Dem Magnifico, Hoch-Edelgebohrnen Herrn, Herrn Gottfried Langen / vornehmen JCto, Sr. Koͤnigl. Maj. in Pohlen und Churfuͤrſtl. Durchl. zu Sachſen hochbeſtalten Hof - und Juſtitien - Rath, des Ober-Hof-Gerichts, des Conſiſtorii und Schoͤppen-ſtuhls in Leipzig hochverordneten Aſſeſſori, der Stadt Leipzig hochanſehnlichen Buͤrgermeiſter, und des groſſen Fuͤrſten-Collegii Colle - giato, &c. Meinem Hochzuehrenden Herrn, Wie auch Dem Hoch-Edelgebohrnen Herrn, Herrn Jacob Born, vornehmen JCto, Sr. Koͤnigl. Maj. in Pohlen und Churfuͤrſtl. Durchl. zu Sachſen hochbe - ſtalten Appellations-Rath, des Ober - Hof-Gerichts Aſſeſſori, der Stadt Leipzig hochverdienten Stadt-Richter, ꝛc. Jngleichen Dem Hoch-Edlen, Veſten und Hochweiſen Herrn, Herrn Joh. Ernſt Kregeln, hochverdienten Baumeiſter und Fuͤrnehmen des Raths zu Leipzig, auch fuͤrnehmen Kauf - und Handels - Herrn daſelbſt, Meinen Hochzuehrenden Herren.
EW. Magnificence, Hoch - Edelgebohrnen und Hoch-Edlen Herrlig - keiten, gegenwaͤrtiges werckchen zuzueignen, habe kein bedencken ge - tragen, da mir theils eine allgemeine ſchuldigkeit ſchon fuͤrlaͤngſt auferleget, Erlauchte und Hochverdiente Haͤupter zu verehren, theils gantz beſondere pflich - ten, welche, wann ich ſie erzehlen wolte, uͤber die graͤntzen einer zuſchrift giengen, mich zu dieſem unternehmen ins beſon - dere verbinden. Es iſt zwar dieſe art der verehrung allezeit mit einiger kuͤhn - heit, und zuweilen gaꝛ zu groſſen freyheit vergeſellſchaftet: Doch haben leute von) (3ho -hohem range und veꝛdienſten, ſolche kuͤhn - heit leichter vergeben und genehm gehal - ten, als diejenigen, welche mit ihren weni - gen faͤhigkeiten, ſo zu reden, noch vor den hafen der gehoften ruhe laviret, ſelbige begangen. Jch ſchmeichle mir mit die - ſen eines gleichen gluͤcks, und da ich die eh - re habe, Ew. Magnificence, Hoch-Edelge - bohrnen, Hoch-Edlen Herrligkeiten / alle arten vom wohleꝛgehen zum aufnehmen des gemeinen beſten und zu dem hohen vergnuͤgen Dero hoch-anſehnlichen Fa - milien anzuwuͤnſchen: So erſuche Die - ſelben unteꝛthaͤnig, dieſe blaͤtter als gerin - ge fruͤhlings-bluͤthen nicht zu verſchmaͤ - hen, ſondern hochgeneigt anzunehmen, und mich ſo lange Dero hohen wohlge - wogenheit zu wuͤrdigen, biß ich durch vollkommene fruͤchte zeigen koͤnne, mit was fuͤr beſonderer tieffen ergebenheit ich ſey
EJne vorrede iſt einem buche ſo noͤthig, als einem prieſter der kragen, einem profeſſor der mantel und einem ſtu - denten der degen, denn ſie ſoll dem buche das anſehen und die rechte kraft geben, auch wider die vermuth - lichen anfaͤlle es zum voraus verthaͤidigen. Dieſes hat der herr auctor reiflich in erwegung gezogen; nachdem er aber ſeine zeit lieber auf andere dinge als auf vorreden wendet: ſo hat er mich erſuchet, ihn der muͤhe zu uͤberheben, und ich habe auch ohne be - dencken ihm gewillfahret, und ſtatt ſeiner die muͤhe eines vorredners uͤber mir genommen. Wann du aber von mir erwarteſt, daß ich dir dieſe arbeit an - preiſe, und mit geſchminckten und geſchwaͤntzten no - ten erheben ſolle, ſo wirſt du dich betrogen finden. Jch ſchicke mich zu nichts weniger, als zu einem pa - negyriſten, und es wird auch weder dir noch dem auctori / welcher den fehler an ſich hat / daß er von ſeinen ſachen immer zu wenig haͤlt, damit gedienet ſeyn. Alſo will ich dir nur eins und andeꝛs, was du wider dieſes buch einwenden koͤnteſt, unter den fuß geben, du magſt heꝛnach ſehen, ob ich recht habe, und die boltzen vollends verſchieſſen. Da der herr au - ctor eine Oratorie ſchreibet, ſo ſcheint er die menge derſelben zu vermehren, und wir haben bereits der Metaphyſicken, Logicken und Rhetoricken ſo viel, daß wir iemand bitten moͤchten, einen vorſchlag zu thun, wie man die anzahl derſelben verringerte. ) (4NunVorrede. Nun wird er zwar wohl einwenden, daß er ſich hier der allgemeinen freyheit bedienet / welche einem ie - den erlaubet, ſo gut er kan, ſein weniges vermoͤgen zum dienſt des gemeinen beſten anzuwenden: Al - lein er haͤtte dich doch billich, mein leſer, erſt um er - laubniß bitten ſollen / mit ſeinen ſchlechten ſachen herfuͤrzutreten. Weiter habe ich anfangs mich verwundert, warum er es eine Philoſophiſche Oratorie genennet? Denn ich ſehe ja, daß es auf alle arten von reden gerichtet iſt, was er hier fuͤrbringet. Vielleicht meinet er, die Philoſophie ſey die univerſelle gelehrſamkeit, und weil er ſein werck auf Philoſophiſche, das iſt, nach ſeiner mei - nung, auf gelehrte gruͤnde bauet, ſo ſey es auch eine Philoſophiſche Oratorie. Wann du nun mein - teſt, auch auf dieſe weiſe Theologiſche, Juridiſche und Mediciniſche Oratorien zu ſchreiben, ſo koͤnteſt du es verſuchen, aber du wuͤrdeſt es vielleicht nach ſeinem concept nicht treffen, dann er wuͤrde ſpre - chen, daß auch dieſe philoſophiſch / das iſt, gelehrt, muͤſten geſchrieben weꝛden, und in dieſen ſtreit will ich mich weiter nicht mengen, dann es kaͤme da wohl auf kein raiſonniren ſondern auf die probe ſelber an. Bey dem werck ſelbſt hat der herr auctor ſeine lehr - ſaͤtze ziemlich frey fuͤrgetragen, aber mit noch frey - ern noten erlaͤutert. Erſtlich handelt er von ein - richtung der gedancken, nachgehends von dem aus - druck derſelben, und endlich von der diſpoſition derſelben. Da gehet er von andern ab, welche die elocution zuletzt ſparen, er handelt nirgends von denen generibus dicendi, demonſtratiuo, deliberatiuo, Judiciali, ohngeachtet M. Uhlmann zum troſt aller rhetorum das didaſcalicum noch erfunden. Hin - gegen dringet er uͤberall darauf, daß man der natur des obiecti nachgehen, und wie ein mahler dabey ſich auffuͤhren muͤſſe / welcher eine ſache nach der natur fuͤrſtellet, allenthalben die regeln der pro - portion / der Perſpectiv, des wohlſtandes beobach -tet,Vorrede. tet, ſein obiectum zuweilen ausputzet, ſtarcke lichter, ſtarcke ſchatten, und die doch mit einander in einer guten harmonie ſtehen, und in einander zu flieſſen ſcheinen, anbringet. Deßwegen hat er auch den Apellem auf das kupferblat ſetzen laſſen, wie der - ſelbe bemuͤhet iſt, dem Alexandro die urſachen ſeiner Mahlerey zu entdecken. Nun laß ich alles dieſes dahin geſtellet ſeyn, wo man ſonſt ſo viel hinzuſtel - len pfleget, und muß erwarten, ob ich dem herrn auctori recht prophezeiet, da ich ihm zuvoraus ge - ſagt, daß er einige mit ſeiner ſchreibart beleidigen, und vielleicht denen gelehrten regiſtratoribus, wel - che mit anderer leute fehlern geld verdienen, in die haͤnde fallen werde: Oder ob er recht gehabt, da er mir geantwortet, daß er nicht vermuthe, die feindſchaft vernuͤnftiger leute auf ſich zu laden; wolten hingegen die unvernuͤnftigen boͤſe werden, ſo ſey ihm ſolches gar lieb, denn es wuͤrde albern ſeyn / wenn er ſich etwas leid ſeyn lieſſe, das er doch nicht aͤndern koͤnne. Jch moͤchte nur in ſeinem nah - men den geneigten leſer bitten, daß er, ehe er boͤſe werden wolte, zuvor die umſtaͤnde uͤberlegte, die antecedentia und conſeqventia der ſtelle wohl be - trachtete, womit er ſich etwa beleidiget zu ſeyn glaubte, und lieber einer gelinden auslegung derſel - ben, als einer uͤbereilten gehoͤr gaͤbe. Er ſetzte hin - zu, daß er ſich auch fuͤr denen urtheilen derienigen nicht fuͤrchtete, welche ſelbige oͤffentlich an den tag legten, wohl aber fuͤr dieienigen, welche gleich de - nen ſchmeißfliegen, gantz in der ſtille, auch auff die reinſten ſtellen ihre excrementa ingenii ſetzten, und ohngeachtet ſie ziemlich ſtranguriam empfaͤnden, in ihrer ſatyriſchen vena, dennoch aus verborgenen winckeln auf andere ihren gifftigen unflath gar zu gerne ſpritzten. Denn, ſagte er, wer ſeine gedan - cken uͤber meine arbeit publiciret, der unterwirfft ſich dem urtheil der gantzen welt, die etwas davon zu ſehen bekommt: iſt er nun vernuͤnftig in ſeinem) (5ur -Vorrede. urtheil, ſo lerne ich ia etwas von ihm / und bekuͤm - mere mich wenig oder nichts darum, ob ihm die liebe zur wahrheit und tugend oder der neid, darzu anlaß gegeben, iene ſchuͤtzet man mehrentheils fuͤr, und dieſer iſt das rechte principium movens. Jſt er unvernuͤnftig, ſo wirds ihm gehen wie dem Alex - andro, da er von des Apellis gemaͤhlde unrecht rai - ſonnirte, und die mahleriungen ihn auslachten; denn es werden auch die anfaͤnger der beredſamkeit ihn fuͤr einen ungeſchickten raiſonneur halten. Jſt er endlich gar grob / ſo fehlt mirs nicht an hertz, auch nicht an der faͤhigkeit, ihm gehoͤriger weiſe zu begegnen. Meines orts laſſe ich, wenn du es an - ders auch zufrieden biſt, geneigter leſer, dem herrn auctori darinne ſeine freyheit, und kan ers halten nach ſeinem gefallen. Nur muß ich dich erinnern, daß du nicht, wenn du ihn etwan wenig oder gebro - chen reden hoͤreſt, daraus ſchluͤſſe macheſt: denn er redet nur wenig oder gebrochene worte gegen ein - zele perſonen, denen er nicht trauet, und die er nicht kennet. Sonſt halte ich ihn fuͤr ſo complaiſant, daß er niemand ſeine meinung aufdringet, abeꝛ ſich nicht gerne eines andern meinung ebenfalls aufdringen laͤſt, ohngeachtet er keine ſchwierigkeit macht, allen leuten ſuo modo recht zu geben, aber nicht von dir praͤtendiret, daß du ihm in allem beyfallen ſolteſt, da du vielleicht mit deinem geſchmack ſelbſt noch nicht einig biſt. Zwey dinge muß ich doch noch beruͤh - ren, einmahl die allegirten auctores und heꝛnach die beygebrachten exempel. Bey ienem ſcheints, als wann der herr auctor wenig ſtaat darauf machte, denn er fuͤhrt ſie ſo quaſi aliud agendo an. Jch habe ihm treuhertzig gerathen, er ſolle etwan ſehen, wie er einen gelehrten fuhrmann wo auftriebe, der ihm vorſpann gebe, und die auctores brav zuſammen peitſchete, ich habe ihm auch etliche fuͤrgeſchlagen, welche, ohngeachtet ſie ſo wenig Frantzoͤiſch als Rabbiniſch verſtehen, doch gantze buͤcher mit Fran -tzoͤi -Vorrede. tzoͤiſchen und Rabbiniſchen noten heraus geben. Allein er meinte, was es denn noͤthig waͤre, anderer leute zeugniſſe anzufuͤhren, da die ſache ſelbſt redete, er habe noch gantze millionen auctores, die er alle anfuͤhren wolle, wo man ihn der allegatorum we - gen boͤſe machte. Bey den exempeln die er ſelbſt gemacht / [denn mit anderer leute arbeit habe ich ie - tzo nichts zu thun] habe ich ihn gefraget, ob er nicht in ſorgen ſtuͤnde, wann etwa Herr Luͤnig ſolte auf die gedancken kommen, die reden kleiner herren heraus zu geben, daß man auch da ſeine arbeit fin - den moͤchte: allein er ſchien deßwegen gantz ge - ruhig zu ſeyn, und meinte, wenn ihn etwa die natur ſo kuͤnſtlich zubereitet haͤtte, daß der kopff auf die huͤften relegiret waͤre, das geſichte bey dem kinne eben ſo hoch in die hoͤhe ſtuͤnde, als bey der ſtirn, die naſe gleich dem hoͤltzernen pferde auf einem gepfla - ſterten marckte herfuͤr ragete, und der mund die zaͤhne nicht mehr bedeckte, oder damit er deſto ferti - ger alle leute taxiren koͤnte, immeꝛ offen ſtuͤnde, auch ſonſt die gantze laͤnge ſeines coͤrpers nur etliche ſpannen betruͤge, da moͤchte er freylich die ehre ha - ben, daß man ihn unter die kleinen herrn einſchalte - te; Aber da ihn der guͤtige himmel groͤſſer gemacht, als ihm lieb ſey, ſo wuͤrde man ſeinetwegen ſich wohl nicht bemuͤhen duͤrffen. Ubrigens hat er mir befoh - len, denenienigen hohen Patronis, wertheſten Goͤn - nern und freunden gehorſamſten ſchuldigſten erge - benſten danck abzuſtatten, welche ihm theils durch ihre lehren, theils durch ihren wohlgemeinten auf - richtigen u. freyen rath, theils durch com̃unicirung vieler buͤcher, theils durch ihre gemachte gelehrte einwuͤrffe, bey verfertigung dieſes werckes, beyge - ſtanden. Wann auch du, geneigter leſer, etwas fin - deſt, das verdiente beygebracht zu werden, ſo bittet er dich, daß du ihm ſolches nicht mißgoͤnnen wolleſt, er wird dir gleichen groſſen danck abſtatten; wuͤn - ſchet dir darneben alles wohlergehen, wie ich danngleich -Vorrede. gleichfalls dir will angewuͤnſchet haben. Sonſt nimm dir unbeſchwert die muͤhe und corrigire fol - gende druckfehler pag. 2. l. 11. ließ: eintheilung. p. 8. l. 11. ließ: program. IIII. §. 7. 14. p. 9. l. 20. ließ: den anhang, und l. 29. ließ: unten den anhang. p. 17. l. 29. ließ: Qvinctilianus. p. 23. l. 9. ließ: Part. III. cap. 3. p. 35. l. 24. ließ: naturale. p. 47. l. 19. communium. p. 62. l. 26. ließ: wollen. p. 72. l. 16. ließ: Hiſtoriſche. p. 76. l. 4. ließ: im dritten capitel. p. 82. l. 27. ließ: Apophthegmata. p. 84. l. 4. ließ: moͤglichkeit nicht unterſcheiden. p. 86. l. 27. ließ: daraus. p. 99. l. 4. ließ: zur. p. 105. l. 2. deutlichkeit. p. 190. l. 16. de Germaniſmis falſo ſuſpectis, de amplificatione verborum & totius locutionis, p. 177. l. 33. ließ: Micraelii. und an - dere, welche der herr auctor viellsicht bey dem aca - demiſchen gebrauch, dem dieſe arbeit gewiedmet, bemercken wird. Lebe wohl. Jch bin dein ergebenſter
M. L. v. S.
Hiemit wolte des Herrn Autoris, ſeines ehemali - gen wehrten Auditoris, Philoſophiſche Ora - torie der Studiren den Jugend beſtens recommendiren,
WAs die Oratorie ſey? §. 1. Worinn das weſen der wahren beredſamkeit beſtehe? § 2. Wel - ches der rechte endzweck der beredſamkeit? §. 3. Daß ſich die beredſamkeit auch in der con - verſation zeigen muͤſſe, §. 4. Von dem nutzen der Oratorie, §. 5. Daß die Oratorie deßwe - gen nicht zu verwerffen, weil ſie weltlich, weil man ſie von natur beſitze oder mißbrauchen koͤnne, §. 6. Wor - inn die Oratorie von der Logick unterſchieden? §. 7. Was zu einem redner erfodert werde und ob er ein polyhiſtor ſeyn muͤſſe? §. 8. Was zu einem redner gehoͤre in anſehung des leibes? §. 9. Jn anſehung des verſtandes? §. 10. Jn anſehung des willens? §. 11. Was er fuͤr wiſſenſchaften hauptſaͤchlich verſtehen muͤſſe? §. 12. Von der klugheit des redners uͤderhaupt, §. 13. Von der klugheit des redners, in anſehungAder2vernuͤnftige anleitungder ſache davon er redet, §. 14. Jn anſehung ſeiner eignen perſon, §. 15. Jn anſehung ſeines zuhoͤrers, §. 16. Jn anſehung der aͤuſſerlichen umſtaͤnde, §. 17. Von der hiſtorie der Oratorie uͤberhaupt §. 18. Von der Oratorie vor der ſuͤndfluth und nach derſelben bey den Barbarn, §. 19. Bey den Phoͤniciern, Hebraͤern und Griechen, §. 20. Bey den Roͤmern, §. 21. Bey den Teutſchen, §. 22. Bey den Frantzoſen, §. 23. Bey den Engellaͤndern, §. 24. Bey den Jtaliaͤnern, §. 25. Bey den Spaniern, §. 26. Bey denen uͤbrigen Natio - nen, §. 27. Von[der eintheilung] der Oratorie, §. 28.
§. 1.
DJe Oratoriea) iſt eine vernuͤnftige anweiſung! zur beredſamkeit, das iſt, zu der geſchicklichkeit, ſolche woͤr - ter zugebrauchen, welche mit un - ſern gedancken genau uͤberein kommen,b) und in ſolcher ordnung mit ſolcher art: ſeine gedancken fuͤrzuſtellen, daß in denen die unſere worte hoͤren oder leſen, eben die gedancken und regungen entſtehen, die wir ihnen beybringen wollen, damit die gluͤckſeeligkeit des menſchli - chen geſchlechts befoͤrdert und der umgang un - ter ihnen angenehm gemacht werde.
§. 2. Alſo beſtehet das weſen der beredſamkeit in dem accuraten ausdruck der gedancken, und es irren dieienigen, welche ſolches in der men - ge leerer worte,a) in pedantiſchen formuln, in figuren, in argutien,b) in der gleichheit mit andern beruͤhmten rednern, in dem klange der rede,c) in der kunſt den leuten was weiß zu machen,d) in der fertigkeit von ſachen pro - und contra zu ſchwatzen,e) und in andern der - gleichen kleinigkeiten ſuchen.
§. 3. Die beredſamkeit hat einen doppelten endzweck, einen allgemeinen und einen gantz beſondern. Den allgemeinen hat ſie mit der gantzen gelehrſamkeit, auch ſo gar mit der ſpra - che gemein, nemlich die gluͤckſeeligkeit und das vergnuͤgen der menſchlichen geſellſchaft zu be - foͤrdern. Der beſondere endzweck aber iſt, durch geſchickten ausdruck ſeiner gedancken in andern eben die gedancken und regungen erwe - cken, die man ſelbſt bey ſich hat und empfindet und in andern rege zu machen ſuchet. a)
§. 4. Aus dieſem flieſſet von ſelbſten, daßdie5zur beredſamkeit. die beredſamkeit ſich auch im umgange zeigen muͤſſe, weil eben daſelbſt die meiſte gelegenheit ſich zeiget, die gluͤckſeeligkeit und das vergnuͤ - gen der menſchlichen geſellſchaft zu befoͤrdern, und ſeine gedancken auszudrucken. Zumahl da man im umgange mit andern bey dem fuͤr - trag ſeiner gedancken leicht wiederſpruch findet, dafuͤr man bey oͤffentlichen declamationibus ſicher iſt.
§. 5. Da uns nun die Oratorie zu einer ſol - chen beredſamkeit vernuͤnftige anweiſung giebt, ſo iſt ſie gewiß eine der noͤthigſten und nuͤtzlichſten wiſſenſchaften. Alles unſer den - cken und wiſſen wuͤrde vergraben liegen, und die menſchliche geſellſchaft wuͤrde kaum beſte - hen, noch von den thieren koͤnnen unterſchieden werden, wann wir nicht die faͤhigkeit haͤtten unſere gedancken durch worte an den tag zu le - gen und zu reden. Allein alle unſere conver - ſation und wiſſenſchaft, wuͤrde ein rechtes Ba - bel ſeyn, wann wir nicht durch die Oratorie, zum vernuͤnftigen ausdruck unſerer gedancken angefuͤhret wuͤrden und alſo durch vernuͤnfti - ges reden uns von unvernuͤnftigen menſchen und albernen waͤſchern unterſcheiden koͤnten.
§. 6. Jch weiß alſo nicht ob es eine heilige oder naͤrriſche einfalt ſey, wenn man die Ora - torie fuͤr eine ſache haͤlt, welche weil ſie welt - lich, das iſt, nicht aus der offenbahrung ent - ſprungen, einen nothwendigen zuſammenhang mit der ſuͤndlichen welt habe. a)Dieienigen welche ſonſt der Oratorie gram, erklaͤren ſich auch fuͤr feinde der wahren beredſamkeit, und unterſcheiden nicht eine vernuͤnftige Oratorie, von einem Scholaſtiſchen woͤrterbuch,b) oder wollen lieber uͤbelreden, als auf einen vernuͤnf - tigen ausdruck ihrer gedancken bedacht ſeyn, oder halten ihre fertigkeit im plaudern fuͤr be - redſamkeit, wie dieienigen thun, welche ſich ein - bilden von natur beredt zu ſeyn,c) oder ſte - hen ſonſt in albernen vorurtheilen. d)
§. 7. Wie die Oratorie zur beredſamkeit anfuͤhret, alſo muß hingegen die Logick zum vernuͤnftigen dencken anweiſung geben. UndA 4zwar8vernuͤnftige anleitungzwar muß dieſe billich vorangeſetzet werden,a) denn die Oratorie giebt keine anweiſung, von ſachen, die man nicht verſtehet, und davon man keine oder unordentliche gedancken hat, viel worte zu machen. Hierinn iſt aber zugleich der rechte unterſchied der Oratorie und Logick zu ſuchen, und nicht in prolixitate expreſſio - nis. b)
§. 8. Wer alſo ein vernuͤnftiger redner und kein locutulejus oder affectiꝛender unnuͤtzer waͤ - ſcher ſeyn will, muß von der natur gute gaben und faͤhigkeiten erhalten, und dieſe faͤhigkeiten, durch die kunſt und cultur, zu fertigen guten ge - ſchicklichkeiten gemacht haben. von nichts reden als was er verſteht, und auch von dem was er verſteht, nicht eher reden als es noͤthig iſt. Wor - aus erhellet, daß er eben kein polyhiſtor ſeyn muͤſſe. a)
§. 9. Es werden aber zu einem redner fol - gende dinge erfordert, und zwar in anſehung des leibes, daß er nichts wiederwaͤrtiges undver -9zur beredſamkeit. verdrießliches in ſeiner perſon, geſichte und aͤuſſerlichen weſen habe, uͤber ſeine minen air und geſtus ohne affectation diſponiren koͤnne, auch ſeine ſprache zu moderiren wiſſe und im uͤbrigen mit geſunden organis zum reden aus - geruͤſtet ſey. a)
§. 10. Jn anſehung des verſtandes, muß er ordentlich, gruͤndlich, deutlich, artig gedencken, alles muß von einem geſauberten iudicio dirigi - ret werdena) das ingenium und memorie muͤſſe nicht zu hefftig wuͤrcken, aber auch nicht gar zu ſchwach ſeyn. b)
§. 11. Jn anſehung des willens, muß er eine durch kunſt und klugheit zu wege gebrachte gleichguͤltigkeit beſitzen,a) aufrichtige und red - liche abſichten haben,b) und uͤber ſeine nei -A 5gun -10vernuͤnftige anleitunggungen einiger maſſen diſponiren koͤnnen, nicht furchtſamc), aber auch nicht verwegen ſeyn.
a)§. 12. Von wiſſenſchaften ſind ihm ei - nige ſchlechterdings noͤthig, einige koͤnnen ihm nur zuweilen nuͤtzen. Die noͤthigen ſind: Logicka), Moralb), insbeſondere die kunſt der menſchen gemuͤther zu erkennen,c) die hiſtorie derer dinge, die nahe um ihn ſind,d) und die principia der ſache, davon er reden wille), ingleichen eine erkaͤnntniß der ſprache, darinn er redet. f)Alle uͤbrige gelehrte wiſ - ſenſchaften, insbeſondere die alte und neue Hiſtorie, koͤnnen ihm nach ſeinen unterſchie - denen abſichten bald mehr, bald weniger nuͤtzen.
§. 13. Jn den regeln der klugheit muß ein vernuͤnfftiger redner wohl erfahren ſeyn, dann hiedurch erlangt er eine geſchicklichkeit, nachden14vernuͤnftige anleitungden unterſchiedenen beſchaffenheiten der per - ſonen und ſachen, damit er umgehet, ſeine ge - dancken einzurichten und fuͤrzutragen, wel - ches die hoͤchſtnoͤthige prudentia oratoria iſt.
§. 14. Bey der ſache, davon er redet, hat er zu ſehen, ob es eine theoretiſche, alte, un - ſtreitige, beliebte, traurige, geiſtliche, ꝛc. oder practiſche, neue, wahrſcheinliche, bittere, luſti - ge, weltliche, ꝛc. ſache ſey, da eine iede von ietzt - erzehlten, andere einrichtung, ausfuͤhrung und ſtellungen erfordert.
§. 15. Unter denen perſonen, muß er ei - nes theils ſich ſelbſt pruͤfen, andern theils ſei - ne zuhoͤrer, oder wahrſcheinliche leſer. Bey ſeiner eigenen perſon hat er entweder ſeine in - nerlichen beſchaffenheiten, oder ſeine aͤuſſerli - chen umſtaͤnde zu beobachten. Jene betrach - tung fuͤhret ihn auf die kraͤfte ſeines verſtan - des, und auf die neigungen ſeines willens, dieſe aber auf das eigentliche decorum ora - torium.
§. 16. Bey denenienigen, welchen er etwas fuͤrtraͤget, muß er ihren verſtand, willen, al - ter, geſchlecht, ſtand, vermoͤgen, und andere umſtaͤnde in erwegung ziehen, ob ſie wahr - heiten annehmen, vertragen oder mißbrau - chen koͤnnen und dergleichen.
§. 17. Letzlich muͤſſen alle andere umſtaͤn - de, der zeit, des orts, der gelegenheit, des wohlſtandes uͤberhaupt, fuͤrnemlich die regeln der gerechtigkeit und honnettete, ſorgfaͤltig inbe -15zur beredſamkeit. betrachtung gezogen werden, widrigenfalls wird man vergebens reden, ihm ſelbſt und andern ſchaden, und ſtatt eines geſcheuten redners ein unnuͤtzer waͤſcher werden, ja wohl gar ein thoͤrichter und ſchaͤdlicher menſch heiſſen.
§. 18. Die hiſtorie der Oratorie giebt ei - ne nachricht von denenienigen, welche anwei - ſungen zur beredſamkeit geſchrieben, oder ih - re proben der beredſamkeit der gelehrten welt mitgetheilet. Ferner, was die Oratorie und beredſamkeit fuͤr zufaͤlle gehabt, was fuͤr veraͤnderungen ſie unterworffen geweſen, und ſo fort an.
§. 19. Jn den zeiten vor der ſuͤndfluth,a) und gleich nach derſelben bey den Barbarn,b) Scythen,c) Chaldaͤern, Jndianern und andern voͤlckern, findet man von der Orato - rie nichts. Jnzwiſchen moͤgen doch wohl beredte leute unter ihnen geweſen ſeyn, die theils auf einen accuraten ausdruck geſehen, theils ihn durch gute regeln feſte zu ſtellen ſich bemuͤhet haben, damit ein vernuͤnftiger ge - brauch der rede unter denen menſchen einge - fuhret wuͤrde.
§. 20. Bey den Phoͤniciern, Hebraͤern, und andern Orientaliſchen voͤlckern, hat ſichieder -17zur beredſamkeit. iederzeit eine ſehr heftige und lebhafte imagi - nation, wegen ihres hitzigen climatis, in einer ſehr fruchtbaren erfindung und reichem aus - druck gewieſen, wie man ſolches an denen ſchriften altes Teſtaments zum theil wahr - nimmt. Doch iſt uns ſonſt nicht viel uͤbrig blieben, von dem, was ſie etwan in der Ora - torie und beredſamkeit herfuͤrgebracht. Die Griechen aber haͤlt man fuͤr die erſten, ſo durch die wohlredenheit beruͤhmt worden, da - zu ihnen die form ihrer republicken anlaß gege - ben. Jns beſondere haben Ariſtotelesa) mit ſeiner Rhetorick, Jſocratesb) und Demo - ſthenesc) mit ihren reden, ihren guten cre - dit, biß auf unſere zeiten, fuͤr allen andern behauptet.
§. 21. Die beredſamkeit der Roͤmer fieng in ihrer republick gar ſpaͤte an ſich zu zeigen, ſtiege bald zu dem allerhoͤchſten gipfel, und fiel nach und nach wieder, nachdem ſie ſich in al - len arten fuͤrtreflich gewieſen. Jn der theo - rie dienen uns noch Cicero und Quincilianus, und in der praxi haben wir vollkommene mu - ſter an Cicerone, Quinctiliano. Seneca, Pli - nio, und vielen andern.
BSiehe18vernuͤnftige anleitung§. 22. Die alten Teutſchena) bemuͤheten ſich mehr durch tapfere thaten, als trefliche reden beruͤhmt zu werden, biß endlich Ru - dolph von Habſpurgb) durch einfuͤhrung der Teutſchen ſprache bey ein und andern ge - richtlichen handlungen, und die fruchtbrin - gende Geſellſchafft,c) dieſe Nation erinner - ten, an die cultur der Teutſchen ſprache und beredſamkeit zu gedencken, darin ſie ietzo, wo nicht alle Nationen uͤbertrifft, doch von kei - ner uͤbertroffen wird. Wolte man die hiſtorie der Teutſchen beredſamkeit ausfuͤhrlich be - ſchreiben, wuͤrde man auf die Schleſiſched) Meißniſche,e) Niederſaͤchſiſchef) und fraͤnckiſcheg) wohlredenheit, ins beſondere zu ſehen haben. Uberhaupt ſind in der theorie zu ruͤhmen: Huͤbner. h)Lange,i) Menan - tes,k) Muͤller,λ) Talander,l) Uhſe,m) Weiſe,n) und andere. Jn der praxi aber kan man ſich Abſchatz*) Beſſers,o) Boͤhmers,p) Canitzens,q) Franciſci,r) Geyers,ſ) Gry - phii. t)Hoffmannswaldaus,u) Roͤnigs - dorffs,w) Lohenſteins,†) Maͤyers,x) Muͤllers,y) Neukirchsz) Neumanns,a) Pritii,b) Riembergs,c) Seckendorffs,d) Treuers,*) Thomaſii,e) Weiſens,f) Zieg -lers,19zur beredſamkeit. lersg) der reden groſſer Herren und fuͤr - nehmer Miniſter,h) ꝛc. mit nutzen bedienen. Zugeſchweigen, daß Buchner,i) Cellarius,k) Schurtzfleiſch,l) Schuppius,m) Jacob Thomaſius,n) und andere in der Lateiniſchen ſprache, mit ihrer beredſamkeit groſſe ehre eingelegt.
§. 23. Die Frantzoſen machen ihre bered - ſamkeit groͤſſer, als ſie in der that iſt, doch ſind als theoretici zu loben: Rapina) Lámi,b) Conrart,c) &c. Als practici aber ſind Boſ - ſvet,d) Flechier,e) Bourdaloue,f) Balzac,g) Boileau,h) Voiture,i) Pays,k) Buſſi Rabutinl) Fenelonm) Scuderi,n) &c. in groſſen ruhm. Uberhaupt iſt in der Frantzoͤi - ſchen beredſamkeit mehr bel-eſprit und artig -keit,27zur beredſamkeit. keit, als gruͤndliche ſcharfſinnigkeit anzutref - fen. o)
§. 24. Von der Engellaͤnder beredſam - keit iſt mir nur etwas weniges bekannt, nem - lich dieſes, daß ſie ihre reden mit groſſem fleiß und nachſinnen ausarbeiten, und fuͤrtrefliche proben ihrer wohlredenheit herfuͤrbringen, daß endlich ihre ſachen, wann ſie in das Teutſche uͤberſetzet, wegen ihrer ſchoͤnen realien und ſcharfſinnigen gedancken, ungemein wohl ge - leſen und gebraucht werden.
§. 25. Der Spanier beredſamkeit, iſt nach dem genie dieſer nation, praͤchtig, ſpruchreich,tief -29zur beredſamkeit. tiefſinnig, wie man ſolches an des Gracians lobredea) auf Ferdinandum Catholicum, die Lohenſtein uͤberſetzet, wahrnimmt. Es iſt auch ſonſt dieſe Nation, bey den kennern der Spaniſchen ſprache und Hiſtorie, in groſſen credit.
§. 26. Denen Jtaliaͤnern, fehlt es nicht an guten rednern in ihrer ſprache. a)Es zeigt ſich aber ihre beredſamkeit mehr in der Poeſieb) und lateiniſchen reden. c)Jn der letztern art haben ſie ſolche proben die Ciceronianiſch ſind gegeben.
§. 27. Es wuͤrde muͤhſam und weitlaͤuftig, doch nicht gar zu nuͤtzlich ſeyn, aller voͤlcker be - redſamkeit hiſtoriſch zu unterſuchen. Die Eu - ropaͤiſchen, deren noch nicht erwehnung geſche - hen,a) haben ſich nicht ſonderlich ſignaliſiret in ihren mutterſprachen und nur eintzeln, in La - teiniſcher ſprache, ihre beredſamkeit gewieſen, wie dann Europa in den neuern zeiten, an La - teiniſchen rednern fruchtb arer geweſen, als an rednern die ihre eigne mundart cultiviret haͤttẽ. b)Und aus den andern theilen der welt, kom - men zuweilen proben der beredſamkeit zum vorſchein, darinn ſchoͤne und lebhaffte ſtricheeiner30vernuͤnftige anleitungeiner natuͤrlichen faͤhigkeit und grotesque al - berne ideen, aus mangel ſattſamer cultur im - mer miteinander abwechſeln. c)
§. 28. Wofern unſere Oratorie hinlaͤng - lich ſeyn ſoll, eine gruͤndliche und artige bered - ſamkeit herfuͤrzubringen, werden wir allezeit erſtlich auf die erfindung der gedancken, zwey - tens auf den ausdruck derſelben durch worte, und drittens auf den fuͤrtrag ſelbſt, die dabey noͤthige ordnung und andere umſtaͤnde zu ſehen haben. Auf welche theile auch folgende anweiſung beruhet.
WAs erfinden eigentlich ſey? §. 1. Was die erfin - dung in der Oratorie ſey? §. 2. Wie vielerley dieſe erfindung in der Oratorie? §. 3. Von der erfin - dung der materie zumreden, §. 4. Von der erfindung eines thematis, oder von dem, was man will im re - den ausfuͤhren, §. 5. Von denen thematibus natu - ralibus und was dabey zu mercken, §. 6. Von denen thematibus artificialibus, §. 7. Wie die themata artificialia zu erfinden? §. 8. Was bey denen thema - tibus artificialibus in acht zunehmen? §. 9 Von denen lahmen erfindungs-mitteln, als der Lulliſterey, dem pathetiſchen weſen, dem Oratoriſchen enthuſiaſmo der cahbala, der topic, dem buchſtaben-ſpielen, in - uentione analogica ꝛc. §. 10. Vondenen ſo von der erfindung geſchrieben. §. 11.
§. 1.
DJe erfindung aller dinge, ſo weit ſelbige in die graͤntzen menſchlicher erkaͤnntniß eingeſchloſſen, beruhet auf eine fertig - keit desingenii, ſachen nach der moͤglichkeit zu - ſammen zu verbinden oder aus einander zu ſe - tzen. a)Die ſchoͤnheit des ingenii, kommt auf dietref -32von der erfindungtreflichkeit des dabey herfuͤrleuchtenden iudicii an, und die rechte beſchaffenheit des iudicii, auf eine gute erfahrung und vernunft-lehre. Wer alſo dieſes bey einander beſitzet, kan gut erfin - den.
§. 2. Jn der Oratorie heiſt erfinden ſoviel, als bey denen gelegenheiten, welche uns gebieten zu reden, gedancken faſſen, wie man die ge - ſammlete wiſſenſchaft und erfahrung in reden anbringen moͤge, damit man ſeinen endzweck erhalten koͤnne.
§. 3. Man gedencket alſo, ehe man redet, an das wovon man reden oder was man in reden ausfuͤhren will, und hernach an die art und weiſe, wie man davon reden wolle, ienes heiſt inuentio thematis, dieſes inuentio argumen - torum.
§. 4. Die materie zum reden, geben uns al le dinge, davon wir gedancken haben oder faſ - ſen koͤnnen. Die gelegenheit aber der zeit des orts, und anderer umſtaͤnde oder begebniſſe, giebt uns freyheit und erfodert auch wohl von uns, unſere gedancken auszudrucken, und alles was wir davon wiſſen und gedencken anzu - bringen.
§. 5.33der gedancken.§. 5. Dieſe gelegenheit wird genennet ca - ſus, und der kurtze inhalt meiner gedancken, darauf die rede gebauet wird, heiſt die propoſi - tio, das thema. a)Zuweilen kan man nur einen eintzigen concept zum grunde legen,b) mehrentheils aber verbindet man zwey conce - pte in dem dritten,c) und formiret alſo einen ordentlichen ſatz, ia zum oͤftern muß man viele ſaͤtze mit einander verbinden und davon re - den. d)
§. 6. Bleibt man ſchlechterdings bey dem ca - ſu, und zieht das thema gleich heraus, ſo be - kommt man ein thema datum oder naturale. a)Dabey muß man zufoͤderſt auf die regeln der vernunft-lehreb) hernach auf die regeln der klugheit,c) und nach anleitung derſelben auf alle umſtaͤnde genau acht haben. Wenn man nun durch artige, nicht gar zu bekannte, einfaͤl - le, muthmaſſungen, vergleichungen, anmer - ckungen, ausſchweiffungen ein thema natura - le wohl ausfuͤhret, ſo wird man mit einem the - ma naturali eben ſo weit kommen als irgend ein anderer mit ſeinem themate artificiali.
§. 7. Zuweilen iſt man nicht geſchickt ein thema nalurale recht zu tractiren, oder man will damit nicht zu frieden ſeyn, ſo ſuchet man durch eine meditation, und alſo durch die kunſt etwas bey dem caſu zu erſinnen, damit man das thema naturale verknuͤpfen koͤnne, das vielleicht bey dem erſten anblick nicht iedermann in die ſinne faͤllt und dieſes heiſt hernach ein thema artifi - ciale.
§. 8. Solches nun zu finden, reſolvirt man den caſum in ſeine umſtaͤnde, bey iedem um - ſtande ſuchet man allerhand moͤgliche einfaͤlle, muthmaſſungen, urſachen, und andere gedan - cken zu faſſen, dieſe ſchlieſſet man in kurtze pro - poſitiones ein, ſo hat man viel themata artifi - cialia. a)Die umſtaͤnde ſind entweder ge - nerales, oder ſpeciales oder ſpecialiſſimae,b) bey deren auſſuchung und ausfuͤhrung wie bey allen thematibus artificialibus das thema na - turale zum grunde muß geleget werden.
§. 9. Sonſt muß ich bey einem themate ar - tificiali allezeit erwegen, ob ich nicht beſſer thaͤ - te, wann ich beym naturali bliebe? wie ich es kurtz, doch nicht dunckel und zweydeutig ab - faſſen muͤſſeb) wie es mit dem themate natu - rali auf eine ungezwungene und angenehme art zu verknuͤpfen,c) ob etwan ein affect da - bey anzudeuten und wie?d) und endlich daß weder in der abfaſſung und putz noch in der ausfuͤhrung deſſelben etwas paradoxes mit unterlauffe. e)
§. 10. Jch koͤnte mehr anfuͤhren von erfin - dung der thematum, wann meine abſicht waͤ - re aus der Oratorie einen pontem aſinorum zu machen, daraus auch dieienigen, denen es an den hauptſtuͤcken ſo zur wohlredenheit gehoͤren, fehlet, von ſachen die ſie nicht verſtehen, viel erfindungen und worte machen lernten. Viel - leicht iſt aber dieſes die abſicht derer, welche mit der arte Lulliana,a) der topica,b) der inuentione analogica,c) der cabbala,d) dem buchſtaben ſpielene) und dergleichen, wie iener Kaͤyſer mit denen an den Brittanniſchen kuͤſten aufgeraften und in triumph gefuͤhrtenmu -41der gedancken. muſchelſchaalen ein groſſes geraͤuſch machen, oderdie lehr-begierigen auf ein pathetiſches we - ſen Oratoriſchen enthuſiaſmum und andere ſtaffeln zur waͤſcherey und narrheit verweiſen.
Qua Cabala quiuis ex quouis fingere quoduis, Et ſibi pro lubitu dicere fata queat, Haccine pro certo promitti maſcula proles Imperio poſſit Caeſareoque throno? Oma -43der gedancken. Omagnas nugas magnis conatibus actas! Quas puerum & ſuperent vtilitate nuces! Optetis ſtulti! ſperetis, Cetra tacete. Nam cabala haec fieri fabula forte poteſt.
Dieſes iſt mancherley, z. e. durch verſetzung in anagrammatibus als z. e. Calepinus, verſetzt Pe - licanus, Leopoldus: Pello duos, ſiehe Morhoff Polyh. l. VII. III. 6. der Herr von Beſſer in ſei - nen unvergleichen gedichten hat unter andern folgendes auf einen anagrammatiſten: Was hat doch auf den Helicon, Ein anagrammatiſt davon, Daß er der woͤrter ordnung ſtoͤhret? Nichts dann daß er den kopf ſich ſtoͤhrt, Und wie die woͤrter er verkehrt, So ſein gehirn ſich mit verkehret.
Es gehoͤren hieher alle luſus verborum; der poeten technopaegnia; wenn man aus ieden buchſtaben eines wortes ein beſonders wort macht, z. e. iener ſagte, er wolte ein friſch weib nehmen, das iſt: fromm, reich, iung, ſchoͤn, chriſtlich und haͤußlich; wenn man aus der gleichheit zweyer woͤrter gelegenheit zu reden nimmt, u. ſ. f.
§. 11. Von der erfindung haben geſchrie - ben Ariſtoteles,a) Cicero,b Boëthius,c) Quinctilianus,d) Rud. Agricola,e) Petrus Ramus,f) Beccherus,g) Cardanus,h) Raymundus Lullus. i)Alſtedius,k) Kir - cherus,l) Caſp. Knittel,n) Eman. The - ſaurus,o) Janus Gerhardus Bucholdianus,p) Caecil. Frey,q) Jord. Brunus,r) Owe - nus Gunther,ſ) Val. Thilo,t) Nic. Cauſſi - nus,u) Creſollius,w) Voſſius,x) Maſe - nius,y) Keckermannus,z) Weiſius,a)Fran -44von der erfindungFranciſcus Pomey,b) Eraſmus,c) Balbinus,d) Radau,e) Vincentius Placcius,f) M. Dauid Vlmann,g) Ludov. Granatenſis,h) Leibniz,i) Morhoffius,k) Hede ich,l) Wentzelm) &c. Alle die gantze Rhetori - cken heraus gegeben haben, ſind gleichfalls be - muͤhet geweſen, die lehre von der erfindung zum gebrauch zu aptiren, wiewohl nicht alle mit gleichen gluͤck. Man kan dieſe leſen, wenn man ſonſt will und muſſe hat, aber ich glaube ſo lange, daß man wenig nutzen davon haben werde, als es wahr iſt, daß ein mit guten na - tuͤrlichen faͤhigkeiten begabter, durch eine rech - te Logick gebeſſerter, durch wiſſenſchaften und erfahrung bereicherter verſtand, die beſte quelle guter erfindungen ſey.
WAs in der Oratorie ein argumentum ſey? §. 1. Ob ein argumentum in der Oratorie unterſchie - den von einem argumento logico, und worinn? §. 2. Wie vielerley die argumenta? §. 3. Aus was fuͤr quellen dieſelbe zu nehmen? §. 4. Was die klugheit bey erfindung der argumentorum erfordere? §. 5. Wie und in was fuͤr ordnung ſie anzubringen uͤber - haupt? §. 6. Was realia ſeyn? §. 7. Wie man ſich einen vorrath von allerhand fontibus zu argu - mentis anſchaffen koͤnne und von excerptis? §. 8. Von der fertigkeit allezeit argumenta zu haben, und nichts ohne raiſon zu ſagen. §. 9.
§. 1.
WEnn der redner feſtgeſetzet, wovon er reden wolle, ſo muß er auch darauf bedacht ſeyn, wie er von der ſache re - den wolle, dabey muß er auf alles gedencken, was ſeinen endzweck befoͤrdern kan, hingegen ſich bemuͤhen dasienige aus dem wege zu raͤu - men, was ihm daran hinderlich iſt, und alles was er zu dem ende beybringt, heiſſet man in der Oratorie ein argumentum.
§. 2. Weil nun durch daſienige was man ſeinen endzweck zu erhalten beybringt, das the - ma zugleich erweitert wird, ſo nennt man auch die argumenta oratoria, amplificationes. Und da dem redner freyſtehet, im nothfall,a) nachden49der argumentorum. den regeln der klugheit, allerhand beyzubrin - gen, was zur erhaltung ſeines endzwecks dien - lich, ſo duͤrffen auch ſeine argumenta nicht eben allezeit nach der Logicaliſchen ſchaͤrffe einge - richtet ſeyn. Denn in der Logick heiſt man das ein argument, womit man etwas entweder auf eine unſtreitige oder wahrſcheinliche art be - weiſet, und hierinn unterſcheiden ſich die argu - menta Logica von denen Oratoriis.
§ 3. Dieſer argumentorum zehlet man ſonſt eine groſſe menge, man hat argumenta realia und perſonalia, die realia theilet man in do - centia und perſuadentia, die perſonalia in con - ciliantia und commouentia. Zu den docen - tibus rechnet man explicantia, probantia, il - luſtrantia, applicantia und ſo fort an. a)Al - lein mir duͤnckt man koͤnne ſie am fuͤglichſten zu dieſen dreyen arten zehlen, wenn man die argu - menta eintheilet in probantia, illuſtrantia und pathetica.
§. 4. An argumentis kan es dem rednernie -51der argumentorum. niemahls fehlen, wann er eine gute Logick inne hat, die ſache davon er reden ſoll verſteht oder die diſciplin dahin dieſelbe gehoͤret,a) durch lectur und erfahrung einen guten ſchatz geſam̃ - let, und endlich die regeln einer vernuͤnftigen Moral anzubringen weiß. Und dieſe an - gefuͤhrte dinge ſind die allgemeinen fontes woraus alle argumenta flieſſen.
§. 5. Wenn man nun aus dieſen fontibus argumenta nehmen will, ſo muß man zuvor die ſache davon man redet und die beſchaffen - heit ſeines auditoris in betrachtung ziehen. a)Bey abſtracten ſachen muß ich mehr die diſci - plinen, bey ſinnlichen wahrheiten mehr die er - fahrung conſuliren. b)Bey einem zuhoͤrer der in anſehung der ſache, die ich ihm fuͤrtrage in - different iſt, kan ich der naturder ſache nach - gehen, wo nicht, muß ich ſehn ob er vermoͤgend, ſich durch gruͤndliche raiſons uͤberzeugen zu laſ - ſen, oder ob er durch ſeinen eignen affect, ſchwaͤche des verſtandes, oder des willens ein - zunehmen. c)Uberhaupt muß man die fon - tes und argumenta nicht miteinander vermi - ſchen, und ſonſt gedencken, daß es mehr auf die wichtigkeit und nachdruck der argumento - rum, als auf die menge derſelben ankomme. d)
B 2a)52von der erfindung§. 5. Nach beſchaffenheit der ſache und des zuhoͤrers, muß auch die ordnung derer argu - mentorum eingerichtet werden, dahero es nicht eben allemahl rathſam die ſtaͤrckſten oder die ſchwaͤchſten voranzuſetzen. Soll die ſache be - wieſen werden, faͤngt man von probantibus an, ſoll ſie deutlich gemacht werden, muͤſſenD 3illu -54von der erfindungilluſtrantia die fuͤrnehmſten ſeyn, ſoll ſie in die uͤbung gebracht werden, muß man zufoͤrderſt pathetica gebrauchen. Doch muͤſſen alle dieſe nach der capacitaͤt des zuhoͤrers ordentlich und deutlich angebracht werden, und es iſt zuweilen noͤthig, ehe man ſie beybringt, das gemuͤth des zuhoͤrers zu tingiren, damit ſie nicht fruchtloß abgehena)
§. 7. Man iſt ſonſt bemuͤhet geweſen, ſo ge - nannte realia in ſeinen reden anzubringen, man hat aber nicht allezeit den rechten begrif von ſolchen realibus. Vor dieſen hielte man exempla und teſtimonia auch wohl emblemata, ſimilia, medaillen, ꝛc. fuͤr realia. Heut zu tage hat ſich der geſchmack geaͤndert, und man glaubt, daß das reelle einer rede, in einem gruͤndlichen und nach der klugheit angebrach - ten raiſonnement beſtehe.
§. 8. Wer gute natuͤrliche faͤhigkeiten durch unterricht, nachſinnen, lectur, erfahrung und uͤbung gebeſſert und vollkommen gemacht, der wird alle univerſelle ſontes argumenta zu fin - den bey ſich haben. Da aber das gedaͤchtniß bey allen dieſem ein guter promus condus ſeyn muß, ſo ſucht man dieſem durch gute excerptaa) zu ſtatten zu kommen. Dieſemnach haben excerpta allerdings groſſen nutzen, allein man muß nicht meinen, daß es bloß und lediglich darauf ankomme.
a) Mor -55der argumentorum.§. 9. Damit man aber allezeit argumenta in bereitſchaft und auch die fontes und die ex - cerpta, welche man ſich angeſchaft gluͤcklich treffe und parat habe, ſo muß man ſeinen ver - ſtand bey allen was man ſiehet, erfaͤhret, hoͤ - ret, lieſet, excerpiret und empfindet, alſo gewoͤh - nen, daß er allezeit nachdencke, wie man es nutzen und wieder an den mann bringen koͤnne. Jm uͤbrigen muß man nichts thun und nichts reden, wovon man nicht wenigſtens allezeit zweyerley raiſons anzugeben wiſſe, eine wahr - haftige und eine ſchein-raiſon. a)Jch glau - be nicht, daß es einem auf die weiſe, an ar - gumentis fehlen koͤnne.
Was eigentlich beweißgruͤnde ſeyn? §. 1. Wie vie - lerley dieſelben? §. 2. Von den unſtreitigen beweiß gruͤnden? §. 3. Wie vielerley dieſelben? § 4. Beweißgruͤnde fuͤr die moͤglichkeit, §. 5. Fuͤr die ſinnlichen unſtreitigen wahrheiten, §. 6. Fuͤr die abſtracten unſtreitigen wahrheiten, § 7. Wo die - ſelben herzunchmen? §. 8. Wie dieſelben einzurich - ten und anzubringen? § 9. Von denen beweißgruͤn - den fuͤr die wahrſcheinlichkeit, §. 10. Wie vielerleydie -57und derſelben erfindung. dieſelben? §. 11. Beweißgruͤnde fuͤr die Hiſtoriſche wahrſcheinlichkeit, §. 12. Fuͤr die Phyſicaliſche wahrſcheinlichkeit, §. 13. Fuͤr die Moraliſche wahrſcheinlichkeit, §. 14. Fuͤr die wahrſcheinlich - keit der zukuͤnfftigen dinge, § 15. Fuͤr die wahr - ſcheinlichkeit im auslegen, §. 16. Wie ſolche argu - menta zu erfinden und anzubringen? §. 17. Von den beweißgruͤnden in der Philoſophie, §. 18. The, ologie, §. 19. Juriſprudentz, § 20. Medicin, §. 21. Mathematick, §. 22. Jm gemeinen leben, §. 23. Von der krafft dieſer beweißgruͤnde, §. 24. Von de - nen eigentlich ſo genannten Oratoriſchen beweiß - gruͤnden oder vom fuco oratorio, §. 25. Von teſti - moniis. § 26. Von apophthegmatibus, prouerbiis, ſententiis, §. 27. Von exemplis, fictionibus, §. 28. Von ſimilibus, emblematibus, comparatis ꝛc. §. 29. Von medaillen, wapen, inſcriptionibus, epitaphiis, ꝛc. §. 30. Von der benennung, ety mologie, antiphraſi, tropo, allegorie. ꝛc. §. 31. Von den argumentis ab inſinuatione, meditatione, conſectar[u]s, loco communi, argutiis ꝛc. §. 32. Wie man ſolche geſchickt gebrau - chen koͤnne? §. 33. Wenn noͤthig ſey zu beweiſen daß die gegenſeitige meinung irrig? oder vom argu - men to a contrario, §. 34. Was man dazu fuͤr be - weißgruͤnde habe, § 35. Wie man ſich in anwen - dung derſelben aufzufuͤhren. §. 36. Was dem iuſto, honeſto, §. 37. Und den regeln der klugheit gemaͤß bey den beweißgruͤnden, §. 38. Die beweißgrunde ſind nicht mit einander ohne noth zu verwechſeln. §. 39.
§. 1.
EJn argumentum probans oder beweiß - grund iſt ein richtiger ſchluß, wodurch ich die wahrheit eines ſatzes, aus ſeinen gehoͤrigen gruͤnden darthue, um den menſchli - chen verſtand gruͤndlich davon zu uͤberzeugen. a)
D 5a) Bey58von den beweiß-gruͤnden§. 2. Da alle wahrheit entweder unſtrei - tig oder wahrſcheinlich iſt, ſo muͤſſen auch die ſchluͤſſe, wodurch ich die wahrheit meines obie - cti beweiſen will, anders beſchaffen ſeyn, bey denen unſtreitigen, und anders bey denen wahrſcheinlichen wahrheiten. Alſo hat man zweyerley argumenta probantia uͤberhaupt, demonſtratiua und probabilia.
§. 3. Unſtreitige beweiß-gruͤnde ſind ſolche argumenta, welche den ſich ſelbſt gelaſſenen verſtand, alſo von der wahrheit einer ſache uͤberzeugen, daß er ihm ſolche nicht anders fuͤr - ſtellen, und auch keinen zweiffel ferner dabey haben kan.
§. 4. Und da die ſinne der urſprung und kennzeichen aller wahrheiten ſind, und ins be - ſondere die unſtreitigen wahrheiten, alſo aus denſelben entſpringen, daß ſie entweder unmit - telbar oder mittelbarer weiſe mit denſelben zuſammen verknuͤpft ſind, ſo hat man auch zweyerley arten von argumentis demonſtra - tiuis, nemlich ſenſualia und abſtracta.
§. 5. Ehe eine ſache als wahr behauptet wird, iſt ſie bloß moͤglich. Weil aber alles in der welt moͤglich, oder wenigſtens von uns nicht fuͤr unmoͤglich kan ausgegeben werden,a)ſo59und derſelben erfindung. ſo hat man auch noch nichts bewieſen, wenn man nur die moͤglichkeit der ſache dargethan hat. b)Folglich hat man ſich um beweiß - gruͤnde fuͤr die moͤglichkeit nicht ſonderlich zu bekuͤmmern. Wenn man aber doch die moͤg - lichkeit einer ſache darthun wolte, ſo haͤtte man nur zu ſehen, ob ſchon davon ein exempel fuͤr - handen, welches ſo dann die moͤglichkeit der ſache ſattſam beweiſen wuͤrde. c)Waͤre kein exempel davon fuͤrhanden, ſo koͤnte man durch allerhand gleichniſſe ſuchen die moͤglichkeit be - greiflich zu machen. d)Und endlich wird al - les moͤglich wann man zeiget, daß GOtt alles koͤnne wann er wolle, und daß kein menſchli - cher verſtand ſeine allmacht abmeſſen, noch ſeinen willen ergruͤnden koͤnne. e)
§. 6. Mit ſinnlichen unſtreitigen beweiß - gruͤnden, beweiſt man alle dieienigen dinge, welche unmittelbarer weiſe in die ſinne fallen,und61und derſelben erfindung. und dabey man weiter nichts gebraucht, als nur dieſe unmittelbarer weiſe von den ſinnen entſtandene begriffe, mit geſchickten worten auszudrucken. Hieraus koͤnte man zu einer rechten topic〈…〉〈…〉, den erſten locum uniuerſalem machen, nemlich experientiam. a)Und weil entweder wir, oder andere, die wahrheit der dinge unmittelbar aus den ſinnen empfunden, ſo bekommt man zweyerley ſinnliche unſtreiti - ge arten zu beweiſen, nemlich experientiam pro - priam und experientiam alienam. b)
§. 7. Dieienigen ſaͤtze welche mittelbar aus denen finnen herkommen und unſtreitig ſind werden durch gelehrte begriffe bewieſen, nem - lich durch die definitionesa) und diuiſiones,b) und durch den zuſammenhang des ſubiecti und praedicati. c)Bey denen definitionibus hat man auf das genusd) und differentiam,e) bey dem ſubiecto und dem praedicato, auf die propriaf) conceptus inferioresg) und ſupe - rioresh) und oppoſita,i) in der Moralins - beſondere auf den endzweck und die verhaͤltniß der mittel zu denſelben,k) in der Phyſic auf die urſachen deroſelben verhaͤltniß zu den wuͤrckungen, fleiſſig zu ſehen. l)Die rechte kraft aber der hierausgezogenen ſchluͤſſe, wird man ſich am allerbeſten aus der Logick ſelbſt bekannt machen muͤſſen.
a Cauſſa: Denn ſie iſt eine frucht der gebeſſer - ten vernunfft, eine gabe Gottes; & effectu: Denn ſie iſt urſach, daß man ſeinen verſtand recht gebrauchen lernet, das haben die ſtiffter der ſchulen und univerſi[t]aͤ[t]en wohl einge - ſehen, derwegen haben ſie lehrer und Profeſ - ſores der Logick beſtellet, und man ſehe dochei -64von den beweiß-gruͤnden,einen menſchen der gar keine Logick verſteht, was macht ein ſolcher nicht fuͤr alberne ſchluͤſ - ſe und laͤppiſche gloſſen und wie martert er ſich nicht eine ſache und wiſſenſchafft recht zu begreiffen.
Es mag dieſes ſtatt eines exempels gut genung ſeyn, ſo man aus dem ſtegreiff gegeben. Es iſt dabey nicht die meinung daß man alle ſolche be - weiß-gruͤnde bey einem ſatze nacheinander her - beten ſolle, ſondern man ſiehet leicht, daß das argumentum probans a definitione der grund und mittelpunckt der uͤbrigen ſey.
§. 8. Die unſtreitigen beweiß-gruͤnde bey den ſinnlichen wahrheiten aus eigener erfah - rung, giebt uns unſre empfindung und erkaͤnnt - niß. Aus anderer leute erfahrung kan man beweiß-gruͤnde haben, wann man entweder ihre muͤndliche oder ſchriftliche erzehlungen ſich bekannt macht, und ſonſt verſichert iſt, daß ſie nicht aus einfalt ſich ſelbſt, aus boßheit andere zu betruͤgen bemuͤhet ſind. Es muͤſſen aber alle beweiß-gruͤnde aus der erfahrung, ſo ein - gerichtet ſeyn, daß entweder niemand da - ran zweiflen darf, oder daß iedermann die wahrheit derſelben ohne weitlaͤuftigkeit ſelbſt empfinden koͤnne. a)Die beweiß-gruͤnde zu den unſtreitigen abſtracten gelehrten wahr - heiten, geben uns quoad materiam die diſci - plinen, quoad formam die Logick und eignes nachſinnen .b).
§. 9. Alle dieſe unſtreitige beweiß-gruͤnde. werden als unſtreitige ſchluͤſſe nach den regeln der Logick eingerichtet. Bey denen ſinnlichen argumentis, darf ich nicht viel kuͤnſteln, ſondern nur behutſamkeit und klugheit gebrauchen. Bey denen abſtractis aber iſt nur dieſes zu mercken, daß ich ſie weder in der genauen Lo - gicaliſchen ordnung, noch mit denen Logicali - ſchen kunſt-woͤrterna) anbringe, es muͤſte dann ſeyn, daß es beſonders von mir erfodert wuͤrde. b)
§. 10. Wahrſcheinlich eine ſache beweiſen, heiſt die wahrheit derſelben, aus der uͤberein - ſtimmung der dabey fuͤrhandenen ſinnlichkei -ten71und derſelben erfindung. ten und umſtaͤnde, unter ſich und mit der hy - potheſi welche man erwehlet, darthun. Alle dieienigen wahrheiten, welche durch definitio - nes und unmittelbare begriffe nicht koͤnnen ausgemacht werden, muß man demnach uͤber - haupt alſo beweiſen, daß man die davon fuͤr - handenen phaenomena und umſtaͤnde oder ſinnlichkeiten, mit der hypothefi, welche man angenommen, zuſammen haͤlt, und derſelben genaue verbindung fuͤr augen leget.
§. 11. Wahrſcheinliche argumenta theilen ſich uͤberhaupt alſo ein, daß man entweder vergangene oder gegenwaͤrtige oder zukuͤnftige dinge beweiſet. Und weil das gegenwaͤrtige nur in einem augenblick beſtehet, bey dem vergan -E 4genen72von den beweiß-gruͤnden,genem unſere klugheit nichts mehr vermag, ſo begreift man beydes unter den nahmen der theoretiſchen wahrſcheinlichkeit zuſammen, hin - gegen die wahrſcheinlichkeit wegen des zukuͤnf - tigen, wobey die klugheit am meiſten geſchaͤf - tig, heiſſet man die practiſche. Jene iſt ent - weder Hiſtoriſch oder Phyſicaliſch oder Mo - raliſch wann ſie auf ſachen gehet, oder Herme - nevtiſch wann ſie mit worten und auslegen zu thun hat.
§. 12. Hiſtoriche ſachen werden wahrſchein - lich aus der uͤbereinſtimmung und guͤltigkeit der davon fuͤrhandenen zeugniſſe und zeugen. Hieher gehoͤren alſo alle geſchehene dinge, und alle nachrichten, die wir andern von ſinnlichen dingen geben, oder von ihnen bekommen. Die guͤltigſten zeugen ſind, verſtaͤndige leute, wel - che bey einer ſache ihre ſinne, augen, gegenwaͤr - tig gebrauchet: Hierauf folgen leute, welche zwar gegenwaͤrtig geweſen aber keine ſonder - liche penetration haben: Ferner, welche es von denen die gegenwaͤrtig geweſen gehoͤret: Weiter, welche es von hoͤren ſagen haben, aber zu der zeit zugleich gelebt haben: Die ſchlech - teſten ſind die es nachher bloß von hoͤren ſagen erfahren. Jhre zeugniſſe ſind entweder ge - ſchriebene oder muͤndliche und bekommen vonihnen73und derſelben erfindung. ihnen den werth. Wenn man hier nun die un - terſchiedenen gradus wohl erweget, die beſchaf - fenheit der perſonen und ſachen zu huͤlffe nim̃t, ſo kan man gnugſame argumenta einen hiſto - riſchen ſatz zu beweiſen anfuͤhren.
§. 13. Bey Phyſicaliſchen dingen, ſuche ich aus denen phaenomenis oder natuͤrlichen wuͤrckungen und zufaͤllen, welche unmittelba - rer weiſe in die ſinne fallen, die verborgenen urſachen und ſubſtantzen, wahrſcheinlich zu machen. Und da muß unter der hypotheſi und denen phaenomenis eine ſolche uͤberein - ſtimmung gewieſen werden, daß dieſe aus ie - ner ungezwungen zu flieſſen ſcheinen.
§. 14. Bey der Moraliſchen oder ins beſon - dere der Politiſchen wahrſcheinlichkeit, ſuche ich die abſichten eines menſchen, die beſchaffen - heit ſeines gemuͤths und verſtandes zu bewei - ſen. Daher iſt es hier noͤthig, eine gruͤndlicheE 5er -74von den beweiß-gruͤnden,erkaͤnntniß des menſchlichen verſtandes und willens zu haben, und nachgehends aus denen umſtaͤnden nnd verrichtungen eines menſchen einen ſatz zu formiren, deſſen wahrſcheinlich - keit durch die genaue uͤbereinſtimmung mit des menſchen verrichtungen und umſtaͤnden darge - than wird, und mich von ſeinen abſichten be - ſchaffenheit des willens und verſtandes unter - richtet.
§. 15. Um zukuͤnftige dinge bekuͤmmern ſich die menſchen am meiſten und begierigſten, dannenhero iſt es kein wunder, wann man ih - nen dabey die meiſtẽ unwahrheiten aufhenget, da die wenigſten ſo ſcharfſichtig ſind, das zu - kuͤnftige einzuſehen. Kluge leute halten das fuͤr zukuͤnftig wahrſcheinlich, wovon ſie gegen - waͤrtig eine uͤbereinſtimmung Phyſicaliſcher und Moraliſcher urſachen, mit dem von der zu - kuͤnftigen zeit und ſache gefaͤlletem urtheile ſe - hen, und eben auf die weiſe kan man zukuͤnf - tige dinge beweiſen.
§. 16. Die wahrſcheinliche meinung eines redenden oder ſcribenten, beweiſet man aus ſeinen vorhergehenden und nachfolgenden ſaͤ - tzen und worten, dabey man die ſprache, die umſtaͤnde der zeit und des orts, die kraͤfte des verſtandes und willens, desienigen der da re - det oder ſchreibet, unterſuchet, und aus deren uͤbereinſtimmung untereinander die wahr - ſcheinliche meinung darthut.
§. 17. Will man nun wahrſcheinliche argu - menta zum beweiß einer ſache finden, ſo muß man ſich die ſache nach allen ihren umſtaͤnden fuͤrſtellen, alle dabey befindliche ſinnlichkeiten und zufaͤlle in erwegung ziehen, hernach moͤg - liche hypotheſes formiren, aus dieſen moͤglichen hypotheſibus dieienige ausſuchen, welche mit allen umſtaͤnden genau uͤberein kommt. Bey der ausfuͤhrung ſetzt man zufoͤderſt die hypothe - ſin deutlich fuͤr augen, hernach fuͤhret man alle umſtaͤnde nacheinander an, zeiget wie ſie in der hypotheſi zuſammenhaͤngen, und nachdem der auditor beſchaffen, traͤgt man dieienigen phaenomena zuerſt oder zuletzt fuͤr, welche am genaueſten mit der hypotheſi connectiren, da - bey man ſorgfaͤltig moͤglichkeiten, unſtreitige und wahrſcheinliche wahrheiten auseinander ſetzen muß.
Die76von den beweiß-gruͤnden,§. 18. Alle ietztan gefuͤhrte gruͤnde gehoͤren zur gelehrſamkeit uͤberhaupt und ſind alſo Philo - ſophiſch. Nachgehends bekommen ſie bey der anwendung unterſchiedene benennungen, von den obiectis und diſciplinen bey welchen ſie ge - brauchet werden. Sie behalten aber den nah - men der Philoſophiſchen gruͤnde in den theilen der Philoſophie, und da beweiſt man in der Lo - gick und Metaphyſick aus denen conceptibus Logicis alles auf unſtreitige art: Jn der Phy - ſick aus den phaenomenis wahrſcheinlich, die phaenomena ſelbſt auf ſinnliche unſtreitige art: Jm Jure naturae aus dem principio Juris na - turae auf gelehrte unſtreitige art: Jn den re - geln der klugheit bald aus dem endzweck und mitteln auf unſtreitige, bald aus der natur des obiecti auf wahrſcheinliche art.
§. 19. Jn denen Facultaͤten und uͤbrigen wiſſenſchaften, werden angefuͤhrten beweiß - gruͤnden, die nahmen derer Facultaͤten und wiſſenſchaften beygeleget. Alſo hat man in der Theologie entweder die klaren worte der h. ſchrift, dieſe beweiſen Theologiſche ſaͤtze auf eine unſtreitige art: Oder man muß aus denen umſtaͤnden bibliſcher ſpruͤche wahrſcheinlich den rechten ſenſum ſchlieſſen, dabey man alle -zeit77und derſelben erfindung. zeit wann man gruͤndlich beweiſen will, die hi - ſtorie der bibliſchen ſpruͤche, den rechten ſedem materiae, die loca parallela, den grund-text, die analogiam fidei, die von denen orthodoxen Theologis recipirten meinungen,a) ins beſon - dere die libros ſymbolicos und confeſſiones pu - blicas, zu rathe ziehen und die prudentiam Theologicam beobachten muß. Und dieſe Theologiſchen gruͤnde gelten uͤberall, wo man als ein Chriſt oder als ein Theologus etwas zu beweiſen hat.
§. 20. Jm Jure publico ſuchen wir bey uns beweiß-gruͤnde, aus denen Reichs-Abſchieden, der guͤldnen Bulle, dem Landfrieden, dem Re - ligions frieden, dem Weſtphaͤliſchen frieden, de - nen kaͤyſerlichen Capitulationibus, denen pa - ctis und dem Reichsherkommen. Jm Jure ciuili beweiſet man aus den legibus ciuilibus und ſtatutis publicis, aus denen conſuetudini - bus, contractibus, und mit teſtibus. Bey de - nen legibus ſiehet man auf intentionem ratio - nem und applicationem legis, dazu gebrauche ich interpretationem hiſtoriam und prudenti - am. Die conſuetudines wann ſie beweiſen ſollen, muͤſſen notoriſch ſeyn, und durch viele actus, die den geſetzen nicht zuwieder, und in dem caſu unverruͤckt geſchehen ſind, guͤltig ge -macht78von den beweiß-gruͤndenmacht werden. Aus denen contractibus be - weiſet man trifftig wann ſie wohl ausgedruckt, in ihrer natur richtig, und dazu durch obrigkeit - lichen conſens bekraͤftiget worden. Von de - nen teſtibus ſiehe §. 8. not. a und §. 12. oben.
§. 21. Was ich in der Medicin beweiſen ſoll, iſt entweder eine ſinnliche wahrheit, oder ei - ne Phyſicaliſche hypotheſis, oder eine propor - tionirung der urſachen zu den wuͤrckungen. Von allen dieſen habe ich §. 7. 8. und 13. ſoviel hier noͤthig iſt angefuͤhret, wo man ſich deßfalls raths erholen kan.
§. 22. Jn der Mathematick beweiſt’man alles auf unſtreitige art, aus den eigenſchafften der groͤſſen, ſetzt definitiones, axiomata, poſtulata, theoremata, problemata und conſectaria nebſt denen ſcholiis.
S. Wol -79und derſelben erfindung§. 23. Jm gemeinem leben will es nicht allezeit mit ietzt erzehlten gruͤnden gluͤcken, daß ſie den andern von der wahrheit einer ſache con uinciren ſolten. Da wird man alſo nach be - ſchaffenheit deſſen, mit dem wir zu thun haben, ſeine argumenta einrichten muͤſſen. Ubri - gens ſind hier die argumenta a poſteriori, κατ’ ἄνϑρωπον und alle ſinnliche demonſtrationes mehrentheils beſſer zu gebrauchen, als a priori, κατ’ ἀλήϑειαν und die ſehr abſtract ſind.
§. 24. Es ſiehet iedermann, daß alle dieſe beweißgruͤnde unterſchiedene gradus haben, und daß ſie leute fodern, welche faͤhig ſind rai - ſon anzunehmen; Wo der verſtand des audi - toris oder leſers alſo rein iſt, und von keinen neigungen verdorben und die ſache iſt bloß the - oretiſch, da wird man ihn kraͤfftig uͤberzeugen mit dieſen gruͤnden. Wo aber nicht, da muß man es auf dieſe argumenta nicht ankommenlaſ -80von den beweiß-gruͤnden,laſſen, ſondern pathetica zu huͤlffe nehmen und illuſtrantia.
§ 25. Denn wenn alle leute weiſe waͤren, oder auch nur nicht feinde der weißheit, duͤrffte man an keine andere beweißgruͤnde gedencken, als welche die wahrhaffte beſchaffenheit der ſache an die hand giebt und daran die Logick gearbeitet. Da dieſes aber nicht iſt, muß man vielfaͤltig wind machen, und der wahrheit zum beſten denen vorurtheilen und affecten nachzugeben ſuchen, ſie zu uͤberwinden, und ſolches iſt der rechte fucus oratorius.
§. 26. Die andern dinge alſo, welche man in denen Oratoriſchen buͤchern als aetiologien und beweiß-gruͤnde recommandiret, muͤſſen theils zu angefuͤhrten gruͤnden, theils unter den fucum oratorium gerechnet werden. Z. e. Te - ſtimonia haben ihre kraft eigentlich in der Hi - ſtoriſchen wahrſcheinlichkeit, ſiehe oben §. 12. Jn den uͤbri gen gehoͤren ſie zum fuco oratorio. a)Und hier dienen ſie, wann man leute fuͤr ſich hat, die in dem vorurtheil menſchlichen an - ſehens ſtehen, und ſich von iemand den man an - fuͤhret, lauter wahrheiten verſprechen, oder die ein groß gedaͤchtniß, wenig iudicium haben. Ferner wann es ſcheinet, als ob man neuerun - gen fuͤrbraͤchte, ſo kan man ſich hinter die te - ſtimonia, angeſehener leute verſtecken und ſeine meinung mit ihren worten fuͤrtragen. Geld - geitzigen und aberglaubiſchen leuten, gefallen teſtimonia auch ſehr wohl. Doch iſt es auch nicht verboten teſtimonia zum putz und ausdeh - nung einer rede anzufuͤhren. Weil die mei - ſten allegata, teſtimonia ſeyn ſollen, ſo hat es mit denſelben faſt gleiche bewandniß. b)
§. 27. Apohthegmata oder ausſpruͤ - che angeſehener leute, ſymbola, ſenten - tzen, und ſpruͤchwoͤrter (adagia, prouer - bia) oder ſaͤtze welche durch viele erfahrung beſtaͤrcket und bey dem gemeinen volck fuͤr wahrheiten gehalten werden, ohngeachtet ſie halb wahr und halb falſch ſind, koͤnnen eben - falls wie teſtimonia angebracht werden, und werden zur noth fuͤr beweiß-gruͤnde paſſiren. bey83und derſelben erfindung. bey leuten die im praeiudicio auctoritatis ſte - hen, geldgeitzig argwoͤhniſch furchtſam ſind, uͤberhaupt keinen rechten begrif von wahrheit haben, oder wann die ſache in dem ſchlechteſten grad der wahrſcheinlichkeit beruhet und dabey groſſe behutſamkeit muß gebrauchet werden.
§. 28. Exempel beweiſen an und vor ſich nichts als nur die moͤglichkeit eines dinges, da - von oben §. 5. gehandelt, und in Hiſtoriſchen ſachen, ſind ſie denen teſtimoniis gleich zu ſchaͤ - tzen, ſiehe oben §. 12. Man koͤnte hieher auch die erdichteten exempel rechnen und alſo fabeln pa - rabolas, apologos, ꝛc. Man wird aus den vorhergehenden leichtlich abnehmen, daß der - gleichen ob ſie ſchon nicht buͤndig beweiſen, dochF 2denen84von den beweiß-gruͤnden,denen beweiß-gruͤnden dienlich ſind, und end - lich ſo werden exempel und fabeln, eins wie das ander, bey leuten die wahrheit und moͤg - lichkeit unterſcheiden, keine abſtracta begreif - fen koͤnnen, ſinnlich gewoͤhnet ſind, ſich vom ſtudio imitandi und aemulatione fuͤhren laſſen, und ſonſt in vorurtheilen ſtecken oder affecten haben, fuͤr tuͤchtige beweiß-gruͤnde paſſiren. Zugeſchweigen, daß man ſie auch zum zierrath einer rede und dieſelbe auszudehnen und ange - nehm zu machen, nicht unbillich anfuͤhret. Wie ſie als illuſtrantia zugebꝛauchen ſiehe im folgen - den capitel.
[§. ]29. Bey denen ſimilibus, comparatis, em - blematibus, ſymbolis und aller gegeneinander - haltung meines obiecti mit andern dingen, wird wohl niemand auf die gedancken gera - then, daß ſie zum beweiß-gruͤnden zu rechnen, ſondern daß ſie vielmehr als illuſtrantia anzu - ſehen, (ſiehe folgendes cap.) und als dinge wel - che dienlich eine rede auszudehnen und auszu - putzen. Doch deucht mir, daß leute die viel ingenium haben, gerne bildern und phantaſi - ren, dergleichen als beweiß-gruͤnde anneh - men, wenn man zumahl den willen durch aller - hand dabey gebrauchte argumenta pathetica zugleich rege zu machen ſuchet.
F 3Z. e.86von den beweiß-gruͤnden§. 30. Medaillen und uͤberhaupt muͤntzen, wapen, antiquitaͤten, inſcriptiones, marmora, epitaphia, beyſchrifften, ꝛc. koͤnnen mit denen daraus genommen umſtaͤnden und merckmah - len, in der Hiſtoriſchen wahrſcheinlichkeit eini - gen nutzen haben, muͤſſen aber an und fuͤr ſich erſtlich ſelbſt wahrſcheinlich ſeyn, ehe und be - vor ich daras etwas zum beweiß tuͤchtiges an - fuͤhren will.
§. 31. Hier muß ich auch derienigen beweiß - gruͤnde gedencken, welche man von der benen - nung eines dinges, und denen dabey fuͤrkom - menden nahmen, a notatione alſo, ab etymo - logia, homonymia, ſynonymia, genio lin - guae, tropo, vſu vocis, definitione nomina - li, aequiuocatione, coniugatis, allegoria, an - tiphraſi, interpretatione und dergleichen no - minal-concepten hernimmt: Wann man nemlich ſaͤtze beweiſen ſoll, die bloß die benen - nung des dinges angehen, kan man aus dieſen fontibus allerdings gruͤndliche beweiſe fuͤhren, weiter aber erſtreckt ſich ihre kraft nicht. Doch ſind ſie in gewiſſen faͤllen, die in vorhergehenden §. §. beſtimmt worden, nicht ohne nutzen.
§. 32. Endlich ſind einige dinge zu beruͤhren, welche gleich denen vorhergehenden ſchein - gruͤnden, in denen ebenfalls beruͤhrten faͤllen, gelegenheit zu beweiß-gruͤnden an die hand bie - ten, oder doch bey denen rhetoribus nicht recht ausgemacht ſind und mit denen rechten Logi - caliſchen theils vermiſcht, theils ihnen unrecht entgegen geſetzt werden, theils auch zu ſehr nach der ſcholaſtiſchen ſtrohſchneiderey ſchmecken. Solches ſind die argumenta, a materia, a for - ma〈…〉〈…〉, a subiecto, ab adiuncto, a partibus, a circumſtantiis, a repugnantibus, oppoſitis, diſparatis, diſſimilibus, inſinuatione, medita - tione, conſectariis, loco communi, argutiis, paralleliſmo, tempore, &c. Wann ſie aber etwas gutes an ſich haben, ſo iſt ſolches im vor - hergehenden ſchon angefuͤhret, wie fern es zum beweiſen nuͤtzlich, oder wird ſich bey denen illu - ſtrantibus und patheticis, die nothwendig ſorgfaͤltig von den probantibus zu unterſchei - den, vollends zeigen. Ubrigens kan man ihrer ſicher entbehren.
§. 33. Uberhaupt muß man ſich der Orato - riſchen ſchmincke mit der groͤſten klugheit bedie -F 5nen,90von den beweiß-gruͤnden,nen, ſie nicht gaͤntzlich verwerffen, doch auch nicht ohne unterſcheid, nicht zu haͤuffig, nicht an den unrechten ort, oder ſonſt auf pedantiſche uñ abgeſchmackte art anbringen. Dabey iſt es noͤthig, ſie nach den geſchmack des zuhoͤrers oder leſers auszuleſen, ſeinen vorurtheilen dabey nachzugeben, ſeinen affect dabey zu intereſſi - ren, und ſich zu huͤten daß man nicht ungegruͤn - dete gedancken zugleich dabey rege mache, oder den leuten die waffen wieder die wahrheit in die haͤnde gebe. Man bekommt bey ihrer anfuͤh - rung zugleich gelegenheit, an die auctores zu gedencken, wo man ſie gefunden, ſie zu erklaͤren zu billigen oder zu verbeſſeꝛn, und allerhand ein - faͤlle mit anzubringen.
§. 34. Man kan ſich begnuͤgen laſſen, wann man die wahrheit eines ſatzes recht ausgefuͤh - ret, und kan ſicher glauben, daß man durch ſol - che vorſtellung die gehofte wuͤrckung erhalten koͤnne. Doch iſt zuweilen noͤthig die entgegen geſetzten meinungenund gꝛuͤnde zu wiederlegen, wann nemlich wuͤrcklich contraire ſaͤtze von ei - nigen vertheidiget werden, wann dieſelben ei - nen groſſen anhang haben, und dennoch in an - ſehung des verſtandes und des willens groſſen ſchaden thun, und wenn man glauben darf, es werde ihre anfuͤhrung und gezeigte bloͤſſe, den zuhoͤrer auf die rechte meinung fuͤhren, darinn bekraͤftigen und alſo von einigen nutzen ſeyn. Und dieſes heiſſet man argumenta a contra - rio, von deren gebrauch in der erlaͤuterung ſiehe folgendes capitel.
§. 35. Man wiederleget bey ſo beſtallten ſa - chen, anderer leute der unſern entgegen geſetzte meinung, entweder nach der wahrheit, aus de - nen von uns feſtgeſtellten und ausgemachten gruͤnden, es moͤgen nun dieſe gruͤnde von dem gegner angenom̃en werden oder nicht:a) Oder aus denen grund-ſaͤtzen welche wir zu beyden theilen, annehmen und deren zuſam̃enhang mitunſers93und derſelben erfindung. unſers gegners meinung wir dennoch laͤug - nen:b) Oder aus des gegners eignen ſaͤtzen, deren unrichtigkeit wir ebenfalls darthun koͤn - nen:c) Oder aus denen augenſcheinlich fal - ſchen, abgeſchmackten und paradoxen ſchluͤſſen, welche daraus folgen. d)Bey unſtreitigen ſaͤtzen, unterſuchen wir des gegentheils unrich - tige verbindung des ſubiecti und praedicati, ſtellen die unrichtige art zu ſchlieſſen, die uͤbel - geordneten begriffe und definitiones, die natur der idearum oppoſitarum fuͤr. Bey wahr - ſcheinlichen, zeigen wir den ſchlechten zuſam̃en - hang der ſenſionum unter ſich und mit der hypotheſi, durch anfuͤhrung der wiederſpre - chenden ſenſionum, und ſchwierigkeiten, und die uͤbelausgeſuchte hypotheſin. Da dann die wahrheit ſich in einer deutlichen leichten und natuͤrlichen ordnung praeſentiret, wann ſich hingegen die falſchheit mit dunckeln verworre - nen erdichteten uͤberſteigenden begriffen und ſaͤtzen von ſelbſten verraͤth.
§. 36. Bey der wiederlegung ſelbſt, bemuͤhe man ſich ſo viel moͤglich, mit aller gelaſſenheit mehr durch gruͤndliche ſchluͤſſe, als leere worte, ſophiſtereyen, figuren, affecten, ingenioͤſe ein - faͤlle und anderes laͤppiſches zeug, ſein wieder - part zu uͤberzeugen. Man erwege, daß nicht alle leute ihnen von ieder ſache einerley begriffe mit unſern machen, und praͤtendire alſo nicht, auf eine impertinente art, daß ieder die ſache ſo be - greiffe, wie wir ſelbige begriffen haben, zumahl wann auf beyden ſeiten vielleicht gleiche ſtaͤrcke und ſchwaͤche oder dunckele begriffe waͤren. Uberhaupt uͤberlege man erſtlich die oben §. 34. beygebrachten umſtaͤnde, und gedencke, daß ein weiſer mann viele wahrheiten wiſſe, die er nicht einmahl fuͤrtrage, geſchweige andern auf - zudringen ſuche.
§. 37.95und derſelben erfindung.§. 37. Jedoch was iſt es noͤthig, daß ich die - ſes hier ſo ſor gfaͤltig erinnere, habe ich doch be - reits in der vorbereitung §. 11. uͤberhaupt einem redner und redenden aufrichtige und red - liche abſichten angeprieſen. Jſt es doch bey allen beweiß-gruͤnden inſonderheit noͤthig, daß man nicht falſche ſaͤtze als wahre beweiſe, nicht dem aberglauben, atheiſterey, dem aſotiſchen und ſauertoͤpfiſchen weſen, den irrthuͤmern, vorurtheilen, naſeweißheit und verderbten nei - gungen damit an die hand gehe, nicht laſter und boͤſe menſchen lobe, nicht tugend und rechtſchaf - fene leute verachte, nicht boßhafter weiſe an - derer leute gemuͤths-ruhe ſtoͤhre, nicht die wahrheit zum deckel der boßheit und als einen grif gebrauche andern tort zu thun und ſein muͤthgen zu kuͤhlen und dergleichen. Allein es kan dieſes nicht genug wiederholet werden, da die galante welt die laſter in guͤldnen ſtuͤcken einzuhuͤllen, und der tugend den bettelſtab in die haͤnde zu geben ohnedem gewohnt iſt, hin - gegen der menſchlichen geſellſchaft und der re - publick mehr durch honnette redner als ge - ſchickte redner gedienet wird. Alſo werde auch davon im andern theil noch ausfuͤhrli - cher handeln.
§. 38. Die rechte klugheit eines redners, ſetzet billich den endzweck der beredſamkeit, und die bey denen beweiß-gruͤnden noͤthige re - geln der honnetete, des rechts der natur, und der wahrheit nicht aus den augen, und bemuͤ -het96von den beweiß-gruͤnden, ꝛc. het ſich nur die mittel dazu zu uͤberkommen und wohl anzuwenden. Sie pruͤfet ſolche nach ihren innerlichen und aͤuſſerlichen werth, nach der beſchaffenheit des thematis das zu beweiſen iſt, nach der faͤhigkeit und haupt-nei - gung des zuhoͤrers, nach dem geſchmack des ſaeculi, nach der gelegenheit der umſtaͤnde, und ſuchet lieber ſolche aus, welche ietztbenannten ſtuͤcken gemaͤß ſind, als ſolche dadurch ſie ihren endzweck nicht erhaͤlt und ſich noch wohl dazu feinde macht.
§. 39. Fuͤrnemlich huͤtet ſie ſich eine μετά - βασιν ἔις ἄλλογένος zu begehen, die fontes pro - bandi und die daraus genommene gruͤnde mit einander zu vermiſchen, und quid pro quo an - zufuͤhren, welches ein fehler iſt, den wenig wiſſen, geſchweige zu vermeiden ſuchen. Jed - wede wahrheit hat ihre eigene fontes, daraus ſie entſpringt, und daraus ſie muß hergeleitet und bewieſen werden, es muͤſte dann ſeyn, daß eine reiffe uͤberlegung foderte hievon abzuge - hen.
WAs erlaͤutern oder illuſtriren heiſſe? §. 1. Was der endzweck und nutzen der erlaͤuterungen ſey? §. 2. Wie vielerley dieſelben? §. 3. Von erklaͤ - rungen der woͤrter, §. 4. Von erlaͤuterung der ſachen durch worte, §. 5. Erlaͤuterung der ſache aus ih - rem weſen, §. 6. Durch beſchreibungen und einthei - lungen, §. 7. Durch grundſaͤtze. §. 8. Durch dar - aus gezogene ſchluͤſſe, §. 9. Durch allerhand ein - faͤlle, §. 10. Erlaͤuterung der ſache durch andere dinge ſo auſſer dem weſen derſelben, §. 11. Durch ex - empel, §. 12. Durch teſtimonia, §. 13. Durch gleich - niſſe, §. 14. Durch dißimilia, §. 15. Was bey denen exempeln zu beobachten, § 16. Bey denen teſtimo - niis §. 17. Bey denen gleichniſſen, §. 18. Bey de - nen dißimilibus, §. 19. Was hiebey der honnetete gemaͤß, §. 20. Was hierbey die regeln der klugheit erfodern, §. 21.
§. 1.
ERlaͤutern oder illuſtriren heiſt, die ſache welche man fuͤr ſich hat, auf ihre prin - cipia zuruͤck fuͤhren, nach allen ihren theilen auseinander legen, zuſammen ſetzen und beſchreiben, daß ſie denen zuhoͤrern recht be - greiflich werde, und ſie auch wohl auf der ſeite beleuchten, da wir wollen, daß ſie der zuhoͤrer oder leſer anſehen ſolle, oder mit ſolchen farben fuͤrbilden, welche mit unſern abſichten gemaͤß dieſelbe bemercken.
§. 2. Alſo kan man bey erfindung dieſerGargu -98von den erlaͤuterungs-gruͤnden. argumentorum eine gedoppelte abſicht haben, einmahl die ſache deutlich klar und begreiflich zu machen, und hernach ſie nach den genom - menen abſichten begreiflich zu machen, daß ſie nemlich der zuhoͤrer oder leſer in der geſtalt und auf der ſeite ihm recht deutlich fuͤrſtelle, wel - che wir ihm fuͤrzeigen. a)Mehrentheils ſucht man beydes zugleich zu bewerckſtelligen, zuwei - len aber kommt es mehr auf die eine als ande - re abſicht an. b)
§. 3. Dannenhero hat man auch zweyer - ley arten von argumentis illuſtrantibus, da die eine art die ſache bloß erlaͤutert, ſie auf ihre principia zuruͤckfuͤhret, nach allen ihren thei - len und umſtaͤnden zerleget, zuſammenſetzet, und beſchreibet, die andere art hingegen zu - gleich die ſache, nach unſern abſichten, erlaͤutert und fuͤrbildet. Ferner iſt eine andere art derer -99von den erlaͤuterungs-gruͤnden. erlaͤuterungen, welche aus dem weſen und na - tur der ſache ſelbſt genommen, und eine andere, welche auſſer der ſache von andern dingen her - geholet wird, iene dienet mehr zu deutlichkeit und iſt ein werck des iudicii, dieſe nutzet ſonder - lich meinen abſichten und kommt fuͤrnemlich auf eine fertigkeit des ingenii an, iene erlaͤu - tert theils worte, theils ſachen, dieſe nur ſa - chen.
§. 4. Wir legen unſere gedancken durch worte an den tag, wenn alſo dieſe einer er - klaͤrung benoͤthiget, ſo finde ich dazu gelegen - heit durch die beſchreibung des worts, des da - rinn liegenden tropi, der haupt und neben idee deſſelben, des urſprungs, hiſtorie, vielerley be - deutung, zweydeutigkeit, gebrauchs deſſelben, durch anfuͤhrung gleichvielbedeutender woͤrter und redens-arten, wovon ſich im folgenden an - dern theil von dem ausdruck der gedancken, mehrere nachricht zeigen wird.
§. 5. Wenn man aber die gedancken oder ſache ſelbſt, deutlich und nach ſeinen abſichten fuͤrmahlen ſoll, ſo ſuchet man zu ende ſolche worte aus, welche nicht nur in ihrer hauptidee, ſondern auch in ihrer neben-idee, ia in ihrem fall und klange, in ihren buchſtaben, die ſache nach ihren eigenſchaften in dem gemuͤth des zuhoͤrers oder leſers bilden, man erwehlet ſol - che beywoͤrter, welche das haupt-wort, entwe - der mit deutlich machen, oder deſſen inbegrif determiniren, man wiederholet ein wort etliche mahl, man fuͤhret ausdruckungen an, die zwar eben das bedeuten aber etwas von der iedee ſo wir bereits davon gemacht, abnehmen, oder hinzuſetzen, oder dieſelbe corrigiren, oder auf etwas bekanntes kurtz fuͤhren, oder ich ſprecheG 3die102von den erlaͤuterungs-gruͤnden. die ſache artig aus, daß der zuhoͤrer oder leſer ſich genoͤthiget ſiehet, dabey ſtehen zu bleiben und ſelbige recht einzunehmen, von welchen allen in folgenden andern theil ausfuͤhrlich zu handeln.
§. 6. Dieſes was ich von erlaͤuterungen bißher angefuͤhret, gehoͤrt bloß zur erklaͤrung bloſſer worte oder zur erlaͤuterung der worte, damit man eine ſache bemercket, und alſo alles zum ausdruck der gedancken, welche ich im fol - genden theile abgehandelt. Damit ich aber zum haupt-werck nemlich zur erlaͤuterung der ſache ſchreite, ſo findet ſich in ihrem weſen ſelbſt die vollkommenſte gelegenheit zu denen erlaͤuterungs-gruͤnden. Welches niemand unbekannt ſeyn kan, der aus der Philoſophie gelernet, was methodus analytica und ſynthe -G 4tica104von den erlaͤuterungs-gruͤnden. tica ſey, denn nach ienem, fuͤhre ich die ſache auf ihre principia zuruͤck, auf die ſinne, zur rech - ten deulichkeit, nach dieſem aber, fuͤhre ich die ſchluͤſſe aus ihren principiis her, und fange al - ſo von denen principiis an, biß ich alles was daraus flieſſet, dargethan, durch welche beyde wege, man denn gewiß von einer ſache deut - liche begriffe bekommen wird. Und weil eine ſache entweder wahrſcheinlich, oder unſtreitig, oder bloß moͤglich, oder gar falſch iſt, ferner ent - weder ſinnlich, oder abſtract, hiſtorie, oder rai - ſonnement iſt, und enldich nach beſchaffenheit der diſciplinen, dahin ſie gehoͤret, vielerley ſeyn kan, ſo iſt es noͤthig, hiebey was im vorigen capitel ausgefuͤhret, ihm bekannt zu machen und im uͤbrigen Logick und diſciplinen zu rathe zu ziehen.
§. 7. Die wichtigſte art der erlaͤulerung, iſt hier die beſchreibung und die verſchiedenen eintheilungen und einſchraͤnckungen eines din -ges.105von den erlaͤuterungs-gruͤnden. ges. Bey denen unſtreitigen ſachen, bringe ich eine deulichkeit herfuͤr, durch definitiones, deſcriptiones, diuiſiones, diſtributiones, limi - tationes und exceptiones. Bey wahrſchein - lichen dingen, erzehle ich nur alle ſenſiones und obſeruationes, die bey einer ſache gemacht wor - den, und lege die hypotheſes mit deutlichen ſaͤ - tzen fuͤr augen, bediene mich dabey deutlicher worte und der guten natuͤrlichen ordnung, ſo wird alles deutlich werden. Miſche ich nach meinen abſichten, allerhand ſtriche und aus - druckungen meines affects mit unter, erhoͤhe und erleuchte die ſtuͤcke, welche den leſer oder zu - hoͤrer am meiſten ruͤhren ſollen, und verſchwei - ge hingegen, verdunckele, oder ſtreiche dasienige gleichſam anders an, was meinen abſichten zuwieder lauffende ſentiments bey ihm erre - gen koͤnte, ſo kan ich auch dieſe ſtuͤcke brau - chen, die ſache nach meinem endzweck fuͤrzu - bilden.
§. 8. Jch kan eine ſache erlaͤutern, wann ich die abſtracten und generalen begriffe, die man von einer ſache machen kan, zuſammen nehme, und als grund-ſaͤtze anſehe, daraus mein ſatz oder obiectum flieſſet, und dieſes heiſ - ſet man illuſtrationem a loco communi.
§. 9. Jngleichen iſt dieſes eine art der erlaͤu - terung, wann ich aus einem ſatze ſchluͤſſe ziehe. und alſo dadurch deutlich die wuͤrckungen und application einer ſache fuͤrſtelle, wodurch ich zugleich dieſelbe nach meinen abſichten beleuch - ten kan, und dieſes bemercket man mit der illu - ſtratione a conſectario.
§. 10. Endlich kan man auch eine ſache deut - lich machen, oder ihr nach ſeinen abſichten ver - ſchiedene geſtalten geben, wann man allerhand moͤglichkeiten dabey erdencket, betreffend die umſtaͤnde, urſachen, wuͤrckungen, guͤte und an - dere einfaͤlle, welche man bey einer ſache ha - ben kan, und dieſes haben die rhetores bißher mit einem gar zu generalen worte illuſtratio - nem a meditatione genennet.
§. 11. Auſſer dem weſen der ſache, finden ſich viel dinge, deren gleichheit oder ungleichheit mit meinem obiecto kan gezeiget werden, ſel - biges dem zuhoͤrer deutlich, oder nach meinen abſichten, fuͤrzuſtellen. Zeige ich die gleichheit, ſo finde ich ſelbige entweder in meinungen, oder exempeln, oder gleichniſſen, rede ich aber von der ungleichheit meines obiecti mit andern ſa - chen, ſo iſt die ungleichheit entweder ab oppoſito, oder a diſpari herzunehmen. Es iſt hievon in dem vorigen cap. bereits etwas angefuͤhret.
§. 12. Exempel ſind ſpecies oder indiuidua, das iſt, mehr ſinnliche als abſtracte begriffe, welche ich mit denen abſtractis, darunter ſie ſtehen, gegen einander halte, damit aus dieſer zuſammenhaltung, die ſache den ſinnen naͤherkom -110von den erlaͤuterungs-gruͤnden. komme, und nach meinen abſichten, deſto leich - ter und deutlicher begriffen werde. Sie wer - den aus der hiſtorie und erfahrung hergenom - men, und wohl erſtlich an und fuͤr ſich nach ih - ren umſtaͤnden erlaͤutert und bewieſen, hernach aber auf das fuͤrhabende obiectum appliciret, oder auch nur kurtz in wenig worten, ohne ap - plication fuͤrgetragen.
§. 13. Jch kan meine meinung durch al - lerhand teſtimonia erlaͤutern, wann ich die gleichheit eines ſatzes mit andrer leute mei - nung, ausſpruͤchen, ſpruͤchwoͤrtern und derglei - chen darthue, und dabey dieienigen umſtaͤnde bemercke, worinn ſie miteinander genau uͤber - einkommen, oder von einander unterſchieden. S. hiebey das vorige capit. §. 26.
§. 14. Ein ſimile iſt, wann ich eine idee oder ſatz mit dem andern vergleiche, und ohn - geachtet beyde ein ander nichts angehen, den - noch ein oder mehr eigenſchaften und ideen be - mercke, darinn ſie einander gleich kommen, ſolche idee oder eigenſchaft nennet man ſo dann das tertium comparationis. Man kan die gleichheit eines dinges mit dem andern durch ein wort oder bild bemercken, durch etliche ei - genſchaften durchfuͤhren, die gleichheit ſo wohl als ungleichheit inſonderheit andeuten, und beyder verhaͤltniß gegen einander abmeſſen, auch wohl iedwede abſonderlich ausfuͤhren.
§. 15. Die ungleichheit eines dinges kan ich zeigen, mit denen ihm entgegen geſetzten ideen und ſaͤtzen, welche entweder bloß diſparata ſind, oder contraria und contradictoria. Bey ienen iſt nicht viel zu erinnern, indem alle ſimi - lia auch diſſimilia ſeyn und von ſolchen in vori - gen §. geſagt worden, dieſe aber heiſſen eigent - lich oppoſita und in ſaͤtzen obiectiones, und dienen dazu, daß man durch die regeln einer guten eintheilung und oppoſition finde, was dem vorhabenden obiecto koͤnne entgegen ge -ſetzet113von den erlaͤuterungs-gruͤnden. ſetzet werden, ſelbiges damit zuſammen halte uñ den mercklichen unterſchied zeige, damit man aller confuſion und unrichtigen concepten, bey dem leſer oder zuhoͤrer fuͤrkom̃en, und in fuͤrbil - dung des obiecti ſeine einbildung praͤoccupiren moͤge.
§. 16. Bey denen exempeln iſt noch dieſes zuerinnern, daß ich mich ſonderlich nach ihnen umthun muͤſſe, wann die ſache ſo abſtract, pa - radox, unglaublich, und trocken zu ſeyn ſchei - net, das man ſelbige ſchwerlich begreiffet, und wann es noͤthig ihr eine ſolche tour zu geben, die meinen abſichten gemaͤß bey dem zuhoͤrer oder leſer einen eindruck machen kan. Und nach dieſen beyden abſichten, welche man bey exem - peln haben kan, muß man ſich auch in der wahl und anfuͤhrung der exempel richten.
§. 17. Teſtimonia, apophthegmata, pro - uerbia, und dergleichen fuͤhre ich an, wann et - wa andere, meine ſaͤtze durch recht nachdruͤckli - che und deutliche worte exprimiret haͤtten. Und wann ich ſie nach der beſchaffenheit des zuhoͤ - rers oder leſers und der ſache ſelbſt artig aus - ſuche, ſo kan ich auch vermittelſt derſelben einen ſolchen concept den leuten von der ſache ma - chen, als ich intendire.
§. 18. Gleichniſſe muß ich beybringen, wann die ſache dunckel iſt und leicht mit andern augen kan angeſehen werden, als ich wuͤnſche, daß man ſie betrachten ſolle. Alſo muͤſſen ſie an ſich ſelbſt deutlich ſeyn und nicht mit meinen ab - ſichten ſtreiten. Sie tragen auch vieles zum putz meines obiecti bey, und daß der zuhoͤrer oder leſer ſeine aufmerckſamkeit ſonderlich auf den umſtand wende, welchen ich mit einem gleichniſſe diſtinguire. Hiebey iſt zu mercken,daß115von den erlaͤuterungs-gruͤnden. daß nicht die beyden comparata als zwey ſubſtantiua leicht zuſammen geſetzt werden, und daß auch in dem gleichniſſe ſelbſt, auf der ſeite des termini improprii nichts wiederſpre - chendes ſey, endlich daß es nicht uͤber das ter - tium extendiret werde.
§. 19. Diſſimilia, oppoſita, repugnantia und dergleichen, fuͤhre ich an, wo zu beſorgen iſt, es moͤchte der zuhoͤrer oder leſer, etliche din - ge miteinander vermiſchen, oder ſich von ie - nem einbilden, was ich gerne wolte, daß er von dem andern dencken ſolte. Hier kan ich zu - gleich dieienigen erlaͤuterungen bey dem oppo - ſito ſelbſt anwenden, welche aus dem weſen deſſelben flieſſen und darzu oben §. 5. 6. 7. 8. 9. 10. anweiſung gegeben worden. Doch muß ich mich huͤten, daß mich die leute nicht bey der illuſtration ab oppoſito fuͤr einen paß - quillanten anſehen.
H 2Z. e.116von den erlaͤuterungs-gruͤnden.§. 20. Die argumenta illuſtrantia haben groſſe gewalt und oͤfters groͤſſere als die pro - bantia ſelbſt, nachdem der zuhoͤrer nemlich mehr duꝛch die phantaſie, als gruͤndliche ſchluͤſſe zu convinciren. Dañenhero hat man ſorgfaͤltig dahin zu ſehen, daß man nicht der wahrheit zum nachtheil ſelbige anbringe, oder der tugend und honnetete damit ſchade, hingegen den la - ſtern und unwahrheiten den weg bahne.
§. 21. Die klugheit erfodert hiebey, daß ich zufoͤrderſt ſehe, ob die ſache auch wolle illu - ſtriret ſeyn oder nicht, hernach daß ich mich nach einem guten vorratha) von dieſer art ar - gumentis umſehe und aus demſelben nach be - ſchaffenheit derſelben, nach den begriffen und neigungen meines zuhoͤrers oder leſers illu - ſtꝛantia ausſuche, und ob ſie ſich zu meiner diſpo - ſition ſchicken, erwege. Alſo muͤſſen ſie nicht gar zu unbekannt, weithergeholet, gezwungen, verhaſt, obſcoͤn, dunckel, zweydeutig, laͤppiſch gar zu bekannt, und ſonſt meinen abſichten zu - wieder ſeyn, nicht ungegruͤndete, aͤrgerliche, uͤbele, gedancken zugleich mit rege machen, nicht zu weitlaͤuftig, in gar zu groſſer menge, und gar zu ſehr gekuͤnſtelt, oder am unrechten ort, z. e. praͤchtige bey ſchlechten dingen, oder umgekehrt, angebracht werden,b) hingegen unter ſich ſelbſt, mit der ſache, und allen ihren umſtaͤnden in guter harmonie ſtehen, welches alles denn, wegen vieler dabey fuͤrfallenden umſtaͤnde, nicht eigentlich kan determiniretwer -119von den erlaͤuterungs-gruͤnden. werden, ſondern einer geſchickten anfuͤhrung fleißigen uͤbung, und eignem nachſinnen zu uͤberlaſſen.
WAs argumenta pathetica ſeyn? §. 1. Wie ſel - bige eingetheilet werden? §. 2. Was conci - liantia ſeyn? §. 3. Wie vielerley dieſelben? §. 4. Wodurch ſich der redner beliebt mache? §. 5. Wo - durch er ſich in auctoritaͤt ſetze? §. 6. Wodurch er die attention des zuhoͤrers erhalte? §. 7. Was die regeln der klugheit bey anbringung dieſer argumento - rum erfodern? §. 8. Was eigentlich commoventia ſeyn? §. 9. Wie vielerley dieſelben? §. 10. Wie denen geldgeitzigen beyzukommen? §. 11. Denen ehrgeitzigen? §. 12. Denen wolluͤſtigen? §. 13. Denen gemiſchten temperamenten? §. 14. Wie die affecten rege zu machen? §. 15. Wie ſie fuͤrzuſtel - len? §. 16. Wie ſie zu unterdruͤcken? §. 17. Wie die pathetica probantia und illuſtrantia mit einander zu verbinden? §. 18. Was hierbey den regeln der honetete, §. 19. und den regeln der klugheit gemaͤß? §. 20. Vollkommene Topic oder fuͤrſtellung aller argumentorum §. 21.
§. 1. OBige arten von argumentis, gehen nicht directe auf den willen, ſondern vielmehr auf die einrichtung des ver - ſtandes und deſſen uͤberzeugung. Dieienigen aber, womit man bemuͤhet iſt, ſich der neigun -gen121von bewegungs-gruͤnden. gen des zuhoͤrers oder leſers, bey ſolchen ſachen, die in die uͤbung muͤſſen gebracht werden, zu be - meiſtern, heiſſet man ins beſondere argumen - ta commoventia, oder beſſer: pathetica, be - wegungs-gruͤnde.
§. 2. Hier zeiget ſich alſo die rechte kunſt zu uͤberreden,a) und dieſe fuͤhret mich auf die - ienigen gruͤnde, wodurch theils die perſon des redners dem zuhoͤrer angenehm gemachet, theils die ſache demſelben nach ſeinen haupt - neigungen, appetitlich fuͤrgelegt wird, theils aber auch allerhand regungen des willens, zum vortheil des redners, aufgebracht und einge - richtet werden.
§. 3. Die gruͤnde, wodurch der redner ſei - ne perſon dem zuhoͤrer angenehm macht, heiſſenH 5ar -122von bewegungs-gruͤnden. argumenta conciliantia. Sie ſind von nicht geringer wichtigkeit, doch darf man nicht den - cken, daß ſie einem lebens-regeln fuͤrſchreiben, wodurch man die gewogenheit der leute in ſei - ner auffuͤhrung an ſich ziehe ſolle, ſondern ſie ge - ben nur mittel an die hand, wie man im reden den leuten gefallen koͤnne, worauf bey der kunſt zu uͤberreden alles ankommt.
§. 4. Wer alſo im reden gefallen will, muß auf die beſchaffenheit derer, die ihn hoͤren, ſon - derlich ſein abſehen richten, da fehlt es denen zuhoͤrern bald an liebe und vertrauen, wenn ſie zumahl geldgeitzig ſind, bald an hochachtung gegen ihm, wann ſie ehrgeitzig, bald aber an aufmerckſamkeit, wañ ſie wolluͤſtig und flatter - haftig, und alſo muß er ſich um ihre gewogen - heit, hochachtung und aufmerckſamkeit, moͤglichſten fleiſſes bewerben.
§. 5. Die gewogenheit des zuhoͤrers ge - winnet man, wenn man auf eine ungezwun - gene und anſtaͤndige art, dem zuhoͤrer ſagt, was er gerne hoͤret; ihn ohne verdaͤchtige complimente lobet; ſich ohne niedertraͤchtig - keit ihm weit nachſetzet: ſich allezeit ſo fuͤr - ſtellet, daß ſich der zuhoͤrer einen begrif von uns mache, wie man eine aufrichtige liebe zu ihm habe; ſehr honnet ſey; ſich der wohlfarth desgemei -123von bewegungs-gruͤnden. gemeinen weſens, dem nutzen des zuhoͤrers, dem intereſſe unſchuldiger mitleidens-wuͤrdi - ger perſonen, ohne eigennutz aufopfere; die falſchheit haſſe; die aufrichtigkeit hochhalte, und ſich derſelben befleißige; wenn man alle ruhmraͤthige, ſatyriſche einfaͤlle und invectiven in den zuhoͤrer meidet; ſich nicht leicht uͤber et - was moquiret, oder wann man etwas tadelt, es in ſehr frembden exempeln thut, oder in prima perſona plurali redet; wenn man die wiedrigen gedancken des auditoris unver - merckt beſtreitet; niemahls der orthodoxie und recepten doctrin zu nahe tritt; dem audi - tori nicht offentlich wiederſpricht; die ſache feinem eignen urtheil uͤberlaͤſt; ſolche illuſtran - tia anfuͤhret und lobet, die dem auditori ge - fallen; ſich ſo viel moͤglich mit demſelben ſym - pathiſiret; alles nach deſſen geſchmack und begrif einrichtet ꝛc.
§. 6. Sich in auctoritaͤt zu ſetzen, muß der redner gruͤndliche, iudicioͤſe, ſcharfſinnige, nuͤtz - liche dinge fuͤrbringen; zeigen daß Gott und goͤttliche dinge daran theil nehmen; der groͤſten leute meinung mit ſeiner uͤberein komme; daß man ſich dennoch nicht durch aberglauben und vorurtheile hinreiſſen laſſe; ſondern die warheit und tugend liebe, und auch zu ſeinem ſchaden verthaͤidige; da muß man alle gemeine, mit abiecten laͤcherlichen ideen, verbundene reden weglaſſen; keine laͤppiſche exempel, gleichniſſe, ſpielen in worten, eitle zierrathen einbringen; zuweilen von den gemeinen methoden abge - hen; an ſtatt der wege und affecten, die der auditor zu hoͤren meinet, andere erwehlen; von ſich und ſeinen meriten wenig, mit groſſer modeſtie, ohne oſtentation und affectation reden, und allezeit zu verſtehen geben, daß man bey dem zuhoͤrer mehr vermuthe; nicht mer - cken laſſen, daß man auctoritaͤt ſuche; doch aber zu keiner familiaritaͤt anlaß geben; ꝛc.
§. 7. Aufmerckſamkeit erreget man bey dem zuhoͤrer, durch einen ordentlichen, deutli - chen, kurtzen, leichten, angenehmen fuͤrtrag; wann man erinnert, daß man wichtige ſachen zu proponiren habe, die des zuhoͤrers wohlfarth und intereſſe betreffen: daß man rechte ge - heimniſſe, kunſtgriffe, res momentoſas, die man ſonſt nicht ſo gemein mache, fuͤrbringen wolle; wenn man ſeine ſachen in bildern gleichniſſen, exempeln, argutien, ungewoͤhn - lichen figuren, wuͤnſchen, bitten einſchlieſt; wann man gleichſam die gedancken des zuhoͤ - rers aufſuchet, ſelbige zu errathen meinet, zweiffelhaftig machet; die rede auf gantz ſpe - cielle umſtaͤnde fuͤhret, die der zuhoͤrer nicht leicht vermuthet; alſo nicht zu ſubtile, weither - geholte weitlaͤuftige, dunckele, verworrene, mit limitationibus, propoſitionibus incidentibus, digreßionibus diſtrahirte ſachen, fuͤrtraͤgt; noch einen ſchlaͤffrigen ſtilum und fuͤrtrag gebrau - chet ꝛc.
§. 8. Die regeln der klugheit erfodern, daß man angefuͤhrte argumenta mit unterſchied und nicht an dem unrechten ort anbringe. Denen geldgeitzigen fehlt es uͤberhaupt an der menſchenliebe, alſo muß man ſich wohl etwas muͤhe geben ihre gewogenheit zu gewinnen, und eben dieſe muß man zu erhalten ſuchen, bey leuten, welche etwa wieder unſern fuͤrtrag, durch allerhand vorurtheile moͤchten einge - nommen ſeyn, oder wo unſre perſon und ſache vielleicht etwas an ſich haͤtte, daß der phan - taſie und dem affect des zuhoͤrers unangenehm fuͤrkommen koͤnte. Ehrgeitzige, hohe, einge - bildete gemuͤther, entziehen leicht allen ihre hochachtung, weil ſie zu viel fuͤr ſich ſelbſt ha - ben muͤſſen, alſo muß man bey dieſen ſchon mehr fleiß anwenden, bey ihnen eſtimiret zu werden, wenn ſie zumahl ſich nichts ſonderli - ches verſpraͤchen von dem redner, da er ihnen unbekannt, unerfahren, furchtſam, iung und uͤbel beruͤchtiget fuͤrkaͤme, oder wann dieſache, dem erſten anſehen nach, von geringer wichtig - keit ſchiene. Wolluͤſtige leute ſind wie Soſia beym Terentio: amis de tout le monde, und gehen auch mit ihrem eſtim ſehr verſchwende - riſch um, aber flatterhaftig ſind ſie, alſo daͤch - te ich, man haͤtte wohl urſach, ihren mercurium zu figiren, und ſie attent zu machen. Eben dieſes iſt auch noͤthig, wann der zuhoͤrer die ſa -che128von bewegungs-gruͤnden. che fuͤr bekannt, obſcur, unnuͤtze, ihm contrair, anſiehet, oder wann ſie an ſich etwas trocken und ernſthaft iſt. Doch muß man bey allen, ſich nicht mercken laſſen, wie man eben ihre ge - wogenheit oder hochachtung oder aufmerck - ſamkeit, durch ſolche griffe zu gewinnen ſuche.
§. 9. Mit dieſen argumentis haben die ei - gentlich ſo genannten com̃oventia, eine genaue verwandſchaft, vermittelſt welcher man den zuhoͤrer zu uͤberreden bemuͤhet iſt, daß die ſache nicht nur an ſich ſelbſt gut und ſo beſchaffen ſey, wie ſie der zuhoͤrer wuͤnſchet, ſondern daß ſie auch ins beſondere, dem zuhoͤrer zutraͤglich ſey. Dabey man alſo die aͤuſſerſte kraft zugebrau -chen,129von bewegungs-gruͤnden. chen, ſich der neigungen des zuhoͤrers zu be - maͤchtigen, und ſeinen willen zu annehmung und ausuͤbung der fuͤrgetragenen wahrheit, ohne ſchwierigkeit zu diſponiren.
§. 10. Der menſch hat drey bona abſoluta und dabey ſonderlich drey bona reſpectiua, da denn dieſe zwar aus ienen entſtanden, aber doch verſtand und willen mehr occupiren als iene, und alſo drey hauptneigungen zeugen nemlich geldgeitz, ehrgeitz, wolluſt. a)Will der redner nun auch ſeine ſache dem auditori angenehm machen, und ihn zur ausuͤbung der fuͤrgetragenen wahrheit uͤberreden, ſo muß er hauptſaͤchlich ſuchen zu zeigen, daß ſein fuͤr - trag, zu erhaltung derer neben - und ſchein-guͤ - ter diene. Dannenhero ſich hier dreyerley gruͤnde dem redner darbieten, welche mit et - was ſchwanckenden concepten, die argumen - ta ab utili, honeſto, und iucundo, genennet werden. b)
§. 11. Denen geldgeitzigen ſagt man: es ſey eine rechte profitable ſache; man koͤnne ſich da - bey etwas machen; ſie ſey gewiß zu erhalten; ohne die geringſten koſten; von treflicher dauer; mit Gottes ſeegen verknuͤpft; fodere nichts als arbeit; man koͤñe dabey ſeinen neidern und fein - den trotz bieten; ſich uͤber den wind der ehrgei - tzigen und wolluͤſtigen moquiren; es waͤren viel gute anzeigungeu dabey, daß es gluͤcklich, gehen werde; es ziehe viele vortheile nach ſich; man werde alt, ſtarck, begluͤckt, vermoͤgend dabey, ohne anderer leute danck, indem man ſich auf die weiſe zugleich formidable mache; ꝛc.
§. 12. Den ehrgeitzigen ſchwatzt man vom honeſto fuͤr; daß ſie auf ſolche art, falls ſie unſern fuͤrſtellungen gehoͤr geben, andern ei - nen concept ihrer gottesfurcht, honnettete, klugheit, und daher beſondere veneration fuͤr ſie, inſpiriren wuͤrden; daß es allezeit ein zei - chen von etwas groſſem ſey, ſo ſie verewige; bey allen in guten andencken ſetze; nur etwas geld koſte und ſolches doch reichlich wieder einbrin - ge; vieler anderer bemuͤhung uͤbertreffe; ſie formidable und angeſehen mache; bloß ihren verdienſten, hertzhaftigkeit, geſchicklichkeit, con - duite, wiſſenſchaft ꝛc. zugeſchrieben werde; ꝛc.
§. 13. Denen wolluͤſtigen redet man von lauter delicaten, charmanten, angenehmen, ſuͤſſen ſachen fuͤr; wie unſer obiectum leib und gemuͤth ergoͤtze; alle ſinnen vergnuͤge; uns beliebt, galant, geſund, immer friſch, ſtarck, ſchoͤn, biß zu einem hohen alter, ohne muͤhe ar - beit und ſorgen, in ruhe und frieden erhalte; uns viel freunde mache; uns in den ſtand ſetze unſern endzweck zu erhalten auf allerhand wei - ſe, ohne die geringſte ſchwierigkeit; uns zu di - vertiren; andern armen leuten zu dienen; danckbar zu ſeyn; in allerhand angenehme converſation zu kommen; ꝛc.
J 2Alles132von bewegungs-gruͤnden.§. 14. Zuweilen habe ich mit einem men - ſchen zu thun, der ſelbſt nicht weiß, was er will, oder der ein gemiſchtes temperament hat. Zu - weilen aber ſoll ich an eine gantze verſamm - lung reden, da faſt ein ieder anders geſinnet, als der andre. Jn dem erſten fall muß ich die miſchung des temperaments, vor allen dingen, durch die moraliſche wahrſcheinlichkeit heraus - gebracht haben, und denn nach beſchaffenheit derſelben, aus obigen fontibus argumenta her - aus ſuchen. a)Jn dem andern fall, ſehe ich, was fuͤr ein affect unter den auditoribus her - ſche, und welchen die meiſten zugethan, da ich mich dann leichte auch im reden, nach ſolchen richten kan. b)
§. 15. Aus den benannten haupt-affecten entſpringen allerhand neben-affecten und re - gungen des willens, deren natur und beſchaf - fenheit aus der Moral und erfahrung man ſich bekannt zu machen. Jm reden iſt es noͤthig ſelbige entweder rege zu machen oder fuͤrzuſt el - len oder zu unterdrucken. Jeden affect re ge zu machen, muß man uͤberlegen, ſeine Morali - ſche und Phyſicaliſche beſchaffenheit, wie er ſich zu unſerer ſache und uͤbrigen umſtaͤnden ſchicke, ins beſondere, wie ſich der zuhoͤrer dazu diſponiret befinde; nachgehends ſucht man nicht eben allemahl grade auf den affect durch - zudringen, und ihn zu erregen, ſondern man macht ſich etwan zufoͤrderſt an die mit ihm ver - bundene neben-affecten; man ſucht den zuhoͤ - rer immer bey der ſache zu erhalten, ſeiner auf -J 3merck -134von bewegungs-gruͤndenmerckſamkeit ſich zu verſichern; den verſtand, von deſſen fuͤrſtellung die regungen des willens zum oͤftern, wo nicht allemahl dependiren, mit bildern nach unſern abſichten zu occupiren; in den willen den affect ſelbſt lebhaft anzuneh - men; hernach durch den ausdruck aller ſeiner eigenſchaften lebhaft und nachdruͤcklich fuͤr - zuſtellen; man miſcht allerhand contraire af - fecten, daß ſie untereinander geſchwaͤcht und wir meiſter werden; dabey laͤſt man den ange - nommenen affect ſelbſt reden, der ſich durch al - lerhand ausdruckungen ohne zwang in der re - de von ſelbſten zeiget, welche manieren man hernachmahls figuren nennet.
§. 16. Weil hierbey das meiſte darauf an - kommt, daß man den affect lebhaft fuͤrſtelle, und alſo durch die einbildung in das gemuͤth des zuhoͤrers wuͤrcke, ſo muß man wohl uͤber - legen, worinn der grund des affects beſtehe, was er fuͤr regungen und kennzeichen habe und in was fuͤr ordnung dieſe kennzeichen zum vor - ſchein kommen. Wenn man nun den affect in ſeiner ſeele angenommen, und den ſtrichen, die der affect fuͤrgezeichnet, auch in ſeinem aus - druck folget, ſich dabey der obenangefuͤhrten il - luſtrationen, aus dem weſen der ſache bedienet, und den affect nach ſeinen manieren reden laͤſt,alles135von bewegungs-gruͤnden. alles aber, was ſich zu dem affect nicht ſchickt, verſchweiget, oder ihm eine andere farbe giebt, ſo kan es nicht anders ſeyn, man muß den af - fect nette und lebhaft fuͤrſtellen koͤnnen.
§. 17. Den affect bey einem zuhoͤrer zu un - terdruͤcken, kommt es darauf an, daß man das obiectum, darauf er gerichtet und gegruͤndet, unvermerckt mit andern gruͤnden, in dem ge - muͤthe des zuhoͤrers fuͤrſtelle, anfaͤnglich ihn nur etwan zweiffelhaft und argwoͤhniſch mache, hernach ſeine aufmerckſamkeit immer mehr auf die ſchlimme ſeite des affects fuͤhre und hingegen bey der betrachtung der gutenJ 4ſei -136von bewegungs-gruͤnden. ſeite diſtrahire, zuweilen dem affect nachgebe, unter der hand zeige, wie er den fuͤrnehmſten abſichten des zuhoͤrers zuwieder, auf ſchlechten gruͤnden ruhe, ꝛc. Dabey man, was vorhin angefuͤhret, mit zu huͤlffe nehmen muß.
§. 18. Alle menſchen laſſen ſich vermittelſt ihrer affecten fuͤhren, wo man ſie hin haben will, ſie muͤſten dann zu einem groſſen grad der weißheit geſtiegen ſeyn, niemand aber will das anſehen haben, als wann er es ohne raiſon thue. Alſo da zumahl iedermann ſich einbil - det recht zu raiſonniren, muß man niemahls den affect attaquiren, ohne zugleich, inſon - derheit wo einige theorie noͤthig iſt, den ver - ſtand zugleich nach unſern abſichten zu diſpo - niren. Dieſemnach muͤſſen die argumenta probantia allezeit den grund legen, die illu ſtrantia ſonderlich die imagination und das gedaͤchtniß occupiren, und nachgehends die pa - thetica denen probantibus und illuſtrantibus den nachdruck geben. a)
§. 19. Weil man aber hierdurch, ſonderlich durch die pathetica, die kraͤfte des menſchen in bewegung ſetzet, ſo erfodert die gerechtigkeit, daß man niemals malhonnette abſichten habe, und wieder die wahrheit und tugend ſtreite, oder den auditorẽ ohne noth beunruhige. Man muß auch nicht zu weit gehen, ſondern ſich allezeit in denen ſchrancken halten, da man fuͤr uͤbeln fol - gerungen ſicher iſt, und alſo kan man die rege - machung und unterdruckung der affecten, als etwas indifferentes anſehen, welches, wofern wir honnette abſichten haben, allezeit unſerer freyen diſpoſition uͤberlaſſen wird.
§. 20. Die regeln der klugheit erfodern, daß man ſolche mittel, ſich der menſchen gemuͤ - ther zu bemaͤchtigen, ergreiffe, welche nicht ei - ne contraire wuͤrckung herfuͤrbringen, ſich im uͤbrigen aber zu den umſtaͤnden des auditoris, der ſache, und des redners ſchicken, auch in ih - rem aͤuſſerlichen ſchein, die approbation der honnetten welt erhalten koͤnnen.
§. 21. Hier wird man alſo verhoffentlich einen ſattſamen vorrath von argumentis zu - ſammen bringen, und wofern man nur ein we - nig iudicium practicum beſitzet, ohne vermi - ſchung und uͤbelſtand ſolchen vorrath anwen - den und nutzen koͤnnen. Da ich oben im 3. cap. §. 6. einer rechten topic erwehnung ge - than, ſo will ich hier zu einer vollkommenen to - pic, einen kurtzen entwurff geben, welcher zu - gleich eine wiederhohlung der abgehandelten materie ſeyn kan.
Und[139]Und da alle argumenta, entweder probantia oder illuſtrantia oder pathetica ſeyn, ſo ſind ins be - ſondere wiederum nach dem dritten capitel:
Illuſtrantia ſind nach dem vierdten capitel entweder nominalia nuda oder (§. 4.) realia und dieſe ſind
Pathetica ſind nach dem fuͤnften capitel:
Was ſich ausdrucken heiſſe? §. 1. Wie vielerley dieſes? §. 2. Vou der vulgairen expreßion, §. 3. Von der gelehrten elocution, §. 4. Von der formirung der rede, §. 5. Von den ſprachen, §. 6. Von den buchſtahen, §. 7. Von denen woͤrtern, § 8. Von denen ſaͤtzen, §. 9. Von denen periodis, §. 10. Von denen urſachen welche den ausdruck veraͤndern, §. 11. Von den allgemeinen ſprachrichter dem ge - brauch, §. 12. Von dem gemeinen gebrauch, §. 13. Von dem gelehrten gbrauch, §. 14. Von dem galan - ten gebrauch, §. 15. Von der verhaͤltniß der gedan - cken zu dem ausdruck, §. 16. Von dem ausdruck durch die tropos, §. 17. Von dem ausdruck der affe - cten durch die figuren, §. 18. Von denen vielerley arten der figuren und derſelben rechten gebrauch, § 19.
ALles was in unſerm gemuͤthe fuͤrge - het, es moͤgen nun gedancken ſeyn, die wir im verſtande von einem ob - iecto faſſen, oder regungen, welche wir in un - ſerm willen dabey empfinden, koͤnnen wir durch ſinnliche zeichen, mit welchen die idee der ſache durch den gebrauch verknuͤpfet, und un - ter welchen ſie bekannt iſt, von uns geben und andern menſchen, mit denen wir umgehen, mittheilen. Wann wir auf dieſe weiſe nun bemuͤhet ſind, die in unſerm gemuͤthe entworf - fene bildungen, in das gemuͤth anderer einzu - praͤgen, ſo heiſt dann dieſes bey denen menſchen der ausdruck der gedancken. a)
§. 2. Da ſich alles unſerm verſtande durch aͤuſſerliche ſinnliche zeichen darſtellet, und durch ſelbige in uns gedancken und neigungen erreget, ſo koͤnnen wir auch alles, ſo bald uns nur ſolche ſinnliche zeichen bekannt werden, ausdrucken. Die gantze natur druckt ſich ſelbſt durch ſinnli - che zeichen aus und die mahlerey folgt ihrer art, durch nachmachung der an ihr befindlichen zei - chena) Die belebten creaturen, haben uͤber dieſes, ein vermoͤgen, durch ihre bewegung und einen beſondern laut, die ſinnliche zeichen der natur auszudrucken und auch die bey denen ſa - chen inihnen entſtandene ꝛegungen fuͤꝛzuſtellen. b)Der menſch hat endlich eine fuͤrtrefliche faͤ - higkeit, durch die ſtimme und rede, alle ſinnlichezei -143der gedancken. zeichen der natur, ſeine in ihm ſelbſt entſtandene wuͤrckungen des veꝛſtandes und willens, oͤffent - lich an den tag zu legen, und dieſe theilet ſich uͤberhaupt in expreßionem vulgarem und elo - cutionem eruditam.
§. 3. Wer ſich bloß damit begnuͤgen will, daß er ſich ſeiner faͤhigkeit ſeine gedancken und neigungen auszudrucken bedienen koͤnne, es gerathe wie es wolle, und alſo mit der vulgai - ren expreßion zufrieden ſeyn kan, dem rathe ich, daß er die Oratoriſchen regeln, und alſo auch dieſes buch, ungeleſen laſſe. Er wird an mutter, ammen, mademoiſellen, junge maͤg - den, laquaien, handwercksleuten, bauern und dem gantzen poͤbel, was ſeine mutter-ſpra - che betrift, die treflichſten ſprachmeiſter finden,und145der gedancken. und zu den fremden, insbeſondere denen tod - ten ſprachen, kan ihm ein fuͤrchterlicher Gram - maticus oder pedantiſcher ſprach-richter, die ſicherſte anleitung geben. Gedenckt er durch nachahmung guter exempel, gluͤcklich oder un - gluͤcklich, wie es kommt, zu empyriſiren, ohne daß er raiſon von ſeinen reden angeben koͤnne, ſo wird ihm zu ſolcher gluͤckſeeligkeit, ohne eine vernuͤnftige anleitung, der weg offen ſtehen.
§. 4. Hier will ich ietzo einen verſuch thun, ob ich zur gelehrten elocution, einige vernuͤnf - tige regeln ertheilen koͤnne, nachdem ich von der erfindung ſo viel als noͤthig beygebracht. Und dieſe iſt eine geſchicklichkeit, eine ſache, welche wir in unſerm gemuͤth klar, deutlich, gruͤndlich, artig und ordentlich, nach ihren be - ſchaffenheiten entworffen, mit denen daruͤber in uns entſtandenen gedancken und regungen, durch ſolche worte fuͤrzuſtellen, die mit der ſache ſo ſie fuͤrbilden und unter ſich ſelbſt eine genaue proportion und uͤbereinſtimmung haben, ſich zu denen begriffen des zuhoͤrers oder leſers ſchi - cken, und alſo vermoͤgend ſind, bey andern eben die gedancken und regungen zu erwecken, welche wir intendiren.
§. 5. Die natur des menſchen hat ſeinen leib mit beſondern organis ausgeruͤſtet, daß ernicht147der gedancken. nicht nur einen laut von ſich geben, ſondern auch vermittelſt der verſchiedenen anwendung der organorum,a) den laut auf vielfaͤltige art veraͤndern, dieſe veraͤnderungen zuſammen ſetzen, ſolche zuſammenſetzung mit unterſchie - denen ſtellungen und zufaͤllen fuͤrſtellen und alſo eine foͤrmliche rede herfuͤrbringen kan, welche als das geſchwindeſte bequemſte und vollkommenſte mittel, ſeine gedancken und re - gungen auszudrucken, von allen menſchen uͤber - haupt beliebet worden. b)
§. 6. Der gebrauch hat unter gantzen voͤl - ckern, beſondere arten der veraͤnderung und zuſammenſetzung des lauts eingefuͤhret, daher ſind unterſchiedene ſprachen entſtanden. a)Jn denen ſprachen ſind von gewiſſen laͤndern, ia auch wohl gewiſſen oͤrtern und lebens-arten be - ſondere arten zu ſprechen beliebet worden, da - hero ſo vielerley dialecti entſprungen,b) wor - aus man die menge der ſprachen,c) die unter - ſchiedenen veraͤnderungen,d) den reichthum einer ieglichen,e) den unterſcheid derſelben,f) die harmonie derſelben,g) und die beſondern eigenſchaften einer ieden,h) abnehmen, aber kaum uͤberſehen, determiniren, und gnugſam bewundern kan.
§. 7. Ein vernuͤnftiger redner, bekuͤmmert ſich ſonderlich um die erkaͤnntniß der ſprache, darinn ihm die meiſte gelegenheit zu reden fuͤr - kommen moͤchte. Und da die beſondere an - wendung eines ieden organi, bey dem laut, gewiſſe buchſtaben herfuͤr bringet, welche, ſo zu reden, die erſten elementa und principia der ſprache werden;a) ſo ſiehet auch ein klu - ger redner, auf die natuͤrliche beſchaffenheit ſolcher buchſtaben, damit er bey dem ausdruck der gedancken, den zuſammenfall, klang und maſſe der buchſtaben, dem obiecto gemaͤß mit anbringen moͤge. b)Doch huͤtet er ſich da - bey, fuͤr allem zwang, und andere paradoxe und alberne gloſſen. c)
Du biſt den ketten gleich in wohlbeſtallten uhren,Durch die von innen her die feder alles treibt:Man155der gedancken.Man ſieht nicht ihren gang; doch zeigen ihre ſpuren,Daß iedes rad durch ſie in ſeiner ordnung bleibt.
Zugeſchweigen anderer fehler, als, der ſelbſt - gemachten und nichts bedeutenden worte ꝛc. ſo erfoderte das obiectum wohl nicht dergleichen zwang. Klaius machts noch luſtiger S. Hl. Neumeiſters Diſſ. de poëtis Germanicis Leipzig1695.156von dem ausdruck1695. p. 72 und das Schediaſma Hln. M. Clodii de inſtituto Societatis Philo-Teutonicae Poëticae, quae ſub praeſid. Menckenii Lipſiae congregatur. p. 16. ſqq. z. e.Es ſtimmet mit mir ein, die ſtimme ſo wir hoͤren,Das praßlende geſchluͤrf, fließt aus den erden roͤh - ren,Und liſpelt durch den kieß; der klatſch und platſcher thon,Spricht ſonder fleiß und kunſt faſt allen ſprachen hohn.Das ſum und brum geſauß, das ſchnarren, murren, marren,Kan andrer zungen kraft in ſchroffen ſand ver - ſcharren.Es rollt mein donner-wort es ruͤllt, bruͤllt, brauſt, zerſplittert,Daß durch die luft und gluft die hein und ſtein er - ſchuͤttert ꝛc.
§. 8. Aus buchſtaben und ſylben werden endlich worte zuſammen geſetzt. Ein wort iſt nichts anders, als ein articulatus und aus vie - len veraͤnderungen des lauts zuſammen geſetz - ter ſchall, womit der willkuͤhr der erſten erfin - dera) unb der gebrauch der menſchen,b) eine gedancke und begrif von einer ſache, beleget und ausdrucket. Der redner unterſcheidet alſo ſorgfaͤltig, die haupt - und neben-idee eines worts,c) die haupt - und neben-woͤrter oder epitheta,d) den grammaticaliſchen unter - ſchied der woͤrter,e) die vulgairen und kunſt - woͤrter,f) ſubiectum und praͤdicatum,g) uni - voca, aͤquivoca und ſynonyma,h) die eigentli - che bedeutung eines worts und die tropiſche,i) und dergleichen zufaͤllige veraͤnderung der woͤrter,k) und bemuͤhet ſich nicht nur einen vorrath von worten zu haben, ſondern auch aus dieſem vorrath, die convenableſten woͤrter zur ausdruckung ſeines obiecti heraus zu ſuchen und nach dem genie der ſprache und aller an - dern umſtaͤnde, im reden anzubringen, wozu im folgenden einige anleitung gegeben wird.
a) Die157der gedancken.§. 9. Aus worten werden endlich gantze ſaͤ - tze formiret, wenn man nemlich zwey ideen in der dritten verbindet, und mit gehoͤrigen wor - ten ausdrucket. Bey dieſen beobachtet der redner, alle dabey fuͤrfallende umſtaͤnde, ob ſie aus vulgairen oder gelehrten begriffen beſtehena) ob ſie mit der eigentlichen oder tropiſchen be - deutung der worte zu bemercken,b) ihren ſyntax, urſprung, ordnung,c) ob ſie beia - hend oder verneinend,d) vniverſal oder par - ticular, oder limitirt zu concipiren,e) ob da - bey die connexion des ſubiecti und praͤdicati unſtreitig oder wahrſcheinlich oder gleichniß - weiſe fuͤrzuſtellen,f) aus was fuͤr diſciplinen und Facultaͤten ſelbige genommeng) ob ſie bloß theoretiſch oder auch zugleich pathetiſch auszuſprechen,h) ꝛc.
§. 10. Alle dieſe eigenſchaften der ſaͤtze, in - gleichen die zuſammenſetzung verſchiedener ſaͤ - tze, geben von ſelbſten, ohne muͤhe, anlaß, gantze periodos zu machen. Ein periodus iſtnichts163der gedancken. nichts anders alſo, alseine haupt-propoſition, welche mit ihren eigenſchaften und neben-pro - poſitionibus vollkommen ausgedrucket und in einer gewiſſen zeit da die ſtimme ſteigen, ruhen und fallen kan, ausgeſprochen wird. a)Er iſt entweder explicativa,b) oder determina - tiva,c) ſimplex oder compoſita,d) probans, illuſtrans, oder pathetica,e) ꝛc. Dabey ſie - het man auf die deutlichkeit,f) reinlichkeit,g) den numerum,h) die ſymmetrie und rechte maſſe deſſelben,i) ingleichen auf die veraͤn - derung, welche man damit fuͤrnehmen kan. k)
§. 11. Und dieſes waͤren die elementa, und der natuͤrliche grund aller ſprachen. Es koͤn - nen aber dieſe principia, ſo vielerley zufaͤlle ha - ben, auf ſo mancherley weiſe veraͤndert werden, daß man faſt ſo vielerley arten des ausdrucks findet, als menſchen ſind. Die urſachen ſol -L 4cher168von dem ausdruckcher veraͤnderungen ſind, die einrichtung des verſtandes,a) die miſchung der temperamen - te,b) die auferziehung,c) das clima,d) die lebens-art,e) der genie eines ieden ſaͤculi,e) der ort,g) die materie welche man ausdruckt,h) die affectation der leute,i) die imitation angeſehener perſonen,k) die natuͤrliche be - ſchaffenheiten bey der pronunciation,l) das alter,m) ꝛc. welche dinge ſo gar in einer ein - tzigen ſprache unzehliche veraͤnderungen herfuͤr bringen, und ſich doch niemahls gern unter das ioch der kunſt bequemen, ſondern mehren - theils lieber von der natur dependiren wollen.
§. 12. Daraus ſolte man faſt ſchlieſſen, als wann es unmoͤglich, von der ſchoͤnheit und ac - curateſſe des ausdrucks, regeln zu geben, und ſo vielerley dinge, einer herrſchaft der kunſt zu un - terwerffen; eben ſo, wie es ſchwer, den ge - ſchmack der leute, durch diſputiren auszuma - chen und durch regeln zu determiniren. Allein zu geſchweigen, daß es hier nicht bloß auf der - gleichen natuͤrliche zufaͤlle, oder auf eine bloſſeempfin -172von dem ausdruckempfindung ankomme, ſo wirft ſich der ge - brauch, ſo zu reden, zu einem allgemeinen ſprachrichter auf, und tyranniſiret dergeſtalt, daß man auch durch die regeln der vernunft kaum vermoͤgend iſt, ihn einiger maſſen im zaum zu halten. Und dieſer iſt eine gleichfoͤr - migkeit oder uͤbereinſtimmung einer gewiſſen nation oder ſocietaͤt, in dem ausdruck, betref - fend die worte, redens-arten, und derſelben be - deutung und anwendung.
§. 13. Dieſer gebrauch ſiehet entweder bloß auf die worte, ſo iſt es ein Grammaticaliſcher concept, und leget den grund zur Grammatick,a) oder er ſiehet auf die idee, welche mit einem worte ausgedruckt wird, ſo iſt er das funda - ment der Rhetorick, und gehoͤrt hieher. Er iſt aber ſo dann univerſel, wann er bey einer gantzen nation, in einer gantzen ſprache, ein - gefuͤhret, oder particular, wann er von einem gewiſſen theil der nation, durch einhelligen con - ſens angenommen worden. Der univerſelle gebrauch, herrſchet ſonderlich bey ſenſuellen dingen. erfindet ſelbige auszudrucken woͤrter und fuͤhret ſie ein,b) macht die ſtamm-woͤr - ter nach der phantaſie der erfinder, bindet die ideen an die worte und veraͤndert ſie auch wohl nach und nach, wird daher uͤberall im gemeinen leben beobachtete) und auch als der grund des particularen angeſehen. Jhn zu erkennen und zu appliciren braucht man weiter nichts als die erfahrung und memorie.
a) Die -173der gedancken.§. 14. Weil aber der univerſelle gebrauch ſich mehr um den ausdruck ſenſueller dinge, und um die hauptidee der worte, als um abſtracta und um die neben ideen bekuͤmmert, ſo haben gelehrte und polite leute, von demſelben abge - hen, und einen particularen gebrauch unter ſich einfuͤhren muͤſſen, und daher iſt der gelehr - te und der galante gebrauch entſtanden. Der gelehrte gebraucha) iſt alſo eine uͤberein - ſtimmung der gelehrten,b) in dem ausdruck derer abſtracten dinge,c) und zeiget ſich ent - weder in erfindung neuer kunſt-woͤrterd) oder in determinirung der bereits erfundenen, aber ſchwanckenden und unrichtigen woͤrter. e)Dieſen zu erkennen und zu appliciren, muß man den univerſellen gebrauch und die medi - tation, doch dieſe mehr als ienen zu rathe zie - hen.
§. 15. Der galante gebrauch, iſt endlich eine uͤbereinſtimmung derer politen leute,a) in der vermeidung ſolcher woͤrter, die dem De - coro zuwiderlauffende neben-ideen haben,b) und in anwendung ſolcher, welche, nach be - ſchaffenheit des durch die fuͤrnehmſten in der republick eingefuͤhrten wohlſtandes,c) artige neben-ideen haben. d)Damit man auch dieſen recht erkenne und applicire, muß man den univerſellen gebrauch und die eingefuͤhrte regeln des wohlſtandes gegeneinander halten und in obacht nehmen. Und wann man end - lich von einer ſprache und derſelben ſchoͤnheit urtheilen will, ſo muß man den gelehrten und politen gebrauch zur richtſchnur ſetzen, nicht aber den univerſellen. e)
§. 16. Auſſer dem allgemeinen ſprachrich - ter dem gebrauch, hat ein redner zugleich die verhaͤltniß der gedancken und worte, als eine richtſchnur ſeines ausdrucks anzuſehen, und zwar ſo, daß er ſich ihrer herrſchaft aus ſchul - digkeit gern unterwerffe, da er mehrentheils aus noth dem gebrauch nachgeben, und der tyranney deſſelben weichen muß. Es iſt aber dieſe zu beobachten unter den worten und ge - dancken, unter den gedancken und der ſache ſelbſt, unter den worten und der idee des zu - hoͤrers, und endlich unter denen worten gegen - einander. Und hievon iſt im folgenden 2. cap. ausfuͤhrlicher zu handeln, hier aber nur ſo viel zu gedencken, daß dieſe verhaͤltniſſe vollkommen auszudrucken, faſt keine ſprache reich genug an worten ſey, zumahl da bey dem groſſen reich - thum der ſprachen, dennoch der verſtand mehr gedancken faſſen, und der wille mehr regungenM 4em -184von dem ausdruckempfinden kan, als der gebrauch, worte ſelbige auszudrucken, eingefuͤhret.
§. 17. Dannenhero iſt man genoͤthiget worden, an ſolche ſache zu gedencken, welche mit dieſen verhaͤltniſſen einige verwandſchafft und ihre eigene worte haben, damit man durch die von ihnen entlehnten worten ausdrucken moͤge, wozu man keine eigene finden koͤnnen, und ſolche nennet man tropos. Nachgehends hat man auch wohl ohne noth, zur zierde der re - de, und den ausdruck nach ſeinen abſichten einzurichten, tropos angewendet, und auſſer dieſen faͤllen iſt es thoͤricht, tropos gebrau - chen. a)Ubrigens iſt die verwandſchafft der ſache, von welcher wir die worte entlehnen, mit derienigen, ſo wir dadurch ausdruͤcken wollen, entweder natuͤrlich oder kuͤnſtlich, iene koͤnte man uͤberhaupt metonymiſch oder iudicioͤs, die - ſe metaphoriſch oder ingenioͤs nennen, und ih - ren urſprung in denen erlaͤuterungs-gruͤnden ſuchen. b)
Und da nennen ſie 1. 2. 3. 4. 5. ſynecdochen, 6. 7. an - tonomaſiam, 8. metalepſin, 9. enallagen, oder ins beſondere antimeriam 10. heteroſin, und zuweilen antiptoſin 11. aequipollentiam, 12. hyper - bolen und dieſe bald meioſin, oder tapinoſin, bald auxeſin, bald litoten, bald heteroſin, bald cata - chreſin, bald bloß hyperbolen, 13. 14 ſchlechtweg metonymiam, da denn noch hypallage drunter begriffen. Jch dencke, man habe ſich mehr um die fontes, und den gebrauch, als um die nahmen, welche bißweilen undeutlich und ſchwanckend concipiret, zu bekuͤmmern. Als fontes koͤnnen alle dieienigen ideen angeſehen werden, welche mit unſerm obiecto verknuͤpfet, zu welchen uns die natur und meditation gantz ungezwungen fuͤhren, und der gebrauch iſt nach der abſicht die man hat, und nach denen im erſten theil cap. 4. angefuͤhrten regeln, anzuſtellen und zu beurthei -len.188von dem ausdrucklen. Die metaphoriſche oder ingenioͤſe ver - wandſchaft, gruͤndet ſich auf die argumenta il - luſtrantia, welche auſſer dem weſen der ſache ſind, daher kan man ſetzen:
Hievon wird 1. metaphora genennet, wenn das ſimi - le durch etliche eigenſchaften gut durchgefuͤhret wird, heiſt es allegoria, fuͤhrt es einen gelin - dern concept ein als man ſich vom obiecto ſonſt macht, heiſt es euphemiſmus. Wenn 2. kurtz angefuͤhrt wird heiſt es alluſio, ſonſt bleibt es ein ordentliches argumentum illuſtrans. Und end - lich 3. iſt die ironia. Die fontes dazu und was bey dem gebrauch zu beobachten, ſiehe oben P. l. c. IIII. Das hauptſaͤchlichſte iſt, daß man nicht gar zu unbekannte und von dem weſen der ſache gar zu weit entfernte dinge nehme, und daß man nicht in der ausfuͤhrung ſich uͤbelreimender ideen und worte bediene. Z. e er iſt ein rechter Philipp freyherr von Winneberg, an ſtatt: er liebt ſeine freunde beſtaͤndig, oder: er iſt ein rechter Ecebolius, an ſtatt: er iſt unbeſtaͤndig in der religion, denn das wiſſen nicht alle leute, daß ie - ner geſagt: er befinde ſich am beſten bey alten kleidern und bey alten freunden, und daß die - ſer ſeine religion zu anfang des vierdten ſaͤculinach189der gedancken. nach der religion der Kaͤyſer gerichtet. Jn ſchriften pflegen ſich die leute, ſo hiewieder pecci - ren, mit noten zu helffen. Ubel connectiret die - ſes: Was ſolte wohl dieſer fuchs nicht thun, ia ich mercke es ſchon, er ſey zwar von auſſen ein ſchaf, aber inwendig ſind die wolffs klau - en ziemlich groß (beym Maͤnnling in ſeinem expediten redner. Franckfurt und Leipzig 1718. 8. p. 212.) Dann er faͤngt beym fuchſe an und hoͤrt beym wolffe auf. Wie ſich der affect mit den tropis ausdrucke, laͤſt ſich von ſelbſten ſchlieſſen, und wird im folgenden 19. §. gewieſen werden.
§. 18. Die regungen des willens druckt die natur faſt von ſelbſten, und ohne zwang in der rede aus, dadurch, daß ſie denen redens-ar - ten und worten, durch beſondere ſtellung und ausſprache, gewiſſe neben-ideen anhengt, dar - aus man die verhaͤltniſſe des affects zu der ſa - che, durch eine ſympathetiſche kraft abnehmen und in dem andern erregen kan, und ſolche merckmahle nennt man figuren. Da nun dieſe die ſprache der affecten ſind, ſo muß man wuͤrcklich nicht nur in dem gemuͤth affecten ha - ben, ſondern es muͤſſen auch dieſe ſich zu dem obiecto reimen, und in denen argumentis pa - theticis gegruͤndet ſeyn. Da aber auch die af - fecten niemahls ohne heftigkeit ſind, und als re - gungen des willens, aufunzehliche weiſe ſich veꝛ - aͤndern koͤnnen, ſo nim̃t der affect alle argumen - ta, alle gedancken und worte, alle eigentliche uñ tropiſche ausdruckungen, und bedienet ſich der - ſelben ohne regeln, auf ſo vielfaͤltige art, daß esein -190von dem ausdruckeinmahl unnoͤthig, hernach auch nicht wohl moͤglich, alle ſolche arten zu determiniren.
§. 19. Jnzwiſchen, da es doch mode wor - den, in der Oratorie eine lange reihe figuren, mit fuͤrchterlichen nahmen und beſondern be - ſchreibungen, nach einander her zu zehlen, indem ia alle Rhetoricken damit geſpicket ſind, ſo ſehe ich mich genoͤthiget, auch hier ein regiſter der - ſelben, dem leſer zu liefern, ob es wohl wegen der vielen verworꝛenen unꝛichtigen und ſchwan - ckenden concepten nicht wenig unangenehm. Jch will dabey zugleich alles, was ſonſt unter dem nahmen der figuren im reden bekannt iſt, anfuͤhren, alſo finde ich erſt Gramma - ticaliſche, hernach Rhetoriſche figuren; die Grammaticaliſchen ſind entweder Orthogra -phiſch,191der gedancken. phiſch,a) oder Etymologiſch,b) oder Syn - tactiſch,c) oder Proſodiſch,d) die Rhetori - ſchen ſind entweder dictionis in worten, oder ſententiae in ſachen; iene beſtehen entweder im mangele) oder im uͤberflußf) oder in wiederholung einerleyg) und gleichfoͤrmigerh) worte, dieſe ſind entweder probatoriae,i) oder amplificatoriae,k) oder affectuoſae,l) oder diſpoſitionism) und connexionis.
WAs der ſtilus ſey? §. 1. Wie vielerley derſelbe? §. 2. Von den eigenſchaften des ſtili, §. 3. Von den natuͤrlichen zierrathen, §. 4. Der ſtilus muß ſich nach dem obiecto nach der perſon des redners und des zuhoͤrers richten, §. 5. Von dem adaͤquaten aus - druck, anbringung der neben-ideen und beywoͤrter, §. 6. Von der reinlichkeit, §. 7. Von der deutlich - keit, proprietaͤt, §. 8. Von der iunctur, ordnung der woͤrter, §. 9. Von der periodiſchen ſtructur, inter - punction, und dem numero oratorio, §. 10. Wie man egal und ungezwungen ſich ausdrucken muͤſſe, §. 11. Von den kuͤnſtlichen zierrathen, §. 12. Von der lebhaftigkeit im ſtilo, §. 13. Von den tropis und figuren, §. 14. Von denen falſchen zierrathen, §. 15.
§. 1.
WEnn der ausdruck unſerer gedancken, mit allen ſeinen theilen und verhaͤlt - niſſen,a) in eine ſolche form gebrachtN 4wird200von dem ſtilowird, welche mit denen abſichten des redners in einer guten harmonie ſtehet, und da alles conſpiriret, dem zuhoͤrer die gedancken beyzu - bringen, und die affecten rege zu machen, wel - che man intendiret zuerwecken, ſo heiſt dieſes, wann man zumahl darinn zu einiger fertigkeit elanget iſt, der ſtilus. b)
§. 2. Dieſer iſt ſo vielen veraͤnderungen un - terworffen, daß es faſt nicht moͤglich ſolche in gewiſſe claſſen zu bringen, und alſo die vie -lerley201und deſſelben eigenſchaften. lerley arten des ſtili zu determiniren. Doch ſind die fuͤrnehmſten nach denen hauptſaͤchlich - ſten verhaͤltniſſen und momentis leicht zu mer - cken. Alſo iſt der ſtilus in anſehung des obie - cti, entweder ſimplex oder eruditus; entweder humilis oder mediocris oder ſublimis; entwe - der theoreticus oder patheticus; entweder Theologicus oder Juridicus oder Medicus oder Philoſophicus und Mathematicus oder Hiſtoricus: Jn anſehung der gedancken ent - weder iudicioſus oder ingenioſus oder memo - rialis: Jn anſehung der hauptneigungen der menſchen, entweder terſus oder magnificus oder floridus: Jn anſehung der ſprache und worte, entweder Lateiniſch oder Teutſch oder Griechiſch und ſo vielerley als ſprachen ſind; entweder naturalis oder artificialis, iener ent - weder ſimplex oder proprius oder ordinarius, dieſer hingegen entweder declamatorius oder tropicus oder figuratus, der declamatorius ent - weder oratorius oder theatralis; entweder Aſiaticus oder Atticus oder Laconicus; ent - weder luxurians und diffuſus, oder rotundus oder conciſus und ſententioſus: Jn anſehung des redenden, entweder ſerius oder iocoſus; entweder candidus oder ironicus; entweder recitativus oder relativus; entweder vehe - mens oder temperatus: Jn anſehung desieni - gen, der meine worte annimmt, entweder fami - liaris oder galant oder caͤrimonioſus; entweder dialogiſticus oder epiſtolaris; entweder dog - maticus oder polemicus, ꝛc.
Aus202von dem ſtilo§. 3. Ohngeachtet nun ſo viele arten vom ſtilo zu erdencken, ſo hat doch ein ieder ſeine be - ſondere eigenſchaften, dadurch er ſich von an - dern unterſcheidet und welche man keinesweges zu negligiren. Jnzwiſchen iſt es zufoͤrderſt noͤthig, daß man ſich um die allgemeinen eigen - ſchaften bekuͤmmere, welche man als weſentli - che ſtuͤcke eines ieden ſtili, als die natuͤrlichen zierrathen deſſelben und als den grund zu den beſondern eigenſchaften eines ieglichen anzu - ſehen.
§. 4. Dieſe allgemeine eigenſchaften, wel - che den ſtilum uͤberhaupt ausmachen und zie - ren, ſind nichts anders als richtige verhaͤltniſſe aller derienigen theile, darauf der ausdruck be - ſtehet. Folglich beſtehen ſie in einer guten pro - portion der gedancken, zu dem obiecto, der per - ſon des redners und zuhoͤrers, in einer genauen uͤbereinſtimmung des ausdrucks mit den ge - dancken und regungen des redners, in der rein - lichkeit, deutlichkeit, guten verbindung der wor - te und ſaͤtze, damit ſie der zuhoͤrer gerne hoͤre und leicht begreiffe, und endlich in einer har - monie des vorhergehenden mit dem nachfol - genden oder in der gleichheit des ausdrucks an ſich ſelbſt.
§. 5. Wer nun ſeinen ausdruck in eine gu - te form bringen, und einen rechten ſtilum an - nehmen und gebrauchen will, der betrachtet gleich anfangs das obiectum davon er reden ſoll, nach allen ſeinen umſtaͤnden und eigen - ſchaften, damit er demſelben gemaͤſſe gedan - cken faſſen und anſtaͤndige regungen in ſich er - wecken koͤnne. a)Hiernaͤchſt ſiehet er auf die umſtaͤnde, begriffe und neigungen des zu - hoͤrers, und ſuchet ebenfalls darnach die von dem obiecto gefaſte gedancken und regungen zu bilden,b) und endlich erweget er bey ſich ſei - ne eigene diſpoſition, ſo wohl zum obiecto und dem zuhoͤrer, als auch zur ausfuͤhrung des fuͤr - geſetzten endzwecks bey ſeinem ausdruck. c)
§. 6. Nach dieſem iſt man auf den aus - druck der gefaſten gedancken und neigungen be - dacht, und da iſt es noͤthig, daß man ſolche woͤr - ter und redens-ausſuche, welche nicht mehr und nicht weniger ſagen, als die gedancken und re - gungen bey dem obiecto leiden. a)Dabey hat man achtung zu geben, daß nicht nur die haupt -idee205und deſſelben eigenſchaften. idee richtig zu treffe, ſondern auch inſonder - heit die neben-idee wohl ausgeſucht und ange - bracht ſey. b)Weilen auch die beywoͤrter am allermeiſten dazu beytragen, daß man adaͤ - quat rede und ſchreibe, ſo iſt bey ſolchen eben - falls zu unterſuchen, ob ſie bey denen haupt - woͤrtern einen rechten effect haben und ſelbige entweder gehoͤrig erklaͤren oder einſchraͤncken, und alſo nicht vergebens ſtehen, ſondern ſich zu den abſichten, die man bey dem ausdruck hat, ſchicken. c)
§. 7. Die reinlichkeit in dem ausdruck ge - bietet, daß man zwiſchen der gar zu groſſen cri -tic208von dem ſtilotic der Zeſianer,a) Ciceronianer und derglei - chen ſprach-richter, und zwiſchen der groſſen nachlaͤſſigkeit der galanten ſprach-verderber, die mittelſtraſſe halte, daß man den gelehrten und galanten gebrauch wohl beobachte, alte verlegne, neuerfundene worte,b) idiotiſmos anderer ſprachen und dialectorum,c) ver - worrene conſtructiones, verſetzung der ſchluß - woͤrter,d) einmiſchung frembder ſprachen,e) und dergleichen vermeide, und im uͤbrigen nicht wieder die regeln welche eine ſprache nach der Grammatick zum grunde hat, verſtoſſe. f)
§. 8. Mit der reinlichkeit iſt die deutlichkeit im ſtilo gar genau verbunden, denn wo man dieſe erhalten will, da muß iene nothwendig beobachtet werden. Auſſer dem aber iſt zur deutlichkeit noͤthig, daß man zweydeutige worte und redens-arten, viele propoſitiones incidentes, gar zu haͤuffige limitationes, epi - theta, participia, verwerffung der woͤrter, un - noͤthige ausdehnung und allzukurtze verfaſſung der periodorum vermeide, die tropos und figu - ren nicht zu haͤuffig und wieder die natur des obiecti, oder weit hergeholt, unbekannt und zu weit getrieben anbringe, welches alles wofern man ſonſt nur im kopfe deutliche begriffe hat, leicht ins werck zu richten.
§. 9. Bey der iunctur und ordnung der woͤrter iſt zu mercken, daß man hiebey die be - ſchaffenheit der ſache und die eigenſchaften der ſprache zum voraus erwegen muͤſſe, denn nach dieſem iſt die iunctur und ordnung der woͤrter einzurichten, hernach vermeidet man ſorgfaͤltig, daß nicht die natuͤrliche ordnung der ſachen durch die woͤrter verworffen werde, daß nicht gar zu viel vocales, nicht gar zu viel conſonan - tes zuſammen kommen, daß nicht gar zu viel gleichlautende ſylben, zu viel einſylbige oder zweyſylbige woͤrter auf einander folgen, oder auch ein conſonans oder vocalis zu ofte hinter - einander wiederholet werde, und endlich daß keine reime, termini klappantes oder wuͤrckliche verſe fuͤrkommen.
§. 10. Eine ſehr noͤthige und angenehme ei - genſchaft des ſtili iſt, die periodiſche ſtructur, welche nicht nur der deutlichkeit fuͤrtreflich zu ſtatten kommt, ſondern auch dem ſtilo eine be - ſondere annehmlichkeit giebt. Es beruhet aber dieſelbe auf die interpunction und den ſo ge - nannten numerum oratorium, iene zeiget, wie man einen periodum, durch commata, cola, ſe - micola und puncta unterſcheiden, und alſo der ſtimme zum ſteigen, ruhen und fallen, gehoͤrige zeit geben muͤſſe,a) dieſer aber iſt eine gewiſſe maſſe des gantzen periodi, dadurch derſelbe ineiner211und deſſelben eigenſchaften. einer gewiſſen zeit, mit bequemer reſpiration und dem obiecto gemaͤß, leicht auszuſprechen, und mit einer vergnuͤgung anzuhoͤren iſt. b)
§. 11. Endlich iſt auch eine hauptſaͤchliche eigenſchaft des ſtili, daß alle ſeine theile gegen einander in denen vorhergehenden und folgen - den ſtuͤcken, in einer guten harmonie und ver - haͤltniß ſtehen, und uͤberall ſaͤtze mit ſaͤtzen, peri - odi mit periodis auf eine ungezwungene art zu - ſammenhaͤngen. Jenes heiſt man die egalite oder gleichheit im ſtilo, dieſes die connexion und verbindung, und ſucht, zumahl in einer gan - tzen rede, nothwendig beyde, auf alle weiſe ge - ſchickt anzubringen. Die gleichheit richtet alles in einer rede nach der beſchaffenheit des obiecti, nach denen davon entſtandenen ge -dan -213und deſſelben eigenſchaften. dancken und regungen, und nach der einmahl angenommenen form zu reden, gleichſtimmig ein,a) und ob ſchon zuweilen veraͤnderungen in der rede fuͤrfallen, ſind ſie doch nur in dem aͤuſſerlichen putz derſelben zu ſpuͤren, und re - ſolviren ſich endlich, wie die in der Muſick an - gebrachte diſſonantien. b)Die connexion der periodorum, beruhet auf der verbindung und ordentlichen diſpoſition der gantzen rede, und iſt entweder verbalis oder realis,c) wel - che beyde nur darinn unterſchieden, daß bey iener die verbindung zugleich durch worte aus - gedruckt wird. d)
Das buch welches ich ſo oft bereits von Euch verlanget, habt Jhr mir endlich einmahl zu - kommen laſſen, weßwegen ich denn anietzo ſchuldigen danck abſtatte. Vor acht tagen war der ehrliche Curtius bey mir, und beſuchte mich in meinem neuen logis, welches mir ein be - ſonders vergnuͤgen verurſachte, da ich ihn in langer zeit nicht geſehen. Monſieur Sauſe - wind fuͤhret ſich ietzo recht unbaͤndig auf, daß alle leute davon zu reden wiſſen. Er verſpielt dem vater das geld, und wann er kein geld mehr hat, ſo ſchreibt er wechſel, ſolche nach des vaters tode zu bezahlen, ia er wuͤnſcht deßhal - ben recht ſehnlich, daß unſer herre Gott den alten holen moͤge. Bey der iungfer Hippo - craſſen liegt er gantze halbe tage, und wann er nicht bey ihr ſeyn kan, daß etwan ein andrer galant ſein rendezvous hat, ſo ſteht er in dem hauſe gleich gegen uͤber, und charmiret bald die fenſter-ſcheiben entzwey. Neulich hatte er einen ſolennen ſchmauß bey ſich, da ließ er auftragen, daß die tiſche knackten, und weilO 4faſt216von dem ſtilofaſt zehnerley weine fuͤrhanden waren, er auch keine complimente und aufmunterungs-gruͤn - de ſparete, ſo kame niemand ohne einen ziemli - chen ſchwindel nach hauſe. Herr Broſius hatte bey der gelegenheit im heimgehen mit denen ſaͤnftentraͤgern haͤndel, weil er die fenſter in der ſaͤnfte gantz illuminiret, und nachge - hends da ſie ihre durchſichtigkeit verlohren, als unbrauchbar entzwey geſchmiſſen, aber daruͤ - ber die haͤnde ziemlich bleſſiret. Die iungfer Machmitten iſt ietzo eine braut, und wird ehe - ſtens mit Hrn. Schoͤpschriſteln hochzeit halten.
Jch weiß nicht ob ich Euch bereits gemeldet, daß Mr. Fanfaron Euch fuͤr ſehr eigenſinnig halte, er hat ſich gegen mir ohnlaͤngſt etwas da - von mercken laſſen, vielleicht hat er Euch etwan auf der naſe ſpielen und zum beſten haben wol - len, Jhr aber ſeyd nicht diſponiret geweſen, es treuhertzig zu leiden. Gemeiniglich ma - chen es dergleichen wohlgezogne herrlein ſo, ſie wollen iedermann auf dem maule trummeln, und mit ihren Quichotiſchen ſtreichen, betruͤge - reyen und windmachereyen allen leuten eins anhaͤngen, wer es nun nicht ſo gleich verſtehn und mit einem tieffen reverentz annehmen will, den beſchuldigen ſie einer eigenſinnigen und verdrießlichen auffuͤhrung. Jhr werdet euch darnach zu richten wiſſen. Jch bin
Vôtre tres fidele ami,
Als ich unlaͤngſt die ehre hatte, in dero ge - ſellſchaft zu ſeyn, und mich aus dero converſa - tion zu erbauen, ſo geriethen wir unter andern auf die kennzeichen der rechten philoſophen, und brachten derſelben eine ziemliche anzahl zum vorſchein. Jch habe nachher dieſer ſache noch ein wenig nachgedacht, und gefunden daß man zu denen, derer wir neulich erwehnet, noch hinzu ſetzen koͤnnen. Mir deucht ein rechter Philoſophe habe inſonderheit dieſes an ſich, dadurch er ſich von denen andern unterſchei - det, daß er niemahls ſecten zu machen ſuchet, oder ſich wohl gar ſelbſt an die ſpitze einer ſol - chen ſecte ſtellet, die von ihm koͤnte benennet werden. Jch dencke dieſes ſey ebenfalls ein merckmahl eines guten Philoſophen, daß er nie - mahls befehlsweiſe ſeine gedancken fuͤrtrage und uͤber die begriffe der menſchen herrſchen wolle, ſondern bloß ihnen ſeine gedancken als einen guten rath mittheile. Jch glaube auch dieſes ſeyen kennzeichen eines Philoſophen, daß er nicht praͤtendire alles zu wiſſen, daß er ſich mehr nach andere leute bequeme, als ſeine eige - ne ehre nutzen, und commoditaͤt ſuche, daß er niemand verketzere, daß er ſich der ſtreitſchrif - ten enthalte, oder ſelbige doch mit aller ſanft - muth gelaſſenheit und hoͤflichkeit gegen ſein wiederpart verfertige (wovon man bey groſ -O 5ſen218von dem ſtiloſen ſtaats - und hofleuten aber nicht bey ſchul - fuͤchſen, lebendige exempel findet) daß er ſeine begierde zu wiſſen nicht zu weit treibe, daß er mehr in der ausuͤbung als in der theorie ſeine gute erkaͤnntniß zeige, und endlich daß er nie - manden fuͤr ſo gar ſchlimm anſehe, daß er auch das gute an ihm nicht eſtimiren ſolte. Jch weiß nicht ob ich in dieſen ſtuͤcken recht gedacht. Dero kuͤnftige zeilen werden mich deßfalls beſſer unterrichten, welche ich mit verlangen er - warte als
Dero ergebenſter Diener.
Elabor: Si quid vmquam, homini bene nato & educato, vtile eſt & neceſſarium, il - lud bonarum artium, litterarum, humanita - tisque ſtudium eſſe, firmiſſime mihi perſua - deo. Studiis parantur verae illaeopes ani - mi, quae non furto eripi, non incendio ab - ſumi, non naufragio abſorberi poſſunt, quae - quae certam rectamque viam commonſtrant ad perſequendum id bonum quo cetera omnia continentur.
Elabor: Jch duͤrffte zwar vielen wieder - ſpruch erfahren muͤſſen, wann ich ſagte: Da - vid ſey nach ſeiner natuͤrlichen gemuͤths-nei - gung, in ſofern er nicht vom H. Geiſt erleuch - tet, im hoͤchſten grad wolluͤſtig geweſen; ich dencke aber nicht daß man mich deßwegen zum ketzer machen und eines gefaͤhrlichen irrthums uͤberfuͤhren werde. Die wahrheit meines ſa - tzes erhellet aus ſeinem gefuͤhrten lebens-wan - del, ohne allen zwang gantz offenbahr. Furcht, geilheit, viele klagen, neugierigkeit, beliebung zur Muſick, weichhertzigkeit, mitleiden, thraͤnen, bemuͤhung nach freundſchaft, appetit zu guten eſſen und trincken, ſind die kennzeichen eines wolluͤſtigen, und alledieſe finde ich an David. Furchtſam war er als er fuͤr Saul und Abſo - lon flohe, als Seba einen aufruhr erregte, ia aus bloſſer zaghaftigkeit ſtrafte er den drey - fachen moͤrder Joab nicht. Seine geilheit zeigte er in der begebenhenheit mit der Bathſe - ba, da er ſoviel weiber hatte und ohngeachtet der groſſen menge die zu ſeinen dienſten ſtun - den, doch nach andrer leute weiber griffe. Nichts als klagen hoͤrte man von ihm, da Saul und Jonathan iener als ſein ſchwieger - vater, dieſer als ſein hertzens-freund gefallen war, da er ſeinen ungerathenen ſohn von dereiche220von dem ſtiloeiche, und das in unehren mit der Bathſeba erzeugte kind, von dem ſchoße ſeiner mutter, in das reich der todten laſſen muſte. Jch weiß nicht, ob nicht eine kleine neugierigkeit ihn in das lager getrieben, da er bißher nur ſeiner heerde lager und huͤrden wahrgenommen; Ob nicht das blut der helden, aus neugierigkeit und luͤſternheit gewaget worden, da er des waſſers aus dem brunnen unter dem thor zu Bethle - hem trincken wollen; Ob nicht aus bloſſer cu - rioſitaͤt vielleicht, gantz Jſrael von Dan biß gen Berſeba, gezehlet worden. Mit ſeiner harffe ſtillte er ofte die wut des melancholiſchen Sauls, ia ich glaube daß er auch ſeiner gar vergnuͤgten Bathſeba eines aufgeſpielet. Seine freundſchafts-liebe hat gar zu merck - wuͤrdige proben herfuͤrgebracht, als daß man ſelbige fuͤrbeygehen und daran zweiffeln koͤnte. Haͤtte er nicht auch zu guten eſſen und trincken belieben getragen, er wuͤrde ſich vielleicht nicht eben zu der zeit, da Nabal ſein ſchaͤffer feſt be - gieng, bey ihm zu gaſte gebeten, oder denen prieſtern ihre ſchau-brodte abgeborget haben, welche freylich beſſer ſchmeckten, als die brodte der gemeinen Juͤden ꝛc.
Elaboratio: Wer die gar beſondern und mannigfaͤltigen veraͤnderungen, welche das gluͤck mit denen armen ſterblichen fuͤrnimmt, in reiffe uͤberlegung ziehet, der wird befinden, daß dieienigen, welche ihre knie fuͤr den Baal der laſter nicht beugen, ſondern ſich vielmehr der tugend gaͤntzlich aufopfern, am allermeiſten von demſelben angefeindet und verfolget wer - den. Die goͤttliche allmacht, hat in dem ver - wunderns-wuͤrdigen reiche der natur, es alſo mehrentheils verordnet, daß ſich die beſte kraft der fruͤchte, die ſuͤſſeſten kerne, unter harte, bitte - re, und ſtachlichte ſchaalen verbergen, und von ihnen eingeſchloſſen, ihre rechte annehmlichkeit uͤberkommen muͤſſen. Die ſchoͤnſten roſen, wachſen in den gefaͤhrlichſten dornen, ein Myrrhenbaum giebt reichlicher ſeinen ſaft, ie heftiger er von denen winden beſtuͤrmet wor - den, und eine rechte tugend muß ſich unter de - nen bittern ſchalen eines ſcheinbaren elendes, unter den ritzenden dornen des ungluͤcks, und unter denen daher brauſenden ſturm-winden ihrer verfolger, der innerlichen guͤte ſuͤſſigkeit und fuͤrtreflichkeit getroͤſten. Lohenſtein ſagt gar artig:
Oft222von dem ſtiloOft zeucht das ungeluͤcke,Das ſchon gezuckte beil von hals und bruſt zu - ruͤcke,Wenn es die tugend ſieht mit ſtarren augen an.
Er thut zugleich einen blick in die alte Hi - ſtorie, auf den beruͤhmten Roͤmiſchen Marium. Als nemlich die zu Minturnum einen Gallier, ihm das leben zu nehmen, beordert, dieſer aber indem er den Marium erkennet, ſich zugleich der tapferkeit des Marii ſo er in dem Cim - briſchen kriege gegenwaͤrtig als gemeiner ſolda - te mit angeſehen, erinnerte, ſo entgieng ihm gleichſam alle kraft dem aufgetragenen be - fehl ein genuͤge zu leiſten, daß er auch das be - reits gezuckte gewehr voller beſtuͤrtzung und verwirrung von ſich werffen, und ſo gar den Mario zur erhaltung ſeines lebens dienen mu - ſte. Aber o ſeltzames gluͤck! haͤtteſt du dich mit der tapferkeit des Marii verbinden wollen, warum ſuchteſt du nicht vielmehr ihn fuͤr der - gleichen umſtaͤnde zu bewahren, darinn er alle augenblick den letzten ſtreich erwarten, und bloß durch eine hoͤhere ſchickung abhalten kon - te. Wilſt du der tugend deine annehmlich - keiten zu koſten geben, ſo erwarte doch nicht eine zeit da ihnen der geſchmack, ia alle ſinne be - reits vergangen!
Jhr habt mir abweſend ein kennzeichen Eurer freundſchaft, in uͤberſchickung des bewuſten buches, zu meinem groſſen vergnuͤgen gegeben. Was wuͤrde ich nicht erſt fuͤr eine freude bey mir empfinden, wann ich die ehre haben ſolte Euch gegenwaͤrtig zu kuͤſſen? Eine ſolche freu - de hat mir neulich der ehrliche Curtius gemacht, da er nach einer langen abweſenheit mich in meinen neuen logis beſuchet. Was meint ihr hingegen wie mir zu muthe ſey, wañ Mr. Sau - ſewind mit ſeinen ungezognen manieren mich uͤberfaͤllt, und mir meine koſtbare zeit, am mei - ſten aber meine ſtille ruhe, mit ſeinen incompre - henſibilitaden und unverſchaͤmten weſen rau - bet. Gewiß wann der unbaͤndige kerl auf reiſen geht und nach Franckreich kommt, da wird er ſich fuͤr les petites maiſons huͤten muͤſſen, wo nicht kuͤnfftige hundstage ihm etwas fatales begegnet; ſein geld verſpielt er gantz in cognito, uñ dazu die helfte von ſeines vaters vermoͤgen. Seine ehre und zeit vertaͤndelt er mit der Jfr. Hippocraſſen, und damit auch ſein eignes logis merckmahle von ſeinen thorheiten bekomme, ſo ſchmauſet er fleißig, und laͤſtden wein aus de - nen bouteillen in die maͤgen und aus den maͤ - gen in die ſtube ſchuͤtten, daß bediente, maͤgde, ſaͤnfftentraͤger, haͤſcher und mit dieſen die gan - tze ſtadt ſeine ſchwelgerey und ſeiner gaͤſte auf - fuͤhrung zu ruͤhmen haben. Jch moͤchte wohl wiſſen, ob er klug werden koͤnne, wann manihm224von dem ſtiloihm eine frau geben wird, denn man glaubt ia ſonſt das viel maͤnner durch ihre weiber klug werden. Herrn Schoͤpschriſteln dem es an ei - ner andern art der klugheit fehlet, wird die Jfr. Machmitten aus eben der urſach in die ſchule fuͤhren, denn ſie werden naͤchſtens hochzeit hal - ten, und weil alle leute von ihrer klugheit uͤber - zeuget ſind, ſo zweifle ich nicht die zucht werde wohl angewendet ſeyn, wenigſtens ſchicken ſie ſich ſehr wohl zuſammen, und machen ein voll - kommen paar, da ſie zu viel und er hingegen bißher zu wenig raffiniret. So viel als ich ge - mercket wuͤrdet ihr und Mr. Fanfaron euch wohl nicht ſo gut zuſammenſchicken, denn er haͤlt Euch fuͤr eigenſinnig, und Jhr glaubt er ſey geſchoſſen. Vielleicht hat er gedacht, ve - xatio dat intellectum, und hat euch wollen klug machen, Jhr aber habts umgekehrt und Eurem meiſter lection gegeben. Jnzwiſchen koͤnt ihr hieraus von mir, ohne in die ſchule zu gehen, lernen, wie er gegen euch geſinnet. Von mir wiſſet Jhr ſonſt mehr als zu wohl, daß ich iederzeit, mit aller aufrichtigkeit ſey
Vôtre tres fidele ami.
Nachdem es dem hoͤchſten gefallen, mei - nen bruder durch einen ſeeligen tod aus dieſer zeitlichkeit abzufodern: So kan ich nicht um -hin,225und deſſelben eigenſchaften. hin, ſolches demſelben zu hinterbringen. Und gleichwie ich vielfaͤltig ſeine aufrichtige freund - ſchaft verſpuͤret: Alſo hoffe, Er werde mir auch ietzo eine probe ſehen laſſen, und zur lei - chenbegaͤngniß erſcheinen. Jmmaſſen ich denn verſichere, daß mir ſolches zum ſonderba - ren troſt gereichen werde. Jm uͤbrigen wuͤn - ſche in froͤlichen faͤllen Jhm dafuͤr meine er - kaͤnntlichkeit zu zeigen, der ich verharre
Deſſelben dienſtwilligſter.
Daß der hoͤchſte Deſſen geliebteſten bruder zu ſich genom̃en, und alſo Sein hauß mit einer trauer beleget: Solches habe ich mit nicht ge - ringem beyleid aus Deſſen zeilen erſehen. Da ich nun von Demſelben ſo guͤtig zu dem leichen - begaͤngniß des ſeel. herrn bruders eingeladen werde; auch uͤber dieſes meine freundſchaft gegen Demſelben erfodert ſolchen liebes-dienſt willigſt uͤber mir zu nehmen: Als habe ich be - ſchloſſen zu Jhm zu kommen und gegenwaͤrtig mit mehrern meine condolence abzulegen. Ge - ſtalt ich dann mich gleich nach verſiegelung dieſes auf den weg machen werde. Verblei - be inzwiſchen nebſt beygefuͤgter verſicherung meiner ergebenheit, Deſſen
dienſtergebenſter.
Zu dergleichenconnexion hat Kemmerich l. c. aus dem Weiſen gantze modelle gegeben, welche ichPfuͤr226von dem ſtilofuͤr leute die ſonſt nicht ordentlich gedencken und verbinden koͤnnen gar dienlich erachte, fuͤr ande - re moͤchte es wohl etwas zu kindiſch ſeyn.
Thema: Otto der III. hatte eine unkeuſche gemahlin; ihre liebe fiel auf einen iungen gra - fen von Modena; er wiederſetzte ſich ihreman - ſuchen; ſie verklagte ihn als ob er ihr etwas ſchaͤndliches zugemuthet; er wurde hingerich - tet; ſeine gemahlin bewieß durch anruͤhrung eines gluͤenden eiſens ſeine unſchuld; die kaͤy - ſerin bekennete ihre uͤbelthat und wurde ver - brannt. (Jch habe dieß exempelin meiner iugend gemacht, da ich meinte, es waͤre eine wahre hiſtorie, ietzo bin ich anders geſinnet und wuͤrde es auch beſſer machen. Doch exemplorum non requiritur veritas, und ich kan kein beſſers ſo gleich finden.)
Elaboratio: Eitelkeit und laſter ſind ſo er - ſchrecklich, daß ſie auch in die pallaͤſte der maͤch - tigſten potentaten, deren winck unzehliche men - ſchen gehorſamen, fuͤr deren thron ſich uner - meßliche reiche demuͤthigen, ungeſcheut eindrin - gen und ihren hohen beſitzern mit laſterhaften feſſeln zu draͤuen, kein bedencken tragen. Die gemahlin des occidentaliſchen monarchen Ot - tonis des dritten, kan die unumſtoͤßliche wahr - heit meines ſatzes mit ihrem ungluͤckſeeligen exempel ſattſam bekraͤftigen. Jedermannder227und deſſelbigen eigenſchaften. der einige faͤhigkeit beſaß, menſchliche vollkom - menheiten zu beurtheilen, muſte ſie fuͤr die Ve - nus des praͤchtigen regenten-himmels halten, und die ſonne des Roͤmiſchen Reichs Otto kon - te die ſtrahlen ſeiner hoheit und tapferkeit nicht ſoweit ſchieſſen, als der glantz ihrer ſchoͤnheit ſich in dem groͤſten theile der welt blicken ließ. Groſſen ſchoͤnheiten pfleget die wolluſt, als ei - ne zauberiſche Circe, am meiſten nachzuſtellen, und ihre annehmlichkeit am erſten, durch an - hengung eines garſtigen laſters, in eine thieri - ſche ungeſtalt zu verwandeln; die kaͤyſerin aber war kein Ulyſſes welcher dieſem zaubergifte kluͤglich haͤtte entgehen koͤnnen. Sind die neigungen ſturmwinde, ſo iſt die wolluſt gewiß der heftigſte, und da die kaͤyſerin ihre auffuͤh - rung, wie ein kluger ſchifmann das ſchif, nicht wohl zu regieren wuſte, ſondern ſich vielmehr derſelben freywillig preiß gabe, ſo wurde ſie endlich auf die klippen der unkeuſchheit geworf - fen, und muſte daran mit ihrem gaͤntzlichen un - tergange zu ſcheitern. Dabey gienge ſie nicht allein zu grunde und in das verderben, ſondern ihr fall, oder daß ich recht ſage, ihre boßheit, riſſe einen von der unſchuld ſelbſt bekroͤnten grafen von Modena, elendiglicher weiſe zugleich in den abgrund. Dieſer hatte bißhero in den dienſten des maͤchtigen Ottonis, tapferkeit, treue, und klugheit, ſeinem allerdurchlauchtig - ſten oberhaupte gewiedmet, und es waren auch ſeine verdienſte, durch die kaͤyſerliche gna -P 2de228von dem ſtilode, nicht nur gebilliget, ſondern auch erhoͤhet worden. Sein edler und tugendhafter geiſt, hatte denen innerlichen vollkommenheiten, eine aͤhnliche und anſtaͤndige wohnung auserleſen, und da ihn die natur mit einem wohlgebildeten angeſichte und maieſtaͤtiſcher ſtatur begabet, ſo traf es bey ihm ein, daß in einem ſchoͤnen leibe ein ſchoͤner geiſt zu wohnen pflege. Hatte ſich aber tugend und natur gegen ihm guͤtig erwie - ſen, ſo ſchien es, als wann dadurch die eyfer - ſucht des gluͤcks erreget worden, daß dieſes auch ſich zu raͤchen es alſo gefuͤget, damit das hertz der kaͤyſerin durch geile flammen entzuͤndet, den unſchuldigen grafen, ſeiner eyferſuͤchtigen wut aufopfern muͤſſen. Denn wie in geilheit ent - brannte ſeelen, weder goͤttliche noch menſchliche geſetze ſcheuen, die feſteſten baͤnder zertrennen, und auch mit der aͤuſſerſten lebens-gefahr ihre brennende begierden, in dem meere der luͤſte abzukuͤhlen ſuchen, ſo ſuchte auch hier die feuri - ge liebe der kaͤyſerin, theils durch die blitze eines ſochtenden auges, theils durch die mit ſchmach - tenden lippen ſehnlichſt herfuͤrgebrachten wor - te, theils durch alle nur erſinnliche liebes-bezeu - gungen, das hertz des grafens zu erweichen, und in eine gleichfoͤrmige, obſchon verbotene glut zu ſetzen. Sind nun ſonſt die liſtigen verſtellun - gen einer lockenden Sirene, und der ſchmeichel - hafte mund einer luͤſternden Evaͤ vermoͤgend, alles zu ſclaven und unmoͤgliche dinge moͤglich zu machen: So waren ſie doch hier, gegen dasgeſetzte229und deſſelben eigenſchaften. geſetzte gemuͤth des tugendhaften grafens, un - nuͤtze waffen. Waren der kaͤyſerin holdſeelige blicke, pfeile, ſo war ſein hertz ein felſen, auf ſol - chem muſten ſie zuruͤcke prallen, waren ihre liebreitzende worte bande, ſo wurden ſie an den haͤnden dieſes Simſons wie verſengte faden. Er hatte gelernet, man muͤſſe am hofe bey ge - wiſſen faͤllen mit ſehenden augen blind, und mit hoͤrenden ohren taub ſeyn, weil die am beſten ſingenden, am erſten zu fangen, und die am liebreichſten ſcheinenden, am begierigſten zu freſſen pflegen. Alſo war er ein Salaman - der, in den flammen dieſer unkeuſchen, und ein Joſeph, welcher ſeinen Gott fuͤr augen, die tu - gend im hertzen, und die ſeiner gemahlin ge - ſchworne treue in unverwelcklichen andencken hatte, was wunder dann, daß er das ungezie - mende anſinnen, der kaͤyſerlichen gemahlin, be - ſtaͤndig abſchlug. Die einer wolluͤſtigen da - me verſagte liebe, iſt ein unbetrieglicher vorbo - te, der gewiß erfolgenden rache, und wie man ſich fuͤr denen im heiſſeſten ſommer auf ſteigen - den gewittern, am meiſten zu fuͤrchten, alſo kanſtu bey deiner tugend ungluͤckliche graf, von der, durch deine abſchlaͤgige antwort er - zuͤrnten kaͤyſerin, nichts als blitz und donner - ſchlaͤge vermuthen. Der grafnachdem er ei - ne ſolche gelegenheit großmuͤthig ausgeſchla - gen, welche von andern aͤngſtiglich geſuchet wird, muſte in weniger zeit erfahren, daß die keuſchheit denen grauſamſten verfolgungenP 3aus -230von dem ſtiloausgeſetzet, und daß laſterhafte gemuͤther den ſpiegel, welchem ſie ihre ſchandflecken gewieſen, gemeiniglich zerbxechen. Verlaͤumbdungen haben nicht geringe macht, und ich werde durch die ungluͤcklichen begebenheiten, ſo dieſes laſter anrichtet, leicht auf die gedancken ge - bracht, daß kein ungeheuer und raſende teuf - fels-brut, dem menſchlichen geſchlecht ſo nach - theilig und ſchaͤdlich ſey, als eben verlaͤumb - dungen. Dieſe waren es auch, deren ſich die kaͤyſerin als werckzeuge ihrer rache bediente, und ſie durfte nur bey ihrem gemahl ſich bekla - gen der graf habe ihr unzucht angemuthet, ſo waren alle gute eigenſchaften deſſelben, in den augen des durch die eyferſucht geblendeten und aufgebrachten kaͤyſers, und alle dem kaͤyſerli - chem ſcepter geleiſtete dienſte, bemuͤhungen, der kaͤyſerin liebe zu erzwingen. Kurtz ſein todt war eine wuͤrckung der abgeſchlagenen liebe, und die kaͤyſerin ſahe mit freuden ſeinen, der unſchuldigen ſeele beraubten, leib, unter den haͤnden des henckers. Allein, triumphire nicht unkeuſche moͤrdeꝛin. Tugend und unſchuld wird gar leicht unterdruckt, aber ſie bleibt nicht lange unterdruckt, oder findet wenigſtens, mit - leiden, freunde ia wohl gar ſcharffe raͤcher. Die gemahlin des erwuͤrgten grafens, wird durch das um rache ſchreyende blut, ihres unſchuldi - gen ehe-herrns bewogen, mit einer damahls uͤblichen feuer-probe, durch unverletzte beruͤh -rung231und deſſelben eigenſchaften. rung eines gluͤenden eiſens, ſeine unſchuld an den tag zu legen und zu bewaͤhren. Zu dieſem fuͤgte ſich die unruhe eines geaͤngſteten und auf - wachenden gewiſſens. Solches iſt die aͤrgſte tortur boßhaft geweſener menſchen, und wer dieſes in der ſeele hat, iſt weit ungluͤcklicher, als derienige, welcher eine ſchlange im buſen traͤgt, und deſſen begleiter ein allzeit fertiger hencker iſt, und eben dieſes folterte dieſe printzeſſin al - ſo, daß ſie lieber ihre uͤbelthat und des grafen unſchuld bekennen, als ſich einer irdiſchen hoͤl - le aufopfern wolte. Darauf folgte eine er - ſchreckliche ſtraffe, und es ſchien als wann mehr die vereinigung ſo vieler geiſtlichen flammen, dieſe ungluͤckſeelige, endlich in aſche verwan - delt haͤtte, als der bey Modena aufgerichtete ſcheiterhauffen, auf welchem ſie ihr leben mit einem entſetzlichen ende iaͤmmerlich beſchlieſſen muſte. Die nachwelt aber kan aus ihrer aſche leſen: Hohen haͤuptern werde am gefaͤhrlich - ſten von denen laſtern nachgeſtellet, und den - noch ihre miſſethaten am ſchrecklichſten heimge - ſuchet, wann die Goͤttliche allwiſſende Maie - ſtaͤt, mit raͤchenden arme, was im finſtern be - gangen, an die ſonne herfuͤrziehet.
§. 12. Und dieſes waͤren dieienigen eigen - ſchaften des ſtili, ohne welche derſelbe, ein un - formlicher miſchmaſch zuſammen gehaͤufter worte bleibt, und welche hingegen wann ſie wohl in acht genommen und angebracht, als die wahrhaftigen und natuͤrlichen zierrathenP 4deſſel -232von dem ſtilodeſſelben anzuſehen. Zu dieſen kommt nach - gehends die kunſt, und bemuͤhet ſich den ſtilum, durch allerhand arten von tropis und figuren, durch lauter wohl ausgeſuchte argumenta illu - ſtrantia und pathetica, ohngeachtet die natuͤr - liche expreſſion dergleichen eben nicht nothwen - dig erfoderte, lebhaftig, ſinnreich, hoch und an - genehm zu machen. Doch iſt bey dieſen zu mercken, daß ſie nicht am unrechten ort, nicht wieder die natuͤrliche eigenſchaften des ſtili, nicht zu haͤuffig, und nicht alsdann ſchon ange - bracht werden, wenn man noch nicht die natuͤr - lichen eigenſchaften recht beobachtet hat.
§. 13. Da nun durch ſelbige alle theile der expreſſion erhoͤhet, die gedancken nachdruͤckli - cher, die regungen heftiger und die worte mit denen dazu ſorgfaͤltig ausgeſuchten neben - ideen bald maieſtaͤtiſcher bald anmuthiger werden, ſo entſtehet daher eine beſondere leb - haftigkeit des ſtili, welche das gemuͤth des zuhoͤ - rers im nachſinnen unterhaͤlt, ſeine einbildung beluſtiget, ſeine neigungen auf eine angenehme art erreget, und das gehoͤr inſonderheit ergoͤtzet, aber eben deßwegen nicht gar zu gemein zu ma - chen, noch uͤberall anzubringen iſt. a)
§. 14. Jnſonderheit iſt es noͤthig, daß man mit denen tropis und figuren, vernuͤnftig um - zugehen wiſſe, und ſelbige nicht ungeſchickt aus -P 5theile234von dem ſtilotheile. a)Beyde muͤſſen in der natur des ob - iecti und der gedancken davon gegruͤndet ſeyn, und denen eigenſchaften des affects ſich con - formiren, denn wo dieſe hauptſtuͤcke fehlen, da iſt auch die anbringung der troporum und figu - ren ein fehler. Alſo ſind alle dieſe kuͤnſtliche und gute zierrathen billich zu verwerffen, wañ man ſie bey keinen hohen und pathetiſchen obiectis anbringet,b) wann ſie monſtroͤſe ideen rege machen,c) alle ſo wohl natuͤrliche als morali - ſche capacitaͤt uͤberſchreiten,d) keine natuͤrli - che ſchoͤnheit zum grunde haben und dannen - hero mehr fuͤr eine laͤppiſche ſchmincke,e) als angenehmen putz zu halten.
§. 15. Wo man dieſe hier beygebrachte cautelen negligiret, den ſtilum gar zu ſehr kuͤn - ſtelt, mit fleiß und ohne noth ungebraͤuchlich redet, allzu ſinnreich und erhaben ſprechen will, ſo entſtehet ein pedantiſcher, phantaſtiſcher, aufgeblaſener und abgeſchmackter ſtilus, wel - cher bey geringen dingen die praͤchtigſten zier -rathen236von denen unterſchiedenen artenrathen verſchwendet, und deren veraͤchtlichkeit nur noch mehr dadurch an den tag bringet; welcher von auſſen allerley unnuͤtzen pracht herbey holet, ohne das weſentliche ſchoͤne zu conſideriren; welcher bey dem putz auf nieder - traͤchtige, gezwungene und laͤppiſche kleinigkei - ten verfaͤllt, und an ſtatt ſolider gedancken, kin - diſche einfaͤlle fuͤrtraͤget.
VOm ſtilo in anſehung des obiecti, § 1. und zwar vom ſtilo humili, §. 2. Vom ſtilo mediocri, §. 3. Vom ſtilo ſublimi, §. 4. Vom theoretico und pathe - kico, §. 5. Vom erudito und zwar vom Theologico, §. 6 Vom Juridico, und curiaͤ, §. 7. Vom Medi - co, Philoſophico, Mathematico, §. 8. Vom Hiſto - rico, §. 9. Vom ſtilo in anſehung der gedancken, §. 10. Vom ſtilo ingenioſo und arguto, §. 11. Vom ſtilo ſa - tyrico, §. 12. Poetico 13. Vom Butlesque, §. 14. Vom ſtilo in anſehung der ſprachen, §. 15. Vom La - teiniſchen, §. 16. Vom Teutſchen, §. 17. Vom de - clamatorio, §. 18. Vom theatrali, §. 19. Vom lu - xurianti, §. 20. Vom conciſo, ſententioſo, §. 21. Vom ſtilo rotundo, §. 22. Vom ſtilo in anſehung des re - denden, §. 23. Jn anſehung des hoͤrenden, §. 24. Vom ſtilo familiari, dialogiſtico, §. 25. Vom galan -ten237des ſtili inſonderheit. ten ſtilo, §. 26. Vom caͤrimonioſo, §. 27. Vom epiſtolari, §. 28. Vom dogmatico und polemico, ꝛc. §. 29.
§. 1.
D Je mancherley zufaͤlligen dinge, welche bey dem ſtilo die weſentliche eigenſchaf - ten deſſelben, vielfaͤltig bey der anwen - dung modificiren, und die verhaͤltniß ſeiner thei - le in etwas veraͤndern, bringen auch verſchie - dene arten des ſtili herfuͤr. a)Die wichtigſte veraͤnderung entſtehet, von den unterſchiede - nen obiectis, deren iedes einen beſondern ſtilum erfodert. Jſt das obiectum ſinnlich, ſo bekom̃t man ſtilum ſimplicem, der ſicy auf den univer - ſellen gebrauch gruͤndet; iſt es abſtract, ſo ent - ſteht der ſtilus eruditus, nach dem gelehrten ge - brauch; bey niedrigen obiectis iſt der ſtilus hu - milis; bey hohen, der ſublimis; bey mittel - maͤßigen, der mediocris zugebrauchen; gehet es den verſtand allein an, erfordert es ſtilum theo - reticum; gehet es den willen an, erfodert es patheticum u. ſ. f.
§. 2. Unter dieſen iſt der ſtilus humilis der geringſte in anſehung des obiecti, aber der ſchwerſte und nothwendigſte in anſehung ſeines gebrauchs. a)Seine groͤſte kraft zeiget er in dem adaͤquaten ausdruck, daß er von niedrigen dingen, zwar dem obiecto aͤhnliche, aber deßwe - gen nicht abiecte gedancken, ohne heftige be - wegung, mit deutlichen, natuͤrlichen worten fuͤrtrage, ſelbige in einen flieſſenden numerum, maͤßige periodos, gelinde iunctur, mit deutli - chen connexionibus zuſammenfuͤge, und hin - gegen die kuͤnſtliche zierrathen als tropos und figuren ſo viel moͤglich vermeide.
Quocumque demum me in hac rerum vniuerſitate vertam, Auditores, ingemiſcen -tes240von denen unterſchiedenen artentes audio & vociferantes hominum turbas: O Deus in quae nos reſeruaſti tempora! Ea enim eſt humani generis conditio, vt qui - dem in tempore viuat, ſed nunquam tempo - re in quo viuit, contentum viuat. Puericonti - nuis in votis habent, vt ex ephebis excedant, aetatem iuuenilem adepti virilem cupiunt, illam ſi conſequantur, anxie non ſolum con - iugia deſiderant, ſed ſimul voto expetunt vo - luptates, diuitias, honores, quando demum vlterius aetate prouehi nequeunt, praete - ritam repetunt, atque maiorum tempora laudibus tantum non in uidendis extollunt. Rationibus ſe deſtitui neutiquam patientur, ſed quibus ſint muniti, dudum innotuit ho - minibus recta ratione rite inſtructis. Eſt quidam neglectus ſapientiae, qui loco ſum - mi boni virtutis atque inde propullulantis tranquillitatis animi, affectuum nebulis ho - min um animos occoecantibus, iis bona re - latiua obiicit, quae pro ſummo paſſim am - plectuntur. Accedit huic neglectui rectae rationis, affectuum in aeui praeſentis ho - mines dominium, dum quidquid recta ra - tio de bonis eiusmodi relatiuis ſummo poſt - ponendis dicat, ſurdae pulſantur aures, ipſi vero affectus non vt decebat ſuffocati, ſed magis magisque in altum elati in infinitum tendunt, animosque perpetuis curarum & votorum procellis agitant, vt ſemper alia aliaque tempora exſpectent, & tandem inrepeten -241des ſtili inſonderheit. repetendis maiorum temporibus deſinant. Egregiae ſane, quibus ſua muniunt vota ho - mines huius ſaeculi, rationes! Sed ne iniu - rius ſim in eos, ipſorumque famae aliquid detrahere videar, adducam quae reſtant, ſi vobis ita videbuntur Auditores, alicuius momenti rationes, quas votis ſuis praetexunt laudatores temporis acti, & quas ob cauſſas, maiorum tempora exoptanda forent, mon - ſtrabo. Id quidem praeſenti tempore maxi - me negotium mihi datum eſſe duxi, vbi cir - cum voluente anno, votorum atque gratu - lationum ſtrepitu, omnia reſonare audi - mus, vbi & mea mouet religio pectora, vt parentibus atque patronis, pro huc vsque plane ſingularibus praeſtitis beneficiorum generibus, debitas perſoluens gratias, fau - ſtum noui anni initium ipſis apprecer. Si ergo dignam hoc tempore materiam, ſi di - gnum filio iudicatis orationis meae finem, Auditores, fauentes aures mihi haud detre - ctate. Sic comte ſatis & erudite hac de re diſſeruero, ſic optatum attingere ſcopum potero longe facilius.
Atque vt inde exordiar, vnde in rebuspu - blicis noſtris agendi& omittendi principia in ſubiectos influunt, accuratius tempora ma - iorum inſpicienti, oculis ſeſe animi obiici - unt, iuſti Ariſtides, Juſtiniani, fortes bello Cæſares, Scipiones, benigni atque clemen - tes Auguſti, Veſpaſiani, ſtudia rerumpubii -Qcarum242von denen unterſchiedenen artencarum decus promouentes atque colentes Caroli. Frequens ſane fuit antiquum aeuum principibus, ex voluntate Dei ſalutem ſubdi - torum in libertate vel ſecuritate confirman - tibus, & ſi vel maxime tulit vnum alterum - ve officia boni principis negligentem, non - dum abſoluta erat vt hodie imperantium vis, ſed certis limitibus circumſcripta, nec populo aut animus aut facultas deerat, trans - gredientem limites ad carceres & ſupplicia rapere, & ſucceſſori documentum ſtatuere. Si vero non conceſſum erat, imperantes, li - centia regniabutentes, penitus ſupprimere, ſubditos defeciſſe vt plurimum docent hiſto - ricorum monumenta. Sceptra capeſſebant, populi, penes quem ſumma poteſtas eſt, au - ctoritate & voluntati ſurrogati. Sicelectio - ne, non ſucceſſione, ſummum in republica dignitatis faſtigium conſcendentes, non po - terant non, populi amorem ſibicomparan - di deſiderio ardentes, optima quaeque ſuſci - pere, cumantea, vt ſuffragia omnium, ad di - gnitates viam ſternentia, obtinerent, vitae ac morum integritate conſpiciendos ſe praebere non deſiiſſent. Ceteroquin po - ſterioris aeui principibus non amor populi, non vigor intellectus, non morum integri - tas, non in ſtudia & bonas quascumque ar - tes propenſio, non bello exercitata manus, ſed, quod ferme pudet dicere, patris cum matre libidinoſa coniunctio, vnice vnicequepote -243des ſtili inſonderheit. poteſtatem & ius ad faſces imperii arripien - dos conceſſit. Hinc illae lacrimae, hinc il - la ſuſpiria ob calamitatem temporum prae - ſentium, hinc illa temporum praeteritorum deſideria. Nati quidem in purpura, raro tamen & ferme per miraculum digni impe - rio euadunt. Fidei eiusmodi hominum committuntur, qui dum ipſi recte viuendi rationem nondum didicere, id tantum agunt vt puero principi ad affectuum liberiorem excurſionem portam adaperiant, dum fre - na quidem laxare, non reſtringere ſciunt ne aliquando gratia futuri principis excidant. Inde gaudete quis canibusque, fertur impetu quodam in ſequiorem ſexum, geſtit miniſtros exagitare, ſubditos variis artibus ludibrio exponere & operoſe diuexare. Monitori - bus aſperum, ſtudiis inimicum, religionis ir - riſorem, veritatis impatientem ſe ſe gerit, & quodlibet audendi ſibi facultatem éſſe re - lictam ſoli, credit. Tandem ſolium pater - num ſcandens, qui ipſe ſibi imperare non - dum didicerat, & humanas & diuinas vili - pendet leges, patrum legens veſtigia, vitiis magis quam virtutibus clara, ſubditos liber - tate exuit, nec damnum in ſecuritate ſtabili - enda reponit. Arcana dominationis pri - marium ſuarum actionum ponit finem, ſe - cundarium vt fines imperii latius extendens, multis licet iniuſtis acceſſionibus id augeat. Priuilegia & iuramenta negligit, & vt ipſeQ 2affe -244von denen unterſchiedenen artenaffectibus ſuccumbere ſueuit ita ſubditos va - riis ſuis & vagis affectibus obedientiam iu - raſſe ſibi perſuadet. Quis vmquam antiquis temporibus tanta facinora ex circumſcripta imperantium vi & electione timuit, quanta hodie ex ſucceſſione & illimitata principis voluntate ſentimus. Nolo vlterius progredi, & ex antiqua Germanorum hiſtoria de mon - ſtrare, quam felix fuerit eorum aetas quam fortunata, dum plane imperantibus deſtitu - ti, nihilominus virtutem ſectari, fidem da - tam ſeruare, fortitudine inclareſcere, ami - citiam colere, non intermiſerunt. Vnicum addendum eſſe exiſtimo, ex peruerſa ſum - morum principum vitae conditione, vitia quoque trahere alios, imperantium perſo - nas gerentes. Princeps dum ſtudia negli - git, nec dignos muneribus publicis admouet, nec indignos remouet, ſed eius generis ho - mines, qui cum principe vel Baccho, vel Veneri, vel Marti, litare ſibi gloriae ducunt, vel quouis modo pro amplianda dignitate, aut corradendis principi pecuniae ſummis, nati videntur. Olim virtute duce, officiis intromiſſi, etiam virtutibus iis praeeſſe ſa - tagebant, virtutibus deſtituti, virtutum ta - men ſimulacris ſuffulti atque conſpicui vi - debantur; nec ibi ſanguinis aut diuitiarum habebatur ratio, ſed ſcientiae, experientiae atque virtutis, quibus ſolis homines caputſupra245des ſtili inſonderheit. ſupra vulgus efferunt. Statu politico im - medicabili vulnere laborante, quid de eccle - ſiaſtico exſpectabimus? Arcta hi duo inter ſe connexione iuncti, conſpiratione quadam quaſi inita, nonnunquam quidquid ad rei - publicae tranquillitatem referri poterat, de - ſtruunt. Mirabimini, Auditores, me tam li - bere de ſtatu noſtrorum temporum perdito declamare, ſed ne paradoxa vobis proponere me iudicetis, maiorum quaeſo noſtrorum tempora euoluite atque imagines ſacrorum virorum, quo decet, animo tantiſper remiſ - ſo, intuemini. Quem, quaeſo inter noſtros hodie monſtrabimus Chryſoſtomum, Mar - tinum, Ambroſium, Auguſtinum, Macari - um, Taulerum, Thomam a Kempis, Luthe - rum, Melanchthonem, Arndtium. Non dico plane nos carere viris ſacris muneri - bus admotis, piis, eruditis, vitae & doctri - nae puritate conſpicuis, ſed non tam fre - quentes eos inter nos eſſe, vti antiquiſſi - mis temporibus, hoc eſt quod dolemus. Hoc palmarium viro ſacro, miniſtro eccleſiae eſſe duco, vt officia hominum & obligatio - nes ex lege diuina explicet, & exemplo ſuo rudiores, quibus rationes percipere natura nouerca interdixit, dirigat. Ethoc palma - rium ſibi olim putabant verbi diuini inter - pretes, cum aut nullis aut ligneis inſtructa templis eccleſia, aureis niteret ſacerdotibus. Non ſane, quod plerumque obſeruamus,Q 3variis246von denen unterſchiedenen artenvariis machinationibus & captionibus oc - culte directis, ſacras prouincias auide arri - pere tentabant, ſed vel oblatas recuſabant, ſecum habitantes, ſuam expendentes imbe - cillitatem, ſacri muneris vero dignitatem. Introductinon gazophylazia ſua augere, va - riis ventrem deliciis infarcire, ciſtas auro argentoque implere, affectus titillare, ſtude - bant, ſed fame ac ſiti premi, immo ad ſuppli - cia rapi, leue quoddam huius vitae incom - modum aeſtimabant, ſi hac ratione audito - rum erigi in Chriſtum fidem aut corroborari poſſe intelligebant. Noſtris interdum ho - minibus ſatis eſt, per aliquot horas in vm - bone ſacro balbutiiſſe, ita vt non immerito quis cum Knittelio dixerit: Ecce iterum verbum Domini loquitur per aſinam Balaa - mi. Reliqua, quae munus exigere videtur eccleſiaſticum, ceu opus operatum finiiſſe gaudent, ac ſibi plaudunt, crumena probe diſtenta exinde rediiſſe, de cetero imperare potius auditoribus & conſcientias illimitato dominio crudeliter coërcere, quam iis ſer - uire & infirmitatibus pie ac moderate ſuc - currere ſciunt. Principi aliisque reipubli - cae curam ſiniſtre gerentibus, tantum abeſt vt admonitionibus, tam publicis quam pri - uatis, officia boni imperantis infulciant, vt potius quidquid imperantes facinoris perpe - trent, ſub ſpecie prudentis conſilii ac ſingu - laris plane actionis ſubditis commendent,ne247des ſtili inſonderheit. ne forſan S. Joh. Baptiſtae aut Chryſoſtomi a[d]uerſa fata ſubire cogantur. Qualis rex, talis grex, quales paſtores, tales oues. In corpore vbi nec cor nec caputſana ſunt, ce - tera membra male ſe neceſſario habent omnia. Antiqua tempora & bonis ciuibus & multitudine ſapientum & optimis Chri - ſtianis conſpicua, quid noſtris in hac re deſit per hiſtoricos ſatis loquuntur. Portenta inter Athenienſes fortitudinis atque erudi - tionis, inter Romanos fidei & honeſtatis, in - ter Germanos magni animi, frugalitatis, a - moris ſocialis, nouimus. De Chriſtianis ſaeculorum primorum vel tantum circa re - ſurgentis purioris doctrinae tempora, quan - ta quaeſo pietatis, deuotionis, conſtantiae, caritatis, fidei in Chriſtum exempla audiui - mus. Noſtra aetas, nec ſtudia, nec pietatem, nec honeſtatem, nec bonas artes colit. Inde eſt, quod ſtudiis ſacrati in falſa eruditione ſubſiſtant, & ſaltem de pane lucrando cogi - tent, ſic praeiudiciis auctoritatis atque prae - cipitantiae plane immerſi, nil niſi patrum effata, vel noua penitus omnia inuenta, cre - pant. Et liberalium & illiberalium artium ſtudioſi, non eapropter omnes intendunt neruos, vt omnium vtilitati conſulant, qui proprius eſt ſcientiarum finis, ſed vt ſuam praecipue mediis licitis pariter ac illicicis promouere queant. Nolo criminibus in - ſurgere, vtpote quae ferro & igne, armataQ 4magi -248von denen unterſchiedenen artenmagiſtratus manu neceſſario reprimuntur, ſed potius vitiis, quae late, quamuis occulte, ſerpere ſentio. Officia coniugibus obſer - uanda, parentibus liberisque exhibenda, do - minis & ſeruis inculcanda, neglecta apud nos hodie atque diſcuſſa, maiori ſane pon - dere publicam deprimunt tranquillitatem, quam bella, quibus crebro quaſſantur respu - blicae. Quod ſi vnquam de qua aetate vi - luit illud Horatianum;
‘Aetas parentum peior auis, tulit Nos nequiores, mox daturos Progeniem vitioſiorem,’ ()in noſtram conuenit. Atque ita fontes de - texi, vnde oriantur tam infinita mala. mor - bi, diſſidia, vulnera, furta, rapinae, lenocinia, ſcortationes, adulteria, calumniae, iurgia, & neſcio, quae, quibus noſtrae dilacerantur res - publicae, quae tamen omnia in capita ea - rum recidunt. Quis non inde animum ad reuocanda maiorum tempora inducat, vel vt rectius dicam, quis non deſideret, vt vir - tutes illae quarum memoria ex priſcis tem - poribus hodienum viget, noſtram quoque colluſtrent aetatem. Non autem vota noſtra tanti ſunt, vt id efficere valeant, ſed labor improbus, intellectus aſſiduo cultu perpoli - tus, voluntatis atque affectuum indefeſſa & in infinitum repetita correctio. Si votis interim aliquid efficiendum cenſetis, Audi -tores,249des ſtili inſonderheit. tores, mea veſtris iungo, & memor eius, quod ſub exordium orationis meae promi - ſeram, Deum veneror, qui in hunc vsque diem, per tam miſera temporum noſtrorum diſcrimina, ſoſpites vos ſeruauit atque inco - lumes. Inprimis grates, quas mens humana concipere poteſt maximas, Deo decerno, quod TE Pater ad cineres omni amoris, cul - tu proſequende, anno, quem iam egimus, ſal - uum, atque ab omni vitae vel ſanitatis vel fortunae detrimento liberum, ſuſtinuit. Tibi autem, qua par eſt humanitate ac obſeruan - tia gratias perſoluo, qui facultatem conces - ſiſti ſtudiis incumbendi & de emendatione temporum cogitandi. Det Deus, vt qui ſe - quitur, anno & pluribus qui ſequentur, mihi Tuis, meis, ciuitati, amicis, bonis omnibus, viuas, vigeas, floreas, & non niſi tempora videas Saturnina. Sic quid poſſit filii deuo - tus ac pius immo gratus animus, multis Ti - bi nominibus innoteſcet, & vt ſpero & expe - to non Tibi deerit cupiditas, paternis me cu - mulare beneficiis & ornare. Seruet Deus & vos, Patroni atque Fautores, omni hono - rum genere proſequendi, vt inpoſterum pro more veſtro laudatiſſimo in reſtituendis pa - trum virtutibus & in ſubleuandis veſtris fa - miliis operam nauare, ſine vlla remora poſſi - tis. De cetero meam tenuitatem, Vobis com - mendatam eſſe precor, & cum beneuola ve - ſtra attentione me dignati ſitis, in praeſen -Q 5ti250von denen unterſchiedenen artenti commendatam fore ſpero. Credatis ve - lim, me vobis ad quaeuis officiorum genera promptum & ſacratum.
Unbeſtaͤndig ſeyn iſt ohnſtreitig ein weſentli - cher begrif, welchen man von allen denenjeni - gen ſachen, ſo die weiſe hand des allgemeinen ſchoͤpfers, auf den erdboden dargeſtellet, haben muß. Am allermeiſten aber iſt dasjenige der veraͤnderung unterworfen, welches in ſeinem zu oder abnehmen, und in allen ſeinen umſtaͤn - den, von den haͤnden der menſchen gefuͤhret wird, und aus ſeinem munde befehle erwarten muß. Das menſchliche auge verlanget im - mer etwas neues zu ſehen, wuͤrden nun die ir - diſchen dinge, ſich ſtets in einerley geſtalt dem - ſelben fuͤrbilden, ſo vergienge dadurch die beſte gelegenheit, den gemuͤthern der menſchen, einen empfindlichen eindruck zu machen, daß ſie die weißheit ihres meiſters zu bewundern, und ſei - nen willen in heiliger nachfolge zu verehren, ſchuldig waͤren. Der menſch iſt mit recht die kleine welt zu nennen, und alles was der inbe - grif der groſſen in ſich ſchlieſſet, muß zu ſeinem dienſte ſich gebrauchen laſſen. wie kan es alſo anders ſeyn, alles was etwas iſt, muß ſo wohl nach dem geſetze der groſſen als kleinen welt un -beſtaͤn -251des ſtili inſonderheit. beſtaͤndig heiſſen. Dieſer unaufhoͤrliche wech - ſel wird dennoch an der zeit als an einem maß - ſtabe abgemeſſen, dannenhero ſind einige auf die gedancken gerathen, ob nicht vielleicht die zeit, die groſſe zeuge mutter ſo vieler unbeſtaͤn - digkeiten, koͤnne genennet werden. Hat nun der beſtaͤndige unbeſtand ſolche wuͤrckungen herfuͤrgebracht, welche denen neigungen der menſchen wohlgefallen, ſo iſt man bemuͤhet ge - weſen, guldne zeiten zu erdichten und alſo de - nen iahren und tagen zuzuſchreiben, wozu man billich andere urſachen haͤtte ſuchen ſollen. Sind hingegen verdruͤßliche zufaͤlle aufgeſtoſ - ſen, welche den verhoften honig mit wermuth vermiſchet, ſo hat man die zeiten angeklagt, da man vielmehr ſeine eigne verrichtungen haͤtte beſſer oder kluͤger einrichten koͤnnen. Eine wuͤrckung dieſes vorurtheils iſt es, daß man im - mer ſich mit der hofnung beſſerer zeiten ge - ſchmeichelt, und dabey die gelegenheit verſaͤu - met, die urſachen ſeines eigenen elendes zu heben und ſeine wohlfahrt auf beſſern grunde zu ſetzen. Denn die ſuͤſſe hoffnung pflegt mehrentheils auch die wachſamſten gemuͤther einzuſchlaͤffern, biß der gift zu weit um ſich ge - griffen und der gegengift zu ſpaͤt ankommen. Die zeit aͤndert ſich niemahls, aber wer in der zeit lebt und der zeit ihre benennungen mitthei - let, aͤndert ſich unaufhoͤrlich. Alſo ſolte man nicht die guͤldnen zeiten der vorfahren wiede - rum zu erleben wuͤnſchen, ſondern daß ihre tu -genden252von denen unterſchiedenen artengenden aus dem grabe herfuͤrſchienen, und den lebenden einen ſichern pfad zur gluͤcklichen nachfolge zeigen moͤchten. Mein vorgaͤnger hat Jhnen zwar H. und H. A. die vorzuͤge der alten zeiten fuͤr den unſern gewieſen, allein nicht in der abſicht einem lebloſen dinge ſolche leb - hafte wuͤrckungen zuzuſchreiben, aber wohl die urſachen zu zeigen, warum man dergleichen wuͤnſche zu thun pflege, und auch einigermaſ - ſen zu thun befugt ſey. Dabey hat er geſucht, naͤhere gelegenheit zu bekommen, Jhnen bey ietzigem iahres-wechſel, die fruͤchte ſeiner ſchul - digkeit darzureichen. Eben dieß hat auch mich bewogen, von der zeit zu reden, und zwar von den vorzuͤgen unſerer zeiten fuͤr denen zeiten un - ſerer vorfahren, wann ich meinem vorgaͤnger nicht gaͤntzlich wiederſpreche und ihn vollkom - men wiederlege, wird doch die eitelkeit desieni - gen wunſches deſto klaͤrer werden, worinn man nach dem vergangenem ſeufzet, damit man des gegenwaͤrtigen vergeſſen moͤge. Sie erlau - ben mir demnach, H. und H. A. Daß ich in Dero Hochgeehrten verſamlung, ſo viel von dieſer ſache rede, als meine ſtamlende zunge und ungeuͤbter verſtand zulaͤſt, und ihnen die zeichen meiner ergebenheit, gleichfalls in einem gluͤckswunſche darbiete, ſo werde daran ab - nehmen, ob ich die guͤtige erlaubniß habe, mich ins kuͤnftige als dero diener aufzufuͤhren.
So lange die welt ſtehet und menſchen ge - ſellſchaftlich leben werden, wird man nicht auf -hoͤren,253des ſtili inſonderheit. hoͤren, ſich fuͤr den ſcepter gekroͤnter haͤupter zu demuͤthigen, leute welche ſich der goͤttlichen wahrheit befleißigen zu verehren, und ſich im haußſtande zu gewiſſen pflichten verbindlich zu machen, alſo wuͤrde es was ungereimtes ſeyn, ſich dem obrigkeitlichem ioche, der anhoͤrung goͤttliches willens, denen haͤußlichen pflichten mit gewalt gaͤntzlich entziehen wollen. Aber wuͤnſchen, daß alles, ſo viel die menſchliche ſchwachheit leidet, nach den befehlen einer ge - ſauberten vernunft eingerichtet werde, iſt nichts unbilliches. Ob wir nun bereits dergleichen zeiten erlebet, oder ietzo darinnen ſtehen, oder noch ins kuͤnftige zu erwarten, ſolches iſt eine frage, welche ohne groſſe behutſamkeit nicht leicht zu beantworten. Solte es nach den ge - dancken derer gehen, welche nur die fehler unſe - rer, und die tugenden der vergangnen zeiten zu - ſammen halten, ſo wuͤrden wir glauben muͤſ - ſen, die zeiten waͤren bereits voͤlligverſtrichen, da man der vernunft williges gehoͤr verſtat - tet. Sie haben auch bereits, H. und H. A. ſo viel die kuͤrtze der zeit leiden wollen, von meinem vorgaͤnger gehoͤret, worinn man die vergangenen zeiten denen unſern vorzuziehen pflege: Dennoch finde ich urſachen genung, welche mich bewegen koͤnten, denen unſern die groͤſten vorzuͤge zuzueignen und ihn zu wieder - legen, wenn ich mir ſelbſt wiederſprechen, und einem lebloſen dinge ſolche lebendige wuͤrckun - gen zuſchreiben wolte. Beruhete die ſachebloß254von denen unterſchiedenen artenbloß darauf, daß uns die geburt den purpur zu verehrenauferlegte, da die freye wahl bey den al - ten nur wohl verdienten die kronen aufgeſetzet, ſo moͤchte ich wiſſen, wer unter uns zum regieren tuͤchtige perſonen ausſuchen ſolte. Es muͤ - ſten ſolches ohnfehlbar leute ſeyn, welche eben - falls nicht die geburt oder reichthum, ſondern die weißheit von andern unterſchieden haͤtte, und die muͤſten wiederum von denen aufgeſu - chet werden, welche keinen geringen grad der weißheit erſtiegen, dieſe von ebenfalls weiſen leuten. Auf ſolche art wuͤrde man von dem gantzen menſchlichen geſchlecht etwas fodern, welches man nur im ſtande der unſchuld bey demſelben gefunden, und welches nur in ienem leben vollkommen zu hoffen, nemlich eine all - gemeine weißheit. Wen das recht der nach - folge auf den fuͤrſtlichen ſtuhl geſetzet, hat ohne dem eben ſo viel urſachen, ſich durch fuͤrſtliche tugenden dem volcke beliebt zu machen als wen die freye wahl dazu erhoben. Jn den alten zeiten muſten ſich unzehliche laͤnder zu den fuͤſſen eines eintzigen legen, und ſeinen neigun - gen faſt blinden gehorſam leiſten; bey uns haͤlt die groſſe anzahl der zugleich regierenden haͤupter, ſie ſelbſt untereinander in den gehoͤ - rigen ſchrancken der billichkeit, und hat ia die uͤble auferziehung das gute, welches man von einem printzen erwarten konte, in der bluͤ - te der iahre zum theil erſticket, ſo iſt der kluge rath getreuer miniſter, die furcht fuͤr auswaͤr -tiger155[255]des ſtili inſonderheit. tiger macht, die geſchloſſene verbindniſſe, er - theilte freyheiten, friedens-handlungen, com - mercien-ſorge genung denen unterthanen die angenehmſten zeiten zu ſchencken. Die we - nigſten ſind ſo ſcharfſichtig die geheimniſſe des ſtaats einzuſehen, und doch unterſtehet ſich ie - dermann davon zu urtheilen. Erfodert nun zuweilen des landes wohlfarth, der untertha - nen ruhe, daß printzen ihnen eine kleine unruhe machen um groͤſſern uͤbel fuͤrzubeugen, ſo meint der unterthan gnugſames recht zu haben, wo - durch ſeiner neigung nur zu viel geſchehen, von ſich abzukehren und wofern es ihm hierinnen nicht gluͤcken will, die ungerechtigkeit ſeines printzen anzuklagen. Haͤtten die geſchicht-ſchrei - ber der alten, ohne ihren zeiten zu ſchmeichlen, alles ausgedruckt, woruͤber ſich auch vernuͤñf - tige unterthanen unter ihren fuͤrſten zu bekla - gen urſach gehabt, ſo wuͤrden wir bald ſehen, ob den unſern oder den alten zeiten, in anſe - hung der regenten der vorzug beyzulegen. Und wo werden wir von denen monarchen unſerer zeit, ſolche thorheiten aufzeichnen koͤnnen, als wir von denen alten mit den groͤſten erſtaunen aufgezeichnet finden. Es prangen auch unſe - re zeiten mit ſolchen Landes-vaͤtern deren denckmahle bey unſern nachkommen weit dau - erhaftiger ſeyn werden, als bey uns die ſaͤulen Auguſti, Traiani, Hadriani, und anderer. Nicht minder verdienen die lehrer unſer zeiten, daß ihrer mit beſſern lobe gedacht werde, alsins -256von denen unterſchiedenen arteninsgemein der von ſeinen neigungen getriebene poͤbel von ihnen zu urtheilen pfleget. Einen wohlgeſaͤttigten eckelt auch fuͤr den niedlich - ſten ſpeiſen, und wer unter tauſend edelgeſtei - nen von gleicher koſtbarkeit den beſten ausſu - chen ſolte, wuͤrde ſie entweder alle fuͤr koͤſtlich oder alle fuͤr nichtswuͤrdig anſehen. So ge - het es unſern zeiten, in anſehung der ihnen fuͤr - geſtellten diener des goͤttlichen worts, indem der zuhoͤrer daran keinen mangel unter uns findet, nachdem ihm die ohren iuͤcken, ſo achtet er dieſes uͤberfluſſes nicht, wie er wohl thun wuͤrde, wann es ihm daran fehlete. Und ein ieder der etliche predigten mit fluͤchtigen ge - dancken angehoͤret, oder in die Homiletiſchen buͤcher mit hungriger begierde eingeſehen, mei - net berechtiget zu ſeyn, ieden lehrenden in der gemeine Gottes, durch ungleiche urtheile in die muſterung zu fuͤhren. Es wird dannenhero nach geendigten Gottesdienſt, wohl dieſe frage ohn unterlaß gehoͤret: Wie hat ers gemacht? an ſtatt daß man fragen ſolte: Was habt ihr zu eurer beſſerung gemercket? Die zeiten der alten haben freylich im Chriſtenthum ſolche lehrer aufzuweiſen, die man mit den nahmen der heiligen beehret, und welche gewiß in un - vergeßlichen andencken zu verehren. Selbſt die heydniſchen prieſter unterſchieden ſich von andern, durch wiſſenſchaften, eingezogenheit, verachtung des irdiſchen und andere ſchein - tugenden. Allein hierinn wuͤrden ſie alsdannnur257des ſtili inſonderheit. nur einen vorzug fuͤr unſere zeiten haben, wann es uns hierinn mangelte. Daß einige ihrem h. amt ſich nicht gemaͤß auffuͤhren wollen oder koͤnnen, ſolches wird ſich niemand befrembden laſſen, der da weiß, daß ein menſch, wann er auch mit noch ſo herrlichen gaben ausgeruͤſtet, dennoch nicht aufhoͤre, ein menſch zu ſeyn. Jch gehe noch weiter, und ſage, daß unſere zeiten ſich eines groſſen vorzugs, wegen des geiſtli - chen ſtandes, fuͤr den zeiten der alten ruͤhmen duͤrfen. War es ſonſt kaum erlaubt die bloſſe erzehlung goͤttlicher wahrheiten anzuhoͤren, ſo koͤnnen wir durch die woche etliche mahl, nicht nur die bloſſen wahrheiten ſelbſten, ſondern auch die geſchickteſten auslegungen in denen praͤchtigſten kirchen-gebaͤuden davon hoͤren. Kein ort iſt ſo gering, keine gemeine ſo enge ein - geſchrenckt, die ſich nicht eines ſeelſorgers freue - te. Das Chriſtenthum hat ſich durch die gan - tze welt ausgebreitet, und das licht der Evan - geliſchen wahrheit ſuchet allenthalben durch die finſterniß zu brechen, mit huͤlfe getreuer leh - rer. Raubt der todt ein glied aus dem geiſt - lichen orden, ſo iſt eine ſolche menge derieni - gen, die ſich dazu wuͤrdig befinden, daß man kaum in iahres-friſt den geſchickteſten darun - ter ausſuchen kan, weil ſie alle gleiches vermoͤ - gen ſelbigen getreulich fuͤrzuſtehen beſitzen. Die alten verſpuͤrten an allen dieſen nicht geringen mangel. Von der erkaͤnntniß der ſprachen und anderer hoͤchſtnoͤthigen wiſſenſchaften, dererRſich258von denen unterſchiedenen artenſich unſre lehrer, bey ſo maͤchtig angewachſener gelehrſamkeit ruͤhmen, nichts zu gedencken. Die ordnung des heyls wird in den ſyſtemati - bus und ſymboliſchen glaubens-buͤchern mit der ſchoͤnſten art fuͤrgetragen, da man vor dieſem hier und dar ein ſtuͤck aus der Bibel reiſſen und zu ſeinen glaubens-articuln zehlen muſte. Wer ergoͤtzet ſich nicht an den ungemeinen einrich - tungen des Gottesdienſtes, an die artigen erfin - dungen die hiezu gehoͤrigen diener Gottes zu unterhalten, an die von allen aberglauben und unanſtaͤndigkeit geſauberten kirchen-gebraͤu - che. Uberhaupt werden wir uns nicht ſchaͤmen duͤrfen, wann ſonderbahre verdienſte in die ie - tzigen zeitbuͤcher unſere nahmen einſchreiben. Ein weiſer mann muß mit allen umſtaͤnden der zeit, des orts, zu frieden ſeyn, wann ers nicht aͤndern kan, oder ſich zum wenigſten huͤten, daß er nicht oͤffentlich, durch unanſtaͤndiges klagen, die ſchwaͤche ſeines verſtandes in der klugheit zu leben, an den tag lege. Was im gemeinen leben unſre ruhe zu ſtoͤhren ſcheinet, iſt alſo be - ſchaffen daß es nur von denen verderbten nei - gungen herruͤhret und auch ſelbigen wiederum eintrag thut. Wer wolte alſo dieſerwegen die gegenwaͤrtigen zeiten verfluchen, oder die zeiten der alten zu erleben wuͤnſchen. Sonſt iſt es eine ausgemachte ſache, daß zu unſern zei - ten die wiſſenſchaften auf den gipfel der voll - kommenheit zu ſteigen, einen begluͤckten an - fang gemacht, da die alten ſelbige nur auf derunter -259des ſtili inſonderheit. unterſten ſtuffen dazu zugelangen, erblickten. Wie reich ſind nicht unſere zeiten an denen herr - lichſten erfindungen und nuͤtzlichſten kuͤnſten fuͤr denen alten? Die handlungen ſind gewiß das bequemſte band gantze voͤlcker in vergnuͤg - ter einigkeit zu verbinden, und wir koͤnnen uns dieſes vorzugs billich fuͤr andern fuͤr den alten ruͤhmen. Zwar olte es ſcheinen, als ob nur eitelkeiten dadurch unter uns eingefuͤhret, und alſo der menſchlichen geſellſchaft mehr geſchadet als genutzet wuͤrde. Allein zu geſchweigen, daß hiezu ein groſſer beweiß gehoͤret, ſo kan doch dieſes nicht ſtreitig gemachet werden, daß die handlungen ein groſſes wo nicht das meiſte zu der galanten und civilen lebens-art unſerer leute beytragen ſolten. Wuͤrden die alten in ihrer einfaͤltigen kleidung und ungeſchlachten ſitten wieder aufſtehen, und ſehen wie artig unſer umgang, wie geſchickt unſere kleidung, wie zierlich unſere ſprache in denen complimenten, wie wohlanſtaͤndig unſer gantzes weſen, ſie wuͤrden ihnen gantz beſondere und fuͤrnehme gedancken von unſern artigkeiten machen. Jch wuͤnſche mir alſo nicht beſſere zeiten zu erle - ben, ich ſehne mich nicht nach den zeiten der al - ten, aber dieſes wuͤnſche ich, daß ich und ein ie - der, der weißheit und tugend zu ſeinen leitſtern erkohren, ſich der gegenwaͤrtigen ſo bedienen moͤge, daß ihm die zukuͤnftigen die angenehm - ſten vergnuͤgungs-roſen zu brechen erlauben muͤſſen. Doch ich haͤtte bald, von denen an -R 2nehm -260von denen unterſchiedenen artennehmlichkeiten unſerer zeiten und deren be - trachtung entzuͤckt, vergeſſen, daß ich ſchlieſſen muͤſſe, und daß ich Jhnen vorher, H. und H. A zu den antritt des neuen iahres ergebenſt gluͤck zu wuͤnſchen mir auferleget haͤtte. Jch verehre Sie allerſeits, theils mit kindlicher pflicht, theils unter den nahmen naher ver - wandſchaft, theils weil ich mir von dero ver - dienſten wie ſchuldig einen groſſen begrif ma - che. Wie kan ich alſo anders als mich er - freuen, da ich bey Jhnen meine ſchuldigkeit ab - ſtatten und Sie insgeſamt im erwuͤnſchten wohlſeyn antreffen kan. Wie kan ich anders, da ich Jhnen zum theil fuͤr Dero vaͤterliche un - ermuͤdete fuͤrſorge, zum theil fuͤr die von Jhnen genoſſene vielfaͤltige zeichen einer ungefaͤrbten freundſchaft, zum theil fuͤr Dero wohlgewogen - heit, damit ich mir ſchmeichele, unendlich ver - bunden bin, wie kan ich anders ſage ich, als mich fuͤr dem throne Goͤttlicher maieſtaͤt demuͤ - thigen uñ Jhnen allen geiſtlichen und leiblichen ſeegen von oben herab ausbitten. Der Hoͤch - ſte bekroͤne meinen wunſch mit erfreuender fol - ge, ſo wird mir wie ich hoffe erlaubt ſeyn, ferner - hin Dero mir geneigtes wollen zu ruͤhmen und an Dero vergnuͤgen theil zu nehmen, da ich nicht ablaſſen werde, in tiefſter ergebenheit Sie allerſeits zu verehren.
§. 3 Nach dieſem iſt der ſtilus mediocris der gebraͤuchlichſte und angenehmſte. a)Er fo - dert ein mittelmaͤßiges obiectum,b) demſelbengemaͤſſe261des ſtili inſonderheit. gemaͤſſe gedancken, muntere regungen und affe - cten, (wofern das obiectum nicht bloß theore - tiſch,) hat die freyheit tropos und figuren zum ausputz des ausdrucks zu gebrauchen, beobach - tet in der iunctur und dem numero einige zier - lichkeit, wechſelt mit denen connexionibus ab, hat alſo mehr freyheit als der humilis, und auch mehr lebhaftigkeit.
Der erdkreiß ſcheinet nur darum auch ohne pfeiler ſo feſte gegruͤndet, und der himmel auchohne263des ſtili inſonderheit. ohne bogen ſo unbewegl. gewoͤlbet zu ſeyn, da - mit beyde mit gewiſſern grunde, den beſtaͤndi - gen unbeſtand und wechſel ihrer einwohner uns fuͤr augen ſtellen. Dieſer iſt ſo maͤchtig, daß er nicht nur uͤber dinge, deren weſen wir wuͤrckl. empfinden, ſondern davon wir auch nur einige moͤglichkeit erdencken koͤnnen, ſeine unumſchraͤnckte herrſchafft ausuͤbet. Bald muß ſich der heydniſche Jupiter unter allezeit ande - rer geſtalt als ein verliebter ſchmeichler, bald als ein mit donner-keilen um ſich werffender wuͤte - rich von ſeinen verehrern abbilden laſſen. So offt als die Gratien ihren reyen veraͤndern, er - ſcheinen ſie in anderer ſtellung, die von einer iñiglichen freude oder hertzfreſſenden betruͤbniß ihren urſprung nehmen. Kaum hat die ſonne ihre angenehme ſtrahlen dieſem runde gegoͤn - net, ſo kan eine regen-ſchwangere wolcke licht und freude in dunckelheit und ſchatten verſetzen, und wird ſie von den Perſern angebetet, ſo muß ſie ſich von den Mohren verfluchen laſſen. Den mond werden wir niemals in der geſtalt auf - gehen ſehen, in welcher wir ihn bey ſeinem un - tergang angetroffen, und die ſterne ſcheinen al - gemach auf unſern wirbel zu ſteigen, welchen ſie nach wenigen ſtunden wieder verlaſſen. Hat das feuer vor kurtzer zeit mit den helleſten flammen geſpielet, ſo erblicket man gleich dar - auf entweder ſchwache funcken oder graue aſche. Der goldfuͤhrende Tagus bietet der natur bald einen ſpiegel an, bald wird manR 4ihn264von denen unterſchiedenen artenihn von einem leimichten boden von ferne kaum unterſcheiden koͤnnen. Nach dem winck des allgewaltigen ſchoͤpfers fuͤhret ſich das erdreich ietzt wie eine guͤtige zeuge mutter ſo vieler be - wunderns wuͤrdiger kraͤuter auf, ietzt wie ein mit ſtahl und eiſen uͤberzogener magnet-ſtein. Nachdem willen eines halb erfrornen wandeꝛs - mannes, muß ſich die lufft zur erwaͤrmung der erſtarreten glieder gebrauchen laſſen, welche er gleich darauf heiſſe ſpeiſen damit abzukuͤh - len anwendet. Ein unnuͤtzer irwiſch iſt, wie ich glaube, doch dazu nuͤtze, daß er zu einem bilde der in die abwechſelung verliebten welt dienen kan. Steine aus einem felſen gehauen, muͤſ - ſen ſich ſo wohl zu einem verachteten pflaſter als prahlenden fronton ſchicken. Die zeit bauet mit erſtaunender bemuͤhung ſolche wer - cke auf, von welchen man meinen ſolte, daß ſie der unbeſtaͤndigkeit allen vortheil abgelauffen haͤtten, und eben dieſelbige belehret uns nach wenig verfloſſenen iahren, was ſie dabey fuͤr ein abſehen gehabt, nemlich in der aſche und uͤberbleibſeln von ſolchen koſtbarkeiten mit le - bendigen buchſtaben zuſchreiben: es ſey alles wandelbahr. Das ungemein harte ſtahl hat noch kein mittel funden zu verhindern, daß man es nicht in allerhand geſtalten zu unter - ſchiedenen gebrauche zwinge. Die baͤume fangen gegen den ſommer an ſich in gruͤnende blaͤtter zu verſtecken und laſſen ſelbige gegen den winter fallen, da dieſe ihnen alsdenn, wo nichtnoͤthi -265des ſtili inſonderheit. noͤthiger, doch eben ſo noͤthig zur bedeckung waͤren. Alles was uns in die ſinne faͤllt, wuͤr - de ſo zu reden faſt unerkaͤntlich ſeyn, wenn wir nicht bereits den allgemeinen begrif davon haͤt - ten, daß es der unbeſtaͤndigkeit unterworffen. Man mercket als etwas beſonders an, bey dem Oſt-Jndiſchen vor-gebuͤrge Commyrin eine ge - gend gefundẽ zu haben, in welcher man in einer halben ſtunde aus dem winter in den ſommer uͤberſchiffen und die rauhe nord-luft mit ei - nem erquickenden weſtwinde vertauſchen kan. Haͤtte man den uͤberall ſich ereigenden wech - ſel genauer in betrachtung gezogen, ich zweiffe - le daß man dieſe gegend unter beſondere merck - wuͤrdigkeiten wuͤrde gezehlet haben. Allein ſo mancherley merckmahle des herrſchenden un - beſtandes man antrift, ſo viele ſpuhren findet man der weißheit unſers groſſen Schoͤpfers, ſo viele urſachen zeigen ſich ſeine geſchoͤpfe zu be - wundern. Denn wuͤrde er ſelbigen nicht die geſetze der veraͤnderung unbeweglich eingepraͤ - get haben, wuͤrden ſie ihrer groͤſten anmuth mit welcher ſie die aufmerckſamkeit natur-lie - bender gemuͤther an ſich ziehen, beraubet ſeyn, und alles was ſeine wuͤrckende weißheit auf die ſchaubuͤhne dieſer welt geſtellet, iſt ſeinem eben - bildern zum nutzen aus nichts etwas worden. Viel 100 ja 1000derley veraͤnderungen, ſo in allen dieſen einzelen anzutreffen ſind, ſcheinen in dem menſchlichen weſen ihren mittel-punckt und groͤſte wichtigkeit zufinden, und dieieni -R 5gen266von denen unterſchiedenen artengen welche den menſchen die kleine welt nennen, thun es gewiß mit dem groͤſten rechte. Er bezeugt ſich nicht nur beſchaͤftigt durch ſchau - ſpiele und kuͤnſtliche vorſtellungen, ſich als ei - nen affen der wanckelbahren natur aufzufuͤh - ren, ſondern iſt auch in der that und eꝛnſthaftigẽ verrichtungen, ein inbegrif der groſſen welt, das iſt ein ſchauplatz, alwo man umſonſt nach den graͤntzen der unbeſtaͤndigkeit ſuchet. Jn ſei - nem gemuͤthe treffen wir die herrſchaft an, welche keine andere befehle, als ſolche die von einer immerwaͤhrenden abwechſelung zeigen austheilet. Denn ſonſt hat er nichts beſtaͤn - diges, als daß er unaufhoͤrliche proben der un - beſtaͤndigkeit an den tag leget. Jch habe mir vorgenommen, Hoͤchſt und H. A. in Dero H. und hochgeehrten gegenwart von dieſer un - beſtaͤndigkeit menſchlicher gemuͤther etwas zu reden, nicht daß ich mir die ſtrafbare freyheit naͤhme, ihnen in ſo gemeinen ſachen deutliche begriffe zu machen, da ſie weit mehrers ſchon laͤngſtens ſcharfſinnig eingeſehen haben, ſon - dern damit denen unveraͤnderlichen geſetzen Dero gelehrten verſammlung, durch meine un - beſtaͤndigkeit kein eintrag geſchaͤhe. Sie ha - ben mir nur neulich oͤffentlich Dero beſtaͤndi - ges wohlwollen zuerkennen gegeben, wofuͤr mich Jhnen beſtaͤndig verpflichtet ſchaͤtze; alſo habe das gewiſſe vertrauen, ſie werden durch die ungeſchicklichkeit meiner fluͤchtigen gedan - cken, ſich ietzo darinn nicht veraͤndern laſſen,ſondern267des ſtili inſonderheit. ſondern meinen ſchwanckenden worten beſtaͤn - dig geneigte aufmerckſamkeit erlauben. So vieles ſich auch unſern gedancken auf den ſchau - platz der groſſen welt als veraͤnderlich abbildet, ſo will es doch nicht ohne urſach dafuͤr gehalten ſeyn, und nach derſelben urſachen beſchaffen - heit, folgen auch ſo mannigfaltige und widri - ge wuͤrckungen. Wird der Menſch, wie ich bereits oben erwehnet, mit groſſem recht die kleine welt genennet, ſo iſt fuͤr ſich klar, daß der - ienige erſt gluͤcklich von ſeinen veraͤnderungen urtheilen koͤnne, welcher die urſachen ſeines wechſelnden gemuͤths, und daher wuͤrcklich entſtehende folgerungen in reiffere uͤberlegung ziehet. Geldliebe, ehrſucht, wolluſt, ſind 3. winde, welche unaufhoͤrlich das meer des menſchlichen gemuͤthes beunruhigen, und wenn ſie heftig geruͤhret werden, einen ſturm nach den andern in demſelbigen erregen. Hier - aus duͤrfte man vielleicht ſchlieſſen, daß ſolches eines von denen groͤſten verdruͤßlichkeiten der ſterblichen ſey. Jch will ſolches zugeben, allein nur alsdann, wann einem naͤrriſchen Miſeno, ich meine der verderbten einbildung, die regierung uͤber ſolche, unbedachtſamer weiſe, anvertrauet wird. Denn iſt ein weiſer Aeo - lus oder die verbeſſerte vernunft, welcher das regiments-ruder eigentlich zukommt, ein be - herrſcher davon, ſo iſt die bewegung derſelben vielmehr nuͤtzlich als ſchaͤdlich. Waſſer wel - che in verachteten thaͤlern immer ſtille ſtehenund268von denen unterſchiedenen artenund von keinem winde erreget werden, fangen endlich an zu faulen und zu ſtincken, und menſchliche gemuͤther, welche von keiner vergoͤnnten bemuͤhung nach gelde, von keiner arbeit nach dem gipfel der ehre, von keiner an - nehmlichkeit gerechter wolluſt veraͤndert wer - den, geben in ihren verrichtungen an den tag, daß ſie ſich eher zu ſtummen ſtatuen auf die haͤuſer, als vernuͤnftigen creaturen auf den erd - boden geſchickt haͤtten. Alſo kommt es bloß auf die bewegungs kraft der neigungen an. Wie der koͤnig beſchaffen, ſo ſind ſeine unter - thanen. Maſſet ſich die verderbte einbildung der herrſchaft unbeſonnener weiſe an, ſo werden entweder naͤrriſche oder ſchaͤdliche veraͤnderun - gen die wuͤrckung davon ſeyn. Theilet aber die zum regieren verordnete vernunft welche durch unablaͤßiges verbeſſern zur vernunft worden, die befehle aus, da werden dieſe regun - gen alſo abwechſeln, daß man ſie zu einer zeit vor noͤthig zur andern vor nuͤtzlich erkennen muß. Welchen der mangel ſattſamer unter - ſcheidungs-kraft, aus verderbter einbildung, zum unverſtaͤndigen ſclaven des mammons ausgeſondert, beurtheilet alle andere nach der in ihm herrſchenden begierde, und hingegen mangelnden liebe gegen ſeines gleichen. Des - wegen glaubt er, daß er mit brennenden eyffer ſich nach dem mittel ſeiner beſchuͤtzung umzuſe - hen habe. Wer vor eigner vermeinten uͤber - groſſen faͤhigkeit und unſtreitigen vorzug fuͤrandern269des ſtili inſonderheit. andern, ſeinen eignen ſchatten bewundert, mei - net gleichfalls er muͤſſe auf diejenigen ſtuffen treten, welche ihn vor andern in die hoͤhe fuͤh - ren. Ein anderer der vor der Veneri die knie beuget oder dem Baccho altaͤꝛe aufrichtet, oder ſeine Freunde vor den grund ſeiner vergnuͤgung haͤlt nach dem trieb der blinden einbildung, ſucht gleichfalls andere mittel herfuͤr, ſich in ſei - nem elemente zu erhalten. Ja ſelbſt wer durch die vernunfft ſeine begierden in zaum und zuͤgel fuͤhret, haͤlt es fuͤr eine thorheit immer auf einer leyer ſpielen und bey allen veraͤnderungen ſich wie einen unbeweglichen klotz zu erweiſen. Wenn man durch dieſe gruͤnde den wechſel menſchliches gemuͤthes einzuſehen bemuͤhet iſt, ſo wird man viel einen vollkommern begrif ihm von denen ſo ſo ſehr unterſchiedenen wuͤr - ckungen machen koͤnnen. Warum iſt ein mann, welcher fuͤr weniger zeit iedermann die groͤſten hoͤflichkeiten erwieſen, ietzo ſo ſchwuͤlſtig, daß er meinet, die gantze welt muͤſ - ſe ihm zu fuſſe fallen? Aus keiner andern urſa - che, als weil ihm ein blindes gluͤck die kaſten gefuͤllet, und vermoͤgend gemacht in ſeinen pal - laͤſten armer leute huͤtten zuverſchlucken. Denn Lutheri worte ſind noch heute zu tage fuͤr wahr zu halten, wenn er ſpricht: Ein bauer der 10. rthl. hat, bruͤſtet ſich und weiß nicht ob er auf dem kopfe oder fuͤſſen gehen ſoll. Man ver - ſuche es und gehe mit verſilberten haͤnden ihm unter augen, im augenblick werden alle ehren -bezeu -270von denen unterſchiedenen artenbezeugungen herfuͤrgeſucht, und uns angethan werden, wenn ſie uns auch ſchon nicht zu - kommen. Hat er etwas mit der mutter milch in der jugend eingeſogen, welches ihm ein un - geſchickter lehrmeiſter nicht zu benehmen ge - trachtet, da ſcheint er wieder allen guten[unter - richt] unbeweglicher als ein berg darauf donner und blitz loß ſtuͤrmen. Bringet man ihm aber die hofnung eines gewinſtes bey, da ſind 1000. eyde nicht genung, ihn auch bey den loͤblichſten vorſaͤtzen zu verbinden. Jtzo ſucht er alle kleinigkeiten mit der groͤſten ſorgfalt zuſammen, und bald verſchlaͤudert er auch die wichtigſten ſachen, weil er etwa dadurch meh - rers zugewinnen trachtet, oder zum wenig - ſten ſich in einem ſtande zuſeyn glaubet, da er niemahls banqueroutiren koͤnne. Was er dieſe ſtunde fuͤr ein geheimniß des ſtaats gehal - ten, wird in der andern ohne weitlaͤuftigkeit ausgeſchuͤttet, wenn die verfluchte mißgunſt dem geitze die zunge loͤſet. Bald eilet er mit furchtſamen ſchritten in die verborgenſten win - ckel und ſcheinet fuͤr menſchlicher geſellſchafft ei - nen abſcheu zu tragen, bald aber will er in allen verſamlungen gegenwaͤrtig ſeyn, und mit ieder - mann bekanntſchafft aufrichten, damit er dort auf anderer unkoſten zehren, hier aber ſeine ducaten vermehren, in beyden aber veraͤcht - lich von andern ſprechen koͤnne. Wer den Baal des ehrgeitzes fuͤr ſeinen abgott haͤlt, iſt ein rechter Prometheus, welcher ſich bald wie einen großmuͤthigen loͤwen, bald wie einen feu -er -271des ſtili inſonderheiterſpeynden drachen, bald wie ein in der ebene flieſſendes waſſer, bald wie eine an die wolcken ſteigende flamme fuͤrſtellet. Ein ſolcher haͤlt dasjenige fuͤr eitel, worinnen der Mammons diener ſein leben ſuchet, und liebet das, was jener als leere winde verlachet. Seines wun - ſches theilhaftig zu werden, ſpahret er keine ehr - bezeugungen, er will ein unterthaͤnigſter diener von allen ſeyn. Wirft ihm endlich das gluͤck eine ehren-decke um, ſo meinet er, es ſey ihm damit zugleich alle darzu gehoͤrige geſchicklich - keit mitgetheilet, da werden die vorher gar zu hoͤflichen minen ietzo mit einem angemaſten an - ſehen ſo ſehr vermindert, daß ſie kaum ein ſchat - ten der vorigen zu nennen. Alle verrichtungen werden mit ſonderbahrer ſtellung des leibes an - gefangen und auch auf der gaſſe werden die fuͤſſe gezwungen, alle auf den tantz-boden er - lernete artigkeiten oͤffentlich zu zeigen Wo - mit er augenſcheinlich zu verſtehen giebt, daß die erhaltene ehre zu groß fuͤr ſeiner engbruͤſti - gen ſeele ſey. Er iſt ſelber nicht vermoͤgend ſeinen hochmuth von einem hauſe zum andern zu tra - gen, deßwegen bedienet er ſich der gutſche und pferde. Ein ander will mit gewalt alle ehre zu verachten ſcheinen. Allein Diogenes mag noch ſo ſehr Platonis kleider mit fuͤſſen treten, iedermann glaubt daß ers mit groͤſſern hoch - muth thue, und daß auch unter ſeinen ſchmutzi - gen rocke eine aufgeblaſene Seele wohne. Func - cius verwechſelt zu ſeinen ungluͤck, den ſeinermei -272von denen unterſchiedenen artenmeinung nach verachteten prediger-ſtand mit einer rathsbeſtallung aus lauterm hochmuth. Jetzo umfaſſet er ſeine verehrer mit der groͤſten liebe, und ein einziges wort, welches ſeine ehre zu ruͤhren ſcheinet, iſt gnug, alle zornige fluthen und rache auch auf den unſchuldigſten auszu - ſchuͤtten. Ein alberner Carneades diſputiret heute oͤffentlich, daß die gerechtigkeit ein gedich - te muͤßiger leute ſey, und morgen iſt er beſchaͤff - tiget das gegentheil zu behaupten, ſeine gelehr - ſamkeit zu zeigen. Was fuͤr andaͤchtige ge - berden zeiget nicht der ehrgeitz in dem geſichte eines ſelbſt erwehlten heiligen, welcher doch wohl nicht nur in dem innerſten ſeines hertzens, ſondern auch ſeines hauſes denen laſtern, ſanf - te kuͤſſen unterleget. Mancher verfluchet die fehler geringer leute ohn aufhoͤren, und hinge - gen die laſter erhabner und geehrter leute, wol - te er lieber vor tugenden halten, da doch der koth heßlich bleibt, ob er ſchon in chryſtallinen gefaͤſſen aufgehoben wird, und die laſter gar - ſtig zu nennen ſind, wenn ſie ſchon in ſammt und guͤldene ſtuͤcken eingehuͤllet werden. Das maͤchtigſte, ſo unſern fuß von den wege der be - ſtaͤndigkeit verruͤcket iſt die wolluſt, und die ein - bildung eines vergnuͤgens in verbotener belu - ſtigung der ſinne. Dieſe iſt die zauberiſche Circe, welche den menſchen bald in ſchweins - bald in pfauen-geſtalt veraͤndert, bald mit af - fen-bald mit hunde-geſichte fuͤrſtellet. Wie wechſelt nicht ein verliebter narre die kleiderda -273des ſtili inſonderheitmit er ſeiner liebſten gefallen moͤge, uͤberall wird man ihn mit baͤndern prahlen ſehen. Je - tzo gehet er mit fluͤchtigen ſchritten, wo er aber irgend von ferne das ihm angenehme ſchim - mern ſiehet, werden gleich die glieder in eine liebreitzende ſtellung gezwungen, augen und haͤnde muͤſſen ihre bewegung nach einen gewiſ - ſen tact einrichten. Und eben das was ihm heute goͤttlich und uͤbermenſchlich vorgekom - men, iſt morgen das verachteſte. Da wird man inſonderheit wahr zu ſeyn befinden was Seneca uͤberhaupt von der menſchlichen auf - fuͤhrung urtheilet; Aliud ex alio placet, vexat, nos fluctuamus, petita relinquimus, relicta repetimus, alternae inter cupiditatem n - ſtram & poenitentiam vires ſunt. Wer zu des Bacchi geſellſchaft ſich haͤlt, wie veraͤndert der nicht ſein gemuͤthe, und nach der beſchaffen - heit des gemuͤthes ſeine lebens art. Bald fuͤhret er ſich wie eine raſende unruhe auf, wel - che alles zernichtet alles zerſchaͤndet, alle erbar - keit aus dem augen ſetzet. Bald will er alles aus ſonderbahr angenommener aufrichtigkeit und treuhertzigkeit, mit unaufloͤßlichen freund - ſchafts banden feſſeln. Wer endlich die tu - gendhafte vernunft zur fuͤhrerin ſeiner neigun - gen auserſehen, wird ſich keinem baume ver - gleichen laſſen, welcher von der winde gewalt, weil er nicht weichen gelernet, zertruͤmmert wird. Nach der zeiten lauf, wird er ſeinen gang ietzt ſo, ietzt auf eine andere art einrichten,Sund274von denen unterſchiedenen artenund den geſetzen der abwechſelungen ſein ge - muͤth niemahls entziehen. Einem Jndianiſchen hunde kommt es nur zu, den einmahl gefaſten loͤwen ſo feſte mit den zaͤhnen zu halten, daß ihm auch die ſchmertzhafle abhauung der fuͤſſe nicht davon abbringet. Democritus und Heraclitus werden bey uns faſt fuͤr ſchalcks-narren gehal - ten, weil wir uns bereden laſſen, jener habe im - mer gelacht, dieſer unaufhoͤrlich geweinet. Man ruͤhmet die klugheit des Roͤmiſchen kaͤy - ſeꝛs Marci Antonini Philoſophi noch bey unſereꝛ ſpaͤten nach-welt in den beygelegten nahmen des weltweiſen: Allein ich zweiffele. daß ihm die rechte welt weißheit iemahls dieſe lehre ge - geben, welcher er doch ſo eyfrig nachgelebet, daß man niemahls von iugend auf, weder durch die haͤrteſte betruͤbniß, nach angenehm - ſten freuden-poſten ſein gemuͤth veraͤndeꝛn muͤſ - ſe. Leute zwar welche den vorurtheilen der Stoiker gehoͤr geben, werden das fuͤr die groͤſte weißheit halten, heute eben dieſes wollen, was man geſtern gewuͤnſchet. Ein beleſener Lipſius aber, hat uns bereits ihre thorheit gezeiget, weñ er ſaget: Welche ihre meinung mit ſtahl und eiſen in dem gemuͤthe als in marmor gegraben, ſind nicht faͤhig, geſchickte urtheile und wohlge - gruͤndete rathſchlaͤge anderer, ihnen zu nutze zu machen. Haͤtte Theſeus bey ſeiner gluͤckli - chen zuruͤckkunft an ſtatt des ſchwartzen ſeegels auf ſeinem ſchif, ein weiſſes aufzuſtecken nicht vergeſſen, wuͤrde ſeines abgelebten vaters Ae -gei275des ſtili inſonderheit. gei gemuͤth nicht in ſolche bekuͤmmerniß gera - then ſeyn, daß er in dem unergruͤndlichen meere einen grund ſeiner leidenſchaft geſuchet. Und derienige iſt ohnſtreitig unter die klugen zu rech - nen, welcher nach den befehlen der vernunft, ſich bald ſo, bald anders auffuͤhret. Alſo ſcheint zwiſchen der bewegungs kraft des gemuͤthes durch die verderbte einbildung, und durch die verbeſſerte vernunft der groͤſte unterſchied da - rinn zubeſtehen, daß iene durch die menſchliche neigungen, theils naͤrriſche theils ſchaͤdliche wuͤrckungen herfuͤrbringet, dieſe hingegen, durch eben ſelbige, unumgaͤnglich noͤthige und nuͤtzliche veraͤnderungen verurſachet. Beyde ſind alſo bewegende urſachen des menſchlichen gluͤcks und ungluͤcks, nur daß iene dem gluͤcke mehrentheils unterlieget, oder an ſtatt eines balles mit dem menſchen zu ſpielen pfleget, dieſe aber auch dem gluͤcke befehlen und mitten un - ter den moͤrdlichſten waffen uñ feindſeligkeiten dennoch triumphiren kan. Mehr redete ich, mehr haͤtte ich zu reden, allein ich beſorge, H. und H. A. meine ſtammlende zunge werde ver - moͤgend ſeyn, Dero beſtaͤndig geneigtes auf - mercken, in einen wiederwillen zu veraͤndern. Redete ich alſo mit leuten, welche nur den nah - men von dem Chriſtenthum entlehnet, ſo wuͤr - de ich zum beſchluß mich bemuͤhen muͤſſen, ihre gemuͤther von den irrdiſchen wandelbahren thaͤlern, auf die unbeweglich ſtehende berge Jſraelis zu fuͤhren. Denn wer da ſtehet darfS 2ſich276von denen unterſchiedenen artenſich keiner veraͤnderung befuͤrchten, denn wenn es blitzt und donnert, ſo blitzt und donnert es unter ſeinen fuͤſſen, und ihm ſchenckt die ſonne der gerechtigkeit die angenehmſten ſtrahlen. Jch wuͤrde die unbeſtaͤndigkeit des Ecebolii ver - fluchen, welcher unter den kaͤyſern Conſtantino Conſtantio, Juliano, Jouiano ſeine religion zu einer mode machte, welche bald ſo bald an - ders, nach dem geſchmack der welt koͤnte einge - richtet werden. Jch wuͤrde die unbeſtaͤndigkeit des creutz-vogels Loxiae veraͤchtlich fuͤrſtellen, welcher alle winter ſeine farbe veraͤndert. Jch wuͤrde es eine thieriſche veraͤnderung nennen, wenn man in ſeiner bekehrung dem wolffe nachahmen wolte, und zwar die haare, aber nicht den rauberiſchen ſinn aͤnderte. Redete ich endlich mit ungelehrten, ſo wuͤrde meine groͤſte ſorgfalt dahin gehen muͤſſen, zu zeigen, wie gefaͤhrlich es ſey, einem unbeſonnenen Phaethonti die regierung ſeiner affecten anzu - vertrauen, und wie vergnuͤglich es hingegen, der vernunft den zuͤgel davon zuuͤbergeben. Jch muͤſte darthun wie eine kluͤgliche abwechſelung des gemuͤthes, eine mutter der meiſten tugen - den ſey. Man glaubt daß in ein hauß, da man bey ploͤtzlich entſtandenen ungewitter feu - er anzuͤndet, ſo leicht kein donnerkeil einen er - ſchreckenden ſchlag thue. Es iſt aber leichter zu glauben, daß in eine ſeele, wo vernunft und tugend ihr feuer und heerd haben, kein wiedri - ges ſchickſaal eindringen und verwirrung an -rich -277des ſtili inſonderheit. richten koͤnne. Jch muͤſte anfuͤhren, was den Jcarum der fluͤgel beraubet, und ihn aus der gemeinſchaft der geſtirne in den tiefſten ab - grund geſtuͤrtzet, nehmlich ſeine von abge - ſchmackter einbildung verurſachte veraͤnde - rung. Sie erlauben mir alſo H. und H. A. nur noch dieſes hinzuzufuͤgen, daß der gezie - menden veraͤnderung des gemuͤthes, vor dem poͤbel, als welchem der glantz der wichtigſten wahrheiten nur die augen zu blenden u. ihn zum haß zu veraͤndern pfleget, eine decke kluger auf - fuͤhrung und verſchwiegenheit muͤſſe fuͤrgehan - gen werden. Denn unter denenjenigen wel - che mit ihrem verſtande unwiſſenheit und vor - urtheile uͤberwunden, iſt es eine ausgemachte ſache, daß die beſtaͤndigkeit zwar eine der vornehmſten tugenden, allein haͤrte und halß - ſtarrigkeit des gemuͤthes ein weit groͤſſeres la - ſter ſey.
Dixi.
§. 4. Endlich iſt der hohe ſtilus der praͤch - tigſte, aber auch der gefaͤhrlichſte. a)Er iſt nur bey hohen obiectis zugebrauchen, davon man nur die ideen der hoheit zuſammen ſucht,b) ſelbige durch lauter tropos und figuren, oder mit worten und redens-arten, welche die neben - ideen einer hoheit haben, mit dazu genom - menen emphatiſche beywoͤrtern, ausdrucket, die iunctur der rede durch den zuſammenfall der conſonantium und langer vocalium etwas maieſtaͤtiſch, und den numerum donnernd undS 3praſſelnd278von denen unterſchiedenen artenpraſſelnd machet, auch meiſt realiter connecti - ret, dannenhero die groͤſte tugend dieſes ſtili darinn beſtehet, daß alle theile die hoheit des obiecti vor augen zu legen, mit groſſem fleiß zuſammen geſetzt ſind und conſpiriren. Das abgeſchmackte, geſchwuͤlſtige, gar zu weit ge - triebene weſen, iſt hier ſorgfaͤltig zu vermei - den. c)
Fuͤrſten welche den ſcepter durch tugend er - hoͤhen, uñ den thron mit tapferkeit unterſtuͤtzen, muͤſſen eben ſo wohl den grauſamen geſetze des todes unterworffen ſeyn, als diejenigen, welche ihren purpur mit laſtern beflecken und ihren hoff zu einen beſtaͤndigen ſitz, aller boßheiten machen. So wohl ein die liebe der gantzen welt an ſich ziehender Titus welcher den tag fuͤr verlohren ſchaͤtzet, an welchen er niemanden eine wohlthat erzeiget, als ein ungeheuer der natur und raſende baͤrenbrut Nero, muß er - fahren, daß die ſterblichkeit uͤber ihn herſche. Wenceslaus und Guſtavus Adolphus wer - den beyde in ihre erbbegraͤbniſſe eingeſencket, obſchon dieſer als ein muthiger vor kirch undvater281des ſtili inſonderheit. vaterland ſtreitender loͤwe ſeinen heldmuͤthigen geiſt auffgiebt und iener mitten unter voͤllerey un faulheit als ein anderer Sardanapalus hin - geriſſenwird. So eine unſtreitige wahrheit nun dieſes iſt, daß das allgemeine verhaͤngniß, ohne anſehen, fuͤrſtliche ſtuͤhle umſtuͤrtzet: So ge - wiß bleibt es doch hingegen, daß ein unendlich groſſer unterſcheid unter dem erblaſſen eines frommen Auguſti oder tapfern Germanici und unter dem ableiben eines grauſamen Tibe - rii oder verzagten Caligulae, Jch will ietzo nicht ſagen von der art zu ſterben, ob es wohl ausgemacht iſt, daß blutduͤrſtige tyrannen gemeiniglich der wut erzuͤrnter unterthanen, oder dem wurm eines nagenden gewiſſen, bey ihren ende preiß gegeben werden: Jch will auch nichts gedencken, von dem ort, welcher nach ihrem tode den unſterblichen geiſtern, in der langen ewigkeit an gewieſen wird: Son - dern ich will nur von den allerdauerhaftigſten und von keinem roſt und moder der zeit zu be - ſiegenden denckmahle in ſo viel tauſend ſee - len etwas erwehnen, woraus dieſer unter - ſchied ſonnen-klar ſich darſtellen wird. Wie gerne verbannete nicht, ein durch den todt von dem wuͤterich Tiberio befreyetes Rom, das gedaͤchtniß ſeiner verfluchten regierung, wuͤn - ſchete, da es ſeinen erblaſſeten coͤrper der be - graͤbniß unwuͤrdig, in die Tiber, werffen wol - te, daß es hiemit zugleich alle merckmahle ſei - ner tyranney in den abgrund der vergeſſenheitS 5verſen -282von denen unterſchiedenen artenverſencken koͤnte. Wie gerne wuͤrde das von einem mordgierigen Herode erloͤſete Judaea unter 1000 erley freudens bezeugungen ſeines todes und ungeheuren thaten vergeſſen haben, wenn nicht das zu einem blut-urtheil gemachte teſtament ihnen auferleget, ſein vermaledey - tes andencken unter lauter fluch und rache auf die nachwelt beyzubehalten. Denn auch die nahmen ſolcher unbemenſchten menſchen ver - dienen nicht aufgezeichnet zu werden, als zu dem ende, daß man bey nennung derſelben aus - ſpeyen, und die menſchliche natur bey erzeh - lung ihrer ſchandthaten fuͤr ſolche ungeheuer zu erſchuͤttern urſach habe. Die tugend hin - gegen, ob ſie ſchon mit keinen goͤttlichen eigen - ſchafften pranget, und ihre beſitzer neben ſich der ſterblichkeit entreiſſen noch verewigen kan, ſo ſchencket ſie ihnen doch die hertzen ſo vieler 1000 nachkommen, welche aus danckbarkeit ſelbige zu behaͤltniſſen ihres glorwuͤrdigſten gedaͤchtniſſes machen. Auguſtum ſetzet man an den ort, welcher nur von goͤttern durtfe be - ruͤhret werden. Germanici todt verurſachet ein ſolches ungewitter der traurigkeit in den gemuͤthern ſeiner verehrer, welches endlich ge - heiligte tempel und altare einreiſſet, ihm ſelber aber ein unſterbliches andencken ſeiner ta - pferkeit daraus aufrichtet. Alles wodurch Agricola die liebe und verwunderung aller an ſich gezogen, ſagt Tacitus, iſt in dem anden - cken der menſchen, wie in ertz und marmel ge -graben,283des ſtili inſonderheit. graben, ſelbſt die zeit und das geruͤcht, werden ſtuͤtzen dieſes denckmahls ſeyn. Und haben die roͤmer ein ehren-mahl aufgerichtet, muͤſſen die worte dabey ſtehen: Die nachwelt be - wundere, was ſie nicht nachahmen kan. Jn - dem ich mich unterwunden H. und H. A. die geheiligte aſche des groſſen Fr. W. Ch. z. B. in meiner rede Jhnen zu zeigen, ſo thue nichts anders als daß ich der tugend ihr gebuͤhren - des opfer auf demaltar meiner ſchuldigkeit dar - lege, und indem ich ſeiner ungemeinen hel - den-thaten abdruck ihnen fuͤrſtellen will, ſo erblicken ſie zugleich merckmahle desjenigen unterſcheides, womit ſich tugendhafte und tapfere printzen, von denienigen bey ihrem abſterben unterſcheiden, welche als ſclauen aller laſter in der unterwelt, ſich aufgefuͤhret haben. Alexander welchen ſeine thaten groß gemacht, will nur vom Apelle gemacht und vom Lyſippo in ſtein gehauen ſeyn, ein krie - geriſcher Ageſilaus, will nur von den beruͤhin - teſten meiſtern Griechenlandes ſein bildniß ver - fertigen laſſen, und Achilles kan nur vom Homero beſungen werden. Hier moͤchte mich nun iemand einer hoͤchſtſtrafbaren vermeſſen - heit beſchuldigen, daß ich unangeſehen mei - ner ſchwachen zunge, vermoͤge deren ich unter den rednern unſers Teutſchlandes, wie ein lal - lendes kind unter fertigredenden leuten ſtam - mere, mich dennoch unterſtanden, den nah - men eines ſo groſſen helden und fuͤrſten, in derowerthe -284von denen unterſchiedenen artenwertheſten verſamlung zu verehren. Allein, Alexander wuͤnſcht nur darum ſein leben vom Homero beſchrieben der nachwelt zu ſchencken, damit eine fabelhaffte feder ſeinen thaten gleichſam ein vergroͤſſerungs-glaß geben moͤ - ge und Auguſtus hat nur darum ein gefallen an der Aeneis Virgilii, weil er ihn darinn zum anverwandten der goͤtter zu machen bemuͤhet iſt. Und ich habe mit fleiß den groſſen Fr. W. zum inhalt meiner rede erkieſet. Fehlt es mir ſonſt an artigen erfindungen, ſo nehme ich an deren ſtatt die thaten und tugenden dieſes theureſten hauptes, finde ich einen mangel bey mir wohlausgeſuchter worte, ſo darf ich nur ſein glorwuͤrdigſtes leben durchgehen, ſo werde an praͤchtigredenden gedancken einen uberfluß haben. Billich beklagen ſich die be - redteſten redner, wenn ſie von goͤttern auf er - den reden wollen, daß es ihnen gehe, wie den ſchnecken, die weder hertz noch zunge haben, denn ſie wollen loben, ich will nur erzehlen. Sie machen es wie Zeuxis, welcher wenn er die Venerem mahlen ſoll, alle ſchoͤnheiten des gantzen griechen-landes ſamlet, und von einer ieden etwas goͤttliches ſeinen gemaͤhlde einver - leibet. Sie ſuchen die tugenden anderer po - tentaten auf, und wenden ſolche zu ihren ge - brauch an. Jch darf nur wenn ich vom groſſen Fr. W. reden will, den groſſen Fr. W. be - trachten, denn an ihm finde ich alle fuͤrſtliche tugenden, und was ich an ihm finde, ſindfuͤrſt -285des ſtili inſonderheit. fuͤrſtliche tugenden. Ubrigens wird deſſen im - mergruͤnender lorbeer dadurch nicht verwel - cken, wenn ich ſolchen mit unreiner hand be - ruͤhre, und ſein bild mit etwas ungeſchick - ten farben und zitternden ſtrichen zu entſchat - ten, mich erkuͤhne, wo mich H. A. von dero geneigten aufmercken und urtheil in meinem unternehmen begleitet ſehe. Die in allen menſchlichen verrichtungen ihre befehle aus - theilende unbeſtaͤndigkeit, hat auch der maͤch - tigſten ſtaaten nicht geſchonet. Und ich ver - wundere mich nicht, wenn die alten behauptet, daß nach dem bilde der faſt circulrunden er - den, alle ſachen und reiche circulsweiſe, nach - dem das wanckende gluͤck das unbeſtaͤndige rad drehet, ihren lauf fuͤhreten, die erfahrung giebet ihnen beyfall. Jch rede nicht von dem gaͤntzlichen untergehen alter und friſchem auf - gehen neuer reiche, ſondern nur von denen veraͤnderungen die in bereits eingerichten ſtaa - ten ſich zutragen. Bald muß ſich das freye Portugall zu dem Spaniſchen ioche beque - men, da es kurtz vorhero unter eignen koͤnigen Mohren und Spaniern getrotzet: Bald aber entlaſtet es ſich deſſelben, u. beginnet zu voriger hoheit zu ſchreiten. Unter denen regenten ſelbſt findet ſich ein beſtaͤndiger wechſel. Wie an dem ſtern-himmel, ſterne welche kurtz vorher ihr funckelndes licht unſerm geſichts-kreiß ge - wieſen, endlich ſich zum untergange neigen, und wie ſich bey denen reineſten fixſternen, baldaus -286von denen unterſchiedenen artenausſchweiffende planeten, bald auch erſchre - ckende cometen einfinden, alſo wird man an den regenten-himmel groſſer laͤnder beydes wahrnehmen. Scufzete ehemahls religion und freyheit Britanniens, unter einer paͤbſti - ſchen Maria: So folget gleich eine tapfere Semiramis und großmuͤthige Zenobia die Eliſabeth, welche ihr land mit bluͤhenden zei - ten, ihre unterthanen mit ſieges-kraͤntzen, ſich ſelber aber mit einem unſterblichen ruhme be - zeichnet. Hatte hingegen Carolus der V. die Spaniſche Monarchie, auf den hoͤchſten gip - fel der vollkommenheit getrieben, ſo verlieret ein ungluͤcklicher Philippus unter ſeinen nachfolgern, die meiſten und koſtbarſten edel - ſteine aus ſeiner krone, durch die von ſeinem rei - che geſpaltene provinzen. Der Branden - burgiſche adler ſcheinet in beyden ſtuͤcken, et - was goͤttliches, und fuͤr andern ſonderbahres an ſich zu haben. Unter ſeinen beſitzern findet ſich in 900. iahren, ſo lange ſie unter die Teut - ſchen printzen gezehlet worden, keiner, der nicht wuͤrdig geweſen waͤre kronen gold zu tragen, und ein herr unzehlicher laͤnder zu ſeyn, ob ſchon das verhaͤngniß ſolches biß in die letzten zeiten fuͤr ihnen geſparet. Keiner von ſeinen durch - laͤuchtigſten Churfuͤrſten, hat unter den geſetzen der vormundſchaft regieren gelernet, weil auch die iuͤngſten hiezu geſchickt waren. Und ein kluger Frid. II. ſchlaͤgt gar 2 ihm angebotene kronen, die Pohlniſche und Boͤhmiſche groß -muͤ -287des ſtili inſonderheit. muͤthigſt aus. Sein durchlauchtigſter ſtaat iſt deshalben von dem himmel mit ſo guͤtigen augen angeſchauet worden, daß er in dieſer langen zeit, keine ungluͤckliche zufaͤlle erfahren, ſondern in beſtaͤndigen wachsthum, biß dieſe ſtunde ſeinen glantz erhalten. Sonderlich iſt der gluͤckliche nahme Friederich demſelbigen ein beſtaͤndiges merckmahl zuwachſender ho - heiten und ſich vermehrender laͤnder geweſen: Ob ſchon auch ein tapferer Albertus mit den degen ſeinen nahmen in das buch der ewigkeit als ein Teutſcher Achilles angeſchrieben, und ein weiſer Joachimus durch den nahmen eines Teutſchen Neſtoris ſich verewiget. Viele potentaten wiſſen auch was ihnen ſonſt nicht zukoͤm̃t, mit blut und todt draͤuenden ſchwerdte ihnen zuzueignen: Brandenburg allein, hat meiſtens unter den friedlichen palmen, ſeiner gerechtigkeit belohnung, in ſo erwuͤnſchten zu - wachſe gefunden. Und aus dem Branden - burgiſchen gluͤcks-topfe, haben auch andere die fuͤrtreflichſtẽ loſe gezogen. Rudolph von Habs - burg ſtamm-vater des maͤchtigſten Oeſter - reichiſchen hauſes, hat die kaͤyſerliche wuͤrde am meiſten einen Brandenburgiſchen Friederich zu dancken, welchem die danckbare nachwelt den nahmen eines edlen beygeleget. Und eben dieſer erwarb auf dem Reichs-tage zu Acken, fuͤr ſich und ſeine durchlauchtigſte erben das Burggrafthum Nuͤrnberg. Carolus der IIII. hatte es niemand anders zuzuſchreiben, daß erden288von denen unterſchiedenen artenden koͤniglich Boͤhmiſchen mit dem kaͤyſerlichen reichs-apfel vertauſchen konte, als einem Brandenburgiſchen Friedrich, welches er ſelbſt erkannte, wenn er die hoͤchſte gewalt der Chriſtenheit bey ſeiner abweſenheit in deſſen haͤnde uͤberlieferte, und deſſen wapen durch den beſitz vieler ſtaͤdte vergroͤſſerte. Ein andrer Friderich ſtuͤtzte die durch krieg und unruhe er - ſchuͤtterte krone auf dem haupte Sigismundi, und ſetzte dafuͤr den churhut ſeiner Hohenzolle - riſchen Familie auf, welcher mit dem Bran - denburgiſchen ſcepter vergeſellſchaftet, koͤni - glichen kronen den rang nunmehro zweiffelhaf - tig machte. Die meiſten von den vor-eltern unſers groſſen Fr. W. will ich andern anzu - fuͤhren uͤberlaſſen, denn ich habe bereits dar - gethan, daß er die weiſeſten und tapferſten printzen Europae, unter ſelbigen zehle und daß es wahr ſey, das adler nur adler zeugen koͤnnen. Nur des durchlaͤuchtigen vaters, des großmuͤ - thigen Georg Wilhelm muß ich erwehnung thun, welcher bey der tauffe, unſers groſſen Fr. Wilhelms nicht zugeben wolte, daß deſſen hohe pathen ihm das ſo genannte pathen-geld einbinden ſolten, um gleichſam zu verſtehen zu geben, es wuͤrde derſelbe einmahl von keinem andern die federn leihen duͤrfen, ſeinen adler auszuſchmuͤcken. Er war der einzige printz in welchem die tugenden aller durchlaͤuchtigſten vorfahren ſich geſamlet und die hofnung ſo vie - ler laͤnder beruhete. Denn es war nicht noͤ -thig289des ſtili inſonderheit. thig daß er geſchwiſter hatte, weil die glor - wuͤrdigſten eltern ſchon alles in ihm dem groſ - ſen Teutſchen Reich, ia gantz Europae gege - ben hatten. Doch weder die verdienſte der el - tern, noch die gluͤckverheiſſende geburts ſtun - de iſt vermoͤgend, den ſchaden zu erſetzen, wenn eine verderbte auferziehung die bluͤten der tu - gend in dem blute der iahre erſticket, und Ti - berius ziehet an dem Caligula der ſtadt Rom eine giftige ſchlange, und der welt einen unbe - ſonnenen Phaͤeton auf. Fridrichs W. hoher geiſt brauchte zwar nicht, auf den tugend-weg geleitet zu werden, wozu er ſelbſt einen innern trieb fuͤhlete, doch kan ich nicht leugnen, daß die kluge aufſicht, des um ſeine auferziehung ſich hoͤchſt verdientmachenden Joh. v. der Burg und deſſen geſchickte unterweiſung, ein merck - liches beygetragen, die in ihm gelegte faͤhigkeit des verſtandes vollkommen zu machen, und die herliche begierde zur tugend zu vergroͤſſern. Hie - durch wurde er geſchickt dem Auguſto nachzu - ahmen, und den regiments-ſtab im 20ſten iah - re ſeines alters, als der großmuͤthige Georg Wilhelm aus der welt gieng, beydes zu ergreif - fen und kluͤglich zu fuͤhren, denn dadurch eroͤf - nete ihm das guͤtige ſchickſahl die thuͤre, zu ei - ner faſt 50 iaͤhrigen regierung. Und hie weiß ich nicht, ob ich erſt ſeinen ſo weißlich gefuͤhr - ten ſcepter, oder ſeinen den feinden er - ſchrecklichen, freunden aber erfreulichen, degen, oder ſein wohlbeſtelltes fuͤrſt -Tliches290von denen unterſchiedenen artenliches hauß und geſegnete ehen ſoll fuͤrſtellig machen. Viele welchen geburt und gluͤck fuͤrſtliche huͤte aufſetzet wiſſen zwar wohl ihre unterthanen zu regieren, allein nicht ſo wohl ihren feinden einen blitzenden ſebel zu zeigen. Andere ſind nur zum kriegen gebohren, und ſind geſchickt den harniſch, nicht aber ſo wohl die regierungs laſt zu tragen. Wieder an - dere, koͤnnen ſo wohl denen feinden als ihren unterthanen geſetze fuͤrſchreiben, ſind aber in ihren vermaͤhlungen ungluͤcklich, oder koͤnnen ihre reiche mit tuͤchtigen nachfolgern nicht ver - ſehen. Allein in unſerm theureſten Fr. W. finde ich alles, was zu kluger einrichtung der regierung ſeiner laͤnder, zu den eigenſchaften ei - nes ſo tapfern als gluͤcklichen feldherrns, und zur ausbreitung ſeiner durchlauchtigſten Fami - lie kan gerechnet werden. Die gottes-furcht iſt die vornehmſte, ia die mutter aller regierungs - tugenden, als welche von ihr abſtammen, und wer derſelben ſein hertz zur behauſung ange - wieſen, iſt dem Cocos-baum gleich, welcher nicht nur mit gruͤnenden blaͤttern, ſondern mit nutzbaren fruͤchten, ſeinen ſtamm durch das gantze iahr zieret. Und unter den nachfolgern Rudolphi Habſpurgici ſind dieienigen am gluͤcklichſten, und haben ihnen die meiſten ſie - geskraͤntze geflochten, welche der gottes-furcht am meiſten ergeben geweſen. Unſern gottes - fuͤrchtigen Fr. W. finden wir in denen gehei - ligten wohnungen des hoͤchſten, als einen an -daͤch291des ſtili inſonderheit. daͤchtigen und fleißigen zuhoͤrer goͤttlicher wahrheiten. Denn es wird nicht nur unter die tugenden gemeiner leute, ſondern auch fuͤrſtlicher perſonen gezehlet, gottes wort mit gebuͤhrender aufmerckſamkeit beehren. Und da es nicht nur denen geiſtlichen ſeelſorgern zu - koͤmmt, ihr hertz zu einem bet-altar dem hoͤch - ſten zu wiedmen, ſondern vielmehr gekroͤnten haͤuptern geziemet, fuͤr den geſegneten wohl - ſtand ihres hauſes und unterthanen, mit goͤttli - cher maieſtaͤt zu berathſchlagen, ſo erblicken wir unſern Fr. W. nicht nur in ſeinem bet-zim - mer, ſondern auch im felde, als einen andaͤch - tigen beter, und ich zweiffele, ob er mehr durch ſeinen tapfern arm oder eyfriges gebet die feinde fliehen heiſſen. Der todt ſeiner hoͤchſt - geliebten gemahlin, ſeines printzen CarlAemils, auf welchen die frohen unterthanen bereits ihre hofnungs-augen gerichtet hatten, ia ſeiner andern durchlaͤuchtigſten printzen und prinzeſ - ſinnen, welches ſolche dinge ſind, die auch das hertzhafteſte gemuͤthe beugen koͤnnen, werden von ihm mit ſtandhafter gelaſ - ſenheit in den willen gottes ertragen. Bezeu - get die wahrhafte feder kluger geſchichtſchrei - ber vom Alberto dem V. marggrafen zu Bran - denburg, daß man durch ſein gantzes leben ihn nicht fluchen oder ſchweren hoͤren, ſo wird wer Fr. W. leben beſchreiben will, eben dieſes von ihm hineinzuſetzen nicht vergeſſen muͤſſen. T 2Man292von denen unterſchiedenen artenMan lieſet nicht minder vom Fr. W. als vom Alberto I. herzog in Preuſſen daß ſie die diener des hoͤchſten in ſonderbahren ehren ge - halten. Und hat er zwar nicht 1000. kirchen der Marien zu ehren, wie Jacobus der I. in Arra - gonien, erbauet, und ſo viel ſchulen als buch - ſtaben im A B C. wie Carolus M. ſo hat er doch unzehliche in bluͤhenden ſtande erhalten und verbeſſert; Denn es iſt eine groͤſſere kunſt etwas wohlgeſtiftetes unterhalten, als etwas ſtiften. (In omni genere impenſarum, pleri - que noua opera fortius auſpicantur, quam tuentur perfecta. Colum. Lib. IIII. cap III.) Die fuͤrſtliche gerechtigkeit iſt eine tochter der gottesfurcht, und ein ſtern welcher von derſel - ben angezuͤndet, den boͤſen zum grabe, den lo - bens-wuͤrdigen zu belohnungen leuchtet. Und es ſcheinet der allerdurchlauchtigſte nachfolger und erbe, ſo wohl der reiche als tugenden Fr. W. habe keine tugend ſo ſehr an ſeinen durch - lauchtigſten vater zu bewundern gehabt als dieſe, da er die worte zu ſeinen koͤniglichen denckſpruch erwehlet: Einem ieden das ſeine. Denn gewiß, iſt etwas, welches den ruhm fuͤrſtlicher tugenden biß an die ſterne zu erhoͤ - hen vermoͤgend iſt, ſo iſt es die gerechtigkeit. Sie ſchencket denen unteꝛthanen die angenehm - ſte ruhe, denen veraͤchtern goͤttlicher und menſch - licher ausſpruͤche, und ruhmwuͤrdigen ge - muͤthern theilet ſie ihre gehoͤrige belohnungen aus, ienen zwar dieſteln und dornen dieſenpalmen293des ſtili inſonderheit. palmen und roſen, feinden ſelbſt iaget ſie ein Paniſches erſchuͤttern ein. Was chur-fuͤrſt Joh. Georg einer von Fr. W. durchlaͤuchtig - ſten ahnen, zu ſeinem ihn um recht und huͤlffe anflehenden unterthanen ſagte: Wenñ du hey - de und Tuͤrcke waͤreſt ſolte dir geholffen wer - den, geſchweige da du mein unterthan biſt: Das erfuͤllete er in ſeinen verrichtungen. Fa - bricius der edle Roͤmer, offenbahret dem tap - fern Pyrrho großmuͤtig, wie er eine giftige natter in ſeinem buſen hege, indem ihn ſein leib - artzt umbringen wolte, und dieſer konte nicht anders, als in dieſe worte ausbrechen: Jch wolte ehe glauben, daß die ſonne von ihrem lauffe, als der tugend-liebende Fabricius von ſeiner gerechtigkeit abzubringen ſey. Ein ge - rechter Fr. W. verachtet nicht minder das an - erbieten eines verraͤtheriſchen Frantzoſen, wel - cher durch die abſchlachtung ſeines feld-herrn des beruͤhmten Turenne, ihm eine fette Heca - tombe zu opfern gedencket, ſondern beſtraffet auch ſolches durch uͤberliefferung dieſes boͤſe - wichts zur gehoͤrigen rache, und er verdienet mehr lobes-erhebungen als der Roͤmiſche buͤr - germeiſter. Denn iener will nicht, daß maͤch - tige laͤder ihres koͤniges und unzehliche ſolda - ten ihres oberhauptes, verraͤtheriſcher weiſe be - raubet werden, ſondern er vielmehr uͤber einen lebendigen Pyrrhum triumphiren koͤnne, und Fr. W. verlanget auch nicht durch den hinter - liſtigen todt eines generals, auf welchen beyT 3wei -294von denen unterſchiedenen artenweiten nicht ſo viel beruhete, und dergleichen Fꝛanckreich mehr hatte, ſeinen ſieg zu befoͤrdeꝛn. Nicht nur Arcadius und Honorius, ſondern auch Fr. W. ſind nicht allein fuͤr ſich tugend - haft, ſondern laſſen auch keinen an ihren hoͤ - fen zu befoͤrderungen und ehren-ſtellen gelan - gen, der nicht die tugend an ſtatt des adels - briefes aufweiſen kan. Und dieſes iſt eines der vornehmſten kennzeichen, der hohen gaben ei - nes regenten, wenn er tugendhafte diener auf - ſuchet und erhoͤhet. Titus hielt es vor eine ſeinen thron ſtuͤtzende maxime: kein unterthan muͤſſe von demſelbigen mit betruͤbten gemuͤthe und verduͤſterten geſichte zuruͤck kommen. Maxi - milianus R. K. ſagte: die ertzherzoge von Oe - ſtereich haben mehr durch freygebigkeit erwor - ben, als durch kargheit. Die freundliche gut - thaͤtigkeit und fuͤrſtliche milde Fr. W. hat ſei - nen landen nicht geſchadet, ſondern ſie viel - mehr bevoͤlckert, die handlungen vergroͤſſert, und die manufackturen in ſolchen ſtand ge - ſetzt, darinnen ſie allen andern nationen trotz bieten koͤnnen. Die fuͤr der Frantzoͤiſchen dragoner bekehrung fliehende Hugenotten und in das iaͤmmerlichſte elend verbannete Reformirte, finden unter den fluͤgeln des frey - gebigen Brandenburgiſchen adlers, nicht nur ſchutz, ſondern auch ihre zerſtoͤrte tempel, ihre verbrandte wohnungen und ihre geraubte guͤter reichlich und praͤchtig wieder. Und dieſe ſo viel 1000 ihrer ſeyn, muͤſſen aufrichtigezeug -295des ſtili inſonderheit. zeugniſſe abgeben, der ungemeinen liebe und freundlichkeit Fr. W. ob ſie wohl ſelbige nicht ſo lange genieſſen koͤnnen, als die eingebohrnen unterthanen. Ja verhaſte feinde muͤſſen die angebohrne gnade des huldreichen Fr. W. bewundern, da er an ihnen keine rache uͤbet, ob er ſie ſchon in ſeinen haͤnden hat. Viele fuͤrſten, ja was ſage ich fuͤrſten, die meiſten privat-perſonen, wiſſen ihre zeit, ich will nicht ſagen mit unzulaͤslichen dingen, ſondern mit unnuͤtzlichen kleinigkeiten zu verſchleudern: Und ein in gantz Griechen-land fuͤr weiſe ge - haltener Plato, muß in ſeinem alter die uͤble verſchwendung ſeiner zeit beſeufzen. Fr. Wil - helms langes leben, weiß von keiner uͤbelan - gewandten ſtunde. Miſſet einer von ſeinen durchlauchtigſten ſtamm-vaͤtern, der weiſe churfuͤrſt Johannes, ſeine tage ſo ab, daß nicht eine minute vergebens angewandt wird, ſo thut er es ihm hierinne gleich. Die ſtun - den des tages, welche ihm von denen unter - redungen mit GOtt und goͤttlichen verrich - tungen uͤbrig bleiben, werden einer preißwuͤr - digen ſorge und liebe der unterthanen, denen von unſerm groſſen Fr. W. hoͤchſtgeliebten ſtudiis, der wohlfahrt des gantzen Teutſchen Reiches, ja des weiten Europae aufgeopfert. Denn er konte als ein vater, vermehrer, und maͤchtiger beſchuͤtzer, von allen angeſehen wer - den. Printzen welche geſetz-geber und ſtadt - halter des hoͤchſten geſetz-gebers in der unter -T 4welt296von denen unterſchiedenen artenwelt ſind, haben zwar nicht noͤthig, ihren fuͤrſt - lichen purpur, durch die geſetze einſchrencken zu laſſen. Doch wenn ſie in ſelbige einen verwege - nen eingriff thun, muß ſolcher zu einer quelle unzehlicher ungluͤcklicher zufaͤlle werden. Un - ſer groſſe Fr. W. brauchte es ebenfals nicht ihm gewiſſe regeln zu ſtecken: Doch er war ein lebendiges geſetze ſeinen unterthanen und ein heller ſpiegel, woraus andere eine fuͤrſtli - che auffuͤhrung mit offnen augen leſen ſolten. Jn ſeiner reſidentz wird man keinen altar dem Baccho aufgerichtet finden, und folglich wird ihr die unkeuſche Venus keinẽ winckel zueignen duͤrffen. Denn dieſe beyde haben ſich ver - ſchworen, allezeit mit geſamter hand, die woh - nungen der maͤßigkeit und keuſchheit, und die ſuͤſſe ruhe menſchlicher gemuͤther zu zerſtoͤren. Allein was gewinnet er dadurch ſonderbah - res, fuͤr denenienigen, welche ihnen wie den beſoffnen Pacuvio faſt taͤglich koͤnten zuruf - fen laſſen: vixit? dieſes, daß ihn die durch maͤßigkeit erhaltene natur, ſeine jahre, biß an das vom Moſe dem ſterblichen leben vor - geſetzte ziel, hinanzehlen laͤſſet und die ehrlie - bende nach-welt den ſchimmer ſeines gantzen allerdurchlauchtigſten hauſes, welches ſich durch dieſe tugenden inſonderheit von vielen andern unterſchieden, in ihm allein kaum gnug - ſam bewundern kan. Er konte wie Auguſtus, als er das 43 jahr ſeiner hoͤchſtloͤblichen regie - rung zehlete, das groſſe ſtuffen jahr, menſch -liches297des ſtili inſonderheit. lichen alters ungehindert uͤberſteigen, und in ſeinem 67 jahre ſeiner armee ſich zu pferde zei - gen. Wie die roſen ihren purpur ſo wohl, als angenehmen geruch und blaͤtter verlieren, wenn ein ungeſtuͤmer platz-regen ſie uͤberfaͤllet, hingegen allezeit durch einen maͤßigen thau veriuͤngen koͤnnen; alſo behalten die wangen ihre farbe, die menſchliche natur ihre kraͤfte, wenn man ſolche fuͤr gewaltſamer unmaͤßig - keit bewahret. Die ſtrahlen der ſonne ſind ſo durchdringend, und ihre waͤrme ſo kraͤftig, daß man in allen dingen ihre nutzbare wuͤr - ckung ſpuͤhret, doch iſt eine regenſchwangere wolcke gnug, beydes zuverhindern und die erde in kalte ſchatten zu ſtellen. Und alle hohe be - gabniſſe einer fuͤrſtlichen ſonne, koͤnnen durch unmaͤßigkeit, in dunckeln flor eingehuͤllet wer - den. Nun verwundere man ſich nicht, wenn er das aufmercken der vernuͤnftigen welt, ia verwegner barbaren auf ſich und ſeine tapfern thaten gezogen. Jndem ich ſeiner anderer hel - den uͤberſteigende verrichtungen mich erinnere, und einen blick in die mit ſeinen ſieges-zeichen bedeckte felder thue, ſo werde den beruͤhmteſten kuͤnſtlern nachahmen, welche nur groſſe ſchlach - ten und begebenheiten, abzuſchildern belieben tragen. Sonſt wuͤrde es ihnen H. und H. an - weſende nicht an geduld, mir auch nicht an wort und ſachen, wohl aber an der zeit fehlen, denn hier fallen uns mit ſeinen heldenmuͤthi - gen bemuͤhungen, alle hochfuͤrſtliche tugendenT 5unſers298von denen unterſchiedenen artenunſers groſſen Fr. W. in die augen. Die nachkommen haben nicht nur an den muͤntzen ein gedaͤchtniß ſeiner tapferkeit, auf welchen man ihn: Electorem regibus parem, Achil - lem Germánicum, Patrem caſtrorum, be - nennet, ſondern gantze laͤnder und voͤlcker ſind lebendige muͤntzen, in welchen er mit blutigen ſtahle eben dieſes gepraͤget. Das unbaͤndige Pohlen, das rauhe Schwedẽ, das ſtoltze Franck - reich, die Ottomaniſche pforte, haben dieſes mehr als einmahl erfahren. Denn er gieng nur wieder dieienigen zu felde, welche zugleich ſeine und des Teutſchen Reichs, ſeines vaterlan - des feinde ſeyn wolten. Antonini wahlſpruch war: Malo ſeruare ciuem vnum, quam mil - le hoſtes perdere, und was des groſſen Fr. W. ſinn hiebey geweſen, koͤnnen wir auff der muͤntze leſen, welche uns ihn in voͤlliger ruͤ - ſtung mit bekraͤntzten haupte und die - ſer umſchrifft zeiget: Ob cives ſerva - tos. Sein allerdurchlaͤuchtigſter Herr va - ter uͤberließ ihm das ſteuerruder der regierung, da gantz Teutſchland von den wuͤ - tenden krieges-wellen erbaͤrmlich erſchuͤttert und ſeine laͤnder von unzehlichen feindlichen winden beſtrichen wurden, doch ſo bald es ſeine tapfere fauſt ergriffen, konte man ſagen: Noli timere nauta caeſarem vehis. Es wurde zwar bald nach ſeiner angetretenen regierung eine ungemeine ſtille, durch den Weſtphaͤliſchen friedens-ſchluß, und die Martis ſoͤhne ſtecktenihre299des ſtili inſonderheit. ihre blutige ſchwerdter ein. Doch dieſer war nicht anders anzuſehn, als ein vorbote eines ebenfallß groſſen ungewitters, und erſchreckli - chen darauf erfolgten krieges. Der ungluͤck - liche Pohlniſche Joh. Caſimir, haͤtte bey nahe hierinne kron und ſcepter, land und leute ein - gebuͤſſet, als der mit dem Schwediſchen loͤwen verbundene Brandenburgiſche adler, ihn gantz erzuͤrnet anfiel. Die Warſchauiſche felder ſind nicht minder als die Catalauniſchen be - ruͤhmt worden, weil in dieſen ein nichtiger ehr - geitz das commando fuͤhrte und beyde theile einander faſt gleich waren: Jn ienem aber der tapfere Fr. W. mit einem geringen volcke, al - len Pohlniſchen adel, die groͤſten horden er - grimmter Tartarn, und die wilden trouppen gepanzerter Huſaren, auf einmahl vor ſich her fliehen ſahe. Ein Brandenburgiſcher muſte wie - der 6. feindliche armee kaͤmpfen, denn der un - erſchrockene Fr. W. frug niemahls wie ſtarck der feind waͤre, ſondern wo er ſich aufhielte. Die groſſe anzahl der feinde machte den krieg ſchwer, aber den ſieg deſto groͤſſer und die fruͤch - te deſſelben deſto vollkommener. Er ſchreckte die Polniſche republique alſo, daß ſie ihm die oberherꝛſchaft von Preuſſen freywillig uͤberlieſ - ſe. Eine ſache, welche ſie vordem mit blut und todt, gantz verſtockt zu behaupten gewoh - net war. Und ehe er noch ſeine ſieghafte pal - men in oliven kraͤntze verwandeln konte, wieſe er einer dem Teutſchen Reiche ungetreuen kro -ne,300von denen unterſchiedenen artenne, daß Fr. W. nicht nur uͤber fluͤchtige Pohlen, ſondern auch ſonſt feſt ſtehende Schweden triumphiren koͤnne. Er war allezeit bey ſeiner armee gegenwaͤr - tig, da ſonſt andere printzen, und nicht un - billich, ihre geheiligte perſon denen feindlichen kugeln ſelten bloß geben. Wolte alſo dem erſten Achilli ſeines hauſes Alberto nichts nachgeben, welcher wie ein grimmiger loͤwe ein - ſten durch die feindliche glieder drang und ihre hauptfahne mit dieſen worten ergrif: Jn der welt iſt kein ſo ruͤhmlicher ort, da ich meines le - bens ende ſuchen kan, als hier. Nur thut es Fr. W. mit dem unterſcheid, nicht daß er wie iener ſeine leute von der flucht zum ſiegen brin - get, ſondern damit ſein heldenmuth auch uͤber die ſeinen ſich ergieſſe, und er ſelbige zu einer zeit anruͤcken und die feinde fliehen heiſſen koͤnne. Doch wieder den erb-feind Chriſtliches nah - mens, hat er ſeine geheiligte perſon nicht be - muͤhet, denn es war genung, daß er ſeine waf - fen dem tapfern Schoͤning liehe, fuͤr welche die barbarn eben ſo wohl flohen, als die verzweif - felten Troianer fuͤr dem Patroclo, welcher dem Achilli ſeinen panzer und ſchild abgebor - get. Vereinigte ſeine hohe gegenwart, ſeine und des Reichs voͤlcker wieder das hochmuͤthige Franckreich, ſo war er ein ſarder, welcher der naturkuͤndiger bericht zu folge, die furcht ver - treibt. Der ſtaat der vereinigten Niederlaͤn - der, waͤre nimmermehr zu ſeinen verlohrnenſtaͤdten301des ſtili inſonderheit. ſtaͤdten gelanget, ia haͤtte vielmehr ſeine ande - re welt Amſterdam uͤber dieſe hingegeben, wenn nur nicht Fr. W. großmuͤthige gewohn - heit waͤre geweſen, bedraͤngten huͤlfreichbeyzu - ſpringen. Denn Fr. W. bemuͤhungen mach - ten es, daß die in den Niederlanden aufgehende Galliſche after-ſonne ſo bald untergehen muſte, als ſie aufgegangen ware. Hiebey ſcheu - ete er nicht den unerſetzlichen ſchaden, worinn er ſeine laͤnder ſetzen muſte, denn er glaubte, daß es beſſer ſey, ſelbige auf eine kurtze zeit in gefahr laſſen, als in langwieriges ungluͤck ſtuͤrtzen, und dieſes letztere waͤre unfehlbar erfolget, wenn er zugegeben haͤtte, daß die um ſich greif - fenden Bourbonier ſeine naͤchſte nachbarn wor - den waͤren. Was hat nicht ſein eyffer fuͤr Leopoldi thron, und die Teutſche freyheit vor wunder dinge ausgerichtet, wenn er als ein ge - treuer Reichs-patriote, den harniſch wieder eben dies unruhige Franckreich angeleget? Den groſſen Ludwig welcher Teutſchlande unaufhoͤrlich mit ſeinen veraͤchtlichen feſ - ſeln drohete, trieb er alſo in die enge, daß er ſich nach fremder potentaten huͤlffe aͤngſtiglich umſehen muſte. Schweden ſolte der tapferkeit des groſſen Fr. W. zum falle werden, und indem es in die Branden - burgiſchen laͤnder fiel, dem beaͤngſtigten Franckreich huͤlffe ſchaffen. Allein hier machte der himmel erſt recht einen bewundernswuͤrdi - gen anfang die Brandenburgiſchen waffen zu