PRIMS Full-text transcription (HTML)
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Philoſophiſche Oratorie,
Das iſt: Vernuͤnftige anleitung zur gelehrten und galanten Beredſamkeit, wie ſich ſelbige ſo wohl in oͤffentlichen reden, als auch im taͤglichen umgang, bey allerhand ma - terien, auf mancherley art, durch eine gluͤckliche er - findung, nette expreßion und ordnung zeigen muͤſſe, mit auserleſenen exempeln erlaͤutert, und mit einem regiſter verſehen.
Leipzig,1724. Bey denenCoͤrneriſchen Erben,in der Grimmiſchen Gaſſe.

Dem Magnifico, Hoch-Edelgebohrnen Herrn, Herrn Gottfried Langen / vornehmen JCto, Sr. Koͤnigl. Maj. in Pohlen und Churfuͤrſtl. Durchl. zu Sachſen hochbeſtalten Hof - und Juſtitien - Rath, des Ober-Hof-Gerichts, des Conſiſtorii und Schoͤppen-ſtuhls in Leipzig hochverordneten Aſſeſſori, der Stadt Leipzig hochanſehnlichen Buͤrgermeiſter, und des groſſen Fuͤrſten-Collegii Colle - giato, &c. Meinem Hochzuehrenden Herrn, Wie auch Dem Hoch-Edelgebohrnen Herrn, Herrn Jacob Born, vornehmen JCto, Sr. Koͤnigl. Maj. in Pohlen und Churfuͤrſtl. Durchl. zu Sachſen hochbe - ſtalten Appellations-Rath, des Ober - Hof-Gerichts Aſſeſſori, der Stadt Leipzig hochverdienten Stadt-Richter, ꝛc. Jngleichen Dem Hoch-Edlen, Veſten und Hochweiſen Herrn, Herrn Joh. Ernſt Kregeln, hochverdienten Baumeiſter und Fuͤrnehmen des Raths zu Leipzig, auch fuͤrnehmen Kauf - und Handels - Herrn daſelbſt, Meinen Hochzuehrenden Herren.

Magnifice, Hoch-Edelgebohrne, Hoch-Edler, Hochweiſer, Hochzu Ehrende Herren,

EW. Magnificence, Hoch - Edelgebohrnen und Hoch-Edlen Herrlig - keiten, gegenwaͤrtiges werckchen zuzueignen, habe kein bedencken ge - tragen, da mir theils eine allgemeine ſchuldigkeit ſchon fuͤrlaͤngſt auferleget, Erlauchte und Hochverdiente Haͤupter zu verehren, theils gantz beſondere pflich - ten, welche, wann ich ſie erzehlen wolte, uͤber die graͤntzen einer zuſchrift giengen, mich zu dieſem unternehmen ins beſon - dere verbinden. Es iſt zwar dieſe art der verehrung allezeit mit einiger kuͤhn - heit, und zuweilen gaꝛ zu groſſen freyheit vergeſellſchaftet: Doch haben leute von) (3ho -hohem range und veꝛdienſten, ſolche kuͤhn - heit leichter vergeben und genehm gehal - ten, als diejenigen, welche mit ihren weni - gen faͤhigkeiten, ſo zu reden, noch vor den hafen der gehoften ruhe laviret, ſelbige begangen. Jch ſchmeichle mir mit die - ſen eines gleichen gluͤcks, und da ich die eh - re habe, Ew. Magnificence, Hoch-Edelge - bohrnen, Hoch-Edlen Herrligkeiten / alle arten vom wohleꝛgehen zum aufnehmen des gemeinen beſten und zu dem hohen vergnuͤgen Dero hoch-anſehnlichen Fa - milien anzuwuͤnſchen: So erſuche Die - ſelben unteꝛthaͤnig, dieſe blaͤtter als gerin - ge fruͤhlings-bluͤthen nicht zu verſchmaͤ - hen, ſondern hochgeneigt anzunehmen, und mich ſo lange Dero hohen wohlge - wogenheit zu wuͤrdigen, biß ich durch vollkommene fruͤchte zeigen koͤnne, mit was fuͤr beſonderer tieffen ergebenheit ich ſey

Ew. Magnificence, Hoch-Edelgebohrnen, Hoch-Edlen Herrligkeiten gehorſamſt-ergebenſter diener
Der auctor.

Vorrede.

Geehrter Leſer.

EJne vorrede iſt einem buche ſo noͤthig, als einem prieſter der kragen, einem profeſſor der mantel und einem ſtu - denten der degen, denn ſie ſoll dem buche das anſehen und die rechte kraft geben, auch wider die vermuth - lichen anfaͤlle es zum voraus verthaͤidigen. Dieſes hat der herr auctor reiflich in erwegung gezogen; nachdem er aber ſeine zeit lieber auf andere dinge als auf vorreden wendet: ſo hat er mich erſuchet, ihn der muͤhe zu uͤberheben, und ich habe auch ohne be - dencken ihm gewillfahret, und ſtatt ſeiner die muͤhe eines vorredners uͤber mir genommen. Wann du aber von mir erwarteſt, daß ich dir dieſe arbeit an - preiſe, und mit geſchminckten und geſchwaͤntzten no - ten erheben ſolle, ſo wirſt du dich betrogen finden. Jch ſchicke mich zu nichts weniger, als zu einem pa - negyriſten, und es wird auch weder dir noch dem auctori / welcher den fehler an ſich hat / daß er von ſeinen ſachen immer zu wenig haͤlt, damit gedienet ſeyn. Alſo will ich dir nur eins und andeꝛs, was du wider dieſes buch einwenden koͤnteſt, unter den fuß geben, du magſt heꝛnach ſehen, ob ich recht habe, und die boltzen vollends verſchieſſen. Da der herr au - ctor eine Oratorie ſchreibet, ſo ſcheint er die menge derſelben zu vermehren, und wir haben bereits der Metaphyſicken, Logicken und Rhetoricken ſo viel, daß wir iemand bitten moͤchten, einen vorſchlag zu thun, wie man die anzahl derſelben verringerte. ) (4NunVorrede. Nun wird er zwar wohl einwenden, daß er ſich hier der allgemeinen freyheit bedienet / welche einem ie - den erlaubet, ſo gut er kan, ſein weniges vermoͤgen zum dienſt des gemeinen beſten anzuwenden: Al - lein er haͤtte dich doch billich, mein leſer, erſt um er - laubniß bitten ſollen / mit ſeinen ſchlechten ſachen herfuͤrzutreten. Weiter habe ich anfangs mich verwundert, warum er es eine Philoſophiſche Oratorie genennet? Denn ich ſehe ja, daß es auf alle arten von reden gerichtet iſt, was er hier fuͤrbringet. Vielleicht meinet er, die Philoſophie ſey die univerſelle gelehrſamkeit, und weil er ſein werck auf Philoſophiſche, das iſt, nach ſeiner mei - nung, auf gelehrte gruͤnde bauet, ſo ſey es auch eine Philoſophiſche Oratorie. Wann du nun mein - teſt, auch auf dieſe weiſe Theologiſche, Juridiſche und Mediciniſche Oratorien zu ſchreiben, ſo koͤnteſt du es verſuchen, aber du wuͤrdeſt es vielleicht nach ſeinem concept nicht treffen, dann er wuͤrde ſpre - chen, daß auch dieſe philoſophiſch / das iſt, gelehrt, muͤſten geſchrieben weꝛden, und in dieſen ſtreit will ich mich weiter nicht mengen, dann es kaͤme da wohl auf kein raiſonniren ſondern auf die probe ſelber an. Bey dem werck ſelbſt hat der herr auctor ſeine lehr - ſaͤtze ziemlich frey fuͤrgetragen, aber mit noch frey - ern noten erlaͤutert. Erſtlich handelt er von ein - richtung der gedancken, nachgehends von dem aus - druck derſelben, und endlich von der diſpoſition derſelben. Da gehet er von andern ab, welche die elocution zuletzt ſparen, er handelt nirgends von denen generibus dicendi, demonſtratiuo, deliberatiuo, Judiciali, ohngeachtet M. Uhlmann zum troſt aller rhetorum das didaſcalicum noch erfunden. Hin - gegen dringet er uͤberall darauf, daß man der natur des obiecti nachgehen, und wie ein mahler dabey ſich auffuͤhren muͤſſe / welcher eine ſache nach der natur fuͤrſtellet, allenthalben die regeln der pro - portion / der Perſpectiv, des wohlſtandes beobach -tet,Vorrede. tet, ſein obiectum zuweilen ausputzet, ſtarcke lichter, ſtarcke ſchatten, und die doch mit einander in einer guten harmonie ſtehen, und in einander zu flieſſen ſcheinen, anbringet. Deßwegen hat er auch den Apellem auf das kupferblat ſetzen laſſen, wie der - ſelbe bemuͤhet iſt, dem Alexandro die urſachen ſeiner Mahlerey zu entdecken. Nun laß ich alles dieſes dahin geſtellet ſeyn, wo man ſonſt ſo viel hinzuſtel - len pfleget, und muß erwarten, ob ich dem herrn auctori recht prophezeiet, da ich ihm zuvoraus ge - ſagt, daß er einige mit ſeiner ſchreibart beleidigen, und vielleicht denen gelehrten regiſtratoribus, wel - che mit anderer leute fehlern geld verdienen, in die haͤnde fallen werde: Oder ob er recht gehabt, da er mir geantwortet, daß er nicht vermuthe, die feindſchaft vernuͤnftiger leute auf ſich zu laden; wolten hingegen die unvernuͤnftigen boͤſe werden, ſo ſey ihm ſolches gar lieb, denn es wuͤrde albern ſeyn / wenn er ſich etwas leid ſeyn lieſſe, das er doch nicht aͤndern koͤnne. Jch moͤchte nur in ſeinem nah - men den geneigten leſer bitten, daß er, ehe er boͤſe werden wolte, zuvor die umſtaͤnde uͤberlegte, die antecedentia und conſeqventia der ſtelle wohl be - trachtete, womit er ſich etwa beleidiget zu ſeyn glaubte, und lieber einer gelinden auslegung derſel - ben, als einer uͤbereilten gehoͤr gaͤbe. Er ſetzte hin - zu, daß er ſich auch fuͤr denen urtheilen derienigen nicht fuͤrchtete, welche ſelbige oͤffentlich an den tag legten, wohl aber fuͤr dieienigen, welche gleich de - nen ſchmeißfliegen, gantz in der ſtille, auch auff die reinſten ſtellen ihre excrementa ingenii ſetzten, und ohngeachtet ſie ziemlich ſtranguriam empfaͤnden, in ihrer ſatyriſchen vena, dennoch aus verborgenen winckeln auf andere ihren gifftigen unflath gar zu gerne ſpritzten. Denn, ſagte er, wer ſeine gedan - cken uͤber meine arbeit publiciret, der unterwirfft ſich dem urtheil der gantzen welt, die etwas davon zu ſehen bekommt: iſt er nun vernuͤnftig in ſeinem) (5ur -Vorrede. urtheil, ſo lerne ich ia etwas von ihm / und bekuͤm - mere mich wenig oder nichts darum, ob ihm die liebe zur wahrheit und tugend oder der neid, darzu anlaß gegeben, iene ſchuͤtzet man mehrentheils fuͤr, und dieſer iſt das rechte principium movens. Jſt er unvernuͤnftig, ſo wirds ihm gehen wie dem Alex - andro, da er von des Apellis gemaͤhlde unrecht rai - ſonnirte, und die mahleriungen ihn auslachten; denn es werden auch die anfaͤnger der beredſamkeit ihn fuͤr einen ungeſchickten raiſonneur halten. Jſt er endlich gar grob / ſo fehlt mirs nicht an hertz, auch nicht an der faͤhigkeit, ihm gehoͤriger weiſe zu begegnen. Meines orts laſſe ich, wenn du es an - ders auch zufrieden biſt, geneigter leſer, dem herrn auctori darinne ſeine freyheit, und kan ers halten nach ſeinem gefallen. Nur muß ich dich erinnern, daß du nicht, wenn du ihn etwan wenig oder gebro - chen reden hoͤreſt, daraus ſchluͤſſe macheſt: denn er redet nur wenig oder gebrochene worte gegen ein - zele perſonen, denen er nicht trauet, und die er nicht kennet. Sonſt halte ich ihn fuͤr ſo complaiſant, daß er niemand ſeine meinung aufdringet, abeꝛ ſich nicht gerne eines andern meinung ebenfalls aufdringen laͤſt, ohngeachtet er keine ſchwierigkeit macht, allen leuten ſuo modo recht zu geben, aber nicht von dir praͤtendiret, daß du ihm in allem beyfallen ſolteſt, da du vielleicht mit deinem geſchmack ſelbſt noch nicht einig biſt. Zwey dinge muß ich doch noch beruͤh - ren, einmahl die allegirten auctores und heꝛnach die beygebrachten exempel. Bey ienem ſcheints, als wann der herr auctor wenig ſtaat darauf machte, denn er fuͤhrt ſie ſo quaſi aliud agendo an. Jch habe ihm treuhertzig gerathen, er ſolle etwan ſehen, wie er einen gelehrten fuhrmann wo auftriebe, der ihm vorſpann gebe, und die auctores brav zuſammen peitſchete, ich habe ihm auch etliche fuͤrgeſchlagen, welche, ohngeachtet ſie ſo wenig Frantzoͤiſch als Rabbiniſch verſtehen, doch gantze buͤcher mit Fran -tzoͤi -Vorrede. tzoͤiſchen und Rabbiniſchen noten heraus geben. Allein er meinte, was es denn noͤthig waͤre, anderer leute zeugniſſe anzufuͤhren, da die ſache ſelbſt redete, er habe noch gantze millionen auctores, die er alle anfuͤhren wolle, wo man ihn der allegatorum we - gen boͤſe machte. Bey den exempeln die er ſelbſt gemacht / [denn mit anderer leute arbeit habe ich ie - tzo nichts zu thun] habe ich ihn gefraget, ob er nicht in ſorgen ſtuͤnde, wann etwa Herr Luͤnig ſolte auf die gedancken kommen, die reden kleiner herren heraus zu geben, daß man auch da ſeine arbeit fin - den moͤchte: allein er ſchien deßwegen gantz ge - ruhig zu ſeyn, und meinte, wenn ihn etwa die natur ſo kuͤnſtlich zubereitet haͤtte, daß der kopff auf die huͤften relegiret waͤre, das geſichte bey dem kinne eben ſo hoch in die hoͤhe ſtuͤnde, als bey der ſtirn, die naſe gleich dem hoͤltzernen pferde auf einem gepfla - ſterten marckte herfuͤr ragete, und der mund die zaͤhne nicht mehr bedeckte, oder damit er deſto ferti - ger alle leute taxiren koͤnte, immeꝛ offen ſtuͤnde, auch ſonſt die gantze laͤnge ſeines coͤrpers nur etliche ſpannen betruͤge, da moͤchte er freylich die ehre ha - ben, daß man ihn unter die kleinen herrn einſchalte - te; Aber da ihn der guͤtige himmel groͤſſer gemacht, als ihm lieb ſey, ſo wuͤrde man ſeinetwegen ſich wohl nicht bemuͤhen duͤrffen. Ubrigens hat er mir befoh - len, denenienigen hohen Patronis, wertheſten Goͤn - nern und freunden gehorſamſten ſchuldigſten erge - benſten danck abzuſtatten, welche ihm theils durch ihre lehren, theils durch ihren wohlgemeinten auf - richtigen u. freyen rath, theils durch com̃unicirung vieler buͤcher, theils durch ihre gemachte gelehrte einwuͤrffe, bey verfertigung dieſes werckes, beyge - ſtanden. Wann auch du, geneigter leſer, etwas fin - deſt, das verdiente beygebracht zu werden, ſo bittet er dich, daß du ihm ſolches nicht mißgoͤnnen wolleſt, er wird dir gleichen groſſen danck abſtatten; wuͤn - ſchet dir darneben alles wohlergehen, wie ich danngleich -Vorrede. gleichfalls dir will angewuͤnſchet haben. Sonſt nimm dir unbeſchwert die muͤhe und corrigire fol - gende druckfehler pag. 2. l. 11. ließ: eintheilung. p. 8. l. 11. ließ: program. IIII. §. 7. 14. p. 9. l. 20. ließ: den anhang, und l. 29. ließ: unten den anhang. p. 17. l. 29. ließ: Qvinctilianus. p. 23. l. 9. ließ: Part. III. cap. 3. p. 35. l. 24. ließ: naturale. p. 47. l. 19. communium. p. 62. l. 26. ließ: wollen. p. 72. l. 16. ließ: Hiſtoriſche. p. 76. l. 4. ließ: im dritten capitel. p. 82. l. 27. ließ: Apophthegmata. p. 84. l. 4. ließ: moͤglichkeit nicht unterſcheiden. p. 86. l. 27. ließ: daraus. p. 99. l. 4. ließ: zur. p. 105. l. 2. deutlichkeit. p. 190. l. 16. de Germaniſmis falſo ſuſpectis, de amplificatione verborum & totius locutionis, p. 177. l. 33. ließ: Micraelii. und an - dere, welche der herr auctor viellsicht bey dem aca - demiſchen gebrauch, dem dieſe arbeit gewiedmet, bemercken wird. Lebe wohl. Jch bin dein ergebenſter

M. L. v. S.

Jnhalt des gantzen wercks.

  • Vorbereitung: von der Oratorie uͤber - haupt.
  • Der erſte theil: von der erfindung der ge - dancken.
    • Cap. 1. von der erfindung der thema - tum.
    • 2. von der erfindung der argu - mentorum uͤberhaupt.
    • 3. von beweiß-gruͤnden.
    • 4. von erlaͤuterungs-gruͤnden.
    • 5. von bewegungs gruͤnden.
  • Der andere theil: von dem ausdruck der gedancken.
    • Cap. 1. von dem ausdruck uͤberhaupt.
    • 2. von dem ſtilo und deſſelben ei - genſchaften.
    • 3. von den unterſchiedenen arten des ſtili.
    • 4. von den mitteln zum guten ſtilo.
    • 5. Moraliſche betrachtung des ausdrucks.
  • Der dritte Theil: von der ordnung im fuͤrtrage.
    • Cap. 1. von der diſpoſition uͤbeꝛhaupt.
    • 2. von reden im gemeinen leben und briefen.
    • 3. von oͤffentlichen ſchul - und po - litiſchen reden.
    • 4. von Juridiſchen reden. 5. von geiſtlichen reden.
  • Anhang: von den aͤuſſeꝛlichen umſtaͤnden im fuͤrtrage.
Viel
VJel Redner reden viel, und wann ſie gluͤck - lich ſind,
(wind.
So faͤhrt der ſchall ins ohr, der nachdruck in den
Warum? die weißheit fehlt. Viel worte, wenig ſachen,
(machen.
Sind blaſen, die den mund des Redners eitel
Wer dieß, Gelehrter Freund, von deinen re - den ſpricht,
Der redet ohne grund, und kennt die feder nicht,
Die kurtz und triftig ſchreibt, betrug und farben haſſet,
Und das, was klug erdacht, in enge ſchrancken faſſet.
Was hier der leſer ſieht, das hab ich laͤngſt ge - ſehn,
Mir iſt bereits mein wunſch, und Dir Dein recht geſchehn.
Jhr, die ihr in der welt nach gleichem vortheil ringet,
Schafft daß ihr euren fleiß auf gleiche hoͤhen ſchwinget.
Nehmt weißheit in den mund, verdammt der worte ſchein,
Hier kan FABRICIVS ſtatt eines muſters ſeyn.
Und wenn Dich, Edler Freund, verdienſt und kunſt erhoben,
So zeige vor der welt noch ferner kluge proben.

Hiemit wolte des Herrn Autoris, ſeines ehemali - gen wehrten Auditoris, Philoſophiſche Ora - torie der Studiren den Jugend beſtens recommendiren,

D. IOHANNES Schmid, Prof. Publ. und der Leipzigſchen Univerſitaͤt Senior.
[1]

Vernuͤnftige anleitung zur Beredſamkeit. Vorbereitung von der Oratorie uͤberhaupt.

Jnhalt.

WAs die Oratorie ſey? §. 1. Worinn das weſen der wahren beredſamkeit beſtehe? § 2. Wel - ches der rechte endzweck der beredſamkeit? §. 3. Daß ſich die beredſamkeit auch in der con - verſation zeigen muͤſſe, §. 4. Von dem nutzen der Oratorie, §. 5. Daß die Oratorie deßwe - gen nicht zu verwerffen, weil ſie weltlich, weil man ſie von natur beſitze oder mißbrauchen koͤnne, §. 6. Wor - inn die Oratorie von der Logick unterſchieden? §. 7. Was zu einem redner erfodert werde und ob er ein polyhiſtor ſeyn muͤſſe? §. 8. Was zu einem redner gehoͤre in anſehung des leibes? §. 9. Jn anſehung des verſtandes? §. 10. Jn anſehung des willens? §. 11. Was er fuͤr wiſſenſchaften hauptſaͤchlich verſtehen muͤſſe? §. 12. Von der klugheit des redners uͤderhaupt, §. 13. Von der klugheit des redners, in anſehungAder2vernuͤnftige anleitungder ſache davon er redet, §. 14. Jn anſehung ſeiner eignen perſon, §. 15. Jn anſehung ſeines zuhoͤrers, §. 16. Jn anſehung der aͤuſſerlichen umſtaͤnde, §. 17. Von der hiſtorie der Oratorie uͤberhaupt §. 18. Von der Oratorie vor der ſuͤndfluth und nach derſelben bey den Barbarn, §. 19. Bey den Phoͤniciern, Hebraͤern und Griechen, §. 20. Bey den Roͤmern, §. 21. Bey den Teutſchen, §. 22. Bey den Frantzoſen, §. 23. Bey den Engellaͤndern, §. 24. Bey den Jtaliaͤnern, §. 25. Bey den Spaniern, §. 26. Bey denen uͤbrigen Natio - nen, §. 27. Von[der eintheilung] der Oratorie, §. 28.

§. 1.

DJe Oratoriea) iſt eine vernuͤnftige anweiſung! zur beredſamkeit, das iſt, zu der geſchicklichkeit, ſolche woͤr - ter zugebrauchen, welche mit un - ſern gedancken genau uͤberein kommen,b) und in ſolcher ordnung mit ſolcher art: ſeine gedancken fuͤrzuſtellen, daß in denen die unſere worte hoͤren oder leſen, eben die gedancken und regungen entſtehen, die wir ihnen beybringen wollen, damit die gluͤckſeeligkeit des menſchli - chen geſchlechts befoͤrdert und der umgang un - ter ihnen angenehm gemacht werde.

a)Griechiſch heiſt ſie: Rhetorica Teutſch: Die Re - de-kunſt. Einige ſagen die Rhetorick gebe re - geln, die Oratorie bringe ſie in die uͤbung; und machen alſo einen unterſchied unter beyden, das will ich ihnen nicht wehren, ich thue es inzwi - ſchen nicht.
a)
b)Cicero de orat. III. 10. Quinam eſſet dicendi modus melior, quam vt latine, vt dilucide, vt orna - te, & adid quodcunque agetur, apte congruenterque dicamus. Quincti l. Lib. III. V. Tria ſunt quæpræ -3zur beredſamkeit. praeſtare debet orator, vt doceat, moueat, delectet Und Morhoff lobt den Virgilium alſo: Non plus dicit, quam debet. quae maxima omnis elo. quentiae virtus eſt. Polyh. I. 3. 10. 30. Joh. Clerici Penſeés de la vraie et fauſſe eloquence Parrhaſian. I. p. 73. ſind fuͤrtreflich einen rechten begrif von der beredſamkeit zu machen. Man hat ſie mit noten ins Teutſche uͤberſetzt edirt Alten - burg. 1722. 8. Conf. Ridig, Senſum Veri & Falſi. IIII. 4. de propoſitione medit. D. Auguſt Frid. Mülleri Diſſ. de Arte[e]loquendi Lipſiæ 1708. M. Gottfr. Polycarp. Mülleri. diſſert. de emendatione eloquentiae moderna praemiſſam ideae eloquentiae Nov-antiquae, Joh. Georgii Walchii Epiſt. de cor - rupta ſcholarum eloquentia, Facciolati orationi ad humanitatem praemiſſam. Lipſ. 1716. Eiusdem dia - triben de litteris humanioribus, hiſtoriae criticaelati - linguæ adiectam.
b)

§. 2. Alſo beſtehet das weſen der beredſamkeit in dem accuraten ausdruck der gedancken, und es irren dieienigen, welche ſolches in der men - ge leerer worte,a) in pedantiſchen formuln, in figuren, in argutien,b) in der gleichheit mit andern beruͤhmten rednern, in dem klange der rede,c) in der kunſt den leuten was weiß zu machen,d) in der fertigkeit von ſachen pro - und contra zu ſchwatzen,e) und in andern der - gleichen kleinigkeiten ſuchen.

a)Quinctilianus lib. X. c. 1. Nobis autem copia cum iudicio paranda eſt. &c. Es iſt alſo uͤbel ge - than wann man die leute nur auf die ausdeh - nung der rede fuͤhret, und doch finde ich daß die - ſes der meiſten rhetorum ihr hauptwerck ſey - Viel worte ſind nicht allemahl ein zeichen einesA 2guten4vernuͤnfftige anleitungten iudicii. Und es muß doch wohl ein unterſchied ſeyn unter ſchwatzhaftigkeit und beredfamkeit.
a)
b)Die bons mots macher werden vielleicht anderer meynung ſeyn, allein ob man ihnen wohl den naͤchſten platz nach denen groͤſten ſchertzern bey hofe gerne einraͤumet, ſo wird doch der gar zu groſſe zufluß vom ingenio ſie wohl zu keine red - ner machen.
b)
c)vid Luciani ρητορων διδασκαλον Oper. Tom. II. da er die Sophiſten abſchildert.
c)
d)oder ſie an ſich zu ziehn und ihnen zu gefallen Vid. A. Gellium in noct. V. I.
d)
e)Siehe Thomaſii Cautelen Cap. 9. §. 66. not. n. und die von ihm allegirten auctores. Ridig. l. c. §. 36. M. Gottfr. Polycarp. Mülleri diſſert. de emendatione eloquentiae moderna. p. 22. §. XX.
e)

§. 3. Die beredſamkeit hat einen doppelten endzweck, einen allgemeinen und einen gantz beſondern. Den allgemeinen hat ſie mit der gantzen gelehrſamkeit, auch ſo gar mit der ſpra - che gemein, nemlich die gluͤckſeeligkeit und das vergnuͤgen der menſchlichen geſellſchaft zu be - foͤrdern. Der beſondere endzweck aber iſt, durch geſchickten ausdruck ſeiner gedancken in andern eben die gedancken und regungen erwe - cken, die man ſelbſt bey ſich hat und empfindet und in andern rege zu machen ſuchet. a)

a)Jch mag mich in den ſtreit von dem endzweck der beredſamkeit nicht miſchen, denn ich bin noch zweiffelhaft, ob nicht etwa ein wortſtreit daraus gemacht werden koͤnne. conſ. Ridig. S. V. & F. Lib. IIII. Cap. IIII, §. 30. und M. Polyc. Mülleri Diſſ. de emendatione eloquentiae moderna.
a)

§. 4. Aus dieſem flieſſet von ſelbſten, daßdie5zur beredſamkeit. die beredſamkeit ſich auch im umgange zeigen muͤſſe, weil eben daſelbſt die meiſte gelegenheit ſich zeiget, die gluͤckſeeligkeit und das vergnuͤ - gen der menſchlichen geſellſchaft zu befoͤrdern, und ſeine gedancken auszudrucken. Zumahl da man im umgange mit andern bey dem fuͤr - trag ſeiner gedancken leicht wiederſpruch findet, dafuͤr man bey oͤffentlichen declamationibus ſicher iſt.

§. 5. Da uns nun die Oratorie zu einer ſol - chen beredſamkeit vernuͤnftige anweiſung giebt, ſo iſt ſie gewiß eine der noͤthigſten und nuͤtzlichſten wiſſenſchaften. Alles unſer den - cken und wiſſen wuͤrde vergraben liegen, und die menſchliche geſellſchaft wuͤrde kaum beſte - hen, noch von den thieren koͤnnen unterſchieden werden, wann wir nicht die faͤhigkeit haͤtten unſere gedancken durch worte an den tag zu le - gen und zu reden. Allein alle unſere conver - ſation und wiſſenſchaft, wuͤrde ein rechtes Ba - bel ſeyn, wann wir nicht durch die Oratorie, zum vernuͤnftigen ausdruck unſerer gedancken angefuͤhret wuͤrden und alſo durch vernuͤnfti - ges reden uns von unvernuͤnftigen menſchen und albernen waͤſchern unterſcheiden koͤnten.

  • Conf. Hermanni von der Hardt De ſermone humano epiſtolam. Helmſtædt. 1705. 8. Lipſius Cent. I. miſcell. Epiſtol. 77. Juxta Sapientiaeſtudium ſti - lum cole & exerce, qui diuae illius fidus & neceſſa - rius adminiſter. Quid enim recondita illa aliis proderit, niſiſpargereeam & emittere poteris felici quadam penna (vel ſermone.) Alle menſchen re -A 3den6vernuͤnftige anleitungden (natuͤrlicher ordentlicher weiſe) aber nicht alle menſchen reden wohl und ſind beredt. Die - ſes koͤnnen nur diejenigen welche die grund re - geln der beredſamkeit inne haben und beobach - ten.

§. 6. Jch weiß alſo nicht ob es eine heilige oder naͤrriſche einfalt ſey, wenn man die Ora - torie fuͤr eine ſache haͤlt, welche weil ſie welt - lich, das iſt, nicht aus der offenbahrung ent - ſprungen, einen nothwendigen zuſammenhang mit der ſuͤndlichen welt habe. a)Dieienigen welche ſonſt der Oratorie gram, erklaͤren ſich auch fuͤr feinde der wahren beredſamkeit, und unterſcheiden nicht eine vernuͤnftige Oratorie, von einem Scholaſtiſchen woͤrterbuch,b) oder wollen lieber uͤbelreden, als auf einen vernuͤnf - tigen ausdruck ihrer gedancken bedacht ſeyn, oder halten ihre fertigkeit im plaudern fuͤr be - redſamkeit, wie dieienigen thun, welche ſich ein - bilden von natur beredt zu ſeyn,c) oder ſte - hen ſonſt in albernen vorurtheilen. d)

a)Warum ſagt doch Dippel im Jlluminirten grundriß der aeademiſchen Gottes-gelahr - heit: Logic Rhetorick &c. waͤren erfindun - gen und gaben des teuffels: Mir duͤnckt weil er ſie weder als treuhertzige ſchweſtern, noch als goldtincturen gebrauchen konte. Uberhaupt wo die gelehrſamkeit reden darf, da ſpricht ſie der unwiſſenheit dem aberglauben und der athei - ſterey ein ſcharffes urtheil, was wunder dann daß dieſer Cerberus ſeinen geiffer wieder die beredſamkeit ausſchuͤttet.
a)
b)Dergleichen ſind die meiſten Rhetoriken.
b)c) Es7zur beredſamkeit.
c)Es wird keine ſprache und keine fertigkeit zu re - den mit uns gebohren, vielweniger eine fertig - keit wohl zu reden. Dieſe fertigkeit kan man oh - ne regeln und uͤbung nicht erhalten. Wer ſoll uns alſo die regeln geben, welche durch ſo vieler iahre abwechſelndeu geſchmack, dennoch regeln blieben, und durch vieler und groſſer redner voll - kommene proben bewehret worden? Gewiß, weder unſere ammen noch unſere muͤtter koͤn - nen ſie uns mit der milch einfloͤffen, vielweniger werden wir ſie auf dem tantz - oder fecht-boden lernen. Wie man aber hier die fuͤſſe und den degen gebrauchen lernet, ſo ſolte man ſich auch nach gelegenheit umthun, wo man die fertig - keit bekaͤme, wohl und geſchickt zu reden. Doch ich befinne mich, bey dem tantzen braucht man die fuͤſſe, bey dem fechten die haͤnde, hingegen bey der wohlredenheit braucht man den kopf, und da haben die meiſten veraͤchter der bered - ſamkeit bey ihren falſchen abſichten weniger verſtand und geſchick als in haͤnden und fuͤſſen.
c)
d)Z. e. ein Theologus meint er muͤſſe nicht anders als bibliſch reden, und die concordantzen und poſtillen ſtehn ihm beſſer an, ein Juriſte denckt weil die Oratorie ſeiner unwiſſenheit im jure nicht zu ſtatten komme, ſey ſie wohl nichts nuͤtze, der Medicus glaubet eben das, weil er in ſei - nen recepten keine oratoriſche figuren braucht, andere haltẽ es fuͤr eine ſchulfuͤchſiſche ſache, weil ſie aus der Hiſtorie noch nicht unterrichtet, daß ein groſſer ſtaats-mann und ein treflicher redner ſeyn, mehrentheils beyſammen ſtehe. Kurtz: ars non habet oſorem niſi ignorantem.
d)

§. 7. Wie die Oratorie zur beredſamkeit anfuͤhret, alſo muß hingegen die Logick zum vernuͤnftigen dencken anweiſung geben. UndA 4zwar8vernuͤnftige anleitungzwar muß dieſe billich vorangeſetzet werden,a) denn die Oratorie giebt keine anweiſung, von ſachen, die man nicht verſtehet, und davon man keine oder unordentliche gedancken hat, viel worte zu machen. Hierinn iſt aber zugleich der rechte unterſchied der Oratorie und Logick zu ſuchen, und nicht in prolixitate expreſſio - nis. b)

a)Die kinder lernen ia nicht eher tantzen als ſie gehen koͤnnen, ſiehe Thomaſii kle[i]ne ſchrifften program. II.
a)
b)Ridiger l c. §. XXII.
b)

§. 8. Wer alſo ein vernuͤnftiger redner und kein locutulejus oder affectiꝛender unnuͤtzer waͤ - ſcher ſeyn will, muß von der natur gute gaben und faͤhigkeiten erhalten, und dieſe faͤhigkeiten, durch die kunſt und cultur, zu fertigen guten ge - ſchicklichkeiten gemacht haben. von nichts reden als was er verſteht, und auch von dem was er verſteht, nicht eher reden als es noͤthig iſt. Wor - aus erhellet, daß er eben kein polyhiſtor ſeyn muͤſſe. a)

a)Conf. Quinctilianum Lib. I. cap. X. Jnzwiſchen erhellet aus dieſen und den folgenden daß es eben nicht ſo leicht ſey einen guten redner abzugeben. Denn man muß von der natur dazu gemacht, und uͤber dieſes mit treflichen qualitaͤten ausge - ruͤſtet ſeyn, wiſſenſchafften, ſprachen in ſeiner ge - walt haben, dem zuhoͤrer ins hertz ſehen ꝛc. doch eben deswegen iſt es ein deſto groͤſſerer ruhm.
a)

§. 9. Es werden aber zu einem redner fol - gende dinge erfordert, und zwar in anſehung des leibes, daß er nichts wiederwaͤrtiges undver -9zur beredſamkeit. verdrießliches in ſeiner perſon, geſichte und aͤuſſerlichen weſen habe, uͤber ſeine minen air und geſtus ohne affectation diſponiren koͤnne, auch ſeine ſprache zu moderiren wiſſe und im uͤbrigen mit geſunden organis zum reden aus - geruͤſtet ſey. a)

a)Dieſes hieſſen die alten: eloquentiam corporis, darinn die Pantomimi bey ihnen uͤberaus gluͤck - lich waren. vid. Reimmann Hiſt. Litt. Germ. Vol. III. p. 394. Thomaſii Caut. Cap. 9. p. 182. §. 50. Conrart de l’action de l’orateur, ſo zu Helmſtaͤdt 1690. 4. lateiniſch, unter dem titul: de pronun - ciatione & geſtu oratoris, und 1709 zu Jena in 12 Teutſch heraus kom̃en, mit dem titul: Conrarts gruͤndlicher unterricht, wie ein geiſtlicher und weltlicher redner in der ausſprache und geſtibus ſich manierlich und klug auf - fuͤhren ſolle. Hieher gehoͤren viele regeln des wohlſtandes, ſiehe unten des dritten theils un - ſerer Oratorie achtes capitel.
a)

§. 10. Jn anſehung des verſtandes, muß er ordentlich, gruͤndlich, deutlich, artig gedencken, alles muß von einem geſauberten iudicio dirigi - ret werdena) das ingenium und memorie muͤſſe nicht zu hefftig wuͤrcken, aber auch nicht gar zu ſchwach ſeyn. b)

a)Siehe hierbey Ridiger S. V. & F. lib. I. Cap. II. §. XXVI.
a)
b)Siehe unten das achte capitel.
b)

§. 11. Jn anſehung des willens, muß er eine durch kunſt und klugheit zu wege gebrachte gleichguͤltigkeit beſitzen,a) aufrichtige und red - liche abſichten haben,b) und uͤber ſeine nei -A 5gun -10vernuͤnftige anleitunggungen einiger maſſen diſponiren koͤnnen, nicht furchtſamc), aber auch nicht verwegen ſeyn.

a)[Ein] natuͤrlich ſang froid, oder laͤppiſche ſchlaf - muͤtze iſt hier nichts nuͤtze.
a)
b)Siehe Thomaſ. l. c. §. 43. und die angefuͤhr - ten auctores. Der alte Cato ſagte: Orator eſt vir bonus, dicendi peritus, conf. Cic. de offic. L. II. C. XIIII. Jch weiß leider wohl, daß die wenig - ſten menſchen redliche abſichten haben, ſie ſetzen bey allen ihren verrichtungen, alſo auch bey ih - ren reden, geld-geitz, ehr-geitz, wolluſt zu ihrem endzweck, und intendiren allezeit dabey, den andern zu betruͤgen. Allein ſie betreten dabey einen weg, auf welchen viele tauſend, auch die gluͤcklichſten und groͤſten leute, den hals gebro - chen. Denn man betruͤgt einen nur einmahl, und hat ihn hernach mit allen ſeinem anhang zum feinde, und wer einmahl gewohnt iſt mal - honnetten abſichten nachzugehen, der kommt bey denen, die mit ihm umgehen, bald herum, hernach iſt er ſo zu reden, fertig, und alle ſind uͤbel gegen ihn geſinnet, warten auch nur auf beqveme gelegenheit, ihm wieder eins anzu - haͤngen. Hingegen iſt auch die welt niemahls ſo unvernuͤnftig, daß ſie iemand, der auf eine vernuͤnftige art, allezeit honnetten abſichten nachgehet, ſollte gaͤntzlich fallen laſſen. Zu geſchweigen der goͤttlichen, natuͤrlichen und buͤrgerlichen rechte, welche uns verbinden, al - lezeit redliche abſichten zu haben.
b)
c)Gracians Maxime 91. 182. ein furchtſamer redner bringt alle, die ihn hoͤren, faſt in kindes - noͤthen, ein verwegener, allarmiret ein gantzes auditorium, macht es aufmerckſam und ſcharf - ſichtig auf die fehler, ſo er begeht, beydes iſt unangenehm und albern.
c)§. 12.11zur beredſamkeit.

§. 12. Von wiſſenſchaften ſind ihm ei - nige ſchlechterdings noͤthig, einige koͤnnen ihm nur zuweilen nuͤtzen. Die noͤthigen ſind: Logicka), Moralb), insbeſondere die kunſt der menſchen gemuͤther zu erkennen,c) die hiſtorie derer dinge, die nahe um ihn ſind,d) und die principia der ſache, davon er reden wille), ingleichen eine erkaͤnntniß der ſprache, darinn er redet. f)Alle uͤbrige gelehrte wiſ - ſenſchaften, insbeſondere die alte und neue Hiſtorie, koͤnnen ihm nach ſeinen unterſchie - denen abſichten bald mehr, bald weniger nuͤtzen.

a)Hiezu koͤnnen ihm dienen Thomaſii Einlei - tung und Ausuͤbung der Vernunfft-Lehre, Halle. 1719. 8. Ridiger. Senſus V. & F. Lipſiae 1722. 4. Ejuſdem Inſtitutiones eruditionis Lipſiae 1717. 8. und Philoſophia pragmatica, Lipſiae. 1723. 8. Da in beyden letztern die Logick gleich aufangs wohl ausgefuͤhret. D. Aug. Frid. Muͤllers Teutſche Philoſophie, daran derſelbe ietzo noch arbeitet, und wovon die Logick meh - rentheils fertig. Wer in der Philoſophie und ſonſt an recepten doctrinen glaubt, und dazu Logick und Moral gebrauchen will, dem will ich folgende fuͤrtrefliche Triumuiros recommen - diren: Jacobi Thomaſii Philoſophiam. Jo. An - dreae Schmidii Compendium Philoſophiae, Helmſt. 1710. 8. Jo. Franciſci Buddei elementa Philoſophiae inſtrumentalis, theoreticae & pra - cticae. Man kan dieſen beyfuͤgen Samuel Werenfelſens Diſſertation de Logomachiis E - ruditorum. Amſterd. 1702. 8. und die beygefuͤg - te Diatribe de Meteoris orationis. Jch koͤnte mehr Logicken anfuͤhren, wann es auf die men -ge12vernuͤnftige anleitungge oder ſeltenheit oder auf einen Frantzoͤiſchen be l’eſprit oder ſchulfuͤchſiſchen woͤrter-kram, bey gutem raiſonniren ankaͤme.
a)
b)Dieſe begreifft das recht der natur, die regeln der klugheit, und des wohlſtandes unter ſich. Alſo gehoͤren hieher alle, welche ietzt-benannte drey wiſſenſchaften, in ihre vollkommenheit zu ſetzen ſich bemuͤhet haben. Duͤrfte ich ohne ie - mand zu praͤiudiciren, aus einer ſo groſſen men - ge, etliche wenige einem zukuͤnfftigen redner an - preiſen, ſo wollte ich Thomaſii Einleitung und Ausuͤbnng der Sitten-Lehre, Ridigeri Philo - ſophiam pragmaticam, die klugheit zu leben und zu berrſchen, welche 1722. 8. Leipzig her - aus kommen, Buddei Philoſophiam practicam, Gracians Homme de Cour mit D. Auguſt fried - rich Muͤllers noten, les caracteres ou les moeurs de ce ſiecle par Mr. de la Bruyere, des Hrn. von Rohrs moraliſche ſchriften, Bellegarde ſa - chen, und Hrn. Hofrath Menckens Diſputa - tion: De eo, quod decorum eſt, anfuͤhren. Wer mehrere wiſſen, und auch von denen, die ich an - gefuͤhret, zum theil nachricht haben will, der leſe Hrn. Stollens Hiſtorie der Gelahtheit den dritten theil.
b)
c)Angefuͤhrte auctores geben mehrentheils hier - zu ebenfalls anleitung. Jch erinnere mich ins beſondere des Bellegarde l’art de connoitre les hommes. Amſterd. 1709. 12. und Rohrs unter - richt von der kunſt der menſchen gemuͤther zu erforſchen, Leipzig. 1714. Jch werde viel - leicht von dieſer und der vorigen gattung, im folgenden, mehrere auctores anzufuͤhren gele - genheit haben.
c)
d)Jch wolte faſt ſagen, daß dieſes nicht nur fuͤr einem redner, ſondern uͤberhaupt fuͤr einem klugen menſchen, die noͤthigſte wiſſenſchaft ſey,welche13zur beredſamkeit. welche er aber nicht aus buͤchern, ſondern aus der vernuͤnftigen erfahrung haben muß.
d)
e)Alles vorhergehende gehoͤret zur univerſellen gelehrſamkett, dieſes aber ins beſondere zu de - nen Facultaͤten und Diſciplinen. Und da die Oratorie ein ſtuͤck der univerſellen gelehrſam - keit, ſo mag ſich um die principia der Facultaͤ - ten und Diſciplinen inſonderheit derjenige be - kuͤmmern, welcher die Oratorie in denenſelben zu appliciren gedencket, z. e. ein Theologus um die heil. Schrift, derſelben grund-ſprache, die Libros ſymbolicos, die Kirchen hiſtorie und or - thodoxie, ein Juriſte um die leges, derſelben hiſtorie, rationem und applicationem, wer von Mediciniſchen dingen reden will, muß Phyſick, Chymie, Anatomie, Botanick, ꝛc. verſtehen, ꝛc. - Sagt man: ia, wann ich die Diſciplin verſte - he, ſo brauche ich keine Oratorie, ſo antworte ich: es folgt nicht gleich, daß, wer eine ſache verſteht, auch ſofort geſchickt ſich ausdrucken koͤnne.
e)
f)Hier muß ich Hederichs Anleitung zu den fuͤrnehmſten Philologiſchen Wiſſenſchaften ruͤhmen, die zu Wittenberg 1713. 8. heraus kommen, worinn man auch mehrere auctores, die hieher gehoͤren, allegiret findet. Jngleichen Jo. Gottl. Heineccii ſtili cultioris fundamenta, Halae. 1720. 8. Jener handelt von der Grie - chiſchen, Lateiniſchen und Teutſchen ſprache, dieſer inſonderheit von der Lateiniſchen. Meh - rere muß man in Morhoffs Polyhiſtore und Stollens Hiſtorie der gelahrheit T. I. Cap. II. und III. ſuchen.
f)

§. 13. Jn den regeln der klugheit muß ein vernuͤnfftiger redner wohl erfahren ſeyn, dann hiedurch erlangt er eine geſchicklichkeit, nachden14vernuͤnftige anleitungden unterſchiedenen beſchaffenheiten der per - ſonen und ſachen, damit er umgehet, ſeine ge - dancken einzurichten und fuͤrzutragen, wel - ches die hoͤchſtnoͤthige prudentia oratoria iſt.

§. 14. Bey der ſache, davon er redet, hat er zu ſehen, ob es eine theoretiſche, alte, un - ſtreitige, beliebte, traurige, geiſtliche, ꝛc. oder practiſche, neue, wahrſcheinliche, bittere, luſti - ge, weltliche, ꝛc. ſache ſey, da eine iede von ietzt - erzehlten, andere einrichtung, ausfuͤhrung und ſtellungen erfordert.

§. 15. Unter denen perſonen, muß er ei - nes theils ſich ſelbſt pruͤfen, andern theils ſei - ne zuhoͤrer, oder wahrſcheinliche leſer. Bey ſeiner eigenen perſon hat er entweder ſeine in - nerlichen beſchaffenheiten, oder ſeine aͤuſſerli - chen umſtaͤnde zu beobachten. Jene betrach - tung fuͤhret ihn auf die kraͤfte ſeines verſtan - des, und auf die neigungen ſeines willens, dieſe aber auf das eigentliche decorum ora - torium.

§. 16. Bey denenienigen, welchen er etwas fuͤrtraͤget, muß er ihren verſtand, willen, al - ter, geſchlecht, ſtand, vermoͤgen, und andere umſtaͤnde in erwegung ziehen, ob ſie wahr - heiten annehmen, vertragen oder mißbrau - chen koͤnnen und dergleichen.

§. 17. Letzlich muͤſſen alle andere umſtaͤn - de, der zeit, des orts, der gelegenheit, des wohlſtandes uͤberhaupt, fuͤrnemlich die regeln der gerechtigkeit und honnettete, ſorgfaͤltig inbe -15zur beredſamkeit. betrachtung gezogen werden, widrigenfalls wird man vergebens reden, ihm ſelbſt und andern ſchaden, und ſtatt eines geſcheuten redners ein unnuͤtzer waͤſcher werden, ja wohl gar ein thoͤrichter und ſchaͤdlicher menſch heiſſen.

§. 18. Die hiſtorie der Oratorie giebt ei - ne nachricht von denenienigen, welche anwei - ſungen zur beredſamkeit geſchrieben, oder ih - re proben der beredſamkeit der gelehrten welt mitgetheilet. Ferner, was die Oratorie und beredſamkeit fuͤr zufaͤlle gehabt, was fuͤr veraͤnderungen ſie unterworffen geweſen, und ſo fort an.

  • Um die Hiſtorie der Oratorie und beredſamkeit, haben ſich bekuͤmmert, Morhof im Polyhiſtore Tom. I. Lib. VI. und in dem Unterricht zur Teutſchen ſprache und Poeſie. Stolle in der Hiſtorie der Gelahrheit Tom. I. Cap. II. Reimmann in der Einl. zur Hiſt. Litt. Tom. I. p. 56. 293. Clericus in arte Critica P. II. S. I. Cap. 16. Gibert Jugemens des Scauans ſur les Au - teurs, qui ont traité de la Rhetorique auec un precis de la doctrine de ces auteurs. Paris 1713, Dieſes Buch wird in den Actis Eruditorum 1721. im Jun. p. 257. Polyhiſtor Rhetoricus genennet. He - derich hat in ſeinen Philologiſchen Wiſſen - ſchaften, bey der Rhetorick, vor iedem ſtuͤcke eine ziemliche nachricht von auctoribus gege - ben, die davon geſchrieben. Hieher koͤnnen auch gezogen werden, Rapins vergleichung des Demoſthenis und Ciceronis, und der di - ſcours von der beſchaffenheit der gemuͤther bey denen Athenienſern und Roͤmern. Jn -glei -16vernuͤnftige anleitunggleichen haben ietzt-benannte auctores noch andere angefuͤhret, die man bey ihnen finden und zu rathe ziehen kan. Es werden auch in folgenden noch mehr angefuͤhret werden.

§. 19. Jn den zeiten vor der ſuͤndfluth,a) und gleich nach derſelben bey den Barbarn,b) Scythen,c) Chaldaͤern, Jndianern und andern voͤlckern, findet man von der Orato - rie nichts. Jnzwiſchen moͤgen doch wohl beredte leute unter ihnen geweſen ſeyn, die theils auf einen accuraten ausdruck geſehen, theils ihn durch gute regeln feſte zu ſtellen ſich bemuͤhet haben, damit ein vernuͤnftiger ge - brauch der rede unter denen menſchen einge - fuhret wuͤrde.

a)Siehe Reimmanns Hiſtor. Litt. Antediluvia - nam p. 47. und 124. Doch bin ich, was die elogia, welche er der rede-kunſt beyleget, be - trifft, mit ihm nicht einig. Zumahl, da der Herr Auctor den ruhm ſelbſten hat, daß er ein guter redner ſey.
a)
b)Quinctilian. Lib. III. Cap. 2. vielleicht findet ſich etwas hievon in denen hiſtorien der Philoſo - phie und Moral dieſer voͤlcker. vid. Stollen Tom. II. Cap. I. §. 14. ſeqq. Tom. III. Cap. I. §. 8. 10. ſeqq.
b)
c)Die Oratorie des Scythiſchen Abgeſandten beym Curtio Libr. VII. Cap. VIII. §. o. ſeqq. iſt wohl des Curtii eigene arbeit und mit denen reden, welche von den alten bey andern geſchicht - ſchreibern e. g. Liuio &c. aufgezeichnet ſind, hat es vielleicht gleiche bewandniß.
c)

§. 20. Bey den Phoͤniciern, Hebraͤern, und andern Orientaliſchen voͤlckern, hat ſichieder -17zur beredſamkeit. iederzeit eine ſehr heftige und lebhafte imagi - nation, wegen ihres hitzigen climatis, in einer ſehr fruchtbaren erfindung und reichem aus - druck gewieſen, wie man ſolches an denen ſchriften altes Teſtaments zum theil wahr - nimmt. Doch iſt uns ſonſt nicht viel uͤbrig blieben, von dem, was ſie etwan in der Ora - torie und beredſamkeit herfuͤrgebracht. Die Griechen aber haͤlt man fuͤr die erſten, ſo durch die wohlredenheit beruͤhmt worden, da - zu ihnen die form ihrer republicken anlaß gege - ben. Jns beſondere haben Ariſtotelesa) mit ſeiner Rhetorick, Jſocratesb) und Demo - ſthenesc) mit ihren reden, ihren guten cre - dit, biß auf unſere zeiten, fuͤr allen andern behauptet.

a)Vid. Stollen Tom. I. Cap. III. §. 10 und Mor - hoff Tom. I L. VI. C. I. 2. Frantzoͤiſch iſt ſie edirt par Mr. Caſſandre. la Haye. 1718. 8.
a)
b)ibid. §. 4. not. c. von mehrern ſ. Morhoff Tom. I. Lib. VI. Cap II.
b)
c)ibid. §. 4. not. d. vid. D. Rechenberg de ſtudiis Academicis Sect. V, C III.
c)

§. 21. Die beredſamkeit der Roͤmer fieng in ihrer republick gar ſpaͤte an ſich zu zeigen, ſtiege bald zu dem allerhoͤchſten gipfel, und fiel nach und nach wieder, nachdem ſie ſich in al - len arten fuͤrtreflich gewieſen. Jn der theo - rie dienen uns noch Cicero und Quincilianus, und in der praxi haben wir vollkommene mu - ſter an Cicerone, Quinctiliano. Seneca, Pli - nio, und vielen andern.

BSiehe18vernuͤnftige anleitung
  • Siehe Stollen l. c. §. 5. 6. 7. 10. ſqq. Morhoff l. IIII. XI. ſqq. Quinctiliani dialogum de cauſſis corruptae eloquentiae hat Hr. Chriſt. Aug. Heu - mann heraus gegeben. Göttingae. 1719.8. Hier iſt Hꝛn. Jo. Georg. Walchii Hiſtoria critica linguae Latinae, Lipſiae 1716. mit anzufuͤhren.

§. 22. Die alten Teutſchena) bemuͤheten ſich mehr durch tapfere thaten, als trefliche reden beruͤhmt zu werden, biß endlich Ru - dolph von Habſpurgb) durch einfuͤhrung der Teutſchen ſprache bey ein und andern ge - richtlichen handlungen, und die fruchtbrin - gende Geſellſchafft,c) dieſe Nation erinner - ten, an die cultur der Teutſchen ſprache und beredſamkeit zu gedencken, darin ſie ietzo, wo nicht alle Nationen uͤbertrifft, doch von kei - ner uͤbertroffen wird. Wolte man die hiſtorie der Teutſchen beredſamkeit ausfuͤhrlich be - ſchreiben, wuͤrde man auf die Schleſiſched) Meißniſche,e) Niederſaͤchſiſchef) und fraͤnckiſcheg) wohlredenheit, ins beſondere zu ſehen haben. Uberhaupt ſind in der theorie zu ruͤhmen: Huͤbner. h)Lange,i) Menan - tes,k) Muͤller,λ) Talander,l) Uhſe,m) Weiſe,n) und andere. Jn der praxi aber kan man ſich Abſchatz*) Beſſers,o) Boͤhmers,p) Canitzens,q) Franciſci,r) Geyers,ſ) Gry - phii. t)Hoffmannswaldaus,u) Roͤnigs - dorffs,w) Lohenſteins,†) Maͤyers,x) Muͤllers,y) Neukirchsz) Neumanns,a) Pritii,b) Riembergs,c) Seckendorffs,d) Treuers,*) Thomaſii,e) Weiſens,f) Zieg -lers,19zur beredſamkeit. lersg) der reden groſſer Herren und fuͤr - nehmer Miniſter,h) ꝛc. mit nutzen bedienen. Zugeſchweigen, daß Buchner,i) Cellarius,k) Schurtzfleiſch,l) Schuppius,m) Jacob Thomaſius,n) und andere in der Lateiniſchen ſprache, mit ihrer beredſamkeit groſſe ehre eingelegt.

a)S. Reimmanns Einleit. II. pag. 32. 145.
a)
b)S. Reimmanns Einleit. III. p. 397 vorher hat er die uͤbrigen verdienſte der Teutſchen um die Oratorie der neuern zeit beruͤhret p. 379. Ein - leitung zur Roͤmiſch-Teutſchen Hiſtorie p 871.
b)
c)S. Stollen Tom. I. Cap. IIII. §. 18. Reimmann Tom. I. p. 109, 112. 113. II. 138. Thomaſii Cau - telen C. 9. §. 27. 28. 29.
c)
d)Solche ſie het man in Lohenſteins Arminio und in Schleſiens fliegender bihliotheck ꝛc. Stolle T. I. Cap. IIII. §. 20. Cap. V. § 67.
d)
e)Davon haben Weiſe, Talander, Pritius, ꝛc. vie - le proben abgeleget.
e)
f)Dieſe findet man in der Octavia, Aramena, Boͤh - mers und anderer reden. Stolle T. I. C. V. §. 67.
f)
g)Deren Beſchaffenheit kan man aus Harsdoͤrf - fers, Franeiſci, ꝛc. ſchrifften lernen. Es waͤre zwar bey dieſer eintheilung vieles zu erinnern, ich habe ſie zuerſt beym Huͤbner gefunden in ſei - nen oratoriſchen fragen, und was er Saͤchſiſch nennet habe ich Meißniſch, hingegen was er Brandenburgiſch heiſſet, Niederſaͤchſiſch genen - net. Jedoch hoffe ich, es werde niemand unter die ketzer gerechnet werden, wann er an dieſe ein theilung nicht glaubet oder auch wann er ſie fuͤr gut und nuͤtzlich paſſiren laͤſſet.
g)
h)S. Stollen Tom. I. Cap. IIII. §. 17.
h)
i)Deſſen Einleitung zur uͤblichen und nuͤtzlichen Oratorie durch regeln und exempel, zum an -B 2dern -20vernuͤnftige anleitungdernmahl edirt, Leipzig 1713. 8. Herr Stolle hat ſie nicht angefuͤhret, und alſo wann ich die wahr - heit ſagen darff, das beſte in dieſem genere ver - geſſen. Der erſte theil hat folgende capitel 1. von der haupt-diſpoſition aller reden durch die chrie. 2. Von der propoſition einer rede. 3. Von den aͤtiologien, 4. von den amplificationi - bus, inſonderheit a contrario. 5. a ſimili. 6. ab exemplo und teſtimonio. 7. a loco communi und meditatione. 8. ab interpretatione, 9. ab argutlis. 10. a conſectariis. 11. Von den aus - putz der chrie durch die periodos. Der andere theil beſteht aus folgenden: 1. Von den reden welche die aͤtiologie zuerſt ſetzen. 2. Von den briefen. 3. Von denen reden in welchen die am - plificationes zuerſt geſetzet werden. 4. Von ab - danckungen. Uberall ſind denen gruͤndlichſten regeln, die ſchoͤnſten exempel beygefuͤget. Das programma des Herrn Auctoris iſt ſo ſchoͤn, wel - ches Er 1708. geſchrieben, das ich es unten P. III. Cap. 4. meinem wercke eine merite zu machen mit einruͤcken will. Wie ich hoffe der Herr Auctor werde dieſes nicht unguͤtig nehmen, ſo bitte der geneigte leſer wolle mich nicht deswegen fuͤr ei - ne eule halten, welche ſich mit fremden federn ſchmuͤcket.
i)
k)Menantes Einleitung zur Teutſchen Orato - rie und briefverfaſſung, andere auflage, Hal - le und Leipzig 1715. 8. Handelt im 1. theil von ſtilo, im 2. von der invention, im 3. von der diſpo - ſition. Von ſeinen auserleſenen briefen ſiehe Stollen T. I. IIII. 38. Was er mehr geſchrie - ben ſoll unten angefuͤhret werden. Jſt wie be - kannt D. Hunold.
k)
λ)Herrn Gottfried Polycarp Muͤllers abriß ei - ner gruͤndlichen Oratorie zum academiſchen gebrauch entworffen und mit anmerckungenver -21zur beredſamkeit. verſeben, Leipzig 1722. 8. hat zwey theile, der erſte giebt zur theorie, der andere zur praxi an - weiſung. Er iſt zu loben, daß er Logick und Ora - torie miteinander zu verbinden geſucht, und doch gewieſen daß man ſelbige nicht vermiſchen ſolle. Seine Idea eloquentiæ nov-antiquæ iſt mit ſeiner academiſchen klugheit zugleich heraus kommen Leipzig 1720. 4. Wie dieſe zur galanten gelehr - ſamkeit fuͤrtrefliche dienſte thut, alſo ſteckt iene voller artigen ſachen und nuͤtzlichen wahrheiten. z. e. p. 18. ſagt der Herr Auctor: In eo infelix eſt orbis eruditus, quod tot habeat hinc & inde ora - toriae emendatores cum tamen perpaucos inveniat, a quibus quidquam viderit, quod in hoc ſcribendi genere excellat feratque aetatem. Und p. 23. ſetzt Er: Eruditi ſtulti, ſunt maximi ſtulti & am - pliſſimi ſæpe viri plurimis praeiudiciis opinioni - bus & affectuum ſtimulis ita abundant, vt non niſi iuxta ſuas perſuaſiones ſint ducendi. Jch habe dieſe ſchrifft mit vielen vergnuͤgen geleſen. Sie enthaͤlt in ſich 1. Diſſertationem de emendatione eloquentiae moderna, 2. Programma auſpicale ora - eioni praemiſſum als der Herr Auctor 1716. Prof. Eloqu. und Poeſeos zu Leipzig wurde III. Orationẽ de genere dicendi nov antiquo. IIII. Ideam elo - quentiae nouantiquae, P. I. C. I. de themate, 2. de argum. probantibus. 3. de argum. mouentibus. 4. conciliantibus 5. de illuſtratione & amplificatione. 6 de inuentione & diſpoſitione, 7. de ſtilo. 8. de actione. P. II. Practica. C. I. de conuerſatione & progymnaſmatibus. 2. de litteris conſcribendis. 3. de orationibus ſolemnibus. 4. de orationibus va - riorum vitae generum. Was man uͤbrigens von des Herrn Auctoris Oratorie ihm vor einen con - cept machen ſolle, giebt er ſelbſt an die hand. Diſſ. de emend. p. 44. ſentio quoad principia totius Ora - toriae artis cum Ariſtotele ac familia eiusdem, ſedB 3nollena22vernuͤnftige anleitungnollem cum Paulo Rabo in Rhetorica ciuili ab ipſo edita (Regiomonti & Lipſiae 8. 1704. ) libro mul - tae diligentiae & vtilitatis variae ariſtotelizare.
λ)
l)Talanders anweiſung zur Teutſchen Orato - rie, allezeit fertiger briefſteller ꝛc. ſind bekannt vid. Stollen I. IIII. 38 Er heiſt ſonſt Boſe und hat ſich durch viele nette Teutſche ſchriften be - ruͤhmt gemacht.
l)
m)M. Erdmann Uhſens Rect. Gymn. Martisb. wohl informirter redner, worinn die orato - riſchen kunſt-griffe vom kleineſten biß zum groͤſten durch kurtze fragen und ausfuͤbrliche antwort fuͤrgetragen werden. Die fuͤnffte auflage, Leipzig 1712. 12. Jſt in 4. Buͤcher ge - theilet, da das 1. von worten, das 2. von perio - dis. Das dritte von der connexione periodorum, das 4 von der gantzen Oration handelt. Hin - ten iſt des Herrn von Koͤnigsdorff rede auf Leopoldum und des Herrn von Planitz auf Joſe - phum beygefuͤgt. Bey der achten auflage wel - che nunmehro 1723. heraus kommen, hat man ein paar miſerable piecen da kein r drinnen iſt angehengt.
m)
n)Von Weiſen S. Stollen l. c. §. 18. 38. Cap. V. §. 12. 51 56. 69. Morhoff, Polyhiſtor. Tom. I. Lib. VI. Cap. I. §. 32. Cap. III. §. 12. S. das ge - lehrten Lexicon. Reimmanns Einl. III. 382. 388. 443. IIII. 653. M. G. Polyc. Müllerum de emenda - tione eloquentiae moderna p. 5. ſqq.
n)
*Deſſen Hof - und Buͤrgerliche reden Halle. 1696. 8. edirt.
*
o)S. Stollen Cap. V. §. 57.
o)
p)Deſſen reden ſind denen reden groſſen Herren und fuͤrnehmer Miniſter beygefuͤget und fuͤr andern wohl zu leſen. Er war ehedeſſen Prof - Eloquentiaͤ in Helmſtaͤdt und zugleich D. und Prof. Theolog ietzo aber iſt er des Kaͤyſerlichen freyen ſtiffts Lockum Abt. Jch habe die ehre ge -habt23zur beredſamkeit. habt, auf der Julius-univerſitaͤt Jhn als mei - nen lehrer zu veneriren, und nach deſſen gelehrter anfuͤhrung mich in der beredſamkeit zu uͤben. Wenn man ſeine Lateiniſchen orationes und pro - grammata lieſet, wird man zweifelhaftig ſeyn, wie es moͤglich, daß man in zweyen ſprachen zu - gleich excelliren koͤnne. Von ſeiner commenta - tione academica de orationibus parentalibus iſt un - ten P. III. cap. 5. zu gedencken.
p)
q)Wenn der Herr von Canitz nur die eintzige rede, welche uͤber das zeitige abſterben der Bran - denburgiſchen Chur-Princeſſin Eliſabeth Henriette gehalten, und ſeinen gedichten beyge - fuͤgt iſt, aufgeſetzet haͤtte, ſo wuͤrde ihm wegen derſelben artigkeit hier ein platz gebuͤhren.
q)
r)Sein leben ſtehet in Henr. Pippingii mem. Theo - log. in der mantiſſa. Von ſeinen ſchrifften hat er ſelbſt ein verzeichniß heraus gegeben nebſt der wiederlegung des M. Jo. Matthaei 1691. 8. Nuͤrnberg, und da zehlet er derſelben ſchon 66. Man ruͤhmt ihn als einen meiſter in geſpraͤchen. Stolle. I. IIII. §. 28. Das gelehrten Lexicon.
r)
ſ)Martin Geyers Theologiſche Teutſche ſchriften ſind zum ſtilo ſimplici und denen Theologis nu - tze. S. das gelehrten Lexicon.
ſ)
t)Von Chriſtian Gryphio ſiehe Stollen I. II. 43. Von Andrea Gryphio ebenfalls Stollen l. V. 35. Von beyden wie auch von andern deren ich erwehnung gethan und welche nicht mehr in le - ben, kan das gelehrten Lexicon nachgeſchlagen werden. Vom Andrea gehoͤren hieher ſonderlich ſeine lob - und trauer-reden.
t)
u)Von Hofmannswaldau gehoͤret hieher ſonderlich die rede, welche ſeinen gedichten angehaͤngt, die man auch in den reden groſſer Herrn ꝛc. fin - det. Von ihm und ſeinen uͤbrigen ſchriften und verdienſten ſiehe vorhin angefuͤhrten StollenB 4I. V. 24vernuͤnftige anleitungI V. 37. und anderwerts, ingleichen das ge - lehrten Lexicon.
u)
w)S. Stollen l. IIII. 19. und kurtz vorhergehende notem)
w)
†)S. Stollen l. c. §. 19. 23. Maͤnnling hat einen Arminium enucleatum und Schroͤter eine an - weiſung zur Oratorie nach Lohenſieins art in 8. heraus gegeben.
†)
x)D. Jo. Frid. Maͤyer iſt ohnſtreitig einer der fuͤr - treflichſten redner unter denen Lutheriſchen The - ologis geweſen. Seine fruͤheſtunden, betruͤb - tes und getroͤſtetes kind GOttes, geiſtliche re - den und andere ſchriften, ſind ſo voller geiſt und leben, daß er unſterblichen ruhm behalten wir[d].
x)
y)D. Henr. Muͤller Prof. und Superint. zu Ro ſtock hat Erquickſtunden, den himmliſchen lie - beskuß ꝛc. in reinen Teutſchen ſtilo geſchrieben. Morhoff. Pol〈…〉〈…〉 h. I. VI. IIII. 23.
y)
z)Beniamin Neukirch hat ſich viel ruhm erwor - ben mit ſeiner beredſamkeit. S. Stollen I. IIII. 20. 38. 40.
z)
a)Von Caſpar Neumann S. Stollen l. IIII. 19.
a)
b)Jo. Georg Pritii proben der beredſamkeit ſind zu Leipzig. 8. heraus kommen. Sie beſtehen theils in ungebundenẽ theils gebundenen ſachen und man hat damit vielleicht das werck abgehen moͤchte Hoffmannswaldaus reduͤbungen fuͤrge - ſetzt. Doch recommandiren ſie ſich ſelbſt wohl.
b)
c)S. Stollen l. c. und die reden groſſer Herrn.
c)
d)Deſſen Teutſche reden, uͤberſetzung des Lucani und andere ſchriften ihn auch in der beredſamkeit unſterblich gemacht.
d)
*)Herr Gottlieb Samuel Treuer, Profeſſor Mo - ralium auf der Julius-univerſitaͤt, iſt ein fuͤr - treflicher redner. Als eine probe ſeiner bered - ſamkeit, kan man die rede anſehen, welche er bey der abreiſe der ietzigen Kaͤyſerin, damahligen Koͤ - nigin in Spanien in Wolffenbuͤttel gehalten, undin25zur beredſamkeit. in den reden groſſer Herrn und fuͤrnehmen Mi - niſtren ſtehet. Jch habe Jhm in dieſem ſtudio vieles zu dancken.
*)
e)Der Herr geheimbde Rath Thomaſtus hat in ſeinen ſchrifften gewieſen, daß man eine gute Phi - loſophie auch in der Teutſchen ſprache, gruͤndlich nett und angenehm fuͤrtragen koͤnne.
e)
f)Von dieſem um[ d] ie Teutſche beredſamkeit wohl - verdienten Mann ſiehe Stollen l. IIII. 18. 38. Thomaſii Cautelen C. 9. §. 30. und oben die not. n.
f)
g)Heinrich Anshelm von Ziegler und Kliphauſen, verdienet wegen ſeines Schauplatzes und La - byrinths der zei, hier mit recht einen platz. Von ſeinen uͤbrigen zur Teutſchen beredſamkeit dienli - chen ſchriften, wird anderswo meldung geſche - hen, inzwiſchen S. das gelehrten Lexicon.
g)
h)Mit dieſer collection hat ſich der fleißige Herr Luͤnig, auch um die Teutſche beredſamkeit beſon - ders verdient gemacht. Wo ich nicht irre, ſo ha - ben wir nunmehro 12. tomos. Jch koͤnte hier noch mehr anfuͤhren z. e. D. Leyſers parerga Ora - toria. D. Huldrich Sigismund Rothmahlers Oratoriſche baumſchule, Rudolph Sadelers Teutſche Rhetorick, Schottelium, Boͤdickern, Morhoff, Scriveꝛn, Luͤtkemann, Gerhardt, Arndt, D. Gottfried Ludwig, Chriſtian Juncker, Rie - mern, Schuppen, Happelium, Opitzen, Oleari - um, Spenern, Laſſenium, Neumeiſtern, Daniel Richtern im vorſchlag wie man zu der redner - kunſt nach dem ingenio dieſes ſaeeuli gelangen koͤnne 1662. 8. und unzehliche andere. Doch es iſt mein vorhaben nicht, einen voͤlligen abriß der Teutſchen beredſamkeit zu geben. Am allerwe - nigſten iſt meine abſicht alles gute und boͤſe was in dieſer art zum vorſchein kommen zuſammen zu - raffen, und mein weniges ur theil daruͤber zu faͤl -B 5len.26vernuͤnftige anleitung. len. Dann eine ſolche ſchatz-kammer meinen le - ſern zu ſchencken bin ich zu arm und mit den Hof - meiſtern will ich mich nicht verwirren. Hat ie - mand luſt ein oder den andern auſſer den ange - fuͤhrten noch zu ſehen, ſo ſchreibe er deſſen nahmen hierbey, oder kan er auch von oberwehnten et - wan einen nicht in dieſer claſſe leiden, ſo ſtreiche er deſſen nahmen weg. Es werden ſich in folgen - den, am gehoͤrigen ort noch einige zeigen.
h)
i)Siehe Morhoffen Polyh. l. VI. l. 16. l. VI. III. 3. l. 1. XXIIII. 99. Stolle l. IV. 12.
i)
k)S. ſeine diſſertationes und orationes die Herr Prof. Walch herausgegeben, ingleichen ſeine andere ſchriften.
k)
l)Von Schurtzfleiſchens leben und ſchriften, han - delt Clarmundus in ſeiner lebens-beſchreibung die 1710. 8. Dreßden und Leipzig heraus kom - men. Seine Epiſtolae Orationes, Diſſertationes, Poëmata &c. ſind hier ſonderlich zu ruͤhmen.
l)
m)Von Schuppio ſiehe Stollen l. IIII. 16. Mor - hoff iſt nicht wol auf ihm zu ſprechen Polyh. l. VI. III. 3. Reimmann Einl. IIII. p. 102. Mehrere Lateiniſche redner unter den Teutſchen, nennet angefuͤhrter Morhoff l. VI. III.
m)
n)Jac. Thomaſii orationes Lipſ. 1683. 8.
n)

§. 23. Die Frantzoſen machen ihre bered - ſamkeit groͤſſer, als ſie in der that iſt, doch ſind als theoretici zu loben: Rapina) Lámi,b) Conrart,c) &c. Als practici aber ſind Boſ - ſvet,d) Flechier,e) Bourdaloue,f) Balzac,g) Boileau,h) Voiture,i) Pays,k) Buſſi Rabutinl) Fenelonm) Scuderi,n) &c. in groſſen ruhm. Uberhaupt iſt in der Frantzoͤi - ſchen beredſamkeit mehr bel-eſprit und artig -keit,27zur beredſamkeit. keit, als gruͤndliche ſcharfſinnigkeit anzutref - fen. o)

a)S. Stollen l. IIII. 22. 7. Renatus Rapin S. J. dans les reflexions ſur l’eloquence du Barreau & de la chaire Paris 1684. 4. in ſeinen operibus.
a)
b)Oder wer ſonſt auctor iſt von der l’art de parler & de perſuader die 1676. 12. Paris heraus kommen. S. Morhoff l. VI. l. 31. Stolle l. II. 13.
b)
c)Siehe oben §. 9. not. a.
c)
d)Siehe Stollen l. IIII. 22. III. V. 47. 48. und das gelehrten Lexicon.
d)
e)Stolle l, IIII. 22.
e)
f)ibid.
f)
g)Siehe Stollen l. IIII. 36. Thomaſii mona - the Tom. I. p. 659. Morhoff Polyh. l. I. XXIIII. 24. Die diſſertation de la grandc elo - quence iſt die ſechſte in ſeinen operibus.
g)
h)Hat Reflexions ſur Longin, nebſt einer verſion des Longini de ſublimitate herausgegeben, war ein treflicher ſatyricus, und wichtiger partiſan der alten in dem bekannten vorzugs-ſtreit zwi - ſchen den alten und neuen. Siehe Stollens Hiſt. l. V. 44. l. Vorber. 21. 23. Thomaſii Monathe Tom. I. p. 185. Jn den lettres ga - lantes par Madame de C. Tom. V. p. 160. ſteht ein artiges epitaphium auf ihn.
h)
i)Stolle l. IIII. 36. Thomaſii Monathe Tom. I. p. 659. ſqq.
i)
k)Siehe Thomaſium l. c. ſeine Amitiez Amours und Amourettes ſind ungemein wohl zu leſen. Grenoble & Paris. 1664. 12.
k)
l)Siehe Stollen l. IIII. 36.
l)
m)Siehe Stollen III. V. 47.
m)
n)George de Scudery und Mademoiſelle de Scudc - ry, von ienen ſiehe Stollen l. V. 27. von dieſer eben denſelben l. IIII. 29. l. V. 67. III. III. 8.
n)
o)Man uͤberſetze nur eine Frantzoͤiſche piece, diealle28vernuͤnftige anleitungalle leute charmiret, ins Teutſche, ſo wird die ſchmincke bald abfallen. Denn wer Teutſch philoſophiret, der muß gewiß gut reden und was geſcheutes fuͤrbringen, wann er gefallen will. Doch will ich denen reden, welche in dem Receuil des harangues, prononceés par Meſſieurs de l’academie Francoiſe, darunter viele fuͤrtreff - lich ſind, ihr gebuͤhrendes lob nicht abſprechen. Der P. Bouhours hat unſere Nation ſo laͤppiſch und veraͤchtlich tractiret, daß ich ſeiner ſchriften nicht erwehnen mag.
o)

§. 24. Von der Engellaͤnder beredſam - keit iſt mir nur etwas weniges bekannt, nem - lich dieſes, daß ſie ihre reden mit groſſem fleiß und nachſinnen ausarbeiten, und fuͤrtrefliche proben ihrer wohlredenheit herfuͤrbringen, daß endlich ihre ſachen, wann ſie in das Teutſche uͤberſetzet, wegen ihrer ſchoͤnen realien und ſcharfſinnigen gedancken, ungemein wohl ge - leſen und gebraucht werden.

  • Was Morhoff Polyh. I. VI. IIII. 18. 19. 20. 21. anfuͤhret, betrift nur geiſtliche redner, doch iſt auch in ihren geiſtlichen reden eine ſchoͤne moral und trefliche beredſamkeit. Man ſagt, das Scriver ſich der Engellaͤnder ſehr wohl be - dienet. Jch habe von Joſeph Hallen verſchie - denes, Baxters nun oder niemahls, Sonthoms guͤldenes kleinod, Roberti Boylens himmli - ſchenliebes-triumph, einige reden vom Richard Willis, Engliſche hiſtorien, und die ſint 12. und mehr iahren publicirte ſo genannte Addreſ - ſen, geleſen.

§. 25. Der Spanier beredſamkeit, iſt nach dem genie dieſer nation, praͤchtig, ſpruchreich,tief -29zur beredſamkeit. tiefſinnig, wie man ſolches an des Gracians lobredea) auf Ferdinandum Catholicum, die Lohenſtein uͤberſetzet, wahrnimmt. Es iſt auch ſonſt dieſe Nation, bey den kennern der Spaniſchen ſprache und Hiſtorie, in groſſen credit.

a)Stolle l. IIII. 23.
a)

§. 26. Denen Jtaliaͤnern, fehlt es nicht an guten rednern in ihrer ſprache. a)Es zeigt ſich aber ihre beredſamkeit mehr in der Poeſieb) und lateiniſchen reden. c)Jn der letztern art haben ſie ſolche proben die Ciceronianiſch ſind gegeben.

a)Stolle l. IIII. 37. Unter die rhetores ſind hier: Giuſto Fontanini della eloquenza Italiana Rom. 1706. 4. und des Gioſeffo Maria Platina Arte Oratoria. Bologna 1716. 4. zu zehlen
a)
b)idem l. V. II. 26. 27. &c.
b)
c)Morhoff Polyh. Tom. I. Lib. VI. Cap. I. & IIII.
c)

§. 27. Es wuͤrde muͤhſam und weitlaͤuftig, doch nicht gar zu nuͤtzlich ſeyn, aller voͤlcker be - redſamkeit hiſtoriſch zu unterſuchen. Die Eu - ropaͤiſchen, deren noch nicht erwehnung geſche - hen,a) haben ſich nicht ſonderlich ſignaliſiret in ihren mutterſprachen und nur eintzeln, in La - teiniſcher ſprache, ihre beredſamkeit gewieſen, wie dann Europa in den neuern zeiten, an La - teiniſchen rednern fruchtb arer geweſen, als an rednern die ihre eigne mundart cultiviret haͤttẽ. b)Und aus den andern theilen der welt, kom - men zuweilen proben der beredſamkeit zum vorſchein, darinn ſchoͤne und lebhaffte ſtricheeiner30vernuͤnftige anleitungeiner natuͤrlichen faͤhigkeit und grotesque al - berne ideen, aus mangel ſattſamer cultur im - mer miteinander abwechſeln. c)

a)Doch faͤngt man in Portugall an, mit denen humanioribus, auch die beredſamkeit, in ſelbi - gen reich, in ihre vollkommenheit zu ſetzen.
a)
b)Eins theils iſt es gar billich, da die lateiniſche ſprache, die ſprache der gelehrten iſt, und wohl gar den platz einer univerſal-ſprache behaupten kan. Andern theils ruͤhrt es aus einempedan - tiſchen vorurtheil her, da man lateiniſch koͤn - nen, fuͤr die rechte gelehrſamkeit haͤlt.
b)
c)Z. e. in denen reden der Tuͤrckiſchen, Perſiani - ſchen und Maroccaniſchen abgeſandten, inglei - chen denen briefen ſolcher Nationen, ferner bey ihren Philoſophen Schichſaadi, Lockmann ꝛc.
c)

§. 28. Wofern unſere Oratorie hinlaͤng - lich ſeyn ſoll, eine gruͤndliche und artige bered - ſamkeit herfuͤrzubringen, werden wir allezeit erſtlich auf die erfindung der gedancken, zwey - tens auf den ausdruck derſelben durch worte, und drittens auf den fuͤrtrag ſelbſt, die dabey noͤthige ordnung und andere umſtaͤnde zu ſehen haben. Auf welche theile auch folgende anweiſung beruhet.

Der31

Der erſte theil der Oratorie, von der erfindung der gedancken.

Das erſte capitel, von der erfindung uͤberhaupt und inſonderheit deſſen was man fuͤr - bringen will.

Jnhalt.

WAs erfinden eigentlich ſey? §. 1. Was die erfin - dung in der Oratorie ſey? §. 2. Wie vielerley dieſe erfindung in der Oratorie? §. 3. Von der erfin - dung der materie zumreden, §. 4. Von der erfindung eines thematis, oder von dem, was man will im re - den ausfuͤhren, §. 5. Von denen thematibus natu - ralibus und was dabey zu mercken, §. 6. Von denen thematibus artificialibus, §. 7. Wie die themata artificialia zu erfinden? §. 8. Was bey denen thema - tibus artificialibus in acht zunehmen? §. 9 Von denen lahmen erfindungs-mitteln, als der Lulliſterey, dem pathetiſchen weſen, dem Oratoriſchen enthuſiaſmo der cahbala, der topic, dem buchſtaben-ſpielen, in - uentione analogica ꝛc. §. 10. Vondenen ſo von der erfindung geſchrieben. §. 11.

§. 1.

DJe erfindung aller dinge, ſo weit ſelbige in die graͤntzen menſchlicher erkaͤnntniß eingeſchloſſen, beruhet auf eine fertig - keit desingenii, ſachen nach der moͤglichkeit zu - ſammen zu verbinden oder aus einander zu ſe - tzen. a)Die ſchoͤnheit des ingenii, kommt auf dietref -32von der erfindungtreflichkeit des dabey herfuͤrleuchtenden iudicii an, und die rechte beſchaffenheit des iudicii, auf eine gute erfahrung und vernunft-lehre. Wer alſo dieſes bey einander beſitzet, kan gut erfin - den.

a)Siehe D. Auguſt Friedr. Muͤllers Logick cap. 3. §. 11. 12. Weil aber nicht alle Leute dieſe fer - tigkeit beſitzen, ſo ſind nicht alle leute geſchickt gut zu erfinden. Jngenium und iudicium muß man einiger maſſen von natur haben, erfahrung und vernunft-lehre muͤſſen nothwendig hin - zu kommen.
a)

§. 2. Jn der Oratorie heiſt erfinden ſoviel, als bey denen gelegenheiten, welche uns gebieten zu reden, gedancken faſſen, wie man die ge - ſammlete wiſſenſchaft und erfahrung in reden anbringen moͤge, damit man ſeinen endzweck erhalten koͤnne.

§. 3. Man gedencket alſo, ehe man redet, an das wovon man reden oder was man in reden ausfuͤhren will, und hernach an die art und weiſe, wie man davon reden wolle, ienes heiſt inuentio thematis, dieſes inuentio argumen - torum.

§. 4. Die materie zum reden, geben uns al le dinge, davon wir gedancken haben oder faſ - ſen koͤnnen. Die gelegenheit aber der zeit des orts, und anderer umſtaͤnde oder begebniſſe, giebt uns freyheit und erfodert auch wohl von uns, unſere gedancken auszudrucken, und alles was wir davon wiſſen und gedencken anzu - bringen.

§. 5.33der gedancken.

§. 5. Dieſe gelegenheit wird genennet ca - ſus, und der kurtze inhalt meiner gedancken, darauf die rede gebauet wird, heiſt die propoſi - tio, das thema. a)Zuweilen kan man nur einen eintzigen concept zum grunde legen,b) mehrentheils aber verbindet man zwey conce - pte in dem dritten,c) und formiret alſo einen ordentlichen ſatz, ia zum oͤftern muß man viele ſaͤtze mit einander verbinden und davon re - den. d)

a)Z. e. einer iſt Doctor worden, ſo iſt mein thema wann ich ihn anrede oder an ihn ſchreibe: Jch gratulire ihm zur erhaltenen Doctor-wuͤrde. Oder man redet von duellen, und ich ſoll ſagen: Die duelie ſind verboten.
a)
b)Z. e. ich will von der ſonne reden. Oder von der reſignation Philippi des V. in Spanien.
b)
c)Das iſt man macht eine ordentliche propoſitio - nem logicam: z. e. Doctor werden iſt gewiß nichts geringes. Oder: Die duelle ſind mit recht in Sachſen verboten. Oder: Die ſonne iſt das centrum der welt.
c)
d)Z. e. in einer parentation he[i]ſt es: Der verſtor - bene iſt zu loben, zu beklagen, die hinterbliebe - ne angehoͤrige ſind zu troͤſten, denen leichen - begleitern muß man dancken. Bey einer in - veſtitur: Die vacante ſtelle muß wieder beſe - ßet werden, der Souverain will dieſen dazu verordnen, alſo werden die ſo davon depen - diren ihn dafuͤr zu reſpectiren wiſſen. Oder ich ſpreche: Philipp der V. hat die crone nie - dergeleget, dieſes ſetzt viele in ver wunderung, viele in ſorgen, vielen macht es einen vorneh - men concept von der großmuth dieſes Mo - narchen, ich glaube, daß er bey ſeinem tempe -Crament34von der erfindungrament mehr verlaͤugnung gewieſen haͤtte, Wann er ſich noch laͤnger der regierungs-laſt unterzogen, als da er ſie nun abgeworffen.
d)

§. 6. Bleibt man ſchlechterdings bey dem ca - ſu, und zieht das thema gleich heraus, ſo be - kommt man ein thema datum oder naturale. a)Dabey muß man zufoͤderſt auf die regeln der vernunft-lehreb) hernach auf die regeln der klugheit,c) und nach anleitung derſelben auf alle umſtaͤnde genau acht haben. Wenn man nun durch artige, nicht gar zu bekannte, einfaͤl - le, muthmaſſungen, vergleichungen, anmer - ckungen, ausſchweiffungen ein thema natura - le wohl ausfuͤhret, ſo wird man mit einem the - ma naturali eben ſo weit kommen als irgend ein anderer mit ſeinem themate artificiali.

a)Der unterſchied unter thema und propoſitio, den einige machen, iſt nicht weit her. Jnglei - chen die diſtinctiones unter thema ſimplex und coniunctum, finitum und infinitum, liberum und adſtrictum, ſcholaſticum, politicum, eccle - ſiaſticum, mixtum, demonſtratiuum, deliberati - vum, iudiciale, didaſcalicum. Hingegen hat die eintheilung der thematum, welche von de - nen diſciplinen hergenommen wird, groͤſſern nu - tzen, indem mich dieſe betrachtung zugleich in die diſciplin ſelbſt fuͤhret, daraus ich alles was von einer ſache geſcheutes kan geſaget werden, her - holen muß.
a)
b)Dieſe fuͤhren mich bey einem einzelnen con - cept auf die definitiones deſſelben, ſiehe Ridigeri S. V. & F. Lib. I. von V. biß X. Cap. oder auf die hypotheſes welche man dabey machen kan, vid. ibid. Cap. XII. bey einem ordentlichen ſatze aber, muß ich auſſer ietztangefuͤhrten momentis, aufdie35der gedancken. die regulas enunciationis zugleich reflectiren ſiehe ibid. Lib. II. Cap. I. Da dann alle dieſe momenta mir auch neue erfindung zu ſaͤtzen an die hand geben.
b)
c)Von dieſen waͤre es leicht etliche blaͤtter anzu - fuͤllen, allein ſie gehoͤren zur univerſellen gelehr - ſamkeit. Doch moͤgen zur probe folgende die - nen: 1.) Einen ſatz den ich verſchweigen kan oh - ne ridicul zu werden, 2.) wovon ich keinen deut - lichen und klaren begrif habe, 3.) wobey ich kei - nen vernuͤnftigen endzweck angeben kan, 4.) wo - durch ich der ſache zu nahe trete, den zuhoͤrer be - leidige, mir ſelbſt keinen vortheil ſtiffte, doch nicht dazu verbunden bin, ꝛc. verſchweige ich billich. 5.) Hingegen wozn mich einige ſchul - digkeit treibet und keines von obbenannten ſtuͤ - cken abhaͤlt, auch die in der vorbereitung §. 13. 14. 15. 16. 17. angefuͤhrten unterſuchungen an - geſtellet, davon kan ich billich reden. Wo man angefuͤhrte cautelen nicht brauchen und anwen - den kan, hat man ſeine freyheit Ein mehrers wird hievon im folgenden ſich zeigen.
c)

§. 7. Zuweilen iſt man nicht geſchickt ein thema nalurale recht zu tractiren, oder man will damit nicht zu frieden ſeyn, ſo ſuchet man durch eine meditation, und alſo durch die kunſt etwas bey dem caſu zu erſinnen, damit man das thema naturale verknuͤpfen koͤnne, das vielleicht bey dem erſten anblick nicht iedermann in die ſinne faͤllt und dieſes heiſt hernach ein thema artifi - ciale.

  • Z. e. ich ſoll einem kinde parentiren, das immer kraͤncklich und gebrechlich geweſen, da alle ſpre - chen: Gottlob daß es todt iſt, da werde ich von loben und bedauren nicht viel ſagen koͤnnen undC 2bey36von der erfindungbey denen anverwandten wird auch der troſt nicht noͤthig ſeyn. ꝛc. Oder ich gratulire iemand zu ſeinem erlebten geburts-tage, und wolte doch gerne etwas mehr ſagen als andere ꝛc. Bey dieſen faͤllen ſinne ich auf ein thema artificiale.

§. 8. Solches nun zu finden, reſolvirt man den caſum in ſeine umſtaͤnde, bey iedem um - ſtande ſuchet man allerhand moͤgliche einfaͤlle, muthmaſſungen, urſachen, und andere gedan - cken zu faſſen, dieſe ſchlieſſet man in kurtze pro - poſitiones ein, ſo hat man viel themata artifi - cialia. a)Die umſtaͤnde ſind entweder ge - nerales, oder ſpeciales oder ſpecialiſſimae,b) bey deren auſſuchung und ausfuͤhrung wie bey allen thematibus artificialibus das thema na - turale zum grunde muß geleget werden.

a)Z. e. bey oben angefuͤhrten exempel eines kin - des habe ich folgende umſtaͤnde: Es war immer kranck, es war gebrechlich, es hat Wenig gu - te tage gehabt, der todt hat ein ende gemacht ſeiner kranckbeiten ꝛc. Dabey koͤnte ich folgen - de gedancken haben: 1.) Die menſchen ſind, von ihrer geburt an, ſo lange ſie in der welt ſind, vielen und vielerley kranckheiten unterworf - fen 2.) Jch erinnere mich dabey des blindge - bohrnen, da die Juͤnger beym Joh. am 8. ſa - gen: Meiſter wer hat geſuͤndiget? Dieſer oder ſeine eltern, ſo antwortet Chriſtus: We - der er noch ſeine eltern, ſondern daß die wercke Gottes an ihm offenbahr wuͤrden: 3.) Wir haben wohl wenig gute tage, ſo lange wir in der welt leben: 4.) Wenn man ſich fuͤr den todt fuͤrchtet, muß man wohl nicht bedencken, daß der todt die beſte artzney, der eingang zum leben, der weg zur vollkommenheit undein37der gedancken. ein ende alles uͤbels ſey. Schloͤſſe ich dieſe me - ditationes in propoſitiones ein, ſo kriegte ich fol - gende themata artificialia: 1.) Die welt ein lazareth, die beſtaͤndige empfindung des to - des im leben, das lebendige grab, die beſeelte aſche. 2. Die wege Gottes, das unumſchraͤnck - te recht des Schoͤpfers, der krancke prediger. 3.) Die guten tage der menſchen / der verdor - bene geſchmack bey der begierde zu leben, die eitle lebens-luſt. 4.) Die vergebliche furcht fuͤr dem tode, die beſte artzney, der eingang zum leben, der weg zur vollkommenheit, das ende alles uͤbels ꝛc. Man ſiehet aber leicht, daß das beſte auszuſuchen, und daß es auf eine gute ausfuͤhrung fuͤrnemlich ankomme.
a)
b)Der unterſchied dieſer umſtaͤnde beruhet auf dem begriff welchen ich mir vom obiecto mache z. e. aus der definition, denn dasgenus in der definition giebt lauter circumſtantias generales, die differentia giebt lauter ſpeciales, und die membra dividentia oder ſpecies oder indiuidua geben circumſtantias ſpecialißimas. Z. e. es ſtirbt eine braut an ihren hochzeittage eines ſchnellen todes, wann ich dieſer parentiren oder ein leichengedicht verfertigen ſolte, und ſtellete fuͤr: die nothwendigkeit zu ſterben, die unbe - ſtaͤndigkeit des menſchlichen lebens. ſo bekaͤme ich themata, welche auf alle menſchen koͤnten appliciret werden, redete ich: von dem ver - welckten braut-krantz, von dem mit dem ehe - bette vertauſchten grabe, denen in trauerfa - ckeln verwandelten hochzeitlichtern, dem ſchrecklichen braut-fuͤhrer, der geſtoͤhrten - hochzeitluſt: ſo haͤtte ich lauter themata ſpecia - lia, fuͤhrete ich aus: den ſchnellen wechſel der irdiſchen mit der himliſchen hochzeit, die ver - ſchwundene braut, oder es waͤre den morgenC 3vor38von der erfindung. vor der trauung der trauring zerſprungen, und ich ſtellete dieſes fuͤr, ſo wuͤrden dieſes ihemata werden die aus denen circumſtantiis ſpecialißi - mis floͤſſen. Es iſt leicht zu urtheilen, daß die von der erſten art nicht viel ſagen wollen, wo nicht eine gantz auſſerordentliche ungemeine ausfuͤhrung ſie erhoͤhet. Die aus denen cir - cumſtantiis ſpecialibus genommen werden, ſind am gebraͤuchlichſten und leichteſten. Endlich die letzten ſind zwar angenehm, erfodern aber viel behutſamkeit.
b)

§. 9. Sonſt muß ich bey einem themate ar - tificiali allezeit erwegen, ob ich nicht beſſer thaͤ - te, wann ich beym naturali bliebe? wie ich es kurtz, doch nicht dunckel und zweydeutig ab - faſſen muͤſſeb) wie es mit dem themate natu - rali auf eine ungezwungene und angenehme art zu verknuͤpfen,c) ob etwan ein affect da - bey anzudeuten und wie?d) und endlich daß weder in der abfaſſung und putz noch in der ausfuͤhrung deſſelben etwas paradoxes mit unterlauffe. e)

a)Z. e. in brieffen, familiair-diſcourſen, und wo man ſonſt nicht viel zierrathen braucht, ſolte es billich allezeit naturel bleiben.
a)
b)Daß man es kurtz faſſe, dazu iſt noͤthig, daß man die propoſitiones incidentes weglaſſe, in - gleichen unnuͤtze epitheta, dunckel iſt es, wann man gar nichts dabey dencken kan, und zwey - deutig, wann man zu viel dabey dencken muß, auch wohl gar das gegentheil, und alſo zweiffel - haft bleibet, welches der erfinder des thematis gemeinet habe. Dieſemnach ſind z. e. folgende themata albern: Die von dem himmel abſtam - mende, dem menſchen zwar geſchenckte, aberdurch39der gedancken. den fall wiederverlohrne und durch Gottes gnade eintzig und allein wieder herzuſtel - lende er kaͤnntniß der menſchen in geiſtlichen dingen: oder die bettel hochfuͤrſtlich ange - ſehen ſeyn wollende welt, an ſtatt: Die er - kaͤnntniß der menſchen im geiſtlichen, oder die prahlende welt. Dunckel wuͤrde es ſeyn, wann ich ſpraͤche: die kroͤnende Eupheme, der ſcheideweg der tugend, oder ich wolte handeln von dem woͤrtgen: und. Zweydeutig wuͤrde es klingen, wann ich fuͤrſtellen wolte: Den wind der gelehrten, den Theologiſchen Krebs (Epheſ. 6. v. 14.) 2. Tim. 2. v. 17.)
b)
c)Eins muß aus dem andern zuflieſſen ſcheinen. Alſo kan ich nicht errathen, was iener fuͤr ein thema naturale muͤſſe gehabt haben, der da fuͤr - geſtellet: Das geiſtliche Großbrittannien, und zwar erſtlich, das irdiſche Jrrland, zum andern, das hoͤlliſche Schottland, zum drit - ten das himliſche Engelland. Ein ander ſtel - lete bey einer hochzeit, da der Braͤutigam 60. die braut 52 iahr alt war, das paradies der lie - be, fuͤr, ein ander: den Caffe der liebe, und was machen Venus und Cupido bey hochzeiten die muſen bey gluͤckwuͤnſchen, der todt bey leichen, die jahrgaͤnge bey predigten, die eigenliebe bey buͤchern und diſputationibus ꝛc. nicht zuweilen fuͤr weithergeholte themata, da alles bey den haaren zuſammen gezogen und gezwungen wird. conf. Menckens charlatanerie der ge - lehrten von buͤchertituln. p. 33.
c)
d)Z. e. Die verhaſte eigenliebe, zeuget von ei - nen gantz andern affect als: Die rechtmaͤßige, oder lobenswuͤrdige eigenliebe. Ferner: die zwar nicht verdiente aber doch erlangte huͤl - fe, oder: die erbetene huͤlffe, klingt weit ange - nehmer, als: die von GOtt erbettelte huͤlffe. C 4Und40von der erfindung. Und aus dieſen beyden: der betruͤbte unter - gang der landes-ſonne und: der leider ins graß beiſſende fuͤrſt, wird ein ieder die erſte wehlen.
d)
e)Z. e. das geiſtliche ſtoß die magd: Das groſſe gelaͤute bey dem grabe Chriſti uñ zwar erſtlich die himliſche ſchloßglocke 2.) die groſſe ſtadtglo - cke 3.) die kleine dorf glocke: Die Oeſierreichi - ſche lerche: Die butter[des]verſtandes: Der wohlerlaubte ſelbſt[mord:]Des h. Roͤm. Reichs ſchweinkofen Bayern: Des h Roͤm Reichs ſand-buͤchſe die Marck Brandenburg: Aus - putzer aller geelſchnaͤbel: Die eichene keule der ſtandhaftigkeit: Die cedern der demuth: Die in alle winckel ſchimmernde ceder: Die nach dem adler reiſende ſonne: Der laſter - weg und tugend-ſteg: Das mit dem himmel verwechſelte welt-getuͤmmel: Das himmel - ſuͤß erquickende Jeſus-bertz: Ariadneiſcher faden der goͤttlichen fuͤhrung: der pruͤgel des gebets ꝛc.
e)

§. 10. Jch koͤnte mehr anfuͤhren von erfin - dung der thematum, wann meine abſicht waͤ - re aus der Oratorie einen pontem aſinorum zu machen, daraus auch dieienigen, denen es an den hauptſtuͤcken ſo zur wohlredenheit gehoͤren, fehlet, von ſachen die ſie nicht verſtehen, viel erfindungen und worte machen lernten. Viel - leicht iſt aber dieſes die abſicht derer, welche mit der arte Lulliana,a) der topica,b) der inuentione analogica,c) der cabbala,d) dem buchſtaben ſpielene) und dergleichen, wie iener Kaͤyſer mit denen an den Brittanniſchen kuͤſten aufgeraften und in triumph gefuͤhrtenmu -41der gedancken. muſchelſchaalen ein groſſes geraͤuſch machen, oderdie lehr-begierigen auf ein pathetiſches we - ſen Oratoriſchen enthuſiaſmum und andere ſtaffeln zur waͤſcherey und narrheit verweiſen.

a)Von dieſer ſiehe Morhoffs Polyh. Lib. II. Cap. V. Tom. I. und Hederichs Philologiſche Wiſ - ſenſchafften p. 382. Die gantze kunſt beſtehet in fuͤnf circuln, iedweder iſt in neun theile, deren ieder einen gewiſſen terminum hat, eingetheilet und dieſe werden dann bey einem themate mit demſelben und untereinander combiniret nach der regula combinatoria. Nach dem Hederich iſt der erſte, circulus ſubiectorum und hat folgen - de terminos: Deus, ſpiritus, corpus, homo, ſen - ſitiuum, vegetatiuum, inſtrumentale, poſſeſſiones, actiones. Der andere: circulus praedicatorum abſolutorum mit folgenden terminis: Bonitas duratio, capacitas, forma, localitas, motus, poten - tia, principium, quantitas: Der dritte: circulus praedicatorum reſpectiuorum, zeiget nachgeſetz - te terminos: Differentia, concordantia, contra - rietas, ordo, aequalitas, inaequalitas, figura, ſignum, relatio. Der vierdte giebt als der circulus ne - gatiuorum dieſe: Annihilatio, diuerſitas, impo - potentia, contradictoria, malitas, nihil, priuatio, remotio, falſitas. Der fuͤnffte: circulus quae - ſtionum fuͤhrt dieſe: An? quid? cur? ex quo? quantum? quale? quando? vbi? quonam?
a)
b)Dieſe iſt unter ietzterzehleten doch noch das beſte deswegen auch alle rhetores darauf fallen, ſie giebt doch noch gelegenheit an die hand an das weſen der ſache ſelbſt zu gedencken. Aber die - ſes iſt es auch alles was von ihr kan erwartet werden. Wer alſo die ſache nicht verſteht, fuͤr dem ſind alle loci topici leere faͤcher, ſiehe l’art de parler in einem beſondern cap. reflexions ſurC 5les42von der erfindungles lieux communs. Obſeruat. Hallenſes Tom. I. Obſ. 17. Auctorem artis cogitandi. Zugeſchwei - gen daß ſie auch anlaß giebt, die ſachen zu con - fundiren, moͤglichkeiten fuͤr wahrheiten anzu - nehmen, wahrſcheinlichkeiten fuͤr unſtreitig, und ſich gar leicht ridicul zu macheu. S. von den locis topicis Hederich l. c. p. 342. Ridigeri S. V. & F. Lib. IIII. Cap. IIII. §. 6. ſqq. Die loci topici ſind folgende: A notatione, ab etymologia, a ſynonymia, & homonymia, a coniugatis, a defi - nitione, a genere, a ſpecie, a toto, a partibus, a cauſ - ſa efficiente, a materia, a forma, a fine, ab effectu, a ſubiecto, ab adiuncto, a circumſtantiis, a repu - gnantibus, a comparatis, ab exemplo, a teſtimonio.
b)
c)Siehe davon Hederich l. c. p. 391. und Mor - hoffs iudicium im Polyhiſtore l. IV. l. 18. Man nimmt nach dieſer kunſt, von einer ſo gleich in die ſinne fallende ſache, anlaß, bey dem obiecto davon man redet, etwas zu gedencken. Wenn man ſie zu erfindung allerhand gleichniſſe ge - brauchet, iſt ſie nicht gaͤntzlich zu verwerffen.
c)
d)Jch verſtehe hierunter die kunſt da man iedwe - den buchſtaben im alphabet eine gewiſſe zahl be - deuten laͤſſet, hernach einen nahmen, oder ſatz nach ſeinen buchſtaben zuſammenrechnet, und endlich eines andern ſatzes oder nahmens ſum - me ebenfalls zuſammen nimmt, beyde aber ſo lange zerret und zerſtuͤmmelt, biß von beyden ſaͤ - tzen die ſummen einander gleich werden. Als man iuͤngſt auf die bevorſtehende niederkunft der Kaͤyſerin cabbalirte und um die wette ei - nen Printzen prophezeyte, machte iemand fol - gendes:
Qua Cabala quiuis ex quouis fingere quoduis, Et ſibi pro lubitu dicere fata queat, Haccine pro certo promitti maſcula proles Imperio poſſit Caeſareoque throno? Oma -43der gedancken. Omagnas nugas magnis conatibus actas! Quas puerum & ſuperent vtilitate nuces! Optetis ſtulti! ſperetis, Cetra tacete. Nam cabala haec fieri fabula forte poteſt.
d)
e)

Dieſes iſt mancherley, z. e. durch verſetzung in anagrammatibus als z. e. Calepinus, verſetzt Pe - licanus, Leopoldus: Pello duos, ſiehe Morhoff Polyh. l. VII. III. 6. der Herr von Beſſer in ſei - nen unvergleichen gedichten hat unter andern folgendes auf einen anagrammatiſten: Was hat doch auf den Helicon, Ein anagrammatiſt davon, Daß er der woͤrter ordnung ſtoͤhret? Nichts dann daß er den kopf ſich ſtoͤhrt, Und wie die woͤrter er verkehrt, So ſein gehirn ſich mit verkehret.

Es gehoͤren hieher alle luſus verborum; der poeten technopaegnia; wenn man aus ieden buchſtaben eines wortes ein beſonders wort macht, z. e. iener ſagte, er wolte ein friſch weib nehmen, das iſt: fromm, reich, iung, ſchoͤn, chriſtlich und haͤußlich; wenn man aus der gleichheit zweyer woͤrter gelegenheit zu reden nimmt, u. ſ. f.

e)

§. 11. Von der erfindung haben geſchrie - ben Ariſtoteles,a) Cicero,b Boëthius,c) Quinctilianus,d) Rud. Agricola,e) Petrus Ramus,f) Beccherus,g) Cardanus,h) Raymundus Lullus. i)Alſtedius,k) Kir - cherus,l) Caſp. Knittel,n) Eman. The - ſaurus,o) Janus Gerhardus Bucholdianus,p) Caecil. Frey,q) Jord. Brunus,r) Owe - nus Gunther,ſ) Val. Thilo,t) Nic. Cauſſi - nus,u) Creſollius,w) Voſſius,x) Maſe - nius,y) Keckermannus,z) Weiſius,a)Fran -44von der erfindungFranciſcus Pomey,b) Eraſmus,c) Balbinus,d) Radau,e) Vincentius Placcius,f) M. Dauid Vlmann,g) Ludov. Granatenſis,h) Leibniz,i) Morhoffius,k) Hede ich,l) Wentzelm) &c. Alle die gantze Rhetori - cken heraus gegeben haben, ſind gleichfalls be - muͤhet geweſen, die lehre von der erfindung zum gebrauch zu aptiren, wiewohl nicht alle mit gleichen gluͤck. Man kan dieſe leſen, wenn man ſonſt will und muſſe hat, aber ich glaube ſo lange, daß man wenig nutzen davon haben werde, als es wahr iſt, daß ein mit guten na - tuͤrlichen faͤhigkeiten begabter, durch eine rech - te Logick gebeſſerter, durch wiſſenſchaften und erfahrung bereicherter verſtand, die beſte quelle guter erfindungen ſey.

a)Deſſen VIII. libri topicorum und III. artis rhe - toricae ſind bekannt S. Stollen II. II. 7. 8. und l. IIII. 10. not. q. Morhoff l. VI. l. 2.
a)
b)Von dieſem gehoͤren hieher de inuentione Rhe - torica libri II. Topica ad C. Trebatium. S. Stol - len l IIII. 10. Morhoff l. VI. l. 9. l. IIII. XI. 7. Ci - ceronis Topica ſind beſonders cum notis variorum zu Paris 1542. 1547. 1557. u. 1567. in 4. mit Achillis Statii zu Loͤwen 1552. 8. und mit Ant. Goueani zu Paris 1545. 8. heraus kommen.
b)
c)Dieſer hat IIII. buͤcher de differentiis topicis ge - ſchrieben, des Ariſtotelis ins Lateiniſche uͤber - ſetzt, und uͤber des Ciceronis in VI. buͤchern com - mentiret ſiehe Morhoff Polyh. II. l. XI. 1. He - derichs Philologiſche wiſſenſchaften, p. 340.
c)
d)Jch meine ſeine Inſtitutiones oratorias welche mit des andern Quinctiliani declamationibus heraus kommen Lugduni 8. 1549. S. Stollen l. IIII. 10. Morhoff l. IIII. XIII. 3.
d)c)45der gedancken.
e)Hat de inuentione dialectica geſchrieben, davon ſ. Morhoff Polyh. II. I. XII. 1. II. V. I. 4. iſt zu Coͤlln 1579. 8. edirt. ſ. auch Stollen I. IIII. 13. und von ihm allegirten Reimmann. III. p. 380.
e)
f)S. Stollen Einl. zur hiſt dergel. II. II. 20. der in fuͤrhergehenden und folgenden §. mehrere ſa - chen vom Ramo angemerckt. Morhoff Polyh II. I. XII. 1. Ramus beſchreibt die dialectic als eine artem diſſerendi und theilet ſie in inuentio - nem & iudicium, hat auch die 4 genera cauſſarum recht im ſchwang gebracht.
f)
g)Von Beccheri nouo organo pro verborum copia in quauis materia ex pedite acquirenda, S. Mor - hoff Polyh. l. II. IIII. 32. der es auch zur inuenti - one rerum dienlich haͤlt. Sein leben ſteht, nebſt dem catalogo ſeiner ſchrifften, vor ſeiner naͤrri - ſchen weißbeit - und weiſen narrheit, welche hl. Reimmann wieder herausgegeben. Jnglei - chen in eben hl. Reimmans Einl. zur hiſtor. litt. der Teutſchen III. p. 536.
g)
h)Warum ich dieſen hier anfuͤhre S. in Morhoffs Polyh. l. II. V. 2. Es ſcheinet als ob er[ d] bie fuͤr - treflichkeit der Logick in der erfindung, wohl ein - geſehen. Jm 10ten tomo ſeiner wercke ſteht ein tractat: de inuentione.
h)
i)Raymundi Lulli ars magna & parua inuentiua nebſt andern ſeinen we[r]cken, iſt zu Straßburg m[i]t Jordani Bruni, Agrippae, und Valerii de Va - leriis anmerckungen heraus kommen 1617. 8. Siehe oben §. 10. not. a.
i)
k)Von Alſtedii claue artis Lullianae ſo 1610. 8. zu Straßburg edirt ſ. Morhoff Polyh. I. II. V. 40. 55.
k)
l)Kircheri ars magna ſciendi ſ. combinatoria 1669. fol. Amſterdam Morhoff l. c. 41.
l)
n)Knittelii via regia ad omnesſcientias Prage 1682. 8. Morhoff. l. c. 43.
n)o) Von46von der erfindung
o)Von deſſen indice categorico und canocchiale Ari - ſtotelico S. Morhoff l. c. 3. 46. l. VI. III. 10.
o)
p)Libros III. de amplificationibus & inuentionibus Gerh. Bucholdiani, Lugd. Gall. 4. 1533. allegiret Morhoff. II. V. I. 4.
p)
q)In via ad ſcientias, linguas, ſermones extempora - neos noua & expeditiſſima, Paris. Jenae & Arnſta - diae recuſa 1674. 12. Morhoff. I. II. V. 51. I. VI. I. 18.
q)
r)Liber de progreſſu & lampade venatoria Logico - rum. 1587. editus. Morhoff. l. c. 29. Hernach artificium perorandi a Jordano Bruno. Nolano Italo, traditum ſiehe ibid. 54.
r)
ſ)Hat heraus gegeben Methodorum tractatus duos continentes totius artis Logicae medullam, faculta - tem omnium ſcientiarum ac demonſtrationum principia inueniendi diiudicandique rationem Helmſtadii. 1586. 8. Idem 1. II. VII. 4.
ſ)
t)Deſſen Topologiam Oratoriam fuͤhrt Morhoff an l. VI. I. 16. von ſeinen panegyricis und an - dern ſachen trifft man eben daſelbſt und Cap. III. 6. einige nachricht an.
t)
u)Nic. Cauſſini XVI. buͤcher de eloquentia ſacra & profana ſind zu Coͤlln 1681. 4. herauskommen, auch zu Pariß. 1643 4. Morhoff l. VI. 117.
u)
w)Vom Lud. Creſſollio gehoͤrt hieher ſein Theatrum Rhetorum 1620. zu Pariß in 8 gedruckt. ibid. 7.
w)
x)Gerh. Jo. Voſſium erhebt Morhoff ſehr, ibid. 22. hier ſind ſeine Inſtitutiones oratoriae zu ruͤhmen ſo zu Leyden 1643. 4. am beſten, 1608. 8. am er - ſten, ediret.
x)
y)Jacobi Maſenii Palaeſtra oratoriae Colon. 1659. 1707. 8. Morhoff. l. c. 17.
y)
z)Keckermanni Syſtema Rhetoricae Hanau 1608.
z)
a)Weiſens inſtitutiones oratoriae Leipzig. 1702. 8. ſiehe von ihm oben die vorber. §. 22. Seine gantze Logick zeigt faſt nichts als die applicationder47der gedancken. der Topic in der Oratorie, und alle ſeine nach - folger loben die Topic.
a)
b)Fr. Pomey Candidatus Rhetorices iſt edirt Lyon 1706. in 12. Morhoff l c. 18. Er hat ſonderlich inuentionem analogicam abgehandelt.
b)
c)Eraſmus de copia verborum & rerum iſt bekannt. Morhoff. l. c. 21.
c)
d)Balbini breuis tractatio de amplificatione oratoria. Wuͤrtzburg 1688. 12.
d)
e)Radau Orator extemporaneus 12. S. Reimmanns Einl. III. p. 386. Morhoff. l. c. 18.
e)
f)Vincentii Placci acceſſiones Rhetoricas artis Ari - ſtotelicae vna cum promtuario tripliei inuentionis Enthymematicae Affectuoſae & Moratae 1695. Hamburg vid. Reimmanns-Einl. III p. 381.
f)
g)M. David Vhlmanni Rhetorica ſacra & profana 1675. Franckfurt am Mayn 12. Idem III. p. 383.
g)
h)Morhoff l. VI. IIII. 25. erwehnt ſeiner ſiluae lo - corum communum in concionibus. Lugd. 1582. 8.
h)
i)Deſſen artem combinatoriam 1666. Lipſiae 4. edi - tam lobt Morhoff. l. II. V. 61.
i)
k)Dieſer hat nicht nur von ietztbekannten einige nachricht ſondern auch ſelbſt in ſeinem Polyhiſtore vielfaͤltig zur inuentione anweiſung gegeben. Jnſonderheit im Tom. I. Cap. VI. VII. und al - len folgenden.
k)
l)Jn ſeinen Philologiſchen wiſſenſchaften parte II. Cap. I. und II. Jch dencke wer dieſen und Morhoffs Polyhiſtorem hat, kan der uͤbrigen al - le wohlentbehren.
l)
m)Deſſen Hiſtoriſchen redner, welcher 1711. 8. Leipzig ediret, habe ich nicht vergeſſen wollen, weil er ſich bemuͤhet zu zeigen wie man die Hiſto - rie als einen quell der erfindung nutzen koͤnne. Ubrigens wird man mehr auctores beym Mor - hoff antreffen koͤnnen, meine abſicht iſt nicht ge - weſen, ſie alle, und in einer vollkommenen ſtel - lung anzufuͤhren.
m)
Das48von der erfindung

Das andere capitel, von der erfindung der argumentorum uͤberhaupt.

Jnhalt.

WAs in der Oratorie ein argumentum ſey? §. 1. Ob ein argumentum in der Oratorie unterſchie - den von einem argumento logico, und worinn? §. 2. Wie vielerley die argumenta? §. 3. Aus was fuͤr quellen dieſelbe zu nehmen? §. 4. Was die klugheit bey erfindung der argumentorum erfordere? §. 5. Wie und in was fuͤr ordnung ſie anzubringen uͤber - haupt? §. 6. Was realia ſeyn? §. 7. Wie man ſich einen vorrath von allerhand fontibus zu argu - mentis anſchaffen koͤnne und von excerptis? §. 8. Von der fertigkeit allezeit argumenta zu haben, und nichts ohne raiſon zu ſagen. §. 9.

§. 1.

WEnn der redner feſtgeſetzet, wovon er reden wolle, ſo muß er auch darauf bedacht ſeyn, wie er von der ſache re - den wolle, dabey muß er auf alles gedencken, was ſeinen endzweck befoͤrdern kan, hingegen ſich bemuͤhen dasienige aus dem wege zu raͤu - men, was ihm daran hinderlich iſt, und alles was er zu dem ende beybringt, heiſſet man in der Oratorie ein argumentum.

§. 2. Weil nun durch daſienige was man ſeinen endzweck zu erhalten beybringt, das the - ma zugleich erweitert wird, ſo nennt man auch die argumenta oratoria, amplificationes. Und da dem redner freyſtehet, im nothfall,a) nachden49der argumentorum. den regeln der klugheit, allerhand beyzubrin - gen, was zur erhaltung ſeines endzwecks dien - lich, ſo duͤrffen auch ſeine argumenta nicht eben allezeit nach der Logicaliſchen ſchaͤrffe einge - richtet ſeyn. Denn in der Logick heiſt man das ein argument, womit man etwas entweder auf eine unſtreitige oder wahrſcheinliche art be - weiſet, und hierinn unterſcheiden ſich die argu - menta Logica von denen Oratoriis.

a)Siehe hievon Ridigeri S. V. & F. Lib. IIII. Cap. IIII. §. 23 ſqq. Dieſen muß man fuͤr allen an - dern bey dieſen und dem folgenden capitel nach - leſen.
a)

§ 3. Dieſer argumentorum zehlet man ſonſt eine groſſe menge, man hat argumenta realia und perſonalia, die realia theilet man in do - centia und perſuadentia, die perſonalia in con - ciliantia und commouentia. Zu den docen - tibus rechnet man explicantia, probantia, il - luſtrantia, applicantia und ſo fort an. a)Al - lein mir duͤnckt man koͤnne ſie am fuͤglichſten zu dieſen dreyen arten zehlen, wenn man die argu - menta eintheilet in probantia, illuſtrantia und pathetica.

a)So werden ſie vom Herrn Huͤbner angefuͤhret in ſeinen Oratoriſchen fragen. Hier muß ich Herrn Joh. Daniels Longolii Phil. und Med. Doctoris gedencken, und ſeiner einleitung zu gruͤndlicher erkaͤnntniß einer ieden inſonder - heit der Teutſchen ſprache, der man ſich zu accurater unterſuchung ieder ſprache, und beſitzung eine[r]untadelhaften beredſamkeit in gebundenen uñ ungebundenen reden, wie auchDbeſon -50von der erfindungbeſonders in Teutſchen fuͤr allerley condition alter und geſchlechte zu einem deutlichen und nuͤtzlichen begrif der mutter ſprache bedienen kan, Budiſſin 1715. 8. Dieſer verwirft p. 25 3. alle dieſe eintheilungen und p. 260. die ſyllogiſmos. Dagegen giebt er p. 175. folgende locos topicos an, welche ich im vorigen capitel anzufuͤhren vergeſſen: 1.) locum notationis, 2.) exiſtentiae, 3.) eſſentiae, 4.) compoſitionis, 5.) familiae, 6.) qualitatis, 7.) conditionis, S.) reſpectus, 9.) fati, 10.) teſtimonii, 11.) comparationis, 12.) definitio - nis, 13.) diuiſionis, 14.) vſus, 15.) incommodi. Und pag. 231. ſetzet er als fontes zu unſtreitigen beweiß-gruͤnden 1.) Locum notationis 2.) exi - ſtentiae, 3.) eſſentiae, 4.) diuiſionis, 5.) compo - ſitionis, 6.) rationis, 7.) conuenientiae, 8.) diſcon - uenientiae. Es kommen nicht unebene einfaͤlle in dieſem buche fuͤr, doch wird man leicht ſehen, daß ich ihm, mit recht, nicht gefolget.
a)
b)Der grund dieſer eintheilung iſt dieſer: Alle ge - dancken, damit der redner ſeinen endzweck zu erhalten ſucht, (nemlich in andern eben die ge - dancken und regungen zu erwecken, die er ihnen beybringen will, ſ. die vorber. §. 1. 2. 3. ) ſind entweder auf den unterricht und beſſerung des verſtandes oder einrichtung des willens gerich - tet, ienes ſind argumenta theoretica, dieſes practica oder pathetica, der erſten koͤnnen nicht mehr als zweyerley arten ſeyn, die eine welche die ſache beweiſet, das ſind argumenta proban - tia, die andere welche ſie erlaͤutert, das ſind il - luſtrantia. Jm uͤbrigen laſſe ich ieden die frey - heit mehr und weniger zu glauben als ich, hoffe aber auch man werde mir gleiches gluͤck ange - deihen laſſen, und deßwegen nicht eben ſcheel ſehen.
b)

§. 4. An argumentis kan es dem rednernie -51der argumentorum. niemahls fehlen, wann er eine gute Logick inne hat, die ſache davon er reden ſoll verſteht oder die diſciplin dahin dieſelbe gehoͤret,a) durch lectur und erfahrung einen guten ſchatz geſam̃ - let, und endlich die regeln einer vernuͤnftigen Moral anzubringen weiß. Und dieſe an - gefuͤhrte dinge ſind die allgemeinen fontes woraus alle argumenta flieſſen.

a)Die Logick iſt das noͤthigſte inſtrument eines redners benebſt der Moral, aus denen diſcipli - nen holt man hauptſaͤchlich argumenta pro - bantia, aus der lectur und erfahrung illuſtran - tia, die Moral giebt fuͤrnemlich pathetica an die hand.
a)

§. 5. Wenn man nun aus dieſen fontibus argumenta nehmen will, ſo muß man zuvor die ſache davon man redet und die beſchaffen - heit ſeines auditoris in betrachtung ziehen. a)Bey abſtracten ſachen muß ich mehr die diſci - plinen, bey ſinnlichen wahrheiten mehr die er - fahrung conſuliren. b)Bey einem zuhoͤrer der in anſehung der ſache, die ich ihm fuͤrtrage in - different iſt, kan ich der naturder ſache nach - gehen, wo nicht, muß ich ſehn ob er vermoͤgend, ſich durch gruͤndliche raiſons uͤberzeugen zu laſ - ſen, oder ob er durch ſeinen eignen affect, ſchwaͤche des verſtandes, oder des willens ein - zunehmen. c)Uberhaupt muß man die fon - tes und argumenta nicht miteinander vermi - ſchen, und ſonſt gedencken, daß es mehr auf die wichtigkeit und nachdruck der argumento - rum, als auf die menge derſelben ankomme. d)

B 2a)52von der erfindung
a)Z. e. Wann die ſache davon ich rede den willen angeht, da iſt es alles in wind geredt, wannich mich nur bey trockenen demonſtrationibus auf halte. Und hingegen, wann ſie bloß auf ſpecu - lationibus beruhet, da komme ich mit argumen - tis patheticis blind. Alſo wann ich ein kind das zum ſpielen neigung truͤge, davon abziehen wolte, wuͤrde es laͤcherlich ſeyn, wann ich mich bloß bey theoretiſchen fuͤrſtellungen aufhielte, und wann der bauer den decem abtragen ſoll, da ſuche ich vergeblich die argumenta aus der concordantz. Denn in ienem fall, iſt ein pruͤgel und gut exempel, und in dieſem der ſchuld thurm das treflichſte argument. Hin - gegen wenn iemand wolte das tauſendiaͤhrige reich beweiſen, oder mir ſagen, was eine ſonnen - finſterniß waͤre, und kaͤme mit argumentis pa - theticis mit predigen und exclamationibus auf - gezogen, da wuͤrde er ſich treflich proſtituiren. Eben ſo, wenn iemand von der aufferſtehung der todten reden wolte, und ſuchte ſeine argu - menta aus dem Terentio, oder wolte aus dem Euclide demonſtriren daß 1. mahl 1. nicht mehr als 1. waͤre. Oder es wolte einer einen armen bauer zur freygebigkeit, einen unvernuͤnfftigen menſchen zu beobachtung einer wahren freund - ſchafft, ꝛc. vermahnen, oder einem ſchneider von der quadratura circuli, einem ſtaats-manne von der vierdten figur in der ſyllogiſtic, einem poeten von dem nutzen der Algebra in der reim - kunſt ꝛc. viel fuͤrſchwatzen. Kurtz ich muß wiſſen, ob es mehr auf probantia oder illuſtran - tia oder pathetica bey der ſache ankomme, ehe ich mich nach argumentis umthue.
a)
b)Z. e. ich wolte einem darthun, daß die erde ſich um die ſonne bewegte, ſo muͤſte ich die Aſtrono - mie herfuͤr kriegen. Wolte ich beweiſen ein ver - liebter ſtudente habe keine courage, und keineluſt53der argumentorum. luſt zum ſtudiren, ſo duͤrffte ich nur die taͤgliche erfahrung zu rathe ziehen.
b)
c)Wann der ſo mich hoͤret aus einer heimlichen urſach uͤbel gegen mir diſponiret iſt, kommt ihm alles was ich ſage, ungereimt fuͤr, da darf ich gewiß nicht reden wie ich will. Wenn ich ihm nun aus guter meinung wozu rathen wolte, ſo ſage ich ihm auch wohl er ſolle das contrarium thun, alſo koͤm̃t ihm mein rath ungereimt fuͤr und er reſolviret ſich das zu thun, was ich juſt inten - direte. Einem vernuͤnfftigem honnetten men - ſchen, mag ich frey ſagen, was ich gedencke, ei - nen unvernuͤnfftigen muß ich ſehr menagiren, zumahl wann er verſchlagen iſt, einen dummen und boßhafften muß ich ebenfalls nach ſeinem genie tractiren.
c)
d)Der Dauphin paßirte einſtens Diion in Bour - gogne, und da ers uͤbel nahm daß man nicht die ſtuͤcke geloͤſet, auch deßwegen dem Commendan - ten ein uͤbel geſichte machte, ſo ſagte dieſer, wie er wohl zwantzig urſachen haͤtte warum ſolches nicht geſchehen. Die erſte waͤre, weil ſie der - mahlen keine ſtuͤcken haͤtten. O ſagte hierauf der Dauphin, die uͤbrigen 19 raiſons will ich euch ſchencken, bey ſo beſtallten ſachen. So kommt es mir mit denenjenigen fuͤr, welche da ſie nicht vermoͤgend die rechten gruͤnde zu tref - fen, dafuͤr halten es komme auf die menge der argumentorum an.
d)

§. 5. Nach beſchaffenheit der ſache und des zuhoͤrers, muß auch die ordnung derer argu - mentorum eingerichtet werden, dahero es nicht eben allemahl rathſam die ſtaͤrckſten oder die ſchwaͤchſten voranzuſetzen. Soll die ſache be - wieſen werden, faͤngt man von probantibus an, ſoll ſie deutlich gemacht werden, muͤſſenD 3illu -54von der erfindungilluſtrantia die fuͤrnehmſten ſeyn, ſoll ſie in die uͤbung gebracht werden, muß man zufoͤrderſt pathetica gebrauchen. Doch muͤſſen alle dieſe nach der capacitaͤt des zuhoͤrers ordentlich und deutlich angebracht werden, und es iſt zuweilen noͤthig, ehe man ſie beybringt, das gemuͤth des zuhoͤrers zu tingiren, damit ſie nicht fruchtloß abgehena)

a)Z. e. ſo machte es Nathan bey David Eleaſar beym Laban, Cicero pro Deiotaro, pro M. Mar - cello und anderwerts.
a)

§. 7. Man iſt ſonſt bemuͤhet geweſen, ſo ge - nannte realia in ſeinen reden anzubringen, man hat aber nicht allezeit den rechten begrif von ſolchen realibus. Vor dieſen hielte man exempla und teſtimonia auch wohl emblemata, ſimilia, medaillen, ꝛc. fuͤr realia. Heut zu tage hat ſich der geſchmack geaͤndert, und man glaubt, daß das reelle einer rede, in einem gruͤndlichen und nach der klugheit angebrach - ten raiſonnement beſtehe.

§. 8. Wer gute natuͤrliche faͤhigkeiten durch unterricht, nachſinnen, lectur, erfahrung und uͤbung gebeſſert und vollkommen gemacht, der wird alle univerſelle ſontes argumenta zu fin - den bey ſich haben. Da aber das gedaͤchtniß bey allen dieſem ein guter promus condus ſeyn muß, ſo ſucht man dieſem durch gute excerptaa) zu ſtatten zu kommen. Dieſemnach haben excerpta allerdings groſſen nutzen, allein man muß nicht meinen, daß es bloß und lediglich darauf ankomme.

a) Mor -55der argumentorum.
a)Morhoff hat in ſeinem Polyhiſtore vieles von excerptis, ingleichen von der einrichtung der - ſelben und von auctoribus ſo davon geſchrieben angefuͤhret. Hl. Hoͤbner hat in ſeinen Orato - riſchen fragen auch zum excerpiren einen fuͤr - ſchlag gethan. Mir gefaͤllt dieſe methode: man laͤſt ein buch oder etliche papier einbinden, ſo daß man immer mehr und mehr daran heften kan, voran ſetzt man ein vollſtaͤndiges regiſter, ſo auf bequeme art eingerichtet, und da man immer mehr zuſchreiben kan nach gelegenheit, hernach paginiret man ſein buch, laͤſt auf beyden ſeiten einen maͤßigen rand, ſchreibt auf der einen ſeite kurtz die contenta auf der andern, die zeit wenn man das excerptum eingetragen und den ort wo es geſchehen. Lieſet man nun etwas in einem auctore, ſo ſchreibt man kurtz den nahmen des auctoris, des buchs, wo und wenn es heraus kommen anch wohl kurtz die contenta des buchs, und groſſer leute iudicia davon. Darunter kommen die excerpta ſelbſt. Hat man fuͤr ſich gute einfaͤlle, die man gerne behalten will, ſo ſchreibt man ſolche ebenfalls ein, ingleichen was man hie und da beſonderes hoͤret. Die no - mina propria traͤgt man a part in das regiſter, und ſo bekomt man mit der zeit ein excerpten buch, das man gewiß in allen wiſſenſchafften nutzen kan, dabey man auch zugleich den fort - gang und eine hiſtorie ſeines fleiſſes ſiehet. Ubrigens muß man allezeit gedencken, man ex - cerpire, damit man ſeine excerpta nuͤtzen moͤge, man lebe aber nicht deswegen, daß man immer nur excerpiren muͤſſe. Findet man eine beque - mere methode zum excerpiren, ſo bediene man ſich derſelben, und dencke daß eine methode ſich nicht fuͤr alle leute ſchicke, ſondern ieder nach ſei - nem eignen begriff ihm die ſache am leichteſten machen koͤnne.
a)D 4§. 9.56von den beweiß-gruͤnden

§. 9. Damit man aber allezeit argumenta in bereitſchaft und auch die fontes und die ex - cerpta, welche man ſich angeſchaft gluͤcklich treffe und parat habe, ſo muß man ſeinen ver - ſtand bey allen was man ſiehet, erfaͤhret, hoͤ - ret, lieſet, excerpiret und empfindet, alſo gewoͤh - nen, daß er allezeit nachdencke, wie man es nutzen und wieder an den mann bringen koͤnne. Jm uͤbrigen muß man nichts thun und nichts reden, wovon man nicht wenigſtens allezeit zweyerley raiſons anzugeben wiſſe, eine wahr - haftige und eine ſchein-raiſon. a)Jch glau - be nicht, daß es einem auf die weiſe, an ar - gumentis fehlen koͤnne.

a)Aus dieſer haben die rhetores gar eine figur ge - macht, die heiſt: Color, und nennen ſie eine wahrſcheinliche urſache, welches gewiß zu viel ehre fuͤr ſolchen Oratoriſchen wind iſt.
a)

Das dritte capitel, von den beweiß-gruͤnden, und derſel - ben erfindung.

Jnhalt.

Was eigentlich beweißgruͤnde ſeyn? §. 1. Wie vie - lerley dieſelben? §. 2. Von den unſtreitigen beweiß gruͤnden? §. 3. Wie vielerley dieſelben? § 4. Beweißgruͤnde fuͤr die moͤglichkeit, §. 5. Fuͤr die ſinnlichen unſtreitigen wahrheiten, §. 6. Fuͤr die abſtracten unſtreitigen wahrheiten, § 7. Wo die - ſelben herzunchmen? §. 8. Wie dieſelben einzurich - ten und anzubringen? § 9. Von denen beweißgruͤn - den fuͤr die wahrſcheinlichkeit, §. 10. Wie vielerleydie -57und derſelben erfindung. dieſelben? §. 11. Beweißgruͤnde fuͤr die Hiſtoriſche wahrſcheinlichkeit, §. 12. Fuͤr die Phyſicaliſche wahrſcheinlichkeit, §. 13. Fuͤr die Moraliſche wahrſcheinlichkeit, §. 14. Fuͤr die wahrſcheinlich - keit der zukuͤnfftigen dinge, § 15. Fuͤr die wahr - ſcheinlichkeit im auslegen, §. 16. Wie ſolche argu - menta zu erfinden und anzubringen? §. 17. Von den beweißgruͤnden in der Philoſophie, §. 18. The, ologie, §. 19. Juriſprudentz, § 20. Medicin, §. 21. Mathematick, §. 22. Jm gemeinen leben, §. 23. Von der krafft dieſer beweißgruͤnde, §. 24. Von de - nen eigentlich ſo genannten Oratoriſchen beweiß - gruͤnden oder vom fuco oratorio, §. 25. Von teſti - moniis. § 26. Von apophthegmatibus, prouerbiis, ſententiis, §. 27. Von exemplis, fictionibus, §. 28. Von ſimilibus, emblematibus, comparatis ꝛc. §. 29. Von medaillen, wapen, inſcriptionibus, epitaphiis, ꝛc. §. 30. Von der benennung, ety mologie, antiphraſi, tropo, allegorie. ꝛc. §. 31. Von den argumentis ab inſinuatione, meditatione, conſectar[u]s, loco communi, argutiis ꝛc. §. 32. Wie man ſolche geſchickt gebrau - chen koͤnne? §. 33. Wenn noͤthig ſey zu beweiſen daß die gegenſeitige meinung irrig? oder vom argu - men to a contrario, §. 34. Was man dazu fuͤr be - weißgruͤnde habe, § 35. Wie man ſich in anwen - dung derſelben aufzufuͤhren. §. 36. Was dem iuſto, honeſto, §. 37. Und den regeln der klugheit gemaͤß bey den beweißgruͤnden, §. 38. Die beweißgrunde ſind nicht mit einander ohne noth zu verwechſeln. §. 39.

§. 1.

EJn argumentum probans oder beweiß - grund iſt ein richtiger ſchluß, wodurch ich die wahrheit eines ſatzes, aus ſeinen gehoͤrigen gruͤnden darthue, um den menſchli - chen verſtand gruͤndlich davon zu uͤberzeugen. a)

D 5a) Bey58von den beweiß-gruͤnden
a)Bey dieſem und den folgenden capitel recom - mendire ich zum nachleſen Hederichs Anleit. zu den Philologiſchen wiſſenſchafften P. II. nach der Rbetorick: Hln. Langens Oratorie P. I. Cap. 1. biß 10. welche die ſache nicht nach den ge - meinen ſchlendrian obenhin abhandeln.
a)

§. 2. Da alle wahrheit entweder unſtrei - tig oder wahrſcheinlich iſt, ſo muͤſſen auch die ſchluͤſſe, wodurch ich die wahrheit meines obie - cti beweiſen will, anders beſchaffen ſeyn, bey denen unſtreitigen, und anders bey denen wahrſcheinlichen wahrheiten. Alſo hat man zweyerley argumenta probantia uͤberhaupt, demonſtratiua und probabilia.

§. 3. Unſtreitige beweiß-gruͤnde ſind ſolche argumenta, welche den ſich ſelbſt gelaſſenen verſtand, alſo von der wahrheit einer ſache uͤberzeugen, daß er ihm ſolche nicht anders fuͤr - ſtellen, und auch keinen zweiffel ferner dabey haben kan.

§. 4. Und da die ſinne der urſprung und kennzeichen aller wahrheiten ſind, und ins be - ſondere die unſtreitigen wahrheiten, alſo aus denſelben entſpringen, daß ſie entweder unmit - telbar oder mittelbarer weiſe mit denſelben zuſammen verknuͤpft ſind, ſo hat man auch zweyerley arten von argumentis demonſtra - tiuis, nemlich ſenſualia und abſtracta.

§. 5. Ehe eine ſache als wahr behauptet wird, iſt ſie bloß moͤglich. Weil aber alles in der welt moͤglich, oder wenigſtens von uns nicht fuͤr unmoͤglich kan ausgegeben werden,a)ſo59und derſelben erfindung. ſo hat man auch noch nichts bewieſen, wenn man nur die moͤglichkeit der ſache dargethan hat. b)Folglich hat man ſich um beweiß - gruͤnde fuͤr die moͤglichkeit nicht ſonderlich zu bekuͤmmern. Wenn man aber doch die moͤg - lichkeit einer ſache darthun wolte, ſo haͤtte man nur zu ſehen, ob ſchon davon ein exempel fuͤr - handen, welches ſo dann die moͤglichkeit der ſache ſattſam beweiſen wuͤrde. c)Waͤre kein exempel davon fuͤrhanden, ſo koͤnte man durch allerhand gleichniſſe ſuchen die moͤglichkeit be - greiflich zu machen. d)Und endlich wird al - les moͤglich wann man zeiget, daß GOtt alles koͤnne wann er wolle, und daß kein menſchli - cher verſtand ſeine allmacht abmeſſen, noch ſeinen willen ergruͤnden koͤnne. e)

a)Doch iſt hier ein unterſchied zu machen inter impoſſibilitatem hypotheticam & abſolutam in - gleichen inter poſſibilitatem hypotheticam & ab - ſolutam ferner inter poſſibilitatem definitam & indefinitam. S. Ridig. S. V. & F. Lib. III. Cap. I. §. 36. Z. e. wann man ſagt: Es koͤnne wohl einmahl ducaten regnen, ſo kan dieſes niemand fuͤr abſolut unmoͤglich ausgeben, aber wohl hy - pothetice, wann Gott nemlich nicht wolte, oder weil ſich die ducaten muͤntzer nicht wohl in me - diam aëris regionem tranſportiren koͤnten, oder weil die lufft das gold nicht wie waſſer in die hoͤhe bringen und wie die ſchneeflocken praͤgen koͤnte.
a)
b)Wenn iemand ſchon bewieſen haͤtte, daß er ei - nen ſchatz finden koͤnne, ſo wuͤrde ihm wohl niemand etwas darauf borgen. Wann ein an - der ſchon moͤglich gemacht, wie der donnerkeilgezeu -60von den beweiß-gruͤnden,gezeuget werde, ſo folget deßwegen noch nicht daß es donnerkeile gaͤbe, und daß ſie wahrhaf - tig ſo gezeuget wuͤrden. Alſo wann ich ſchon fuͤr moͤglich hielte, daß es hexen geben koͤnne, ſo glaubte ich deswegen nichtgleich, daß es wel - che gaͤbe, und daß dieſe oder iene frau eine hexe ſey. Ob ich ſchon von iemand ſage, daß er falſch ſeyn koͤnne, ſo folget daraus nicht daß ers wuͤrcklich ſey und daß ich ihn wahrhaftig dafuͤr halte.
b)
c)Jſt es moͤglich daß das eiſen ſchwimmen kan? daß man gold machen koͤnne? Allerdings: von ienem iſt ein exempel 2 B. der Koͤnige am 6. von dieſem hat man ſehr viele, davon die proben in der Kaͤyſerl. Wiener. Florentiniſchen und an - dern kunſt-kammern zeugen conf. Martin. Del. Rio Diſq. Magic. lib. I. Cap. 4. Quaeſt. 14. Cardan. de ſubtilit. l. 6. Jo. Fr. Pic. Mirand. de auro lib. III. c. 2. Morhoff II. II. XXXVI.
c)
d)Z. e. wenn ich beweiſen wolte, daß es moͤglich, daß die menſchen koͤnten fliegen lernen, ſo ſagte ich, wie es in denen Tyroliſchen gebuͤrgen voͤgel gaͤbe, die ein ſchaf in der luft wegfuͤhren koͤnten, S. Bechers naͤrriſche weißheit und weiſe narr - heit, oder wie iener ſchuͤler der elſtern ausneh - men wollen, vom thurme herab geflogen, ſo ſey es auch moͤglich, daß ein menſch fliegen koͤnte.
d)
e)Z. e. ob nicht Gott den geſtrigen tag zum heu - tigen, factum infectum, ꝛc. machen koͤnne, kan ich nicht fuͤr abſolut unmoͤglich ausgeben, weil ich der goͤttlichen allmacht keine graͤntzen ſetzen, auch nicht wiſſen kan, ob es GOtt nicht einmahl wol - len koͤnne.
e)

§. 6. Mit ſinnlichen unſtreitigen beweiß - gruͤnden, beweiſt man alle dieienigen dinge, welche unmittelbarer weiſe in die ſinne fallen,und61und derſelben erfindung. und dabey man weiter nichts gebraucht, als nur dieſe unmittelbarer weiſe von den ſinnen entſtandene begriffe, mit geſchickten worten auszudrucken. Hieraus koͤnte man zu einer rechten topic〈…〉〈…〉, den erſten locum uniuerſalem machen, nemlich experientiam. a)Und weil entweder wir, oder andere, die wahrheit der dinge unmittelbar aus den ſinnen empfunden, ſo bekommt man zweyerley ſinnliche unſtreiti - ge arten zu beweiſen, nemlich experientiam pro - priam und experientiam alienam. b)

a)Z. e. Es ſey dieſer ſatz: Leipzig iſt ein recht ſehr angenehmer o[rt]. So iſt der beweiß: Man ſehe nur die ſchoͤnen gebaͤude und gaͤr - ten, die angenehme lage, man hoͤre nur die fuͤr - treflichen Muſicken man hat von allen orten der welt correſpondence, immer was ne[u]e[s], man komme nor in die[G]eſellſchaften, man laſ - ſe ſich nur von denen ſchonen anſtalten und ordnungen einige nachricht geben.
a)
b)Z e Jch haͤtte den ſatz: Wenn die menſchen iemand lieben, ſo ſeben ſie alle ſeine fehler als tugenden an, und wenn ſie iemand baſſen, ſo halten ſie alles gute an ihm fuͤr ſchlimm: So koͤnte ihn leicht iedermann aus ſeiner eigenen erfah[r]ung beweiſen. Spraͤche ich aber: Die tadelſucht iſt ein ſchaͤdliches ding, ſo haͤtte ichs unſtreitig bewieſen, wann ich hinzuſetzte: Man frage nur Naſutum Mephiſtopholem, der kriegte ſeiner mocquer[i]e wegen in Dreßden brave ma[n]ſchellen. Oder es ſagte iemand: Beym fechten komes nicht eben auf die groͤſſe an, ſo duͤrffte er nur an ſtatt des beweiſes, das experiment anfuͤhren, welches Goliath mit dem David in dieſem ſtuͤck gemacht.
b)§. 7.62von den beweiß-gruͤnden,

§. 7. Dieienigen ſaͤtze welche mittelbar aus denen finnen herkommen und unſtreitig ſind werden durch gelehrte begriffe bewieſen, nem - lich durch die definitionesa) und diuiſiones,b) und durch den zuſammenhang des ſubiecti und praedicati. c)Bey denen definitionibus hat man auf das genusd) und differentiam,e) bey dem ſubiecto und dem praedicato, auf die propriaf) conceptus inferioresg) und ſupe - rioresh) und oppoſita,i) in der Moralins - beſondere auf den endzweck und die verhaͤltniß der mittel zu denſelben,k) in der Phyſic auf die urſachen deroſelben verhaͤltniß zu den wuͤrckungen, fleiſſig zu ſehen. l)Die rechte kraft aber der hierausgezogenen ſchluͤſſe, wird man ſich am allerbeſten aus der Logick ſelbſt bekannt machen muͤſſen.

a)Z. e. Theſis: die Logick iſt eine nuͤtzliche wiſ - ſenſchafft: Probatio a definitione: Denn ſie iſt eine practiſche diſciplin, welche regeln giebt die wahrheit uͤberhaupt zu erkennen und den menſchlichen verſtand zuverbeſſern, damit man ſich fuͤrirthuͤmer und vorurtheilen huͤ - ten moͤge.
a)
b)a Diuiſione: Denn ich mag wahrheiten erfin - den oder beurtheilen vollen, ſo muß ich dazu die Logick brauchen.
b)
c)a Connexione ſubiecti & prædicati: Denn alles was ich in der Logick finde, kan ich wieder nutzen und ſolte das nicht eine nuͤtzliche wiſſenſchafft ſeyn davon man ſo handgreif - lichen und groſſen nutzen hat.
c)
d)a Genere: Denn alle practiſche diſciplinen ſind ohnſtreitig nuͤtzlich.
d)c) a63und derſelben erfindung.
e)a Differentia Denn was mir regeln giebt, die wahrbeit uͤberhaupt zu erkennen / und die kraͤffte des menſchlichen verſtandes zu ver - beſſern, iſt ja wahrhafftig von ungemeinen nutzen.
e)
f)a Proprio ſubiecti: Denn ſie iſt ia der ſchluͤſſel zu allen andern wiſſenſchafften. A proprio praedicati: und es kan ihr niemand ohne den groͤſten ſchaden entbehren.
f)
g)a Conceptibus inferioribus oder a ſpecie; Denn ſie lehret mir unſtreitige und wahrſcheinliche wah[r]heiten recht zu tractiren, wahrheiten zu erfinden und zu beurtheilen, gute definitio - nes und buͤndige ſchluͤſſe zu machen, eine ſache recht zu erkennen und die wahrheit der ſelben recht fuͤrzutragen darzuthun und zu verthei - digen ꝛc. oder: ich kan ſie in der Theologie, Juriſprudentz, Medicin ꝛc. unvergleichlich wohl gebrauchen.
g)
h)a Conceptibus ſuperioribus oder a genere: Sie - he not. d: Denn ſie iſt eine diſciplin, Das iſt: eine gelehrte wiſſenſchafft eine indicioͤſe ſcharfſinnige erkaͤnntniß.
h)
i)ab oppoſito: Denn ſie ſteuret der unwiſſen - heit, und wer wolte ſagen daß ſie eine unnuͤtze wiſſenſchafft oder erfindung des teuffels waͤre.
i)
k)a Fine: Denn ſie hat den endzweck unſern verſtand von irthuͤmern und vorurtheilen zu befreyen, und hieru iſt auſſer der Logick kein bequemeres mittel.
k)
l)

a Cauſſa: Denn ſie iſt eine frucht der gebeſſer - ten vernunfft, eine gabe Gottes; & effectu: Denn ſie iſt urſach, daß man ſeinen verſtand recht gebrauchen lernet, das haben die ſtiffter der ſchulen und univerſi[t][t]en wohl einge - ſehen, derwegen haben ſie lehrer und Profeſ - ſores der Logick beſtellet, und man ſehe dochei -64von den beweiß-gruͤnden,einen menſchen der gar keine Logick verſteht, was macht ein ſolcher nicht fuͤr alberne ſchluͤſ - ſe und laͤppiſche gloſſen und wie martert er ſich nicht eine ſache und wiſſenſchafft recht zu begreiffen.

Es mag dieſes ſtatt eines exempels gut genung ſeyn, ſo man aus dem ſtegreiff gegeben. Es iſt dabey nicht die meinung daß man alle ſolche be - weiß-gruͤnde bey einem ſatze nacheinander her - beten ſolle, ſondern man ſiehet leicht, daß das argumentum probans a definitione der grund und mittelpunckt der uͤbrigen ſey.

l)

§. 8. Die unſtreitigen beweiß-gruͤnde bey den ſinnlichen wahrheiten aus eigener erfah - rung, giebt uns unſre empfindung und erkaͤnnt - niß. Aus anderer leute erfahrung kan man beweiß-gruͤnde haben, wann man entweder ihre muͤndliche oder ſchriftliche erzehlungen ſich bekannt macht, und ſonſt verſichert iſt, daß ſie nicht aus einfalt ſich ſelbſt, aus boßheit andere zu betruͤgen bemuͤhet ſind. Es muͤſſen aber alle beweiß-gruͤnde aus der erfahrung, ſo ein - gerichtet ſeyn, daß entweder niemand da - ran zweiflen darf, oder daß iedermann die wahrheit derſelben ohne weitlaͤuftigkeit ſelbſt empfinden koͤnne. a)Die beweiß-gruͤnde zu den unſtreitigen abſtracten gelehrten wahr - heiten, geben uns quoad materiam die diſci - plinen, quoad formam die Logick und eignes nachſinnen .b).

a)Hieraus ſiehet man, was man fuͤr ſachen auf eine ſinnliche unſtreitige art beweiſen koͤnne, und daß man ſehr wenig ſachen auf dieſe art unſtreitig zu machen vermoͤgend ſey. Al - les was〈…〉〈…〉 wan eines beweiſes bedarff, iſt ent -we -65und derſelben erfindung. weder hiſtorie oder raiſonnement. Hiſtorie iſt eine bemerckung desienigen, was unmittelbarer weiſe in die ſinne faͤllt: Raiſonnement iſt eine gegeneinanderhaltung der gedancken, die man bey der hiſtorie hat. Daß ich hier von der hi - ſtorie gedencke, ſo iſt ſolche allezeit einerley, (ich nehme ſie aber in den allerweitlaͤuftigſten ver - ſtande) und wann ſie mir unmittelbar in die die ſinne faͤllt, ſo iſt ſie mir unſtreitig, wofern ich nur meine ſinne recht dabey gebraucht ha - be. Hat ein ander dieſe ſinnliche unmittel - bare erfahrung gemacht, ſo iſt ſie ihm un - ſtreitig, nunmehro aber wie ſoll ich ihm meine hiſtorie und erfahrung, oder er mir die ſeinige unſtreitig machen? Seine bloſſe erzehlung will es nicht ausmachen, alſo muß ich dabey verſi - chert ſeyn, daß keine boßheit und einfalt ihn zu dieſer erzehlung verleitet. Weil aber dieſes ſchwer iſt, ſo gleich zu beurtheilen, und wir es beyde einander nicht veruͤbeln koͤnnen, wann wir darinn zweiffelhafftig ſeyn, da die boßheit der leute groß iſt, ſo ſage ich letztlich, es muͤſſe die ſache auch ſo beſchaffen ſeyn, daß iedermann die wah[r]heit derſelben, ohne weitlaͤufftigkeit ſelbſt empfinden und davon die hiſtorie vermittelſt ſeiner eigenen ſinne haben koͤnne. Kan dieſes nicht geſchehen, ſo wird auch die ſache nimmer - mehr auf eine ſinnliche art unſtreitig werden, ſondern da muß ich auf wahrſcheinliche gruͤnde dencken, und wenn ſich auch dieſe nachgehends nicht finden, ſo iſt die gantze ſache falſch. Dieſe anmerckung iſt von groſſen nutzen, und wird dawieder uͤberall vielfaͤltig verſtoſſen, alſo will ich ſie mit einigen exempeln erlaͤutern z. e. Jch ſehe daß iemand ein ſehr propres kleid traͤgt und vieles geld verthut, daß ein anderer im ſpielen filoutiret, daß ein andrer einen kuffer mit einem nachſchluͤſſel auſſprenget die ſachenEher -66von den beweiß-gruͤnden. heraus nimt und heimlich weg traͤget, daß ein andrer in ein gewiſſes hauß ziehet, daß ein frauenzimmer im hembde des nachts zu ie - mand ſchleichet, ſich zu ihm leget, wieder um aufſtehet da der tag angebrochen und ſich in ihr bette verfuͤget, auch im geſichte defiguree ausſiehet, ich hoͤre, daß iemand ienen heßlich durchziehet, ꝛc. Alles dieſes iſt mir unſtreitig, und wann ich es iemand erzehle, der uͤberzeuget iſt daß ich weder aus einfalt noch boßheit ihm dergleichen fuͤrſage, dem wird es ebenfalls un - ſtreitig, und wir halten es beyde fuͤr bewieſen, wann ich ſage: ich habe dieſe facta geſehen und dieſe worte gehoͤret, auch meine ſinne wie ſichs gehoͤret dabey gebrauchet. Allein wenn iemand an meiner aufrichtigkeit besfalls zweiffelte e. g. der iudex, ſo muß ich ihn desfalls durch einen ieiblichen eyd auf erfodern verſichern, oder es zweifelte iemand ob nicht einfalt und boßheit zu - gleich zu einer ſolchen erzeblung etwas beygetra - gen, ſo muß ich ihn dahin bringen, daß er ſelbſt die hiſtorie unmittelbar begreiffen und alſo ſelbſt die erfahrung machen koͤnne. Z. e. ich fuͤhre ihn in die geſellſchafft des hln. mit den propren klei - de und laſſe ihn ſelbſt deſſen auffuͤhrung betrach - ten, ich ſchaffe ihm gelegenheit daß er incognito den kuͤnſtlichen ſpieler ſpielen ſiehet, ich laſſe ihn ſelbſten obſerviren ob dieſer nicht in das gewiſſe haus gezogen. Geſetzt, daß er den arbeiter bey dem kuffer, und den naͤchtlichen irrſtern ſehen oder den ſchelmiſchen kuckuck hoͤren koͤnne, ſey alles ſo beſchaffen daß ihm nicht angehen wolte, eigne erfahrung davon zu haben, ich moͤchte ihn fuͤhren wie ich wolte ſo folgte daraus nur ſo viel, daß die ſache nicht unſtreitig, inzwiſchen gehoͤret alles dieſes zur hiſtorie und bleibt immer eins. Kommet man aber nun auf das raiſon -nement67und derſelben erfindung. nement, da zeiget ſich eine ſchreckliche veraͤnde - rung. Dann dieſes iſt vielerley, nachdem ich die ſache betrachte, im nachdencken angreiffe, dagegen geſinnet bin und ſo fort an, und hier iſt es gar zu leichte, daß man fehle z. e. Daß dieſer ſich proper haͤlt, viel geld verthut, da denckt einer: Der kerl iſt ein narre, der andre: Er iſt ein raiſonabler wackrer Herte er bezahlet brav. Der dritte: Es ſteckt was darhinter er hat vielleicht geheime raiſons ꝛc. daß die - ſer falſch ſpielet, dabey denckt iemand: Es iſt eine wuͤrckung der klugheit des ſpielers, der andre: Er thuts aus malhonnetete, der dritte: Er thuts aus ſpaß ꝛc. bey dem an dem kuffer arbeitenden kan ich dencken: Es ſey ein dieb, oder: Es ſey iemand der ſeinen kuf - ferſchluͤſſel verlohren, und alſo durch einen nachſchluͤſſel ſich helffen muͤſſe, oder: Es ſey iemand der befehl habe ſo zu verfahren ꝛc. Wie viel urſachen kan der nicht anfuͤhren der ein gewiſſes hauß bezogen, und wie viel dichten ihm nicht andere leute an? ꝛc. Kan nicht das frauenzimmer etwa ein mittel wieder die colic geſucht haben, kan ſie nicht vielleicht ſich verir - ret haben, kan ſie nicht vielleicht ſtellatim gewe - ſen ſeyn, auf iemand gelauſchet haben, einmahl extra gegangen ſeyn ꝛc. Wolte ich nun mein raiſonnement als einen grundſatz anſehen, und die hiſtorie als einen unſtreitigen beweiß anfuͤh - ren, ſo haͤtte ich doch nichts unſtreitig gemacht z. e. Jch kan nicht unſtreitig ſagen: Der kerl iſt ein narre, weil er ſich propre auffuͤhrt und geld verthut, ꝛc. Nun ſehe man einmahl wie es in dieſem ſtuͤck verkehrt im gemeinen lebet hergeht, wie die leute hiſtorie und raiſonnement vermiſchen, das raiſonnement ohne unterſchied, mit der hiſtorie, die hiſtorie mit dem raiſonne -E 2ment68von den beweiß-gruͤnden. ment blindlings beweiſen wollen ꝛc. Mancher Theologus machte einen gern zum ketzer der nur zwey elementa glaubt, mancher Juriſte machte einen wohl zum ehebrecher der einem maͤdgen auf die achſel klopfft, ein andrer ſchreibt es ſeinen verdienſten zu daß man ihn zeitig be - foͤdert, ein anderer klagt, man ſehe auf keine merite, weil man ihn nicht zeitig genung wie er will, befoͤrdere, und alle irren gewaltig, wenn ſie etwas unſtreitiges geſagt zu haben, ſich ein - bilden. Dannenhero ſiehet iedermann, wie viel dazu gehoͤre etwas unſtreitig zu machen und wie noͤthig es ſey, die hier angefuͤhrten cautelen zu beobachten, und wie ſorgfaͤltig man auf eine gute einrichtung des raiſonnement zu ſehen. Die - ſes letztere lehret uns die Logick, und wer dieſe nicht verſteht, wird ſein lebtage nicht verſichert ſeyn koͤnnen, daß er ein richtiges raiſonnement das zum beweißfuͤhren tuͤchtig angebracht habe. Spricht iemand, warum ſtreiten aber die Logici ſelbſt, wegen ihrer beweißgruͤnde und warum ſind die gelehrten nicht gleich einerley meinung? ſo antworte ich: Eben deswegen, weil ſie die regeln einer vernuͤnftigen Logick nicht recht ge - brauchen, zuweilen wohl gar nicht einmahl ver - ſtehen, und weil etliche ſachen ſchlechterdings ſo beſchaffen ſind, daß kein menſchliches raiſonne - ment, es ſey auch ſo ſolide es wolle, nicht hin - laͤnglich, alles dabey fuͤrfallendr recht ausein - ander zu leſen und auf die gehoͤrigen gruͤnde zu bauen. Es wird dieſe digreßion niemand zu - wieder ſeyn, da ich hier von erfindung der be - weißgruͤnde in dem gantzen inbegriff des menſch - lichen lebens rede, ich habe auch nur kurtz an - fuͤhren wollen, was dabey zu beobachten, ſonſt wuͤrde von dieſer materie allein ein buch voll - gefuͤllet.
a)b) Z. e.69und derſelben erfindung.
b)Z. e. ich wolte beweiſen Wer den glauben nicht haͤtte an Chriſtum, wuͤrde verdammt: oder vactio commiſſoria ſey verhoten, ſo wuͤrde ich bey ienem die materialia in der Theologie, bey dieſem im Jure ſuchen muͤſſen, zu beyden aber waͤre mir die Logick, wann ich die argu - menta daraus ſuchen wolte, als ein werckzeug hoͤchſtnoͤthig.
b)

§. 9. Alle dieſe unſtreitige beweiß-gruͤnde. werden als unſtreitige ſchluͤſſe nach den regeln der Logick eingerichtet. Bey denen ſinnlichen argumentis, darf ich nicht viel kuͤnſteln, ſondern nur behutſamkeit und klugheit gebrauchen. Bey denen abſtractis aber iſt nur dieſes zu mercken, daß ich ſie weder in der genauen Lo - gicaliſchen ordnung, noch mit denen Logicali - ſchen kunſt-woͤrterna) anbringe, es muͤſte dann ſeyn, daß es beſonders von mir erfodert wuͤrde. b)

a)Jedwede wiſſenſchaft, iedwede kunſt, ia iedwe - de lebens-art, hat ihre beſondere kunſt-woͤrter, alſo ſehe ich nicht warum man ſich uͤber die Lo - gicaliſchen terminos moquiret, und ſich recht was darauf zu gute thut, wann man ſie hoͤniſch durchziehet. S. Thomaſium in der Einleitung zur vernunſtlebre Cap. 4. Wer im gegentheil uͤberall mit quidquid, atqui, ergo, aufgezogen kommt, verdienet billich die cenſur angefuͤhrten Herrn Thomaſii in der ausuͤbung der ver - nunft-lehre Cap. 2. §. 142. Z. e. ich habe fol - genden Satz: Ein guter freund dient mir von freyen ſtuͤcken und aus eignem trieb. Dieſen werde ich am beſten unſtreitig beweiſen, aus der beſchreibung eines guten freundes, und alſo ſpreche ich: Denn ein guter freund iſt ia einE 3ſol -70von den beweiß-gruͤnden,ſolcher menſch, welcher mit mir in der gemuͤths - vereinigung ſtehet, und mir alles zu erweiſen bemuͤhet iſt, was mir angenehm und nach denen geſetzen erlaubt iſt. Daraus wuͤrde nach der Syllogiſtick folgendes argumentum:
  • Maior: Wer mein guter freund iſt ſiehet mit mir in der vereinigung des gemuͤths, und ſuchet mir alles zu er weiſen, was mir angenehm und nach dem geſetzen erlaubt iſt:
  • Minor. Atqui daß mir iemand aus eignem trieb diene ſolches iſt mir ſehr angenehm und er - laubt:
  • Concluſio: Ergo dienet mir ein guter freund von freyen ſtuͤcken und aus eignem trieb.
  • Wann ich nun dieſen ſchluß in ſolcher ſtellung uͤber - all anfuͤhren wolte, ſo wuͤrde ich vielleicht ridicul werden, alſo laſſe ich die Logicaliſchen kunſt-woͤr - ter weg, und binde mich eben nicht an die ſyllogi - ſtiſche ordnung, das iſt, ich ſetze bald maiorem, bald minorem bald concluſionem voran, oder in die mitte, oder zu ende, z. e. Mir iſt nichts angenehmers, als wann mir iemand aus eig - nem trieb nuͤtzliche dienſte oder gefahigkeiten erzeiget, und ich finde auch nicht, daß dieſes mit denen goͤttlichen und menſchlichen rech - tem ſtreite. Allein ich darf ſolches wohl von niemand anders als von einem guten freunde erwarten. Denn dieſer iſt ia ein hertz und ſeele in zweyen leibern, und iſt alle augenblick bereit mir wahrhaftig angenehme, nuͤtzliche und erlaubte dienſte zuerweiſen.
a)
b)Z. e. in oͤffentlichen diſputiren iſt es eingefuͤh - ret.
b)

§. 10. Wahrſcheinlich eine ſache beweiſen, heiſt die wahrheit derſelben, aus der uͤberein - ſtimmung der dabey fuͤrhandenen ſinnlichkei -ten71und derſelben erfindung. ten und umſtaͤnde, unter ſich und mit der hy - potheſi welche man erwehlet, darthun. Alle dieienigen wahrheiten, welche durch definitio - nes und unmittelbare begriffe nicht koͤnnen ausgemacht werden, muß man demnach uͤber - haupt alſo beweiſen, daß man die davon fuͤr - handenen phaenomena und umſtaͤnde oder ſinnlichkeiten, mit der hypothefi, welche man angenommen, zuſammen haͤlt, und derſelben genaue verbindung fuͤr augen leget.

  • Z. e. ich wolte beweiſen: Daß das frauenzimmer, davon oben gedacht, wohl nicht ſtellgtim ge - gangen, oder: Daß iener wahrhaftig mediſi - ret habe, oder: Daß einmabl ein kind im mut - terleibe concipiret, oder: Daß der ſpieler aus malhonnettere filoutiret habe, oder: Daß iener der ſo liederlich depenſiret, wohl nicht der kluͤgſte muͤſſe geweſen ſeyn ꝛc. Da muͤſte ich alle umſtaͤnde zuſammen in erwegung ziehen und zeigen wie ſchoͤn ſie alle mit meinem ſatze zu - ſammen hiengen. Doch iſt zu mercken, daß bey allen wahrſcheinlichkeiten, eine kleine ungewiß - heit bleibe, ob nicht etwan die ſache anders ſeyn koͤnne. Jnzwiſchen iſt man ia nicht zu ſchelten wenn man ſeinen verſtand ſo gut und ſo weit brauchet als man kan, und der wird nicht viel im l'ombre gewinnen, der nur ſpielet wann er 5. matadors hat. Das menſchliche leben aber iſt ein ſpiel, da das wenigſte unſtreitig iſt.

§. 11. Wahrſcheinliche argumenta theilen ſich uͤberhaupt alſo ein, daß man entweder vergangene oder gegenwaͤrtige oder zukuͤnftige dinge beweiſet. Und weil das gegenwaͤrtige nur in einem augenblick beſtehet, bey dem vergan -E 4genen72von den beweiß-gruͤnden,genem unſere klugheit nichts mehr vermag, ſo begreift man beydes unter den nahmen der theoretiſchen wahrſcheinlichkeit zuſammen, hin - gegen die wahrſcheinlichkeit wegen des zukuͤnf - tigen, wobey die klugheit am meiſten geſchaͤf - tig, heiſſet man die practiſche. Jene iſt ent - weder Hiſtoriſch oder Phyſicaliſch oder Mo - raliſch wann ſie auf ſachen gehet, oder Herme - nevtiſch wann ſie mit worten und auslegen zu thun hat.

  • Jch will hier einmahl fuͤr allemahl Herrn D. Ridi - gers Logicaliſche ſchriften angefuͤhret und re - commendiret haben, weil er die lehre von der wahrſcheinlichkeit am vollkommenſten und deutlichſten fuͤrgetragen.

§. 12. Hiſtoriche ſachen werden wahrſchein - lich aus der uͤbereinſtimmung und guͤltigkeit der davon fuͤrhandenen zeugniſſe und zeugen. Hieher gehoͤren alſo alle geſchehene dinge, und alle nachrichten, die wir andern von ſinnlichen dingen geben, oder von ihnen bekommen. Die guͤltigſten zeugen ſind, verſtaͤndige leute, wel - che bey einer ſache ihre ſinne, augen, gegenwaͤr - tig gebrauchet: Hierauf folgen leute, welche zwar gegenwaͤrtig geweſen aber keine ſonder - liche penetration haben: Ferner, welche es von denen die gegenwaͤrtig geweſen gehoͤret: Weiter, welche es von hoͤren ſagen haben, aber zu der zeit zugleich gelebt haben: Die ſchlech - teſten ſind die es nachher bloß von hoͤren ſagen erfahren. Jhre zeugniſſe ſind entweder ge - ſchriebene oder muͤndliche und bekommen vonihnen73und derſelben erfindung. ihnen den werth. Wenn man hier nun die un - terſchiedenen gradus wohl erweget, die beſchaf - fenheit der perſonen und ſachen zu huͤlffe nim̃t, ſo kan man gnugſame argumenta einen hiſto - riſchen ſatz zu beweiſen anfuͤhren.

  • Z. e. Jch ſolte beweiſen: Daß Friedrich Barbaroſſa vom Pabſt mit fuͤſſen getreten: Oder daß die Johanna Papiſſa wuͤrcklich geweſen; Oder: Daß beydes eine fable ſey: Oder: Daß es in Aſien leute gegeben, die nur ein bein gehabt, und damit doch ſo geſchwinde lauffen koͤnnen, als andere mit zwey beinen: Oder: Daß ie - mand ein uͤbles leben fuͤhre: Oder: Daß der ſchwan ſich ſelbſt zu grabe ſinge.

§. 13. Bey Phyſicaliſchen dingen, ſuche ich aus denen phaenomenis oder natuͤrlichen wuͤrckungen und zufaͤllen, welche unmittelba - rer weiſe in die ſinne fallen, die verborgenen urſachen und ſubſtantzen, wahrſcheinlich zu machen. Und da muß unter der hypotheſi und denen phaenomenis eine ſolche uͤberein - ſtimmung gewieſen werden, daß dieſe aus ie - ner ungezwungen zu flieſſen ſcheinen.

  • Z. e. Jch ſoll beweiſen: Daß donner und blitz etwas natuͤrliches ſey: Was eine ſonnenfin - ſterniß ſey: Warum das getreyde ohne wind taube koͤrner kriege: Ob ſich ein menſch koͤn - ne unſichtbar machen?

§. 14. Bey der Moraliſchen oder ins beſon - dere der Politiſchen wahrſcheinlichkeit, ſuche ich die abſichten eines menſchen, die beſchaffen - heit ſeines gemuͤths und verſtandes zu bewei - ſen. Daher iſt es hier noͤthig, eine gruͤndlicheE 5er -74von den beweiß-gruͤnden,erkaͤnntniß des menſchlichen verſtandes und willens zu haben, und nachgehends aus denen umſtaͤnden nnd verrichtungen eines menſchen einen ſatz zu formiren, deſſen wahrſcheinlich - keit durch die genaue uͤbereinſtimmung mit des menſchen verrichtungen und umſtaͤnden darge - than wird, und mich von ſeinen abſichten be - ſchaffenheit des willens und verſtandes unter - richtet.

  • Z. e. Jch wolte beweiſen, ob David ein voluptuo - ſus geweſen oder nicht: Ob Alexander und Julius Ceſar groſſe Helden geweſen: Ob die Roͤmer ſo tapfere leute geweſen: Warum Sa - lomon fuͤr weiſe zu halten: Was die Poly - hiſtores fuͤr leute:

§. 15. Um zukuͤnftige dinge bekuͤmmern ſich die menſchen am meiſten und begierigſten, dannenhero iſt es kein wunder, wann man ih - nen dabey die meiſtẽ unwahrheiten aufhenget, da die wenigſten ſo ſcharfſichtig ſind, das zu - kuͤnftige einzuſehen. Kluge leute halten das fuͤr zukuͤnftig wahrſcheinlich, wovon ſie gegen - waͤrtig eine uͤbereinſtimmung Phyſicaliſcher und Moraliſcher urſachen, mit dem von der zu - kuͤnftigen zeit und ſache gefaͤlletem urtheile ſe - hen, und eben auf die weiſe kan man zukuͤnf - tige dinge beweiſen.

  • Z. e. Jch will beweiſen: Daß iemand dem es an der conduite fehlt nicht leichtlich fortkom - men werde: Oder: daß ein anderer der kein geld, fuͤrnebme familie und geſchicklichkeit wind zu machen habe, nicht ſo bald befoͤrdert werde: Oder: Daß iemand bald ſterben muͤſſe.
§. 16.75und derſelben erfindung.

§. 16. Die wahrſcheinliche meinung eines redenden oder ſcribenten, beweiſet man aus ſeinen vorhergehenden und nachfolgenden ſaͤ - tzen und worten, dabey man die ſprache, die umſtaͤnde der zeit und des orts, die kraͤfte des verſtandes und willens, desienigen der da re - det oder ſchreibet, unterſuchet, und aus deren uͤbereinſtimmung untereinander die wahr - ſcheinliche meinung darthut.

  • Z. e. Jch wolte beweiſen, daß Hiob 19. v. 25. 26. 27. von der auffer ſtehung der todten rede: daß Virgilius in ſeiner vierdten ecloga nicht die menſchwerdung Chriſti und in der achten nicht die h. Dreyfaltigkeit beſingen wollen.

§. 17. Will man nun wahrſcheinliche argu - menta zum beweiß einer ſache finden, ſo muß man ſich die ſache nach allen ihren umſtaͤnden fuͤrſtellen, alle dabey befindliche ſinnlichkeiten und zufaͤlle in erwegung ziehen, hernach moͤg - liche hypotheſes formiren, aus dieſen moͤglichen hypotheſibus dieienige ausſuchen, welche mit allen umſtaͤnden genau uͤberein kommt. Bey der ausfuͤhrung ſetzt man zufoͤderſt die hypothe - ſin deutlich fuͤr augen, hernach fuͤhret man alle umſtaͤnde nacheinander an, zeiget wie ſie in der hypotheſi zuſammenhaͤngen, und nachdem der auditor beſchaffen, traͤgt man dieienigen phaenomena zuerſt oder zuletzt fuͤr, welche am genaueſten mit der hypotheſi connectiren, da - bey man ſorgfaͤltig moͤglichkeiten, unſtreitige und wahrſcheinliche wahrheiten auseinander ſetzen muß.

Die76von den beweiß-gruͤnden,
  • Die meiſte theorie hievon iſt in der Logick zu ſuchen, und die praxis wird am beſten anfaͤnglich in gegenwart eines lehrers angeſtellet. Unten im dritten theil im vierdten cap. habe ich ein ex - empel einer wahrſcheinlichen ausarbeitung, zu einer diſputation, diſponiret.

§. 18. Alle ietztan gefuͤhrte gruͤnde gehoͤren zur gelehrſamkeit uͤberhaupt und ſind alſo Philo - ſophiſch. Nachgehends bekommen ſie bey der anwendung unterſchiedene benennungen, von den obiectis und diſciplinen bey welchen ſie ge - brauchet werden. Sie behalten aber den nah - men der Philoſophiſchen gruͤnde in den theilen der Philoſophie, und da beweiſt man in der Lo - gick und Metaphyſick aus denen conceptibus Logicis alles auf unſtreitige art: Jn der Phy - ſick aus den phaenomenis wahrſcheinlich, die phaenomena ſelbſt auf ſinnliche unſtreitige art: Jm Jure naturae aus dem principio Juris na - turae auf gelehrte unſtreitige art: Jn den re - geln der klugheit bald aus dem endzweck und mitteln auf unſtreitige, bald aus der natur des obiecti auf wahrſcheinliche art.

§. 19. Jn denen Facultaͤten und uͤbrigen wiſſenſchaften, werden angefuͤhrten beweiß - gruͤnden, die nahmen derer Facultaͤten und wiſſenſchaften beygeleget. Alſo hat man in der Theologie entweder die klaren worte der h. ſchrift, dieſe beweiſen Theologiſche ſaͤtze auf eine unſtreitige art: Oder man muß aus denen umſtaͤnden bibliſcher ſpruͤche wahrſcheinlich den rechten ſenſum ſchlieſſen, dabey man alle -zeit77und derſelben erfindung. zeit wann man gruͤndlich beweiſen will, die hi - ſtorie der bibliſchen ſpruͤche, den rechten ſedem materiae, die loca parallela, den grund-text, die analogiam fidei, die von denen orthodoxen Theologis recipirten meinungen,a) ins beſon - dere die libros ſymbolicos und confeſſiones pu - blicas, zu rathe ziehen und die prudentiam Theologicam beobachten muß. Und dieſe Theologiſchen gruͤnde gelten uͤberall, wo man als ein Chriſt oder als ein Theologus etwas zu beweiſen hat.

a)Jch wolte daß wir hiezu ein durch landes herr - liche hoheit eingefuͤhrtes ſyſtema Theologicum haͤtten, das die Theologiſchen ſaͤtze deutlich und ordentlich ſetzte und die fontes probandi gruͤnd - lich anwieſe.
a)

§. 20. Jm Jure publico ſuchen wir bey uns beweiß-gruͤnde, aus denen Reichs-Abſchieden, der guͤldnen Bulle, dem Landfrieden, dem Re - ligions frieden, dem Weſtphaͤliſchen frieden, de - nen kaͤyſerlichen Capitulationibus, denen pa - ctis und dem Reichsherkommen. Jm Jure ciuili beweiſet man aus den legibus ciuilibus und ſtatutis publicis, aus denen conſuetudini - bus, contractibus, und mit teſtibus. Bey de - nen legibus ſiehet man auf intentionem ratio - nem und applicationem legis, dazu gebrauche ich interpretationem hiſtoriam und prudenti - am. Die conſuetudines wann ſie beweiſen ſollen, muͤſſen notoriſch ſeyn, und durch viele actus, die den geſetzen nicht zuwieder, und in dem caſu unverruͤckt geſchehen ſind, guͤltig ge -macht78von den beweiß-gruͤndenmacht werden. Aus denen contractibus be - weiſet man trifftig wann ſie wohl ausgedruckt, in ihrer natur richtig, und dazu durch obrigkeit - lichen conſens bekraͤftiget worden. Von de - nen teſtibus ſiehe §. 8. not. a und §. 12. oben.

  • Dieſer §. iſt mir aus Hornii Jure publico, unſers Herrn Ordinarii ſchoͤnen uſu Theoretico-practico Inſtitutionum und Pandectarum, Herrn Gribneri Principiis proceſſus Judiciarii, Zieglers edition der Proceß-ordnung, Herrn Barthii Hodegeta Forenſi und Herrn Riuini Enunciatis bekannt worden. Es ſcheint als wann Oldendorp und Everhard von Middelburg fuͤr die ci[v]i - liſten eine brauchbare topie haͤtten ausfinden wollen, da ſie ohne viel muͤhe ihre argumenta hernehmen koͤnten. Des letzteren buch fuͤhrt dieſen titel: Loci argumentorum legales, auctore D. Nicolao Everhardo a Middelburgo IC. CL. magnique ſenatus Belgici apud Mechliniam olim praeſide cum praefatione Dionyſii Gothofredi. Darmſtadii 1613. 8. und hat 131. titulos oder locos probandi.

§. 21. Was ich in der Medicin beweiſen ſoll, iſt entweder eine ſinnliche wahrheit, oder ei - ne Phyſicaliſche hypotheſis, oder eine propor - tionirung der urſachen zu den wuͤrckungen. Von allen dieſen habe ich §. 7. 8. und 13. ſoviel hier noͤthig iſt angefuͤhret, wo man ſich deßfalls raths erholen kan.

§. 22. Jn der Mathematick beweiſt’man alles auf unſtreitige art, aus den eigenſchafften der groͤſſen, ſetzt definitiones, axiomata, poſtulata, theoremata, problemata und conſectaria nebſt denen ſcholiis.

S. Wol -79und derſelben erfindung
  • S. Wolffens Elementa Matheſ. und die zu an - fangs befindliche Commentationem de metho - do Mathematica. Ridigeri Phyſicam diuinam p. 13.

§. 23. Jm gemeinem leben will es nicht allezeit mit ietzt erzehlten gruͤnden gluͤcken, daß ſie den andern von der wahrheit einer ſache con uinciren ſolten. Da wird man alſo nach be - ſchaffenheit deſſen, mit dem wir zu thun haben, ſeine argumenta einrichten muͤſſen. Ubri - gens ſind hier die argumenta a poſteriori, κατ ἄνϑρωπον und alle ſinnliche demonſtrationes mehrentheils beſſer zu gebrauchen, als a priori, κατ ἀλήϑειαν und die ſehr abſtract ſind.

  • Z. e. Wenn ich in converſation beweiſen will, daß man nicht den eheſtand verſachen ſolle, wann man noch unverbeyrathet, ſo wird kein argument beſſer durchdringen als dieſes: Dann es wird geſtrafft. Und wann ich iemand, der nicht gar zu viel nachdencken kan, uͤberzeugen ſolte, er muͤſſe fleißig in die kirche gehen, ſo wird ihm wohl keine raiſon beſſer ſchmecken als dieſe: Denn der wohlſtand erfodert es.

§. 24. Es ſiehet iedermann, daß alle dieſe beweißgruͤnde unterſchiedene gradus haben, und daß ſie leute fodern, welche faͤhig ſind rai - ſon anzunehmen; Wo der verſtand des audi - toris oder leſers alſo rein iſt, und von keinen neigungen verdorben und die ſache iſt bloß the - oretiſch, da wird man ihn kraͤfftig uͤberzeugen mit dieſen gruͤnden. Wo aber nicht, da muß man es auf dieſe argumenta nicht ankommenlaſ -80von den beweiß-gruͤnden,laſſen, ſondern pathetica zu huͤlffe nehmen und illuſtrantia.

a)deßwegen wird die rede laͤnger bey ſolchen leu - ten, da hingegen bey vernuͤnftigen ein wort ge - nung iſt. Quinctil. de orat. Dial. Quomodo mi - nimum vſus minimumque profectus ars medendi habet in his gentibus, quae firmiſſima valetudine ac ſaluberrimis corporibus vtuntur: ſic minor ora - torum obſcuriorque gloria eſt, inter bonos mores et in obſequium regentis paratos. &c.
a)

§ 25. Denn wenn alle leute weiſe waͤren, oder auch nur nicht feinde der weißheit, duͤrffte man an keine andere beweißgruͤnde gedencken, als welche die wahrhaffte beſchaffenheit der ſache an die hand giebt und daran die Logick gearbeitet. Da dieſes aber nicht iſt, muß man vielfaͤltig wind machen, und der wahrheit zum beſten denen vorurtheilen und affecten nachzugeben ſuchen, ſie zu uͤberwinden, und ſolches iſt der rechte fucus oratorius.

  • S. Ridigeri. S. V. & F. Lib. III. Cap. l. p. 451. Lib. IIII. Cap. IIII. p. 581. Hier ſind die aus dem Seneca, Quintiliano L. V. C. XIII. Gellio noct. Attic. L. I. C. VI. angefuͤhrten ſtellen merckwuͤr - dig. Demnach kan man es nicht ſchlechter - dings iemand verdencken, wann er ſolche be - weißgruͤnde anfuͤhret, (die nicht eben buͤndig ſchlieſſen) wo es noͤthig iſt. Denn die meiſten leute machen ſich falſche kennzeichen der wahr - heit, alſo thue ich ia nichts unrechts, wann ich ih - nen ihre auch irrige zeichen fuͤrhalte und ſie da - durch auf die ſpur bringe die wahrheit zu erken - nen.
§. 26.81und derſelben erfindung.

§. 26. Die andern dinge alſo, welche man in denen Oratoriſchen buͤchern als aetiologien und beweiß-gruͤnde recommandiret, muͤſſen theils zu angefuͤhrten gruͤnden, theils unter den fucum oratorium gerechnet werden. Z. e. Te - ſtimonia haben ihre kraft eigentlich in der Hi - ſtoriſchen wahrſcheinlichkeit, ſiehe oben §. 12. Jn den uͤbri gen gehoͤren ſie zum fuco oratorio. a)Und hier dienen ſie, wann man leute fuͤr ſich hat, die in dem vorurtheil menſchlichen an - ſehens ſtehen, und ſich von iemand den man an - fuͤhret, lauter wahrheiten verſprechen, oder die ein groß gedaͤchtniß, wenig iudicium haben. Ferner wann es ſcheinet, als ob man neuerun - gen fuͤrbraͤchte, ſo kan man ſich hinter die te - ſtimonia, angeſehener leute verſtecken und ſeine meinung mit ihren worten fuͤrtragen. Geld - geitzigen und aberglaubiſchen leuten, gefallen teſtimonia auch ſehr wohl. Doch iſt es auch nicht verboten teſtimonia zum putz und ausdeh - nung einer rede anzufuͤhren. Weil die mei - ſten allegata, teſtimonia ſeyn ſollen, ſo hat es mit denſelben faſt gleiche bewandniß. b)

a)Z. e. Wann ich ſage: Ein Theologus muß La - teiniſch Griechiſch und Hebraͤiſch koͤnnen: ſo waͤre dieſes mein rechter beweiß-grund: Denn Lateiniſch iſt die ſprache der Gelehrten, Grie - chiſch und Hebraͤiſch aber, die grundſprache der Bibel, welche ein Theologus nothwen - dig verſtehen ſoll. Erfoderten es aber die re - geln der klugheit ſo ſetzte ich noch hinzu: Siehe Flacium in claue S. Scripturae, Franzium de inter - pretatione Scripturae ſacrae, Glaſſium in Gramma -Ftica82von den beweiß-gruͤndentica & Rhetorica ſacra oder auch wohl gar den h. Auguſtinum de doctrina Chriſt. L. II. C. 10. da er ſagt: Latinae homines & duabus aliis ad ſcri - pturarum diuinarum cognitionem habent opus, Hebraea ſcilicet & Graeca, vt ad exemplaria proce - dentia recurratur, ſi quam dubitationem attulerit Latinorum interpretum infinita varietas. S. He - derich l. c. p. 360. und Hln. Langens Oratorie p. 91. Sonſt findet man gantze collectiones von teſtimoniis. Am beſten iſt es, man ſucht ſie ſelbſt aus probaten auctoribus zuſammen, da man ſich denn der auctorum claßicorum fuͤr an - dern bedienen kan. Denn man darf nicht den - cken daß dieſe letztern deßwegen hierzu nichts taugen weil man gemeiniglich nur Lateiniſch und Griechiſch daraus lernet und ſie den ſchul - knaben in die haͤnde giebt. Wann ich hier au - ctores allegiren wolte, wuͤrde ich vielleicht ein exempel einer unendlichen zahl geben muͤſſen.
a)
b)Siehe hievon Lilienthalii Machiauelliſmum Lit - terarium p. 85. Da er ſehr artig von denen al - legatis raiſonniret, und noch andere, die eben davon gehandelt, anfuͤhret. Herrn Hoffrath Mencken von der charlatanerie der gelebrten in dem angefuͤgten ſendſchreiben p. 261. edi - tionis Germ. 1716.
b)

§. 27. Apohthegmata oder ausſpruͤ - che angeſehener leute, ſymbola, ſenten - tzen, und ſpruͤchwoͤrter (adagia, prouer - bia) oder ſaͤtze welche durch viele erfahrung beſtaͤrcket und bey dem gemeinen volck fuͤr wahrheiten gehalten werden, ohngeachtet ſie halb wahr und halb falſch ſind, koͤnnen eben - falls wie teſtimonia angebracht werden, und werden zur noth fuͤr beweiß-gruͤnde paſſiren. bey83und derſelben erfindung. bey leuten die im praeiudicio auctoritatis ſte - hen, geldgeitzig argwoͤhniſch furchtſam ſind, uͤberhaupt keinen rechten begrif von wahrheit haben, oder wann die ſache in dem ſchlechteſten grad der wahrſcheinlichkeit beruhet und dabey groſſe behutſamkeit muß gebrauchet werden.

  • Z. e. Jch riethe iemand: Er ſolte die geiſtlichen unangetaſtet laſſen, und ich getrauete mir nicht mit der raiſon fortzukommen: Denn es iſt nicht recht: So koͤnte ich ſagen: Churfuͤrſt Joh. Georg. l. pflegte zu ſprechen: Wer ungluͤck haben will der fange nor mit den Prieſtern an. Oder ich wolte beweiſen: man ſolte auch den geringſten nicht beleidigen und ſpraͤche: kleine maͤuſe haben auch ſchwaͤntze.
  • S. Hederich 1. c. p. 436. 429. Sim. Goulartii Apophthegmata ſacra. Lycoſthenis Apophthegm. Zincgraeffii Apophth. Langii, Magiri Florile - gium, Lockmanns Arabicae fabulae & adagia, Nouarini, Eraſmi, Junii, Braſſieani, Agricolae, Gaertneri, Erpenii, Waltheri, Druſii adagia. Stollen I. II. 29. 35. 42. 47. Morhoffs Polyh. l. I. XXI. Man kan auch aus aller beruͤhmten leute ſchrifften, ſonderlich den auctoribus claßi - cis, ſelbſt dergleichen ſuchen.

§. 28. Exempel beweiſen an und vor ſich nichts als nur die moͤglichkeit eines dinges, da - von oben §. 5. gehandelt, und in Hiſtoriſchen ſachen, ſind ſie denen teſtimoniis gleich zu ſchaͤ - tzen, ſiehe oben §. 12. Man koͤnte hieher auch die erdichteten exempel rechnen und alſo fabeln pa - rabolas, apologos, ꝛc. Man wird aus den vorhergehenden leichtlich abnehmen, daß der - gleichen ob ſie ſchon nicht buͤndig beweiſen, dochF 2denen84von den beweiß-gruͤnden,denen beweiß-gruͤnden dienlich ſind, und end - lich ſo werden exempel und fabeln, eins wie das ander, bey leuten die wahrheit und moͤg - lichkeit unterſcheiden, keine abſtracta begreif - fen koͤnnen, ſinnlich gewoͤhnet ſind, ſich vom ſtudio imitandi und aemulatione fuͤhren laſſen, und ſonſt in vorurtheilen ſtecken oder affecten haben, fuͤr tuͤchtige beweiß-gruͤnde paſſiren. Zugeſchweigen, daß man ſie auch zum zierrath einer rede und dieſelbe auszudehnen und ange - nehm zu machen, nicht unbillich anfuͤhret. Wie ſie als illuſtrantia zugebꝛauchen ſiehe im folgen - den capitel.

  • Z. e. Jch ſetze: Aus einer anſehnlichen familie entſproſſen ſeyn, iſt nicht allemahl ein zeichen eines groſſen verſtandes. Exempl. Jener Bi - ſchoff in Franckreich war eines ſchweinhir - ten ſohn, da ihm nun ein andrer ſeines glei - chen, aber der aus einem vornebmen hau - ſe entſproſſen, ſeine niedrige geburt fuͤrwarff, antwortete iener: Wann ihr meines vaters ſohn waͤret, ſo wuͤrdet ihr ietzo die ſchweine huͤten. Eine andere Theſis: Unzeitiger ſchertz bringt in das groͤſte ungluͤck. Exemplum: zu Tiberii zeiten ſagte iemand zu einer leiche, ſie ſolte dem vergoͤtterten Auguſto die nach - richt bringen, daß dem volcke was er im te - ſtament verordnet noch nicht zu gute kom - men waͤre. Wie dieſes Tiberius erfuhr ließ er ihn fuͤr ſich fodern, und nachdem er ihm angedeutet daß er dieſe nachricht ſelbſt bringen ſolte, alſofort hinrichten. Alſo konte iener gar wohl bey dem poͤbel mit ſeinem beweiß fortkom - men, da er ihm zeigen wolte: Unterthanen ſol - ten ſich nicht wieder ihre obrigkeit anflehnen;und85und derſelben erfindung. und ihnen die fabel von den gliedern fuͤrbrach - te, welche wieder den magen revoltiret haͤt - ten. S. Hederich 1. c. p. 359. 423. Ridig. S. V. & F. 401. 459. Hln. Langens Orat. p. 91. Zwin - geri Theatrum, Camerarii horas ſubciſiuas, Simon Goulartii Schatz-kammer, Wunder-ge - ſchicht, Ernſts Blumen leſe, Bilder-hauß; Confeckt-tafel, ſ. Gottſr. Hartungs Hi - ſtor. Schanbuͤhne der welt, Joh. Chriſt - Nehrings H[i]ſtor. Politiſch Lexicon, Grund - manns Geſchichtſchule, Eraſmi Franciſci Trauer-ſaal ꝛc. Zieglers Schau-platz, Laby - rinth / ꝛc. Troilo Oriental. reiſebeſchreibung, Matthiae, Teatrum Hiſtoriarum, Schiebels hi - ſtoriſches Luſt-hauß, Minſichts, Harsdoͤrf - fers Hiſtoriſche ſachen. Alle reiſebefchrei - bungen, Hiſtorien-ſchreiber und auctores claſſici geben exempel im uͤberfluß, da mag man ſich ſo - viele und gute ausſuchen als es einem gut deucht. S. Morhoffs Polyhiſt. Stollens hiſt. der gel. die acta litter. Hamburgenſia, &c.

[§. ]29. Bey denen ſimilibus, comparatis, em - blematibus, ſymbolis und aller gegeneinander - haltung meines obiecti mit andern dingen, wird wohl niemand auf die gedancken gera - then, daß ſie zum beweiß-gruͤnden zu rechnen, ſondern daß ſie vielmehr als illuſtrantia anzu - ſehen, (ſiehe folgendes cap.) und als dinge wel - che dienlich eine rede auszudehnen und auszu - putzen. Doch deucht mir, daß leute die viel ingenium haben, gerne bildern und phantaſi - ren, dergleichen als beweiß-gruͤnde anneh - men, wenn man zumahl den willen durch aller - hand dabey gebrauchte argumenta pathetica zugleich rege zu machen ſuchet.

F 3Z. e.86von den beweiß-gruͤnden
  • Z. e. Theſis. Der muͤßiggang iſt ein ſchaͤdliches Ding. Simile: Denn gleichwie das opium wann es in gar zu ſtarcker doſi genommen wird, den todt wuͤrcket: alſo verſetzt das vie - le ruhen, der muͤßiggang, den menſchen in ei - ne ſolche traͤgheit, ungeſchicklichkeit und un - empfindlichkeit, daß er als ein todter menſch in der menſchlichen geſellſchafft anzuſehen. Emblema. Jener mahlete eine ſtockende uhr und ſetzte dazu: Ipſa quies vitium eſt. &c. S. Langens Orat. p. 76. Hederich l. c. p. 358. 414. Man findet zu ſolchen gelegenheit, in gantzen collectionibus als: Lycoſthenis, Zehneri, La - gnerii, Zwingeri, Langii, Lauretti, Molleri, Franciſci, &c. in ſcriptoribus der natuͤrlichen Hiſtorie, der Phyſick, der Gaͤrtnerey, des land - lebens, der pflantzen, der thiere, der baͤume, der ſteine, metalle, in Hiſtorien, Geographien, reiſe - beſchreibungen ꝛc.

§. 30. Medaillen und uͤberhaupt muͤntzen, wapen, antiquitaͤten, inſcriptiones, marmora, epitaphia, beyſchrifften, ꝛc. koͤnnen mit denen daraus genommen umſtaͤnden und merckmah - len, in der Hiſtoriſchen wahrſcheinlichkeit eini - gen nutzen haben, muͤſſen aber an und fuͤr ſich erſtlich ſelbſt wahrſcheinlich ſeyn, ehe und be - vor ich daras etwas zum beweiß tuͤchtiges an - fuͤhren will.

  • Z. e. Wenn ich Ludewigs XII. Koͤnigs in Franckreich muͤntze anſehe, die er bey einem bevorſtehenden kriege wieder den Pabſt ſchla - gen laſſen, anno. 1511. ſo ſiehet darauf: Per - dam Babylonis nomen. Hieraus koͤnte ich wohl nicht beweiſen, daß Rom eben das Babylon ſey, davon Apoc. 18. geredet wird, ſondern nur ſo viel, daß es vom Ludewig XII. dem allerchriſt -lichſten87und derſelben erfindung. lichſten koͤnige ſo genennet worden. Und eben dieſes muͤſte ich aus der Hiſtoriſchen wahrſchein - lichkeit richtig machen. Aber wann ich mit ge - meinen leuten unter den Proteſtanten zu thun haͤtte, ſo daͤchten dieſe alſofort, es muͤſſe noth - wendig Rom das rechte Babylon ſeyn, weil es auf der muͤntze ſo benennet worden. vid. M. Liebii diſſert. Romam Babylon ex numis. Span - hemium de vſu& praeſtantia numiſmatum antiquo - rum, und von dieſen Stollens Hiſtorie der Ge - lahrheit p. 160. wo er von muͤntzen handelt. Fer - ner Biragii Imperatorum Romanorum numiſma - ta, Friſium de re numaria, du Frêne de infer. aeui Numiſmat. Goldaſtum de re numaria veterum, Labbaei Biblioth. numariam, Lampadium de na - tura numi, Maiorem de numis, Maibomium de vſu numorum vet. Patini numiſm. Imperat. Sa - gittarium de numiſmat. Sneliium de re numaria, Tirinum de antiq. monetis & modernis, Tenzelii Saxonia Numiſm. Monatliche unterredungen Bibliothecam curioſam, Morhoffs Polyhiſt. I. V. II. L. &c. Von wapen S. Gribelii inſignia no - bilium, Polidorum de origine inſignium regum & principum, Höppinum de iure armorum & inſigni - um. Tenzelii Biblioth. curioſ. repoſ. II. p. 554, Büſſings, Hermannii, Fuͤrſts, Speners, Triers, He - raldica, &c. Stolle l. c. p. 376. Von antiqui - taͤten, ſ. Roſinum, Kippingium, Kirchmannum, Manutium, Graeuium, Hottingerum, Quenſtaedt, Geier, Bergen, Wedel, Dietericum, Strauch, Nico - lai, Daſſouium; Buxtorff. Pfeiffer, Hildebrand, Lundium, Caluoer, Schmidium, Fabricium, Meliſ - ſantes, Stollen I. III. 8. 9. 10. 11. Morhoffs. Polyh. I. V. II. Von inſcriptionibus ſ. Vrſi - num, Textorem, Maſenium, Weiſium, Senertum, Stepnerum, Fabrettum, Flectwod, Reineſium, Gruterum, Apianum, Amantium, Fendt, Boehme -F 4rum,88von den beweiß-gruͤnden,rum, Theſaurum, Smetium, Panuinium, Mazo chium, Golzium, Vrſinum, Boiſſardum, Pignori - um, Waltherum, Falconerium, Chytraeum, Lab - beum, ab Ines, Rubeum, Vrſatum, &c. S[t]ollen. l. c. 16. Morhoffs Polyh. I. IIII. XIIII. &c. Von beyſchriften ſ. Lazarellum, Gryphios, Hoff - mannswaldau, Golau, Lohenſtein, Neu - kirch, Meiſter, Mencke, Martialem, Owenum, Sarbieuium, Sautelium, Proſp. Aquitanicum, Pau - lum Silentiarium, Palladem, Stollen. I. V. 58. 61. Morhoffs Pol. I. VII. Cap. I. II. III.

§. 31. Hier muß ich auch derienigen beweiß - gruͤnde gedencken, welche man von der benen - nung eines dinges, und denen dabey fuͤrkom - menden nahmen, a notatione alſo, ab etymo - logia, homonymia, ſynonymia, genio lin - guae, tropo, vſu vocis, definitione nomina - li, aequiuocatione, coniugatis, allegoria, an - tiphraſi, interpretatione und dergleichen no - minal-concepten hernimmt: Wann man nemlich ſaͤtze beweiſen ſoll, die bloß die benen - nung des dinges angehen, kan man aus dieſen fontibus allerdings gruͤndliche beweiſe fuͤhren, weiter aber erſtreckt ſich ihre kraft nicht. Doch ſind ſie in gewiſſen faͤllen, die in vorhergehenden §. §. beſtimmt worden, nicht ohne nutzen.

  • S. Hederich p. 343. l. c. Z. e. Es beiſt iemand ein gelehrter, deswegen iſt ers nicht gleich. Und wenn ſchon Jus eine ſuppe und auch das recht heiſſet, ſo folgt deswegen nicht, daß man beydes mit loͤffeln eſſen koͤnne. Aber dieſes iſt recht bewieſen: Grotius iſt ein ge - lehrter mann deßwegen muß er auch ſo ge - nennet werden. Oder: Es iſt laͤcherlichwann89und derſelben erfindung. Wann ſich die leute uͤber die ſyllogiſmos mo - quiren; Denn es iſt eben als wenn ſich ie - mand uͤber einem vernuͤnfftigen ſchluß mo - quirete: Jndem ich einen Syllogiſmum aller - dings einen vernuͤnfftigen ſchluß nennen muß. Oder: Ein Philoſophe muß den affecten nicht ergeben ſeyn: Denn er heiſt ein liebha - ber der weißheit, wie reimt ſich aber dieſes mit einen liebhaber der affecten.

§. 32. Endlich ſind einige dinge zu beruͤhren, welche gleich denen vorhergehenden ſchein - gruͤnden, in denen ebenfalls beruͤhrten faͤllen, gelegenheit zu beweiß-gruͤnden an die hand bie - ten, oder doch bey denen rhetoribus nicht recht ausgemacht ſind und mit denen rechten Logi - caliſchen theils vermiſcht, theils ihnen unrecht entgegen geſetzt werden, theils auch zu ſehr nach der ſcholaſtiſchen ſtrohſchneiderey ſchmecken. Solches ſind die argumenta, a materia, a for - ma〈…〉〈…〉, a subiecto, ab adiuncto, a partibus, a circumſtantiis, a repugnantibus, oppoſitis, diſparatis, diſſimilibus, inſinuatione, medita - tione, conſectariis, loco communi, argutiis, paralleliſmo, tempore, &c. Wann ſie aber etwas gutes an ſich haben, ſo iſt ſolches im vor - hergehenden ſchon angefuͤhret, wie fern es zum beweiſen nuͤtzlich, oder wird ſich bey denen illu - ſtrantibus und patheticis, die nothwendig ſorgfaͤltig von den probantibus zu unterſchei - den, vollends zeigen. Ubrigens kan man ihrer ſicher entbehren.

§. 33. Uberhaupt muß man ſich der Orato - riſchen ſchmincke mit der groͤſten klugheit bedie -F 5nen,90von den beweiß-gruͤnden,nen, ſie nicht gaͤntzlich verwerffen, doch auch nicht ohne unterſcheid, nicht zu haͤuffig, nicht an den unrechten ort, oder ſonſt auf pedantiſche uñ abgeſchmackte art anbringen. Dabey iſt es noͤthig, ſie nach den geſchmack des zuhoͤrers oder leſers auszuleſen, ſeinen vorurtheilen dabey nachzugeben, ſeinen affect dabey zu intereſſi - ren, und ſich zu huͤten daß man nicht ungegruͤn - dete gedancken zugleich dabey rege mache, oder den leuten die waffen wieder die wahrheit in die haͤnde gebe. Man bekommt bey ihrer anfuͤh - rung zugleich gelegenheit, an die auctores zu gedencken, wo man ſie gefunden, ſie zu erklaͤren zu billigen oder zu verbeſſeꝛn, und allerhand ein - faͤlle mit anzubringen.

  • Es wuͤrde zu weitlaͤufftig fallen alles dieſes genau - er zu determiniren, und mit exempeln zu erlaͤu - tern, doch will ich einige zur probe anfuͤhren: Es ſey z. e. folgender ſatz: Man ſoll nicht hoffaͤr - tig ſeyn: ſo ſchickte ſich auf der cantzel am be - ſten ein bibliſches teſtimonium Jacob. 4. v. 6. denn Gott wiederſtehet den hoffaͤrtigen aber den demuͤtbigen giebt er gnade. Jn der ſchu - le naͤhme ich Zenonis ausſpruch: Nihil faſtu in - decentius tum in ceteris tumpraecipue in iuueni - bus. Jn der ausfuͤhrung redete ich von der weißheit dieſes Philoſophi und warum er ſon - derlich der iungen leute hochmuth ſo uͤbel ange - ſehen. Jn einer politiſchen rede bediente ich mich des ſimilis, ſo Lohenſtein gebrauchet: Denn hochmuͤthige aufblehung iſt nicht min - der ein gewiſſes zeichen einer gemuͤths-kranck - heit, als die geſchwulſt der leibes-gebrechen und eine augenſcheinliche andeutung iſt / daßſol -91und derſelben erfindung. ſolche ebre fuͤr das behaͤltniß einer ſo eng - bruͤſtigen ſeele zu groß ſey. Jn converſation ſagte ich: Die hochmuͤthigen leute pflegten manchmahl albern zeug zu machen, Z. e. Die bauren in Chio geben dem Tuͤrckiſchen Kaͤy - ſer iaͤhrlich 1000. ducaten daß ſie buͤrger heiſ - ſen, und ienes frauenzimmer gewoͤhnte ſich eine brille zu tragen, damit die leute auf ihre ſchoͤnheit ſehen und ſie alſo diſtinguireten. Haͤtte ich dieſen ſatz: Man ſoll nicht Hurerey treiben, ſo fuͤhrte ich entweder einen beſſern ſpruch an als den: Actorum. 15. v. 10. Oder ich erinnerte, daß man nicht hurerey und vom er - ſtickten oder vom blut eſſen fuͤr einerley halten muͤſſe, ſonſt daͤchte ein boͤſer menſch, es habe die hurerey eben ſo viel auf ſich, als wann man blutwuͤrſte oder krammts-voͤgel aͤſſe und ein ein - faͤltiger koͤnte dencken, beydes waͤre ſo ſuͤndlich als die hurerey. Bey den exempeln huͤtete ich mich, daß ich nicht boßhafftige und liſtig ausge - ſonnene gluͤcklich ausgefuͤhrte ob ſchon beſtraffte exempel weitlaͤufftig fuͤrtruͤge, denn ein boßhaff - tes gemuͤth merckt ſich eher die art boͤſes zu thun und ſinnet auf mittel der ſtraffe zu entgehen, als daß es ſolte ſich durch die ſtraffe ſchrecken laſ - ſen. Die emblemata muͤſten recht artig ſeyn, ſonſt haͤlt man ſie nunmehro faſt fuͤr difficiles nugas. Wolte ich beweiſen was die Catho - licken glaubten, ſo fuͤhrte ich keine lehrer unſrer kirchen, ſondern ihre libros Symbolicos an. Redete ich fuͤr Printzen, ſo fuͤhrte ich lieber tu - gendhaffte exempel aus ihrem hauſe als Hercu - lem, Julium Caeſarem und Germanicum an, hingegen naͤhme ich die exempel laſterhaffter Printzen lieber aus dem grauen alterthum, als aus einem hauſe davon vielleicht noch nahe an - verwandten lebten. ꝛc.
§. 34. Man92von den beweiß-gruͤnden

§. 34. Man kan ſich begnuͤgen laſſen, wann man die wahrheit eines ſatzes recht ausgefuͤh - ret, und kan ſicher glauben, daß man durch ſol - che vorſtellung die gehofte wuͤrckung erhalten koͤnne. Doch iſt zuweilen noͤthig die entgegen geſetzten meinungenund gꝛuͤnde zu wiederlegen, wann nemlich wuͤrcklich contraire ſaͤtze von ei - nigen vertheidiget werden, wann dieſelben ei - nen groſſen anhang haben, und dennoch in an - ſehung des verſtandes und des willens groſſen ſchaden thun, und wenn man glauben darf, es werde ihre anfuͤhrung und gezeigte bloͤſſe, den zuhoͤrer auf die rechte meinung fuͤhren, darinn bekraͤftigen und alſo von einigen nutzen ſeyn. Und dieſes heiſſet man argumenta a contra - rio, von deren gebrauch in der erlaͤuterung ſiehe folgendes capitel.

  • Alſo iſt es laͤcherlich iemand wiederlegen, wo nie - mand das gegentheil ſtatuiret: Oder ohne unterſchied remotiue gehen: Oder etwas wie - derlegen, daran niemanden etwas gelegen, man mags glauben oder nicht: Oder da wieder man keine kraͤftige gruͤnde anfuͤhren kan ꝛc. S. Ri - dig. S. V. & F. L. IIII. Cap. IIII. §. 38.

§. 35. Man wiederleget bey ſo beſtallten ſa - chen, anderer leute der unſern entgegen geſetzte meinung, entweder nach der wahrheit, aus de - nen von uns feſtgeſtellten und ausgemachten gruͤnden, es moͤgen nun dieſe gruͤnde von dem gegner angenom̃en werden oder nicht:a) Oder aus denen grund-ſaͤtzen welche wir zu beyden theilen, annehmen und deren zuſam̃enhang mitunſers93und derſelben erfindung. unſers gegners meinung wir dennoch laͤug - nen:b) Oder aus des gegners eignen ſaͤtzen, deren unrichtigkeit wir ebenfalls darthun koͤn - nen:c) Oder aus denen augenſcheinlich fal - ſchen, abgeſchmackten und paradoxen ſchluͤſſen, welche daraus folgen. d)Bey unſtreitigen ſaͤtzen, unterſuchen wir des gegentheils unrich - tige verbindung des ſubiecti und praedicati, ſtellen die unrichtige art zu ſchlieſſen, die uͤbel - geordneten begriffe und definitiones, die natur der idearum oppoſitarum fuͤr. Bey wahr - ſcheinlichen, zeigen wir den ſchlechten zuſam̃en - hang der ſenſionum unter ſich und mit der hypotheſi, durch anfuͤhrung der wiederſpre - chenden ſenſionum, und ſchwierigkeiten, und die uͤbelausgeſuchte hypotheſin. Da dann die wahrheit ſich in einer deutlichen leichten und natuͤrlichen ordnung praeſentiret, wann ſich hingegen die falſchheit mit dunckeln verworre - nen erdichteten uͤberſteigenden begriffen und ſaͤtzen von ſelbſten verraͤth.

a)Dieſes iſt das ordentliche ratiocinium per oppo - ſitionem. S. Ridig. S. V. & F. L. II. Cap. v. p. 306. ſqq. Wann ich bewieſen habe: ein Sounerain ſolle die wohlfarth der unterthanen den zweck ſeiner verrichtungen ſeyn laſſen; ſo folget daß es falſch ſey, wann er ſeine eigne luſt und willkuhr zum vornehmſten end - zweck ſeiner bemuͤhungen macht.
a)
b)Z. e. Es wolte iemand die goͤttliche fuͤrſe - hung laͤugnen, und naͤhme doch die h. ſchrifft an. ſo wiederlegte ich ihn aus derſelben mit gnugſamen grund und recht. Und dieſe beydearten94von den beweiß-gruͤnden,arten zu wiederlegen, heiſſet man argumenta κατ αληϑειαν, nach der wahrheit.
b)
c)Dieſes iſt ein argumentum κατ ἄνϑρωπον, und heiſt mit denen beyden vorhergehenden ein ar - gumentum a priori. Z. e. Es ſagte temand: Die gelehrſamkeit beſtaͤnde in wiſſenſchafft der ſprachen und im buͤcherſchreiben, und wolte doch die Schurmannin und den Cbry - ſippum nicht fuͤr gelehrt halten, da doch iene 14. ſprachen verſtanden und dieſer 311. Logicali - ſche buͤcher geſchrieben.
c)
d)Dieſes heiſt eine wiederlegung a poſteriori, de - ductio ad abſurdum, ad incommodum. S. Ridigeri S. V. & F. l. c. p. 570. 588. ſqq. Thomaſium in Ausuͤbung der Vernunfftlehre cap. 5. Z. e. Es ſagte iemand: Alle fragen ſind ſrey und ich fruͤge ihn: Ob er ein dieb ſey?
d)

§. 36. Bey der wiederlegung ſelbſt, bemuͤhe man ſich ſo viel moͤglich, mit aller gelaſſenheit mehr durch gruͤndliche ſchluͤſſe, als leere worte, ſophiſtereyen, figuren, affecten, ingenioͤſe ein - faͤlle und anderes laͤppiſches zeug, ſein wieder - part zu uͤberzeugen. Man erwege, daß nicht alle leute ihnen von ieder ſache einerley begriffe mit unſern machen, und praͤtendire alſo nicht, auf eine impertinente art, daß ieder die ſache ſo be - greiffe, wie wir ſelbige begriffen haben, zumahl wann auf beyden ſeiten vielleicht gleiche ſtaͤrcke und ſchwaͤche oder dunckele begriffe waͤren. Uberhaupt uͤberlege man erſtlich die oben §. 34. beygebrachten umſtaͤnde, und gedencke, daß ein weiſer mann viele wahrheiten wiſſe, die er nicht einmahl fuͤrtrage, geſchweige andern auf - zudringen ſuche.

§. 37.95und derſelben erfindung.

§. 37. Jedoch was iſt es noͤthig, daß ich die - ſes hier ſo ſor gfaͤltig erinnere, habe ich doch be - reits in der vorbereitung §. 11. uͤberhaupt einem redner und redenden aufrichtige und red - liche abſichten angeprieſen. Jſt es doch bey allen beweiß-gruͤnden inſonderheit noͤthig, daß man nicht falſche ſaͤtze als wahre beweiſe, nicht dem aberglauben, atheiſterey, dem aſotiſchen und ſauertoͤpfiſchen weſen, den irrthuͤmern, vorurtheilen, naſeweißheit und verderbten nei - gungen damit an die hand gehe, nicht laſter und boͤſe menſchen lobe, nicht tugend und rechtſchaf - fene leute verachte, nicht boßhafter weiſe an - derer leute gemuͤths-ruhe ſtoͤhre, nicht die wahrheit zum deckel der boßheit und als einen grif gebrauche andern tort zu thun und ſein muͤthgen zu kuͤhlen und dergleichen. Allein es kan dieſes nicht genug wiederholet werden, da die galante welt die laſter in guͤldnen ſtuͤcken einzuhuͤllen, und der tugend den bettelſtab in die haͤnde zu geben ohnedem gewohnt iſt, hin - gegen der menſchlichen geſellſchaft und der re - publick mehr durch honnette redner als ge - ſchickte redner gedienet wird. Alſo werde auch davon im andern theil noch ausfuͤhrli - cher handeln.

§. 38. Die rechte klugheit eines redners, ſetzet billich den endzweck der beredſamkeit, und die bey denen beweiß-gruͤnden noͤthige re - geln der honnetete, des rechts der natur, und der wahrheit nicht aus den augen, und bemuͤ -het96von den beweiß-gruͤnden, ꝛc. het ſich nur die mittel dazu zu uͤberkommen und wohl anzuwenden. Sie pruͤfet ſolche nach ihren innerlichen und aͤuſſerlichen werth, nach der beſchaffenheit des thematis das zu beweiſen iſt, nach der faͤhigkeit und haupt-nei - gung des zuhoͤrers, nach dem geſchmack des ſaeculi, nach der gelegenheit der umſtaͤnde, und ſuchet lieber ſolche aus, welche ietztbenannten ſtuͤcken gemaͤß ſind, als ſolche dadurch ſie ihren endzweck nicht erhaͤlt und ſich noch wohl dazu feinde macht.

§. 39. Fuͤrnemlich huͤtet ſie ſich eine μετά - βασιν ἔις ἄλλογένος zu begehen, die fontes pro - bandi und die daraus genommene gruͤnde mit einander zu vermiſchen, und quid pro quo an - zufuͤhren, welches ein fehler iſt, den wenig wiſſen, geſchweige zu vermeiden ſuchen. Jed - wede wahrheit hat ihre eigene fontes, daraus ſie entſpringt, und daraus ſie muß hergeleitet und bewieſen werden, es muͤſte dann ſeyn, daß eine reiffe uͤberlegung foderte hievon abzuge - hen.

  • Alles dieſes iſt fuͤr ſich klar, und braucht keines weitlaͤufftigen beweiſes, die exempel aber ſolches zu erlaͤutern, laſſen ſich beſſer muͤndlich als ſchrifftlich gehen.
Das97

Das vierdte capitel, von den erlaͤuterungs-gruͤnden.

Jnhalt.

WAs erlaͤutern oder illuſtriren heiſſe? §. 1. Was der endzweck und nutzen der erlaͤuterungen ſey? §. 2. Wie vielerley dieſelben? §. 3. Von erklaͤ - rungen der woͤrter, §. 4. Von erlaͤuterung der ſachen durch worte, §. 5. Erlaͤuterung der ſache aus ih - rem weſen, §. 6. Durch beſchreibungen und einthei - lungen, §. 7. Durch grundſaͤtze. §. 8. Durch dar - aus gezogene ſchluͤſſe, §. 9. Durch allerhand ein - faͤlle, §. 10. Erlaͤuterung der ſache durch andere dinge ſo auſſer dem weſen derſelben, §. 11. Durch ex - empel, §. 12. Durch teſtimonia, §. 13. Durch gleich - niſſe, §. 14. Durch dißimilia, §. 15. Was bey denen exempeln zu beobachten, § 16. Bey denen teſtimo - niis §. 17. Bey denen gleichniſſen, §. 18. Bey de - nen dißimilibus, §. 19. Was hiebey der honnetete gemaͤß, §. 20. Was hierbey die regeln der klugheit erfodern, §. 21.

§. 1.

ERlaͤutern oder illuſtriren heiſt, die ſache welche man fuͤr ſich hat, auf ihre prin - cipia zuruͤck fuͤhren, nach allen ihren theilen auseinander legen, zuſammen ſetzen und beſchreiben, daß ſie denen zuhoͤrern recht be - greiflich werde, und ſie auch wohl auf der ſeite beleuchten, da wir wollen, daß ſie der zuhoͤrer oder leſer anſehen ſolle, oder mit ſolchen farben fuͤrbilden, welche mit unſern abſichten gemaͤß dieſelbe bemercken.

§. 2. Alſo kan man bey erfindung dieſerGargu -98von den erlaͤuterungs-gruͤnden. argumentorum eine gedoppelte abſicht haben, einmahl die ſache deutlich klar und begreiflich zu machen, und hernach ſie nach den genom - menen abſichten begreiflich zu machen, daß ſie nemlich der zuhoͤrer oder leſer in der geſtalt und auf der ſeite ihm recht deutlich fuͤrſtelle, wel - che wir ihm fuͤrzeigen. a)Mehrentheils ſucht man beydes zugleich zu bewerckſtelligen, zuwei - len aber kommt es mehr auf die eine als ande - re abſicht an. b)

a)Z. e. Jch wolte das punctiren verwerffen, und es wuͤſte keiner, was das fuͤr ein ding waͤ - re, da muͤſte ich nothwendig erſtlich deutlich die geheimniſſe der punctir-kunſt fuͤr augen mahlen, hernach ſuchte ich auch unter der hand die bloͤſ - ſe und das ridicule in dieſer kunſt mit zu entde - cken, damit ich ſie deſto gluͤcklicher herunterma - chen koͤnte.
a)
b)Jn theoretiſchen dingen komt es mehr darauf an, daß ich durch die deutlichkeit den verſtand lebhafft ruͤhre, in practiſchen hingegen iſt es noͤ - thig, daß ich auch den willen mit treffe. Hie - raus erhellet zugleich, wie noͤthig und nuͤtzlich dieſe art von argumentis, und warum ſie oben cap. 2. §. 3. hauptſaͤchlich als argumenta theo - retica angegeben worden.
b)

§. 3. Dannenhero hat man auch zweyer - ley arten von argumentis illuſtrantibus, da die eine art die ſache bloß erlaͤutert, ſie auf ihre principia zuruͤckfuͤhret, nach allen ihren thei - len und umſtaͤnden zerleget, zuſammenſetzet, und beſchreibet, die andere art hingegen zu - gleich die ſache, nach unſern abſichten, erlaͤutert und fuͤrbildet. Ferner iſt eine andere art derer -99von den erlaͤuterungs-gruͤnden. erlaͤuterungen, welche aus dem weſen und na - tur der ſache ſelbſt genommen, und eine andere, welche auſſer der ſache von andern dingen her - geholet wird, iene dienet mehr zu deutlichkeit und iſt ein werck des iudicii, dieſe nutzet ſonder - lich meinen abſichten und kommt fuͤrnemlich auf eine fertigkeit des ingenii an, iene erlaͤu - tert theils worte, theils ſachen, dieſe nur ſa - chen.

§. 4. Wir legen unſere gedancken durch worte an den tag, wenn alſo dieſe einer er - klaͤrung benoͤthiget, ſo finde ich dazu gelegen - heit durch die beſchreibung des worts, des da - rinn liegenden tropi, der haupt und neben idee deſſelben, des urſprungs, hiſtorie, vielerley be - deutung, zweydeutigkeit, gebrauchs deſſelben, durch anfuͤhrung gleichvielbedeutender woͤrter und redens-arten, wovon ſich im folgenden an - dern theil von dem ausdruck der gedancken, mehrere nachricht zeigen wird.

  • Z. e. Jch wolte das Teutſche ſchimpfwort: Du haſe erklaͤhren, ſo haͤtte ich: Definitionem no - minalem: Haſe iſt ein Teutſches ſchimpfwort und bedeutet einen menſchen, der einen luſti - gen narren abgiebt, ohngeachtet er deswegen weder penſion, noch ſtation, noch andere vortheile hat: Tropum: Eigentlich bedeutet haſe ein vierbeinigtes langoͤbrichtes wild - pret, es wird aber auf die narren geleget, vielleicht weil des haſens groͤſte klugheit im lauffen beſteht, und ein narre alles lauffen laͤſt was ihm einfaͤllt, oder weil nach Ariſtotelis bericht / lange ohren ein merckmahl der narr -G 2heit100von den erlaͤuterungs-gruͤnden. heit ſind: Ideam principalem: Haſe ſoll haupt - ſaͤchlich einen narren bedeuten: Ideam acceſ - ſoriam: Aber einen ſolchen narren, der luſtige einfaͤlle ohne ſolides iudicium hat und doch keine penſion dafuͤr kriegt, oder der auch wohl mit kopfwerffen, fuͤſſe ausſchlagen, haͤn - de und manchettes drehen, allerhand luſtige geſticulationes macht, oder viel frech toll und laͤcherlich zeug unter einander redt und gar gefaͤhrliche grimaces dabey zeiget, Deriuatio - nem: Es ſoll herkommen vom Hebraͤiſchen〈…〉〈…〉 oder vom Griechiſchen ουας, auris ein obr, wegen der langen ohren, oder vom Gehaſi des Eliſaͤ diener: ſecundum Hiſto - riam: Reimmannn Einl. zur hiſtor. Litt. Tom. IIII. p. 26. Es hatte der alte Erhar - dus Schnepf bey der hiſtorie vom Eliſa und feinem diener Gehaſi, in einer Gehaſi, in einer predigt zu Jena ſich folgender formalien bedienet: Es befin - den ſich dergleichen Gehaſi noch ietzo gar viel unter denen menſchen, welche ihr zeitliches intereſſe hoͤher balten als Gott, als den glau - ben, als die wahre froͤmmigkeit und das an - ſehen derer, welchen ſie in ihren wandel bil - lich folgen ſolten. Ach freylich befinden ſich derſelben noch viele. Jch bin ein Gehaſi, du biſt ein Gehaſi, er iſt ein Gehaſi, wir alle mit einander ſind eitel Gehaſi. Und da er alſo dieſes wort ſo offt wiederhohlet, da baben es die damahligen ſpoͤtter und Jſmaeliten auf - geſchnappet, und ſich deſſelben in ihren zu - ſammenkuͤnfften dergeſtalt bedienet, daß ſie erſtlich alle dieienigen Gehaſi geheiſſen, wel - che ſich in ihrem thun und laſſen nicht recht aufzufuͤhren gewuſt, und endlich haben ſie das wort gar enthauptet und die alberniner haſen genennet. ꝛc. Homonymiam: Es giebtvien -101von den erlaͤuterungs-gruͤnden. vierbeinigte und zweybeinigte haſen, hier verſtehet man die letztern: Vſum: Man ge - brauchts nicht gerne in oͤffentlichen reden und anſehnlicher geſellſchafft, lieber in gantz vulgairen reden: Synonymiam: Heiſt eben ſo viel als ein ſtocknarre, poſſenreiſſer, luſti - ger iuncker, laͤcherlicher kerl, bouffon, morio ſtultus, lepidus homo, lepidum caput γελωτο - πονος: Exergaſiam: Er iſt ein haſe, heiſt ſo viel als: Er hat ins haſenfett getreten: Hat einen ſparrren zu viel: Jſt geſchoſſen: Hat einen wurm: Piquiret ſich bons mots zu ma - chen und lacht am erſten daruͤber. Jch koͤnte noch hinzuſetzen es ſey ein nomen ſ&fb; bſtantiuum generis communis, ſingularis numeri, vocatiui ca - ſus, cuiuſuis declinationis: ſo waͤre die gantze in - terpretatio und analyſis grammatica richtig.

§. 5. Wenn man aber die gedancken oder ſache ſelbſt, deutlich und nach ſeinen abſichten fuͤrmahlen ſoll, ſo ſuchet man zu ende ſolche worte aus, welche nicht nur in ihrer hauptidee, ſondern auch in ihrer neben-idee, ia in ihrem fall und klange, in ihren buchſtaben, die ſache nach ihren eigenſchaften in dem gemuͤth des zuhoͤrers oder leſers bilden, man erwehlet ſol - che beywoͤrter, welche das haupt-wort, entwe - der mit deutlich machen, oder deſſen inbegrif determiniren, man wiederholet ein wort etliche mahl, man fuͤhret ausdruckungen an, die zwar eben das bedeuten aber etwas von der iedee ſo wir bereits davon gemacht, abnehmen, oder hinzuſetzen, oder dieſelbe corrigiren, oder auf etwas bekanntes kurtz fuͤhren, oder ich ſprecheG 3die102von den erlaͤuterungs-gruͤnden. die ſache artig aus, daß der zuhoͤrer oder leſer ſich genoͤthiget ſiehet, dabey ſtehen zu bleiben und ſelbige recht einzunehmen, von welchen allen in folgenden andern theil ausfuͤhrlich zu handeln.

  • Z. e. Jch ſage: Die leute ſind der eitelkeit ietzo ſehr ergeben: Illuſtratio; Verbis emphaticis: Das tichten und trachten des menſchlichen her - tzens iſt nur auf ein eitles weſen gerichtet: Das menſchliche bertz haͤnget an der eitelkeit: O quantum eſt in rebus inane! Jſt es nicht zube - iammern, daß die heutige welt ſo erſchrecklich denen vanitaͤten nachhaͤnget[?]Epithetis: Die verblendeten ſterblichen, ſind der thoͤrichten eitelkeit von gantzem hertzen zugeihan: Jr - diſchgeſinnte menſchen haben ſich beſtaͤndig der vergaͤnglichen eitelkeit gewiedmet. Repe - titione: Die menſchen ſind hent zu tage der ei - telkeit ſehr ergeben, der eitelkeit, welche ſie von GOtt abfuͤhret, der eitelkeit, welche ſie zu thoren macht: ꝛc. Die menſchen ſind in der eitelkeit gantz erſoffen: Sie ſind der ei - telkeit nicht gram: ſie lieben ſolche vielmehr von gantzem hertzen: der menſchliche ver - ſtand ſinnet nur auf eitle luſt: der wille und die neigungen des menſchen fliehen nur dasienige, was nicht nach der eitelkeit ſchmeckt und begehren eyffrigſt, was in dieſes reich der thorbeit gehoͤret: Alluſione: Der prediger Salomo ſolte ietzt auftreten, da wuͤrde er materie zu reden bekommen und den text recht leſen koͤnnen: Die menſchen lie - ben in allen gern die freyheit, nur von der ei - telkeit laſſen ſie ſich gerne ſclaven feſſel anlegen und dieſe tragen ſie mit luſt: Das menſchli - che hertz iſt ein altar, auf welchem dem un -be -103von den erlaͤuterungs-gruͤnden. bekannten GOtt, oder daß ich recht ſage, der eitelkeit, viele opfer verbrannt werden: Ar - gutiis: Man findet hent zu tage viel Epicu - raͤer, aber ſelten einen Epieurum: Ein menſch ſeyn, und eitelkeiten lieben, wollen bey der heutigen welt faſt einerley ſagen: Die auffuͤhrung der menſchen hat denen woͤr - tern ihre ordentliche bedeutung entzogen, denn thorheit und eitelkeit lieben heiſt ietzo klugheit und ſich der weißheit ergeben, eigen - ſinn und thorheit. ꝛc.
  • Jch will dieſe exempel nicht fuͤr vollkommene lei - ſten angeben, daruͤber alle erklaͤrungen und il - luſtrationes paſſen muͤſten, es wird dem iudicio und der uͤbung des leſers und lernenden uͤber - laſſen, nach anleitung meiner regel, beſſere ex - empel zu machen, und auch in andern ſprachen ſeinen fleiß anzuwenden. Man ſiehet im uͤbri - gen aus angefuͤhrten, was meine meinung, und wie man durch das nach ſinnen alles ſelbſten fin - den und gebrauchen koͤnne, was man ſonſt mit fuͤrchterlichen unzehlichen nahmen ohne ver - ſtand ſeinem gedaͤchtniß einpraͤgen muͤſte.

§. 6. Dieſes was ich von erlaͤuterungen bißher angefuͤhret, gehoͤrt bloß zur erklaͤrung bloſſer worte oder zur erlaͤuterung der worte, damit man eine ſache bemercket, und alſo alles zum ausdruck der gedancken, welche ich im fol - genden theile abgehandelt. Damit ich aber zum haupt-werck nemlich zur erlaͤuterung der ſache ſchreite, ſo findet ſich in ihrem weſen ſelbſt die vollkommenſte gelegenheit zu denen erlaͤuterungs-gruͤnden. Welches niemand unbekannt ſeyn kan, der aus der Philoſophie gelernet, was methodus analytica und ſynthe -G 4tica104von den erlaͤuterungs-gruͤnden. tica ſey, denn nach ienem, fuͤhre ich die ſache auf ihre principia zuruͤck, auf die ſinne, zur rech - ten deulichkeit, nach dieſem aber, fuͤhre ich die ſchluͤſſe aus ihren principiis her, und fange al - ſo von denen principiis an, biß ich alles was daraus flieſſet, dargethan, durch welche beyde wege, man denn gewiß von einer ſache deut - liche begriffe bekommen wird. Und weil eine ſache entweder wahrſcheinlich, oder unſtreitig, oder bloß moͤglich, oder gar falſch iſt, ferner ent - weder ſinnlich, oder abſtract, hiſtorie, oder rai - ſonnement iſt, und enldich nach beſchaffenheit der diſciplinen, dahin ſie gehoͤret, vielerley ſeyn kan, ſo iſt es noͤthig, hiebey was im vorigen capitel ausgefuͤhret, ihm bekannt zu machen und im uͤbrigen Logick und diſciplinen zu rathe zu ziehen.

  • Es iſt kein natuͤrlicherer weg die ſache deutlich zu machen, als wann ich ſie mit ihren principiis und criteriis recht fuͤrſtelle und beleuchte. Ha - be ich wahrheiten fuͤr mir, ſo zeige ich, wie es komme, daß es wahrheiten ſind, und halte ſie gegen den urſprung der ſiune, oder ich weiſe, was aus ihnen fuͤr ſaͤtze und wuͤrckungen flieſ - ſen. Und wofern ich ſie nur ſelbſt recht erkenne, wird es mir hier nicht fehlen, ſelbige auch deut - lich zu machen. S. Thomaſii Einl. zur Vern. cap. 12. 13. Ausuͤbung derſ. cap. 1. 2. Ridigeri S. V. & F. Lib. I. Cap. VI. Lib. IIII. Cap. II. III. IIII.

§. 7. Die wichtigſte art der erlaͤulerung, iſt hier die beſchreibung und die verſchiedenen eintheilungen und einſchraͤnckungen eines din -ges.105von den erlaͤuterungs-gruͤnden. ges. Bey denen unſtreitigen ſachen, bringe ich eine deulichkeit herfuͤr, durch definitiones, deſcriptiones, diuiſiones, diſtributiones, limi - tationes und exceptiones. Bey wahrſchein - lichen dingen, erzehle ich nur alle ſenſiones und obſeruationes, die bey einer ſache gemacht wor - den, und lege die hypotheſes mit deutlichen ſaͤ - tzen fuͤr augen, bediene mich dabey deutlicher worte und der guten natuͤrlichen ordnung, ſo wird alles deutlich werden. Miſche ich nach meinen abſichten, allerhand ſtriche und aus - druckungen meines affects mit unter, erhoͤhe und erleuchte die ſtuͤcke, welche den leſer oder zu - hoͤrer am meiſten ruͤhren ſollen, und verſchwei - ge hingegen, verdunckele, oder ſtreiche dasienige gleichſam anders an, was meinen abſichten zuwieder lauffende ſentiments bey ihm erre - gen koͤnte, ſo kan ich auch dieſe ſtuͤcke brau - chen, die ſache nach meinem endzweck fuͤrzu - bilden.

  • Z. e. Jch wolte dieſen ſatz erlaͤutern Falſche leute ſoll man meiden: ſo koͤnte ichs thun per defini - tionem ſubiecti: Falſche leute ſind ſolche men - ſchen, welche aus mangel vernuͤnfftiger ten - dreſſe gegen ihren naͤchſten, ſelbigen durch allerhand verſtellungen und angenehmen ſchein der freundſchafft zu betruͤgen ſuchen, damit ſie ihren eignen nutzen, es koſte was es wolle, allein befoͤrdern moͤgen: Praedicati: Und ſolcher leute geſellſchafft, ia wo es moͤg - lich, bekanntſchafft, ſoll man ſich ernſtlich entziehen, und ſich mit ihnen auf keinerley weiſe einlaſſen: Deſeriptionem: Es iſt man -G 4cher106von den erlaͤuterungs-gruͤndencher ſcharfſinnig und doch ein ſchalck, und kan die ſachen drehen wie ers haben will, Syr. 19. 22. Diſtributionem: Derſelbige ſchalck kan den kopf haͤngen und ernſt ſehen und iſt doch eitel betrug, er ſchlaͤgt die augen nieder und horchet mit ſchalcks-ohren, und wo du nicht acht auf ihn haſt, ſo wird er dich uͤberei - len, und ob er zu ſchwach iſt, dir ſchaden zu thun, ſo wird er dich doch, wann er ſeine zeit ſiehet, beruͤcken. Man ſiehets einem wohl an, und ein vernuͤnfftiger mercket den mann an ſeinen geberden. Denn ſeine kleidung, lachen und gang zeigen ihn an. Diuiſionem: Leute, die es nicht redlich mit ihrem naͤchſten meinen ſie moͤgen nun vornehm oder gering, dum oder liſt[i]g, reich oder arm, manns - oder weibes-perſonen ſeyn, ſoll man weder in ſeine geſellſchafft ziehen, noch ſich ihnen aufdrin - gen: Limitationem: Es muͤſte dann ſeyn daß man ihrer ſchlechterdings nicht entbehren, oder daß man ſie beſſern koͤnte: Exceptionem: Haͤmiſche leute ſoll ich meiden, ausgenommen wo es der wohlſtand erfodert. cꝛ. Ob nun iemand fuͤr falſch zu halten, ſolches muß durch die wahrſcheinlichkeit, ſo in vorigen cap. §. 14. gewieſen, erhaͤrtet werden, und da koͤnte ich meinen ſatz daraus alſo erlaͤutern: Wer von allen zu profitiren ſuchet, und hingegen nie - mand von ſich profitiren laͤſt, wer anders re - det als ers meint, wer vorwerts einem die haͤnde druͤckt, viel verſprechungen thut, einen freundlich anlacht, ins angeſicht lobet, einem geheimnuͤſſe anvertrauet, hinterwerts aber einen durchzieht, keine verſprechungen haͤlt, und was man nuͤtzliches fuͤrnimt, hintertrei - bet, aus allen dingen geheimniſſe macht, ei - nem gar zu uͤberfluͤßige complimente auf -buͤr -107von den erlaͤuterungs-gruͤnden. buͤrdet und wenig guts in der that erzeiget, der iſt billich mit allem fleiß zu meiden ꝛc. Bey hiſtoriſchen ſachen koͤnte ich die anfuͤhrung aller umſtaͤnde in einer that, der gelegenheit dazu und dergleichen, interpretationem hiſtoricam nennen. Die interpretatio Philoſophica aber begreifft nach ihrem rechten begriff zugleich al - les, was ich von denen erlaͤuterungen der ſache aus ſich ſelbſt, ſie deutlich zu machen herfuͤr - bringe.

§. 8. Jch kan eine ſache erlaͤutern, wann ich die abſtracten und generalen begriffe, die man von einer ſache machen kan, zuſammen nehme, und als grund-ſaͤtze anſehe, daraus mein ſatz oder obiectum flieſſet, und dieſes heiſ - ſet man illuſtrationem a loco communi.

  • Z. e. Bey den obigen ſatz koͤnte ich folgende gedan - cken haben: Einen menſchen, der des andern teuffel iſt, darf ich wohl fuͤr keinen engel h[a]l - ten: was mir ſchadet, dafuͤr huͤte ich mich billich: ꝛc. Am beſten aber laͤſt ſich dieſe art der erlaͤuterung, bey hiſtorien und ſolchen ſachen ap - pliciren, die nicht eben ſehr abſtract ſind.

§. 9. Jngleichen iſt dieſes eine art der erlaͤu - terung, wann ich aus einem ſatze ſchluͤſſe ziehe. und alſo dadurch deutlich die wuͤrckungen und application einer ſache fuͤrſtelle, wodurch ich zugleich dieſelbe nach meinen abſichten beleuch - ten kan, und dieſes bemercket man mit der illu - ſtratione a conſectario.

  • Z. e. Bey obigen themate ſage ich: Denn ein falſcher ſuchet mich entweder zu nutzen, oder mir zu ſchaden, wann er mich genutzt, ſo lacht er mich dazu aus, und wenn er mir ſchadenge -108von den erlaͤuterungs-gruͤnden. gethan, ſo wird er mir wohl gar noch dazu gram: Proprium enim humani ingenii eſt: odiſ - ſe quem laeſeris. Tacit. Agr. 42. 6. Oder: denn auftichtige leute meinen, man ſey eben der haar als die falſchen geſellen: Oder: denn man kan bey ſolchen leuten ſchwerlich einen raiſonnablen en dzweck erhalten: Oder: Dann ihre bekanntſchafft und geſellſchafft, iſt was ſehr unangenehmes, gezwungenes und ſchaͤd - liches ꝛc. Hiebey thut die Logick gute dienſte, wann ſie die arten der ſchluͤſſe zeiget.

§. 10. Endlich kan man auch eine ſache deut - lich machen, oder ihr nach ſeinen abſichten ver - ſchiedene geſtalten geben, wann man allerhand moͤglichkeiten dabey erdencket, betreffend die umſtaͤnde, urſachen, wuͤrckungen, guͤte und an - dere einfaͤlle, welche man bey einer ſache ha - ben kan, und dieſes haben die rhetores bißher mit einem gar zu generalen worte illuſtratio - nem a meditatione genennet.

  • Was meditatio heiſſe bey denen Logicis, iſt bekannt. Es wuͤnſchte mancher unter dem ſpecioͤſen titel der meditation eine verlegne wahre, abge - ſchmackte auch wohl boßhaffte tinctur, anzuwer - den, doch dieſes gefaͤllt nur leuten, die gerne boͤ - ſes gut und gutes boͤſe heiſſen. Ein rechter red - ner bedienet ſich lieber, der wahrhafftig aus ei - ner ſache flieſſenden erlaͤuterungen, als dieſer art der moͤglichen einfaͤlle, dazu ihm nur etwan der geringſte umſtand der ſache, eine kleine ge - legenheit gegeben, und welche ſo leicht wahr als falſch, recht oder unrecht, ſeyn koͤnnen. Jch habe oben dieſe art der meditation uͤberhaupt ein raiſonnement geheiſſen und der hiſtorie ent - gegengeſetzt, §. 8. not. a. Doch kan man dieſelben109von den erlaͤuterungs-gruͤnden. ſelben allerdings auch wohl gebrauchen, wann man eine honette abſicht hat und ſich einer ge - ſchickten manier, ſelbige anzubringen, bedienet, Z. e. Falſche leute ſoll man meiden: Denn man moͤchte ſonſt von ihnen angeſteckt wer - den: Sie ſehen auf einen groſſen beutel und nicht auf verdienſte: Wenn der wolff den ſchaffspeltz angezogen, iſt er am gefaͤhrlich - ſten: Man hat zwar wohl falſche leute zu ſeiner geſellſchafft gehabt, aber man iſt noch von keinem unbetrogen wegkommen: ſie drehen den leuten nicht nur naſen an, ſon - dern ſetzen ihnen dazu brillen darauf: es ſind gleichſam politiſche ketzer und alſo gehoͤren ſie mit zu denen, davon die ſchrifft uͤberhaupt ſagt: einen ketzeriſchen menſchen meide. Sie haben GOtt den dienſt und dem naͤchſten die liebe aufgeſaget: Hic niger eſt, hunc tu Roma - ne caueto.

§. 11. Auſſer dem weſen der ſache, finden ſich viel dinge, deren gleichheit oder ungleichheit mit meinem obiecto kan gezeiget werden, ſel - biges dem zuhoͤrer deutlich, oder nach meinen abſichten, fuͤrzuſtellen. Zeige ich die gleichheit, ſo finde ich ſelbige entweder in meinungen, oder exempeln, oder gleichniſſen, rede ich aber von der ungleichheit meines obiecti mit andern ſa - chen, ſo iſt die ungleichheit entweder ab oppoſito, oder a diſpari herzunehmen. Es iſt hievon in dem vorigen cap. bereits etwas angefuͤhret.

§. 12. Exempel ſind ſpecies oder indiuidua, das iſt, mehr ſinnliche als abſtracte begriffe, welche ich mit denen abſtractis, darunter ſie ſtehen, gegen einander halte, damit aus dieſer zuſammenhaltung, die ſache den ſinnen naͤherkom -110von den erlaͤuterungs-gruͤnden. komme, und nach meinen abſichten, deſto leich - ter und deutlicher begriffen werde. Sie wer - den aus der hiſtorie und erfahrung hergenom - men, und wohl erſtlich an und fuͤr ſich nach ih - ren umſtaͤnden erlaͤutert und bewieſen, hernach aber auf das fuͤrhabende obiectum appliciret, oder auch nur kurtz in wenig worten, ohne ap - plication fuͤrgetragen.

  • Z. e. Falſche leute ſoll man meiden: Illuſtrat. ab exemplo: Haͤtte ſich Simſon nicht mit der Delila eingelaſſen, waͤre er nicht um ſeine krauſen haare, um ſeine augen, freyheit und endlich gar um das leben kommen. Haͤtte Siſſera nicht aus der Jael ihrem m[i]lch-topf getruncken, und ſich ſo treuhertzig machen laſſen, in ihrem gezelt zu ſchlaffen, ſo wuͤrde ſein ſchlaf mit dem tode, durch den fatalen nagel nicht ſeyn zuſammengehefftet worden. Fuͤr Joabs gruß, Judas kuß und Granvel - laniſcher ſchreibekunſt, muß man[l]eben ſo wohl als fuͤr dem teuffel ein creutz machen.

§. 13. Jch kan meine meinung durch al - lerhand teſtimonia erlaͤutern, wann ich die gleichheit eines ſatzes mit andrer leute mei - nung, ausſpruͤchen, ſpruͤchwoͤrtern und derglei - chen darthue, und dabey dieienigen umſtaͤnde bemercke, worinn ſie miteinander genau uͤber - einkommen, oder von einander unterſchieden. S. hiebey das vorige capit. §. 26.

  • Z. e. Bey obigen ſatz fuͤhrte ich an Tacitum H. 1. 2. 6. der ſagt: Quibus deeſt inimicus, ſubinde per amicos opprimuntur: und A. 14. 56. 5. odi - um fallacibus blanditiis velatur. Oder ich ſpraͤ - che: Wer einmahl aufm fahlen pferde ertapptiſt,111von den erlaͤuterungs-gruͤndeniſt, dem trauet man nicht mehr: Oder ich ſag - te: Groſſe Herren ſind einem manchmahl oh - ne raiſon gram, und ſetzte hinzu Tacit. A. 6. 48. 2. Multi potentibus inuiſi, non culpa, ſed vt flagitiorum impatientes.

§. 14. Ein ſimile iſt, wann ich eine idee oder ſatz mit dem andern vergleiche, und ohn - geachtet beyde ein ander nichts angehen, den - noch ein oder mehr eigenſchaften und ideen be - mercke, darinn ſie einander gleich kommen, ſolche idee oder eigenſchaft nennet man ſo dann das tertium comparationis. Man kan die gleichheit eines dinges mit dem andern durch ein wort oder bild bemercken, durch etliche ei - genſchaften durchfuͤhren, die gleichheit ſo wohl als ungleichheit inſonderheit andeuten, und beyder verhaͤltniß gegen einander abmeſſen, auch wohl iedwede abſonderlich ausfuͤhren.

  • Z. e. Theſis: Schwelgerey iſt ein ſchaͤdlicher af - fect: Illuſtr. Metaph. Sie iſt ein weg, der uns zum verderben fuͤhret: Simile: Ein wa - gen, darauf man zur hoͤlle faͤhret: Allegor. Bernhardi: Defluit luxuria, quae tamquam currus quadrigis voluitur vitiorum, ingluuie ventris, li - bidine coitus, mollitie veſtium, otii ſoporisque re - ſolutione, trahitur equis duobus. proſperitate vitae et rerum abundantia. Et his qui praeſident, duo ſunt aurigae, torpor & ſecuritas. Comparatio: Sie iſt eine zauberiſche Circe, gleichwie dieſe des Ulyſſes geſellen in mancherley thiere als ſchweine, affen, bunde und dergleichen ver - wandelte, ſo veraͤndert auch die ſchwelgerey die menſchen in allerhand viehiſche geſtalten, und da die Circe doch noch denen metamor - phoſirten ihre vorige geſtalt wiedergeben konte, ſo iſt dieſes die ſchwelgerey nicht ver -moͤ -112von den erlaͤuterungs-gruͤnden,moͤgend. Diſſimil. Pythagoras kraut und ruͤben und lebte maͤßig, fuͤhrte hingegen ſeine nachfolger zur weißheit: Die ſchwelgerey hingegen erlaubt ihren anhaͤngern alles, und macht ſie zu narren: A minori ad maius: Ein vernuͤnftiges thier laͤſſet ſich nicht zwingen unmaͤßig zu freſſen und zu ſauffen, wie viel - mehr wird ſich ein vernuͤnftiger menſch fuͤrzu - ſehen haben, daß er nicht von ſelbſten in das laſter der ſchwelgerey verfalle. Prot. und Apod: Gleichwie das panterthier, da es den wein liebt, auch dadurch um ſeine freyheit kommt: Alſo wird auch der menſch, welcher der ſchwelgerey ergeben; dadurch um ſeine wohl - fahrt gebracht: Die ſchwelgerey iſt ein glat - tes eiß, darauf man gar zu leichte faͤllt, ein Sodoms-apfel, der auswendig ſchoͤn, inwen - dig voll aſche iſt, eine roſe mit dornen, eine guͤldne ſclaven kette, eine thuͤr zum grabe, ein weg zur hoͤllen, ein prophete, der den bettel - ſtab vorher anzeiget, ein zeichen, daran man abnehmen kan, daß der verſtand nicht zu hau - ſe, oder wohl gar die unvernunfft beſitzerin des hauſes. ꝛc. Siehe oben cap. 3. §. 29.

§. 15. Die ungleichheit eines dinges kan ich zeigen, mit denen ihm entgegen geſetzten ideen und ſaͤtzen, welche entweder bloß diſparata ſind, oder contraria und contradictoria. Bey ienen iſt nicht viel zu erinnern, indem alle ſimi - lia auch diſſimilia ſeyn und von ſolchen in vori - gen §. geſagt worden, dieſe aber heiſſen eigent - lich oppoſita und in ſaͤtzen obiectiones, und dienen dazu, daß man durch die regeln einer guten eintheilung und oppoſition finde, was dem vorhabenden obiecto koͤnne entgegen ge -ſetzet113von den erlaͤuterungs-gruͤnden. ſetzet werden, ſelbiges damit zuſammen halte uñ den mercklichen unterſchied zeige, damit man aller confuſion und unrichtigen concepten, bey dem leſer oder zuhoͤrer fuͤrkom̃en, und in fuͤrbil - dung des obiecti ſeine einbildung praͤoccupiren moͤge.

  • Z. e. Jch halte die falſchheit und aufrichtigkeit, die ſchwelgerey und maͤßigkeit, einen narren und klugen gegeneinander. Oder ich zeige den unterſchied der glaͤubigen und unglaͤubigen, derer, die GOtt dienen und die ihm nicht die - nen: Oder ich ſage, worinn falſchheit und landes-verraͤtherey, ſchwelgerey und geitz von einander unterſchieden Hiebey ſehe man, was oben cap. 3. §. 34. etwan beygebracht. Hln. Langens E. 3. O. p. 69. Hederich. l. c. p. 357. 413. Was ſonſten in andern Rhetoricken von figuren und dergleichen hiebey gewieſen wird, findet ſich von ſelbſten, wann man dieſen §. ver ſtehet.

§. 16. Bey denen exempeln iſt noch dieſes zuerinnern, daß ich mich ſonderlich nach ihnen umthun muͤſſe, wann die ſache ſo abſtract, pa - radox, unglaublich, und trocken zu ſeyn ſchei - net, das man ſelbige ſchwerlich begreiffet, und wann es noͤthig ihr eine ſolche tour zu geben, die meinen abſichten gemaͤß bey dem zuhoͤrer oder leſer einen eindruck machen kan. Und nach dieſen beyden abſichten, welche man bey exem - peln haben kan, muß man ſich auch in der wahl und anfuͤhrung der exempel richten.

  • Z. e. Wann ich ſpraͤche: Eo miſerabilior, quo quis putatur illuſtrior: Die groͤſten leute ſind biß - weilen die elendeſten; ſo muͤſte ich wohlHdurch114von den erlaͤuterungs-gruͤnden. durch exempel ſolches erlaͤutern: Oder ich ſagte: Die gelehrten ſollen ſich nicht mit einander zancken; ſo koͤnte ichs alſo erlaͤutern: Wann ſich die ſtudenten unter einander ſchlagen, ſo behalten ſie ihre ſchlaͤge, und das Concilium bekommt die ſtraf / gelder.

§. 17. Teſtimonia, apophthegmata, pro - uerbia, und dergleichen fuͤhre ich an, wann et - wa andere, meine ſaͤtze durch recht nachdruͤckli - che und deutliche worte exprimiret haͤtten. Und wann ich ſie nach der beſchaffenheit des zuhoͤ - rers oder leſers und der ſache ſelbſt artig aus - ſuche, ſo kan ich auch vermittelſt derſelben einen ſolchen concept den leuten von der ſache ma - chen, als ich intendire.

  • Z. e. Bey obigen ſatz koͤnte ich anfuͤhren: Sabi - nus ſagt: Graue onus, paruus honos, eum cum geſtat ὀνος. Bey dem andern: Chryſoſtomi worte: Zelus ſapere neſcit & ira conſilium non habet. Oder Juan Rufo Apophthegm. 431. Entziehe dich dem diſputiren, ehe du erhitzt wirſt, der ſieg iſt allezeit deſſen, der ſich fuͤr zanck huͤtet.

§. 18. Gleichniſſe muß ich beybringen, wann die ſache dunckel iſt und leicht mit andern augen kan angeſehen werden, als ich wuͤnſche, daß man ſie betrachten ſolle. Alſo muͤſſen ſie an ſich ſelbſt deutlich ſeyn und nicht mit meinen ab - ſichten ſtreiten. Sie tragen auch vieles zum putz meines obiecti bey, und daß der zuhoͤrer oder leſer ſeine aufmerckſamkeit ſonderlich auf den umſtand wende, welchen ich mit einem gleichniſſe diſtinguire. Hiebey iſt zu mercken,daß115von den erlaͤuterungs-gruͤnden. daß nicht die beyden comparata als zwey ſubſtantiua leicht zuſammen geſetzt werden, und daß auch in dem gleichniſſe ſelbſt, auf der ſeite des termini improprii nichts wiederſpre - chendes ſey, endlich daß es nicht uͤber das ter - tium extendiret werde.

  • Z. e. Den todt nenne ich: Einen ſchlaf: das grab: Eine ruhekammer, die ſuͤnde: Eine giftige ſchlange. Die neidiſchen gelehrten vergleiche ich mit bettlern, da immer einer ſcheel ſiebet, wann der andre vor der thuͤr ſte - het. Geſchencke heiſſe ich guͤldne hauptſchluͤſ - ſel, ꝛc. Der donner des goͤttlichen worts, geht noch an, ingleichen: Die ſtrahlen des Gluͤcks; die ſonne der gerechtigkeit; aber: Die butter des verſtandes; der puffer des vater unſers; nimm als ein loͤwe deinen don - nerkeil; die diamantnen ſchloͤſſer des himmels; ich kan mit meinem ſchaafe der gedult, dem ſchlaͤchter des ſchickſaals nicht entgehen; ꝛc. klingt laͤppiſch.

§. 19. Diſſimilia, oppoſita, repugnantia und dergleichen, fuͤhre ich an, wo zu beſorgen iſt, es moͤchte der zuhoͤrer oder leſer, etliche din - ge miteinander vermiſchen, oder ſich von ie - nem einbilden, was ich gerne wolte, daß er von dem andern dencken ſolte. Hier kan ich zu - gleich dieienigen erlaͤuterungen bey dem oppo - ſito ſelbſt anwenden, welche aus dem weſen deſſelben flieſſen und darzu oben §. 5. 6. 7. 8. 9. 10. anweiſung gegeben worden. Doch muß ich mich huͤten, daß mich die leute nicht bey der illuſtration ab oppoſito fuͤr einen paß - quillanten anſehen.

H 2Z. e.116von den erlaͤuterungs-gruͤnden.
  • Z. e. Jch ruͤhmte eine aufrichtge froͤimmigkeit, ſo koͤnte ich fuͤglich den heuchler abſchildern, wann ich alle die eigenſchaften fuͤrbildete, da - mit er ſich etwan verriethe: Z. e. ich ſagte: Man ſehe doch, wie der heuchler dort in der kirche an dem fenſter ſeiner capelle ſtehet, die haͤnde aufbehet und die augen verdrehet, wie er bier in ſeiner behauſung die fenſter oͤfnet, auf die knie faͤllt und gantze ſtunden betet, man hoͤre nur, wie er in geſellſchaft von tu - gend, von ehrlichkeit, froͤmmigkeit und der - gleichen unvergleichlich wohl zu reden weiß, man erwege, wie er allenthalben, merckmahle ſeiner ſelbſtverlaͤugnung geben will, er iſſet und trincket ſich nicht ſatt, er traͤgt einen kahlen abgenutzten rock, er ſpielet weder l’om - bre, noch rommelpiquet, noch baſſette, er will kein frauens-menſch anſehen, er gebt zu kei - nem ſchmauſe, iſt der muſick ſpinnefeind, hielt es fuͤr todtſuͤnde, wann er einmahl dem frauenzimmer ein ſtaͤndgen bringen ſolte, ꝛc. Dieß alles iſt nicht ſo ſchlechthin zuverwerf - fen: Aber nun wollen wir ihn auch auf der an - dern ſeite beleuchtẽ, wie ſieht es in ſeinem her - tzen, ia nur in ſeiner kammer und haußhaltung aus? Seine arme frau und kinder muͤſſen covent trincken, wann er ſo lange krnmme griffe macht, als ihn die leute mit bouteillen wein beſchencken, welche er ins geheim nicht ſo wohl ſeines ſchwachen magens als vielmehr des guten geſchmacks wegen, ohne iemandes geſundheit zu trincken ausleeret, ſein geſinde bringt er ums verdiente lohn und brodt, wann der laquais keinen kuppler abgeben und die magd aus furcht fuͤr einer fruͤhzeitigen ver - mehrung des menſchlichen geſchlechts, nicht mehr in ſeiner anweſenheit ſein ſchlafgemach betreten will, insgeheim redet er von allenleu -117von den erlaͤuterungs-gruͤnden. leuten boͤſes, zumahl wann ihm in ſeinen ta - backs-collegiis, die vertraulichkeit und gleich - heit der gegenwaͤrtigen die zunge loͤſet, und der arme ſuͤnder, den er ſchwartz zu machen allerhand farben bey bringet, keine zeit und gelegenheit zur verantwortung finden kan, er ſucht alle durch allerhand raͤncke ums ih - rige zu bringen, weltzt ſich wie Caligula in den alten thalern, ꝛc. Auf die weiſe moͤchte etwan dasbild eines ſolchen heuchlers entworf - fen ſeyn. Wolte ich nun gar kleider und woh - nung zugleich mit beſchreiben und haͤtte wohl gar iemand in gedancken, den ich abſchilderte, ſo koͤnte freylich mein conterfait ſo gerathen, daß es einem paßquill aͤhnlich ſaͤhe, (Z. e jener pa - ſtor ſagte: Jch will ihn nicht nennen, ihr kennt ihn alle wohl, vor acht tagen fiel ihm der backofen ein.) Zumahl wann ich zu einer zeit und an einem ort lebte, vbi difficile eſt ſaty - ram non ſcribere. Juuenal.

§. 20. Die argumenta illuſtrantia haben groſſe gewalt und oͤfters groͤſſere als die pro - bantia ſelbſt, nachdem der zuhoͤrer nemlich mehr duꝛch die phantaſie, als gruͤndliche ſchluͤſſe zu convinciren. Dañenhero hat man ſorgfaͤltig dahin zu ſehen, daß man nicht der wahrheit zum nachtheil ſelbige anbringe, oder der tugend und honnetete damit ſchade, hingegen den la - ſtern und unwahrheiten den weg bahne.

  • Man kan durch die illuſtrantia eine ſache laͤcher - lich, abiect, heßlich, aber auch praͤchtig, ernſt - hafftig, ſchoͤn und angenehm machen, ſie mag an und fuͤr ſich ſeyn, wie ſie will, wie leicht iſt es alſo, daß ein waͤſcher dieſe farben verſetze und dem zuhoͤrer oder leſer ein blendwerck fuͤrmache,H 3den118von den erlaͤuterungs-gruͤnden. den guten geſchmack verderbe und den willen verkehre. Dannenhero einem vernuͤnfti - gen leſer oder zuhoͤrer, die ſache allezeit ſuſpect wird, wo er merckt, daß man es mehr auf illu - ſtrantia, als gruͤndlichkeit ankommen laſſe. conf. Clerici diſſ. de argumento ab inuidia ducto welche in ſeiner Philoſophie, gleich nach der Logick geſetzt, Hl. Lic. Jaͤnichen hat des Clerici Philoſophie, wie bekannt, mit einer netten vorrede, von dem leben dieſes Philoſophen, herausgegeben, Leipzig, 1710. 8.

§. 21. Die klugheit erfodert hiebey, daß ich zufoͤrderſt ſehe, ob die ſache auch wolle illu - ſtriret ſeyn oder nicht, hernach daß ich mich nach einem guten vorratha) von dieſer art ar - gumentis umſehe und aus demſelben nach be - ſchaffenheit derſelben, nach den begriffen und neigungen meines zuhoͤrers oder leſers illu - ſtꝛantia ausſuche, und ob ſie ſich zu meiner diſpo - ſition ſchicken, erwege. Alſo muͤſſen ſie nicht gar zu unbekannt, weithergeholet, gezwungen, verhaſt, obſcoͤn, dunckel, zweydeutig, laͤppiſch gar zu bekannt, und ſonſt meinen abſichten zu - wieder ſeyn, nicht ungegruͤndete, aͤrgerliche, uͤbele, gedancken zugleich mit rege machen, nicht zu weitlaͤuftig, in gar zu groſſer menge, und gar zu ſehr gekuͤnſtelt, oder am unrechten ort, z. e. praͤchtige bey ſchlechten dingen, oder umgekehrt, angebracht werden,b) hingegen unter ſich ſelbſt, mit der ſache, und allen ihren umſtaͤnden in guter harmonie ſtehen, welches alles denn, wegen vieler dabey fuͤrfallenden umſtaͤnde, nicht eigentlich kan determiniretwer -119von den erlaͤuterungs-gruͤnden. werden, ſondern einer geſchickten anfuͤhrung fleißigen uͤbung, und eignem nachſinnen zu uͤberlaſſen.

a)Wo man hier fragen muß: Woher nehmen wir brod in der wuͤſten? Da ſiehet es um einen redner gefaͤhrlich aus. Und wann mich iemand fruͤge, woraus er ſeine illuſtrantia hernehmen muͤſſe, ſo wuͤrde mir ſelbſt bange werden. Zwar bey denenienigen illuſtrantibus, welche aus dem weſen der ſache flieſſen, giebt es keine ſchwierigkeit, hingegen bey denen andern wel - che auſſer dem weſen der ſache ſind, ſetzet es um ſo viel groͤſſere. Auf die Theatra, Gradus ad Parnaſſum, Specula, Polyantheas, Florilegia, Flores, Arcana, Lexica, Nucleos, Seminaria, Bibliothe - cas, Bellaria. Polymathias, Officinas, Horas ſucci - ſiuas, Memorabilia, Collectanea, Amphitheatra, Aurifodinas, Theſauros, Recueils, Memoires, Di - uerſitez curieuſes, Oeures melés, Luſthaͤuſer, Rei - ſe beſchreibungen, Schatz-meiſter, die in Ana und dergleichen Locorum Communium ſcripto - res, moͤchte ich nicht alle leute gerne weiſen, der geſchmack iſt nicht bey allen einerley und der verſtand vielweniger. Daß ich doch etwas ſage, ſo rathe ich: Man nehme teſtimonia aus ſolchen auctoribus, die dem zuhoͤrer gefallen; exempel von guten ſachen, aus der neuen, von boͤſen, aus der alten Hiſtorie, oder mit einem wort, aus der Hiſtorie uͤberhaupt; ſimilia ins - beſondere, aus dem reich der natur und zwar lieber aus der Europaͤiſchen hiſtoria naturali, als aus der Aſiatiſchen Africaniſchen und Ame - ricaniſchen welt; alle mit einander aus ſeinen eigenen, mit iudicio geſamleten excerpten.
a)
b)Riemers luſtiger redner, zeiget in einigen ex - empeln, wie laͤcherlich es ſey, wann man hierwie -H 4der120von bewegungs-gruͤnden. der verſtoſſe. Doch kriegt man auch wohl noch alle tage in predigten, parentationibus, und complimenten der leute, gnug von ſolchen oratoriſchen ſchnitzern zu hoͤren, deswegen ich hier das papier nicht damit verderben will.
b)

Das fuͤnfte capitel, von bewegungs-gruͤnden.

Jnhalt.

WAs argumenta pathetica ſeyn? §. 1. Wie ſel - bige eingetheilet werden? §. 2. Was conci - liantia ſeyn? §. 3. Wie vielerley dieſelben? §. 4. Wodurch ſich der redner beliebt mache? §. 5. Wo - durch er ſich in auctoritaͤt ſetze? §. 6. Wodurch er die attention des zuhoͤrers erhalte? §. 7. Was die regeln der klugheit bey anbringung dieſer argumento - rum erfodern? §. 8. Was eigentlich commoventia ſeyn? §. 9. Wie vielerley dieſelben? §. 10. Wie denen geldgeitzigen beyzukommen? §. 11. Denen ehrgeitzigen? §. 12. Denen wolluͤſtigen? §. 13. Denen gemiſchten temperamenten? §. 14. Wie die affecten rege zu machen? §. 15. Wie ſie fuͤrzuſtel - len? §. 16. Wie ſie zu unterdruͤcken? §. 17. Wie die pathetica probantia und illuſtrantia mit einander zu verbinden? §. 18. Was hierbey den regeln der honetete, §. 19. und den regeln der klugheit gemaͤß? §. 20. Vollkommene Topic oder fuͤrſtellung aller argumentorum §. 21.

§. 1. OBige arten von argumentis, gehen nicht directe auf den willen, ſondern vielmehr auf die einrichtung des ver - ſtandes und deſſen uͤberzeugung. Dieienigen aber, womit man bemuͤhet iſt, ſich der neigun -gen121von bewegungs-gruͤnden. gen des zuhoͤrers oder leſers, bey ſolchen ſachen, die in die uͤbung muͤſſen gebracht werden, zu be - meiſtern, heiſſet man ins beſondere argumen - ta commoventia, oder beſſer: pathetica, be - wegungs-gruͤnde.

  • Judicioͤſe leute bewege ich mit gruͤndlichen ſchluͤſ: ſen, ingenioͤſe mit artigen gleichniſſen und aller - hand beſondern einfaͤllen, memorialiſche leute mit zeugniſſen und exempeln, aber wann ich ſchon auf ſolche weiſe den verſtand gefuͤllet mit vielen wiſſen, ſo fehlet es doch dieſem niemahls an ausfluͤchten, welche ihm, die uͤble einrichtung des willens gegen den verſtand, an die hand giebt. Alſo heiſt es bey ſolchen: video meliora proboque, deteriora ſequor. Dannenhero muß ich auch die neigungen des willens attaquiren, und alſo den gantzen menſchen in bewegung ſetzen, wann ich ein obiectum patheticum habe, da es darauf ankommt, daß es der leſer oder zu - hoͤrer in die uͤbung bringe.

§. 2. Hier zeiget ſich alſo die rechte kunſt zu uͤberreden,a) und dieſe fuͤhret mich auf die - ienigen gruͤnde, wodurch theils die perſon des redners dem zuhoͤrer angenehm gemachet, theils die ſache demſelben nach ſeinen haupt - neigungen, appetitlich fuͤrgelegt wird, theils aber auch allerhand regungen des willens, zum vortheil des redners, aufgebracht und einge - richtet werden.

a)Deßwegen unterſcheidet billich Lami, l’art de parler, oder die kunſt zu reden, von l’art de per - ſuader, oder der kunſt zu uͤberreden.
a)

§. 3. Die gruͤnde, wodurch der redner ſei - ne perſon dem zuhoͤrer angenehm macht, heiſſenH 5ar -122von bewegungs-gruͤnden. argumenta conciliantia. Sie ſind von nicht geringer wichtigkeit, doch darf man nicht den - cken, daß ſie einem lebens-regeln fuͤrſchreiben, wodurch man die gewogenheit der leute in ſei - ner auffuͤhrung an ſich ziehe ſolle, ſondern ſie ge - ben nur mittel an die hand, wie man im reden den leuten gefallen koͤnne, worauf bey der kunſt zu uͤberreden alles ankommt.

  • Sie koͤnten zwar von einem ieden, aus den regeln der klugheit ſelbſt, hergeholet werden, doch wird auch niemand boͤſe ſeyn, wann ich ihn der muͤhe uͤberhebe, zumahl da dieſe maximen, durch die gantze beredſamkeit, ihren nutzen erſtrecken.

§. 4. Wer alſo im reden gefallen will, muß auf die beſchaffenheit derer, die ihn hoͤren, ſon - derlich ſein abſehen richten, da fehlt es denen zuhoͤrern bald an liebe und vertrauen, wenn ſie zumahl geldgeitzig ſind, bald an hochachtung gegen ihm, wann ſie ehrgeitzig, bald aber an aufmerckſamkeit, wañ ſie wolluͤſtig und flatter - haftig, und alſo muß er ſich um ihre gewogen - heit, hochachtung und aufmerckſamkeit, moͤglichſten fleiſſes bewerben.

§. 5. Die gewogenheit des zuhoͤrers ge - winnet man, wenn man auf eine ungezwun - gene und anſtaͤndige art, dem zuhoͤrer ſagt, was er gerne hoͤret; ihn ohne verdaͤchtige complimente lobet; ſich ohne niedertraͤchtig - keit ihm weit nachſetzet: ſich allezeit ſo fuͤr - ſtellet, daß ſich der zuhoͤrer einen begrif von uns mache, wie man eine aufrichtige liebe zu ihm habe; ſehr honnet ſey; ſich der wohlfarth desgemei -123von bewegungs-gruͤnden. gemeinen weſens, dem nutzen des zuhoͤrers, dem intereſſe unſchuldiger mitleidens-wuͤrdi - ger perſonen, ohne eigennutz aufopfere; die falſchheit haſſe; die aufrichtigkeit hochhalte, und ſich derſelben befleißige; wenn man alle ruhmraͤthige, ſatyriſche einfaͤlle und invectiven in den zuhoͤrer meidet; ſich nicht leicht uͤber et - was moquiret, oder wann man etwas tadelt, es in ſehr frembden exempeln thut, oder in prima perſona plurali redet; wenn man die wiedrigen gedancken des auditoris unver - merckt beſtreitet; niemahls der orthodoxie und recepten doctrin zu nahe tritt; dem audi - tori nicht offentlich wiederſpricht; die ſache feinem eignen urtheil uͤberlaͤſt; ſolche illuſtran - tia anfuͤhret und lobet, die dem auditori ge - fallen; ſich ſo viel moͤglich mit demſelben ſym - pathiſiret; alles nach deſſen geſchmack und begrif einrichtet ꝛc.

  • Uberhaupt ſind die leute denenienigen gut, die ih - nen gefallen, und es gefallen tugend, weißheit, vernuͤnftige ſchluͤſſe, an dem redner oͤfters nur wenigen, und dieſen darff man keinen wind vor - machen. Hingegen gefaͤllet uns, was nach unſern geſchmack und neigungen eingerichtet iſt, alſo muß ein redner den zuhoͤrer recht ausſtudie - ren, wenn er deſſelben liebe erhalten will, damit er ſich mit demſelben ſympathiſiren koͤnne und durch eine lebhaft angenommene gleichheit, die der grund aller liebe iſt, ſich bey ihm inſinuire. Zwar iſt die natuͤrliche ſympathie ſtaͤrcker als die gemachte, datur etiam hic felicitas, mancher bekuͤmmert ſich wenig oder nichts um die gewo - genheit der leute und bekommt ſie am erſten,ein124von bewegungs-gruͤnden. ein ander arbeitet ſich daruͤber zu tode, und doch ſagen die leute, er verſtehe die kunſt nicht Deſe faire aimer. Allein kan man doch falſch gold und ſilber machen, das dem wahrhaften aͤhnlich ſieht, und blinde halten es auch fuͤr aͤcht, die ſe - henden dencken es muͤſſe ſo und nicht anders ſeyn. Die ſache braucht keiner groſſen demon - ſtration, und auch keiner weitlaͤuftigen erlaͤu - terung.

§. 6. Sich in auctoritaͤt zu ſetzen, muß der redner gruͤndliche, iudicioͤſe, ſcharfſinnige, nuͤtz - liche dinge fuͤrbringen; zeigen daß Gott und goͤttliche dinge daran theil nehmen; der groͤſten leute meinung mit ſeiner uͤberein komme; daß man ſich dennoch nicht durch aberglauben und vorurtheile hinreiſſen laſſe; ſondern die warheit und tugend liebe, und auch zu ſeinem ſchaden verthaͤidige; da muß man alle gemeine, mit abiecten laͤcherlichen ideen, verbundene reden weglaſſen; keine laͤppiſche exempel, gleichniſſe, ſpielen in worten, eitle zierrathen einbringen; zuweilen von den gemeinen methoden abge - hen; an ſtatt der wege und affecten, die der auditor zu hoͤren meinet, andere erwehlen; von ſich und ſeinen meriten wenig, mit groſſer modeſtie, ohne oſtentation und affectation reden, und allezeit zu verſtehen geben, daß man bey dem zuhoͤrer mehr vermuthe; nicht mer - cken laſſen, daß man auctoritaͤt ſuche; doch aber zu keiner familiaritaͤt anlaß geben; ꝛc.

  • Die verwunderung und ihre mutter die unwiſſen - heit, der damit verwandte aberglaube, das vor - urtheil menſchlichen anſehens, der eigennutz, diealber -125von bewegungs-gruͤnden. alberne phantaſie der leute, haben fuͤr denen elendeſten dingen die groͤſte hochachtung. Das wiſſen geſcheute redner und verſtecken ſich alſo allezeit hinter ſolche vergroͤſſerungs-glaͤſer, aber es iſt nur ſchade, daß die windmacher mehren - theils gluͤcklicher damit umgehen koͤnnen, als die liebhaber der wahren weißheit. Sie rai - ſonniren von nichts als ſtaats imaximen, ſca - uoir-faire, politique, intrigues, denen geheim - ſten abſichten der Monarchen, ihren meſures, denen arcants politicis, ſtaats-fehlern der gantzẽ welt, ſo bewundern wir ſie als oracula pruden - tiae. Sie allegiren gantze dutzend auctores, miſchen Arabiſch und Malabariſch mit ein, reden von den cedern in orient biß an den yſſop in occident, mahlen uns die prieſter der Jſis wie ertzgebuͤrgiſche bergmaͤnner ab, beſchreiben uns die unterſchiedenen farben des ſteins der weiſen, bemuͤhen ſich unverſtaͤndlich zu ſprechen und neue wahrheiten zu erdencken, biß der ver - ſtand uͤberſchnapt, und ſo halten wir ſie fuͤr ge - lehrt. Sie haben nichts, als verlaͤugnung und unterdruͤckung der ſelbſt-liebe, creutzigung des fleiſches, Chriſtum in uns, inbrunſt des her - tzen s gegen das reich der kinder Gottes, eckel ge - gen die ſchaugeruͤchte des luͤſternden fleiſches, liebe zur tugend, auf der zungen, ſo glauben wir, ſie ſind fromm u. ſ. f. Wie wenig haben ſo ein ſcharffes geſicht, durch ſolche polyhedra oder vergroͤſſerungs-glaͤfer, das rechte und in gehoͤriger groͤſſe zu ſehen, wie wenig duͤrffen, wann ſie ia ſcharfſichtig ſind, davon muchſen, aber wie ſchwer haͤlt es, daß ein weiſer mit einer ſolchen gabe der unverſchamheit, maͤchtigen ge - ſchrey, verdrehung der augen und werffen der haͤnde, als denen windmachern naturell iſt, ſich noch dazu hinter einer ſolchen machine und in einen ſolchen raritaͤten-kaſten verſtecke, daß ihnder126von bewegungs-gruͤnden. der vornehme, gelehrte, reiche, und aller poͤbe[l]fuͤr was beſonderes halte.

§. 7. Aufmerckſamkeit erreget man bey dem zuhoͤrer, durch einen ordentlichen, deutli - chen, kurtzen, leichten, angenehmen fuͤrtrag; wann man erinnert, daß man wichtige ſachen zu proponiren habe, die des zuhoͤrers wohlfarth und intereſſe betreffen: daß man rechte ge - heimniſſe, kunſtgriffe, res momentoſas, die man ſonſt nicht ſo gemein mache, fuͤrbringen wolle; wenn man ſeine ſachen in bildern gleichniſſen, exempeln, argutien, ungewoͤhn - lichen figuren, wuͤnſchen, bitten einſchlieſt; wann man gleichſam die gedancken des zuhoͤ - rers aufſuchet, ſelbige zu errathen meinet, zweiffelhaftig machet; die rede auf gantz ſpe - cielle umſtaͤnde fuͤhret, die der zuhoͤrer nicht leicht vermuthet; alſo nicht zu ſubtile, weither - geholte weitlaͤuftige, dunckele, verworrene, mit limitationibus, propoſitionibus incidentibus, digreßionibus diſtrahirte ſachen, fuͤrtraͤgt; noch einen ſchlaͤffrigen ſtilum und fuͤrtrag gebrau - chet ꝛc.

  • Es kommt hier am meiſten darauf an, daß man den zuhoͤrer curioͤs macht. Bey den windma - chern heiſt es hernach zuletzt: coruos deluſit hi - antes, et mundus vult decipi. Schuppius hat die fehler, welche hiebey fuͤrgehen, in etlichen reden artig fuͤrgeſtellet. Hl. Hoffrath Mencke hat ebenfalls die marcktſchreyerey der gelehrten hiebey, und Lilienthal in ſeinem Machiauelli - ſmo litterario recht artig abgeſchildert. Ein vernuͤnftiger redner kan, bey dem verderbtenge127von bewegungs-gruͤnden. geſchmack der welt, dergleichen faſt nicht um - gang haben.

§. 8. Die regeln der klugheit erfodern, daß man angefuͤhrte argumenta mit unterſchied und nicht an dem unrechten ort anbringe. Denen geldgeitzigen fehlt es uͤberhaupt an der menſchenliebe, alſo muß man ſich wohl etwas muͤhe geben ihre gewogenheit zu gewinnen, und eben dieſe muß man zu erhalten ſuchen, bey leuten, welche etwa wieder unſern fuͤrtrag, durch allerhand vorurtheile moͤchten einge - nommen ſeyn, oder wo unſre perſon und ſache vielleicht etwas an ſich haͤtte, daß der phan - taſie und dem affect des zuhoͤrers unangenehm fuͤrkommen koͤnte. Ehrgeitzige, hohe, einge - bildete gemuͤther, entziehen leicht allen ihre hochachtung, weil ſie zu viel fuͤr ſich ſelbſt ha - ben muͤſſen, alſo muß man bey dieſen ſchon mehr fleiß anwenden, bey ihnen eſtimiret zu werden, wenn ſie zumahl ſich nichts ſonderli - ches verſpraͤchen von dem redner, da er ihnen unbekannt, unerfahren, furchtſam, iung und uͤbel beruͤchtiget fuͤrkaͤme, oder wann dieſache, dem erſten anſehen nach, von geringer wichtig - keit ſchiene. Wolluͤſtige leute ſind wie Soſia beym Terentio: amis de tout le monde, und gehen auch mit ihrem eſtim ſehr verſchwende - riſch um, aber flatterhaftig ſind ſie, alſo daͤch - te ich, man haͤtte wohl urſach, ihren mercurium zu figiren, und ſie attent zu machen. Eben dieſes iſt auch noͤthig, wann der zuhoͤrer die ſa -che128von bewegungs-gruͤnden. che fuͤr bekannt, obſcur, unnuͤtze, ihm contrair, anſiehet, oder wann ſie an ſich etwas trocken und ernſthaft iſt. Doch muß man bey allen, ſich nicht mercken laſſen, wie man eben ihre ge - wogenheit oder hochachtung oder aufmerck - ſamkeit, durch ſolche griffe zu gewinnen ſuche.

  • Jch werde vielleicht einigen bey dieſer art von ar - gumentis zu wenig, einigen zu viel geſaget ha - ben, alleine ich habe von anfang, dieſer leute ihre gedancken vorausgeſehen, und alſo geſucht es beyden recht zu machen, daruͤber bin ich auf die mittelſtraſſe gerathen, damit ich nemlich von keinem zu weit abkaͤme. Juzwiſchen iſt nicht meine meinung, als ob ein redner, alles was ich geſetzt, ſchlechthin anbringen muͤſſe, auch nicht, daß er auſſer dem, was ich beyge - bracht, nicht noch etwas anders und vielleicht beſſers ausſinnen koͤnne. Sondern wir verſi - ren hier in den regeln der klugheit, da niemahls keine gantz univerſelle, aber auch keine gar zu ſpecielle regel kan gegeben werden, und doch gute erinnerungen nicht ſchaden koͤnnen. Man ſchlage die auctores, welche von der erfindung geſchrieben, hiebey nach, aber man ſtudire auch dabey die erkaͤnntniß der welt, aus der Moral und erfahrung.

§. 9. Mit dieſen argumentis haben die ei - gentlich ſo genannten com̃oventia, eine genaue verwandſchaft, vermittelſt welcher man den zuhoͤrer zu uͤberreden bemuͤhet iſt, daß die ſache nicht nur an ſich ſelbſt gut und ſo beſchaffen ſey, wie ſie der zuhoͤrer wuͤnſchet, ſondern daß ſie auch ins beſondere, dem zuhoͤrer zutraͤglich ſey. Dabey man alſo die aͤuſſerſte kraft zugebrau -chen,129von bewegungs-gruͤnden. chen, ſich der neigungen des zuhoͤrers zu be - maͤchtigen, und ſeinen willen zu annehmung und ausuͤbung der fuͤrgetragenen wahrheit, ohne ſchwierigkeit zu diſponiren.

§. 10. Der menſch hat drey bona abſoluta und dabey ſonderlich drey bona reſpectiua, da denn dieſe zwar aus ienen entſtanden, aber doch verſtand und willen mehr occupiren als iene, und alſo drey hauptneigungen zeugen nemlich geldgeitz, ehrgeitz, wolluſt. a)Will der redner nun auch ſeine ſache dem auditori angenehm machen, und ihn zur ausuͤbung der fuͤrgetragenen wahrheit uͤberreden, ſo muß er hauptſaͤchlich ſuchen zu zeigen, daß ſein fuͤr - trag, zu erhaltung derer neben - und ſchein-guͤ - ter diene. Dannenhero ſich hier dreyerley gruͤnde dem redner darbieten, welche mit et - was ſchwanckenden concepten, die argumen - ta ab utili, honeſto, und iucundo, genennet werden. b)

a)S. Thomaſii Ausuͤbung der Sittenlehre. Ridigeri Philoſ. pragm. oder Inſtitutiones erudi - tionis p. 606. ſqq inſonderheit p. 706. ſqq. allwo er zugleich des G[r]acians maximen diſponiret, die man denn ebenfalls hiebey nachleſen mag - Jch weiß wohl, daß mancher ſich eingebildet, er ſey ein Hercules, wann er dieſen dreyleibich - ten Geryoni, einen kampf angeboten, allein dieſer regieret biß dato noch immer die bemuͤ - hungen der menſchen, man mag von ihm glau - ben was man will, und ihn durch einen tubum caͤleſtem oder terreſtrem anſehen. Denen zu - gefallen die ihn fuͤr eine chimaͤre halten, will ichJhier130von bewegungs-gruͤnden. hier, mit groſſem reverentz fuͤr ihre meinung, ſagen, ich wolle verſuchen ob ich auch aus fal - ſchen ſaͤtzen koͤnne nuͤtzliche wahrheiten ſchlieſ - ſen.
a)
b)Hiezu ſetzen einige noch argumenta a facili und neceſſario, aber ſie koͤnnen leicht zu denen ange - fuͤhrten dreyen referiret werden, zugeſchweigen daß man keine gruͤndliche urſach angeben kan, warum man ſie als beſondere membra dividen - tia anſehen wolle.
b)

§. 11. Denen geldgeitzigen ſagt man: es ſey eine rechte profitable ſache; man koͤnne ſich da - bey etwas machen; ſie ſey gewiß zu erhalten; ohne die geringſten koſten; von treflicher dauer; mit Gottes ſeegen verknuͤpft; fodere nichts als arbeit; man koͤñe dabey ſeinen neidern und fein - den trotz bieten; ſich uͤber den wind der ehrgei - tzigen und wolluͤſtigen moquiren; es waͤren viel gute anzeigungeu dabey, daß es gluͤcklich, gehen werde; es ziehe viele vortheile nach ſich; man werde alt, ſtarck, begluͤckt, vermoͤgend dabey, ohne anderer leute danck, indem man ſich auf die weiſe zugleich formidable mache; ꝛc.

  • Thomaſius im Recht Evangeliſcher fuͤrſten ſagt: Es ſind keine aͤrgere tadeler, als die geitzigen, obngeachtet ſie unter den boͤſen leu - ren die aͤrgſten ſind. Deſto mehr hat man ſich muͤhe zu geben ihnen beyzukommen, und noch dazu ſie mit worten wozu zu bringen. Es wird aber leichte werden, wann man ihre ge - muͤths-beſchaffenheit recht ergruͤndet und ſo dann ihrem geld-hunger, argwohn, menage, furcht, neid, aberglauben, mangel des iudicii, gemaͤß redet. Dabey hat man einen unter - ſchied unter denen geldgeitzigen zu machen inanſe131von bewegungs-gruͤnden. anſehung ihres ſtandes, erfahrung, mittel, de - rer ſie ſich bedienen und ſ. f. a.

§. 12. Den ehrgeitzigen ſchwatzt man vom honeſto fuͤr; daß ſie auf ſolche art, falls ſie unſern fuͤrſtellungen gehoͤr geben, andern ei - nen concept ihrer gottesfurcht, honnettete, klugheit, und daher beſondere veneration fuͤr ſie, inſpiriren wuͤrden; daß es allezeit ein zei - chen von etwas groſſem ſey, ſo ſie verewige; bey allen in guten andencken ſetze; nur etwas geld koſte und ſolches doch reichlich wieder einbrin - ge; vieler anderer bemuͤhung uͤbertreffe; ſie formidable und angeſehen mache; bloß ihren verdienſten, hertzhaftigkeit, geſchicklichkeit, con - duite, wiſſenſchaft ꝛc. zugeſchrieben werde; ꝛc.

  • Hiebey muß man, ebenfalls, auf die abſichten eines ehrgeitzigen, und die unterſchiedenen ar - ten der ehrgeitzigen, ſeine gedancken und gruͤn - de richten.

§. 13. Denen wolluͤſtigen redet man von lauter delicaten, charmanten, angenehmen, ſuͤſſen ſachen fuͤr; wie unſer obiectum leib und gemuͤth ergoͤtze; alle ſinnen vergnuͤge; uns beliebt, galant, geſund, immer friſch, ſtarck, ſchoͤn, biß zu einem hohen alter, ohne muͤhe ar - beit und ſorgen, in ruhe und frieden erhalte; uns viel freunde mache; uns in den ſtand ſetze unſern endzweck zu erhalten auf allerhand wei - ſe, ohne die geringſte ſchwierigkeit; uns zu di - vertiren; andern armen leuten zu dienen; danckbar zu ſeyn; in allerhand angenehme converſation zu kommen; ꝛc.

J 2Alles132von bewegungs-gruͤnden.
  • Alles dieſes und noch viel mehrers, giebt mir die betrachtung des wolluͤſtigen an die hand, wenn ich die unterſchiedenen abſichten und arten deſſelben unterſuche, und darnach zu reden mich bemuͤhe.

§. 14. Zuweilen habe ich mit einem men - ſchen zu thun, der ſelbſt nicht weiß, was er will, oder der ein gemiſchtes temperament hat. Zu - weilen aber ſoll ich an eine gantze verſamm - lung reden, da faſt ein ieder anders geſinnet, als der andre. Jn dem erſten fall muß ich die miſchung des temperaments, vor allen dingen, durch die moraliſche wahrſcheinlichkeit heraus - gebracht haben, und denn nach beſchaffenheit derſelben, aus obigen fontibus argumenta her - aus ſuchen. a)Jn dem andern fall, ſehe ich, was fuͤr ein affect unter den auditoribus her - ſche, und welchen die meiſten zugethan, da ich mich dann leichte auch im reden, nach ſolchen richten kan. b)

a)Z. e. Es herſchet bey einem nur eine neigung, bey dem andern zwey, bey dem dritten gar alle drey. Bey dem erſten alſo, rede ich nach dem herſchenden affect, oder wann die ſache demſel - ben zuwieder, ſo ſuche ich die beyden neben-affe - cten wieder den haupt-affect zu reitzen; bey den letzten beyden, ſuche ich die argumenta fuͤr an - dern auf, welche einige verbuͤndniß mit einan - der haben, und alſo der miſchung des affects gleich kommen. Dabey erinnere mich der arti - gen benennung, welche ein ſcharfſinniger kopf, denen temperamenten beylegte, da er einen men - ſchen von ſchwachen affecten oder einen phleg - maticum einen limax, einen geldgeitzigen ei -nen133von bewegungs-gruͤnden. nen harpax einen ehrgeitzigen einen feuerfax, und einen wolluͤſtigen einen flirax nennete einen menſchen aber, wo alle drey haupt-affe - cten in groſſer kraft, raſeten, mit dem nahmen des fuͤnften temperaments, nemlich eines ge - ſchoſſenen bechrete. Und ich geſtehe, daß bey dieſer letzteren art leute, man faſt an der kraft der beredſamkeit deſperiren moͤchte.
a)
b)Das wiſſen unſere diſputier-meiſter und ſonſt die windmacher wohl zu practiciren. Denn wann ſie mit einem hauffen ſtudenten zu thun haben, ſo erwegen ſie leicht, daß die meiſten ſtu - denten wolluͤſtig ſeyn, und alſo reden ſie ihnen auch lauter ſolche artige einfaͤlle und angeneh - me ſachen fuͤr, daß ſie ohnſchwer den andern, mit allen ſeinen neuen wahrheiten zum gelaͤch - ter machen, und das praͤ behalten.
b)

§. 15. Aus den benannten haupt-affecten entſpringen allerhand neben-affecten und re - gungen des willens, deren natur und beſchaf - fenheit aus der Moral und erfahrung man ſich bekannt zu machen. Jm reden iſt es noͤthig ſelbige entweder rege zu machen oder fuͤrzuſt el - len oder zu unterdrucken. Jeden affect re ge zu machen, muß man uͤberlegen, ſeine Morali - ſche und Phyſicaliſche beſchaffenheit, wie er ſich zu unſerer ſache und uͤbrigen umſtaͤnden ſchicke, ins beſondere, wie ſich der zuhoͤrer dazu diſponiret befinde; nachgehends ſucht man nicht eben allemahl grade auf den affect durch - zudringen, und ihn zu erregen, ſondern man macht ſich etwan zufoͤrderſt an die mit ihm ver - bundene neben-affecten; man ſucht den zuhoͤ - rer immer bey der ſache zu erhalten, ſeiner auf -J 3merck -134von bewegungs-gruͤndenmerckſamkeit ſich zu verſichern; den verſtand, von deſſen fuͤrſtellung die regungen des willens zum oͤftern, wo nicht allemahl dependiren, mit bildern nach unſern abſichten zu occupiren; in den willen den affect ſelbſt lebhaft anzuneh - men; hernach durch den ausdruck aller ſeiner eigenſchaften lebhaft und nachdruͤcklich fuͤr - zuſtellen; man miſcht allerhand contraire af - fecten, daß ſie untereinander geſchwaͤcht und wir meiſter werden; dabey laͤſt man den ange - nommenen affect ſelbſt reden, der ſich durch al - lerhand ausdruckungen ohne zwang in der re - de von ſelbſten zeiget, welche manieren man hernachmahls figuren nennet.

  • Conf. Hl. Langens E. z. O. I. p. 50. ſqq. G, I. Voſſii partitiones oratorias lib. II. Vinc. Placcii promptuarium affectuum. Schroͤters Ora - torie p. II. Cap. XII. Weiſens politiſcher red - ner im cap. von den affecten.

§. 16. Weil hierbey das meiſte darauf an - kommt, daß man den affect lebhaft fuͤrſtelle, und alſo durch die einbildung in das gemuͤth des zuhoͤrers wuͤrcke, ſo muß man wohl uͤber - legen, worinn der grund des affects beſtehe, was er fuͤr regungen und kennzeichen habe und in was fuͤr ordnung dieſe kennzeichen zum vor - ſchein kommen. Wenn man nun den affect in ſeiner ſeele angenommen, und den ſtrichen, die der affect fuͤrgezeichnet, auch in ſeinem aus - druck folget, ſich dabey der obenangefuͤhrten il - luſtrationen, aus dem weſen der ſache bedienet, und den affect nach ſeinen manieren reden laͤſt,alles135von bewegungs-gruͤnden. alles aber, was ſich zu dem affect nicht ſchickt, verſchweiget, oder ihm eine andere farbe giebt, ſo kan es nicht anders ſeyn, man muß den af - fect nette und lebhaft fuͤrſtellen koͤnnen.

  • Conf. Morhoffii Polyh. l. III. VIIII. 16. ſqq. 32. ſqq. allw[o]er auctores, die von denen caracteribus der affecten geſchrieben, anfuͤhret. Die Poeten und Mahler ſind in der fuͤrſtellung der affecten meiſter, daher Laurentius le Bruͤn in ſeinen Locis communibus eloquentiae poëticae lib. VII - und Carl le Bruͤn in ſeinem Differens caracteres des paſſions: beyden zu dienen bemuͤhet geweſen. Vielleicht findet man unter denen, die Hl. Stol - le in der hiſt. der gelahrh. III. IIII. p. 135. ſqq. beybringet, auch welche, die hiezu anleitung geben. Das beſte buch iſt hier der lebendige menſch, und die beſten regeln und exempel laſ - ſen ſich eher muͤndlich geben und in der that practiciren, als in todten buchſtaben auf dem papier entwerffen. Was die figuren anbe - trift, deren ich hier erwehnung thue, ſo hat Lami dans l art de parler, am beſten davon worte gemacht, unten werde ich etwas davon gedencken, wo ich von der expreßion des affects in worten handele.

§. 17. Den affect bey einem zuhoͤrer zu un - terdruͤcken, kommt es darauf an, daß man das obiectum, darauf er gerichtet und gegruͤndet, unvermerckt mit andern gruͤnden, in dem ge - muͤthe des zuhoͤrers fuͤrſtelle, anfaͤnglich ihn nur etwan zweiffelhaft und argwoͤhniſch mache, hernach ſeine aufmerckſamkeit immer mehr auf die ſchlimme ſeite des affects fuͤhre und hingegen bey der betrachtung der gutenJ 4ſei -136von bewegungs-gruͤnden. ſeite diſtrahire, zuweilen dem affect nachgebe, unter der hand zeige, wie er den fuͤrnehmſten abſichten des zuhoͤrers zuwieder, auf ſchlechten gruͤnden ruhe, ꝛc. Dabey man, was vorhin angefuͤhret, mit zu huͤlffe nehmen muß.

  • Sonſt hat man noch argumenta a turpi, damnoſo, moleſto, allein man darf nur das gegentheil von dem ſagen was §. 11. 12. 13. beygebracht, ſo hat man materie genung zum reden.

§. 18. Alle menſchen laſſen ſich vermittelſt ihrer affecten fuͤhren, wo man ſie hin haben will, ſie muͤſten dann zu einem groſſen grad der weißheit geſtiegen ſeyn, niemand aber will das anſehen haben, als wann er es ohne raiſon thue. Alſo da zumahl iedermann ſich einbil - det recht zu raiſonniren, muß man niemahls den affect attaquiren, ohne zugleich, inſon - derheit wo einige theorie noͤthig iſt, den ver - ſtand zugleich nach unſern abſichten zu diſpo - niren. Dieſemnach muͤſſen die argumenta probantia allezeit den grund legen, die illu ſtrantia ſonderlich die imagination und das gedaͤchtniß occupiren, und nachgehends die pa - thetica denen probantibus und illuſtrantibus den nachdruck geben. a)

a)Z. e. Auf die ſchoͤnheit ſoll man ſich nicht ver - laſſen: Argum. probans: Denn es iſt eine eitel - keit. Illuſtrans: Sie iſt ein duͤnnes glaß, ſo leicht in den fuͤrſichtigſten haͤnden zerbricht: Patheticum: Sie reitzet das hertze, blendet den verſtand, und wird mit furcht beſeſſen. Coniunctio omnium: Es iſt gewiß keine gerin - ge eitelkeit, wann man ſich auf den putz deraͤuſ -137von bewegungs-gruͤnden. aͤuſſerlichen ſchoͤnheit mit ſichern muthe ver - laſſen will: Denn dieſer iſt einem duͤnnen glaſe, welches auch in den fuͤrſichtigſten haͤn - den leicht zerbricht, billich zu vergleichen, und wird zwar mit einiger vergnuͤgung beſeſſen, hingegen mit vielfaͤltiger ſorgfalt gefahr und unruhe bewahret.
a)

§. 19. Weil man aber hierdurch, ſonderlich durch die pathetica, die kraͤfte des menſchen in bewegung ſetzet, ſo erfodert die gerechtigkeit, daß man niemals malhonnette abſichten habe, und wieder die wahrheit und tugend ſtreite, oder den auditorẽ ohne noth beunruhige. Man muß auch nicht zu weit gehen, ſondern ſich allezeit in denen ſchrancken halten, da man fuͤr uͤbeln fol - gerungen ſicher iſt, und alſo kan man die rege - machung und unterdruckung der affecten, als etwas indifferentes anſehen, welches, wofern wir honnette abſichten haben, allezeit unſerer freyen diſpoſition uͤberlaſſen wird.

§. 20. Die regeln der klugheit erfodern, daß man ſolche mittel, ſich der menſchen gemuͤ - ther zu bemaͤchtigen, ergreiffe, welche nicht ei - ne contraire wuͤrckung herfuͤrbringen, ſich im uͤbrigen aber zu den umſtaͤnden des auditoris, der ſache, und des redners ſchicken, auch in ih - rem aͤuſſerlichen ſchein, die approbation der honnetten welt erhalten koͤnnen.

  • Jch verſtehe unter der honnetten welt, nicht eben die welt, welche gold und ſilber auf den kleidern, federn auf den huͤten, weißheit und tugend in der einbildung traͤgt, in der that aber ſich den eitelkeiten aufopfert; vielweniger dieienigeJ 5welt,138von bewegungs-gruͤnden. welt, welche ſich darum fuͤr erſchaffen haͤlt, daß ſie gut eſſen und trincken und denen luͤſten nach - gehen koͤnne, oder welche anderntheils, den mam - mon im kaſten verehret und eine knickerichte und filtzichte conduite, fuͤr ein merckmahl der gott - ſeeligkeit annimmt, oder an ſtatt einer vernuͤnf - tigen beurtheilung der laſter, von der mediſance profeßion macht; ſondern dieienigen welche verſtehen und ausuͤben, was die Frantzoſen nen - nen: rendre iuſtice a chacun et faire honnetete a tout le monde.

§. 21. Hier wird man alſo verhoffentlich einen ſattſamen vorrath von argumentis zu - ſammen bringen, und wofern man nur ein we - nig iudicium practicum beſitzet, ohne vermi - ſchung und uͤbelſtand ſolchen vorrath anwen - den und nutzen koͤnnen. Da ich oben im 3. cap. §. 6. einer rechten topic erwehnung ge - than, ſo will ich hier zu einer vollkommenen to - pic, einen kurtzen entwurff geben, welcher zu - gleich eine wiederhohlung der abgehandelten materie ſeyn kan.

Und[139]

Und da alle argumenta, entweder probantia oder illuſtrantia oder pathetica ſeyn, ſo ſind ins be - ſondere wiederum nach dem dritten capitel:

Illu -[140]

Illuſtrantia ſind nach dem vierdten capitel entweder nominalia nuda oder (§. 4.) realia und dieſe ſind

Pathetica ſind nach dem fuͤnften capitel:

An -[141]

Anderer theil der Oratorie. Von dem ausdruck der gedancken.

Das erſte capitel, von dem ausdruck der gedancken uͤberhaupt.

Jnhalt.

Was ſich ausdrucken heiſſe? §. 1. Wie vielerley dieſes? §. 2. Vou der vulgairen expreßion, §. 3. Von der gelehrten elocution, §. 4. Von der formirung der rede, §. 5. Von den ſprachen, §. 6. Von den buchſtahen, §. 7. Von denen woͤrtern, § 8. Von denen ſaͤtzen, §. 9. Von denen periodis, §. 10. Von denen urſachen welche den ausdruck veraͤndern, §. 11. Von den allgemeinen ſprachrichter dem ge - brauch, §. 12. Von dem gemeinen gebrauch, §. 13. Von dem gelehrten gbrauch, §. 14. Von dem galan - ten gebrauch, §. 15. Von der verhaͤltniß der gedan - cken zu dem ausdruck, §. 16. Von dem ausdruck durch die tropos, §. 17. Von dem ausdruck der affe - cten durch die figuren, §. 18. Von denen vielerley arten der figuren und derſelben rechten gebrauch, § 19.

§. 1.142von dem ausdruck

ALles was in unſerm gemuͤthe fuͤrge - het, es moͤgen nun gedancken ſeyn, die wir im verſtande von einem ob - iecto faſſen, oder regungen, welche wir in un - ſerm willen dabey empfinden, koͤnnen wir durch ſinnliche zeichen, mit welchen die idee der ſache durch den gebrauch verknuͤpfet, und un - ter welchen ſie bekannt iſt, von uns geben und andern menſchen, mit denen wir umgehen, mittheilen. Wann wir auf dieſe weiſe nun bemuͤhet ſind, die in unſerm gemuͤthe entworf - fene bildungen, in das gemuͤth anderer einzu - praͤgen, ſo heiſt dann dieſes bey denen menſchen der ausdruck der gedancken. a)

a)Bey dieſem cap. ſ. Lami l art de parler & per - ſuader.
a)

§. 2. Da ſich alles unſerm verſtande durch aͤuſſerliche ſinnliche zeichen darſtellet, und durch ſelbige in uns gedancken und neigungen erreget, ſo koͤnnen wir auch alles, ſo bald uns nur ſolche ſinnliche zeichen bekannt werden, ausdrucken. Die gantze natur druckt ſich ſelbſt durch ſinnli - che zeichen aus und die mahlerey folgt ihrer art, durch nachmachung der an ihr befindlichen zei - chena) Die belebten creaturen, haben uͤber dieſes, ein vermoͤgen, durch ihre bewegung und einen beſondern laut, die ſinnliche zeichen der natur auszudrucken und auch die bey denen ſa - chen inihnen entſtandene ꝛegungen fuͤꝛzuſtellen. b)Der menſch hat endlich eine fuͤrtrefliche faͤ - higkeit, durch die ſtimme und rede, alle ſinnlichezei -143der gedancken. zeichen der natur, ſeine in ihm ſelbſt entſtandene wuͤrckungen des veꝛſtandes und willens, oͤffent - lich an den tag zu legen, und dieſe theilet ſich uͤberhaupt in expreßionem vulgarem und elo - cutionem eruditam.

a)Z. e. die natur zeigt durch ihre accidentia, was man von ihr dencken koͤnne, und ſo bald auch die - ſe accidentia unſere ſinne beruͤhren, verſtehen wir, was ſo zu reden die natur damit ſagen wol - le. die Mahlerey will am meiſten ſagen, wann ſie der natur am genaueſten nachgeht, hieher ge - hoͤren die bilderſchrifften, Rebusde Picardie, Ci - fre oder Gieroglifici Grammaticali, hernach die Hieroglyphica Aegyptiaca, Pöetica, ferner die Symbola, deviſen, emblemata, gedaͤchtniß - muͤntzen, ꝛc. welche alle mit einander als redende bilder anzuſehen. Von dieſen kan man nachſe - hen, Magni Daniel Omeiſens gruͤndliche an - leitung zur / Teutſchen accuraten Reim - und Dicht-kunſt p. 194. Harsdoͤrfern in den Ma - thematiſchen erquick-ſtunden Tom. II. P. XIIII. prop. VII. ingleichen in ſeinen geſpraͤch-ſpielen p. 178. die emblemata Alciati, Sambuci, Ca - merarii, Syucreoii, Boyshardi, Sauberti, Maſſenii, Paulini, Areſii, Barbarini, Bur - galii, Borgheſii, Boldoni, Bornitii, Cardu - ctii, Boxhornii, Ferri, Arnhemii, Dexele, Roͤ - ſeri, Scheflers, a Montenar, Weidling, Schiebel, Junii, Taurelli, Saavedraͤ, Bezaͤ, Reuſneri, Paradini, Heſii, Zinckgraͤfens, Picinelli, ꝛc. Menetrier in Philoſophia ima - ginum oder Sylloge Symbolorum, Amſterd. 1695. 8. Jacobi Typotii, Theſauri, Taͤegii, Balbini, Labbei, Oggerii, Jovii, Ruſcelli, Rittershuſii, Lymnaͤi, Seumii, Philothei, Geißlers, Tungers, Kitſchii, Henningii, Cau -ſini,144von dem ausdruckſini, a Ripa, Ebini, Wiedlers, Scrivers, Sanda[r]von Sanden Cordeſit, Urſini, ſym - boliſche buͤcher ſymbola und anweiſangen da - zu. Ferner Kircher de Hieroglyphicis Aegy - ptiorum, Pierium, Pererium, Monas, Harapolli - nem, Orum, Faſoldum, &c. Schaeuii Mythologi - am ex Natali Comite, Torrentino, Rauiſio, & ex Leonico Thomeo, Bocatio, Higyno, Alex. ab Ale - xandro, Polyaeno, Ammiano &c. auctam ſec. vice edidit M. Frider. Redtelius, Stetini. 1712. 12. con - fer. Omeiſens Mythologie die ſeiner oben angefuͤhrten dichtkunſt beygefuͤget, und Mor - hoffs Polyh. I. I. XXI. §. 59. ingleichen eben Morhoffs Polyh. I. IIII. II. und II. II. IIII, auch I. VII. I. 17.
a)
b)Die thiere haben ihre gewiſſe arten des lauts und bewegungen, dadurch ſie ſich exprimiren, die menſchen haben vocem articulatam, und koͤn - nen dieſe ſo wohl als ihre bewegungen, gar un - zehliche mahl veraͤndern, wie dann Joh. Bul - wer ein Engellaͤnder ein gantzes buch geſchrie - ben, von den deutungen der haͤnde allein. S. hiebey Morhoffs Polyhiſt. I. IIII. I. & II.
b)

§. 3. Wer ſich bloß damit begnuͤgen will, daß er ſich ſeiner faͤhigkeit ſeine gedancken und neigungen auszudrucken bedienen koͤnne, es gerathe wie es wolle, und alſo mit der vulgai - ren expreßion zufrieden ſeyn kan, dem rathe ich, daß er die Oratoriſchen regeln, und alſo auch dieſes buch, ungeleſen laſſe. Er wird an mutter, ammen, mademoiſellen, junge maͤg - den, laquaien, handwercksleuten, bauern und dem gantzen poͤbel, was ſeine mutter-ſpra - che betrift, die treflichſten ſprachmeiſter finden,und145der gedancken. und zu den fremden, insbeſondere denen tod - ten ſprachen, kan ihm ein fuͤrchterlicher Gram - maticus oder pedantiſcher ſprach-richter, die ſicherſte anleitung geben. Gedenckt er durch nachahmung guter exempel, gluͤcklich oder un - gluͤcklich, wie es kommt, zu empyriſiren, ohne daß er raiſon von ſeinen reden angeben koͤnne, ſo wird ihm zu ſolcher gluͤckſeeligkeit, ohne eine vernuͤnftige anleitung, der weg offen ſtehen.

  • Die ſich mit denen hier benannten mitteln behel - fen, und dadurch zur beredſamkeit zu gelangen ſuchen, dencken, es beſtehe dieſelbe nur in wor - ten, oder auch wohl darinn, daß man ex tempo - re viel her plappere, deswegen lernen ſie von ih - ren informatoribus oder mademoiſellen ſpra - chen, wie die papagoye, miſchen Teutſch, Latei - niſch, Frantzoͤiſch, das hinderſte mit dem foͤ - derſten, das hunderſte ins tauſende, ſo wunder - barlich in einander, daß ſie von denen ignoran - ten als groſſe redner, von denen verſtaͤndigen als verwegene miſcher ſolcher ſachen, die ſich nicht zuſammenſchicken, mit erſtaunen bewun - dert werden. Jch weiß freylich von denen groͤſten rednern keinen, der ſich darauf etwas eingebildet haͤtte, daß er ex tempore reden koͤnne, und der es dieſen angefuͤhrten ſeltzamen und doch haͤuffigen wortmachern gleich zu thun ge - ſucht. Jnzwiſchen laͤugne ich nicht, daß ſolche windſpieler nicht zuweilen mit ihrer ſo genann - ten gewiſſen gluͤcklichen kuͤhnheit (ſiehe Blondel comparaiſon de Pindare & d Horace p. 77.) einige ſtriche anbringen ſolten, die nach allen regeln der kunſt unverbeſſerlich; aber es geht ihnen, wie den leuten, die von natur voltigiren koͤn - nen; denn dieſe haben allezeit von groſſen gluͤckKzu146von dem ausdruckzu ſagen, daß ſie nicht bey iedem ſprunge auf die naſe gefallen.

§. 4. Hier will ich ietzo einen verſuch thun, ob ich zur gelehrten elocution, einige vernuͤnf - tige regeln ertheilen koͤnne, nachdem ich von der erfindung ſo viel als noͤthig beygebracht. Und dieſe iſt eine geſchicklichkeit, eine ſache, welche wir in unſerm gemuͤth klar, deutlich, gruͤndlich, artig und ordentlich, nach ihren be - ſchaffenheiten entworffen, mit denen daruͤber in uns entſtandenen gedancken und regungen, durch ſolche worte fuͤrzuſtellen, die mit der ſache ſo ſie fuͤrbilden und unter ſich ſelbſt eine genaue proportion und uͤbereinſtimmung haben, ſich zu denen begriffen des zuhoͤrers oder leſers ſchi - cken, und alſo vermoͤgend ſind, bey andern eben die gedancken und regungen zu erwecken, welche wir intendiren.

  • Man ſiehet leicht aus dieſer beſchreibung, daß ich nicht eben eine gelehrte elocution, an die wiſſen - ſchaft einer gewiſſen ſprache binde, noch an ge - wiſſe materien, noch auf gewiſſe plaͤtze oder ſtuͤhle, noch an gewiſſe lebens-arten und der - gleichen aͤuſſerliche zufaͤlle, vielweniger an die menge der allegaten, oder an die tours der ge - dancken alleine, oder alleine an die kuͤnſteley und critique der worte, ohngeachtet ich alles die - ſes in ſeinem werth laſſe; ſondern an die rechte verhaͤltniß aller derienigen dinge, welche bey dem ausdruck unſerer gedancken, durch worte fuͤrkommen moͤgen.

§. 5. Die natur des menſchen hat ſeinen leib mit beſondern organis ausgeruͤſtet, daß ernicht147der gedancken. nicht nur einen laut von ſich geben, ſondern auch vermittelſt der verſchiedenen anwendung der organorum,a) den laut auf vielfaͤltige art veraͤndern, dieſe veraͤnderungen zuſammen ſetzen, ſolche zuſammenſetzung mit unterſchie - denen ſtellungen und zufaͤllen fuͤrſtellen und alſo eine foͤrmliche rede herfuͤrbringen kan, welche als das geſchwindeſte bequemſte und vollkommenſte mittel, ſeine gedancken und re - gungen auszudrucken, von allen menſchen uͤber - haupt beliebet worden. b)

a)Jch koͤnte hier eine an atomiſche betrachtung der organorum zum reden anſtellen. Z. e. der lunge, der lufftroͤhre, des oberſten theils der lufftroͤhre, (des Adams apfels) des zaͤpfleins, gaumens, der zunge, naſe, lippen, zaͤhne, ꝛc. und zeigen, wie aus derſelben unterſchiedenen applikation, der unterſchied der buchſtaben, in vocales und conſonantes und dieſer in mutas, liquidas, labia - les, palatinas, dentales, linguales, gutturales, &c. entſtehe: Jch koͤnte bemercken, wie noͤthig es ſey, von iugend auf, dieſe organa zum[g]uten ge - brauch zuzubereiten, ꝛc. Allein ich will den leſer lieber auf das artige buch des Hln Griſ - thows, ſo den titul fuͤhrt: Introd. in Philog. generalem, vna cum ſuccincta bibliotheca ſcripto - rum Philologiae generalis ac ſpecialis, accedit pro - theoria Jo. Fr. Buddei, welches zu Jena 1715. 8. berauskommen, und zwar ins beſondere auf das 3. cap. verweiſen. Dabey kan man Lami l’art de parler & perſuader chap. I. L. I. Fr. Merc. van Helmont Natur alphapeth. oder Alphabeti vere naturalis Hebraici delineationem nachleſen. S. zugleich Morhoffs Polyhiſt. I. IIII. I. ſqq. Stol - lens hiſt. der gelahr. I. II. Dabey fallen mirK 2die148von dem ausdruckdie mulieres ventriloquae ein, wiewohl, wenn ich daran gedencke, iſt mir, als wann ichs etwan im Robinſon Cruſoe geleſen, ſo unwahrſcheinlich kommt mir alles davon fuͤr.
a)
b)Bey der rede concurriren zugleich allerhand mittel, den ausdruck recht nachdruͤcklich zu ma - chen, daher man die kraft des ſpruͤchworts: viua vox docet, verſtehen kan. Man muß hier - bey billich die weißheit des maͤchtigen Schoͤp - fers bewundern, welcher die menſchen mit einer ſo fuͤrtreflichen gabe, als die rede iſt, ausgeruͤ - ſtet und gleich in der ſchoͤpfung verſehen hat.
b)

§. 6. Der gebrauch hat unter gantzen voͤl - ckern, beſondere arten der veraͤnderung und zuſammenſetzung des lauts eingefuͤhret, daher ſind unterſchiedene ſprachen entſtanden. a)Jn denen ſprachen ſind von gewiſſen laͤndern, ia auch wohl gewiſſen oͤrtern und lebens-arten be - ſondere arten zu ſprechen beliebet worden, da - hero ſo vielerley dialecti entſprungen,b) wor - aus man die menge der ſprachen,c) die unter - ſchiedenen veraͤnderungen,d) den reichthum einer ieglichen,e) den unterſcheid derſelben,f) die harmonie derſelben,g) und die beſondern eigenſchaften einer ieden,h) abnehmen, aber kaum uͤberſehen, determiniren, und gnugſam bewundern kan.

a)Von dem urſprung der ſprachen, und welches die aͤlteſte unter ihnen, haben die critici gar vielerley meinungen S. Griſchow. I. c. cap. IIII. Buddei Hiſtor. Eccl. V. T. Wilhelmi Turkii ſpecimen Hi - ſtoriae ſacrae a mundo condito ad exodum Iſraëli - tarum, vna cum primordiis gentium Aſſyriorum & Babyloniorum, acceſſit praefatio de vita & ſcri -ptis149der gedancken. ptis auctoris Halae. 1722. Lib. I. Sect. IIII. Lib. II. Sect. III. Stolle l. c. §. 7. ſqq. Morhoff. l. c.
a)
b)Dieſe ſind unzehlich und alſo wundere ich mich nicht, daß man ſo wenig davon geſchrieben - Von den dialectis der Griechen ſiehe Morhoffs Polyhiſt. I. IIII. VI. 16. 19. conf. Reimmann biſt. Litt. l. p. 84. ſqq. Stollen l. c. Morhoff hat l c. Schmidii tractat de dialectis Graccorum. uͤbergangen.
b)
c)Dieſe iſt faſt unbegreiflich, wie viel ſprachen ſind nicht ietzo in der welt? wie viel ſind verlohren? wie viel werden noch entſtehen?
c)
d)Dieſe kommen her von denen migrationibus gen - tium, vermiſchungen der ſprachen, von dem ge - ſchmack der leute, von der zeit, von der cultur der ſprachen, von denen temperamenten, von denen neu aufkommenden kuͤnſten und wiſſenſchafften, gebraͤuchen, ꝛc. Siehe §. 11.
d)
e)Jch glaube nicht, daß eine ſprache fuͤr der andern ſich hierinn eines groſſen vorzugs zu ruͤhmen ur - ſach habe. Denn fehlt es ia etwan an einem worte, ſo haben die menſchen allezeit das recht ονοματοποιεῖν, neue woͤrter zu machen, und es fehlt auch nicht an geſchicklichkeit, ſolches zu be - werckſtelligen. Man ſetze nur einmahl, nach der arte combinatoria, die vielerley arten des lauts, der woͤrter, ſylben und buchſtaben zuſammen, wie viel millionen veraͤnderungen koͤnnen da nicht herfuͤrgebracht werden, doch muß hernach der gebrauch ſolche veraͤnderungen legitimiren und einfuͤhren. Hiebey kan man ſich die moͤ - glichkeit einer univerſal-ſprache leicht fuͤrſtellen, aber auch beurtheilen.
e)
f)Eine iede hat ihre beſondere ausſprache der woͤr - ter ſylben und buchſtaben, beſondere redens ar - ten und idiotiſmos, beſonderes genie, u. ſ. f. Hier moͤchte ich mich wohl belehren laſſen, ob ich rechtK 3haͤtte150von dem ausdruckhaͤtte, wann ich ſpraͤche, der genie der Teut - ſchen, Lateiniſchen und Griechiſchen ſprache, di - ſtinguire ſich darinn faſt von allen ſprachen, daß man in dieſen dreyen benannten, allen fuͤrkom - menden obiectis gemaͤß reden und ſich ausdru - cken koͤnne? Z. e. im Frantzoͤſchen ſolte es mei - nes beduͤnckens ſchwerer fallen, einen ſolchen ſti - lum ſublimem herauszubringen, bey einem ho - hen ſubiecto, als man wohl im Teutſchen zu praͤ - ſtiren geſchickt waͤre. Ja wann ich mich nicht etwan aus g[r]oſſer liebe zu meiner mutter-ſprache irre, ſo duͤnckt mir, die Teutſche ſprache uͤbertref - fe auch hierinn die Griechiſche und Lateiniſche - daß ſie ſich eher als dieſe beyden in allerhand, denen obiectis gemaͤſſe formen, gieſſen laſſe, Deßwegen wundere ich mich manchmahl, daß die Teutſchen ihre eigene ſprache ſo veraͤchtlich tractiren, Z. e. warum haben wir Profeſſores der Griechiſchen und Lateiniſchen ſprache und nicht auch der Teutſchen? warum haben wir nur Lateiniſche und Griechiſche, nicht aber auch Teutſche auctores claßicos und ſprachmeiſter? ꝛc. S. Thomaſii Cautelen VII. 23.
f)
g)Ohngeachtet die ſprachen allerdings ſehr von einander differiren, ſo wird man doch in vielen ſtuͤcken eine artige harmonie unter ihnen ſpuͤh - ren, welches nicht wohl anders ſeyn kan, da wir ſie alle einem Schoͤpfer und urheber zu dancken, da die natur allen menſchen einerley arten von organis, den laut zu formiren und zu veraͤndern gegeben. S. G. Leopoldi Ponati anleitung zur harmonie der ſprachen, Braunſchweig - 1712. 8. Morhoffs Polyh. I. IIII. III. 8. 9. Jch daͤchte, wann wir unſere mutterſprache zu aller foͤrderſt recht lernten, und hernach, vermittelſt der harmonie und diſcrepantz derſelben mit an - dern ſprachen, auf die erlernung; anderer ſpra -chen151der gedancken. chen gefuͤhret wuͤrden, es duͤrfte nicht uneben ſeyn.
g)
h)Hierauf kommt bey erlernung einer ſprache das allermeiſte an, und dazu ſollen uns die gram - maticken fuͤhren. S. hievon Morhoffs Poly - hiſtorem Grammaticum. Stollen l. c. bey erler - nung der ſprache iſt allezeit zu unterſuchen, war - um man ſie lerne? ob man ſie zum gebrauch oder zur critic haben wolle? Will man ſie zum gebrauch haben (denn zur critic geben die bey Morhoff, Stollen, Reimmann, Griſchow, ꝛc. angefuͤhrten auctores nachricht) ſo iſt es noͤthig erſtlich nach einer gantz compendioͤſen Gram - matick, von einem gelehrten, getreuen, deutli - chen und freundlichen lehrmeiſter angefuͤhret zu werden, daß man nur einige erkaͤnntniß von den eigenſchaften einer ſprache kriege, z. e. im latei - niſchen nach Cellani erleichterter Lateiniſchen Grammatick, die zu Merſeburg 1709. zum neundten mahl edirt und ſeinem libro memoriali beygefuͤget iſt, im Griechiſchen nach des Herrn v. der Hardt ſtudioſo Graeco oder nach der arti - gen Teutſch edirten Grammatick, welche zu Wolffenbuͤttel 1715. 8. heraus kommen, nebſt dem Griechiſchen Syntaxi, der 1716. mit Herrn v d. Hardt vorredes eben daſelbſt, beyde, wo ich nicht irre, von Herr Andtea Ge - org Waͤbnern, der ietzo am Goͤttingiſchen Gymnaſio ſtehet, herausgegeben; im Hebraͤi - ſchen nach des Herrn v. der Hardt Fundamen - tis Hebraeae Linguae oder Herrn D. Dantzens Litteratore Ebraeo-Chaldaeo; un Frantzoͤiſchen nach des Herrn M. Greiffenhahns in Jena, Grammatick; im Jtaliaͤniſchen nach Caſtelli nouuelle Grammaire Italienne & Francoiſe pour bien entendre & parler Italien dans peu de tems. Amſterdam 1714. 8. im Engliſchen nachK 4Lud -152von dem ausdruckLudwigs Engliſcher Grammatick, Leipzig 1717. 8. Und dieſes ſind, deucht mir, die nuͤtzlich - ſten ſprachen. Hernach muß man ſo fort zur praxi ſchreiten, zum leſen der auctorum und zur ausarbeitung, auch wohl zum reden, und dabey ſo lange eines fuͤhrers ſich bedienen, als man ſich noch nicht ſelbſten helffen kan. Endlich weil man eine ſprache nicht leicht auslernen wird, iſt es gut von ieder ein vollſtaͤndiges lexi - con und ausfuͤhrliche Grammatick, zum nach - ſchlagen, immer bey der hand zu haben, Z. e. im Teutſchen, Boͤdickers Grundſaͤtze der Teut - ſchen ſprache im reden und ſchreiben, Berlin 1690 und 1701. in 8. Spatens Teutſches Lexi - con. Nuͤrnberg 1691. 4. (Wie Hl. Eckard in ſeinem kloſter, mit dem verſprochenen ety - mologiſchen lexico, und die unter dem Hln. Hoffrath Mencken in Leipzig florirende Teutſchuͤbende Geſellſchaft, mit dem fuͤrha - benden Teutſchen Hiſtoriſch-Poͤetiſch-Criti - ſchen lexico, die bofnung der lehrbegierigen und in dieſem ſtuͤck beduͤrftigen welt, ſtillen und erſaͤttigen werde, ſtehet zu erwarten) im Lateiniſchen Schmidii Lateiniſche Gram - matick mit den hypomnematibus, oder San - ctii Minervam, 1714. 8. Amſterdam, oder Voßii Ariſtarchum, 1653. Amſterd. und Fa - bri theſaurum, fol. 1710. Leipzig, im Griechi - ſchen Nic. Clenardi oder Welleri Grammati - cken und Scapulaͤ, Schrevelii, oder Hede - richs Griechiſche lexica. (zum Teutſchen, La - teiniſchen, Griechiſchen, iſt Hederichs anlei - tung zu den Philologiſchen wiſſenſchaften, ein feines hand-buch. ) im Hebraͤiſchen Hln. Loͤſchers werck de cauſſis linguae Hebraeae, Pfeiffers criticam ſacram, Glaßii Philologiam ſacram, denn des Richard Simons Hiſtoire cri -tique153der gedancken. tique iſt bey orthodoxis in keinen ſonderlichen credit) und Hln. Stocks Clauem linguae ſanctae; im Frantzoͤiſchen Mr. Raͤdleins vollkomme - nen Frantzoͤiſchen ſprachmeiſier, Menudier ge - nie de la langue Francoiſe und Hln. Friſchens Frantzoͤiſches Lexicon, ingleichen Richelet Di - ctionaire. im Jtaliaͤniſchen etwan Cramers oder Veneroni Grammaticken, und Raͤdleins ſprach ſchatz, ꝛc. Sonſten ſtehe ich in den ge - dancken, daß man eben deswegen, gar zu lange uͤber der Lateiniſchen ſprache zubringe, weil man ſie zu zeitig anfange, und daß man keine ſprache, bloß mit dem gedaͤchtniß, ohne iudicio, vollkom - men und gruͤndlich lerne. Das iudicium aber wird durch die Philoſophie excoliret. ꝛc.
h)

§. 7. Ein vernuͤnftiger redner, bekuͤmmert ſich ſonderlich um die erkaͤnntniß der ſprache, darinn ihm die meiſte gelegenheit zu reden fuͤr - kommen moͤchte. Und da die beſondere an - wendung eines ieden organi, bey dem laut, gewiſſe buchſtaben herfuͤr bringet, welche, ſo zu reden, die erſten elementa und principia der ſprache werden;a) ſo ſiehet auch ein klu - ger redner, auf die natuͤrliche beſchaffenheit ſolcher buchſtaben, damit er bey dem ausdruck der gedancken, den zuſammenfall, klang und maſſe der buchſtaben, dem obiecto gemaͤß mit anbringen moͤge. b)Doch huͤtet er ſich da - bey, fuͤr allem zwang, und andere paradoxe und alberne gloſſen. c)

a)S. Morhoffs Polyh. I. IIII. I. 9. I. ’IIII. VIIII. 1. &c. Stollen I. II. Reimmann l. p. 75. ſqq. Die ausſprache der buchſtaben variiret faſt in al - len ſprachen, darnach man ſich auch zu richten hat.
a)K 5b) Z.154von dem ausdruck
b)Z. e. A, O, U. ſind gut bey hohen obiectis, J und E bey delicaten und zaͤrtlichen, F, L, W, bey, gelinden und fluͤchtigen, S. bey ſtillen und flieſ - ſenden, R, M, bey fuͤr chterlichen, ꝛc. Die ſyl - ben unterſcheiden ſich gleichfalls, dactili bedeu - ten was geſchwindes, trochaͤi was gravitaͤtiſches, trauriges, iambi was luſtiges, ꝛc. Das wiſſen die Poͤeten wohl. Alſo ſagt Horatius gar artig L. II. od. 14. Eheu fugaces, Poſthume Poſthume la - buntur anni, und anderwerts: Illi robur & aes tri - plex circa pectus erat, qui fragilem truci com̃iſit pe - lago ratem primus L. I. ad 3. Man leſe nur L. II. od. XIII. da er den baum verflucht. Virgilius druckt die geſchwindigkeit ſehr wohl aus, wenn er ſpricht: Ferte citi flammas, date telaque, ſcan - dite muros. Seneca iſt auch darinn ein meiſter: Octavia: Vincam ſacuos ante leones, tigresque truces, fera quam ſaeui corda tyranni: item: Pe - ior eſt bello timor ipſe belli, iam minae ſaeui ceci - dere ferri, iam ſilet murmur graue claſſicorum, iam tacet ſtridor litui ſtrepentis, alta pax vrbis revocata laetae &c. Muͤhlpfort faͤngt ſein gedicht auf den Hoffmanns waldau eben ſo pathetiſch an, als das obiectum erfoderte: Magnae animae exuuias, diffracta habitacula carnis, & quantum potuit Libi - tinae infringere caeca ſaeuities, lacrumas inter planctusque Quiritum, horriſonos genitus trun - cataque murmura vulgi, efferimus; Unſern Teut - ſchen rednern und Poͤeten fehlt es auch nicht an dieſer geſchicklichkeit. Alſo ruͤhmt der Pleißi - ſche Apollo Ph[i]lander von der linde nicht ohne urſach eine beſondere ſtelle aus des Hln von Beſſers poͤeſien, (S. Philanders von der Linde vermiſchte gedichte die unterredung p. 169) wel - che folgender weiſe flieſſet:
Du biſt den ketten gleich in wohlbeſtallten uhren,
Durch die von innen her die feder alles treibt:
Man155der gedancken.
Man ſieht nicht ihren gang; doch zeigen ihre ſpuren,
Daß iedes rad durch ſie in ſeiner ordnung bleibt.
Man leſe auch was hochbelobter Hl v. Beſſer von der belagerung Stettin, in ſeinen ſchrifften, p. 121. Von dem treffen Friedrich Wilhelms des groſſen p. 114. bey dem leichengedicht, auf ſeine Fr. Gemahlin p. 214. und anderwerts, hierinn fuͤr beſondere proben gewieſen. Bey Lohen - ſteinen, Hoffmanns-waldauen und andern be - ruͤhmten dichtern und rednern, findet man auch, daß meine anmerckung gegruͤnbet.
b)
c)Das haͤtte Harsdoͤrffer, Klains und dergleichen herren mercken ſollen. Aus Harsdoͤrffers Spe - cimine l. Philol. Germanicae p. 301. habe ich in meiner Diſp. de nimio in linguis ſtudio, Lipſiae, 1716. folgendes angefuͤhret, welches gewiß para - dox genung die conſonantes zuſammen zwinget:
Es ſtimmet mit mir ein, die ſtimme ſo wir hoͤren,
Das praßlende geſchluͤrf, fließt aus den erden roͤh - ren,
Und liſpelt durch den kieß; der klatſch und platſcher thon,
Spricht ſonder fleiß und kunſt faſt allen ſprachen hohn.
Das ſum und brum geſauß, das ſchnarren, murren, marren,
Kan andrer zungen kraft in ſchroffen ſand ver - ſcharren.
Es rollt mein donner-wort es ruͤllt, bruͤllt, brauſt, zerſplittert,
Daß durch die luft und gluft die hein und ſtein er - ſchuͤttert ꝛc.
Zugeſchweigen anderer fehler, als, der ſelbſt - gemachten und nichts bedeutenden worte ꝛc. ſo erfoderte das obiectum wohl nicht dergleichen zwang. Klaius machts noch luſtiger S. Hl. Neumeiſters Diſſ. de poëtis Germanicis Leipzig1695.156von dem ausdruck1695. p. 72 und das Schediaſma Hln. M. Clodii de inſtituto Societatis Philo-Teutonicae Poëticae, quae ſub praeſid. Menckenii Lipſiae congregatur. p. 16. ſqq. z. e.
Es blincken, es flincken, es wincken die ſternen,
lernen von fernen,
flimmern und hallen
ſchimmern und ſchallen.
Die kunſt bleibt wohl richtig, aber die affectation der kunſt, iſt niemahls angenehm.
c)

§. 8. Aus buchſtaben und ſylben werden endlich worte zuſammen geſetzt. Ein wort iſt nichts anders, als ein articulatus und aus vie - len veraͤnderungen des lauts zuſammen geſetz - ter ſchall, womit der willkuͤhr der erſten erfin - dera) unb der gebrauch der menſchen,b) eine gedancke und begrif von einer ſache, beleget und ausdrucket. Der redner unterſcheidet alſo ſorgfaͤltig, die haupt - und neben-idee eines worts,c) die haupt - und neben-woͤrter oder epitheta,d) den grammaticaliſchen unter - ſchied der woͤrter,e) die vulgairen und kunſt - woͤrter,f) ſubiectum und praͤdicatum,g) uni - voca, aͤquivoca und ſynonyma,h) die eigentli - che bedeutung eines worts und die tropiſche,i) und dergleichen zufaͤllige veraͤnderung der woͤrter,k) und bemuͤhet ſich nicht nur einen vorrath von worten zu haben, ſondern auch aus dieſem vorrath, die convenableſten woͤrter zur ausdruckung ſeines obiecti heraus zu ſuchen und nach dem genie der ſprache und aller an - dern umſtaͤnde, im reden anzubringen, wozu im folgenden einige anleitung gegeben wird.

a) Die157der gedancken.
a)Die erſten erfinder haben manchmahl kaum daran gedacht, ob ſie das weſen der ſache mit dem worte bemercken moͤchten, ſondern ſie ſind mehrentheils ihrer phantaſie gefolget, zuweilen treffen doch idee und wort zuſammen. Alſo kan ich eines theils, die gedancken von der natur - ſprache, nicht als gar zu gegruͤndet annehmen, andern theils, halte ich es nicht fuͤr unvernuͤnf - tig, wañ der redner ſich bemuͤhet, ſolche worte zu treffen, welche der beſchaffenheit der ſache nahe kommen. Z. e. Hochmuth: kommt ſchon der idee naͤher als Ehrgeitz. Bombarda, iſt, deucht mir ein gut Lateiniſches wort, ohngeachtet es in keinem alten auctore ſieht, denn die ſache ſo dadurch angedeutet wird iſt neu, und das wort der ſache ſehr conform. S. Morboff und Stollen l. c. ingleichen Lami l’art de parler L. I. c. XII. Hedrichs anleit. zu den Philol. wiſ - ſenſchaften, von der Lexica und Phraſiologia, welche auctores anfuͤhren, die ſich auſſer den Lexicographis, um die critic der woͤrter bekuͤm - mert.
a)
b)Siehe unten §. 12.
b)
c)Dieſen unterſchied hat der auctor Artis cogi - tandi erfunden, und die haupt-idee ideam prin - cipalem, die neben-idee, acceſſoriam genennet. (D. Ridiger S. V. & F. nennet iene realem dieſe accidentalem, L. I. c. XIII. § XI. welche man auch ſonſt bey dieſem cap. conferiren mag.) Je - ne oder die principalis, bedeutet die ſache ſelbſt, dieſe die acceſſoria, bemercket zugleich einen um - ſtand oder affect, und macht alſo den nachdruck eines worts aus, dannenhero man auf dieſelbe bey erklaͤrungen, uͤberſetzungen und dem aus - druck der gedancken uͤberhaupt, ſorgfaͤltig zu ſe - hen. Z. e. homo und mortalis heiſt beydes ein menſch, aber ienes deutet auf den urſprung,dieſes158von dem ausdruckdieſes auf das ende deſſelben. Ein mann und ein maͤnngen, differiren in der neben idee und und dieſe kan entweder den umſtand der natur bemercken, ſo heiſt maͤnngen, ein kleiner mann / oder den affect der liebe, ſo heiſts ein lieber mann, oder der verachtung, ſo heiſts, ein ſchlechter mann.
c)
d)Die neben-woͤrter ſetzt man, die idee des haupt-worts, entweder zu erklaͤren oder zu de, terminiren und zu reſtringiren. Jene artheiſ - ſet bey den Scholaſticis reduplicatioum, bey D. Ridigern l. c. explicativum und wird von de - nen differentzen und propriis eines dinges herge - nom̃en: dieſe aber ſpecificativum oder derei mi - nativum von denen eintheilungen eines dinges. Z. e. ein ſterblicher menſch erklaͤret, und ein[z]or - niger menſch, reſtringiret den begrif von einem menſchen.
d)
e)Dieſer macht die ſo genannten partes oratio - nis: Subſiantivum, adiectivum, activum, paſſivum und particulam oder kuͤrtzer: no - men, verbum, particulam, und weitlaͤuftiger nach den Grammaticken: nomen, pronomen, verbum, participtum adver[b]ium praͤpoſitio - nem coniunctionem und interiectionem. Die erſte eintheilung iſt die beſte, (ſ. Ridiger. l. c. lib. II. C. XI. §. II.) Dadurch kan man ſich bey erler - nung und anbringung der woͤrter helffen: Z e. Die gelehrſamkit, eruditio, gelehrt, eruditus, gelehrt machen, erudire, gelahrt werden, eru - diri, gelehrt, erudite.
e)
f)Die vulgairen terminos macht der gebrauch und determiniret ſie, die kunſtwoͤrter werden durch die kuͤnſte und denenſelben zugethane, herfuͤrgebracht und ausgemacht, nach denen un - terſchiedenen abſichten der menſchen S. unten §. 12. 13. 14. Morhoff. l. c. II. V. I. §. 6.
f)g) Sub -159der gedancken.
g)Subiectum iſt dasienige, wovon etwas geſagt wird, praͤd[i]catum aber, was von einer ſache ge - ſagt wird. Dieſen unterſchied mercke ich deß - wegen an, weil man bey dem ausd[r]uck, die praͤ - dicata allezeit nach denen ſublectis accommodi - ren muß, Z. e. es wuͤrde albern ſeyn, wann ich ſpraͤche: es ſind viel grillen in der Philoſo - phie, und wuͤrde eben ſo klingen als wann ie - mand ſagte: es iſt viel ſtroh im golde. Dann von der Philoſophie und vom golde, kan man ſolche praͤdicata nicht geben. Mehrentheils wird das Praͤdicatum zu einem neben wort ae - macht, da dann eben dieſes zu beobachten S. oben not. d. und folgendes cap. 2.
g)
h)Univoca haben eine idee und einen termi - num, dieſes ſind die beſten, aber auch ſeltenſten worte, Z. e. GOtt, gnade, tugend, gelehrſam - keit, wahrheit; aͤquivoca haben viel ideen und nur einen terminum, Z. e ein fuchs, die roſe, ꝛc. Alſo wenn ich einen nenne, virum beatae mem o - riae, qui exſpectat iudicium, weil er noch lebt, da bedeutet es gantz was anders, als wann ichs ihm auf den leichen-ſtein ſetze, ingleichen, ein wohlgezogner menſch i. e. der auf der tortur geweſen und der eine gute erziehung gehabt. Es iſt ſonſt ein ungluͤck fuͤr die ſprachen, wann ſie zu viel aͤquivoca haben und die redner ſolten darauf bedacht ſeyn, durch einen accuraten aus - druck und gebrauch der woͤrter, dieſem ungluͤck abzuhelffen. Synonyma ſind, wo ich eine ie - dee mit vielerley worten bemercken kan, Z. e. wild, mutbig, unbaͤndig, frech, der Z. e. Gott - ſeelig, gottesfuͤrchtig, tu[g]endhaftig, oder Z. e. propenſio, amor, dilectio, beneuolentia, &c. Aus dergleichen ſucht der redner das beſte aus, denn ohngeachtet die haupt-idee einerley ſeyn moͤchte, ſo koͤnten doch wohl die neben-ideen eins nach - druͤcklicher machen als das andere.
h)
i)Siehe unten §. 17.
i)k)160von dem ausdruck
k)Z. e. die flexio, das decliniren congugiren der woͤr - ter, ingleichen der zuſammenfall, conſtruction, verbindung, arrangement, (ſiehe Lami l’art. de parler cap. x. L. I. alter, hiſtorie, derivation, ꝛc. derſelben, ſind von einem redner niemahls zu ne - gligiren. S. unten das 2. cap. ingleichen das 4.
k)

§. 9. Aus worten werden endlich gantze ſaͤ - tze formiret, wenn man nemlich zwey ideen in der dritten verbindet, und mit gehoͤrigen wor - ten ausdrucket. Bey dieſen beobachtet der redner, alle dabey fuͤrfallende umſtaͤnde, ob ſie aus vulgairen oder gelehrten begriffen beſtehena) ob ſie mit der eigentlichen oder tropiſchen be - deutung der worte zu bemercken,b) ihren ſyntax, urſprung, ordnung,c) ob ſie beia - hend oder verneinend,d) vniverſal oder par - ticular, oder limitirt zu concipiren,e) ob da - bey die connexion des ſubiecti und praͤdicati unſtreitig oder wahrſcheinlich oder gleichniß - weiſe fuͤrzuſtellen,f) aus was fuͤr diſciplinen und Facultaͤten ſelbige genommeng) ob ſie bloß theoretiſch oder auch zugleich pathetiſch auszuſprechen,h) ꝛc.

a)Conf. Ridiger. S. V. & F. L. II. cap. I. & II. z. e vul - gaire ſind von ſachen die unmittelbar in die ſinne fallen, gelehrte ſind abſtracta, iene haben bloſſe erzehlungen, hiſtorie, dieſe aber gruͤndliche rai - ſonnements zum grunde; z. e. der Pabſt iſt ge - ſtorben: Renatus Bary hat eine Rhetorick geſchrieben; (Amſterdam 1669. 12. Frantzoͤiſch) Bavius hat ein carmen gemacht: Madame hat heute compagnie: Muß ich iemand, wann ich hut ſtock und degen habe, auch wohl mit dem ſtock ein compliment machen? ſind allesvul -161der gedancken. vulgaire dinge. Hingegen wenn ich ſpraͤche: Fuͤrſten muͤſſen ſo wohl ſterben als andere menſchen: Des Bary Rhetorick iſt nicht viel nutze: Bavii carmen iſt ſehr albern gemacht: Madame hat heute eine pinſel-compagnie: zu viel und zu wenig complimente machen, iſt deu leuten odioͤs: gruͤndet ſich auf ein raiſonne - ment und auf abſtracta. Bey ienem muß ich vulgaire terminos brauchen, bey dieſem darf ich nach meinem willkuͤhr aͤndern, wann ich nur der idee des raiſonnements nachgehe. Bey ie - nem muß ich nur fragen, ob die copula richtig, bey dieſem bekuͤmmere ich mich zugleich um den richtigen concept des praͤdicati.
a)
b)So lange ich eigentliche worte habe, und mein obiectum keinen putz braucht, formire ich nur ſaͤ - tze, die aus eigentlichen worten beſtehen, und da das praͤdicatum keinen t[r]opum involviret, ferner, wo ich alle dunckelheit und zweydeutig - keit ſorgfaͤltig vermeiden ſoll. Siehe §. 17.
b)
c)Hiebey muß man auf die grund-regeln einer ieden ſprache ſehen nach der grammatick; ferner auf die idiotiſmos, d. i. ſolche redens-arten, welche zu denen diſcrepantzen einer ſprache von der andern gehoͤren, weiter ob ſich die redens - arten worauf beziehen ſollen, S. Hederichs Anleit. zu den Philolog. Wiſſ von der phra - ſiologie.
c)
d)Wann die ideen des ſubiecti und praͤdicati ein - ander ſubordiniret ſind, wird der ſatz beiahend; ſind ſie einander opponirt, wird er verneinend Z. e. Tugend und laſter ſind einander oppo - niret, alſo ſpreche ich: Laſter werden bey groſ - ſen leuten nicht zu tugenden.
d)
e)Dieſer unterſchied dependiret von der verhaͤlt - niß des praͤdicati gegen das ſubiectum. Alſo ſage ich recht: Alle fuͤrſten muͤſſen ſterben,Ldenn162von dem ausdruckdenn die ſterblichkeit erſtrecket ſich uͤber alle menſchen: Oder: Kein richter ſoll geſchencke nehmen, denn alle richter ſollen gerechtigkeit handhaben und alle geſchencke ſuchen hingegen das recht zu beugen. Hingegen ſagte ich nicht recht: Alle gelehrte ſind gluͤcklich, denn das gluͤck iſt kein eſſentielles ſtuͤck eines gelehrten, auch kein allgemeiner concept von ihm, ſonſt wuͤrde Spitzelius nicht haben ſeinen Litteratum inſelicem ſchreiben koͤnnen. Wann ich wolte ſetzen: Alle reiche ſind raiſonnable, ſo wuͤrde man mir viele inſtantzen geben koͤnnen, alſo muͤ - ſte ich meinen ſatz limitiren und ihn alſo ausſpre - chen: Alle reiche, welche durch die Moral oder die regeln des Chriſtenthums gebeſſert, ſind raiſonnable leute.
e)
f)Z. e. Die duelle ſind unſtreitig mit recht ver - boten: David iſt wahrſcheinlich ein ſangui - neus geweſen: David entbrannte, da ſich Bathſeba im waſſer abkuͤhlete, und Joſeph wurde zu eiß, da Sephira in der groͤſten glut entzuͤndet war.
f)
g)Z. e. Alle menſchen ſind luͤgner, iſt in der The - ologie unſtreitig, in der Moral wahrſcheinlich, aber in der Jurisprudentz wuͤrde man mich in - iuriarum belangen, wann ich es nur von einem eintzigen ſagte.
g)
h)Bey theoretiſchen, ſehe ich bloß auf den aus - druck der gedancken, bey pathetiſchen, zugleich auf den ausdruck des affects, ſiehe §. 18. Da - her entſtehen auch gewiſſe nebenideen der re - dens-arten.
h)

§. 10. Alle dieſe eigenſchaften der ſaͤtze, in - gleichen die zuſammenſetzung verſchiedener ſaͤ - tze, geben von ſelbſten, ohne muͤhe, anlaß, gantze periodos zu machen. Ein periodus iſtnichts163der gedancken. nichts anders alſo, alseine haupt-propoſition, welche mit ihren eigenſchaften und neben-pro - poſitionibus vollkommen ausgedrucket und in einer gewiſſen zeit da die ſtimme ſteigen, ruhen und fallen kan, ausgeſprochen wird. a)Er iſt entweder explicativa,b) oder determina - tiva,c) ſimplex oder compoſita,d) probans, illuſtrans, oder pathetica,e) ꝛc. Dabey ſie - het man auf die deutlichkeit,f) reinlichkeit,g) den numerum,h) die ſymmetrie und rechte maſſe deſſelben,i) ingleichen auf die veraͤn - derung, welche man damit fuͤrnehmen kan. k)

a)S. Heineccium in fundamentis ſtili cultioris. Hln. Hofrath Langens Orat. P. I. p. 320. Lami l art de parler L. III. c. VIII.
a)
b)Dieſer beſchreibt ſubiectum und praͤdicatum Z. e. Laſter werden bey vornehmen leuten nicht zu tugenden. Periodus explicatiua: Leute wel - che das gluͤck durch geburt, ſtand, und reich - thum, oder auch wohl durch eigene verdien - ſte, fuͤr andern erhaben, ſind nicht vermoͤ - gend, ſolche thaten, ſo die regeln der goͤttli - chen weißheit und der vernunft unterbre - chen, und die ruhe der menſchlichen geſell - ſchaft ſtoͤbren, in GOtt und menſchen gefaͤl - lige tugenden zu verwandeln. Hieher gehoͤ - ren alle definitiones.
b)
c)Dieſer druckt die eintheilungen und einſchraͤn - ckungen aus. Z. e. Propoſ. die gottesfurcht iſt zu allen dingen nuͤtze, und hat die verheiſſung dieſes und des zukuͤnftigen lebens. Periodus de - terminatiua: Menſchen, welche ihrem ſchoͤpfer die ſchuldige ehrfurcht niemahls verweigern, und davon allezeit lebendige proben, in der auffuͤhrung gegen ihren naͤchſten, an den tagL 2legen,164von dem ausdrucklegen, koͤnnen der ungezweiffelten hoffnung leben, es werde zu ihrem zeitlichen und ewi - gen vergnuͤgen, die allmacht und liebe des un - erſchoͤpflichen brunnens alles guten, ſich ver - einigen, und uͤber ſie mit reichen ſtroͤhmen ergieſſen.
c)
d)Simplex hat nur eine haupt propoſition, Z. e. Prop. die tapferkeit verewiget: Periodus ſim - plex: Ein unerſchrockener muth, der ſich nach gnugſamer uͤberlegung, durch tapfere thaten zeiget, macht uns denen gleich, welche in ih - rem leben von allen bewundert, und nach ih - rem tode durch ein unſterbliches andencken verewiget werden. Compoſita hat mehr pro - poſitiones, neben der haupt-propoſition, und iſt daher entweder bimembris, trimem - bris oder quadrimembris; Z. e. Das duel - liren wird billich geſtraft: Periodus compo - ſita bimembris: Da das duelliren ein ſolches verbrechen iſt, da einzele perſonen, ſich ſelbſt zu raͤchen die wut des boßhaftigen hertzens, in dem blute des naͤchſten, auch wohl gar mit deſſen tode abzukuͤhlen, und das veꝛmeinte un - recht abzuwaſchen gedencken: ſo wird ein ie - der leichtlich zugeſtehen, daß eine ſolche, der republick ſchaͤdliche, unartige rache, billich von einer hohen Obrigkeit, mit empfindli - cher ſtrafe beleget werde: Trimembris: Alle durch unbeſonnenheit und boßheit fuͤrge - brachte verbrechen, werden in einer wohlbe - ſtallten republick billich geſtraft: Da nun das duelliren, gemeiniglich von ſolcher art zu ſeyn pfleget: So erhellet daraus von ſelb - ſten, daß es auch in unſrer republick billich niemand geſtattet, ſondern vielmehr mit ge - rechter ſtrafe angeſehen werde: Quadrimem - bris: Das duelliren iſt ein hoͤchſtſchaͤdliches, grauſames, und unbeſonnenes verfahren:Da165der gedancken. Da nun dergleichen billich zu beſtrafen: So wird auch mit groͤſtem recht dieſe begierde blut zuvergieſſen, mit ſtrafen gedaͤmpfet: Es muͤſte dann ſeyn, daß eine hobe Landes-O - brigkeit die idee des verbrechens davon weg - naͤhme und der republick ein menſchliches op - fer zu ſchencken fuͤr noͤthig erachtete.
d)
e)Z. e. Periodus probans fuͤhret einen beweiß - grund ein: Z. e. Fuͤrſten muͤſſen ſterben: Periodus probans: Da das unerbitliche ver - haͤngniß und die allgemeine ordnung der na - tur, allen menſchen ſchlechterdings die noth - wendigkeit zu ſterben auferleget: So haben auch printzen, wenn ſie ſchon kron und ſcepter fuͤhren, ſo lange ſie mit der menſchheit um - geben, ihnen die ſichere rechnung zu machen, daß endlich der todt ihre fuͤrſtlichen ſtuͤhle umſtuͤrtzen, und ihren purpur der verwe - ſung uͤberantworten werde. Jlluſtrans fuͤhrt ein argumentum illuſtrans ein, Z. e: Lohenſtein exprimiret obigen not. a. befindlichen periodum im Arminto l. I. p. 15. alſo: Der koth bleibt heßlich und ſo viel mehr kenntbar in chryſtal - linen gefaͤſſen, und die laſter garſtig, wann ſie ſchon in ſammet und goldſtuͤcke eingehuͤllet, oder auf elfenbeinerne ſtuͤhle geſetzet werden. Pathetica ſucht den affect zu ruͤhren, Z. e. Maza - rin ſagt: ein kerl ohne geld, lebt in der welt recht ſchaͤndlich: Periodus mouens: Jhr ar - men leute, die ihr euch mit eurer gelehrſam - keit und tugend viel einbildet, und doch kein geld habt! Jhr kommt mir fuͤr wie der ſchaͤ - cher der ſich auf das paradieß freuete und doch am creutze ſchmaͤhlich crepiren muſte, bedenckts doch nur ſelber ob ich nicht recht habe? (Mazarin ſagt es zum wenigſten.)
e)
f. g. h.)Siehe folgendes cap.
f. g. h.)L 3i) Die -166von dem ausdruck
i)Dieſe komt lediglich auf die ausſprache, auf das ur - theil des gehoͤrs, und auf die rechte abfaſſung des ſatzesan, welchë man in einen periodum einſchlieſ - ſen will. Es giebt leute, die ſind bey nahe von na - tur incapable einen periodum zu machen, weil ſie nicht ordentlich und ſatzweiſe gedencken koͤnnen - Solche leute ſchreiben briefe von einem und mehr bogen, und der gantze brief iſt ein periodus, ia ſie halten wohl gantze predigten, die ſind eben - falls ein eintziger periodus. Sie haben zwar einen grundſatz mit noth concipiret, aber dazu ſetzen ſie etliche hundert propoſitiones inciden - tes, eben ſo viel limitationes, und drey mahl ſo viel beywoͤrter, und tavtologien, ſolten ſie dann nicht eine ſtunde daran zu predigen haben? Jener luſtige kopf, machte zum ſpaß, dieſen fehler fuͤr - zuſtellen, folgenden periodum. Jch ergetze mich, mein leib und ſeele, meine innerliche und aͤuſ - ſerliche ſinnen, meinen verſtand und willen, an nichts in der welt mehr, es ſey (hier erzeh - lete er alle erſinnliche delicateſſen) was es wolle, als an den unvergleichlichen ſchatten, des ſchoͤnen (ich weiß nicht, ob es eine linde oder bircke oder erle (hier erzehlete er alle baͤume iſt,) baums, welcher auf der wieſe ſtehet, (hier beſchrieb er die wieſe nach ihrer voͤlligen lage) woſelbſten das graß gewachſen, davon der ochſe gefreſſen, von deſſen haut, mein ſchatz, ihr neulich ein paar flecken unter ihre abſaͤtze von meiſter N. ſetzen laſſen. Will man die - ſen fehler vermeiden, ſo muß man ordentlich erſt kurtze ſaͤtze faſſen, die nur aus einem ſubiecto und praͤdicato beſtehen, einen ſolchen ſatz uͤberleget man wohl, was er fuͤr zuſaͤtze, einſchraͤnckungen, und dergleichen haben muͤſſe, dieſe ſetzt man hin - zu, und faͤngt dann an zu verſuchen, wieviel mahl man reſpiriren koͤnne, ob zu dem ſteigen,ruhen,167der gedancken. ruhen, und fallen der ſtimme ein rechtes tempo ſey, davon man nicht incommodiret werde, ver - aͤndert und verſetzt die woͤrter und redens-arten ſo lange, biß alles leicht und commode auszu - ſprechen, ſo kriegt man allezeit nette periodos, Z. e. Jch haͤtte dieſen ſatz: Excopiaferocia: erſt - lich fehlt das verbindungs wort, dieſes ſetze ich hinzu: Ex copia oritur ferocia: Damit man nicht copiam unrecht verſtehe, ſo ſetze: Ex copiæ pecuniae, rerum ad vitam tranſigendam neceſſa - riarum, oritur ferocia: Weil dieſes nicht univer - ſel, ſetze: Oritur plerumque ferocia: Weil es nur bey unverſtaͤndigen geſchicht, ſetze hinzu: Apud homines imprudentes, affectibus indulgentes, intellectu praeiudiciis deturpato aegrotantes: So bekommt man folgenden periodum: Ex copiæ pecuniae & rerum ad vitam tranſigendam neceſ - ſariarum, oritur plerumque ferocia, apud homines imprudentes, affectibus indulgentes, intellectu praeiudiciis deturpato aegrotantes: Oder beſſer und mit bequemerer ausſprache: Quiſquis nec intellectum a praeiudiciis emendare, nec in volun - tate affectibus imperare, ideoque parum prudenter ſe gerere didicit: ipſi ex nimio rei familiaris incre - mento, & opum, quamuis fugacium, affluentia, effrena plerumque & indomita ſubnaſcitur ferocia: Da dann alle theile in gehoͤriger ſymmetrie ſte - hen, leicht auszuſprechen ſind und wohl in das gehoͤr fallen. conf. Lami l art de parler l. c. und unten das 2. cap.
i)
k)S. unten das 2. cap.
k)

§. 11. Und dieſes waͤren die elementa, und der natuͤrliche grund aller ſprachen. Es koͤn - nen aber dieſe principia, ſo vielerley zufaͤlle ha - ben, auf ſo mancherley weiſe veraͤndert werden, daß man faſt ſo vielerley arten des ausdrucks findet, als menſchen ſind. Die urſachen ſol -L 4cher168von dem ausdruckcher veraͤnderungen ſind, die einrichtung des verſtandes,a) die miſchung der temperamen - te,b) die auferziehung,c) das clima,d) die lebens-art,e) der genie eines ieden ſaͤculi,e) der ort,g) die materie welche man ausdruckt,h) die affectation der leute,i) die imitation angeſehener perſonen,k) die natuͤrliche be - ſchaffenheiten bey der pronunciation,l) das alter,m) ꝛc. welche dinge ſo gar in einer ein - tzigen ſprache unzehliche veraͤnderungen herfuͤr bringen, und ſich doch niemahls gern unter das ioch der kunſt bequemen, ſondern mehren - theils lieber von der natur dependiren wollen.

a)Daher enſtehet der iudicioͤſe, ingenioͤſe und memorialiſche ausdruck. Der indicioͤſe iſt rei - cher an gedancken als worten, ſetzt nicht leicht etwas vergebens, macht viel einſchrenckungen, wird daher zuweilen ſchwer zu verſtehen, zumahl wenn alles gar zu kurtz gefaſt. Z. e. Tacitus, Petronius, Phaͤdrus, Salluſtius, Quinctilia - nus, Buchnerus; ꝛc. der ingenioͤſe, hat viel gleichniſſe, ſpielt mit worten, flieſt wohl, bringt allerhand einfaͤlle an. Z. e: Florus, Ovidius, Muretus, Hofmanns-waldau, ꝛc. Der me - morialiſche, iſt reicher an worten als gedancken, mit phraſibus aus andern auctoribus, mit ſen - tentzen und dergleichen, geſchmuͤckt, alſo un - gleich, unbeſtaͤndig, weitlaͤuftig. z. e. Barthius, der meiſten criticorum, ſ. Morboffs Polyh. I. I. XXIII. 46. Am beſten iſts, wann iudicium, ingenium, memorie ſo gemiſcht ſind, daß das iudicium am ſtaͤrckſten, ingenium und memorie zuſammengenommen dem iudicio gleich ſeyn, Z. e. beym Cicerone, Livio, Horatio, Virgilio,Cu -169der gedancken. Cunaͤo, Ziegler, ꝛc. andere miſchungen taugen nichts.
a)
b)Hieraus entſpringt der unterſchied des magni - fiquen, fluiden, und conciſen ausdrucks. Wenn man dieſe arten mit denen arten der vor - hergehenden note vermiſchet, kan man wieder beſondere veraͤnderungen des ausdrucks bemer - cken. Ehrgeitzige lieben einen magnifiquen, wolluͤſtige einen fluiden, geldgeitzige einen con - ciſen ausdruck. ꝛc.
b)
c)Die auferziehung und der umgang, thut ſehr viel zur einrichtung des ausdrucks. Eine freye converſation, liebreiche und vernuͤnftige edu - cation, macht, daß man ohne ſchwierigkeit ſich ausdruckt, und ohne furcht zu fehlen, eine ſolche fertigkeit zeiget, die nicht anders als angenehm iſt. Eine ſtoͤckiſche pedantiſche auferziehung iſt urſach, daß man ſich, wann man auch erwach - ſen und die herrlichſten anweiſungen gehabt, die ſchoͤnſten buͤcher geleſen, die fuͤrtreflichſten me - ditationes im kopfe hat, die gelehrteſten ſachen zu papier bringet, dennoch im gemeinen leben, nicht ohne zwang und noth, und ohne roth zu werden, exprimiren kan. Jm gegentheil, wo die eltern uͤber der kinder albernes reden ein ge - fallen zeigen und lachen, und der lehrer mit furcht und zittern ſie corrigiren muß, da bekom - men die leute eine frechheit, daß ſie nachge - hends, ohne ſchamhaftigkeit, die albernſten ein - faͤlle, auf eine impertinente art, fuͤrbringen, und die gantze zeit mit ihrem thoͤrichten plap - pern, verſtaͤndiger leute ohren, auf die tortur bringen, und wie viel hengt uns nicht aus der converſation mit andern leuten an?
c)
d)Dieſes macht gar einen mercklichen unterſchied, S. Neuhuſium im theatro ingenii humani und andere, Z. e. der Teutſche ausdruck iſt entwederL 5Schle -170von dem ausdruckSchleſiſch oderr Meißniſch oder Niederſaͤchſich oder Fraͤnckiſch, der Lateiniſche und Griechiſche entweder Atticus, oder Laconicus oder Aſiati - cus und Rhodicus. Wie differiret nicht der Orientaliſchen voͤlcker ausdruck von dem un - ſern? ꝛc.
d)
e)Z. e. Jſocrates redet gantz anders als Demo - ſthenes, iener hatte ſich mehr aufs dociren, dieſer mehr auf die praxin gelegt. Hofleute re - den gantz anders als ſchulleute, handwercksleu - te und ſoldaten wieder anders ꝛc.
e)
f)Mit dieſen aͤndert ſich der ausdruck, wie mit den moden, aus unterſchiedenen urſachen, ꝛc.
f)
g)Z. e. hier zu lande hoͤret man etliche leute mit er - ſtaunen an, die man anderwerts fuͤr ſchlechte helden halten wuͤrde; wiederum ſind andere verachtet, welche vielleicht an andern orten am liebſten gehoͤret werden.
g)
h)Dieſe veraͤndert den ausdruck gewaltig, dann ein iedes obiectum muß nach ſeinen eigenſchaf - ten ausgedruckt werden. Siehe unten das 2. cap.
h)
i)Wann die leute ſich zwingen, nach eines andern diſpoſition des verſtandes zu reden, oder die nei - gungen nicht haben, welche andere treiben, und alſo inuita mincrua, und nicht, wie ihnen der ſchnabel gewachſen, reden wollen. Z. e. wann Lipſius ſchreiben will wie Tacitus, oder wann Gruterus und Coͤlius Lipſii ausdruck affectiren S. Morhoffs Polyh. l. I. XXIIII. 69. 70.
i)
k)Dieſe ſetzt man der affectation billich entgegen. Jene zwingt ſich andere zu folgen mit denen ſie nichts gleiches hat, dieſe ſucht, was andere, mit denen ſich etwas gleiches bey uns findet, ſchoͤnes herfuͤrgebracht, nachzumachen, ohne zwang und falſchen abſichten. Z e. Baudius imitirt Plau - tum gluͤcklich und man lobt ihn deßwegen S. Mor -171der gedancken. Morhoffs Polyh. l I. XXIIII. 87. Budaͤum will man, wegen ſeiner art zu imitiren, nicht ſon - derlich loben, S. eundem l. I. XXIII. 47. vid. un - ten cap. 4.
k)
l)Z. e. etliche leute reden geſchwinde, etliche gra - vitaͤtiſch, einige liſpeln, einige ſchnarren, einige haben eine leiſe, kleine, ſchwache ſtimme, andere ſtarck und grob.
l)
m)Mit den iahren veraͤndert ſich der ausdruck gar ſehr, alten leuten will es nicht mehr ſo flieſſen als iungen, daher heiſt eine rechte beredſamkeit bey den Lateinern virilis eloquentia, und dieſe iſt a flore iuuenili orationis, ingleichen a terſo dicendi genere ſenili, ſehr unterſchieden. Lipſius hatte im alter einen gantz andern ausdruck angenom - men, als in der iugend. ſiehe Morhoff l. c. 63. Daß ich hier von andern urſachen der veraͤnderung im ausdruck nicht gedencke, Z. e. Manche ſchreiben und reden ſchoͤn, wann ſie verliebt, zoͤrnig, berauſcht, unter guten freun - den ſind, hingegen zu anderer zeit will es nicht fort, ſo iſt auch ein menſch nicht alle ſtunden gleich diſponiret zum reden. S. Schefferum de ſtilo illiusque exercitiis (cum Jo. Henr. Boecleri diſſ. de comparanda Latinae linguae facultate ed. Jenae 1678. 8.) Cap. I. p. 10.
m)

§. 12. Daraus ſolte man faſt ſchlieſſen, als wann es unmoͤglich, von der ſchoͤnheit und ac - curateſſe des ausdrucks, regeln zu geben, und ſo vielerley dinge, einer herrſchaft der kunſt zu un - terwerffen; eben ſo, wie es ſchwer, den ge - ſchmack der leute, durch diſputiren auszuma - chen und durch regeln zu determiniren. Allein zu geſchweigen, daß es hier nicht bloß auf der - gleichen natuͤrliche zufaͤlle, oder auf eine bloſſeempfin -172von dem ausdruckempfindung ankomme, ſo wirft ſich der ge - brauch, ſo zu reden, zu einem allgemeinen ſprachrichter auf, und tyranniſiret dergeſtalt, daß man auch durch die regeln der vernunft kaum vermoͤgend iſt, ihn einiger maſſen im zaum zu halten. Und dieſer iſt eine gleichfoͤr - migkeit oder uͤbereinſtimmung einer gewiſſen nation oder ſocietaͤt, in dem ausdruck, betref - fend die worte, redens-arten, und derſelben be - deutung und anwendung.

§. 13. Dieſer gebrauch ſiehet entweder bloß auf die worte, ſo iſt es ein Grammaticaliſcher concept, und leget den grund zur Grammatick,a) oder er ſiehet auf die idee, welche mit einem worte ausgedruckt wird, ſo iſt er das funda - ment der Rhetorick, und gehoͤrt hieher. Er iſt aber ſo dann univerſel, wann er bey einer gantzen nation, in einer gantzen ſprache, ein - gefuͤhret, oder particular, wann er von einem gewiſſen theil der nation, durch einhelligen con - ſens angenommen worden. Der univerſelle gebrauch, herrſchet ſonderlich bey ſenſuellen dingen. erfindet ſelbige auszudrucken woͤrter und fuͤhret ſie ein,b) macht die ſtamm-woͤr - ter nach der phantaſie der erfinder, bindet die ideen an die worte und veraͤndert ſie auch wohl nach und nach, wird daher uͤberall im gemeinen leben beobachtete) und auch als der grund des particularen angeſehen. Jhn zu erkennen und zu appliciren braucht man weiter nichts als die erfahrung und memorie.

a) Die -173der gedancken.
a)Dieſer macht die declinationes, coniugationes, genera, conſtructiones, ſyntaxin, ꝛc. und iſt ſo maͤchtig, daß auch Kaͤyſer Sigismundus ſich druͤber verwunderte, da er ohngefaͤhr ſchiſmam an ſtatt ſchiſma: geſprochen, und mit ſeiner Kaͤyſerl. auctoritaͤt nicht wieder denſelben ſchuͤ - tzen konte.
a)
b)Z. e. ein pferd, ein hund, die ſonne, roth, ſchwartz, lang, ſchlagen, werffen, ꝛc. ſind lau - ter ſenſuelle ſachen, dieſe hat der univerſelle ge - brauch unter ſeiner diſpoſition. Eben derſelbe nimt auch zuweilen woͤrter aus andern ſprachen, und giebt ihnen in einer fremden das buͤrger - recht.
b)
c)Daher ſagt Morhoff im unterricht von der Teutſchen ſprache, cap. 4. wer die ſtamm - woͤrter finden wolle, muͤſſe ſie nicht in den ſtaͤdten und bey hofe, ſondern auf den doͤr - fern unter den bauren ſuchen. Jch ſetze noch hinzu, daß man ſie nicht allemahl mit gnugſamen grund in andern ſprachen ſuche.
c)
d)Z. e. Wer in der gantzen Teutſchen nation hoͤrt die ſonne oder plat-Teutſch nur mit etwas ge - ſchloſſenem munde ausgeſprochen, de oder dey ſunne nennen, der denckt gleich an das groſſe licht, welches den tag erleuchtet. Und wann nun ſchon der Chymicus das gold und ein ver - liebter ſeine amaſia darmit beleget, ſo hat doch der univerſelle gebrauch eigentlich die idee der ſonne daran gebunden. Alſo veraͤndert der ge - drauch manchmahl woͤrter in anſchung ihrer be - deutung, Z. e. ſchalck hieß vorzeiten ein treuer diener, daher marſchalck; ſchuft kam in der be - deutung mit dem Hebraͤiſchen Schophet uͤberein; ſchelm war ein ehren - und geſchlechts-nahme. S. Zieglers Heldenliebe der ſchrifft die vor - rede. Mayd hieß eine iungfer, hofieren hieß ei -nem174von dem ausdrucknem ehre erwieſen, heut zu tage wuͤrde man ſich fuͤr der ehre nach dem ietzigen verſtande gar ſehr bedancken. ꝛc. Bald wird dieſer bizarre ge - brauch aus orthodoxe und Philoſophe ſchimpf - woͤrter machen, der grund iſt ſchon dazu gelegt.
d)
e)Einmahl wird er, was anbetrift die woͤrter, bil - lich beobachtet. Z. e. an ſtatt: handſchub ſage ich nicht handſtruͤmpfe oder an ſtatt: beinklei - der, nicht lendenholftern, ꝛc. Alſo irreten die Zeſianer gar ſehr, da ſie alle woͤrter reformiren wolten und auch die bereits das buͤrgerrecht in unſerer ſprache gewonnen hatten, ausmuſterten / da ihnen doch der univerſelle gebrauch im wege ſtand. Die immer Ciceronianiſch ſchreiben wol - len, denen geht es eben ſo. Nec nimis molles nec nimis moroſi ſimus. S. Thomaſii Cautelen VII. und die vorrede, ſo er ſeiner Einleitung zur Vernunftlehre fuͤrgeſetzet. Die herren, ſo galant (i. e. uͤberhin) ſtudiren, ſuͤndigen dagegen in der groſſen nachlaͤßigkeit. Hernach ſo wird auch der gemeine gebrauch billich in obacht ge - nommen, was anbetrift die ſachen, ſo man fuͤr - bringt, loquendum cum vulgo, &c. Wann der bauer (und auch der gelehrte bauer) glaubt, die ſonne gehe herum, ſey nicht groͤſſer als ſein hut, die hexen ritten um Walpurgis auf beſen und ofengabeln und ziegenboͤcken nach dem bloxber - ge, und ich habe keinen beruf ihn kluͤger zu ma - chen, da rede ich nach ſeinen begriffen: hingegen wuͤrde das wohl ein greulicher thor ſeyn, der mir wuͤrcklich aus einem ſolchen diſcours, derglei - chen alberne meinungen beymeſſen wolte. Wenn Curtius die thaten des Alexandri beſchreibt, ſo ſetzt er verſtaͤndigen leuten eine marque zu geben, was ſie von ſeiner hiſtorie halten ſollen, nur dieſe worte: Equidem plura transſcribo, quam credo. Sapienti ſat.
e)§. 14.175der gedancken.

§. 14. Weil aber der univerſelle gebrauch ſich mehr um den ausdruck ſenſueller dinge, und um die hauptidee der worte, als um abſtracta und um die neben ideen bekuͤmmert, ſo haben gelehrte und polite leute, von demſelben abge - hen, und einen particularen gebrauch unter ſich einfuͤhren muͤſſen, und daher iſt der gelehr - te und der galante gebrauch entſtanden. Der gelehrte gebraucha) iſt alſo eine uͤberein - ſtimmung der gelehrten,b) in dem ausdruck derer abſtracten dinge,c) und zeiget ſich ent - weder in erfindung neuer kunſt-woͤrterd) oder in determinirung der bereits erfundenen, aber ſchwanckenden und unrichtigen woͤrter. e)Dieſen zu erkennen und zu appliciren, muß man den univerſellen gebrauch und die medi - tation, doch dieſe mehr als ienen zu rathe zie - hen.

a)Dieſen hat Quinctilianus L. I. c. 6. genennet: conſuetudinem ſermonis conſenſum eruditorum, aber darinn hat er geirret, daß er hiedurch den univerſellen verſtanden. Den gelehrten ge - brauch verderben mehrentheils die halbgelehr - ten, welche mit ihren unreiffen gedancken, und manchmahl zur unzeit und uͤbelausgeſonnenen neuen wahrheiten, ſolche woͤrter herfuͤrbringen, die nichts heiſſen, und zuweilen ohne noth von dem univerſellen gebrauch abgehen. Die Teut - ſche ſprache hat ſonderlich das ungluͤck, da man alle wiſſenſchafften mit dem Scholaſtiſchen La - tein verdorben, daß ſie mit genauer noth, gelehr - te ſachen ohne einmiſchung Lateiniſcher kunſt - woͤrter fuͤrtragen kan. Ja die Lateiniſche ſpra -che176von dem ausdruckche ſelbſt iſt durch dergleichen Scholaſtiſche woͤr - ter ziemlich ungeſtalt worden, wann man etwas gelehrtes fuͤrtragen ſoll. Daher entſteht der ſo genannte Philoſophiſche ausdruck, i. e. der aus - druck, deſſen ſich die docirenden bedienen. Von dem gelehrten gebrauch uͤberhaupt, ſ. Cleric. ar - tem critic. Part. II. &. III. Von dem gelehrten gebrauch in der Lateiniſchen ſprache ſ. Hede - richs Philologiſche wiſſenſch. von der Lexica und Phraſiologia Latina ingleichen was Mor - Hoff und Stolle l. c. fuͤr auctores allegiren. Thomaſii Cautelen cap. VII. Daraus man leicht die application aufs Teutſche machen kan.
a)
b)Weil nicht alle koͤche ſind, die lange meſſer tra - gen, und nicht alles gelehrte, die den nahmen fuͤhren, oder die Lateiniſch koͤnnen, und es doch hier auf gelehrte ankommt, ſo muß ich melden, daß ich unter gelehrte dieienigen verſtehe, welche eine iudicioͤſe, gruͤndliche, ſcharfſinnnige, erkaͤnt - niß der abſtracten dinge haben, und ſolche zum nutzen des menſchlichen geſchlechts anwenden. Z. e. Das wort Philoſophie hat Pythagoras erfunden, bedeutet damit die liebe zur weißheit, heut zu tage heiſt es die einleitung zur gelehrſam - keit, die univerſelle gelehrſamkeit, dadurch man ſeinen verſtand und willen zu erkennen zu beſſern und zu denen hoͤhern Facultaͤten und beſondern diſciplinen anzufuͤhren lernet. Mir deucht, daß alle gelehrte in dieſer bedeutung einſtimmig ſind, die andern gruͤtz-koͤpfe nehmen Philoſophie bald fuͤr eine kunſt zu diſputiren, oder grillen zu fan - gen, oder die creutz und die quere zu raiſonniren, u. ſ. f.
b)
c)Abſtracte dinge ſind, die nicht iedermann in die ſinne fallen, ſondern dabey man ſein iudici - um gebrauchen und nachdencken muß. Z. e. ge - lehrſamkeit, weißheit, billichkeit ꝛc.
c)d)177der gedancken.
d)Wann man eine neue ſache erfunden, ſo muß man ein wort haben, ſelbige zu benennen, alſo wer in der gelehrſamkeit etwas herfuͤrgebracht, muß ebenfalls auf die benennung bedacht ſeyn, und da muß er zufoͤrderſt ſehen, ob nicht der - gleichen wort ſchon in der ſprache fuͤrhanden, hernach, ob nicht etwan durch die analogie der - gleichen wort zu formiren, ferner wann dieſes nicht angehen ſolte, ob nicht in einer andern ſpra - che ein wort ſey, das die ſache ausdrucket, endlich bekommt er erſt freyheit, ein neues wort zu ma - chen, aber er darf es nicht gebrauchen, ohne ſol - ches durch eine definitionem nominalem zu er - klaͤren. Denn durch die definitiones nominales werden die logomachien vermieden, ſiehe We - renfelſens diſſert. die in der vorber. §. 12. not. a. angefuͤhret.
d)
e)Z. e. Freundſchaft, billichkeit, gelehrſamkeit, raiſonable, bonnet, galant, ꝛc. ſind zwar erfun - den und faſt durch den univerſellen gebrauch re - cipirte woͤrter, aber wie uͤbel werden ſie nicht angewendet z. e. wann der raͤuber ſterben ſoll, ſo ſagt er, es ſey nicht billich, daß man ihm das leben nehme; wer uns mehr giebt, als wir ver - dienet haben, den nennen wir raiſonnable; man ſagt: ein galanter pruͤgel ꝛc. Solcher woͤrter eigentliche bedeutung zu determiniren, ſolten die gelehrten muͤhe anwenden, und ihren gebrauch dem einreiſſenden mißbrauch entgegen ſetzen. Sonſt dienen zum gelehrten gebrauch die Lexica Philoſophica, als Stephani Chauvi - ni. 1713. Loͤwarden. 1692 Rotterdam in fol. Joh. Miraelii 1662. 4. Stettin. J. H. Com - pendioͤſes Lexicon Metaphyſicum. Franckfurt 1715. 8. Goclenii, ſiehe Morhoffs Polyh. l. IIII. IIII. 5. Reimmann l. c. IIII. 566. doch moͤchte Herrn Walchens dieſe wohl uͤbertreffen, aufMwelches178von dem ausdruckwelches uns ſchon D. Ruͤdiger in ſeiner vorr - de zur Philoſophia Synthetica 1717. vertroͤſtet. Es ſolte auch billich ein ieder gelehrter, wann er von abſtracten ſachen ſchriebe, ein kleines lexicon dazu thun, damit die von ihm gegebenen nominal de - finitiones wieſen, wie man ſeine ſprache verſtehen ſolte, aber er muͤſte auch raiſon geben, warum er von dem univerſellen gebrauch abgegangen. Von dem gelehrten gebrauch abzugehen, hat man ſonſt nicht ſo leicht urſach und freyheit. Alſo iſt es nicht wohlgethan, wann man die Lateini - ſchen kunſtwoͤrter uͤberſetzet Z. e. obiectum, uͤber - wurff, ſubiectum, unterwurff, ꝛc. oder wann man ihnen ohne noth andere bedeutung giebt. Z. e. wann ſich einer nennete Magiſtrum vtriuſque Phi - loſophiae, ſo daͤchte ich er waͤre ein grillenfaͤnger, dann nach dem gelehrten gebrauch, haben wir nur eine Philoſophie, wann er nun vollends ſagte, er verſtehe darunter einmahl die Philoſo - phie, hernach die Mathematick, ſo daͤchte ich noch mehr er ſchwaͤrmete, dann wer wird doch iemahls die Mathematick eine Philoſophie nennen? Eben ſo wann ſich der Juriſte nennet Doctorem vtriuſque iuris, das wiſſen alle gelehrte, daß er einmahl das ius ciuile hernach das ius ca - nonicum verſtehe, wann ſich aber ein Phyſicus woite Doctorem vtriuſque mundi nennen, da wuͤrde man faſt auf die gedancken gerathen, als wann er im himmel und auf erden, oder in der alten und neuen welt ein Doctor ſey, denn wann er ſchon ſagte, er verſtuͤnde einmahl die welt, und hernach den menſchen, ſo weiß ich doch nicht, ob er damit fortkommen koͤnte, dann es iſt wieder den univerſellen und gelehrten gebrauch, den menſchen die welt zu nennen, und alſo homi - nem und mundum promiſcue zu gebrauchen, man unterſcheidet zwar wohl macrocoſmum und mi -cro -179der gedancken. crocoſmum, aber nicht ſo, daß man ienen mun - dum, und dieſen auch mundum nennet ꝛc.
e)

§. 15. Der galante gebrauch, iſt endlich eine uͤbereinſtimmung derer politen leute,a) in der vermeidung ſolcher woͤrter, die dem De - coro zuwiderlauffende neben-ideen haben,b) und in anwendung ſolcher, welche, nach be - ſchaffenheit des durch die fuͤrnehmſten in der republick eingefuͤhrten wohlſtandes,c) artige neben-ideen haben. d)Damit man auch dieſen recht erkenne und applicire, muß man den univerſellen gebrauch und die eingefuͤhrte regeln des wohlſtandes gegeneinander halten und in obacht nehmen. Und wann man end - lich von einer ſprache und derſelben ſchoͤnheit urtheilen will, ſo muß man den gelehrten und politen gebrauch zur richtſchnur ſetzen, nicht aber den univerſellen. e)

a)Unter polite leute verſtehe ich alle dieienigen, welche nicht ſo wohl durch abſtracte dinge (ohn - geachtet ihnen dieſe treflich nutzen und zu ſtatten kommen) als vielmehr durch erfahrung und er - kaͤnntniß der welt, und des ſtaats, verſtand und willen alſo gewoͤhnet haben, daß ſie nach den re - geln der klugheit durch den umgang im gemeinen leben, andern zu gefallen geſchickt ſind, und alſo ihren eigenen nutzen ſo wohl als den nutzen der republick zu befoͤrdern eine fertigkeit beſitzen. Jhre academie iſt, ſo zu reden, der hof, und ihre trivial-ſchulen ſind eine freye und muntere (nicht aber freche) auferziehung, converſation mit fuͤr - nehmern leuten und frauen-zimmer, und ver - waltung publiquer affairen, haben ſie dazu noch eine gelehrte erkaͤnntniß von denen ſachen, ſoM 2waͤchſt180von dem ausdruckwaͤchſt ihnen dadurch noch einmahl ſo viel ge - ſchicklichkeit zu.
a)
b)Alſo vermeiden polite leute alle obſcoͤne, liederli - che und unter dem poͤbel nur gebraͤuchliche worte z. e. alle worte, welche man ſonſt mit dem axiomate entſchuldigen muß: naturalia non ſunt turpia; alle arten von fluͤchen, zoten, ſcheltworten ꝛc. ferner die grob und baͤuriſch klingen, als: freſſen, ſauffen, hoſen, dreck, ꝛc. an ſtatt deſſen ſagen ſie: eſſen, trincken, bein-kleider, koth, ꝛc. Ja ſie ſpre - chen auch wohl die durch den univerſellen ge - brauch eingefuͤhrten woͤrter etwas zierlicher und manierlicher aus und moderiren die ſtimme, daß ſie nicht aus vollem halſe reden. Einige ſind in etwas privilegiret davon abzugehen Z. e. Die Herren Medici, ꝛc. denn die duͤrffen eher natuͤr - licher reden. Andere affectiren mit fleiß wider den politen gebrauch zu ſuͤndigen Z. e. die naͤrri - ſchen flucher, zotenreiſſer, poſſenmacher, ꝛc. die dencken ſich durch ſolche thorheit in auctori - taͤt zu ſetzen, beliebt, formidable zu machen. Wie - derum andere affectiren hier den politiſchen ge - brauch gar zu ſehr, Z. e. wenn man ſprechen wol - te: ich habe mir ſalua venia, oder ſaluo honore, oder wohl gar ſal fonore, ein paar ſchuhe ge - kaufft, oder wie iene frau, die ſagte an ſtatt: boh - nen, behnen, meinte, man braͤchte bey bohnen den mund gar zu ſehr aus den falten, oder an ſtatt: boden, kohlen, lieber bodden, kollen, ꝛc.
b)
c)Dieſer iſt ſo zu ſagen der hauptgrund des poli - ten gebrauchs, aber weil er ſehr veraͤnderlich iſt, ſo wird auch daher der polite gebrauch ſehr geaͤn - dert. Wann eine ſache gar zu gemein wird, ver - liert ſie ihre annehmlichkeit, und dann ſuchen leute, die von andern wuͤrcklich diſtinguiret ſind, ſich auch mit nicht gemeinen dingen in der diſtin - ction zu erhalten, Z. e. ſonſt bedienten ſich die fuͤrnehmſten nur der ſilbernen caffee-kannen, dadieſe181der gedancken. dieſe zu gemein worden, fangen ſie nun an bloß irdene zu gebrauchen. So geht es mit denen manieren zu reden, mit der titulatur ꝛc. Daher lernt man dieſes nicht leicht aus buͤchern, ſon - dern aus dem menſchlichen leben, aber eben deß - wegen iſt es leicht dawider zu verſtoſſen, und noch mehr, deßwegen muß man es einem, der da - wider verſtoͤſt, nicht ſo leicht aufmutzen und dar - uͤber ſich alteriren, ob es wohl freylich unrecht ſelbiges negligiren.
c)
d)Daher entſtehen alle complimente, titulaturen und andere polite manieren zu reden, Z. e. daß man einen du, den andern er, den dritten gar ſie nennet, und ietzo fuͤngt man gar an, die leute ih - nen zu nennen, als: ich bitte ihnen gar ſchoͤn; Daß man einen durchlauchtig, hochgebohren / geſtrenge, gnaͤdig, ihre excellentz, magnifi - centz, ſich aber einen gehorſamen, unterthaͤni - gen, allerunterthaͤnigſten diener nennet; nach dem univerſellen gebrauch iſt ein ſieb durch - laͤuchtig, des thuͤrmers ſohn hochgebohren, der boltzapfel geſtrenge, GOtt allein gnaͤdig, und ihre excellentz heiſt ihre fuͤrtreflichkeit, ihre magnificentz aber ihre großthulichkeit; und wann ich mich eines andern unterthaͤnigen diener nenne, ſo hat das nicht den verſtand, als wann ich ſein ſchuhputzer waͤre. Hier thun ei - nige der ſache zu viel, einige zu wenig, einige ſehen ſonſt die ſache nicht recht an. Zu viel thun alle dieienigen, welche an dem unrechten ort, oder im uͤberfluß, oder mit fremden woͤr - tern, einen politen gebrauch affectiren, z. e. wann man die iunge magd ſie nennet; oder man nennt ſich ohne unterſchied einen unterthaͤ - nigen diener, da es wohl an einem ergebenen diener gnug waͤre; wann man ſo viel fremde woͤrter einmiſcht, als Frantzoͤiſche und Jtaliaͤ -M 3niſche182von dem ausdruckniſche ins Teutſche, wie klingt das, wann ich ſpreche: Monſieur oder Signor haben ſie doch die bonte und a iuſtiren mein kleid un peu, ich will fuͤr ſolche complaiſance mich bey ieder oc - caſion reconnoiſſant auffuͤhren, auch meine ob - ligation reellement conteſtiren, an ſtatt: Mei - ſter oder mein Herr. mache er mir doch mein kleid zu rechte, ich will mich dafuͤr geboͤtiger maſſen abfinden. Zu wenig thun dieienigen, welche dencken, ſie vergeben ihrer hoheit etwas, wann ſie andere leute hoͤflich tractiren, ſich ge - horſame diener nennen, oder ſonſt einen bau - er-ſtoltz affectiren wollen. Dieienigen ſehen endlich die ſache wohl nicht recht ein, welche den politen gebrauch, nach der bibel abmeſſen, wel - che weil ſie etwas grober complexion ſind oder ſonſt einen wunderlichen geſchmack von dem po - liten gebrauch und von der redlichkeit oder auf - richtigkeit haben, und entweder alle complimen - te und titul als ſuͤndlich oder als kennzeichen der falſchheit ausſchreyen, oder wohl gar nach dem univerſellen gebrauch und bloſſen wort-ver - ſtande nehmen, z. e. es ſagt iemand, er wolle ihnen gerne dienen und gefaͤlligkeiten erzei - gen, und ſie praͤtendiren, er ſolle nun ihren la - quais abgeben. Hier heiſt es verba valent vt num̃i, hingegen ſo lange man im univerſellen ge - brauch bleibet heiſt es: verba ſunt ſigna rerum. Dem zu folge iſt freylich der bauren ausdruck der aufrichtigſte.
d)
e)Alſo muß man nicht das Lateiniſche nach der Roͤmiſchen bauren, das Frantzoͤiſche nach des gemeinen volcks zu Pariß, das Teutſche nach des poͤbels ausdruck, ausſprache und manier zu re - den beurtheilen. Man muß auch nicht, wann man eine ſprache lernen will. ſelbige nach des poͤbels art zu reden, ſich angewoͤhnen, z. e. werTeutſch183der gedancken. Teutſch lernet, muß nicht ausſprechen: loffen, glauben, wo hammerſchen, ꝛc. an ſtatt, lauf - fen, glaͤben, wo haben wir es denn ꝛc. ohn - geachtet freylich der univerſelle gebrauch nicht zu verabſaͤumen. Eben ſo muß man in Fran - tzoͤiſchen nicht lernen: J’auons, queque cique ca - enflez vous, an ſtatt: nous auons, qu’eſt ce que cela, en voulez vous, oder im Lateiniſchen: ne - num exfociont topper, queicoumque endo prae - ſentebos & continoeis & inexemplificabilibos ca - labricantur coeris, an ſtatt: non effugiunt cito, quicumque (in) praeſentibus & peculiaribus inuol - uuntur curis.
e)

§. 16. Auſſer dem allgemeinen ſprachrich - ter dem gebrauch, hat ein redner zugleich die verhaͤltniß der gedancken und worte, als eine richtſchnur ſeines ausdrucks anzuſehen, und zwar ſo, daß er ſich ihrer herrſchaft aus ſchul - digkeit gern unterwerffe, da er mehrentheils aus noth dem gebrauch nachgeben, und der tyranney deſſelben weichen muß. Es iſt aber dieſe zu beobachten unter den worten und ge - dancken, unter den gedancken und der ſache ſelbſt, unter den worten und der idee des zu - hoͤrers, und endlich unter denen worten gegen - einander. Und hievon iſt im folgenden 2. cap. ausfuͤhrlicher zu handeln, hier aber nur ſo viel zu gedencken, daß dieſe verhaͤltniſſe vollkommen auszudrucken, faſt keine ſprache reich genug an worten ſey, zumahl da bey dem groſſen reich - thum der ſprachen, dennoch der verſtand mehr gedancken faſſen, und der wille mehr regungenM 4em -184von dem ausdruckempfinden kan, als der gebrauch, worte ſelbige auszudrucken, eingefuͤhret.

§. 17. Dannenhero iſt man genoͤthiget worden, an ſolche ſache zu gedencken, welche mit dieſen verhaͤltniſſen einige verwandſchafft und ihre eigene worte haben, damit man durch die von ihnen entlehnten worten ausdrucken moͤge, wozu man keine eigene finden koͤnnen, und ſolche nennet man tropos. Nachgehends hat man auch wohl ohne noth, zur zierde der re - de, und den ausdruck nach ſeinen abſichten einzurichten, tropos angewendet, und auſſer dieſen faͤllen iſt es thoͤricht, tropos gebrau - chen. a)Ubrigens iſt die verwandſchafft der ſache, von welcher wir die worte entlehnen, mit derienigen, ſo wir dadurch ausdruͤcken wollen, entweder natuͤrlich oder kuͤnſtlich, iene koͤnte man uͤberhaupt metonymiſch oder iudicioͤs, die - ſe metaphoriſch oder ingenioͤs nennen, und ih - ren urſprung in denen erlaͤuterungs-gruͤnden ſuchen. b)

a)S. Lami l’art de parler, L. II. Cap. I. biß. 5. Al - ſtedium in Rhetor. L. I. c. 2. Becmannum in Manuduct. ad Lat linguam c. XV. Clerici Art. Critic. P. II. S. l. c. 6. Qvinctilianus Inſtit. Orat. VIIII. I. Tropus eſt dictio ab eo loco, in quo propria eſt, translata in eum, in quo non pro pria eſt. Und VIII. 6. Id facimus aut quia neceſſe, aut quia ſignificantius eſt, aut quia decentius. Cicero ſagt L. III. de Orat. Tropum neceſſitas genuit in - opia coacta& anguſtiis: poſt autem delectatio iu - eunditas ue cel brauit. Daher iſt der eigentliche und der tropiſche ausdruck entſtanden. Durchden185der gedancken. den tropiſchen ausdruck, wird eine ſprache gleich noch um die helfte reicher, und die rede, nachdem man ſie recht anbringet, kraͤfliger praͤchtiger und angenehmer, ia die ſache ſelbſt bekommt da - durch vielerley anſehen. Oft ſagt man auch mit einem tropo mehr als mit vielen worten, aus welchen allen die nothwendigkeit und der nutzen der troporum zur gnuͤge erhellet.
a)
b)Man muß hier, was oben im erſten theil cap. 4. ausgefuͤhret, zum grunde legen, und die da - ſelbſt von den argumentis illuſtrantibus ange - fuͤhrten cautelen, hier wiederholen. Dann hier kommt es eben am meiſten auf den ausdruck der argumentorum illuſtrantium an, wie in folgen - den beyden §. §. auf den ausdruck der argumen - torum patheticorum. Die metonymiſche oder iudicioͤſe verwandſchaft gruͤndet ſich auf die ar - gumenta illuſtrantia, welche aus dem weſen der ſache flieſſen, und von dieſer art haben die Rhe - tores folgende manieren determiniret, da man ſetzen kan:
  • 1. Genus pro ſpecie, Z. e. an ſtatt: Die truncken - heit bringet ihre anhaͤnger ums leben: ſetze: die unmaͤßigkeit opfert ihre verehrer dem tode auf.
  • 2. Speciem pro genere, Z. e. an ſtatt: Es iſt frie - de geweſen: ſetze: Der ackersmann hat noch kein eiſen, auſſer zum feldbau, und der buͤrger kein geſchoß, als nur zu freundens bezeugun - gen gebrauchet.
  • 3. Partem eſſential. pro toto, Z. e. an ſtatt: Got - tesfuͤrchtige menſchen ſterben gerne: ſetze: Gottergebene ſeelen unterwerffen ſich mit freuden der trennung von dem zeitlichen.
  • 4. Partem integr. pro toto, Z. e. an ſtatt: Hier ſind viel leute geblieben: ſetze: Die erde iſt allhier mit dem vergoſſenen blute benetzet,M 5und186von dem[ausdruck]und mit den gliedmaſſen der erſchlagenen be - ſaͤet worden.
  • 5. Totum pro parte, Z. e. an ſtatt: Es iſt bißher in Teutſchland, Franckreich, Engelland, ꝛc. friede geweſen: ſetze: Gantz Europa hat die kriegeriſchen waffen bißanhero fuͤr unbrauch - bar gehalten und aus den haͤnden geworffen.
  • 6. Nomen proprium pro appellatiuo, Z. e. an ſtatt: Unſer Landes-Herr iſt ein gnaͤdiger Herr: ſetze: Unſer Allerdurchlauchtigſter Frie - drich Auguſt iſt der rechte Auguſtus und Traianus unſerer zeiten.
  • 7. Appellatiuum pro proprio, Z. e. an ſtatt: Vir - gilius: ſetze: Der Poͤet, an ſtatt: Cicero: ſetze: Parens eloquentiae Romanae, oder: der Roͤmiſche buͤrgermeiſter.
  • 8. Antecedens pro conſequente & v. v. an ſtatt: memento mori: ſetzte: meditare funus tuum: oder, an ſtatt: Wann das frauenzimmer cour - teſirt, verliert es ſeine renommee: ſetze: Wo ein frauenzimmer ſich gewoͤhnt in den fen - ſtern zu liegen, und nach denen iungen herren zu ſehen, von ihnen viſiten anzunehmen, mit verliebten blicken zu ſpielen, ſich beſchencken zu laſſen, da iſt es von hertzen gefehlt.
  • 9. Partem orationis pro alia, Z. e. an ſtatt: ein tu - gendhaffter kan nicht ſterben: ſetze: Die tu - gend entreiſſet ihre beſitzer der ſterblichkeit. ꝛc.
  • 10. Accidens partis orationis pro alio, Z e. an ſtatt: Die fuͤrſten muͤſſen auf ihre feinde und auf ihre umerthanen ſehen: ſetze: ein fuͤrſt muß zwar ſeinen feind ſtets in augen haben, aber dabey ſeinen unterthan nicht uͤberſehen: oder, an ſtatt: Sapientes terreſtria contemnunt hilaritate quadam animi: ſetze: Sapiens ſupra lunam poſitus, ſemper ſerenum eſt in eius animo. &c.
  • 187
  • 11. Affirmationem pro negatione & v. v. Z. e. an ſtatt: ein frommer betet allezeit: ſetze: ein gottesfuͤrchtiger unterlaͤſſet niemahls das ge - bet. ꝛc.
  • 12. Plus vel minus quam intelligitur, Z. e. an ſtatt: er hat die feinde bald geſchlagen, ſetze: die feinde hatten ihn kaum geſehen, als er ſie ge - ſchlagen, oder, an ſtatt: Judas hatbey ſei - ner verraͤtherey gottloß gehandelt, ſetze: Judaͤ verraͤtheriſcher kuß und falſches hertze verdienet gewiß keinen panegyricum: ꝛc.
  • 13. Effectum pro cauſſa & v. v. Z. e. an ſtatt: die liebe verblendet: ſetze: Die liebe faͤllet ia ſo leicht auf etwas heßliches als auf etwas ſchoͤ - nes. ꝛc.
  • 14. Adiunctum pro ſubiecto & v. v. Z. e. an ſtatt: Er liebt das ſtudir en mehr als den krieg: ſetze: er will lieber denen ſtillen Muſen ſeine zeit aufopfern, als dem kalbfelle folgen ꝛc.

Und da nennen ſie 1. 2. 3. 4. 5. ſynecdochen, 6. 7. an - tonomaſiam, 8. metalepſin, 9. enallagen, oder ins beſondere antimeriam 10. heteroſin, und zuweilen antiptoſin 11. aequipollentiam, 12. hyper - bolen und dieſe bald meioſin, oder tapinoſin, bald auxeſin, bald litoten, bald heteroſin, bald cata - chreſin, bald bloß hyperbolen, 13. 14 ſchlechtweg metonymiam, da denn noch hypallage drunter begriffen. Jch dencke, man habe ſich mehr um die fontes, und den gebrauch, als um die nahmen, welche bißweilen undeutlich und ſchwanckend concipiret, zu bekuͤmmern. Als fontes koͤnnen alle dieienigen ideen angeſehen werden, welche mit unſerm obiecto verknuͤpfet, zu welchen uns die natur und meditation gantz ungezwungen fuͤhren, und der gebrauch iſt nach der abſicht die man hat, und nach denen im erſten theil cap. 4. angefuͤhrten regeln, anzuſtellen und zu beurthei -len.188von dem ausdrucklen. Die metaphoriſche oder ingenioͤſe ver - wandſchaft, gruͤndet ſich auf die argumenta il - luſtrantia, welche auſſer dem weſen der ſache ſind, daher kan man ſetzen:

  • 1. Simile, Z. e. an ſtatt: Rechte liebe iſt beſtaͤn - dig, ſetze: Das feuer der wahren liebe verli - ſchet auch im grabe nicht: oder: eine bruͤnſti - ge liebe, welche von der aufrichtigkeit unter - halten wird, kan bey keiner veraͤnderung aus - leſchen. ꝛc.
  • 2. Exemplum, Z. e. an ſtatt: er iſt ein furchtſa - mer tyranne, ſetze: er iſt ein rechter Tiberius. Hieher koͤnten auch ſententiae referirt werden.
  • 3. Z. e. Oppoſitum eius, quod intelligitur, an ſtatt: du biſt albern, ſetze: Du biſt ein artiger, ſchoͤner herre! ꝛc.

Hievon wird 1. metaphora genennet, wenn das ſimi - le durch etliche eigenſchaften gut durchgefuͤhret wird, heiſt es allegoria, fuͤhrt es einen gelin - dern concept ein als man ſich vom obiecto ſonſt macht, heiſt es euphemiſmus. Wenn 2. kurtz angefuͤhrt wird heiſt es alluſio, ſonſt bleibt es ein ordentliches argumentum illuſtrans. Und end - lich 3. iſt die ironia. Die fontes dazu und was bey dem gebrauch zu beobachten, ſiehe oben P. l. c. IIII. Das hauptſaͤchlichſte iſt, daß man nicht gar zu unbekannte und von dem weſen der ſache gar zu weit entfernte dinge nehme, und daß man nicht in der ausfuͤhrung ſich uͤbelreimender ideen und worte bediene. Z. e er iſt ein rechter Philipp freyherr von Winneberg, an ſtatt: er liebt ſeine freunde beſtaͤndig, oder: er iſt ein rechter Ecebolius, an ſtatt: er iſt unbeſtaͤndig in der religion, denn das wiſſen nicht alle leute, daß ie - ner geſagt: er befinde ſich am beſten bey alten kleidern und bey alten freunden, und daß die - ſer ſeine religion zu anfang des vierdten ſaͤculinach189der gedancken. nach der religion der Kaͤyſer gerichtet. Jn ſchriften pflegen ſich die leute, ſo hiewieder pecci - ren, mit noten zu helffen. Ubel connectiret die - ſes: Was ſolte wohl dieſer fuchs nicht thun, ia ich mercke es ſchon, er ſey zwar von auſſen ein ſchaf, aber inwendig ſind die wolffs klau - en ziemlich groß (beym Maͤnnling in ſeinem expediten redner. Franckfurt und Leipzig 1718. 8. p. 212.) Dann er faͤngt beym fuchſe an und hoͤrt beym wolffe auf. Wie ſich der affect mit den tropis ausdrucke, laͤſt ſich von ſelbſten ſchlieſſen, und wird im folgenden 19. §. gewieſen werden.

b)

§. 18. Die regungen des willens druckt die natur faſt von ſelbſten, und ohne zwang in der rede aus, dadurch, daß ſie denen redens-ar - ten und worten, durch beſondere ſtellung und ausſprache, gewiſſe neben-ideen anhengt, dar - aus man die verhaͤltniſſe des affects zu der ſa - che, durch eine ſympathetiſche kraft abnehmen und in dem andern erregen kan, und ſolche merckmahle nennt man figuren. Da nun dieſe die ſprache der affecten ſind, ſo muß man wuͤrcklich nicht nur in dem gemuͤth affecten ha - ben, ſondern es muͤſſen auch dieſe ſich zu dem obiecto reimen, und in denen argumentis pa - theticis gegruͤndet ſeyn. Da aber auch die af - fecten niemahls ohne heftigkeit ſind, und als re - gungen des willens, aufunzehliche weiſe ſich veꝛ - aͤndern koͤnnen, ſo nim̃t der affect alle argumen - ta, alle gedancken und worte, alle eigentliche uñ tropiſche ausdruckungen, und bedienet ſich der - ſelben ohne regeln, auf ſo vielfaͤltige art, daß esein -190von dem ausdruckeinmahl unnoͤthig, hernach auch nicht wohl moͤglich, alle ſolche arten zu determiniren.

  • S. hiebey Lami l. c. L. II. Cap. VI. biß XIII. der ſich am meiſten dabey aufgehalten, und die ar - tigſten gedancken davon aufgeſetzet. Herrn Langens E. z. O. P. I. p. 333. ſqq. Hederichs Philolog. wiſſenſchaften vom ſtilo. p. 488. ſqq. Linguae Latinae ornatum, (quem ex F. Syluio, Ambiano, Alſtedio, Aluaro, Buchlero, Clarckio, Datto, Pareo, Scioppio, Reyhero, Vechnero, Volgel - manno, & Weinhamero congeſſit, itemque viri celeb. Joh. Michael. Dillheri ad locos inuentionis Rhetoricae manuductionem illi adſtruxit Chriſtoph. Arnold, Eloq. Poëſ. ac Graec. lingv. P. P. editio 7. Norimbergae 1715. 12. cum triplici mantiſſa, de Germaniſmis falſo ſuſpectis, de Germaniſmis falſo ſuſpectis & de numero oratorio) cap. V. p. 268. Schmidii Grammaticam. Jacobi Thomaſii Rhetori - cam, die ſeiner Philoſophie beygefuͤget und mit derſelben Leipzig, 8. ediret ꝛc.

§. 19. Jnzwiſchen, da es doch mode wor - den, in der Oratorie eine lange reihe figuren, mit fuͤrchterlichen nahmen und beſondern be - ſchreibungen, nach einander her zu zehlen, indem ia alle Rhetoricken damit geſpicket ſind, ſo ſehe ich mich genoͤthiget, auch hier ein regiſter der - ſelben, dem leſer zu liefern, ob es wohl wegen der vielen verworꝛenen unꝛichtigen und ſchwan - ckenden concepten nicht wenig unangenehm. Jch will dabey zugleich alles, was ſonſt unter dem nahmen der figuren im reden bekannt iſt, anfuͤhren, alſo finde ich erſt Gramma - ticaliſche, hernach Rhetoriſche figuren; die Grammaticaliſchen ſind entweder Orthogra -phiſch,191der gedancken. phiſch,a) oder Etymologiſch,b) oder Syn - tactiſch,c) oder Proſodiſch,d) die Rhetori - ſchen ſind entweder dictionis in worten, oder ſententiae in ſachen; iene beſtehen entweder im mangele) oder im uͤberflußf) oder in wiederholung einerleyg) und gleichfoͤrmigerh) worte, dieſe ſind entweder probatoriae,i) oder amplificatoriae,k) oder affectuoſae,l) oder diſpoſitionism) und connexionis.

a)Z. e. Proſtheſis appoſitio; Gnatus, fuͤr: natus, Aphaereſis, ablatio: Temnere, fuͤr: contemnere. Epentheſis, interpoſitio: Siet, fuͤr: ſit. Diapla - ſiaſmus, geminatio: Relligio, fuͤr: religio. Syn - cope, craſis, conciſio: Repoſtus, fuͤr: repoſitus. Paragoge, proſparalepſis, adductio: Dicier, fuͤr: dici. Apocope, abſciſſio: Fac, fuͤr: face. Syn - aereſis, epiſynaloephe, contractio: Negoti, fuͤr: negotii. Diaereſis, dialyſis, diſtractio: Aquai, fuͤr: aquae. Metatheſis, transpoſitio: I prae, fuͤr: prae i. oder hyperbaton, traiectio: Tran - ſtra per & remos. Antitheſis, antiſtoechon, mu - tatio litterae: Optumus, fuͤr: optimus. Tmeſis, diſſectio: Quae me cumque vocant terrae, fuͤr: quaecumque: Alle dieſe zuſammen heiſt man mit einem wort metaplaſmos.
a)
b)Z. e. Enallage, welche antimeriam und heteroſin und dieſe wiedernm antiptoſin unter ſich begreif - fet, ſiehe §. 17. not. b. num. 9. 10. Helleniſmus, Graeciſmus: Familias, fuͤr: familiae. Archaiſmus, vetuſtatis imitatio: Terrai, fuͤr: terrae.
b)
c)Z. e. Ellipſis, defectus: Boni paſtoris eſt, fuͤr: boni paſtoris officium eſt, dahin gehoͤrt: Aſynde - ton, defectus copulae: Glaube liebe, hofnung, fuͤr: Glaube, liebe, und hofnung. Pleonaſmus, abundantia: Jch habe es mit meinen augen ge - ſehen, fuͤr: ich habe es geſehen; dahin gehoͤrt:poly -192von dem ausdruckpolyſyndeton, abundantia copulae: Glaube, und liebe, und hofnung. Helleniſmus, Graeciſmus: Magnorum indignus auorum, fuͤr magnis auis indignus, Latiniſmus: Es fehlet ſo viel, daß wir unſere arbeit erheben ſolten, daß wir vielmehr ſo eigenſinnig ſind, daß uns auch Demoſtbenes nicht gefaͤllt: Alſo ſagt Cicero: Tantum abeſt, vt noſtra miremur, vt vſque eo diffi - ciles ac moroſi ſimus, vt nobis non ſatisfaciat ipſe Demoſthenes. Galliciſmus: Als der Koͤnig in Franckreich den Moliere frug: Warum er die comoͤdie, der Tartuffe, nicht mehr ſpielete? ſo ſagte er: C’eſt Monſieur le Preſident, qui me l a defendu: Das iſt, der herr Praͤſident, welcher mir es verboten, fuͤr: der herr Praͤſident hat mir es verboten. Hebraiſmus: Des todes ſterben, fuͤr: ſterben. Vanitas vanitatum, fuͤr: maxima vanitas. Germaniſmus: Das iſt zwar etwas, es hilft etwas, aber es machts nicht aus: Dieſes giebt Cicero: Eſt illud quidem aliquid, adiuuat aliquid, ſed nequaquam in iſto ſunt omnia. Archaiſmus, obſoleta conſtructio: Abſente nobis, fuͤr: abſentibus nobis. Synthe - ſis vel numeri vel generis, compoſitio ſecundum ideas, non ſecundum conſtructionem vocum: Ma - gna pars in flumen acti, Der meiſte theil ſind in den fluß geiagt, fuͤr: acta, und: iſt. Scelus qui me perdidit, das laſter, der hat mich rui - niret, fuͤr: Sceleſtus, und: der laſterhafte menſch. Der Syntheſi wird Prolepſis opponiret: Milites redeunt, hic ex Hiſpania, ille ex Gallia, fuͤr: hic redit ex Hiſpania, ille ex Gallia. Zeu - gma geht auf die verbindung der naͤchſten woͤr - ter: Sociis & rege recepto, fuͤr receptis; Die - ſes ſind ſeine waffen, ſein helm und ſchild ge - weſen, fuͤr: Dieſes iſt ſein helm, ꝛc. Sylle - pſis verbindet in der conſtruction die fuͤrnehm -ſten:193der gedancken. ſten: Mulciberis capti, Marsque Venusque do - lis fuͤr: capta; Diuitiae, decus, & gloria, in oculis ſita ſunt; Naues & captiuos, quae ad Chium capta erant; Mann, frau, und kinder, ſind baußwirtblich. Synecdoche ſyntactica: Aethiops albus dentes, fuͤr: quoad dentes; Et id genus alia, fuͤr: eius generis alia, oder alia quoad id genus; Das grane alter, fuͤr: Die grauen haare der alten. Hypallage: Solſtiti - um pecori defendite, fuͤr: defendite pecusa ſol - ſtitio, Virg. Der herr Doctor hat die wache, da doch die wache ihn hat. Anaſtrophe: (ſ. not. a.) Italiam contra, an ſtatt: contra Italiam.
c)
d)Z. e. Syſtole, correptio: Obſtupui ſteteruntque comae, fuͤr ſtetẽrunt. Diaſtole, ectaſis, productio: Italiam fato profugus, fuͤr: i ta li ãm fato. Sy - nizeſis conſeſſus: Alueo als zwey ſylben ausge - ſprochen.
d)
e)Z. e. Ellipſis, apoſiopeſis, omiſſio: Omnium! fuͤr omnium hominum peſſime! Quos ego! Jch will euch! nemlich: mores lehren. Aſynde - ton, omiſſio copulae: Abiit, exceſſit, euaſit, eru - pit; Er bat in kurtzen, ehre, geld, geſundheit, freunde, alles verlohren.
e)
f)Z. e. Pleonaſmus, abundantia: Mater hunc filium decem menſibus in vtero geſſit. Jch habe es mit meinen obren gehoͤret. Setzt man ſie der dentlichkeit wegen, heiſt ſie prodiaſipheſis, des affects wegen, periſſotes. Polyſyndeton, abundantia copulae: Somnus, & vinum, & epu - lae, & ſcorta, & balnea, corpora atque animos eneruant; Er hat geld, und geburt, und fuͤr - nehme freunde, und eine ſchoͤne ſtatur, und einen groſſen degen, und iſt doch eine feige memme.
f)
g)Z. e. Synonymia repetitio vocibus ſignificantio - rihus: Quicumque vbique ſunt, qui fuere, quiqueNfuturi194von dem ausdruckfuturi ſunt poſthac, ſtulti, ſtolidi, fatui, fungi, bardi, blenni, buccones, ſolus ego longe omnes ante eo ſtultitia & moribus indoctis. Plaut. Er aͤngſtiget, quaͤlet und martert ſich vergebens. Exergaſia, expoſitio, hermeneia, antizeugmenon, epexergaſia, epexegeſis interpretatio, epibole, ex - allage, repetitio phraſibus ſignificantioribus: Quid enim tuus ille, Tubero, in acie Pharſalica gla - dius agebat? cuius latus ille mucro petebat? quis ſenſus erat armorum tuorum? quae tua mens, oculi, ardor animi? quid cupiebas? Cic. Jch liebe dich, ich ſehne mich nach dir, ich kan ohne dich nicht vergnuͤgt und ruhig ſeyn, ia ich kan ohne dich nicht leben. Werden nur worte und redens-arten wiederholet, die ſchlecht - weg einerley bedeuten, ſo wird ein fehler daraus, der heiſt battologia oder tautologia.
  • Ploce, wenn das wort wiederholet wird, und ein - mahl die hauptidee, das andere mahl die fuͤr - nehmſte neben-idee bemercken ſoll: Hic conſul vere eſt conſul; Ein vater bleibt doch vater.
  • Antanaclaſis, anaclaſis, dilogia, wenn ein wort wis - derholet wird, welches zwar mit ienem einerley buchſtaben, aber nicht einerley bedeutung hat: Bella gerit vt omnia bella auferat; veniam ſi impetrauero veniam; Parentes ſind meiſten - theils parentes, D. i. ſie muͤſſen gehorchen, und liberi bleiben liberi, D. i. frey und unge - zwungen.
  • Analepſis heiſt iede wiederholung eines worts.
  • Antiſtaſis, traductio, wenn ein wort im contrairen ſinn wiederholet wird: Vna ſalus victis, nullam ſperare ſalutem.
  • Anaphora, wiederholung des worts in anfange der ſaͤtze: Epiphora, epiſtrophe am ende: Symploce im anfang und am ende zugleich, ſind bekannt. Epanalepſis wiederholet ein wort, welches im anfang195der gedancken. fang geſtanden am ende: Creſcit amor numi quan - tum ipſa pecunia creſcit. Anadiploſis, epanadi - ploſis, palillogia, wiederholet ein wort damit der ſatz geſchloſſen im anfang des folgenden. Epa - nodos, wiederholet die letzten worte eines ſatzes, im andern, zuerſt: Wer laͤugt, der ſtiehlt, und wer ſtehlen will, muß ſich auch mit luͤgen be - helffen. Domino domus, non domo dominus honeſtatur. Epizeuxis, wiederholet ein wort mit einer exclamation: O Corydon, Corydon quae te dementia cepit! Climax, gradatio, epiploce, wenn der vorhergehende und folgende ſatz, durch die wiederholung eines worts, connectiret: Secundae res pariunt negligentiam, negligentia temeritatem, temeritas perniciem. Wer ſich immer divertiret, lernet nichts, wer nichts lernet, wird nicht befoͤrdert, wer nicht befoͤr - dert wird, hat nichts zu leben, wer nichts zu leben hat iſt der elendeſte menſch unter der ſonnen. Polyptoton wiederholet ein wort mit veraͤnderter endung: Mors mortis morti mor - tem, mors, morteredemit. Rechte maſſe, rech - tes gewicht, und ein rechter glaube ſtehn al - len leuten an. ꝛc.
g)
h)Z. e. Paronomaſia, alliteratio: Tibi verba, illi verbera; Per anguſta ad auguſta; Amantes haud raro ſunt amentes; Nach dem fleiß kom̃t der preiß. Pannis annisque obſitus; Gut und blut; Paregmenon: Is demum miſer eſt, cuius miſeriam, nobilitat nobilitas; Ein menſch hat menſchliche ſchwachheiten, ſo lange er mit der menſchheit umgeben. Parecheſis: le ris tenta le rat, le rat tata le ris; O fortunatam natam me conſule Romam; Liederliche lieder ſoll man nicht ſingen. Homoeoptoton wann ſich ſaͤtze mit einerley caſibus und temporibus, und Homoeote - leuton wann ſie ſich mit einerley ſylben endigen, ſind leicht.
h)N 2i) Z. e.196von dem ausdruck
i)Z. e. Prolepſis, procatalepſis, occupatio, anticipa - tio: Moͤchte iemand einwenden, watum ſoll man redliche abſichten haben, da man faſt deßwegen fuͤr einfaͤltig gehalten wird? Al - lein hierauf dienet zur antwort. ꝛc. Hypobole, ſubiectio, macht und wiederlegt viele einwuͤrffe zugleich. Anakœnoſis, communicatio, wenn man mit dem zuhoͤrer die ſache gleichſam uͤberlegt: Nunc ego iudices, iam bos conſulo, quid mihi faci - endum putetis? Paromologia, confeſſio wenn man etwas zugeſteht, damit man den andern deſto nachdruͤcklicher uͤberzeugen moͤge: Du haͤltſt mich fuͤr einen ignoranten, du ziehſt mich uͤberall aufs heßlichſte durch, und haſt eine rechte freude wann du dich uͤber mich moqui - ren kanſt, ich lobe dich deßwegen oder will dir es wenigſtens nicht wehren, aber ich muß doch nicht ein ſo gar ſchlechter kerl ſeyn, denn ſonſt wuͤrdeſt du dir ia meinetwegen nicht ſo viel muͤhe geben. Epitrope, conceſſio, wenn man etwas zugeſtehet das beſte aber ſich fuͤr be - haͤlt: Jch glaube gerne daß er viel vermoͤgen habe, daß er ein ſchoͤner kerl ſey, daß er viel verſchlagenheit beſitze, aber daß er deßwegen ein vernuͤnftiger menſch ſey, kan ich mir nicht wohl einbilden.
i)
k)Z. e. Gnome iſt eine ſententz (ſiehe oben P. I. cap. 3. § 27. cap. 4. §. 13.) wenn dieſe mit der application fuͤrgetragen wird, heiſt ſie Noëma, ſetzt man dem auctorem hinzu, heiſt ſie Chria, ſteht ſie am ende, heiſt ſie Epiphonema. Aetiolo - gia iſt ein ordentlicher beweiß-grund. Color ein falſcher (ſiehe oben P. I. cap. 2. § 9. not. a) Ex - emplum, paradigma, iſt ein argumentum illu - ſtrans (ſiehe oben P. I. cap. 3 §. 28. cap. 4. §. 12. 16.) Diſtributio (ibid. cap 4. §. 7.) meriſmus, di - niſio, analyſis, ſind eintheilungen. Icon imago;Compa -197der gedancken. Comparatio, ſyncriſis, ſimilitudo; Symbole, col - latio; Diſſimilitudo; ſind gegen einanderhal - tungen gewiſſer dinge. (ſiehe cap. 4. oben) Dia - typoſis, hypotypoſis, delineatio, deſcriptio, praefi - guratio, beſchreibet etwas als wann man es mit augen ſaͤhe. (ſiehe oben l. c.) Periphraſis, circum - locutio, umſchreibt etwas. Folgende vier ha - hen mit oppoſitis zu thun: Paradiaſtole, diſtin - ctio, diſcriminatio: Er iſt zwar raffinirt, arg - liſtig, aber nicht klug. Antimetabole, dialle - lon, commutatio, antimetatheſis: Wir leben nicht, daß wir eſſen ſondern wir eſſen daß wir leben: Antitheton, oppoſitio: Ein Philoſophe iſt in armuth reich, in verachtung geebrt, in unrube ruhig, und indem er ſich uͤberwinden laͤſt, ein ſieger. Oxymoron, acutifatuum: Si ſa - pis, quod ſcis, neſcis. Ter. Ein gelehrter iſt kein gelehrter, wann er ſich von vorurtheilen und neigungen regieren laͤſt. Parechaſis, di - greſſio: wann man eine propoſitionem inciden - tem oder zufaͤllige idee beſonders ausfuͤhret und von der hanptſache inzwiſchen abgeht Auxeſis und Tapinoſis, ſ. unter denen tropis. §. 17. num. 12. Anabaſis, incrementum, wann die rede in worten und ideen ſteigt: Gloriam, honorem, im - perium bonus & ignauus aeque ſibi exoptant, Sall. Es iſt viel ein menſch ſeyn, noch me[h]r aber ein vernuͤnftiger menſch ſeyn, am allermeiſten endlich auch ein Chriſte ſeyn und als ein Chri - ſte leben.
k)
l)Z. e. Exclamatio, ecphoneſis, wann man mit ei - ner heftigkeit ausruffet: O tempora![o]mores! Paeaniſmus gruͤndet ſich auf froͤlichkeit bey der ausruffung: Wohl her, laſt uns wohl leben! Obſecratio, auf eine bitte. Votum auf einen wunſch. Exſecratio verwuͤnſchet. Admiratio bewundert. Diaſyrmus, illuſio verſpottet. Sar -N 3caſmus,198von dem ausdruckeaſmus, hoſtilis irriſio, verſpottet die todten oder ſterbenden. Apoſtrophe, auerſio, richtet die rede an iemand, der nicht unter den zuhoͤrern iſt. In - terrogatio, erotema, bringt etwas frageweiſe fuͤr. Sermocinatio dichtet peꝛſonen redẽ an. Proſopopœia, fictio perſonae, dichtet dingen reden an, die nicht reden koͤnnen. Parrheſia wann etwas gar zu frey geſagt, aber durch eine angenehme raiſon gut ge - macht wird. Aſteiſmus, wenn eine ſchertzhaffte raiſon gegeben wird. Epanorthoſis correctio, ſagt und wiederruft etwas gleich, damit man ſich nachdruͤcklicher ausdrucken moͤge. Charientiſ - mus beantwortet etwas freundlich, aber mit einer Jronie. Mimeſis wiederholet etwas mit einer Jronie, an ſtatt es zu wiederlegen. Aporia, dubitatio, zweiffelt, bey entſtandenen contrairen affecten. Apoſiopeſis, paraſiopeſis, reticentia, bricht die rede mit der groͤſten heftigkeit ab und redet anders: Quos ego! ſed motos praeſtat com - ponere fluctus. &c. Welche alle den heftigſten grad der affecten zum grunde haben, und dabey man alſo ſehr behutſam zu gehen, deßwegen auch die in der vorbereitung §. 13. ſqq. ingleichen cap. 3. §. 37, 38. 39. cap. 4. und 5. angefuͤhrte re - geln vorher wohl zu erwegen.
l)
m)Z. e. Paralipſis, praeteritio, wann man ſagt, man wolle etwas verſchweigen und es doch anfuͤhrt. Paradoxon inopinatum, ſuſpenſio, wenn man ſo anfaͤngt und in etwas fortfaͤhret, daß der zuhoͤrer nicht weiß wo man hinaus will, biß man end - lich ploͤtzlich unvermutheter weiſe ſchlieſſet: In me quiduis harum rerum conuenit, quae ſunt dicta in ſtultum; caudex, ſtipes, aſinus, plumbeus. In illum nihil poteſt; num exſuperat eius ſtultitia haec omnia?
Marcolphus ſpricht aus furcht von allen menſchen wohl,
Und199der gedancken.
Und iſt nie ſpielte man ihm auf der naß, ent - ruͤſt,
So ehrlich bey dem glaß als offenhertzig voll,
Und tugendhaft allein wann es ein laſter iſt.
Tranſitio, metabaſis, wenn man erinnert, wie man von der einen materie aufhoͤre, und nun - mehr zu der andern ſchreite. Apodioxis reiectio, wenn etwas, davon gegenwaͤr - tig nicht noͤthig zu reden, ausgeſetzet wird. Re - uocatio, wenn man von einer digreßion oder groſ - ſen weitlaͤuftigkeit wiederum einlencket: Sed ſatis de his; ad rem ipſam redeamus!
m)

Das andere capitel, vom ſtilo und deſſelben eigenſchaften.

Jnhalt.

WAs der ſtilus ſey? §. 1. Wie vielerley derſelbe? §. 2. Von den eigenſchaften des ſtili, §. 3. Von den natuͤrlichen zierrathen, §. 4. Der ſtilus muß ſich nach dem obiecto nach der perſon des redners und des zuhoͤrers richten, §. 5. Von dem adaͤquaten aus - druck, anbringung der neben-ideen und beywoͤrter, §. 6. Von der reinlichkeit, §. 7. Von der deutlich - keit, proprietaͤt, §. 8. Von der iunctur, ordnung der woͤrter, §. 9. Von der periodiſchen ſtructur, inter - punction, und dem numero oratorio, §. 10. Wie man egal und ungezwungen ſich ausdrucken muͤſſe, §. 11. Von den kuͤnſtlichen zierrathen, §. 12. Von der lebhaftigkeit im ſtilo, §. 13. Von den tropis und figuren, §. 14. Von denen falſchen zierrathen, §. 15.

§. 1.

WEnn der ausdruck unſerer gedancken, mit allen ſeinen theilen und verhaͤlt - niſſen,a) in eine ſolche form gebrachtN 4wird200von dem ſtilowird, welche mit denen abſichten des redners in einer guten harmonie ſtehet, und da alles conſpiriret, dem zuhoͤrer die gedancken beyzu - bringen, und die affecten rege zu machen, wel - che man intendiret zuerwecken, ſo heiſt dieſes, wann man zumahl darinn zu einiger fertigkeit elanget iſt, der ſtilus. b)

a)Und hieraus muß man auch vom ſtilo urthei - len, denn das iſt albern, wann man bloß aus den worten oder aus den redens-arten, oder bloß aus denen einfaͤllen oder ſonſt aus andern dingen und einzelen zufaͤllen des ausdrucks vom ſtilo ein urtheil faͤllen will. Das obiectum, die gedancken, regungen, die worte, der redende, der hoͤrende, alle dieſe dinge ſind wichtige momenta, darauf man bey dem ausdruck zu reflectiren, und deren verhaͤltniſſe man gar ſorgfaͤltig zu beobachten.
a)
b)S. hiebey Io. Sch〈…〉〈…〉 fferum de ſtilo, Groſſeri Iſago - gen ſtili Romani, Lauban 170 8 Jo. S[t]arckii In - ſtitutionem philologicam & Rhetoricam de ſtilo. Hamburg 1705. 8. Joach. Langii inſtitut. ſtili Berlin 1711. 8. Wagenſeil de ſtilo. Pera ſchola - ſtica Loc. I. p. 875. ſqq. Kemmerichs neueroͤf - nete academie der wiſſenſchaften, zweyte er. oͤfnung Leipzig 1711. 8. ins beſondere cap. 3. L. l. Lami l’art de parler L. IIII. D Jac. Jmm. Hamiltons allerleichteſte art der Teutſchen rede-kunſt, beſtehend in kurtzen und gruͤndli - chen regeln und in gnugſamen und deutlichen exempeln, Leipzig 1712. 8. cap. 5. ꝛc. Morhoff, Stolle, Hederich, I. c. &c.
b)

§. 2. Dieſer iſt ſo vielen veraͤnderungen un - terworffen, daß es faſt nicht moͤglich ſolche in gewiſſe claſſen zu bringen, und alſo die vie -lerley201und deſſelben eigenſchaften. lerley arten des ſtili zu determiniren. Doch ſind die fuͤrnehmſten nach denen hauptſaͤchlich - ſten verhaͤltniſſen und momentis leicht zu mer - cken. Alſo iſt der ſtilus in anſehung des obie - cti, entweder ſimplex oder eruditus; entweder humilis oder mediocris oder ſublimis; entwe - der theoreticus oder patheticus; entweder Theologicus oder Juridicus oder Medicus oder Philoſophicus und Mathematicus oder Hiſtoricus: Jn anſehung der gedancken ent - weder iudicioſus oder ingenioſus oder memo - rialis: Jn anſehung der hauptneigungen der menſchen, entweder terſus oder magnificus oder floridus: Jn anſehung der ſprache und worte, entweder Lateiniſch oder Teutſch oder Griechiſch und ſo vielerley als ſprachen ſind; entweder naturalis oder artificialis, iener ent - weder ſimplex oder proprius oder ordinarius, dieſer hingegen entweder declamatorius oder tropicus oder figuratus, der declamatorius ent - weder oratorius oder theatralis; entweder Aſiaticus oder Atticus oder Laconicus; ent - weder luxurians und diffuſus, oder rotundus oder conciſus und ſententioſus: Jn anſehung des redenden, entweder ſerius oder iocoſus; entweder candidus oder ironicus; entweder recitativus oder relativus; entweder vehe - mens oder temperatus: Jn anſehung desieni - gen, der meine worte annimmt, entweder fami - liaris oder galant oder caͤrimonioſus; entweder dialogiſticus oder epiſtolaris; entweder dog - maticus oder polemicus, ꝛc.

Aus202von dem ſtilo
  • Aus dieſem entſtehen noch vielmehr arten, weil es nicht noͤthig alle zu determiniren, moͤgen die - ſe genug ſeyn, von denen die unter dieſen am mei - ſten in conſideration kommen ſiehe folgendes cap.

§. 3. Ohngeachtet nun ſo viele arten vom ſtilo zu erdencken, ſo hat doch ein ieder ſeine be - ſondere eigenſchaften, dadurch er ſich von an - dern unterſcheidet und welche man keinesweges zu negligiren. Jnzwiſchen iſt es zufoͤrderſt noͤthig, daß man ſich um die allgemeinen eigen - ſchaften bekuͤmmere, welche man als weſentli - che ſtuͤcke eines ieden ſtili, als die natuͤrlichen zierrathen deſſelben und als den grund zu den beſondern eigenſchaften eines ieglichen anzu - ſehen.

§. 4. Dieſe allgemeine eigenſchaften, wel - che den ſtilum uͤberhaupt ausmachen und zie - ren, ſind nichts anders als richtige verhaͤltniſſe aller derienigen theile, darauf der ausdruck be - ſtehet. Folglich beſtehen ſie in einer guten pro - portion der gedancken, zu dem obiecto, der per - ſon des redners und zuhoͤrers, in einer genauen uͤbereinſtimmung des ausdrucks mit den ge - dancken und regungen des redners, in der rein - lichkeit, deutlichkeit, guten verbindung der wor - te und ſaͤtze, damit ſie der zuhoͤrer gerne hoͤre und leicht begreiffe, und endlich in einer har - monie des vorhergehenden mit dem nachfol - genden oder in der gleichheit des ausdrucks an ſich ſelbſt.

  • Die von den angefuͤhrten ſtuͤcken nichts verſtehen,nennen203und deſſelben eigenſchaften. nennen alle das ſchoͤne was daran iſt, und wel - ches ihnen etwa bey leſung eines auctoris, der dieſe dinge obſerviret, in das gemuͤth leuchtet, ein je ne ſçais quoi, ein pathetiſches weſen, eine gluͤck - liche kuͤhnheit, ein ich weiß nicht was.

§. 5. Wer nun ſeinen ausdruck in eine gu - te form bringen, und einen rechten ſtilum an - nehmen und gebrauchen will, der betrachtet gleich anfangs das obiectum davon er reden ſoll, nach allen ſeinen umſtaͤnden und eigen - ſchaften, damit er demſelben gemaͤſſe gedan - cken faſſen und anſtaͤndige regungen in ſich er - wecken koͤnne. a)Hiernaͤchſt ſiehet er auf die umſtaͤnde, begriffe und neigungen des zu - hoͤrers, und ſuchet ebenfalls darnach die von dem obiecto gefaſte gedancken und regungen zu bilden,b) und endlich erweget er bey ſich ſei - ne eigene diſpoſition, ſo wohl zum obiecto und dem zuhoͤrer, als auch zur ausfuͤhrung des fuͤr - geſetzten endzwecks bey ſeinem ausdruck. c)

a)Bey hohen obiectis muß man hohe gedancken haben, alſo auch einen ſtilum ſublimem, bey pa - thetiſchen ſachen muß ich ſolche affecten anneh - men, als das objectum erfodert, alſo auch einen affectuoͤſen und vehementen ſtilum. Bey klei - nigkeiten hingegen iſt es ungereimt viele hohei - ten ſuchen, oder bey theoretiſchen dingen viel affecten ſpuͤhren laſſen. Dannenhero iſt es ein - faͤltig, wann ſich die leute nur an einen ſtilum gewoͤhnen und alle obiecta gleich durch damit fuͤrbilden, eben ſo, wie es einfaͤltig wann ein mahler Kaͤyſer und Koͤnige, buͤrger und bauern, warum nicht auch affen und pfauen, in quarre perruͤquen und im harniſch mahlen wolte. Werdem -204von dem ſtilodemnach mit bibliſchen ſpruͤchen complimenti - ret, theatraliſch prediget, uͤber indifferente oder gar vernuͤnftige binge ſatyriſiret, leichen gedich - te in dactyliſchen verſen macht, in converſation declamiret, bey der geburt eines erbaren mannes himmel und erde zur freude aufmuntert, aus der concordantz parentiret, aus dem hoͤlliſchen Pro - teus des Franciſci, geſpenſter hiſtorien demon - ſtriret, ꝛc. Der hat zu ſeinem ſtilo einen ſchlech - ten grund gelegt
a)
b)Z. e. Wer von goͤttlichen ſachen redet, hat im - mer ein hohes obiectum, deßwegen darf er nicht gleich allezeit im ſtilo ſublimi reden, ſonſt wuͤr - den ſich die herren poſtillanten treflich auf den ſtilum ſublimem legen muͤſſen, und man wuͤrde auf den cantzeln wie Lohenſtein in ſeinem Armi - nio zu reden anfangen.
b)
c)Z. e. Junge leute ſchicken ſich nicht zu auctori - taͤts-ſachen, weibiſche leute zu nichts großmuͤ - thigen, wer eine kleine ſtimme hat, muß keine vehemente affecten ausdrucken wollen, ein De - mocritus ſchickt ſich nicht wohl zu traurigen ob - iectis, einen phantaſten lacht man aus und wenn er noch ſo ernſthaft thun will, und wer ſich mit dem zuhoͤrer ehemahls familiariſiret und fleißig zu biere gegangen, der wird nachge - hends mit ſeinen ſtrafpredigten und epanortho - ſiren nicht viel ausrichten.
c)

§. 6. Nach dieſem iſt man auf den aus - druck der gefaſten gedancken und neigungen be - dacht, und da iſt es noͤthig, daß man ſolche woͤr - ter und redens-ausſuche, welche nicht mehr und nicht weniger ſagen, als die gedancken und re - gungen bey dem obiecto leiden. a)Dabey hat man achtung zu geben, daß nicht nur die haupt -idee205und deſſelben eigenſchaften. idee richtig zu treffe, ſondern auch inſonder - heit die neben-idee wohl ausgeſucht und ange - bracht ſey. b)Weilen auch die beywoͤrter am allermeiſten dazu beytragen, daß man adaͤ - quat rede und ſchreibe, ſo iſt bey ſolchen eben - falls zu unterſuchen, ob ſie bey denen haupt - woͤrtern einen rechten effect haben und ſelbige entweder gehoͤrig erklaͤren oder einſchraͤncken, und alſo nicht vergebens ſtehen, ſondern ſich zu den abſichten, die man bey dem ausdruck hat, ſchicken. c)

a)Da irren ſich dieienigen welche denen ſachen nahmen beylegen, die ihnen nicht zukommen, oder ſolche worte und redensarten gebrauchen, die doch das nicht ausdrucken, was ſie ſagen wollen, Z. e. einer nennte einen burgemeiſter in einer kleinen ſtadt: Oracul[d]ieſe[r]ſtadt, und es war ein wagenmacher. Man braucht ietzo faſt durchgehends: adeo, an ſtatt ideo, und es thun es auch wohl leute die mit ihrem ſtilo pa - radiren wollen, dadoch ienes: ſo ſehr, und die - ſes:[Daher], deßwegen, heiſſet. Eben ſo iſt es unrecht, wann ich ſpreche: dereinſt, und rede doch von dingen die vergangen ſind, als: Jch habe e[s]dereinſt gethan, beſſer iſt es gebraucht, von zukuͤnftigen, als: Er wird dereinſt rech - nung fode[r]n. Hiewieder verſtoſſen ebenfalls, welche immer im ſuperlativo mit hunderten und tauſenden reden, oder alles panegyriſiren, im gegentheil aber auch dieienigen welche alles her - untermachen mit ſchlechten worten exprimiren, als: Er iſt ein unvergleichlicher Poet, und iſt doch wohl ein maͤßiger reimenſchmitt, der mit ſeinen halbſchuͤrigen gedancken, ſchlechte obie - cta am beſten herumnimt, oder: Er iſt einſchlech -206von dem ſtiloſchlechter mann, und man will eigentlich nur ſagen: er gefaͤllt mir nicht. Man hat dieſe fehler um ſo viel mehr zu vermeiden, da ver - nuͤnftige leute daraus einen ſchlechten verſtand und niedertraͤchtigkeit des gemuͤths ſchlieſſen.
a)
b)Die nebenideen werden von geſchickten rednern hauptſaͤchlich beobachtet, weil ſie die umſtaͤnde eines obiecti, und den affect ſo man dabey hat, bemercken. Sie ſind nicht nur in worten ſon - dern auch in redens-arten, in der ordnung klang und fall der worte, in periodis, zu obſerviren und anzubringen. Doch iſt dabey ihr uͤberfluß, ihre unrechte collocation und ein gar zu ſehr ge - kuͤnſteltes weſen und gezwungene ſchoͤnheit zu vermeiden. Z. e. vernuͤnfteln, ſoll heiſſen die vernunft gebrauchen und hat die nebenidee der verachtung, allein dieſe neben idee iſt albern an - gebracht, dann ſeine vernunft gebrauchen, ver - dienet ia keine verachtung, man muͤſte denn die unvernunft fuͤr etwas lobwuͤrdiges halten. Oder man ſagt von einem fuͤrſten: er ſey den weg alles fleiſches gegangen, ſoll heiſſen er ſey geſtorben, aber es hat eine niedertraͤchtige ne - benidee, uñ macht den fuͤrſten den bauren gleich. Von einem verſchlagenen ſtaats-mann ſage ich nicht er ſey ein fuchs, auf der cantzel ſpreche ich nicht: Paulus habe den narren gefreſſen an ſeine Corinthier, bey honnetten leuten ſage ich nicht: Jch habe mir tuch zu hoſen gekauft ꝛc. Denn alle dieſe haben eine abiecte neben idee. Deßwegen ſetzen die Lateiner nobiſcum, an ſtatt: cum nobis. Die Schrift ſagt: Saul ſey in die boͤle gegangen ſeine fuͤſſe zu decken, an ſtatt: Er habe was anders gethan. Alſo haben ge - wiſſe materien, gantze reden, ihre gewiſſe neben - ideen, z. e. wer noch nicht verheyrathet iſt, hat nicht eben noͤthig bey erklaͤrung der worte: desman207und deſſelben eigenſchaften. mannes gang zu einer magd, oder der hiſtorie von der Thamar, ſich lange aufzuhalten. Und wer einer gantzen Theologiſchen Facultaͤt: Man - gel an geiſtlichen guͤtern und unempfindlich - keit der gnade Gottes fuͤrwirft / und ausrot - tung der unter ihr im ſchwange gehenden ſuͤn - den anwuͤnſchet, ꝛc. der muß in groſſer aucto - ritaͤt ſtehen, ſonſt wann es ein iunger ſtudente waͤre, wuͤrde es ihm ſehr albern laſſen.
b)
c)Es muß kein beywort ohne nutzen ſeyn, ſondern entweder das hauptwort erlaͤutern oder ein - ſchrencken, und zu den abſichten des redners et - was helffen. Dawieder ſuͤndigen alle dieieni - gen, welche beywoͤrter gebrauchen, daß der pe - riodus oder der verß nur voll werde; welche epi - theta ſetzen, die ſich mit ihren abſichten nicht reimen; welche ſich gewiſſe beywoͤrter, flick - woͤrter und dergleichen angewoͤhnet, oder ſelbſtgemachte beywoͤrter anbringen. Z. e. wann man einen Monarchen einen allerliebſten Herrn heiſſet. ihm allerliebſte tugenden beyleget, ꝛc. oder man ſagt: der langmuͤthige Gott ſtraffet mit donner und blitz, oder: er iſt verteuffelt freundlich, ꝛc. conf. den poetiſchen verſuch von uͤberſchriften, Hamburg 1704. 8. pag. 171. ſqq. oder die flick-woͤrter: nimirum, ſeilicet, nemlich, indeſſen, und uͤberall nichts, derglei - chen, ſo zu ſagen, ꝛc. und andere favoriten; alſo weiß ich die ſtunde nicht was das fuͤr ein wort ſey, kan es auch in keinem lexico finden, das doch viele an ſich haben, wenn es nicht recht fort will: emmemae &c. Jn den reden groſſer Her - ren, hat ſich iemand angewoͤhnet, in allen ſei - nen reden zu ſprechen: Jch beuge die knie meines bertzens ꝛc.
c)

§. 7. Die reinlichkeit in dem ausdruck ge - bietet, daß man zwiſchen der gar zu groſſen cri -tic208von dem ſtilotic der Zeſianer,a) Ciceronianer und derglei - chen ſprach-richter, und zwiſchen der groſſen nachlaͤſſigkeit der galanten ſprach-verderber, die mittelſtraſſe halte, daß man den gelehrten und galanten gebrauch wohl beobachte, alte verlegne, neuerfundene worte,b) idiotiſmos anderer ſprachen und dialectorum,c) ver - worrene conſtructiones, verſetzung der ſchluß - woͤrter,d) einmiſchung frembder ſprachen,e) und dergleichen vermeide, und im uͤbrigen nicht wieder die regeln welche eine ſprache nach der Grammatick zum grunde hat, verſtoſſe. f)

a)Dieſe wollen nichts paſſiren laſſen, was nicht ihrer phantaſie nach, recht reine Teutſch, ſo wohl, im urſprung, als auch in der ausſprach, flexion und orthographie, ſie haben ſich aber deßhalben treflich muͤſſen laſſen herumnehmen. S. vori - ges cap.
a)
b)Nach dem bekannten verß: Sordida, priſca, noua, antiquata, poëtica, dura, turpia, rara nimis, vel peregrina fuge. Wenn man hierwieder han - delt, entſteht der ſtilus barbarus, miſcellaneus, ant[i]quarius, poeticus, culinarius. S. Hederich l. c. p. 566. 572
b)
c)Siehe Hederichs Philologiſche wiſſenſchaften p. 480. 242. 87. und anderwerts.
c)
d)Dieß gewoͤhnt man ſich leicht aus der uͤberſe - tzung anderer ſprachen und in der poeſie an, wenn man zumahl bey ienem punckt, in der er - kaͤnntniß der ſprachen nicht recht feſte ſitzt, und von beyden den genium nicht recht inne hat, bey dieſem etwan in noth iſt, wie der reim her - auskomme und der verß voll werde. Z. e. Jhr wißt, bey wem ihr boͤſes habt gethan, an ſtatt: gethan habt. ꝛc.
d)e) Zu -209und deſſelben eigenſchaften.
e)Zumahl wann man die frembde ſprache nicht recht verſteht und wohl gar unrecht ausſpricht, z. e. ceruilité an ſtatt ciuilité und dieſes, an ſtatt: Hoͤfligkeit / guͤtigkeit; Saluette, an ſtatt: Seruiette; ein mann von groſſen meriten, an ſtatt: Ein mann von groſſer merite (denn me - rites der pluralis heiſt: Ver dienſt Chriſti oder gute wercke im Theologiſchen verſtande) an ſtatt: Ein mann von groſſen verdienſten ꝛc.
e)
f)Das iſt man begehe keine vitia Grammaticalia, mache keine ſoloͤciſmos, barbariſmos, ſiehe He - derich. l. c.
f)

§. 8. Mit der reinlichkeit iſt die deutlichkeit im ſtilo gar genau verbunden, denn wo man dieſe erhalten will, da muß iene nothwendig beobachtet werden. Auſſer dem aber iſt zur deutlichkeit noͤthig, daß man zweydeutige worte und redens-arten, viele propoſitiones incidentes, gar zu haͤuffige limitationes, epi - theta, participia, verwerffung der woͤrter, un - noͤthige ausdehnung und allzukurtze verfaſſung der periodorum vermeide, die tropos und figu - ren nicht zu haͤuffig und wieder die natur des obiecti, oder weit hergeholt, unbekannt und zu weit getrieben anbringe, welches alles wofern man ſonſt nur im kopfe deutliche begriffe hat, leicht ins werck zu richten.

  • S. hiebey Hederich l. c. und Kemmerich l. c. ingleichen Menantes Einleitung zur Teut - ſchen Oratorie. P. I. Heineccium de cultioris ſtili fundamentis. Die zugleich verſchiedene exempel anfuͤhren. Aus den fehlern die man hier begeht wird der ſtilus obſcur, zweydeutig und nach gelegenheit tumidus, frigidus, ꝛc. Hederich p. 570. ſqq.
O§. 9.210von dem ſtilo

§. 9. Bey der iunctur und ordnung der woͤrter iſt zu mercken, daß man hiebey die be - ſchaffenheit der ſache und die eigenſchaften der ſprache zum voraus erwegen muͤſſe, denn nach dieſem iſt die iunctur und ordnung der woͤrter einzurichten, hernach vermeidet man ſorgfaͤltig, daß nicht die natuͤrliche ordnung der ſachen durch die woͤrter verworffen werde, daß nicht gar zu viel vocales, nicht gar zu viel conſonan - tes zuſammen kommen, daß nicht gar zu viel gleichlautende ſylben, zu viel einſylbige oder zweyſylbige woͤrter auf einander folgen, oder auch ein conſonans oder vocalis zu ofte hinter - einander wiederholet werde, und endlich daß keine reime, termini klappantes oder wuͤrckliche verſe fuͤrkommen.

  • Von denen fehlern ſo hiewieder begangen werden, geben ſonderlich Hederich und Kemmerich ar - tige exempel. Hieraus entſtehet der ſtilus hiul - cus, uniſonus, vagus ꝛc.

§. 10. Eine ſehr noͤthige und angenehme ei - genſchaft des ſtili iſt, die periodiſche ſtructur, welche nicht nur der deutlichkeit fuͤrtreflich zu ſtatten kommt, ſondern auch dem ſtilo eine be - ſondere annehmlichkeit giebt. Es beruhet aber dieſelbe auf die interpunction und den ſo ge - nannten numerum oratorium, iene zeiget, wie man einen periodum, durch commata, cola, ſe - micola und puncta unterſcheiden, und alſo der ſtimme zum ſteigen, ruhen und fallen, gehoͤrige zeit geben muͤſſe,a) dieſer aber iſt eine gewiſſe maſſe des gantzen periodi, dadurch derſelbe ineiner211und deſſelben eigenſchaften. einer gewiſſen zeit, mit bequemer reſpiration und dem obiecto gemaͤß, leicht auszuſprechen, und mit einer vergnuͤgung anzuhoͤren iſt. b)

a)S. Hederich l. c. wo ein gantzer ſenſus aus iſt, und alſo der ſatz mit allen ſeinen determinationi - bus und umſtaͤnden ausgeſprochen, da ſetzt man ein punctum, wo man aber ohne die ſachen zu zer - ſchneiden inne halten kan oder inne halten muß, da ſetzt man ein comma, ein colon wird geſetzt wo mehr als eine haupt-propoſition in den periodum gefaſſet, und ein ſemicolon wo propoſitiones in - cidentes mit eingeruͤcket werden. conf. Voſſium Part. Orat. Lib. V. C. I. §. 1. Weiſe Inſtit. Orat. Lib. praep. Cap. 2. Vinhold in Periodis & Chriis Cioe - ronianis. Wo man dieſe periodiſche ſtructur, wel - che mit der iunctur der woͤrter genau verbunden, negligiret, wird der ſtilusinciſus, diſſolutus, dif - ficilis, ꝛc.
a)
b)S. Jouitae Rapicii V. Buͤcher de numero orato - rio Coͤlln 1582. 8. Kirchmaͤyers Prof. zu Wit - tenb. Diſſ. de numero Oratorio, Schubartus de numero Oratorio, Ricobonus cap. 65. Rhetoric. Schraderus in Ariſtot. Lib. III. c. 8. Lami l’art de parler L. III. cap. 11. ſqq. Arnold in mantiſſa III. ornatui Linguae Latinae annexa. Muͤller im Abriß einer gruͤndlichen Oratorie p. 84. der des Scarii Anweiſung zum Oratoriſchen numero, die er de arte Rhetorica lib. III. c. 39. biß 45. beyge - bracht anfuͤhret. Cicero de oratore lib. 3. Nume - roſum eſtid, in omnibus ſonis atque vocibus, quod habet quasdam impreſſiones, & quod metiri poſſu - mus, interuallis aequalibus; Und anderswo: Ge - nus numeroſae & aptae orationis, qui non ſentiunt, quas aures habeant, aut quid in his homini ſimile ſit, neſcio, Meae quidem & perſecto completo - que verborum ambitu gaudent, & curta ſentiunt nec amant redundantia. Seneca ſagt: Lib. 3. O 2Contr. 212von dem ſtiloContr. 19. Triarius compoſitione verborum beile cadentium, multos ſcholaſticos delectabat, omnes decipiebat. Die fundamenta des numeri ſind, die iunctur und ordnung der worte, die maſſe der zeit und die harmoniſche bewegung der luft, wel - che, nach dem urtheil des in dieſem ſtuͤck ſehr zaͤrt - lichen gehoͤrs, fuͤr angenehm gehalten wird, und um ſoviel eher das gemuͤth afficiret. Daß der numerus gantz zu negligiren, und die deßfalls von vernunftigen leuten gegebene regeln, fuͤr grillen zu halten, wird niemand mit raiſon ſagen. Jm gegentheil iſt auch nicht zu laͤugnen, daß von vielen die ſache gar zu hoch getrieben werde / wenn ſie ſo gar die ſylben abzehlen, und die worte gar zu genau abmeſſen. Alles kommt dabey dar - auf an, daß man buchſtaben, ſylben worte, ſaͤtze, dem obiecto gemaͤß ausſuche und formire, die theile in einem periodo nicht zu kurtz oder zu lang oder gar zugleich oder ungleich abfaſſe, und bey der ausſprache das gehoͤr conſulire, auch nicht immer bey einer leyer bleibe.
b)

§. 11. Endlich iſt auch eine hauptſaͤchliche eigenſchaft des ſtili, daß alle ſeine theile gegen einander in denen vorhergehenden und folgen - den ſtuͤcken, in einer guten harmonie und ver - haͤltniß ſtehen, und uͤberall ſaͤtze mit ſaͤtzen, peri - odi mit periodis auf eine ungezwungene art zu - ſammenhaͤngen. Jenes heiſt man die egalite oder gleichheit im ſtilo, dieſes die connexion und verbindung, und ſucht, zumahl in einer gan - tzen rede, nothwendig beyde, auf alle weiſe ge - ſchickt anzubringen. Die gleichheit richtet alles in einer rede nach der beſchaffenheit des obiecti, nach denen davon entſtandenen ge -dan -213und deſſelben eigenſchaften. dancken und regungen, und nach der einmahl angenommenen form zu reden, gleichſtimmig ein,a) und ob ſchon zuweilen veraͤnderungen in der rede fuͤrfallen, ſind ſie doch nur in dem aͤuſſerlichen putz derſelben zu ſpuͤren, und re - ſolviren ſich endlich, wie die in der Muſick an - gebrachte diſſonantien. b)Die connexion der periodorum, beruhet auf der verbindung und ordentlichen diſpoſition der gantzen rede, und iſt entweder verbalis oder realis,c) wel - che beyde nur darinn unterſchieden, daß bey iener die verbindung zugleich durch worte aus - gedruckt wird. d)

a)Alſo wann man ſich zwinget, von einem obiecto zu reden, dazu man keine diſpoſition bey ſich fin - det, wann man mit anderer leute worten reden will, wann man ſeinem ſtilum mit phraſibus aus allerley auctoribus ſpicket und recht zuſammen flicket, wann man bey dem aufſatz einer rede zu - weilen abbricht und nach einiger zeit wieder darzu geht, in der ausarbeitung fortfaͤhret, ohne das vorhergehende wieder durchzuleſen, und das gemuͤth wiederum in gleiche diſpoſition, wie bey dem vorhergehenden zu bringen, wann man der ſprache nicht recht maͤchtig, und ſich nicht fleißig geuͤbet, ſo entſtehet daher ein ungleicher kindi - ſcher, fluctuirender ſtilus. S. Hederichs l. c. p. 567. 569. 572.
a)
b)Jch habe dieſes nicht beſſer ausdrucken koͤnnen, als mit dieſem von der Muſick entlehnten gleich - niſſe. Denn wie in einer ieden Muſick, alles auf die harmonie ankommt, welche auch durch das thema, den general baß und deſſen regeln, im - mer unterhalten wird, ohngeachtet viele ſtim - men, viele inſtrumenta, ſemitonia und diſſonan -O 3tien214von dem ſtilotien mit unterlauffen, ſo iſt es auch im ſtilo, wo die beſchaffenheit des obiecti und die einmahl angenommene form zum grunde liegt, ohnge - achtet die affecten bald ſteigen, bald fallen, die gedancken bald durch die haupt-ideen ausge - druckt, bald durch die neben-ideen veraͤndert und nachdruͤcklicher gemacht werden. Man koͤnte auch ſagen, der redner mache es in dieſem ſtuͤck wie ein mahler, welcher bey abbildung eines ob - iecti, zwar unterſchiedene farben braucht, ſchat - ten und licht abwechſeln laͤſt, aber dennoch uͤber - all die regeln der proportion und des wohlſtan - des nach der natur in acht nimmt, nec humano capiti ceruicem iungit equinam, Horat. de art. poët.
b)
c)Connexionem realem machen die ſaͤtze und ar - gumenta, und es kan hierinn niemanden fehlen, wer ordentlich gedencket und die beſchaffenheit der argumentorum, davon P. l. gehandelt, wohl erkennet, es wird auch davon im dritten theil bey der diſpoſition, vieles hieher gehoͤriges erin - nert werden. S. Herrn Langens E. z O. l. 12. ſqq. 218. II. 124. ſqq. Herrn Muͤllers Abriß ei - ner gruͤndlichen Oratorie p. 85. ſqq. Aetiologien, loci communes, meditationes, conſectaria, aͤhn - lichkeit und unaͤhnlichkeit der ſaͤtze figuren, ſind hierzu die gebraͤuchlichſten mittel.
c)
d)Dieſe drucken nur die connexionem realem mit gewiſſen worten und formuln aus, als z. e. mit den letzten worten des vorhergehenden periodi, mit denen pronominibus relativis, mit parti - culis cauſſalibus, copulativis, comparativis, und adverſativis, als: und, entweder, oder, nach dem / ſo, denn, immaſſen, daß, ſolches, da, um, als, demnach, gleich wie, alſo, obwohl, ſo, nicht nur, ſondern auch, auch, allein, nichts deſtoweniger, wofern, dannenhero, inzwi -ſchen,215und deſſelben eigenſchaften. ſchen, ꝛc. Doch muͤſſen ſie nicht zu haͤuffig an - gebracht werden, ſonſt wird eine wort-kraͤme - rey daraus, die unangenehm und unanſtaͤndig iſt. Weil ich zu dieſem cap. noch einige exem - pel ſchuldig bin, ſo will ich ſelbige hier dergeſtalt lieffeꝛn, daß man die manieren zu connectiren ins beſondere dabey ſehen moͤge:
d)

Exempl. I. Da die ſaͤtze ohne alle connexion ſtehen.

Mon frere,

Das buch welches ich ſo oft bereits von Euch verlanget, habt Jhr mir endlich einmahl zu - kommen laſſen, weßwegen ich denn anietzo ſchuldigen danck abſtatte. Vor acht tagen war der ehrliche Curtius bey mir, und beſuchte mich in meinem neuen logis, welches mir ein be - ſonders vergnuͤgen verurſachte, da ich ihn in langer zeit nicht geſehen. Monſieur Sauſe - wind fuͤhret ſich ietzo recht unbaͤndig auf, daß alle leute davon zu reden wiſſen. Er verſpielt dem vater das geld, und wann er kein geld mehr hat, ſo ſchreibt er wechſel, ſolche nach des vaters tode zu bezahlen, ia er wuͤnſcht deßhal - ben recht ſehnlich, daß unſer herre Gott den alten holen moͤge. Bey der iungfer Hippo - craſſen liegt er gantze halbe tage, und wann er nicht bey ihr ſeyn kan, daß etwan ein andrer galant ſein rendezvous hat, ſo ſteht er in dem hauſe gleich gegen uͤber, und charmiret bald die fenſter-ſcheiben entzwey. Neulich hatte er einen ſolennen ſchmauß bey ſich, da ließ er auftragen, daß die tiſche knackten, und weilO 4faſt216von dem ſtilofaſt zehnerley weine fuͤrhanden waren, er auch keine complimente und aufmunterungs-gruͤn - de ſparete, ſo kame niemand ohne einen ziemli - chen ſchwindel nach hauſe. Herr Broſius hatte bey der gelegenheit im heimgehen mit denen ſaͤnftentraͤgern haͤndel, weil er die fenſter in der ſaͤnfte gantz illuminiret, und nachge - hends da ſie ihre durchſichtigkeit verlohren, als unbrauchbar entzwey geſchmiſſen, aber daruͤ - ber die haͤnde ziemlich bleſſiret. Die iungfer Machmitten iſt ietzo eine braut, und wird ehe - ſtens mit Hrn. Schoͤpschriſteln hochzeit halten.

Jch weiß nicht ob ich Euch bereits gemeldet, daß Mr. Fanfaron Euch fuͤr ſehr eigenſinnig halte, er hat ſich gegen mir ohnlaͤngſt etwas da - von mercken laſſen, vielleicht hat er Euch etwan auf der naſe ſpielen und zum beſten haben wol - len, Jhr aber ſeyd nicht diſponiret geweſen, es treuhertzig zu leiden. Gemeiniglich ma - chen es dergleichen wohlgezogne herrlein ſo, ſie wollen iedermann auf dem maule trummeln, und mit ihren Quichotiſchen ſtreichen, betruͤge - reyen und windmachereyen allen leuten eins anhaͤngen, wer es nun nicht ſo gleich verſtehn und mit einem tieffen reverentz annehmen will, den beſchuldigen ſie einer eigenſinnigen und verdrießlichen auffuͤhrung. Jhr werdet euch darnach zu richten wiſſen. Jch bin

Vôtre tres fidele ami,

Exempl. 217und deſſelben eigenſchaften.

Exempl. II. Da die ſaͤtze in einer reellen connexion ſind.

Mein Herr,

Als ich unlaͤngſt die ehre hatte, in dero ge - ſellſchaft zu ſeyn, und mich aus dero converſa - tion zu erbauen, ſo geriethen wir unter andern auf die kennzeichen der rechten philoſophen, und brachten derſelben eine ziemliche anzahl zum vorſchein. Jch habe nachher dieſer ſache noch ein wenig nachgedacht, und gefunden daß man zu denen, derer wir neulich erwehnet, noch hinzu ſetzen koͤnnen. Mir deucht ein rechter Philoſophe habe inſonderheit dieſes an ſich, dadurch er ſich von denen andern unterſchei - det, daß er niemahls ſecten zu machen ſuchet, oder ſich wohl gar ſelbſt an die ſpitze einer ſol - chen ſecte ſtellet, die von ihm koͤnte benennet werden. Jch dencke dieſes ſey ebenfalls ein merckmahl eines guten Philoſophen, daß er nie - mahls befehlsweiſe ſeine gedancken fuͤrtrage und uͤber die begriffe der menſchen herrſchen wolle, ſondern bloß ihnen ſeine gedancken als einen guten rath mittheile. Jch glaube auch dieſes ſeyen kennzeichen eines Philoſophen, daß er nicht praͤtendire alles zu wiſſen, daß er ſich mehr nach andere leute bequeme, als ſeine eige - ne ehre nutzen, und commoditaͤt ſuche, daß er niemand verketzere, daß er ſich der ſtreitſchrif - ten enthalte, oder ſelbige doch mit aller ſanft - muth gelaſſenheit und hoͤflichkeit gegen ſein wiederpart verfertige (wovon man bey groſ -O 5ſen218von dem ſtiloſen ſtaats - und hofleuten aber nicht bey ſchul - fuͤchſen, lebendige exempel findet) daß er ſeine begierde zu wiſſen nicht zu weit treibe, daß er mehr in der ausuͤbung als in der theorie ſeine gute erkaͤnntniß zeige, und endlich daß er nie - manden fuͤr ſo gar ſchlimm anſehe, daß er auch das gute an ihm nicht eſtimiren ſolte. Jch weiß nicht ob ich in dieſen ſtuͤcken recht gedacht. Dero kuͤnftige zeilen werden mich deßfalls beſſer unterrichten, welche ich mit verlangen er - warte als

Dero ergebenſter Diener.

Exempl. III. Da ein unſtreitiger ſatz mit ſei - nem argumento realiter connectiret.

  • Propoſitio: Studia ſunt neceſſaria.
  • Aetiologia: Suntenim ex bonis relatiuis praeſtantiſſi - mum, & ad obtinendum ſummum ſatis accommo - datum medium.

Elabor: Si quid vmquam, homini bene nato & educato, vtile eſt & neceſſarium, il - lud bonarum artium, litterarum, humanita - tisque ſtudium eſſe, firmiſſime mihi perſua - deo. Studiis parantur verae illaeopes ani - mi, quae non furto eripi, non incendio ab - ſumi, non naufragio abſorberi poſſunt, quae - quae certam rectamque viam commonſtrant ad perſequendum id bonum quo cetera omnia continentur.

Exempl. 219und deſſelben eigenſchaften.

Exempl. IIII. Da ein wahrſcheinlicher ſatz mit ſeinen argumentis realiter verbunden.

  • Propoſitio: David iſt ein voluptuoſus geweſen: (quatenus peccator.)

Elabor: Jch duͤrffte zwar vielen wieder - ſpruch erfahren muͤſſen, wann ich ſagte: Da - vid ſey nach ſeiner natuͤrlichen gemuͤths-nei - gung, in ſofern er nicht vom H. Geiſt erleuch - tet, im hoͤchſten grad wolluͤſtig geweſen; ich dencke aber nicht daß man mich deßwegen zum ketzer machen und eines gefaͤhrlichen irrthums uͤberfuͤhren werde. Die wahrheit meines ſa - tzes erhellet aus ſeinem gefuͤhrten lebens-wan - del, ohne allen zwang gantz offenbahr. Furcht, geilheit, viele klagen, neugierigkeit, beliebung zur Muſick, weichhertzigkeit, mitleiden, thraͤnen, bemuͤhung nach freundſchaft, appetit zu guten eſſen und trincken, ſind die kennzeichen eines wolluͤſtigen, und alledieſe finde ich an David. Furchtſam war er als er fuͤr Saul und Abſo - lon flohe, als Seba einen aufruhr erregte, ia aus bloſſer zaghaftigkeit ſtrafte er den drey - fachen moͤrder Joab nicht. Seine geilheit zeigte er in der begebenhenheit mit der Bathſe - ba, da er ſoviel weiber hatte und ohngeachtet der groſſen menge die zu ſeinen dienſten ſtun - den, doch nach andrer leute weiber griffe. Nichts als klagen hoͤrte man von ihm, da Saul und Jonathan iener als ſein ſchwieger - vater, dieſer als ſein hertzens-freund gefallen war, da er ſeinen ungerathenen ſohn von dereiche220von dem ſtiloeiche, und das in unehren mit der Bathſeba erzeugte kind, von dem ſchoße ſeiner mutter, in das reich der todten laſſen muſte. Jch weiß nicht, ob nicht eine kleine neugierigkeit ihn in das lager getrieben, da er bißher nur ſeiner heerde lager und huͤrden wahrgenommen; Ob nicht das blut der helden, aus neugierigkeit und luͤſternheit gewaget worden, da er des waſſers aus dem brunnen unter dem thor zu Bethle - hem trincken wollen; Ob nicht aus bloſſer cu - rioſitaͤt vielleicht, gantz Jſrael von Dan biß gen Berſeba, gezehlet worden. Mit ſeiner harffe ſtillte er ofte die wut des melancholiſchen Sauls, ia ich glaube daß er auch ſeiner gar vergnuͤgten Bathſeba eines aufgeſpielet. Seine freundſchafts-liebe hat gar zu merck - wuͤrdige proben herfuͤrgebracht, als daß man ſelbige fuͤrbeygehen und daran zweiffeln koͤnte. Haͤtte er nicht auch zu guten eſſen und trincken belieben getragen, er wuͤrde ſich vielleicht nicht eben zu der zeit, da Nabal ſein ſchaͤffer feſt be - gieng, bey ihm zu gaſte gebeten, oder denen prieſtern ihre ſchau-brodte abgeborget haben, welche freylich beſſer ſchmeckten, als die brodte der gemeinen Juͤden ꝛc.

Exempl. V. Da ein wahrſcheinlicher ſatz mit argumentis illuſtrantibus und pa - theticis realiter zuſammenhaͤnget.

  • Propoſ. Die tugend iſt ſelten mit dem Gluͤck verbun - den.
Illuſtr. 221und deſſelben eigenſchaften.
  • Illuſtr. a ſimili: Die ſuͤſſeſten kerne ſind immer in bittere und ſtachelichte ſchalen eingehuͤllet.
    • Obiectio: Tugend wiederſtehet dem ungluͤcke. Il - luſtr. ab exemplo & teſtim.
    • Reſponſio: Apoſtrophe.

Elaboratio: Wer die gar beſondern und mannigfaͤltigen veraͤnderungen, welche das gluͤck mit denen armen ſterblichen fuͤrnimmt, in reiffe uͤberlegung ziehet, der wird befinden, daß dieienigen, welche ihre knie fuͤr den Baal der laſter nicht beugen, ſondern ſich vielmehr der tugend gaͤntzlich aufopfern, am allermeiſten von demſelben angefeindet und verfolget wer - den. Die goͤttliche allmacht, hat in dem ver - wunderns-wuͤrdigen reiche der natur, es alſo mehrentheils verordnet, daß ſich die beſte kraft der fruͤchte, die ſuͤſſeſten kerne, unter harte, bitte - re, und ſtachlichte ſchaalen verbergen, und von ihnen eingeſchloſſen, ihre rechte annehmlichkeit uͤberkommen muͤſſen. Die ſchoͤnſten roſen, wachſen in den gefaͤhrlichſten dornen, ein Myrrhenbaum giebt reichlicher ſeinen ſaft, ie heftiger er von denen winden beſtuͤrmet wor - den, und eine rechte tugend muß ſich unter de - nen bittern ſchalen eines ſcheinbaren elendes, unter den ritzenden dornen des ungluͤcks, und unter denen daher brauſenden ſturm-winden ihrer verfolger, der innerlichen guͤte ſuͤſſigkeit und fuͤrtreflichkeit getroͤſten. Lohenſtein ſagt gar artig:

Oft222von dem ſtilo
Oft zeucht das ungeluͤcke,
Das ſchon gezuckte beil von hals und bruſt zu - ruͤcke,
Wenn es die tugend ſieht mit ſtarren augen an.

Er thut zugleich einen blick in die alte Hi - ſtorie, auf den beruͤhmten Roͤmiſchen Marium. Als nemlich die zu Minturnum einen Gallier, ihm das leben zu nehmen, beordert, dieſer aber indem er den Marium erkennet, ſich zugleich der tapferkeit des Marii ſo er in dem Cim - briſchen kriege gegenwaͤrtig als gemeiner ſolda - te mit angeſehen, erinnerte, ſo entgieng ihm gleichſam alle kraft dem aufgetragenen be - fehl ein genuͤge zu leiſten, daß er auch das be - reits gezuckte gewehr voller beſtuͤrtzung und verwirrung von ſich werffen, und ſo gar den Mario zur erhaltung ſeines lebens dienen mu - ſte. Aber o ſeltzames gluͤck! haͤtteſt du dich mit der tapferkeit des Marii verbinden wollen, warum ſuchteſt du nicht vielmehr ihn fuͤr der - gleichen umſtaͤnde zu bewahren, darinn er alle augenblick den letzten ſtreich erwarten, und bloß durch eine hoͤhere ſchickung abhalten kon - te. Wilſt du der tugend deine annehmlich - keiten zu koſten geben, ſo erwarte doch nicht eine zeit da ihnen der geſchmack, ia alle ſinne be - reits vergangen!

Exempl. VI. per ſimilitudines & diſſimilitu - dines, da das erſte exempel connectiret worden, wozu die ſaͤtze ohne connexion oben gegeben.

Mon223und deſſelben eigenſchaften.
Mon Frere.

Jhr habt mir abweſend ein kennzeichen Eurer freundſchaft, in uͤberſchickung des bewuſten buches, zu meinem groſſen vergnuͤgen gegeben. Was wuͤrde ich nicht erſt fuͤr eine freude bey mir empfinden, wann ich die ehre haben ſolte Euch gegenwaͤrtig zu kuͤſſen? Eine ſolche freu - de hat mir neulich der ehrliche Curtius gemacht, da er nach einer langen abweſenheit mich in meinen neuen logis beſuchet. Was meint ihr hingegen wie mir zu muthe ſey, wañ Mr. Sau - ſewind mit ſeinen ungezognen manieren mich uͤberfaͤllt, und mir meine koſtbare zeit, am mei - ſten aber meine ſtille ruhe, mit ſeinen incompre - henſibilitaden und unverſchaͤmten weſen rau - bet. Gewiß wann der unbaͤndige kerl auf reiſen geht und nach Franckreich kommt, da wird er ſich fuͤr les petites maiſons huͤten muͤſſen, wo nicht kuͤnfftige hundstage ihm etwas fatales begegnet; ſein geld verſpielt er gantz in cognito, uñ dazu die helfte von ſeines vaters vermoͤgen. Seine ehre und zeit vertaͤndelt er mit der Jfr. Hippocraſſen, und damit auch ſein eignes logis merckmahle von ſeinen thorheiten bekomme, ſo ſchmauſet er fleißig, und laͤſtden wein aus de - nen bouteillen in die maͤgen und aus den maͤ - gen in die ſtube ſchuͤtten, daß bediente, maͤgde, ſaͤnfftentraͤger, haͤſcher und mit dieſen die gan - tze ſtadt ſeine ſchwelgerey und ſeiner gaͤſte auf - fuͤhrung zu ruͤhmen haben. Jch moͤchte wohl wiſſen, ob er klug werden koͤnne, wann manihm224von dem ſtiloihm eine frau geben wird, denn man glaubt ia ſonſt das viel maͤnner durch ihre weiber klug werden. Herrn Schoͤpschriſteln dem es an ei - ner andern art der klugheit fehlet, wird die Jfr. Machmitten aus eben der urſach in die ſchule fuͤhren, denn ſie werden naͤchſtens hochzeit hal - ten, und weil alle leute von ihrer klugheit uͤber - zeuget ſind, ſo zweifle ich nicht die zucht werde wohl angewendet ſeyn, wenigſtens ſchicken ſie ſich ſehr wohl zuſammen, und machen ein voll - kommen paar, da ſie zu viel und er hingegen bißher zu wenig raffiniret. So viel als ich ge - mercket wuͤrdet ihr und Mr. Fanfaron euch wohl nicht ſo gut zuſammenſchicken, denn er haͤlt Euch fuͤr eigenſinnig, und Jhr glaubt er ſey geſchoſſen. Vielleicht hat er gedacht, ve - xatio dat intellectum, und hat euch wollen klug machen, Jhr aber habts umgekehrt und Eurem meiſter lection gegeben. Jnzwiſchen koͤnt ihr hieraus von mir, ohne in die ſchule zu gehen, lernen, wie er gegen euch geſinnet. Von mir wiſſet Jhr ſonſt mehr als zu wohl, daß ich iederzeit, mit aller aufrichtigkeit ſey

Vôtre tres fidele ami.

Exempl. VII. Da die ſaͤtze mit der connexione verbali verknuͤpffet, aus dem Kemme - rich p. 1018.

Mein Herr,

Nachdem es dem hoͤchſten gefallen, mei - nen bruder durch einen ſeeligen tod aus dieſer zeitlichkeit abzufodern: So kan ich nicht um -hin,225und deſſelben eigenſchaften. hin, ſolches demſelben zu hinterbringen. Und gleichwie ich vielfaͤltig ſeine aufrichtige freund - ſchaft verſpuͤret: Alſo hoffe, Er werde mir auch ietzo eine probe ſehen laſſen, und zur lei - chenbegaͤngniß erſcheinen. Jmmaſſen ich denn verſichere, daß mir ſolches zum ſonderba - ren troſt gereichen werde. Jm uͤbrigen wuͤn - ſche in froͤlichen faͤllen Jhm dafuͤr meine er - kaͤnntlichkeit zu zeigen, der ich verharre

Deſſelben dienſtwilligſter.

Antwort.

Mein Herr

Daß der hoͤchſte Deſſen geliebteſten bruder zu ſich genom̃en, und alſo Sein hauß mit einer trauer beleget: Solches habe ich mit nicht ge - ringem beyleid aus Deſſen zeilen erſehen. Da ich nun von Demſelben ſo guͤtig zu dem leichen - begaͤngniß des ſeel. herrn bruders eingeladen werde; auch uͤber dieſes meine freundſchaft gegen Demſelben erfodert ſolchen liebes-dienſt willigſt uͤber mir zu nehmen: Als habe ich be - ſchloſſen zu Jhm zu kommen und gegenwaͤrtig mit mehrern meine condolence abzulegen. Ge - ſtalt ich dann mich gleich nach verſiegelung dieſes auf den weg machen werde. Verblei - be inzwiſchen nebſt beygefuͤgter verſicherung meiner ergebenheit, Deſſen

dienſtergebenſter.

Zu dergleichenconnexion hat Kemmerich l. c. aus dem Weiſen gantze modelle gegeben, welche ichPfuͤr226von dem ſtilofuͤr leute die ſonſt nicht ordentlich gedencken und verbinden koͤnnen gar dienlich erachte, fuͤr ande - re moͤchte es wohl etwas zu kindiſch ſeyn.

Exempl. VIII. Da die ſaͤtze durch meditatio - nes, conſectaria, locos communes ꝛc. connectiret ſind.

Thema: Otto der III. hatte eine unkeuſche gemahlin; ihre liebe fiel auf einen iungen gra - fen von Modena; er wiederſetzte ſich ihreman - ſuchen; ſie verklagte ihn als ob er ihr etwas ſchaͤndliches zugemuthet; er wurde hingerich - tet; ſeine gemahlin bewieß durch anruͤhrung eines gluͤenden eiſens ſeine unſchuld; die kaͤy - ſerin bekennete ihre uͤbelthat und wurde ver - brannt. (Jch habe dieß exempelin meiner iugend gemacht, da ich meinte, es waͤre eine wahre hiſtorie, ietzo bin ich anders geſinnet und wuͤrde es auch beſſer machen. Doch exemplorum non requiritur veritas, und ich kan kein beſſers ſo gleich finden.)

Elaboratio: Eitelkeit und laſter ſind ſo er - ſchrecklich, daß ſie auch in die pallaͤſte der maͤch - tigſten potentaten, deren winck unzehliche men - ſchen gehorſamen, fuͤr deren thron ſich uner - meßliche reiche demuͤthigen, ungeſcheut eindrin - gen und ihren hohen beſitzern mit laſterhaften feſſeln zu draͤuen, kein bedencken tragen. Die gemahlin des occidentaliſchen monarchen Ot - tonis des dritten, kan die unumſtoͤßliche wahr - heit meines ſatzes mit ihrem ungluͤckſeeligen exempel ſattſam bekraͤftigen. Jedermannder227und deſſelbigen eigenſchaften. der einige faͤhigkeit beſaß, menſchliche vollkom - menheiten zu beurtheilen, muſte ſie fuͤr die Ve - nus des praͤchtigen regenten-himmels halten, und die ſonne des Roͤmiſchen Reichs Otto kon - te die ſtrahlen ſeiner hoheit und tapferkeit nicht ſoweit ſchieſſen, als der glantz ihrer ſchoͤnheit ſich in dem groͤſten theile der welt blicken ließ. Groſſen ſchoͤnheiten pfleget die wolluſt, als ei - ne zauberiſche Circe, am meiſten nachzuſtellen, und ihre annehmlichkeit am erſten, durch an - hengung eines garſtigen laſters, in eine thieri - ſche ungeſtalt zu verwandeln; die kaͤyſerin aber war kein Ulyſſes welcher dieſem zaubergifte kluͤglich haͤtte entgehen koͤnnen. Sind die neigungen ſturmwinde, ſo iſt die wolluſt gewiß der heftigſte, und da die kaͤyſerin ihre auffuͤh - rung, wie ein kluger ſchifmann das ſchif, nicht wohl zu regieren wuſte, ſondern ſich vielmehr derſelben freywillig preiß gabe, ſo wurde ſie endlich auf die klippen der unkeuſchheit geworf - fen, und muſte daran mit ihrem gaͤntzlichen un - tergange zu ſcheitern. Dabey gienge ſie nicht allein zu grunde und in das verderben, ſondern ihr fall, oder daß ich recht ſage, ihre boßheit, riſſe einen von der unſchuld ſelbſt bekroͤnten grafen von Modena, elendiglicher weiſe zugleich in den abgrund. Dieſer hatte bißhero in den dienſten des maͤchtigen Ottonis, tapferkeit, treue, und klugheit, ſeinem allerdurchlauchtig - ſten oberhaupte gewiedmet, und es waren auch ſeine verdienſte, durch die kaͤyſerliche gna -P 2de228von dem ſtilode, nicht nur gebilliget, ſondern auch erhoͤhet worden. Sein edler und tugendhafter geiſt, hatte denen innerlichen vollkommenheiten, eine aͤhnliche und anſtaͤndige wohnung auserleſen, und da ihn die natur mit einem wohlgebildeten angeſichte und maieſtaͤtiſcher ſtatur begabet, ſo traf es bey ihm ein, daß in einem ſchoͤnen leibe ein ſchoͤner geiſt zu wohnen pflege. Hatte ſich aber tugend und natur gegen ihm guͤtig erwie - ſen, ſo ſchien es, als wann dadurch die eyfer - ſucht des gluͤcks erreget worden, daß dieſes auch ſich zu raͤchen es alſo gefuͤget, damit das hertz der kaͤyſerin durch geile flammen entzuͤndet, den unſchuldigen grafen, ſeiner eyferſuͤchtigen wut aufopfern muͤſſen. Denn wie in geilheit ent - brannte ſeelen, weder goͤttliche noch menſchliche geſetze ſcheuen, die feſteſten baͤnder zertrennen, und auch mit der aͤuſſerſten lebens-gefahr ihre brennende begierden, in dem meere der luͤſte abzukuͤhlen ſuchen, ſo ſuchte auch hier die feuri - ge liebe der kaͤyſerin, theils durch die blitze eines ſochtenden auges, theils durch die mit ſchmach - tenden lippen ſehnlichſt herfuͤrgebrachten wor - te, theils durch alle nur erſinnliche liebes-bezeu - gungen, das hertz des grafens zu erweichen, und in eine gleichfoͤrmige, obſchon verbotene glut zu ſetzen. Sind nun ſonſt die liſtigen verſtellun - gen einer lockenden Sirene, und der ſchmeichel - hafte mund einer luͤſternden Evaͤ vermoͤgend, alles zu ſclaven und unmoͤgliche dinge moͤglich zu machen: So waren ſie doch hier, gegen dasgeſetzte229und deſſelben eigenſchaften. geſetzte gemuͤth des tugendhaften grafens, un - nuͤtze waffen. Waren der kaͤyſerin holdſeelige blicke, pfeile, ſo war ſein hertz ein felſen, auf ſol - chem muſten ſie zuruͤcke prallen, waren ihre liebreitzende worte bande, ſo wurden ſie an den haͤnden dieſes Simſons wie verſengte faden. Er hatte gelernet, man muͤſſe am hofe bey ge - wiſſen faͤllen mit ſehenden augen blind, und mit hoͤrenden ohren taub ſeyn, weil die am beſten ſingenden, am erſten zu fangen, und die am liebreichſten ſcheinenden, am begierigſten zu freſſen pflegen. Alſo war er ein Salaman - der, in den flammen dieſer unkeuſchen, und ein Joſeph, welcher ſeinen Gott fuͤr augen, die tu - gend im hertzen, und die ſeiner gemahlin ge - ſchworne treue in unverwelcklichen andencken hatte, was wunder dann, daß er das ungezie - mende anſinnen, der kaͤyſerlichen gemahlin, be - ſtaͤndig abſchlug. Die einer wolluͤſtigen da - me verſagte liebe, iſt ein unbetrieglicher vorbo - te, der gewiß erfolgenden rache, und wie man ſich fuͤr denen im heiſſeſten ſommer auf ſteigen - den gewittern, am meiſten zu fuͤrchten, alſo kanſtu bey deiner tugend ungluͤckliche graf, von der, durch deine abſchlaͤgige antwort er - zuͤrnten kaͤyſerin, nichts als blitz und donner - ſchlaͤge vermuthen. Der grafnachdem er ei - ne ſolche gelegenheit großmuͤthig ausgeſchla - gen, welche von andern aͤngſtiglich geſuchet wird, muſte in weniger zeit erfahren, daß die keuſchheit denen grauſamſten verfolgungenP 3aus -230von dem ſtiloausgeſetzet, und daß laſterhafte gemuͤther den ſpiegel, welchem ſie ihre ſchandflecken gewieſen, gemeiniglich zerbxechen. Verlaͤumbdungen haben nicht geringe macht, und ich werde durch die ungluͤcklichen begebenheiten, ſo dieſes laſter anrichtet, leicht auf die gedancken ge - bracht, daß kein ungeheuer und raſende teuf - fels-brut, dem menſchlichen geſchlecht ſo nach - theilig und ſchaͤdlich ſey, als eben verlaͤumb - dungen. Dieſe waren es auch, deren ſich die kaͤyſerin als werckzeuge ihrer rache bediente, und ſie durfte nur bey ihrem gemahl ſich bekla - gen der graf habe ihr unzucht angemuthet, ſo waren alle gute eigenſchaften deſſelben, in den augen des durch die eyferſucht geblendeten und aufgebrachten kaͤyſers, und alle dem kaͤyſerli - chem ſcepter geleiſtete dienſte, bemuͤhungen, der kaͤyſerin liebe zu erzwingen. Kurtz ſein todt war eine wuͤrckung der abgeſchlagenen liebe, und die kaͤyſerin ſahe mit freuden ſeinen, der unſchuldigen ſeele beraubten, leib, unter den haͤnden des henckers. Allein, triumphire nicht unkeuſche moͤrdeꝛin. Tugend und unſchuld wird gar leicht unterdruckt, aber ſie bleibt nicht lange unterdruckt, oder findet wenigſtens, mit - leiden, freunde ia wohl gar ſcharffe raͤcher. Die gemahlin des erwuͤrgten grafens, wird durch das um rache ſchreyende blut, ihres unſchuldi - gen ehe-herrns bewogen, mit einer damahls uͤblichen feuer-probe, durch unverletzte beruͤh -rung231und deſſelben eigenſchaften. rung eines gluͤenden eiſens, ſeine unſchuld an den tag zu legen und zu bewaͤhren. Zu dieſem fuͤgte ſich die unruhe eines geaͤngſteten und auf - wachenden gewiſſens. Solches iſt die aͤrgſte tortur boßhaft geweſener menſchen, und wer dieſes in der ſeele hat, iſt weit ungluͤcklicher, als derienige, welcher eine ſchlange im buſen traͤgt, und deſſen begleiter ein allzeit fertiger hencker iſt, und eben dieſes folterte dieſe printzeſſin al - ſo, daß ſie lieber ihre uͤbelthat und des grafen unſchuld bekennen, als ſich einer irdiſchen hoͤl - le aufopfern wolte. Darauf folgte eine er - ſchreckliche ſtraffe, und es ſchien als wann mehr die vereinigung ſo vieler geiſtlichen flammen, dieſe ungluͤckſeelige, endlich in aſche verwan - delt haͤtte, als der bey Modena aufgerichtete ſcheiterhauffen, auf welchem ſie ihr leben mit einem entſetzlichen ende iaͤmmerlich beſchlieſſen muſte. Die nachwelt aber kan aus ihrer aſche leſen: Hohen haͤuptern werde am gefaͤhrlich - ſten von denen laſtern nachgeſtellet, und den - noch ihre miſſethaten am ſchrecklichſten heimge - ſuchet, wann die Goͤttliche allwiſſende Maie - ſtaͤt, mit raͤchenden arme, was im finſtern be - gangen, an die ſonne herfuͤrziehet.

§. 12. Und dieſes waͤren dieienigen eigen - ſchaften des ſtili, ohne welche derſelbe, ein un - formlicher miſchmaſch zuſammen gehaͤufter worte bleibt, und welche hingegen wann ſie wohl in acht genommen und angebracht, als die wahrhaftigen und natuͤrlichen zierrathenP 4deſſel -232von dem ſtilodeſſelben anzuſehen. Zu dieſen kommt nach - gehends die kunſt, und bemuͤhet ſich den ſtilum, durch allerhand arten von tropis und figuren, durch lauter wohl ausgeſuchte argumenta illu - ſtrantia und pathetica, ohngeachtet die natuͤr - liche expreſſion dergleichen eben nicht nothwen - dig erfoderte, lebhaftig, ſinnreich, hoch und an - genehm zu machen. Doch iſt bey dieſen zu mercken, daß ſie nicht am unrechten ort, nicht wieder die natuͤrliche eigenſchaften des ſtili, nicht zu haͤuffig, und nicht alsdann ſchon ange - bracht werden, wenn man noch nicht die natuͤr - lichen eigenſchaften recht beobachtet hat.

  • S. Hiebey Lami l’art de parler lib. IIII. cap. XVIII. XX.

§. 13. Da nun durch ſelbige alle theile der expreſſion erhoͤhet, die gedancken nachdruͤckli - cher, die regungen heftiger und die worte mit denen dazu ſorgfaͤltig ausgeſuchten neben - ideen bald maieſtaͤtiſcher bald anmuthiger werden, ſo entſtehet daher eine beſondere leb - haftigkeit des ſtili, welche das gemuͤth des zuhoͤ - rers im nachſinnen unterhaͤlt, ſeine einbildung beluſtiget, ſeine neigungen auf eine angenehme art erreget, und das gehoͤr inſonderheit ergoͤtzet, aber eben deßwegen nicht gar zu gemein zu ma - chen, noch uͤberall anzubringen iſt. a)

a)Hiewieder ſuͤndigen einige theils im mangel, theils im uͤberfluß. Die im mangel es verſehen, denen fehlt es mehrentheils an einer fertigkeit des ingenii, an einer guten lectur, an der uͤbung, oder es hat ſie die natur mit einer ziemlichen doſivom233und deſſelben eigenſchaften. vom ſang froid begabet. Solche leute bekom - men dann zwar einen guten ſtilum, wann ſie die natuͤrlichen eigenſchaften deſſelben wohl an - bringen, und daruͤber zu diſponiren wiſſen, aber ſie behalten einen ſchlaͤfrigen fuͤrtrag, und es werden auch oͤfters ihre ſchoͤnſten ſachen und treflichſten gedancken, ohne dieſe wuͤrtze, denen leuten abgeſchmackt fuͤrkommen. Hingegen, welche hier im uͤberfluß ſuͤndigen, die uͤberhaͤuf - fen den verſtand des leſers und zuhoͤrers, richten einen tumult nach den andern in ſeinen neigun - gen an, und allarmiren ihn beſtaͤndig, daß er entweder die beſten gedancken uͤberhuͤpft, oder endlich des lermens gewohnt wird, und fuͤr der gar zu vielen wuͤrtze, man mag ſie nun als ein ſaltz oder als einen honig anſehen, einen rechten eckel bekommt. Jch geſtehe daß ich deßwegen lieber in des Zieglers Baniſe, als in des Lo - henſteins Arminio leſe, und daß ich bey die - ſem die haͤuffung der ſo genannten realien, als eine heroiſche tugend, die man zwar bewun - dern, aber nicht nachmachen muͤſſe, anſehe. Was fuͤr einen eckel wuͤrde ich nicht erſt bekom - men, und (wo ich mir nicht zuviel ſchmeichele,) auch andere ehrliche leute mir mir, wann wir in allen familiair diſcourſen, complimentir-briefen, ſuppliquen, zeitungen, hiſtorien und dergleichen, welche lieber den natuͤrlichen ausdruck haben wollen als den gekuͤnſtelten, wenn wir ſage ich, wahrnehmen muͤſten, wie die auctores ſich mar - terten, unſern verſtand und willen, ohne noth, durch ihre zur unzeit angebrachte kunſt, zu beun - ruhigen, an ſtatt ſelbigen zu beluſtigen.
a)

§. 14. Jnſonderheit iſt es noͤthig, daß man mit denen tropis und figuren, vernuͤnftig um - zugehen wiſſe, und ſelbige nicht ungeſchickt aus -P 5theile234von dem ſtilotheile. a)Beyde muͤſſen in der natur des ob - iecti und der gedancken davon gegruͤndet ſeyn, und denen eigenſchaften des affects ſich con - formiren, denn wo dieſe hauptſtuͤcke fehlen, da iſt auch die anbringung der troporum und figu - ren ein fehler. Alſo ſind alle dieſe kuͤnſtliche und gute zierrathen billich zu verwerffen, wañ man ſie bey keinen hohen und pathetiſchen obiectis anbringet,b) wann ſie monſtroͤſe ideen rege machen,c) alle ſo wohl natuͤrliche als morali - ſche capacitaͤt uͤberſchreiten,d) keine natuͤrli - che ſchoͤnheit zum grunde haben und dannen - hero mehr fuͤr eine laͤppiſche ſchmincke,e) als angenehmen putz zu halten.

a)S. Longinum de ſublimi, wie ſolcher zu Utrecht 1694. in groß 4. mit Boileau uͤberſetzung her - aus kommen, oder wie ihn Henr. Leonh. Schurtzfleiſch zu Wittenberg 1711. 4. heraus gegeben. Hermogenem de inuentione & ideis (ſie - he Morhoff Polyh. 1. VI, l. 5.) Bonhours dans la maniere de bien penſer dans les ouurages d’eſprit. Lami l’art de parler l. c.
a)
b)Deßwegen ſagt Quinctilianus l. 8. c. 3. Or - natus virilis fortis & ſanctus ſit, nec effeminatam leuitatem, nec fuco eminentem colorem amet, ſan - guine & viribus niteat.
b)
c)Alſo wann Curtius von Alexandro ſagt: alte - ra manu orientem, altera occidentem contingeres: Wann Lohenſtein ſpricht: Jch wuͤrde der goͤtt - lichen fuͤrſebung in die ſpeichen treten: oder: der Herr von Hofmannswaldau habe ſeine deichſel dem vaterlande wieder zugekehret: Wann Hofmannswaldau ſagt: Jch war ein rechtes nichts an farb und an geſtalt: Wanndie235und deſſelben eigenſchaften. die federn der poeten anfangen blut zu ſchrei - ben: ꝛc. ſo deucht mir immer als wann es Ora - toriſche monſtra waͤren.
c)
d)So kan ich nicht abſehen was an der gedancke gutes ſey da iemand ſetzt: Es ſey eine ceder gefallen, welche bißher ihren glantz in allen winckeln gewieſen, und ihr glantz ſey zu dem ſtrahl der herrlichkeit geflogen: Wann iemand Petri thraͤnen eine ſuͤndfluth nennet: Wann ein anderer ſagt: Wo dieſer held etwas fuͤrge - nommen, da haͤtten ſich die ſchrancken der natur ausdehnen und die zuͤgel der menſchli - chen gemuͤths-neigungen reiſſen muͤſſen: Wann Burmann auf Graͤvii grab ſetzt:
Nam plus rege tegit, regum monumenta peribunt. Graeuius hac mundi mole cadente cadet.
d)
e)Wann die ſchoͤnheit an einem frauenzimmer von natur die farben etwan ſo verſetzt haͤtte, daß das rothe in die augen, das ſchwartze auf die zaͤhne und das gelbe auf die wangen gekommen waͤre, oder da die natuͤrliche proportion der glieder und die herfuͤrleuchtende modeſtie und klugheit feh - lete, was wuͤrden wohl da die ſchminck-pflaͤſter - gen, der zinnober auf den wangen, und die affe - ctirten blicke oder gezwungenen airs, ia ein hal - bes angehengtes koͤnigreich von pierrerien fuͤr eine wuͤrckung haben? Und ſolche ſchoͤnheiten fuͤhren uns mehrentheils die romainen-ſchreiber auf.
e)

§. 15. Wo man dieſe hier beygebrachte cautelen negligiret, den ſtilum gar zu ſehr kuͤn - ſtelt, mit fleiß und ohne noth ungebraͤuchlich redet, allzu ſinnreich und erhaben ſprechen will, ſo entſtehet ein pedantiſcher, phantaſtiſcher, aufgeblaſener und abgeſchmackter ſtilus, wel - cher bey geringen dingen die praͤchtigſten zier -rathen236von denen unterſchiedenen artenrathen verſchwendet, und deren veraͤchtlichkeit nur noch mehr dadurch an den tag bringet; welcher von auſſen allerley unnuͤtzen pracht herbey holet, ohne das weſentliche ſchoͤne zu conſideriren; welcher bey dem putz auf nieder - traͤchtige, gezwungene und laͤppiſche kleinigkei - ten verfaͤllt, und an ſtatt ſolider gedancken, kin - diſche einfaͤlle fuͤrtraͤget.

  • S. Hiebey Lami l. c. Hederichs Philol. Wiſſen - ſch. p. 570 571. und die von ihm allegirten auctores. Werenfelſens Diatriben de mete - oris orationis. Thomaſii Cautelen cap. 9.

Das dritte capitel, von denen unterſchiedenen arten des ſtili inſonderheit.

Jnhalt.

VOm ſtilo in anſehung des obiecti, § 1. und zwar vom ſtilo humili, §. 2. Vom ſtilo mediocri, §. 3. Vom ſtilo ſublimi, §. 4. Vom theoretico und pathe - kico, §. 5. Vom erudito und zwar vom Theologico, §. 6 Vom Juridico, und curiaͤ, §. 7. Vom Medi - co, Philoſophico, Mathematico, §. 8. Vom Hiſto - rico, §. 9. Vom ſtilo in anſehung der gedancken, §. 10. Vom ſtilo ingenioſo und arguto, §. 11. Vom ſtilo ſa - tyrico, §. 12. Poetico 13. Vom Butlesque, §. 14. Vom ſtilo in anſehung der ſprachen, §. 15. Vom La - teiniſchen, §. 16. Vom Teutſchen, §. 17. Vom de - clamatorio, §. 18. Vom theatrali, §. 19. Vom lu - xurianti, §. 20. Vom conciſo, ſententioſo, §. 21. Vom ſtilo rotundo, §. 22. Vom ſtilo in anſehung des re - denden, §. 23. Jn anſehung des hoͤrenden, §. 24. Vom ſtilo familiari, dialogiſtico, §. 25. Vom galan -ten237des ſtili inſonderheit. ten ſtilo, §. 26. Vom caͤrimonioſo, §. 27. Vom epiſtolari, §. 28. Vom dogmatico und polemico, ꝛc. §. 29.

§. 1.

D Je mancherley zufaͤlligen dinge, welche bey dem ſtilo die weſentliche eigenſchaf - ten deſſelben, vielfaͤltig bey der anwen - dung modificiren, und die verhaͤltniß ſeiner thei - le in etwas veraͤndern, bringen auch verſchie - dene arten des ſtili herfuͤr. a)Die wichtigſte veraͤnderung entſtehet, von den unterſchiede - nen obiectis, deren iedes einen beſondern ſtilum erfodert. Jſt das obiectum ſinnlich, ſo bekom̃t man ſtilum ſimplicem, der ſicy auf den univer - ſellen gebrauch gruͤndet; iſt es abſtract, ſo ent - ſteht der ſtilus eruditus, nach dem gelehrten ge - brauch; bey niedrigen obiectis iſt der ſtilus hu - milis; bey hohen, der ſublimis; bey mittel - maͤßigen, der mediocris zugebrauchen; gehet es den verſtand allein an, erfordert es ſtilum theo - reticum; gehet es den willen an, erfodert es patheticum u. ſ. f.

a)Es iſt wohl zu mercken, daß die unterſchiedenen arten des ſtili nicht daher kommen, weil man die - im voꝛigen cap. angefuͤhrte eigenſchaften weg laͤſ - ſet, ſondern weil man dieſelben nur mehr oder weniger mercken laͤſt. Wie z. e. die unterſchie - denen geſichter der leute nicht deßwegen bemer - cket werden, weil es dieſem an der naſe ienem an den lippen oder augen fehlt, ſondern weil iener eine groſſe, dieſer eine kleine naſe hat, weil dieſer eine herfuͤrragende ober-lippe, iener eine her - fuͤrſtehende unter-lippe, iener ſchwartze, dieſer katzen-graue augen hat. ꝛc.
a)§. 2.238von denen unterſchiedenen arten

§. 2. Unter dieſen iſt der ſtilus humilis der geringſte in anſehung des obiecti, aber der ſchwerſte und nothwendigſte in anſehung ſeines gebrauchs. a)Seine groͤſte kraft zeiget er in dem adaͤquaten ausdruck, daß er von niedrigen dingen, zwar dem obiecto aͤhnliche, aber deßwe - gen nicht abiecte gedancken, ohne heftige be - wegung, mit deutlichen, natuͤrlichen worten fuͤrtrage, ſelbige in einen flieſſenden numerum, maͤßige periodos, gelinde iunctur, mit deutli - chen connexionibus zuſammenfuͤge, und hin - gegen die kuͤnſtliche zierrathen als tropos und figuren ſo viel moͤglich vermeide.

a)Er iſt ſchwer, weil er der natuͤrlichſten woͤrter und ordnung ſich bedienet, und des reichthums der troporum und figuren entbehren muß; weil er ſeine fehler nicht bergen kan, und die guten eigenſchaften des ſtili ohne putz und kuͤnſtliche zierrathen herfuͤrleuchten muͤſſẽn: Er iſt aber auch nothwendig, weil die hohen obiecta ſeltner unſern ausdruck erfodern, und weil derienige, welcher dieſen nicht verſteht, zu allen arten von ſtilis, die ſich alle durch den humilen erklaͤren laſ - ſen, ungeſchickt iſt. S. Lami L. IIII. C. X. He - derich l. c. p. 543. Den ſtilum humilem findet man in Weiſens, Speners, Gerhards, Gey - ers, Pritii, Menantes, Talanders, ꝛc. ſchriften; in den reden groſſe[r]Herren; in Opitzens, Ca - nitzens, ꝛc. Poeſien; im Cornelio Nepote, Julio Caeſare, Terentio, Plauto, Ciceronis epiſt. ad fam. Virgilio in Eclogis, Ouidio, &c. im Plutarcho, Aeliano, Paeanio, &c. in denen Frantzoͤiſchen memoires, comoedies, lettres galantes, im Pays in den fabeln des de la Motte, &c. im Aretino,Benti -239des ſtili inſonderheit. Bentiuoglio, &c. Die dieſen ſtilum fuͤr gemein poͤbelhaft oder fuͤr unflaͤtig und garſtig halten, haben die ſache wohl nicht recht eingeſehen. Denn unter folgenden redens-arten iſt ia wohl ein unterſchied: Engenius hat die Taͤrcken und Ftantzoſen uͤberwunden: Der tapferkeit des Eugenii, hat weder die Frantzoͤiſche liſt, noch die Tuͤrckiſche grauſamkeit wiederſtehen koͤn - nen: Dieſer Tentſche Joſua hieß die Fran - tzoͤiſche ſonne und den Tuͤrckiſchen mond ſtille ſtehen, da uns iene lauter feuer, dieſer lauter kalte naͤchte bey ſeinem aufgang drobete: Wie ſoll man aber dieſen unterſchied anders bemer - cken; als daß ich das erſte fuͤr eine redens-art im ſtilo humili, ſo in erzehlungen und familiar - diſcourſen uͤblich, anſehe: Das andere fuͤr einen ausdruck im ſtilo mediocri, ſo man in der hiſto - rie dieſes helden finden muͤſte: Das dritte koͤn - te nur in einem panegyrico auf dieſen printzen ſtatt finden, und muͤſte zum ſtilo ſublimi gerech - net werden. Spraͤche ich aber: Der abbè hat die frantzoſen gefreſſen, und die Tuͤrcken ge - ſchunden, das wuͤrde gemein poͤbelhaftig und garſtig klingen. Jch will zur probe eine rede einruͤcken, welche anno 1718. fuͤr iemand verfer - tiget, von dem vorzug der neuern zeiten fuͤr den alten, und da ſelbige ſich auf eine die vor - hergegangen beziehet, von dem vorzug der al - ten fuͤr die unſern, ſo mag ſelbe ebenfalls hier ihren platz haben:
a)

Rede von den vorzuͤgen der alten zeiten fuͤr die unſern.

Quocumque demum me in hac rerum vniuerſitate vertam, Auditores, ingemiſcen -tes240von denen unterſchiedenen artentes audio & vociferantes hominum turbas: O Deus in quae nos reſeruaſti tempora! Ea enim eſt humani generis conditio, vt qui - dem in tempore viuat, ſed nunquam tempo - re in quo viuit, contentum viuat. Puericonti - nuis in votis habent, vt ex ephebis excedant, aetatem iuuenilem adepti virilem cupiunt, illam ſi conſequantur, anxie non ſolum con - iugia deſiderant, ſed ſimul voto expetunt vo - luptates, diuitias, honores, quando demum vlterius aetate prouehi nequeunt, praete - ritam repetunt, atque maiorum tempora laudibus tantum non in uidendis extollunt. Rationibus ſe deſtitui neutiquam patientur, ſed quibus ſint muniti, dudum innotuit ho - minibus recta ratione rite inſtructis. Eſt quidam neglectus ſapientiae, qui loco ſum - mi boni virtutis atque inde propullulantis tranquillitatis animi, affectuum nebulis ho - min um animos occoecantibus, iis bona re - latiua obiicit, quae pro ſummo paſſim am - plectuntur. Accedit huic neglectui rectae rationis, affectuum in aeui praeſentis ho - mines dominium, dum quidquid recta ra - tio de bonis eiusmodi relatiuis ſummo poſt - ponendis dicat, ſurdae pulſantur aures, ipſi vero affectus non vt decebat ſuffocati, ſed magis magisque in altum elati in infinitum tendunt, animosque perpetuis curarum & votorum procellis agitant, vt ſemper alia aliaque tempora exſpectent, & tandem inrepeten -241des ſtili inſonderheit. repetendis maiorum temporibus deſinant. Egregiae ſane, quibus ſua muniunt vota ho - mines huius ſaeculi, rationes! Sed ne iniu - rius ſim in eos, ipſorumque famae aliquid detrahere videar, adducam quae reſtant, ſi vobis ita videbuntur Auditores, alicuius momenti rationes, quas votis ſuis praetexunt laudatores temporis acti, & quas ob cauſſas, maiorum tempora exoptanda forent, mon - ſtrabo. Id quidem praeſenti tempore maxi - me negotium mihi datum eſſe duxi, vbi cir - cum voluente anno, votorum atque gratu - lationum ſtrepitu, omnia reſonare audi - mus, vbi & mea mouet religio pectora, vt parentibus atque patronis, pro huc vsque plane ſingularibus praeſtitis beneficiorum generibus, debitas perſoluens gratias, fau - ſtum noui anni initium ipſis apprecer. Si ergo dignam hoc tempore materiam, ſi di - gnum filio iudicatis orationis meae finem, Auditores, fauentes aures mihi haud detre - ctate. Sic comte ſatis & erudite hac de re diſſeruero, ſic optatum attingere ſcopum potero longe facilius.

Atque vt inde exordiar, vnde in rebuspu - blicis noſtris agendi& omittendi principia in ſubiectos influunt, accuratius tempora ma - iorum inſpicienti, oculis ſeſe animi obiici - unt, iuſti Ariſtides, Juſtiniani, fortes bello Cæſares, Scipiones, benigni atque clemen - tes Auguſti, Veſpaſiani, ſtudia rerumpubii -Qcarum242von denen unterſchiedenen artencarum decus promouentes atque colentes Caroli. Frequens ſane fuit antiquum aeuum principibus, ex voluntate Dei ſalutem ſubdi - torum in libertate vel ſecuritate confirman - tibus, & ſi vel maxime tulit vnum alterum - ve officia boni principis negligentem, non - dum abſoluta erat vt hodie imperantium vis, ſed certis limitibus circumſcripta, nec populo aut animus aut facultas deerat, trans - gredientem limites ad carceres & ſupplicia rapere, & ſucceſſori documentum ſtatuere. Si vero non conceſſum erat, imperantes, li - centia regniabutentes, penitus ſupprimere, ſubditos defeciſſe vt plurimum docent hiſto - ricorum monumenta. Sceptra capeſſebant, populi, penes quem ſumma poteſtas eſt, au - ctoritate & voluntati ſurrogati. Sicelectio - ne, non ſucceſſione, ſummum in republica dignitatis faſtigium conſcendentes, non po - terant non, populi amorem ſibicomparan - di deſiderio ardentes, optima quaeque ſuſci - pere, cumantea, vt ſuffragia omnium, ad di - gnitates viam ſternentia, obtinerent, vitae ac morum integritate conſpiciendos ſe praebere non deſiiſſent. Ceteroquin po - ſterioris aeui principibus non amor populi, non vigor intellectus, non morum integri - tas, non in ſtudia & bonas quascumque ar - tes propenſio, non bello exercitata manus, ſed, quod ferme pudet dicere, patris cum matre libidinoſa coniunctio, vnice vnicequepote -243des ſtili inſonderheit. poteſtatem & ius ad faſces imperii arripien - dos conceſſit. Hinc illae lacrimae, hinc il - la ſuſpiria ob calamitatem temporum prae - ſentium, hinc illa temporum praeteritorum deſideria. Nati quidem in purpura, raro tamen & ferme per miraculum digni impe - rio euadunt. Fidei eiusmodi hominum committuntur, qui dum ipſi recte viuendi rationem nondum didicere, id tantum agunt vt puero principi ad affectuum liberiorem excurſionem portam adaperiant, dum fre - na quidem laxare, non reſtringere ſciunt ne aliquando gratia futuri principis excidant. Inde gaudete quis canibusque, fertur impetu quodam in ſequiorem ſexum, geſtit miniſtros exagitare, ſubditos variis artibus ludibrio exponere & operoſe diuexare. Monitori - bus aſperum, ſtudiis inimicum, religionis ir - riſorem, veritatis impatientem ſe ſe gerit, & quodlibet audendi ſibi facultatem éſſe re - lictam ſoli, credit. Tandem ſolium pater - num ſcandens, qui ipſe ſibi imperare non - dum didicerat, & humanas & diuinas vili - pendet leges, patrum legens veſtigia, vitiis magis quam virtutibus clara, ſubditos liber - tate exuit, nec damnum in ſecuritate ſtabili - enda reponit. Arcana dominationis pri - marium ſuarum actionum ponit finem, ſe - cundarium vt fines imperii latius extendens, multis licet iniuſtis acceſſionibus id augeat. Priuilegia & iuramenta negligit, & vt ipſeQ 2affe -244von denen unterſchiedenen artenaffectibus ſuccumbere ſueuit ita ſubditos va - riis ſuis & vagis affectibus obedientiam iu - raſſe ſibi perſuadet. Quis vmquam antiquis temporibus tanta facinora ex circumſcripta imperantium vi & electione timuit, quanta hodie ex ſucceſſione & illimitata principis voluntate ſentimus. Nolo vlterius progredi, & ex antiqua Germanorum hiſtoria de mon - ſtrare, quam felix fuerit eorum aetas quam fortunata, dum plane imperantibus deſtitu - ti, nihilominus virtutem ſectari, fidem da - tam ſeruare, fortitudine inclareſcere, ami - citiam colere, non intermiſerunt. Vnicum addendum eſſe exiſtimo, ex peruerſa ſum - morum principum vitae conditione, vitia quoque trahere alios, imperantium perſo - nas gerentes. Princeps dum ſtudia negli - git, nec dignos muneribus publicis admouet, nec indignos remouet, ſed eius generis ho - mines, qui cum principe vel Baccho, vel Veneri, vel Marti, litare ſibi gloriae ducunt, vel quouis modo pro amplianda dignitate, aut corradendis principi pecuniae ſummis, nati videntur. Olim virtute duce, officiis intromiſſi, etiam virtutibus iis praeeſſe ſa - tagebant, virtutibus deſtituti, virtutum ta - men ſimulacris ſuffulti atque conſpicui vi - debantur; nec ibi ſanguinis aut diuitiarum habebatur ratio, ſed ſcientiae, experientiae atque virtutis, quibus ſolis homines caputſupra245des ſtili inſonderheit. ſupra vulgus efferunt. Statu politico im - medicabili vulnere laborante, quid de eccle - ſiaſtico exſpectabimus? Arcta hi duo inter ſe connexione iuncti, conſpiratione quadam quaſi inita, nonnunquam quidquid ad rei - publicae tranquillitatem referri poterat, de - ſtruunt. Mirabimini, Auditores, me tam li - bere de ſtatu noſtrorum temporum perdito declamare, ſed ne paradoxa vobis proponere me iudicetis, maiorum quaeſo noſtrorum tempora euoluite atque imagines ſacrorum virorum, quo decet, animo tantiſper remiſ - ſo, intuemini. Quem, quaeſo inter noſtros hodie monſtrabimus Chryſoſtomum, Mar - tinum, Ambroſium, Auguſtinum, Macari - um, Taulerum, Thomam a Kempis, Luthe - rum, Melanchthonem, Arndtium. Non dico plane nos carere viris ſacris muneri - bus admotis, piis, eruditis, vitae & doctri - nae puritate conſpicuis, ſed non tam fre - quentes eos inter nos eſſe, vti antiquiſſi - mis temporibus, hoc eſt quod dolemus. Hoc palmarium viro ſacro, miniſtro eccleſiae eſſe duco, vt officia hominum & obligatio - nes ex lege diuina explicet, & exemplo ſuo rudiores, quibus rationes percipere natura nouerca interdixit, dirigat. Ethoc palma - rium ſibi olim putabant verbi diuini inter - pretes, cum aut nullis aut ligneis inſtructa templis eccleſia, aureis niteret ſacerdotibus. Non ſane, quod plerumque obſeruamus,Q 3variis246von denen unterſchiedenen artenvariis machinationibus & captionibus oc - culte directis, ſacras prouincias auide arri - pere tentabant, ſed vel oblatas recuſabant, ſecum habitantes, ſuam expendentes imbe - cillitatem, ſacri muneris vero dignitatem. Introductinon gazophylazia ſua augere, va - riis ventrem deliciis infarcire, ciſtas auro argentoque implere, affectus titillare, ſtude - bant, ſed fame ac ſiti premi, immo ad ſuppli - cia rapi, leue quoddam huius vitae incom - modum aeſtimabant, ſi hac ratione audito - rum erigi in Chriſtum fidem aut corroborari poſſe intelligebant. Noſtris interdum ho - minibus ſatis eſt, per aliquot horas in vm - bone ſacro balbutiiſſe, ita vt non immerito quis cum Knittelio dixerit: Ecce iterum verbum Domini loquitur per aſinam Balaa - mi. Reliqua, quae munus exigere videtur eccleſiaſticum, ceu opus operatum finiiſſe gaudent, ac ſibi plaudunt, crumena probe diſtenta exinde rediiſſe, de cetero imperare potius auditoribus & conſcientias illimitato dominio crudeliter coërcere, quam iis ſer - uire & infirmitatibus pie ac moderate ſuc - currere ſciunt. Principi aliisque reipubli - cae curam ſiniſtre gerentibus, tantum abeſt vt admonitionibus, tam publicis quam pri - uatis, officia boni imperantis infulciant, vt potius quidquid imperantes facinoris perpe - trent, ſub ſpecie prudentis conſilii ac ſingu - laris plane actionis ſubditis commendent,ne247des ſtili inſonderheit. ne forſan S. Joh. Baptiſtae aut Chryſoſtomi a[d]uerſa fata ſubire cogantur. Qualis rex, talis grex, quales paſtores, tales oues. In corpore vbi nec cor nec caputſana ſunt, ce - tera membra male ſe neceſſario habent omnia. Antiqua tempora & bonis ciuibus & multitudine ſapientum & optimis Chri - ſtianis conſpicua, quid noſtris in hac re deſit per hiſtoricos ſatis loquuntur. Portenta inter Athenienſes fortitudinis atque erudi - tionis, inter Romanos fidei & honeſtatis, in - ter Germanos magni animi, frugalitatis, a - moris ſocialis, nouimus. De Chriſtianis ſaeculorum primorum vel tantum circa re - ſurgentis purioris doctrinae tempora, quan - ta quaeſo pietatis, deuotionis, conſtantiae, caritatis, fidei in Chriſtum exempla audiui - mus. Noſtra aetas, nec ſtudia, nec pietatem, nec honeſtatem, nec bonas artes colit. Inde eſt, quod ſtudiis ſacrati in falſa eruditione ſubſiſtant, & ſaltem de pane lucrando cogi - tent, ſic praeiudiciis auctoritatis atque prae - cipitantiae plane immerſi, nil niſi patrum effata, vel noua penitus omnia inuenta, cre - pant. Et liberalium & illiberalium artium ſtudioſi, non eapropter omnes intendunt neruos, vt omnium vtilitati conſulant, qui proprius eſt ſcientiarum finis, ſed vt ſuam praecipue mediis licitis pariter ac illicicis promouere queant. Nolo criminibus in - ſurgere, vtpote quae ferro & igne, armataQ 4magi -248von denen unterſchiedenen artenmagiſtratus manu neceſſario reprimuntur, ſed potius vitiis, quae late, quamuis occulte, ſerpere ſentio. Officia coniugibus obſer - uanda, parentibus liberisque exhibenda, do - minis & ſeruis inculcanda, neglecta apud nos hodie atque diſcuſſa, maiori ſane pon - dere publicam deprimunt tranquillitatem, quam bella, quibus crebro quaſſantur respu - blicae. Quod ſi vnquam de qua aetate vi - luit illud Horatianum;

Aetas parentum peior auis, tulit Nos nequiores, mox daturos Progeniem vitioſiorem, ()

in noſtram conuenit. Atque ita fontes de - texi, vnde oriantur tam infinita mala. mor - bi, diſſidia, vulnera, furta, rapinae, lenocinia, ſcortationes, adulteria, calumniae, iurgia, & neſcio, quae, quibus noſtrae dilacerantur res - publicae, quae tamen omnia in capita ea - rum recidunt. Quis non inde animum ad reuocanda maiorum tempora inducat, vel vt rectius dicam, quis non deſideret, vt vir - tutes illae quarum memoria ex priſcis tem - poribus hodienum viget, noſtram quoque colluſtrent aetatem. Non autem vota noſtra tanti ſunt, vt id efficere valeant, ſed labor improbus, intellectus aſſiduo cultu perpoli - tus, voluntatis atque affectuum indefeſſa & in infinitum repetita correctio. Si votis interim aliquid efficiendum cenſetis, Audi -tores,249des ſtili inſonderheit. tores, mea veſtris iungo, & memor eius, quod ſub exordium orationis meae promi - ſeram, Deum veneror, qui in hunc vsque diem, per tam miſera temporum noſtrorum diſcrimina, ſoſpites vos ſeruauit atque inco - lumes. Inprimis grates, quas mens humana concipere poteſt maximas, Deo decerno, quod TE Pater ad cineres omni amoris, cul - tu proſequende, anno, quem iam egimus, ſal - uum, atque ab omni vitae vel ſanitatis vel fortunae detrimento liberum, ſuſtinuit. Tibi autem, qua par eſt humanitate ac obſeruan - tia gratias perſoluo, qui facultatem conces - ſiſti ſtudiis incumbendi & de emendatione temporum cogitandi. Det Deus, vt qui ſe - quitur, anno & pluribus qui ſequentur, mihi Tuis, meis, ciuitati, amicis, bonis omnibus, viuas, vigeas, floreas, & non niſi tempora videas Saturnina. Sic quid poſſit filii deuo - tus ac pius immo gratus animus, multis Ti - bi nominibus innoteſcet, & vt ſpero & expe - to non Tibi deerit cupiditas, paternis me cu - mulare beneficiis & ornare. Seruet Deus & vos, Patroni atque Fautores, omni hono - rum genere proſequendi, vt inpoſterum pro more veſtro laudatiſſimo in reſtituendis pa - trum virtutibus & in ſubleuandis veſtris fa - miliis operam nauare, ſine vlla remora poſſi - tis. De cetero meam tenuitatem, Vobis com - mendatam eſſe precor, & cum beneuola ve - ſtra attentione me dignati ſitis, in praeſen -Q 5ti250von denen unterſchiedenen artenti commendatam fore ſpero. Credatis ve - lim, me vobis ad quaeuis officiorum genera promptum & ſacratum.

Rede von den vorzuͤgen unſerer zeiten fuͤr den alten, als eine wiederlegung der vorigen rede.

Unbeſtaͤndig ſeyn iſt ohnſtreitig ein weſentli - cher begrif, welchen man von allen denenjeni - gen ſachen, ſo die weiſe hand des allgemeinen ſchoͤpfers, auf den erdboden dargeſtellet, haben muß. Am allermeiſten aber iſt dasjenige der veraͤnderung unterworfen, welches in ſeinem zu oder abnehmen, und in allen ſeinen umſtaͤn - den, von den haͤnden der menſchen gefuͤhret wird, und aus ſeinem munde befehle erwarten muß. Das menſchliche auge verlanget im - mer etwas neues zu ſehen, wuͤrden nun die ir - diſchen dinge, ſich ſtets in einerley geſtalt dem - ſelben fuͤrbilden, ſo vergienge dadurch die beſte gelegenheit, den gemuͤthern der menſchen, einen empfindlichen eindruck zu machen, daß ſie die weißheit ihres meiſters zu bewundern, und ſei - nen willen in heiliger nachfolge zu verehren, ſchuldig waͤren. Der menſch iſt mit recht die kleine welt zu nennen, und alles was der inbe - grif der groſſen in ſich ſchlieſſet, muß zu ſeinem dienſte ſich gebrauchen laſſen. wie kan es alſo anders ſeyn, alles was etwas iſt, muß ſo wohl nach dem geſetze der groſſen als kleinen welt un -beſtaͤn -251des ſtili inſonderheit. beſtaͤndig heiſſen. Dieſer unaufhoͤrliche wech - ſel wird dennoch an der zeit als an einem maß - ſtabe abgemeſſen, dannenhero ſind einige auf die gedancken gerathen, ob nicht vielleicht die zeit, die groſſe zeuge mutter ſo vieler unbeſtaͤn - digkeiten, koͤnne genennet werden. Hat nun der beſtaͤndige unbeſtand ſolche wuͤrckungen herfuͤrgebracht, welche denen neigungen der menſchen wohlgefallen, ſo iſt man bemuͤhet ge - weſen, guldne zeiten zu erdichten und alſo de - nen iahren und tagen zuzuſchreiben, wozu man billich andere urſachen haͤtte ſuchen ſollen. Sind hingegen verdruͤßliche zufaͤlle aufgeſtoſ - ſen, welche den verhoften honig mit wermuth vermiſchet, ſo hat man die zeiten angeklagt, da man vielmehr ſeine eigne verrichtungen haͤtte beſſer oder kluͤger einrichten koͤnnen. Eine wuͤrckung dieſes vorurtheils iſt es, daß man im - mer ſich mit der hofnung beſſerer zeiten ge - ſchmeichelt, und dabey die gelegenheit verſaͤu - met, die urſachen ſeines eigenen elendes zu heben und ſeine wohlfahrt auf beſſern grunde zu ſetzen. Denn die ſuͤſſe hoffnung pflegt mehrentheils auch die wachſamſten gemuͤther einzuſchlaͤffern, biß der gift zu weit um ſich ge - griffen und der gegengift zu ſpaͤt ankommen. Die zeit aͤndert ſich niemahls, aber wer in der zeit lebt und der zeit ihre benennungen mitthei - let, aͤndert ſich unaufhoͤrlich. Alſo ſolte man nicht die guͤldnen zeiten der vorfahren wiede - rum zu erleben wuͤnſchen, ſondern daß ihre tu -genden252von denen unterſchiedenen artengenden aus dem grabe herfuͤrſchienen, und den lebenden einen ſichern pfad zur gluͤcklichen nachfolge zeigen moͤchten. Mein vorgaͤnger hat Jhnen zwar H. und H. A. die vorzuͤge der alten zeiten fuͤr den unſern gewieſen, allein nicht in der abſicht einem lebloſen dinge ſolche leb - hafte wuͤrckungen zuzuſchreiben, aber wohl die urſachen zu zeigen, warum man dergleichen wuͤnſche zu thun pflege, und auch einigermaſ - ſen zu thun befugt ſey. Dabey hat er geſucht, naͤhere gelegenheit zu bekommen, Jhnen bey ietzigem iahres-wechſel, die fruͤchte ſeiner ſchul - digkeit darzureichen. Eben dieß hat auch mich bewogen, von der zeit zu reden, und zwar von den vorzuͤgen unſerer zeiten fuͤr denen zeiten un - ſerer vorfahren, wann ich meinem vorgaͤnger nicht gaͤntzlich wiederſpreche und ihn vollkom - men wiederlege, wird doch die eitelkeit desieni - gen wunſches deſto klaͤrer werden, worinn man nach dem vergangenem ſeufzet, damit man des gegenwaͤrtigen vergeſſen moͤge. Sie erlau - ben mir demnach, H. und H. A. Daß ich in Dero Hochgeehrten verſamlung, ſo viel von dieſer ſache rede, als meine ſtamlende zunge und ungeuͤbter verſtand zulaͤſt, und ihnen die zeichen meiner ergebenheit, gleichfalls in einem gluͤckswunſche darbiete, ſo werde daran ab - nehmen, ob ich die guͤtige erlaubniß habe, mich ins kuͤnftige als dero diener aufzufuͤhren.

So lange die welt ſtehet und menſchen ge - ſellſchaftlich leben werden, wird man nicht auf -hoͤren,253des ſtili inſonderheit. hoͤren, ſich fuͤr den ſcepter gekroͤnter haͤupter zu demuͤthigen, leute welche ſich der goͤttlichen wahrheit befleißigen zu verehren, und ſich im haußſtande zu gewiſſen pflichten verbindlich zu machen, alſo wuͤrde es was ungereimtes ſeyn, ſich dem obrigkeitlichem ioche, der anhoͤrung goͤttliches willens, denen haͤußlichen pflichten mit gewalt gaͤntzlich entziehen wollen. Aber wuͤnſchen, daß alles, ſo viel die menſchliche ſchwachheit leidet, nach den befehlen einer ge - ſauberten vernunft eingerichtet werde, iſt nichts unbilliches. Ob wir nun bereits dergleichen zeiten erlebet, oder ietzo darinnen ſtehen, oder noch ins kuͤnftige zu erwarten, ſolches iſt eine frage, welche ohne groſſe behutſamkeit nicht leicht zu beantworten. Solte es nach den ge - dancken derer gehen, welche nur die fehler unſe - rer, und die tugenden der vergangnen zeiten zu - ſammen halten, ſo wuͤrden wir glauben muͤſ - ſen, die zeiten waͤren bereits voͤlligverſtrichen, da man der vernunft williges gehoͤr verſtat - tet. Sie haben auch bereits, H. und H. A. ſo viel die kuͤrtze der zeit leiden wollen, von meinem vorgaͤnger gehoͤret, worinn man die vergangenen zeiten denen unſern vorzuziehen pflege: Dennoch finde ich urſachen genung, welche mich bewegen koͤnten, denen unſern die groͤſten vorzuͤge zuzueignen und ihn zu wieder - legen, wenn ich mir ſelbſt wiederſprechen, und einem lebloſen dinge ſolche lebendige wuͤrckun - gen zuſchreiben wolte. Beruhete die ſachebloß254von denen unterſchiedenen artenbloß darauf, daß uns die geburt den purpur zu verehrenauferlegte, da die freye wahl bey den al - ten nur wohl verdienten die kronen aufgeſetzet, ſo moͤchte ich wiſſen, wer unter uns zum regieren tuͤchtige perſonen ausſuchen ſolte. Es muͤ - ſten ſolches ohnfehlbar leute ſeyn, welche eben - falls nicht die geburt oder reichthum, ſondern die weißheit von andern unterſchieden haͤtte, und die muͤſten wiederum von denen aufgeſu - chet werden, welche keinen geringen grad der weißheit erſtiegen, dieſe von ebenfalls weiſen leuten. Auf ſolche art wuͤrde man von dem gantzen menſchlichen geſchlecht etwas fodern, welches man nur im ſtande der unſchuld bey demſelben gefunden, und welches nur in ienem leben vollkommen zu hoffen, nemlich eine all - gemeine weißheit. Wen das recht der nach - folge auf den fuͤrſtlichen ſtuhl geſetzet, hat ohne dem eben ſo viel urſachen, ſich durch fuͤrſtliche tugenden dem volcke beliebt zu machen als wen die freye wahl dazu erhoben. Jn den alten zeiten muſten ſich unzehliche laͤnder zu den fuͤſſen eines eintzigen legen, und ſeinen neigun - gen faſt blinden gehorſam leiſten; bey uns haͤlt die groſſe anzahl der zugleich regierenden haͤupter, ſie ſelbſt untereinander in den gehoͤ - rigen ſchrancken der billichkeit, und hat ia die uͤble auferziehung das gute, welches man von einem printzen erwarten konte, in der bluͤ - te der iahre zum theil erſticket, ſo iſt der kluge rath getreuer miniſter, die furcht fuͤr auswaͤr -tiger155[255]des ſtili inſonderheit. tiger macht, die geſchloſſene verbindniſſe, er - theilte freyheiten, friedens-handlungen, com - mercien-ſorge genung denen unterthanen die angenehmſten zeiten zu ſchencken. Die we - nigſten ſind ſo ſcharfſichtig die geheimniſſe des ſtaats einzuſehen, und doch unterſtehet ſich ie - dermann davon zu urtheilen. Erfodert nun zuweilen des landes wohlfarth, der untertha - nen ruhe, daß printzen ihnen eine kleine unruhe machen um groͤſſern uͤbel fuͤrzubeugen, ſo meint der unterthan gnugſames recht zu haben, wo - durch ſeiner neigung nur zu viel geſchehen, von ſich abzukehren und wofern es ihm hierinnen nicht gluͤcken will, die ungerechtigkeit ſeines printzen anzuklagen. Haͤtten die geſchicht-ſchrei - ber der alten, ohne ihren zeiten zu ſchmeichlen, alles ausgedruckt, woruͤber ſich auch vernuͤñf - tige unterthanen unter ihren fuͤrſten zu bekla - gen urſach gehabt, ſo wuͤrden wir bald ſehen, ob den unſern oder den alten zeiten, in anſe - hung der regenten der vorzug beyzulegen. Und wo werden wir von denen monarchen unſerer zeit, ſolche thorheiten aufzeichnen koͤnnen, als wir von denen alten mit den groͤſten erſtaunen aufgezeichnet finden. Es prangen auch unſe - re zeiten mit ſolchen Landes-vaͤtern deren denckmahle bey unſern nachkommen weit dau - erhaftiger ſeyn werden, als bey uns die ſaͤulen Auguſti, Traiani, Hadriani, und anderer. Nicht minder verdienen die lehrer unſer zeiten, daß ihrer mit beſſern lobe gedacht werde, alsins -256von denen unterſchiedenen arteninsgemein der von ſeinen neigungen getriebene poͤbel von ihnen zu urtheilen pfleget. Einen wohlgeſaͤttigten eckelt auch fuͤr den niedlich - ſten ſpeiſen, und wer unter tauſend edelgeſtei - nen von gleicher koſtbarkeit den beſten ausſu - chen ſolte, wuͤrde ſie entweder alle fuͤr koͤſtlich oder alle fuͤr nichtswuͤrdig anſehen. So ge - het es unſern zeiten, in anſehung der ihnen fuͤr - geſtellten diener des goͤttlichen worts, indem der zuhoͤrer daran keinen mangel unter uns findet, nachdem ihm die ohren iuͤcken, ſo achtet er dieſes uͤberfluſſes nicht, wie er wohl thun wuͤrde, wann es ihm daran fehlete. Und ein ieder der etliche predigten mit fluͤchtigen ge - dancken angehoͤret, oder in die Homiletiſchen buͤcher mit hungriger begierde eingeſehen, mei - net berechtiget zu ſeyn, ieden lehrenden in der gemeine Gottes, durch ungleiche urtheile in die muſterung zu fuͤhren. Es wird dannenhero nach geendigten Gottesdienſt, wohl dieſe frage ohn unterlaß gehoͤret: Wie hat ers gemacht? an ſtatt daß man fragen ſolte: Was habt ihr zu eurer beſſerung gemercket? Die zeiten der alten haben freylich im Chriſtenthum ſolche lehrer aufzuweiſen, die man mit den nahmen der heiligen beehret, und welche gewiß in un - vergeßlichen andencken zu verehren. Selbſt die heydniſchen prieſter unterſchieden ſich von andern, durch wiſſenſchaften, eingezogenheit, verachtung des irdiſchen und andere ſchein - tugenden. Allein hierinn wuͤrden ſie alsdannnur257des ſtili inſonderheit. nur einen vorzug fuͤr unſere zeiten haben, wann es uns hierinn mangelte. Daß einige ihrem h. amt ſich nicht gemaͤß auffuͤhren wollen oder koͤnnen, ſolches wird ſich niemand befrembden laſſen, der da weiß, daß ein menſch, wann er auch mit noch ſo herrlichen gaben ausgeruͤſtet, dennoch nicht aufhoͤre, ein menſch zu ſeyn. Jch gehe noch weiter, und ſage, daß unſere zeiten ſich eines groſſen vorzugs, wegen des geiſtli - chen ſtandes, fuͤr den zeiten der alten ruͤhmen duͤrfen. War es ſonſt kaum erlaubt die bloſſe erzehlung goͤttlicher wahrheiten anzuhoͤren, ſo koͤnnen wir durch die woche etliche mahl, nicht nur die bloſſen wahrheiten ſelbſten, ſondern auch die geſchickteſten auslegungen in denen praͤchtigſten kirchen-gebaͤuden davon hoͤren. Kein ort iſt ſo gering, keine gemeine ſo enge ein - geſchrenckt, die ſich nicht eines ſeelſorgers freue - te. Das Chriſtenthum hat ſich durch die gan - tze welt ausgebreitet, und das licht der Evan - geliſchen wahrheit ſuchet allenthalben durch die finſterniß zu brechen, mit huͤlfe getreuer leh - rer. Raubt der todt ein glied aus dem geiſt - lichen orden, ſo iſt eine ſolche menge derieni - gen, die ſich dazu wuͤrdig befinden, daß man kaum in iahres-friſt den geſchickteſten darun - ter ausſuchen kan, weil ſie alle gleiches vermoͤ - gen ſelbigen getreulich fuͤrzuſtehen beſitzen. Die alten verſpuͤrten an allen dieſen nicht geringen mangel. Von der erkaͤnntniß der ſprachen und anderer hoͤchſtnoͤthigen wiſſenſchaften, dererRſich258von denen unterſchiedenen artenſich unſre lehrer, bey ſo maͤchtig angewachſener gelehrſamkeit ruͤhmen, nichts zu gedencken. Die ordnung des heyls wird in den ſyſtemati - bus und ſymboliſchen glaubens-buͤchern mit der ſchoͤnſten art fuͤrgetragen, da man vor dieſem hier und dar ein ſtuͤck aus der Bibel reiſſen und zu ſeinen glaubens-articuln zehlen muſte. Wer ergoͤtzet ſich nicht an den ungemeinen einrich - tungen des Gottesdienſtes, an die artigen erfin - dungen die hiezu gehoͤrigen diener Gottes zu unterhalten, an die von allen aberglauben und unanſtaͤndigkeit geſauberten kirchen-gebraͤu - che. Uberhaupt werden wir uns nicht ſchaͤmen duͤrfen, wann ſonderbahre verdienſte in die ie - tzigen zeitbuͤcher unſere nahmen einſchreiben. Ein weiſer mann muß mit allen umſtaͤnden der zeit, des orts, zu frieden ſeyn, wann ers nicht aͤndern kan, oder ſich zum wenigſten huͤten, daß er nicht oͤffentlich, durch unanſtaͤndiges klagen, die ſchwaͤche ſeines verſtandes in der klugheit zu leben, an den tag lege. Was im gemeinen leben unſre ruhe zu ſtoͤhren ſcheinet, iſt alſo be - ſchaffen daß es nur von denen verderbten nei - gungen herruͤhret und auch ſelbigen wiederum eintrag thut. Wer wolte alſo dieſerwegen die gegenwaͤrtigen zeiten verfluchen, oder die zeiten der alten zu erleben wuͤnſchen. Sonſt iſt es eine ausgemachte ſache, daß zu unſern zei - ten die wiſſenſchaften auf den gipfel der voll - kommenheit zu ſteigen, einen begluͤckten an - fang gemacht, da die alten ſelbige nur auf derunter -259des ſtili inſonderheit. unterſten ſtuffen dazu zugelangen, erblickten. Wie reich ſind nicht unſere zeiten an denen herr - lichſten erfindungen und nuͤtzlichſten kuͤnſten fuͤr denen alten? Die handlungen ſind gewiß das bequemſte band gantze voͤlcker in vergnuͤg - ter einigkeit zu verbinden, und wir koͤnnen uns dieſes vorzugs billich fuͤr andern fuͤr den alten ruͤhmen. Zwar olte es ſcheinen, als ob nur eitelkeiten dadurch unter uns eingefuͤhret, und alſo der menſchlichen geſellſchaft mehr geſchadet als genutzet wuͤrde. Allein zu geſchweigen, daß hiezu ein groſſer beweiß gehoͤret, ſo kan doch dieſes nicht ſtreitig gemachet werden, daß die handlungen ein groſſes wo nicht das meiſte zu der galanten und civilen lebens-art unſerer leute beytragen ſolten. Wuͤrden die alten in ihrer einfaͤltigen kleidung und ungeſchlachten ſitten wieder aufſtehen, und ſehen wie artig unſer umgang, wie geſchickt unſere kleidung, wie zierlich unſere ſprache in denen complimenten, wie wohlanſtaͤndig unſer gantzes weſen, ſie wuͤrden ihnen gantz beſondere und fuͤrnehme gedancken von unſern artigkeiten machen. Jch wuͤnſche mir alſo nicht beſſere zeiten zu erle - ben, ich ſehne mich nicht nach den zeiten der al - ten, aber dieſes wuͤnſche ich, daß ich und ein ie - der, der weißheit und tugend zu ſeinen leitſtern erkohren, ſich der gegenwaͤrtigen ſo bedienen moͤge, daß ihm die zukuͤnftigen die angenehm - ſten vergnuͤgungs-roſen zu brechen erlauben muͤſſen. Doch ich haͤtte bald, von denen an -R 2nehm -260von denen unterſchiedenen artennehmlichkeiten unſerer zeiten und deren be - trachtung entzuͤckt, vergeſſen, daß ich ſchlieſſen muͤſſe, und daß ich Jhnen vorher, H. und H. A zu den antritt des neuen iahres ergebenſt gluͤck zu wuͤnſchen mir auferleget haͤtte. Jch verehre Sie allerſeits, theils mit kindlicher pflicht, theils unter den nahmen naher ver - wandſchaft, theils weil ich mir von dero ver - dienſten wie ſchuldig einen groſſen begrif ma - che. Wie kan ich alſo anders als mich er - freuen, da ich bey Jhnen meine ſchuldigkeit ab - ſtatten und Sie insgeſamt im erwuͤnſchten wohlſeyn antreffen kan. Wie kan ich anders, da ich Jhnen zum theil fuͤr Dero vaͤterliche un - ermuͤdete fuͤrſorge, zum theil fuͤr die von Jhnen genoſſene vielfaͤltige zeichen einer ungefaͤrbten freundſchaft, zum theil fuͤr Dero wohlgewogen - heit, damit ich mir ſchmeichele, unendlich ver - bunden bin, wie kan ich anders ſage ich, als mich fuͤr dem throne Goͤttlicher maieſtaͤt demuͤ - thigen uñ Jhnen allen geiſtlichen und leiblichen ſeegen von oben herab ausbitten. Der Hoͤch - ſte bekroͤne meinen wunſch mit erfreuender fol - ge, ſo wird mir wie ich hoffe erlaubt ſeyn, ferner - hin Dero mir geneigtes wollen zu ruͤhmen und an Dero vergnuͤgen theil zu nehmen, da ich nicht ablaſſen werde, in tiefſter ergebenheit Sie allerſeits zu verehren.

§. 3 Nach dieſem iſt der ſtilus mediocris der gebraͤuchlichſte und angenehmſte. a)Er fo - dert ein mittelmaͤßiges obiectum,b) demſelbengemaͤſſe261des ſtili inſonderheit. gemaͤſſe gedancken, muntere regungen und affe - cten, (wofern das obiectum nicht bloß theore - tiſch,) hat die freyheit tropos und figuren zum ausputz des ausdrucks zu gebrauchen, beobach - tet in der iunctur und dem numero einige zier - lichkeit, wechſelt mit denen connexionibus ab, hat alſo mehr freyheit als der humilis, und auch mehr lebhaftigkeit.

a)Dieſer iſt der gebraͤuchlichſte, weil die mittel - maͤßigen obiecta am haͤuffigſten, und weil es mit denen menſchlichen dingen mehrentheils nur zu einer beliebten mediocritaͤt kommt. Er iſt der angenehmſte, weil er die mittelſtraſſe haͤlt zwi - ſchen dem trockenen und ſtillen weſen des humi - lis und zwiſchen dem praͤchtigen und praſſeln - den ſtilo ſublimi, ſo gar daß etliche ihn fuͤr den ſtilum der weiſen leute halten. Man kan dabey eher ſeine bloͤſſe verſtecken, als im humili, und auch nicht leicht in gefahr lauffen ſich zu verir - ren als im ſublimi. Tutiſſima ſere per medium via, quia vtriuſque vltimum, vitium eſt. Quin - ctilianus L. XII. cap. 10. Wiewohl Quinctilia - nus ſelbſt ſich gar zu ſchwanckend exprimiret, von den unterſchiedenen ſtilis. S. Thomaſii Cautelen cap. VIIII. Ridig. S. V. & F. p. 578. Hederich l. c. p. 545. Lami l. c. cap. XI. Rabners Rationem ſtili elegantioris. Man findet ihn im Hofmannswaldau, Philander von der Linde, Beſſer, Langen, Neumann, Neukirch, ꝛc. in Ciceronis philoſophicis, ora - tionibus und epiſtolis (wie man denn auch aus dem Cicerone im Lateiniſchen, den ſtilum ſubli - mem lernen kan, und alſo alle drey arten von ſti - lis, eben ſo wie im Teutſchen aus dem Ziegler und aus den reden groſſer herrn) im Seneca,R 3Plinio262von denen unterſchiedenen artenPlinio, Virgilii Georgic. Velleio, Juſtino, &c. Jſocrate, Heſiodo, &c. im Voiture, Telemaque des Fenelon &c. im Loredano, Guarini, &c.
a)
b)Der begrif des mittelmaͤßigen obiecti iſt etwas dunckel, denn man kan nicht leicht determiniren, wo das mittelmaͤßige auſhoͤre und anfange; deßwegen referiret man zuweilen etwas zum ſimplici, das von andern zum medioeri gebracht wird, oder man haͤlt etwas fuͤr ſublim, das nur zum mediocri gehoͤrt: Allein iſt ſchon der unter - ſchied ſo handgreiflich nicht, ſo iſt er doch wahr - haftig da, und es iſt eben, als wenn man die ſta - turen der leute eintheilet, in klein groß und mit - telmaͤßig, denn da kan niemand ſagen, bey wel - chem zoll der laͤnge die mittelmaͤßige ſtatur an - fange und auf hoͤre, daher manchmahl einer von dieſen fuͤr groß von ienem fuͤr mittelmaͤßig ge - halten wird, inzwiſchen iſt doch dieſer unterſchieb nicht ohne nutzen und hat ſeinen grund. Man kan auch zufrieden ſeyn, wann man nur nicht das groſſe fuͤr klein, das kleine fuͤr groß anſieht, und alſo nicht hohe obiecta mit dem ſtilo humili, und niedrige mit dem ſtilo ſublimi uͤberfirnſet und fuͤrſtellet. Als ein exempel vom ſtilo mediocri mag folgende rede angeſehen werden, welche in der nunmehr in die 40 iahr florirenden redner - geſellſchaft unter Jhro Magnificentz des Herrn D. Schmiden Eloqu. P. P. Ordin. und Theol. Ex - traord. praͤſidio in Leipzig von mir, als einem mitgliede beſagter Societaͤt, anno 1717. d. 24. Februarii gehalten worden:
b)

Rede von der unbeſtaͤndigkeit der menſchlichen gemuͤther.

Der erdkreiß ſcheinet nur darum auch ohne pfeiler ſo feſte gegruͤndet, und der himmel auchohne263des ſtili inſonderheit. ohne bogen ſo unbewegl. gewoͤlbet zu ſeyn, da - mit beyde mit gewiſſern grunde, den beſtaͤndi - gen unbeſtand und wechſel ihrer einwohner uns fuͤr augen ſtellen. Dieſer iſt ſo maͤchtig, daß er nicht nur uͤber dinge, deren weſen wir wuͤrckl. empfinden, ſondern davon wir auch nur einige moͤglichkeit erdencken koͤnnen, ſeine unumſchraͤnckte herrſchafft ausuͤbet. Bald muß ſich der heydniſche Jupiter unter allezeit ande - rer geſtalt als ein verliebter ſchmeichler, bald als ein mit donner-keilen um ſich werffender wuͤte - rich von ſeinen verehrern abbilden laſſen. So offt als die Gratien ihren reyen veraͤndern, er - ſcheinen ſie in anderer ſtellung, die von einer iñiglichen freude oder hertzfreſſenden betruͤbniß ihren urſprung nehmen. Kaum hat die ſonne ihre angenehme ſtrahlen dieſem runde gegoͤn - net, ſo kan eine regen-ſchwangere wolcke licht und freude in dunckelheit und ſchatten verſetzen, und wird ſie von den Perſern angebetet, ſo muß ſie ſich von den Mohren verfluchen laſſen. Den mond werden wir niemals in der geſtalt auf - gehen ſehen, in welcher wir ihn bey ſeinem un - tergang angetroffen, und die ſterne ſcheinen al - gemach auf unſern wirbel zu ſteigen, welchen ſie nach wenigen ſtunden wieder verlaſſen. Hat das feuer vor kurtzer zeit mit den helleſten flammen geſpielet, ſo erblicket man gleich dar - auf entweder ſchwache funcken oder graue aſche. Der goldfuͤhrende Tagus bietet der natur bald einen ſpiegel an, bald wird manR 4ihn264von denen unterſchiedenen artenihn von einem leimichten boden von ferne kaum unterſcheiden koͤnnen. Nach dem winck des allgewaltigen ſchoͤpfers fuͤhret ſich das erdreich ietzt wie eine guͤtige zeuge mutter ſo vieler be - wunderns wuͤrdiger kraͤuter auf, ietzt wie ein mit ſtahl und eiſen uͤberzogener magnet-ſtein. Nachdem willen eines halb erfrornen wandeꝛs - mannes, muß ſich die lufft zur erwaͤrmung der erſtarreten glieder gebrauchen laſſen, welche er gleich darauf heiſſe ſpeiſen damit abzukuͤh - len anwendet. Ein unnuͤtzer irwiſch iſt, wie ich glaube, doch dazu nuͤtze, daß er zu einem bilde der in die abwechſelung verliebten welt dienen kan. Steine aus einem felſen gehauen, muͤſ - ſen ſich ſo wohl zu einem verachteten pflaſter als prahlenden fronton ſchicken. Die zeit bauet mit erſtaunender bemuͤhung ſolche wer - cke auf, von welchen man meinen ſolte, daß ſie der unbeſtaͤndigkeit allen vortheil abgelauffen haͤtten, und eben dieſelbige belehret uns nach wenig verfloſſenen iahren, was ſie dabey fuͤr ein abſehen gehabt, nemlich in der aſche und uͤberbleibſeln von ſolchen koſtbarkeiten mit le - bendigen buchſtaben zuſchreiben: es ſey alles wandelbahr. Das ungemein harte ſtahl hat noch kein mittel funden zu verhindern, daß man es nicht in allerhand geſtalten zu unter - ſchiedenen gebrauche zwinge. Die baͤume fangen gegen den ſommer an ſich in gruͤnende blaͤtter zu verſtecken und laſſen ſelbige gegen den winter fallen, da dieſe ihnen alsdenn, wo nichtnoͤthi -265des ſtili inſonderheit. noͤthiger, doch eben ſo noͤthig zur bedeckung waͤren. Alles was uns in die ſinne faͤllt, wuͤr - de ſo zu reden faſt unerkaͤntlich ſeyn, wenn wir nicht bereits den allgemeinen begrif davon haͤt - ten, daß es der unbeſtaͤndigkeit unterworffen. Man mercket als etwas beſonders an, bey dem Oſt-Jndiſchen vor-gebuͤrge Commyrin eine ge - gend gefundẽ zu haben, in welcher man in einer halben ſtunde aus dem winter in den ſommer uͤberſchiffen und die rauhe nord-luft mit ei - nem erquickenden weſtwinde vertauſchen kan. Haͤtte man den uͤberall ſich ereigenden wech - ſel genauer in betrachtung gezogen, ich zweiffe - le daß man dieſe gegend unter beſondere merck - wuͤrdigkeiten wuͤrde gezehlet haben. Allein ſo mancherley merckmahle des herrſchenden un - beſtandes man antrift, ſo viele ſpuhren findet man der weißheit unſers groſſen Schoͤpfers, ſo viele urſachen zeigen ſich ſeine geſchoͤpfe zu be - wundern. Denn wuͤrde er ſelbigen nicht die geſetze der veraͤnderung unbeweglich eingepraͤ - get haben, wuͤrden ſie ihrer groͤſten anmuth mit welcher ſie die aufmerckſamkeit natur-lie - bender gemuͤther an ſich ziehen, beraubet ſeyn, und alles was ſeine wuͤrckende weißheit auf die ſchaubuͤhne dieſer welt geſtellet, iſt ſeinem eben - bildern zum nutzen aus nichts etwas worden. Viel 100 ja 1000derley veraͤnderungen, ſo in allen dieſen einzelen anzutreffen ſind, ſcheinen in dem menſchlichen weſen ihren mittel-punckt und groͤſte wichtigkeit zufinden, und dieieni -R 5gen266von denen unterſchiedenen artengen welche den menſchen die kleine welt nennen, thun es gewiß mit dem groͤſten rechte. Er bezeugt ſich nicht nur beſchaͤftigt durch ſchau - ſpiele und kuͤnſtliche vorſtellungen, ſich als ei - nen affen der wanckelbahren natur aufzufuͤh - ren, ſondern iſt auch in der that und eꝛnſthaftigẽ verrichtungen, ein inbegrif der groſſen welt, das iſt ein ſchauplatz, alwo man umſonſt nach den graͤntzen der unbeſtaͤndigkeit ſuchet. Jn ſei - nem gemuͤthe treffen wir die herrſchaft an, welche keine andere befehle, als ſolche die von einer immerwaͤhrenden abwechſelung zeigen austheilet. Denn ſonſt hat er nichts beſtaͤn - diges, als daß er unaufhoͤrliche proben der un - beſtaͤndigkeit an den tag leget. Jch habe mir vorgenommen, Hoͤchſt und H. A. in Dero H. und hochgeehrten gegenwart von dieſer un - beſtaͤndigkeit menſchlicher gemuͤther etwas zu reden, nicht daß ich mir die ſtrafbare freyheit naͤhme, ihnen in ſo gemeinen ſachen deutliche begriffe zu machen, da ſie weit mehrers ſchon laͤngſtens ſcharfſinnig eingeſehen haben, ſon - dern damit denen unveraͤnderlichen geſetzen Dero gelehrten verſammlung, durch meine un - beſtaͤndigkeit kein eintrag geſchaͤhe. Sie ha - ben mir nur neulich oͤffentlich Dero beſtaͤndi - ges wohlwollen zuerkennen gegeben, wofuͤr mich Jhnen beſtaͤndig verpflichtet ſchaͤtze; alſo habe das gewiſſe vertrauen, ſie werden durch die ungeſchicklichkeit meiner fluͤchtigen gedan - cken, ſich ietzo darinn nicht veraͤndern laſſen,ſondern267des ſtili inſonderheit. ſondern meinen ſchwanckenden worten beſtaͤn - dig geneigte aufmerckſamkeit erlauben. So vieles ſich auch unſern gedancken auf den ſchau - platz der groſſen welt als veraͤnderlich abbildet, ſo will es doch nicht ohne urſach dafuͤr gehalten ſeyn, und nach derſelben urſachen beſchaffen - heit, folgen auch ſo mannigfaltige und widri - ge wuͤrckungen. Wird der Menſch, wie ich bereits oben erwehnet, mit groſſem recht die kleine welt genennet, ſo iſt fuͤr ſich klar, daß der - ienige erſt gluͤcklich von ſeinen veraͤnderungen urtheilen koͤnne, welcher die urſachen ſeines wechſelnden gemuͤths, und daher wuͤrcklich entſtehende folgerungen in reiffere uͤberlegung ziehet. Geldliebe, ehrſucht, wolluſt, ſind 3. winde, welche unaufhoͤrlich das meer des menſchlichen gemuͤthes beunruhigen, und wenn ſie heftig geruͤhret werden, einen ſturm nach den andern in demſelbigen erregen. Hier - aus duͤrfte man vielleicht ſchlieſſen, daß ſolches eines von denen groͤſten verdruͤßlichkeiten der ſterblichen ſey. Jch will ſolches zugeben, allein nur alsdann, wann einem naͤrriſchen Miſeno, ich meine der verderbten einbildung, die regierung uͤber ſolche, unbedachtſamer weiſe, anvertrauet wird. Denn iſt ein weiſer Aeo - lus oder die verbeſſerte vernunft, welcher das regiments-ruder eigentlich zukommt, ein be - herrſcher davon, ſo iſt die bewegung derſelben vielmehr nuͤtzlich als ſchaͤdlich. Waſſer wel - che in verachteten thaͤlern immer ſtille ſtehenund268von denen unterſchiedenen artenund von keinem winde erreget werden, fangen endlich an zu faulen und zu ſtincken, und menſchliche gemuͤther, welche von keiner vergoͤnnten bemuͤhung nach gelde, von keiner arbeit nach dem gipfel der ehre, von keiner an - nehmlichkeit gerechter wolluſt veraͤndert wer - den, geben in ihren verrichtungen an den tag, daß ſie ſich eher zu ſtummen ſtatuen auf die haͤuſer, als vernuͤnftigen creaturen auf den erd - boden geſchickt haͤtten. Alſo kommt es bloß auf die bewegungs kraft der neigungen an. Wie der koͤnig beſchaffen, ſo ſind ſeine unter - thanen. Maſſet ſich die verderbte einbildung der herrſchaft unbeſonnener weiſe an, ſo werden entweder naͤrriſche oder ſchaͤdliche veraͤnderun - gen die wuͤrckung davon ſeyn. Theilet aber die zum regieren verordnete vernunft welche durch unablaͤßiges verbeſſern zur vernunft worden, die befehle aus, da werden dieſe regun - gen alſo abwechſeln, daß man ſie zu einer zeit vor noͤthig zur andern vor nuͤtzlich erkennen muß. Welchen der mangel ſattſamer unter - ſcheidungs-kraft, aus verderbter einbildung, zum unverſtaͤndigen ſclaven des mammons ausgeſondert, beurtheilet alle andere nach der in ihm herrſchenden begierde, und hingegen mangelnden liebe gegen ſeines gleichen. Des - wegen glaubt er, daß er mit brennenden eyffer ſich nach dem mittel ſeiner beſchuͤtzung umzuſe - hen habe. Wer vor eigner vermeinten uͤber - groſſen faͤhigkeit und unſtreitigen vorzug fuͤrandern269des ſtili inſonderheit. andern, ſeinen eignen ſchatten bewundert, mei - net gleichfalls er muͤſſe auf diejenigen ſtuffen treten, welche ihn vor andern in die hoͤhe fuͤh - ren. Ein anderer der vor der Veneri die knie beuget oder dem Baccho altaͤꝛe aufrichtet, oder ſeine Freunde vor den grund ſeiner vergnuͤgung haͤlt nach dem trieb der blinden einbildung, ſucht gleichfalls andere mittel herfuͤr, ſich in ſei - nem elemente zu erhalten. Ja ſelbſt wer durch die vernunfft ſeine begierden in zaum und zuͤgel fuͤhret, haͤlt es fuͤr eine thorheit immer auf einer leyer ſpielen und bey allen veraͤnderungen ſich wie einen unbeweglichen klotz zu erweiſen. Wenn man durch dieſe gruͤnde den wechſel menſchliches gemuͤthes einzuſehen bemuͤhet iſt, ſo wird man viel einen vollkommern begrif ihm von denen ſo ſo ſehr unterſchiedenen wuͤr - ckungen machen koͤnnen. Warum iſt ein mann, welcher fuͤr weniger zeit iedermann die groͤſten hoͤflichkeiten erwieſen, ietzo ſo ſchwuͤlſtig, daß er meinet, die gantze welt muͤſ - ſe ihm zu fuſſe fallen? Aus keiner andern urſa - che, als weil ihm ein blindes gluͤck die kaſten gefuͤllet, und vermoͤgend gemacht in ſeinen pal - laͤſten armer leute huͤtten zuverſchlucken. Denn Lutheri worte ſind noch heute zu tage fuͤr wahr zu halten, wenn er ſpricht: Ein bauer der 10. rthl. hat, bruͤſtet ſich und weiß nicht ob er auf dem kopfe oder fuͤſſen gehen ſoll. Man ver - ſuche es und gehe mit verſilberten haͤnden ihm unter augen, im augenblick werden alle ehren -bezeu -270von denen unterſchiedenen artenbezeugungen herfuͤrgeſucht, und uns angethan werden, wenn ſie uns auch ſchon nicht zu - kommen. Hat er etwas mit der mutter milch in der jugend eingeſogen, welches ihm ein un - geſchickter lehrmeiſter nicht zu benehmen ge - trachtet, da ſcheint er wieder allen guten[unter - richt] unbeweglicher als ein berg darauf donner und blitz loß ſtuͤrmen. Bringet man ihm aber die hofnung eines gewinſtes bey, da ſind 1000. eyde nicht genung, ihn auch bey den loͤblichſten vorſaͤtzen zu verbinden. Jtzo ſucht er alle kleinigkeiten mit der groͤſten ſorgfalt zuſammen, und bald verſchlaͤudert er auch die wichtigſten ſachen, weil er etwa dadurch meh - rers zugewinnen trachtet, oder zum wenig - ſten ſich in einem ſtande zuſeyn glaubet, da er niemahls banqueroutiren koͤnne. Was er dieſe ſtunde fuͤr ein geheimniß des ſtaats gehal - ten, wird in der andern ohne weitlaͤuftigkeit ausgeſchuͤttet, wenn die verfluchte mißgunſt dem geitze die zunge loͤſet. Bald eilet er mit furchtſamen ſchritten in die verborgenſten win - ckel und ſcheinet fuͤr menſchlicher geſellſchafft ei - nen abſcheu zu tragen, bald aber will er in allen verſamlungen gegenwaͤrtig ſeyn, und mit ieder - mann bekanntſchafft aufrichten, damit er dort auf anderer unkoſten zehren, hier aber ſeine ducaten vermehren, in beyden aber veraͤcht - lich von andern ſprechen koͤnne. Wer den Baal des ehrgeitzes fuͤr ſeinen abgott haͤlt, iſt ein rechter Prometheus, welcher ſich bald wie einen großmuͤthigen loͤwen, bald wie einen feu -er -271des ſtili inſonderheiterſpeynden drachen, bald wie ein in der ebene flieſſendes waſſer, bald wie eine an die wolcken ſteigende flamme fuͤrſtellet. Ein ſolcher haͤlt dasjenige fuͤr eitel, worinnen der Mammons diener ſein leben ſuchet, und liebet das, was jener als leere winde verlachet. Seines wun - ſches theilhaftig zu werden, ſpahret er keine ehr - bezeugungen, er will ein unterthaͤnigſter diener von allen ſeyn. Wirft ihm endlich das gluͤck eine ehren-decke um, ſo meinet er, es ſey ihm damit zugleich alle darzu gehoͤrige geſchicklich - keit mitgetheilet, da werden die vorher gar zu hoͤflichen minen ietzo mit einem angemaſten an - ſehen ſo ſehr vermindert, daß ſie kaum ein ſchat - ten der vorigen zu nennen. Alle verrichtungen werden mit ſonderbahrer ſtellung des leibes an - gefangen und auch auf der gaſſe werden die fuͤſſe gezwungen, alle auf den tantz-boden er - lernete artigkeiten oͤffentlich zu zeigen Wo - mit er augenſcheinlich zu verſtehen giebt, daß die erhaltene ehre zu groß fuͤr ſeiner engbruͤſti - gen ſeele ſey. Er iſt ſelber nicht vermoͤgend ſeinen hochmuth von einem hauſe zum andern zu tra - gen, deßwegen bedienet er ſich der gutſche und pferde. Ein ander will mit gewalt alle ehre zu verachten ſcheinen. Allein Diogenes mag noch ſo ſehr Platonis kleider mit fuͤſſen treten, iedermann glaubt daß ers mit groͤſſern hoch - muth thue, und daß auch unter ſeinen ſchmutzi - gen rocke eine aufgeblaſene Seele wohne. Func - cius verwechſelt zu ſeinen ungluͤck, den ſeinermei -272von denen unterſchiedenen artenmeinung nach verachteten prediger-ſtand mit einer rathsbeſtallung aus lauterm hochmuth. Jetzo umfaſſet er ſeine verehrer mit der groͤſten liebe, und ein einziges wort, welches ſeine ehre zu ruͤhren ſcheinet, iſt gnug, alle zornige fluthen und rache auch auf den unſchuldigſten auszu - ſchuͤtten. Ein alberner Carneades diſputiret heute oͤffentlich, daß die gerechtigkeit ein gedich - te muͤßiger leute ſey, und morgen iſt er beſchaͤff - tiget das gegentheil zu behaupten, ſeine gelehr - ſamkeit zu zeigen. Was fuͤr andaͤchtige ge - berden zeiget nicht der ehrgeitz in dem geſichte eines ſelbſt erwehlten heiligen, welcher doch wohl nicht nur in dem innerſten ſeines hertzens, ſondern auch ſeines hauſes denen laſtern, ſanf - te kuͤſſen unterleget. Mancher verfluchet die fehler geringer leute ohn aufhoͤren, und hinge - gen die laſter erhabner und geehrter leute, wol - te er lieber vor tugenden halten, da doch der koth heßlich bleibt, ob er ſchon in chryſtallinen gefaͤſſen aufgehoben wird, und die laſter gar - ſtig zu nennen ſind, wenn ſie ſchon in ſammt und guͤldene ſtuͤcken eingehuͤllet werden. Das maͤchtigſte, ſo unſern fuß von den wege der be - ſtaͤndigkeit verruͤcket iſt die wolluſt, und die ein - bildung eines vergnuͤgens in verbotener belu - ſtigung der ſinne. Dieſe iſt die zauberiſche Circe, welche den menſchen bald in ſchweins - bald in pfauen-geſtalt veraͤndert, bald mit af - fen-bald mit hunde-geſichte fuͤrſtellet. Wie wechſelt nicht ein verliebter narre die kleiderda -273des ſtili inſonderheitmit er ſeiner liebſten gefallen moͤge, uͤberall wird man ihn mit baͤndern prahlen ſehen. Je - tzo gehet er mit fluͤchtigen ſchritten, wo er aber irgend von ferne das ihm angenehme ſchim - mern ſiehet, werden gleich die glieder in eine liebreitzende ſtellung gezwungen, augen und haͤnde muͤſſen ihre bewegung nach einen gewiſ - ſen tact einrichten. Und eben das was ihm heute goͤttlich und uͤbermenſchlich vorgekom - men, iſt morgen das verachteſte. Da wird man inſonderheit wahr zu ſeyn befinden was Seneca uͤberhaupt von der menſchlichen auf - fuͤhrung urtheilet; Aliud ex alio placet, vexat, nos fluctuamus, petita relinquimus, relicta repetimus, alternae inter cupiditatem n - ſtram & poenitentiam vires ſunt. Wer zu des Bacchi geſellſchaft ſich haͤlt, wie veraͤndert der nicht ſein gemuͤthe, und nach der beſchaffen - heit des gemuͤthes ſeine lebens art. Bald fuͤhret er ſich wie eine raſende unruhe auf, wel - che alles zernichtet alles zerſchaͤndet, alle erbar - keit aus dem augen ſetzet. Bald will er alles aus ſonderbahr angenommener aufrichtigkeit und treuhertzigkeit, mit unaufloͤßlichen freund - ſchafts banden feſſeln. Wer endlich die tu - gendhafte vernunft zur fuͤhrerin ſeiner neigun - gen auserſehen, wird ſich keinem baume ver - gleichen laſſen, welcher von der winde gewalt, weil er nicht weichen gelernet, zertruͤmmert wird. Nach der zeiten lauf, wird er ſeinen gang ietzt ſo, ietzt auf eine andere art einrichten,Sund274von denen unterſchiedenen artenund den geſetzen der abwechſelungen ſein ge - muͤth niemahls entziehen. Einem Jndianiſchen hunde kommt es nur zu, den einmahl gefaſten loͤwen ſo feſte mit den zaͤhnen zu halten, daß ihm auch die ſchmertzhafle abhauung der fuͤſſe nicht davon abbringet. Democritus und Heraclitus werden bey uns faſt fuͤr ſchalcks-narren gehal - ten, weil wir uns bereden laſſen, jener habe im - mer gelacht, dieſer unaufhoͤrlich geweinet. Man ruͤhmet die klugheit des Roͤmiſchen kaͤy - ſeꝛs Marci Antonini Philoſophi noch bey unſereꝛ ſpaͤten nach-welt in den beygelegten nahmen des weltweiſen: Allein ich zweiffele. daß ihm die rechte welt weißheit iemahls dieſe lehre ge - geben, welcher er doch ſo eyfrig nachgelebet, daß man niemahls von iugend auf, weder durch die haͤrteſte betruͤbniß, nach angenehm - ſten freuden-poſten ſein gemuͤth veraͤndeꝛn muͤſ - ſe. Leute zwar welche den vorurtheilen der Stoiker gehoͤr geben, werden das fuͤr die groͤſte weißheit halten, heute eben dieſes wollen, was man geſtern gewuͤnſchet. Ein beleſener Lipſius aber, hat uns bereits ihre thorheit gezeiget, weñ er ſaget: Welche ihre meinung mit ſtahl und eiſen in dem gemuͤthe als in marmor gegraben, ſind nicht faͤhig, geſchickte urtheile und wohlge - gruͤndete rathſchlaͤge anderer, ihnen zu nutze zu machen. Haͤtte Theſeus bey ſeiner gluͤckli - chen zuruͤckkunft an ſtatt des ſchwartzen ſeegels auf ſeinem ſchif, ein weiſſes aufzuſtecken nicht vergeſſen, wuͤrde ſeines abgelebten vaters Ae -gei275des ſtili inſonderheit. gei gemuͤth nicht in ſolche bekuͤmmerniß gera - then ſeyn, daß er in dem unergruͤndlichen meere einen grund ſeiner leidenſchaft geſuchet. Und derienige iſt ohnſtreitig unter die klugen zu rech - nen, welcher nach den befehlen der vernunft, ſich bald ſo, bald anders auffuͤhret. Alſo ſcheint zwiſchen der bewegungs kraft des gemuͤthes durch die verderbte einbildung, und durch die verbeſſerte vernunft der groͤſte unterſchied da - rinn zubeſtehen, daß iene durch die menſchliche neigungen, theils naͤrriſche theils ſchaͤdliche wuͤrckungen herfuͤrbringet, dieſe hingegen, durch eben ſelbige, unumgaͤnglich noͤthige und nuͤtzliche veraͤnderungen verurſachet. Beyde ſind alſo bewegende urſachen des menſchlichen gluͤcks und ungluͤcks, nur daß iene dem gluͤcke mehrentheils unterlieget, oder an ſtatt eines balles mit dem menſchen zu ſpielen pfleget, dieſe aber auch dem gluͤcke befehlen und mitten un - ter den moͤrdlichſten waffen uñ feindſeligkeiten dennoch triumphiren kan. Mehr redete ich, mehr haͤtte ich zu reden, allein ich beſorge, H. und H. A. meine ſtammlende zunge werde ver - moͤgend ſeyn, Dero beſtaͤndig geneigtes auf - mercken, in einen wiederwillen zu veraͤndern. Redete ich alſo mit leuten, welche nur den nah - men von dem Chriſtenthum entlehnet, ſo wuͤr - de ich zum beſchluß mich bemuͤhen muͤſſen, ihre gemuͤther von den irrdiſchen wandelbahren thaͤlern, auf die unbeweglich ſtehende berge Jſraelis zu fuͤhren. Denn wer da ſtehet darfS 2ſich276von denen unterſchiedenen artenſich keiner veraͤnderung befuͤrchten, denn wenn es blitzt und donnert, ſo blitzt und donnert es unter ſeinen fuͤſſen, und ihm ſchenckt die ſonne der gerechtigkeit die angenehmſten ſtrahlen. Jch wuͤrde die unbeſtaͤndigkeit des Ecebolii ver - fluchen, welcher unter den kaͤyſern Conſtantino Conſtantio, Juliano, Jouiano ſeine religion zu einer mode machte, welche bald ſo bald an - ders, nach dem geſchmack der welt koͤnte einge - richtet werden. Jch wuͤrde die unbeſtaͤndigkeit des creutz-vogels Loxiae veraͤchtlich fuͤrſtellen, welcher alle winter ſeine farbe veraͤndert. Jch wuͤrde es eine thieriſche veraͤnderung nennen, wenn man in ſeiner bekehrung dem wolffe nachahmen wolte, und zwar die haare, aber nicht den rauberiſchen ſinn aͤnderte. Redete ich endlich mit ungelehrten, ſo wuͤrde meine groͤſte ſorgfalt dahin gehen muͤſſen, zu zeigen, wie gefaͤhrlich es ſey, einem unbeſonnenen Phaethonti die regierung ſeiner affecten anzu - vertrauen, und wie vergnuͤglich es hingegen, der vernunft den zuͤgel davon zuuͤbergeben. Jch muͤſte darthun wie eine kluͤgliche abwechſelung des gemuͤthes, eine mutter der meiſten tugen - den ſey. Man glaubt daß in ein hauß, da man bey ploͤtzlich entſtandenen ungewitter feu - er anzuͤndet, ſo leicht kein donnerkeil einen er - ſchreckenden ſchlag thue. Es iſt aber leichter zu glauben, daß in eine ſeele, wo vernunft und tugend ihr feuer und heerd haben, kein wiedri - ges ſchickſaal eindringen und verwirrung an -rich -277des ſtili inſonderheit. richten koͤnne. Jch muͤſte anfuͤhren, was den Jcarum der fluͤgel beraubet, und ihn aus der gemeinſchaft der geſtirne in den tiefſten ab - grund geſtuͤrtzet, nehmlich ſeine von abge - ſchmackter einbildung verurſachte veraͤnde - rung. Sie erlauben mir alſo H. und H. A. nur noch dieſes hinzuzufuͤgen, daß der gezie - menden veraͤnderung des gemuͤthes, vor dem poͤbel, als welchem der glantz der wichtigſten wahrheiten nur die augen zu blenden u. ihn zum haß zu veraͤndern pfleget, eine decke kluger auf - fuͤhrung und verſchwiegenheit muͤſſe fuͤrgehan - gen werden. Denn unter denenjenigen wel - che mit ihrem verſtande unwiſſenheit und vor - urtheile uͤberwunden, iſt es eine ausgemachte ſache, daß die beſtaͤndigkeit zwar eine der vornehmſten tugenden, allein haͤrte und halß - ſtarrigkeit des gemuͤthes ein weit groͤſſeres la - ſter ſey.

Dixi.

§. 4. Endlich iſt der hohe ſtilus der praͤch - tigſte, aber auch der gefaͤhrlichſte. a)Er iſt nur bey hohen obiectis zugebrauchen, davon man nur die ideen der hoheit zuſammen ſucht,b) ſelbige durch lauter tropos und figuren, oder mit worten und redens-arten, welche die neben - ideen einer hoheit haben, mit dazu genom - menen emphatiſche beywoͤrtern, ausdrucket, die iunctur der rede durch den zuſammenfall der conſonantium und langer vocalium etwas maieſtaͤtiſch, und den numerum donnernd undS 3praſſelnd278von denen unterſchiedenen artenpraſſelnd machet, auch meiſt realiter connecti - ret, dannenhero die groͤſte tugend dieſes ſtili darinn beſtehet, daß alle theile die hoheit des obiecti vor augen zu legen, mit groſſem fleiß zuſammen geſetzt ſind und conſpiriren. Das abgeſchmackte, geſchwuͤlſtige, gar zu weit ge - triebene weſen, iſt hier ſorgfaͤltig zu vermei - den. c)

a)Man darf nur ein eintziges wort oder redens - art einflieſſen laſſen, das die neben-idee einer familiaritaͤt hat und zu populairen dingen ge - braucht wird, oder eine gedancke die nichts ho - hes involviret, ſo iſt alles verdorben. S. Lami l. c. c. VIIII. Kemmerich l. c. p. 1042. 1045. Cle - ricus in Penſees de la vraie & fauſſe eloquence cap. III. Hederich l. c. p. 544. inſonderheit Longi - num de ſublimi des Boileau oder wie er ex theatro Sheldoniano cum vita Longini 1710. 8. ediret, (ſiehe oben cap. 2. §. 14. n. a.) und andere de - ren Morhof und Stolle l. c. erwehnen. Thoma - ſius Caut c. VIIII. und aus dieſem D. Hamilton ſcheinen nicht viel vom ſtilo ſublimi zu halten, weil ſie nirgends deutliche regeln und vollkom - mene exempel davon angetroffen. Der erſte hat vielleicht die abſicht zugleich dabey gehabt, den albernen trieb iunger leute zu maͤßigen, die oh - ne unterſchied auf den ſtilum ſublimem fallen, dieſer aber ienem zu folgen, indem er doch ſonſt des Lohenſteins ſtilum ſublimem lobt p. 52. Man mag ſie hiebey alſo conferiren. Sonſt findet man den ſtilum ſublimem lm Lohenſtein, Gryphio, Ziegler, Mayer, den reden groſſer herren, ꝛc. im Cicerone ſonderlich in orat. Catilin. Liuio, Curtio, Virgilii Aeneid. Plinii Paneg. Senecae Tragoed. &c. im Homero, Sophocle &c. im Bal - zac, Flechier, &c. im Taſſo, Marini, &c. Wie -wohl279des ſtili inſonderheit. wohl ſie freylich von denen ſcharf critiſirenden manchmahl theils nicht hieher gerechnet, theils ziemlich taxiret werden.
a)
b)Die hoheit des obiecti iſt hier der grund, ohne welche ſchlechterdings kein ſtilus ſublimis ſtatt findet. Hohe obiecta ſind, die ſich auf etwas goͤttliches beziehen, oder nichts als ſolche gedan - cken involviren, die von der welt (nicht eben der alten weiber, und unwiſſenden iugend, ſondern der vernuͤnftigen) fuͤr etwas auſſerordentliches gehalten und bewundert werden. Und dieſes iſt das ſublime ſelbſt, welches Boileau von dem ſtilo ſublimi unterſcheidet, den ein hohes obie - ctum und die gedancke davon, iſt ia nicht mit dem ausdruck einerley. Aber eben dieſes ſubli - me erfodert einen hohen ausdruck und dazu ſchi - cken ſich nicht alle leute. Z. e. haͤtte Weiſe wohl einen ſolchen panegyricum auf Leopoldum hal - ten koͤnnen, als der Herr von Koͤnigsdorf?
b)
c)Man verfaͤllt dar ein, wo man kein hohes obie - ctum hat, oder bey einem hohen obiecto auf laͤp - piſche umſtaͤnde und kleinigkeiten faͤllt, oder mon - ſtroͤſe ideen macht, oder Gott zu nahe tritt und menſchliche hoheiten hoͤher hebt, oder wo man in den worten, derſelben iunctur, numero, und dergleichen, affectiret: Z. e. wenn man bey ei - nem maͤſſigen officirer, erbaren mann und frau, in der parentation einen lermen macht, als wann Marlborough und Turenne, printzen und prin - tzeßinnen fuͤrhanden; wann man bey ſchlechten dingen illuſtrantia von hohen ſachen hernimmt, gratulirt z. e. einer buͤrger-frau, und fuͤhrt koͤ - niginnen als exempel an; wann man von einem groſſen helden redet und unter andern anfuͤhret, wie er ſich mit beſonderen hohen air zu ſchneutzen pflege; wann Hofmannswaldau ſpricht: Rufſt du ſo baͤlt mich auch der bimmel ſelbſt nicht auf; Wann iener biſchof in Straßburg bey demS 4ein -280von denen unterſchiedenen arteneinzug des koͤniges in Franckreich, die worte: Herr nun laͤſſeſtu deinen diener im friede fah - ren ꝛc. auf ſich appliciret, ꝛc. oder man redet von diamantnen zim̃ern, ſchencket perlen, ſchne - cken blut, gantze koͤnigreiche weg, oder wie iener von den bruͤſten ſeiner geliebten: Zinnober kroͤnte milch auf ihren zuckerballen, ꝛc. S. We - renfels de meteoris orationis, Herr M. freytags diſſert. de frigido. Lipſiae 1719. Hederich l. c. p. 570. 571. obiges cap. 2. §. 15. ꝛc. Damit ich auch von dieſem ſtilo ſublimi eine probe gebe, ſo mag folgende rede dazu dienen, die ich 1716 den 11. Martii, eben in oberwehnter beruͤhmten red - ner-geſellſchaft, ſo noch ietzo unter Jhrem vene - rablen Oberhaupt bluͤhet, gehalten:
c)

Rede Auf Friedrich Wilhelm den groſſen, Churfuͤrſten zu Brandenburg.

Fuͤrſten welche den ſcepter durch tugend er - hoͤhen, uñ den thron mit tapferkeit unterſtuͤtzen, muͤſſen eben ſo wohl den grauſamen geſetze des todes unterworffen ſeyn, als diejenigen, welche ihren purpur mit laſtern beflecken und ihren hoff zu einen beſtaͤndigen ſitz, aller boßheiten machen. So wohl ein die liebe der gantzen welt an ſich ziehender Titus welcher den tag fuͤr verlohren ſchaͤtzet, an welchen er niemanden eine wohlthat erzeiget, als ein ungeheuer der natur und raſende baͤrenbrut Nero, muß er - fahren, daß die ſterblichkeit uͤber ihn herſche. Wenceslaus und Guſtavus Adolphus wer - den beyde in ihre erbbegraͤbniſſe eingeſencket, obſchon dieſer als ein muthiger vor kirch undvater281des ſtili inſonderheit. vaterland ſtreitender loͤwe ſeinen heldmuͤthigen geiſt auffgiebt und iener mitten unter voͤllerey un faulheit als ein anderer Sardanapalus hin - geriſſenwird. So eine unſtreitige wahrheit nun dieſes iſt, daß das allgemeine verhaͤngniß, ohne anſehen, fuͤrſtliche ſtuͤhle umſtuͤrtzet: So ge - wiß bleibt es doch hingegen, daß ein unendlich groſſer unterſcheid unter dem erblaſſen eines frommen Auguſti oder tapfern Germanici und unter dem ableiben eines grauſamen Tibe - rii oder verzagten Caligulae, Jch will ietzo nicht ſagen von der art zu ſterben, ob es wohl ausgemacht iſt, daß blutduͤrſtige tyrannen gemeiniglich der wut erzuͤrnter unterthanen, oder dem wurm eines nagenden gewiſſen, bey ihren ende preiß gegeben werden: Jch will auch nichts gedencken, von dem ort, welcher nach ihrem tode den unſterblichen geiſtern, in der langen ewigkeit an gewieſen wird: Son - dern ich will nur von den allerdauerhaftigſten und von keinem roſt und moder der zeit zu be - ſiegenden denckmahle in ſo viel tauſend ſee - len etwas erwehnen, woraus dieſer unter - ſchied ſonnen-klar ſich darſtellen wird. Wie gerne verbannete nicht, ein durch den todt von dem wuͤterich Tiberio befreyetes Rom, das gedaͤchtniß ſeiner verfluchten regierung, wuͤn - ſchete, da es ſeinen erblaſſeten coͤrper der be - graͤbniß unwuͤrdig, in die Tiber, werffen wol - te, daß es hiemit zugleich alle merckmahle ſei - ner tyranney in den abgrund der vergeſſenheitS 5verſen -282von denen unterſchiedenen artenverſencken koͤnte. Wie gerne wuͤrde das von einem mordgierigen Herode erloͤſete Judaea unter 1000 erley freudens bezeugungen ſeines todes und ungeheuren thaten vergeſſen haben, wenn nicht das zu einem blut-urtheil gemachte teſtament ihnen auferleget, ſein vermaledey - tes andencken unter lauter fluch und rache auf die nachwelt beyzubehalten. Denn auch die nahmen ſolcher unbemenſchten menſchen ver - dienen nicht aufgezeichnet zu werden, als zu dem ende, daß man bey nennung derſelben aus - ſpeyen, und die menſchliche natur bey erzeh - lung ihrer ſchandthaten fuͤr ſolche ungeheuer zu erſchuͤttern urſach habe. Die tugend hin - gegen, ob ſie ſchon mit keinen goͤttlichen eigen - ſchafften pranget, und ihre beſitzer neben ſich der ſterblichkeit entreiſſen noch verewigen kan, ſo ſchencket ſie ihnen doch die hertzen ſo vieler 1000 nachkommen, welche aus danckbarkeit ſelbige zu behaͤltniſſen ihres glorwuͤrdigſten gedaͤchtniſſes machen. Auguſtum ſetzet man an den ort, welcher nur von goͤttern durtfe be - ruͤhret werden. Germanici todt verurſachet ein ſolches ungewitter der traurigkeit in den gemuͤthern ſeiner verehrer, welches endlich ge - heiligte tempel und altare einreiſſet, ihm ſelber aber ein unſterbliches andencken ſeiner ta - pferkeit daraus aufrichtet. Alles wodurch Agricola die liebe und verwunderung aller an ſich gezogen, ſagt Tacitus, iſt in dem anden - cken der menſchen, wie in ertz und marmel ge -graben,283des ſtili inſonderheit. graben, ſelbſt die zeit und das geruͤcht, werden ſtuͤtzen dieſes denckmahls ſeyn. Und haben die roͤmer ein ehren-mahl aufgerichtet, muͤſſen die worte dabey ſtehen: Die nachwelt be - wundere, was ſie nicht nachahmen kan. Jn - dem ich mich unterwunden H. und H. A. die geheiligte aſche des groſſen Fr. W. Ch. z. B. in meiner rede Jhnen zu zeigen, ſo thue nichts anders als daß ich der tugend ihr gebuͤhren - des opfer auf demaltar meiner ſchuldigkeit dar - lege, und indem ich ſeiner ungemeinen hel - den-thaten abdruck ihnen fuͤrſtellen will, ſo erblicken ſie zugleich merckmahle desjenigen unterſcheides, womit ſich tugendhafte und tapfere printzen, von denienigen bey ihrem abſterben unterſcheiden, welche als ſclauen aller laſter in der unterwelt, ſich aufgefuͤhret haben. Alexander welchen ſeine thaten groß gemacht, will nur vom Apelle gemacht und vom Lyſippo in ſtein gehauen ſeyn, ein krie - geriſcher Ageſilaus, will nur von den beruͤhin - teſten meiſtern Griechenlandes ſein bildniß ver - fertigen laſſen, und Achilles kan nur vom Homero beſungen werden. Hier moͤchte mich nun iemand einer hoͤchſtſtrafbaren vermeſſen - heit beſchuldigen, daß ich unangeſehen mei - ner ſchwachen zunge, vermoͤge deren ich unter den rednern unſers Teutſchlandes, wie ein lal - lendes kind unter fertigredenden leuten ſtam - mere, mich dennoch unterſtanden, den nah - men eines ſo groſſen helden und fuͤrſten, in derowerthe -284von denen unterſchiedenen artenwertheſten verſamlung zu verehren. Allein, Alexander wuͤnſcht nur darum ſein leben vom Homero beſchrieben der nachwelt zu ſchencken, damit eine fabelhaffte feder ſeinen thaten gleichſam ein vergroͤſſerungs-glaß geben moͤ - ge und Auguſtus hat nur darum ein gefallen an der Aeneis Virgilii, weil er ihn darinn zum anverwandten der goͤtter zu machen bemuͤhet iſt. Und ich habe mit fleiß den groſſen Fr. W. zum inhalt meiner rede erkieſet. Fehlt es mir ſonſt an artigen erfindungen, ſo nehme ich an deren ſtatt die thaten und tugenden dieſes theureſten hauptes, finde ich einen mangel bey mir wohlausgeſuchter worte, ſo darf ich nur ſein glorwuͤrdigſtes leben durchgehen, ſo werde an praͤchtigredenden gedancken einen uberfluß haben. Billich beklagen ſich die be - redteſten redner, wenn ſie von goͤttern auf er - den reden wollen, daß es ihnen gehe, wie den ſchnecken, die weder hertz noch zunge haben, denn ſie wollen loben, ich will nur erzehlen. Sie machen es wie Zeuxis, welcher wenn er die Venerem mahlen ſoll, alle ſchoͤnheiten des gantzen griechen-landes ſamlet, und von einer ieden etwas goͤttliches ſeinen gemaͤhlde einver - leibet. Sie ſuchen die tugenden anderer po - tentaten auf, und wenden ſolche zu ihren ge - brauch an. Jch darf nur wenn ich vom groſſen Fr. W. reden will, den groſſen Fr. W. be - trachten, denn an ihm finde ich alle fuͤrſtliche tugenden, und was ich an ihm finde, ſindfuͤrſt -285des ſtili inſonderheit. fuͤrſtliche tugenden. Ubrigens wird deſſen im - mergruͤnender lorbeer dadurch nicht verwel - cken, wenn ich ſolchen mit unreiner hand be - ruͤhre, und ſein bild mit etwas ungeſchick - ten farben und zitternden ſtrichen zu entſchat - ten, mich erkuͤhne, wo mich H. A. von dero geneigten aufmercken und urtheil in meinem unternehmen begleitet ſehe. Die in allen menſchlichen verrichtungen ihre befehle aus - theilende unbeſtaͤndigkeit, hat auch der maͤch - tigſten ſtaaten nicht geſchonet. Und ich ver - wundere mich nicht, wenn die alten behauptet, daß nach dem bilde der faſt circulrunden er - den, alle ſachen und reiche circulsweiſe, nach - dem das wanckende gluͤck das unbeſtaͤndige rad drehet, ihren lauf fuͤhreten, die erfahrung giebet ihnen beyfall. Jch rede nicht von dem gaͤntzlichen untergehen alter und friſchem auf - gehen neuer reiche, ſondern nur von denen veraͤnderungen die in bereits eingerichten ſtaa - ten ſich zutragen. Bald muß ſich das freye Portugall zu dem Spaniſchen ioche beque - men, da es kurtz vorhero unter eignen koͤnigen Mohren und Spaniern getrotzet: Bald aber entlaſtet es ſich deſſelben, u. beginnet zu voriger hoheit zu ſchreiten. Unter denen regenten ſelbſt findet ſich ein beſtaͤndiger wechſel. Wie an dem ſtern-himmel, ſterne welche kurtz vorher ihr funckelndes licht unſerm geſichts-kreiß ge - wieſen, endlich ſich zum untergange neigen, und wie ſich bey denen reineſten fixſternen, baldaus -286von denen unterſchiedenen artenausſchweiffende planeten, bald auch erſchre - ckende cometen einfinden, alſo wird man an den regenten-himmel groſſer laͤnder beydes wahrnehmen. Scufzete ehemahls religion und freyheit Britanniens, unter einer paͤbſti - ſchen Maria: So folget gleich eine tapfere Semiramis und großmuͤthige Zenobia die Eliſabeth, welche ihr land mit bluͤhenden zei - ten, ihre unterthanen mit ſieges-kraͤntzen, ſich ſelber aber mit einem unſterblichen ruhme be - zeichnet. Hatte hingegen Carolus der V. die Spaniſche Monarchie, auf den hoͤchſten gip - fel der vollkommenheit getrieben, ſo verlieret ein ungluͤcklicher Philippus unter ſeinen nachfolgern, die meiſten und koſtbarſten edel - ſteine aus ſeiner krone, durch die von ſeinem rei - che geſpaltene provinzen. Der Branden - burgiſche adler ſcheinet in beyden ſtuͤcken, et - was goͤttliches, und fuͤr andern ſonderbahres an ſich zu haben. Unter ſeinen beſitzern findet ſich in 900. iahren, ſo lange ſie unter die Teut - ſchen printzen gezehlet worden, keiner, der nicht wuͤrdig geweſen waͤre kronen gold zu tragen, und ein herr unzehlicher laͤnder zu ſeyn, ob ſchon das verhaͤngniß ſolches biß in die letzten zeiten fuͤr ihnen geſparet. Keiner von ſeinen durch - laͤuchtigſten Churfuͤrſten, hat unter den geſetzen der vormundſchaft regieren gelernet, weil auch die iuͤngſten hiezu geſchickt waren. Und ein kluger Frid. II. ſchlaͤgt gar 2 ihm angebotene kronen, die Pohlniſche und Boͤhmiſche groß -muͤ -287des ſtili inſonderheit. muͤthigſt aus. Sein durchlauchtigſter ſtaat iſt deshalben von dem himmel mit ſo guͤtigen augen angeſchauet worden, daß er in dieſer langen zeit, keine ungluͤckliche zufaͤlle erfahren, ſondern in beſtaͤndigen wachsthum, biß dieſe ſtunde ſeinen glantz erhalten. Sonderlich iſt der gluͤckliche nahme Friederich demſelbigen ein beſtaͤndiges merckmahl zuwachſender ho - heiten und ſich vermehrender laͤnder geweſen: Ob ſchon auch ein tapferer Albertus mit den degen ſeinen nahmen in das buch der ewigkeit als ein Teutſcher Achilles angeſchrieben, und ein weiſer Joachimus durch den nahmen eines Teutſchen Neſtoris ſich verewiget. Viele potentaten wiſſen auch was ihnen ſonſt nicht zukoͤm̃t, mit blut und todt draͤuenden ſchwerdte ihnen zuzueignen: Brandenburg allein, hat meiſtens unter den friedlichen palmen, ſeiner gerechtigkeit belohnung, in ſo erwuͤnſchten zu - wachſe gefunden. Und aus dem Branden - burgiſchen gluͤcks-topfe, haben auch andere die fuͤrtreflichſtẽ loſe gezogen. Rudolph von Habs - burg ſtamm-vater des maͤchtigſten Oeſter - reichiſchen hauſes, hat die kaͤyſerliche wuͤrde am meiſten einen Brandenburgiſchen Friederich zu dancken, welchem die danckbare nachwelt den nahmen eines edlen beygeleget. Und eben dieſer erwarb auf dem Reichs-tage zu Acken, fuͤr ſich und ſeine durchlauchtigſte erben das Burggrafthum Nuͤrnberg. Carolus der IIII. hatte es niemand anders zuzuſchreiben, daß erden288von denen unterſchiedenen artenden koͤniglich Boͤhmiſchen mit dem kaͤyſerlichen reichs-apfel vertauſchen konte, als einem Brandenburgiſchen Friedrich, welches er ſelbſt erkannte, wenn er die hoͤchſte gewalt der Chriſtenheit bey ſeiner abweſenheit in deſſen haͤnde uͤberlieferte, und deſſen wapen durch den beſitz vieler ſtaͤdte vergroͤſſerte. Ein andrer Friderich ſtuͤtzte die durch krieg und unruhe er - ſchuͤtterte krone auf dem haupte Sigismundi, und ſetzte dafuͤr den churhut ſeiner Hohenzolle - riſchen Familie auf, welcher mit dem Bran - denburgiſchen ſcepter vergeſellſchaftet, koͤni - glichen kronen den rang nunmehro zweiffelhaf - tig machte. Die meiſten von den vor-eltern unſers groſſen Fr. W. will ich andern anzu - fuͤhren uͤberlaſſen, denn ich habe bereits dar - gethan, daß er die weiſeſten und tapferſten printzen Europae, unter ſelbigen zehle und daß es wahr ſey, das adler nur adler zeugen koͤnnen. Nur des durchlaͤuchtigen vaters, des großmuͤ - thigen Georg Wilhelm muß ich erwehnung thun, welcher bey der tauffe, unſers groſſen Fr. Wilhelms nicht zugeben wolte, daß deſſen hohe pathen ihm das ſo genannte pathen-geld einbinden ſolten, um gleichſam zu verſtehen zu geben, es wuͤrde derſelbe einmahl von keinem andern die federn leihen duͤrfen, ſeinen adler auszuſchmuͤcken. Er war der einzige printz in welchem die tugenden aller durchlaͤuchtigſten vorfahren ſich geſamlet und die hofnung ſo vie - ler laͤnder beruhete. Denn es war nicht noͤ -thig289des ſtili inſonderheit. thig daß er geſchwiſter hatte, weil die glor - wuͤrdigſten eltern ſchon alles in ihm dem groſ - ſen Teutſchen Reich, ia gantz Europae gege - ben hatten. Doch weder die verdienſte der el - tern, noch die gluͤckverheiſſende geburts ſtun - de iſt vermoͤgend, den ſchaden zu erſetzen, wenn eine verderbte auferziehung die bluͤten der tu - gend in dem blute der iahre erſticket, und Ti - berius ziehet an dem Caligula der ſtadt Rom eine giftige ſchlange, und der welt einen unbe - ſonnenen Phaͤeton auf. Fridrichs W. hoher geiſt brauchte zwar nicht, auf den tugend-weg geleitet zu werden, wozu er ſelbſt einen innern trieb fuͤhlete, doch kan ich nicht leugnen, daß die kluge aufſicht, des um ſeine auferziehung ſich hoͤchſt verdientmachenden Joh. v. der Burg und deſſen geſchickte unterweiſung, ein merck - liches beygetragen, die in ihm gelegte faͤhigkeit des verſtandes vollkommen zu machen, und die herliche begierde zur tugend zu vergroͤſſern. Hie - durch wurde er geſchickt dem Auguſto nachzu - ahmen, und den regiments-ſtab im 20ſten iah - re ſeines alters, als der großmuͤthige Georg Wilhelm aus der welt gieng, beydes zu ergreif - fen und kluͤglich zu fuͤhren, denn dadurch eroͤf - nete ihm das guͤtige ſchickſahl die thuͤre, zu ei - ner faſt 50 iaͤhrigen regierung. Und hie weiß ich nicht, ob ich erſt ſeinen ſo weißlich gefuͤhr - ten ſcepter, oder ſeinen den feinden er - ſchrecklichen, freunden aber erfreulichen, degen, oder ſein wohlbeſtelltes fuͤrſt -Tliches290von denen unterſchiedenen artenliches hauß und geſegnete ehen ſoll fuͤrſtellig machen. Viele welchen geburt und gluͤck fuͤrſtliche huͤte aufſetzet wiſſen zwar wohl ihre unterthanen zu regieren, allein nicht ſo wohl ihren feinden einen blitzenden ſebel zu zeigen. Andere ſind nur zum kriegen gebohren, und ſind geſchickt den harniſch, nicht aber ſo wohl die regierungs laſt zu tragen. Wieder an - dere, koͤnnen ſo wohl denen feinden als ihren unterthanen geſetze fuͤrſchreiben, ſind aber in ihren vermaͤhlungen ungluͤcklich, oder koͤnnen ihre reiche mit tuͤchtigen nachfolgern nicht ver - ſehen. Allein in unſerm theureſten Fr. W. finde ich alles, was zu kluger einrichtung der regierung ſeiner laͤnder, zu den eigenſchaften ei - nes ſo tapfern als gluͤcklichen feldherrns, und zur ausbreitung ſeiner durchlauchtigſten Fami - lie kan gerechnet werden. Die gottes-furcht iſt die vornehmſte, ia die mutter aller regierungs - tugenden, als welche von ihr abſtammen, und wer derſelben ſein hertz zur behauſung ange - wieſen, iſt dem Cocos-baum gleich, welcher nicht nur mit gruͤnenden blaͤttern, ſondern mit nutzbaren fruͤchten, ſeinen ſtamm durch das gantze iahr zieret. Und unter den nachfolgern Rudolphi Habſpurgici ſind dieienigen am gluͤcklichſten, und haben ihnen die meiſten ſie - geskraͤntze geflochten, welche der gottes-furcht am meiſten ergeben geweſen. Unſern gottes - fuͤrchtigen Fr. W. finden wir in denen gehei - ligten wohnungen des hoͤchſten, als einen an -daͤch291des ſtili inſonderheit. daͤchtigen und fleißigen zuhoͤrer goͤttlicher wahrheiten. Denn es wird nicht nur unter die tugenden gemeiner leute, ſondern auch fuͤrſtlicher perſonen gezehlet, gottes wort mit gebuͤhrender aufmerckſamkeit beehren. Und da es nicht nur denen geiſtlichen ſeelſorgern zu - koͤmmt, ihr hertz zu einem bet-altar dem hoͤch - ſten zu wiedmen, ſondern vielmehr gekroͤnten haͤuptern geziemet, fuͤr den geſegneten wohl - ſtand ihres hauſes und unterthanen, mit goͤttli - cher maieſtaͤt zu berathſchlagen, ſo erblicken wir unſern Fr. W. nicht nur in ſeinem bet-zim - mer, ſondern auch im felde, als einen andaͤch - tigen beter, und ich zweiffele, ob er mehr durch ſeinen tapfern arm oder eyfriges gebet die feinde fliehen heiſſen. Der todt ſeiner hoͤchſt - geliebten gemahlin, ſeines printzen CarlAemils, auf welchen die frohen unterthanen bereits ihre hofnungs-augen gerichtet hatten, ia ſeiner andern durchlaͤuchtigſten printzen und prinzeſ - ſinnen, welches ſolche dinge ſind, die auch das hertzhafteſte gemuͤthe beugen koͤnnen, werden von ihm mit ſtandhafter gelaſ - ſenheit in den willen gottes ertragen. Bezeu - get die wahrhafte feder kluger geſchichtſchrei - ber vom Alberto dem V. marggrafen zu Bran - denburg, daß man durch ſein gantzes leben ihn nicht fluchen oder ſchweren hoͤren, ſo wird wer Fr. W. leben beſchreiben will, eben dieſes von ihm hineinzuſetzen nicht vergeſſen muͤſſen. T 2Man292von denen unterſchiedenen artenMan lieſet nicht minder vom Fr. W. als vom Alberto I. herzog in Preuſſen daß ſie die diener des hoͤchſten in ſonderbahren ehren ge - halten. Und hat er zwar nicht 1000. kirchen der Marien zu ehren, wie Jacobus der I. in Arra - gonien, erbauet, und ſo viel ſchulen als buch - ſtaben im A B C. wie Carolus M. ſo hat er doch unzehliche in bluͤhenden ſtande erhalten und verbeſſert; Denn es iſt eine groͤſſere kunſt etwas wohlgeſtiftetes unterhalten, als etwas ſtiften. (In omni genere impenſarum, pleri - que noua opera fortius auſpicantur, quam tuentur perfecta. Colum. Lib. IIII. cap III.) Die fuͤrſtliche gerechtigkeit iſt eine tochter der gottesfurcht, und ein ſtern welcher von derſel - ben angezuͤndet, den boͤſen zum grabe, den lo - bens-wuͤrdigen zu belohnungen leuchtet. Und es ſcheinet der allerdurchlauchtigſte nachfolger und erbe, ſo wohl der reiche als tugenden Fr. W. habe keine tugend ſo ſehr an ſeinen durch - lauchtigſten vater zu bewundern gehabt als dieſe, da er die worte zu ſeinen koͤniglichen denckſpruch erwehlet: Einem ieden das ſeine. Denn gewiß, iſt etwas, welches den ruhm fuͤrſtlicher tugenden biß an die ſterne zu erhoͤ - hen vermoͤgend iſt, ſo iſt es die gerechtigkeit. Sie ſchencket denen unteꝛthanen die angenehm - ſte ruhe, denen veraͤchtern goͤttlicher und menſch - licher ausſpruͤche, und ruhmwuͤrdigen ge - muͤthern theilet ſie ihre gehoͤrige belohnungen aus, ienen zwar dieſteln und dornen dieſenpalmen293des ſtili inſonderheit. palmen und roſen, feinden ſelbſt iaget ſie ein Paniſches erſchuͤttern ein. Was chur-fuͤrſt Joh. Georg einer von Fr. W. durchlaͤuchtig - ſten ahnen, zu ſeinem ihn um recht und huͤlffe anflehenden unterthanen ſagte: Wenñ du hey - de und Tuͤrcke waͤreſt ſolte dir geholffen wer - den, geſchweige da du mein unterthan biſt: Das erfuͤllete er in ſeinen verrichtungen. Fa - bricius der edle Roͤmer, offenbahret dem tap - fern Pyrrho großmuͤtig, wie er eine giftige natter in ſeinem buſen hege, indem ihn ſein leib - artzt umbringen wolte, und dieſer konte nicht anders, als in dieſe worte ausbrechen: Jch wolte ehe glauben, daß die ſonne von ihrem lauffe, als der tugend-liebende Fabricius von ſeiner gerechtigkeit abzubringen ſey. Ein ge - rechter Fr. W. verachtet nicht minder das an - erbieten eines verraͤtheriſchen Frantzoſen, wel - cher durch die abſchlachtung ſeines feld-herrn des beruͤhmten Turenne, ihm eine fette Heca - tombe zu opfern gedencket, ſondern beſtraffet auch ſolches durch uͤberliefferung dieſes boͤſe - wichts zur gehoͤrigen rache, und er verdienet mehr lobes-erhebungen als der Roͤmiſche buͤr - germeiſter. Denn iener will nicht, daß maͤch - tige laͤder ihres koͤniges und unzehliche ſolda - ten ihres oberhauptes, verraͤtheriſcher weiſe be - raubet werden, ſondern er vielmehr uͤber einen lebendigen Pyrrhum triumphiren koͤnne, und Fr. W. verlanget auch nicht durch den hinter - liſtigen todt eines generals, auf welchen beyT 3wei -294von denen unterſchiedenen artenweiten nicht ſo viel beruhete, und dergleichen Fꝛanckreich mehr hatte, ſeinen ſieg zu befoͤrdeꝛn. Nicht nur Arcadius und Honorius, ſondern auch Fr. W. ſind nicht allein fuͤr ſich tugend - haft, ſondern laſſen auch keinen an ihren hoͤ - fen zu befoͤrderungen und ehren-ſtellen gelan - gen, der nicht die tugend an ſtatt des adels - briefes aufweiſen kan. Und dieſes iſt eines der vornehmſten kennzeichen, der hohen gaben ei - nes regenten, wenn er tugendhafte diener auf - ſuchet und erhoͤhet. Titus hielt es vor eine ſeinen thron ſtuͤtzende maxime: kein unterthan muͤſſe von demſelbigen mit betruͤbten gemuͤthe und verduͤſterten geſichte zuruͤck kommen. Maxi - milianus R. K. ſagte: die ertzherzoge von Oe - ſtereich haben mehr durch freygebigkeit erwor - ben, als durch kargheit. Die freundliche gut - thaͤtigkeit und fuͤrſtliche milde Fr. W. hat ſei - nen landen nicht geſchadet, ſondern ſie viel - mehr bevoͤlckert, die handlungen vergroͤſſert, und die manufackturen in ſolchen ſtand ge - ſetzt, darinnen ſie allen andern nationen trotz bieten koͤnnen. Die fuͤr der Frantzoͤiſchen dragoner bekehrung fliehende Hugenotten und in das iaͤmmerlichſte elend verbannete Reformirte, finden unter den fluͤgeln des frey - gebigen Brandenburgiſchen adlers, nicht nur ſchutz, ſondern auch ihre zerſtoͤrte tempel, ihre verbrandte wohnungen und ihre geraubte guͤter reichlich und praͤchtig wieder. Und dieſe ſo viel 1000 ihrer ſeyn, muͤſſen aufrichtigezeug -295des ſtili inſonderheit. zeugniſſe abgeben, der ungemeinen liebe und freundlichkeit Fr. W. ob ſie wohl ſelbige nicht ſo lange genieſſen koͤnnen, als die eingebohrnen unterthanen. Ja verhaſte feinde muͤſſen die angebohrne gnade des huldreichen Fr. W. bewundern, da er an ihnen keine rache uͤbet, ob er ſie ſchon in ſeinen haͤnden hat. Viele fuͤrſten, ja was ſage ich fuͤrſten, die meiſten privat-perſonen, wiſſen ihre zeit, ich will nicht ſagen mit unzulaͤslichen dingen, ſondern mit unnuͤtzlichen kleinigkeiten zu verſchleudern: Und ein in gantz Griechen-land fuͤr weiſe ge - haltener Plato, muß in ſeinem alter die uͤble verſchwendung ſeiner zeit beſeufzen. Fr. Wil - helms langes leben, weiß von keiner uͤbelan - gewandten ſtunde. Miſſet einer von ſeinen durchlauchtigſten ſtamm-vaͤtern, der weiſe churfuͤrſt Johannes, ſeine tage ſo ab, daß nicht eine minute vergebens angewandt wird, ſo thut er es ihm hierinne gleich. Die ſtun - den des tages, welche ihm von denen unter - redungen mit GOtt und goͤttlichen verrich - tungen uͤbrig bleiben, werden einer preißwuͤr - digen ſorge und liebe der unterthanen, denen von unſerm groſſen Fr. W. hoͤchſtgeliebten ſtudiis, der wohlfahrt des gantzen Teutſchen Reiches, ja des weiten Europae aufgeopfert. Denn er konte als ein vater, vermehrer, und maͤchtiger beſchuͤtzer, von allen angeſehen wer - den. Printzen welche geſetz-geber und ſtadt - halter des hoͤchſten geſetz-gebers in der unter -T 4welt296von denen unterſchiedenen artenwelt ſind, haben zwar nicht noͤthig, ihren fuͤrſt - lichen purpur, durch die geſetze einſchrencken zu laſſen. Doch wenn ſie in ſelbige einen verwege - nen eingriff thun, muß ſolcher zu einer quelle unzehlicher ungluͤcklicher zufaͤlle werden. Un - ſer groſſe Fr. W. brauchte es ebenfals nicht ihm gewiſſe regeln zu ſtecken: Doch er war ein lebendiges geſetze ſeinen unterthanen und ein heller ſpiegel, woraus andere eine fuͤrſtli - che auffuͤhrung mit offnen augen leſen ſolten. Jn ſeiner reſidentz wird man keinen altar dem Baccho aufgerichtet finden, und folglich wird ihr die unkeuſche Venus keinẽ winckel zueignen duͤrffen. Denn dieſe beyde haben ſich ver - ſchworen, allezeit mit geſamter hand, die woh - nungen der maͤßigkeit und keuſchheit, und die ſuͤſſe ruhe menſchlicher gemuͤther zu zerſtoͤren. Allein was gewinnet er dadurch ſonderbah - res, fuͤr denenienigen, welche ihnen wie den beſoffnen Pacuvio faſt taͤglich koͤnten zuruf - fen laſſen: vixit? dieſes, daß ihn die durch maͤßigkeit erhaltene natur, ſeine jahre, biß an das vom Moſe dem ſterblichen leben vor - geſetzte ziel, hinanzehlen laͤſſet und die ehrlie - bende nach-welt den ſchimmer ſeines gantzen allerdurchlauchtigſten hauſes, welches ſich durch dieſe tugenden inſonderheit von vielen andern unterſchieden, in ihm allein kaum gnug - ſam bewundern kan. Er konte wie Auguſtus, als er das 43 jahr ſeiner hoͤchſtloͤblichen regie - rung zehlete, das groſſe ſtuffen jahr, menſch -liches297des ſtili inſonderheit. lichen alters ungehindert uͤberſteigen, und in ſeinem 67 jahre ſeiner armee ſich zu pferde zei - gen. Wie die roſen ihren purpur ſo wohl, als angenehmen geruch und blaͤtter verlieren, wenn ein ungeſtuͤmer platz-regen ſie uͤberfaͤllet, hingegen allezeit durch einen maͤßigen thau veriuͤngen koͤnnen; alſo behalten die wangen ihre farbe, die menſchliche natur ihre kraͤfte, wenn man ſolche fuͤr gewaltſamer unmaͤßig - keit bewahret. Die ſtrahlen der ſonne ſind ſo durchdringend, und ihre waͤrme ſo kraͤftig, daß man in allen dingen ihre nutzbare wuͤr - ckung ſpuͤhret, doch iſt eine regenſchwangere wolcke gnug, beydes zuverhindern und die erde in kalte ſchatten zu ſtellen. Und alle hohe be - gabniſſe einer fuͤrſtlichen ſonne, koͤnnen durch unmaͤßigkeit, in dunckeln flor eingehuͤllet wer - den. Nun verwundere man ſich nicht, wenn er das aufmercken der vernuͤnftigen welt, ia verwegner barbaren auf ſich und ſeine tapfern thaten gezogen. Jndem ich ſeiner anderer hel - den uͤberſteigende verrichtungen mich erinnere, und einen blick in die mit ſeinen ſieges-zeichen bedeckte felder thue, ſo werde den beruͤhmteſten kuͤnſtlern nachahmen, welche nur groſſe ſchlach - ten und begebenheiten, abzuſchildern belieben tragen. Sonſt wuͤrde es ihnen H. und H. an - weſende nicht an geduld, mir auch nicht an wort und ſachen, wohl aber an der zeit fehlen, denn hier fallen uns mit ſeinen heldenmuͤthi - gen bemuͤhungen, alle hochfuͤrſtliche tugendenT 5unſers298von denen unterſchiedenen artenunſers groſſen Fr. W. in die augen. Die nachkommen haben nicht nur an den muͤntzen ein gedaͤchtniß ſeiner tapferkeit, auf welchen man ihn: Electorem regibus parem, Achil - lem Germánicum, Patrem caſtrorum, be - nennet, ſondern gantze laͤnder und voͤlcker ſind lebendige muͤntzen, in welchen er mit blutigen ſtahle eben dieſes gepraͤget. Das unbaͤndige Pohlen, das rauhe Schwedẽ, das ſtoltze Franck - reich, die Ottomaniſche pforte, haben dieſes mehr als einmahl erfahren. Denn er gieng nur wieder dieienigen zu felde, welche zugleich ſeine und des Teutſchen Reichs, ſeines vaterlan - des feinde ſeyn wolten. Antonini wahlſpruch war: Malo ſeruare ciuem vnum, quam mil - le hoſtes perdere, und was des groſſen Fr. W. ſinn hiebey geweſen, koͤnnen wir auff der muͤntze leſen, welche uns ihn in voͤlliger ruͤ - ſtung mit bekraͤntzten haupte und die - ſer umſchrifft zeiget: Ob cives ſerva - tos. Sein allerdurchlaͤuchtigſter Herr va - ter uͤberließ ihm das ſteuerruder der regierung, da gantz Teutſchland von den wuͤ - tenden krieges-wellen erbaͤrmlich erſchuͤttert und ſeine laͤnder von unzehlichen feindlichen winden beſtrichen wurden, doch ſo bald es ſeine tapfere fauſt ergriffen, konte man ſagen: Noli timere nauta caeſarem vehis. Es wurde zwar bald nach ſeiner angetretenen regierung eine ungemeine ſtille, durch den Weſtphaͤliſchen friedens-ſchluß, und die Martis ſoͤhne ſtecktenihre299des ſtili inſonderheit. ihre blutige ſchwerdter ein. Doch dieſer war nicht anders anzuſehn, als ein vorbote eines ebenfallß groſſen ungewitters, und erſchreckli - chen darauf erfolgten krieges. Der ungluͤck - liche Pohlniſche Joh. Caſimir, haͤtte bey nahe hierinne kron und ſcepter, land und leute ein - gebuͤſſet, als der mit dem Schwediſchen loͤwen verbundene Brandenburgiſche adler, ihn gantz erzuͤrnet anfiel. Die Warſchauiſche felder ſind nicht minder als die Catalauniſchen be - ruͤhmt worden, weil in dieſen ein nichtiger ehr - geitz das commando fuͤhrte und beyde theile einander faſt gleich waren: Jn ienem aber der tapfere Fr. W. mit einem geringen volcke, al - len Pohlniſchen adel, die groͤſten horden er - grimmter Tartarn, und die wilden trouppen gepanzerter Huſaren, auf einmahl vor ſich her fliehen ſahe. Ein Brandenburgiſcher muſte wie - der 6. feindliche armee kaͤmpfen, denn der un - erſchrockene Fr. W. frug niemahls wie ſtarck der feind waͤre, ſondern wo er ſich aufhielte. Die groſſe anzahl der feinde machte den krieg ſchwer, aber den ſieg deſto groͤſſer und die fruͤch - te deſſelben deſto vollkommener. Er ſchreckte die Polniſche republique alſo, daß ſie ihm die oberherꝛſchaft von Preuſſen freywillig uͤberlieſ - ſe. Eine ſache, welche ſie vordem mit blut und todt, gantz verſtockt zu behaupten gewoh - net war. Und ehe er noch ſeine ſieghafte pal - men in oliven kraͤntze verwandeln konte, wieſe er einer dem Teutſchen Reiche ungetreuen kro -ne,300von denen unterſchiedenen artenne, daß Fr. W. nicht nur uͤber fluͤchtige Pohlen, ſondern auch ſonſt feſt ſtehende Schweden triumphiren koͤnne. Er war allezeit bey ſeiner armee gegenwaͤr - tig, da ſonſt andere printzen, und nicht un - billich, ihre geheiligte perſon denen feindlichen kugeln ſelten bloß geben. Wolte alſo dem erſten Achilli ſeines hauſes Alberto nichts nachgeben, welcher wie ein grimmiger loͤwe ein - ſten durch die feindliche glieder drang und ihre hauptfahne mit dieſen worten ergrif: Jn der welt iſt kein ſo ruͤhmlicher ort, da ich meines le - bens ende ſuchen kan, als hier. Nur thut es Fr. W. mit dem unterſcheid, nicht daß er wie iener ſeine leute von der flucht zum ſiegen brin - get, ſondern damit ſein heldenmuth auch uͤber die ſeinen ſich ergieſſe, und er ſelbige zu einer zeit anruͤcken und die feinde fliehen heiſſen koͤnne. Doch wieder den erb-feind Chriſtliches nah - mens, hat er ſeine geheiligte perſon nicht be - muͤhet, denn es war genung, daß er ſeine waf - fen dem tapfern Schoͤning liehe, fuͤr welche die barbarn eben ſo wohl flohen, als die verzweif - felten Troianer fuͤr dem Patroclo, welcher dem Achilli ſeinen panzer und ſchild abgebor - get. Vereinigte ſeine hohe gegenwart, ſeine und des Reichs voͤlcker wieder das hochmuͤthige Franckreich, ſo war er ein ſarder, welcher der naturkuͤndiger bericht zu folge, die furcht ver - treibt. Der ſtaat der vereinigten Niederlaͤn - der, waͤre nimmermehr zu ſeinen verlohrnenſtaͤdten301des ſtili inſonderheit. ſtaͤdten gelanget, ia haͤtte vielmehr ſeine ande - re welt Amſterdam uͤber dieſe hingegeben, wenn nur nicht Fr. W. großmuͤthige gewohn - heit waͤre geweſen, bedraͤngten huͤlfreichbeyzu - ſpringen. Denn Fr. W. bemuͤhungen mach - ten es, daß die in den Niederlanden aufgehende Galliſche after-ſonne ſo bald untergehen muſte, als ſie aufgegangen ware. Hiebey ſcheu - ete er nicht den unerſetzlichen ſchaden, worinn er ſeine laͤnder ſetzen muſte, denn er glaubte, daß es beſſer ſey, ſelbige auf eine kurtze zeit in gefahr laſſen, als in langwieriges ungluͤck ſtuͤrtzen, und dieſes letztere waͤre unfehlbar erfolget, wenn er zugegeben haͤtte, daß die um ſich greif - fenden Bourbonier ſeine naͤchſte nachbarn wor - den waͤren. Was hat nicht ſein eyffer fuͤr Leopoldi thron, und die Teutſche freyheit vor wunder dinge ausgerichtet, wenn er als ein ge - treuer Reichs-patriote, den harniſch wieder eben dies unruhige Franckreich angeleget? Den groſſen Ludwig welcher Teutſchlande unaufhoͤrlich mit ſeinen veraͤchtlichen feſ - ſeln drohete, trieb er alſo in die enge, daß er ſich nach fremder potentaten huͤlffe aͤngſtiglich umſehen muſte. Schweden ſolte der tapferkeit des groſſen Fr. W. zum falle werden, und indem es in die Branden - burgiſchen laͤnder fiel, dem beaͤngſtigten Franckreich huͤlffe ſchaffen. Allein hier machte der himmel erſt recht einen bewundernswuͤrdi - gen anfang die Brandenburgiſchen waffen zu