris, vnnd war ein zeitlang fleiſſig / ſtill / zuͤchtig vnd eingezogen / aber durch boͤſe geſellſchafftließ ich mich der - maſſen verfuͤhren / daß ich nit allein mein eig - ne noch meiner diſcipulorũ ſtudia nichts achtete / ſonder auch mich der jugendtlichen freyheiten vñ gewohnten wolluͤſten gebꝛauch - te / dann ich / als Præceptor, war beſchaffen / wie meine diſcipuli, vnnd die diſcipuli wie der Præceptor, vnſere Sitten waren aller -P 3dings230Der Landtſtoͤrtzer.dings gleichfoͤrmig: Niemandt war verhan - den / der mich oder ſie hette geſtrafft: Den Tag verzehrten wir mit eytelkeiten / vnd die Nacht mit Torheiten / jnmaſſen der Studenten ge - brauch iſt: vnſere lectiones vnnd repetitio - nes bliben offtermals dahinden.
Mein einer diſcipulus buelte vmb ein ſehꝛ ſchoͤne Jungkfraw / die war deß Burger - meiſters Tochter: Der ander liebte ein Klo - ſterfraw: Das gefiel mir aber gar nicht / dann ob ich ſchon ſonſten nit vil werth war / vnd ein ſchlechtes Gewiſſen hatte / ſo betroch - tete ich doch die groſſe Straff / welche fuͤr - bereit iſt allen denen / ſo jhre ſchnoͤde Lieb zu den Braͤuten CHriſti ſetzen / derwegen er - mahnte ich jhne / daß er doch jhrer muͤſſig gehen wolte: So gar ließ ich diſe Jungk - fraw heimlich vor jhm warnen / vnd zu beſtaͤn - diger erhaltung jhꝛer Jungfraͤwlichen remig - keit vnnd gethanen Geluͤbds ermahnen: A - ber mein diſcipul wolte nit nachlaſſen / eins - mals fand ich ſie ſampt noch einer weltlichen Frawen beyſammen ſtehen / vnnd mit ein - ander conuerſiren: Aber ich zerſtoͤrte jh -re231Der Landtſtoͤrtzer.re conuerſation, ſchaffte jhne hinweg / vnd fragte ſie / was doch mein diſcipul mit jhr geredt hatte? Sie bekennten alles / vnnd erzehlten mir / daß jhre vnderꝛedung vnnd di - ſputation nichts anders geweſt war / als was von beyden beſſer waͤre / entweder die hoff - nung / oder die beſitzung eines dings: Vnnd ob wol der Juͤngling ſtarck ſich befliſſen zu behaupten / daß die poſſeſſion vnd beſitzung vil beſſer vnnd ſicherer waͤre / weder die hoff - nung / ſo hetten jhm doch die Fraw vnnd die Nonn ſtarcke widerbart gehalten vnnd gleichſamb vberwunden: Nichtd ſtoweniger aber (ſprach die Nonn ferꝛner) wolte er nicht nachlaſſen / ſonder ſprach: Jungfraw / Schad iſts / daß vnder einer ſo ſchwartzen Kutten ver - borgen ſein muß ein ſolches weiſſes vnnd zar - tes Fleiſch? Derwegen verlaſſe die ſchwartze Kutte vñ Schlair / vñ ziehe mit mir: Jch aber antwoꝛtet vñ ſprach: Juͤngling diſes ſchwar - tze Kleidt machet mich zu einer Braut Chꝛiſti / denſelben ſoll vnd kan ich nit verlaſſen: Er re - plicirte vnd ſprach: kein todiſuͤndt / ſonder nur ein peccadillo oder laͤßliche ſuͤnd iſts / wañ ei -P 4ner232Der Landtſtoͤrtzer.ner auß ſchwachheit vñ vnuermuͤgligkeit deß Fleiſchs ſuͤndiget: Hierauff replicirte ich vnd ſprach: Weil es ein Tootſuͤnd iſt / wann einer eines andern Ehefraw ſchendet / ſo iſts ein vil ſchwerere Suͤnd / wann einer Chriſti Braut verfuͤhret. Darauff ward er ſcham - roth vnd ſprach: Jungfraw / jhꝛredet recht / vñ habt vberwunden mein wuͤtigkeit. Diſer diſ - curs gefil mir / vnd ich ermahnte die Nonn zu beharꝛlicher beſtaͤndigkeit.
Sonſten vnd im vbrigen hielte ichs in al - len dingen mit meinen diſcipuln, an ſtatt der Buͤcher / handihierten vnnd miſchten wir die Karten / ſchlugen auff muſicaliſchen Jnſtru - menten / Zittern vnd Lauten / ſangen auch ſehr luſtig vnd lieblich drein: Bey der Nacht gin - gen wir gaſſatim, muſicirten / bulirten / Kel - beri / ten / dolliſiꝛten / ſchlugen vnd raufften mit der Scharwacht / deßgleichen beſuchten wir die Fechtſchulen / vnd hatten einen ſonderbaꝛn Fechtmeiſter / der vns abrichtete: So gar auch einen Tantzmeiſter / der vns allerhandt Taͤntzlehrte. Was erfolgte aber letztlichen drauß? Mein einer diſcipul ward eins malsauff233Der Landtſtoͤrtzer.auff der Bulſchafft erſtochen / der ander ver - ließ ſich auff ſein kuͤnſtlichs ſechten / vnd ward toͤdtlich verwundt: Der dritt verluhr ſein ge - ſundtheit / vnd kam / wie ein geſtutzter Hund / ohne ein Endiſtuck heimb: Jch aber ward zu einen Frantzoͤſiſchen Ritter geſchlagen / vnnd gerieth ins Spital / wie vnnd was geſtalt nun es mir darin ergangen / das gibt nachfolgen - des Capittel zu vernemmen.
Guſman / als ein Frantzoͤſiſcher Ritter / wirdt im Spital geheilt / vnd er - zehlet wie es jhm darinn er - gangen.
WEil dann ich / obangedeuter maſſen / ſampt meinen diſcipulis zu einem Frantzoͤſiſchen Ritter geſchlagen worden / vnd allgemach anfing an allen mei - nen Gliedern zu erlahmen / vñ die edle Rubin - ſtein in meinem Angeſicht außzuſchlagen / vñ dannenhero von mennigklichen verhaſt vnnd verlaſſen ward / ſo nam ich letztlichen meinP 5Zuflucht234Der Landtſtoͤrtzer.zuflucht zu dem Gottſeligen daſelbſt geſtiffte - ten Koͤnigklichen Spital vnnd Spitalmei - ſter: Als derſelb mich erſahe / empfing er mich alsbald mit Frantzoſen / Peſtilentz vnnd dem Teuffel vnnd ſprach: fuͤhret dann der Teufel abermals einen mit Frantzoſen behafftẽ ſchel - men daher: Troll dich hinweg / die Spitaͤl ſeind nicht fuͤr ſolche in ficirte / vnreine / heilo - ſe Schelmen / welche ſich ſelbſt mutwilliglich verderbt haben / ſonder fuͤr die arme Pilgramẽ vnd andere from̃e, krancke / preſthaffte Perſo - nen geſtifft woꝛden: Die Spitaͤl ſeind Wirts - haͤuſer CHriſti / darinn er zu ſeinen armen Leuten einkehret / vnd von denen darzu geſtiff - teten vnd veroꝛdneten anſehenlichen anlagen ernehꝛt wirdt: derwegen gehe widerum̃ hin wo du beine boͤſe Kranckheit erlangt haſt / vñ laſſe dich gleichwol anderſtwo heilen. Jch / als ein allbereit gehetzter vñ abgefuͤhꝛter Betler / ließ mich durch diſe ſo grobe woꝛt nit abſchrecken / ſonder demuͤtigte mich auffs euſſerſt / bate vnd erwaichte auch den Spitelmeiſter dahin / daß er ſich letztlich vber mich erbarmte / vnd mich einnam.
Jch235Der Landtſtoͤrtzer.Jch verhoffe gleichwol / daß diſes Spital beſchaffen ſein wuͤrde wie andere Spitaͤl zu Madril / Seuilia / Rom vnd Neapolis / darin man allerhand Walfahrter vnd Frembdling gantz freundtlich an vnd auffnimbt / die Fuͤß waſchet / die Kleyder ſaͤubert / mit reinen Li - gerſtaͤtten vnnd guter Speiß verſihet: Dar - neben auch die krancke vnnd preſthaffte Per - ſonen curiret vnnd heylet / vnnd darinn an ſtatt der wercken der Barmhertzigkeit / nach - folgende gute werck verſpuͤrt vnd geuͤbt wer - den.
Erſtlich ſeind ſie verſehen mit ſonderbarn Geiſtlichen Seelſoꝛgern vnd Beichtuaͤttern / von denen die Krancken jren Geiſtlichen troſt haben: Am andern befleiſſet man ſich der ſau - berkeit / reinigkeit vnnd guten ordnung in den Loſamenten. Drittens werden die Speiſen dermaſſen fleiſſig vnd ſauber gekocht vnd an - gericht / als wanns fuͤr Fuͤrſten vnnd Herꝛen gehoͤrte. Viertens werden die Krancken von from̃en vñ fleiſſigẽ dienern oder wartern der - maſſen bedient / dz die fleiſſige vñ ſaubere wart jhnen zu wider erlangung jhrer Geſundtheitbißwei -236Der Landtſtoͤrtzer.bißweilen vil erſprießlicher iſt / weder die Artz - neyen / Doctores vnd Apotecker / vnangeſehen dieſelbigen ſonſten jhr Ampt vnd ſchuldigkeit fleiſſig verꝛichten. Es haben auch die Kran - cken jhre Spatziergaͤng / vnnd ſehꝛ ſauberes Bethgewandt / vnnd beſchließlichen ſeind die Spittelmeiſter fleiſſig / auffmerckig vnnd ge - gen den Armen getrew / mild vnd guͤtig.
Aber in diſem Spital fand ich wenig der - gleichen / dann erſtlich war vnſer Prieſter vnd Seelſorger hoffertig / zart vnd hinlaͤſſig / vnnd hatte ein Abſchew ab den Krancken / derwe - gen ſahe ich vil Krancke troſtloß ſterben vnnd verderben. Am andern verſpuͤrte ich ein ſo groſſe vnſauberkeit vnd vngeſundten Lufft in den Loſamentern vnd im gemeinen Zimmer / daß die geſunden etwas von den Krancken er - wiſchen hetten koͤndten: Die halb geſunde wurden von den gar Krancken nit abgeſon - dert / ſonder lagen alle in einerley Zimmer bey - ſammen vnd durch einander / das verurſachte nun einen ſo groſſen geſtanck / dz einer / der ſein Naſe in ſolches Zimmer recket / in ohnmacht fallen moͤchte: Drittens wurden die Speiſennit237Der Landtſtoͤrtzer.nit allein dermaſſen vnſauber vnd ſchaͤndtlich gekocht vnd angericht / als wann es fuͤr Hund vnd Schwein gehoͤrte / ſonder auch jmmerdar je laͤnger je mehr geſchmaͤlert vnd abbrochen. Nit weniger vnd zum vierdten / ſahe ich in den Loſamentern vnd an dem Bethgewandt einẽ ſo groſſen vnluſt / daß es nicht außzuſpꝛechen / dann die Bethſtatten waren mit Rotz / ſpaichel vnnd allerley wuſt beſprengt / vnnd die Waͤnd in den Schlafkammern dermaſſen abſchew - lich vnnd ſtinckendt / als kaͤme einer in einen Saͤwſtall: Die meiſte arme Leuth lagen auff faulenden ſtinckenden Strohſaͤcken / waren bedeckt mit rauchen Kotzen / die verfaulten vn - der jhnen / lagen ſich auf / vñ verdarben voꝛ der zeit / dann niemandt war verhanden / der ſie in oder auſſer Zim̃ers ein wenig auf vñ abfuͤhꝛte / oder im Seſſel vmbtruͤge vnd erfriſchte. Die Kranckenwarter waren vnachtſamb / vnfleiſ - ſig / verdroſſen / grob vnnd eygennuͤtzig gegen den armen Krancken.
Zum fuͤnfften war der Spitelmeiſter ſelbſt nichts werth / verwendete das einkommen deß Spitals zu ſeinem eygnen nutz / entzohe denArmen238Der Landtſtoͤrtzer.Armen das jhrige / ſchmaͤlerte jhnen jhre Spendt / wucherte mit den Spital Guͤtern / verſpielte verfraß vnd verſchwendete das ein - kom̃en mit ſeinem Geſind vñ heiloſen burſch: vnnd nit deſto weniger war er bey den Herꝛen deß Raths wol dran / dann er lud ſie offter - mals zu Gaſt / vnnd tractirte ſie ſtattlich / das muſten die Armen gedulden / zu ſehen / den rucken ducken / die Achſſeln in einander ziehen / ſtillſchweigen vnnd darfuͤr halten / daß es alſo ſein muſte. Die Oberpfleger oder obriſte Spitalherꝛen gaben auch kein gebuͤrende acht auff den vnder Spitelmeiſter / hielten keine fleiſſige Jahr Rechnungen mit jhme / trugen ein vil groͤſſere affection, naigung vnnd ey - fer zu jhm / weder zu den Armen CHriſti / der - wegen muſten dieſelbigen vilmals lab: vnnd troſtloß ſterben vnnd verderben / der Spital - meiſter aber ward jmmerdar je lenger je rei - cher.
Was mein Perſon belangt / ging man mit mir nit beſſer vmb / als mit andern / ſonder als der Domine Doctor meine ſchoͤne Kranck - heit an mir wahr genommen / verordnete ermir239Der Landtſtoͤrtzer.mir anſangs etliche Roßartzneyen / vnnd ſo gar vberauß ſtarcke purgiertruͤnck / dz ich ſchir alles mein Jngewaid verdiſtilliret / vnnd die Seel gar auff geben heite / folgendts vberant - wortete er mich den Haͤnden eines ſehꝛ groben vnbarmhertzigen Balbirers / der legte mich in ein ſchoͤnes holdſeliges finſters Badtſtuͤbel / da lehrte er mich ſchwitzen / faſten vnd duͤrſten / da gedachte ich offtermals an die arme See - len / welche im Fegfewr ligen / dann weil dem patienten ein ſolche zeitliche vnd Menſchli - liche Cur vnnd purgierung deß Leibs ſo gar hart ſchmertzlich vnd vnley denlich ankompt / wie wirdt es dann den armen Seelen im hoͤl - liſchen Fegfewr ergehen? Weil ſo vil medi - camina, mittel vnnd ſachen zur wider reinig - ung deß Leibs gehoͤren / was wirdt dann erfor - dert zur reinigung der Seelen?
Nun wolan / ich vberſtundt / Gott lob / di - ſe Chur / vñ ward widerumb friſch vnd geſund nam vrlaub von den Artzten vnd dem Spitel - meiſter / der hette gern geſehen / daß ich jhm ein Verehrung gegeben hette / Aber ich war nicht luſtig darzu / vnangeſehen ich noch vilgute240Der Landtſtoͤrtzer.gute Ducaten beyſammen / vnnd dieſelbigen meinen diſcipulis heimblich abgezwackt hat - te.
Guſman kompt gen Bononia in deß Cardinals daſelbſt Dienſt.
NAch wider erholter Geſundtheit / hielt ich mich nit lang in der Statt auff / dann meine Schuldner hetten mich gefaͤngklich einlegen laſſen / derwegen zahlte ich ſie mit einem bar Schuch / machte mich alsbald vnſichtbar / lieff gen Barcelona, ſetzte mich daſelbſt auff ein Schiff / vnnd fuhr gen Genua / von dannen begab ich mich gen Bo - nonia / in hoffnung / daß mein Stern daſelbſt etwas beſſers leuchten wuͤrde / weder anderſt - wo. Zu meiner dorthinkunfft ließ ſich alles gluͤcklich vnnd wol an / dann ich kleidete mich luſtig vnd auff Edelmaͤñiſch / vnd ward durch huͤlff eines Spaniſchen Edelknabens / in ſei - nes Herꝛn deß Cardinals vnnd BaͤpſtlichenStatt -241Der Landtſtoͤrtzer.Statthalters daſelbſt dieriſt befuͤrdert vñ auf - genommen / der gewañ mich als bald anfangs lieb / dann er ſahe merne gute qualiteten vnd eygenſchafften / woferꝛn ich ſie recht vnd wol brauchen vnd anlegen hette woͤllen.
Nuapflegte er jm̃erdar freye Tafel zu hal - ten / vnd in wehren der Malzeit von allerhand materien vñ ſachen art mit ſeinẽ Tiſchgenoſ - ſen zu diſcurꝛiren. Einsmals hielt er ein ſtatt - lichs Bancket / darauff waren vil anſehenliche vnd gelehrte Herꝛen vnd Frawen. Nach der Mahlzeit ließ mein Herꝛ anfahen zu diſcurꝛi - ren / vnd der erſt Tiſchgenoß diſcurꝛirte vnd redete von der Lugen / was geſtalt nem̃lich alle Menſchen Luͤgner waͤren / vnd ſprach.
Diſcurs von der Lugen.
WEder in den weltlichen noch Goͤtt - lichen Schrifften findt ich keinen einigen Spruch / durch welchen der betrug deß menſchlichen Lebens beſſer erklaͤrt vnnd verſtanden werden kan / als eben durchQdie242Der Landtſtoͤrtzer.die Wort deß Koͤnigklichen Propheten Da - uids / da er ſpricht: ego dixi in exceſſu meo, omnis homo mendax, als wolte er ſagen: Jn meiner verzuckung hab ich geſagt / daß alle Menſchen Lugner ſeind. Diſes ſeind gleich - wol ſtarcke vnnd ehrenruͤhrige Wort / dann wañ alle Menſchen Lugner weren vnd nichts thaͤten / als liegen / ſo wurden alle jhre gute Lehr vnnd vnderweiſungen verdaͤchtig ſein / deßgleichen muſten die fauoriten vnd freun - de GOttes vnwarhafftig ſein: Aber die hei - lige Vaͤtter vnnd Kirchenlehrer erklaͤren diſe deß heiligen Dauids Wort der geſtallt / daß alle Menſchen Lugner ſeyen / allermaſſen die jenige Jahr / welche ſich anfangs gluͤcklich vnnd wol anlaſſen / vnnd deren Fruͤling lu - ſtig / vnnd dern Aprill ſchoͤn / aber dern Auguſtus vnfruchtbar iſt: Wie nun der - gleichen Jahren vil verheiſſen / aber wenig halten oder laiſten / alſo ſehen wir / daß ein Juͤngling im Fruͤling ſeiner Schoͤnheit / A - dels / Reichthumb / Hoͤflichkeit / herꝛlichen in - genii vnd verſtandts / ein hoffnung gibt / daß einsmals ein herꝛlicher / fuͤrtreflicher vñ nutz -licher243Der Landtſtoͤrtzer.licher Mann auß jhm wirdt werden / aber vn - nerſehens wirt er von etwan einem widerwer - tigen Windt vnd vngeſundem Lufft darnider geworffen / oder durch ein einiges ſchnoͤdes Weib verfuͤhrt vnd in grundt verderbt. Son - ſten aber kan mit warheit geſagt werden / daß omnis homo mendax, oder mendacium, das Leben deß Menſchen ein pur lauters Lu - genwerck ſeye / dann veritas ſibi eſt concors die Warheit iſt jhr ſelbſt allzeit gleichfoͤrmig / vñ wird nackent / ohne alle maſcara noch diſ - ſimulation gemahlt / aber homo in perpe - tua mutatione voluitur, der Menſch ver - kehret vnd veraͤndert ſich jmmerdar / niemaln iſt vnnd verbleibt er in einerley weſen / er hat mehr Gruben / denn das Meer / er verkehret ſich in mehr Farben / denn der Chameleon, vnd verendert ſich in mehr figuren / denn Pro - theus: vñ eben diſer vrſachen halben hat jener Philoſophus die Natur beſchuldigt / daß ſie kein Fenſter in der Bruſt deß Menſchen ge - ſetzt hatte / damit man ſchen hette moͤgen was inwendig im Hertzen fuͤrginge.
Ein Lugen iſt das Leben deß Menſchen /Q 2dann244Der Landtſtoͤrtzer.dann was iſt die waꝛheit anderſt / als (wie Am - broſius ſpricht) ein wahres Leben? Der hei - lig Joannes hat das Leben neben der warheit geſetzt / oder / daß ich recht ſage / er hat die war - heit geſetzt mitten zwiſchen den weg vnd dem Leben / ſprechend: Ego ſum via, veritas & vita: Dann die Warheit iſt das mittel / durch welches man zum Leben gehet / vnd kein ande - rer weg noch mittel dahin zu gelangen iſt ver - handen / aber / leider / nos in vitium credula turba ſumus: vnſere weg ſchmecken vnd zie - len nach Laſtern: zu demſelbigen eylen wir / vnd zu demſelbigen ſeind wir geneigt. Die Warheit iſt ein fundament der Hoffnungen / deſſen vollziehung gewiß vnnd vnfehlbarlich iſt / vermuͤg der Wort: Labium veritatis firmum erit in perpetuum: Die verheiſ - ſungen der warheit ſeind ſtarck / gewiß vnd vn - fehlbar / aber der Menſch nec certa res nec tuta eſt, iſt ein vngewiſſes vnnd vnſicheres ding: Vngewiß ſeind ſeine verheiſſungen / derwegen iſt er ein fundament der naͤrꝛiſchen hoffnungen / dann ſein anfang iſt ein Lugen / ſein Muttermilch iſt ein Lugen / ſein gantzezucht245Der Landtſtoͤrtzer.zucht iſt ein Lugen / vnnd zur zeit deß eumpli - rens vnnd haltens entdecken ſich ſeine falſch - heiten vnd Lugen.
Ein Lugen iſt das menſchliche Leben / dann die Warheit iſt (wie Hypocrates ſagt) klar / glantzent vñ ſchoͤn / vñ hat an ſtatt der Augen / zwo brinnende Fackeln / welche wie die Sonn glantzen / aber das Leben deß Menſchen iſt wie ein armſeliger / betruͤglicher vnnd vnbeſtaͤndi - ger Schatten / vermuͤg der wort: dies noſtri ſicut vmbra ſuper terram: So gar iſt der Menſch / (wie Ariſtoteles bezeugt) incon - ſtantiæ imago, ein Ebenbildt der vnbeſtaͤn - digkeit ſelbſt: dermaſſen vnbeſtaͤndig vnnd wanckelmuͤtig iſt der Menſch / daß er nichts enders repræſentiret vnnd erzeiget / als ein lautere vnbeſtaͤndigkeit / vnnd ein vnergruͤnde - lichen betrug vnd falſchheit.
Vnder andern vnuernuͤnfftigen Thieren / hat Gott auch die Camaleones auff ſeinen Tiſch zu ſetzen verbotten / dann er iſt ſehr vn - beſtaͤndig vnd wanckelmuͤtig / vnnd verkehret ſein Farb / nach beſchaffenheit deß Windts / der da wehet. Alciatus ſagt / daß er die WindQ 3trin -246Der Landtſtoͤrtzer.trincke / vnnd ſich darmit erhalte / auch ſeine Farben nach beſchaffenheit deß Windts / verkehre. Durch die Chameleones werden verſtandẽ die ſchmaichler / derẽ alter gebrauch iſt / daß ſie ſich nach den zeiten vnnd Perſonen mit denen ſie tractiren vnd vmbgehen / veraͤn - deren / den ſtich vnd kein beſtaͤndige Farb hal - ten / ſonder dieſelbe gleichſamb augenblicklich verkehren / derwegen ſpricht Hieron. adula - tor eſt amicus in obſequio, hoſtis in ani - mo. Ein ſchmeichler hat zweyerley Angeſicht / ein jnnerliches vñ euſſerliches: Mit dem euſ - ſerlichen lachet er vns an / mit dem jñerlichen aber kratzet er: Ein Freund iſt er feines Herꝛn / deſſen Brot er jſſet / deſſen Liedlein ſingt er / accommodiret vnd ſchicket ſich nach allen deſſen humorn, Sinn / willen vnnd gefal - len.
Diſes hat wol verſtanden der jenig / wel - cher geſagt hat: Corripiet me iuſtus in miſericordia & increpauit me, oleum autem peccatoris non impinguet caput meum: Das iſt: Der gerechte wirdt mich in der Barmhertzigkeit vnnd wolmeinendtlichſtraffen /247Der Landtſtoͤrtzer.ſtraffen / aber das Oel deß ſuͤnders wird mein Haupt nit beruͤhren: als wolte er noch eygent - licher ſprechen: Woferꝛn du / O Herꝛ / mich wegen meiner ſchweren ſuͤnden ſtraffen wilſt / ſo bitte ich / daß es geſchehe durch die Hand der gerechten / dann vil lieber vnnd angenemmer ſeind mir jhre zu meinem heyl gemeinte ſtraf - fen / weder das mir zum verderben reichende Lob meiner Feinden. Nit ohne vrſach nennet der Prophet die Schmeichlerey ein Oel / dann wie das Oel / wann es ins Fewꝛ gewoꝛf - fen wirdt / pflegt das Fewꝛ nit allein nit zu loͤ - ſchen / ſonder vilmehꝛ anzuzuͤnden / alſo entzuͤn - den die Schmaichler die Suͤndt / qui enim (ſpꝛicht Cyprianus) peccantẽ blandimen - tis adulantib. palpat, peccandi fomitem ſubminiſtrat, nec cõprimit ille peccatũ ſed nutrit. Ferꝛner / wie das Oel die aller groͤbſte vnnd haͤrteſte ding lindert vnd erwei - chet / alſo pflegẽ die ſchmaichler die aller groͤb - ſte vnd haͤrteſte Hertzen zu erweichen: noſtras mentes velut olei pinguedo libenter in - grediẽs vigorẽ veritatis emollit: ob ſchon die warheit dermaſſẽ ſtarck / vñ wie ein diamãtQ 4hart248Der Landtſtoͤrtzer.hart iſt / daß ſie niemaln bricht: (veritas e - nim laborat quidem, ſed extinguitur nunquam) nicht deſto weniger iſt das Oel der Schmaichlerey dermaſſen ſtarck / daß es das Hertz / welches es beſeſſen / lind / zart vnnd weich machet.
Nit einſehlechtes Oel aber iſts / welches ſo gar ſtarck iſt / ſonder es iſt oleum peccato - ris, ein Oel deß Suͤnders / vnd es reiret vnnd bewegt den Menſchen zu allen vnd jeden ſuͤn - den / dannenhero hat jener Keyſer Septimius alle die jenigen / ſo mit diſem Laſter der ſchmeichlerey behafft waren / von ſeinem Hof vertriben / ſeytemal nullum animantium genus aſſentatoribus eſt pernicioſius’, kein einige vergiffte Schlang ſo ſchaͤdlich ſein kan / als eben die Schmaichler. O wie hoch zu wuͤnſchen waͤre es / daß die Fuͤrſten di - ſes betrachteten / jhꝛe Augen aufftheten vnd ſe - hen / in was fuͤr groſſer gefahr ſie ſtecken / dann jhꝛe Hofſchmaichler ſetzen jhnen ſtarck zu / ge - ben jhnen vergulte Pillulen ein / vnnd ſalben jhre Haͤupter mit dem Oel der vergifften Schlangen: O der ſie vberꝛeden koͤndie / daßdie249Der Landtſtoͤrtzer.die ſchmaichleriſche wort vnd Schrifften nur Sirentſche geſang / ein lauters Gifft / betrug vnd falſchheit ſeye. Zu wuͤnſchen waͤre es / daß ſie die Wort deß Eſatæ betrachteten / der da ſpricht: Popule meus, qui te beatum di - cunt, ipſi te decipiunt, & viam greſſuum tuorum diſſipant. Es pflegen etliche Fuͤr - ſten dermaſſen in den tugendten fort zuſchrei - ten / daß ſie leichtlichen den hoͤchſten Staffel biß in Himmel koͤndten erꝛeichen / aber ein li - ſtiger vnnd verſchlagner Schmaichler vnnd falſcher Freundt ſchleichet herein / fahet an / dem Fuͤrſten zuſchmaichlen / vnd ſeine Werck vnd thaten der maſſen zu loben / daß in deſſel - ben Hertzen der Wurm der vanæ gloriæ vñ eyteln ehꝛ waͤchſt / vnd alle Tugenden in jhm zernichtet werden. Nit alſo hat der Fuͤrſt vnd Koͤnig Dauid gethan / ſonder geſagt hat er: Oleum peccatoris non impinguet caput meum: Das Oel der Schmaichlern vnnd Fuchsſchwaͤntzlern ſoll mein Haupt nit ſal - ben) ob ſchon ſie noch ſo vil Oels der Schmaichlereyen auff mich gieſſen / ob ſchon ſie noch ſo rethoricê ſchreiben / ob ſchon ſieQ 5alle250Der Landtſtoͤrtzer.alle vnnd jede alte vnd newe Juriſten zu mei - nem vortel / befelch vñ intent alle giren / ſo ſoll doch mein Haupt vnd muth im wenigſten nit dardurch wachſen / noch mein Hertz von dem rechten vnnd geraden weg der iuſtici abwen - dig gemacht werden / vil weniger ſollen ſich meine imaginationes weiter erſtrecken / deñ mein vermuͤgen vermag.
Nit allein wirdt die Lugen / falſchheit vnd ſchmaichlerey vilmals obbemelter geſtallt ge - liebt / geziegelt vnd befuͤrdert / ſonder wann vnd ſchon das gluͤck die poſſeſſion einer warheit beſcheret / ſo corrumpiren wir doch bißwei - len die eſſentz derſelben. Vnſere ſitten wer - den fuͤrnemblich corrumpirt durch die ban - niſirung der warheit / dann vnſere jetzige war - heit beſtehet nit in deme / was ſie iſt / ſonder in deme / wie wir ſie einander perſuadiren vnd einbilden / aller maſſen wir nit allein das jenig fuͤr ein Muͤntz halten / was falſch vnd Kupffer iſt / ſonder was gerecht Silber vnd Goldt iſt. Das liegen iſt etlichen Nationen gantz ge - mein / dann Biſchoff Saluianus Marſilien -fis251Der Landtſtoͤrtzer.fis ſchreibt / daß vor zeiten das liegen vnnd falſch ſchweren bey den Frantzoſen kein La - ſter / ſonder nur ein formb vnnd gebrauch alſo zu reden geweſt: Aber meines erachtens / iſts an jetzo ſchier ein tugendt / aller maſſen den Teutſchen das vollſauffen. An jetzo formiren vnnd fatzoniret man die Lugen / ſamb waͤre ſie ein exercitium vnd vbung der Ehren / dann die diſſimulation iſt zu diſen zeiten die beſte vnnd notwendigſte qualitet: Offt vnnd vil - mals hab ich bey mir ſelbſt betracht / was doch die vrſach ſein mag / daß wir vns vber diſen Laſter der Lugen (welches vns doch ſo gar ge - mein iſt) vil hefftiger erzuͤrnen / denn vber kein anders / daß auch wirs fuͤr ein hoͤchſte iniuri vnnd ſchmach halten / wann man vns liegen heiſt / oder der Lugen bezeyheit: Jch befinde a - ber / daß es ſchier ein natuͤrlichs weſen iſt / dann wir empfinden gleich wol die accuſation vnd bezeyhung / aber die ſchuld legen wir nicht von vns: Den effect der Lugen behalten wir / vnd verdammen ſie doch nur in apparentia vnd zum ſchein.
Kein252Der Landtſtoͤꝛtzer.Kein Laſter iſt ſchaͤndtlicher / als eben das liegen / dann ein Lugner redet wider ſein eignes Gewiſſen / vnd ſein liegen iſt ein zeichen / daß er Gott den Herꝛn verachte / vñ die Menſchen foͤrchte: Was kan aber ſchaͤndlicher ſein / als daß man ſich verzagt ſtellt gegen den Men - ſchen / aber keck vnd vermeſſen gegen GOtte Das reden vnd ſchreiben iſt das einige mittel / dardurch wir einander vnſern willen / gemuͤt vnd gedancken communiciren, es iſt auch ein Dolmetſcher vnſerer Seelen: Woferꝛn nun es fehlt / ſo fehlt vnſer gantzes Menſchli - ches comertium vnd gemeinſchafft / vnd vn - ſer Polliceyweſen wirdt dardurch corrum - piert vnd zerloͤſcht. Etliche Jndianer opffe - ren jhꝛen Goͤttern nur Menſchliches Blut / welches ſie auß jhren Zungen vnd Ohren zie - hen / zur verſoͤhnung der Suͤnd der Lugen / die ſie entweder angehoͤrt oder geredt haben / Aber leyder / wie die Kinder einander betrie - gen vnnd narꝛen mit den Ochſen Beinlein / alſo narꝛen vnnd betriegen wir einander mit worten.
Es ſagt gleichwol der weiſe Mann: Neacci -253Der Landtſtoͤrtzer.accipias faciem aduerſus faciem tuam, nec aduerſus animam tuam mendaciũ: Als wolte er ſagen: Du ſolleſt kein anders vn - natuͤrliches Angeſicht an dich nemen / noch auch die Warheit (welche GOtt gleich iſt) auß deinem Hertzen treiben / vnnd hergegen die Lugen (welche dem Teuffel gleich iſt) darin wurtzlen vnnd regieren laſſen / dann das thun nur die doppelte vnd falſche Menſchen / ſo da euſſerlich etwas erzeigen / welches aber in jhrem Hertzen vil anderſt iſt: Dergleichen doppelte vnd falſche Geſellen aber ſeind Kin - der deß Teuffels in der nachfolgung / vermuͤg der Wort Chriſti: Jhr habt den Teuffel fuͤr einen Vatter / vnnd jhr begeret die verlangen ewers Vatters zu vollziehen: Vil aͤrger ſeind die Lugner / denn der Teuffel ſelbſt / dann als er die Lugen in die Welt brachte vnnd vnſere Mutter Euam betrug / hat er mit einer maſ - cara oder vermumten Angeſicht gelogen / vnd die geſtalt einer Schlangen an ſich genom̃en / dann er war nit ſo keck / daß er ſich mit offnem Angeſicht ſehen hette laſſen / Aber vil Men - ſchen liegen dermaſſen vnuerſchambt / daß ſie /wie254Der Landtſtoͤrtzer.wie der Teuffel / jhren nechſten offentlich vnd ohne einige vermummung vorliegen vnd be - triegen: Welchen du fuͤr deinen freund heltſt / der iſt der jenig / der dich verkauffet: Welchen du vermeineſt / daß er die warheit auffrecht vñ redlich mit dir rede vnnd handle / der iſt der je - nig / der dich verꝛahtet vnnd betrieget: Wel - chen du vermeineſt / daß er dir langes Leben wuͤnſche / der iſt der jenig / der dir dẽ Tode pro - turiret: wer dir die Haͤnd thut kuſſen / der wol - te ſie dir vil lieber abhacken: Wer dich thut freundlich anlaͤchlẽ / der wolte dir vil lieber die Augen außkratzen: non enim eſt veritas, & non eſt miſericordia, & non eſt ſcientia Dei in terra. O wie vil Lugen vñ falſchheitẽ ſindt man in den Weltmenſchen: Menkom̃t bißweilen in ein luſtiges gehuͤltz) deſſen gruͤne baͤum vñ geſtreuß vnſere Augen erluſtigen / vñ vns reitzen vñ locken vnder jrem ſchattẽ zu ru - hen / woferꝛn aber ſchlangen / woͤlff vnd Baͤren darinn verhanden ſeind / ſo begert keiner (der anderſt einen Verſtandt hat) im ſchatten ſol - cher baͤum zu ſchlaͤffen: Diſe Welt / die wir ſo ſehꝛ lieben / iſt dz gehuͤltz oder wald / ſie ſcheinet /dem255Der Landtſtoͤrtzer.dem euſſerlichen weſen nach / friſch vnd luſtig zu ſeyn / aber inwendig iſt ſie erfuͤllt mit vilen vergifften Thieren / die vns vmbbringen / die Menſchen ſchmatchlen vns vor / geben vns zucker: vnnd hoͤnigſuͤſſe wort / ſie verſprechen vnd verheiſſen vns vil / aber es ſeind nichts an - ders / als complimenten vnd laͤre Woꝛt / dann im fall der Noth / vnd wann man jhrer bedarf / befindt ſich das gerade widerſpil.
Die Weiſſagung deß Apoſtels / daß zu den letzten zeiten die ohren der Menſchen dermaſ - ſen kranck vnd zart ſein werden / daß ſie nichts heylſames / ſonder nur lautere liehliche vñ an - geneme ding hoͤꝛen werden moͤgen: iſt numehr erfuͤlt: Nirgents aber iſt die warheit verhaſtes vñ verdꝛießlicher / als eben an etlichẽ Hoͤfen der Potentaten: An jrer ſtatt wirdt die Lugen vnd ſchmaichlerey geliebt. Die jenigen / ſo die war - heit predigen / vñ die Laſter ruͤhꝛen vñ ſtraffen / werden vertriben / die warheit wird wie ein V - belthaͤterin befengnuſt / vnd ob ſchon jedeꝛman ſie lobt / ſo wil doch niemandt ſie hoͤren: weil die welt der warheit ſo gar feind iſt / ſo muͤſſen die Diener Gottes per circũlocutiones re -den /256Der Landtſtoͤrtzer.den / vnd ſie verdeckt fuͤrbꝛingen / damit ſie an - genom̃en werde / jnmaſſen der Pꝛophet Natan dem Koͤnig Dauid gethan. Wann einer vber die Gaſſen mit vmbgewendtem Mantel ge - het / vnd ein anderer jhms ſagt / als dañ dancket er jhm drumb / aber zu erbarmen iſts / daß / wañ ein Prediger vns ſagt / daß wir ein verkehꝛtes boͤſes Leben fuͤhren / wir vns als dañ erzuͤrnen / kummern vnd es nit hoͤren moͤgen / dann diſes laſter der Lugen verfinſtert vnd verſtellt jhren verſtandt dermaſſen / daß ſie nur die falſchheit vnd ſchmaichelwoꝛt gern hoͤren / vnd der war - heit feind ſeindt / die frommen aber verhaſſen die Lugen / vnd lieben die warheit / welche da iſt Chriſtus Jeſus.
Diſcurs von der vbermaͤſſigen ſorg - faͤltigkeit wegen der zeitlichen Guͤter / Kleider vnnd Reichthum - ben.
DEr ander Tiſchgenoß fing an von der vbermeſſigen menſchlichen ſorg - faͤltigkeit zu reden / vnd ſprach: Vonder257Der Landtſtoͤrtzer.der materi der vbrigen ſorgfaͤltigkeit redet der Herꝛ vnd ſpricht: Ne ſolliciti ſitis ani - mæ veſtræ quid manducetis, neque cor - pori veſtro, quid induamini: als wolte er ſagen: Sorget nit ſuͤr ewre Seelen / was jhr eſſen werdet / auch nit fur ewren Leib / was jhr anziehen werdet / das fuͤrnemſte / darumb wir Menſchen ſorgen / iſt die Speiß / die Kleidung vnd die Reichthumb. Was die Speiß vnnd Leibsnarung belangt / iſt nicht gnugſamb zu verwundern / was geſtalt ſie ſich deßwegen be - muͤhen / dann etliche pfluͤgen den Acker / ande - re pflantzen Baͤum / andere legen ſich auff den Viechziegel / andere treiben ein Handtwerck / ander begeben ſich auffs ſtudiren / vnd andere auffs kriegen / alles zu dem endt / damit ſie jhre zeitliche Nahrung gehaben / daran aber thun ſie nit ſo gar vnrecht / wofern ſie es mit Gott angreiffen / jhne darneben allzeit vor Augen haben / vnd ſich vom Geitz nit vbergehen laſ - ſen. Andere findt man / welche die ehrliche ar - beit fliehen / ſich nur auff die Maulnahꝛung oder Wirthſchafft / Jtem auff die Kauffman - ſchafft vnd Wucher legen / vnd durchauß keinRGewiſ -258Der Landtſtoͤrtzer.Gewiſſen haben / ſonder Tag vnd Nacht nur dahin dichten / trachten vnd aꝛbeiten / dz ſie mit vñ ohne recht / vil Gelt vnd Guts zuſammen ſcharꝛen moͤgen. Andere ſeind verhanden vnd ſonderlich die Weiber / welche jhꝛ Haußhaben vermeinen zu verbeſſern oder reich zu werden / vermittelſt jhrer Kargheit vnnd geſpaͤrigkeit / auß allen vñ jeden dingen woͤllen ſie einen ge - winn ſuchen / vnd auß jhren Haͤnden kein not - turfft laſſen: Alles will jhnen zerꝛinnen / vnnd nichts will jhnen gnug ſein. Die abgeſtutzte naͤgel klauben ſie widerum̃ von deꝛ Erden auf / vnd behaltens / obs jhnen villeicht einmals zu nutz werden moͤchte: Auß lauter geitz doͤrffen ſie jr Gelt nit angreiffen / verbergen jrẽ Treid / vnd woͤllen jhne ehender nit verkauffen biß er gar thewr worden. Von ſolchen Leuthen aber ſtehet geſchriben. Qui abſcondit frumen - ta, maledicetur in populis: als wolte der weiſe Mann ſagen: Ein groſſe vnbarmher - tzigkeit iſts / wann einer den Traidt zur zeit der thewrung verhelt / verſchlaͤgt / vnnd auß lauter Geitz ein gantze Gemaind begeret zupreſſen vnnd auß zuhungeren / billich werden ſieder -259Der Landtſtoͤrtzer.derwegen verflucht / aller maſſen hingegen denen alles guts gewuͤnſcht wirdt / welche der gemainen noth huͤlflich beyſpringen / dann Gott ſegnet ſie in allen dingen / dann weil ſie jhre Hoffnung auff GOtt ſetzen vnnd jhme vertrawen / ſo erſprieſſen jhnen alle jhre ſa - chen vnnd anſchleg gantz gluͤcklich / vnnd er - langen ſambt der Frucht die vnſterbliche glo - ry: Weil aber die ſorgfaͤltige Neid - vnd geitz - haͤlß Gott dem Herꝛn nicht trawen / das gelt wie jhren Gott verehren / vnd jhr Heyl vnnd Wolfahrt drin ſetzen / ſo bewilligt GOtt daß ſie verderben vnd mit jhrem ſchaden erfahren / daß ſie jre ſoꝛg vnd gantzes Leben in ſamblung deß Gelts vnnuͤtzlich verzehrt haben. Dañ es ſieht geſchriben: Qui cõfidit in diuitijs ſuis corruet, iuſti autem quaſi virens folium germinabunt.
Nun ſpricht aber einer: die taͤgliche erfah - rung vnd Exempel geben ein anders zuerken - nen / dann wir ſehen / daß vil Leuth durch jhre groſſe ſorgfaͤltigkeit bemuͤhung / vortheilig - keit vnnd Wucher / Reich / vermuͤglich groß vnd anſehenlich werden / hergegen daß die je -R 2nigen /260Der Landtſtoͤrtzer.nigen / welche ſich der eigennuͤtzigen vnnd fal - ſchen ſtuͤckel nit achten noch gebrauchen / ſon - der das ſtudium iuſtitiæ oder der Gerech - tigkeit omnib. vitæ commodis vorziehen / arm vnd duͤrfftig ſeind vnd bleiben: Hierauff aber antwortet der weiſe Mann vnnd ſpricht: multi cibi in noualib. patrum ſibi pau - perum, dann die erſaͤttigung beſtehet nicht in den Schewren vnd Kaͤſten / ſo mit Traidt erfuͤlt ſeind / ſonder in einem maͤſſigen vnd tu - gentſamen Gemuͤth / dann wie die Tugendt mit jhr ſelbſt zu friden iſt / alſo ſetzet ſie der bt - gierligkeit reich zuwerden ein ſolches maß vñ ziel daß ſie mehr nit / als eben die notturfft be - gehꝛet: Aber die vntugentſame Geitzhaͤlß koͤnnen durch keine einige Reichthumb erfuͤlt / noch auch / obſchon alle Menſchliche Reich - thumb ſich in jhrem Hauſe verſambleten / er - ſettigt werden: ſola namque virtus animũ locupletat atque ſtabili voluptate per - fundit, ſicque fit, vt iuſti facilimè ſatiari poſſint, iniuſti autem ſemper eſuriant.
Habentes victum & amictum his con - tentiſſimus ſpricht der Apoſtel / als wolte erſagen:261Der Landtſtoͤrtzer.ſagen: Wann wir mit notwendiger Speiß vnnd Kleidung verſehen ſeindt / ſollen wir bil - lich benuͤgt vnd zu friden ſein / dann Gott iſt ein Vatter nur deren / welche ſich mit der not - wendigen Leibsnahrung vnnd vnderhaltung beſchlagen laſſen.
Als jener Haußuatter die Arbeiter in ſei - nem Weingarten auffnam / vnnd mit jhnen dingte / verhieß er jhnen einen taͤglichen Gro - ſchen / das iſt / die Seligkeit / zu geben / aber we - gen der taͤglichen ſpeiß handlete er nichts mit jhnen / dañ dieſelbe iſt den Dienern vnd freun - den Gottes richtig vnd gewiß: Eben auff di - ſen ſchlag ſollen auch wir nach dem himliſchẽ Groſchen trachten / vnd nit zweifeln / das vns mangeln werde die Leibsnahrung / dann ob ſchon die zeitliche ding bißweilen menglen / ſo wird vns doch Gott hingegen dermaſſen ver - ſehen mit der Frewd vnd Geiſtlichem Troſt / daß du vil beſſer zu friden ſeyn wirdeſt mit dei - ner duͤrfftigkeit / armut vnnd noth / weder mit dem vberfluß. Keins wegs ſollen wir die zeit - liche ding durch vnzimbliche mittel procuri - ren / dann die eytele Soꝛgfaͤltigkeit derſelbigenR 3iſt262Der Landtſtoͤꝛtzer.iſt ein beſchwernuß der Geiſtlichen Fluͤgel. Sie verhindert den Flug vnſerer Seelen an der contemplation vnnd betrachtung der e - wigen Guͤter. Keiner andern vꝛſachen halben hat Gott den Menſchen erſchaffen / als daß er jhne erkennen / lieben vnd genieſſen ſolte / aber von diſer genieſſung verhindert vnnd ſcheidet vns die vbermaͤſſige ſorgfaͤltigkeit vnnd Ge - dancken der zeitlichen guͤter.
Zu denen / welche mehꝛ auff jhꝛe aigne ſa - chen / als auff Gott gedachten / ſpꝛicht der Herꝛ ſelbſt: Quia domus mea deſerta eſt & vos feſtinatis vnuſquiſq; in domum ſuam, propter hoc prohibiti ſuper vosſunt cę - li, ne darent rorẽ, & terra prohibira eſt, ne daret germen ſuum. Dann billich iſts / daß denen alles maͤngle / welche jhꝛen Erſchaf - fer verlaſſen wegen deß zeitlichen. Ein ſchand iſts / daß wir vnſere ſorg vnd verlangen ſo gar vbel verwenden vnd anlegen wegen deß zeitli - chen koths / da doch wir gar leichtlich verlan - gen vnd trachten koͤñen nach den blumen deß Paradeyſes: Ein grauſambkeit iſts / daß wir vns ſo ſehr er muͤden im ſuchen der Welt / dadoch263Der Landtſtoͤrtzer.doch wir trucknes Fuſſes finden koͤndten den Himmel. Wer da begehꝛt der gefahr diſes Le - bens zu entgehen / vnd des verdamnuß befreyet zuwerden / der muß fliehen die Erd / er muß auch fliegen oder ſchwimmen / vnd keinswegs auff der Erden vmbgehen / dann als Gott die Voͤgel erſchaffen hatte / ſegnete er ſie / den be - ſtien vnnd Thieren aber / welche auff der Er - den gehen / gab er ſeinen ſegen nit: Wer nun den ſegen / welchen Gott den frommen geben wirdt / begert zu erlangen / der muß entweder fliegen oder ſchwim̃en / damit er der gefahꝛ / da - rin andere gerathen / befꝛeyt ſeyn moͤge / dañ de - nen / ſo / wie beſtiæ, auf Erden leben vñ die jrꝛ - diſche ding vnordenlich lieben / wirdt GOtt nicht ſeinẽ ſegen / ſonder den fluch geben. Der - wegen / O Menſch / lebe / wie ein Vogel in der hoͤhe der contẽplation vñ Gebetts / ſetze alle deine gedanckẽ vñ ſorgen auf Gott / ſo wirdt er hingegẽ auf dich gedencken vnd fuͤr dich ſorgẽ / jnmaſſen Dauid gethan / ſprechendt: pauper ſum & mendicus, Dominus ſollicitus eſt mei. Weil Gott fuͤr dich ſorget / ſo darffſtu dich nichts kummern vmb das zeitliche /R iiijdann264Der Landtſtoͤrtzer.dann das die Heyden vnd Vnglaubigen / wel - che einẽ Glauben am gluͤck haben / ſo gar ſorg - faͤltig ſeind / iſt ſolches kein wunder / aber du / der du ein Chriſt biſt / vnnd an der Goͤttlichen prouidentz vnnd fuͤrſehung glaubeſt / ſolleſt ſorgfaͤltig ſein fuͤr die Geiſtliche Guͤter / ſey -[t]emal du weiſt / daß / wofern du thuſt was du ſchuldig biſt / dir die nothwendigkeit nit werde ermangeln / dann weil Gott / der die Voͤgel / (welche er von deß Menſchen wegen erſchaf - fen) erhelt / warumb wolte er nit auch erhal - ten den Menſchen / welchen er wegen ſeinen ſelbſt erſchaffen? Reinige dein Hertz / lege al - le eytele ſorgfaͤltigkeitẽ von dir / ſo kanſtu dich deſto leichter zu Gott erheben: Ob ſchon die occupationes, bemuͤhungen vnd ſorgfaͤltig - keiten der zeitlichen dingẽ nit vnzimlich ſeind / ſo verblenden ſie doch das Geſicht deß Ver - ſtandts vnd vertreiben den Glantz deß wah - ren Liechts.
Ferꝛner ſo vil die Kleyder betrifft / verbeut der Herꝛ gleichfals derſelbigen vbermaͤſſige ſorgfaͤltigkeit / dann weil Gott vnſern erſten Eltern (vnangeſehen er wider dieſelbige we - gen der Suͤnd erzuͤrnet war) mit Kleidungen verſehen hat / warumb wolte er dann ſie nicht auch vns geben? Dreyerley vrſachen halben bedoͤrffen wir der Kleidungen / erſtlich / vns darmit zu bedecken: Am andern / vns vor wind kaͤlte vnd hitz zu beſchuͤtzen: Drittens / vns vn - der einander in vnſern Staͤnden vñ Ambtern zu vnderſcheiden / vnnd die Geiſtlichen von Weltlichen / die Fuͤrſten / Herꝛen / Edelleuth / Burger vnd Bawren von einander zu erken - nen / Wofern vnſere erſte Eltern nit geſuͤndigt hetten / ſo bedoͤrfften wir keine Kleidungen / dann die nackenheit deß Leibs wuͤrde als dann eben ſo wenig ein ſchandt geweſt ſein / als an jetzo die nackenheit deß Angeſichts vnnd den Haͤnden / Es wuͤrde auch kein vngewitter deß Luffts geweſt ſeyn / vnnd die vnderſchidliche menſchliche Staͤnd wuͤrden durch andere zei - chen erkeñt ſein wordẽ / Darauß erſcheint nun daß die Kleider nichts andeꝛs ſeind / als zeichenR 5vnd266Der Landtſtoͤrtzer.vnd ſtraff der Suͤnden / allermaſſen der ſtrick / welchen der zum Galgen gefuͤhrter Dieb am Halß traͤgt / ein zeichen iſt ſeines begangenen Diebſtals / vnnd ein Jnſtrument ſeiner Straff.
Hierauß iſt nun abzunem̃en / was die jeni - gen fuͤr groſſe Narꝛen ſeyn / welche ſich auf die zierd vnd pracht der Kleidung vil zu ſehr bege - ben / dann erſtlich wirdt die edle zeit dardurch verzehrt / welche vns von Gott darumb be - ſchert iſt worden / daß wir das ewige darmit gewinnen ſollen. Am andern wirdt dardurch ein ſo groſſer vergeblicher vnkoſtẽ angewend / daß vil Leuth jhre gantze Subſtantz nur den Kramern ſchuldig verbleiben. Drittens multiplicieren vnd vermehren ſie die Kleider haͤuffig vnnd vberfluͤſſig: Viertens ſeind ſie ſehr fuͤrwitzig in erfindung der newen foꝛmen vnnd muſtern. Vnnd diſes alles thun nit die rechtſchaffne Maͤnner / ſonder nur die Antrogyni oder weibiſche Maͤnner: Fuͤrnemblich aber die Weibsperſonen / auß vilerhandt vrſachen / dann erſtlich ſeind ſie nit ſo geſcheidt / vnnd brauchen keinenverſtandt /267Der Landtſtoͤrtzer.verſtandt / wie die Maͤnner ſonder ſeind den nugis, eitelkeiten vñ paſſionibus allerdings ergebẽ: Sie vermeinen / (jnmaſſen aller Nar - ren art iſt) daß ſie weiſer ſeind / denn alle ande - re / vñ ob ſchon alle Vaͤtter / Apoſteln vñ Pro - pheten die Hoffart vnd vbermut der Kleidern verbotten / vnnd alle Prediger ſie ſtraffen / ſo halten doch die Weiber darfuͤr / dz andere Leut dißfals jrꝛen / vnnd nur ſie recht haben. Der - wegẽ beharꝛen ſie bey jren meinungen / vñ ver - wenden in den kleiden nit allein groſſen vner - ſchwinglichen vnkoſten / ſonder brauchẽ auch vil muͤh / arbeit vñ vngelegenheit mit dem zie - ren / ſchmucken vnd auff butzen jres Kopffs vñ Leibs / vnangeſehẽ ſie dardurch weder jren eig - nen noch andern Maͤñern nit allein nit gefal - len / ſonder vilmehꝛ verlacht / veracht vnd ver - ſpottet werden: So thun auch ſolche koͤſt - liche gezierle vnd geſchmuckte Docken nichts anders / als muͤſſig gehen / einander viſitiren, heimſuchen / beſchawen / fabuliren / ſchnadern / dadern / ſchwaͤtzen / von den newen Muſtern der Kleidern vnd ſonſten reden / vnd die Leut außrichten / GOtt geb / es gehe anheims injhren268Der Landtſtoͤrtzer.jhren Haͤuſern vnd mit den Maͤnnern zu / wie es woͤlle.
Die andere vrſach / warumb die Weiber ein mehrere Hoffart vnd vbermuth mit Klei - dern treiben / iſt jhre vnuollkommenheit / der - wegen ſuchen ſie alle mittel ſich vollkommen zu machen / weil aber ſolches nit beſchehen kan durch jhre weißheit noch ſtaͤrck / die ſie nit ha - ben / ſo brauchen ſie die Zierd vnd Geſchmuck deß Leibs / vnd begehen doch darbey vil defe - cten vnd maͤngel / dann / wie die vngeſchickte Mahler ſich vergeblich vnderſtehẽ / ein durch einen ſehr kunſtreichen Mahler angefangene Tafel zu vollenden / alſo ſehen wir / daß etliche Weiber das Ebenbildt Gottes in erſchroͤckli - che monſtra vnd vngehewre geſtalten trans - formiren vnd verkehꝛen / vnd doch das jenig / darnach ſie verlangt / nit erlangen.
Die dritte vrſach iſt / weil ſie / als taugliche Jnſtrumenten deß Teufels / durch jhre ſchoͤ - ne Kleider vnd Geſchmuck die junge Geſellen deſto ehender zu der Geilheit bewegen koͤnden: Beſchließlichen iſt jhre angeborne Hoffart dran ſchuldig / vnnd ſie wolten gern / wie jhreerſte269Der Landtſtoͤrtzer.erſte Mutter Eua, Goͤttinnen ſeyn vnd dar - fuͤr gehalten werden / vnangeſehen ſie ein gre - wel vor Gott / vnd gleich ſeind den außwendig geweißten / aber inwendig mit todten Beinen erfuͤlten Graͤbern. Sie ſtehlen den nackenden Armen das vberfluͤſſige vñ eptele Gewandt / welches ſie an jhren Leib hencken. Ein ſchand iſts / daß bißweiln die arme Maͤñer deß mor - gens fruͤh auff ſtehen / jhꝛen geſchaͤfften hin vñ wider nachlauffen vnd abwarten / vnnd wann ſie vngefaͤhꝛlich vmb Mittag muͤd vnd ſchwi - tzendt heimb kommen / ſie als dañ jhre Weiber entweder noch im Beth ligen / oder im Seſſel ſitzendt / vnnd ſich zierendt vnd ſchmuckendt finden. Den Koͤniginnen vnd Fuͤrſtinnen ge - buͤrt ſolches / doch weiß ich auch nit / obs jhnen wol anſtehe. Laͤcherlich vnd vnbillich iſts / daß der Muͤſſiggang / faulheit / hoffart vñ ſchleck - erey vnſerer Weiber erhalten werden muß / durch vnſer Schweiß / muͤhe vnd arbeit. O wie vil beſſer aber waͤre es / wann ſie ſich befliſ - ſen / jhꝛe Seelen zu zieren / vollkommen zu ma - chen / vnd in ehrlichen / zuͤchtigen vnd maͤſſigẽ Kleidern daher zu gehẽ / ſo wuͤrde kein eitelkeit /Thorheit270Der Landtſtoͤrtzer.Thorheit noch Hoffart in jhnen erſcheinen vnd jhre arme Maͤnner wuͤrden villeicht beſ - ſer vnd lenger bey haͤußlichen Ehren verblei - ben / vnnd nit gezwungen werden gen Straß - burg zu ziehen.
JCh wil aber weiter gehen / vnd noch et - was wenigs von der vberfluͤſſigẽ ſoꝛg - faͤltigkeit der Reichthumben handlen. Qui volunt diuites fieri, incidunt in ten - tationẽ & in laqueũ diaboli, & deſideriæ multa, inutilia & nociuaſpricht der Apo - ſtel / die jenigen welche auf dem weg der Reich - thumbẽ gehen / vnd dem Gelt vnd Gut nach - jagen / ſtrauchlen dreymal. Erſtlich fallen ſie in verſuchung: variè ſollicitantur ad diui - nas & humanas leges tranſgrediẽ das, ſol - licitirt; geraitzt vnd angetriben werden ſie / die Goͤttliche vñ menſchliche geſetz zu vberſchrei - len: es heiſt bey jhnen: ſic volo ſic iuebo, ſit pro ratione voluntas. Am andern fallen ſie in deß Teufels ſtrick / dann die Reichthumbſeind271Der Landtſtoͤrtzer.ſeind Netz deß ewigen Todts / darin der Teu - fel die Seelen der Narꝛen fahet. Zugleicher weiß wie der Hencker einẽ vbelthaͤter zu hoͤchſt an Galgen fuͤhren / vnd jm folgends mit dem Fuß einen ſtoß gibt / vnd mit ſchandt vnd ſpott von der Leiter hinab wirfft / alſo beſcheret die Welt jhren Dienern vil Gelts vnnd Guts / vnnd reitzet ſie mit vilen Laſtern / damit ſie hernacher deſto ſchaͤndtlicher fallen. Qui diuitiis ſeruit, præſentibus compedi - bus conſtringitur & futurus præparatur. Wer den Reichthumben dienet / der wan - dert mit ſehenden Augen zur Hoͤllen / vnnd legt ſeine Fuͤß in den ſtrick deß ewigen Todts. Drittens fallen ſie in vil vnnuͤtze vnd ſchaͤd - liche ſorgfaͤltigkeiten vnd verlangen / deſide - rium diuitiarum vadit in infinitum: Dann auaritia deſideratusrebus non ex - tingitur, ſed augetur: Als Alexander Magnus vorhabens war / die Scythier zu - bekriegen / lieſſen ſie jm durch Geſandten ent - bieten vñ ſagen: quid tibi diuitiis opus eſt, que te eſurire cogunt? als wolten ſie ſagen: Was bedarffſtu der Reichthum̃en / welche dienur272Der Landtſtoͤꝛtzer.nur einen hunger verurſachen / dann je mehr du vberkombſt / je mehr du haben muſt? Kein riniger gewinn erſaͤttiget ein ſo groſſe begierd / vnd kein einiger Schatz erfuͤllet ſeine Truchẽ / dann der appetit vnnd die begirligkeit deß Reichen iſt der Hoͤllen gleich / welche / ob ſchon ſie noch ſo vil Seelen verſchlindet / doch nie - maln erſaͤttiget wirdt: Wie das Fewr durchs Holtz vermehrt wirdt / alſo das verlangen deß Reichen. Diuites eguerunt & eſurierunt: Die Reichen leiden noth vnd hunger: diui - tiæ corporales paupertate plenæ ſunt. Infernus & perditio (ſpꝛicht der weiſe Mann) nunquam explentur: ſimiliter & oculi hominum: Vir qui feſtinat dita - ri, & aliis inuidet, ignorat quodægeſtas veniet ei. Hoͤre was Job ſagt: agite nunc diuites plorate vlulantes in miſeriis ve - ſtris. Was die Welt fuͤr Schaͤtz vnd Reich - thumb helt / das nennet Job ein Armſeligkeit / vnd ſagt / daß ſie in denſelbigen bruͤllen: Nit weinen / nit heulen / nit ſeufftzen ſie wie Men - ſchen / ſonder ſie bruͤllen vñ wuͤten wie die vn - vernuͤnfftige Thier. Viel aͤrger iſt ein vner -ſetli -273Der Landtſtoͤrtzer.ſaͤtlicher Geitzhalß / denn ein vnuernuͤnfftiges Thier / dann (wie Auguſtinus ſpricht) quæ eſt iſta auiditas concupiſcentiæ, cum & ipſæ beluæ habeant modum? tunc enim rapiunt cum eſuriunt, parcunt verò prę - dæ cum ſenſerint ſacietatem; Inſatiabilis eſt ſola auaritia diuitum, ſemper rapit & nunquam ſatiatur.
Beſchließlichen ſeind die Reichthumb nit allein vnnuͤtzlich / ſonder auch ſehr ſchaͤdlich: multos perdidit aurum & argentum: vil Leut ſeind durch Silber vnd Goldt vmb - kommen: odi aurum, multis enim per - ſuaſit perperam ſpricht Plautus, als wolte er ſagen: Jch bin dem Goldt feindt / dann es rathet dem Menſchen vbel / vnd ſtecket jhne in einen gefaͤrlichen Laborinth. Zu gleicher weiß wie dz Miltz im Menſchen / je mehꝛ es waͤchſt vnd faiſter wirdt / je mehꝛ es alle theil deß Leibs ſchwaͤchet / alſo vmb wie vil mehr die Reich - thumb wachſen / vmb ſo vil deſto mehꝛ nem̃en alle gute eygenſchafften deß Menſchen ab: Je mehr die begierd deß Geitzes waͤchſt / vnd die Seel aufgeſchwilt / je kraͤncker vnd ſchwaͤcherSwerden274Der Landtſtoͤrtzer.werden jhre tugendten. Ja was mehr vnd das aller aͤrgſte iſt / quod mergunt diuitiæ ho - mines in interitum ex perditionem. Sie ertrencken vnnd erſticken den Menſchen im Waſſer deß ewigen Todts.
Ob ſchon der Menſch alle Schaͤtz der Welt in ſeinem gewallt heite / ſo wuͤrde er doch nicht deſto juͤnger / weiſer / groͤſſer / ſtaͤr - cker vnnd ſchoner ſein / weder er ſonſt iſt: Die wolluͤſt / ſo auß den Reichthumben entſprin - gen / ſeind kurtz vnd eytel / dann die wahre wol - luͤſt beſtehen in der ruhe deß Geiſtes. Sagſtu daß die reichthumb dir ein ehr bringen / ſo ge - denck hergegen / daß ſich die Menſchen nicht ſo ſehr verwundern / noch dich ehren wegen deiner Perſon / ſondern wegen deiner Klei - der vnd reichthumb / derwegen gehoͤrt ein ſol - che ehr nicht dir / ſondern deinen Kleidern vnd Gelt zu: Hergegen woferꝛn ſie die armut dei - ner Seelen ſehen ſolten / ſo wuͤrden ſie dich fuͤr arm vnnd vngluͤckſelig halten: Sagſt du daß die Reichthumb dir vil gute freunde ma - chen / ſo ſoltu wiſſen / daß ſolche freunde keine wahre / ſonder falſche freunde ſeyen / bey denenmehr275Der Landtſtoͤrtzer.mehr zuuerlieren / dann zu gewinnen iſt / dann ſie lieben nit dich / ſondern dein Gelt / vnnd ſie verfuͤhren dich durch jhre ſchmaichlerey: je naͤhender auch dir dein freundt verwandt iſt / je mehr verlanget jhne nach deinem todt / da - mit er dich moͤge erben.
Diſes hat wol verſtanden der jenig / wel - cher geſagt hat: Omnia arbitratus ſum vt ſtercus: das iſt / alle zeitliche ding hab ich fuͤr ein Koth gehalten: Was iſt das Goldt an - derſt / als ein hepffe der Erden? was iſt das Silber vñ Edelgeſtein anderſt / als ein ſchaunt der Erden / ſo darinn wachſen vnd herfuͤr ge - bracht werden? Was ſeind die Seyden vnd Sam̃et anderſt / als einkoth der veraͤchtlicheñ Wuͤrmen? Was ſeind die zarte Tuͤcher an - derſt / als ein Wolle der Thieren? Was ſeind die koͤſtliche Futer / Zobl / Marder vnnd dergleichen anders / als Haͤut der todten Thie - ren? Was ſeind die gemahlte Pallaͤſt / ver - gulte Saͤhl / hohe Thuͤrn / ſtattliche Gebaͤw vñ groſſe Staͤtt anderſt / als Erd? Was ſeind die digniteten vnd ehr anderſt / als Windt? S 2Was276Der Landtſtoͤrtzer.Was iſt die gantze Welt anderſt als Erd? O - mnis caro fœnum & omnis gloria eius quaſi flos agri. Weil dann der Menſch ein ſo herꝛliche Creatur vnnd erſchaffen iſt / daß er GOtt lieben vnnd genieſſen ſoll / ſo iſts je ein ſchandt / daß er ſein Lieb von jhm ab / vnnd zu veraͤchtlichen dingen verwendet. Dermaſſen wenig gilt bey GOtt dem Herꝛn das Goldt vnd edle Geſtein / daß Salomon mit aller ſei - ner glory / herꝛlichen vnnd koͤſtlichen Kleidern vnd Zierden nit ſo ſchoͤn bekleidt war / wie ein Blum deß Feldts. Dann ob ſchon die Koͤni - gin von Saba ſich vber deß Salomons reich - thumb vnd koͤſtlich heit / vñ nit vber ein Blum verwunderte / ſo iſt doch ſolches aller naͤrꝛiſchẽ Weiber vnd vnbeſoñenen Maͤnner gebrauch vnnd ein gemeiner Jrꝛthumb der Menſchen / welche nur nach dem euſſerlichen ſchein vr - theilẽ / daran aber iſt vnſer begierlichkeit ſchul - dig: O wie vil angenem̃er waͤre es Gott dem HErꝛn / vnd dir nutzlicher / wann du reine Au - gen hetteſt / dann als dann wuͤrde dich vil ſchoͤ - ner zu ſeyn geduncken die Lilge / welche Gott gemahlt hat / weder das Kleydt / welches derMenſch277Der Landtſtoͤrtzer.Menſch gewebt hat: Sicut lilium inter ſpi - nas, ſic amica mea inter filias.
Derwegen O Menſch / diuitiæ ſi afflu - ant, noli cur apponere, ſchlage alle vber - maͤſſige ſorgen reich zu werden / auß deinem Hertzen / vnnd mache es nit zu einen Sclauen deß Koths der Erden / eytel biſtu woferꝛn du in der eytelkeit diſer zergaͤngklichen Guͤter ſetzeſt dein hoͤchſtes Gut: Ein eytelkeit iſts / wann du dein Hertz gibſt vnder das Joch der eytelkeit diſer knechtlichen Welt: verwirff außdeinem Hertzen die Reichthumb der Erden / ſo wirde es erfuͤlt werden mit den wahren Reichthum - ben deß Himmels.
Diſcurs von der wahren Weißheit vnnd von der weltlichen Fuͤrſichtigkeit / deßgleichen von jhꝛer Thor - heit.
DEr dritte Tiſchgenoß diſcurrirte von der Weißheit / wie folgt: Zwey - erley Weißheit find ich / ein vnder -S 3ſchaffene278Der Landtſtoͤrtzer.ſchaffene vnd ein erſchaffene: Die vnerſchaf - fene weißheit iſt nichts anders / als Chriſtus Gottes Sohn / demſelben wirt die weißheit zu geeygnet / allermaſſen GOtt dem Vatter die macht / vnd Gott dẽ Sohn die guͤtigkeit zuge - ſchriben wirdt: Die erſchaffene weißheit aber wird ein Menſchliche odeꝛ Engeliſche geneñt / vnd hat drey ſignificationes, erſtlich bedeut ſie alle erkaͤntnuß der Menſchlichen vñ Goͤtt - lichen ding: Am andern bedeut ſie nur die er - kaͤntnuß der ewigen ding: Drittens bedeut ſie die erkaͤntnuß Gottes ſam̃t der pietet. Son - ſiẽ aber wird die weißheit gemeinglich getheilt in ein Goͤttliche vnd Menſchliche / oder in die weißheit vnd in die fuͤrſichtigkeit.
Was nun die Weißheit belangt / ſagt man daß ſie in der erforſchung der Natur vnnd in der ſpeculation der Goͤttlichen vnnd aller - hoͤchſten ding beſchehe. Oſorius diſcurrirt ſehr ſchoͤn daruon vnd ſagt / daß alle weißheit in der erkaͤntnuß GOttes beſtehe / dann er iſt ein Vatter vnnd erſchaffer aller ding / ein an - fang der gantzen Natur / ordnung / ſchoͤnheit vnnd alles guten: Von jhm entſpringt alles /durch279Der Landtſtoͤrtzer.durch ſein guͤte wird alles erhalten vnnd in jh - me beſtehet die Summa deß hoͤchſten guts vnd ſeligen Lebens: Derwegen iſt nur der je - nig allein weiſe / welcher GOtt den Herꝛn er - kennet: Alle andere cognitiones vnd erkaͤnt - nuſſen aber ſeind nur adminicula vnnd be - helff / dardurch das Menſchliche Gemuͤt de - ſto leichtlicher zu der Goͤttlichen erkaͤntnuß gelanget / dann alle andere mathematiſche / phyſiſche vnnd jrꝛdiſche ſcientzen oder kuͤnſt zielen nur dahin / daß wir auß den Wercken der gantzen Natur / Gott den Herꝛn / als einen Vatter der Natur vnnd einen Herꝛen aller dingen / erkennen vnd verehren moͤgen. Weil dann die erkaͤntnuß Gottes das Zihl der weiß - heit vnd die perfectio deß ſeligen Lebens iſt / ſo folgt / daß der jenig / welcher Gott den Her - ren nit erkennet / ein pur lauterer Narꝛ ſeye / vn - angeſehen er in allen andern ſcientijs vnnd kuͤnſten noch ſo geſchickt vnnd gelehrt were: hergegen iſt der jenig weiſe / welcher GOttes deß Herꝛn ein wiſſenſchafft hat / vnangeſehen er ſonſten nit faſt gelehrt iſt.
Was aber die Fuͤrſichtigkeit belanget /S 4beſtehet280Der Landtſtoͤrtzer.beſtehet dieſelbige in der moderation vnd re - gierung der Staͤtt / Landen vñ Leuthen / in er - haltung deß Haußweſens vnnd Geſindts / in abtreib: vnd verhuͤtung der ſchaͤdlichen / vnd in procurirung der nutzlichen ding: Derglei - chen fuͤrſichtige vnnd weiſe Leuth werden ins gemein politici genent / vnd dieſelbigen woͤl - len bißweilen vermeinen vnnd darfuͤr halten / daß die erſtbemelte ſapientes oder Weiſen / welche ſich auff die Erkentnuß GOttes vnd ſpecuitrung der Goͤttlichen ding begeben ha - ben / nit tauglich noch bequem ſeyen / die Staͤtt Land vnd Leuth zu regieren / derwegen ſchlieſ - ſen ſie dieſelbigen auß dem Rath oder Regi - ment / gleichſamb koͤndten die ſapientes oder weiſen nit auch zugleich prudentes oder fuͤr - ſichtig ſein. Man jrꝛet ſich aber dißfals / dann wer kan fuͤrſichtiger ſein / als eben ein ſolcher weiſer Mann? Wer kan den ſchaden vnd ge - fahr deß Landts ſcharpffſinniger fuͤrſehen vnd verhuͤten / als eben ein ſolcher Weiſer? durch die Goͤttliche diſciplin iſt er dermaſſen in allen guten dingen vnderwiſen worden / daß ſich nichts begeben vnd zu tragen kan / ſo jhne be -truͤge:281Der Landtſtoͤrtzer.truͤge: aber vnſere weiſe vnd fuͤrſichtige poli - tici verhacken ſich bißweilen in jhren Rath - ſchlaͤgen / verſchneiden die Kappen / ſetzen das fleckel neben das loch / vnd ſchlagen die Reli - gion vnd Ehr Gottes an ein Ohꝛ.
Die Welt helt nur den jenigen fuͤr weiſe vnd fuͤꝛſichtig / welcher ein guter politicus iſt / welcher mit den Laſtern diſſimuliren, mit der Religion lauiren, conuiuiren, laichen / fuchsſchwaͤntzlen / vnd nur nach der Ehr vnd digniteten trachten kan / hergegen helt ſie die jenigen fuͤr Narꝛen / welche dergleichen eytel - keiten verachten: Die politici vnnd Welt - menſchen verachten dergleichen Leuth / ſamb waͤren ſie jhres verſtandts beraubt / aber ſie wiſſen nicht / daß ſolche Leuth brinnende Am - peln / hergegen diſe Welt nur ein Windt vnd Dunſt iſt. Die frommen vñ einfaͤltigen wer - den von den Weltmenſchen veracht / aber von Gott hoch geehrt: Die Welt lobet vnnd eh - ret nur was dem euſſerlichen anſehen nach reich / maͤchtig / anſehenlich vnd ſchoͤn iſt / aber Gott ſihet was inwendig iſt / was die Welt gedunckt arm vnd veraͤchtlich zu ſeyn / das lo -S 5bet282Der Landtſtoͤrtzer.bet Gott vnd erhoͤhets vber die Wolcken. Die weltliche Fuͤrſten hielten die heilige Martyꝛer fuͤr Narꝛen / als ſie dieſelbigen ſo gar gern vnd gutwilligklich ſterben ſahen: Vil weiſe Welt - Menſchen halten die Euangeliſche Armut vnd das betilen fuͤr ein thorheit vnnd ſchandt: Jener Politiſcher naßwitziger Weltweiſer ſprach zum heiligen Paulo: Inſanis Paule, multæ te literæ ad inſaniam conuertũt: Aber Paulus antwortet: non inſanio opti - me. Feſte, ſed veritatis & ſobrietatis ver - ba loquor. Weil Feſtus die geheimnuß der Lehr Pauli nicht verſtundt / ſo hielt er jhne fuͤr einen Narꝛen / allermaſſen die Welt alles das jenig fuͤr ein torheit helt / was ſie nit verſtehen oder erꝛaichen kan: Diſes iſt das Vrthel / wel - ches die Welt vber die frommen fellt: Die Goͤttliche Weißheit / welche in der wahren mortification vnnd ſeiner ſelbſt verlaugung beſtehet / wirdt von der Welt gehalten fuͤr ein Thorheit: Aber ſehr weiſe iſt der jenig / welcher die Welt von Gottes wegen verach - tet / vil weiſt der jenig / welcher ſich weiſt zu ſaluieren vnnd ſelig zu machen / vnnd nurein283Der Landtſtoͤrtzer.ein ſolcher iſt weiſe / dann alle andern ſeindt Narꝛen vnnd ignoranten: Die hochheit der weißheit Chꝛiſti beſteht in der wahren verach - tung ſeiner ſelbſt: Ob ſchon einer alle freye kuͤnſt perfectiſſimè wuͤſte / ſo hilffts jm doch nichts / woferꝛn er von jhm ſelbſt nichts weiſt: Er diſtrahirt ſich in den euſſerlichen dingen / vnd ſich ſelbſt kennet er nit / vnd von jhm ſelbſt weiſt er nichts zu ſagen: Selig iſt der ſich befleiſſet weiſe zu ſein vor GOtt / vnnd der die weißheit der Welt verachtet / Ein ei - niger Tropffen der Goͤttlichen Weißheit iſt vil beſſer / denn das hohe vnnd tieffe Meer der Weltlichen Weißheit. Diſes iſt die Schul / in deren der Menſch bey Tag bey Nacht ſtudieren vnd ſich befleiſſen ſoll war - hafftigklich mortificiert zu werden. Die Welt helt den Reichen vnd maͤchtigen fuͤr ſe - lig / vermuͤg der Wort: Beatum dixerunt populum cui hæc ſunt: Aber Chriſtus hat mit ſeiner hoͤchſten Weißheit die ſeligkeit ge - ſetzt in der armut / ſprechendt: Beati paupe - res ſpiritu.
Wer in der maͤſſigkeit / Keuſchheit / de -mut284Der Landtſtoͤrtzer.mut vnd Andacht lebt / vnd ſich vor der gefahr - der verſuchung huͤtet / der iſt weiſe vnd gefaͤllt GOtt dem HErꝛn. Nur der jenig hat ein gutes lob vnd ehrlichen Namen / welcher ſich eines guten Gewiſſens befleiſt / welcher frid - lich lebt / vnd ein froͤliches Hertz hat. Die weiß - heit diſer Welt iſt ein Eytelkeit / vnd ein thor - heit vor GOtt: Die Weißheit deß Fleiſches iſt ein Todt der Seelen / aber die wahꝛe weiß - heit beſtehet in deme / daß man die Welt ver - achte / die Wolluͤſt meide / das Fleiſch kaſteye / das Gewiſſen reinige / die Tugenden liebe / vñ die ewige Guͤter ſuche: Eytel vnnd naͤrꝛiſch iſt / der die ſchaͤdliche ding liebet / vnd das Heyl ſeiner Seelen dahinden laͤſt.
Beſchließlichen find ich etliche Zeichen / darbey ein Weiſer zu erkennen. Das erſte iſt wann einer ſich vor Suͤnden huͤtet / vnnd deß reinen Lebens befleiſſet / dann in maleuolam animam non introibit ſapientia. Am an - dern / wann einer im guten fuͤrſatz ſteiff beharꝛ - ret / dann homo ſenſatus in ſapientia ma - net ſicut Sol. Drittens / wann einer demuͤ - tig iſt / vnd alle arꝛogantz fliehet / dann vbi hu -mili -285Der Landtſtoͤrtzer.militas ibi ſapientia. Viertens / wann einer zu rechter zeit weiſt zu ſchweigen / dañ ſtultus, ſi tacuerit, ſapiẽs reputabitur. Zum fuͤnff - ten / wann einer die zukuͤnfftige ding fuͤrſihet / vtinam ſaperent & intelligerent, & no - uiſſima prouiderent. Sechſtens / wann ei - ner gedultig iſt in allen dingen / dann impati - ens operatur ſtultitiam. Zumſibenden / wann einer ſein grauitet erhelt wider die ey - tele frewd der Welt / dann cor ſtultorum v - bi lætitia, cor ſapientum vbi triſtitia.
Diſcurs vom Adel.
DEr vierdt Tiſchgenoß diſcurrir - te von dem Adel / vnnd ſprach: Der Adel iſt ein herꝛliche vñ ſchoͤne qua - litet, wer jhne verachtet / der gibt zu erkennen / daß er die heilige Schrifft nicht geleſen / dann im Buch Numeri leſen wir: Nobiliſſimi Principes multitudinis: Jtem / ille mul - tò plures & nobiliores, quam antea mi - ſerat, miſit: Jtem / mulier Midianitis fi -lia286Der Landtſtoͤrtzer.lia ſur nobiliſſimi Principis Madianita - rum. Item: Qui contemnunt me erunt ignobiles. Item: Nobilis in portis Vir eius quando ſederit cum ſenatoribus terræ. Item: Beata terra, cuius Rex eſt nobilis. Item: Homo quidam nobilis abiit in regionem longinquam accipere ſibi regnum & reuerti. Item: Hi autem erant nobiliores eorum qui ſunt Theſ - ſalonicæ. Hierauß erſcheint die wuͤrdigkeit deß Adels. Alle Scribenten loben den Adel / aber doch weil der Adel nur auß der Tugendt entſpringt / ſo wird ohne dieſelbe aller Adel deß Bluts fuͤr veraͤchtlich gehalten / vermuͤg der Wort:
Hoſtienſis ſchreibt außtrucklich / daß der Adel deß Bluts nit beſſer ſeye / als eben der A - del deß vnflats vnd corruption, welche auß vnſerẽ Leib geht. Mattheus Afflictus ſpricht. Als Fabius Quintilianus gefragt wardt /wer287Der Landtſtoͤrtzer.wer edel were? antwortet er: Nobiliſſimus eſt is qui optimus eſt: Vil Keyſer vnnd Koͤnige waren vnedel / aber durch jhre Tu - gendten ſeind ſie edel vnnd maͤchtig worden: Hergegen ſeindt vil edle Fuͤrſten vnedel vnnd veracht worden wegen jhrer Laſter.
Vilen Leuthen iſt der Adel vil ſchaͤdlicher denn nutzlicher / dann dardurch werden ſie hoffaͤrtig / ehrgeitzig / rachgirig vnd vnkeuſch: Gloria eorum à partu & ab vtero & à conceptu: Von jhrer Geburt hero waͤchſt die eytelkeit in jhnen / die ding / dardurch die Edelleuth verobligirt ſeindt / Tugentſamb zu ſein / brauchen ſie fuͤr ein occaſion vnd vrſach deſto liederlicher zu ſein / der Adel deß Bluts noͤtiget vnnd zwinget ſie gleich - ſamb / den Tugentſamen Fußſtapffen jhrer Voreltern nach zufolgen / der Adel iſt ein ewiges erbgut der Tugenten jhrer Vorfah - ren.
Welcher Edelman aber ſeinen tugentſamẽ voreltern nit nachſchlegt / der iſt einem mon - ſtro oder Meerwunder gleich / welches ſeinẽ Vater vnaͤnlich iſt. Eytel iſt der jenig / der ſichſeines288Der Landtſtoͤrtzer.ſeines Adels beruͤhmet / dann er gibt denen / die es hoͤren / ein ſtarckes teſtimonium vñ zeug - nuß ſeiner Thorheit. Das Gott der HErꝛ nach dem Adel deß Bluts wenig frage / er - ſcheint daher / allweil er den Saul / welcher deß aller veraͤchtlichſten Geſchlechts der 12. Staͤmmen Jſraels war / erwehlt hat fuͤr ei - nen Koͤnig in Jſrael: Ob wol Jephte ein Baſtart oder Banckert war / nicht deſto weni - ger erwehlte jhne Gott fuͤr ein Erloͤſer vnnd Beſchuͤtzer ſeines Volcks wider die Ammo - niter. Nicht hat Chriſtus / als er in die Welt kam / die Edlen / ſonder die Vnedlen vnnd ar - me Fiſcher erwehlt. Ob ſchon er ein Koͤnig vnd Herꝛ war / ſo hat er doch ſich ſelbſt nur ei - nen Hirten genennt. Quicunque honori - ficauerit me, glorificabo eum, qui autem contemnunt me, erunt ignobiles, ſpꝛicht der HErꝛ ſelbſt / als wolte er ſagen: Wer mich ehꝛet / meine Geſetz vnd Gebott helt / vnnd tu - gentſamb iſt / den wil ich hinwider ehren / vnd fuͤr einen edlen Mann halten / Wer aber mich verachtet vnd laſterhafftig iſt / den wil ich hin - wider verachten / vertilgen / vnd fuͤr einen vn -edlen289Der Landtſtoͤrtzer.edlen vnbekandten halten. Edel iſt der jenig / welcher den Laſtern nit dienet / das iſt der wa - re Adel / welcher die Menſchen zu Kinder Got - tes / vnd Miterben deß Himmels macher: der jenig erhelt ſeinen Adel vollkom̃uch / weicher den Suͤnden nit dienet / noch ſich von jhnen laͤſt beherꝛſchen. Der hoͤchſt Adel iſt wann ei - ner herꝛlich vnd fuͤrtreflich in Tugenden / vnd ein Kindt Gottes iſt: das vbrige alles mit ein - ander iſt nur ein eytelkeit / traum vnd thoꝛheit / dann wir ſeindt je nichts anders / als Erd / Koth vnd Aſchen. Die Wuͤrm / welche vnſere Vorfahren im Grab verzehꝛt haben / werden vnſer eben ſo wenig verſchonen: Der Adel / welchen wir von jhnen geerbt haben / war mortalitas & corruptio: Diſes ſeind die Wappen / die wir in vnſerm Schildt / vnd nit oben an vnſern Hauß Thuͤren / ſonder in vn - ſere Hertzen ſetzen / vnd alle andere weltliche eytele vnd naͤrꝛiſche verachten ſollen.
Hierauß erſcheint nun wie naͤrꝛiſch die je - nige Koͤnige vnd Fuͤrſten handlen / welche jre Trommeter / Koͤch vnnd Kelner adlen / vnnd welche die dienſt vnd Ambter der Eltern auffTdie290Der Landtſtoͤrtzer.die Kinder perpetuiren, vnangeſehen dieſel - bigen vntaugliche vnnd nur grobe Bengel ſeindt. Die Koͤnige in Calicut verehren den Adel vber alle Menſchheit: Der Eheſtandt iſt jhnen verbotten / deß gleichen alle gelehrt - heit vnnd tugentſamme ſtudia vnnd vbun - gen / außgenommen das Kriegsweſen. Con - cubinen oder Beyſchlaͤfferin moͤgen ſie halten ſo vil ſie geluſtet: So vil Weiber ſo vil Kupler / aber doch doͤrffen ſie nur mit adelichen jhres gleichen Perſonen fleiſch - lich zuſchaffen haben / dann ſonſten wuͤr - den ſie fuͤr vnrein gehalten / es wuͤrde auch jhr Adel dardurch zum hoͤchſten iniuriert vnnd geſchaͤndt werden. Ja was mehr iſt / kein vnedler darff ſie anruͤhren / dann ſie er ſiechen die jenigen / ſo ſich zu ſehr zu jhnen nahen. So gar muͤſſen die Vnedlen (allermaſſen die Gondelierer zu Venedig thun) ſich auff der Gaſſen ſchreyendt melden / damit ſie nicht etwann zuſammen ſtoſſen. Nicht allein inn Calicut, ſondern villeicht auch anderſtwo koͤndten dergleichen Bockſioltze / hochtrabende / dolle / volle / vnſinnige nobili -ſten291Der Landtſtoͤrtzer.ſten gefunden werden / welche ſich ſo gar der gelehꝛten / geſchweigens der ſchlechten Leuthen gemeinſchafft ſchemen / vnnd ſchier niemandt neben jhnen paſſieren noch hinkommen laſſen woͤllen. Nicht diſer meinung war jener Chriſt - liche Koͤnig in Franckreich Ludouicus Pius, dann er ſagte / daß weder die fauor vnd gunſt deß Fuͤrſten / noch die Reichthumb befuͤgt vnd berechtigt ſeyen / einen vntugentſamen Die - ner zu adlen: Als jm einsmals zween compe - titores zu einem Ampt / dern der einer ein E - delman / der ander aber keiner war / fuͤr geſchla - gen wurden / reſoluierte er ſich vnd befalch / daß ohne allen reſpect noch anſehen der Per - ſonen / der allertauglichſt vnd tugentſambſt er - woͤhlt / woferꝛn aber jhrer beyder qualiteten einander gleich weren / als dann der Edelman dem vnedlen vorgezogen ſolte werden.
Diſcurs warumb Gott verwillige / daß die Gottloſen in diſer Welt florieren.
DEr fuͤnffte Tiſchgenoß diſcurrirte vnd redete von der vrſach / warumb doch Gott verwillige / daß die Gott - loſen in diſer Welt proſperiren, floriren vnnd triumphiren / vnnd ſprach: Die gluͤck - ſeligkeit der Gottloſen in diſer Welt hat vilen Leuten vrſach geben / ſich druͤber zu verwunde - ren vñ ſeltzamb darnon zu reden. So gar Da - uid verwundert ſich deßwegen vnnd ſpricht: Ecce ipſi peccatores & abundantes in ſe - culo obtinuerunt diuitias. Der Prophet Malachias beklagt ſich / daß zu ſeinen zeiten vil Leut wider die Goͤttliche fuͤrſehung mur - reten / ſeytemal ſie ſahen / daß es den Gottloſen ſo gar wol ging / vnnd ſpricht: Jhr habt dem Herꝛn in ewren reden arbeit geſchafft / vnnd geſagt: Ein jegklicher / der arges thut / iſt vor den Augen Gottes gut / vnd hat ein wolgefal - len an jhm / oder wo blibe ſonſt der Gott deß vrtheils? Wer Gott dienet / der iſt ohne Lohn vnnd vergeltung / vnnd was nutzet es vns / daß wir ſein Gebott halten / vnnd vor dem Herꝛn Zebaoth trawriglich gehandlet haben? Dar - umb loben wir die ſtoltzen vnd veraͤchter / vnddie293Der Landtſtoͤrtzer.die Gottloſigklich handlen / dann ſie ſeind er - bawen / vnnd nemmen zu / ſie haben Gott ver - ſucht / vnd ſeind doch daruon kommen. Deß - gleichen beklagt ſich der Prophet ſprechendt: quare reſpicis contemptores & taces, cõ - culcante impio iuſtiorem ſe, & facies ho - mines ſicut piſces maris? Auß diſen wer - cken GOttes lehrnen die Frommen die tieffe der Goͤttlichen vrtheil / zum theil zu erkennen vnd zu ſprechen: Cognoui Domine, quiæ æquitas iudicia tua? Zu erleuterung aber diſes zweifels / iſt zu wiſſen / daß dreyerley art der boͤſen Menſchen in diſer Welt gefunden werden / nemblich boͤſe / ergere vnd ergiſte / vnd ſie alleſambt floriren vnnd triumphiren / aber jhre triumph ſeind ein zeichen jhres ewigen verderbens / woferꝛn ſie ſich nit beſſern vnd be - kehren.
Was dann erſtlich die boͤſen belangt / be - ſcheret GOtt denſelbigen in diſein Leben die zeitliche Guͤter / allweil er ſie dardurch bezah - let / ergetzet vnd zur erkendtnuß jhrer ſelbſt vnd zur bekehrung locket: Er erzeiget auch dißfals ſein weißhet / macht vnd guͤte / aber ſolche boͤſeT 3vnd294Der Landtſtoͤrtzer.vnd gottloſe Menſchen woͤllens nit recht er - kennen / ſonder ſchreibens alles entweder der Goͤttlichen fuͤrſehung / oder jrem ſelbſt eignen verſtandt / kunſt / geſchicklichkeit vñ embſigkeit zu / vnd beharꝛen in jrer boßheit / hoffart / blind - heit vnd halßſtarꝛigkeit / derwegen beklagte er ſich vñ ſpricht durch den Eſaiam: manda, re - manda, expecta reexpecta modicum ibi, modicũ ibi, vt vadant & cadant retrorsũ, vt conterantur & capiantur. Deßgleichen beſcheret Gott den boͤſen Menſchen die zeit - liche guͤter vnd ergetzet ſie wegen jhrer guten werck / vnd ſpricht gleichſamb zu jhnen: tolle quod tuum eſt & vade: nimb hin deinen Lohn in diſer welt vnd gehe zur hoͤllen. O wie vil Menſchen fuͤhren ein boͤſes leben mit wu - chern / ſchinden vnnd ſchaben / vnnd beſuchen doch darneben die Spitaͤl / geben vil allmuſen / vnd bekleiden die nackenden / darfuͤr gibt jhnen Gott reichthumb vnnd ſchoͤne Kinder / Aber doch ſagt er von jhnen: receperunt merce - dem ſuam.
Was ferꝛner die peiores oder aͤrgere Men - ſchen belangt / gibt jhnen Gott gleichfals zeit -licht295Der Landtſtoͤrtzer.liche guͤter / erſtlich zum deſpect vnd auß ver - achtung / dañ dergleichen guͤter ſeind eytel / laͤr vnd vnfruchtbar / vnd ob ſchon ſolche reichen vermeinen / daß ſie den Reichthumben den hoͤchſten nagel der gluͤckſeligkeit erꝛeicht habẽ / ſo erfahꝛen ſie doch letztlichen in jrẽ Todtbeth / dz ſie arm / bloß vñ betler ſeind / vnd dz jre reich - thumb nur ein ſchatten vnd traum geweſt. Zu gleicher weiß wie ein Haußuatter d’ vber tiſch ſitzet / ſeinen Hunden etwañ ein bein zuwirfft / vñ dieſelbigen daꝛan nagen vñ einen ſo gꝛoſſen luſt drinn haben / daß ſie es vmb kein Koͤnig - reich verwechßelten / alſo vnnd ebner Geſtallt gehet Gott mit ſolchen reichen vmb / Er ſetzet ſie an ſeinen Tiſch der Geiſtlichen wolluͤſt / er wirfft jhnen die Weltliche Reichthumb zu / vnd dieſelbige ſeindt jhnen der maſſen lieb / daß ſie vil lieber den Himmel / denn jhr Gelt / Gut vnnd Macht hingeben vnnd ver - lieren wolten. Weil auch Gott bißweilen die boͤſen in diſem leben ſtraffen will / ſo be - ſchert er etlichen boßhafftigen Menſchen groſſe Reichthumb vnnd macht / da mit ſie ein Ruthe viler anderer boͤſen vnnd GottloſenT 4ſeyen /296Der Landtſtoͤrtzer.ſeyen / vermuͤg der Wort: Vindicabo me de inimicis meis cum inimicis: Nicht bil - lich iſts / daß Gott im ſtraffen / das Ambt eines Henckers vertrette / er wil auch nicht / daß ſeine Freunde es verꝛichten / derwegen bereichert er bißweilen die Gottloſen / vnnd brauchet ſie zu einer Geiſſel wider ſolche Gottloſen jhres gleichen / derwegen ſpricht er: confortabo brachia Regis Babylonis, & dabogladiũ in manu ſua. Vnnd Job ſpricht: regnare facit hypocritam propter peccata popu - li. Dann woferꝛn die Gottloſen diſer geſtallt nit geſtrafft vnd außgereut wuͤrden durch die Gottloſe hoffertige Menſchen / ſo wuͤrden ſie vnendlich wachſen vnnd vberhandt nemmen. Es erfolget auch bißweilen auß ſolchem ſcha - den das heyl vnd die bekehꝛung viler Suͤnden / darnach dann Gott ein ſonderbares verlan - gen hat.
Beſchließlichen die peſſimos peccato - res oder die aller aͤrgiſte vnd Gottloſeſte ſuͤn - der belangendt / gibt jhnen GOtt die Reich - thumb zu jhrem ſelbſt eygnen verderben / ver - muͤg der Wort: Creaturæ Dei in odiumfactæ297Der Landtſtoͤrtzer.factæ ſunt, & in tentationem animæ ho - minum: Wir ſehen / daß ein Wucherer ſich dermaſſen in ſein vbel gewunnenes Gelt ver - liebet / daß er niemaln kein ruhe noch leyd em - pfindet / noch das vnrecht er oberte Gelt vnnd Gut widerumb erſtattet: Man findt vnkeu - ſche Geſellen / ſo jhre Concubinen dermaſ - ſen lieben / daß ſie vil lieber jhre digniteten, ja jhr Leben verlaſſen / denn von jnen abſtehen woͤllen. Deßgleichen findt man ehrgeitzige Hofleut / welche vil lieber jhre grandeza vnd hochheit zu Hof continuiren vnnd druͤber ſterben vnd verderben / deñ ſich einsmals dar - von zu ruhe vnd zum dienſt Gottes begeben / vnd dem heyl jhrer Seelen abwarten woͤllen / derwegen heiſts bey jhnen: qui in ſordibus eſt, ſordeſcat adhuc: Jhre jrꝛdiſche com - moditeten, gute gelegenheiten / wolluͤſt vnd hochheiten ſeind Strick vnnd Netz / darin diſe armſelige Leut (welche von der Welt fuͤr ſehr gluͤckſelig geſchetzt werden) gefangen ligen: Vnd es redet der heilig Auguſtinus von jh - nen vnnd ſpricht: nihil eſt infelicius felici - tate peccantium, qua pœnalis nutriturT 5iniqui -298Der Landtſtoͤrtzer.iniquitas & mala voluntas interius ro - boratur. Dergleichen peſſimi vnd aͤrgiſten Leuth werden auch erhoͤcht zu deſto mehrer jhrer confuſion, Schandt vnnd Schaden: Zugleicher weiß wie ein ſtarcker Ringer ſei - nen Feindt von der Erden hoch auffhebt / damit er jhne darnider werffen vnnd vber - winden moͤge / alſo bewilligt GOtt / daß die Gottloſeſte Menſchen erhoͤcht werden / da - mit ſie einen deſto tieffern vnnd ſchwerern fall thun ſollen / vermuͤg der Wort: Pro - pter dolos poſuiſti eos, deieciſti eos dum alleuarentur. Endtlichen iſt die gluͤckſelig - keit der Gottloſen ein vnfehlbares Kennzei - chen daß GOtt ſie verlaſſen habe: Wie die Medici, wann ſie an einem Krancken ver - zagt haben / jhme ferꝛner nichts rathen noch eingeben / ſondern jhm alles verwilligen was er begert / alſo laͤſt GOtt die Gottloſen in jhrer zeitlichen Gluͤckſeligkeit leben / vnnd iſt ſolches ein zeichen daß kein hoffnung jhrer ſe - ligkeit mehr verhanden / continuus enim fucceſſus temporalium æternæ repro -batio -299Der Landtſtoͤrtzer.bationis certiſſimum eſt iudicium; Vnde ſicut fulgur tonitrua portat, ita proſpe - ritas ſupplicia ſempiterna pronunciat. Wie wirdts aber jhnen letztlichen in jener Welt vnd in der Hoͤllen ergehen? Geſagt ſoll zu jnen werden: Recepiſti bona in vita tua, & Lazarus ſimiliter mala, nunc ille con - ſolatur, tu autem cruciaris. Wer diſes be - trachtet / der wirdt in diſem Leben gar gern allerhand noth / ſchmertzen / armut vnnd wi - der wertigkeit leyden vnnd außſtehn / damit er in jenem ſelig werden moͤge: ſprechen wird er: Deficiat in dolore vita mea & anni mei in gemitibus, vt requieſcam in die tribu - lationis.
Bißweilen werden auch die Gottloſen von GOtt auß ſonderbaren Vrſachen er - hoͤrt / erſtlich zur beſtaͤttigung deß Glaubens / derwegen werden am Juͤngſten Tag jhrer etliche ſprechen: Herꝛ / haben wir nicht inn deinem Namen geweiſſaget / die Teuffel ver - triben / vnnd vil Wunderwerck begangen? Aber der HERR wirdt jhnen antworten:Jch300Der Landtſtoͤrtzer.Jch kenne euch nit: Dann nit das Leben / ſon - der der Glaub wircket wunderzeichen. Der wegen koͤnnen die Ketzer keine Wunderwerck begehen. Die andere vrſach iſt / wann ſie ſich bekehren / jnmaſſen an der Magdalena vnnd den Niniuitern zu ſehen iſt / vnnd ob ſchon ſie allzeit erhoͤrt werden / ſo vil die remiſſionem culpæ belangt / (dann Gott hats jhnen ver - ſprochen / da er ſagt: Si reuertimini & qui - eſcatis ſalui eritis) ſo beſchichts doch nit wz die verzeyhung vnd nachlaſſung der ſtraff be - trifft. Drittens vñ beſchließlichen werden ſie erhoͤrt zu jhrer ſelbſt eygnen ſtraff vñ ſchaden / jnmaſſen den Jſraelitern beſchehen / als ſie vm̃ Fleiſch baten / derwegen ſpricht Auguſtinus:
Diſcurs von dem Fauor vnd Gunſt der Welt.
DEr ſechſt Tiſchgenoß redete etwas wenigs von dem Weltlichen Favor vnd ſprach: Die alten haben den Fa - uor gemahlt in der geſtallt eines jungen blin - den Kindts / alleinig vnd ohne alle geſellſchaft. Etliche vermeinten auch / daß der vrſprung deß gunſts ſeye die ſchoͤnheit deß Leibs / oder der Adel deß Geiſtes / jnmaſſen ſolches nach - folgendes geſpraͤch deß Poeten vnnd Appel - lis zu erkennen gibt: Poet. Was iſt diß fuͤr ein Fraw / welche allzeit bey dem Gunſt ſteckt / vnd ſie niemaln verlaͤſt? Appelles: Sie iſt die Schmaichlerey. Poet. Was iſt das fuͤr eine / die jhr nachfolget? Ap. Es iſt die Fraw Inuidia oder Neydt. P. Was ſeind das fuͤr Leut / die jhm nachfolgen vnnd gehorſamen? Ap. Es ſeind die Reichthumb vnd Wolluſt. P. Warumb hat der Fauor oder Gunſt fluͤ - gel? Ap. Weil er nit gemach gehen kan / ſon -der302Der Landtſtoͤrtzer.der von dem Windt deß guten gluͤcks inn die hoͤhe getriben wirdt. P. warumb iſt er blindt? Ap. Weil die fauoriten jhre alte Freunde nimmer kennen. P. Warumb ſetzet er ſei - nen einen Fuß auffm Rad? Ap. Weil er den Paß vnnd Fußſtapffen deß vnbeſtaͤndi - gen gluͤcks wandert. P. Warumb iſt er ge - ſchwollen? Ap. Weil die fauoriten inn der Hoffart auffſchwellen. P. Warumb iſt er blindt? Ap. Weil der Verſtandt der fauoriten verfinſtert wirdt. P. Warumb ſitzt er alleinig? Weil die fauoriten, wann ſie gefallen vnnd den Gunſt jhrer Fuͤrſten vnnd Herꝛen verlohren haben / von allermen - nigklichen verlaſſen / veracht vnd verhaſt wer - den.
Auß diſem Geſpraͤch iſt leichtlich abzu - nemmen / was es fuͤr ein gelegenheit habe mit dem gunſt der Welt. Jch aber ſage / daß beſſer iſt verfolgt / denn fauoriſiert zu - werden / dann inn den Verfolgungen wirdt GOTT gefunden / aber durch den Weltgunſt verlohren. Die fauoriten ſol - len nicht vermeinen / daß ſie wegen deß gunſtsjhrer303Der Landtſtoͤrtzer.jhrer Fuͤrſten vnnd Weltlichen Gluͤckſelig - keit / beſſer vnnd GOtt dem HERren ange - nemmer ſeyen / denn ein anderer. Vmb wie vil mehr Gunſt vnnd ehr du haſt inn diſem Leben / vmb ſo vil deſto gefaͤhrlicher iſts / dann es iſt ein zeichen / daß du kein Erb - genam deß Himmels biſt: Zugleicher weiß wie Abraham dem Jſmael vnnd ſeinen an - deren Soͤhnen vil ding geſchenckt / aber den Jſaac zu einen Erben aller ſeiner Guͤ - ter / vnnd zu einem beſitzer deß Hauſes ſeines Vatters gemacht hat / alſo iſts nicht billich daß die Baſtarden das Gut jhres Vatters erben / vnnd ob ſchon GOTT denen / welche von jhrem wahren Vatter / nemb - lich GOtt / degeneriert vnnd Laſterhafftig worden / allhie auff Erden vil ſchencket vnnd ſie mit ehren vnnd reichthumben verſihet / ſo werden ſie doch deß Erbguts der Glory ent - ſetzt / hergegen haben die ehrliche Kinder / nemblich die Frommen / ein vngezweiffelte Hoffnung den Himmel zu erben. Die Weltmenſchen muͤſſen ſich mit den gaben vñ ſchanckungen deß Menſchlichen gunſts ver -nuͤgen304Der Landtſtoͤrtzer.nuͤgen laſſen / vnd haben kein anders Erbgut zu gewarten. Niemandt verwundere ſich / daß die Gottloſen in diſer Welt floriren, do - miniren vnd triumphiren / dañ die Chriſtli - che Religion verheiſſet vns keine fauores, ſonder deſpectus vnd verachtungen. Die Gottloſen haben nichts im Him̃el zu ſuchen / vnd die frommen nichts auff Erden. Gott ſchicket ſeinen fauoriten vnnd freunden nur muͤhſeligkeiten allhie auff Erden zu / damit ſie ſich in die jrꝛdiſche ding nit verlieben / ſonder gen Himmel eylen ſollen: Zu gleicher weiß wie Jacob / als er ſahe / daß Laban ſein ſchwe - her jhne verfolgte / zu ſeinen Weibern Lia vnd Rachel ſagte: Jch will widerumb in mein Vatterlandt ziehen / dann ich ſihe / daß Laban mich nimmer mit guten Augen anſchawet / Alſo ſoll man von Hof vnnd von der Welt trachten / vnd zum wahꝛen him̃liſchen Hof ey - len / ſeytemal man vmbgeben iſt mit ſo vilen Neidern vnd Feinden / die vns mit boͤſen vnd vnguͤnſtigen Augen anſchawen.
Jener geſcheide Mahler / mahlte auff den Gunſt: oder Gluͤckraͤdel vier Menſchen / derein305Der Landtſtoͤrtzer.ein ſtundt oben / der ander vnden / vnnd die an - dern zwen auff den Seiten / dern der eine auff: vnd der ander abſtig. Der jenig / welcher oben auff ſtundt / war am Leib / Haͤnden vnd Fuͤſſen einem Viech gleich: Der jenig / welcher auff - ſtig / war in der mitte ein lauters Viech / vnnd das vbrige war vom Menſchen: Hergtgen der jenig / welcher abwertz ſtig / war in der mitte ein lauterer Menſch / vnnd das vbrige war ein Viech: Allein der jenig / welcher vn - den lag / warein gantzer Menſch / zur anzeig vnd bedeutnuß / was geſtalt der Fauor vnd die Gluͤcksguͤteꝛ die jenigen / ſo ſie nit recht wiſſen zu gebrauchen / nicht allein nicht vnderwiſen noch befuͤrdert / ſondern in vnuernuͤnfftige Thier / hoffertige Loͤwen / grimmige Woͤlff / vnd neidige Hund veraͤndert werden: homi - nes enim cum ſe permiſcuêre fortunæ, etiam naturam dediſcunt. Hamon war ein hoch anſehenlicher vnd lieber Mann deß Koͤnigs Aſſueri / was hat jhm aber ſein groſſer Hofgunſt geholffen? geſtuͤrtzt vnnd gebracht hats jhne an Galgen. Nichts beſtaͤndigs iſt in diſer Welt / vnnd niemandt / der ſey ſo großVvnd306Der Landtſtoͤrtzer.vnd anſehentlich bey Hof / wie er jmmer woͤl - le / iſt vorm fall verſichert / zumaln wañ er ſich ſeines fauors, gunſts vnd gnaden vbernimbt / hoffertig vnnd vbermuͤtig wirdt: nil tam fir - mum eſt, cui periculum non ſit eriam ab inualido, kein Glori iſt ſo beſtaͤndig / vnd kein gunſt iſt ſo groß / daß kein gefahr darbey ver - handen waͤre: Wann er vermeinet / er ſey am allerſicherſten vnd in beſten gnaden / ſo nimbt man jhne beym Grind / vnd gibt jhm den wol - uerdienten Lohn ſeiner Thorheit vnnd vber - muths. Nicht allein andere maͤchtige Herꝛen vnd fauoriten, ſonder auch die ſchlechten vñ vnachtſamen koͤnnen bißweilen einen ſolchen vbermuͤtigen Hofman ſtuͤrtzen. Wer aber ſol - cher gefahr begert vberhebt vnd befreyt zuſein / der vbernemme ſich deß Herꝛn gunſts nicht / ſonder werffe das Ancker ſeiner Hoffnungen in den Goͤttlichen vnd Himmliſchen gunſt / dann groſſen Herꝛen vnnd ſchoͤnen Frawen / ſoll man dienen / aber vbel trawen: Jhr Gunſt vnd Lieb hat Sonnen art / ſcheint ſo bald auff einen Kuͤhſpeck / als Roſen zart.
Diſcurs von der Jgnorantz der Welt.
DER ſibendt Tiſchgenoß diſcurrir - te von der Jgnorantz vnnd vnwiſ - ſenheit der Welt / wie folgt: Die J - gnorantz vñ vnwiſſenheit iſt ein verderben al - ler Menſchen: Dann erſtlich iſt die Jgnorantz vnempfindlich / er erkeñet ſeine paſſiones nit / vnd waiſt nit was er durch ſein ſuͤndigen ver - liere / derwegen iſt er ſicut dormiens in me - dio maris, wie einer / der mitten im Meer ſchlafet. Am andern iſt ein Jgnorant gleich - ſam̃ ein gefangener vnd gebundener / vermuͤg der wort: populus meus captiuus ductus eſt, quia non habuit ſcientiam. Drittens iſt er armſelig / vnnd aller gutending embloͤſt: vermuͤg der Wort: vanus eſt omnis popu - lus, in quo non eſt ſcientia Dei. Vier - tens iſt er blind / vnd wie ein Aug andere ding / aber ſich ſelbſt nicht ſihet / alſo auch ein Jgno - rant: ambulant in vanitate ſenſus ſui, te -V 2nebris308Der Landtſtoͤrtzer.nebris obſcuratum intellectum, alienati à via Dei per ignorantiam. Zum fuͤnfften iſt er ein beſtia, vnd zwar aͤrger / dann er ſelbſt will ein beſtia ſein / vermuͤg der Wort Gre - gorij: nonne tibi videtur beſtialior beſtia rationem habens & ratione non vtens? Æſopus erzehlt / daß einsmals ein Fuchß in eines Tantzers Hauß kommen / vnd als er ein ſchoͤne maſcara oder ſchoͤnbarth ſahe / ſprach er: Hoc quale caput eſt, ſed cerebrum non habet, als wolte er ſagenꝛdiſes iſt gleich - wol ein ſchoͤner Kopf / vñ ſchoͤnes Angeſicht / aber ohne Hirn. Offtermals ſehen wir einen ſehr ſchoͤnen vnd anſehenlichen Menſchen / a - ber die ſchoͤnheit deß verſtandts mengelt jhm / dann ob er ſchon etwas verſtandts hat / ſo iſt doch derſelb dermaſſen baͤuriſch vnnd grob / als hette er keinen. Ein Jgnorant oder Narꝛ iſt gleich einer ſchoͤnen Scheid / welche mit koͤſtlichen Perlein vnd edlen Geſteinen gezie - ret iſt / darin aber jnwendig ein bleyene Kling oder Schwerdt ſteckt: Ob ſchon ein Jgno - rant vnd Narꝛ verſehen vnd vberguldt iſt mit der Schoͤnheit vnd anſehenlichheit deß Leibs /mit309Der Landtſtoͤrtzer.mit Prælatur, digniteten, Hochheiten vnd Ambtern / ſo iſt er doch nichts anders / als ein ſtuck Bley. Als lang nun ein bleyenes ſchwerd in einer ſo gar ſchoͤnen Scheidt ſteckt / helt mans fuͤꝛ ein gute gerechte vñ koͤſtliche Woͤhꝛ / vnnd als lang ein ſolcher grauitetiſcher anſe - henlicher Jgnorant ſtillſchweigt / vnd nit vil zu den ſachen redet / wird er gleichſamb fuͤr ge - ſcheidt / weiſe / gelehrt vnnd erfahren gehalten / aber alsbaldt er anfahet den Mundt auffzu - thun / zu diſcurꝛiren vnd zu reden / alsdann ſt - het man / dz er ein vngeſchickter Knopff / Narꝛ / Eſel vnd Toͤlpel iſt. Einsmals hatte ein alter Mann einen Sohn / derſelb war mit eben di - ſer Sucht der Jgnorantz behafft / damit jhm derwegen geholffen / vñ geheilt werden moͤch - te / ſo fuͤhrte er jhne zum Delphiſchen Oracu - lo Apollinis, vnd fragte das Oraculum, ob diſe Kranckheit curirt vnd geheilt werden koͤn - te? Das Oraculum gab zur antwort / daß er diſen ſeinen Sohn dem Silentio conſe - criren ſolte: dañ das ſtillſchweigen iſt das ei - nige remedium fuͤr dergleichen indiſpoſi - tiones vnd Kranckheiten: Dañ ob ſchon diſeV 3Kranck -310Der Landtſtoͤꝛtzer.Kranckheit vnheylbar iſt / ſo kan ſie doch duꝛch das ſilentium vnnd ſtillſchweigen diſſimu - lirt werden.
Sicut qui mittit lapidem in aceruum Mercurij, ſic qui tribuit honorem inſi - pienti, ſpricht der Eccleſiaſticus, als wolte er ſagen: Wer einem Narꝛen Ehr anlegt / der iſt als wann einer einen Stein in einen Hauffen Stein legt: Wie der Stein / wann er in die hoͤhe gewoꝛffen wirdt / mit gewalt ge - trieben muß werden / alſo wirdt die Chr oder das Ambt einem Jgnoranten mit gewalt auf - erlegt: wie der Stein / je hoͤher er ſteigt / je ſtaͤr - cker er wider umb niderfelt / vnd groͤſſern ſcha - den thut / alſo vmb wie vil hoͤher ein Jgnorant ſteigt vnnd herfuͤr gezogen wirdt / vmb ſo vil ſchaͤdlicher felt er. Ein in die hoͤhe geworffe - ner Stein gibt dardurch ein zeugnuß ſeiner natuͤrlichen ſchwere / vnnd ein zu digniteten erhebter Jgnorant gibt zuerkeñen ſein ſchlech - tes talentum vñ geringe qualiteten. Sicut qui mittit lapidem ad edificandum tem - plum in honorem Mercurij: Die Jgno - ranten ehren / mit digniteten vnd Aembternverſehen /311Der Landtſtoͤrtzer.verſehen / vnd Stein zum Kirchenbaw Mer - curij hergeben / iſt einerley ding: dann wann man einem Jgnoranten vnnd Narꝛen ein an - ſehenliches Ambt gibt / was iſt das anders / als daß man einem Abgott (der nur / dem anſehen nach / etwz iſt / aber nichts weiſt / nichts verſte - het / nichts ſihet vnnd nichts hoͤret) ein Kirch bawet? wir ſehen / dz etliche Jgnoranten / Nar - ren vnd Fantaſten ſich in der præſumption jrer fantaſeyen ſtellen wie die grim̃ige Loͤwen: wann ſie auf der Gaſſen gehen / wenden ſie die Augen von der einen Seiten zu der andern / ſtreichen jhre Knoͤbelbaͤrth / ſetzen das Baret auf die ſeyten / die haͤnd in die huͤfft / ſehen ſawr auß vnd ſehꝛ wild / wie deß Teufels bild: aufm Marckt vñ beym wein ſihet man / was geſtalt ſie die Niderlanden bezwingen / Engellandt er - obern / Conſtantinopel vnder den gewalt deß Keyſers bringen / das heilige Landt dem Tuͤr - cken abdringen / jhr Faͤnlein auf den Mawren zu Cayro pflantzen / mehꝛ Mohꝛen denn in Af - frica ſeind / toͤdten / Hauptleut beſtellen / Coro - nellen vnnd Generales werben / dem Feindt vnder Augen rucken / ſireiten / vberwinden vndV 4vnend -312Der Landtſtoͤꝛtzer.vnendlich vil dapffere Thaten begehen / deß - gleichen verachten ſie alle andere gelehrte Menſchen vnd dapffere Kriegsleut / deß Koͤ - nigs Philippi Raͤthneñen ſie narꝛen / deſſelben pragmaticas vnd vnoꝛdnung gloſſiren ſie / vnd ſeind doch darneben Narꝛen in der Haut / vnd dermaſſen forchtſamb / feyg vnd verzagt / daß ein einiges ſich an dem Baum bewegen - des Blat ſie gedunckt ein maͤchtiges Kriegs - heer zu ſein. In arrogantia quemadmo - dum in armis inauratis non ſimilia ſunt interiora exterioribus: Wie die verguld - te glantzende Waffen ein ſchoͤnes euſſerliches anſehen haben / juwendig aber ſehꝛ ſchaͤndlich ſeind. Alſo vnd ebner geſtallt findt man etli - che vermeſſene Narꝛen / welche dem euſſerli - chen anſehen nach / dapffere vnd kecke Loͤwen / jnwendig im Hertzen aber vil verzagter / denn die Haſen ſeindt.
Groß iſt die Thorheit der Weltmenſchen / die cognitio ſui ipſius eſt caſus ſaltem ſa - pientibus reſeruatis: Nur die Weiſen er - kennen ſich ſelbſt / kein eiuiger Jgnorant noch Narꝛ kennt ſich / vnnd iſt vn muͤglich geſcheidtzu -313Der Landtſtoͤrtzer.zumachen / nirgends im Euangelio ſind man / daß Chriſtus einen Narꝛen heite curtrt / dann geſundt gemacht hat er die Blinden / die Waſ - ſerſuͤchtigen / vnnd vil andere preſthafften / a - ber an keinem einigen Narꝛen hat er ſich geri - ben / die vrſach deſſen iſt / allweil der Erloͤſer / wann er die Leiber geſundt machte / zugleich auch die Seelen geſundt gemacht / vnd ſie im Glauben erleucht hat / dann ſie erkennten ſich ſelbſt / aber weil die Narꝛen ſich ſelbſt nicht er - kennen / ſo ſeind ſie nit wuͤrdig geheilt zu wer - den: Die Welt iſt voller Jgnorantz vnnd Narꝛen: Wann einer auff einem hohen Thurn ſtuͤnde / vnd die occupationes, werck vnd bemuͤhungen aller Menſchen ſehen ſolte / der wuͤꝛde ſich dermaſſen dꝛuͤber verwundern / daß er ſelbſt zu einem Narꝛen wuͤrde. Alle ge - dancken der Menſchen betreffen den Leib / alle jhre ſorgfaͤltigkeiten beſtehen auffs eſſen / klei - den / Schaͤtz ſamblen / bawen / gedaͤchtnuß hin - derlaſſen / vnd zum Grab eylen.
Vber alle Jgnoranten vnnd Narꝛen aber ſeindt die jenigen / welche jhre Buß biß an jhr letztes End verſchieben. Die falſche vertroͤ -V 5ſtung314Der Landtſtoͤrtzer.ſtung vnnd verheiſſung deß lengern Lebens verfuͤhret vil Menſchen: Ein vermeſſener Narꝛ iſt der jenig / welcher jhm ſelbſt ein langes Leben verheiſſet / dann er vnderſtehet ſich GOtt dem HErꝛen die zukuͤnfftige zeit zu benemmen / vnnd er diſponirt mit derſel - ben / ſamb gehoͤrte ſie jhm vnnd nicht GOtt zu / vnangeſehen er villeicht heut ſterben vnnd zu einer ſolchen zeit zu GOtt ſchreyen wirdt / zu dern er nicht erhoͤrt ſoll werden. Etliche ordiniren die zukuͤnfftige ding / die nicht in jhrer macht ſtehen / hergegen laſſen ſie die gegenwertige ding verwirꝛt vnd vnordentlich durch einander ligen. Das Leben / welches ſie haben / verzehren ſie / vnd ſie machen jhnen einen Fuͤrſatz das jenige Leben zu beſſeren vnd zu bekehren / welches ſie nicht haben. Den theil deß Lebens / welchen GOtt jhnen ge - geben / woͤllen ſie verzehren jhne erzuͤrnend / hergegen wollen ſie jhm den jenigen theil jh - res Lebens geben / vnd ſein gnad darmit erlan - gen / welchen er jhnen nit gegeben. Was kan aber eytler vnd naͤrꝛiſcher ſeyn? An jetzo vnnd als baldt ſollen wir vns beſſern / weil die zeit dergnaden315Der Landtſtoͤrtzer.gnaden noch verhanden iſt / dann diſes Le - ben iſt vns verliehen worden / damit wir / ver - mittelſt diſer vnſer bemuͤhungen kauffen ſol - len die Ruh deß Himmels. Jn allen dingen ſeind die Menſchen ſehr ſorgfaͤltig die gele - gene zeit zu erwehlen / aber nach der ſo gar gu - ten gelegenen zeit ſich zubekehren / fragt man wenig. Das beſie vnſers Lebens geben wir dem Teuffel / aber das aller aͤrgiſte geben wir CHriſto: O wie ſchwerlich aber wirdt der jenig ſich zu GOTT bekehren koͤnnen im Alter / welcher ſein Jugendt verzehret hat inn Suͤnden? Selten / ja ſelten befindt ſich ein gute diſpoſition vnnd contrition zur zeit der aͤngſten deß Todts: Wer GOtt nit liebet wann er noch frey vnnd wol diſpo - niret iſt / der wirdt jhne vil weniger lieben / wann er den Todt / den Teuffel vnnd die Hoͤll vor Augen ſihet / vnnd wann er vmb ge - ben iſt mit groſſen ſchmertzen / angſt vnd traw - rigkeiten / ꝛc. Wer Gott den HErꝛn nit ken - nen hat woͤllen im Leben / denſelben wirdt er nicht keñen im Todt / ſonder ſprechen wirdt er zu jhnen / wie zu jenen naͤrꝛiſchen Jung -frawen:316Der Landtſtoͤrtzer.frawen: Fuͤrwar / ich kenne euch nicht: O J - gnorantz / O Thorheit / du biſt die fuͤrnembſte vrſach / warumb die Menſchen nur der Welt ſo gar fleiſſig dienen / vnd Sclauen jhrer paſ - ſionen ſeind / ſie kennen das Gut nit / welches ſie verlteren / ſie erkennen das boͤſe nit / welches ſie leiden / ſonder bemuͤhẽ ſich mit den eytelkei - ten vnnd Thorheiten der Welt / vnnd fahren dardurch zur Hoͤllen / dann Stultorum infi - nitus eſt numerus.
Diſcurs vom Gewiſſen.
DEr acht Tiſchgenoß redete von der materi deß Gewiſſens / vnnd ſprach: Das allerbeſte / welches ich vnder den Menſchlichen dingen finde / iſt ein gutes Gewiſſen / ſola bona conſcientia libertas eſt: Wo ein gutes Gewiſſen verhanden / da befindt ſich die Freyheit vnd Frewd / wo es a - ber mengelt / da iſt gefaͤngnuß / muͤhe vnnd ar - beit / derwegen ſagte Dauid / gloria noſtra hæc eſt teſtimonium conſcientiæ no -ſtræ. 317Der Landtſtoͤrtzer.ſtræ. Die gerechten bemuͤhen ſich / damit das jnneriſte jhres Gewiſſens rein vnnd gut ſeye. Alſo hat Dauid gethau / ſprechendt: fiat cor meum immaculatum in iuſtificationi - bus tuis vt non confundar: Zur zeit deß Todts wirdt man ſehen / daß alle die jenige zeit verlohren ſeye / welche den Menſchen zu gefallen verzehrt iſt worden / hergegen wirdt die jenige wol angelegt / welche verwend wird Chriſto zu gefallen / vermittelſt eines reinen Gewiſſens: Wann an jenem geſtrengen juͤngſten Tag / die Buͤcher vnſers Gewiſſens auffgethan / vnd vor aller Welt abgeleſen ſol - len werden / werden wir vil lieber woͤllen / daß wir GOtt den HErꝛn von Hertzen geliebt / weder von hohen vnnd ſubtilen dingen diſpu - tirt hetten: Vil beſſer wirdt als dann ſein ein reines Gewiſſen / weder das man verꝛicht hat ſehr hohe vnd ſpitzfindige Predigen / dann nit wirdt man vns fragen / was wir geredt vnnd geſchriben / ſonder was wir gethan vnnd fuͤr werck begangen. Die Welt iſt blindt vnd vr - theilet blindigklich vnd naͤrꝛiſch von allen ſa - chen: Sie lobet vns per coniecturas exte -riores,318Der Landtſtoͤrtzer.riores, wegen vnſers euſſerlichen ſchoͤnen vnnd exemplariſchen Lebens vnd Wandels / dann ſie ſihet nit / was jnwendig in vns ſteckt: Nit ſihet ſie vnſere Natur / ſonder die Kunſt / wir ſelbſt aber ſehen vnd wiſſen was in vnnd hinder vns ſtecke / vnnd wie wir beſchaffen ſeyen: Vil Leuth ſihet man vmbgeben vnnd bekleidt mit Sammet vnnd Seiden / aber be - hafft mit Laſtern / ſie ligen auch in weichen Bethen / eſſen zarte Biſſel / vnnd leben taͤglich ſcheinbarlich / aber wann du jhr Hertz ſehen ſolteſt / ſo wuͤrdeſt du jhnen nicht neydig ſeyn / dann ſehen wuͤrdeſt du den Hencker jhres boͤ - ſen Gewiſſens / welcher mit der blutigen Geiſſel jhre Seelen peiniget: finden wuͤrdeſt du ein ſo groſſe heimliche trawrigkeit in dem Marck jhrer Gebeinen / daß ſie jhnen ſelbſt feindt werden / vnnd daſſelbe machet jhr Beth hart / jhren Tiſch vnnd Speiſen bitter / jhre Taͤg melancoliſch / vnd jhre Naͤcht erſchroͤck - lich. Derwegen ſihe vnd verlaß dich nit auff das vrtheil der Welt / ſonder auff dein eygnes: tuo tibi iudicio eſt vtendum: Virtutis & vitiorum graue ipſius conſcientiæpon -319Der Landtſtoͤrtzer.pondus eſt, qua ſublata, iacent o - mnia.
Ein ordenlichs priuat Leben iſt das al - ler beſte vnnd außbuͤndigſte Leben: Ein jeglicher mag gleichwol ein ehrliche Perſon auff der Binen repræſentiren. aber daß einer jnwendig vnd im Hertzen wol regulire ſeye / daran ligts alles mit einander. Wer in ſeinem Hauſe vnd in ſeinen ordinarijs acti - onibus, (von derentwegen er niemande rech - nung zu geben hat) gerecht vnd ohne tadel iſt / der iſt Lobs wuͤrdig: derwegen ſaͤgte der Welt - weiſe Bias, daß das jenig das allerbeſte Hauß - weſen waͤre / wann der Haußuatter eben alſo beſchaffen iſt jnwendig / wie er ſich ſtellet auß - wendig. Als dem Iulio Druſio ſeine Zim - merleuth verhieſſen / daß ſie jhm ein Hauß bawen wolten / darin jhm ſeine Nachbarn nit einſehen ſolten koͤnnen / doch daß er jhnen her - gegen 3000. Kronen geben ſolte / antwortet er vnd ſprach: Jch wil euch 6000 geben / wo - ferꝛn jhr mir ein Hauß bawet / darin ein jegli - cher aller orten koͤnne einſchawen / vnnd mei - ne Werck ſehen. Wann Ageſilaus reiſete /nam320Der Landtſtoͤrtzer.nam er ſein Loſament vnnd Herberg in der Kirchen / damit jhm nit allein das Volck ſon - der auch die Goͤtter ſelbſt in ſeinen priuat wercken einſehen moͤchten. Nur der jenig iſt gleichſamb ein miraculum mundi, an wel - chem weder ſein Knecht noch ſein Weib nie - maln nichts vngebuͤrlichs ſehen oder verſpuͤ - ren: Vber wenig Menſchen verwunderen ſich jhre Haußgenoſſen: niemaln iſt einer ein Prophet geweſt in ſeinem Hauß noch in ſei - nem Vatterlandt. Ein Kriegs volck anfuͤh - ren / ein Schlacht erobern / ein ſtattliche Bott - ſchafft verꝛichten / ein Landt regieren / das al - les ſeind offentliche bekante Werck / aber an - heimbs mit dem Weib greinen / lachen / ver - kauffen / bezahlen / lieben / haſſen / mit jhm ſelbſt vnnd mit ſeinem Geſindt lieblich / freundlich vnd recht conuerſiren vnnd vmbgehen / das iſt das aller ſchwereſte vnd geheimſte / vnnd da ligts. Ein ſchlechter Burger oder Handt - wercksmann lebt bißweilen vil ordentlicher vnnd gerechter anheimbs in ſeinem Hauſe / denn bißweilen ein Præſident deß groſſen Koͤnigklichen Raths mit aller ſeiner ſuffici -entz,321Der Landtſtoͤrtzer.entz, ehꝛwuͤrdigen euſſerlichen reputation, authoritet vnd anſehen. Etliche Leuth ſeind auff der Gaſſen / vnnd bey der Geſellſchafft gleichſamb fromme Schaf vnd vnſchuldige Laͤmmer / aber anheimbs vnnd gegen den jhri - gen ſeind ſie grimmige Loͤwen: Jhr priuat Leben iſt voller vnordnung vnnd Laſtern / jhr Wandel iſt mehrers gerichtet auff die eytele Glori / denn auffs Gewiſſen / nit thun ſie das jenig fuͤrs Gewiſſen / was ſie thun wegen der eytelen Glori / das Heyl der Seelen beſtehet nit im hochtraben / ſonder in der jnnerlichen Demut vnd Reinigkeit: die grandezen vnd Hochheiten ſollen nicht exercirt vnnd geuͤbt werden in den euſſerlichen grandezen, ſon - der in der mediocrit vnnd mittelmeſſigkeit. Nichts iſt ſchwerer / als eben ein boͤſes Gewiſ - ſen / wers aber nit glauben will / der wirdts er - fahren / wann es darzu kommen wirdt / daß jm die ſchwere Buͤrd nit allein nicht genommen / ſonder vil mehr gelaſſen wirdt werden: Zu gleicher weiß wie / wann zwo oder drey Perſo - nen einem helffen ein ſchwere Buͤrd tragen / ers nit ſo ſehr empfindet / als wann ers alleinXtruͤge /322Der Landtſtoͤrtzer.truͤge / alſo pfleget der Teufel / die Welt vñ das Fleiſch dir zuhelffen / die buͤrd deines boͤſen ge - wiſſens zu tragen / dir zu fauoriſiren, zu zaͤrt - len vnd zu liebkoſen / aber wañ das ſterbſtuͤnd - lein kompt / alsdann laſſen dich diſe deine drey Freunde alleinig in der Hoͤllen ſtecken / die Welt dern du gedient haſt / wird dich in deiner groͤſten noth vbergeben den Haͤnden deß aller - maͤchtigſten Richters / auf daß du jhm rechen - ſchafft gebeſt wegen deines Lebens / wo werdẽ aber als dann ſein deine Beichtuaͤtter / welche dir auß deinen Todtſuͤnden nur peccadillos gemacht? wo werden als dann ſein deine lieb - ſie freunde / ſchmarotzer vnd Rechts gelehrten / welche dir auß einem Elephanten ein Mucke / auß einer Mucke einen Elephanten / das ge - rade krumb / das krumme gerad gemacht / vnd in allen ſachẽ das placebo Domino geſpilt / vnd alles recht gegeben? O Menſch / reinige offtermals dein gewiſſen / veꝛmittelſt der ſacra - mentaliſchen Beicht: erſcheine nit vor Gott mit beſudleten blutigen haͤnden / ſond’ preſen - tire jhm ein gutes gewiſſen vnd heilige werck / ſo wirſtu von jhm erlangen / was du begehꝛſt.
Diſcurs von der Einigkeit vnd Vneinigkeit.
DER neundt redete von der Materi der Einigkeit vnd vneinigkeit vnnd ſprach: Alle gute ding / vnd die erhal - tung vnnd vollkommenheit aller dingen ins gemein vnnd inſonderheit / beſtehet in der vnion vnd einigkeit / hergegen entſpringt alles Leidt auß der vneinigkeit / abſonderung vnnd zertheilung. Derwegen befilcht vns der Apoſtel die Einigkeit deß Geiſtes vnnd ſpricht: ſolliciti ſeruare vnitatem ſpiri - tus in vinculo pacis. Wo frid vnnd ei - nigkeit iſt / da iſt GOtt vnnd ſein Segen / wo aber Vneinigkeit / Zanck vnnd Hader iſt da regieret der Teuffel vnd alles vnheil. Daß zur zeit der erſten Kirchen die Knecht GOt - tes der maſſen maͤchtig waren / dz ſie die gantze Welt zum Chꝛiſtlichen glauben gebꝛacht / war nichts anders ſchuldig dran / als dz das glau - bige Volck einerley hertzens vnd einerley wil -X 2lens324Der Landtſtoͤrtzer.lens waͤren. Der Frid vnd Einigkeit / wel - cher damals vnder dem Chriſtlichen Volck war / machte ſie ſehr ſchoͤn in den Augen Got - tes / vnd ſtarck in den Augen jhrer Feinde / der - wegen lobte der heilig Geiſt die erſte Kirch vñ ſprach: pulchra es & decora ſicut Ieruſa - lem: terribilis vt caſtrorum acies ordi - nata. Jm Chor verſpuͤrt man ein conſo - nantz der ſtim̃en / vnd in einer Feldtſchlacht ein wolgeordnetes Kriegsheer / vnd diſe beyde ding entſpringen auß der Lieb vnnd einigkeit der Chriſten / welche jhnen ein ſtaͤrck vnnd da - pferkeit gibt. Zu gleicher weiß wie in einer ar - mada die obriſte galera einen ſonderbaren ſchoͤnen Pfawen / vnd das Wappen deß Koͤ - nigs oder Kriegsfuͤrſtens / vnd vil Adels Per - ſonen fuͤhret / alſo hat die Chꝛiſtliche Religion vor zeiten in jhrem Wappen die Lieb vnd ei - nigkeit gefuͤhrt / dann wo Frid / Lieb vnnd ei - nigkeit iſt / da wirdt ein liebliche melodey ver - ſpuͤrt / wo aber vneinigkeit iſt / da iſt verderben vnd vndergang. Nichts hat Chriſtus ſeiner Kirchen ſo fleiſſig vnnd eyferig befolchen / als eben den Friden vnnd Einigkeit / aber leyderzu325Der Landtſtoͤrtzer.zu diſen zeiten halten die Chriſten nichts we - niger als eben die Lieb vnd einigkeit / dann ſie thun ſchir nichts anders / als einander reiſſen / beiſſen / verkauffen / verꝛathen vnnd dardurch ſelbſt vnder einander verzehren.
Omne regnum in ſe diuiſum deſola - bitur: ſpricht der HErꝛ / als wolte er ſagen: Wann ein Reich vneins oder zertheilt wirdt / ſo wirdts zerſtoͤrt / fuͤrnemblich dreyerley vrſa - chen halden / erſtlich durch die Hoffart / dann die vneinigkeit iſt ein Tochter der Hoffart / vermuͤg der Wort: inter ſuperbos ſemper rixæ: Die eygenſchafft eines hoffertigen iſt / daß er allzeit ein Liebhaber iſt ſeines eygnen gutbedunckens / derwegen verheuret er ſich mit ſeinem Willen / abundat enim in ſuo ſenſu, vnd im wenigſten will er eines andern meinung der ſeinigen vorziehen: weil dann vnder den hoffertigen widerwertige willen vñ meinungen ſeind / vnd ein jeder bey ſeinem ſiñ halßſtaͤrꝛig verbleibt / ſo muͤſſen notwendig die ſtritt vnd vneinigkeiten vnder jhnen regi - ren: Weil auch GOtt der Hoffart ſehr ſeind iſt / ſo will er jhnen zu einer Straff / keinen fri -X 3den326Der Landtſtoͤrtzer.den geben / vnd derwegen leben vnd ſchweben ſie jmmerdar in der vneinigkeit.
Die andere vrſach der vneinigkeit iſt der mangel der Iuſtici: Die fuͤrderliche / ge - rechte vnnd vnpartheyiſche adminiſtrirung der Iuſtici erhelt ein Landt in Friden / aber die vnbilliche gewaltthaͤtigkeiten vnnd die vnſtraffmaͤſſigkeit der Boßheiten verurſa - chen rebelliones, Auffruhr vnnd weitlaͤuf - figkeiten. Dionyſius Syracuſanus pflegte zu ſagen / daß zweyding ſein Landt im guten wolſtandt erhielten / nemblich die guͤte vnd die Iuſtici, dañ weder die macht / noch die forcht noch die ſtarcke Guardi verſicheren den ſtand eines Koͤnigs nicht ſo ſehr / als eben die gute affection vnnd Lieb der Vnderthanen / wel - che fuͤrnemblich erlangt wirdt durch die guͤ - te vnnd Gerechtigkeit: Weil auch vil Koͤni - ge vnderlaſſen haben die Iuſtici zu admini - ſtriren, ſo haben ſie verlohren jhꝛ Leben ſampt dem Reich.
Drittens entſpringt auß der Religion vnnd Lieb Gottes aller Fried / Einigkeit vnnd Wolſtandt eines Koͤnigreichs / hergegenauß327Der Landtſtoͤrtzer.auß der Verachtung der Religion erfolgt Vneinigkeit / confuſion, vnordnung / auff - ruhr / Krieg vnnd Blutuergieſſen. Es ha - ben ſich gleichwol die Politici ſtarck bemuͤht / das Volck in frid vnnd einigkeit zu erhalten / vermittelſt der Geſetz / edicten, ordinant - zen vnnd ſcharpffen pœnen vnnd ſtraffen / aber weil ſie ohne Fundament gebawt vnd darneben die Gottsforcht vnnd Religion nit in obacht genommen / ſo iſt alle muͤh verge - bens geweſt. Die Religion iſt das fuͤrnembſte fundament aller rerumpublicarũ, der exe - cutionen, der Geſetzen / deß gehoꝛſambs der vnderthanen gegen der Obrigkeit / vñ jrer ge - gen einander tragender Lieb vñ freundſchafft: Die Religion vnd der ſtatus ſeind dermaſſen zuſammen geleimet / daß auß jhꝛer diuiſion vnnd zertheilung eben das jenig erfolgt / was auß der zertheylung eines Schiffs entſte - het / dann theileſtu das Schiff von einander / ſo iſts verloren / dann wie der ſtatus vñ die re - ligion einander im guten vñ boͤſen begleiten / alſo wann ſie nur ein wenig zertheilt werden / ſeind ſie beyde verlohren. Wers nicht glau -X 4ben328Der Landtſtoͤrtzer.ben will / der frage Griechenlandt / vnd etliche vilandere Koͤnigreich / warumb ſie jhren ſta - tum, freyheit vnd wolſtandt verlohren / vnnd vnder das Joch deß leidigen Tuͤrcken gera - ten? ſo werden ſie muͤſſen ſagen vnd bekennen / daß nichts anders dran ſchuldig / als eben die vneinigkeit / die ſie vnder einander gehabt ha - ben wegen der Religion / mit dern ſie jhr Af - fenſpil getriben. Vil Leuth ſeind der meinung / daß die fuͤrnembſte vrſach der Frantzoͤſiſchen vnnd Niderlaͤndiſchen Krieg eben diſe ſeye / daß man nemblich ſo vilerhand frembde Ke - tzeriſche religiones hat laſſen ein wuꝛtzeln vnd vberhand nemmen. Die vneinigkeit / das miß - uertrawen vnnd die verbitterung etlicher fuͤr - nembſten Staͤnd / woher entſpringt ſie an - derſt / als eben auß der vnderſchidlichkeit der Religionen? Die darauß entſprungent feind - ſchaffien vnd verbitterungen feind dermaſſen groß / daß man ſich biß weilen / zur behauptung jhrer Secten vnnd intents, ſo gar mit Tuͤr - cken vnd Heyden verfreundet vnd verbindet: Nichts wuͤrden vns ſchaden vnſere Erbfein - de / woferꝛn ſie ſehen / daß wir einander liebtenvnd329Der Landtſtoͤrtzer.vnd eins waͤren / aber laider / vmb ſo vil deſto ſchwaͤcher / verſpoͤttlicher vnd vberwundener werden wir von vnſern Feinden / vmb wie vil mehꝛ ſie ſehen / daß wir vnfridlich vnd vneinig vnder einander leben.
Diſcurs vom Eyfer vnd den Eyferern.
DER zehendt Tiſchgenoß handlete von der Materi deß Eyfers / auff nachfolgende weiß: Der Eyfer iſt ein jnbruͤnſtige Lieb / welche keins wegs leiden mag / daß das geliebte ding von jemande ver - langt noch auch beſeſſen werde. Weil Gott vnſere Seelen jnnbruͤnſtiglich liebet / ſo iſt er ein ſtarcker Eyferer / jnmaſſen ers ſelbſt Exo - di am 20. Capitel bekennet / ſprechendt: Jch bin der HErꝛ dein GOtt / ein ſtarcker Eyfe - rer. GOtt hat gleichwol keine paſſiones, a - ber einen Eyferer nennet er ſich wegen der effecten, vnnd er thut alles was die EyfererX 5thun.330Der Landtſtoͤrtzer.thun. GOtt iſt gleich einem Vogel / von welchem man ſagt / daß er auff dem Gejaidt nur das Hertz deß gefangenen Vogels oder Wildtpraͤts friſt: Eben alſo bewaidet vnnd ſpeiſet ſich GOTT mit dem Hertzen vn - ſerer wahren Lieb / vnnd iſt ein herꝛlicher Zelotipus oder Eyferer. Wie ein Eyfe - rer nicht bewilliget / daß ſein Weib einen an - dern liebe / vnnd / woferꝛn er einen boͤſen arg - wohn von jhr hat / er groſſe achtung auff ſie gibt / ſich hin vnnd wider vmbſihet / auff die ab: vnnd zugehende Perſonen fleiſſig mercket / dann diſen / dann jenen fragt / bißweilen auch ſich ſtellet als verꝛaiſe er: Wann auch er et - was vngebuͤrlichs verſpuͤrt hat / als dann anfahet zu toben / zu wuͤten / vnnd jhꝛ alle Kleynodien vnnd Wejbliche Zierd benimbt / vnnd ſie entweder von ſich jagt oder vmb - bringt / alſo vnd ebner geſtalt gehet auch Gott mit vnſern Seelen vmb / vnnd ſpricht: Bet - tet keinen frembden GOtt an / dann ich bin dein Gott ein ſtarcker Eyferer / als wolte er ſagen: Keins wegs will ich / daß der Menſch mit frembden Goͤttern buele / noch die erſchaf -fene331Der Landtſtoͤrtzer.fene ding vnnd Guͤter vngebuͤrliche begehre / ſonder mein will vnnd meinung iſt / daß er mich in der wahren Lieb allen andern dingen vorziehe: Wir ſollen gedencken vnnd wiſ - ſen / daß GOtt alle vnſere Werck ſehe / vnnd eygentlich auffmercke / wie wir vns in ſeiner Lieb verhalten: Ipſe ſtat poſt parietem. proſpiciens per feneſtram, per cancel - los; CHriſtus ſtehet heimblich vnnd ver - borgen hinder der Wandt / ſchawet durch das Fenſter vnnd Gaͤtterl / vnnd er ſpehet vn - ſere Seel auß / was ſie mache / gedencke vnnd verlange: auris zeli audit omnia: finxit ſe longius ire, er ſtellet ſich / als verꝛeiſe vnd gehe er weit von vns / aber niemaln wei - chet er auß vnſern Hertzen / ego ſto ad oſti - um & pulſo, vnuerſehens laͤſt er ſich ſehen / ſicut fur in nocte veniet, wie ein Dieb wird er in der Nacht kommen.
Wann er aber erzuͤrnet wirdt / ſo verzey - het er nicht / furor viri non parcet, nec acquieſcet cuiuſque precibus, nec acci - pit pro redemptione dona plurima: der - maſſen liebet Chꝛiſtus vnſere Seelen / dz er ſiezu332Der Landtſtoͤrtzer.zu einer Braut erwehlt hat / wann derwegen ſie ſich mit dem Teuffel / mit dem Fleiſch vnd mit der Welt vereiniget / als dann erzuͤrnet er ſich / vnd rechet ſich wie ein Eyferer. Diſes betrachtete Auguſtinus vnnd ſprach: Huͤte dich / O Braut Chriſti / vnnd ſchaw / daß dein Braͤutigam ſich nicht von dir abwende / er iſt nit weit hinweg gangen / vnd ob ſchon du jhne nit ſiheſt / ſo ſihet er doch dich mit den voͤlligen Augen hinden vnd vorn. Niemaln vnnd nir - gends kanſtu dich vor jhm verbergen / dann er hat bey dir ſeine Geiſtliche Botten / fleiſſige Speconen vnnd Kundtſchaffter / welche fleiſ - ſig aufſchawen / wie du in deines Braͤutigams abweſenheit dich verheltſt / damit ſie dich vor jm verklagen / woferꝛn ſie ein zeichen der lider - lichheit vnd geylheit an dir verſpuͤren. Ein Eyferer iſt diſer dein Braͤutigam / vnd wofern du einen andern Liebhaber erwoͤhleſt / vnd an - dern begereſt zu gefallen / ſo weichet er als bald von dir / vnd hengt ſich an andere Maͤgdlein: Sehr zart iſt diſer dein edler vnnd allerſchoͤn - ſter Braͤutigam / derwegen liebet er nur edle / zarte vnnd ſchoͤne Seelen / woferꝛn er einenmackel333Der Landtſtoͤrtzer.mackel oder Runtzel an dir ſihet / ſo wendet er alsbaldt ſeine Augen von dir / dann er mag kein vnlauterkeit leyden / derwegen ſey keuſch / zuͤchtig / geſchaͤmig vnnd demuͤtig / damit du wuͤrdig werdeſt von deinem Braͤutigam off - termals heimgeſucht zu werden.
Auß diſem Eyfer der frommen vnd gerech - ten entſpringt ein ſo groſſer Eyfer der Lieb Gottes / daß ſie nit leyden moͤgen / daß GOtt von den Suͤndern erzuͤrnet werde / dannenhe - ro haben ſie die Waffen wider die Abgoͤtterer / Ketzer vnnd Gottslaͤſterer gefuͤhrt / nach dem Exempel CHriſti / welcher die Kaͤuffer vnnd Verkaͤuffer auß dem Tempel vertrib: Deß - gleichen hat Phinees auß diſem guten vnnd gerechten Eyfer ſein Schwerdt in jenen He - breiſchen verachter deß Geſetzes geſtochen: vñ hierunder ſeines eygnen Bluts vnd Freundt - ſchafft nicht verſchont. Diſer heilige Eyfer verurſachet drey ſtarcke vnd groſſe bewegnuſ - ſen im Menſchen / die erſte iſt der Zorn / wel - cher ſich erꝛegt wann der Menſch ſihet / daß Gott belaidigt wirdt / vnd diſe bewegnuß oder Zorn iſt GOtt dem HErꝛn der maſſen ange -nemb /334Der Landtſtoͤrtzer.nemb / daß ſein gefaßter zorn vnd Straff dar - durch gelindert / ja gar auffgehebt wirdt / ver - muͤg der Wort: Phinees filius Eleazari a - uertit iram meam à filiis Iſrael, quia zelo meo cõmotus eſt contra illos. Die andere Bewegnuß iſt der Schmertzen / welchen man ob der belaidigung GOttes empfindet / vnnd derſelb iſt der maſſen groß / daß man jhne biß - weilen euſſerlich erzeiget / vermittelſt der zer - reiſſung der Kleider / vnd dergleichen zeichen / jnmaſſen Dauid gethan vnd geſagt: & ſuper inimicos tuos cõtabeſcebã. Die dritte iſt der haß vnd feindſchafft / von dern jetztbemel - ter Dauid ſagt: Perfecto odio oderã illos. Ein vollkom̃ner haß iſts / wañ man den Men - ſchen gleichwol liebet / aber ſein Laſter haſſet / vñ diſer zelus oder Eyfer iſt ein beſchuͤtzer vñ erhalter der Ehꝛ vnd Glori Gottes: Er iſt der Beſem / welcher den Tempel deß HErꝛn rein helt / jnmaſſen Matathias gethan vnd von jm geſagt woꝛden: aſcendamus mundare ca - ſtra: & demoliti ſunt altare, eo quod pro - phanatum eſt à gentibus, & obtinuerunt legem de manibus gentiũ. Selig vnd loͤb -lich335Der Landtſtoͤrtzer.lich ſeind alle die jenigen vorſteher vñ Obrig - keiten / welche einen ſolchen Goͤttlichen eyfer erzeigen / die Kirchen vnd gemeinden mit dem Beſem deß jnbruͤnſtigen eyfers kehꝛen / vñ die cõcubinarios, Simoniſten / Ehebrecher vñ anders dergleichen vnziffer / ohne allẽ reſpect drauß treiben / vnd vertilgen ſollen / dann wañ ſie diſen heiligen Eyfer gegen der Goͤttlichen glori / iuſtici vnd tugenden nit haben / ſo folgt drauß / dz die ehꝛ vnd der dienſt Gottes vnd der gemeine nutz vnderlaſſen vñ verhindert wird / daß die ſuͤnd vnd laſter vngeſtrafft bleiben / die gute diſciplin, die iuſtici vnd gute ſitten nit gebuͤrlich vnderhalten werden.
Ein andere art deß Eyfers iſt verhanden / welche gleichfals gut iſt / vnd welchen die E - heleuth gegen einander tragen / vnnd ſich bil - lich beſorgen vnd es empfinden / daß ein ande - ter jhrer genieſſe / ſeytemal ſolche genieſſung nicht allein nit ohne groſſe vnehꝛ vnd ſchaden ſolcher Eheleuth beſchthen kan / ſonder auch nit ohne groͤſſe verachtung vnd verunehrung GOttes / deſſen Geſetz vnd verbuͤndnuß dar - durch violirt geſchendt vñgeſchwecht wirdt. Weil336Der Landtſtoͤrtzer.Weil auch die Lieb / welche zwiſchen den Ehe - leuthen ſein ſoll / ſie verobligiret vnnd verbin - det / jhꝛer beyder Ehꝛ vnnd nutz zu befuͤrderen / vnd allen Spott vnnd Schaden zu verhuͤten / ſo eyferen ſie billich vnnd ſeind vbel zu friden mit denen Perſonen / ſo jhnen dergleichen ſchandtfleck koͤnnen anhencken: So gar die vnuernuͤnfftige Thier empfindens / wañ man jhnen zu nahe gehet vnnd einen eintrag thut / als jener Hirt Crates ſich in ein Gaiß ver - liebte / fing der Bock an zu eyfern / vnd ſtieß jh - ne ſchlaffend mit den Hoͤrnern zu Todt. Ein weiſer Mann / der da begert fridlich vnd ehr - lich zu hauſen / ſoll ſein Weib offtermals er - mahnen / ſelten ſtraffen vñ noch ſeltener ſchla - gen / ſonder in gebuͤrlichem gehorſamb erhal - ten / auch jhr im wenigſten kein vrſach zum eyfern geben / dann man findt etliche naͤrꝛiſche Maͤnner / welche nit vnderlaſſen / mit andern vnnd frembden Weibern verdaͤchtigklich zu conuerſiren. vnnd nit deſto weniger woͤllen ſie / daß jhre Weiber es nicht andten / ſonder diſſimuliren, vnnd jhnens alles gut heiſſen ſollen: Jm wenigſten betrachten ſolche Nar -ren /337Der Landtſtoͤrtzer.ren / daß ſie dardurch jhren Weibern vrſach geben / entweder dergleichen zuthun / oder doch billich mit jhnen zu eyfern. Es ſeye ein Fraw ſo fromb vnd guͤtig wie ſie jm̃er woͤlle / ſo mag ſie doch nit leiden / daß ein andere jres Manns zu theil werde. Werden ſie nit druͤber trawrig vnnd betruͤbt / ſo werden ſie doch wuͤtig vnnd tobendt / kein gehetzter Eber / kein hungeriger Loͤw / vnnd kein Tigerthier / deme man ſeine jungen geſtohlen / noch kein Otter / deme man auffn ſchwantz getretten / kan ſo gar erſchreck - lich ſeyn / als ein erzuͤrnete vnnd beleidigte Fraw: Nichts machet ſie wuͤtiger vnnd to - bender / als eben die Eyferſucht / wañ ſie nemb - lich ſihet / daß jhr Mann ſich an die Schnur hengt: Jene Ariadna vergrub den Keyſer Zenonem Iſauricum jhren Mann leben - dig / damit ſie ſich vber jhme moͤchte rechen: Das Weibliche Geſchlecht iſt fuͤr ſich ſelbſt ſchwach / argwoͤniſch vnd rachgierig / derwe - gen haben die Maͤnner deſto mehrere vrſach / weißlich vnd fuͤrſichtiglich mit jhꝛen Frawen vmbzugehen: Naͤrꝛiſch handlen die jenigen Maͤnner / welche an frembden Weibern haͤti -Ygen /338Der Landtſtoͤrtzer.gen / jhꝛen eygnen Frawen feindt werden / vnd ſie benebens ſchlagen oder iniuriren, ſchen - den vnd ſchmaͤhen: Clytemneſtra ward von jrem Mann Agamemnon iniurirt, derwe - gen beging ſie den Ehebruch / vnnd bewilligte in ſeinen Todt. Jener Rechtsgelehrter ſagt / daß die Ehefrawen erleucht vnd geziert ſollen werden durch die Stralen jhꝛer Maͤnner / daß auch der Mann der jenig ſein ſoll / der andern Maͤnnern ein Exempel gebe / wie ſie jre Frau - wen ehren ſollen. Thut ers / ſo bewegt er ſie dardurch / jhne zu ehꝛen / thut ers nicht / vnnd gibt er jhꝛ vrſach zu eyfern / ſo gewinnt ſie da - her ein vrſach jhne zu verhaſſen vnnd gleich - fals wider ſein Ehꝛ zu handlen / jnmaſſen ſol - ches die taͤgliche Exempel bezeugen vnnd zuer - kennen geben.
Nicht allein ſoll der Mann ſeinem Weib durch ſein vnzimblichs verhalten nicht vꝛſach zum eyfern geben / ſonder er ſelbſt ſoll auch nicht vnzeitig eyfern / zumaln wann ſie fromm / keuſch vnnd haͤußlich iſt / dann vil Weiber werden zu Huren / jhꝛen Maͤnnern zu trutz / ſeytemal ſie ſehen / daß jhꝛe Maͤnner jh -nen339Der Landtſtoͤrtzer.nen nicht trawen. Jſt ein Fraw von Natur fromm / keuſch vnnd haͤußlich / ſo ſoll jhꝛ der Mann kecklich trawen / vnnd auff ſie bawen: Jſt ſie aber etlicher maſſen frech / geſellig vnnd laͤppiſch / ſo hat er vrſach jhr auff die Eyſen zuſehen / vnd ſie muͤglichs fleiſſes vorm Fall zu verhuͤten. Begibts ſichs aber / daß er jhrenthalben inn ſorgen ſtehen muß / ſo ſoll er dannoch ſehꝛ fuͤr ſichtiglich procediren: der - gleichen paſſiones ſeind incommunicabi - les: ſo wol die bitterkeiten / als die ſuͤſſigkeiten deß Eheſtandts ſollen durch die Eheleuth in geheimb gehalten werden / die Narꝛen aber ſchwaͤtzen auß dem Beth: Mancher entdecket ſein Laidt / Noth vnnd Anligen einem guten Freund / derſelb aber lachet ſeiner / vnd gewiñt dardurch vrſach ſein Heylgleichfals an ſeines Freundts Weib zu verſuchen / vnnd jhme die Hoͤrner ſelbſt auffzuſetzen: dardurch wirdt er alsdann ein doppelter cornuto oder Hanrey. Die vnuerſchambtheit der Weiber wirdt biß - weilen durch den vnzeitigen Eyfer vnd vn - beſonnenes procediren der Maͤñer vermehꝛt vnd befuͤrdert. Sehꝛ ingeniosê vnd ſuhtilerY 2muß340Der Landtſtoͤrtzer.muß man mit dergleichen ſchwachen vnnd vnnothfeſten Frawen vmbgehen: Jſt ſie von Natur geyl vnnd vnkeuſch / ſo hilfft kein eyfe - ren / jhre Liſt vnnd verſchlagenheiten ſeind vn - endtlich vnnd vneiforſchlich: Pone ſeram, cohibe: ſed quis cuſtodiet ipſos Cuſto - des? cauta eſt & ab illis incipit vxor. Vil leichter iſt ein Wanne voller Floͤh zu huͤ - ten / denn ein liderliches Eheweib. Die raach welche bißweilen darwider fuͤr genom̃en wird / heylet vnſere Kinder nit allein nit / ſonder ver - wundet ſie vilmehr / nichts iſt den Eheleuten notwendiger / als eben ein beſcheidene Ge - dult / nicht allzeit iſts mit der Raach vnnd ge - ſtrengheit außgericht / mancher vermeint er woͤlle ſich vber ſein meineydiges Weib rechen vñ ſie zu ſchanden machen / aber ſich ſelbſt trift er vilmehꝛ / denn ſie: ob ſchon einer ein heim - licher cornuto oder Horntrager iſt / ſo iſt er doch darumb nit deſto ſchlimmer / dañ in ſol - chen faͤllen wirdt ein ehꝛlicher Mann mehꝛers beklagt / als veracht. Woferꝛn alle die jenige Maͤnner veracht / vnnd gleichſamb fuͤr vn - duͤchtig gehalten ſolten werden / welche Hoͤr -ner341Der Landtſtoͤrtzer.ner tragen / oder dern Weiber Huren ſeind / ſo wuͤrden bißweilen vil Rathsherꝛen auß dem Rath muͤſſen. Der Character der Horn - tragerey iſt vnaußloͤſchlich vnd mißlich / vnd ſetzet ſich eben ſo baldt vnnd leichtlich an die Stirn eines groſſen Herꝛn / als eines guten ſchlechten Burgers. Lucullus, Cæſar, Pompeius, Antonius, Cato, Marcus Au - relius, vnnd vilandere Keyſer vnnd Herꝛen / waren Hoꝛntrager / diſſimulirten aber / vnd machten nit vil weſens drauß: Allein Lepi - dus war der jenig Narꝛ / der ſich deßwegen zu todt kummerte. Es hatten die Roͤmer im ge - brauch / daß / wann ſie von einer Reiß wider - umb heimb kamen / jemande voran ſchickten / der jhꝛen Weibern die Zeitung brachte / damit dieſelbige nit etwann vnuerſehens bey andern Maͤnnern erwiſcht ſolten werden. So gar zu diſen zeiten regiert die eyferſucht nit ſo ſehꝛ / dann man findt Maͤnner / die haltens gleich - ſamb fuͤr ein Ehr / wann jhre Frawen durch andere cortiſirt vnnd hofirt werden: Etliche halten jhren Frawen ſonderbare Galanen, die jhnen auff warten vnnd dienen muͤſſen: dieY 3frequen -342Der Landtſtoͤꝛtzer.frequentia diſer accidentiæ lindert numehꝛ etlichen Eheleuthen den Schmertzen / vnnd es will auß der cornuterey ſchir ein gewonheit werden.
Ferꝛner veraͤndert vnnd verkehꝛet ſich der zelus oder der Eyfer bißweilen inn ein inuidiam vnnd Neydt / welcher hernacher ei - nen vnwillen / vnd ſehꝛ vil boͤſe conſequent - zen nach ſich zeucht: Ein ſolcher boͤſer eyfer regieret fuͤrnemblich vnder den Hofleuthen / ja Fuͤrſten vnnd Herꝛen ſelbſt / welche mit ein - ander / wegen der zu vilen Ehren oder macht competiren, vnnd jmmerdar mit einander æmuliren vnnd auff einander ſtechen. Vier ding verderbẽ einen Menſchẽ / nem̃lich nichts haben / wenig gewinnen / nichts ſparen vnnd vil verthun / aber das fuͤnffte verderbt die welt vnnd den Standt der Chriſtenheit / nemblich die æmulatio Magnatum: Der Menſch - liche reſpect vnnd il ragion di ſtato iſt das einige monſtrum vnnd vngehewer ſchaͤdliche Meerwunder / welches vns den meiſten ſchaden zugefuͤget / dann es ſeyen die Koͤnige ſo fromb / guͤtig / Gottsfoͤrchtig / an -daͤchtig343Der Landtſtoͤrtzer.daͤchtig / vnnd freundtlich gegen einander / wie ſie jmmer woͤllen / ſo eyferen ſie doch mit ein - ander wegen der Ehꝛ vnd macht / vnd ein jeder beſoꝛget ſich / es werde der ander vil zu herꝛlich vnd maͤchtig / wo derwegen ſie einander ver - hindern koͤnnen / ſo thun ſie es / wo nit offent - lich / doch heimblich / alles vnder dem ſchein deß ragion diſtato, welcher es alſo gleich - ſamb erfordert: Interim aber vnd inmittelſt bleibt der wahre Eyfer / die Glori / Religion vnnd Ehꝛ GOttes dahinden / vnd entgeliens bißweilen die Vnderthanen.
Noch einen andern Eyfer findt ich / wel - chen die Frommen brauchen im dienſt Got - tes / vnd von welchem geſchriben ſtehet: cum ſpiritu feruente ſeruite Domino, als wol - te der Apoſtel ſagen: Weil der HErꝛ euch mit einem ſo groſſen eyfer vnnd inbruͤnſtigkeit ge - ſucht vnd fuͤr euch gelitten hat / ſo iſt billich / dz jhꝛ jm mit einem groſſen eyfer vnd inbruͤnſtig - keit dienet / dann die Lawen ſpeiſet er auß ſei - nem Munde. Diſer Eyfer aber muß beglei - tet werden mit der ſo ſchoͤnen tugend der diſ - cretion vñ beſcheidenheit / welche vns vor dẽY 4Stri -344Der Landtſtoͤrtzer.Stricken / ſo zur rechten vnnd lincken Seyten ligen / bewahꝛen / vnd vns den rechten weg der vollkommenheit zeigen: Vil Leuth haben ei - nen guten Eyfer / vnnd vnderfahen ſich hoher vnd ſchwerer ding mit einer groſſen Lieb / aber es mengelt jhnen an der diſcretion. GOtt verhaſſet die Narꝛen / aber iſt ein gꝛoſſer freund der Weiſen / ſo jhm weißlich vnnd ordentlich dienen / das Lob beſtehet nit im werck / ſonder in dem modo, geſtallt vnnd manter / die man im wircken helt. Jm Hauſe deß Gerechten (ſpricht der weiſe Mann) iſt ein edler Schatz vnd Oel / aber ein Narꝛ verzehret es: Derwe - gen muß man den Weg deß HErꝛn fuͤrſich - tigklich vnnd mit groſſer diſcretion wande - ren / den ſinnlichheiten nit ſtatt thun / vnd dem Leib nit zu vil aufladen / damit man nit falle / ſambt der Buͤrd / dann GOtt will nicht / daß man den Leib verderbe / ſonder die Laſter zer - ſtoͤre. Ein Laſter vnd ſchand iſts / wann man Gott remiſsè vnd mit einer Kaltſinnigkeit / wie auch vnbeſcheidenlich dienet / aber ein diſ - cretion iſts / wann der Menſch ſich dermaſ - ſenin den dienſt GOttes ſchicket / daß durchſeine345Der Landtſtoͤrtzer.ſeine werck GOtt geehrt / er ſelbſt dardurch belohnt / vnnd der nechſt aufferbawet werde. Wer in ſeinen Geiſtlichen vbungen begert zu proficiren vnnd zu beharꝛen / der muß nit allein ſehen auff den anfang / ſonder auch aufs Endt / dann vilmals ſeindt die anfaͤng ſtreng vnnd ſcharpff / aber die endigen ſich in der re - laxation vnd kaltſinnigkeit. Wer heut ſo ſtarck lauffet / daß er morgen niderligt / vnnd auß muͤdigkeit nit fort kan / der fruchtet nichts im dienſt GOttes / ſonder confundiret ſich ſelbſt / vnnd verhindert den verdienſt. Heut nichts haben / aber morgen den vberfluß beſi - tzen / heiſt nit die Armut lieben / ſonder die be - gierlichheiten zieglen: Heut die notturfft ver - waigeren / morgen aber ſingularia vnnd ſon - derbare ding vnd Speiſen begeren / iſt ſolches kein abſtinentz, ſonder ein reitzung deß fraſ - ſes: Heut ſo vil leſen vnnd ſchreiben / daß der Kopffwehthumb drauß erfolget / heiſt ſolches die Seel nit ſpeiſen / ſonder zu andern wercken vntauglich vñ vnluſtig machen: Heut nichts reden / morgen aber vil vbriges ſchwetzen / iſt ſolches kein Eyfer / ſondern ein aͤrgernuß inY 5der346Der Landtſtoͤrtzer.der Religion: Es vermeinen etliche Geiſtli - che / daß ſie / wann ſie jhren Leib mit Faſten / haͤrinen Kleydern / wachen vnnd geißlen vbermeſſigklich kaſteyen / GOtt dem HErꝛn dardurch ein angenemmes Werck erweiſen / aber ſie jrꝛen ſich / dann ſolches iſt kein feruor vnd Eyfer deß Geiſtes / ſonder ein vnbeſchei - dener furor vnd vnſinnigkeit / dann dardurch werden ſie in kurtzer zeit dermaſſen ſchwach / daß ſie weder jhnen ſelbſt / noch andern nutz ſeind. Etliche kaſteyen den Leib vnmeſſiglich / vnnd geben doch kein achtung auff die Laſter der Seelen / das iſt aber ein zeichen der Hof - fart vnd eygnen willens. Was hilffts aber ei - nen Menſchen / daß er das haͤrine Kleydt auff ſeinem Leib traͤgt / woferꝛn er in ſeiner Seelen behelt den eygnen Willen / vnnd vnordent - lichen affect? GOTT will gleichwol / daß man das Fleiſch ſolle mortificiren vnnd ka - ſteyen / aber mit einer beſcheidenheit vnd maß / dann ob ſchon vnſer Leib vnſer Feindt iſt / ſo iſt er doch auch ein Jnſtrument der Seelen / derwegen ſoll man jhne dermaſſen maceri - ren, zaͤhmen vnnd erhungeren / damit er ſichwider347Der Landtſtoͤrtzer.wider den Geiſt nit aurflaine / vnnd doch dar - neben der Seelen diene inn jhꝛen Wercken. Nicht entſchuldige dich mit deiner hierunder habender guten intention, dann vil Leuth haben in der eyferigen mortificirung jh - res Leibs ein gutes intentt, aber nicht allein verdienen ſie dardurch die Glori nicht / ſon - der fahren auch zur Hoͤllen / derwegen ſchaw / daß dein intention gut / vnnd das Werck fuͤr ſich ſelbſt nit boͤß ſeye / dann wann das Werck den Gebotten Gottes nicht zu wider iſt / vnd allein von GOTTES wegen beſchicht / ſo wirdt er dardurch bedient / vnd der Menſch verdienet durch ſolchen ſeinen guten Eyfer den Himmel.
Beſchließlichen / wie aller vnbeſcheidener Eyfer ſchaͤdlich iſt / alſo iſt auch alle Lawig - keit vnnd kaltſinnigkeit im Dienſt GOTtes ſehr ſchaͤdlich / dann wer jhm in der lawigkeit vnnd hinlaͤſſigkeit dienet / der iſt gleich an de - me / daß er ſich allerdings von jhm abſondert durch die ſuͤnd. Keiner ſoll vermeinen / dz / weil er Gott dem HErꝛn vil Jahꝛlang auff etwañ einem Stifft oder in einer Religion gedienthat /348Der Landtſtoͤrtzer.hat / er billich andern juͤngern voꝛgezogen ſol - le werden / aber er gedencket nit / daß etliche / ſo erſt geſtern angefangen / jhne in dem jnbruͤn - ſtigen Eyſer vbertreffen: Vil beſſer iſt ein einiger Tag deß eyfrigen vnnd jnbruͤnſtigen dienſts / weder hundert deß lawen vnd hinlaͤſ - ſigen. Zu gleicher weiß wie die Kinder Jſra - els / ob ſchon ſie 38 Jahrlang in der Wuͤſte vmbzohen / vnd veꝛmeinten nah beym verſpꝛo - chenen Land zu ſeyn / doch letztlichen ſich noch ſehꝛ weit daruon befanden / alſo vermeinen et - liche / daß / weil ſie vor vilen Jahren auß der Egyptiſchen Finſternuß / das iſt / auß der welt geſchiden / vnd ſie verlaſſen haben / ſie darduꝛch deſto nahen der zu Gott vnd ſeiner Gori / vnd dem verheiſſenen Landt deß Paradeyſes ge - langet ſeyen / aber ſie ſeindt je noch weit dar - uon / ſeytemal ſie diſer Reiß mit keinem gebuͤr - lichen Eyfer / ſonder mit einem vnluſt vnnd hinlaͤſſigkeit (jnmaſſen die Jſraeliter in der Wuͤſte gethan) verꝛicht: Derwegen ſey ey - ferig im dienſt deß HErꝛen / vertreib von dir alle faulkeit vnnd kaltſinnigkeit / dann durch die eyferige jnbruͤnſtigkeit vnnd bemuͤhungwirdt349Der Landtſtoͤrtzer.wirdt erlangt die Ehr vnnd Goͤttliche frewd: GOtt iſt ein belohner aller eyferigen guten bemuͤhungen / arbeit vnd ſchmertzen / vnnd ein Cron der Heiligen.
Diſcurs von Muͤſſiggehern vnnd Arbeitern / wie auch von dem heiligen Muͤſſiggang.
DER Eylffte Gaſt redete alſo von vnderſchidlichen Muͤſſiggaͤngern: Wie der Vogel zum fliegen erſchaf - fen / alſo wirdt der Menſch geboren zur ar - beit: Die gantze vollkommenheit deß menſch - lichen Lebens / vnd der Schluͤſſel vnſers nutzes oder ſchadens beſtehet in deme / daß wir vnſere zeit wol / weißlich vnd Chriſtlich anlegen / dar - zu er mahnet vns der Apoſtel / ſprechendt: re - dimentes tempus quia dies mali ſunt. Darwider aber iſt der leidig Muͤſſiggang / welcher ein ſeminarium aller Laſter vnnd Boßheiten iſt / dann er machet den Verſtandt grob / verderbt das Gemuͤth / ſchwaͤchet deßMen -350Der Landtſtoͤrtzer.Menſchen fuͤrtreflichheit / machet jhne zu ei - nem Sclauen der geylheit vnd wolluͤſt / iſt ein begꝛaͤbnuß deß lebendigen Menſchen / vnd ein puluinar Sathanæ, ein Ohꝛkuͤß deß Teufels. Vnderſchidliche Muͤſſiggaͤnger findt man auff Erden: Die erſten ſeindt die Faullentzer / Stationirer vnnd Landtſtoͤrtzer / welche im muͤſſiggang vnnd bettel vmbziehen / vnnd den wahren Armen das Brot vorm Maul hin - weg ſchneiden / vnnd auff ſolche Muͤſſiggaͤn - ger gehoͤrt ein ernſtlichs einſehen vnnd exem - plariſche ſtraff.
Die andere art der Muͤſſiggaͤngern ſeindt die jenigen / ſo nur der welt dienen / zugleicher weiß wie wir die jenige junge Knaben oder Kinder fuͤr muͤſſige halten / welche nichts an - ders thun als ſpielen / auffm Stecken reiten / vnnd hin vnnd wider vmblauffen / alſo helt GOtt die jenige Menſchen fuͤr muͤſſige / welche jhꝛe edle zeit in Eytelkeiten verzehren / nur wolluſtigklich leben / freſſen / ſauffen / ſpie - len / auff Lauten ſchlagen / tantzen / ſchimpffen / ſchertzen / buliren / von der Lieb reden / die jhnen durch den Cupido zugefuͤgte Wunde bekla -gen /351Der Landtſtoͤrtzer.gen / jnmaſſen gemeingklich vnſere Statt - junckern vnnd Edelleuth thun / denen es aber vil loͤblicher vnnd beſſer anſtuͤnde / daß ſie die Reſpublicas mit rath vnnd that huͤlffen be - ſchuͤtzen vnnd befeſtigen / vnd alle jhre Guͤter / muͤhe vnd arbeit zu deß allgemeinen Vatter - landts heyl vnd wolfart verwendeten. Als Keyſer Galba erjnnert ward / daß er doch ſein zeit nit alſo im Muͤſſiggang vnnd vergeblich verzehꝛen ſolte / antwoꝛtet er vnnd ſprach: Ein jegklicher ſoll rechenſchafft geben wegen ſei - ner Werck / aber nicht wegen ſeiner kurtzweil. Er jrꝛte ſich aber dißfals / dann die Iuſtici mercket auch auff die wolluſtige Faulentzer / welche die Ordnung deß Lebens confundi - ren, verwirꝛen vnnd alles boͤſes ſtifften vnnd verurſachen / letztlichen aber in Armut ge - rathen: Dann der Muͤſſiggang tanquam mater nugarum & nouerca virtutum machet / daß ein muſſiger ſein Seel zu vnrei - nen Gedancken neꝛget / auß vnreinen Gedan - cken felt er in die erluſtigung / auß der erluſtig - ung in die Verwilligung / auß der Verwillig - ung in die Wuckung / auß der Wirckungin352Der Landtſtoͤrtzer.in die gewonheit / auß der gewonheit inn den habitum: auß dem habitu inn die Armut / die Armut aber machet verzweiflung: Die verzweiflung machet ein Kuͤnheit vnnd ver - meſſenheit / die vermeſſenheit aber betruͤbet vñ zerſtoͤret die Gemeinden / dannenhero vnnd weil ſo vil boͤſes auß diſem Muͤſſiggang ent - ſtehet / ſo koͤnte meines erachtens / je kein nutz - lichers Geſetz erdacht werden / als eben ein ſol - ches / dardurch der ſchaͤndtlich Muͤſſiggang bezwungen vnd vertilgt / die edle Muͤſſiggaͤn - ger vnd Faulentzer jhres Adels vnd edlen frey - heiten priuirt vnd ergetzt / hergegen die vned - le fleiſſige vnnd embſige Leuth geadelt / geehrt vnd befuͤrdert wuͤrden.
Noch ein andere art der Muͤſſiggaͤnger iſt verhanden / welche nemblich die ſtudia vnd vbungen der Tugenden verachten / das Heyl jhrer Seelen in Windt ſchlagen / allen jhren ſinn vnd gedancken nur auff die jrꝛdiſche Guͤ - ter ſetzen / die wahre vnnd vnſterbliche Reich - thumb verachten / in dem Muͤſſiggang vnnd wolluſten vergraben ligen / vnuerſehens aber drin ſterben vnd verderben / im wenigſten be -trach -353Der Landtſtoͤrtzer.trachtend / daß die Heiligen die Glori / die ſie im Himmel beſitzen / nit erlangt haben durch Muͤſſiggang / ſonder mit groſſer muͤh vnd ar - beit / daß auch das gantze Leben Chriſti nichts anders geweſt iſt / als arbeit vnd muͤhſeligkeit / allein von vnſers Heyls vnd Seligkeit wegen: aber wir armſelige mit ſo vilen Schlangen / fewrigen Pfeilen vnnd Feinden vmb gebene Menſchen / in vtramque aurem dormi - mus, ſchlafen ſicherlich / verfaulen im Muͤſ - ſiggang / erluſtigen vns in eytelkeiten / vñ ſeind dermaſſen faul vnnd hinlaͤſſig in Geiſtlichen vbungen / als waͤre es nunmehꝛ alles frid vnd ſicherheit / vnd als waͤre das Leben deß Men - ſchen auff Erden kein militia. Ein Narꝛ iſt der jenig / der ein Ruhe ſuchet allhie auf Er - den / dann er wirdt ſie nit finden. Der Muͤſ - ſiggang vnd die ruh iſt ein Kraut oder frucht / ſo allhie auff Erden waͤchſt / aber im Him - mel hat GOtt die Ruh fuͤrbereit / denen / wel - che in ſeinem Weingarten arbeiten / vnnd der Haußmeiſter CHriſti wirdt jhnen geben den Groſchen der Glori: Wie jener wilder vnnd vnfruchtbarer Feygenbaum abgehawen vndZins354Der Landtſtoͤrtzer.ins Fewr geworffen ward / alſo wirdt den vn - nutzen Faulentzern das Leben abgeſchnitten vnnd dem Hoͤlliſchen Fewer zu theil wer - den. Ob ſchon vnſere bemuͤhungen nicht wuͤrdig ſeindt das ewige Leben zu verdienen / ſo koͤnnen wirs doch nicht erlangen / woferꝛn wir vns nicht drumb bemuͤhen vnnd bearbei - ten. Vnangeſehen wir eygentlich wuͤſten / daß vns GOtt die Glory beſcheren wuͤrde / ſo muͤſſen wir / als getrewe Knechte CHriſti / vns doch drumb bemuͤhen / vnd alles das jenig thun / was wir ſchuldig ſeind / vnnd was wir thun koͤnnen / damit wir ſie nit verlieren / dann ſeind wir forchtſamb vnnd muͤſſig / ſo werden wir vertriben auß dem Reich CHriſti / jnmaſ - ſen jenen forchtſamen vnnd faulen Soldaten beſchehen / ſo mit dem Gedeon in Krieg zo - hen.
Nun moͤchte aber einer ſprechen: Weil du ſagſt / daß die bemuͤhungen vnnd wirckli - che Arbeit vnnd Werck ſo ſehr nothwendig ſeind zu erlangung der Glori deß Himmels / wie kombts dann / daß Chꝛiſtus zu der fleiſſi - gen / muͤhſamen vnnd arbeitenden Marthageſagt355Der Landtſtoͤrtzer.geſagt hat / daß Maria / welche nur ſtill vnnd muͤſſig ſaß / den beſten theil erwoͤhlt hatte? hier - auff aber gibe ich zur antwort / daß gleichwol vil Weitliche / die Religioſen vnnd Einſid - ler fuͤr muͤſſige Faulentzer vnnd vnnuͤtze Leuth halten / junmaſſen Martha die Mariam darfuͤr hielt / vnd vermeinte / daß jhre Vn - ruhe vnnd bemuͤhung beſſer waͤre / we - der die heilig Geiſtliche vbung Mariæ: Aber die Goͤttliche Gerechtigkeit erkennte diß - fals fuͤr die Mariam / vnnd zohe jhren Muͤſſiggang der Muͤhe vnnd Arbeit Mar - thæ vor: Ob ſchon die jenigen / ſo ſich im Gebett im leſen der heiligen Buͤcher / vnd im ſingen deß Ambts in der Kirchen vben / mit dẽ Leib ſtill ſitzen / ſo ſol man doch nit gedencken / daß ſie muͤſſig ſeyen / dann wie kan der jenige muͤſſig ſeyn / welcher ſich jm̃erdar mit GOtt bemuͤhet vnd negociret vnd niemalen aufhoͤ - ret zu meritiren vnd zuuerdienen? vm̃ wie vil mehꝛ ein Geiſtlicher alleinig iſt / vmb ſouil de - ſto mehꝛ iſt er begleit: Vnd wann er am aller muͤſſigſten iſt / als dann iſt er am aller beſten vñ mehꝛerſtẽ geſchaͤfftig / dañ ob ſchon MariaZ 2muͤſſig356Der Landtſtoͤrtzer.muͤſſig war / ſo war ſie doch beſſer geſchaͤfftig / weder Martha / dann ſie verwendete jhꝛen ver - ſtandt in der contemplation vnnd betrach - tung der Himmliſchen ding / vnnd jhr Hertz war entzuͤndt in der Lieb der ewigen Guͤter. Gut war die bemuͤhung Marthæ / aber beſ - ſer war die bemuͤhung Mariæ. Alle beyde be - muͤhungen / nemblich vita actiua & cõtem - platiua, ſeind gut vnnd notwendig in der H. Kirchen / ſie ſeind Schweſtern vnd freundin / vnd ob ſchon das beſchawliche Leben fuͤrtreff - licher iſt / ſo iſt doch keins wider dz ander / ſon - der ſie helffen einander wie zwo Schweſtern: Diſe alle beyde ding kan man zugleich vnd zu einerley zeit verꝛichten / die eine verhindert die andere nit / woferꝛn die leibliche vbung nit v - bermaͤſſig iſt. Die contemplatio fauori - ſiret der ehꝛlichen vbung deß wirckenden Le - bens / welches ſehꝛ duͤrꝛ vnnd verdrießlich iſt / woferꝛn es mit der oratione mentali nicht vermiſcht wirdt. Keiner kan ein contem - platiuus geneñt werden / der ſeinem naͤchſten nicht hilfft in der angſt vnnd noth: So gar iſt das wirckliche Leben bißweilen vil verdienſt -licher /357Der Landtſtoͤrtzer.licher / weder das beſchawliche / dann weil der verdienſt geſchetzt vnd gemeſſen wirdt mit der Lieb / mit dern ein werck geuͤbt wirdt / vnd einer ein wirckliches Werck mit einer vil groͤſſern Lieb wircken kan / weder einer / der ſchlechtlich bettet vnnd contempliret, ſo folgt / daß das wirckende Leben vil verdienſtlicher iſt / weder das beſchawliche / derwegen ſagte Paulus / dz er ein groſſes verlangen hatte von der ſuͤſſig - keit der contemplation abgeſondert zu wer - den / wegen deß Heyls ſeiner Bruͤder.
Das beſchawliche vñ wirckende leben ſeind die zween Fluͤgel / welche geben wurden jenem Weib / von dern der heilig Joannes ſagt / daß ſie in die Wuͤſte / das iſt / gen Himmel / geflo - gen / vnd jene heilige Thier / welche Ezechiel ſahe / hatten nicht allein Fluͤgel / mit denen ſie ſehꝛ hoch flogen / ſonder es waꝛ auch vnder den Fluͤgeln ein Hand wie eines Menſchen / dar - durch wirdt bedeut / daß das wirckende vnd dz beſchawliche Leben einander nit zu gegen / ſon - der vereinigte Schweſtern ſeyen / wie Martha vnd Maria. Daß aber die Handt vnder den Fluͤgeln ſtundt / bedeut / daß das wirckende Le -Z zben358Der Landtſtoͤrtzer.ben dem fliegen deß beſchawlichen helffe: Ni[cht]gnug iſts / daß man in den Einoͤden nur al - lein bette vñ contemplire / ſonder man muß auch den trawrigen troſtloſen vnd duͤrfftigen fauoriſiren vnd helffen / jnmaſſen Chriſtus gethan / welcher nit allein gantze Nachtlang auff den Bergen bettete / ſonder ſich auch in heilung der Krancken vnnd Preſthafften vb - te / vnd die Ignoranten vnderwile. Derwegẽ ſollen vns die herlige vbungen deß wirckenden Lebens nit ſchwer oder verdrießlich ſeyn / dañ ſie werden ſich terminiren / endigen oder ver - kehꝛt werdẽ in die contẽplation der goͤttlichẽ eſſentz vnd genieſſung der ewigen ſeligkeit.
Endlichen vnnd beſchließlichen leſen wir vom heiligen Alberto / daß er ſambt vnd ne - ben ſeinem beſchawlichen Leben auch ſich in nachfolgenden zehen wercken deß wirckenden Lebens geuͤbt / erſtlich in einer groſſen Demut / nach dem Exempel Abrahams / welcher zum Herꝛn ſagte: ſoll ich dann mit meinem HErꝛn reden / der ich nun ſtaub vnd aſchen bin? Am aͤndern in groſſer armut / nach dem Exempel deß H. Tauffers Ioannis / welcher von Ju -gend359Der Landtſtoͤrtzer.gend auf / ſein vaͤtterliches Erbgut verließ / vñ in der Wuͤſte armſeliglich gelebt. Drittens in groſſer Danckbarkeit vnnd ſtetter erjnne - rung dern von GOtt empfangenen Gnaden vnd Gutthaten / nach dem Exempel deß Pa - triarchen Jacobs / welcher zur Danckſagung einen Altar zu Betel auff gericht / vñ dardurch wuͤrdig woꝛden in derſelben Nacht him̃liſche viſiones zuſehen. Viertens in der meſſigkeit der affecten, vñ ſonderlich der Lieb / nach dem exempel Chꝛiſti / welcher auf die Goͤttliche im - preſen ſehendt ſich ſtellte / als kennte er ſein Mutter nicht / vnnd ſprach: quæ eſt ma - ter mea, & qui ſunt fratres mei? Zum fuͤnfften in der Reinigkeit deß Gemuͤts vnnd keuſchheit deß Leibs / nach dẽ exempel deß Pa - triarchen Joſephs / welcher den ſchnoͤdẽ gunſt ſeiner ehebrecheriſchen Frawen entflohen. Sechſtens im andaͤchtigen leſen vñ vbung in H. Schꝛifft / nach dem Exempel deß H. Petri. Zum ſibenden in der abſtinentz vnd maͤſſig - keit / nach dem Exempel deß H. Daniels / der ſich der Koͤniglichen ſpeiſen enthielt / vñ wuͤr - dig woꝛdẽ / Goͤttliche geheimnuſſen zuerklaͤrẽ. Z 4Zum360Der Landtſtoͤrtzer.Zum achten / in rauhen vnd groben Kleidern / jnmaſſen Elias gethan vnd wuͤrdig worden / in einem fewrigen Wagen verzuckt zu wer - den. Neundtens in dem ſilentio vnd ſtill - ſchweigen nach dem Exempel Jeremiæ / wel - cher geſagt: ſedebit ſolitarius & tacebit, vnd dardurch einen ſehꝛ hohen vnd erleuchten verſtandt vberkommen. Beſchließlichen in dem willigen gehoꝛſamb / nach dem Exempel Mariæ / welche geſagt: Ecce ancilla Domi - ni, vnd dardurch wuͤrdig worden ein Mutter Gottes zu werden.
Diſcurs durch was Mittel der Himmel erlangt werde.
DEr zwoͤlfft Gaſt redete von den mit - teln den Himmel zu erlangen / vnnd ſprach: Das aller fuͤrnembſte zweck / darnach wir zihlen ſollen / iſt die Himmliſche Glori vnd Seligkeit / die mittel aber dahin zu gelangen / ſeind die gute Werck / wer mit Chꝛi - ſto im Himmel begehꝛt zu regieren / der mußallhie361Der Landtſtoͤrtzer.allhie Chꝛiſtliche Werck thun / derwegen wa - ren jene fuͤnff Jungkfrawen naͤrꝛiſch / welche kein Oel der guten werck / noch kein Fewer der Lieb hatten / vñ doch an der Thuͤr deß Him̃els anklopfften / vnnd in die Glori gehen wolten: Wie die fluͤgel den vogel in die hoͤhe erheben / alſo ſeind die guten Werck Fluͤgel / mit denen man gen Himmel fliegen muß / vnd diſe Fluͤ - gel muͤſſen wir beraiten / ehe vnnd beuor man in die Glori gehet. Vil Leuth contentiren vñ beſchlagen ſich mit dem bloſſen Glauben / aber ſie gedencken nit / daß der bloſſen Glaub / ohne die Lieb / todt iſt / vnd ohne die gute werck wenig hilfft. Was hilffts / daß du den Schluͤſ - ſel im Sack haſt / wann du mit jhm nit kanſt auffſperꝛen? Das endt deß Glaubens iſt / daß er vnſer Leben regulire, damit wir zu der be - ſitzung der Glori gelangen moͤgen / vnnd er zeigt vns etlicher maſſen den weg darzu / aber die gute Werck fuͤhren vns hinein. Ein groß gefallen hat GOtt am Glauben / wann er be - gleit wirdt mit guten Wercken. Nicht allein iſt der Glaub zur Seligkeit nit gnugſam̃ / ſon - der er iſt vns auch villeicht ſchaͤdlich / woferꝛnZ 5er362Der Landeſtoͤrtzer.er nit mantenirt vnd vnderhalten wirdt mit guten Wercken. Ob wol Hymenæus vnnd Alexander den Glauben hatten / jedoch weil ſie das gute Gewiſſen von ſich trieben / ſo ha - ben ſie jm Glauben den Schiffbruch gelit - ten. Zu gleicher weiß wie einer / der in einen tieffen Bach fellt / erſauffen muß / wofern er ſich mit den Haͤnden vnnd Fuͤſſen nit weh - ret / ſchwimmet vnd ſich bemuͤhet / alſo muß der jenig im tieffen Meer der Hoͤllen erſauf - fen / welcher ſich auff den bloſſen todien Glauben ohne Lieb verlaͤſt. Die Lieb iſt das Leben deß Glaubens / ohne dieſelbe iſt er todt / aber die gute Werck ſeind ein zei - chen / das die Lieb verhanden iſt / vnnd daß inwendig in der Seelen ein leben diger Glaub ſtecket.
Der H. Koͤnig Dauid fragte ſich ſelbſt vnnd ſprach: Wer wirdt ſteigen auff den Berg deß HErꝛn? Antwort: Der vnſchul - dige Haͤnd hat / vnd eines reinen Hertzens iſt: Als wolte er ſagen: Vermittelſt der guten Werck vnd reinen gewiſſens wirdt erlangt die Himmliſche Glori: Die Werck muͤſſen ſichverglei -363Der Landtſtoͤrtzer.vergleichen mit vnſer gethanen Chriſtlichen profeſſion. Als Iehu Koͤnig in Jſrael dem Ionadab einem Soldaten begegnete / fragte er jhne vnd ſprach: iſt dein Hertz richtig mit meinem Hertzen? Ionadab antwortet / ja: Da ſprach der Koͤnig: Jſts alſo / ſo gib mir dein Handt / vnd er gab jhm ſein Hand / vnnd er ließ jhne zu jhm auff denn Wagen ſitzen: Eben auff diſen ſchlag fragt auch GOtt dich / ob du an jhn glaubeſt / vnnd dein ver - trawen auff jhne geſetzt haſt? Vnnd wann du / wie ein Chriſt / antworteſt: ja: Als dann ſpricht er geſchwindt: Jſts alſo / ſo gib mir dein Handt / vnnd laß ſehen / ob deine Werck gleichfoͤrmig ſeyen deiner Chriſtlichen pro - feſſion: Wie nun der Koͤnig Iehu den Io - nadab mit der Handt auffm Wagen zohe / al - ſo wirdt der Him̃liſch Koͤnig dich mit deinen begangenen guten wercken auf den triumph wagen ſeiner Gloꝛi ſetzen / vnd dieſelbige wer - den dich erheben vnnd gen Himmel fuͤh - ren. Obſchon aber die Gloꝛi ertheilt wirdt durch die prædeſtination / ſo werden doch die prædeſtinirten ſie nit erlangen ohnejhre364Der Landtſtoͤrtzer.jhꝛe gute werck. Es wirdt gleichwol der Herꝛ am juͤngſten Tag zu den Gerechten ſpꝛechen: Kommet jhꝛ Gebenedeyten / vnnd beſitzet das Reich / welches euch fuͤrbereit iſt von Ewigkeit hero: Damit aber man wiſſen ſolle / daß die Glori nit erlangt werde ohne gute Werck / ſo ſetzet er alsbaldt hinzu diſe Wort: Jch bin hungerig geweſt / vnnd jhr habt mich geſpei - ſet / ꝛc. Zu einem andern ſagte der HErꝛ: wilſt du eingehen ins ewige Leben / ſo halte meine Gebott Gott will dir die Glori nicht geben ohne dich / vnnd du kanſt ſie nit erlangen ohne jhne. Er will / daß wir vnſers theils das jenig darbey thun ſollen / was wir koͤnnen? Er wills nit alles allein thun / ſonder du ſolleſt auch et - was thun / darmit du den Himmel verdieneſt. Vnſere Werck ſeind gleichwol nit gnugſam̃ die Glori zu verdienen / aber ſie verdienen ſie mit der huͤlff der Goͤttlichen Gnad: Wir ſeind vnnuͤtze Knechte / aber durch huͤlff ſei - ner Gnad werden wir nutzliche Knecht. Wie das Epheu gleichwol ein veraͤchtlichs Kraut iſt / aber wann es an einem ſtarcken Baum an - leinet / biß in alle hoͤhe waͤchſt / alſo ſeind vnſereWerck365Der Landtſtoͤrtzer.Werck von Natur ſchwach vnd veraͤchtlich / aber wann ſie an dem HErꝛn Chriſto lainen / vnnd ſich mit ſeinen verdienſten vereinigen / alsdann ſeind ſie ſehꝛ werth vnd koͤſtlich. Die Gnad Chriſti iſts / welche vnſere Werck ver - dienſtlich machet / aber diſe Gnad gibt GOtt nit einem jeglichen / ſonder nur denen / ſo ſich darzu diſponiren, bequemen vnnd ſein em - pfangene Gnad wol brauchen. Alles wirdt mehꝛers der Gnad zugeſchriben / als den wer - cken / aber die Gnad gibt den verdienſt nit oh - ne vnſere Werck: Applicire du deinen wil - len / vnnd gebrauche deinen freyen Willen recht vnd wol / ſo wirſtu den Himmel verdie - nen mit deinen guten Wercken. Zu gleicher weiß wie es in einem Schiff / welches mit gu - tem Windt ſegelt / das anſehen hat / als thu der hinden beym Ruder ſitzender Pilot nichts dar - zu / aber ob ſchon er ſich wenig bemuͤhet / ſo thut er doch vil / in deme er das Sail deß Se - gels helt / dann wann er daſſelbe loß lieſſe ſo wuͤrde alles zu grundt gehen. Eben ein ſolche meinung hats mit dem Menſchen / welcher vom heiligen Geiſt / vnd von der Gnad Got -tes366Der Landtſtoͤrtzer.les regiert wirdt / dann obs ſchon das anſehen hat / als thu er nichts / ſo thut er doch vil / in deme er ſeinen freyen Willen zu der Goͤttli - chen Gnad hergibt / vnnd das Segel deß gu - ten Willens nach dem Windt deß heiligen Geiſtes ſchwinget: Alſo / daß der freye Will ſampt der Gnad wircket: Vnnd wann der - wegen GOtt hilfft / vnnd wir ſelbſt vns be - muͤhen / ſo gelangen wir zum Port deß Him - mels mit den verdienſten vnſerer guten werck. Regnum cœlorum vim patitur, vnd nur die jenigen eroberen den Himmel / welche ſich ſelbſt vberwinden vnnd bemuͤhen: ohne muͤh gelanget man nicht zu der verlangten Selig - keit. Ob ſchon aber wir vns etwas bemuͤ - hen / ſo werden wir doch finden einen groſ - ſen Troſt / dann was iſt alle bemuͤhung diſes Lebens / wann ſie gehalten vñ verglichen wird gegen der Ruh der ewigen Frewd? Wann ein Herꝛ einen Diener hette / der jhm ein groſ - ſe reuerentz vnd vil beſo las manos mach - te / vnnd jhne ſehr lobte / aber ſeinem Befelch im wenigſten nicht nachkaͤme / ſo wuͤrde er jhne / ohne zweyfel / auß dem Hauſe jagen:Aber367Der Landtſtoͤrtzer.Aber wir Menſchen woͤllen / daß GOTT vns vbertrage / gedulde / vnnd nicht auß ſei - ner Glori jage / vnangeſehen wir nur einen todten Glauben haben / vnnd nur laͤre Wort im Mundt fuͤhren / auch nichts thun / was er vns befilcht: GOTT erfordert die werck von dem jenigen / der jhm dienet: Wann vn - ſere Haͤnd vnſchuldig vnnd vnſere Werck gut ſein werden / alsdann werden ſie vns auff den hohen Berg deß HERREN fuͤhꝛen / daſelbſt werden wir jhne transfigurirt vnnd verklaͤrt ſehen / vnnd ſeiner ſambt den Apoſteln genieſ - ſen ewigklich.
Beſchließlichen gehoͤrt zu erlangung der Glory die perſeuerantz, dann es ſtehet ge - ſchriben: Niemandt / der ſein Handt am Pflug ſchlegt vnnd zu ruck ſihet / iſt geſchickt zum Reich Gottes: Dann die Gerechten be - gehren jmmerdar zu proficiren, vnnd ſie bemuͤhen ſich fort zu gehen. Nicht ſagt der HErꝛ / daß er dir Roſen vnnd Blumen in die Handt gibt / ſondern den Pflug / dann das Leben eines Chriſten ſeind nicht frewd /kurtz -368Der Landtſtoͤrtzer.kurtzweil vnd wolluͤſt / ſonder muͤhe / ſchweiß vnd arbeit / derwegen ſolleſtu nit zu ruck ſehen / vñ dich bemuͤhen fort zugehen / biß du den ver - langten Port erꝛeicheſt. Zu gleicher weiß wie jene Kuͤh / welche die Arch deß Herꝛn zogen / nit ſtill ſtunden / vnnd weder zur lincken noch zur rechten Hand von der Straß wichen / ſonder jmmerdar fort gen Bethſames gingen / vn - angeſehen jhꝛe junge Kaͤlber jhnen ſtarck nach - ſchryen / alſo weil wir mit dem joch deß Herꝛn vereinigt ſeind / vnnd ſeine heilige Geſetz auff vnſern Achßeln tragen / auch den rechten weg der Tugenden wandern / ſo muͤſſen wir allzeit fortgehen: Ob ſchon deine ſuͤndliche appeti - ten, wie deine natuͤrliche Kinder dir nach - ſchreyen vnd dich bitten / daß du widerumb in die Welt kehꝛen ſolleſt / ſo ſoll doch die Tugent die natuͤrliche Lieb vber winden / vnnd du / wie ein tauber vnd ſtummer ſchweig ſtill / beharꝛe deinen angefangenen weg / vnnd gib der Welt vñ dem Fleiſch kein antwort / biß du gen Beth - ſames ins Hauß der Sonnen gelangeſt / all - da du ſehen wuͤrdeſt das ewige Liecht / vnd die vnendliche Klarheit Gott ſelbſt.
Guſman ſelbſt vnnd fuͤr ſich ſelbſt diſcurriret von dem nutz vnnd noth - wendigkeit der edlen Thorheit.
JCH Guſman war der dreyzehendt Tiſchgenoß / aber doch nur ein Auff - warter: Als ſie alleſambt auß diſcur - riret vnd mit jhꝛer Red hin vnd wider geloffen waren / winckte mir mein Herꝛ Cardinal mit den Augen / vnd ſprach: Guſman / ich weiß / daß du vil hin vnd wider gewandert / wol ſtu - diert / vnd nicht wenig geſehen / gehoͤrt vnd er - fahꝛen haſt / derwegen ſage vns auch etwas: Jch antwoꝛtet vnd ſprach: Gnedigſter Herꝛ / ich bin ſeicht gelehꝛt / vñ kan von hohen wich - tigen vnd weiſen ſachen / wie diſe Herꝛn Tiſch - genoſſen / gethan / nit vil reden / derwegen wil ich E. G. zu vnderthenigem gehoꝛſamb etwz diſcurriren vnd von der edlen Thorheit vnd Narꝛheit reden / wie ein Thor vnd Narꝛ / vnd wie ein Blinder von den Farben: Werde ichA aaber370Der Landtſtoͤrtzer.aber etwann jemande treffen / ſo hab er mirs nicht fuͤr vbei. Mein Herꝛ vertroͤſtete mich / dz man mir im wenigſten nichts fuͤr vbel auff - nemmen wuͤrde / vnnd ſagte / daß ich nur kecklich reden vnnd nichts verſchonen ſol - te. Deſſen lachte ich / erwiſchte aber zuuor ein gutes Glaͤſel mit Wein / trancks mit luſt auß / fing an zu reden vnnd ſprach: Die Poeten (denen billich geglaubt wirdt / dann ſie haben mit der torheit jedes mal vil zuſchaf - fen gehabt) bezeugen / daß Pluto ein GOtt der reichthumben / ein Vatter vnd die Iuuen - tus der Jugend / ein Mutter der Thoꝛheit ge - weſt / welche in den Inſulis fortunatis, allda kein Kranckheit noch Alter regirt / ſonder man allzeit friſch vnnd geſundt lebt / geboren wor - den / vnnd baldt nach jhrer Geburt angefan - gen zu lachen / vnnd ſich mit der Fraw Venus vnnd dem Baccho erluſtiget. O gluͤckſelige vnnd notwendige Geburt: die weiſe vnnd ge - lehꝛte Maͤnner moͤgen gleichwol von jr ſagen was ſie woͤllen / ſo iſt doch gewiß / daß woferꝛn anderſt ſie begeren Vaͤtter zuwerden vnd das Gebott Gottes: creſcite & multiplicami -ni:371Der Landtſtoͤrtzer.ni: zu voll ziehen / ſie jhꝛe grauitet, ſtudia vnd weiß heit hin dan ſetzẽ / die toꝛheit vmbfahen vñ mit den weibern ſchertzẽ muͤſſen / dañ ſie iſt der brunquel / auß welchem die weiſe Philoſophi, die ernſthafftige Juriſten / die andaͤchtige reli - gioſen, die ehꝛwuͤrdige Prælaten / die groß - maͤchtige Herꝛen / Fuͤrſtẽ / Koͤnig / Keyſer / vnd aller heiligſte Baͤpſt entſpringen / dañ woferꝛn die torheit vñ der will deß Menſchen nit zuſa - men ſtim̃eten vñ eins waͤren / ſo wuͤrden wenig Menſchẽ erzeugt vñ geboꝛen werdẽ. Die wei - ber / welche den groſſen ſchmertzẽ / muͤhſeligkeit vnd die gefahr deß gebehꝛens einmal verſucht haben / wurden ſich gewißlich nicht widerum̃ zu den Maͤnnern legen / woferꝛn ſie nicht biß - weilen naͤrꝛiſch vnd ſchier wuͤtig waͤren.
Die nutzbarkeit der thoꝛheit iſt der maſſen groß / daß ohne ſie / vnſer Lebẽ gewißlich nichts anders / als ein pur lautere armſeligkeit ſein wuͤrde / dañ dz die junge kindlein ſo ſehꝛ geliebt vnd gezaͤrtelt / ja ſo gar von den wilden Thie - ren verſchont vnd bißweilen ernehrt werden / daran iſt gewißlich nichts anders ſchuldig / als eben jhre Vnſchuldt vnnd Einfalt / dannA a 2die372Der Landtſtoͤrtzer.die Thoꝛheit nimbt ſie jederzeit inn jhꝛen Schutz / vnd beſchert jhnen die gnad / daß alle jhꝛe Woꝛt vnd Werck lieblich vnnd annemb - lich ſeind.
Auff diſe Kindtheit folgt die bluͤhende ju - gendt der adoleſcentiæ, welche der Fruͤling vnſers Lebens iſt / vnnd von der Thoꝛheit ſehꝛ fauoriſirt wirdt / dann man helt darfuͤr / daß der Menſch einmal in ſeinem Lebẽ muͤſſe naͤr - riſch ſein / entweder in der Jugent oder im Al - ter: Wer es derwegen in der Jugendt nit ver - richtet / oder ſich naͤrꝛiſch ſtellt / dolliſiret vnnd raſet / der muß es in ſeinem Alter verꝛichten / vnd eben diſes iſt ein vrſach / daß die Hollaͤn - der jhꝛe Toͤchter keinem jungen Geſellen ge - ben / der nit allbereit in ſeiner Jugend außge - narꝛet / dolliſirt oder geraſet hat. Dann ſie ver - meinen / daß / woferꝛn einer in der Jugendt nit außgenarꝛet hat / er erſt im Alter die Narꝛen - ſchuch anlegen vnd dolliſiren muͤſſe.
Nit allein die Kindtheit vnd die Jugendt wirdt von der Thorheit fauoriſirt, ſonder auch das Alter / dann ſie machet die Alten wi - derumb jung / vnd verkehꝛet ſie gleichſamb inKinder /373Der Landtſtoͤrtzer.Kinder / in deme nemblich ſie jhꝛe Kuͤnſt / ſci - entzen, ſchwere vnnd wichtige geſchaͤfft hin - dan ſetzen / ſich zu der Lieb vnnd Bulerey bege - ben / jhꝛe Haar faͤrben / voꝛn an der Stirn ho - he Zoͤpff tragen / damit ſie nit fuͤr Kaalkoͤpff gehalten werden / taͤglich jhꝛe Baͤrth rodi - ren, jhꝛe Kleydeꝛ parfumiren vnnd mit Bi - ſem vnd Amber beſtreichen / Kupler beſtellen / Buelbrieffel dichten / ſchꝛeiben vnnd außſchi - cken / ſich mit ſehꝛ jungen armen / aber ſchoͤ - nen vnd holdſeligen Maͤgdlein verheureten / mit denſelbigen jhꝛ Gut mit ſpielen vnd ſcher - tzen verzehꝛen / jmmerdar von der Lieb vnnd naͤrꝛiſchen dingen reden / vnnd ſich dermaſſen naͤrꝛiſch ſtellen / als kaͤmen ſie erſt in die Welt / oder als waͤren ſie niemaln inn der Welt ge - weſt: Vnnd auß diſer gleichheit der Natur erfolgt / daß die Alten die Kinder ſo ſehꝛ lieben / vnd ſambi jhnen auff Stecken reiten / oder mit jhnen ſpilen / hergegen daß die Kinder ſich ſo ſehꝛ mit den Alten frewen / vnd gern bey jhnen ſeindt.
Ferꝛner erſcheint die nutzbarkeit der Thoꝛ - heit auß deme / daß / woferꝛn die Menſchen dieA a 3weiß -374Der Landtſtoͤrtzer.weißheit allerdings fahren lieſſen / vnnd ſich nur der Thorheit befliſſen / ſie gewißlich kein einige Kummernuß noch Muͤhſeligkeit em - pfinden / ſonder allzeit ruͤhwig vnnd gluͤck - ſeligklich leben wuͤrden / dann die taͤgliche Erfahrung gibt zu erkennen / daß die weiſe hochgelehrte / grauitetiſche / ernſthafftige Maͤnner / welche nichts anders thun / als ſtu - diren / jhꝛen ſcientiis obligen / vnd Landt vnd Leuth regiren / gemeinglich bleich / mager vnd kranck ſeind / vnd gar bald alt werden / dann ſie haben weder Tag noch Nacht kein ruhe / ſon - der muͤſſen arbeiten mit dem Leib vñ mit dem Gemuͤth vnd Geiſt / der wirdt dardurch ge - ſchwaͤcht vnd das Leben verkuͤrtzt / im gegen - ſinn aber ſehen wir / daß die Jdioten / vngelehꝛ - ten vnd vnuerſtaͤndige gꝛobe vnd vngeſchickte Toͤlpel vñ Knoͤpff / welche ſich nur auff jhꝛen Landtguͤtern oder anheimbs finden laſſen / vñ ſich vmb nichts annem̃en noch vmb das heyl deß Vatterlandts kummern / gemeinlich faiſt / ſchoͤn / roth / ſtarck vnd geſundt ſeyen vnd lang leben. Diſes haben etliche anſehenliche Staͤtt inn Jtalia vnnd anderſto wol gewuͤſtvnd375Der Landtſtoͤrtzer.vnd betracht / vnd derwegen durch ein offent - liches decret oder mandat, etlich gelehꝛte vñ weiſe patritios, Geſchlechter oder Edelleut / keiner andern vrſachen halben hinauß vnnd weg geſchafft / als weil dieſelbigen wol ſtu - dirt hatten / vnnd jhꝛen verſtandt in vilen din - gen erzeigten / jnmaſſen die Saneſer gethan / vnnd derwegen fuͤr offentliche pur lautere Narꝛen gehalten werden. Die Bologneſer werden gleichwol fuͤr weiſe / gelehꝛte vnnd ge - ſcheide Herꝛen gehalten / aber alle jhre be - ſte vnnd gelehꝛteſte Buͤcher ſchmiden ſie auff jhrer Bibliothec an eyſenen Ketten / herge - gen laſſen ſie die Narꝛen vnnd jhre naͤrꝛiſche Geſchlechter vnnd Burgerskinder ledig / vnnd wolluſtig vmbziehen / vnnd in Rath ſitzen: O wie vil Narꝛen vnnd Fantaſten findt man zu Florentz, Modina, Par - ma vnnd Meylandt / vnder den Burgers - kindern / welche keiner andern vrſachen hal - ben etwas rechtſinniges ſtudiren / noch auch doctoriren / als weil ſie ſich deß Doctorals / aber nicht der Thorheit vnnd vnwiſſenheit ſchaͤmẽ / vñ nit deſto weniger im Rath andernA a 4gelehꝛ -376Der Landtſtoͤrtzer.gelehꝛten vnnd weiſen Maͤnnern voꝛgezogen werden woͤllen: Vil andere Staͤtt vnd Voͤl - cker koͤndte ich benennen / welche die Thoꝛheit in jhꝛer protection, ſchutz vnnd ſchirm nem - men / vnd ſie gleichſam̃ fuͤr ein grandeza vnd hochheit halten / wegen der confluenz, zu - lauff vnnd menge deß Volcks / ſo jhꝛ nachfol - gen.
Weil auch die Goͤttliche fuͤrſehung ſahe / daß der Menſch erſchaffen war darumb / daß er die andere Thier beherꝛſchen vnnd den gantzen vniuerſum regiren ſolte / vnd daß er zu ſolchem end ein groſſe weißheit haben vnd benebens vil ſorg vnd muͤhſeligkeiten außſte - hen muͤſte / ſo hat ſie jhne mit einer ewigen vnd vnzertrennlichen Geſellſchafft verſehen vnd jhm ein Weibsbildt zu ordnen woͤllen / auff daß ſie jme ſeine ſchwere ſorgfaͤltigkeiten lin - dern / vnd einen luſt vnnd frewd machen ſolte / dann das Weib iſt ein ſolche naͤrꝛiſche vnnd werckliche Creatur / daß Plato zweifelt / ob ſie vnder den verſtaͤndlichen oder vnuerſtaͤnd - lichen Thieren gezehlt vnd gerechnet werden ſolle. Eben diſer meinung ſeind auch die Tuͤr -cken /377Der Landtſtoͤrtzer.cken / welche nicht bewilligen / daß die Weiber weder in burgerlichen noch malefitz Haͤndlen zeugnuß geben. Sie ſagen auch / dz die Seelen der Weiber nicht / wie die Seelen der Maͤñer / vnſterblich / ſonder den Seelen dern andern wilden Thieren vnd beſtien gleich ſeyen: der - wegen hat die Goͤttliche Thoꝛheit ein groſſes gefallen an diſem Weiber Geſchlecht. Man findt etliche vnder jhnen / welche ſich vnder - ſtehen / jhꝛer natuͤrlichen Thorheit zu renun - ciren vnd abzuſagen / vnd woͤllen gelehꝛt / wei - ſe vnd dermaſſen fuͤrſichtig vnd geſcheid ſein / daß ſie an ſtatt deß nehens / ſpinnens / haß - pelns / vnd anderer weiblicher Arbeit / ſich vm̃ das Regiment der Landen vnnd Leuthen an - nemmen / oder ſich mit der Philoſophia oder Theologia, oder Aſtrologia bekuͤmmeren / vnnd / ſamb waͤren ſie newe Ariſtoteles oder fuͤrtreffliche Philoſophi vnd Theologi, ar - gumentiren, ja predigen / lehꝛen vnd vnder - weiſen. Etliche andere woͤllen Muſiciſtæ ſeyn / ſchlagen auff Jnſtrumenten / Harpffen vnd Lauten / vnd ſingen drein. Etliche andere verlieben ſich dermaſſen ins tantzen / daß ſieA a 5ſchier378Der Landtſtoͤrtzer.ſchier nichts and’s thun / als wie die Geißdoͤck / hin vnd wider / auff vñ nider hupffen / ſpringen vnd allerhand paſſames vñ Galiart tantzen. Etliche andere befleiſſe ſich nur ſchoͤn zu ſein / vnd andern liderlichen Leuten beſſer vnd mehꝛ zu gefallen / als Gott vnd jhꝛen Maͤnnern / vñ zu ſolchem end brauchẽ ſie tauſenterley kuͤnſt / geheimnuſſen vnd mittel. Jch wil gleichwol nichts ſagen von den zauberiſchen / ſchwartzen vnd andern aberglaubiſchen teufliſchẽ Kuͤnſtẽ / mit denen ſie die Maͤñer bißweiln bethoͤꝛẽ / ra - ſent vnd vnſinnig machen / vnd zu zeiten vmb jhꝛ Leben bringen / ſondern ich rede nur allein von jhꝛem habitu, Kleidern vnd Geſchmuck.
Dann wer jhꝛe Fuͤß betrachtet / der ſihet ſo hohe Bandtoffel odeꝛ Schuch / daß ſie alleinig drauff nit gehen koͤnnen / ſonder einen haben muͤſſen / der ſie an der Handt fuͤhꝛe vnnd auff - halte / damit ſie nit fallen: Was ſoll ich auch ſagen von andern ſchoͤnen / zarten / ſchnee - weiſſen / oder ſammetenen mit Perlin geſtiek - ten vnnd koͤſtlich gezierten Schuchen vnnd Bandtofflen / mit denen ſie herein prangen vnd den Zelt gehen?
Wer379Der Landtſtoͤrtzer.Wer jhꝛen Kopff betrachtet / der ſihet den - ſelben geziert nit mit jhꝛen eygnen keſtenbrau - nen oder kohlſchwartzẽ / ſonder mit fremd dem entlehentem Haar / mit guldinen vnd geſtrick - ten Hauben / mit hohen ſpitzigen Huͤten / gul - dinen Schnuͤren / koͤſtlichen Roſen vnd Me - dalten: Was ſoll ich ſagen von den hohen vnd groſſen Bockshoͤrnern / die ſie oben auff der Stirn tragen / zum zeichen der Hoͤrner / die ſie bißweilen jhꝛen Maͤnnern auffſetzen? Etliche tragen koͤſtliche Perlein vnnd Kleinodien an den Ohrlaͤplein: Etliche binden vnnd hefften ſie an die Haar / dieſelbige krollen vnnd krau - ſen ſie mit gluͤenden Eyſen zieren vnd ſchmu - cken es mit Queckſilber oder Goldt / oder mit ſchoͤnen Kraͤntzen. Das beſtreichen vnd auß - rupffen der Haaren an der Stirn vñ Augen - braͤm iſt jhꝛ ordinarium. Jhꝛ Angeſicht vnd jhꝛe Wangen roth zu machen / kan ſie kein Mahler vbertreffen.
Wer jhꝛen Halß vnd Bruſt betrachtet / der moͤchte ſchier ohnmaͤchtig werden / dann ob ſchon der vbrige theil jhꝛes Leibs braun / gelb / blaw oder ſchwartz iſt / ſo muß doch der Halßvnd380Der Landtſtoͤrtzer.vnd die Bruͤſt ſchneeweiß vnnd mit ſchoͤnen Halßbaͤndern / guldenen Ketten / Kleinodien vnnd zarten Netzlein geziert vnnd vberzogen ſein.
Beſchawet man den Leib / ſo ſihet man den - ſelben bedeckt mit allerhandt ſo vilen vnder - ſchidlichen koͤſtlichen Kleidern / daß es nit auß - zuſpꝛechen / vnnd ſolches alles thun ſie nicht auß andacht / ſonder auß Geylheit vnd Thoꝛ - heit / vnnd zu erluſtigung der Maͤnner: Alſo / daß wir alle diſe frewd vñ wolluſt / die wir von den Weibern haben / der Thorheit zuſchrei - ben / vnnd bekennen muͤſſen / daß wir ſie durch ſie empfahen.
Vber diß alles thut auch die Thorheit in den Pancketen vnd Gaſtereyen das beſte / dañ erſtlich ladet vnd beruffet man auch inſonder - heit die Weiber zu den Gaſtereyen / damit ſie den Tiſch mit jrer gegenwertigkeit / lieblichen anblick vnd Thoꝛheit zieren / vnd die Maͤnner mit jhꝛen hoͤflichen vnd zierlichen reden erlu - ſtigen.
So herꝛſchet vnd regiret auch die Thoꝛheit ſehꝛ maͤchtigklich bey den Heureten / vereheli -chungen381Der Landtſtoͤrtzer.chungen vnd Hochzeiten / dann voꝛ zeiten be - willigte man / daß die Jungkfrawen jhren zukuͤnfftigen oder vermeinten Braͤutigam Mutter nackent eygentlich vnd wol beſchaw - en moͤchten / hergegen ward den Juͤnglingen erlaubt / den obern theil deß nackenden Leibs jhꝛer Braͤut fleiſſig vnd eygentlich zu beſehen / damit ſie alſo nit vrſach hetten / einander ins kuͤnfftig / nach der Hochzeit / die alsdann ver - ſpuͤrte / vnnd zuuor nicht gewuͤſte maͤngel zu verheben vnnd fuͤr zurupffen: Aber an jetzo will man gar geſcheid / oder / daß ich recht ſa - ge / vil naͤrꝛiſcher ſein / dann zu diſen zeiten heu - ratet man nur nach dem Geſicht / oder nach wohn / oder auß Geitz / oder auß Lieb. Etliche Geltnarꝛen nem̃en nit die Perſon der Braut / ſonder das Gelt: Andere Schoͤnheit narꝛen nemmen nit zucht / erbarkeit vnd haͤußlichkeit ſonder nur die Schoͤnheit vnnd holdſeligkeit deß Leibs: Andere Fantaſten heuraten vnnd bleiben nit im Adel / oder zu jhꝛes gleichen / ſon - der zum Gut / der ein nimbt ein alte geruntzel - te Wittib / wegen jhꝛer Reichthumb: Die alte vnſinnige / heßliche vnnd vnflaͤtige Wittibnimbt382Der Landtſtoͤrtzer.nimbt einen ſchoͤnen ſtarcken jungen Geſellen zu erſaͤttigung jrer geylheit: Vm̃ wie vil mehr aber ſie einander aufangs haben geliebt / vmb ſo vil deſto mehr werden ſie einander feindt vnnd verhaſt. Woferꝛn aber die Braͤutgam weiſe vnnd verſtaͤndig weren / vnnd dem leben vnnd ſitten ſeiner Braͤut / oder die Braͤut der beſchaffenheit jhres Braͤutgams zuuor fleiſ - ſig nachfragten / ſo wurden ſie bißweiln ſo vil ſchoͤne ſachen von jhnen hoͤren vnnd vernem - men / daß jhꝛer wenig heuraten wuͤrden: Deß - gleichen woferꝛn die Ehleut nach der Hochzeit ſteiſſig mercken vnd obacht geben wolten auff die hernach gefundene jrꝛthumb / defect vnnd maͤngel / ſo wuͤrde ein armſeliges weſen / weit - laͤuffigkeit vnnd vneinigkeit drauß entſtehen: gewißlich wuͤrden ſie nimmer lang beyſamen hauſen / ſonder ſich ſcheiden laſſen / vnnd vn - endtlich vil diuortia vnnd eheſcheidungen wurden ſich begeben / woferꝛn die Thorheit nicht das beſte darbey thete / Dann an der Hochzeitnacht iſt die lieb ſolcher jungen Lap - pen vnnd Eheleut dermaſſen groß / daß ſie die maͤngel vnnd gebrechen deß einen oder an -dern383Der Landtſtoͤrtzer.dern theils entweder nicht warnemmen / oder doch diſſimuliren, vnnd mit einer ſo groſſen lieb vnd freundlichkeit beyſamen leben / daß es das anſehen hat / als ſeye nur ein Seel in zwey - en Leibern: Es iſt die lieb der Maͤnnern ge - gen ſolchen jhren Weibern bißweiln dermaſ - ſen groß / daß ſie dieſelbigen / wie Goͤttinnen / verehren / jhnen alle jhre Thorheiten / eytel - keiten vnd vnheußlichheiten verſtatten / gut - heiſſen / noch ſie im wenigſten erzuͤrnen doͤrf - fen: Ja was mehr iſt / dermaſſen blindt vnnd vertrewlich ſeind ſie / daß ſie jhren ſchoͤnen Frawen ſonderbare ſchoͤne vnnd ſtarcke ga - lanes halten / ſo jhnen hofiren vnnd auff den dienſt warten muͤſſen: Daß nun nicht deſto - weniger vnder ſolchem Eheuolck die ſchnoͤ - de eyferſucht nicht regiret / vnnd aller zanck / hader vnnd vneinigkeit vermitten blei - bet / daran iſt die loͤbliche Thorheit ſchul - dig.
Alſo auch iſt gewiß vnnd wahr / daß die al - lerherꝛlichſte vnnd fuͤrtrefflichſte thaten / auß eingebung vnnd mithuͤlff der Thorheit her - flieſſen / dann durch diſes mittel ſeindt ent -ſtanden384Der Landtſtoͤrtzer.ſtanden / die allerhoͤchſte authoritates’ der Koͤnige / welche die gantze Welt mit jhꝛem Kriegsheer erſchroͤckt haben / dann was kan naͤrꝛiſcher ſein / als eben die Feldtſchlachten / in denen man mehꝛ verliert / denn gewinnet / vnd in denen nur menſchliches Blut vergoſ - ſen / vnd vil arme Witwen vnnd Waiſen ge - macht werden? Ob wol Alexander der groß / vnnd Iulius Cæſar fuͤr die aller fuͤrtreflichſte Potentaten gehalten woꝛden / ſo ſeind ſie doch die aller groͤſte vnd wunderbarlichſte Narꝛen geweſt / ſo jemals gelebt / dann was hette naͤrꝛi - ſcher ſein koͤnnen / als daß er Alexander in Jndien in beſtuͤrmung einer ſtarcken Feſtung vber die Mawren mitten vnder die Feinde ge - ſprungen / vnd nur ſelbſt dritt ſo lang mit jnen geſtritten / biß jhm ſeine Leuth zu huͤlff kamen / vnd aller blutig vnnd ohnmaͤchtig fanden? J - tem / daß er ſich vnderſtanden / einen grim̃igen Loͤwen anzugreiffen vñ vmbzubringen? Was koͤndte auch naͤrꝛiſcher ſein / als daß Iulius Cæſar nach erhaltener Farſaliſcher ſchlacht / mit einem einigen Schifflein vber den He - leſpontum fuhꝛ / vnnd dem Lucio Caſſiodeß385Der Landtſtoͤrtzer.deß Pompei Hauptman mit zehen groſſen Kriegsſchiffen begegnete / vnd nit deſto weni - ger dermaſſen keck vnnd vermeſſen war / daß er jhm ſchaffte / ſich jhme zuergeben.
Ob ſchon auch die Koͤnige vnnd Fuͤrſten vilmals durch jre weiſe / gelehꝛte vnd verſtaͤn - dig Raͤth erjnnert werden / von jren naͤrꝛiſchen vnd vngereimten impreſen, vorhaben vnnd anſchlaͤgen abzuſtehen / ſo wollen ſie doch biß - weilen nit folgen / ſonder halten vilmehꝛ von jhren Schmaichlern vnd Fuchßſchwaͤntzern / dann weil die Rathſchlaͤg vnnd Meynungen der fauoriten vnnd Gelehꝛten vilmals vn - gleich / widerwertig / verſchraufft vnnd weder kalt noch warm / auch dermaſſen beſchaffen ſeind / daß man die Warheit nicht drauß ver - nemmen kan / ſo werden ſie den Fuͤrſten biß - weilen ſuſpect vnd verdaͤchtig / vnd derwegen glauben ſie jhnen nicht allezeit / aber weil die Narꝛen warhafft vnnd ohne einige ſimula - tion, verſchlagenheit vñ argliſtig ſeind / ſo hoͤ - ren vnd vernemmen die Fuͤrſten nit allein die durch ſie fuͤrbrachte einfaͤltige Warheit gar gern / ſonder ſie hoͤren auch gern jhꝛe grobe vn -B bflaͤtige386Der Landtſtoͤrtzer.flaͤtige poſſen vnnd zotten / ſo gar ſchencken vnnd verehren ſie jhnen bißweilen ſtattliche Kleider / Ketten vnd Kleynodien / dann wegen jhrer Thorheit ſeind ſie deſſen beſſer wuͤrdig / weder andere wegen jhrer gelehrtheit vnd ge - ſchicklichkeit. Dann die gelehꝛten treffens mit aller jhrer gelehrtheit vnnd ſpitzfindigkeit nit allzeit recht / zumaln in Kriegsſachen / dann weil ſie gemeingklich verzagt vnnd eines klei - nen Gemuͤths ſeind / ſo geben ſie verzagte vnnd kleinmuͤtige Rathſchlaͤg auß. Aber der ſtoltze vermeſſene vnnd naͤrꝛiſche Rath der großmuͤtigen vnnd dapfferen Kriegs - gurgeln / Obriſten vnnd Hauptleut / tringt bißweilen fuͤr vnnd ſetzet ſie in die Noth. Wer war gelehrter vnnd beredter / als eben Demoſthenes vnnd M. Tullius Cicero, a - ber doch waren ſie alle bey de ſehꝛ forchtſamb / Als derwegen Demoſthenes ſich in einer durch jhne ſelbſt gerathener ſchlacht befandt / vnd den ernſt ſahe / warff er bey zeiten das Ha - ſen Banier auff / vnnd ſagte / daß der jenig / der da fliehet / zum andern mal mit dem feindt ſchlagen koͤnne / vnnd daß das fliehen alteKriegs -387Der Landtſtoͤrtzer.Kriegsleuth mache: Er gab auch hier - durch zu verſtehen / daß es beſſer ſeye / die Ehr / denn das Leben zu verlieren. Wer die Hiſtorten liſet / der wirdt befinden / daß die weiſe / gelehrte vnd wolbeleſene Maͤn - ner vil Laͤnder verderbt haben / wie zu ſehen iſt an dem vorbemelten Demoſthene vnnd Tullio, dann weil ſie in jhren Buͤchern vil von Kriegsſachen vnd Politiſchem weſen ge - leſen haben / ſo vermeinen ſie / daß ſie es alles gar wol / ja beſſer wiſſen vnd verſtehen / denn andere / aber wann es darzu kompt / daß ſie jhꝛe Kunſt vnnd wiſſenſchafft ſollen ins werck richten / alsdann ſihet vnnd erfaͤhret man / was ſie fuͤr gewaltige Kriegsleuth ſeyen / vnnd was fuͤr ein vnderſchidt ſeye zwiſchen der praxi vnnd theoria, zwiſchen dem leſen vnd vben.
Vnlaugbar iſts / daß bey allen Staͤnden / wo die thorheit nit regiert / muͤh vñ arbeit ver - handen / dann die armſelige / weiſe vnnd ge - lehꝛte Maͤnner muͤſſen jhre zarte Jugend vnd den beſten theil jhres Lebens vnder der ſtren - gen zucht jhrer Schulmeiſter verzehren / vilB b 2leiden /388Der Landtſtoͤrtzer.leiden / vil ſchwitzen vnd vil vbertragen / wenig eſſen / wenig trincken / wenig ſchlaffen / vnnd e - ben diſes beſchicht auch den vnuernuͤnfftigen Thieren / welche jmmerdar von den Menſchẽ gepeinigt werden / dann was kan armſeliger ſein / als eben die vnſchuldige einfaͤltige Och - ſen / welche jhꝛ Leben im Ackerpfluͤgen verzeh - ren / vil ſchlaͤg vnnd ſtachel einnemmen / vnnd letztlichen geſchlachtet vnnd gefreſſen werden muͤſſen. Was ſoll ich ſagen von den edlen Roſſen / welche dem Menſchen in fridens vñ Kriegszeiten ſo gar vil guts thun / vnnd jhne beym Leben erhalten / vnd nicht deſto weniger jmmerdar im Stall gefaͤngklich enthalten / v - bel tractirt, geſchlagen / mit Sporen geſto - chen / mit Geiſeln gehawen / an einen Karꝛen geſpannt / gar verlaſſen / vnnd letztlichen von Hunden vnd Woͤlfen zerꝛiſſen vnnd gefreſſen werden. Deßgleichen ſehen wir / daß die ge - hoꝛſame vnd getrewe Hund jhren Herꝛen ſehꝛ dienſtlich vnnd nutzlich ſeind auffm Gejaidt oder in den Haͤuſern vnd Hoͤfen / aber werden bißweilen verwundt / oder ſchebig / vertriben / verjagt oder gehenckt oder erſchlagen: Nit vilbeſſer389Der Landtſtoͤrtzer.beſſer gehets den armẽ voͤglen / welche in dẽ en - gen haͤußlen jre Herꝛn mit ſingen vñ ſchertzen erluſtigen / vnd letztlichen in ſolcher jhꝛer Ge - faͤngnuß ſterben vnd verderben muͤſſen: Her - gegen ſeind die jenige Thier vñ Voͤgel gluͤck - ſelig / welche die vndanckbare Menſchen flie - hen / vnd ſich auff jhꝛer Waid in aller freyheit erluſtigen: Eben diſe meynung hats auch mit den Menſchen / dann wer hats beſſer / als eben die vngelehꝛte vñ naͤrꝛiſche Idioten wel - che den gelben Suͤplein vñ Hofbißlein vñ der Hofgnad wenig nachfragen / ſondern ſich in aller freyheit / ohne alle ſoꝛg / auffm Landt / mit jagen / puͤrſchen / baitzen / mit bancketiren / ſpi - len / freſſen vnd ſauffen erluſtigen / vnd jmmer - dar einen guten muth haben?
Vnderſchidliche Thorheiten vnnd Nar - ren aber findt man / etliche ſeindt von Natur naͤrꝛiſch vnd einfaͤltig geboren / vnnd werden gemeinglich in den Spitaͤln erhalten Andere ſeind wuͤtig / beſtialiſch / ſchaͤdlich vnnd Teu - feliſch / jnmaſſen Oreſtes, Aiax, Saul vnnd Nabuchdonoſor geweſt / welche naͤrꝛiſch / vn - ſinnig vnnd wuͤtig worden / vnnd vil Blut -B b 3ſchan -390Der Landtſtoͤrtzer.ſchanden / Tyranneyen vnd erſchroͤcklichkei - ten begangen. Andere ſeind halb naͤrꝛiſch vnd halb geſcheid / jnnmaſſen die Schalcksnarꝛen zu Hof ſeind / welche den Fuͤrſten vnd Herꝛen ein kurtzweil machen: Andere ſeind zweymal geſcheid / dreymal vmbgedraͤht / vnnd daruͤber naͤrꝛiſch vnd taͤppiſch worden / vnnd dern iſt je ein groſſe anzahl verhanden.
Andere Fantaſten vnd Narꝛen findt man / welche jhnen ſelbſt perſuadiren vnnd ein - bilden / daß ſie in den theatris vmbgehen / vnd nichts anders ſehen / als newe Spiel / Co - medien / derwegen lachen / bewegen vnnd ſtel - len ſie ſich / als waͤren ſie ſelbſt gegenwer - tig.
Andere Fantaſten thun nichts / als verſi - ficiren vnd Carmina machen / vnnd vberꝛe - den ſich ſelbſt / daß ſie es dem Virgilio vnd Pe - trarcha beuor thun / wann aber einer thut zu - ſam̃en klauben / ſechs Poeten mit jhren Tau - ben: ſechs componiſten mit jhꝛen ſtucken / vñ ſechs Organiſten mit jhꝛen Mucken: vñ man ſie ſetzet auff einen Karꝛen / ſo hat man eben anderthalb dutzet Narꝛen.
Ande -391Der Landtſtoͤrtzer.Andere componiren ſchmaichleriſche orationes vnd verlogene hiſtorias, vnd ver - meinen in jhꝛem Sinn / daß ſie die alt Roͤmi - ſche eloquentz renouirt habẽ. Andere thun nichts anders / als daß ſie in den concepten vnd ſchrifften die ortographiam obſeruirẽ vnd corrigiren, jnmaſſen jener gethan / wel - cher wegen deß einigen vberſchꝛidenen worts / beniuolentia, das jhm zugefertigte ſchreiben nit angenom̃en / ſonder gewoͤlt hat / daß bene - uolentia geſchriben wuͤrde / gleichſamb waͤ - ren die accentus tituli. Andere pflegen we - gen eines einigen inortographiſch geſchri - benen Worts / als nemblich / wann der ſchrei - ber das Wort Iulius mit einem G. vnd Gui - lius, oder das wort fleiß per V. geſchriben / ei - nen gantzen Brieff zu zerꝛeiſſen / vnnd ſich wi - der den Scribenten auffs hefftig iſt zu erzuͤr - nen vnd zu kollern.
Andere thun nichts / als Leut peinigen / ver - folgen vnnd jhꝛ maͤngel vnd gebrechen inue - ſtigiren, aber ſich ſelbſt vñ jre eigne gebꝛechen ſehen ſie nicht: Andere haben ſehr holdſeli - ge andern wolbekandte gemeine Ehefrau -B b 4wen /392Der Landtſtoͤrtzer.wen / halten dieſelbige fuͤr Samias, vnnd fuͤr vil ſchoͤner / deñ die ſchoͤne Venus, vnd fuͤr vil keuſcher / denn die Griechiſche Penelopem oder die Roͤmiſche Lucretiam / derwegen prangen vnd gehen ſie mit jhnen auf der Gaſ - ſen ſpatzieren / vnd zeigen menniglichen ſolche jhꝛe ſchoͤne Frawen / ſamb kennte man ſie nit vorhin beſſer / denn ſie ſelbſt. Andere ſeindt hergegen Eyfernarꝛen / vnnd thun nichts an - ders / als mit jhren ehꝛlichen vnnd keuſchen Frawen eyfern / vnd ſie einſperꝛen / vnangeſe - hen ſie ſelbſt kein nutz ſeind / vnnd alle Huren - winckel durchlauffen.
Andere thun nichts / als jmmerdar / deß Morgendts fruͤh vnnd deß Abendts ſpat mu - ſiciren vnnd auff der Lauten ſchlagen / ſamb beſtunde die Menſchliche Gluͤckſeligkeit in ei - nem ſolchen narꝛenwerck: Andere thun nichts als bawen / abbꝛechen vnnd widerumb bawen / renouiren vnd letztlichen druͤber erarmen vñ ſterben. Zu denſelbigen aber ſpꝛechen die En - gel alſo: Vns Engel wundert alle zugleich / daß die Menſchen auff Erdtreich: Bawen Haͤuſer / Staͤtt vnnd Voͤſt / ſeind doch allhienur393Der Landtſtoͤrtzer.nur elende Gaͤſt: vnnd dahin ſie ſollen ewig ſchawen / dorthin woͤllen ſie nimmer bawen.
Andere grimmige vnd wuͤtige Greinka - tzen thun nichts anders / als jm̃er dar rechten / voꝛ Gericht ligen / den einen gꝛein - oder rechts - handel nach dem andern anfahen / die ſtrittig - keiten vnſterblich machen / falſch ſchwerẽ / den Aduocaten / Procuratorn vnnd Schreibern das Gelt anhencken / vnnd letztlich druͤber zu Bettler werden.
Andere Archimiſten vnnd Ertznarꝛen ver - zehꝛen jhꝛe zeit / geſundtheit vnd Ehꝛ in erfor - ſchung deß wahꝛen Philoſophiſchen lapidis, vnd der quinten eſſentz, wann auch ſie ver - meinen / daß ſie es in dem Tegel haben / als dañ fleugt alles im Rauch auff. Sie verhoffen allerhandt Metal in lauter Goldt zu verkeh - ren / vnnd in kurtzer zeit am Reichthumb den Creſum vnnd Craſſum zu vbertreffen / wie auch Fuͤrſten vnnd Herꝛen reich zu machen / da doch ſie ſich ſelbſt nit koͤñen reich machen / ſonder arme Bettler / Schelmen vnnd Landt - ſtoͤrtzer ſeind vnd bleiben.
Andere verzehꝛen jhꝛe edle Zeit / Gelt / GutB b 5vnd394Der Landtſtoͤrtzer.vnnd Seel mit ſpielen / in hoffnung vil zu ge - winnen / vnangeſehen auch ſie in jhꝛem Hauß - weſen ſehꝛ karg vnd klug ſeind / vñ wegen eines einigen Haͤllers mit jren weibern ein jaͤm̃erli - ches greinen vnd zancken anfahen / ſo ſeind ſie doch auſſer Hauſes vnd beym ſpielen dermaſ - ſen koſtfrey / daß ſie 20. 50. 80. ja 100. Tha - ler in Reſt vnnd in die Schantz ſchlagen vnd verwagen: Wann auch ſie es verlieren / als - dañ fahen ſie an hertzlich zu ſeufftzẽ / den Kopff zu kratzen / vnd der maſſen zu fluchen / zu ſcheltẽ vnnd zu wuͤten / daß einem die Haar gen berg ſtehen moͤchten. Sie laſſen auch nit nach / biß ſie alles verſpielt / wz ſie gehabt / dardurch ver - lieren ſie jhre Ehꝛ vnnd reputation, werden letztlichen gar vnduͤchtig / verzweifeln vñ ver - lieren jhꝛ Leben ſampt der Seel.
Andere Narꝛen find ich / die nennet man Aſtrologos’ oder Nigromanticos’ oder ſchwartzkuͤnſtler / ſo da vermeinen / daß ſie mit jhꝛen circulis, Kraiſſen / charactern, Buch - ſtaben / beſchwoͤrungen vnd pentacolis, den Him̃el turbiren, die Sonn vnd den Mohn verfinſtern / die Erd vnd Elementen zitterendtmachen /395Der Landtſtoͤrtzer.machen / die Todten aufferwecken / mit dem Schatten reden / die Leiber transformi - ren, vnnd vermittelſt deß Rings Gigis vn - ſichtbar gehen / vnd vil geſchwinder / denn der Windt fliegen. Jhrer etliche vermeinen / daß ſie die Geiſter in den Ringen oder im Chriſtall / wie ein Papagey im Korb / be - halten / durch ſie alle geheimnuß der zukuͤnff - tigen dingen erforſchen / alle vergrabene vnnd verborgene Schaͤtz finden / vnnd die Lieb vnd den gunſt der Herꝛen vnnd ſchoͤnen Frawen erlangen werden / gleichſam̃ hetten die Teufel zu diſen vnſern zeiten nichts anders zuſchaf - fen / als mit ſolchem jhrem Narꝛenwerck vmb - zugehen.
Was ſoll ich ſagen von etlichen naͤrꝛiſchen alten Weibern / welche ſich auß lauter geilheit / hoffart vñ fuͤr witz anſtreichen / bemahlen / von der Lieb reden vnnd ſchertzen / vnangeſehen ſie heßlich / vnflaͤtig vnnd ſchaͤndtlich ſeindt / keinen Zahn mehꝛ im Maul vnnd einen ſehr vblen ſtinckenden Athem haben. Was geduncket euch aber von denen Weibern / ſo auff die Gabel hinauß fahren vnnd ſpre -chen:396Der Landtſtoͤrtzer.chen: Oben auß vnnd nindert an: Jtem / wel - che vermeinen / daß ſie alsbaldt in Katzen ver - kehꝛt werden / den Hexen Taͤntzen vnd Mahl - zeiten beywohnen / vnnd alles das jenig thun / was der Herꝛ Mirandola, vñ P. Delrio von jhnen ſchreibt. Jtem die jenige Weiber / wel - che ſich vnderſtehen zu warſagen / vnnd / wie die Zigeiner / zultegen / auch Viech vnd Leuth anzuſegnen oder anzuſpꝛechen.
Endtlichen vnd beſchließlichen find ich noch andere etwas kurtzweiligere vnnd paſſir - lichere Narꝛen vnd Jgnoranten / welche ſich in jhren diſcurſis vnnd ſchreiben der Lateini - ſchen phraſen vnd Wort gebrauchen / vnnd dermaſſen mit Latein zuwerffen / als hetten ſie ſtattlich ſtudirt / vnd ob ſchon ſie im grundt eben nichts wiſſen / nicht deſto weniger iſt jhre præſumption dermaſſen groß / daß ſie ver - meinen / daß ſie das Graß wachſen hoͤren / vnd daß die Stein vnnd Pflaſter voꝛ jhnen auff - ſtehen / jhnen reuerentz erzeigen / vnd mit der gnad zuwerffen muͤſſen.
Etliche andere Federhanſen koͤnnen kaum drey Woꝛt oder Zeil correcte; ſchꝛeiben / vnd woͤllens doch alles regieren.
An -397Der Landtſtoͤrtzer.Andere prangen vnder Tags auff den gaſ - ſen mit jhꝛen Federn / Wehꝛen / Hirſch: vnnd Loͤwenhaͤuten / wie die Hectores, Achilles vnnd Hercules, aber wann es bey der Nacht auff der Gaſſen an einen ernſt gehet / alsdann entlauffen ſie wie die Haſen / vnnd laſſen Hut / Mantel vnd Woͤhꝛ im ſtich.
Andere thun nichts anders / als nach zei - tungen fragen / vnd von dem Concilio vnnd Rath deß Bapſts / Keyſers vnd Tuͤrcken der - maſſen eygentlich reden / als waͤren ſie eins - mals in jhrem geheimen Rath geſeſſen: Sie diſcurriren vnnd reden / ob der Fried einen beſtandt haben / vnd der zwiſchen den Koͤnigen in Franckreich vnnd Engellandt oder Spa - nien getroffener Heuret rathſamb / nutzlich vñ beſtaͤndig ſeyn werde / vnnd was die Vnder - thanen darzu ſagen / vnd nicht vil mehꝛ einen Krieg abgeben werde: Diſer geſtallt ſchwaͤ - tzen ſie von dergleichen dingen / vñ wiſſen doch keinen grundt / was die Koͤnige vnnd Fuͤrſten im Schildt fuͤhren / vnnd fuͤr einen verſtandt mit einander haben.
Andere Narꝛen ſind ich / welche die Schaͤtzverber -398Der Landtſtoͤrtzer.verbergen / vnd doch darneben jhre Armut be - klagen: Hergegen ſihe ich andere / welche jh - ren Reichthumb vnd pꝛacht nur herauſſen auf den Gaſſen erzeigen / vñ ſich ſtatlich ſehen laſ - ſen / aber anheimbs in jhꝛen Haͤuſern am hun - gertuch nagen / vnd nichts wedeꝛ im zipfl noch ſack haben. Andere ſamblen vil Gelts vñ guts / vnd kauffen Haͤuſer vnd Schloͤſſer veꝛmittelſt jres wucherens: hergegẽ ſihe ich etliche Kauf - leut vñ wechſelherꝛn banckerotirn / falliren vñ verderben. Andere armſelige Narꝛen find ich / welche jnen ſelbſt die weißheit vermeſſentlich zuſchreiben / da doch ſie ſich auff die jenige ding / dern erkendtnuß ſie ſich beruͤhmen / im wenigſten verſtehen / vnd nit deſto weniger ge - ſcheide Rathsherꝛẽ ſein woͤllen. Alle diſe Nar - ren haben einen ſonderbaren Freybrief von der groſſen Schoͤlnkoͤnigin auß Naragonia außbracht / daß ſie jhꝛ lebenlang von der Witz vnd weißheit befreyt ſein ſollen / vnd in jhꝛem Koͤnigreich gewiſſe Ambter / beſoldung vnnd vnderhaltung biß an jhr Endt haben werden. Beſchließlichen iſt ſtultorum numerus in finitus: Der Narꝛen zahl iſt kein End / vndwer399Der Landtſtoͤrtzer.wer gern in der eyl einen Narꝛen haben wil / der greiffe in ſeinen eignen Buſen / ſo wirdt er villeicht einen herauß ziehen.
Was geſtallt Guſman ein ſehꝛ rei - che Fraw vberkom̃en vnd betrogen.
NAch dem ich mich vngefaͤhrlich ein halbs Jahrlang in meines Herꝛn deß Cardinals dienſten auffgehalten / auch jederzeit ſauberer vñ ſtatlicheꝛ kleider befliſſen / vnd bißweiln ſambt andern meinen mitgeſel - len auf die bulſchafft gangen / ward mir ange - deut / wz geſtalt ein ſehꝛ ſchoͤne fraw oder Cor - tiſanin verhandẽ / welche vber auß reich waͤre / derwegen gedachte ich auf alle mittel vñ weg / ſie vnd jhr Gelt zu wegen zu bringen. Jch gab mich fuͤr einen anſehenlichen ſpaniſchen Rit - termeſſigen vom Adel auß / kam durch huͤlf der Kupplerin in jre kundtſchafft vnd vertrewli - che freundſchaft / vñ gab jr letztlichẽ zuuerſtehẽ / dz ich nit vngeneigt were / mich ſo gar mit jrer frawen zuuer ehelichẽ. Damit man aber ſolchẽ meinẽ woꝛtẽ deſto ehendeꝛ glaubẽ / vñ mir deſtobeſſer400Der Landtſtoͤꝛtzer.beſſer trawen geben ſolte / ſo verfuͤgte ich mich zu jhrer befreundten einem / der war ein anſe - henlicher Thumbherꝛ vnnd gelehꝛter Mann / vnd pflegte vilmahls bey meinem Herꝛn dem Cardinal zu eſſen: Jch entdeckte jhm mein vorhaben / was geſtalt nemblich ich entſchloſ - ſen waͤre / mich zu verheureten / vnnd daß es mir villeicht an guten ſubiectis vnnd mit - teln nit wurde ermangeln: Jch bate jhne auch vmb einen guten Rath / ob nemblich ich ein reiche / oder arme / oder ſchoͤne / oder heßliche / oder edle Fraw nemmen ſolte? Er laͤchelte druͤber; antwortet vnnd ſprach: Mein Don Guſman, ich lobe dein gutes voꝛhaben / vnnd rathe dir erſtlich zu keiner kleinen Frawen / dann weil du ein kleines Maͤndl biſt / vñ wañ du ein lange Fraw vberkaͤmeſt / ſo muͤſeſtu all - zeit auffhupffen / wann du ſie kuſſen wolteſt / du muͤſteſt auch dich beſoꝛgen / daß ein ſolche groſſe Fraw dich / als ein kleines Maͤndel / leichtlich meiſteren vnnd abſchmiren wurde koͤnden. Vil weniger rathe ich dir zu einem reichen Weib / dann / kein ſchwerere Buͤrd kan dem Mañ angehenckt werden / weder wañer401Der Landtſtoͤrtzer.er ein reiche Fraw vberkuͤmpt: Wer ruͤhwig vnd fridlich im Eheſtandt begert zuleben / der nemme kein Fraw / die jhm ein ſtattliches Heu - retgut / oder koͤſtliche guldine Zierd mitbringt: dañ die jenigen / welche reiche Weiber haben / ſeind nit Maͤnner / nit Oberherꝛen / nit jhres gleichen / ſonder jhre Sclauen: folge dißfals dem rath deſſen / der da ſpricht: pondus ſuper ſe tollit qui honeſtiori ſe communicat, & ditiori te ne ſocius fueris.
Bey diſem fall iſt auch zubedenckẽ / wie der reichthumb eines Weibs eygentlich beſchaf - fen ſeye / ob nemblich jhꝛ Gelt mit gutem ehr - lichen Tittel entweder erworben / oder ererbt worden / dann die vbel vnnd vnrecht erlangte Reichthumb haben in die leng keinen beſtand: Kanſtu aber eine vberkommen / welche mit eh - ren reich iſt / ſo nimb ſie ehender / weder ein ar - me / dann die arme werden gemeingklich eben ſo ſtoltz / boͤß / ſtuͤtzig vnd zaͤnckiſch / als die Rei - chen.
Drittens nimb kein ſehꝛ ſchoͤne Fraw / dañ die allerſchoͤnſten Frawen gerathen ins bor - del, vnnd die aller ſchoͤnſten Knaben an Gal -C cgen402Der Landtſtoͤrtzer.gen. Die ſchoͤnheit der Weiber verurſachet den Maͤnnern vilmals vil boͤſes / Erwoͤh - le ein mittelmaͤſſige / ſchoͤne vnnd holdſelige / dann die Holdſeligkeit vbertrifft alle ſchoͤn - heit: Folge dem Rath Ambroſij, welcher ſpricht: non quærenda eſt vxor pulcher - rima, quæ communis, neq; deformiſiſ - ſima, quæ pœna, ſed ſtata, ſiue media forma, reuera vxoria, quæ vtilitati & cõ - ſolationi iuſtæ ac ſecuræ ſit futuræ. Je - ner Lucianus ſpricht auch recht vnnd wol: morum ſuauitas, humanitas, animi ma - gnitudo, modeſtia & pudicitia omni - bus corporis dotibus meritò anteferan - tur.
Vierdtens nimb kein edlere / weder du biſt / dann ſolche vngleiche Heurat ſeindt anders nichts / als ein ſehr edler vnd koͤſtlicher Stein in einem bleyenen Ring. Deßgleichen nimb kein altes Weib von Gelts wegen / dann wie die alte Maͤnner pflegen der jungen Frawen Narꝛen zu ſeyn: Alſo muͤſſen die junge Maͤnner der alten Weiber Sclauen ſeyn / dann ſie woͤllen kurtz vmb Meiſter ſein / dasGelt403Der Landtſtoͤrtzer.Gelt nemmen ſie ein / vnd gebens auß / vñ der Mañ muß ſein narꝛ im Hauß / vnd gehen vmb an einer Heñen ſtatt. Es vermeinen auch ſol - che junge Geltnarꝛen / daß jre alte weiber bald ſterben werden / vnd daß ſie hernach widerum̃ ein junge Fraw nem̃en woͤllen / aber gemein - klich werden ſie in ſolcher jrer hoffnung betro - gen / dañ es verſtehens die alte Frawen nit all - zeit recht / woͤllen jren jungen Maͤnnern zuge - fallen ſterben / ſonder vberleben vnd harꝛen ſie auß / derwegen nimb eine / die deines gleichen iſt am Alter / Stand / Gut vnd Glauben / vnd vil ehen der nimb eine / die da weniger iſt / denn du / weder eine die da mehr iſt oder mehr ſein will / ſo lebſtu deſto ruͤhwiger. Fuͤrnemblich aber vnnd vor allen dingen nimb ein from me Fraw / dann wer Frombkeit nimbt / der vber - kompt Gelt / Adel vnd ſchoͤnheit beyſamen.
Endlichen rathe ich dir / daß du nit heura - teſt / woferꝛn du dir nit getraweſt ein Weib zu - ernehren / ſonder verſihe dich zuuor mit Tu - gend / Kunſt / eignem Gut / Gewerb vnd Nah - rung / dich / Weib vnd Kindt zu vnderhalten.
Diſes waren deß frommen ThumbherꝛnsC c 2Wort:404Der Landtſtoͤrtzer.Wort: Aber er wuſte nicht / was ich im Sinn hatte / nemblich nit mich zu verehelichen / ſon - der ſein reiche Baß zu betriegen / vnd jhꝛ Gelt zu wegen zu bringen / dañ er gewann dardurch vrſach / jhr zuuerſtehen zu geben / daß ich ſie zur Ehꝛen begerte / zur Ehe nemmen / vnnd widerumb ehrlich machen wolte / ſeytemal ſie vil Jarlang im vnzuͤchtigen Leben zugebracht / vnd vber 80000. Ducaten werth erobert hat - te. Schier ein viertel Jarlang buelte ich vmb diſe Fraw / hatte bey Tag bey Nacht meinen freyen willen / zugang vnnd auffenthaltung bey jhr / vnd ſie zeigte mir alle jhre geheimnuſ - ſen vnd Schaͤtz an Gelt vnd Kleynodien / dañ ſie zweifelte im wenigſten an meiner jhr zu - tragender affection vnnd allbereit gegebner Trew / vnnd begerte nichts anders / als baldt Hochzeit mit mir zu halten: Das ver - hieß ich jhꝛ kraͤfftiglich / biß ich letztlichen in jhrem abweſen jhr Truͤhlein / darin jhr meiſtes vnd beſtes Goldt vnnd Kleynoter lagen / zu - wegen brachte / vnd mich darmit eylends der - maſſen vnſichtbar machte / daß man mich nir - gends weder in der Statt noch herauſſen fin -den /405Der Landtſtoͤrtzer.den / erfragen noch zu wegen bringen koͤndte / dann ich verkleidete vnnd verſtelte mich ſehr artlich in der geſtallt eines armen / preſthafften vnd zerꝛiſſenen Betlers / kam durch diſes mit - tel allgemach auß dem Landt / vnnd erꝛeichte letztlich das edle Sauoyaniſche Piemonter Landt.
Was geſtallt Guſman ſich in Pie - mont verhalten / reichlich verheuretet vnnd letztlichen verdor - ben.
ALsbaldt ich gen in Turin in Sauoya kommen / warff ich mein betleriſches Kleidt von mir / kleidete mich erſtlich auf ſtudentiſch / vnd inſinuirte mich dermaſ - ſen bey deß Hertzogs Obriſten Hofmeiſter / daß derſelb mich fuͤr einen gentilhomo oder Edelman auffnam / vnnd wegen meines wol - verhaltens faſt liebte / dañ ich verſaumbte kei - nen einigen dienſt / vnnd hielt mich darneben ſehr praͤchtig in Kleidern / vnnd gab mich fuͤrC c 3einen406Der Landtſtoͤrtzer.einen Sicilianiſchen Edelman auß. Eins - mals zohe ich mit meinem Herꝛn dem Fuͤrſt - lichen Hofmeiſter auf eine Cõmiſſion, wel - che angeſtalt war zwiſchen zweyen ſtattlichen vom Adel. Der ein Edelmañ war numehꝛ alt / vnd hatte ein Tochter / die war ein einig Er - bin aller ſeiner ſtattlichen Guͤter: Vnnd weil ſie ſehr ſchoͤn vnnd holdtſelig war / ſo verliebte ich mich in ſie / gab jhrs auch heimblich vnnd offentlich zu verſtehen / vnd verehꝛte jhꝛ gleich anfangs ein ſchoͤnes Kleynot / welches vber 600. Ducaten werth war. Die Jungfraw gewann mich hergegen lieb / foͤrchtete ſich a - ber voꝛ jhꝛem Vatter / als der villeicht in vnſer beyde Ehe nicht verwilligen wuͤrde: Nun be - gabs ſich / daß der Vatter vnuerſehens todts verꝛuckte / derwegen verfuͤgte ich mich eylends zu jhr / ſchenckte jhr abermals ein Kleynod per 1000. Ducaten / (dann ich hatte noch vber 8000. Dncaten werth heimblich bey mir) vnnd ſie gab mir hergegen ein Pfandt jhrer Lieb vnd Trew. Weil ich auch meines Herꝛn gunſts verſichert war / ſo entdeckte ich jhm mein Vorhaben / vnnd bate jhne vmbgnedi -407Der Landtſtoͤrtzer.gnedige huͤlff vnnd befuͤrderung: Die ward mir alsbald verwilligt vnd die ſach dahin ge - richtet / daß der heurat ſeinen wircklichen fort - gang gewann / da fing ich erſt an / mich ſtatt - lich zu halten / vnnd mit Schanckungen vnnd verehrungen ſehen zu laſſen / dardurch gewañ ich jedermans gunſt vnd einen guten Namen bey allermennigklichen: Vnſere Hochzeit ward gehalten vnnd zwar dermaſſen ſtattlich vnnd praͤchtigklich / daß es fuͤr einen Grafen gnug geweſt were. Nit allein verdiſtillirte ich hierunder mein zu Bononia taliter quali - ter erobertes Goldt vnnd Kleynodien / ſonder machte auch bey den Kramern vnnd ſonſten hin vnd wider ſtarcke ſchulden.
Nach der Hochzeit hatte ich mit meiner ſchoͤnen jungen vnnd reichen Frawen einen guten muth / vnnd war nit mit deme zu friden / daß wir ein ſehꝛ ſchoͤnes vñ adeliches Schloß herauß auffm Landt / vnnd ein wol außtraͤg - lichs jaͤhꝛlichs einkommen hatten / ſonder wir kaufften auch ein ſonderbares ſchoͤnes Hauß in der Statt Turin / zohen alſo mit einan - der ab vnnd zu / bancketirten / ſchlemmeten vndC c 4dem -408Der Landtſtoͤrtzer.demmeten jmmerdar an beyden orten. Mein Fraw war zart: vnnd hoffertigklich erzogen / derwegen thate ſie nichts anders / als mit Klei - dern popitzen vnd ſich vorm Spiegel mutzen / putzen / anſtreichen / ſchwaͤtzen / klappern vnnd naſchen / gab im wenigſten kein achtung auff das Haußweſen / vnd hatte darneben jhre ſer - uidores oder Galanen, die jhr hofirten / auff den dienſt warteten vnnd bißweilen mein ſtell vertraten. Jch aber war gleichwol ein guter Geſell / aber ein boͤſer Haußuatter / dann ich ſchlemmete vnnd demmete mit der guten Burſch / von dem Moꝛgen biß auff den A - bendt / ſpielte ſtarck / hielt jmmerdar ſechs Gutſche Roß vnd 6. Reitpferdt / fuͤhrte einen Freyherꝛn Standt: Das alles machte vns baldt fertig vnnd bereitete vns den weg nach Bettelberg / dann jnnerhalb zweyer Jahꝛen wurden wir fein fertig / vñ gezwungen / vnſern Adelichen Sitz vnd Guͤter den Kramern hin - zugeben / vnd alle vnſere Kleider vnd Kleyno - dien den Geltern zu cediren. Das thate vns nun ſehꝛ wehe / wehe / aber man machets keinẽ anderſt / vnd diſer geſtallt ergehets gemeinlichallen409Der Landtſtoͤrtzer.allen denen / welche jhꝛen Eheſtandt nicht mit Gott / ſonder mit dem Teuffel / anfahen / vnd welche nit Gott / ſonder der Teuffel zuſam̃en kuppelt / damit ſie jhrem Geitz vnd ſchnoͤden geylheit ſtatt thun moͤgen.
Jch erjnnere mich geleſen zu haben / daß der Teuffel neun Toͤchter habe / die erſte heiſt Superbia oder Hoffart / vñ dieſelbe ver - heuret er fuͤrnemblich den Koͤnigen / Fuͤrſten / Herꝛen vnnd Regenten / dann gemeinglich re - gieret vnd herꝛſchet die Hoffart in jhnen. Die andere Tochter heiſt Simonia, dieſelbe ver - heuret ſich fuͤrnemblich mit den Geiſtlichen vnd Prieſtern / dann gemeinlich beflecken ſie ſich mit diſem Laſter. Die dritte heiſt Hy - pocriſis oder Heucheley / dieſelbe verheuret ſich mit gar vilen vnnd allerhandt Standts - perſonen / in denen ſie mehr / weder in an - dern regniret. Die vierdte heiſt Rapina oder Rauberey / die verheuret ſich fuͤrnemblich mit den Kriegsleuten. Die fuͤnffte heiſt V - ſura oder Wucher / vnd geſellet ſich gemeing - lich zu den Kauff: vnnd Handelsleuthen. Die ſechſte heiſt Mendacium oder Lugen / vnndC c 5verehe -410Der Landtſtoͤrtzer.verehelichet ſich mit den Handtwercksleuten / welche kaum ein wahres Woꝛt reden koͤnnen. Die ſibende heiſt Faulheit / vnnd verheuret ſich mit den Edelleuthen / welche von jenem Goͤttlichen Gebott: Jm ſchweiß deines An - geſichts ſolleſtu dein Brot eſſen: nichts wiſ - ſen / nichts arbeiten vnd doch jmmerdar wol - luſtigklich leben woͤllen. Die achte Tochter deß Teuffels heiſt murmuratio oder mur - rung / vnd regirt gemeinglich vnder den Bau - ren / welche ſich vilmals wider jhꝛe Herꝛſchaff - ten aufwerffen vnd ſich murꝛiſch / vnwillig vñ vngehorſamb erzeigen. Die neundte heiſt Fraw Luxuria, vnnd dieſelbige verehelichet ſich nicht nur einem allein / ſonder allen mit einander / dann ſie miſchet ſich in alle Staͤnd / vnd beherꝛſchet die groſſe Herꝛn / Reichen vnd Armen / Geiſtlichen vñ weltlichen / vñ wenig ſeind dern / welche ſie nicht vberwindet. Diſe Fraw Luxuria hat auch mich jederzeit vnnd ſonderlich in diſem Eheſtandt dermaſſen be - ſeſſen vnd beherꝛſcht / daß ich nur den fleiſchli - chen wolluͤſten abwartete / vnnd Gott meinen HErꝛn aller dings verließ / verachtete / vnndſambt411Der Landtſtoͤrtzer.ſambt jenen geladenen Gaͤſten zur antwort gab: non poſſum venire, vxorem duxi: Derwegen ward ich hingegen von GOtt verlaſſen / vnd hatte nirgendts kein bleibendes ort noch ſtatt.
Guſman wirdt auß einem Nobi - liſten vnd verdoꝛbnen Edelmann ein Schreiber.
JN wehꝛendem vnſerm Reichthumb / wolſtandt vnnd Gluͤckſeligkeit / lebte ich vnd mein liebe Haußfraw freund - lich / fridlich vnnd einig / aber alsbaldt wir an - fingen arm vnd duͤrfftig zuwerdẽ / da war alle Lieb auß / vnnd es fing alles Leyd an / kein ge - duldt war verhanden / ſonder wir fingen an einander zuuerhaſſen vnnd die ſchuld vnſers verderbens eins dem andern fuͤrzurupfen vnd zuzumeſſen / darneben aber litten wir groſ - ſen Mangel an vnſer Nahrung / vnnd an ſtatt daß wir zuuor nichts anders geſungenvnd412Der Landtſtoͤrtzer.vnd verſucht hatten / als vitæ dulcedo vnnd gaudeamus: ſangen wir an jetzo vitæ ama - ritudo, ad te ſuſpiramus: Es hieß bey vns: poſt ſuſſung ſaurung. Derwegen ſuchte ich alle muͤgliche mittel vnd gelegenheit / mich vñ mein Gemahel zu ernehꝛen: Es hieß bey mir fodere non valeo, mendicare non eru - beſco: arbeiten kan ich nit / vnnd deß betlens ſchaͤme ich mich: Letztlichen entſchloſſe ich mich ein Schreiber zu werden / in hoffnung widerumb ein groſſer Herꝛn zu werden: Kein ſchand iſts / dz auß einẽ nobiliſtẽ ein ſcribiſt oder ſcribent wirdt / dañ auß ſchreibern wer - den groſſe Herꝛen / aber ein ſchand iſts / wann auß einem Edelman ein Bettelman / ein Land - ſtoͤrtzer oder Maußkopff wirdt / vnd er alsdañ der Schreibern gnad leben muß. Mein vo - riger Herꝛ der Obriſt Hofmeiſter halff dar - zu / vnnd befuͤrderte mich zu einer Gericht - ſchreiberey / dann ich hatte ein gute Handt zum ſchreiben / vnnd von Natur noch ein beſſere zum ſtehlen. Deßgleichen hatte ich einen guten Kopff zum componiren, dich - ten vnnd ſtellen / aber ein noch vil beſſereZung413Der Landtſtoͤrtzer.Zung vnnd Venam zum liegen. Kein Ge - wiſſen hatte ich / ſonder es war vorlengſt ver - loren / derwegen thate ich bey diſer Gericht - ſchreiberey nichts anders / als ſchinden / ſcha - ben / liegen vnd triegen: Es hieß bey mir: non apparebis ante me vacuus’; Wer mir nichts ſchenckte / vnd mir oder meiner Hauß - frawen etwas mitbrachte vnnd verehꝛte / der hat kein gute noch ſchleinige expedition, vnangeſehen ſein Handel noch ſo gerecht vnd gerecht war.
Bey allen Staͤnden find ich muͤhe / arbeit vnnd gefahꝛ. Etliche Geiſtliche Prælaten verkehren bißweilen die Renten der Armen in Bancketen vnnd Gaſtereyen / den ehrli - chen Namen der Prælatur veraͤnderen ſie in einem Weltlichen Pracht vnd Ehr / vnnd an ſtatt / daß ſie andere waiden vnd verſorgen ſolten / waiden vnnd verſorgen ſie ſich ſelbſt. Die groſſe Herꝛen ſehen jhre Vnder - thanen bißweilen nicht an mit dem Eyfer der Lieb vñ barmhertzigkeit / ſonder der ſtrengheit vnd vnbarmhertzigkeit / verkauffen die Amb - ter der Iuſtici vnnd gubernaments, ent -weder414Der Landtſtoͤrtzer.weder vnderm ſchein der Freundtſchafft oder auß fuͤrbitt / dardurch wirdt nicht das Ambt ſonder die Perſon verſehen / aber die vndertha - nen / ſo durch ſie regirt werden muͤſſen / werden vbel bedacht. Damit auch der ſtatt ſolcher Herꝛn geſch wille / ſo ſeind ſie ſehend blind / vnd hoͤꝛend taub / vnd wiſſen nit / was an jhꝛen Hoͤ - fen vnd auffm Landt geſagt / gethan oder be - gangen wuͤrdet.
Die Gubernatores vnnd Beambten der Iuſtici diſſimuliren bißweilen mit den ſuͤn - den wegen deß reſpects der freundſchafft odeꝛ eygnen nutzes: Etliche Juriſten / Aduoca - ten vnd Procuratores bemuͤhen ſich jhꝛ gan - tzes Lebenlang mit frembden Haͤndlen / nicht zwar auß einem Eyfer der Iuſtici, ſonder deß Gelts. Daſſelbe erwerben ſie mit ſophiſtiſchẽ cautelis vnd vnſterblich machung der Pro - ceſſen / vnnd verurſachen ſo vil boͤſes / daß Pe - trus Koͤnig in Caſtilia vnnd Aragon befol - chen / daß alle Aduocaten vnd Procuratores ein newes Ambt lehrnen muſten / ſich darmit zuernehꝛen.
Die Medici verſchulden den Todt biß -weilen415Der Landtſtoͤrtzer.weilen vil beſſer / denn die Moͤrder / dann ſie richten ſehꝛ vil Leut hin / vnd werden nit allein nit drumb geſtrafft / ſonder mit Gelt belohnt vnnd ergetzt Als baldt der Medicus zum Krancken kompt / ſo greiffet er jhm den Pulß / vnnd vrtheilet von der Kranckheit / vnangeſehen auch er ſie nicht kennet / noch in ſeinen Verſtandt bringen kan / ſo appliciret er die remedia zum Grab: ô languens me - dicina.
Etliche Soldaten vnd Kriegsleuth halten bißweiln ſich ſelbſt nicht fuͤr dapffere Helden / es ſey dann / daß ſie rein fluchen / ſchwoͤren / ſtehlen / rauben / Kirchen vnd Kloͤſter ſtuͤrmen / Jungfrawen ſchenden vnd tyranniſiren koͤn - nen.
Die Eheleut verheuraten ſich gemeinglich nur zu erfuͤllung jhꝛer Geylheit vnd begirden / verſch wenden jhꝛ Gelt vnd Gut / vnnd geben jhren Weibern vrſach / daß ſie entweder ver - zweifeln oder in Suͤnden fallen / dann entwe - der kleiden ſie dieſelbigen vil zu ſtattlich / vnnd verſtatten jnen allen jhꝛen willen vnd freyheit / oder ſie halten ſie wie Sclauen vnd Fußhader.
Die416Der Landtſtoͤꝛtzer.Die Richter / Burgermeiſter vñ Beambten ſeindt bißweilen eygennuͤtzig / Beutelzauſer / Blutſauger / vnnd gleichſamb Walfiſch / ſperꝛen jhre Maͤuler zu allem Geitz auff / vnd woͤllen alles verſch linden / damit jhre Haͤuſer mit allerhand ſachen verſehen vnd erfuͤllt / vnd jhꝛe Renten vnendtlich vermehꝛt werden auff den Vnkoſten der armen Witwen vnd Wai - ſen: Alle Waͤſſer laiten vnnd fuͤhren ſie zu jh - rer eygnen Muͤhl / je thewrer alle ding ſeind / je lieber ſie es ſehen / je beſſer ſie es haben / vnnd je reicher ſie werden / aber doch ſehen wir biß - weilen / daß ſie / vermittelſt der Goͤttlichen Barmhertzigkeit / jhr Leben vnnd Gewiſſen reformiren, die Hurer / Spiler / Dieb / Flu - cher vnnd Schwerer bekehꝛen ſich bißweilen baldt oder langſamb / vnnd verlaſſen jhre alte haut wie die Schlangen: Bey allen vnnd jeden Menſchen ſind ich ein zeichen jhrer ſe - ligkeit / allein an den Schreibern verliehre ich die Zahl / vnnd find kein bekehrung / heut we - niger denn geſtern: Allzeit ſeindt ſie Ioannes in eodem, vnnd bleiben wer ſie ſeindt: Sel - ten ſihe ich einen beichten / noch jemande / derſie417Der Landtſtoͤrtzer.ſie abſoluire / dann ſie informiren vnd ſchꝛei - ben vilmals / was jhnen ſelbſt wolgefaͤllt / ent - weder von deß Gelts oder deß Freundts: Sie (von boͤſen Schreibern rede ich / dann man findt auch vil fromme) benemmen den Leu - ten das Leben / die Ehꝛ / Haab vnd Gut / vnnd eroͤffnen die Thuͤr allen Suͤnden: Seind be - gierig vnd Hundtshungerig: Jhre Seelen ſeindt entzuͤndt mit einem ſolchen hoͤlliſchen Fewer / daß ſie die frembde Guͤter ohne ei - niges kewen verſchlucken: Alsbaldt die vnge - rechte Schanckungen jhre Haͤnd beruͤhren / verkehren ſich dieſelbige Augenblicklich inn Fleiſch vñ Blut dermaſſen / daß ſie es niemaln widerumb ruſtituiren oder von ſich werf - fen koͤndten: Zu dem ſeind ſie (ſonderlich die ſchlimme Handtſchreiber) gemeinglich ſehr bockſtoltz vnd praͤchtig / vnd kleiden ſich auff Edelmaͤñiſch / vnd ſeind dermaſſen hoffertig / daß ſie ſelbſt nit wiſſen / wie ſie gehen vnd her - ein tretten woͤllen: Sie vermeinen / daß ein jeder jhnen auß dem weg weichen / vnnd die Schlappen vor jnen abziehen muͤſſe / vnange - ſehen ſie kaum drey Wort ſauber vnnd rechtD dabſchrei -418Der Landtſtoͤrtzer.abſchreiben / vil weniger etwas concipiren koͤnnen.
Kein ſtoltzers Thier ſindt man / als ſchrei - ber: Ein Hur auff einem Schloß / ein Schrei - ber auf einem Roß / ein Lauß auf einem grind / ſeind drey ſtoltzer Hofgeſind.
Darneben ſeind ſie gemeinlich ſehꝛ zehꝛlich vnnd verſchwendtlich wanns auß anderer Leuth Beutel gehet / laſſen rundt vnnd wa - cker aufftragen / tiſchen / freſſen / ſauffen vnnd praſſen auff den alten Keyſer hinein / auff der armen Bawren / Witwen vnnd Waiß - lein Vnkoſten. Diſer vrſachen halben hats das anſehen / daß / wann etwann einer ſelig wirdt / vnnd in die Glori eingehet / als - dann die Engel zu einander ſprechen: Læ - tamini in Domino, ſcriba in cœlo, fru - ta nucua, das iſt: Frewet euch im HErꝛn / ein Schreiber iſt zu vns in Himmel kommen / es iſt ein newe Frucht vnnd ſeltzames Wildt - praͤt.
Es ſagen gleichwol die Schreiber vnnd andere Beambten / daß es an jetzo ein vil an - dere geſtallt mit jhnen habe / weder vor zeiten /dann419Der Landtſtoͤrtzer.dann ſie haben gemeingklich ſchlechte beſol - lungen / dargegen werden alle ding je lenger je thewrer / Jtem / daß man jhnen das Ambt nit vmbſonſt gegeben / ſonder vmb vil Gelts verkaufft habe / vnnd daß derwegen ſie auß jhꝛem Gelt den Zinß ſchlagen muͤſſen / wie auch nicht vergeblich muͤh vnnd arbeit haben koͤnnen. Hieran reden ſie gleich wol nit ſo gar vnrecht / vnnd es iſt ein ſehr alter ge - brauch / daß man die Aembter verkaufft hat / dann Ariſtoteles ſagt / daß dem gemeinen weſen nichts ſchaͤdlicher ſeyn koͤnne / als e - ben die verkauffung der Aembter / vnnd als jener Lacedemoniſche Alcamenus gefragt ward / durch was mittel ein Landt gluͤckſelig werden koͤndte? Antwortet er: wann der Koͤ - nig ſeinen eygnen nutz in Windt ſchlaͤgt. Wie kompts aber / daß man ſagt Schaffner / Hauptleut vnnd Jaͤger / Pfleger / Kaſtner / Mautner / Schreiber vnd Forſter / haben ge - meingklich kleinen Lohn / vnnd werden doch alle reich daruon?
Dd 2Ant -420Der Landtſtoͤꝛtzer.Schreiben fuͤr ein X ein V. fuͤr ein Kalb ein Kuh / alſo gehts zu. Weil dañ mein Gericht - ſchreiberey mich gleichfals vil gekoſt hatte / ſo machte ich mirs waidlich zu nutz / ich ſchinde - te vnd ſchabte ohne alles Gewiſſen noch anſe - hen der Perſonen / ſchrib ſo gar ein X. fuͤr ein V. ertraͤnckte mein Seel im Dintefaß / vnnd machte es dermaſſen grob vnnd vnleidenlich / daß letztlichen der Geitz den Sack zerriſſen / vnd man mich deß dienſts entſetzte / An diſem allem war nun ich ſelbſt vnd mein Gottloſig - keit ſchuldig / dann ich hatte Gott nit voꝛ Au - gen / bettete vnd beichtete ſelten / vnd wann ich ſchon bißweilen beichtete / ſo ſuchte ich doch einen ſolchen frommen Beichtuatter / der fein liderlich mit mir hindurch ging / dann man findt Beichtuaͤtter / welche ſehr groſſe abſo - lutores, Ablaßſprecher vnnd den Schuſtern gleich ſeind / dann wie die Schuſter vns pfle - gen zu vberꝛeden / daß die Schuch / welche ſie vns gemacht haben / treflich wol anſtehen / wir aber am beſten empfinden / wann vnnd wo ſie vns drucken / alſo pflegen etliche Beichtuaͤt -ter421Der Landtſtoͤrtzer.ter die Suͤnden ſehꝛ leicht / vnd auß toͤdtlichen laͤßliche zu machen / vnangeſehen vnſer eignes Gewiſſen vns trucket / vnnd vns ein anders ſagt.
Guſman wirdt ein Wirth / vnd be - nebens ein Kuppler vnd Wucherer / vnd bereichert ſich ſtattlich.
BEy meiner Gerichtſchreiberey hatte ich gleichwol zimblich vil Gelts er - ſchunden / vnnd mich wol gewaͤrmet / derwegen gedachte ich auff noch ein andere Maulnahrung / nemblich die Wirthſchafft / Dann wer an jetzo nit mag arbeiten / oder ſich ſonſten durch andere loͤbliche vnd tugentſame mittel ernehren / der wirdt ein Schreiber oder Wirth / oder ein Muͤnch / oder ein Alchimiſt / oder ein Singer / oder ein Spilman / oder ein Kupler / oder ein Schalcksnarꝛ / oder ein Co - mediant / vnnd letztlichen ein Galgenſchwen - gel. Fuͤrnemblich vnd inſonderheit aber ſehen wir / daß bißweilen die jenigen / welche zu ehr -D d 3lichen422Der Landtſtoͤrtzer.lichen Handthierungen keinen luſt / das jh - rige verſpilt / verpraſt haben vnnd verdorben ſeind / letztlichen Wirth vnd Tafernirer wer - den: Jſt alſo die Wirthſchafft ein ehrlicher Mantel jhꝛe Rauberey vnd Betrug zu bede - cken. Eben diſes thate auch ich / vnd ward ein Wirth / aber kein Gaſtgeb / dann ein erbarer vnd redlicher Gaſtgeb helt fuͤr die Reiſenden ein getrewe Gaſtung / tractiret ſie vmb einen billichen Lohn vnd pfenning / mit nottuͤrfftigẽ ſaubern ſpeiſen vnd vnuerfaͤlſchten Tranck / verſihet ſie mit ſauberer Ligerſtatt / iſt nicht geitzig oder Gelthungerig / vnd verſtattet we - gen deß Gelts vnd Gewinns keine Vollſauf - fereyen / vnnd andere vngebuͤhr / muthwillig - keiten vnd Gottloſigkeiten in ſeinem Hauſe. Darneben iſt er barmhertzig vnd beherberget die Armen vmb jhren Pfenning / oder auch vmb GOttes willen: Deßgleichen iſt er ſehr fuͤrſichtig / vnd ſchawet fleiſſig auff / damit kei - ne Hurer vnd Schlepſaͤck bey jm einſchleichẽ oder einniſten: Jtem daß ſeine Knechte mit allen ſachen redlich vmbgehen / den wein nicht verfaͤlſchen / den Pferden das Futter nicht ab -ſtehlen /423Der Landtſtoͤrtzer.ſtehlen / oder mit doppelter Kreiden ſchrei - ben / vnnd die Gaͤſt vbernemmen vnnd be - triegen. Jn ſumma / er richtet ſeine Hauß - genoſſen dermaſſen ab / daß es in der zucht / Erbarkeit / Guͤtigkeit / Barmhertzigkeit / Gerechtigkeit vnnd Gottsforcht / einem Gottshauß gleich ſihet. Dergleichen Wirth aber findt man wenig vnnd an wenigen / ſon - der nur an denen orten / wo man gute ſteiffe vnnd Chriſtliche Stattpolicey vnd ordnung helt / vnd ſolche Gaſtgeb ſeind lobens werth / werden auch vilmals in den Stattrath gezo - gen.
Kein ſolcher Gaſtgeb war ich / ſonder ein Wirth / oder ein Caupo vnnd Inſtitor, deren Ampt oder gebrauch iſt / daß ſie die Speiß vnnd Tranck in jhren Haͤuſern ver - kauffen / das vollſauffen vnd alle vnzucht we - gen deß gewiñs / geſtatten: dern hauß oder Ta - fern nur ein Wohnung vnd auffenthaltung der Freſſern / Sauffern / ſpilern vnd Hurer iſt. Wie redlich vnnd loͤblich nun die vorbemelte hoſpites oder Gaſtgeb ſeindt / alſo vn -D d 4redlich434[424]Der Landtſtoͤrtzer.redlich vnnd veraͤchtlich ſeindt die obbemelte Caupones oder Inſtitores, vnnd werden in Jtalia fuͤr verwoꝛffene Leut gehalten.
Jch war gleichfals eben ein ſolcher erba - rer vnd Seeloſer Wirth / vnd brauchte aller - hand ſchoͤne Wirthiſche ſtuͤckel / reich zu wer - den / Dann erſtlich beherbergte ich alles was kam / Huren vnd Buben / Dieb vnnd Schel - men / Reiche vnd Armen / vnd verſtattete jnen alle vngebuͤhr. Weil auch mein freundliche liebe Haußfraw nicht heßlich / ſonder etwas huͤpſch vnd ſchoͤn / vnd benebens holdſelig vnd freundlich war / vnd ſich gar wol accommo - diren vnnd zutaͤppiſch machen kondte / ſo zo - hen die Gaͤſt deſto lieber bey mir ein / zumaln weil ich darneben allzeit ſchoͤne junge Maͤgd - lein im Hauſe hatte / welche den Gaͤſten auff - warteten / vnnd bißweilen einen Reuter dienſt erwiſen: Diſer geſtallt war mein Hauß auch ein kuppel: oder Hurenhauß / vnnd ein Hauß der Vnreinigkeit.
Jch brauchte auch allerhandt Buͤberey / be - trug / verfaͤlſchung / vermiſchung vnnd ver - butterung deß Weins / damit ich denſelbendeſto425Der Landtſtoͤrtzer.deſto beſſer hinbringẽ vñ außſchencken moͤch - te: Zu ſolchem end brauchte ich beym Tag die rechte / vnnd bey der Nacht die falſche Maß - kandel / vnd fuͤhꝛte meinen gewinn auff man - cherley weg / manier vnd verꝛibene boſſen / ent - weder durch vngetrewe darꝛeichung der ver - doꝛbenen oder offt gekochten vnd gewaͤꝛmeten Speiſen / oder deß Fleiſches von vmbgefall - nen Viech oder abgeſtandenen Fiſchen / oder durch verzuckung vnd veruntrewung einer o - der anderer ſachen.
Beſchließlichen trib ich auch den Fuͤr - kauff mit Traid / vnd wucherte dermaſſen mit dem Gelt / daß ich jnnerhalb wenig Jahren vber 40000. Ducaten reich ward. Deſſen lachte ich heimlich / vnnd verſpottete die Do - ctores vnd andere ehꝛliche Leuth / die ſich mit aller jhꝛer Kunſt / Geſchicklichkeit / ſawren Schweiß vnd Arbeit ſchwerlich ernehꝛen vnd hinbringen / geſchweige bereichern / oder etwas fuͤr ſich bringen vnd er - obern koͤnnen.
Was geſtallt Guſman widerumb durch die Alchimiſterey verdor - ben.
OB wol ich mich verſtandner maſſen / durch die Wirthſchafft vnnd Wu - cher bereicherte / ſo fuͤhꝛte doch der Teufel meinen Reichthumb vnuerſehens wi - derumb hinweg / vnd es verſchwand alles vn - der meinen Haͤnden / dann einsmals begab ſichs / dz zwo Perſonen bey mir einkehꝛten / ſich ſtattlich mit Kleidern vnnd Zehrung hielten / vnnd mich anfangs fleiſſig außzahlten / der - wegen redete ich einsmals vertrewlich mit jhnen / vnnd vermerckte / daß ſie Alchimi - ſten oder Goldtmacher waren / vnnd jm - merdar mit dem Goldtmachen vmbgingen: das gefiel mir treflich wol / vnnd ich bate ſie / daß ſie mich diſe ſo ſchoͤne Kunſt lehꝛnen wol - ten. Das thaten ſie gar gern / vnderwiſen mich anfangs im diſtilliren der koͤſtlichen vnd kraͤfftigen Waͤſſer / folgendts zeigten ſie mir /wie427Der Landtſtoͤrtzer.wie man auß Bley vnnd Kupffer ein gutes gerechtes Goldt machen koͤndte. Sie thaten auch ſolche augenſcheinliche proben in mei - ner gegenwertigkeit / daß ich an jhꝛer Kunſt vnd redlichkeit nit zweifelte / vnnd ſo gar einen deſto groͤſſern luſt darzu vberkam / Aber ſie betrogen vnnd verfuͤhrten mich / dann ſie machten das Goldt nicht auß Bley oder Kupffer / ſonder auß Goldt / vnd brachten mit groſſer muͤh vnnd vnkoſten vil Goldts in ein Puluer / vermiſchten es hernacher vnder ein anders Metal vnd machten widerumb Gold drauß. So gar narꝛeten vnnd vberꝛedeten ſie mich / daß ſie Goldt auß nichts machen koͤnd - ten vermittelſt deß Queckſilbers / als einer Mutter vnnd Materi / darauß das Gold von Natur gemacht wirdt / vnnd durch die Kunſt gemacht werden kan / welches aber eben - maͤſſig ein lauterer Betrug vnnd Falſchheit war / jnnmaſſen ichs ſelbſt erfahren / dann ich verliebte mich dermaſſen inn diſe Leuth vnnd jhre Kunſt / daß ich etliche tauſendt Ducaten verdiſtilltrte vnd verſchmeltzte / vnd dannoch den rechten grundt vnd Kunſt nichtergriffe /428Der Landtſtoͤrtzer.ergriffe / als auch ſie vermerckten / daß ich zu diſer Kunſt am allerhitzigſten vnd begierlich - ſten war / vnnd daß ich noch ein anſehenlichen Schatz an Goldt beyſammen hatte / vnnd als derwegen ich einsmals nicht bey Hauß war / ſo vberfilen ſie vnuerſehens mein Haußfraw vnnd zwangen ſie / daß ſie jhnen den Kaſten / darin mein Goldtſchatz lag / zeigte vnd eroͤff - nete: Darauß namen vnnd klaubten ſie das allerbeſte vnnd meiſte Goldt / ſetzten ſich auff Poſtroß vnd machten ſich abfuͤndig vnd vn - ſichtbar. Mein Haußfraw entſetzte ſich druͤ - ber dermaſſen / daß ſie erkranckte / vnnd jhren Geiſt auffgab: Jch aber fandt zu meiner heimbkunfft einen laͤren Kaſten / darauß mein lang erſchundenes vnnd vbel erobertes Goldt geflogen / vnd / wie gewunnen / alſo entrunnen war. Diſer geſtalt erfuhꝛ ich mit meinem ſcha - den / daß jener Doctor recht vnnd wol von der falſchen vñ naͤrꝛiſchen Alchimiſtiſchen Kunſt geredt hatte / ſprechendt: Nunquam ſanè ſtultitiæ & imprudentiæ euadit, qui ex hac arte lucrum quærit, ſemper enim ſtultus eſt mercator, qui in illud negoci -atio -429Der Landtſtoͤrtzer.ationis genus incumbit quo videt nul - lum, vel de millibus aliquot vnum, lucrũ feciſſe, omnes vero vel mille contra vnũ facultates ſuas abſumpſiſſe.
Guſman wirdt ein Kramer / fol - gendts ein Hauſirer / vnd letztlichen ein Maußkopff / vnd mit Ruthen außgehawen.
VNendtlich vil vnd groſſe Narꝛen vnnd Narꝛetheyen findt man in der Welt / dern ich etliche vnnd ſchier die meiſte allbereit verſucht hatte / aber kein einige Narꝛ - heit halte ich fuͤr gemeiner vnd ſchaͤndtlicher / als eben die Torheit deß Geitzes / mit welchem ſchier alle vnnd jede Staͤnd der Welt behafft vnd ſchwanger ſeind. Von dem Adel aber wiſſen wir / wie derſelb mit dem Pfeyl der Geitz Thorheit geſchoſſen vnd getroffen ſeye / dañ ich hab etliche gekennt / welche jhꝛe ſchuch ſelbſt geflickt / vnnd jhre Hembder gewaſchen / vil andere aber / welche ſich in alle vnnd jedeſchaͤnd -430Der Landtſtoͤrtzer.ſchaͤndliche gewinn / ſo jhnen in Saͤckel getra - gen / einlaſſen / vnd treflich vnd außbuͤndig ab - gericht ſeind auffs Gelt einnem̃en / Bauren - ſchinden / vnderthanen trucken / den Arbeitern vñ armen Witwen vnd Waiſen jren woluer - dienten Lohn aufhalten / ſchmaͤhlern oder ab - brechen / dannenhero numehꝛ nit edle vñ veſte Junckern / ſonder edle vnnd geſtrenge Herꝛn geneñt werden woͤllen / ſeytemal ſie in den wer - cken der Guͤte vnnd Barmhertzigkeit nit veſt / ſonder in der vngnad vnnd vnbarmhertzigkeit ſehꝛ geſtreng ſeind.
Vil Raͤth vnnd Beambten ſeind mit der Kranckheit deß Geitzes dermaſſen beladen / dz ſie nur die Gold vnd Silberſalben brauchen vnnd darmit geſchmirt werden muͤſſen. Vil Kriegsobriſten verꝛathen auß Geitz die Ve - ſtungen / Landt vnd Leut / wann nur Kauffleut vnd gelegenheiten verhanden.
Vil Juriſten vnd andere gelehrten fuͤhꝛen das Narꝛenwappen (nemblich das Gelt) in jhrem Schildt / dann ein jeder Narꝛ auff diſer Welt / meint / er hab Gluͤck / wann er hat Gelt.
Wo iſt ein gemeiner Kauff: oder Han -delsman /481[431]Der Landtſtoͤrtzer.delsman / der ſich mit einem gerechten vñ offt anſehenlichen gewinn benuͤgen / vnd nit vom Geitz vbergehen lieſſe / wie auch alles Gewerb allein zu haben begehꝛet / vnnd ſich vmb die Narꝛenkappen deß Geitzes reiſſet? Mit di - ſem Geitzteuffel war auch ich inſonderheit behafft / dann weil ich obgehoͤrter maſſen durch die Alchimiſterey vnnd Alch imiſten betrogen vnnd verderbt war woꝛden / ſo be - gab ich mich geſchwindt auff die Kramerey / kauffte allerhandt Waaren wolfeyl ein / ſchlug aber ſtarck drauff / verkauffte ſie biß - weilen anheimbs vmb doppelts Gelt / ging faͤlſchlich mit der Meſſerey vnnd Gewicht / vmb / brauchte darneben Factoreyen / vnnd hatte einen groſſen Gewinn bey der Muͤntz: Es erkleckte aber alles nichts / ſonder ich ver - thate es alles mit einander mit heiloſen Leu - ten / verſpilte vnnd verhurte es. Letztlichen ward ich ein Hauſirer / vnnd hauſirte mit meiner Kramerey auffm Landt herumb / vnnd betrog die ein faͤltige Bawren vnd Prælaten mit meinen falſchen Waaren. Weil auch mein Haußfraw vor verſtandener maſſen /loß432Der Landtſtoͤrtzer.loß gedruckt hatte / vnnd auß diſer zeitlichen Wanderſchafft geſchiden war / ſo bewarb ich mich vm̃ ein ſchoͤne ſtarcke Metze / die brauch - te ich vnder Tags an ſtat einer Eſelin / dann ſie halff mir meinen Kram tragen / vnnd deß nachts brauchte ich ſie ſonſten fuͤr mein weib / vñ lihe ſie bißweilen auch einem andern guten geſellen. Diſer geſtallt behalff ich mich ein zeitlang / vnnd brachte mich taliter qualiter vnd mit ſchlechten ehren hin / Dann wann ei - ner gar verdoꝛben / vnd ein Bettler woꝛden iſt / ſo ſuchet er letztlichen einen liſt / wirdt ein Kra - mer vnd Hauſirer / vnd hat fuͤnffzehen Kreu - tzer in der Handt / ſo will er ziehen mit der waar ins Landt / vnangeſehen er ein Schelm vnnd Dieb darneben iſt / vnd ſo lang hin vnd wider vmbzeucht / biß er letztlichen an einem duͤrꝛen Holtz behencken bleibt / jnnmaſſen auch mir ſchier widerfahren waͤre. Dann nach dem ich lang hin vnd wider geſtrichen vnnd gelof - fen / gerieth ich letztlich in einem Wirthshauß zu etlichen Geſellen / die waren meines glei - chen vnd Maußkoͤpff / ernehꝛten ſich mit auf - klauben oder mit der vnbegerten arbeit / waide -ten433Der Landtſtoͤrtzer.ten bißweilen den Kauffleuten jhre Bulgen auß / damit ſie nicht ſtinckendt wuͤrden / vnnd brachten mich leichtlich in jhre geſellſchafft / vnd ſo weit / daß wir ſamptlich befengnuſt vñ vnſer etliche mit Ruthen außgeſtrichen wur - den.
Guſman begibt ſich in ein Benedi - etiner Kloſter / vnnd wirdt vnderwiſen wie er ſich im Orden verhalten muͤſſe.
ALs ich vorerzehlter maſſen außgekramt vnd widerumb Blut arm / elendig / vn - duͤchtig vñ fluͤchtig worden / begab ich mich in ein Benedictiner Kloſter im Schwei - tzerlandt / vnnd weil ich gut Jtalieniſch vnnd Lateiniſch / vnd benebens wol ſchwaͤtzen kond - te / ſo bewegte ich den Patrem Priorem, daß er mich auff prob vnd verſuchung acceptir - te vnd einnam / Zuuoꝛ aber erzehlte er mir al - le vnd jede muͤh / arbeit vnnd vngelegenheiten / die man anfangs vnd hernacher in dem Or -E eden434Der Landtſtoͤrtzer.den außſtehen muß / vnnd ſprach: Mein Sohn / weil ich von dir verſtehe / wie es dir inder Welt ſo gar vbel ergangen / ſo gedenck nicht / daß du anjetzo im Kloſter gute Taͤg an - treffen / gleichſamb ins gelobte Landt oder Schlaraffenlandt kommen / vnnd nichts an - ders thun werdeſt / als eſſen / trincken vnd muͤſ - ſiggehen / ſonder fuͤrnemblich zwey ding muſt du thun vnnd in obacht nemmen / wofern du anders begerſt ein frommer vnd gerechter re - ligios zu werden.
Das erſte heiſt F A C E R E, vnd bedeut / daß ein religios ſich dermaſſen in den handel ſchicken vnd verhalten muͤſſe / damit er Gott dem HErꝛn / ſeinen Vorſtehern / ſeiner Reli - gion / ſeinem Naͤchſten / jhm ſelbſt vnd den er - ſchaffnen Creaturen ein ſatisfaction vnnd gnuͤgen thue: Als dann aber thut er GOtt dem HErꝛn ein gnuͤgen / wann nemblich er denſelben vber alle ding nebet / ſeine Gebott vnd Euangeliſche Raͤth fleiſſig helt / jhne mit gantzem Hertzen lobet / ehꝛet vñ dancket / ſo wol zur zen deß Wolſtandts als widerwertigkeit. Jtem / wann er tauſentmal lieber ſterben /weder435Der Landtſtoͤrtzer.weder ſeinen GOtt vnnd Erſchaffer in den aller geringſten dingen erzuͤrnẽ / oder ſich von ſeinem Goͤttlichen willen abſonderen wolte: Jn ſumma / wann all ſein thun vnnd laſſen zu der Glori vnd Ehꝛ Gottes gereichet.
Seinen Vorſtehern thut er ein gnuͤgen / wann nemblich er jhnen auff das aller wenig - ſie wincken oder deuten / gantz williglieh vnnd mit frewden gehorſamet / ſamb were es Got - tes vnd nit eines Menſchen ſtim̃: Jtem / wañ er ſie ehret vñ liebet als von Gott verordnete Vaͤtter vñ verſorger ſeiner ſeelen. Jtem wann er alle jhre befelch / verordnungen / geſchaͤfft vnnd werck im beſten auffnimbe / die darwider murꝛende beſcheidenlich ſtraffet / vnnd ſeine Vorſteher verthaͤdiget.
Seiner Religion thut er ein gnuͤgen / wañ er ſich gegen derſelben / wie ein from̃es Kindt gegen ſeiner lieben Mutter gehorſamb vnnd willigklich verhelt / vnd ſeine gethane Geluͤbd trewlich vollziehet.
Seinem naͤchſten thut er ein gnuͤgen / erſt - lich wañ er ſeine Bruͤder vnd mitreligioſen mit einer reinen Lieb liebet / jhr WolfahrtE 2fuͤr436Der Landtſtoͤrtzer.fuͤr ſein eygne helt / vnd in jhren widerwertig - keiten ein mitleiden hat / jhre gebrechen vber - traͤgt / vnnd jhnen zu jhrer Geiſtlichen auffer - bawung hilfft vnd befuͤrdert. Am andern wañ er die weltlichen vnnd jhrer Seelen heylliebet vnd befuͤrdert / vnnd jhnen im wenigſten kein boͤſes Exempel vnd aͤrgernuß gibt.
Jhm ſelbſt thut er ein gnuͤgen / wann er ſei - ne vnordenliche appetiten bezwinget / ſein Fleiſch zaͤhmet / die Welt veraͤchtet / alle der - ſelben eytelkeiten in Windt ſchlaͤgt / ſich inn allen dingen von GOttes wegen mortifici - ret, ſich ſelbſt vberwindet / ſeinem Leib nur die bloſſe notturfft gibt / der Welt vnd ſich ſelbſt abſtirbt / vnd allein ſeinem Gott vnd Erſchaf - fer lebet.
Beſchließlichen thut er den erſchaffenen dingen ein gnuͤgen / wann er von denſelbigen nur die notturfft nimbt / vnd mehr nicht / weil auch er waiſt / daß ſie nur zu dem Endt von GOtt erſchaffen ſeind / damit ſie dem Men - ſchen helffen ſein verlangtes ziel zuerꝛaichen / ſo erwoͤhlet er nur das jenig daruon / was jhne darzu kan befuͤrdern / hergegen verwirfft erwas437Der Landtſtoͤrtzer.was jhne daran kan verhinderen: Durch di - ſes mittel machet der Menſch jhm ſelbſt von der Creatur ein Leiter in Himmel zugelangen.
Das ander / welches ein frommer religios thun ſoll / heiſt: Pati, oder leiden: Dann wann man anfangs ſich in die Religion will bege - ben / als dann verheiſſet ein jeglicher / daß er al - les thun vnnd leiden woͤlle / Aber wenig ſeind deren / ſo es in obacht nemmen vnnd halten / derwegen ſeind wenig religioſen vollkom - men. Durch das Wort: pati, wirdt bedeut / daß der religios ſich durchs leiden reinige vñ vollkommen mache / vnd daß er / ohne das pa - ti oder leiden / kein vollkommner religios ſein koͤnne. Jn der heiligen Schrifft wirdt die perfectio oder vollkommenheit ein Berg ge - nennt / auff denſelben aber kan niemandt ſtei - gen / ohne muͤh vnd arbeit leiden. Ein voll - komner religios pflegt ſich in ſeinem leiden nicht zubeklagen / daß jhm GOtt Kranckhei - ten / Truͤbſal vnnd verfolgungen zuſthicket / ſonder er helts alles fuͤr ein himmliſche Gab / vnnd nimbts zu danck an vom himmliſchen Vatter. Durch diſes mittel ſchoͤpffet er gu -E e 3tes438Der Landtſtoͤrtzer.tes auß boͤſem: Wann aber ein religios von Gottes wegen nicht gern etwas leidet / iſt ſol - ches ein zeichen / daß er jhne wenig / ſich ſelbſt aber liebe.
Sonſten muſtu auch die Regel vnſers hei - ligen Ordens vnnd drey Geluͤbd der Armut / Keuſchheit vnd gehorſambs fleiſſig vnnd vn - fehlbarlich halten / fuͤrnemblich vnd inſonder - heit aber die Keuſchheit / welche ein Eng - liſche Tugend iſt / vnnd den Menſchen einem Engel gleich machet / vnd benebens verurſa - chet / daß er wie ein Engel lebet. Woferꝛn die fundatores oder Stiffter der Religionen kein keuſches Leben gefuͤhrt hetten / ſo wurden ſie niemaln ſolche herꝛliche vnnd ſchwere im - preſen vnnd thaten begangen / vnnd die fun - dationes der Religionen nit zu werck gezo - gen haben. Woferꝛn auch die Apoſteln an Weiber vnnd Kinder gebunden geweſt we -[ren / ſo]wuͤrden ſie die Welt nit bekehrt / vnnd das Evangelium anzunem̃en bewegt haben. Derwegen ſeind die jenigen / ſo ein reines vnd kenſches Gemuͤt haben / vil tauglicher vnnd bequem er erleuchtet vnnd von GOtt begna -det439Der Landtſtoͤrtzer.det zu werden / wie auch die Himmliſche ding / die Goͤttliche attributa, die heilige Geiſter / die Guͤter der ewigen Seligkeit zu contem - pliren.
Sehr nothwendig vnnd wichtig iſt den religioſis die Keuſchheit. Jn einem weiſſen vnnd reinen ding wiedt ein jeglicher fleck / der ſey ſo klein wie er jmmer woͤlle / leichtlich ver - ſpuͤrt / vmb wie vil zarter vnnd weiſſer es auch iſt / vmb ſo vil ſcheinlicher vnnd ſchaͤndlicher iſt der Fleck darinn: Weil dann das Leben der religioſen ſehr weiß vnnd zart iſt / ſo wirdt es durch ein ſehr leichtes vnd ſchlechtes verbre - chen der Vnkeuſchheit geſchendt vnnd belei - digt. Die Weltlichen halten vns religioſen fuͤr Spiegel der Tugenden / wie aber ein Spie - gel / welcher nit rein vnd klar iſt / vns pflegt zu - beleidigen vnd vnluſtig zu machen / alſo wann der religios mangelhafft vnnd vnlauter iſt in der Keuſchheit / alsdann aͤrgeren vnnd be - leidigen ſie alle Geiſtliche vnnd Weltliche Perſonen.
Jn den andern Tugendten pflegt einE e 4ſchlech -440Der Landtſtoͤrtzer.ſchlechtes verbrechen dem religioſo nicht ſo ſchaͤdlich zu ſeyn / wie der mangel der Keuſch - heit: Ob ſchon der religios in der Sanfft - muͤtigkeit / mangelhafft vnnd etlicher maſſen koleriſch vnd zornmuͤtig iſt: Ob ſchon er auch etwas hoffertig vñ ehꝛgeitzig / oder ſonſten mit einem Laſter oder mangel behafft iſt / ſo ver - leurt er doch dardurch bey andern das con - cept eines guten religioſen nicht / Aber ley - der / der defect vnnd mangel der vnkeuſchheit machet / daß ein religios ſeinen guten namen vnnd den von jhm geſchoͤpfften guten wohn vnd hoffnung verlieret / dann wo vnkeuſchheit iſt / da kan kein Heiligkeit noch Andacht ſeyn: wo das Fleiſch herꝛſchet / da kan der Geiſt nit beſtehen.
Jederman helt darfuͤr / daß die religioſen das Saltz vnd das Liecht der Welt ſeyen / der - wegen iſt ein notturfft / daß ſie ſich vor allen denen dingen huͤten / welche dem Saltz vnnd dem Liecht jhꝛe eygenſchafft vnnd Krafft be - nemmen koͤñen: Das Saltz pflegt das fleiſch vorm verfaulen zuerhalten / woferꝛn aber das Saltz vnrein vnd mit Erd vermiſcht iſt / als -dann441Der Landtſtoͤrtzer.dañ pflegt es das Fleiſch nit allein nit zu præ - ſeruiren vnd zuerhalten / ſonder deſto ehen der zuuerfaulen: Eben alſo wann der religios rein vnd keuſch iſt / alsdann pflegt er durch ſei - ne Reden vnd Predigen / vñ durch ſeine Raͤth vnnd gute ermahnungen andere Leut zu præ - ſeruiren vnd zuerhalten: Wann aber er mit dem Laſter der Vnkeuſchheit inficirt iſt / als - dann inficiret er alles mit ſeinem boͤſen Ex - empel. Wie das Liecht andern leuchtet / vnd jhnen die im weeg ligende Stein vnnd gefahr zeiget / woferꝛn aber das Dacht deß Liechts vn - rein oder genetzt iſt / alsdann nur einen rauch vnnd kein Liecht von ſich gibt / alſo wann der religios nicht rein von Hertzen iſt / kan er an - dern nit allein nit leuchten / ſonder er machet auch jnen den weg dunckel / vnd gibt nit allein kein Liecht / ſonder vilmehr einen boͤſen Ge - ſtanck von ſich: Schwerlich kan der jenig an - dere erhalten vñ erleuchten / welcher ſich ſelbſt nit erleuchtet / vnd jhm ſelbſt im Liecht ſtehet.
Das Hertz eines religioſen iſt ein Tem - pel vnd Wohnung Gottes / damit derwegen daſſelbe ſein Hauß in der Reinigkeit erhaltenE e 5werde /442Der Landtſtoͤrtzer.werde / vnnd er ſteths darinn wohnen moͤge / ſo iſt ſolches Hauß der Keuſchheit zu einer quardi oder bewahꝛung gegeben woꝛden / wer derwegen die Keuſchheit auß ſeinem Hertzen vertreibt / vnnd der vnkeuſchheit ſtatt thut / der vertreibt GOtt den HErꝛn auß ſeiner woh - nung begehet dardurch ein ſehꝛ groſſe Suͤnd / beflecket den Tempel GOTtes / vnnd ſoll derwegen durch jhne zerſtoͤret vnd außgereut werden.
Nicht allein ſoll der religios nit vnkeuſch / ſonder auch vollkommlich keuſch ſein / vnnd alle boͤſe vnreine Gedaucken vnnd eingebun - gen von ſich treiben / vnd im wenigſten nichts vnzuͤchtiges reden / noch auch mit vnzuͤchti - gen Perſonen gemeinſchafft haben / ſonder alle Anlaͤß vnnd gefahr die Keuſchheit zuuer - lieren / meiden / vnd zu jhꝛer præſentirung vñ Behaltung das Fleiſch mit Faſten / diſeipli - nirungen / haͤrinen Kleydern vnnd wachen mortificiren.
Wofern nun du diſes alles in fleiſſige ob - acht nemmen vnnd vollzihen wilſt / woͤllen wir dich ins Kloſter annemmen / vnnd auffein443Der Landtſtoͤrtzer.ein Jahr probiren / darauff erklaͤrte ich mich / daß ich vermittelſt Goͤttlicher huͤlff / mich / wie einem frommen religioſen gebuͤrt / ver - halten wolte.
Wie ſich Guſman im Kloſter verhalten vnd außgeſprun - gen
JM erſten Probierjahr hielt ich mich dermaſſen wol / daß man mich zu der profeſſion kommen ließ / in wehren - dem meinem nouitiat aber begabs ſich / daß der Pater Schaffner vom Prælaten Erlaubnuß vberkam / ein zeitlang außzuzi - hen / ſich zu recreiren, vnnd mich mit ſich zu - nemmen. Das war nun ein gewuͤnſchter han - del fuͤr mich / dann als wir mit einander gegen dem Abendt auß dem Kloſter gingen / kamen wir in ein Wirths hauß / welches dem Kloſter zugehoͤrte / die Wirthin war huͤbſch vñ ſchoͤn / vnnd ſie hatte ein Schweſter bey ſich / die warnit444Der Landtſtoͤrtzer.nit heßlich. Jch ſahr daß der Pater Schaff - ner die Wirthin wol kennte / vnd gar vertreu - lich mit jhꝛ conuerſirte, derwegen geſellete ich mich zu der Schweſter / vñ verzehꝛten zwo Nacht daſelbſt im guten muth / von dannen gingen wir weiter / beſuchten die fratres in et - lichen nahe gelegenen Kloͤſtern / vnd recreir - ten vns more ſolito. Jm widerumb heim - zihen / kehꝛten wir in dem voꝛbemeltẽ Wirths - hauß widerumb ein / waren ſehꝛ liebe Gaͤſt / wurden wol tractirt vnd gehalten / vnd verbli - ben abermals zwo Nachilang daſelbſt.
Als wir nun widerumb in vnſer Kloſter kamen / ſahen wir / daß man vns allbereit beym Herꝛn Prælaten hatte auffgeſtochen vnd an - gegeben / als waͤre der Pater Schaffner bey der Wirthin / vnd ich bey jhrer Schweſter ge - legen / vnd ob ſchon wir ſtarck darfuͤr laugne - ten / vnnd vns jhm vnſere vnſchuld darbotten / ſo muſten wie doch die ſchuld haben / turniren vnd buß thun. Es ward auch der P. Schaff - ner ſeines Ampts entſetzt / vnnd widerumb hinden ins Conuent geſchafft: Das ver - droſſe jhne dermaſſen / daß er von derſelbenzeit445Der Landtſtoͤrtzer.zeit an / alle muͤgliche mittel vnnd weg ſuchte / ſich wider ſeinen Prælaten zu rechnen / vnnd zu ſolchem end / mit huͤlff vnd zuthun der mei - ſten Conuentualen, deferirte vnd beſchul - digte er jhne beym Biſchoff zu Coſtantz / als Ordinario, viler boͤſer ſtuck halben / er brach - te auch ſeine ſachen dermaſſen ſcheinlich fuͤr / daß jhm der Biſchoff nit allein glaubte / ſon - der auch ein groſſe vngnad wider den Præla - ten faſte / vnd ſehr ſtarck vber jne inquiriren ließ. Weil aber der abgeſetzte Pater Schaff - ner letztlichen vermerckte / daß ſeine beſchehe - ne falſche delationes den ſtich in die leng nit halten wurden / vnd daß es endtlichen vber jne ſelbſt außgehen wuͤrde / ſo wolte er deß auß - ſchlags nit erwarten / ſonder vberꝛedete mich / daß wir beyde mit einander vnuerſehens auß - ſprangen / gleichwol aber nit mit laͤrer handt / dañ der Schafner hatte in wehꝛendem ſeinem Schafnerambt / vil ſchoͤne Ducaten vnd har - te Thaler zuſammen geklaubt. Alsbaldt die vorbemelte Wirthin vnd jhre Schweſter deſ - ſen durch vns heimblich auiſirt vnd erjnnert worden / zohen ſie vns nach / vnnd fanden vnsin446Der Landtſtoͤrtzer.in einem Marcktflecken nahe bey Baſel / da - ſelbſt hielten wir vns in einem Wirthshauß in weltlichen Kleydern auff / vnnd hatten etli - che tag einen guten muth mit einander. Das kondte aber ſo gar geheimb nicht bleiben / daß es vnſer Prælat nicht erfuhr / dann er hatte vns aller Orthen laſſen nachſtellen / vnnd brachte ſo vil zu wegen / daß wir vnuerſe - hens vberfallen / befaͤngnuſt / vnnd wider - umb in vnſer Kloſter gefuͤhrt wurden. Was nun dem Schaffner fuͤr ein ſtraff angethan ward / das weiß ich nicht / dann es ward alles in groſſer geheimb gehalten / aber ich hatte keinen luſt laͤnger daſelbſt zu bleiben / ſondern nam hinder der Thuͤr vrlaub / warff die Kut - ten von mir / vnnd ward widerumb der jenig / der ich von anfangs meiner zarten jugendt geweſt / nemblich ein Stoͤrtzer / Landtlaͤuffer / vnd nichtiger Schelm.
Daß es aber vns alſo in dem Cloſter er - gangen / daran waren gleichwol wir ſelbſt vnnd vnſere boͤſe Art vnnd Eygenſchaff - ten ſchuldig / aber doch verurſachte es auch fuͤrnemblich die vil zu groſſe Freyheit / dieman447Der Landtſtoͤrtzer.man vns mit dem außlauffen veꝛſtattete / dann wie der Fiſch ins Waſſer / alſo gehoͤren die Muͤnch in die Cloͤſter: Stythero die reli - gioſi hin vnnd wider vagieren / auch auß vnnd einlauffen / iſt die diſciplina monaſti - ca vbel geſtanden / vnnd es vberkommen die religioſen vil occaſiones, anlaͤß vnnd ge - legenheit jhr allerbeſtes Kleynot der Keuſch - heit zuuerſchertzen / vnnd ſich in weitlaͤuffig - keit vnnd vnwiderbringliche verderben zu ſtuͤrtzen.
Was mich belangt / gedachte ich damals in ſolchem meinem aber mahligen armſeligen zuſtandt / gar offt an jenen verlohrnen Sohn welcher / als er das koͤſtliche vnnd vberfluͤſ - ſige Hauß ſeines Vatters verlaſſen hatte / groſſen hunger litte / der Schwein huͤtete / vnd ſeinen vorigen gluͤckſeligen ſtandt / hergegen ſein jetziges armſeliges weſen betrachtete an - fing zuweinen vnd ſprach: O wie vil Tagloͤh - ner ſemdt in meines Vatters Hauß vnd ha - ben vberfluͤſſig zueſſen / aber ich muß allhie deß Hungers ſterben.
Durch448Der Landtſtoͤrtzer.Durch diſe Wort gab er zuuerſtehen / was er fuͤr Gutthaten hatte verloren / vnnd in was fuͤr einem boͤſen Stand er ſich an jetzo befand. O Menſch / ô religios, der du diſes liſeſt / nimb ein Exempel an mir armſeligen / vnnd huͤte dich / daß du das koͤſtliche Hauß deines Vatters / die Religion / nit ſo liderlich verlaſ - ſeſt / damit du nicht auß einem Sohn Got es ein Sclaue vnd Leibeigner deß Teufels wer - deſt. Die Ehr vnd Wolluͤſt der Welt ſeind ſchwach wie ein Glaß / vnnd nur ein Schat - ten der wahren himmliſchen Reichthumben: Der Teuffel / die Welt / vnd das Fleiſch ſeind ſehr falſche Kramer / die dich locken etwas auß jhrem Kram zukauffen / vnnd nach der Prælatur vnnd wolluſtbarkeiten zutrachten: Aber du fliehe jre vergiffte peſtilentziſche waa - ren vnnd Kauffmanſchafften: Weil du der Welt allbereit haſt abgeſagt / vnd alle jhre ey - telkeiten verſchworen / warum̃ lauffeſt du dañ wider hinein? Weil du den gehorſamb vnnd demut haſt angelobt / warumb biſtu dann dei - nem Vorſteher vngehorſam̃ vnd vntrew / vnd ſucheſt jhne zuuerdringen? Weil du dich derArmut449Der Landtſtoͤrtzer.Armut vnnd