ZV Eurer Kaͤyſerl. Majeſtaͤt wirdig - ſten Fuͤſſen leget gegenwaͤrtiger / der Teutſchen angefuͤhrter Groß Fuͤrſt Herkules / ſampt ſeiner ihm vertraueten Koͤ - nigl. Boͤhmiſchen Fraͤulein Valiſken ſich allerdemuͤtigſt nieder; uñ ſolches aus tiefſtſchul - diger dank barkeit; nach dem von Kaͤyſerl. Ma - jeſt. hoͤchſtmildeſt-gewogener Hand / ſie ehmals einen Gnaden-Reichs-Stab und Krohn (im ſechſten Buche dieſer Geſchichten zu ſehen) em - pfangen haben.
Wolte der Himmel! daß mit Eurer Kaͤyſerl. Majeſt: allergnaͤdigſter einwilligung und ge -fallenfallen die ſe ihre Darſtellung moͤchte geſchehen ſeyn; als dann wuͤrden ſie den Zwegk ihres hoͤch - ſten wunſches ſchon erreichet haben; und wuͤrde ihr getraͤueſter Bruder / der Boͤhmiſche Koͤnig Ladiſla ſich deſſen zugleich innigſt erfreuen.
Zwar es iſt auſſeꝛ allem zweifel geſezt / dz al - les / was vor Eurer Kaͤyſeꝛl. Majeſt. preiß wuͤr - digſten Reichs Stuel zutreten ſich unterneh - mē darf / nit allein rein und lauter / ſondern auch ganz vortreft ich uñ allerdinge volkommen ſeyn muͤſſe; und ſolches nicht allein nach dem Weſen / ſondeꝛn auch nach dem aͤuſſerlichen Schmucke.
Maſſen Kaͤyſerl. Majeſt: ohn jemandes ein - rede / vor die aller hoͤchſte Heilige Wuͤrde in der ganzen Chriſten-Welt geehret wird; welche als Gottes Stathalter / der aller heiligſten Gerech -) (ijtigkeittigkeit vorſtehet; welchem nach / vor derẽ ruhm - wirdigſtẽ Augen ſich niemand wird ſtellen duͤrf - fẽ / der durch iñerliche oder aͤuſſerliche unſauber - keit dieſelbe etwa betꝛuͤben odeꝛ beleidigẽ moͤchte.
Vnd weil nit ſo bald ichtwas durch ſich ſelbſt ſich alhier vor duͤchtig wird melden koͤnnen / ſon - dern nur / was Kaͤyſeꝛl. Majeſt. allergnaͤdigſter Macht Spruch davor erklaͤren wird.
Als ſuchet gegenwaͤrtiger Teutſcher Herku - les uñ ſeine Boͤhmiſche Valiſka in dieſeꝛ irdiſchẽ Welt nichts hoͤhers / dann daß Eure Kaͤy ſ. Maj. mit allergnaͤdigſten Augen ſie anſehen / und die wirdigkeit / ſo ſie bey ihnen ſelbſt nit wiſſen noch finden / ihnen mitzuteilen / allergnaͤdigſt geruhẽ wollẽ welches zuerlangen ſie untertaͤhnigſt hof - fen / in betrachtung / dz dieſe ihre Geſchichte nie - mand zubeleidigen / noch mit Stachel-Reden zuverwun -verwunden / ſondern bloß zur geiſtlichẽ und ehꝛ - liebenden Gemuͤhts-ergetzligkeit angeſehen iſt.
Der groſſe Gott / welcher ſich gegen Abraham den Almaͤchtigen neñet / ließ zeit des Alten Bundes ihm nit nur der wolbeguͤterten ihre feiſte aus gemaͤ - ſtete Ochſen uñ gewaltige groſſe Feld Zehenden / ſon - deꝛn auch die leichten Taͤubelein und einzelne Gaꝛbẽ der aꝛmen Leute wolgefallẽ / wañ ſie von guteꝛ Seele in rechtſchaffener andacht geopfert wurdẽ. Und ebẽ dieſes war die urſach / daß Abels kleiner Heerd / mit dem wenigẽ Fette ſeiner Erſtlinge betropfet / ungleich heller und anmuhtiger vor Gottes Angeſicht bren - nete / als wann der freche Kain tauſend auf geban - ſete Garben angezuͤndet haͤtte / deren Lohe ſich hoͤheꝛ in die Lufft erheben moͤgen / als daß Menſchen Au - gen ſie haͤtten koͤnnen abmaͤſſen.
Im Neuen Gnaden-Bunde hat Gott in ange - nom̃ener Menſcheit uns eben deſſen verſichern wol -) (iijlen /len / da er ſeine lieben Juͤnger vergewiſſerte / daß der armen Wittiben eingelegte zwey Scherflein / vor Gottes Ohren einen viel hellern und angenehmern Klang von ſich gaben / als die ſchweꝛen guͤldenen uñ ſilbernen Opferſtuͤcke / welche von den Reichen ohn Andacht / und aus Hochmut in den Gottes Kaſten geworffen wurden.
Die hohe Obrigkeit hat die Ehre in der Heiligen Schrift / daß ſie Goͤtter genennet werden; anzudeu - ten / daß in vielen ſtuͤcken ſie ſich dem wahren einigẽ Gotte gleich zubezeigen pflegen; inſonderheit in die - ſem / daß der unvermoͤgenden Gehorſamen ergebe - ner Wille ihnen angenehmer iſt / als was von haab - ſeligen durch Zwang heraus gekeltert / oder aus Furcht geliefert wird.
Welches dann unſern Teutſchen Herkules / und ſeine Boͤhmiſche Valiſken muhtiget / und in volle hofnung ſetzet / ihre gutwilligkeit / Eurer Kaͤyſ. Maj. ſichſich vor eigen zuergebẽ / werde den abgang ihres un - vermoͤgens erſtattẽ / ohn welches veꝛtrauen ſie nim - mermehr wuͤrden geherzt geweſen ſeyn / voꝛ dero al - lergroßmaͤchtigſtem Stuel ſich finden zulaſſen.
Dafern nun deren Gegenwart und allerunter - taͤhnigſte Darſtellung allergnaͤdigſt wird koͤnnen geduldet werden / muͤſſen ſie ſich billich vor gluͤkſelig ſchaͤtzen / und die Stunde geſegnen / an welcher ſie dieſer Welt bekant worden ſind. Dann ſie werden unter dieſen maͤchtigen Adlersfluͤgeln / Schuz und gnugſame Sicherheit antreffen / wider alle Freveler und verwaͤgene Geizhaͤlſe / welche ſonſten ſich nicht moͤchten ſcheuhen duͤrffen / dieſe Geſchichte / wider das ſiebende Geboht des Heil. Goͤttlichen Geſetzes unter geſtohlner Kleidung in die Welt aus zuſtreuẽ; mit welchen ſchlimmen Diebs-Naͤgeln in dieſen lez - ten Zeiten ſich ihrer viel kratzen. Ja es werden zu - gleich auch andeꝛe mißguͤnſtige abgeſchꝛecket weꝛdẽ /ihrenihren unbefugten Geifer und Neid-bittere Galle / wider dieſes wolgemeinete Werk aus zuſpeiẽ / wann ihnen zu Ohren kommen ſolte / der unuͤberwindli - che Adler (HErr Gott / gib du ihm Krafft / verjunge und erhalte ihn / daß er ſein vermoͤgen nicht / als am lezten Tage dieſer Welt verliere) habe unter ſeine ſichere Schuz-Fluͤgel angenommen
Eurer Roͤmiſchen Kaͤyſerlichen Majeſtaͤt alleruntertaͤhnigſte / allergehorſambſte Diener und Die - nerin Herkules und Valiſken.
ES hat der Uhr Schreiber dieſes Buchs vor eine Nohtwendigkeit erachtet / dem gewogenen Leſer / bald im erſten Eingange / den Zweg ſeines Vorhabens vorzuſtellen / was geſtalt ſeine Andacht in dieſem ganzen Wercke eigentlich dahin gerichtet ſey / daß des Ge - muͤhts Erfriſchung / ſo man im durchleſen an muhtiger Geſchichte ſuchet / allemahl mit got - fuͤrchtigen Gedanken vermiſchet ſeyn moͤge / und die Erkaͤntnis der himliſchen Warheit auch daſelbſt befodert werde / da man ſichs nicht vermuhten wahr; maſſen dadurch andaͤchtige Seelen oft veranlaſſet werden / jhre Seufzer mitten in ſolcher Leſung gen Himmel zu ſchicken / damit die irdiſche Ge - ſonnenheit am Zeitlichen ſich nicht zu heftig vergaffen / noch den Luͤſten zu viel Raum geben moͤge.
Das ſchandſuͤchtige Amadis Buch hat mañichen Liebhaber / auch unter dem Frauenzim̃er / deren noch keine daduꝛch gebeſſert / aber wol unteꝛſchiedliche zur unziemlichẽ Frecheit angeſpoꝛnet ſind / wañ ſie ſolche Begebniſſen vor Augen gemahlet ſehen / welche wol die unverſchaͤmteſten vor der Sonnen zu verrichten ſcheu tragen. Daß ich alhier nicht allein der handgreiflichen Contradictionen und Widerſprechungen / womit der Tichter ſich ſelbſt zum oftern in die Backen haͤuet; ſamt den unglaͤub-ſcheinlichen Faͤllen und mehr als kindiſchen Zeitverwirrungen / deren das ganze Buch durchgehend vol iſt; ſondern auch der teils naͤrriſchen / teils gotloſen Bezaͤuberungen geſchweige / deren ſo vielfaͤltige Meldung geſchiehet / und doch ſo wenig Geſchmak als Glaubwuͤrdigkeit haben / nicht deſto weniger aber dieſe teufliſche Kunſt nit allein vor gut uñzugelaſſen / ſondern wol gar vor Chriſt - und goͤtlich wil gehalten werden / als deren ſich Chriſt - liche Kaͤyſer / Koͤnige und Ritter ohn Gewiſſens-Anſtoß gebrauchet / und dadurch mannichem Ungluͤk / aus ſonderbahrer Schickung Gottes entriſſen / auch viel Gutes zu volfuͤhren geſtaͤrket ſeyn ſollen. Wil nicht ſagen / wie leicht unbeſonnene luͤſterne Weibesbilder hiedurch / der Zaͤuberey ſich zu ergeben / moͤchten ver - anlaſſet werden. Woraus dann zur gnuͤge erſcheinet / daß der leicht bewaͤglichen Jugend mit obgedach - tem Buche nicht beſſer gedienet waͤhre / als wann es nur den Schaben und Motten durchzublaͤttern / und der ewigen Vergeſſenheit uͤbergeben wuͤrde.
Ob dann einiger Amadis-Schuͤtzer einwerffen wolte / die luſtbringende Erfindungen macheten dieſem Buche ſein Anſehen / und entriſſen es der Verweſung; ſo mag ehrliebenden Herzen dieſes noch lan - ge nicht gnug ſeyn. Dann die Leichtfertigkeiten hecheln gar zu grob / und die unziemliche Betreibungen zwiſchen jungen verliebeten hohen Standes-Leuten brechen ſo unverſchaͤmt loß / daß von keuſchen Herzen es ohn aͤrgernis nicht wol kan geleſen werden; was wolte dann von frech-wilden geſchehen? Zwar ein gefuſſeter ehrliebender Geiſt achtet deſſen wenig; aber wer vermuhtet ſich eines ſolchen bey der luſtſuͤch - tigen Jugend? wird demnach keine Entſchuldigung uͤbrig ſeyn / und wer ohn verdacht leichtſinniges Ge - muͤhts und Lebens bleiben wil / enthaͤlt ſich billich von ſolchen uñ dergleichen Buͤchern / welche die unzuͤch - tige Kitzelungen mit der Hoͤfligkeit gar zu merckern durcheinander flechten / uñ den Stachel der unbillichen Begierden raͤgen und haͤgen; dann menſchliche Boßheit iſt ſchon mehr als zu heftig / und bedarfs nicht / daß man Waſſer ins Meer trage / oder Oel ans Feur ſchuͤtte. Ob auch dem Koͤnigl. und Fuͤrſtl. Frauen - zimmer / durch Tichtung ſo mannicherley unzuͤchtigen Buhlereien nicht gar zu nahe getreten ſey / gebe ich allen Vernuͤnftigen zu betrachten.
(o) Mir2ErinnerungMir zweifelt nicht / der trefliche Barklaius mit ſeiner beruͤmten Argenis, Herꝛ Sidnet mit ſeiner Arkadia; Herꝛ Marets mit ſeiner Ariana / und andere dergleichen zuͤchtige ehrliebende Geſchicht Schrei - ber / haben / der Jugend den Amadis aus den Haͤnden zureiſſen / nicht die geringſte Urſach genom̃en / jhre Schriften hervorzugeben / Und muß ein jeder geſtehen / daß jezt gedachte Buͤcher ohn Anſtoß uñ aͤrgerniß wol koͤnnen geleſen werden; aber die wahre Gottesfurcht iſt in denſelben nicht eingefuͤhret / viel weniger des Chriſtlichen Glaubens einige Meldung geſchehen; daher mein Siñ uñ vielleicht anderer mehr / durch ſolche nicht vergnuͤget iſt; Wiewol obgedachte ſinreiche Koͤpfe zu tadeln / ich nicht gemeinet bin / ſondern ſie vielmehr preiſe / und gerne geſtehe / daß ſie jhres Lobes wert ſind; Nur allein hoffe ich bey dem Leſer die - ſen Ruhm zu erhalten / daß er zeugen wird / er finde in fleiſſiger Leſung dieſes Werks was nicht allein ſein Welt wallendes / ſondern zugleich auch ſein Geiſthimliſches Gemuͤht erquicken / und jhn auff der Bahn der rechtſchaffenen Gotſeligkeit erhalten koͤnne; geſtaltſam der Chriſtliche Herkules jhm gnug ſam zeiget / wie man weder durch irdiſche Gluͤkſeligkeit noch durch Ungluͤksfaͤlle ſich von Gott und vom Chriſtlichen Wandel abziehen laſſen / ſondern allemahl ſeinen Heiland im Herzen haben / Chriſtlich leben / die Welt verachten / Fleiſch - und Blutes Bewegung und die reitzende Luͤſte daͤmpfen / der Untugend abſagen / den wahren Gott vor der Welt bekennen / der Tugend nachſetzen / und aͤuſſerſten Vermoͤgens ſeines Naͤheſten Beſſerung und Rettung jhm angelegen ſeyn laſſen muͤſſe. Dann jezterwehneter Großfuͤrſt Herkules iſt uns als ein Ebenbilde eines nach vermoͤgen volkommenen Chriſten der im weltlichen Stande lebet / vor - geſtellet und der durch getrieb ſeiner vernuͤnftigen Seele zu allen loͤblichen Tugenden / auch nach empfan - genergnaͤdigen Erleuchtung / zur Gottesfurcht ſich ernſtlich hinwendet / wie imgleichen auch ſeine unver - gleichliche tapffere und gottfuͤrchtige Valiſka / zu ehren dem weiblichen Geſchlechte / und zu behaͤupten / daß auch bey jhnen wahre Tugend ſtat und raum finde. Ladiſla / Fabius / und andere / zeigen auch Tu - gend und nach jhrer Bekehrung Chriſtergebene Herzen; jedoch / welche / wegen zu heftiger Fleiſches und Blutes Bewaͤgung / an die hoͤchſte volkommenheit nicht gelangen. Phraortes / Pharnabazus / Arta - xerxes / Mazeus / und andere jhres gleichen / ſtellen ſich zum Beiſpiel deren / die auſſer der Erkaͤntnis des wahren GOttes / dannoch der Tugend folge leiſten / und gleichwol der ewigen Seligkeit wenig nachden - ken / viel weniger der Gelegenheit wahrnehmen / die jhnen durch Gottes Guͤtigkeit zur Bekehrung darge - bohten wird. Hergegen ſtehen Arbianes / Fabius / Leches / Neda und andere / als Ebenbilder deren / die ſich von Gott / etliche leichter / etliche langſamer ziehen laſſen; und zwar unter dieſen iſt Ladiſla der hartnaͤckeſten einer / mit denen es viel zu thun hat / ehe ſie den alten eingewurzelten Wahn des falſchen Gottesdienſtes jhrer Voreltern ablegen koͤnnen.
Gleich wie aber eines Dinges Eigenſchafft und Art am beſten und volkommenſten erkennet wird / wann man ſein wiederwertiges zugleich betrachtet und dagegen ſtellet / alſo hat der Meiſter dieſes Werks an unterſchiedlichen Mannes - und Weibesbildern die ſchnoͤdeſten Untugenden / wiewol unter Zuchtlie - bender Rede-Art / einfuͤhren wollen; Als da der verſtokte Geta / ein Muſter ſolcher Boßheit iſt / die nicht all ein weder durch Draͤuung noch Streichen nicht kan außgetrieben werden / ſondern uͤber das noch ein ſonderliches Lob ſuchet / daß ſie von allem Guten ganz abgefernet iſt. Artabanus der Parther melder ſich an Wuͤtrichsſtat / der ſeinen ſchaͤndlichen Luͤſten nicht / als durch Furcht oder Zwang einreden darff. Orſillos gibt dir die Unbarmherzigkeit zu erkennen / welche ungeſtrafft nicht bleiben kan. Gamaxus uñ Pines / die weder Gott noch Menſchen achten / muͤſſen jhres Hochmuhts billiche Straffe uͤber ſich neh - men / biß ſie durch ſchwere Zuͤchtigung ſich ſelbſt lernen kennen / und daß jhre viehiſche Leibeskrafft durch - aus nicht zuachten ſey / wann Gott ſtraffen wil. Einen ganz unbeſonnenen und verwaͤgenen Boͤſewicht / dem ſein Frevel eine Zeitlang hingehet / wirſt du an dem Boͤhmiſchen Nimſla erkennen / welchen doch Gottes Gericht noch endlich trifft. Wiederumb ſiheſt du ein Vorbilde hoher Leute ſchweres Unfals an Koͤnig Noteſterich / deſſen ſich Gott endlich wieder erbarmet / und jhn zu ehren bringet Bagophanes / Bagoas und Dropion / ſind der Koͤnige und Fuͤrſten allerſchaͤdlichſte Peſtilenz; dieſer / in dem er durch verwaͤgene Kuͤnheit ſich unterwindet / ſeinen Koͤnig ſelbſt aus dem Sattel zuheben / welcher behueff er die vornehmſten Ehren - und Krieges-aͤmter ſeinen Geſchoͤpffen und Verbundenen austeilet / und hingegen andere redliche und getraͤue Diener zu unterdruͤcken ſuchet; jene / in dem ſie als liebkoſende Schmeichlerdurch3an den Leſer. durch jhr Fuchsſchwaͤnzen und alles-gut heiſſen / eines Fuͤrſten Leumut verderben und zunichte machen / wann ſie demſelben das hoͤchſt-ſchaͤdliche quod libet licet, Thue was dir gefaͤlt / einbilden / und jhn be - reden / ſein Wille ſey frey und von allen Geſetzen ungebunden / ſo daß er nach Belieben machen moͤge; worauff nichts anders als Landesverderb / und aller Tugend Untergang folgen kan; welches ob es ohn des Fuͤrſten ſelbſt eigene Gefahr und Schaden geſchehen moͤge / wird Artabanus und Gobares ſchwe - rer Fall Zeugnis geben. Hingegen kan Agiß dir einen getraͤuen Diener ſeines Herꝛn darſtellen / der weder durch Gluͤck noch Gefahr von redlicher Auffrichtigkeit ſich abziehen laͤſſet / ſo hohes Ruhmes wirdig / als wenig ſeines gleichen an Herrn Hoͤfen moͤge gefunden werden. Koͤnig Mnata warnet durch ſeinen Un - fal alle hohe Haͤupter / daß ſie keinem Bedieneten zu groſſe Gewalt einraͤumen ſollen / damit ſie nicht jhre Verderbens Schlang in jhrem eigenen Buſem naͤhren. Vor allen Dingen aber wird der Leſer gebehten / die Darſtellung der geilen Statiren / und jhren gedoppelten Ehebruch ohn boͤſe Gedanken zu leſen / auch daneben Kleons Ungluͤk zu beklagen / welcher der Unkeuſcheit vor ſich ſelbſt nicht zugethan / aus Furcht des Todes als ein Heyde / in ſolches Laſter eingewilliget / welches er gleichwol nach gehends in ſeiner Frey - heit nicht allein vor ſich meidet / ſondern auch die unzuͤchtige Statiren zur Buſſe und Tugend leitet. Vo - logeſes der aͤlter / und Pakorus legen an den Tag / daß man die Tugend auch an ſeinem Feinde loben / aber doch ſich durchaus zu keiner Untraͤu oder Verraͤhterey wenden / jedoch auch an ſeinem eigenen Her - ren die Boßheit und Untugend haſſen / und ſolche / als viel moͤglich / hintertreiben und abwenden muͤſſe. Anderer Anfuͤhrungen / deren dieſes Buch vol iſt / geliebter Kuͤrze halben zu geſchweigen / weil der Leſer in Verfolg dieſer Geſchichte ſie ohn ſchwer wird anmerken koͤnnen; wie dann dieſe Schrifft eigentlich zu dem Ende auffgeſetzt iſt / daß nebeſt der Ergezligkeit man auch nuͤzlich moͤge erbauet werdẽ; wobey man gleichwol zu Zeiten einen und andern kurzweiligen Auffzug hat wollen einmiſchen / weil ſolche Verende - ruͤng vielen annehmlich iſt. Jedoch ſol der Leſer hiemit Chriſtlich vermahnet ſeyn / dieſes Buch nicht dergeſtelt zu leſen / daß er nur die weltlichen Begebniſſen zur ſinlichen Ergezligkeit heraus nehmen / und die eingemiſcheten geiſtlichen Sachen vorbey gehen wolte; ſondern vor allen Dingen die Chriſtlichen Unterrichtungen wol beobachte / ſie ins Herz ſchreibe / und darnach ſein Leben zurichten / jhm laſſe angele - gen ſeyn / inſonderheit den zum Ende geſezten Begrieff des algemeinen Chriſtlichen Glaubens nach allen ſeinen Stuͤcken recht faſſe / als welcher jhm zur Richtſchnuhr ſeines Chriſtentuhms dienen / und die Er - kaͤntnis der Chriſtlichen Lehre wol beybringen kan. Solte aber jemand ſich geluͤſten laſſen / meinen wol - gemeynten Vorſaz zu tadeln / und die in aller Einfalt durchgeſetzete geiſtliche Unterrichtungen zu verwerf - fen / als ob ſie von ſchlechter Wichtigkeit / oder an ungehoͤrige Oerter eingeflochten waͤhren / der ſol wiſ - ſen / daß ich jhn nicht als vom guten Geiſt getrieben / achten kan / weil er unguͤtlich mit mir uͤmgehet / und meine gute Andacht (uͤber welche ich den einigen Herzenkuͤndiger zum Zeugen ruffe) zu verargen ſuchet / die doch einig nur des Naͤheſten Beſſerung / auch daſelbſt jhr laͤſſet angelegen ſeyn / und zwar zur himli - ſchen Seligkeit / wo vor dieſem noch kein ander (als viel mir bewuſt) ſich darumb groß bemuͤhet hat; und ich zu dem Ende mich der lieben Einfalt b[e]fliſſen / auch keine Streitigkeiten der Lehre (als welche zu jenen Zeiten noch ſchlieffen) einmengen wollen / auff daß auch die Ungelehrten es begreiffen / und friedliebende Herzen es zu leſen nicht ſcheu tragen moͤgen; deßwegen wird Gott das Gedeyen geben / wie ich der un - gezweifelten Hoffnung bin / daß noch mannicher Leſer / wann ers ſelber nicht meynet / zur geiſtlichen Beſſerung wird geruͤhret werdē; welches zu erfahren / dem Uhr Schreiber die groͤſſeſte Vergnuͤgung ſeyn wird. Solten auch hohe Leute und Fuͤrſten Standes diß mein Buch zuleſen wirdigen / wird jhnen viel - leicht ein ziemlicher Abriß vorgeſtellet ſeyn / daher ſie jhre gebuͤhrliche Vollkommenheit anzumercken / und jhr Lobwuͤrdiges fortzuſetzen / das Unſtaͤndige aber abzulegen Anlaß nehmen koͤnnen.
Zum ſchließlichen Nachricht ahne ich / daß die Liebe zu meinem Vaterlande dieſen Chriſtlichen Teut - ſchen Herkules in meiner Seele gebildet und außgebruͤtet / wie dann ohn zweifel unſer Teutſchland mannichen tapffern Held und Fuͤrſten auch zu jenen Zeiten gezeuget / deren Lob der Unteutſchen N[e]id / und Mangel der Geſchicht Schreiber unterdruͤcket / und der Vergeſſenheit gewidmet hat. So haben auch die Boͤhmen / Gothen / Schweden / Daͤnen / und andere Nordiſche Voͤlcker nicht lauter wilde Saͤue und Baͤhren / ſondern mannichen trefflichen Fuͤrſten und Ritter unter ſich gehabt / deren loͤblichen Tahten den(o) ijGrie -4Erinnerung an den Leſer. Griechen und Roͤmern nichts bevor geben wuͤrden / wañ ſie auffgezeichnet waͤhren. Wer wolte mirs dañ verargen / daß aus dieſen Landſchafften ich etliche wenige hervor geſuchet / die uns an ſtatt einer Entwerf - fung dienen koͤnnen / Ungeachtet der Spaniſche Hochtrab / die Italiaͤniſche Ruhmraͤhtigkeit und der Fran - zoͤſiſche eingebildete Vorzug (ich rede nicht von allen / viel weniger einigen zu verunglimpfen) die Naſe druͤber rumpfen / und den groben Laͤndern / wie fie meynen / ſolches Lob nit goͤnnen moͤchten / da ſie doch wi - der jhren Willen geſtehen muͤſſen / daß dieſer ſtreitbaren Voͤlcker Einigkeit gnug waͤhre / des Tuͤrken / Tar - tern und Perſen Hochmuht und Gewalt zu daͤmpfen; Und wolte Gott / daß die Teutſche und Schwediſche Macht / von ſo viel Jahren her zu unſerm eigenen Verderben angewand / die Unglaͤubigen getroffen haͤtte; Konſtantinopel / Griechen Land uñ ganz Natolien ſolte / menſchlicher weiſe davon zu reden / wider Chriſt - lich / und der Erbfeind daraus vertilget ſeyn. Was wuͤrde dann werden / wañ ich die angewendete Macht von der erſten Weiſſen-Berges-Schlacht her rechnen wolte?
Aber den begierigen Leſer nicht laͤnger auffzuhalten / noch deſſen Gedult zu mißbrauchen / wird der - ſelbe gebuͤhrlich erſuchet und gebehten / keinen Verdruß an dieſes Werkes Weitlaͤufftigkeit zu tragen / weil es außdruͤklich die Geſtalt einer außfuͤhrlichen Geſchichte hat haben ſollen.
Ich wil mich hieſelbſt nicht mit vielen Worten entſchuldigen / warum̃ ich an ſtatt des unteutſchen Wortes Majeſtaͤt / das Wort Hochheit gebrauchet habe / noch mit denen mich zanken / welche meynẽ / daß dieſes Wort der groſſen Koͤnige Vortrefligkeit zu melden gar zu geringe ſey. Wer ein beſſeres und beque - meres hat / kan es anzeigen / obs etwa in Ubung gebracht werden wolte; Ich nehme dieſes eben ſo hoch als jenes Unteutſche / haͤtte auch lieber die uͤmſchweiffende Benennungen / Eure Koͤnigl. Hochheit; Eure Groß Fuͤrſtl. Durchleuchtigkeit / und dergleichen / gar gemieden / wañ ſie bey uns Teutſchen nicht ſo gar die Oberhand genommen haͤtten; welches mit wenigem anzudeuten / ich vor noͤhtig erachtet habe.
Solte aber ſonſten etwas verſehen ſeyn / welches menſchlicher Schwach heit / ſonderlich denen leicht begegnen kan / die noͤhtigere Sachen zu treiben haben / und ein ſo groſſes Weck nur bey einzelnen Ruhe - Stunden auff ſetzen / zweifele ich nicht an des gutherzigen Leſers guͤnſtiger Verzeihung / welchen ich dem Schuz Gottes zu aller Leibes und Seelen Wolfahrt hiemit empfele / ꝛc.
HErkules ſehr zierlicher Geſtalt / ein Ebenbild der wahren Herzhaftigkeit / Tugend uñ Gottes furcht / im Jahr nach unſers Heylandes Geburt CCIV, am XV Tage des April Monats / von dem Groß - Fuͤrſten der Freyen Teutſchen Herren Henrich / und Frau Gertrud / Koͤnig Ragwalds in Schweden Tochter ehelich gezeuget / gibt in ſeinen kindlichen Jahren durch Erleg - und Fahung etlicher Woͤlffe / ſei - ne Herzhaftigkeit an den Tag. (Wird im dritten Buch erzehlet)
Als er VII Jahr und XIX Wochen alt iſt / wird jhm ſeines Herꝛ Vaters Schweſter Sohn Ladiſla der junge Fuͤrſt aus Boͤhmen (welcher dazumal X Jahr und XIV Wochen alt) zugeſellet / welcher nach - gebends von jhm durch kein Mittel hat koͤnnen lebendig abgetrennet werden / daher man ſie zuſam̃en ge - laſſen / und ſind in fleiſſiger Lernung der Sprachen und allerhand Fuͤrſtlichen Ubungen aufferzogen wor - den. Herkules da er XV Jahr alt / erleget vor der Fauſt einen Teutſchen Ritter Nahmens Ingevon / wel - cher ein armes Bauren Maͤgdlein nohtzuͤchtigen wolte / geraͤht daruͤber (weil alles Balgen verbohtenwahr)5Kurzer Inhalt. wahr) in ſeines Vaters Großfuͤrſt Henrichs Hafft / und wird von Ladiſla mit gewaltſamer Hand der ver - ſamleten Bauren erlediget. (Wird im vierden Buch erzaͤhlet.)
Sie reiſen beyde nach Schweden in den Krieg / als Herkules XVII Jahr / Ladiſla XX Jahr alt iſt / und nach zweyen Jahren ziehen ſie mit einander nach Boͤhmen zu Ladiſla Eltern / woſelbſt Herkules ſich mit Ladiſla Fraͤulein Schweſter / Fraͤulein Valiſka heimlich verliebet und verlobet / da er XIX Jahr / ſie aber XIII Jahr und III Monat alt iſt; ein Fraͤulein / an Helden muht / Schoͤnheit / Tugend und Gottes - furcht unvergleichlich / als ein vollkommenes Muſter und Außbund weibliches Geſchlechtes / jhrem Her - kules ſehr gleich und aͤhnlich. Zu Prag geraͤht dazumal Herkules mit einem Pannoniſchen Geſandten / Nahmens Bato in Zwieſpalt / haͤlt nacket einen Kampff mit jhm / und ſieget ob; wird bald darauff von Pannoniſchen Raͤubern in einem Walde gefangen / aber durch Roͤmiſche Frei Beuter denen wieder ab - genommen und zu Rom vor Leibeigen an Herren Zinna verkaufft / deſſen Tochter Zezilia anfangs / bald auch deſſen Gemahl Fr. Sulpizia ſeiner zu unziemlicher Liebe begehret / welches er durch Liſt ablehnet / in jhrer Gunſt dannoch verbleibet / und hernach das Chriſtenthum annimt. Ladiſla ſuchet ſeinen verlohrnen Freund Herkules (in der Knechtſchafft Oedemeier genennet /) gibt ſich deßwegen in Roͤmiſche Kriegs - Dieuſte unter dem Nahmen Winnibald / jhm deſto beſſer nach zu fragen / weil er ſo viel Nachricht hatte / daß er in der Roͤmer Haͤnde gefallen wahr / und nach Verlauff eines Jahrs und XI Wochen / erfaͤhret er deſſen Zuſtand / als er bald darauff mit einem Pannoniſchen Strunzer einen Kampff haͤlt / und jhm an - gewinnet. Er wil Herkules durch bedrauliche Schreiben von ſeinem Chriſtenthum abſchrecken / weil es aber vergeblich / reiſet er hin zu jhm nach Rom / machet jhn der Leibeigenſchafft loß / und verbindet ſich mit jhm auffs neue in feſter Freundſchafft / ungeachtet jhres Glaubens Ungleichheit. (Dieſes wird teils im fuͤnfften / und teils im ſechſten Buch erzehlet.)
ALs ſie beyde des Vorhabens ſind / bald von Rom zu ziehen / und die Welt zu beſehen / bekoͤmt Ladiſla durch den alten Boͤhmiſchen Außreiter Wenzeſla / von ſeiner Fr. Mutter Koͤnigin Hedewig traurt - ge Schreiben / daß ſein Herꝛ Vater (wie ſie gaͤnzlich meyneten) auff der Jagt umkommen ſey / und wer - den beyde Helden bald darauff in jhrer Herberge von XVI Raͤubern moͤrdlich uͤberfallen / welche ſie alle erlegen / aber daruͤber hart verwundet werden. Nach jhrer Heilung ſchreibet Ladiſla an ſeine Fr. Mut - ter / Herkules an das Fraͤulein / und durchreiſen Italien / gerahten vor Padua in einem Walde an drey von fuͤnff Raͤubern entfuͤhrete vornehme Roͤmiſche Fraͤulein / erlegen die Menſchen Diebe / und erloͤſen die Geraubeten / in deren eine und vornehmſte Frl. Sophia / Herꝛn O. Fabius / Roͤmiſchen Stadthal - ters zu Padua Tochter / fich Ladiſla hefftig verliebet / gerahten mit dieſer Fraͤulein Bruder K. Fabius (der die Raͤuber verfolgete) und ſeinen Leuten / aus Unwiſſenheit in Streit / werden wieder verglichen / und ziehen mit einander nach Padua / woſelbſt Ladiſla ſich dem Fraͤulein offenbahret / und ſeine Liebes - Bande feſt leget. Sein Mitduhler Fulvius koͤmt daſelbſt an / dem der Vater ſeine Tochter (jedoch jhr un - wiſſend) verſprochen hatte / dieſelbe haͤlt es mit Ladiſla / der Vater mit keinem; Fulvius gibt Ladiſlaen Ur - ſach zum Kampff in welchem jener erleget wird. Der Stadthalter ſtuͤrzet darauf Ladiſlaen uñ ſeine Toch - ter auf unterſchiedliche weiſe in eine vermeynete groſſe Lebens gefahr / macht auch durch liſtigen Anſchlag / daß das Frl. Ladiſlaen Reden als eine waͤgerung jhreꝛ Heyrabt annehmen muß / uñ bald darauf verſpricht er ſie jhm / ſo daß ſie noch dieſen Abend muͤſſen das Beylager halten / welches dem jungen Fabius mit Frl. Urſul auff ſeiner Schweſter Getrieb auch gegoͤnnet wird / da unterdeſſen Herkules an der von einem Raͤu - ber empfangenen Wunde betlaͤgerig iſt. Nach deſſen Genaͤſung reiten ſie zur Luſt nach einem Vorwerke / da Herkules mit ſeinem ritterlichen Diener Klodius allein auff die Jagt reitet / und des Stadthalters Bruders Tochter von Rom / Fraͤulein Stbylla Fabia aus des Raͤubers Silvans Haͤnden erloͤſet. Wor - auff ſie des folgenden Tages ohngefaͤhr an eine gefaͤhrliche Raͤuber-Hoͤhle von 194. Raͤubern beſetzet / ge - rahten / und dieſelbe (da ſie uͤberal nur 42 Mann ſtark ſind) beſtreiten / erobern und uͤberaus groſſe Schaͤ tze darinnen antreffen; werden deßwegen von dem damahligen Roͤmiſchen Kaͤyſer Alexander Severus treflich geehret und begabet. Ladiſla Hochzeitfeſt wird beſtimmet / und ſendet Herkules ſeinem vertrauten Fraͤulein Valiſken koͤſtliche Geſchenke nach Prag; woſelbſt des Franken und Sikambern jungen Groß -(o) iijFuͤr -6Kurzer Inhalt. Fuͤrſten Markomirs Geſandten ſich anfinden / und uͤmb Frl. Valiſken werben / welches freundlich ange - nommen wird / und das Fraͤulein einwendet / ſie muͤſſe jhrem ſonderlich gethanen Verheiſſen nach / ſolches jhrem Herꝛn Bruder zuvor anmelden / wo mit der Geſandter abge fertiget wird. Die Boͤhmiſchen Staͤnde ſenden jhre Abgeordenten nach Padua / jhrem Koͤnige Reiſe-Gelder uͤberzubringen / welche daſelbſt kurz vor deſſen Hochzeitfeſt ankommen. Des Tages nach deren Abzug von Prag / gelanget daſelbſt Ladiſla Bohte an / und ladet die Koͤnigin und das Fraͤulein zur Hochzeit / gleich als das Fraͤulein durch heimliche Nachſtellung auff der Jagt in groſſe Lebensgefahr geraͤht / und ſich noch durch Schwimmen loßreiſſet. Herkules Geſchenke an das Fraͤulein kommen des folgenden Tages zu Prag an da ſie bey jhrer Fr. Mut - ter und den Landſtaͤnden ſo lange anſuchet / daß jhr endlich erlaubet wird / nach Padua auff jhres Herꝛn Bruders Hochzeitfeſt zu reiſen / und machet ſie ſich geſchwinde fort. Zu Padua wird bey der Hochzeit ein Freyſtechen gehalten / worbey ein vornehmer Perſiſcher Herꝛ / Nahmens Pharnabazus ſich findet / wel - cher mit Herkules Freundſchafft machet. In Herkules Mahrſtalle richten die Geſpenſter ein greuliches Weſen an / und geraͤht Herkules in ungewoͤhnliche Schwermuͤhtigkeit / welche durch ungluͤkliche Traͤume vermehret wird / und alles daher ruͤhrete / das Frl. Valiſka von etlichen Raͤubern vor Padua gefangen / und davon gefuͤhret wahr.
DIe ungluͤkliche Gefaͤngnis der Fraͤulein / wird durch jhrer Reuter einen / Nahmens Neklam / unſern Helden kund gethan / welche daruͤber in ohmaͤchtige Traurigkeit gerahten / und ſich mit einer Reuter - Geſelſchafft nach dem Flecken machen / da das Ungluͤk ſich zugetragen hatte / erfahren daſelbſt etlicher maſſen / wohin die Raͤuber mit dem Fraͤulein (die in Juͤnglings Geſtalt mit jhren zwo Leib-Jungfern / Li - buſſen und Brelen wẽggefuͤhret worden) ſich gewendet haben. In der Nachfolge treffen ſie einen Theil dieſer Raͤuber an / deren Fuͤhrer Gallus / die eine Jungfer Libuſſen bey ſich hatte; dieſer Gallus erlan - get Guade bey den unſern / verpflichtet ſich zu jhren getraͤuen Dienſten / und gehet mit Herkules in den Wald nach jhrer heimlichen Raͤuberhoͤhle (nach dem Sie ihre Angeſichter mit einer Kunſt farbe verſtel - let hatten) da auff dieſem Wege Gallus den ehemahls verleugneten Chriſtlichen Glauben wieder an - nimt / finden das Fraͤulein nicht in der Hoͤhle / weil fremde Meer-Råuber ohngefaͤhr daſelbſt angelanget wahren / welche gleich dieſen Morgen alle Raͤuber erſchlagen / und den ver meinten Juͤngling / der ſich Her - kuliſkus nennete / mit ſamt ſeiner Jungfer Brelen mit ſich nach jhrem Schiffe genommen hatten. Her - kules entbeut ſolches ſeinem Ladiſla / und gehet mit Gallus zu Schiffe / das Fraͤulein zu ſuchen / welche noch in Juͤnglings Geſtalt nach Kreta / und von dar ab weiter nach Tyrus gefuͤhret wird / von dannen ſie nach Charas ſol gebracht / und dem Parther Koͤnige Artabanus geſchenket werden. Zu Padua ent - ſtehet ein falſches Geſchrey von unſerer Helden Niederlage / woruͤber ſich Ladiſla Gemahl Fr. Sophia ſchier aus Ungeduld erſtochen haͤtte; Herkuliſkus ſteiget in Kreta aus / ſchneidet in einen Nußbaum / wohin ſie gefuͤhret werde / und langet von darab zu Tyrus an. Herkules (der ſich Valikules nennet) ſchiffet nach Korinth / kehret bey einem moͤrderiſchen Wirt ein / der jhm nach dem Leben trachtet / verlaͤſſet die Herberge / und geraͤht an einen frommen Chriſtlichen Wirt / bey welchem er etliche Juͤnglinge antrift / welche nach Elis auff die Olympiſche Spiele wollen. Gallus zeiget dieſem frommen Wirte an / mit was Boßheit ſein voriger Wirt uͤmgehe; welcher darauff eingeſetzt wird / und muß Herkules mit zween Rit - tern deßwegen kaͤmpffen / die er auch erleget. Reiſet darauff mit nach den Olympiſchen Spielen / wird auff dem Wege von vier Rittern beſchimpffet / und bricht jhren Hochmuht. Zu Elis in der Herberge koͤmt er aber mit einem gewaltigen Grichiſchen Herꝛn / Nahmens Parmenio zu platze / und erſchlaͤgt jhn im Kampffe / worauff er ſich wieder auff den Weg nach Korinth begiebt. Ladiſla und der junge Fabius ma - chen ſich zu Padua fertig / Herkules und das verlohrne Fraͤulein zu ſuchen / und ruͤſten darzu zwey Schif - fe aus / da Fabius mit Leches und Markus (Ladiſlaen ritterlichen Dienern) Ladiſla aber mit Klodius (Herkules edlem Diener) zu ſchiffe gehen / ſamt jhrer Mannſchafft / werden von dreyen Pannoniſchen Schiffen angegriffen / und erhalten die Uberwindung / hernach waͤhlen ſie zween unterſchiedliche Wege. Zu Prag geben ſich abermal Fraͤnkiſche Heyrahts Werber an / bey denen der junge Fuͤrſt in Geſtalt eines geheimen Schreibers ſich befindet / haben in der naͤhe ein groſſes Kriegsheer / und gedencken Gewalt zu gebrau -7Kurzer Inhalt. brauchen / welchem vorgebauet wird. Der junge Fuͤrſt entſetzet ſich uͤber der Zeitung / daß das Fraͤulein ſolte geraubet ſeyn / wil es anfangs nicht glauben; reiſet hernach betruͤbt wieder zu ſeinen Eltern / und haͤlt uͤmb Verguͤnſtigung an / das Fraͤulein zu ſuchen / welches jhm abgeſchlagen / uñ ein Ritter / Namens Farabert / nach Padua geſchicket wird / erwas Gewißheit von dem geraubeten Fraͤulein einzuziehen; wel - cher dem Franken Koͤnige Hilderich von Herkules trauriger Bezeigung und Nachfolgung Bericht thut; woruͤber ſein Sohn Markomir der junge Fuͤrſt / Anfangs in groſſe Traurigkeit und Zweiffel muht / bald darauff gar in Wahnwiz geraͤht / daß er muß eingeſchloſſen und verwahret werden. Herkules (jetzo Valikules genant) wird von einem falſchen Ritter auff einen Gefahrweg verleitet / da er wegen deß von jhm erlegeten Parmenions / von deſſen Bruders Charidemus Leuten gefangen genommen / und mit ſei - nem Diener Gallus zum Tode verurteilet wird / aber bey der Außfuͤhrung erſchlaͤgt er die Schergen / und koͤmt ſamt Gallus durch die Flucht zu Fuſſe davon. Er ſchicket ſeinen Gallus nach Korinth / weiters nach Padua / uͤmb Gelder abzuholen / fortzugehen / welcher am Meers-Geſtade den jungen Fabius antrifft / ſich (weil er durch die Kunſt farbe verſtellet wahr) vor einen Kauffman bey jhm angiebt / und Herkules Unfal anzeiget / welcher ſamt Leches / Markus und ſeinen Leuten dahin gehet / den alten Charide mus deßwegen toͤdten laͤſſet / und deſſen junges Gemahl Fr. Euphroſynen / dem Markus freyet; welche Frau unſerm Herkules bey Gallus in geheim gnugſame Gelder uͤbermachet; und er darauff nach Korinth reiſet von Ells ab / woſelbſt er Markus und Frau Euphroſynen antrifft / und dieſelbe anſpricht. Hieſelbſt fin - den ſich acht Griechiſche Ritter / welche Frau Euphroſynen verleumden / und von Herkules gezaͤh - met werden. Klodius koͤmt ſehr verwundet zu Herkules / und zeiget jhm an / was Geſtalt ſein Freund Ladiſla bey Patræ mit einem Griechiſchen Herrn / Nahmens Perdickas gekaͤmpffet / und nach erhaltenem Siege von dem alten Kleander gefangen hinweg geſchleppet waͤhre. Derſelbe nun wolte jhn laſſen enthaͤupten / weil er ſeinen Sohn Ariſton im Kampff erleget hatte / und als ſein Gemahl die junge Agatha jhm heimlich davon helffen wolte / wahr der Alte willens ſie deßwegen lebendig zu verbrennen; aber Herkules mit Markus und ſeinen Kriegsknechten zeuhet hin / und erloͤſet Ladiſla aus des Henkers Hand / giebt ſich nicht zu erkennen / und reitet heimlich davon. Klodius heyrahtet die nachgelaſſene Fr. Agathen. Herkules ſchiffet nach Kreta / wird auff dem Schiffe von etlichen Moͤrdern angeſprenget / und erleget dieſelben. Steiget in Kreta aus / und trifft der Fraͤulein Schrifft an dem Nußbaume an / erfaͤh - ret alſo jhren Weg; findet in der Stadt Gnoſſus zween Betrieger / die ſich vor Herkules und Ladiſla auß - geben / und machet ſie zu ſchanden. Ladiſla und Fabius mit jhrer Geſelſchafft halten ſich etliche Zeit auff zu Korinth bey Markus / da eine kurzweilige Heyraht abgehandelt wird. Ladiſla Leibknabe von Patræ entrunnen / koͤmt zu Padua an / und erwecket daſelbſt groſſe Traurigkeit / welche Klodius Ankunfft da - ſelbſt / auffhebet / und der Stadthalter denſelben zum Oberſten der Beſatzung machet. Ein verwaͤgener Bube Volumnius ſtellet Klodius Eheliebeſten Fr. Agathen nach jhrer Ehre / und verwundet jhn ſelbſt meuchliſcher Weiſe / deß wegen er nach erlangeter Geſundheit denſelben im Kampf erleget.
INzwiſchen wird der vermum̃te Herkuliſkus zu Tyrus eingebracht / verlobet jhre Jungfer Brelen an jhrer Meer Raͤuber einen / Nahmens Alexander von Griechiſchem Adel / und ſendet ſie beyde zuruͤk nach Padua. Er ſelbſt muß mit den Parthern fort nach Damaſkus und ſo weiters. Alexander und Brela treffen Herkules in Kreta an / thun jhm der Fraͤulein Zuſtand zuwiſſen / worauff er nach dem judiſchen Lande ſchiffet / nach Jeruſalem reiſet / und zu Bethabara ſich taͤuffen laͤſſet / geraͤht mit einem frechen Ju - diſchen Ritter Ben-Levi in Streit / erſchlaͤgt jhn / uñ macht mit dem Roͤmiſchẽ Stadthalter zu Jeruſalem / Herꝛn Pompeius gute Freundſchafft / deſſen einige Frl. Tochter / Frl. Lukrezie jhm hohe Gewogenheit zuwendet. Er wird von etlichen Juden verwundet / welche gefangen genommen werden / und hernach ge - buͤhrlich abgeſtraffet / ohn die den Chriſtlichen Glauben annehmen. Ladiſla / der junge Fabius uñ Leches nehmen jhren Weg von Korinth nach Zypern / und foͤrder nach Seleuzien. Alexander und Brela kom̃en zu Padua an / der Stadthalter daſelbſt machet jhn zum Stadt Hauptmann / wird aber nach wenig Ta - gen von ſeinem Spießgeſellen erſtochen / uñ nimt Brela jhren erſten Braͤutigam Ritter Neda aus Boͤh -men8Kurzer Inhalt. men wieder an / der von der Boͤhmiſchen Koͤnigin nach Padua geſendet wahr. Herkules bricht von Je - ruſalem auff / und reiſet nach Tyrus / woſelbſt er ſeiner Fraͤulein ſonderliches Zeichen angemahlet findet / welche mit jhrer Geſell ſchafft uͤber den Eufrat / und Tygerfluß gehet (und allenthalben jezt gemeldetes Zeichen ankreitet) biß in Aſſyrien / da ſie in einem Walde von einer Raͤuber-Schar uͤberfallen / und biß auff Herkuliſkus und ſeinen Dolmetſcher Timokles alle erſchlagen werden. Von dieſen Raͤubern wer - den dieſe beyde nach Meden gefuͤhret biß zu Herren Mazeus / welcher die Raͤuber niedermachen laͤſſet / und Herkuliſkus ſamt Timokles gnaͤdig annimt / woſelbſt dieſer verſtellete Juͤngling Wunder mit ſchieſ - ſen treibet. Dieſer Herꝛ ſendet jhn nach Ekbatana dem Mediſchen Groß Fuͤrſten Phraortes zu / deſſen Sohn Fuͤrſt Arbianes jhm Bruͤderliche Hulde zuwendet / und uͤbet er ſich auch daſelbſt im Schieſſen. Herꝛ Mazeus folget nach Ekbatana / deſſen Gemahlin Schweſter Fraͤulein Barſene ſich hefftig in Her - kuliſkus verliebet. Herꝛ Pharnabazus der Mediſchen Groß-Fuͤrſtin Frauen Saptinen Bruder / koͤmt von ſeiner Italiaͤniſchen Reiſe zu Ekbatana an / ſihet / daß dieſer Herkuliſkus dem Herkules ſo aͤhn - lich iſt / und erhaͤlt / daß dieſer vermummeter Juͤngling (der ſich vor Herkules Vaters Schwe - ſter Sohn außgab) dieſes ſeines Oheims Verhaltung in ſeiner Jugend erzaͤhlet. Ladiſla reiſet mit ſeinen Geſellen und Dienern uͤber den Tygerfluß / gerahten mit VI. Rittern in Kampff / erlegen dieſelben / und bekommen gute Beute. Valikules gehet auch uͤber den Eufrat / hernach uͤber den Tyger - fluß / nach dem er und ſeine Kauffmans. Geſelſchaft ein hartes Treffen mit einer Rauber Schaar in Me - ſopotamien gehalten. Herkuliſkus zaͤhmet zu Ekbatana ein unbendiges aͤdles Pferd / und wird dem groſſen Partiſchen Koͤnige Artabanus von Phraortes / Pharnabazus und Mazeus endlich zugefuͤhret nach der Stadt Charas / da ſie zuvor Herꝛn Mazeus ſeinem Gemahl Fr. Roxanen ſich zuerkennen giebt. Ladiſla gehet mit ſeiner Geſelſchafft fort biß an die Perſiſchen Grenzen / woſelbſt Fabius von etlichen Raͤubern liſtig gefangen / und an einen unbarmherzigen Herꝛn / Nahmens Orſillos / verkaufft wird / welcher jhn ſehr uͤbel haͤlt / und jhn endlich an einen Freyherꝛn / Nahmens Nabarzanes verkaufft / deſſen Gemahl Fr. Statira jhm ungebuͤhrliche Liebe zuwendet. Herkuliſkus koͤmt zu Charas an / und wird dem groſſen Konige vorgeſtellet / welcher ſich durch keine Rede wil bewaͤgen laſſen / jhn ſeiner Mutter wieder zuzuſenden / ſondern befihlet / daß er hingefuͤhret und verſchnitten werde / er aber erſchlaͤgt die / ſo es verrichten wollen / gibt ſein weibliches Geſchlechte zu erkennen / nennet ſich Herkuliſka / und wird von dem Koͤnige vor ſeine Braut und kuͤnfftiges Gemahl angenommen / da er jhr zuvor verſprechen muß / ſie in Jahrs friſt und laͤnger / nicht zu beruͤhren / weil jhrem ertichteten vorgeben nach / ſie biß dahin der Goͤttin Veſta verlobet waͤhre; daher ſie auff ein abſonderliches Schloß daſelbſt mit einem Frauen zim - mer verwahrlich gebracht wird; und jhr Timokles ſich in einer Herberge auffhalten muß. Valikules koͤmt von ſeiner Fraͤulein Spuhr ab / weil er jhr Zeichen nirgend mehr angemahlet ſihet / doch einem naͤchtlichen Geſichte folgend trifft er den rechten Weg wieder an / entgehet der Gefahr durch Liſt / uñ koͤmt bey Mazeus an / von welchem er der Fraͤulein Zuſtand erfaͤhret / zeuht nach Ekbatana / und geraͤht auff dem Wege mit einem verwaͤgenen Skythen in harten Streit / den er niederleget / und wird zu Ekbatana wol empfangen / da er ſich ziemlich lange auffhalten muß. Ladiſla / in dem er den verlohrnen Fabius em - ſig / aber vergebens ſuchet / koͤmt mit etlichen Perſiſchen Herren in Streit / denen er anſieget / wird von jh - ren Verwanten verfolget / und machet ſich durch einen herben Kampff loß / da er von den Feinden den ritterlichen Tyriotes zum getraͤuen Diener bekoͤmt. Fabius / jezt Kleon genant / wird von ſeines Herꝛn Gemahl Fr. Statiren zur unbilligen Liebe genoͤhtiget / und hernach wolgehalten; ſein Herꝛ merket ſol - ches / und wil jhn beurlauben / worin ſie aber nicht willigen wil. Fuͤrſt Gobares von Suſa findet ſich bey dieſer Frauen / als ſeiner alten Buhlen / und ſchenket dem Kleon ſeinen ehemahligen Herꝛn Orſillos vor leibeigen / dem er ſeine Unbarmherzigkeit hart einbringet. Zu Ekbatana wird ein Freyſtechen gehalten / bey welchem ſich Ladiſla einſtellet / und unwiſſend mit ſeinem Herkules ſticht / erkennen ſich mit Freu - den / und nimt Ladiſla den Chriſtlichen Glauben an. Ein Jude wird von dreyen Hunden / wegen ſeiner Laͤſterung wider den Sohn Gottes / zuriſſen / woruͤber etliche Juden wider einen Chriſten ſich verbinden / und geſtrafft werden. Leches wird auch ein Chriſt / und die unſern waͤhren gerne bald auffgebrochen nach Charas / woſelbſt uͤm die Zeit Fraͤulein Herkuliſka aus Verlangen nach jhrem Herkules in eine Krankheitgeraͤht /9Kurzer Inhalt. geraͤht / befeſtiget jhr Getichte wegen Verlobung an die Goͤttin Veſta bey dem Koͤnige / und genaͤſet wieder. Die Boͤhmiſchen Geſanten bringen der alten Koͤnigin nach Praag von Padua ab / Zeitung von dem geraubeten Fraͤulein; Frau Sophia reiſet mit Frl. Sibylla nach Rom / werden von dem Kaͤyſer und ſeiner Mutter Fr. Mammea wol empfangen / ziehen wieder nach Padua und bekommen daſelbſt Schrei - ben von unſern Helden; dieſe aber brechen von Ekbatana auf nach Charas.
Fuͤrſt Gobares von Suſa merket Fr. Statiren buhlerey mit Kleon / und trachtet jhm deßwegen nach dem Leben; aber ſie verbirget jhn bey ſich auf einem Gemache / vorgebend / Er ſey auff der Jagt erſchla - gen. Zu Padua genaͤſet ſein Gemahl eines jungen Soͤhnleins. Ladiſla und Herkules mit jhrer kleinen Ge - ſelſchafft gerahten vor Charas mit des groſſen Koͤniges Sohn und deſſen Leuten / unwiſſend in Streit / und erlegt Herkules denſelben / wenden ſich auff einen andern Weg / und ziehen zur Stadt ein / beſchauen der Fraͤulein Schloß / und ſehen ſie am Fenſter ſtehen. Timokles der Fraͤulein Dolmetſcher / koͤmpt mit jh - nen in kundſchafft / tuht jhr deren Ankunfft durch Zeichen zu wiſſen / und ſchieſſen Herkules und ſie einem andern Brieffe zu in hohlen Pfeilen. Der Morgen laͤndiſchen Fuͤrſten Verbuͤndniß wieder Koͤnig Arta - banus / wird zu Charas ruchtbar. Phraortes Großfuͤrſt von Ekbatana kompt an zu Charas / fuͤhret Her - kules in angeſtrichener Farbe als einen teutſchen ritterlichen Diener mit auff des Koͤniges Schloß / da er dem Koͤnige der Fraͤulein Herkommen und Tahten erzaͤhlet / unter dem Vorgeben / er habe an jhres Herꝛn Vaters Hofe auf gewartet / und von demſelben den ritterlichen Orden empfangen. Koͤnig Artabanus er - laͤubet jhnen beiden das Fraͤulein zu beſuchen / da Herkules mit jhr die Liebe erneuert und ſie zum Chriſten - tuhm bekehret. Der Koͤnig nimt Herkules (bey jhm Valikules genennet) in Dienſte / jhn nach der Fraͤu - lein Fr. Mutter zu verſchicken. Herkules beſuchet das Fraͤulein zum andernmahl und ſtaͤrcket ſie im Glau - ben. Etliche Hoffdiener der Parthiſchen Fuͤrſten reiben ſich an jhm / die er zu Fuſſe fechtend erleget; mit einem andern Nahmens Mithrenes haͤlt er den Kampf zu Pferde unter der Fraͤulein Schloſſe / ſieget / und wird von deſſen Herꝛn / dem juͤngern Vologeſes moͤrdlich uͤberfallen / welchen das Fraͤulein vom Schloſſe erſcheuſt. Herkules beſuchet darauf ſein Fraͤulein zum dritten mahle / und volſtrecket mit jhr die Ehe; Er ſendet Leches nach Padua und Prag / mit vielen Schaͤtzen / uͤmb etliche Voͤlcker zu werben / und nach Perſepolis zubringen; und reiten die unſern mit Phraortes nach Perſepolis zu Großfuͤrſt Artaxerxes / welcher das Haͤupt der Verbuͤndniß war / dem Kriegsraht daſelbſt beyzuwohnen; ſchicken auch alsbald an Artabanus einen freundlichen Brieff / in welchem ſie uͤmb jhrer Fraͤulein Schwe - ſter Erloͤſung anhalten. Sie kommen zu Perſepolis an / und werden von der Fuͤrſtlichen Verbuͤnd - niß wolempfangen / ohn allein Fuͤrſt Gobares wirfft einen Unwillen auff ſie. Artabanus erklaͤret ſich auff die getahne anfoderung / das er das Fraͤulein nicht laſſen koͤnne / ſondern ehelichen wolle / ladet unſer beide Helden ein zum Hochzeit Feſt / und ſendet jhnen ſtatliche Geſchenke. Die unſern ſchicken die Ge - ſchenke wieder zu ruͤcke / und fodern das Fraͤulein ernſtlich und unter Bedraͤuung. Zu Perſepolis wird Kriegsraht gehalten / wo bey Gobares unſere Helden nicht zulaſſẽ wil / die Sache wird endlich beygelegt; Herkules ſchicket ſeinen Dolmetſcher Plautus nach Jeruſalem / und bey jhm groſſe Verehrungen an Frl. Lukrezien. Artabanus beginnet um ſchleunige Heiraht bey dem Fraͤulein anzuhalten / welches ſie jhrem Herkules zuſchreibet. Die andere Anfoderung unſereꝛ Helden wird von dem Koͤnige ungnaͤdig aufgenom - men / und draͤuet dieſelben mit Ruhten ſtreichen zu laſſen. Das Fraͤulein aber erhaͤlt bey jhm durch liſtige Erfindung / XV. Wochen aufſchub zum Beilager; welches ſie Herkules zuſchreibet. Kleon kan wegen Go - bares nachſtellung ſich bey Fr. Statiren nicht laͤnger heimlich aufhalten / erhaͤlt von jhr Urlaub davon zu ziehen / und gehet nach Armuzia. Unſere Helden auf angehoͤrete Draͤuung wegen des Ruhtenſtreichens / fallen mit 16〈…〉〈…〉. Reutern / in des Parthers Land / brennen uñ wuͤrgen / halten mit dem Koͤniglichen Feld - Herꝛn Spitamenes eine Schlacht / erlegen von 24000. Feinden / 21000. Mann / und nehmen 3000. ſampt den Feldherꝛn gefangen; welche aberalle ohn entgelt loßgelaſſen werden. Die unſern kommen mit groſſen Beute zu Perſepolis an. Gotarzes / Koͤniges Artabanus unehlicher Sohn ſtellet dem Fraͤulein auff jh - rem Schloſſe nach jhrer Ehre bey Nachtzeit / und wird daruͤber von jhr erſtochen. Spitamenes meldet ſeinem Koͤnige die erlittene Niderlage an / welcher daruͤber erzuͤrnet / einen andern verwaͤgenen Feldherꝛn Madates mit 40000. Mann wieder die unſern auß ſendet / mit Befehl / unſere Helden durch XX. beſtellete(o) (o) Rit -10Kurtzer Inhalt. Ritter zu greiffẽ / und ſeiner Staͤup Ruhten zuzufuͤhren / welches Vologeſes der aͤlter / wiederaͤht. Die un - ſern gehen dieſem Feinde mit 26000. Mann entgegen aber etwas ſpaͤte / daher jene dem Perſen zimlichen Schaden im Lande tuhn / werden noch geſtutzet / ritterlich angegriffen und aufs Haͤupt erleget / ohn Ma - dates und ſeine XX. Ritter werden lebendig gefangen / und mit Ruhten geſtrichen / weil jhr Vorhaben den unſern verrahten wahr. Herkules in Valikules Geſtalt und Nahmen / machet ſich mit kleiner Geſel - ſchaft nach Charas / das Fraͤulein durch Liſt zuerloͤſen. Leches kompt zu Padua an / haͤlt daſelbſt mit Libuſ - ſen / auch Neda mit Brelen das Beilager / erzehlet der unſern Zuſtand / und erhaͤlt bey Fr. Sophien (die eines jungen Soͤhnleins Herku Ladiſla geneſen wahr) das ſie gleich jhren Gemahl / den Chriſtlichen Glauben annimt. Zu Padua werden 7000. Mann vor unſere Helden geworben; Leches und Neda ſampt jhren jungẽ Frauen reiſen eilig nach Prag / uͤberliefern die Briefe uñ Geſchencke / da gleich der alte Groß - Fuͤrſt / Herkules Herꝛ Vater / ſamt ſeinem Gemahl und Frl Tochter / Frl Klaren daſelbſt anlangen / und der Ehe zwiſchen Herkules und Valißken berichtet werden / woruͤber die Muͤttere beiderſeits ſich hoch er - freuen / und der Vater ſeinem Sohn 6000. auſerleſene Teutſche Voͤlcker ſchencket / worzu der Boͤmiſche Ritter Prinſla 6000. Boͤhmen wirbet / da 300. aͤdle juͤnglinge aus Boͤhmen / jhrem Koͤnige in der frem - de aufzuwarten ſich zu jhm ſchlagen / gehen ingeſamt nach Padua / empfangen daſelbſt jhre Faͤhnlein / tre - ten ſamt den Roͤmiſchen Voͤlckern zu Schiffe / machen auff der See gute Beute / und zihen durch Syrien nach dem Eufrat. Herkules koͤmt zu Charas an / gibt dem Fraͤulein ſein Vorhaben durch Schreiben im hohlen Pfeile zu wiſſen; meldet ſich bey dem Koͤnige ob ſey er von ſeinen ungetraͤuen Mediſchen Beglei - tern beraubet / und mit Noht lebendig entrunnen. Das Fraͤulein teilet Gelder aus unter jhren Frauen - Zimmer / davor ſie folgendes Tages von zwo fremden Kraͤmerinnen ſollen Waaren kaͤuffen; dieſe Kraͤme - rinnen (wahren Perſiſche verkleidete aͤdle Juͤnglinge) fuͤhret Herkules mit ſich auf jhr Schloß / ſie ſelbſt aber in Kramer Kleidern / und mit verſtelletem Angeſicht / mit ſich vom Schloſſe nach ſeiner Herberge / leget jhr Ritterliche Kleider an / und kommen zu Pferde gluͤcklich davon. Gleichwol laͤſſet das Fraͤulein einen Brief auf jhrem Zimmer / in welchem ſie jhrer Hofmeiſterin Syſigambis jhre Flucht entdecket / uñ ſie auch zur Flucht vermahnet / welche ſich warnen laͤſſet / und jhr Leben rettet. Des folgendes Tages erfaͤh - ret der Koͤnig der Fraͤulein Flucht / erſchricket daruͤber heftig / und entſtehet groſſe Unruhe in der gantzen Stadt. Sein Hofmeiſter Bagophanes muß ſie mit einem Heer 18000. ſtarck verfolgen / und gibt jhm der Koͤnig ein freundliches Schreiben mit an ſie. Herkules hat etwas Anfall auf dem Wege / komt aber mit den ſeinen wol durch. Madates koͤmt zu Charas an / mildet ſeine Niderlage / und ſetzen Pakorus und Vo - logeſes den Koͤnig zu rede wegen ſeines unbillichen Vornehmens gegen die fremden Fuͤrſten. Herkules koͤmt in einer Perſiſchen Grenze Stadt wol an / und nimt Voͤlcker dahinein zu ſeinem Schutze. Bagopha - nes findet ſich daſelbſt mit ſeinem Heer / fodert das Fraͤulein von jhm und auf Verwegerung faͤllet er die Stad feindlich an / wird aber geſchlagen / gefangen / und endlich wieder loß gegeben. Herkules bricht mit dem Fraͤulein / und gefangenen Voͤlckern auff nach Perſepolis Ladiſla wartet daſelbſt mit Verlangen auf jhn / und erzehlet Artaxerxes ſeines Herkules Lebens Lauff in der jugend. Fuͤrſt Gobares komt mit ſei - nem Heer zu Perſepolis an; Ladiſla und Arbianes gehen mit etlichen Voͤlckern aus / Herkules entgegẽ / wel - cher jhnẽ mit Frl. Valißken begegnet / da ſie einander freundlich empfangen. Als ſie zu Perſepolis anlan - gen / ſuchet Gobares bey dem Frl. uͤm unbilliche Liebe an / worauf ſie jhm harte Antwort erteilet. Fabius wirbet in Armuzia 1000. Reuter / des Vorſatzes Ladiſla zu ſuchen. Bagophanes koͤmt zu Charas an / und iſt ein Zeuge ſeiner Niderlage. Artabanus ſchicket ſich zu ſeinem groſſen Feldzuge / uñ wird vor gut angeſe - hẽ das Fuͤrſt Vologeſes noch mahls mit einem Heer 36000. ſtarck an die Perſiſchen Grenzen gehen muß / die Art zu kriegen unſern Helden abzumercken; Unſere Helden neben Pharnabazus und Arbianes gehen ihm mit 31000 Reutern entgegen / unter denen 9000. Suſianer auf Gobares anſtiften mit Ve[rr]aͤhterey um - gehen / werden aber gedaͤmpfet / und endlich der Sieg wieder Vologeſes / wiewol mit zimlichen Verluſt er - halten. Leches und Neda / auch Klodius und Markus kommen mit jhren Voͤlckern etliche Meile von Ver - ſepolis an / da Fabius auf ſie ſtoſſet / und von jhnen zum Groß-Feldherꝛn geſetzet wird; bald treffen ſie auf Gobares und ſein Heer / welcher Frl Valißken verraͤhteriſcher Weiſe von Perſepolis gefangen mit ſich fuͤhrete / aus toller Liebe darzu verleitet / ſein Heer wird von Fabius geſchlagen / er ſelber gefangen / uñ dasFraͤu -11Kurzer Inhalt. Fraͤulein ſamt jhrem Zimmer / aller Ehren unverletzet / erloͤſet / welche ſich uͤber Libuſſen / Brelen / Euphro - ſynen und Agathen Ankunfft ſehr erfr euet.
Ende des kurtzen Inhalts des erſten Theils.
HErkules und Ladiſla kommen zu Perſepolis an / erfahren die buͤbiſche Entfuͤhrung / welche gleich die - ſen Morgen in Artaxerxes abweſenheit geſchehen / ſetzen Gobares nach / erfreuen ſich der ſchon geſche - henen Erloſung / empfangen jhre tapferen Voͤlcker / und wird Gobares enthaͤuptet / Frl. Valißken aber deſ - ſen Fuͤrſtenthum geſchenket / welches ſie Pharnabazus wieder zuwendet. Vologeſes meldet ſeine Niderla - ge zu Charas an. Pharnabazus wird mit Frl. Barſenen verſprochen / als Phraortes mit ſeinen Voͤlckern zu Perſepolis ankomt / und wird zu dieſer / wie auch zu Herkules und Valißken Hochzeit Feſte anſtalt ge - macht. Des Tages vor der Hochzeit meldet ſich Artabanus Geſanter Syſimithres zu Perſepolis an / brin - get dem Fraͤulein und unſern Helden falſche freundliche Schreiben und Geſchencke von dem Koͤnige / muß auf der Hochzeit ſich finden laſſen / uñ wird damit weggewieſen. Libuſſa verleurt Frl. Klaren aus Teutſch - land Bruſtbildichen / welches Arbianes findet / und ſich heftig daran verliebet. Orſillos erhaͤlt durch Fr. Valißken Vorbitte / Freilaſſung bey Fabius / reiſet nach Fr. Statiren und erzaͤhlet jhr Fabius Zuſtand; Nabarzanes jhr Ehherꝛ wird auf der Jagt von einem Loͤuen getoͤdtet. An beiden Seiten bereitet man ſich zu der Feld Schlacht / im Perſiſchen Heer findẽ ſich 204000. Reuter; 161000. zu Fuß; jngeſamt 365000. Mann. An Parthiſcher Seiten 296000. zu Roß / 194000. zu Fuß; ingeſamt 490000. Mann. Valißka erfaͤhret Arbianes Verliebung / und ſendet Neklam nach Teutſchland / eine Heiraht zwiſchen jhm und Frl. Klaren / zu befodern. Fabius gehet mit 24000 Reutern vor dem Heer aus / trift auf den Parthiſchen vor - trab / welchen Dorylaus 40000. ſtarck fuͤhret / erleget das ganze Heer auf wenig nahe / ſchneidet allen er - ſchlagenen die Zunge ab / weil ſie den Perſen ein ſolches gedraͤuet hatten / und wird von unſern Helden nach erhaltenem Siege froͤlich empfangen. Die wenige Gefangene werden Artabanus mit allen abge - ſchnittenen Zungen zugeſchicket / woruͤber er ſich ſehr eifert. Die Haupt Schlacht wird gehalten und aller - ſeits zu Pferde heftig gefochten / biß ein groſſes Ungewitter entſtehet / und ſie trennet / nach dem an Par - thiſcher Seiten 145000 erſchlagen und 21800. verwundet worden; an Perſiſcher nur 47154. Tod / uñ 11755. beſchaͤdiget ſind. Des andern Tages ſtaͤrcken ſie beiderſeits jhre Reuterey mit groſſem neuen Zuſaz von den beſten Fuß Voͤlkern / und trift erſtlich die Reuterey / hernach die Elefanten / endlich das Fuß Volk / da nach langem ernſtlichen Gefechte der Sieg den Perſen zu teile wird / die Parther das Feld raͤumen / und den Abzug in jhr Lager nehmen muͤſſẽ / nach dem jhrer Reuterey an dieſem Tage 117000. erſchlagen / 15000. hart verwundet / und 21500. gefangen / von den Fuß Voͤlkern aber 82450. niedergemacht / 1420. hart be - ſchaͤdiget / und 12000. gefangen wahren. Da hingegen an Perſiſcher Seite 43150 Reuter und 58225. Fuß - knechte erleget, 49850. Reuter und 20275 Fußknecht verwundet wahren. Die Unſern ruͤcken alsbald vor das Parthiſche Hauptlager / nehmen alle Elefanten und Wagen / mit Speiſen und Waffen aus jhrem ne - ben Lager / und bringen ſolches in gute ſicherheit. Des Nachts gehet Artabanus mit allen ſeinen Voͤlkern fluͤchtig davon / in groſſer Furcht biß nach Charas / und bekommen die unſern uͤberaus groſſe Beute. Arta - banus kan dennoch der Liebe nicht vergeſſen / ruͤſtet ſich aufs neue / und gibt ſich ein ungeheurer groſſer In - diſcher Kaͤmpfer / Gamaxus ſeines herkom̃ens ein Baur bey jhm an / welchen er unſere Helden zu beſtrei - ten beſtellet / wie auch vier Hirkaniſche aͤdle Juͤnglinge / welche dieſelben mit Gift hinrichten ſollen; dieſe ſtellen ſich bald ein / und werden von Herkules in Dienſte genommen. Gamaxus gehet unter der beglei - tung 40000. Reuter an die Perſiſchen Grentzen / fodert durch einen Heerhold unſere Helden aus zum ab - ſonderlichen Kampfe / und wird als ein Baur abgewieſen / welches jhn ſehr verdreuſt / und es an den Koͤ - nig gelangen laͤſſet / der jhn fuͤr einen Fuͤrſten in Ober Meden erklaͤret. Die Hirkaniſche aͤdel Knaben / als ſie die Vergiftung wollen verrichten / gereuet es deren einen / Nahmens Bazaentes / und zeiget es Fr Va - lißken an; die andern verrichten die Vergiftung an der Fuͤrſten Handſchuhen / werden daruͤber ertappet / eingezogen / mit jhrem eigenen Gift beſchmiret und lebendig verbrennet / doch noch einer jhres Mittels / weil er willig bekennete / im Gefaͤngnuͤß behalten. Gamaxus fodert die unſern abermahl aus / und wird(o) (o) ijder12Kurtzer Inhalt. der Kampf von Herkules angenommen / der Heerhold aber ſchimpflich gehalten. Unſere Helden ſamt Ar - taxerxes und Phraortes brechen mit einem Heer auf nach den Grenzen / Herkules trit den Kampf an / Gott ſtehet jhm wunderlich bey / und verleihet jhm Sieg / das er den ungeheuren Gamaxus lebendig gefangen bekomt / woruͤber noch das Parthiſche Heer geſchlagen / gefangen / und drey Grenze Staͤdte eingenom̃en werden. Gamaxus wird krum und lahm geheilet / auch / weil er ſchmaͤhet / mit Ruhten geſtrichen / biß er ge - bendiget wird. Zu Charas entſtehet deß wegen groſſes Leid / und komt die Fuͤrſtliche Verbuͤndniß zu Per - ſepolis zuſammen auf das Freuden Feſt. Fr. Statira komt auch daſelbſt an / Fabius zu beſuchen / welcher jhr bey Pharnabazus Gnade erwirbet / und ſie an einen vornehmen Herꝛn wieder ehelich verſpricht / da ſie hernach jhr Leben gebeſſert. Ladiſla erzaͤhlet Artaxerxes vollends Herkules Wunder-Begebniſſen; Unſere Helden werden von der Verbuͤndniß uͤberaus hoch beſchencket / uñ brechen die unſern auf nach jhrem Va - terlande zugehen; auf der Reiſe bey dem Tygerfluß treffen ſie 8000. Parthiſche neugeworbene Voͤlcker an / welche ſie gefangen nehmen / und nach Perſepolis ſchicken / bey deren Oberſten Syſimithres Fr. Valißka an Artabanus ſchreibet; bekommen noch 50 Reuter-Werber gefangen / mit XX. Tonnen Goldes baar - ſchafft / und gehen auf Damaſkus. Fr. Valißken Abgeſanten nach Teutſchland kommen zu Magdeburg an / uͤberliefern die Briefe und Kleinot dem Fraͤulein und jhren Eltern / und bekommen zimliche Erklaͤrung. Zu Damaſkus nimt Fabius den Chriſtlichen Glauben an / von dannen die unſern aufbrechen / das heilige Land beſehen / und zu Bethabara ſich tauffen laſſen / zihen in aller ſtille nach Jeruſalem / und werden von Herꝛn Pompeius Stadthalter daſelbſt wol empfangen / woſelbſt Fr-Valißken Abgeſanten aus Teutſch - land anlangen / und vor Arbianes (der daſelbſt bey den unſern wahr / und mit in Teutſchland reiſen wolte) gute Zeitung wegen der Heiraht bringen Fr. Valißka geneſet alhie eines jungen Soͤhnleins / welcher in der Tauffe Herkulißkus genennet wird / und nehmen ſie nach geendigten ſechs Wochen jhre Reiſe uͤber Meer nach Padua vor / da Frl. Lukrezie mit jhnen fortſchiffet. Syſimithres bringet die Zeitung von Fr. Valißken abreife nach Teutſchland / nach Charas / woruͤber Artabanus ſich anfangs betruͤbet / nachgehens vol Eifers wird. Die unſern laͤnden froͤlich in Kreta an / finden die ingeſchnittene Schrifft am Nußbaume / ſchiffen nach Korinth / und weiters nach Padua.
Fuͤrſt Baldrich / Herkules Bruder / und Fuͤrſt Siegward aus Schweden / kommen bey Padua an / und er - loͤſen Fr. Sophien / Fr Urſulen / und Frl. Sybillen aus Raͤubers Haͤnden / welche ſie in einer hoͤhle ge - fangen hielten / da Siegward ſich in das Fraͤulein ſehr verliebet. Herkules / Ladiſla / und Fabius kommen zu Padua einſam an / erfahren dieſes Frauenzimmers entfuͤhrung / reiten hinaus uñ begegnen obgedach - ten beiden Fuͤrſten / von denen ſie zum Kampf außgefodert werden / treffen mit einander und erkennen ſich endlich / da Ladiſla ſein Gemahl froͤlich empfaͤhet / machen ſich ingeſamt nach Padua / und zihen Fr. Valiß - ken entgegen / welche von den Paduaniſchen Frauenzim̃er freundlich empfangẽ wird. Die Stadt-Obꝛig - keit daſelbſt bewirten die unſern auf jhrer neu-erbauten Burg / und verliebet ſich Baldrich in Frl-Lukre - zien. Die gefangenen Raͤuber werden des folgenden Tages bey Padua gekreuziget / wobey die beiden Fuͤr - ſten jhren Fraͤulein jhre Liebe antragen / und zimlich Gehoͤr erlangen / biß endlich durch Fr. Sophien un - terhandlung die beiden Fraͤulein ſich noch beſſer erklaͤren / und freiet dieſelbe Galluſſen jhre aͤdle Leibdiene - rin jungfer Beaten zu. Die beiden Fraͤulein zeigen jhren Buhlen an / das ſie Chriſten ſeyn / und keine an - dere als Chriſten heirahten wollen / welches jhnen anfangs etwas hart eingehet / und ſich doch bald zim - lich erklaͤren. Frr. Valißka und Sophia erlangen der beiden Fraͤulein einwilligung zur Heiraht. Die bei - den Fuͤrſten haben dieſe Nacht uͤberaus ſchwere Anfechtung von den Teufeln in geſtalt der falſchen Goͤ - zen / wodurch ſie furchtſam gemacht / und vom Chriſtentuhm zimlich abgeſchrecket werden / aber Valißka troͤſtet ſie / das ſie ein Herz faſſen / und durch ein anmuhtiger Geſichte in jhrem guten Vorſaz geſtaͤrcket werden / daher ſie Valißka in der Lehre unterrichtet / welche ſie begierig annehmen / und darauf zu den bei - den Frl. auf jhr Schlafgemach gefuͤhret werden / woſelbſt die voͤllige Zuſage vor ſich gehet. Die Fuͤrſtli - che Geſelſchaft faͤhret hinaus das Raub Neſt zu verſtoͤren / da Baldrich und Frl. Lukrezie / als ſie im Wal - de miteinander gehen / von zween Baͤren angefallen werden / welche er zwar erleget / aber zugleich das Frl. zimlich hart verwundet / nach deren heilung Gallus mit ſeiner Beaten (deren Vater er Zeit ſeines Rau -ber -13Kurtzer Inhalt. berſtandes heftig beleidiget hatte) Hochzeit machet / und die beiden Fuͤrſten das Beilager halten / wobey Arbianes ein Freiſtechen anſtellet. Ein Roͤmiſcher Herꝛ / Nahmens Skaurus heirahtet Frl. Helenen Va - lißka erzehlet auf begehren Fr. Sybillen / wie es mit jhrer Verliebung und Verlobung mit Herkules zu - gangen ſey. Farabert der Frankiſche Ritter / welcher bißher zu Padua ſich aufgehaltẽ / gibt ſich an bey Va - lißken / klaget jhr ſeines jungẽ Fuͤrſten Markomirslingluͤck / uñ haͤlt bitlich an / das ſie an jhn einenfꝛeund - lichen Brief wolle abgehen laſſen / welches ſie gerne leiſtet / auch ſchoͤne Kleinot und andere koͤſtliche Sa - chen dem Fuͤrſten und ſeiner Fr. Mutter uͤberſendet / welche Farabert ſelbſt uͤberbringet. Herkules und La - diſla ſchickten dem Kaͤyſer und ſeiner Fr. Mutter nach Rom einen koͤſtlichen Beutpfennig / da ſie beide ſich erklaͤren zu Padua bey der jungen Fuͤrſten jhrem Hochzeitfeſte zuerſcheinẽ / werden auch daſelbſt praͤchtig empfangen / und leget der Kaͤyſer mit unſern Helden groſſe Freundſchaft zu. Fr. Sibylla treibet es bey dieſer Hochzeit / das die Heiraht zwiſchen Herꝛ Pupienus und Frl. Virginia von Rom vor ſich gehet / bey welcher Handelung zimliche Verwirrungen vorlauffen. Prokulus ein Roͤmiſcher Ritter fodert Baldrich aus / voꝛgebend eꝛ habe jhm Frl. Lukrezien abgeſpenſtiget / deſſẽ er auch Siegwarden beſchuldiget / legt dar - uͤber ertichtete Briefe auf / durch welche er von andern aufgetrieben war / und wird im Kampfe verletzet. Fr. Lukrezie erhaͤlt bey dem Kaͤyſer / das jhr Vater Stathalter wird zu Koͤlln am Rein. Valißka in Ama - zoniſcher Geſtalt mit angeſtrichenem Angeſicht ſtellet ein vierfaches Ritter Spiel in des Kaͤyſers gegen - wart an / in welchem ſie und Herkules den hoͤchſten Preiß davon tragen. Ein Pannoniſcher Geſanter / nah - mens Pines mit etlichen Rittern komt zu Padua an / beut einen Kampf aus nach habender Volmacht von ſeinem Koͤnige / das auf dem fall ſeines Verluſts das Pannoniſche Reich den Roͤmern X. Jahr lang die Schatzung entrichten wolle; Herkules nimt ſolches mit jhm an / uͤberwindet jhn / und nimt jhn vor leibei - gen / wie auch deſſen Mit Ritter von Ladiſla und andern uͤberwunden werden. Die Gefangene ſtellen ſich unbendig / und werden mit Ruhten gezaͤhmet. Der Kaͤyſer zur Danckſagung / kroͤnet Herkules und Ladiſla / auch jhre Gemahlinnen als freie Koͤnige der Teutſchen und Boͤhmen / und tuht ihnen ſtatliche Geſchenke. Herkules und Ladiſla Parthiſche Leibeigene halten an uͤm die verſprochene Freiheit / eꝛhalten dieſelbe / weꝛ - den mit ritterlichem Gewehr verſehen / uñ Arbianes untergeben; uñ ſchicken ſich die unſern zur Reiſe nach Prag. Die gefangenen Pannonier werden auf die Ruder Schiffe geſchmiedet Endlich brechen die unſern von Padua auf / halten das erſte Nachtlager in dem ungluͤcklichen Flecken / woſelbſt ein Kuͤhhirt jhnẽ von den ehemaligen Verfolgungen wieder die Chriſten etwas erzaͤhlet. Die Pannonier warten den Unſern an den Grenzen auf / ſie zu berauben und niderzumachen / daher ein hartes Treffen entſtehet / und werden die Pannonier faſt alle erſchlagen. Worauf die unſern ſicher die Boͤhmiſchen Grentzen erlangẽ / den alten Pri - biſla in jhre Geſelſchaft bekom̃en / jhre Voͤlcker uñ Wagen zuruͤck laſſen / uñ in aller ſtille nach Prag fahrẽ / da ſie die alte Koͤnigin durch jhre unvermuhtliche Ankunft hoch erfreuen / uñ dem ganzen Lande groſſe freu - de erwecken / uñ wird gegen Ladiſla angeſetzete Kroͤnung gute anſtalt gemachet. Ritter Farabeꝛt aus Fran - ken komt bey ſeinem Koͤnige an / bringet das Schreiben und die Schenkungen wol uͤber; worauf der junge Fuͤrſt Markomir wieder zur voͤlligen Geſundheit gelanget.
ZU Prag koͤmt unverhoffete Zeitung / das Herkules Eltern und Frl Schweſter von dem Wendiſchen Fuͤrſten Krito und ſeinem Sohn Gotſchalk geraubet und gefangen nach Frießland gefuͤhret ſind / wel - ches die unſern aufmuntert / daß ſie nach moͤgligkeit Voͤlker zuſammen bringen / von Prag eilend durch Teutſchland nach Frieſland gehen / und die Raͤuber mit jhrem Heer erreichen / da Vater uñ Sohn uͤber dem Fraͤulein uneins worden ſind; vergleichen ſich aus Noht / und treten mit den unſern die Schlacht an / aus welcher Gotſchalk mit einer Schaar hinweg reitet / das Fraͤulein mit ſich uͤber die Iſel fuͤhret / und ſie nach Daͤnenmarck bringen wil / uͤm ſie daſelbſt zu heirahten / aber Arbianes / der ſie liebete / ſetzet jhm nach / er - ſchlaͤgt den Raͤuber und rettet ſie / da er kurz zuvor jhre Eltern frey gemacht / und nach jhrem Lager fortge - ſchikt hatte. Krito wird in der Schlacht gefangen. Arbianes kan wegen der verſchlagenen Voͤlker mit dem Fraͤulein nicht nach jhrem Lager ſicher durchkommen / begibt ſich mit jhr auf einen Abweg / uñ gibt ſich ihr zuerkennen. Groß Fuͤrſt Henrich mit ſeinem Gemahl komt zu ſeinem Sohn Baldrich / den er bißher vor tod geſchaͤtzet hatte / erfreuet ſich uͤber jhn / wird aber betruͤbt als er vernimt das er auch ein Chriſt worden(o) (o) iijſey /14Kurtzer Inhaltſey / doch gibt er ſich bald zu frieden / und erklaͤret ſich / ſeinen Soͤhnen das Chriſtentuhm frey zu goͤnnen; worauf Herkules (der ſich bißher verborgen gehalten) ſich ſeinen Eltern zuerkennen gibt / uñ mit Freuden angenommen wird. Krito machet ſich in ſeiner haft unnuͤtze. Arbianes / um Gefahr zu meiden / fuͤhret das Fraͤulein nach einem abgelegenen Dorffe / da er ſich wegẽ moͤrdlicher Nachſtellung in eines Bauren haͤus - lein nebeſt dem Fraͤulein verſtecket / welcher Wittho hieſſe / daſelbſt ſind ſie auf dem Haͤu ſicher / erquicken ſich mit Speiſe und Tranck / und haͤlt er bey dem Fraͤulein ſo inſtaͤndig an / das ſie jhm endlich die Ehe ver - ſpricht. Etliche Reuter fragen vor dem Haͤußlein nach jhnen / laſſen ſich aber aus furcht / es moͤchten Fein - de ſeyn / verleugnen / da ſie doch zu jhrem beſten ausgeſchickt wahren. Herkules erzehlet ſeinen Eltern / wie er zum Chriſtentuhm kommen ſey / und bewaͤget ſie / daſſelbe anzunehmen. Die beyden verliebeten muͤſſen wegen der verſchlagenen Voͤlcker des andeꝛn Tages biß gegen den Abend auf dem Haͤu zubringen / da ſie jhre beredung halten. Des folgenden Morgens nach der Schlacht gibt Herkules ſich jhrem Heer zuerken - nen / und wird mit Freuden angenommen Der Wendiſche Verraͤhter Niklot wird lebendig geſpieſſet / und hernach Krito wie heftig er ſich gleich ſtraͤubet / mit dem Schwerte gerichtet / und gehen die unſern fort / Frieſland einzunehmen. Arbianes bringet dem Frl. auf dem Haͤu den Chriſtlichen Glauben bey. Hernach verſtellet er jhr Angeſicht mit deꝛ Kunſt Faꝛbe / legen baͤuꝛiſche Kleider an / ſagen dem alten Bauren Wittho groſſe Vergeltung zu / und mit deſſen Bruder Sohn den jungen Wolfgang gehen ſie nach dem naͤheſten Staͤdtlein / werden auf dem Wege von verlauffenen Wenden angriffen / und erlegen dieſelben. Das Frl. wird von etlichen trunkenen Bauren zum Tantz genoͤhtiget / und gelangen endlich im Stadtlein an / da ſie bey Wolfganges Haußherren die Herberge nehmen / und jhnen neue ſchlechte Kleider machen laſſen / des Willens nach jhrem Lager zuzihen / ſie gerahten aber in Feuers noht / lauffen zum Staͤdtlein hinaus mit Wolfgangen / und werden von vier Buͤrgern verfolget / als waͤhren ſie Mordbrenner / welche Arbianes erleget / das Fraͤulein aber inzwiſchen aus Angſt mit Wolfgang davon laͤuft / und alſo von jhren lieben Fuͤrſten abgeſchieden wird. Unſere Helden nehmen ganz Frieſland ein / biß auf eine Feſtung / welche Fuͤrſt Olaf aus Daͤnenmarck inne hatte / der dañ / weil der letzt verſtorbene Frieſen Koͤnig jhn zum Erben erklaͤ - ret / anſprach an das Koͤnigreich zu haben vermeinete / aber Herkules uͤberwindet jhn im Kampfe / machet mit jhm Vertrauliche Freundſchaft / und ſchencket jhm Wendland / wohin alsbald ein Heer geſchicket wird / es einzunehmen / welches Fuͤrſt Siegward fuͤhretꝛ. Baldrich wird zum Koͤnige in Frieſland willig ange - nommen und gekroͤnet. Der alte Baur Wittho komt zu unſer Fuͤrſtlichen Geſelſchaft / und bringet Zeitung von Arbianes und den Fraͤulein / ſie ſenden etliche aus / nach dem Staͤdtlein / von jhnen beſſere Kundſchaft einzuzihen / uñ erfahren ſo viel das ſie im Feur nicht aufgangen / ſondern davon kommen ſeyn. Die Fuͤrſt - liche Geſelſchaft bricht aus Frieſland auf nach Teutſchland; Ein Teutſcher Pfaffe vom Teufel angetrie - ben / wiegelt Teutſchland auf wieder jhre Fuͤrſten wegen des Chriſtlichen Glaubens / das ſie in groſſer Menge jhnen entgegen zihen / umb ſie zuzwingen / den Chriſtlichen Glauben zu verleugnen / und wird das Teutſche und Boͤhmiſche Heer ſo bey den Fuͤrſten wahr / zugleich mit aufruͤhriſch gemacht / welche aber befriediget und zum Gehorſam gebracht werden / und ob zwar zimlich Blut vergoſſen wird / legen endlich unſere Fuͤrſten die Streitigkeit bey / nach dem allen Inwohnern jhres Aberglaubens Freiheit beſtaͤtiget wird. Worauf beides Großfuͤrſt Henrich / und ſein Sohn Herkules / vor der freien Teutſchen Koͤnige von dem Volck aus geruffen und beſtaͤtiget werden / reiſen nach Magdeburg und laſſen ſich da ſelbſt kroͤnen / ſind aber ſehr betruͤbt / daß ſie daſelbſt nichts von dem verlohrnen Fraͤulein erfahren moͤgẽ. Das Fraͤulein mit Wolfgang laͤuft durch ein Waſſer aus Angſt davon / und ermuͤdet gar / haͤlt Arbianes vor erſchlagen / uñ wil ſich nicht troͤſten laſſen / gerahten unter dreyer Diebe Haͤnde / und werden beraubet / wandeln ganz er - muͤdet fort / und kommen endlich auf eine Heerſtraſſe / da Wolfgang einen Fuhrman wegen ſeines an dem Fraͤulein veruͤbeten frevels erſchlaͤget und bey deſſen Weibe einkehret / wil auf einer Karre das Fraͤulein nach der Elbe bringen / werden abermahl beraubt / gehen nach einem Flecken / woſelbſt ſie ſich etliche Tage bey einer Witwen aufhaͤlt / / uñ jhr Kinderzeug naͤhet, Arbianes ſuchet jhr nach / findet zwar durch Gottes Schickung den rechten Weg / kan ſie aber nicht antreffen / und geraͤht in manniche Noht / welches er im ach - ten Buche erzehlet. Das Fraͤulein wird von einer aͤdlen Frauen hintergangen und uͤber Rein gefuͤhret vor eine Magd / da ſie ſich vor Wolfgangs Ehefrau angibt / muß etliche Wochen bey jhr dienen / und wirdgar15Kurtzer Inhalt. gar hart und elend gehalten / welches alles ſie in Chriſtlicher Gedult uͤberwindet. Fuͤrſt Siegward nimt Wendland ein / und beſtaͤtigt die alte Fuͤrſtin / welche Olaf zum Erben annimt; Siegward komt zu Mag - deburg an / und reiſet mit der Geſelſchaft nach Prag / wie auch Fuͤrſt Olaf. Farabert komt zu Prag an / mit groſſen Geſchencken von dem Francken Koͤnige Hilderich / an Koͤnigin Valiſken / und meldet des jungen Fuͤrſten Markomirs volkommene Geſundheit. Wolfgang leget mit einem / Nahmens Reichard an / das Fraͤulein durch Gewalt zu erloͤſen / und nach der Elbe zu bringen / welche von jhrem Haußherren zur Unzucht angeſuchet / und von jhrer Frauen uͤbel geſchlagen ward. Der Anſchlag geraͤht wol / aber auf der Reiſe nach Magdeburg / wil Reichard ſelbſt das Fraͤulein ſchaͤnden / wird druͤber gefangen genommen / uñ komt ſie Geſund zu Magdeburg an. Auf der Reiſe von Magdeburg nach Prag / trift ſie jhren Arbianes in Betlers Kleidern an / erfreuen ſich hertzlich in rechtſchaffener Danckſagung zu Gott; gehen als Kraͤmer zur Fuͤrſtlichen Geſelſchaft und verkaufen jhnen etliche Waaren; Hernach kleiden ſie ſich fuͤrſtlich / legen die angeſtrichene Farbe ab / treten unvermercket zum Fuͤrſtlichen Saal hinein / und erwecken groſſe Freu - de / da ſie miteinander verſprochen werden. Wolfgang und die IIX. Reuter / welche das Fraͤulein hatten loßgemacht / werden hoch begnadet / Reichart vor Gericht geſtellet / verurteilet / und wieder begnadet / reiſet nach ſeiner Heimat / und ſendet das Fraͤulein jhrer geweſenen Frauen dreyen Toͤchtern Geſchenke. Die Roͤmiſche Herren von Padua kommen zu Prag an / und haͤlt Arbianes mit Frl Klaren das Beylager.
AUf dem Wall zu Prag machen die Geſpenſter viel Unruhe uñ komt als bald darauf die leidige Zeitung / daß des Pannoniſchen Koͤniges Mnata ſein Feld Marſchalk Dropion (des ehmaligen Bato / und des Pines Bꝛuder) mit einem groſſen Heer in Boͤhmen eingefallen ſey / uñ alles mit Raub / Mord uñ Brand erfuͤlle / Baldrich und Siegward gehen demſelben entgegen mit einem zimlichen Heer / und faͤlt dieſer dem Feind gluͤcklich ein / Herkules machet ſich hin zu ſeinem Bruder / findet deſſen Lager wolbeſchaffen / und laͤſ - ſet denſelben nebeſt Siegward dem Feind entgegen zihen / welche in Gefahr gerahten / aber von Fabius entſetzet werden und den feindlichen Vortrab aufs Haͤupt erlegen. Leches gehet des andern Tages wieder auf Kundſchafft auß / und wird jhm ein Reuter Grozemiſla abgefangen / welcher durch Luͤgen ſich von den Pannoniern loßwirket; Dropion belaͤgert der unſern Lager / woruͤber das ledige Pannoniſche Lager durch Grozemiſla anſtiftung angezuͤndet wird / welches Dropion nicht groß achtet / und der unſern Lager auf - fodert / welche jhn dieſen Tag mit guten Worten hinhalten. Ladiſla komt ins Lager / und auf abermahlige aufffoderung gibt er bedraͤuliche Antwort / worauf der Feind den Sturm eiferig antrit / wird abgeſchlagẽ / und gehet wegen Speiſemangels wieder zuruͤck nach den Pannoniſchen Grenzen. Die unſern verfolgen jhn / halten jhn in ſeinem Lager feſt eingeſchloſſen / fallen in Pannonien / und machen ſehr groſſe Beute. Mnata zeuhet ſeinem Dropion mit 150000. Mann zu Huͤlfe / deßwegen gehen die unſern wieder zuruͤck nach jhrem vorigen wolbefeſtigten Lager. Mnata und Dropion belageꝛn die unſern zum andernmahl / laſ - ſen jhnen zum Schrecken einen Galgen aufrichten / fodern das Lager auf zur Ubergabe / bekom̃en ſchimpfli - che Antwort / und tuhn darauf einen grauſamen Sturm / da ſie mit groſſem Verluſt abgeſchlagen werden; darauf geſchihet ein treffen zu Pferde mit zimlichen Verluſt an beiden ſeiten. Mnata und Dropion zweien ſich in etwas / und erfaͤhret Mnata / das Dropion mit Verraͤhterey uͤmgehet / dagegen er ſich verwahret durch beyſtand ſeines getraͤuen Agiß. Es wird ein fuͤnftaͤgiger Anſtand gemacht / in welchem doch ein klei - nes treffen von 120. Mann an beyden ſeiten gehalten wird / da die unſern obſiegen. Mnata bekoͤmt heim - lich einen groſſen Entſaz / fodert die unſern zur Schlacht aus / welche gehalten wird / und fuͤgen die unſern dem Feinde groſſen Schaden zu / biß ein groſſes Ungewitter ſie von einander trennet / und inzwiſchen den Feinden der groſſe Entſatz 80000. ſtark / zukomt. Die unſern erſchrecken daruͤber / treten doch die Schlacht wieder an / und thun anfangs gute Gegenwehr / biß jhre Voͤlker algemach nachlaſſen und ausreiſſen / wor - uͤber Koͤnig Ladiſla / Henrich uñ andere Fuͤrſten mehr gefangen werden; Herkules nimt den Pannoniſchen Koͤnig gefangen / und ſendet jhn nach Prag / wird hernach ſelbſt gefangen / und die Schlacht an der unſern ſeite verlohren / da von allen Fuͤrſten nur Arbianes aus der Schlacht entrinnet. Dropion wil unſere Koͤ - nige und Fuͤrſten henken laſſen / werden auch ſchon nach dem Galgen gefuͤhret / aber von etlichen Panno - niſchen Oberſten (die jhres Koͤniges Heil betrachteten) beym Leben erhalten. Des folgenden Morgenskomt16Kurtzer Inhalt. komt durch Gottes Schickung Valißka / Baldrich und Arbianes mit einem groſſen Heer an / auch zugleich von Suͤden her der Frankiſche Großfuͤrſt Markomir mit 50000. Reutern / uñ bald darauf noch ein Huͤlf - heer von Norden 60000. ſtark aus Wendland / da allenthalben die Schlacht tapfer angehet / Valißka aber inzwiſchen der Feinde Lager einnimt und die gefangenen Fuͤrſten erloͤſet / welche ſich verteilen / und der Schlacht allenthalben bey wohnen / in welcheꝛ viel merkliches vorgehet / biß endlich die unſern den voͤl - ligen Sieg behaͤupten / viel Feinde erlegen / und das ganze feindliche Heer gefangen bekommen / welche alle zu Leibeigene gemacht werden. Koͤnig Mnata und Dropion mit ſeinem Anhange werden vor Gericht geſtellet / da Koͤnig Mnata unter ſchwerer Bedingung das Leben und Koͤnigreich erhaͤlt / Dropion aber und ſein Anhang zur abſcheulichen Straſſe verdammet werden. Der ehmalige Reichard hatte Arbianes Leben in der Schlacht gerettet / und bekomt voͤllige Gnade / auch groſſe Vergeltung. Fuͤrſt Olaf gehet mit einem Heer nach Pannonien / da die Inwohner ſich ergeben. Gallus muß nach Rom dem Kaͤyſer den Pan - noniſchen Beutpfennig bringen. Mnata erlanget der unſern gute Gunſt je laͤnger je mehr / und werden in Pannonien die begehrete Leibeigene frey gelaſſen. Arbianes erzehlet wie wunder-gefaͤhrlich es jhm bey dem Nach ſuchen ſeiner Fraͤulein ergangen ſey. Der alte Frieſiſche Baur Wittho komt zu Prag an / und wird wol empfangen. Reichard heyrahtet in ſeiner Heimat zum andern mahl / uñ nimt jungfer Adelheid / komt mit jhr zu Prag an / und werden wol angenommen. Die eingeladenen Koͤnige aus Schweden / Daͤ - nenmarck und Gallien kommen nach Prag. Der alte Boͤhmiſche Koͤnig Noteſterich / den jederman vor tod hielt / komt aus der Pannoniſchen Leibeigenſchaft wieder zu Prag an / und wird mit groſſen Freuden von den ſeinen empfangen / Er laͤſſet Niniſla uñ Uriſla ſeine Untertahnen (die jhn in diß Ungluͤck geſtuͤrzet hat - ten) gefangen einhohlen. Koͤnig Mnata verliebet ſich mit dem Wendiſchen Fraͤulein Vanda / und Fuͤrſt Olaf (der ſeine Ungluͤksfaͤlle erzehlet) mit dem Schwediſchen Fraͤulein Schulda / welche heyrahten Va - lißka befodert. Arbianes erzehlet eine ſonderliche Anfechtung / ſo er von dem Teufel in der Einoͤde erlitten. Niniſta und Uriſla werden herzu gebracht / und bekennen jhre Boßheit / worauf Koͤnig Noteſterich erzaͤh - let / wie elendig ſie jhn drey viertel jahr im engen Gefaͤngniß gehalten / biß etliche Pannoniſche Raͤuber jhn daraus gezogen / und vor Leibeigen mit ſich in Pannonien gefuͤhret. Die beyden Ubelthaͤter werden verurteilet und geſtraffet. Koͤnig Noteſterich nimt den Chriſtlichen Glauben an; Mnata und Olaf halten Beylager / und bald hernach das Hochzeit Feſt / wobey allerhand Ritterliche Ubungen vorgenommen wer - den / inſonderheit ein denkwirdiges Freyſtechen. Fuͤrſt Pharnabazus mit ſeiner Geſelſchaft komt aus Perſen zu Prag an / bringet groſſe Geſchenke / uñ den ungeheuren Gamaxus mit ſich / dem Herkules Gna - de erzeiget. Der verwaͤgene Pines machet ſich von den Ruder Baͤnken loß komt in Pannonien / wird von Maſtyes ſeinem Koͤnige nach Prag zugeſchikt / und erlanget gleicher geſtalt Gnade bey Herkules. Koͤnig Noteſterich erzaͤhlet / wie hart es jhm in ſeiner Leibeigen ſchaft ergangen / biß er endlich ſamt andern Boͤh - miſchen Leuten der Knechtſchaft erlaſſen / in freyen Stand geſetzet / und wieder in ſein Koͤnigreich kom̃en iſt Valißka ſtellet ein vierfaches Freyſchieſſen an; Herkules ehmaliger Tibullus komt aus ſeiner Pañoni - ſchẽ Leibeigenſchaft zu Prag an / wird vor Koͤnigin Sophien Baſtard Bruder erkeñet / uñ vor ehelich erklaͤ - ret. Die viele Leibeigene Pannonier werden auf erlegung groſſer Loͤſegelder von Herkules und Ladiſla frey gegeben. Etliche junge Koͤniginnen uñ Fuͤrſtiñen geneſen etlicher junger Herꝛlein und Fraͤulein. Ar - bianes reiſet mit ſeinem Gemahl und Kriegsheer nach Perſen / und wird das ganze Werk mit einfuͤhrung der ganzen Chriſtlichen Glaubens Lehre beſchloſſen.
Ende des kurzen Inhalts des Chriſtlichen Teutſchen Herkules.
Pag. 4. lin. 29. Der Vorrede: Vor / tadeln / entkuͤhnet; lieſe: tadelen erkuͤhnet.
DIe wunderſchoͤne Morgenroͤhte / welche dem Silberbleichen Monde ſeinen Schein zu raubẽ ſich bemuͤhete / war aus ihrem Lager kaum her - vor gekrochen / da erwachete Herkules vom Schlaffe / ſtieg ſeiner gewonheit nach / ſanfte aus dem Bette / daß ſein Freund Ladiſla deſſen nicht gewahr wur - de / legte ſich auf die Knie / und betete in herzlicher andacht ſeinen Chriſtlichen Morgen-Segen. Du groſſer Gott (ſagte er mit leiſer ſtimme und erhobenen Haͤnden) mit was inbrunſt ſol ich deiner Barmherzigkeit mein ſchuldiges Danckopffer leiſten? daß du mich dieſe Nacht und die gantze Zeit meines Lebens ſo gnaͤdig und vaͤterlich bewahret haſt / vor des Teufels Liſt und Gewalt / vor boͤſem ſchnellen Tode / vor Kranckheit und andern ſchaͤdlichen faͤllen / durch welche ich ohn wahre Buſſe meiner vielfaͤltigen Suͤnden ploͤzlich haͤtte untergehen und ewig verderben koͤnnen. Dir ſey Dank in Ewigkeit / mein Schoͤpfer / vor dieſen gnaͤdigen Schuz meiner Seelen und Leibes. Geſeg - ne und heilige alles mein tuhn / heut und die folgende Zeit meines Lebens; Verzeihe mir alle begangene Suͤnde / und bewahre mich heut dieſen Tag / daß ich nicht in muhtwillige Unthaten falle / die wider das Gewiſſen ſtreiten / und deines Geiſtes Einwohnung von uns treiben. Nim̃ mich unter die Beſchirmung deiner Fluͤgel / daß mich kein Unfall erlege; gib daß dir alles mein tuhn gefallen moge / und wende von mir / was mir an Leib und Seel ſchaden kan. Herr mein Gott / dir befehle ich meine liebe Eltern / Bruder / Schweſter und Anverwandten; bekehre ſie von dem heydniſchen Irthum; und wie du mich aus lauter Guͤte und Barmherzigkeit aus der ſchnoͤden Unwiſſenheit geriſſen / und in die Klarheit der Erkaͤntniß deines Sohns meines Heylandes verſetzet haſt / alſo handele auch mit jhnen allen / nicht nach jhren Suͤn - den / ſondern nach deiner Guͤte / daß jhnen / HErr Gott / dein heiliger Nahme / und den du uns zum Heil geſand haſt / Jeſus Chriſt kund werde / Amen. Hierauff ſprach er das heilige Vater Unſer / den Chriſtlichen allgemeinen Glauben / und etliche Buß Gebeht Davids; und als er ſeine Andacht mit dieſen Worten endigte: O mein HErr JEſus Chriſt / dir lebe ich / dir ſterbe ich / dein bin ich todt und lebendig; Da erwachete ſein Freund Ladiſla; und wie derſelbe gewohnt war ſein Gebet uñ Gottes dienſt gering zu achten / ſagte er zu jhm: Herzlieber Bruder / wann dein Jeſus ſo maͤch - tig waͤhre / wie du und andere Chriſten jhn halten / alsdann koͤnte es nicht fehlen / er muͤſte an ſtatt deines verſcherzeten Groß Fuͤrſtentuhms / wo nicht ein groͤſſeres / zum wenigſten gleich - maͤſſiges Koͤnigreich dir ſchenckẽ / weil du bloß uͤm ſeinet willen deines Vaterlandes muͤſſig gehen / und deines angebohrnen Erbes muſt entſetzet ſeyn; ſehe aber noch zur zeit nicht / daß ſichs im wenigſten darzu ſchicken ſolte. Herkules / nach ſeiner Chriſtlichen Sanftmuht / antwortete jhm: Liebſter Bruder / ich bin deines Geſpoͤttes nunmehr faſt gewohnt / welches mich zwar ſchmerzet / und doch aus Hoffnung / dich der eins zu gewinnen / es gerne gedulde; Zweiffele aber nicht / da in meinem Gebet bey meinem HErrn Jeſus ich uͤm mein angebor -Anes Groß -2Erſtes Buch. nes Groß Fuͤrſtentuhm oder andere weltliche Herrſchafften anhielte / wuͤrde er mir ſolches nicht wegern / bevorab / wann es mir und ſeiner Chriſtlichen Kirchen heilſam und erſprieß - lich waͤhre. Aber mein Heyland weiß / daß ein ſolches bey ihm ich durchaus nicht ſuche / ſon - dern jhm von grund meiner Seele danke / daß er einen ſo treflichen Tauſch mit mir gehaltẽ / und vor einen engen Winkel dieſer unſaubern Welt / mir das groſſe heilige Reich ſeiner Gnaden geſchenket / und durch ſein vollguͤltiges Blut mich von Suͤnden abgewaſchen hat; Ja mein Bruder / wann du die Herꝛligkeit / deren ich ſchon in feſter Hofnung genieſſe / mit den Augen des Glaubens erkennen und betrachten koͤnteſt / bin ich ſchon verſicheꝛt / du wuͤꝛdeſt zu - gleich mit mir alle Irdiſcheit dieſer Welt vor ſtinckenden Koht / und was du Herrſchafften nenneſt / vor eine ſchlimme Dienſtbarkeit halten; dann ſo viel das groſſe Sonnen-Liecht eine angezuͤndete Kerzen uͤbertrifft / iſt die himliſche Seeligkeit hoͤher / als alles koͤſtliche dieſer Welt zu ſchaͤtzen; Warumb ſolte ich dann nach meinem verlohrnen Groß Fuͤrſtentuhm ei - niges Verlangen tragen / wann umb dieſer faulen Erdſchollen willen / ich die aller koͤſtlichſte Perle des Himmelreichs ſolte in die Schanze ſetzen. O nein / mein Freund / Gottes Gnade iſt groͤſſer bey uns Chriſten / als daß wir dieſelbe uͤmb daſſelbe vertauſchen wolten / was auch wol vernuͤnfftige Heyden vor nichtig gehalten haben. Er wolte weiter reden / aber Ladiſla fiel ihm alſo ein: Genug mein Bruder / genug vor dißmahl / ich weiß ſchon wol / daß von deiner eingebildeten Pfafferey ich dich heut nicht abbringen werde. So wirſtu aber / antwortete er / deinem geſtrigen Verſprechen gnug tuhn / uñ mit mir die Chriſtliche Verſamlung beſuchen / uͤm zu vernehmen / und mit Augen anzuſehen / wie faͤlſchlich wiꝛ unſchuldige Chriſten von den heidniſchen Verfolgern verleumbdet / und / weiß nicht / welcher abſcheulichen Suͤnden be - ſchuldiget werden. Ja wol / ſagte Ladiſla / es iſt mir zwar mein verbrechen (wolte ſagen mein verſprechen) ſchon halb leid / als der ich fuͤrchte / meine Goͤtter / durch Beywohnung ſolcher a - berglaͤubiſchen Sachen / hoͤchlich zu beleidigen; jedoch / weil geſchehene Zuſage auffzuruffen / einem Bidermanne nicht anſtehet / und ich aus Liebe zu dir / wol ehe wider meine Goͤtter ge - handelt habe / wil ich mich fertig machen / mit dir zu gehen; wiewol mit dem Bedinge / daß we - der du / noch einiger Chriſt mich noͤhtige / euren Sitten und Andachten mich gleich zu ſtellen / auſſer dem / was die Erbarkeit mich heiſſen wird / als dann wil ich hinwiederumb in aller ſtille / und ohn gegebene aͤrgerniß euren Gottes dienſt anſehen / als lange ich hoͤren werde / dznichts Gotteslaͤſterliches wider meine Goͤtter geredet wird; dann ſonſt wuͤrde ichs nicht lange ma - chen / ſondern dieſe Herberge bald ſuchen. Daß deiner vermeinten Goͤtter keine Meldung geſchehen ſol / ſagte Herkules / habe ich bey dem Ehrwuͤrdigen Lehrer bittsweiſe erhalten; und pfleget man ohn das deren in Predigten wenig zu gedencken / weil faſt alle mal heimliche Aufmercker ſich finden / ob ſie etwas erſchnappen moͤgen / wo durch wir Chriſten in Noht und Gefahr / ja umb Leib und Leben koͤnnen gebracht werden. Wann aber unſere Lehrer uͤmbher gehen / die Glaͤubigen zu beſuchen / und ſie in ihrem Chriſtentuhm zu ſtaͤrcken / als dañ werden wir zu aller gnuͤge unterrichtet / was vor ohnmaͤchtige Goͤtzen euer Jupiter / Mars / Vulkahn / Neptun / und andere jhres gleichẽ ſeyn / weil ſie kein wahres lebendiges Weſen / viel weniger eine allmaͤchtige Krafft / ſondern nur der luͤgenreichen Fantaſten ihre Tichtereyen ſind / nach deren Traͤumen man ſie nachgehends aus groben Holz und Steinen geſchnitzet uñ gehauen / und mit weiß und roht / welches endlich Maͤuſe uñ Ratzen abnagen / zierlich angeſtrichen hat. O der3Erſtes Buch. O der elenden / O der naͤrriſchen Gottheit! Mir zweifelt nicht / wann das Arkadiſche Thier nur vom Saktragen muhs hette / und ein Kruͤhmlein Verſtandes / wolte ich jhm dieſe heyd - niſche Thorheit mit leichter Muͤhe zu erkennen geben. Aber damit wir uns nicht auffhalten / noch ich deinen Goͤtzeneiver reize / meines Heylandes zu ſpotten / wollen wir uns auf den Weg machen / dann ich weiß / daß dem Gottes dienſt der Anfang ſchon gemacht iſt / uñ ich mich ſchaͤ - men muß / einer von den letzten zu ſeyn / der ich billich der erſte bin / umb / meinem Gott vor ſei - ne unaußſprechliche Gnade zu danken / die er mir armen Suͤnder in meiner Bekehrung er - zeiget hat. Ladiſla hatte ſich ſchon geſpitzet / ſeinen Goͤtzen das Wort zu ſprechen; aber Her - kules faſſete jhn bey der Hand / und fuͤhrete jhn zur Kammer hinaus. Alſo giengen ſie beyde dem Orte zu / wo Herkules wuſte / daß ſich die Glaͤubigen zu verſamlen / und jhres Gottesdien - ſtes in aller ſtille abzuwarten pflegeten. Sie waren nicht weit gangen / da ſahen ſie einen fremb den Reuter jhnen entgegen reiten / welcher als in tieffen Gedancken in die Hoͤhe ſahe / und wenig acht hatte / was auff der Gaſſe vorgieng. Ladiſla kennete jhn als bald und ſagte: O Bruder / dort komt Wenzeſla her / meines Hn. Vaters alter Leib diener; O daß wir uns verbergen koͤnten! Lieber laß uns das Ange ſicht mit dem Mantel verhuͤllen / daß er uns nicht kenne / warumb ich nicht ein groſſes nehmen wolte. Aber es war ſchier zu lange geharret / und der Reuter jhnen auff den Fuͤſſen / der ſie freundlich gruͤſſete / mit Bitte / ihm einen Gaſthoff zu zeigen / da man nach allerhand Zeitungen ſich am beſten befragen koͤnte. Ladiſla blieb ohn einiges Wortſprechen / und gieng allgemach fort. Herkules wolte ſich auch nicht kund gebẽ / weil er wuſte / daß ſein Freund wolte ungemeldet ſeyn / und zweiffelte / ob er antworten ſolte. Der fremde verwunderte ſich ihres ſtillſchweigens / wuſte nicht / ob es aus Furcht / oder Hoch - muht / oder Unverſtand geſchahe / weil ſie als mit fleiß das Angeſicht verborgen hielten; Er ſahe / daß ſie adelich gnug gekleidet waren / und zwar nach Roͤmiſcher art / ſchwieg ein wenig / und ſagte bald darauff zu jhnen: Ihr junge Herren werdet gewißlich nicht Roͤmiſch ſeyn / o - der es muß ſich hieſelbſt von XXX Jahren her / als viel die Sitten betrifft / ſehr verendert ha - ben. Herkules ſchaͤmete ſich des verweißlichen Auffruͤckens / und weil er meynete / nicht ſo leicht erkennet zu werden / taht er den Mantel ein wenig beyſeit / und gab dieſe ernſtliche ant - wort: Mein Freund / jhr ſolt dannoch wiſſen / daß wir der Unhoͤfligkeit nicht ſo gar ergeben ſind / wie jhr uns beſchuldigen moͤchtet / nur weil wir kaum vor dreyen Tagen Rom erſt geſe - hen / werdet jhr uns verzeihen / daß wir eurem begehren nicht gnuͤge tuhn koͤnnen. Nun ſahe Wenzeſla unſern Herkules / weil er antwortete / ſteiff an / und gedauchte jhn / denſelben mehr geſehen haben; kunte ſich doch ſo ſchleunig nicht beſinnen / lauſchete jhnen aber / weil ſie davon eileten / mit unverruͤckten Augen nach / biß ſie etwa LXXX Schritte von ihm hinweg wahrẽ / da ſagte er in ſich ſelbſt: O ihr Goͤtter / redete nicht der trefliche Fuͤrſt Herkules mit mir? und wer weiß / ob nicht Fuͤrſt Ladiſla ſein Gefaͤrte iſt? der ſein Angeſicht ſo fleiſſig verhuͤllete / daß er von mir nicht erkennet wuͤrde; rante jhnen auch Sporenſtreichs nach / umb zu erfahren / ob er recht waͤhnete. Ladiſla hoͤrete die Huef Eiſen und ſagete zu Herkules: Gilt Bruder / wir ſind erkennet / laß uns in diß enge Gaͤſchen ſtreichen / da man zu Pferde uns nicht verfolgen kan / unſer Vorſatz duͤrffte ſonſt gebrochen werden. Sie tahten hiemit einen Sprung / und lieffen geſchwinde fort / dem Alten zu entwiſchen; der jhrer Flucht bald innen ward / und biß vor das Gaͤſchen jhnen nach ſetzete / da er vom Pferde ſtieg / und aͤuſſerſten Vermoͤgens hin -A ijter ih -4Erſtes Buch. ter ihnen her lief; wahr doch ſo fertig nicht / dieſe hatten ſich ſchon verſtecket / und ſeinen Au - gen ſich entriſſen; Welches nicht allein ihm ſehr leid wahr / ſondern zugleich hohes verwun - dern brachte / aus was urſachen ſie vor jhm fliehen moͤchten / weil ſie durchaus nichts arges ſich von jhm zu befahren haͤtten; Doch weil bey ſo fruͤher Tages zeit die Haͤuſer noch ver - ſchloſſen wahren hoffete er / ſie wuͤrden jhm ſo leicht nicht entgehen; Lieff alſo immer fort / biß er vor ein Huͤttchen kam / deſſen Unter Tuͤhr offen ſtund / und gedachte bald / ſie wuͤrden da - hinein geſchloffen ſeyn; trat hinein und fahe ſich fleiſſig uͤmb / biß er jhrer im finſtern Win - kel / hinter einem groſſen Weinfaſſe gewahr ward. Dieſe verwunderten ſich / wie ſie jhn ſa - hen / und fing Ladiſla mit ertichtetem Zorn und abgekehrtem Angeſicht an: Alter / jhr moͤget wol ein unhoͤflicher Geſelle ſeyn / daß jhr fremde dergeſtalt verfolget / die umb gewiſſer Urſach zu Rom nicht erkennet ſeyn wollen. So gehet nun eures weges / und laſſet uns des unſern ab - warten / ſonſt werdet jhr empfinden / daß meine Faͤuſte nicht wichtloß ſind; oder gedencket jhr etwa / Rom ſey eine Freyſtadt alles Vorwitzes? Er wolte in ſeiner Draͤurede fortfahren / a - ber Wezeſla / der jhn an der Stimme keñete fiel vor jhm in die Knie und ſagete: Durchleuch - tigſter Fuͤrſt / weß zeihen ſich eure Gnaden? kennen die jhren alten Diener Wenzeſla nit mehr / der ich mannichen beſchwerlichen Weg / dieſelbe außzuk und ſchaffen / geritten habe? Dieſer kunte ſich weiter nicht verſtellen / faſſete jhn beym Arme / hieß jhn auffſtehen / und fragete / was er neues aus Boͤhmen braͤchte / auch / ob ſeine Eltern und Frl. Schweſter annoch friſch und geſund waͤhren. Wenzeſla wolte ihm keinen ſchleunigen Schrecken einjagen / und gab zur Antwort. Er wuͤſte nicht anders / ohn daß der Koͤnig bey ſeiner Abreiſe ziemlich ſchwach ge - weſen; koͤnte nicht eigentlich ſagen / wie es umb jhn ſtuͤnde. Ich muhtmaſſete wol / ſagte La - diſla zu Herkules / daß mein geſtriges Naſebluten mir nichts gutes bedeuten wuͤrde; aber was ſtehen wir in dieſer Huͤtten? Du ſiheſt / lieber Bruder / daß wir an unſerm Kirchgange verſtoͤret werden; wird demnach das beſte ſeyn / daß wir umbkehren nach unſer Herberge. So werde ich vorhin lauffen / ſagte Wenzeſla / umb mein Pferd zu ſuchen / welches ich unferne von hinnen habe ſtehen laſſen. Er eilete geſchwinde fort / und als er des Gaͤſchen ende errei - chet hatte / und nach ſeinem Pferde ſich umſahe / ward er zweer Buben gewahr / welche daſſel - be vor ſich hintrieben / wiewol es ſich hefftig ſtraͤubete / und mit allen vieren von ſich ſchlug. Erſt bedachte der Alte ſeine Thorheit / durch hinterlaſſung des Pferdes begangen; lief / ſo faſt er mochte / hinten nach / und ſchrihe die Diebe an / wohin ſie mit ſeinem Pferde gedaͤchten; welche ſich doch daran wenig kehreten / und jmmerzu bemuͤhet wahren / den auffgebundenen Wetſcher vom Pferde zu reiſſen / der ſie wol beſpickt ſeyn dauchte; geriet auch endlich dem einen / daß er ſich in den Sattel ſchwang / und die Beute abloͤſete / welche auf die Erde fiel. Der ander war nicht faul bey der Auffhebung; doch ſaß jhm Wenzeſla zu fruͤh auff der Haube / riß ihm den Wetſcher unterm Arme hinweg / und ſagte: Du wirſt mir gleichwol dieſen liebẽ Schatz nicht ohn alle Einſprach entfuͤhren; Zum wenigſten werde ich das Luder mit dir drum ziehen. Inzwiſchen ſchlug das Pferd hinten aus / und traff dieſen Buben auff die Hufft / dz er niederſtuͤrzete / und der Ohnmacht nicht ferne war; Sein Geſelle aber ſetzte ſich im Sattel feſte / ſtieß das Pferd an / und rante in aller eile davon / jhm ſelbſt fluchend / daß er den Wetſcher mit ſo groſſer Muͤhe loßgemacht / und ſein Gluͤck / wie er meynete / auff die Erde geworffen hatte. Herkules und Ladiſla ſahen der Kurtzweil von ferne zu / traten endlich naͤher / und er -innerten5Erſtes Buch. innerten Wenzeſla / er ſolte ſich des Pferdes begeben / und den geſchlagenen Knecht liegen laſſen / ſie wolten ihm ſchon zu einem andern verhelffen. Er aber / wie ſehr er ſich wegen des geretteten Wetſchers freuete / ſo war er doch uͤber der kuͤhnen Dieberey ſo hart ergrimmet / daß er den beſchaͤdigten Dieb zwang ſich zu erheben / damit er durch jhn ſeines Pferdes wie - der habhafft werden moͤchte; muſte alſo dieſer arme Tropff mit zuſchlagener Hufft fortkrie - chen biß in Herkules Herberge / da jhn Wenzeſla band / und in eine finſtere Kammer verſper - rete; folgete hernach den beyden Fuͤrſten auff jhr Gemach / oͤffnete den Wetſcher / und nahm ein Schreiben herauß / welches er Ladiſla mit dieſen Worten einhaͤndigte: Durchleuchtig - ſter Fuͤrſt; was maſſen wir Menſchen ohn Standes unterſcheid der Gebrechligkeit des flei - ſches / ja dem Tode ſelbſt unterworffen ſind / erfahren wir taͤglich in allen Staͤnden. Nun iſt mir leid / daß ich der Ungluͤcks Bohte ſeyn / und Euer Durchl. melden muß / was maſſen durch einen klaͤglichen Fall / die Goͤtter nach jhrem unerforſchlichen Raht und willen / den Großmåchtigſten Unuͤberwindlichſten Fuͤrſten und Herrn / Herrn Noteſterich / unſern wei - land herrſchenden Koͤnig / Euer Durchl. Herrn Vater / zu ſich abgefodert haben / wo durch unſer gantzes Koͤnigreich in einen ſehr leidigen Stand geſetzet iſt / inſonderheit / weil Eure Gn. auſſer Landes in der frembde ſich ſchon eine geraume Zeit aufgehalten / uñ kein Menſch erfahren koͤnnen / an was Ort oder Enden dieſelben anzutreffen ſeyn; Da dañ unterſchiedli - che Diener von Euer Gn. Fr. Mutter / unſer gnaͤdigſten Koͤnigin uñ den Landſtaͤnden aus - geſchicket ſind / umb zu erforſchen / in was Landſchafften Eure Gn. zu ſuchen waͤhre / nach dem ſchon etliche ſich unterſtanden / allerhand Zeitungen von deren Tode außzuſprengen / und Euer Erb Koͤnigreich zu verunruhen / welches aber bißher von Euer Gn. Fr. Mutter und we - nig anderer Vorſichtigkeit iſt verhindert worden / ſonſt moͤchte das Land durch iñerliche Auf - ruhr wol ſchon in vollem Ungluͤcks-brande ſtehen. Wie hohes Verlagen nun das ganze Reich nach Euer Gn. Ankunfft trage / wird dieſes Schreiben in etwas vermelden. Ladiſla erſeufftzete uͤber dieſer Zeitung / und laſe folgenden Inhalt mit traͤhnenden Augen:
Hedewig / verwittibte Koͤnigin in Boͤhmen / gebohrne Groß Fuͤrſtin aus Teutſchland / entbeut jhrem Sohn Fuͤrſt Ladiſla / muͤtterlichen Gruß: Der grimmige Todt / welcher weder Tugend noch Froͤmmig - keit ſchonet / hat leider meinen liebſten Koͤnig und Gemahl von meiner Seiten geriſſen / und mich in den leidigen Witwenſtand / dich aber und deine Fraͤulein Schweſter ins Waͤyſen-Buch eingeſchrieben. Du kanſt nicht glaͤuben / lieber Sohn / mit was heiſſen Traͤhnen das gantze Reich jhren verlohrnen frommen Herrn und liebreichen Vater beweinen; und vermehret dieſe Traurigkeit nicht umb ein geringes / daß ſie dein / als jhres Erb Koͤniges nicht allein entbehren / ſondern nicht eins wiſſen muͤſſen / in was Stand oder Land du deine Jugend zubringeſt. Ich habe hin uñ wieder nach dir außgeſchicket / hoffe es werde dich end - lich einer außfragen / wo du ſonſt noch lebeſt. Sey ja nicht traͤge / ſo bald du dieſes inne wirſt / dich auff die Fahrt zu machen / damit ich und dieſes Land erſtes Tages die Krone auff deinem Haͤupte ſehen moͤgen; ſonſt duͤrffte einem andern / der ſich in ſie verliebet / die Lunge darnach haͤngen / welcher dir in wenig Tagen ſo viel ungelegenheit einſtreuen koͤnte / daß du es in geraumer Zeit abzukehren Muͤhe haben muͤſteſt. Und damit dirs an Zehrungskoſten nicht gebreche / haſtu bey Zeigern Wenzeſla eine Anzahl Kleinot / auff 30000 Kronen / und einen offenen Wechſel biß auff 100000 Kronen zu empfahen. Gehabe dich wol / und erfreue deiner betruͤbten Mutter Seele durch deine froͤliche Wiederkunfft Gegeben auff dem Koͤnigli - chen Schloſſe zu Prag / von deiner getreuen Mutter. Hedwig. Nach Verleſung reichte ers ſeinem Herkules hin und ſagte: Geliebter Bruder / ich find alhie ſehr leidige Zeitung; wolleſt / bitte ich / den Brief leſen / und mir deine Meynung daruͤber eroͤffnen. Dieſer laſe es mit groſſerA iijTraurig -6Erſtes Buch. Traurigkeit behende durch / und antwortete ihm: Herzlieber Bruder; Gott iſt mein Zeuge / wie hefftig der klaͤgliche Tod deines Herr Vaters mir zu herzen gehet; und mag Boͤhmen wol mit Warheit klagen / daß es den gerechteſten und gnaͤdigſten Koͤnig an jhm verlohrẽ hat. Wann wir aber betrachten / daß jedweder dieſen Weg alles Fleiſches gehen / und das irdiſche dereins ablegen muß / ſollen wir unſere Traurigkeit billich maͤſſigen / und gedenken / daß an den unſern nichts neues geſchiehet / wann ihnen die Nohtwendigkeit zuſtoſſet / die uns allen gemein iſt. Zwar es gehet uns ſaur ein / dieſen Troſt ſtracks anfangs zu ergreiffen; Dann wer wolte ſeiner lieben Eltern Abſcheid aus dieſer Welt / mit Traͤhnen unbegleitet laſſen? jedoch / weil durch dieſelben nichts wiederzubringen iſt / muß man billich im Leide maſſe halten / in - ſonder heit wann wir verſichert ſind / daß die Veſtorbenen bey allen Bekandten einen guten Namen / und ſtete Gedaͤchtniß jhrer Tugend hinterlaſſen / welches Lob dem weiland Groß - maͤchtigſten Herrn und Koͤnige / Herrn Noteſterich keine Vergaͤngligkeit hemmen / viel we - niger rauben wird. Er wolte in dieſer Troſtrede fortfahren / ward aber iñen / daß die Hauß - Tuͤhr mit Gewalt auffgebrochen ward / daher ſie beyde als bald den Helm auff ſetzeten / Schild und Schwert zun Haͤnden nahmen / und hinunter vom Gemache ins Hauß traten / da ſie gleich funden / daß ſechzehn freche / zum theil uͤbel gekleidete / aber mit Schwertern alle wol - verſehene Wagehaͤlſe zur Tuͤhr eindrungen / und durch ein ander rieffen / wo der Gefangene / den das Pferd geſchlagen / hinkommen waͤhre. Unſere Helden traten gehertzt zu jhnen ein / uñ fragete ſie Herkules / wer ſie ſo kuͤhn gemacht haͤtte / jhre Herberge unabgeſagt zu uͤberfallen. Der Rottmeiſter eine Helle Barte in der Hand haltend / laͤchelte jhn an und ſagte: Es wehre immer und ewig ſchade / daß der Himmel ſich an jhm geirret / und jhn nicht zum Weibsbilde gemacht haͤtte / auff welchen fall er jhn vor ſeine Meiſterin anzunehmen willens waͤhre. Her - kules war ungewohnet / dergleichen Reden gedultig anzuhoͤren / und gab jhm zur Antwort; Er ſolte ſich nur bald zur Tuͤhr hinauß packen / ehe jhm der Abzug verlegt wuͤrde / haͤtte er aber uͤ - ber ichtwas zu ſprechen / ſolte ers mit recht thun / da man ſich zur Antwort erboͤte. Ja ſchoͤner Herr / antwortete dieſer / ich wil euer Erinnerung ſtatt geben / wiewol mit dem bedinge / daß jhr und euer Geſelle mit uns gehet; griff mit dieſem Worte nach jhm / in meynung jhn zu fa - hen; aber Herkules trat zuruͤcke / zog das Schwerd / und hieb von der Seiten her jhm das An - ge ſicht vor dem Kopffe hinweg / daß es wie eine Vorhaube auff die Erde fiel / und er zugleich mit niederſtuͤrzete. Nun fahre hin / ſagte Herkules / du wirſt fort mehr keiner Meiſterin be - duͤrffen. Als ſeine Diebs Rotte ſolches ſahe / drungen ſie einmuͤhtig auff unſere Helden zu / die ſich aber auch nicht ſeumeten / ſondern ein ſolches Spiel unter jhnen anfiengen / daß ehe ſie XX Streiche fuͤhreten / ſchon achte / theils erſchlagen / theils zur Gegenwehr unduͤchtig ge - macht wahren; wie wol auch Ladiſla eine tieffe Wunde in die rechte Seite bekam / woraus das Blut auff Herkules Kleider ſpruͤtzete / und er gezwungen ward / einen Abtritt zu nehmen / in dem Herkules ſich unter die acht uͤbrigen miſchete / und wie ein ergrimmeter Loͤwe um ſich ſchlug und ſtach / daß noch drey erlegt wurden / und die andern nicht an jhn durfften / ungeach - tet er auch an unter ſchiedlichen Orten ſeines Leibes verwundet wahr. Als er ein wenig Lufft empfand / kehrete er ſich nach Ladiſla / und fragete / wie es umb jhn ſtuͤnde / welcher mit ſchwa - cher Stimme antwortete: Sehr wol mein Bruder / wann die Goͤtter dich nur erhalten. Mit welchen Worten er ſanfft zur Erden nieder ſanck; Woruͤber ſein Freund als ein Loͤwe auffsneue7Erſtes Buch. neue loßgieng / des gaͤntzlichen Vorſatzes / mit Ladiſla zu ſterben / oder ſeinen Todt zu raͤchen; ſchlug demnach ſo eiferig unter ſie / daß ſein Schwert auch durch die Pantzer gieng / mit wel - chen jhrer etliche ſich unter den Kleidern verwahret hatten / biß ſie / auſſer zween / zuꝛ Erde ſtuͤr - tzeten / und er hingegen auch anfing krafftloß zu werden. Der alte Wenzeſla hatte ſich bißher nicht gereget / ſtund auff dem Gemache als ein Verzukter / und ſahe dieſem Wunder-handel zu; endlich trat er zuruͤck in die Kammer / machte mit den auffgehengeten Harniſchen ein groſſes Geraͤuſche / kam bald wieder / und rieff mit ſtarker Stimme hinter ſich: Ihr meine getraͤue Diener komt / und fahet mir die Schelmen lebendig / daß ſie nicht entrinnẽ; wo durch dieſe hoͤchlich erſchrecket / das Gewehr von ſich warffen / und der Tuͤhr zulieffen. Aber Her - kules ermannete ſich / trat jhnen entgegen / und ſtieß jhnen das Schwerd durch die Gurgel; rieff darauff den alten Wenzeſla zu ſich / und befahl / daß er alsbald den Wund Arzt / ſo gegen uͤber wohnete / herzu holen ſolte. Derſelbe war mit zween Geſellen bald verhanden / ſahe den jungen Held mit blutigem Schwerd und Kleidern zwiſchen ſo vielen Erſchlagenen ſtehen / und kunte vor verwunderung kein Wort ſprechẽ; Da Herkules zu jhm ſagte: Mein Freund / da lieget mein Bruder hart verwundet / wo nicht gar erſchlagen; ſehet ob noch Leben in jhm ſey / ich wil euch der Muͤhe redlich lohnen. Wenzeſla gehub ſich als ein Verzweiffelter / und wolte viel ruͤttels an jhm machen; Aber Galehn der Artzt redete jhm ein; Er ſolte ihm den Verwundeten helffen ſanffte auffheben / und auffs Gemach tragen; Zohe jhm das Wam̃es als einem Todten ab / und beſtrich die Schlag Adern und Naſeloͤcher mit kraͤfftigem Waſſer / daß er endlich noch ein Lebenszeichen von ſich gab; deßwegen er jhm allerhand Blutſtillung gebrauchte / und inſonderheit die gefaͤhrlichſte Seiten wunde wol in acht nam. Herkules / wie ſchwach er gleich war / wolte ſich nicht verbinden laſſen / ſeufzete / und gehub ſich klaͤglich / biß jhm Galehn zurief; Sein Bruder lebete noch / und ſolte guter Hoffnung nach / geheilet werden; Worauff er zuließ / daß der eine Geſelle ihm die Kleider abzohe / und ſeine Wunden / deren er XXIV hatte / verband / woruͤber er gleich wol etliche mahl in Ohnmacht fiel / weil jhm faſt kein Blut mehr im Leibe uͤbrig war. Als Ladiſla zu ſich ſelbſt kam / ſchlug er die Augen ſchwaͤchlich auff / und fragete mit liegender Zunge / ob ſein Herkules lebete; und weil der Arzt ſeine Rede nicht verſtund / noch jhm Antwort gab / entwarff er ſich und ſagete: Wer hat euch befohlen / mich zu verbinden / weil mein einig geliebter Bruder tod iſt / und ich keine Stunde nach ihm uͤberbleiben wil? Wenzeſla kam zu allem Gluͤck darzu und antwortete: Gnaͤdiger Herr / euer Herkules iſt nicht todt / ſondern nach erhaltenem Siege ſtaͤrcker als jhr. Wol! ſo laſt mich jhn ſehen / ſagte er / oder meinen Geiſt ohn ferner auffhalten ihm nachreifen. Herku - les war drunten im Hauſe verbunden / hatte ſich ſchon ziemlich erhohlet / uñ ließ ſich die Stei - ge hinauff leiten. So bald jhn Ladiſla ſahe / ſagte er mit blinzenden Augen zu jhm: Mein Bruͤ - derchen / lebe / ſo wil ich auch bald geneſen. O meiner Seelen Liebe / antwortete er / bekuͤmmere dich nur meinet wegen nicht im geringſten / ſondern laß dir helffen / ich bin GOtt Lob / auſſer To des Gefahr. Der Arzt warnete ſie beyder ſeits traͤulich / ſie ſolten den Liebes-bewaͤgungen nicht zuſehr nachhaͤngen / ſonſt wuͤrden ſie uͤbel aͤrger machen / welches faſt ſchon auffs hoͤch - ſte kommen waͤhre; Die Gedanken muͤſten ſo wol als der Leib ruhen / ſolte jhnen ſonſt geholf - fen ſeyn. Daher Herkules ſeinen Ladiſla erinnerte / dem Arzt folge zu leiſten / wo er ſonſt durch ſeinen Tod jhn nicht zugleich mit hinreiſſen wolte. Alſo wurden ſie beyde befriediget / lagengegen8Erſtes Buch. gegen einander uͤber auff Bankpolſtern / uñ wurdẽ von des Arztes Geſellen fleißig gewartet. Inzwiſchen hatte jhr Haußwirt Sabihn ſich mit ſeinem Geſinde wieder hervor gemacht / welche im anfange des blutigen Kampffs davon geflohen waren / und in Winkeln ſich hin und wieder verſtecket hatten / wo ſie meynetẽ am ſicherſten zu ſeyn. Sie kunten ſich nicht gnug verwundern / daß das Hauß voll Blutes ſtund / und mit Erſchlagenen angefuͤllet war; und wolte der Wirt von Wenzeſla faſt mit Gewalt wiſſen / was die Urſach dieſes moͤrdlichen uͤ - berfalles ſeyn moͤchte; wovon er jhm doch keinen beſcheid zu geben wuſte / und gleich in dem gewahr ward / daß ein Raͤuber noch nicht verſchieden war / ließ ihn durch kraͤfftige ſachen er - quicken / und mit Draͤuung ſchwerer Peinigung befragen; welcher aber wegen ſeiner Wun - den Schmerzen nicht viel reden kunte / baht ſehr / jhm ſeine Pein durch ſchleunigen Todt zu verkuͤrzen / und den Gefangenen vorzunehmen / der umb alles Wiſſenſchafft truͤge; worauff dieſem die Seele außfuhr. Wenzeſla ſchleppete ſeinen Gefangenen auß der finſtern Kam̃er hervor / der alles angehoͤret / und ſo viel ſeine Schmertzen zulieſſen / ſich daruͤber gnug beluſti - get hatte; ſagte auch / wie er die Erfchlagenen ſahe: O jhr nichts werte verzagte Hudler; bil - lich muͤſſet jhr da geſtreckt liegen / weil jhr euch vor zween jungen Kerlen nicht habet ſchuͤtzen koͤnnen / denen ich / wann ich geſund und frey waͤhre / allein Mannes gnug ſeyn wolte. Indem er aber den Haußwirt unvermutlich erblickete / hielt er die Arme vor das Ange ſicht / um nicht erkennet zu werden. Wenzeſla draͤuete jhm den abſcheulichſten Todt / wo er auff ſeine Frage nicht gleich zu antworten wuͤrde. Er aber ſagte: Laſſet zuvor euren Haußwirt abtreten / als - dann gelebe ich eures willens. Sab ihn gedauchte die Stimme zu kennen / reiß jhm die Arme vom Geſichte hinweg / und nach fleiſſiger Beſichtigung / erkennete er jhn vor ſeinen Knecht Geta / der jhm vor zwey Jahren / da er in einem andern Hauſe wohnete / entlauffen war / und einen Zehrpfennig auff 200 Kronen mit genommmen hatte; erblaſſete demnach vor Zorn / und ſagte: O du abgefeimter Bube / geraͤhteſtu alſo wieder unter meine Haͤnde? gewiß wird dir das Gluͤck nicht ſo guͤnſtig ſeyn / daß du ungefoltert verſcheideſt. Erzaͤhlete darauff Wen - zeſlaen / wie er vor ungefehꝛ drittehalb Jahren dieſen leibeigenen getauſchet / der ſich anfangs ſehr wol gehalten / endlich aber der Gelegenheit wahr genommen / ihm die Laden auffgebro - chen / und was er an Baarſchafften funden / mit weg genommen haͤtte. Der verwaͤgene Geta antwortete ihm: Herr / jetzt betreffe ich euch auff einer gedoppelten Luͤgen; dann vorerſt habe ich eure Lade nicht auffgebrochẽ / ſondern mit meinem Nach ſchluͤſſel / der zu allen eurẽ Schloͤſ - ſern gerecht war / auffgeſchloſſen. Vors ander / habe ich mich an eurer Seiten nie wol gehal - ten / ſondern allemahl abgeknappet / wie und was ich gekunt; und haͤtte ich gewuſt / daß hier eu - re Wohnung waͤhre / ſolte mich der alte Krum Reuter wol nicht uͤber eure Schwelle gebracht haben. Mir genuͤget an deiner gutwilligen Bekaͤntniß / ſagte Sabihn / werde auch deſto mehr urſach haben / dir nach Verdienſte abzulohnen. Aber ſage mir / wer hat dißuͤbel in meinem Hauſe geſtifftet? Je wer anders antwortete er / als die / ſo dieſe meine feige Geſellen erſchla - gen haben? Wer ſind aber dieſe deine ehrliche Geſellen? fragte Sabihn. Beſehet ſie / ant - wortete der Bube / wie jhr mir getahn / ſo werdet ihr eigentlich befinden / daß ſie eben dieſe ſind / welche da todt liegen. Sabihn ergrimmete des Spottes / und ſagte: Ey ſo muſtu mir heut noch anders reden / es waͤre dann / daß dein Fleiſch ja ſo ſteiff als dein Sinn ſeyn moͤch - te. Tuht euer beſtes / antwoꝛtete dieſer / dz weꝛde ich auch tuhn / und dieſen Saz halten muͤſſen. Die9Erſtes Buch. Die anweſenden Knechte entbloͤſſeten ihn am gantzen Leibe / und mit ſcharffen Geiſſeln ſtri - chen ſie ihn allenthalben / daß das Blut von ihm floſſe; Er aber ſtund an der Saͤule als ein unempfindlicher Kloz / biß eꝛ von Schmerzen in Ohnmacht fiel. Sie labeten ihn bald mit kraͤfftigen Sachen / und draͤueten ihn weiter zu geiſſeln / wo er nicht bekennen wuͤrde / durch weſſen Anſtifftung der moͤrdliche uͤberfall geſchehen waͤhre; kunten abeꝛ nicht das gering - ſte auß ihm bringen / ohn daß er ein bitteres Gelaͤchter anfing / und zur Antwort gab; Er muͤſte wol ein verzagter Menſch ſeyn / wann er ſeine eigene Zunge nicht bendigen / und gute Freunde zu verrahten abhalten koͤnte; moͤchten ſich derhalben umb nichts bekuͤmmeꝛn / als wie ſie das wenige uͤbrige ſeines Lebens mit neuen Geiſſeln vollends herauß peitſcheten / dem er von herzen feind waͤhre / weil es ihm ſo ungehorſam / und auff ſein begehren nicht willig außweichen wolte. Niemand kunte ſich des Frevels gnug verwundern / und ſagte Wenzeſla: Ich weiß nicht / ob ich heut groͤſſere Tugend an unſern Helden / oder an dieſem verwaͤgenen Tropff ſteiffere Hartnaͤckigkeit geſehen habe; und wann ich wiſſen ſolte / daß die Bosheit in ihm koͤnte gedaͤmpffet werden / wolte ich ihm das Leben helffen verbitten. Worauff der verſtokte Geta zur Antwort gab: Ich habe mir bißher ſteiff vorgenommen / nimmermehr zu tuhn / was die / ſo man Tugendhaffte nennet / gut heiſſen / glaͤube auch noch dieſe Stunde nicht / daß ich meine Flecken oder Haut endern werde. Die Haut / ſagte Sa - bihn / wirſtu ohn Zweiffel endern / da du leben ſolt / ſintemahl die alte dir dergeſtalt zukerbet iſt / das davon nicht viel mehr ůbrig ſcheinet. Ey ſo reibet mich fein mit Salz / antwortete er / und waſchet mich mit Allaunwaſſer / damit das alte gar hinweg gebeizet werde; alsdañ moͤchte ich mich vielleicht etwas beſſern; aber die Bosheit / wie jhrs nennet / welche gar zu tieff bey mir eingewurzelt iſt / wird der Tugend in meiner Seele nimmermehr Raum goͤn - nen; dann ich fuͤhle / daß mein innerſtes nichts als abgeſchaͤumeter Frevel und begierige Widerſpenſtigkeit iſt / dabey ichs dann werde bewenden laſſen. Hierauff ruhete er ein we - nig / ob ſchlieffe er / dann des Fleiſches Schmerzen wahr uͤberauß groß; ermunterte ſich aber bald wieder / und ſagte mit ſchwacher ſtimme: gute Nacht / ich ſcheide von hinnen; ſo erfuͤllet nun / bitte ich / meinen lezten Willen / und ſchreibet mir dieſen Grabe-Reim zu ewi - ger Gedaͤchtniß / gilt gleich / an die Galgen-Saͤule / welches ich lieber wolte / oder auff einen Marmelſtein:
Mit dieſer Rede gieng das lezte ſeiner Seele auß jhm / alſo daß kein Zeichen einiger Unge - baͤrde an ihm geſehen ward. Wenzeſla nam ſein fleiſſig wahr / meynete nicht / daß ihm der Todt ſo nahe geweſen waͤhre / als er jhn aber keinen Finger mehr regen ſahe / fieng er zu den Anweſenden an: Immer ſchade iſt es / daß dieſer Menſch in ſeiner erſten Jugend nicht un - ter die Hand guter Lehrmeiſter gerahten iſt / welche das zarte Gemuͤht bald anfangs zur Erbarkeit haͤtten angehalten; Dann waͤhre dieſes Reiß recht gewehnet / was vor herrli - che Fruͤchte ſolte der Baum zu ſeiner Zeit getragen haben. Ja / ſagte Sabihn / haͤtte jhn mein Herr damahls gekennet / wie ich jhn bekam / wuͤrde er ihn vor den ausrichtigſten Men - ſchen gehalten haben; dann nebeſt den Fleiß und Wachſamkeit wuſte er ſich demuͤhtig uñBdienſt -10Erſtes Buch. dienſthafft zu halten / daß ich mich gluͤkſelig ſchaͤtzete / einen ſolchen Knecht angetroffen zu haben; wahr auch geſinnet / ihm ſeine Dienſte dereins mit der Freyheit zu belohnen / und die Verwaltung meines Landguts zu vertrauen. Ihr wuͤrdet euch aber im Außkehrich heßlich betrogen funden haben / ſagte Wenzeſla / wo ſonſt ſeiner lezten Beichte / die er mit ſeinem Tode bekraͤfftiget hat / einiger Glaube beyzumaͤſſen iſt. Deß wil ich jhm auch eine wirdige Urtel ſprechen / antwortete Sabihn; hieß ihn damit neben den andern Leichen auf die Schindgrube ſchleppen / und den Hunden und Raben vorwerffen.
Unſere hart verwundete Helden wuſten dieſen Tag wenig umb ſich ſelbſt / in ſonder - heit Ladiſla / welcher gewißlich des Todes haͤtte ſeyn muͤſſen / wann des Arztes groſſe Er - fahrenheit und Traͤue nicht geweſen waͤhre; dann es gieng ihm eine Ohmacht uͤber die andere zu / daß er kaum den Odem zihen kunte; und nicht deſto weniger wolte er immer ſei - nes Herkules Zuſtandes berichtet ſeyn / welcher gegen Abend etwas Speiſe genoß / und auf ſeinem Lager ſich auffrichtete; welches Ladiſla erſehend / eine lebendige Farbe unter dem Angeſichte bekam / ſich auch mit gutem Willen handeln und verbinden ließ. Des folgen - den Tages beſahe der Arzt Herkules Wunden / und zeigete an; er muͤſte ohn zweifel bey den Goͤttern in groſſen Gnaden ſeyn / maſſen unterſchiedliche Hiebe ſo gar gefaͤhrlich gangen / und doch wunderlich abgeglitſchet wehren / da er ſonſt ohn alle Huͤlffe haͤtte ſterben muͤſ - ſen; Wolte jhn aber ſchon verſichern / daß auff gebuͤhrliches Verhalten / er innerhalb drey Wochen / ſeine voͤllige Geſundheit wieder haben ſolte; Welches Ladiſla mit ſonderlicher Beluſtigung anhoͤrete / der nur acht Wunden hatte / die nicht ſonderlich zu bedeuten / ohn die in der rechten Seite / welche Galehn noch nicht oͤffnen wolte / weil er ſich einer neuen Verblutung befahrete; doch weil die uͤbrigen ſich wol anlieſſen / faſſete er auch wegen die - ſer eine gute Hoffnung. Nun hatte er aber noch keinen Heller / ſo wenig wegen des erſten Bandes / als auff das kuͤnfftige empfangen / wuſte auch nicht / woher jhm feine teure Arz - ney-koſten / und die groſſe Muͤhe - und Kunſt-anwendung ſolte belohnet werden; maſſen ſie in dieſem Wirtshauſe etwa IX Tage ſich auffgehalten / und weder Knecht noch Diener / auſſer einen Leibknaben hatten / der ihnen noch des vorigen Tages entlauffen wahr / und des Wirths Haußknecht jhnen die Pferde warten muſte. Daß nun Galehn gleichwol im gewiſſeſten ſeyn moͤchte / erinnerte er den alten Wenzeſla / die Kranken zu fragen / ob ſie die Arzneyen ſelbſt einkaͤuffen / oder jhm ſolche bezahlen wolten. Sie hetten ſehr zarte Leiber / dergleichen ihm nie vorkommen; ſo wehre die Verwundung / wie ſie ſelbſt wuͤſten / groß und gefaͤhrlich / welche mit Haußkraͤutern ſich nicht wolte heilen laſſen; moͤchte alſo gerne wiſſen / weſſen er ſich hinfuͤro verhalten ſolte. Wenzeſla gab ſolches Herkuleſſen auf teutſch zu verſtehen / der ihm befahl / einen rohten Wetſcher auß der verſchloſſenen Lade zu holen; redete inzwiſchen mit Galehn / und ſagte: Mein Freund / verzeihet / bitte ich / unſer geſtri - gen Schwachheit / welche verhindert hat / daß wir unſer ſchuldigen Dankbarkeit nicht ha - ben koͤnnen eingedenke ſeyn / und laſſet eure beyde Geſellen herzuruffen. Dieſer holete ſie ſelber / daß Herkules Zeit hatte / etliche Sachen zu ſich zu nehmen; und als ſie alle drey ſich einſtelleten / gab Herkules dem Meiſter einen ſchoͤnen Ring von 50 Kronen / und ſo viel Baarſchafft / zu jhm ſagend; Sehet da mein Freund / hiemit ſey euch der erſte Band und der ſchon angewandte Fleiß vergolten / ſo es gnug ſeyn wird / und begehret jhr ein mehrers /ſol11Erſtes Buch. ſol es euch zu allem Danke werden. Dieſer war jhm ſolcher Freygebigkeit nicht vermuh - ten / wegerte ſich / alles zu nehmen / und auff Noͤhtigung erbot er ſich / es in kuͤnfftig mit ſei - nen getraͤuen Dienſten zu erkennen / und allerhand noͤhtige Arzneyen davon einzuk auffen / boht auch jedem Geſellen eine Krone von dem empfangenen; Da Herkules ihm einrede - te / er ſolte dieſes vor ſich behalten / und gab ihnen XXIV Kronen / unter ſich gebuͤhrlich zu teilen; Wodurch ſie ingeſamt dermaſſen zum fleiß auffgemuntert wurden / daß ſie ſtets auffwarteten / und zu allen Dienſten ſich willig einſtelleten. Bey ſpaͤtem Abend machte ſich Galehn an Ladiſlaen Seitenſchaden / loͤſete jhn ſorgfaͤltig auf / und nach fleiſſiger Beſichti - gung ſagte er zu Herkules: Mein Herr / euer Bruder ſol mit der Goͤtter Huͤlffe an dieſer Wunde nicht ſterben / dafern er ſich nur aller Sorge und Schwermuͤhtigkeit entſchlagen / und meiner getraͤuen Warnung folgen wird. Davor ſey Gott im Himmel Dank / antwor - tete er; vermahnete hernach ſeinen lieben Freund / ſein ſelbſt acht zu haben / damit er nicht Moͤrder an ſeinem Leibe wuͤrde; welches Ladiſla alſo beantwortete: Mein Bruder / be - kuͤmmere dich nur meinet wegen nicht; ich wil / wie bißher geſchehen / deines Willens ger - ne leben / unter der Hoffnung / die Goͤtter werden unſere / kaum vor neun Wochen wieder erneuerte Freundſchafft nicht ſo ſchleunig zureiſſen. Aber deine Geſundheit wird das heil - ſamſte Pflaſter zu meinen Wunden ſeyn / deßwegen / ihr mein getraͤuer Arzt / ſagte er zu Ga - lehn / leget nur Fleis an meines lieben Bruders Heilung / und ſeyd verſichert / daß ich euch nicht doppelt / ſondern vielfach lohnen werde. Mein Herr / antwortete dieſer; ob ich wol zu euer Geſundheit ſehr gute Anzeigung ſpuͤre / moͤchte ich doch von herzen wuͤndſchen / daß ihr erſt in dem Stande waͤhret / darin euer Bruder ſich befindet / als dann wolte ich euch beyde inwendig XIV Tagen gehen und reiten laſſen / wohin euchs geluͤſten moͤchte; wolle demnach mein Herr wegen ſeines Bruders ſich nicht bekuͤmmern / der in fuͤnff Tagen vor ihm ſtehen und ſitzen ſol. Dieſes erfolgete auch in der taht / maſſen nach ſolcher Zeit Her - kules ſich des Tages etliche Stunden von ſeinem Lager auffmachete / da hingegen Ladiſla annoch groſſe Gefahr hatte; biß nach Verlauff eilff Tagen / da Herkules ſchon gehen kun - te / der Arzt nach Beſichtigung des gefaͤhrlichſten Schadens ſagete; Nunmehr habe ich / dem Himmel ſey Dank / die unfehlbaren Zeichen / daß am Eingeweyde durchaus nichts verletzet / oder doch ſchon alles wieder geheilet iſt; Wann nun mein Herr ſich mehr wird zur Speiſe halten / damit Leib und Geiſt Krafft bekommen / und der angewandten Kunſt zu Huͤlffe treten / ſol durch der Goͤtter Segen und meinen Fleiß / heut uͤber drey Wochen die - ſe ſchaͤdliche Wunde keines verbindens mehr beduͤrffen. Deſſen nicht allein Herkules / ſon - dern auch Wenzeſla froh ward / ſo daß dieſer ſchon außrechnen durffte / auff welchen Tag er mit ſeinem Herrn ſich auff dem Prager Schloſſe finden wolte. Am ſiebenzehenden Ta - ge nach der Verwundung / legte Herkules ſeine Kleider an / und ob gleich Ladiſla der groͤſ - ſeſten Gefahr entrunnen war / hielt doch ſeine Schwachheit ſehr an / daher Wenzeſla ſich eines langwierigen Lagers befuͤrchtend / ihn dieſen Tag erinnerte / es wuͤrde die Koͤnigin ſeine Fr. Mutter ſonder Zweifel ſich hefftig bekuͤmmern / daß ſie ſo gar keine Zeitung von ihm haͤtte; wolte deßwegen / da es ſeiner Gn. gefaͤllig / eine ſchnelle Botſchafft ablauffen laſſen / damit ſie in ihrem Truͤbſal getroͤſtet wuͤrde. Aber Ladiſla wehrete ihm ſolches / ein - wendend / er haͤtte Schwachheit halber noch nicht Zeit gehabt / darauff zu ſinnen / weſſen erB ijſich12Erſtes Buch. ſich erklaͤren wolte; ſo beduͤrffte es keines andern Bohten; Er wenzeſta ſelbſt ſolte fort - gehen / ſo bald er ſchwachheit halben ſchreiben koͤnte. Dem Alten kam dieſe Antwort ver - daͤchtig vor / und hielt noch mahl an / da Ihre Durchl. es zugeben koͤnte / wolte er deren Ge - ſundheit abwarten / und Ihr in kuͤnfftig auff der Reiſe auffwaͤrtig ſeyn; Aber Ladiſla wolte ihm nicht Wiederſpiel halten / weil er ſeinen Schluß bey ſich ſchon gemacht hatte.
Des folgenden Tages / da er mit ſeinem Herkules allein wahr / und derſelbe vor ſeinem Bette ſaß / redete er ihn alſo an: Herzlieber Bruder / ich halte vor unnoͤhtig / unſer hoͤchſt - vertrauliche Freundſchafft und Liebe / die von dem erſten Tage unſer Kundſchafft her / auſ - ſer dem neulich ertichteten Unwillen / allemahl zwiſchen uns ſteiff und feſt beſtanden / dich weitlaͤufftig zu erinnern; eines meyne ich / dir allerdinge unverborgen zu ſeyn / daß ich lieber ſterben / als deiner angenehmen Gegenwart beraubet ſeyn wolte / daher du keines weges gedenken darffſt / ich werde mein Koͤnigreich antreten / und dich von mir laſſen; So iſt dir gnug bekant / daß mir der Odem nach der Reichs Kron nicht ſtinket / ſondern geſonnen bin / meine bluͤhende Jugend in ritterlichen uͤbungen / und Erfahrung fremder Sitten / auch be - ſuchung abgelegener Laͤnder anzuwenden; iedoch moͤchte ich gerne hieruͤber deine Mey - nung vernehmen / ob du lieber mit mir zugleich gewaltiger Koͤnig in Boͤhmen ſeyn / und nach deines Herrn Vaters Abſterben / meiner Laͤnder Macht / zur Eroberung deines Groß Fuͤrſtentuhms anwenden; oder aber / welches ich lieber wolte / unſer genommenen Abrede nach / die Welt verſuchen / und deine Mannheit / der ich keine zuvergleichen weiß / in ritterlichen Tahten eine zeitlang neben mir uͤben und pruͤfen wolteſt. Hertules kunte ihm nicht laͤnger zuhoͤren / und antwortete: Davor behuͤte mich mein Gott / daß dein Erb - Koͤnigreich zugleich neben dir einen andern Koͤnig haben und ernehren; oder ich wider meines Vaters und des Landes Willen / einen Fuß / geſchweige groſſe feindliche Krieges - heere in mein Vaterland bringen ſolte. O nein / O nein! Herkules hat ſo viel Gnade und Vergnuͤgung von Gott / daß er mit gutem Gewiſſen lieber im Elende / ja in aͤuſſerſter Ar - mut und Dienſtbarkeit ſein Leben zubringen / als wider Gewiſſen ichtwas beſitzen und be - herſchen wil / wie ich deſſen ſchon anderthalb Jahr einen guten Beweiſtuhm abgelegt ha - be. So kanſtu nicht glaͤuben / geliebter Bruder / wie hoͤchlich ich mich freue / daß ich dich erſter Zeit einen gewaltigen herſchenden Koͤnig wiſſen ſol; gelebe auch der gaͤnzlichen Zu - verſicht / du werdeſt durch ſolche Erhoͤhung / und auff deinem ſtolzen Schloſſe deines ge - traͤuen Herkules nicht allerdinge vergeſſen / ſondern unſer geſchwornen Freundſchafft ein - gedencke ſeyn; Ich hingegen verſpreche dir / daß mein Herz und Gemuͤht nimmermehr von dir abſetzen ſol / ſondern in allen Laͤndern / da ich ſeyn und ehrlich leben werde (dann oh - ne Ehre verderbe ich lieber) / ich zu deiner Gedaͤchtniß deinen und meinen Nahmen in ei - ner fuͤglichen Vermiſchung fuͤhren wil. Inzwiſchen wolleſtu / bitte ich / deiner Heilung durch widrige Gedanken keine Hinderung geben / ſondern des Arztes vorgeſchriebenen Satzungen dich gemaͤß verhalten / auff daß du deſto zeitiger in dein Koͤnigreich zihen koͤn - neſt; mich wird mein Gott und Heyland ſchon fuͤhren / wie ers gnaͤdig verſehen hat. Hie - mit fiel er ſeinem liebſten Freunde umb den Halß / und kuͤſſete ihn auß herzlicher Gewogen - heit / als einen / mit dem er ſich ſchier letzen wuͤrde. Ladiſla empfand ſein Herz vor Liebe auffwallen / daß zu befuͤrchten wahr / es moͤchte die gefaͤhrliche Seiten wunde / die ſich ein wenig zugeſezt hatte / wieder auffbrechen; ſahe doch ſeinen allerliebſten Freund gar lieblichan /13Erſtes Buch. an / und ſagte mit ſanffter Stimme: So merke ich wol / Herkules ſtecket in dem Wahn / als ob Ladiſla ohn jhn Koͤnig ſeyn / oder jhn ohne ſeine Geſellſchafft koͤnne reiſen laſſen? Ja / wann Boͤhmen die ganze Welt waͤhre / dann koͤnte ich meinem Herkules folgen mit dem Hoſſtabe / und meinen Stuel ſetzen / wo jhn zu ſeyn beliebete. Herkules wiederantwortete: So ſolte Boͤhmen meinetwegen unſelig und ihres Koͤniges beraubet ſeyn? Ladiſla: So ſolte Ladiſla umb der Boͤhmiſchen Krone willen unſelig / und ſeines lieben Herkules berau - bet ſeyn? Herkules: Ich bleibe der Deine nicht deſto weniger; oder meyneſt du / Herkules koͤnne eines Koͤniges Freund nicht ſeyn? Lieber rede mir hievon nichts mehr / ſagte Ladiſla; ich ſchwoͤre bey dem Gott aller Goͤtter / daß ich mit willen mich von dir nicht trennen wer - de; wuͤrdeſtu aber beſchworne Traͤue brechen / und Zeit meiner Schwachheit heimlich von mir ſcheiden; ſihe ſo wil ich mich / wie krank ich bin / zu Pferde ſetzen / und nicht auffhoͤren in der Welt umbzureiten / biß ich dich außſpuͤre; ſterbe ich dañ ſolcher geſtalt / ſo ſol mein Geiſt dich allenthalben verunruhen / und deine Traͤuloſigkeit dir vorhalten. Dieſe Worte rede - te er mit ſolcher Bewaͤgung / daß jhm das Blut auß der Naſen hervor ſchwitzete / ſahe auch Herkules mit verwendetẽ Augẽ an / als einer / der leztzuͤgig ligt; deſſen er hoͤchlich erſchrak / ihn umfing / und ſagete: Herzallerliebſter Bruder / was verurſachet dich zu dieſer hefftigen Verenderung? haͤlteſtu mich fuͤr einen meineydigen Boͤſewicht / der ſich von dir ohn Ab - ſcheid hinweg ſtehlen wil / ſo verzeihe dirs mein Gott. Hiedurch erſetzete Ladiſla alsbald ſeine Sinnen / druͤckete ihm die Hand aus innerlicher Hertzensliebe / und antwortete ihm: Habe ich mich an dir zu hoch vergiffen / ſo raͤche dich ohn ſchonen; kanſtu aber den Fehler verzeihen / welcher auß der allerlauterſten Liebe entſtehet / ſo bleibe mein Herkules / wie ich dein Ladiſla bleiben werde; und hoͤre meines Herzen unbewaͤglichen Schluß: Mein Koͤ - nigreich ſol mich durchaus nicht ſehen / du geleiteſt mich denn dahin mit freyem und aller dinge ungezwungenen Willen und Vorſaz. So iſt meine Fr. Mutter verſtaͤndig gnug / die Herſchafft zu verwalten / weil ich auſſer Landes bin. Wuͤrde nun der Himmel es ſchicken / daß ich auff unſer Reiſe etwa durch unfall das Leben einbuͤſſen ſolte / und du mein Koͤnig - reich anzunehmen dich wegern wolteſt / ſo iſt meine Meynung / daß dein Bruder Baldrich meine Frl. Schweſter Valiſken (die nunmehr von XIV Jahren) heirahten / und Sie Ihm meine Koͤnigreich zur Heimſteur zubringen ſol. Herkules wolte jhm hierauff Antwort ge - ben; aber Ladiſla kam ihm zuvor / und ſagte; Ehe ich dir einige Antwort goͤnne / beſchwoͤre ich dich zuvor bey dem wahren Gott Himmels und Erden / und bey deinem Jeſus / den du taͤglich anbehteſt / daß du dich nicht unterſteheſt / mich von meiner vorgenom̃enen Reiſe ab - zumahnen; Du we iſt / daß mein Koͤnigreich dein iſt / und du mir keinen groͤſſern Dienſt tuhn koͤnteſt / als daſſelbe mit mir gemein zu haben; ſintemahl dir aber nicht gefaͤllig iſt / deine Jugend daſelbſt in Muͤſſigang und uͤppigkeit zuzubringen / ich dir auch ſolches nicht rahten kan / wil ich dich forthin nicht mehr darzu reizen / ſondern habe nun ſelbſt diß mein Land auff gewiſſe Zeit in meinem Herzen verſchworen; deßwegen ſol und muß un - ſer gemachter Schluß feſt bleiben / und ſo bald ich geneſe / ins Werk gerichtet werden. Herkules ſagte: Boͤhmen moͤchte wuͤndſchen / daß ich nie gebohren waͤhre / oder du mich niemahls mit Augen geſehen haͤtteſt; dann ſo viel ich mercke / wird ſolches Land meinetwe - gen ohn ſeinen Koͤnig ſeyn muͤſſen / welches ich auff ein oder ander Jahr noch ſo groß nicht achten wolte; Wie aber / wann mir mein Gott in weit abgelegener Ferne etwa Kriegs -B iijdienſte14Erſtes Buch. dienſte / oder wol gar eine Herrſchafft verſehen haͤtte / wolteſtu als dann dein Reich ange - ben / und bey mir bleiben? Lieber bedenke doch / mein Bruder / was unbilliche Sache du vor - nimſt / und verſchwoͤre nicht in deinem Herzen / wozu dich Gott ſelbſt beruffen und verord - net hat. So wil ich nun / angeſehen deine hohe Beteurung / dich in meiner Geſellſchafft herzlich gerne eine zeitlang wiſſen / allein beſchwoͤre mich nach dieſem nicht mehr ſo hoch / auf daß ich nicht gehindert werde / mein getraͤues Bedenken dir anzudeuten. Was endlich meinen lieben Bruder Baldrich betrift / ſo hat derſelbe durch GOttes Gnade in kuͤnfftig (weil ich ja enterbet ſeyn ſol) ſo viel Laͤnder zu beherrſchen / daß er ein mehres weder verwal - ten noch begehren kan; Zweifele auch ſehr / ob die Land Staͤnde deines Reichs damit wuͤr - den friedlich ſeyn; Und warumb wolteſtu mit Schlieſſung ſolcher Heyraht zwiſchen dei - ner Frl. Schweſter und meinem Bruder ſo ſchleunig verfahren? nach dem mahl dieſer erſt von XIIX Jahren iſt / und man nicht wiſſen kan / ob eins dem andern von Gott verſehen ſey; welche lezten Worte er mit ſonderlicher Bewaͤgung vorbrachte. Ich wil alles nach deinem Gutduͤnken machen / ſagte Ladiſla / nur daß unſer abgefaſſeter Schluß nicht gebro - chen werde / ohn daß wir uns mit mehr Dienern verſehen / als wir ſonſt willens wahren / weil auß Boͤhmen ich nun Mittel gnug haben kan / ſie zu unterhalten. Wie es dir gefaͤlt / mein Bruder / antwortete er; doch ſehe jch nicht / wie wir uns nur vor umſchweiffende Rit - ter außgeben koͤnnen / wann wir mit zu groſſer Menge reitender Diener einher prangen; haͤtte ein jedweder einen Handfeſten aͤdlen Diener / der uns ein gutes Leib-Roß nachfuͤh - rete / und einen Knaben / auff unſern Leib zu warten / waͤhre meines ermaͤſſens / uͤbrig gnug; und ſolche zu unterhalten / wie es dir ein geringes / alſo kan mir auch nicht mangeln / weil meine Fr. Mutter mir im neulichſten Schreiben Hoch Ritterliche Zehrungskoſten ver - ſprochen hat; und wer weiß / was vor Gluͤk uns durch Abenteur zuſtoſſen moͤchte / daß wir in der Fremde mehr Gelder uͤberkaͤhmen / als wir auß unſerm Vaterlande zugewarten ha - ben? O daß ich nur erſt recht geſund waͤhre / ſagte Ladiſla / damit an Verhinderung unſers loͤblichen Vorſatzes ich nicht laͤnger ſchuld truͤge. Wir ſind ja / weiß nicht wie / zu dieſen Wunden kommen / antwortete Herkules / und was haͤtten wir vor Ruhm davon / wenn die - ſe heilloſen Diebe uns haͤtten gar erſchlagen? Ich hatte mich meines Lebens gar zeitig er - wogen / ſagte Ladiſla / als ich ſahe / daß die frechen Buben ſo muhtig in unſere Schwerdter lieffen; Zweifele auch nicht / da der verwaͤgene Geta ſeine Faͤuſte mit gebrauchen koͤnnen / wuͤrde es noch gefaͤhrlicher umb uns geſtanden ſeyn; jedoch geſchehene Dinge ſind nicht zu wieder bringen / nur daß ſie uns zur Lehre dienen / dergleichen unloͤbliche Streite / ſo viel moͤglich zu meiden / welche viel Wunden und wenig Ehre geben; Wann ich nun wiſſen moͤchte / wie bald ich voͤllig geneſen ſolte / haͤtten wir unſere Sachen darnach anzuſtellen. Wenzeſla ſaß im Neben-gemache / und hoͤrete alle vermahnungen / damit Herkules Ladiſ - laen zur reiſe nach Boͤhmen bewaͤgen wolte / aber weil derſelbe wegen ſchwachheit zu ſanf - te redete / kunte er deſſen antwort nicht vernehmen; meinete auch / Herkules unwillige re - den gingen auff etwas anders als auff eine verwegerung / nach Boͤhmen zu ziehen. Galehn ſtoͤrete ihr Geſpraͤch durch ſeine ankunfft / zu welchem Herkules ſagete; Gewißlich / mein Freund / wird mein Bruder ſchlimmer Haut zu heilen haben als ich. Ja mein Herr / ant - wortete er; Herr Ladiſla iſt fluͤſſiger und ſchwermuͤhtiger art; wiewol des Herrn wundengegen15Erſtes Buch. gegen dieſen Seiten-Schaden nicht zu rechnen ſind; doch haben wir das gefaͤhrligſte ſchon vorbey gebracht. Er loͤſete hiemit die Binde auff / und als er das Pflaſter hinweg taht / drang ein zimlich teil Blut hervor; deſſen er ſich uͤbel gehuhb / fing an zu ſchelten / und verwies ihm mit harten worten / warumb er ſich ſo heftig bewaͤget / daß die Wunde einen Bruch bekommen; es duͤrffte leicht geſchehen / daß das lezte aͤrger wuͤrde als das erſte / und er ſein lebelang ein krummer Menſch bliebe; truͤge demnach bedenken / die heilung allein uͤber ſich zu nehmen / wan er ſeinem getraͤuen Raht nicht folgen wolte / damit man ihn her - naͤhſt nit der verſaͤumnis oder des Unverſtandes zu beſchuldigen haͤtte. Herkules hatte ihm ſeine Geldliebe ſchon abgemerket / ſahe gleichwol / daß eine groſſe Verenderung an der Wunde wahr / deſſen Urſach er wol wuſte / und ſagte zu ihm; haͤtte ſein Bruder ſich viel - leicht uͤberſehen / ſolte es hin fort nicht mehr geſchehen / und moͤchte er gebeten ſeyn / allen fleiß an zuwenden / daß die heilung in kurzer zeit verrichtet wuͤrde / des wolten ſie ſich dank - barlich einzuſtellen wiſſen. Galehn wuſte wol / daß er ein mehres nicht fodern durfte / weil er vor ſich ſchon uͤber 160 Kronen baar empfangen hatte; wolte ſich gleichwol dieſes erbie - tens gebrauchen / und fragete / ob ihnen dañeben an der eile ſo groß gelegen waͤhre / ſo wolte er inwendig drey wochen / von heut an zurechnen / den Schaden ganz heile ſchaffen; und ob ſie ihm noch etwas vor ſeine muͤhe zuwenden wolten / ſtellete er ihrer hohen Freigebig - keit anheim. Warumb ſolte euch eure muͤhe unvergolten bleiben? ſagte Herkules; thut ihr nur fleiß / daß die Wunde von grundaus geheilet werde / als dan ſolt ihr vor dieſe drey Wochen noch XL Kronen haben. Wie aber / ſagte Galehn / wann ich den Kranken vor auß - gang der drey Wochen geſund ſchaffete? Ladiſla wahr dieſes eine angenehme rede / und antwortete ihm: So mannichen Tag ihr mir an dieſer Zeit verkuͤrzet / ſo manniche Sechs Kronen ſolt ihr uͤber die verſprochenen haben / und wuͤrde mir nichts lieber ſeyn / als daß ich dieſen Tag voͤllig geſund wuͤrde / das Geld wolte ich euch willig zahlen / und noch wol ein neues Kleid zum uͤberſchuſſe. Ich bedanke mich des milden erbietens / ſagte Galehn; ging hin / hohlete ein neues Pflaſter / und vermaß ſich / dafern dieſes nach ſeinem Willen / wie er hoffete / wirken wuͤrde / wolte er ſich morgen einer kuͤrzern Zeit erklaͤren; Wie dann wirklich erfolgete; maſſen dieſes ſo gute Huͤlffe taht / daß des neun den Tages hernach La - diſla geſund wahr / und das verſprochene gerne erlegete. Da kunte nun Wenzeſla / der mit Schmerzen dieſe Tage geharret / jhm keine andere Rechnung machen / als daß Ladiſla mit ihm nach Boͤhmen reiſen wuͤꝛde; Deßwegen er / wie unſere Helden dieſen Abend im Bre - te ſpieleten / zu ihm ſagete: Uber drey Wochen / geliebts den Goͤttern / ſpielen Eure Gn. mit Ihrer Frl. Schweſter / welche / wie ich mir ſagen laſſen / in dieſem Spiel ſehr ſchlauh und er - fahren ſeyn ſol; ſo habe ich noch zur Zeit / wegen Traurigkeit und Kummer / meiner Gnaͤd. Fraͤulein Befehl nicht verrichten koͤnnen / da ſie ſelbſt zu mir ans Pferd kam / und mich ih - ren Durchl. Oheim und Bruder Groß Fuͤrſt Herkules ſchweſterlich gruͤſſen hieß / dafern ich ihn bey ihrem Hn. Bruder Ladiſla vermuhtlich antreffen wuͤrde; Das Wahrzeichen meiner Schweſterlichen Traͤue und Auffrichtigkeit / ſagte ſie / gebet ihm bey dem mir ge - raubeten Bande / welches er als ein Gedaͤchtnis wieder meinen willen zu ſich genommen / und ſo hoher Ehr nicht wirdig iſt / deßwegen ſeine Liebe ich bitten laſſe / das unter den Klei - noten eingewickelte Armband von XXV Demanten zuſammen geſezt / von mir anzunehmẽ /und16Erſtes Buch. und es mir zu gefallen ſtets am rechten Arme zutragen. Ging hiemit zu dem Wetſcher / hoh - lete es her / und lieferte es mit dieſen Worten: Durchleuchtigſter Fuͤrſt / ich wuͤnſche daß mein Gn. Fraͤulein keinem Unwirdigern etwas ſchenken moͤge. Ladiſla lachete des Wun - ſches / und ſagte: Wie ſo mein Wenzeſla? wollet ihr dañ nicht auch etwas von meiner Frl. Schweſter geſchenket haben? Ja / Gnaͤdiger Herr / antwortete er / ich nehme trauen lieber als ich gebe; aber meine Reden halten eine ſonderliche Heimligkeit in ſich / die ich dereins deutlicher außlegen werde. Herkules ward nicht allein des uͤbergeſchikten Armbandes / ſondern auch des entbohtenen unfehlbaren Warzeichens ihrer unbruͤchigen traͤue hoͤchſt erfreuet / dann er hatte bißdaher in aͤngſtiger Furcht gelebet / ſie wuͤrde wegen ſeines langen auſſenbleibens / und daß er nie keinmahl an ſie geſchrieben / ſein ſchon vorlaͤngſt vergeſſen haben / oder da ſie ſeines Chriſtenthums innen wuͤrde / ihm deßwegen nicht weniger als ſein leiblicher Vater ſelbſt / Haß und Wiederwillen zulegen; nach dem er aber dieſer Furcht gaͤnzlich enthoben ward / nam er das Armband mit ſonderlicher Ehrerbietigkeit an / zog ein kleines Ringelein hohes Werts vom Finger / und uͤberreichte es Wenzeſla mit dieſen Wor - ten: Es iſt mir ſehr lieb / daß meine Durchl. Frl. Waſe und Schweſter / ihres ſo lange Zeit abweſenden Dieners eingedenke iſt; wollet ihr demnach naͤhſt Anmeldung meines Gruſ - ſes und meiner bereitwilligſten Dienſte / dieſen ſchlechten Ring hinwieder zuſtellen / und daß ich mich erbiete / ihrer Liebe der eins mich mit wirdigerer bezeigung der ſchuldigen Dankbarkeit finden zulaſſen / welches mir vor dißmahl nicht der wille / ſondern bloß das unvermoͤgen verbeut. Wenzeſla nam den Ring zu ſich / mit dem verſprechen / ihn gebuͤhr - lich einzulieffern / bekam aber ſehr fremde gedanken / daß er nicht vielmehr Ladiſla als ihm den Ring zuſtellete. So bald ſich Ladiſla zur ruhe gelegt hatte / verfertigte Herkules in aller ſtille ein Schreiben an das Fraͤulein / und gab es Wenzeſla noch deſſelben Abends mit die - ſem befehl: Sehet / dieſes Schreiben / in welchem ich meine Frl. Waſe umb eine mir noͤh - tige Werbung an meine Fr. Mutter die Koͤnigin bitte / wollet ihr in gute verwahrung nehmen / und es hochge dachtem Fraͤule in in hoͤchſter geheim zuſtellen / daß deſſen kein eini - ger Menſch innen werde / weil auch die Fr. Koͤnigin ſelbſt nicht wiſſen darff / daß ich ein ſolches ſuche; hilfft mir Gott der eins / wie ich hoffe / wieder in mein Vaterland / ſol euch dieſer dienſt wol vergolten werden. Meldet ſonſt dem Fraͤul. wegẽ des angefoderten Ban - des / es werde keines andern / als des Raͤubers Hand ihr ſolches einliefern / biß dahin ſie ihr die Zeit nit wolte lange wehren laſſen / und inzwiſchen mit verſprochener Schweſterlicher hulde mir gewogen verbleiben. Des folgenden Morgens machte Ladiſla auch zwey Schrei - ben an ſeine Fr. Mutter fertig / deren das eine zugleich mit an die Landſtaͤnde gerichtet wahr / als in welchem er anzeigete / wie es Zeit ſeines abweſens mit des Reichs verwal - tung ſolte gehalten werden; Im andern baht er von ihr vertraulich / was ihm jaͤhrlich zum unterhalt ſolte nach Rom durch Wechſel uͤbergemacht werden. Und nach dem er ſie wol verſiegelt hatte / haͤndigte er ſie Wenzeſla ſolcher Geſtalt ein: Hier ſind zween Brieffe an meine Fr. Mutter / die ſollet ihr auff ſchneller eile uͤberbringen / und nichts als dieſes wenige vermelden; Ich verbleibe ihr gehorſamer Sohn / als lange ich lebe; dafern ſie aber ein Muͤtterliches Herz zu mir traͤget / wolle ſie ihr den Inhalt / wo nicht beyder / doch des groͤſ - ſeren Schreibens gnaͤdigſt gefallen laſſen; und wann deren keines ſeyn koͤnne / habe ſiemacht /17Erſtes Buch. macht / nicht allein als eine Mutter / ſondern auch als eine gebietende Koͤnigin mit mir zu ſchalten. Wenzeſla antwortete: wie dann gnaͤdigſter Herr / ſol ich das Gluͤk und die Ehre nicht haben / Ihre Durchl. nach Prag zubegleiten? was wird meine allergnaͤdigſte Koͤni - gin ſagen / daß von euer Durchl. ich geſchieden bin / und derſelben nicht auffwarte? Be - kuͤmmert euch umb nichts / ſagte Ladiſla / meine Fr. Mutter wird nach verleſung meiner Schreiben mit mir und euch ſchon zufrieden ſeyn; nur gruͤſſet mir daneben meine geliebt - ſte Frl. Schweſter / und andere gute Freunde. Alſo muſte Wenzeſla von Rom hin weg voll Unmuht und mißligkeit / daß er ſeinen Herren nicht mit bringen ſolte; wie wol er noch der guten zuverſicht lebete / er wuͤrde bald nachfolgen / und die Herrſchafft antreten.
Nach ſeinem Abzuge bereiteten ſich unſere Helden / ihren Ritterzug vorzunehmen. Sie hatten ſchon drey gute Pferde / zu denen kaufften ſie noch fuͤnffe / und vier Ritter Harniſche von ſchlechtem an ſehen / aber ſehr feſte / uñ in Sizilien geſchmiedet / nahmen zween Leibkna - ben an / gutes Roͤmiſchen Adels / welche Sie in roht Scharlaken mit einer guͤldenen Borte kleideten; Vor ſich ſelbſt aber jeder drey koͤſtliche Kleider machen lieſſen / beſtelleten auch zween ritterliche Diener / in Waffen wol geuͤbet / und von den Roͤmiſchen Geſchlechtern / die aber in tieffen Schulden ſtecketen / daß ſie uͤmb Sold dienen muſten / weil ſie von ihren Glaͤubigern hart gedraͤnget wurden / daß ſie von jhren Guͤtern wenig zu genieſſen hatten. Sab ihn ihr Wirt verwunderte ſich / woher ihnen ſo viel Mittel kaͤhmen / angeſehen ſie vor ihrer Verwundung gar kaͤrglich gelebet / und ſich keines uͤberfluſſes hatten merken laſſen. Weil ihm nun alles / was verzehret wahr / auff einem Bredte bezahlet wurde / haͤtte er ſol - che Gaͤſte gerne laͤnger behalten / daher er ihnen nach Moͤgligkeit vorging. Des ſechſten Tages nach Wenzeſla Abſchied / erhielt Herkules bey ſeinem Ladiſla / daß er mit ihm in die Chriſtliche Verſamlung ging / und jhrem Gottes dienſte beywohnete / ſo viel einem Unge - taufften zugelaſſen wahr; und ob er gleich alles vor Aberglauben und Kindiſche Gebraͤu - che hielt / ſo begunte er doch den Chriſten etwas geneigter zu werden / weil er ſahe und hoͤre - te / daß jhr Gottes dienſt viel anders beſchaffen wahr / und der Gottloſigkeiten ſich keine be - funden / deren ſie von den Weltweiſen und Heydniſchen Pfaffen beſchuldiget wurden. Nach vollendetem Gottes dienſte trat Herkules zu dem damahligen Biſchoff Urban / und lieferte jhm 100. Kronen / unter die nohtleidende Chriſten außzutheilen / mit dem Verſpre - chen / daß / wann ihm Gott zu ſeiner Reiſe Gluͤk geben wuͤrde / wolte er hernaͤhſt ein mehres bey den Armen tuhn; begehrete daneben / daß er jhn ins gemeine Gebeht einſchlieſſen / und vor ſeinen lieben Geſellen zu Gott bitten wolte / daß er zum Chriſtentuhm erleuchtet wuͤr - de; ging mit Ladiſla wieder nach der Herberge / und ließ daſelbſt zwoͤlff lahme gebrechliche Chriſten ſpeiſen / und Tuch zu Kleidern geben / hernach beſahe er den Ort / wo die beyden vortreflichſten Bohten und Juͤnger des Herrn / Peter und Paul / jhr Leben durch willigen Todt umb des Nahmen Jeſus willen zugeſezt hatten / da der heilige Peter gekreuziget / und Paul enthauptet wahr / da dann Ladiſla ſich in ſeiner Geſelſchafft befand. Endlich beſtel - leten ſie ihren Wirt Sabihn zum Verweſer und Auffheber aller kuͤnfftigen Wechſel Gel - der und Briefen / bey des dieſte von anderwerz bekommen / und die ſie an gewiſſe oͤrter ſchrei - ben und uͤbermachen wuͤrden / davor ſie ihm jaͤhrlich 150 Kronen vermacheten / und auff ein Jahr vorauß bezahleten. Dem Arzt ſchenketen ſie zum Abzuge XX Kronen / und bey -Cden18Erſtes Buch. den Geſellen X; kaufften auch umb XX Kronen eine koͤſtliche Wund Salbe von jhm / wo - mit man alle friſche Wunden in kurzer friſt heilen kunte / und nahmen des folgenden Tages gar fruͤh Abſcheid / in hoffnung / Gott wuͤrde ſie an ort und ende fuͤhren / woſelbſt ſie Ruhm und Preiß erwerben koͤnten. Als ſie uͤber die Gaſſe vor Herr Zinna / Herkules geweſenen Herrn Wohnung vorbey ritten / ward deſſen Tochter / Fr. Zezilia jhrer gewahr / winkete ihrem lieben Herkules / auff ein Wort ſtille zu halten / verwieß ihm hoͤchlich / daß er ſich ſo lange noch zu Rom auffgehalten / und ihr kein mahl zugeſprochen haͤtte. Er aber entſchul - digte ſich ſehr / daß er und ſein Freund vor etlichen Wochen gefaͤhrlich verwundet / und kaum vor wenig Tagen erſt geneſen waͤhren; haͤtte geſtriges Tages Zeitung von Hauſe gehabt / ſich eilend daſelbſt einzuſtellen / weil ſeine Fr. Mutter to des verblichen / und er die Haußhaltung wider ſeinen Willen antreten muͤſte; baͤhte demnach dienſtlich / ihm zu ver - zeihen / daß er ihr laͤnger Geſelſchaft nicht leiſten koͤnte. Ich habe wol gewuſt / ſagte ſie / daß ihr noch ſtets zu Rom ſeyd geweſen / aber eure Herberge nicht erfahren koͤnnen / ſonſt haͤt - te ich euch dieſen Denkring meiner guten Gewogenheit / durch meine Leib dienerin zuge - ſchikt / welchen ich euch nun ſelbſt liefern wil / mit Bitte / jhn eurer ergebenen Freundin Ze - zilien wegen zu tragen / und bey demſelben der Engellaͤndiſchẽ Geſchichte (dieſe iſt im fuͤnf - ten Buche zu leſen) ſtets eingedenke zu ſeyn. Hochwerte wahre Freundin / antwortete er; ich bedanke mich der annoch ferner bezeigeten Gutwilligkeit / die ich / wo ich leben ſol / zu er - ſetzen / unvergeſſen ſeyn werde; Die Erinnerung aber der Geſchichte wird ſie ohn Zweifel mit ſolchem Herzen vorbringen / als ich ſie auffnehme; und wolle / bitte ich ſehr / ihre gelieb - te Eltern unſer beyder wegen dienſtlich gruͤſſen; vielleicht gibt es die Gelegenheit / daß wir uns dereins wieder ſprechen. Hieb damit ſein Roß an / und rante mit ſeiner Geſelſchafft eilig fort / weil er ſich befuͤrchtete / von Herrn Zinna auffgehalten zu werden. Als er zum aͤuſſerſten Tohr außritte / ſeufzete er / und ſagte zu Ladiſka: Nimmermehr werde ich das al - lerliebſte Rom auß meinem Gedaͤchtniß kommen laſſen / ob ich gleich noch hundert Jahr leben ſolte; Dann ungeachtet ich hieſelbſt anderthalbjaͤhrige Leibeigenſchafft und harte Dienſtbarkeit außgeſtanden / muß ich doch geſtehen / daß naͤhſt Gott / ich dieſem Orte allein meiner Seelen Wolfahrt / und Gewiſſensvergnuͤgung zu danken habe; weil ich hieſelbſt endlich funden / was meinen Verſtand erleuchtet / meinen Willen ſaͤttiget / mich in Trau - rigkeit freudig machet / und wider alle Unfaͤlle mich kraͤfftiget und ſtaͤrket. O gluͤkſeliger Tag / da ich im Boͤhmerwalde von den Pannoniſchen Raͤubern gefangen; noch gluͤkſeli - ger / da ich von den Roͤmiſchen jhnen wieder geraubet / und in dieſer Stadt verkauft ward; Dann durch dieſe gelegenheit bin ich zur Erkaͤntniß meines Gottes und Heylandes kom - men / ohn welche ich ungezweifelt haͤtte ewig muͤſſen verdamt und verlohren ſeyn. Ich weiß nicht / antwortete Ladiſla / was ſonderliches du doch in dieſem Glauben funden haſt / ohn ei - nen vermeynten neuen Gott / der etwa vor 225 Jahren / wie du ſelbſt geſteheſt / von ſchlech - ten armen Eltern im Viehſtalle gebohren / in Mangel und Armut auferzogen / von ſeinen eigenen Freunden und Blutsverwandten verachtet / verfolget / endlich gar als ein Ubeltaͤh - ter zwiſchen zween Moͤrdern aus Kreuz auffgehenket iſt. Nun betrachte dagegen unſere Goͤtter; wie von groſſen Leuten / ja von Goͤttern ſelbſt ſind ſie entſproſſen; wie herꝛliche Tahten haben ſie verrichtet / und umb die ganze Welt ſich ſo hoch verdient gemacht / dz manſie19Erſtes Buch. ſie daher nach ihrem Tode billich geehret / und unter der Goͤtter Zahl auffgenommen hat. Herkules antwortete ihm: Mich jam̃ert dein von Herzen / lieber Bruder / daß du von geiſt - lichen und goͤttlichen Sachen ſo gar fleiſchlich / und da ichs ſagen darff / kindiſch redeſt; wil demnach dir alles beydes / ſo wol / was du von meinem HErrn JEſus / als von deiner ver - meynten Goͤtzen Geburt / Leben und Tahten meldeſt / in aller Kuͤrze und Einfalt beantwor - ten. Und zwar vor erſt geſtehe ich / daß meines lieben Heylandes Geburt / ſeinem Fleiſche nach / aͤuſſerlich ſehr armſelig und geringe vor der Welt ſcheinet / weil ſein Pflege-Vater Joſeph nur ein Zimmerman / und ſeine liebe Mutter / die keuſche Jungfer Maria ein ver - laſſenes Waͤyſelein wahr; aber dagegen waren ſie dannoch beyderſeits von dem allervor - trefflichſten Koͤniglichen Gebluͤt und Artſtamme / welches jemahl in der Welt geweſen; muſten aber aus Furcht des Todes ihr Herkommen vertuſchen / weil Herodes alle Nach - kommen des Koͤnigs David ſuchte außzurotten. Betrachte aber meines HErrn JEſus Geburt nach jhrer innerlichen Treffligkeit und Wirde / dann wird mir kein Menſch der - ſelben gleichen zeigen koͤnnen; maſſen einmahl wahr iſt / daß er ohn Zuthun eines Mannes / bloß nur durch Krafft und Wirkung des Almaͤchtigen Gottes / von hochgedachter Jung - fer Marien empfangen / und ihre Jungfrauſchafft durch einigen Menſchen niemahls iſt verletzet worden. Sie gebahr jhr Soͤhnlein zwar im Viehſtalle / aber zu Troſt allen armſe - ligen Menſchen / daß Er / dieſer Himmels Koͤnig / auch der allergeringſten ſich annehmen / und ſie zum ewigen Leben befodern wolte. Je doch muſte ſeine Geburt gleichwol nicht ohn alles Gepraͤnge ſeyn / ſondern von dem groſſen Engel und Himmels-Bohten Gabriel / den Hirten auf dem Felde angekuͤndiget / und von der unzahlbaren menge der himliſchẽ Heer - ſcharen beſungen werden; Zugeſchweigen / daß auch die Weiſen Weltgelehrten auß Mor - genlande ihn zu verehren / ſich bald nach ſeiner Geburt eingeſtellet / und mit Golde / Weih - rauch und Myrrhen jhn beſchenket haben. Nun wirffeſtu mir ein ſeine armſelige Auffer - ziehung / und ſchmaͤhlichen Todt; aber wann du mit mir erkennen koͤnteſt / daß dieſer unſer Heyland / wann es ihm umb gute Tage / und treflichen Pracht waͤhre zu tuhn geweſen / wol haͤtte in ſeiner himliſchen Hocheit bleiben moͤgen; waͤhre dieſem Zweifel ſchon abgeholf - fen; es iſt dir aber noch zu hoch und ſchwer in deiner heydniſchen Blindheit; Dann ſein Vorſaz wahr / uns ſuͤnd haffte Menſchen bey ſeinem erzoͤrneten Vater wiederumb außzu - ſoͤhnen; und weil deſſen Gerechtigkeit vor das Verbrechen auch Gnugtuhung erfoderte / ja auch vor die begangene Suͤnde und Miſſetaht Straffe erteilen wolte; und aber wir nicht-werte Menſchen weder ſeinem heiligen Willen gnug tuhn / noch die Straffen des ſtarken Armes unſers Gottes ertragen kunten; Als ſtellete ſich unſer Heyland zwiſchen Gott und uns / erfuͤllete durch ſein unſtraͤfliches Leben den Willen Gottes / und in aller ver - folgung und Todesangſt fuͤhlete er an unſer ſtat die harten Schlaͤge Gottes / wo durch wir dem himliſchen Vater hinwie derumb verſoͤhnet / und zu Gnaden auffgenommen ſind / da - fern wir nur auff dieſen unſern Heyland uns verlaſſend / uns vor mutwilligen Suͤnden huͤten / und nach dem Willen Gottes unſer Leben anſtellen. Du wirſt dich aber auch erin - nern / was ich dir ehmahls zu wiſſen getahn / wie daß dieſer unſer Helffer Jeſus nicht lange im Tode und Grabe verblieben / ſondern am dritten Tage als ein gewaltiger Siegsheld le - bendig ſich hervor gemacht / und am vierzigſten Tage hernach / ſichtbarlich auf gen HimmelC ijgefah -20Erſtes Buch. gefahren iſt / da Er ſich zur Rechten Hand Gottes geſezt hat / auch von dañen am lieben juͤng - ſten Tage kommen wird / zu richten alle Menſchen / die vom Anfange der Welt biß auff die lezte Zeit gelebet haben / und noch leben werden. Und wann du fragen wolteſt / wie ich ſol - ches gedenke zubeweiſen / wil ich dir vor dißmahl nur zu bedenken vorſtellen / daß die / ſo mit dem HErren Jeſus auff Erden gewandelt / und ſeine Lehre angenommen / nachgehends weder durch Pein noch Todt haben koͤnnen gezwungen werden / dieſes zu verleugnen / welches ſie ja nimmermehr als vernuͤnfftige Menſchen wuͤrden gelitten haben / dafern ſie nicht waͤhren verſichert geweſen alles deſſen / warumb ſie den Todt vor das Leben erwåhlet. Du aber / mein Bruder / zeige mir einen Heyden / der die Meynung von ſeinen Goͤtzen mit ſeinem Blute jemahls beſtetiget und verſiegelt habe. Ladiſla gab hier auff zur antwort; Ich hoͤre deinen Reden zu / und zwar mit gutem willen / aber nicht anders gedeucht michs / als da meine Fr. Mutter mir in der zarten Kindheit ein Mehrlein zu erzaͤhlen pflegte. Ja mein Bruder / ſagte Herkules / das aͤuſſerliche hoͤren ſtehet in unſerm wilkuͤhr und freyen Willen / aber es innerlich annehmen / und den Glauben daran haben / koͤnnen wir ſelbſt in uns nicht wirken / ſondern ſolches muß von Gott kommen; Zu dem ich der troͤſtlichen Hoffnung ge - lebe / Er weꝛde mein taͤgliches Gebet und inbruͤnſtige Seuffzer der eins erhoͤren / und duꝛch Krafft des Heiligen Geiſtes den Glauben in dir wirken. Ladiſla antwortete; du weiſt / mein Bruder / wie inniglich ich dich liebe / aber doch biß an die Goͤtter / die ich umb Menſchen willen nicht verleugnen kan; ſo wirſtu dich auch unſer Abrede erinnern / und mich ſo we - nig / als ich dich / des Glaubens wegen noͤhtigen. Davor behuͤte dich und mich der All - maͤchtige Gott / ſagte Herkules / daß wir ja keinem Menſchen zugefallen ichtwas in unſerm Glauben endern; O nein / dieſe Meynung hats durchaus nicht; vielmehr rahte ich dir ſel - ber / daß du ehe nicht abtreteſt von deinen Goͤtzen / biß der wahre Gott dir den Willen darzu verleyhet; denn ſonſt waͤhreſtu ein Heuchler und Spoͤtter unſers Gottes. Ich muß aber das andere Stuͤk deines Einwurffs dir nicht unbeantwortet laſſen / woſelbſt du deiner Goͤtter ſtatliches Herkommen / groſſe Tahten / und herliche Verrichtungen ans Bret ſtel - leſt / wodurch ſie ſollen verdienet haben / daß man ſie unter die Zahl der Goͤtter auffgenom - men. O Ladiſla / betrachte / bitte ich / was du redeſt; Sind deine Goͤtter von Menſchen ge - zeuget / je ſo ſind ſie ia keine Goͤtter; Deñ wie koͤnten Menſchen / die ſterblich ſind / unſterb - liche Goͤtter außhecken? Hat auch wol der Ochſe jemahls einen wahren Menſchen zum Sohn gehabt? Haben aber deine Goͤtzen / zeit ihrer Menſcheit / loͤbliche Tahten verrichtet / darzu verbindet ſie die Erbarkeit / wie uns Menſchen alle miteinander. Du weiſt aber dan - noch / wie viel Untahten ſie zugleich daneben begangen / und dadurch ſich ſelbſt geſchaͤndet. Jupiter / der beſte unter allen / vertrieb ſeinen leiblichen Vater den Saturn / und legte jhm ſolche Schande an / welche ich nicht melden mag; Ja er nam ſeine Schweſter Juno zum Weibe / wider die weltkuͤndigen eingepflanzeten Rechte; trieb auch Unzucht / Ehebruch uñ andere abſcheuliche Boßheiten. Dein Bacchus wahr ein Saͤuffer und Schwelger: Mer - kuhr / aller Diebe und Raͤuber Schuzherr; Herkules tahten ſind dir bekant / beydes die ruhmwirdigen und laſterreichen. Venus wahr einer gemeinen Metzen / die mit jhrem Lei - be Geld verdienet / aͤhnlicher / als einer tugendhaften Frauen. Noch darff man ſie vor Goͤt - ter angeben / ja vor Himmels Goͤtter. O der ſchaͤndlichen Gottheit / die mit Laſter und Un -zucht21Erſtes Buch. zucht ſich beſudelt / wovor auch die gebrechliche Menſchen abſcheu tragen. Eure Gelehrtẽ wiſſen und behaͤupten / daß der Himmel ein reines Weſen ſey / von allem Unflat geſaubert; Und in ſolchem reinen Hauſe ſolten ſo unreine Herren wohnẽ? Sie wiſſen und behaͤuptẽ / daß die Gottheit alles gute / alle Vollkommenheit in ſich begreiffe; und die Goͤtter ſolten ſolche tugendloſe Untiehre ſeyn? Aber ich weiß deine Entſchuldigung wol / welche du noch ſelber nicht weiſſeſt. Man muͤſſe der Heydniſchen Tichter uñ Buͤcherſchreiber Reden von den Goͤttern nicht nach dem Buchſtaben / ſondern nach dem innerlichen Verſtande anſe - hen und außdeuten; man muͤſſe durch Saturn die Unvergaͤngligkeit; durch Jupiter die weit / breite Lufft; durch ſein Weib und Schweſter Juno die Erde verſtehen / und durch ih - ren Beyſchlaff oder Vermiſchung / die Befruchtung / welche die Erde von der warmen Lufft empfaͤhet / und was dergleichen Auffzuͤge mehr ſind. Hoͤre aber / mein Bruder / iſt die Lufft dein Gott? iſt die Erde deine Goͤttin? ie warumb flucheſt und ſpeyeſtu dann alles in die Lufft hin? je warumb tritteſtu die Erde mit Fuͤſſen / und beſudelſt ſie mit deinem unflaͤ - tigen Kote? Ich ſage mehr; wann die Lufft vergifftet iſt / daß ſie dir die anklebenden Seu - chen verurſachet / iſt dann auch dein hoͤchſter Gott vergifftet? Und wann du die Erde mit dem Pfluge oder Grabeiſen umbkehreſt / ſchneideſtu dann der vornehmſten Ober-Goͤttin ſo manniche Wunden? Zum Beſchluß / daß ich dich nicht zu lange auffhalte / gibſtu vor / die Menſchen haben jhnen die Gottheit nach ihrem Tode zugeleget. Ey der ſchoͤnen Goͤt - ter / die von Menſchen darzu gemacht werden! Kan auch der Menſch einem Lebendigen die unſterbligkeit und Almacht ſchencken / die er ſelber nicht hat? Mein Bruder / fodere / bitte ich / von dieſen Goͤttermachern zum Beweißtuhm ihrer Kunſt / daß ſie mir auß einem Baum einen lebendigen Ochſen / aus einem Eſel einen vernuͤnftigen Menſchen / ja daß ſie nur aus einem vierwoͤchigem Kalbe / inwendig ſolcher Zeit eine erwachſene Kuh machen; fehlen ſie aber hierin / ſo glaͤube ihnen doch nicht / wann ſie ruͤhmen / ſie haben einen verſtorbenẽ Men - ſchen mit der Gottheit uͤberkleidet / und ihn ohn Leitern in den oberſten Himmel bracht. Uñ gedenkeſtu / derſelbe ſey als bald ein Gott / der von Menſchen davor erklaͤret wird? Ladiſla antwortete: Du muſt zu Rom fleiſſig in die Schuel gangen ſeyn / und einen ſpitzigen Mei - ſter gehabt haben. Ich laſſe aber alle deine Einwendungen die Pfaffheit verantworten / de - nen ſolches oblieget / und koͤnte inzwiſchẽ auch ſehr viel von deinem Jeſus beybringen / wel - ches gnug waͤhre / darzutuhn / daß derſelbe kein Gott ſey: Streue immerhin ein / und brin - ge alles bey / was du kanſt / ſagte Herkules / wann es nur nicht mit Unwarheit und Laͤſterung geſchihet. Jedoch weiß ich vor erſt / daß du ihn keiner Suͤnde / oder einiges Unrechts zeihen kanſt. Vors ander geſtehe ich / daß ſeiner menſchlichen Art und Weſen nach / er nicht ein Gott und Geiſt iſt / auch nicht ewig / noch durch Eigenſchafft der Menſcheit allmaͤchtig o - der allenthalben gegenwaͤrtig: ſon dern / weil die Goͤttliche Art oder Natur mit der menſch - lichen in einem ſelbſtaͤndigen vernuͤnfftigen Weſen / oder / wie die Gelehrten reden / in einer Perſon verknuͤpffet und unausſprechlicher unaufloͤßlicher weiſe vereiniget iſt / ſo iſt eꝛ Gott und Menſch zugleich / ſo daß die Gottheit gleichwol der Menſchheit ihre Eigenſchafften / ſo viel ſie derẽ kan faͤhig ſeyn / mitgeteilet hat; wie diß hohe geheimniß ich vor dieſem dir ein - faͤltig erklaͤret habe / als viel menſchliche ſchwachheit begreiffen / uñ in dieſem tunkeln Lichte der gebrechlichen Vernunft faſſen kan. Behalte dir deinẽ tunkelen uñ uͤberverſtaͤndlichenC iijGlau -22Erſtes Buch. Glaubẽ / ſagte Ladiſla / ich vor mein Haͤupt kan mir das Gehirn nit damit verwirren / uñ wil viel lieber von dir vernehmen / wie wir unſern Weg am fuͤglichſten fortſetzen koͤnnen / dz wir die vornehmſten Staͤdte und Landſchafften in Italien und Griechenland beſehen moͤgen / ehe wir uͤber das Syriſche Meer nach dem verſtoͤreten Judenreich zu gehen / welches du umb deines JEſus willen ſo gerne beſuchen / und im Jordan die Tauffe empfangen wilt. Herkules wolte ihm antworten / aber ſein Leibknabe Publius zeigete an / wie eine zimliche Anzahl Reuter mit verhaͤngetem Zaum hinter ihnen her jageten / wornach unſere Helden ſich umb ſahen / und ſich verwunderten / warumb ſie ihre blanken Schwerter uͤmb den Kopff gehen lieſſen / und dabey ein wuͤſtes Geſchrey anſtelleten. Herkules ſagte: Dieſe haben we - nig gutes im Sinne; muͤſſen demnach fortreiten / das wir eine Enge vor uns einnehmen / und vor uͤmringung ſicher bleiben. Alſo muſten die Leibknaben vorhin / ihre Ritterliche Diener aber Klodius und Markus (denen ſie nicht allerdinge traueten) folgen / und blie - ben ſie ſelbſt zuhinterſt / da ſie ihrer Verfolger geſchrey endlich verſtunden / daß ſie halten / und ſehen laſſen ſolten / ob ſie ſo wol ritterlich zu Kaͤmpffen / als unbewehrte Knechte nider - zumachen das Herz haͤtten. Worauff Ladiſla zu Herkules ſagte; Schicke dich mein Bruder zum Klingen Spiel; wir hoͤren was vor leute wir beſtehen ſollen / ich zweiffele nicht / unſere gute Sache ſol oberhand behalten. Sie foderten ihre beyden Diener vor ſich / und frage - ten / ob ſie bedacht waͤhren als ehrliche von Adel ſich zuhalten / und ihrem geleiſteten Hand - ſchlage nach zukommen; Worauff ſie antworteten / daß ſie ihren redlichen Nahmen nim - mermehr ſchaͤnden / und heut dieſen Tag wolten ſehen laſſen / was vor redliche Traͤue ſie zu ihren Herren truͤgen. Unſere Helden hoͤreten ſolches gerne / hieſſen ſie neben ſich hal - ten / und ſchicketen ſich unerſchrocken zum Streit. Ihre Verfolger / ſechszehen an der Zahl / renneten eiferig herzu / und als ſie ſahen / daß ſie die unſern nicht nach willen umge - ben kunten / ſtutzeten ſie / und ritten die vier anſehnlichſten zuſammen / einen Raht zuhalten / ſchikten bald darauff einen Diener ab / welcher den unſern dieſe Anmuhtung vortrug: Meine vier Gnaͤdige Herren / ſo dort mit ihren ritterlichen Leuten halten / erinnern ſich bil - lich / was geſtalt ihr mit eurer gewafneten Geſelſchafft vor etlichen wochen ihre unſchuldi - gen Knechte erſchlagen / welches ſie / als ihnen ſelbſt geſchehen / ſich zu gemuͤht ziehen; ge - denken es auch mit ihren Schwertern an eurem Leben zuraͤchen / dafern ihr nicht vor jeden Erſchlagenen ihnen 300 Kronen zahlen / eure Pferde / Harniſch und Gewehr ihnen lie - fern / und wegen des begangenen Frevels / demuͤtige abbitte tuhn werdet. Wer ſind aber deine Herren? ſragte Herkules. Vier ſtreitbahre Roͤmiſche Ritter / antwortete er / vor deren Schwerter Schaͤrffe / Stahl und Eiſen brechen muß. So ſage du ihnen hinwie - der / ſagte Herkules / daß ich und meine Geſellen / in betrachtung ihrer Anmuhtung / ſie mehr vor Raͤuber und Straſſen Diebe halten / biß ſie beſſere ritterliche tahten werden ſehen laſſen / als durch uͤberfall ihrer die biſchen Buben geſchehen; dann was muͤſſen dieſes vor unnuͤtze Herren ſeyn / die oͤffentliche Diebe auff der Straͤu halten? Ladiſla kunte ſeinen Zorn laͤnger nicht meiſtern / und taht hinzu: ſage jenen Straſſen Raͤubern / da ſie die abge - foderte Kronen empfangen wollen / muͤſſenſie uns naͤher kom̃en; aber hiemit (das Schweꝛd zeigend) wollen wir ihnen die Zahlung vergnuͤgen / und ihnen die Haͤuptkronen dergeſtalt ſtriegeln / daß ſie der Geldkronen nicht mehr gedenken ſollen. Der Abgeſchikte wunderte ſich dieſer Kuͤhnheit / und hinterbrachte die Antwort ſeinen Herren / welche darauff ihreKnech -23Erſtes Buch. Knechte (die zum Pferdeſtreit nicht geſchikt wahren) zum friſchen gefechte Auffmunter - ten: Sie ſolten nur geherzt von ſich hauen / und guͤlte gleich / ob ſie Mann oder Pferd ver - wundeten; dieſe viere / ſo einen groſſen Schaz mit ſich fuͤhreten / ſolten ihnen nur eine Handvoll ſeyn. Klodius wolte ſeinem lieben Herꝛen den erſten Beweiß ſeiner Ritterſchafft ſehen laſſen / und baht inſtendig / ihm zu goͤnnen / daß er der Raͤuber einen zum abſonderli - chen Kampff außfodern moͤchte; der ihm aber antwortete: Mein Freund / deine Tapffer - keit gefaͤlt mir wol / koͤnte dir auch ſolches zu deiner Ehre Auffnahme wol goͤnnen; aber ſi - heſtu nicht / daß ſie Raͤuber und keine redliche Ritter ſind? wer wil dich verſichern / daß nur einer / und nicht vielmehr die ganze Rotte ſich an dich machen werde? ſolten wir dich dann / wie billich / entſetzen / ſo begaͤben wir uns aus unſerm Vortel. Aber hoͤre meine Meinung; du ſiheſt Handgreifflich / daß die zwoͤlff Diener des Ritterſtreits unerfahren ſind; unter dieſelben ſoltu und Marx dich miſchen / und mehr mit draͤuen als Wunden ſie umtreiben; ſo wil ich und mein Bruder die vier Ritter beſtehen / und ſehen was hinter ihnen ſtecket. Hiemit legten Herkules und Ladiſla ihre Speere ein / und ranten auff die viere hin / die ſich nur mit Schwertern verſehen hatten; huben deren als bald zween aus dem Sattel / ſo daß der von Herkules getroffene / das Genik abſtuͤrzete. Bald darauff griffen unſere Helden zu den Schwertern / nahmen jeder einen vor ſich / und putzeten ſie in wenig ſtreichen dergeſtalt / daß das Blut von allen Orten hervor drang / und ſie endlich todt niederfielen. Inzwiſchen hatten Klodius und Marx mit ihren Speeren zween Knechte durch und durch gerennet / zogen von Leder / und fingen an ſcharffe Stoͤſſe außzuteilen / deren dieſe nicht gewohnt wah - ren / worffen das Gewehr von ſich / und bahten mit gefaltenen Haͤndẽ umb Lebensfriſtung / welches ſie mit dieſem Bedinge erhielten / dz ſie allen jhren Pferden die Span Ader abhauẽ / und die Waffen von ſich legen ſolten / welches ſie willig verrichteten. Unter deſſen ſahe Klo - dius / daß der von Ladiſla abgeſtochene / weil der Schwertſtreit wehrete / ſich wieder zu pfer - de machete / in Meynung / davon zu rennen; deßwegen er ihm eiferig nach ſetzete / und eines von hinten zu uͤber die Schulder gab / daß der rohte Schweiß folgete / faſſete ihn hernach bey dem Arme / daß er ſich ergeben / und mit ihm fortreiten muſte / da derweile Markus der erſchrockenen Diener huͤtete. Klodius brachte ſeinen Gefangenen herzu / gleich da unſere Helden mit ihren Feinden fertig wahren / und ſagte zu Herkules: Gnaͤdiger Herr / hie ſtel - le ich den Außreiſſer wieder / der ſeiner Geburt nach zwar Roͤmiſches Adels / und mir leider in etwas verwand iſt; nach dem er aber ſich und ſein Geſchlecht durch Straſſenraub ge - ſchaͤndet / iſt er ferneres Lebens unwirdig; bitte demnach / jhn mir zur ſtraffe zu uͤbergeben. Der Gefangene hatte gehoffet / Klodius wuͤrde wegen der Verwandſchafft vor ihn bitten / vernam aber das Widerſpiel / und hielt bey Ladiſla an / umb Lebensfriſtung; welcher ihm antwortete: Du wirſt ſehen / wie du mit deinem Befreundten handeln kanſt; aber zeige mir zuvor die Urſach an dieſes moͤrderiſchen uͤberfalles. Dieſer ward froh / meynete durch die warhaffte Auſſage das Leben zu erhalten / und meldete an / er und ſeine erſchlagene Geſellen waͤhren durch Wolleben in Armut gerahten / und haͤtten jhren Stand ohn dieſes Mittel nicht fuͤhren koͤnnen / daher ſie ihren Knechten freye Beute / wo ſie anzutreffen waͤhre / ver - goͤnnet. Nun haͤtte vor wenig Wochen jhrer Knechte einer ein ſehr gutes Pferd einge - bracht / mit Vermeldung / ſein Geſelle Geta / der einen wolbeſpikten Wetſcher ergriffen /waͤhre24Erſtes Buch. waͤhre vom Pferde geſchlagen / und gefangen hinweg gefuͤhret / und weil derſelbe in Frech - heit und kuͤhnen Anſchlaͤgen ſeines gleichen nicht gehabt / haͤtten ſeine Mitgeſellen ihn un - gerettet nicht laſſen wollen / damit er nicht vor die Obrigkeit geſtellet / und ſeine verſchwor - ne zuverrahten gezwungen wuͤrde. Zwar er muͤſte geſtehen / daß den Wetſcher zugleich mit davon zubringen / ſie außgangen waͤhren / nicht aber / den blutigen Kampff anzufahen. O du meynaͤidiger Bube / antwortete Ladiſla; iſt daß der Weg / worauff aͤdle Ritter wan - deln ſollen? Gnaͤdiger Herr / ſagte Klodius / man hat von dieſer verſchwornẽ Geſellſchafft etliche Zeit her geargwohnet / und die rechtſchuldigen doch nicht erfahren koͤnnen / deren gleichwol eine zimliche Anzahl ſein ſol / und unter ihnen etliche vornehme Herren. Ich mei - nes theils bin von unterſchiedlichen etliche mahl erinnert / und von dieſem gegenwaͤrtigen ſelbſt / warumb ich von meinen Glaͤubigern mich ſo viel plagen / und ihnen meine Guͤter zuverzehren frey lieſſe; man haͤtte ja Mittel / Geld zu erwerben / und die verſchuldeten Guͤteꝛ frey zu machen / welches mir da ich nur wolte / ja ſo zulaͤſſig als andern waͤhre; weil ich aber eines ungebuͤhrlichen Vorſchlages mich beſorgete / habe ich nie weiter nachfragen wollen; und haben meine Gnaͤdige Herren zu bedenken / obs rahtſam ſey / dieſem mit unſer augen - ſcheinlichen Gefahr / das Leben zu ſchenken / da er ohn zweiffel durch ſeine verſchworne ſich zu raͤchen / allen fleiß anlegen wuͤrde. Ladiſla ſtellete ihm frey / nach belieben zu handeln / deß - wegen er dem Raͤuber das Schwert durch den Leib ſties / daß er zu boden ſtuͤrzete. Sein Geſelle trieb die neun uͤbrigen Knechte auch herzu / welche endlich angeloben muſten / die - ſen Tag aus Rom zu bleiben / und des naͤhſt folgenden nach Herren Sab ihn Behauſung zu gehen / ihm allen Verlauff anzuzeigen. Klodius und Markus hielten pluͤnderung / nah - men den erſchlagenen Rittern ihre Ringe / Armbaͤnder und baaren Gelder / auff 1200 Kronen gerechnet / und wolten ſie gar entkleiden; aber Herkules wehrete ihnen; es waͤh - re nicht ritterlich / daß man todte Leichnam ſo beſchimpffete; ſie haͤtten ihre zeitliche Straf - fe hinweg / und durch den Todt uͤberſtanden. Unſere Helden nahmen hierauff ihren Weg nach der Landſchafft Etrurien / welche die aͤdleſte in ganz Italia iſt / reiſeten ſelbe von Suͤdẽ nach Norden durch / und beſahen / was daſelbſt denkwirdig wahr. Aus dieſer kahmen ſie in Flaminien / und lagen in der Stadt Ravenna wenig tage ſtllle. Von dannen begaben ſie ſich gen Mantua / eine ſehr alte Stadt / 670 Jahr / wie man meinet / vor Rom erbauet / und 60 Jahr aͤlter als Troja. Von hierab gingen ſie nach Verohn / und endlich nach Padua / in meynung / von dannen nach Aquileja zu reiten / und aus dem naͤheſten Hafen nach Korinth in Griechenland zu ſchiffen. Sie traffen auff der ganzen Reiſe keine ritterliche Ubung an / ohn in den groſſen Staͤdten ſahen ſie viel Fechter / die ihre ertichtete Feindſchafft mit tro - ckenen Schlaͤgen außfuͤhreten. Als ſie von Verohn nach Padua in einem Walde etwas irre ritten / hoͤreten ſie gar von ferne ein geſchrey etlicher Weiber / die ſich klaͤglich hielten / ob wolte man ihrer Keuſchheit Gewalt anlegen; daher Herkules zu Ladiſla ſagte: Mir zweif - felt nicht / dieſe ſchreyende werden unſer Huͤlffe hart benoͤhtiget ſeyn / wann wir nur mit un - ſern Pferden zu ihnen gelangen koͤnten; Aber ihre bemuͤhung durch das Reiſich zu brechen / war umſonſt / ſtiegen deßwegen ab / gaben ihren Dienern die Pferde zu halten / und gingen im vollen Harniſch mit Schild und Schwert dem jaͤmmerlichen Geſchrey nach / welches ſich ſtets mehrete / nach dem es ein wenig auffgehoͤret hatte. Als ſie nun die dornichtenHecken25Erſtes Buch. Hecken nicht ohn Muͤhe durchgekrochen / kamen ſie auff einen luſtigen gruͤnen Plaz / mit ho - hen Baͤumen zimlich weit von einander beſezt / daſelbſt erblicketen ſie fuͤnff ſtarke groſſe Maͤnner mit bloſſen Schwertern / welche drey ſehr ſchoͤne Weibesbilder vor ſich auff der Erden liegen hatten / die ſich mit Haͤnden und Fuͤſſen umklemmeten / und wie Schlangen ſich zuſammen wickelten; Die juͤngſte unter ihnen wahr mutternacket / die zwo uͤbrigen nur mit einem zarten Hemde bekleidet / und lagen ihre bunte Seidene mit Gold geſtickete Klei - der halb zuriſſen / etliche Schritte von ihnen. So bald unſere Helden von dieſen Raͤubern geſehen wurden muſten ſie ihr anſchreihen hoͤren / daß ſie ſtille ſtehen / uñ ihrer Ankunfft ur - ſach melden ſolten; auch traten ihrer viere (deren drey gepanzert wahren) als bald zu ihnen ein / in Meynung / ſie durch pochen zu erſchrecken / bruͤlleten mit ſcheußlicher Stimme / was vor ungluͤk ſie daher fuͤhrete / ihren lezten Odem hie zu endigen. Unſere Helden hatten jhre Helme unter dem Arme / daß man ihre Geſichter erkennen kunte / und verwunderten ſich die Raͤuber uͤber Herkules treflicher Schoͤnheit dermaſſen / daß der anſehnlichſte unter jh - nen zu ſeiner Geſelſchaft ſagete: Ihr Bruͤder / ich laſſe euch jenen unſern Raub zu eurem Willen uͤber / wann ich nur dieſe (auff Herkules zeigend) zu meinem Buhlen haben mag / welche auſſer Zweifel von guter Kuͤhnheit ſeyn / und ſich meiner Art viel vergleichen muß / weil ſie ſich im Harniſche darff finden laſſen; und wie koͤnte ſo trefliche Schoͤnheit einem andern / als Weibesbilde beywohnen? Herkules gab jhm zur Antwort: Als viel ich merke / duͤrffte ich ſchier in dieſer Wildniß einen zahmen Buhlen bekommen; aber du muſt mir meine weiſe nicht veruͤbeln / daß ich keinen Liebhaber annehme / der nicht zuvor einen ſcharf - fen Streit mit mir verſucht hat; ſetzete hiemit / wie auch Ladiſla / den Helm auff / und berei - teten ſich zum Ernſte. Dieſer aber rief ihnen zu / ſie ſolten ſich nichts widriges zu ihnen ver - ſehen; ſteckete ſein Schwert ein / und trat ihnen naͤher / umb ein Liebes Geſpraͤch mit Her - kules zu halten; der ihm aber / angeſehen ſeiner viehiſchen Leibesſtaͤrke nicht trauen wolte / ſondern hieß jhn zuruͤk bleiben / oder des Angriffs gewaͤrtig ſeyn. Der Raͤuber ſchaͤtzete die - ſe Draͤuung geringe / und in dem er auff jhn zugieng / ſagte er: Schoͤnes Lieb / leget euren ſchweren Harniſch ab / und werdet mir in der Liebe zuwillen / weil es anders doch nicht ſeyn kan / ich wil mich verſichert gar freundlich zu euch halten / und meine Kuͤſſe anzubringen wiſſen / daß euch nach mehren verlangen ſol; griff auch mit der rechten Hand nach jhm / in Meynung / ſein als bald maͤchtig zu werden; aber Herkules ſchlug ihn mit ſeines Schwer - tes Flaͤche (dann er jhn vorſezlich nicht verwunden wolte) uͤber die Fauſt / daß er ſie ſaurſich - tig nach ſich ziehen muſte / und ſagte zugleich: Du unflaͤtiger Schelm /[wiltu] auch noch Ge - walt brauchen? bald nim dein Schwert in die Fauſt / oder ich werde dich dannoch nieder - machen. Der Wuͤterich zog hierauff von Leder / und nam nur Herkules Hiebe aus (der un - geſeumet zu jhm einſtuͤrmete) / vermahnete ihn auch noch immerzu / einzuhalten / und jhm zuvor ſeine Begierden zu vergnuͤgen / als dañ wolte er ihm hernach Streits nicht verſagẽ / wann es anders nicht ſeyn koͤnte. Aber Herkules achtete ſeiner Rede nicht / ſondern traff jhn / weil er ungepanzert wahr / in die ſeite / daß das Blut haͤuffig hervor ſpruͤtzete; wodurch dieſer ſeine Liebes gedanken aufgeben / und rechtmaͤſſige Gegenwehr / mit Schwert und Schild vornehmen muſte / ſagte auch mit grauſamer Stimme: O du elende / ob ich gleich nie kein Schwert uͤber ein Weibesbild gezuͤcket / ſo verdienet doch deine Verwaͤgenheit / dzDdu26Erſtes Buch. du gezuͤchtiget werdeſt; fiel auch mit ſolchem Ungeſtuͤm auff jhn / daß er ſeiner Wuht drey Schritte weichen muſte / deſſen er ſich vor Ladiſla nicht wenig ſchaͤmete; faſſete doch bald wieder Stand / und nam ſeiner Schanze fleiſſig wahr; Sie trieben das Gefechte uͤber eine viertelſtunde ohn auffhoͤren / daß die anweſende ſich deſſen verwunderten. Der Raͤuber hat - te zeit ſeines Lebens ſolchen Widerſtand nicht er fahren / weil er nicht allein ein Baumſtar - ker Mann / uͤber vier dehalb Ellen lang / ſondern auch der beruffenſte Fechter wahꝛ / und nie - mand / der ihn kennete / ihn beſtehen durffte; Daher nam ihn wunder / daß in Weibes Ar - men / wie er ihm gaͤnzlich eingebildet / ſolche Krafft ſeyn ſolte / und ſagte zu jhm: Jungfrau / ich weiß nicht / ob ich euch vor ein Geſpenſt halten ſol / daß ihr euch meiner Gewalt ſo lange erwehret. So haͤlteſtu mich nun vor ein Geſpenſt? antwortete er; ich dich aber vor einen Raͤuber und Jungferndieb; werde dir auch meine Faͤuſte noch etwas beſſer zu erkennen geben. Damit gieng der Kampff wieder an / und ward Herkules oben am Halſe verwun - det; welches jhm aber ſein gutes Herz nicht minderte / ſondern trieb den Feind ſo lange um / biß ihm ein Unterhieb geriet / mit welchem er ihm dẽ Ellenbogẽ ſpaltete / dz er das Schwerd aus der Fauſt fallen ließ / und vor Schmerzen laut ſchrihe; aber Herkules doppelte den Streich / und loͤſete jhm damit den ganzen Arm von der Schulder / daß ihm derſelbe nur an der Haut hangen blieb / womit er zu Bodem ſtuͤrzete / wie ein Ochs bruͤllete / und ſich auf dem Graſe walzete / biß er die gottloſe Seele mit dem lezten Blute außbließ. Die drey ge - panzerte Raͤuber entſetzeten ſich hoͤchlich uͤber dieſen unfall / und uͤberfielen Herkules inge - ſamt / daher Ladiſla auch nicht feyrete / mit eintrat / und zu ihnen ſagete: Ihr Ertzdiebe / duͤrf - fen euer drey ſich zugleich wol an eine Jungfer machen? faſſete ſein Schwert mit aller Krafft / und ſpaltete dem einen den Kopff von ander / daß nunmehr der Streit gleich getei - let wahr. Die erſchrockenen nacketen Weibesbilder hoͤreten zwar den harten Kampff / a - ber wegen des fuͤnfften Raͤubers / der ihrer huͤtete / durfften ſie kein Wort reden / noch ſich umſehen / weil er das Schwert in der Hand hielt / und ſie zu erſtechen draͤuete / wo ſie ſich re - gen wuͤrden; nicht deſto weniger faſſete die juͤngſte ganz nackete einen Muht / ſahe ſich um / und ward gewahr / daß ſchon zween Raͤuber geſtrekt lagen / und die uͤbrigẽ beyden ſich kaum mehr ſchuͤtzen kunten / daher ſie zu ihren Geſpielen ſagte: Die Goͤtter / geliebte Schweſtern / wollen uns vor dißmaͤhl gnaͤdig retten. Ihr Huͤter hatte ſich auffgemacht / ſeinen Geſellen Beyſtand zu leiſten / und als er dieſe Wort hoͤrete / ſtund er / und bedachte ſich / ob er ſie alle drey zuvor erwuͤrgen ſolte / haͤtte auch ohn Zweifel dieſe Mordtaht vollzogen / wann nicht Ladiſla gleich mit ſeinem Manne waͤhre fertig worden / daß er ſich gegen jhn haͤtte wenden muͤſſen / als welcher ſich dieſes Bubenſtuͤks beſorgete / und jhm zurieff; dafern er ſich an die - ſen Weibesbildern vergreiffen wuͤrde / muͤſte er durch alle Pein ſterben. Hiedurch wurden dieſe elende dem Tode entriſſen / dann Ladifla trieb den Raͤuber dergeſtalt umb / weil er ihn zu erſchlagen noch nicht willens wahr / daß er jhn von den Weibern abzog / und er hingegen jhnen naͤher kam / da er ſie fragete / ob jhnen auch an jhren Ehren Abbruch geſchehen waͤhꝛe; die juͤngſte aber zur Antwort gab; es waͤhre ihnen die Schande zwar ſehr nahe geweſen / a - ber durch der Goͤtter Schuz / und ihrer beyder Huͤlffe abgekehret und hintertrieben. Der Raͤuber ſelbſt fing zu ihm an: Ich weiß nicht / was vor Unſelde euch beyde lebendige Teuffel daher gefuͤhret / uns in unſerm vorhaben zu ſtoͤren / gleich da wir meyneten / am ſicherſten zuſeyn /27Erſtes Buch. ſeyn / und unſer Liebe wirklich zu genieſſen; faſſete damit alle ſeine Kraͤffte zuſammen / und wagete den aͤuſſerſten Fall / ob er jhm den Harniſch durch hauen koͤnte. Immittels dieſes hefftigen Streits er ſahe die ganz nackete ihr zuriſſenes Hemdlein / lieff hin / wickelte ſich drein als beſt ſie mochte / und ſetzte ſich wieder zu jhren Geſpielen / gleich als Ladiſla ſeinen Feind mit einem Stoſſe in den Unterleib zur Erden fellete / daß er mit einem Geboͤlke die unreine Seele ſamt den Miſt außſchuͤttete. Herkules wahr auch ſeines Gegeners Meiſter worden / dann weil jhm die beyden ſtaͤrkeſten und erfahrenſten auffgeſtoſſen wahren / hielt der Kampff ziemlich an / und mattete ſich ſehr ab / daß nach des Raͤubers Faͤllung er ge - zwungẽ ward / ſich nider zuſetzen. Ladiſla aber ging nach erhaltenem Siege zu dem Frauẽ - zimmer / taht ſeinen Helm ab / und nach freundlicher Begruͤſſung zeigete er ſein Mitleiden wegen ihres Unfalles an / ſie daneben troͤſtend / weil ihre Zucht und Ehre unverlezt blieben waͤhre / moͤchten ſie das uͤbrige mit Geduld uͤberwinden. Dieſe verwunderten ſich ſeiner guten Geſtalt und Jugend uͤber die maſſe / und bahten dienſtlich umb Verzeihung / daß we - gen ihrer Bloͤſſe ſie nicht auffſtehen / noch jhn gebuͤhrlich ehren koͤnten / wie er ſolches umb ſie verdienet haͤtte; inſonderheit ſahe jhn die zuvor ganz nackete / nunmehr halb eingewickel - te mit ſchamhafftigen Augen an / und baht ſehr / er moͤchte ſich ſo hoch verdient umb ſie ma - chen / und der Roͤcke einen ihr unbeſchweret zuwerffen / damit ſie ſich bedecken koͤnte; wel - ches er jhr nicht verſagen wolte; legte ihr auch denſelben ganz hoͤflich umb die Schuldern / unterdeſſen die andern einen Abtrit nahmen / und wie beſt ſie mochten / ſich in der Eile be - kleideten. Ladiſla vergaffete ſich an der entbloͤſſeten ſo gar / daß er ſein ſelbſt druͤber vergaß / fragete ſie doch / ob ſie auch meyneten / daß noch etwas Gefahr vorhanden waͤhre; und als er vernam / daß ohn die fuͤnff erſchlagene ſie keinen Menſchẽ gemerket / loͤſete er ſeinen Har - niſch auff / etwas Kuͤhlung einzunehmen / da dieſes Fraͤulein / ihren dankbaren Willen zu erzeigen / jhm die huͤlfliche Hand boht / und dauchte ſie / nie keinen ſo wolgeſtalten Ritter ge - ſehen zu haben / ſetzete auch auff ſein inſtaͤndiges anhalten ſich zu ihm in den Schatten des Baums nider / da der gute Ladiſla durch Gelegenheit und Liebe verleitet / ſie freundlich kuͤſ - ſete / und mit allerhand Liebesreden ſich gegen ſie zu allen Dienſten anerboht; woruͤber das Jungfraͤulein verurſachet ward / ihn flehlich zu bitten / er wolte doch jhrer Ehren wider ſich ſelbſt Beſchuͤtzer ſeyn / die er auß den Haͤnden der boßhafften Raͤuber ſo ritterlich erloͤſet haͤtte. Und ob er gleich / ſagte ſie / mit alle meinem Vermoͤgen mich jhm verbunden hat / zweifele ich doch an ſeiner hohen Tugend nicht / die mich alles deſſen verſichern muß / was zu Beſchuͤtzung meiner Zucht erfodert wird; ich muͤſte ſonſt dem Himmel klagen / dz er mir eine kurze Freude zugeſchicket / und dieſelbe mir bald darauff mit der allerbitterſtẽ Wermut verſalzen haͤtte / die nichts als den gewiſſen Todt in mir verurſachen wuͤrde / geſtaltſam meinem Herrn ich zu allen Goͤttern ſchwoͤre / daß / dafern mir einige Gewalt ſolte angelegt werden / ich nach dem keine Stunde mehr leben wil. Ladiſla erhohlete ſich hierauff / lobete jhre Keuſcheit in ſeinem vernuͤnfftigen Herzen / und antwortete ihr: Schoͤnſtes Jungfraͤu - lein / ich bitte ſehr / mir zuverzeihen / daß durch Liebe uͤbernommen / ich mich zu viel unterſte - hen duͤrffen / da ich ſie doch verſichere / daß ich keinen Gedancken zu jhrer Ehrenkraͤnckung gefaſſet / wie dann ſolches keinem redlichen Ritter zuſtehen wil / nur iſt mir ſelbſt leid / dz eure außbuͤndige Schoͤnheit mich dahin entzuͤcket / wohin ich vor dieſem nie kommen bin. DieſeD ijward28Erſtes Buch. ward nicht allein der Ehren verſicherung ſehr froh / ſondern lies ihr die anmuhtige Zunei - gung auch gefallen / daß ſie viel freundlicher uñ kuͤhner mit ihm ſprachte als vorhin / inſon - derheit / weil durch Ehren bezeigung er ſein keuſches Herz ihr gnug zu erkennen gab. Her - kules hatte ſich auch wieder erhoben / zu welchem die andern beyden Fraͤulein traten / und ihm groſſe Ehr und hoͤffligkeit erzeigeten / mit Bitte / ihnen zu verguͤnſtigen / daß ſie ihm als ihrem Erloͤſer die Ruͤſtung abzihen / und da er beſchaͤdiget waͤhre / ſeine Wunden verbinden moͤchten. Zwar er wegerte ſich deſſen etwas / aber weil ſie ſahen / daß er der Kuͤhlung be - noͤhtigt wahr / nahmen ſie jhm ein Stuͤck nach dem andern ab / wiewol anfangs nur den Helm; da ſie uͤber ſeiner zarten Schoͤnheit ſich faſt entſetzeten / auch der Hals wunde ge - wahr wurden / welche ſie bey ſanffter Reinigung nicht ſo gar gefaͤhrlich befunden / und ſie mit moͤglichem Fleiß verbunden. Es verwunderte ſich Herkules nicht wenig / was Ladiſla bey der einen ſich hinter dem Baum ſo lange auffhielte / meynete anfangs / er wuͤrde etwa verwundet ſeyn / und wahr willens zu ihm hin zugehen; weil er aber von dem Frauenzim - mer berichtet ward / daß er keinen Schaden genommen / ſondern ſich des Baums zur Kuͤh - lung gebrauchte / und von ihrer Waſen mit Geſpraͤch unterhalten wuͤrde / blieb eꝛ an ſeinem Orte. Nun haͤtte Ladiſla in ſeiner Verliebung wol den ganzen Tag auff ſolche weiſe zu - gebracht / dafern er von dem Fraͤulein nicht erinnert waͤhre / ſeinen ritterlichen Geſellen zu beſuchen / ob er vielleicht verwundet waͤhre / da ſie jhn bey der Hand faſſete / und zugleich baht / er moͤchte der ſchon geleiſteten Woltaht noch dieſe hinzu tuhn / und ſie nach jhres Va - ters Wohnung begleiten / damit ſie neben den jhren Gelegenheit haͤtte / die gebuͤhrliche Dankbarkeit ſehen zu laſſen. Zum erſten wahr er willig / weil er ſelbſt fuͤrchtete / es moͤch - te ſeinem Herkules etwas widriges zugeſtoſſen ſeyn. Das andere haͤtte er gerne verſpro - chen / wann ihm nur Herkules Meynung waͤhre bewuſt geweſen / dem er nicht vorgreiffen wolte; deßwegen er zur Antwort gab: Wann ſein Geſelle / der ihm zu gebieten haͤtte / mit nach jhren Eltern zu reiſen einwilligen wuͤrde / ſolte es an jhm nicht mangeln; aber meine geliebte Freundin / ſagte er / woſelbſt ſind dann ihre Eltern anzutreffen? Sophia (ſo hieß dieſes Fraͤulein) antwortete: Ihr Herr Vater / von dem uhralten Fabier Geſchlechte / waͤh - re zu Padua uͤber dieſe ganze Landſchafft Roͤmiſcher Kaͤyſerl. Stadthalter. Nun wuſte Ladiſla wol / was vor ein hohes Ampt dieſes wahr / ſo daß auch Koͤnige ſich vor ihnen demuͤ - tigen muſten / deß wegen er ſich tieff gegen ſie neigete / und alſo anfing: Hochgebohrnes Fraͤulein; ich bitte ganz dienſtlich / meiner Grobheit zu verzeihen / daß derſelben ich die ge - buͤhrliche Ehre nicht geleiſtet / in dem ich ihres Standes allerdinge unberichtet geweſen / ſo daß wegen meines Frevels ich ohn Zweifel jhrer Vortrefligkeit mehr widriges / als durch beſchehene Erloͤſung / Dienſt und Freundſchafft erzeiget habe; wegere mich daher nicht / die Straffe / welche ſie mir aufflegen wird / geduldig uͤber mich zu nehmen / wiewol ich bey Ritterlichen Ehren beteuren kan / daß mich keine Frecheit / ſondern eine auffrichtige Zunei - gung ſo kuͤhn gemacht hat; nahm damit ihre Hand / dieſelbe ehrerbietig zu kuͤſſen; deſſen ſie ſich doch wegerte / und jhm dieſe Antwort gab: Mein Herr / es ſey / daß mein Herr Va - ter dieſes Orts zu gebieten habe / und vielleicht wegen Kaͤyſerl. hohen Gnade noch viel ein groͤſſeres vermoͤchte / ſo wird er doch / ſeiner / ohn Ruhm beywohnenden Klugheit nach wiſ - ſen und erkennen / wie viel er meinem Hochwerten Herrn und ſeinem tapfferen Geſellenſchuldig29Erſtes Buch. ſchuldig iſt. Daß aber mein Herr ſich bey meiner Wenigkeit uͤber die Gebuͤhr entſchuldi - get / weiß ich nicht zu beantworten / ohn daß ich denſelben wol verſichern kan / daß mir die hoͤchſte Vergnuͤgung dieſer Welt jezt dieſe Stunde begegnet iſt / in dem die guͤtigen Goͤt - ter mir gegoͤnnet / den Erloͤſer meiner Ehr und Lebens in etwas zu erkennen / deſſen beſſere Kundſchafft mir der Himmel / wie ich hoffe / zugeben wird. Ladiſla machte ihm aus dieſer Antwort gute Hoffnung eines gluͤklichen Fortganges ſeiner vorgenommenen Liebe; kuͤſſe - te jhr die Hand mit hoher Ehrerbietung / und im fortgehen gab er zur Wiederantwort: Durchleuchtiges Fraͤulein / die von mir beſchehene Rettung iſt gedenkens nicht wert / wuͤr - de auch der Himmel nimmermehr zugegeben haben / daß einem ſolchen vollkom̃enen Fraͤu - lein von dieſen ſchaͤndlichen Raͤubern einige Gewaltſamkeit haͤtte ſollen angelegt werden / ſondern vielmehr haͤtten die Baͤume ſelbſt ſich auß der Erde reiſſen / und dieſe Buben er - ſchlagen muͤſſen; daß alſo ich nur bloß vor eine Gluͤkſeligkeit rechnen muß / daß die Goͤtter meiner ſchlechten Dienſte hieſelbſt gebrauchen wollen / deſſen ich mich zeit meines Lebens mehr / als aller meiner vorigen Gluͤkſeligkeiten ruͤhmen werde. Mein Herr / ſagete ſie; ſei - ne groſſe Hoͤfligkeit machet ihn alſo reden / welche ihre eigene Tahten zu preiſen ungewohnt iſt; mir aber wil gebuͤhren / die empfangene Woltaht zu erkennen / deſſen ich mich aͤuſſerſt bemuͤhen werde; Vor dißmahl bitte ich / meiner unwitzigen Jugend hochguͤnſtig zu verzei - hen / daß anfangs ohn gegebene Urſach / ſein tugend-ergebenes Herz / welches aus ſeinen Worten und Tahten eben ſo klar / als aus ſeiner Tapferkeit hervor ſtrahlet / ich in Zweifel zihen duͤrffen; welches wie ich hoffe / mein Herr / in Betrachtung der Jungfraͤulichen Zucht und Vorſorge / mir wol uͤberſehen wird. Ladiſla verwunderte ſich uͤber jhre vernuͤnfftige Reden / und wahr willens / es zu beantworten; hielt aber zuruͤk / da er hoͤrete / daß ſie alſo fort fuhr; Ich wil aber die gebuͤhrliche Abbite meines Fehlers biß auff gelegenere Zeit ver - ſchieben / und mein erſtes wiederhohlen / daß mein Herr mir zu ehren ſich mit mir nach Pa - dua erheben wolle / umb / ſein hochgeltendes Zeugniß / meiner / dem Himmel ſey Dank / er - haltenen Keuſcheit / bey meinen Eltern abzulegen; faſſete hiemit ſeine Hand und ſagete: Mein Herr / dieſe ſtreitbahre Hand / wie kraͤfftig ſie gleich iſt / wil ich gefangen halten / biß ſie durch des Mundes Zuſage ſich frey machen wird. So wuͤrde ich viel lieber ein ſolches nimmermehr zuſagen / antwortete er / daß meine unwirdige Hand von ſo zarten allerſchoͤnſten Haͤndichen immer und ewig moͤchte gehalten werden. Das Fraͤulein erroͤhtete vor dieſer Rede / fand ſich doch bald / und ſagete: Meinen Herren beliebet der - gleichen hoͤfflichen Scherz mit mir zutreiben / und dafern er gedenket / mit ſolcher Ant - wort mich von meinem bittlichen Anſuchen abwendig zu machen / wird es eine vergebli - che Muͤhe ſeyn / weil die ſchon empfangene Wolthat mich zimlich kuͤhn gemacht / nach Art aller unverſchaͤmten und geizigen immerhin in der Anfoderung zu bleiben; deßwegen ichs dan nicht allein wil erwiedert haben / ſondeꝛn auch angenehmer Antwort mich ohn ferners wegern verſehen. Mein Fraͤulein / ſagete er / ich verſpreche alles / was in meinem aͤuſſerſten vermoͤgen / und ienem meinem Geſellen nicht zu wieder iſt. Je mein Herr / ſagte ſie / iſt iener dan zugleich euer Geſelle und Gebieter? Ja mein Fraͤulein / antwortete er / dar - zu habe ich ihn erwaͤhlet / ungeachtet wir gleiches Standes / und ich in etwas aͤlter bin. So mus eures Geſellen Stolz ja ſo groß / als eure Demuht ſeyn / ſagte ſie / wann er ſich uͤber ſei -D iijnes30Erſtes Buch. nes gleichen / und zwar aͤlterern / der Botmaͤſſigkeit annimt. Ich habe ihm dieſe Gewalt ſo willig uͤbergeben / ſagte er / als gerne er mir ein gleichmaͤſſiges goͤnnet / da ich michs nur ge - brauchen wolte. Wol / ſagte ſie / ſo hat mein Herr ſeiner bedingung den Kauff ſelber auffge - ſagt / und dafern er guͤnſtig und gewogen iſt / wird er ſich auffs minſte in dieſem Stuͤk / ſeiner Freyheit gebrauchen. Mit dieſem Worte gelangeten ſie bey Herkules an / dem Frl. Sophia ſehr tieffe Ehrerbietung erzeigete / und ſeine Geſtalt faſt vor uͤbermenſchlich hielt / ſo daß ſie ſchier auff des erſten Raͤubers Wahn gerahten waͤhre / und redete ihn alſo an: Vortreff - licher Ritter und Herr / wann wir die Heldentahten nicht geſehen haͤtten / die euer unuͤber - windlicher Arm gluͤklich vollenbracht hat / koͤnten wir dem ſcheine nach / anders nicht Ur - teilen / als daß ihr mit uns eines Geſchlechtes waͤhret; weil aber nicht vermuhtlich iſt / daß unter einer weiblichen Bruſt ſolche Krafft und ſtaͤrke wohnen ſolte / muͤſſen wir eure Man - heit nicht in zweiffel ziehen; Ich und meine Geſpielen ſchreiben es billich der himliſchen Allmacht zu / welche euch meine hochwerte Herren zu unſer Ehren - und lebens rettung hie - her geſand hat / die unkeuſche boßheit der Raͤuber abzuſtraffen; welches zu erkennen / die Erbarkeit und die eingepflanzeten Rechte ſelbſt uns zu ruffen / dafern unſer vermoͤgen nur ſo weit reichen wolte; da wir dann nicht zweiffeln / die goͤtter ſelbſt werden unſere Stete vertreten helffen / damit dieſe hochruͤhmliche Taht mit gebuͤhrlichem preyſe durch die gan - ze Welt verehret werde / nach dem eines Ritters hoͤchſtes Lob in dem beſtehet / daß er den ſchwachen beyſtand / den unſchuldigen huͤlffe / und den nohtleidenden rettung geleiſtet / wel - ches von meinen Herren vor dißmal uns allerdinge unbekanten / ſo uͤberfluͤſſig begegnet iſt / daß niemand als die unbeſcheidene Undankbarkeit ein wiedriges reden und zeugen wird. Aber mein Herr / ſagte ſie zu Ladiſla / werde ich auch dieſe Kuͤhnheit nehmen duͤrffen eine gleichmaͤſſige Bitte an euren Freund / wie an euch / zu legen? Durchleuchtiges Fraͤulein / antwortete er / demnach ſie nicht allein in betrachtung ihres Herrn Vaters / des Hochmoͤ - genden Herrn Stadthalters zu Padua / ſondern auch wegen ihrer ſelbſt eigenen wirdigkeit uns zu befehlen hat / wird ſie dieſe Frage vor einen uͤberflus erkennen. Herkules / da er aus dieſer Rede die Hocheit dieſer Fraͤulein vernam / erzeigete ihr groſſe Ehre / und fing an: Durchl. Fraͤulein / ihre vernuͤnfftige reden zeigen leicht an / von was vortrefflichen Leuten ſie muͤſſe gezeuget und erzogen ſeyn; das hohe Lob aber / welches meiner geringfuͤgig - keit zuzulegen / ihr gefallen wollen / reichet bey weitem noch nicht an meine ſchlechte Tahtẽ / daher dieſelben weit uͤber Verdienſt ſind erhoben / in dem mit ihren zierlichen reden ſie ſich haben ſchmuͤcken laſſen / gleich wie man ein unwirdiges Hoͤlzlein mit guͤldenen Kleidern behaͤnget / daß eine anſehnliche Tocke draus wird; woſelbſt meinem Fraͤulein einzureden / ich die Kuͤhnheit noch nicht ergreiffen kan. Daß aber dannoch der Gnaͤdige Gott als Be - ſchuͤtzer aller unſchuld / und Raͤcher aller Boßheit / meinen lieben Freund und mich / zu ſo heil ſamer Stunde in dieſe Gegend gefuͤhret / daß wir unſer hochwerten Fraͤulein klaͤgli - ches Geſchrey ohn gefehr vernehmen / und wider die verfluchten Raͤuber / ihnen Beyſtand leiſten koͤnnen / rechnen wir billig unter unſere Gluͤkſeligkeiten mit; geſtaltſam ein redlicher Ritter das Schwert zu dem Ende gebrauchen ſol / daß den unter druͤkten Huͤlffe / und der Boßheit eintrag geſchehe; daher leicht erhellet / daß unſere jetzige Verrichtung aus bloſ - ſer ſchuldigkeit / damit wir der Erbarkeit und allen redlichen Menſchen verhafftet ſind /herruͤh -31Erſtes Buch. herruͤhret / und umb ſo viel weniger Dank und vergeltung verdienet / die dannoch durch meiner Fraͤulein hochgeneigte Lobreden uns in ſo haͤuffiger menge ſchon wirklich eingelie - fert iſt / daß wir uns derſelben zu allem ſchuldigen Gehorſam darſtellen muͤſſen / und daher ſie neben ihren hochaͤdlen Geſpielen bey uns nichts durch Bitte zu ſuchen / ſondern durch Befehl alles auffzulegen berechtiget ſind; iſt alſo meiner Fraͤulein an mich getahne Fode - rung / die mein Geſelle wiſſen wird / meines theils eine Schuld / wann ſie dem nicht zu wiedeꝛ iſt / der mir zubefehlen hat. Mein Herr und Erretter / antwortete das Fraͤulein / ich bin viel zu ungeſchikt / ſeine reden zu beantworten / biß ich eine geraume Zeit von ſehr vernuͤnfftigẽ Lehrmeiſtern daruͤber werde unterrichtet ſeyn; aber daß ich den Zweg meines vorhabens umb ſo viel zeitiger erreichen moͤge / bitte meinen Herren ich Ehrenfreundlich / mir an zu zeigen / woſelbſt ich ſeinen Gebieter / auff den er ſich berufft / antreffen ſolle. Dieſer iſt es / ſagte er (auff Ladiſla zeigend) / der mein Fraͤulein aus Raͤubers Haͤnden errettet hat. Ich weiß nicht mein Herr / antwortete ſie mit einem holdſeligen Laͤcheln / ob dieſer euer Freund ſich einiges Befehls uͤber euch annehmen werde / als welcher meine Bitte mit eben der Be - dingung eingewilliget hat; daher dann ihrem uͤber dieſer Frage vermuhtlichen Streite vorzukommen / wer unter euch beyden einer dem andern zu gebieten habe / iſt mein ehren - gebuͤhrliches Anſuchen / dieſe meine beyde Fraͤulein Waſen vor duͤchtige Richterinnen zu erkennen / ob meine Bitte der billigkeit gemaͤß / und meine Herren / ſelbe abzuſchlagen be - fuget ſeyn werden oder nicht. Die aͤlteſte / ſo von XIIX Jahren wahr / nahmens Urſula Kor - nelia / fiel ihr in die Rede und ſagte: Frl. Waſe / wie beſchimpffet ihr uns beyde ſo gar hoch / durch dieſen euren gar zu kuͤhnen Vorſchlag? meynet ihr den Nahmen einer dankbahren allein davon zu tragen / und aus uns ſo verwaͤgene zu machen / daß wir uns dieſen vortref - lichen Rittern und Herren ſolten zu Richterinnen ſetzen und beſtellen laſſen / die uns zur aͤuſ - ſerſten Schande ſchon verurteilete / jezt dieſe Stunde / durch die kraͤfftige ſieghaffte gegen - urtel ihres unuͤberwin dlichen Schwerts davon loß gearbeitet? O nein! wir verſagen euch allen gehorſam / und wollen uns vjel lieber von dieſen Herren vor Richterinnen wieder euch beſtellen laſſen / da ihr trauen eines harten Spruchs euch werdet befahren muͤſſen / umb daß ihr unſerer Erloͤſer willens Freyheit durch beſtellete Richter einzuziehen / euch duͤrffet geluͤſten laſſen; und wer hat euch doch in ſo kurzer Zeit ſo kuͤhn uñ beherzt gemacht / da ihr ſonſten wie ein Eſpinlaub zittertet / uñ ſo bloß an Blut uñ Kuͤhnheit / als an Kleideꝛn wahret? Wer mit kuͤhnen Leuten umgehet / antwortete Frl. Sophia / der gewehnet ſich zu gleicher Tugend. Verſichert euch aber / meine Schweſter / daß ich dieſe mir angelegte be - ſchimpfung zu eivern / nicht in vergeß ſtellen werde. Habe ich nicht ſchon urſach gnug / und mehr als euer keine / meine Augen ſchamhafftig niederzuſchlagen? Und ihr duͤrffet mir ſol - ches durch Aufruͤckung noch verzweyfachen / gerade als wann ich ſchuld dran truͤge? Nun / nun; wer borget / dergedenke / daß die Zahlwoche folgen muͤſſe. Ich wil mich aber mit euch nicht weiter zanken / ſondern zu meinen Herren mich wenden / und durch Vortragung mei - ner Bitte / mich eurer unguͤtlichen Auflage loßwircken / erinnere dieſelben demnach bey der hohen und ſchon geleiſteten Bedienung / ſie wollen ſich großehrenguͤnſtig gefallen laſſen / mit uns nach Padua zu kehren / nicht allein / daß ihre kraͤfftige Hand uns biß dahin ſichern Schuz halte / ſondern uns auch Gelegenheit goͤnnen / unſere Danckſchuldigkeit ſehen zulaſſen /32Erſtes Buch. laſſen / nach dem wir mit hoͤchſten Freuden anhoͤren werden / daß ſie wegen unſer unbeflek - ten Zucht und Keuſchheit / bey unſern Eltern gnugſame Zeugnis ablegen; wie dann mein Herr (auff Ladiſla zeigend) aus des lezten Raͤubers eigener Bekaͤntnis / deſſen ich mich ſehꝛ freue / verſtanden hat. Herkules befand eine ungewoͤhnliche Verenderung an Ladiſla / und daß er ohn unterlaß dieſes Fraͤulein mit unverwendeten Augen anſahe / woraus er bald ſchloß / das er muͤſte getroffen ſeyn; ließ ſichs doch nicht merken / und gab auff der Fraͤulein vorbringen zur Antwort: Wann ich haͤtte wiſſen ſollen / daß ihrer Durchl. begehren alſo beſchaffen / wolte ich mich darzu unwaͤgerlich erbohten haben / maſſen mein Freund und ich / uns ſchuldig erachten / ſie nach Padua zu begleiten / und nach aller moͤgligkeit ihnen Schuz zu leiſten; nur allein zeigete er an / daß ihre Reiſe der eile unterworffen / keine Ver - zoͤgerung leyden wolte / und daher dienſtlich baht / ſie durch noͤhtigung daſelbſt nicht auff zu - halten: auch / wo moͤglich / bey ihren Eltern ihrer nicht zu gedenken. Mein Herr / ſagte Frl. Sophia / ich verſpreche alles zu leiſten / was mir moͤglich / und der Erbarkeit nicht zu wieder iſt. Aber mein Herr (redete ſie zu Ladiſla) / wird er ſich dann nicht mit belieben laſſen / daß in ſeiner ſichern Geſelſchafft ich mit fortreiſen moͤge? vor meine Geſpielen ein Wort mehr zu verlieren / halte ich vergeblich ſeyn / weil ſie dieſe meine Bitte als eine groſſe und ſtraff - wirdige Unbilligkeit angeklaget haben / und ſie / wie ich muhtmaſſe / bey dieſen erſchlagenen / trauer - und Schildwache halten wollen / biß ſie von andern ihres gleichen abgelanget wer - den. Verzeihet uns / geliebte Schweſter / ſagte Frl. Urſula / daß wir eure Bitte nicht riechẽ koͤnnen / und noch wol unſer guten Sache ſo viel trauen / ſie wieder euch / jedoch vor unver - daͤchtigen Richtern (wobey ſie ſchmuzerlachete) auß zufuͤhren. Ob wir auff dieſem Platze lange verweilen / und dieſe Raͤuber bewachen wollen / wird ſich bey dem Auffbruche dieſer Ritter außweiſen / deren willen euch allein zu erwerben / und uns Abzuſpenſtigen / ihr bemuͤ - het gnug ſeid. Wir unſers teils zweiffeln gar nicht / es werden dieſe Herren zu außfuͤhrung ihrer preißwirdigen Ehren / uns den Weg neben herzulauffen / und unter ihrem Schatten die angenehme ſicherheits Kuͤhlung gerne geſtatten; wobey ſich dann außfuͤndig machen wird / welche unter uns die friſcheſte zu Fuß ſeyn / oder am liebeſten zuruͤk bleiben wird. O nein herzgeliebte Schweſter / antwortete Frl. Sophia / ich wil meines Anſpruchs wieder euch / mich gerne begeben / nur allein laſſet mich nicht dahinden / weil euch bewuſt iſt / daß meine Beine mich einen ſo fernen Weg nicht tragen koͤnnen / wo ich nicht bißweilen ruhe nehme. Aber ihr meine Herren / verzeihet unſerm kindiſchen Zanke / der ſich umb eine Beu - te zweiet / ehe ſie erlanget iſt / und ich doch hoffe / mein Herr (auff Ladiſla zeigend) werde nun - mehr ſeine gewogene Einwilligung uns erfreulich anhoͤren laſſen. Ladiſla wahr nicht allein durch ihre allerdinge vollkommene Schoͤnheit / ſondern auch nunmehr durch ihren freund - lichen Verſtand und vernuͤnfftige Freundligkeit dermaſſen in liebe entzuͤndet / daß / wo Herkules gegenwart nicht geweſen / er ſeinen begierden den Zaum ſo feſt nicht halten koͤñen; aber die furchtſame Ehrerbietigkeit / die er von jugend auff gegen dieſen Tugendvollen Helden trug / feſſelte ſeines herzen Inbrunſt / damit ja ſein Herkules ihn keines Frevels moͤchte zu beſchuldigen haben. Jedoch dem Fraͤulein ſeine Ergebenheit zu erzeigen / kuͤſſete er ihr die Hand und ſagte: Er befuͤnde durch ihre hohe Tugend ſich verbunden / ihr zuge - horſamen / auch mit williger vergieſſung ſeines Bluts und Lebens ihr Verfechter zu ſeyn /da -33Erſtes Buch. damit er dem ſchweren Laſter der Undankbarkeit entginge / welches ihm billich muͤſte zuge - legt werden / wann er ſich ihrem Befehl wieder ſpenſtig erzeigen wuͤrde; baͤhte demnach / ihm kuͤhnlich zubefehlen / ob er vielleicht einiges Geboht zu verrichten / tuͤchtig und beſtand waͤhre. Das Fraͤulein hatte ſeiner Liebes-blicke in guter Auffmerkung wahrgenommen / die durch dieſe reden ihꝛ ſo viel annehmlicher gemacht wurden / daß nicht allein Herkules / ſon - dern auch die beyden Fraͤule in den Schuß merketen / und Herkules ſeinem Freund zu ge - fallen bemuͤhet wahr / dieſer beyder Auffmerkung von den verliebeten abzuwenden / deßwe - gen er mit ihnen ein ſonderliches Geſpraͤch anfing / welches dieſen liebes-Arbeitern nicht ungenehme wahr / maſſen ſie daher Luft bekahmen / ſich durch unterredung in beſſere Kund - ſchafft zu ſetzen; wie wol das Fraͤulein nach ihrer Verſchlagenheit und Zucht / ihre ſchon entzuͤndete Flammen ihm nicht ſo leicht ſcheinen laſſen wolte / und die vorige Rede ihm al - ſo beantwortete: Mein Herr ſeine Hoͤffligkeit / deren er ſich im Erbieten gebrauchet / iſt viel zu groß / daß ſie von mir unerzogenen Schuͤlerin / durch gleichwirdige Antwort ſolte koͤñen erwiedert werden. Ich habe demſelben ja die allergeringſte Dankbarkeit zu erzeigen / ſo - wol wegen meiner Armut an dieſem Orte / als kuͤrze der Zeit / und mangel der Gelegenheit / nicht maͤchtig ſeyn koͤnnen; So iſt meinem Herrn biß daher / nicht nur mein Unvermoͤgen / ſondern auch die Willigkeit allerdinge unbekant geweſen / darff auch wol ſagen / mein ſtand und Weſen / weil meinen Herrn jemahls vor dieſem geſehen zu haben / mich nicht zuerin - nern weiß; Wie ſolte er mir dann ſo hoch / wie ſeine Reden gehen / verbunden ſeyn koͤnnen / da ich ſchon mehꝛ gutes von ſeinem mitleidigẽ herzen in dieſer einigẽ Stunde eingenom̃en / als ich zeit meines Lebens nit bezahlẽ kan / und noch den allergeringſten anfang darzu nicht gemacht habe / wo nicht mein Herr meinen guten Willen vor den erſten Grund der kuͤnff - tigen Folge / da einige Moͤgligkeit bey mir iſt / rechnen wird. Wolle demnach mein Herr der Undankbarkeit ſich zu beſchuldigen auffhoͤren / als welche bey ihm / da ers gleich ſuchete / keine ſtat haben kan; Das hohe Erbieten / ſich meiner nach wie vor / getraͤulich anzuneh - men / macht wegen kuͤnfftigen Ungluͤks mich ſchon aller Furchtloß / weil unter dieſen un - uͤberwindlichen Haͤnden / den Tugendliebenden nur Sicherheit und Schuz / den Boßhaff - ten aber billiche Straffen begegnen koͤnnen; Wie ſolte ich dann einigen Befehl uͤber dieſen mich anmaſſen / deſſen Gunſt und Guͤte meiner Ehre noch laͤnger zu leben gebohten hat / uñ ich deßwegen ihm zur ſchuldigen Dankbarkeit billich in Ehren auffwaͤrtig bin. Verzeihet / mein Fraͤulein / wiederantwortete er / eurem dienſtergebenen Knechte / daß derſelbe ihrem Vorbringen einzureden ſich unterſtehet / da im uͤbrigen er in allem biß zum Tode willig und gehorſam iſt. Ich wil nicht einfuͤhren / wie ein unverdientes Lob ihre holdreiche Zunge mir zuleget; nur daß ich meine gedoppelte Schuldigkeit / welche mein Fraͤulein auffzuhe - ben bemuͤhet iſt / feſt ſetzen moͤge / die vor erſt in dem beſtehet / daß als lange ich der Tugend er - gebener ſeyn wil / nohtwendig der Unſchuld mich nach allen Kraͤfften annehmen muß / und wann ich ſolches unterlieſſe / mich als bald gegen den Himmel undankbar erzeigen wuͤrde / als welcher mir zu dem Ende vor aller Gefahr biß daher Schuz gehalten hat / daß ich ihm nach meiner Wenigkeit folge leiſten / und ſo weit ichs vermag / nacheivern ſolle; jedoch die - ſes aus der acht geſezt / bin ich doch nicht minder gehalten / meiner Fraͤulein als ihren Ver - ſchuldeten mich darzuſtellẽ / wuͤrde auch in deſſen Unterlaſſung / unter dz Faͤhnlein der unver -Eſchaͤm -34Erſtes Buch. ſchaͤmteſten undankbahren mich ſchreiben laſſen muͤſſen / geſtaltſam mein Fraͤulein mir ein Loblied / ehe ichs verdienet / auß Gewogenheit geſungen / uñ einen Ruhm mir bey der Welt zu erwerben ſich guͤnſtig anerbeut / deſſen ich nicht faͤhig bin; ich darff mich weiter nicht er - kuͤhnen / mein Fraͤulein / eine noch viel groͤſſere Gewalt aus zudruͤcken / welche zu jhren dien - ſten mich ſo heftig antreibet / daß ich ſanffter ſterben / als deſſen mich entbrechen werde; und wuͤrde ich die hoͤchſte Stuhffe meines Gluͤckes fchon erſtiegen haben / wann der Himmel mich nur duͤchtigen wolte / deſſen durch Verdienſt und Tugend wirdig zu ſeyn / was ich Ge - bluͤts halben wol ſuchen duͤrffte; auch das guͤnſtige Gluͤk meiner gehorſamſten Auffwar - tung eine unabloͤſchliche Grundfarbe anſtreichen moͤchte / welche ihrer Vortrefligkeit die Ergebenheit meines Willens in etwas zu entwerffen ſcheinlich waͤhre. Das gute Fraͤu - lein / die dergleichen hefftigen Anlauff niemahls erfahren / ſintemahl ſie mit Mannesbil - dern ſehr wenig umgangen / und ihres Alters ſechzehnde Jahr kaum geendiget hatte / wuſte in der Eile keine Antwort zu finden / wahr ihr doch ſehr angenehm / daß ſie ihn hohes Ge - ſchlechtes zu ſeyn / vermerkete / wolte auch ſeine Rede nur auff eine gemeine Gutwilligkeit zi - hen / und dannoch ſo viel verdeckete Merkzeichen einſtreuen / daß an ihrer Gewogenheit zu verzweifeln er nicht urſach haben ſolte. In dem ſie aber alſo anfing: Treflicher Ritter / mei - ner Jugend Unverſtand und Unerfahrenheit / weiß die gebuͤhrliche Antwort keines weges zu erſinnen; Da hoͤrete Ladiſla ein helſchallendes Hoͤrnlein / je laͤnger je heftiger blaſen / wie ers dann mit ſeinem Markus abgeredet hatte / daß wann er etwas wichtiges vernehmen wuͤrde / er ſolches durch dieſes Zeichen anmelden ſolte; machte ihm deßwegẽ bald die Rech - nung / es wuͤrde was neues vorhanden ſeyn / daher er etliche Schritte nach Herkules tre - tend / ſagete: Mein Bruder / wir werden uns in die Waffen begeben muͤſſen. Ja / antwor - tete er / ich gehe gleich mit den Gedanken uͤm; baht auch das Frauenzimmer / ſich hinter den Baum zu ſtellen / gegen welchen ſie den Ruͤcken kehren wolten / und einen guten Muht zu haben. Guter Raht war hie ſehr theur / weil die ohndas erſchrockene gaͤnzlich meyneten / es wuͤrde eine friſche Raͤuber Schaar verhanden ſeyn / der jezt erſchlagenen Tod zu raͤchen / daher ſie voller Furcht und Schrecken in einander fielen / und ihr ungluͤk mit Traͤhnen be - klageten. Nun hatte gleichwol Markus urſach gnug / dieſes Zeichen zu geben / weil er in die XL Reuter zuſtreuet von der rechten ſeiten uͤber das querfeld daheꝛ rennen ſahe / welches eꝛ unangezeiget nicht laſſen wolte; wiewol er mit ſeinem pfeiffen ſchier ein unwiederbringli - ches uͤbel verurſachet haͤtte. Dann dieſe Reuter folgeten der Spuhr eines Wagen / auff welchem die drey Fraͤulein von den Raͤubern hinweg gefuͤhret wahren. Als nun jhr Fuͤh - rer das Hoͤrnlein hoͤrete / rieff er den ſeinen zu: Auff / auff / ihr Bruͤder auff: die raͤuberiſchẽ Diebe haben ihre Wachten außgeſezt / und halten dort vor uns im Puſch; Laſſet uns dem - nach jhnen den Lohn ihrer Boßheit geben. Rante hiemit in groſſem Eiver dahin / woſelbſt Klodius und Markus in vollem Harniſche mit beyden aͤdelknaben und vier ledigen Pfer - den hielten / welche / da ſie merketen / daß jhnen feindlich wolte zugeſezt werden / gedachten ſie ihr Leben teur gnug zu verkauffen / und begaben ſich in die enge / ſo daß die aͤdelknaben mit den ledigen Pferden hinter ihnen halten muſten. Der Befehlichshaber jagete eines ſtein - wurffs vor ſeinen Leuten her / rieff auch / die unſern ſolten ſich ergeben / oder in Stuͤcken ge - hauen werden. Klodius gab zur Antwort: Ritter / wer mich gleichwol in Stuͤcken hauenwil /35Erſtes Buch. wil / muß meiner Faͤuſte Gewicht zuvor auch empfinden; aber was Raſerey treibet euch / Fremde alſo anzufallen? Dieſer gedachte / er wolte ihn mit vergeblichen Worten / und liſti - ger Verſtellung / biß zu ſeiner Mitgehuͤlffen Ankunfft aufhalten / meynete alſo / er haͤtte die Raͤuber gewiß antroffen / und ſagete: Ihr Diebe und Raͤuber / wohin habt ihr die entfuͤhr - ten Fraͤulein geſchleppet? Klodius antwortete: Vor dieſen Schimpff ſoltu mir gerecht ſeyn; Ich bin ein ehrlicher Roͤmer / komme gleich von Verohn mit meiner Geſellſchafft / und weiß von den nachgefrageten Fraͤulein nichts zu ſagen / es moͤchten dann dieſe ſeyn / die wir vor etwa einer Stunde klaͤglich genug ruffen gehoͤret. Dieſer ſchaͤmete ſich / daß er durch Zorn ſich ſo weit vergangen hatte / wolte doch allerdinge nicht trauen / ſondern ſagte: Dafern ihr mich werdet dahin fuͤhren / woſelbſt ihr meynet / das Geſchrey geweſen ſeyn / hal - te ich euch vor entſchuldiget / und wil mich bemuͤhen / meinen Fehler zu verbeſſern. Weil nun Klodius ſahe / daß er uͤbermannet wahr / und doch dieſe Schmach zu raͤchen ihm vor - behielt / ſtieg er ab vom Pferde / und ſagete: Wer mir folgen wil / mag ſich auf die Fuͤſſe wa - gen / weil man reitend nicht hindurch brechen kan. Worauf dieſer mit ſeiner halbẽ Schaar ſich zu Fuſſe begab / und die andere Helffte bey Markus warten hieß / biß ſie weitern Befehl vernehmen wuͤrden. Es wolte Klodius jhn gleichwol unterrichten / daß zween Ritter zu deꝛ Schreyenden Rettung hingangen waͤhren / und er nicht wiſſen koͤnte / ob ſie geſieget oder verlohren haͤtten / weil der Streit als von weitem eine zeitlang gehoͤret worden / und nach - gehends alle Zeichen des weitern ergehens ſich verlohren haͤtten. Aber dieſer wahr von Zorn taub und blind / und eilete nur fort / den Ort zuerreichen / da er die begangene Untaht raͤchen koͤnte; ward auch endlich unſerer Helden in vollem Harniſch gewahr / faſſete ſein Schwerd und Schild / dann andere Waffen hatten er und ſeine Leute wegen der eile nicht angelegt / und lieff auff die unſern mit dieſen Worten zu: Haha ihr Fraͤulein-Raͤuber / jezt ſollet jhr den Frevelmuht teur genug bezahlen. Klodius trabete neben ihn her / und wolte ihn noch ſeines Irtums unterrichten; aber da halff alles nichts; Er gieng wie ein erzoͤrne - ter Eber hinzu / und ſchlug hefftig gnug von ſich. Nun merketen unſere Helden ſeinen Ir - tuhm leicht / deßwegen ſie der Anfallenden Hiebe nur mit den Schilden außnahmen / und anfangs niemand beſchaͤdigten / weil ihnen aber gar zu hefftig zugeſetzet waꝛd / und Klodius ſich neben ſie an den Baum ſtellete / daß ſie nicht kunten von hinten zu angegriffen werden / wolten ſie jhnen gleichwol zu erkennen geben / mit was Leuten ſie es zu tuhn haͤtten / und aus hoͤchſtem Nohtzwange hieben ſie jhrer ſechſen die Koͤpffe vonander / daß ſie todt zur Erde ſtuͤrzeten. Ihr Fuͤhrer wolte ſolches raͤchen / und ſetzete auff Herkules hefftig an / der auß ſeiner Geſtalt urteilete / daß er was vornehmes ſeyn muͤſte / daher er jhn nicht beſchaͤdigen wolte / ſondern ſchlug ihn mit der Flaͤche ſeines Schwerts uͤber den Kopff / daß er taumlich ward / gleich da Ladiſla zu den Fraͤulein trat / und ihnen zurieff: Lieber bemuͤhet euch dieſe eure ohn Zweifel bekante zu befriedigen / daß wir nicht zu mehrer Blutſtuͤrzung gezwungen werden. Erſt gedachten dieſe / es wuͤrden ihre Leute / und wegen jhrer Rettung außgezogen ſeyn / deßwegen Frl. Sophia ungeſcheuhet hinzu lief / wie der von Herkules geſchlagene ſich wieder erhohlet hatte / und einen behuetſamern Kampff mit ihm angetreten wahr / ſo daß wenig fehlete / er haͤtte jhn gezwungen niderſchlagen muͤſſen / weil er mit gar zu hefftigem wuͤten auff ihn drang / und die bißher geſchehene Verſchonung der Unerfahrenheit ſeinesE ijBeſtrei -36Erſtes Buch. Beſtreiters zulegete. So bald ihn das Fraͤulein erblickete / rieff ſie uͤberlaut; herzliebſter Bruder / wiltu unſern beſten Freunden keinen beſſern Dank ſehen laſſen? thue gemach thue gemach / du haſt keine Feinde vor dir. Als ihr Bruder Kajus Fabius ſolches hoͤrete / zohe er ſich zuruͤk / gab auch ſeinen leuten einen Wink einzuhalten / und antwortete ihr; wie dann / Schweſter / iſt dir durch die gewaltſame entfuͤhrung eine Freundſchafft erwieſen / ſo huͤte dich / daß du nimmermehr deinen Eltern unter die Augen kommeſt; und wolte hiemit den Kampff wieder anheben. Aber das Fraͤulein / nebeſt ihren Geſpielen / ſtelleten ſich zwiſchen die bloſſen Schwerter / und fiel dieſe ihrem Bruder in die Arme / mit heiſſen traͤh - nen ſagend: O Bruder oͤffne doch die Augen deiner Vernunfft und leibes / und ſihe dort die erſchlagene boßhaffte Raͤuber / welche von dieſen beyden tapfferen Helden erlegt / und wirdadurch bey Ehren erhalten ſind. So bald er dieſes hoͤrete / warff er den Schild nider / nahete ſich zu Herkules / und boht ihm ſein Schwert mit dieſen Worten: Gewaltigeꝛ Rit - ter / wer ihr ſeyd / ich bezeuge mit uͤbergabe meines Schwerts / daß ich wider Rittergebuͤhr mich an euch vergriffen / indem vor eure Woltaht ich euch unabgeſagt und feindlich uͤber - fallen; Welches / da es von mir lebendig kan gebuͤſſet werden / ſol mein aͤuſſerſtes Vermoͤ - gen zu euren Dienſten ſeyn; wo nicht; ſo nehmet von mir die gebuͤhrliche Rache / nach mei - ner eigenen Urtel. Hiemit boht er ihm ſein Haͤupt dar / und ſagete: Weil dieſes Gehirn ſo unwitzig verfahren / muß es der Straffe ſich nicht entbrechen. Fraͤulein Sophia waͤhre hieruͤber ſchier in Ohmacht gerahten / nur die vermeynete Gefahr ihres Bruders erhielt ihre Krafft / daß ſie Ladiſla zun Fuͤſſen fiel / und hefftig weinend zu ihm ſagete: Ach mein Herr / dieſer iſt mein leiblicher und einiger Bruder / die ganze Hoffnung ſeiner Eltern; bit - te deßwegen demuͤhtigſt / ihm von meinetwegen zu verzeihen / deß wil ich zeit meines Lebens mich zu allen euren Dienſten ſchuldig erkennen. Durchl. Fraͤulein / antwortete er / ſie zu - vor auffhebend; ich verbleibe ihr gehorſamer Knecht / und verſichere ſie / dz ſie meines Ge - ſellen Hoͤfligkeit weder in dieſem noch andern Stuͤcken wird zu beſchuldigen haben. Wie dann Herkules ſolches in der Taht er wieß / da er dem jungen Fabius dieſe Antwort gab: Mein Herr / ihr beweiſet mir mit dieſem zumuhten mehr Verdrießligkeit / als vorhin mit eurem uͤberfall / nach dem ich euch nicht verdenken muß / daß ihr wegen Entfuͤhrung dieſes treflichen Frauenzimmers entruͤſtet ſeyd; aber nicht abſehen kan / was geſtalt ich das uͤbri - ge entſchuldigen ſol; nur iſt mir ſehr leid / daß durch dieſen Irtuhm Menſchenblut hat muͤſſen vergoſſen / und ſechs Seelen eurer Reuter auffgeopffert werden / als deren mein Geſelle und ich uns aus gezwungener Noht erwehren muͤſſen. Mein Herr / antwortete er / meine Reuter haben nicht auff Roͤmiſch gehandelt / daß ihrer ſo viel ohn mein Geheiß drey Ritter angegriffen; iſt ihnen darob etwz zugeſtanden / haben ſie es jhrem Frevel zuzuſchrei - ben; ich aber bin wol vergnuͤget / daß eure Leiber von mir und den meinen unverlezt blieben ſind; werde mich auch befleiſſigen / eurem guten Willen Abtrag zu machen / ſo viel mein un - vermoͤgen zulaͤſſet. Er kunte ſich aber uͤber Herkules Schoͤnheit und Staͤrke in dieſer ſei - ner Jugend nicht gnug verwundern / daher er ihn mit unverwendeten Augen anſahe. Hin - gegen wahr das Frauenzimmer von Herzen froh / daß es zum Vertrage kommen / und ein ſo gefaͤhrlicher Streit beygelegt wahr / und vermahnete Frl. Sophia ihren Bruder / er moͤchte dieſe fremde noͤhtigen / mit nach Padua zu kehren; Worauff er antwortete: Duhaſt37Erſtes Buch. haſt der gebuͤhrlichen Beſcheidenheit mich billich erinnert; dañ an ſtat des erſten Schwert - ſchlages haͤtte ich ſolches verrichten ſollen. Hierauff hielt er bey jhnen gar inſtaͤndig an / ſie moͤchten neben jhren Dienern mit ihm reiten / und der ganzen Freundſchafft goͤnnen / wegen geleiſteter Rettung ihre Dankbarkeit abzulegen. Die Fraͤulein traten mit herbey / und erhielten ihr Begehren. Fabius gieng vor ſeinem Abzuge hin / die erſchlagenen Raͤu - ber zu beſichtigen / die er als bald / inſonderheit den erſten / vor die beſchrihenſte Fechter er - kennete / und zu ſeinen Leuten ſagete; Er hielte faſt vor unmenſchlich / daß dieſe zween junge Ritter ſolche ausgeuͤbete Fechter vor der Fauſt erlegt haͤtten. Aber Frl. Sophia / die mit jhm gieng / wuſte ihm das Gefechte ſo zu beſchreiben / daß eroͤffentlich ſagete: Dafern er wiſſen ſolte / daß dieſe Helden Goͤttliches Herkommens waͤhren / wolte er ſie davor gerne erkennen und ehren; Kehrete wieder umb / und zeigete ihnen an / ſie wuͤrdẽ ſchwerlich glaͤu - ben / was vor einen ruhmwirdigen Sieg ſie an den Erſchlagenen behaͤuptet / als welche XX Geharniſchten nicht wuͤrden entlauffen ſeyn / ſondern die uͤberwindung ihnen zweifelhaftig gnug gemacht haben. Worauff Ladiſla antwortete; Es koͤnte wol ſeyn / daß in einer an ih - rer Seiten ſo gerechten Sache / ſie ihnen viel zu ſchwach geweſen waͤhren; Weil aber die Billigkeit / ſagte er / unſere Schwerter ſelbſt fuͤhrete / auch dieſe trefliche Fraͤulein mit jhrem andaͤchtigen Wunſch uns zu huͤlffe kahmen / und Krafft erteileten / haben ſie dem Tode nit entgehen koͤnnen; maſſen ſolche leicht fertige Buben durch Goͤttliche Rache fallen muͤſſen / als auff die jhr eigenes Gewiſſen ſelbſt tapffer zuſchlagen hilfft. Fabius ſchaͤtzete ſeine hoͤfliche Demuht ſehr hoch / ließ ſeine erſchlagene Reuter in die Erde verſcharren / und ſahe / daß noch fuͤnfe ziemliche Wunden davon getragen hatten. Inzwiſchen trat Klodius zu ſei - nem Herrn / andeutend / es haͤtte ihn einer dieſes Hauffens vor unredlich geſcholten / baͤhte / daß zu erſter Gelegenheit er ſolches ritterlich außzutragen / Freyheit haben moͤchte; welches er ihm einwilligte; und ließ Ladiſla der fuͤnff Raͤuber groſſe Schwerter und Schilde / auff welchen ſie ihre Nahmen eingeetzet hatten / zum Siegszeichen mit nehmen; machten ſich wieder durch das dicke Geſtraͤuch zu jhrer Geſellſchafft / und hinterlaſſenen Pferden / da La - diſla ſein geliebtes Fraͤulein / Herkules Frl. Helenen / und Fabius ſeine heimlich verlobete Urſul bey der Hand hindurch fuͤhreten / Ladiſla aber mit gutem Willen etwas dahinten blieb / ſich durch freundliches Geſpraͤch bey dem Fraͤulein beſſer einzudingen; fand auch al - len freundlichen Willen / ohn daß auff Vortragung ſeiner Liebe ſie allemahl eine Scherz - antwort gab / oder doch ſich deſſen ſo gar fremde ſtellete / als haͤtte ſie es nicht verſtanden; wodurch ſeine erhitzete Begierden je mehr und mehr entzuͤndet wurden. Als ſie endlich mit Muͤhe die Hecken hinter ſich gelegt / noͤhtigte Fabius unſere Helden im erſten Gliede vorne an zu reiten / ſo wolte er als ihr Verbundener ihnen folgen; welches ſie aber nicht geſtatten wolten / ſondern es gebrauchte ſich Ladiſla dieſer Gelegenheit / und ordente / daß Herkules und Fabius im erſten; Er und Frl. Sophia im andern; und die andern beyden Fraͤulein im dritten Gliede reiten ſolten / weil man weder Gutſchen noch Saͤnfften vor das Frauenzimmer haben kunte / und ſie deßwegen ſich mit zu Pferde ſetzen muſten. Nun ritte Fraͤulein Sophia Ladiſlaen Handpferd / welches aber von dieſem leichten Reuter ſich nicht wolte zwingen laſſen / ſondern / wie es ohn das etwas unbendig wahr / begunte es gleich im auffſteigen mit jhr außzureiſſen. Ladiſla erwiſchete ſie bald wieder / ſuch -E iijte hie -38Erſtes Buch. te hiedurch gelegenheit / ſie naͤher zu bekommen / und weil er den mehrenteil ſeiner Ruͤ - ſtung abgelegt hatte / erboht er ſich / ſie auff ſeinem Pferde vor ſich zu fuͤhren / deſſen ſie ſich anfangs wegerte / einwendend / ſie wuͤrde jhm gar zu beſchwerlich ſeyn; aber auff jhres Bruders / und der bey den Fraͤulein (welche alle ihr Liebes feur merketen) Zuredung / ließ ſie ſich zu ihm hinauff heben / da zur anzeige ſeiner vergnuͤgung / die er hiedurch empfing / er ih - re Haͤnde freundlich druͤckete / und ſie es mit einem freundlichen Anblik erſetzete. Es kunte Fabius unſern Herkules nicht gnug anſchauen / und empfand ſolche neigung in ſeiner Seele gegen ihn / daß ihm unmoͤglich wahr / ſelbe weiter zu verbergen / daher er dieſe Rede an ihn abgehen lies: Mein Herr / der von mir aus Unvorſichtigkeit begangene Fre - vel / haͤlt mit der begierde zu ſeiner Freundſchafft einen hefftigen Streit in meinen Her - zen / daß / ſo viel dieſe mich zu ihm hintraͤget / mich jener hingegen zuruͤk zeuhet / weil ich des gar zu groben Fehlers mich wol erinnern kan; nach dem aber auff ſeine freundliche ver - zeihung ich mich verlaſſe / und dieſelbe meinem Verbrechen entgegen ſetze / hat endlich mein vertrauen der Zungen anbefohlen / die Furcht hinter ſich zu legen / und des Herzen Wunſch außzudrucken. Herkules fiel ihm in die Rede / und zeigete an / daß wann er des im Gehoͤlze auß bloſſer Unwiſſenheit begangenen / nicht in vergeß ſtellen / ſondern mehr geden - ken wuͤrde / koͤnte er keinen Schrit weiter mit ihm reiten / dann ich verſichere ihn / ſagte er / daß / in ſeine Kund - und Freundſchafft auffgenommen zu ſeyn / ich mir vor eine ſonderli - che Ehr und Gluͤkſeligkeit rechne. Fabius / nach gebehtener Verzeihung / fuhr in ſeiner Re - de alſo fort: Es pflegen die Sternkuͤndiger dem Himmel zuzuſchreiben / was dem Men - ſchen vor Gluͤk und Ungluͤk zuſtoſſet; ja wann etliche Gemuͤhter ſich mit einander Ver - binden / muß dieſer oder jener Stern ſolches verurſachet haben. Ich vor meine Wenigkeit wolte vielmehr halten / daß eine jnnerliche Krafft der Seelen uns reize und zwinge / dieſem an zuhangen und jenes gehaͤſſig zu meyden / oder wol gar feindſelig zu verfolgen; und wol denen / die der Tugend-liebe nach ſetzen / und durch den aͤuſſer lichen falſchen Schein der Sinnen-ſuͤſſen Uppigkeit ſich zur verderblichen Wolluſt nicht verleiten laſſen. Freund - ſchafft und Liebe iſt heut zu tage auff der Zungen ſehr gemein / daß nichts wolfeilers mag gefunden werden / und hat die leichtfertige Jugend den bekanten ſchnoͤden Brauch / daß wann ſie zuſammen kommen / und einer von dem andern weder gutes noch boͤſes nie geſe - hen / oder gehoͤret hat / ſie als bald bruͤderliche Freundſchafft unter ſich auffrichten / ſo bald der Wein ihre Herzen mit einem Tropffen uͤber Durſt anfeuchtet; und meynen / es flieſſe aus dem Glaſe alles her / was den Nahmen wahrer Freundſchafft gebieret. Mein Sinn iſt dieſer Leichtfertigkeit nie hold / viel weniger zugethan und ergeben geweſen / ſondern ſo ſel - zam und wenig ich die Tugend bey meines gleichen jungen leuten antreffe / ſo geringe iſt auch die Anzahl meiner erkieſeten freunde; aber daß kan ich ſonder ſparung der Warheit wol beteuren / daß nie kein Fremder / als mein Herr / mich zu ſeiner Hulde ſo ſehr gezogen hat. Zwar es moͤchte mañicher mich vor unbeſoñen ſchelten / daß ich ſo leichtbewaͤgig bin / einem zu wahrer Freundſchafft mich zu verbinden / deſſen Nahmen ich kaum zweymahl nen - nen hoͤren / und gar nicht weiß / wer oder weß ſtandes er ſey. Ich aber halte vielmehr / daß mir ſolches zum beſten Außgedeutet werden muͤſſe / inbetrachtung / ich kein aͤuſſerliches an ihm / und was daß unbeſtaͤndige Gluͤk verleyhet / ſondern ſeine hochbegabte Art und Tugendliebe39Erſtes Buch. liebe und ehre / die er heut auff einmahl durch Barmherzigkeit und mitleiden gegen daß ge - fangene Frauenzimmer / durch Herzhafftigkeit und ſtaͤrke gegen die Raͤuber / und durch guͤ - tige Hoͤffligkeit und vergebung gegen mich / mit vollem Strohme außgeſchuͤttet und zuer - kennen gegeben hat. Nun kan wol ſeyn / daß mein Herr von gebluͤte hoͤher iſt als ich und die meinen; aber ſolte er gleich eines Hirten Sohn ſeyn / wuͤrde doch ſeine Tugend bey mir nicht umb ein Haar weniger gelten / als wann er der maͤchtigſte Koͤnig der unuͤberwindli - chen Teutſchen waͤhre. Dieſem nach Bitte ich dienſtlich / weil mein begangener Fehler miꝛ ſchon gaͤnzlich nachgelaſſen iſt / es wolle mein Herr mich unter die Zahl ſeiner getraͤuen Freunde auffnehmen / und zwar unter dieſe / welche ſich durch aus nicht wegern / Leib und Blut vor ihn in die Schanze zu ſchlagen / und vor ſeine Wolfahrt gutwillig auffzuopffern. Herkules gab eben acht auff ſeine reden / ſpuͤrete auch aus allen ſeinen geberden / daß ſeine Zunge nicht vermochte ſo viel außzuſprechen / als die Seele ihr vorzubringen befahl / weil unter den reden er ſeine Geſtalt offt verenderte / und nach Eigenſchafft der worte bald er - roͤhtete / bald anbleichete / auch bißweilen im außſprechen etwas anſties und halten blieb. Antwortete ihm deßwegen ganz freundlich und ſagete: Mein Herr / es iſt freylich ein naͤr - riſches Getichte / daß man den himliſchen Lichtern eine ſolche Wirkung in unſere Seele aufflegen wil / und damit zugleich unſern Mutwillen ſchmuͤcken und entſchuldigen / wann er in der Buͤberey ſich vertieffet; geſtaltſam auff dieſe Weiſe mein Geſelle und ich / den boßhafften Raͤubern die unverantwortlichſte Gewalt muͤſten angethan haben / als die nit aus getrieb ihrer eigenen wilkuͤhr / ſondern durch unvermeidliche Wirkung des Himmels dieſe zuͤchtige Fraͤulein geraubet zu haben ſich entſchuldigen koͤnten. Und wer ſiehet nicht / daß durch dieſen Unweg nicht allein den Laſtern Tuͤhr und Tohr geoͤffnet / ſondern auch die Straffe gehemmet / ja der Tugend ihr gebuͤhrliches Lob entzogen wuͤrde? Freylich mein Herr / ſtecket es in unſer Seele / ſo wol was lob - als was ſcheltwuͤrdig iſt / nicht weniger / als eben derſelben Kraͤffte die Gemuͤhter verbinden / und gemeiniglich gleich zu gleichen geſel - len. Wer nun auſſer dieſer Meynung der Freundſchafft Band und Guͤltigkeit ſuchet / gibt ſcheinbahr an den Tag / wie wenig er derſelben Art und Eigenſchafft verſtehe. Die vollen Becher / wie leicht ſie zur Kundſchafft anlocken / ſo leicht brechen ſie auch dieſelbe wieder - umb / und iſt nichts gemeiners / als daß ſolche Wein Bruͤder ſich in einer Stunde dutzen uñ mutzen / ſchmatzen und kratzen / da dann die Wirkung auff beyden Blaͤttern uns leſen laͤſſet / was von dieſer art Freundſchafft zu halten ſey. Daß ich nun aber etwas naͤher trete / ſo kan mit meinen Gedanken ich nicht abſehen / was mein Herr an meiner Geringfuͤgigkeit mag geſpuͤret haben / welches eine ſo hohe Neigung gegen mich einen ſchlechten außlaͤndiſchen umſchweiffenden Ritter und unbekanten Menſchen erwecken koͤnte. Zwar einen Liebha - ber und Anbehter aller auffrichtigen Tugend gebe ich mich an; wiewol auch dieſes mir zur Ruhmretigkeit moͤchte gedeyen / angeſehen der groſſen Gebrechligkeit / die ich taͤglich bey mir verſpuͤre / daß alſo mich ein jeder billich / wo nicht auß anderm Grunde / zum wenigſten meiner Jugend halben vor frevelmuͤhtig ſchelten muͤſte / dafern ich mich groſſer Geſchik - ligkeit und Tugend ruͤhmen wolte; weil zu Erweiſung eines ſo volkommenen gutes / lange Zeit erfodert wird; jedoch wie dem allen / Bitte ich freundlich / mein Herr wolle / als lan - ge er einige Liebe und begierde gutes zu thun / an mir ſpuͤret / mich in dem Gedaͤchtnis-Bu -che40Erſtes Buch. che ſeiner Diener und Freunde angezeichnet ſtehen laſſen; iſt dann gleich mein vermoͤgen zu ſchwach / groſſe bedienungen zuleiſten / ſol doch mein ergebener Wille keine Gelegenheit durch Vorſaz verſeumen / ſich meinem Herrn als Freunde zu aller moͤgligkeit darzulegen. Weil Herkules dieſes vorbrachte / ſahe ihn Fabius mit ſtarrem Geſichte an / und nach ſei - ner Rede endigung ſagete er: Mein Herr / mir genuͤget an ſeinem Erbieten / wegen ange - nommener Freundſchafft daß uͤbrige ſey zu ſeinem Wolgefallen geſprochen; ohn daß ich unberuͤhret nicht laſſen kan / daß ein Verſtaͤndiger die Tugend nicht aus dem Alter / ſon - dern bloß aus der guͤltigen Volkommenheit urteilet; wie dann mannicher junger Baum viel geſundere und ſchoͤnere Frucht bringet / als der mit moſſigten aͤſten ſich zwanzig Ellen außbreitet; und wil nicht ſagen daß die Tugend ſich allemahl ſcheinbahrer in jungen / als in alten erzeiget / weil in dieſen daß loͤbliche aus Mangel und Abgang der Bewaͤgungen viel leichter / als in der hitzigen Jugend / ſtat findet / und daher / was ſo gemein nicht iſt / uns viel aͤdler als das taͤgliche ſeyn duͤnket; Alte Roſen ſind auch roht / aber die ſich erſt von einandeꝛ tuhn / ungleich lieblicher / auch beſſeren Geruchs und Krafft / welches niemand / als vielleicht zum ſcherze leugnen wird. Alſo fuͤhreten dieſe neuen Freunde ihr ſinnreiches Geſpraͤch / biß ſie vor Padua anlangeten / und verbunden ſich ihre Herzen auff ſo kurzem Wege in wenig Stunden dermaſſen feſt zuſammen / daß ſolches Band nim̃ermehr kunte auffgeloͤſet noch zuriſſen werden. Ladiſla uͤberſahe unterdeſſen ſeine Schanze auch nicht; dann weil er ſein liebſtes Fraͤule in vorſich fuͤhrete / und ihr in geheim alles reden kunte / ſuchete er alle Gelegenheit / eine genehme Erklaͤrung von ihr zu erlangen; da ſie dann allemahl ſieh gar hoͤfflich und gewogen / doch nicht nach ſeinem Willen vernehmen lies / deßwegen er ihr ſol - ches unter verbluͤmten reden abzugehen / zu ihr ſagete: Mein Fraͤulein / es faͤllet mir eine Geſchichte ein / die ſich in meinem Vaterlande zugetragen / und wann es ihr nicht zu wie - der waͤhre / ich ſelbige / die Zeit zu vertreiben / und des unſanfften ſitzens ſie vergeſſen zu ma - chen / gerne erzaͤhlen wolte. Mein Herr / antwortete ſie / ſider dem ich aus Raͤubers Haͤndẽ errettet bin / habe ich uͤber lange Zeit nicht zuklagen gehabt / und iſt mir leid / daß mein Herr wegen des unſanfften ſitzens ſich beſchweren muß / deſſen ich die einzige Urſach bin / und ihm alle dieſe Ungelegenheit zuzihe. Ich verſichere viel mehr mein Fraͤulein / ſagte er / daß Zeit meines lebens ich nie auff keinem Pferde bequemer geſeſſen; wuͤrde mich auch nicht we - gern / auff ſolche Weiſe die ganze Welt durchzureiten. Das Fraͤulein ſahe ihn an mit lieb - lichen blicken und ſagte; Seine Hoͤffligkeit mein Herr / iſt ſo groß / und die mir erzeigete Woltahten ſo haͤuffig / daß ich mich erkenne in alle dem ihm ſchuldig und verbunden zu ſeyn / was ihm belieben kan und mag; meine Ehr außzunehmen halte ich unvonnoͤhten / weil ein ſo ehrliebender Menſch wider Ehre nichts begehren wird / der mit Darſtreckung ſeines Leib und Lebens mir dieſelbe beſchuͤtzet / und als ſie gleich ſolte geraubet werden / erloͤſet und frey gemacht hat. Aber ich bitte ſehr / mein Herr wolle ſeinem Erbieten nachkommen / und die erwaͤhnete Geſchichte ſeines Vaterlandes mir zuerzaͤhlen unbefchweret ſeyn / weil von Kindesbeinen auff / ich meine beſte Luft in Leſ - und Anhoͤrung loͤblicher und denkwirdiger Geſchichten ſuche und empfinde. Ladiſla bedankete ſich anfangs des hohen Erbietens / wel - ches er zwar nicht verdienet haͤtte / und doch vor den gluͤkſeligſten Ritter ſich ſchaͤtzen wuͤr - de / dafern ſie ihn deſſen wirdig hielte. Sagte hernach; die Geſchichte waͤhre kurz und viel -leicht41Erſtes Buch. leicht unlieblich / abeꝛ die Urſach ſeiner Erinnerung unterſchiedlich / moͤchte auch Wuͤnſchẽ / daß uͤber die Menſchen / deren er gedenken wuͤrde / ſie ihre Urtel ohn einige Gunſt oder Un - gunſt zu ſprechen / ihr koͤnte gefallen laſſen / und zwar ſolcher Geſtalt / als ſie uͤber ſich ſelbſt in gleichen faͤllen wolte geſprochen haben. Mein Verſtand im Urtelſprechen / ſagte ſie / iſt ſehr ſchlecht und kindiſch / doch meine unmaßgebliche Meynung daruͤber anzudeuten / bin ich meinem Herren gerne Gehorſam. Hierauff nun fing Ladiſla alſo an: In meinem Va - terlande lag eine wunderſchoͤne Jungfer in einem tieffen Turm gefangen / woſelbſt ſie von gifftigen Schlangen und allerhand ſchaͤdlichem Ungezieffer gar uͤmringet wahr / daß Menſchlichem Anſehen nach / unmoͤglich ſchien / ſie daraus haͤtte koͤnnen errettet werden. Sie wahr aller ihrer Kleider beraubet / mit Haͤnden und Fuͤſſen angeſchloſſen / daß ſie we - der weichen noch ſich wehren kunte / und erwartete alle Augenblik / wann daß Ungezieffer / welches mit dem vergiffteten anhauchen ihr ſchon draͤuete / ſie anfallen und verzehren wuͤr - de. Nun fuͤgeten es die Goͤtter / daß ein Ritter ohngefehr voruͤber ging / ihr klaͤgliches Ge - ſchrey hoͤrete / und zu allem Gluͤk einen loſen Stein in der Untermauer des Turmes an - traff / welchen er außhub / und ſich in die Gefaͤngnis hinunter ließ / machte ſich an das giff - tige Gewuͤrm / zutrat ſie / und fuͤhrete die Jungfer frey und geſund heraus / ſo gar / daß ſie nachgehends niemand weiter beſprechen durffte / weil ihre Unſchuld ans Licht kam. Die Jungfer bedankete ſich mit worten hoͤchlich gegen den Ritter / verſprach auch die geleiſtete Rettung in der Taht zu vergelten / und noͤhtigete ihn mit zu gehen / damit ſie ihm ſeine Dienſte belohnen koͤnte. Dieſer wahr hierzu willig und folgete nach / biß ſie zu einem ver - borgenen tieffen Loche kahmen / dahinein ſties ſie dieſen frommen gutherzigen Ritter / legte einen Stein vor das Loch / daß es kein Menſch erfahren ſolte / ging davon / und lies ihn elen - dig ſterben und verſchmachten. Hieſelbſt wolle nun mein Fraͤulein / gethanem Verſpre - chen nach / ohn alles anſehen Urteilen / was der Ritter wegen geleiſteter Rettung; die Jung - fer aber vor ihre Dankbezeigung verdienet habe. Frl. Sophia antwortete; Mein Herr / ich entſetze mich uͤber dieſer Erzaͤhlung / und haͤtte nicht gemeinet / daß ſo groſſe Boßheit bey einigem Menſchen / geſchweige bey einem Weibesbilde ſolte gefunden werden; da auch meine Urtel gelten ſolte / ſpreche ich ohn Gunſt und Ungunſt / wie ich uͤber mich ſelbſt wolte ſprechen laſſen / daß dieſe ſchnoͤde Jungfer verdienet / vor erſt in die vorige Gefaͤngnis ge - worffen / und mit zehenfachen Unzieffer geplaget zu werden; jedoch / dafern mein Herr mich berichten wird / ob auch der Ritter dieſe Jungfer nach geſchehener Erloͤſung an ihren Eh - ren gekraͤnket habe; wo nicht / muß die Urtel billig guͤltig ſeyn / wie geſagt; der Ritter aber ſolte nicht allein errettet / ſondern zum Herren uͤber alle ihre guͤter eingeſezt werden; ſolte uͤber daß taͤglich viermahl hingehen / und an der Straffe ſeiner Feindin ſich ergetzen; auch das Gewuͤrm reizen / daß es dieſer grauſamen und Undankbaren die aller empfindlichſten Schmerzen anlegete. O mein Fraͤulein / antwortete Ladiſla; der guͤtige Himmel wende ja dieſe Urtel / und laſſe vielmehr alles uͤber mich ergehen. Sie erblaſſete vor ſchrecken uͤber dieſe Worte / und ſagete zu ihm; Wie ſo mein Herr? habe ich ihm zum Verdries geur - teilet / warumb hat er mich dann ſo hoch da zu vermahnet? Ach ach / ſagte er / ich kan dieſer Urtel nicht beypflichten / weil die Jungfer mir lieber / als mein eigen Herz; der Ritter aber mir ſehr verwand iſt. Jezt merkete ſie ſein Raͤzel / wohin es zielete / taht aber nicht deßglei -Fchen /42Erſtes Buch. chen / ſondern gab zur Antwort: Eure Liebe und Freundſchafft mein Herr / iſt mir aller - dinge unwiſſend; unter deſſen aber halte ich meine Urtel den Rechten noch gemaͤß. O mein Fraͤulein / ſagte er / viel zu ſtraͤnge viel zu ſtraͤnge[!]warumb aber zu ſtraͤnge? fragte ſie; ich meine / der Himmel ſelbſt werde meinen Schluß billichen / als welcher nichts ſo ſehꝛ / als die Undankbarkeit haſſet; moͤchte doch gerne von ihm hoͤren / wie ich die Urtel anders faſſen ſolte. Meine Meynung waͤhre / antwortete er / es ſolte dieſe Jungfer vor erſt gehal - ten ſeyn / den unſchuldigen frommen Ritter aus dem Loche zu ziehen / und ihm eine beſſere Dankbarkeit zu erweiſen; wuͤrde hernach der Ritter zugeben koͤnnen / welches ich doch nit glaͤube / daß ſie in vorige Gefaͤngniß gelegt wuͤrde / ſtuͤnde davon zu rahtſchlagen / wie / wel - cher geſtalt / und wie lange; ja wuͤrde der Ritter nicht klagen / ſo beduͤrffte es keines weitern Spruchs. Bey meiner Traͤue / ſagte ſie / es waͤhre eine wolbedachte / aber gar gelinde Ur - tel an der Jungfern Seite / und geſchaͤhe uͤber das dem Ritter kein Genuͤgen. Meiner Fraͤulein Spruch aber / ſagte er / wuͤrde gar zu ſcharff ſeyn / nicht minder wider den Ritter / als die Jungfer ſelbſt / ungeachtet der Ritter ihr zuvor kein Leid angetahn. Gegen den Rit - ter zu ſcharff; Dann es moͤchte ſeyn / daß nach ſeiner Erledigung er ſeine Liebe zu jhr / nicht ablegen koͤnte / und wol lieber ſterben / als ſie unter den Wuͤrmen verderben laſſen wolte. Alſo wuͤrde die geſprochene Urtel den unſchuldigen mit dem ſchuldigen treffen. Gegen die Jungfer zu ſcharff; dann es moͤchte ihr das uͤbel nachgehends leid werden; haͤtte uͤber das / weil der Ritter ja erlediget waͤhre / den Tod nicht verdienet / ſondern ſtuͤnde vielleicht in deſſen ferner Wilkuͤhr / mit jhr zu handeln. Mein Herr / ſagte ſie hierauff / ich bin viel zu ſchlecht und unverſtaͤndig / dieſen wichtigen Einwurff zu loͤſen; erlerne auch daher / wie ein ſchweres Werck das Richter Amt ſey / welchem Unerfahrne keines weges ſollen vorgeſezt werden; Daher auch mein Herr uͤbel getahn / daß er mich vor eine Richterin auffgeworf - fen hat. Wann mir aber keine Frage verarget wuͤrde / moͤchte ich wol wiſſen / ob auch jez - gedachter Ritter ſo wol Standes als Tugend halber wirdig geweſen / von dieſer Jungfer nicht allein loßgelaſſen / ſondern auch geliebet zu werden. Ladiſla merkete ihre Verſchla - genheit / daß ſie ſeinen Vorſaz errahten hatte / und zugleich ſich ſeines Standes erkuͤndigẽ wolte / und gab zur Antwort: So viel mir bewuſt / hat dieſer Ritter ſtets nach Ehr und Tu - gend geſtrebet / ſich aber aͤuſſerlich uñ vor den Leuten aus hoͤchſtwichtigẽ Urſachen ſchlecht und geringe gehalten / ungeachtet er von hohem / ja von dem hoͤchſten Stande ſeines Vater - landes wahr. Vielleicht hat dann die Jungfer / ſagte ſie / ſeines Herkom̃ens keine Wiſſen - ſchafft gehabt / ſonſt wuͤrde ſie ohn zweifel ſich ſo unfreundlich gegen ihn nicht verhalten haben; und dafern dem alſo / haͤtte der Ritter / meiner Einfalt nach / ſehr wol getahn / wann er bald anfangs ſich ihr haͤtte zu erkennen gegeden. Es ſtund wegen eines ſchweren Geluͤb - des in ſeiner Macht nicht / antwortete er / ſonſt haͤtte er vielleicht der Jungfer ohn einiges Bedenken ſein ganzes Herz vertrauet; Und was meinem hochwerten Fraͤulein ich anjezt voꝛgetragen / kan ich anders nicht rechnen / als ein lebendiges Vorbilde meines jetzigen un - ſals. Sie hoͤrete den Fuchs wol ſchleichen / weil er ohn das nicht ſo gar leiſe niedertrat / ließ ſichs doch nicht merken / ſondern fragete als mit Verwunderung; Wie mein Herr? iſt ihm dann ehmahls deßgleichen auch begegnet / ſo erfreue ich mich ſeiner erꝛettung von ganzem Herzen / weil ohn dieſelbe ich nicht wuͤrde errettet ſeyn; Und hat er daher ſich wol vorzu -ſehen /43Erſtes Buch. ſehen / daß er nicht allem aͤuſſerlichen Schein traue / inſonderheit / weil ſein Verluſt vielen Nohtleidenden zum Verderben gereichen wuͤrde / die ſich ſeiner Rettung / als lange er le - bet / zu getroͤſten haben. Ich vor meine Wenigkeit / werde die mir erwieſene zu preiſen wiſ - ſen / ſo lange ich mich ſelbſt kennen kan / und daneben bemuͤhet ſeyn / meinem Ehren - und Le - bens Schuͤtzer eine beſſere Dankbarkeit / als gedachte ſeine Landmaͤnnin / zu erzeigen. Ladiſla wolte nun laͤnger nicht unter dem Huͤtlein ſpielen / ſondern fing mit bewaͤglicher Rede an: O mein außerwaͤhltes Fraͤulein / wie ſo hohe Vergnuͤgung iſt es meiner Seele / daß mit meinen geringen Dienſten ich ihrer Vortrefligkeit einigen beyſtand getahn und tuhn koͤn - nen; wird auch / weil ich lebe / und deſſen gedenken kan / meinem Herzen die allergroͤſſeſte Freude ſchaffen / in ſonderheit / weil derſelben / es zu gedenken / behaͤglich iſt. Aber O daß ent - weder ich blind / oder mein Fraͤulein unſichtbar geweſen / und noch waͤhre / daß ihre auß - buͤndige Schoͤnheit mir unwiſſend ſeyn moͤchte / weil durch dieſelbe ich leider in die grund - loſe Liebes-Grube geſtuͤrzet bin / in welcher ohn jhre Rettung / die allem anſehen nach / ich nicht eins zu hoffen habe / ich gewißlich umbkommen und verderben muß. Aber du gefan - gener Ladiſla / nim den Lohn deiner Verwaͤgenheit nur gutwillig an / weil du liebeſt / da du deiner Liebe keinen Grund findeſt / und daſelbſt zu lieben begehreſt / wo deine Seele nicht hafften kan; jedoch verſuche noch einmahl zu guter lezt / ob das vortrefliche Fraͤulein zur Erbarmung und Mitleiden koͤnne erweichet werden / und ſie dich auß dieſem Verderbens - loche loßreiſſen wolle / dahinein dich jhre Schoͤnheit geſtoſſen; wo nicht / ſo bitte die Goͤtteꝛ / daß ihre ſelbſt geſprochene Urtel ſie ja nicht treffen moͤge / du lebeſt gleich mit ihr / oder ſtir - beſt ihretwegen. Hiemit endete er ſeine Rede / und hing auff dem Pferde als in halber Oh - macht; Welche Verenderung das Fraͤulein aus ſeiner Stille und Farbe merkend uͤber - auß hoch erſchrak / druͤckete ihm die Hand und ſagete: Begreiffet euch / mein hochwerter Herr und Freund / oder beſſer zu ſagen / mein Ritter und Erretter von den boͤſen Wuͤrmẽ und gifftigen Schlangen / welche freylich mich gefangene und nackete ſchon anhaucheten / und zu erwuͤrgen draͤueten. Ich erkenne ja die hohe Woltaht eurer Erloͤſung / und billich / wolte auch lieber eines boͤſen Todes ſterben / als einen ſo hochver dienten Freund in einiges Ungluͤks Loch ſtoſſen / oder zu ſeinem Verderben die allergeringſte Urſach geben. Ich bitte aber ganz freundlich / mir ein widriges nicht anzutichten / welches mir / bey des Himmels Zeugniß / nie in den Sinn kommen iſt. Ich verſtehe zwar in etwas / wohin er mit ſeiner Er - zaͤhlung gezielet / aber nimmermehr werde ich leiden / daß die Außdeutung auff mich koͤnne gerichtet werden; So iſt auch meine Schoͤnheit bey weitem noch der Vortrefligkeit nicht / daß ein ſolcher volkommener Ritter durch dieſelbe ſolte koͤnnen eingenommen oder gefan - gen werden; Iſt aber etwas an mir / welches ihm gefallen moͤchte / erachte durch ſeine Wol - tahten ich mich verbunden / ſolches vielmehr zu ſeiner Vergnuͤgung als Verderben an zu - wenden; Nur bitte ich inſtaͤndig und von herzen / mein Freund und Erloͤſer wolle in eine annoch Unbekante nicht weiter dringen / als dieſelbe ſich zu erklaͤren / Macht und Gewalt hat / auch Jungfraͤuliche Zucht und Scham ihr zulaſſen wil. Ja mein Fraͤulein / antwor - tete er: Wann hungerige Magen und durſtige Herzen mit Worten koͤnten erſaͤttiget und gelabet werden; Was hilfft mir hungerigen die Farbe und Geruch eines ſchoͤnen wol - ſchmeckenden Apffels / wann ich jhn nur auff dem Baume ſehen / und nicht genieſſen ſol;F ijwird44Erſtes Buch. wird nicht meine Begierde nur dadurch gepeiniget? Mein Herr / antwortete ſie / was wuͤr - de er dann des ſchoͤnen Apffels achten / wann er jhn zuvor in den Koht getreten haͤtte / daß er durch und durch beſudelt wuͤrde? wuͤrde er denſelben nicht als bald verfluchen / und einen Abſcheu daran haben? Verflucht ſeyn alle / ſagte er / die ſolchen unbillichen Vorſaz haben! und wie ſolte ich den lieben Apfel in Koht werffen / deſſen Nieſſung ich umb alles mein Gut loͤſen wolte / meinen dringenden Hunger zu ſtillen? Das Fraͤulein antwortete: Mannicher Luſthunger iſt ſo unordentlich und boͤſe / daß er auch die Speiſe verdirbet / die durch deſſen Antrieb genoſſen wird. Ey ſo ſey auch der verflucht / ſagte er / welcher ſolchen ungebuͤhrli - chen Luſthunger bey ſich hat; Ich beteure es / mein Fraͤulein / ſo hoch ein Ritter kan und ſol / daß mit keiner anderen / als auffrichtiger getraͤuer und keuſcher Liebe ich derſelben zuge - tahn bin / ſo daß ich lieber eines grauſamen Todes ſterben / als einige Unbilligkeit ihr zu - muhten wolte; hat aber mein Fraͤulein etwa ſchon einem andern ſich ſelbſt zugedacht und ergeben / bitte ich / mich ſolches wiſſen zu laſſen / damit auff ſolchen Ungluͤksfall ich zeit mei - nes Lebens beklagen moͤge / daß ich ſo ein liebes Taͤubelein einem andern zum beſten / aus des Geiers Klauen habe helffen loßreiſſen. Nein mein Herr / fiel ſie ihm in die Rede / er hat ſich zu verſichern / daß wie ich zeit meines Lebens von keinem Mannes bilde / als heut dieſen Tag bin angeſucht / alſo habe ich auch noch keinen zu meiner Liebe erkieſet; jedoch ſein Er - bieten / mein Freund / nehme ich mit gutem Herzen auf; Daß ich aber ihm voͤllige Antwoꝛ[t]nicht folgen laſſe / wird er mir ja nicht verargen / angeſehen / ihm mein und der meinigen zu - ſtand annoch allerdinge unbekant iſt / und ich nicht wiſſen kan / ob er mit ſolchem hernaͤhſt werde friedlich ſeyn; bin auch verſichert / daß mein Herr mirs dereins auffruͤcken wuͤrde / wann in ſo weniger Kundſchafft ich mich ſo weit vergehen / und nach ſeiner Anſuchung ohn meiner lieben Eltern Bewilligung / die ein ſolches umb mich nicht verſchuldet / mich in unſtaͤndiger Frecheit außdruͤklich erklaͤren ſolte. Laſſet euch / bitte ich / ein Zeichen mei - nes guten Willens ſeyn / daß wie er der erſte iſt / von dem ich dergleichen Anmuhtungen bekommen / ich von Herzen wuͤnſche / daß ichs von keinem in der Welt mehr hoͤren moͤge; welche lezte Worte ſie zu ſeinem Troſte nicht ohn ſtarke Schamroͤhte mit leiſer Stimme hervorbrachte. Ladiſla merkete aus dieſer Antwort / daß ſie nicht willens wahr / ihm ihre Liebe unbedinget zu verſprechen / ehe ſie ſeines Standes unterrichtet waͤhre; hatte ſich auch ſchon auff eine vernuͤnfftige Antwort geſchicket; Aber ſie naheten dem Stad Tohr / daß das Fraͤulein abſteigen / und ſich auff ein Pferd ſetzen / auch boͤſe Nachrede zu meiden / von ſei - ner Seiten ab / ſich zu ihren Geſpielen begeben muſte / welches ſie mit ſolcher Freundligkeit taht / daß er ihre gute Gewogenheit wol verſpuͤrete. Ladiſla und Fabius nahmen Herkules wider ſeinen Willen in die Mitte / und wolten gleich zur Stadt einreiten / da Klodius aus der Ordnung ſich vor ſeinem Herrn ſtellete / und jhn ſeines heutigen Verſprechens erin - nerte / auch von jhm Erlaͤubniß bekam / ſein Anliegen vorzutragen; Worauff er Herrn Ka - jus Fabius alſo anredete: Ihr werdet euch beſinnen / Ritter / was geſtalt ihr bey eurer er - ſten Ankunfft / meine Ritterliche Ehr zu kraͤnken euch unterſtanden / und mich vor einen Dieb und Raͤuber außgeruffen; Weil ich aber ſolcher Untaht mich allerdinge frey weiß / und ſo wol ein Roͤmiſcher aͤdelman bin als ihr / ob gleich wegen Abgang zeitlicher Guͤter / uñ etwas zu erfahren / ich mich / meines Adels ungeſchaͤndet / in meines Gn. Herrn Dien -ſte be -45Erſtes Buch. ſte begeben / ſo bin ich bereit und erboͤtig / meine Ehe mit der Faſt zu handhaben / umb zu er - weiſen / daß ihr mit Unwarheit mich vor ſolchen Unmann außgeruffen; ſage euch deß we - gen ab / und fodere euch zum Kampff / es ſey mit dem Speer oder Schwert / oder bey des. Herkules ward auff ſeinen Diener zornig / und ſagte zu ihm: Nimmermehr haͤtte ich ge - dacht / daß du mir dieſen Schimpff machen wuͤrdeſt; ſo haſtu mir auch den Mann nicht genennet / mit dem du es zu tuhn haͤtteſt / ich wolte dieſen Span ſonſt leicht entſchieden ha - ben. Fabius hielt bey Herkules umb Verzeihung an / und gab ſeinem Außforderer zur Antwort: Ritter / ich meyne nicht anders / als daß ich meines Irtums wegen einen Wie - deruff getahn / ſo bald ich deſſen inne worden bin; weiß auch von euch nichts unehrliches / ſondern halte euch vor den ihr euch außgebet; Weil ihr aber damit nicht koͤnnet friedlich ſeyn / und Luſt habt / euch mit mir zu verſuchen / wil ich euch gerne zu willen ſeyn / damit jhr hernach moͤget auffhoͤren euch weiters uͤber mich zu beſchweren. Herkules wolte ſeinem Diener den Kampff verbieten; derſelbe aber wante ein / ihre Gn. moͤchten bedenken / was jhm hierauß vor ein Schimpff entſtehen wuͤrde / und muͤſte er eines ſolchen Herrn unwir - dig ſeyn / wann er ſeiner Ehren keine gebuͤhrliche Obacht haͤtte. So hielt Fabius ſelbſt bey Herkules an / nicht weiter darzwiſchen zu reden / weil ja auff geſchehene Außfoderung Rit - ters gebuͤhr muͤſte geleiſtet werden. Alſo muſte ers endlich / wiewol mit hoͤchſtem Unwillen geſchehen laſſen. So bald Fabius ſeinen Harniſch und etliche Speer hatte herzu hoh - len laſſen / reichete er Klodius eines / und zeigete jhm den Kampffplaz / wohin er ihm bald folgen wolte; Wie dann auff deſſen Ankunfft der Ernſt ohn verweilen vorgenom̃en ward / da ſie behutſam auff einander ranten / daß die Speere Splitterweiſe in die Lufft flogen / und keiner gefellet ward; deßwegen ſie andere Speere foderten / die man jhnen mit unwil - len gab / weil die Zuſeher ſagten; ſie haͤtten ihren Ehren beyderſeits ein Genuͤgen getahn; welches ſie aber nicht achteten / und Fabius zur Antwort gab: Die Goͤtter behuͤten mich vor dieſen Schimpf / daß ich ſo ſchlecht vom Platze reiten ſolte; viel beſſer / ich werde davon getragen. Wageten darauff den andern Saz / daß ſie beyde hint er ſich bogen; aber noch un - verwendet den Lauff zu ende brachten; muſte alſo der dritte Fall mit neuen Speeren ge - waget ſeyn / und hielten bey derſeits ihren Gegener vor einen handfeſten Ritter. Sie nah - men jhnen vor / in dieſem Treffen Biſchoff oder Bader zu ſpielen / ranten auch ſo ungeſtuͤm auff einander / daß nach Brechung der Speere Roß und Mann mit den Leibern zuſam̃en ſtieſſen / und Fabius ſamt dem Pferde uͤbern hauffen fiel / Klodius aber eine Splitterwun - de in den Arm bekam / und vom Pferde ſtuͤrzete; wahren doch beyde geſchwinde auff / grif - fen zu den Schwertern / und wolten damit erſetzen / was die Speere nicht verrichten moͤgẽ. Herkules aber ſetzete ſich zwiſchen ſie / uñ hielt bey Fabius durch bitte an / ſich des Schwert - ſtreits zubegeben. Zu Klodius aber ſagte er bedraulich; dafern er nicht einhalten wuͤrde / ſolte ers mit ihm zu tuhn habẽ; welcher darauf zur antwort gab: Gn. Herr / ich gelebe eures befehls; aber Fabius wird mich vor einen redlichen Ritter erkennen. Ich habe euch nie an - ders gehalten / ſagte dieſer; haͤttet auch wenig uꝛſach zu dieſem Streite gehabt / angeſehẽ ich eine gedoppelte Verzeihungsbitte bey euch abgelegt. Ja Herr Fabius / antwortete er / ihr wiſſet ſehr wol / dz ſichs dergeſtalt mit Ritters Ehr nit ſcheꝛzen odeꝛ ſpielẽ laͤſſet. Die Schelt - worte wahren oͤffentlich geſprochen / aber nit oͤffentlich widerruffen / welches ich euch auch nicht an muhten wollen / nunmehr aber bin ich vergnuͤget / und gelebe hinfort euer Diener. F iijNicht46Erſtes Buch. Nicht mein Diener / ſagte Fabius / ſondern mein Freund und Mit-Roͤmer; und daß ihr meines Irtuhms wirkliche Erkaͤntniß habt / wil ich euch mit einem guten Pferde / volſtaͤn - diger Ruͤſtung / und 500 Kronen verfallen ſeyn. Zeit wehrendes Kampffes / wahr Frl. Sophia wegen ihres Bruders ſehr leidig / aus furcht / ihm moͤchte ein Unfall begegnen / weil ſolche Spiele groſſen teils in Gluͤkshaͤnden ſtehen; fing auch an / vor angſt laut zu ruf - fen / da ſie jhn mit dem Pferde ſtuͤrzen ſahe; und kunte Frl. Urſula ihre Liebe ja ſo wenig ber - gen / ſo daß wenig fehlete / ſie aus Ohmacht vom Pferde geſtuͤrzet waͤhre. Nach dem aber der Streit geendiget / und Fabius ohn allen Mangel blieben wahr / ohn daß er im falle die lincke Hand verſtoſſen hatte / die ihm als bald wiedeꝛ eingerichtet ward / legten ſie jhre Angſt und Sorge ab / bekahmen jhre gewoͤhnliche Farbe wieder / und ritten ingeſampt der Stadt zu / da ſie von der Buͤrgerſchaft mit einem Freudengeſchrey empfangen wurden / jhre Froͤ - ligkeit an den Tag zu geben / daß der vornehmſten Herren Toͤchter / unverlezt jhrer Ehren wieder erlediget wahren / wie man jhnen durch einen Reuter hatte laſſen andeuten. Her - kules / Ladiſla und Fabius ritten forne an / denen die drey Fraͤulein mit ihren zuriſſenen Kleidern folgeten / und wunderten ſich alle Zuſeher / wer die beyden junge Herren waͤh - ren / denen Fabius (welcher ſchon ein Roͤmiſcher Rittmeiſter wahr) ſo groſſe Ehre taht / und ihnen die Oberſtelle gab. Etliche ſageten / es waͤhren vornehme Roͤmiſche Herren / des Stathalters nahe Anverwanten / welche nur zum Poſſen die Fraͤulein ent - fuͤhret haͤtten / ihnen einen kurzweiligen Schrecken einzujagen. Andere gaben vor; die Fraͤulein haͤtten es mit ihnen alſo angelegt / ſie heimlich zu entfuͤhren / weil ſie ſich mit ihnen wieder der Eltern Willen verliebet / und dieſelben nunmehr Gott danken wuͤr - den / daß ſie einwilligten / nach dem ſie etliche Stunden mit ihnen im Puſche allein geweſẽ. Andere brachten ein anders auff die Bahn / nach dem ein jeder ſeinen eigenen Gedanken nachhaͤngete / und dieſelben vor Warheit angeben duͤrffte. Als ſie vor des Stathalters Herren Quintus Fabius herlichen Hoff kahmen / und derſelbe mit ſeinem Gemahl Fr. Sabina Pompeja biß vor das aͤuſſerſte Tohr an der Gaſſen hervor gangen wahr / ſahe der junge Fabius ſie ſtehen / zeigete ſie ſeinen Gefaͤrten und ſagete: Dorten warten meine El - tern auff uns / daß ſie uns empfangen moͤgen; und als er naͤher kam / ſtieg er ab vom Pferde / trat zu ihnen hin und ſagete: Dieſe beyde Helden haben unſere Fraͤulein aus den Faͤuſten der fuͤnff aller verwaͤgenſten Raͤuber maͤchtig er rettet / uñ bey ihren jungfraͤulichen Ehren ſie erhalten / die ohn ihre Huͤlffe nicht haͤtte koͤnnen geſchuͤtzet werden; davor wir dann ſchuldig ſind / Zeit unſers lebens ein dankbares Herz gegen ſie zu tragen. Unſere Helden wahren auch ſchon abgeſtiegen / und verwunderten ſich uͤber daß herliche Anſehen des Stathalters / der ein Herr ohngefehr von 52 Jahren wahr; Er hatte einen ſchoͤnen breiten Bart / welcher Anfing ſich grau zu faͤrben; hielt einen Helffenbeinen Stab in der Hand / und ſtunden ſechs Diener hinter ihm in roht gekleidet. Er wahr mittelmaͤſſiger laͤnge / ſtark von Leibe / eines kaͤſten braunen Haars mit etwas grau vermiſchet / und braͤunlich von Angeſicht / groſſer Stirn / und ſcharffſichtiger Augen. Sein Gemahl vom Gebluͤte des groſſen Pompeius / welcher ehemahls mit Kajus Julius Kaͤyſer umb der Welt Herſchaft ſtritte / ſtund ihm zur linken; eine gar ſchoͤne Frau / zimlicher laͤnge und etwas feiſt / ihres Alters XLI Jahr / hatte ſich ihrem Gemahl gleich in ſchwarzen Sammet mit guͤldenenBlu -47Erſtes Buch. Blumen gekleidet / welches ihr ein treffliches Anſehen gab. Sie wahr lebhaffter Farbe / doch mehr weiß als roht / und nach ihrem Alter ſehr jung anzuſehen; eingezogener und ſtil - ler Sitten / und dabey zu zeiten etwas ſchwermuͤhtig; begegnete ihrem Gemahl mit ge - buͤhrlichem Gehorſam und lies ihr die Haußſorge inſonderheit angelegen ſeyn / umb wel - che ſich ihr Herr wenig bekuͤmmerte. Als dieſe beyde ihres Sohns Rede vernahmen / wie wol ihnen ſchon vorhin die geſchehene Rettung angemeldet wahr / erfreueten ſie ſich doch von neuen / und redete der Stathalter unſere Helden / gleich da ſie ihm den demuͤhtigen Handkuß leiſten wolten / alſo an: Hochaͤdle mannhaffte Ritter / daß eure Tugend euch auf - gemahnet hat / meine einige Tochter / und ihre Geſpielen / meine Baͤßlein / von den un - zuͤchtigen Raͤubern zu erloͤſen / und ſie vor Schande zu bewahren / davor bedanken wir uns billig / und von Herzen / werden auch / ſo weit unſer Vermoͤgen ſich erſtrecken wird / die wirk - liche Dankbarkeit ſehen zu laſſen / unvergeſſen ſeyn / in hoffnung / den Abgang an unſer Sei - te / werden die reichen Goͤtter erſetzen. Vor dißmahl halte ich bey jhnen bitlich an / meine Wohnung durch jhr einkehren zubeſeligen / und mit dem / was das Hauß in der eile Ver - moͤgen wird / freundlich vor lieb und gut zunehmen / wie in betrachtung ihres ſehr geneige - ten willens / ich mich deſſen zu ihnen ungezweiffelt verſehe. Unſere Helden tahten ihm und ſeinem Gemahl groſſe Ehre / entſchuldigten ſich mit ihrer unwirdigkeit / und daß ſie ſo ho - hes Erbieten / Zeit ihres lebens mit keinem Wort zuerſetzen vermoͤchten / viel weniger waͤh - ten ſie der wirde / daß ſo ein maͤchtiger Roͤmiſcher Herr und Kaͤyſerl. Stathalter ihnen biß auff die Gaſſe entgegen treten / und ſie daſelbſt muͤndlich Einladen und empfangen ſol - te; bahten ſehr / ihre Gn. wolten in ihren Hoff einkehren; ſie als gehorſame Diener waͤhren demſelben auffzuwarten bereit und ſchuldig. In deſſen hatte man den Fraͤulein ingeſamt von den Pferden geholffen / da Frl. Sophia ſich zu ihrer Fr. Mutter nahete / und von ihr mit freuden traͤhnen empfangen und geherzet ward / weil ſie dieſe Tochter mehr als ſich ſelbſt liebete. Herr Kornelius / Frl. Urſulen; und Herr Emilus / Frl. Helenen Vater / bey - de ſehr maͤchtige und reiche Stadjunkern und Rahts Herren von Rom / die zu Padua ih - re Hoͤffe und ſtatliche Landguͤter hatten / und daſelbſt lieber als in Rom lebeten / kahmen darzu / und funden ihre geliebete Toͤchter und einige Kinder friſch und geſund wieder / deſ - ſen ſie ſich herzlich freueten / und vor beſchehene Rettung ſich ſehr hoch erbohten; zu denen der Stathalter ſagete: Geliebte Herren Schwaͤgere und Bruͤder / ſie werden ſich gefallen laſſen / mit mir einzukehren / und dieſen Erloͤſern unſerer Kinder annehmliche Geſelſchafft leiſten / wie ſie daſſelbe nicht weniger umb euch / als mich verdienet haben / und wir demnach durch die erbare Billigkeit gehalten ſind / ihnen eine moͤgliche Wiederkehr zu thun. Hie - ſelbſt wolten nun die Fraͤulein auff der Gaſſe ihren Eltern erzaͤhlen / in was groſſer Gefahꝛ ſie geweſen / und durch dieſer Ritter Mannheit erlediget waͤhren; aber der Stathalter ſag - te zu ihnen: Geliebte Kinder / eure zuriſſene Kleider ſind Gefahrszeichen gnug; aber daß einſame Luſtfahren / hat wol ehemahl einer Jungfer den teureſten Kranz gekoſtet; und wuͤꝛ - de ich euch ein ſolches wol nicht eingewilliget haben / da ichs zeitiger erfahren haͤtte; je - doch / geſchehene Dinge ſind nicht zu endern / wie wol ihr eine rechtſchaffene Straffe ver - dienet / und mein Gemahl nicht weniger / die den Toͤchterchen dieſen leichten Willen ſo bald / und ohn mein Vorwiſſen geſtattet hat. Ich mag euch aber vor dieſen fremden Her -ren48Erſtes Buch. ren weiters nicht beſchaͤmen / noch mit mehrer Zuͤchtigung auffhalten / weil eure leere Ma - gen ohn zweiffel rechtſchaffen murren / und wird Zeit ſeyn / die Mahlzeit zuhalten / wo mit wir biß auff eure Wiederkunfft gewartet. Wann ihr nun den Madenſak werdet gefuͤllet haben / wird noch Zeit uͤbrig ſeyn / den Verlauff eurer Entfuͤhrung / und erfolgeten gluͤkli - chen Rettung zuerzaͤhlen. Hierauff nam er Herkules / ſein Gemahl aber Ladiſla bey der Hand und fuͤhreten ſie in den Vorhoff / deſſen Hintergebaͤu von Marmel und Alabaſter ſehr koͤſtlich auffgebauet / und Koͤniglich gezieret wahr. Da ſahe man an den waͤnden die alten Roͤmiſchen Geſchichte ſo eigentlich und Kunſtreich abgemahlet / daß es Wunder wahr. Gar zu foderſt im Eingange ſtund eine ſehr groſſe aus Korintiſchen Erz gegoſſene Woͤlffin auff einer Saͤule / zehen Ellen hoch / die hatte von ihren Haaren ein Neſt ge - macht / worinnen zwey kleine ganz nackete Knaͤblein lagen / und an der Woͤlffin Euter hin - gen / die mit den hinter - und foͤrder Fuͤſſen ſich in artiger Stellung hielt / das die Kinder - chen hinzu reichen kunten. Frl. Sophia / die mit ihren Geſpielen allernaͤheſt hinter ihren Eltern herging / trat hervor / und ſagte zu unſern Helden; Ihr meine Herren / geliebt euch zu ſehen die erſten Erbauer unſer Stadt Rom / den Romulus und Remus / wie ſie von der Woͤlffin ſind geſaͤuget worden / ſo koͤnnen ſie ein wenig ſich nach der Rechten umſehen. Ja mein Fraͤulein / antwortete Herkules / wir bedanken uns der Ehren; und iſt dieſer trauen nicht ein ſchlimmer Meiſter geweſen / der die Geſchichte ſo lebhafft hat abgieſſen koͤnnen / deßgleichen mir zu Rom ſelbſt nicht vorkommen iſt. Sie gingen weiter durch den andern Schwibogen in den innern Hoff / da Romulus und Remus in ihren Waffen ſtunden / und mit erhobenen Angeſichtern acht gaben / welchem unter ihnen die Voͤgel daß erſte Gluͤk - zeichen der Herſchafft geben wolten; und fing das Fraͤulein aber an; Sehet da / mein Herr Ladiſla / zween leibliche Zwilling-Bruͤder; unter denen aber bey weitem ſo veſte Vertrau - ligkeit und Liebe nicht wahr / als zwiſchen meinem Herren und ſeinem Freunde Herkules ſich findet; maſſen dieſe ſich umb die Herſchafft zanken und gar erſchlagen / da hingegen ihr nur ſuchet / wie einer dem andern ſich unterwerffen / und von ihm befehliget werden moͤge. Frau Pompeja hoͤrete ihren Reden zu / und gefiel ihr der Tochter Geſpraͤch nicht uͤ - bel; ſagte demnach zu ihr; Geliebtes Kind / du redeſt mit dieſen beyden Herren / als ob du ſie von langer Zeit her kenneteſt / und ihres ganzen lebens voͤllige Wiſſenſchafft truͤgeſt / da ich mich doch nicht zuerinnern weiß / daß ich Zeit meines Lebens ſie geſehen haͤtte. Herzliebe Fr. Mutter / antwortete ſie / ſo iſt auch heut gewiß der erſte Tag / daß zu meinem hoͤchſten Gluͤk ich ihre Kundſchafft erlanget; weil aber wahre Tugend nicht lange verborgen blei - ben kan / welche in dieſen Helden ſo klar als die Sonne im Mittage leuchtet / habe ich ſelbe aus ihren tahten und reden unſchwer vernehmen koͤnnen. Herkules hoͤrete dieſes / kehrete ſich nach ihr umb / und antwortete: Durchleuchtiges Fraͤulein / ich Bitte ſehr / ſie wolle uns nicht gar zu ſchamroht machen / als die wir durch ihre hohe Vernunfft ſchon uͤbrig gelehret ſind / wie wir billig beſchaffen ſeyn muͤſten / da wir einiger Volkommenheit wolten geruͤhmet werden; weil aber eine ſolche unſtraͤfliche Bildung der Tugend / welche ſie in ih - rem Verſtande abgeriſſen / an menſchliche ſchwachheit nicht bald reichen wird / hoffen wir / ſie werde mit unſerm Unvermoͤgen geduld tragen / angeſehen wir noch in den Lehrjahren uns befinden / und der Unterweiſung faͤhig ſind: Worauff das Fraͤulein antwortete: HerrHer -49Erſtes Buch. Herkules / ich kan ſo gar kein Recht mit jhm bekom̃en / wie ichs auch anfahe / es waͤhre dann / daß ich euch und eure ruhmwirdige Tahten laͤſterte / welches ich vor eine Todtſuͤnde halte; deßwegen wil ich nichts mehr mit euch reden / ich werde dann von euch befraget / oder dat - zu erbehten. Mein Fraͤulein / antwortete er; ſo bitte ich eins vor alles / ſie wolle dann mein ſtilſchweigen voꝛ ein ſtetes fragen / und meine Redẽ vor ein unaufhoͤrliches bitten halten uñ auffnehmen. Je mein Herr / ſagte ſie mit einem holdſeligen lachen; ſo muͤſte ich ja immer zu uñ ohn aufhoͤren in die Lufft hinein ſchwatzen / da ich dann entweder viel muͤſte wiſſen / oder ſehr wol tichten koͤnnen. Ihre ſuͤß kluge Zunge / antwortete er / wird gewiß ſo viel nicht re - den / daß ich nicht ſtets begierig ſeyn ſolte / ihren vernuͤnfftigen Worten zuzuhoͤren. Mei - nem Herrn beliebet nach ſeiner Hoͤfligkeit alſo zu reden / ſagte ſie / aber mein ungeſchiktes Geplauder wuͤrde ſeinen Ohren in kurzem ſo beſchwerlichen Verdruß erwecken / daß er wuͤnſchen ſolte / mich nie gehoͤret zu haben. Der Stathalter ſahe / daß dieſes Geſpraͤch ſich lange verzihen duͤrffte / wann niemand darzwiſchen kaͤhme / drumb / ſolches zu ſtoͤren / er der Tochter alſo einredete: Ich weiß ſchon wol / zweifele auch nicht / dieſe Herren werden es zeitig an dir gemerket haben / daß dein Mund zur Klapper unverdorben iſt; uñ halte ich / du wolleſt dieſe Herren mit leeren Worten ſpeiſen; gedenkeſtu nicht / daß ſie deinetwegen viel Muͤhe und Arbeit außgeſtanden / und der Labung beduͤrffen? Das Fråulein erroͤhtete ſehr / daß ihr Vater / der ſie allemahl hart und unter dem Zwange hielt / ſie auch in beyſeyn dieſer Fremden alſo beſchaͤmete. Herkules aber vertrat ihre Stelle mit dieſen Worten: Hochmoͤgender Herr Stathalter; es muͤſte mir immer und ewig leid ſeyn / daß ein ſo zuͤchtiges und verſtaͤndiges Fraͤulein / durch meine Veranlaſſung einigen Unwillen von ih - rem Hn. Vater einnehmen wuͤrde / da viel mehr ich ſelbſt ſtrafbahrer waͤhre / angeſehen ich ihrer Rede die einige Urſach bin. Mein Herr verzeihe mir / antwortete der Stathalter / und beſorge ſich durch auß keines Unwillens bey mir gegen mein Kind. Wir Roͤmer hal - ten es mit unſern Kindern alſo / daß ſie uns zugleich lieben und fuͤrchten / auch ohn Anzeige einiges Unwillens von uns annehmen muͤſſen / was uns gefaͤlt ihnen einzureden / wann ſie gleich im geringſten nichts verſchuldet haͤtten; dann hiedurch wird mannicher Tochter ihr ſteiffer Sinn gebrochen / die ſonſt durch Zaͤrtligkeit nur geſtaͤrket wuͤrde / welches her - naͤhſt im Eheſtande ihnen als eine gefundene Beute iſt / daß ſie ihrem Ehegatten zu gehor - ſamen / und deſſen Willen zu gelebẽ / ſchon gewaͤhnet ſind. Herkules wunderte ſich der ſtraͤn - gen Zucht / inſonderheit / da das Fråulein hin zu jhrem Vater trat / und ihm als vor eine ſonderliche empfangene Gunſt die Hand kuͤſſete / ſich ihres Frevels ſchuldig gab / und ganz demuͤhtig umb Verzeihung anhielt; aber doch keine andere Antwort erlangete / als; Sie ſolte hingehen und ſich beſſern. Gleichwol wolte die Mutter ihrer lieben Tochter Anſehen bey den Fremden gerne wieder in Auffnahme bringen / und wahr unwillig / daß dieſelbe ohn Urſach ſolte verhoͤnet werden; durffte doch jhrem Gemahl / deſſen Ernſt ſie fuͤrchtete / nicht kuͤhnlich einreden / daher ſie mit glimpflichen Worten ſagete: Geliebter Herr / ich wil nicht hoffen / daß ihr Urſach haben ſollet / auff unſer Kind unwillig zu ſeyn; maſſen euch nicht unbewuſt iſt / wie wenig ſie ſonſt in unſer Gegenwart zu Reden pfleget; und halte ich / ſie thue es vor dißmahl bloß euch zu erfreuen / und zugleich andern anzuzeigen / daß in ihrer aufferzihung wir unſern fleiß nicht geſparet haben. Der Vater ſchuͤttelte hieruͤber denGKopff /50Erſtes Buch. Kopff / und ſagete mit einem lachen: Frau / ledige Magen und muͤde Glieder ſind mit woꝛ - ten nicht auffzuhalten; ſonſt klage ich noch ſo groß nicht uͤber unſere Tochter / und mag ſie nach gehaltener Mahlzeit / dieſen Herren zu Liebe und Gefallen immerhin reden / biß ſie von ihr ſelbſt auffhoͤren wird; ſol mir auch umb ſo viel lieber ſeyn / wann ihr guten fleiß bey ihrer Aufferzihung angewand habet. Die Mutter befahrete ſich / er wuͤrde mehr zur heim - lichen Beſchimpfung / ſo wol ihrer ſelbſt / als der Tochter / fliegen laſſen / welches zu verhuͤ - ten / ſie Gelegenheit ſuchte / wegzugehen / baht Ladiſla / ihren Abtrit / wegen noͤhtiger Anord - nung / nicht ungleich auffzunehmen / und befahl der Tochter / ihn zubegleiten; deſſen dieſe beyderſeits wol zu friede wahren / dann es dauchte ſie / ſie waͤhren ſchon viel zu lange von einander geweſen. Alſo gingen ſie durch den innerſten Plaz nach der Steige auff den groſ - ſen Saal / der ſo koͤſtlich er bauet und geſchmuͤcket wahr / daß ſichs Anſehen lies / es waͤhren des reichen Roͤmers Kraſſus Schaͤtze ein groſſer Teil daran verwendet; dann wo die Schildereyen auffhoͤreten / da glaͤnzeten die koſtbahreſten Steine mit eingeſchnitzten kuͤnſt - lichen Bildern hervor. An der rechten Seite wahr die Belagerung der Stadt Troja ſo artig gemahlet / daß jedes Lager der Griechen nach gutem Unterſcheid kunte geſehen wer - den. Dorten hielt der hochmuhtige Obriſte Feldherr / Agamemnon / und ſein Bruder Menelaus; dorten der liſtige Vlyſſes; hie der ſtarcke Ajax; Am andern Orte der ſteinalte Neſtor; das betriegliche hoͤlzerne Pferd ſtund auff Raͤdern / und lieffen Jung und Alt aus der Stadt / es als eine ſonderliche Gabe / an Stricken in die Stadt zuzihen / zu welchem Ende eine groſſe Luͤcke in die Stadmaur gebrochen wahr / weil mans wegen ſeiner groͤſſe in das Tohr nicht bringen kunte. Der Trojaniſchen Helden / und ihreꝛ Bundgenoſſen / wahr dabey nicht vergeſſen. Hektor / Sarpedon / Paris (dieſes Uugluͤks Stiffter) und neben ihn die beruͤchtigte Helena (umb deren willen an Griechiſcher Seite in die 880000; an Tro - janiſcher / 686000 / alſo ingeſamt 1566000 Seelen Auffgeopffert ſind) / Eneas / Antenor / Memnon / und der Alte Priamus / hielten außwendig umb der Stadmaur her / und wahr des Kriegeriſchen Weibes Pentheſilea Schlacht mit Achilles gar zierlich abgemahlet / da ſie von ihm vom Pferde herunter geſchlagen / und halb Tod ins Waſſer geworffen und ertraͤnket ward. Kurz davon zu reden / ſo wahr kein denkwirdiger Kampff der Griechiſchẽ und Trojaniſchen Helden außgelaſſen; aber Eneas Bildnis wahr das Anſehnlichſte / uͤber welchem dieſe Worte ſtunden: Huic parenti originem debet Roma. Das iſt: Dieſen hat Rom zum Vater. An der andern Seite des Saals wahr die Stadt Rom abgebildet / nach dem Pracht / wie ſie ohngefehr vor 240 Jahren / zun zeiten Kaͤyſers Auguſtus in hoͤchſter Vol - kommenheit geſtanden. Oben auff der Stadmaur umher lieſſen ſich Romulus / Numa / Brutus der Koͤnige Feind; unterſchiedliche Fabier / Kokles / Skevola / Kamillus / Regu - lus / Skipio / Pompeius / Auguſtus Kaͤyſer / und viel andere Roͤmiſche Helden als Schuz - Goͤtter ſehen; hatten ihre Pfeile und Schwerter in den Haͤnden / und draͤueten damit den Feinden der Stad Rom. Die erſchroͤkliche Niederlagen / welche die Roͤmer von den Gal - liern / Hannibal und Zimbern erlitten / wahren hin und wieder abgeriſſen / inſonder heit / da die 300 Fabier von den Veienten liſtig hintergangen / und alle erſchlagen worden. Unſere Helden beſahen dieſe treffliche Gemaͤlde fleiſſig / und erinnerten ſich aller dieſer Geſchich - ten / welche ſie in der Kindheit beim Homerus / Livius und anderen geleſen / und ſchien /als51Erſtes Buch. als ob ſie ihrer ſelbſt druͤber vergeſſen haͤtten / biß endlich Frl. Urſula ſagete: Herr Herku - les / ich meine es waͤhre faſt Zeit / die Waffen abzulegen / und der außgeſtandenen Muͤhe ſich zu ergetzen / inſonderheit aber bitte ich / mir zu verzeihen / daß ohn geheiß ich dem Wund Arzt Botſchafft gethan / ihm ſeine Halßwunde beſſer / als von mir geſchehen / zuver - binden. Die Anweſende / wie ſie ſolches hoͤreten / ſtelleten ſich leidig wegen ſeiner Ver - wundung / welches durch beteurung / daß gar keine Gefahr dabey waͤhre / er ihnen bald auß - redete / doch in einem Nebengemache ſich verbinden ließ / da ihn der Arzt warnete / den Schaden nicht zu verachten / als welcher ſich ſchon in etwas entzuͤndet haͤtte / und er deß - wegen vor ſtarker bewaͤgung und ſchaͤdlichen Speiſen ſich huͤten muͤſte / welches aber er wenig achtete. Nach geſchehener Verbindung legten er und Ladiſla ihre Sommerkleider an / die von Sittichgruͤnen Atlaß mit ſilbern Blumen durchwirket / / und mit aͤdlen Stei - nen reichlich beſezt wahren / Struͤmpffe und Federbuͤſche wahren gleicher Farbe; Knie - baͤnder und Schuchroſen mit ſilbern Spitzen beſetzet / ſo daß ihre Kleider gleich / und ohn einigen Unterſcheid / die Einigkeit ihrer Gemuͤhter wol zuerkennen gaben. In dieſer Gleichheit traten ſie zum Saal hinein / und muhtmaſſeten die Anweſenden daher / daß ſie mehr als aͤdle Ritter ſeyn muͤſten. Es hatten die drey Fraͤulein nicht minder ſich zierlich angelegt / ſo viel in der eile geſchehen moͤgen / und bemuͤhete ſich Frl. Sophia inſonderheit / ihrem liebſten Ladiſla ſehen zu laſſen / wie ihr die Kleider ſtuͤnden. Als nun dieſe drey Engel - chen in den Saal traten / fehlete wenig / es haͤtten weder unſere Helden dieſe / noch ſie jene gekennet / und traff ein / das Frl. Sophia eben die Sittich gruͤne Farbe gewaͤhlet hatte. Keiner wahr zugegen / der ſich an Herkules Schoͤnheit und Ladiſla anmuhtiger Lieblig - keit nicht verwunderte. Sie wahren beyde zimlicher / und faſt gleicher laͤnge / ſchwank von Leibe und feſter wolgeſetzter Gliedmaſſen. Herkules hatte ein ſchoͤn gelbes Haar / welches ihm wie krauſe Locken uͤber die Schultern hing; ſeine Haͤnde wahren pluͤßlich und ſchne - weiß / mit blaulichten Adern / das Angeſicht weiß-zart / mit rohtem vermiſchet / daß wer ihn ſahe / nicht anders gedenken kunte / er waͤhre ein Weibesbild in Manneskleidern / weil noch kein Haͤaͤrlein an ſeinem Kinn erſchien; die Augen ſtunden ihm wie den Falken / doch vol - ler Liebligkeit und blaulicht. Die Stirne glat / und ein Zeichen ſeines auffrichtigen Her - zen; die Naſe etwas erhaben und gerade zu / faſt laͤnglicher dann kurzlecht / und ſtrahlete aus allen ſeinen Blicken eine ſo anmuhtige Freundligkeit hervor / daß wer ihn ſahe / zu ſei - ner Liebe und Gewogenheit angereizet ward / weil alle ſeine Geberden in ſonderlicher De - muht und mannlicher freier Ernſthafftigkeit beſtunden. Ladiſla wahr etwas braͤunlicher / doch zugleich zart / hatte ein braun kraus Haar / in zimlicher dicke / und einen kleinen Bart gleicher Farbe; am Leibe wahr er etwas ſtaͤrcker anzuſehen als Herkules. Sein Gebluͤt wallete ihm in allen Adern auff / da er ſein geliebtes Fraͤulein ſo zierlich herein treten ſahe; wie auch ihre Liebesreizungen nicht weniger auffgetrieben wurden / daß er in ſolcher koſt - bahren Kleidung ſich ſtellete / und ſie daher beſtaͤndig muhtmaſſete / er muͤſte auffs wenig - ſte Fuͤrſten Standes ſeyn; ihr auch gaͤnzlich vornam / auff ſein weiters Anhalten ihm be - haͤgliche Antwort zu geben / da ſie ſeines Weſens nur in etwas Bericht haben koͤnte / dann ſeine Anſtraͤngungen hatten ſie dermaſſen eingenommen / und die empfangene Woltaht ſie bezwungen / daß ſie entſchloſſen wahr / keinem Menſchen als ihm ihr Herz einzuraͤumen:G ijſo52Erſtes Buch. ſo beredete ſie auch ihre angebohrne Keuſcheit uñ Zucht / dz weil er ſie ganz nacket antꝛoffen uñ geſehen / ſie ſich deſſen zeit ihres lebens ſchaͤmen muͤſte / wañ ſie nit ſein Ehegemahl wuͤr - de. So bald die erſten ſpeiſen aufgeſetzt wurdẽ / ging dz noͤhtigen wegẽ des oberſitzes an / biß der Stathalter bey ſeinen Gaͤſten / alles nach gefallen zuordnen / Freyheit erhielt; worauf er Frl. Urſulen hinter am Tiſche die Oberſtelle nehmen hieß; welches ſie vor einen ſcherz auf - nam / bald aber / den ernſt ſehend / gerne gehorſamete. Den andern Plaz muſte Herkules; dẽ dritten Frl. Helena; den vierden Ladiſla bekleidẽ / der ſchon in der angſt ſtund / ſein Frl. wuͤꝛ - de ihm entfernet werden; als er aber von ihrem Vater den befehl hoͤrete / ſich zu ihm nider - zulaſſen / hielt ers vor ein zeichen eines gluͤklichen außganges ſeiner Liebe. Dieſe Bank wahr nun mit den fuͤnffen beſetzet / uñ wolte deꝛ Stathalter gleichwol ſeinẽ Sohn von dieſer liebẽ Geſelſchaft nit abtreñen / daher er zu ihm ſagete: weil dich das gute Gluͤk zu ihnen hin in dẽ Wald gefuͤhret hat / magſtu ihres naͤhern Beyſitzens auch allhier genieſſen: weiſete ihn hin vor den Tiſch auf einen Stuel ſich nideꝛzuſetzẽ / da er ſeiner vertrauetẽ Frl. an die ſeite kam. Dieſer junge Fabius war ſonſt ein wolgeſtalter anſehnlicher Ritter ſeines alters von XXIV Jahren / in adelichen Sitten und ritterlichen uͤbungen von jugend auff wol unterwieſen / worauf ſein Vater deſto mehr fleiß wendete / weil ihm von einẽ Geburtskuͤndiger geweiſ - ſaget wahr / er wuͤrde in ſeinem erſten mannlichen Alter uͤberauß groſſe Muͤhe und Gefahr uͤber ſich zu nehmen haben; Es wahr auch an ihm nichts zu tadeln / ohn daß er ſeinen Zorn nicht wol meiſtern kunte. Der Stathalter ſahe dieſe junge Leute hinter dem Tiſche an / uñ ſagte zu den andern Anweſenden: Verzeihet mir / geliebte Freunde / daß vor dißmahl ich unſere Kinder ſo hoch ehre / und ſie uͤber uns Eltern zu dieſen fremden Herren ſetze; dann ich habe billich ſeyn erachtet / daß welche heut in der Gefahr ſo nahe bey einander geweſen / jezt in der Sicherheit nicht ſo ſchleunig getrennet werden / weil alle ſchnelle verenderung / wie man ſaget / gefaͤhrlich ſeyn ſol. Ladiſla gedachte / diß waͤhre ſchon das andere Zeichen ſeines gehofften gutẽ Fortganges. Aber Herꝛ Kornelius antwortete dem Stathalter; es waͤhre ſolches von jhm ſehr wol geordnet; welcher dañ auf begehrẽ ſich zu dem jungen Fa - bius ſetzete / und ſein Gemahl Frau Fauſta / des Stathalters Mutter-Schweſter Tochter / der Skipionen Geſchlechts / neben jhn / gegen ihre Tochter Frl. Urſulen uͤber. Herr Emi - lius folgete ihr / und ſein Gemahl Fr. Julia / eine Pollionin / der Stathalterin Halbſchwe - ſter von der Mutter her / welche neben ihr die Stelle nam / ſo daß der Stathalter zu unterſt vor dem Tiſche alleine ſaß / und an der rechten Hand ſeine Tochter hatte / welche wegen ſei - ner nahen Gegenwart mit ihrem Ladiſla nicht reden durffte. Der junge Fabius verrichte - te das Vorſchneider-Amt / und noͤhtigte die anweſenden hoͤflich / ſo mangelte es zeit weh - render Mahlzeit am guten Seitenſpiele nicht / welches Herkules und Ladiſla / als die darin wol geuͤbet / ſehr liebeten. Bey dem Eſſen fiel mannicherley Geſpraͤch / biß nach aufgehobe - nen Speiſen die Stathalterin an ihren Gemahl begehrete / ihr ein Viertelſtuͤndichen ih - ren Willen zu goͤnnen; wolte hoffen / den Anweſenden ingeſamt wuͤrde es nicht zuwider ſeyn. Der Stathalter ließ es gerne geſchehen / der ihr Vorhaben ſchon merkete; Worauf ſie die drey Fraͤulein anredete / und ihnen eins zu werden befahl / welche unter ihnen gleich jezt oͤffentlich erzaͤhlen ſolte / auff was weiſe ſie geraubet / und von dieſen Herren wieder er - rettet waͤhren; wuͤrden ſie aber ſich deſſen wegern / dann ſolten ſie dieſen Tag auff keinen Tanz hoffen. Frl. Urſula / als die aͤlteſte antwortete: ſie wuͤſte niemand / die ſolchem Befehlbeſſer53Erſtes Buch. beſſer gehorſamen koͤnte / als Frl. Sophia; dann ſie waͤhre unter ihnen die geherzeſte gewe - ſen / und haͤtte den grauſamen Kampff guten teils angeſehen. Frl. Helena ſtimmete mit ein / und baht / daß ſie die Muͤhe uͤber ſich nehmen moͤchte; welche aber zur Antwort gab: Ich erinnere mich billich / daß heut vor Eſſens mein Herr Vater wegen meines unnuͤtzen Gewaͤſches mich geſtraffet / und ihr wollet mich noch in weitere Ungelegenheit ſetzen / daß ichs immerzu groͤber mache? Auff dieſe weiſe / ſagte Frl. Urſula darff unſer keine redẽ / weil auch unſere geliebte Eltern zugegen ſind. Der Stathalter ſagte lachend: wiewol mein Baͤßlein Urſul / als die aͤlteſte billich das Wort fuͤhren ſolte / ſo moͤgen ſie ſich doch daruͤber vergleichen. So muß / antwortete dieſe / nit die aͤlteſte / ſondeꝛn beretſte ſolchs uͤbeꝛ ſich neh - men; daher meine Schweſter Frl. Sophia ſich deſſen nicht entbrechen wird. So hoͤre ich wol / fing dieſe an / ihr ruffet mich vor die ſchwazhafteſte aus. Ihr Vater ſagte mit einem Gelaͤchter: dz du wolgeloͤſeter Zunge biſt / kunteſtu in deiner dreyjaͤhrigen Kindheit ſchon zimliche anzeige tuhn. Je Herzen Herꝛ Vater / antwortete ſie / ich bitte kindlich / mich in die - ſer Geſelſchaft nit ſo hoch zu beſchaͤmẽ. Was haſtu dich mit mir zu zankẽ ſagte er; ich heiſſe dich ja weder reden noch ſchweigen; uñ haſtu an deiner Wafen ſchon Widerhalts gnug; je - doch hat meine Pompeja ein luſtiges Spiel angerichtet / und gelebe ich der Hoffnung / wir werden ein acht taͤgiges zanken anzuhoͤren haben / ehe uñ bevor dieſe jhres dinges eins weꝛ - den. Fr. Pompeja wolte dieſen ſtreit aufruffen / und ſagete; ob ſie gleich des Verlaufs ger - ne moͤchte berichtet ſeyn / wuͤrde ſie doch jhre begierde muͤſſen auffſchieben / biß ſie mit jhrer Tochter allein waͤhre. Aber der Stathalter antwortete: durch aus nicht / ſondern weil das ſpiel angefangen iſt / muß es auch geendiget werden / dann mich verlanget ſelbſt nach umb - ſtaͤndlicher erzaͤhlung. Weil dañ der Hahne auf ſeinem Miſte am kuͤhnlichſten kraͤhet / uñ ich meineꝛ Tochter zu gebieten habe / ſol ſie uns deſſen bericht gebẽ / ſo gut ſie kan. Ich gelebe meines H. Vaters gebohts billich / ſagte das Fraͤulein / wie ungeſchikt ichmich auch hierzu befinde / uñ ſchon weiß / dz meine verwirrete reden den zweg ihres begehrens nit tꝛeffen koͤn - nen; aber unter der hoffnung / dz meine Jugend ſich ohn mein Vorwort entſchuldiget / uñ meine Frll. Schweſtere meinem mangel zu huͤlffe kom̃en werden / wil ich zum verſuch mich erkuͤhnen. Anfangs wird meine Fr. Mutter ſich eriñern / dz wie meine Frll. Schweſtere zu - gleich mit mir fleiſſig um̃ erlaͤubnis anhieltẽ / uns dẽ Luſtweg nach unſerm Vorwerke / eine gꝛoſſe Meile von hiñen gelegen / zu goͤñen / umb dieſer erſten lieblichen Fruͤhlingszeit in etwz zugenieſſen / und die ſchoͤnen Merzenblumen unſers neu-angelegten Garten zubeſichtigen / wir ſolchs endlich erhielten / und um 7 uhr ohn gefehr davon fuhren. Wir hielten uns vier ſtunden daſelbſt auf / uñ machten unterſchiedliche Kraͤnze / die wir unſern Eltern mitbringẽ wolten; lieſſen uns Milch und Eyer zur ſpeiſe kochen / uñ wahren fertig / nach gelegter Hitze uns wieder auf den Ruͤkweg zubegebẽ; woran wir anfangs durch dz ſchwere Doñerwetter / welches in einen groſſen Baum unſers Garten einſchlug / uñ ohn zweiffel unſers bevorſte - henden Ungluͤks Vorbotte wahr / verhindert wurden / weil der hefftige Regen drey ſtunde lang anhielt; nach deſſen endigung wir uns auf den weg machetẽ / die Stadt vor dem Tohr - ſchlieſſen zuerreichen; aber uͤber der gar zu groſſen eile / rennete der Gutſcher mit der vor - der Axe wieder einen im Holwege hervorſtehenden Stein / dz die Stellung in ſtuͤcken ging / und die Gutſche daſelbſt zu brochen ſtehen bleiben muſte; Wir aber vors beſte hielten / nach dem Vorwerke wieder zukehren / da wir eine Viertelmeile im glatten Koht und tieffenG iijpfuͤtzen54Erſtes Buch. pfuͤtzen mit groſſem Ungemache zu ende brachten / eine friſche Buttermilch / und was das Hauß beſcherete / zur Abendſpeiſe vor lieb nahmen / und in der Vorſtuben eine gemeine Straͤu machten / darauff wir uns zur ruhe legeten / auch unſern Gutſcher und andere des Vorwerks jeden an ſeinen Ort verwieſen / weil wir allein ſeyn wolten / und uns keiner Wie - derwertigkeit bey dieſen friedſamen Zeiten befuͤrchteten. Unſere ermuͤdete Fuͤſſe mach - ten uns die Nacht hindurch ſchlaffen; aber als die Morgenroͤhte hervorbrach / ſchlug ich meine Augen auff / und ſahe mit herzbrechendem Schrecken drey groſſe gepanzerte Maͤn - ner / deren Angeſichter mich dauchte / mehrmahl geſehen haben / mit bloſſen Schwertern in die Stube tretten / da der voͤrderſte mit leiſer Stimme zu mir ſagete: Fraͤulein / werdet ihr ein Geſchrey machen / umb das Geſinde aufzuwecken / wollen wir ſtraks Angeſichts euch alle drey erwuͤrgen; ſonſten ſind wir nicht willens / euch einiges Leid anzuthun / ſondern werden euch in guter Gewarſam und Schuz eurer Ehr und Lebens halten / biß eure reiche Eltern / welche wir wol kennen / ein Stuͤk Geldes vor eure Erloͤſung uns zuſtellen. In die - ſer aͤuſſerſten Angſt begriff ich mich nach Vermoͤgen / und gedachte bey mir ſelbſt: Iſt es jhnen nur umbs Geld zu tuhn / ſo werden unſere Eltern hierzu Raht ſchaffen / und uns loͤ - ſen koͤnnen; antwortete ihnen auch / ſie moͤchten mich und meine Geſpielen unbetruͤbt laſ - ſen; ich wolte ihnen aͤidlich angeloben / ihnen ſolte das begehrte Loͤſegeld an ort und ende ſie es haben wolten / außgezahlet werden / ſo bald wir nur zu Padua anlangen wuͤrden; deſ - ſen dieſe Buben lacheten / vorwendend / ich ſolte ſie nicht ſo albern anſehen / ſondern meine Geſpielen / die ſie bey Namen zu nennen wuſten / auffwecken / oder die angebohtene Gnade wuͤrde in ſchwere Straffe Ehr und Lebens verwandelt werden. Es wahr zu verwundern / daß meine Schweſtern von dieſem Gepoche nicht erwacheten / und muſte in meiner aller - groͤſſeſten Seelenangſt ich ſie mit ruͤtteln uñ ſchuͤtteln munter machen / da ſie nach oͤffnung ihrer Augen / vor den bloſſen Schwertern ſich ſo hefftig entſetzeten / daß ihnen die Ohmacht nicht ferne wahr; Die erſchroͤklichen Draͤuungen aber / die wir hoͤreten / machten uns ge - ſchwinde fertig / die Kleider in aller Eile anzulegen; Worauff ſie uns unter die Arme faſſe - ten / und wie Laͤmmer zum Hauſe hinaus trugen / legten uns auff einen ſtinkenden Wagen in rauhe Ochſenhaͤute / warffen eine koͤtigte Decke uͤber uns / und jageten / als viel ſie nach - lauffen kunten / mit uns davon. Als wir auff den Wagen gehoben wurden / ſahe ſolches ein Hirt nahe bey der Trinkrennen / und machte ein Geſchrey / welches ihm ſein unſchuldi - ges Lebenkoſtete; maſſen noch zween andere verhandẽ wahren / die ihn alsbald niderſchlu - gen / daß wir zuſahen / und von unſern Raͤubern dieſes zur Lehre und Warnung bekahmen / dafern wir das Maul nicht halten wuͤrden / ſolten wir auff eben dieſe weiſe geſtillet werden. Mit was betruͤbtem Herzen wir nun die vier Stunden / wie uns dauchte / in den ſtinkenden Fellenlagen / wird der Himmel uns Zeugniß geben; Dieſes einige troͤſtete mich / dz ſie uns unſer Ehren Verſicherung / wie ich meynete / getahn haͤtten. Ich empfand ſonſt an den harten Stoͤſſen wol / daß der Wagen nicht im gebahneten Wege / ſondern uͤber Stein und Blok ginge / auch die Hecken offt umb die Felle herſchlugen; hoͤrete auch endlich die Raͤu - ber / ſo bald hinter / bald neben dem Wagen her lieffen / etliche unzuͤchtige Reden fuͤhren / da unter andern der allergroͤſſeſte / ſo von Herrn Herkules zu erſt erlegt worden / zu denuͤbrigen ſagete: Ich als euer Fuͤrſt und Herzog behalte mir des Stadthalters Tochter dieſen Tagzur55Erſtes Buch. zur Luſt; an den beyden uͤbrigen habet jhr beyde Obriſten die erſtenieſſung / als lange es euch gefaͤllig; hernach werdet ihr dieſen euren Spießgeſellen und Hauptleuten auch guten wil - len goͤnnen. Was vor Herzleid mir dieſes brachte / iſt unmuͤglich auszuſprechen / und ſuch - te ich ſchon mein kleines Meſſerchen hervor / dieſer Schande vorzukommen; aber es wahr (welches ich damahls beklagete) des vorigen Abends auff dem Tiſche liegen blieben; doch ward ich noch in etwas getroͤſtet / da ich den einen alſo antworten hoͤrete: Ich riehte / daß man dieſer Fraͤulein Ehre unangefochten lieſſe; es duͤrffte uns daher nichts gutes ent - ſtehen / und iſt zu fuͤrchten / nicht allein unſere Fuͤrſten / ſondern auch die ganze Bruͤderſchaft moͤchte druͤber entruͤſtet werden / weil es wieder erteileten Befehl ſtreitet. Was ihm nun zur Antwort gegeben ward / kunte ich nicht vernehmen / wiewol ichs nach meiner Hoff - nung auffs beſte deutete. Endlich nahmen ſie die Decke von uns hinweg / huben uns her - unter / da es voller Hecken ſtund / und leiteten uns zu Fuſſe ohn einiges Geſpraͤch durch Puͤſche und Dornen / faſt eine halbe Stunde / biß wir auff einen luſtigen Plaz kahmen / auff welchem ſehr hohe Baͤume zimlich weit von einander ſtunden / woſelbſt auch dieſe beyde Herren uns angetroffen haben. Fr: Pompeja kunte des Endes nicht abwarten / ſondern fragete / wie dann unſere Helden dieſen verborgenen Ort zu ſo gelegener Zeit haͤtten finden und antreffen koͤnnen; Aber der Stathalter redete ihr ein; ſie moͤchte ſich biß dahin ge - dulden / und ihrer Tochter wolgefaſſete Gedanken nichtſtoͤren. Alſo fuhr ſie weiters ſort: So bald wir auff dieſen Plaz kahmen / lieſſen ſich unterſchiedliche ſcheußliche Raben / oben von den Baͤumen mit greßlichem Geſchrey hoͤren / daß auch die Raͤuber ſelbſt ſich davor entſetzeten / und jhr Fuͤhrer / in die Hoͤhe ſehend / ihnen zurieff / ſie ſolten uͤber ihren eigenen Halß ſchreihen; Da bald ein Rabe / (ich halte gaͤnzlich / es ſey meines Hochloͤblichen Anherren M. Valerius Korvinus Schuz-Rabe geweſen) vom Baum herunter flog / und ſchlug einen Kreiß umb dieſes Raͤubers Haͤupt ſo niedrig / daß mann ihn mit dem Schwert haͤtte abreichen moͤgen; welches er vor ein ſonderliches Gluͤkszeichen hielt / dadurch die Goͤtter ihm ſeines Vorhabens guten Verfolg anzeigeten. Mitten auff dem Platze ſetzeten ſie uns bey einem hohen Baum nider / und trugen uns vor; Unſere Eltern muͤſten ihnen drey Tonnen Schaz vor unſere Erloͤſung zuſtellen / und im naͤheſtem Dorffe / auff einen bezeichneten freyen Plaz niederſetzen laſſen / ſo daß kein Menſch ſich dabey fin - den lieſſe / der einige Rache vornehmen koͤnte / ſonſt wuͤrden wir nicht wieder loß kommen. Wir hoͤreten zwar / daß es viel und groſſe Gelder betraff / tahten ihnen doch aus Furcht und Angſt alle Verſicherung / es ſolte nach ihrem Willen gelieffert werden / dafern wir nur Gelegenheit haͤtten / es nach Padua zuberichten. Dieſe Anfoderung / ſagte ihr Fuͤhrer / ſol Morgen zeitig gnug den euren zuentbohten werden / und muͤſſet ihr bißdahin euch un - ſere liebe Geſelſchafft an dieſem Orte ſo gefallen laſſen; habet auch wegen Speiſe und Trank nicht zu ſorgen / deſſen wir euch allen Uberfluß verſchaffen wollen. Ich ſahe eigent - lich / daß dieſer nichts gutes mit mir im Sinne hatte / wolte ſich auch gar zutaͤppiſch ma - chen / und mit hervorgeſuchten gnug unzuͤchtigen reden mir ſeine ſonderliche Neigung zu verſtehen geben; er waͤhre / ſagte er / ein erwaͤhlter. Fuͤrſt und Herzog uͤber viel Voͤlker / und ſolte ich in kurzer Zeit ſeine Macht und Herligkeit ſchon erfahren; baͤhte / ich moͤchte ihm meine Liebe verſprechen / ſo wolte er inwendig viertel Jahrs ungezweiffelt das offentlicheBey -56Erſtes Buch. Beylager mit mir zu Padua auff dem Kaͤyſerlichen Schloſſe halten / und mich zur Fuͤr - ſtin einer groſſen Landſchafft / daß ich nicht vermeynete / einſetzen. Ich faſſete wegen der ihm gegebenen Antwort / die ich auff dem Wagen gehoͤret hatte / einen Muht / da ich keinen hatte / und ſagte: Er wuͤrde mich mit dieſer Anmuhtung verſchonen / ich wuͤſte mich nicht zuerinnern / daß zwiſchen Padua und Rom dergleichen Fuͤrſtenlebeten / davor er ſich auß - gaͤbe; waͤhre auch kein Fuͤrſtlicher Auffzug / unſchuldige Weibesbilder zu rauben / und ums Geld zu ſchaͤtzen; ich lebete in meiner lieben Eltern Gewalt / bey denen muͤſte ein ſolches / und zwar auff weit andere Weiſe geſucht werden; ich vor mich ſelbſt / wuͤrde mich keinem Unbekanten unter dem bloſſen Himmel verſprechen. Dieſe entſchuldigung achtete er aber wenig / hielt mir vor / ich koͤnte wegen meiner Jugend Unverſtand nicht erkennen / in was Gefahr ich ſteckete / wann ich durch Schimpff - und veraͤchtliche reden ihn ſchmaͤhen / oder ſeinen Fuͤrſten Stand / welcher ſich bald melden ſolte / in zweiffel zihen wuͤrde; muͤſte mich demnach eines andern bedenken / und einen ſolchen Freyer / der noch wol ein beſſers tuhn koͤnte / nicht mit ſo hoͤniſchen Worten abſpeiſen. Zwar mein Herz ſchlug mir im Leibe / als wolte es zerbrechen / aber die Furcht meiner Ehre unterwieß mich doch / was ich Antwor - ten ſolte / da ich ſagte: Ich bin nicht der Meynung / euren Fuͤrſten Stand zu ſchmaͤlern; er - kenne auch / daß ich unter euer Hand und Gewalt bin; doch ſehe ich euch ingeſamt vor ſo redlich an / daß ihr die mir getahne Verſicherung / wegen meiner und dieſer meiner Wa - ſen Ehre / auffrichtig halten werdet. habt ihr aber / (ſagte ich zu dem erſten) einen redlichen und keuſchen Willen zu mir / und ſeid des Standes / wie ihr euch außgebet / ſo machet euch an meine Eltern / die ihr / aller anzeige nach / wol kennet / und was dieſelben hierin thun und laſſen werden / muͤſſen billich ihr und ich zu frieden ſeyn; ein weiters wird kein Menſch aus mich bringen / noch von mir begehren / daß ich wieder der Goͤlter und eingepflanzeten Rech - te Verbot / meinen Eltern den gebuͤhrlichen Gehorſam verſagen ſolte. Dieſer / als er ſol - ches von mir hoͤrete / und aus ſeiner Geſellen bezeigung ihren Mißfallen merkete; ſtund er auff / und foderte die zween vornehmſten abſonderlich / hielt mit ihnen anfangs ein Gezaͤn - ke; bald darauff eine freundliche Unterredung; kehreten wieder zu uns / und brachten ihr begehren durch ihren Fuͤhrer meines Behalts / mit dieſen Worten vor: Aedle ſchoͤne Fraͤu - lein; ob wir zwar zu dem Ende euch an dieſen Ort gefuͤhret / daß eure Eltern uns daß be - ſtimte Loͤſegeld außreichen ſolten; ſo hat doch eure Schoͤnheit dergeſtalt uns eingenom̃en / daß wir anjezt mit euch beydes die Verloͤbnis der ehelichen Gemahlſchafft unter dem frei - en Himmel aͤidlich abreden / und das Beylager volziehen / uͤber ein viertel Jahr aber das Hochzeitfeſt Fuͤrſtlich halten / und euch freyſtellen wollen / ob ihr dieſe Zeit uͤber lieber bey uns bleiben / oder bißdahin in euer Eltern Gewahrſam ſeyn wollet / mit dem bedinge / daß ihr unſer Heyraht ihnen inzwiſchen nicht die allergeringſte Meldung thut; und werden wir alſo nicht allein die angemuhtete Schatzung euch gaͤnzlich erlaſſen / ſondern unſer Herz und treffliche Schaͤtze die wir beſitzen / in eure Gewalt einliefern; Hierauff werdet ihr euch in der guͤte zuerklaͤren wiſſen / damit wir nicht verurſachet werden / durch Gewalt zu - erhalten / welches wir von euch ungleich lieber aus eigener Bewaͤgung und gutwilliger gegen Liebe annehmen wolten. Als wir dieſen Antrag mit zittern und zagen angehoͤret hat - ten / fielen wir auffs flehen; ſie moͤchten ſo gewaltaͤhtig mit uns nicht verfahren / ſondernun -57Erſtes Buch. unſern Stand und Eltern betrachten; wir waͤhren / die Warheit zu ſagen / ſchon alle drey verlobete Braͤute / daher wir ihnen nicht koͤnten zuteil werden. Hier ſolten wir ihnen nun unſere Braͤutigamb nahmhafftig machen / deſſen ich mich nicht wegerte / und die drey er - ſten Roͤmiſchen Herren / ſo mir einfielen / angab / aber zum Beſcheide bekam; ſie wolten uns verſichern / ehe dann drey Wochen verlieffen / ſolten dieſe drey erſchlagen und hingerich - tet ſeyn; muͤſten deßwegen ihnen nicht weiters wiederſprechen / ſondern ſo gluͤkliche Hey - rahte gerne annehmen / und den Goͤttern davor danken / alſo wuͤrden wir ihnen Anlaß ge - ben / daß ſie in kuͤnfftig uns deſto herzlicher liebeten. Hiemit legten ſie ihre Schwerter ab / und wolten die beyde (dann der Fuͤhrer hatte keinen an) ihre Panzer von ſich tuhn / uñ ſich zu uns niderſetzen; welches wir merkend / das allerklaͤglichſte Geſchrey anfingen / welches unter dem Himmel je mag erhoͤret ſeyn; und ruͤcketen wir ſo feſt zuſammen / daß wir uns mit Haͤnden und Fuͤſſen umklemmeten; daher ſie das Panzer-außzihen vergaſſen / und ſich an uns macheten / uns von einander zu reiſſen. Da lieſſen wir uns nun zauſen und trecken / hielten ſo feſt zuſammen / daß uns die Haͤnde ſchmerzeten / und ſchrihen inzwiſchen / daß es einen Widerſchall gab; woruͤber die Raͤuber endlich von uns abzulaſſen bewogen wur - den / und auffs neue uns guͤtlich erinnerten / alle Widerſezligkeit einzuſtellen / ſonſten wol - ten ſie uns nach angelegter Schande ihren Knechten zum Muhtwillen untergeben / mit denen wir unſere Lebenszeit im hoͤchſten Elende zubringen ſolten. Wir toͤhrichte Kinder wolten uns auff die Fleheſeite legen / und bahten mit gefaltenen Haͤnden / ſo uͤbel mit uns nicht zu verfahren; unſere Eltern ſolten jhnen geben / was ſie begehren wuͤrden. Sie hin - gegen gebrauchten ſich dieſer Gelegenheit / und trenneten uns mit leichter Muͤhe / riſſen uns die Kleider vom Leibe ganz grimmig hinweg / und meyneten ſchon gewonnen zu habẽ; aber wir huben das Geſchrey hefftiger an als zuvor; fielen ihnen umb die Beine / daß ſie nach willen mit uns nicht ſchaffen kunten; und als wir uns ſo nahe wieder beyſam̃en fun - den / lieſſen wir von ihnen / und umbgaben uns ſtaͤrker denn vorhin. Ich kan wol ſagen / daß Angſt und Noht Kraͤffte verleihet / maſſen was ich faſſete / dergeſtalt beklaͤmmet ward / daß ich mich lieber in ſtuͤcken zureiſſen laſſen / als die Haͤnde abzihen wollen. Wir ſchlungen uns durch einander / wie man die Erdwuͤrmlein ſihet ſich verwickeln / und hielten an mit ſchreihen / ſo offt ſie hand an uns legeten. Aber endlich wuͤrde es den Stich nicht gehalten haben / zumahl ſie durch Eifer und Begierde uͤbernommen / alle Sanfftmuht beyſeit legtẽ / und durch Erbrechung unſer Finger uns gar leicht trenneten / wir auch ohn alle Barm - hertzigkeit und Huͤlffe uns der Schande untergeben muͤſſen / dafern dieſer unſer Erretter gluͤkliche / und von den Goͤttern ſelbſt verſehene Ankunfft den Willen der Raͤuber nicht ge - ſtoͤret haͤtte. Dann wir hoͤreten anfangs das raſſeln ihrer Harniſche zwiſchen den Straͤu - chen / und bald darauff ſahen wir ſie in zimlicher Eile herzu treten; deſſen ſich die Raͤuber nicht verſehen haͤtten / und vorerſt meyneten / ihrer wuͤrde eine zimliche Menge ſeyn / dz ich eigentlich ihren Schrecken merken kunte / welcher ſich doch bald verlohr / und ſie gewiſſe Hoffnung eines ſchleunigen Sieges faſſeten. Hierauff baht ſie ihren Ladiſla / er moͤchte den erſten Anfang ihres Kampffs zu erzaͤhlen unbeſchweret ſeyn; welches er einwilligte / und biß dahin ausfuͤhrete / wie Herkules ſeinen erſten Anſprenger gefaͤllet / und darauf von dreyen zugleich angefallen worden; woſelbſt das Fraͤulein ihre Erzaͤhlung fortſetzete / ein -Hwendend /58Erſtes Buch. wendend / ſie wuͤrde / umb die Warheit anzuzeigen / gezwungen / ihm in die Rede zu fallen / weil er ihren Sieg gar zu geringe machete; beſchrieb demnach ſo beſt ſie kunte / die Helden - taht / und wie Ladiſla ihrer aller Leben vor dem letzten Raͤuber ihrem Huͤter gerettet / da ſie ſonſt ohn alle Gnade haͤtten ſterben muͤſſen / welches ihnen doch ertraͤglicher als ihrer Eh - ren Verluſt ſolte geweſen ſeyn. Als ſie nun hiemit ihrer Erzaͤhlung ein Ende gab / ſagte der junge Fabius; es moͤchte vielleicht dieſer ruhmwirdige Sieg von denen nicht ſo hoch ge - achtet werden / welchen der Raͤuber Krafft und Erfahrenheit unbekant waͤhre; Wer aber den Meiſter aller Fechter / den hochbeſchrihenen Orgetorix / und ſeine Geſellen Dumnorix und Ambiorix vor etlichen Jahren gekennet / und ſie fechten geſehen / der wuͤrde die Vor - trefligkeit dieſer uͤberwindung wol urteilen; dann dieſe haͤtte er alle drey auf dem platze tod angetroffen / und noch zween andere anſehnliche groſſe Raͤuber / die ihm unbekant waͤhrẽ / ihre Namen aber auff ihren Schwertern / als Fimbria und Sergius / eingeetzet ſtuͤnden. Der Stathalter erſchrak dieſer Rede / und ſagte: Ich glaͤube ja nimmermehr / daß dieſe drey unvergleichliche Fechter ſich in Raͤuber Geſelſchafft begeben / angeſehen / ſie durch ihre Kunſt und Staͤrke viel tauſend Kronen erworben / und allein durch meine beſoderung ein groſſes Gut bekommen. Zwar man hat faſt zwey Jahr nicht erfahren koͤnnen / wo ſie geſtecket / und iſt man in dem Wahn geweſen / daß ſie nach Gallien in jhr Vaterland gezo - gen / oder in den Morgenlaͤndern Geld zu verdienen / ſich auffhielten / ſo hoͤre ich nun mit Beſtuͤrzung / daß ſie zu Raͤuber gedien ſind. Den Fimbria und Sergius betreffend / ſind mir dieſelben nit unbekant / ſondern dieſer ein Mantuaniſcher / jener ein Ravenniſcher vom Adel / beyde umb Untaht willen aus dem Reiche verbannet. Die groͤſte Verwaͤgenheit a - ber / die hierunter ſtecket / iſt daß der unbendige Orgetorix ſich vor einen Fuͤrſten hat ange - ben / und nicht allein nach meiner Tochter freien / ſondern das Hochzeitfeſt auff dem Kaͤy - ſerlichen Schloſſe hieſelbſt zu halten / ſich duͤrffen verlauten laſſen; Nun wahr er zu jener Zeit gar kein Auff ſchneider / ſondern jederman hielt jhn vor warhafft / und von Tahten fe - ſter / als ruhmr aͤhtig; muß alſo die Hoffnung mein Kind zu bereden / ihm dieſe Liebesluͤgẽ eingeblaſen haben. Es ſey aber wie ihm wolle / ſo duͤrfte hierunter was gefaͤhrlichers ſteckẽ / als man gedenken moͤchte; welches ich dißmahl beyſeit ſetze; muß mich aber uͤber euch bey - den / Herr Herkules und Herr Ladiſla / verwundern / daß eure Schwerter ſo kraͤfftig / und die Haͤnde ſo erfahren geweſen ſind / dieſe freche Raͤuber auffzureiben / welches auſſer allem Zweiffel durch ſonderlichen Beyſtand der Goͤtter hat geſchehen muͤſſen. Alle anweſen - de fingen an dieſe Taht dergeſtalt zu erheben / daß das Frauenzimmer (außgenommen die Stathalterin / die eine Chriſtin wahr) in den Wahn gerieten / ob nicht etwa Herkules der Gott Apollo / und Ladiſla Merkur oder Romulus ſelbſt waͤhre. Dieſe beyde aber hatten groſſen Verdruß an der haͤuffigen Lobrede / daß endlich Herkules ſie ingeſamt mit entbloͤſ - ſetem Haͤupte baht / dieſe ſchlechte Taht nicht ſo hoch zu erheben / zumahl er billich zweifeln muͤſte / ob der Streit mit Moͤrdern / Dieben und Menſchen Raͤubern / mit unter die Zahl der ruhmwirdigen zu ſetzen waͤhre. Sie vor ihr Haͤupt wuͤrden ſich deſſen umb keiner an - dern Urſach willen erfreuen / als daß ſie Gelegenheit gehabt / ſo vortreflichen Fraͤulein / als Kleinoten der Welt / Dienſte / und ihren hochanſehnlichen Eltern Freundſchafft zu leiſtẽ. Das iſt aller Helden Eigenſchafft / antwortete der junge Fabius; nicht deſto weniger abermuß59Erſtes Buch. muß derſelbe die Guttaht erkennen / der ſie empfangen hat; wiewol ich einen ſchlim̃en An - fang darzu gemacht habe. Wie ſo? fiel ihm ſein Vateꝛ in die Rede; ich hoffe ja nicht / daß du wider Roͤmiſche Sitten gehandelt / uñ durch Undankbarkeit dir und deinem Geſchlecht einen Schandflek angeworffen habeſt. Davor behuͤten mich die Goͤtter / antwortete der Sohn; Viellieber wolte ich mich ohn Leben / als ohn Ehre wiſſen. Das Fraͤulein wolte den Vater des Argwohns benehmen / und zeigete an / was vor ein Streit zwiſchen jhnen ſich aus Irtuhm erhoben; Worauf der Vater den Sohn erinnerte / den blinden Zorn hin - fuͤro zu maͤſſigen / als welcher ein Zeichen eines groſſen Vernunfftmangels waͤhre.
Die mitleidige Muͤtter ſaſſen und kunten ihre Traͤhnen nicht ſtillen / in betrachtung der groſſen Gefahr ihrer Toͤchter / biß ſie von ihren Gemahlen auffgefodert wurden / ei - nen kurzen Abtrit mit ihnen zu nehmen / da ſie ſich miteinander berahtfrageten; auff was Weiſe ſie unſern Helden ihre Dankbarkeit erzeigen und beybringen wolten; lieſſen her - nach Frl. Sophien zu ſich ruffen / und nach gemachtem Schluſſe / ſetzete ſich jedweder an ſeine Stelle / ohn daß die Muͤttere nach Hauſe gingen / und nach Verlauff einer halben Stunde ſich wieder einſtelleten. Nicht lange hernach traten drey wolgeputzete Dirnen ins Gemach / deren jede ein treffliches Laͤdichen trug von Hebenholz mit guͤldenem Be - ſchlage / kuͤnſtlicher Arbeit / welche ſie Frl. Sophien uͤberreicheten; ihnen folgeten zwoͤlff in Scharlaken gekleidete Diener / und hatte jeder ein ſehr groſſes guͤldenes Trinkgeſchir / mit allerhand koͤſtlichen Steinen außgeſetzt / die mit dem beſten gepregeten Arabiſchen Golde gefuͤllet wahren / welche ſie nach der reihe auff den Tiſch ſtelleten / und lies keiner ſich eines Worts verlauten / biß Frl. Sophia die Laͤdichen oͤffnete / einen koſtbahren Schaz von guͤldenen Ringen / Armbaͤndern Halßketten und anderm Zieraht / auff 150000 Kro - nen geſchaͤtzet / daraus auff den Tiſch ſchuͤttete / und alſo anfing: Ihr meine Hochwerte Herren / Herr Herkules und Herr Ladiſla / die ihr billig meine uñ meiner geliebten Schwe - ſtern Schuzgoͤtter zunennen ſeid / nachdem wir und ihr ſelbſten ja bekennen muͤſſet / daß naͤhſt dem Himmel wir niemand als euren kraͤfftigen Armen und mitleidigen Herzen unſere Ehr und Leben zudanken haben / ſo laſſet / bitten wir drey Erloͤſete / euch dieſes ſchlechte Opffer gefallen / welches zur anzeige eines dankbaren Willens / wir aus geheiß unſer lieben Eltern euch uͤberreichen / nicht unter der Hoffnung / die uns erzeigete Wol - taht hiedurch zuerſetzen / ſintemahl Ehr und Leben mit keinem irdiſchen Schein zu ver - gleichen iſt / ſondern daß wir uns dem Laſter der abſcheulichen Undankbarkeit entreiſ - ſen moͤgen iſt / wie geſagt / dieſes nicht anders / als ein geringes Zeichen eines Herzen / wel - ches da wuͤnſchet / ein gleiches legen zu koͤnnen / aber wegen der lautern Unmoͤgligkeit zu - gleich ſeuffzet / das die reichen Goͤtter hieſelbſt unſere Stelle vertreten wollen / da unſer koͤnnen auffzuhoͤren gezwungen wird / und doch allemahl tichtet / mit der Zeit ein beſſer Mittel zu erdenken / welches den Schein dieſer ſchlechten Kleinot uͤbergehen moͤchte.
Unſere Helden erſtauneten uͤber dieſem Anmuhten / und in dem einer den andern an - ſahe / und keiner wuſte / was er dazu ſagen ſolte / ſtund der Stathalter von ſeiner Stelle auf / und redete ſie alſo an: Ihr ruhmwirdige / und von den himliſchen Goͤttern hochbegabte Ritter und Herren: Ob zwar mein Wunſch die Erkaͤntnis eures Standes gewaltig nach - ſuchet / damit denſelben ich die gebuͤhrliche Ehre bieten duͤrffte / wil ich ſolches doch mitH ijeurem60Erſtes Buch. eurem guten Willen lieber entrahten / als demſelben zuwieder / wiſſen / und mir genuͤgen laſſen an dem / daß die guͤtigen Goͤtter euch nicht allein meinem Kinde und Baͤßlein / ſondern viel tauſend anderen bedraͤngeten und durch Gewalt unterdruͤcketen zu huͤlffe und Troſt an dieſe Welt kommen / und in Herzhaffter Tapfferkeit vortrefflich werden laſſen. Wahr iſt es / daß wann Gefahr von uns abgekehret wird / wir der Goͤtter Rettung ſol - ches zuſchreiben muͤſſen; wer aber dem Werkzeuge / durch welches ſie uns beyſpringen / Undank zu Lohne legen / oder auch ſolche Guttaht und Huͤlffe verachten und in den Wind ſchlagen wolte / derſelbe muͤſte billig in aller Goͤtter Ungnade fallen / nicht anders / als der den Goͤttern vor des Tages Liecht danken / und daneben der Sonnen alle Beſchimpfung erweiſen wuͤrde. Daß ich und dieſe meine beyden Freunde Toͤchter haben / dancken wir dem goͤttlichen Segen / welcher alle Geſchoͤpff durch Mittel außhecket; haͤtten wir ungerah - tene Toͤchter / muͤſten wirs dem Ungluͤk zuſchreiben. Daß ſie aber nicht grauſamer Weiſe durch raͤuberiſche Unzucht genohtzwaͤnget / und hernach gar in ſtuͤcken gehauen / oder den nichtigſten Hundsbuben zu aller Schande unter die Fuͤſſe geworffen ſind / kan von uns keinen andern Uhrhebern / als bloß eurem recht Fuͤrſtlichen Mitley den und daher entſpꝛin - gender kraͤfftigen Huͤlffe zugelegt werden / als die ihr euer Leben in dieſer euer Jugend ge - ringe geſchaͤtzet / und dem Moͤrderiſchen Schwerte dargebohten / nur daß ihr dieſe dazu - mahl aller ungluͤkſeligſte Kinder retten / und mit vergieſſung eures Blutes in die heutige Wolfahrt verſetzen moͤchtet. Verſichert euch / ihr meine Hochwerte Herren und Freunde / daß wir des Unverſtandes nicht ſind / dieſe eure Guttaht mit ſtillſchweigen zu begraben / ſondern es ſol vielmehr durch das ganze Roͤmiſche Reich und benachbarte Herrſchaften von uns außgebreitet werden / daß nehmlich die Tugend / was ſie wol in hundert Jah - ren in mir und vielen andern ſchwerlich zeugen wuͤrde / bey euch in dieſer eurer Jugend ſchon ſo voͤllig wirken und ſcheinen laſſen / als haͤttet ihr nach Ablegung der erſten grauen Haare dieſe jezige Jugend auffs neue angenommen. Roͤmiſche Auffrichtigkeit / deren ich mich / ohn unzeitigen Ruhm / alle mahl befliſſen / hat einen Abſcheuh an ſchmeichelhafften Lobreden / drumb wollen ſie / bitte ich / mich deſſen nicht zeihen. Was ich empfangen habe / preiſe ich billich / nachdem es deſſen wert iſt / und preiſe es nicht allein mit Worten / da ich Werke empfangen habe / ſondern ſuche mit allen dankbahren / und vor dißmahl mit die - ſen meinen Herren Schwaͤgern und deren Gemahlen / moͤgliche gelegenheit / ein wirkliches zu erklaͤren / welches wir euch auff dieſe weiſe darzulegen verabſcheidet haben; daß vor erſt dieſe zwoͤlff Becher jhr von unſer Hand annehmen / und nach unſerm Tode mit unſern Kindern zu gleicher Teilung aller unſer Guͤter gehen wollet. Iſt dann ein mehres / damit ihnen koͤnte gedienet ſeyn / und von uns zu leiſten moͤglich / wollen ſie kuͤhnlich fodern / und des gewehrens ſich von uns verſichern.
Herkules und Ladiſla ſtunden als die Stummen / ſchlugen die Augen vor ſich ni - der / und lieſſen aus jhren Geberden gnug ſehen / daß ſie nicht geringe Bewaͤgung in ihrer Seele empfunden; woruͤber das geſamte Frauenzimmer ſich hoch erfreuete / in meynung / es waͤhre ein Zeichen groſſer Freude / wegen getahner Schenkung und kuͤnfftiger Erb - ſchafft; biß Herkules / nach dem er ſahe / daß Ladiſla nicht wolte / dieſes antwortete: Das wolle Gottnimmer mehr / daß das ungerechte Loͤſegeld / welches die mein aͤidigen Raͤubergeſu -61Erſtes Buch. geſuchet / wir an jhrer ſtat empfangen; vielweniger das angebohrne Erbe dieſer Durchll. Fraͤulein ſchwaͤchen und mindern ſolten. Hochmoͤgender Herr Stathalter / auch Roͤmi - ſche Herren / Frauen und Fraͤulein; verzeihet uns / bitten wir / dieſe Frage / ob ſie nicht un - ſerer Ritterlichen Ehren beſchirmer jaſo willig ſeyn wolten / als wir ihnen ſamt und ſon - ders zu dienen / hoͤchſtbegierig ſind; Verfluchet muͤſten ich und mein bruͤnderlicher Geſel - le ſeyn / wann wir andere Gedanken von ihnen faſſeten / zumahl ihre hohe gewogenheit auff der allerhoͤchſten Vergeltungs-Stuffe ſich ſichtbarlich erzeiget / in dem wir wegen einer Viertelſtunde Arbeit / die ohn ſonderliche Gefahr geweſen / als leiblichen Soͤhnen / ſo groſ - ſes Erbe uns angebohtẽ ſeyn / hoͤren muͤſſen / daß wir unſern Ohren kaum trauen duͤrffen. Betrachtet aber / bitten wir / obs ohn Verletzung unſer Ritterlichen Ehre von uns koͤnne angenommen werden / weil wir nichts durchaus geleiſtet / als wozu uns das eingepflanzete Geſez verbindet: dann ſehet doch; wir haben gewaltleiden der Fraͤulein klaͤgliches geſchrey vernommen; Wen ſolte das nicht zum mitleiden bewaͤgen? Wir haben geſucht / deſſen urſach zu erkennen / wer wuͤrde ſolches ohn Nachrede einer Kleinmuͤhtigkeit unterlaſſen? Wir haben uns der anlauffen den Raͤuber erwehret / ehe und bevor wir einige wiſſenſchaft gehabt / ob ſie rechtmaͤſſige Richter der klagenden / oder boßhaffte Anſprenger waͤhren; wer koͤnte hier ſein Schwert in der Scheide behalten / und ſich niderſchmeiſſen laſſen? Sehet / hochwerte Herren / Frauen und Fraͤulein / was von uns vor Gegenwehr geleiſtet / iſt bloß zu unſerm beſten vorgenommen / ja von uns erzwungen; Wir ſind nicht außgeritten / den Fraͤulein Huͤlffe zu leiſten; Wir haben ſie biß zu allerlezt ohn Rettung in ihres Huͤters Hand ſtecken laſſen; Ja das ich ohn Anroͤhtung nicht ſagen kan / ich bin ſo unhoͤflich gewe - ſen / und habe dieſes Durchl. Frauenzimmer nicht eins beſuchet / ſondern ſie haben ſich ge - demuͤhtiget / ſeynd zu mir kommen / meine Waffen mir abgezogen / meine Wunde verbun - den / und / mit einem Worte / ſich ſo verdient umb mich gemacht / dab ob ich gleich hundert Jahr leben ſolte / ich doch in ihrer Schuld ſterben muͤſte; und ich ſolte ihnen dieſen Dank davor erzeigen / und ſie ihres vaͤterlichen Erbes zum halben Theil helffen berauben? Die - ſes Laſter wende Gott von mir ab und von meinem Geſellen / damit wir nicht Erz Raͤuber uͤber die heut erſchlagenen werden / und morgen dem billichen Raͤcher in die Haͤnde fallen. Ich ſage nicht / Durchll. Herren / Frauen und Fraͤulein / daß ſie uns ein ſolches unter dem ſchein einiges Laſters anmuhten / aber / weil ihr hohes erbieten nicht ohn Laſter von uns kan angenommen werden / ey ſo gebet unſer Entſchuldigung ſtat / damit unſer Ritterſtand / den wir kaum vor drey Jahren angefangen / nicht durch unverantwortlichen Geiz und Unbe - ſcheidenheit im erſten Graſe erſticket werde / ſondern wir von dieſem Laſter befreyet / ſie uñ andere Woltaͤhter frey anſehen / und ſo grobes verbrechens uns nicht ſchaͤmen duͤrffen. Ein Zeichen dieſer hohen ganz unverdieneten Ehre anzunehmen / wegern wir uns nicht / ſondern ſol uns vielmehr eine ſtete Erinnerung ſeyn / wie feſt Euren Durchleuchtigkeiten wir verbunden bleiben. Nam hiemit ein zierliches Ringelein von den außgeſchuͤttenẽ Klei - noten / ſteckete es auf den Goldfinger / uñ taht ihm Ladjſla ein gleiches nach; hernach fuhr eꝛ in ſeiner Rede alſo fort: Ja meine hochwerte Herren / Frauen uñ Fraͤulein / wir wollen uns noch einer kuͤhneꝛn Freyheit unternehmen / uñ dieſe aufgeſetzete koͤſtliche Geſchenke von ih - rer gar zu freygebigen Hand empfahen; aber mit dieſem bedinge / daß unſere gebietende Frauen / die drey Muͤttere ſie moͤgen in guter verwahrung bey ſich behalten / damit wir der -H iijmahl62Erſtes Buch. mahl eins ſolche alle / dieſen dreyen Fraͤulein in kuͤnfftig zum Brautgeſchenke bey ihren hochzeitlichen Ehrentagen einliefern koͤnnen. Den hohen Ruhm / von unſerm gnaͤdigen Herrn dem Stathalter uns zugelegt / ſchreiben wir billich ſeiner ungezweifelten vaͤterlichẽ Gewogenheit zu / wollen uns auch befleiſſigen / daß ob wir gleich keine gebohrne Soͤhne / wir dannoch keine andere Herzen / ſo lange wir leben / unſerm Herrn als Vater erzeigen. Nach geendigter Rede raffeten ſie die Kleinoten wieder in die Laͤdichen / und lieferten ſie nebeſt obgedachten Bechern den dreyen Frauen ein / mit bitte / dieſelben in gute verwahrung an - zunehmen. Die Anweſenden alle beantworteten dieſes anmuhten mit einem freundlichẽ Lachen. Nur der Stathalter ſagte drauff: Ihr meine Herren und Freunde; wann eurer Antwort auff meine gehaltene Rede ich mit einer neuen begegnen ſolte / wuͤrde ſolches / be - kenne ich / nicht ſonder Anwendung der wolgegruͤndeten Vernunfft geſchehen koͤnnen; waͤhꝛe auch zu befahren / dz entwedeꝛ meine entgegen geſtellete Urſachen zuruͤk prallen / oder ihre angefuͤhrete ausfluͤchte angegriffen werden muͤſten; geſtehe ſonſt gerne / daß Herꝛ Heꝛ - kules uns anjetzo nicht weniger jhrer beyder hohen Verſtand und wolgebildete Gering - ſchaͤtzung zeitlicher Guͤter / als unſern Kindern / ja auch unſern Feinden jhre unuͤberwindli - che Herzhafftigkeit zu erkennen gegeben. Ich wil vor dißmahl weder ihre getahne Vereh - rung an unſere Toͤchter wiederruffen / noch mich der geſchehenen wegerung beſchweren / ſondern wie ihnen ich allen freyen Willen hierin laſſe / alſo werden ſie / ich muͤſte dann gar ungluͤkſelig ſeyn / mir dieſes mein an ſuchen weder ſtreitig noch abſchlaͤgig machen / da ich ſie freundlich erſuche / nicht ſchleunig von uns hinweg zu zihen / ſondern umb beſſere Kund - ſchafft zu machen / etliche Zeit bey uns zu verbleiben. Keine angenehmere Bitte haͤtte dem verliebeten Ladiſla koͤnnen angelegt werden / und kunte dannoch uͤber ſein Herz nicht brin - gen / ſie zu beantworten / weil Herkules Wille ihm unbewuſt wahr; welcher aber zu ſeines Freundes Vergnuͤgung dieſe Antwort gab: Hoͤchſtgewogener Herr als Vater / wir muͤ - ſten zumahl bauriſch und unbehoͤfelt ſeyn / wann wir ohn Urlaub hinter der Tuͤhr Abſcheid nehmen wuͤrden; erkennen uns ſchuldig / unſern Herren / Frauen und Fraͤnlein gehorſam und ehrerbietig auffzuwarten / und zweifeln im wenigſten nicht / ſie werden auff geleiſtetes begehren uns zu unſer noͤhtigen Reiſe hinwiederumb befoͤrderlich ſeyn.
Der Stathalter kunte ſich des jungen Herren unaußſinlicher Verſchlagenheit nicht gnug wundern / daß er im Augenblick ſo vortraͤgliche Antwort zufinden wuſte / nicht allein daß angebohtene hoͤfflich außzuſchlagen / ſondern auch daß begehrete auff ſolche Weiſe zu verheiſſen / daß er immerzu unverbunden bleiben / und ſein Verſprechen nach belieben auffruffen kunte. Sein Gemahl aber wolte weil der Abend einbrach / dieſes Geſpraͤch auf - heben / daher ſagete ſie: Unſere Toͤchter / wie ich merke / ſolten faſt mehr belieben nach ei - nem Tanze als ferneren hoͤfflichen reden tragen; hieß demnach die Spielleute und Die - ner (welche bißher einen Abtrit genommen) wieder herein gehen / und nach etlichen kuͤnſtli - chen ſtuͤcken einen Tanz auffmachen / da Frl. Sophia mit Frl. Urſulen einen zierlichen Reihen Tanz mit gefaſſeten Haͤnden; hernach jede einen abſonderlich vor ſich / wiewol zu - gleich / und nahe bey einander hielt / nach deſſen Endigung dieſe zujener ſagete: Betriegẽ mich meine Augen nicht / Herzen Schweſter / ſo werden die eure von Herr Ladiſla nicht an - gefeindet; und die Goͤtter geben euch ja nimmermehr keinen unwirdigern Buhlen. Heꝛz -liebe63Erſtes Buch. liebe Schweſter / antwortete Frl. Sophia / ob Herr Ladiſla mich nicht anfeindet / ſo habe ich ihm darzu auch keine Urſach gegeben / da es nicht durch Beſchwerung auff dem Pfer - de geſchehen iſt. Es iſt mir aber lieb / Gelegenheit zu haben / euch eure groſſe Untraͤue vor - zuhalten / welche ihr mir heut in dem Ungluͤkswalde erzeigetet / in dem ihr mich nacket und bloß bey H. Ladiſla einem Wildfremden ſo gar allein lieſſet; nimmermehr koͤnte ich euch ein ſolches Bubenſtuͤk anthun. Daß ihr mir aber keinen unwirdigern Buhlen wuͤnſchet als dieſen / kan ich anders nicht außdeuten / als daß ich gar keinen haben ſol; dann wo wuͤr - de mann ſein und ſeines Geſellen gleichen finden? Frl. Urſula ſagte hierauff; Ich ſahe uñ merkete wol / mein Schweſterchen / daß euch beyderſeits geliebte allein zu ſeyn (dann ſonſt waͤhret ihr wol mit uns zugleich davon gangen) darumb wolte ich euch einen Dienſt durch unſer beyder abweichen thun / wie mich dann eigen gedauchte / ihr haͤttet mir deßwegen ei - nen Wink gegeben. Sahe ſie hierauff traurig an / und fuhr alſo fort: Es iſt aber iezt nicht Zeit zuſcherzen / ſondern wann ich bey euch der Verſchwiegenheit verſichert waͤhre / muͤ - ſte unſer Freundſchafft nach ich euch eine wichtige Heimligkeit offenbahren / die ihr ſonſt zuſpaͤt erfahren moͤchtet. Dieſe bekam groſſe Begierde ſolches zu vernehmen / und lobete an / Hand und Mund zu halten. Worauff jene ſagte: Wiſſet ihr auch / Schweſter / daß ihr ſchon eine verlobete Braut ſeyd? Was? antwortete dieſe; bin ich eine Verlobete? fing a - ber bald an zulachen / und ſagte: Haltet ihr mich dann vor ſo frech / daß ich mich dieſem Fremden ſolte ſo leicht und bald verſprochen haben? aber ich werde ſchon Gelegenheit fin - den / euch dieſes Auffzuges gereuen zu machen. Leget meine Reden nicht ungleich noch vor einen Auffzug aus / antwortete jene; und ſeyd ihr eures eigenen Zuſtandes noch unberich - tet / ſtehet es umb eure Sache ſo viel gefaͤhrlicher / weil ich fuͤrchte / der Braͤutigam moͤchte euch ungenehmer als der Tod ſelbſt ſeyn; Ich verlaſſe mich aber auf eure Zuſage / und fra - ge in allem Ernſt / wie euch der geizige Fulvius gefalle / welchen ich trauen umb aller Welt Gut nicht heyrahten wolte / ungeachtet ich keines Stathalters Tochter bin wie ihr. Frl. Sophia erinnerte ſich / daß ihr Vater etliche Zeit her dieſen Roͤmiſchen Herren in ihrer Gegenwart zun offtern trefflich geruͤhmet hatte / mit vermeldung / es waͤhre kein Roͤmi - ſcher Herr / der ihm eine Tochter verſagen wuͤrde; faſſete deßwegen traurige Gedanken / und ſagte: Ach herzgeliebte Schweſter / ich bitte zum allerhoͤchſten mir zu vertrauen / von wem ihr deſſen berichtet ſeid. Was gehet euch daß an? antwortete ſie / iſts nicht gnug / daß ich euch die Heimligkeit ſelbſt vertraue? die ſo gewiß iſt / daß wo ich fehle / ihr mir alle Freundſchafft auffkuͤndigen ſollet. Ich ſage euch noch mehr; Fulvius iſt ſchon auff dem Wege / euch abzuhohlen / weil euer H. Vater / ungeachtet alles Wiederſprechens / von euer Fr. Mutter geſchehen / ihm voͤllige uñ unbedingte Zuſage getahn hat; welches ich von niemand anders habe / als der mit dabey geweſen iſt. Werdet ihr mich nun verrahten / ſo bringet ihr mich in die groͤſte Ungelegenheit. Schweſter / ich kan Gott Lob wol ſchweigen / antwortete ſie / aber von dieſer Heiraht werden mich die Goͤtter / oder der Tod frey ſpre - chen / deſſen ſeyd ungezweifelt verſichert. Ich danke euch aber von herzẽ dieſer eurer traͤue / die ich / wo ich leben ſol / unvergolten nicht laſſen wil. Aber wir ſtehen allhier zu lange / und moͤchte unſer Geſpraͤch etlichen einen Argwohn bringen. Seyd aber gebehten / und fuͤhret H. Ladiſla unſere Schweſter Helenen zu / daß wir ſehen / ob dieſe ſonſt ſo volkommene Rit -ter64Erſtes Buch. ter auch den Tanzbodem beſuchet haben. Was habe ich vor Urſach / ſagte Frl. Urſula / ihm Helenen zuzufuͤhren? Ihr habt ſelbſt eines getraͤuen Freun des von noͤhten / der euch von Fulvius loßwirke / und wiſſet nur / daß ichs heut wol ſahe / wie kek er ſich der guten Ge - legenheit hinter dem Baum gebrauchete. Herzen Schweſter / antwortete ſie / das Geſicht muß euch maͤchtig betrogen haben / welches ich auff beſſere Gelegenheit verfechten wil / mit dem Tanze aber moͤget ihrs nach eurem willen ordnen. Alſo beſtellete Frl. Urſula ei - nen ſonderlichen neuen Tanz / und foderte Ladiſla mit dieſen worten auff: Hochwerter Herr / da ich ſonder Unhoͤffligkeit ihm meine herzliebe Frl. Schweſter an die Hand bieten darff / nach belieben ſie bey ſich nieder zuſetzen oder zum Tanze zufuͤhren / wil ich deſſen nicht laͤnger Auffſchub nehmen. Ladiſla bedankete ſich der Ehren und fing nach Anleitung ſei - ner Liebesbegierden einen ſehr zierlichen Tanz mit ihr an / nach deſſen Endigung ſie zu ihm ſagete: Mein Herr / ihr wiſſet gewißlich nicht minder beym Tanze / als bey dem Kampffe euch ganz volkommen zu halten. Hoͤchſt geliebtes Fraͤulein / antwortete er; daß mir dann auch der Himmel dieſe Guͤtigkeit zuflieſſen laſſen wolte / bey meinem Fraͤulein koͤnnen an - genehm zu ſeyn / weil ohn ihre Gunſt und Gegenliebe ich auſſer allem zweiffel untergehen und verderben muß. Mein Herr / ſagte ſie / ich bitte ſehr / mir dieſes Fraͤulein nahmhafft zu machen / deren Gewogenheit er ſo embſig ſuchet; kan ich ihm dann bey derſelben den ge - wuͤnſchten Troſt erwerben / als dann ſoler dabey pruͤffen / ob ich nicht willig bin / ihm vor beſchehene Rettung traͤulich zu dienen. Nun merkete ſie / daß er mit einer weitlaͤufftigen Erklaͤrung loßzubrechen willens wahr / welches / weil vieler Augen auff ſie gekehret wah - ren / ſie mit dieſen worten abwendete: Mein Herr / ich wil noch hinte ſeine mir vielleicht nicht unbewuſte Außlegung ſehr willig anhoͤren; aber dafern ihm beliebet / noch einen Tanz mit mir zuhalten / wird dieſes Orts ſolches niemand verdacht. Er gebrauchte ſich dieſer Anfoderung / beſtellete mit einer Handvol Kronen einen Tanz / und befliß ſich aller Zierlig - keit / damit er ja ſeinem Fraͤulein gefallen moͤchte. Herkules hatte unvermerket gar genaue acht auff alles ſein thun; er wuſte / daß er von jugend auff dieſer Ubung wenig zugetahn wahr / und ſahe doch vor Augen / daß die Liebe ihm die Fuͤſſe gleichſam befluͤgelte; gedach - te demnach / ihm nach allem vermoͤgen zum gewuͤnſchten Zweg zuverhelffen / was ihm auch druͤber zuſtoſſen moͤchte; nur lag ihm allermeiſt im Wege / daß auff ſolche Weiſe ihr Stand und Weſen muͤſte offenbahr werden / weil ſo hohe leute mit unbekanten ſich zube - freunden / groſſes Bedenken tragen wuͤrden; jedoch / weil ihm ſeines Freundes Wille lie - ber als ſein eigener wahr / ſetzete er alles uͤbrige zuruͤk / und zu Gottes verſehung. Der jun - ge Fabius ward auch vermahnet / mit Frl. Urſulen einen Tanz zuverrichten / dieſe aber / weil ihre Kundſchafft und Vertrauligkeit ſchon von zwey Jahrenher viel heimlicher wahr / als die im Tanze beſtehet oder gilt / luden ſich auff ein Abendgeſpraͤch / nach geen - digter Gaͤſterey. Herkules / der im tanzen und ſpringen ſeines gleichen nicht hatte / ſaß dannoch lieber ſtille / als daß er ſolcher Uppigkeit haͤtte nachtrachten ſollen; ſo wolte ihn auch niemand wegen empfangener Wunde / zum Tanze noͤhtigen; weil aber Ladiſla mer - kete / daß er den andern fleiſſig zuſahe / gab er ſeinem Fraͤulein zuverſtehen / Er ſaͤhe gerne / daß Herkules ein Tanz gebracht wuͤrde; die ſolches zuleiſten ſich willig anerboht / wann ſie nur wiſſen ſolte / daß ſie es wagen duͤrffte / uñ es ihm wegen der Wunde nicht beſchwer -lich65Erſtes Buch. lich waͤhre. Doch fuͤhrete ſie ihm Frl. Helenen zu / da er anfangs ſich mit ſeiner Unwiſ - ſenheit entſchuldigte / und nicht deſtoweniger ſolche Schnitſpruͤnge / ſchrenkungen und andere Zierligkeiten mit ſeinen leichten und geraden Fuͤſſen verrichtete / daß die Zuſeher ſageten / es muͤſte dieſer Herr in dem allergluͤklichſten Zeichen des himliſchen Geſtirns gebohren ſeyn / weil alle Leibes und Seelen Zierde in ſo groſſer Volkommenheit bey ihm hervorglaͤnzeten. Aber niemand ruͤhmete ihn hoͤher im Herzen als eben ſeine Neben Taͤn - zerin / dann ſie hatte ſich dergeſtalt an ihm vergaffet / daß ſie faſt ſich ſelber nicht kennete; wie wol der Pfeil umbſonſt verſchoſſen wahr / und die Karte an iener Seite ſchon derge - ſtalt verſtecket / daß der guten Fraͤulein Gedanken ſich in eine grundloſe See verſenketen.
Die ſchon halb verlauffene Nacht erinnerte nunmehr die Anweſenden / daß es Zeit ſeyn wuͤrde / ſich dem Lager zu widmen / daher der junge Fabius es Herkules frey ſtellete / wie ſruͤh oder ſpaͤht er Ruhe nehmen wolte; der aber ſeinem Freunde Raum zumachen ſuche - te / ſeiner Liebe in etwas nach zuhaͤngen / weil er ſahe / daß ihm nicht gefiel / ſo zeitig Abſcheid zunehmen; daher er ſich gegen Fabius vernehmen ließ / da es ihm ſo geliebete / wolte er noch ein halb ſtuͤndichen mit ihm ſprachen. Dem Stathalter und andern Gaͤſten wahr dieſes ſehr angenehm / und begunte ein jeder ihm einen Sprachgeſellen außzuſehen. Die drey Frauen traten zuſammen / und uͤberlegeten das groſſe Elende ihrer Toͤchter / welches ſie unvermeidlich haͤtten angehen muͤſſen / dafern dieſer Helden Huͤlffe nicht ſo ſchleunig kommen waͤhre; und ſagte Fr. Pompeja; es waͤhre ſehr gefaͤhrlich / eine mannbare Toch - ter in der Eltern Wohnung / und nichts ſicherer / als daß man ihr einen Mann gaͤbe; Aber ihre Schweſter Fr. Julia antwortete: Sie hielte davor / daß die Toͤchter in der Eltern Haͤuſern ſicherer waͤhren / als wann man ſie nach jhren Willen ausfahren lieſſe. Der Stathalter und ſeine Schwaͤger hatten ſich an einem andern Orte zur Unterredung ni - dergeſezt; ſo nam Ladiſla dieſer guten Gelegenheit wahr / wie imgleichen Frl. Sophia die - ſelbe nicht verſeumen wolte; traten von den andern in einer zimlichẽ Abſonderung zuſam - men / und brachte er ſeine Werbung folgender geſtalt vor: Hochgebohrnes Fraͤulein / dem - nach ich ſchon zu unterſchiedlichen mahlen ihr meine ungefaͤrbte Liebe und herzergebene Traͤue angemeldet / und doch nicht die geringſte Gewißheit eines Ja oder Nein erhalten moͤgen; mir aber unmoͤglich iſt / die uͤber mich ſchlagenden Flammen ohn Kuͤhlung laͤn - ger zu erdulden / ſintemahl ich ungleich groͤſſere Angſt / als mein Fraͤulein unter Raͤubers Haͤnden / in meiner Seele empfinde / ſo daß den Schmerzen / welchen die Erkaͤntniß durch den Dienſt meiner Augen eingenommen / in mir wirket / und ihre außbuͤndige Schoͤnheit einig verurſachet / ich nicht ertragen mag; als bitte ich von Grund meines Hertzen / ſie wolle mich nicht ohn Mitleiden verderbenlaſſen / noch zugeben / daß derſelbe durch ihre Granſamkeit getoͤdtet werde / welcher vor jhre Wolfahrt zuſterben / ſich nun und nimmer - mehr wegern wird; jedoch / dafern mit und bey ihr zu leben / mir nicht kan zugelaſſen ſeyn / ey ſo verweile ſie nur nicht / mir die Urtel wegen meines Frevels zu ſprechen / weil ich rund - aus bekenne / daß den ſelben ich niderzulegen / weder willens noch vermoͤgens bin; ſolte a - ber mein Fraͤulein ſich erklaͤren koͤnnen / mich vor den ihren in ehelicher Verbindung aufzu - nehmen / alsdañ wolle ſie ihre gedanken miꝛ nicht laͤnger verbergen / damit ich meine unru - higen Geiſter ſtillen / und inkuͤnfftig bedenken moͤge / was zu Fortſetzung meines WunſchesJdienen66Erſtes Buch. dienen kan. Das Fraͤulein wahr nicht willens / laͤnger unter der Decke zu ſpielen / weil die Gefahr mit Fulvius jhr zu hart anlag / deßwegen ſie ihm mit dieſer Antwort begegnete: Der Himmel iſt mein Zeuge / mein Herr / daß ich bißher keinen Liebes gedancken in mei - nem Herzen empfunden / ehe und bevor ich ſeiner Kundſchafft bekommen; habe auch noch in dem unverſtaͤndigen Alter gelebet / welches von dergleichen Sachen ſehr wenige Er - kaͤntniß / viel weniger Genieß hat; ſo bin ich uͤber das / Zeit meines Lebens unter ſo ſtraͤn - gem Zwange von meinen Eltern gehalten / daß ich nirgend in Geſellſchafften mich duͤrffen finden laſſen / ohn wo ſie mit zugegen geweſen / nur daß mir geſtern mit meinen Waſen auß - zufahren gegoͤnnet ward / welches / dafern euer mitleidiges Herz nicht geweſen / mir uͤbel bekommen waͤhre. Ich laſſe mich aber beduͤnken / mein Herr habe in ſeiner Rede mir mit verdekten Worten / den entbloͤſſeten zuſtand wollen zu Gemuͤht fuͤhren / in welchem er mich angetroffen; da ich dann bekennen muß / daß / wann es mit meinem guten Willen geſchehẽ waͤhre / ich billich vor das leichtfertigſte Weibesbild muͤſte gehalten werden / die jemahls gelebet; weil es aber durch unwidertriebliche Gewalt alſo ergangẽ / welche doch / den Goͤt - tern ſey Dank / auſſer dem ſehen nichts an mir gehabt / hoffe ich gnug entſchuldigt zu ſeyn; und kan ich mich ſo viel beſſer troͤſten / daß die leichtfertigen Buben des an mir begangenen Frevels ſich nicht ruͤhmen koͤnnen / ſintemahl eure Ritterliche Fauſt jhnen ſolches wol ver - bohten hat. Daß ich nun auff den Zweg ſeiner Reden komme / ſo wundert mich ſehr / daß mein Herr ſich ſo verliebet anſtellet / da er mich doch nicht wirdiget / mir ſeines Weſens et - was vertraulichere Kundſchafft zu goͤnnen. Er ſihet und kennet nunmehr meinen und der meinigen Zuſtand; und ruffe ich die Warheit zum Zeugen / daß an ſeinem gnugwirdi - gen Adel und Herkommen ich vor mich nicht zweifele / ſondern ihn ſo hoch ſchaͤtze als keinẽ andern in ganz Rom; jedoch muͤſte mirs ohnfehlbar zur unbeſoñenſten Leichtfertigkeit auß - gelegt werden / wann ich vor dieſer gebuͤhrlichen Nachfrage / mich auf getahne Anmuhtung richtig erklaͤren wuͤrde; ja wann ich mein Herz demſelben ergaͤbe / von welchem ich noch nicht ſo viel weiß / ob er mir eins ſeinen rechten Nahmen offenbahret habe. Mein Herr / fuhr ſie fort / ich geſtehe gerne / daß ich ihm hoͤher verpflichtet bin / als zeit meines Lebens ich nicht vergelten kan; jedoch halte ich auch davor / daß / wie groſſe Woltaht gleich ein Ritter einem Weibesbilde erzeiget / er dannoch gehalten ſey / ihrer Ehren und guten Leumuts acht zu haben. Nicht rede ich ſolches / ob truͤge ich einigen Zweifel an ſeiner Redligkeit / ſondern bloß zu erforſchen / ob auff ihn mich verlaſſend / ich auff feſten Grund oder auff Triebſand bauen wuͤrde. Da nun mein Herr einige beſtaͤndige Antwort von mir erwartet / uñ meines Herzen erklaͤrung zu vernehmẽ / belieben traͤget / wird er mich ſeiner heimligkeiten etwz beſ - ſere Kundſchafft goͤñen / damit ich wiſſe / wen ich lieben ſol / uñ von wem ich geliebet werde; alsdann verſichere ich ihn hinwiederumb bey meinen Jungfraͤulichen Ehren / deren Ret - ter er heut geweſen iſt / daß alles heimliche zuverſchweigen / ich mich ſo kraͤfftig befinde / daß weder Vater noch Mutter / noch icht was in dieſer Welt durch einigerley weiſe deſſen das allergeringſte auß mir erzwingen ſol. Wuͤrde aber mein Herr dieſes mein an muhten un - gleich verſtehen / als es von mir nicht gemeynet iſt / ſo bedenke eꝛ doch / ob auch einige Elteꝛn in der Welt gefunden werden moͤchten / die ihr liebes Kind einem allerdinge Unbekanten goͤnnen wuͤrden / geſchweige dann dieſe / deren Macht ſo groß iſt / daß ſie von ihren Kindern nohtwendig muͤſſen gefuͤrchtet werden.
Ladiſla67Erſtes Buch.Ladiſla erkennete in ſeinem Herzen wol / daß die Erbarkeit ſelbſt ſie zu die ſer Nach - forſchung ſeines Standes antriebe / und hielt die Libe zu dem Fraͤulein / und die ſeinem Her - kules geſchworne Verſchwiegenheit einen ſtarken Kampff in ſeiner Seele / ob er ſich ihr gaͤnzlich ſolte zuerkennen geben; doch ging er endlich in ſich / gab der Vernunfft Plaz / und antwortete ihr folgen der Geſtalt: Hochgeliebtes Fraͤulein; ich erkenne euer rechtmaͤſſi - ges Begehren / und thut mir von Herzen leid / daß durch Aidſchwur gehindert / ich ihr nicht bald anfangs meinen Stand wiſſen laſſen duͤrffen / wie ich gerne gewolt haͤtte. Ich geſtehe / daß ich eine zeitlang meinen rechten Nahmen verendert / und in nach ſuchung mei - nes Herkules / welchen ich vor wenig Monaten erſt wieder angetroffen / mich Winn. bald nennen laſſen; anjetzo aber meinen vorigen Nahmen wieder angenommen habe / vielmehr darff ich dieſe Stunde nicht von mir ſagen / biß mein Herkules mich des getahnen aͤydes erlaſſen wird / welches ich leicht erhalten werde. Vor dißmahl nur ſchwoͤre ich bey meinen ritterlichen Ehren / daß ich ein gebohrner und Herſchender Koͤnig bin / uͤber ein Reich / welches weder dem Roͤmiſchen Kaͤyſer noch einigen andern / Schatzung oder pflichtſchul - digen Gehorſam geſtehet / ſondern naͤheſt ſeinen Goͤttern mich allein vor die hoͤchſte O - brigkeit erkennet und ehret; bitte aber / mein herzgeliebtes Fraͤulein dieſe Geheimnis noch zur Zeit vor ſich allein wiſſen / und umb wichtiger Urſachen willen verſchwiegen halte wol - le. Das Fraͤulein erbleichete vor dieſer Rede / und antwortete gar furchtſam: O ihr Goͤt - ter! warumb habt ihr heut einen maͤchtigen Koͤnig meinetwegen in Lebensgefahr ſtuͤrzen wollen / deſſen Verluſt tauſendmahl groͤſſer als der meine geweſen waͤhre? Ja ihr Goͤtter / habt ihr mich eure Magd deßwegen in Raͤuber Haͤnde gerahten laſſen / daß ein Koͤnig mich nicht allein retten / ſondern deſſen ich nicht faͤhig bin / mir ſeine eheliche Liebe antra - gen muͤſſen? Ladiſla baht ſehr / ihn forthin weder heimlich noch oͤffentlich anders als einen Herren Standes zuhalten / und wo moͤglich / auff ſein inbruͤnſtiges Anſuchen ihm gewiri - ge Erklaͤrung wiederfahren zu laſſen; deſſen er von ihr mit dieſen Worten gewehret ward: Ja mein Herr / ſintemahl es ihm alſo gefaͤllig iſt / wil ich noch zur Zeit ſelber nicht wiſſen / wer er iſt / und wie hoch ich ihn zu ehren ſchuldig bin. Wegen angetragener Liebe bedanke ich mich von ganzer Seele / und auff ſein inſtaͤndiges Anfodern verhieſſe ich in aller beſtaͤn - digen Traͤue / ſo viel in meiner Macht ſeyn kan / als nehmlich / daß entweder Herr Ladiſla allein / da ſonſt meiner Eltern bewilligung folgen kan / oder doch kein ander Mannesbilde eheliche Gewalt uͤber mich haben ſol; und ob durch vaͤterlichen Zwang zur brechung die - ſes Geluͤb des ich ſolte genoͤhtiget werden / wil ich entweder Herren Ladiſla / wie ers begeh - ren wird / durch Noht und Gefahr folgen / oder den Tod mit froͤlichem Herzen angehen. Auff dieſe Antwort kuͤſſete ihr Ladiſla die Haͤnde / und ſagte: So ſchwoͤre ich hinwieder - umb bey den maͤchtigen Goͤttern / daß ich ihr als meinem einig geliebten Fraͤulein die ver - ſprochene Traͤue und eheliche liebe halten / und durch kein Ding der Welt mich davon ab - wendigen laſſen wil; ſo gar / daß ob ſie mir durch jemand ſolte verſaget werden / ich meines Reichs ganze Macht dran wagen / und lebendig mich ihrer nicht begeben wil. Da gingen nun die herzvergnuͤgliche Reden erſt recht an / und bemuͤhete ſich jeder Theil / dem andern ſich behaͤglich gnug zu machen. Als aber Ladiſla durch hitzige Liebesflammen uͤbernom̃en / umb ſchleunigen wirklichen Verfolg anhielt / wuſte ſie ihm dergeſtalt mit holdſeliger Ein -J ijrede68Erſtes Buch. rede zu begegnen / und ihn der gebuͤhrlichen Maͤſſigkeit zu erinnern / daß eꝛ ſeiner anſuchung ſich ſelbſt ſtraffen muſte. Mein Herr / ſagte ſie zu ihm; wie ſolte er dem uͤberfluß ſeiner Lie - besbegierden nicht koͤnnen die billiche Maſſe ſetzen / da er doch in alle ſeinem Vornehmen ſich der allergeringſten Ungebuͤhr nicht merken laͤſſet? Es weiß ja mein Herr / und veꝛ - trauter Freund / daß ich numehr die ſeine bin und bleiben werde / jedoch ſo lange in keuſcheꝛ Zuſage / biß die Goͤtter uns die eheliche Vermaͤhlung wiederfahren laſſen. Wird demnach mein Seelen-Schaz ſelbſt verhuͤten helffen / daß ſchier heut oder morgen uns kein Menſch der Leichtfertigkeit mit Warheit zeihen koͤnne; Was aber auſſer dieſem iſt und beſtehet / damit weiß meinem Herrn ich mich unwegerlich verbunden. Nun wird aber Zeit ſeyn / dz ich ihm eine heimliche Gefahr offenbahre / deren ich kaum vor dreyen Stunden von einer hochvertraueten Freundin berichtet bin; Daß nehmlich mein Herr Vater mich einem Roͤmiſchen Ritter / nahmens Fulvius / ſol ehelich verſprochen haben / welcher zwar reich an Guͤtern / aber an Wiz und Tugend nicht viel zu verlieren hat; denſelben nun an meine Seite kommen zu laſſen / weꝛde ich wol nim̃ermehr einwilligen / es ſey dann / dz mich groͤſſe - re Gewalt / als die heutige unter Raͤubers Haͤnden / darzu unvermeidlich zwinge und ver - gewaltſame; vernehme zugleich / er duͤrffte ſich erſtes Tages einſtellen / mich abzulangẽ / wel - ches ich mir doch nicht einbilden kan / angeſehen meine Eltern noch jemand anders / mich davon kein einiges Woͤrtlein haben wiſſen laſſen. Ladifla verſprach ihr / allen moͤglichen Zwang ſeiner Begierden / und ſagte: Es waͤhre jhm ſehr lieb / daß er des Bulers zeitig inne wuͤrde / hielte / in Betrachtung des ſtraͤngen Ernſtes ihres H. Vaters / wol davor / daß vor geſchloſſener Heyraht er ihr wenig davon ſagen moͤchte / wolte nur wuͤnſchen / daß die Goͤt - ter den vermeynten Braͤutigam ehiſt herzu fuͤhreten / als dann wuͤrde ſich ſchon Gelegen - heit an die Hand geben / ſich durch einen rechtmaͤſſigen Kampff ſeiner zu entledigen / ob es gleich ihrem H. Vater nicht allerdinge mit waͤhre. Ach mein Herr / antwortete ſie; ſolte er ſich meinetwegen noch in weitere Gefahr einlaſſen? Ich meyne ja / die heutige ſey ſchon gar zu groß geweſen; meine meynung aber zu ſagen / halte ich zwar wol etwas dran zuſeyn / aber noch ungeſchloſſen / welches ich zu muhtmaſſen groſſe Urſachen habe; und koͤn - te mein Herr meinem getraͤuen Raht folgen / ſolte ers kuͤhnlich wagen / und erſtes Tages mich an meine Eltern begehren; Ich hielte gaͤnzlich davor / es wuͤrde ihm / in Betrachtung ſeiner mir erzeigeten Rettung / nicht abgeſchlagen werden / inſonderheit / wann mein Herr Vater ſeiner Koͤnigl. Wuͤrde ſolte berichtet ſeyn. Ich wil / ſagte Ladiſla / mich dieſe Nacht eines endlichen Schluſſes mit meinem Herkules vergleichen / und vor dißmahl dieſe Be - redung abbrechen / weil ich euren Bruder ſehe zu uns treten. Eben dieſer / ſagte ſie / kan in unſerm Vorhaben uns ſehr behuͤlflich ſeyn / deſſen wir uns bedienen werden.
Nun hatte aber der junge Fabius dieſer beyder Liebe ſich von Frl. Urſulen vertrau - lich berichten laſſen / deſſen er ſelbſt ſchon argwohn hatte / wahꝛ ihm doch nicht ungenehm / weil er nichts hoͤhers wuͤnſchete / als ihm einen ſolchen Schwager mit ſeiner Schweſter zu machen. Er wolte aber in H. Ladiſla Gemuͤht ſich unvermerkt hinein ſchlingen / umb - zu vernehmen / ob die aͤuſſerlichen Geberden ihm von Herzen gingen; daher er ihn ſolcher geſtalt anredete: Mein Herr / ich ſpuͤre / daß meine geliebte Schweſter in gebuͤhrlicher danckbarkeit ſich gerne wolte finden laſſen / wañs in ihrem vermoͤgen waͤre / wird ſich aber ihrer ſchwacheit leicht erinnern / und deßwegen durch Bitte zu erhalten ſich bemuͤhen / daßmein69Erſtes Buch. mein Herr in mangel der Taht / an ihrem guten Willen keinen Unwillen tragen wolle. La - diſla wahr wegen tieffer Liebsgedanken faſt nicht bey ihm ſelber / antwortete demnach ſo ungereimet / daß das Fraͤulein ſich deſſen ſchaͤmete / und ihrem Bruder hernach zur Ant - wort gab: Herzgeliebter Bruder / mein Vermoͤgen iſt freylich viel zu geringe / dieſem Her - ren den wirdigen Dank darzulegen / inſonderheit / weil der unſern keiner noch abſehen kan / durch was Mittel man ſolches vornehmen ſolte. Zwar die Ritter unſers Landes ſollẽ / wie ich mir ſagen laſſen / keiner adelichen Jungfer ein Geſchenk / aus Freundes Herzen herꝛuͤh - rend / außſchlagen / wie mir und meinen Schweſtern heut begegnet iſt / da wir mit zimlicheꝛ Anroͤhtung haben abzihen / und alles angebohtene auf kuͤnfftige Verheiratung wieder an - nehmen muͤſſen. Ladifla wolte Fabius antwort nicht erwarten / ſondern fing an; Ich wuͤr - de auch das Buch der Unhoͤfligkeit gar durchblaͤttert haben / wann einigem Fraͤulein ich meine Gutwilligkeit / in Annehmung eines Geſchenkes / das als ein Warzeichen ſolcher Gunſt koͤnte gerechnet werden / entziehen wuͤrde; weil aber ein ſolches von meinem hoͤchſt - werten Fraͤulein mir nicht gebohten iſt / ſondern ich mir ganze Laden vol habe muͤſſen vor - ſchuͤtten laſſen / welches kein Zeichen / ſondern eine uͤberwage zunennen / hoffe ich gaͤnzlich / es werde meiner Fraͤulein Beſchuldigung weder meinen Freund Herkules noch mich treffen koͤnnen. So hoͤre ich wol / ſagte ſie / es duͤrffte der mangel endlich auff mich fallen / als die ich ein Zeichen williger Dankbarkeit meinem Herrn zu bieten / muß bekennen / un - terlaſſen habe. Wol dann / ich geſtehe den Fehleꝛ / und muͤſte mir leid ſeyn / daß ich ihn nicht ſtuͤndlich verbeſſerte / weil in beyſeyn meines liebẽ Bruders ich ſolches noch wol leiſtẽ kan. Nam hiemit einen koͤſtlichen Ring / den ſie in eine Haarlocke uͤber der linken Achſel han - gend / eingeflochten hatte / zog ihn heraus / und ſteckete ihm denſelben an ſeinen Finger mit dieſen Worten: Mein Herr / laſſet / bitte ich / dieſes das erſte Zeichen der Willigkeit ſeyn / damit wegen geſchehener kraͤfftigen Rettung meiner Ehren / ich demſelben zeit meines Le - bens verhafftet bleibe; iſt es dann gleich ſchlecht / und viel zu geringe an dieſem Finger ge - tragen zu werden / wird der Wille deren / die es liefert / den Abgang der Wirdigkeit zu erſe - tzen / ſich nimmer faul und muͤſſig finden laſſen. Ladiſla gab durch einen freundlichẽ Hand - kuß ſeine Vergnuͤgung zu verſtehen / bedankete ſich der erzeigeten Ehre / und daß er dieſes empfangene umb das teureſte Kleinot der Welt nicht vertauſchen wolte; lieferte ihr dar - auff hinwiederumb einen viel koͤſtlichern Ring / deſſen Demant helle fuͤnkelte / und baht ſehꝛ / denſelben als ein Zeichen aller Ergebenheit anzunehmen. Das Fraͤulein wegerte ſich we - gen ihres Bruders / ein wenig / nam ihn doch zu ſich / und ſteckete ihn in ihren Buſem / daß er von andern nicht moͤchte geſehen werden. Sie wolte auch eine Antwort dabey geben / ſahe aber / daß ihr von ihrer Fr. Mutter gewinket ward / zeigete ſolches an / und wuͤnſchete ihrem Vertraueten eine geruſame Nacht / auch daß er des erſten Traums / der ihm zu Pa - dua vorkommen wuͤrde / moͤchte unvergeſſen ſeyn. Alſo muſte er / weil es hohe Zeit ſchlaf - fens wahr / von ihr ſcheiden / da er mit Herkules in ein Gemach zur Ruhe gefuͤhret ward.
Der Stathalter legte ſich auch mit ſeinem Gemahl / und ſchlieff das Fraͤulein / ihreꝛ ſteten Gewohnheit nach / im Rolbetlein zu ihren Fuͤſſen. Der Vater gedachte / ſie wuͤr - de wegen der heutigen Unruhe ſchon feſt eingeſchlaffen ſeyn / ihn aber lieſſen die Gedanken wegen ſeiner neuen Gaͤſte kein Auge zugehen. So wahr Fr. Pompeja auch unruhig / wel - ches er merkend / zu ihr ſagete: Nun moͤchte ich herzlich gerne wiſſen / was vor junge Her -J iijren70Erſtes Buch. ren wir jetzo bey uns haben. Roͤmiſche ſind ſie nicht; Griechen auch nicht; und zeiget ihre weiſſe Farbe / daß das ſchwarze Afrika / oder daß gelbangelauffene Aſia ſie nicht gezeuget hat. Geringes Standes koͤnnen ſie nicht ſeyn / weil ſie Roͤmiſche von Adel vor ihre Die - ner haben beſtellen duͤrffen. Ihre Sitten und Geberden neben der praͤchtigen Kleidung und hohen Rede / geben ſie vor Fuͤrſt - und Koͤnigliche Herren an / und ſolte ich rahten / hiel - te ich ſie vor Teutſche / oder derſelben Grenz Nachbarn; wo ſie nicht gar aus den Mitter - naͤchtigen Reichen / Daͤnnemark oder Schweden kommen. Aber dieſe Voͤlker uͤbern hauffen ſind von art grob und unſittig / wie wol ich etliche Teutſchen zu Rom geſchẽ / die von ihrer Jugend an / in Hoͤffligkeiten unterwieſen wahren / welche ſie dergeſtalt begriffen hat - ten / daß ſie den trefflichſten Hofeleuten nichts bevor gaben. Es ſey aber wie ihm wolle / ſo werde ich doch nicht ruhen / biß ich ihrer beſſere Kundſchafft habe / die unſerer Toͤchter Ehr und Leben zu retten / ſich ſo ritterlich gewaget / und daß aͤuſſerſte dran gewendet / wel - ches kein ander haͤtte duͤrffen gedenken. Fr. Pompeja antwortete: Wann mein liebſter Herr hierzu ſo groſſe Begierde traͤget / koͤnnen wir in der Nachfrage niemand beſſer / als unſere Tochter gebrauchen / und treuget mich mein Sinn nicht / ſind H. Ladiſla und ſie eins dem andern nicht ungewogen. Eben dieſes / ſagte er / haͤlt mich ſchlaffloß / und kan ich mich uͤber des Medchens Kuͤhnheit nicht gnug verwundern / welche mit ihm nicht an - ders umbgehet / als waͤhre ſie mit ihm aufferzogen / oder wol gar verſprochen. Ich habe an ihr Beyſpiels gnug / daß die eingepflanzete Regung uͤber die Lehr gehet / maſſen ich weis / daß ſie bißdaher mit Mannesbildern nicht umgangen iſt. O hohe Zeit hohe Zeit / daß mit der geſchloſſenen Heyraht ehiſt verfahren werde / es duͤrfften ſonſt dieſe beyden wol gar ei - nen neuen Kauff machen; jedoch haͤtte ich ſie nicht ſchon einem andern verſprochen / und dieſer ſie in Ehren meynete / wie ich faſt nicht zweiffele / wuͤſte ich ſie ihm nicht zu verſagen / im falle ers alsdann an mich begehrete / weil ſie ihm doch Ehr und Leben zu danken hat; wovon aber nunmehr nicht zu ſagen iſt. Geliebter Herr / antwortete ſie / ihr wiſſet / wie hart mir euer Vornehmen zuwieder geweſen / abſonderlich / das unſer Kind biß auff dieſe Stunde nichts darumb wiſſen muͤſſen / und glaͤube ich nimmermehr / daß ſie dieſe Hey - raht mit gutem willen beſtaͤtigen werde; Solte ſie dann in gezwungener Ehe leben / waͤhre mir leid / duͤrffte auch nichts gutes daraus erfolgen / weil ihre angebohrne Großmuͤhtig - keit mir viel zu wol bekant iſt. Schweiget / ſagte er mit ſonderlichem Eyfer; ſie muß ihren Vater nicht ſchaͤnden / oder deſſen Maul zur Taſche machen; viellieber wolte ich / ſie waͤh - re ſchon tod. Es liegt mir aber allermeiſt im Sinne / daß ich mit Fulvius Abrede genom - men / auf morgen dieſe Heyraht zu volzihen / und zweifele nicht / er werde ſich zeitig gnug ein - ſtellen; weiß aber nicht / wie ichs beſt anſchlage / daß ich ihm unſere Tochter ohn der Frem - den Vorwiſſen zufuͤhre und beylege; Ehrenhalben muß ich ſie dazu bitten / wo ich nicht die Geſetze der gebuͤhrlichen Dankbarkeit brechen wil. Ach mein Herr / antwortete ſie; ſolte Fulvius ſich morgen einſtellen / fuͤrchte ich ſehr / es werde ohn Lermen nicht abgehen; dann wo ſonſt Herr Ladiſla unſer Kind von Herzen meynet / wird er ſich ihrer in dieſem falle mehr / als heut im Walde / annehmen / und ſein Leben nicht ſparen / umb zu beſitzen / was er mit Ritterlicher Faſt erworben hat. Wir wollen ein beſſers hoffen / ſagte er / und muͤſſet ihr mit unſer Tochter reden / etliche Zeichen einzuzihen / umb daſſelbe / was wir fuͤꝛchten / eigent -lich71Erſtes Buch. lich zu erkennen / als dann werde ich meine Sachen darnach anzuſtellen haben / damit ich bey Ehren meiner Zuſage bleibe / und alles Unheil vermieden werde; gaben hiemit ihrem Geſpraͤch die Endſchafft / und nahmen die Ruhe ein. Frl. Sophia hoͤrete alles an / und nam es vor eine ſonderliche Schickung der Goͤtter auff / dann ſie haͤtte ihr nimmermehr einbilden koͤnnen / daß ihr Ungluͤk ſo nahe vor der Tuͤhr hielte; doch ließ ſie ſich nichts mer - ken / lag und dachte fleiſſig nach / weſſen ſie gegen ihre Fr. Mutter ſich erklaͤren wolte / wofeꝛn ſie der Abrede nachkommen wuͤrde / und als ſie ihres Schluſſes gewiß wahr / ſchlieff ſie froͤ - lich ein. Kurz vor der Sonnen Auffgang kam ihr im Schlaffe vor / wie ein ſchaͤndlicher Baͤhre ſie anftele und zureiſſen wolte; woruͤber ſie in ſolche Angſt geriet / dz ſie im Schlaffe uͤberlaut ſchrihe: O Herr Ladiſla / errettet die eure von dem grauſamen Baͤhren / und ver - laſſet mich nicht in dieſer aͤuſſerſten Noht. Ihr Vater wahr gleich erwachet / hoͤrete ihr Gefchrey / und ſtoͤrete ſie doch nicht / biß ſie uͤber eine kurze weile ſagete: Ey Gott lob / mein Schaz / daß der Baͤhre tod / und ihr unbeſchaͤdiget ſeyd; da rieff er ſie mit Nahmen / und was ſie im Schlaffe zu plaudeꝛn haͤtte. Sie aber fuhr auf / und dankete ſehr / daß er ſie durch Auffweckung aus der Angſt eines boͤſen Traums geriſſen haͤtte / und hielte ſie davor / es fiele ihr der geſtrige Schrecken im Schlaffe wieder ein; wie wol ihr Vater an der rechten Deu - tung nicht umb ein Haar fehlete.
Als Ladiſla des Morgens erwachte / fragte er ſeinen Herkules / wie er geruhet / uñ ſich wegen ſeiner Wunde befuͤnde; der ihm anzeigete / es waͤhre zimlich ſchlecht beſtellet / fuͤhlete nicht geringe Schmerzen / und befahrete ſich eines Fiebers / daß er dieſen und et - liche Tage wol des Bettes wuͤrde huͤten muͤſſen. Ladiſla hatte ihm des Abends alles an - gezeiget / wie er ſich in das Fraͤulein verliebet / und auff ſein hefftiges anhalten ihre Ein - willigung zur kuͤnfftigen Ehe erhalten / jedoch mit dem Bedinge / daß ſie ſeines Standes und Weſens zuvor wolte berichtet ſeyn / haͤtte ihm doch aͤydlich angelobet / ſolches keinem Menſchen ohn ſeinen außdruͤklichen Befehl zu offenbahren. Welches ihm Herkules nach getahner Gluͤkwunſchung gerne Einwilligte / doch daß er von ihm nichts eigentli - ches melden / noch in ehelicher Anſuchung die Eltern vorbey gehen moͤchte. Dieſer da er ſeines lieben Freundes Schwacheit vernommen / lies er den Wund Arzt alsbald hohlen / der aus Herkules Farbe ein ſchlimmes Zeichen nam / auch nach beſichtigung des Scha - dens / ihm vorhielt; er haͤtte ohn zweiffel die geſtrige Erinnerung aus der acht gelaſſen; machete nach Gewohnheit dieſer Leute den Schaden ſehr gefaͤhrlich; es waͤhre leicht ge - ſchehen / daß eine Sehnader anginge; die Halßwunden waͤhren ohn daß nicht zuverach - ten / und koͤnte mannicher durch eine geringe verſehrung an dieſem Orte umb ſeine Ge - ſundheit / ja umb Leib und Leben kommen. Ladiſla geriet hieduch in groͤſſere Angſt als er ſelbſt / und taht den Vorſchlag / er wolte einen erfahrnen hochgelarten Meiſter der Arzney herhohlen laſſen / damit ja nichts verabſeumet wuͤrde. Aber dieſer / ſich befuͤrchtend / ſein wort wuͤrde mehr vor einen andern als vor ſich ſelbſt geſprochen ſeyn / wolte ungerne dar - ein willigen / wante vor / dieſe hochgelarten Leute waͤhren den Wundaͤrzten gemeiniglich in der Heilung zuwider / braucheten koſtbahre ſachen / die wenig nuͤtzeten / und naͤhmen ihm der Muͤhe Belohnung vor dem̃ Maule hinweg. Worauff Ladiſla ihm zur Antwort gab: Er haͤtte ſich darumb nichts zu bekuͤmmern / und ſolte nur alsbald ſagen / was er vor ſeineMuͤhe72Erſtes Buch. muͤhe und arztung haben wolte; gab ihm auch XXV Kronen / da er X foderte / und wolte ſeinen Vorſchlag ins Werk richten; Aber der Stathalter / der Herkules Schwacheit ſchon erfahren hatte / kam gleich darzu / zeigete ſeyn Mitleyden an / uñ eriñerte den Wund - Arzt / alles ſein Vermoͤgen anzuwenden; gab ihm auch alsbald eine Handvoll Kronen / deren er hoch erfreuet ward / alsbald beſſern Troſt gab / und ſelber riet / daß ein Gelehrter deꝛ Arzney herzugeholet wuͤrde; welcher da er kam / und die Wunde beſahe / ſagte er: Mein Herr / nach getahner Arbeit ſol man ruhen / und nach empfangener Wunde ſich ſtille und maͤſſig halten; welches aber / wie ich merke / von meinem Herren inetwas uͤbergangen iſt; doch ſol ihm ob Gott wil / noch nichts toͤdliches gedraͤuet werden / nur daß er ſich etliche Ta - ge einhalte / als dann wird dem uͤbel durch Mittel ſchon zurahten ſeyn. Lies ihm hier - auff die Ader ſpringen / uñ verordnete etliche Arzneyen / die teils innerlich / teils von auſſen umb den Hals und Achſeln muſten geſchlagen werden / damit den Zufaͤllen der Weg zu der Wunde verlegt wuͤrde. Inzwiſchen lag Fr. Pompeja / und ſinnete nach / wie ſie der Toch - ter hinter die Kuͤnſte kommen moͤchte; und als ſie dieſelbe merkete wache ſeyn / fragete ſie / ob ſie auff den geſtrigen Schrecken auch geſchlaffen haͤtte; und bald hernach; wie nahe die Gefahr ihrer Keuſcheit geweſen waͤhre. Worauff ſie anfangs anzeigete / dz Gottes Gna - de und dieſer Helden Muht / inſonderheit Herren Ladiſla eyfferiger Beyſtand ihre Ehre / wie wol kuͤmmerlich / geſchuͤtzet und errettet / und wolte ſie ihrer Herzlieben Fr. Mutter al - les erzaͤhlen / welches bey anderer Anweſenheit vorzubringen ſie geſtriges Tages ſcheuh getragen. So waͤhre nun die Schande ihr am aller naͤheſten geweſen / in dem ſie nicht al - lein der Kleider / ſondern auch ihres Hemdes beraubet / ſich des allermuhtwilligſten Bu - bens / welcher ſich ſehr unverſchaͤmt erzeiget / nicht wuͤrde laͤnger haben erwehren koͤnnen / dafern der Himmel dieſes Mittel ihrer Erloͤſung ihr nicht zugeſchikt haͤtte. Die Mutter fragete weiter / ob dañ Herr Ladiſla ſie in ſolcher Geſtalt angetroffen; welches zu ſagen ſie ſich ſchaͤmete / und doch gedachte / es wuͤrde dieſes zu ihrem Vorhaben ſehr erſprießlich ſeyn / ob gleich die Eltern ſich ein mehres / als wahr / befahren wuͤrden; demnach deutete ſie an / daß er freylich ſie alſo gefunden / jedoch / als ihre Waſen ſchon davon gangen / ſich zu - bekleiden / haͤtte ſie anfangs daß gar zuriſſene Hemde geholet / und er hernach ihr die Klei - der gebracht / welche er ihr auch helffen anlegẽ / deſſen ſie ſich zwar uͤber aus ſehr geſchaͤmet / und ihm doch ſolches nicht verwehren koͤnnen / inſonderheit / weil ſie ihre bloͤſſe bey der Be - kleidung noch haͤtte am meiſten ſehen laſſen muͤſſen; inzwiſchen haͤtte er gegen ſie ſehr ver - liebte Reden gefuͤhret / und ihr mit hochbewaͤglichen Worten ſeine Inbrunſt zuerkennen gegeben / jedoch auff ihr flehliches bitten ſich aller Ungebuͤhr enthalten / und doch umb ver - ſprechung der Gegenliebe immerzu angeſuchet; Welches er auch auff der Heimreiſe / da er ſie vor ſich auff dem Pferde gefuͤhret / ſo vielfaͤltig / und mit Seuffzen wiederhohlet / daß ſie nicht gewuſt was ſie antworten ſollen / auch nicht wuͤſte / was ſie geantwortet haͤtte. Die Mutter nam alles gefaͤhrlicher auff / als es an ihm ſelber wahr / und fragete weiter) ob ſie dann guten Willen zu ihm haͤtte; worauff ſie dieſe Antwort / wie wol mit groſſer Scham - hafftigkeit gab; Herzgeliebte Fr. Mutter / es hat dieſer Held ſein Leben vor meine Ehr und Leben gewaget und in die Schanze geſchlagen / da er keine einige Guttaht von mir empfan - gen hatte / deßhalben ich ihm euer eigenen Bekaͤntnis nach / biß in den Tod verbunden bin /wer -73Erſtes Buch. werde mich auch nicht wegern / ihm alle ehrenbillige Dankbarkeit zuleiſten / ſo viel an mir ſeyn wird; Zwar ich weiß ſehr wol / was vor Gehorſam ich auch meinen lieben Eltern er - zeigen muß / und wieder derſelben Willen mich in keine Heyraht einlaſſen ſol; aber dieſes habe ich dem Himmel angelobet / daß dafern dieſer mein Erꝛetter durch deren Willen mir zum Ehgemahl nicht werden kan / ich unſer Goͤttin Veſta mich zur ewigen Jungfrau - ſchafft uͤbergeben wil / weil ich ſchon wol weis / das meine liebe Eltern mich wieder meinẽ Willen zu keiner Heyraht zwingen werden. Ich weiß nicht / ſagte die Mutter / was ge - ſchehen doͤrffte / aber daß weis ich wol / daß dein Vater dich ſchier außzuſteuren Bedacht iſt / ſo daß du wol ſchon einem gnugwirdigen Roͤmiſchen Herren moͤchteſt verſprochen ſeyn. Schon verſprochen? antwortete ſie; daß waͤhre ſehr Ungnaͤdig / daß ſolches hinter meinem Wiſſen und Willen geſchehen waͤhre / und moͤchte ich auff ſolchen Fall wuͤnſchen / daß die geſtrigen Raͤuber mich erwuͤrget haͤtten / ſo duͤrffte ich nicht ſelbſt Moͤrder an mir werden. Daß waͤhre wol ein ſchoͤner Gehorſam / ſagte die Mutter / und eben der / welchen du bißher deinen Eltern ſo artig haſt verheiſſen koͤnnen / daß wann man den Toͤchterchen ihren Willen nicht laſſen wil / ſie mit der Veſten / oder wol gar mit dem Mordmeſſer draͤu - en duͤrffen. Dieſe Wort gingen dem Fraͤulein dergeſtalt durchs Herz / daß ſie des Wei - nens ſich nicht enthalten kunte; die Thraͤnen brachen ihr durch die Augen wie kleine Baͤchlein / und ſagete endlich zu ihrer Mutter: Fr. Mutter / ich bin euer Kind / daß geſtehe und erkenne ich; aber ihr habt mich auch zur Dankbarkeit angewieſen / deß bin ich einge - denke geweſen / welches ich nicht leugnen kan; zugeſchweigen / daß ich davor gehalten habe / es waͤhre beſſer / mich ehelich an einen wirdigen zu verſprechen / als Gewaltſamkeit zuer - warten / wovor anfangs ich mich nicht wenig fuͤrchtete / weil ichs ja alles außbeichten muß; haͤttet ihr mich aber verſagen wollen / waͤhre nicht unbillig mir ſolches angedeutet / damit ich wiſſen moͤgen / was ich tuhn oder laſſen ſollen. Nun aber habe ich meinem Erretter auf ſein inbruͤnſtiges anhalten mich ſchon ergeben; ſolches wil ich auch halten / wanns mit meiner lieben Eltern Willen geſchehen kan / oder aber mich ſterbens nicht wegern; und wiſſet ihr / Herzen Fr. Mutter / keinen beſſern Troſt vor mich / als den jeztgeſprochenen / als - dann ſollet ihr mit der Goͤtter huͤlffe nit XXIV Stunden an mir eine ungehorſame Toch - ter haben / als welche euch in dieſem fall allen Gehorſam auffzukuͤndigen gezwungen iſt / doch nicht aus Widerſpenſtigkeit / welches mein unſchuldiges Blut vor die Goͤtter kom - men laſſen ſol / ſondern weil ihrs durch euer ſtillſchweigen und hinterruͤkliches verſprechẽ alſo verurſachet habet. Ihre Mutter entſetzete ſich zum hoͤchſten uͤber dieſer Erklaͤrung / erinnerte ſich auch / daß mit ihrer Heyraht es nicht viel anders ergangen wahr / da ſie wi - der ihren Willen einen alten Roͤmiſchen Herren durch Zwang ihrer Eltern nehmen ſol - te / und mit Quintus Fabius heimlich davon zog; Hieß demnach die Tochter gutes muhts ſeyn / mit angehaͤngtem Troſte / Gott koͤnte es noch zum beſten ſchicken: Es waͤhre aber gleichwol eine groſſe Unvorſichtigkeit von ihr / daß ſie ſich einem zum Gemahl verſprechẽ duͤrffen / den ſie nicht kennete / viel weniger wuͤſte / ob er Standes halben ihrer auch wirdig waͤhre; da ſie dann ihres Vaters Einwilligung nimmermehr erlangen wuͤrde / wann er nicht aͤdel gnug waͤhre. Aedel gnug? fragte das Fraͤulein; kommen wir biß an dieſe Fra - ge / haͤtte ich zu wuͤnſchen / daß ich ihm nur aͤdel gnug ſeyn moͤchte; dann ob ich gleich nichtKeigen74Erſtes Buch. eigen weiß / wer er iſt / moͤget ihr euch doch wol verſichern / daß weder Koͤnig noch Kaͤyſer ihm Standes halben ein Fraͤulein zum Gemahl verfagen wuͤrde; dann ich halte davor / er erkenne keinen Oberherrn / als den Him̃el und das Schwert. Behuͤte Gott mein Kind / ſagte die Mutter / was redeſtu da? auff dieſe weiſe duͤrffte er wol gar ein Feind des Roͤmi - ſchen Reichs ſeyn. Ja warumb dann / antwortete ſie / was wuͤrde er dann in Italien um - her zihen / mit ſeinem Freunde Herkules? der ohn zweifel mit ihm gleiches Standes ſeyn muß. Doch laſſet jhn feind ſeyn; koͤnte er nicht durch meine Heyraht zum Freunde und Bundsgenoſſen gedeyen? welches auff ſolchen fall ich wol vorher zuſagen duͤrffte. Nun ich merke wol / ſagte die Mutter / daß du dich ſchon zu tieff mit dieſem fremden Herrn ein - gelaſſen haſt / und kan ich nicht abſehen / wie dein Vater hiemit wird einſtimmen koͤnnen; dann ich melde dir in hoͤchſtem Vertrauen / daß vielleicht heut dieſen Tag noch wol ein Roͤmiſcher Herr / nahmens Fulvius / nicht weiß ich / ob du je von ihm gehoͤret haſt / uns zu beſuchen kommen wird / dem dein Vater deiner Heiraht halben mag etwas Hoffnung ge - macht haben; Laß dich aber gegen niemand merken / daß du wiſſenſchafft hierumb trageſt / ſondern ſtelle dich / wann er komt / ernſtlich / doch nicht ſtoͤrriſch gegen ihn; zu H. Ladiſla a - ber halte dich freundlicher / ob vielleicht ſein Gemuͤht hiedurch von dir koͤnte abgezogen werden. O des elenden Fulvius / antwortete ſie; ſolte ich dem Sudeler / dem Unflaht zu gute von meinen lieben Eltern ſo ſorgfaͤltig aufferzogen / und von meinen Errettern aus Raͤubers Haͤnden loßgeriſſen ſeyn? viellieber wolte ich mich dieſe Stunde dem Moͤr - deriſchen Schwerte dieſer Raͤuber darſtellen / wann ſie noch lebeten. Ja Fr. Mutter / ich ruffe deſſen alle Goͤtter zu Zeugen / daß ich meines Herzen ernſtliche Meynung ſage. Und wie koͤmt doch mein lieber hochweiſer H. Vater auff dieſen Unſin? fuͤrchtet er / ich werde keinen Freyer bekommen koͤnnen? oder meyner er / ich ſey ſchon veraltet? Ich bin zugerin - ge / von meines H. Vaters Haͤndeln zu urteilen; aber ſolte dieſes unter die Leute kommen / zweifele ich nicht / es wuͤrde ſeinem herrlichen Anſehen keinen geringen Stoß geben; maſ - ſen von dieſem vergeizigten Fulvius ich zwar viel / aber durch aus nichts ruͤhmliches gehoͤ - ret habe; Verſichere demnach ich meine Fr. Mutter / dafern dieſer Unhold etwas taͤhtli - ches anfahen / oder ſteiff auff meine Heyraht beſtehen wuͤrde / duͤꝛffte es ihm von H. Ladiſla ſchwerlich zu gute gehalten werden. Ich bedanke mich aber der muͤtterlichen Warnung und getraͤuen Rahts von Herzen / uñ wil ſchon wiſſen / den vermeynten Buhler alſo zu em - pfahen / daß er zwar mit fuge uͤber mich nicht klagen / aber gleichwol auch meine Freundlig - keit zu ruͤhmen / wenig urſach haben ſol. Der Stathalter kam gleich in die Kammer getꝛe - ten / ermahnete ſie auffzuſtehen / und die Kleider ohn ſonderliche Zier anzulegen / weil Herr Herkules an der empfangenen Wunde ſich zimlich ſchwach befuͤnde; uͤber das haͤtte eꝛ Zei - tung / daß der vortrefliche Roͤmiſche Ritter Herr Fulvius ihn zu beſuchen kommen waͤh - re / welcher von dir / ſagte er zu der Tochter / in Betrachtung ſeiner hohen Wirdigkeit / auffs beſte ſol gewilkommet / und als mir ſelbſt / Ehre erzeiget werden. Ja billich empfahe ich jhn ehrerbietig / Herzen Herr Vater / ſagte ſie; aber meinen lieben Eltern ihn gleich zu rechnẽ / wuͤſte ich keine urſach / als bloß euren guten Willen / weil ich niemand als meinen lieben El - tern kindlichen Gehorſam ſchuldig bin / es waͤhren dann meine allernaͤhefte Anverwantẽ. Der Vater gab hierauff keine Antwort / ging hinauß / und hieß ſein Gemahl ihm folgen /wel -75Erſtes Buch. welche ihm alles erzaͤhlete / in was geſtalt H. Ladiſla ihr Kind angetroffen / eheliche Zuſage begehret / und vielleicht hefftige Liebesbrunſt ſehen laſſen / ſo daß das Fraͤulein in Betrach - tung der empfangenen Woltaht / biß auff der Eltern Einwilligung / die Zuſage ohn zwei - fel moͤchte geleiſtet haben / welches ſie vermuhtlich nicht getahn haͤtte / da ſie ihres Vaters Vorhaben haͤtte wiſſen ſollen; uͤber das zweifelte ſie faſt nicht / es waͤhre ihr dieſes Herrn Stand wiſſend / haͤtte aber aus jhr nichts weiters locken koͤñen / als dz er ein groſſer maͤch - tiger Herr / ſein ſelbſt / und keinem Oberherrn verpflichtet waͤhre. Dieſer Rede ward er uͤ - berauß beſtuͤrzet / ſtund ein wenig in gedanken / und ſagte nachgehends; So iſt er gleichwol zu Padua kein ſolcher / ſondern zu gehorſamen ſchuldig / und waͤhren ſeine gar zu hohe wol - tahten nicht / muͤſte das uͤbrige alles mir wenig Hinderung ſchaffen; aber in Betrachtung derſelben / muß ich ſaͤuberlich fahren / und ſchier geſtehen / daß ich ſie ihm zu ehren ſchul - dig waͤhre / wanns noch in meiner Gewalt ſtuͤnde; ich hoffe aber / wann er vernimt / dz ſie von mir ſchon einem andern verſprochen ſey / werde er ſich die Tugend laſſen meiſtern / uñ ein fremdes Gut nicht begehren. Ja lieber Herr / antwortete ſie / wann unſere Tochter ſich ihm vor fremde / oder einem andern vor verſprochen hielte / und nicht vielmehr ſich dieſem ergeben haͤtte / wie ich nicht ohn urſach fuͤrchte / daß wol ſchon ein feſteres Band ſie wirk - lich verknuͤpffet / welches weder Eltern noch Geſetze auffloͤſen koͤnnen. Be dencket mein Herr / bitte ich / er hat ſie an ihren Ehren vor den abſcheuhlichen Raͤubern geſchuͤtzet / die ſo heßlicher geſtalt wahren / daß kein Weibsbilde ſie anſehen / geſchweige ehelichen / oder ſonſt deſſen etwas mit ihnen pflegen koͤnnen; ja er hat ſie von gegenwaͤrtigem Tode erloͤſet / wel - ches auch den aller und ankbarſten Menſchen zur Gutwilligkeit bewaͤgen ſolte. So hat er ſie nacket angetroffen / iſt eine gute Zeit mit ihr allein geweſen / ſeine Liebe bey friſcher Ge - daͤchtniß ſeiner Dienſte ihr vorgetragen / und ihr ganz erſchrockenes Herz ſo zu reden / in ſeinen Haͤnden gehabt; Ob ſeine Geſtalt / Sitten und Reden ein Fraͤulein in ſolchem Zu - ſtande einnehmen / und zu ſeinem Willen bringen koͤnnen / laſſe ich euch ſelbſt urteilen; ja ob ein Mannesbilde ſich bey ſolcher Gelegenheit zu enthalten / maͤchtig gnug ſey. Ich mei - nes teils halte davor / waͤhre ſie von ihm noch unberuͤhret / wuͤrde ſie vor Scham kein Au - ge vor ihm auffſchlagen duͤrffen. Aber ich fuͤrchte ſehr / das heimliche Geſpraͤch / welches ſie geſtern mit einander hielten / ruͤhre auß viel vertraulicher Kundſchafft her. Dieſem al - len nach wolle mein liebſter Herr die Nohtwendigkeit dem Willen vorziehen / und in dieſeꝛ hoch bedenklichen Sache ſich nicht uͤberſchnellen / geſtaltſam ich ihre Erklaͤrung nicht ohn entſetzen angehoͤret / daß entweder ſie ihre Zuſage dieſem Herrn halten; oder da wirs nicht nachgeben koͤnnen / durch Verloͤbniß an eure Goͤttin Veſten / oder ja durch einen denkwir - digen Tod ſich von eines andern Heiraht loßwirken wolle; auff welche Begebniß ich vor Herzleid in die Erde ſinken muͤſte; und wer weiß / weſſen H. Ladiſla ſich hierinnen verhal - ten werde? Meynet ihr / mein Schaz / daß weil er lebet / er dieſes einem andern goͤnnen koͤn - ne / was er ſchon im Beſiz zu haben vermeynet / oder wol gar hat? Liebet er Schoͤnheit / ſo kan er mit der ihren wol vergnuͤget ſeyn; ſucht er Freundligkeit / die erzeiget ſie ihm haͤuf - figer / als ich mir von jhr einbilden moͤgen; trachtet er nach Stand und Adel / ſo wird er bey allen Roͤmern nicht hoͤher kommen; vielleicht mag ihr Verſtand ihn auch nicht we - nig erfreuen. Welches alles / wann ichs zuſammen faſſe / gibt mirs dieſen traurigen gedan -K ijken76Erſtes Buch. ken auch wider meinen Willen an die Hand; Er / oder Fulvius werde dieſer Heyraht we - gen das Leben einbuͤſſen / wo nicht unſere Tochter mit ihm / welches ja der barmherzige Gott allergnaͤdigſt abwende / und mich lieber aus dieſem Leben abfodere. Dieſe ihre Rede beſchloß ſie mit haͤuffigen Traͤhnen / nnd weil ſie ihren Gemahl ſehr verwirret ſahe / erwar - tete ſie mit verlangen ſeiner Antwort / die er ſolcher geſtalt vorbrachte: Frau / unſer Toͤch - terchen haͤtte nie keinen beſſern Vorſprach als euch / bekommen moͤgen / zu deren Befrie - digung zur Luͤſternheit jhr faſt lieber / als zur Erhaltung meines Anſehens und Glaubens duͤrfftet gefliſſen ſeyn; aber die Goͤtter werdens ſchon nach ihrer Verſehung ſchicken / wo - bey ich nicht unterlaſſen werde / meinen Wiz zu gebrauchen. Eins gebiete ich euch vor al - les / daß ihr euch nicht unterſtehet / mit ihr an einem Luder zu zihen / ich wuͤrde ſonſt zur Er - haltung meiner Ehren etwas tuhn / das mir gar nicht lieb waͤhre.
Das Fraͤulein hatte ſich inzwiſchen von dem Schlaff Gemache hinweg begeben / uñ wehrete ihr die Zeit eben lange / ehe ſie ihren Ladiſla ſahe / weleher ebenmaͤſſig ſich bemuͤhe - te zu jhr zu kommen; fuͤgete ſich auch von ungefehr / daß ſie ſich einander auff dem Gange oben unter dem Dache begegneten / da das Fraͤulein zur Tuͤhr hinauß / und er hinein treten wolte; Weil er nun in tieffen Gedancken ging / und nirgend auff acht hatte / ſtieß er ſich an ihren Leib / ehe er ſie ſahe. Wie nun mein Herr / ſagte ſie darauf; gehet man in ſo verwickel - ten Gedanken? wuͤnſchete ihm hiemit einen guten Morgen / und fragete / wie er nach geſtri - ger ſchwerer Arbeit geruhet haͤtte. Er aber ſchaͤmete ſich des Fehlers / hielt demuͤtig umb Verzeihung an / mit angehaͤngter Bitte / ſie wolte doch ſein Liebes Leiden beobachten / und die hochgewuͤnſchete Huͤlffe ihm nicht verſagen / nachdem ſie in der Taht ſpuͤrete / daß er ſeiner Sinnen nicht mehr maͤchtig / und vor Liebe blind waͤhre. Dieſes brachte er mit ſo traurigen Geberden vor / daß ſie ihren Troſt ihm nicht verſagen wolte / und ihm zur Ant - wort gab: Mein herzgeliebter Herr und Vertrauter; warum ſolte ich ihm einige gebuͤhr - liche Huͤlffe verſagen / da er deren benoͤhtiget waͤhre / und ſolche von meiner Wenigkeit her - ruͤhren koͤnte? angeſehen er mir viel eine groͤſſere wiederfahren laſſen / als zu vergelten mir nicht moͤglich ſeyn wird. Nicht wolle er / bitte ich / ein ſolches Mißtrauen in mich ſetzen / ſondern nachdem ich ihm Herz und Willen uͤbergeben / hat er alles mein Vermoͤgen in ſei - ner Gewalt / und zu ſeiner Vergnuͤgung / ſo weit eine Braut ihrem Verlobeten ſchuldig iſt oder ſeyn kan / ſo gar / daß an meinem ergebenen Gehorſam er nicht ohn Suͤnde zweifeln wuͤrde. Solte aber mein hoͤchſtwerter Schaz / wie ich nicht hoffen wil / daſſelbe ſchon an mich begehren wollen / was jungſraͤuliche Zucht verletzen koͤnte / als dañ bitte ich von grund meiner ihm untergebener Seele / er wolle ſeiner hohen Vernunfft die Meiſterſchafft uͤber die Liebesreizungen und Begierden goͤnnen / und nicht urſach geben / daß man ſchier heut oder morgen anders als keuſche Zucht von uns ſagen ſolte. Ich bin die Eure / und ſonſt keines andern / es gehe mir druͤber wie es wolle; aber diß gelobe ich an dieſem nuͤchtern moꝛ - gen / daß in eheliche Volſtreckung ich nicht gehehlen wil / biß entweder er meiner lieben Eltern Willen erlanget / oder mich in ſeiner Gewarſam auſſer meines Vaters Wohnung hat. Verſpricht nun mein Herr / hierin einzuwilligen / und dieſem zuwider mich auf nichts zu noͤhtigen / ſo wil alsbald mit ihm ich mich an einen geheimen ort verfuͤgen / in vertrauen zu berichten / was ich dieſe Nacht wunderbahrer weiſe erfahren / und zu Fortſetzung unſers Vorhabens ihm nicht laͤnger verſchweigen kan. Ladiſla erkennete hieraus ihr ehrlieben -des keu -77Erſtes Buch. des keuſches Herz / gab der Vernunfft Raum / und verhieß ihr begehren ohn arge Liſt ein - zugehen; deſſen ſie ſehr erfrewet ward / weil ſie vor Liebes gewalt ſich befuͤrchtete; ging mit ihm auff ein abgelegenes Gemach / und begehrete voꝛerſt / jhr die eheliche Traͤue zu ſchwoͤrẽ / welches er willig leiſtete / und mit abermahliger uͤbergabe eines ſehr koͤſtlichen Ringes be - kraͤfftigte. Darauff taht ſie ein ſolches hinwiederum / mit verſprechen / ehe den Tod zu waͤh - len / als einen andern Braͤutigam anzunehmen. Erzaͤhlete hernach alles / was ihre Eltern mit einander auff dem Bette / und hernach die Mutter mit ihr abſonderlich geredet / auch weſſen ſie ſich erklaͤret haͤtte. Aber / ſagte ſie / mein vermeynter Schaz Fulvius hat ſich ſchon eingeſtellet / die Eheverloͤbniß / oder wol gar das Beylager zu volzihen / welches ich aber mit dieſer Hand abzuwenden entſchloſſen bin / ich treffe dañ ſein oder mein eigen Herz mit dem kalten Eiſen; jedoch vor Wagniß des aͤuſſerſten / muͤſſen wir der Vernunfft gebrauchen / und werde ich anfangs meine ſchlechte Liebe zu ihm / und die lebhafftere zu euch / jhm durch Geberden und Worten zuerkennen geben / ob die hoffnung ihm dadurch koͤnte abgeſchnit - ten werden; wuͤrde er ſich aber deſſen uͤber mich beſchweren duͤrffen / wil ich eine ſolche Er - klaͤrung faſſẽ / welche weder mir ſelbſt unehrlich / noch ihm behaͤglich ſeyn ſol; nur eins tuht mir leid / daß mein Herr Vater / dem anſehen nach / ſchon zimlich weit mit ihm muß einge - ſtiegen ſeyn / und ich daher gezwungen werde / in dieſem ſtuͤk mich ſeinem gehorſam zu ent - brechen / welches ohn ſonderliche beleidigung zu tuhn / ich noch gute hofnung habe; zum we - nigſten muß ſein angelegtes Beylager noch auf etliche Wochen verſchoben werdẽ / da wir dann inzwiſchen unſer beſtes in acht zu nehmen unvergeſſen ſeyn wollen. Ladiſla erſchrak der Zeitung von herzen / und fuͤrchtete nichts ſo ſehr / als von der eile uͤberfallen zu werden; dem uͤbrigen meynete er ſonſt wol vorzukommen; nur baht er / ſie moͤchte ihm nichts ver - ſchweigen / wie gefaͤhrlich es gleich waͤhre / damit man beyzeiten vorbauen koͤnte.
Unter dieſem ihrem Geſpraͤch lies der Vater die Tochter ſuchen / da die Magd be - richtete / ſie haͤtte vor kurzem ſie mit H. Ladiſla auff dem Obergange ſehen ſprache halten / und mit einander weg gehen; deſſen er ſich nicht wenig bekuͤmmerte / und nicht anders meinete / als das ihr Band feſte gnug zu knuͤpffen ſie unvergeſſen feyn wuͤrden; wuſte doch den ſachen nicht zu rahten / weil ers in ſeiner Heyraht nicht viel anders getrieben hatte. Sein ſchlimmeſtes wahr / daß er ſeiner Anverwanten Raht nicht erſuchen durffte / weil er wieder deren Willen ſich mit Fulvius ſo weit eingelaſſen hatte / und zwar auff deſſen Vaters Bruder Getrieb / der ſein guter Freund wahr / und ihm dieſen Unwirdigẽ ſo hoch geruͤhmet. Uber daß kunte ers Ladiſla nicht vor uͤbel halten / als deſſen Liebe auff der Traͤue gegruͤndet ſeyn / er nicht zweiffelte. Nur gingen alle ſeine Gedanken dahin / wie er entwe - der dieſem durch vernuͤnfftige Urſachen die Liebe benehmen / oder des Fulvius loß werden moͤchte; und weil dieſes ihm unmoͤglich dauchte / angeſehen er voͤllige Zuſage getahn / ſin - nete er jenem deſto fleiſſiger nach / wozu er ſehr dienlich erachtete / wann er zuvor ſeiner Tochter Willen brechen / oder ſie auffs wenigſte Zaghafft machen wuͤrde. Dieſe nun fuͤrchtete ſich / ihre Abweſenheit moͤchte ihr ungleich außgelegt werden / daher ſie nach kurzer Ergezligkeit ihrer zuͤchtigen Liebe Herren Ladiſla bey der Hand nam / vom Gemache fuͤhrete / und ſehr baht / ein gutes Herz zuhaben / weil ſie nicht glaͤuben koͤnte / daß ſie ohn ge - ſehr / und nicht vielmehr durch der Goͤtter ſchickung an einander gerahten waͤhren / da er ſie ihm erwerben muͤſſen / ehe Er ſie jemahls geſehen haͤtte; ſie erkennete ſolches billig / derK iijHoffnung78Erſtes Buch. Hoffnung gelebend / ob ſichs gleich im Anfange etwas ſtoſſen wuͤrde / ſolte doch der Auß - gang gluͤklich und gewuͤnſchet ſeyn. Ladiſla umbfing ſie lieblich / und wahr ihm ſchwer / ſchon abzuſcheiden; daß uͤbrige ſchlug er von der Hand / vorgebend / es koͤnten Ritter wol hundert Gelegenheiten finden / ſich an einander zu reiben / ſaͤhe auch vor Augen / daß er Ful - vius wuͤrde durch einen Kampff abtreiben muͤſſen; auff welchen Fall er ſich der Goͤtter huͤlffe / und ſeiner guten Sache troͤſtete / weil er wuͤſte / daß ſie keinem andern als ihm allein / eheliche Traͤue verheiſſen / und in ihres Vaters Verſprechen nicht allein nicht eingewil - liget / ſondern auch davon daß allergeringſte nicht gewuſt haͤtte. Deſſen ruffe ich die Goͤt - ter zu zeugen / antwortete ſie / daß mein Herz noch keinem Menſchen als euch mein Schaz iſt ergeben geweſen / und ich vor dieſer meiner Liebe Anfang / von meines H. Vaters Vor - haben nicht daß allergeringſte gewuſt / wie wol ich nimmermehr in ſolche Ehewuͤrde ge - hehlet haben. Es muͤſte mir aber ſchmerzlich leid ſeyn / wann ihr meinet wegen euch noch weiter in Gefahr ſetzen ſoltet / und ich doch ſelbſt ein ſolches befuͤrchte; verſpreche aber hie - mit / daß wann der Unfall / welches der Himmel abwende / euch ja treffen ſolte / ich alsdañ keine Stunde euch uͤberleben wil / damit unſere Seelen im Tode ungetrennet bleiben moͤ - gen / wann das herbe Gluͤk uns dieſes lebens Vergnuͤgung nicht goͤnnen wolte. Er baht hoͤchlich / ſie moͤchte dergleichen unluſtige Gedanken nicht faſſen; ihm waͤhren Fulvius gleichen wol ehe auffgeſtoſſen / denen der Himmel keinen Sieg uͤber ihn verhaͤnget haͤtte; hoffete auch dieſen / wann er ihn vor der Fauſt haͤtte / redlich zubeſtehen / daß er ſeiner un - billigen Liebe druͤber vergeſſen / und ſie nach dieſem ſchon unverunruhet laſſen ſolte; mach - te ſich auff genom̃enen Abſcheid nach Herkules / und ging ſie zwiſchen Furcht uñ Hoffnung nach ihrer Fr. Mutter Gemache / woſelbſt ihr Vater gleich ankommen wahr / mit ihr zu - reden / weſſen er ſich gegen Fulvius erklaͤren wolte / der ihm ſchon hatte laſſen anmelden / dafern es ihm nicht zu wieder / waͤhre er bereit ihm auffzuwarten / und daß bewuſte ſchleu - nigſt zuvolziehen / weil in Kaͤyſerl. hochwichtigen Geſchaͤfften (welches doch ertichtet) er ſtuͤndlich auffbrechen / und eine anſehnliche Geſandſchafft uͤber ſich nehmen muͤſte; haͤtte aber das Beylager zuvor halten / und das Hochzeitfeſt zugleich beſtimmen wollen / welches auff ſeine wiederkunfft alsbald ſolte gefeiret / und dabey ein Freyſtechen angeſtellet wer - den. Als nun der Stathalter ſeine Tochter ſahe ins Gemach treten / empfing er ſie mit dieſen worten: Ich bin Herzlich erfreuet / daß du geſtern vor Unehr beſchuͤtzet biſt; es ver - huͤten aber die Goͤtter / daß durch deine Rettung ich nicht hoͤher / als durch die Entfuͤhrung betruͤbet werde. Das Fraͤulein ſtellete ſich geherzt und antwortete: Sie koͤnte nicht abſe - hen / was ihr H. Vater ſich ihretwegen zubefahren haͤtte / nachdem ſie ihm in ſeine Gewar - ſam wieder gelieffert waͤhre; ſo waͤhren ihre Erretter ſo auffrichtige redliche Ritter und Herren / hielten auch ihren H. Vater in ſolcher Ehr und Wirde / daß er ihretwegen keine Sorge noch widrige Gedanken haben duͤrffte; ſolten aber die Goͤtter ein Ungluͤk / das ihr H. Vater zuvor ſaͤhe / beſchloſſen haben / moͤchten dieſelben alles uͤber ſie allein außſchuͤttẽ / und ihrer herzlieben Eltern / auch wanns moͤglich waͤhre / jhrer guͤtigen Erretter ſchonen. Ihr Vater befand ſich mit der aller ſchwereſten Traurigkeit beladen / aber ſein Gemahl troͤ - ſtete ihn mit dieſen Woꝛten: Mein herzgeliebter Herr / was hermet ihr euch ſo? unſere Tochter iſt Gott Lob / ſo verſtaͤndig / daß ſie wol erkennen wird / wie ſie euch zu allem Gehor -ſam79Erſtes Buch. ſam verbunden ſey; und nachdem es hohe Zeit iſt / ihr das bißher verſchwiegene zu offen - bahren / ſol mans laͤnger nicht hinterhalten. Ja / mein liebes Kind / ſagte er hierauff zu dem Fraͤulein; du weiſt / mit was groſſer Vorſorge wir dich erzogen / unter der hoffnung / ſchieꝛ Freude an dir zu erleben; koͤnnen dir auch kein ander zeugniß geben / als daß du bißher uns in allem biſt gehorſam geweſen / wie einem frommen Kinde wol anſtehet; Nun biſtu zu den Jahren kommen / daß uns Zeit deucht / dir ein Gemahl zu erſehen / der am Stande / Tu - gend und Guͤtern dir gleich ſey; haben auch denſelben nach unſerm wunſch angetroffen / und zweifeln nicht / du werdeſt auch in dieſem Stuͤk / welches der rechte Beweißluhm dei - nes Gehorſams ſeyn wird / uns gerne und willig folgen / und denſelben vor deinen liebſten Braͤutigam und kuͤnfftigen Gemahl mit Herzensluſt annehmen / welchen wir mit reiffem Raht und wolbedachter Vorſichtigkeit uns zum Sohn und Tochtermann erkohren ha - ben / der dich auch nach deinem Stande gebuͤhrlich wird zu halten / lieben und ehrẽ wiſſen. Das Fraͤulein antwortete hier auff: Gnaͤdige herzallerliebſte Eltern; ihre bißher getrage - ne herzliche Vorſorge vor mich / wird kein Menſch / vielweniger / die ichs genoſſen / in zwei - fel zihen; aber zu hoͤchſt erfreuet mich / daß mein Gehorſam ſo beſchaffen iſt / das er guͤltig und gnugſam erkennet wird / welchen dañ Zeit meines Lebens fortzuſetzen / ich ſo willig als ſchuldig bin; daß aber mein Herr Vater mir ſo gar unvermuhtlich eine Heyraht vortraͤ - get / weis in anſehung meiner einfaͤltigen Jugend / ich ſo ſchleunig nicht zubeantworten; bitte demnach / mein H. Vater wolle mir den Freyer nennen / und mir Bedenkzeit geben / mich wol und gnugſam zubeſinnen; an welcher Verguͤnſtigung / ich umb ſo viel weniger zweiffeln darff / weil ich ſchon weiß / daß meine liebe Eltern mich weder verkaͤuffen noch verſchenken / noch wider meinen Willen verheyrathen werden / und ich billig mit Wiſſen - ſchafft darumb haben muß / in Betrachtung dieſes / den einigen Tod außgenommen / mei - ne wichtigſte und ſchwereſte Verenderung ſeyn wird / da ich meinen herzallerliebſten El - tern mich entzihen / und mich einem andern untergeben ſol. Ihr Vater merkete wol / daß ſie auff dieſe Antwort fleiſſig bedacht geweſen wahr / und auff ſolche weiſe ihr nicht wuͤrde beyzukommen ſeyn; deßwegen er ihr aus einem ſtaͤrkern Faſſe einſchenken wolte / und ſie alſo anfuhr: Ich wil nicht hoffen / daß du vorſichtiger und kluͤger ſeyn wilt / als ich; oder gedenkeſtu / ich werde ohn Raht und Bedenken in ſo wichtiger Sache verfahren / und dei - nes rahtens beduͤrffen? O nein? wie unduͤchtig du hiezu biſt / ſo wenig werde ich dir ein - raͤumen. Du wolteſt aber vielleicht den Braͤutigam gerne eine Zeit zuvor genennet habẽ / daß du ihn hernaͤhſt mit deines gleichen außmuſtern koͤnneſt / ob er dir zu ſchwarz / oder zu weiß / zu lang oder zu kurz / zu feiſt oder zu mager / zu alt oder zu jung ſey / worzu etliche deiner Geſpielen ſich weidlich ſolten gebrauchen laſſen / und duͤrffte dergeſtalt noch erſt gebohrẽ / oder wol gar gemahlet werden muͤſſen / der dir und jederman gefallen ſolte; Deßwegen antworte mir ohn Bedingung / ob du meiner vaͤterlichen Vorſorge / und bey andern Leu - ten gnug geltendem Witze dich ergeben / und meinem Willen folge leiſten wolleſt. Mein Herr und Vater / antwortete ſie / ich gehorſame in aller Moͤgligkeit ſo lange ich lebe / und ohn Bedingung; aber mich einem allerdinge unbekanten und ungenanten zu verſprechẽ / davor erwaͤhle ich den Tod / weil ich in der Furcht ſtehe / mein Gemuͤht koͤnne ſich mit dem - ſelben nicht vereinigen; oder auch wol / daß vielleicht derſelbe ein Ehrenkraͤnkliches Gebre -chen80Erſtes Buch. chen an ſich haͤtte / daß meinen lieben Eltern verborgen waͤhre. Wolle demnach mein H. Vater / zu bezeugung vaͤterlicher Hulde / mir den Braͤutigam gnaͤdig nennen; nicht daß ich ihn von allenthalben zu uͤberlegen / uñ mit andern durch die Hechel zuzihen willens bin / ſondern / damit ich meiner Freyheit / die mir Gott und das Gluͤk durch meine Eltern ge - goͤnnet hat / mich gebrauchen moͤge; ſonſt waͤhre heut der erſte Tag / daß ich klagen muͤſte / mein H. Vater handelte mit mir ſeiner einigen Tochter gar zuſtraͤnge / wovor ich durch al - le Goͤtter Bitte. Fiel hiemit vor ihm nieder / kuͤſſete ihm die Haͤnde / und netzete ſie derge - ſtalt mit Traͤhnen / daß ſie tropffeten; welches auch mehr als einiges ander Mittel bey ihm wirkete / daß er zur Erkaͤntnis kam / und die Wichtigkeit ihrer Wegerung beobachtete. Gleichwol hatte er noch Hoffnung / ſie zugewinnen / hieß ſie auffſtehen / und ſagete: Er koͤn - te nicht außſinnen / aus was Urſachen ſie in dieſes Mißtrauen gerahten waͤhre; wolte nit deſtoweniger es in Bedacht zihen / und vor dißmahl ſie nur des heutigen befehls erinnern / den vortrefflichen Roͤmiſchen Herren / H. Fulvius auffs ehrlichſte zuempfahen. O ja mein herzlieber H. Vater ganz gerne / ſagte ſie / ungeachtet ich ſein gar keine Kundſchaft habe / auch niemahls zuhaben begehre / weil ſeine Ehre gar krank ſeyn ſol / und ihm ein ſehr ſchlechtes Loblied nachgeſungen wird; welches mich doch nicht angehet / und ich einen andern gerne ſeyn laſſe der er iſt. Den Vater ward wegen dieſer Rede ſchwinden / und fragete / ob ſie naͤrriſch waͤhre; H. Fulvius gleichen lebete in ganz Rom nicht / und wuͤrde ſie vielleicht durch Irtuhm wegen des Nahmens betrogen ſeyn. Den ich meyne / antwor - tete ſie / ſol Markus Aurelius Fulvius heiſſen / zwar ein reicher / aber filziger Menſch / von Jugend auf zu Luͤgen gewaͤhnet / großſprecheꝛn und unreines Mauls / der Unzucht ergebẽ / und daneben frech und verwaͤgen; der durch viehiſche kraͤffte etliche Siege erſtritten / weil ihn vernuͤnftige Feinde noch nicht angegriffen; und ob er gleich von groſſen Guͤtern / ſolle er doch ſeine Diener in der Kleidung den Schmiedeknechten gleich halten / weil er ſelbſt kaum ſo viel Luſt habe / renliche Kleider anzulegen. Nun wuſte ihr Vater wol / daß nicht alles von ihr ertichtet wahr / wiewol das Geruͤchte immerzu ein Ding groͤſſer pflegt zu - machen; wolte ihr aber durchaus nichts geſtehen / dann ſein Reichtuhm hatte ihn verblen - det / und lebete der Hoffnung ein Tugendſames Weib wuͤrde ſeinen Gebrechen wol abhelf - fen koͤnnen; ſtraffete ſie demnach mit harten worten; weſſen ſie ſich zeihen duͤrffte / einen Unſchuldigen zulaͤſtern; das Geruͤcht waͤhre falſch / und H. Fulvius aller Roͤmer Zierde. Sie aber antwortete unerſchrocken: meinetwegen bleibe er der er iſt / wann ich nur mich uͤber ihn nicht zu beſchweren habe; ich wil meinem Herrn Vater zugehorſamen / ihm mehr Ehre erzeigen als er wert iſt / aber lieber tauſendmahl ſterben / als nur ein Augenblik ſol - chem Unhold geneiget ſeyn. Seine Gebrechen ſind kuͤndiger / als daß ſie meines Beweiß - tuhms beduͤrffen / und bleibe nur mein H. Vater mir bißdahin vaͤterlich gewogen / daß mir an Zeugen in dieſer Sache gebrechen wird; ich bin / dem Himmel ſey dank / von mei - nen lieben Eltern allemahl zur Tugend angehalten / darumb wil ich Tugendhafften fol - gen / ſo daß keiner nimmer mehr Raum oder Gunſt bey mir finden ſol / der Tugendloß iſt / und ſo mannichen Laſtern ſich zueigen ergeben hat. Dieſer Außſchlag gab ihrem Vater Nachricht gnug / weſſen ſie gegen dieſem Freyer geſonnen wahr / und daß alles ſein vorha - ben durch aͤuſſerſten Zwang zu werke gerichtet / oder gar zu Waſſer werden muͤſte / daher be -fahl81Erſtes Buch. fahl er den Goͤttern die Schickung / weil ihm ſein Herz ſagete / es wuͤrde viel anders als nach ſeinen Gedanken gehen / ließ die Tochter bey der Mutter / und ging hin Herkules zu beſuchen. So bald er hinweg wahr / baht das Fraͤule in ihre Mutter mit heiſſen Traͤhnen / dem Vater dieſen Vorſaz auß dem Sinne zu bringen / maſſen ſie viel lieber den allergrau - ſamſten Tod und alle Pein gedultig angehen / als dieſem filzigen Luͤgener ſich ergeben / oder ihm ihr Herz zuwenden wolte. Die Mutter aber gab zur Antwort: Sie wuͤſte nicht viel gutes Rahts; Ladiſla und ſie muͤſten ein gutes Herz uñ unbewaͤglichen vorſaz ergreiffen / daß Fulvius Einbildung den Krebsgang gewuͤnne / und wann es ja auffs aͤuſſerſte kom - men ſolte / moͤchte ſie verſuchen / mit Ladiſla heimlich davon zuzihen; welches ſie vorbrach - te / umb zuerforſchen / wie weit ſie ſich mit ihm eingelaſſen haͤtte. Und zwar hiedurch ward das gute Fraͤulein gefangen; dann ſie fiel der Mutter umb den Halß / herzete und kuͤſſete ſie / und baht / in ſolcher Gewogenheit fortzufahren; daher die Mutter ſpuͤrete / dz der Brey ſchon verſalzen / und das abmahnen viel zu ſpaͤte waͤhre; hieß ſie deßwegen gutes muhts ſeyn / und daß es alles noch gut werden koͤnte; nur muͤſte ſie ihre heutige Lehre in acht neh - men / den ohn das argwoͤhniſchen Fulvius zum Widerwillen anzuſpornen; wuͤrde dann hiedurch Ladiſla mit ins Spiel kommen / daß es zum Streit geriete / welches ſie doch un - gerne wolte / muͤſte er trauen ſein beſtes wiſſen / nachdem ſie kein ander Mittel ſaͤhe / und ihr Vater vor ſein Haͤupt / wegen getahner Zuſage nicht anders koͤnte / als ſeiner Ehre durch die Leiſtung ein Genuͤgen tuhn. Ey ſo wollen wir die Sache der himliſchen Verſehung be - fehlen / ſagte das Fraͤulein nach deren Schluß muß es doch den Außſchlag nehmen / wir ſinnen und tichten was wir wollen und koͤnnen; ſetzete ſich nider / ließ von der Mutter ihr die Haar etwas zierlicher auffbinden / und redete von den hohen Tugenden der beyden Helden / mit dieſem Schluß / daß ſie ſich vor die gluͤkſeligſte ſchaͤtzen wuͤrde / wann ſie mit derer einem ſolte vermaͤhlet werden. Ladiſla hatte ſich zu ſeinem Herkules verfuͤget / zei - gete ihm Fulvius anſuchen an / und dz allem anſehen nach er ihn mit dem Schwerte wuͤr - de abweiſen muͤſſen; welches er ihm hefftig wiederriet; er ſolte der Vernunfft gebrauchẽ / und durch morden und todſchlagen ein Gemahl zu erwerben ſich nicht unterfangen; Es waͤhre wider die Erbarkeit / welches Gott nicht gut heiſſen / viel weniger Gluͤk und Segen darzu verleihen koͤnte / in ſonderheit / wo Fulvius mit ihr ſchon ſolte verſprochen ſeyn. La - diſla taht ihm der Fraͤulein Widerwillen zu wiſſen / und daß ſie dieſem ihr Herz zuzuwen - den nie waͤhre bedacht geweſen / noch ihres Vaters Vorhaben gewuſt haͤtte. Worauff ihm Herkules antworten wolte / ſahe aber den Stathalter zur Tuͤhr hinein treten / und ga - ben dieſem Geſpraͤch Anſtand / weil ohn das derſelbe ſie erinnerte / daß des Arztes wolmei - nung muͤſte in Obacht genommen / und H. Herkules in der Ruhe gelaſſen werden. Alſo muſte nur ſein Leibknabe bey ihm bleiben / da im hingehen der Stathalter zu Ladiſla ſage - te: es tuht mir ſehr leid / mein Herꝛ / dz ſein Freund meiner Tochter wegẽ in dieſe ſchwacheit gerahten iſt; iedoch hoffe ich zu den Goͤttern / es werde ſich mit ihm bald zur Beſſerung ſchicken; bitte unter deſſen fleiſſig / ſie wollen bey mir ſich aller Freyheit gebrauchen / als ob ſie bey den ihren daheim waͤhren. Und weil mir heut ein fremder Gaſt von Rom / Herꝛ Fulvius zuſprechen wird / ich aber wegen einer Unpaͤßligkeit / und daß wegen eines ent - ſtandenen Eckels vor der Fleiſchſpeiſe / der Mahlzeit nicht beywohnẽ kan / wolle mein HerrLneben82Erſtes Buch. neben andern Eingeladenen ſich bey derſelben froͤlich erzeigen / ich wil nach abgetragenen Speiſen mich bey ihnen einſtellen / und gebuͤhrliche Geſelſchafft leiſten. Angenehmere Zeitung haͤtte unſerm Ladiſla nicht vorkommen moͤgen / und gedauchte ihn / als ſaͤhe er ſei - nen Mitbuhler ſchon zu ſeinen Fuͤſſen liegen / welches doch zu verhehlen / er antwortete: Hochwerter Herr / als Vater; ob zwar wegen ſchwacheit meines Freundes ich nicht we - nig beſtuͤrtzt bin / und ſchlechte Luſt habe zu froͤlicher Geſelſchafft / wil ich doch in dieſem uñ allem / was mir moͤglich ſeyn wird / meinem Herrn gerne und willig gehorſamen / wuͤnſche nicht mehr / als daß meine geringe Dienſte meinem Herrn nur koͤnten behaͤglich ſeyn / und mit ſolchem vaͤterlichen Herzen angenommen werden / als ſie aus kindlichem herruͤhren. Mein Herr / und geliebter Freund als Sohn / antwortete er / ich nehme diß hohe Erbieten mit ſolchem Herzen auff / welches ſich uͤberall vergnuͤget befindet / erinnere mich wol / wie hoch ich ihm verpflichtet bin / uñ bitte die Goͤtter / mir Krafft und Freyheit zu verleihen / ſein gutes Herz und gewogenheit erſetzen zu koͤnnen. Der junge Fabius kam darzu / uñ nam der Alte einen Abtrit nach ſeinem geheimen Zimmer / woſelbſt er ſein Ungluͤk und die inſte - hende Gefahr beweinete / und dz durch Unbedachtſamkeit er ſich ſo ſchlim verwickelt hatte.
Kaum wahr er hinweg gangen / da ſtellete Fulvius ſich ein / hatte ſich ſtatlich herauß geputzet / und ſechs wolbekleidete Diener hinter ſich her treten / deren Mantel mit Sam - met durchfuͤttert wahren / wiewol er leyden muſte / er haͤtte ſie von andern entlehnet. Er wahr groß und ſtarker Gliedmaſſen / hatte ein ſchwaz dicke Kraußhaar / welches er ſelten zu kaͤmmen pflegete / ſchwarzgelbe Farbe / magere Backen und lange Habichsnaſe / wuſte ſich zimlich hoͤfflich anzuſtellen / aber man merkete / daß es gezwungen Ding wahr. Als dem Stathalter ſeine Ankunfft vermeldet ward / ging er ihm entgegen / nam ein froͤliches Ge - ſicht an / und hies ihn wilkommen ſeyn. Ladiſla und der junge Fabius traten auch zu ihm hin / und empfingen ihn nach wirdigkeit / wiewol Ladiſla uͤber Gewohnheit ſich gar ernſt - hafft und mit kurzen Worten vernehmen lies. Die Stathalterin kam mit ihrer Tochter / den Gaſt zu wilkommen / welches die Mutter mit guter Freundligkeit / die Tochter aber ſo kaltſinnig und mit gezwungenem Hochmuht verrichtete / daß ihr Bruder bald merkete / es muͤſte ein angelegtes Spiel ſeyn / ſonderlich / weil er vor wenig Tagen in erfahrung kom - men wahr / daß ſein Vater mit dieſer Heyraht umbginge / in welchem Wahn er durch deſſen Rede geſtaͤrket ward / da derſelbe / wie er der Tochter Entfuͤhrung vernahm / alſo loß - brach: O daß nun H. Fulvius verhanden waͤhre / und die Rettung ſelbſt verrichten moͤch - te. Nun wahr dieſem das Geſchrey ſeiner Untugend wol bewuſt / nahm ihm auch vor / die Heyraht nach allen Kraͤfften zuhindern / inſonderheit als er zu der Schwaͤgerſchafft mit Ladiſla Hoffnung hatte. Fulvins / ſo bald er das Fraͤulein ſahe / befand er ſich verliebet / re - dete / ungeachtet ihrer Ernſthafftigkeit ſie freundlich an / und gab ihr ſein groſſes Mitley - den wegen geſtriger Gefahr zu vernehmen / mit bezeugung / wie bereit und willig er ſeyn wollen / ſie loßzumachen / da er deſſen einige Wiſſenſchafft gehabt haͤtte. Sie bedankete ſich des Erbietens gar nicht / ſondern ſagete: Die Goͤtter behuͤten mich voꝛ dergleichen Gefahr / und daß ich ja nimmermehr wieder in Tugendloſer Leute Gewalt fallen moͤge; Daß ich aber bey Ehr und Leben erhalten bin / habe ich dieſem meinem hoͤchſtwerten Her - ren und unvergleichlichen Helde zu danken / dem ich mich daher in ehren ganz verpflichtetweiß83Erſtes Buch. weiß und wiſſen muß. Fulvius ſahe Ladiſla an / lachete in ſeinem Herzen dieſer hohen Be - nahmung / und ſagte zu ihm: Herr und unbekanter Freund / daß er dieſer treflichen Fraͤu - lein in ihren noͤhten zu Huͤlffe getreten iſt / deſſen bedancke ich mich gegen ihn / und erkenne mich demſelben hinwiederumb mit einem Ritterdienſte verbunden. Herr und unbekan - ter Freund / antwortete Ladiſla / daß wenige ſo etwa in Rettung dieſer Durchl. Fraͤulein ich verrichten moͤgen / darzu hat mich die Pflicht meiner ſelbſteigenen Ehre verbunden / gebuͤhret mir alſo von keinem Menſchen dank davor / wiewol ich Unwirdiger von meinem Gnaͤdigen Fraͤulein ſo hohe Vergeltung ihrer Gutwilligkeit wieder meinen Willen an - nehmen muͤſſen / daß ich mich ſchuldig erkenne / derſelben Zeit meines Lebens als ein verpflichteter Knecht und Diener ohn einige Außrede auffzuwarten. Ach mein Herr / ant - wortete ſie / ich bitte ſehr / meine geringfuͤgige Dankbarkeit nicht ſo hoch zuerheben / weil die - ſelbe viel zu ſchwach iſt / an daß minſte ſeiner hohen Verdienſte zu reichen; dann weil ja uͤ - ber Ehr und Leben kein Ding in der Welt mag geſchaͤtzet werden / und aber dieſes beydes euer ſiegreiches Schwert mir erhalten hat / muß ich die allmoͤgenden Goͤtter bitten / den Abgang meines unvermoͤgens zuerſetzen / und wird mir Vergnuͤgungs gnug ſeyn / wann ich ſehen werde / daß mein dankbegieriger Wille meinem Herren nicht wird unangeneh - me ſeyn. Mein Fraͤulein / wieder antwortete er; was erhebet ſie ihres unwerten Dieners gar zu ſchlechte Dienſte uͤber allen Verdienſt / daß ich vor anderen deßwegen ſchamroht ſtehen muß? Ihre ja ihre Krafft / ſo in ihrer Tugend und Volkommenheit beſtehet / wahr nicht allein meines leichtẽ Schwertes Nachdruk / ſondern benam den Raͤubern allẽ Muht und ſtaͤrke / und ſtuͤrzete ſie zur Erden / daß ihnen weder Vermoͤgen mich zubeſchaͤdigen / noch ſich zubeſchuͤtzen uͤbrig blieb. Das Fraͤulein blickete ihn hierauff mit liebreizenden Augelein an / und ſagete: Mein Herr und wahrer Freund; es beliebet ihn alſo / mich leich - tes Federchen zu ſchmuͤcken / die ich Unguͤltigkeit halben wol haͤtte verſtaͤuben muͤſſen; Dann O weh mir elenden / wann ſonſt keine maͤchtigere / als meine eigene Krafft ſich mei - ner angenommen haͤtte / ſo wuͤrde ich ſchon entehret / und kein Menſch mehr ſeyn; Wolle demnach mein Erretter mir goͤnnen / ſeinen hochverdienten Preiß außzutragen / und bey - des Freunden und Feinden bekant zu machen / daß wie ich ihm alles was ich bin / zu danken habe / alſo auch ſolches zu bekennen nicht moͤge gehindert werden. Fulvius hoͤrete dieſen ihren freundlichen Reden zu / als ein Entzuͤkter / kunte ſie nicht gnug anſchauen / die ihm doch kein Auge zuwendete / ſondern / als waͤhre er nicht zugegen / ſich nach Ladiſla kehrete; woruͤber der Stathalter ſchier in die Erde geſunken waͤhre / weil er ſahe / dz dieſes Trauer - ſpiel ſich ſchon bey nuͤchterm Munde anſpinnen wolte; ſuchte deßhalben Urſach davon zu ſcheiden / und baht Fulvius hoͤchlich umb Verzeihung / daß er ihm / Schwachheit halber / bey der Mahlzeit nicht koͤnte Geſelſchafft leiſten; hoffete doch / ſein Gemahl / Sohn und Tochter / neben andern erbehtenen Freunden / wuͤrden ſeine ſtelle biß nach abgetragenem Tiſche vertreten / da er ſich willig bey ihnen wolte finden laſſen. Herzlieber H. Vater / ſag - te das Fraͤulein zu ihm: Ich bitte kindlich / mir zu goͤnnen / daß ich euch in euer Unpaßlig - keit auffwarten moͤge. Nein / geliebtes Kind / antwortete er / gehe du mit dieſen beyden Herren zum eſſen / und leiſte jhnen als eine Hauß Tochter gebuͤhrliche Geſellſchafft / ich werde mich hernach ſchon finden. Es haͤtte Fulvius mit dem Vater gerne noch vor derL ijMahl -84Erſtes Buch. Mahlzeit die Ehe abgeredet / damit er ſie bey Tiſche als eine Braut neben ſich haben / und hiemit Ladiſla / den er ſchon neidete / hoͤhnen moͤchte; weil aber der Stathalter eilig davon ging / muſte er ſich gedulden / und nahm ihn Fr. Pompeja bey der Hand / das Fraͤulein a - ber ihren liebſten Ladiſla / biß ſie den Eſſeſaal erreicheten. Ehe die Speiſen auffgeſetzt wur - den / ſpracheten ſie ſtehend miteinander / da der junge Fabius ſeineꝛ Schweſter winkete / und zu jhr ſagete: Weiſtu auch / daß man dir dieſen Filz und Luͤgener zufreyen wil? mich wuͤr - de deines Elendes jam̃ern / wann du in dieſer Ungluͤkspfuͤtze ſolteſt verfinken; ſo ſihe dich nun vor / nim deine Vernunfft zu huͤlffe / und halte feſte / was mich duͤnket ſchon in deiner Hand zu ſeyn. Das Fraͤulein ward hiedurch herzlich erfreuet / und antwortete: Herzalleꝛ - liebſter Bruder / ich habe gleich dieſen morgen mein ungluͤk erfahrẽ / aber der Tod ſol mich davon befreyen / wann ichs lebendig nicht meiden kan. Ich untergebe mich deinem willen / wil auch deinem Raht getraͤulich nachkom̃en / nur biß gebehten / und leiſte im fall der noht Herꝛn Ladiſla beyſtand. Zweifele daran nicht / ſagte er / ich habe ſchon anordnung gemacht / daß es nicht noht haben ſol. Es hatte aber Fulvius / ſeinen Pracht ſehen zu laſſen / 120 Reuter auff einen Monat in Dienſte genommen / mit denen er zu Padua eingerittẽ wahr. Dieſes wuſte der junge Fabius / gedachte deßwegen / wann ſich etwa ein Aufflauff erregen ſolte / muͤſte man auch Leute umb ſich haben; und ließ ſeine bey ihm habende Ritterſchaff? ſich ſchleunig / doch in aller ſtille wapnen / mahnete darzu 80 junge vom Adel in der Stadt heimlich auff / und gab ihnen das Zeichen / wann ſie vor ſeines Vaters Hofe wuͤrden hoͤ - ren in die Tromete ſtoſſen / ſolten ſie zur Hinter Tuͤhr hinein dringen / und fernerer Anord - nung gewaͤrtig ſeyn. Fulvius wahr ſo grobes Verſtandes nicht / daß er der Fraͤulein gute Gewogenheit gegen Ladiſla nicht ſolte gemerket haben; Er verließ ſich aber auf des Alten ſo muͤnd - als ſchrifftliche Verheiſſung / und entſchuldigte ſie in etwas / daß ſie ihn als ihren Erretter zu ehren gehalten waͤhre; daß ſie aber gegen ihn ſo freundlich ſich nicht bezeigete / haͤtte er jungfraͤulicher bloͤdigkeit gerne zugelegt / und daß ſie ſo gar ſeiner keine Kundſchaft hatte; blieb alſo anfangs ohn ſonderlichen Eifer / welchen ihm doch ſein argwoͤhniſches Herz alle Augenblik mehrete / daß er bald hernach vornam / ihr dieſes / ſo bald er ſie in ſeineꝛ Gewalt haben wuͤrde / rechtſchaffen einzukerben. Die noͤhtigung ſich zu ſetzen / ging an / und ſtellete der junge Fabius / dieſen beyden Herren frey / einen Siz nach belieben zu erwaͤhlen. Ladiſla wolte keine Unhoͤfligkeit gebrauchen / und noͤhtigte den fremden / die Oberſtelle zu nehmen / der gleichwol auch ſcheinen laſſen wolte / daß er nicht unter den Bauren auffge - wachſen waͤhre / wegerte ſich faſt / uñ baht endlich / daß H. Ladiſla ihm zugefallen den Ober - ſiz bekleiden moͤchte / welches er dann / unter der Vorſchuͤtzung eines willigen Gehorſams hoͤflich annahm / da dieſer doch einer weiteren Wegerung ihm vermuhten wahr / und jhn nicht wenig verdroß / daß er dieſes Streichs ſich ſelber nicht gebrauchet haͤtte; ließ auch ſei - nen Stolz in dem ſehen / daß er Ladiſla nicht folgen wolte / ſondern umb Freyheit / einen an - nehmlichen Siz zu waͤhlen / anhielt / auch bald darauff ſich auff des Stathalters ſeinem Wirtsſtuel / gerade gegen Ladiſla uͤber ſetzete. Herr Kornelius ermahnete Frl. Sophien / ſich zu Fulvius niderzuſetzen; und dieſer ſelbſt hielt darumb beſtaͤndig an / mit Einwen - dung / daß er eigentlich dieſe Reiſe getahn / umb ihre beſſere Kundſchafft zu erlangen / undnaͤhme85Erſtes Buch. naͤhme ihn wunder / da ſie ſolches annoch nicht wiſſen ſolte. Sie aber brachte hoͤflich vor: es wolte einer Tochter des Hauſes nicht gebuͤhren / uͤber erbehtene Herren und Gaͤſte ſich zuſetzen / ſondern gar vom Tiſche zu bleiben oder den unterſten Plaz zunehmen; das uͤbrige waͤhre nach ſeinem Gefallen / wie wol in ſehr handgreiflichem Scherze geredet / und waͤh - re nichts neues / daß die einfaͤltigen Paduaniſchen Medchen ſich von den Roͤmiſchen Her - ren zur Kurzweil muͤſten auffzihen laſſen / als deren Unachtſamkeit nicht verdienete / daß man ihretwegen einen Schrit / geſchweige / zehn und mehr taͤgige Reiſen tuhn ſolte / wie - wol ſie ihres teils ſolches in hoͤchſter Warheit nicht begehrte / ſondern ihrer geringfuͤgigkeit ſich wol erinnerte / welches Herr Fulvius / wie ſie baͤhte / eins vor alle mahl wolte laſſen ge - antwortet ſeyn. Dieſer wolte ſolches beantworten / und umb das beyſitzen weiters an - halten; aber Frl. Urſul und Helehntraten gleich in den Saal / die von Frl. Sophien em - pfangen und zum Tiſche gefuͤhret wurden; da Ladiſla von ſeiner Stelle hervor ſprang / uñ dieſen beyden Fraͤulein ſelbige einraͤumete / ſich aber neben ſie niederließ / da Frl. Sophia ihm ungenoͤhtiget folgete / als an den unterſten Ort; woruͤber Fulvius ſchier waͤhre raſend worden; meynete / es haͤtte Ladiſla ein ſolches mit ihr angelegt / und ſchwuhr bey ſich ſelbſt / es ungerochen nicht zu verdaͤuen. Ladiſla merkete aus ſeiner Geſichtsverenderung / dz ihm das Herz geruͤhret wahr / ließ ſich doch nichts anfechtẽ / ſondern erzeigete ſich gar freymuh - tig. Der junge Fabius ſetzete ſich wieder an ſeiner Urſulen ſeite; Herr Kornelius blieb bey Fulvius / dem H. Emilius / und zulezt die Stathalterin folgete. Frl. Sophia nam auf ihres Bruders Vermahnung das Vorſchneideramt uͤber ſich / und reichete Ladiſla das erſte; welches er der Stadthalterin gab. Sie boht ihm das ander und dritte / aber die bey - den Fraͤulein muſten es von ihm nehmen. Als ſie ihm nun das vierde zuhielt / baht ſie ihn / es ohn fernere Wegerung zu behalten; worauff er gehorſamete. Das fuͤnffte uͤbergab ſie Frl. Helenen / mit Bitte / es H. Fulvius zu reichen. Dieſer hatte ſich inzwiſchen eines an - dern bedacht / und den aͤuſſerlichen Zorn finken laſſen / weil er Ladiſlaen freymuͤhtigkeit ſa - he / und ward die halbe Mahlzeit ohn denkwirdiges verrichtet / nur / da Fulvius Frl. Urſu - len ein Glaß mit Wein einreichen / und die zierliche Hoͤfligkeit gar zu groß machen wolte / ſchuͤttete er ihr ſolches unverſehens in den Buſem / daß ihr der Wein am Leibe gar hinun - ter biß auff die Knie lief / und ſie ſich des Schrekſchreyens nicht enthalten kunte. Frl. So - phia hatte dieſes Plumpſtuͤkchen nicht geſehen / erſchrak daher uͤber ihrem ruffen / und fra - gete aͤngſtig / was ihr gebraͤche? Sie aber antwortete: mir gebricht nichts / Herzen Schwe - ſter / nur daß ich gar zu viel bekomme. Ladiſla haͤtte dieſen Grobrunk nicht umb viel ge - miſſet / taht doch / als ſaͤhe ers nicht / und blieb in ſeinem Geſpraͤch mit Frl. Helenen / welche fleiſſig nachfragete / warumb Herr Herkules nicht zu Tiſch kommen waͤhre / und als ſie ſei - ner Unpaͤßligkeit bericht einnahm / ward ſie deſſen leidig. Der junge Fabius nam hieſelbſt gelegenheit / deſſen Tugend zuruͤhmen / wuͤnſchend / dz er den Kampf mit Orgetorix haͤtte moͤgen anſehen; welches Fulvius alſo beantwortete: Zwar den beſten ſihet man nicht / maſ - ſen ein jeder / wañ er in der Welt umſuchet / allemal ſeines gleichen findet; jedoch moͤchte ich eines ſolchen Ritters Kundſchafft / wie dieſer beſchrieben wird / wol haben / dem das Gluͤk ſehr guͤnſtig muß geweſen ſeyn / daß er dem jeztgedachten guten Fechter hat anſiegen koͤn -L iijnen /86Erſtes Buch. nen / welches ich mit ruͤhmen wil / weil ich nicht zweifele / es werde im Kampffe auffrichtig zugangen ſeyn. Ladiſla hoͤrete den Spot und Beſchimpffung mit groſſer Empfindligkeit / begriff ſich aber / und antwortete: Herr / dieſes Ritters Kundſchafft / der nie als auffrich - tig gekaͤmpffet / und ſich mehr auffſeine Tugend als auff das blinde Gluͤk verlaſſen hat / wird euch unverſaget ſeyn / ſo bald er Schwachheit halber das Lager wird angeben koͤñen. Dieſer aber / weil er Ladiſlaen biß auff den Tod gehaͤſſig wahr / ſagte nichts darauf / ſondeꝛn ſtellete ſich / als hoͤrete ers nicht; welches jener zwar mit brennendem Zorn auffnam / und es doch verſchmerzete / weil er bequemere Gelegenheit ſich zu raͤchen hoffete. Herr Kor - nelius / der Fulviuſſen am naͤheſten ſaß / wolte ihn mit freundlichem Geſpraͤch unterhaltẽ; bekahm aber allemahl kurze hochmuhtige Antwort / welches ihn nicht wenig verdroß / weil er in der Jugend auch Ritterſchafft getrieben / und in mannichem Schimpf und Ernſt gu - ten Preiß erworben hatte; doch uͤberſahe er ihm nach ſeiner Sanfftmuht / und ließ nicht ab mit ihm zu reden / weil das Frauenzimmer ſich an ihn gar nicht kehren wolte / die nur mit Ladiſla und Fabius ihr Geſpraͤch fortſetzeten / da Frl. Sophia nicht unterließ / den groſſen Unterſcheid der Ritter einzufuͤhren / und daß dieſen Stand nichts ſo ſehr zierete / als die Hoͤfligkeit und Demuht / ſo daß ein Ritter mit dieſen beyden ſtuͤcken begabet / inſon - derheit des Frauenzimmers Gewogenheit wirdig waͤhre / weil dieſelben mehr hierauf / als auff ſcharffe Schwerter und ſpitze Speere hielten. Fulvius / daß er Kundſchafft mit ihr machen moͤchte / beantwortete dieſes alſo: Ja mein Fraͤulein / die jezteꝛzaͤhleten Stuͤcke ſte - hen einem Ritter in Wirtſchafften nichtuͤbel an / wann ſie bey gebuͤhrlichen Leuten ange - wendet werden; aber ihrer viel (ich ſchlieſſe meiner Fraͤulein gleichen auß) wollen dieſen Bogen gar zu ſtraͤnge ſpannen / daß er zu zeiten druͤber brechen muß; weil der ritterliche Muht die unterſte Stuffe ohn Verletzung ſeines Anſehens nicht betreten kan. Frl. So - phia aber wolte ſich hieruͤber mit ihm nicht einlaſſen / welches Urſul merkend / mit dieſer re - de ihre ſtelle vertrat: Ich halte davor / Herr Fulvius / meine Frl. Schweſter rede nicht von den unvernuͤnfftigen / die Ritters Hocheit nicht beobachten / und ſie biß an die unverant - wortliche beſchimpfliche Demuht herunter ziehen wollen / ſondern ihre Meynung iſt bloß auff dieſen Zweg gerichtet / daß die ungefaͤrbete Freundligkeit eine ſonderliche Zier an ei - nem Ritter / wie die Sonne am Himmel ſey. Herr Kornelius fuͤrchtete ſich / es moͤchte dieſe Verantwortung von ihm ungleich auffgenommen werden / miſchete ſich deßwegen mit ein / und ſagete: Beyderſeits Meynung waͤhre recht und gut / als die nicht wider ein - ander ſtritten. Welches Frl. Sophia alſo beantwortete: Herr Vetter Kornelius / ſtreitẽ ſie nicht / ſo reimen ſie ſich auch nicht. Aber der hoͤlzerne Bock Fulvius merkete nicht / daß ſeine ungereimete Antwort hiedurch verlachet ward. H. Kornelius veꝛanlaſſete ihn zum weitern Geſpraͤch / in dem er ihn fragete / ob nicht neulicher Zeit zu Rom ſich etwas denk - wirdiges zugetragen haͤtte; wodurch er ihm die Tuͤhr zu ſeinen Luͤgen auffſperrete / daß er bald von hier / bald von dar / ohn Ordnung und Außfuͤhrung etwas hervor brachte / und al - lemahl ſeinen eigenen Ruhm einmiſchete / wiewol mit ſo handgreiflichen Luͤgen / daß Ladiſla / der von vielen / guten beſcheid wuſte / ſich der unwarheit ſehr verwunderte. Endlich nam Fulvius ihm vor / Frl. Sophien einen verdekten ſtreich zu verſetzen / welches eꝛ duꝛch dieſes Getichte ſehr artig zuverrichten meinete / da er alſo anfing: Es faͤlt mir gleich iezt ein laͤ -cherli -87Erſtes Buch. cherlicher Poſſen ein / der ohngefehr vor XVI Tagen ſich zu Rom begeben; nehmlich / ein vermeintes zuͤchtiges Fraͤulein ward einem trefflichen Roͤmiſchen Herrn / meinem ver - traueten Freunde / von ihren Eltern zugefreyet / deren Nahmen ich nicht nennen wil. Als nun der Ritter ſich einſtellete / die Heyraht zu volfuͤhren / kam er dieſer guten Jungfer un - vermuhtlich / und fand ſie bey einem unachtſamen jungen Aedelman ſitzen / mit dem ſie al - lerhand naͤrriſcher Kurzweil und Affenwerk trieb / welches dieſem ernſthafften Ritter an - zuſehen ungelegen wahr; hies derhalben den jungen Laffen auffſtehen; und als er ſichs we - gerte / trieb er ihn mit pruͤgeln auß / gab hernach der Jungfer einen guten Außwiſcher / und lies ſie ungeheyrahtet ſitzen / womit ihre Eltern zwar uͤbel zufriede wahren / aber doch den Schimpff hinnehmen muſten / weil ſie der frechen Tochter gar zuviel Willen gegoͤnnet hatten. Hiemit brach er die ungeſchikte Erzaͤhlung ab / und wahr niemand zugegen / der ſei - nen Zweg nicht verſtanden haͤtte / nur daß ſichs niemand wolte annehmen / ohn Frl. So - phia ſchrieb ihm gar zuviel Witzes zu / ob haͤtte er ihre vorige Stachelrede hiemit erſetzen wollen; gedachte endlich / es muͤſte ihm dieſes Wagſtuͤk nicht ſo hingehen / und fing zu den beydẽ Fraͤulein alſo an: Herzgeliebete Schweſtern / es hat H. Fulvius uns eine Geſchicht erzaͤhlet / ohn zweiffel / unſere geringe Urtel daruͤber zuvernehmen / und wol auch / daß ſie uns zum Beyſpiel diene / uns beydes vor Affenwerk / und vor ſolche ernſthaffte Freyer wol zuhuͤhten; bitte demnach ſchweſterlich / ſie wollen / die lange Zeit zuvertreiben / ſich unbe - ſchwert heraus laſſen / was ſie von dieſes Freyers ritterlicher Taht halten. Die beyden Fraͤulein beredeten ſich kuͤrzlich / und gaben ihr zur Antwort: Herzgeliebte Frl. Schweſter / wir haben die erzaͤlete Geſchicht nicht ſo eigentlich mit allen ihren umbſtaͤnden in acht ge - nommen / wollen deßwegen ihre Meynung zuvor hoͤren / und nachgehends / wo es uns ge - goͤnnet iſt / unſere Gedanken auch daruͤber vernehmen laſſen. Ich muß euch wol zugefal - len ſeyn / ſagte das Fraͤulein / dann womit wolten wir ſonſt die Zeit hinbringen? Jedoch / wann ich zuvor wiſſen ſolte ob Herr Fulvius uns dieſe Kurzweil goͤnnen koͤnne. Ey wa - rumb nicht / mein Fraͤulein / antwortete er / maſſen ich ſolche Begebnis zu dem Ende vor - getragen habe. Daß muß mir lieb ſeyn / ſagte ſie; kehrete ſich zu ihren Geſpielen / und fuhr alſo fort: Ob ihr / meine Schweſterchen daß erzaͤhlete vor eine Geſchichte / oder Getichte haltet / kan ich nicht wiſſen; doch ſtehet uns allerſeits frey / unſere Gedanken davon zu ha - ben; aber auff den fall der Warheit / ſage ich / daß dieſer Ritter ſich als ein ungeſchliffener grober Flegel hat ſehen laſſen / indem er dieſem Fraͤulein ein ſolches zur Unzimligkeit auß - geleget / welches ſie zweiffels ohn auß Hoͤfligkeit getahn / und dieſer Buͤffelsochſe wol aller Zucht mag entfernet ſeyn / welches er gar zu merklich an den Tag gegeben / in dem er den jungen Aedelmann nicht als ein Ritter / ſondern als ein Steckenknecht uͤberfiel / welches ich ihm nicht wuͤrde geſchenket haben / waͤhre ich in deſſen ſtelle geweſen. Es hat ſich aber das gute Fraͤulein nebeſt ihren Eltern billich zu erfreuen / daß ſie eines ſolchen ungehoͤfeltẽ Klotzes abkommen; dann ſie moͤchte lieber tauſendmal ſterben / als eine Stunde ſein Eh - gatte ſeyn. Dafern ihr nun herzliebe Schweſtern / mit mir eines ſeyn koͤnnet / wollen wir dieſem nichtwerten Ritter die Urtel ſprechen / daß er vorerſt des Ritterſtandes ſol entſetzet / und unfaͤhig ſeyn / ſich neben einem ehrliebenden Fraͤulein niderzuſetzen; ja er ſol auß allem adelichen Frauenzimmer in Ewigkeit verbannet ſeyn und bleiben. Die anweſenden lache -ten /88Erſtes Buch. ten / daß ſie dieſes mit ſolchem Eyfer vorbrachte / ohn Fulvius begunte den Auffzug zumer - ken / und ſchwur im Herzen / ihr ſolches bald erſten tages ſeiner Heyraht mit ſchwerem Wucher einzubringen. Herr Emilius fuͤrchtete ſehr / es duͤrffte dieſer Scherz einen gro - ben ungluͤklichen Ernſt verurſachen / welchem vorzubauen / er Fulvius zuredete; Er zwei - felte nicht / ſeine hohe Vernunfft wuͤrde des Frauenzimmers kurzweilige Scherzreden im beſten vermerken; fragete darauff / ob die Ritterlichen Ubungen zu Rom ſtark im ſchwan - ge gingen / und die Straſſen ſicher zu reiſen waͤhren. Welches er beantwortete: Man haͤt - te eine Zeither nichts von Mordtahten vernom̃en / ohn daß ohngefehr vor acht oder neun Wochen vier ſtatliche Ritter gutes Roͤmiſchen Adels / von vier verwaͤgenen Straſſenraͤu - bern uͤber fallen / ermordet / und nacket außgezogen waͤhren; nennete ſie auch bey nahmen / daß Ladiſla eigendlich hoͤrete / er redete von denen / welche er und Herkules im Kampff ni - dergelegt hatten / gedachte demnach / dieſes fuͤgen die Goͤtter alſo zu des luͤgeners Straffe; gab ihm auch dieſe Antwort: Der Herr verzeihe mir; ich komme auch von Rom / und weiß ſehr wol umb dieſe Begebnis / daß gedachte vier Ritter nicht von vier Raͤubern oder Moͤrdern / ſondern von zween fremden Rittern im auffrichtigen Kampffe / durch eine rechtmaͤſſige Nohtwehr erleget ſind / weil ſie dieſe mit raͤuberiſcher Fauſt angriffen / und ihnen eine Beute abzujagen ſich unterſtunden. Fulvius antwoꝛtete: Er waͤhre ganz un - recht berichtet; die Sache waͤhre ihm gar zuwol bewuſt / haͤtte auch der Ermordeten gute Kundſchafft gehabt / und wuͤrde es nimmer mehr gutheiſſen / ſo jemand / wer der auch waͤhre / ſolche ehrliche Ritter vor Straſſenraͤuber außruffen wolte; wuͤſte aber ungezwei - felt / daß ſie von ſolchen unredlichen Buben ſchelmiſcher Weiſe ermordet waͤhren. Herr bedenket euch was ihr redet / ſagte Ladiſla / es koͤnte etwa einer in dieſer ehrlichen Geſel - ſchafft ſeyn / der von dieſen vier Raͤubern angefallen / und ihnen ihren Lohn erteilet haͤtte. Wann ich ſolches wiſſen koͤnte / antwortete Fulvius / muͤſte der buͤbiſche Moͤrdeꝛ den See - len der erſchlagenen zum Verſoͤhnopffer mit meinem Schwerte abgeſchlachtet werden. Ladiſla kunte den Zorn nicht laͤnger verbergen / und ſagte: Hoͤret Fulvius / gedenket ihr dieſes zuhandhaben? ja / antwortete er / gegen jederman den es geluͤſtet. Ey wolan / ſagte jener; ſo geſtehe ich vor dieſer loͤblichen Geſelſchafft / daß mein Freund Herkules und ich / von dieſen vier Raͤubern auff freier Straſſe ohn alle gegebene Urſach uͤberfallen ſind / und wir ihnen den Lohn ihres Frevels in einem offenen Kampffe zugeſtellet haben / welchen ſie billiger von des Buͤttels Hand empfangen haͤtten. Weil ihr dañ Fulvius meinen Freund und mich ohn alle Urſach vor Raͤuber / Schelmen und Buben ſcheltet / wil ich unſer bey - der Ehre / dafern ihr keinen Wiederruff thut / wieder euch handhabẽ / ſchiebe die Schmach in euren eigenen Buſem / ſage euch auff Leib und Leben ab / und fodere euch zum offentlichẽ Kampff aus / auff daß ihr ſehen laſſet / ob ihr ſo wol fechten als ſchaͤnden koͤnnet. Das an - weſende Frauenzimmer erſchrak uͤber die maſſe / als ſie Ladiſla ſo reden hoͤreten / und ſeine feurige Augen ſahen / die ihm im Haͤupte funkelten; keiner aber von den Anweſenden kun - te ihm ſolches vor uͤbel halten / daß auch der junge Fabius zu Fulvius ſagete: Herr ihr han - delt nicht ritterlich an dieſem Helden / welches ich mit meinem Schwerte behaͤupten wil. Dieſer antwortete mit greßlichem Geſichte: Ey ſo wapnet euch ihr junge Bratvoͤgel / daß ich bald pruͤfen moͤge was ihr auff der Schuele gelernet habet / nur iſt mir leid / das meinſieg -89Erſtes Buch. ſteghafftes Schwert ich auff ſolche Laffen zuͤcken ſol. Hunde koͤnnen nichts als raſen; und Narren / als großſprechen / ſagte Ladiſla; biß aber verſichert / daß ich deſſen eine Reue in dich bringen werde. Frl. Sophia redete mit ein / und ſagte zu Fulvius; O ihr boßhaffter ehrendiebiſcher Ritter / was vor Ungluͤk richtet ihr mit eurem Luͤgenmaule an. Der Stat - halter hatte ſich in ſeinem nahen Zimmer biß daher ſtille gehalten / und alles angehoͤret / als er aber den Aufflauff vernam / ſprang er in den Saal / und geboht Friede zuhalten / oder er wuͤrde ſich ſeines Haußrechts nebeſt haben der Roͤmiſcher Gewalt zugebrauchen wiſ - ſen. Ladiſla lieff ihm entgegen / und gab zur Antwort: Mein hochwerter Herr als Vater / ich beruffe mich auff dieſe ehrliche Geſelſchafft / daß ich gezwungen werde / mit der Goͤtter Huͤlffe darzuthun / daß mein Geſelle und ich des Laſters unſchuldig ſeyn / deß uns dieſer Verleumder zeihet / oder eines ehrlichen todes zuſterben. Ihr koͤnnet nicht wol anders ſagte der Stathalter / demnach ichs ſelber angehoͤret / wie nahe mans euch geleget hat / zweiffele nicht / die Goͤtter werden der Unſchuld beyſtehen.
Inzwiſchen wahr Fulvius hinunter gelauffen / ſeine Reuter zuſamlen / und lies der junge Fabius das verabredete Zeichen mit der Tromete geben / da ſeine Leute faſt im Au - genblik beyſammen wahren / und zum Hintertohr hinein drungen. Ladiſla aber machte ſich hin zu Herkules und gab ihm daß verlauffene kuͤrzlich zuverſtehen; der ſich unluſtig befand / daß er dem Streit nicht beywohnen / noch ſeine Ehre ſelberretten kunte. Der jun - ge Fabius folgete ihm auff dem Fuſſe nach / und erboht ſich gegen Herkules / vor ihm die Stelle zu vertreten; aber Ladiſla gab zur antwort: Er moͤchte ſich gedulden / den Schaͤn - der wuͤrde der Frevel in kurzem gereuen. Nun wahr ihm des vorigen Tages ſein Schild und Harniſch von den Raͤubern uͤbel zugerichtet / daher ließ der junge Fabius ihm trefliche gute Waffen bringen / mit welchener ſich fertig machete. Er ward aber der Reuter im Platze gewahr / und fragete / was dieſe wolten? da ihn Fabius berichtete: weil Fulvius mit einer ſtarken Reuter Schaar ankommen / und ihm bald anfangs nichts gutes getraͤumet / haͤtte er auch eine Mannſchafft auffgebohten / daß man im ſall der noht beſtand ſeyn koͤn - te / wie ers waͤhlen wuͤrde. Ladiſla ſprang deſſen vor freuden auff / weil er buͤbiſcher hinter - liſt ſich nicht zu befuͤrchten hatte. Sein Fraͤulein kam auch darzu / und klagete / wie der Schaͤnder zum Abzuge ſie vor eine leichtfertige junge Metze geſcholten / und moͤchte ſie wuͤnſchen / daß dieſer Schimpf zugleich mit koͤnte gerochen werden; Worauf er antwor - tete: Mein Fraͤulein / traget nur ein wenig Geduld / ich wil meiner eigenen Schmach ver - geſſen / biß die ihre wird gerochen ſeyn; nur bitte ich / mir eine Gunſt mitzuteilen / unter de - ren Krafft und Wirkung ich deſto geherzter fechten moͤge. Sie ſahe umb ſich / uud als ſie merkete / daß ſie viere nur daſelbſt wahren / trat ſie zu ihm / kuͤſſete ihn freundlich / und ſa - gete: Ich hoffe nicht / daß H. Herkules und mein Bruder mir dieſes zur Leichtfertigkeit auß deuten werden. Fabius antwortete: So werde aber ich dirs nicht zugute halten / es ſey dann / daß du deinem Liebſten noch einen Kuß / und aͤuſſerliches Gunſtzeichen mitteileſt / welches er ſeinem feinde aufm Helme zeigen koͤnne. Meinem Liebſten? ſagte ſie; ſo muͤſte ich ja meinen H. Vater kuͤſſen; jedoch / weil derſelbe abweſend / mag H. Ladiſla / da es ihm gefaͤllig / deſſen ſtelle vor dißmahl vertreten; alſo verrichtete ſie ihres Bruders Befehl zu dreyen mahlen / und empfing gleiche Muͤnze zur Bezahlung. Hernach ſpannete ſie eineMHalß -90Erſtes Buch. Halßkette von den reineſten Demanten ab / wickelte ſie umb den Adler / der auff ſeinem Helme ſtund / und baht die Goͤtter / dafern ſie unſchuldig / moͤchten ſie dieſem Ketchen die Krafft verleyhen daß des frechen Schaͤnders Gewiſſen / wann Ers ſehen wuͤrde / ge - ruͤhret und zaghafft gemacht wuͤrde. So bald er und Fabius gewapnet wahren / nahmẽ ſie feſte Speere zu ſich / zeigeten ihren Reutern die Urſach ihres Streites an / und bah - ten im fall der Noht ihnen beyzuſtehen / welches von ihnen mit darbietung Leib und Le - bens verſprochen ward. Frl. Sophia wolte dieſem Streit zuſehen / ſetzete ſich mit den beyden Fraͤulein auff eine Gutſche / und fuhr hin nach einem hohen Zwaͤnger / von wel - chem ſie die Streitbahn uͤberſe hen kunten / da das Fraͤulein ſich gaͤnzlich ergab / im fall ihr Ladiſla das Leben verlieren wuͤrde / ſich da herunter zu ſtuͤrzen / und ihm im Tode Ge - ſelſchafft zu leiſten. Fulvius hielt ſchon drauſſen vor dem Tohr mit ſeinen leuten / und be - fand ſich ſo gar erbittert / daß er vor Rachgier faſt blind wahr. Ladiſla und Fabius folge - ten ihm bald mit ihren Reutern in zierlicher Ordnung / da Ladiſla aͤdler Knecht Markus vorhin reiten / und Fulvius in ſeines Herren nahmen auff Speer und Schwert außfodern muſte; oder da er ſo kuͤhn nicht ſeyn wuͤrde / ſich Mann an Mann zuwagen / ſtuͤnde ihm frey ſich ſeiner Leute zugebrauchen / denen gebuͤhrlich ſolte begegnet werden; die Wahlſtat waͤhre der gruͤne Anger / recht an dem Stadgraben / woſelbſt die Tugend den frevel abſtraf - fen ſolte. Fulvius gab ihm zur Antwort: Reite hin und ſage den beyden Laffen / daß ſie ſich nur gefaſſet halten / ich werde jezt da ſeyn / uñ ihnen die Milchzaͤhne beklopffen. Du ſchaͤn - deſt dieſe Ritter / ſagte Marx / als ein Verleumder / welches ich an dir behaͤupten wolte / da ich meinem Herrn vorgreiffen duͤrffte. Dieſer ſahe ſich nach ſeinen Leuten umb / und fra - gete; ob nicht einer Luſt haͤtte XX Kronen zu verdienen / und dieſem elenden das fell zu krauen. Bald taht ſich einer hervor / rante und rieff Markus nach (weil er ſchon hinritte / die Antwort zu bringen) er ſolte die Antwort zuvor recht einnehmen. Nun meynete die - ſer / es wuͤrde Fulvius etwas nachbieten wollen / hielt ſtille / und ließ ihn naͤher kommen; der aber an ſtat der Worte ihn mit dem Schwerte uͤberfiel / daß er kaum zeit hatte / das ſeine zu entbloͤſſen; da er dann / wie er zum Gewehr kam / einen hefftigen Kampff mit ihm hielt / ſchlugen verwaͤgen auff einander loß / und gaben mit wenig Streichen ihrem erhitzten Blute Lufft / daß ſie beyderſeits hart verwundet wurden / biß endlich Marx mit einem ſtoſ - ſe / den er ſeinem Feinde durch die Gurgel gab / den vollen Sieg davon brachte / und ſeinen Weg mit verhaͤngtem Zaume vornam / weil er merkete / daß etliche ſich loß gaben / ihn an - zugreiffen. Ladiſla ſahe ihn ſo blutig daher rennen / und ſagte zu Fabius: das muß ein ver - waͤgener Schelm ſeyn / der eines Abgeſandten Werbung ſolcher geſtalt beantwortet / wel - ches ich ihm wieder hoffe einzubringen. Als er aber von ihm alles Verlauffs berichtet ward / lobete er ſeine Mannheit / die er unvergolten nicht laſſen wolte; ſtellete ſeine Leute in eine zierliche Ordnung / mit Befehl / kein Gewehr zu zuͤcken / biß Fulvius Hauffe ſich regen wuͤrde / und ſetzete er ſich auff die Bahn / ſeines feindes mit verlangen erwartend; welcher auff einem groſſen ſchwarzen Hengſte daher trabete / und ſeinen Reutern geboht / ſich des Streits nicht anzunehmen / es waͤhre dann / daß ſie darzu gefodert oder gezwungen wuͤr - den. Er aber ſchickete ſich zum Treffen / und begegnete ihm Ladiſla ſehr eiſrig; hielten doch ſo feſte / dz keiner den andern im Sattel bewaͤgen mochte / ungeachtet die Speere in ſtuͤckenzerſprun -91Erſtes Buch. zerſprungen / und Fulvius ſchon erkennete / daß er kein Kind vor ſich hatte. Sie nahmen neue Speere zur hand / wie wol Fulvius das Schwert lieber gebraucht haͤtte / mit welchem er rechtſchaffen zu wuͤten pflegete / weil es ihm weder an Verwaͤgenheit noch Leibeskraͤff - ten mangelte. Aber der andere Rit muſte gewaget ſeyn / da ſie als blinde allerſeits nebẽ hin ſtachen / und doch mit Pferden und Leibern einander dergeſtalt ruͤreten / daß Roß und Mañ beyderſeits uͤbern hauffen fiel / und alle Zuſeher meyneten / es waͤhre unmoͤglich / daß ſie un - beſchaͤdiget blieben waͤhren / dann ihre Pferde zappelten und verſchieden in weniger zeit. Sie aber arbeiteten ſich ungeſeumet hervor / dann ſie wahren unverletzt blieben / wiewol ſie des harten falles beyde wol empfunden / nahmen Schwert und Schild zur Hand / und hoffeten beyde den Sieg zu erſtreiten / der nur einem zu teil werden kunte. Es wahr ein grauſamer Kampf anzuſehen / maſſen ſie einandeꝛ zuhaͤmmeꝛten / daß es funken bey hellem Tage gab; dann Fulvius wahr in Waffen lange Zeit geuͤbet / und wolte ſeinem feinde kei - nen fuß weichen / ſondern da er uͤber vermuhten deſſen feſten Stand ſahe / mehrete er ſeine Wuht je laͤnger je hefftiger. Ladiſla hingegen ging im anfange behuhtſamer / dann er mer - kete / daß hinter ſeinem feinde kraͤffte ſtecketen / auf welche er die ſeinen ſparẽ muſte; ſchuͤtze - te deßwegen ſich mehr / als er ſeinen feind verletzete / der ihm folches vor eine Zagheit auß - legte / da er zu ihm ſagete: Gilt mein Kerl / es iſt ſicherer ſpielen unter den Metzen / als unter dem Schwerte; uͤber welchen Schimpf er ſich dergeſtalt eiferte / daß er ſeiner behuhtſam - keit vergaß / und ſo hefftig auff ihn ging / daß wie ungerne Fulvius wolte / er ihm etliche Schritte weichen muſte / und daruͤber eine zimliche Wunde in die linke Schulder bekam. Das Fraͤulein wahr anfangs ſehr traurig auff der Zinnen; als ſie aber Ladiſla vermehre - te Kraͤffte ſpuͤrete / ward ſie von herzen froh / und empfing Hoffnung zum Siege; wiewol Fulvius / ungeachtet ſeiner Wunde / ſich bald wieder erhohlete / und mit ſolchem nachdruk anfiel / daß Ladiſla hernach offt geſtund / ihm waͤhren ſeines gleichen wenig vorkommen. Sie trieben dieſes eiferige Gefechte eine halbe Stunde ohn auffhoͤren / biß ſie genoͤhtiget wurden Odem zu ſchoͤpffen; ſtunden und ſahen einander mit verwunderung an / und wie hefftig Fulvius die Wunde ſchmaͤhete / ſo hoͤchlich freuete ſich Ladiſladerſelben. Nach kurzer Erhohlung munterten ſie ihre faͤuſte wieder auff / und ſagte Fulvius: Mein Kerl / was wird die Metze ſagen / wann ſie dich tod vor ihren fuͤſſen ſehen wird? Je du Schaͤnder / antwortete er / haſtu dann ſchon ſo groſſen fortel erſtritten / daß du mir den Tod anſagen darffſt? fielen hiemit auffs neue an einander / ob haͤtten ſie noch keine Arbeit verrichtet; a - ber Ladiſla brauchte ſich der Vorſichtigkeit / und ließ jenen ſich abmatten / deſſen unerhoͤr - tes wuͤten doch ſo viel durchdrang / daß jener eine fleiſchwunde ins rechte Oberbein bekam / welches das Fraͤulein erſehend / vor angſt den Nahmen Ladiſla uͤberlaut rieff. Er vernam ihre ſtimme gar eigen / ſchaͤmete ſich faſt / und in dem er ſeine Hiebe verdoppelte / ſagte er: Ich werde ja dein raſen noch endlich brechen / wo mir ſonſt die Goͤtteꝛ nicht ungnaͤdig ſind / brachte ihm auch mit dem Worte einen ſtreich uͤber das linke Bein / daß er ſtrauchelte / und keinen feſten Trit mehr ſetzen kunte; woruͤber niemand ſo hoch / als das Frl. erfreuet ward. Fulvius ſahe nunmehr / daß er dem Tode nicht entgehẽ wuͤrde / worin er ſich unwillig gab / meynete auch / auffs wenigſte ſeinen Beſtreiter mitzunehmen / und warff ihm ſeinẽ Schild wider die Bruſt / daß er ſtrauchelte / und des falles ſich kaum enthalten kunte; jedoch er -M ijhohlet92Erſtes Buch. hohlete er ſich / und ſagte: Biſtu Boͤſewicht ein Ritter / und wirffſt den Schild mutwillig von dir? trat ihm ein / und nach etlichen Hieben / deren er keinen anßnehmen kunte / ſchlug er ihn mit vollen Kraͤfften uͤber das Helmgeſichte / daß es ſich aufftaht / fuͤhrete darauff ei - nen an dern ſtreich / und hieb ihm die Zunge im Maul hinweg / daß zugleich beyde Kinne - backen abgeloͤſet wurden / und der Unterteil des Angeſichtes nur an der Haut behangen blieb / daß er alsbald tod zur Erden ſtuͤrzete / da ihm Ladiſla mit einem bittern Spotte zu - rieff: Hoͤre nun auff zu raſen und zu buhlen. Das Fraͤulein / ſolchen fall erſehend / ſprang vor freuden auff / und ſagte: Ey dem Himmel ſey Dank / daß ich von dieſem grimmigen Baͤhren erloͤſet bin / der mich hinte im Schlaf zureiſſen wolte; ließ auch alsbald einen Diener hin lauffen / ihren Eltern des Kampfs außgang anzumelden.
Der junge Fabius rennete hin zu Ladiſla / wuͤnſchete im Gluͤk zum Siege / und mey - nete / er wuͤrde alsbald nach der Stat zureiten / deſſen er aber nicht willens wahr / ſondern ihm ſein ander Leibroß zu fuͤhren lies / zu Fulvius hauffen ritte / und mit ſtarcker Stimme ſie alſo anredete: Ihr Ritter / ſagte er / deren jeden ich ehrlicher als euren geweſenen Her - ren den Ehrenſchaͤnder halte; ich habe nun an dieſem Trotzer ein hohes Fraͤulein gerochen / die er in hoͤchſter Unſchuld geſchmaͤhet hat; bin aber an ihm noch nicht vergnuͤget / ſon - dern weil er noch eines redlichen Ritters / und meine ſelbſt eigene Ehre boßhaffter Weyſe angegriffen / ſuche ich einen unter euch / der etwa ſolche ſchaͤndung gut heiſſen wolte / auff daß derſelbe des erſchlagenen Stelle wieder mich vertrete / und ich Gelegenheit habe / meines Freundes / und meine ſelbſt eigene Ehre zu ſchuͤtzen; dem ich auff den fall meines Sieges / Lebens Freyheit verſpreche / wann er Fulvius Boßheit bekennen wird. Dieſer ganze Hauffe hatte ſeine Krafft und Erfahrenheit geſehen / meineten / er wuͤrde ſich ſo gar abgemattet haben / daß er weitere Bemuͤhung nicht ſuchen duͤrffte; als ſie aber ihn noch ſo friſch reden hoͤreten / wolte ihm niemand Antwort geben; biß endlich ein junger friſcher Ritter / nahmens Meſſala / des ertoͤdteten Anverwanter aus der Ordnung hervor ſpren - gete / und zu ihm ſagte: Ritter / ob ihr redlich ſeid / weil ich nicht wiederfechten / weil ich euer keine Kundſchafft habe; daß ihr aber den redlichen Herren Fulvius vor unredlich ſcheltet / dem wiederſpreche ich ſo weit / daß ich deſſen von ihm nie ichtwas vernommen; nehme demnach / ſeine Ehre zuverfechten auff mich / weil er bißher den Ritterſtand nicht geſchaͤn - det / ſondern gezieret / auch durch feindes Hand ſein Leben unerſchrocken geendet hat. So biſtu der Mann / ſagte Ladiſla / der boͤſe Buben from ſprechen wil? kehrete damit umb / und erwartete ſeines feindes mit dem Speer / da ſie bald unmenſchlich ſtraͤnge auffeinander zuſetzeten / auch zu beyden ſeiten tꝛaffen / wiewol mit ungleicheꝛ Wirkung / maſſen dem Meſ - ſala daß rechte Bein durchſtochen ward / das daß halbe Speer drinnen ſtecken blieb / und er halb ohmaͤchtig vom Pferde ſtuͤrzete. Ladiſla ſprang ihm nach / reiß ihm den Helm ab / und ſagete: Nun erkenne Fulvius Boßheit / oder ſtirb. Dieſer ſchlug die Augen auff / und antwortete: Mein Leben ſtehet in deiner Hand / und ſage noch wie vorhin / daß ich von Ful - vius nichts unredliches weis / ohn daß du ihn deſſen jetzo zeiheſt / welches wegen meiner Un - wiſſenheit / ich weder bejahen noch leugnenkan / und da dem alſo iſt / alsdann werde ich kei - ne Warheit zu luͤgen machen; Ihr ſeid kein unhoͤfflicher Ritter / ſagte Ladiſla / deßwegen laſſet euch heilen und lebet; ſchwang ſich bald auffs Pferd / und wolte nach Fabius reiten;welcher93Erſtes Buch. welcher aber nach Fulvius leuten ſich hin begeben hatte / und ihnen dieſes andeutete: Er haͤtte einen lieben Freund / deſſen Ehre ihr Fuͤhrer unredlicher Weiſe geſcholten / und da einer ihres mittels des erſchlagenen Stelle behaͤupten wolte / ſolte er ſich melden / und ſein Leben an ſeines wagen. Bald ritte ein kurzer unanſehnlicher Ritter hervor / und antwor - tete: Mein Herr / ich laſſe euren Freund ſo redlich als er iſt / aber wann mir jemand wie - derſprechen wolte / da ich geſtehe / das Fulvius ein Großpraler geweſen / waͤhre ich geſoñen / es mit meinem Speer zuerhalten. Was biſtu dann vor ein Ritter ſagte Fabius / daß du in eines ſolchen Dienſte dich begeben haſt? dieſer antwortete: Ich habe es erſt erfahren / nachdem ich mich beſtellen laſſen / ſonſten wolte ich wol einen andern Herren gefunden ha - ben. Aber ich ſehe / daß ihr gerne ein Speer brechen wollet / drum bin ich euch zugefallen / nicht aus Feindſchaft / ſondern meine Mañheit gegen die eure zuverſuchen / ſage euch auch weiter nicht ab / als auff ein Schimpffſpiel. Dieſer wahr froh / daß er nicht gar ohn Streit abzihen ſolte / ranten beyde auffeinander / daß die Speer in die Lufft flogen / und doch kei - ner beſchaͤdiget noch im Sattel bewaͤget ward / deſſen Fabius ſich faſt ſchaͤmete. Sie leg - ten zum andern mahle ein / mit gleichem Außgange; aber im dritten Satze gingen ihre Pferde beyderſeits uͤbern hauffen. Fabius machte ſich bald loß / und erinnerte ſeinen Ge - gener / welcher Kurzius genennet ward / er ſolte ſich auff die Fuͤſſe machen / und den Streit verfolgen; aber er gab zur Antwort: Mein Herr / alles was moͤglich iſt / bin ich euch gerne zuwillen / aber dieſes iſt unmoͤglich; begehrete auch / daß man ihm auffhelffen moͤchte / da alsbald erſchien das er nur einen Fuß hatte / und das eine unter Bein ihm biß zur helffte mangelte / welches er im Streit wieder die Parther verlohren hatte; ſagte demnach zu Fabius; da ſehet ihr mein Gebrechen; ich ſol auf die fuͤſſe treten / und habe nur einen; uͤber - das bin ich euch / krafft meiner Bedingung mehr ſtreitens nicht geſtaͤndig; begehret ihr aber meiner Dienſte / ſintemahl ich vernehme / daß ihr ein Roͤmiſcher Ritmeiſter ſeyd / ſol - let ihr mich nach eurem Willen und nach meinem Verdienſte haben / der ich ſchon vor acht Jahren ein Unter Ritmeiſter geweſen bin. Fabius ließ ihm ſolches gefallen / und gab ihm Beſtallung / welches die andern ſehend / alle umb Dienſte anhielten / deſſen er ſich ſehr freuete / weil ſeine Reuter Schaar neulicher zeit durch ſeindes uͤberfall ſehr geſchwaͤchet wahr; ließ ſie alle ſeinem Faͤhnlein ſchwoͤren / und unter Kurzius befehl nach dem Lager zihen / da er ihnen ein Monat Sold vergnuͤget hatte / und Meſſala ſich verpflichten muſte / ihnen 2500 Kronen zu ſchaffen / welche Fulvius ihnen hatte verſprochen.
Die unſern kehreten wieder umb mit dem hocherfreueten Frauenzimmer nach des Stathalters Hofe / welcher von Herzen betruͤbt wahr / daß wegen ſeiner unbedachtſamen Zuſage Fulvius das Leben einbuͤſſen muͤſſen; erkennete doch Gottes Verſehung / und ſag - te zu ſeinem Gemahl: Dieſer Roͤmiſche Herr und erſter Braͤutigam unſer Tochter iſt nun dahin / und hat umb ihret willen / man kehre es wie man wil / unter feindes hand erlie - gen muͤſſen / da hingegen ich gemeynet wahr / ihm mein Kind dieſen Abend beyzulegen. Je - doch wil ich gleichwol in dieſem ſtuͤk meinen freyen Willen haben / und ihr noch vor mor - gen einen / den ich mir dieſes Augenblik in meinem Herzen erkohren / an die hand geben / und ehelich zufuͤhren / damit ich des Unweſens abkomme / und weitere Unluſt verhuͤtet werde; Ich erinnere euch aber / ſo lieb euch meine Huld iſt / daß ihr mir im geringſten nicht dawi -M iijder94Erſtes Buch. der redet / dann ich wil / wie geſagt / durchauß meinen Willen haben. Sie er ſchrak zwar dieſer Rede auffs hefftigſte / durffte aber nicht widerſprechen / nur daß ſie zur antwort gab: das Fraͤulein waͤhre ſeine Tochter / und wuͤrde er nach ſeiner Weißheit und angebehrnen Guͤte wol mit ihr verfahren. Ja / ſagte er; ſie hat ein trotziges halsſtarriges Gemuͤht / wie ich heut zum erſten mahl erfahren; aber ich werde verſuchen / ob das Reiß mir ſchon ent - wachſen ſey / daß ichs nicht mehr beugen koͤnne. Der Diener meldete ihm H. Ladiſla wie - derkunfft an / der auch ungefoderthinauff trat / und nach beſchehener Ehrerbietung zu dem Stathalter ſagete: Mein Herr / nach dem ich Ehrenhalben anders nicht gekunt / als dem Schaͤnder Fulvius das Haupt zubieten / die Goͤtter auch der Unſchuld ſich angenom̃en / uñ mir den ſieg verlihen; als bitte dienſtlich / mich des ungebuͤhꝛlichẽ Aufflaufs gꝛoßgeneigt entſchuldiget zu nehmẽ. Mein Herꝛ / antwortete er / ich habe euren harten Kampf durch ein klares Durchſicht / oben auf meinem Turm gar eben angeſehen; kan wegẽ geſchehener Eh - renrettung ihm nichts veruͤbeln / nur daß mir leid iſt / daß Fulvius ſich ſo mutwillig in ſein Verderben geſtuͤrzet / an dem gleichwol Rom nicht einen verzagten Ritter verlohren hat. Baht hierauff Herrn Kornelius und Emilius / ſie moͤchten ein halb ſtuͤndichen allein zu ſeyn / ſich nicht verdrieſſen laſſen / weil Ladiſla nach Herkules ging / und er mit ſeinen Kin - dern und Gemahl etwas zu reden haͤtte / daß ihm gleich jetzo unter die Hand gefallen waͤh - re; ging alsbald mit denſelben auf ein beſonderes Gemach / und nam die Tochter alſo vor: Liebes Kind / du haſt dieſe beyden Tage ſehr groſſe Widerwertigkeit und Anfechtung aus - ſtehen muͤſſen / und ſolches doch nicht umb Miſſetaht / ſondern um deiner Tugend und Ga - ben willen. Geſtern haben dich die Raͤuber in ihren haͤnden gehabt; heut iſt der treflichſte Ritter aus Rom / Herr Fulvius deinet / ja bloß deinet wegen erſchlagen. Nun bin ich aber nicht bedacht / ſolcher gefahr hinfuͤro mehr gewaͤrtig zu ſeyn; viel weniger noch / meinen einmahl gefaſſeten Schluß zu endern / ſondern was ich in meinem Herzen geſchworen ha - be / ſol und muß dieſen Tag erfuͤllet werden / nehmlich daß du dieſen Abend einem / den ich mir alsbald nach geendigtem Kampffe außerſehen / ehelich beygeleget werdeſt; iſt dann deꝛ Braͤutigam gleich nicht auß Rom / ſo finden ſich auch noch zu Padua gnug-aͤdle Herren / die dein wert ſind / und ich denſelben ſchon weiß / welcher dir gefallen ſol und muß; huͤte dich aber bey ſtraffe meiner Ungnade / daß du mir mit deiner heutigen Leir nicht wieder aufge - zogen kommeſt / mit welcher du dir ſelbſt dieſen Tanz gefidelt haſt / und ich ſonſt ſo eilig mit dir zu verfahren nicht gemeynet war. Hier befand ſich das Frl. in den hoͤchſten noͤhten / dariñen ſie jemals geweſen war / und kunte vor Herzenspraſt kein Wort ſagen / deßwegẽ er alſo fort fuhr: jezt wir ich in demer Mutter uñ deines Bruders gegenwart kuꝛzum von diꝛ wiſſen / ob du gehorſamen wolleſt; wo nicht / werde ich ſchon mein Vaterrecht mit zu huͤlffe nehmen. Nicht viel fehlete / ihr waͤre vor Angſt geſchwundẽ; ſie ſtund zitternd vor ihm / weil er ſie ohn unterlaß zur antwoꝛt antꝛieb / da ſie endlich ihren Brudeꝛ klaͤglich anſahe / uñ mit einem Wink zuverſtehen gab / er moͤchte ihre Stelle zur Antwort vertreten; wie er dann von ihm ſelber ſchon des willens wahr. Aber der Vater hies ihn ſchweigen / und ſagete: Was haſtu dich weiter einzumiſchen / als ich dichs heiſſe? hat ſie ſelber nicht Mauls gnug? heut uͤber Tiſche kunte ſie ja den anſehnlichen Herrn Fulvius trotzig gnug / und mit hoͤhni - ſchen reden uͤber das Maul fahren / daß mich deſſen Geduld groß Wunder nahm; wie iſtſie95Erſtes Buch. ſie dann nun ſo ſprachloß / da ſie ihrem Vater den ſchuldigen Gehorſam verſprechen ſol? Als das Fraͤulein dieſen hartnaͤckigen Vorſaz ſahe / uͤberging ſie der kalte Schweiß / ſetzete ſich nieder auff die Bank / und fiel in tieffe Ohmacht / daß die Mutter ſie ſchon vor Tod hielt. Aber der Vater riſſe ihr die Kleider auff / ruͤttelte ſie / und befahl der Mutter Krafftwaſſer zu hohlen / welches ſie im Augenblik verrichtete / daß alſo das Fraͤulein wieder zu rechte ge - bracht ward; die aber ihre Mutter baht / ſie moͤchte doch den angenehmen Tod ihr nicht hindern / weil ſie unter keinem gnaͤdigen Vater mehr Leben koͤnte. Er aber ſagte / was heiſ - ſeſtu einen gnaͤdigen Vater? einen ſolchen / der dir allen eigenen Willen goͤnnen / und dei - ne Wolfahrt nicht betrachten ſol? O nein / daß heiſſet nicht ein gnaͤdiger / ſondern ein un - vernuͤnfftiger Vater. Oder meyneſtu / ich habe nicht hoͤchſtwichtige Urſachen dieſes mei - nes vornehmens? traue mir / dein Vater bedenket wol dieſes / was dir nicht eins zu ſinne ſteigen mag; deßwegen ſihe dieſes mein beginnen nicht anders an / als welches die dringen - de Noht erfodert und haben wil. Ach mein allerliebſter Herr und Vater / antwortete ſie / ich wil folge leiſten / wanns nur nicht ſo eilig iſt. Ey wanne / ſagte er; ſo wiltu mir gehorchẽ / aber nicht wanns mir / ſondern dir gelegen iſt? ſehet doch die gehorſame Tochter / von der alle Paduaniſche billich ein Beyſpiel nehmen ſolten. Ach ihr Goͤtter / fuhr ſie fort / benehmet meinen H. Vater dieſen gefaſſeten Zorn / oder gebet meiner Seele den gewuͤnſchten Ab - ſcheid von ihrem Leibe. Du antworteſt mir hiemit auff meine frage nicht / ſagte er; und was gedenkeſtu mich mit leeren Worten abzuſpeiſen? geſchwinde / und ſage mir / weſſen du geſonnen ſeyſt / und erinnere dich / daß nicht allein Vaters Recht / ſondern auch Roͤmiſcher habender Gewalt dich zwingen kan. Ach mein Herr und Vater / antwortete ſie / iſt dañ euer vaͤterliches Herz nicht zu bewaͤgen / daß mir nur ein einziger Tag Bedenkzeit gegoͤñet wuͤr - de? Was Bedenk zeit / ſagte er; nicht ein halb viertel ſtuͤndichen; dann was haſtu noͤhtig dich zu bedenken / ob du mir wolleſt gehorſam ſeyn? oder haſtu etwa einen Ruͤkhalter ohn meinen Willen erkieſet / auff welchen du dich ſteureſt? O der vergeblichen Gedanken! A - ber auch O des elenden Roͤmiſchen Stathalters / der ſich dieſer geſtalt von ſeinen eigenen Kindern hintergehen lieſſe! Nur noch eins / mein Herr Vater / ſagte ſie; betrachtet bitte ich / ob ihr euer liebes Kind in einer gezwungenen Ehe werdet koͤnnen ſehen auß verzweife - lung dahin ſterben. Dahin ſterben? antwortete er; ich wil dz du es nit vor eine gezwunge - ne / ſondern gutwillige Ehe halteſt. Doch was zanke ich mich lange mit dir? ſprich bald ohn ferner bedenken / ob du gehorſamen wolleſt oder nicht. Hieraus merkete ſie / daß alle ihre Hoffnung vergebens / uñ ihr die Zuflucht zu Ladiſla vor der fauſt abgeſchnitten wahr; da - her erwog ſie ſich zuſterben / und gab dieſe Antwort: Nun dann mein Herr Vater / ihr habt euch ſchon gar zu lange uͤber den Ungehorſam eurer Tochter beſchweret / welches keinem Menſchen hefftiger als mir ſelbſt zuherzen gehet; wil demnach mich dieſer beſchuldigung entbrechen / und euch eben den Gehorſam leiſten / der keinen hoͤhern zulaͤſſet / auch die Goͤtter ſelbſt keinen groͤſſeren erflnden koͤnnen; als nehmlich / ich wil eures willens geleben / oder da ich nicht kan / durch willige Todesſtraffe der Anklage des ungehorſams entnom̃en ſeyn. Recht ſo / antwortete er; daß wil ich auch haben von allen meinen Kindern / wann ich ih - rer gleich tauſend haͤtte / daß ſie mir entweder gehorſamen / oder den Tod drum leyden ſol - len; und ſolches hat mich mein Uhr Anherr T. Manlius Torquatus ſchon vor 562 Jah -ren96Erſtes Buch. ren gelehret. Dann ſo wenig dieſer ſeinem Sohn den freyen willen zu ſtreiten goͤnnen wol - te / eben ſo wenig werde ich zugeben / daß du deines gefallens einen Braͤutigam waͤhlen / ſon - dern den ich dir geben werde / annehmen ſolt / ob er gleich in deinen Augen der allerveraͤcht - lichſte ſeyn wuͤrde. Ja ja mein Herꝛ Vater / ſagte ſie / ich bin viel zugeringe / eurem Willen zu widerſtreben / wovor auch ohn das die Goͤtter mich wol behuͤten werden; deßwegen oꝛd - netes mit miꝛ / wie es euch beſt duͤnket. Der Vateꝛ ſtellete ſich / als verſtuͤnde eꝛ ihre redẽ nit / und ſagte: Warumb kunteſtu mir nicht bald anfangs dieſe einwilligung in die Heyraht ge - ben / daß ich mich mit dir zuvor uͤberwerffen muß? Ihr aber / ſagte er zu ſeinem Gemahl / gehet hin / und machet die Kleider fertig; der Braͤutigam wird bald verhanden ſeyn / und in unſer dreyen einſamen Gegenwart meiner Tochter verehlichet werden / nach dem ſie miꝛ nunmehr den gebuͤhrlichen Gehorſam verſpricht / daß ichs ordnen moͤge / wie michs beſt duͤnket. Ja Herr Vater / ſagte das Fraͤulein / ich bleibe beſtaͤndig dabey / machets nach eu - rem Gutduͤnken / ich wil mich der zugelaſſenen Wahl nicht begeben / ſondern weil ich nicht gehorſamen kan / gerne ſterben. Ihr Vater kunte ſich dieſer Beſtaͤndigkeit nicht gnug ver - wundern / meynete gleichwol noch / ſie zu beugen / und ſagte: So viel ich hoͤre / geheſtu wie - der hinter dich wie der Krebs; und meyneſt du etwa ein Scherzſpiel drauß zu machen? Nein O nein / ſondern wiltu waͤhlen ſo waͤhle; dann ehe eine Stunde vergehet / ſoltu ver - heyrahtet / oder kein Menſch mehr ſeyn; alsdann kan ich erſt ruͤhmen / daß ich eine gehor - ſame Tochter gehabt habe. Die Mutter kunte den Jam̃er laͤnger nicht anſehen / begab ſich auffs weinen und flehen / und muſte auff ernſtlichen befehl ihres Gemahls weg gehen. Er aber kehrete ſich nach der Wand / und beſahe etliche Schwerter / die daſelbſt bloß aufgehen - ket wahren; daher das Fraͤulein ihr keine andere Rechnung / als zum gewiſſen und ſchleu - nigen Tode machete / und ihrem Herzen nichts ſo wehe taht / als daß ſie von ihrem Ladiſla nicht eins Abſcheid nehmen ſolte. Da nun ihr Vater zu ihr trat / und ſie abereins erinner - te / ſich im Augenblik zu bedenken / weil nach einmahl geſchehener Wahl er die Enderung ſchwerlich zulaſſen wuͤrde; ſetzete ſie ſich vor ihm auff die Knie / kuͤſſete und netzete ihm die Haͤnde mit Traͤhnen / dz ſie auf die Erde flelen / begriff ſich bald darauf / und fing dieſe Rede an: Herzallerliebſter Herꝛ uñ Vater; die Goͤtter habẽ mich ungluͤklich gemacht / dz ich euꝛes vaͤterlichen begehrens / wie ich billig ſolte / nicht geleben kan; aber dannoch mir dieſen Gna - denblik dagegen verlihen dz ich meinen Ungehorſam mit meinem Blute buͤſſen und bezah - len mag. Ich erkenne die hohe vaͤterliche Gnade / Liebe und Vorſorge / deren ich Zeit mei - nes lebens ſo uͤberfluͤſſig genoſſen / daß ich derſelben weiters nicht wert bin; uñ ob ich zwar mir gaͤnzlich vorgenommen hatte / nimmermehr ichtwas wieder meines Herrn Vaters Willen zu wollen oder waͤgern / ſo hat doch der kleinſte Gott von allen mich davon abgelei - tet / welches ich / viel einen groͤſſern zu koͤnnen / nicht getrauete. Ich erkenne meine Schuld / mein Herr Vater / und iſt mir / ſage ich nochmahl / Lieb / daß ſie kan gebuͤſſet werden; be - danke mich (eure Guͤtigkeit nicht laͤnger zumißbrauchen) der mir bißher erzeigeten Liebe und Hulde / wuͤnſche meinen Eltern langes Leben / beſtaͤndige Geſundheit und immerweh - rendes wolergehen / inſonder heit / daß die Goͤtter ihnen eine gehorſamere Tochter an mei - nes lieben Bruders kuͤnfftigem Gemahl geben moͤgen / als ich leyder nicht ſeyn kan; bitte / meinen Errettern; O ja meinem hoͤchſtverdienten Ladiſla / den lezten Gꝛuß meiner un -bruͤchi -97Erſtes Buch. bruͤchigen Gewogenheit und Traͤue anzumelden / welches mein Bruder mir nicht ab - ſchlagen wird / und waͤhle mir hiemit einen ſchleunigen Tod / aber von deſſen Haͤnden / der mir das Leben gegeben hat. Hierauff rieff ſie den Himmel an / er moͤchte ihrer Seele die Geſelſchafft der ſeligen nicht mißgoͤnnen. Der Vater lies ſie gar außreden / und ſagte her - nach: So waͤhleſtu dir den Tod? haſtu dann etwa verredet / ehelich zu werden? dieſes nicht Herr Vater / antwortete ſie. Wie kanſtu dann / fragete er / dir den Tod ſchlechter Dinge waͤhlen / ehe und bevor du vernimſt / welchen ich dir außerſehen habe; jedoch / da - mit ich weder dich noch mich laͤnger auffhalte / ſondern die Volſtreckung / wie ich geſchwo - ren ehiſtes leiſte / wil ich dir den Braͤutigam zuvor nahmhafft machen / dem du dieſen A - bend haͤtteſt ſollen beygelegt werden / wie wol ich anfangs nicht bedacht wahr / dir ihn wiſ - ſen zu laſſen / welcher gleichwol / ſo bald du wegen deines Ungehorſams abgetahn biſt / den gebuͤhrlichen Brautſchaz / und nach meinem Tode die helffte aller meiner Guͤter heben ſol; dieſer nun / gib acht / iſt eben der / welcher geſtern und heut deiner ehren verfechter geweſen / Herr Ladiſla; trat hiemit nach der Wand / nam ein Schwert in die Hand / und ſtellete ſich / als wolte er ohn Wortſprechen ihr das Haͤupt herunter ſchlagen. Das Fraͤulein / ihres Vaters letzten Worte hoͤrend / fiel vor freuden in Ohmacht / und lag geſtrektauff ihrem An - geſicht. Der Sohn trat zwiſchen den Vater und die Schweſter / und ſagete: Herr Va - ter / iſt euch mit meiner Schweſter Blute dann ſo wol gedienet / wann es durch eure ſelbſt eigene Hand auff die Erde geſchuͤttet wird / ſo vermiſchet das meine mit dem ihren / ob eure Vergnuͤgung hie durch koͤnte vermehret werden; dann ich verſchwoͤre deſſen Vaters le - bendiger Sohn laͤnger zu ſeyn / der eine ſo gehorſame Tochter toͤdten wil / und mir viel un - gehorſamern das Leben laͤſſet; iſts aber moͤglich / daß meine kindliche Bitte mag angenom - men werden / ſo verzeihet doch mir und ihr dieſen fehler / deſſen urſach ich die bloſſe Unwiſ - ſenheit halte / weil ich nicht zweifele / ſie werde nunmehr ſich dem fchuldigen Gehorſam nit entbrechen. Der Vater legte das Schwert von ſich / und ſagete: So merke ich wol / daß du umb ihre Heimligkeit mit weiſſeſt / und haſt mir ſolches verſchweigen koͤnnen? Herr Va - ter / antwortete er; ich beruffe mich auch die Goͤtter / daß ich auſſer ungewiſſer Muhtmaſ - ſung nicht das allergeringſte habe / wie vielleicht mein Herr Vater auch nicht / daher ich wol entſchuldiget ſeyn werde. Das Fraͤulein lag noch in tieffer Ohmacht / aber ihr Bru - der ruͤttelte ſie / daß ſie wieder Lufft bekam / richtete ſich gemehlich auff / und ſtritte Schahm und freude dergeſtalt in ihrem Herzen / daß ihr Wiz und Vernunfft / ja alle Gedanken ſte - hen blieben; endlich / da der Bruder ſie der Dankbarkeit erinnerte / fiel ſie dem Vater mit unzaͤhligen Kuͤſſen und Traͤhnen umb den Halß / und fing alſo an: O mein herzgeliebter Herr und Vater / jezt komme ich zur Erkaͤntniß / wie hoch ich mich verſuͤndiget / indem ohn euer Vorwiſſen ich mir einen zum Braͤutigam belieben laſſen; ich ſchwoͤre aber bey den himliſchen Goͤttern / daß weder Vermaͤſſenheit noch leichtfertige Bewaͤgungen / ſondern bloß die vermeynte Schuld der Dankbarkeit mich darzu verleitet hat / und zwar zu keiner weiteren Verheiſſung / als biß auff das vaͤterliche bewilligen; auff welche Verwegerung zwar Herrn Ladiſla zu meiden / aber auch keinen andern nim̃ermehr anzunehmen / ich mich bey der Goͤtter Ungnade verlobet habe; Dieſes iſt meine begangene Suͤnde / die hernaͤhſt mit allem kindlichen Gehorſam zu erſetzen / mich befleiſſigen wil. Ich koͤnte zwar HerrnNLadiſlaen98Erſtes Buch. Ladiſlaen uͤberauß hefftiges anhalten / und meine Unwiſſenheit / ſchon verlobet zu ſeyn / zu meiner Entſchuldigung anfuͤhren / wann ich mich nicht ganz gerne vor allerdinge ſchuldig angeben wolte. Ich verzeihe dir dein Verbrechen / ſagte der Vater / und bekraͤfftige dein Verſprechen / doch daß du zuvor hingeheſt / und dich bey H. Ladiſla ſelbſt ſeines eigemlichẽ Standes und Weſens erkuͤndigeſt / damit ich wiſſe / wovor ich ihn halten ſol / und ob er vor der Heyraht Kaͤyſerlicher Gnade beduͤrffe; aber mit dieſer ernſtlichen Verwarung / daß wo du ihm auch nur den allergeringſten Wink dieſer meiner Einwilligung geben wirſt / ehe ich dichs heiſſe / du bey mir verfluchet / und von aller meiner Hulde verbannet ſeyn ſol - leſt; wil auch alles wiederruffen / uñ dich als eine mutwillige ungehorſame zu ſtraffen wiſ - ſen. Das Fraͤulein lobete beſtaͤndig an / alles nach ſeinem Willen zu verrichten / ließ Ladiſla von der Geſellſchafft fodern / unter dem ſchein / als wolte der Vater ſelbſt ihn ſprechen; Als er nun kam / und ſie mit ihm gar allein wahr / ſagte ſie zu ihm: Mein Herr und wahrer Freund / mir zweifelt nicht / ſeine mir hochbeteurete Liebe ſtehe auf unwankelbahren fuͤſſen / und habe er das veꝛtrauen zu mir / ob ich eine verborgene frage / aus hoͤchſtzwingender noht an ihn wuͤrde abgehen laſſen / die ihm (welches ich aͤidlich angelobe) nit ſol ſchaͤdlich ſeyn / er werde ſolches von mir nicht ungleich auffnehmen. Er durch Liebe bezwungen willigte ihr alles ein; Und fuhr ſie weiter alſo fort: So iſt nun meine herzliche Bitte / mir in Ver - trauen zu ſagen / wer / und auß was Landſchaft er eigentlich entſproſſen ſey; ſonſt iſt unmoͤg - lich / daß ich euer Liebe trauen / oder auff geſchehene Zuſage mich verlaſſen kan. Nun hatte er mit Herkules ſchon abgeredet / wie weit er ſich herauß laſſen ſolte; wunderte ſich aber nicht wenig des ernſtlichen nachforſchens / und gab zur Antwort: Sie wuͤſte ja / daß ſie ſein Herz und Seele in ihrer Gewalt zu ihrem Willen haͤtte / deßwegen wolte er ihr / als ſeiner Vertraueten dieſe Heimligkeit gerne offenbahren / wie auch zum teil ſchon geſchehen / da - fern ſie nur ſolches verſchwiegen halten koͤnte. Was zweifelt mein Schaz an meineꝛ traͤue / ſagte ſie / meinet er / ich werde urſach ſeiner Ungelegenheit ſeyn wollen? doch nehme ich die - ſes auß / wann mein Herr Vater von euch dereins wegen meiner Heyraht beſprochẽ wer - den ſolte / meynet er alsdann / demſelben dieſes zu verbergen / und gleichwol ſeinen Willen zuerhalten? Nein / ſagte er / auff ſolchen fall werde ich mich ihm eben ſo kund geben / wie ich anjezt meinem hoͤchſtgeliebeten Fraͤulein in reiner Warheit zu wiſſen tuhe / daß mein Herr Vater vor neun Monat ohngefehr / todes verblichen / der ein herſchender Koͤnig in Boͤh - men wahr / uñ hat durch dieſen ſeinen Todesfall mir ſeinem einigen Sohn das ganze Reich verlaſſen / welches ich meiner Fr. Mutter / Herkules Vaters Schweſter biß auff meine Wiederkunfft zu getraͤuen Haͤnden befohlen; Ja mein Schaz / ich habe unter dem Nah - men Winnibald in Roͤmiſchen Kaͤyſerl. Dienſten mich in die anderthalb Jahr zu Felde gegen die Pannonier gebrauchen laſſen / und durch Niederlegung eines Pannoniſchen Kaͤmpfers verdienet / daß man mir das Roͤmiſche Buͤrger Recht angebohten. Sonſt ha - be ich eine einzige Schweſter von ohngefehr XV Jahren / mit welcher mein Schaz dereins Schweſterliche Liebe wol wird halten koͤnnen. Das Fraͤulein bedankete ſich herzlich / und zum Zeichen ihrer Vergnuͤgung kuͤſſete ſie ihn etliche mahl / deſſen er ſich in hoher Beluͤſti - gung verwunderte / maſſen ſie noch nie in der Einſamkeit ſich gegen ihn dergeſtalt bezeiget hatte. Nachgehends fragete ſie / wie es mit ſeiner Wunde beſchaffen waͤhre; und da ſievernam /99Erſtes Buch. rernam / daß er ſelbſt koͤſtliche Salbe mit von Rom gebracht / uñ ſie damit verbunden / auch keine Schmerzen noch einige Hinderniß daher empfuͤnde / baht ſie umb Verzeihung ihres noͤhtigen Abſcheidens / und brachte ihrem Vater die Antwort; welcher zu ihr ſagte: Nun den Goͤttern ſey Dank / daß du dergeſtalt verſorget biſt / wiewol ich lieber ſehen moͤchte / daß er eines Koͤniges Bruder / als ein herſchender Koͤnig waͤhre. Befahl hierauff / daß Mut - ter / Sohn und Tochter auff ein Gemach gehen / und was ſie auch vernehmen wuͤrden / von dannen nit weichen ſolten / biß er ſie wuͤrde fodern laſſen; dem ſie auch gehorſamlich nach - kahmẽ. Er verfuͤgete ſich darauf nach einem andern / von dieſem weit abgelegenẽ Zim̃er / in welchem nichts als die vier Waͤnde / und oben in der Hoͤhe / kleine vergitterte Fenſter zu ſehen wahren. Auff dieſes lies er Ladiſla zu ſich fodern / welcher willig erſchien / fand den Stathalter in tieffen Gedanken gehen / und in der Hand zwey groſſe Schreiben halten mit dem Kaͤyſerlichen Pitſchafft. Auff ſeine Befragung / was der Herr Stathalter ſo tieff nachſinnete / bekam er zur Antwort: Es waͤhren ihm von ſeinem allergnaͤdigſten Kaͤyſer Alexander / etliche Schreiben / unterſchiedliches Inhalts zukommen / welches er teils ger - ne / teils mit hoͤchſter Wiederwertigkeit verrichtete / weil er fuͤrchtete / es moͤchte groſſe Unruhe verurſachen. O mein Herr / taht er hinzu / es iſt hoͤchlich zubeklagen / daß mein al - lergnaͤdigſter Kaͤyſer nicht nach ſeinem Willen ſchaffen darff / ſondernofftmahl ſich von andern gezwungen muß beherſchen und noͤtigen laſſen. Er hatte dieſe Worte kaum gere - det / da erhub ſich ein groſſes Getuͤmmel auff der Gaſſen / und im Plaze des Hoffes / auch zugleich ein Geſchrey; es hielten ſich Roͤmiſche Feinde in der Stat auff / welche gegriffen / und nach Rom zu gebuͤhrlicher Straffe ſolten hingefuͤhret werden. Sie hoͤreten dieſes eigendlich / aber der Stathalter nam ſich deſſen gar nicht an / ſondern baht Ladiſla umb verzeihung wegen eines geringen Abtrittes / daß er vernehmen moͤchte / auß was Urſachen ſie bey ihrem Vorhaben ſo unbendig ſchriehen; ging hiemit von ihm / und zog die eiſerne Thuͤr nach ſich zu. Nun hoͤrete Ladiſla das Geruffe ſich ſtets vermehren / auch endlich ei - nen mit harter Stimme ſagen; ſuchet fleiſſig ihr redlichen Soldaten / daß wir den an - dern Schelmen und verraͤhteriſchen Boͤſewicht auch fahen moͤgen; der eine iſt ſchon auff dem Bette in ſeiner ertichteten Krankheit ergriffen / und ſolſein Geſelle allhie vor einer Viertelſtunde auch geſehen ſeyn / daher er ohn zweiffel dieſes Orts ſich muß verborgen halten. Hieruͤber erſchrak er ſo hefftig / daß ihm das Gebluͤt zum Herzen lieff: Roͤmiſche Feinde? ſagte er bey ſich ſelbſt; Roͤmiſche Feinde? und derſelben zween? vielleicht bin ich und Herkules verrahten / daß man uns wegen der Verſtellung vor Feinde oder Kund - ſchaffter haͤlt; ja vielleicht iſt mein Herkules wol ſchon gefangen. Lieff hiemit zur Thuͤr / zu ſehen / wie es ſeinem Freunde ginge; aber er fand dieſelbe ſo feſt verſperret / daß ihm un - moͤglich wahr / ſie zu oͤffnen. Jezt gedachte er / der Stathalter haͤtte ihn in dieſe Gefaͤngnis gelocket / daß er ihn den Außſpehern lieffern moͤchte / und fiel ihm ein / wie beſchweret er ſich befunden / dem Kaͤyſerl. Befehl nachzukommen. Bald hoͤrete er einen zum andern mahl ruffen; und dauchte ihn des Stathalters Stimme ſeyn; man ſolte nur fleiſſig ſuchen / als - dann wuͤrde ſich der Verraͤhter ſchon finden / weil ſein Geſelle ſelbſt Anzeige getahn / daß er noch auff dem Hofe ſeyn muͤſte. Hierauff ſchlug er allen Zweifel auß / und machete ihm die unfehlbare Rechnung / er und kein ander wuͤrde geſuchet; und wie er etwas jachzornigN ijwahr /100Erſtes Buch. wahr / lieff er voll Galle / und fieng an ſein Ungluͤk zu verfluchen; durffte auch die Ge - danken faſſen / ob jhm etwa durch Fraͤulein Sophien nachgeſtellet wuͤrde / und ſie zu ſeinem Ungluͤk mit liſtigen Worten ſeinen Zuſtand außgeforſchet haͤtte. O ich Un - gluͤkſeliger ſagte er / nun muß ich entwender mein Leben verlieren / oder den Roͤmern mein Koͤnigreich zinßbar machen / wo nicht gar in die Haͤnde liefern; doch wil ich lieber ſterben / als mein liebes Vaterland verrahten / oder deſſen Freyheit uͤbergeben. Aber ruͤhme dich nun / Ladiſla / du habeſt zu Padua Heyraht geſucht / und dein Leben druͤber zugeſetzet. O Fraͤulein Sophia / iſt dieſes die Liebe und Traͤue / welche ihr mir ver - ſprochen? Iſt diß der Lohn / daß ich euret wegen mein Leben ſo liderlich geſchaͤtzet / und zu euer Rettung gewaget? doch ergehe mirs nach der Goͤtter Schluß; Dieſel - ben erhalten nur meinen lieben Herkules / der wird mich ſchon raͤchen / und nicht un - terlaſſen / mein Reich zu ſchuͤtzen / auch wann er ſeines wieder erlanget hat / den Roͤmern ein ſolches Blutbad anrichten / daß mein Tod ihnen teur ſtehen ſol / wo ſie nicht gar druͤ - ber zu grunde gehen muͤſſen. Nun dann mein Herkules / ſo bewahre dich dein GOTT / und laſſe diß Ungewitter uͤber mich allein ergehen. Aber was rede ich? habe ich doch mit meinen Ohren angehoͤret / daß man dich gefangen / und wie ſie meynen / in ertichteter Krankheit angetroffen hat. O was gedenkeſtu / wo ich ſtecken moͤge? daß ich dich in deiner aͤuſſerſten Noht verlaſſe? und wie wird dein unuͤberwindliches Herz dieſe Schmach im - mermehr erdulden koͤnnen? daß du von den Schergen dich muſt ſchleppen und ſtoſſen laſ - ſen. Ich fuͤrchte / ja ich fuͤrchte / deine Großfuͤrſtliche Seele habe den alleraͤdleſten Leib ſchon verlaſſen / und ſolches vor groſſem Unmuht. Nun mein Herkules / Geduld / Geduld! biſtu dahin / ſo wil ich dir bald folgen / es ſey dann / daß ich mein Leben / dich zu raͤchen friſten koͤn - ne; alsdann wil ich dieſe Stadt ſchleiffen / und ein Erbfeind des Roͤmiſchen Nahmens le - ben und ſterben; ja ich wil alle meine Nachbarn umb mich her / ſamt den Nordiſchen Rei - chen auffwiegeln / und ganz Italien als eine fluht uͤberſchwemmen / biß dein unſchazbares Blut durch ganze Blutſtroͤme gerochẽ ſey. Es rief aber zum dritten mahle einer im Platze / an der Stimme Herrn Kornelius nicht ungleich: Habt ihr dann den Boͤſewicht noch nit ertappet? Er liegt ohn zweifel dieſes Orts verborgen; ſo bemuͤhet euch nun / daß wir ſein maͤchtig werden / als dann ſol es jhm ergehen gleich wie ſeinem ſchelmichten Geſellen. Ey ſagte er hierauff; ſo gnade dir dein Gott / liebe Seele / du unvergleichlicher Held in Ver - ſtand und Tugend; aber pfui mich / daß ich mein Schwert von der ſeite geguͤrtet habe; koͤnte dann dieſer Buben ich mich nicht laͤnger erwehren / ſo haͤtte ich ja zum wenigſten / damit ich mich ſelbſt entleiben / und dieſer Schmach entgehen koͤnte / daß ich dir / O mein getraͤueſter Freund und Bruder im Tode Geſelſchafft leiſtete / weil das feindſe - lige Gluͤk uns dieſe Lufft laͤnger nicht goͤnnen wil. Aber O ihr unſinnigen Roͤmer / iſt das euer hochberuͤhmter Verſtand / daß jhr dieſelben alsbald wegen ihres Herkom - mens vor Feinde haltet / die euch nie kein Leid getahn / ſondern alles gutes gewuͤnſchet haben? Hier hoͤꝛete eꝛ endlich die Trommete blaſen / und alles Volk verlauffen / welches ihn wunder nahm.
Nun wahr der Stathalter allemahl hauſſen vor der Tuͤhr ſtehen blieben / und hatteſeine101Erſtes Buch. ſeine Reden vernommen / wornach ihn nur einig verlangete; als er aber hoͤrete / daß er mit wuͤtigen Gedanken umbging / und der Verzweifelung nicht ferne wahr / fiel ihm ein / er moͤchte in Mangel des Schwerts etwa mit dem Kopffe wider die eiſerne Tuͤhr lauffen / oder das Brodmeſſer hervor ſuchen / ſich zuentleiben; oͤfnete deßwegen die Tuͤhr gar ſanft - muͤhtig / nam ſich durchauß keines dinges an / ſondern trat mit gewoͤhnlichen Geberden zu jhm hinein / und ſagte: Verzeihet mir. Ladiſla aber fiel ihm alsbald in die Rede / ſahe ihn mit uͤberauß greßlichen Augen an / und ſagte: Was verzeihen; ſaget mir Herr Stathal - ter / wie es meinem Bruder Herkules gehe / und gedenket nicht / daß ich ſeinen Schimpf le - bendig werde ungerochen laſſen. Ey wie ſo mein Herr / antwortete er gar ſanfftmuͤhtig; es gehet ja dem frommen Helden nicht anders als wol / ohn was die empfangene Wunde be - trifft. Was vor Wunde / fragete er; wer hat dañ das unſchuldige Herz verwundet? Mein Herr begreiffe ſich / antwortete der Stathalter / es iſt ja Herr Herkules wegen geſtriger Wunde etwas ſchwach. Wie? ſagte dieſer; traͤumet mir dann / oder iſt mir das Gehirn verruͤkt? Ich meyne ja nicht anders / es haben ſich etliche hoͤren laſſen / wie ſie ihn auff dem Bette in ertichteter Krankheit ergriffen. Da begunte nun der Stathalter ſich uͤber auß leidig anzuſtellen / und antwortete: O mein lieber Herr und Freund / es iſt mir ſehr leid / dz durch die unvorſichtige Tuͤhr verſperrung ich ihm ſo ungenehme Gedanken erwecket ha - be. Aber dieſer ſtund annoch im zweifel / lieff nach der Tuͤhr / und kuckete hinauß / ob eini - ge Verraͤhterey verhanden waͤhre; und wie ſtille er gleich alles ſahe / lag ihm doch die Ein - bildung ſo ſtark im Gehirn / daß er ſagete: Mein Herr / wie unſchuldig ich mich gleich aller Untaht weiß / kan ich mich doch nicht wol bereden / daß ich weit irre / es werde mir dann an - gezeiget / was vor ein Getuͤmmel unten im Hofe geweſen / und was vor verſtekte man geſu - chet. O meinwerter Herr / antwortete er / iſts wol moͤglich / daß er daher einige widrige Ge - danken ſchoͤpffen moͤgen? ſo muß ich mich ſelbſt anklagen / daß durch meine Unvorſichtig - keit er darzu veranlaſſet iſt. Er weiß / daß ich zweyer Kaͤyſerl. Schreiben gedacht / deren wichtigſtes eine ungewoͤhnliche durchgehende Schatzung fodert / welche / wie ich fuͤrchte / groſſe Unruhe verurſachen wird. Das andere betrifft das jezt ergangene / und werde ich be - fehlichet / fleiſſige Nach ſuchung auff dem Lande und in den Staͤdten zu tuhn / ob nicht etli - che Auffruͤhrer von der Beſatzung zu Rom / welche außgeriſſen / ſich hieherumb auffhalten moͤchten / auff dieſelben ſolte ich ein gewiſſes Geld ſchlagen / und wann ſie ergriffen wuͤr - den / lebendig gen Rom liefern laſſen. Als ſolches durch den Schreiher kund worden / hat man alsbald einen Feldwebel und Faͤhndrich außgeſpuͤret / die zwar angepacket / aber bald wieder außgeriſſen / und ſich auff meinem Hofe verſtecket hatten / ſind doch / einer im Pferdeſtalle auff meines Reit Knechts Bette / der ander gleich hierunter im Waſchhauſe wieder ergiffen worden.
Ladiſla erhohlete ſich hier auff / ſtund als waͤhre er vom Schlaffe erwachet / und wolte das Mißtrauen noch nicht allerdinge weichen / ſondern hielt an / dz ihm moͤchte ver - goͤnnet ſeyn / nach ſeinem lieben Herkules zu gehen. Je warum nicht / ſagte der Stathalter / nur allein bitte ich / mein Herr wolle ihm ja nichts widriges von mir einbilden / oder meine Traͤue in Zweifel zihen. Davor behuͤten mich die Goͤtter / antwortete er / dz ſolche GedankẽN iijmeinen102Erſtes Buchmeinen Siñ einnehmen ſolten; aber ich bin die zeit meines Lebens in ſo groſſer Angſt nicht geweſen / als dieſe halbe Stunde / und iſt mein beſtes / daß ich kein Schwert bey mir gehabt / ich haͤtte ſonſt vielleicht / Schimpf zu meiden / mir das Leben abgekuͤrzet / da ich ruffen hoͤre - te / der eine waͤhre ſchon gefangen / und nach Verdienſt zugerichtet / und hielte ſich der andeꝛ auch dieſes Orts auff. Ob nun wol ich mir durchauß nichts boͤſes bewuſt bin / deſſen ich meinem eigenen Gewiſſen Zeugniß abfodere / iſt doch die Verraͤhterey und Hinterliſt ſo groß / daß man der Welt nicht trauen darff; und machte ich mir die Gedanken / ob nicht et - wa Fulvius Freunde ſolchen Lerm erwecketen / und durch unbillige Rache mein Verderbẽ ſucheten; welches unter falſchem ſcheine / daß ich ein fremder bin / ſie leicht haͤtten zu werk richten moͤgen. Als der Stathalter dieſes hoͤrete / ließ er ſein betruͤbtes Angeſicht ſehen / uñ ſagte: Es moͤchte eine bloſſe Unvorſichtigkeit niemahls ſo groſſen ſchꝛecken erwecket haben / als anjezt leider geſchehen waͤhre / welchen aber durch ein angenehmers zuerſetzen er ihm wolte laſſen angelegen ſeyn. Fuͤhrete ihn auch mit ſich uͤber den Plaz nach einem koͤſtlichen Gemache / da ihm Herkules Leibknabe begegnete / und von demſelben ſeiner uͤbrigen Sorge gaͤnzlich entlediget ward.
Inzwiſchen hatte die Mutter ihre Tochter als eine Fuͤrſtl. Braut außgeputzet / da ſie wie ein gemahletes Bildichen glaͤnzete. Ihr langes gelbes Haar hing ihr auff dem Ruͤcken nieder; oben auff dem Haͤupte hatte ſie einen gruͤnen Kranz mit ſchoͤnen Blu - men und koͤſtlichen Kleinoten durchſetzet; jhr Oberkleid wahr ein ſchneweiſſes Silber - ſtuͤk / mit eingewirketen Blumen; der Unterrok ein Tyriſcher Purpur mit einer Perlen - ſchweiff / und forne herab mit vierdoppelten Reihen Demanten verbremet; aber dz ſchein - bahreſte an ihr wahren die verliebeten Auͤgelein / welche die uͤbermachte herzens Freude dañoch ſo voͤllig nit entwerffen kunten / wie ſehr auch die lebhaffte Farbe des nach wunſch gebildeten zarten Angeſichts ſich bemuͤhete / ihnen die huͤlffliche Hand zu bieten. In beyden Ohren hatte ſie zwo Perlen hangen als eine groſſe Haſelnus / die auff 6000 Kronen ge - ſchaͤtzet wurden. Ihr Halßketchen wahr von eingefaſſeten Demanten fuͤnffdoppelt umb den Halß / und hing zu unterſt dran recht zwiſchen ihren Bruͤſten ein Kleinot in Geſtalt des kleinen Liebegottes / groſſes werds. Auff dem Daumen trug ſie einen groſſen guͤldenen Ring mit einem Demant / der ſeiner groͤſſe und reinigkeit wegen hoch geſchaͤtzet wahr / mit welchem ſie ihrem liebſten ſolte vermaͤhlet werden. Der Stathalter wahr kaum mit Ladiſ - la auff das zierliche Gemach getreten / da kam ein kleines Maͤgdelein / und zeigete an / man wartete auff nichts / als auff ſeinen Befehl; da er alsbald Ladiſla alſo anredete: Mein hochgeliebter Herr und Freund; billig muͤſte ich von den Goͤttern gehaſſet / und von allen redlichen Menſchen geſchaͤndet werden / wann ich unbemuͤhet bliebe / etwa eine Gelegen - heit zu ergreiffen / wodurch die treflichen Dienſte / unter Lebensgefahr mir und den meinen erzeiget / in etwas erkennet wuͤrden. Nun weiß ich ſchon vorhin wol / daß mein Geld und Gut / ob ich deſſen gleich / den Goͤttern ſey Dank / zur zeitlichen Notturfft uͤbrig habe / der Guͤltigkeit eurer Woltahten die Wage nicht halten kan; ja von meinen Herren uñ Freun - den nicht eins wil angenommen werden / wie inſonderheit ſein Freund Herr Herkules ſich deſſen am meiſten wegert; ſo habe ich doch unter andern ein mir ſehr beliebtes / bißher wol verwahrtes / und meinem beduͤnken nach / zimlichen werdes Kleinot / welches ich vielleichtaus103Erſtes Buch. auß ſonderlicher Neigung hoͤher als ein ander ſchaͤtzen mag; Dieſes meinem Herrn / als der inſonderheit ſich meiner Tochter angenommen / einzuliefern / habe ich mir gaͤnzlich vor - geſetzet / der Hoffnung gelebend / er werde mir ſolches nicht / wie das geſtrige / veraͤchtlich außſchlagen / ſondern von meiner Hand unwegerlich annehmen. Ladiſla antwortete ihm: Mein hochwerter Herr; ich bitte ſehr / meine geringſchaͤtzigen Dienſte nicht ſo gar uͤber ihre Wirdigkeit zu erheben / als die geſtriges Tages mit wenigen Schwertſchlaͤgen ver - richtet ſind / und mein Freund Herkules mehr als ich dabey geleiſtet hat. Wie ſolte dann mit gutem Gewiſſen / uñ Verletzung meines Ritterſtandes ich davor ſo hohe Belohnung annehmen / und ein ſo liebes hochwertes Kleinot ihm abhaͤndig machen koͤnnen? gnug iſt mirs / und uͤber gnug / daß ich die Ehre gehabt / den unſchuldigen hochbetruͤbten Fraͤulein in ihrer gefahr beyzuſpringen / als durch welches mittel ich in meines Herꝛn kundſchaft ge - rahten bin. Dafern nun mein Herr einigen guten willen zu mir traͤget / bitte ich von herzẽ / mich mit weiterer noͤhtigung / das Kleinot anzunehmen / guͤnſtig zuverſchonen. Nun mein Herr / ſagte der Stathalter / ſo ſchlaget ihr mir auch dieſes mein Erbieten voꝛ deꝛ Fauſt rein abe? wol dañ / ſo muß ich gleichwol verſuchen / ob meiner Tochter haͤnde geſchikter uñ gluͤk - ſeliger ſind / euch ſolches beyzubꝛingen. Ladiſla wolte nochmahls umb verzeihung ſeines wegerns anhalten; aber das Fraͤulein trat gleich zur Tuͤhr hinein / welche dieſen Weg mit ſo erſchrockenem Herzen ging / als ſolte ſie einem ganz unbekanten zugefuͤhret werden / daß ſie ſchier nicht wuſte / ob ſie gehen oder verzihen ſolte; endlich ſtraffete ſie ſich ſelbſt / daß ſie Urſach der Verzoͤgerung ihrer Vergnuͤgung waͤhre / machte ſich mit geraden Fuͤſſen fort / und trat nach ihres Vaters Anordnung ein kleines Maͤgdlein mit einem kleinen verguͤl - deten Schrein hinter ihr her. Es ſchwebeten aber ſo viel und mannicherley Gedanken in ihrem Gehirn umbher / daß ſie als eine trunckene wankete / und mit dem Fuſſe / da ſie ins Gemach trat / wieder die Unterſchwelle ſties / daß der Kranz auff ihrem Haͤupte loß ward / und ſie denſelben herunter nehmen / und in der Hand tragen muſte. Ihr Vater aber ſtelle - te das kleine Maͤgdlein ihr an die Seite / und redete ſie alſo an: Geliebtes Kind; die Ver - geltung / ſo ich Herren Ladiſla heut / wie du weiſt / vor ſeine hohe Dienſte zugedacht habe / kan ich ihn nicht bereden / daß ers annehme / wie fleiſſig ich auch bey ihm anhalte / und mich deſſen doch nicht wuͤrde unterſtanden haben / wann du mich nicht viel eines andern berich - tet haͤtteſt. Sie aber ward dieſer Rede ſchamroht / und laͤchelte / in Meynung / ihr H. Va - ter wolte ſie noch weiter auffzihen / daher ſie nichts antwortete. Ladiſla wahr ſehr betruͤbet / daß er ſo hart genoͤhtiget ward / haͤtte auch ſchier Eingewilliget / in Betrachtung / daß er das Geſchenke in andere wege mit gleichem Werd erſetzen koͤnte; aber Herkules Wider - wille / und der uͤbelſtand fiel ihm zu ſtark ein / daß jhm unmuͤglich wahr / ſich zu erklaͤren / uñ ja ſo ſtille als das Fraͤulein ſchwieg; die jhn mit hoͤchſter Verwunderung anſahe / und nit wuſte / weſſen ſie ſich verhalten ſolte; endlich aber antwortete ſie ihrem Vater alſo: Sol - te Herrn Ladiſla ſein ſtilleſchweigen oder Verwegerung ungetichtet ſeyn / alsdann wuͤrde ich mich in die Welt nicht zuſchicken wiſſen / ſondern haͤtte urſach / mich deſſen zubeſchwe - ren. Durch dieſe Hefftigkeit ward Ladiſla bewogen in des Stathalters Begehren einzu - willigen; welches derſelbe merkend / ihm mit dieſer Rede zuvor kam. Nun wolan Herr Ladiſla / es haben gewißlich ihrer wenig ſich zu ruͤhmen / daß ich ihnen gegenwaͤrtiges meinliebſtes104Erſtes Buch. liebſtes Kleinot angebohten; weil er mir aber ſolches lieber / als ihm ſelber goͤnnet / wil ich ihn weiters nicht bemuͤhen / ſondern es einem andern vorbehalten / und doch auff andere Mittel bedacht ſeyn / ihm ſeine Freundſchafft und Dienſte zuvergelten; aber dein wunde - re ich mich / ſagte er zu der Tochter / daß du mich viel eines andern berichtet haſt. Wem wahr lieber als Ladiſla / daß er wieder ſeinen Willen nichts nehmen ſolte? er fing an ſich zu bedanken / daß er der Anmuhtung mit gutem Willen uͤberhoben waͤhre / hoffete auch / ſein hochgewogenes Fraͤulein / welche vielleicht ſeine Gedanken nicht recht moͤchte ge - faſſet haben / wuͤrde ihm ſolches zum aͤrgeſten nicht auß deuten / weil er ſich einer ſo teuren Vergeltung unwirdig ſchaͤtzete / er auch ſeine Dienſte nicht in ſolchem Vorſatze angewen - det haͤtte; und waͤhre ihm lieb daß dieſelbe einem wirdigern vorbehalten wuͤrde / er haͤtte an der bloſſen Gutwilligkeit und angebohtenen Ehre uͤbrig gnug; jedoch / wann er die Kuͤhnheit brauchen duͤrffte; wolte er umb die freye Wahl eines Geſchenks bitten / da es ſonſt zugleich mit der Fraͤulein Willen geſchehen koͤnte. Der Stathalter haͤtte der Ant - wort gerne gelachet / da er ſeiner Tochter braungefaͤrbeten Eyfer ſahe / der ſich bald in eine bleiche verenderte / und ſie ihn ſchon von der Seiten ſehr ſaurſichtig anblickete / ihr gaͤnz - lich einbildend / Er wuͤrde wegen daß ihr Vater ſie ihm angebohten / wiedrige Gedanken jhrer Ehren und guten Leumuts geſchoͤpffet / und des Kauffs Reue bekommen haben. La - diſla harrete inzwiſchen auff des Stathalters Einwilligung wegen ſeines anmuhtens / welcher zu ihm ſagete; Mein Herr / er weiß ja ohn daß / welche Freyheit ich ihm zugeſtellet / nach ſeinem Willen zu fodern und zubegehren; daher mir nichts liebers ſeyn kan / als wañ er ſich deſſen kuͤhnlich gebrauchen wuͤrde; weil ich aber befuͤrchten muß / daß er umb ein ſo geringes anhalten moͤchte / welches ohn meine Beſchimpffung den nahmen eines Ge - ſchenks nicht haben koͤnte / wird er mir verzeihen / daß ich biß auff daß ergangene Anhei - ſchen / die Einwilligung auffſchiebe. Ich wil nicht hoffen / antwortete er / daß ich meinem Herren zuwieder etwas waͤhlen werde / ſondern meine Bitte reichet nur biß an daß koͤſt - liche Kraͤnzlein / welches mein Fraͤulein auff ihrer Hand traͤget / und ich auff Einwilli - gung vor eine mehr als uͤberfluͤſſige Belohnung meiner geringfuͤgigen Dienſte rechnen wuͤrde; trat hiemit zu ihr hin / in hoffnung / den Kranz ohn Wegerung von ihr zu empfan - gen. Aber er ward heßlich betrogen; maſſen ſie auff ſeine naͤherung zu ruͤk trat / nnd mit veraͤchtlicher Rede ſagete: O nein ihr falſcher Ladiſla / iſt es euch ſo ein geringes / Goͤtter und Menſchen zu taͤuſchen / und eine Kunſt / ein einfaͤltiges Fraͤulein auffzuzihen / werdet ihr trauen von mir unwirdig geſchaͤtzet / die geringſte Blume / ich geſchweige dieſen Kranz zuerhalten. Der arme Ladiſla erſchrak uͤber ihren unfreundlichen Anblicken und ſauerer Rede ſo hart / daß ihm unmoͤglich wahr / ein woͤrtlein vorzubringen / oder einen Fuß aus der Stelle zuſetzen; endlich fing er an: Nun nun mein Fraͤulein / hat euer gehorſamſter Knecht / welches er doch nicht weiß / ſich an euch verſuͤndiget / ſo nehmet / zur bezeugung ſeiner Unſchuld dieſe letzte entſchuldigung von ihm an. Er wolte weiter reden / aber die Zunge verſagete dem Willen weitern Gehorſam / und ſuchte die Ohmacht das uͤbrige zu volſtrecken; welches der Stathalter erſehend / ihn bey dem Arme ſchuͤttelte / und zu ihm ſagte: Nicht alſo mein geliebter Herr / nicht meiner Tochter Kranz / ſondern wer denſel - ben / weil es ihr Brautkranz iſt / von ihr begehret / muß ſie darzu nehmen; und zwar dieſemei -105Erſtes Buch. meine liebſte einige Tochter iſt eben das Kleinot und Geſchenk / welches ich ihm zu lieffern willens bin / und er mir ſolches / ohn zweiffel auß Irtuhm und Unwiſſenheit außſchlaͤget / und nichts mehr als dieſen elenden Kranz an ihre Stat fodert. Dieſes nun brachte ihm eine ſo gelinge Verenderung / daß er vor freuden ſein ſelbſt vergaß. O mein hochgeneigter Herr und Vater / ſagte er; ich verfluche meiner Jugend Tohrheit / in dem ich unbedacht - ſamer Weyſe mich eines dinges wegere / daß mir lieber als meine Seele iſt; kuͤſſete ihm die Haͤnde aus groſſer Liebe / und fuhr alſo fort; Ich haͤtte nimmermehr gedacht / daß ſo groſ - ſe Hulde euer Vaterherz eingenommen / die dieſes volkommene Frl. mir zur Vergeltung wuͤrde folgen laſſen; ſonſten muͤſte ich ſchandwirdig ſeyn / wann ich mich hierzu ſolte laſ - ſen bitten / warumb ich ſo inſtaͤndige Anſuchung getahn; Es iſt aber meine Vergnuͤgung viel groͤſſer / als daß ich ſie mit Worten oder Geberden ſolte koͤnnen an den Tag geben / da - her mein Herr und Vater keiner andern Dankſagung gewaͤrtig ſeyn wolle / als welche in ſteter Bereitwilligkeit ſtehet / deſſen Gebohten und Befehlen Tag und Nacht zugehorſamẽ / als lange meine Seele in mir wird rege ſeyn. Geliebter Herr und Sohn / antwortete er; mein Wort iſt geſprochen / weil ich in heimliche Erfahrung / nicht ohn ſonderbahre Her - zensfreude kommen bin / daß mit dieſer Vergeltung ich euch den angenehmſten Willen eꝛ - zeigen wuͤrde / wie ihr deſſen nicht allein wirdig ſeyd / ſondern ich auch erkennen muß / daß jhr ſie gedoppelt mit dem Schwerte gewonnen / jhre Ehre und Leben gerettet / und durch eure herrliche Tugend ſie euch verbunden gemacht; daher mirs billich zum hoͤchſten Un - glimpf muͤſte außgeleget werden / wann ich ſie ſeinem Willen eine Stunde vorenthielte; Iſt demnach mein ganzer Vorſaz / daß ſie dieſen Abend meinem Herrn Sohn ehelich ver - trauet und beygelegt werde / welches die Goͤtter mir zur freude auf meinen Geburstag alſo ſchicken; und kan das Hochzeit Feſt nach ſeinem belieben eꝛſtes Tages folgen / ſo bald Herꝛ Herkules voͤllig wird geneſen ſeyn. Da ging nun Ladiſla verliebte Seele in vollen ſpruͤn - gen / als er hoͤrete / daß er ſeiner Liebe den freyen Zaum duͤrffte ſchieſſen laſſen.
Das Fraͤulein hatte ſehr ungleiche Gedanken von ihm geſchoͤpffet / vernam aber nunmehr den Irtuhm / und hermete ſich uͤberauß ſehr / wegen der außgeſtoſſenen Reden / daß ſie weder jhren Vater noch Liebſten anſehen durffte. So hatte auch Ladiſla das Herz nicht / zu ihr hinzutreten / biß der Vater zu ihm ſagete: Ich weiß nicht / Herr Sohn / war - umb er anjetzo weniger / als vorhin ſich zu meiner Tochter nahet / da ſie doch ſchon ſeine iſt? Worauff er antwortete: Seine Liebe waͤhre zwar im hoͤchſten Gipfel / aber die Gluͤkſelig - keit ſo groß / daß ſie von ſeinen Gedanken nicht koͤnte abgefaſſet werden. Ey / ſagte der Va - ter / ſo wil ich durch meinen Abtrit euch Raum geben / eure Gedanken recht zu ſamlen. Du aber / ſagte er zu der Tochter / ſchicke dich auff eine gebuͤhrliche Abbitte / deiner begangenen Grobheit; ging alſo davon / und ließ H. Kornelius und H. Emilius mit ihren Gemahlen und Toͤchtern anfodern / auff ſein Geburts Tages-Feſt in feyerlicher Kleidung zu erſchei - nen / wie ſie darzu ſchon erbehten waͤhren. Nach ſeinem Abtrit umbfing Ladiſla ſein Fraͤu - lein gar lieblich / und ruͤhmete ſein Gluͤk / daß er nunmehr die Freyheit haben wuͤrde / ſich an ſeiner Hochgeliebten zu ergetzen / wiewol er nicht abſehen koͤnte / was vor Bewaͤgung den Vater zu ſo hoher Beguͤnſtigung angetrieben haͤtte. Sie aber fing mit demuͤhtiger Rede an / den begangenen frevel jhr nicht zu verargen / deſſen urſach er ſelbſt erkennen wuͤrde / er -Oboht106Erſtes Buch. boht ſich nach dieſem zu allem Gehorſam / als viel einem Gemahl zu leiſten moͤglich waͤh - re / und ſagte hernach: Wir haben den Goͤttern hoch zu danken / vor ihre uns erzeigete Gnade / aber die jetzige freude iſt mir vor einer Stunde dergeſtalt beſalzen / dz ich des ſchree - kens in einem Monat nicht vergeſſen werde / angeſehen ich mich dem Tode ſchon ergeben / und den Halß dem Richtſchwerte willig dargebohten hatte; erzaͤhlete hiemit kuͤrzlich / wie der Vater mit ihr geberdet / und nach Anzeige ihreꝛ Frau Mutter / bloß allein zur ſtraffe / daß ſie ohn der Eltern Vorwiſſen und Bewilligung ſo kuͤhn geweſen / ſich ehelich mit ihm zu verſprechen. Ladiſla klagete ihr ſein uͤbergeſtandenes auch / welches ohn zweifel jhm auß eben der Urſach begegnet waͤhre / und er doch gerne verſchmerzen wolte / ungeachtet er dem Tode ſich nie ſo aͤngſtig als dißmahl ergeben haͤtte; aber / ſagte er / diß ſind gar zu traurige Geſpraͤche / und reimen ſich nicht zu unſer Wolluſt. Das Fraͤulein erinnerte ihn / ſie wuͤr - den vor dißmahl nicht lange zeit zum Geſpraͤch haben / ſondern er wuͤrde ſich gefallen laſ - ſen / die taͤglichen Kleider abzulegen / weil ihre Verwanten ſich bald zur Vermaͤhlung ein - ſtellen wuͤrden; daher er nach freundlich genommenem Abſcheide hin zu Herkules ging / und ihm ſeinen Zuſtand zuwiſſen taht / der ihm Gluͤk und Gottes Segen darzu wuͤnſchete. In zwiſchen waͤhlete er aus ſeinen vier Kleidern eines von Silberſtuͤk gemacht / daß er dem Fraͤulein moͤchte gleich gekleidet ſeyn; ſteckete einen langen ſchneweiſſen Federbuſch auff den Huet / an dem ein Kleinot in Geſtalt eines Loͤuen der ein Schaͤfflein im Rachen trug / gehefftet wahr. Das Feldzeichen / in welchem er einen leichten verguͤldeten Degen trug / wahr purpurfarbe / mit ſchoͤnen morgenlaͤndiſchen Perlen hin und wieder als mit Traͤh - nen behefftet. Er legte auch eine koͤſtliche Demant Kette umb den Huet / und ein par Arm - baͤnder / von gleicher Art umb die Arme; wickelte zwoͤlff ſtuͤcke der zierlichſten Kleinot in ein ſchneweiſſes ſeidenes Tuͤchlein / und ſendete ſie dem Fraͤulein bey Tullius ſeinem Leib - knaben / welche ſie in Gegenwart ihrer Eltern empfing / und ſich ſaͤmptlich verwunderten / daß ein umbſchweiffender Ritter ſolche ſachen bey ſich fuͤhrete. Bald darauff ſtelleten ſich die erbehtenen Anverwanten ein / denen es fremde wahr / daß in ihren beſten Kleidern zu erſcheinen ſie erſuchet wahren.
Der junge Fabius baht ſeine Schweſter / daß ſie mit Frl. Urſulen auff ein Nebenge - mach gehen moͤchte / woſelbſt er mit ihr abſonderlich zureden haͤtte; Wie er dann folgen - der geſtalt ſich daſelbſt herauß ließ: Herzliebe Schweſter / wie hefftig mir deine heutige Angſt zu Herzen gangen / ſo hoch erfreue ich mich deines jetzigen Gluͤckes / worauß ich die - ſes zur Lehre faſſe / daß die Goͤtter uns Menſchen wunderſelten eine Vergnuͤgung goͤnnen / bevor ſie uns den bittern Leidensbecher zu trincken geben; wuͤnſche dir aber Gluͤk und den himliſchen Segen zu deiner inſtehenden Heyraht / und kan nicht umb hin / dir meine biß - her verſchwiegene Heimligkeit zu entdecken / wie ich nunmehr in die zwey Jahr mit mei - nem herzgeliebten Fraͤulein gegenwaͤrtig / in vertraulicher Liebe gelebet / ſo daß wir nicht als durch den Tod moͤgen geſcheiden werden; Wann du nun bey unfern Eltern durch deine Vorbitte erhalten koͤnteſt / daß unſer Beylager zugleich mit deinem fortginge muͤſten wir dir deßwegen hoͤchlich verpflichtet ſeyn. Frl. Sophia fahe ihre Waſen an uñ laͤchelte; wel - che Fabius Reden gerne geleugnet haͤtte; weil ſie aber keine Zeit zum langen Geſpraͤch uͤ - brig hatten / bekam der Bruder die Verheiſſung von der Schweſter / ſie wolte ſein Beyla -ger107Erſtes Buch. ger ihr eben ſo hoch als ihr eigenes laſſen angelegen ſeyn / hoffete auch / durch Ladiſla Vor - bitte wol durchzudringen. Sie verfuͤgeten ſich alſo wieder nach dem Saal / gleich wie der Braͤutigam durch eine andere Tuͤhr hinein trat / und der Stathalter jhn nach freundli - chem empfahen dem Fraͤulein zufuͤhrete; welches die anweſende nicht wenig befremdete / aber durch des Stathalters Vorbringen bald unterrichtet wurden / welcher alſo anfing: Geliebte Herren und Freunde; da ſehet ihr den vor treflichen Ritter und Herꝛn / Herꝛn La - diſla / dem zwar viel ein hoͤher Ehren Nahme zuſtehet / welchen ich doch / weil es ihm alſo ge - faͤllet / gerne ungemeldet laſſe. Dieſer Herr / was maſſen er meiner liebſten einigen Tochter Ehr und Leben geſtern und heut geſchuͤtzet / iſt niemand unter euch unwiſſend. Als ich nun gemerket / daß eine bruͤnſtige wiewol zuͤchtige Liebesflam̃e ſich zwiſchen ihnen angezuͤndet / daß ſie lieber allein / als in anderer Gegenwart mit einander ſchwatzen wollen / und aber in meiner Jugend an mir ſelbſt und meiner Pompejen erfahren / daß wann die Vogel begin - nen zu niſten / ſie ſich ſchon vergeſellet haben / und auff weiteres gedenken / ſo habe ich das rahtſamſte zu ſeyn gemeynet / jhnen den Zweg umb ſo viel naͤher zu ſtecken / damit allerhand Ungelegenheit und Verdacht moͤge abgewendet werden; bin demnach entſchloſſen / ihnen dieſen Abend das Beylager zu machen / damit nicht morgen ein ander kom̃e / der / wie heut geſchehen / meiner Tochter halben des Lebens ohn werde / oder es einem andern nehme. Was dieſen Ritter und Herren betrifft / dafern ich nicht wuͤſte / ihn meiner Tochter gnug wirdig zu ſeyn / haͤtte ich ein ſo wichtiges Werck in langwieriges Bedenken gezogen / ohn - geachtet er meine Tochter ihm ſelbſt erſtritten hat; Wollen demnach meine Herren und Freunde dieſer Schleunigkeit ſich nicht verwundern / oder einige ungleiche Gedanken dar - auß ſchoͤpffen / nach dem ich ſie bey meinen Ehren verſichern kan / daß der H. Braͤutigam und die Braut dieſes mein Vorhaben kaum vor anderthalb Stunden ſelbſt erfahren. Die Anweſende gaben ihm recht / nur daß H. Kornelius / der ihm am naͤheſten ſtund / ihm heimlich ins Ohr raunete; Er wuͤnſchete von herzen Gluͤk und Heil zu der Heyraht / haͤtte daran durch auß nichts zu tadeln / wann es nur von andern im beſten auffgenommen wuͤr - de / daß man ſo geſchwinde verfuͤhre / und gleichwol fein ſtuͤnde / daß man Herrn Ladiſla ehe vor einen Freyer als Braͤutigam erkennete. Aber der Stathalter gab zur Antwort: Es hinderten ihn boͤſer Leute Maͤuler nicht / die viel zu geringe waͤhren / ſeinen heiligen Vor - ſaz wanken zu machen. In deſſen fing Ladiſla alſo an: Hochmoͤgender Herr und Vater / auch Gn. Fr. Mutter / und ſaͤmtliche werte Herren / Frauen / Fraͤulein und Freunde: Das eigenwillige Gluͤk / welches mir / ungeachtet meiner Jugend / manniche Tuͤk erwieſen / hat ſich heut ſo uͤbeꝛfluͤſſig guͤnſtig erzeigt / dz ich alles vorige hiedurch tauſendfach erſetzet halte / indem es meinen Herrn Vater beredet / das Durchleuchtige mit allen jungfraͤulichen Ga - ben und Tugenden außgezierte Fraͤulein / ſeine herzvielgeliebte Frl. Tochter mir nicht al - lein zu verſprechen / ſondern alsbald darauff an die eheliche Hand zu geben. Wie ich nun hiedurch den inniglichen Wunſch meiner Seele erhalten / alſo befinde ich mich ſchuldig / vorerſt meinem Herr Vater und Fr. Mutter / Dank und kindlichen Gehorſam / meiner herzgeliebten Frl. Braut eheliche Traͤue und Ergebenheit; und der geſamten hochanſehn - lichen Freundſchafft / gebuͤhrliche Ehre zu leiſten. Weil aber ſolches in einem oder wenig Tagen von mir gebuͤhrlich nicht verrichtet werden kan / bitte ich ſehr / mir die Zeit zu goͤn -O ijnen /108Erſtes Buch. nen / welche mein Gemuͤht allerwerts erzeigen / und mich ihren nicht allerdinge unwirdigẽ Sohn / Ehegemahl / Schwager und Freund erweiſen koͤnne. Der Stathalter antwortete: Geehrter Herr und Sohn / es iſt ſein Gemuͤht und Wille uns durch eine ſolche Taht erzei - get und kund getahn / daß man an dem kuͤnfftigen durchauß nicht zu zweifeln hat. Wir an unſer ſeite erklaͤren uns hinwieder zu aller Elterlichen und Schwaͤgerlichen Freundſchaft und Liebedienſten / hoffen daneben / mein geliebtes Kind werde von uns dergeſtalt auffer - zogen und unterrichtet ſeyn / daß ſie jhren Herrn und Ehegemahl wird gebuͤhrlich zu ehren und lieben wiſſen / wor zu ſie nochmahls in Gegenwart dieſer Geſellſchafft ven mir vaͤter - lich ermahnet wird. Hierauff befahl er / den Roͤmiſchen Vermaͤhlungs gebraͤuchen den Anfang zu machen. Aber die Braut trat hin zu ihrem Vater / vorgebend / ehe alles vorgin - ge / haͤtte ſie mit ihren lieben Eltern ingeheim zu reden / wobey ſie Herrn Ladiſla / auch H. Kornelius und deſſen Ehegemahl als Zeugen erbaͤhte; und als ihr ſolches eingewilliget ward / gingen ſie in das naͤheſte Gemach / da ſie alſo anfing: Herzgeliebete Eltern; es muͤ - ſte mir ſehr leid ſeyn / daß nach meiner Verheyrahtung / mein allerliebſter und einiger Bru - der noch ferner im ledigen Stande leben / und meiner Eltern Hoffnung / wegen der nach - kommenden Fabier / weiter außſetzen ſolte; moͤchte demnach von herzen wuͤnſchen / dz mei - ne Eltern ſeine Heyraht gleich dieſen Abend mit fortſetzen wolten / weil ich in gewiſſe Er - fahrung kommen bin / daß er vor zweyen Jahren ſich mit einem ehrlichen / ſchoͤnen und ſei - nes Standes gemaͤſſen Fraͤulein verbunden / auch vielleicht mit derſelben ſchon weiter eingetreten iſt / als daß ſie koͤñen getrennet werden / daher dann auß fernerer Auffſchiebung ihres oͤffentlichen Beylagers nichts als Ungelegenheit erfolgen moͤchte. Der Vater gab ihr zur Antwort: Ich merke wol / nun dir geholffen iſt / wiltu deinem Bruder wieder helf - fen; Du ſolt aber gemach tuhn / und nicht alles nach deinem Willen und Gefallen ordnen; oder meyneſtu etwa / es wuͤrden auff zwo unterſchiedliche Hochzeiten gar zu viel Koſten ge - hen / und wilt demnach mit einem Feurzwo Stuben hitzen? nim du vor dißmahl dein gluͤ〈…〉〈…〉 vorlieb / und laß dir genuͤgen; ich werde Zeit nehmen / mich hierauff zu bedenken. Ach Her - zen H. Vater / ſagte ſie / euer Verſtand fodert ſo lange Bedenkzeit nicht / welches an dieſer meiner Heyraht gnug erſcheinet; die andere Entſchuldigung iſt nur zum Scherze vorge - bracht. Kehrete ſich hernach zu H. Kornelius und deſſen Gemahl / ſie hoͤchlich bittend / ihꝛ bey ihren Eltern zu huͤlffe zu kommen / daß ihrem Bruder gerahten wuͤrde / welches ſie ne - ben ihn zu verſchulden / ſtets wolte gefliſſen ſeyn; Sie haͤtte zwar ihren Herrn und Braͤuti - gam mit herzu gebehten / aber deſſen Unterhandlung wolte ſie zum lezten Stichblade behal - ten / wann ihres Herrn Vettern Vorbitte nicht wuͤrde zureichen koͤnnen / welches ſie doch nicht meynen wolte; Daß ſie aber ihr Vorſprach Amt deſto kuͤhner auff ſich nehmen koͤn - ten / wolte ſie ihren Glauben verpfaͤnden / dz ein es des andern wert waͤhre. H. Kornelius gab ihr zur Antwort: Herzliebe Frl. Waſe und Tochter / ich bitte / mich mit dieſer anmuh - tung zu verſchonen / daß ich heimliche Verloͤbniſſen / ſo hinter den Eltern her geſchehen / billichen / ja befodern ſolte; Ich habe nie dergleichen Winkelheyrahten gut geheiſſen / bin auch noch nicht willens / mich dabey gebrauchen zu laſſen. Zwar euer H. Bruder iſt ein Ritter und Kriegs Beampter / der ſeine maͤnliche Jahr erreichet / und mit gutem fuge ſol - che Ehrenſachen vornehmen / auch ſeiner Eltern Meynung daruͤber hoͤren kan; aber demFraͤu -109Erſtes Buch. Fraͤulein halte ich ſehr vor uͤbel / daß dieſelbe ſich von ihm bereden laſſen / und nicht zuvor Nachforſchung getahn / ob ſeine Eltern auch einwilligen wuͤrden; Und da auch ihre Elteꝛn oder Anverwandten keine Wiſſenſchafft drum haben / waͤhre ſie andern zum Beyſpiel haꝛ - ter Straffe wirdig / daß ſie eurem Bruder / wie eure Reden faſt gehen / ſich ſo leicht gegoͤñet hat. Mein Herr Vetter / antwortete ſie; das Alter hat leider dieſen gebrechen an ſich / daß es der Jugend Tohrheit nit erkennen kan / welcher in den friſchen Jahren / alle jetzige graue Haͤupter ſind unterworffen geweſen / und nach ihrer feſtgegruͤndeten Weißheit / die der Ju - gend doch nicht beywohnet / alle Menſchen wollen gerichtet haben. Mein Herr und Vet - ter rede doch / bitte ich / von meinem Bruder / und ſeinem ganz geheimen Fraͤulein / wie ihr euch dazumahl wuͤnſchetet / da ihr meine hochgeliebte Waſe Fr. Fauſten zum erſten mah - le mit Liebes-Augen anblicketet; alsdann werdet ihr dieſen verliebten beyden / viel eine bil - lichere Urtel ſprechen; Wegert ihr euch aber ferner / ſo wil ich meinen Liebſten bitten / daß er ſolches an euch begehre / dem ihr / in betrachtung ſeiner geleiſteten Dienſte / es nicht wer - det abſchlagen koͤñen. Frl. Waſe / ſagte er hierauf, Ihr duͤrfftet auf ſolche weiſe alles leicht erhalten / was euch geluͤſtet / und uns zu leiſten moͤglich waͤhre; aber iſt eures H. Vaters Sinn dadurch ſchon erſtritten? doch wil ich euch endlich zu willen ſeyn; fing damit an / dem Stathalter zu gemuͤhte zufuͤhren / was vor Unraht aus verzoͤgerung dieſer Heyraht entſtehen koͤnte / die allem anſehen nach ſchwerlich wuͤrde zu hintertreiben ſeyn / in Betrach - tung / daß ſein Sohn ſchon in Roͤmiſchen Dienſten waͤhre / und ſeines willens geleben koͤn - te / ob gleich die Eltern Hinderung machen wolten / inſonderheit / weil ſeine Tochter dieſen Grund ſetzete / daß er ein Standes maͤſſiges Fraͤulein liebete. Fr. Fauſta kam mit darzu / und redete das beſte zur Sache; es haͤtten ſich wol ehe junge Leute hinter der Eltern Wiſ - ſen eingelaſſen / und eine gute Ehe gehabt. Der Stathalter merkete ſeiner Tochter Auff - zug / deſſen er gleichwol gewiß ſeyn wolte / und fragete ſie / ob ſeinem heutigen Befehl gelebet waͤhre; und als ſie ſich keines Befehls zuerinnern wnſte / rief er ſie abſonderlich / und ſagte zu jhr: Offenbahre mir mit wenigem / ob du nicht von Fraͤulein Urſulen redeſt. Ja Herr Vater / ſagte ſie; aber ich bitte kindlich / euren vaͤterlichen Willen drein zu geben; ſonſt hat mein Bruder mirs etwa vor einer Viertelſtunde geoffenbahret / und mich zu dieſer Unter - handlung vermocht. Gnug / ſagte der Vater / ich habe dieſe Heyraht ſelbſt vorgehabt. Sie traten wieder hin zu der andern Geſelſchafft / und gab der Vater Herrn Kornelius dieſe Antwort: Es befremdet mich eure Vorbilte in etwas / weil ihr von dieſer Sache redet / als muͤſte ich nohtwendig einwilligen / und euch die vermeynte Braut gnug bekant waͤhre; Werdet demnach mir dieſelbe auch nennen / daß ich mich zuerklaͤren wiſſe. Dieſes Ver - dachtes antwortete er / befahrete ich mich gleich anfangs / und iſt mir leid / daß ich meiner Frl. Waſen gehorſamet; kan aber bey meinen Ehren erhalten / daß ich von der angemelde - ten Braut nicht das geringſte weiß. Der Stathalter fragete ſein Gemahl: Was gebet ihꝛ aber vor eine Stimme? koͤnnet ihr ein Fraͤulein zur Tochter annehmen / ehe ihr ſie kennet? Mein Raht iſt der geringſte / antwortete ſie / doch waͤhre ſie ein ſolches Fraͤulein / wie mein Kind ſie beſchreibet / und ſie unſerm Sohn gefiele / der verhoffentlich keine unwirdige zum Gemahl außſehen wird / muͤſte ich mirs mit gefallen laſſen. Ich aber nicht alſo / ſagte der Vater / ſondern wil zuvor etwas mehr drumb wiſſen / und zwar / ob ſie unter andern auch von guten Mitteln ſey / welches ich mir nicht einbilden kan. Zwar vor ſich / ſagte Frl. So -O iijphia /110Erſtes Buch. phia / hat ſie einen gar geringen Brautſchaz / aber ich hoffe Herrn Kornelius zuerbitten / daß er ſeine milde Hand aufftuhe / und als ihr Unterhaͤndler ein par Tonnen Schatzes zu - ſchiſſe / weil er groſſes Vermoͤgens iſt / und nur eine einzige Tochter hat. Nein geliebte Waſe / antwortete er; daß wird Kornelius wol nicht tuhn / welcher mit dieſer Anmuh - tung wil verſchonet ſeyn. Ey / ſagte das Fraͤulein; die Braut iſt dem Herrn Vetter ver - wand / drumb wird er ihr ſeine Huͤlffe nicht ſo gar verſagen. Verwand? ſagte er; daß iſt kein ander Menſch / als Kajus Salvius Tochter / die ſpringfuͤſſige Agnes. O du leichtfer - tiges Tihrichen / haſtu ſchon zwey Jahr her dich der Liebe befliſſen / und biſt kaum XVI Jahꝛ alt? ich habe nicht erſinnen koͤnnen / worauff dein Vater und du ſo pocheſt in der aͤuſſerſten Armut / ſo iſts dieſes / daß ihr Herren Fabius und Kornelius guͤter miteinander verpraſ - ſen wollet? aber geliebte Waſe / wer hat doch euren Bruder an[dieſe] Heyraht gebracht? zwar unehrliches weis ich nicht von ihr / iſt auch ſchoͤn genug und gutes Standes / aber wie wird man doch ihren auffgeblaſenen Geiſt vergnuͤgen koͤnnen? Ach mein H. Vetter / ſagte ſie / mein Bruder iſt des viel zuwitzig / mit dieſem Fraͤulein ſich einzulaſſen; Aber H. Vater / wann ihr nun an dem Fraͤulein nichts zu tadeln wuͤſtet / und ihre Eltern auch ein - willigten / koͤnte es dann nicht alsbald fortgeſetzet werden? Der Vater antwortete; tadele ich ſonſt nichts an ihr / ſo tadele ich doch mit H. Kornelius / daß ſie ohn ihrer Eltern Vor - wiſſen ſich meinem Sohn weiter / als einer Fraͤulein gebuͤhret / gegoͤnnet hat; doch wil ich mich vaͤterlich heraus laſſen / wann du mir das Fraͤulein nunmehr nennen wirſt. Ich be - danke mich kindlich der genehmen Antwort / ſagte ſie / und muß gar ein Wunderding ſeyn / daß meine geliebte Eltern meines Herrn Braͤutigams und meine Liebe / ſo zurechnen / im Augenblik außgeſpuͤret / aber durchaus nicht merken koͤnnen / daß mein Bruder nicht ohn Urſach abends ſpaͤt und morgens fruͤh / zwey ganzer Jahr her / wann er daheim geweſen / ſein geliebtes wirdiges Fraͤulein / meine herzallerliebſte Schweſter / Frl. Urſul Korneliin beſuchet hat. Kornelius und Fauſta erſchraken / daß ihnen die Sprache verging / und als ſie ſich erhohlet hatten / draͤueten ſie der guten Tochter / weiß nicht was vor laͤcherliche Straffen / welches ſie mit ſonderlichem Ernſte vorbrachtẽ / und die Anweſende ſich deſſen wol zulacheten; biß der Stathalter ſagete: Wie nun Schwager Kornelius / iſt meine Tochter Urſul noch eine ſolche / bey welcher ihr eurem taͤglichen Vorgeben nach / ſo gar keine eheliche Begierde merken koͤnnet / daß ihr euch befuͤrchtet / ſie habe ſich etwa unſer Veſten verlobet? gewißlich hat mein Kind euch jezt redlich vergolten / was ihr mir vorhin ins Ohr raunetet. Aber daß wir zur Sache ſchreiten / hoffe ich ja / mein lieber Sohn habe bißher ſich alſo verhalten / daß er dem Roͤmiſchen Adel und ſeiner Freundſchafft kein Schandflek ſey; und gelebe daher der Zuverſicht / ihr werdet meiner Bitte Plaz geben / und euch unſer Kinder Heyraht gefallen laſſen / mit welcher mein Gemuͤht uͤber ein Jahr ſchon umbgangen iſt / und ich daher auff ihr tuhn und laſſen ſo viel weniger acht gegeben. Kornelius antwortete: Hochwerter Herr Schwager; ich bedanke mich der hohen Ge - wogenheit gegen mich und meine Tochter / und weil ich mir einen liebern Sohn nicht wuͤnſchen kan / ſtelle ichs zu ſeinen Haͤnden / und vermache dem Braͤutigam zur Heimſteur die Helffte aller meiner liegenden und fahrenden Haabe / und nach meinem Tode das uͤ - brige alles. So recht mein Herr Vetter / ſagte Frl. Sophia / ich wuſte vorhin wol / daß ihrdem111Erſtes Buch. dem Fraͤulein die Außſteur nicht verſagen wuͤrdet. Alſo wahr dieſer Kauff geſchloſſen / und wurden die junge Leute nach Roͤmiſchem Gebrauch ehelich vermaͤhlet. Bey der Abend - mahlzeit gingen allerhand kurzweilige Unterredungen vor / da Frl. Urſul ſich rechtſchaffen leiden muſte; dann Frl. Sophia / umb ein Gelaͤchter zu machen / ſagte zu ihr: Herzliebe Schweſter / ihr meynet nun aller Gefahr entrunnen ſeyn / weil ihr mit eurem Liebſten ver - maͤhlet ſeyd / aber die euch von den Eltern angedraͤuete Straffen werden euch den Kitzel rechtſchaffen vertreiben / maſſen euer H. Vater euch friſche Ruhten gebunden / und die unbarmherzige Mutter euch in die finſtere Kammer ſperren wil / daß euch in vier Wochen kein Tagesliecht beſcheinen ſol; den Brodkorb wird ſie euch ſo hoch haͤngen / daß ihr taͤg - lich nur einmahl eſſen / und die ganze Zeit uͤber das klare Waſſer trinken / auch kein weiß leinen Geraͤhte anlegen ſollet. Was gebet ihr mir nun / daß ich meinen Bruder bitte / euch in der Finſterniß Geſelſchafft zu leiſten? Ich kenne ohn das euer furchtſames Herz / und daß ihr vor grauen in der Einſamkeit wuͤrdet muͤſſen des Todes ſeyn. Frl. Urſul hatte ei - nen breiten Ruͤcken / achtete des Geſpoͤttes und entſtandenen Gelaͤchters nicht groß / ſon - dern gab mit hoͤflicher Antwort ſo viel zu verſtehen / daß ſie ihr Gluͤk und Heil zu verſchlaf - fen nicht waͤhre geſinnet geweſen; dann / ſagte ſie / meine Fr. Mutter haͤtte mein ſechzig - ſtes Jahr abgewartet / ehe ſie mir von heyrahten das allergeringſte geſaget. Muß ich nun die Schuld tragen? antwortete ihre Mutter / die etwas einfaͤltig wahr; haſtu dich doch kein mahl nicht verlauten laſſen / daß du zu heyrahten willens waͤhreſt; Welches noch vor das kurzweiligſte auffgenommen ward / und der Stathalter es alſo beantwortete: So hat mein Sohn wol getahn / daß wie er der Mutter verſeumniß / und der Tochter Bloͤdigkeit verſpuͤret / er durch ſeine gutwillige Anbietung nicht allein den Mutterplatz vertreten / ſon - dern auch der Tochter Anſuchen zuvor kommen iſt; gleich wie aber H. Kornelius und ſein Gemahl ſich heut als Vorbitter meines Sohns haben gebrauchen laſſen; alſo wil ich hin - wiederumb mich ihrer Frl. Tochter annehmen / und die ſcharffen Ruhten und ſtokfinſtere Kammter von ihr abzuwenden / geflieſſen ſeyn.
Nach abgehobenen Speiſen erklang das Seitenſpiel in drey unterſchiedlichen Ver - teilungen / und fehlete nichts bey dieſer Luſt / als Herkules Gegenwart / umb deſſen Abwe - ſenheit Frl. Helena ſehr traurig wahr / weil ſie ſahe / daß ihre Geſpielen den Zweg ihres Wunſches erreichet / ſie aber ohn allen Troſt in ihrem verborgenen Feur ſich ſelbſt verzeh - ren muſte. Hingegen wahr Frl. Sophia ſo voller Luſt / daß ſie meynete / alles Ungluͤk waͤhre nun uͤberwunden / und haͤtte niemand mehr Urſach traurig zu ſeyn; doch wahr Helenen Unmuht ihr unverborgen / welchen zu vertreiben ſie ſchon alle gedanken anwendete; ſetzete ſich vor dißmahl zu ihr nieder / und fragete nach der Urſach ihrer ſchwermuͤhtigen Trau - rigkeit / ob derſelben nicht raht zu ſchaffen waͤhre. Dieſe / nachdem ſie einen tieffen Seuffzer aus dem verborgenſtẽ ihres Herzen her vorgeſucht / gab zur Antwort: Ach herz - liebe Schweſter / die Urſach meiner Traurigkeit iſt wichtiger / als daß ihr durch andere Mittel ohn durch den Tod ſolte koͤnnen abgeholffen werden; Bitte deßwegen / dieſer Nach - frage euch zubegeben / und meine Bekuͤmmernis ungeſtoͤret zulaſſen. Ey daß waͤhre Wun - der / ſagte Sophia / daß mein Vermoͤgen ſo ſchlecht / undener Ubel ſo unheilbar ſeyn ſolte; laſſet mich / bitte ich / euer Anliegen wiſſen / vielleicht habe ich noch ein Kunſtſtuͤkchen inmeinem112Erſtes Buch. meinem Arzney Buche / deſſen ihr mir zudanken haͤttet. Ach nein / antwortete ſie; Unmoͤg - ligkeit iſt viel zuſchwer; eure Arzneykunſt mit allen ihren Kraͤutern und Wurzeln reichet noch lange nicht ſo weit. Es kan ſeyn / ſagte jene / daß mein Vermoͤgen geringe iſt / aber der Wille ſol mir nimmer mangeln / euch zu dienen; und wann ihr mirs nicht vor uͤbel hieltet / wolte ich euer Gebrechẽ noch wol errahten. So muͤſtet ihr / antwortete dieſe / ſehr geſcheid ſeyn / wann ihr wiſſen koͤntet / was ich meinem Herzen ſelbſt nicht offenbahren darff. Da - her erkenne ichs deſto leichter / ſagte Frl. Sophia; und hoͤret nur die rechte reine War - heit; ihr liebet / ja ihr liebet was vortreffliches. Ja ſagte jene / den Himmel liebe ich / oder vielmehr den allerſchoͤnſten Stern des Himmels / die mit aller klar - und Volkommenheit angefuͤllete Sonne; dieſe behte ich in meinem Herzen an / und verehre ſie mit unablaͤſſi - gem Seuffzen. Ach nein / antwortete dieſe; es iſt die Sonne nicht; es iſt ein vortrefflicher mit aller Tugend und Schoͤnheit hochbegabter Ritter; der hat euer Herz eingenommen / mit den Strahlen ſeiner Volkom̃enheit mit dem Schein ſeiner unvergleichlichen Strah - len. Wie entſetzet ihr euch ſo / herzliebe Schweſter? was wil die Verenderung eurer Far - be? habe ich euch am rechten Orte getroffen / ſo leugnet mirs nicht / daß ich Raht ſchaffe; wonicht / ſo verzeihet meinem wolgemeinten Irthum. O weit weit gefehlet / herzliebe Schweſter / antwortete ſie; Mannes Liebe hat bißher mein Herz wol muͤſſen unbelaͤſtiget laſſen / an welcher ich mir nichts anmuhtiges einbilden kan. Nein o nein du gifftige Tod - ſeuche / dich wil ich gerne meiden; und was ſolte mir Mannes Joch? O die Freiheit die Freiheit iſt der Knechtſchafft weit weit vorzuzihen; jezt lebe ich meines gefallens; jezt ſte - he ich auff und lege mich nieder / wie und wann ich wil. Solte ich mich binden laſſen / da mir aller Wille vergoͤnnet iſt? dieſen Unſin wird mir kein Menſch beybringen; Frl. So - phia mag immerhin ſich unter das Joch zwingen laſſen; Helena wil ihr eigen Herr ſeyn und bleiben. Verſchonet mich deßwegen herzen Schweſter mit dieſer Aufflage / und ver - ſichert euch / daß Helena viel witziger iſt / als daß ſie muhtwillig ins Feuer lauffen / oder ſich ins Meer ſtuͤrzen wolte. O Schweſter Schweſter / ſagte Sophia hierauff; wie kan doch das Herz der Zungen ſolchen Muhtwillen uͤberſehen / daß ſie wieder Wiſſen und Gewiſſen reden darff? bedenket / bitte ich / wie offt ich und andere an euch dieſes Laſter geſtraffet / daß ihr ſtets widrige Gedanken und reden fuͤhret. Meine Laſt wil ich mit der Goͤtter Huͤlffe noch wol tragen / koͤnte auch vielleicht helffen / daß eure Seele eben ſo wol befriediget wuͤr - de; aber wer ſeine Krankheit halßſtarrig verhehlet / dem kan nimmermehr geholffen wer - den. Sie wolte mit dieſer Verweißrede fortfahren / ward aber von Ladiſla zum Tanze auſ - gefodert / nach deſſen endigung ſie ihm anzeigete / wie verliebet Frl. Helena ſich gegen Her - kules befuͤnde / und es gleichwol aus Scham nicht geſtehen duͤrffte; deſſen er nicht wenig betruͤbt ward / und ſie nach kurzem Bedenken fleiſſig baht / ihr dieſe Gedanken zubenehmen / dann es wuͤde zu keiner Wirkung gelangen / maſſen ein wichtiges (er verſtund aber ſein Chriſtentuhm) im wege laͤge / welches ſolche Heyraht nicht zulaſſen wuͤrde. Worauff ſie auch ihr Vorh aben enderte / und doch groß Mitleyden mit dem Fraͤulein hatte. Als nun die Zeit zur Ruhe verhanden wahr / wurden die neuen Eheleute zu Bette gefuͤhret / da La - diſla den mehrenteil der Nacht mit ſeinem Fraͤulein in freundlichem Geſpraͤch zubrachte / biß ſie gegen den Morgen einſchlieffen. Umb ſieben Uhr / da die Sonne ihre helle Strahlenauff113Erſtes Buch. auff ihr Bette warff / ermunterten ſie ſich / und wahren mit dieſem Himmes Lichte nicht aller dinge zufrieden / das es nicht etwas laͤnger mit ſeinem Anbruch verweilete; ſtunden auff / und nahmen ihre Kleider zuꝛ Hand / da das Fraͤulein einen zierlich geſchriebenẽ Brief unter ihrem Bruſttuche fand / welchen ſie oͤffnete / und folgendes Hochzeit Geticht laut dar - aus her laſe:
Das Fraͤulein lobete der Reimen (dann ſie wahren in Lateiniſcher Sprache geſchrieben) Anmuhtigkeit / aber der Juhalt / ſagte ſie / iſt auff eine viel volkommenere angeſehen; halte mich doch dieſem Tichter hoch verpflichtet ſeyn / daß er mich ſo wol unterrichtet / wie ich ge - artet ſeyn muͤſte / wann ich ſeines Lobes faͤhig / und euer Liebe / mein Schaz / wirdig ſeyn wol - te. Aber ich kan nicht wiſſen / auff was weiſe dieſer Brief mir hieher geliefertiſt / es waͤhre dann / daß meine Leibdienerin ihn ſchon geſtern Abend mit den Kleidern herein getragen haͤtte. Ladiſla beſahe die Hand gar eigen / kunte aber nichts darauß erkennen / und erboht ſich / da er den Tichter erfahren wuͤrde / ihm die Kunſt und Muͤhe mit ein paar hundert Kru - nen zu erſetzen; Dann / ſagte er / ob die Arbeit ſich gleich gering anſehen laͤſſet / auch der Meiſter es in weniger Zeit mag auffgeſetzet haben / iſt doch zubetrachten / wie lange Zeit / Koſten und fleiß er angewendet / ehe er zu dieſer fertigkeit kommen iſt. Als ſie nun ihre Kleider gar angelegt hatten / und Ladiſla den Huet auffſetzen wolte / fiel ihm eine gleichmaͤſ - ſige Schrifft herauß / welche er auffhuhb / und dem Fraͤulein vorlaſe.
PHerzli -114Erſtes Buch.Nach verleſung lachete Ladiſla vor freuden und ſagete: Hoͤret ihr den Tichter / herzgelieb - ter Schaz / den kranken Tichter nicht? kein Menſch als mein beſter Herkules hat dieſe Rei - men auffgeſezt / und durch einen fremden abſchreiben laſſẽ? dann ſeine Art iſt mir ohn daß mehr als zuwol bekant; hat auch ohnzweiffel ſie in allerſtille herein geſchafft / da mein Tul - lius geſtern Abend mir das Kleid nachbrachte. Ey ſo muͤſſen wir den allerliebſten Freund in ſeiner Schwacheit beſuchen / und ihm vor dieſe Ehre gebuͤhrlich danken / ſagte ſie; gin - gen mit einander hin / und funden den Stathalter ſchon bey ihm vor dem Bette ſitzen / und die beyden Aerzte zur Seite ſtehen / die nach auffgeloͤſetem Schaden guten Troſt gaben / daß inwendig zehen Tagen er voͤllig ſolte geneſen / dafern er ſich nicht mit ſchwermuͤhtigen Gedanken plagen / ſondern der Heilung in ungeſtoͤreter Ruhe auff ſeinem Lager fein ab - warten wuͤrde; welches ihnen allen ſehr angenehm zu hoͤren wahr. Der junge Fabius kam auch zu ihnen / und als ſie ingeſamt von ihm Abſcheid nahmen / baht er Ladiſla und den jun - gen Fabius / ihm noch ein Stuͤndichen Geſelſchafft zutuhn / worzu ſie willig wahren.
Nun hatte ihm der Stathalter des vorigen tages auff ſein Begehren etliche Buͤcheꝛ zuſtellen laſſen / vor die lange Weile darin zuleſen / unter welchen des Plinius Schrifften wahren von der Welt Geſchichten; aus deſſen andern Buche hatte Herkules die Gottes - laͤſterlichen Worte angemerket / welche er fuͤhret von Gottes Allmacht / die er außdruͤklich leugnet. Es fielen ihm gleich dazumahl ſolche laͤſterungen ein / ſchlug den Ort auf / und gab ihn Ladiſla zu leſen / mit Bitte / ihm ungeſcheuet zu ſagen / was er von dieſes hochgelahrten Mannes meynung hielte. Dieſer nahm das Buch / und laſe dieſe Worte laut uñ deutlich: Die vornehmeſten Troͤſtungen der Unvolkommenheit am Menſchen ſind dieſe: daß auch Gott ſelbſt nicht alles koͤnne; dann er kan ihm ſelbſt den Tod nicht antuhn / ob er gleich wolte / welches er doch dem Menſchen als ſein beſtes / in den ſo groſſen Lebensſtraffen mitgeteilet hat. Daß er auch nicht koͤnne die Sterblichen mit der Ewigkeit begaben / noch die Verſtorbenen wieder zum Leben hervor ruffen; nochmachen /115Erſtes Buch. machen / daß der gelebet hat / nicht ſolte gelebet haben / der Ehrenaͤmpter verwaltet hat / ſie nicht ſolte verwaltet haben. Habe auch uͤber vergangene Dinge kein Recht / als das Recht der Vergeſſenheit; koͤnne endlich auch nicht machen / daß zweymahl zehne nicht zwanzig waͤhren.
Nach verleſung bedachte er ſich ein wenig / und bald darauff ſagete er: Gilt Bruder / dieſer hochgelehrte Man wird dich in die Schule fuͤhren / und dir deinen Glauben (er re - dete aber Boͤmiſch / daß Fabius es nicht verſtehen ſolte) zur Tohrheit machen; maſſen ich mit aller meiner Vernunfft nicht begreiffen kan / wie dieſes zu wiederlegẽ ſey. Lieber Bru - der / antwortete er auff Lateiniſch / es iſt mir lieb / daß du mir deine Blindheit fein gerade zu bekenneſt / und mit dieſem Laͤſterer Gottes Allmacht in zweiffel zuzihen geſteheſt / welches mir doch nicht lieb iſt. Aber Herr Fabius / was haltet ihr von dieſer Meynung? Ich halte meine Urtel hieſelbſt billig zuruͤk / ſagte er / weil es uͤber meinen Verſtand gehet / habe auch wol ehemahls etliche davon reden hoͤren / die am Ende ihres Geſpraͤchs weniger wuſten / als im Anfange. Sie ſind darin zuentſchuldigen geweſen / ſagte Herkules; Urſach; ſie ha - ben den Felſen nicht erkennet / auff welchem Gottes Almacht unbewaͤglich gegruͤndet iſt / und wider das toben dieſes wuͤtigen Hundes auch wol in Ewigkeit feſt bleiben wird. Ich wuͤrde mich vor gluͤkſelig ſchaͤtzen / ſagte Fabius / wann ich dieſes Felſens Erkaͤntniß haͤtte / und des Plinius angefuͤhrte Worte auß dem Grunde zuwiderlegen wuͤſte. Mein Herr / antwortete er; Er gebrauche ſich nur der geſunden Vernunfft / ſo wird er beydes die un - gezweifelte Allmacht Gottes erkennen / und des Plinius kindiſche / ja viehiſche Einwuͤrffe mit leichter Muͤhe umſtoſſen. Weil ſie nun beyde von jhm gute Anleitung hierzu begehre - ten / fing er alſo an: Demnach der Menſch auß dem groſſen Weltbuche ſehen und lernen kan / daß ein Gott ſey / und nohtwendig ein Gott ſeyn muͤſſe / ſo wird er zugleich auch daher erkennen / die Allmacht Gottes des HErꝛn / als des groſſen Schoͤpffers / oder nur Erhal - ters der Welt. Ja beſinnen wir uns ein wenig / ſo gibt uns die Vernunfft alsbald an die Hand / daß Gott ein Allmaͤchtiges Weſen ſey. Dann ſolte es ihm an einiger Krafft oder Macht mangeln / ſo wuͤrde er nicht Gott / das iſt / er wuͤrde nicht der kraͤfftigſte noch mach - tigſte ſeyn / ſondern einen noch kraͤfftigern und maͤchtigern uͤbeꝛ ſich haben / und alſo waͤhꝛe er nicht Gott / dann uͤber Gott kan und muß nichts ſeyn. Wer dann nun erkennet / dz Gott Gott iſt / der ſihet und erkeñet zugleich / daß er allmaͤchtig iſt / und alles tuhn kan / was er wil / im Himmel / auff Erden / im Meer und in allen Tieffen; ja daß durchaus kein ding bey ihm unmoͤglich iſt. Dann alſo ſchleuſt unſere Vernunfft ohn Anſtoß und Zweifel / da ſie rich - tig zugehet. Alle vernuͤnfftige Heyden haben einen Gott geglaͤubet / und die denſelben ge - glaͤubet haben / die habẽ ihm zugleich auch die Allmacht zugelegt; Daher ſpricht Homerus (Odyſ. XIV.) Gott kan alles. Und was iſt bey den Lateiniſchen Tichtern / Virgilius / Hora - tius / Ovidius und andern mehr / gebraͤuchlicher / als eben ihr Jupiter omnipotens, daß ſie jh - ren hoͤchſten Gott den Allmaͤchtigen nennen? Zizero bekennet Gottes Allmacht mit klaren Worten / wann er im dritten Buch von der Goͤtter Art ſpricht: Nichts iſt / das Gott nicht ſol - te tuhn koͤnnen / und zwar ohn alle Muͤhe. Der uhr alte Linus / des Orpheus Lehrmeiſter hat ſol - ches mit dieſen Worten geſtanden: Gotte iſt alles leicht zu tuhn / und nichts iſt ihm unmoͤglich. O ja / wer nur das einige Geſchoͤpff Gottes / das unvergleichliche Sonnenliecht anſihet uñ betrachtet / muß ſich freylich uͤber des Schoͤpffers Allmacht zum hoͤchſten verwundern. P ijDie116Erſtes Buch. Die Himmelsverſtaͤndige haben durch ihre Rechnung abgemaͤſſen / daß die Sonnenkugel CLXVI mahl groͤſſer / als die ganze Meer - und Erdenkugel iſt. Hat nun die Erde in ihrem Umkreiß 5400 Teutſche Meilen / ſo muß ja die Sonnenkugel in ihrem Umkreiß 896400 Teutſcher Meilen haben; welches zwar den Ungelehrten allerdinge unglaͤublich vorkomn weil ſie ihnen / dem anſehen nach kaum ſo groß als eine Klaffter ſcheinet; aber wer da be - trachtet ihre ſehr weit abgelegene Hoͤhe von der Erden / als von deren mitteltippelichen ſie 1039500 / das iſt / tauſend mahl tauſend / neun und dreyſſig tauſend und fuͤnffhundert Meilen entfernet iſt / der wird ihm der Sonnen Groͤſſe nicht unmoͤglich vorkommen laſ - ſen. Bey welcher Groͤſſe / wann wir zugleich ihren ſchnellen Lauff erwaͤgen / haben wir wol urſach mit dem weiſen Juͤdiſchen Lehrer Syrach zu ſprechen: Das muß ein groſſer HErr ſeyn / der ſie gemacht hat / und hat ſie heiſſen ſo ſchnell lauffen. Doch zu unfem Zweg naͤ - her zu zielen / wann wir Gottes Allmacht eigentlich erkennen wollen / muͤſſen wir zuvor wiſ - ſen und verſtehen / was Allmaͤchtig ſey und heiſſe. Allmaͤchtig ſeyn / heiſſet nicht / beydes das gute und boͤſe verrichten koͤnnen. Allmaͤchtig ſeyn / heiſſet nicht / ſich ſelbſt nicht allein erhal - ten / ſondern auch verderben und vernichten koͤnnen. Allmaͤchtig ſeyn / heiſſet nicht / die ewi - ge / bey Gott ſelbſt beſtehende / und dem Geſchoͤpff nach ſeiner maſſe mitgeteilete weſentli - che Warheit auffheben; oder daß ichs kurz ſage / was einmahl wahr geweſen iſt / zu falſch und Luͤgen machen koͤnnen. Maſſen / wer boͤſes tuhn kan / der iſt nicht allerdinge Gut / viel - weniger wird er Gott ſeyn. Verſtoͤrete er dann ſein Weſen / ſo waͤhre er nichts mehr. Lei - ſtete er aber das lezte / ſo machte er falſch / was er zuvor ſelbſt wahr gemacht hat / uñ ſuͤndig - te alſo wider ſich ſelbſt. Was heiſſet dann / Allmaͤchtig ſeyn? Gutes / und lauter gutes / auch alles gute / nichts aber wider ſich ſelbſt tuhn koͤnnen / und zugleich von aller Zuneigung uñ Gefahr des boͤſen / des Schaden / der Suͤnde / und des Verderbens aller Dinge / und durch ſich ſelbſt befreyet ſeyn. Sehet / das heiſſet Allmaͤchtig ſeyn. Haͤtte nun der in dieſem Stuͤk unverſtaͤndige Plinius dieſem etwas beſſeꝛ nach gedacht / wuͤrde er / in Veꝛleugnung der Allmacht Gottes ſeinen mehr als kindiſchen Unverſtand nicht mit eigener Feder ver - rahten haben. Betrachten wir aber ſeine obangezogene Worte / ſo iſt dabey anzumer - ken / daß er ſie in dieſer Andacht vortraͤget / umb zu behaͤupten / daß Gott nicht ein ſelbſtaͤndi - ges Weſen auſſer der Welt / ſondern eben die Krafft ſey / die im Weſen / oder (wie die Ge - lehrten reden) in der Natur Himmels / Erden und anderer Geſchoͤpffen iſt und ſtecket / wie er ſolches außdruͤklich hinzuſetzet. Aber O der verwaͤgenen / O der blinden Tohrheit. Hier muß trauen Plinius / einer von den Allerweltweiſeſten / mit ſeinem Beyſpiel bekraͤff - tigen / daßes wahr ſey / was ein Chriſtlicher Lehrer ſaget: GOtt habe die Weißheit dieſer Welt zur Tohrheit gemacht. Und abermahl: Die Welt habe durch ihre Weißheit Gott in ſeiner Weißheit nicht erkennet. Er iſt ja in ſeinem tichten eitel worden / und ſein un - verſtaͤndiges Herz iſt verfinſtert; Da er ſich vor weiſe hielt / iſt er zum Narren worden. Dann vorerſt zweifelt er auff gut Epicuriſch / ob auch ein Gott ſey; was ſolte er dann wol geſundes von Gottes Weſen und Allmacht vorbringen? jedoch laſſet uns vernehmen / obs gleich der Muͤhe nicht wert iſt / was hinter ſeiner vermeyneten Weißheit ſonderliches ſtec - ke / damit dieſer ohmaͤchtige Erdwurm den allmaͤchtigen Gott anhauchen darff. Anfangs meynet er; Es gereiche den Menſchen zum ſonderlichen Troſte / daß Gott nicht allmaͤchtig ſey. Auedes117Erſtes Buch. des elenden / des faulen und nichtigen Troſtes! ſolte es auch wol einem Kinde Troſt brin - gen / daß ſein Vater ihm weder rahten noch helffen kan / wañ es in ſchwerer Krankheit dar - nieder lieget? Kein Witziger redet ſo unwitzig. Oder ſolte einem Untertahnen es troͤſt - lich ſeyn / daß ſeine Obrigkeit ihn vor ſeinen Feinden / die fein Verderben ſuchen / nicht ſchuͤtzen kan? das muß auff gut Pliniſch freylich ein ſonderbahrer Troſt ſeyn. Wer aber den Sachen vernuͤnfftig nachſiñet / wird ohn zweifel gerade das Gegenſpiel vor wahr hal - ten; nehmlich / der vornehmſte Troſt des Menſchen in allen ſeinen Noͤhten ſey / daß ſein liebreicher Gott alles koͤnne / und ihm durchauß kein Ding unmoͤglich ſey. Dann wer an Gottes Allmacht zweifelt / wie kan derſelbe ichtwas vertraulich von Gott bitten? muß er nicht auff gut beraht behten / unter der Furcht / obs auch in Gottes Macht ſtehe / ihm zuge - ben was er bittet? Alſo hat dieſer elende Menſch ihm einen Troſt gemacht auß eitelem Schrecken / und wie ein alter Juͤdiſcher Koͤnig von den Gottloſen ſpricht: Sie fuͤrchten ſich da nichts zu fuͤrchtẽ iſt; Alſo troͤſtet ſich dieſer / da nichts weniger als Troſt ſich eraͤuget. Zwar ein gottloſes Weltkind / moͤchte vielleicht auß Gottes Unmacht einen Troſt faſſen / und ſa - gen: Was ſchadet mirs dann endlich / oder was ſol ich mich groß drum bekuͤmmern / daß ich dieſes oder jenes gute / welches mir zwar wol anſtuͤnde / nicht leiſten kan? Kan doch Gott ſelbſt nicht alles / wie ſolte ich dann alles koͤnnen? Aber was dieſer Troſt ihm nuͤtzen werde / wird ſein kuͤnfftiges Ach und Weh offenbahr machen / in welches er durch dieſen greuli - chen Laͤſterungstroſt ſich ſelbſt ſtuͤrzet. Hoͤretnun weiter / auß was Gruͤnden der Laͤſterer Gottes Allmacht beſtuͤrme: Gott kan ihm ſelbſt den Tod nicht antuhn / ob er gleich wolte; ſpricht er vorerſt: Iſt eben ſo viel geſagt: Der Demant verbrennet nicht im Feur / wie Stoppeln; ſchmelzet nicht / wie Butter an der Sonnen; vergehet nicht / wie der Rauch; derwegen iſt er nicht ſo ſtandfeſt / hart und daurhafft als dieſe Dinge. Ja ein tieferſinneter Schluß! Oder / als wann ich ſagen wolte: Die Sonne verleuret ſich nicht wie der Staub / darumb iſt ſie nicht ſo kraͤfftig. Wer ſolte dieſe Blindheit nicht beklagen / daß eben auß der groͤſſeſten Macht Gottes / dieſer unwitziger / Gottes Unmacht und Gebrechen erzwingen wil? Je koͤn - te Gott ſterben / ſo waͤhre er nicht Gott / ſo waͤhre er nicht allmaͤchtig / ſondern der Tod waͤ - re maͤchtiger dann er / waͤhre ſein Gott und ſein Meiſter. Weil es nun eine allerdinge lautere Unmoͤgligkeit iſt / daß Gott ſterben koͤnne / ſo ſolte Plinius vielmehr alſo geſchloſſen haben: Gott kan nicht ſterben / deßwegen iſt er allmaͤchtig; nehmlich / es iſt keine aͤuſſerliche noch innerliche Macht / welche Gott den HErrn koͤnte zu nichte machen. Das Drachen - ſchwaͤnzlein / ſo er hinan haͤnget / da er ſpricht: Ob Gott gleich wolte / koͤnne er ihm doch den Tod nicht antuhn; Iſt nicht eine geringe Laͤſterung; Dann wie wolte das allerhoͤchſte und vollkommenſte Gut wollen / daß es ſtuͤrbe; und wie kan das ſterben wollen / das von E - wigkeit her / und das Leben ſelber iſt? Es iſt aber dem Plinius noch nicht gnug an dieſem Unwitze / ſondern tuht noch hinzu: Der Menſch in ſeinem groſſen Lebensungluͤk habe diß / als das beſte Mittel von GOTT / bekommen / daß er ſich ſelbſt entleiben kan. O der Gottlo - figkeit! Hat dann GOTT dem Menſchen die wirkliche Sterbligkeit anerſchaffen / oder ihm gut geheiſſen und befohlen / ſich ſelbſt des Lebens zuberauben? Nein / O Nein! Die Suͤnde / die Suͤnde hat ihm dieſes Leid zur harten Straffe zu wegen gebracht. P iijDann118Erſtes Buch. Dann haͤtte der erſte Menſch nicht geſuͤndiget / ſondern an Gottes Gebot ſich feſt gehaltẽ / wuͤrde er nimmermehr in den Tod gerahten ſeyn / ſondern ſo lange in dieſer jrdiſchen Welt gelebet haben / biß ihn Gott nach ſeinem gnaͤdigen Willen in die Ewigkeit auffgenommen haͤtte. Iſt demnach die Unſterbligkeit den Menſchen von dem leidigen Teufel durch die Suͤnde geraubet und der Tod beygebracht. Doch hat man dieſes mit Plinius als einem Heyden nicht zu ſtreiten / als welchem dieſe geoffenbahrete Glaubenslehre / von des erſten Menſchen anerſchaffener Unſterbligkeit unbekant iſt. Aber auch / wann der Menſch den Vorſatz und Willen nimt / ſich ſelbſt zuermorden / das ruͤhret trauen nicht her von GOtt / ſondern von des Teuffels eingeben / als der von Anfang ein Moͤrder iſt. GOtt ſetzet ja in ſeinen heiligen zehen Gebohten / hat es auch den Menſchen ins Herz gepflanzet / Du ſolt nicht toͤdten; ſo wenig dich ſelbſt als einen andern. Wie ſolte dann Gott den Men - ſchen das heiſſen oder eingeben / was Er ihm ſo ernſtlich verbohten hat? Kan die Obrig - keit ihren Untertahnen auch wol gebieten / wieder die Geſetze zu ſuͤndigen / welche ſie durch - aus wil gehalten haben? was haben wir dann vor Urſach / dem allergerechteſten und hei - ligſten Gott mehr Ungerechtigkeit und Suͤnde / als den Menſchen anzutichten? Nun waͤhre es aber Suͤnde / wann Gott dem Menſchen gaͤbe was Suͤnde iſt. Aber O nein! kein witziger Menſch wird Gott einiger Suͤnde zeihen. Andere vernuͤnfftige Heyden haben viel heiligere Gedankẽ von Gott gefuͤhret: Plato ſpricht in ſeinem Buche von den Geſetzẽ: Gott ſey eine Urſach alles guten / und keines boͤſen. Ariſtoteles ſpricht im neunden Buch Meta - phyſ: Bey dem ewigen Weſen iſt weder boͤſes / noch Verderbung / noch Suͤnde; Und in ſeinem ſie - benden Sitten Buche an Nikomachus ſchreibet er: Gleich wie dem unvernuͤnfftigen Vieh kein Laſter beywohnet / alſo auch Gotte nicht. Ja ſprichſtu; Es hat aber Plinius nach Stoi - ſcher Meynung die anſich ſelbſt-Handanlegung vor eine Helden Tugend gehalten / und da - her Gott keiner Suͤnde geziehen / oder daß er an der Suͤnde Wolgefallen haͤtte. Antwort: Er hat aber daran ſehr geirret / welches er aus anderer Heyden Schrifften / inſonderheit des Ariſtoteles herlichen Sittenbuche erlernen ſollen / da er im fuͤnfften Buche ſchreibet: Die Geſetze verbieten / daß jemand ſich ſelbſt toͤdte; dann ſpricht er; Daß Gemeine Beſte werde da - durch beleidiget / und werde demnach ein ſolcher nach ſeinem Tode billig durch Schmach gezeichnet / und vor Ehrloß gehalten. Zum wenigſten haͤtte Plinius von dieſem ſchaͤndlichen Irtuhm durch die abſcheuliche Folge / ſo dannenhero entſtehet / ſich ſollen abſchrecken laſſen; dann iſt / ſich-ſelbſt-entleiben-koͤnnen / eine Krafft / ein ſonderliches Vermoͤgen / und ein gutes Ding / und zwar ein ſolches / welches Gott dem Menſchen verlihen / und ers doch ſelber nicht hat; je ſo wird ja folgen muͤſſen 1 das Gott dem Menſchen einige Krafft gegeben / die er ſelber nicht hat; und alſo 2 Gott den Menſchen maͤchtiger gemacht habe / als er ſel - ber iſt / zum wenigſten in dieſem Stuͤcke. Worzu 3 noch dieſes koͤmt / daß des Menſchen Gluͤkſeligkeit auch wol in ſeinem Verderben / in ſeinem tode und Untergange beſtehen kan. Wer hat ſolche unbeſonnene Tohrheiten von einem vernuͤnfftigen Menſchen je gehoͤret? Noch dannoch faͤhret er fort / Gottes Allmacht aus einem andern faulen Grunde anzu - fechten / nehmlich das er die Sterblichen mit der Ewigkeit nicht begaben koͤnne. Dieſen eiteln Wahn zu hintertreiben / iſt zu merken / daß die Ewigkeit auff zweyerley Art verſtanden wer - de. Erſtlich heiſſet Ewig; daß ohn Anfang geweſen iſt / und ohn auffhoͤren bleiben wird. Hernach;119Erſtes Buch. Hernach; daß zwar in der Zeit / oder ja mit der Zeit einen Anfang genommen / aber doch kein Ende nehmen wird. Nach dem erſten Verſtande iſt allein Gott / und kein ander Ding Ewig; nach dem andern / iſt die Ewigkeit allen Engeln uñ vernuͤnfftigen Seelen von Gott mitgeteilet / wird auch nach dieſer Sterbligkeit in der Aufferſtehung von den Todten / un - ſern Leibern zugeleget werden. Von den Engeln iſt unnoͤhtig / alhier zu handeln / weil deren Erkaͤntnis aus dem Lichte der Vernunfft ſehr geringe iſt. Der Seelen Ewigkeit wird von den verſtaͤndigen Heyden gerne geglaͤubet und vor wahr gehalten / welches auch von Pla - to und Ariſtoteles durch wolgeſezte Gruͤnde bewehret iſt. Der trefliche Roͤmiſche Buͤrge - meiſter M. Tullius in ſeinem Buche von den Geſetzen ſchleuſt alſo: Weil die (heydniſche) Geſetze wollen / daß etliche von den Menſchen / als Herkules und andere / ſollen vor Goͤtter geehret werden / ſey ſolches ja eine Anzeigung / daß die Seelen unſterblich ſeyn. Und ob die - ſes gleich kein buͤndiger Beweißtuhm iſt / ſo folget doch daher / daß der Seelen Unſterblig - keit ſey von den Geſezgebern vor gewiß gehalten worden. Am andern Orte (lib. 1 tuſculan. quæſtion. ) beweiſet er der Seelen Unſterbligkeit daher / daß alle Menſchen / was ſich nach dem Tode zutragen werde / ihnen laſſen angelegen ſeyn. Ovidius ſagets rund und duͤrre heraus / und ſpricht im XV Buche ſeiner Verwandelungen: Morte carent animæ. Die See - len ſterbẽ nicht. Daß aber unſere Leiber nach dieſem Leben auß dem Staube der Erden der - eins wiederumb werden hervor kom̃en / iſt zwar der Vernunfft ein verborgenes Geheim - niß / und allein den Glaͤubigen auß Gottes Worte offenbahr; jedoch hat Plinius noch lan - ge nicht urſach gnug / ſo verwaͤgen zu leugnen / daß Gott die Sterblichen mit der Ewigkeit nicht begaben koͤnne / ober gleich deſſen kein Beyſpiel geſehen hatte; dann was ſolte Gott verhindern / daſſelbe ewig zuerhalten / was er aus nichts erſchaffen hat / wann es nur ſein Wille waͤhre? Ja moͤchte jemand zu Plinius ſeiner Entſchuldigung einwenden; ſo kan gleichwol Gott keinem Geſchoͤpffe die erſte Art der Ewigkeit mitteilen. Iſt gar ein unge - reimter Einwurff. Dann iſt dieſes oder jenes ein Geſchoͤpff; das heiſſet; iſt es gemacht worden / ſo muß es ja einen Anfang genommen haben; hat es aber einen Anfang genom - men / ſo kans ja nicht von Ewigkeit ſtets geweſen ſeyn. Daß nun GOtt nicht kan machen / daß ein Geſchoͤpf von Ewigkeit her ſey; ſolches gibt ſeiner Allmacht keinen Abbruch / ſon - dern weil es / wie die Gelehrten reden / Contradictoria, widerſprechige Dinge ſind; Von E - wigkeit her ſeyn. Und: Nicht von Ewigkeit her ſeyn; oder einen Anfang gehabt haben; ſo waͤh - re es wider Gottes ewige Warheit / auß dem einen das andere / nemlich auß dem Ja / Nein; und auß dem Nein / Ja machen; und wuͤrde alſo Gott ſeine Warheit ſelbſt auffheben; wel - ches an ihm keine Almacht ſondern groſſe Unbeſtendigkeit und Falſcheit ſeyn wuͤrde. Was Plinius weiter her auß koͤcket: Gott koͤnne die Abgelebeten nicht wieder zuruͤk ruffen; das iſt: Er koͤnne die Todten nicht wieder zum Leben aufferwecken / ſolches wird er dereins am juͤngſtẽ Tage viel anders / wiewol mit ſeinem groſſen Schaden / ja mit Ach und Weh erfahren / da er wegen dieſer Verkleinerung der Allmacht Gottes / ſehr ſchwere Hellenſtraffen wird uͤ - ber ſich nehmen muͤſſen / deren Vorſchmak er ſchon in dieſem Leben empfunden / als ihn deꝛ Dampff des Feur und Schwefels / welches der Berg Veſuvius außwarff / erſtickete / wie hefftig er ſich auch bemuͤhete / demſelben zuentgehen. O haͤtte er nur ein wenig nachgefra - get / was etwa XLIV Jahr zuvor / als er dieſe ſeine Geſchicht Buͤcher dem Roͤmiſchen Buͤr -gemei -120Erſtes Buch. gemeiſter Titus Veſpaſianus zuſchrieb / ſich im judiſchen Lande hatte zugetragen / da der welt Heyland Jeſus / etliche verſtorbene zum Leben aufferweckete / alsdann wuͤrde er ſeine gar zu verwaͤgene Feder nicht ſo leichtfertig wieder Gottes Allmacht geſchaͤrffet haben. Seine uͤbrigen Einwuͤrffe / da er vorgibt / Gott koͤnne nicht machen. Daß der gelebet hat / nicht ſolte gelebet haben; der Ehrenaͤmter bedienet hat / ſie nicht ſolte bedienet haben; oder; das zweymahl zehn nicht zwanzig machten; ſind auß obigem leicht zu entſcheiden. Dann machte GOTT ſolches / ſo machte er aus der Warheit Luͤgen und Unwarheit. Daß muͤſte aber wol ein feiner GOTT ſeyn / der ſich in ſeiner Warheit ſelbſt zum Luͤgner machte! So wenig nun Gottes Almacht dadurch verletzet wird / daß er ſich ſelbſt nicht wuͤrgen kan; eben ſo wenig tuht es ſeiner Allmacht ſchaden / daß er ſich ſelbſt nicht zum luͤg - ner machet; noch was einmahl wahr geweſen / heiſſet eine Luͤgen uñ Unwarheit ſeyn; noch die nohtwendige Folge (zweymahl zehn ſind zwanzig) / welche er der Vernunfft als eine unvermeidliche Warheit eingepflanzet / auffhebet und faͤlſchet. Eines iſt noch uͤbrig zube - ruͤhren / daß er hinzu kuht: Gott habe nullum in præterita jus, præterquam oblivionis. Kein Recht uͤber die vergangenen Dinge / als das Recht der Vergeſſenheit; iſt etwas dunkel geredet; Und heiſſet entweder ſo viel / daß Gott die vergangenen Dinge vergeſſen koͤnne / oder daß er ſie nicht vergeſſen koͤnne. Verſtehet er daß lezte / ſo laſſe ichs in ſo weit lauffen / daß Gotte die vergangenen Dinge freylich ſtets vor Augen ſtehen / aber er dannoch viel ein groͤſſer Recht uͤber dieſelben habe / als nur allein / daß er ſie nicht vergeſſen koͤnne. Nimt er daß er - ſte; ſo iſt er gedoppelt gottloß; maſſen die Vergeſſenheit keine Stat noch Raum findet bey Gott / als welchem nichts vergangen / nichts zukuͤnfftig / ſondern alles gegenwaͤrtig iſt / wel - ches Ariſtoteles bekennet / (lib. de bon. fortun. ) da er ſpricht: Gott ſihet gar wol das Gegen - waͤrtige / vergangene und Zukuͤnfftige. Und Homerus (Odysſ. IV) Die Goͤtter wiſſen alles Und was wolte das wol vor ein Gott ſeyn / deſſen Gedaͤchtnis die Vergeſſenheit beſchleichen koͤnte? Es iſt faſt eine unnuͤtze muͤhe / und vergebliche Arbeit / ſich in Wiederlegung eines ſo handgreifflichen Irtuhms laͤnger auffzuhalten / inſonderheit / weil meine Herren und Bruͤderliche Freunde ohn zweiffel ihre gedanken am andern Orte haben; zu beklagen abeꝛ iſt es / daß in andern Kuͤnſten und Wiſſenſchafften ein ſo hocherfahrner faſt unvergleich - licher Man / in dieſe tieffe und unſinnige Finſternis gerahten iſt / daß er die augenſcheinli - che Allmacht Gottes anzufechten / und ein groͤſſer Himmelsſtuͤrmer / als des Ovidius ſei - ne / zu werden / ſich nicht geſcheuhet hat; da andere verſtaͤndige Heyden nie gebilliget ha - ben / was Gott zur Beſchimpffung gereichen kan; dz dem nach des vorgedachten M. Tul - lius Warnung ihn von ſolcher gottloſigkeit haͤtte billig abhalten ſollen / welcher im andern Buche von der Goͤtter Art / alſo ſchreibet: Es iſt eine boͤſe und Gottloſe Gewohnheit / wieder die Goͤtter zureden / es geſchehe gleich aus Ernſt / oder nur zum Scherze. Hiemit gab er ſeiner rede die Endſchafft / und weil der junge Fabius alle ſeine Worte in ſein Handbuͤchlein ſchrieb / ſagte er zu ihm: Mein Herr / ich bitte ſehr / er wolle meine Reden keinem verſtaͤndigen zei - gen / damit ſeine Schrifft nicht ein Zeuge ſey meines geringen Verſtandes. Ich werde dieſe Unterrichtung vielmehr taͤglich durchleſen / ſagte er / damit ich mich befleiſſige / den Goͤttern ihre gebuͤhrliche Ehre zugeben / und mich vor deren Laͤſter - und Beſchimpffung zu huͤten. Herkules wolte ſie nicht laͤnger aufhalten / baht nochmals / daß ſie es / als unteꝛ derRo -121Erſtes Buch. Roſe geredet / verſchweigen moͤchten / und lies ſie damit von ſich; da auff dem Wege Fa - bius zu Ladiſla ſagte: Er hielte vor gewiß / daß wo nach etlicher Meynung die Seelen der verſtorbenen in andere Leiber gegoſſen wuͤrden / muͤſten die Goͤtter drey unterſchiedliche / als die verſtaͤndigſte / herzhaffteſte und freundligſte zuſammen verknuͤpffet / und dieſen Hel - den damit volkommen gemacht haben; und duͤrffte ich faſt waͤhnen / ſagte er / es ſey Herr Herkules dem