PRIMS Full-text transcription (HTML)
CATECHJSMVS - MJLCH / Oder Der Erklaͤrung deß Chriſt - lichen Catechiſmi /
Achter Theil /
Vber Das vierte Hauptſtuͤck von dem Einſatz deß Heil. Predigampts / und dem Sacrament der heiligen Tauff Auß St. Matthei Cap. 28. . 18 / 19 / 20. und St. Marcl Cap. 16. . 15. 16.
Straßburg /Gedruckt und verlegt durchJohann Friderich Spoor. ANNO MDC LXVI.
DEDICATIO.

Dem Durchleuchtigen / Hochgebornen Fuͤrſten und HERRN / HERRN Leopold Ludwig / Pfaltzgrafen bey Rhein / Hertzogen in Baͤyern / Grafen zu Veldentz / ꝛc. Seinem Gnaͤdigen Fuͤrſten und Herꝛn / Wuͤnſchet von dem Hertzog deß Lebens / JEſu Chriſto / gluͤckſelige Regierung / langes und gutes Leben / ſampt allem Fuͤrſtlichen Segen in irꝛdiſchen und himmliſchen Guͤtern / hie zeitliches und dort ewiges Wolergehen / Vnterthaͤnig Gebets gefliſſener Johann Conrad Dannhawer / der Heil. Schrifft Doctor, Profeſſor bey der Univerſitaͤt Straßburg / und daſelbſt deß Kirchen-Convents Præſes.

D und warum ein glaubiger / außer - waͤhlter / rechtſchaffener Chriſt einem edlen / lebendigen / fruchtbahren und geſegneten Baum vom Heil. Geiſt in den Schrifften der Propheten und Apoſteln verglichen wor - den / ſonderlich in dem erſten Pſalm Davids; Daſſelb und darum hat der teutſche Prophet und beſteA 2.AußlegerDEDICATIO. Außleger der H. Schrifft Lutherus in etlichen Commentarien und Schrifften ans helle Tags-Liecht gelegt / und angezeigt / daß der Glaub der innerliche Safft ſey / auß welchem die edlen Glau - bens-Fruͤchte entſpringen / und daher den Glauben ſelbſt einem Baum verglichen / auß welchem alle Tugenden als Fruͤchte ge - zeuget und gezielet werden. Seine Wort lauten alſo Tom. 1. lat. in Ep. ad Galat. pag. 449. f. 2.

Spiritus h. l. non Spiritum S. ſignificat ſed ſpiritualem homi - nem, ut ſit antit heſis, opera carnis, fructus ſpiritus. Caro arbor mala, proferens ſpinas & tribulos: ſpiritus arbor bona, proferens uvas & ficus. Item carnis opera, non fructus: Spiritus fructus, non opera vocat. Cur hoc? nempe quod opera carnis non ſint utilia, quia ſpinis & tribulis nemo frui poteſt, ſed ſunt opera mala, tantum nocentia. At opera Spiritus proſunt & frui illis poſſumus in æternum, ſunt fi - cus & uvæ terræ promiſſionis, rectè ergo fructus nomine commen - dantur. Das iſt: Geiſt bedeutet allhier nicht den heiligen Geiſt / ſondern den geiſtl. Menſchen / damit ein Gegenſatz ſey zwiſchen den Wercken deß Fleiſches und den Fruͤchten des Geiſtes. Das Fleiſch iſt ein arger Btum / ſo Dorn und Diſteln traͤgt / der Geiſt aber iſt ein guter Baum / ſo Trauben und Feigen bringet. Jene nennet er nicht Fruͤchte / ſondern Wercke deß Fleiſches; dieſe Fruͤchte und nicht Wercke deß Geiſtes: Warum das? nem - lich daß die Wercke deß Fleiſches kein nuͤtz ſeyn / weiln niemand der Dornen und Diſteln genieſſen kan / ſondern ſind boͤſe und nur ſchaͤdliche Wercke. Aber die Wercke deß Geiſtes nutzen und koͤnnen wir derſelben in Ewigkeit genieſſen / ſind Feigen und Trauben deß gelobten Landes / werden derohal - ben recht und wol Fruͤchte genennet. Tom. 3. lat. in Eſa. 61. p. 429. Et vo - cabuntur in ea fortes juſtitiæ, plantatio ad glorificandum & vocabuntur arbores juſtitiæ & plantatio Domini in gloriam. Eſt pulcherrima figura, quæ con - tinet inſignem conſolationem, quod Chriſtiani, coram Mundo con - tempti, neglecti, infirmi; coram DEO ſint ceu paradiſus & jucundiſ - ſimæ arbores, quæ de die in diẽ propagentur & uberius proveniant & fructificent. Mundus habet etiam hortos ſuos, in iis ſunt arbores injuſtitiæ, ergo non ſunt conferendæ cum Chriſtianis. Præterea hoc etiã hæc ſimilitudo ſignificat, quod Chriſtianus non fit ſed naſcitur; non paratur humanis viribus ſed plantatur manu divinâ. Chriſtus enim hortulanus eſt, & Chriſtiani ſunt opera meræ gratiæ, qui per verbũ eradicantur ex horto Mundi, & transferuntur de Mundo in a -liamDEDICATIO. liam vitam. Quod autem addit, Plantatio Domini in gloriam ſignificat ſacrificium Chriſtianorum, quod non mactabunt pecudes ſed glori - ficabunt factorem ſuum. Sunt enim arbores, in quarum ſingulis foliis literæ ſunt ſcriptæ, Ago tibi gratias Domine, confiteor tibi Domine & c.

Das iſt: Es werden die Gerechten / Baͤume der Gerechtigkeit / und Pflan - tzen deß Herꝛn zum Preiſe / genennet. Jſt eine ſehr ſchoͤne Figur oder Wort - blum / welche groſſen Troſt in ſich haͤlt / daß die von der Welt verachte / ver - laſſene / ſchwache Chriſten vor GOtt wie ein Paradieß und als die luſtig - ſten Baͤume ſeyn / welche von Tag zu Tag fortgepflantzet / und alſo deſto reichlicher herfuͤr wachſen und Frucht bringen. Die Welt hat auch ihre Gaͤrten / aber in denſelben ſind Baͤume der Ungerechtigkeit / derowegen ſind ſie mit den Chriſten nicht zu vergleichen. Uber diß bedeutet auch dieſe Gleichnuͤß / das ein Chriſt nicht gemacht / ſondern geboren / nicht durch menſchliche Kraͤffte bereitet / ſondern durch Goͤttliche Hand gepflantzet wird. Dann Chriſtus iſt der Gaͤrtner / und Chriſten ſind lauter Gnaden. Werck / welche durchs Wort aus dem Garten der Welt außgewurtzelt und von der Welt in ein ander Leben verſetzet werden. Daß er aber hinzu ſetzet Pflantzen deß HErꝛn zum Preiß / bedeutet der Chriſten Opffer / daß ſie nicht Vieh ſchlachten / ſondern ihren Schoͤpffer preiſen werden / dann es ſind Baͤume / auff welcher jeglichen Blaͤttern dieſe Wort geſchrie - ben: Jch dancke dir HERR / Jch preiſe dich HERR / und dergleichen. Tom. 1. Isleb. p. 13. f. 2. Chriſtus ſagt: Ein boͤſer Baum traͤgt keine gute Fruͤchte. Ein guter Baum traͤgt keine boͤſe Fruͤchte. Nun iſts offenbar daß die Fruͤchte nicht den Baum tragen / ſo wachſen auch die Baͤume nicht auff den Fruͤchten / ſondern die Baͤume tragen die Frucht / und die Fruͤchte wachſen auff den Baͤumen. Wie nun die Baͤume muͤſſen ehe ſeyn dann die Fruͤchte / und die Fruͤchte machen nicht die Baͤume weder gut noch boͤſe / ſondern die Baͤume machen die Fruͤchte: Alſo muß der Menſch in der Perſon zuvor fromm oder boͤſe ſeyn / ehe er gute oder boͤſe Werck thut / und ſeine Werck machen ihn nicht gut oder boͤſe / ſondern er macht gute oder boͤſe Werck. Tom. 4. Witt. p. 95. Es ligt aber alles darin / daß man verſtehe / was er gute oder boͤſe Baͤume und Fruͤchte heiſſet / dann es iſt bald geſagt / das iſt eine Feige / oder eine Diſtel / ein guter Apffel / oder ſaure Schlehen / und mit den Augen und Vernunfft leicht zu ſehen und verſtehen. Aber da es Chriſtus hinzeucht / iſt es unmuͤglich ohn allein durch geiſtlichen Verſtand nach Gottes Wort / zu oͤrtern; Dann wir haben droben gehoͤret / wie dieſelbigen falſchen Lehrer bringen ſolchen Schein und glatte Wort / daß die Ver -A 3nunfftDEDICATIO. nunfft nicht vermag zu richten / noch ſich kan dafuͤr huͤten / ja es iſt eben ſolche Lehre und Leben / die aus der Vernunfft gewachſen und ihr gemaͤß iſt / und uns natuͤrlich wolgefaͤllet / weil ſie von unſerm Eigenthum und Wercken lehret / ſo wir verſtehen und vermoͤgen. Das heiſt aber kuͤrtz - lich / ein guter Baum / ſo gute Fruͤchte bringet / der da lebt und ſein Leben und Wandel fuͤhret nach Gottes Wort / rein und lauter. Alſo ſind dieſe Wort (an ihren Fruͤchten ſolt ihr ſie erkennen) zum Wahrzeichen geſetzet / und zum Ziel geſteckt / darnach man ſie richten und kennen kan. Wer - den wir aber betrogen / ſo iſts niemand dann unſere Schuld / dann er hat uns nicht in Zweiffel gelaſſen / ſondern duͤrꝛ und klar abgemahlet / koͤnnet ihr ſie nicht urtheilen (ſpricht er) fuͤr den ſchoͤnen Schaffs-Kleidern / ſo mercket nun auff ihre Fruͤchte und Wercke / ob die rechtſchaffen und gut ſind? Ja (ſprichſt du) wie kenne ich dieſelbigen? moͤgen doch dieſelbigen auch wol triegen. Antwort: Du weiſt ja was Gottes Gebot ſind / da ſihe ob ſie nach denſelbigen gehen. Dann ich wil dir gewiß Buͤrge dafuͤr ſeyn / daß kein Rottengeiſt kommen wird / er ſolls ſo verſigeln und ein Stanck hinter ſich laſſen / daß man ſehe / daß der Teuffel da geweſen ſey: und iſt auch noch nie kein falſche Lehr und Ketzerey auffkommen / ſie hat das Wahrzeichen mit ſich gehabt / ſo er hie zeiget / daß ſie andere Werck auff - geworffen haben / dann GOtt geboten und verordnet hat. Daß nun die Welt verfuͤhret wird / kommt nirgend her / dann daß ſie der tollen Ver - nunfft folget / und laͤſſt Gottes Wort unter der Banck liegen / achtet nicht / was er gebeut / ſperret dieweil die Augen auff nach den Larven / wo ſie nur etwas ſeltzams ſihet. Tom. 12. Witt. p. 327. Wo die Lehre unrein und falſch iſt / kan der Glaub nicht recht und rein ſeyn / wo der Glaube nicht recht iſt / da koͤnnen keine gute Fruͤchte oder gute Werck ſeyn / ſie gleiſſen wie ſie wollen / wie der HErꝛ ſagt Matth. 12. Setzet den Banm und ſeine Fruͤchte gut / oder ſetzet den Baum faul und ſeine Fruͤchte faul. Und cap. 7. Ein guter Baum bringet gute Fruͤchte / ein boͤſer Baum bringet boͤſe Fruͤchte. Es iſt alles um die Lehre zu thun / wo die recht iſt / ſo iſt alles recht / Glaube / Werck / Leben / Leyden / gute und boͤſe Tage / Eſſen / Trin - cken / Hungern / Duͤrſten / Schlaffen / Wachen / Gehen / Stehen / ꝛc. Wo die Lehre nicht recht iſt / da iſts umſonſt / alles verlohren / und alles gaͤntz - lich verdammt / Werck / Leben / Leyden / Faſten / Beten / Allmoſen / Kap - pen / Platten und was der Paͤbſtlichen Kirchen Heiligkeit mehr iſt. Tom. 1. Isleb. p. 160. f. 2. Daß aber der Glaub den Wercken wird fuͤrgezogen / iſt das die Urſach: Der Menſch zuvor ehe er gute Werck thut muß er gerecht ſeyn / ſonſt thut er kein gut Werck / dann es ſtehet alles unbeweg -lich /DEDICATIO. lich / alles das nicht aus dem Glauben kommet / iſt Suͤnde / Rom. 14. die - ſe Gerechtigkeit geſchiehet allein durch den Glauben / dann der Glaub iſt der Anfang dieſer Gerechtfertigung. Das gehet alſo zu / wann Gott den Menſchen etwas verheißt oder zuſagt / als Seligkeit (dann der da glaubt und wird getaufft ꝛc. Marc. 16.) und / der Menſch erwartet ſolche gewiſſe Zuſagung / wirfft ſein Gemuͤth und Sinn darauff / glaubet kraͤfftiglich / es ſey ihm um ſeinet willen geſchehen / ſtehet in ſolcher Zuſagung Gottes ſo feſt / daß er gaͤntzlich daran keinen Zweiffel hat / dann ſo er zweiffelt / ſo iſt es aus / wie droben geſagt. Et ib. p. 161. Es iſt unmuͤglich / wo der Glaub recht iſt / daß die Fruͤchte oder Werck nicht ſolten folgen / das iſt aber wahr / der Menſch zuvor ehe er gute Werck thut / muͤſſe er gerecht ſeyn / dieſe Ge - rechtigkeit wuͤrcket allein der Glaub. ib. Tom. 1. Isleb. p. 172.

Kein Werck iſt boͤſe / daß den Menſchen moͤge verdammen / auch keins ſo gut / das den Menſchen moͤge ſelig machen / ſon - dern allein der Glaub macht uns ſelig / und der Unglaub ver - dammet uns. Alſo machet einen niemand fromm / dann der Glaube / und nichts machet einen boͤß / dann der Unglaube / daher ſagt auch der HErꝛ / daß der Baum abgehauen ſol wer - den: Er ſpricht nicht man ſol die Fruͤcht abhauen. Darum Werck der Liebe machen mich nicht fromm / ſondern allein der Glaube / in dem ich dieſe Werck thue und dieſe Fruͤchte trage. Alſo muͤſſen wir an dem Glauben anfahen. Der Pabſt aber faͤhet an den Wercken an / und heiſt gute Werck thun / daß man fromm werde / gleich als wann ich zum Baum ſpreche / wilt du ein guter Baum werden / ſo hebe an und trage Aepffel / gleich als moͤg ich Aepffel tragen ehe ich ein Baum ſey / ſondern ich muß ſagen / wilt du Aepffel tragen / ſo hebe an und werde ein Baum / alſo muß der Baum ſeyn zuvor / ehe er Fruͤchte gewinnet.

Wie es nun ein groſſer Unverſtand und Unſinn / ein blin - der Jrꝛthum und Thorheit waͤre / wann irgend ein Gaͤrt - ner oder Gartenmann wolte Fruͤchte bauen vor der Pflan - tzung deß Baums / oder auch zeitige Fruͤchte von den areolis Laͤndern oder Boden erfordern / und hoffen / ehe und dann erdenDEDICATIO. den Baum recht auffgerichtet / geſetzt und befeſtiget. (Sintemahl der erſte Ertz-Gaͤrtner der Allmaͤchtige GOtt in ſeinem Para - dis und Luſt-Garten zu erſt die Baͤum gepflantzet / daß ſie aller - hand Fruͤchte und Obſt tragen / machen und gebaͤren ſollen / ein jeder nach ſeiner Art) Alſo wuͤrde auch der jenige geiſt - liche Garten-Mann und Lehrer der Kirchen das ὕςερον πρότερον ſpielen / das hinderſt zum forderſten handeln / und wie man ſagt / die Pferde hinter den Wagen ſpannen / wañ er wolte gute Werck heiſchen / ohn vorhergehende Gruͤndung deß wahren Glaubens: jederman / wer dergleichen ſihet und hoͤret / wůrde fragen / ob ſol - cher Mann noch bey geſunden Sinnen?

Dennoch hat dieſe letzte und aͤlteſte Welt / nachdem ſie ein - mahl in ihrem hohen Alter ins delirium gerathen und ange - fangen zu fabeln / aus unzeitiger Liebe / einen ungoͤttlichen / fleiſchlichen / hoͤchſtgefaͤhrlichen Religions-Frieden neben an - dern neuen Fuͤnden und Mahometiſchen Zwangs-Mitteln / auch dieſen Fund der umgekehrten Gartnerey auff die Bahn zu bringen ſich nicht entbloͤdet. Nicht genug war es daß man deß HErꝛn Gebet das heilige Vatter Unſer verkehret / die Bitt ums taͤgliche Brodt / darunter auch der Frieden be - griffen / der Bitt um die Heiligung deß Goͤttlichen Namens / Vermehrung ſeines Reichs und Erfuͤllung ſeines Willens vorgeſetzet / und im Werck ſelbſt alſo beten und ſagen gelehrt: Dein Nam iſt ſchon geheiliget / dein Reich iſt kom - men / dein Will iſt geſchehen / das iſt / wir ſind hei - lig und vollkommen / duͤrffen keiner Suͤnden Vergebung noch Schutz fuͤr Anfechtung mehr / gib nur Brodt und Fried zu unſern Zeiten. Wie ſolchen Faulwitz ſchon zu ſeiner Zeit wahrgenommen und ent - decket der theure Lutherus Tom. 6. Witt. im Betbuͤchlein f. 129. Sondern es wollen auch die Fruͤchte der Gerechtigkeit deßwahrenDEDICATIO. wahren Chriſtenthums und gute Werck zuvor exigirt und er - friſchet werden / ehe man die Gerechtigkeit ſelbſt / den Grund deß wahren Chriſtenthums / die Wurtzel der rechten guten Werck deß wahren ſeligmachenden Glaubens erbauet / be - ſaͤfftiget / dargeſtellet / dermaſſen befeſtiget und verwahret / daß er durch keinen widrigen Wind / Sturm und Wetter luck und wanck gemacht werden koͤnne. (o)Daher man vor der Zeit im Pabſtthum (ſind abermahl Luthe - ri Wort Tom. 7. Witt. p. 450.) das Evangelium nicht anders wu - ſte zu predigen / dann daß man darauß lernen ſolte Exempel und gute Werck / und hat unſer nie keiner ein Evangelium gehoͤrt / das zu Troſt dem Gewiſſen / zum Glauben und Trauen auff Chriſtum gezogen waͤre / wie es doch billig ſeyn ſolte.Solcher Art ſind noch heutigs Tags die Homiliæ und Predigten aus Ba - bylon / ſo nach und nach / und ſonderlich Jeremiæ Drexelii des beruͤhmten Lojoliten Schrifften außgeflogen / auch die Poſtillen und muͤndliche Predigten der Reformirten / (welche zeitlich gemerckt / wie gut es ſey und dem Abgott-Bauch wol thue / von dem Decreto abſoluto und andern verhaßten Leh - ren auff der Cantzel zu ſchweigen / und hingegen mit den mo - ralien dem gemeinen Volck die Ohren zu krauen) und wie wollens doch an jenem ſtrengen Gerichts-Tage verantwor - ten unſere Drexelianiſche Affen / die mit ihren moralien und guten Wercken auff der Cantzel ſo viel zu ſchaffen haben / daß ſie der ſtarcken Speiß deß Glaubens druͤber vergeſſen / laſſen ihre Zuhoͤrer immer an der Milch ſaugen und carnis privio laboriren, wollen keinen falſchen Lehren und Lehrern weh thun / ſondern lieber die bewaͤrte Mittel den Grund deß Glau - bens recht zu legen und fůr aller widerwaͤrtigen Sophiſterey zu verwahren / daͤmpffen / und demnach das Cantzel-Diſputi - ren / elenchiren / durch wolflieſſende conſequentias (welche Gegentheil erkennen muß / und nicht vergebene Außflucht ſu - chen / mit jenem der die Articul ſeiner Verjicht geſtanden / und doch die conſequentz deß Richters; Ergo ſoltu vom LebenAchter Theil. BzumDEDICATIO. zum Tod hingerichtet werden / nicht paſſiren laſſen) den Eiſſen recht zu ruͤhren / nicht allein fuͤr ſich ſelbſt Scheu tragen / ſon - dern auch andern verleiden / in Summa / die Fruͤchte erzwin - gen wollen / ehe ſie den Baum gnugſam gepflantzet / geruͤttelt und geſchuͤttelt / oder auch die geſunde Fruͤchte recht abgebrochen und abgeſchelet; da doch um ſo viel ſtaͤrcker und eyfferiger ob dem Glauben / der einmahl den Heiligen fuͤrge - geben / zu kaͤmpfen waͤre / als groͤſſern Schaden der Jrꝛ - thum deß Glaubens der Chriſtlichen Kirchen zu thun pflegt; Wovon abermahl Lutherus zuhoͤren:

Tom. 1. lat. p. 396. Malum fidei in optimis moribus facit - reticos, ſu perbos, ſchiſmaticos, quos ſcriptura proprie im pios Hebr. Reſchaim vocat. Mali mores, peccatores faciunt ſalva fi - de, ſaltem aliorum, h. e. non impugnant fidem, etſi etiam ſciunt ſe non habere & debere, ideo ſunt facilè curabiles. Malum autem fidei, mox etiam criminatur & perſequitur fidem aliorum, ut ſuam ſtatuat. Das iſt: Das boͤſe deß Glaubens machet Ketzer / hoffaͤrtige Sectirer / welche die Schrifft Gottloſe / auff Hebreiſch Reſchaim neñet. Boͤſe Sitten machen Suͤnder ohn Verletzung deß Glaubens auffs wenigſt der andern / das iſt / ſie fechten den Glauben nicht an / ob ſie ſchon wiſſen / daß ſie ſelbigen nicht haben oder haben ſollen / derohalben ſind ſie ja leicht zu recht zu bringen. Aber das boͤſe deß Glaubens ſchaͤndet und verfolget auch gleich anderer ihren Glauben / damit er den ſeinen beſtaͤtige.(o)Es gehet hiermit zu (Tom. 4. Witt. p. 357.) Gleich wie ein Buͤr - ger in einer Stadt kan zweyerley Suͤnde an ſeiner Obrigkeit begehen / als daß er ſeinem Buͤrgermeiſter ungehorſam iſt / und wider ſeinen Befehl thut und damit in ſeine Straffe faͤllet / aber doch bekennet daß er unrecht daran gethan habe. Damit iſts alſo gethan / daß man noch kan ſcheiden dieſe zwey Jus & factum, Recht und Gehorſam deß Rechten / oder wie wir hie ſagen / Lehre und Leben / dann ſolcher Ubertretter oder Ungehorſamer / dennoch das Recht bekennet und laͤſſet das Gebott ſtehen. Wann er aber wolte zufahren und ſich wider das Gebott legen / und ſolch Recht nicht leyden / wolte nicht unrecht gethan haben / ſondern das ſelbſt noch dazu ver - theidigen / das waͤre viel ein anders / und hieſſe nicht ein Ungehorſam oder HautUber -DEDICATIO. (o)Ubertrettung / ſondern ein Auffruhr und crimen læſæ majeſtatis, als der ſich ſtracks wider die Obrigkeit ſetzet / und das Recht wegſtoͤſſet und wil ſelbſt Recht ſeyn. Darzu gehoͤret nicht eine ſchlechte Straffe / Meiſter Hanſen / ſondern daß ſich die Erd uͤber ſolchem auffthue und ihn verſchlin - ge / wie Corah / ſampt Dathan und Abiram Num. 16. Alſo thut auch die Rotte der Widertaͤuffer / uͤber die H. Tauffe / als die freventlich wider Got - tes Ordnung ſtreben / und dafuͤr ihnen ein anders machen / da gehoͤrt kein Schwerdt noch zeitliche Straffe zu / ſondern der Teuffel ſelbſt und ewig hoͤlliſch Feuer. Tom. 6. Witt. p. 447. Wer am Glauben narret und irret / der muß an allen Worten / Wercken / Sinn und Gedancken narren und irren / wie St. Paulus ſpricht Tit. 1. Es iſt den Unglaubigen nichts rein / ſondern unrein iſt beyde ihr Sinn und Gewiſſen.ſtultè ſapiunt. Dieſe Leute ſind nicht einfaͤltig! Solcher maſ - ſen ſchonen ſie ihres Hirns / entledigen ſich ſchweren Laſtes / die controverſien und Religionsſtreitigkeiten eigentlich und nicht bloß von hoͤrſagen / oder mit fremden Augen / zu erkundigen / gruͤndlich und kraͤfftig zu widerlegen / aus allen Bibliſchen gnugſam außgewirckten Texten das rechte Marck per locos proprios aus zu ſaugen und in Troſt - und Tugend-Lehren zer - flieſſen zu laſſen: ſuchen unterdeß Menſchen-Tag und Pfaf - fen-Ruh / treiben die moralia, ruͤhmen die blinde idiotiſche Wi - dertaͤufferiſche Einfalt / wollen die Leute fromm machen ohn die rechte Wurtzel der Froͤmmigkeit; ut vulgo placerent quas fe - ciſſent fabulas. (*)Stellen Chriſtum dar als einen bloſſen Wegweiſer und nicht den Weg ſelbſt. (Luth. Tom. 7. Jen. p. 61.) Ob man gleich ſolche und der - gleichen Spruͤche von dem rechten Wege fuͤhret / und die Leute ſo weit bere - det / daß ſie es laſſen recht und wahr ſeyn / ſo kompt doch Meiſter Kluͤgel / ja der Teuffel ſelbſt mit der ſpitzigen Vernunff / und wil der Sachen helffen / daß ſie ja ihre Beywege erhalte / und dieſe ſchoͤne Spruͤche matt mache / uñ gibts alſo fuͤr / es ſey alſo zu verſtehen / daß Chriſtus habe uns gegeben gute Lehre und Gebot wie wir thun und leben / Jtem gute Exempel / denen wir folgen ſollen / und wann wir ſolches halten und thun / ſo treffen wir den rechten Weg gen Himmel ꝛc. Machen aus Chriſto einen lautern Moſen / der nicht mehr dann von unſerm Thun und Wercken ſagt / und auff uns ſelbſt weiſe. Darum huͤte dich fuͤr ſolchem ſchaͤndlichen und verfuͤhrli - chem Geſchwaͤtze und Triegerey / ſo dir Chriſtum allein als einen Werck - Lehrer fuͤrhaͤlt / als hab er uns nichts mehr gelehret und gezeigt / dann wieKompt endlich an ſtatt eines fruchtbarenB 2wirDEDICATIO. (*)wir leben und was wir thun ſollen / dann davon kunt er nicht heiſſen der Weg / ſondern waͤre nicht mehr / dann ein Creutz oder Marter am Wege / ſo da wol weiſet / wo der Weg iſt / oder wie man gehen ſol / aber ſelbſt nicht fuͤhret noch traͤgt. Dann ob er gleich viel lehret und zeiget wie wir leben ſollen und ihm nachfolgen / wie er gethan und den Weg gegangen hat / ſo waͤre es damit noch lange nicht gethan noch gegangen. Das Exempel iſt wol koͤſtlich / aber uns viel zu hoch / daß wir ihm ſelbſt folgen koͤnten / zu dem / hab ich geſagt / daß unſer Werck und Thun alles noch gehoͤret in die - ſes Leben. Aber das Gehen und der Weg / davon man hie redet / iſt nicht mehr dieſes Lebens / ſondern ein Gang und Sprung / dadurch man muß treten und uͤberkommen in jenes Leben. Darum iſts hie gleich als wann ich vom Lande an ein Ufer kaͤme / da die Straſſe und gebahnter Weg auff - hoͤret / und ich eitel Waſſer fuͤr mich ſehe / und nicht hinuͤber koͤnte / noch mich darauff wagen duͤrfft / ich haͤtte dann feſte gewiſſe Steg oder Bruͤ - cken / oder jemand der mich uͤberfuͤhret / da waͤre mir nichts geholffen / ob man mir ſchon zeigt wo ich hin muͤſte / ſo es doch alles unwegſam waͤre / und niemand mir koͤnte hinuͤber helffen / ſolte ich aber hinuͤber kommen / ſo muͤſte ich etwas haben / darauff ich ſicher tretten und mich verlaſſen moͤch - te / daß michs gewiß tragen wuͤrde. Alſo gehets hie auch / wann es gilt aus dieſem Leben durch den Tod in jenes zu kommen / da hoͤret mehr zu / dann unſer Leben und Thun / wie gut es immer ſeyn kan / dann da bin ich und aller Menſchen Werck und Vermoͤgen viel zu ſchwach zu / daß es mir koͤnte helffen / die Suͤnde zu tilgen / GOtt zu verſuͤhnen / den Tod zu uͤber - winden / ꝛc. Darum ich alsdann einen andern gewiſſen Grund / oder feſte und ſichere Steg und Bruͤcken muß haben / die mich uͤbertragen / das iſt nun allein dieſer JEſus Chriſtus / der da ſoll allein der Weg heiſſen / da - durch wir in jenes Leben und (wie er ſagt) zum Vatter kommen / ſo wir mit feſtem Glauben an ihn hangen.Baums und deſſen Fruͤchte nichts anders herauß als faul Zuͤndholtz / ſo bey Nacht einen Schein von ſich gibt / ohne Le - ben / Safft und Krafft; anſtatt der wahren Marck-Kern - und Hertzens-Tugen den lauter Affenwerck / ſo in der bloſſen imita - tion der Heiligen beſtehet (ſo machts Mahometh /) uͤberreden die Leut / Chriſti Evangelia ſeyen myſteria und Geheimnuͤſſen / ſo ſchwer zu verſtehen / der Alcoran gehe leichter ein; Sol - cher maſſen iſt im Pabſithum der eingeflochtene und blinde Glaube ein Heiligthum worden: So hat man das ſchwere Predigen gering / das zur Augenfuͤll angeſehene leichte Meſ -ſen -DEDICATIO. ſen-Werck groß gemacht und hoch erhoben / unterdeß weltli - che Prælaturen verwaltet / und durch die blinde Lieb die Kloͤſter / der Faulkeit zum Vortheil / ſampt koͤſtlichen Baſiliken erbauet. Sic charitas ædificabat!

Mittelſtraß die beſte was! Nach dem der Sathan jen - ſeit aus der ſcienz ein Inflat oder Unflat gemacht / und die edel - ſte Diſputir-Kunſt ſchaͤndlich mißbraucht / ſo legt er ſich jetzt auff die ander Seite / und wil die Chriſtenheit von der rechten purificirten Wiſſenſchafft ab - und zur blinden Liebe wenden / und wie oben erwehnet / lehren die Fruͤchte bringen ohn den Baum. Darum das Mittel zu erwaͤhlen / den Wurtzel-Safft - und Kraffthabenden Glauben feſt zu pflan - tzen / und aus deſſen lebendiger Bewegung das menſchliche Hertz zu aͤndern und zu erneuern / den liebreichen Glauben und glaubreiche Lieb zu befoͤrdern / in dieſen letzten gefaͤhrli - chen Zeiten / hochnoͤthig.

Weil ſo gethanes Mittel zu treffen ich mir ſonderlich in dieſer Catechiſmus-Lehr (deren vorigen Theil ich gern beſſer poliren / limiren, auß feylen und ſchleiffen moͤchte / wo Zeit und Muß es zulaſſen wolten) hab laſſen angelegen ſeyn / zu aller - forderſt den rechten wahren Glauben gruͤndlich zu ſetzen / und folgends aus demſelben beydes fructus Evangelicos & legales heilſame / ſafftige / Evangeliſche Troſt - und Gott wolgefaͤllige nůtzliche Zucht - und Tugend-Fruͤchten zu erzielen: Als laſſe ich zu gleichem End dißmahl auch dieſen achten Theil herauß kommen / fuͤrnemlich dem Teutſchen Chriſtlichen patrioten und Biedermann damit zu dienen / denſelben nicht immer an der Milch hangen zu laſſen / ſondern auch ſtarcke Speiſen fuͤr zu tragen / wider alle Anfechtungen ſich (nicht nur zu naͤhren / ſondern auch / zu wehren. Chriſtus (ita Auguſt. tractat. 98. in Joh.) crucifixus & lac ſugentibus eſt, & cibus proficientibus, das iſt: der gecreutzigte Chriſtus / iſt eine Milch-Speiſe den Saͤuglingen / und auch zu - gleich eine ſtarcke Speiſe den gewachſenen. Gleich wie in der Natur / vermittelſt der concoction in dem menſchlichen Leibe / die zarte flieſſende Milch in hartes / dickes und ſattes Fleiſch ver - wandelt wird: Alſo ſoll es auch auff gewiſſe Weiſe in der geiſt - lichen Seelen-nahrung geſchehen. Darum ſich deſto weniger zu verwundern / daß dieſer gegenwaͤrtige achte Theil / wieB 3auchDEDICATIO. auch die vorigen den Namen der Catechiſmus-Milch getragen und behalten / dieweil dieſe ſtaͤrckere Speiß aus der Milch erwachſen und durch einen leichtern methodum der Gleichnuͤſſen / Exempeln / ſonderlich aus den Schrifften Lu - theri (mit welchen ich dieſe Predigten gewůrtzet und durch - geſpicket / als in denen ich mehr Geiſt / Liecht / Nachdruck / Safft und Krafft als in allen Drexeliis, Granatenſibus, Schere - ris, Scultetis, Neubergeris, &c. gefunden) herauß gezogen wor - den / und daſſelb in Teutſcher verſtaͤndlicher Mutterſprach / abermahl nach dem Exempel Lutheri / deſſen hocherleuchteten Mannes Worte ich hie mir eigen mache die er fuͤhret / Tom. 7. Witt. l. von guten Wercken pag. 67. f. 2. Wolte Gott ich haͤtte einem Laͤyen mein Lebenlang mit allem mei - nen Vermoͤgen zu der Beſſerung gedienet / ich wol - te mir genuͤgen laſſen / Gott dancken / und gar wil - lig darnach laſſen alle meine Buͤchlein umkom - men. Jch wil einem jeden die Ehre groſſer Ding hertzlich gerne laſſen / und mich gar nicht ſchaͤmen / Teutſch dem ungelehrten Laͤyen zu predigen und ſchreiben / wiewol ich deſſelbigen wenig kan / duͤnckt mich doch / ſo wir bißher und fort mehr uns deſſel - bigen gefliſſen haͤtten und wolten / ſolte der Chri - ſtenheit nicht eines kleinen Vortheils mehrer Beſ - ſerung zugewachſen ſeyn / dann aus den hohen groſ - ſen Buͤchern und Quæſtionen in den Schulen unter den Gelehrten allein gehandelt.

Daß aber unter E. Fuͤrſtl. Gn. meines gnaͤdigen Fuͤrſten und Herꝛn Hochloͤblichſten Nahmen / ich dieſe meine einfaͤltige Gedancken / uͤber das vierte Stuͤck deß Chriſtlichen Catechiſmi / publiciren und außfliegen laſſe / da - zu hat mich bewogen und gleichſam magnetico tractu gezogentheilsDEDICATIO. theils Dero hochberůhmte brennende Eyfer in Fovirung der Lauterkeit in Religions - und Glaubens-Sachen / die Raritaͤt der ſolidirten Erkantnůß / und Rettung der reinen und ge - ſunden Lehr / und derſelben Gegenwehr / ſonderlich aber die hertzliche und beſtaͤndige Devotion in Ubung der wahren Gottſeligkeit und darauß flieſſenden rechten Gottesdienſt / alſo daß der nicht irren ſolte / welcher (was von den Chriſtloͤbl. Kayſern / Conſtantino M. Euſebius l. 4. vit. Conſt. c. 17. ſchrifftlich hinterlaſſen (ἐν τοῖς βασιλέιοις) in ipsâ eum regiâ for - mam Eccleſiæ conſtituiſſe, ac (ἐυχὰς ἐνθέσμους) preces ordi - narias cum univerſâ aulâ ibi congregatâ ad Deum fudiſſe: Er hab in ſeinem Koͤniglichen Schloß die Form einer Hauß-Kirch angerichtet / und daſelbſt taͤgliche Bett - ſtunden ſampt allem ſeinen Hoffgeſind gehalten; Und was von Theodoſii deß juͤngern Hoffhaltung Socrates erzehlet l. 7. hiſt. c. 22. ſein Koͤniglich Hauß ſey einem Cloſter / (ἀσκητηρίῳ) darin man heilige und Gottes Wort ge - maͤſſe Ubungen gepflogen / aͤhnlich geweſen) von Ew. Fuͤrſtl. Gnaden wol regulirten Hoff / und in denenſelben florirenden Gottesdienſt / ruͤhmen / ſagen und ſchreiben wuͤr - de. Jn zuverſichtlicher Hoffnung / es werde dieſe gegenwaͤr - tige geringe Papierne Beylag daſelbſt nicht unwillkommen ſeyn koͤnnen / wo Gottſeligkeit wohnet / und dero Jnſtrumenta oder Ubungs-Mittel genehm gehalten / und namentlich auch die vorigen Theil der Catechiſmus-Milch / geleſen werden. Theils aber auch die unverdiente gnaͤdige Fuͤrſtl. Affection / die gegen meiner unwuͤrdigſten Perſon eine lange Zeit bißher geleuchtet / in vielfaͤltigen gnaͤdigen Begruͤſſungen / auch ſchrifftlichen eigenhaͤndig / und in Lateiniſcher Sprach con - cipirten monumenten, ſampt / durch dero Herꝛn Hoffpredi - ger und Dienern / mehrmal bezeugten Verlangen zu einiger naͤ - hern Præſentz / Conjunction und Geſpraͤch (welches letzteredie -DEDICATIO. dieweil mein Alter und obliegende einheimiſche Ampts-geſchaͤfft nicht zulaſſen wollen) als hab bey Ewr. Fuͤrſtl. Gn. ich auff Ezechiels Wagen (welcher typus in gegenwaͤrtigen ach - ten Theil und in demſelben verfaſſten Apoſtoliſchen Außgang in die gantze Welt hinauß / dilucidirt und im Werck ſelbſt darge - ſtellt wird) hiemit erſcheinen / und mit dem Geiſt / der mir aus Gnaden von Chriſto gegeben iſt / meine geringfuͤgige Præſentz leiſten wollen.

Ubergebe alſo Ewr. Fuͤrſtl. Gnaden hiemit in tieffſter Reverentz und unterthaͤniger Neigung beſagten achten Theil / Deroſelben zu Beharrung in angefangener Fuͤrſtl. Gnad und maͤchtigen patrocinio mich gaͤntzlich ergebend / auch fle - hentlich und inniglich bittend / die Goͤttliche Allmacht / wolle Ewr. Fuͤrſtl. Gnad. Perſon / Fuͤrſtl. Gemah - lin / Fuͤrſtl. junger Herꝛſchafft und Fraͤulinen / ſampt gantzem hohen Stammen / mit immerwaͤh - renden leiblichen Segen in irꝛdiſchen / geiſtlichen in himmli - ſchen Guͤtern / erfreuen / und das Fuͤrſtliche Hauß unter ſich wurtzeln / und uͤber ſich Frucht tragen laſſen; zu fernerer un - terthaͤnigſter Schuldigkeit / in ſtarcker Gebets-Pflicht unauß - ſetzlich bleibender

Ewr. Fuͤrſtl. Gn. Den 31. Martii Anni 1666. unterthaͤniger Fuͤrbitter und Diener.

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Eingangs-Predigten / Vber Das vierdte Hauptſtuͤck deß Chriſtlichen Catechiſmi / von dem H. Predig-Ambt und Sacramenten ins gemein.

TEXTVS.

St. Johann. Capitel. 19. v. 34 / 35 / 36 / 37. DEr Kriegs-Knechte einer oͤffnet ſeine (deß HErꝛn JEſu) Seiten mit einem Speer / und alsbald gieng Blut und Waſſer herauß. Vnd der das geſehen hat / der hat es bezeuget / und ſein Zeugnuͤß iſt wahr: Vnd derſelbige weiß / daß er die Warheit ſaget / auff daß auch ihr glaubet. Dann ſolches iſt geſchehen / daß die Schrifft erfuͤl - let wuͤrde / ihr ſolt ihm kein Bein zerbrechen. Vnd abermahl ſpricht ein ander Schrifft: Sie werden ſehen in welchen ſie geſtochen haben.
Vnd in der 1. Epiſt. St. Joh. Cap. 5. v. 7 / 8 / 9. DRey ſind die da zeugen im Himmel: Der Vater / das Wort / und der H. Geiſt: und die drey ſind eins. Vnd drey ſind / die da zeugenAchter Theil. Aauff2Die erſteauff Erden / der Geiſt / und das Waſſer / und das Blut / und die drey ſind beyſammen. So wir der Menſchen Zeugnuͤß annehmen / ſo iſt Gottes Zeugnuͤß groͤſſer. Denn Gottes Zeugnuͤß iſt das / daß er gezeuget hat von ſeinem Sohn: Wer da glaubet an den Sohn Gottes / der hat ſolches Zeugnuͤß bey ihm.

Die erſte Predigt / Von Der Quell / aus welcher Waſſer und Blut in die H. Sacramenta gefloſſen / nemlich der heiligſten und heilſamſten Wunde / der eroͤffneten Seiten JEſu Chriſti.

GEliebte in Chriſto. Was Chriſtus / der geiſtliche Seelen ja Blut-Braͤutigam / ſeiner ſo theur erkaufften und erworbenen Sulamithin / der Chriſtlichen Kir - chen / ja einer jeglichen glaubigen Seelen gantz freund - lich zugemuthet und geſagt Cantic. 8, 6. Setze mich wie einen Siegel auff dein Hertz / und wie ei - nen Siegel auff deinen Arm. Gleich wie eine ehrliche / keuſche / lieb - habende Braut und Hertzens-Freundin ihres Braͤutigams Geſchenck / Ge - maͤhld feyrlich hoch und werht haͤlt / deſſen Ring / Arm-Band / Bildnuͤß / ſtaͤ - tig an ihrem Hertzen / auff der Bruſt / an Armen und Fingern traͤgt / ſeiner(*) lib. de Finib. nim̃er zu vergeſſen; Ein danckbarer diſcipul ſeines Meiſters / von dem er was rechtſchaffens gelernet (wie Cicero (*) von den diſcipuln und jungen Schuͤlern Epicuri ſchreibt /) wie ein Vaſall, ein Soldat / ein Hoff-Diener / Characterem Regium (Aug. lib. 1. contra Creſcon. cap. 30.) den Gna - den-Pfennig / das Bildnuͤß / Bruſt-Bild und Bruſt-Schild / an ſeiner Bruſt nah beym Hertzen pflegt zu tragen / damit zu prangen / und ſeine un - terthaͤnige aflection und beſtaͤndiges Gedaͤchtnuͤß bezeugt. Alſo ſpricht der HErr ſeine Braut um ſolchen gebildeten Siegel auch an; Setze mich / ſagt er / ſonderlich me ſignatum, mich in meiner traurigen und ſcheutzlichen ſignatur, figur und poſitur, in welcher ich von meinem Va -ter3Predigt. ter im Himmel verſigelt / von meiner Mutter der Juͤdiſchen Synagogâ auff Erden bezeichnet / mich den Verſigelten durch die Geiſſeln / und Spoo - ren verwundeten / wolbezeichneten / blutruͤnſtigen / erbaͤrmlich zugerich - teten Blut-Braͤutigam; Setze feſt wie ein liebſten Siegel-Ring / ge - treueſten Finger-Ring / wie ein koͤſtliches Arm-Band / wie ein Bruſt - Bild auff / ja in dein Hertz hinein. Jener aberglaubige abentheurer und blinde Papiſt Alex. Urſinus ein Roͤmiſcher Cardinal hats letz ver - ſtanden / von dem Cornelius à Lap. (*) ſchreibet / daß er hab pflegen ein(*) In Com - ment. ad 1. Joh. 5. p. 548. ehrnes crucifix auff der bloſſen Bruſt zu tragen / welches mit ſtachelichen Naͤgeln verſetzet war / das habe er ihm oͤffters ins Fleiſch oder Haut ge - truckt / daß das Blut herauß gefloſſen / der Meynung / den gecreutzigten HErꝛn Chriſtum durch deſto groͤſſere Schmertzen aus Liebe in ſein Hertz hinein zu drucken. Alſo jene Carthaͤuſerin Beatrix (*) hat ihr ſelbſt die(*) apud Guilhelm. Wael. in Coron. vulnet. p 28. Haͤnde durchloͤchert und durchſtochen / dem verwundeten Chriſto aͤhnlich zu werden: Wann nun dieſelbe wiederum etwas geheilet / hat ſie ſie ge - woͤhnlich alle Freytage wieder erfriſchet / und mit einem ſpitzigen eiſſern Nagel auffs neue durchſtochen. Aber μάτην, fruſtrà vergebens! der HErꝛ forderts nicht alſo / auffs Hertz / ja ins Hertz ſag ich / da will er wohnen / da ſoll man mich hinein ziehen; Gib mir mein Sohn dein Hertz / ſagt er Prov. 23, 26. als mein Sacrarium, Tempel / Schul und Bet-Hauß

Nim mich in dein Arme /
Daß ich warme
Werd von Gnaden.

in die Arm wie Simeon / mein innigliche Lieb in ſtaͤtem Gedaͤchtnuͤß zu er - halten. Sit Chriſtus ſigillum in fronte, ut ſemper confiteamur; in corde, ut ſem per diligamus; in brachio, ut ſemper operemur, ut, ſi fieri poteſt, tota ejus ſpecies exprimatur in nobis, ſchreibt Am - broſius. (*)

(*) lib. de Iſaac & an. cap. 8.

Was / ſag ich / der himmliſche Braͤutigam Chriſtus ſeiner lieben glaubigen Geſpons zugemuthet / das hat ſie die außerwehlte Braut / die Chriſtliche Kirche und eine jede glaubige Seele ihr auch je und al - lezeit hertzlich laſſen angelegen und befohlen ſeyn / ihre beſtaͤndige Liebe / ihre hertzliche devotion und Andacht / ihr glaubiges Andencken zu bezeu - gen / nicht allein aͤuſſerlich den Blut-Braͤutigam in allerhand figuren, Gemaͤhlden / Bildnuͤſſen / crucifixen, das iſt / Chriſti Leyden und Sterben / ihro wol eingebildet / ihre Stirn und Bruſt mit dem H. Creutz gezeichnet /

A 2laͤngſt4Die erſte
Tertull. l. 2. ad Vxorem c. 5. cum lectulum, cum corpuſculum tuum ſi - gnas &c. Prudent. Fac cum vocante ſomno caſtum petit cubile, frontem locum - que cordis crucis figura ſignet. D. Lutherus: deß Morgens ſo du aus dem Bette faͤhreſt / ſoltu dich ſegnen mit dem H. Creutz.

laͤngſt zuvor ehe das Antichriſtiſche Papſtthum in ſeinem Schwang und hoͤchſten grad auffgekommen / und ſo hoch geſtiegen. Ibi omninò, inde Verb. Apoſt. L. 8. quo membro erubeſcitur, (ſcil. in fronte) figatur (crux) unde non erubeſcitur, ſagt Auguſtinus, das iſt / an dem Ort / wo man die Schamhafftigkeit ſpuͤren laͤſſet / nemlich der Stirn / ſoll man das Creutz machen / und bezeichnen / dadurch anzuzeigen / daß man ſich deß Creutzes Chriſti nicht ſchaͤme. Sondern auch innerlich das von St. Paulo fuͤr Augen gemahlte crucifix Gal. 3 / 1. daß Chriſtus eine Geſtalt in uns ge - winne. Sonderlich aber und fuͤrnemlich hat die glaubige Kirch dieſen ſolchen Einſatz durch das ſignaculum Sacramentale das Sacramentli - che Sigel / und in ſpecie die Verſieglung deß H. Leibs und Bluts Chriſti erzeigt / als deß edelſten Liebes-Pfands / deß ſtaͤrckſten Liebes-Bands / der reicheſten Liebes-Hand ſeinen Tod zu verkuͤndigen / excolirt und ge - uͤbet / ſo offt ein glaubige Seel zum Tiſch deß HErꝛn gegangen / und da - ſelbſt den Leib Chriſti in ſein Hertz geſetzt / und daſſelbe mit ſeinem Blut be - ſprenget. Ja gar deßwegen ein ſonderbar Mahl-Feſt und Siegel-Feur auff den hohen und gruͤnen Donnerſtag / als dem Tag / da der HErꝛ das hochwuͤrdige Abendmahl geſtifftet / daſſelbe zu continuiren biß er wieder komme / befohlen.

Darum dann auch aus Chriſtlich loͤblicher devotion und Andacht unſere Chriſtliche L. Obrigkeit bewogen worden / juͤngſthin ſolches Gruͤn - donnerſtaͤgige Sigel-Mahl-Feſt hochfeyerlich jetzt und ins kuͤnfftig zu bege - hen / und ſich alſo anderen Kirchen / ſonderlich den Saͤchſiſchen / von welchen das Evangelium ausgangen / zu conformiren / damit wuͤrck - lich bekennen / was in unſer Augſp. Confeſſion enthalten / Artic. 15. Von Kirchen-Ordnung / von Menſchen gemacht / lehrt man die jenige halten / ſo ohne Suͤnd moͤgen gehalten werden / zum theil zu guter Ordnung in der Kirchen dienen / als gewiſſe Feyr / Feſt-Tage und dergleichen. Welche Andacht wir auch billich zu ſecundiren fuͤr bequem und genehm halten / mit Luſt und Freude ſolche Gottesdienſt exerciren und uͤben / ob gleich derſelbe mit etwas Muͤ - he und Beſchwerligkeit moͤchte begleitet ſeyn / dem HErꝛn zu Ehren / dem wir auch Muͤhe gemacht mit unſeren Suͤnden.

Zu5Predigt.

Zu welchem Ende / und ſolche devotion zu ſtaͤrcken / wollen wir jetzt und ins kuͤnfftig das Signaculum Sacramentale & memoriale, welches in abgeleſener Wunder-Geſchicht uns zu betrachten vorkomt / mit GOtt / erklaͤren. Fuͤr diß erſte mahl ſeind wir entſchloſſen ſtill zu ſtehen allein bey dem erſten Phænomeno, der heilwerthen Quellen / aus welcher Waſſer und Blut in die H. Sacramenta gefloſſen. Nemlich der heiligſten und heilſamſten Wunde der eroͤffneten Seiten. Dieſelbe nun alſo zubetrachten / daß Gottes Ehre befoͤrdert / wir im Glauben erbauet und in unſer Seelen erquicket werden / bitten wir den himmliſchen Vater um ſeines guten H. Geiſtes Wuͤrckung / Gnad und Segen / Amen.

OB nun zwar wol das Wort der Wunden im Text nicht auß - getruckt ſtehet / ſo gibts doch die ὑπόνοια per ſe, der effect oder Wuͤrckung zeugt von ſeiner Urſach und Urſprung / der Waſ - ſer - und Blut-Fluß von der Quell / die Beſchreibung deß actus oder Mißhandlung deß Kriegs-Knechts (ἔνυξε τῇ λόγχῃ, er hat geſtochen mit einem Speer) redet von einer geſtochenen Wunde / dadurch das continuum ſolvirt / durch einen moͤrderiſchen Stich und Stoß. Es war vulnus laterale, ein Seiten-Wund / ein rothe friſche Wund. An welcher Seit aber? Der rechten oder lincken? Koͤnnen wir eigentlich nicht wiſſen: Wiewol wir die alte tradition Cyrilli de vul - nere cordiali ſiniſtro, es ſey ein Hertz-Stoß oder Hertzens-Wund ge - weſen auff der lincken Seiten / nicht allerdings verwerffen wollen / der Stratiot hab wollen exploriren und erblicken / ob der HErꝛ wahrhafftig tod ſeye / darum hab er das principium vitæ, oder die Quelle deß Le - bens angreiffen wollen / auff daß / ſo er noch nicht gar tod waͤre / er ihm die Schmertzen verkuͤrtzen moͤchte mit dieſem Hertz-Stich oder Stoß. Dem aber zu wider / bezeugt der Evangeliſt klar im vorhergehenden v. 33. (*) referen - te Eraſm. Schmid / in h. l. p. 757.Er ſey ſchon geſtorbengeweſen. Darum jener Chriſtliche Mahler und Controfeter Lucas Cranachius, (*) der teutſche Apelles, ihm recht gethan / daß er dem Bildnuͤß Chriſti oder gemahlten crucifix (welches noch jetzo zu Wittenberg in anteriore cœnobio Auguſti auffgehebet und zu finden) auff keiner Seiten die Wunde machen wollen / welcher auch deßwegen / da er gefragt worden / geantwortet: Er wolle warten biß die Gelehrten hieruͤber eins werden / als von welchen er noch nichts gewiſſes vernehmen koͤnnen: Bey welcher Antwort wir es auch laſſen bewenden.

Es ſey nun die Seit geweſen / welche es wolle / die rechte oder lincke / ſo iſt ſie doch vulnus apertum & hians, eine eroͤffnete / geſpaltene / fri -A 3ſche /6Die erſteſche / blutrothe Wund / wie es auch Lutherus gedolmetſcht / ein eroͤffne - te Wunde / deßgleichen auch Auguſtinus der mit dem lateiniſchen Inter -(*) Aug. Tract. 120. in Johann. prete fuͤr ἔνυξε, geleſen ἤνοιξε, aperuit, daher ſchreibt (*) er: Vigilanti verbo uſus eſt Evangeliſta, non dicit percuſſit vel vulneravit, ſed aperuit, ut illîc quodammodo vitæ oſtium apertum intelligere -(*) vid. Ri - vet. ad Eſa. cap. 53. pag. 453. & D. Gerh. ad l. Epiſt. Petr. pag. 299. confer Sennert. inſtit. Me - dic. p. 165. Luc. 1, 78. mus. Es war nicht nur vibex oder μώλωψ, (*) eine geſchlagene Beul oder Schwuͤl / wie in ſolchem general-Verſtand auch bißweilen das Wort / Wund / genommen wird. Wiewol der livor darauff gefolgt / dahin Eſaias c. 53, 5. geſehen mit dem Wort〈…〉〈…〉, welches bedeutet livorem, ulcus, aut apoſtema. Die andaͤchtigen lieben Alten haben ihre ſchoͤne Gedancken von dieſer eroͤffneten Wunde gehabt / und dieſelbe feneſtram & perſpectivam amoris divini, i. e. der inbruͤnſtigen Liebe Gottes Fenſter und Thuͤr genennet / dadurch man in die viſcera miſeri - cordiæ oder in das innerſte hinein ſehen koͤnnen und erkennen die hertz - liche Barmhertzigkeit Gottes.

Magnum, inquit Bernhardus Serm. 61. in Cantic. illud pietatis Sacra - mentum: Patent viſcera miſericordiæ Dei noſtri, quibus viſitavit nos Oriens ex alto. Quid ni viſcera per vulnera pateant? in quo enim clarius, quam in viſceribus tuis eluxiſſet, quod tu Domine Jeſu, ſuavis & mitis, & multæ mi - ſericordiæ? ()

Es war vulnus exochicum quantitate, das iſt / eine von den fuͤnff groſſen Wunden / die vor andern die L. Chriſtliche Kirch hoch ge - feyrt / davon wir noch ſingen:

Hilff uns HErꝛ GOtt aus aller Noth /
Durch dein heilig fůnff Wunden roth!

Als nemlich die Beſchneidungs-Wund / die Geiſſel. Wund / Cron - Wund / die vier ſpitzige Naͤgel. Wunden / nicht nur in beyde Haͤnde / ſon - dern auch in beyde Fuͤſſe / abſonderlich dieſe groſſe Speer-Wund.

Welche war I. Vulnus paradoxum Dei vulnerati, eine Goͤtt - liche oder Gottes Wund. O wie ſeltzam und ungereimt ſcheint dieſes der Vernunfft. Dann was kan derſelben thoͤrichter und aben - theurlicher vorkommen / als vulnus Dei oder Deus vulneratus, ein Gottes-Wund / daß GOtt ſolle verwundet ſeyn? Das iſt ein Wort / daruͤber die Vernunfft zur Naͤrrin worden. Als Alexander M. der ſich ſelbſt fuͤr einen Gott auffgeworffen / nicht mehr Philippi ſondern Jovis Sohn wolte heiſſen / und mit goͤttlicher reverentz verehret werden / und er aber einsmahls durch eine occaſion mit dem Pfeil verwundet worden /ſagt7Predigt. ſagt er: (*) Amici, hunc planè cruorem, mortalium & non Deorum(*) apud Plutarch. in ejus vita. munera ſpargunt, das iſt / dieſes mein Blut uͤberweiſet mich / daß ich ein ſterblicher Menſch / und nicht Goͤttliches Geſchlechts ſeye / die Wund macht mich ſchamroth und beweiſt / daß ich ein ſterblicher Menſch ſeye. Ein verwundeter und gecreutzigter GOtt iſt den Juden eine Aerger - nuͤß / den Heyden eine Thorheit geweſen / daran ſie ſich geſtoſſen / darum auch Paulus / da er von einem gecreutzigten GOtt und HErꝛn der Herꝛ - ligkeit gepredigt / fuͤr einen Narren gehalten worden / daher jener wilde Heyd und Jndianiſche Koͤnig Attabaliba ſagt / er wolle lieber an dieap. Benzon Sonn die nimmer ſterbe / als an einen gecreutzigten und geſtorbenen Gott glauben / wie die thoͤrichte Chriſten thun. Nun den Heyden iſts beſſer zu - verzeihen: Aber es haben auch die ſo genanten Chriſten / ſo ihrer fleiſchli - chen Vernunfft allzuwol getrauet / der alte ungeſchickte Prælat und Pa - triarch Neſtorius, und zu unſer Vaͤter Zeiten Zwinglius / und deſſelben Schuͤler / welche die allæoſin, das iſt / ein verbluͤmte Wechſel-Red / er - dacht / und das jenige Leyden und Sterben / ſo von dem Sohn Gottes und HErꝛn der Herꝛligkeit außgeſprochen worden / allein auff das Fleiſch Chriſti gezogen. GOtt verzeihe es einem noch lebenden Hollaͤn - diſchen Calviniſten Nahmens Samueli Mareſio, der in ſeinen wider mich außgelaſſenen Stricturis per ſarcaſmum Hohnsweiſe das eigene Blut Gottes nennet / ἰχὼρ Homeri, das iſt / ein Goͤtter und Goͤ - tzen Blut / davon Homerus der Poët gedichtet: Sein verwegener Schluß iſt dieſer; So wenig wahr iſt / was der Poët Homerus gedichtet von dem Blut der Goͤtter / ſo wenig ſey auch dieſes wahr / daß von GOtt wahrhafftig ohne Wort-blum koͤnne geſagt werden / er habe ſein eigen Blut vergoſſen. Der HErꝛ ſchelte dich Sathan! Nun die Naͤrrin die Vernunfft mag durch ihr Gitter lachen und hoͤnen / ſo lange ſie wolle / es wird einmahl das Lachen werden theur! Es iſt und bleibet ewig wahr / was hie unſer Hiſtori bezeugt / dann wer iſt hie angeſtochen worden? Chri - ſtus. Nach welcher Natur? Ob nach der Menſchlichen allein? Ja wohl! Das glaubt Caiphas / Pilatus / Neſtorius / das iſt kein Myſterium, kein Geheimnuͤß oder Glaubens / Articul / dann was iſt das ſeltzames oder uͤbernatuͤrliches / wann eine Menſchliche Natur oder bloſſer Menſch ver - wundet wird? geſchichts doch im Krieg taͤglich. Wehe uns wann al - lein die Menſchliche Natur gelitten / und Blut vergoſſen haͤtte / ſo waͤre die Suͤnde der Menſchen nicht ſattſam gebuͤſt / und der ſtrengen Rach-Gerech - tigkeit nicht genug geſchehen / als welche ein unendliche Straff erfordert. Sondern der Sohn Gottes ſelbſt / Gott von GOtt muſte ſich verwundenlaſſen.8Die erſtelaſſen. Den der bußfertige Hauptmann ſelbſt mit Fingern gedeutet ſpre - chend Matt. 27 / 54. Warlich dieſer (ſc. Gecreutzigte und Verwundete) iſt Gottes Sohn. Hoc fundamentum fidei, diß iſt die Grundfeſte deß ſo wohl Apoſtoliſchen als Nicæniſchen Symboli. Jſt eine lebendige Quell unerſchoͤpfflichen Troſtes / keine Neben-Lehr / die durch Schul - Gezaͤnck erweckt worden / dero wir wol koͤnten entuͤbriget ſeyn / und ſie / als zur Seligkeit unnoͤhtig beyſeit und hindan ſetzen. Wir ſprechen mit Pau - lo 1. Cor. 15. So der Sohn Gottes nicht wahrhafftig verwundet worden / gelitten und geſtorben / ſo iſt unſer Glaub eitel und nichts / ſo faͤllt das fundament und Grund deſſelben. Was kan der Menſch ge - ben / damit er ſeine (ich will geſchweigen meine und eines andern) Seel erloͤſe? Matth. 16 / 26.

II. Vulnus à Deo inflictum, ein Wund Gottes von Gott gehauen. Was iſt abermahl fuͤr der Vernunfft wunderlicher / was koͤnnt ihr ungereimter paradoxer fuͤrkommen als ein Wund von dem al - lerliebreichſten Vater ſeinem allerliebſten einigen Sohn geſchlagen! Wie ſolt es ein liebreicher Vater uͤber ſein liebflammendes Hertz bringen koͤn - nen / daß er von ſich ſelbſt ſeinem Sohn ſolte die Gurgel abſchneiden? Geſchichts in der Welt / ſo iſts ein monſtrum. Was Abraham wollen thun / das hat er aus Gehorſam gegen GOtt thun muͤſſen: Was Jeph - tha gethan / das war ein recht monſtrum ἀϛοργίας, ein barbariſche wilde unmenſchliche That. Aber daß der allerheiligſte Vater / der hoͤchſte Gott - Vater / der niemand zu Gehorſam ſtehen darff / ſeinen allerliebſten / ein - gebohrnen Sohn ſoll ſchlagen / verwunden / ja gar toͤdten / und noch darzu tugendlich und wolgethan haben / das iſt ja der Vernunfft unglaublich. Es hat zwar in der Paſſions-Handlung der Teuffel das ſeine gethan / der Menſch das ſeine / GOtt der HERR aber auch das ſeine / die alte Pa - radiß-Schlang hat ihm hie den grimmigen Verſen-Stich gegeben / und ſeinen grimmigen Zorn uͤber dieſem Schlangen-Tretter außgegoſſen undJoſeph. l. 3. Bell. c. 8. erkuͤhlet. Der Menſch der λογχοφόρος oder Speeren-Reuter / der Blut - Wut - und Schlut-Hund iſt deß Teuffels Werckzeug in dieſer ungeheuren That geweſen / der hat auch deß unſchuldigen todten Leichnams nicht ver - ſchonen wollen / ſondern mit ſeinem Speer tanquam ad metam darnach thurnieret und gezielet / gerad als wuͤrde er ein Ritter-Danck dadurch gewinnen / und der ſchnoͤden abtruͤnnigen Tochter Zion ein Augen-Luſt erwecken. Aber dieſer Speeren-Reuter iſts nicht allein / omnes nos ſumus ejusmodi crudeles λογχοφόροι, wir ſuͤndliche Menſchen ſeynd ſaͤmptlichen ſolche / die dem unſchuldigen HErꝛn Chriſto ſo viel Wun -den9Predigt. den geſchlagen / ſo viel Wund-Riß verurſacht / als viel Suͤnden wir be - gangen. Chriſtus iſt um unſer Miſſethat willen verwundet /Eſa. 53, 5. conf. Zach. 13, 5. Act. 4, 25. und um unſer Suͤnde willen zerſchlagen Eſa. 53. Was hat aber der liebe GOtt und ſeine goͤttliche Hand dabey gethan? Hat er connivo oculo mit geſchloſſenen oder blintzlenden Augen dieſer tragœdi bloß zugeſehen? O nein! Das kan er nicht / es faͤllt ja von dem Haupt der ſeinigen kein Haar ohn ſeinen Willen. An decrevit ut fa - ceret, oder aber hat ers alſo beſchloſſen zu thun? wie zwar CalvinusCalvin. ad Joh. 19. pag. 578. uͤber das 19. c. Johannis gloſſirt. Nihil, ſpricht er / FECERUNT impii Chriſti carnifices, niſi quod illius (Dei ſc. ) manu & conſi - lio decretum eſſet. Antwort: Non juſſu, non decreto prædeter - minante, er hats zwar beſchloſſen / aber nicht durch ein bloſſen urſaͤchlichen unwiderſtreblichen vorzihlenden Raht-Schluß / φε̃υ τῆς ἀσεβει̃ας! ſolte nicht einem grauſen / dergleichen horrenda von GOtt zu gedencken / ge - ſchweigen zu ſagen! Sondern judicio conſequenti ſeine Gericht zu uͤben. Ein Dieb / wann er vor den Richter gefuͤhrt das Urtheil deß Todes anhoͤ - ren muß / ſo iſt er ja ſelbſt Urſach an ſeiner Straff / dazu ihn der Richter vermoͤg der Gerechtigkeit verdam̃t / welcher es wol lieber anders ſehen moͤchte. Er der Richter iſt eigentlich nicht Urſach ſeines Todes / er ſpricht nur das Urtheil / uͤbergibt ihn dem Scharffrichter / und laͤſt ge - ſchehen / daß dieſer an ihm das Gericht außwuͤrcke. Alſo dieweil Chriſtus unſer Leiſt-Buͤrg alle unſere Wunden und Schulden auff ſich genom̃en / fuͤr uns zur Suͤnde / und unter die Ubelthaͤter gerechnet worden / und alſo unſere Suͤnde auff ſich ſelbſt getragen / als das Lamb Gottes zur Schlacht - Banck / da hats geheiſſen / den Buͤrgen muß man wuͤrgen! Schwerdt mache dich auff uͤber den Mann der mir am naͤchſten iſt! es iſt dir Pontio Pilato, Herodi, dem Speer-Reuter verhaͤngt und zu gelaſſen / zu thun nach euerm frechen Willen. Act. 4, 27. & 28. Sie haben ſich ver - ſamlet uͤber dein heiliges Kind JEſu / welchen du geſalbet haſt / Herodes und Pontius Pilatus / mit den Heyden und dem Volck Jſrael / zuthun was deine Hand / und dein Rath zuvor bedacht hat / daß geſchehen ſolt. Was dein Hand und Raht zuvor bedacht / nicht daß ſie es thun ſollen / ſondern daß es geſchehen ſolt. Actio diſplicuit, paſſio grata fuit.

Jſt das dritte Paradoxum, nemlich III. Vulnus medicinale, es iſt ein heilſame Wunder-Wund / eben ſo wunderſeltzam und abentheur - lich als die vorige. Erſtlich / eine Heyl-Wunde Eſa. 53 / 6. Quis fando audivit, wo iſt das jemahln erhoͤrt worden / daß Wund durch WundAchter Theil. Bkoͤnne10Die erſtekoͤnne geheilet werden? Die Chirurgi oder Wund Aertzt haben allerhand Mittel / dadurch ſie die Wunden curiren und heilen / es werden deren auch etliche in der Schrifft gedacht als / deß Gebaͤnds Syr. 27 / 23. der Salben / Wund-Balſam / Wund-Salben Jerem. 51 / 8. Wein und Oel Luc. 10. Das uͤbrige uͤberlaſſen wir den Medicis, und weiſen die Sach in die(*) confer D. Sennert Inſtit. Med. lib. 5. part. 2. ſect. 2. cap. 7. pag. 994. Barbir-Stuben. (*) Daß aber Wunden durch Wunden ſolten geheilet werden / iſt nie geſehen / nie erhoͤrt worden. Hie aber verhaͤlt ſichs warhaff - tig alſo. Wir ſind von Natur voller Wunden Eſa. 1. Unſere erſte Eltern ſind unter die Moͤrder gefallen Luc. 10. (in ſenſu accommodatitio) der - ſelben Wund-Wehe iſt uns allen angebohren / wir ſchlagen uns dieſelben ſelbſt / wie Cleopatra durch ihre Schlang ſich ſelbſt gebiſſen und getoͤd -(*) vid. Gottfr. Roͤm. Mon. part. 4. p. 39. tet. (*) Wir ſind gleich den Ἀυτοφόνοις oder ſelbſt Moͤrdern: Ein jegli - che Suͤnde iſt wie ein ſcharff Schwerdt / und verwundet daß niemand heilen kan. ſagt Syr. 21 / 4. Wir thuns offt aus lauter Muthwillen gleich den Marck-Schreyeren / die die Guͤte ihrer Wund - Salben zu probiren / ſich ſelbſt jaͤmmerlich ſtechen / hauen / ritzen. Und ſind ſolche Wunden ſtinckende / garſtige / heßliche / ſcheutzliche Wunden Pſ. 38 / 6. Es ſind ſchmertzliche Wunden / ob mans gleich anfangs nicht alſobald ſpuͤhrt / wie der jenige verwundete / der noch in der furi begriffen / den Schmertzen nicht alſobald fuͤhlt / aber das Nachwehe folget. Es ſindJer. 15, 18. cap. 30, 12. Syr. 21, 4. toͤdtliche Wunden Num. 21. die unheilbar ſind Jerem. 15. Kein Artzney / kein Wund-Kraut weder Nicotiana noch Serpentina mag da etwas verfangen. Wie koͤnnen und ſollen ſie dann geheilet werden? An - ders nicht / als per luitionem, ſie muͤſſen mit gleicher Muͤntz bezahlt und alſo außgebuͤſſet werden / Wund um Wund / ſo lautet das uralte Goͤtt - liche Talions-Gericht Exod. 21, 25. Wer Menſchen-Blut vergeuſt / deß Blut ꝛc. Gen. 9. Welches die Weiber Lamechs aus dem natuͤrli - chen Recht wol erkant / und deßwegen ſich gefoͤrchtet es werde dem La - mech auch nicht beſſer ergehen. Darob ſpricht ihnen der Lamech zu und ſagt: Jch hab einen Mann erſchlagen mir zur Wunden / und einen Juͤngling mir zur Beulen. Gen. 4, 23. Als wolt er ſa - gen: Was habt ihr Weiber euch deßwegen viel zu bekuͤmmern und zu be - foͤrchten / daß vermoͤge goͤttlicher Dreuung (v. 15.) dieſer meiner That hal - ben unſer gantzes Geſchlecht moͤchte geſtrafft werden? Jch hab es auff mein Verantwortung gethan / ſchlegt einer mir deßwegen eine Wunde oder Beule / er ſoll gewißlich zehen dafuͤr bekommen / Haut fuͤr Haut heiſt es. Solte nun die geſchlagene und ſelbſt gemachte Suͤnden-Wund ge - buͤſſet und außgewetzt werden / ſo muſte der Sohn Gottes verwundetwer -11Predigt. werden / Tauſch-weiſe / rantzions weiſe an unſer ſtatt / Wechſels - weiſe / Chriſtus iſt um unſer Suͤnde willen verwundet Eſa. 53 / 5. Er hat die Suͤnden an ſich / die Blut-Schulden in ſich gezogen und geſogen / wie die Naturkuͤndiger dergleichen ſchreiben von einem Vo - gel Rupica genennet / der / wann er an einen ictericum oder gelbſichtigen Menſchen angehalten und gedruckt werde / ſo werd er auch mit der Gelb - ſucht angeſteckt / davon er ſterben muͤße / dem Menſchen zur Geſundheit. Von Eduardo einem Koͤnig in Engelland liſet man / daß als derſelbe imRoderic. de Reb. Hiſp. Treffen mit einem vergiffteten Pfeil verwundet worden / die erfahrnen Medici gehalten / es koͤnne die gifftige Wund durch kein ander Mittel curirt werden / es ſeye dann daß jemand mit dem Mund das Gifft heraus ſauge. Deß Koͤnigs Diener hoͤren zwar und vernehmen ſolchen Rath der Aertzte / aber keiner wolte ſelbigen vollziehen / und ſich an die Wund machen. Was geſchicht? Da der Koͤnig ſchlaͤfft / macht ſich ohn eini - ges abſcheuen ſeine Gemahlin die Koͤnigin ſelbſt zum Bett / und ſaugt aus groſſer Lieb gegen ihrem Herꝛn dem Koͤnig / das Blut heraus / daß ſie druͤber ſterben muͤſſen / der Koͤnig aber erhalten worden. Gleicherweiß geſchichts alsdann / daß / wie uns ein frembde Schuld in Adam all verhoͤnet / alſo auch ein frembde Huld in Chriſto all verſoͤhnet; Daß Chriſti Wunden unſerige Wunden heilen und uns zur Geſundheit verhelffen. GleichwieAp. Valer. M. l. 1. c. 8. conf, Ho - dom. Calv. pag. 1032. dorten / da einer den Jaſonem Pheræum mit dem Schwerdt verletzet / er dadurch zufalls durch ſolchen Hau von einer ſonſt unheilſamen vomic oder Geſchwer befreyet / geſund und heil worden. Alſo hat das paſſions Schwerdt / welches Pilatus und ſeine Scherganten uͤber Chriſtum feind - lich außgezogen / gezucket und ihn geſchlagen / unſere Suͤnden-Geſchwer heilen und zum beſten gereichen muͤſſen.

Jn reflexion und Anſehung ſolcher heilſamen Seelen cur, ſolches Gifft-Heils / haben die lieben Alten den Wunden Chriſti herꝛliche / ſchoͤne und troſtreiche elogia ertheilet / und genennet / Apothecam, Heil-Wun - den / Heil-Balſam fuͤr die Suͤnde / Vulnus eſt, quod Chriſtus accepit; ſed medicina eſt, quam effudit, ſchreibt Ambroſius. Das iſt / Eine Wund hat zwar Chriſtus empfangen / aber lauter heilſameAmbr. in Pſal. 118. Artzney iſt heraus gefloſſẽ. Gleichwie der edle Balſamſtock wañ man ihn ritzet und gleichſam verwundet / ein koͤſtliches Balſamoͤhl und bewehrte Wund-Salb von ſich flieſſen laͤſt. Alſo iſt aus Chriſti Wunden ſein Blut / als der warhafftige alleredelſte Balſam / zu Heilung unſer ſchweren Gewiſ - ſens-Wunden heraus gefloſſen. Die gottſeligen Alten haben hiebey das(*) Jm Ev. Denckm. p. 222. Gleichnuͤß deß Pelicans gebraucht / davon wir anderswo. (*) Es iſt dasB 2Blut12Die erſteBlut aus Chriſti Wunden / Panacea, ein All-Artzney und Heil -vid. Theol. conſc. pag. 307. Pflaſter uͤber alle Schaͤden wie verzweiffelt boͤß ſie immer ſeyn moͤgen. Die alten nennens ferner einen geſunden Heil-Brunnen aus dem Propheten Zach. 13.

De latere tuo, (inquit Cyprianus Serm. de reſurr. Dom.) Domine Jeſu fons egreditur, ex hoc non ſolum ablutionis primæ, Baptiſmi ſcilicet, venas haurimus; ſed & compunctionis, & lachrymarum perennes effluunt rivi mi - ſericordiarum tuarum, & totius pietatis teſtes, quando in peccata relapſis ſe - cunda ablutione opus eſt. ()

Eine Heil-Bruſt / Vulnus uber matris.

Quot vulnera, tot ubera de cœlo plena (ſagt abermal Cyprianus ſerm. de Cœna Dom.) ſugimus, & animam noſtram precioſo Jeſu ſanguine purpura - mus, in quo exiſtit religioſa hujus potus ebrietas, per quam excedimus Deo, &, quæ retrò ſunt, obliti, ad anteriora extendimur. Suge ergò, ſuge anima mea, inquit Auguſtinus Lib. de Subſt. dilect. inhære, adhære quaſi apicula, ſume, fru - ere, immergere, replere, quia ille deficere neſcit, ſi tu non incipis faſtidire, ſi ſempiternus eſt guſtus, ſempiterna quoque beatitudo erit. Suge, inquit Bern - hardus, non tàm vulnera, quam ubera crucifixi, ipſe erit tibi in matrem, tu eris illi in filium. ()

Einen Heil-Felſen / Petræ foramina vulnera Chriſti, in his[B]ernh. Serm. 61. In Cantic. paſſer nidum ſibi, & turtur domum invenit: in his columba ſe tu - tatur, & ſecura circumvolantem intuetur accipitrem. Das iſt / die Felß-Loͤcher oder Stein-Ritzen bedeuten die Wunden Chriſti / in welchen die Voͤgel ihre Naͤſter / und die Turtel-Taub ihr Hauß findet / in denſelben wird das Taͤublein beſchuͤtzet / und ſihet ohne Gefahr den Raub-Vogel herum fliegen. Jn dieſen ſicheren Felß-Loͤchern und Stein-Ritzen / da - rein ſich ein verſcheuchtes Taͤublein ein angefochtene Seele verſtecket / kan daſſelbe alle Wetter und Raub-Voͤgel trutzen und ſicher darin bleiben Cant. 2, 14. Einen Heil-Mund / daraus Fuͤrſpruch / Verthaͤdi - gung und Erquickung entſpringet / als welches beſſer redet / dann dasAug. in 1. Ep. Joh. c. 2. Blut Abel: Tot ora, quot vulnera, quibus cauſæ noſtræ patrocine - tur, iſt Auguſtini Gleichnuͤß / da er die Wunden deß HErꝛn JEſu einem troͤſtlichen Fuͤrſprechers-Mund vergleicht / ſo viel Wunden / ſo viel redende Munde / die uns bey GOtt vertretten: Dar - um / ſagt Auguſtinus, fuͤrchte dich nicht andaͤchtige Seele / da haſtu einen advocaten und Fuͤrſprecher / der wirds auß - richten / daß du die Sache nicht verliereſt: Verlaͤſt ſich einMenſch13Predigt. Menſch in dieſer Welt auff einen beredten Fuͤrſprecher? Ey ſo traue du dieſem / du wirſt nicht zu Grund gehen. Ein Heil - Port / ein Lebens-Thuͤr / oſtium vitæ, ſo nennets abermal Auguſti - nus: (*) vigilanti verbo uſus eſt Evangeliſta, non dicit percuſſit(*) Tract. 120. in Joh. Memora - bilis hiſt. de Vraca. vid. im Denckm. p. 222. vel vulneravit, ſed aperuit, ut illic quodammodo vitæ oſtium apertum intelligeremus, das iſt / der Evangeliſt ſagt nicht / der Kriegs-Knecht habe Chriſtum geſchlagen oder verwundet / ſondern eroͤffnet / daß wir daher etlicher maſſen verſtuͤnden / es ſeye die Lebens-Thuͤr eroͤffnet.

Diß iſt alſo das Signaculum vulneris in corde, das Siegel und Denckzeichen der Wunden Chriſti. Aber was iſt Dencken ohne Gedan - cken und Andacht / was Andacht ohne Anblicken und Schau? Worauff Zacharias gedeutet Cap. 12 / 10. Sie werden mich anſehen / wel - chen jene zuſtochen haben. Jene zu vorderſt die alte Schlang Tra - gœdiarcha der Sathan / deß allerheiligſten Schlangen-Tretters aller - gifftigſte Verſen-Stecher; darnach ſeine organa und Werckzeug durch welche er geſtochen; der Stratiot, der ſein ſtachelicht Speer in Chriſti Seit umgekehrt / der gantze Schwarm und Schwahl der grimmigen und raſenden Tod-Feinde die ihn zerſtochen / Lanceâ & Linguâ, nicht nur mit dem Speer / ſondern auch der Zungen / und ſonderlich noch heu - tiges Tags / die ihn zu ſtechen mit ihren gifftigen Zungen kein Scheu tra - gen. Wer iſt unter uns / wann er hoͤrt von dieſem wuͤtenden Bluthund dem Kriegs Knecht / der ſich erkuͤhnet Chriſti Seiten anzuſtechen / daß er nicht ſolt druͤber eiffern / und wann derſelbige boͤſe Bub noch lebendig unter uns herumgienge / der nicht ſolt ihn anſpeyen und vermaledeyen? Und wir gedencken nicht / daß viel ſolcher Geſellen unter uns her wohnen und herum gehẽ / ſonderlich die blaſphemanten und Gottes-Laͤſterer. Wer iſt der nicht erſchrickt / wann er leſen ſolte / wie die Puritaner oder Bildſtuͤrmer vorzei - ten mit dem crucifix umgangen? Nach demſelben / als einer Scheibe / in die Wett geſchoſſen ꝛc. Und doch geſchicht ſolches noch taͤglich an den Menſchen als imagine crucifixi, der das Ebenbild deß gecreutzigten Chri - ſti an ſich traͤgt / und ſehen laͤſt / ſo offt er mit außgeſpañten Armen auffrecht ſtehet / wann derſelbe durch aller hand falſche calumnien und Laͤſterungen mit der Zungen als einem gedoppelten Spieß nnd zweyſchneidigen Schwerdt angedaſtet / durchſtochen und geplaget wird? Bernhardus vergleicht ſolche calumnianten oder Laͤſter-Zungen einer Lantzen oder Spieß / der in einem Stich ihrer drey verwundet oder toͤdtet; den Ver - leumbdeten / den Hoͤrenden / und den Verleumbder ſelbſt; ja er haͤlt auchB 3dafuͤr14Die erſtedafuͤr / es ſeye die Calumnia greulicher und blutduͤrſtiger als der Speer / damit Chriſto die Seit eroͤffnet worden / Fodit enim hæc quoque Chri -(*) in Ser - mone de Triplici cuſtod. ſti corpus, & membrum de membro, nec jam exanime fodit; ſed fa - cit exanime fodiendo, wie Cypriani Wort lauten / (*) das iſt / die Laͤ - ſter-Zung greifft auch Chriſti Leib an in ſeinen geiſtlichen Gliedmaſſen / ſticht nicht in den todten Leib / ſondern toͤdtet den lebendigen Leib. Con - trà im Gegentheil werden ſehen Sie / das iſt / (1.) Oculo pœnitenti, mit bußfertigen traur-thraͤnenden Augen / die rechten Marianer / denen auch per συμπάϑειαν ein Schwerdt und Speer durchs Hertz gehet. Chriſti todtes Hertz hat der Speer getroffen / aber Mariæ lebendiges Hertz hats empfunden / welche ein Bild der Chriſtlichen Kirch auch in dieſem Stuͤck geweſen. O ſelige Hertzen / die ſich bewegen laſſen im Anblick ſolcher Wun - den (wie dem Hauptmann unter dem Creutz im Anblick ſolcher Mordthat grauſet / und noch viel Volcks an ihre Bruſt geſchlagen Matth. 27 / 54.) auch mit ihnen an die Bruſt ſchlagen / und ſprechen: In me, in me lancea, in me configite tela Luc. 23, 48. Die toͤdlich verwunde - ten ſollen ſeufftzen Jerem. 5 / 52. Darum ſihe / die Zeit kompt /Vide ho - minem, quem cru - cifixiſti, vide vulnera, quæ infli - xiſti, vide latus, quod transfixi - ſti, quoniã per te, & propter te, apertum eſt, & ta - men intra - re noluiſti. Auguſtin. Lib. 2. de Symb. c. 8. conf. Luth. enim in Theol. conſc. p. 165. ſpricht der HErꝛ / daß ich ihre Goͤtzen heimſuchen wil / und im gantzen Land ſollen die toͤdlich verwundten ſeufftzen. O unſelige verfluchte Hertzen / die ſolcher maſſen nicht ſeufftzen wollen / ſon - dern perizomata Adami, Feigen-Blaͤtter auff die Wunden legen / die die purulentias oder den Eyter aus ihren eignen Suͤnden - und Seelen - Wunden nicht außbeitzen / ſondern wol gar per cauterium durch Brand - mahl ſich eniſchmertzen / das iſt / welche ihre Miſſethat unterſtehen zu be - maͤntlen und zu entſchuldigen / oder behauben / oder gar das Gewiſſen be - taͤuben. Sie werden am juͤngſten Tag ſehen mit nidergeſchlagenen Au - gen / und ſprechen / wehe uns; Aber auch recht uns!

Accideret utinàm inter nos, quod Caſp. Sanctius ad Eſa. 53. cap. memorat ex Payva, ſcribens: Quod Payva dicit Lib. 4. in defenſione Tridentinæ fidei, non longè à principio: Plurimi ex Africanis judæis, ejuratâ parentum ſuo - rum religione, relictis opibus, quas habuere copioſiſſimas in patriâ, & loco atque ordine, quem apud ſuos habuerunt ampliſſimum, amplexos fuiſſe Chri - ſtiana ſacra, adductos tùm toto hoc Eſaiæ capite, tùm maximè hoc loco, quem nunc verſamus. Nam cum illos ſæpius interrogaret Payva, quid eos in eo ca - pite adeò torſerit, ut negare non potuerint, vera eſſe, quæ de Chriſto Jeſu Dei fi - lio à Chriſtianis traduntur, illud repetebant ſemper, Muchàh Elohìm umehu - nèh, i. e. percuſſus Deus & humiliatus. Quid verò? ibid. Ipſe autem vul - neratus eſt propter iniquitates noſtras, attritus eſt propter ſcelera noſtra. Nos quidem, inquit Judæorum nomine Propheta, Deum ab illo uſque adeòfœdè15Predigt. fœdè graviterque percuſſo, propter ipſius merita pœnas illas exegiſſe arbitraba - mur, ſed noſtra ille non ſita, quia nihil unquam impium admiſit, ſcelera luebat; à noſtra ille leprâ leproſus fuit; à nobis ille labem illam fœdam contraxit; nos illum vulneravimus, quia noſtra illi peccata cauſam tanti doloris, tanti crucia - tus materiam attulerunt. confer Hermenevt. ſacr. p. 513.

Sie werden ſehen (2.) Oculo fideli, mit glaubigen Augen. Jſts Hertz recht wund / ſo ſuchts Huͤlff und Heyl / wo aber? Wo ſollen wir dann fliehen hin / da wir moͤgen bleiben? Sollen wirs machen wie Ephraim / von dem Oſeas der Prophet c. 5, 13. ſchreibt: Da Ephraim ſeine Kranckheit / und Juda ſeine Wunden fuͤhlete / zog Ephraim hin zu Aſſur, und ſchicket zum Koͤnige zu Jareb: Aber er kunte euch nicht helffen / noch eure Wunden heilen. O der ſollen wir uns dahin begeben / wohin die Blinden im Papſtthum / da man die Leute herum narret / die armen Marianer von einem Mariæ-Goͤ - tzen zum anderen / die nicht wiſſen ob ſie der H. Jungfrau Mariæ Bruͤſten

Jm Papſtthum (ſchreibt Lutherus Tom. 2. Isleb. p. 166. f. 1.) hat man von ihm (Chriſto) viel anders geprediget / und uns die wir getaufft waren / zu dem Manne mit Geſetzen und allerley guten Wercken bringen wollen / und Chri - ſtum uns fuͤr gemahlet / gleich als were er ein grimmiger Tyrann / ein wuͤtender und geſtrenger Richter / der viel von uns forderte / und gute Werck zu Bezahlung fuͤr unſere Suͤnden uns aufflegete. Wie dann diß ſchaͤndliche und laͤſterliche Bild oder Gemaͤhlde anzeiget von dem juͤngſten Tage / da man gemahlet hat / wie der Sohn fuͤr dem Vater niederfaͤllet und kniet / und zeiget ihm ſeine Wunden / und St. Johannes und Maria bitten Chriſtum fuͤr uns am juͤngſten Gerichte / und die Mutter weiſet dem Sohn ihre Bruͤſte / die er geſogen hat. Welches aus St. Bernhards Buͤcheren genommen iſt / und iſt nicht wol geredt / gemahlet oder gemachet geweſen von St. Bernhardo / und man ſolte noch ſolche Gemaͤhl - de weg thun denn man hat damit die bloͤden Gewiſſen geſchroͤcket / und den Leu - ten eingebildet / daß ſie ſich fuͤr dem lieben Heylande fuͤrchten und fuͤr ihm fliehen ſolten / gleich als wolt er uns von ihme weg treiben / und ſolte unſere Suͤnde ſtraffen. Das macht denn / daß man nicht gerne zu ihm gehet / denn wenn ſich mein Gewiſſen fuͤrchtet / ſo iſts gnug hinweg geſtoſſen / ich bedarff denn keines Jaͤgers / Leit-Hundes / oder Jagt-Hundes / Mahlers oder Treibers / daß ich von ihme gejagt wuͤrde / ſondern mein Hertz und ſchwach Gewiſſen fleuget von deme ſelbſt weg / da ich mich fuͤr fuͤrchte / die Furcht und Schrecken ſtoſſet und treibet mich ab / daß ich nicht bey ihme bleibe.

oder deß HErꝛn JEſu Wunden zu ihrem Heyl oder cur der Seelen er - greiffen wollen? daher ſich einer unter ihnen (nach langem Zweiffel ver -nehmen16Die erſtenehmen laͤſt / er wiſſe / was er thun wolle / er woll mit ſeiner rechten Hand der Mutter Bruͤſte / mit der Lincken deß Sohns Wunden ergreiffen / und die Milch mit dem Blut vermiſchen:

Lac Matris miſcere volo cum ſanguine Nati,
Non poſſum Antidoto nobiliore frui.

Jch kan / ſpricht er / kein beſſere Seelen-Artzney finden. O Blindheit! O Thorheit! Wo dann hin: Wo Huͤlff / wo Raht? Dahin wollen wir uns verfuͤgen / wo die von den gifftigen Schlangen toͤdtlich verwundete Jſraeliten in der Wuͤſten Num. 21. zu der auffgerichteten Schlangen / dem verwundeten HErꝛn JEſu am Creutz / den ſoll man im Glauben bruͤnſtiglich anſchauen / ſeine uns heilſame Wunden / da findet man das rechte Gifft-Heil wider den vergifften toͤdtlichen Schlangen-Biß der Suͤnden. En hîc λύτρον καὶ ἀντίλυτρον, hie rantzion, hie Vergebung! Hie Apothec und Seelen-Artzney / darum nehmets an / ergreiffts / ap - plicirt dieſelbe. Hie koͤſtlicher Wund-Balſam!

Jſt die Wund deß Gewiſſens zart /
Hie Balſam guter Art /
Die Suͤnd iſt der Seelen Peſtilentz /
Vnd verletzt die conſcientz,
Aber Chriſti Wund iſt die fuͤnfft eſſenz,
Die ſpricht den Abſolution-Sentenz.

Jſts Hertz wund / ſo wird es lechtzend und durſtig. Hieher / hie iſt die le - bendige Quell / ſchoͤpffet hie erquickendes Troſt-Waſſer mit Freuden! Hie ſind die ſicherſte Felß - und Stein-Ritzen-Loͤcher / darauff und darinn man ſicher ſeyn kan vor aller Gefahr Cant. 2, 14. Drum hieher geflogen und gezogen /

Gleich wie ſich fein
Ein Voͤgelein
Jn hole Baͤum verſteckt /
Wanns truͤb hergeht /
Die Lufft unſtet /
Menſchen und Vieh erſchroͤckt:
Alſo HErꝛ Chriſt
Mein Zuflucht iſt /
Die17Predigt.
Die Hoͤle deiner Wunden
Wann Suͤnd und Tod
Mich bringt in Noht /
Hab ich mich drein gefunden.

Hie os paracleticum! hie iſt der rechte Fuͤrſprechers Mund / zu dem muͤſſen wir fliehen / Gnad und Huͤlff zu ſuchen / ſonderlich wanns zum letzten Stuͤndlein komt / da unſer Mund nichts mehr ſpricht / da wirds der Mund der eroͤffneten Wunden deß HErꝛn JEſu thun.

Mein Suͤnd mich werden kraͤncken ſehr / ꝛc.

Aber ich wil doch nicht verzagen / ich will gedencken HErꝛ JEſu an deine Wunden roth / die werden mich erhalten. Jch hab zwar ſchwerlich ge - ſuͤndigt / das Gewiſſen betruͤbet / das thut mich plagen und nagen / aber darum will ich noch nicht verzagen / HErꝛ du wirſt helffen durch deine heilige fuͤnff Wunden roht.

Peccavi peccatum grande, turbatur conſcientia, ſed non perturbor. quo - niam vulnerum Domini recordator, nempe vulneratus eſt propter iniquitates noſtras, veniam meretur, pro quo Chriſtus vulneratus eſt. Bernhard. Sermon. 61. in Cantic. ()

Hie iſt die Thuͤr zum Leben / darum laſt uns hinein gehen! auff daß wir vom Tod zum Leben hindurch dringen.

Sie werden ſehen (3.) Oculo cordis grato mit danckbaren Augen. Dann wie kans anders ſeyn? Wie ſolte wol ein Menſch / ſolch ſteinern Nabaliſch Hertz haben / ein ſolch wildes Tiger-Gemuͤth / das von Tigern geſogen und erzogen / wann es dieſes alles recht bedenckt und zu Hertzen nimt / daß es nicht ſolt fuͤr Lieb wund und kranck werden / dancken / lieben und loben / ſingen und ſagen:

Nach dir iſt mir
Gratioſa cœli roſa
Kranck und glůmment /
Mein Hertz durch Liebe verwundet!

Vnd daher aus Lieb ſolcher Liebes-Flam̃ willig ſeyn / alles zu lieb und zuge - fallen thun / was ein ſolcher hochverdienter Blut-Braͤutigam wuͤnſchet und begehret / lieben und leyden. St. Paulus trug die ſtigmata Chriſti gern an ſeinem Leib Gal. 6 / 17. Warum nicht auch ein jeder Chriſt / die ſo blutige / ſo unblutige Stich? Davon Syrach ſagt c. 27 / 28. Wer heimlich ſticht / verwundet ſich ſelbſt. Ein glaubiger Chriſt / laͤſt ſolche Stich gedultig auff ſich loß gehen / er gedenckt / ſtich immer hin / derAchter Theil. Cletzte18Die anderletzte und beſte Stich muß mir doch bleiben / minima non ſentit ſua, dum illius (Chriſti) vulnera intuetur, ſpricht abermahl Bernh. Serm. 61. Und wie ſolt hingegen der edelſte Braͤutigam unſer Seelen / nicht auch wiederum brennen gegen ſolcher Seelen? Die ſolcher maſſen ſihet / fuͤh - let / entzuͤndet / gedenckt und dieſes ſignaculum auff das Hertz truckt; Daß er nicht auch wiederum gedencken ſolt / wie er Eſ. 49. zu Zion ſpricht: Kan auch ein Weib ihres Kinds vergeſſen? Vnd ob ſie ſchon deſſelben vergeſſe / ſo wil ich doch dein nicht vergeſſen / denn ſihe in meine Haͤnd hab ich dich gezeichnet / Jch wil dich als ein Pitſchafft und Siegel-Ring halten Hagg. 2. Wirſtu in agone mir zuruffen mit dem Schaͤcher: memento, HErꝛ gedenck mein; So wil ich dein gedencken und ſagen / heut / das iſt / zu ſeiner Zeit / in dei - ner letzten Stunden / wann du wirſt haben uͤberwunden / ſo ſoltu in Krafft meiner Wunden / bey mir ſeyn / und meine Herꝛligkeit ſehen / im Pa - radeiß / wundloß aber nicht mundloß / ſondern mich ruͤhmen gantz heilig / vollkoͤmmlich / immer und ewiglich /

Hilff uns HErꝛ JEſu aus aller Noht /
Durch dein heilig fuͤnff Wunden roht /

AMEN.

Die ander Predigt / Von Der Hiſtoria deß Waſſer - und Blut-Guſſes / ſo aus der eroͤffneten Wunden deß gecreutzigten Chriſti gefloſſen.

GEliebte in Chriſto. Es iſt auſſer allem Zweiffel Pe - tra Sinaica, der Sinaiſche Wunder-Felß Exod. 17. in der Wuͤſten Raphidim, aus welchem / nachdem Moſes denſelben mit ſeinem Wunder-Stab geſchlagen / Waſſer gefloſſen / ein heiterer und herꝛlicher typus geweſen auff Chriſtum den HErꝛn und deſſen Begengnuͤſſen. Maſſen St. Pau - lus 1. Cor. 10 / 6. außtruͤcklich ſchreibt / Ταῦτα τύποι ἐγευνήϑησαν, was ſich mit dem natuͤrlichen Felſen begeben / das ſey uns zum Fuͤrbilde ge -ſche -19Predigt. ſchehen. Dann was anlangt den geiſtlichen Felſen / der mit gefolgt / und damahls oben auff dem Felſen geſchwebt / der iſt Chriſtus ſelbſt geweſt ohne Wort-Blum. Der leibliche Felß war zwar der typus, und das Bild / aber der geiſtliche Felß der ſie begleitet war antitypus res ipſa, die bedeu - tete Perſon ſelbſt / anders als Calvinus, Beza, Piſcator und Rivetus ge - ſchwaͤrmet / um im Pauliniſchen Spruch einen Behelff und Schein ihrer Sacramentlichen Metonymiæ zu haben.

Gleich wie nun (I.) derſelbe Felß immutabilis & inex pugnabilis baſis eine unendliche und unuͤberwindliche Grundfeſt gewe - ſen / ein refugium und Zuflucht der Gembſen Pſ. 104. ein Neſt gewe - ſen oder ſeyn koͤnnen der Adler / ein Berg-Schloß da man ſicher wohnen / da man ſich in Gefaͤhrligkeiten hin ſalviren mochte; ſo feſt / ſtarck und un - uͤberwindlich / daß kein Maulwerff es miniren / kein Pfeil erreichen / kein Sturm-Wind ruiniren / kein Platz-Regen uͤber ſchwemmen koͤnnen. Al - ſo iſt auch Chriſtus ein unuͤberwindlicher Felß / wider den die Pforten der Hoͤllen nichts vermoͤgen / Matth. 16. unſer Zuflucht fuͤr und fuͤr Pſ. 90. Zuri Pſ. 19. unſer Hort / wol dem der auff dieſen Felſen baut ꝛc.

Es war (II.) Ein Felß der mit dem Stab Moſis geſchla - gen ward / dann ſolte Waſſer heraus gehen / Menſchen und Viehe zu - erlaben und zuerquicken / ſo muſte ihn Moſes ſchlagen / ritzen / oͤffnen / zer - ſchoͤllen und zerbrechen / Platz machen. Alſo der hierinne vorgebildete Felß Chriſtus wurde geſchlagen und zerſchoͤllet vom bley-ſchweren hart-trucken - den Stab deß Treibers / deß Stabs wehe / durch alle inſtrumenta paſſionalia: die Baͤnde / Geiſſel / die ſchmertzhaffte dornene Cron / das Creutz / ſtachelichte Naͤgel / das Schwerdt das der HErꝛ uͤber ihn gezuckt / ſonderlich der Speer / die haben ſein koſtbares heilſames Blut machen haͤuffig und mildiglich heraus quellen und flieſſen zu unſerer geiſt - lichen Labſal und Erquickung.

(III.) Petra aquiflua ein Waſſerquellender Felß / ſintemahl aus dieſem natuͤrlichen Felſen / den Moſes geſchlagen / das Waſſer mira - culosè uͤber und wider alle Natur heraus geſpritzt - Dann nachdem er vom Stab geſchlagen worden / haͤtte man ſich ehe der Feur-Funcken / als Waſſer-Tropffen verſehen ſollen: Aus einem rauhen / harten und duͤrren Felſen Waſſer / ἐξ πετρᾶς ἀκροτόμου ſchreibt der weiſe Mann Sap. 11. non ex radicibus petræ, nicht aus den Wurtzlen der Felſen / da es auch bißweilen Ritzen gibt / ſondern aus der Hoͤhe deß Felſen / der noch nicht ge - riſſen / ſondern unzerſchoͤllt geweſen Pſal. 78 / 15. heraus gefloſſen / nicht tropffen-weiß / ſondern Bach-See - und Stroms-weiſe / aqua copioſiſ -D 2ſima,20Die anderſima, limpidiſſima, dulciſſima, davon Menſchen und Viehe / alle lech - zende abgemattete Seelen erquicket und erlabet worden. Wie im 78. Pſ. ſteht v. 15. Er (der HErꝛ) reiß die Felſen in der Wuͤſten / und traͤncket ſie mit Waſſer die Fůlle / und ließ Baͤche aus den Felſen flieſſen / daß ſie hinab floſſen wie Waſſer-Stroͤme. Alles in Krafft deſſen der damahl auff dem Berg geſtanden und in einem ſond rbahren euſſerlichen Zeichen Moſi erſchienen. Joſeph. l. 3. c. 1.

Lauter ϑει̃α, lauter miracula und unerhoͤrte Wunderthaten! Zwar Philo der ſonſt gelehrte / hie aber blinde Jud macht ein natuͤrlich Werck hieraus / tichtet / es ſey das Waſſer vorhin in Bereitſchafft da geweſen inwendig verborgen / ſo hernach mit Gewalt heraus gebrochen aus heimlichen Adern / dem aber David widerſpricht Pſ. 114 / 8. Der GOtt Jacob / ſagt er / wandelte den Felß in Waſſer-See / und die Steine in Waſſer-Brunnen. Joſephus ſchreibt / Eos inopinato ſpectaculo fuiſſe attonitos, ſie haben ſich vor ſolchem bloͤtz - lichen Außguß entſetzt. Warum das? Weil es ein uͤbernatuͤrlich ſeltzam Wunderwerck geweſen. Alſo iſt auch miraculosè und wunderbahrer Weiß uͤber und wider alle Natur von dem Felß Chriſto gefloſſen Waſſer und Blut / nicht allein das verbluͤmte Lebens-Waſſer der heilig Geiſt / davon Joël geweiſſaget c. 3. der wuͤrcklich außgegoſſen worden Act. 2. zu Troſt und Erquickung aller geiſtlichen Hirſch-durſtigen Seelen / die nach friſchem Waſſer lechtzend und begierig ſind / ſondern auch natuͤrliches eigentliches Waſſer und Blut / welche in die H. Sacramenta gefloſſen: wie es Auguſtinus Tract. 15. in Joh. kurtz und nervos gefaſt / De la - tere Chriſti in cruce pendentis Sacramenta Eccleſiæ fluxerunt.

Sind die jenigen ſignacula, ſigna und Sacramenta, Siegel und Mahlzeichen / davon wir als einer raren aber hochtroͤſtlichen materia neulich und ins kuͤnfftig / mit GOtt Leben und Geſundheit / zu tractiren vorgenommen / veranlaſſet (wie auch neulich angezeigt) durch die neue Chriſt-loͤbliche Anſtalt deß neuen Sacraments-Feyrs / deß Feſts der Ein - ſetzung deß H. Abendmahls auff den Gruͤnen Donnerſtag gelegt / und daher fuͤr nuͤtzlich und erbaulich gehalten die Lehr von den Sacra - menten / dero Weſen und Art / heilwerthen Krafft und Tugend etwas weitlaͤufftiger zu deduciren. Naͤhermahl ſeynd wir ſtill geſtanden bey der Theoria und Schau der Quelle / Ader und Urſprung / daraus Waſ - ſer und Blut in die H. Sacramenta gefloſſen. Jetzo wollen wir mit der hiſtoria dieſes Waſſer-Guſſes und Blut Fluſſes das fundament legen der gantzen uͤbrigen tractation. Der Vater deß Liechts wolle uns / umJEſu21Predigt. JEſu Chriſti willen / mit dem friſchen lebendigmachenden Waſſer ſeines H. Geiſtes miltiglich begieſſen / Amen.

BElangend demnach M. L. die Hiſtoriam effluxus, die Hiſto - ri von dem Waſſer - und Blut-Guß aus der eroͤffne - ten Seiten Chriſti / ſo iſt dieſelbe wol werth / daß wir ein Wort nach dem andern erwegen und behertzigen / wie dieſelbe von dem liebſten Schoß-Juͤnger Chriſti dem H. Evangeliſten Johanne gefaſſet worden. Der Kriegs-Knechte einer oͤffnet ſeine Seiten mit einem Speer / und alsbald gieng Blut und Waſſer heraus. (1.) Einer von den Kriegs-Knechten / δει̃να, ungenant und un - bekant. Jm Papſtthum zwar wird viel Abentheur von dieſem Kriegs - Knecht fabulirt / und fuͤrgegeben er hab Longinus geheiſſen / undvide Sten - gel. de Re - liq. p. 165. wiewol er blind geweſt / hab er doch nach der Seiten Chriſti ſo ſcharff zielen / und dieſelbe treffen koͤnnen; Er ſey von dem außgefloßnen Blut / ſo ihm in die Augen geſpritzt / curirt / und leiblich / auch im Augenblick geiſt - licher Weiß ſehend und bekehrt worden; Er hab etwas von dem Blut mit einem Schwammen auffgefaſt und in ein Buͤchslein außgetruckt / daſſelbe nacher Mantua gebracht / woſelbſt ers verſteckt und vergraben / es ſeye aber nach viel hundert Jahren wiederum gefunden worden / und wer - de noch als ein koͤſtlich Kleynod und Heiligthum heutigs Tags gezeigt und venerirt. Fragſtu / unde hæc nænia? Wo ſich dieſe Erzehlung her - ſchreibt? So wuͤrde ſich nichts anders finden / als die blinde credulitaͤt und Einfalt. Die hiſtori gedenckt der λόγχη im griechiſchen Grund - Text / das heiſt / ein Speer. Aus dieſer λόγχῃ haben die thum̃en blinden Muͤnchen einen Longinum getichtet. Es wird / ſagten ſie / gedacht einſen / der es geſehen und davon gezeugt. Ergò ſey dieſer Longinus derſelbe Zeug geweſen / der ſehend worden. Jn der ſchmertzlichen Creutzigungs - Tragœdi mit Chriſto wird gedacht eines Hauptmanns / der geiſtlicher Weiß erleuchtet und bekehret worden / Ergò iſt der Longinus derſelbe. O Næniæ, & nugæ! Sind das nicht ungeſchickte Maͤhren / deren ſich(*) An 34. n. 131. (*) in A - pocal. 1, v. 7. p. 162. (α) de qui - bus Joſe - phus lib. 3. Bell. c. 8. Baronius (*) ſelber geſchaͤmet / wiewol er deßwegen von andern deſerirt / und von Alcaſar dem Jeſuiten (*) einen Haar-rupff leiden muͤſſen. St. Johannes ſchreibt mehr nicht / als ει῟ς τῶ ςρατιωτῶν, vielleicht einer von den λογχοφόροις (α) Pilati, ein Speer-Reuter oder Pickenirer / ein verzweiffelter Boͤßwicht und Bluthund / der ſich mit dem Tod Chriſti nicht begnuͤgen laſſen / ſondern auch an ſeinem todten Leichnam ſeinen Muth erkuͤhlen / und bey der ſchnoͤden Tochter Zion der Juͤdiſchen Syna -C 3gog22Die andergog einen Ritter-Danck verdienen wollen. (2.) Nun was hat er gethan? ἔνυξε〈…〉〈…〉 πλεῦραν, er hat Chriſti Seit geoͤffnet mit einem Speer / conſequenter in die Seit geſtochen / er hat ihn nicht bloß beruͤhrt / oder mit einem ſtumpffen inſtrument geſchlagen / ſondern ſcharff hinein ge - ſtoſſen und geſtochen / wohin aber? Auff die rechte oder lincke Seiten? adhuc ſub judice lis eſt, wiewol(*)L. de duplic. Martyrio. Vbi, Salvatorem, ſcribit, humani generis, quic - quid in Corde reſederat ſanguinis causâ noſtri emiſiſſe, ut quos vitæ anteactæ pœniteret & ſpe certâ firmarentur &c. Cypriani ſentenz wir nicht verwerffen wollen.

(3.) Ἐυϑὺς, alsbald / heiſt nicht nur ſtatim alsbald / ſondern auch rectà grad heraus / nicht krumb / als wann es nur waͤre um den Leib geklebet (4.) ἐξῆλϑεν, gieng herauß / ſprang heraus wie ein friſch Felß Waſſer aus einer lebendigen Quellen / wie das Blut nach der Ader-laͤß aus einem fri - ſchen geſunden Leib; Alſo auch hie aus einem geſunden unverweßlichen Leib / heraußgeſprungen nicht wie ein todtes faules Blut tropffen-weiſe ge - ronnen / der am Leib angehenckt kleben blieben. Das griechiſche Wort ἐξέλευσις wird geleſen von jenem gichtbrichtigen patienten Marc. 2 / 12. der da er von Chriſto heil worden / mit Freuden daher geſprungen / gleich wie jener von Mutter-Leib lahme Mann / welchen Petrus geſund gemacht alſo / daß er nicht nur gehen und ſtehen konte / ſondern wie Lucas meldet Act. 3, 8. Er wandelte und ſprang. Jſt alſo das Blut heraus ge - ſprungen / wie ein lebendig Waſſer aus einem Roͤhr-Brunnen. (5.) Waſſer und Blut / nemblich warhafftig Waſſer und Blut / eigent - lich was GOtt und die Vernunfft Waſſer und Blut heiſt / und zwar iſts gefloſſen abſonderlich / daß es Johannes eigentlich von einander unter - ſcheiden koͤnnen. War demnach kein gemengt Waſſer / kein blutfarb gefaͤrbtes Waſſer / kein ſerum, kein ichor ſanies oder Blut-Eyter / ſon - dern ein abgeſonderter ungemengter Zeug; Auff daß dieſe Geſchicht die - nen koͤnne dem Zeugnuß / wohin ſie von St. Johanni hernach applicirt und angezogen worden.

Quale teſtimonium, talis aqua, at teſtimonium debet eſſe verum E. & aqua. Hinc Cyprianus in ſerm. de paſſ. Chriſti: De latere tuo fons egredit ur in vitam æternam proſiliens, & de eadem conſubſtantialique origine diverſis limitibus aqua & ſanguis emanant, ad complementum perfectionemque totius juſtitiæ, Sacramenta in perpetuum duratura. ()Pru -23Predigt.
Prudent. περὶ ςεφαν.
Hic cruor effuſus fluxit & inde latex!

Dieſes iſt nun (II.) Hiſtoria certa, ein gewiſſe bewaͤhrte un - gezweiffelte Geſchicht / keine ungegruͤndete / verkuͤnſtelte Tandmaͤhr / fama ἀδέςποτος oder bloſſe tradition. Von paͤpſtiſchen Wundern und dero traditionen hat man groſſe Urſach zu zweifflen: Zum Exempel /conf. Corn. à Lap. ad Ep. Pauli pag. 10. Baron. Ann. 69. n. 11. wann von St. Pauli Martyrio wird außgeſagt und geglaubt / nachdem derſelbe zu Rom enthauptet worden / ſeye nicht allein / an ſtatt deß Bluts / ſchneeweiſſe ſuͤſſe Milch aus dem Strumpff heraus geſprungen / ſondern es habe auch das abgeſchlagene Haupt drey Spruͤng gethan / und wo es hin geſprungen / da ſeyen Quell-Bruͤnnlein entſtanden von hellem Waſ - ſer / die man noch heutigs Tags zu Rom ſehen und koſten koͤnne / als koͤſt - liche Lipſana und Heiligthum; Wers glauben wil der glaub es / ſteht jederman frey. Aber hie kein ſolche nænia, ſolch altvetteliſche fabel, ſon - dern Himmelfeſte Warheit / welche St. Johannes nicht erticht / ſondern davon gezeuget / als einer warhafftigen Geſchicht / die er mit gewaltigen Worten bejachtzet und beſtaͤtiget / er ſagt / ſein Zeugnuͤß ſeye wahr: Er ſey teſtis Epopta & ἀυτόπιςος, er habs nicht vom hoͤr-ſagen / ſon - dern mit ſeinen Augen ſelbſt geſehen / die koͤnnen ihn nicht betriegen / teſti oculato uni plus creditur, quam decem auritis: Er ſeye teſtis ϑεό - πνεευςος, er wiſſe daß er die Warheit ſage / nemlich ex ϑεοπνεύσει, aus Goͤttlicher Eingebung / er ſey ein authoriſirter und canoniſirter / von Chriſto dem HErꝛn ſelbſt als ein aus und vorerwehlter / verſiegelter Zeug / Act. 1, 8. cap. 10, 39. Joh. 15, 27. Er ſey ſeiner Sachen ſo gewiß / daß er auch einen Engel im Himmel außforderen moͤchte: Und deßwe - gen teſtis hypoſtaticus ein ſtandthaffter Zeug. Er woll niemand verfaͤh - ren oder betruͤgen / ſondern ſein Zeugnuß mit ſeinem Blut druͤber verſiglen. Haͤtte Johannes wollen mit Fleiß luͤgen / es weren deren noch uͤbrig ge - weſt / die unterm Creutz geſtanden / die ihn haͤtten zu ſchanden machen koͤnnen. Er legt ſelbſt ſein creditiv auff / alles ſeiner narration und Er - zehlung einen credit zu machen / auff daß was er geſehen / wir auch glau - ben moͤchten: Seine hiſtoria ſolle ſeyn baſis, ein Grund deß ſeligma - chenden Glaͤubens / auff welchen die Kirch erbauet Eph. 2 / 20. Und weil er ſolche hohe gewaltige Wort braucht / ſo muß etwas hoͤhers und mehrers in dieſer hiſtori verborgen ligen / nemblich das Sacrament - liche Geheimnuͤß. Davon ins kuͤnfftig.

Daher iſts auch (III.) Hiſtoria Thavmatologica ſeu miracu -loſa,24Die anderCalvin. ad Johan. 19. pag. 582.loſa, von einem unerhoͤrten paradoxo und Wunder-Geſchicht. Zwar Calvinus will nichts draus gehen laſſen. Naturale eſt, ſchreibt er / dum coagulatur ſanguis, rubore amiſſo, fieri aquæ ſimilem; notum etiam eſt in membrana præcordiis vicina aquam contineri, das iſt / es ge - ſchehe natuͤrlich alſo / daß das Blut / wann es zuſammen rinnet / die rotheThom. Barthol. de latere Chriſt. aperto. p. 23. & 200. Farb verliere und gleich wie Waſſer werde. Bekant ſeye es auch / daß in der membrana nahe beym Hertz etwas Waſſers ſich auffhalte. Wohin dann auch gehet ein neuer Daͤniſcher Anatomicus, der mit aller Macht will erhaͤrten und uns bereden / als ſey es hie gantz natuͤrlich hergan - gen. Deme aber ſtarck widerſpricht (1.) die experienz und Erfah - renheit. Natuͤrlicher und ordentlicher Weiſe / wann ein todter Leichnam da ligt erſtorben / ſo iſt entweder das Blut coagulirt / geronnen / erkaltet / gefroren / ſteht gantz geluͤppt wie ein Gallerend ſtill / und wann etwas heraus gehet / ſo geſchicht doch ſolches nicht ἐυϑὺς, alsbald / nicht per ἐξέλευσιν, durch ein Außſprung. Hie aber aus dem todten / verbliche - nen / außgebluteten / abgematteten aber unverweßlichen Leichnam Chri - ſti / ſpringt / quillet / ſpritzt heraus Waſſer und Blut abſonderlich / di - verſis ἀυλοῖς & limitibus, durch unter ſchiedlich und verſchiedliche Gaͤng / daß eins von dem andern unterſchieden und erkennet werden moͤchte. Quis talia fando audivit? Wer hat dergleichen jemahl gehoͤrt und erfah - ren? Es ſtreitet dawider (2.) Aſſeveratio Johannis, die gewaltige Bejachzung und Bekraͤfftigung deß H. Apoſtels / der ſein Zeug - nuͤß ſo ſtarck befeſtiget / und ſein credit ſo wol verwahrt: redet hievon als von einer unglaublichen Sachen / beſorgend er moͤchte kein credit finden / es moͤchte dieſes als ein uͤbernatuͤrliches Geſchick und Geſchicht nicht wol - len geglaubt werden. Waͤr es natuͤrlich hergangen / was haͤtte es ſolcher ſtarck betheurten Bejachzung bedoͤrfft? Er zeigt darneben an / es ſeye kein 〈…〉〈…〉 πιςητὸν, ſondern πιςὸν, man muͤſſe es glauben wider die Vernunfft / auff daß ihr auch glaubet / ſagt er / das was man ſonſt unglaublich haͤlt. (3.) Suffragium venerandæ Antiquitatis, die Einſtimmung der werthen antiquitaͤt / die ins gemein dieſen Blut-Fluß mit dem andern im Gar - ten am Oel-Berg verglichen. Ambroſius in Luc. 23. In corporibus noſtris ſanguis poſt mortem congelaſcit, ſed hoc loco adhuc fluidus eſt. Theophilactus in h. l. Judæi, inquit, mortuum corpus con - tumeliâ afficere conantur, ſed contumelia illis in miraculum ver - titur. Anderer jetzo zu geſchweigen.

Es iſt aber auch ferner und (IV.) Hiſtoria terrifica, eine ſchreck - haffte Geſchicht: Dann es iſt geſchehen / auff daß die Schrifft (nem -lich25Predigt. lich die Weiſſagung Zachar. 12 / 10.) erfuͤllet wuͤrde: Sie werden ſe - hen in welchen ſie geſtochen haben. Johannes accommodirts auff die gottloſen ſichern Welt-Kinder Apoc. 1, 7. die in ihrer Sicherheit toll dahin gehen / fuͤr Gottes Zorn / Hoͤll und ewigem Tod nicht erſchre - cken / ſie werdens ſehen / nemblich cum terrore, wie es geſehen ha - ben mit Schrecken / Zittern / Zetter und mordio (h. e. mors Dei) der Hauptmann und die bey ihm waren / der an ſeine Bruſt geſchlagen Luc. Luc. 23, 48. it. Matth. 27, 54. Marc. 15, 39 Act. 2, 37.23. (Actor. 2. κατενύγησαν, eadem radix vocis) gleichwie der Speer Chriſto ins Hertz getrungen / ſo ſey auch das Wort als ein Speer in ihr Hertzgangen / daß ihnen das Hertz im Leib geblutet fuͤr Furcht. Man hat die Exempel und experienz von der Cruentatione cadaverum der Blut-Guͤſſe derer Leichnam / die ermordet und erſchlagen worden / wann man eine verdaͤchtige Perſon zum Leichnam gefuͤhrt / daß / wann er war - hafftig der Thaͤter iſt geweſen / in anſehen und Gegenwart ſolches Moͤr - ders der Leichnam anfangen Blut zu ſchwitzen / und gegen den Thaͤter ge - ſpritzt ihn ſchamroth zu machen / das Gewiſſen auffzuwecken und ihm eine Angſt ein zu jagen: Natuͤrlicher Weiſe zwar geſchicht ſolches nicht / dann es findet ſich zwiſchen beiden / dem ertoͤdten Leichnam und Moͤrder / keine συμπάϑεια; natuͤrlicher Weiß fleucht das Blut vielmehr vor ſeinem Feind / als daß es ſich ſolte zu ihm nahen; keine natuͤrliche ſympathi hat da einige Statt und Platz / naturalia apud omnes eadem, was natuͤr - lich zugehet / das findet ſich bey allen auff einerley Weiß / und warum geſchicht ſolches nicht auch in Gegenwart deß Scharffrichters / wann er einen Ubelthaͤter enthauptet? Warum nicht ein ertoͤdter Ochs / Schaf ꝛc. in Gegenwart deß Metzgers / ubi eadem ratio; Aber es iſt dieſe δει̃ξις eine von den ϑείοις und uͤbernatuͤrlichen Begegnuͤſſen / dadurch die Goͤttliche providenz manchmal einen heimlichen Mord laͤſt offenbahren. Wann dann dergleichen actus und prob vorgehet / ſolte nicht der Thaͤter druͤber erbleichen / erſtarren / erſchrecken und zetter mordio ſchreyen? Ja es iſt bißweilen auch alſo geſchehen. Dem allem ſey wie ihm wolle / ſo iſt doch ein ſolche ἁιματόδειξις und Blut-Zeugnuß erſchroͤcklich. Nach - dem die Juden Actor. 2. von Petro eines Gottes-Mords uͤberzeugt worden / ſo erſchrecken ſie; Wie der Speer Chriſto ins Hertz gangen / ſo gehet ihnen Petri Wort-Speer durchs Hertz. Alles uns zu einem Exempel und Beyſpiel / dann wir alle mit einander ſolche ſtratioten und Moͤrder ſind / die wir mit unſern Suͤnden Chriſtum angeſtochen / oder ſolchen Speer-Stich verurſachet / peccata noſtra Chriſti lanceæ. Die Gottslaͤſterer ſonderlich fuͤhren einen heßlichen Namen Heb. 6. v. 6. Achter Theil. Dund26Die anderund heiſſen ἀναςαυρου̃ντες, Wider-Creutziger / als welche mit ihren Zungen als gifftigen Speeren / nicht nur ihren Neben-Menſchen Chriſti Glied - maſſen anſtechen / verleumden / das mehr ſchmirtzet und ſchmertzet / als lanceæ ictus oder Speeren-Stich; Sondern auch ſein Blut und Sa - cramenten laͤſteren / und zwar thut man das Chriſto der nicht mehr am Creutz hanget / ſondern nunmehr ſitzet im Thron Gottes / und daſſelb wiſſentlich / gewohntlich / ſchaͤndlicher und unverantwortlicher als die Kriegs-Knechte Pilati, die ihne den HErꝛn in dem tieffſten Stand ſei - ner Niedrigung unwiſſend angegriffen. Wer kan ohne Schrecken / ohne Beben und Erblaſſen / leſen oder hoͤren / was jener Boͤſewicht unter drey(*) davon beſihe Ca - tech. Milch part. 1. p. 391. Spielern zu Williſau in der Schweitz gethan / (*) der mit einem Dolche in Himmel hinauff geſtochen / und geſagt / er woll ihn dem Sohn Got - tes in den Leib werffen. Nun eben ſolches thun in Warheit alle verteuf - felte blaſphemanten und Gottslaͤſterer / dann ob es mit der ſcharffen Zungen / oder einem ſcharffen Pfeil geſchicht / iſt eben eins. Wer wolt ſich hieruͤber nicht entſetzen noch erſtarren? Sin? Wo ſolcher Schrecken nicht folgt / O weh! O zetter mordiò! O der ſchrecklichen Stimm am juͤngſten Tag! wann Chriſtus der HErꝛ alle unbußfertige Hoͤllen-Kinder anſprechen wird / und ſagen: (ap. Auguſt. L. 2. de Symb. ad Catech. c. 8.) Ecce hominem, quem crucifixiſtis; Ecce Deum & homi - nem, in quem credere noluiſtis! videtis vulnera quæ inflixiſtis? agnoſcitis latus, quod pupugiſtis? per vos, propter vos latus apertum eſt, & tamen intrare noluiſtis. Das iſt: Schaut jetzt an den Menſchen / welchen ihr gecreutziget; Seht an den Gott-Menſchen / an welchen ihr nicht glauben wollen! Se - het ihr die Wunden / die ihr mir geſchlagen / erkennet ihr die Seit / in die ihr geſtochen? Von euch und um euers Heils willen iſt dieſe Seit geoͤffnet worden / und ihr habt doch in dieſelbe nicht wollen hinein gehen. Da wird alsdann wahr werden / was der Prophet geſagt / ſie werden ſehen / das iſt / ſie werdens erfahren was ſie gethan mit ewigem Ach und Wehe / zetter und feuriò, Ja Amen! Das iſt gewißlich wahr.

Endlich iſt es auch V. Hiſtoria dulcis & ſolatiflua, eine ſuͤße und troſtflieſſende Geſchicht. So viel Tropffen deß Waſſers und Bluts / ſo viel Fluͤſſe und Guͤſſe himmliſches Troſtes / ſo viel fluenta ſo - latiorum und Troſt-Quellen / ſo viel Liebes-Seile / die von der eroͤffneten Seiten herab flieſſen / uns zu derſelben zu zihen / und wahr zu machen das Verheiſſungs-Wort Chriſti / welches er geſprochen Joh. 12 / 32. Jchwann27Predigt. wann ich erhoͤhet werde von der Erden / ſo wil ich ſie alle zu mir zihen. Duo fluenta, duæ funes, dieſe zween Fluͤſſe ſind zwey Liebes-Seile / wormit uns der HErꝛ zu ſich leitet und zihet. Qui neſcit viam ad mare, quærat amnem comitem, heiſt es auch wol hier. Jch wil ſie zihen / ſagt der HErr. Sie / nemblich die Bußfertige und Glaubige / werden ſehen / in welchen jene / die Gottloſen geſtochen haben mit Speeren und mit Zungen; die Frommen werden ſehen gar mit andern Augen / als die gottloſen Beltals-Kinder und rohe Suͤnden-Knecht /

Nemlich abermals (I.) Per theoriam pœnitentialem, mit einer bußfertigen Reu-Schau / mit traurigen und thraͤnenden Augen. Jſts nicht alſo? Wann eine Rott und Karten-Spiel von Moͤrdern und Straſſen-Raͤubern in hafft gerathen / zum Rad verdampt worden / und aber deß Richters Sohn aus groſſer Lieb und Mitleiden / ſich der Juſtiti ſelbſt præſentiren und darſtellen wolte zur Buͤrgſchafft / ranzion und interceſſion, die juſtitia ließ es gelten / er wuͤrde ad ſupplicium zum Raben-Stein und Hoch-Gericht hinaus gefuͤhrt in anſehen der Moͤrder / die ſolcher tragœdi beywohnen; wuͤrde auch ein ſolcher Ubelthaͤter ein ſolch unbeweglich Pardel und Tiger-Hertz haben / wann er der Rad - Stoͤß anſichtig wird / daß ihm nicht das Hertz druͤber blute / daß nicht alle Stoͤſſe ihm auch ſein Hertz treffen ſolten und er Blut druͤber weinen moͤchte? daß er nicht ſagen ſolte / O weh mir! Der Stoß gebuͤhrt mir / ich habs verdient! O behuͤte GOtt / daß ich ja nimmer zur Suͤnde mich verleiten laſſe / daß ich dieſelbe flihe als ein Schlang. O Menſch bedenck dein Suͤnde groß / welch ein unermeßliches Ubel die Suͤnde ſey / derenthal - ben der Sohn Gottes von unermeßlicher Majeſtaͤt / ſolche Marter und Qual uͤbertragen und außſtehen muͤſſen? Daß auch GOtt der HErꝛ ſeines einigen Sohns nicht geſchonet / nur darum daß uns Moͤrdern moͤg aus dem Rachen deß ewigen Todes geholffen werden. Ach daß der Wolff leben moͤge / muſte das Lamb herhalten.

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