Wofern du, lieber Menſch,
ein Atheiſt,
Wie oder bloß ein Thier
mit andern Thieren biſt;
So ſteht dir frey, daß du die Welt
Und was uns in die Sinne faͤllt,
Veraͤchtlich haͤlt’ſt, und nicht be -
trachteſt;
So ſteht dir frey, daß du die Zeit,
Darin man die Beſchaffenheit
Der Creatur und ihre Herrlich -
keit
Bewundert, fuͤr verloren achteſt.
Allein
Wofern du dir nicht ſelbſt die
Sele raubeſt,
Wofern du eine Gottheit glau -
beſt,
Die alles, Stern - und Sonnen -
Schein,
Die Himmel, Erd’ und Meer ge -
macht,
Die dich und alle Ding’ hervor
gebracht;
So kannſt du ja nicht anders
denken,
Als daß der Schoͤpfer weiß, daß
dich Sein Werk nicht ruͤhrt,
Daß du’s nicht wuͤrdigeſt, Jhm
einen Blick zu ſchenken,
Daß folglich GOTT, ſo viel an
dir, verliert
Macht, Weiſ heit, Lieb’ und Ehr’.
Armſel’ge Creatur,
Wie elend iſt dein Stand? da du
noch nicht empfunden,
Daß GOTT hier auf der Welt
mit deiner Luſt nicht nur
Sein Lob ſo wunderbar, ſo Gna -
den - reich verbunden,
Nein, daß ſo gar dein’ Anmut
auf der Welt,
Die ſich auf GOttes Ehre gruͤn -
det,
Aus Gnaden Jhm ſo wol gefaͤllt,
Daß ſie auch dort gewiß unend -
lich’ Anmut findet.
Und dieß verſaͤumeſt du, und
willt mit Fleiß nicht ſehn,
Was durch des Hoͤchſten Lieb’
und weiſe Macht geſchehn.
Bedenke, was du thuſt! ſo weiß
ich, du verſpuͤreſt,
Daß du nicht hier allein, auch
dort, dein Heyl verliereſt.
Die Strafe faͤngt bereits in die -
ſem Leben an.
Denn uͤberkommſt du gleich das
groͤſte Gluͤck auf Erden;
So kannſt du doch unmoͤglich
gluͤcklich werden.
Sprich ſelbſt: ob etwas dich wol
recht vergnuͤgen kann
Von allem, was du ſuch’ſt, von
allem, was du treibeſt!
Sprich, ob dasjenige, worauf
dein Sinn gericht’t,
Erlang’ es oder nicht,
Dich ruͤhr’, und ob du nicht ſtets
ungluͤckſelig bleibeſt!
Die Unempfindlichkeit und die
Gewohnheit ſind
Harpyen, welche dich fuͤr alles
gute blind,
So bald du es beſitzeſt, machen.
Es friſſt ihr niſſier ſatter Rachen
Den Kern von deiner Luſt. Du
aber muſt die Schalen,
Die doch ſo ungeſchmackt, mit
Arbeit, Sorge, Muͤh,
Mit Schrecken, Furcht und Angſt
nur gar zu theur bezahlen.
Dieß iſt der Lohn fuͤr dein Betra -
gen hie;
Von kuͤnft’ger Reu, von kuͤnft’ -
gen Straf - und Plagen
Nicht einſt zu ſagen.
Mein GOtt, behuͤt’ uns doch
vor ſo verſtocktem Weſen,
Und einer Bruſt, die ſo verſteint,
ſo hart!
Ach laß uns Deine Gegenwart
Jm ſchoͤnen Buch der Welt
mit Freude leſen!
Die Schrift, die jeder Menſch
mit Ehrfurcht leſen ſoll,
Die auch die Engel ſelbſt mit
Furcht und Luſt bemerken,
Die lautet ſo: Es ſind von GOt -
tes Werken
Und Seiner Majeſtaͤt der Him -
mel Himmel voll,
Luft, Erd’ und Meer erfuͤllt. Nun
dieſe Fuͤll’ allein
Recht zu beherzigen, ſoll itzt mein
Endzweck ſeyn.
Der Wolken - und Luft-Himmel.
Pſ. CIV, 2. Du breiteſt aus den Himmel, wie einen Teppich.
Man ſiehet in dem frohen Lenzen
Nicht nur den Kreis der gruͤnen Erden,
Nein, auch den Kreis der Luft, in neuem Schimmer
glaͤnzen,
Und Wunder-wuͤrdig helle werden.
Damit ein allgemein gleichfoͤrmigs Einerley
Dem Herzen nicht gleich-guͤltig ſey,
Den Augen keinen Eckel braͤchte,
Und weniger gefallen moͤgte,
Wenn an des weiten Himmels Buͤhne
Nichts, als ein leeres Blau, erſchiene;
So zieren ſchoͤn geformt - und ſchoͤn gefaͤrbte Duͤfte
Das unermeſſ’ne Feld der reinen Luͤfte,
Durch GOttes Huld, zu unſ’rer Luſt allein,
Mit Farben, Bildungen, mit Klarheit, Glanz und Schein.
Noch mehr, indem wir bloß in Aend’rung Freude finden,
Bemuͤht ſich gleichſam die Natur,
Uns auch durch Aend’rung zu verbinden.
Darum muß manches Wolken-Bild
Veraͤnderlich ſowol an Farben als Figur
Sehr ſchnell entſtehn und ſchnell verſchwinden.
Dem allen ungeacht’t, wie groß, wie tief, wie weit
Des Himmels Schauplatz iſt; wie voller Lieblichkeit,
Wie praͤchtig, mancherley, wie herrlich und wie ſchoͤn
Der Wolken Coͤrper anzuſehn;
Wie rein der Silber-Glanz, wie hell der guͤld’ne Schein,
II. Theil. A 2Wie4Wie zierlich und wie klar Figur - und Farben ſeyn;
So ſehn wir leider doch, daß Menſchen auf der Erden
Gefunden werden,
Die ſolchen ungemeſſ’nen Platz,
Die einen ſolchen Schatz
Von Bildung, Farben, Glanz und Licht
Nicht ſo viel wuͤrdigen, daß ſie zu GOttes Ehren
Jhr bloß auf Geld erpicht Geſicht
Auf dieſes groſſe Wunder kehren.
Hoͤr auf, geliebter Menſch, den Schoͤpfer zu verachten!
Komm, laß uns, GOtt zum Ruhm, das Firmament betrachten!
Es wird der Himmel nicht ſo ſehr
Mit ſchoͤnen Farben ausgeſchmuͤcket,
Als man an ihm vielmehr
Ein buntes Licht, das allgemein, erblicket.
Man ſieht von ungezaͤhlten Bildern
Veraͤnderungen ohne Zahl,
Womit ſich itzund auf einmal
Die ungemeſſ’nen Tiefen ſchildern.
Der Wolken meiſtens halbe Kreiſe,
Die allzumal ihr glaͤnzend prangen,
Nachdem ſie hoch und dick, auf ganz verſchied’ne Weiſe
Vom Licht, das an ſie ſtral’t, empfangen,
Zerteilen ſich bald hie bald dort,
Wodurch wir Bruͤche, Tiefen, Hoͤhen
Und Oeffnungen an manchem Ort
Mit Luſt und mit Verwund’rung ſehen.
Man ſiehet oft, mit recht vergnuͤg’ter Selen,
Durch ſchwarze bald, und bald durch braune, Hoͤlen,
Ein den Sapphir weit uͤbertreffend Blau;
Jndem der Wolken Dunkelheit
Des5Des Firmaments verklaͤr’te Heiterkeit
Erheb’t und noch vermehrt. Ein Berg, der dunkel-grau,
Laͤſſt dort auf Purpur-farbnen Spitzen
Den aͤuſſern Rand, wie reines Silber, blitzen,
Den der ſapphirne Grund noch eins ſo helle macht.
Ein guͤld’ner Umſtrich ſchmuͤckt in ungemeiner Pracht
So manchen dunkel-braunen Kreis.
Rot, Purpur, Leibfarb, blau, grau, gruͤnlich, gelb und weiß
Erfuͤllt und ziert in dem beſtral’ten Duft
Anitzt die reine Luft.
Hier ſcheint ein groſſer Platz von Gold ein guͤld’nes Meer,
Das doͤrten glatt, und hier voll kleiner guͤld’nen Wellen,
Jn blauen Ufern vorzuſtellen.
Man ſiehet oͤfters mit Vergnuͤgen
Jn dieſem Luft-Meer’, eben ſo
Als wie im Archipelago,
Viel’ Jnſeln, die zerſtreuet, liegen.
Jm Weſten ſiehet man bald halb - bald ganze Spuren
Von wunderlich geformten Creaturen,
Manch ungeheuren Wall-Fiſch ſchwimmen,
Und manchen feurigen ergrimmten Drachen glimmen.
Hier ſcheinet manch Gewoͤlk, als wenn’s ein wilder Baͤr,
Dort eins, als wenn’s ein Pferd in vollen Spruͤngen waͤr’.
Ein Meilen langer Rieſ’, umringt von kleinen Zwergen,
Entſtehet und vergeht. Auf hohen guͤld’nen Bergen
Waͤchſt Angeſichts ein Baum, der ſchwebet ſanft daher;
Allein im Augenblick erblickt man ihn nicht mehr.
Es wird aus ſeinem Stamm ein Vogel, ein Geſicht,
Und bald ein leeres Nichts. Hier ſieht man rote Schloͤſſer,
Da Tuͤrme ſtehn, dort Maſken, welche groͤſſer,
Als eine ganze Stadt. Bald laſſen ſich Armeen
Mit Fanen, Spieſſ - und Degen ſehen.
A 3Hier6Hier laſſen guͤld’ne Bilder ſich
Auf einem faſt ſapphirnen blauen,
Und blaue dort auf guͤld’nem, Grunde ſchauen.
Oft ſiehet man mit Purpur-farbnen Bildern
Ein Silber-weiſſes Feld ſich ſchildern.
Nicht weit davon kann man
Viel ungemeſſ’ne Gold - und Silber-Klumpen ſehen.
Jch wund’re mich, daß ſich hieran
Ein geizigs Auge nicht ergetzet,
Da es in Ueberfluß hier finden kann
Den Glanz, den es faſt mehr als ſeine Sele ſchaͤtzet.
Durch ein ſo zaͤrtlich blau, wie oͤfters mein Geſicht
Auf einem Roſen-Blat’ erblicket,
Jſt oͤfters uͤber mir der Kreis der Luft geſchmuͤcket,
Zumal wenns Abend wird. Nicht weit von dieſem ſchien
Ein ebenfalls uncoͤrperliches gruͤn,
Das ich nicht minder ſanft, gelinde,
Und gleichſam geiſtig finde.
Bey dieſem ſiehet man jedoch auch ohne Grenzen
Ein helles weiß in reiner Klarheit glaͤnzen.
Das fiel hierauf in einen guͤld’nen Schein,
Und der in Roſen-Farb’, allmaͤlich ein,
Bis daß zuletzt vom flammenden Rubin
Ein unbeweg’ter Blitz die wahre Qvelle ſchien.
Ach! aber welch ein blitzend Licht
Bricht dorten, wo der Berg von dunklen Wolken bricht,
Als wie aus einer ſchwarzen Hoͤle?
Es ſtralet durch die Dunkelheit
Mir eine helle Herrlichkeit
Nicht in mein Aug’ allein, zugleich in meine Sele.
Der Mittel Punct des Lichts, das Erd’ und Himmel fuͤllt,
Woraus der Farben Pracht, Glanz, Waͤrm’ und Leben qvillt,
Der7Der Born der Fruchtbarkeit, der Creaturen Wonne,
Der Schoͤnheit Sele, Geiſt und Leben, kurz die Sonne,
Laͤſſt ſich an dieſem Ort’, ohn’ uns zu blenden, ſehn.
Das Auge, durch den Flor der Dunkelheit beſchuͤtzt,
Sieht unverletzt, wie wunderſchoͤn
Die reine Gluht in kleiner Oeffnung blitzt,
Man ſiehet an der Wolken dunklen Grenzen
Die Sonne ſich mit einem bunten Glanz,
Recht als mit einem Sieges-Kranz
Von Millionen Stralen, kraͤnzen.
Ein unbeſchreiblich lieblich Blitzen
Von hundert tauſend zarten Spitzen,
Die alle bunt, die alle feurig ſeyn,
Erfuͤllet mein Gehirn und mein Gemuͤte
Mit einem holden Freuden-Schein.
Ein heller Andachts-Stral begeiſtert mein Gebluͤte,
Erheitert meinen Geiſt. Die Weiſ heit, Macht und Guͤte
Des ewig ſel’gen Lichts, des Schoͤpfers aller Welt
Beleb’t mich, ſtral’t mich an. Es flammt in meiner Selen
Ein Trieb, was herrliches vom Schoͤpfer zu erzaͤlen,
Der alle Dinge wirkt, beleb’t, regiert, erhaͤlt,
Deß Weſen ich mit Luſt in Seinen Werken ſehe.
Jch ſchwinge meinen Geiſt in die Sapphirne Hoͤhe,
Jch eil’ ins Firmament, ich fliege wie ein Stral
Durchs Boden-loſe Meer, durchs unumſchraͤnkte Thal
Des nie begriff’nen Raums, in deſſen holen Gruͤnden
Kein Ziel, kein Schluß, kein Grund zu finden.
Hier denk’ ich an die Tief’, hier denk’ ich an die Weite,
Die ungeheure Laͤng’ und ungeheure Breite
Des Kreiſes, den allein der Sonnen Licht erfuͤllt,
Das unaufhoͤrlich ſtral’t und unaufhoͤrlich quillt
Aus einem Mittel-Punct von Millionen Meilen.
A 4Hilf8Hilf GOTT! was ſtellt ſich mir,
Jndem ich dieſes denk, fuͤr eine Groͤſſe fuͤr!
Kein Menſchlicher Verſtand kann hier ein Ziel ereilen.
O unermeſſlicher, o ungeheurer Raum,
Wer wird doch deine Groͤſſ’ und Tiefe faſſen koͤnnen!
Jndem die ganze Welt, Luft, Meer und Erde, kaum
Bey deinem Mittel-Punct ein Mittel-Punct zu nennen.
Nun iſt es ausgemacht,
Daß dieſe hole Tief’ (o Wunder!) Tag und Nacht
Beſtaͤndig angefuͤllt mit Licht und Sonnenſchein,
Wie die Planeten dieß mit ihren dunklen Kreiſen,
Die bloß durch ſie beſtral’t,
Uns augenſcheinlich weiſen.
Es faſſe doch ein Menſch einſt, ſeinem GOtt zur Ehr,
Das leider mehrenteils verſtreute Heer
Von ſeinen fluͤchtigen Gedanken,
So viel ihm moͤglich iſt, in ordentliche Schranken,
Und denke nur ein einzigs mal,
Wie ſo gewaltig lang muß doch der Sonnen-Stral,
Wie unermeſſlich groß des Lichtes Coͤrper ſeyn,
Der mit verbundenem und ungeteiltem Schein
Die allertiefſten tiefſten Tiefen
Von dieſem Raum beſtaͤndig fuͤllt!
Der ſich vor unſerm Blick nur dadurch bloß verhuͤllt,
Weil in des tiefen Raumes Gruͤnden
Kein Gegenſtand zu finden,
Wovon er koͤnne ruͤckwaͤrts prallen,
Und ſo in unſer Auge fallen!
Dieß aber hindert nicht, daß in den holen Hoͤh’n
Und in der Tiefe ſonder Grenzen,
Ob wir es gleich nicht ſehn,
Die Stralen doch nicht unaufhoͤrlich glaͤnzen.
Jndem ich dieſes uͤberlege,
Und von ſo groſſem Licht die Groͤſſ’ erwege;
So9So deucht mich, wuͤrd’ ein ſolcher Wunder-Schein
Faſt nur umſonſt erſchaffen ſeyn,
Wenn auſſer uns (den Planetar’ſchen Erden)
Jn der Natur ſollt’ anders nichts
Von aller Kraft des ungemeſſ’nen Lichts
Vergnuͤget und erleuchtet werden.
Es kommen, in Vergleich
Mit dieſes Lichtes weitem Reich,
Mit dieſem glaͤnzenden unmeßlichen Revier,
Uns die Planeten ja nicht anders fuͤr,
Als ſchwuͤmmen in dem weiten Meer,
Damit ſie wol gewaſchen werden moͤgten,
Nur ſechszehn Erbſen hin und her.
So wenig man
Von ſolchen Erbſen nun vernuͤnftig ſchlieſſen kann,
Daß ſich das Meer daran mit allen Tropfen reibe;
So wenig geht es auch mit Licht und Stralen an,
Daß von denſelben nichts als etwa ſechszehn Erden
Erleuchtet und getroffen werden.
Es geht der groͤſte Teil unendlich weit vorbey.
Mir kommts derhalben glaublich fuͤr,
Daß, ob gleich unſers Coͤrpers Augen
Jn dieſer Welt
Den Licht-Stral nicht zu ſehen taugen,
Wenn ſolcher nicht von Coͤrpern ruͤckwaͤrts faͤllt;
Es darum doch nicht folgen muͤſſe,
Daß nicht in der Natur Geſchoͤpfe ſollten ſeyn,
Die minder Coͤrperlich als wir,
Und die vielleicht allein
Sich an des Lichtes eig’nen Schaͤtzen,
So wie wir uns am Licht’ im Widerſchein, ergetzen.
Wenn ich demnach von der Sapphirnen Hoͤhe,
Wann ſie eutwoͤlkt, die tiefe Klarheit ſehe;
A 5So10So fuͤl’ ich mich vor Freuden kaum.
Mich deucht, ich ſeh mit Augen einen Raum,
Wo Millionen Millionen
Verklaͤr’te Geiſterchen und ſel’ge Selen wohnen,
Die all’ in einem Meer von Licht und Wonne ſchwimmen,
Die all’ in reiner Gluht von heil’ger Andacht glimmen,
Die all’ an GOTTES Huld, an Seiner Werke Pracht,
An Seiner Weiſheit, Lieb’ und Macht,
An Seiner Majeſtaͤt und Herrlichkeit
Unendlicher Vollkommenheit,
Zu ihres groſſen Schoͤpfers Ehren,
Jn ſel’ger Luſt, ſich ewig naͤhren.
Kommt dieſe Meinung dir
Vielleicht zu Anfang fremde fuͤr?
So laß dich nur dadurch ſogleich nicht ſchrecken!
Dein’ Unempfindlichkeit erſchreckt mich noch vielmehr,
Da, zur Verkleinerung von GOTTES Ehr’,
Jn ſelbiger betruͤbte Folgen ſtecken.
Jſt es genug,
Den Himmel oben hin nur als ein blaues Tuch,
Wie oder gar nicht, anzuſehn?
Zudem ſo kannſt du ja von den ſo hellen Sternen,
Die wuͤrklich Coͤrperlich, und die, ſo groß als ſchoͤn,
Des Himmels Raum unleugbar ſchmuͤcken,
Dennoch bey Tage nichts erblicken:
Wirſt du dich deßfalls ſie zu leugnen unterſtehn?
Hieraus nun ſiehſt du klar von deinem Blick die Schwaͤche.
Sprichſt du denn wol mit Recht zu meiner Meinung, nein,
Wenn ich, von Anmut heiß, voll Andacht glaub’ und ſpreche:
Es wird wol alles dort voll Mahanaim ſeyn.
Wie kann ein Menſch den Schoͤpfer beſſer ehren,
Wie kann man Seinen Ruhm doch mehr vermehren,
Wie koͤnnen wir Jhm doch ein beſſer Opfer ſchenken,
Als11Als wenn wir ſtets von Seiner Wunder-Macht,
Von Seiner Weiſ heit, Groͤſſ’ und Seiner Werke Pracht
Das allergroͤſſeſte, das herrlichſte, gedenken!
Ja wenn ich mich vielleicht auch irren moͤgte;
So iſt jedoch dein Jrrthum groͤſſer.
Denn das, was ich davon aus Ehrfurcht denk’, iſt beſſer,
Als wenn ich nichts davon, wie du aus Faulheit, daͤchte.
Du undurchdringliches, allgegenwaͤrtiges Licht!
Der Du der Ewigkeit Unendlichkeit erfuͤlleſt,
Der Du Dich in Dir ſelbſt, zu unſerm Heil, verhuͤlleſt,
Aus welchem als ein Strom der Dinge Weſen bricht,
Du ewig-ſelige Vollkommenheit und Liebe,
Vermehre doch in mir der Andacht reine Triebe!
Ach gieb doch, daß, wenn ich des Himmels blaue Hoͤhe
Jn einem heitern Glanz und reiner Klarheit ſehe,
Es ſtets zu Deinem Ruhm mit frohem Ernſt geſchehe!
Bluͤhende Pfirſchen und Aprikoſen.
Jch ſah an einer Garten-Wand
Juͤngſt einen Pfirſch-Baum ausgeſpannt,
Deß, dem Rubin Balaß an Farben gleiche, Bluͤhte
Jm angenemen Schimmer gluͤhte.
Es glich der ganze Baum ſo wol an Form und Glanz,
Als runder gruͤner Zierlichkeit,
Faſt einem glaͤnzenden erhab’nen Pfauen-Schwanz,
Nur bloß mit dieſem Unterſcheid:
Da dort des Pfauen gruͤnes Rad
Vom blauen funkelnden Sapphir
Viel hundert ſchoͤne Augen hat;
So prangt des Pfirſch-Baums Cirkel hier
Jn ſeinem ja ſo ſchoͤnen Gruͤnen
Mit tauſend Augen von Rubinen.
Nicht leicht kann man was ſchoͤners ſehn,
Als wenn wir etwan an der Seiten
Von einem bluͤhenden belaubten Pfirſch-Baum ſtehn.
Die Blicke, die ſodann
Gemaͤlich uͤber Bluhmen gleiten,
Die ſehn den ſonſt zerteilten Glanz
Nicht anders an,
Als ein vereintes Ganz,
Und ſcheint ſodann die ganze Wand
Mit Decken von Damaſt,
Die Roſen-farb gefaͤrbet, uͤberſpannt.
Wenn man dieſelbigen nun in der Naͤhe ſieht,
Erblickt mit tauſend Luſt ein aufmerkſam Gemuͤt,
Viel tauſend weiſſe Spitzen
Auf noch nicht off’nen Knoſpen ſitzen,
Die,25Die, wie ein weiſſer Pelz von Hermelinen,
Zum Schutz der zarten Bluͤhte dienen.
Wenn ſich dieſelbe nun zerteilet; ſiehet man
Zuerſt ein ſchoͤnes Rot, das man Rubinen
Mit allem Recht vergleichen kann.
Sie ſind ſodann recht Wunder-ſchoͤn
Wie Roſen-Knoͤſpchen anzuſehn.
Die roten Kuͤgelchen nun oͤffnen ſich,
Wenn ſie die Sonn’ anſtral’t, faſt ſichtbarlich.
Wann ich darauf die offne Bluͤhte ſchau’;
Entdeck’ ich voller Luſt, und ſehe mit Vergnuͤgen
Ein weißlich rot, ein roͤtlichs blau
Jn ſuͤſſer Zaͤrtlichkeit ſich auf den Blaͤttern fuͤgen.
Es wird das Rot allmaͤlich blaß,
Recht, wie geſag’t, als ein Rubin-Balaß
Es ſieht der Roſe dann, die wild und roͤtlich-bleich,
An Form und Farb’ ein jedes Bluͤhmchen gleich.
Der ganze Pfirſch-Baum ſcheint in einem holden Schein
Ein groſſer Roſen-Buſch zu ſeyn;
Der aber (wie nicht leicht ein Roſen-Buſch ſonſt pfleget,)
Kein Laub und keinen Dorn, nein nichts als Bluhmen,
traͤget.
Noch war in gleicher Form zu ſchauen
Ein recht als wie mit Silber-Schaum
Geſchmuͤckter Aprikoſen-Baum;
Er gliech dem ſchoͤnen Schweif von einem weiſſen Pfauen.
Aus Knoſpen, wenn ſie noch nicht ganz
Geoͤffnet, ſieht man recht in einem weiſſen Glanz,
Gleich wie aus roͤtlichen zerborſt’nen Schalen,
Die Bluͤht’ als einen Stern mit weiſſen Spitzen ſtralen.
Wie aber die, ſo bald ſie aufgebluͤht,
Den weiſſen Roſen aͤhnlich ſieht;
So ſiehet auch der Baum, an ſchoͤnen Bluhmen reich,
B 5Dem26Dem weiſſen Roſen-Buſch’ ohn Laub und Dornen gleich.
Willt du nun recht was zaͤrtlichs ſehn;
So ſchau ein ſolches Blat
Aufmerkſam an, wie Wunder-ſchoͤn
Jn ſelben kleine Baͤume ſtehn,
Die ſich darin mit Staͤmm - und Zweigen
Verwunderlich und deutlich zeigen.
Von dieſen glaubet man, daß in den zarten Roͤhren
Die Saͤfte, ſo die Fruͤchte naͤhren,
Bereitet, ausgekocht und zugerichtet werden,
Ja daß ſo gar des Samens Geiſt und Kraft
Jn dem gelaͤuterten oft umgetrieb’nen Saft
Jn dieſer Blaͤtter zarten Decken
Geheimniß-voll verborgen ſtecken.
Die Bluhmen laſſen durch die Spitzen
Da, wo ſie an dem Kelch vereinet ſitzen,
Ein Sternen-foͤrmiges ein gruͤnlich Bluͤhmchen ſehn,
Jn deſſen Mitte ſich von kleinen Stangen
Ein netter Zirkel zeigt, worauf ſo zart als ſchoͤn
Mit einem duͤnnen Staub bedeckte Zaͤſer hangen,
Die durch den allerkleinſten Wind
Verwunderlich beweglich ſind,
Aus deren Mitte denn noch eine ſteiget,
Die als ein Mittel-Punkt der zarten Frucht ſich zeiget.
O wunderbar Gewebe der Natur!
Wer dich mit menſchlichem Gemuͤt
Und nicht mit vieh’ſchen Augen ſieht;
Der kann die Allmachts-volle Spur
Von einem ew’gen Wunder-Weſen
Auf deinen Blaͤttern deutlich leſen.
Demnach ſey dir, mein Herz, forthin jedwede Bluͤhte
Ein kleines Lehr-reich Buch von GOTTES Macht und
Guͤte!
Jch27Jch ſah mit hoͤchſter Luſt und innigem Ergetzen
Des Schoͤpfers Werk an dieſen Fruͤhlings-Schaͤtzen;
Mir fiel zu gleicher Zeit bey ſolchem holden Schein
Mit Dank-erfuͤllter Selen ein,
Wie nuͤtzlich dieſe Bluhmen ſeyn;
Welch eine ſchoͤne Frucht aus ihrer Schoͤnheit ſprieſſet,
Von welcher man zur ſchwuͤlen Sommer-Zeit
Die wunderbare Lieblichkeit
Nicht mit dem Auge nur, mit Zung’ und Gaum, genieſſet.
Der Aprikoſen Silber-Bluͤht
Wird Gold in ihrer Frucht, und ſtral’t in gelber Zier,
Die oft recht wie Aurora gluͤht,
Zumal wenn man ſie recht gehaͤuft wie Trauben ſieht,
Aus ihrem gruͤnen Laub’ herfuͤr;
Jhr Saft erfriſcht das Blut und das Gemuͤte.
Wie herrlich glaͤnzt die Pfirſich, wenn ſie reif’t,
Auf welcher ſich der Schmuck verſchied’ner Farben haͤuf’t!
Bald funkelt ſie in ihrem holden Gruͤnen
Wie groſſe Kugeln von Rubinen;
Bald blitz’t ein Silber-weiß auf ihnen;
Bald glimmen ſie wie Gold; bald ſieht man, wie die Pracht
Von holden Roſen-roten Wangen,
Wenn ſie am allerſchoͤn’ſten prangen,
Bey holder Fleiſch-Farb’ uns anlacht.
Auf mancher zeiget ſich ein bunter Stral
Von allen Farben auf einmal.
Es iſt ein ſolcher Baum ſo Wunder-ſchoͤn,
Wenn viele Fruͤchte drauf, die reif ſind, anzuſehn,
Daß, uneracht der ſuͤſſen Luſt,
Die ihm durch den Geſchmack die heiſſe Bruſt
Und ſeinen trocknen Gaum erqvicket,
Ein Naͤſcher ſelbſt ſie faſt mit Unmut pfluͤcket.
Bewund’re ferner nun, mein Herz, zu GOttes Ehre,
Von28Von dieſer reifen Frucht die Groͤſſ’ und Schwere,
Da viele mehr als zwey Pfund am Gewicht,
Durch die gehaͤuf’te Meng der Feuchtigkeiten, haben:
Erkenn’ auch hierin doch des groſſen Gebers Gaben!
Vergiß dafuͤr des Dankens nicht!
Wenn den Mund die Pfirſich fuͤllet,
Und den Durſt mit Anmut ſtillet,
Daß die Zung’ in Honig ſchwimm’t;
Ach! ſo ſchaͤtz’t es nicht geringe!
Dankt dem Schoͤpfer aller Dinge,
Der euch ſo viel Gut’s beſtimm’t!
Noch einige Betrachtung der Bluͤhte.
Seht, wie am Birn-Baum ſich die Blaͤtter-Knoſpen
ſpitzen,
Allmaͤlich ſich entwickeln und verbreiten!
Ey ſeht, wie dort, voll krauſer Zierlichkeiten,
Die ſchwangern Trage-Knoſpen ſitzen!
Man ſieh’t ihr ſanft-behar’t ihr weißlich gruͤn
Sich zaͤrtlich von einander beugen,
Und gleichſam ſichtlich ſich bemuͤhn,
Den Schatz der Bluhmen uns zu zeigen.
Der Apfel-Baum faͤngt gleichfalls an,
Auf eine lieblich ſuͤſſe Weiſe,
Die man nicht g’nug bewundern kann,
Zu unſ’rer Freude, GOtt zum Preiſe,
Sein Laub noch auf beſond’re Ahrt
Zugleich nebſt ſeiner Bluͤht’ uns vorzulegen.
Die Knoſpen, die ſo ſanft und zart
Sich allgemach zu oͤffnen pflegen,
Bemuͤhen ſich, auf allen Seiten
Mit gleicher Zierlichkeit ſich auszubreiten;
Da in der Mitte denn die Trage-Knoſpen ſtehn,
Woran zuerſt ein krauſes Weſen nur
Jn einer noch nicht ganz entwickelten Figur
Noch ungeform’t noch ungeteilt zu ſehn;
Die aber bald
Zu unſerm Nutzen und Bergnuͤgen
Ein’ angenem gebildete Geſtalt,
So bald ſie ſich zerteilen, kriegen.
Man ſieht ſodann derſelben viele
Aus einer Knoſp’ entſtehn. Man ſieht die zarten Stiele
Mit Silber-grauem Har bedecket und geſchmuͤckt,
Die31Die oben allgemach verdickt,
Sich in fuͤnf Spitzen abwaͤrts beugen,
Dadurch ſie denn die Form von Sternchen, welche gruͤn,
Und in dem Mittel-Punkt, als waͤr’ es ein Rubin,
Die Gluht der roten Bluͤhte, zeigen;
Die aber gleich, ſo bald ſie offen gehn,
Um unſer Auge mehr noch zu erfriſchen,
Jhr funkelnd rot mit reinem weiſſen miſchen,
Wodurch ſie, hier geſtreift und bunt, dort Wunder-ſchoͤn
Wie holde Leib-Farb’ anzuſehn.
Die noch nicht voͤllig off’ne Bluͤht
Formiret oft in netter Zierlichkeit
Von Roſen-Knoſpen einen Kranz,
Jn deſſen Mitte man in einem weiſſen Glanz
Ein’ off’ne weiſſe Roſe ſieht.
Der ſchoͤnen Form-ſowol als Farber Unterſcheid
Und angeneme Lieblichkeit
Von einer ſolchen Apfel-Bluͤhte
Kann auch faſt wider unſern Willen
Ein unaufmerkſam Aug’, ein ſchlaͤfriges Gemuͤte
Mit Luſt (ach waͤr ſie ſtets mit Dank begleitet!) fuͤllen.
Nicht minder heben itzt zur Luſt verſchied’ner Sinnen,
Die man daran vergnuͤgen kann,
Die bis daher erſtorb’nen Reben an,
Viel tauſend Augen zu gewinnen;
Sie fangen itzt vor Freuden an zu weiten,
Da ſie der Sonnen Waͤrm’ und Licht aufs neu beſcheinen.
Ein braͤunlich zartes Har, weich wie der Serer Seiden,
Scheint die Gebaͤhrerinn der Blaͤtter zu bekleiden,
Woraus hernach und aus noch andern Sachen
Recht zierlich, aus der Maſſen ſchoͤn,
Nebſt manchem fliegenden Gewuͤrm,
Die Weſpen ihre Neſter machen,
Wie ich es oft Verwund’rungs-voll geſehn.
Aus32Aus dieſem ſteigt allmaͤlich manches Blat,
Das unvergleichlich nett und zierlich ausgekerbet,
Das gelblich-gruͤn geſaͤrbet,
Wobey es lieblich glaͤnzt. Es iſt ſo glatt,
Als waͤr’ es recht lackiret,
Worauf jedoch bald hier bald dar
Ein zartes Silber-graues Har
Es kraͤnzet, ſchmuͤckt und zieret.
Auf unſ’rer Kirſchen-Baͤum’ itzt reich beknoſpten Zweigen
Sieht man die runden Knoſpen ſich
Jn einer zierlichen Figur
Recht eigentlich
Als kleine gruͤne Trauben zeigen.
Man ſieht faſt uͤberall ein ſanft Bewegen,
Man ſieht die emſige Natur
Sich allenthalben regen.
Was heute gruͤn, ſteht morgen allbereit
Jn einer weiſſen Lieblichkeit.
Es ſehn ſodann die Federn von dem Strauß,
Auch die vom Schwan nicht einſt ſo weiß, ſo weichlich aus,
Abſonderlich, wenn man die weiſſe Bluͤht
Zu einer Zeit, da ungefehr
Die laue Luft vom Regen ſchwer,
Entgegen truͤbe, falb’ und dunkle Wolken ſieht.
Denn durch den Gegenſatz der Dunkelheit
Glaͤnzt, ſchimmert, glimmt und ſcheint der weiſſen Bluͤhte Zier
Noch einſt ſo hell berfuͤr.
Jndem die Zweige nun durchs Laub noch nicht verſtecket,
Wird der verſchreikten Aeſt’ und Blaͤtter Dunkelheit,
Die wie ein Netz ſich durch einander flicht,
Beym weiſſen Glanz der Bluͤht’ um deſto mehr entdecket,
So daß der Bluhmen weiſſes Licht
Mit ihrer dunk’len Zweige Nacht
Ein’ angeneme Daͤmm’rung macht.
Man33Man kann nichts angenemers ſehn,
Als wenn wir unter ſolchen Baͤumen,
Die in der beſten Bluͤhte ſtehn,
Spatziren gehn,
Und unſern Blick ſodann erhoͤhn,
Da gruͤn’ und weiſſe Schatten
Sich lieblich gatten,
Und uns ſo ſanft bedecken und ergetzen,
Daß ſie ein frommes Herz, das, in ſo holder Luſt,
Mit Andacht angefuͤll’ter Bruſt,
An ſeinen Schoͤpfer denkt; faſt aus ſich ſelber ſetzen.
Der Blaͤtter jung - und zaͤrtlichs Gruͤn,
Das mit den Bluhmen in die Wette
Zu wachſen ſchien,
Ließ recht, als ob es dieß zum Endzweck haͤtte,
Nicht nur ihr Gruͤn ins Weiß zu miſchen,
Um dadurch deſto mehr die Augen zu erfriſchen;
Es ſchein’t ſo gar mit Fleiß
Sich emſig zu bemuͤhn,
Um durch der holden Dunkelheit
Die Augen-ſtaͤrkende ſanft gruͤne Lieblichkeit,
(Damit uns nicht das gar zu ſtarke Weiß
Der hellen Bluͤhte moͤgte blenden)
Solch Uebel von uns abzuwenden.
Da denn zugleich die Miſchung deſto mehr
Die Augen durch die Aend’rung ruͤhret,
Und man ſowol vom Laub’ als durch der Bluhmen Heer
Ein unausdruͤcklich ſuͤß, ich weiß nicht was, verſpuͤret.
Verſchied’ne kleine Knoſpen blitzen
Durch noch nicht offene, doch ſchon getheilte Spitzen
Der gruͤnen Blaͤtterchen, als Sterne voller Licht.
Dort trifft man gleichſam einen Kranz,
Jn welchen die Natur, voll Klarheit Ruͤnd’ und Glanz
Viel Perlen zwiſchen Bluhmen flicht,
Voll angenehmer Schoͤnheit an.
II. Theil. CWen34Wen dieſer Glanz nun noch nicht treiben kann,
Den Schoͤpfer im Geſchoͤpf zu preiſen,
Dem will ich Jhn noch ſchoͤner weiſen.
Er ſchau’ einſt einen Kirſchen-Baum,
Der an der Garten-Wand
Mit ſeinen Zweigen ausgeſpann’t,
Jn ſeiner Bluͤhte Schmuck bey Licht des Abends an!
Wofern die klare Pracht ſodann
Jhn aus dem ſchweren Traum
Der Unempfindlichkeit nicht reiſſet;
So weiß ich wahrlich nicht, ob man
Solch einen Menſchen wol mit Recht vernuͤnftig heiſſet,
Jndem er faſt mit Fleiß dem Schoͤpfer widerſtreb’t.
Es iſt ſo Bluͤht’ als Laub ſo zart und duͤnn geweb’t,
Und ſo durchleuchtig, ſo durchſichtig,
Daß ein daran gehalten Licht
Durch ihr ſubtiles Weſen bricht,
Und ſelbſt, dadurch gefaͤrb’t, die Luft illuminiret,
So daß man hie und dort ein buntes Feuer ſpuͤret.
Ja da zugleich der Blick durchs dunk’le noch geſtaͤrkt,
Wird an der Wand zugleich vermerkt,
Wie ſchnell ſich manches Bild daran formiret,
Wie viele ſanft - und klare Schatten,
Die bald ſich trennen, bald ſich gatten,
Die ſchnell entſtehn und ſchnell vergehn,
Durch ihre Dunkelheit
Des ſchoͤnen Urbilds Lieblichkeit
Und bunten Glanz noch mehr erhoͤhn.
Ach GOtt, da wir auf dieſer Erden
Durch Deine Creatur ſo oft vergnuͤget werden;
So gib doch, daß, ſo oft ich etwas ſchoͤnes ſehe,
Es, ohn’ an Dich, Quell’ aller Herrlichkeit,
Quell’ aller Schoͤnheit, Pracht und Vollenkommenheit,
Mit Andacht und mit Luſt zu denken, nie geſchehe!
Die Tulpe.
Mein Gaͤrtner bracht’ im Januario
Mir eine Tulpe, die ſchon bluͤh’te,
Die, Zeit und Froſt zu Trotz, in dunklem Purpur gluͤh’te.
Derſelben Farben glaͤnzten ſo,
Daß ſie dem gierigen Geſicht’
(Als in der Dunkelheit ein ſchnell erblicktes Licht)
Ein ganz allein geſeh’ner Vorwurf war.
Ach! Ey du lieber GOtt! iſts moͤglich? das iſt rar!
Rief jeder, der ſie ſah: Ey das iſt gar zu ſchoͤn;
Und kurz: Kein einziger vermogt ſich ſatt zu ſehn
An dieſer Bluhme fruͤhen Pracht.
Man nam ſo Bluͤht’ als Laub, ſo Farb’ als Form in acht,
Und zwar mit groſſer Luſt und ungemeinem Fleiß,
Da doch, wenn GOtt, wie itzt, uns Millionen ſchenket,
Man an derſelben Schmuck kaum einmal recht gedenket,
Und nichts von Anmut, Luſt, von Dank und Freuden weiß.
Ach zeiget denn nur bloß der Mangel unſern Augen,
Was Ueberfluß verbirgt? Jſt wenig mehr, als viel?
Hat unſ’rer Sele Kraft nur ein ſo kurzes Ziel?
Kann der Gewonheits-Dunſt uns ſo zu blenden taugen,
Daß wir, ſo bald uns GOtt viel giebet, nichts ermeſſen,
Und, weil die Gabe groß, des Gebers ganz vergeſſen?
Armſel’ge Creatur! bedaurens-wehrter Stand,
Du bindeſt ja hiedurch, ſo viel an dir, die Hand
Des milden Vaters ſelbſt, daß ſich Sein Gnaden-Fluß
Statt Strom - nur Tropfen-weiſ’ auf dich ergieſſen muß.
Ach mache du es doch, mein Herze, nicht alſo!
Beſchaue dieſe Bluhm’ in ihrer Pracht; ſey froh,
Und danke GOtt, daß er in deinem Leben
Dir39Dir dein Geſicht nicht nur;
So manche herrliche geſchmuͤckte Creatur
Zum Vorwurf des Geſichts, zu deiner Luſt, gegeben.
Fleh’ aber GOttes Huld, die alles will und kann,
Was dir erſprießlich iſt, doch zuverſichtlich an,
Daß Er dir deinen Geiſt auf Seine Wunder lenke,
Und dir den Geiſt der Luſt und der Betrachtung ſchenke!
Qvell’ aller Schoͤnheit! ew’ge Liebe,
Vermehr’ in mir die Faͤhigkeit,
Daß ich zur holden Fruͤhlings-Zeit
Mit einem angeflamm’ten Triebe
Der Tulpen Glanz, wie er ſo wunderſchoͤn,
Zu Deinen Ehren moͤg’ in tauſend Freuden ſehn!
Wie herrlich heiſſet GOtt, itzt im bebluͤhmten Lenzen,
Das Farben-reiche Heer der ſchoͤnen Tulpen glaͤnzen!
Von ihrer Schoͤnheit wird man gleichſam angelacht.
Wie pranget die Figur! wie gluͤh’t der Farben Pracht,
Jndem die Blaͤtter ſich nicht nur wie Flammen ſpitzen,
Nein gar die Farben ſelbſt, geform’t wie Flammen, blitzen,
Wenn hier ein funkelnd rot, und da ein blendend weiß,
Und dort ein gelber Schein,
(So alle Feuer-Farben ſeyn)
Zu unſ’rer Augen Luſt, zu ihres Schoͤpfers Preis,
Jn ungezaͤhlter Miſchung brennen.
Ach moͤgt’ ich ihre bunte Gluht
Mit ſelbſt entzuͤndetem vor Andacht heiſſen Mut
Nach ihrer Wuͤrdigkeit beſchreiben koͤnnen!
Wer an des Fruͤhlings bunten Schaͤtzen
Recht inniglich ſich will ergetzen,
Der muß ſich, wann die Tulpen bluͤh’n,
C 4So40So viel bemuͤh’n,
Und niedrig ſich bey ihnen ſetzen.
Hiedurch wird alſobald ſein Auge, ſehr erfreut,
Die Farben, die es ſonſt von oben nur verſtreu’t,
Und nur getheilt geſehn, verwunderlich verbinden,
Und, voll von ungemeinem Glanz’,
Ein herrliches Geweb’, ein unvergleichlichs Ganz,
Gleich einer koͤſtlichen Tapete, finden.
Der Grund von dieſer ſchoͤnen Decken
Jſt lieblich, weißlich, gruͤn. Es deckt ſo Stiel als Laub,
Die an ſich dunkler gruͤn, ein gruͤnlich weiſſer Staub,
Der ſich verwiſchen laͤſſt. Es ſchmuͤckt ein zierlich Blat,
Das oftermals ſich nett gedrehet hat,
Des riſchen Stengels Fuß. Ja wie man oft Papier
Mit Fingern zierlich druͤckt, ſo ſcheint in gruͤner Zier
Dieß ſpitzig lang - und breite Blat
Von Fingern der Natur ſehr zierlich eingedruͤcket,
Wovon die Bildungen der foͤrderſten allein
Zu unterſcheiden ſeyn,
Weil Laub und Stengel alſobald
Der Bildung liebliche Geſtalt,
Mit welcher ſie ſich alle zieren,
Jndem die Menge ſie vereint, verlieren.
Doch laſſen ſie recht wunderſchoͤn
Ein allgemeines Gruͤn ſodann den Augen ſehn.
Dieß Gruͤne ſieht man ſich jedoch nicht weit erſtrecken,
Jndem der Bluhmen helle Flammen
Den gruͤnen Schmuck durch bunten Schmuck verdecken.
Jn denen nun verbindet ſich zuſammen,
Was die Natur in unterſchied’nem Grad
Sonſt einzeln ſchoͤnes hat.
Der Teppich ſcheint von Farbe nicht,
Wol aber von gefaͤrb’tem Licht
Verwunderlich gewirkt. Wer Flammen ſehen will,
Die,41Die, wider die Natur der regen Flammen, ſtill
Und unbeweglich ſtehn: der ſeh’ ein Tulpen-Feld,
Das uns ein buntes Feu’r recht ſchoͤn vor Augen ſtellt.
Wie mannichfaltig nun der Tulpen Farben ſcheinen;
So findet ſich dennoch, (wer ſollt’ es meynen?)
Daß ſie nur bloß aus gelb, aus rot und weiß beſtehn,
Die aber die Natur ſo wunderbarlich miſcht,
Daß ſie den Blick ſo gar durch ihre Gluht erfriſcht.
Hier ſieht man gelbe Lichter blitzen,
Da weiſſe, rote dort;
Es haben rote weiſſ’, und weiſſe rote, Spitzen;
Hier miſcht ſich rot mit Gold, mit weiß an jenem Ort’,
Und zwar in ſo geformten Strichen,
Daß ſie geſpitzt, getheilt recht einer Lohe glichen.
Sie ſtell’ten einen ſuͤſſen Brand
Auf ihren Blaͤttern vor. Ein dunkles Feuer gluͤhet
Jn einigen, wenn dort man einen weiſſen Rand
Auf Purpur-farb’nen Bluhmen ſiehet.
Man ſieht ſo gar, und zwar nicht ohn Vergnuͤgen,
Oft in der Bluhme ſolch ein ſchwarz, wie Kolen, liegen.
Jn Kolen ſchein’t der Grund durchs Feur bereits verkehrt,
Dadurch des Feuers Glanz und Gleichheit ſich vermehrt.
Es ſcheinet die Natur, ob wolle ſie vor allen
Uns in der Tulpen Heer faſt mit Gewalt gefallen.
Jhr unvergleichlich ſchoͤnes Blat,
Das ſonſten breit und glatt,
Wird zur Veraͤnderung von ihr
An der Monſtroſ’ in einer neuen Zier
Nicht nur gekraͤuſ’t und eingekerbt,
Nein, auch zum Unterſchied der Farben, gruͤn gefaͤrbt.
Die Form der Bluhme ſelbſt iſt mehrenteils oval,
Sie ſcheint ein netter Kelch, ein zierlicher Pocal,
So bald ſie offen geht, das allezeit geſchicht,
Wenn ſie das warme Sonnen-Licht
C 5Und42Mit ſeinen Stralen trifft.
Es ſind verſchied’ne von den weiſſen,
Die, wegen ihres Schmucks und Schimmers, Schwaͤne heiſſen,
Oft, durch die Nachbarſchaft der dunkel-roten, ſchoͤn,
Und dieſe gleichfalls ſchoͤn, durch jener Glanz, zu ſehn.
So glaͤnzen ſie bey truͤbem Wetter.
Wer aber kann das Prangen ihrer Blaͤtter,
Wenn ſie, o Licht der Welt, von deinen Stralen
Verherrlicht ſind, beſchreiben oder mahlen?
Sie uͤbertreffen dann mit ihrem Scheine
Die allerfeurigſten geſchliffnen Edelſteine;
Jſt wenig nur geſag’t.
Durchleuchtig muß man ſie mehr als durchſichtig nennen.
Oft ſchein’ts, ob ſaͤhe man in einem jeden Blat’,
Jn welches ſich das Licht geſenket hat,
Den Sonnen-Stral gefaͤrbet ſichtbar brennen.
Wenn ſolcher Tulpen Heer von aller Ahrt zuſammen
An einen Ort gepflanzt, ſo wol nicht prangt, als gluͤhet:
Jſt mir, als wenn mein Aug’ in vielgefaͤrbten Flammen,
Und unbeſchreiblich buntem Schein,
Zu unſers Schoͤpfers Ehr’ allein,
Ein unverbrennlichs Kunſt-Feu’r ſiehet.
Die Wieſe.
Da, wo der gruͤnen Erlen-Waͤnde
So lieblich-dunkler Gang zum Ende,
Erblicket man ein flaches Feld.
Wenn dieſes die Natur mit Bluhmen malet,
Und es der Sonnen Glanz beſtralet,
Jſt faſt nichts ſchoͤner auf der Welt.
Jch hab’ es einmal wunderſchoͤn
Jn einem roten Glanz, vor Luſt erſtaunt, geſehn.
Viel hundert tauſend Bluhmen bluͤh’ten,
Die, weil ſie auf erhab’nen Stielen
Jn einer holden Roͤte gluͤh’ten,
Von weitem faſt allein mir in die Augen fielen.
Es war des Graſes friſches Gruͤn,
Durch ihre Menge, faſt verſtecket,
Und, weil von weitem ſie ſich zu vereinen ſchien,
Ließ es mit glaͤnzendem gefaͤrbten Taft bedecket,
Deß weißlich Rot am Glanz und ſanfter Lieblichkeit
Die Pfirſch-Bluͤht’ uͤbertraf. Noch ſah man hier und dort,
Wie ſchoͤn verſchied’ne Plaͤtz’ in ſehr verſchied’nem Gruͤnen
Hier wie ein gruͤner Taft, an einem andern Ort
Wie dunkel-gruͤner Sammet, ſchienen.
Es ſtellt ſich mancher Platz voll bunter Bluhmen dar.
Das Feld war unbeſchreiblich ſchoͤn,
Und faſt natuͤrlich anzuſehn,
Als ob in einem reich - und groſſen Kaufmanns-Laden
Ein bunter Schatz von guͤld - und ſilbernen Brocaden
Zur Schau geleget war.
Mich reizte dieſe Pracht, ſie naͤher zu beſchauen.
Jch trat mit frohem Fuß auf die begraſ’ten Auen;
Doch unterbrach mir oft die Schoͤnheit meinen Schritt,
II. Theil. EJch66Jch hinterhielt oft ſelbſt beſchaͤm’t den Tritt,
Der ſchon begonnen war. Das junge friſche Gras,
Vermiſcht mit zartem Klee, ſchien oͤfters meinen Fuͤſſen
Ein ſanft - und weiches zwar doch gar zu praͤchtigs Kuͤſſen.
Um nun nicht gar zu viel von ſelbem zu verletzen
Durch einen oͤftern Tritt, beſchloß ich mich zu ſetzen,
Und ſo zugleich
Jn froher Luſt, zu GOttes Ruhm allein,
Zu lernen und zu lehren,
Wie ſchoͤn der Wieſen Schmuck, wie Form - und Farben-reich
Die Kraͤuter, Gras und Bluhmen ſeyn.
O GOtt, allgegenwaͤrt’ge Quelle
Von aller Schoͤnheit, ſo die Welt
Jn ihrem weiten Kreiſ’ enthaͤlt,
Wie groß iſt Deine Macht! was zeiget jede Stelle
Uns fuͤr Veraͤnderung! wie iſt der Unterſcheid
So unbegreiflich groß! o Menſch, beſinne dich,
Der du bisher, betrogen durch den Schein,
Das Feld nur uͤberhin, als waͤr’ es gruͤn allein,
Unachtſam angeſehn, es bloß begraſ’t geachtet,
Und ſo, wie ohne Luſt, auch ſonder Dank, betrachtet.
Wie nuͤtzlich und wie mancherley
Der holde Schmuck der Felder ſey,
Wie angenem, wie ſchoͤn,
Denk’ ich, zu GOttes Ruhm, noch ferner zu beſehn.
Jndem in mancher gruͤnen Tiefe
Mein Auge hin und wieder liefe,
Macht’ eine dunkel-gruͤne Stelle
Die liebliche Vergiß mein nicht,
Faſt wie ein kleines blaues Licht,
Mit holdem Schimmer, gleichſam helle.
Die Himmel-blaue Farbe machte,
Daß ich, voll Froͤhlichkeit, auch an den Himmel dachte.
Der Sternen-foͤrmige faſt guͤld’ne kleine Schein
Jm67Jm blauen, ſchien mir recht ein Sternen-Bild zu ſeyn.
Jch freu mich uͤber dich, holdſeligs Bluͤhmelein!
Du kannſt, wenn wir in dir den Schoͤpfer preiſen,
Mir einen ſchoͤnen Weg zum Himmel weiſen.
Man kann in deinen kleinen Sternen
Den HErrn der Sterne ruͤhmen lernen;
Doch wie wir an des Himmels Hoͤhen
Nicht lauter guͤld’ne Sterne ſehen;
So ward ich neben ihnen
Bald einer weiſſen Sternen-Schar
Jn Marjen-Bluhmen auch gewahr,
Die in dem holden Dunkel-gruͤnen
An Bildung Sternen gleich, an Farben Silber, ſchienen.
Die Menge, die Figur, die Farben und der Glanz
Die uͤberredeten mich ganz,
Daß ihre Schoͤnheit nicht geſchaffen,
Damit wir ſie
Wie das gehoͤrnte Vieh
Nur noͤtig haͤtten an zu gaffen;
Nein aber wol, daß jeder Form und Schein
Zu Dem, Der ſie gemacht, uns ſollt’ ein Leit-Stern ſeyn.
Noch ſah ich mit Vergnuͤgen dort,
Die lieblich riechenden Camillen
So manchen Ort
Mit zwiefach holder Zierde fuͤllen.
Es ließ ihr gelb - und weiſſer Glanz ſo ſchoͤn,
Als wenn in ſilbernen polir’ten Schalen
Wir kleine guͤld’ne Aepfel ſehn.
Bey aller Schoͤnheit ſah ich auch,
Wie ein erhab’ner Dieſtel-Strauch
Sein zackigt Laub mit ſchoͤnen Bluhmen kroͤn’te,
Und wie derſelben Purpur-Glanz
Faſt alle niedern Bluhmen ganz
Beſieget’ und verhoͤn’te.
E 2Er68Er war, den holden Roſen gleich,
An ſcharfer Dornen Spitzen reich.
Jch ſahe ſeinen Stolz bewundernd an.
Denn ob gleich ſeine ſtarre Spitzen
Mehr Schaden bringen, als ſie nuͤtzen,
Und einem kleinen Stachel-Schwein
Jm Bluhmen-Reiche faſt ganz aͤhnlich ſeyn;
So iſt doch ihr Gewaͤchs ſehr kuͤnſtlich anzuſehn.
Es iſt der runde Knopf
Vortrefflich ſchoͤn,
Als wie mit einem Netz’, umgeben,
Auf welchem an dem netten Bluhmen-Kopf
Viel duͤnne Blaͤtter ſich erheben,
Jn deren jedem noch viel duͤnne weiſſe Spitzen
Jn ſchoͤner Ordnung ſitzen.
Nachhero wandt’ ich Blick und Sinn
Auf die ſo mannigfach geformten Kraͤuter hin,
Jn welchen GOtt aufs neu’ ein ganzes Feld
Voll Wunder uns vor Augen ſtellt.
Wie reich erzeigt ſich doch die bildende Natur
Jn mannigfaltiger Figur,
Die ſie den Kraͤutern beygeleget,
Da manches recht wie ſcharfe Spieſſe
Mit ſeinen ſpitzen Blaͤttern lieſſe.
Dem war die Bildung eingepraͤget
Von einer Zung’, und dort ſchien eines, wie ein Herz;
Hier ſahen unterſchied’ne Ahrten
Recht aus wie krauſe Helleparten;
Wie Loͤffel ſchienen ihrer viele,
Die allen Regen durch die Stiele
Gemaͤchlich nach dem Stamm und nach der Wurzel, fuͤhren,
Von welchen allen ich das Gras zuſamt dem Klee,
Jedoch am allerliebſten ſeh.
Wie lieblich ſind des Graſes gruͤne Spitzen,
Die69Die teils gebogen ſind, und teils gerade ſtehn;
Zumal wenn ſie, beſtral’t vom Licht der Sonne, blitzen,
Wodurch die Haͤlfte gelblich gruͤn,
Die and’re gruͤnlich weiß, ja oft wie Silber, ſchien.
Wobey ich, wie geſag’t, den drey-belaubten Klee
Mit Luſt ſo dicht verſchrenket ſeh,
Daß hin und wieder kaum durch ihrer Blaͤtter Ruͤnde,
Die ich bald groß, bald klein, mit tauſend Anmut finde,
Des Graſes zarte Spitzen dringen.
Gewiß, es kann ein ſolcher Platz,
Mit zartem Klee bedeckt, uns einen rechten Schatz
Von Anmut und Vergnuͤgen bringen.
Jndem ich nun das Feld in gelblich-gruͤner Gluht,
Jn einer blauen, Luft und Flut,
Vom Sonnen-Glanz beſtral’t, erblickte;
Sah ich, wie hie und da ſich mancher Ort
Mit kleinen Erlen-Buͤſchen ſchmuͤckte,
Durch deren Blaͤtter dunkel-gruͤn,
Abſonderlich an beyden Seiten,
Des Graſes gruͤnlich-gelb noch einſt ſo lieblich ſchien.
Wenn ein Buſch hier geteilet ſtund;
War dort ein anderer, der rund,
Bey welchem man oft fern, oft nah
Verſchied’nes nied’re Buſchwerk ſah,
Wovon der dunklen Schatten Menge
Jn unterſchied’ner Breit’ und Laͤuge
Sich Strich-weiſ’ auf die Wieſe ſtreckte,
Und hier und dort das helle Feld bedeckte,
Wodurch denn auf hell-gruͤnem Grunde,
Durch die im Licht vermengte Dunkelheit,
Ein’ Anmuts-reiche Luſtigkeit,
Die alles rings umher erfuͤllt’, entſtunde.
Noch konnte man die Augen laben
An vielen langen Waſſer-Graben,
E 3Die70Die in geradem Strich die Wieſe teilten,
Jndem derſelben Rand
Voll ſchoͤner Waſſer-Bluhmen ſtand.
Wie manche gelbe Jris bluͤh’te!
Wie manche Purpur-Bluhme gluͤh’te!
Wie manche wilde Flieder ſchien
Durch das Smaragden-gleiche Gruͤn
Des ſchwanken Schilfs, der glatten Binſen,
Jn der durchſichtigen und klaren Flut,
Worauf von netten Waſſer-Linſen
Bald hier bald dort ein gruͤner Teppich ruht;
Da aber, wo das Waſſer klar
Und von dem Erlen-Buſch beſchattet war,
Verdoppelt ſich des Ufers bunte Zier.
Hier zeig’t ſich durch das Laub der himmliſche Sapphir
Samt weiſſer Wolken Silber-Schein,
Wobey denn oftermal
Der Sonne guͤld’ner Stral,
Der ſich bis auf den Grund erſtrecket,
Auch das, was auf dem Grund vorhanden,
Uns zeiget und entdecket.
O Schoͤpfer Himmels und der Erde,
Gib, daß mein Herz geruͤhret werde!
Daß ich, ſo oft ich ſchoͤne Wieſen
Erblicke, ſie mit Luſt und Andacht ſeh;
Daß ich, durch ſie vergnuͤg’t, Dich, ihren HErrn,
erhoͤh’,
Und denke: Groſſer GOtt, ſey hier und dort ge -
prieſen!
Der Schatten.
Geliebter Menſch, du daureſt mich!
Luft, Erd’ und Flut bemuͤhen ſich,
Mit ihren ungezaͤl’ten Schaͤtzen
Dich zu belehren, zu ergetzen.
Es hat der groſſe Schoͤpfer dir
Jn deinen Sinnen manche Thuͤr
Zum Eintritt mancher Luſt gegeben,
Damit du moͤgteſt froͤhlich leben.
Es ſpaͤrren ſich die Thuͤren nie;
Es drengt ſich mit Gewalt durch ſie
Und ihre nie-geſchloſſ’nen Gaͤnge
Der Creaturen holde Menge.
Du biſt von dem, was Anmut bringt,
Recht eingeſchloſſen und umringt;
Du aber ſtreubeſt dich, und ſucheſt dich dagegen
Bloß durch Unachtſamkeit zu legen.
Du machſt bey ihrer Gegenwart
Dich ſelber fuͤhl los, blind und hart;
Du willt nicht riechen, ſchmecken, hoͤren,
Dich nicht vergnuͤgen, GOtt nicht ehren.
Was felet dir an deiner Luſt,
Die GOtt dich wuͤrdigt dir zu ſchenken?
Nichts als allein dein eig’nes Denken.
Erweg’ einſt in gelaſſ’ner Stille,
Wie ſo gar vielerley
Am Denken dir gelegen ſey!
Beſteht, o Menſch, dein freyer Wille,
Jm Denken nicht faſt bloß allein?
Sprich:80Sprich: Haͤtte GOtt dich zwingen ſollen,
So, wie zu ſeyn, auch froh zu ſeyn?
Es haͤngt an deinem eig’nen Wollen:
GOtt hat dir freye Wahl gelaſſen,
Ob du in deiner Luſt Sein’ Ehre willt erhoͤhn.
Willt du nebſt Jhm dein eigenes auch haſſen;
So laͤſſt es GOtt zu deiner Straf geſchehn.
Es ſteht dein Gluͤck in deiner Hand:
Du darfſt den denkenden Verſtand
Nur auf des Schoͤpfers Werke wenden;
So wird ſich deine Luſt nicht enden.
Unzaͤlich iſt es, was die Welt
Jn ſich fuͤr Anmuts-Schalen haͤlt,
Wovon, auf wunderbare Weiſe,
Der Kern, ſo GOtt, der Selen Speiſe.
Nicht nur die Bluͤht, nicht nur das Laub,
Nicht nur die Flut, nicht nur der Staub,
Nicht nur der Wald, nicht nur die Matten,
Es zeiget Jhn ſo gar der Schatten.
Die Anmut, die im Schatten ſteckt,
War mir bishero noch verborgen.
Es hat es mir ein heit’rer Morgen
Von ungefehr entdeckt.
Kaum hatt’ ich, nach verſchwund’ner Nacht,
Jns Garten-Land den Fuß geſetzet,
Als der beſtral’ten Bluhmen Pracht
Mich ruͤhret und ergetzet.
Wie in dem ſpielenden Opal
Sich aller Farben Schmuck vereinet:
So lieblich ſpiel’t, ſo herrlich ſcheinet
Der Bluhmen Schmuck im Sonnen-Stral.
Man ſiehet, wie ein ſchoͤnes Ganz
Aus81Aus tauſend Teilen ſich verbindet;
Man fuͤl’t, wie uns ein bunter Glanz
Nicht nur vergnuͤg’t, erqvickt, entzuͤndet.
Es trieb mich meine Schuldigkeit,
Auf GOttes Wunder-Werk zu achten,
Und dieſer Pracht Beſchaffenheit
Jn ihren Teilen zu betrachten:
Da ich denn voll Erſtaunen fand,
Daß an ſo holdem Schmuck die Schatten,
So ich bisher noch nicht erkannt,
Gar einen groſſen Anteil hatten.
Durch ihre ſanfte Dunkelheit
Wird aller Farben Herrlichkeit
Noch deſto mehr ins Licht geſetzet,
Und durch den ſtarken Unterſcheid
Der Menſchen Aug’ um deſto mehr ergetzet:
Abſonderlich wenn ſich die Luͤfte regen,
Da ihre Bilder ſich zugleich bewegen,
Und auf dem Boden, den ſie ſchwaͤrzen,
Dem Schein nach mit einander ſcherzen.
Hiedurch, da Bluhmen, Laub und Kraut
Samt ihnen hin und wieder ſchweben;
Scheint, was man in dem Garten ſchaut,
Sich alles gleichſam zu beleben.
Es kann kein Stengelchen ſo klein,
Kein Blat ſo ſchmal, kein Kraut ſo zaͤrtlich ſeyn,
Das, wenn’s des Himmels Licht beſtralet
Und mit der Stralen Gold verguͤldet,
Sich nicht im Schatten zierlich bildet,
Verdoppelt, zeichnet, ja ſelbſt malet.
Denn daß die Schatten ſchwarz allein,
So wie es ſcheinet, ſollten ſeyn,
Jſt nur ein Jrrtum. Es verlieret
Von ſeiner Farb’ ein Coͤrper nichts
II. Theil. FDurch82Durch den gehemmten Glanz des Sonnen-Lichts.
Jch hab’ es eigentlich verſpuͤret,
Als einſt ein Sonnen-Blick nicht gar zu ſchnell entſtand,
Und auch nicht gar zu ſchnell verſchwand.
Jch hatt’ auf eine gruͤne Stelle
Die Augen eben hingewandt;
Hierauf ward allgemach der Boden helle:
Jch ſah, als er von einem nahen Stamm
Die Bildung durch den Schatten nam,
Daß, durch den Stral der Sonnen unvertrieben,
Die vor’gen Farben alle blieben,
Und daß nur durch den Gegenſatz
Von einem groͤſſern Licht, was licht iſt, dunkel ſchien.
Bey Ueberlegung dieſer Sachen
Fiel folgendes von ungefehr mir ein:
Kann bloß ein ſtaͤrker Licht ein Licht zum Schatten machen;
Wie dunkel muß ſo gar der Sonnen Schein
Bey’m Stral der ew’gen Gottheit ſeyn!
Wie undurchdringlich licht, wie unbeſchreiblich helle
Muß aller Sonnen Sonn’ und Qvelle
Jn reiner Majeſtaͤt unendlich, ohne Grenzen,
Jn ew’ger reger Ruh’, in ſel’ger Klarheit, glaͤnzen!
Doch wie! wohin verſteiget ſich mein Geiſt?
Jch weiß nicht einſt, was Nacht und Schatten heiſſt,
Und will das lichte Meer der Gottheit ſehn, ergruͤnden,
Und deren Eigenſchaften finden?
Halt! aus gerechter Furcht, nicht gaͤnzlich zu erblinden
Bey dieſem unerſchaff’nen Schein,
Zieht meine Demut ſchnell der Kuͤnheit Segel ein.
Mit Sonnen-Stralen kann kein Maulwurfs-Blick ſich
gatten.
Voll Ehrfurcht lenk’ ich mich denn wieder zu dem Schatten,
Jn welchem ich, Verwund’rungs-voll, entdecke,
Wie etwas herrliches in ſeinem Weſen ſtecke.
Vernimm83Vernimm, zu deiner Luſt und deines GOttes Ehre,
Den Jnhalt unſ’rer Schatten Lehre,
Und laß, geliebter Menſch, ſie dir zu Herzen gehn!
Wie unſ’re Coͤrperlichen Augen,
Wofern ſie recht ſehn, was ſie ſehn,
Jm Schatten Licht zu finden taugen:
So kann ein geiſtiges Geſicht,
Wenn wir die Creatur ergruͤnden,
Auch ein allgegenwaͤrtigs Licht
Selbſt in den dunkeln Coͤrpern finden.
Die Lilie.
Soll ich allein denn uͤbrig bleiben?
Will deine Feder nichts von meiner Zierde ſchreiben?
Soll ich, ſo viel an dir, auf Erden
Umſonſt geweſen ſeyn? Soll meine ſchoͤne Bluhme,
Zu dein - und meines Schoͤpfers Ruhme,
Nicht angeſehn und nicht beſungen werden?
Soll ich, da du ſo Roſ - als Nelken
Zum Werkzeug’ angewandt, des Schoͤpfers Wunder-Macht
Zu ſehn und zu erhoͤhn, hindangeſetzt, veracht’t,
Und ſonder Nutz, verwelken?
So deucht mich, daß das ſchoͤne Heer
Der holden Liljen zu mir ſag’te,
Und ſich nicht ohne Recht beklag’te,
Als ich ſie juͤngſt von ungefehr
Jm Garten Wunder-wuͤrdig glaͤnzen
Und herrlich bluͤhen ſah. Die Farbe, die Figur,
Das Laub, der hohe Stiel, den ſie ſo ſchoͤn bekraͤnzen,
Der koͤſtliche Geruch, ſind alle der Natur
Vollkomm’ne Meiſterſtuͤck. Jch ſetzte mich bey ihnen,
Durch dieſen Vorwurſ halb beſchaͤm’t, im Gruͤnen
Vor einer nahen Laube nieder,
Und ſang, nachdem ich, wie ſo ſchoͤn
Sie in der Fern ſo wol als in der Naͤhe ſtehn,
Mit frohen Blicken angeſehn;
Von ihnen dieſe Lieder:
Jhr Liljen, die ihr gleichſam hier
An einem gruͤnen Himmel, ſchier
Wie Sternen erſter Groͤſſe ſtralet;
Wie herrlich hat euch die Natur
Faſt mehr verſilbert, als gemalet!
Die89Die Majeſtaͤtiſche, die praͤchtige Figur
Jſt recht bewunderns-wehrt.
Auch Salomonis Herrlichkeit,
Wie uns die Bibel ſelbſt belehrt,
Beſiegt nicht euer glaͤnzend Kleid.
Wie lieblich kann man euch von euren Hoͤhen
Als aufgeſchmuͤckte Feder-Buͤſche
An Form und Farben prangen ſehen!
Man ſiehet oftermals, wie ihr die gruͤnen Schatten,
Die von der nahen Baͤume Zweigen,
Um ſich mit eurem Schmuck zu gatten,
Mit Anmut gleichſam abwaͤrts ſteigen,
Durch euren weiſſen Glanz beſiegt;
Wie ihr dadurch auf mancher Stelle,
Jndem ihr Aug’ und Geiſt vergnuͤg’t,
Ein’ angeneme Daͤmm’rung zeuget,
Die ſich zumalen dann eraͤuget,
Wann wir von ungefehr
Einſt euer Silber-weiſſes Heer,
Durch ihren Gegenſatz erhoͤhet, wunderſchoͤn
Bey dunklen Taxus bluͤhen ſehn.
Von reinem Silber-Glanz, der gleichſam aus euch bricht,
Wird die ſonſt dunk’le Gegend helle.
Hiedurch nun zuͤndet euer Licht
Ein Licht in meiner Selen an,
Wodurch ich den allgegenwaͤrt’gen Geiſt,
Der euch und alles werden heiſſt,
Jn klarer Daͤmm’rung ſpuͤren kann.
Es giebt mir euer Glanz, und dieſe reine Pracht
Des Schoͤpfers Weiſheit, Lieb’ und Macht
Ja, da ich faſt vor Luſt erſtarrt,
Zugleich Deſſelben Gegenwart
Aufs neue deutlich zu erkennen,
F 5Weil90Weil etwas, das ſo wunderſchoͤn,
Nicht aus ſich ſelbſt entſtehn,
Sich ſelbſt nicht bilden, kann.
Dieß nem’ ich an
Als ein’ Erinnerung, mit Ernſt mich zu entfernen
Von Laſtern, weil ich in der Naͤhe
Den, welcher alles ſiehet, ſehe.
Drum wuͤnſch’ ich ſo von Laſtern rein,
Wie euer weiſſes Kleid von Schwaͤrz’ und Schmutz, zu ſeyn.
So oft wir euch, ihr holden Lilgen,
Jn eurer Unſchulds-Farb’ erblicken,
So laſſt uns alle Laſter tilgen.
Ach laſſt der Unſchuld reines Kleid,
Dem nahen GOtt zur Dankbarkeit,
Jn Jhm vergnuͤg’t, die Sele ſchmuͤcken!
Wenn ich euch nachmals in der Naͤhe,
Und zwar zuerſt den Stengel ſehe;
Bewunder’ ich die ganz gerade Hoͤhe
Samt ſeiner glatten Zierlichkeit,
Woraus recht wunderlich
Viel gruͤne glatte Blaͤtter dringen,
Und ohne Stiel den ganzen Stiel umringen,
Um welchen ſie mit ſanft gebog’nen Spitzen,
An Form den Flammen gleich, in ſchoͤn’ſter Ordnung ſitzen.
Auf ihrem Gipfel zeigt die ſchoͤne Bluhme ſich
Jn ſolcher Pracht und Majeſtaͤt,
Daß ſie ſo wol an Farb’ als an Figur
Faſt alle Bluhmen uͤbergeht.
Zu Anfang bildet ſie die ſpielende Natur
Jn lange Haͤupter, die zuletzt
Sich oͤffnen, und ſo dann,
Jndem ſie allgemach ſich abwaͤrts beugen,
Sechs Silber-weiſſe Blaͤtter zeigen,
Worau das Auge ſich ergetzt,
Wenn91Wenn es, als wie in ſilbernen Gefaͤſſen,
Auch guͤld’ne Koͤrner ſehen kann,
Die wunderbar an kleinen weiſſen Stangen
Nicht ſtehn, nicht liegen, auch nicht hangen,
Die feſt und los zugleich, bald ſtille ſtehn,
Bald ſich bewegen, bald ſich drehn.
Es faſſt es keiner noch, was ſie fuͤr Nutzen haben.
Jn ihrem Mittel-Punct ſteht, einer Saͤule gleich,
Ein runder Stiel, von Farbe gruͤnlich bleich,
Auf einem kleinen Berg’ erhaben,
Der oben dreyeckt iſt, den eine Crone ſchmuͤckt,
Worauf man Silber-gruͤn und weiß gemiſcht erblickt.
Das allerfeinſte Porcelein
Jſt bey der Liljen weiſſem Blatt
Nicht fein, nicht weiß, nicht glatt,
Hat keine Waͤſſ’rung, keinen Schein.
So gar der Perlen ſanfter Glanz,
Der unſern Augen ſo gefaͤllt,
Verlieret ſeinen Schimmer ganz,
Wenn man ſie bey einander haͤlt.
Wie angenem, wie lieblich und wie ſuͤß
Gleich der Geruch, der aus der Lilje qvillet,
Wird doch, wenn er das Haupt zu ſehr erfuͤllet;
Das Haupt mit Schwermut, mit Verdrieß,
Ja gar mit Schmerz erfuͤllt. Ein Lehr-Bild iſt mir dieß,
Daß auch bey zugelaſſ’nen Freuden
Man ſtets die Uebermaſſe meiden,
Und das zu viele fliehen muß.
Noch mehr, es giebt uns von der Ehre
Auch eine ſchoͤne Lehre.
So wie der Dunſt, der aus den Liljen ſteiget,
Uns anfangs ſehr ergetzt;
Jedoch zuletzt
Schlaf, Schwermut, Schmerz und Schwindel zeuget:
So92So giebt der ſuͤſſe Dunſt, wenn uns die Leute loben,
Uns faſt dieſelben Proben.
Es nimmt dadurch der Schlaf der Sicherheit
Die aufgeblaſ’nen Sinnen ein;
Man haͤlt ſich gar zu groß, und and’re gar zu klein,
Zu niedrig ſie, ſich ſelbſt zu ſehr erhoben.
Der Schwindel folgt darauf, wodurch Fall, Schimpf und Pein
Gar oft zugleich gebohren ſeyn.
Ach GOtt! wenn man mich etwan ehret,
So ſey mein froher Geiſt allein zu Dir gekehret;
Es denke ſtets mein Dir ergeb’ner Sinn:
Durch deine Gnad’ allein bin ich das, was ich bin!
Jn dieſer Bluhme wird noch gegen boͤſe Wunden
Ein heilſam Mittel ausgefunden;
Da, wenn man nur in Oel die reinen Blaͤtter leget,
Sie allgemaͤlig Schmerz und Pein
Zu lindern und zu heilen pfleget.
Ach moͤgt’ſt du mir ein Bild, geliebte Lilje, ſeyn,
Daß, wenn mein Naͤchſter, der ein Chriſt,
Durch Uebereilung fel’t, und als verwundet iſt;
Jch ihn nicht haſſe, nicht verfluche,
Nein, ſondern durch Geduld ihn ſuche
Zu heilen, zu verbinden,
Daß ſeine Sele moͤg’ in meiner Sele
Der linden Sanftmut Liljen-Oele,
Zu ſein - und meinem Nutz, zu GOttes Ruhme, finden!
Der Fiſch-Teich.
Es ſtoͤſſ’t an meinen dicht belaubten Bogen-Gang
Ein Fiſch-Teich, der, ſo breit als lang,
Ein Regel-rechtes Viereck zeiget.
Das Ufer deckt bebluͤhmtes Gras,
Und, weil es allgemaͤlig ſteiget,
Schein’t jede Seit’ ein kleiner Huͤgel.
Das glatte Waſſer ſcheint ein Glas
Von einem rein polir’ten Spiegel,
Der an den Seiten uns der Erden gruͤne Zier
Und in der Mitte gar den himmliſchen Sapphir
Des Tages voller Glanz, des Nachts voll Sterne, zeiget,
Und ſo die ſchoͤne Pracht des Himmels und der Welt
Verdoppelt uns vor Augen ſtellt.
Ach daß man nicht den Schoͤpfer preiſet,
Wenn man ſo holde Schoͤnheit ſieht,
Womit ſich die Natur, auf Sein Geheiß, bemuͤht,
(Um es ins Aug’ uns recht zu praͤgen)
Sie uns gedoppelt vorzulegen!
Denn denket nicht, als ob von ungefehr
Des Waſſers Flaͤche ſolche Glaͤtte
Empfangen haͤtte.
Wie alles; kommt auch dieß von GOttes Allmacht her.
Ach daß ich oft an dieſe Wahrheit daͤchte!
Ach daß doch oͤfters mein Gemuͤte
Den Teich von meines Schoͤpfers Guͤte,
Als einen Spiegel, brauchen moͤgte!
Der Schatten hier, und dort der Wiederſchein
Von den geſchor’nen Taxus-Hecken,
Wodurch der Teich umfaſſt, bedecken
Jn einer Anmuts-reichen Pracht,
Mit gruͤner Daͤmm’rung hier, dort einer gruͤnen Nacht,
G 5Die106Die unbeweg’te Flut. So kraͤftig war das Gruͤn,
Daß es an manchem Orte ſchien,
Als naͤme wahres Schilf und Binſen,
Als naͤmen gruͤne Waſſer-Linſen
Des Waſſers Flaͤche wuͤrklich ein:
Recht leiblich ſchien der Schein zu ſeyn.
Wenn ich der gruͤnen Klarheit Grenzen
Mit aufmerkſamen Blick beſchau;
Seh’ ich des Himmels funkelnd Blau
Oft rein, oft hier und dort voll Wolken-Silber glaͤnzen.
Man kann, wenn man’s erwaͤget, finden,
Wie voller Licht und Klarheit hier
Des Himmels und der Erde Zier
Auf einer Stelle ſich verbinden.
So herrlich glaͤnzt, ſo lieblich prang’t die Flut,
So lange ſie in glatter Stille ruht.
Allein es ſpuͤret unſ’re Bruſt
Noch eine neue Luſt,
So bald von ungefehr
Das Schuppen-reiche Heer
Der feuchten Fiſch’ aus ihren Tiefen ſteiget,
Die Wunder-ſchoͤn gemal’te Flaͤche reg’t,
Und, da es Licht und Laub beweg’t,
Daß eins ins andre flieſſ’t, uns deutlich zeiget,
Wie das, ſo wir geſehn,
Nicht eine wahre Schilderey,
Weil ſie durchdringlich iſt, geweſen ſey.
Wir ſehn ſodann durch ſie mit Haufen
Bald hier, bald dort halb gruͤn-halb blaue Cirkel laufen,
Nachdem die regen Kreiſe
Der Laub - und Licht-Schein trifft. Jch ließ zu ihrer
Speiſe
Mir etwas Brodt, das ſie mit Luſt verſchlingen,
Von meinem Gaͤrtner bringen.
Mein107Mein GOtt, welch ein annemliches Gewuͤl,
So bald das Brodt ins Waſſer fiel,
Entſtund im Augenblick! Die groſſe Menge,
Womit der Teich erfuͤll’t, erreg’t’ ein lieblich Spiel,
Und ihre Gierigkeit ein luſtiges Gedraͤnge.
Es ſchien der ganze Teich zu leben,
Ein jedes Stuͤcklein Brodt war alſobald umgeben
Von funfzig auf einmal. Bald ſchien es Ernſt, bald Scherz,
Bald ſtieß ein Schwarm es vor ein and’rer hinterwaͤrts.
Man konnte voller Luſt die blauen glatten Ruͤcken
Oft hoͤher, als die Flut, in groſſer Meng’ erblicken.
Noch uͤber die ſieht man zuweilen
Verſchied’ne voller Eifer eilen.
Die lieſſen nun, dieweil ſie alſobald,
Gehemmet durch den Gegenhalt,
Nicht konnten in das Waſſer ſinken,
Von den beſchuppten glatten Seiten
Bald feuchtes Gold, bald Silber blinken.
Dort konnte man durch ihr behendes drehen
Auch in der dunk’len Flut das Silber ſchimmern ſehen;
Wie wenn man einen weichen Grund,
Der voller Fettigkeiten, ruͤhret,
Man alſobald von oben ſpuͤret
Was ſchwaͤrzliches ſich in die Hoͤhe heben:
So ſieht man oft, gleich einem Dunſt
Was ſchwaͤrzliches von unten aufwaͤrts ſchweben,
Bis daß es hoͤher ſteigt. Dann wird man erſt gewahr,
Daß es ein’ ungezaͤl’te Schar
Beſchuppter Fiſche ſey. So voll war dieſer Teich,
Daß ob er gleich
Sehr tief gegraben war,
Man dennoch glaubt’, auf ihren dunk’len Ruͤcken
Kaum halbes Fuſſes tief den Grund ſchon zu erblicken.
Ein ſchwaͤrmendes Gewuͤl, ein liebliches Gewimmel
War uͤberall zu ſehn.
Man108Man ſpuͤret’ uͤberall ein froͤhliches Getuͤmmel;
Es ſchien auf einmal zu entſtehn
Ein allgemeiner Krieg von allen gegen alle.
Wie ſtum̃ auch ſonſt ein Fiſch; ward doch mit lautem Schalle
Ein ſchmatzen hier gehoͤr’t, das angenem zu hoͤren.
Dieß Anmuts-volle Waſſer-Spiel
War meiner Augen Ziel,
Bis ich zuletzt,
Nachdem ich mich daran recht ſehr ergetzt,
Die wunderbare Creatur,
Die ſonderlich gebildete Figur
Von einem Fiſch erwog; der ſonder Fuß und Hand
So ſchnell, ſo hurtig, ſo gewandt
Sich reget, ſtehet, gehet,
Sich ſenket, ſich erhoͤhet.
Es flieg’t ein Fiſch ja recht bald auf bald nieder,
Und ſolches ohn Gefieder.
Wer niemals einen Fiſch geſehn,
Und man erzaͤlet’ ihm, es waͤr’ ein Thier zu finden,
Das aus den tiefſten Gruͤnden
Sich ſonder Fluͤgel koͤnnt’ erhoͤh’n,
Auch ſonder Haͤnde ſich bewegen,
Und ſonder Fuͤſſe gehn und ſtehn;
Was mein’t ihr? wuͤrd’ er nicht mehr, als wir ſonſten pflegen,
Darob erſtaunen und gedenken:
Was muß das fuͤr ein Wunder ſeyn!
Ach GOtt! laß mich auf Dich allein,
So oft ich Fiſche ſeh, mein’ Andacht lenken,
Und denken: wie ſo groß iſt doch des Schoͤpfers Macht,
Der, nebſt der ungezaͤl’ten Schar
Beſchuppter Fiſch’, und zwar ſo wunderbar,
Auch alle Ding’ aus Nichts hervor gebracht!
Der Spring-Brunn.
Jn eines gruͤnen Ganges Mitte,
Den in der Qveer ein and’rer Gang durchſchnitte,
Von welchem man die Ecken ausgeruͤndet,
Jſt durch die vier dadurch formir’te halbe Bogen
Ein gruͤner Cirkel-Platz gezogen,
Jn welchem man mit Luſt ſich eingeſchloſſen findet.
Jn dieſem ſtand ich einſt, und dachte:
Wenn man hier einen Brunnen machte;
Wie angenem, wie ſchoͤn
Wuͤrd’ alles nicht in klarem Waſſer ſtehn!
Wie lieblich wuͤrde hier, bey heiterm Wetter,
Das hell beſtral’te Gruͤn der dicht-verſchrenkten Blaͤtter
Sich in den reinen Fluten bilden!
Bald wuͤrde von der Sonnen Schein
Das reine Waſſer ſich verguͤlden;
Bald wuͤrd’ in ſanft beweg’t - und wallenden Kryſtallen
Ein gruͤn gefaͤrbter Schatten fallen.
Jch ſann dem Anſchlag ferner nach,
Und, weil der vorerwehnte Teich
Nicht mit der Erde gleich,
Nein, ſondern auf der Hoͤhe, lag;
Schien es zu meiner Luſt nicht koſtbar und nicht ſchwer.
Allein ich freute mich noch mehr,
Als ich ſo gar im Grunde,
Jndem ich graben ließ, von ungefehr
Vor dieſem ſchon dazu beſtimmte Roͤhren funde.
Hiedurch kam in gar kurzer Zeit
Das Waſſer-Werk zur Vollenkommenheit,
Und zwar weit ſchoͤner noch, als ich es ſelbſt gedacht.
Kaum war es vollenbracht;
Kaum,110Kaum, daß der ſchnelle Waſſer-Stral
Zum erſten mal
Sich in die Hoͤhe hub und ſpielte,
Als ich auch einen Trieb,
Zu GOtt mich zu erheben, fuͤl’te,
Und die Betrachtungen zu GOttes Ehren ſchrieb:
Groſſer GOtt! aus Deſſen Willen
Alle Meer’, als Baͤchlein, qvillen,
Und durch Deſſen Wort allein
Sich die unergruͤnd’ten Gruͤnde,
Aller Tiefen dunk’le Schluͤnde,
Mit dem Schwall der Waſſer fuͤllen;
Dieſes kleine Waſſer-Spiel
Zeigt mir viel.
Du nur haſt der weichen Flut,
Deiner Creatur zu gut,
Dieſe Wunder-Eigenſchaft,
Daß ſie fluͤſſig iſt, gegeben,
Und durch eig’ner Schwere Kraft
Auch geſchickt iſt, ſich zu heben,
Um dann durch ihr ſtrenges Senken
Fuͤglicher die Welt zu traͤnken:
Wie wir auf der Berge Hoͤh’n
Lauter Waſſer-Kuͤnſte ſehn.
Alle Waſſer-Faͤll’ und Meere
Spielen, HErr, zu deiner Ehre.
Kein ſtarrer Eis-Zapf iſt ſo glatt, ſo klar, ſo feſt,
Als wie der neu-gebohrne Stral
Nicht111Nicht weit von ſeiner Roͤhre laͤſſt:
Welch’ holde Feſtigkeit er aber bald verlieret,
Wenn er ſich in die Hoͤhe fuͤhret,
Wo er, wenn er die Laſt der Luft mit Muͤhe traͤg’t,
Wie lebend Silber ſich beweg’t,
Das doch noch immer aufwaͤrts eilet,
Bis er ſich oben auf einmal
Beſchaͤumet von einander teilet.
Hier huͤpfen, ſpringen, ſteigen, fallen
Viel kleine Kugeln, die ſo rein,
Daß auch die rein’ſten Berg-Kryſtallen
Nicht rein bey ihrem Schimmer ſeyn;
Zumal,
Wenn ſie der Sonnen-Stral
An einer Seite trifft, und daß die blaue Pracht
Des tiefen Firmaments, in welchem jede ſchwebet,
Durch reine Dunkelheit die Schoͤnheit noch erhebet,
Und gleichſam ſich zu ihrer Fulge macht.
Man ſollte ſchweren,
Daß alle Diamanten waͤren,
Und wuͤrcklich fel’t auch nichts, als bloß die Haͤrt’ allein,
Sonſt waͤre jeder Tropf ein rechter Demantſtein.
Je mehr ich nun ihr helles Glaͤnzen ſchaͤtzte,
Je mehr der reine Glanz und Schimmer mich ergetzte;
Je ſtaͤrker ruͤhrte mich die Fluͤchtigkeit
So Farben-reicher Edel-Steine.
Jhr Weſen waͤhret’ eine kleine,
Und ihre Ruh gar keine, Zeit;
Jndem ſie, wenn ſie kaum entſtehn,
Von andern ſchon verdrungen gleich vergehn:
Woruͤber ich recht in mich gienge,
Und mit geruͤhrtem Geiſte dacht:
Wer112Wer kann von aller Hoheit, Pracht,
Und von dem Weſen ird’ſcher Dinge,
Ja ſelbſt von unſerm eig’nen Leben,
Ein gleicher Ebenbild uns geben?
Man kommt, man ruht nicht, man verſchwindet,
Und zwar faſt unvermerkt, indem die Welt,
Daß wir vergehen, nicht empfindet:
Es ſind ſtets and’re da, die gleich, ſo bald wir ſcheiden,
Die Stellen wiederum bekleiden.
Betrachtet doch, ihr Menſchen, was ich meyne,
Und denket bey der Flut beſtaͤnd’ger Fluͤchtigkeit:
Wir alle waͤhren eine kleine,
Und unſ’re Ruh waͤhrt keine, Zeit.
Der Stral, der in die Hoͤhe ſteiget,
Vergnuͤget das Geſicht.
Wenn er ſich aber oben bricht,
Und rauſchend ſich zum Fallen neiget;
Vergnuͤg’t er unſer Ohr.
Es koͤnnen, die es lange hoͤren,
Mit Muͤhe ſich des Schlaf’s erwehren.
Zuweilen unterbricht ein holes Plumpen
Das klatſchende Getoͤs, indem es ſchlurfet, ziſcht,
Und oft ein gurgelndes Gegluck darunter miſcht,
Wenn kleine weiſſe Waſſer-Klumpen
Jn die beſchaͤumte Flut,
Die gleichſam kocht, und nimmer ruht,
Wie Stuͤcke von geſchliffenen Kryſtallen,
Auf einmal ſchnell herunter fallen.
Dieß Sprudeln, Liſpeln, Schallen,
Dieß murmelnde Getoͤn
Wird jedem, der es hoͤr’t, gefallen,
Und ſuchet uns durch’s Ohr ans Herz zu gehn.
Am Fuß der Roͤhre ſchaͤumt und huͤpfet in der Flut
Ein reines Weiß, das ſtets entſtehet,
Stets113Stets iſt, und dennoch ſtets vergehet,
Das immer ſich beweg’t, ſich bricht und nimmer ruht.
Es huͤpft, es ſpringt, es ſpruͤtz’t, es ſcheint zu leben,
Und, kleinen weiſſen Flammen gleich,
Sich ſelber in die Hoͤh zu heben.
Rings um den regen Ort ſieht man dieſelbe Stelle
Durch Wellen, die daſelbſt kurz, recht wie Schuppen, gehn,
Nicht einen Augenblick in einer Farbe ſtehn.
Bald iſt ſie braͤunlich rot, bald gruͤnlich helle,
Bald ploͤtzlich Silber-weiß.
Zuletzt beruhiget ſich allgemach
Das rege Naß; es zeugt ſich nach und nach
Manch ſich vergroͤſſernder und ſtets beweg’ter Kreis.
Die Cirkel ſcheinen zwar vom Mittel abzuwallen,
Und allgemach ſich zu erheben,
Da ſie jedoch, wenn wir darauf recht Achtung geben,
Nach ihrem Mittel-Punct beſtaͤndig wieder fallen.
Die ſanft-erreg’te Glaͤtte zeiget,
Jndem ſie ſich gemach bald heb’t, bald neiget,
Der ſchoͤn’ſten Farben Glanz; es ſind allhier
Der irdiſche Smaragd, der himmliſche Sapphir
Blau, licht - und dunkel-gruͤn, weiß, hell und dunkel-braun
Recht wunderbar vermiſcht, vereinigt und verwirret.
Wo kurz vorher die Augen Schatten ſchau’n,
Verſpuͤren ſie, daß ſie geirret.
Denn es iſt weiß daſelbſt, nein wieder braun, nein gruͤn,
Nachdem die Kreiſe ſich in rege Spitzen ziehn
Dadurch, daß oft ein Kreis den andern unterbricht.
Auf vielen dunkel-braunen Stellen
Formir’ten weißlich-gruͤne Wellen
Die ſchoͤn’ſten Cirkel von Smaragd,
Die denn, je naͤher ſie dem gruͤnen Ufer kamen,
Von ſeiner gruͤn-bebluͤhmten Pracht
Stets deutlicher ſo Farb’ als Bildung namen.
II. Theil. HBeſtral’t114Beſtral’t die Sonne dann vom Ufer eine Stelle;
So wird ſogleich des Waſſers Flaͤche helle,
Da denn das faſt Smaragd’ne Gruͤn
Sich Schlangen-weiſe zu bewegen
Und durch der Wellen ſanftes regen
Sich immer zu vergroͤſſern ſchien.
Mit einem dunkel-gruͤnen Schatten
Such’t ein beweglich gruͤnlich Licht
Jn regen Cirkeln hier ſich ſtets zu gatten,
Die uns der Baͤume Gruͤn zwar noch zu ſehn vergoͤnnen;
Doch, weil ſie den Zuſammenhang
Durch ſtetige Bewegung trennen,
Jſt keine deutliche Figur
Von Blaͤttern, Staͤmm - und Zweigen zu erkennen;
Man ſieht von ihnen nur
Den Schein von einem Schein,
Und kann man hier mit Wahrheit ſagen,
Daß ſie auch in den hell’ſten Tagen
Zu ſehn und doch nicht ſichtbar ſeyn.
Wann aber ſich der Sprung des Waſſers leget,
Und folglich ſich die Flaͤche nicht mehr reget;
Kann man mit tauſend Luſt ſo fort
Den runden angenem bewachſ’nen Ort
Jn ihr recht unbeſchreiblich ſchoͤn
Und lieblich widerſcheinen ſehn.
Es ſchien mir dieſes Bild von vieler Menſchen Leben
Ein lebend Eben-Bild zu geben.
Wie mancher auf der Welt
Hat Ehre, Faͤhigkeit, Geſundheit, Schoͤnheit, Geld,
Die durch des Schoͤpfers Huld ſich all’ in ihm verbinden;
Sein Naͤchſter aber kann
So wenig, als er ſelbſt, daran
Die billige Vergnuͤgung finden.
Wo kommt denn dieſes her? Weil mitten in der Bruſt
(Wie115(Wie hier im regen Born) der Born von Pein und Luſt
Die Leidenſchaft durch Leidenſchaft beweget,
Und deren Wut ſich unaufhoͤrlich reget;
Wodurch wir in veraͤnderlichem Wanken
Nichts, als verwirrete Begierden und Jdeen,
Und in nie ruhigen Gedanken
Stets unterbroch’ne Schoͤnheit, ſehen:
Da er, wenn ihn nicht ſtets die Unruh gleichſam trennte,
Bey einem ruhigen Gemuͤte
Ein Spiegel Goͤttlicher Macht, Weiſheit, Lieb’ und Guͤte
Sich und dem Naͤchſten werden koͤnnte.
Da ich nun alſo ſaß und ſann,
Und eine inn’re Regung fuͤl’te;
Sah ich dem Waſſer-Stral, als er von neuen ſpiel’te,
Noch etwas neues an,
Jndem er, als das Licht der Sonnen ihn beſtral’te,
Sich ſelber um den gruͤnen Rand
Auf dem Licht-grauen Sand’
Jn dunk’len Schatten deutlich mal’te.
Jch ſah ihm Anfangs zu, und lachte,
Daß gleichſam dieſer Schatten mir
Mein Waſſer-Spiel gedoppelt machte;
Doch als ich noch darauf ein wenig laͤnger dachte,
Und merkte, daß des Schattens Stral
Sich allemal
Ein wenig von der Stell’ und in die Ruͤnde drehte;
So fiel mir ein,
Dieß koͤnnte wol ein Sonnen-Zeiger ſeyn.
Jch merkte denn bey jedem Seiger-Schlag
Die Stelle, wo ſodann der Schatten lag,
Und faud hernach, ſo oft ich zaͤl’te,
Daß es kaum um ein Haͤrchen fel’te.
Kann ſonſt von unſerm kurzen Leben
Des Waſſers rege Fluͤchtigkeit
H 2Uns116Uns uͤberhaupt ein Lehr-Bild geben;
So zeigen hier die feuchten Fluten
So gar die fluͤchtigen Minuten
Von unſ’rer ſchnellen Lebens-Zeit.
Allein, was ſoll ich viel, bey dieſer Flut,
Von einem feuchten Seiger ſagen;
Da wir ja ſelbſt in unſerm Blut
Dergleichen feuchten Seiger tragen,
Da jeder Puls - und Ader-Schlag
Mir meine Zeiten richtig teilet,
Und folglich wol mit Recht, weil er beſtaͤndig eilet,
Mein Lebens-Seiger heiſſen mag.
HErr! gib, ſo oft ich Waſſer ſeh,
Daß ich ja nicht vergeſſen moͤge,
Daß ich, ſo lang’ ich mich bewege,
Aus reger Feuchtigkeit beſteh’!
HErr! gib, ſo oft die Stunden ſchlagen,
Daß ich mag zu mir ſelber ſagen:
Von meinen kurzen Lebens-Stunden
Sind ſechzig Teil’ aufs neu verſchwunden.
Haſt du, mein Herz, darin auch einſt gedacht
An Deines Schoͤpfers Lieb’ und Macht?
Wenn man den ſtrengen Stral, der in die Hoͤhe eilet,
Durch etwas hartes hemm’t und teilet;
Zerteilt er ſich in Tropfen, die ſo klein,
Daß ſie kaum zu erkennen ſeyn.
Jn dem faſt unſichtbaren Duft
Der angefeuchteten durchſtral’ten Luft
Wird, wenn die Sonn’ ihn trifft,
Ein neues Wunder-Werk geſtift,
Und oft ein kleiner Regen-Bogen
Jn einem Augenblick gezogen.
An deſſen buntem Schein ſuch’t’ ich mit tauſend Freuden
Nicht117Nicht nur mein Aug’, auch meinen Geiſt, zu weiden,
Und ward mit ſuͤſſer Luſt erſuͤll’t,
Weil ich allhier ſo nah
Das ſonſt entfernte Gnaden-Bild
Der feuchten Wolken bey mir ſah.
Wenn auf dem dunkel-gruͤn gefaͤrbten Waſſer-Spiegel
Viel kleine weiſſe Waſſer-Huͤgel,
Die wie ein Berg-Kryſtall ſo glatt, ſo klar, ſo rein,
Ja kleine Sonnen-Spiegel, ſeyn,
Bald einzeln, bald mit Haufen,
Wie Silber-Schaum, ſchnell hin und wieder laufen,
Bald ſanfte zitternd gleichſam ſchweben,
Nachdem die regen Waſſer-Kreiſe
Jtzt ſchnell, itzt allgemach und leiſe,
Sich bald vertiefen, bald erheben;
Vergnuͤg’t ihr ſchimmerd Licht,
Das auf dem klar - und dunkeln Grunde
Der glatten Flut in hellem Glanze ſtunde,
Durch ihren Gegenſatz, mir das Geſicht:
Doch fiel bey ihrem fluͤcht’gen Schein
Mir ferner ein,
Daß ſie von Keichtum, Wolluſt, Ehre
Recht eigentliche Spiegel ſeyn.
Es geben uns die Blaſen zu verſtehn,
Von welcher Ahrt die meiſten Schoͤnen ſind.
Jhr aͤuſſerſtes allein iſt ſchoͤn;
Jhr inners Eitelkeit und Wind:
Und zeigen ſie daher an jedermann
Den fluͤcht’gen Grund der weichen Wolluſt an.
Noch geben uns der Blaſen kleine Hoͤh’n
Der Ehrſucht Folge zu verſtehn.
Je hoͤher ſie an Glanz und Schimmer ſteigen,
Je mehr ſie Pracht und Schoͤnheit zeigen;
Je ploͤtzlicher ſie ſchwinden und vergehn.
H 3Kein118Kein Silber iſt ſo weiß, ſo rein,
Als dieſe Waſſer-Blaſen ſeyn.
Kein Gold iſt, das ſo glaͤnzt und ſtral’t,
Als wenn der Sonnen Gold ſich ſelbſt in ihnen mal’t,
Und dennoch iſt ihr glaͤnzend prangen,
Recht wie der Reichtum, auch gar ſchnell vergangen.
Sprich nicht, Chryſander, voller Freuden:
Es kann mein Gold mit Recht nicht die Vergleichung leiden.
Der Blaſen Gold iſt fluͤchtig; meines feſt.
Doch hoͤr! erwaͤge nur, wie ſchnell das deine
Dich oftermals ſchon hier verlaͤſſt,
Und endlich, wenn du wirſt erblaſſen,
Wird es unfehlbar dich verlaſſen.
Dieß iſt die Luft, die man, ſo lang das Waſſer ſpielet,
Durch’s Ohr und durch das Auge fuͤlet;
Wenn aber ſich der Sprung des Waſſers leg’t,
Und folglich ſich die Flaͤche nicht mehr reg’t,
Wenn nemlich man den Ort, wodurch es flieſſet,
Durch umgedrehten Schluͤſſel ſchlieſſet,
Verſchwindet auf einmal,
Zuſamt dem reinen Silber-Stral,
Das lieblich klatſchende Getuͤmmel;
Hingegen faͤngt ſich dann,
So bald das Waſſer ſtill, ein’ ander’ Anmut an.
Man ſiehet einen Gegen-Himmel:
Es lieſſ’ als ob, in blauen Tiefen,
Viel weiſſe Wolken ſchwebend liefen:
Man konnt’ in ihren klaren Gruͤnden
Gar eine neue Sonne finden.
Bey dem ſo ſchoͤn - und dennoch eit’len Schein
Fiel mir von neuen ein:
Es leb’t mit muͤhſamem Getuͤmmel
Der Geld - der Luſt - der Ehr-Wurm in der Welt,
Und glaubt, in Ehre, Luſt und Geld
Den Himmel auf der Welt zu finden;
Al -119Allein
Es iſt ein Waſſer-Himmel,
Der nichts hat, als den bloſſen Schein.
Will aber jemand hier des Himmels Vorſchmack haben,
Der muß ſich am Geſchoͤpf des groſſen Schoͤpfers laben.
Man kann mit tauſend Luſt ſo fort
Den runden, angenem bewachſ’nen Ort
Jn ſtiller Flut recht unbeſchreiblich ſchoͤn
Und lieblich ſich verdoppeln ſehn.
Es ſtellt zugleich das unbeweg’te Naß,
Als wie vom Berg-Kryſtall das reinſte Spiegel-Glas,
Zuſamt des Firmaments Sapphir,
Den irdiſchen Smaragd belaubter Baͤume fuͤr.
Es bildet die Natur ſich ſelbſt in dieſer Flut,
Und zwar recht meiſterhaft. Denn iſt ihr Uhrbild ſchoͤn;
So iſt die Schilderey nicht minder ſchoͤn zu ſehn.
Selbſt in der Dunkelheit
Entwirft, formiret, zeichnet ſie
Mit unbeſchreiblich rein - und klarer Deutlichkeit
Die allerzierlichſte Copie.
Was dunkel-gruͤn, das ſcheint im Waſſer mehr verdunkelt:
Was hell-gruͤn, glaͤnzt noch mehr, und funkelt
Jn einem reinern Licht.
Des Brunnen Rand iſt hell und gelblich gruͤn,
Weil er von Raſen iſt. Das ganze Waſſer ſchien
Hingegen dunkel, gruͤn und klar,
Jndem darin ſich von den Erlen-Zweigen
Die dunkel-gruͤnen Blaͤtter zeigen.
Man ſah daſelbſt der Fiſche blaue Schar,
Die aus dem Teich’ hinein geſetzet war,
Durch gruͤne Zweige gehn, in gruͤnen Buͤſchen ſchweben,
Und, ſchnellen Voͤgeln gleich, auf Baͤume ſich erheben.
Das Auge wird durch die ſo klare Glaͤtte,
Als wie, wenn man Kryſtall darauf geleget haͤtte,
H 4Ver -120Vergnuͤg’t, geſtaͤrket und erfreuet.
Die faſt erſtaunten Blicke gleiten
Auf dieſer glatten Bahn mit tauſend Freuden fort,
Und treffen tauſend Lieblichkeiten
Auf jeder Stell’, an jedem Ort’
Jn netten Bildungen und ſanften Farben an.
Seh’ ich, wie lieblich, klar, durchſichtig, glaͤnzend, rein
Des Waſſers glatte Flaͤchen ſeyn;
So ruf’ ich, voll durch Luſt erzeugter Traurigkeit
Und ſuͤſſer Unzufriedenheit:
Wie dauret michs, daß dieſe Klarheit
Mein ſchwacher Kiel nicht bilden kann,
Und daß von der Copie die meinige mit Wahrheit
Ein elend Schmierwerk ſey, die jener gar nicht gleichet,
Jndem ſie der ſo ſchoͤn gemal’ten Zierlichkeit
Jm Waſſer (wie man ſpricht) nicht einſt das Waſſer reichet.
Jndem ich einſt bey dieſem Waſſer-Spiel,
Was ich geſchrieben uͤberlaſe;
Erblickt’ ich einen Froſch im Graſe:
Der rege Waſſer-Stral ſchien ſeiner Augen Ziel.
Die Stellung war, als ob er ſaͤſſ’ und lauſchte,
Ja mit Verwunderung bedaͤchte,
Woher es doch wol kommen moͤgte,
Daß hier das Waſſer ſtetig rauſchte,
Was doch davon die Urſach ſey.
Jch lachte bey mir ſelbſt, und dachte dieß dabey:
So wenig dieſer Froſch den wahren Grund wird finden,
So wenig kann ein Menſch des Schoͤpfers Weg’ ergruͤnden.
Der Mond.
- Ein anderes Gedicht vom Monde findet ſich bereits im vo - rigen Theile auf dem 41ſten Blate.
Jndem ich abermal, in ſtiller Einſamkeit
Und ruhiger Zufriedenheit,
Jm Mond-Schein itzt ſpatziren gehe,
Und die durch ſeinen Schein ganz angefuͤllten Felder,
Und die durch ſeinen Glanz ſanft angeſtral’ten Waͤlder,
Samt den dadurch ſo ſchoͤn geſchmuͤckten Gaͤrten, ſehe;
Fuͤl’ ich, geruͤhrt durch eine neue Luſt,
Auch einen neuen Trieb in meiner Bruſt,
Damit ſich dieſe Luſt ſo bald nicht mag zernichten,
Zu GOttes Ruhm noch einſt vom Mond’ ein Lied zu dichten.
Jch ſeh’ allhier, durch dunk’le Schatten,
Ein helles Licht auf weiſſe Latten
Begruͤn’ter Sommer-Lauben fallen:
Jch ſeh’ hierauf mit Luſt bald hier bald dort,
An manchem Ort,
Beweg’te Schatten-Blaͤtter wallen,
Wodurch von Licht und Dunkelheit
Ein ſanft Gemiſch, mit ſolcher Lieblichkeit
Und Anmut, dieſen Ort erfuͤllet;
Daß ein ſo ſuͤſſer Reiz, der aus dem Lichte qvillet,
Und ſich mit holden Schatten miſcht,
Jn der ſo angenem gebroch’nen Schwaͤrze,
Durch unſer’ Augen unſer Herze
Vergnuͤg’t, erqvicket und erfriſcht.
An131An Haͤuſern laͤſſt es recht, als ob mit tauſend Bildern
Vom Silber-weiſſen Mond ſich alle Fenſter ſchildern.
Zuweilen ſcheint ſein rundes Licht,
Wenn das nicht eb’ne Glas den Schimmer unterbricht,
Als wenn es eckigt waͤr’. Jtzt laͤſſt der glatte Stral,
Als waͤr’ er lang, bald recht oval.
Bey jedem Tritt
Veraͤndern ſich des Mondes Bilder mit.
Doch iſt der glatte Glanz noch einſt ſo ſchoͤn,
Wenn man durchs duͤſt’re Laub der Baͤum’ ihn ſieht,
Jndem durch ihre Dunkelheit
Und ſchwebende Beweglichkeit
Der Scheiben wiederſcheinend Licht
Bald heller wird, und bald ſich unterbricht,
Bald ſich erheitert, bald ſich ſchwaͤrzet,
Wenn gleichſam Nacht und Licht ſanft mit einander ſcherzet,
Wenn eins um’s and’re ſich entdeckt,
Und eins um’s and’re ſich verſteckt.
Jn den rings um begruͤn’t - und hell-beſtral’ten Steigen
Sieht man mit innigem Vergnuͤgen
So manchen Schatten-Strauch und Schatten-Buſch ſich
zeigen,
Jn ſolcher Nett - und Deutlichkeit
So lieblich und ſo zierlich liegen,
Daß in der Zeichnung man faſt keinen Unterſcheid
Mit den gewachſ’nen Baͤumen ſpuͤret:
Wodurch der Garten denn gedoppelt ausgezieret,
Noch einſt ſo luſtig ſcheint. Der Schatten-reiche Wald
Verdoppelt gleicher Weiſ’ im Schatten die Geſtalt
J 2Von132Von Staͤmmen, Blaͤttern und von Zweigen,
Die ſich von oben abwaͤrts neigen,
Und, um uns ihre Pracht recht deutlich auszudruͤcken,
Den gruͤnen Boden lieblich ſchmuͤcken.
Das ſanfte Licht, ſo allgemein
Mit einem gruͤnlich grauen Schein
Die ſchon bethau’ten Felder deckte,
Und ſich, ſo weit man ſah, erſtreckte,
Vergnuͤg’te mich
Recht inniglich.
Durch dieſes holde Licht, womit ſich klare Schatten
So angenem vermenget hatten,
Zuſamt der Stille Suͤſſigkeit,
Schien mir in unſ’rer Welt
Ein’ and’re Welt faſt vorgeſtell’t:
Denn durch des ſanſten Licht’s ganz ungewiſſen Schein
Schien jeder Vorwurf ungewiß,
Und geiſtig mehr als coͤrperlich, zu ſeyn.
Von den erdichteten Eliſer-Auen
War gleichſam hier, in ſtill - und lichter Finſterniß,
Das ſtille Schatten-Reich im Schatten-Riß zu ſchauen.
Doch ohne Scherz. Durch ein ſo reines Licht
Empfindet man, wie durchs Geſicht
Ein reizendes Vergnuͤgen dringet,
Das faſt ein’ uͤberird’ſche Luſt
Der dadurch ganz erfuͤllten Bruſt,
Jn ſuͤſſer Stille, bringet.
Es faͤngt der angeneme Glanz
Allmaͤlich an, ſich durch die Sehnen
Jm ganzen Coͤrper auszudehnen.
Dann wird ein achtſam Aug’, ein frommes Herze, ganz
Von Andachts-Flammen angezuͤndet,
Jndem133Jndem es in dem ſanften Schein
Was ird’ſches nicht allein,
Nein, ein verhuͤll’tes Bild der Gottheit, die die Pracht
Der himmliſchen und ird’ſchen Coͤrper macht,
Und die allgegenwaͤrtig, findet.
Jch ſenkte mich hierauf, zu Seiner Ehr’,
Jns tiefe Meer
Der unumſchraͤnkten Luft, und ward von ungefehr
Beym ungezaͤhlten Sternen-Heer
Den weit entlegenen Saturn gewahr.
Sein von dem Sonnen-Stral ſo weit entfernter Schein,
(Ob gleich fuͤnf Monden ſich beſtaͤndig um ihn lenken;
Sieht man gleich offenbar
Jhn einen hellen Kreis umſchraͤnken;)
Wird doch vermutlich nicht, dacht’ ich, recht heiter ſeyn.
Vermutlich handeln wir nicht unrecht, wenn wir ſagen,
Daß dort auch in den hell’ſten Tagen
Das Licht nicht groͤſſer ſey, als wenn bey uns die Nacht.
Ein heit’rer Mondſchein helle macht:
Wobey jedoch die es gewohnten Augen
Vermutlich ja ſo gut, als wir, zu ſehen taugen.
Denn dieß iſt ausgemacht, daß nirgend einerley
Der emſigen Natur nie ſtille Wirkung ſey.
Das gab mir nun aufs neu Gelegenheit,
Mit ernſtlicher Aufmerkſamkeit
Jn ſolche Tiefe mich mit Ehrfurcht zu verſenken,
Und an der Sterne HErrn mit Andacht zu gedenken,
Den man in Ewigkeit nicht g’nug bewundern kann.
Hierauf ſah ich noch einſt des Mondes Coͤrper an.
Als ich nun recht erwog, wie groß er ſey;
Fiel mir daruͤber dieſes bey:
Betrachte, lieber Menſch, die wunderbare Groͤſſe
Des Coͤrpers, welchen du, betrogen durch den Schein,
Mit Unrecht glaub’ſt ſo klein zu ſeyn!
J 3Er -134Erwaͤg’ und ſchau’ in ihm ein herrliches Gefaͤſſe
Der Wunder GOttes an, das nicht nur groß allein,
Nein, gleichfalls (wie die Welt) von Wundern angefuͤllet,
Die uns die Ferne nur verhuͤllet.
Gewaͤſſer, Thaͤler, Tiefen, Hoͤh’n,
Kann man in ihm durch’s Fern-Glas ſehn,
Faſt eben wie auf unſ’rer Erden.
Wie kann doch g’nug bewundert werden
Der majeſtaͤtiſch ſtille Gang,
Den keine Hind’rung je geſtoͤret,
Der unveraͤnderlich gewaͤhret
Schon ſo viel tauſend Jahre lang!
Ach GOtt! ach unbegreiflichs Weſen,
Von Deſſen Weiſheit, Lieb’ und Macht
Die Wunder in der Sterne Pracht,
Als wie in einer Schrift, am deutlichſten zu leſen,
Am wuͤrdigſten zu ſehn, am beſten zu verehren;
Ach laß uns doch den Ruhm von Deiner Herrlichkeit
Jn der Geſchoͤpfe Meng’ und Vollenkommenheit
Durch ſelige Betrachtung mehren!
Ein klares Waſſer.
- Zwey andere Gedichte vom Waſſer finden ſich im vorigen Theile p. 26. und p. 268.
Es kann faſt nichts ſo ſehr das Herz durchs Auge laben,
Ja gar auch unſern Geiſt erfriſchen,
Als ein, von angenemen Buͤſchen
Bewachſener, beſchilſter Waſſer-Graben:
Zumal wenn auf der glatten Flut
Der Sonnen-Stralen guͤld’ne Gluht
Auf ſeiner Flaͤch’ in dunkler Klarheit ruht.
So herrlich ſtral’t ſo dann der Glanz, daß unſer’ Augen
Vor Klarheit ihn kaum anzuſehen taugen.
Wenn aber hie und da des Schilfes gruͤne Spitzen,
(Die oͤfters, wie wir es mit Freuden ſehn,
Recht mitten in dem Schimmer ſtehn,)
Uns vor dem Gegenſchlag von dem zu hellen Blitzen
Durch ihre gruͤne Farbe ſchuͤtzen,
Und uns ſo gar die Augen dadurch ſtaͤrken;
So kann man, wie die Gluht und Flut ſo ſuͤß vormiſcht,
Auf unterſchied’nen Stellen merken.
Wie werden wir zugleich entzuͤndet und erfriſcht,
Wenn auf dem Waſſer ſelbſt das Bild der Sonne ſchwimmet?
Wie lieblich funkelt es, wie ſtral’t und glaͤnzt es nicht,
Wenn kleiner Blitze glaͤnzend Licht,
Das ſich am Fuß von jedem Schilfe bricht,
Am Fuß von jedem Schilfe glimmet,
Der mitten aus der Flut die gruͤnen Stengel ſtrecket,
Und deſſen junges Blat der Stral, der ihn durchdringet,
Jn einer gelblichen, anmut’gen Farb’ entdecket!
Aus dieſer Schoͤnheit nun entſpringet
Noch eine neue Schoͤnheit wieder,
Da in der Flut, die wie ein Glas ſo glatt,
Das Bild von einem jeden Blat
Jn reiner Klarheit nieder,
Und155Und zwar ſo deutlich, faͤllt,
Daß es gedoppelt ſchoͤn ſich uns vor Augen ſtellt.
Auf runder Binſen glatten Spitzen
Sieht man zugleich manch kleines Lichtgen blitzen.
Wenn nun ihr ſchwankes Laub, vom Zephir ſanft erreget,
Sich hin und her beweget;
Vermehrt ſich in der Sonnen Stral
Die Schoͤnheit noch einmal,
Jndem von jedem Kraut’ ein Schatten-Kraut gebildet,
Das ſich bald ſenkt, bald ſich erhoͤht,
Und, als ihr Urbild ſelbſt, faſt nimmer ſtille ſteht.
Wie lieblich zeiget ſich im Spiegel, der ſie traͤnkt,
Der Bluhmen buntes Heer! Wie funkelt es und glaͤnzet,
Zumal, wenn es beſtral’t, und ſich bald heb’t, bald ſenkt,
Wie ſanfte Wellen thun! Es ſchmuͤcket, es bekraͤnzet
Das Ufer nicht allein,
Wie ſonſt ein ſchoͤner Ram bey einem Malwerk thut;
Es ſchmuͤckt ſo gar die klare Flut
Mit einem holden Wiederſchein.
Zuweilen ſtralet in dem Gruͤnen
Jn holder Schoͤnheit zwiſchen ihnen
Das kleine Himmel-blaue Licht
Der lieblichen Vergiß mein nicht,
Jn welcher ich nicht nur der ird’ſchen Schoͤnheit Bild,
Womit ſie, nebſt der Lehr’, im Namen angefuͤllt,
Rein gar des Himmels Blau,
Wenn er voll Glanz und Gluht, mit Luſt und Andacht ſchau.
Wir koͤnnen, liebſte Bluhm’, in dir
Die dunkel-gruͤne Zier
Der Erde mit der Pracht der Sternen
Verbinden lernen.
Da ich in Deinem ſchoͤnen Kleide
Ein bloͤmourant, ein ſterbend Blau,
Wie156Wie man es nennet, ſchau;
Gedenk’ ich zwar ans Sterben: Doch dabey
Empfind’ ich eine ſuͤſſe Freude,
Jndem ſo Herz als Auge findet,
Wie ſo genau und liebreich ſich
Mit einem ſterbenden und blaſſen Blauen,
Das wir auf deinen Blaͤttern ſchauen,
Des Himmels ſchoͤnes Blau zugleich verbindet.
Dort aber, wo das Waſſer klar,
Und nicht ſo ſtark verwachſen war,
Stellt ſich ſo gar
Des hellen Firmaments Sapphir
Recht deutlich als ein Spiegel dar.
Man kann in dieſem Bach den Himmel klaͤrlich ſehn.
Was Wunder, daß er wunderſchoͤn?
Jch ſah der Erden Gruͤn, ich ſah des Himmels Blau
Und, ſamt der Sonnen Gold, der Wolken Silber-glaͤnzen
Auf der ſonſt dunklen Flut ſo engen Grenzen
So wunderbarlich ſich vereinen,
Und ſie bald auf einmal, bald Wechſel-weiſ’ erſcheinen.
Ein dunkel-gruͤner Wiederſchein,
Der von beſchatteten erhab’nen Baͤumen
Den Urſprung nam,
Und auf der klaren Flut durchſicht’ger Flaͤche ſchwamm,
Dient dort des niedern Schilfs, das an dem Ufer ſtunde,
Licht-gruͤnem Schein zu einem ſchoͤnen Grunde,
Worauf ſein lichtes Gruͤn noch einſt ſo rein, ſo klar,
Und faſt ſo deutlich gar,
Als wie das Urbild, war.
So kraͤftig war im Wiederſchein das Gruͤn,
Daß es an manchen Orten ſchien,
Ob naͤmen an dem Fuß von Schilf und Binſen
(War157(War gleich nicht eine da) viel gruͤne Waſſer-Linſen
Des Waſſers Flaͤche wuͤrklich ein;
Recht leiblich ſchien der Schein zu ſeyn.
Nicht weit davon formir’t ein praͤchtiges Gebaͤude,
So gleichfals auf der Flut im Wiederſchein zu ſehen,
Uns eine neue Augen-Weide.
Kaum aber daß die Flut ſich nur ein wenig reget:
Daß ſich der Schein zugleich mit hin und her beweget.
Hieruͤber ſchien mir dieſer Schein,
Da ich ihn recht beſah, ein lehrend Bild zu ſeyn.
Gleichwie das Waſſer-Haus ſo wackelhaftig laͤſſt;
So iſt ſein Urbild ſelbſt vergaͤnglich und nicht feſt.
Noch mehr. Das Waſſer ſcheint bis auf den Grund erfuͤllt.
Des Hauſes wiederſcheinend Bild
Laͤſſt recht, als ob ſich’s in die Tiefe ſenket.
Wenn man es aber recht bedenket,
So findet ſich, daß es ein bloſſer Schein,
Daß er ſich gar nicht tief ins Waſſer ſtrecket,
Nein, daß er nur allein
Den aͤuſſern Teil der Flaͤche decket.
Ach! daß das menſchliche Geſicht
Viel anders, als dieß Waſſer, nicht
Die Schoͤnheit der Natur
Jm Waſſer ſeiner Augen ſpuͤret,
Jndem der herrlichen Geſchoͤpfe Schoͤnheit nur
Sich oben auf der Flaͤch’, ins Hirn ſich niemals, ſenket,
Daher uns kein Vergnuͤgen ruͤhret,
Weil man nicht einſt daran gedenket.
GOttes Groͤſſe in den Waſſern.
Jch habe zwar bereits vom Waſſer was geſchrieben;
Doch iſt nur gar zu viel davon noch uͤbrig blieben,
Das nicht beruͤhrrt war:
Drum ſtellt das Meer ſich mir aufs neu zum Vorwurf dar,
Das ſeines Schoͤpfers Groͤſſ’ in ſeiner Groͤſſe weiſet,
Und Deſſen Macht in jedem Tropfen preiſet.
Ach GOtt! unendlichs All, Du Brunqvell aller Dinge,
Gib, daß ich noch einmal, was Dir gefaͤllig, ſinge
Vom feuchten Element! Es ſey, o GOtt, das Meer
Ein Spiegel abermal von Deiner Groͤſſ’ und Ehr!
Wie wunderbarlich weit, wie unbegreiflich groß,
Wie unergruͤndlich tief iſt doch des Meeres Schoß!
Wie dunkel iſt ſein Schlund, wie fluͤſſig und wie dichte
Die rege Waſſer-Welt! wie ſchwer iſt das Gewichte
Des Waſſer-Coͤrpers doch! was iſt dem weiten Reich
Der ungemeſſ’nen Tief’ an Weit’ und Groͤſſe gleich?
Mir ſchwindelt recht, wenn ich es uͤberdenke,
Und die faſt bange Sele ſenke
Jn dieſen finſtern Pful, in dieſes Abgrunds Gruft.
Mich ſchreckt von dieſer ſchwarzen Kluft
Die unbegreifliche Geſtalt: der Fluten Brauſen
Erreg’t mir, ob ichs gleich nicht hoͤr’, ein furchtbar Grauſen.
Wie viele Wunder-Thier’ und groſſer Wallfiſch’ Heere
Sind in dem unbegrenzt - und Boden-loſen Meere!
Mit welcher drengenden Gewalt,
L 2Mit164Mit welchem ſchrecklichen Gewuͤl, Getoͤs und Laͤrmen
Muß in dem tiefen Schlund’ und dunkeln Aufenthalt
Ein Wallfiſch-Heer ſich drehn, und durch einander ſchwaͤr -
men:
Da, wenn ein ſolcher Fiſch aus ſeiner Tiefe bricht,
Und, wie es, wenn er ſpielt, in Groͤnland oft geſchicht,
Mit graͤulichem Geraͤuſch aus ſtillen Fluten ſteiget;
Er einen ſchwarzen Thurm erſtaun’ten Augen zeiget.
Jndem ich dieß mit Ernſt ermeſſe,
Stell’t ſolcher Beſtien faſt ungemeſſ’ne Groͤſſe
Sich gleichſam meinen Augen vor.
Mir iſt, als wenn ich recht die ungeheure Hoͤhe
Von einem ſchwarzen Berg, der lebet, in ihm ſehe;
Mich deucht, ich ſchaue recht die weiſſe Wut
Der durch das ſchreckliche Gewuͤl gepreſſten Flut,
Mit Schaum - und Wirbel-vollen Wellen,
Als waͤren es Gebuͤrge, ſchwellen.
Mich deucht, es hoͤre recht mein ſchuͤchtern Ohr
Mit einem innerlichen Grauſen
Ein wildes unertraͤglichs Brauſen.
Die braune Flut wird ploͤtzlich weiß, und ſchaͤumet;
Ein groſſes Teil des Meers erhebet, waͤlzet, baͤumet
Sich bruͤllend in die Hoͤh’ in einem Augenblick,
Und ſtuͤrzt mit ſolcher Laſt von oben ab zuruͤck;
Daß die gepreſſte Flut oft ganze Meilen weit
Sich reget, tobet, wall’t mit ſolcher Heftigkeit,
Daß Cirkel, Wirbel, Schaum ein ſchwuͤlſtiges Bewegen,
So weit man ſehen kann, in einem Kreiſ’ erregen.
Wer weiß ſich nun den Stand im dunk’len Reich der Wellen,
Wo ſie bey tauſenden ſich waͤlzen, vorzuſtellen?
Wie165Wie muͤſſen ſie den Schlamm des Abgrunds, wenn ſie ſpielen,
Mit ihrer fetten Laſt verwirren und zerwuͤlen?
Der Zuſtand ſchreckt mich recht, den dieſes Reich der Nacht
Mir ins Gemuͤte praͤg’t; bald aber denk’ ich wieder
Auf Den, der dieſe Tief’ und was ſie heg’t, gemacht,
Und ſing’ in Demut Jhm Lob-Dank - und Freuden-Lieder:
Die Waſſer ſehen dich, o GOtt, ſie ſehen Dich,
Sie aͤngſtigen und drengen ſich.
Ach hoͤr’t, wie ihren HErrn, bald ſtill und bald mit
toben,
Die dunkel-grauen Tiefen loben!
Voll ſolcher praͤchtigen Gedanken und Jdeen
Von GOttes Wunder-Groͤſſ’ und unumſchrenkter Macht
Fuͤl’ ich in meiner Bruſt ein Andachts-Feu’r entſtehen.
Jch denke nicht, wie ich zuvor gedacht.
Ein unbekanntes Etwas reiſſt
Mir meinen faſt erſtaun’ten Geiſt
Aus ſeinem Sitz’, und fuͤret meinen Sinn,
O groſſes All! von Deinem Wunder-Weſen
Zur deutlichern Betrachtung hin,
Wozu ich denn das Meer zum Spiegel auserleſen.
Jch ſtelle mir,
Unendlich groſſer GOtt, dadurch aufs neu von Dir
Ein unbegreiflichs Weſen fuͤr,
So nebſt der Welt zugleich das weite Luft-Revier
An allen Orten fuͤll’t, und welches aller Meere
Verborg’ne Tiefe, Dicke, Breite,
Samt ſeiner aͤuſſern Flaͤch’ entſetzlich weiten Weite
Auf einmal uͤberſieht: vor Dem der Wallfiſch’ Heere
Bald in den dunkeln Tiefen wuͤlen,
L 3Bald166Bald auf der hellen Flaͤche ſpielen!
Ein Weſen, deſſen Blick die Menge
Von allen Schiffen, wenn ſie gleich
Auf dem geſchwoll’nen Waſſer-Reich,
So in der Breit’ als in der Laͤnge
Auf wie viel tauſend Meilen
Entfernet von einander gehn,
Zugleich ſieht, wie wir eines ſehn:
Ein Weſen, welches hier das Meer
Jn einer ſtillen Glaͤtte ſiehet,
Wie ſolches, da die Luft von Wolken leer,
Vom heitern Sonnen-Licht’ in reinem Schimmer gluͤhet,
Und wie ein Spiegel glaͤnz’t: das aber auch zugleich
Und in dem Augenblick das wilde Waſſer-Reich
An einem weit entfern’ten Ort,
Woſelbſt der grauſe Nord,
Daß alles brauſet, heulet, bruͤllet,
Die Luft mit Waſſer-Bergen fuͤllet,
Die, mit entſetzlich ſchnellem Wallen
Bald ſchrecklich ſich erhoͤh’n, bald ja ſo ſchrecklich fallen;
Gleich gegenwaͤrtig ſchaut: ein Weſen, welches hier
So wol als dorten ganz: dem aller Raum zu klein,
Das aller Ewigkeiten
Unendlichkeiten fuͤllt.
Ein ſolches Weſen nun ſoll einzig und allein
Mein GOtt, und nicht das Goͤtzen-Bild
Von einem alten Greiſen, ſeyn.
Der Gottheit Groͤſſ’ indeß, die ich ſo dir als mir
Und zwar am deutlichſten im weiten Schoß der Wellen
Bemuͤht167Bemuͤht geweſen vorzuſtellen,
Die laß, geliebter Leſer, dir
Nicht ſeltſam und nicht fremde ſeyn!
Du kannſt ſo gar davon ein Beyſpiel wuͤrklich ſehen.
Muß nicht der helle Sonnen-Schein
Die Welt auf einmal uͤbergehen,
Auf einmal einen Kreis,
Den menſchlicher Verſtand nicht zu ermeſſen weiß,
Jn unbegrenzten Luͤften fuͤllen?
Erwaͤge denn um GOttes Willen,
Was bildeſt du dir wol von einer Gottheit ein?
Muß Selbe nicht vielmehr auf unerforſchte Weiſe
Weit unermeßlicher allgegenwaͤrtig ſeyn?
Mich deucht, wie mancher hiezu ſpricht:
Die Sonne ſcheinet doch den Gegen-Fuͤſſern nicht.
Dann, wann ſie bey uns iſt; ſo iſt zwar dieſes wahr:
Allein, den Unterſchied der Saͤtze zu geſchweigen;
Kann man jedoch faſt Sonnen-klar
Davon ein Beyſpiel zeigen.
Man halte nur in einen Zimmer
Viel kleine Kugeln nah aus Licht;
So wird zum wenigſten ein Gegen-Schimmer
Vom Licht, das ſich an Waͤnden bricht,
Die dunk’len Seiten gleichfalls treffen.
Da nun viel hundert tauſend Welten
Jm unermeßlichen und unbegrenzten Schein
Der Gottheit, die allgegenwaͤrtig, ſchwimmen:
Wie ſollten ſie denn nicht von Deren Glanze glimmen,
Und nicht von Jhr beſtralet ſeyn?
Zudem heiſſt dein Exempel nichts,
Daß Gegen-Fuͤſſer nicht mit uns zu einer Zeit
Die Gegenwart des Sonnen-Lichts
L 4Empfin -168Empfinden und genieſſen.
Der Erden Dicht - und Dunkelheit
Verwehret ſolches nur: denn ihre Stralen ſchieſſen
Viel tauſend Meilen weiter fort.
Wie grob wuͤrd’ uͤberdem die Meynung ſeyn,
Als ob der ew’gen Gottheit Schein
Nicht unbegreiflich herrlicher,
Allgegenwaͤrtiger, durchdringender,
Als wie des Sonnen-Lichts
Erſchaff’ner Coͤrper waͤre?
Gewiß, es braͤchte dieß der Gottheit wenig Ehre,
Zu glauben: als waͤr’ etwas dichts,
Materialiſches und Coͤrperlichs geſchickt,
Von einem Ort ſie auszuſchlieſſen.
Ach hoͤre,
Wie David dieß weit anders ausgedruͤckt,
Und was davon fuͤr Wort’ aus ſeiner Feder flieſſen:
Wenn ich in den Himmel fuͤhre; groſſer GOtt, ſo biſt
Du da.
Bettet’ ich mich in der Hoͤlle; waͤreſt Du mir gleichfalls
nah.
Naͤm’ ich der Auroren Fluͤgel, floͤg’ ich bis ans aͤuſſ’re
Meer;
Fuͤnde mich doch Deine Rechte, weil ich nicht verborgen
waͤr.
Soll aller Sonnen Sonn’ und HErr, das ew’ge Licht,
Der Urſtand und die Qvell von allen Dingen,
Der Himmel, Erd und Meer erſchaffet, wenn Er ſpricht,
Nicht in denſelben ſeyn, nicht alles das durchdringen,
Was Er gemacht, was Er allein erhaͤlt?
Dieß iſt ja ſo gewiß, als daß das, was ich ſehe,
Mir in die Augen faͤllt.
Jnzwiſchen ſchrecke dich und troͤſte dich die Naͤhe
Der169Der Gottheit, welche dich umgiebet,
Worin du lebeſt, biſt und web’ſt, und Die dich liebet,
Fuͤr welcher aber auch das Jnnerſte der Selen
Sich nicht vermag zu bergen, zu verhelen,
Die dein Gemuͤt
So deutlich, wie dein Blick was Leiblichs ſiehet, ſieht.
Da GOtt nun alles weiß, was wir gedenken;
Ach daß denn dir und mir die mehr als wahre Lehre,
Von GOttes Gegenwart, auch ſtets ein Denkmal waͤre,
Um uns von Laſtern abzulenken!
Denn, daͤchten wir daran: auch dann, wann wir allein,
Sind wir jedoch von GOtt umgeben;
Unmoͤglich koͤnnten wir ſodann nicht anders leben,
Unmoͤglich wuͤrden wir ſo grobe Suͤnder ſeyn.
Ach laß, o Groſſes All, doch denen, ſo dieß leſen,
Nebſt mir, Dein wunderbar allgegenwaͤrtigs Weſen,
Das uns, ſo wie das Meer ein Fiſchlein rund umſchlieſſt,
Und in die Ewigkeit unendlich ſich ergieſſt,
Stets vor der Seelen Augen ſtehn!
Ach laß uns, da alhier des Coͤrpers Augen
Dein undurchdringlichs Licht nicht ſelbſt zu ſchauen taugen,
Doch Deiner Allmacht Groͤſſ’ in Deinen Wundern ſehn!
Es ſey, o groſſer GOtt, inſonderheit das Meer
Ein Prob-Stuͤck Deiner Macht, ein Spiegel Deiner Ehr’!
Ach laß uns Geiſt und Blick auf Deine Werke lenken,
Und oftermals, wie Jeſaias denken:
Er ſchilt das Meer, ſo flieh’ts von dannen,
Daß ſeine graue Tiefe brauſ’t.
Er miſſt die Waſſer mit der Fauſt,
Er faſſt den Himmel mit der Spannen.
Der Regen.
- Siehe ein Gedicht hievon im vorigen Theile p. 196.
1.HErr, du Geber alles Guten,
Der der Luͤfte weiten Kreis
Mit ſo Nahrungs-reichen Fluten
Wunderbar zu fuͤllen weiß;
GOtt! ich bin, wenn ichs bedenke,
Daß der durſt’gen Welt Getraͤnke
Aus ſo weiten Hoͤhen qvillt,
Recht mit Andacht angefuͤllt.
2.Wann das, durch des Sommers Blitze,
Und durch ſtrengen ſchwuͤlen Brand
Einer langen Sonnen-Hitze
Aufgeborſt’ne duͤrre Land
Nichts zeigt, als verſieg’ne Baͤche,
Nichts als eine graue Flaͤche,
Nichts zeigt, als verſengtes Laub,
Nichts, als heiſſen Sand und Staub.
3.Und ein laͤngſt gewuͤnſchter Regen,
Der ſodann von oben faͤllt,
Fuͤllt mit ſicht - und fuͤhlbar’n Segen
Die faſt halb verbrannte Welt,
Die175Die er netzt, erfriſcht und kuͤlet,
Daß man’s ſiehet, hoͤr’t und fuͤlet;
Zeiget dieß nicht Sonnen-klar,
Wie Du, GOtt, ſo wunderbar?
4.Tropfen, die erſt oben ſchweben,
Machen durch ihr fruchtbar Naß,
Daß die Erden-Kloͤſſe kleben,
Und daß Baͤume, Stauden, Gras,
Huͤlſen-Fruͤchte, Kraut und Aeren
Sich erſt, dann uns Menſchen naͤhren.
Wunderbarlich, wie man ſpuͤr’t,
Wird das Naß uns zugefuͤhrt.
5.Wie ein Gaͤrtner ſeinen Garten,
Wenn es trocken iſt und heiß,
Mit dem Gieſſen wol zu warten,
Und ſo ſanft zu netzen weiß;
Alſo daucht mich, daß es gehe,
Wann ich mit Vergnuͤgen ſehe,
Da der Regen abwaͤrts flieſſt,
Daß der groſſe Gaͤrtner gieſſt.
6.Einſt hab’ ich beym Sonnen-Scheine
Solchen Regen angeſehn,
Da die ſchoͤn’ſten Edelſteine
Nicht ſo rein, ſo bunt, ſo ſchoͤn,
Als176Als die groſſen Tropfen ſpielten,
Die der Sonnen Eindruck fuͤl’ten,
Ach! rief ich, wie viel ſeyd ihr
Beſſer, als der Steine Zier!
7.Wenn ihr all’ Juwelen waͤret,
Jeder Tropf ein Diamant;
Blieb’ erbaͤrmiglich verheeret
Das vorhin verſengte Land.
Eure Fluͤſſigkeit und Naͤſſe
Traͤnk’t ſie: folglich iſt die Groͤſſe
Eures Wehrts viel herrlicher,
Als ein ganz Juwelen-Heer.
8.Aller hohen Baͤume Blaͤtter,
Aller Buͤſche gruͤnes Laub
Werden nicht im feuchten Wetter
Nur gereiniget vom Staub,
Nein, man ſieht auf ihren Kraͤnzen
Einen klaren Firniß glaͤnzen,
Wodurch denn das Gruͤn, ſo ſchoͤn,
Noch viel ſchoͤner anzuſehn.
9.Harte Coͤrper, Holz und Steine
Werden glatt, ſo bald ſie feucht,
Wodurch ſich mit einem Scheine
Alles gleichſam uͤberzeucht.
Hierin,177Hierin, recht als in Kryſtallen,
Sieht man viele Bilder fallen,
Wenn zumal des Himmels Licht
Sich drin als im Spiegel bricht.
10.Oefters ſieht man mit Ergetzen
Durch ein feuchtes Scheiben-Glas,
Dran ſich kleine Tropfen ſetzen,
Das erfriſchte Laub und Gras.
Dann ſind Wieſen, Buͤſche, Felder,
Gaͤrten, Berge, Taͤler, Waͤlder
Jn der Tropfen klaren Hoͤh’n,
Wunderbar verklein’t, zu ſehn.
11.Auch wird unſer Ohr ergetzet,
Durch des Regens Fall und Schall,
Wenn er hole Daͤcher netzet,
Und die Rinnen uͤberall,
Kleinen Baͤchen gleich, mit Haufen
Voller Waſſer uͤberlaufen:
Hiedurch wird die Luft beweg’t,
Und ein ſuͤſſer Ton erreg’t.
12.Rauſchen, ziſchen, klatſchen, ſauſen
Miſchen ſich, und dieß Getoͤn
II. Theil. MZeugt178Zeugt ein angenemes Brauſen,
Klinget unſern Ohren ſchoͤn:
Ja es kommt, wenn wirs erwegen,
Da man trocken ſitzt, der Regen
Und ſein Schall nicht nur dem Ohr,
Sondern uns ganz, lieblich vor.
13.Sonderlich im Regenwetter
Fuͤlet man an Haupt und Bruſt,
Wenn man aufgerollte Blaͤtter
Vom Tabac braucht, eine Luſt.
Denn wann ſich aus unſern Pfeifen
Kleine Wolken-Creyſe haͤufen,
Und man warmen Nebel ſchaut,
Schauret uns fuͤr Luſt die Haut.
14.Kurz, der Luͤfte Saft, der Regen,
Womit GOtt die Erde traͤnkt,
Jſt nicht nur voll Kraft und Segen,
Sondern, wenn man’s recht bedenkt,
Dient es uns zu mancher Freude,
Mancher Luſt und Augen-Weide.
Denn ſelbſt aus der truͤben Zeit
Stammet eine Froͤhlichkeit.
15. Sey17915.Sey denn, Geber aller Gaben,
Tauſendmal dafuͤr gepreiſ’t,
Daß durch Dich wir Regen haben,
Der uns nicht nur traͤnkt, auch ſpeiſ’t,
Ja an welchem alle Sinnen
Mannichfalt’ge Luſt gewinnen!
Gieb, ſo oft ich regen ſeh’,
HErr, daß Dir’s zum Ruhm geſcheh’!
Die himmliſche Schrift.
Jhr Sonnen, die ihr ohne Zal
Jm unergruͤndlichen unendlich-weiten Thal
Des holen Firmamentes ſtehet:
Jhr Welte, die ihr euch um dieſe Sonnen drehet,
Die voller Waͤrm und Licht, voll Stralen, Glanz und Gluht;
Es ſoll von euch mein faſt entzuͤckter Mut
Ein Andachts-volles Lied, ein Ehr-erbietigs ſingen
Dem Groſſen All zum Opfer bringen.
Jch fuͤle, daß mein angeflammter Geiſt
Dem groſſ - und kleinen Kreis der Erde ſich entreiſſt,
Zugleich ſich in die Tief’ ohn’ End’ und Anfang neiget,
Zugleich auch in die Hoͤh’ ohn’ End’ und Graͤnzen ſteiget.
Ein feur’ger Andachts-Trieb
Verſetzt mich in die Ewigkeit.
Mein denkend Weſen breitet ſich
Jn’s ungemeſſ’ne Sternen-Haus,
Vor Ehrfurcht ſtumm, vor Luſt erſtaunet, aus.
Da ich anitzt die allertiefſte Hoͤhe,
Den unbegrenzten Raum des holen Himmels, ſehe,
Die Weite ſonder Ziel, die GOtt allein erfuͤllet,
Wo Sein unendlich ewig Kleid,
Geweb’t aus Licht und Dunkelheit,
Sein Weſen zeiget und verhuͤllet;
So ſtellet dieſer Raum recht ſichtbar, hell und klar
Nicht unſerm Geiſte nur, den Augen ſelber, dar
Selbſt die Unendlichkeit,
Jn181Jn deren Tiefe Licht und Dunkel ſich vereinet,
Die ſonder Farbe blau, dicht ſonder Coͤrper, ſcheinet.
Vor ungeheurer Tiefe laͤſſt
Die ungeheure Tief’, als waͤre ſie nicht tief:
Es ſchein’t der leere Raum, als waͤr’ er voll und feſt,
Da doch in dieſen holen Gruͤnden,
Wenn gleich ein ſchneller Blick beſtaͤndig vor ſich lief’,
Jn Ewigkeit kein Ziel, kein Grund, zu finden:
Und dennoch koͤnnen wir ſo ungemeſſ’ne Hoͤhen
Mit unſern kleinen Augen ſehen.
O Wunder, das kein Menſch begreifen
Und keine Klugheit faſſen kann!
O Wunder-Werk, worin ſich alle Wunder haͤuſen!
Ach ſchauet es mit Ehrfurcht an!
Ein Schau-Platz, welcher Millionen
Und Millionen Meilen groß,
Ein Platz, in deſſen weitem Schoß
Viel Millionen Sonnen wohnen,
Kann, nebſt verſchied’nen Erden,
Auf einmal uͤberſehen werden,
Auf einmal in die ſpiegelnden Kryſtallen
Von unſern kleinen Augen fallen,
Und ſich ſo eng zuſammen ziehn.
Ach laß mich doch, mein GOtt, mit Ernſt mich oft bemuͤhn,
Damit mein forſchendes Geſicht
Auch durchs Geſtirn oft ſey auf Dich gericht’t!
Durch dieſe Wunder-reiche Klarheit
Wird mein erſtaun’t Geſicht erqvickt;
Doch zittert Aug’ und Herz, wenn, halb entzuͤckt,
Jch dieſe Himmel-feſte Wahrheit
M 3Von182Von dieſer Lichter Wunder-Groͤſſe
Mit Augen der Vernunft ermeſſe;
Da, wenn ich nah bey einem jeden ſtuͤnde,
Jch einen jeden ja ſo groß,
Als wie ich itzt des ganzen Himmels Schoß,
So wie ich ihn hier ſehe, fuͤnde:
Jndem ja Jupiter allein,
Nach aller Stern-Verſtaͤndigen Beweis,
Mehr als acht tauſend mal ſoll groͤſſer ſeyn,
Wie unſer ganzer Erden-Kreis.
Ob gleich Huygenius, Caſſin,
Horoccius und Wendelin,
La Hire, nebſt Flamſtedius,
Auch Newton und Ricciolus
Von unſ’rer Sonnen Groͤſſe ſchreiben,
Sie ſey entſetzlich, und die Zahl,
Wodurch dieß helle Licht-Gefaͤſſe
An Groͤſſe dieſer Erden Groͤſſe
Noch uͤbertraͤf’, auf viel viel hundert tauſend treiben;
So wollen wir jedoch das allerkleinſte ſetzen,
Und ſie auf hundert tauſend mal
Nur groͤſſer, als die Erde, ſchaͤtzen.
O GOTT! wo bin ich doch? wer bin ich? Jch ver -
ſchwinde,
Jndem ich nicht einmal die Welt,
Nebſt allem, was ſie in ſich haͤlt,
Nur in Vergleich mit einer Sonne, finde.
Solch eine Groͤſſe kommt, wie leicht zu glauben, mir,
Wenn ich ſie recht erwaͤg’, entſetzlich herrlich fuͤr;
Ja, wenn wir endlich gar bey dieſer Groͤſſ’ und Laͤnge
Noch183Noch vollends erſt die ungezaͤl’te Menge
Ja die Unendlichkeit
So ungeheurer Lichts - und Sonnen-Coͤrper ſchauen
Mit Augen unſ’rer Sel’; entſteht ein heiligs Grauen:
Jm Haupt wird das Gehirn, das Herz in unſ’rer Bruſt
Von einer frohen Augſt, von einer bangen Luſt
Geklemm’t, gedruckt, gepreſſt,
Jndem der Gottheit Bild,
Wodurch der ganze Bau der groſſen Welt erfuͤllt,
Sich nicht ohn’ Ehrfurcht ſchauen laͤſſt.
Es uͤberleg’ ein Menſch, wie ihm zu Mute ſeyn,
Welch ein Entſetzen ihn mit Luſt befallen wuͤrde,
Wenn ſeinem heiteren Geſicht
Von ſolchem hellen Schein,
Von ſolcher Groͤſſ’ und ſchrecklich ſchweren Buͤrde
Der Blitz-geſchwinde Flug und zwar von einer nicht,
Von tauſend Millionen Kreiſen,
Sich ſollt’ auf einmal weiſen.
Des groſſen Schoͤpfers Wunder-Werke
Vermehren ſich bey mir auf wunderbare Weiſe,
Wenn ich an die geſchwinde Reiſe
So groſſer Coͤrper denk’ und an die Staͤrke,
Die ſie bewegen kann: da erſtlich ausgemacht,
Und durch die Rechnung laͤngſt gefunden,
Daß ungefehr in achtzehn Stunden
Die Kugel, welche man aus einem Stuͤcke ſcheuſſt,
Wie ſchnell ſie gleich die Luft durchreiſſt,
Den Durchſchnitt unſ’rer Welt vollfuͤhren koͤnne.
Nun ſoll der Venus Schnelligkeit
M 4Auf184Auf hundert ſechs und vierzig mal ſo weit
Sich an Geſchwindigkeit erſtrecken.
Wer kann doch ſonder Schrecken
Solch ungemeſſ’ner Groͤſſ’ und ungeheurer Laſt
Und ungezaͤl’ter Meng’ entſetzlichs ſchnell Bewegen
Jn ſeiner Selen uͤberlegen?
Wer kann der ſo verſchied’nen Kreiſe
Verſchied’ne Groͤſſ’ und grauſam ſchnelle Reiſe
Ohn’ einen Selen-Schwindel ſehn
Entſetzlich durch einander gehn,
Und zwar ſo ordentlich ſich drehn,
Daß nach viel tauſend Jahren
Sie noch dieſelben ſind, die ſie vorhero waren?
Es hat ſie nichts verwirr’t, nichts ihre Kraft geſchwaͤcht,
Nichts ihren Lauf gehemm’t, der unaufhoͤrlich recht
Jn ſteter Ruͤnde fliegt.
Gewiß mich uͤberlaͤuft ein ſchreckendes Vergnuͤgen,
Wann ſich mein Geiſt dahin bloß in Gedanken lenkt,
Und nur von weitem einſt an einen Raum gedenkt,
Wo, in ſo groſſer Eil, ſo groſſe Coͤrper fliegen.
Sprich nicht: ich wuͤrde ja ſolch ein geſchwindes Rennen
Von ſo entſetzlichen Geſchoͤpfen ſehen koͤnnen.
Es folget nicht, indem ja unſ’re Augen
Nicht das, was ſich zu ſchnell beweg’t, zu faſſen taugen.
Wenn wir ein feurig Holz, das gluͤhet, drehen;
So ſchein’ts ein feur’ger Kreis, und gaͤnzlich ſtill zu ſtehen.
Es kommt hinzu, daß der Bewegung Stand,
So wie der Stand der Ruh’ uns gaͤnzlich unbekannt:
Da185Da von Geſchoͤpfen ja ein ruhiges Verweilen
Nicht mehr natuͤrlich iſt, als ein geſchwindes Eilen.
Durch GOttes Willen flieſſt ſo wol die rege Flut,
Als daß die Erd’ in ſich natuͤrlich liegt und ruht.
Erwaͤg’t nun die faſt grauſe Kraft,
Die bloß allein dazu gehoͤret,
Den ganzen Erden-Ball, daß er geſchwinder faͤhret,
Als eine Kugel, fort zu bringen!
Betrachtet eine Kraft, die durch ein ſtetes Schwingen
Viel tauſend Coͤrper mit ſich rafft,
Wovon verſchied’ne noch viel tauſend mal ſo groß!
Wer kann des Weſens Macht, das alles dieſes faſſt,
Erſchaffen hat, erhaͤlt und traͤget,
Allgegenwaͤrtig fuͤhrt, beweget,
Und zwar
Daß alles ſich in ſtiller Majeſtaͤt,
Und ſtets unwandelbar in ſolcher Eile, dreht,
So unbegreiflich wunderbar
Jn ſolcher Ordnung leiten kann,
Ohn’ einiges Erſtaunen ſehen!
Ach! wie verſchwinden hier die kindiſchen Jdeen
Von einem alten Mann,
Womit ſo mancher Menſch erbaͤrmlich ſich getragen,
Und, da er ſich dadurch ein Goͤtzen-Bild gemacht,
Sich um die Gottheit ſelbſt durch eig’ne Schuld gebracht!
Bedenke, lieber Menſch, um GOttes Willen,
Wie groͤblich du gefel’t! wie naͤrriſch deine Grillen,
Die, faſt wie Lucifern, dein eit’les Hirn erfuͤllt,
Da du, aus einem ſtolzen Triebe
M 5Der186Der abgeſchmackt’ſten Eigen-Liebe
Faſt mehr dich ſelbſt zum Gott, als GOtt zum Menſchen,
macheſt,
Und wuͤrklich, wenn mans recht erwaͤget, GOtt verlacheſt.
Dein alter Gott-Mann muß entweder klein,
(Der etwa wie ein Fuͤrſt durch andere regieret,
Durch and’re ſieht und hoͤr’t und ſeinen Zepter fuͤhret,)
Wo nicht, muͤſt’ er ein Mann von ſolcher Groͤſſe ſeyn,
Dem hundert tauſend tauſend Meilen
Nicht einſt ein Glied von ſeinem Finger teilen.
Ja waͤr’ er auch ſo groß; ſo waͤr’ er dennoch klein.
Denn haͤtt’ Er eine Form; ſo muͤſt’ Er endlich ſeyn.
Was endlichs aber nun von einer Gottheit glauben,
Heiſſt Jhr’ Allgegenwart, ja gar die Gottheit, rauben.
Unendlich ewigs All, laß unſ’rer Selen Augen
Durch Deine Lieb’ eroͤffnet ſeyn,
Daß wir der wahren Gottheit Schein
Jn Deinem Werk zu ſehn und zu verehren taugen!
Laß unſ’re Selen doch Dein unbegreiflichs Weſen
Jm Buch der Creatur erſtaun’t mit Ehrfurcht lefen!
Laß uns, auch in der finſtern Nacht,
Von Deiner unerſchaff’nen Macht
Jm funkelndem Geſtirn das herrliche Gepraͤnge,
Die ungeheure Groͤſſ’ und ungeheure Menge
Und ungeheure Schnelligkeit
Der himmliſchen Geſchoͤpf beſehen und beſingen!
So werden wir, wenn wir in allen Dingen
Dich, HERR, allgegenwaͤrtig ſehn,
Uns ſelbſt vernichtigen, und Dich allein erhoͤhn.
Seh’187Seh’ ich den Himmel an, ſo koͤmmt mir ſein Sapphir
Als eine Tafel fuͤr,
Die unermeſſlich iſt, auf welcher eine Schrift,
Die des allmaͤcht’gen Schoͤpfers Weſen,
Huld, Weiſ heit, Macht und Majeſtaͤt betrifft,
Jm ſchimmernden Geſtirn, in heller Pracht zu leſen.
Hilf GOtt, welch eine Schrift! O! welch ein Wunder-Buch,
Jn welchem die Geſtirne Zeilen,
Die Lettern groͤſſer ſind, als hundert tauſend Meilen,
Woran in wunderbarem Schein
Die Puncte ſelbſten Sonnen ſeyn!
Jch ſeh’ es ganz erſtaunt in tiefſter Ehr-Furcht an,
Und, ob den Jnhalt gleich mein Geiſt nicht faſſen kann;
Doch ſpuͤr’ ich, daß ſie mich alſo zu denken treibt:
So ſchreibt der Schoͤpfer, wenn Er ſchreibt.
O dreymal hoͤchſt begluͤckt-o dreymal ſel’ge Selen,
Die GOtt, das hoͤchſte Gut, dereinſt wird auserwaͤhlen,
Der ew’gen Weiſheit Licht noch tiefer einzuſehn,
Und Jhn, den Schoͤpfer Selbſt, den Jnhalt, zu verſtehn!
Jndeſſen muͤſſen wir,
Zu unſers Schoͤpfers Ruhm, ſo lange wir noch hier,
Das Wunder-A B C der Sternen
Jn Ehrfurcht buchſtabiren lernen.
Es iſt kein’ einzige Figur
Jm ganzen Reiche der Natur
Zu finden, ja nur zu erdenken,
Die, wenn wir Blick und Witz in dieſe Hoͤhe ſenken,
Jn dieſen tiefen Gruͤnden,
Jn188Jn dem unzaͤlichen Geſtirn, nicht auch zu finden.
Sprich nicht: Was Schrift, ich kann ſie nicht verſtehn,
Ja nicht einmal die Lettern ſehn.
Denn hoͤr! Kaunſt du die Lettern der Sineſen,
Der Araber, der Ruſſen leſen?
Und kommen ihre Schriften dir
Nicht ganz verwirrt, ja ſonder Ordnung fuͤr?
Die doch, wenn wir ſie erſt begreifen und entdecken,
Gar oft voll Geiſt und Weiſheit ſtecken.
Jch bin ob dieſer Schrift im denken und im leſen
Gar oft erfreu’t, gar oft erſtaun’t geweſen.
Noch juͤngſt, als ich im Buch der Sternen
Mit inniglicher Luſt ſtudir’te,
Und voller Ehrfurcht buchſtabir’te;
So deucht mich, daß ich hie und da
Und uͤberall geſchrieben ſah
Den groſſen Namen JEHOVAH.
Die Erde.
1.Wenn wir zu beſehn beginnen,
Worauf unſ’re Welt beruht;
Fallen gleich in unſ’re Sinnen
Erde, Waſſer, Luft und Gluht,
Die wir, weil wir ſie nicht kennen,
Die vier Elemente nennen:
Da doch, wenn man’s recht ermiſſt,
Alles ſtets in allem iſt.
2.Aber dieß noch ausgeſetzet,
Und der Ordnung nach zu gehn,
So man fuͤr die beſte ſchaͤtzet,
Laſſet uns die Erde ſehn,
Nicht nach ihren Koͤnigreichen,
Laͤndern, Staͤdten, Fluͤſſ - und Teichen,
Sondern die Beſchaffenheit
Jhrer Groͤſſ’ und Feſtigkeit.
3.Daß, nebſt vielen andern Kreiſen,
Sie auch ein Planete ſey,
Stehet leichtlich zu erweiſen.
Denn ſie hat ſo mancherley
Eigenſchaften, Kraͤft’ und Gaben,
So die andern Jrrſtern’ haben.
Die ſind feſt und ſonder Licht;
Sie iſt dunkel, hart und dicht.
II. Theil. N4. Es1944.Es mag nicht geleugnet werden,
War auch ſchon den Alten kund,
Daß der groſſe Bau der Erden
Und ſein Klumpe Cirkel-rund.
Aus des Mondes Finſterniſſen
Kann man es handgreiflich ſchlieſſen,
Drin ſie nemlich bey der Nacht
Einen runden Schatten macht.
5.Hieraus dienet wol zu merken,
Daß des Hoͤchſten Wunder-Hand,
Wie in allen Seinen Werken
Unergruͤndlichen Verſtand,
Auch in dieſer Ruͤnde, zeiget.
Was vollkommen rund gebeuget,
Jſt, nach Ordnung der Natur,
Die vollkommenſte Figur.
6.Alle Teil’ in einem Kreiſe
Sind in einer gleichen Ruh,
Senken ſich auf gleiche Weiſe
Nach dem Mittel-Puncte zu,
Wodurch ſie einander nuͤtzen,
Sich zwar drengen, doch auch ſtuͤtzen,
Daß die groſſe Laſt der Welt
Sich ſo in ſich ſelber haͤlt.
7. Fer -1957.Ferner dienet dieſe Ruͤnde,
Daß, wenn etwa Meer und Flut
Aufgebracht durch Sturm und Winde,
Es viel minder Schaden thut;
Sondern es muß gleich mit Haufen
Von der runden Erde laufen,
Weil die Welt ſonſt von dem Meer
Schon vorlaͤngſt verſchlungen waͤr.
8.Nichts, als grauſer Berge Thuͤrme,
Wuͤrden nicht fuͤr Thier’ allein,
Auch fuͤr Menſchen, fuͤr Gewuͤrme,
Saͤmtlich unerſteiglich ſeyn,
Falls die Welt, wenn ihre Schwere,
Statt der Ruͤnde, winklich waͤre,
Ja ſie koͤnnte ſich nicht drehn,
Noch in gleicher Wage ſtehn.
9.Vier und funfzig hundert Meilen
Jſt der Umkreis unſ’rer Welt,
Der, wenn wir den Durchſchnitt teilen,
Siebzehn hundert zwanzig halt,
Die, vermehrt mit beyden Zalen,
Auf neun tauſend tauſend malen
Zwey mal hundert tauſend acht
Und noch achtzig tauſend macht.
N 210. Die -19610.Dieſes iſt der Erden Flaͤche
Groͤſſ’, und ihrer Meilen Zal.
Die begreifet Fluͤſſe, Baͤche,
Meere, Wuͤſten, Berge, Thal,
Jnſeln, Klippen, Aecker, Waͤlder,
Reiche, Staͤdte, Wieſen, Felder,
Das verbrannt - und kalte Land,
Was bekannt und unbekannt.
11.So groß iſt die aͤuſſ’re Seite
Unſ’rer Welt, wenn man ſie miſſt,
Welche bey der inn’ren Weite
Noch nicht zu vergleichen iſt.
Denn wenn ich die ganze Groͤſſe
Mit des Durchſchnitts Sechsteil meſſe,
Uebertrifft ſie jene Zahl
Noch viel tauſend tauſend mal.
12.Wenn die Ruͤnde dieſer Erden
Und die unter-ird’ſche Welt
Koͤnnte flach gemachet werden,
Zu Provinzen, Wald und Feld,
Und ſich deren Dick’ und Tiefe
Auf zwo Teutſche Meil beliefe;
So wuͤchſ’ ihre Groͤſſ’ und Zahl
Hundert drey und vierzig mal.
13. Jſt19713.Jſt es alſo zu erweiſen,
Daß der Bauch der Unter-Welt
Noch zu ſo viel Erden-Kreiſen
Raum in ſeiner Schoß enthaͤlt.
Wer begreift nun mit den Sinnen
Eigentlich des Raums von innen
Zuſtand und Beſchaffenheit,
Groͤſſe, Weit’ und Feſtigkeit?
14.Welcher Geiſt wird wol verſtehen,
Welcher Witz ermiſſt den Platz?
Welche Klugheit kann erſehen
Den daſelbſt verſchloſſ’nen Schatz?
Nein, kein Sterblicher ergruͤndet,
Was ſich da verdeckt befindet,
Und kein Menſch koͤmmt auf die Spur
Der verborgenen Natur.
15.Viele trachten zu verhelen,
Daß ſie nichts davon verſtehn;
Drum ſie freventlich erzaͤlen,
Laͤſtern, und ſich nicht entſehn,
Groͤblich ſo heraus zu plumpen:
Unſer Erd-Kreis ſey ein Klumpen,
Worin, auſſer Sand und Stein,
Nichts koͤnn’ anzutreffen ſeyn.
N 316. Da19816.Da doch bloß die aͤuſſ’re Rinde
(Weſſen man ſich auch vermiſſt)
Noch von keinem Menſchen-Kinde
Jemals durchgegraben iſt.
Keinem iſt es noch gelungen,
Daß er tiefer eingedrungen,
Als vielleicht zum halben Teil’
Einer Teutſchen Viertel-Meil.
17.Wollte man dem widerſprechen,
Weil ein Bergwerk tiefer geht;
Rechne man: daß von der Flaͤchen
Unſ’re Rechnung hier entſteht,
Und nicht von der Berge Gruͤnden:
Weil wir mehrenteils befinden,
Daß man nur Metalle graͤb’t,
Wo ſich ein Gebirg’ erheb’t.
18.Sehn wir alſo, daß die Gruͤfte,
Daß der allertief’ſte Schacht,
Daß der Hoͤlen Tief’ und Kluͤfte,
Die ſo wol der Menſch gemacht,
Als der ſelbſt zerborſt’nen Schluͤnde,
Von der Erden aͤufſ’rer Rinde
Nicht den zehn’den Theil durchdring’t,
Wie unglaublich es auch kling’t.
19. Denn19919.Denn wie wuͤrd’ es ſich doch ſchicken,
Wenn ein Fuͤrſt ſein Fuͤrſtlich Haus
Nur von auſſen wollte ſchmuͤcken,
Und nur Kot, Staub, Stein und Grauß
Jn die Zimmer tragen hieſſe,
Sie nicht ſeh’n noch brauchen lieſſe?
Eben ſo iſt es beſtellt
Mit der unterird’ſchen Welt.
20.Viel Verſtaͤndige vermeinen,
Daß wir einer innern Welt
Hol, wie uns die Himmel, ſcheinen:
Daß des Himmels holes Zelt
Oben ſo, wie unſer’ Erde,
Rund ſey und bewohnet werde,
Daß der Wechſel in die Hoͤh’
Jns unendliche geſcheh.
21.Daß der Schoͤpfer aller Sachen
Durch die wirkende Natur
Nichts vergebens wollen machen,
Zeiget jede Creatur;
Kann daher vom Grund der Erden
Feſtiglich bewieſen werden,
Daß ſie, wie die Ober-Welt,
Tauſend Wunder in ſich haͤlt.
N 422. Wie20022.Wie ich nun auf unſ’rer Flaͤche
Winde, Wolken, Regen, Schnee,
Seen, Felder, Berge, Baͤche,
Kraͤuter, Thier’ und Waͤlder ſeh;
So ſind in der Erden Rinden
Mit Verwund’rung auch zu finden
Gleichwie droben, Dunſt und Flut,
Ja ſo gar Blitz, Dampf und Gluht.
23.Hier ſind in der groͤſten Menge
Schwefel-Adern, Kieß, Metall,
Eiſen-Bley - und Kupfer-Gaͤnge,
Erz, Cinober, Berg-Kryſtall,
Marmor-Gruben, Silber-Minen,
Chryſolithen und Rubinen,
Bunte Steine, guͤld’ner Sand,
Ja Smaragd und Diamant.
24.Spalten, Gaͤnge, Hoͤlen, Gruͤfte
Bald von Erde, bald von Stein,
Schluͤnde, Loͤcher, Ritzen, Kluͤfte,
Welche teils verſchloſſen ſeyn,
Teils ſich bis zur Flaͤch’ erſtrecken,
Und ſich unſerm Aug’ entdecken,
Waſſer, das im Dunkeln flieſſt,
Und des Tages nie genieſſt.
25. Fluͤſ -20125.Fluͤſſe, die mit ſtarkem Sauſen,
Mit abſcheulicher Gewalt,
Und mit ſtuͤrmeriſchem Brauſen
Aus dem dunkeln Aufenthalt
Jhrer holen Schluͤnde ſchieſſen,
Wirbel, die im Cirkel flieſſen,
Deren Macht ſich drehend ſchwingt,
Und, was ſie beruͤhrt, verſchlingt.
26.Heiſſe Duͤnſte, dunk’le Flammen,
Feuriger verzehr’nder Duft,
So die Teilgen treibt zuſammen
Von der Schwefel-reichen Luft,
Und mit ſolcher Macht und Krachen
Dieſer Luft ſuch’t Luft zu machen,
Daß oft mancher Ort der Welt
Bricht und in den Abgrund faͤllt.
27.Da wann Gluht und Flut ſich miſchen,
Und aus deren Streit und Kampf
Mit ergrimmten Rauſchen ziſchen
Duͤnſte, Blaͤhungen und Dampf,
Sich ein Sturm und Wirbel zeuget,
Deſſen Wuͤten aufwaͤrts ſteiget,
Alles, was er trifft, verheert,
Und das unterſt’ oben kehrt.
N 528. Kurz,20228.Kurz, es iſt der Bauch der Erden
Ganz mit Wundern angefuͤllt,
Und kann nicht gezaͤlet werden,
Was ihr dunk’ler Schoß verhuͤllt.
Viele Weiſen, die drauf achten,
Und die Seltenheit betrachten,
Geben ganz erſtaunet fuͤr,
Sie ſey ein beſel’tes Thier.
29.Dem zu Folge ſie denn ſchlieſſen,
Dieſer Stroͤm’ und Qvellen Flut
Die ſich durch die Welt ergieſſen,
Sey des Erden-Coͤrpers Blut,
Welches in ſehr groſſer Menge
Durch die vielen Waſſer-Gaͤnge,
Als durch ſo viel Adern, dringt,
Und der Welt die Narung bringt.
30.Wie das Herz die lauen Saͤfte,
So ihm ſtetig eingefloͤſſ’t,
Durch uns unbekannte Kraͤfte
Bald empfaͤngt, bald von ſich ſtoͤſſ’t;
So ſey in des Meeres Gruͤnden
Solch ein Welt-Herz auch zu finden,
Das ſich eben ſo beweg’t,
Und uns Ebb’ und Flut erreg’t.
31. Jh -20331.Jhres Coͤrpers Fleiſch ſoll Leimen,
Jhre Knochen, Fels und Stein,
Und das Laub auf Straͤuch - und Baͤumen
Jhre Zier und Hare ſeyn,
Unſ’re Luft, die aus dem Boden
Stetig duftet, ſey ihr Oden,
Jhr Geſeufz ſey Sturm und Wind,
So man oft mit Furcht empfind’t.
32.Dieſ’ und andere Gedanken
Sind zwar Anfangs anzuſehn,
Als ob ſie aus allen Schranken
Der vernuͤnft’gen Schluͤſſe gehn,
Denn ſolch einer Laſt das Leben
Geiſt und Sinne zuzugeben,
Die todt ſcheint, wie Holz und Stein,
Scheinet laͤcherlich zu ſeyn.
33.Aber daß die Welt nicht gehet,
Daß ſie keine Schritte thut,
Daß ſie nicht auf Fuͤſſen ſtehet,
Daß ſie, wie es ſcheinet, ruht,
Und ihr ſeltenes Bewegen
Jſt dem Satze nicht zugegen,
Der ſo groſſe Kreis der Welt
Sey ein Thier, wie wir gemeld’t.
34. Kann20434.Kann man auch mit Recht verneinen,
Daß die Schnecke ſich nicht reg’t,
Ob ſie gleich ſich nicht mit Beinen,
Und faſt unvermerkt, beweg’t?
Allen Fiſchen fel’ts an Fuͤſſen;
Doch ſteht daraus nicht zu ſchlieſſen,
Daß ſie, weil ſie ſonder Bein,
Keine Thiere koͤnnen ſeyn.
35.Sollten wir, die wir die Erden
Voller Vorurteil beſehn,
Nicht betrogen koͤnnen werden,
Und im Urteil uns vergehn?
Bloß weil keiner je geſpuͤret,
Wie und wann die Welt ſich ruͤhret;
Folgern wir zum Tag’ hinein,
Sie muͤſſ’ unbeweglich ſeyn.
36.Gleich der Laus, ſo auf der Stirne,
Als auf einer Kugel, laͤuft,
Und die doch vom nahen Hirne
Das geringſte nicht begreift,
Sondern (falls ſie daͤchte) denket,
Daß nur ſie ſich reg’t und lenket,
Und das Haupt, wie wir die Welt,
Unbeweglich glaubt und haͤlt.
37. Da20537.Da doch gegen unſ’re Groͤſſe
Eine Laus noch nicht ſo klein,
Als wir armen Erden-Kloͤſſe
Gegen unſern Erd-Kreis ſeyn.
Sollten wir denn auch nicht koͤnnen
Uns vom Pfad der Wahrheit trennen,
Da wir wuͤrklich offt geirrt,
Wann der Zweifel uns verwirrt?
38.Koͤnnen wir den Sinnen trauen?
Muͤſſen wir uns oͤfters nicht
Vom Geruch betrogen ſchauen?
Triegt nicht oftmals das Geſicht?
Kann man es nicht klar beweiſen,
Wenn wir auf dem Waſſer reiſen?
Scheint’s nicht, daß wir ſtille ſtehn,
Und die Ufer ruͤckwaͤrts gehn?
39.Ein recht langſames Bewegen
Kann der Menſchen Aug nicht ſehn,
Und ein gar zu ſchnelles regen
Kann es gleichfals nicht verſtehn.
Laſſ’t (ein Beyſpiel beyzubringen)
Nur ein brennend Hoͤlzgen ſchwingen!
Wird der regen Spitze Schein
Nicht ein ſtiller Cirkel ſeyn?
40. Auch20640.Auch die ſchaͤrfſten Augenblicke
Koͤnnen nicht durch Coͤrper gehn,
Sondern prallen gleich zuruͤcke,
Weil ſie nur den Umkreis ſehn,
Ja, der Umkreis ſelbſt verſchwindet,
Und die ſeh’nde Kraft erblindet,
Wenn die Sonne ſich verhel’t,
Und ihr Glanz den Augen fel’t.
41.Aefft nicht oͤfters unſer’ Ohren
Ein Geraͤuſch, ein Wiederhall?
Wer die Daͤuung hat verloren,
Dem ſchmeckt Honigſeim wie Gall.
Wer mit einer Kugel ſpielet,
Und mit doppeln Fingern fuͤlet,
Lernt, da ihm deucht eins wie zwey,
Daß auch Fuͤlen truͤglich ſey.
42.Zeigen alſo unſ’re Sinnen,
Die nach aller Augenſchein
Unſers Witzes Lehrerinnen,
Des Verſtandes Meiſter, ſeyn,
Daß wir nicht einmal erleſen,
Auch des klein’ſten Koͤrnchens Weſen
Recht zu kennen, noch die Spur
Der drin wirkenden Natur.
43. Da20743.Da wir alles, was wir wiſſen,
Durch der Sinnen Sinnlichkeit
Faſſen und begreifen muͤſſen,
Wird man ohn Vermeſſenheit
Sich nicht unbetrieglich nennen,
Und ohnfehlbar ſchaͤtzen koͤnnen,
Sondern glauben, daß vom Schein
Wir leicht zu betriegen ſeyn.
44.Wer nun zweyerley Gedanken
Jn dergleichen Sachen heg’t,
Und in ihm ein ſtetes Wanken
Wechſels-weiſe ſich erreg’t,
Der wird weniger ja felen,
Solche Meynung zu erwaͤlen,
Die von GOttes Groͤſſ’ und Pracht
Jhm den groͤſten Eindruck macht.
45.Nun iſt ja nicht zu verneinen,
Falls man es recht uͤberleg’t,
Daß es groͤſſ’re Wunder ſcheinen,
Wenn man glaubet und erweg’t,
Daß GOtt ſolche groſſe Thiere
Hab’ erſchaffen und regiere,
Als wenn man den Kreis der Welt
Nur fuͤr einen Klumpen haͤlt.
46. Die -20846.Dieſes aber ausgeſetzet,
Laſſt uns etwas naͤher gehn,
Und, wie uns die Erd’ ergetzet
Und erhaͤlt, mit Ernſt beſehn,
Jhre Wirkungen betrachten,
Auf die Frucht und Nutzen achten,
Wie ſie uns die Koſt beſcher’t,
Uns erfreut, erqvickt und naͤhrt.
47.Wann des Himmels Samen flieſſet,
Und in ihren milden Schoß
Durch den Regen ſich ergieſſet;
Gruͤnet jeder Erden-Kloß.
Thal und Huͤgel, Wieſ’ und Anger
Wird durchs feuchte Feuer ſchwanger,
Und gebieret durch das Naß
Bluͤht’ und Fruͤchte, Laub und Gras.
48.Die gebaͤren nachmals wieder,
Wenn das Thier-Reich ſie verzehrt,
Aller Thier’ und Menſchen Glieder.
Jſt’s denn nicht der Muͤhe wehrt,
Dieſes Wunder zu erwaͤgen,
Wie durch Waͤrm’ und feuchten Regen
Aus der Erden unſ’re Koſt,
Ja ſelbſt Blut und Coͤrper, ſproſſ’t?
49. Soll -20949.Sollte man mit Recht nicht koͤnnen
Ochſen, Ziegen, Schaf’ und Kuͤh’
Oefen, welche wandeln, nennen,
Worin Gras, ohn’ unſ’re Muͤh’,
Zugerichtet uns zur Speiſe,
Welches ſonſt auf keine Weiſe,
Muͤh’te man ſich noch ſo ſehr,
Fuͤr uns Menſchen brauchbar waͤr?
50.Wird nicht durch des Schoͤpfers Guͤte
Unſer’ Erde wunderbar
Zweige, Knoſpen, Blaͤtter, Bluͤhte,
Frucht und Samen alle Jahr?
Thier’ und Menſchen zu ernaͤhren,
Muß die Erde ſtets gebaͤhren.
Sie verjuͤnget die Geſtalt;
Alles wird, nur ſie nicht, alt.
51.Auch die unfruchtbar’ſten Plaͤtze,
Ja die dick’ſte Wuͤſteney
Zeigen durch verborg’ne Schaͤtze,
Daß ſie unerſchoͤpflich ſey,
Jhre Guͤter uns zu geben.
Waͤrme, Fruchtbarkeit und Leben
Zieht ſie aus der Sonnen Gluht,
Etwa wie ein Schwamm die Flut.
II. Theil. O52. Wer21052.Wer erſtaun’t nicht fuͤr Ergetzen,
Wer verſtummet nicht fuͤr Luſt
Bey der Erden Fruͤhlings-Schaͤtzen?
Schein’t nicht unſer Herz und Bruſt
Sich fuͤr Wolluſt aufzublaͤhen,
Wann wir riechen, ſchmecken, ſehen,
Wie aus ſchlechtem Staub und Kieß
Bluͤhte, Frucht und Laub entſprieß?
53.Wer begreift der Erden Kraͤfte,
Wer kann doch die Ahrt verſtehn,
Wie dergleichen Wunder-Saͤfte
Durch ſo kleine Roͤhrchen gehn,
Durch ſo duͤnne Stengel ſteigen,
Solche ſchoͤne Farben zeugen,
Drob das Herz recht wird entzuͤckt,
Wenn man ihren Schmuck erblickt?
54.Was nun ihr uhrſpruͤnglich Weſen
Und den erſten Zeug angeht,
Jſt wol keiner ſo beleſen
Und ſo klug, der recht verſteht,
Wie der wahre Stoff der Erden
Kann und muß begriffen werden.
Keiner weiß, begreift und kennt
Die Natur im Element.
55. Den -21155.Dennoch, wann ichs recht beſehe,
Scheinet dieſes wahr zu ſeyn,
Daß ein Element beſtehe
Nicht aus einem Zeug’ allein,
Sondern aus den dreyen Gruͤnden,
So in der Natur zu finden,
Die ein Weiſer kennen muß,
Schwefel, Salz, Mercurius.
56.Schwefel iſt ein feurigs Weſen,
Voller Luft und Fettigkeit,
Deſſen Tugend auserleſen
Herrlich von Beſchaffenheit.
Dieſer wirket unaufhoͤrlich,
Weil ſein Balſam unzerſtoͤrlich,
Deſſen Same, wenn er reift,
Leben, Waͤrm’ und Licht begreift.
57.Dieſe Waͤrme, Licht und Leben,
Welche jeder Creatur
Jhre Daur und Weſen geben,
Sind das Werkzeug der Natur,
Sind die Selen aller Kraͤfte,
Sind die Flammen-reichen. Saͤfte,
Deren unſichtbare Gluht
Ewig wirket, nimmer ruht.
O 258. Daß21258.Daß nun dieſer Schatz beſtehe,
Und die feurige Natur
Nicht verbrenne, nicht vergehe;
Naͤhr’t der kraͤftige Mercur
Die ſonſt Nahrungs-loſen Flammen.
Sind ſie alſo ſtets zuſammen,
Und ihr unaufloͤſlichs Band
Mildert den zu ſtarken Brand.
59.Dieſe, der geſchaff’nen Dinge,
Eingepflanzte Feuchtigkeit
Jſt, daß ſie durch alles dringe,
Aus dem erſten Stoff bereit’t,
Und die Lebens-vollen Saͤfte
Hegen ſo vollkomm’ne Kraͤfte,
Daß ſie jedes Weſen traͤn’kt,
Und ihm reiche Nahrung ſchenk’t.
60.So die eingebohrnen Flammen,
Als den wurzelichten Saft
Haͤlt mit feſtem Leim zuſammen
Des geſchaff’nen Salzes Kraft,
Deſſen trocknes Wunder-Weſen
Nur allein dazu erleſen,
Daß es Gluht, Flut, warm und kalt
Unzertrenn’t zuſammen halt’.
61. Durch21361.Durch dieß Salz beſteht und waͤhret,
Was der Schwefel zeug’t und macht,
Und Mercur erqvickt und naͤhret.
Alles, was hervor gebracht,
Koͤnnte ferner nicht beſtehen,
Sondern muͤſte gleich vergehen,
Buͤnd’ dieß Trockne der Natur
Nicht den Schwefel und Mercur.
62.Dieſe ſind der Zeug der Sachen,
Draus Natur, der Geiſt des Lichts
Alle Dinge weiß zu machen.
Nichts wuͤrd’; alles wuͤrde nichts,
Waͤren Waſſer, Salz und Flammen
Nicht ſtets unzertrennt zuſammen.
Daß, was iſt, beſtaͤndig ſey,
Macht dieß ſtets vereinte Drey.
63.Aber das muß von der Erden,
Die man ſehn und fuͤlen kann,
Nicht ſo roh verſtanden werden.
Jn derſelben findet man
Dieſen Balſam eingepraͤget,
Den ſie als Behalter heget,
Da die Theilchen nichts ſonſt ſeyn,
Als ein klein zerrieb’ner Stein.
O 364. Die21464.Die ſich Wunder-wuͤrdig fuͤgen,
Und ſehr enge, dicht und feſt
Oefters auf einander liegen,
Von dem innern Geiſt gepreſſt.
Wann die Winkel und die Ecken
An und in einander ſtecken,
Stamm’t aus der Beſchaffenheit
Aller Coͤrper Feſtigkeit.
65.Tauſend Bildungen zu nemen,
Die man fuͤlet und erblickt,
Sich zu allem zu beqvemen,
Jſt der Erden Stoff geſchickt.
Hundert-tauſend-fach geſtaltet,
Bald verjuͤnget, bald veraltet,
Bald getrennet, bald vereint,
Daß er recht ein Proteus ſcheint.
66.Was wir Elemente nennen,
Wird aus dieſer Qvell’ erzeugt,
Und man wird nicht leugnen koͤnnen,
(Ob das Anſehn gleich betreugt)
Wenn ſie recht betrachtet werden,
Dieſer wahre Stoff der Erden
Sey ein Salz, worin die Gluht
Untermiſcht iſt mit der Flut.
67. Ob21567.Ob gleich Salz die erſte Stelle
Jn der Erden Coͤrper hat,
Und was feucht iſt oder helle
Nach ihm in geringerm Grad;
Senket dennoch Feu’r und Waſſer,
Da das heiſſer, dieſes naſſer,
So wie ſie vermiſchet ſeyn,
Jhr den rein’ſten Samen ein.
68.Dieſer Same, der ſich floͤſſet,
Und in Schoß der Erden faͤllt,
Wo ihn koch’t und fortwaͤrts ſtoͤſſet
Der erwaͤrmn’de Geiſt der Welt,
Daß er aufwaͤrts auf der Erde
Ein beſond’rer Coͤrper werde,
Zeuget alles, was entſteht,
Waͤchſet, dauret und vergeht.
69.Wie das aber recht geſchehe,
Sieht man zwar, doch faſſt man’s nicht.
Jch aufs wenigſte geſtehe,
Daß mir hier die Kraft gebricht,
Und will lieber dieß bekennen,
Als mich von der Wahrheit trennen,
Und aus Stolz und Eitelkeit
Suchen falſche Dunkelheit.
O 470. Alſo21670.Alſo haben wir beſehen,
Und, ſo weit es ſich erſtreckt,
Unſ’rer Erde Tief - und Hoͤhen,
Stand und Eigenſchaft entdeckt.
Da nun alle Erden-Kloͤſſe
Von des Schoͤpfers Wunder-Groͤſſe
Unzaͤlbare Zeugen ſeyn;
Laſſet auch uns Seiner freu’n!
71.Wenn wir auf die Erde treten,
Wenn ihr feſter Grund uns traͤg’t,
Wird, den Schoͤpfer anzubeten,
Unfer Geiſt mit Recht beweg’t,
Da er folgend Lied erfindet:
GOtt der Du die Welt gegruͤndet,
So lang’ Erd’ und Himmel ſteht,
Sey Dein ew’ger Nam’ erhoͤht!
72.Denn das ganze Rund der Erden
Koͤnnt’ ohn’ ihre Feſtigkeit
Nicht von uns bewohnet werden.
Ohne die Beſchaffenheit
Muͤſten wir zu Grunde ſinken,
Ja im Kot und Schlamm ertrinken,
Da wir nun auf ihren Hoͤh’n
Ohn Gefahr und Sorgen geh’n.
73. Waͤre21773.Waͤre ſie zu feſt hingegen,
Und nicht koͤrnigt, feucht und naß;
Wuͤchſen, ſolcher Haͤrte wegen,
Weder Baͤume, Laub noch Gras.
Was da leb’te, muͤſte ſterben,
Pflanzen, Thier und Menſch verderben.
Nemet denn mit Dank in Acht
Unſers Schoͤpfers weiſe Macht!
74.Sprich, verwildertes Gemuͤte,
Koͤmmt dieß alles ungefehr,
Oder aus der Macht und Guͤte
Eines weiſen Weſens, her?
Sprich: verdienen ſolche Werke
Nicht einmal, daß man ſie merke?
Wer’s Geſchoͤpfe nicht betracht’t,
Schaͤndet ſeines Schoͤpfers Macht.
Selbſt-Dienſt kein Gottes-Dienſt.
Was thuſt du, lieber Menſch, zu deines GOttes Ehren?
Worin beſteht dein Gottes-Dienſt?
Jch wund’re mich, daß du dich ſo erkuͤn’ſt,
Und laͤſſeſt dieſes Wort noch von dir hoͤren,
Da du jedoch auf dich aus Eigen-Lieb’ allein,
Und ſonſten faſt auf nichts, gedenkeſt,
Und all dein geiſtlich Thun auf nichts ſonſt lenkeſt,
Als daß du dort dereinſt moͤg’ſt ewig ſelig ſeyn.
Es ſag’te juͤngſt mit allem Recht’
Ein wol-verdienter GOttes-Knecht,
Ein Prediger, ein frommer Lehrer:
Jhr irret ſehr, geliebte Hoͤrer,
Falls ihr auf dieſem Wahn beſteht,
Daß, wenn ihr in die Kirche geht,
Jhr eurem Schoͤpfer dient. Jhr dien’t euch ſelbſt vielmehr.
An ſtatt, o Menſch, wenn du vernuͤnftig handeln
wollteſt
Jn deinem Gottes-Dienſt, du GOttes Ehr’ allein
Zu deinem Endzweck haben ſollteſt;
So kehreſt du es um. Dort ewig wol zu ſeyn,
Jſt einzig dein Bemuͤh’n, das zwar erlaubet waͤre,
Wofern daruͤber nur des Allerhoͤchſten Ehre
Nicht ganz verſaͤumet wuͤrd’. Ob GOtt geehret ſey,
Ob Seine ſchoͤnen Wunder-Werke,
Ob Seine Weiſheit, Lieb’ und Staͤrke
Betrachtet und geruͤhm’t mit Dank bewundert ſeyn,
Jſt deine klein’ſte Sorg’. Allein
Erwaͤge, lieber Menſch: ſollt’ auch ein Bettler wol
Durch ſein alltaͤgliches Verlangen,
Von dir die Nahrung zu empfangen,
Dich wol dadurch mit Recht geehret nennen,
P 4Und232Und es als einen Dienſt, der dir geſchehn,
Da er ſich ſelbſt nur dien’t, wol rechnen koͤnnen?
Du ſchuͤttelſt hier den Kopf, und mich beduͤnkt, ich ſehe
Den Einwurf ſchon voraus:
Wie? ſoll man denn nicht beten,
Und ſoll man GOttes Haus
Forthin nicht mehr betreten?
Das iſt die Meinung nicht. Jch tad’le dieß allein,
Daß gegen GOttes Huld wir ſo undankbar ſeyn,
Und daß, da unſer Wunſch in anders nichts beſtehet,
Als daß wir reich allhier auf Erden,
Und dort im Himmel ſelig werden,
Wir doch, als wenn wir GOtt, dem groſſen Schoͤpfer, dienen,
Uns einzubilden uns erkuͤnen;
Daß wir des wahren Dienſt’s, des Dankens, ganz vergeſſen,
Und in der Creaturen Pracht
Des Schoͤpfers Weiſheit, Lieb’ und Macht,
Ob ſie gleich allenthalben prangt,
Nicht wuͤrdigen zu ſehn, noch ſie mit Luſt ermeſſen,
An allem, was man hat, ſich nimmer recht vergnuͤget,
Nur, was uns fel’t, verlangt.
Wir leben ſo, daß, wenn nicht Eigen-Liebe,
Um etwa kuͤnftig ohne Pein,
Auch ſelig und hier reich zu ſeyn,
Auf eine Gottheit uns zu denken triebe;
Man ganz gewiß auf keine Gottheit denken
Noch ſie verehren wuͤrd’. Jſt der Beweis nicht klar,
Da wir kaum einen Blick auf Seine Werke lenken?
Da GOtt zum Ueberfluß ſo gar,
Wenn man es recht betrachtet,
Den Dienſt mit unſ’rer Luſt recht wunderbar verbunden;
So ſcheint es doch, dem allen ungeachtet,
Als ob wir lieber,
Eh wir auf ſolche Ahrt den Schoͤpfer ehren ſollten,
Uns233Uns unſ’rer eig’nen Luſt berauben wollten.
Dieß iſt des Hochmuts Sat,
Die nach dem Fall bey uns ſo tief gewurzelt hat,
Aus welchem ſcheußlichen verdammten Samen
Des Eigennutzes Bluͤht’ und Hoͤllen-Fruͤchte kamen,
Die, da wir bloß auf uns mit allen Kraͤften ſehn,
Jn goͤttlicher Verachtung bloß beſtehn.
Denn wenn wir auf den Urſprung denken,
Warum wir unſern Geiſt nie recht zum Schoͤpfer lenken,
So find’ ich keinen ſonſt, als dieſen bloß allein:
Weil wir mit unſerm Wol ſo ſehr beſchaͤfftigt ſeyn;
So haben wir nicht Zeit, die Dinge zu betrachten,
Die GOtt, zu Seinem Ruhm, auf dieſer ſchoͤnen Welt
Jn ſolcher Herrlichkeit uns vorgeſtellt.
Daruͤber faͤngt man an ſie gaͤnzlich zu verachten;
Daruͤber brauchen wir die Wunder unſ’rer Sinnen
Zu nichts, als Reichtum zu gewinnen,
Und das, was auf der Welt allein
Des Lebens Endzweck ſollte ſeyn.
Jn der Geſchoͤpfe Pracht den Schoͤpfer zu verehren,
Wird gaͤnzlich in den Wind geſchlagen.
Die Sorgen nun, die Unruh, Gram und Plagen,
Die durch die Lebens-Ahrt wir ſelbſt uns immer mehren,
Sind Folgen unſers Thuns, ſind Strafen, die ſchon hier
Die goͤttliche Verachtung raͤchen.
Von denen, die dort fuͤr und fuͤr
Euch vorbehalten find, will ich allhier nicht ſprechen.
Wenn die Propheten uns von dieſem Leben
Mehr, als vom kuͤnftigen, zu leſen geben;
So deucht mich, daß wir dieß daraus erlernen koͤnnen:
Es wolle GOtt, wenn wir auf dieſer Erden
Durch Seine Weiſheit, Lieb’ und Macht geruͤhret werden,
Und uns nur nicht vom wahren Glauben trennen,
Das kuͤnft’ge Leben uns als eine Folge goͤnnen.
P 5Da234Da GOttes Liebe nun in jener Ewigkeit,
Nach deiner Meynung ſelbſt, ohn’ allen Streit
Der Seligen Beſchaͤfftigung wird werden;
Warum denn nicht bereits ſchon hier auf Erden
An GOttes Lob gedacht?
Soll etwa Seine Wunder-Macht,
Soll Seiner ſchoͤnen Werke Pracht
Auf dieſer Welt allein
Der Tiere Vorwurf ſeyn?
Da GOTT aus einem ew’gen Triebe
Dir nicht allein auf dieſer Welt
Von Seiner Weiſheit, Macht und Liebe
Unzaͤligen Beweistum vorgeſtellt,
Nein, ſondern gar
Jn das, was dich ergetzet,
Bloß Seine Ehr’ aus lauter Gnaden ſetzet,
Und Seinen Ruhm ſo wunderbar
Mit deiner eig’nen Luſt verbindet;
So macheſt du, da du ſie nicht betrachteſt,
Dich nicht daran vergnuͤg’ſt, und ſie dadurch verachteſt,
Daß all dein irdiſches Vergnuͤgen ſchwindet.
Ob nun hiedurch dereinſt nach dieſer Erde
Dein ewigs ſich befodern werde,
Dieß, ſag’ ich, kommet mir
Ganz unwarſcheinlich fuͤr.
Wollt ihr nun hier vergnuͤg’t, dort ewig ſelig ſeyn;
Ach ſo betrachtet hier des Schoͤpfers Wunderwerke!
Bewundert ſeine Gnad’ und Weiſheit, Lieb’ und Staͤrke
Jn eurer Jhm zum Ruhm empfund’nen Luſt allein!
So werdet ihr durch hieſigs Lob beyzeiten
Euch ſchon zu jenem Lob’ in Ewigkeit bereiten.
Die Luft.
1.Sehen wir der duͤnnen Luͤfte
Groſſen Kreis und weite Bahn
Samt dem Weſen dieſer Duͤfte
Mit Verſtand und Sinnen an;
Spuͤr’t ein reges Herz aufs neue,
Wie ſich recht die Sele freue,
Weil ſie drin, fuͤr Luſt entzuͤckt,
GOtt unſichtbarlich erblickt.
2.Dieſer unumſchrenkten Weite
Grenzen-loſem Wunder-Reich,
Dieſer Hoͤhe, Groͤſſ’ und Breite
Jſt kein’ ird’ſche Groͤſſe gleich,
Weil ſie alle Dinge fuͤllet,
Deck’t, umgibet und umhuͤllet,
Ja den ganzen Kreis der Welt,
Wie das Meer ein Fiſchlein, haͤlt.
3.Jhre Kraft, wie ſchwach ſie ſcheinet,
Jſt dennoch unendlich groß,
Da ſie Felſen ſelbſt entſteinet
Ohne Schlag und ohne Stoß.
Stal wird durch die Luft zerriſſen;
Marmor wie ein Kleid verſchliſſen,
Und ſie heiſſt mit Billigkeit
Ein Gewehr, ein Zahn der Zeit.
4. Und2364.Und dennoch ſind ihre Teile
So behende, duͤnn’ und klein,
Daß, wie ſcharf der Augen Pfeile,
Sie doch nicht zu treffen ſeyn.
Ob ſie gleich rings um uns ſpielen,
Kann man ſie gleichwol nicht fuͤlen,
So daß zwiſchen Leib und Geiſt
Sie vielleicht ein Mittel heiſſt.
5.Jhrer Groͤſſe unerachtet
Schein’t ſie dennoch unſichtbar.
Wie genau man ſie betrachtet,
Wird man ihrer kaum gewahr.
Dieß kann uns zur Lehre dienen,
Wenn wir uns ſo oft erkuͤnen,
Alle Dinge zu verſtehn,
Da wir doch ſo wenig ſehn.
6.Wenn die Luͤfte duͤnner waͤren;
Koͤnnt’ die Duͤnn - und Seltenheit
Unſ’re Lunge nicht ernaͤhren
Durch die linde Feuchtigkeit.
Koͤnnte ſie ſich ſehr verdicken,
Muͤſten Vieh und Menſchen ſticken,
Ja der Sonnen Lebens-Schein
Wuͤrd’ uns dann geraubet ſeyn.
7. Den -2377.Dennoch kann man deutlich weiſen,
Daß derſelben Eigenſchaft
Jn den ausgedehnten Kreiſen
Aller ird’ſchen Coͤrper Kraft,
Daß das Weſen aller Luͤfte
Bloß aus Erd’ und Waſſer duͤfte:
Daß ſie von ſo mancherley
Ein Geruch und Ausfluß ſey.
8.Worin Thier’ und Menſchen leben,
Der, was ahtmet auf der Welt,
Naͤhrt, erfriſchet und darneben
Deck’t, erfuͤllet und erhaͤlt.
Gar kein Feuer koͤnnte brennen,
Nichts wuͤrd’ einer hoͤren koͤnnen,
Naͤhrte nicht ſo Ton als Gluht
Unſ’rer Luͤfte zarte Flut.
9.Wie man ſolches klaͤrlich ſiehet,
Wenn man ſie von einem Ort
Durch die Luft-Pump’ auswaͤrts ziehet,
Daß die Flammen alſofort
Loͤſchen, ſchwinden und vergehen.
Gleichfalls kann kein Ton entſtehen
Fuͤr das Menſchliche Gehoͤr,
Wenn ein Ort von Luͤften leer.
10. Die -23810.Dieſes Wunder muß vor allen
Wol erweg’t ſeyn und bedacht.
Aller Stimmen Saiten ſchallen,
Aller Toͤne ſuͤſſe Macht
Werden in der Luft erzeuget,
Wenn ſie ſich in Cirkeln beuget,
Und wie ſich ein Waſſer ruͤhrt,
So den Klang zum Ohre fuͤhrt.
11.Wer kann dieſes Wunder faſſen,
Daß ſich einer Stimme Klang
So gar oft muß teilen laſſen,
Da ein Woͤrtgen, ein Geſang
Dergeſtalt die Luft erreget,
Daß ſie wallend ſich beweget,
Und viel tauſend Ohren fuͤllt,
Was aus einem Munde qvillt.
12.Wie ein Prediger mit Worten
So die Luͤfte treiben kann,
Daß, an vielen tauſend Orten
Von viel tauſend, jedermann
Sein ganz Wort zugleich empfindet;
Hat kein Menſch annoch ergruͤndet.
Nur ſo viel kann man verſtehn;
Durch die Luft muß es geſchehn.
13. Wenn23913.Wenn ich dieſes uͤberlege,
Was fuͤr ungemeine Kraft
Unſer Luft-Kreis in ſich hege,
Und wie aller Pflanzen Saft,
Wie die Teil’ aus allen Dingen
Sich beſtaͤndig aufwaͤrts ſchwingen,
Und in Luft verwandelt ſeyn;
Nimmt mich ein Erſtaunen ein.
14.Was wird nicht durch Gluht und Flammen
Jn die Luft hinein geſchickt?
Wenn ein Holz-Stoß faͤllt zuſammen,
Wird nur wenig Aſch’ erblickt.
Alles and’re wird verſtaͤubet,
Und dem Luft-Kreiſ’ einverleibet.
Alles, was der Brand verzehrt,
Wird durch Rauch in Luft verkehrt.
15.Kurz, faſt alles, was entſtehet,
Stammet aus der Luͤfte Reich,
Und faſt alles, was vergehet,
Senkt ſich wiederum ſo gleich
Jn derſelben weiten Schluͤnden.
Welcher Menſch kann nun ergruͤnden,
Welch ein Schatz, wie vielerley
Jn der Luft verborgen ſey?
16. Es24016.Es vereint ſich und verbindet
Mit der all durchgeh’nden Luft,
Was man auf der Erde findet.
Aller Coͤrper Dunſt und Duft,
Die ſich, wenn ſie etwa brennen
Oder faulen, alsbald trennen,
Steigen in die Luft hinein,
Um mit ihr vereint zu ſeyn.
17.Duͤnſte, die aus groſſen Seen,
Aus Moraſten, aus dem Meer,
Oder aus der Erd’ entſtehen,
Laſſen nie den Luft-Kreis leer.
Auch nebſt des Salpeters Teilen
Sieht man Schwefel aufwaͤrts eilen.
Alles, was man Coͤrper heiſſt,
Zinſ’t dem Luft-Kreis ſeinen Geiſt.
18.Jſt demnach der Kreis der Luͤfte
Aller ird’ſchen Saͤfte Schatz,
Und der allgemeinen Duͤfte
Ungemeſſ’ner Sammel-Platz.
Suͤſſe, ſcharf’ und bitt’re Saͤfte,
Saur’ und ſalzig-fette Kraͤfte
Stecken in den duͤnnen Hoͤh’n,
Die zwar groß, doch nicht zu ſehn.
19. Hier24119.Hier ein Beyſpiel von zu geben,
Was fuͤr viele Coͤrperlein
Muͤſſen in den Luͤften ſchweben,
Die uns unbegreiflich ſeyn?
Und die dennoch von den Hunden
Wunder-wuͤrdig ſind empfunden.
Nimmer traͤfen ſie die Spur,
Thaͤt’ es nicht der Luft Natur.
20.Daß die Luft, die uns umringet,
Und nur ein Geruch der Welt,
Uns nicht durch die Naſe dringet,
Uns nicht in die Sinne faͤllt,
Kommt daher, weil gleich auf Erden
Wir der Luft gewohnt ſchon werden;
Weil man ſie ſogleich empfind’t,
Wenn wir kaum gebohren ſind.
21.Sie wirk’t in den Elementen
Mit ſo ſonderbarer Kraft,
Daß ſie nicht beſtehen koͤnnten
Sonder ihrem Lebens-Saft.
Waſſer faul’t, die Erde ſchwindet,
Wenn nicht jedes Luft empfindet.
Sie verlieren alſobald
Fruchtbarkeit, Kraft und Geſtalt.
II. Theil. Q22. Was24222.Was ſich aber ſonſt aus Dingen,
Welche riechen, aufwaͤrts drengt,
Und auf unſichtbaren Schwingen
Sich mit unſ’rer Luft vermengt,
Wird ſo bald von uns verſpuͤret,
Als es unſ’re Naſe ruͤhret,
Die die Suͤſſ - und Bitterkeit
Wunderbarlich unterſcheid’t.
23.Alle Luft, die um uns ſchwebet,
Jſt zwar leib - und coͤrperlich,
Doch ſehr duͤnn und zart gewebet,
Und ihr Weſen dehnet ſich.
So hieß GOTT ſie ſich bereiten,
Daß ſie, ſtark ſich auszubreiten
Und zu ſpannen waͤr’ geſchickt,
Sich verduͤnnet’ und verdickt’.
24.Wann ſie Waͤrm’ und Hitze ſpuͤret,
Spann’t ſie ſich, und wird verduͤnn’t:
Jſt es aber kalt und frieret;
Wird, was ausgedehnt, geſchwind
Wieder in ſich ſelbſt gedruͤcket,
Stark gedrenget und verdicket.
Hat ſie alſo, wenn es kalt,
Einen kleinern Aufenthalt.
25. Wun -24325.Wunderbarlich iſt ihr Weſen,
Wenn man recht mit Ernſt bedenk’t,
Was wir von ihr ſehn und leſen.
So wann ſie uneingeſchrenk’t,
Als auch wann ſie in der Enge,
Sieht man an der Teilchen Menge
Eine ſonderbare Spur
Jhres Weſens und Natur.
26.Wenn man Luft in ein Gefaͤſſe
Von Metall, das ſtark und feſt,
Von geraumer Maſſ’ und Groͤſſe
Durch ein Werkzeug drengt und preſſt,
Laͤſſt ſie ſich ſo feſte druͤcken,
Und ſo wunderbar verdicken,
Daß ſie fuͤhlbar, und ſo dicht,
Als ein Waſſer am Gewicht.
27.Da ein Koͤrnchen Luft hingegen
Jm Gefaͤß, das ausgeleert,
Durch ein wunderbar Bewegen
Sich viel tauſendfach vermehrt,
Und ſich rings auf allen Seiten
Unvermerkt weiß auszubreiten,
Daß es tauſendmal ſo klein,
Ja ein nichts faſt, ſchein’t zu ſeyn.
Q 228. Alle24428.Alle Luft, die uns umſchrenket
Und den Erden-Kreis umfaſſt,
Da ſie ſich ſtets abwaͤrts ſenket,
Druͤck’t ſich ſelbſt durch eig’ne Laſt.
Daher wird durch ihr Gewichte
Unſ’re nied’re Luft ſo dichte,
Daß ſie leicht die ob’re traͤg’t,
Der ſie ſich zum Grunde leg’t.
29.Wie man denn gar deutlich ſpuͤret,
Daß die Luft auf allen Hoͤh’n
Jhre Schwere gleich verlieret.
Wenn wir auf Gebirgen ſteh’n,
Kann kaum unſ’re Lung’ und Magen
Solche duͤnne Luft vertragen.
So ſchnell, ja faſt ſichtbarlich,
Aendert unſer Luft-Kreis ſich.
30.Kann man alſo leicht erweiſen,
Daß die Luft nicht einerley,
Sondern in verſchied’nen Kreiſen
Gleichſam abgeſondert ſey.
Wie denn dieß die Wolken zeigen,
Die bald ſinken und bald ſteigen,
Bloß nachdem ſie duͤnn’ und feucht,
Frey, gepreſſet, ſchwer und leicht.
31. Wel -24531.Welches nicht geſchehen wuͤrde,
Wenn die Luft ſtets leicht, ſtets ſchwer
Und in allzeit gleicher Buͤrde
Jedes Orts verteilet waͤr’.
Alle muͤſten auf uns liegen,
Oder ſaͤmtlich aufwaͤrts fliegen,
Wie nichts ſtill im Waſſer bleib’t,
Sondern ſinket oder treib’t.
32.Dieſer Nutz iſt unbeſchreiblich.
Fiel der Wolken Laſt herab;
Fuͤnden wir unhintertreiblich
Ein beeiſ’tes ploͤtzlichs Grab
Jn derſelben Eingeweide.
Baͤume, Felſen und Gebaͤude
Wuͤrden unter ſich gedruͤckt,
Und was lebte wuͤrd’ erſtickt.
33.Da der weiſe GOTT hingegen
Durch die Luft ſie droben haͤlt,
Daß ihr Leib allein im Regen,
Und zwar troͤpfelnd, abwaͤrts faͤllt,
Und die Welt nicht uͤberſchwemmet.
Durch die Luft wird auch gehemmet,
Daß ſie uns nicht naͤher ſtehn,
Sonſt muͤſt’ man fuͤr Froſt vergehn.
Q 334. Denn24634.Denn die Wolken ſind gezeuget
Bloß aus einem Duft, der friert,
Wenn er maͤlich aufwaͤrts ſteiget,
Und ſolch eine Hoͤh’ beruͤhr’t,
Wo die Waͤrme von der Erden
Nicht mehr kann empfunden werden,
Und der Stralen Gegenſchlag
Sie nicht mehr erreichen mag.
35.Alsdann werden augenblicklich
Jhre Teilchen Schnee und Eis,
Welche denn die Luft geſchicklich
Traͤg’t und ſie zu ſtuͤtzen weiß,
Weil ſie ſie erfuͤll’t, umringet,
Jhren lockern Leib durchdringet,
Daß die Wolke droben bleibt,
Wie ein Rohr im Waſſer treibt.
36.Bis ſie endlich ſich verdicket,
Wenn ſich Flock’ auf Flocken leg’t,
Da, von eig’ner Laſt gedruͤcket,
Sie zuletzt zu ſinken pfleg’t,
Und der Waͤrme Widerprallen
Sie zerſchmelzt im Niederfallen,
Daß ſie wieder auf die Welt
Tropfen-weiſ’ herunter faͤllt.
37. Wel -24737.Welche Tropfen oftmal frieren,
Nemlich dann wenn Blitz und Hitz
Mit zu ſtarkem Stral beruͤhren
Einer Wolken ob’re Spitz’,
Alsdenn ſchmilzt das Eis; hingegen
Wird der ſchon formir’te Regen
Durch der Luͤfte kalten Kreis
Jn den Schloſſen wieder Eis.
38.Ferner muß man nicht verſchweigen,
Was wir mehr in Luͤften ſeh’n,
Wie ſich Thau und Nebel zeugen,
Wie ſie uns zum Nutz entſtehn.
Dieſes recht zu uͤberlegen,
Muß man dieß erſt wol erwaͤgen:
Hitze, Kaͤlt’ und Feuchtigkeit
Steh’n, um Ruhe, ſtets im Streit.
39.Ob ſie noch ſo widrig ſcheinen;
Sucht doch dieſe fort und fort
Sich mit jener zu vereinen
Durch des Hoͤchſten Wunder-Wort,
Und aus dieſem Triebe ſtammen
Die Bewegungen zuſammen,
Aller Witt’rung Unterſcheid
Und derſelben Fruchtbarkeit.
Q 440. Denn24840.Denn wenn Flut und Erde gluͤhet
Durch der Sonnen Lebens-Stral,
Und die Sonne ſich entziehet;
Wird der Luft-Kreis allemal
Kaͤlter als der Kreis der Erden:
Um nun gleich gemiſcht zu werden;
Steig’t die Hitz’ aus Erd’ und See
Alsbald wieder in die Hoͤh’.
41.Daher wir die Nebel-Duͤfte
Meiſt im Herbſt und Winter ſeh’n,
Als die nimmer, wenn die Luͤfte
Waͤrmer werden, auch entſtehn,
Sondern, wie mans taͤglich lernet,
Denn wenn ſich die Sonn’ entfernet,
Da ſodann ſo Waͤrm’ als Licht
Alſobald der Luft gebricht.
42.Ferner, wie wir’s innen werden,
Druckt die Luft nicht ſich allein
Sondern alle Ding’ auf Erden,
Die ihr unterworfen ſeyn,
Und zwar dieß mit ſolcher Buͤrde,
Wie ein Waſſer drucken wuͤrde,
Welches zwanzig Ellen tief,
Wenn es uͤber etwas lief.
43. Daß24943.Daß wir aber dieß nicht ſpuͤren
Und empfinden, kommt daher,
Daß die Luͤfte, die uns ruͤren,
Allenthalben gleiche ſchwer,
Daß ſie uns nicht nur umringen,
Sondern ſelber durch uns dringen,
So daß, wenn mans recht erwegt,
Eine Luft die and’re traͤgt.
44.Wie kein Fiſch im Meer erſticket,
Ob ihn gleich der Wellen Laſt
Unaufhoͤrlich preſt und druͤcket:
Dann weil ſie ihn rings umfaſt,
Kann er auch in tiefſten Gruͤnden
Kein zu ſchwer Gewicht empfinden;
Denn der Druck im Waſſer-Reich
Jſt von allen Seiten gleich.
45.Dennoch iſt die Laſt der Luͤfte
Allemahl nicht gleiche ſchwer.
Sondern, wenn die naſſen Duͤfte
Von den Feuchtigkeiten leer.
Wenn die Welt vom Regen feuchte,
Wird ſodann der Luft-Kreiß leichte,
Und die Erde traͤgt und faſſt
Einen Theil von ihrer Laſt.
Q 546. Doch25046.Doch ſpuͤrt man auch nach dem Regen,
Daß ſie ſich noch abwerts ſenkt,
Weil ſonſt durch der Welt Bewegen,
Die ſich ſtets im Cirkel lenkt,
Sie bald wuͤrde von uns fliehen,
Und ſich in die Hoͤhe ziehen,
Drum ſchafft GOTTES weiſe Kraft,
Daß ſie ſtetig an uus hafft.
47.Druͤckt ſie alſo und umringet,
Wie den Erd-Kreiß, auch die Fluht.
Daß ſie aber nicht durchdringet,
Sondern gleichſam auf ſie ruht,
Kommt, daß dieſe dicht und feuchter,
Da die Luft ſo duͤnn - als leichter,
Drum ſie ſie zwar ſanfte drengt,
Doch ſich nicht mit ihr vermengt.
48.Wie ſich nun die Erde ruͤhret,
Und ſich Jaͤhr - und taͤglich dreht,
Wird die Luft auch umgefuͤhret,
Daß ſie nimmer auht noch ſteht:
Drum die Welt, die ſie bedecket,
Als in einer Schale ſtecket,
Welche Schal’ in einem Stuͤck,
Bis auf ſieben Meilen dick.
49. Wel -25149.Welches klaͤrlich zu erſehen
An der Daͤmm’rung Schimmer-Licht.
Denn die koͤnte nicht entſtehen,
Stieß der Stral der Sonne nicht
Auf des Luft-Leib’s aͤuſſ’re Graͤnzen,
Die denn widerprallend glaͤnzen:
Welches fruͤher wuͤrd’ geſchehn,
Wenn die Luft ſolt’ hoͤher ſtehn.
50.Ja, wenn ſie nur zwanzig Meilen
Hoͤher, als ſie itzt iſt, waͤr;
Waͤr von allen Erden-Teilen
Keiner je von Daͤmm’rung leer.
Denn das Licht wuͤrd’ an ſie prallen,
Und drauf wieder abwaͤrts fallen;
Aber ohne Gegenſtand
Sieht man nicht der Sonnen Brand.
51.Daß auch in der Luͤfte Kreiſe
Ein beſtaͤndig Feuer brennt,
Zeiget auf beſond’re Weiſe
Folgendes Experiment:
Wenn man in ein hol Gefaͤſſe,
Dran ein Hals von kleiner Groͤſſe,
Nur ein Licht von unten haͤlt,
Und es dann aufs Waſſer ſtellt;
52. Hoͤr’t25252.Hoͤr’t das Licht bald auf zu brennen.
Wenn wir durch ein krummes Rohr
Und den Blas-Balg Luft ihm goͤnnen,
Brennt es aber nach wie vor:
Doch erliſchet es zur Stunde,
Wenn man Luft aus unſerm Munde,
Die ſchon in der Lung’ geweſt,
Jn dieſelbe Roͤhre blaͤſ’t.
53.Hieraus ſcheinet nun zu flieſſen,
Und, weils die Erfahrung lehrt,
Kann man draus ganz deutlich ſchlieſſen,
Daß die Luft, die uns genaͤhrt,
Durch die Lunge das verlieret,
Was dem Feu’r zur Koſt gebuͤret,
Und daß von der Luft das Blut
Eben das braucht, was die Gluht.
54.Nun in dieſer Luͤfte Kreiſe,
Den man Atmosphera nennt,
Leb’t auf wunderbare Weiſe
Alles, was man ſieht und kennt.
Auſſer ihr muͤſt’ alles ſterben:
Alles wuͤrde ſchnell verderben,
Das ſich nun durch ſie erhaͤlt.
Sie iſt bloß der Geiſt der Welt.
55. Durch25355.Durch ſie ſchwinget ſich und ſchwebet
Jeder Vogel in der Hoͤh.
Was der Sonnen Stral erhebet
Von der Erd’ und aus der See,
Wird von ihr, als wie im Wagen,
Rings um unſ’re Welt getragen.
Was die Fruchtbarkeit gebiert,
Wird in ihr herum gefuͤhrt.
56.Sie erhaͤlt die Lebens-Flamme,
Die in unſerm Blute brennt.
Sie wird wol mit Recht die Amme
Unſ’rer innern Waͤrm’ genennt,
Ja man ſieht, wie ſie die Fiſche
Und die Pflanzen ſelbſt erfriſche,
Welche durch ihr loͤchricht Gruͤn
Atem, wie die Tiere, ziehn.
57.Luft iſt faͤhig anzunemen
Licht und Toͤne, ja ſie kann
Sich zu Hitz’ und Froſt beqvemen,
Gluht und Waſſer nimmt ſie an.
Der Geruch aus allen Dingen
Kann in ihr ſich aufwaͤrts ſchwingen,
Und es draͤnget ihr Gewicht
Ueber ſich Rauch, Flamm’ und Licht,
58. Wel -25458.Welche ſtets von ihr umgeben,
Rings umher gedrenget ſind:
Wie ſich Waſſer-Blaſen heben,
Nicht nur durch den innern Wind;
Sondern weilen ihre Leichte
An des Waſſers Laſt nicht reichte,
Druͤckt die Flut ſie heftiglich
Allenthalben uͤber ſich.
59.Wann die Sonn’ uns nahe ſtehet,
Wird ſie warm, erhitzt, geſchwuͤl:
Wann der Wind hingegen wehet,
Wird ſie alsbald wieder kuͤl,
Wie man oft mit Schmerzen lernet,
Falls die Sonne ſich entfernet,
Daß die Luft, wenn ſie verdickt,
Uns beſchweret, ſticht und druͤckt.
60.Aber, kehrt die Sonne wieder;
Aendert ſich ſo gleich die Luft:
Gleich empfinden unſ’re Glieder,
Wie derſelben lauer Duft
Uns mit ſuͤſſem Hauchen ſtreichelt,
Uns mit ſanftem Saͤuſeln ſchmeichelt,
Die zu ſtarke Hitze kuͤl’t,
Und, wie Wellen, um uns ſpielt.
61. Wol -25561.Wollen wir nun nach den Gruͤnden
Der Chymie die Luft beſehn;
So wird ſich gar deutlich finden,
Sie muß hieraus meiſt beſtehn:
Jhr unfuͤlbar-duͤnner Schleyer
Heget Feuchtigkeit und Feuer.
Jſt alſo der Luft Natur,
Etwas Schwefel und Mercur.
62.Ferner hat man zu erwegen,
Wie die Luͤfte durch den Wind
Solch ein unſchaͤtzbarer Segen
Kraͤutern, Thier - und Menſchen ſind.
Durch die Winde werden droben
Alle Wolken fortgeſchoben,
Wodurch in der ganzen Welt
Allenthalben Regen faͤllt.
63.Durch die Winde ſind die Luͤfte
Ohne Faͤulniß ſtets beweg’t
Und gereiniget vom Gifte,
Der ſich drin zu ſammlen pfleg’t.
Durch die Wind’ und durch die Blitze
Wird die gar zu groſſe Hitze,
Die man oft im Sommer fuͤl’t,
Ausgedehnt und abgekuͤl’t.
64. Durch25664.Durch die Winde ſind die Kraͤfte,
Die der Kreis der Luft begreift,
Und die Lebens-Balſam-Saͤfte,
Wenn ſie ſich durch ihn gehaͤuft,
Jn die Coͤrper eingetrieben;
Welche ſonſt unfruchtbar blieben.
Keine reiche Erndt’ entſteh’t,
Wenn die Winde nicht geweh’t.
65.Keine Handlung koͤnnte bleiben;
Keine Schiffahrt vor ſich gehn,
Deren Nutz nicht zu beſchreiben,
Wie ein jeder muß geſtehn.
Trieben nicht der Winde Kraͤfte
Dieß ſo noͤtige Geſchaͤffte,
Wie ſo manches ſchoͤne Land
Waͤr’ uns ewig unbekannt?
66.Alle Vorteil ſind unglaͤublich,
Die man durch den Wind verſpuͤr’t.
Jſt der Nutz nicht unbeſchreiblich,
Wenn er Waſſer aufwaͤrts fuͤhrt?
Wenn er Muͤlen-Raͤder treibet?
Laͤnder trocknet? Korn zerreibet?
Tuͤcher ſtampfet? Holz und Stein
Schneiden uns die Winde klein.
67. Frag’t25767.Frag’t man nun: was ſind die Winde,
Und wo kommen ſie doch her?
So bekenn’ ich, daß die Gruͤnde
Des Beweiſes etwas ſchwer.
Denn die meiſten ſind gebrechlich:
Doch dieß iſt unwiderſprechlich,
Daß die Winde bloß allein
Unſ’rer Luft Bewegung ſeyn.
68.Welche durch der Sonnen Stralen
Oft gedehnet, oft gedruͤckt,
Oft geſpannet, oftermalen
Duͤnn gemachet, oft verdickt.
Wechſelt dieſes nun gelinde;
So entſteh’n gemeine Winde:
Aber wenn ein Sturm ſich reg’t,
Schein’t die Luft, wie folgt, beweg’t.
69.Glaublich iſt, daß dieß entſtehet,
Wenn der Sonnen Wunder-Licht
Eine Menge Duͤnſt’ erhoͤhet,
Jhre Coͤrperchen zerbricht,
Und dadurch die Luft vermehret,
Da die erſte ruͤckwaͤrts faͤhret,
Aber bald, aufs neu gedehn’t,
Sich nach ihrer Stelle ſehn’t.
II. Theil. R70. Und25870.Und dadurch die neuern Teile
Von ſich drenget, ſtoͤſſ’t und treibt,
Deren jede nun in Eile
Sich an andern Teilen reibt,
Da ſich denn die Luft ergieſſet,
Und in Strichen gleichſam flieſſet
Wie ein ſtrenger Waſſer-Fluß,
Vor dem alles weichen muß.
71.Doch ſo ſchrecklich auch von Staͤrke
Solche Stuͤrme manchmal ſind;
Spuͤr’t man gleichwol GOttes Werke
Augenſcheinlich, Der den Wind
Dennoch Maſſe zwingt zu halten,
Da dieß alles zu zerſpalten
Dem erzuͤrnten Luͤfte-Heer
Sonſten nicht unmoͤglich waͤr.
72.Daß der Weſt-Wind waͤrm - und naſſer,
Als der Oſt-Wind, komm’t daher:
Weil die Sonn’ ein duftig Waſſer
Aus dem Teil von Erd’ und Meer,
Die ſie kurz vorher beruͤhret,
Aufgezogen. Dadurch fuͤhret
Stets der Wind aus dieſem Strich
Viele Feuchtigkeit mit ſich.
73. Da25973.Da der Morgen-Wind hingegen
Stets aus ſolchem Orte blaͤſ’t,
Welcher in der Sonnen Wegen
Eine Zeitlang nicht geweſt;
Sinkt alſo der Dunſt hinwieder,
Durch der Naͤchte Kaͤlte, nieder,
Wannenher die Morgen-Luft
Kuͤl und leer von Dunſt und Duft.
74.Jn der Erden innern Gruͤnden,
Wo der Mittel-Punct ſich ſchlieſſt,
Soll ſich ein Behaͤlter finden,
Woraus ſtets ſich Luft ergieſſt,
Die aus Suͤden teils entſpringet,
Teils ſich durch den Nord-Pol dringet,
Woran dieſer Suͤd-waͤrts faͤhrt,
Jene ſich nach Norden kehrt.
75.Und durch dieſes Luft-Geiſts regen
Soll der leitende Magnet
Sich ſo wunderbar bewegen,
Daß er immer Nord-waͤrts ſteht,
Weil die Erd-Luft, wie man meinet,
Sich mit ſeiner Luft vereinet,
Weil ſie beyde gleiche klein
Und von einer Groͤſſe ſeyn.
R 276. Daß26076.Daß im Winter, wenn es frieret,
Es nicht immer gleiche kalt,
Daß man nicht im Sommer ſpuͤret
Gleicher Hitz’ und Gluht Gewalt;
Dieß, wie viele Weiſe glaͤuben,
Jſt dem Luft-Geiſt zuzuſchreiben,
Ja der frechen Winde Zucht
Jſt wol gar derſelben Frucht.
77.Dieſe Gruͤnd’ und mehr dergleichen
Glaub’t man: denn ſie ſcheinen klar.
Dennoch will ich gerne weichen,
Werd’ ich beſſere gewahr.
Denn, nur GOttes Werk zu preiſen,
Und nicht meinen Witz zu weiſen,
Schreib’ ich, und es hat mein Kiel
GOttes Ruhm, nicht ſich, zum Ziel.
78.GOtt, der Du der Winde Raſen
Faſſeſt als in einem Schlauch,
Du verſpaͤrr’ſt ihr ſtuͤrmiſch Blaſen
Jn der Erden dunkelm Bauch.
Woher aller Winde Scharen
Kommen, und wohin ſie fahren,
Faſſt kein Menſchlicher Verſtand.
Dir iſt es allein bekannt.
Der Kuͤrbis.
Jch gieng im Garten hin und her,
Und ſah von ungefehr,
Wie durch der Erlen dichte Wand
Von einem Kuͤrbs die Ranken durchgedrungen,
Sich artig hin und her geſchlungen,
Und in dem Steig’ auf den betret’nen Sand
Sich ausgeſtreckt und ausgebreitet hatten.
Dieweil ich nun der Ranke Stand,
So wie ſie lag, nicht ſicher fand,
Jndem ſie in Gefahr
An einem ſolchen Orte war
Vertreten und zerknickt zu werden;
Hub ich ſie von der Erden,
Um, daß ſie moͤchte ſicher liegen,
Sie wiederum dahin zu biegen,
Woher ſie kommen war; allein
Kaum mogte ſie von mir gefaſſet ſeyn;
So brach ſie, wie ein Glas. Ey daß dich! fing ich an,
Jſt das nicht Schad’? Ey haͤtt’ ich es gelaſſen!
Doch dacht’ ich, wie ich mich beſann,
Da der Verluſt nicht groß, kann ich mich leichtlich faſſen,
Und darf ja nicht verdrießlich ſeyn.
Mir fiel jedoch dabey dieß Sprichwort ein,
Das mich zum oͤftern ſchon geruͤhret:
Der Weg, den mancher nimmt, um etwas zu vermindern,
Jſt269Jſt eben der, ſo ihn zu ſolchem Etwas fuͤhret.
Wie ich hierauf die abgebroch’nen Ranken
So voller Fruͤchte fand, als ich ſie recht beſah;
Gieng es mir zwar aufs neue nah:
Doch troͤſteten mich folgende Gedanken:
Jch will bey dem Verluſt gewißlich nichts verlieren.
Es ſoll, geliebte Ranke, mich
Die kleine Frucht und Bluhmen, die dich zieren,
Zu dein - und meinem Schoͤpfer fuͤhren.
Wer weiß, warum du dich
Hieher gelenkt, warum in dieſer Stunde,
Da ich allein, ich dich in ſolchem Stande funde;
Warum ich ſo von dir gedacht, wie ich gedacht;
Wer weiß, warum ich dich zerbrochen; ob es nicht
Vielleicht darum geſchehn, daß mein Geſicht
Mein ſonſt unachtſames Gemuͤte
Doch zur Aufmerkſamkeit und zur Betrachtung braͤchte,
Und ich von GOttes Macht und Weiſheit, Lieb’ und Guͤte,
Zu Seinem Ruhm, was nuͤtzliches gedaͤchte.
Auf denn, mein Geiſt, betrachte mit Vergnuͤgen
Das fruchtbare Gewaͤchs, woran recht wunderlich
Verſchied’ne gruͤne Roͤren ſich
Am fuͤnf-geeckten Stengel fuͤgen!
Die Blaͤtter, ſo an dieſem Stengel ſitzen,
Sind, wie die Bluhmen ſelbſt, beſetzt mit zarten Spitzen,
Nicht weniger die Frucht, ſo lange ſie noch klein.
Aus dieſen Stengeln nun, die hol und lucker ſeyn,
Waͤchſt ein dem Reben-Laub an Bildung gleiches Blat,
Das tauſend kleine Adern hat,
Die270Die alle wiederum mit Spitzen reich verſehn,
Wodurch ſie teils von einem Ort zum andern
Mit den faſt ſtets verlaͤngten Ranken wandern,
Teils wie auf kleinen Fuͤſſen ſtehn.
An jedem Ort, woraus das Blat entſpringet,
Entſprieſſt zu einer Zeit die Bluhm’ und Frucht zugleich;
Wobey noch uͤberdem recht Wunder-reich
An eben ſolchem Ort ein Stiel mit Gaͤblein dringet.
Derſelbe teilet ſich in drey verſchied’ne Teile,
Die alle, recht wie kleine gruͤne Seile,
Wo ſie Gelegenheit nur finden,
Die Ranken ſuchen feſt zu binden.
Bewund’re doch, mein Herz, die Ordnung der Natur
Jn dieſem Kuͤrbs-Gewaͤchs aufs neu!
Erwege, daß nicht nur
Die Zierlichkeit, nein mehr hie zu bewundern ſey!
Damit dieß Ranken-Werk von wegen ſeiner Schwaͤche
So bald nicht braͤche,
Waͤchſt eine kleine Hand mit dreyen Fingern dran,
Wodurch ſie hie und da ſich halten kann.
Ach laſſt uns doch, wenn wir dergleichen ſehn,
Den, Der dieß alles macht, den weiſen GOtt, erhoͤhn!
An dieſes Stieles Fuß
Erblicket man, wiewol ſo wunderbarlich klein,
Daß jeder ſich darob verwundern muß,
Blat, Bluhme, Frucht und Stiel, die kaum zu ſehen ſeyn,
Und dennoch finden wir, daß die ſo an den Spitzen
Der langen Ranken ſitzen,
Noch unweit kleiner ſind, da nemlich man daran
Ein271Ein gruͤn verwirrtes Etwas findet,
Das unſer Auge nicht, der Geiſt nur, ſehen kann.
Die Bluhme, welche mich abſonderlich verbindet,
An ihrer Farb’ und artigen Figur
Mich zu ergetzen, ſtellet mir
Die wunderbare Kunſt der bildenden Natur
Jn ihrer brennenden Gold-gelben Farbe fuͤr.
Die Bluhmen zeigen ſich zuerſt bey andern Fruͤchten,
Hier zeigt ſich erſt die Frucht; hier ſieht man wunder-ſchoͤn
Die Frucht mit einer Kron’ aus Gold gekroͤnet ſtehn,
Doch nicht zur Zier allein, es ſcheinen die fuͤnf Spitzen
Der ſuͤſſen Frucht zugleich zu nuͤtzen.
Die Bluhme gleichet einer Hand,
Die mit fuͤnf Fingern ausgeſpannt,
Um Regen, Tau und and’re Feuchtigkeiten
Der durſt’gen Wurzel zuzuleiten,
Als welche ſie in einem groͤſſern Grad
Fuͤr Fruͤchte, die ſo groß, vor andern noͤtig hat.
Von auſſen ſiehet man,
Woſelbſt die Bluhme glatt,
An jedem Blatt
Viel tauſend, tauſend Adern gehen.
Von innen ſiehet man daran
Viel tauſend gelbe Spitzen ſtehen.
Noch ſieht man in der Bluhme Mitten,
Als waͤr’ es recht durch Kunſt geſchnitten,
Ein dreyfach guͤld’nes Herz. Ob die zur Zier allein,
Wie oder ob ſie ſonſt der Frucht auch nuͤtzlich ſeyn,
Jſt, wie ſonſt vielerley, uns unbekannt.
Jndeſ -272Jndeſſen hat ſich mein Gemuͤte
An ihrer Zierlichkeit vergnuͤg’t.
Es iſt die Allmacht, Weiſheit, Guͤte
Desjenigen, der durch die bildende Natur
So manche zierliche Figur
Aus Erd’ und Flut zuſammen fuͤg’t,
Jn allen Dingen zu verehren.
Mein GOtt! ach gib, ſo oft ich etwas ſchoͤnes ſehe,
Daß ich in meiner Luſt Dein herrlichs Werk erhoͤhe!
Gib, daß ich Deinen Ruhm moͤg’ uͤberall vermehren!
Die Frucht, die wol von allen Fruͤchten
Die allergroͤſſeſte, verdient mit allem Recht,
Daß wir auf ſie ſo Geiſt als Augen richten.
Ach daß ich ſie doch hier recht zierlich ſchildern moͤgt’!
Ach daß ſie zwar fuͤr mich, doch nicht fuͤr mich allein,
Wie Jonas Kuͤrbs, von mir moͤgt’ angeſehen ſeyn,
Nein, daß ich auch zugleich im Kuͤrbs des Schoͤpfers Macht,
Jndem ich ihn mit Luſt beſeh’, beſinge,
Und alſo Jhm vom Kuͤrbs, wenn ich ihn wol betracht’,
Ein wolgefaͤlligs Opfer bringe!
Daß an ſo niedrigem und duͤnnem Stiele
Solch eine groſſe Frucht, ja gar daß ihrer viele
Daran zugleich entſtehn, und wachſen koͤnnen,
Jſt wol mit Recht ein Wunderwerk zu nennen.
Wie lieblich glatt ſind ihren bunte Schalen,
Die bald ſo gelb als Gold, bald etwas bleich,
Bald gelb und bleich, und gruͤn zugleich,
Abſonderlich, wenn ſie der Sonne Stralen
Mit einem hellen Blick bemalen,
Wodurch273Wodurch ein heit’rer Glanz, recht Wunder-ſchoͤn
Auf ihrer glatten Ruͤnd’, als wie ein Stern, zu ſehn.
Jn Ungern ſah ich einſt mit innigem Vergnuͤgen
Ein ganzes Feld voll Kuͤrbſ’, als wie voll Spiegel, liegen,
Jndem der Sonnen Licht ſie ſchmuͤckte,
Und in die glatte Haut ihr herrlichs Bildniß druͤckte,
Wobey das ganze Feld durchs angeneme Gruͤn
Voll kleiner heller Blitze ſchien,
Die mir, ſo bald den Glanz die Augen ſpuͤr’ten,
Mit ihrem ſuͤſſen Stral die Sele ruͤr’ten,
Daß ich an Den, Der aller Schoͤnheit Pracht,
Der Farben, Formen, Licht und das Geſicht gemacht,
Mit Dank-erfuͤllter Ehrfurcht dachte,
Und Jhm ein froͤhlichs Herz dafuͤr zum Opfer brachte.
Noch macht uns die Natur in einem Kuͤrbis kund,
Wie ſehr ſie an Veraͤnd’rung reich,
Da dieſe Frucht zugleich
Bald lang, bald rund.
Kein zierlicher gewund’ner Tuͤrken-Bund
Kann an Figur ſo zierlich ſeyn,
Als wie ein runder Kuͤrbs. Er ſcheinet recht gewunden,
Und teilt die Striche richtig ein,
Die unterwaͤrts und oberwaͤrts mit Haufen
Jn einen Mittel-Punct zuſammen laufen.
Viel’ and’re werden noch gefunden,
Die, groſſen Flaſchen gleich, geſtreckt und laͤnglich ſeyn.
Es laͤſſt recht unvergleichlich ſchoͤn,
Wenn wir von ihnen viel’ auf einem Haufen ſehn,
Da ſo viel Farben, die ſie zieren,
Beſonders Aug’ und Herze ruͤhren.
Noch faͤll’t mir ein,
Was ich an dieſer Frucht bemerkt nicht ſonder Freuden.
Wenn wir in einen Kuͤrbs nur zarte Lettern ſchneiden;
So wachſen ſie. Ach haͤtt’ auch mein Gemuͤte
II. Theil. SDes274Des Kuͤrbſes Ahrt, daß von des Schoͤpfers Guͤte
Die holde Schrift, die Zuͤge ſeiner Lehren
Sich moͤgten ſtets in mir vergroͤſſern und vermehren!
Eh wir nun dieß Gedicht beſchlieſſen,
Werd’ ich, mein Leſer, dir noch was,
So ich einmal vom Kuͤrbs erbaulichs las,
Vorher erzaͤlen muͤſſen:
Ein Landmann ſahe mit Vergnuͤgen
Viel groſſe Kuͤrbſ’ auf ſeinem Acker liegen.
Die Groͤſſe dieſer Frucht, an ſolchen kleinen Ranken,
War ihm beſonders lieb. Voll froͤhlicher Gedanken
Sah er von ungefehr auf einem Eichen-Baum
Deſſelben kleine Frucht!
Pfuy! Schande, brach er los:
Des kleinen Strauches Frucht iſt ſo gewaltig groß;
Die deine ſieht man kaum,
Nichts-wehrtes faules Holz! Kaum hatt’ er dieß geſprochen
Mit recht erzuͤrn’tem Mut;
So fiel ein’ Eichel ihm auf ſeinen Hut.
Er ſtutzt’, und blieb ganz unbeweglich ſtehn.
Ach! fing er, wie er ſich beſann,
Aus einem andern Ton, wie folget, an:
Wie waͤre mir geſchehn,
Dafern nach meinem Wollen
Und meinem naͤrriſchen Verſtande
Die Frucht ſich haͤtte richten ſollen?
Jch laͤge ſchon zerſchmettert in dem Sande.
Er dankte GOtt, und nam ſich fuͤr,
Allein auf Jhn zu ſehn in allen ſeinen Sachen.
Mein GOtt! ach laß auch mich es allezeit, wie hier
er Landmann es gemachet, machen!
Betrachtung der Baͤume.
‘Siehe den Wald im vorigen Theile, pag. 185.’ ()Jndem ich juͤngſt im gruͤnen Graſe,
Von einem Linden-Baum beſchattet, ſaß und laſe;
Schlug ich von ungefehr die Augen auf, und ſah
Verſchied’ne Baͤume hie und da,
Teils fern, teils nah,
Teils halb, teils ganz im Licht, teils halb, teils ganz im
Schatten,
Samt ihren durch das Laub gebog’nen Aeſten, ſtehn.
Jch ſah, wie ſie ſo wunderſchoͤn
Die Luft ſo wol als die bebluͤhmten Matten
Geſchmuͤcket und bekroͤnet hatten.
Damit ich nun die gruͤne Zier
Und das dadurch ſo luſtige Revier
Der Landſchaft, wenn ichs uͤberdaͤchte,
Beſchreiben und zugleich die Luſt verlaͤngern moͤgte,
Zog ich, nebſt einem Blat Papier,
Ein wenig Reiß-Bley auch herfuͤr,
Und ſuch’te, GOtt zum Ruhm, in ſchoͤner Baͤume Bildern
Des Schoͤpfers Werk in Reimen abzuſchildern.
Gewiß von allem dem, was uns die Welt
Als ſchoͤn vor Angen ſtell’t,
Jſt nichts, das nicht dem Schmuck begruͤn’ter Zweige weichet,
Jſt nichts, das einem Wald’ an holder Zierde gleichet.
Man ſiehet mit vergnuͤg’ter Bruſt
S 2Die276Die Luft mit gruͤnen Decken prangen,
Und GOtt zur Ehr’ und uns zur Luſt
Voll lebender Tapeten hangen.
Von Blaͤttern ſind dieſelbigen ſo dicht,
(Als die ſich Schuppen gleich zuſammen fuͤgen;)
Daß ſie dem ſtrengen Sonnen-Licht
Den heiſſen Durchgang nicht vergoͤnnen,
Wodurch ſie uns vor deſſen hellem blitzen
Durch ihr ſo liebliches Gewebe ſchuͤtzen,
Und einen kuͤlen Sitz verſchaffen koͤnnen.
Man ſpuͤr’t hiedurch zugleich mit Anmut, und befindet,
Jndem wir die beſtral’ten Blaͤtter ſehn,
Wie ſich der Sonnen Gold in ihnen
Mit dem ſo zarten Gruͤnen
Faſt ſichtbarlich verbindet;
So daß man aus der Maſſen ſchoͤn
Und mit recht inniglich geruͤhretem Gemuͤt
Ein gruͤn - mit Gold gemiſcht-durchleuchtigs Etwas ſieht.
Von dieſen angenemen, hellen,
Durchſtral’ten, gelblich-gruͤnen Stellen
Sticht ein beſchattet Gruͤn, ſo mitten in dem Baum,
Durch eine holde Dunkelheit,
Doch mit nicht mind’rer Lieblichkeit,
Recht angenem ſich ab, und heb’t ſich, daß mans ſehen,
Und deutlich unterſcheiden kann,
Wie Aeſte, Licht und Luft in gruͤnem Schatten ſtehen,
Die um den Stamm daſelbſt in ſtiller Klarheit ruhn.
Von denen nun
Sticht abermal
Des277Des Baumes Vorderteil ſich ab,
Das, weil es nicht ſo dunkel-gruͤn,
Auch es der Sonnen Stral
Unmittelbar, nein bloß des Tages Licht, beſchien;
Noch einen andern Schmuck von gruͤner Farbe gab,
Die gleichfalls unſern Augen
Die ſuͤſſeſte Empfindlichkeit,
Durch ihren ſanften Grad von Farb’ und Licht, erweckte.
Der gruͤnen Farben Unterſcheid,
Der dreyfach uͤberhaupt, drin ins beſond’re noch
Ein’ ungezaͤlte Zal von Aenderungen ſteckte,
Erhub, vertieft’ und zierte ſich ſo ſchoͤn,
Daß ein bedachtſam Aug’ an ſolcher Pracht
Sich kaum vermoͤgte ſatt zu ſehn.
Man ſieht, (ach ſehets mit Bedacht!)
Wie lieblich hier
So wol ein Gruͤn im Licht’, als auch ein Gruͤn im Dunkeln,
Und beid’ in ihrer ſchoͤn’ſten Zier,
Auf ganz verſchied’ne Weiſe, funkeln:
Jndem ſo mancher Ort durch den ſo holden Brand
Des hellen Sonnen-Lichts beſchienen,
Ein and’rer dort in einem dunkel-gruͤnen
Und lieblich-kuͤlen Schatten ſtand.
Die Blaͤtter der beſtral’ten Seiten
Erfuͤll’ten das Geſicht mit hellen Lieblichkeiten,
Da nemlich, wenn durch ſie die Gluht der Sonne faͤll’t,
Jhr zart Geweb’, illuminiret
Ein gelblich feurig gruͤn vor Augen ſtell’t;
Jnzwiſchen die, worauf die Sonne ſtralet,
S 3Ein278Ein gruͤnlich weiſſer Schimmer malet.
So dann ſcheint wuͤrklich manches Blat,
Abſonderlich wann’s feucht und glatt,
Als ob ſich die beſtral’te Glaͤtte
Verſilbert haͤtte.
Man ſieh’t die Flaͤchen bald und bald allein die Spitzen,
Wenn ſie ſich regen, gleichſam blitzen.
Der gelblich gruͤn-ſo wol als weißlich gruͤne Glanz
Wird oft zum Teil, oft ganz
Von kleiner Blaͤtterchen und zarter Stengel Schatten
Verdunkelt und erhoͤh’t, geſchwaͤrzt und doch geziert,
Wenn ſie ſich oft mit ihnen ſchwebend gatten.
Von dieſen ſchattigten und dunkeln Zierlichkeiten,
Die ſich an manchem Ort bald mindern, bald verbreiten,
Wird man nicht weniger geruͤhrt.
Jſt gleich daſelbſt das Gruͤn ſo hell, ſo feurig nicht;
Vergnuͤg’t dennoch ihr unbeſtral’tes Laub,
Ja ſtaͤrkt zugleich uns das Geſicht.
Durch manchen Baum, der ſehr belaubt und dicht,
Erblick’t man weder Luft noch Licht.
Nur bloß allein
Faͤll’t hier und dort ein kleiner heller Schein,
Den hellen Sternen gleich, durch ſeine dichten Blaͤtter,
Der bald wie Gold, wie Silber bald, bald blau,
Nachdem der Grund, der hinter ihm, beſtral’t
Vom Sonnen-Licht, bey heiterm Wetter,
Bald gelb, bald weiß, bald blau gemal’t.
Der Staͤmme zierliche Figur
Jſt recht ein Wunder der Natur.
Der279Der dicht belaubten Zweige Menge,
Derſelben Ruͤnde, ſamt der Laͤnge,
Sind Wunder, wenn wirs uͤberlegen.
Wofern ein Stamm und Zweig nicht rund; wuͤrd’ ihm der
Regen
Ohn’ allen Zweifel ſchaden muͤſſen.
Die Feuchtigkeit wuͤrd’ auf ihm ſtehen bleiben,
Und ſein Gewaͤchs bald aufzureiben,
Ja durch Vermoderung ihn aufzuloͤſen, wiſſen.
Waͤr’ er nun auch nicht lang hingegen;
Wo ſollte ſolch ein milder Segen
Von Fruͤchten, die zur Speiſe nuͤtzen,
Wo ſollten ſo viel Blaͤtter, ſitzen?
Ach nimm denn, lieber Menſch, des Schoͤpfers weiſe Macht
Bey jedem Baum, mit Luſt und Dank, in acht!
Die, durch eine ſchoͤne Landſchaft in der Luft, vermehrte Schoͤnheit einer ir - diſchen Landſchaft.
Ein kuͤler Regen war gefallen,
Die Luft war ganz von Duͤften rein,
Es herrſchet’ uͤberall ein heit’rer Sonnen-Schein,
Man ſahe, was man ſah, als ſaͤh mans durch Kryſtallen,
Es glaͤnzt’ und ſchien, bey aufgeklaͤr’tem Wetter,
Die Luft noch einſt ſo blau, das Feld noch einſt ſo gruͤn,
Es glaͤnzten die getraͤnkten Blaͤtter,
Es funkelt’ iedes feuchte Kraut,
Wenn ſie der Sonnen Licht beſchien,
Und ſich in jedem Tropfen bildet:
Daher das helle Gruͤn zugleich verguͤldet
Mit Farben nicht allein, mit hellem Glanz, bemal’t,
Und recht illuminiret ließ,
Jnzwiſchen daß am Himmel ſich,
Nach ird’ſcher Ahrt, auch eine Landſchaft wies.
Der Himmel ſchien bemuͤht, durch manchen Wolken -
Strich,
Bald hohe Berge, flache Felder,
Bald nied’re Buͤſche, dicke Waͤlder,
Ja bald ein Meer voll kleiner guͤld’ner Wellen,
Bald Tier’ und Voͤgel vorzuſtellen.
Die Farben nun der zierlichen Figuren
Von allen dieſen Creaturen
Sind339Sind Purpur, Silber, Gold, Carmin.
Das Feld, an ſtatt daß unſers gruͤn,
War blauer, als Ultramarin:
Jch ſah zugleich zwey weite Felder an,
Von welchen man des einen Zier
Mit einem glaͤnzenden Sapphir,
Das andere mit Smaragd, gar wol vergleichen kann.
Jch ſahe beyder Glanz von einer Hoͤh’: Jch ſtutzte
Vor Anmut und vor Luſt, daß die Natur
Mit Bildern, Farb’ und Licht ſo Erd’ als Himmel putzte.
War unſ’re Landſchaft Wuͤnder-ſchoͤn;
So war die ob’re faſt noch ſchoͤner anzuſehn.
Verband man aber beyder Zier;
So ſtellten ſie dem froͤhlichen Geſicht
Von Bildung, Farben, Glanz und Licht
Das herrlichſte Spectakel fuͤr.
Es ſchien, ob wollte die Natur,
Damit wir GOtt, den Schoͤpfer, moͤgten preiſen,
Wie ſie ſo wol an Farben als Figur
Ganz unerſchoͤpflich ſey, uns weiſen.
Man ſieht die Bilder dort, jedoch nicht minder ſchoͤn,
Jn andern, als bey uns gewohnten, Farben ſtehn.
Man ſiehet guͤld’ner Berge Spitzen,
Gebaͤud’ aus hellem Silber blitzen:
Man ſiehet Roſen-farb’ne Waͤlder,
Man ſiehet Purpur-rote Felder,
Man ſiehet Buͤſche von Carmin,
Ja Tier’ und Voͤgel von Rubin.
Ach, daß ein ſolches Farben-Spiel
Y 2Uns340Uns doch ins Herz durchs Auge fallen moͤgte!
Ach, daß es uns doch nur ſo viel gefiel,
Daß man, dadurch geruͤhrt, am groſſen Schoͤpfer daͤchte.
Jndem ich nun bewundernd ſtehe,
Und Welt und Himmel glaͤnzen ſehe;
Werd’ ich gewahr, daß ſich das Licht
Auf unſ’rer Welt durch Schatten artig bricht,
Und dieß vermehrte noch die liebliche Geſtalt.
Hier ſtund ein Teil der Wieſen ſanft verdunkelt,
Und dort ein halber Wald,
Jnzwiſchen daß die and’re Haͤlfte funkelt,
Die durch den Gegenſatz
Noch ſo viel heller ſcheint. Hier ſah ich manchen Platz
Jn einem gelben Licht’, und einen dunkeln dort;
Beyd’ aber aͤndern ſich. Ein itzt beftral’ter Ort
Wird ſchattigt, und was itzt noch dunkel war,
Tritt allgemach ins Licht, und ſtellt ſich Wunder-ſchoͤn
Jn einem hellen Schimmer dar.
Ein angenem Gemiſch von Schatten und von Licht
Erweckte dem Geſicht,
Das an Veraͤnderung am meiſten ſich ergetzet,
Ein’ ungemeine Luſt. Jch dachte nach, woher
Die Schatten ihren Urſprung namen,
Und freute mich noch mehr,
Als ich verſpuͤrete, wie ſie
Von oben von den Wolken kamen.
Jn welcher Einigkeit und ſuͤſſen Harmonie
Steht, ſprach ich, itzt der Himmel und die Welt!
Sie wird, da uns allhier der Schatten auch gefaͤllt,
Nicht341Nicht nur mit Licht, mit Schatten auch geſchmuͤckt.
Durch dieſen lieblichen Verband
Des Himmels mit der Welt,
Den ich ſo herrlich vorgeſtellt
Und mir vor Augen liegen fand,
Ward meine Seleſelbſt, mein innerſtes, geruͤhret,
Und durch der Creaturen Pracht
Zu Dem, Der alles ſchoͤne macht,
Jn froher Ehrfurcht ſo zu denken angefuͤhret:
Groſſes All! unendlichs Weſen,
Der Natur Buch giebt mir hier,
Voller Wunder, Glanz und Zier,
Deine Herrlichkeit zu leſen.
Unſ’re Selen wiſſen nicht,
Sich was ſchoͤners vorzubilden;
Aber ach, was muß Dein Licht
Jn den himmliſchen Gefilden
Ohne Schranken, ſonder Grenzen,
Wo es unverhuͤllet, glaͤnzen!
Welch ein Abgrund voller Luſt,
Welche Tiefen voller Wonne
Sind, o aller Sonnen Sonne,
Denen, die Dich ſehn, bewuſt!
Welch ein Meer von heil’ger Gluht
Muß aus Deinem Throne qvillen!
Welche ſel’ge Liebes-Flut
Y 3Muß342Muß der Himmel Himmel fuͤllen!
Ach wie muß ſo uͤberſchwenglich
Dort des Schoͤpfers eig’ner Schein,
Da ſchon das, was nur vergaͤnglich
So gar herrlich iſt, doch ſeyn!
Ach laſſt uns in dieſem Leben
Deine Weiſheit, Lieb’ und Macht
Jn der Creaturen Pracht
Zu bewundern uns beſtreben!
Sind wir bey den ird’ſchen Schaͤtzen
Ueber wenig treu geweſen;
Wird Er uns zu mehr erleſen,
Und dort uͤber vieles ſetzen.
Beſchreibung einer anmutigen Ge - gend um Hamburg.
Rings um Hammoniens erhab’nen Waͤllen
Such’t die, der wehrten Stadt gewogene, Natur
Nicht von der Kunſt und von dem Reichtum nur;
Von ihrer Anmut auch ein Muſter vorzuſtellen
Jn ihrer ſchoͤnen Lag’ und lieblichen Gefilden.
Mein Garten, der nicht weit von ihr,
Giebt oft Gelegenheit, die Fruchtbarkeit, die Zier,
Und ihrer Felder Luſt-Revier
Mit Freuden anzuſehn, wodurch ſie abzubilden
Jch itzt entſchloſſen bin. Gib, daß es wol gelinge,
Du ew’ge Segens-Qvell, Du Schoͤpfer aller Dinge,
Damit der Landſchaft Pracht und Vollenkommenheit
Die Buͤrger Hamburgs oft, nebſt mir, zur Dankbarkeit
Jn froͤhlicher Empfindung bringe!
Man kann allhier mit faſt erſtaunendem Vergnuͤgen
Ein ſchoͤnes Stuͤck der Welt, das unvergleichlich ſchoͤn,
Jn einem bunten Glanz’ um deſto beſſer ſehn,
Als hier die Gaͤrten ſelbſt auf einer Hoͤhe liegen,
Und jeder in ſich ſelbſt, durch unterſchied’ne Stiegen
Geteilt, oft ſuͤnf bis ſechs verſchied’ne Gaͤrten macht,
Die alle von verſchied’ner Pracht.
Die Hoͤhe zeiget nun den faſt erſtaunten Augen
Von allen Seiten
Erſt Gaͤrten mancher Ahrt, voll tauſend Lieblichkeiten,
Zur348Zur Anmut teils, teils zum Gebrauch,
Die, nach verſchiedlichem Geſchmack verſchied’ner Herrſchaft,
auch
Verſchiedlich angeleg’t: wodurch ſie alle taugen,
Jn unterſchied’nem Schmuck den Schmuck noch zu verbeſſern,
Die Anmut dieſes Orts im Wechſel zu vergroͤſſern,
Und, der Natur und Kunſt allmaͤcht’gem HErrn zu Ehren,
Die nimmer ſatte Luſt der Augen ſtets zu mehren.
Hier kann man Bluhmen-Stuͤck’ und dort Gaſons entdecken,
Hier Gallerien, dort Statuͤen,
Hier Grotten, dort Orangerien,
Liguſtrum-hier, dort Taxus-Hecken.
Hier kann man Teiche, dort Alleen,
Da Pyramiden, Bogen-Gaͤnge,
Fonteinen, Steig’ in groſſer Menge
Und gruͤn-belaubte Planken ſehen,
Hier Garten-Haͤuſerchen, Portale dort und Lauben.
Der Reben Meng’, als Muͤtter-ſuͤſſer Trauben,
Der Apricoſen - und der Pfirſchen -
Der Qvitten-Pflaumen-Birnen-Kirſchen -
Und Aepfel-Baͤume zu geſchweigen,
Als die ſich hier in ſolcher Menge zeigen,
Daß ſie kaum zaͤlbar ſind. Der Farben Unterſcheid,
Vermiſchungen und Lieblichkeit,
Samt der Veraͤnderung der Formen ohne Zal,
Die auf einmal
An dieſem Ort’ uns in die Augen fallen,
Abſonderlich, wenn ſie der Sonnen Stral
Mit ſeiner hellen Gluht verguͤldet,
Und349Und ſie dadurch noch einſt ſo ſchoͤn,
So lieblich und ſo herrlich bildet;
Erregen denen, die es ſehn,
Ein ſuͤß Erſtaunen, ein Vergnuͤgen,
Das den unachtſamſten zuweilen achtſam macht:
Zumalen da der Wieſen Pracht,
Die hinten an den Gaͤrten liegen,
Zu deren Schmuck und Glanz den ihrigen noch fuͤgen,
Der unbeſchreiblich auch ſo wol als jener iſt.
Derſelben Breite, Flaͤch’ und Laͤnge,
Derſelben gruͤn’ und eb’ne Laͤnge,
Die das Geſicht mit Muͤh (doch froher Muͤhe) miſſt,
Jſt, da ſie faſt ſo flach und eben, faſt ſo ſchoͤn,
Als wie ein Firmament, das gruͤn iſt, anzuſehn:
Abſonderlich wenn ihr ſo dichter Klee
Jm guͤld’nen Licht der Sonne gluͤhet,
Da dann das Bluhmen-Heer auf Stellen, wo es bluͤhet,
Zumalen in der Naͤh,
Selbſt kleinen Sternen aͤnlich ſiehet.
Auf dieſen bloß mit Klee bedeckten Raſen
Sieht man viel glattes Vieh in ſanfter Stille graſen.
Es ſtellt deſſelben Ruh, zuſamt der Landſchaft Zier,
Ein angenemes Bild des lieben Friedens fuͤr.
Ach laſſet uns dieß holde Friedens-Bild,
Jhr Buͤrger Hamburgs, oft mit Luſt bedenken!
Jhr muͤſſt, hierdurch geruͤhrt, den Geiſt zum Schoͤpfer lenken,
Wenn ihr die Wieſen ſeht mit fettem Vieh’ erfuͤllt,
Das mit geſenktem Haupt hier friſſt, dort wiederkaͤuet
Mit halb geſchloſſ’nem Aug’ und regem Maul; ſo freuet,
Er -350Ergetzt, vergnuͤget euch, und denket dieß dabey:
Daß uns von GOtt allein Geſundheit, Ruh, Vermoͤgen,
Gewerbe, Handelſchaft, Fried’, Ueberfluß und Segen
Gegeben und erhalten ſey.
Die Wieſen machen ſonſt durch ihre Laͤng’ und Breite,
Wiewol mit Luſt, die Augen muͤde,
Auf welchen hinter den Alleen
Jn einer rechten Weite
Wir eine weiſſe Pyramide,
Als einen Aug-Punct, ſehen,
Die, ob ſie gleich von Brettern nur erricht’t,
Doch, wenn das Licht
Auf ihre weiſſe Farbe faͤllt,
Das weite Gruͤn gar lieblich unterbricht;
Und recht, als ob das Feld noch an dem Garten hinge,
Uns angenem vor Augen ſtellt.
Ja, wie die Felder Waſſer-Graben
Zu beyden Seiten haben,
Und deren Linien dadurch mit Haufen
Den Augen nach, die ſie von oben ſehn,
Nach einem Mittel-Punct von allen Seiten lauſen;
So wird dadurch recht unvergleichlich ſchoͤn,
So lange ſie voll Waſſer ſtehn,
Ein Stern, faſt Meilen lang, mit Stralen von Kryſtallen,
Worin gar oft
Des Himmels heller Schein und reine Farben fallen,
Bewunderns-wehrt formir’t.
Wann aber ſich die glatte Flut verliert;
So unterſcheiden ſich dennoch die langen Striche,
Jn -351Jndem des Schilfs und Binſen Dunkel-gruͤn
Jn eben der Figur noch einem Stern ſich gliche.
Zur Rechten ſtrecket ſich die Eb’ne gleichſalls fort,
Wo ſie den Deich und Damm der Stadt
Zum Schutz, zur Zier, zur Grenze hat.
Doch ſiehet man ſie hier und dort,
Um unſer Auge zu erfriſchen,
Mit Bleichen bald, und bald mit holden Buͤſchen,
Mit niedern bald, und bald mit hohen Weiden,
Mit niedern bald und ſchlecht-bald zierlichen Gebaͤuden
Unordentlich, doch ſuͤß und lieblich, unterbrochen.
Ein langes Dach, worunter Pech und Teer,
Damit, bey der Verbrennlichkeit
So ſchnell entzuͤndeter und heftig gluͤh’nder Waren,
Die Stadt, die Kaufmann ſchaft, und jeder fuͤr Gefahren
Geſichert waͤr’,
Jſt an des Deiches Fuß zu ſehn.
Nicht weit davon ſieht man, nicht ohn Vergnuͤgen,
Auch eine Wind - und Schneide-Muͤle ſtehn,
Die durch der langen Fluͤgel Drehn,
Womit ſie gleichſam ſcheint zu fliegen,
Auch nebſt dem Nutzen, Holz zu ſaͤgen,
Ein nicht unangenem Bewegen
Jn der ſonſt ſtillen Landſchaft macht.
Des Deiches Zirkel drehet ſich
Jn einer gruͤnen weiten Ruͤnde,
Auf deſſen hoch-erhab’nem Strich
Jch, wie in ſeinem Schoß, noch manche Schoͤnheit finde.
Man352Man ſieht daſelbſt von weitem mit Vergnuͤgen
Den Thurm, wie auch das Schloß von Harrburg liegen.
Zur rechten ſiehet man die Huͤgel voller Buͤſche,
Bey Moorburg, wo die Heidel-Beer
Jn ſolcher Menge faſt, als wie der Sand am Meer,
Geſammlet wird fuͤr unſ’re Tiſche.
Die Ferne laͤſſet uns die angenemen Hoͤh’u
Jn gruͤner nicht, in blauer, Farbe ſeh’n.
Der Berge purp’richt Blau
Verlier’t ſich allgemach in einem ſichtbar’n Duft.
Jhr Umſtrich, der ſo zart und flau,
Vereinet ſich gemaͤchlich mit der Luft,
Schein’t mit dem Firmament ſich feſte zu verbinden,
Kaum kann man, zwiſchen Erd’ und Himmel, Grenzen finden,
So daß der Ort, wo ſich mein Blick verlier’t,
Den Blick zum Himmel gleichſam fuͤhr’t.
Den Deich nun ſiehet man nicht ſonder Freuden
Mit groſſen teils, teils klein - und zierlichen Gebaͤuden,
Mit hohen Baͤumen teils, teils niedrigen geziert,
Die luſtig anzuſehn: wodurch er eine Ruͤnde,
Die ich beſonders ſchoͤn, beſonders lieblich finde,
Rings um der Wieſen Schmuck formir’t.
Recht hinter dieſem Kreiſ’ erblicket man mit Luſt
Und inn’rer Regung unſ’rer Bruſt,
Der Elbe Segens-reiche Flut,
(Auf welcher mehrenteils ein Heer von Schiffen ſchwimmet,)
Die, wenn ſie von der Sonnen Gluht
Beſtral’t, als flieſſend Silber glimmet,
Ja oͤfters wie ein Spiegel-Glas,
Jn353Jn Ufern voller Klee und Gras,
Als in Smaragd’nen Rahmen, ſcheinet.
Es laͤſſt recht unvergleichlich ſchoͤn
Durch einen groſſen hellen Strich,
Der, wie geſag’t, dem ſchoͤn’ſten Silber glich,
Der Landſchaft ſchoͤnes Gruͤn, ſo ſchoͤn geteilt, zu ſehn:
Doch ſieht man ſelben Strich zuweilen
Recht angenem ſich wieder teilen
Durch mancher Buͤſch’ und Baͤume Hoͤh’n,
Die auf bemeld’tem Deiche ſtehn,
Durch deren Oeffnungen ich bald die blaue Flut,
Bald auch an jenes Ufers Seiten
Viel gruͤne teils, teils blaue Zierlichkeiten,
Beſtralet von der Sonnen Gluht,
Vergnuͤg’t erblicken kann.
Hier ſiehet man nicht ohn Vergnuͤgen
Auch uͤber dieſes Deiches Gipfel
Entfernter Baͤume blaue Wipfel,
Die jenſeits unſ’rer Elbe liegen.
Der Brandes-Hof, den hohe Baͤume ſchmuͤcken,
Laͤſſt auf dem Deiche ſich, als wie im Wald’, erblicken.
Hier ſieht man oͤfters hin und wieder
Bald hoch erhab’ne Maſten ſtehn,
Bald rote, weiſſe bald, vom Wind’ erfuͤllte Segel
Mit ſanftem flieſſen hin und wieder,
Ohn daß wir Schiff’ und Waſſer ſehn,
Recht zwiſchen gruͤnen Baͤumen gehn.
Hier graͤnzet nun der Deich der Bill’ am Elb-Deich an,
Worauf, ſo weit man ſehen kann,
II. Theil. ZAuch354Auch Haͤuſer um Gebuͤſch, Gebuͤſch um Haͤuſer liegen,
Die uns den klaren Fluß der Bille zwar verſtecken,
Jedoch in ihnen ſelbſt viel ſchoͤnes uns entdecken:
Der Daͤcher feurigs rot, der Baͤume vielfach gruͤn,
So ſonder Ordnung zwar, doch eben dadurch ſchoͤn
Stets wechſlend durch einander ſtehn,
Bemuͤhen ſich, allein auf ſich den Blick zu ziehn.
Dreh’ ich die Augen nun noch mehr zur linken Hand;
So ſieht man den erhab’nen Sand
Von Schiffbeck, deſſen Ruͤcken
Viel Eichen einzeln teils, und teils verſammlet ſchmuͤcken,
Ja was noch mehr, man ſiehet Steinbecks Spitze,
Die auch den Schiffenden als wie ein Pharus nuͤtze,
Gar deutlich. Ferner ſieht man noch
Ganz in der Fern’ ein rechtes Joch
Von Huͤgeln, die den Blick faſt bis auf Bergdorf fuͤhren,
Ganz blaͤulich, wie ein Duft, ſich in der Luft verlieren.
Man ſieht darauf hierherwaͤrts hin und wieder
Bald einen ſandigten, bald gruͤnen Strich mit Haufen
Bald gegen ſich, bald auf und nieder
Jn ſtetem Wechſel gleichſam laufen,
Bald blaue Linien von holden krauſen Buͤſchen
Den gelben Linien ſich untermiſchen,
Und bald die Hoͤhen, bald die Flaͤchen
Mit holdem Wechſel unterbrechen,
Jn deren Aenderung und Unterſcheid
Der ſchoͤnen Landſchaft Lieblichkeit
Am meiſten faſt beſtehet.
Wenn man nun weiter noch ſich nach der Linken drehet;
Wird355Wird Hamm und Horn, das ſich mit lauter Gaͤrten ſchmuͤckt,
Mit noch vermehrter Luſt erblickt.
Die Hoͤh’ und halbe Cirkel-Ruͤnde,
Worin ich ſie gelegen finde,
Die laſſen uns recht Wunder-ſchoͤn
Von bunten Tiefen, bunten Hoͤh’n
Ein recht Amphitheater ſehn.
Wenn ich darauf die frohen Blicke
Von dieſem ſchoͤnen Ort noch weiter herwaͤrts ſchicke;
Seh’ ich mit neuen Freuden
Den langen ſchoͤnen Weg im Ausſchlag, der mit Weiden
Recht lieblich ausgeſetzt, recht ſchoͤn geziert,
Und durch der Wieſen Pracht uns zum Billwaͤrder fuͤhrt.
Man ſiehet dieſen Weg in voller Laͤnge,
Weil man ihn von der Seite ſieht,
Wodurch der Baͤume groſſe Menge
Recht einen dunk’len Strich durch die bebluͤhmte Flaͤche
Der gelblich gruͤnen Wieſen zieht.
Noch naͤher her erblicket man,
So weit das Auge reichen kann,
Wie das begraſ’te Feld
Uns einen neuen Schmuck vor Augen ſtellt,
Judem auf ſeinen gruͤnen Decken
Sich ſchoͤne bunte Decken ſtrecken,
Die Jndien uns, weiß, in groſſer Menge ſchickt,
Und welche man bey uns mit ſolchen Farben ſchmuͤckt,
Daß Hollands Farben ſelbſt dabey nicht zu vergleichen.
Kurz, treffliche Cattonen-Bleichen
Vermehren noch der ſchoͤnen Landſchaft Zier,
Z 2Ab -356Abſonderlich, wenn man bald dort, bald hier
Jn lauer Luft, durch haͤufiges begieſſen
Sieht kleine Waſſer-Baͤche flieſſen,
Die, da ſie faſt recht wie Fontainen ſpielen,
Den Blick ſo gar von weitem lieblich kuͤlen.
Zuletzt beſchlieſſt der Blick die angeneme Reiſe,
Die er in einem groſſen Kreiſe,
Von wie viel Meilen groß, gethan:
Sieht aber noch vorher vier ſchoͤne Gaͤrten an,
Die mir zur linken Hand, und auf verſchied’ne Weiſe
Von Kunſt und von Natur geſchmuͤcket liegen,
Worunter der, ſo mir am naͤchſten,
An Kunſt ſo wol als Koſtbarkeit am hoͤchſten
Mit Recht zu ſchaͤtzen iſt.
Um mich nun auch am holden Gegenſtand
Der fernen Schoͤnheit zu vergnuͤgen:
Nam ich darauf ein Perſpectiv zur Hand,
Und ſah Verwund’rungs-voll viel Herrlichkeiten liegen,
Die mein geſchaͤrfter Blick, durchs klare Glas geſtaͤrkt,
Anitzt mit tauſend Luſt, und nie vorher bemerkt.
Das, ſo erſt fern und ganz unſichtbar war,
Ward nicht nur ſichtbar, deutlich, klar;
Es ward recht nah herzu gezogen:
Es ſchien hiedurch, als waͤr mir eine neue Welt
Auf einmal vorgeſtellt.
So mancher Ort, wo Licht mit gruͤner Dunkelheit,
Und dunkel-gruͤn mit Licht verwunderlich gemiſchet,
Ergetzet und erfriſchet
Mein ſehendes Geſicht
Mit357Mit tauſendfachem Licht’.
Jch ſah in ſehr entleg’ner Weite
Vom Elbe-Strom die and’re Seite:
Die Landſchaft war daſelbſt im gruͤnen nicht, im blauen
Nicht minder holden Schmuck zu ſchauen.
Hier unterſchiede ſich ein Baum recht, wie ein Duft,
Von der mit Licht erfuͤllten Luft.
Dort zeigten viele blaue Wipfel,
Daß manche purpricht blaue Gipfel
Der Berge noch entleg’ner ſeyn.
Allein indem ich alſo ſtehe,
Und hoͤchſt vergnuͤg’t durchs Fern-Glas ſehe;
Ging mir ein neues Licht in meiner Selen auf:
Mein, durch des Perſpectives Lauf
Und deſſen enge dunk’le Schranken
Verſchrenk’tes, Auge ſah nur einen kleinen Platz;
Allein er ſah ihn recht: es gingen die Gedanken,
So wie der Blick,
Auf einen Mittel-Punct, und hiedurch fiel mir bey:
Es ſtellt das Perſpectiv die ſchoͤn’ſte Schilderey,
Und zwar all’ Augenblick mir eine neue dar.
So bald ich mich kaum einen Stroh-breit rege,
So bald ich mich ein wenig nur bewege;
Entſtehet uͤberall,
Mit immer neuer Zierlichkeit,
Ein liebliches Gemaͤld, das gleichſam mit Kryſtall,
Wie man die ſchoͤn’ſten deckt, bedecket ſcheinet.
Es teilet ſich, was ſonſt vereinet,
Jndem von einer Landſchaft jetzt
Z 3Viel358Viel hundert, ja viel tauſend, werden,
An deren jeder man ſich mehr ergetzt,
Als wie wir leider thun, wenn unſer Augen-Stral
Die Herrlichkeiten auf einmal
Erblick’t und uͤberſieht. Nachdem ich mich nun matt,
Jedoch nicht ſatt,
An aller Pracht der Welt in dieſem Ort geſehn;
So fing ich allererſt mit meinen Selen-Augen,
Die tiefer einzudringen taugen,
Das ſchoͤne Teil der Welt noch einſt an zu beſchauen,
Und an der unſichtbaren Pracht
Desjenigen, Der alles dieß gemacht,
Mich voller Dank und Andacht zu erbauen.
Das groſſe Stuͤck der Welt, ſo hier mein Aug’ erblick’t,
Jſt bloß durch GOttes Wink gemacht und ſo geſchmuͤckt.
Denn was der Menſch auch ſchein’t dazu gethan zu haben;
Jſt er doch wuͤrklich nur
Ein Werkzeug der Natur,
Und alles, was er hat, o GOtt, ſind Deine Gaben.
Der Schoͤpfer gibt allein in allen Dingen
Das Wollen, Koͤnnen und Vollbringen.
Ach GOtt! rief mein darob faſt halb entzuͤckter Geiſt,
Ach GOtt! Den Firmament, Luft, Meer und Erde, preiſ’t,
Es zeiget uns der Creaturen Zier,
Glanz, Schoͤn - und Vollenkommenheit,
Jm Schatten Deine Herrlichkeit.
Dann muß man nicht allein,
Wann man die Welt beſieht, auf eine Welt nur denken,
Ach nein, man muß zugleich ſich in das Thal
Des359Des tiefen Firmamentes ſenken,
Und da die ungezaͤl’te Zal
Von Sonnen und Planeten finden.
Wer kann die Mannigfaltigkeit
Der Schoͤnheit, welche dort in allen iſt, ergruͤnden?
Wie unbegreiflich groß muß doch der Unterſcheid
Von Farben, Bildungen, von Schoͤnheit, Lieblichkeit,
Von Herrlichkeit, von Glanz und Schein,
Jn hundert tanſend Welten ſeyn?
Ach GOtt! ein holdes heiligs Schrecken
Bemaͤchtiget ſich meiner ganz.
Jch meyne ja, man kann mit Fug alſo entdecken
Jn der Geſchoͤpfe Pracht des ew’gen Schoͤpfers Glanz.
Flos Africanus und Ritter-Sporn.
Der Sommer war ſchon mehrenteils vorbey,
Als ich in Amianders Garten
An einem Morgen trat. Jch ſah, ſtatt tauſend Ahrten
Gefaͤrbter Bluhmen, itzt, daß nun im Bluhmen-Reich
Faſt alles einerley,
Und meiſtens gelb gefaͤrbet ſey:
Jndem das holde Prangen
Der Roſen, Lilien und Nelken ſchon vergangen.
Doch war das Gelb ſo glaͤnzend und ſo niedlich,
So mancherley, ſo unterſchiedlich,
Und in dem gleichfalls ſchoͤn - und unterbroch’nen Gruͤnen
So feurig und ſo wunderſchoͤn,
Daß ich, ſie recht mit Freuden anzuſehn,
Mich nicht entbrechen konnt’. Jm Anfang fiele mir
Von einem groſſen Buſch die mehr als guͤld’ne Zier
Der Bluhme, welche man Plos Africanus nennet,
Jn mein geruͤhr’t Geſicht. Sie ſchein’t, als ob ſie brennet;
So voll iſt ihre Farb’, abſonderlich
Wenns helle Licht der Sonne ſich
Jn ihre Blaͤtter ſenkt; zumal glaͤnzt in der Mitten
Ein kraͤftigs roͤtlichs gelb. Es ſieht ein jedes Blat,
Als deren ſie viel hundert hat,
(Nur bloß, daß es nicht eingeſchnitten,)
Sonſt wie die Nelken-Blaͤtter aus.
Statt daß die eingekerbt, ſind ſie gebogen, kraus,
Und361Und zierlich umgeleg’t: woruͤber ich aufs neue,
Den Reichtum der Natur bewundrend, mich erfreue,
Daß ich in ihrem Bildungs-Werke
Noch eine neue Ahrt bemerke.
Es giebet zweyerley:
Die eine iſt noch heller, als Citronen,
Und laͤſſt, als ob dieſelbige von Cronen -
Die and’re von Ducaten-Golde ſey.
Die Form, ſo man an dieſer Bluhme ſiehet,
Jſt, wenn ſie voͤllig aufgebluͤhet,
Faſt einer Centifolje gleich;
Jedoch iſt die Natur, zu ihres Schoͤpfers Ruhme,
Jn dieſer Bluhme
Noch ferner an Veraͤnd’rung reich.
Man findet einige, die klein,
Und ganz von and’rer Farb’, auch and’rer Bildung ſeyn.
Der allerſchoͤn’ſte Sammt iſt nicht ſo brennend ſchoͤn,
Als wie derſelben aͤuſſ’res Blat,
Das die Natur ſo weich, ſo glatt,
So glaͤnzend hat formiret.
Die dunk’le Farbe, die ſie zieret,
Jſt ein ſchoͤn roͤtlich-braun von ſolcher Lieblichkeit,
Daß ſie, trotz ihrer Meng’, ein jedes Aug’ erfreut.
Was ihren dunkeln Glanz noch mehrt,
Jſt, wenn man ſolche bloß verkehrt,
Daß man ein lieblich gelb auf jener Seite findet.
Verwunderlich ſind noch die mittelſten geruͤndet,
Und ſehn von innen braun, von auſſen gelblich bleich,
An Bildung kleinen Trichtern gleich.
Z 5Die362Die Stengel nun der groſſen und der kleinen,
Die unten eckigt ſind, und oben ſich vereinen,
Sind ziemlich hart und feſt, woran das nette Kraut,
So man bey beyden gleich an Form und Farben ſchaut,
Jn lieblich gruͤner Dunkelheit
Und Regel-rechter Zierlichkeit,
Jndem ein jedes Blat
Sich zweyfach eingeteilet hat,
Den Bluhmen ſelbſt zur ſchoͤnen Fulge dienet,
Und weils zumal in ſolcher Menge, Pracht
Und dunk’len Schoͤnheit gruͤnet;
Sie deſto heller macht.
Jn dieſem Kraut, von welchem viele
Nicht den Geruch vertragen koͤnnen,
Muß in der Bitterkeit ein ſtarkes Feuer brennen,
Weil es ſo ſtreng, wenn man es reibet, reucht;
Daß am Geruch es faſt den bittern Myrrhen gleicht.
Nachher bekam mein Aug’ ein noch faſt ſchoͤner Ziel,
Jndem das Gold der Ritter-Sporen,
Wie man ſie nennt, mir ins Geſichte fiel.
Du muſt von mir, ſprach ich, geliebte Bluhm’, erkoren,
Betrachtet und beſungen ſeyn.
Jch brach denn einen Strauß von ihnen ab,
Der mir zu folgenden Gedanken Anlaß gab:
Du liebliches Geſchoͤpf, wie ungemein
Biſt du geſchmuͤckt, gefaͤrbet und gebildet!
Zu wenig ehret dich, wer dich verguͤldet,
Ja ſelbſt auch guͤlden nennt.
Wenn ſich der ſtolze Pabſt mit dreyen Cronen croͤnet;
Wird363Wird er von dir beſchaͤmet und verhoͤnet,
Jndem dich die Natur, wie man es oft erblickt,
Mit fuͤnf, mit ſechs, ja wol mit ſieben Cronen ſchmuͤckt.
Sind alle Bluhmen ſonſt geteilt und oben breit;
So ſpitzen recht verwunderlich
Die deinen ſich,
Die aus drey Blaͤttern zwar beſtehen,
Wovon wir doch das eine jederzeit
Zuruͤck und abgeſondert ſehen,
Jnzwiſchen, daß in ſteter Einigkeit
Die andern beyde
Zwar oben nicht, nicht unten, bloß nur vorn
Recht kuͤnſtlich ſich verbinden,
Worin, recht als in einer guͤld’nen Scheide,
Wir einen ſcharfen Sporn
Nicht ſonder Luſt, nicht ohn’ Erſtaunen, finden.
Die Spitze, welche wir darin verborgen ſchauen;
Gleicht recht natuͤrlich einer Klauen.
Sie iſt gekruͤmmt, und hinten platt und breit,
Sie iſt geſpitzt, ſie glaͤnzt, iſt ſchwaͤrzlich. Druͤckt man ſie;
So faͤhrt ſie allezeit
Geſchwind heraus, und zieht ſich ohne Muͤh
Faſt in dem Augenblick
Von ſelbſten wiederum zuruͤck.
Der liebliche Geruch, den ſie ſtets von ſich blies,
War angenem und ſuͤß,
Und ſchien den lieblichen Violen faſt zu gleichen;
Doch muſten ſie ihr noch an Anmut weichen.
Jhr gruͤnes Kraut iſt lieblich von Figur,
Man364Man ſieht, wie die Natur
Mit einem neuen Bildungs-Spiele
Auf jedem langen Stiele
Ein rundes Blat
Jn neun ſanft ausgehoͤl’ten Spitzen
Sehr ordentlich geteilt. Wenn es geregnet hat,
Sieht man daraus nicht ohn Vergnuͤgen
Die runden Tropfen lieblich blitzen,
Teils rollen und teils ſtille liegen,
Die, wenn ſie ſich zum Mittel-Puncte ſenken,
Vermutlich ſich und ihre Bluhme traͤnken.
Ach moͤgt’ ich doch das Gold der African’ſchen Bluhm
Mehr, als man es bishero ſchaͤtzet, ſchaͤtzen!
HErr, laß mich doch an ihr zu Deinem Ruhm,
Wenn ich ſie ſehe, mich ergetzen.
Ach laß der Ritter-Sporn Geruch, Form, Farb’ und Schein
Mir einen Sporn zugleich zu froher Andacht ſeyn!
Die Malva.
Des Himmels kalter Scorpion,
Ein Feind von ſchoͤn belaubten Zweigen,
Fing ſeinen ſcharfen Stachel ſchon
So Bluhm-als Baͤumen an zu zeigen.
Er ſtach die gelb-gefaͤrbten Blaͤtter
Von ihrem vorigen beliebten Sitz’ herab,
Und ſenkte ſie ins finſt’re Grab;
Als ich, bey aufgeklaͤr’tem Wetter,
Derſelben bunten Reſt beſah:
Es waren mir durch ihr betruͤbtes Scheiden
Faſt ſelbſt die Thraͤnen nah.
Denn, dacht’ ich, alle Pracht und Schein
Wird bald verwelkt, verſchrumpft, entfaͤrbt, verfaulet ſeyn.
Jndem ich ſo voll Schwermut dachte;
Sah ich von ungefehr
Des kuͤlen Herbſtes Ehr’
Jn Blaͤttern, die noch friſch und gruͤn,
Die ſchoͤne Malva, lieblich bluͤhn.
Mir ward, als ob ich recht aus tiefem Schlaf’ erwachte,
Wie ſie mir auf dem hohen Stiel
Noch Roſen-gleiche Bluhmen zeigte,
Wodurch ſie mir um ſo vielmehr gefiel;
Weil mir ihr praͤchtiges und friſches glaͤnzen
Nicht den vergang’nen nur, nein auch den kuͤnft’gen Lenzen
So noch, als ſchon, zugleich vor Augen ſtellte.
Die Pracht verbindet mich, geliebte Bluhme,
Dem369Dem GOTT, Der dich gemacht, zum Ruhme,
Ein Opfer meiner Luſt zu bringen,
Und deine Schoͤnheit zu beſingen.
Der Sommer pflanzt’ in dir, eh’ er von hinnen ſchiede,
Zum Schmuck des Herbſtes, noch die ſchoͤn’ſte Pyramide,
Und ſchmuͤckte ſie zuletzt mit manchem gruͤnen Strauß,
Mit manchem Bluhmen-Knopf, mit vielen Bluhmen, aus.
Wann der Egypter Ehren-Seulen,
Wovon wir ſo viel Wunder leſen,
Ein Wunder von der Kunſt geweſen;
So biſt du, ſchoͤn’ſte Bluhm’, in allen deinen Teilen
Ein Wunder der Natur. Denn jene waren bloß,
Dieweil ſie ungeheuer groß,
So hoch geſchaͤtzet und beruͤhmet.
Wo aber war an ihnen was zu ſehn,
Das ſo gefaͤrbt, ſo lieblich und ſo ſchoͤn,
Als, da dich die Natur mit eig’ner Hand bebluͤhmet,
An dir, o ſchoͤne Malva, glaͤnzt?
Du biſt rings um gebluͤhmt, du biſt rings um bekraͤnzt,
Jndem von unten an bis oben zu den Spitzen
Stets Bluhm’ und Laub in gleichem Wechſel ſitzen.
Wenn Menſchen-Haͤnde ſie mit Fleiß gewunden,
Und Bluhmen in das Kraut gebunden;
So koͤnnten ſie unmoͤglich beſſer
Und richtiger geordnet ſeyn.
Die unterſten ſind immer groͤſſer,
Die oͤberſten hingegen klein.
Die unterſten, wenn ſie geoͤffnet ſtehen,
Sind faſt wie Roſen anzuſehen
II. Theil. A aAn.370An Farb’ und an Figur. Sechs Blaͤtter etwas blaß,
Wie ein Rubin-Balaß,
Umgeben die viel roͤt’re Bluhme,
Wodurch, wann hohes Rot mit einer tiefern ſpielet,
Das Menſchliche Geſicht was angenemes fuͤlet.
Ein gruͤner Knopf, von ſolcher Zierlichkeit,
Daß Kuͤnſtler, welche Knoͤpfe machen,
Zu dieſer Vollenkommenheit
Sie nicht zu bringen wiſſen,
Und ſich mit allen Handwerks-Sachen
Bey dem gewachſ’nen Knopf verkriechen muͤſſen;
Ein ſolcher Knopf ſchlieſſt erſt die jungen Bluhmen ein.
Dieſelben ſind, ſo lange ſie noch klein,
Als wie ein gruͤner Stern formiret,
Bis daß ich nach und nach an ihnen eine Ruͤnde,
Wie eine gruͤne Kugel, finde,
Die unterwaͤrts mit einem Kranz gezieret,
Und rings umher voll kleiner weiſſen Spitzen,
Wodurch das helle Gruͤn noch heller ſcheinet, ſitzen.
Dieß ſchoͤne Knoͤpfchen nun gebieret
Die holde Bluhme, die gemach
Durch lichtes Sittig-Gruͤn ihr holdes Rot uns zeiget,
Bis daß ſie nach und nach
Aus ihrer ſchoͤnen Huͤlſe ſteiget,
Der Huͤlſe, die denn alſobald
Die Sternen-foͤrmige Geſtalt,
So ſie zuerſt gehabt, aufs neue wieder krieget.
Ein jedes Knoͤpfchen hat
An einem eig’nen Stiel ein eig’nes gruͤnes Blat,
Das371Das jeden, der es ſieht, vergnuͤget,
Jndem an dieſer Ordnung bloß
Die vorgeruͤhmte Ordnung lieget.
Denn Blatt und Bluhme werden groß,
Wodurch ſich eines ſtets ſo nett aufs and’re fuͤget.
Wenn wir der Bluhmen Stoff ergruͤnden;
So werden wir bewundernd finden,
Daß alle Bluhmen, die ſo ſchoͤn,
Aus kleinen Luft - und Saft-gefuͤllten Roͤren
Und zarten Blaͤſchen bloß beſtehn.
Wer muß nicht GOttes Weiſ heit ehren,
Wenn er bedenkt,
Wie alle Bluhmen erſt umſchrenkt
Von einem kleinen Kelch, der, wenn ſie jung und zart,
Sie vor der aͤuſſern Luft verwahrt,
Ja ihnen noch hernachmals weiter nuͤtzet,
Da er nicht nur die Blaͤtter unterſtuͤtzet,
Sie noch dazu in netter Ordnung haͤlt,
Daß nicht ein jedes Blat, gedruͤckt von eig’ner Buͤrde,
Verwirret hin und wieder faͤllt,
Wie ſonſt gewiß geſchehen wuͤrde.
Man ſiehet einige von der Beſchaffenheit,
Als nemlich Lilien und Tulpen, ſich zwar trennen,
Die durch der Blaͤtter Steifigkeit
Sich ſelber ſtuͤtzen koͤnnen.
Drum zeigt uns dieß aufs neue, GOtt zum Preiſe,
Jn der Veraͤnd’rung an,
Daß GOTT auf mehr als eine Weiſe
Die Bluhmen herrlich ſchmuͤcken kann.
A a 2Nun372Nun laſſet uns, wie lieblich und wie ſchoͤn
Die Bluhme ſelbſt, beſehn!
Der roten Blaͤtter nette Falten,
Die in ſo vielerley Geſtalten
Sich lieblich lenken, drehn und biegen,
Vermehren, durch die Form und Farbe, mein Vergnuͤgen.
Denn da durch ſo viel Tief - und Hoͤhen
Das auf den Coͤrpern nur, ſonſt nicht, ſichtbare Licht
Sich ſo verſchiedlich bricht;
Sind tauſend Ahrten rot zu ſehen,
Wodurch mit ungezaͤl’tem Haufen
Viel Silber-weiſſe Adern laufen,
Die in dem aͤuſſern Blat ſo artig ſich verbinden,
Daß wir dadurch an jedes Blates Fuß
Ein gleichſam ſilbernes Gefaͤß mit Cirkeln finden.
Damit ſich die Natur
Zu unſ’rer groͤſſern Luſt noch guͤtiger erwieſe,
Und man um deſto mehr den Schoͤpfer prieſe;
So faͤrbt ſie dieß Gewaͤchs nicht nur
Mit Roſen-roter Farb’ allein:
Sie faͤrbt verſchied’ne weiß, verſchied’ne rot, wie Blut,
Verſchied’ne gelblich rot. Jn einer dunk’len Gluht
Stehn einige, wenn die dem Purpur aͤhnlich ſeyn.
Jhr fel’t zwar der Geruch; doch hat in Arzeneyen
Man ihrer ſich gar ſehr zu freuen.
Jhr fettes Oel verſuͤſſet, lindert,
Beſaͤnftigt, heil’t, vermindert,
Und ſtillt den heiſſen Brand,
Der oͤfters im Gebluͤt, im Halſ’ und an der Zungen
Mit373Mit groſſer Pein nimmt uͤberhand.
Ach GOtt! Du Schoͤpfer aller Dinge,
Gieb doch, daß dieſe ſchoͤne Bluhme,
Zu Deinem Ruhme,
Jn meiner Sele Fruͤchte bringe!
Laß meines Herzens Acker nicht
Noch haͤrter, als ein Stein,
Dem Samen Deiner Werke ſeyn,
Der allenthalben durch’s Geſicht,
Ja nicht durchs Aug’ allein, auch durch’s Gehoͤr
Und and’re Sinne mehr,
Jn uns geſaͤet wird! Laß dieſen ſchoͤnen Samen,
Zum Ruhm von Deinem groſſen Namen,
Bey mir verwahret ſeyn und aufgehoben,
Als wie in einer guten Erden!
Ach laß mich Dich in meiner Luſt
Mit inn’rer Regung meiner Bruſt,
Abſonderlich, wenn ich die Malva ſehe, loben!
Laß ihrer Pyramid’ erhab’ne Zier
Jn meiner Bruſt ſowol als auf der Erden,
O groſſes All, allmaͤcht’ger Schoͤpfer, Dir
Zu einer Ehren-Saͤule werden!