PRIMS Full-text transcription (HTML)
Der Abentheurliche SIMPLICISSIMUS Teutſch /
Das iſt: Die Beſchreibung deß Lebens eines ſeltzamen Vaganten / genant Melchior Sternfels von Fuchshaim / wo und welcher geſtalt Er nemlich in dieſe Welt kommen / was er darinn geſehen / gelernet / erfahren und auß - geſtanden / auch warumb er ſolche wieder freywillig quittirt. Überauß luſtig / und maͤnniglich nutzlich zu leſen.
[figure]
Monpelgart /Gedruckt beyJohann Fillion/ Jm JahrM DC LXIX.
[1]
[figure]

Jch wurde durchs Fewer wie Phoenix geborn. Jch flog durch die Lüffte! wurd doch nit verlorn, Jch wandert durchs Waſſer, Jch raißt über Landt, in ſolchem Umbſchwermen macht ich mir bekandt was mich offt betrüebet und ſelten ergetzt was war das? Jch habs in diß Buche geſetzt, damit ſich der Leſer gleich wie ich itzt thue, entferne der Thorheit und lebe in Rhue.

[2]3

Jnhalt deß Erſten Buchs.

  • Das 1. Capitel. Vermeldet Simplicii Baͤuriſch Herkommen / und gleichfoͤrmige Aufferziehung.
  • Das 2. Capitel. Beſchreibet die erſte Staffel der Hoheit / welche Simplicius geſtiegen / ſam̃t dem Lob der Hirten / und angehaͤngter trefflichen Inſtru - ction.
  • Das 3. Capitel. Meldet von dem Mitleiden einer getreuen Sackpfeiff.
  • Das 4. Capitel. Simplicii Reſidenz wird erobert / gepluͤndert und zerſtoͤrt / darinn die Krieger jaͤmmerlich hauſen.
  • Das 5. Capitel. Wie Simplicius das Reiß-auß ſpielt / und von faulen Baͤumen erſchrecket wird.
  • Das 6. Capitel. Jſt kurtz / und ſo andaͤchtig / daß dem Sim - plicio daruͤber ohnmaͤchtig wird.
  • Das 7. Capitel. Simplicius wird in einer armen Herberg freundlich tractirt.
  • Das 8. Capitel. Wie Simplicius durch hohe Reden ſeine Voꝛ - trefflichkeit zu erkennen gibt.
A ijDas4Jnhalt
  • Das 9. Capitel. Simplicius wird auß einer Beſtia zu einem Chriſtenmenſchen.
  • Das 10. Capitel. Was geſtalten er ſchreiben und leſen im wilden Wald gelernet.
  • Das 11. Capitel. Redet von Eſſenſpeiß / Haußrath und an - dern nothwendigen Sachen / die man in die - ſem zeitlichen Leben haben muß.
  • Das 12. Capitel. Vermerckt ein ſchoͤne Art ſeelig zu ſterben / und ſich mit geringem Unkoſten begraben zu laſſen.
  • Das 13. Capitel. Simplicius laͤſt ſich wie ein Rohr im Weyer umbtreiben.
  • Das 14. Capitel. Jſt ein ſeltzame Comœdia, von 5. Bauern.
  • Das 15. Capitel. Simplicius wird ſpolirt, und laͤſt ihm von de - nen Baurn wunderlich traͤumen / wie es zu Kriegszeiten hergehet.
  • Das 16. Capitel. Heutiger Soldaten Thun und Laſſen / und wie ſchwerlich ein gemeiner Kriegsmann befoͤrdert werde.
  • Das 17. Capitel. Ob ſchon im Krieg der Adel / wie billich / dem gemeinen Mann vorgezogen wird / ſo kommen doch viel außveraͤchtlichem Stand zu hohen Ehren.
Das5deß Erſten Buchs.
  • Das 18. Capitel. Simplicius thut den erſten Sprung in die Welt / mit ſchlechtem Gluͤck.
  • Das 19. Capitel. Wie Hanau von Simplicio, und Simplicius von Hanau eingenommen wird.
  • Das 20. Capitel. Was geſtalten er von der Gefaͤngnus und der Folter erꝛettet worden.
  • Das 21. Capitel. Das betrůgliche Gluͤck gibt Simplicio einen freundlichen Blick.
  • Das 22. Capitel. Wer der Einſidel geweſen / deſſen Simplicius genoſſen.
  • Das 23. Capitel. Simplicius wird ein Page / item / wie deß Ein - ſidlers Weib verloren worden.
  • Das 24. Capitel. Simplicius tadelt die Leut / und ſthet viel Ab - goͤtter in der Welt.
  • Das 25. Capitel. Dem ſeltzamen Simplicio kompt in der Welt alles ſeltzam vor / und er hingegen der Welt auch.
  • Das 26. Capitel. Ein ſonderbarer neuer Brauch / einander Glůck zu wůnſchen / und zu bewillkommen.
  • Das 27. Capitel. Dem Secretario wird ein ſtarcker Geruch in die Cantzley geraͤuchert.
A iijDas6Deß Abentheurl. Simpliciſſimi
  • Das 28. Capitel. Einer lernet den Simplicium auß Neid wahr - ſagen; ja noch wol ein andere zierliche Kunſt.
  • Das 29. Capitel. Simplicio werden zwey Augen auß einem Kalbskopff zu theil.
  • Das 30. Capitel. Wie man nach und nach einen Rauſch be - kompt / und endlich ohnvermerckt blind-voll wird.
  • Das 31. Capitel. Wie uͤbel dem Simplicio die Kunſt mißlingt / und wie man ihme den klopffenden Paſſion ſingt.
  • Das 32. Capitel. Handelt abermal von nichts anders / als der Saͤufferey / und wie man die Pfaffen da - von ſoll abſchaffen.
  • Das 33. Capitel. Wie der Herꝛ Gubernator ein abſcheulichen Fuchs geſchoſſen.
  • Das 34. Capitel. Wie Simplicius den Tantz verderbt.

Das Erſte Capitel.

ES eroͤffnet ſich zu dieſer unſerer Zeit (von welcher man glaubt / daß es die letzte ſeye) unter geringen Leuten eine Sucht / in deren die Patienten / wann ſie daran kranck ligen / und ſo viel zuſammen geraſpelt und erſchachert haben / daß ſie neben ein paar Hellern im Beutel / ein naͤrꝛiſchesKleid7Erſtes Buch. Kleid auff die neue Mode / mit tauſenderley ſeidenen Banden / antragen koͤnnen / oder ſonſt etwan durch Gluͤcksfall mannhafft und bekant worden / gleich Rittermaͤſſige Herꝛen / und Adeliche Perſonen von uhraltem Geſchlecht / ſeyn wollen; da ſich doch offt befindet / daß ihre Vor-Eltern Tagloͤhner / Karchel - zieher und Laſttraͤger: ihre Vettern Eſeltreiber: ihre Bruͤder Buͤttel und Schergen: ihre Schweſtern Hu - ren: ihre Muͤtter Kupplerin / oder gar Hexen: und in Summa / ihr gantzes Geſchlecht von allen 32. Anichen her / alſo beſudelt und befleckt geweſen / als deß Zuckerbaſtels Zunfft zu Prag immer ſeyn moͤ - gen; ja ſie / dieſe neue Nobiliſten / ſeynd offt ſelbſt ſo ſchwartz / als wann ſie in Guinea geboren und erzogen waͤren worden.

Solchen naͤrꝛiſchen Leuten nun / mag ich mich nicht gleich ſtellen / ob zwar / die Warheit zu beken - nen / nicht ohn iſt / daß ich mir offt eingebildet / ich muͤſſe ohnfehlbar auch von einem groſſen Herꝛn / oder wenigſt einem gemeinen Edelmann / meinen Ur - ſprung haben / weil ich von Natur geneigt / das Jun - ckern-Handwerck zu treiben / wann ich nur den Ver - lag und den Werckzeug darzu haͤtte; Zwar ohnge - ſchertzt / mein Herkommen und Aufferziehung laͤſt ſich noch wol mit eines Fuͤrſten vergleichen / wann man nur den groſſen Unterſcheid nicht anſehen wol - te / was? Mein Knan (dann alſo nennet man die Vaͤtter im Speſſert) hatte einen eignen Pallaſt / ſo wol als ein anderer / ja ſo artlich / dergleichen ein je - der Koͤnig mit eigenen Haͤnden zu bauen nicht ver - mag / ſondern ſolches in Ewigkeit wol unterwegen laſſen wird; er war mit Laimen gemahlet / und anA jvſtatt8Deß Abentheurl. Simpliciſſimiſtatt deß unfruchtbaren Schifers / kalten Bley / und roten Kupffers / mit Stroh bedeckt / darauff das edel Getraid waͤchſt; und damit er / mein Knan / mit ſei - nem Adel und Reichthum recht prangen moͤchte / ließ er die Mauer umb ſein Schloß nicht mit Mauerſtei - nen / die man am Weg findet / oder an unfruchtbaren Orten auß der Erden graͤbt / viel weniger mit lieder - lichen gebachenen Steinen / die in geringer Zeit ver - fertigt und gebraͤndt werden koͤnnen / wie andere groſ - ſe Herꝛen zu thun pflegen / aufffuͤhren; ſondern er nam Eichenholtz darzu welcher nutzliche edle Baum / als worauff Bratwuͤrfte und fette Schuncken wach - ſen / biß zu ſeinem vollſtaͤndigen Alter uͤber 100. Jahr erfordert: Wo iſt ein Monarch / der ihm dergleichen nachthut? Seine Zimmer / Saͤaͤl und Gemaͤcher hatte er inwendig vom Rauch gantz erſchwartzen laſ - ſen / nur darumb / dieweil diß die beſtaͤndigſte Farb von der Welt iſt / und dergleichen Gemaͤhld biß zu ſeiner Perfection mehr Zeit brauchet / als ein kuͤnſtli - cher Mahler zu ſeinen trefflichſten Kunſtſtuͤcken erfor - dert; Die Tapezereyen waren das zaͤrteſte Geweb auff dem gantzen Erdboden / dann die jenige machte uns ſolche / die ſich vor Alters vermaß / mit der Mi - nerva ſelbſt umb die Wett zu ſpinnen; Seine Fenſter waren keiner anderer Urſachen halber dem Sandt Nitglaß gewidmet / als darumb / dieweil er wuſte / daß ein ſolches vom Hanff oder Flachsſamen an zu rechnen / biß es zu ſeiner vollkommenen Verfertigung gelangt / weit mehrere Zeit und Arbeit koſtet / als das beſte und durchſichtigſte Glas von Muran / dann ſein Stand macht ihm ein Belieben zu glauben / daß alles das jenige / was durch viel Muͤhe zu wegen ge -bracht9Erſtes Buch. bracht wuͤrde / auch ſchaͤtzbar / und deſto koͤſtlicher ſey / was aber koͤſtlich ſeye / das ſeye auch dem Adel am anſtaͤndigſten; An ſtatt der Pagen / Laqueyen und Stallknecht / hatte er Schaf / Boͤcke und Saͤu / jedes fein ordenlich in ſeine natuͤrliche Liberey geklei - det / welche mir auch offt auff der Waid auffgewar - tet / biß ich ſie heim getrieben; Die Ruſt - oder Har - niſch-Kammer war mit Pfluͤgen / Kaͤrſten / Aexten / Hauen / Schaufeln / Miſt - und Heugabeln genugſam verſehen / mit welchen Waffen er ſich taͤglich uͤbet; dann hacken und reuthen war ſeine diſciplina milita - ris, wie bey den alten Roͤmern zu Friedens-Zeiten / Ochſen anſpannen / war ſein Hauptmannſchafftli - ches Commando, Miſt außfuͤhren / ſein Fortifica - tion-weſen / und Ackern ſein Feldzug / Stall-außmi - ſten aber / ſein Adeliche Kurtzweil und Turnierſpiel; hiermit beſtritte er die gantze Weltkugel / ſo weit er reichen konte / und jagte ihr damit alle Ernd ein rei - che Beut ab. Dieſes alles ſetze ich hindan / und uͤber - hebe mich deſſen gantz nicht / damit niemand Urſach habe / mich mit andern meines gleichen neuen Nobi - liſten außzulachen / dann ich ſchaͤtze mich nicht beſſer / als mein Knan war / welcher dieſe ſeine Wohnung an einem ſehr luſtigen Ort / nemlich im Speſſert li - gen hatte / allwo die Woͤlff einander gute Nacht ge - ben. Daß ich aber nichts außfuͤhrliches von meines Knans Geſchlecht / Stammen und Nahmen vor diß - mal docirt / beſchibet umb geliebter Kuͤrtze willen / vornemlich / weil es ohne das allhier umb keine Ade - liche Stifftung zu thun iſt / da ich ſoll auff ſchwoͤren; genug iſts / wann man weiß / daß ich im Speſſert ge - boren bin.

A vGleich10Deß Abentheurl. Simpliciſſimi

Gleich wie nun aber meines Knans Haußweſen ſehr Adelich vermerckt wird / alſo kan ein jeder Ver - ſtaͤndiger auch leichtlich ſchlieſſen / daß meine Auff - erziehung derſelben gemaͤß und aͤhnlich geweſen; und wer ſolches davor haͤlt / findet ſich auch nicht betro - gen / dann in meinem zehen-jaͤhrigen Alter / hatte ich ſchon die principia in obgemeldten meines Knans Adelichen Exercitien begriffen / aber der Studien hal - ber konte ich neben dem beruͤhmten Ampliſtidi hin paſ - ſiren / von welchem Suidas meldet / daß er nicht uͤber fuͤnffe zehlen konte; dann mein Knan hatte vielleicht einen viel zu hohen Geiſt / und folgte dahero dem ge - woͤhnlichen Gebrauch jetziger Zeit / in welcher viel vornehme Leut mit ſtudiren / oder wie ſie es nennen / mit Schulpoſſen ſich nicht viel bekuͤmmern / weil ſie ihre Leut haben / der Plackſcheiſſerey abzuwarten: Sonſt war ich ein trefflicher Muſicus auff der Sack - pfeiffen / mit deren ich ſchoͤne Jalemi-Geſaͤng machen konte: Aber die Theologiam anbelangend / laß ich mich nicht bereden / daß einer meines Alters damals in der gantzen Chriſtenwelt geweſt ſeye / der mir da - rinn haͤtte gleichen moͤgen / dann ich kennete weder GOtt noch Menſchen / weder Himmel noch Hoͤll / weder Engel noch Teuffel / und wuſte weder Gutes noch Boͤſes zu unterſcheiden: Dahero ohnſchwer zu gedencken / daß ich vermittelſt ſolcher Theologiæ wie unſere erſte Eltern im Paradis gelebt / die in ihrer Unſchuld von Kranckheit / Todt und Sterben / weni - ger von der Aufferſtehung nichts gewuſt / O edels Le - ben! (du moͤgſt wol Eſelsleben ſagen) in welchem man ſich auch nichts umb die Medicin bekuͤmmert. Eben auff dieſen Schlag kan man mein Erfahrenheitin11Erſtes Buch. in dem Studio legum und allen andern Kuͤnſten und Wiſſenſchafften / ſo viel in der Welt ſeyn / auch ver - ſiehen; Ja ich war ſo perfect und vollkommen in der Unwiſſenheit / daß mir unmuͤglich war zu wiſſen / daß ich ſo gar nichts wuſte. Jch ſage noch einmal / O ed - les Leben / das ich damals fuͤhrete! Aber mein Knan wolte mich ſolche Gluͤckſeeligkeit nicht laͤnger genieſ - ſen laſſen / ſondern ſchaͤtzte billich ſeyn / daß ich mei - ner Adelichen Geburt gemaͤß / auch Adelich thun und leben ſolte / derowegen fienge er an / mich zu hoͤ - hern Dingen anzuziehen / und mir ſchwerere Lectio - nes auffzugeben.

Das II. Capitel.

ER begabte mich mit der herꝛlichſten Dignitaͤt / ſo ſich nicht allein bey ſeiner Hofhaltung / ſondern auch in der gantzen Welt befande / nemlich mit dem Hirten-Ampt: Er vertraut mir erſtlich ſeine Saͤu / zweytens ſeine Ziegen / und zuletzt ſeine gantze Heerd Schaf / daß ich ſelbige huͤten / waiden / und vermittelſt meiner Sackpfeiffen (welcher Klang ohne das / wie Strabo ſchreibet / die Schaf und Laͤmmer in Arabia fett macht) vor dem Wolff beſchuͤtzen ſolte; damal gleichete ich wol dem David / auſſer daß jener / an ſtatt der Sackpfeiffe / nur eine Harpffe hatte / welches kein ſchlimmer Anfang / ſondern ein gut Omen fuͤr mich war / daß ich noch mit der Zeit / wann ich anders das Gluͤck darzu haͤtte / ein Weltberuͤhmter Mann wer - den ſolte; dann von Anbegin der Welt ſeynd jeweils hohe Perſonen Hirten geweſen / wie wir dann vom Abel / Abraham / Jſaac / Jacob / ſeinen Soͤhnen / und Moyſe ſelbſt / in H. Schrifft leſen / welcher zuvor ſei - nes Schwehers Schaf huͤten muſte / ehe er Heer -A vjfuͤhrer12Deß Abentheurl. Simpliciſſimifuͤhrer und Legislator uͤber 600000. Mann in Jſrael ward. Ja / moͤchte mir jemand vorwerffen / das wa - ren heilige Gott[-]ergebene Menſchen / und keine Speſ - ferter Baurenbuben / die von GOtt nichts wuſten; Jch muß geſtehen / aber was hat meine damalige Un - ſchuld deſſen zu entgelten? bey den alten Heyden fande man ſo wol ſolche Exempla, als bey dem auß - erwehlten Volck Gottes: Unter den Roͤmern ſeynd vornehme Geſchlechter geweſen / ſo ſich ohn Zweiffel Bubulcos, Statilios, Pomponios, Vitulos, Vitellios, Annios, Capros, und dergleichen genennet / weil ſie mit dergleichen Viehe umbgangen / und ſolches auch vielleicht gehuͤtet: Zwar Romulus und Remus ſeyn ſelbſt Hirten geweſt; Spartacus, vor welchem ſich die gantze Roͤmiſche Macht ſo hoch entſetzet / war ein Hirt. Was? Hirten ſind geweſen (wie Lucianus in ſeinem Dialogo Helenæ bezeuget) Paris, Priami deß Koͤnigs Sohn / und Anchiſes, deß Trojaniſchen Fuͤrſten Æneæ Vatter: Der ſchoͤne Eudimion, umb welchen die keuſche Luna ſelbſt gebulet / war auch ein Hirt: Jtem der greuliche Polyphemus: ja die Goͤt - ter ſelbſt (wie Phornutus ſagt) haben ſich dieſer Pro - feſſion nicht geſchaͤmt / Apollo huͤtet Admeti deß Koͤ - nigs in Theſſalia Kuͤhe / Mercurius, ſein Sohn Daphnis, Pan und Protheus, waren Ertzhirten / da - hero ſeynd ſie noch bey den naͤrꝛiſchen Poëien der Hir - ten Patronen; Meſa, Koͤnig in Moab / iſt / wie man im zweyten Buch der Koͤnig lieſet / ein Hirt geweſen / Cyrus der gewaltige Koͤnig Perſarum, iſt nicht allein von Mithridate, einem Hirten / erzogen worden / ſon - dern hat auch ſelbſt gehuͤtet: Gygas war ein Hirt / und hernach durch Krafft eines Rings ein Koͤnig:Jßmael13Erſtes Buch. Jßmael Sophj ein Perſiſcher Koͤnig / hat in ſeiner Jugend ebenmaͤſſig das Viehe gehuͤtet / alſo daß Phi - lo der Jud in vita Moyſis trefflich wol von der Sach redet / wann er ſagt: Das Hirten-Ampt ſey ein Vor - bereitung und Anfang zum Regiment; dann gleich wie die Bellicoſa und Martialia Ingenia erſtlich auff der Jagd geuͤbt und angefuͤhrt werden / alſo ſoll man auch die jenige / ſo zum Regiment gezogen ſollen wer - den / erſtlich in dem lieblichen und freundlichen Hir - ten-Ampt anleiten. Welches alles mein Knan wol verſtanden haben muß / und mir noch biß auff dieſe Stund keine geringe Hoffnung zu kuͤnfftiger Herꝛ - lichkeit macht.

Aber indeſſen wieder zu meiner Heerd zu kommen / ſo wiſſet / daß ich den Wolff eben ſo wenig kennet / als meine eigene Unwiſſenheit ſelbſten; derowegen war mein Knan mit ſeiner Inſtruction deſto fleiſſiger: Er ſagte / Bub biß fleiſſig / loß di Schoff nit ze weit vunananger laffen / un ſpill wack er uff der Sackpfeif - fa / daß der Wolff nit kom / und Schada dau / dann he a ſolcher feyerboinigter Schelm und Dieb / der Menſcha und Vieha friſſt / un wan dau awer farlaͤſſj biſſt / ſo will eich dir da Buckel arauma. Jch ant - wortet mit gleicher Holdſeeligkeit: Knano / ſag mir aa / wey der Wolff ſeyhet? Eich huun noch kan Wolff geſien: Ah dau grober Eſel - kopp / replicirt er hinwieder / dau bleiweſt dein Lewelang a Narꝛ / geith meich wunner / was auß dir wera wird / bißt ſchun ſu a gruſſer Doͤlpel / un waiſt noch neit / was der Wolff fuͤr a fey erfeuſſiger Schelm . Er gab mir noch mehr Unterweiſungen / und wurde zuletzt un -willig14Deß Abentheurl. Simpliciſſimiwillig / maſſen er mit einem Gebruͤmmel fort gieng / weil er ſich beduncken lieſſe / mein grober Verſtand koͤnte ſeine ſubtile Unterweiſungen nicht faſſen.

Das III. Capitel.

DA fienge ich an mit meiner Sackpfeiffen ſo gut Geſchirꝛ zu machen / daß man den Krotten im Krautgarten damit haͤtte vergeben moͤgen / alſo daß ich vor dem Wolff / welcher mir ſtetig im Sinn lag / mich ſicher genug zu ſeyn bedunckte; und weilen ich mich meiner Meuͤder eriñert (alſo heiſſen die Muͤt - ter im Speſſert und am Vogelsberg) daß ſie offt ge - ſagt / ſie beſorge / die Huͤner wuͤrden dermaleins von meinem Geſang ſterben / als beliebte mir auch zu fin - gen / damit das Remedium wider den Wolff deſto kraͤfftiger waͤre / und zwar ein ſolch Lied / das ich von meiner Meuͤder ſelbſt gelernet hatte.

DU ſehr-verachter Bauren-Stand /
Biſt doch der beſte in dem Land /
Kein Mann dich gnugſam preiſen kan /
Wann er dich nur recht ſihet an.
Wie ſtůnd es jetzund umb die Welt /
Haͤtt Adam nicht gebaut das Feld /
Mit Hacken naͤhrt ſich anfangs der /
Von dem die Fůrſten kommen her.
Es iſt faſt alles unter dir /
Ja was die Erd nur bringt herfuͤr /
Worvon ernaͤhret wird das Land /
Geht dir anfaͤnglich durch die Hand.
Der Kaͤiſer / den uns GOtt gegeben /
Uns zu beſchuͤtzen / muß doch leben
Von15Erſtes Buch.
Von deiner Hand / auch der Soldat /
Der dir doch zufuͤgt manchen Schad.
Fleiſch zu der Speiß zeugſt auff allein /
Von dir wird auch gebaut der Wein /
Dein Pflug der Erden thut ſo noth /
Daß ſie uns gibt genugſam Brot.
Die Erde waͤr gantz wild durch auß /
Wann du auff ihr nicht hielteſt Hauß /
Gantz traurig auff der Welt es ſtuͤnd /
Wenn man kein Bauersmañ mehr fuͤnd.
Drumb biſt du billich hoch zu ehrn /
Weil du uns alle thuſt ernehrn /
Die Natur liebt dich ſelber auch /
GOtt ſegnet deinen Bauren-Brauch.
Vom bitter-boͤſen Podagram
Hoͤrt man nicht / daß an Bauren kam /
Das doch den Adel bringt in Noth /
Und manchen Reichen gar in Todt.
Der Hoffart biſt du ſehr befreyt /
Abſonderlich zu dieſer Zeit /
Und daß ſie auch nicht ſey dein Herꝛ /
So gibt dir Gott deß Creutzes mehr.
Ja der Soldaten boͤſer Brauch /
Dient gleichwol dir zum beſten auch /
Daß Hochmut dich nicht nehme ein /
Sagt er: Dein Hab und Gut iſt mein.

Biß hieher / und nicht weiter / kam ich mit meinem Geſang / dann ich ward gleichſam in einem Augen -blick16Deß Abentheurl. Simpliciſſimiblick von einem Trouppen Couraſſirer ſampt meiner Heerd Schaf umbgeben / welche im groſſen Wald verirꝛet geweſen / und durch meine Muſic und Hirten - Geſchrey wieder zu recht gebracht worden waren.

Hoho / gedachte ich / diß ſeynd die rechte Kaͤutz! diß ſeynd die vierdeinigte Schelmen und Dieb / dar - von dir dein Knan ſagte / dann ich ſahe anfaͤnglich Roß und Mann (wie hiebevor die Americaner die Spaniſche Cavallerey) vor ein einzige Creatur an / und vermeynte nicht anders / als es muͤſten Woͤlffe ſeyn / wolte derowegen dieſen ſchroͤcklichen Centauris den Hundsſprung weiſen / und ſie wieder abſchaffen; Jch hatte aber zu ſolchem End meine Sackpfeiffe kaum auffgeblaſen / da erdappte mich einer auß ihnen beym Fluͤgel / und ſchlendert mich ſo ungeſtuͤmm auff ein laͤer Baurenpferd / ſo ſie neben andern mehr auch erbeutet hatten / daß ich auff der andern Seiten wie - der herab auff meine liebe Sackpfeiffe fallen muſte / welche ſo erbaͤrmlich anfieng zu ſchreyen / als wann ſie alle Welt zu Barmhertzigkeit bewegen haͤtte wol - len: aber es halff nichts / wiewol ſie den letzten Athem nicht ſparete / mein Ungefaͤll zu beklagen / ich muſte einmal wieder zu Pferd / GOtt geb was meine Sack - pfeiffe ſang oder ſagte; und was mich zum meiſten verdroß / war dieſes / daß die Reuter vorgaben / ich haͤtte der Sackpfeiff im fallen wehe gethan / darumb ſie dann ſo Ketzerlich geſchryen haͤtte; Alſo gieng mei - ne Mehr mit mir dahin / in einem ſtetigen Trab / wie das Primum mobile, biß in meines Knans Hof. Wunderſeltzame Dauben ſtiegen mir damals ins Hirn / dann ich bildete mir ein / weil ich auff einem ſolchen Thier ſaͤſſe / dergleichen ich niemals geſehenhatte17Erſtes Buch. hatte / ſo wuͤrde ich auch in einen eiſernen Kerl ver - aͤndert werden / weil aber ſolche Verwandlung nicht folgte / kamen mir andere Grillen in Kopff / ich ge - dachte / dieſe fremde Dinger waͤren nur zu dem Ende da / mir die Schafe helffen heimzutreiben / ſintemal keiner von ihnen keines hinweg fraß / ſondern alle ſo einhellig / und zwar deß geraden Wegs / meines Knans Hof zu-eyleten: Derowegen ſahe ich mich fleiſſig nach meinem Knan umb / ob er und mein Meuͤ - der uns nicht bald entgegen gehen / und uns willkom̃ ſeyn heiſſen wolten; aber vergebens / er und meine Meuͤder / ſampt unſerm Urſele / welches meines Knans einige Tochter war / hatten die Hinderthuͤr troffen / und wolten dieſer Gaͤſt nicht erwarten.

Das IV. Capitel.

WJewol ich nicht bin geſinnet geweſen / den Fried - liebenden Leſer / mit dieſen Reutern / in meines Knans Hauß und Hof zu fuͤhren / weil es ſchlim ge - nug darinn hergehen wird: So erfordert jedoch die Folge meiner Hiſtori / daß ich der lieben poſteritaͤt hinderlaſſe / was vor Grauſamkeiten in dieſem un - ſerm Teutſchen Krieg hin und wieder veruͤbet wor - den / zumalen mit meinem eigenen Exempel zu bezeu - gen / daß alle ſolche Ubel von der Guͤte deß Allerhoͤch - ſten / zu unſerm Nutz / offt notwendig haben verhaͤngt werden muſſen: Dann lieber Leſer / wer haͤtte mir geſagt / daß ein GOtt im Himmel waͤre / wann keine Krieger meines Knans Hauß zernichtet / und mich durch ſolche Fahung unter die Leut gezwungen haͤt - ten / von denen ich genugſamen Bericht empfangen? Kurtz zuvor konte ich nichts anders wiſſen noch mir einbilden / als daß mein Knan / Meuͤder / ich und dasuͤbrige18Deß Abentheurl. Simpliciſſimiuͤbrige Haußgeſind / allein auff Erden ſeye / weil mir ſonſt kein Menſch / noch einige andere menſchliche Wohnung bekant war / als die jenige / darinn ich taͤglich auß und ein gieng: Aber bald hernach erfuhr ich die Herkunfft der Menſchen in dieſe Welt / und daß ſie wieder darauß muͤſten; ich war nur mit der Geſtalt ein Menſch / und mit dem Nahmen ein Chri - ſtenkind / im uͤbrigen aber nur ein Beſtia! Aber der Allerhoͤchſte ſahe meine Unſchuld mit barmhertzigen Augen an / und wolte mich beydes zu ſeiner und mei - ner Erkantnus bringen: Und wiewol er tauſender - ley Weg hierzu hatte / wolte er ſich doch ohn zweiffel nur deß jenigen bedienen / in welchem mein Knan und Meuͤder / andern zum Exempel / wegen ihrer lieder - lichen Aufferziehung geſtrafft wuͤrden.

Das erſte / das dieſe Reuter thaͤten / war / daß ſie ihre Pferd einſtelleten / hernach hatte jeglicher ſeine ſonderbare Arbeit zu verꝛichten / deren jede lauter Untergang und Verderben anzeigte / dann ob zwar ẽtliche anfiengen zu metzgen / zu ſieden und zu braten / daß es ſahe / als ſolte ein luſtig Panquet gehalten werden / ſo waren hingegen andere / die durch-ſtuͤrm - ten das Hauß unden und oben / ja das heimlich Ge - mach war nicht ſicher / gleichſam ob waͤre das guͤl - den Fell von Colchis darinnen verborgen; Andere machten von Tuch / Kleidungen und allerley Hauß - rath / groſſe Paͤck zuſammen / als ob ſie irgends ein Krempelmarckt anrichten wolten / was ſie aber nicht mit zu nehmen gedachten / wurde zerſchlagen / etliche durchſtachen Heu und Stroh mit ihren Degen / als ob ſie nicht Schaf und Schwein genug zu ſtechen gehabt haͤtten / etliche ſchuͤtteten die Federn auß denBetten19Erſtes Buch. Betten / und fuͤlleten hingegen Speck / andere duͤrꝛ Fleiſch und ſonſt Geraͤth hinein / als ob alsdann beſ - ſer darauff zu ſchlaffen geweſt waͤre; Andere ſchlu - gen Ofen und Fenſter ein / gleichſam als haͤtten ſie ein ewigen Sommer zu verkuͤndigen / Kupffer und Zinnengeſchirꝛ ſchlugen ſie zuſammen / und packten die gebogene und verderbte Stuck ein / Bettladen / Tiſch / Stuͤl und Baͤnck verbrannten ſie / da doch viel Claffter duͤrꝛ Holtz im Hof lag / Haͤfen und Schuͤſ - ſeln muſte endlich alles entzwey / entweder weil ſie lieber Gebraten aſſen / oder weil ſie bedacht waren / nur ein einzige Mahlzeit allda zu halten / unſer Magd ward im Stall dermaſſen tractirt / daß ſie nicht mehr darauß gehen konte / welches zwar eine Schand iſt zu melden! den Knecht legten ſie gebunden auff die Erd / ſtecketen ihm ein Sperꝛholtz ins Maul / und ſchuͤtteten ihm einen Melckkuͤbel voll garſtig Miſtla - chen-waſſer in Leib / das nenneten ſie ein Schwedi - ſchen Trunck / wordurch ſie ihn zwungen / eine Par - they anderwerts zu fuͤhren / allda ſie Menſchen und Viehe hinweg namen / und in unſern Hof brachten / unter welchen mein Knan / mein Meuͤder / und unſer Urſele auch waren.

Da fieng man erſt an / die Stein von den Piſtolen / und hingegen an deren ſtatt der Bauren Daumen auf - zuſchrauben / und die arme Schelmen ſo zufoltern / als wann man haͤtt Hexen brennen wollen / maſſen ſie auch einen von den gefangenen Bauren bereits in Bachofen ſteckten / und mit Feuer hinder ihm her warn / ohnangeſehen er noch nichts bekennt hatte; ei - nem andern machten ſie ein Sail umb den Kopff / und raittelten es mit einem Bengel zuſammen / daß ihmdas20Deß Abentheurl. Simpliciſſimidas Blut zu Mund / Nas und Ohren herauß ſprang. Jn Summa / es hatte jeder ſein eigene invention, die Bauren zu peinigen / und alſo auch jeder Bauer ſeine ſonderbare Marter: Allein mein Knan war meinem damaligen Beduncken nach der gluͤckſeeligſte / weil er mit lachendem Mund bekennete / was andere mit Schmertzen und jaͤmmerlicher Weheklag ſagen mu - ſten / und ſolche Ehre widerfuhr ihm ohne Zweiffel darumb / weil er der Haußvatter war / dann ſie ſetzten ihn zu einem Feuer / banden ihn / daß er weder Haͤnd noch Fuͤß regen konte / und rieben ſeine Fußſolen mit angefeuchtem Saltz / welches ihm unſer alte Geiß wieder ablecken / und dardurch alſo kuͤtzeln muſte / daß er vor lachen haͤtte zerberſten moͤgen; das kam ſo art - lich / daß ich Geſellſchafft halber / oder weil ichs nicht beſſer verſtunde / von Hertzen mit lachen muſte: Jn ſolchem Gelaͤchter bekante er ſeine Schuldigkeit / und oͤffnet den verborgenen Schatz / welcher von Gold / Perlen und Cleinodien viel reicher war / als man hinder Bauren haͤtte ſuchen moͤgen. Von den gefangenen Weibern / Maͤgden und Toͤchtern / weiß ich ſonderlich nichts zu ſagen / weil mich die Krieger nicht zuſehen lieſſen / wie ſie mit ihnen umbgiengen: Das weiß ich noch wol / daß man theils hin und wi - der in den Winckeln erbaͤrmlich ſchreyen hoͤrte / ſchaͤ - tze wol / es ſey meiner Meuͤder und unſerm Urſele nit beſſer gangen / als den andern. Mitten in dieſem Elend wendet ich Braten / und halff Nachmittag die Pferd traͤncken / durch welches Mittel ich zu unſerer Magd in Stall kam / welche wunderwercklich zer - ſtrobelt außſahe / ich kennete ſie nicht / ſie aber ſprach zu mir mit kraͤncklichter Stimm: O Bub lauff weg /ſonſt21Erſtes Buch. ſonſt werden dich die Reuter mit nemmen / guck daß du davon kommſt / du ſiheſt wol / wie es ſo uͤbel: meh - rers konte ſie nicht ſagen.

Das V. Capitel.

DA machte ich gleich den Anfang / meinen un - gluͤcklichen Zuſtand / den ich vor Augen ſahe / zu betrachten / und zu gedencken / wie ich mich foͤrder - lichſt außdrehen moͤchte; wohin aber? darzu war mein Verſtand viel zu gering / einen Vorſchlag zu thun / doch hat es mir ſo weit gelungen / daß ich gegen Abend in Wald bin entſprungen. Wo nun aber weiters hinauß? ſintemahl mir die Wege und der Wald ſo wenig bekant waren / als die Straß durch das gefrorne Meer / hinder Nova Zembla, biß gen China hinein: die ſtockfinſtere Nacht bedeckte mich zwar zu meiner Verſicherung / jedoch bedauchte ſie meinen finſtern Verſtand nicht finſter genug / dahero verbarg ich mich in ein dickes Geſtraͤuch / da ich ſo wol das Geſchrey der getrillten Bauren / als das Ge - ſang der Nachtigallen hoͤren konte / welche Voͤgelein ſie die Bauren / von welchen man theils auch Voͤgel zu nennen pflegt / nicht angeſehen hatten / mit ihnen Mitleiden zu tragen / oder ihres Ungluͤcks halber das liebliche Geſang einzuſtellen / darumb legte ich mich auch ohn alle Sorge auff ein Ohr / und entſchlieff. Als aber der Morgenſtern im Oſten herfuͤr flackerte / ſahe ich meines Knans Hauß in voller Flamme ſte - hen / aber niemand der zu leſchen begehrte; ich begab mich herfuͤr / in Hoffnung / jemand von meinem Knan anzutreffen / wurde aber gleich von fuͤnff Reutern er - blickt / und angeſchryen: Junge / kom heroͤfer / oder ſchall my de Tuͤfel halen / ick ſchiedtedick /22Deß Abentheurl. Simpliciſſimidick / dat di de Dampff zum Hals utgaht; Jch hingegen blieb gantz ſtockſtill ſtehen / und hatte das Maul offen / weil ich nicht wuſte / was der Reu - ter wolte oder meynte / und in dem ich ſie ſo anſahe / wie ein Katz ein neu Scheurthor / ſie aber wegen ei - nes Moraſtes nicht zu mir kommen konten / welches ſie ohn Zweiffel rechtſchaffen vexierte / loͤſete der eine ſeinen Carbiner auff mich / von welchem urploͤtzli - chen Feuer und unverſehnlichem Klapff / den mir Echo durch vielfaͤltige Verdoppelung grauſamer machte / ich dermaſſen erſchreckt ward / weil ich der - gleichen niemals gehoͤret oder geſehen hatte / daß ich alſobald zur Erden niderfiele / ich regete vor Angſt keine Ader mehr / und wiewol die Reuter ihres Wegs fort ritten / und mich ohn Zweiffel vor todt ligen lieſ - ſen / ſo hatte ich jedoch denſelbigen gantzen Tag das Hertz nicht / mich auffzurichten; Als mich aber die Nacht wieder ergriffe / ſtunde ich auff / und wanderte ſo lang im Wald fort / biß ich von fern einen faulen Baum ſchimmern ſahe / welcher mir ein neue Forcht einjagte / kehrete derowegen Sporenſtreichs wieder umb / und gieng ſo lang / biß ich wieder einen andern dergleichen Baum erblickte / von dem ich mich gleich - falls wieder fort machte / und auff dieſe Weiſe die Nacht mit hin und wieder rennen / von einem faulen Baum zum andern / vertriebe / zuletzt kam mir der liebe Tag zu Huͤlff / welcher den Baͤumen gebotte / mich in ſeiner Gegenwart ohnbetruͤbt zu laſſen / aber hiermit war mir noch nichts geholffen / dann mein Hertz ſieckte voll Angſt und Forcht / die Schenckel voll Muͤdigkeit / der laͤere Magen voll Hunger / das Maul voll Durſt / das Hirn voll naͤrꝛiſcher Einbil -dung23Erſtes Buch. dung / und die Augen voller Schlaff: Jch gieng dan - noch fuͤrter / wuſte aber nicht wohin / je weiter ich aber gieng / je tieffer ich von den Leuten hinweg in Wald kam: Damals ſtunde ich auß / und empfande (jedoch gantz unvermerckt) die Wuͤrckung deß Un - verſtands und der Unwiſſenheit / wann ein unver - nuͤnfftig Thier an meiner Stell geweſen waͤre / ſo haͤtte es beſſer gewuſt / was es zu ſeiner Erhaltung haͤtte thun ſollen / als ich / doch war ich noch ſo witzig / als mich abermal die Nacht ereylte / daß ich in einen holen Baum kroche / mein Nachtlaͤger darinnen zu halten.

Das VI. Capitel.

KAum hatte ich mich zum Schlaff accommodiret / da hoͤrete ich folgende Stimm: O groſſe Liebe / gegen uns und anckbarn Menſchen! Ach mein eini - ger Troſt! mein Hoffnung / mein Reichthum / mein GOtt! und ſo dergleichen mehr / das ich nicht alles mercken noch verſtehen koͤnnen.

Dieſes waren wol Wort / die einen Chriſten men - ſchen / der ſich in einem ſolchen Stand / wie ich mich dazumal befunden / billich auffmuntern / troͤſten und erfreuen haͤtten ſollen: Aber / O Einfalt und Unwiſ - ſenheit! es waren mir nur Boͤhmiſche Doͤrffer / und alles ein gantz unverſtaͤndliche Sprach / auß deren ich nicht allein nichts faſſen konte / ſondern auch ein ſolche / vor deren Selzamkeit ich mich entſetzte; da ich aber hoͤrete / daß deſſen / der ſie redete / Hunger und Durſt geſtillt werden ſolte / riethe mir mein ohner -[tr]aͤglicher Hunger / mich auch zu Gaſt zu laden / de -[r]owegen faſſte ich das Hertz / wieder auß meinem holen Baum zu gehen / und mich der gehoͤrten Stim̃Bzu24Deß Abentheurl. Simpliciſſimizu naͤhern / da wurde ich eines groſſen Manns ge - wahr / in langen ſchwartzgrauen Haaren / die ihm gantz verworꝛen auff den Achſeln herumb lagen / er hatte einen wilden Bart / faſt formirt wie ein Schwei - tzer-Kaͤß / ſein Angeſicht war zwar bleich-gelb und mager / aber doch zimlich lieblich / und ſein langer Rock mit mehr als 1000. Stückern / von allerhand Tuch uͤberflickt und auffeinander geſetzt / umb Hals und Leib hatte er ein ſchwere eiſerne Ketten gewunden wie S. Wilhelmus, und ſahe ſonſt in meinen Augen ſo ſcheußlich und foͤrchterlich auß / daß ich anfienge zu zittern / wie ein naſſer Hund / was aber meine Angſt mehret / war / daß er ein Crucifix ungefaͤhr 6. Schuh lang / an ſeine Bruſt druckte / und weil ich ihn nicht kennete / konte ich nichts anders erſinnen / als dieſer alte Greiß muͤſte ohn Zweiffel der Wolff ſeyn / da - von mir mein Knan kurtz zuvor geſagt hatte: Jn ſol - cher Angſt wiſchte ich mit meiner Sackpfeiff herfuͤr / welche ich als meinen einigen Schatz noch vor den Reutern ſalvirt hatte; ich bließ zu / ſtimmte an / und lieſſe mich gewaltig hoͤren / dieſen greulichen Wolff zu vertreiben / uͤber welcher gehlingen und ohnge - woͤhnlichen Muſic, an einem ſo wilden Ort / der Ein - ſidel anfaͤnglich nicht wenig ſtutzte / ohn Zweiffel ver - meynende / es ſeye etwan ein teuffliſch Geſpenſt hin kommen / ihne / wie etwan dem groſſen Anthonio wi - derfahren / zu tribuliren / und ſeine Andacht zu zerſtoͤ - ren: So bald er ſich aber wieder erholete / ſpottet er meiner / als ſeines Verſuchers im holen Baum / wo hinein ich mich wieder retirirt hatte / ja er war ſo ge - troſt / daß er gegen mir gieng / den Feind deß menſch - lichen Geſchlechts genugſam außzuhoͤhnen; Ha /ſagte25Erſtes Buch. ſagte er / du biſt ein Geſell darzu / die Heiligen ohne goͤttliche Verhaͤngnus / ꝛc. mehrers habe ich nicht verſtanden / dann ſeine Naͤherung ein ſolch Grauſen und Schrecken in mir erꝛegte / daß ich deß Ampts meiner Sinne beraubt wurde / und dorthin in Ohn - macht nider ſanck.

Das VII. Capitel.

WAs geſtalten mir wieder zu mir ſelbſt geholffen worden / weiß ich nicht / aber dieſes wol / daß der Alte meinen Kopff in ſeinem Schos / und vornen meine Juppen geoͤffnet gehabt / als ich mich wieder erholete / da ich den Einſidler ſo nahe bey mir ſahe / fieng ich ein ſolch grauſam Geſchrey an / als ob er mir im ſelben Augenblick das Hertz auß dem Leib haͤt - te reiſſen wollen: Er aber ſagte / mein Sohn / ſchweig / ich thue dir nichts / ſey zu frieden / ꝛc. je mehr er mich aber troͤſtete / und mir liebkoſte: Je mehr ich ſchrye / O du friſſt mich! O du friſſt mich! du biſt der Wolf / und wilſt mich freſſen: Ey ja wol nein / mein Sohn / ſagte er / ſey zu frieden / ich friß dich nicht. Diß Ge - fecht waͤhrete lang / biß ich mich endlich ſo weit lieſſe weiſen / mit ihm in ſeine Huͤtten zu gehen / darin war die Armut ſelbſt Hofmeiſterin / der Hunger Koch / und der Mangel Kuͤchenmeiſter / da wurde mein Ma - gen mit einem Gemuͤß und Trunck Waſſers gelabt / und mein Gemuͤt / ſo gantz verwirꝛet war / durch deß Alten troͤſtliche Freundligkeit wieder auffgericht und zu recht gebracht: Derowegen ließ ich mich durch die Anreitzung deß ſuͤſſen Schlaffes leicht bethoͤren / der Natur ſolche Schuldigkeit abzulegen. Der Ein - ſidel merckte meine Notdurfft / darumb lieſſe er mir den Platz allein in ſeiner Huͤtten / weil nur einer darinB ijligen26Deß Abentheurl. Simpliciſſimiligen konte; ohngefaͤhr umb Mitternacht erwachte ich wieder / und hoͤrete ihn folgendes Lied ſingen / wel - ches ich hernach auch gelernet:

KOmm Troſt der Nacht / O Nachtigal /
Laß deine Stimm mit Freudenſchall /
Auffs lieblichſte erklingen: /:
Komm / komm / und lob den Schoͤpffer dein /
Weil andre Voͤglein ſchlaffen ſeyn /
Und nicht mehr moͤgen ſingen:
Laß dein / Stimmlein /
Laut erſchallen / dann vor allen
Kanſtu loben
Gott im Himmel hoch dort oben.
Ob ſchon iſt hin der Sonnenſchein /
Und wir im Finſtern muͤſſen ſeyn /
So koͤnnen wir doch ſingen: /:
Von Gottes Guͤt und ſeiner Macht /
Weil uns kan hindern keine Macht /
Sein Lob zu vollenbringen.
Drumb dein / Stimmlein /
Laß erſchallen / dann vor allen
Kanſtu loben /
Gott im Himmel hoch dort oben.
Echo, der wilde Widerhall /
Will ſeyn bey dieſem Freudenſchall /
Und laͤſſet ſich auch hoͤren: /:
Verweiſt uns alle Muͤdigkeit /
Der wir ergeben allezeit /
Lehrt uns den Schlaff bethoͤren.
Drumb dein / Stimmlein / ꝛc.
Die27Erſtes Buch.
Die Sterne / ſo am Himmel ſtehn /
Laſſen ſich zum Lob Gottes ſehn /
Und thun ihm Ehr beweiſen: /:
Auch die Eul die nicht ſingen kan /
Zeigt doch mit ihrem heulen an /
Daß ſie Gott auch thu preiſen.
Drumb dein / Stimmlein / ꝛc.
Nur her mein liebſtes Voͤgelein /
Wir wollen nicht die faͤulſte ſeyn /
Und ſchlaffend ligen bleiben: /:
Sondern biß daß die Morgenroͤt /
Erfreuet dieſe Waͤlder oͤd /
Jm Lob Gottes vertreiben.
Laß dein / Stimmlein /
Laut erſchallen / dann vor allen
Kanſtu loben /
GOtt im Himmel hoch dort oben.

Unter waͤhrendem dieſem Geſang bedunckte mich warhafftig / als wann die Nachtigal ſo wol / als die Eul und Echo, mit eingeſtimmt haͤtten / und wann ich den Morgenſtern jemals gehoͤrt / oder deſſen Melo - dey auff meiner Sackpfeiffen aufzumachen vermoͤcht / ſo waͤre ich auß der Huͤtten gewiſcht / meine Karten mit einzuwerffen / weil mich dieſe Harmonia ſo lieb - lich zu ſeyn bedunckte / aber ich entſchlieff / und er - wachte nicht wieder / biß wol in den Tag hinein / da der Einfidel vor mir ſtunde / und ſagte: Uff Kleiner / ich will dir Eſſen geben / und alsdann den Weg durch den Wald weiſen / damit du wieder zu den Leuten / und noch vor Nacht in das nachſte Dorff kommeſt; Jch fragte ihn / was ſind das fuͤr Dinger / Leuten undB iijDorff28Deß Abentheurl. SimpliciſſimiDorff? Er ſagte / biſt du dann niemalen in keinem Dorff geweſt / und weiſt auch nicht / was Leut oder Menſchen ſeynd? Nein / ſagte ich / nirgends als bier bin ich geweſt / aber ſag mir doch / was ſeynd Leut / Menſchen und Dorff? Behuͤt GOtt / antwortet der Einſidel / biſt du naͤrꝛiſch oder geſcheid? Nein / ſagte ich / meiner Meuͤder und meines Knans Bub bin ich / und nicht der naͤrꝛiſch oder der geſcheid: Der Einſi - del verwundert ſich mit Seufftzen und Becreutzi - gung / und ſagte: Wol liebes Kind / ich bin gehal - ten / dich umb GOttes willen beſſer zu unterꝛichten: Darauff fielen unſere Reden und Gegen-Reden / wie folgend Capitel außweiſet.

Das VIII. Capitel.

EJnſidel: Wie heiſſeſtu? Simpl. Jch heiſſe Bub. Einſid. Jch ſihe wol / daß du kein Maͤgdlein biſt / wie hat dir aber dein Vatter und Mutter geruffen? Simpl. Jch habe keinen Vatter oder Mutter gehabt: Einſid. Wer hat dir dann das Hemd geben? Simpl. Ey mein Meuͤder: Einſ. Wie heiſſet dich dann dein Meuͤder? Simpl. Sie hat mich Bub geheiſſen / auch Schelm / ungeſchickter Doͤlpel / und Galgenvogel: Einſ. Wer iſt dann deiner Mutter Mann geweſt? Simpl. Niemand: Einſid. Bey wem hat dann dein Meuͤder deß Nachts geſchlaffen? Simpl. bey meinem Knan: Einſid. Wie hat dich dann dein Knan ge - heiſſen? Simpl. Er hat mich auch Bub genennet: Einſid. Wie hieſſe aber dein Knan? Simpl. Er heiſt Knan: Einſid. Wie hat ihm aber dein Meuͤder ge - ruffen? Simpl. Knan / und auch Meiſter: Einſid. Hat ſie ihn niemals anders genennet? Simpl. Ja /ſie29Erſtes Buch. hat: Einſid. Wie dann? Simp Ruͤlp / grober Ben - gel / volle Sau / und noch wol anders / wann ſie ha - derte: Einſid. Du biſt wol ein unwiſſender Tropff / daß du weder deiner Eltern noch deinen eignen Nah - men nicht weiſt! Simpl. Eya / weiſt dus doch auch nicht: Einſid. Kanſtu auch beten? Simpl. Nain / unſer Ann und mein Meuͤder haben als das Bett ge - macht: Einſid. Jch frage nicht hiernach / ſondern ob du das Vatter unſer kanſt? Simpl. Ja ich: Einſ. Nun ſo ſprichs dann: Simpl. Unſer lieber Vatter / der du biſt Himel / hailiget werde nam / zrkommes d Reich / dein Will ſchee Himmel ad Erden / gib uns Schuld / als wir unſern Schuldigern geba / ſuͤhr uns nicht in kein doͤß Verſucha / ſondern erloͤß uns von dem Reich / und die Krafft / und die Herꝛlichkeit / in Ewigkeit / Ama. Einſid. Biſtu nie in die Kirchen gangen? Simp. Ja ich kan wacker ſteigen / und hab als ein gantzen Buſem voll Kirſchen gebrochen: Einſid. Jch ſage nicht von Kirſchen / ſondern von der Kirchen: Simpl. Haha / Kriechen / gelt es ſeynd ſo kleine Pflaͤumlein? gelt du? Einſid. Ach daß GOtt walte / weiſtu nichts von unſerm Herr Gott? Simpl. Ja / er iſt daheim an unſerer Stuben - thuͤr geſtanden auff dem Helgen / mein Meuͤder hat ihn von der Kuͤrbe mitgebracht / und hin gekleibt: Einſid. Ach guͤtiger GOtt / nun erkenne ich erſt / was vor eine groſſe Gnad und Wolthat es iſt / wem du deine Erkantnus mittheileſt / und wie gar nichts ein Menſch ſeye / dem du ſolche nicht gibſt: Ach HErꝛ verleyhe mir deinen heiligen Nahmen alſo zu ehren / daß ich wuͤrdig werde / umb dieſe hohe Gnad ſo eyfe - rig zu dancken / als freygebig du geweſt / mir ſolcheB jvzu30Deß Abentheurl. Simpliciſſimizu verleyhen: Hoͤre du Simpl. (dann anderſt kan ich dich nicht nennen) wann du das Vatter unſer beteſt / ſo muſtu alſo ſprechen: Vatter unſer / der du biſt im Himmel / geheiliget werde dein Nahm / zukomme uns dein Reich / dein Will geſchehe auff Erden wie im Himmel / unſer taͤglich Brod gib uns heut / und: Simpl. Gelt du / auch Kaͤß darzu? Einſid. Ach lie - bes Kind / ſchweige und lerne / ſolches iſt dir viel noͤ - tiger als Kaͤß / du biſt wol ungeſchickt / wie dein Meu - der geſagt hat / ſolchen Buben wie du biſt / ſtehet nicht an / einem alten Mann in die Red zu fallen / ſondern zu ſchweigen / zuzuhoͤꝛen und zu lernen / wuͤſte ich nur / wo deine Eltern wohneten / ſo wolte ich dich gerne wieder hin bringen / und ſie zugleich lehren / wie ſie Kinder erziehen ſolten; Simpl. Jch weiß nicht / wo ich hin ſoll / unſer Hauß iſt verbrennet / und mein Meuͤder hinweg geloffen / und wieder kommen mit dem Urſele / und mein Knan auch / und unſer Magd iſt kranck geweſt / und iſt im Stall gelegen. Einſid. Wer hat dann das Hauß verbrennt? Simpl. Ha / es ſind ſo eiſerne Maͤnner kommen / die ſeynd ſo auff Dingern geſeſſen / groß wie Ochſen / haben aber keine Hoͤrner / dieſelbe Maͤnner haben Schafe und Kuͤbe und Saͤu geſtochen / und da bin ich auch weg gelof - fen / und da iſt darnach das Hauß verbrennt geweſt: Einſid. Wo war dann dein Knan? Simpl. Ha / die eiferne Maͤnner haben ihn angebunden / da hat ihm unſer alte Gaiß die Fuͤß geleckt / da hat mein Knau lachen muͤſſen / und hat denſelben eiſernen Mannen viel Weißpfenning geben / groſſe und kleine / auch huͤbſche gelbe / und ſonſt ſchoͤne klitzerechte Dinger / und huͤbſche Schnuͤr voll weiſſe Kuͤgelein. Einſ. wañiſt31Erſtes Buch. iſt diß geſchehen? Simpl. Ey wie ich der Schaf hab huͤten ſollen / ſie haben mir auch mein Sackpfeiff wol - len nemmen: Einſid. Wann haſtu der Schaf ſol - len huͤten? Simpl. Ey hoͤrſtus nicht / da die eiſerne Maͤnner kommen ſind / und darnach hat unſer Ann geſagt / ich ſoll auch weg lauffen / ſonſt wuͤrden mich die Krieger mit nehmen / ſie hat aber die eiſerne Maͤn - ner gemeynet / und da ſein ich weg geloffen / und ſein hieher kommen: Einſid. Wo hinauß wilſt du aber jetzt? Simpl. Jch weiß weger nit / ich will bey dir hier bleiben: Einſid. Dich hier zu behalten / iſt weder mein noch dein Gelegenheit / eſſe / alsdann will ich dich wieder zu Leuten fuͤhren: Simpl. Ey ſo ſag mir dann auch / was Leut vor Dinger ſeyn? Einſid. Leut ſeynd Menſchen wie ich und du / dein Knan / dein Meuͤder und euer Ann ſeynd Menſchen / und wann deren viel beyeinander ſeynd / ſo werden ſie Leut ge - nennt: Simpl. Haha; Einſid. Nun gehe und eſſe. Diß war unſer Diſcurs, unter welchem mich der Ein - ſidel offt mit den allertieffſten Seufftzen anſchauete / nicht weiß ich / ob es darumb geſchahe / weil er ein ſo groß Mitleiden mit meiner Einfalt und Unwiſſen - heit hatte / oder auß der Urſach / die ich erſt uͤber etli - che Jahr hernach erfuhr.

Das IX. Capitel.

JCh fieng an zu eſſen / und hoͤrete auff zu papplen / welches nicht laͤnger waͤhrete / als biß ich nach Notdurfft gefuͤttert hatte / und mich der Alte fort ge - hen hieſſe: Da ſuchte ich die allerzarteſte Wort her - fuͤr / die mir mein baͤuriſche Grobheit immermehr eingeben konte / welche alle dahin giengen / den Ein -B vfidel32Deß Abentheurl. Simpliciſſimiſidel zu bewegen / daß er mich bey ihm behielte: Ob es ihm nun zwar beſchwerlich gefallen / meine ver - druͤßliche Gegenwart zu gedulden / ſo hat er jedoch beſchloſſen / mich bey ihm zu leiden / mehr / daß er mich in der Chriſtlichen Religion unterꝛichtete / als ſich in ſeinem vorhandenen Alter meiner Dienſte zu bedienen / ſein groͤſte Sorg war / mein zarte Jugend doͤrffte ein ſolche harte Art zu leben / in die Laͤnge nit außharꝛen moͤgen.

Eine Zeit von ungefaͤhr drey Wochen war mein Probier-Jahr / in welcher eben S. Gertraud mit den Gaͤrtnern zu Feld lag / alſo daß ich mich auch in deren Profeſſion gebrauchen lieſſe / ich hielte mich ſo wol / daß der Einſidel ein ſonderliches Gefallen an mir hatte / nicht zwar der Arbeit halber / ſo ich zu - vor zu vollbringen gewohnet war / ſondern weil er ſahe / daß ich eben ſo begierig ſeine Unterweiſungen hoͤrete / als geſchickt die Waxwaiche / und zwar noch glatte Tafel meines Hertzens ſolche zu faſſen / ſich er - zeigte: Solcher Urſachen halber wurde er auch de - ſto eyferiger / mich in allem Guten anzufuͤhren / er machte den Anfang ſeiner Unterꝛichtungen vom Fall Lucifers / von dannen kam er in das Paradeis / und als wir mit unſern Eltern dar auß verſtoſſen wurden / paſſirte er durch das Geſetz Moſis / und lernete mich vermittelſt der zehen Gebot Gottes und ihrer Außle - gungen (von denen er ſagte / daß ſie ein wahre Richt - ſchnur ſeyen / den Willen GOttes zu erkennen / und nach denſelben ein heiliges Gott wolgefaͤlliges Leben anzuſtellen) die Tugenden von den Laſtern zu unter - ſcheiden / das gute zu thun / und das boͤſe zu laſſen: Endlich kam er auff das Evangelium / und ſagte mirvon33Erſtes Buch. von Chriſti Geburt / Leiden / Sterben und Aufferſte - hung; zuletzt beſchloſſe ers mit dem juͤngſten Tag / und ſtellet mir Himmel und Hoͤll vor Augen / und ſolches alles mit gebuͤhrenden Umbſtaͤnden / doch nit mit gar zu uͤberfluͤſſiger Weitlaͤufftigkeit / ſondern wie ihn duͤnckte / daß ichs am allerbeſten faſſen und verſtehen moͤchte / wann er mit einer materia fertig war / hub er ein andere an / und wuſte ſich bißweilen in aller Gedult nach meinen Fragen ſo artlich zu regu - liren / und mit mir zu verfahren / daß er mirs auch nicht beſſer haͤtte eingieſſen koͤnnen / ſein Leben und ſei - ne Reden waren mir eine immerwaͤhrende Predigt / welche mein Verſtand / der eben nicht ſo gar dumm und hoͤltzern war / vermittels Goͤttlicher Gnad / nicht ohne Frucht abgehen lieſſe / allermaſſen ich alles das jenige / was ein Chriſt wiſſen ſoll / nicht allein in ge - dachten dreyen Wochen gefaſt / ſondern auch ein ſol - che Lieb zu deſſen Unterꝛicht gewonnen / daß ich deß Nachts nicht darvor ſchlaffen konte.

Jch habe ſeithero der Sach vielmal nachgedacht / und befunden / daß Ariſtot. lib. 3. de Anima wol ge - ſchloſſen / als er die Seele eines Menſchen einer laͤe - ren ohnbeſchriebenen Tafel verglichen / darauff man allerhand notiren koͤnne / und daß ſolches alles da - rumb von dem hoͤchſten Schoͤpffer geſchehen ſeye / damit ſolche glatte Tafel durch fleiſſige Impreſſion und Ubung gezeichnet / und zur Vollkommenheit und perfection gebracht werde; dahero dann auch ſein Commentator Averroes lib. 2. de Amma (da der Philoſophus ſagt / der Intellectus ſey als potentia, werde aber nichts in actum gebracht / als durch die Scientiam, das iſt / es ſeye deß Menſchen VerſtandB vjaller -34Deß Abentheurl. Simpliciſſimiallerdings faͤhig / koͤnne aber nichts ohne fleiſſige Ubung hinein gebracht werden) dieſen klaren Auß - ſchlag gibt: nemlich / es ſeye dieſe Scientia oder U - bung die perfection der Seelen / welche fuͤr ſich ſelbſt uͤberall nichts an ſich habe; Solches beſtaͤtigt Cice - ro lib. 2. Tuſcul. quæſt. Welcher die Seel deß Men - ſchen ohne Lehr / Wiſſenſchafft und Ubung / einem ſolchen Feld vergleicht / das zwar von Natur frucht - bar ſeye / aber wann man es nicht baue und beſaame / gleichwol keine Frucht bringe.

Solches alles erwieſe ich mit meinem eigenen Exempel / denn daß ich alles ſo bald gefaſſt / was mir der fromme Einſidel vorgehalten / iſt daher kommen / weil er die geſchlichte Tafel meiner Seelen gantz laͤer / und ohn einige zuvor hinein gedruckte Bildnuſ - ſen gefunden / ſo etwas anders hinein zu bringen haͤtt hindern moͤgen; gleichwol aber iſt die pure Einfalt gegen andern Menſchen zu rechnen / noch immerzu bey mir verblieben / dahero der Einſidel (weil weder er noch ich meinen rechten Nahmen gewuſt) mich nur Simplicium genennet.

Mithin lernete ich auch beten / und als er meinem ſteiffen Vorſatz / bey ihm zu bleiben / ein Genuͤgen zu thun entſchloſſen / baueten wir vor mich eine Huͤtten gleich der ſeinigen / von Holtz / Reiſern und Erden / faſt formirt wie der Muſquetirer im Feld ihre Zelten / oder beſſer zu ſageu / die Bauren an theils Orten ihre Rubenloͤcher haben / zwar ſo nider / daß ich kaum auff - recht darinn ſitzen konte / mein Bett war von duͤrꝛem Laub und Gras / und eben ſo groß als die Huͤtte ſelbſt / ſo daß ich nit weiß / ob ich dergleichen Wohnung oder Hoͤlen eine bedeckte Laͤgerſtatt / oder eine Huͤtte neñen ſoll.

Das35Erſtes Buch.

Das X Capitel.

ALs ich das erſte mal den Einſidel in der Bibel le - ſen ſahe / konte ich mir nicht einbilden / mit wem er doch ein ſolch heimlich / und meinem Beduncken nach ſehr ernſtlich Geſpraͤch haben muͤſte; ich ſahe wol die Bewegung ſeiner Lippen / hingegen aber nie - mand / der mit ihm redet / und ob ich zwar nichts vom leſen und ſchreiben gewuſt / ſo merckte ich doch an ſei - nen Augen / daß ers mit etwas in ſelbigem Buch zu thun hatte: Jch gab Achtung auff das Buch / und nachdem er ſolches beygelegt / machte ich mich dar - hinder / ſchlugs auff / und bekam im erſten Griff das erſte Capitel deß Hiobs / und die davor ſtehende Fi - gur / ſo ein feiner Holtzſchnitt / und ſchoͤn illuminirt war / in die Augen; ich fragte dieſelbige Bilder ſel - zame Sachen / weil mir aber kein Antwort widerfah - ren wolte / wurde ich ungedultig / und ſagte eben / als der Einſidel hinder mich ſchlich: Jhr kleine Hudler / habt ihr dann keine Maͤuler mehr? habt ihr nicht al - lererſt mit meinem Vatter (dann alſo muſte ich den Einſidel nennen) lang genug ſchwaͤtzen koͤnnen? ich ſihe wol / daß ihr auch dem armen Knan ſeine Schaf heim treibt / und das Hauß angezuͤndet habt / halt / halt / ich will diß Feuer noch wol leſchen / damit ſtunde ich auff Waſſer zu holen / weil mich die Noth vorhanden zu ſeyn bedunckte. Wohin Simplici? ſagt der Einſidel / den ich binder mir nicht wuſte / Ey Vatter / ſagte ich / da ſind auch Krieger / die haben Schaf / und wollens weg treiben / ſie habens dem armen Mann genommen / mit dem du erſt geredet haſt / ſo brennet ſein Hauß auch ſchon liechterlohe / und wann ich nicht bald leſche / ſo wirds verbrennen;B vijmit36Deß Abentheurl. Simpliciſſimimit dieſen Worten zeigte ich ihm mit dem Finger / was ich ſahe: Bleib nur / ſagte der Einſidel / es iſt noch keine Gefahr vorhanben; Jch antwortete / meiner Hoͤfligkeit nach / biſt du dann blind / wehre du / daß ſie die Schaf nicht fort treiben / ſo will ich Waſ - ſer holen: Ey / ſagte der Einſidel / dieſe Bilder leben nicht / ſie ſeynd nur gemacht / uns vorlaͤngſt geſche - hene Dinge vor Augen zu ſtellen / ich antwortet / du haſt ja erſt mit ihnen geredt / warumb wolten ſie dann nicht leben?

Der Einſidel muſte wider ſeinen Willen und Ge - wonheit lachen / und ſagte: Liebes Kind / dieſe Bilder koͤnnen nicht reden / was aber ihr Thun und Weſen ſey / kan ich auß dieſen ſchwartzen Linien ſehen / wel - ches man leſen nennet / und wann ich dergeſtalt leſe / ſo haͤlteſt du darvor / ich rede mit den Bildern / ſo aber nichts iſt: Jch antwortet / wann ich ein Menſch bin wie du / ſo muͤſte ich auch an denen ſchwartzen Zeilen koͤnnen ſehen / was du kanſt / wie ſoll ich mich in dein Geſpraͤch richten? Lieber Vatter / berichte mich doch eygentlich / wie ich die Sach verſtehen ſolle? Darauff ſagte er / nun wolan mein Sohn / ich will dich lehren / daß du ſo wol als ich mit dieſen Bildern wirſt reden koͤnnen / allein wird es Zeit brauchen / in welcher ich Gedult / und du Fleiß anzulegen; dem - nach ſchriebe er mir ein Alphabet auff dirckene Rin - den / nach dem Druck formirt / und als ich die Buch - ſtaben kennete / lernete ich buchſtabiren / folgends leſen / und endlich beſſer ſchreiben / als es der Ein - ſidel ſelber konte / weil ich alles dem Druck nachmahlet.

Das37Erſtes Buch.

Das XI. Capitel.

ZWey Jahr ungefaͤhr / nemlich biß der Einfidel geſtorben / und etwas laͤnger als ein halbes Jahr nach deſſen Todt / bin ich in dieſem Wald verblieben / derohalben ſihet mich vor gut an / dem curioſen Leſer / der auch offt das geringſte wiſſen will / unſer Thun / Handel und Wandel / und wie wir unſer Leben durch gebracht / zu erzehlen.

Unſere Speiß war allerhand Gartengewaͤchs / Ruͤben / Kraut / Bonen / Erbſen und dergleichen / wir verſchmaͤheten auch keine Buchen / wilde Aepffel / Pirn / Kirſchen / ja die Eicheln machte uns der Hun - ger offt angenehm; das Brot / oder beſſer zu ſagen / unſere Kuchen backten wir in heiſſer Aſchen / auß zer - ſtoſſenem Welſchen Korn / im Winter fiengen wir Voͤgel mit Sprincken und Stricken / im Fruͤhling und Sommer aber beſchehrte uns GOtt Junge auß den Neſtern / wir behalffen uns offt mit Schnecken und Froͤſchen / ſo war uns auch mit Reuſſen und Ang - len das fiſchen nicht zu wider / in dem ohnweit von unſerer Wohnung ein Fiſch - und Krebsreicher Bach bin floß / welches alles unſer grob Gemuͤß hinunder convoyren muſte; wir hatten auff eine Zeit ein jun - ges wildes Schweinlein auffgefangen / welches wir in einen Pferch verſperꝛet / mit Eicheln und Buchen aufferzogen / gemaͤſtet / und endlich verzehret / weil mein Einſidel wuſte / daß ſolches keine Suͤnde ſeyn koͤnte / wann man genieſſet / was GOtt dem gantzen menſchlichen Geſchlecht zu ſolchem End erſchaffen / Saltz drauchten wir wenig / und von Gewuͤrtz gar nichts / dann wir doͤrfften den Luſt zum Trunck nicht erwecken / weil wir keinen Keller hatten / die Notdurfftan38Deß Abentheurl. Simpliciſſimian Saltz gab uns ein Pfarꝛer / der ohngefaͤhr 3. Meil Wegs von uns wohnete / von welchem ich noch viel zu ſagen habe.

Unſern Haußrath betreffend / deſſen war genug vorhanden / dann wir hatten eine Schauffel / eine Haue / eine Axt / ein Beyl / und einen eiſernen Hafen zum kochen / welches zwar nicht unſer eigen / ſondern von obgemeldtem Pfarꝛer entlehnet war / jeder hatte ein abgenuͤtztes ſtumpffes Meſſer / ſelbige waren unſer Eigenthum / und ſonſten nichts; ferner bedorfften wir auch weder Schuͤſſeln / Deller / Leffel / Gabeln / Keſſel / Pfannen / Roſt / Bratſpieß / Saltzbuͤchs noch ander Tiſch - und Kuͤchengeſchirꝛ / dann unſer Hafen war zugleich unſer Schuͤſſel / und unſere Haͤnde wa - ren auch unſere Gabeln und Leffel / wolten wir aber trincken / ſo geſchahe es durch ein Rohr auß dem Brunnen / oder wir henckten das Maul hinein / wie Gedeons Kriegs-Leute; Von allerhand Gewand / Wollen / Seiden / Baumwollen und Leinen / beydes zu Betten / Tiſchen und Tapezereyen / hatten wir nichts / als was wir auff dem Leib trugen / weil wir vor uns genug zu haben ſchaͤtzten / wann wir uns vor Regen und Froſt beſchuͤtzen koͤnten: Sonſten hiel - ten wir in unſerer Haußhaltung keine gewiſſe Regul oder Ordnung / auſſerhalb an Sonn - und Feyer - taͤgen / an welchen wir ſchon umb Mitternacht hin - zugehen anfiengen / damit wir noch fruͤhe genug / ohne maͤnniglichs Vermercken / in obgemeldten Pfarꝛherꝛns Kirche / die etwas vom Dorff abgele - gen war / kommen / und dem Gottesdienſt abwarten koͤnnen / in derſelben verfuͤgten wir uns auff die zer - brochne Orgel / an welchem Ort wir ſo wol auff denAltar39Erſtes Buch. den Altar / als zu der Cantzel ſehen konten; Als ich das erſte mal den Pfarꝛherꝛn auff dieſelbige ſteigen ſahe / fragete ich meinen Einſidel / was er doch in demſelben groſſen Zuber machen wolte? nach ver - richtetem Gottesdienſt aber / giengen wir eben ſo verſtolen wieder heim / als wir hin kommen waren / und nachdem wir mit muͤdem Leib und Fuͤſſen zu un - ſerer Wohnung kamen / aſſen wir mit guten Zaͤhnen uͤbel / alsdann brachte der Einſidel die uͤbrige Zeit zu mit beten / und mich in gottſeeligen Dingen zu un - terꝛichten.

An den Wercktaͤgen thaͤten wir / was am noͤtig - ſten zu thun war / je nachdem ſichs fuͤgte / und ſolches die Zeit deß Jahrs / und unſer Gelegenheit erforder - te / einmal arbeiteten wir im Garten / das ander mal ſuchten wir den feiſten Grund an ſchattigten Orten / und auß holen Baͤumen zuſammen / unſern Garten / an ſtatt der Tung / damit zu beſſern / bald flochten wir Koͤrbe oder Fiſch-Reuſſen / oder mach - ten Brennholtz / fiſchten / oder thaͤten ja ſo etwas wider den Muͤſſiggang. Und unter allen dieſen Ge - ſchaͤfften lieſſe der Einſidel nicht ab / mich in allem Guten getreulichſt zu unterweiſen / unterdeſſen ler - nete ich in ſolchem harten Leben Hunger / Durſt / Hitz / Kaͤlte / und groſſe Arbeit uͤberſtehen / und zu - vorderſt auch GOTT erkennen / und wie man Jhm rechtſchaffen dienen ſolte / welches das vornehmſte war. Zwar wolte mich mein getreuer Einſidel ein mehrers nicht wiſſen laſſen / dann er hielte darvor / es ſeye einem Chriſten genug / zu ſeinem Ziel und Zweck zu gelangen / wann er nur fleiſſig bete und arbeite / dahero es kommen / ob ich zwar in geiſt -lichen40Deß Abentheurl. Simpliciſſimilichen Sachen zimlich berichtet wurde / mein Chri - ſtenthum wol verſtunde / und die Teutſche Sprach ſo ſchoͤn redete / als wann ſie die Orthographia ſelbſt außſpraͤche / daß ich dannoch der einfaͤltigſte verblie - be; geſtalten ich / wie ich den Wald verlaſſen / ein ſolcher elender Tropff in die Welt war / daß man kei - nen Hund mit mir auß dem Ofen haͤtte locken koͤnnen.

Das XII. Capitel.

ZWey Jahr ungefaͤhr hatte ich zugebracht / und das harte Eremitiſch Leben kaum gewohnet / als mein beſter Freund auff Erden ſeine Haue nam / mir aber die Schauffel gab / und mich ſeiner taͤglichen Gewonheit nach / an der Hand in unſern Garten fuͤhrte / da wir unſer Gebet zu verꝛichten pflegten: Nun Simplici / liebes Kind / ſagte er / dieweil GOtt Lob die Zeit vorhanden / daß ich auß dieſer Welt ſcheiden / die Schuld der Natur bezahlen / und dich in dieſer Welt hinder mir verlaſſen ſolle / zumalen deines Lebens kuͤnfftige Begegnuſſen beylaͤuffig ſehe / und wol weiß / daß du in dieſer Einoͤde nicht lang verharꝛen wirſt / ſo hab ich dich auff dem angetrette - nen Weg der Tugend ſtaͤrcken / und dir einige Lehren zum Unterꝛicht geben wollen / vermittelſt deren du / als nach einer ohnfehlbaren Richtſchnur / zur ewigen Seeligkeit zu gelangen / dein Leben anſtellen ſolleſt / damit du mit allen heiligen Außerwehlten das Ange - ſicht GOttes in jenem Leben ewiglich anzuſchauen gewuͤrdiget werdeſt.

Dieſe Wort ſetzten meine Augen ins Waſſer / wie hiebevor deß Feinds Erfindung die Statt Villingen / einmal / ſie waren mir ſo unertraͤglich / daß ich ſienicht41Erſtes Buch. nicht ertragen koͤnte / doch ſagte ich: Hertzliebſter Vatter / wilſt du mich dann allein in dieſem wilden Wald verlaſſen? ſoll dann: mehrers vermochte ich nicht herauß zu bringen / dann meines Hertzens Qual ward auß uͤberfluͤſſiger Lieb / die ich zu meinem ge - treuen Vatter trug / alſo hefftig / daß ich gleichſam wie todt zu ſeinen Fuͤſſen nider ſanck; Er hingegen richtet mich wieder auff / troͤſtet mich ſo gut es Zeit und Gelegenheit zulieſſe / und verwieſe mir gleichſam fragend / meinen Fehler / Ob ich nemlich der Ord - nung deß Allerhoͤchſten widerſtreben wolte? weiſtu nicht / ſagt er weiters / daß ſolches weder Himmel noch Hoͤll zu thun vermoͤgen? nicht alſo mein Sohn! was unterſteheſt du dich / meinem ſchwachen Leib (welcher vor ſich ſelbſt der Ruhe begierig iſt) auffzu - buͤrden? vermeyneſt du mich zu noͤtigen / laͤnger in dieſem Jam̃erthal zu leben? Ach nein / mein Sohn / laſſe mich fahren / ſintemal du mich ohne das weder mit heulen noch weynen / und noch viel weniger mit meinem Willen / laͤnger in dieſem Elend zu verhar - ren / wirſt zwingen koͤnnen / in dem ich durch GOttes außtruͤcklichen Willen darauß gefordert werde; fol - ge an ſtatt deines unnuͤtzen Geſchreys meinen letzten Worten / welche ſeynd / daß du dich je laͤnger je mehr ſelbſt erkennen ſolleſt / und wann du gleich ſo alt als Mathuſalem wuͤrdeſt / ſo laß ſolche Ubung nicht auß dem Hertzen / dann daß die meiſte Menſchen verdam̃t werden / iſt die Urſach / daß ſie nicht gewuſt haben / was ſie geweſen / und was ſie werden koͤnnen / oder werden muͤſſen. Weiters riethe er mir getreulich / ich ſolte mich jederzeit vor boͤſer Geſellſchafft huͤten / dann derſelben Schaͤdlichkeit waͤre unaußſprechlich:Er42Deß Abentheurl. SimpliciſſimiEr gab mir deſſen ein Exempel / und ſagte / wann du einen Tropffen Malvaſier in ein Geſchirꝛ voll Eſſig ſchuͤtteſt / ſo wird er alſobald zu Eſſig; wirſtu aber ſo viel Eſſig in Malvaſier gieſſen / ſo wird er auch unter dem Malvaſier hingehen: Liebſter Sohn / ſagte er / vor allen Dingen bleibe ſtandhafftig / dann wer verharꝛet biß aus End / der wird ſeelig / geſchihet aber wider mein Verhoffen / daß du auß menſchlicher Schwachheit faͤllſt / ſo ſtehe durch ein rechtſchaffene Buß geſchwind wieder auff.

Dieſer ſorgfaͤltige fromme Mann hielte mir allein diß wenige vor / nicht zwar / als haͤtte er nichts meh - rers gewuſt / ſondern darumb / dieweil ich ihn erſtlich meiner Jugend wegen / nicht faͤhig genug zu ſeyn be - dunckte / ein mehrers in ſolchem Zuſtand zu faſſen / und dann weil wenig Wort beſſer / als ein langes Geplauder / im Gedaͤchtnus zu behalten ſeynd / und wann ſie anders Safft und Nachtruck haben / durch das Nachdencken groͤſſern Nutzen ſchaffen / als eine lange Sermon, die man außtruͤcklich verſtanden hat / und bald wieder zu vergeſſen pflegt.

Dieſe drey Stuͤck / ſich ſelbſt erkennen / boͤſe Ge - ſellſchafft meiden / und beſtaͤndig verbleiben / hat die - ſer fromme Mann ohne Zweiffel deßwegen vor gut und noͤtig geachtet / weil er ſolches ſelbſten practicirt / und daß es ihme darbey nicht mißlungen iſt; denn nachdem er ſich ſelbſt erkant / hat er nicht allein boͤſe Geſellſchafften / ſondern auch die gantze Welt ge - flohen / iſt auch in ſolchem Vorſatz biß an das Ende verharꝛet / an welchem ohn Zweiffel die Seeligkeit haͤngt / welcher geſtalt aber / folgt hernach.

Nachdem er mir nun obige Stuͤck vorgehalten /hat43Erſtes Buch. hat er mit ſeiner Reithaue angefangen ſein eigenes Grab zu machen / ich halff ſo gut ich konte / wie er mir befahl / und bildete mir doch das jenige nicht ein / worauff es angeſehen war / indeſſen ſagte er: Mein lieber und wahrer einiger Sohn (dann ich ha - be ſonſten keine Creatur als dich / zu Ehren unſers Schoͤpffers erzeuget) wann meine Seele an ihren Ort gangen iſt / ſo leiſte meinem Leib deine Schul - digkeit und die letzte Ehre / ſcharꝛe mich mit der je - nigen Erden wieder zu / die wir anjetzo auß dieſer Gruben gegraben haben / darauff nam er mich in ſeine Arm / und druckte mich kuͤſſend / viel haͤrter an ſeine Bruſt / als einem Mann / wie er zu ſeyn ſchiene / haͤtte muͤglich ſeyn koͤnnen: Liebes Kind / ſagte er / ich befehle dich in GOttes Schutz / und ſterbe umb ſo viel deſto froͤlicher / weil ich hoffe / er werde dich darin auffnemmen; Jch hingegen konte nichts anders / als klagen und heulen / ich haͤngete mich an ſeine Ketten / die er am Hals trug / und ver - meynte ihn damit zu halten / damit er mir nicht ent - gehen ſolte: Er aber ſagte / mein Sohn laſſe mich / daß ich ſehe / ob mir das Grab lang genug ſeye / leg - te demnach die Ketten ab / ſampt dem Ober-Rock / und begab ſich in das Grab / gleichſam wie einer / der ſich ſonſt ſchlaffen legen will / ſprechende: Ach groſſer GOtt / nun nimm wieder hin die Seele / die du mir gegeben / HERR / in deine Haͤnde befehl ich meinen Geiſt / ꝛc. Hierauff beſchloß er ſeine Lippen und Augen ſanfftiglich / ich aber ſtund da wie ein Stock - fiſch / und meynte nicht / daß ſeine liebe Seel den Leib gar verlaſſen haben ſolte / dieweil ich ihn oͤffters in dergleichen Verzuckungen geſehen hatte.

Jch44Deß Abentheurl. Simpliciſſimi

Jch verharꝛete / wie mein Gewonheit in derglei - chen Begebenheiten war / etlich Stund neben dem Grab im Gebet / als ſich aber mein allerliebſter Ein - ſidel nicht mehr auffrichten wolte / ſtiege ich zu ihm ins Grab hinunder / und fieng ihn an zu ſchuͤttlen / zu kuͤſſen und zu liebeln / aber da war kein Leben mehr / weil der grimmige ohnerbittliche Todt den armen Simplicium ſeiner holden Beywohnung beraubt hat - te; ich begoſſe / oder beſſer zu ſagen / ich balſamirte den entſeelten Coͤrper mit meinen Zaͤhren / und nach - dem ich lang mit jaͤmmerlichem Geſchrey hin und her geloffen / fienge ich an / ihn mit mehr Seufftzen als Schauffeln voller Grund zuzuſcharꝛen / und wann ich kaum ſein Angeſicht bedeckt hatte / ſtiege ich wieder hinunder / entbloͤſte es wieder / damit ichs noch einmal ſehen und kuͤſſen moͤchte / ſolches trieb ich den gantzen Tag / biß ich fertig worden / und auff dieſe Wets die funeralia exequias und luctus gladia - torios allein geendet / weil ohne das weder Baar / Sarch / Decken / Liechter / Todtentraͤger noch Ge - laits-Leut / und auch kein Cleriſey vorhanden geweſt / die den Todten beſungen haͤtte.

Das XIII. Capitel.

ÜBer etlich Tag nach deß Einſidels Ableiben / ver - fuͤgte ich mich zu obgemeldtem Pfarꝛern / und of - fenbarte ihm meines Herꝛn Todt / begehrte benebens Rath von ihm / wie ich mich bey ſo geſtalter Sache verhalten ſolte? Unangeſehen er mir nun ſtarck wi - derꝛathen / laͤnger im Wald zu verbleiben / ſo bin ich jedoch dapffer in meines Vorgaͤngers Fußſtapffen getretten / maſſen ich den gantzen Sommer hindurchthaͤt45Erſtes Buch. thaͤt / was ein frommer Monachus thun ſoll; Aber gleich wie die Zeit alles aͤndert / alſo ringert ſich auch nach und nach das Leyd / ſo ich umb meinen Einſidel trug / und die aͤuſſerliche ſcharffe Winterskaͤlt leſch - te die innerliche Hitz meines ſteiffen Vorſatzes zu - gleich auß / je mehr ich anfieng zu wancken / je traͤger wurde ich in meinem Gebet / weil ich an ſtatt / goͤtt - liche und himmliſche Ding zu betrachten / mich die Begierde / die Welt auch zu beſchauen / uͤberherꝛſchen lieſſe / und als ich dergeſtalt nichts nutz wuͤrde im Wald laͤnger gut zu thun / gedachte ich wieder zu gedachtem Pfarꝛer zu gehen / zu vernehmen / ob er mir noch wie zuvor auß dem Wald rathen wolte? zu ſolchem End machte ich mich ſeinem Dorff zu / und als ich hin kam / fande ichs in voller Flamm ſte - hen / dann es eben ein Partey Reuter außgepluͤndert / augezuͤndet / theils Bauren nidergemacht / viel ver - jagt / und etliche gefangen hatten / darunter auch der Pfarꝛer ſelbſt war. Ach GOtt! wie iſt das menſch - liche Leben ſo voll Muͤhe und Widerwertigkeit / kaum hat ein Ungluͤck auffgehoͤrt / ſo ſtecken wir ſchon in einem andern / mich verwundert nicht / daß der Heyd - niſche Philoſophus Timon zu Athen viel Galgen auf - richtete / daran ſich die Menſchen ſelber auffknuͤpffen / und alſo ihrem elenden Leben durch ein kurtze Grau - ſamkeit ein Ende machen ſolten; die Reuter waren eben wegfertig / und fuͤhrten den Pfarꝛer an einem Strick daher / unterſchiedliche ſchryen / ſchieſſe den Schelmen nider! andere aber wolten Gelt von ihm haben / er aber hub die Haͤnd auff / und bat umb deß Juͤngſten Gerichts willen / umb Verſchohnung und Chriſtliche Barmhertzigkeit / aber umbſonſt / danneiner46Deß Abentheurl. Simpliciſſimieiner ritte ihn uͤbern Hauffen / und verſetzte ihm zu - gleich eins an Kopff / davon er alle vier von ſich ſtreck - te / und Gott ſeine Seel befahl / den andern noch uͤb - rigen gefangenen Bauren giengs gar nicht beſſer.

Da es nun ſahe / als ob dieſe Reuter in ihrer ty - ranniſchen Grauſamkeit gantz unſinnig worden waͤ - ren / kam ein ſolcher Schwarm bewehrter Bauren auß dem Wald / als wann man in ein Weſpen-Neſt geſtochen haͤtte / die fiengen an ſo greulich zu ſchreyen / ſo grimmig darein zu ſetzen / und darauff zu ſchieſſen / daß mir alle Berg gen Haar ſtunden / weil ich noch niemals bey dergleichen Kuͤrben geweſen / dann die Speſſerter und Vogelsberger Bauren laſſen ſich fuͤrwahr ſo wenig als die Heſſen / Sauerlaͤnder und Schwartzwaͤlder / auff ihrem Miſt foppen; darvon riſſen die Reuter auß / und lieſſen nicht allein das eroberte Rindviehe zuruͤck / ſondern warffen auch Sack und Pack von ſich / ſchlugen alſo ihre gantze Beut in Wind / damit ſie nicht ſelbſt den Bauren zur Beut wuͤrden doch kamen ihnen theils in die Haͤnd.

Dieſe Kurtzweil bename mir bey nahe den Luſt / die Welt zu beſchauen / dann ich gedachte / wann es ſo darinnen hergehet / ſo iſt die Wildnus weit anmu - tiger / doch wolte ich auch hoͤren / was der Pfarꝛer darzu ſagte / derſelbe war wegen empfangener Wun - den und Stoͤß gantz matt / ſchwach und Krafftloß / doch hielte er mir vor / daß er mir weder zu helffen noch zu rathen wiſſe / weil er dermalen ſelbſt in einen ſolchen Stand gerathen worden waͤre / in welchem er beſorglich das Brot am Bettelſtab ſuchen muͤſte / und wann ich gleich noch laͤnger im Wald verblei - ben wuͤrde / ſo haͤtte ich mich ſeiner Huͤlff-leiſtungnichts47Erſtes Buch. nichts zu getroͤſten / weil / wie ich vor Augen ſehe / bey - des ſein Kirch und Pfarꝛhof im Feuer ſtunde. Hier - auf verfuͤgte ich mich gantz traurig gegen dem Wald zu meiner Wohnung / und demnach ich auff dieſer Raͤis ſehr wenig getroͤſt / hingegen aber umb viel an - daͤchtiger worden / beſchloſſe ich bey mir / die Wild - nus nimmermehr zu verlaſſen; maſſen ich ſchon nachgedachte / ob nicht muͤglich waͤre / daß ich ohne Saltz (ſo mir bißher der Pfarꝛer mitgetheilt hatte) leben / und alſo aller Menſchen entberen koͤnte?

Das XIV. Capitel.

DAmit ich aber dieſem meinem Entſchluß nach - kommen / und ein rechter Wald-Bruder ſeyn moͤchte / zoge ich meines Einſidlers hinderlaſſen haͤ - rin Hemd an / und guͤrtet ſeine Kette daruͤber; nicht zwar / als haͤtt ich ſie bedoͤrfft / mein unbaͤndig Fleiſch zu mortificiren / ſondern damit ich meinem Vorfah - ren ſo wolim Leben / als im Habit gleichen / mich auch durch ſolche Kleidung deſto beſſer vor der rau - hen Winters-Kaͤlt beſchuͤtzen moͤchte.

Den zweyten Tag / nachdem obgemeldtes Dorff gepluͤndert und verbrennt worden / als ich eben in meiner Huͤtten ſaſſe / und zugleich neben dem Gebet gelbe Ruͤben / zu meinem Auffenthalt / im Feuer brie - te / umbringten mich bey 40. oder 50. Mußquetier; dieſe / ob ſie zwar ob meiner Perſon Seltzamkeit er - ſtauneten / ſo durchſtuͤrmten ſie doch meine Huͤtten / und ſuchten / was da nicht zu finden war / dañ nichts als Buͤcher hatte ich / die ſie mir durcheinander ge - worffen / weil ſie ihnen nichts taugten: Endlich / als ſie mich beſſer betrachteten / und an meinen FedernCſahen48Deß Abentheurl. Simpliciſſimiſahen / was vor einen ſchlechten Vogel ſie gefangen haͤtten / konten ſie leicht die Rechnung machen / daß bey mir ein ſchlechte Beut zu hoffen; Demnach ver - wunderten ſie ſich uͤber mein hartes Leben / und hat - ten mit meiner zarten Jugend ein groſſes Mitleiden / ſonderlich der Officier / ſo ſie commandirte; ja er ehrte mich / und begehrte gleichſam bittend / ich wolte ihm und den ſeinigen den Weg wider auß dem Wald weiſen / in welchem ſie ſchon lang in der Jrꝛe herumb gangen waͤren; Jch widerte mich gantz nicht / ſon - dern fuͤhrte ſie den naͤchſten Weg gegen dem Dorff zu / allwo der obgemeldte Pfarꝛer ſo uͤbel tractirt worden / dieweil ich ſonſt keinen andern Weg wuſte: Ehe wir aber vor den Wald kamen / ſahen wir ohn - gefaͤhr einen Bauren oder zehen / deren ein Theil mit Feuer-rohren bewehrt / die uͤbrige aber geſchaͤfftig waren / etwas einzugraben; die Mußquetierer gien - gen auff ſie loß / und ſchryen / halt! halt! jene aber antworteten mit Rohren: Und wie ſie ſahen / daß ſie von den Soldaten uͤbermannet waren / giengen ſie ſchnell durch / alſo daß die muͤden Mußquetierer kei - nen von ihnen ereylen konten; derowegen wolten ſie wieder herauß graben / was die Bauren eingeſcharꝛt / das ſchickte ſich umb ſo viel deſto beſſer / weil ſie die Hauen und Schauffeln / ſo ſie gebraucht / ligen lieſ - ſen: Sie hatten aber wenig Streich gethan / da hoͤ - reten ſie eine Stimm von unden herauff / die ſagte: O ihr leichtfertige Schelmen! O ihr Ertz - Boͤßwichter / vermeynt ihr wol / daß der Him - mel euer un-Chriſtliche Grauſamkeit und Bubenſtuͤck ungeſtrafft hingehen laſſen wer - de? Nein / es lebt noch manch redlicher Kerl /durch49Erſtes Buch. durch welche eure Unmenſchlichkeit dermaſ - ſen vergolten werden ſoll / daß euch keiner von euren Neben-Menſchen mehr den Hin - dern lecken doͤrffe. Hieruͤber ſahen die Solda - ten einander an / weil ſie nicht wuſten / was ſie thun ſolten: Etliche vermeynten / ſie haͤtten ein Geſpenſt / ich aber gedachte / es traͤume mir; ihr Officier hieſſe dapffer zugraben: Sie kamen gleich auff ein Faß / ſchlugens auff / und fanden einen Kerl darinnen / der weder Naſen noch Ohren mehr hatte / und gleichwol noch lebte: So bald ſich derſelbe ein wenig ermun - terte / und vom Hauffen etliche kennete / erzehlet er / was maſſen die Bauren den vorigen Tag / als einige ſeines Regiments auff Fuͤtterung geweſt / ihrer ſechs gefangen bekommen / davon ſie allererſt vor einer Stund fuͤnffe / ſo hinder-einander ſtehen muͤſſen / todt geſchoſſen; und weil die Kugel ihn / weil er der ſechſte und letzte geweſt / nicht erlangt / in dem ſie ſchon zu - vor durch fuͤnff Coͤrper gedrungen / haͤtten ſie ihm Na - ſen und Ohren abgeſchnitten / zuvor aber gezwungen / daß er ihrer fuͤnffen (ſ. v. ) den Hindern lecken muͤſſen: Als er ſich nun von den Ehr - und Gotts-vergeſſenen Schelmen ſo gar geſchmaͤhet geſehen / haͤtte er ihnen / wiewol ſie ihn mit dem Leben darvon laſſen wolten / die aller-unnuͤtzſte Wort gegeben / die er erdencken moͤgen / und ſie alle bey ihrem rechten Nahmen genen - net / der Hoffnung / es wuͤrde ihm etwan einer auß Ungedult eine Kugel ſchencken / aber vergebens; ſon - dern nachdem er ſie verbittert gemacht / haͤtten ſie ihn in gegenwaͤrtig Faß geſteckt / und alſo lebendig begra - den / ſprechend: Weil er deß Todts ſo eyferig begehr / wolten ſie ihm zum Poſſen hierinn nicht willfahren.

C ijJn50Deß Abentheurl. Simpliciſſimi

Jn dem dieſer ſeinen uͤberſtandenen Jammer alſo klaget / kam ein andere Partey Soldaten zu Fuß uͤberzwergs den Wald herauff / die hatten obgedach - te Bauren angetroffen / fuͤnff davon gefangen bekom - men / und die uͤbrigen todt geſchoſſen; unter den Ge - fangenen waren vier / denen der uͤbel-zugerichte Reu - ter kurtz zuvor ſo ſchaͤndlich zu Willen ſeyn muͤſſen. Als nun beyde Parteyen auß dem Anſchreyen ein - ander erkenneten / einerley Volck zu ſeyn / tratten ſie zuſammen / und vernamen wiederumb vom Reuter ſelbſt / was ſich mit ihm und ſeinen Cammeraden zu - getragen; da ſolte man ſeinen blauen Wunder geſe - hen haben / wie die Bauren getrillt wurden / etliche wolten ſie gleich in der erſten Furi todt ſchieſſen / an - dere aber ſagten: Nein / man muß die leichtfertigen Voͤgel zuvor rechtſchaffen quaͤlen / und ihnen ein - traͤncken / was ſie an dieſem Reuter verdient haben / indeſſen bekamen ſie mit den Mußqueten ſo treffliche Ribbſtoͤß / daß ſie haͤtten Blut ſpeyen moͤgen; zuletzt tratte ein Soldat hervor / und ſagte: Jhr Herꝛen / dieweil es der gantzen Soldateſca ein Schand iſt / daß dieſen Schurcken (deutet damit auff den Reuter) fuͤnff Bauren ſo greulich getrillt haben / ſo iſt billich / daß wir ſolchen Schandflecken wieder außleſchen / und dieſe Schelmen den Reuter wieder hundert mal lecken laſſen: Hingegen ſagte ein anderer / dieſer Kerl iſt nicht werth / daß ihm ſolche Ehr widerfahre / dann waͤre er kein Bernheuter geweſen / ſo haͤtte er allen redlichen Soldaten zu Spott dieſe ſchandliche Arbeit nicht verꝛichtet / ſondern waͤre tauſend mal lieber geſtorben. Endlich wurde einhellig beſchloſſen / daß ein jeder von den ſauber-gemachten Bauren / ſol -ches51Erſtes Buch. ches an zehen Soldaten alſo wett machen / und zu jedem mal ſagen ſolte: Hiermit leſche ich wider auß / und wiſche ab die Schand / die ſich die Soldaten einbilden empfangen zu haben / als uns ein Bernheuter hinden leckte. Nach - gehends wolten ſie ſich erſt reſolviren / was ſie mit den Bauren weiters anfahen wolten / wenn ſie dieſe ſaubere Arbeit verꝛichtet haben wuͤrden: Hierauff ſchritten ſie zur Sach / aber die Baurn warn ſo hals - ſtarꝛig / daß ſie weder durch Verheiſſung / ſie mit dem Leben darvon zu laſſen / noch durch einigerley Mar - ter / hierzu gezwungen werden kunten. Einer fuͤhrte den fuͤnfften Bauren / der nicht geleckt war worden / etwas beyſeits / und ſagte zu ihm: Wenn du GOtt und alle ſeine Heiligen verleugnen wilt / ſo werde ich dich lauffen laſſen / wohin du begehreſt; Hierauff antwortet der Baur / Er haͤtte ſein Lebtag nichts auff die Heilige gehalten / und auch bißher noch geringe Kundſchafft mit GOtt ſelbſt gehabt / ſchwur auch darauff ſolenniter, daß er Gott nicht kenne / und kein Theil an ſeinem Reich zu haben begehre; hierauff jagte ihm der Soldat ein Kugel an die Stirn / wel - che aber ſo viel effectuirt / als wann ſie an einen ſtaͤb - lernen Berg gangen waͤre / darauff zuckte er ſeine Plauten / und ſagte: Holla / biſtu der Haar? ich hab verſprochen / dich lauffen zu laſſen / wohin du begeh - reſt / ſihe / ſo ſchicke ich dich nun ins hoͤlliſche Reich / weil du nicht in Himmel wilt / und ſpaltete ihm da - mit den Kopff biß auff die Zaͤhn voneinander / als er dorthin fiele / ſagte der Soldat: So muß man ſich raͤchen / und dieſe loſe Schelmen zeitlich und ewig ſtraffen.

C iijJn52Deß Abentheurl. Simpliciſſimi

Jndeſſen hatten die andern Soldaten die uͤbrigen vier Bauren / ſo geleckt waren worden / auch unter - handen / die banden ſie uͤber einen umbgefallenen Baum / mit Haͤnden und Fuͤſſen zuſammen / ſo art - lich / daß ſie (ſ. v. ) den Hindern gerad in die Hoͤhe kehrten / und nachdem ſie ihnen die Hoſen abgezogen / namen ſie etliche Klaffter Lunden / machten Knoͤpff daran / und fidelten ihnen ſo unſaͤuberlich durch ſol - chen hindurch / daß der rothe Safft hernach gienge; Alſo / ſagten ſie / muß man euch Schelmen den gerei - nigten Hindern außtroͤcknen. Die Bauren ſchryen zwar jaͤmmerlich / aber es war den Soldaten nur ein Kurtzweil / dann ſie hoͤreten nicht auff zu ſaͤgen / biß Haut und Fleiſch gantz auff das Bein hinweg war; mich aber lieſſen ſie wieder nach meiner Huͤtten ge - ben / weil die letzt-gemeldte Parthey den Weg wol wuſte / alſo kan ich nicht wiſſen / was ſie endlich mit den Bauren vollends angeſtellt haben.

Das XV. Capitel.

ALs ich wieder heim kame / befand ich / daß mein Feurzeug und gantzer Haußrath / ſampt allem Vorꝛath an meinen armſeeligen Eſſenſpeiſen / die ich den Sommer hindurch in meinem Garten erzo - gen / und auff kuͤnfftigen Winter vorm Maul erſpart hatte / miteinander fort war: Wo nun hinauß? ge - dachte ich / damals lernete mich die Noth erſt recht beten; Jch gebotte aller meiner wenigen Witz zu - ſammen / zu berathſchlagen / was mir zu thun oder zu laſſen ſeyn moͤchte? Gleich wie aber meine Er - fahrenheit ſchlecht und gering war / alſo konte ich auch nichts rechtſchaffenes ſchlieſſen / das beſte war /daß53Erſtes Buch. daß ich mich GOtt befahl / und mein Vertrauen al - lein auff ihn zu ſetzen wuſte / ſonſt haͤtte ich ohn Zweif - fel deſperiren und zu Grund gehen muͤſſen: Uber das lagen mir die Sachen / ſo ich denſelben Tag gehoͤret und geſehen / ohn Unterlaß im Sinn / ich dachte nicht ſo viel umb Eſſenſpeiß und meiner Erhaltung nach / als der jenigen Antipathia, die ſich zwiſchen Solda - ten und Bauren enthaͤlt / doch konte meine Alberkeit nichts erſinnen / als daß ich ſchloſſe / es muͤſten ohn - fehlbar zweyerley Menſchen in der Welt ſeyn / ſo nicht einerley Geſchlechts von Adam her / ſondern wilde und zabme waͤren / wie andere unvernuͤnfftige Thier / weil ſie einander ſo grauſam verfolgen.

Jn ſolchen Gedancken entſchlieff ich vor Unmuth und Kaͤlte / mit einem hungerigen Magen / da duͤnckte mich / gleich wie in einem Traum / als wenn ſich alle Baͤum / die umb meine Wohnung ſtunden / gaͤhling veraͤnderten / und ein gantz ander Anſehen gewoͤnnen / auff jedem Giffel ſaſſe ein Cavallier / und alle Aeſt wurden an ſtatt der Blaͤtter mit allerhand Kerlen ge - ziert; von ſolchen hatten etliche lange Spieß / andere Mußqueten / kurtze Gewehr / Partiſanen / Faͤhnlein / auch Trommeln und Pfeiffen Diß war luſtig anzu - ſehen / weil alles ſo ordentlich und fein grad-weis ſich außeinander theilete; die Wurtzel aber war von un - guͤltigen Leuten / als Handwerckern / Tagloͤhnern / mehrentheils Bauren und dergleichen / welche nichts deſto weniger dem Baum ſeine Krafft verliehen / und wieder von neuem mittheilten / wann er ſolche zu Zeiten verlor; ja ſie erſetzten den Mangel der ab - gefallenen Blaͤtter auß den ihrigen / zu ihrem eigenen noch groͤſſeren Verderben; benebens ſeufftzeten ſieC jvuͤber54Deß Abentheurl. Simpliciſſimiuͤber die jenige / ſo auff dem Baum ſaſſen / und zwar nicht unbillich / dann der gantze Laſt deß Baums lag auff ihnen / und druckte ſie dermaſſen / daß ihnen alles Geld auß den Beuteln / ja hinder ſieben Schloſſen herfuͤr gieng / wann es aber nicht herfuͤr wolte / ſo ſtriegelten ſie die Commiſſarios mit Beſemen / die man militariſche Execution nennete / daß ihnen die Seufftzer auß dem Hertzen / die Threnen auß den Augen / das Blut auß den Naͤgeln / und das Marck auß den Beinen herauß gienge / noch dannoch waren Leut unter ihnen / die man Fatzvoͤgel nennete; dieſe bekuͤmmerten ſich wenig / namen alles auff die leichte Achſel / und hatten in ihrem Creutz an ſtatt deß Troſts allerhand Geſpey.

Das XVI. Capitel.

ALſo muſten ſich die Wurtzeln dieſer Baͤume in lauter Muͤhſeeligkeit und lamentiren / die jenige aber auff den unterſten Aeſten in viel groͤſſerer Muͤh / Arbeit und Ungemach gedulden und durchbringen; doch waren dieſe jeweils luſtiger als jene / darneben aber auch trotzig / tyranniſch / mehrentheils gottlos / und der Wurtzel jederzeit ein ſchwerer unertraͤglicher Laſt / umb ſie ſtunde dieſer Reim:

Hunger und Durſt / auch Hitz und Kaͤlt /
Arbeit und Armuth / wie es faͤllt /
Gewaltthat / Ungerechtigkeit /
Treiben wir Landsknecht allezeit.

Dieſe Reimen waren umb ſo viel deſto weniger erlogen / weil ſie mit ihren Wercken uͤberein ſtimm - ten / dem Freſſen und Sauffen / Hunger und Durſt leiden / huren und buben / raßlen und ſpielen / ſchlem -men55Erſtes Buch. men und demmen / morden / und wieder ermordet werden / todt ſchlagen / und wieder zu todt geſchla - gen werden / tribulirn / und wieder getrillt werden / jagen / und wieder gejaget werden / aͤngſtigen / und wieder geaͤngſtiget werden / rauben / und wieder be - raubt werden / pluͤndern / und wieder gepluͤndert wer - den / ſich foͤrchten / und wieder gefoͤrchtet werden / Jammer anſtellen / und wieder jaͤmmerlich leiden / ſchlagen / und wieder geſchlagen werden; und in Summa nur verderben und beſchaͤdigen / und hin - gegen wieder verderbt und beſchaͤdigt werden / war ihr gantzes Thun und Weſen; Woran ſie ſich we - der Winter noch Som̃er / weder Schnee noch Eiß / weder Hitz noch Kaͤlt / weder Regen noch Wind / weder Berg noch Thal / weder Felder noch Moraſt / weder Graͤben / Paͤß / Meer / Mauren / Waſſer / Feuer / noch Waͤlle / weder Vatter noch Mutter / Bruͤder und Schweſtern / weder Gefahr ihrer eige - nen Leiber / Seelen und Gewiſſen / ja weder Verluſt deß Lebens / noch deß Himmels / oder ſonſt einig an - derer Ding / wie das Nahmen haben mag / verhin - dern lieſſen: Sondern ſie weberten in ihren Wer - cken immer embſig fort / biß ſie endlich nach und nach in Schlachten / Belaͤgerungen / Stuͤrmen / Feld - Zůgen / und in den Quartieren ſelbſten / (ſo doch der Soldaten irdiſche Paradeis ſind / ſonderlich wenn ſie fette Bauren antreffen) umbkamen / ſtarben / ver - darben und crepirten; biß auff etlich wenige / die in ihrem Alter / wann ſie nicht wacker geſchunden und geſtolen hatten / die allerbeſte Bettler und Landſtuͤr - tzer abgaben: Zu naͤchſt uͤber dieſen muͤhſeeligen Leu - ten ſaſſen ſo alte Huͤnerfaͤnger / die ſich etlich JahrC vmit56Deß Abentheurl. Simpliciſſimimit hoͤchſter Gefahr auff den unterſten Aeſten beholf - fen / durch gebiſſen / und das Gluͤck gehabt hatten / dem Todt biß dahin zu entlauffen / dieſe ſahen ernſtlich und etwas reputirlicher auß / als die unterſte / weil ſie umb einen gradum hinauff geſtiegen waren; aber uͤber ihnen befanden ſich noch hoͤhere / welche auch hoͤhere Einbildungen hatten / weil ſie die unterſte zu commandiren / dieſe nennte man Wammesklopffer / weil ſie den Picquenirern mit ihren Pruͤgeln und Hellenpotzmarter den Rucken ſo wol / als den Kopff abzufegen / und den Mußquetierern Baumoͤl zu ge - ben pflegten / ihr Gewehr damit zu ſchmieren. Uber dieſen hatte deß Baumes Stamm einen Abſatz oder Unterſcheid / welches ein glattes Stuͤck war / ohne Aeſt / mit wunder barlichen Materialien und ſeltzamer Saiffen deß Mißgunſts geſchmieret / alſo daß kein Kerl / er ſey dann vom Adel / weder durch Mannheit / Geſchickligkeit noch Wiſſenſchafft hinauff ſteigen konte / Gott geb wie er auch klettern koͤnte; dann es war glaͤtter polirt / als ein marmorſteinerne Saͤul / oder ſtaͤhlerner Spiegel; uͤber demſelben Ort ſaſſen die mit den Faͤhnlein / deren waren theils jung / und theils bey zimlichen Jahren / die Junge hatten ihre Vettern hinauff gehoben / die Alte aber waren zum theil von ſich ſelbſt hinauff geſtiegen / entweder auff einer ſilbernen Laͤiter / die man Schmiralia nennet / oder ſonſt auff einem Steg / den ihnen das Gluͤck auß Mangel anderer gelegt hatte. Beſſer oben ſaſſen noch boͤhere / die auch ihre Muͤhe / Sorg und Anfechtung hatten / ſie genoſſen aber dieſen Vortheil / daß ſie ihre Beutel mit dem jenigen Speck am beſten ſpicken koͤn - nen / welchen ſie mit einem Meſſer / das ſie Contribu -tion57Erſtes Buch. tion nenneten / auß der Wurtzel ſchnitten; am thun - lichſten und geſchickteſten fiele es ihnen / wann ein Commiſſarius daher kam / und ein Wanne voll Geld uͤber den Baum abſchuͤttete / ſolchen zu erquicken / daß ſie das beſte von oben herab aufffiengen / und den un - terſten ſo viel als nichts zukommen lieſſen; dahero pflegten von den unterſten mehr Hungers zu ſterben / als ihrer vom Feind umbkamen / welcher Gefahr miteinander die hoͤchſte entuͤbriget zu ſeyn ſchienen. Dahero war ein unauffhoͤrliches gegrabel und auff - kletterns an dieſen Baum / weil jeder gerne an den obriſten gluͤckſeeligen Orten ſitzen wolte / doch wa - ren etliche faule liederliche Schlingel / die das Com - miſs brot zu freſſen nicht werth waren / welche ſich wenig umb ein Oberſtell bemuͤheten / und ein weg als den andern thun muſten / was ihr Schuldigkeit er - fordert; die unterſte / was Ehrgeitzig war / hoffeten auff der obern Fall / damit ſie an ihren Ort ſitzen moͤchten / und wann es unter zehentauſenden einem geriethe / daß er ſo weit gelangte / ſo geſchahe ſolches erſt in ihrem verdruͤßlichen Alter / da ſie beſſer hindern Ofen taugten Aepffel zu braten / als im Feld vorm Feind zu ligen / und wann ſchon einer wol ſinnde / und ſeine Sach rechtſchaffen verꝛichtete / ſo wurde er von andern geneidet / oder ſonſt durch einen ohn - verſehenlichen ungluͤcklichen Dunſt beydes der Schar - ge und deß Lebens beraubt / nirgends hielte es haͤr - ter / als an obgemeldtem glatten Ort / dann welcher einen guten Feldwaibel oder Schergianten hatte / ver - lor ihn ungern / welches aber geſchehen muſte / wenn man ein Faͤhnrich auß ihm gemacht haͤtte. Man nam dahero / an ſtatt der alten Solbaten / viel lieberC vjPlanck -58Deß Abentheurl. SimpliciſſimiPlanckſchmeiſſer / Cammerdiener / erwachſene Page / arme Edelleut / irgends Vettern und ſonſt Schma - rotzer und Hungerleider / die denen / ſo etwas meri - tirt / das Brot vorm Maul abſchnitten / und Faͤhnrich wurdeu.

Das XVII. Capitel.

DJeſes verdroß einen Feldwaibel ſo ſehr / daß er trefflich anfienge zu ſchmaͤlen / aber Adelhold ſagte: Weiſtu nicht / daß man je und allwegen die Kriegs-Aempter mit Adelichen Perſonen beſetzt hat? als welche hierzu am tauglichſten ſeyn; graue Baͤrt ſchlagen den Feind nicht / man koͤnte ſonſt ein Heerd Boͤck zu ſolchem Geſchaͤfft dingen / es heiſt:

Ein junger Stier wird vorgeſtellt
Dem Hauffen / als erfahren /
Den er auch hůbſch beyſammen haͤlt /
Trutz dem von vielen Jahren;
Der Hirt darff ihm vertrauen auch /
Ohn Anſeh’n ſeiner Jugend /
Man judicirt nach boͤſem Brauch /
Auß Alterthum die Tugend.

Sag mir / du alter Krachwadel / ob nicht Edel-ge - borne Officier von der Soldateſca beſſer reſpectiret werden / als die jenige / ſo zuvor gemeine Knecht ge - weſen? und was iſt vor Kriegs-Diſciplin zu halten / wo kein rechter Reſpect iſt? darff nicht der Feldherꝛ einem Cavallier mehr vertrauen / als einem Bauren - buden / der ſeinem Vatter vom Pflug entloffen / und ſeinen eigenen Eltern kein gut thun wollen? Ein rechtſchaffener Edelmann / ehe er ſeinem Geſchlecht durch Ureu / Feld-Flucht / oder ſonſt etwas der -gleichen59Erſtes Buch. gleichen einen Schandflecken anhenckte / ehe wuͤrde er ehrlich ſterben: Zu dem gebuͤhrt dem Adel der Voꝛ - zug in allwege / wie ſolches leg. Honor. dig. de honor. zu ſehen. Joannes de Platea will außdruͤcklich / daß man in Beſtallung der Aempter dem Adel den Vor - zug laſſen / und die Edelleut den Plebejis ſchlecht ſoll vorziehen; ja ſolches iſt in allen Rechten braͤuchlich / und wird in H. Schrifft beſtetigt / dann Beata terra, cujus Rex nobilis eſt, ſagt Syrach cap. 10. welches ein herꝛlich Zeugnus iſt deß Vorzugs / ſo dem Adel ge - buͤhrt. Und wann ſchon einer von euch ein guter Soldat iſt / der Pulver riechen / und in allen Bege - benheiten treffliche Anſchlaͤg geben kan / ſo iſt er da - rumb nicht gleich tuͤchtig / andere zu commandiren; da hingegen dieſe Tugend dem Adel angeborn / oder von Jugend auff angewehnet wird. Seneca ſagt:

Habet hoc proprium generoſus animus, quod con - citatur ad honeſta, & neminem excelſi Ingenij Virum humilia delectant, & ſordida. Welches auch Fauſtus Poëta in dieſem Dyſticho exprimirt hat: Si te ruſticitas vilem genuiſſet agreſtis, Nobilitas animi non foret iſta tui.

Uber das hat der Adel mehr Mittel / ihren Untergehoͤ - rigen mit Geld / und den ſchwachen Compagnien mit Volck zu helffen / als ein Bauer: So ſtuͤnde es auch nach dem gemeinen Spruͤchwort nicht fein / wann man den Bauren uͤber den Edelmann ſetzte; auch wuͤrden die Bauren viel zu hoffaͤrtig / wenn man ſie alſo ſtrack zu Herꝛen machte / dann man ſagt:

Es iſt kein Schwerd das ſchaͤrffer ſchiert /
Als wenn ein Baur zum Herꝛen wird.

Haͤtten die Bauren durch lang-hergebrachte loͤblicheC vijGewon -60Deß Abentheurl. SimpliciſſimiGewonheit die Kriegs - und andere Aempter in Poſ - ſeſſion, wie der Adel / ſo wuͤrden ſie gewißlich ſo bald keinen Edelmann einkom̃en laſſen; zu dem / ob man euch Soldaten von Fortun (wie ihr genennet werdet) ſchon offt gerne helffen wolte / daß ihr zu hoͤhern Eh - ren erhaben wuͤrdet / ſo ſeyt ihr aber alsdann gemei - niglich ſchon ſo abgelebt / wenn man euch probirt hat / und eines beſſern wuͤrdig ſchaͤtzet / daß man Be - denckens haben muß / euch zu befoͤrdern; dann da iſt die Hitz der Jugend verloſchen / und gedencket ihr nur ſchlechts dahin / wie ihr euren krancken Leibern / die durch viel erſtandene Widerwertigkeit außgemer - gelt / und zu Kriegs-Dienſten wenig mehr nutz ſeyn / guͤtlich thun / und wol pflegen moͤget / GOtt geb / wer fechte und Ehr einlege; hingegen aber iſt ein junger Hund zum Jagen viel freudiger / als ein alter Loͤw.

Der Feldwaibel antwortet: Welcher Narꝛ wolte dann dienen / wenn er nicht hoffen darff / durch ſein Wolverhalten befoͤrdert / und alſo umb ſeine getreue Dienſt belohnt zu werden: Der Teuffel hol ſolchen Krieg! Auff dieſe Weis gilts gleich / ob ſich einer wol haͤlt / oder nicht. Jch hab von unſerm alten Ob - riſten vielmals gehoͤrt / daß er keinen Soldaten un - ter ſein Regiment begehre / der ihm nicht veſtiglich einbilde / durch Wolverhalten ein General zu werden. So muß auch alle Welt bekennen / daß die jenige Nationen / ſo gemeinen / aber doch rechtſchaffenen Soldaten foꝛt helffen / und ihre Dapfferkeit bedencken / gemeiniglich victoriſiren / welches man an den Per - ſern und Tuͤrcken wol ſihet. Es heiſt /

Die61Erſtes Buch.
Die Lampe leucht dir fein / doch muſt du ſie
auch laben
Mit fett Oliven-Safft / die Flamm ſonſt
bald verliſcht:
Getreuer Dienſt durch Lohn gemehrt
wird / und erfriſcht;
Soldaten Dapfferkeit will Unterhaltung
haben.

Adelhold antwortet: Wenn man eines redlichen Manns rechtſchaffene Qualitaͤten ſihet / ſo wird er freylich nicht uͤberſehen / maſſen man heutiges Tags viel findet / welche vom Pflug / von der Nadel / von dem Schuſter-Laͤiſt / und vom Schaͤferſtecken zum Schwerd gegriffen / ſich wol gehalten / und durch ſolche ihre Dapfferkeit / weit uͤber den gemeinen Adel / in Grafen - und Freyherꝛen - Stand geſchwungen; Wer war der Kaͤiſerliche Johann von Werd? wer der Schwediſche Stallhans? wer der Heſſiſche Kleine Jacob und S. Andreas? Jhres gleichen ſind noch viel bekant / die ich Kuͤrtze halber nicht alle nen - nen mag. Jſt alſo gegenwaͤrtiger Zeit nichts neues / wird auch bey der Poſteritaͤt nicht abgehen / daß ge - ringe / doch redliche Leut / durch Krieg zu hohen Eh - ren gelangen / welches auch bey den Alten geſchehen: Tamerlanes iſt ein maͤchtiger Koͤnig / und ſchroͤckliche Forcht der gantzen Welt worden / der doch zuvor nur ein Saͤuhirt war; Agathocles Koͤnig in Sicilien / iſt eines Hafners Sohn geweſen; Thelephas ein Wagner / wurde Koͤnig in Lydien; deß Kaͤiſers Va - lentiniani Vatter war ein Saͤiler; Mauritius Cappa - dox, ein leib eigener Knecht / ward nach Tiberio Kaͤi - ſer; Joannes Zemiſces kam auß der Schulen zumKaͤiſer -62Deß Abentheurl. SimpliciſſimiKaͤiſerthumb. So bezeuget Flavius Vobiſcus, daß Bonoſus Imperator eines armen Schul-Meiſters Sohn geweſt ſeye; Hyperbolus, Chermidis Sohn / war erſtlich ein Laternen-macher / und nachgehends Fuͤrſt zu Athen; Juſtinus, ſo vor Juſtiniano regierte / war vor ſeinem Kaͤiſerthumb ein Saͤuhirt; Hugo Capetus eines Metzgers Sohn / hernach Koͤnig in Franckreich; Pizarrus gleichfalls ein Schweinhirt / und hernach Marggraf in den Weſt-Jndianiſchen Laͤndern / welcher das Gold mit Centern außzuwaͤ - gen hatte.

Der Feldwaibel antwort: Diß alles lautet zwar wol auff meinen Schrot / indeſſen ſehe ich aber wol / daß uns die Thuͤren / zu ein und anderer Wuͤrde zu gelangen / durch den Adel verſchloſſen gehalten wer - den. Man ſetzt den Adel / wann er nur auß der Scha - len gekrochen / gleich an ſolche Ort / da wir uns nim - mermehr keine Gedancken hin machen doͤrffen / wenn wir gleich mehr gethan haben / als mancher Nobiliſt, den man jetzt fuͤr einen Obriſten vorſtellet. Und gleich wie unter den Bauren manch edel Ingenium verdirbt / weil es auß Mangel der Mittel nicht zu den Studiis angehalten wird: Alſo veraltet mancher wackerer Soldat unter ſeiner Mußquet / der billicher ein Re - giment meritirte / und dem Feldherꝛn groſſe Dienſte zu leiſten wuͤſte.

Das XVIII. Capitel.

JCh mochte dem alten Eſel nicht mehr zuhoͤren / ſondern goͤnnete ihm / was er klagte / weil er offt die arme Soldaten pruͤgelte wie die Hund: Jch wen - det mich wieder gegen den Baͤumen / deren das gantzeLand63Erſtes Buch. Land voll ſtunde / und ſahe / wie ſie ſich bewegten / und zuſammen ſtieſſen / da praſſelten die Kerl Hauf - fenweis herunder / Knall und Fall war eins; augen - blicklich friſch und todt / in einem Huy verlor einer ein Arm / der ander ein Bein / der dritte den Kopff gar. Als ich ſo zuſahe / bedauchte mich / alle die je - nige Baͤum / die ich ſahe / waͤren nur ein Baum / auff deſſen Gipffel ſaſſe der Kriegs-Gott Mars, und bedeck - te mit deß Baums Aeſten gantz Europam; Wie ich davor hielte / ſo haͤtte dieſer Baum die gantze Welt uͤberſchatten koͤnnen / weil er aber durch Neid und Haß / durch Argwohn und Mißgunſt / durch Hoffart / Hochmuth und Geitz / und andere dergleichen ſchoͤne Tugenden / gleich wie von ſcharffen Nord-Winden angewehet wuͤrde / ſchiene er gar duͤnn und durch - ſichtig / dahero einer folgende Reimen an den Stam̃ geſchrieben hat:

Die Stein-Eych durch den Wind getrieben
und verletzet /
Jhr eigen Aeſt abbricht / ſich ins Verderben
ſetzet:
Durch innerliche Krieg / und bruͤderlichen
Streit /
Wird alles umbgekehrt / und folget lauter
Leid.

Von dem gewaltigen Geraſſel dieſer ſchaͤdlichen Wind / und Zerſtuͤm̃lung deß Baums ſelbſten / ward ich auß dem Schlaff erweckt / und ſahe mich nur al - lein in meiner Huͤtten. Dahero fieng ich wieder an zu gedencken / was ich doch immermehr anfangen ſolte? im Wald zu bleiben war mir unmuͤglich / weil mir alles ſo gar hinweg genommen worden / daß ichmich64Deß Abentheurl. Simpliciſſimimich nicht mehr auffhalten konte / nichts war mehr uͤbrig / als noch etliche Buͤcher / welche hin und her zerſtreut / und durcheinander geworffen lagen: Als ich ſolche mit weynenden Augen wieder aufflaſe / und zugleich Gott inniglich anruffte / er wolte mich doch leiten und fuͤhren / wohin ich ſolte / da fand ich ohn - gefaͤhr ein Brieflein / das mein Einſidel bey ſeinem Leben noch geſchrieben hatte / das lautet alſo: Lieber Simplici, wann du diß Briefflein findeſt / ſo gehe als - bald auß dem Wald / und erꝛette dich und den Pfarꝛer auß gegenwaͤrtigen Noͤthen / denn er hat mir viel guts gethan: Gott / den du allweg vor Augen haben / und fleiſſig beten ſolleſt / wird dich an ein Ort bringen / das dir am bequemſten iſt. Allein habe denſelbigen ſtets vor Augen / und befleiſſige dich / ihm jederzeit dergeſtalt zu dienen / als wann du noch in meiner Ge - genwart im Wald waͤreſt / bedencke und thue ohne Unterlaß meine letzte Reden / ſo wirſtu beſtehen moͤ - gen: Vale.

Jch kuͤßte diß Briefflein und deß Einſidlers Grab zu viel 1000. malen / und machte mich auff den Weg / Menſchen zu ſuchen / biß ich deren finden moͤch - te / gieng alſo zween Tag einen geraden Weg fort / und wie mich die Nacht begriff / ſuchte ich ein holen Baum zu meiner Herberg / mein Zehrung war nichts anders als Buchen / die ich unterwegs aufflaſe / den dritten Tag aber kame ich ohnweit Gelnhauſen auff ein zimlich eben Feld / da genoſſe ich gleichſam eines Hochzeitlichen Mahls / dann es lag uͤberall voller Garben auff dem Feld / welche die Bauren / weil ſie nach der nahmhafften Schlacht vor Noͤrdlingen ver - jagt worden / zu meinem Gluͤck nicht einfuͤhren koͤn -nen /65Erſtes Buch. nen / in deren einer macht ich mein Nachtlaͤger / weil es grauſam kalt war / und ſaͤttigte mich mit außge - riebenen Waitzen / dergleichen ich lang nicht genoſ - ſen.

Das XIX. Capitel.

DA es taget / fuͤttert ich mich wieder mit Waitzen / begab mich zum naͤchſten auff Gelnhauſen / und fande daſelbſt die Thor offen / welche zum theil ver - brennet / und jedoch noch halber mit Miſt verſchantzt waren: Jch gieng hinein / konte aber keines leben - digen Menſchen gewahr werden / hingegen lagen die Gaſſen hin und her mit Todten uͤberſtreut / deren et - liche gantz / etliche aber biß auffs Hemd außgezogen waren. Dieſer jaͤmmerliche Anblick war mir ein er - ſchroͤcklich Spectacul, maſſen ihm jederman ſelbſten wol einbilden kan / meine Einfalt konte nicht erſin - nen / was vor ein Ungluͤck das Ort in einen ſolchen Stand geſetzt haben muͤſte. Jch erfuhre aber ohn - laͤngſt hernach / daß die Kaͤiſerliche Voͤlcker etliche Weymariſche daſelbſt uͤberꝛumpelt. Kaum zween Steinwuͤrff weit kam ich in die Statt / als ich mich derſelben ſchon ſatt geſehen hatte / derowegen kehrete ich wieder umb / gieng durch die An neben hin / und kam auff ein gaͤnge Landſtraß / die mich vor die herꝛ - liche Veſtung Hanau trug: So bald ich deren erſte Wacht erſahe / wolte ich durchgehen / aber mir ka - men gleich zween Mußquetier auff den Leib / die mich anpackten / und in ihre Corps de Guarde fuͤhrten.

Jch muß dem Leſer nur auch zuvor meinen dama - ligen viſirlichen Auffzug erzehlen / ehe daß ich ihm ſage / wie mirs weiter gieng / dann meine Kleidungund66Deß Abentheurl. Simpliciſſimiund Geberden waren durchauß ſeltzam / verwunder - lich und widerwertig / ſo / daß mich auch der Gouver - neur abmahlen laſſen: Erſtlich waren meine Haar in dritthalb Jahren weder auff Griechiſch / Teutſch noch Frantzoͤſtſch abgeſchnitten / gekampelt noch ge - kraͤuſelt oder gebuͤfft worden / ſondern ſie ſtunden in ihrer natuͤrlichen Verwirꝛung noch / mit mehr als jaͤhrigem Staub / an ſtatt deß Haar-Plunders / Pu - ders oder Pulvers (wie man das Narꝛen - oder Naͤr - rin-werck nennet) durchſtreuet / ſo zierlich auff mei - nem Kopff / daß ich darunter herfuͤr ſahe mit meinem bleichen Angeſicht / wie ein Schleyer-Eul die knap - pen will / oder ſonſt auff eine Mauß ſpannet. Und weil ich allzeit paarhaͤuptig zu gehen pflegte / meine Haar aber von Natur krauß waren / hatte es das Anſehen / als wenn ich ein Tuͤrckiſchen Bund auffgehabt haͤtte; Der uͤbrige Habit ſtimmte mit der Hauptzierd uͤber - ein / dann ich hatte meines Einſidlers Rock an / wann ich denſelben anders noch einen Rock nennen darff / dieweil das erſte Gewand / darauß er geſchnitten wor - den / gaͤntzlich verſchwunden / und nichts mehr dar - von uͤbrig geweſen / als die bloſſe Form / welche mehr als tauſend Stuͤcklein allerhand-faͤrbiges zuſammen geſetztes / oder durch vielfaͤltiges flicken aneinander genaͤhetes Tuch / noch vor Augen ſtellte. Uber dieſem abgangenem / und doch zu vielmalen verbeſſertem Rock / trug ich das haͤrin Hemd / an ſtatt eines Schul - der-Kleids / (weil ich die Ermel an ſtatt eines paar Struͤmpffs brauchte / und dieſelbe zu ſolchem Ende herab getrennet hatte) der gantze Leib aber war mit eiſernen Ketten / hinden und vornen fein Creutz - weis / wie man Sanctum Wilhelmum zu mahlenpflegt67Erſtes Buch. pflegt / umbguͤrtet / ſo daß es faſt eine Gattung abgab / wie mit denen / ſo vom Tuͤrcken gefangen / und vor ihre Freunde zu bettlen / im Land umbziehen; meine Schuh waren auß Holtz geſchnitten / und die Schuh - baͤndel auß Rinden von Lindeubaͤumen geweben / die Fuͤß ſelbſt aber ſahen ſo Krebs-roth auß / als wann ich ein paar Struͤmpff von Spaniſch Leibfarb an - gehabt / oder ſonſt die Haut mit Fernambuc gefaͤrbt haͤtte: Jch glaube / wenn mich damals ein Gauck - ler / Marcktſchreyer oder Landfahrer gehabt / und vor einen Samojeden oder Gruͤnlaͤnder dargeben / daß er manchen Narꝛen angetroffen / der ein Creutzer an mir verſehen haͤtte. Ob nun zwar ein jeder Verſtaͤn - diger auß meinem magern und außgehungerten An - blick / und hinlaͤſſiger Auffziehung ohnſchwer ſchlieſ - ſen koͤnnen / daß ich auß keiner Garkuͤchen / oder auß dem Frauenzimmer / weniger von irgend eines groſ - ſen Herꝛn[Hofhaltung] entloffen / ſo wurde ich jedoch unter der Wacht ſtreng examinirt / und gleich wie ſich die Soldaten an mir vergafften / alſo betrachtet ich hingegen ihres Officiers dollen Auffzug / dem ich Red und Antwort geben muſte; Jch wuſte nicht / ob er Sie oder Er waͤre / dann er trug Haar und Bart auff Frantzoͤſtſch / zu beyden Seiten hatte er lange Zoͤpff herunder hangen wie Pferds-Schwaͤntz / und ſein Bart war ſo elend zugerichtet / und verſtuͤmpelt / daß zwiſchen Maul und Naſen nur noch etlich wenig Haar ſo kurtz darvon kommen / daß man ſie kaum ſe - hen konte: Nicht weniger ſetzten mich ſeine weite Hoſen / ſeines Geſchlechts halber in nicht geringen Zweiffel / als welche mir vielmehr einen Weiber - Rock / als ein paar Manns-Hoſen vorſtelleten. Jchgedach -68Deß Abentheurl. Simpliciſſimigedachte bey mir ſelbſt / iſt diß ein Mann? ſo ſolte er auch einen rechtſchaffenen Bart haben / weil der Geck nicht mehr ſo jung iſt / wie er ſich ſtellet: Jſts aber ein Weib / warumb hat die alte Hur dann ſo viel Stupf - feln umbs Maul? Gewißlich iſts ein Weib / gedacht ich / dann ein ehrlicher Mann wird ſeinen Bart wol nimmermehr ſo jaͤmmerlich verketzern laſſen; maſſen die Boͤcke auß groſſer Schamhafftigkeit keinen Tritt unter frembde Heerden gehen / wenn man ihnen die Baͤrt ſtutzet. Und demnach ich alſo im Zweiffel ſtun - de / und nicht wuſte / was die jetzige Mode war / hielte ich ihn endlich vor Mann und Weib zugleich.

Dieſes maͤnniſche Weib / oder dieſer weibiſche Mann / wie er mir vorkam / lieſſe mich uͤberall beſu - chen / fande aber nichts bey mir / als ein Buͤchlein von Bircken-Rinden / darinn ich meine taͤgliche Ge - bet geſchrieben / und auch das jenige Zettelein ligen hatte / das mir mein frommer Einſidel / wie in vori - gem Capitel gemeldet worden / zum Valete hinder - laſſen / ſolches nam er mir; weil ichs aber ohngern verlieren wolte / fiel ich vor ihm nider / faßte ihn umb beyde Knie / und ſagte: Ach mein lieber Hermaphro - dit, laſt mir doch mein Gebetbuͤchlein! Du Narꝛ / antwortet er / wer Teuffel hat dir geſagt / daß ich Herman heiſſe? Befahl darauff zweyen Solda - ten / mich zum Gubernator zu fuͤhren / welchen er beſagtes Buch mit gab / weil der Phantaſt ohne das / wie ich gleich merckte / ſelbſt weder leſen noch ſchrei - ben konte.

Alſo fuͤhrete man mich in die Statt / und jederman lieff zu / als wenn ein Meer-Wunder auff die Schau gefuͤhrt wurde; und gleich wie mich jedweder ſehenwolte69Erſtes Buch. wolte / alſo machte auch jeder etwas beſonders auß mir / etliche hielten mich vor einen Spionen / andere vor ein Unſinnigen / andere vor ein wilden Menſchen / und aber andere vor ein Geiſt / Geſpenſt / oder ſonſt vor ein Wunder / welches etwas beſonders bedeuten wuͤrde: Auch waren etliche / die hielten mich vor ein Narꝛen / welche wol am naͤchſten zum Zweck geſchoſ - ſen haben moͤchten / wann ich den lieben GOtt nicht gekennet haͤtte.

Das XX. Capitel.

ALs ich vor den Gubernator gebracht wurde / fragte er mich / wo ich herkaͤme? Jch aber antwortet / ich wuͤſte es nicht: Er fragt weiter / wo wilſtu dann hin? Jch antwortet abermal / ich weiß nicht: was Teuffel weiſtu dann / fragte er ferner / was iſt dann dein Handtierung? Jch antwortet noch wie vor / ich wuͤſte es nicht: Er fragte / wo biſtu zu Hauß? und als ich wiederumb antwortet / ich wuͤſte es nicht / veraͤndert er ſich im Geſicht / nicht weiß ich / obs auß Zorn oder Verwunderung geſchahe? Dieweil aber jederman das Boͤſe zu argwohnen pflegt / zumalen der Feind in der Naͤhe war / als welcher allererſt / wie gemeldt / die vorige Nacht Gelnhauſen eingenom̃en / und ein Regiment Dragoner darinn zu ſchanden ge - macht hatte / fiele er denen bey / die mich vor einen Verꝛaͤther oder Kundſchaffter hielten / befahl da - rauff / man ſolte mich beſuchen; Als er aber von den Soldaten von der Wacht / ſo mich zu ihm gefuͤhret hatten / vername / daß ſolches ſchon beſchehen / und anders nichts bey mir gefunden worden waͤre / als gegenwaͤrtiges Buͤchlein / welches ſie ihm zugleichuͤber -70Deß Abentheurl. Simpliciſſimiuͤberꝛeichten / laſe er ein paar Zeilen darnach / und fragte mich / wer mir das Buͤchlein geben haͤtte? ich antwortet / es waͤre von Anfang mein eigen geweſt / dann ich haͤtte es ſelbſt gemacht und uͤberſchrieben: Er fragte / warumb eben auff birckene Rinden? Jch antwortet / weil ſich die Rinden von andern Baͤumen nicht darzu ſchicken: Du Flegel / ſagte er / ich frage / warumb du nicht auff Papier geſchrieben haſt? Ey / antwortet ich / wir haben keins mehr im Wald ge - habt: Der Gubernator fragte / Wo? in welchem Wald? Jch antwortet wieder auff meinen alten Schrot / ich wuͤſte es nicht.

Da wandte ſich der Gubernator zu etlichen von ſeinen Officiern / die ihm eben auffwarteten / und ſag - te: Entweder iſt dieſer ein Ertz-Schelm / oder gar ein Narꝛ! zwar kan er kein Narꝛ ſeyn / weil er ſo ſchreibt; und in dem als er ſo redet / blaͤttert er in meinem Buͤchlein ſo ſtarck herumb / ihnen mein ſchoͤ - ne Handſchrifft zu weiſen / daß deß Einſidlers Brief - lein herauß fallen muſte / ſolches lieſſe er auffheben / ich aber entfaͤrbte mich daruͤber / weil ich ſolches vor meinen hoͤchſten Schatz und Heiligthumb hielte; welches der Gubernator wol in acht nam / und daher noch ein groͤſſern Argwohn der Verꝛaͤtherey ſchoͤpff - te / vornemlich als er das Briefflein auffgemacht und geleſen hatte / dann er ſagte: Jch kenne einmal dieſe Hand / und weiß / daß ſie von einem mir wolbe - kandten Kriegs-Officier geſchrieben worden iſt / ich kan mich aber nicht erinnern / von welchem? ſo kam ihm auch der Jnhalt ſelbſt gar ſeltzam und ohnver - ſtaͤndlich vor / dann er ſagte: Diß iſt ohne Zweiffel eine abgeredte Sprach / die ſonſt niemand verſtehet /als71Erſtes Buch. als der jenig / mit dem ſie abgeredt worden. Mich aber fragte er / wie ich hieſſe? und als ich antwortet Simplicius, ſagte er: Ja ja / du biſt eben deß rechten Krauts! fort / fort / daß man ihn alſobald an Hand und Fuß in Eiſen ſchlieſſe: Alſo wanderten beyde ob - gemeldte Soldaten mit mir nach meiner beſtim̃ten neuen Herberg / nemlich dem Stock-Hauß zu / und uͤberantworteten mich dem Gewaltiger / welcher mich ſeinem Befelch gemeß / mit eiſernen Banden und Ketten an Haͤnden und Fuͤſſen / noch ein mehrers zierte / gleichſam als haͤtte ich nicht genug an deren zu tragen gehabt / die ich bereits umb den Leib herumb gebunden hatte.

Dieſer Anfang mich zu bewillkommen / war der Welt noch nicht genug / ſondern es kamen Hencker und Steckenknecht / mit grauſamen Folterungs-In - ſtrumenten / welche mir / ohnangeſehen ich mich mei - ner Unſchuld zu getroͤſten hatte / meinen elenden Zu - ſtand allererſt grauſam machten: Ach GOtt! ſagte ich zu mir ſelber / wie geſchicht mir ſo recht / Simpli - cius iſt darumb auß dem Dienſt GOttes in die Welt geloffen / damit ein ſolche Mißgeburt deß Chriſten - thumbs den billichen Lohn empfahe / den ich mit mei - ner Leichtfertigkeit verdienet habe: O du ungluͤckſe - liger Simplici! wohin bringt dich deine Undanckbar - keit? Sihe / Gott hatte dich kaum zu ſeiner Erkant - nus und in ſeine Dienſt gebracht / ſo lauffſt du hinge - gen auß ſeinen Dienſten / und kehreſt ihm den Rucken! Haͤtteſtu nicht mehr Eicheln und Bohnen eſſen koͤn - nen wie zuvor / deinem Schoͤpffer ohnverhindert zu dienen? Haſtu nicht gewuſt / daß dein getreuer Ein - ſidel und Lehrmeiſter die Welt geflohen / und ihmeDdie72Deß Abentheurl. Simpliciſſimidie Wildnus außerwehlt? O blindes Ploch / du haſt dieſelbe verlaſſen / in Hoffnung / deinen ſchaͤndlichen Begierden (die Welt zu ſehen) genug zu thun. Aber nun ſchaue / in dem du vermeyneſt / deine Augen zu waͤiden / muſtu in dieſem gefaͤhrlichen Jrꝛgarten un - tergeben und verderben; Haſtu unweiſer Tropff dir nicht zuvor koͤnnen einbilden / daß dein ſeeliger Vor - gaͤnger der Welt Freude umb ſein hartes Leben / das er in der Einoͤde gefuͤhrt / nicht verdauſcht haben wuͤr - de / wenn er in der Welt den wahren Frieden / eine rechte Ruhe / und die ewige Seeligkeit zu erlangen getraut haͤtte? Du armer Simplici, jetzt fahr hin / und empfahe den Lohn deiner gehabten eitelen Gedancken und vermeſſenen Thorheit; Du haſt dich keines Un - rechts zu beklagen / auch keiner Unſchuld zu getroͤ - ſten / weil du ſelber deiner Marter und darauff fol - gendem Todt entgegen biſt geeylet. Alſo klagte ich mich ſelber an / bat GOtt umb Vergebung / und be - fahl ihm meine Seel: Jndeſſen naͤherten wir dem Diebs-Thurn / und als die Noth am groͤſten / da war die Huͤlff Gottes am naͤchſten; dann als ich mit den Schergen umdgeben war / und ſampt einer groſſen Menge Volcks vorm Gefaͤngnus ſtund / zu warten biß es auffgemacht / und ich hinein gethan wuͤrde / wolte mein Pfarꝛherꝛ / dem neulich ſein Dorff ge - pluͤndert und verbrennt worden / auch ſehen / was da vorhanden waͤre: (dann er lag zunaͤchſt darbey auch im Arreſt) Als dieſer zum Fenſter außſahe / und mich erblickte / ruffte er uͤberlaut: ô Simplici biſtus? Als ich ihn hoͤrte und ſahe / konte ich nichts anders / als daß ich beyde Haͤnd gegen ihm auffhube / und ſchrye: ô Vatter! ô Vatter! ô Vatter! Er aber fragte /was73Erſtes Buch. was ich gethan haͤtte? Jch antwortet / ich wuͤſte es nicht / man haͤtte gewißlich mich darumb daher ge - fuͤhrt / weil ich auß dem Wald entloffen waͤre: Als er aber vom Umbſtand vernam / daß man mich vor einen Verꝛaͤther hielte / bat er / man wolte mit mir inhalten / biß er meine Beſchaffenheit den Herꝛn Gouverneur berichtet haͤtte / dann ſolches wuͤrde bey - des zu meiner und ſeiner Erledigung taugen / und ver - huͤten / daß ſich der Herꝛ Gouverneur an uns beyden nicht vergreiffen wuͤrde / ſintemal er mich beſſer ken - ne / als ſonſt kein Menſch.

Das XXI. Capitel.

JHm wurde erlaubt / zum Gubernator zu gehen / und uͤber ein halbe Stund hernach wurd ich auch geholt / und in die Geſind-Stube geſetzt / allwo ſich ſchon zween Schneider / ein Schuſter mit Schuhen / ein Kauffmann mit Huͤten und Struͤmpffen / und ein anderer mit allerhand Gewand eingeſtellt / damit ich ehiſt gekleidet wuͤrde; da zog man mir den Rock ab / ſampt der Ketten und dem haͤrinen Hemd / auff daß die Schneider das Maaß recht nehmen koͤnten; fol - gends erſchiene ein Feldſcherer / mit ſcharffer Laugen und wolriechender Saͤiffen / und eben als dieſer ſeine Kunſt an mir uͤben wolte / kam ein anderer Befelch / welcher mich greulich erſchreckte / weil er lautet / ich ſolte meinen Habit wieder anziehen; ſolches war nicht ſo boͤß gemeynt / wie ich wol beſorgte / dann es kam gleich ein Mahler mit ſeinem Werckzeug da - ber / nemlich mit Minien und Zinober zu meinen Augliedern / mit Lack / Endig und Laſur zu meinen Corallen-rothen Lippen / mit Auripigmentum /D ijRauſch74Deß Abentheurl. SimpliciſſimiRauſch-ſchuͤtt und Bleygelb zu meinen weiſſen Zaͤh - nen / oie ich vor Hunger bleckte / mit Kuͤhnruß / Kohl - ſchwartz und Umbra zu meinen gelben Haaren / mit Bleyweiß zu meinen greßlichen Augen / und mit ſonſt vielerley Farben zu meinem Wetterfarbigen Rock / auch hatte er eine gantze Hand voll Benſel. Dieſer fieng an mich zu beſchauen / abzureiſſen / zu un - termahlen / den Kopff uͤber eine Seite zu hencken / umb ſeine Arbeit gegen meiner Geſtalt genau zu be - trachten; bald aͤndert er die Augen / bald die Haar / geſchwind die Nasloͤcher / und in Sum̃a alles / was er im Anfang nicht recht gemacht / biß er endlich ein natuͤrliches Muſter entworffen hatte / wie Simplicius eins war: Alsdann dorffte allererſt der Feldſcherer auch uͤber mich herwiſchen / derſelbe zwagte mir den Kopff / und richtet wol anderthalbe Stund an mei - nen Haaren / folgends ſchnitte er ſie ab auff die da - malige Mode, dann ich hatte Haar uͤbrig. Nachge - hends ſetzt er mich in ein Badſtuͤblein / und ſaͤubert meinen mageren außgehungerten Leib von mehr als drey - oder vierjaͤhrigem Unluſt: Kaum war er fertig / da bracht man mir ein weiſſes Hemd / Schuhe und Struͤmpff / ſampt einem Uberſchlag oder Kragen / auch Hut und Feder / ſo waren die Hoſen auch ſchoͤn außgemacht / und uͤberall mit Galaunen verpremt / allein manglets noch am Wambs / daran die Schnei - der zwar auff die Eyl arbeiteten; der Koch ſtellet ſich mit einem kraͤfftigen Suͤpplein ein / und die Kellerin mit einem Tranck: Da ſaſſe mein Herꝛ Simplicius wie ein junger Graf / zum beſten accommodirt; Jch zehrte dapffer zu / ohnangeſehen ich nicht wuſte / was man mit mir machen wolte / dann ich wuſte noch vonkeinem75Erſtes Buch. keinem Hencker-Mahl nichts / dahero thaͤt mir die Erkoſtung dieſes herꝛlichen Anfangs ſo trefflich kirꝛ und ſanfft / daß ichs keinem Menſchen genugſam ſa - gen / ruͤhmen und außſprechen kan; Ja ich glaube ſchwerlich / daß ich mein Lebtag einiges mal einen groͤſſern Wolluſt empfunden / als eben damals. Als nun das Wambs fertig war / zog ichs auch an / und ſtellte in dieſem neuen Kleid ein ſolch ungeſchickte Po - ſtur vor Augen / daß es ſahe wie ein Trophæum, oder als wenn man ein Zaunſtecken geziert haͤtte / weil mir die Schneider die Kleider mit Fleiß zu weit machen muſten / umb der Hoffnung willen die man hatte / ich wuͤrde in kurtzer Zeit zulegen / welches auch bey ſo gutem Futter augenſcheinlich geſchahe. Mein Wald - Kleid / ſampt der Ketten und aller Zugehoͤr / wurde hingegen in die Kunſt-Kammer zu andern raren Sa - chen und Antiquitaͤten gethan / und mein Bildnus in Lebensgroͤß darneben geſtellt.

Nach dem Nacht-Eſſen wurde mein Herꝛ in ein Bett gelegt / dergleichen mir niemals weder bey mei - nem Knan noch Einſidel zu theil worden; aber mein Bauch kurꝛet und murꝛet die gantze Nacht hindurch / daß ich nicht ſchlaffen konte / vielleicht keiner andern Urſach halber / als weil er entweder noch nicht wuſte was gut war / oder weil er ſich uͤber die anmuͤtige neue Speiſen / die ihm zu theil worden / verwunderte / ich blieb aber ein weg als den andern ligen / biß die liebe Sonn wieder leuchtet (deñ es war kalt) und betrach - tet / was vor ſeltzame Anſtaͤnd ich nun etliche Tag ge - habt / und wie mir der liebe GOtt ſo treulich durch geholffen / und mich an ein ſo gutes Ort gefuͤhret haͤtte.

D iijDas76Deß Abentheurl. Simpliciſſimi

Das XXII. Capitel.

DEnſelben Morgen befahl mir deß Gouverneurs Hofmeiſter / ich ſolte zu obgemeldtem Pfarꝛern geben / und vernehmen / was ſein Herꝛ meinetwegen mit ihm geredt haͤtte: Er gab mir einen Leibſchuͤtzen mit / der mich zu ihm brachte / der Pfarꝛer aber fuͤhret mich in ſein Muſeum, ſetzt ſich / hieß mich auch ſitzen / und ſagte: Lieber Simplici, der Einſidel / bey dem du dich im Wald auffgehalten / iſt nicht allein deß hie - ſigen Couverneurs Schwager / ſondern auch im Krieg ſein Befoͤrderer und wertheſter Freund geweſen; wie dem Gubernator mir zu erzehlen beliebt / ſo iſt dem - ſelben von Jugend auff weder an Dapfferkeit eines heroiſchen Soldaten / noch an Gottſeeligkeit und Andacht / die ſonſt einem Religioſo zuſtaͤndig / niemal nichts abgangen / welche beyde Tugenden man zwar ſelten beyeinander zu finden pflegt; Sein geiſtlicher Sinn und widerwertige Begegnuͤſſen / hem̃eten end - lich den Lauff ſeiner weltlichen Gluͤckſeeligkeit / ſo / daß er ſeinen Adel und anſehenliche Guͤter in Schot - ten / da er gebuͤrtig / verſchmaͤhet und hindan ſetzet / weil ihm alle Welthaͤndel abgeſchmack / eitel und verwerfflich vorkamen: Er verhoffte / mit einem Wort / ſeine gegenwaͤrtige Hoheit / umb ein kuͤnffti - ge beſſere Glory zu verwechſeln / weil ſein hoher Geiſt einen Eckel an allem zeitlichen Pracht hatte / und ſein Dichten und Trachten war nur nach einem ſol - chen erbaͤrmlichen Leben gerichtet / darinn du ihn im Wald angetroffen / und biß in ſeinen Todt Geſell - ſchafft geleiſtet haſt: Meines Erachtens iſt er durch Leſung vieler Papiſtiſchen Buͤcher / von dem Lebender77Erſtes Buch. der Alten Eremiten / hierzu verleitet worden.

Jch will dir aber auch ohnverhalten / wie er in den Speſſert und ſeinem Wunſch nach / zu ſolchem arm - ſeeligen Einſidler-Leben kommen ſeye / damit du ins kuͤnfftig auch andern Leuten etwas darvon zu erzeh - len weiſt: Die zweyte Nacht hernach / als die bluti - ge Schlacht vor Hoͤchſt verloren worden / kam er ei - nig und allein vor meinen Pfarꝛhof / als ich eben mit meinem Weib und Kindern gegen dem Morgen ent - ſchlaffen war / weil wir wegen deß Lermens im Land / den beydes die Fluͤchtige und Nachjagende in der - gleichen Faͤllen zu erꝛegen pflegen / die vorige gantze / und auch ſelbige halbe Nacht durch und durch ge - wacht hatten: Er klopffte erſtlich ſittig an / und fol - gends ungeſtuͤmm genug / biß er mich und mein Schlafftruncken Geſind erweckte / und nachdem ich auff ſein Anhalten und wenig Wortwechſeln / wel - ches beyderſeits gar beſcheiden fiele / die Thuͤr geoͤff - net / ſahe ich den Cavallier von ſeinem mutigen Pferd ſteigen / ſein koſibarlich Kleid war eben ſo ſehr mit ſeiner Feinde Blut beſprengt / als mit Gold und Sil - ber verpremt; und weil er ſeinen bloſſen Degen noch in der Fauſt hielte / ſo kam mich Forcht und Schre - cken an / nachdem er ihn aber einſteckte / und nichts als lauter Hoͤflichkeit vorbrachte / hatte ich Urſach / mich zu verwundern / daß ein ſo braver Herꝛ einen ſchlech - ten Dorff-Pfarꝛer ſo freundlich umb Herberg anre - det: Jch ſprach ihn wegen ſeiner ſchoͤnen Perſon / und ſeines berꝛlichen Anſehens halber / vor den Mans - felder ſelbſt an / Er aber ſagte / er ſey demſelben vor dißmal nur in der Ungluͤckſeeligkeit nicht allein zu vergleichen / ſondern auch vorzuziehen; drey DingD jvbeklag -78Deß Abentheurl. Simpliciſſimibeklagte er / nemlich ſein verlorne hoch-ſchwangere Gemahlin / die verlorne Schlacht / und daß er nicht gleich andern redlichen Soldaten / in derſelben vor das Evangelium ſein Leben zu laſſen / das Gluͤck ge - habt haͤtte. Jch wolte ihn troͤſten / ſahe aber bald / daß ſeine Großmuͤthigkeit keines Troſtes bedorffte / demnach theilte ich mit / was das Hauß vermochte / und ließ ihm ein Soldaten-Bett von friſchem Stroh machen / weil er in kein anders ligen wolte / wiewol er der Ruhe ſehr beduͤrfftig war. Das erſte / das er den folgenden Morgen thaͤt / war / daß er mir ſein Pferd ſchenckte / und ſein Gelt (ſo er an Gold in keiner klei - nen Zahl bey ſich hatte) ſampt etlich koͤſtlichen Rin - gen / unter meine Frau / Kinder und Geſind außthei - lete. Jch wuſte nicht wie ich mit ihm dran war / weil die Soldaten viel eher zu nemmen als zu geben pfle - gen; trug derowegen Bedenckens / ſo groſſe Vereh - rungen anzunemmen / und wandte vor / daß ich ſol - ches umb ihn nicht meritirt / noch hinwiederumb zu verdienen wiſſe / zu dem ſagte ich / wenn man ſolchen Reichthum / und ſonderlich das koͤſtliche Pferd / wel - ches ſich nicht verbergen lieſſe / bey mir und den Mei - nigen ſehe / ſo wuͤrde maͤnniglich ſchlieſſen / ich haͤtte ihn berauben / oder gar ermorden helffen. Er aber ſagte / ich ſolte dißfalls ohne Sorg leben / er wolte mich vor ſolcher Gefahr mit ſeiner eigenen Hand - ſchrifft verſichern / ja er begehre ſo gar ſein Hemd / ge - ſchweige ſeine Kleider auß meinem Pfarꝛhof nicht zu tragen / und mit dem oͤffnet er mir ſeinen Vorſatz / ein Einſidel zu werden: Jch wehrete mit Haͤnden und Fuͤſſen was ich konte / weil mich beduͤnckte / daß ſolch Vorhaben zumal nach dem Pabſtum ſchmeckte / mitErin -79Erſtes Buch. Erinnerung / daß er dem Evangelio mehr mit ſeinem Degen wuͤrde dienen koͤnnen; Aber vergeblich / denn er machte ſo lang und viel mit mir / biß ich alles ein - gieng / und ihn mit den jenigen Buͤchern / Bildern und Haußrath mondirte / die du bey ihm gefunden / wie - wol er nur der wuͤllinen Decke / darunter er dieſelbige Nacht auff dem Stroh geſchlaffen / vor all das jeni - ge begehrte / das er mir verehrt hatte / darauß ließ er ihm einen Rock machen; So muſte ich auch meine Wagenketten / die er ſtetig getragen / mit ihm umb eine guͤldene / daran er ſeiner Liebſten Conterfait trug / vertauſchen / alſo daß er weder Gelt noch Gelts werth behielte / mein Knecht fuͤhrte ihn an das einoͤdiſte Ort deß Walds / und halff ihm daſelbſt ſeine Huͤtten auff - richten. Was geſtalt er nun ſein Leben daſelbſt zuge - bracht / und wormit ich ihm zu Zeiten an die Hand gangen und außgeholffen / weiſt du ſo wol / ja zum theil beſſer als ich.

Nachdem nun neulich die Schlacht vor Noͤrd - lingen verloren / und ich / wie du weiſt / rein außge - pluͤndert / und zugleich uͤbel beſchaͤdiget worden / hab ich mich hieher in Sicherheit geflehnet / weil ich ohn das ſchon meine beſte Sachen hier hatte: Und als mir die paare Geltmittel auffgehen wolten / nam ich drey Ring / und obgemeldte guͤldene Ketten / mit ſampt dem anhangenden Conterfait / ſo ich von dei - nem Einſidel hatte / maſſen ſein Pettſchier-Ring auch darunter war / und trugs zu einem Juden / ſol - ches zu verſilbern / der hat es aber der Koͤſtlichkeit und ſchoͤnen Arbeit wegen dem Gubeinator kaͤufflich angetragen / welcher das Wappen und Conterfait ſtracks gekennet / nach mir geſchickt / und gefragt /D vwoher80Deß Abentheurl. Simpliciſſimiwoher ich ſolche Cleinodien bekommen? Jch ſagte ihm die Warheit / wieſe deß Einſidlers Handſchrifft oder Ubergabs-Brieff auff / und erzehlet allen Ver - lauff / auch wie er im Wald gelebt und geſtorben: Er wolte ſolches aber nicht glauben / ſondern kuͤndet mir den Arreſt an / biß er die Warheit beſſer erfuͤhre / und in dem er im Werck begriffen war / eine Partey außzuſchicken / den Augenſchein ſeiner Wohnung einzunehmen / und dich hieher holen zu laſſen / ſo ſehe ich dich in Thurn fuͤhren. Weil dann der Guberna - tor nunmehr an meinem Vorgeben nicht zu zweifflen Urſach hat / in dem ich mich auff den Ort / da der Einſidel gewohnet / item auff dich und andere leben - dige Zeugen mehr / inſonderheit aber auff meinen Meßner beruffen / der dich und ihn offt vor Tags in die Kirch gelaſſen / zumalen auch das Briefflein / ſo er in deinem Gebet-Buͤchlein gefunden / nicht allein der Warheit / ſondern auch deß ſeeligen Einſidlers Heiligkeit / ein treffliches Zeugnus gibt; Als will er dir und mir wegen ſeines Schwagers ſel. gutes thun / du darffſt dich jetzt nur reſolvirn / was du wilt / daß er dir thun ſoll? wiltu ſtudirn / ſo will er die Unkoſten darzu geben; haſt du Luſt ein Handwerck zu lernen / ſo will er dich eins lernen laſſen; wiltu aber bey ihm verbleiben / ſo will er dich wie ſein eigen Kind halten / denn er ſagte / wenn auch ein Hund von ſeinem Schwager ſel. zu ihm kaͤme / ſo wolle er ihn auffneh - men: Jch antwortet / es gelte mir gleich / was der Herꝛ Gubernator mit mir machte.

Das XXIII. Capitel.

DEr Pfarꝛer zoͤgerte mich auff in ſeinem Loſa -ment81Erſtes Buch. ment biß 10. Uhr / ehe er mit mir zum Gouverneur gieng / ihm meinen Entſchluß zu ſagen / damit er bey demſelben / weil er ein freye Tafel hielte / zu Mittags ein Gaſt ſeyn koͤnne; dann es war damals Hanau blocquirt / und ein ſolche klemme Zeit bey dem gemei - nen Mann / bevorab den geflehnten Leuten in ſelbiger Veſtung / daß auch etliche / die ſich etwas einbildeten / die angefrorne Ruͤbſchaͤlen auff der Gaſſen / ſo die Reiche etwan hinwarffen / auffzuheben nit verſchmaͤ - heten: Es gluͤckte ihm auch ſo wol / daß er neben den Gouverneur ſelbſt uͤber der Tafel zu ſitzen kam / ich aber wartete auff mit einem Deller in der Hand / wie mich der Hofmeiſter anwieſe; in welches ich mich zu ſchicken wuſte / wie ein Eſel ins Schach-Spiel: Aber der Pfarꝛer erſetzte allein mit ſeiner Zung / was die Ungeſchicklichkeit meines Leibs nicht vermochte / Er ſagte / daß ich in der Wildnus erzogen / niemals bey Leuten geweſen / und dahero wol vor entſchuldigt zu halten / weil ich noch nicht wiſſen koͤnte / wie ich mich halten ſolte; meine Treu / die ich dem Einſidel erwieſen / und das harte Leben / ſo ich bey demſelben uͤberſtanden / waͤren verwunderns wuͤrdig / und allein werth / nicht allein meine Ungeſchicklichkeit zu ge - dulden / ſondern auch mich dem feinſten Edelknaben vorzuziehen. Weiters erzehlte er / daß der Einſidel alle ſeine Freud an mir gehabt / weil ich / wie er oͤff - ters geſagt / ſeiner Liebſten von Angeſicht ſo aͤhnlich ſeye / und daß er ſich offt uͤber meine Beſtaͤndigkeit und ohnveraͤnderlichen Willen / bey ihm zu bleiben / und ſonſt noch uͤber viel Tugenden / die er an mir ge - ruͤhmt / verwundert haͤtte. Jn Summa / er konte nicht genugſam außſprechen / wie mit ernſtlicher Jnbruͤn -D jvſtigkeit82Deß Abentheurl. Simpliciſſimiſtigkeit er kurtz vor ſeinem Todt mich ihme Pfarꝛern recommendirt / und bekennet haͤtte / daß er mich ſo ſehr als ſein eigen Kind liebe.

Dieſes kuͤtzelt mich dermaſſen in Ohren / daß mich beduͤnckte / ich haͤtte ſchon Ergoͤtzlichkeit genug vor alles das jenige empfangen / das ich je bey dem Ein - ſidel außgeſtanden. Der Gouverneur fragte / ob ſein ſeel. Schwager nicht gewuſt haͤtte / daß er der Zeit in Hanau commandire? Freylich / antwortet der Pfarꝛer / ich habs ihm ſelbſt geſagt; Er hat es aber (zwar mit einem froͤlichen Geſicht und kleinem laͤch - len) ſo kaltſinnig angehoͤrt / als ob er niemals keinen Ramſay gekennt haͤtte / alſo daß ich mich noch / wenn ich der Sach nachdencke / uͤber dieſes Manns Beſtaͤn - digkeit und veſten Vorſatz verwundern muß / wie er nemlich uͤbers Hertz bringen koͤnnen / nicht allein der Welt abzuſagen / ſondern auch ſeinen beſten Freund / den er doch in der Naͤhe hatte / ſo gar auß dem Sinn zu ſchlagen! Dem Gouverneur, der ſonſt kein waͤich - hertzig Weiber-Gemuͤt hatte / ſondern ein dapfferer heroiſcher Soldat war / ſtunden die Augen voll Waſ - ſer: Er ſagte / haͤtte ich gewuͤſt / daß er noch im Le - ben / und wo er anzutreffen geweſt waͤre / ſo wolte ich ihn auch wider ſeinen Willen haben zu mir holen laſſen / damit ich ihm ſeine Gutthaten haͤtte erwie - dern koͤnnen / weil mirs aber das Gluͤck mißgoͤnnet / als will ich an ſeiner ſtatt ſeinen Simplicium verſor - gen: Ach! ſagte er weiters / der redliche Cavallier hat wol Urſach gehabt / ſeine ſchwangere Gemahlin zu beklagen / dann ſie iſt von einer Partey Kaͤiſerl. Reuter im Nachhauen / und zwar auch im Speſſert gefangen woꝛden. Als ich ſolches erfahren / und nichtsanders83Erſtes Buch. anders gewuſt / als mein Schwager ſeye bey Hoͤchſt todt geblieben / habe ich gleich einen Trompeter zum Gegentheil geſchickt / meiner Schweſter nachzufra - gen / und dieſelbe zu ranzioniren / hab aber nichts an - ders damit außgerichtet / als daß ich erfahren / ge - meldte Partey Reuter ſey im Speſſert von etlichen Bauren zertrennt / und in ſolchem Gefecht meine Schweſter von ihnen wieder verloren worden / alſo daß ich noch biß auff dieſe Stund nicht weiß / wo ſie hin kommen.

Dieſes und dergleichen war deß Gouverneurs und Pfarꝛern Tiſch-Geſpraͤch / von meinem Einſidel und ſeiner Liebſten / welches paar Ehevolck umb ſo viel deſto mehr bedauret wurde / weil ſie einander nur ein Jahr gehabt hatten. Aber ich wurde alſo deß Guber - nators Page, und ein ſolcher Kerl / den die Leut / ſon - derlich die Bauren / wenn ich ſie bey meinem Herꝛn anmelden ſolte / bereits Herꝛ Jung nenneten / wiewol man ſelten einen Jungen ſihet / der ein Herꝛ geweſen / aber wol Herꝛen / die zuvor Jungen waren.

Das XXIV. Capitel.

DAmals war bey mir nichts ſchaͤtzbarliches / als ein reines Gewiſſen / und auffrichtig frommes Gemuͤt zu finden / welches mit der edlen Unſchuld und Einfalt begleitet und umbgeben war; ich wuſte von den Laſtern nichts anders / als daß ich ſie etwan hoͤren nennen / oder darvon geleſen hatte / und wenn ich deren eins wuͤrcklich begeben ſahe / war mirs ein erſchroͤckliche und ſeltene Sach / weil ich erzogen und gewehnet worden / die Gegenwart GOttes allezeit vor Augen zu haben / und auffs ernſtlichſt nach ſeinemD vijheili,84Deß Abentheurl. Simpliciſſimiheiligen Willen zu leben / und weil ich denſelben wu - ſte / pflegte ich der Menſchen Thun und Weſen ge - gen demſelben abzuwegen / in ſolcher Ubung beduͤnck - te mich / ich ſehe nichts als lauter Greuel: HErꝛ GOtt! wie verwundert ich mich anfaͤnglich / wann ich das Geſetz und Evangelium / ſampt den getreuen Warnungen Chriſti betrachtete / und hingegen der jenigen Werck anſahe / die ſich vor ſeine Jůnger und Nachfolger außgaben; An ſtatt der auffrichtigen Meynung / die ein jedweder rechtſchaffener Chriſt haben ſoll / fand ich eitel Heucheley / und ſonſt ſo un - zehlbare Thorheiten bey allen Welt Menſchen / daß ich auch zweiffelte / ob ich Chriſten vor mir haͤtte oder nicht? dann ich konte leichtlich mercken / daß maͤn - niglich den ernſtlichen Willen GOttes wuͤſte / ich merckte aber hingegen keinen Ernſt / denſelben zu voll - bringen.

Alſo hatte ich wol tauſenderley Grillen und ſeltza - me Gedancken in meinem Gemuͤt / und gerieth in ſchwere Anfechtung / wegen deß Befelchs Chriſti / da er ſpricht: Richtet nicht / ſo werdet ihr auch nicht gerichtet. Nichts deſto weniger kamen mir die Wort Pauli zu Gedaͤchtnus / die er zun Gal. am 5. Cap. ſchreibt: Offenbar ſind alle Wercke deß Fleiſches / als da ſind Ehebruch / Hurerey / Unreinigkeit / Un - zucht / Abgoͤtterey / Zauberey / Feindſchafft / Hader / Neid / Zorn / Zanck / Zweytracht / Rotten / Haß / Mord / Sauffen / Freſſen und dergleichen / von wel - chen ich euch habe zuvor geſagt / und ſage es noch wie zuvor / daß die ſolches thun / werden das Reich Got - tes nicht ererben! Da gedachte ich / das thut ja faſt jederman offentlich / warumb ſolte ich dann nichtauch85Erſtes Buch. auch auff deß Apoſtels Wort offenbertzig ſchlieſſen doͤrffen / daß auch nicht jederman ſeelig werde.

Naͤchſt der Hoffart und dem Geitz / ſampt deren erbaren Anhaͤngen / waren Freſſen und Sauffen / Huren und Buben / bey den Vermoͤglichen ein taͤgli - che Ubung; was mir aber am aller-erſchroͤcklichſten vorkam / war dieſer Greuel / daß etliche / ſonderlich Soldaten-Burſch / bey welchen man die Laſter nicht am ernſtlichſten zu ſtraffen pflegt / beydes auß ihrer Gottloſigkeit und dem beiligen Willen GOttes ſeld - ſten / nur einen Schertz machten. Zum Exempel / ich hoͤrete einsmals einen Ehebrecher / welcher we - gen vollbrachter That noch geruͤhmt ſeyn wolte / die - ſe gottloſe Wort ſagen: Es thuts dem gedultigen Hanrey genug / daß er meinetwegen ein paar Hoͤrner traͤgt / und wenn ich die Warheit bekennen ſoll / ſo hab ichs mehr dem Mann zu Leyd / als der Frauen zu Lieb gethan / damit ich mich an ihm raͤchen moͤge. O kahle Rach! antwortet ein ehrbar Gemuͤt / ſo da - bey ſtunde / dardurch man ſein eigen Gewiſſen befle - cket / und den ſchaͤndlichen Nahmen eines Ehebre - chers uͤberkompt! was Ehebrecher? antwortet er ihm mit einem boͤniſchen Gelaͤchter / ich bin darumb kein Ehebrecher / wenn ich ſchon dieſe Ehe ein wenig gebogen habe; diß ſeynd Ehebrecher / worvon das ſechſte Gebot ſagt / allwo es verdeut / daß keiner einem andern in Garten ſteigen / und die Kirſchen ehe bre - chen ſolle / als der Eigenthums-Herꝛ! Und daß ſol - ches alſo zu verſteben ſeye / erklaͤrte er gleich darauff / nach ſeinem Teuffels-Catechiſmo / das ſiebende Ge - bot / welches dieſe Meynung deutlicher vorbringe / in dem es ſagt: Du ſolt nicht ſtelen / ꝛc. SolcherWort86Deß Abentheurl. SimpliciſſimiWort trieb er viel / alſo daß ich bey mir ſelbſt ſeufftzt und gedachte: O Gottslaͤſterlicher Suͤnder! du nen - neſt dich ſelbſt einen Ehebieger / und den guͤtigen Gott einen Ehebrecher / weil er Mann und Weib durch den Todt voneinander trennet; meyneſtu nicht / ſagt ich auß uͤbrigem Eyfer und Verdruß zu ihm / wiewol er ein Officier war / daß du dich mit dieſen gottloſen Worten mehr verſuͤndigeſt / als mit dem Ehebruch ſelbſten? Er aber autwortet mir: Du Maußkopff / ſoll ich dir ein paar Ohrfeigen geben? Jch glaub auch / daß ich ſolche dicht bekommen haͤtte / wenn der Kerl meinen Herꝛn nicht haͤtte foͤrchten muͤſſen: Jch aber ſchwieg ſtill / und ſahe nachgehends / daß es gar kein ſeltene Sach war / wenn ſich Ledige nach Ver - ehelichten / und Verehelichte nach Ledigen umb - ſahen.

Als ich noch bey meinem Einſidel den Weg zum ewigen Leben ſtudirte / verwundert ich mich / warumb doch Gott ſeinem Volck die Abgoͤtterey ſo hochſtraͤff - lich verbotten? dann ich bildete mir ein / wer einmal den wahren ewigen GOtt erkennet haͤtte / der wuͤrde wol nimmermehr keinen andern ehren und anbeten; ſchloſſe alſo in meinem dummen Sinn / diß Gebot ſeye ohnnoͤtig / und vergedlich gegeben worden: Aber Ach! ich Narꝛ wuſte nicht was ich gedachte / dann ſo bald ich in die Welt kam / vermerckte ich / daß (diß Gebot ohnangeſehen) bey nahe jeder Welt-Menſch einen beſondern Neben-Gott hatte / ja etliche hatten wol mehr / als die Alte und Neue Heyden ſelbſten / etliche hatten den Jhrigen in der Kuͤſten / auff wel - chen ſie allen Troſt und Zuverſicht ſetzten; mancher hatte den ſeinen bey Hof / zu welchem er allen Zufluchtgeſtellt /87Erſtes Buch. geſtellt / der doch nur ein Favorit, und offt ein lieder - licher Bernheuter war / als ſein Anbeter ſelbſt / weil ſein luͤfftige Gottheit nur auff deß Printzen Aprillen - wetteriſchen Gunſt beſtunde; andere hatten den ihri - gen in der Reputation, und bildeten ſich ein / wann ſie nur dieſelbige erhielten / ſo waͤren ſie ſelbſt auch halbe Goͤtter; noch andere hatten den ihrigen im Kopff / nemlich die jenige / denen der wahre Gott ein geſund Hirn verliehen / alſo daß ſie einige Kuͤnſte und Wiſſenſchafften zu faſſen geſchickt waren / dieſelbe ſetzten den guͤtigen Geber auff ein Seit / und verlieſ - ſen ſich auff die Gab / in Hoffnung / ſie wuͤrde ihnen alle Wolfahrt verleyhen; Auch waren viel / deren Gott ihr eigener Bauch war / welchem ſie taͤglich die Opffer raichten / wie vor Zeiten die Heyden dem Baccho und der Cerere gethan / und wann ſolcher ſich unwillig erzeigte / oder ſonſt die menſchliche Gebre - chen ſich anmeldeten / ſo machten die elende Men - ſchen einen Gott auß dem Medico, und ſuchten ihres Lebens Auffenthalt in der Apotheck / auß welcher ſie zwar oͤffters zum Todt befoͤrdert wurden. Manche Narꝛen machten ihnen Goͤttinnen auß glatten Me - tzen / dieſelbe nenneten ſie mit andern Nahmen / bete - ten ſie Tag und Nacht an mit viel tauſend Seufftzen / und machten ihnen Lieder / welche nichts anders / als ihr Lob in ſich hielten / benebens einem demuͤtigen Bitten / daß ſolche mit ihrer Thorheit ein barmher - tziges Mitleiden tragen / und auch zu Naͤrꝛinnen wer - den wolten / gleich wie ſie ſelbſt Narꝛen ſeyen. Hin - gegen waren Weibsbilder / die hatten ihre eigene Schoͤnheit vor ihren Gott auffgeworffen dieſe / ge - dachten ſie / wird mich wol vermannen / GOTT imHim̃el88Deß Abentheurl. SimpliciſſimiHim̃el ſage darzu / was er will; dieſer Abgott ward an ſtatt anderer Opffer taͤglich mit allerhand Schmin - cke / Salben / Waſſern / Pulvern und ſonſt Schmir - ſel unter halten und verehrt. Jch ſahe Leut / die wol - gelegene Haͤuſer vor Goͤtter hielten / dann ſie ſagten / ſo lang ſie darinn gewohnet / waͤre ihnen Gluͤck und Heyl zugeſtanden / und das Gelt gleichſam zum Fenſter hinein gefallen; welcher Thorheit ich mich hoͤchſtens verwundert / weil ich die Urſach ſahe / wa - rumb die Jnwohner ſo guten Zuſchlag gehabt: Jch kante einen Kerl / der konte in etlich Jahren vor dem Toback-Handel nicht recht ſchlaffen / weil er demſel - ben ſein Hertz / Sinn und Gedancken / das allein GOtt gewidmet ſeyn ſolte / geſchenckt hatte / er ſchick - te demſelben ſo Tags als Nachts viel 1000. Seuff - tzer / weil er dardurch proſperirte; Aber was geſcha - be? der Phantaſt ſtarb / und fuhr dahin / wie der Toback-Rauch ſelbſt. Da gedacht ich / O du elender Menſch! waͤre dir deiner Seelen Seeligkeit und deß wahren GOttes Ehr / ſo hoch angelegen geweſen / als der Abgott / der in Geſtalt eines Braſilianers mit einer Roll Toback unterm Arm / und einer Pfeiffen im Maul / auff deinem Gaden ſtehet / ſo lebte ich der ohnzweifflichen Zuverſicht / du haͤtteſt ein herꝛliches Ehren-Kraͤntzlein / in jener Welt zu tragen / erwor - ben. Ein anderer gEſell hatte noch wol liederlichere Goͤtter / dann als bey einer Geſellſchafft von jedem erzehlt wurde / auff was Weis er ſich in dem grenli - lichen Hunger und theuren Zeit ernehret und durch gebracht / ſagte dieſer mit Teutſchen Worten: Die Schnecken und Froͤſch ſeyen ſein Herꝛ Gott geweſen / er haͤtte ſonſt in Mangel ihrer muͤſſen Hungers ſter -ben:89Erſtes Buch. ben: Jch fragte ihn / was ihm denn damals GOtt ſelbſt geweſt waͤre / der ihm ſolche Inſecta zu ſeinem Auffenthalt beſchehrt haͤtte? Der Tropff aber wuſte nichts zu antworten / und ich muſte mich umb ſo viel deſto mehr verwundern / weil ich noch nirgends gele - ſen / daß die Alte abgoͤttiſche Egyptier / noch die Neu - lichſte Americaner / jemals dergleichen Ungeziefer vor Gott außgeſchryen / wie dieſer Geck thaͤte.

Jch kam einsmals mit einem vornehmen Herꝛn in eine Kunſt-Kam̃er / darinnen ſchoͤne Raritaͤten wa - ren / unter den Gemaͤhlden gefiele mir nichts beſſer / als ein Ecce Homo! wegen ſeiner erbaͤrmlichen Dar - ſtellung / mit welcher es die Anſchauer gleichſam zum Mitleiden verzuckte; darneben hienge eine pa - pierne Charte in China gemahlt / darauff ſtunden der Chineſer Adgoͤtter in ihrer Majeſtaͤt ſitzend / deren theils wie die Teuffel geſtaltet waren / der Herꝛ im Hauß fragte mich / welches Stuͤck in ſeiner Kunſt - Kammer mir am beſten gefiele? Jch deutet auff be - ſagtes Ecce Homo, Er aber ſagte / ich irꝛe mich / das Chineſer Gemaͤhld waͤre rarer / und dahero auch koͤſilicher / er wolte es nicht umb zehen ſolcher Ecce Homo manglen: Jch antwortet / Herꝛ / iſt euer Hertz wie euer Mund? Er ſagt / ich verſehe michs; Da - rauff ſagte ich: So iſt auch euers Hertzen Gott der jenige / deſſen Conterfait ihr mit dem Mund beken - net / das koͤſtlichſte zu ſeyn: Phantaſt / ſagt jener / ich æſtimire die Raritaͤt! Jch antwortet / was iſt ſel - tener und verwunderns wuͤrdiger / als daß GOttes Sohn ſelbſt unſert wegen gelitten / wie uns diß Bildnus vorſtellt?

Das90Deß Abentheurl. Simpliciſſimi

Das XXV. Capitel.

SO ſehr wurden nun dieſe und noch eine groͤſſere Menge anderer Art Abgoͤtter nicht geehrt / ſo ſehr wurde hingegen die wahre Goͤttliche Majeſtaͤt verachtet / denn gleich wie ich niemand ſahe / der ſein Wort und Gebot zu halten begehrte / alſo ſahe ich hingegen viel / die ihm in allem widerſtrebten / und die Zoͤllner (welche zu den Zeiten / als Chriſtus noch auff Erden wandelt / offene Suͤnder waren) mit Boß - heit uͤbertraffen: Chriſtus ſpricht / liebet eure Fein - de / ſeguet die euch fluchen / thut wol denen die euch haſſen / bittet vor die ſo euch beleydigen und verſol - gen / auff daß ihr Kinder ſeyt euers Vatters im Him - mel; dann ſo ihr liebet / die euch lieben / was werdet ihr fuͤr Lohn haben? thun ſolches nicht auch die Zoͤll - ner? und ſo ihr euch nur zu euren Bruͤdern freund - lich thut / was thut ihr ſonderliches? thun nicht die Zoͤllner auch alſo? Aber ich fande nicht allein nie - mand / der dieſem Befelch Chriſti nachzukommen be - gehrte / ſondern jederman thaͤt gerad das Widerſpil / es hieſſe / viel Schwaͤger / viel Knebel-Spieß; und nirgends fande ſich mehr Neid / Haß / Mißgunſt / Hader und Zanck / als zwiſchen Bruͤdern / Schwe - ſtern / und andern angebornen Freunden / ſonderlich wenn ihnen ein Erb zu theilen / zugefallen war; auch ſonſt haßte das Handwerck aller Orten einander / al - ſo daß ich handgreifflich ſehen und ſchlieſſen muſte / daß vor dieſem die offene Suͤnder / Publicanen und Zoͤllner / welche wegen ihrer Boßheit und Gottloſig - keit bey maͤnniglich verhaßt waren / uns heutigen Chriſten mit Ubung Bruͤderlicher Liebe weit uͤber -legen91Erſtes Buch. legen geweſen; maſſen ihnen Chriſtus ſelbſten das Zeugnus gibt / daß ſie ſich untereinander geliebet ha - ben: Dahero betrachtete ich / wenn wir keinen Lohn haben / ſo wir die Feinde nicht lieben / was vor groſſe Straffen wir dann gewaͤrtig ſeyn muͤſſen / wann wir auch unſere Freund haſſen; wo die groͤſte Lieb und Treu ſeyn ſolte / fande ich die hoͤchſte Untreu / und den gewaltigſten Haß. Mancher Herꝛ ſchunde ſeine ge - treue Diener und Underthanen / hingegen wurden etliche Underthanen an ihren frommen Herꝛen zu Schelmen. Den continuirlichen Zanck vermercket ich zwiſchen vielen Eheleuten / mancher Tyrann hiel - te ſein ehrlich Weib aͤrger als einen Hund / und man - che loſe Vettel ihren from̃en Mann vor einen Narꝛn und Eſel. Viel Huͤndiſche Herꝛn und Meiſter betro - gen ihre fleiſſige Dienſtbotten umb ihren gebuͤhren - den Lohn / und ſchmaͤlerten beydes Speiß und Tranck / hingegen ſahe ich auch viel untreu Geſind / die ihre fromme Herꝛen entweder durch Diebſtal oder Fahr - laͤſſigkeit ins Verderben ſetzten. Die Handels-Leut und Handwercker renneten mit dem Juden-Spieß gleichſam umb die Wett / und ſogen durch allerhand Fuͤnde und Voͤrthel dem Bauersmann ſeinen ſauren Schweiß ab; hingegen waren theils Bauren ſo gar gottloß / daß ſie ſich auch darumb bekuͤmmerten / wenn ſie nicht rechtſchaffen genug mit Boßheit durchtrie - ben waren / andere Leut / oder auch wol ihre Herꝛen ſelbſt / unterm Schein der Einfalt zu beruffen. Jch ſahe einsmals einen Soldaten einem andern eine dichte Maulſchelle geben / und bildete mir ein / der Geſchlagene wuͤrde den andern Backen auch dar - bieten: (weil ich noch niemal bey keiner Schlaͤgereygewe -92Deß Abentheurl. Simpliciſſimigeweſen) Aber ich irꝛete / dann der Beleydigte zoge von Leder / und verſetzte dem Thaͤter eine Wunde davor an Kopff: Jch ſchrye ihm uͤberlaut zu / und ſagte: Ach Freund / was machſtu? Da waͤr einer ein Bernheuter / antwort jener / ich will mich der Teuffel hol ꝛc. ſelbſt raͤchen / oder das Leben nicht haben! bey / muͤſte doch einer ein Schelm ſeyn / der ſich ſo coujoniren lieſſe. Der Lermen zwiſchen dieſen zweyen Duellanten ergroͤſſert ſich / weilen beyderſeits Beyſtaͤnder / ſampt dem Umbſtand und Zulauff / ein - ander auch in die Haar kamen; da hoͤrte ich ſchwoͤ - ren bey Gott und ihren Seelen ſo leichtfertig / daß ich nicht glauben konte / daß ſie dieſe vor ihr edelſt Kleinod hielten: Aber das war nur Kinderſpiel / deñ es blieb bey ſo geringen Kinderſchwüren nicht / ſon - dern es folgte gleich hernach: Schlag mich der Don - ner / der Blitz / der Hagel / zerꝛeiß und hol mich der ꝛc. ja nicht einer allein / ſondern hundert tauſend / und führen mich in die Luͤfft hinweg! Die H. Sacra - menta muſten nicht nur ſiebenfaͤltig / ſondern auch mit hundert tauſenden / ja ſo viel Thonnen / Galleern und Stattgraͤben voll herauß / alſo daß mir abermal alle Haar gen Berg ſtunden. Jch gedachte wiede - rumb an den Befelch Chriſti / da er ſagt: Jhr ſolt allerdings nicht ſchwoͤren / weder bey dem Himmel / dann er iſt Gottes Stul / noch bey der Erden / dann ſie iſt ſeiner Fuͤſſe Schemel / noch bey Jeruſalem / dann ſie iſt eines groſſen Koͤnigs Statt / auch ſolt du nicht bey deinem Haupt ſchwoͤren / dann du vermagſt nicht ein einiges Haar weiß und ſchwartz zu machen / euer Rede aber ſey Ja Ja / Nein Nein / was druͤber iſt / das iſt vom Ubel. Dieſes alles / und was ich ſaheund93Erſtes Buch. und hoͤrete / erwog ich / und ſchloß veſtiglich / daß dieſe Balger keine Chriſten ſeyen / ſuchte derowegen eine andere Geſellſchafft.

Zum aller-erſchroͤcklichſten kam mirs vor / wenn ich etliche Großſprecher ſich ihrer Boßhett / Suͤnd / Schand und Laſter ruͤhmen hoͤrete / dann ich vernam zu unterſchiedlichen Zeiten / und zwar taͤglich / daß ſie ſagten: Potz Blut / wie haben wir geſter geſoffen! Jch hab mich in einem Tag wol dreymal voll geſof - fen / und eben ſo vielmal gekotzt. Potz Stern / wie haben wir die Bauren / die Schelmen / tribulirt. Potz Stral / wie haben wir Beuten gemacht. Potz hun - dert Gifft / wie haben wir ein Spaß mit den Wei - hern und Maͤgden gehabt. Jtem / ich hab ihn darni - der gehauen / als wenn ihn der Hagel haͤtte nider ge - ſchlagen. Jch hab ihn geſchoſſen / daß er das Weiß uͤberſich kehrte. Jch hab ihn ſo artlich uͤber den Doͤl - pel geworffen / daß ihn der Teuffel haͤtte holen moͤgen. Jch hab ihm den Stein geſtoſſen / daß er den Hals haͤtt brechen moͤgen. Solche und dergleichen un - Chriſtliche Reden erfuͤllten mir alle Tag die Ohren / und uͤber das / ſo hoͤrte und ſahe ich auch in GOttes Nahmen ſuͤndigen / welches wol zu erbarmen iſt; von den Kriegern wurde es am meiſten practicirt / wenn ſie nemlich ſagten: Wir wollen in Gottes Nahmen auff Partey / Pluͤndern / Mitnemmen / Todtſchieſ - ſen / Nidermachen / Angreiffen / gefangen nemmen / in Brand ſtecken / und was ihrer ſchroͤcklichen Arbei - ten und Verꝛichtungen mehr ſeyn moͤgen. Alſo wa - gens auch die Wucherer mit dem Verkauff in Got - tes Nahmen / damit ſie ihrem Teuffliſchen Geitz nach ſchinden und ſchaben moͤgen. Jch habe zween Mauß -koͤpff94Deß Abentheurl. Simpliciſſimikoͤpff ſehen hencken / die wolten einsmals bey Nacht ſtelen / und als ſie die Leiter angeſtellt / und der eine in GOttes Nahmen einſteigen wolte / warff ihn der wachtſame Haußvatter ins Teuffels Nahmen wie - der herunter / davon er ein Bein zerbrach / und alſo gefangen / und uͤber etlich Tag hernach ſampt ſeinem Camerad auffgeknuͤpffet ward. Wann ich nun ſo etwas hoͤret / ſahe / und beredet / und wie meine Ge - wonheit war / mit der H. Schrifft hervor wiſchte / oder ſonſt treuhertzig abmahnete / ſo hielten mich die Leut vor einen Narꝛen / ja ich wrrde meiner guten Meynung halber ſo offt außgelacht / daß ich endlich auch unwillig wurde / und mir vorſetzte / gar zu ſchweigen / welches ich doch auß Chriſtlicher Liebe nicht halten konte. Jch wuͤnſchte / daß jederman bey meinem Einſidel aufferzogen worden waͤre der Mey - nung / es wuͤrde alsdann auch maͤnniglich der Welt Weſen mit Simplicii Augen anſehen / wie ichs da - mals beſchauet. Jch war nicht ſo witzig / wann lau - ter Simplici in der Welt waͤren / daß man alsdann auch nicht ſo viel Laſter ſehen werde. Jndeſſen iſts doch gewiß / daß ein Welt-Menſch / welcher aller Untugenden und Thorheiten gewohnt / und ſelbſten mit macht / im wenigſten nicht empfinden kan / auff was vor einer boͤſen Sproſſen er mit ſeinen Geferten wandelt.

Das XXVI. Capitel.

ALs ich nun vermeynte / ich haͤtte Urſach zu zweif - feln / ob ich unter Chriſten waͤre oder nicht? gien - ge ich zu dem Pfarꝛer / und erzehlte alles / was ich gehoͤret und geſehen / auch was ich vor Gedanckenhatte95Erſtes Buch. hatte / nemlich daß ich die Leut nur vor Spoͤtter Chri - ſti und ſeines Worts / und vor keine Chriſten hielte / mit Bitt / er wolte mir doch auß dem Traum helffen / damit ich wiſſe / worvor ich meine Neben-Menſchen halten ſolte; Der Pfarꝛer antwortet / freylich ſind ſie Chriſten / und wolt ich dir nicht rathen / daß du ſie anderſt nennen ſolteſt; Mein GOtt! ſagte ich / wie kans ſeyn? dann wann ich einem oder dem andern ſeinen Fehler / den er wider GOtt begehet / verweiſe / ſo werde ich verſpottet und außgelacht: Deſſen ver - wundere dich nicht / antwortet der Pfarꝛer / ich glaube / wenn unſere erſte fromme Chriſten / die zu Chriſti Zeiten gelebt / ja die Apoſtel ſelbſt / anjetzo aufferſtehen / und in die Welt kommen ſolten / daß ſie mit dir ein gleiche Frag thun / und endlich auch ſo wol als du / von jedermaͤnniglich vor Narꝛen gehal - ten wuͤrden; das / was du bißher ſiheſt und hoͤreſt / iſt ein gemeine Sach / und nur Kinderſpiel gegen dem jenigen / das ſonſten ſo heimlich als offentlich und mit Gewalt / wider GOtt und den Menſchen vorge - het / und in der Welt veruͤbet wird / aber laß dich das nicht aͤrgern / du wirſt wenig Chriſten finden / wie Herꝛ Samuel ſel. einer geweſen iſt.

Jn dem als wir ſo miteinander redeten / fuͤhret man etliche / ſo vom Gegentheil gefangen waren worden / uͤbern Platz / welches unſern Diſcurs zerſtoͤ - ret / weil wir die Gefangene auch beſchauten: Da vername ich eine Unſinnigkeit / dergleichen ich mir nicht haͤtte traͤumen doͤrffen laſſen: Es war aber ein neue Mode einander zu gruͤſſen und zu bewillkom̃en / dann einer von unſerer Guarniſon, welcher hiebevor dem Kaͤiſer auch gedient hatte / kante einen von denEGefan -96Deß Abentheurl. SimpliciſſimiGefangenen / zu dem gieng er / gab ihm die Hand / druckt jenem die ſeinige vor lauter Freud und Treu - hertzigkeit / und ſagte: Daß dich der Hagel erſchlag / (Alt-Teutſch) lebſtu auch noch Bruder? Potz Fi - ckerment / wie fuͤhrt uns der Teuffel hier zuſammen! ich hab ſchlag mich der Donner vorlaͤngſt gemeynt / du waͤrſt gehenckt worden: Darauff antwortet der ander / potz Blitz Bruder! biſtus / oder biſtus nicht? daß dich der Teuffel hol / wie biſtu hieher kom̃en? ich haͤtte mein Lebtag nicht gemeynt / daß ich dich wieder antreffen wuͤrde / ſondern hab gedacht / der Teuffel hab dich vorlaͤngſt hingefuͤhrt. Und als ſie wieder voneinander giengen / ſagt einer zum andern / an ſtatt behuͤt dich Gott; Strick zu / Strick zu / morgen kom - men wir vielleicht zuſammen / dann wollen wir brav miteinander ſauffen.

Jſt das nicht ein ſchoͤner gottſeeliger Willkomm? ſagt ich zum Pfarꝛer / ſind das nicht herꝛliche Chriſt - liche Wuͤnſch? haben dieſe nicht einen heiligen Vor - ſatz auff den morgenden Tag? wer wolte ſie vor Chriſten erkennen / oder ihnen ohne Erſtaunen zuhoͤ - ren? wenn ſie einander auß Chriſtlicher Liebe ſo zu - ſprechen / wie wirds denn hergehen / wenn ſie mitein - ander zancken? Herꝛ Pfarꝛer / wenn diß Schaͤflein Chriſti ſind / ihr aber deſſen beſtellter Hirt / ſo will euch gebuhren / ſie auff eine beſſere Waͤid zu fuͤhren; Ja / antwort der Pfarꝛer / Liebes Kind / es gehet bey den gottloſen Soldaten nicht anders her / GOtt er - barms! wann ich gleich etwas ſagte / ſo waͤre es ſo viel / als wenn ich den Tauben predigte / und ich haͤtte nichts anders davon / als dieſer gottloſen Burſch ge - faͤhrlichen Haß. Jch verwundert mich / ſchwaͤtztenoch97Erſtes Buch. noch ein Weil mit dem Pfarꝛer / und gieng dem Gu - bernator auffzuwarten / dann ich hatte gewiſſe Zeiten Erlaubnus / die Statt zu beſchauen / und zum Pfar - rer zu gehen / weil mein Herꝛ von meiner Einfalt Wind hatte / und gedachte / ſolche wuͤrde ſich legen / wann ich herumb terminirte / etwas ſehe / hoͤrte / und von andern geſchulet / oder wie man ſagt / gehobelt und geruͤlpt wuͤrde.

Das XXVII. Capitel.

MEines Herꝛn Gunſt vermehrte ſich taͤglich / und wurde je laͤnger je groͤſſer gegen mir / weil ich nicht allein ſeiner Schweſter / die den Einſidel ge - habt hatte / ſondern auch ihm ſelbſten je laͤnger je glei - cher ſahe / in dem die gute Speiſen und faule Taͤg mich in Kuͤrtze glatthaͤrig machten. Dieſe Gunſt ge - noſſe ich bey jedermaͤnniglich / dann wer etwas mit dem Gubernator zu thun hatte / der erzeigte ſich mir auch guͤnſtig / und ſonderlich mochte mich der Secre - tarius wol leiden / in dem mich derſelbe rechnen lernen muſte / hatte er manche Kurtzweil von meiner Einfalt und Unwiſſenheit; er war erſt von den Studien kom - men / und ſtack dahero noch voller Schulpoſſen / die ihm zu Zeiten ein Anſehen gaben / als wann er einen Sparꝛen zu viel oder zu wenig gehabt haͤtte / er uͤber - redete mich offt / ſchwartz ſey weiß / und weiß ſey ſchwartz / dahero kam es / daß ich ihm in der erſte al - les / und auffs letzte gar nichts mehr glaubte: Jch tadelt ihm einsmals ſein ſchmierig Dintenfaß / er aber antwortet / ſolches ſey ſein beſtes Stück in der gantzen Cantzley / dann auß demſelben lange er her - auß was er begehre / die ſchoͤnſte Ducaten / Kleider /E ijund98Deß Abentheurl. Simpliciſſimiund in Summa was er vermoͤchte / haͤtte er nach und nach herauß gefiſcht: Jch wolte nicht glauben / daß auß einem ſo kleinen veraͤchtlichen Ding ſo herꝛliche Sachen zu bekommen waͤren; hingegen ſagt er / ſol - ches vermoͤg der Spiritus Papyri (alſo nennet er die Dinten) und das Dintenfaß wuͤrde darumb ein Faß genennet / weil es groſſe Sachen faſſe: Jch fragte / wie mans dann herauß bringen koͤnte / ſintemal man kaum zween Finger hinein ſtecken moͤchte? Er ant - wortet / er haͤtte einen Arm im Kopff / der ſolche Arbeit verꝛichten muͤſſe / er verhoffe ihm bald auch ein ſchoͤ - ne reiche Jungfrau herauß zu langen / und wann er das Gluͤck haͤtte / ſo getraute er auch eigen Land und Leut herauß zu bringen / welches wol ehemals ge - ſchehen waͤre: Jch muſte mich uͤber dieſe kuͤnſtliche Griff verwundern / und fragte / ob noch mehr Leute ſolche Kunſt koͤnten? Freylich / antwortet er / alle Cantzler / Doctorn, Secretarii, Procuratorn oder Ad - vocaten / Commiſſarii, Notarii, Kauff - und Han - dels-Herꝛen / und ſonſt unzehlich viel andere mehr / welche gemeiniglich / wann ſie nur fleiſſig fiſchen / zu reichen Herꝛen darauß werden: Jch ſagte / ſo ſeynd die Bauren und andere arbeitſame Leut nicht witzig / daß ſie im Schweiß ihres Angeſtchts ihr Brot eſ - ſen / und dieſe Kunſt nicht auch lernen: Er antwor - tet / etliche wiſſen der Kunſt Nutzen nicht / dahero be - gehren ſie ſolche auch nicht zu lernen; etliche wol - tens gerne lernen / manglen aber deß Arms im Kopff / oder anderer Mittel; etliche lernen die Kunſt / und haben Arms genug / wiſſen aber die Griff nicht / ſo die Kunſt erfordert / wenn man dardurch will reich werden; andere wiſſen und koͤnnen alles was darzugehoͤrt99Erſtes Buch. gehoͤrt / ſie wohnen aber an der Feblhalden / und ba - ben keine Gelegenheit wie ich / die Kunſt rechtſchaffen zu uͤben.

Als wir dergeſtalt vom Dintenfaß (welches mich allerdings an deß Fortunati Saͤckel gemahnet) di - ſcurirten / kam mir das Titular-Buch ohngefaͤbr in die Haͤnd / darinnen fande ich / meines damaligen Davorhaltens / mehr Thorheiten / als mir bißhero noch nie vor Augen kommen; Jch ſagte zum Secre - tario, dieſes alles ſind ja Adams-Kinder / und eines Gemaͤchts miteinander / und zwar nur von Staub und Aſchen! Wo kompt dann ein ſo groſſer Unter - ſcheid her? Allerheiligſt / Unuͤberwindlichſt / Durch - leuchtigſt! Sind das nicht Goͤttliche Eigenſchaff - ten? hier iſt einer Gnaͤdig / dort iſt der ander Ge - ſtreng; und was muß allzeit das Geborn darbey thun? man weiß ja wol / daß keiner vom Him̃el faͤllt / auch keiner auß dem Waſſer entſtehet / und daß kei - ner auß der Erden waͤchſt / wie ein Krautskopff; wa - rumb ſtehen nur Hoch-Wol. Vor - und Großgeach - te da / und keine geneunte? oder wo bleiben die ge - fuͤnffte / geſechſte / und geſibende? was iſt das vor ein naͤrꝛiſch Wort / Vorſichtig? welchem ſtehen dann die Augen hinden im Kopff? Der Secretarius muſte meiner lachen / und nam die Muͤhe / mir eines und deß andern Titul / und alle Wort inſonderheit auß - zulegen / ich aber beharꝛete darauff / daß die Titul nicht recht geben wuͤrden / es waͤre einem viel ruͤhm - licher / wann er Freundlich titulirt wuͤrde / als Ge - ſtreng; Jtem / wann das Wort Edel an ſich ſelb - ſten nichts anders / als hochſchaͤtzbarliche Tugenden dedeute / warumb es dann / wann es zwiſchen Hoch -E iijgeborn100Deß Abenth. Simpliciſſimigeborn (welches Wort einen Fuͤrſten oder Grafen anzeige) geſetzt werde / ſolchen Fuͤrſtlichen Titul verꝛingere? das Wort Wolgeborn ſey eine gantze Unwarheit / ſolches wuͤrde eines jeden Barons Mutter bezeugen / wenn man ſie fraget / wie es ihr bey ihres Sohns Geburt ergangen waͤre?

Jn dem ich nun dieſes alſo belachte / entranne mir ohnverſehens ein ſolcher grauſamer Leibs-Dunſt / daß beydes ich und der Secretarius daruͤber erſchracken; dieſer meldet ſich augenblicklich ſo wol in unſern Na - ſen / als in der gantzen Schreibſtuben ſo kraͤfftig an / gleichſam als wenn man ihn zuvor nicht genug ge - hoͤret haͤtte: Troll dich du Sau / ſagt der Secretarius zu mir / zu andern Saͤuen in Stall / mit denen du Ruͤlp beſſer zuſtimmen / als mit ehrlichen Leuten converſiren kanſt; er muſte aber ſo wol als ich den Ort raͤumen / und dem greulichen Geſtanck den Platz allein laſſen. Und alſo habe ich meinen guten Handel / den ich in der Schreib-Stub hatte / dem gemeinen Spruͤchwort nach / auff einmal verkerbt.

Das XXVIII. Capitel.

JCh kam aber ſehr unſchuldig in diß Ungluͤck / denn die ohngewoͤhnliche Speiſen und Artzneyen / die man mir taͤglich gab / meinen zuſammen geſchrum - pelten Magen und eingeſchnorꝛtes Gedaͤrm wieder zu recht zu bringen / erꝛegten in meinem Bauch viel gewaltige Wetter und ſtarcke Sturmwind / welche mich treff ich quaͤlten / wann ſie ihren ungeſtuͤmmen Außbruch ſuchten; und demnach ich mir nicht ein - bildete / daß es uͤbel gethan ſey / wenn man diß Orts der Natur willfahre / maſſen einem ſolchen innerli -chen101Erſtes Buch. chen Gewalt in die Laͤng zu widerſtehen / ohne das ohnmuͤglich / mich auch weder mein Einſidel (weil ſolche Gaͤſt gar duͤnn bey uns geſaͤet wurden) niemal nichts darvon unterꝛichtet / noch mein Knan verbot - ten / ſolche Kerl ihres Wegs nicht ziehen zu laſſen / als lieſſe ich ihnen Lufft / und alles paſſirn / was nur fort wolte / diß ich erzehlter maſſen mein Credit beym Secretario verloren: Zwar waͤre deſſen Gunſt noch wol zu entberen geweſt / wenn ich in keinen groͤſſern Unfall kommen waͤre / dann mir giengs / wie einem frommen Menſchen der nach Hof kompt / da ſich die Schlang wider den Naſicam, Goliath wider den David / Minotaurus wider Theſeum, Meduſa wider Perſeum, Circe wider Ulyſſem, Ægiſthus wider Me - nelaum, Paludes wider Coræbum, Medea wider den Peliam, Neſſus wider Herculem, und was mehr iſt / Althea wider ihren eigenen Sohn Meleagrum ru - ſtet.

Mein Herꝛ hatte einen außgeſtochenen Eſſig zum Page neben mir / welcher ſchon ein paar Jahr bey ihm geweſen / demſelben ſchenckt ich mein Hertz / weil er mit mir gleiches Alters war: Jch gedachte / dieſer iſt Jonathan / und du biſt David; aber er eyfert mit mir / wegen der groſſen Gunſt / die mein Herꝛ zu mir trug / und taͤglich vermehrte; er beſorgt / ich moͤchte ihm vielleicht die Schuh gar außtretten / ſahe mich derowegen heimlich mit mißgoͤnſtigen neidigen Au - gen an / und gedachte auff Mittel / wie er mir den Stein ſtoſſen / und durch meinen Unfall dem ſeini - gen vorkommen moͤchte: Jch aber hatte Dauben - Augen / und auch einen andern Sinn als er / ja ich vertraute ihm alle meine Heimlichkeiten / die zwarE jvauff102Deß Abentheurl. Simpliciſſimiauff nichts anders / als auff kindiſcher Einfalt und Frommkeit beſtunden / dahero er mir auch nirgends zukommen konte. Einsmals ſchwaͤtzten wir im Bett lang miteinander / ehe wir entſchlieffen / und in dem wir vom Wahrſagen redeten / ver ſprach er mich ſol - ches auch umbſonſt zu lernen; hieſſe mich darauff den Kopff unter die Decke thun / dann er uͤberꝛedet mich / auff ſolche Weis muͤſte er mir die Kunſt bey - bringen; Jch gehorchte fleiſſig / und gab auff die Ankunfft deß Wahrſager-geiſtes genaue Achtung / potz Gluͤck! derſelbe nam ſeinen Einzug in meiner Naſen / und zwar ſo ſtarck / daß ich den gantzen Kopff wieder unter der Decken herfuͤr thun muſte: Was iſts? ſagt mein Lehrmeiſter / Jch antwortet / du haſt einen ſtreichen laſſen; Und du / antwortet er / haſt wahr geſagt / und kanſt alſo die Kunſt am beſten. Die - ſes empfande ich vor keinen Schimpff / dann ich hat - te damals noch keine Gall / ſondern begehrte allein von ihm zu wiſſen / durch was vor einen Vortel man dieſe Kerl ſo ſtillſchweigend abſchaffen koͤnte? mein Camerad antwortet / dieſe Kunſt iſt gering / du darffſt nur das lincke Bein auffheben / wie ein Hund der an ein Eck bruntzt / darneben heimlich ſagen: Je pete, Je pete, Je pete, und mithin ſo ſtarck gedruckt / als du kanſt / ſo ſpatzieren ſie ſo ſtillſchweigends dahin / als wann ſie geſtolen haͤtten. Es iſt gut / ſagte ich / und wanns hernach ſchon ſtinckt / ſo wird man vermey - nen / die Hund haben den Lufft verfaͤlſcht / ſonderlich wann ich das lincke Bein fein doch auffgehebt werde haben. Ach / dachte ich / haͤtte ich doch dieſe Kunſt heute in der Schreib-Stuben gewuſt.

Das103Erſtes Buch.

Das XXIX. Capitel.

D andern Tags hatte mein Herꝛ ſeinen Offi - ciern und andern guten Freunden / eine Fuͤrſt - liche Gaſterey angeſtellt / weil er die angenehme Zei - tung bekommen / daß die Seinigen das veſte Hauß Braunfels ohne Verluſt einigen Manns eingenom - men; da muſte ich / wie dann mein Ampt war / wie ein anderer Tiſch-Diener helffen Speiſen aufftra - gen / einſchencken / und mit einem Deller in der Hand auffwarten: Den erſten Tag wurde mir ein groſſer fetter Kalbskopff (von welchen man zu ſagen pflegt / daß ſie kein Armer freſſen doͤrffe) auffzutragen ein - gehaͤndigt; weil nun derſelbig zimlich muͤrd geſot - ten war / lieſſe er das eine Aug mit zugehoͤriger gan - tzen Subſtanz zimlich weit herauß lappen / welches mir ein anmuthiger und verfuͤhriſcher Anblick war: Und weil mich der friſche Geruch von der Speck - Bruͤhe und auffgeſtreutem Jngwer zugleich anrei - tzete / empfand ich einen ſolchen Appetit / daß mir das Maul gantz voll Waſſer wurde: Jn Summa / das Aug lachte meine Augen / meine Naſen / und meinen Mund zugleich an / und bate mich gleichſam / ich wolte es doch meinem heiß-hungerigen Magen einverleiben: Jch lieſſe mir nicht lang den Rock zer - reiſſen / ſondern folgte meinen Begierden / im Gang hub ich das Aug mit meinem Leffel / den ich erſt den - ſelben Tag bekommen hatte / ſo meiſterlich herauß / und ſchickte es ohne Anſtoß ſo geſchwind an ſeinen Ort / daß es auch kein Menſch innen ward / biß das Schuͤppen-Eſſen auff den tiſch kam / und mich und ſich ſelbſt verꝛiethe; dañ als man ihn zerlegen wolte /E vund104Deß Abentheurl. Simpliciſſimiund eins von ſeinen allerbeſten Gliedmaſſen mangel - te / ſahe mein Herꝛ gleich / warumb der Vorſchnei - der ſtutzte; Er wolte fuͤrwahr den Spott nicht ha - ben / daß man ihm einen einaͤugigen Kalbskopff auff - zuſtellen / das Hertz haben ſolte! Der Koch muſte vor die Tafel / und die ſo auffgetragen hatten / wurden mit ihm examinirt; zuletzt kame das Facit uͤber den armen Simplicium herauß / daß nemlich ihme der Kopff mit beyden Augen auffzutragen gegeben wor - den waͤre / wie es aber weiter gangen / darvon wuſte niemand zu ſagen. Mein Herꝛ fragte / meines Be - duͤnckens mit einer ſchroͤcklichen Mine, wohin ich mit dem Kalbs-Aug kommen waͤre? geſchwind wiſchte ich mit meinem Leffel wieder auß dem Sack / gab dem Kalbskopff den andern Fang / und wieſe kurtz und gut / was man von mir wiſſen wolte / maſſen ich das ander Aug / gleich wie das erſte / in einem Huy verſchlang: Par Dieu, ſagte mein Herꝛ / dieſer Act ſchmeckt beſſer / als zehen Kaͤlber! Die anweſende Herꝛen lohten dieſen Außſpruch / und nenneten meine That / die ich auß Einfalt begangen / eine Wunder - kluge Erfindung / und Vorbedeutung kuͤnfftiger Dapfferkeit und unerſchrockenen Reſolution. Alſo daß ich vor dißmal meiner Straff / durch Widerho - lung eben deß jenigen / damit ich ſolche verdient hat - te / nicht allein gluͤcklich entgieng / ſondern auch von etlichen kurtzweiligen Poſſenreiſſern / Fuchsſchwaͤn - tzern und Tiſch-Raͤthen / diß Lob erlangte / ich haͤtte weislich gehandelt / daß ich beyde Augen zuſammen logirt / damit ſie gleich wie in dieſer / alſo auch in je - ner Welt einander Huͤlff u[n]d Geſellſchafft leiſten koͤnten / worzu ſie dann anfaͤnglich von der Natur ge -widmet105Erſtes Buch. widmet waͤren. Mein Herꝛ aber ſagte / ich ſolte ihm ein ander mal nicht wieder ſo kommen.

Das XXX. Capitel.

BEy dieſer Mahlzeit (ich ſchaͤtze / es geſchicht bey andern auch) tratte man gantz Chriſtlich zur Tafel / man ſprach das Tiſchgebet ſehr ſtill / und al - lem Anſehen nach auch ſehr andaͤchtig: Solche ſtille Andacht continuirte ſo lang / als man mit der Supp und den erſten Speiſen zu thun hatte / gleichſam als wenn man in einem Capucciner-Convent geſſen baͤt - he; Aber kaum hatte jeder drey oder viermal geſeg - ne Gott geſagt / da wurde ſchon alles viel lauter: Jch kan nicht beſchreiben / wie ſich nach und nach ei - nes jeden Stimm je laͤnger je hoͤher erhebte / ich wol - te dann die gantze Geſellſchafft einem Orator ver - gleichen / der erſtlich ſachte anfaͤhet / und endlich herauß donnert: Man brachte Gerichter / deßwegen Vor-Eſſen genant / weil ſie gewuͤrtzt / und vor dem Trunck zu genieſſen verordnet waren / damit derſelbe deſto beſſer gienge: Jtem Bey-Eſſen / weil ſie bey dem Trunck nicht uͤbel ſchmecken ſolten / allerhand Frantzoͤſiſchen Potagen und Spaniſchen Olla Pot - triden zu geſchweigen; welche durch tauſendfaͤltige kuͤnſtliche Zubereitungen und ohnzahlbare Zuſaͤtze / dermaſſen verpfeffert / uͤberdummelt / vermummet / mixtirt / und zum Trunck geruͤſtet waren / daß ſie durch ſolche zufaͤllige Sachen und Gewuͤrtz mit ih - rer Subſtanz ſich weit anders veraͤndert hatten / als ſie die Natur anfaͤnglich hervor gebracht / alſo daß ſie Cneus Manlius ſelbſten / wann er ſchon erſt auß Aſia kommen waͤre / und die beſte Koͤch bey ſich ge -E vjhabt106Deß Abentheurl. Simpliciſſimihabt haͤtte / dennoch nicht gekennet haͤtte. Jch ge - dachte / warumb wolten dieſe einem Menſchen / der ihm ſolche / und den Trunck darbey ſchmecken laͤſt / (worzu ſie dann vornemlich bereitet ſind) nicht auch ſeine Sinne zerſtoͤren / und ihn veraͤndern / oder gar zu einer Beſtia machen koͤnnen? Wer weiß / ob Circe andere Mittel gebraucht hat / als eben dieſe / da ſie deß Ulyſſis Geferten in Schwein veraͤndert? Jch ſahe einmal / daß dieſe Gaͤſt die Trachten fraſſen wie die Saͤu / darauff ſoffen wie die Kuͤhe / ſich darbey ſtellten wie die Eſel / und alle endlich kotzten wie die Gerberhund! Den edlen Hochheimer / Bacheracher und Klingenberger / goſſen ſie mit Kuͤbelmaͤſſigen Glaͤſern in Magen hinunder / welche ihre Wuͤrckun - gen gleich oben im Kopffverſpůren lieſſen. Darauff ſahe ich meinen Wunder / wie ſich alles veraͤnderte; nemlich verſtaͤndige Leut / die kurtz zuvor ihre fuͤnff Sinn noch geſund beyeinander gehabt / wie ſie jetzt urploͤtzlich anfiengen naͤrꝛiſch zu thun / und die al - derſte Ding von der Welt vorzubringen; die groſſe Thorheiten die ſie begiengen / und die groſſe Truͤnck / die ſie einander zubrachten / wurden je laͤnger je groͤſ - ſer / alſo daß es ſchiene / als ob dieſe beyde umb die Wett miteinander ſtritten / welches unter ihnen am groͤſten waͤre / zuletzt verkehrte ſich ihr Kampff in eine unflaͤtige Sauerey. Nichts artlichers war / als daß ich nicht wuſte / woher ihnen der Duͤrmel kam / ſinte - mal mir die Wuͤrckung deß Weins / oder die Trun - ckenheit ſelbſt / noch allerdings unbekant geweſen / welches dann luſtige Grillen und Phantaſten-Ge - dancken in meinem wercklichen Nachſinnen ſetzte / ich ahe wol ihre ſeltzame Minas, ich wuſte aber den Ur -ſprung107Erſtes Buch. ſprung ihres Zuſtands nicht. Biß dahin hatte jeder mit gutem Appetit das Geſchirꝛ gelaͤert / als aber die Maͤgen gefuͤllt waren / hielte es haͤrter als bey einem Fuhrmann / der mit geruhtem Geſpann auff der Ebne wol fort kompt / am Berg aber nicht hotten kan. Nachdem aber die Koͤpff auch doll wurden / er - ſetzte ihre Unmuͤglichkeit entweder deß einen Coura - ge, die er im Wein eingeſoffen; oder beym andern die Treuhertzigkeit / ſeinem Freund eins zu bringen; oder beym dritten die Teutſche Redlichkeit / Ritter - lich Beſcheid zu thun: Nachdeme aber ſolches die Laͤnge auch nicht beſtehen konte / beſchwur je einer den andern bey groſſer Herꝛen und ſonſt lieber Freund / oder bey ſeiner Liebſten Geſundheit / den Wein Maß - weis in ſich zu ſchuͤtten / woruͤber manchem die Au - gen uͤbergiengen / und der Angſtſchweiß außdrach; doch muſte es geſoffen ſeyn: Ja man machte zuletzt mit Trommeln / Pfeiffen und Saͤitenſpiel Lermen / und ſchoß mit Stücken darzu / ohn Zweiffel darumb / dieweil der Wein die Maͤgen mit Gewalt einnem - men muſte. Mich verwundert / wohin ſie ihn doch alle ſchuͤtten koͤnten / weil ich noch nicht wuſte / daß ſie ſolchen / ehe er recht warm bey ihnen ward / wiederum mit groſſem Schmertzen auß eben dem Ort herfuͤr gaben / wohinein ſie ihn kurtz zuvor mit hoͤchſter Ge - fahr ihrer Geſundheit gegoſſen hatten.

Mein Pfarꝛer war auch bey dieſer Gaſterey / ihm beliebte ſo wol als andern / weil er auch ſo wol als andere ein Menſch war / ein Abtritt zu nemmen: Jch gieng ihm nach / und ſagte: Mein Herꝛ Pfarꝛer / warumb thun doch die Leut ſo ſeltzam? woher kom̃t es doch / daß ſie ſo hin und her dorckeln? mich duͤncktE vijſchier108Deß Abentheurl. Simpliciſſimiſchier / ſie ſeyen nicht mehr recht witzig / ſie haben ſich alle ſatt geſſen und getruncken / und ſchwoͤren bey Teuffel holen / wann ſie mehr ſauffen koͤnnen / und dennoch hoͤren ſie nicht auff / ſich außzuſchoppen! muͤſſen ſie es thun / oder verſchwenden ſie GOtt zu Trutz / auß freyem Willen ſo unnuͤtzlich? Liebes Kind / antwortet der Pfarꝛer / Wein ein / Witz auß! das iſt noch nichts gegen dem / das kuͤnfftig iſt: Mor - gen gegen Tag iſts noch ſchwerlich Zeit / bey ihnen voneinander zu gehen / dann wenn ſchon ihre Maͤgen gedrungen voll ſtecken / ſo ſind ſie jedoch noch nicht recht luſtig geweſt; zerberſten dann / ſagte ich / ihre Baͤuch nicht / wenn ſie immer ſo unmaͤſſig einſchte - ben? koͤnnen dann ihre Seelen / die Gottes Ebenbild ſeyn / in ſolchen Maſtſchwein-Coͤrpern verharꝛen? in welchen ſie doch / gleichſam wie in finſtern Gefaͤng - nuſſen und Ungezifer-maͤſſigen Diebs-Thuͤrnen / ohn alle gottſeelige Regungen gefangen ligen? Jhre edle Seelen / ſage ich / wie moͤgen ſich ſolche ſo martern laſſen; ſeynd nicht ihre Sinne / welcher ſich ihre See - len bedienen ſolten / wie in dem Eingeweid der un - vernuͤnfftigen Thier begraben? Halts Maul / ant - wortet der Pfarꝛer / du doͤrffteſt ſonſt greulich Pum - pes kriegen / hier iſt kein Zeit zu predigen / ich wolts ſonſt beſſer als du verꝛichten. Als ich dieſes hoͤrte / ſahe ich ferner ſtillſchweigend zu / wie man Speiß und Tranck muthwillig verderbte / unangeſehen der arme Lazarus / den man damit haͤtte laben koͤnnen / in Ge - ſtalt vieler 100. vertriebener Wetterauer / denen der Hunger zu den Augen herauß guckte / vor unſern Thuͤren verſchmachtete / weil naut im Schanck war.

Das109Erſtes Buch.

Das XXXI. Capitel.

ALs ich dergeſtalt mit einem Deller in der Hand vor der Tafel auffwartete / und in meinem Ge - muͤt von allerhand Dauben und wercklichen Gedan - cken geplagt wurde / lieſſe mich mein Bauch auch nicht zu frieden / er kurꝛet und murꝛet ohn Unterlaß / und gab dardurch zu verſtehen / daß Burſch in ihm vorhanden waͤren / die in freyen Lufft begehrten; ich gedacht / mir von dem ungeheuren Geruͤmpel abzu - helffen / den Paß zu oͤffnen / und mich darbey meiner Kunſt zu bedienen / die mich erſt die vorig Nacht mein Camerad gelernet hatte; ſolchem Unterꝛicht zu folg / hub ich das lincke Bein ſampt dem Schenckel in alle Hoͤhe auff / druckte von allen Kraͤfften was ich konte / und wolte meinen Spruch / Je pete, zugleich dreymal heimlich ſagen; Als aber der ungeheure Geſpan / der zum Hindern hinauß wiſchte / wider mein Verhoffen ſo greulich thoͤnete / wuſte ich vor Schrecken nit mehr was ich thaͤte / mir wurde einsmals ſo bang / als weñ ich auff der Laͤiter am Galgen geſtanden waͤre / und mir der Hencker bereits den Strick haͤtte anlegen wollen / und in ſolcher gaͤhlingen Angſt ſo verwirꝛet / daß ich auch meinen eigenen Gliedern nicht mehr be - fehlen konte / maſſen mein Maul in dieſem urploͤtz - lichen Lermen auch rebelliſch wurde / und dem Hin - dern nichts bevor geben / noch geſtatten wolte / daß er allein das Wort haben / es aber / das zum reden und ſchreyen erſchaffen / ſeine Reden heimlich drum - len ſolte / derowegen lieſſe ſolches das jenige / ſo ich heimlich zu reden im Sinn hatte / dem Hindern zu Trutz uͤberlaut hoͤren / und zwar ſo ſchroͤcklich / alswann110Deß Abentheurl. Simpliciſſimiwann man mir die Kehl haͤtte abſtechen wollen: Je greulicher der Unterwind knallete / je grauſamer das Je pete oben herauß fuhr / gleichſam als ob meines Magens Ein - und Außgang einen Wettſtreit mitein - ander gehalten haͤtten / welcher unter ihnen beyden die ſchroͤcklichſte Stimm von ſich zu donnern ver - moͤchte. Hierdurch bekam ich wol Linderung in mei - nem Eingeweid / dargegen aber einen ungnaͤdigen Herꝛn an meinem Gouverneur; Seine Gaͤſt wurden uͤber dieſem unverſehenen Knall faſt wieder alle nuͤch - tern / ich aber / weil ich mit aller meiner angewandten Muͤhe und Arbeit keinen Wind bannen koͤnnen / in eine Futterwanne geſpannet / und alſo zerkarbaͤitſcht / daß ich noch biß auff dieſe Stund daran gedencke. Solches waren die erſte Paſtonaden die ich kriegte / ſeit ich das erſte mal Lufft geſchoͤpfft / weil ich den - ſelben ſo abſcheulich verderbt hatte / in welchem wir doch gemeinſchafftlicher Weis leben muͤſſen / da brachte man Rauch-taͤfelein und Kertzen / und die Gaͤſt ſuchten ihre Biſemknoͤpff und Balſambuͤchs - lein / auch ſo gar ihren Schnupfftoback hervor / aber die beſte arommata wolten ſchier nichts erklecken. Alſo hatte ich von dieſem Actu, den ich beſſer als der beſte Comœdiant in der Welt ſpielte / Friede in mei - nem Bauch / hingegen Schlaͤg auff den Buckel / die Gaͤſt aber ihre Nafen voller Geſtanck / und die Auff - warter ihre Muͤhe / wieder einen guten Geruch ins Zimmer zu machen.

Das XXXII. Capitel.

WJe diß voruͤber / muſte ich wieder auffwarten / wie zuvor / mein Pfarꝛer war noch vorhanden /und111Erſtes Buch. und wurde ſo wol als andere zum Trunck genoͤtiget / er aber wolte nicht recht daran / ſondern ſagte: Er moͤchte ſo beſtialiſch nicht ſauffen; hingegen erwieſe ihm ein guter Zech-Bruder / daß er Pfarꝛer wie eine Beſtia / er der Saͤuffer und andere Anweſende aber / wie Menſchen ſoͤffen; dann / ſagte er / ein Vieh ſaͤufft nur ſo viel als ihm wol ſchmecket / und den Durſt leſcht / weil ſie nicht wiſſen was gut iſt / noch den Wein trincken moͤgen; uns Menſchen aber beliebt / daß wir uns den Trunck zu nutz machen / und den ed - len Reben-Safft einſchleichen laſſen / wie unſer Vor - Eltern auch gethan haben: So wol / ſagt der Pfar - rer / es gebuͤhrt mir aber rechte Maaß zu halten; Wol / antwort jener / ein ehrlicher Mann haͤlt ſein Wort / und ließ ihm darauff einen maͤſſigen Becher einſchencken / denſelben dem Pfarꝛer zuzuzottlen; er hingegen gieng durch / und ließ den Saͤuffer mit ſei - nem Eymer ſtehen.

Als dieſer abgeſchafft war / gieng es drunter und druͤber / und lieſſe ſich anſehen / als wenn dieſe Gaſte - rey ein beſtimpte Zeit und Gelegenheit ſeyn ſolte / ſich gegeneinander mit Vollſauffen zu raͤchen / einander in Schand zu bringen / oder ſonſt ein Poſſen zu reiſ - ſen; dann wann einer expedirt wurde / daß er weder ſitzen / gehen oder ſtehen mehr konte / ſo bieß es: Nun iſts Wett! Du haſt mirs hiebevor auch ſo gekocht / jetzt iſt dirs eingetraͤnckt / und ſo fortan / ꝛc. Welcher aber außdauren / und am beſten ſauffen konte / wuſte ſich deſſen groß zu machen / und duͤnckte ſich kein ge - ringer Kerl zu ſeyn; zuletzt duͤrmelten ſie alle herum /als112Deß Abentheurl. Simpliciſſimials wenn ſie Bilſenſamen genoſſen haͤtten. Es war eben ein wunderliches Faßnacht-Spiel an ihnen zu ſehen / und war doch niemand / der ſich daruͤber ver - wundert / als ich; einer ſang / der ander weynet / einer lachte / der ander traurete / einer fluchte / der ander betete / einer ſchrye uͤberlaut Courage, der ander konte nicht mehr reden / einer war ſtille und friedlich / der ander wolte den Teuffel mit Rauff - Haͤndeln bannen / einer ſchlieff und ſchwiege ſtill / der ander plaudert / daß ſonſt keiner vor ihm zukom - men konte; Einer erzehlte ſeine liebliche Bulerey / der ander ſeine erſchroͤckliche Kriegs-Thaten / etli - che redeten von der Kirch und geiſtlichen Sachen / andere von Ratione Status, der Politic, Welt - und Reichs-Haͤndeln; theils lieffen hin und wider / und konten an keiner Stelle bleiben / andere lagen und vermochten nicht / den kleineſten Finger zu regen / geſchweige auffrecht zu gehen oder zu ſtehen / etliche fraſſen wie die Dreſcher / und als ob ſie acht Tage Hunger gelitten haͤtten / andere kotzten wieder / was ſie denſelbigen gantzen Tag eingeſchlucket hatten. Einmal / ihr gantzes Thun und Laſſen war dermaſ - ſen poſſierlich / naͤrꝛiſch / ſeltzam / und darbey ſo ſuͤndhafftig und gottloß / daß der mir entwiſchte uͤble Geruch / darumb ich gleichwol ſo greulich zer - ſchlagen worden / nur ein Schertz dargegen zu rech - nen. Endlich ſetzt es unden an der Tafel ernſtliche Streit-Haͤndel / da warff man einander Glaͤſer / Becher / Schuͤſſel und Deller an die Koͤpff / und ſchlug nicht allein mit Faͤuſten / ſondern auch mit Stuͤlen / Stul-Beinen / Degen / und allerhandſiben -113Erſtes Buch. ſiben-Sachen drein / daß etlich der rothe Safft uͤber die Ohren lieffe / aber mein Herꝛ ſtillete den Handel gleich wiederumb.

Das XXXIII. Capitel.

DA es nun wieder Fried worden / namen die Mei - ſter-Saͤuffer die Spielleut ſampt dem Frauen - Zimmer / und wanderten in ein ander Hauß / deſſen Saal auch zu einer andern Thorheit erkoren und gewidmet war; Mein Herꝛ aber ſetzte ſich auff ſein Lotterbett / weil ihm entweder vom Zorn oder der Uberfuͤllung wehe war / ich lieſſe ihn ligen / wo er lag / damit er ruhen und ſchlaffen koͤnte / war aber kaum unter die Thuͤr deß Zimmers kommen / als er mir pfeiffen wolte / und ſolches doch nicht konte: Er rieff / aber nicht anders als Simpls: Jch ſprang zu ihm / und fand ihn die Augen verkehren wie ein Viehe / das man abſticht; Jch ſtund da vor ihm wie ein Stockfiſch / und wuſte nicht was zu thun war: er aber deutet auffs Tryſor / und lallete: Br / bra / dring da das; du Schufft / la / la / lang / langs La - vor / ich m / mu / muß e / ein / Fu / Fuchs ſchieſſen! Jch eylete und brachte das Lavor-Becken / und als ich zu ihm kame / hatte er ein paar Backen wie ein Trompeter; Er erwiſchte mich geſchwind bey dem Arm / und accommodirte mich zu ſtehen / daß ich ihm das Lavor gerad vors Maul halten muſte / ſol - ches brach ihme mit ſchmertzlichen Hertz-Stoͤſſen ohnverſehens auff / und goſſe eine ſolche wuͤſte Ma - teri in bemeldtes Lavor / daß mir vor unleidenlichem Geſtanck ſchier ohnmaͤchtig wurde / ſonderlich weilmir114Deß Abentheurl. Simpliciſſimimir etliche Brocken (ſal. ven. ) ins Geſicht ſpritz - ten: Jch haͤtte bey nahe auch mit gemacht / aber als ich ſahe / wie er verblaichte / lieſſe ichs auß Forcht unterwegen / und beſorgte / die Seel wuͤrde ihm ſampt dem Unflat durchgeben / weil ihm der kalte Schweiß außbrach / und ſein Angeſicht einem Sterbenden aͤhn - lich ſahe: Als er ſich aber gleich wieder erholte / hieß er mich friſch Waſſer holen / damit er ſeinen Wein - ſchlauch wieder außſpuͤlete.

Demnach befahl er mir den Fuchs hinweg zu tra - gen / welcher mich / weil er in einem ſilbern Lavor lag / nichts veraͤchtliches / ſondern ein Schuͤſſel voller Vor-Eſſen vor vier Mann zu ſeyn / beduͤnckt / das ſich bey Leib nicht hinweg zu ſchuͤtten gebuͤhrte; zu dem wuſte ich wol / daß mein Herꝛ nichts ſchlim - mes in ſeinen Magen geſamlet / ſondern herꝛliche und delicate Paſtetlein / wie auch von allerhand Ge - baches / Gefluͤgel / Wildpret und zahmen Viehe / welches man alles noch artlich unterſcheiden und kennen konte / ich ſchumelte mich darmit / wuſte aber nicht wohin / oder was ich drauß machen ſolte / dorffte auch meinen Herꝛn nicht fragen. Jch gieng zum Hofmeiſter / dem wieſe ich dieſes ſchoͤne Tracta - ment, und fragte / was ich mit dem Fuchs machen ſolte? Er antwortet / Narꝛ gebe / und bring ihn dem Kirſchner / daß er den Balg bereite; Jch fragte / wo der Kirſchner ſeye? Nein / antwortet er / da er mein Einfalt ſahe / bring ihn dem Doctor, damit er daran ſehe / was vor ein Zuſtand unſer Herꝛ habe: Solchen Aprillen-Gang haͤtte ich gethan / wann der Hofmeiſter nicht was anders gefoͤrcht haͤtte / er hießmich115Erſtes Buch. mich derowegen den Bettel in die Kuͤche tragen / mit Befelch / die Maͤgd ſoltens auffheben / und ein Pfef - fer druͤber machen / welches ich ernſtlich außrichtet / und deßwegen von den Schlaͤpp-ſaͤcken maͤchtig agirt worden.

Das XXXIV. Capitel.

MEin Herꝛ gieng eben auß / als ich meines Lavors loß worden / ich trat ihm nach gegen einem groſſen Hauß zu / allwo ich im Saal Maͤnner / Wei - ber und ledige Perſonen / ſo ſchnell untereinander herumb haſpeln ſahe / daß es frey wim̃elte; die hatten ein ſolch Getreppel und Gejoͤhl / daß ich vermeynte / ſie waͤren alle raſend worden / dann ich konte nicht erſinnen / was ſie doch mit dieſem Wuͤten und Toben vorhaben moͤchten? ja ihr Anblick kam mir ſo grau - ſam / foͤrchterlich und ſchroͤcklich vor / daß mir alle Berg gen Haar ſtunden / und konte nichts anders glauben / als ſie muͤſten aller ihrer Vernunfft beraubt ſeyn: Da wir naͤher hinzu kamen / ſahe ich / daß es unſere Gaͤſt waren / welche den Vormittag noch wi - tzig geweſen; mein GOtt! gedacht ich / was haben doch dieſe arme Leut vor? Ach / es hat ſie gewißlich eine Unſinnigkeit uͤberfallen. Bald fiele mir ein / es moͤchten vielleicht hoͤlliſche Geiſter ſeyn / welche in dieſer angenommenen Weis dem gantzen menſchli - chen Geſchlecht / durch ſolch leichtfertig Gelaͤuff und Affenſpiel ſpotteten / dann ich gedachte / haͤtten ſie menſchliche Seelen und Gottes Ebenbild in ſich / ſo thaͤten ſie auch wol nicht ſo unmenſchlich. Als mein Herꝛ in Hauß-ehren kam / und zum Saal eingehenwolte116Deß Abentheurl. Simpliciſſimiwolte / hoͤrete die Wut eben auff / ohne daß ſie noch ein buckens und duckens mit den Koͤpffen / und ein kra - tzens und Schuh-ſchleiffens mit den Fuͤſſen auff dem Boden machten / daß mich deuchte / ſie wolten die Fußſtapffen wieder außtilgen / die ſie in waͤhrender Raſerey getretten; Am Schweiß / der ihnen uͤber die Geſichter floß / und an ihrem Geſchnaͤuff / konte ich abnehmen / daß ſie ſich ſtarck zerarbeitet hatten; aber ihre froͤliche Angeſichter gaben zu verſiehen / daß ſie ſolche Bemuͤhungen nicht ſauer ankommen.

Jch haͤtte trefflich gern gewuſt / wohin doch das naͤrꝛiſch Weſen gemeynt ſeyn moͤchte? fragte dero - wegen meinen Cameraden / und vertrauten Hertz - Bruder / der mich erſt kuͤrtzlich das Wahrſagen ge - lernet / was ſolche Wut bedeute? oder worzu dieſes raſende trippen und trappen angeſehen ſeye? Der be - richtet mich vor eine grundliche Warheit / daß ſich die Anweſende vereinbart haͤtten / dem Saal den Bo - den mit Gewalt einzutretten; Warumb vermeynſt du wol / ſagt er / daß ſie ſich ſonſt ſo dapffer dummlen ſolten? haſiu nicht geſehen / wie ſie die Fenſter vor Kurtzweil ſchon außgeſchlagen? eben alſo wird es auch dieſem Boden gehen: HErꝛ GOtt / antwortet ich / ſo muͤſſen wir ja mit zu Grund gehen / und im hinunder fallen / ſampt ihnen / Hals und Bein bre - chen? Ja / ſagt mein Camerad / darauff iſts ange - ſehen / und da geheyen ſie ſich den Teuffel darumb / du wirſt ſehen / wann ſie ſich alſo in Todts-Gefahr begeben / daß jeder ein huͤbſche Frau oder Jungfer erwiſcht / dann man ſagt / es pflege denen Paaren / ſo alſo zuſammen haltend fallen / nicht bald wehe zu geſchehen. Jn dem ich dieſes alles glaubte / uͤber -fiele117Erſtes Buch. fiele mich eine ſolche Angſt und Todtes. Sorg / daß ich nicht mehr wuſte / wo ich bleiben ſolte / und als die Muſicanten / deren ich bißher noch nicht wahrge - nommen / noch darzu ſich hoͤren lieſſen / auch die Kerl den Damen zulieffen / wie die Soldaten ihrem Ge - wehr und Poſten / wann ſie die Trommel Lermen ruͤhren hoͤren / und jeder eine bey der Hand erdappte / wurde mir nicht anders / als wenn ich allbereit den Boden eingehen / und mich und viel andere mehr die Haͤls abſtuͤrtzen ſaͤhe: Da ſie aber anfiengen zu gum - pen / daß der gantze Bau zitterte / weil man eben ein trollichten Gaſſenhauer auffmachte / gedachte ich / nun iſts umb dein Leben geſchehen! Jch vermeynte nicht anders / als der gantze Bau wuͤrde urploͤtzlich einfallen; Derowegen erwiſchte ich in der allerhoͤch - ſten Angſt eine Dame von hohem Adel und vortreff - lichen Tugenden / mit welcher mein Herꝛ eben con - verſirte / unverſehens beym Arm wie ein Beer / und hielte ſie wie eine Klett; Da ſie aber zuckte / und nicht wuſte / was vor naͤrꝛiſche Grillen in meinem Kopff ſieckten / ſpielte ich das Deſperat. und fieng auß Ver - zweifflung an zu ſchreyen / als wenn man mich haͤtte ermorden wollen: Das war aber noch nicht genug / ſondern es entwiſchte mir auch ohngefaͤhr etwas in die Hoſen / ſo einen uͤber alle maſſen uͤblen Geruch von ſich gabe / dergleichen meine Naſe lange Zeit nicht empfunden. Die Muſicanten wurden gaͤhling ſtill / die Taͤntzer und Taͤntzerin hoͤreten auff / und die ehrliche Dam / deren ich am Arm hieng / befand ſich offendirt / weil ſie ihr einbildet / mein Herꝛ haͤtte ihr ſolches zum Schimpff thun laſſen: Darauff be - fohl mein Herꝛ / mich zu pruͤgeln / und hernach irgend -hin118Deß Abenth. Simpl. I. Buch. hin einzuſperꝛen / weil ich ihm denſelben Tag ſchon mehr Poſſen geriſſen hatte: Die Fourierſchuͤtzen / ſo exequiren ſolten / hatten nicht allein Mitleiden mit mir / ſondern konten auch vor Geſtanck nicht bey mir bleiben; entuͤbrigten mich derohalben der Stoͤß / und ſperꝛeten mich unter eine Stege in Gaͤns-ſtall. Seithero hab ich der Sach vielmals nachgedacht / und bin der Meynung worden / daß ſolche Excremen - ta, die einem auß Angſt und Schrecken entgehen / viel uͤblern Geruch von ſich geben / als wenn einer ein ſtarcke Purgation ein - genommen.

ENDE deß I. Buchs.

Aben -119

Abentheurlicher Simpliciſſimus Teutſch: Das Zweyte Buch.

Jnhalt deß II. Buchs.

  • Das 1. Capitel. Wie ſich ein Ganſer und eine Gaͤnſin ge - paart.
  • Das 2. Capitel. Wann trefflich Gut zu baden ſeye.
  • Das 3. Capitel. Der ander Page bekompt ſein Lehrgelt / und Simplicius wird zum Narꝛn erwehlt.
  • Das 4. Capitel. Vom Mann der Geld gibt / und was vor Kriegs-Dienſte Simplicius der Kron Schwe - den geleiſtet / wordurch er den Nahmen Sim - pliciſſimus bekommen.
  • Das 5. Capitel. Simplicius wird von 4. Teuffeln in die Hoͤll gefuͤhrt / und mit Spaniſchem Wein tractirt.
FDas120Jnhalt
  • Das 6. Capitel. Simplicius kompt in Himmel / und wird in ein Kalb verwandelt.
  • Das 7. Capitel. Wie ſich Simplicius in dieſen beſtialiſchen Stand geſchickt.
  • Das 8. Capitel. Redet von Etlicher wunderbarlichem Ge - daͤchtnus / und von Anderer Vergeſſenheit.
  • Das 9. Capitel. Ein uͤberzwerches Lob einer ſchoͤnen Da - men.
  • Das 10. Capitel Redet von lauter Helden und nahmhaff - ten Kuͤnſtlern.
  • Das 11. Capitel. Von dem muͤheſeeligen und gefaͤhrlichen Stand eines Regenten.
  • Das 12. Capitel. Von Verſtand und Wiſſenſchafft etlicher unvernuͤnfftigen Thier.
  • Das 13. Capitel. Haͤlt allerley Sachen in ſich / wer ſie wiſ - ſen will / muß es nur ſelbſt leſen / oder ihm le - ſen laſſen.
  • Das 14. Capitel. Was Simplicius ferner vor ein edel Leben gefůhrt / und wie ihndeſſen die Croaten be - raubt / als ſie ihn ſelbſt raubten.
  • Das 15. Capitel. Simplici Reuter-Leben / und was er bey den Croaten geſehen und erfahren.
Das121deß Zweyten Buchs.
  • Das 16. Capitel. Simplicius erſchnappet ein gute Beut / und wird darauff ein diebiſcher Waldbruder.
  • Das 17. Capitel. Wie Simplicius zu den Hexen auff den Tantz gefahren.
  • Das 18. Capitel. Warumb man Simplicio nicht zutrauen ſol - le / daß er ſich deß groſſen Meſſers bediene.
  • Das 19. Capitel. Simplicius wird wieder ein Narꝛ / wie er zu - vor einer geweſen.
  • Das 20. Capitel. Jſt zimlich lang / und handelt vom ſpielen mit Wuͤrffeln / und was dem anhaͤngig.
  • Das 21. Capitel. Jſt etwas kuͤrtzer / und kurtzweiliger als das vorige.
  • Das 22. Capitel. Ein Schelmiſche Diebs-Kunſt / einander die Schuh außzutretten.
  • Das 23. Capitel. Ulrich Hertzbruder verkaufft ſich umb 100. Ducaten.
  • Das 24. Capitel. Zwo Wahrſagungen werden auff einmal erfuͤllt.
  • Das 25. Capitel. Simplicius wird auß einem Juͤngling in ein Jungfrau verwandelt / und bekompt unter - ſchiedliche Bulſchafften.
F ijDas122Deß Abentheurl. Simpliciſſimi
  • Das 26. Capitel. Wie er vor einen Verꝛaͤther und Zauberer gefangen gehalten wird.
  • Das 27. Capitel. Wie es dem Profoſen in der Schlacht bey Wittſtock ergangen.
  • Das 28. Capitel. Von einer groſſen Schlacht / in welcher der Triumphator uͤber dem obſiegen gefangen wird.
  • Das 29. Capitel. Wie es einem frommen Soldaten im Pa - radeis ſo wol ergieng / ehe er ſtarb / und wie nach deſſen Todt der Jaͤger an ſeine Stell getretten.
  • Das 30. Capitel. Wie ſich der Jaͤger angelaſſen / als er an - fienge das Soldaten-Handwerck zu trei - ben / darauß ein junger Soldat etwas zu lernen.
  • Das 31. Capitel. Wie der Teuffel dem Pfaffen ſeinen Speck geſtolen / und ſich der Jaͤger ſelbſt faͤngt.

Das Erſte Capitel.

JN meinem Gaͤns-Stall concipirte ich / was beydes vom Tantzen und Sauffen ich im er - ſten Theil meines Schwartz und Weiß hiebevor geſchrieben / iſt derowegen ohnnoͤtig / diß Orts etwas ferners darvon zu melden: Doch kan ich nicht verſchweigen / daß ich damals noch zweiffelte /ob123Zweytes Buch. ob die Taͤntzer den Boden einzutretten / ſo gewuͤtet / oder ob ich nur ſo uͤberꝛedet worden? Jetzt will ich ferner erzehlen / wie ich wieder auß dem Gaͤns-Ker - cker kame; Drey gantzer Stund / nemlich biß ſich das Præludium Veneris (der ehrlich Tantz ſolt ich geſagt haben) geendet hatte / muſte ich in meinem eigenen Unluſt ſitzen bleiben / ehe einer herzu ſchlich / und an dem Rigel anfieng zu rappeln; Jch lauſterte wie ein San die ins Waſſer harnt / der Kerl aber / ſo an der Thuͤr war / machte ſolche nicht allein auff / ſondern wiſchte auch eben ſo geſchwind hinein / als gern ich herauſſen geweſt waͤre / und ſchleppte noch darzu ein Weibsbild an der Hand mit ſich daher / gleich wie ich beym Tantz hatte thun ſehen: Jch kon - te nicht wiſſen / was es abgeben ſolte / weil ich aber vielen ſeltzamen Abentheuren / die meinem naͤrꝛiſchen Sinn denſelben Tag begegnet / ſchier gewohnt war / und ich mich drein ergeben hatte / fuͤrterhin alles mit Gedult und Stillſchweigen zu ertragen / was mir mein Verhaͤngnus zuſchicken wuͤrde; Als ſchmiegt ich mich zu der Thuͤr mit Forcht und Zittern / das End erwartete; gleich darauff erhub ſich zwiſchen dieſen beyden ein Geliſpel / darauß ich zwar nichts anders verſtunde / als daß ſich das eine Theil uͤber den boͤſen Geruch deſſelben Orts beklagte / und hin - gegen der ander Theil das erſte hinwiederum troͤſtete: Gewißlich ſchoͤnſte Dame / ſagt er / mir iſt verſichert von Hertzen leyd / daß uns die Fruͤchte der Lieb zu genieſſen / vom mißgoͤnſtigen Gluͤck kein ehrlicher Ort gegoͤnnet wird; Aber ich kan darneben betheu - ren / daß mir ihre holdſeelige Gegenwart dieſen ver - aͤchtlichen Winckel anmutiger macht / als das lieb -F iijlichſte124Deß Abentheurl. Simpliciſſimilichſte Paradeis ſelbſten: Hierauff hoͤrte ich kuͤſſen / und vermerckte ſeltzame Poſturen / ich wuſie aber nicht was es war oder bedeuten ſolte / ſchwieg derowegen noch fuͤrters ſo ſtill als ein Mauß. Wie ſich aber auch ſonſt ein poſſirlich Geraͤuſch erhube / und der Gaͤnsſtall / ſo nur von Brettern unter die Stege ge - taͤfelt war / zu krachen anfienge / zumaln das Weibs - bild ſich anſtellte / als ob ihr gar wehe bey der Sach geſchehe / da gedachte ich / das ſeynd zwey von denen wuͤtenden Leuten / die den Boden helffen eintretten / und ſich jetzt hieher begeben haben / da gleicher weis zu hauſen / und dich umbs Leben zu bringen. So bald dieſe Gedancken mich einnamen / ſo bald nam ich hingegen die Thuͤr ein / dem Todt zu entfliehen / dar - durch ich mit einem ſolchen Mordio-Geſchrey hin - auß wiſchte / das natuͤrlich lautet / wie das jenige / das mich an denſelben Ort gebracht hatte / doch war ich ſo geſcheid / daß ich die Thuͤr hinder mir wieder zurigelte / und hingegen die offene Haußihuͤr ſuchte. Dieſes nun war die erſte Hochzeit / bey deren ich mich mein Lebtag befunden / unangeſehen ich nicht darzu geladen woꝛden hingegen dorffte ich aber auch nichts ſchencken / wiewol mir hernach der Hochzeiter die Zech deſto theurer rechnete / die ich auch redlich be - zahlte. Guͤnſtiger Leſer / ich erzehle dieſe Geſchicht nicht darumb / damit Er viel daruͤber lachen ſolle / ſondern damit meine Hiſtori gantz ſeye / und der Leſer zu Gemuͤt fuͤhre / was vor ehrbare Fruͤchten von dem Tantzen zu gewarten ſeyen. Diß halte ich einmal vor gewiß / daß bey den Taͤntzen mancher Kauff gemacht wird / deſſen ſich hernach eine gantze Freundſchafft zu ſchaͤmen hat.

Das125Zweytes Buch.

Das II. Capitel.

OB ich nun zwar dergeſtalt auß dem Gaͤns-ſtall gluͤcklich entronnen / ſo wurde ich jedoch erſt mei - nes Ungluͤcks recht gewahr / dann meine Hoſen wa - ren voll / und ich wuſte nicht wohin damit; in meines Herꝛn Quartier war alles ſtill und ſchlaffend / dahero dorffte ich mich zur Schildwacht / die vorm Hauß ſtunde / nicht naͤhern / in der Hauptwach Corps de Guarde wolte man mich nicht leiden / weil ich viel zu uͤbel ſtanck / auffder Gaſſen zu bleiben war mirs gar zu kalt und ohnmuͤglich / alſo daß ich nicht wuſte wo auß noch ein. Es war ſchon weit nach Mitternacht / als mir einfiele / ich ſolte mein Zuflucht zu dem viel - gemeldten Pfarꝛer nemmen; Jch folgete meinem Gutbefinden / vor der Thuͤr anzuklopffen / damit war ich ſo importun, daß mich endlich die Magd mit Un - willen einlieſſe. Als ſie aber roche was ich mit brach - te / (dann ihre lange Nas verꝛieth gleich meine Heim - lichkeit) wurde ſie noch ſchelliger; Derowegen fien - ge ſie an mit mir zu keifen / welches ihr Herꝛ / ſo nun - mehr faſt außgeſchlaffen hatte / bald hoͤrete: Er ruffte uns bey den vor ſich ans Bett / ſo bald er aber merckte / wo der Has im Pfeffer lag / und die Nas ein wenig geruͤmpfft hatte / ſagte er: Es ſeye niemals / ohnan - geſehen was die Calender ſchreiben / beſſer baden / als in ſolchem Stand / darinn ich mich befuͤnde / er befahl auch ſeiner Magd / ſie ſolte biß es vollends Tag wuͤrde / meine Hoſen waͤſchen / und vor den Stu - ben-Ofen haͤngen / mich ſelbſt aber in ein Bett legen / dann er ſahe wol / daß ich vor Froſt gantz erſtarꝛt war: Jch war kaum erwarmt / da es anfieng zu ta -F jvgen /126Deß Abentheurl. Simpliciſſimigen / ſo ſtunde der Pfarꝛer ſchon vorm Bett / zu ver - nehmen wie mirs gangen / und wie meine Haͤndel beſchaffen waͤren / weil ich meines naſſen Hemds und der Hoſen halber noch nicht auffſtehen konte / zu ihm zu gehen: Jch erzehlte ihm alles / und machte den Anfang an der Kunſt / die mich mein Camerad gelernet / und wie uͤbel ſie gerathen. Folgends meldet ich / daß die Gaͤſt / nachdem Er der Pfarꝛer hinweg geweſt / gantz unſinnig worden waͤren / und (maſſen mich mein Camerad alſo berichtet) ihnen vorgenom - men haͤtten / dem Hauß den Boden einzutretten; item in was vor ein ſchroͤckliche Angſt ich daruͤber gerah - ten / und auff was Weis ich mich vorm Untergang conſerviren wollen / daruͤber aber in Gaͤns-ſtall ge - ſperꝛet worden / auch was ich in demſelben von den Zweyen / ſo mich wieder erloͤſt / vor Wort und Werck vernommen / und welcher geſtalt ich ſie beyde an meine ſtatt eingeſperꝛet haͤtte. Simplici, ſagt der Pfar - rer / deine Sachen ſtehen lauſig / du hatteſt einen gu - ten Handel / aber ich ſorg! ich ſorg! es ſey ver - ſchertzt; pack dich nur geſchwind auß dem Bett / und troll dich auß dem Hauß / damit ich nicht ſampt dir in deines Herꝛn Ungnad komme / wenn man dich bey mir findet. Alſo muſte ich mit meinem fenchten Ge - wand hinziehen / und zum erſten mal erfahren / wie wol einer bey maͤnniglich daran iſt / wenn er ſeines Herꝛn Gunſt hat / und wie ſcheel einer hingegen an - geſehen wird / wann ſolche hincket.

Jch gieng in meines Herꝛn Quartier / darinn noch alles ſteinhart ſchlieff / biß auff den Koch und ein paar Maͤgd / dieſe butzten das Zimmer / darinnen man ge - ſtern gezecht / jener aber ruͤſtete auß den Abſchroͤtlinwieder127Zweytes Buch. wieder ein Fruͤhſtuͤck / oder vielmehr ein Jmbis zu; Am erſten kam ich zu den Maͤgden / bey denen lag es hin und wider voller zerbrochener ſo Trinck - als Fen - ſter-Glaͤſer / an theils Orten war es von dem / ſo un - den und oben weg gangen / und an andern Orten wa - ren groſſe Lachen von verſchuͤttem Wein und Bier / alſo daß der Boden einer Land-Karten gleich ſahe / darinnen man unterſchiedliche Meer / Jnſuln und truckene oder Fußveſte Laͤnder haͤtte abbilden / und vor Augen ſtellen wollen. Es ſtanck im gantzen Zim - mer viel uͤbler / als in meinem Gaͤns-ſtall; derowe - gen war auch meines bleibens nicht lang daſelbſten / ſondern ich machte mich in die Kuͤchen / und lieſſe meine Kleider beym Feur am Leib vollends truͤcknen / mit Forcht und Zittern erwartend / was das Gluͤck / wenn mein Herꝛ außgeſchlaffen haͤtte / ferners in mir wuͤrcken wolte; Darneben betrachtet ich der Welt Thorheit und Unſinnigkeit / und zog alles zu Gemuͤt / was mir verwichenen Tag und ſelbige Nacht begeg - net war / auch was ich ſonſt geſehen / gehoͤrt und er - fahren hatte. Solche Gedancken verurſachten / daß ich damals meines Einſidlers gefuͤhrtes doͤrfftig und elend Leben vor gluͤckſeelig ſchaͤtzte / und ihn und mich wieder in vorigen Stand wuͤnſchete.

Das III. Capitel.

ALs mein Herꝛ auffgeſtanden / ſchickte er ſeinen Leibſchuͤtzen hin / mich auß dem Gaͤnsſtall zu ho - len / der brachte Zeitung / daß er die Thuͤr offen / und ein Loch hinder dem Rigel mit einem Meſſer geſchnit - ten gefunden / vermittelſt deſſen der Gefangene ſich ſelbſt erledigt haͤtte: Ehe aber ſolche Nachricht ein -F vkam128Deß Abentheurl. Simpliciſſimikam / verſtunde mein Herꝛ von andern / daß ich vor laͤngſt in der Kuͤchen geweſen: Jndeſſen muſten die Diener hin und wieder lauffen / die geſtrige Gaͤſt zum Fruͤheſtuͤck einzuholen / unter welchen der Pfarꝛer auch war / welcher zeitlicher als andere erſcheinen muſte / weil mein Herꝛ meinetwegen mit ihm reden wolte / ehe man zur Tafel ſaͤſſe. Er fragte ihn erſtlich / ob er mich vor witzig oder vor naͤrꝛiſch hielte? oder ob ich ſo einfaͤltig / oder ſo boßhafftig ſeye? und er - zehlet ihm damit alles / wie unehrbarlich ich mich den vorigen Tag und Abend gehalten / welches theils von ſeinen Gaͤſten uͤbel empfunden / und auffgenom - men werde / als waͤre es ihnen zum Deſpect mit Fleiß ſo angeſtellt worden / item daß er mich haͤtte in einen Gaͤnsſtall verſperꝛen laſſen / ſich vor dergleichen Spott / ſo ich ihm noch haͤtte zufuͤgen koͤnnen / zu ver - ſichern / auß welchem ich aber gebrochen / und nun in der Kuͤchen umbgehe / wie ein Juncker / der ihm nicht mehr auffwarten doͤrffe / ſein Lebtag ſey ihm kein ſol - cher Poß widerfahren / als ich ihm in Gegenwart ſo vieler ehrlichen Leut geriſſen / er wiſſe nichts anders mit mir anzufangen / als daß er mich laſſe abpruͤgeln / und weil ich mich ſo dumm anlieſſe / wieder vor den Teuffel hin jage.

Jnzwiſchen als mein Herꝛ ſo uͤber mich klagte / ſamleten ſich die Gaͤſt nach und nach / da er aber auß - geredet hatte / antwort der Pfarꝛer: Wann ihm der Herꝛ Gouverneur ein kleine Zeit mit ein wenig Ge - dult zuzuhoͤren beliebte / ſo wolte er von Simplicio der Sachen halber eines und anders erzehlen / darauß nicht allein ſeine Unſchuld zu vernehmen ſeyn / ſon - dern auch denen / ſo ſich ſeines Verhaltens halberdiſgu -129Zweytes Buch. diſguſtirt befinden wolten / alle ungleiche Gedancken benommen wuͤrden.

Als man dergeſtalt oben in der Stuben von mir redete / accordirt der dolle Faͤhnrich / den ich an mei - ne Stell ſelb ander angeſperꝛt hatte / unden mit mir in der Kuͤchen / und brachte mich durch Drohwort und einen Thaler / den er mir zuſteckte / dahin / daß ich ihm verſprach / von ſeinen Haͤndeln reinen Mund zu halten.

Die Tafeln wurden gedeckt / und wie den vorigen Tag mit Speifen und Leuten beſetzt / Wermut - Salbey-Alant-Quitten - und Citronen-Wein muſte neben dem Hippocras den Saͤuffern ihre Koͤpff und Maͤgen wieder beguͤtigen / denn ſie waren ſchier alle deß Teuffels Maͤrtyrer. Jhr erſtes Geſpraͤch war von ihnen ſelbſten / nemlich wie ſie geſtern einander ſo brav voll geſoffen haͤtten / und war doch keiner unter ihnen / der gruͤndlich geſtehen wolte / daß er voll ge - weſen / wiewol den Abend zuvor theils bey Teuffel holen geſchworen / ſie koͤnten nicht mehr ſauffen / auch Wein mein Herꝛ! geſchryen und geſchrie - ben hatten. Etliche zwar ſagten / ſie haͤtten gute Raͤuſch gehabt / andere aber bekenneten / daß ſich kei - ner mehr voll ſoͤffe / ſint die Raͤuſch auffkommen. Als ſie aber von ihren eigenen Thorheiten beydes zu re - den und zu hoͤren muͤd waren / muſie ſich der arme Simplicius leiden: Der Gouverneur ſelbſt erinnerte den Pfarꝛer / die luſtige Sachen zu eroͤffnen / wie er verſprochen haͤtte.

Dieſer bate zuvoͤrderſt / man wolte ihm nichts vor ungut halten / dafern er etwan Woͤrter reden muͤſte / die ſeiner geiſtlichen Perſon uͤbel anſtaͤndig zu ſeynF vjver -130Deß Abenth. Simpliciſſimivermerckt wuͤrden; Fienge darauff an zu erzehlen / erſtlich auß was vor natuͤrlichen Urſachen mich die Leibs-Duͤnſte zu plagen pflegten / was ich durch ſol - che dem Secretario vor einen Unluſt in die Cantzley angerichtet: Was ich neben dem Wahrſagen vor ein Kunſt darwider gelernet / und wie ſchlim ſolche in der Prob beſtanden. Jtem wie ſeltzam mir das tan - tzen vorkommen / weil ich dergleichen niemalen geſe - hen / was ich vor Bericht deßhalber von meinem Cameraden eingenommen / welcher Urſachen halder ich dann die vornehme Dame ergriffen / und daruͤber in Gaͤnsſtall kommen. Solches aber brachte er mit einer wol-anſtaͤndigen Art zu reden vor / daß ſie ſich trefflich zerlachen muſten / entſchuldigt darbey meine Einfalt und Unwiſſenheit ſo beſcheidenlich / daß ich wieder in meines Herꝛn Gnad kame / und vor der Tafel auffwarten dorffte / aber von dem was mir im Gaͤnsſtall begegnet / und wie ich wieder darauß er - loͤſt worden / wolte er nichts ſagen / weil ihn beduͤnck - te / es haͤtten ſich an ſeiner Perſon etliche Saturni - ſche Holtzboͤck geaͤrgert / die da vermeynten / Geiſt - liche ſolten nur immer ſauer ſehen; hingegen fragte mich mein Herꝛ / ſeinen Gaͤſten ein Spaß zu machen / was ich meinem Cameraden geben haͤtte / daß er mich ſo ſaubere Kuͤnſte gelehret? und als ich antwortet / nichts! ſagte er / ſo will ich ihm das Lehrgelt vor dich bezahlen / wie er ihn dann hier auff in ein Futter - wanne ſpannen / und allerdings karbaͤitſchen lieſſe / wie man mirs den vorigen Tag gemacht / als ich die Kunſt probirt / und falſch befunden hatte.

Mein Herꝛ hatte nunmehr genug Nachricht von meiner Einfalt / wolte mich derowegen ſtimmen / ihmund131Zweytes Buch. und ſeinen Gaͤſten mehr Luſt zu machen / er ſahe wol / daß die Muſicanten nichts galten / ſo lang man mich unterhanden haben wuͤrde / denn ich beduͤnckte mit meinen naͤrꝛiſchen Einfaͤllen jederman uͤber 17. Lau - ten zu ſeyn. Er fragte / warumb ich die Thuͤr an dem Gaͤnsſtall zerſchnitten haͤtte? Jch antwortet / das mag jemand anders gethan haben; Er fragte / wer dann? Jch ſagte / vielleicht der ſo zu mir kommen; Wer iſt denn zu dir kommen? Jch antwortet / das darff ich niemand ſagen; Mein Herꝛ war ein ge - ſchwinder Kopff / und ſahe wol wie man mir lauſen muſte / derowegen uͤbereylt er mich / und fragte / wer mir ſolches dann verbotten haͤtte? Jch antwortet gleich / der dolle Faͤhnrich; und demnach ich an je - dermans Gelaͤchter merckete / daß ich mich gewaltig verhauen haben muͤſte / der dolle Faͤhnrich / ſo mit am Tiſch ſaſſe / auch ſo roth wurde / wie ein gluͤhende Kohl; als wolte ich nichts mehr ſchwaͤtzen / es wuͤr - de mir denn von demſelben erlaubt. Es war aber nur umb einen Wunck zu thun / den mein Herꝛ dem dollen Faͤhnrich an ſtatt eines Befehls gab / da dorfft ich reden was ich wuſte. Darauff fragte mich mein Herꝛ / was der dolle Faͤhnrich bey mir im Gaͤns-Stall zu thun gehabt? ich antwortet / er brachte eine Jungfer zu mir hinein: Was thaͤt er aber weiters? ſagte mein Herꝛ / Jch antwortet / mich deuchte / er wolte im Stall ſein Waſſer abgeſchlagen haben. Mein Herꝛ fragte / was thaͤt aber die Jungfer darbey / ſchaͤmte ſie ſich nicht? Ja wol nein Herꝛ! ſagte ich / ſie hub den Rock auff / und wolte darzu (mein hoch - geehrter / Zucht - Ehr - und Tugendliebender Leſer verzeyhe meiner unhoͤflichen Feder / daß ſie alles ſoF vijgrob132Deß Abentheurl. Simpliciſſimigrob ſchreibt / als ichs damals vorbrachte) ſcheiſſen. Hieruͤber erhub ſich bey allen Anweſenden ein ſolch Gelaͤchter / daß mich mein Herꝛ nicht mehr hoͤren / geſchweige etwas weiters fragen konte / und zwar war es auch nicht weiters vonnoͤten / man haͤtte dann die ehrliche fromme Jungfer ſcil. auch in Spott brin - gen wollen.

Hierauff erzehlte der Hofmeiſter vor der Tafel / daß ich neulich vom Bollwerck oder Wall heim kom - men / und geſagt: Jch wuͤſte wo der Donner und Blitz herkaͤme / ich haͤtte groſſe Ploͤcher auff halben Waͤgen geſehen / die inwendig hol geweſen / in die - ſelbe haͤtte man Zwibelſaamen ſampt einer eiſernen weiſſen Ruͤben / deren der Schwantz abgeſchnitten / geſtopfft / hernach die Ploͤcher hinden her ein wenig mit einem zinckigten Spieß gekuͤtzelt / darvon waͤre vornen herauß Dampff / Donner und hoͤlliſch Feuer geſchlagen. Sie brachten noch mehr dergleichen Poſten auff die Bahn / alſo daß man ſchier denſelben gantzen Jmbiß von ſonſt nichts / als nur von mir zu reden und zu lachen hatte. Solches verurſachte ei - nen allgemeinen Schluß zu meinem Untergang / wel - cher war / daß man mich dapffer agiren ſolte / ſo wuͤr - de ich mit der Zeit einen raren Tiſchrath abgeben / mit dem man auch den groͤſten Potentaten von der Welt verehren / und die Sterbende zu lachen machen koͤnte.

Das IV. Capitel.

WJe man nun alſo ſchlampamte / und wieder wie geſter gut Geſchirꝛ machen wolte / meldet die Wacht mit Einhaͤndigung eines Schreibens an denGou -133Zweytes Buch. Gouverneur, einen Commiſſarium an / der vor dem Thor ſeye / welcher von der Kron Schweden Kriegs - Raͤthen abgeordnet war / die Guarmſon zu muſtern / und die Veſtung zu viſitiren. Solches verſaltzte allen Spaß / und alles Freuden-Gelach verlummerte wie ein Sackpfeiffen-Zipffel / dem der Plaſt entgangen: Die Muſicanten und die Gaͤſt zerſtoben wie Toback - Rauch verſchwindet / der nur den Geruch hinder ſich laͤſt; mein Herꝛ trollte ſelbſt mit dem Adjutanten / der die Schluͤſſel trug / ſampt einem Außſchuß von der Hauptwacht und vielen Windliechtern / dem Thor zu / den Plackſchmeiſſer / wie er ihn nennete / ſelbſt ein - zulaſſen: Er wuͤnſchte / daß ihm der Teuffel den Hals in tauſend Stuͤck brechen / ehe er in die Veſtung kaͤ - me! So bald er ihn aber eingelaſſen / und auff der innern Fallbruͤcken bewillkommte / fehlte wenig oder gar nichts / daß er ihm nicht ſelbſt an Stegraͤiff griff / ſeine Devotion gegen ihm zu bezeugen / ja die Ehr - erbietung wurde augenblicklich zwiſchen beyden ſo groß / daß der Commiſſarius abſtieg / und zu Fuß mit meinem Herꝛn gegen ſeinem Loſament fort wander - te / da wolte jeder die lincke Hand haben / ꝛc. Ach! ge - dachte ich / was vor ein Wunder-falſcher Geiſt re - giert doch die Menſchen / in dem er je den einen durch den andern zum Narꝛen macht. Wir naͤherten alſo der Haupt-Wacht / und die Schildwacht ruffte ihr Wer da? wiewol ſie ſahe / daß es mein Herꝛ war; Dieſer wolte nicht antworten / ſondern jenem die Ehr laſſen / daher ſtellte ſich die Schildwacht mit Wider - holung ihres Geſchreys deſto hefftiger: Endlich ant - wortet er auff das letztere Wer da? Der Mann ders Geld gibt! Wie wir nun bey der Schild -wacht134Deß Abentheurl. Simpliciſſimiwacht vorbey paſſirten / und ich ſo hinden nach zog / hoͤrete ich ermeldte Schildwacht / die ein neugewor - bener Soldat / und zuvor ihres Handwercks ein wol - haͤbiger junger Bauresmann auff dem Vogelsberg geweſt war / dieſe Wort brumlen: Du magſt wol ein verlogener Kund ſeyn; ein Mann ders Geld gibt! Ein Schindhund ders Geld nimmt! das biſt du; So viel Gelds haſtu mir abgeſchweiſt / daß ich wolte / der Hagel erſchluͤg dich / ehe du wieder auß der Statt kaͤmeſt. Von dieſer Stund an faßte ich die Gedancken / dieſer fremde Herꝛ im ſam̃eten Mu - tzen muͤſſe ein heiliger Mann ſeyn / weil nicht allein keine Fluͤch an ihm haffteten / ſondern dieweil ihm auch ſeine Haſſer alle Ehr / alles Liebs und alles Gu - tes erwieſen / er wurde noch dieſelbe Nacht Fuͤrſt - lich tractirt / blind voll geſoffen / und noch darzu in ein herꝛlich Bett gelegt.

Folgende Taͤge giengs bey der Muſterung bund uͤber Eck her / ich einfaͤltiger Tropff war ſelbſt ge - ſchickt genug / den klugen Commiſſarium (zu welchen Aemptern und Verꝛichtungen man Warlich keine Kinder nimmt) zu betruͤgen / welches ich eher als in einer Stund lernete / weil die gantze Kunſt nur in 5. und 9. beſtunde / ſelbige auff einer Trommel zu ſchla - gen / weil ich noch zu klein war / einen Mußquetierer zu præſentiren; man ſtaffirte mich zu ſolchem End mit einem entlehnten Kleid / und auch mit einer ent - lehnten Trommel / (denn meine geſchuͤrtzte Page - Hoſen taugten nichts zum Handel) ohne Zweiffel darumb / weil ich ſelbſt entlehnt war / damit paſſirte ich gluͤcklich durch die Muſterung: Demnach man aber meiner Einfalt nicht zugetraute / ein frembdenNahmen135Zweytes Buch. Nahmen im Sinn zu behalten / auff welchen ich ant - worten und hervor tretten ſolte / muſte ich der Sim - plicius verbleiben / den Zunahmen erſetzte der Gou - verneur ſelbſten / und lieſſe mich Simplicius Simpliciſ - ſimus in die Roll ſchreiben / mich alſo wie ein Huren - kind zum erſien meines Geſchlechts zu machen / wie - wol ich ſeiner eigenen Schweſter / ſeiner ſeldſt-Be - kantnus nach / aͤhnlich ſahe. Jch behielt auch nach - gehends dieſen Nahmen und Zunahmen / biß ich den rechten erfuhr / und ſpielte unter ſolchem meine Per - ſon zu Nutz deß Gouverneurs, und geringen Schad der Kron Schweden zimlich wol / welches denn alle meine Kriegs Dienſte ſeyn / die ich derſelben mein Lebtag geleiſtet / derowegen dann ihre Feinde mich deßwegen zu neiden kein Urſach haben.

Das V. Capitel.

ALs der Commiſſarius wieder hinweg war / lieſſe vielgemeldter Pfarꝛer mich heimlich zu ſich in ſein Loſament kommen / und ſagte: ô Simplici, deine Jugend dauret mich / und deine kuͤnfftige Ungluͤck - ſeeligkeit bewegt mich zum Mitleiden; Hoͤre mein Kind / und wiſſe gewiß / daß dein Herꝛ dich aller Ver - nunfft zu beranben / und zum Narꝛen zu machen ent - ſchloſſen / maſſen er zu ſolchem End bereits ein Kleid vor dich verfertigen laͤſt / morgen muſt du in die jeni - ge Schul / darinn du deine Vernunfft verlernen ſolt; in derſelben wird man dich ohne Zweiffel ſo greulich trillen / daß du / wenn anders GOtt und natuͤrliche Mittel ſolches nicht verhindern / ohne Zweiffel zu ei - nem Phantaſten werden muſt. Weil aber ſolches ein mißlich und ſorglich Handwerck iſt / als hab ichumb136Deß Abentheurl. Simpliciſſimiumb deines Einfidlers Frommkeit / und umb deiner eigenen Unſchuld willen / auß getreuer Chriſtlicher Liebe / dir mit Rath und nothwendigen guten Mitteln beyſpringen / und gegenwaͤrtige Artzney zuſtellen wollen; Darumb folge nun meiner Lehr / und nimm dieſes Pulver ein / welches dir das Hirn und Ge - daͤchtnus dermaſſen ſtaͤrcken wird / daß du unverletzt deines Verſtands alles leicht uͤberwinden magſt: Auch haſtu hierbey einen Balſam / damit ſchmiere die Schlaͤff / den Wuͤrbel / und das Knick ſampt den Nas - loͤchern / und dieſe beyde Stuͤck brauche auff den A - bend / wenn du ſchlaffen geheſt / ſintemal du keine Stund ſicher ſeyn wirſt / daß du nicht auß dem Bett abgeholet werdeſt / aber ſehe zu / daß niemand dieſer meiner Warnung und mitgetheilten Artzney gewahr werde / es moͤchte ſonſt dir und mir uͤbel außſchlagen / und wenn man dich in dieſer verfluchten Cur haben wird / ſo achte und glaube nicht alles / was man dich uͤberꝛeden will / und ſtelle dich doch / als wenn du alles glaubteſt / rede wenig / damit deine Zugeordnete nicht an dir mercken / daß ſie laͤer Stroh dreſchen / ſonſten werden ſich deine Plagen veraͤndern / wiewol ich nit wiſſen kan / auff was Weis ſie mit dir umgehen wer - den; Wenn du aber den Strauß und das Narꝛen - Kleid anhaben wirſt / ſo komm wieder zu mir / damit ich deiner mit fernerm Rath pflegen moͤge. Jndeſſen will ich Gott vor dich bitten / daß er deinen Verſtand und Geſundheit erhalten wolle: Hier auff ſtellt er mir gemeldtes Pulver und Saͤlblein zu / und wandert da - mit wieder nach Hauß.

Wie der Pfarꝛer geſagt hatte / alſo giengs; Jm erſten Schlaff kamen vier Kerl in ſchroͤcklichen Teuf -fels -137Zweytes Buch. fels-Larven vermummt / zu mir ins Zim̃er vors Bett / die ſprangen herumb wie Gauckler und Faßnachts - Narꝛen / einer hatte einen gluͤenden Hacken / und der ander eine Fackel in Haͤnden / die andere zween aber wiſchten uͤber mich her / zogen mich auß dem Bett / tantzten ein Weil mit mir hin und her / und zwangen mir meine Kleider an Leib / ich aber ſtellte mich / als wenn ich ſie vor rechte natürliche Teuffel gehalten haͤtte / verfuͤhrte ein jaͤmmerliches Zettergeſchrey / und lieſſe die aller-forchtſamſte Geberden erſcheinen; aber ſie verkuͤndigten mir / daß ich mit ihnen fort muͤ - ſie / hierauff verbanden ſie mir den Kopff mit einer Handzwell / daß ich weder hoͤren / ſehen noch ſchreyen konte: Sie fuͤhrten mich unterſchiedliche Umbweg / viel Stegen auff und ab / und endlich in einen Keller / darinn ein groſſes Feuer branne / und nachdeme ſie mir die Handzwell wieder abgebunden / fiengen ſie an mir in Spaniſchem Wein und Malvaſier zuzutrin - cken. Sie hatten mich gut uͤberꝛeden / ich waͤre ge - ſtorben / und nunmehr im Abgrund der Hoͤllen / weil ich mich mit Fleiß alſo ſtellete / als wenn ich alles glaubte / was ſie mir vor logen: Sauffe nur dapffer zu / ſagten ſie / weil du doch ewig bey uns bleiben muſt / wilſtu aber nicht ein gut Geſell ſeyn / und mit machen / ſo muſtu in gegenwaͤrtiges Feur: Die arme Teuffel wolten ihre Sprach und Stimm verquan - ten / damit ich ſie nicht kennen ſolte / ich merckte aber gleich / daß es meines Herꝛn Fourierſchuͤtzen waren / doch ließ ichs mich nicht mercken / ſondern lachte in die Fauſt / daß dieſe / ſo mich zum Narꝛen machen ſol - ten / meine Narꝛen ſeyn muſten. Jch tranck meinen Theil mit vom Spaniſchen Wein / ſie aber ſoffenmehr138Deß Abentheurl. Simpliciſſimimehr als ich / weil ſolcher himmliſche Nectar ſelten an ſolche Geſellen kompt / maſſen ich noch ſchwoͤren doͤrffte / daß ſie eher voll worden / als ich; Da michs aber Zeit zu ſeyn beduͤnckte / ſtellte ich mich mit hin und her dorckeln / wie ichs neulich an meines Herꝛn Gaͤſten geſehen hatte; und wolte endlich gar nicht mehr ſauffen / ſondern ſchlaffen / hingegen jagten und ſtieſſen ſie mich mit ihrem Hacken / den ſie allezeit im Feuer ligen hatten / in allen Ecken deß Kellers herum / daß es ſahe / als ob ſie ſelbſt naͤrꝛiſch worden waͤren / entweder daß ich mehr trincken / oder auffs wenigſte nicht ſchlaffen ſolte / und wenn ich in ſolcher Hatz nider fiele / wie ich denn offt mit Fleiß thaͤt / ſo pack - ten ſie mich wieder auff / und ſtellten ſich / als wann ſie mich ins Feuer werffen wolten: Alſo gieng mirs wie einem Falcken dem man wacht / welches mein groſſes Creutz war. Jch haͤtte ſie zwar Trunckenheit und Schlaffs halber wol außgedauret / aber ſie ver - blieben nicht allweg beyeinander / ſondern loͤſten ſich untereinander ab / darumb haͤtte ich zuletzt den Kuͤr - tzern ziehen muͤſſen: Drey Taͤg und zwo Naͤcht hab ich in dieſem raucherichten Keller zubracht / welcher kein ander Liecht hatte / als was das Feur von ſich gab / der Kopff fieng mir dahero an zu brauſen und zu wuͤten / als ob er zerꝛeiſſen wolte / daß ich endlich ei - nen Fund erſinnen muſte / mich meiner Qual ſampt den Peinigern zu entledigen / ich machte es wie der Fuchs / welcher den Hunden ins Geſicht harnt / weñ er ihnen nicht mehr zu entrinnen getraut / dann weil mich eben die Natur triebe / meine Notdurſſt (ſ. v.) zu thun / bewegte ich mich zugleich mit einem Finger im Hals zum Unwillen / dergeſtalt / daß ich mit einemunlei -139Zweytes Buch. unleidenlichen Geſtanck die Zech bezahlte / alſo daß auch meine Teuffel ſelbſt ſchier nicht mehr bey mir bleiben konten; damals legten ſie mich in ein Ley - lach / und zerplotzten mich ſo unbarmbertzig / daß mir alle innerliche Glieder ſampt der Seelen herauß haͤt - ten fahren moͤgen. Worvon ich dermaſſen auß mir ſelber kam / und deß Gebrauchs meiner Sinnen be - raubt wurde / daß ich gleichſam wie todt da lag / ich weiß auch nicht was ſie ferners mit mir gemacht ha - ben / ſo gar war ich allerdings dahin.

Das VI. Capitel.

ALs ich wieder zu mir ſelber kam / befand ich mich nicht mehr in dem oͤden Keller bey den Teuffeln / ſondern in einem ſchoͤnen Saal / unter den Haͤnden dreyer der allergarſtigſten alten Weiber / ſo der Erd - boden je getragen; ich hielte ſie anfaͤnglich / als ich die Augen ein wenig oͤffnete / vor natuͤrliche hoͤlliſche Geiſter / haͤtte ich aber die alte Heydniſche Poëten ſchon geleſen gehabt / ſo haͤtte ich ſie vor die Eumeni - des, oder wenigſt die eine eigentlich vor die Thiſipho - ne gehalten / welche mich wie den Athamantem mei - ner Sinn zu berauben / auß der Hoͤllen ankommen waͤre / weil ich zuvor wol wuſte / daß ich darumb da war / zum Narꝛen zu werden: Dieſe hatte ein paar Augen wie zween Jrꝛwiſch / und zwiſchen denſelben eine lange magere Habichs-Nas / deren Ende oder Spitz die undere Lefftzen allerdings erꝛeichte / nur zween Zaͤhn ſahe ich in ihrem Maul / ſie waren aber ſo vollkommen / lang / rund und dick / daß ſich jeder bey nahe der Geſtalt nach mit dem Goldfinger / der Farb nach aber ſich mit dem Gold ſelbſt haͤtte vergleichenlaſſen140Deß Abentheurl. Simpliciſſimilaſſen; Jn Sum̃a / es war Gebeins genug vorhan - den zu einem gantzen Maul voll Zaͤhn / es war aber gar uͤbel außgetheilt / ihr Angeſicht ſahe wie Spa - niſch Leder / und ihre weiſſe Haar hiengen ihr ſeltzam zerſtrobelt umb den Kopff herumb / weil man ſie erſt auß dem Bett geholt hatte; ihre lange Bruͤſt weiß ich nichts anders zu vergleichen / als zweyen lumme - richten Kuh-Blaſen / denen zwey Drittel vom Blaſt entgangen / unden hienge an jeder ein ſchwartz-brau - ner Zapff halb Fingers lang; Warhafftig ein er - ſchroͤcklicher Anblick / der zu nichts anders / als vor eine treffliche Artzney wider die unſinnige Liebe der gailen Boͤck haͤtte dienen moͤgen / die andere zwo wa - ren gar nicht ſchoͤner / ohne daß dieſelbe ſtumpffe Af - fen-Naͤslein / und ihre Kleider etwas ordentlicher angethan hatten: Als ich mich beſſer erkoverte / ſahe ich / daß die eine unſer Schuͤſſelwaͤſcherin / die andere zwo aber zweyer Fourierſchuͤtzen Weiber waren. Jch ſtellte mich / als wenn ich mich nicht zu regen vermochte / wie mich dann in Warheit auch nicht tantzerte / als dieſe ehrliche alte Muͤtterlein mich ſplitter-nackend außzogen / und von allem Unrath wie ein junges Kind ſaͤuberten: Doch thaͤt mir ſolches trefflich ſanfft / ſie bezeugten unter waͤhrender Arbeit ein groſſe Gedult und treffliches Mitleiden / alſo daß ich ihnen bey nahe offenbart haͤtte / wie wol mein Han - del noch ſtuͤnde; doch gedacht ich / Nein Simplici! vertraue keinem alten Weib / ſondern gedencke / du habeſt Victori genug / wenn du in deiner Jugend drey abgefaͤumte alte Vetteln / mit denen man den Teuffel im weiten Feld fangen moͤchte / betruͤgen kanſt; du kanſt auß dieſer Occaſion Hoffnung ſchoͤpffen / imAlter141Zweytes Buch. Alter mehrers zu leiſten. Da ſie nun mit mir fertig waren / legten ſie mich in ein koͤſtlich Bett / darinnen ich ohngewieget entſchlieff / ſie aber giengen / und namen ihre Kuͤbel und andere Sachen / damit ſie mich gewaſchen hatten / ſampt meinen Kleidern und allen Unflat mit ſich hinweg. Meines Davorhaltens ſchlieffe ich dieſen Satz laͤnger als 24. Stund / und da ich wieder erwachte / ſtunden zween ſchoͤne gefluͤ - gelte Knaben vorm Bett / welche mit weiſſen Hem - dern / daffeten Binden / Perlen / Cleinodien / guͤldenen Ketten und andern ſcheinbarlichen Sachen koͤſtlich gezieret waren: Einer hatte ein verguldtes Lavor voller Hippen / Zuckerbrot / Marzeban und ander Confect, der ander aber einen verguͤldten Becher in Handen. Dieſe als Engel / davor ſie ſich außgaben / wolten mich bereden / daß ich nunmehr im Himmel ſey / weil ich das Fegfeuer ſo glucklich uͤberſtanden / und dem Teuffel ſampt ſeiner Mutter entgangen / de - rohalben ſolte ich nur begehren / was mein Hertz wuͤnſchte / ſintemal alles / was mir nur beliebte / ge - nug vorhanden waͤre / oder doch ſonſt herbey zu ſchaf - fen / in ihrer Macht ſtuͤnde. Mich quaͤlte der Durſt / und weil ich den Becher vor mir ſahe / verlangte ich nur den Trunck / der mir auch mehr als gutwillig ge - raicht wurde; Solches war aber kein Wein / ſon - dern ein lieblicher Schlafftrunck / welchen ich ohn - abgeſetzt zu mir nam / und davon wieder entſchlieff / ſo bald er bey mir erwarmt.

Den andern Tag erwachte ich wiederumb / (dann ſonſt ſchlieffe ich noch) befand mich aber nicht mehr im Bett / noch in vorigem Saal / ſondern in meinem alten Gaͤns-Kercker / da war abermal eine greulicheFin -142Deß Abentheurl. SimpliciſſimiFinſternus wie in vorigem Keller / und uͤber das hat - te ich ein Kleid an von Kalb-Fellen / daran das rauhe Theil auch außwendig gekehrt war / die Hoſen wa - ren auff Polniſch oder Schwaͤbiſch / und das Wambs noch wol auff ein naͤrꝛiſchere Manier gemacht / oben am Hals ſtunde eine Kappe wie ein Moͤnchs-gugel / die war mir uͤber den Kopff geſtreifft / und mit einem ſchoͤnen paar groſſer Eſels-Ohren geziert. Jch mu - ſte meines Unſterns ſelbſt lachen / weil ich beydes am Neſt und den Federn ſahe / was ich vor ein Vogel ſeyn ſolte: Dam als fieng ich erſt an / in mich ſelbſt zu gehen / und auff mein Beſtes zu gedencken. Jch ſetzte mir vor / mich auff das naͤrꝛiſchte zu ſtellen / als mir immer moͤglich ſeyn moͤchte / und darneben mit Gedult zu erharꝛen / wie ſich mein Verhaͤnguns wei - ters anlaſſen wuͤrde.

Das VII. Capitel.

VErmittelſt deß Lochs / ſo der dolle Faͤhnrich hie - bevor in die Thuͤr geſchnitten / haͤtte ich mich wol erledigen koͤnnen / weil ich aber ein Narꝛ ſeyn ſolte / ließ ichs bleiben / und thaͤt nicht allein wie ein Narꝛ / der nicht ſo witzig iſt / von ſich ſelbſt herauß zu gehen / ſondern ſtellte mich gar wie ein hungerig Kalb / das ſich nach ſeiner Mutter ſehnet / mein Geplerꝛ wurde auch bald von den jenigen gehoͤrt / die darzu beſtellt waren; maſſen zween Soldaten vor den Gaͤnsſtall kamen / und fragten / wer darinnen waͤre? Jch ant - wortet / Jhr Narꝛen / hoͤrt ihr denn nicht / daß ein Kalb da iſt! Sie machten den Stall auff / namen mich herauß / und verwunderten ſich / daß ein Kalb ſolte reden koͤnnen! Welches ihnen anſtunde / wie diegezwun -143Zweytes Buch. gezwungene Actionen eines neu-gewordenen unge - ſchickten Comœdianten / der die Perſon / die er ver - tretten ſoll / nicht wol agiren kan / alſo daß ich offt meynte / ich muͤſte ihnen ſelbſt zum Poſſen helffen: Sie berathſchlagten ſich / was ſie mit mir machen wolten / und wurden eins / mich dem Gubernator zu verehren / als welcher ihnen / weil ich reden koͤnte / mehr ſchencken wuͤrde / als ihnen der Metzger vor mich bezahlte. Sie fragten mich / wie mein Handel ſtuͤnde? Jch antwortet / liederlich genug; Sie frag - ten / Warumb? Jch ſagte / darumb / dieweil hier der Brauch iſt / redliche Kaͤlber in Gaͤnsſtall zu ſperꝛen: Jhr Kerl muͤſt wiſſen / dafern man will / daß ein recht - ſchaffener Ochs auß mir werden ſoll / daß man mich auch auffziehen muß / wie einem ehrlichen Stier zu - ſtehet. Nach ſolchem kurtzen Diſcurs fuͤhreten ſie mich uͤber die Gaß gegen deß Gouverneurs Quartier zu / uns folgte eine groſſe Schaar Buben nach / und weil dieſelbe eben ſo wol als ich das Kaͤlber-geſchrey ſchryen / haͤtte ein Blinder auß dem Gehoͤr urtheilen moͤgen / man triebe ein Heerd Kaͤlber daher / aber dem Geſicht nach ſahe es einem Hauffen ſo junger als al - ter Narꝛen gleich.

Alſo wurde ich von den beyden Soldaten dem Gouverneur præſentirt / gleichſam als ob ſie mich erſt auff Partey erbeutet haͤtten / dieſelbe beſchenckte er mit einem Trinckgelt / mir ſelbſt aber verſprach er die beſte Sach / ſo ich bey ihm haben ſolte: Jch gedachte wie deß Goldſchmids Jung / und ſagte: Wol Herꝛ / man muß mich aber in keinen Gaͤnsſtall ſperꝛen / dañ wir Kaͤlber koͤnnen ſolches nicht erdulden / wann wir anders wachſen / und zu einem Stuͤck Haupt-VieheGwerden144Deß Abentheurl. Simpliciſſimiwerden ſollen. Der Gouverneur vertroͤſtete mich ei - nes beſſern / und duͤnckte ſich gar geſcheid ſeyn / daß er einen ſolchen vifierlichen Narꝛen auß mir gemacht haͤtte; hingegen gedacht ich / Harꝛe mein lieber Herꝛ / ich hab die Prob deß Feuers uͤberſtanden / und bin darinn gehaͤrtet worden; jetzt wollen wir probiren / welcher den andern am beſten agiren wird koͤnnen. Jn dem trieb ein geflehnter Baur ſein Vieh zur Traͤn - cke / ſo bald ich das ſahe / verließ ich den Gouverneur, und eylete mit einem Kaͤlber-Geplerꝛ den Kuͤhen zu / gleichſam als ob ich an ihnen ſaugen wolte / dieſe / als ich zu ihnen kam / entſetzten ſich aͤrger vor mir / als vor einem Wolff / wiewol ich ihrer Art Haar trug / ja ſie wurden ſo ſchellig / und zerſtoben dermaſ - ſen voneinander / als wenn im Auguſto ein Neſt voll Hornuſſen unter ſie gelaſſen worden waͤre; alſo daß ſie ihr Herꝛ an ſelbigem Ort nicht mehr zuſammen bringen konte / welches ein artlichen Spaß abgabe. Jn einem Huy war ein Hauffen Volck beyeinander / das der Gauckelfuhr zuſahe / und als mein Herꝛ lach - te / daß er haͤtte zerberſten moͤgen / ſagte er endlich / ein Narꝛ macht ihrer hundert; Jch aber gedachte / und eben du biſt der jenige / dem du jetzt wahr ſageſt.

Gleich wie mich nun jederman von ſelbiger Zeit an das Kalb nennete / alſo nennete ich hingegen auch einen jeden mit einem beſonderen ſpoͤttiſchen Nach - Nahmen / dieſelbe fielen mehrentheils der Leut / und ſonderlich meines Herꝛn Beduͤncken nach gar Sinn - reich / dann ich tauffte jedwedern nachdem ſeine Qua - litaͤten erforderten. Summariter davon zu reden / ſo ſchaͤtzte mich maͤnniglich vor einen ohnweiſen Thoren / und ich hielte jeglichen vor einen geſcheidenNarꝛn145Zweytes Buch. Narꝛn. Dieſer Gebrauch iſt meines Erachtens in der Welt noch uͤblich / maſſen ein jeder mit ſeiner Witz zu frieden / und ſich einbildet / er ſey der Geſchei - deſte unter allen.

Obige Kurtzweil / die ich mit deß Bauren Rindern anſtellete / machte uns den kurtzen Vormittag noch kuͤrtzer / denn es war damals eben umb die Winter - liche Sonnenwende: Bey der Mittags-Mahlzeit wartete ich auff wie zuvor / brachte aber benebens ſeltzame Sachen auff die Bahn / und als ich eſſen ſolte / konte niemand einige menſchliche Speiß oder Tranck in mich bringen / ich wolte kurtzum nur Gras haben / ſo damals zu bekommen ohnmuͤglich war. Mein Herꝛ lieſſe ein paar friſche Kalb-Fell von den Metzgern holen / und ſolche zweyen kleinen Knaben uͤber die Koͤpff ſtraiffen: Dieſe ſetzte er zu mir an den Tiſch / tractirte uns in der erſten Tracht mit Winter - Salat / und hieß uns wacker zuhauen / auch lieſſe er ein lebendig Kalb hinbringen / und mit Saltz zum Salat anfriſchen. Jch ſahe ſo ſtarꝛ darein / als wenn ich mich daruͤber verwunderte / aber der Umbſtand vermahnete mich mit zu machen; Ja wol ſagten ſie / wie ſie mich ſo kaltfinnig ſahen / es iſt nichts neues / wenn Kaͤlber Fleiſch / Fiſch / Kaͤß / Butter und an - ders freſſen: Was? ſie ſauffen auch zu Zeiten ein guten Rauſch! die Beſtien wiſſen nunmehr wol / was gut iſt; ja / ſagten ſie ferner / es iſt heutiges Tags ſo weit kommen / daß ſich nunmehr ein geringer Unter - ſcheid zwiſchen ihnen und den Menſchen befindet / wolteſt du dann allein nicht mit machen?

Dieſes lieſſe ich mich umb ſo viel deſto ehender uͤberꝛeden / weil mich hungerte / und nicht darumb /G ijdaß146Deß Abentheurl. Simpliciſſimidaß ich hiebevor ſchon ſelbſt geſehen / wie theils Men - ſchen ſaͤuiſcher als Schwein / grimmiger als Loͤwen / gaͤiler als Boͤck / neidiger als Hund / unbaͤndiger als Pferd / groͤber als Eſel / verſoffener als Rinder / li - ſtiger als Fuͤchs / gefraͤſſiger als Woͤlff / naͤrꝛiſcher als Affen / und gifftiger als Schlangen und Krotten waren / welche dannoch alleſampt menſchlicher Nah - rung genoſſen / und nur durch die Geſtalt von den Thieren unterſchieden waren / zumalen auch die Un - ſchuld eines Kalds bey weitem nicht batten. Jch fuͤtterte mit meinen Mit Kaͤlbern / wie ſolches mein Appetit erforderte / und wann ein Fremder uns ohn - verſehens alſo beyeinander zu Tiſch haͤtte ſitzen ſehen / ſo haͤtte er ſich ohne Zweiffel eingebildet / die alte Cir - ce waͤre wieder aufferſtanden / auß Menſchen Thier zu machen / welche Kunſt damals mein Herꝛ konte und practicirte. Eben auff den Schlag / wie ich die Mittags. Mahlzeit vollbrachte / alſo wurde ich auch auff den Nacht-Jmbis tractirt; Und gleich wie mei - ne Mit. Eſſer oder Schmarotzer mit mir zehrten / damit ich auch zehren ſolte / alſo muſten ſie auch mit mir zu Bett / wann mein Herꝛ anders nicht zugeben wolte / daß ich im Kuͤheſtall uͤber Nacht ſchlieffe; und das thaͤt ich darumb / damit ich die jenige auch genug narꝛete / die mich zum Narꝛen zu haben ver - meynten: Und machte dieſen veſten Schluß / daß der grundguͤtige GOtt einem jeden Menſchen in ſeinem Stand / zu welchem er ihn beruffen / ſo viel Witz gebe und verleyhe / als er zu ſeiner ſelbſt-Erhaltung von - noͤthen / auch daß ſich dannenhero / Doctor hin oder Doctor her / viel vergeblich einbilden / ſie ſeyen alleinwitzig147Zweytes Buch. witzig / und Hans in allen Gaſſen / dann hinder den Bergen wohnen auch Leut.

Das VIII. Capitel.

AM Morgen als ich erwachte / waren meine beyde verkaͤlberte Schlaff Geſellen ſchon fort / dero - wegen ſtunde ich auch auff / und ſchliche / als der Ad - jutant die Schluͤſſel holete / die Statt zu oͤffnen / auß dem Hauß zu meinem Pfarꝛer / demſelben erzehlte ich alles / wie mirs ſo wol im Him̃el als in der Hoͤll ergangen. Und wie er ſahe / daß ich mir ein Gewiſſen machte / weil ich ſo viel Leut / und ſonderlich meinen Herꝛn betroͤge / wenn ich mich naͤrꝛiſch ſtellete / ſagte er: Hierumb darffſt du dich nicht bekuͤmmern / die naͤrꝛiſche Welt will betrogen ſeyn / hat man dir deine Witz noch uͤbrig gelaſſen / ſo gebrauche dich derſelben zu deinem Vortheil / bilde dir ein / als ob du gleich dem Phœnix, vom Unverſtand zum Verſtand durchs Feuer / und alſo zu einem neuen menſchlichen Leben auch neu geboren worden ſeyeſt: Doch wiſſe dabey / daß du noch nicht uͤber den Graben / ſondern mit Ge - fahr deiner Vernunfft in dieſe Narꝛen-Kappe ge - ſchloffen biſt / die Zeiten ſeyn ſo wunderlich / daß nie - mand wiſſen kan / ob du ohne Verluſt deines Lebens wieder herauß kommeſt / man kan geſchwind in die Hoͤll rennen / aber wieder herauß zu entrinnen / wirds Schnauffens und Bartwiſchens brauchen / du biſt bey weitem noch nicht ſo gemannet / deiner bevorſte - henden Gefahr zu entgehen / wie du dir wol einbilden moͤchteſt / darumb wird dir mehr Vorſichtigkeit und Verſtand vonnoͤthen ſeyn / als zu der Zeit / da du noch nicht wuſteſt / was Verſtand oder Unverſtand war /G iijbleibe148Deß Abentheurl. Simpliciſſimibleibe demuͤtig / und erwarte der kuͤnfftigen Veraͤn - derung.

Sein Diſcurs war vorſetzlich ſo variabel, dann ich bilde mir ein / er habe mir an der Stirn geleſen / daß ich mich groß zu ſeyn beduͤnckte / weil ich mit ſo mei - ſterlichem Betrug und ſeiner Kunſt durch geſchlof - fen; und ich muthmaſſete hingegen auß ſeinem An - geſicht / daß er unwillig / und meiner uͤberdruͤſſig wor - den / dann ſeine Minen gabens / und was hatte er von mir? Derowegen veraͤndert ich auch meine Reden / und wuſte ihm groſſen Danck vor die herꝛliche Mittel / die er mir zu Erhaltung meines Verſtands mitge - theilt hatte / ja ich thaͤt unmuͤgliche Promeſſen, alles / wie meine Schuldigkeit erfordere / wieder danckbar - lich zu verſchulden: Solches kuͤtzelte ihn / und brach - te ihn auch wieder auff einen andern Laun / dann er ruͤhmte gleich darauff ſeine Artzney trefflich / und er - zehlte mir / daß Simonides Melicus eine Kunſt auffge - bracht / die Metrodorus Sceptius nicht ohne groſſe Muͤde perfectionirt haͤtte / vermittelſt deren er die Menſchen lehren koͤnnen / daß ſie alles / was ſie ein - mal gehoͤret oder geleſen / bey einem Wort nach-re - den moͤgen / und ſolches waͤre / ſagte er / ohne Haupt - ſtaͤrckende Artzneyen / deren er mir mitgetheilt / nicht zugangen! Ja / gedachte ich / mein lieber Herꝛ Pfar - rer / ich habe in deinen eigenen Buͤchern bey meinem Einſidel viel anders geleſen / worinnen Sceptii Ge - daͤchtnus-Gunſt beſtehet / doch war ich ſo ſchlau / daß ich nichts ſagte / dann wann ich die Warheit beken - nen ſoll / ſo bin ich / als ich zum Narꝛen werden ſolte / allererſt witzig / und in meinen Reden behutſamer worden. Er der Pfarꝛer fuhr fort / und ſagte mir /wie149Zweytes Buch. wie Cyrus einem jeden von ſeinen 30000. Soldaten mit ſeinem rechten Nahmen haͤtte ruffen / Lucius Sci - pio alle Buͤrger zu Rom bey den ihrigen nennen / und Cyneas Pyrihi Geſandter / gleich den andern Tag hernach / als er gen Rom kom̃en / aller Rahtsberꝛen und Edelleute Nahmen daſelbſt / ordentlich her ſa - gen koͤnnen. Mithridates der Koͤnig in Ponto und Bithynia / ſagte er / hatte Voͤlcker von 22. Sprachen unter ihm / denen er allen in ihrer Zungen Recht ſpre - chen / und mit einem jeden inſonderheit / wie Sabell. lib. 10. cap. 9. ſchreibet / reden konte. Der gelehrte Griech Charmides ſagte einem außwendig / was ei - ner auß den Buͤchern wiſſen wolte / die in der gantzen Liberey lagen / wenn er ſie ſchon nur einmal uͤberleſen hatte. Lucius Seneca konte 2000. Nahmen herwi - der ſagen / wie ſie ihm vorgeſprochen worden / und wie Raviſius meldet / 200. Vers von 200. Schuͤ[ern]geredet / vom letzten an biß zum erſten / hinwiederumb erzehlen. Eßdras / wie Euſeb. lib. temp. fulg. lib. 8. cap. 7. ſchreibet / konte die fuͤnff Buͤcher Moyſis auß - wendig / und ſelbige von Wort zu Wort den Schrei - dern in die Feder dictiren. Themiſtocles lernete die Perſiſche Sprach in einem Jahr. Craſſus konte in Aſia die fuͤnff unterſchiedliche Dialectos der Griechi - ſchen Sprach außreden / und ſeinen Untergebenen da - rinn Recht ſprechen. Julius Cæſar laſe / dictirte / und gab zugleich Audienz Von Ælio Hadriano, Portio Latrone, den Roͤmern und andern will ich nichts mel - den / ſondern nur von dem heiligen Hieronymo ſagen / daß er Hebraiſch / Chaldaiſch / Griechiſch / Perſiſch / Mediſch / Arabiſch und Lateiniſch gekoͤnt. Der Ein - ſidel Antonius konte die gantze Bidel nur vom hoͤrenG jvleſen150Deß Abentheurl. Simpliciſſimileſen / außwendig. So ſchreibt auch Colerus lib. 18. cap. 21. Auß Marco Antonio Mureto, von einem Cor - ſicaner, welcher 6000. Menſchen-Nahmen ange - hoͤret / und dieſelbige hernach in richtiger Ordnung ſchnell herwieder geſagt.

Dieſes erzehle ich alles darumb / ſagte er ferner / damit du nicht vor unmuͤglich halteſt / daß durch Me - dicin einem Menſchen ſein Gedaͤchtnus trefflich ge - ſtaͤrcket und erhalten werden koͤnne / gleich wie es hingegen auch auff mancherley Weis geſchwaͤcht / und gar außgetilgt wird / maſſen Plinius lib. 7. cap. 24. ſchreibet / daß am Menſchen nichts ſo bloͤd ſeye / als eben das Gedaͤchtnus / und daß ſie durch Kranck - heit / Schrecken / Forcht / Sorg und Bekůmmernus entweder gantz verſchwinde / oder doch einen groſſen Theil ihrer Krafft verliere. Von einem Gelehrten zu Athen wird geleſen / daß er alles was er je ſtudiert gehabt / ſo gar auch das A B C vergeſſen / nachdem ein Stein von oben herab auff ihn gefallen. Ein an - derer kam durch eine Kranckheit dahin / daß er ſeines Dieners Nahmen vergaß / und Meſſala Corvinus wu - ſie ſeinen eigenen Nahmen nicht mehr / der doch vor - hin ein gut Gedaͤchtnus gehabt. Schramhans ſchrei - bet in faſciculo Hiſtoriarum, fol. 60. (welches aber ſo Auffſchneideriſch klinget / als ob es Plinius ſelbſt geſchrieben) daß ein Prieſter auß ſeiner eigenen Ader Blut getruncken / und dardurch ſchreiben und leſen vergeſſen / ſonſt aber ſein Gedaͤchtnus unverꝛuckt be - halten / und als er uͤbers Jahr hernach eben an ſelbi - gem Ort / und damaliger Zeit / abermal deſſelbigen Bluts getruncken / haͤtte er wieder wie zuvor ſchrei - ben und leſen koͤnnen. Zwar iſts glaublicher / wasJo. 151Zweytes Buch. Jo. Wierus de præſtigiis dæmon. lib. 3. cap. 18. ſchrei - bet / wenn man Beeren-Hirn einfreſſe / daß man dar - durch in ſolche Phantaſey und ſtarcke Imagination gerathe / als ob man ſelbſt zu einem Beeren worden waͤre / wie er dann ſolches mit dem Exempel eines Spaniſchen Edelmanns beweiſet / der / nachdeme er deſſen genoſſen / in den Wildnuſſen umbgeloffen / und ſich nicht anders eingebildet / als er ſeye ein Beer. Lieber Simplici, haͤtte dein Herꝛ dieſe Kunſt gewuͤſt / ſo doͤrffteſtu wol ehender in einen Beern / wie die Cal - liſto, als in einen Stier / wie Jupiter, verwandelt worden ſeyn.

Der Pfarꝛer erzehlte mir deß Dings noch viel / gab mir wieder etwas von Artzney / und inſtruirte mich wegen meines fernern Verhalts / damit machte ich mich wieder nach Hauß / und brachte mehr als 100. Buben mit / die mir nachlieffen / und abermals alle wie Kaͤlber ſchryen / derowegen lieff mein Herꝛ / der eben auffgeſtanden war / ans Fenſter / ſahe ſo viel Narꝛen auff einmal / und lieſſe ihm belieben / daruͤber hertzlich zu lachen.

Das IX. Capitel.

SO bald ich ins Hauß kam / muſte ich auch in die Stub / weil Adelich Frauenzimmer bey meinem Herꝛn war / welches ſeinen neuen Narꝛn auch gerne haͤtte ſehen und hoͤren moͤgen. Jch erſchiene / und ſtund da wie ein Stumm / dahero die jenige / ſo ich hiebevor beym Tantz erdappet hatte / Urſach nam zu ſagen: Sie haͤtte ihr ſagen laſſen / dieſes Kalb koͤnne reden / ſd verſpuͤre ſie aber nunmehr / daß es nicht wahrG vſeye152Deß Abentheurl. Simpliciſſimiſeye; Jch antwortet / ſo hab ich hingegen vermey - net / die Affen koͤnnen nicht reden / hoͤre aber wol / daß dem auch nicht alſo ſey. Wie / ſagte mein Herꝛ / ver - meynſt du dann / dieſe Damen ſeyen Affen? Jch ant - wortet / ſeynd ſie es nicht / ſo werden ſie es doch bald werden / wer weiß wie es faͤllt / ich habe mich auch nicht verſehen ein Kalb zu werden / und bins doch! Mein Herꝛ fragte / woran ich ſehe / daß dieſe Affen werden ſollen? Jch amwortet / unſer Aff traͤgt ſein Hindern bloß / dieſe Damen aber alldereit ihre Bruͤſt / dann andere Maͤgdlein pflegten ja ſonſt ſolche zu be - decken. Schlimmer Vogel / ſagte mein Herꝛ / du biſt ein naͤrꝛiſch Kalb / und wie du biſt / ſo redeſiu / dieſe laſſen billich ſehen was ſehens werth iſt / der Aff aber gehet auß Armut nackend / geſchwind bringe wieder ein / was du geſuͤndiget haſt / oder man wird dich kar - baͤitſchen / und mit Hunden in Gaͤnsſtall hetzen / wie man Kaͤlbern thut / die ſich nicht zu ſchicken wiſſen / laß hoͤren / weiſt du auch eine Dam zu loben / wie ſichs gebuͤhrt? Hierauff betrachtete ich die Dame von Fuͤſſen an biß oben auß / und hinwieder von oben biß unden / ſahe ſie auch ſo ſteiff und lieblich an / als haͤtte ich ſie heuraten wollen. Endlich ſagte ich / Herꝛ / ich ſehe wol wo der Fehler ſteckt / der Diebs-Schneider iſt an allem ſchuldig / er hat das Gewand / das oben umb den Hals gehoͤrt / und die Bruͤſtbedecken ſolte / unden an dem Rock ſtehen laſſen / darumb ſchleifft er ſo weit hinden hernach / man ſolte dem Hudler die Haͤnd abhauen / wenn er nicht beſſer ſchneidern kan / Jungfer / ſagte ich zu ihr ſelbſt / ſchafft ihn ab / wenn er euch nicht ſo verſchaͤnden ſoll / und febet / daß ihr meines Knans Schneider bekompt / der hieß MeiſterPaul -153Zweytes Buch. Paulgen / er hat meiner Meuͤder / unſerer Ann und unſerm Urſele ſo ſchoͤne gebrittelte Roͤck machen koͤn - nen / die unden herumb gantz eben geweſt ſeyn / ſie ha - ben wol nicht ſo im Dreck geſchlappt wie eurer / ja ihr glaubt nicht / wie er den Huren ſo ſchoͤne Kleider machen koͤnnen. Mein Herꝛ fragte / ob dann meines Knans Ann und Urſele ſchoͤner geweſen / als dieſe Jungfer? Ach wol Nein / Herꝛ / ſagte ich / dieſe Jung - frau hat ja Haar / das ſo gelb wie kleiner Kinder - Dreck / und ihre Schaͤidel ſind ſo weiß und ſo gerad gemacht / als wenn man Saͤubuͤrſten auff die Haut gekappt haͤtte / ja ihre Haar ſeyn ſo huͤbſch zuſam̃en gerollt / daß es ſihet / wie hole Pfeiffen / oder als wenn ſie auff jeder Seiten ein paar Pfund Liechter / oder ein Dutzet Bratwuͤrſt hangen haͤtte: Ach ſehet nur / wie hat ſie ſo ein ſchoͤne glatte Stirn; iſt ſie nicht fei - ner gewoͤlbet als ein fetter Kunſtbacken? und weiſſer als ein Todtenkopff / der viel Jahr lang im Wetter gehangen; Jmmer Schad iſts / daß ihre zarte Haut durch das Haar-Puder ſo ſchlim bemackelt wird / dann wanns Leut ſehen / die es nicht verſtehen / doͤrff - ten ſie wol vermeynen / die Jungfer habe den Erb - grind / der ſolche Schuppen von ſich werffe; welches noch groͤſſerer Schad waͤre vor die funcklende Augen / die von Schwaͤrtze klaͤrer zwitzern / als der Ruß vor meines Knans Ofenloch / welcher ſo ſchroͤcklich glaͤntzete / wenn unſer Ann mit einem Strohwiſch davor ſtunde / die Stub zu hitzen / als wenn lauter Feuer darinn ſteckte / die gantze Welt anzuzuͤnden: Jhre Backen ſeyn ſo huͤbſch rotlecht / doch nicht gar ſo roth / als neulich die neue Neſtel waren / damit die Schwaͤbiſche Fuhrleut von Ulm ihre Laͤtz gezieretG vjhatten154Deß Abentheurl. Simpliciſſimihatten: Aber die hohe Roͤte / die ſie an den Lefftzen hat / uͤbertrifft ſolche Fard weit / und wenn ſie lacht oder redt (ich bitte / der Herꝛ geb nur Achtung darauf) ſo ſihet man zwey Reyhen Zaͤhn in ihrem Maul ſte - hen / ſo ſchoͤn Zeilweis und Zucker-aͤhnlich / als wenn ſie auß einem Stuͤck von einer weiſſen Ruͤben ge - ſchnitzelt worden waͤren: O Wunderbild / ich glaub nicht / daß es einem webe thut / wenn du einen damit beiſſeſt: So iſt ihr Hals ja ſchier ſo weiß / als eine geſtandene Saurmilch / und ihre Bruͤſtlein / die da - runter ligen / ſeyn von gleicher Farb / und ohn Zweif - fel ſo hart anzugreiffen / wie ein Gaiß-Maͤmm / die von uͤbriger Milch ſtrotzt: Sie ſeynd wol nicht ſo ſchlapp / wie die alte Weiber hatten / die mir neulich den Hindern butzten / da ich in Himmel kam. Ach Herꝛ / ſehet doch ihre Haͤnd und Finger an / ſie ſind ja ſo ſubtil / ſo lang / ſo gelenck / ſo geſchmeidig / und ſo geſchicklich gemacht / natuͤrlich wie die Zuͤgeine - rinnen neulich hatten / damit ſie einem in Schubſack greiffen / wenn ſie fiſchen wollen. Aber was ſoll dieſes gegen ihrem gantzen Leib ſelbſt zu rechnen ſeyn / den ich zwar nicht bloß ſehen kan. Jſt er nicht ſo zart / ſchmal und anmuthig / als wenn ſie acht gantzer Wochen die ſchnelle Catharina gehabt haͤtte? Hie - ruͤber erhub ſich ein ſolch Gelaͤchter / daß man mich nicht mehr hoͤren / noch ich mehr reden konte / gienge hiemit durch wie ein Hollaͤnder / und lieſſe mich / ſo lang mirs gefiel / von andern vexiern.

Das X. Capitel.

HJerauff erfolgte die Mittags-Mahlzeit / bey wel - cher ich mich wieder dapffer gebrauchen lieſſe /dann155Zweytes Buch. dann ich hatte mir vorgeſetzt / alle Thorheiten zu be - reden / und alle Eitelkeiten zu ſtraffen / worzu ſich dann mein damaliger Stand trefflich ſchickte; kein Tiſchgenoß war mir zu gut / ihm ſein Laſter zu ver - weiſen und auffzurupffen / und wenn ſich einer fand / der ſichs nicht gefallen lieſſe / ſo wurde er entweder noch darzu von andern außgelacht / oder ihme von meinem Herꝛn vorgehalten / daß ſich kein Weiſer über einen Narꝛn zu erzoͤrnen pflege: Den dollen Faͤhnrich / welcher mein argſter Feind war / ſetzte ich gleich auff den Eſel. Der erſte aber / der mir auß mei - nes Herꝛn Wincken mit Vernunfft begegnete / war der Secretarius, dann als ich denſelben einen Titul - Schmid nennete / ihn wegen der eiteln Titul außlach - te / und fragte / wie man der Menſchen erſten Vatter titulirt haͤtte? Antwortet er / du redeſt wie ein unver - nuͤnfftig Kalb / weil du nicht weiſt / daß nach unſern erſten Eltern unterſchiedliche Leut gelebt / die durch ſeltene Tugenden / als Weisheit / mannliche Helden - Thaten / und Erfindung guter Kuͤnſte / ſich und ihr Geſchlecht dermaſſen geadelt haben / daß ſie auch von andern uͤber alle irdiſche Ding / ja gar uͤbers Ge - ſtirn zu Goͤttern erhoben worden; Waͤreſt du ein Menſch / oder haͤtteſt auffs wenigſt wie ein Menſch die Hiſtorien geleſen / ſo verſtuͤndeſt du auch den Un - terſcheid / der ſich zwiſchen den Menſchen enthaͤlt / und wuͤrdeſt dannenhero einem jeden ſeinen Ehren - Titul gern goͤnnen / ſintemal du aber ein Kalb / und keiner menſchlichen Ehr wuͤrdig noch faͤhig biſt / ſo redeſt du auch von der Sach wie ein dummes Kalb / und mißgoͤnneſt dem edlen menſchlichen Geſchlecht das jenige / deſſen es ſich zu erfreuen hat. Jch ant -G vijwor -156Deß Abentheurl. Simpliciſſimiwortet / ich bin ſo wol ein Menſch geweſen als du / hab auch zimlich viel geleſen / kan dahero urtheilen / daß du den Handel entweder nicht recht verſteheſt / oder durch dein Intereſſe abgehalten wirſt / anderſt zu reden als du weiſt: Sag mir / was ſeyn vor herꝛliche Thaten begangen / und vor loͤbliche Kuͤnſte erfunden worden / die genugſam ſeyen / ein gantz Geſchlechte etlich hundert Jahr nacheinander / auff Abſterben der Helden und Kuͤnſtler ſelbſt / zu adlen? Jſt nicht bey - des der Helden Staͤrck / und der Kuͤnſtler Weisheit und hoher Verſtand / mit hinweg geſtorben? Wenn du diß nicht verſteheſt / und der Eltern Qualitaͤten auff die Kinder erben / ſo muß ich davor halten / dein Vat - ter ſey ein Stockfiſch / und dein Mutter ein Platteiß geweſen: Ha! antwort der Secretarius, wann es damit wol außgericht ſeyn wird / wann wir einander ſchaͤnden wollen / ſo koͤnte ich dir vorwerffen / daß dein Knan ein grober Speſſerter Baur geweſen / und ob es zwar in deiner Heimat und Geſchlecht die groͤſte Knollfincken abgibt / daß du dich annoch noch mehr verꝛingert habeſt / in dem du zu einem unvernuͤnffti - gen Kalb worden biſt. Da recht / antwortet ich / das iſts was ich behaupten will / daß nemlich der Eltern Tugenden nicht allweg auff die Kinder erben / und daß dahero die Kinder ihrer Eltern Tugend-Tituln auch nicht allweg wuͤrdig ſeyen; mir zwar iſts kein Schand / daß ich ein Kalb bin worden / dieweil ich in ſolchem Fall dem Großmaͤchtigen Koͤnig Nabu - chodonoſor nachzufolgen die Ehr habe / wer weiß / ob es nicht GOtt gefaͤllt / daß ich auch wieder wie dieſer / zu einem Menſchen / und zwar noch groͤſſer werde / als mein Kuan geweſen? Jch ruͤhme einmaldie157Zweytes Buch. die jenige / die ſich durch eigene Tugenden edel ma - chen. Nun geſetzt / aber nicht geſtanden / ſagt der Se - cretarius, daß die Kinder ihrer Eltern Ehren-Titul nicht allweg erben ſollen / ſo muſt du doch geſtehen / daß die jenige alles Lobswerth ſeyen / die ſich ſelbſt durch Wolverhalten Edel machen; wann dann dem alſo / ſo folget / daß man die Kinder wegen ihrer El - tern billich ehret / dann der Apffel faͤllt nicht weit vom Stamm: Wer wolte in Alexandri M. Nachkoͤmm - lingen / wenn anders noch einige vorhanden waͤren / ihres alten Ur-Anherꝛn hertzhaffte Dapfferkeit im Krieg nicht ruͤhmen: Dieſer erwieſe ſeine Begierde zu fechten in ſeiner Jugend mit Weynen / als er noch zu keinen Waffen tuͤchtig war / beſorgend / ſein Vat - ter moͤchte alles gewinnen / und ihme nichts zu be - zwingen uͤbrig laſſen; hat er nicht noch vor dem dreiſ - ſigſten Jahr ſeines Alters die Welt bezwungen / und noch ein andere zu beſtreiten gewuͤnſcht? hat er nicht in einer Schlacht / die er mit den Jndianern gehal - ten / da er von den Seinigen verlaſſen war / auß Zorn Blut geſchwitzet? War er nicht anzuſehen / als ob er mit lauter Feurflammen umbgeben war / ſo / daß ihn auch die Barbaren vor Forcht ſtreitend verlaſſen muſten? Wer wolte ihn nicht hoͤher und edler / als andere Menſchen ſchaͤtzen / da doch Quintus Curtius von ihm bezeuget / daß ſein Athem wie Balſam / der Schweiß nach Biſem / und ſein todter Leib nach koͤſt - licher Specerey gerochen: Hier koͤnte ich auch ein - fuͤhren den Julium Cæſarem und den Pompejum, de - ren der eine uͤber und neben den Victorien / die er in den Buͤrgerlichen Kriegen behauptet / fuͤnfftzig mal in offenen Feldſchlachten geſtritten / und 1152000. Mann158Deß Abentheurl. SimpliciſſimiMann erlegt und todt geſchlagen hat / der ander hat neben 940. den Meer-Raͤubern abgenom̃enen Schif - fen / vom Alpgebuͤrg an biß in das aͤuſſerſte Hiſpa - nien / 876. Staͤtt und Flecken eingenommen und uͤberwunden. Den Ruhm Marci Sergii will ich ver - ſchweigen / und nur ein wenig von dem Lucio Sucio Dentato ſagen / welcher Zunfftmeiſter zu Rom war / als Spurius Turpejus und Aulus Eternius Burger - meiſter geweſen / dieſer iſt in 110. Feld-Schlachten geſtanden / und hat achtmal die jenige uͤberwunden / ſo ihn herauß gefordert / er konte 45. Wundmaͤhler an ſeinem Leib zeigen / die er alle vor dem Mann / und keine ruͤckwarts empfangen / mit neun Obriſt Feld - Herꝛen iſt er in ihren Triumphen (die ſie vornemlich durch ihre Mannheit erlangt) eingezogen. Deß Man - lii Capitolini Kriegs-Ehr waͤre nicht geringer / wenn er ſie im Beſchluß ſeines Lebens nicht ſelbſt verklei - nert / dann er konte auch 33. Wundmaͤhler zeigen / ohn daß er einsmals das Capitolium mit allen Schaͤ - tzen allein vor den Frantzoſen erhalten. Wo bleibt der ſtarcke Hercules, Theſeus und andere / die beynahe beydes zu erzehlen / und ihr unſterbliches Lob zu be - ſchreiben unmuͤglich! Solten dieſe in ihren Nach - koͤmmlingen nicht zu ehren ſeyn?

Jch will aber Wehr und Waffen fahren laſſen / und mich zu den Kuͤnſten wenden / welche zwar etwas geringer zu ſeyn ſcheinen / nichts deſto weniger aber ihre Meiſter gantz Ruhmreich machen. Was findet ſich nur fuͤr ein Geſchicklichkeit am Zeuxe, welcher durch ſeinen Kunſtreichen Kopff und geſchickte Hand die Voͤgel in der Lufft betrog; item am Apelle, der ei - ne Venus ſo natuͤrlich / ſo ſchoͤn / ſo außbuͤndig / undmit159Zweytes Buch. mit allen Lineamenten ſo ſubtil und zart daher mah - let / daß ſich auch die Junggeſellen darein verliebten. Plutarchus ſchreibet / daß Archimedes ein groß Schiff mit Kauffmanns-Wahren beladen / mitten uͤber den Marckt zu Syracuſis nur mit einer Hand / an einem einzigen Sail daher gezogen / gleich als ob er ein Saumthier an einem Zaum gefuͤhrt / welches 20. Ochſen / geſchweige 200. deines / gleichen Kaͤlber / nicht haͤtten zu thun vermoͤcht. Solte nun dieſer rechtſchaffene Meiſter nicht mit einem beſondern Eh - ren-titul / ſeiner Kunſt gemaͤß / zu begaben ſeyn? Wer wolte nicht vor andern Menſchen preiſen den jeni - gen / der dem Perſiſchen Koͤnig Sapor ein glaͤſernes Werck machte / welches ſo weit und groß war / daß er mitten in demſelben auff deſſen Centro ſitzen / und unter ſeinen Fuͤſſen das Geſtirn auff und nider gehen ſehen konte? Archimedes machte einen Spiegel / damit er der Feinde Kriegs-Schiff mitten im Meer anzuͤndet: So gedencket auch Ptolomeus eine wun - derliche Art Spiegel / die ſo viel Angeſichter zeigten / als Stund im Tag waren. Welcher wolte den nicht preiſen / der die Buchſtaben zu erſt erfunden? ja wer wolte nicht vielmehr den uͤber alle Kuͤnſtler erheben / welcher die Edle und der gantzen Welt hoͤchſt nutz - bare Kunſt der Buchdruckerey erfunden? Jſt Ceres, weil ſie den Ackerbau und das Muͤhlwerck er - funden haben ſolle / vor eine Goͤttin gehalten worden / warumb ſolte dann unbillich ſeyn / wenn man an - dern / ihren Qualitaͤten gemaͤß / ihr Lob mit Ehren - Tituln beruͤhmt? Zwar iſt wenig daran gelegen / ob du grobes Kalb ſolches in deinem unvernuͤnfftigen Ochſenhirn faſſeſt oder nicht: Es gehet dir eben wiejenem160Deß Abentheurl. Simpliciſſimijenem Hund / der auff einem Hauffen Heu lag / und ſolches dem Ochſen auch nicht goͤnnete / weil er es ſelbſt nicht genieſſen konte; du biſt keiner Ehr faͤhig / und eben dieſer Urſachen halber mißgoͤnneſt du ſolche den jenigen / die ſolcher werth ſeyn.

Da ich mich ſo gehetzt ſahe / antwortet ich / die herꝛliche Helden-Thaten waͤren hoͤchlich zu ruͤhmen / wann ſie nicht mit anderer Menſchen Untergang und Schaden vollbracht worden waͤren. Was iſt das aber vor ein Lob / welches mit ſo vielem unſchuldig - vergoſſenem Menſchen-Blut beſudelt: Und was iſt das vor ein Adel / der mit ſo vieler tauſend anderer Menſchen Verderben erobert und zu wegen gebracht worden iſt? Die Kuͤnſte betreffend / was ſeynds an - ders als lauter Vanitaͤten und Thorheiten? Ja ſie ſeynd eben ſo laͤer / eitel und unnuͤtz / als die Titul ſelbſt / die einem von denſelbigen zuſtehen moͤchten; dann entweder dienen ſie zum Geitz / oder zur Wol - luſt / oder zur Uppigkeit / oder zum Verderben ande - rer Leut / wie dann die ſchroͤckliche Dinger auch ſind / die ich neulich auff den halben Waͤgen ſahe; ſo koͤn - te man der Druckerey und Schrifften auch wol ent - beren / nach Außſpruch und Meynung jenes heiligen Manns / welcher darvor hielte / die gantze weite Welt ſey ihm Buchs genug / die Wunder ſeines Schoͤpf - fers zu betrachten / und die goͤttliche Allmacht darauß zu erkennen.

Das XI. Capitel.

MEin Herꝛ wolte auch mit mir ſchertzen / und ſagte: Jch mercke wol / weil du nicht Edel zu werden getraueſt / ſo verachteſt du deß Adels Ehren -Titul161Zweytes Buch. Titul; Jch antwortet / Herꝛ / wann ich ſchon in die - ſer Stund andeine Ehrenſtell tretten ſolte / ſo wolte ich ſie doch nicht annehmen! Mein Herꝛ lachte / und ſagte: Das glaube ich / dann dem Ochſen gehoͤret Haberſtroh; wann du aber einen hohen Sinn haͤt - teſt / wie Adeliche Gemuͤter haben ſollen / ſo wuͤrdeſt du mit Fleiß nach hohen Ehren und Dignitaͤten trach - ten / Jch meines theils / achte es fuͤr kein geringes / wenn mich das Gluͤck uͤber andere erhebt. Jch ſeuff - tzete und ſagte: Ach / arbeitſeelige Gluͤckſeeligkeit! Herꝛ / ich verſichere dich / daß du der aller-elendeſte Menſch in gantz Hanau biſt: Wie ſo? wie ſo? Kalb / ſagte mein Herꝛ / ſag mir doch die Urſach / dann ich befinde ſolches bey mir nicht: Jch antwortet / wenn du nicht weiſt und empfindeſt / daß du Gubernator in Hanau / und mit wie viel Soꝛgen und Unruhe du deß - wegen beladen biſt / ſo verblendet dich die allzugroſſe Begierd der Ehr / deren du genieſſeſt / oder du biſt ei - ſern und gantz unempfindlich / du haſt zwar zu beſeh - len / und wer dir unter Augen kompt / muß dir gehor - famen; thun ſie es aber umbſonſt? biſt du nicht ihrer aller Knecht? muſt du nicht vor einen jedwedern in - ſonderheit ſorgen? Schaue / du biſt jetzt rund umb - der mit Feinden umbgeben / und die Conſervation dieſer Veſtung ligt dir allein auff dem Hals / du muſt trachten / wie du deinem Gegentheil einen Abbruch thun moͤgeſt / und muſt darneben ſorgen / daß deine Anſchlaͤg nicht verkundſchafftet werden; Bedoͤrffte es nicht oͤffters / daß du ſelber / wie ein gemeiner Knecht / Schildwach ſtuͤndeſt? Uber das muſtu be - dacht ſeyn / daß kein Mangel an Geld / Munition / Proviant und Volck im Poſten erſcheine / deßwegendu162Deß Abenth. Simpliciſſimidu dann das gantze Land durch ſtetiges exequiren und tribuliren in der Contribution erhalten muſt; Schi - ckeſt du die Deinige zu ſolchem End hinauß / ſo iſt rauben / pluͤndern / ſtelen / brennen und morden ihre beſte Arbeit / ſie haben erſt neulich Orb gepluͤndert / Braunfels eingenommen / und Staden in die Aſche gelegt / davon haben ſie zwar ihnen Beuten / du aber eine ſchwere Verantwortung bey GOtt gemachet: Jch laſſe ſeyn / daß dir vielleicht der Genuß neben der Ehr auch wol thut / weiſt du aber auch / wer ſolche Schaͤtz / die du etwan ſamleſt / genieſſen wird? Und geſetzt / daß dir ſolcher Reichthum verbleibt (ſo doch mißlich ſtehet) ſo muſtu ſie doch in der Welt laſſen / und nimmſt nichts darvon mit dir / als die Sünde / dardurch du ſelbigen erworben haſt: Haſt du dann das Gluͤck / daß du dir deine Beuten zu nutz machen kanſt / ſo verſchwendeſt du der Armen Schweiß und Blut / die jetzt im Elend Mangel leiden / oder gar verderden und Hungers ſterben. O wie offt ſehe ich / daß deine Gedancken wegen Schwere deines Ampts hin und wieder zerſtreut ſeyn / und daß hingegen ich und andere Kaͤlber ohn alle Bekuͤmmernus ruhig ſchlaffen; thuſt du ſolches nicht / ſo koſtet es deinen Kopff / dafern anders etwas verabſaͤumet wird / das zu Conſervation deiner untergebenen Voͤlcker und der Veſtung haͤtte obſervirt werden ſollen; Schaue / ſolcher Sorgen bin ich uͤberhoben! Und weil ich weiß / daß ich der Natur einen Todt zu leiſten ſchul - dig bin / ſorge ich nicht / daß jemand meinen Stall ſtuͤrmet / oder daß ich mit Arbeit umb mein Leben ſcharmuͤtzeln muͤſſe / ſterbe ich jung / ſo bin ich der Muͤhſeeligkeit eines Zug-Ochſens uͤberhoben / diraber163Zweytes Buch. aber ſtellt man ohne Zweiffel auff tauſendfaͤltige weis nach / deßwegen iſt dein gantzes Leben nichts anders als ein immerwaͤhrende Sorg und Schlaffbrechens / dann du muſt Freund und Feind foͤrchten / die dich ohn Zweiffel / wie du auch andern zu thun gedenckeſt / entweder umb dein Leben / oder umb dein Geld / oder umb deine Reputation, oder umb dein Commando, oder umb ſonſten etwas zu bringen nachſinnen / der Feind ſetzt dir offentlich zu / und deine vermeynte Freund beneiden heimlich dein Gluͤck; vor deinen Untergebenen aber biſtu auch nicht allerdings verſi - chert. Jch geſchweige hier / wie dich taͤglich deine brennende Begierden quaͤlen / und hin und wider trei - ben / wenn du gedenckeſt / wie du dir einen noch groͤſ - ſern Nahmen und Ruhm zu machen / hoͤher in Kriegs - Aemptern zu ſteigen / groͤſſern Reichthum zu ſamlen / dem Feind einen Tuck zu beweiſen / ein oder ander Ort zu uͤberꝛumpeln / und in Summa faſt alles zu thun / was andere Leut geheyet / und deiner Seelen ſchaͤd - lich / der Goͤttlichen Majeſtaͤt aber mißfaͤllig iſt! Und was das aller-aͤrgſte iſt / ſo biſt du von deinen Fuchs - ſchwaͤntzern ſo verwaͤhnt / daß du dich ſelbſten nicht kenneſt / und von ihnen ſo eingenommen und vergiff - tet / daß du den gefaͤhrlicheu Weg / den du geheſt / nicht ſehen kanſt / denn alles was du thuſt / heiſſen ſie recht / und alle deine Laſter werden von ihnen zu lau - ter Tugenden gemacht und außgeruffen; dein Grim - migkeit iſt ihnen eine Gerechtigkeit / und wenn du Land und Leut verderben laͤſt / ſo ſagen ſie / du ſeyſt ein braver Soldat / hetzen dich alſo zu ander Leut Scha - den / damit ſie deine Gunſt behalten / und ihre Beutel darbey ſpicken moͤgen.

Du164Deß Abentheurl. Simpliciſſimi

Du Beruheuter / ſagte mein Herꝛ / wer lernet dich ſo predigen? Jch antwortet / Liebſter Herꝛ / ſage ich nicht wahr / daß du von deinen Ohrenblaͤſern und Daumendrehern dergeſtalt verderbet ſeyeſt / daß dir bereits nicht mehr zu helffen; hingegen ſehen andere Leut deine Laſter gar bald / und urtheilen dich nicht allein in hohen und wichtigen Sachen / ſondern fin - den auch genug in geringen Dingen / daran wenig gelegen / an dir zu tadlen: Haſtu nicht Exempel ge - nug an hohen Perſonen / ſo vor der Zeit gelebt? die Athenienſer murmelten wider ihren Simonidem, nur darumb daß er zu laut redete; die Thebaner klagten uͤber ihren Paniculum, dieweil er außwurffe; die La - cedæmonier ſchalten an ihrem Lycuigo, daß er alle - zeit mit nieder geneigtem Happt daher gienge; die Roͤmer vermeynten / es ſtuͤnde dem Scipione gar uͤbel an / daß er im Schlaff ſo laut ſchnarchte; es duͤnckte ſie heßlich zu ſeyn / daß ſich Pompejus nur mit einem Finger kratzte; deß Julii Cæſaris ſpotteten ſie / weil er ſeinen Guͤrtel nicht artig und luſtig antrug; die Uti - cenſer verleumdeten thren guten Catonem, weil er / wie ſie beduͤnckte / allzu-geitzig auff beyden Backen aſſe; und die Carthaginenſer redeten dem Hannibali uͤbel nach / weil er immerzu mit der Bruſt auffgedeckt und bloß daher gienge. Wie duͤnckt dich nun / mein lieber Herꝛ? vermeyneſt du wol noch / daß ich mit ei - nem tauſchen ſolte / der vielleicht neben zwoͤlff oder dreyzehen Tiſch Freunden / Fuchsſchwaͤntzern und Schmarotzern / mehr als 100. oder vermuthlicher mehr als 10000. ſo heimliche als offentliche Feind / Verleumder und mißgoͤnſtige Neider hat? zu dem / was vor Gluͤckſeeligkeit / was fuͤr Luſt und was vorFreud165Zweytes Buch. Freud ſolte doch ein ſolch Haupt haben koͤnnen / un - ter welches Pfleg / Schutz und Schirm ſo viel Men - ſchen leben? Jſts nicht vonnoͤten / daß du vor alle die Deinige wacheſt / vor ſie ſorgeſt / und eines jeden Klag uud Beſchwerden anhoͤreſt? Waͤre ſolches allein nicht muͤheſeelig genug / wenn du ſchon weder Feinde noch Mißgoͤnner haͤtteſt? Jch ſehe wol / wie ſauer du dirs muſt werden laſſen / und wie viel Beſchwerden du doch ertraͤgſt; Liebſter Herꝛ / was wird doch end - lich dein Lohn ſeyn / ſage mir / was haſt du darvon? Wann du es nicht weiſt / ſo laſſe dirs den Griecht - ſchen Demoſthenem ſagen / welcher / nachdem er den gemeinen Nutzen / und das Recht der Athenienſer / dapffer und getreulich befoͤrdert und beſchuͤtzt / wider alles Recht und Billichkeit / als einer ſo ein greuliche Miſſethat begangen / deß Lands verwieſen / und in das Elend verjaget ward; dem Socrati ward mit Gifft vergeben; dem Hannibal ward von den ſeinen ſo uͤbel gelohnet / daß er elendiglich in der Welt Land - fluͤchtig herum ſchwaiffen muſte; alſo geſchahe dem Roͤmiſchen Camillo; und dergeſtalt bezahlten die Griechen den Lycurgum und Solonem, deren der eine geſteiniget ward / dem andern aber / nachdem ihm ein Aug außgeſtochen / wurde als einem Moͤrder endlich das Land verwieſen. Darumb behalte dein Com - mando ſampt dem Lohn / den du darvon haben wirſt / du darffſt deren keins mit mir theilen / dann wann al - les wol mit dir abgehet / ſo haſtu auffs wenigſte ſonſt nichts / das du davon bringeſt / als ein boͤß Gewiſſen; Wirſtu aber dein Gewiſſen in acht nemmen wollen / ſo wirſtu als ein Untuͤchtiger bey Zeiten von deinem Commando verſtoſſen werden / nicht anders / alswann166Deß Abentheurl. Simpliciſſimiwann du auch / wie ich / zu einem dummen Kalb wor - den waͤreſt.

Das XII. Capitel.

UNter waͤhrendem meinem Diſcours ſahe mich je - derman an / und verwunderten ſich alle Gegen - waͤrtige / daß ich ſolche Reden ſolte vorbringen koͤn - nen / welche wie ſie vorgaben / auch einem verſtaͤndi - gen Mann genug waͤren / wann er ſolche ſo gar ohne allen Vorbedacht haͤtte vortragen ſollen; Jch aber machte den Schluß meiner Red / und ſagte: Darum dann nun / mein liebſter Herꝛ / will ich nicht mit dir tauſchen; zwar ich bedarffs auch im geringſten nit / dann die Quellen geben mir einen geſunden Tranck / an ſtatt deiner koͤſtlichen Wein / und der jenige / der mich zum Kalb werden zu laſſen beliebet / wird mir auch die Gewaͤchs deß Erdbodens dergeſtalt zu ſeg - nen wiſſen / daß ſie mir wie dem Nabuchodonoſore zur Speiß und Auffenthalt meines Lebens auch nicht unbequem ſeyn werden; ſo hat mich die Natur auch mit einem guten Beltz verſehen / da dir hingegen offt vor dem beſten eckelt / der Wein deinen Kopff zerꝛeiſt / und dich bald in dieſe oder jene Kranckheit wirfft.

Mein Herꝛ antwortet: Jch weiß nicht was ich an dir habe? du beduͤnckeſt mich vor ein Kalb viel zu ver - ſtaͤndig zu ſeyn / ich vermeyne ſchier / du ſeyeſt unter deiner Kalbs-Haut mit einer Schalcks-Haut uͤber - zogen? Jch ſtellte mich zornig / und ſagte: Vermey - net ihr Menſchen dann wol / wir Thiere ſeyen gar Narꝛen? Das doͤrfft ihr euch wol nicht einbilden! Jch halte darvor / wann aͤltere Thier als ich / ſo wol als ich reden koͤnten / ſie wuͤrden euch wol andersauff -167Zweytes Buch. auffſchneiden: Wann ihr vermeynt / wir ſeyen ſo gar dumm / ſo ſagt mir doch / wer die wilde Bloch - Dauben / Haͤher / Ambſeln und Rebhuͤner gelernet hat / wie ſie ſich mit Lorbeer-blaͤttern purgiren ſollen? und die Dauben / Turteldaͤublein und Huͤner mit S. Peters Kraut? Wer lehret Hund und Katzen / daß ſie das bethaute Gras freſſen ſollen / wann ſie ihren vollen Bauch reinigen wollen? Wer die Schild - Krott / wie ſie die Biß mit Schirling heylen? und den Hirſch / wann er geſchoſſen / wie er ſeine Zuflucht zu dem Dictamno oder wilden Poley nehmen ſolle? Wer hat das Wieſelin unterꝛichtet / daß es Rauten gebrauchen ſolle / wenn es mit der Fledermauß oder irgend einer Schlang kaͤmpffen will? Wer gibt den wilden Schweinen den Epheu / und den Beeren den Alraun zu erkennen / und ſagt ihnen / daß es gut ſeye zu ihrer Artzney? Wer hat dem Adler gerathen / daß er den Adlerſtein ſuchen und gebrauchen ſoll / wann er ſeine Eyer ſchwerlich legen kan? Und welcher gibt es der Schwalbe zu verſtehen / daß ſie ihrer Jungen bloͤde Augen mit dem Chelidonio artzneyen ſolle? Wer hat die Schlang inſtruirt / daß ſie ſoll Fenchel eſſen / wann ſie ihre Haut abſtreiffen / und ihren dun - ckeln Augen helffen will? Wer lehret den Stock / ſich zu clyſtieren? den Pelican / ſich Ader zu laſſen? und den Beeren / wie er ihm von den Bienen ſolle ſchrepffen laſſen? Was / ich doͤrffte ſchier ſagen / daß ihr Menſchen eure Kuͤnſte und Wiſſenſchafften von uns Thieren erlernet habt! Jhr freſſt und ſaufft euch kranck und todt / das thun wir Thier aber nicht! Ein Loͤw oder Wolff / wenn er zu fett werden will / ſo faſtet er / biß er wieder mager / friſch und geſund wird. HWelches168Deß Abentheurl. SimpliciſſimiWelches Theil handelt nun am weislichſten? Uber dieſes alles betrachtet das Gefluͤgel unter dem Him - mel! betrachtet die unterſchiedliche Gebaͤue ihrer artlichen Neſter / und weil ihnen ihre Arbeit niemand nachmachen kan / ſo muͤſt ihr ja bekennen / daß ſie beydes verſtaͤndiger und kuͤnſtlicher ſeyn / als ihr[Menſchen] ſelbſt: Wer ſagt den Sommer-voͤgeln / wann ſie gegen dem Fruͤhling zu uns kommen / und Jungen hecken? und gegen dem Herbſt / wann ſie ſich wieder von dannen in die warme Laͤnder verfuͤ - gen ſollen? Wer unterꝛichtet ſie / daß ſie zu ſolchem End einen Sammelplatz beſtimmen muͤſſen? Wer fuͤhret ſie / oder wer weiſet ihnen den Weg / oder ley - het ihr Menſchen vielleicht ihnen euern See-Com - paß / damit ſie unterwegs nicht irꝛ fahren? Nein / ihr liebe Leut / ſie wiſſen den Weg ohne euch / und wie lang ſie darauff muͤſſen wandern / auch wann ſie von einem und dem andern Ort auffdrechen muͤſſen; be - doͤrffen alſo weder eures Compaſſes noch eures Ca - lenders. Ferners beſchauet die muͤhſame Spinn / de - ren Geweb bey nahe ein Wunderwerck iſt! Sehet / ob ihr auch einen einigen Knopff in aller ihrer Arbeit finden moͤget? Welcher Jaͤger oder Fiſcher hat ſie gelehret / wie ſie ihr Netz außſpannen / und ſich / je nachdem ſie ſich eines Netzes gebraucht / ihr Wild - bret zu belauſtern / entweder in den hinderſten Win - ckel / oder gar in das Centrum ihres Gewebs ſetzen ſolle? Jhr Menſchen verwundert euch uͤber den Ra - ben / von welchem Plutarchus bezeugt / daß er ſo viel Stein in ein Geſchirꝛ / ſo halb voll Waſſer geweſen / geworffen / biß das Waſſer ſo wett oben geſtanden / daß er bequemlich hab trincken moͤgen: Was wuͤrdetihr169Zweytes Buch. ihr erſt thun / wann ihr bey und unter den Thieren wohnen / und ihre uͤbrige Handlungen / Thun und Laſſen anſehen und betrachten wuͤrdet; alsdeñ wuͤr - det ihr erſt bekennen / daß es ſich anſehen laſſe / als haͤt - ten alle Thier etwas beſonderer eigener natuͤrlicher Kraͤfften und Tugenden / in allen ihren Affectionibus und Gemuͤts-Neigungen / in der Fuͤrſichtigkeit / Staͤrck / Mildigkeit / Forchtſamkeit / Rauchheit / Lehr und Unterꝛichtung; es kennet je eines das an - der / ſie unterſcheiden ſich vor einander / ſie ſtellen dem nach / ſo ihnen nuͤtzlich / fliehen das ſchaͤdlich / meiden die Gefahr / ſamblen zuſammen / was ihnen zu ihrer Nahrung nothwendig iſt / und betruͤgen auch bißwei - len euch Menſchen ſelbſt. Dahero viel alte Philoſo - phi ſolches ernſtlich erwogen / und ſich nicht geſchaͤ - met haben zn fragen und zu diſputiren / ob die unver - nuͤnfftige Thier nicht auch Verſtand haͤtten? Jch mag aber nichts mehr von dieſen Sachen reden / ge - het hin zu den Jmmen / und ſehet / wie ſie Wachs und Honig machen / und alsdann ſagt mir euer Meynung wieder.

Das XIII. Capitel.

HJerauff fielen unterſchiedliche Urtheil uͤber mich / die meines Herꝛn Tiſchgenoſſen gaben / der Se - cretarius hielte darvor / ichſeye vor naͤrriſch zuhalten / weil ich mich ſelbſt vor ein vernuͤnfftig Thier ſchaͤtzte und dargebe / maſſen die jenige ſo ein Sparren zu viel oder zu wenig haͤtten / und ſich jedoch weis zu ſeyn duͤnckten / die aller-artlichſte oder viſierlichſte Narꝛen waͤren: Andere ſagten / wenn man mir die Imagination benehme / daß ich ein Kalb ſeye / oderH ijmich170Deß Abentheurl. Simpliciſſimimich uͤberꝛeden koͤnte / daß ich wieder zu einem Men - ſchen worden waͤre / ſo wuͤrde ich vor vernuͤnfftig oder witzig genug zu halten ſeyn: Mein Herꝛ ſelbſt ſagte / Jch halte ihn vor einen Narꝛn / weil er jedem die Wa[r]heit ſo ungeſcheut ſagt / hingegen ſeynd ſeine Dilcurſen ſo beſchaffen / daß ſolche keinem Narꝛn zu - ſiehen. Und ſolches alles redeten ſie auff Latein / da - mit ichs nicht verſtehen ſolte. Er fragte mich / ob ich ſtudirt haͤtte / als ich noch ein Menſch geweſen? Jch wuͤſte nicht / was ſtudiren ſeye / war mein Ant - wort / aber lieber Herꝛ / ſagte ich weiters / ſag mir / was Studen vor Dinger ſeyn / damit man ſtudiret? Menneſt du vielleicht die Kegel ſo / damit man keglet? Hierauff antwortet der dolle Faͤhnrich: Watt wolts met deeſem Kerl ſin / hey hett den Tuͤ - fel in Liff / hey iſt beſeeten / de Tuͤfel der kuͤh - ret ut jehme: Dahero nam mein Herꝛ Urſach / mich zu fragen / ſintemal ich dann nunmehr zu einem Kalb worden waͤre / ob ich noch wie vor diſem / gleich andern Menſchen / zu beten pflege / und in Himmel zu kommen getraue? Freylich / antwortet ich / ich habe ja meine unſterbliche menſchliche Seel noch / die wird ja / wie du leichtlich gedencken kanſt / nicht in die Hoͤll begehren / vornemlich weil mirs ſchon einmal ſo uͤbel darinnen ergangen; Jch bin nur ver - aͤndert / wie vor dieſem Nabuchodonoſor / und doͤrffte ich noch wol zu ſeiner Zeit wieder zu einem Menſchen werden. Das wuͤnſche ich dir / ſagte mein Herꝛ mit einem zimblichen Seufftzen: Darauß ich leichtlich ſchlieſſen konte / daß ihn eine Reu ankommen / weil er mich zu einem Narꝛen zu machen unterſtanden. Aber laß hoͤren / fuhr er weiter fort / wie pflegſt du zu beten? darauff171Zweytes Buch. darauff knyet er nider / hube Augen und Haͤnde auff gut Einſidleriſch gen Himmel / und weilen meines Herꝛn Reu / die ich gemercht hatte / mir das Hertz mit trefflichem Troſt beruͤhrte / konte ich auch die Thre - nen nicht enthalten / bat alſo dem aͤuſſerlichen Anſe - hen nach / mit hoͤchſter Andacht / nach geſprochenem Vatter unſer / vor alles Anligen der Chriſtenheit / vor meine Freund und Feind / und daß mir GOtt in dieſer Zeitlichkeit alſo zu leben verleyben wolle / daß ich wuͤrdig werden moͤchte / ihn in ewiger Seeligkeit zu loben; maſſen mich mein Einſidel ein ſolches Ge - bet mit andaͤchtigen concipirten Worten gelehret hat. Hiervon fiengen etliche waͤichhertzige Zuſeher auch bey nahe an zu weynen / weil ſie ein trefflich Mit - leiden mit mir trugen / ja meinem Herꝛu ſelbſt ſtun - den die Augen voller Waſſer.

Nach der Mahlzeit ſchickte mein Herꝛ nach obge - meldtem Pfarꝛherꝛn / dem erzehlte er alles / was ich vorgebracht hatte / und gab damit zu verſtehen / daß er beſorge / es gehe nicht recht mit mir zu / und daß vielleicht der Teuffel mit unter der Decken lege / die - weil ich vor diſem gantz einfaͤltig und unwiſſend mich erzeigt / nunmehr aber Sachen vorzubringen wiſſe / daß ſich daruͤber zu verwundern! Der Pfarꝛer / dem meine Beſchaffenheit am beſten bekant war / antwor - tet: Man ſolte ſolches bedacht haben / ehe man mich zum Narꝛn zu machen unterſtanden haͤtte / Menſchen ſeyen Edenbilder Gottes / mit welchen / und bevorab mit ſo zarter Jugend / nicht wie mit Beſtien zu ſcher - tzen ſeye; doch wolle er nimmermehr glauben / daß dem boͤſen Geiſt zugelaſſen worden / ſich mit in das Spiel zu miſchen / dieweil ich mich jederzeit durchH iijin -172Deß Abentheurl. Simpliciſſimiinbruͤnſtiges Gebet Gott befohlen gehabt / ſolte ihm aber wider Verhoffen ſolches verhaͤngt und zugelaſ - ſen worden ſeyn / ſo haͤtte mans bey GOTT ſchwer - lich zu verantworten / maſſen ohne das bey nahe keine groͤſſere Suͤnd ſey / als wenn ein Menſch den andern ſeiner Vernunfft berauben / und alſo dem Lob und Dienſt Gottes / darzu er vornemlich erſchaffen worden / entziehen wolte: Jch habe hiebevor Verſi - cherung gethan / daß er Witz genug gehabt / daß er ſich aber in die Welt nicht ſchicken koͤnnen / war die Urſach / daß er bey ſeinem Vatter einem groben Bau - ren / und bey eurem Schwager in der Wildnus / in aller Einfalt erzogen worden / haͤtte man ſich anfaͤng - lich ein wenig mit ihm geduldet / ſo wuͤrde er ſich mit der Zeit ſchon beſſer angelaſſen haben / es war eben ein fromm einfaͤltig Kind / das die boßhafftige Welt noch nicht kennete / doch zweiffle ich gar nicht / daß er nicht wiederumb zu recht zu bringen ſeye / wann man ihm nur die Einbildung benehmen kan / und ihn dahin bringt / daß er nicht mehr glaubt / er ſey zum Kalb worden: Man lieſet von einem / der hat veſtig - lich geglaubt / er ſey zu einem irdinen Krug worden / bat dahero die Seinige / ſie ſolten ihn wol in die Hoͤ - he ſtellen / damit er nicht zerſtoſſen wuͤrde; Ein ande - rer bildete ſich nicht anders ein / als er ſey ein Han / dieſer kraͤhete in ſeiner Kranckheit Tag und Nacht; noch ein anderer vermeynte nicht anders / als er ſeye bereits geſtorben / und wandere als ein Geiſt herumb / wolte derowegen weder Artzney / noch Speiß und Tranck mehr zu ſich nemmen / biß endlich ein kluger Artzt zween Kerl anſtellete / die ſich auch vor Geiſter außgaben / darneben aber dapffer zechten / ſich zu je -nem173Zweytes Buch. nem geſelleten / und ihn uͤberꝛedeten / daß jetziger Zeit die Geiſter auch zu eſſen und zu trincken pflegten / wordurch er dann wieder zu recht gebracht worden. Jch habe ſelbſten einen krancken Bauren in meiner Pfarꝛ gehabt / als ich denſelben beſuchte / klagte er mir / daß er auff drey oder vier Ohm Waſſer im Leib haͤtte / wann ſolches von ihm waͤre / ſo getraute er wol wieder geſund zu werden / mit Bitt / ich wolte ihn entweder auffſchneiden laſſen / damit ſolches von ihm lauffen koͤnte / oder ihn in Rauch hencken laſſen / da - mit daſſelbe außtroͤckne: Darauff ſprach ich ihm zu / und uͤberꝛedet ihn / ich koͤnte das Waſſer auff eine andere Manier wol von ihm bringen / name demnach einen Hanen / wie man zu den Wein - oder Bier-Faͤſ - ſern braucht / band einen Darm daran / und das an - der End band ich an den Zapffen eines Bauch-Zu - bers / den ich zu ſolchem End voll Waſſer tragen laſ - ſen / ſtellete mich darauff / als wenn ich ihm den Ha - nen in Bauch ſteckte / welchen er uͤberall mit Lumpen umbwinden laſſen / damit er nicht zerſpringen ſolte: Hier auff ließ ich das Waſſer auß dem Zuber durch den Hanen hinweg lauffen / daruͤber ſich der Tropff hertzlich erfreuet / nach ſolcher Verꝛichtung die Lum - pen von ſich thaͤt / und in wenig Tagen wieder aller - dings zu recht kam. Auff ſolche Weis iſt einem an - dern geholffen worden / der ſich eingebildet / er habe allerhand Pferdgezeug / Zaͤun und ſonſt Sachen im Leib / demſelben gab ſein Doctor eine Purgation ein / und legte dergleichen Ding untern Nachtſtul / alſo daß der Kerl glauben muſte / ſolches ſeye durch den Stulgang von ihm kommen. So ſagt man auch von einem Phantaſten / der geglaubt habe / ſeine Nas ſeyeH jvſo174Deß Abentheurl. Simpliciſſimiſo lang / daß ſie ihm biß auff den Boden reiche / dem habe man eine Wurſt an die Nas gehenckt / dieſelbe nach und nach biß an die Nas ſelbſt binweg geſchnit - ten / und als er das Meſſer an der Nas empfunden / haͤtte er geſchryen / ſeine Nas ſeye jetzt wieder in rech - ter Form / kan alſo / wie dieſen Perſonen / dem guten Simplicio wol auch wieder geholffen werden.

Dieſes alles glaubte ich wol / antwortet mein Herꝛ / allein ligt mir an / daß er zuvor ſo unwiſſend geweſen / nunmehr aber von Sachen zu ſagen weiß / ſolche auch ſo perfect daher erzehlet / dergleichen man bey aͤlteren / erfahrneren und beleſneren Leuten / als er iſt / nicht leichtlich finden wird / er hat mir viel Ey - genſchafften der Thier erzehlt / und mein eigene Per - ſon ſo artlich beſchrieben / als wenn er ſein Lebtag in der Welt geweſen / alſo daß ich mich daruͤber ver - wundern / und ſeine Reden bey nahe vor ein Oracul oder Warnung Gottes halten muß.

Herꝛ / antwortet der Pfarꝛer / dieſes kan natuͤrli - cher Weis wol ſeyn / ich weiß / daß er wol beleſen iſt / maſſen er ſo wol als ſein Einſidel gleichſam alle mei - ne Buͤcher die ich gehabt / und deren zwar nicht we - nig geweſen / durch gangen / und weil der Knab ein gut Gedaͤchtnus hat / jetzo aber in ſeinem Gemuͤth muͤſſig iſt / und ſeiner eigenen Perſon vergißt / kan er gleich hervor bringen / was er hiebevor ins Hirn ge - faſt; ich verſehe mich auch / daß er mit der Zeit wie - der zu recht zu bringen ſey. Alſo ſetzt der Pfarꝛer den Gubernator zwiſchen Forcht und Hoffnung / er ver - antwortet mich und mein Sach auff das beſte / und bracht mir gute Tag / ihme ſelbſt aber ein Zutritt bey meinem Herꝛn zu wegen. Jhr endlicher Schluß war /man175Zweytes Buch. man ſolte noch ein Zeitlang mit mir zuſehen; und ſolches thaͤt der Pfarꝛer mehr umb ſeines als meines Nutzens wegen / dann mit dieſem / daß er ſo ab und zugieng / und ſich ſtellet / als wenn er meinet halben ſich bemuͤhet / und groſſe Sorg trug / uͤberkam er deß Gnbernators Gunſt / dahero gab ihm derſelbige Dienſt / und machte ihn bey der Guarniſon zum Ca - plan / welches in ſo ſchwerer Zeit kein geringes war / und ich ihm hertzlich wol goͤnnete.

Das XIV. Capitel.

VOn dieſer Zeit an beſaß ich meines Herꝛn Gnad / Gunſt und Lieb vollkommenlich / deſſen ich mich wol mit Warheit ruͤhmen kan; nichts mangelt mir zu meinem beſſern Gluͤck / als daß ich an meinem Kalbs Kleid zu viel / und an Jahren noch zu wenig hatte / wiewol ich ſolches ſelbſt nicht wuſte; ſo wolte mich der Pfarꝛer auch noch nicht witzig haben / weil ihn ſolches noch nicht Zeit / und ſeinem Nutzen vor - traͤglich zu ſeyn beduͤnckte. Und demnach mein Herꝛ ſahe / daß ich Luſt zur Muſic hatte / ließ er mich ſolche lernen / und verdinget mich zugleich einem vortreffli - chen Lauteniſten / deſſen Kunſt ich in Baͤlde zimlich begriffe / und ihn umb ſo viel uͤbertraff / weil ich beſſer als er darein ſingen konte: Alſo dienete ich meinem Herꝛn zum Luſt / zur Kurtzweil / Ergetzung und Ver - wunderung. Alle Officier erzeigten mir ihren geneig - ten Willen / die reichſte Buͤrger verebrten mich / und das Haußgeſind neben den Soldaten wolten mir wol / weil ſie ſahen / wie mir mein Herꝛ gewogen war; einer ſchenckte mir hier / der ander dort / dann ſie wu - ſten / daß Schalcks-Narꝛen offt bey ihren HerꝛenH vmehr176Deß Abentheurl. Simpliciſſimimehr vermoͤgen / als etwas rechtſchaffenes / und da - hin hatten auch ihre Geſchenck das Abſehen / weil mir etliche darumb gaben / daß ich ſie nicht verſuchs. ſchwaͤntzen ſolte / andere aber eben deßwegen / daß ich ihrentwegen ſolches thun ſolte; Auff welche Weis ich zimlich Geld zu wegen brachte / welches ich mehrentheils dem Pfarꝛer wieder zuſteckte / weil ich noch nicht wuſte / worzu es nutzete. Und gleich wie mich niemand ſcheel anſehen dõrffte / alſo hatte ich auch von nirgends her keine Anfechtung / Sorg oder Bekuͤmmernus; Alle meine Gedancken legte ich auff die Muſic / und wie ich dem einen und dem andern ſeine Maͤngel artlich verweiſen moͤchte / da - her wuchſe ich auff wie ein Narꝛ im Zwibel-Land / und meine Leibs. kraͤfften namen Handgreifflich zu; man ſahe mir in Baͤlde an / daß ich mich nicht mehr im Wald mit Waſſer / Eicheln / Buchen / Wurtzeln und Kraͤutern mortificirte / ſondern daß mir bey gu - ten Bißlein der Rheiniſche Wein und das Hanaui - ſche Doppelbier wol zuſchlug / welches in ſo elender Zeit vor ein groſſe Gnad von Gott zu ſchaͤtzen war / denn damals ſtunde gantz Teutſchland in voͤlligen Kriegsflammen / Hunger und Peſtilentz / und Hanau ſelbſt war mit Feinden umblagert / welches alles mich im geringſten nicht kraͤncken konte. Nach auffge - ſchlagener Belaͤgerung nam ihme mein Herꝛ vor / mich entweder dem Cardinal Richelieu oder Hertzog Bernhard von Weymar zu ſchencken / dann ohne daß er hoffte einen groſſen Danck mit mir zu ver die - nen / gab er auch vor / daß ihm ſchier ohnmuͤglich waͤre / laͤnger zu ertragen / weil ich ihm ſeiner ver - lornen Schweſter Geſtalt / deren ich je laͤnger je aͤbn -licher177Zweytes Buch. licher wuͤrde / in ſo naͤrꝛiſchem Habit taͤglich vor Augen ſtellte / ſolches widerꝛieth ihm der Pfarꝛer / dann er hielte darvor / die Zeit waͤre kommen / in wel - cher er ein Miracul thun / und mich wieder zu einem vernuͤnfftigen Menſchen machen wolte; gabe dem - nach den Gubernator den Rath / er ſolte ein paar Kalbfell bereiten / und ſolche andern Knaben anthun laſſen / hernach ein dritte Perſon beſtellen / die in Ge - ſtalt eines Artzts / Propheten oder Landfahrers / mich und bemeldte zween Knaben mit ſeltzamen Ceremo - nien außziehe / und vorwenden / daß er auß Thieren Menſchen / und auß Menſchen Thiere machen koͤnte / auff ſolche Weis koͤnte ich wol wieder zu recht ge - bracht / und mir ohne ſonderliche groſſe Muͤhe ein - gebildet werden / ich ſeye wie andere mehr wieder zu einem Menſchen worden: Als ihme der Gubernator ſolchen Vorſchlag belieben lieſſe / communicirt mir der Pfarꝛer / was er mit meinem Herꝛn abgeredt haͤt - te / und uͤberꝛedet mich leicht / daß ich meinen Wil - len darein gab. Aber das neidige Gluͤck wolte mich ſo leichtlich auß meinem Narꝛnkleid nicht ſchlieſſen / noch mich das herꝛliche gute Leben laͤnger genieſſen laſſen; dann indem als Gerber und Schneider mit den Kleidern umbgiengen / die zu dieſer Comœdia ge - hoͤrten / terminirte ich mit etlich andern Knaben vor der Veſtung auff dem Eiß herumb; da fuͤhrt / ich weiß nicht wer / ohnverſehens eine Partey Croaten daher / die uns miteinander aupackten / auff etliche laͤere Bauren-Pferd ſetzten / die ſie erſt geſtolen hat - ten / und miteinander darvon fuͤhrten. Zwar ſtunden ſie erſilich im Zweiffel / ob ſie mich mit nehmen wol - ten oder nicht? biß endlich einer auff Boͤhmiſch ſagt:H vjMih178Deß Abentheurl. SimpliciſſimiMih weme daho Blaſna ſebao, bo we deme ho gba - bo Oberſto wi: Dem antwort ein anderer / Prſchis am bambo ano, mi ho nagonie poſſadeime, wan roſumi niemezki, won bude mit Kratock wille ſe - bao; Alſo muſte ich zu Pferd / und innen werden / daß einem ein einzig ungluͤckliches Stůndlein aller Wol - fahrt entſetzen / und von allem Gluͤck und Heyl der - maſſen entfernen kan / daß es einem ſein Lebtag nach - gehet.

Das XV. Capitel.

OB nun zwar die Hanauer gleich Lermen hatten / ſich zu Pferd herauß lieſſen / und die Croaten mit einem Scharmuͤtzel etwas auffbielten und bekuͤm - merten / ſo mochten ſie ihnen jedoch nichts abgewin - nen / dann dieſe leichte Wahr gieng ſehr vortheil - hafftig durch / und nam ihren Weg auff Buͤdingen zu / allwo ſie fuͤtterten / und den Buͤrgern daſelbſt die gefangene Hanauiſche reiche Soͤhnlein wieder zu loͤſen gaben / auch ihre geſtolene Pferd und andere Wahr verkaufften / von dannen brachen ſie wieder auff / ſchier ehe es recht Nacht / geſchweige wieder Tag worden / giengen ſchnell durch den Buͤdinger Wald dem Stifft Fulda zu / und namen unterwegs mit / was ſie fort bringen konten / das Rauben und Pluͤndern hinderte ſie an ihrem ſchleunigen Fort - Zug im geringſten nichts / dann ſie kontens machen wie der Teuffel / von welchem man zu ſagen pflegt / daß er zugleich lauffe und (ſ. v.) hofiere / und doch nichts am Weg verſaume; maſſen wir noch denſel - ben Abend im Stifft Hirſchfeld / allwo ſie ihr Quar - tier hatien / mit einer groſſen Beut ankamen / daswurde179Zweytes Buch. wurde alles partirt / ich aber wurde dem Obriſt Cor - pes zu theil.

Bey dieſem Herꝛn kam mir alles widerwertig und faſt Spaniſch vor / die Hanauiſche Schlecker - Bißlein hatten ſich in ſchwartzes grobes Brod / und mager Rindfleiſch / oder wanns wol abgieng / in ein Stuͤck geſtolnen Speck veraͤndert; Wein und Bier war mir zu Waſſer worden / und ich muſte an ſtatt deß Betts / bey den Pferden in der Streu vor lieb nemmen; vor das Lauten ſchlagen / das ſonſt jeder - man beluſtiget / muſte ich zu Zeiten / gleich andern Jungen / untern Tiſch kriechen / wie ein Hund heu - len / und mich mit Sporen ſtechen laſſen / welches mir ein ſchlechter Spaß war; vor das Hanauiſche ſpatzieren gehen / dorffte ich nicht auff Fourage reu - ten / Pferd ſtrigeln / und denſelben außmiſten; das fouragirn aber iſt nichts anders / als daß man mit groſſer Muͤhe und Arbeit / auch offt nicht ohne Leib - und Lebens-Gefahr hinauß auff die Doͤrffer ſchwaif - fet / driſcht / mahlt / backt / ſtilt und nimmt was man findt / trillt und verderbt die Bauren / ja ſchaͤndet wol gar ihre Maͤgd / Weiber und Toͤchter! Und wann den armen Baurn das Ding nicht gefallen will / oder ſie ſich etwan erkuͤhnen doͤrffen / einen oder den andern Fouragierer ũber ſolcher Arbeit auff die Finger zu klopffen / wie es denn damals dergleichen Gaͤſt in Heſſen viel gabe / ſo hauet man ſie nider / wenn man ſie hat / oder ſchicket auffs wenigſte ihre Haͤuſer im Rauch gen Himmel Mein Herꝛ hatte kein Weib (wie dann dieſe Art Krieger keine Weiber mit zu fuͤh - ren pflegen) keinen Page / keinen Kammerdiener / keinen Koch / hingegen aber einen Hauffen ReutknechtH vijund180Deß Abentheurl. Simpliciſſimiund Jungen / welche ihm und den Pferden zugleich abwarteten / und ſchaͤmte er ſich ſelbſt nicht / ein Roß zu ſatteln / oder demſelben Futter fuͤrzuſchuͤtten; er ſchlieff allezeit auff Stroh / oder auff der bloſſen Erd / und bedeckte ſich mit ſeinem Beltz-Rock / daher ſahe man offt die Muͤller floͤhe auff ſeinen Kleidern herum wandern / deren er ſich im geringſten nicht ſchaͤmet / ſondern noch darzu lachte / wann ihm jemand eine herab laſe; er trug kurtze Haupt-Haar / und einen breiten Schweitzer-Bart / welches ihm wol zu ſtat - ten kam / weil er ſich ſelbſt in Bauren-Kleider zu ver - ſtellen / und darin auff Kundſchafft außzugehen pfleg - te. Wiewol er nun / wie gehoͤret / keine Giandezza ſpeiſet / ſo wurde er jedoch von den Seinen und an - dern die ihn kenneten / geehrt / geliebt und gefoͤrchtet; Wir waren niemals ruhig / ſondern bald hier / bald dort; bald fielen wir ein / und bald wurde uns einge - fallen / ſo gar war keine Ruhe da / der Heſſen Macht zu ringern / hingegen feyret uns Melander auch nicht / als welcher uns manchen Reuter abjagte / und nach Caſſel ſchickte.

Dieſes unruhige Leben ſchmeckte mir gantz nicht / dahero wuͤnſcht ich mich offt vergeblich wieder nach Hanau; mein groͤſtes Creutz war / daß ich mit den Burſchen nicht recht reden konte / und mich gleich - ſam von jedwederm hin und wieder ſtoſſen / plagen / ſchlagen und jagen laſſen muſte / die groͤſte Kurtzweil / die mein Obriſter mit mir hatte / war / daß ich ihm auff Teutſch ſingen / und wie andere Reuter-Jungen auffblaſen muſte / ſo zwar ſelten geſchahe / doch krieg - te ich alsdann ſolche dichte Ohrfeigen / daß der rothe Safft hernach gieng / und ich lang genug daran hatte /zuletzt181Zweytes Buch. zuletzt fienge ich an / mich deß Kochens zu unterwin - den / und meinem Herꝛn das Gewehr / darauff er viel hielte / ſauber zu halten / weil ich ohne das auff Fou - rage zu reuten noch nichts nutz war / das ſchlug mir ſo trefflich zu / daß ich endlich meines Herꝛn Gunſt erwarbe / maſſen er mir wieder auß Kalbfellen ein neu Narꝛen-Kleid machen laſſen / mit viel groͤſſern E - ſels-Ohren / als ich zuvor getragen; und weil meines Herꝛn Mund nicht eckelicht war / bedorfft ich zu mei - ner Koch-Kunſt deſto weniger Geſchickligkeit; dem - nach mirs aber zum oͤfftern an Saltz / Schmaltz und Gewuͤrtz mangelte / wurde ich meines Handwercks auch muͤd / trachtet derowegen Tag und Nacht / wie ich mit guter Manier außreiſſen moͤchte / vornemlich weil ich den Fruͤling wieder erlangt hatte. Als ich nun ſolches ins Werck ſetzen wolte / nam ich mich an / die Schaf - und Kuͤbkutteln / deren es voll umb unſer Quartier lag / ferne hinweg zu ſchlaͤiffen / da - mit ſolche kein ſo uͤblen Geruch mehr machten; ſol - ches ließ ihm der Obriſte gefallen / als ich nun damit umbgieng / blieb ich / da es dunckel ward / zuletzt gar auß / und entwiſcht in den naͤchſten Wald.

Das XVI. Capitel.

MEin Handel und Weſen wurde aber allem An - ſehen nach / je laͤnger je aͤrger / ja ſo ſchlim / daß ich mir einbildete / ich ſeye nur zum Ungluͤck geboren / dannich war wenig Stunden von den Croaten hin - weg / da erhaſcheten mich etliche Schnapphanen; dieſe vermeynteu ohn Zweiffel / etwas rechts an mir gefangen zu haben / weil ſie bey finſterer Nacht mein naͤrꝛiſch Kleid nicht ſahen / und mich gleich durchzween182Deß Abentheurl. Simpliciſſimizween auß ihnen an einen gewiſſen Ort / in Wald hinein fuͤhren laſſen; Als mich dieſe dahin brachten / und es zugleich ſtockfinſter wurde / wolte der eine Kerl kurtzumb Geld von mir haben / zu ſolchem End legte er ſeine Handſchuh ſampt dem Feur-rohr nider / und fieng an mich zu viſitiren / fragend / Wer biſtu? haſtu Geld? So bald er aber mein haarig Kleid / und die lange Eſels-ohren an meiner Kappe (die er vor Hoͤr - ner gehalten) begriffe / und zugleich die hellſcheinende Funcken (welchegemeiniglich der Thiere Haͤut ſehen laſſen / wenn man ſie in der Finſtere ſtreichet) gewahr wurde / erſchrack er / daß er ineinander fuhr; ſolches merckete ich gleich / derowegen ſtrigelt ich / ehe er ſich wieder erholen / oder etwas beſinnen konte / mein Kleid mit beyden Haͤnden dermaſſen / daß es ſchim - merte / als wenn ich inwendig voller brennendem Schwefel geſtocken waͤre / und antwortet ihm mit erſchroͤcklicher Stimm: Der Teuffel bin ich / und will dir und deinem Geſellen die Haͤls umbdrehen! Welches dieſe zween alſo erſchreckte / daß ſie ſich alle beyde durch Stoͤck und Stauden ſo geſchwind dar - von trolleten / als wenn ſie das hoͤlliſch Feuer gejagt haͤtte: Die finſtere Nacht konte ihren ſchnellen Lauff nicht hindern / und ob ſie gleich offt an Stoͤck / Stein / Staͤmm und Baͤum lieffen / und noch oͤffter zu hauf - fen fielen / rafften ſie ſich doch geſchwind wieder auff / ſolches trieben ſie / biß ich keinen mehr hoͤren konte; ich aber lachte unter deſſen ſo ſchroͤcklich / daß es im gantzen Wald erſchallete / welches ohne Zweiffel in einer ſolchen finſtern Einoͤde foͤrchterlich anzuhoͤren war.

Als ich mich nun abwegs machen wolte / ſtraucheltich183Zweytes Buch. ich uͤber das Feuer-rohr / das nam ich zu mir / weil ich bereits mit dem Geſchoß umbzugehen / bey den Croaten gelernet hatte; da ich weiter ſchritte / ſtieß ich auch an einen Knappſack / welcher gleich meinem Kleid von Kalbfellen gemacht war / ich hnbe ihn eben - maͤſſig auff / und fand / daß eine Patron-Daͤſche mit Pulver / Bley und aller Zugehoͤr wol verſehen / un - den daran hienge. Jch haͤngte alles an mich / nam das Rohr auff die Achſel wie ein Soldat / und ver - barg mich ohnweit darvon in einen dicken Buſch / der Meynung / daſelbſt ein Weil zu ſchlaffen: Aber ſo bald der Tag anbrach / kam die gantze Parthey auff vorbenanten Platz / und ſuchten das verlorne Feur - rohr ſampt dem Knappſack / ich ſpitzte die Ohren wie ein Fuchs / und hielte mich ſtiller als eine Mauß / wie ſie aber nichts fanden / verlachten ſie die zween / ſo von mir entflohen waren: Pfuy ihr faͤige Tropffen / ſagten ſie / ſchaͤmt euch ins Hertz hinein / daß ihr euch von einem einigen Kerl erſchrecken / verjagen / und das Gewehr nemmen laßt! Aber der eine ſchwur / der Teuffel ſolt ihn holen / wanns nicht der Teuffel ſelbſt geweſen ſey / er haͤtte ja die Hoͤrner und ſeine rauhe Haut wol begriffen; der ander aber gehub ſich gar uͤbel / und ſagte: Es mag der Teuffel oder ſein Mut - ter geweſen ſeyn / wenn ich nur meinen Rantzen wie - der haͤtte. Einer von ihnen / welchen ich vor den vor - nehmſten hielte / antwortet dieſem / und ſagte: Was meynſtu wol / daß der Teuffel mit deinem Rantzen und dem Feuer rohr machen wolte / ich doͤrffte mein Hals verwetten / wo nicht der Kerl / den ihr ſo ſchaͤnd - lich entlauffen laſſen / beyde Stuͤck mit ſich genom - men. Dieſem hielte ein anderer Widerpart / undſagte184Deß Abentheurl. Simpliciſſimiſagte / es koͤnne auch wol ſeyn / daß ſeither etliche Bauren da geweſen waͤren / welche die Sachen ge - junden und auffgehoben haͤtten / ſolchem wurde end - lich von Allen Beyfall gegeben / und von der gantzen Partey veſtiglich geglaubt / daß ſie den Teuffel ſelbſt unter Handen gehabt haͤtten / vornemlich weil der je - nige / ſo mich in der Finſtere viſitiren wollen / nicht allein ſolches mit grauſamen Fluͤchen bekraͤfftiget / ſondern auch die raube funcklende Haut und beyde Hoͤrner / als gewiſſe Wahrzeichen einer teuffliſchen Eigenſchafft / gewaltig zu beſchreiben und herauß zu ſtreichen wuſte. Jch vermeyne auch / wenn ich mich unverſehens haͤtte wiederum ſehen laſſen / daß die gan - tze Partey entloffen waͤre.

Zuletzt / als ſie lang genug geſucht / und doch nichts funden hatten / namen ſie ihren Weg weiters / ich aber machte den Rantzen auff zu fruͤheſtuͤcken / und langte im erſten Griff einen Seckel herauß / in wel - chem dreyhundert und etlich ſechtzig Ducaten waren. Ob ich nun hieruͤber erfreuet worden / bedarff zwar keines fragens: Aber der Leſer ſey verſichert / daß mich der Knappſack vielmehr erfreute / weil ich ihn mit Proviant ſo wol verſehen ſabe / als dieſe ſchoͤne Summa Golds ſelbſt. Und demnach dergleichen Ge - ſellen bey den gemeinen Soldaten viel zu dinn geſaͤet zu ſeyn pflegen / daß ſie ſolche mit ſich auff Partey ſchleppen ſolten / als mache ich mir die Gedancken / der Kerl muͤſſe diß Geld auff eben derſelbigen Partey erſt heimlich erſchnappt / und geſchwind zu ſich in Rantzen geſchoben haben / damit er ſolches mit den andern nicht partirn doͤrffe.

Hierauff zehrte ich froͤlich zu morgen / fand auchbald185Zweytes Buch. bald ein luſtig Bruͤnnlein / bey welchem ich mich er - quickte / und meine ſchoͤne Ducaten zehlete. Wann mirs allbereit das Leben guͤlte / ich ſolte anzeigen / in welchem Land oder Gegend ich mich damals befun - den / ſo koͤnte ichs nicht; ich blieb anfangs ſo lang im Wald / als mein Proviant waͤhrte / mit welchem ich ſparſam Hauß hielte / als aber mein Rantzen laͤer worden / jagte mich der Hunger in die Bauren-Haͤu - ſer / da kroch ich bey Nacht in Keller und Kuͤchen / und nam von Eſſenſpeiß / was ich fand und tragen mochte / das ſchleppte ich mit mir in Wald / wo er am allerwildeſten war / darinnen fuͤhrte ich wieder uͤberall ein Einſidleriſch Leben wie hiebevor / ohne daß ich ſehr viel ſtale / und deſto weniger betete / auch kei - ne ſtetige Wohnung hatte / ſondern bald hie bald dort hin ſchwaͤiffte. Es kam mir trefflich wol zu ſtatten / daß es im Anfang deß Sommers war / doch konte ich auch mit meinem Rohr Feuer machen / wann ich wolte.

Das XVII. Capitel.

UNter waͤhrendem dieſem meinem Umbſchwaͤiffen haben mich hin und wieder in den Waͤldern un - terſchiedliche Baursleut angetroffen / ſie ſeynd aber allezeit vor mir geflohen / nicht weiß ich / wars die Urſach / daß ſie ohne das durch den Krieg ſcheu ge - macht / verjagt / und niemals recht beſtaͤndig zu Hauß waren; oder ob die Schnapphanen die jenige Aben - theur / ſo ihnen mit mir begegnet / in dem Land auß - geſprengt haben? Alſo daß hernach dieſe / ſo mich nachgehends geſehen / ingleichem geglaubt / der boͤſe Feind wandere warhafftig in ſelbiger Gegend umb -her186Deß Abentheurl. Simpliciſſimiher / derowegen muſte ich ſorgen / das Proviant moͤchte mir außgehen / und ich dardurch endlich ins aͤuſſerſte Verderben kommen / ich wolte dann wieder Wurtzel und Kraͤuter eſſen / deren ich nicht mehr ge - wohnt war. Jn ſolchen Gedancken hoͤrte ich zween Holtzbauer / ſo mich hoͤchlich erfreute / ich gieng dem Schlag nach / und als ich ſie ſahe / nam ich ein Hand voll Ducaten auß meinem Saͤckel / ſchliche nahe zu ihnen / zeigte ihnen das anziehende Gold / und ſagte: Jhr Herꝛn / wenn ihr meiner wartet / ſo will ich euch die Hand voll Gold ſchencken; Aber ſo bald ſie mich und mein Gold ſahen / eben ſo bald gaben ſie auch Ferſengelt / und lieſſen Schlegel und Keil / ſampl ihrem Kaͤß und Brot-Sack ligen / mit ſolchem ver - ſahe ich meinen Rantzen wieder / verſchlug mich in den Wald / und verzweiffelte ſchier / mein Lebtag wi - der einmal zu Menſchen zu kommen.

Nach langem bin und her finnen gedacht ich: Wer weiß wie dirs noch gehet / daſtu doch Geld / und wenn du ſolches zu guten Leuten in Sicherheit bringeſt / ſo kanſtu zimlich lang wol darumb leben; Alſo fiel mir ein / ich ſolts einnaͤhen / derowegen machte ich mir auß meinen Eſels-obren / welche die Leut ſo fluͤchtig machten / zwey Armbaͤnder / geſellet meine Hanaui - ſche zu den Schnapphaniſchen Ducaten / thaͤt ſolche in beſagte Armbaͤnder wol arreſtiren / und oberhalb den Elenbogen umb meine Arm binden. Wie ich nun meinen Schatz dergeſtalt verſichert hatte / fuhr ich den Bauren wieder ein / und holte von ihrem Vor - rath was ich bedorffte und erſchnappen konte / und wiewol ich noch einfaͤltig geweſt / ſo war ich jedoch ſo ſchlau / daß ich niemal / wo ich einſt einen Particulgeholt187Zweytes Buch. geholt / wieder an daſſelbig Ort kam / dahero war ich ſehr gluͤckſelig im ſielen / und wurde niemals auff der Mauſerey erdappt.

Einsmal zu End deß May / als ich abermal durch mein gewoͤhnlich / ob zwar verbottenes Mittel / meine Nahrung holen wolte / und zu dem Ende zu einem Baurn-Hof geſtrichen war / kam ich in die Kuͤchen / merckte aber bald / daß noch Leut auff waren (Nota, wo ſich Hund befanden / da kam ich wol nicht hin) derowegen ſperꝛete ich die eine Kuͤchenthuͤr / die in Hof gieng / Angelweit auff / damit wann es etwan Gefahr ſetzte / ich ſtracks außreiſſen koͤnte blieb alſo Maußſtill ſitzen / biß ich erwarten moͤchte / daß ſich die Leut nidergelegt haͤtten: Unte[r]deſſen nam ich ei - nes Spalts gewahr / den das Kuͤchenſchaͤlterlein hatte / welches in die Stuben gieng; ich ſchlich hin - zu / zu ſehen / ob die Leut nicht bald ſchlaffen gehen wolten? aber meine Hoffnung war nichts / dann ſie hatten ſich erſt angezogen / und an ſtatt deß Liechts / ein ſchweflichte blaue Flamm auff der Banck ſtehen / bey welcher ſie Stecken / Beſem / Gablen / Stuͤl und Baͤnck ſchmierten / und nacheinander damit zum Feu - ſter hinauß flogen. Jch verwundert mich ſchroͤcklich / und empfand ein groſſes Grauſen; weil ich aber groͤſ - ſerer Erſchroͤcklichkeiten gewohnt war / zumal mein Lebtag von den Unholden weder geleſen noch gehoͤrt hatte / achtet ichs nicht ſonderlich / vornemlich weil alles ſo ſtill hergieng / ſondern verfuͤgte mich / nach - dem alles darvon gefahren war / auch in die Stub / bedachte was ich mit nemmen / und wo ich ſolches ſuchen wolte / und ſetzte mich in ſolchen Gedancken auff einen Banck ſchrittlings nider; Jch war aberkaum188Deß Abentheurl. Simpliciſſimikaum auffgeſeſſen / da fuhr ich ſam̃t der Banck gleich - ſam augenblicklich zum Fenſter hinauß / und ließ mein Rantzen und Feur-rohr / ſo ich von mir gelegt hatte / vor den Schmirberlohn und ſo kuͤnſtliche Salbe da - hinden. Das Auffſitzen / davon fahren und abſtei - gen / geſchahe gleichſam in einem Nu! dann ich kam / wie mich beduͤnckte / augenblicklich zu einer groſſen Schaar Volcks / es ſey dann / daß ich auß Schrecken nicht geacht hab / wie lang ich auff dieſer weiten Raͤis zugebracht / dieſe tantzten einen wunderlichen Tantz / dergleichen ich mein Lebtag nie geſehen / dann ſie hat - ten ſich bey den Haͤnden gefaſt / und viel Ring inein - ander gemacht / mit zuſamm gekehrten Rucken / wie man die drey Gratien abmahlet / alſo daß ſie die An - geſichter heraußwarts kehrten; der inner Ring be - ſtund etwan in 7. oder 8. Perſonen / der ander hatte wol noch ſo viel / der dritte mehr als dieſe beyde / und ſo fortan / alſo daß ſich in dem aͤuſſern Ring über 200. Perſonen befanden; und weil ein Ring oder Craiß umb den andern lincks / und die andere rechts herumb tantzte / konte ich nicht ſehen / wie viel ſie ſol - cher Ring gemacht / noch was ſie in der Mitten / da - rumb ſie tantzten / ſtehen hatten. Es ſahe eben greu - lich ſeltzam auß / weil die Koͤpff ſo poſſierlich durch - einander haſpelten. Und gleich wie der Tantz ſeltzam war / alſo war auch ihre Muſic, auch ſange / wie ich vermeynte / ein jeder am Tantz ſelber drein / welches ein wunderliche Harmoniam abgab / meine Banck die mich hin trug / ließ ſich bey den Spiellenten nieder / die auſſerhalb der Ringe umb den Tantz herum ſinn - den / deren etliche hatten an ſtatt der Floͤten / Zwerch - pfeiffen und Schalmeyen / nichts anders als Natern /Vipern189Zweytes Buch. Vipern und Blindſchleichen / darauff ſie luſtig daher pfiffen: Etliche hatten Katzen / denen ſie in Hindern blieſen / und auff dem Schwantz fingerten / das lau - tet den Sack-pfeiffen gleich: Andere geigeten auff Roßkoͤpffen / wie auff dem beſten Diſcant, und aber andere ſchlugen die Harpffe auff einem Kuͤhgeribbe / wie ſolche auff dem Waſen ligen / ſo war auch einer vorhanden / der hatte eine Huͤndin underm Arm / de - ren leyert er am Schwantz / und fingert ihr an den Dutten / darunter trompeteten die Teuffel durch die Naſe / daß es im gantzen Wald erſchallete / und wie dieſer Tantz bald auß war / fieng die gantze hoͤlliſche Geſellſchafft an zu raſen / zu ruffen / zu rauſchen / zu brauſen / zu heulen / zu wuͤten und zu toben / als ob ſie alle toll und thoͤricht geweſt waͤren. Da kan jeder ge - dencken / in was Schrecken und Furcht ich geſteckt.

Jn dieſem Lermen kam ein Kerl auff mich dar / der hatte ein ungeheure Krott unterm Arm / gern ſo groß als eine Heerpaucke / deren waren die Daͤrm auß dem Hindern gezogen / und wieder zum Maul hinein ge - ſchoppt / welches ſo garſtig außſahe / daß mich darob kotzerte; Sehin Simplici, ſagte er / ich weiß / daß du ein guter Lauteniſt biſt / laß uns doch ein fein Stuͤck - gen hoͤren: Jch erſchrack daß ich ſchier umbfiel / weil mich der Kerl mit Nahmen nennete / und in ſolchem Schrecken verſtummte ich gar / und bildete mir ein / ich lege in einem ſo ſchweren Traum / bat derowegen innerlich im Hertzen / daß ich doch erwachen moͤchte / der mit der Krott aber / den ich ſteiff anſahe / zog ſeine Naſen auß und ein / wie ein Calecutſcher Han / und ſtieß mich endlich auff die Bruſt / daß ich bald dar - von erſtickte; derowegen fienge ich an uͤberlaut zuGott190Deß Abentheurl. SimpliciſſimiGott zu ruffen / da verſchwand das gantze Heer. Jn einem Huy wurde es ſtockfinſter / und mir ſo foͤrchter - lich umbs Hertz / daß ich zu Boden fiele / und wol 100. Creutz vor mich machte.

Das XVIII. Capitel.

DEmnach es etliche / und zwar auch vornehme gelehrte Leut darunter gibt / die nicht glauben / daß Hexen oder Unholden ſeyen / geſchweige daß ſie in der Lufft hin und wieder fahren ſolten; Als zweif - fele ich nicht / es werden ſich etliche finden / die ſagen werden / Simplicius ſchneide hier mit dem groſſen Meſſer auff: Mit denſelben begehre ich nun nicht zu fechten / dann weil auffſchneiden keine Kunſt / ſondern jetziger Zeit faſt das gemeineſte Handwerck iſt / als kan ich nicht leugnen / daß ichs nicht auch koͤnte / dann ich muͤſte ja ſonſt wol ein ſchlechter Tropf ſeyn. Welche aber der Hexen Außfahren verneinen / die ſtellen ihnen nur Simonem den Zauberer vor / wel - cher vom boͤſen Geiſt in die Lufft erhaben wurde / und auff S. Petri Gebet wieder herunter gefallen. Nicolaus Remigius, welcher ein dapfferer / gelehrter und verſtaͤndiger Mann geweſen / und im Hertzog - thum Lothringen nicht nur ein halb Dutzet Hexen verbrennen laſſen / erzehlet von Johanne von Hem - bach / daß ihn ſeine Mutter / die eine Hex war / im 16. Jahr ſeines Alters / mit ſich auff ihre Verſamlung genommen / daß er ihnen / weil er hatte lernen pfeiffen / beym Tantz auffſpielen ſolte; zu ſolchem End ſtiege er auff einen Baum / pfiffe daher / und ſihet dem Tantz mit Fleiß zu (vielleicht weil ihm alles ſo wunderlich vorkam) Endlich ſpricht er: Behuͤt lieber GOtt /woher191Zweytes Buch. woher kompt ſo viel naͤrꝛiſch und unſinniges Geſind? Er hatte aber kaum dieſe Wort außgeſagt / ſo fiel er vom Baum herab / verꝛenckt eine Schulter / und rufft ihnen umb Huͤlff zu / aber da war niemand als er; Wie es dieſes nachmals ruchbar machte / hiel - tens die meiſte vor ein Fabel / biß man kurtz hernach Catharinam Prævotiam Zauberey halber fienge / wel - che auch bey ſelbigem Tantz geweſen / die bekante al - les wie es hergangen / wiewol ſie von dem gemeinen Geſchrey nichts wuſte / das Hembach außgeſprengt hatte. Majolus ſetzet zwey Exempel / von einem Knecht / ſo ſich an ſein Frau gehaͤngt / und von einem Ehebrecher / ſo der Ehebrecherin Büchſen genom̃en / ſich mit deren Salben geſchmiert / und alſo beyde zu der Zauberer Zuſammenkunfft kommen ſeyn. So ſagt man auch von einem Knecht / der fruͤhe auffge - ſtanden / und den Wagen geſchmiert / weil er aber die unrechte Buͤchs in der Finſtere erdappt / hat ſich der Wagen in die Lufft erhoben / alſo daß man ihn wieder herab ziehen muͤſſen. Olaus Magnus erzehlet in lib. 3. Hiſt. de gentibus Septentrional. 1. cap. 19. daß Hadingus Koͤnig in Dennemarck wieder in ſein Koͤ - nigreich / worauß er durch etliche Auffruͤhrer vertrie - den worden / fern uͤber das Meer auff deß Othini Geiſt durch die Lufft gefahren / welcher ſich in ein Pferd verſtellt haͤtte. So iſt auch mehr als genugſam be - kant / was geſtalt theils Weiber und ledige Dirnen in Boͤhmen / ihre Beyſchlaͤffer deß Nachts einen wei - ten Weg auff Boͤcken zu ſich holen laſſen. Was Tor - quemadius in ſeinem Hexamerone von ſeinem Schul - geſellen erzehlt / mag bey ihm geleſen werden. Ghir - landus ſchreibet auch von einem vornehmen Mann /Jwelcher192Deß Abentheurl. Simpliciſſimiwelcher als er gemerckt / daß ſich ſein Weib ſalbe / und darauff auß dem Hauß fahre / habe er ſie eins - mals gezwungen / ihn mit ſich auff der Zauberer Zu - ſammenkunfft zu nehmen; Als ſie daſelbſt aſſen / und kein Saltz vorhanden war / habe er deſſen begehrt / mit groſſer Muͤhe auch erhalten / und darauff geſagt: GOtt ſey gelobt / jetzt kompt das Saltz! Darauff die Liechter erloſchen / und alles verſchwunden. Als es nun Tag worden / hat er von den Hirten verſtanden / daß er nahend der Statt Benevento, im Koͤnigreich Neapolis / und alſo wol 100. Meil von ſeiner Heimat ſeye; Derowegen ob er wol reich geweſen / habe er doch nach Hauß bettlen muͤſſen / und als er heim kam / gab er alsbald ſein Weib vor eine Zauberin bey der Obrigkeit an / welche auch verbrennt worden. Wie Doctor Fauſt neben noch andern mehr / die gleichwol keine Zauberer waren / durch die Lufft von einem Ort zum andern gefahren / iſt auß ſeiner Hiſtori genug - ſam bekant. So hab ich ſelbſt auch eine Frau und eine Magd gekant / ſeynd aber / als ich dieſes ſchreibe / beyde todt / wiewol der Magd Vatter noch im Leben / dieſe Magd ſchmierte einsmals auff dem Herd beym Feuer ihrer Frauen die Schuh / und als ſie mit einem fertig war / und ſolchen beyſeit ſetzte / den andern auch zu ſchmieren / fuhr der geſchmierte ohnverſehens zum Kamin hinauß; dieſe Geſchicht iſt aber verduſcht geblieben. Solches alles melde ich nur darumb / da - mit man eigentlich darvor halte / daß die Zauberin - nen und Hexenmeiſter zu Zeiten leibhafftig auff ihre Verſamlungen fahren / und nicht deßwegen / daß man mir eben glauben müſſe / ich ſey wie ich gemeldt hab / auch ſo dahin gefahren / dann es gilt mir gleich / esmags193Zweytes Buch. mags einer glauben oder nicht / und wers nicht glau - ben will / der mag einen andern Weg erfinnen / auff welchem ich auß dem Stifft Hirſchfeld oder Fulda (dann ich weiß ſelbſt nicht / wo ich in den Waͤldern herumb geſchwaifft hatte) in ſo kurtzer Zeit ins Ertz - Stifft Magdeburg marchirt ſeye.

Das XIX. Capitel.

JCh fang meine Hiſtori wieder an / und verſichere den Leſer / daß ich auff dem Bauch ligen bliebe / biß es allerdings heller Tag war / weil ich nicht das Hertz hatte / mich auffzurichten; zu dem zweiffelt ich noch / ob mir die erzehlte Sachen getraͤumt haͤtten / oder nicht? und ob ich zwar in zimlichen Aengſten ſtacke / ſo war ich doch ſo kuͤhn zu entſchlaffen / weil ich gedachte / ich koͤnte an keinem aͤrgern Ort / als in einem wilden Wald ligen / in welchem ich die meiſte Zeit / ſint ich von meinem Knan war / zubracht / und dahero derſelben zimlich gewohnt hatte. Ungefaͤhr umb 9. Uhr Vormittag war es / als etliche Fouragier kamen / die mich auffweckten / da ſahe ich erſt / daß ich mitten im freyen Feld war; dieſe namen mich mit ihnen zu etlichen Windmuͤhlen / und nachdem ſie ih - re Fruͤchten allda gemahlen hatten / folgends in das Laͤger vor Magdeburg / allda ich einem Obriſten zu Fuß zu theil ward / der fragte mich / wo ich her kaͤme / und was vor einem Herꝛn ich zugehoͤrig waͤre? Jch erzehlte alles Haar-klein / und weil ich die Croaten nicht nenneu konte / beſchrieb ich ihre Kleidungen / und gab Gleichnuſſen von ihrer Sprach / auch daß ich von denſelben Leuten geloffen waͤre; von meinen Ducaten ſchwiege ich ſtill / und was ich von meinerJ ijLufft -194Deß Abentheurl. SimpliciſſimiLufftfahrt und dem Hexen-Tantz erzehlete / das hiel - te man vor Einfaͤll und Narꝛentheidungen / vornem - lich weil ich auch ſonſt in meinem Diſcurs das tau - ſend ins hunderte warff: Jndeſſen ſamblete ſich ein Hauffen Volcks umb mich her / (dann ein Narꝛ ma - chet 1000. Narꝛen) unter denſelben war einer / ſo das vorig Jahr in Hanau gefangen geweſen / und allda Dienſt angenommen hatte / folgends aber wie - der unter die Kaͤiſerl. kommen war / dieſer kante mich und ſagte gleich: Hoho / diß iſt deß Commandanten Kalb zu Hanau! Der Obriſt fragte ihn meinet we - gen mehrere Umbſtaͤnd / der Kerl wuſte aber nichts weiters von mir / als daß ich wol auff der Lauten ſchlagen koͤnte / item daß mich die Croaten von deß Obriſt Corpes Regiment / zu Hanau vor der Veſtung hinweg genommen haͤtten / ſo dann / daß mich beſag - ter Commandant ungern verloren / weil ich gar ein artlicher Narꝛ waͤre. Hierauff ſchickte die Obriſtin zu einer andern Obriſtin / die zimlich wol auff der Lauten konte / und deßwegen ſtetig eine nachfuͤhrte / die lieſſe ſie umb ihre Lauten bitten / ſolche kam / und wurde mir præſentirt / mit Befelch / ich ſolte eins hoͤren laſſen; Aber meine Meynung war / man ſolte mir zuvor etwas zu eſſen geben / weil ein laͤerer und dicker Bauch / wie die Laut einen hatte / nicht wol zu - ſammen ſtimmen wuͤrden; Solches geſchahe / und demnach ich mich zimlich bekroͤpfft / und zugleich ei - nen guten Trunck Zerbſter Bier verſchlucket hatte / ließ ich beydes mit der Lauten und meiner Stimme hoͤren was ich konte / darneben redete ich allerley un - tereinander / wie mirs einfiel / ſo / daß ich mit geringer Muͤhe die Leut dahin brachte / daß ſie glaubten / ichwaͤre195Zweytes Buch. waͤre von der jenigen Qualitaͤt / die meine Kleidung vorſtellte. Der Obriſte fragte mich / wo ich weiters hin wolte? und da ich antwortet / daß es mir gleich gelte; wurden wir deß Handels eins / daß ich bey ihm bleiben / und ſein Hof-Juncker ſeyn ſolte. Er wolte auch wiſſen / wo meine Eſels-Ohren hinkom - men waͤren? Ja / ſagte ich / wann du wuͤſteſt / wo ſie waͤren / ſo wurden ſie dir nicht uͤbel anſtehen: Aber ich konte wol verſchweigen / was ſie vermochten / weil all mein Reichthum darinn lagen.

Jch wurde in kurtzer Zeit bey den meiſten hohen Officiern / ſo wol im Chur Saͤchſiſchen als Kaͤiſerl. Laͤger bekant / ſonderlich bey dem Frauenzimmer / welches meine Kappe / Ermel und abgeſtutzte Ohren uͤberall mit ſeidenen Banden zierte / von allerhand Farben / ſo daß ich ſchier glaube / daß etliche Stutzer die jetzige Mode darvon abgeſehen. Was mir aber von den Officierern an Geld geſchenckt wurde / das theilte ich wieder mildiglich mit / dann ich verſpen - dirte alles bey einem Heller / in dem ichs mit guten Geſellen in Hamburger und Zerbſter Bier / welche Gattungen mir trefflich wol zuſchlugen / verſoffe; unangeſehen ich an allen Orten / wo ich nur hin kam / genug zu ſchmarotzen hatte.

Als mein Obriſter aber ein eigene Lauten vor mich uͤberkam / denn er gedachte ewig an mir zu haben / da dorfft ich nicht mehr in den beyden Laͤgern ſo hin und wieder ſchwermen / ſondern er ſtellete mir einen Hof - meiſter dar / der mich beobachten / und dem ich hin - gegen gehorſamen ſolte: Dieſer war ein Mann nach meinem Hertzen / dann er war ſtill / verſtaͤndig / wol - gelaͤhrt / von guter / aber nicht uͤberfluͤſſiger Conver -J iijſation196Deß Abenth. Simpliciſſimiſation, und was das groͤſte geweſen / uͤberauß gotts - foͤrchtig / wol beleſen / und voll allerhand Wiſſen - ſchafften und Kuͤnſten / bey ihm muſte ich deß Nachts in ſeiner Zelten ſchlaffen / und bey Tag dorfft ich ihm auch nicht auß den Augen / er war eines vornehmen Fuͤrſten Rath und Beampter / zumal auch ſehr reich geweſen / weil er aber von den Schwediſchen biß in Grund ruinirt worden / zumaln auch ſein Weib mit todt abgangen / und ſein einiger Sohn Armut halber nicht mehr ſtudiren konte / ſondern unter der Chur Saͤchfiſchen Armee vor einen Muſterſchreiber die - nete / hielte er ſich bey dieſem Obriſten auff / und lieſſe ſich vor einen Stallmeiſter gebrauchen / umb zu ver - harꝛen / biß die gefaͤhrliche Kriegslaͤufften am Elb - Strom ſich aͤnderten / und ihme alsdann die Sonne ſeines vorigen Gluͤcks wieder ſcheinen moͤchte.

Das XX. Capitel.

WEil mein Hofmeiſter mehr alt als jung war / al - ſo konte er auch die gantze Nacht nicht durch - gehend ſchlaffen / ſolches war ein Urſach / daß er mir in der erſten Wochen hinder die Brieff kam / und auß - truͤcklich vernam / daß ich kein ſolcher Narꝛ war / wie ich mich ſtellete: Wie er denn zuvor auch etwas gemerckt / und von mir auß meinem Angeſicht ein anders geurtheilet hatte / weil er ſich wol auff die Phi - ſiognomiam verſtund. Jch erwachte einsmals umb Mitternacht / und machte uͤber mein eygen Leben und ſeltzame Begegnuſſen allerley Gedancken / ſtunde auch auff / und erzehlte Danckſagungs-weis alle Guttha - ten / die mir mein lieber Gott erwieſen / und alle Ge - fahren / auß welchen er mich erꝛettet; legte mich her -nach197Zweytes Buch. nach wider nider mit ſchweren Seufftzen / und ſchlieff vollends auß.

Mein Hofmeiſter hoͤrete alles / thaͤt aber / als wenn er hart ſchlieff / und ſolches geſchahe etliche Naͤcht nacheinander / alſo daß er ſich genugſam verſichert hielte / daß ich mehr Verſtand haͤtte / als mancher Be - tagter / der ſich viel einbilde; doch redet er nichts mit mir im Zelt biervon / weil ſie zu dinne Waͤnd hatte / und er gewiſſer Urſachen halber nicht haben wolte / daß noch zur Zeit / und ehe er meiner Unſchuld verfi - chert waͤre / jemand anders dieſe Geheimnus wuͤſte. Einsmals gieng ich hinder das Laͤger ſpatzieren / wel - ches er gern geſchehen lieſſe / damit er Urſach haͤtte mich zu ſuchen / und alſo die Gelegenheit bekaͤme / allein mit mir zu reden: Er fand mich nach Wunſch an einem einſamen Ort / da ich meinen Gedancken Audienz gab / und ſagte: Lieber guter Freund / weil ich dein beſies zu ſuchen unterſiehe / erfreue ich mich / daß ich hier allein mit dir reden kan; Jch weiß / daß du kein Narꝛ biſt / wie du dich ſtelleſt / zumalen auch in dieſem elenden und veraͤchtlichen Stand nicht zu leben begehreſt: Wenn dir nun deine Wolfahrt lieb iſt / auch zu mir als einem ehrlichen Mann / dein Ver - trauen ſetzen wilſt / ſo kanſtu mir deiner Sachen Be - wandnus erzehlen / ſo will ich hingegen / wo muͤglich / mit Rath und That bedacht ſeyn / wie dir etwan zu helffen ſeyn moͤchte / damit du auß deinem Narꝛnkleid kommeſt.

Hierauff fiel ich ihm umb den Hals / und erzeigte mich vor uͤbriger Freud nicht anders / als wann er ein Prophet geweſt waͤre / mich von meiner Narꝛn - Kapp zu erloͤſen; und nachdem wir ſich auff die ErdeJ jvgeſetzt198Deß Abentheurl. Simpliciſſimigeſetzt hatten / erzehlte ich ihm mein gantzes Leben / er beſchaute meine Haͤnd / und verwundert ſich beydes uͤber die verwichene und kuͤnfftige ſeltzame Zufaͤlle; Wolte mir aber durchauß nicht rathen / daß ich in Baͤlde mein Narꝛn-Kleid ablegen ſolte / weil er / wie er ſagte / vermittelſt der Chiromantia ſahe / daß mir mein fatum eine Gefaͤngnus androhe / die Leib - und Lebensgefahr mit ſich braͤchte. Jch bedanckte mich ſeiner guten Neigung und mitgetheilten Raths / und bat GOtt / daß er ihm ſeine Treuhertzigkeit belohnen / Jhn ſelber aber / daß er (weil ich von aller Welt ver - laſſen waͤre) mein getreuer Freund und Vatter ſeyn und bleiben wolte.

Demnach ſtunden wir auff / und kamen auff den Spielplatz / da man mit Wuͤrffeln turnieret / und alle Schwur mit hundert tauſend mal tauſend / Galleen / Rennſchifflein / Tonnen und Stattgraͤben voll / ꝛc. herauß fluchte; der Platz war ungefaͤhr ſo groß als der Alte Marckt zu Coͤln / uͤberall mit Maͤnteln uͤber - ſtreut / und mit Tiſchen beſtellt / die alle mit Spielern umbgeben waren; Jede Geſellſchafft hatte drey vier - eckigte Schelmenbeiner / denen ſie ihr Gluͤck vertrau - ten / weil ſie ihr Geld theilen / und ſolches dem einen geben / dem andern aber nemmen muſten: So hatte auch jeder Mantel oder Tiſch einen Schunderer / (Scholderer wolte ich ſagen / und haͤtte doch ſchier Schinder geſagt) dieſer Ampt war / daß ſie Richter ſeyn / und zuſehen ſolten / daß keinem unrecht geſche - he; ſie liehen auch Maͤntel / Tiſch und Wuͤrffel her / und wuſten deßwegen ihr Gebuͤhr ſo wol vom Ge - win einzunem̃en / daß ſie gewoͤhnlich das meiſte Geld erſchnappten / doch faſelt es nicht / dann ſie verſpiel -tens199Zweytes Buch. tens gemeiniglich wieder / oder wenns gar wol an - gelegt wurde / ſo bekams der Marquetender / oder der Feldſcherer / weil ihnen die Koͤpff offt gewaltig geflickt wurden.

An dieſen naͤrꝛiſchen Leuten ſahe man ſein blauen Wunder / weil ſie alle zu gewinnen vermeynten / wel - ches doch unmuͤglich / ſie haͤtten denn auß einer frem - den Daſchen geſetzt / und ob ſie zwar alle dieſe Hoff - nung hatten / ſo bieß es doch: Viel Koͤpff / viel Sinn / weil ſich jeden Kopff nach ſeinem Gluͤck ſinnete / denn etliche traffen / etliche fehlten; etliche gewanen / et - liche verſpielten: Derowegen auch etliche fluchten / etliche donnerten; etliche betrogen / und andere wur - den beſebelt; Dahero lachten die Gewinner / und die Verſpieler biſſen die Zaͤhn auffeinander; theils ver - kaufften Kleider / und was ſie ſonſt lieb hatten / andere aber gewinneten ihnen das Geld wieder ab; etliche begehrten redliche Wuͤrffel / andere hingegen wuͤnſch - ten falſche auff den Platz / und fuͤhrten ſolche unver - merckt ein / die aber andere wieder hinweg wurffen / zerſchlugen / mit Zaͤhnen zerbiſſen / und den Scholde - rern die Maͤntel zerꝛiſſen. Unter den falſchen Wuͤrf - feln befanden ſich Niderlaͤnder / welche man ſchlaͤif - fend hinein rollen muſte / dieſe hatten ſo ſpitzige Ru - cken / darauff ſie die fuͤnffer und ſechſer trugen / als wie die magere Eſel darauff man die Soldaten ſetzt. Andere waren Oberlaͤndiſch / denſelben muſte man die Bayriſche Hoͤhe geben / wenn man werffen wolte: Etliche waren von Hirſchhorn / leicht oben / und ſchwer unden gemacht: Andere waren mit Queck - ſilber oder Bley / und aber andere mit zerſchnittenen Haaren / Schwaͤmmen / Spreu und Kolen gefuͤttert;J vetliche200Deß Abentheurl. Simpliciſſimietliche hatten ſpitzige Eck / an andern waren ſolche gar binweg geſchliffen; theils waren lange Kolben / und theils ſahen auß wie breite Schildkrotten. Und alle dieſe Gattungen waren auff nichts anders / als auff Betrug verfertigt / ſie thaten das jenige / worzu ſie gemacht waren / man mochte ſie gleich wippen / oder ſanfft ſchleichen laſſen / da halff kein knuͤpffens / geſchweige jetzt deren / die entweder zween fuͤnffer / oder zween ſechſer / und im Gegentheil entweder zwey oder zwey Dauß hatten: Mit dieſen Schel - menbeinern zwackten / laureten und ſtalen ſie einan - der ihr Geld ab / welches ſie vielleicht auch geraubt / oder wenigſt mit Leib - und Lebensgefahr / oder ſonſt ſaurer Muͤhe und Arbeit erobert hatten.

Als ich nun ſo da ſtunde / und den Spielplatz ſampt den Spielern in ihrer Thorheit betrachte / ſagte mein Hofmeiſter / wie mir das Weſen gefalle? Jch ant - wortet / daß man ſo greulich GOtt laͤſtert / gefaͤllt mir nicht / im uͤbrigen aber laſſe ichs in ſeinem Werth und Unwerth beruhen / als eine Sach die mir unbe - kant iſt / und auff welche ich mich noch nichts ver - ſtehe; Hierauff ſagte mein Hofmeiſter ferner: So wiſſe / daß dieſes der aller-aͤrgſte und abſcheulichſte Ort im gantzen Laͤger iſt / dann hier ſucht man eines andern Geld / und verlieret das ſeinige daruͤber: Wann einer nur einen Fuß hieher ſetzt / in Meynung zu ſpielen / ſo hat er das zehende Gebot ſchon uͤber - tretten / welches will / Du ſolt deines Naͤchſten Gut nicht begehren! Spieleſtu und gewinneſt / ſonderlich durch Betrug und falſche Wuͤrffel / ſo uͤbertritteſt du das ſiebend und achte Gebot: Ja es kan kommen / daß du auch zu einem Moͤrder an demjenigen201Zweytes Buch. jenigen wirſt / dem du ſein Geld abgewonnen haſt / wenn nemlich deſſen Verluſt ſo groß iſt / daß er da - ruͤber in Armut / in die aͤuſſerſte Noth und Deſpera - tion, oder ſonſt in andere abſcheuliche Laſter geraͤth / darvor die Außred nichts hilfft / wenn du ſagſt: Jch hab das Meinig daran geſetzt / und redlich gewon - nen; dann du Schalck biſt auff den Spielplatz gan - gen / der Meynung / mit eines andern Schaden reich zu werden: Verſpieleſt du dann / ſo iſts mit der Buß darumb nicht außgericht / daß du deß Deinigen ent - beren muſt / ſondern du haſts / wie der Reiche Mann / bey GOtt ſchwerlich zu verantworten / daß du das jenige ſo unnuͤtz verſchwendet / welches er dir zu dein und der Deinigen Lebens. Auffenthalt verliehen ge - habt! Wer ſich auff den Spielplatz begibt zu ſpie - len / derſelbe begibt ſich in eine Gefahr / darinnen er nicht allein ſein Geld / ſondern auch ſein Leib / Leben / ja was das allerſchroͤcklichſte iſt / ſo gar ſeiner See - len Seeligkeit verlieren kan. Jch ſage dir dieſes zur Nachricht / liebſter Simplici, weil du vorgibſt / das Spielen ſey dir unbekant / damit du dich all dein Le - benlang darvor huͤten ſolleſt.

Jch antwortet / Liebſter Herꝛ / wann dann das Spielen ein ſo ſchroͤcklich und gefaͤhrlich Ding iſt / warumb laſſens dann die Vorgeſetzte zu? mein Hof - meiſter antwortet mir / Jch will nicht ſagen darum / dieweil theils Officier ſelbſt mit machen; ſondern es geſchicht deßwegen / weil es die Soldaten nicht mehr laſſen wollen / ja auch nicht laſſen koͤnnen / dann wer ſich dem Spielen einmal ergeben / oder welchen die Gewonheit / oder vielmehr der Spiel-Teuffel einge - nommen / der wird nach und nach (er gewinne oderJ vjver -202Deß Abentheurl. Simpliciſſimiverſpiele) ſo verpicht darauff / daß ers weniger laſſen kan / als den natuͤrlichen Schlaff; wie man dann ſihet / daß etliche die gantze Nacht durch und durch raßlen / und vor das beſte Eſſen und Trincken hinein ſpielen / und ſolten ſie auch ohne Hemd davon gehen: Das Spielen iſt bereits zu unterſchiedlichen malen bey Leib - und Lebensſtraff verbotten / und auß Befelch der Generalitaͤt durch Rumormeiſter / Provoſen / Hencker und Steckenknecht / mit gewaffneter Hand offentlich und mit Gewalt verwehret worden; Aber das halff alles nichts / dann die Spieler kamen an - derwerts in heimlichen Winckeln / und hinder den Hecken zuſammen / gewannen einander das Geld ab / entzweyten ſich / und brachen einander die Haͤls da - ruͤber: Alſo daß man ſolcher Mord und Todtſchlaͤg halber / und vornemlich auch / weil mancher ſein Ge - wehr und Pferd / ja ſo gar ſein weniges Commiß - Brot verſpielte / das Spielen nicht allein wieder of - fentlich erlauben / ſondern ſo gar dieſen eigenen Platz darzu widmen muſte / damit die Haupt-wacht bey der Hand waͤre / die allem Unheyl / ſo ſich etwan er - eignen moͤchte / vorkaͤme / welche doch nicht allezeit verhuͤten kan / daß nicht einer oder der ander auff dem Platz bleibt. Und weil das Spielen deß leydigen Teuffels eigene Inv[e]ntion iſt / und ihme nicht wenig eintraͤgt / alſo hat er auch abſonderliche Spiel-Teuf - fel geordnet / und in der Welt herumb ſchwermen / die ſonſt nichts zu thun haben / als die Menſchen zum Spielen anzuraͤitzen; dieſen ergeben ſich unterſchied - liche leichtfertige Geſellen durch gewiſſe Pacten und Buͤndnus / daß er ſie gewinnen laſſe; und wird man doch unter zehentauſend Spielern ſelten einen reichenfinden203Zweytes Buch. finden / ſondern ſie ſind gewoͤhnlich im Gegentheil arm und duͤrfftig / weil ihr Gewin leicht geſchaͤtzet / und dahero gleich entweder wieder verſpielet / oder ſonſt liederlich verſchwendet wird: Hiervon iſt das allzuwahre / aber ſehr erbaͤrmliche Spruͤchwort ent - ſprungen / Der Teuffel verlaſſe keinen Spieler / er laſſe ſie aber Blut-arm werden; dann er raubet ihnen Gut / Muth und Ehr / und verlaͤſt ſie alsdann nicht mehr / biß er ſie endlich auch gar (GOttes unendliche Barmhertzigkeit komme ihm dann zuvor) umb ihrer Seelen Seeligkeit bringt. Jſt aber ein Spieler von Natur eines ſo luſtigen Humors / und ſo großmuͤtig / daß er durch kein Ungluͤck oder Verluſt zur Melan - choley / Unmuth und andere hierauß entſpringende ſchaͤdliche Laſter gebracht werden mag / ſo laͤſt ihn der argliſtige boͤſe Feind deßwegen dapffer gewinnen / damit er ihn durch Verſchwendung / Hoffart / Freſ - ſen / Sauffen / Huren und Buben / endlich ins Netz bringe.

Jch vercreutzigte und verſegnete mich / daß man unter einem Chriſtlichen Heer ſolche Sachen uͤben lieſſe / die der Teuffel erfunden ſolt haben / ſonderlich weil augenſcheinlich und handgreifflich ſo viel zeit - liche und ewige Schaͤden und Nachtheil darauß fol - geten; Aber mein Hofmeiſter ſagte / das ſeye noch nichts was er mir erzehlt haͤtte / wer alles Unheyl be - ſchreiben wolte / das auß dem Spielen entſtuͤnde / der nehme ihm eine ohnmuͤgliche Sach vor / weil man ſagt / der Wurff / wann er auß der Hand gangen / ſeye deß Teuffels / ſo ſolte ich mir nichts anders ein - bilden / als daß mit jedem Wuͤrffel (wann er auß deß Spielers Hand auff dem Mantel oder Tiſch daherJ vijrolle204Deß Abentheurl. Simpliciſſimirolle) ein kleines Teuffelgen daher lauffe / welches ihn regiere / und Augen geben laſſe / wie es ſeiner Prin - cipalen Intereſſe erfordere. Darbey ſolte ich beden - cken / daß ſich der Teuffel freylich nicht umbſonſt deß Spielens ſo eyferig annehme / ſondern ohne Zweiffel ſeinen trefflichen Gewin darbey zu ſchoͤpffen wiſſe. Darbey mercke ferner / daß gleich wie neben dem Spielplatz auch einige Schacherer und Jnden zu ſie - hen pflegen / die von den Spielern wolfail auffkauf - fen / was ſie etwan an Ringen / Kleidern oder Cleino - dien gewonnen / oder noch zu verſpielen verſilbern wollen / daß eben alſo auch allbier die Teuffel auff - paſſen / damit ſie bey den abgefertigten Spielern / ſie haben gleich gewonnen oder verloren / andere See - len-verderbliche Gedancken erꝛegen und hegen; bey den Gewinnern zwar bauet er ſchroͤckliche Schloͤſ - ſer in die Lufft / bey denen aber ſo verſpielt haben / de - ren Gemuͤt ohne das gantz verwirꝛt / und deſto be - quemer iſt / ſeine ſchaͤdliche Eingebungen anzuneh - men / ſetzet er ohne Zweiffel lauter ſolche Gedancken und Anſchlaͤg / die auff nichts anders als das endli - che Verderben zielen. Jch verſichere dich / Simplici, daß ich willens bin / von dieſer Materi ein gantz Buch zu ſchreiben / ſo bald ich wieder bey den Meinigen zu Ruhe komme / da will ich den Verluſt der edlen Zeit beſchreiben / die man mit dem Spielen unnuͤtz hin - bringet; nicht weniger die grauſame Fluͤch / mit wel - chen man Gott bey dem Spielen laͤſtert; Jch will die Scheliwort erzehlen / mit welchen man einander an - taſtet / und viel ſchroͤckliche Exempel und Hiſtorien mit einbringen / die ſich bey / mit / und in dem Spielen zutragen; dabey ich dann die Duell und Todtſchlaͤg /ſo205Zweytes Buch. ſo Spielens wegen entſtanden / nicht vergeſſen will; ja ich will den Geitz / den Zorn / den Neid / den Eyfer / die Falſchheit / den Betrug / die Vortelſucht / den Diebſtal / und mit einem Wort / alle unſinnige Thor - beiten beydes der Wuͤrffel - und Kartenſpieler mit ih - ren lebendigen Farben dermaſſen abmahlen und vor Augen ſtellen / daß die jenige / die ſolches Buch nur einmal leſen / ein ſolch Abſcheuen vor dem Spielen gewinnen ſollen / als wenn ſie Saͤn-Milch (welche man den Spielſuͤchtigen wider ſolche ihre Kranck - heit ohnwiſſend eingibt) geſoffen baͤtten. Und alſo damit der gantzen Chriſtenheit darthun / daß der liebe GOtt von einer einzigen Compagnia Spieler mehr gelaͤſtert / als ſonſt von einer gantzen Armee bedienet werde. Jch lobte ſeinen Vorſatz / und wuͤnſchte ihm Gelegenheit / daß er ſolchen ins Werck ſetzen moͤchte.

Das XXI. Capitel.

MEin Hofmeiſter wurde mir je laͤnger je holder / und ich ihm bingegen wiederumb / doch hielten wir unſere Vertraͤulichkeit ſehr geheim / ich ag[i]rte zwar einen Narꝛn / brachte aber keine grobe Zotten noch Buͤffelspoſſen vor / ſo daß meine Gaben und Auffzuͤg zwar einfaͤltig genug / aber jedoch mehr ſinnreich als naͤrꝛiſch fielen. Mein Obriſter / der ein trefflichen Luſt zum Waͤidwerck trug / name mich einsmal mit / als er außſpatzierte Feldhuͤner zu fan - gen mit dem Tyras / welche Invention mir trefflich wol gefiele; Dieweil aber der vorſtehende Hund ſo hitzig war / daß er einzufallen pflegte / ehe man tyraſſi - ren konte / deßwegen wir dann wenig fangen konten: Da gab ich dem Obriſten den Rath / er ſolte dieHuͤndin206Deß Abentheurl. SimpliciſſimiHuͤndin mit einem Falcken oder Stein-Adler belegen laſſen / wie man mit Pferden und Eſeln zu thun pfle - ge / wenn man gerne Manlthier baͤtte / damit die jun - ge Hund Fluͤgel bekaͤmen / ſo koͤnte man alsdann mit denſelbigen die Huͤner in der Lufft fangen. Auch gab ich den Vorſchlag / weil es mit Eroberung der Statt Magdeburg / die wir belaͤgert bielten / ſo ſchlaͤfferig bergieng / man ſolte ein maͤchtig langes Saͤil / ſo dick als ein balb Fuͤderiges Faß verfertigen / ſolches umb die Statt zieben / und alle Menſchen ſam̃t dem Vieh in beyden Laͤgern daran ſpannen / und dergeſtalt die Statt in einem Tag uͤbern Hauffen ſchlaiffen laſſen. Solcher naͤrꝛiſchen Dauben und Grillen erſanne ich taͤglich einen Uberfluß / weil es meines Handwercks war / ſo daß man meine Werckſtatt nie laͤer fand: So gab mir auch meines Herꝛn Schreiber / der ein arger Gaſt und durchtriebener Schalck war / viel Materi an die Hand / dadurch ich auff dem Weg unterhal - ten wurde / den die Narꝛen zu wandeln pflegen / denn was mich dieſer Speyvogel uberꝛedte / das glaubte ich nicht allein vor mich ſelbſten / ſondern theilte es auch andern mit / wann ich etwan diſcurirte / und ſich die Sach dahin ſchickte.

Als ich ihn einsmals fragte / was unſer Regi - ments Caplan vor einer ſeye / weil er mit Kleidungen von andern unterſcheiden? ſagte er / Es iſt der Herꝛ Dicis & non facis, das iſt auff Teutſch ſo viel geredt / als ein Kerl / der andern Leuten Weiber gibt / und ſelbſt keine nimmt: Dieſer iſt den Dieben Spinnen - feind / weil ſie nicht ſagen was ſie thun / er aber hinge - gen ſagt / was er nicht thut; ſo koͤnnen ihm hingegen die Dieb auch nicht ſo gar hold ſeyn / weil ſie gemei -niglich207Zweytes Buch. niglich gehenckt werden / wenn ſie die beſte Kund - ſchafft mit dieſen Leuten haben. Da ich nun nach - gehends den guten ebrlichen Pater ſo nennete / wurde er außgelacht / ich aber vor einen boͤſen ſchalckbaffti - gen Narꝛn gehalten / und ſeinet wegen gebaum[-]oͤlt. Ferners uͤberꝛedet er mich / man haͤtte die offentliche gemeine Haͤuſer zu Prag hinder der Mauer abgebro - chen und verbrennet / darvon die Funcken und der Staub / wie der Samen eines Unkrauts / in alle Welt zerſtoben waͤre. Jtem / es kaͤmen von den Sol - daten keine dapffere Helden und hertzhaffte Kerl in Himmel / ſondern lauter einfaͤltige Tropffen / Bern - beuter und dergleichen / die ſich an ihrem Sold ge - nuͤgen lieſſen; ſo dann keine politiſche Alamode Ca - valliers und gallante Dames, ſondern nur gedultige Job / Siemaͤnner / langweilige Moͤnch / melancho - liſche Pfaffen / Bett. Schweſtern / arme Bettelhuren / allerhand Außwuͤrffling / die in der Welt weder zu ſieden noch zu braten taugen / und junge Kinder / wel - che die Baͤnck uͤberall voll hofierten. Auch loge er mir vor / man nenne die Gaſtgeber nur darumb Wuͤrth / weil ſie in ihrer Handierung under allen Menſchen am fleiſſigſten betrachteten / daß ſie entwe - der GOtt oder dem Teuffel zu theil wuͤrden. Vom Kriegsweſen uͤberꝛedte er mich / daß man auch zu Zei - ten mit guͤldenen Kuglen ſchieſſe / und je koſtbarer ſolche waͤren / je groͤſſeren Schaden pflegten ſie zu thun; ja / ſagte er / man fuͤhret wol ehe gantze Kriegs - Heer mit ſampt der Artollerey, Munition und Baga - ge, an guͤldenen Ketten gefangen daher! Weiters uͤberꝛedet er mich von den Weibern / daß mehr als der halbe Theil Hoſen truͤgen / ob man ſie ſchon nichtſehe208Deß Abentheurl. Simpliciſſimiſehe / und daß viel ihren Maͤnnern / wenn ſie ſchon nicht zaubern koͤnten / noch Goͤttinnen waͤren / als Diana geweſen / groͤſſere Hoͤrner auff die Koͤpff gau - ckelten / als Actæon getragen; Welches ich ihme alles glaubte / ſo ein dummer Narꝛ war ich.

Hingegen unterhielte mich mein Hofmeiſter / wenn er allein bey mir war / mit viel einem andern Diſcurs, er brachte mich auch in ſeines Sohns Kundſchafft / welcher wie biebevor gemeldet worden / bey der Chur Saͤchſiſchen Armee ein Muſterſchreiber war / und weit andere Qualitaͤten an ſich hatte / als meines Obr. Schreiber; dahero mochte ihn mein Obriſter nicht allein gerne leiden / ſondern er war auch bedacht / ihn von ſeinem Capitain loß zu handlen / und zu ſeinem Regiments-Secretario zu machen / auff welche Stell obgemeldter ſein Schreiber ſich auch ſpitzete.

Mit dieſem Muſterſchreiber / welcher auch wie ſein Vatter Ulrich Hertzbruder hieſſe / machte ich ein ſolche Freundſchafft / daß wir ewige Bruͤderſchafft zuſammen ſchwuren / Krafft deren wir einander in Gluͤck und Ungluͤck / in Lieb und Leyd / nimmermehr verlaſſen wolten: Und weil dieſes mit Wiſſen ſeines Vattern geſchahe / hielten wir den Bund deſto veſter und ſteifftr / demnach lage uns nichts haͤrter an / als wie wir meines Narꝛen-Kleids mit Ehren loß wer - den / und einander rechtſchaffer dienen moͤchten; wel - ches aber der alte Hertzbruder / den ich als meinen Vatter ehrete und vor Augen hatte / nicht gut hieſſe / ſondern außtrücklich ſagte: Wenn ich in kurtzer Zeit meinen Stand aͤnderte / daß mir ſolches ein ſchwere Gefaͤngnus und groſſe Leib - und Lebensgefabr ge - baͤren wuͤrde: Und weil er auch ihm ſelbſt und ſeinemSohn209Zweytes Buch. Sohn einen groſſen bevorſtehenden Spott progno - ſticirte / und dahero Urſach zu haben vermeynte / deſto vorſichtiger und behutſamer zu leben; Als wolte er ſich umb ſo viel deſto weniger in einer Perſon Sa - chen miſchen / deren kuͤnfftige groſſe Gefahr er vor Augen ſehen konte / dann er beſorgte / er moͤchte mei - nes kuͤnfftigen Ungluͤcks theilhafftig werden / wenn ich mich offenbarte / weil er bereits vorlaͤngſt meine Heimlichkeit gewuſt / und mich gleichſam in - und außwendig gekant / meine Beſchaffenheit aber dem Obriſten nicht kund gethan hatte.

Kurtz hernach merckte ich noch beſſer / daß meines Obriſten Schreiber meinen neuen Bruder ſchroͤcklich neidete / weil er beſorgte / er moͤchte vor ihme zu der Secretariat-Stell erhoben werden / dann ich ſahe wol / wie er zu Zeiten grißgramete / wie ihm die Mißgunſt ſo getrang thaͤt / und daß er in ſchweren Gedancken allezeit ſeufftzete / wenn er entweder den Alten oder den Jungen Hertzbruder anſahe; Darauß urtheilte ich / und glaubte ohn allen Zweiffel / daß er Calender machte / wie er ihm ein Bein vorſetzen / und zu Fall bringen moͤchte. Jch communicirte meinem Bru - der / beydes auß getreuer Affection und tragender Schuldigkeit / das jenige / was ich argwohnete / damit er ſich vor dieſem Judas-Bruder ein wenig vorſehen ſolte; Er aber nam es auff die leichte Ach - ſel / Urſach / weil er dem Schreiber ſo wol mit der Feder / als mit dem Degen / mehr als genug uͤberle - gen war / und darzu noch deß Obriſten groſſe Gunſt und Gnad hinweg hatte.

Das210Deß Abentheurl. Simpliciſſimi

Das XXII. Capitel.

WEil der Gebrauch im Krieg iſt / daß man gemei - niglich alte verſuchte Soldaten zu Provoſen macht / alſo hatten wir auch einen dergleichen bey unſerm Regiment / und zwar einen ſolchen abge - faͤumten Ertz-Vogel und Kern-Boͤßwicht / daß man wol von ihm ſagen konte / er ſeye vielmehr als von - noͤthen / erfahren geweſen; dann er war ein rechter Schwartzkuͤnſtler / Siebdreher und Teuffelsbau - ner / und von ſich ſelbſten nicht allein ſo veſt als Stahl / ſondern auch uͤber das ein ſolcher Geſell / der andere veſt machen / und noch darzu gantze E - ſquadronen Reuter ins Feld ſtellen konte: Sein Bildnus ſabe natuͤrlich auß / wie uns die Mahler und Poëten den Saturnum vorſtellen / auſſer daß er weder Steltzen noch Senſen trug. Ob nun zwar die arme gefangene Soldaten / ſo ihm in ſeine un - barmbertzige Haͤnde kamen / wegen dieſer ſeiner Be - ſchaffenheit und ſtetiger Gegenwart ſich deſto un - gluͤckſeeliger ſchaͤtzten / ſo waren doch Leute / die gern mit dieſem Wendenſchimpff umbgiengen / ſonder - lich Olivier unſer Schreiber / und je mehr ſich ſein Neid wider den jungen Hertzbruder (der eines ſehr froͤlichen Humors war) vermehrte / je veſter wuchſe die groſſe Vertraͤulichkeit zwiſchen ihme und dem Provoſen; dahero konte ich mir gar leichtlich die Rechnung machen / daß die Conjunction Saturni und Mercurii dem redlichen Hertzbruder nichts guts bedeuten wuͤrde.

Eben damals wurde meine Obriſtin mit einem jungen Sohn erfreuet / und die Tauff-Suppe faſtFuͤrſt -211Zweytes Buch. Fuͤrſtlich dargereicht / bey welcher der junge Hertz - bruder auffzuwarten erſucht ward / und weil er ſich auß Hoͤflichkeit gern einſtellete / war ſolches dem Olivier ein erwuͤnſchte Gelegenheit / ſein Schelmen - ſtuͤck / mit welchem er lang ſchwanger gangen / auff die Welt zu bringen: Dann als nun alles voruͤber war / manglete meines Obriſten groſſer verguldter Tiſch-Becher / welchen er ſo leichtlich nicht verlo - ren haben wolte / weil er noch vorhanden geweſen / da alle fremde Gaͤſt ſchon hinweg waren; der Page ſagte zwar / daß er ihn das letzte mal bey dem Oli - vier geſehen / er war deſſen aber nicht geſtaͤndig; Hierauff wurde der Provos geholet / der Sachen Rath zu ſchaffen / und wurde ihm benebens anbefoh - len / wann er durch ſeine Kunſt den Diebſtal wieder herzu koͤnte bringen / daß er das Werck ſo einrichten ſolte / damit der Dieb ſonſt niemand / als dem Obri - ſten kund wuͤrde / weil noch Officier von ſeinem Regi - ment vorhanden waren / welche er / wenn ſich viel - leicht einer darvon uͤberſehen haͤtte / nicht gerne zu ſchanden machen wolte.

Weil ſich nun jeder unſchuldig wuſte / ſo kamen wir auch alle luſtig in deß Obriſten groſſes Zelt / da der Zauberer die Sach vornam / da ſahe je einer den andern an / und verlangte zu vernehmen / was es end - lich abgeben / und wo der verlorne Becher doch her - kom̃en wuͤrde: Als er nun etliche Woꝛt gemurmelt hatte / ſprangen einem hier / dem andern doꝛt ein / zwey / drey / auch mehr junge Huͤndlein auß den Hoſen-ſaͤ - cken / Ermeln / Stieffeln / Hoſen-Schlitzen / und wo ſonſt die Kleidungen offen waren: Dieſe wuſelten behend in der Zelt hin und wieder herumb / warenalle212Deß Abentheurl. Simpliciſſimialle uͤberauß ſchoͤn / von mancherley Farben / und je - der auff ein ſonderbare Manier gezeichnet / als daß es ein recht luſtig Spectacul war / mir aber wurden meine enge Croatiſche Kaͤlber-Hoſen ſo voll junger Hund gegauckelt / daß ich ſolche abziehen / und weil mein Hemd im Wald vorlaͤngſt am Leib verfaulet war / nackend da ſtehen muſte; zuletzt ſprang eins dem jungen Hertzbruder auß dem Schlitz / welches das allerhurtigſte war / und ein guͤlden Halsband an hatte / dieſes verſchlang alle andere Huͤndlein / deren es doch ſo voll im Zelt herumb grabelte / daß man vor ihnen keinen Fuß weiters ſetzen konte: Wie es nun alle auffgerieden hatte / wurde es ſelbſten je laͤn - ger je kleiner / das Halsband aber nur deſto groͤſſer / biß es ſich endlich gar in deß Obriſten Tiſch-Becher verwandelte.

Da muſte nun nicht allein der Obriſte / ſondern auch alle andere Gegenwaͤrtige darvor halten / daß ſonſt niemand als der junge Hertzbruder den Becher geſtolen / derowegen ſagte der Obriſte zu ihm: Sihe du / du undanckbarer Gaſt / hab ich dieſes Diebsſtuͤck / das ich dir nimmermehr zugetraut haͤtte / mit meinen Gutthaten umb dich verdienet? Schaue / ich habe dich zu meinem Secretario deß morgenden Tags wol - len machen / aber nun haſt du verdienet / daß ich dich noch heut auffhencken lieſſe! welches auch ohnfehl - bar geſchehen ſolte / wenn ich deines ehrlichen alten Vatters nicht verſchohnete; geſchwind packe dich auß meinem Laͤger / und laſſe dich die Tag deines Lebens vor meinen Augen nicht mehr ſehen! Er wol - te ſich entſchuldigen / wur[de]aber nicht gehoͤrt / die - weil ſeine That ſo Sonnen-klar am Tag lag; undin213Zweytes Buch. in dem er fort gieng / wurde dem guten alten Hertz - bruder gantz ohnmaͤchtig / alſo daß man genug an ihm zu laben / und der Obriſt ſelbſt an ihm zu troͤſten batte / welcher ſagte: Daß ein frommer Vatter ſei - nes ungerathenen Kinds gar nicht zu entgelten haͤtte. Alſo erlangte Olivier durch Huͤlff deß Teuffels das jenige / wornach er vorlaͤngſt gerungen / auff einem ehrlichen Weg aber nicht ereylen moͤgen.

Das XXIII. Capitel.

SO bald deß jungen Hertzbruders Capitain dieſe Geſchicht erfuhr / nam er ihm auch die Muſter - ſchreiber-Stell / und lud ihm eine Bieque auff / von welcher Zeit an er bey maͤnniglich ſo veracht wurde / daß ihn die Hund haͤtten anpiſſen moͤgen / darumb er ihme dann offt den Todt wuͤnſchete! Sein Vatter aber bekuͤmmerte ſich dergeſtalt daruͤber / daß er in ein ſchwere Kranckheit fiel / und ſich auff das Ster - ben gefaſt machte. Und demnach er ihme ohne das hiebevor ſelbſt prognoſticirt hatte / daß er den 26. Julii Leib - und Lebensgefahr außſtehen muͤſte: (wel - cher Tag dann naͤchſt vor der Thuͤr war) Als er - langte er bey dem Obriſten / daß ſein Sohn noch ein - mal zu ihm kommen dorffte / damit er wegen ſeiner Verlaſſenſchafft mit ihm reden / und ſeinen letzten Willen eroͤffnen moͤchte. Jch wurde bey ihrer Zu - ſammenkunfft nicht außgeſchloſſen / ſondern war der dritte Mitgeſell ihres Leyds; Da ſahe ich / daß der Sohn keiner Entſchuldigung bedoͤrfft gegen ſeinem Vatter / weil er ſeine Art und gute Aufferziehung wol wuſte / und dahero ſeiner Unſchuld genugſam verſt - chert war: Er als ein weiſer / verſtaͤndiger und tieff -ſinniger214Deß Abentheurl. Simpliciſſimiſinniger Mann ermaß ohnſchwer auß den Umbſtaͤn - den / daß Olivier ſeinem Sohn diß Bad durch den Provoſen hatte zurichten laſſen / was vermochte er aber wider einen Zauberer? von dem er noch aͤrgers zu beſorgen hatte / wann er ſich anders einiger Rach haͤtte unterfangen wollen; Uber diß verſahe er ſich ſeines Todts / und wuſte doch nicht geruhiglich zu ſterben / weil er ſeinen Sohn in ſolcher Schand hin - der ſich laſſen ſolte: Jn welchem Stand der Sohn deſto weniger zu leben getraute / umb wie vielmehr er ohne das wuͤnſchte / vor dem Vatter zu ſterben. Es war verſichert dieſer beyder Jammer ſo erbaͤrm - lich anzuſchauen / daß ich von Hertzen weynen muſte! zuletzt war ihr gemeiner einhelliger Schluß / GOtt ihre Sach in Gedult heimzuſtellen / und der Sohn ſolte auff Mittel und Weg gedencken / wie er ſich von ſeiner Compagnia loß wuͤrcken / und anderwerts ſein Gluͤck ſuchen koͤnte; als ſie aber die Sach bey dem Liecht beſahen / da manglets am Geld / mit welchem er ſich bey ſeinem Capita[i]n loß kauffen ſolte / und in dem ſie betrachteten und bejammerten / in was vor einem Elend ſie die Armuth gefangen hielte / und alle Hoffnung abſchnitte / ihren gegenwaͤrtigen Stand zu verbeſſern / erinnerte ich mich erſt meiner Duca - ten / die ich noch in meinen Eſels-Ohren vernaͤhet hatte; Fragte derowegen / wie viel ſie dann Gelds zu dieſer ihrer Notdurfft haben muͤſten? der Junge Hertzbruder antwortet / wenn einer kaͤme / und uns bundert Thaler braͤchte / ſo getraute ich auß allen meinen Noͤthen zu kommen: Jch antwortet / Bru - der / wann dir damit geholffen wird / ſo hab ein gut Hertz / dann ich will dir hundert Ducaten geben: AchBruder215Zweytes Buch. Bruder / antwortet er mir hinwiederumb / was iſt das? biſtu dann ein rechter Narꝛ? oder ſo leicht - fertig / daß du uns in unſerer aͤuſſerſten Truͤbſeelig - keit noch ſchertzeſt? Nein / nein / ſagte ich / ich will dir das Geld herſchieſſen; ſtraͤiffte darauff mein Wambs ab / und thaͤt das eine Eſels-ohr von mei - nem Arm / oͤffnete es / und ließ ihn ſelbſt 100. Duca - ten darauß zehlen und zu ſich nemmen / das uͤbrige behielt ich / und ſagte: Hiermit will ich deinem kran - cken Vatter außwarten / wann er deſſen bedarff. Hie - rauff fielen ſie mir umb den Hals / kuͤßten mich / und wuſten vor Freuden nicht was ſie thaten / wolten mir auch eine Handſchrifft zuſtellen / und mich darinnen verſichern / daß ich an dem alten Hertzbruder neben ſeinem Sohn ein Mit-Erb ſeyn ſolte; oder daß ſie mich / wann ihnen Gott wieder zu dem Jhrigen huͤlf - fe / umb dieſe Summam ſampt dem Intereſſe wiede - rumb mit groſſem Danck befriedigen wolten: Deren ich aber keines annam / ſondern allein mich in ihre beſtaͤndige Freundſchafft befohle. Hierauff wolte der junge Hertzbruder verſchwoͤren / ſich an dem Oli - vier zu raͤchen / oder darumb zu ſterben! Aber ſein Vatter verbotte ihm ſolches / und verſichert ihn / daß der jenige / der den Olivier todt ſchluͤg / wieder von mir dem Simplicio den Reſt kriegen werde; doch / ſagte er / bin ich deſſen wol vergewiſſert / daß ihr beyde einander nicht umbbringen werdet / weil keiner von euch durch Waffen umbkom̃en ſolle. Demnach hielte er uns an / daß wir Aydlich zuſammen ſchwuren / ein - ander biß in den Todt zu lieben / und in allen Noͤthen beyzuſtehen. Der junge Hertzbruder aber entledigte ſich mit dreiſſig Reichsthalern / darvor ihm ſein Ca -Kpitain216Deß Abenth. Simpliciſſimipitain einen ehrlichen Abſchied gab / verfuͤgte ſich mit dem uͤbrigen Geld und guter Gelegenheit nach Ham - burg / mondirte ſich allda mit zwenen Pferden / und lieſſe ſich unter der Schwediſchen Armee vor einen Frey-Reuter gebrauchen / mir indeſſen unſern Vat - ter befehlende.

Das XXIV. Capitel.

KEiner von meines Obriſten Leuten ſchickte ſich beſſer / dem alten Hertzbruder in ſeiner Kranck - heit abzuwarten / als ich / und weil der Krancke auch mehr als wol mit mir zu frieden war / ſo wurde mir auch ſolches Ampt von der Obriſtin auffgetragen / welche ihm viel Guts erwieſe / und demnach er neben ſo guter Pfleg auch wegen ſeines Sohns ſattſam er - quickt worden / beſſerte es ſich von Tag zu Tag mit ihm / alſo daß er noch vor dem 26. Julii faſt wieder[]berall zu voͤlliger Geſundheit gelangte / doch wolt er ſich noch inhalten / und kranck ſtellen / biß bemeldter Tag / vor welchem er ſich mercklich entſetzte / vorbey waͤre: Jndeſſen beſuchten ihn allerhand Officier von beyden Armeen / die ihr kuͤnfftig Gluͤck und Ungluͤck von ihm wiſſen wolten / dann weil er ein guter Ma - thematicus und Nativitaͤten-Steller / benebens auch ein vortrefflicher Phiſiognomiſt und Chiromanticus war / fehlte ihm ſeine Außſag ſelten; ja er nennete ſo gar den Tag / an welchem die Schlacht vor Witt - ſtock nachgehends geſchabe / ſirtemal ihm viel zuka - men / denen umb dieſelbige Zeit einen gewaltthaͤtigen Todt zu leiden angedrohet war; Die Obriſtin verſt - chert er / daß ſie ihr Kindbett noch im Laͤger außhal - ten wuͤrde / weil vor Außgang der ſechs WochenMagbe -217Zweytes Buch. Magdeburg an die Unſerige nicht uͤbergeben wuͤrde: Dem falſchen Olivier, der ſich gar zutaͤppiſch bey ihm zu machen wuſte / ſagte er außdruͤcklich / daß er eines gewaltthaͤtigen Todts ſterben muͤſte / und daß ich ſeinen Todt / er geſchehe wann er wolle / raͤchen / und ſeinen Moͤrder wieder umbbringen wuͤrde / weß - wegen mich Olivier folgender Zeit hoch hielte; mir ſeldſten aber erzehlet er meinen kuͤnfftigen gantzen Le - benslauff ſo umbſtaͤndlich / als wenn er ſchon vollen - det / und er allezeit bey mir geweſen waͤre / welches ich aber wenig achtet / und mich jedoch nachgebends vielen Dings erinnert / das er mir zuvor geſagt / nachdem es ſchon geſchehen oder wahr worden / vor - nemlich aber warnet er mich vorm Waſſer / weil er beſorgte / ich wuͤrde meinen Untergang darinn leiden.

Als nun der 26. Julii eingetretten war / vermahnet er mich und einen Fourierſchuͤtzen (den mir der Ob - riſte auff ſein Begehren denſelben Tag zugegeben hatte) gantz treulich / wir ſolten niemand zu ihm ins Zelt laſſen: Er lag alſo allein darinnen / und betet ohn Unterlaß / da es aber umb den Nachmittag wur - de / kam ein Leutenant auß dem Reuter-Laͤger daher geritten / welcher nach deß Obriſten Stallmeiſter fragte; Er wurde zu uns / und gleich darauff wieder von uns abgewieſen / er wolte ſich aber nicht abwei - ſen laſſen / ſondern bate den Fourierſchuͤtzen mit un - tergemiſchten Verheiſſungen / ihn vor den Stall - meiſter zu laſſen / als mit welchem er noch dieſen Abend nothwendig reden muͤſte / weil aber ſolches auch nicht helffen wolte / fieng er an zu fluchen / mit Donner und Hagel drein zu kollern / und zu ſagen / er ſeye ſchon ſo vielmal dem Stallmeiſter zu gefallenK ijgerit -218Deß Abentheurl. Simpliciſſimigeritten / und haͤtte ihn noch ntemals daheim ange - troffen / ſo er nun jetzt einmal vorhanden ſeye / ſolte er abermal die Ehr nicht haben / nur ein einig Wort mit ihm zu reden; ſtiege darauff ab / und iteſſe ſich nicht verwehren / das Zelt ſelbſt auffzuknuͤpffen / wo - ruͤber ich ihn in die Hand biſſe / aber ein dichte Maul - ſchelle darvor bekam. So bald er meinen Alten ſahe / ſagte er / der Herꝛ ſey gebetten / mir zu verzeyben / daß ich die Frechheit brauche / ein Wort mit ihm zu re - den: Wol / antwort der Stallmeiſter / was beliebt dann dem Herꝛn? Nichts anders / ſagte der Leute - nant / als daß ich den Herꝛn bitten wolte / ob er ſich lieſſe belieben / mir meine Nativitaͤt zu ſtellen? Der Stallmeiſter antwortet / Jch will verhoffen / mein bochgeehrter Herꝛ werde mir vergeben / daß ich dem - ſelben vor dißmal meiner Kranckheit halber nicht willfahren kan / dann weil dieſe Arbeit viel Rechnens braucht / wirds mein bloͤder Kopff jetzo nicht ver - richten koͤnnen / wann er ſich aber biß morgen zu ge - dulden beliebt / will ich ihm verhoffentlich genugſa - me Satisfaction thun; Herꝛ / ſagte hierauff der Leu - tenant / er ſage mir nur etwas dieweil auß der Hand: Mein Herꝛ / antwort der alte Hertzbruder / dieſelbe Kunſt iſt gar mißlich und betruͤglich / derowegen bitte ich / der Herꝛ wolle mich damit ſo weit verſchohnen / ich will morgen hergegen alles gerne thun / was der Herꝛ an mich begehrt. Der Leutenant wolte ſich doch nicht abweiſen laſſen / ſondern tratte meinem Vatter vors Bett / ſtreckt ihm die Hand dar / und ſagte: Herꝛ / ich bitt uur umb ein paar Wort / meines Lebens End betreffend / mit Verſicherung / wann ſolches etwas boͤſes ſeyn ſolte / daß ich deß Herꝛn Red als ein War -nung219Zweytes Buch. nung von GOtt annehmen will / umb mich deſto beſ - ſer vorzuſehen / darumb bitte ich umb Gottes willen / der Herꝛ wolle mir die Warheit nicht verſchweigen! Der redliche Alte antwortet ihm hier auff kurtz / und ſagte: Nun wolan / ſo ſehe ſich der Herꝛ dann wol vor / damit er nicht in dieſer Stund noch auffgehenckt werde; Was / du alter Schelm / ſagte der Leute - nant / der eben ein rechten Hunds-ſoff hatte / ſolleſt du einem Cavallier ſolche Wort vorhalten doͤrffen? zog damit von Leder / und ſtach meinen lieben alten Hertz - bruder im Bett zu todt! Jch und der Fourierſchuͤtz rufften alsbald Lermen und Mordio / alſo daß alles dem Gewehr zulieffe / der Leutenant aber machte ſich unverweilt auff ſeinen Schnellſuß / waͤre auch ohne Zweiffel entritten / wann nicht eben der Churfuͤrſt in Sachſen mit vielen Pferden perſoͤhnlich vorbey ge - ritten waͤre / und ihn haͤtte einholen laſſen: Als Der - ſelbe den Handel vernam / wendet er ſich zu dem von Hatzfeld / als unſerm General / und ſagte nichts an - ders als dieſes: Das waͤre ein ſchlechte Diſciplin in einem Kaͤiſerlichen Laͤger / wann auch ein Krancker im Bett vor den Moͤrdern ſeines Lebens nicht ſicher ſeyn ſolte! Das war ein ſcharffer Sentenz, und genugſam / den Leutenant umb das Leben zu bringen; geſtalt ihn unſer General als - bald an ſeinen allerbeſten Hals auffhencken lieſſe.

Das XXV. Capitel.

A dieſer warhafftigen Hiſtori iſt zu ſehen / daß nicht ſo gleich alle Wahrſagungen zu verwerffen ſeyen / wie etliche Gecken thun / die gar nichts glau - ben koͤnnen. So kan man auch hierauß abnehmen /K iijdaß220Deß Abentheurl. Simpliciſſimidaß der Menſch ſein auffgeſetztes Ziel ſchwerlich - derſchreiten mag / wann ihm gleich ſein Ungluͤck lang oder kurtz zuvor durch dergleichen Weiſſagungen angedeutet worden. Auff die Frag / die ſich ereignen moͤchte / obs einem Menſchen noͤtig / nuͤtzlich und gut ſeye / daß er ſich wahrſagen / und die Nativitaͤt ſtellen laſſe? Antworte ich allein dieſes / daß mir der Alte Hertzbruder ſo viel geſagt habe / daß ich offt gewuͤn - ſchet / und noch wuͤnſche / daß er geſchwiegen haͤtte / dann die ungluͤckliche Faͤll / die er mir angezeigt / hab ich niemals umbgehen koͤnnen / und die jenige die mir noch bevor ſtehen / machen mir nur vergeblich graue Haar / weil mir beſorglich dieſelbige auch / wie die vorige / zu handen gehen werden / ich ſehe mich gleich fuͤr denſelben vor oder nicht: Was aber die Gluͤcks - Faͤlle anbelangt / von denen einem geweiſſaget wird / davon halte ich / daß ſie oͤffter betruͤgen / oder auffs wenigſte den Menſchen nicht ſo wol gedeyen / als die ungluͤckſelige Prophezeyhungen: Was halff michs / daß mir der alte Hertzbruder hoch und theur ſchwur / ich waͤre von Edlen Eltern geboren und erzogen woꝛ - den / da ich doch von niemand anders wuſte / als von meinem Knan und meiner Meuͤder / die grobe Baurs - Leut im Speſſert waren. Jtem was halffs den von Wallenſtein / Hertzogen in Friedland / daß ihm pro -[v]hezeyt wurde / er werde gleichſam mit Saͤitenſpiel zum Koͤnig gekroͤnet werden? weiß man nicht / wie er zu Eger eingewieget worden? Moͤgen derowegen andere ihre Koͤpff uͤber dieſer Frag zerbrechen / ich komme wieder auff meine Hiſtori.

Als ich erzehlter maſſen meine beyde Hertzbruͤder verloren hatte / verleydet mir das gantze Laͤger vorMagde -221Zweytes Buch. Magdeburg / welches ich ohne das nur ein leinene und ſtroͤherne Statt / mit irdenen Mauren / zu nennen pflegte. Jch wurde meines Stands ſo muͤd und ſatt / als wenn ichs mit lauter eiſernen Kochleffeln gefreſ - ſen haͤtte / einmal / ich gedachte mich nicht mehr von jederman ſo voppen zu laſſen / ſondern meines Narꝛn - Kleids loß zu werden / und ſolte ich gleich Leib und Leben daruͤber verlieren. Das ſetzte ich folgender ge - ſtalt ſehr liederlich ins Werck / weil mir ſonſt keine beſſere Gelegenheit anſtehen wolte.

Olivier der Secretarius, welcher nach deß Alten Hertzbruders Todt mein Hofmeiſter worden war / erlaubte mir offt mit den Knechten auff Fourage zu reuten / als wir nun einsmals in ein groß Dorff ka - men / darinnen etliche den Reutern zuſtaͤndige Bag[a]- ge logirte / und jeder hin und wieder in die Haͤuſer gienge / zu ſuchen was etwan mit zu nehmen waͤre / ſtal ich mich auch hinweg / und ſuchte / ob ich nicht ein altes Baurenkleid finden moͤchte / umb welches ich meine Narꝛn-Kappe verdauſchen koͤnte; Aber ich ſande nicht was ich wolte / ſondern muſte mit einem Weiber-Kleid vor lieb nemmen; Jch zoge ſelbiges an / weil ich mich allein ſahe / und warff das meinig in ein Secret / mir nicht anders einbildende / als daß ich nunmehr auß allen meinen Noͤthen erꝛettet wor - den. Jn dieſem Auffzug gieng ich uͤber die Gaß ge - gen etlichen Officiers-Weibern / und macht ſo enge Schrittlein / als etwan Achilles gethan / da ihn ſeine Mutter dem Licomedi recommendirte / ich war aber kaum auſſer Dach her vor kommen / da mich etliche Fouragierer ſahen / und beſſer ſpringen lernten / dann als ſie ſchryen / Halt / halt! lieffe ich nur deſto ſtaͤr -K jvcker222Deß Abentheurl. Simpliciſſimicker / und kam ehender als ſie zu obgemeldten Officie - rerin / vor denſelben fiele ich auff die Knye nider / und bate umb aller Weiber Ehr und Tugend willen / ſie wolten meine Jungferſchafft vor dieſen gaͤilen Bu - ben beſchuͤtzen! Allda meine Bitt nicht allein ſtatt fande / ſondern ich wurde auch von einer Rittmeiſterin vor eine Magd angenommen / bey welcher ich mich deholffen / biß Magdeburg / item die Werberſchantz / auch Havelberg und Perleberg von den Unſern ein - genommen worden.

Dieſe Rittmeiſterin war kein Kind mehr / wiewol ſie noch jung war / und vernarꝛete ſich dermaſſen in meinen glatten Spiegel und geraden Leib / daß ſie mir endlich nach lang-gehabter Muͤhe und vergeblicher umbſchwaiffender Weitlaͤuffigkeit nur allzu Teutſch zu verſtehen gab / wo ſie der Schub am meiſten druͤ - cke; ich aber war damals noch viel zu gewiſſenhafft / thaͤt als wenn ichs nicht merckte / und ließ keine an - dere Anzeigungen ſcheinen / als ſolche / darauß man nichts anders als eine fromme Jungfrau urtheilen mochte: Der Rittmeiſter und ſein Knecht lagen in gleichem Spital kranck / derowegen befahl er ſeinem Weib / fie ſolte mich beſſer kleiden laſſen / damit ſie ſich meines garſtigen Bauren-Kuͤttels nicht ſchaͤmen doͤrffte. Sie thaͤt mehr als ihr befohlen war / und butzte mich her auß wie ein Frantzoͤſiſche Popp / wel - ches das Feuer bey allen dreyen noch mehr ſchuͤrete / ja es wurde endlich bey ihnen ſo groß / daß Herꝛ und Knecht eyferigſt von mir begehrten / was ich ihnen nit leiſten konte / und der Frauen ſelbſt mit einer ſchoͤnen Manier verwaigerte. Zuletzt ſetzte ihm der Rittmel - ſter vor / eine Gelegenheit zu ergreiffen / bey deren ermit223Zweytes Buch. mit Gewalt von mir haben koͤnte / was ihm doch zu bekommen unmuͤglich war / ſolches merckete ſein Weib / und weil ſie mich noch endlich zu uͤberwinden verhoffte / verlegte ſie ihm alle Paͤß / und lieffe ihm alle Raͤnck ab / alſo daß er vermeynte / er muͤſſe doll und thoͤricht daruͤber werden. Einsmals als Herꝛ und Frau ſchlaffen war / ſtund der Knecht vor dem Wagen / in welchem ich alle Nacht ſchlaffen muſte / klagte mir ſeine Lieb mit heiſſen Threnen / und bat eben ſo andaͤchtig umb Gnad und Barmhertzigkeit! Jch aber erzeigte mich haͤrter als ein Stein / und gab ihm zu verſtehen / daß ich meine Keuſchheit biß in Eheſtand bewahren wolte; Da er mir nun die Ehe wol 1000. mal anbotte / und doch nichts anders dar - gegen vernam / als daß ich ihn verſicherte / daß es un - muͤglich ſeye / mich mit ihm zu verehelichen / ver - zweiffelt er endlich gar / oder ſtellte ſich doch auffs wenigſt nur ſo / dann er zoge ſeinen Degen auß / ſetzte die Spitz an die Bruſt / und den Knopff an Wagen / und thaͤt nicht anderſt / als wenn er ſich jetzt erſtechen wolte: Jch gedachte / der Teuffel iſt ein Schelm / ſprach ihm derowegen zu / und gab ihm Vertroͤſtung / am morgen fruͤhe einen endlichen Beſcheid zu erthei - len / davon wurde er content, und gieng ſchlaffen / ich aber wachte deſto laͤnger / dieweil ich meinen ſeltza - men Stand betrachtete: Jch befand wol / daß mein Sach in die Laͤnge kein gut thun wuͤrde / dann die Rittmeiſterin wurde je laͤnger je importuner mit ih - ren Reitzungen / der Rittmeiſter verwegener mit ſei - nen Zumuthungen / und der Knecht verzweiffelter in ſeiner beſtaͤndigen Liebe / ich wuſte mir aber darumb nicht auß ſolchem Labyrinth zu belffen. Jch muſteK vofft224Deß Abentheurl. Simpliciſſimiofft meiner Frau bey hellem Tag Floͤb faugen / nur darumb / damit ich ihre Alabaſter-weiſſe Bruͤſt ſehen / und ihren zarten Leib genug betaſten ſolte / welches mir / weil ich auch Fleiſch und Blut hatte / in die Laͤng zu ertragen ſchwer fallen wolte; ließ mich dann die Frau zu frieden / ſo quaͤlte mich der Rittmeiſter / und wenn ich vor dieſen beyden bey Nacht Ruhe haben ſotte / ſo peinigte mich der Knecht / alſo daß mich das Weiber-Kleid viel ſaurer zu tragen ankam / als mei - ne Narꝛn-Kapp; Damal (aber viel zu ſpat) gedach - te ich fleiſſig an meines Seel. Hertzbruders Weiſſa - gung und Warnung / und bildete mir nichts anders ein / als daß ich ſehon wuͤrcklich in der jenigen Ge - ſaͤngnus auch Leib - und Lebensgeſahr ſteckte / davon er mir geſagt hatte / dann das Weiber-Kleid hielte mich gefangen / weil ich darinn nicht außreiſſen kon - te / und der Rittmeiſter wuͤrde uͤbel mit mir geſpielet haben / wenn er mich erkant / und einmal bey ſeiner ſchoͤnen Frauen uͤber dem Floͤh fangen erdappt haͤtte. Was ſolt ich thun? Jch beſchloß endlich dieſelbe Nacht / mich dem Knecht zu offenbaren / ſo bald es Tag wuͤrde / dann ich gedachte / ſeine Liebsregungen werden ſich alsdann legen / und wenn du ihm von dei - nen Ducaten ſpendireſt / ſo wird er dir wieder zu ei - nem Mannskleid / und alſo in demſelbigen auß allen deinen Noͤthen helffen. Es waͤre wol außgeſonnen geweſen / wann nur das Glück gewolt haͤtte / aber es war mir zu wider.

Mein Hans lieſſe ihm gleich nach Mitternacht tagen / das Jawort zu holen / und fieng an am Wagen zu rapplen / als ich eben anfieng am aller-ſtaͤrckſten zu ſchlaffen; Er rieff etwas zu laut / Sabina / Sabina /Ach225Zweytes Buch. Ach mein Schatz ſteht auff / und balt mir euer Ver - ſprechen! alſo daß er den Rittmeiſter eber als mich darmit erweckte / weil er ſe in Zelt am Wagen ſtehen hatte / dieſem wurde ohne Zweiffel gruͤn und gelb vor den Augen / weil ihn die Eifer ſucht ohne das zuvor eingenommen / doch kam er nicht berauß unſer Thun zu zerſtoͤren / ſondern ſtund nur auff / zu ſehen / wie der Handel ablauffen wolte; Zuletzt weckte mich der Knecht mit ſeiner Importunitaͤt / und noͤtigte mich / entweder auß dem Wagen zu ihm zu kommen / oder ihn zu mir einzulaſſen / ich aber ſchalt ihn auß / und fragte / ob er mich dann vor eine Hur anſebe? meine geſtrige Zuſag ſey auff den Eheſtand gegruͤndet / auſ - ſer deſſen er meiner nicht theilhafftig werden koͤnte; Er antwort / ſo ſolte ich jedannoch auffſtehen / weil es anfieng zu tagen / damit ich dem Geſind das Eſſen bey Zeiten verfertigen koͤnte / er wolte Holtz und Waſſer holen / und mir das Feuer zugleich anma - chen / Jch antwortet / wenn du das thun wilt / ſo kan ich deſto laͤnger ſchlaffen / gebe nur hin / ich will bald folgen: Weil aber der Narꝛ nicht ablaſſen wolte / ſtunde ich auff / mehr meine Arbeit zu verꝛichten / als ihm viel zu hofieren / ſintemal wie mich deuchte / ihn die geſtrige verzweiffelte Thorheit wieder verlaſſen hatte. Jch konte ſonſt zimlich wol vor eine Magd im Feld paſſirn / dann kochen / bachen und waͤſchen hatte ich bey den Croaten gelernet / ſo pflegen die Solda - ten-Weider ohne das im Feld nicht zu ſpinnen / was ich aber ſonſt vor Frauenzimmer Arbeit nicht konte / als wenn ich etwan der Frauen buͤrſten / und Zoͤpff machen ſolte / das uͤberſahe mir meine Rittmeiſterin gern / dann ſie wuſte wol / daß ichs nicht gelernet.

K[vi]W[ir]226Deß Abentheurl. Simpliciſſimi

Wie ich nun mit meinen hinderſich geſtraifften Ermeln vom Wagen herab ſtiege / wurde mein Hans durch meine weiſſe Arm ſo hefftig inflammirt / daß er ihm nicht abbrechen konte / mich zu kuͤſſen / und weil ich mich nicht ſonderlich wehrte / vermochte es der Rittmeiſter / vor deſſen Augen es geſchahe / nicht zu erdulden / ſondern ſprang mit bloſſem Degen auß dem Zelt / meinem armen Liebhaber einen Fang zu geben / aber er gieng durch / und vergaß das wiederkom̃en; der Rittmeiſter aber ſagte zu mir / Du Blut-Hur / ich will dich lernen ꝛc. mehrers konte er vor Zorn nicht ſagen / ſondern ſchlug auff mich zu / als wann er un - ſinnig geweſt waͤre; Jch fieng an zu ſchreyen / darum muſte er auffboͤren / damit er keinen Allarm erꝛegte / dann beyde Armeen / die Saͤchſtſche und Kaͤiſerliche / lagen damals beyeinander / weil ſich die Schwediſche unter dem Banier naͤherte.

Das XXVI. Capitel.

ALs es nun Tag worden / gab mich mein Herꝛ den Reuter-Jungen preiß / eben als beyde Armeen voͤllig auffbrachen; das war nun ein Schwarm von Lumpengeſind / und dahero die Hatz deſto groͤſſer und erſchroͤcklicher / die ich außzuſtehen hatte / ſie eyleten mit mir einem Buſch zu / ihre viehiſche Begierden deſto beſſer zu ſaͤttigen / wie dann dieſe Teuffelskinder im Brauch haben / wann ihnen ein Weibsbild derge - ſtalt uͤbergeben wird: So folgeten ihnen auch ſonſt viel Burſch nach / die dem elenden Spaß zuſahen / unter welchen mein Hans auch war / dieſer ließ mich nicht auß den Augen / und als er ſahe / daß es mir gelten ſolte / wolte er mich mit Gewalt erꝛetten / undſolte227Zweytes Buch. ſolte es ſeinen Kopff koſten; Er bekam Beyſtaͤnder / weil er ſagte / daß ich ſein verſprochene Braut waͤre / dieſe trugen ein Mitleiden mit mir und ihm / und be - gehrten ihm Huͤlff zu leiſten / ſolches war aber den Jungen / die beſſer Recht zu mir zu haben vermeyn - ten / und ein ſo gute Beut nicht auß Haͤnden laſſen wolten / allerdings ungelegen / derowegen gedachten ſie Gewalt mit Gewalt abzutreiben / da fienge man an Stoͤß außzutheilen von beyden Seiten her / der Zulauff und der Lermen wurde je laͤnger je groͤſſer / alſo daß es ſchier einem Turnier gleich ſahe / in wel - chem jeder umb einer ſchoͤnen Damen willen das beſte thut. Jhr ſchroͤcklich Geſchrey lockte den Rumor - Meiſter herzu / welcher eben ankam / als ſie mir die Kleider vom Leib geriſſen / und geſehen hatten / daß ich kein Weibsbild war / ſeine Gegenwart machte alles ſtockſtill / weil er vielmehr gefoͤrcht wurde / als der Teuffel ſelbſt / auch verſtoben alle die jenige / die widereinander Hand angelegt hatten / er informirt ſich der Sach kurtz / und in dem ich hoffte / er wuͤrde mich erꝛetten / nam er mich dargegen gefangen / weil es ungewoͤhnlich und faſt argwoͤhniſche Sach war / daß ſich ein Mannsbild bey einer Armee in Weiber - Kleidern ſolte finden laſſen / dergeſtalt wanderten er und ſeine Burſch mit mir neben den Regimentern daher (welche alle im Feld ſtunden / und marchiren wolten) der Meynung / mich dem General Auditor oder General Gewaltiger zu uͤberliefern / da wir aber bey meines Obriſten Regiment vorbey wolten / wur - de ich erkant / angeſprochen / ſchlechtlich durch mei - nen Obriſten bekleidet / und unſerm alten ProvoſenK vijgefaͤng -228Deß Abentheurl. Simpliciſſimigeſaͤnglich uͤberliefert / welcher mich an Haͤnde und Fuͤß in die Eiſen ſchloſſe.

Es kam mich gewaltig ſauer an / ſo in Ketten und Banden zu marchirn / ſo haͤtt mich auch der Schmal - hans trefflich gequaͤlt / wann mir der Secretarius Oli - vier nicht ſpendirt haͤtte / dann ich dorffte meine Du - caten / die ich noch bißher davon bracht hatte / nicht an deß Tages Liecht kommen laſſen / ich baͤtte dann ſolche miteinander verlieren / und mich noch darzu in groͤſſere Geſahr ſtecken wollen. Gedachter Olivier communicirte mir noch denſelbigen Abend / warumd ich ſo hart gefangen gehalten wurde / und unſer Re - giments-Schultbeiß bekam gleich Befelch / mich zu examiniren / damit meine Außſag dem General Au - ditor deſto eber zugeſtellt werden moͤchte / dann man hielte mich nicht allein vor einen Kundſchaffter und Spionen / ſondern auch gar vor einen der bexen koͤn - te / dieweil man kurtz hernach / als ich von meinem Obriſten außgetretten / einige Zauberinnen verbrennt / die bekant hatten / und darauff geſtorben waͤren / daß ſie mich auch bey ihrer General-Zuſammenkunfft ge - ſehen baͤtten / da ſie beyeinander geweſen / die Elb auß - zutruͤcknen / damit Magdeburg deſto eher eingenom - men werden koͤnte Die Puncten / darauff ich Antwort geben ſol[t]e / waren dieſe:

Erſtlich / ob ich nicht ſtudirt haͤtte / oder auffs we - nigſte ſchreibens und leſens erfahren waͤre?

Zweytens / warumb ich mich in Geſtalt eines Narꝛn dem Laͤger vor Magdeburg genaͤhert / da ich doch in deß Rittmeiſters Dienſten ſo wol als jetzt wi - tzig genug ſeye?

Dri[t]-229Zweytes Buch.

Drittens / auß was Urſachen ich mich in Weiber - Kleider verſtellet?

Viertens / ob ich mich nicht auch neben andern Unholden auff dem Hexentantz befunden?

Wo Fuͤnfftens mein Vatterland / und wer meine Eltern geweſen ſeyen?

Sechſtens / wo ich mich auffgehalten / ehe ich in das Laͤger vor Magdeburg kommen?

Wo und zu was End ich Sibendens die Weiber - Arbeit / als waͤſchen / bachen / kochen / ꝛc. gelernet? Jtem das Lautenſchlagen?

Hierauff wolte ich mein gantzes Leben erzehlen / damit die Umbſtaͤnd meiner ſeltzamen Begegnuſſen alles recht erleutern / und dieſe Fragen mit der War - heit fein verſtaͤndlich unterſcheiden koͤnten; der Re - giments-Schultheiß war aber nicht ſo curios, ſon - dern vom marchiren muͤd und verdroſſen / derowegen begehrte er nur eine kurtze runde Antwort auff das / was gefragt wuͤrde. Demnach antwortet ich folgen - der geſtalt / darauß man aber nichts eigentliches und gruͤndliches faſſen konte / und zwar

Auff die erſte Frag / Jch haͤtte zwar nicht ſtudirt / koͤnte aber doch Teutſch leſen und ſchreiben.

Auff die Zweyte / weil ich kein ander Kleid gehabt / haͤtte ich wol im Narꝛnkleid auffziehen muͤſſen.

Auff die Dritte / weil ich meines Narꝛnkleids muͤd geweſen / und keine Mannskleider haben koͤnnen.

Auff die Vierte / Ja / ich ſey aber wider meinen Willen hin gefahren / koͤnte aber gleichwol nich zaubern.

Auff die Fuͤnffte / mein Vatterland ſey der Speſ - fert / und meine Eltern Bauersleut.

Auff230Deß Abentheurl. Simpliciſſimi

Auff die Sechſte / zu Hanau bey dem Gubernator, und bey einem Croaten Obriſt Corpes genant.

Auff die Stebende / bey den Croaten hab ich waͤ - ſchen / bachen und kochen wider meinen Willen muͤſ - ſen lernen / zu Hanau aber das Lauten ſchlagen / weil ich Luſt darzu hatte.

Wie dieſe meine Außſag geſchrieben war / ſagte er: Wie kanſtu leugnen und ſagen / daß du nicht ſtudirt habeſt / da du doch / als man dich noch vor ei - nen Narꝛn bielte / einem Prieſter unter waͤhrender Meß auff die Wort / Domine, non ſum dignus, auch in Latein geantwort / Er doͤrffte ſolches nicht ſagen / man wiſſe es zuvor wol? Herꝛ / antwortet ich / das haben mich damals andere Leut gelernet / und mich uͤberꝛedet / es ſeye ein Gebet / das man bey der Meß ſprechen muͤſſe / wann unſer Caplan den Gottesdienſt verꝛichte; Ja / ja / ſagte der Regim. Schultheiß / ich ſehe dich vor den Rechten an / dem man die Zung mit der Folter loͤſen muß. Jch gedachte / ſo helff GOtt! wanns deinem naͤrꝛiſchen Kopff nachgebet.

Am andern Morgen fruͤh kam Befehl vom General Auditor an unſern Provoſen / daß er mich wol in acht nehmen ſolte / dann er war gefinnt / ſo bald die Armeen ſtill laͤgen / mich ſelbſt zu examiniren / auff welchen Fall ich ohne Zweiffel an die Folter gemuͤſt haͤtte / wann es Gott nicht anders gefuͤgt. Jn dieſer Gefan - genſchafft dachte ich ſtetigs an meinen Pfarꝛer zu Hanau / und den verſtorbenen alten Hertzbruder / weil ſie beyde wahr geſagt / wie mirs ergehen wuͤrde / wenn ich wieder auß meinem Narꝛnkleid kaͤme.

Das231Zweytes Buch.

Das XXVII. Capitel.

DEnſelben Abend / als wir uns kaum gelaͤgert batten / wurde ich zum General Auditor gefuͤhrt / der hatte meine Außſag ſampt einem Schreib-zeug vor ſich / und fieng an mich beſſer zu examiniren; ich bingegen erzehlte meine Haͤndel / wie ſie an ſich ſelbſt waren / es wurde mir aber nicht geglaubt / und konte der General Auditor nicht wiſſen / ob er einen Narꝛn oder außgeſtochenen Boͤßwicht vor ſich hatte / weil Frag und Antwort ſo artlich fiele / und der Handel an ſich ſelbſt ſeltzam war; Er hieſſe mich eine Feder nehmen und ſchreiben / zu ſehen was ich koͤnte / und ob etwan meine Handſchrifft bekant / oder doch ſo be - ſchaffen waͤre / daß man etwas darauß abnehmen moͤchte? Jch ergriff Feder und Papier ſo geſchick - lich / als einer der ſich taͤglich damit uͤbte / und fragte / was ich ſchreiben ſolte? der General Auditor (wel - cher vielleicht unwillig war / weil ſich mein Examen tieff in die Nacht hinein verzog) antwortet: Hey ſchreib deine Mutter die Hur! Jch ſetzte ihm dieſe Wort dahin / und da ſie geleſen wurden / machten ſie meinen Handel nur deſto ſchlimmer / dann der Gene - ral Auditor ſagte / jetzt glaube er erſt / daß ich ein rech - ter Vogel ſey; Er fragte den Provoſen / ob man mich viſitirt / und ob man nichts von Schrifften bey mir funden haͤtte? Der Provos antwortet / Nein / was ſolt man an ihm viſitirn / weil ihn der Rumor - meiſter gleichſam nackend zu uns gebracht: Aber Ach! das halff nichts / der Provos muſte mich in Gegenwart ihrer aller beſuchen / und indem er ſolches mit Fleiß verꝛichtet / findet er / O Ungluͤck! meinebeyde232Deß Abentheurl. Simpliciſſimibeyde Eſelsobren mit den Ducaten / umb meine Arm herumb gemacht. Da bieß es / was doͤrffen wir ferner Zeugnus? Dieſer Verꝛaͤther hat ohne Zweiffel ein groß Schelmſtuͤck zu verꝛichten auff ſich genommen / dann warumb ſolte ſich ſonſt ein Geſebeider in ein Narꝛnkleid ſtecken? oder ein Mannsbild in ein Wei - berkleid verſtellen? warumb vermeynt man wol / zu was End er ſonſt mit einem ſo anſehenlichen Stuͤck Geld verſehen ſeye / als etwas groſſes zu verꝛichten? Sagt er nicht ſelbſt / er habe bey dem Gubernator zu Hanau den aller-verſchlagneſten Soldaten in der Welt lernen auff der Lauten ſchlagen? Was ver - meynt ihr Herꝛen wol / was er ſonſt bey denſelben Spitzkoͤpffen vor liſtige Practiquen ins Werck zu ſe - tzen begriffen habe? der naͤchſte Weg iſt / daß man morgen mit ihm auff die Folter / und wie ers verdient haben wird / dem Feur zueyle / maſſen er ſich ohne das bey den Zauber ern befunden / und nichts beſſers werth iſt. Wie mir damals zu Muth geweſen / kan ſich je - der leicht einbilden / ich wuſte mich zwar unſchuldig / und hatte ein ſtarckes Vertrauen zu Gott; Aber den - noch ſahe ich meine Gefahr / und bejammerte den Verluſt meiner ſchoͤnen Ducaten / welche der General Auditor zu ſich ſteckte.

Aber ehe man dieſen ſtrengen Procefs mit mir ins Werck ſetzte / geriethen die Banieriſche den Unſeri - gen in die Haar / gleich anfaͤnglich kaͤmpfften die Ar - meen umb den Vorthel / und gleich darauff umb das ſchwere Geſchuͤtz / deſſen die Unſerige ſtracks verlu - ſtigt wurden: Unſer Provos hielte zwar zimlich weit mit ſeinen Leuten und den Gefangenen hinder der Battalia, gleichwol aber waren wir unſer Brigade ſonaht233Zweytes Buch. nahe / daß wir jeden von hinderwerts an den Kleidern erkennen konten; und als eine Schwediſche Eſqua - dron auff die unſerige traff / waren wir ſo wol als die Fechtende ſelbſt in Todtsgefahr / dann in einem Au - genblick floge die Lufft ſo haͤuffig voller ſingenden Ku - geln uͤber uns her / daß es das Anſeden hatte / als ob die Salve uns zu gefallen gegeben worden waͤre / dar - von duckten ſich die Forchtſame / als ob ſie ſich in ſich ſelbſt haͤtten verbergen wollen; die jenige aber / ſo Courage hatten / und mehr bey dergleichen Schertz geweſen / lieſſen ſolche ohnverblichen uͤber ſich hin ſtreichen; Jm Treffen ſelbſt aber / ſuchte ein jeder ſeinem Todt mit Nidermachung deß Naͤchſten / der ihm auffſtieß / vorzukommen / das greuliche ſchieſſen / das geklaͤpper der Harniſch / das krachen der Biquen / und das Geſchrey beydes der Verwundten und An - greiffenden / machten neben den Trompeten / Trom - meln und Pfeiffen ein erſchroͤckliche Muſic! da ſahe man nichts als einen dicken Rauch und Staub / wel - cher ſchiene / als wolte er die Abſcheulichkeit der Ver - wundten und Todten bedecken / in demſelbigen hoͤrete man ein jaͤmmerliches Weheklagen der Sterbenden / und ein luſtiges Geſchrey der jenigen / die noch voller Muth ſtacken / die Pferd ſelbſt hatten das Anſehen / als wenn ſie zu Verthedigung ihrer Herꝛn je laͤnger je friſcher wuͤrden / ſo hitzig erzeigten ſie ſich in dieſer Schuldigkeit / welche ſie zu leiſten genoͤtiget waren / deren ſahe man etliche unter ihren Herꝛn todt darni - der fallen / voller Wunden / welche ſie unverſchuldter Weis zu Vergeltung ihrer getreuen Dienſte empfan - gen hatten; andere fielen umb gleicher Urfach willen auff ihre Reuter / und hatten alſo in ihrem Todt dieEhr234Deß Abentheurl. SimpliciſſimiEhr / daß ſie von den jenigen getragen wurden / wel - che ſie in waͤhrendem Leben tragen muͤſſen; wiede - rumb andere / nachdem ſie ihrer hertzhafften Laſt / die ſie commandirt hatte / entladen worden / verlieſſen die Menſchen in ihrer Wut und Raſerey / riſſen auß / und ſuchten im weiten Feld ihr erſte Freyhet: Die Erde / deren Gewonheit iſt / die Todten zu bedecken / war damals an ſelbigem Ort ſelbſt mit Todten uͤber - ſtreut / welche auff unterſchiedliche Manier gezeich - net waren / Koͤpff lagen dorten / welche ihre natuͤr - liche Herꝛen verloren hatten / und hingegen Leiber / die ihrer Koͤpff mangleten; etliche hatten grauſam - und jaͤmmerlicher Weis das Jngeweid herauß / und andern war der Kopff zerſchmettert / und das Hirn zerſpritzt; da ſahe man / wie die entſeel[t]e Leiber ih - res eigenen Gebluͤts beraubet / und hingegen die le - bendige mit fremdem Blut befloſſen waren / da lagen abgeſchoſſene Aerm / an welchen ſich die Finger noch regten / gleichſam als ob ſie wieder mit in das Ge - draͤng wolten / hingegen riſſen Kerles auß / die noch keinen Tropffen Blut vergoſſen hatten / dort lagen abgeloͤſte Schenckel / welche ob ſie wol der Buͤrde ih - res Coͤrpers entladen / dannoch viel ſchwerer wor - den waren / als ſie zuvor geweſen; da ſahe man zer - ſtuͤmmelte Soldaten umb Befoͤrderung ihres Todts / hingegen andere umb Quartier u[n]d Verſchohnung ihres Lebens bitten. Summa Summarum, da war nichts anders als ein elender jaͤmmerlicher Anblick! Die Schwediſche Sieger trieben unſere Uberwun - dene von der Stell / darauff ſie ſo uͤngluͤcklich gefoch - ten / nachdem ſie ſolche zuvor zertrennt hatten / ſie mit ihrer ſchnellen Verfolgung vollends zerſtrenende. Bey235Zweytes Buch. Bey welcher Bewandnus mein Herꝛ Provos mit ſeinen Gefangenen auch nach der Flucht griffe / wie - wol wir mit einiger Gegenwehr umb die Uberwinder keine Feindſeeligkeit verdient hatten / und indeme er Provos uns mit dem Todt bedrohete / und alſo noͤ - tigte ſampt ihm durchzugehen / jagte der junge Hertz - bruder daher mit noch fuͤnff Pferden / und gruͤſte ihn mit einer Piſtoln: Sehe da / du alter Hund / ſagte er / iſts noch Zeit / junge Huͤndlein zu machen? Jch will dir deine Muͤhe bezahlen! Aber der Schuß be - ſchaͤdigt den Provoſen ſo wenig / als einen ſtaͤhlernen Amboß; Oho biſtu der Haar? ſagt Hertzbruder / ich will dir nicht vergeblich zu gefallen herkommen ſeyn / du muſt ſterben / und waͤre dir gleich die Seel angewachſen / noͤtigt darauff einen Mußquetierer von deß Provoſen bey ſich gehabter Wacht / daß er ihn / dafern er anderſt ſelbſt Quartier haben wolte / mit einer Axt zu todt ſchlug. Alſo bekam der Pro - vos ſeinen Lohn / ich aber wurde von Hertzbruder er - kant / welcher mich meiner Ketten und Band entledi - gen / auff ein Pferd ſetzen / und durch ſeinen Knecht in Sicherheit führen lieſſe.

Das XXVIII. Capitel.

GLeich wie mich nun meines Erꝛetters Knecht auß fernerer Gefahr fuͤhrete / alſo lieſſe ſich ſein Herꝛ hingegen erſt durch Begierd der Ehr und Beut recht hinein treiben / allermaſſen er ſich ſo weit verhauen / daß er gefangen wurde. Demnach die ſieghaffte Uber - winder die Beuten theilten / und ihre Todten begru - ben / mein Hertzbruder aber manglete / erbte deſſen Rittmeiſter mich mit ſampt ſeinem Knecht und Pfer -den /236Deß Abentheurl. Simpliciſſimiden / bey welchem ich mich vor einen Reuterjungen muſte gebrauchen laſſen / worvor ich nichts hatte / als dieſe Promeſſen / wenn ich mich wol hielte / und ein wenig beſſer meiner Jugend entgienge / daß er mich alsdann auffſetzen / das iſt / zu einem Reuter machen wolte / wormit ich mich dann alſo dahin gedulden muſte.

Gleich hernach wurde mein Rittmeiſter zum Obr. Leutenant vorgeſtellt / ich aber bekam das Ampt bey ihm / welches David vor alten Zeiten bey dem Koͤnig Saul vertretten / dann in den Quartieren ſchlug ich auff der Lauten / und im marchiren muſte ich ihm ſeinen Kuͤriß nachfuͤhren / welches mir ein beſchwer - liche Sach war; Und ob zwar dieſe Waffen / ihren Traͤger vor feindlichen Buͤffen zu beſchuͤtzen / erfun - den worden / ſo befande ich jedoch allerdings das Widerſpil / weil mich meine eigene Jungen / die ich außheckte / unter ihrem Schutz deſto ſicherer verfolg - ten / darunter hatten ſie ihren freyen Paß / Spaß und Tummelplatz / ſo daß es das Anſehen hatte / als ob ich den Harniſch ihnen und nicht mir / zur Beſchuͤtzung antruͤge / ſintemal ich mit meinen Armen nicht da - runter kommen / und keinen Streiff unter ſie thun konte. Jch war auff allerhand Stratagemata bedacht / wie ich dieſe Armada vertilgen moͤchte / aber ich hatte weber Zeit noch Gelegenheit ſie durchs Feuer (wie in den Bach-oͤfen geſchicht) noch durchs Waſſer / oder durch Gifft (maſſen ich wol wuſte / was das Queckſilber vermochte) außzurotten; viel weniger vermochte ich die Mittel / ſie durch ein ander Kleid oder weiſſe Hemder abzuſchaffen / ſondern muſte mich mit ihnen ſchleppen / und Leib und Blut zum beſtengeben237Zweytes Buch. geben / wenn ſie mich dann ſo unter dem Harniſch plagten und nagten / ſo wiſchte ich mit einer Piſtoln herauß / als ob ich haͤtte Kuglen mit ihnen wechſeln wollen / nam aber nur den Ladſtecken / und ſtieſſe ſie damit von der Koſt; endlich erfand ich die Kunſt / daß ich einen Beltzfleck darumb wickelte / und ein artlich Klebgarn vor ſie zurichtete / wann ich dann mit die - ſem Lauß. Angel unter den Harniſch fuhr / fiſchte ich ſie Dutzetweis auß ihrem Vortel / welchen ich mit - einander die Haͤls uͤber das Pferd abſtuͤrtzte / es moch - te aber wenig erklecken.

Einsmals wurde mein Obriſt Leutenant comman - dirt / eine Cavalcada mit einer ſtarcken Parthey in Weſtphalen zu thun / und waͤre er damals ſo ſtarck an Reutern geweſen / als ich an Laͤuſen / ſo haͤtte er die gantze Welt erſchreckt / weil ſolches aber nicht war / muſte er behutſam gehen / auch ſolcher Urſachen halber ſich in der Gemmer Marck (das iſt ein ſo ge - nanter Wald zwiſchen Ham und Soeſt) heimlich halten; Damals wars mit den meinigen auffs hoͤch - ſte kommen / ſie quaͤlten mich ſo hart mit Miniren / daß ich ſorgte / ſie moͤchten ſich gar zwiſchen Fell und Fleiſch hinein logiren. Kein Wunder iſts / daß die Braſtlianer ihre Laͤus auß Zorn und Rachgier freſſen / weil ſie einen ſo draͤngen! Einmal / ich ge - traute meine Pein nicht laͤnger zu gedulden / ſondern gienge als theils Reuter fuͤtterten / theils ſchlieffen / und theils Schildwacht hielten / ein wenig beyſeits unter einen Baum / meinen Feinden eine Schlacht zu liefern / zu ſolchem End zog ich den Harniſch auß / unangeſehen andere denſelben anziehen / wann ſie fechten wollen / und fienge ein ſolches Wuͤrgen undMorden238Deß Abentheurl. SimpliciſſimiMorden an / daß mir gleich beyde Schwerder an den Daumen von Blut triefften / und voller todten Coͤr - per / oder vielmehr Baͤlg hiengen / welche ich aber nicht umbbringen mochte / die verwieſe ich ins Elend / und ließ ſie unter dem Baum herumb ſpatzieren. So offt mir dieſe Rencontre zu Gedaͤchtnus kompt / beiſt mich die Haut noch allenthalben / natuͤrlich als ob ich noch mitten in der Schlacht begriffen waͤre. Jch dachte zwar / ich ſolte nicht ſo wider mein eigen Ge - bluͤt wuͤten / vornemlich wider ſo getreue Diener / die ſich mit einem hencken und radbrechen lieſſen / und auff deren Menge ich offt im freyen Feld auff harter Erde ſanfft gelegen waͤre; aber ich fuhr doch in mei - ner Tyranney ſo unbarmhertzig fort / daß ich auch nicht gewahr wurde / wie die Kaͤiſerl. meinen Obriſt Leutenant chargirten / biß ſie endlich auch an mich kamen / die arme Laͤus entſetzten / und mich ſelbſt ge - fangen namen / dann dieſe ſcheuten meine Mannheit gar nicht / vermittelſt deren ich kurtz zuvor viel 1000. erlegt / und den Titul eines Schneiders (ſieben auff einen Streich) uͤberſtiegen hatte. Mich kriegte ein Dragoner / und die beſte Beut die er von mir hatte / war meines Obriſt Leutenants Kuͤrts / welchen er zu Soeſt / da er im Quartier lag / dem Commandanten zimlich wol verkauffte. Alſo wurde er im Krieg mein ſechſter Herꝛ / weil ich ſein Jung ſeyn muſte.

Das XXIX. Capitel.

UNſere Wirthin / wolte ſie nicht / daß ich ſie und ihr gantzes Hauß mit meinen Voͤlckern beſetzte / ſo muſte ſie mich auch darvon entledigen; ſie machte ihnen den Proceß kurtz und gut / ſteckt meine Lumpenin239Zweytes Buch. in Bach-ofen / und brennet ſie ſo ſauber auß wie eine alte Tabackpfeiffe / alſo daß ich wieder diß Unziefers halber wie in einem Roſengarten lebte / ja es kan nie - mand glauben / wie mir ſo wol war / da ich auß dieſer Qual war / in welcher ich etlich Monat wie in einem Ameißhauffen geſeſſen; hingegen hatte ich gleich ein ander Creutz auff dem Hals / weil mein Herꝛ einer von den jenigen Soldaten war / die in Him̃el zu kom - men getrauen / er lieſſe ſich glatt an ſeinem Sold ge - nuͤgen / und betruͤbte im uͤbrigen kein Kind / ſein gan - tze Proſperitaͤt beſtunde in dem was er mit wachen verdienet / und von ſeiner wochentlichen Lehnung er - kargte / ſolches wiewol es wenig war / hube er hoͤher auff / als mancher die Orientaliſche Perlen / einen jeden Blomeuſer naͤhete er in ſeine Kleider / und da - mit er deren einige in Vorꝛath kriegen moͤchte / muſte ich und ſein armes Pferd daran ſparen helffen / dar - von kams / daß ich den treugen Pumpernickel gewal - tig beiſſen / und mich mit Waſſer / oder wanns wol gieng / mit dinn Bier behelffen muſte / welches mir ein abgeſchmacke Sach war / maſſen mir meine Keel von dem ſchwartzen truckenen Brod gantz rauch / und mein gantzer Leib gantz mager wurde; wolt ich aber beſſer freſſen / ſo mochte ich ſtelen / aber mit außtruͤck - licher Beſcheidenheit / daß er nichts darvon innen wuͤrde: Seinet halben haͤtte man weder Galgen / Eſel / Hencker / Steckenknecht noch Feldſcherer be - doͤrfft / auch keine Marquetender noch Trommel - ſchlager / die den Zapffenſtreich gethan haͤtten / dann ſein gantzes Thun war fern von Freſſen / Sauffen / Spielen und allen Duellen / wann er aber irgends hin auff Convoy / Partey / oder ſonſt einen AnſchlagLcom -240Deß Abentheurl. Simpliciſſimicommandirt wurde / ſo ſchlendert er mit dahin / wie ein alt Weib am Stecken. Jch glaube auch gaͤntz - lich / wann dieſer gute Dragoner ſolche heroiſche Soldaten-Tugenden nicht an ſich gehabt / daß er mich auch nicht gefangen bekommen haͤtte / dann er waͤre ja meinem Obriſt Leutenant nachgerennt. Jch hatte mich keines Kleids bey ihm zu getroͤſten / weil er ſelbſt uͤber und uͤber zerflickt daher gieng / gleichſam wie mein Einſidel; So war ſein Sattel und Zeug auch kaum drey Batzen werth / und das Pferd von Hunger ſo hinfaͤllig / daß ſich weder Schwed noch Heß vor ſeinem dauerhafften nachjagen zu foͤrchten hatte.

Solches alles bewegte ſeinen Hauptmann / ihn ins Paradeis / ein ſo genantes Frauen-Cloſter / auff Salvaguardi zu legen / nicht zwar / als waͤre er viel nutz darzu geweſen / ſondern damit er ſich begraſen / und wieder mondiren ſolte / vornemlich aber auch / weil die Nonnen umb einen frommen / gewiſſenhaff - ten und ſtillen Kerl gebetten hatten. Alſo ritte er da - hin / und ich gieng mit / weil er leyder nur ein Pferd hatte: Botz Gluͤck Simbrecht, (dann er konte den Nahmen Simplicius nicht behalten) ſagte er unter - wegs / kommen wir in das Paradeis / wie wollen wir freſſen! Jch antwortet / der Nahm iſt ein gut Omen, Gott geb daß der Ort auch ſo beſchaffen ſeye; Frey - lich / ſagte er / (dann er verſtunde mich nicht recht) wenn wir alle Tag zwey Ohmen von dem beſten Bier ſauffen koͤnten / ſo wirds uns nicht abgeſchlagen / halt dich nur wol / ich will mir jetzt bald ein braven neuen Mantel machen laſſen / alsdann haſtu den al - ten / das gibt dir noch einen guten Rock; Er nennetihn241Zweytes Buch. ihn recht den alten / dann ich glaub / daß ihm die Schlacht vor Pavia noch gedachte / ſo gar Wetter - faͤrbig und abgeſchaben ſahe er auß / alſo daß er mich wenig damit erfreute.

Das Paradeis fanden wir / wie wirs begehrten / und noch daruͤber / an ſtatt der Engel / ſchoͤne Jung - frauen darinnen / welche uns mit Speiß und Tranck alſo tractirten / daß ich in Kuͤrtze wieder einen glatten Balg / dann da ſetzte es das fetteſte Bier / die beſte Weſtphaliſche Schincken und Knackwũrſt / wolge - ſchmack und ſehr delicat Rindfleiſch / das man auß dem Saltzwaſſer kochte / und kalt zu eſſen pflegte; da lernete ich das ſchwartze Brod Fingers dick mit geſaltzenem Butter ſchmieren / und mit Kaͤß belegen / damit es deſto beſſer rutſchte / und wann ich ſo uͤber einen Hamelskolben kam / der mit Knoblauch ge - ſpickt war / und ein gute Kanne Bier darneben ſtahn hatte / ſo erquickte ich Leib und Seel / und vergaſſe all meines außgeſtandenen Leyds. Jn Summa / diß Pa - radeis ſchlug mir ſo wol zu / als ob es das rechte ge - weſt waͤre; kein ander Anligen hatte ich / als daß ich wuſte / daß es nicht ewig waͤhren wuͤrde / und daß ich ſo zerlumpt daher gehen muſte.

Aber gleich wie mich das Ungluͤck Hauffenweiß uͤberfiele / da es anfieng mich hiebevor zu reuten / alſo bedunckte mich auch jetzt / das Gluͤck wolte es wieder Wett ſpielen: Dann als mich mein Herꝛ nach Soeſt ſchickte / ſeine Bagage vollends zu holen / fand ich un - terwegs einen Pack / und in demſelben etliche Ehlen Scharlach zu einem Mantel / ſampt rothem Sam̃et zum Futter / das nam ich mit / und verdauſchte es zu Soeſt mit einem Tuch-Haͤndler / umb gemein gruͤnL ijwuͤllen242Deß Abentheurl. Simpliciſſimiwuͤllen Tuch zu einem Kleid / ſampt der Außſtaffie - rung / mit dem Geding / daß er mir ſolches Kleid auch machen laſſen / und noch darzu einen neuen Hut auff - geben ſolte; und demnach mir nur noch ein par neuer Schuh und ein Hemd abgieng / gab ich dem Kraͤmer die filberne Knoͤpff und Galaunen auch / die zu dem Mantel gehoͤrten / worvor er mir dann ſchaffte was ich noch brauchte / und mich alſo Nagelneu herauß butzte. Alſo kchrte ich wieder ins Paradeis zu mei - nem Herꝛn / welcher gewaltig kollerte / daß ich ihm den Fund nicht gebracht hatte / ja er ſagte mir vom Bruͤgeln / und haͤtte ein geringes genommen (wann er ſich nicht geſchaͤmt / und ihm das Kleid gerecht ge - weſen waͤre) mich außzuziehen / und das Kleid ſelbſt zu tragen / wiewol ich mir eingebildet / gar wol ge - handelt zu haben.

Jndeſſen muſte ſich der karge Filtz ſchaͤmen / daß ſein Jung beſſer gekleidet war als er ſelbſten / dero - wegen ritte er nach Soeſt / borgte Geld von ſeinem Hauptmann / und mondirte ſich damit auffs beſte / mit Verſprechen / ſolches von ſeinen wochentlichen Salvaguardi Geldern wieder zu erſtatten / welches er auch fleiſſig thaͤt / er haͤtte zwar ſelbſten noch wol ſo viel Mittel gehabt / er war aber viel zu ſchlau ſich an - zugreiffen / dann haͤtte ers gethan / ſo waͤre ihm die Bernhaut entgangen / auff welcher er denſelbigen Winter im Paradeis ligen konte / und waͤre ein an - derer nackender Kerl an ſeine ſtatt geſetzt worden / mit der Weis aber muſte ihn der Hauptmann wol ligen laſſen / wolte er anders ſein außgeliehen Geld wieder haben. Von dieſer Zeit an hatten wir das aller - faͤulſte Leben von der Welt / in welchem Keglen un -ſer243Zweytes Buch. ſer allergroͤſte Arbeit war / wann ich meines Drago - ners Klepper geſtriegelt / gefuͤttert und getraͤnckt hat - te / ſo trieb ich das Junckern-Handwerck / und gieng ſpatzieren; Das Cloſter war auch von den Heſſen unſerm Gegentheil / von der Lippſtatt auß / mit einem Mußquetier ſalvaguard rt / derſelbe war ſeines Hand - wercks ein Kuͤrſchner / und dahero nicht allein ein Meiſter-Saͤnger / ſondern auch ein trefflicher Fech - ter / und damit er ſeine Kunſt nicht vergaͤſſe / uͤbte er ſich taͤglich mit mir vor die lange Weil in allen Ge - wehren / worvon ich ſo fir wurde / daß ich mich nicht ſcheute ihm Beſcheid zu thun wann er wolte; mein Dragoner aber kegelte an ſtatt deß Fechtens mit ihm / und zwar umb nichts anders / als wer uͤber Tiſch das meiſte Bier außſauffen muſte / damit gieng eines jeden Verluſt uͤbers Cloſter.

Das Stifft vermochte ein eigene Wildbahn / und hielte dahero auch einen eigenen Jaͤger / und weil ich auch gruͤn gekleidet war / geſellete ich mich zu ihm / und lernete ihm denſelben Herbſt und Winter alle ſeine Kuͤnſte ab / ſonderlich was das kleine Waid - werck angelangt. Solcher Urſachen halber / und weil der Nahm Simplicius etwas ungewoͤhnlich / und den gemeinen Leuten vergeßlich / oder ſonſt ſchwer außzuſprechen war / nennete mich jederman dat Jaͤjerken; darbey wurden mir alle Weg und Steg bekant / welches ich mir hernach trefflich zu Nutz machte; Wann ich aber wegen uͤblen Wetters in Waͤldern und Feldern nicht herumb konte ſchwer - men / ſo laſe ich allerhand Buͤcher / die mir deß Clo - ſters Verwalter leyhete. So bald aber die Adeliche Cloſterfrauen gewahr wurden / daß ich neben meinerL iijguten244Deß Abentheurl. Simpliciſſimiguten Stimm auch auff der Lauten / und etwas we - nigs auffdem Jnſtrument ſchlagen konte / ermaſſeu ſie auch mein Thun deſto genauer / und weil eine zim - liche Leibs-Proportion und ſchoͤnes Angeſicht darzu kam / hielten ſie alle mein Sitten / Weſen / Thun und Laſſen vor Adelich / dergeſtalt nun muſte ich ohnver - ſehens ein ſehr beliebter Juncker ſeyn / uͤber welchem man ſich verwundert / daß er ſich bey einem ſo lieder - lichen Dragoner behuͤlffe.

Als ich nun ſolcher geſtalt denſelben Winter in aller Wolluſt hingebracht hatte / wurde mein Herꝛ abgeloͤſt / welches ihm auff das gute Leben ſo and thaͤt / daß er daruͤber erkranckte / und weil auch ein ſtarckes Fieber darzu ſchlug / zumalen auch die alte Mucken / die er ſein Lebtag im Krieg auffgefangen / darzu kamen / machte ers kurtz / allermaſſen ich in drey Wochen hernach etwas zu begraben hatte / ich machte ihm dieſe Grabſchrifft:

Der Schmalhans liget hier / ein dapfferer Soldat / Der all ſein Lebetag kein Blut vergoſſen hat. ()

Von Rechts und Gewonheit wegen haͤtte der Haupt - mann Pferd und Gewehr / der Fuͤhrer aber die uͤbri - ge Verlaſſenſchafft zu ſich nehmen und erben ſollen / weil ich aber damals ein friſcher auffgeſchoſſener Juͤngling war / und Hoffnung gabe / ich wuͤrde mit der Zeit meinen Mann nicht foͤrchten / wurde mir al - les zu uͤberlaſſen angebotten / wenn ich mich an mei - nes verſtorbenen Herꝛn ſtatt unterhalten laſſen wol - te; ich nams umb ſo viel deſto lieber an / weil mir bekant / daß mein Herꝛ in ſeinen alten Hoſen ein zim -liche245Zweytes Buch. liche Anzahl Ducaten eingenaͤhet verlaſſen / an wel - chen er ſein Lebtag zuſammen gekratzt hatte / und als ich zu ſolchem End meinen Nahmen / nemlich Simpli - cius Simpliciſſimus angab / der Muſter ſchreiber (wel - cher Cyriacus genant war) ſolchen aber nicht ortho - graphicè ſchreiben konte / ſagte er: Es iſt kein Teuf - fel in der Hoͤll / der alſo heiſt; und weil ich ihn hier - auff geſchwind fragte / ob dann einer in der Hoͤll waͤ - re / der Cyriacus hieſſe? er aber nichts zu antworten wuſte / ob er ſich ſchon klug zu ſeyn duͤnckte / gefiel ſol - ches meinem Hauptmann ſo wol / daß er gleich im Anfang viel von mir hielte.

Das XXX. Capitel.

WEil dem Commandanten in Soeſt ein Kerl im Stall mangelte / wie ich ihn einer zu ſeyn ge - duͤnckte / ſahe er nicht gern / daß ich ein Soldat wor - den war / ſondern unterſtunde ſich / mich noch zu be - kommen / maſſen er meine Jugend vorwandte / und mich vor keinen Mann paſſiren laſſen wolte; und als er ſolches meinem Herꝛn vorhielte / ſchickte er auch nach mir / und ſagte: Hoͤr Jaͤgergen / du ſolſt mein Diener werden; Jch fragte / was dann meine Ver - richtungen ſeyn ſolten? Er antwort / du ſolſt meiner Pferd helffen warten; Herꝛ / ſagte ich / wir ſind nicht voreinander / ich haͤtte lieber einen Herꝛn / in deſſen Dienſten die Pferd auff mich warten / weil ich aber keinen ſolchen werde haben koͤnnen / will ich ein Sol - dat bleiben; Er ſagte / dein Bart iſt noch viel zu klein! O Nein / ſagte ich / ich getraue einen Mann zu beſtehen der achtzig Jahr alt iſt / der Bart ſchlaͤgt keinen Mann / ſonſt wuͤrden die Boͤ[ck]hoch æſtimirtL jvwer -246Deß Abentheurl. Simpliciſſimiwerden; Er ſagte / wann die Courage ſo gut iſt / als das Maul-Leder / ſo will ich dich noch paſſirn laſſen; Jch antwortet / das kan in der naͤchſten Occaſion probirt werden / und gab damit zu verſtehen / daß ich mich vor keinen Stallknecht wolte gebrauchen laſ - ſen. Alſo ließ er mich bleiben der ich war / und ſagte / das Werck wuͤrde den Meiſter loben.

Hierauff wiſchte ich hinder meines Dragoners alte Hoſen her / und nachdem ich dieſelbe anatomirt hatte / ſchaffte ich mir auß deren Jngeweid noch ein gut Soldaten-Pferd / und das beſte Gewehr ſo ich kriegen konte / das muſte mir alles glaͤntzen wie ein Spiegel: Jch lieſſe mich wieder von neuem gruͤn kleiden / weil mir der Nahm Jaͤger ſehr beliebte / mein altes Kleid aber gab ich meinem Jungen / weil mirs zu klein worden / alſo ritte ich ſelb ander daher wie ein junger Edelmann / und duͤnckte mich fuͤrwahr kei - ne Sau zu ſeyn; ich war ſo kuͤhn / meinen Hut mit einem dollen Federbuſch zu zieren wie ein Officier / dahero bekam ich bald Neider und Mißgoͤnner / zwi - ſchen denſelben und mir ſetzte es zimlich empfindliche Wort / und endlich gar Ohrfeigen: Jch hatte aber kaum einem oder drey gewieſen / was ich im Paradeis vom Kuͤrſchner gelernet hatte / da ließ mich nicht al - lein jederman zu frieden / ſondern es ſuchte auch ein jeglicher meine Freundſchafft. Darneben lieſſe ich mich beydes zu Roß und Fuß auffs Partey gehen ge - brauchen / dann ich war wol beritten / und ſchneller auff den Fuͤſſen als einer meines gleichen / und wenn es etwas mit dem Feind zu thun gab / warff ich mich herfuͤr / wie das Boͤß in einer Wannen / und wolte allzeit vorn dran ſeyn / davon wurde ich in kurtzer Zeitbey247Zweytes Buch. bey Freunden und Feinden bekant / und ſo beruͤhmt / daß beyde Theil viel von mir hielten / allermaſſen mir die gefaͤhrlichſte Anſchlaͤg zu verꝛichten / und zu ſol - chem End gantze Parteyen zu commandiren anver - traut wurden / da fienge ich an zuzugreiffen wie ein Boͤhm / und wann ich etwas namhafftes erſchnapp - te / gab ich meinen Officiern ſo reiche Part darvon / daß ich ſelbig Handwerck auch an verbottenen Orten treiben dorffte / weil mir uͤberall durch geholffen wur - de. Der General Graf von Goͤtz hatte in Weſtpha - len drey feindliche Guarniſonen uͤbrig gelaſſen / nem - lich zu Dorſten / Lippſtatt und Coeßfeld / denen war ich gewaltig moleſt, dann ich lag ihnen mit geringen Partheyen bald hier bald dort ſchier taͤglich vor den Thoren / und erhaſchte manche gute Beut / und weil ich uͤberall gluͤcklich durch kam / hielten die Leut von mir / ich koͤnte mich unſichtbar machen / und waͤre ſo veſt wie Eiſen und Stahl / davon wurde ich gefoͤrcht wie die Peſt / und ſchaͤmten ſich 30. Mann vom Ge - gentheil nicht / vor mir durchzugehen / wann ſie mich nur mit 15. in der Naͤhe wuſten. Zuletzt kam es da - hin / wo nur ein Ort in Contribution zu ſetzen war / daß ich ſolches alles verꝛichten muſte / davon wurde mein Beutel ſo groß als mein Nahm / meine Officier und Cameraden liebten ihren Jaͤger / die vornehmſte Parteygaͤuger vom Gegentheil entſetzten ſich / und den Landmann hielt ich durch Forcht und Liebe auff meiner Seiten / dann ich wuſte meine Widerwertige zu ſtraffen / und die ſo mir nur den geringſten Dienſt thaͤten / reichlich zu belohnen / allermaſſen ich bey nahe die Helffte meiner Beuten wieder verſpendirte / und auff Kundſchafften außlegte. Solcher UrſachenL vhalber248Deß Abentheurl. Simpliciſſimihalber gieng keine Partey / keine Convoy / noch keine Raͤis auß deß Gegentheils Poſten / deren Außfahrt mir nicht zu wiſſen ward gethan / alsdann conjectu - rirt ich ihr Vorhaben / und macht meine Anſchlaͤg darauff / und weil ich ſolche mehrentheils durch Bey - ſtand deß Gluͤcks wol ins Werck ſetzte / verwunderte ſich jedweder uͤber meine Jugend / ſo gar / daß mich auch viel Officier und brave Soldaten vom Gegen - theil nur zu ſehen wuͤnſchten / darneben erzeigte ich mich gegen meinen Gefangenen uͤberauß diſcret, alſo daß ſie mich offt mehr koſteten / als meine Beuten werth waren / und wann ich einem vom Gegentheil / ſonderlich den Officiern / ob ich ſie ſchon nicht kante / ohne Verletzung meiner Pflicht und Herꝛndienſt ein Courtoiſie thun konte / unterlieſſe ichs nicht.

Durch ſolch mein Verhalten waͤre ich zeitlich zu Officien befoͤrdert worden / wanns meine Jugend nicht verhindert haͤtte / dann welcher in ſolchem Alter als ich trug / ein Faͤhnlein haben wolte / muſte ein guter von Adel ſeyn / zu dem konte mich mein Haupt - mann nicht befoͤrdern / weil keine ledige Stellen bey ſeiner Comp. waren / und keinem andern mochte er mich goͤnnen / weil er an mir mehr als eine melckende Kuhe verloren haͤtte / doch wurde ich ein Gefreyter. Dieſe Ehr / daß ich alten Soldaten vorgezogen wur - de / wiewol es ein geringe Sach war / und das Lob / das man mir taͤglich verliehe / waren gleichſam wie Sporn / die mich zu hoͤhern Dingen antrieben: Jch ſpeculirte Tag und Nacht / wie ich etwas anſtellen mōchte / mich noch groͤſſer zu machen / ja ich konte vor ſolchem naͤrꝛiſchen Nachſinnen offt nicht ſchlaf - fen: Und weil ich ſahe / daß mirs an Gelegenheitmang249Zweytes Buch. manglete / im Werck zu erweiſen / was ich vor einen Muth truͤge / bekuͤm̃erte ich mich / daß ich nicht taͤg - lich Gelegenheit haben ſolte / mich mit dem Gegen - theil in Waffen zu uͤben / ich wuͤnſchte mir offt den Trojaniſchen Krieg / oder eine Belaͤgerung wie zu Oſtende / und ich Narꝛ gedachte nicht / daß der Krug ſo lang zum Brunnen gehet / biß er einmal zerbricht. Es gehet aber nicht anders / wann ein junger unbe - ſonnener Soldat Geld / Gluͤck und Courage hat / dann da folget Ubermuth und Hoffart / und auß ſol - cher Hoffart hielte ich an ſtatt eines Jungen zween Knecht / die ich trefflich herauß ſtaffierte / und berit - ten machte / wormit ich mir aller Officierer Neid auffbuͤrdete.

Das XXXI. Capitel.

JCh muß ein Stuͤcklein oder etliche erzehlen / die mir hin und wieder begegnet / ehe ich wieder von meinen Dragonern kam / und ob ſie ſchon nicht von importanz ſeyn / ſind ſie doch luſtig zu hoͤren / dann ich nam nicht allein groſſe Ding vor / ſondern verſchmaͤ - het auch die geringe nicht / wann ich nur muthmaſ - ſete / daß ich Ruhm bey den Leuten dardurch erwecken moͤchte. Mein Hauptmann wurde mit etlich und fuͤnfftzig Mann zu Fuß in das Veſt von Recklinckhu - ſen commandirt / einen Anſchlag daſelbſt zu verꝛich - ten / und weil wir gedachten / wir wuͤrden / ehe wir ſolchen ins Werck ſetzen koͤnten / einen Tag oder et - lich uns in den Buͤſchen heimlich halten muͤſſen / nam jeder auff acht Tag Proviant zu ſich / demnach aber die reiche Caravana, deren wir auffpaßten / die beſtim̃te Zeit nicht ankam / gieng uns das Brod auß / welchesL vjwir250Deß Abentheurl. Simpliciſſimiwir nicht rauben dorfften / wir haͤtten uns dann ſelbſt verꝛathen / und unſer Vorhaben zu nichts werden laſſen wollen / dahero uns der Hunger gewaltig preßte / ſo hatte ich auch diß Orts keine Kunden / wie anderswo / die mir und den Meinigen etwas heimlich zutrugen / derowegen muſten wir / Fuͤtterung zu be - kommen / auff andere Mittel bedacht ſeyn / wenn wir anders nicht wieder laͤer heim wolten; Mein Came - rad / ein Lateiniſcher Handwercks-Geſell / der erſt kuͤrtzlich auß der Schul entloffen / und ſich unterhal - ten laſſen / ſeufftzete vergeblich nach den Gerſten - Suppen / die ihm hiebevor ſeine Eltern zum beſten verordnet / er aber verſchmaͤhet und verlaſſen hatte / und als er ſo an ſeine vorige Speiſen gedachte / erin - nert er ſich auch ſeines Schul-ſacks / bey welchem er ſolche genoſſen: Ach Bruder / ſagte er zu mir / iſts nicht eine Schand / daß ich nicht ſo viel Kuͤnſte er - ſtudirt haben ſoll / vermittelſt deren ich mich jetzund fuͤttern koͤnte / Bruder / ich weiß revera, wann ich nur zum Pfaffen in jenes Dorff gehen doͤrffte / daß es ein trefflich Convivium bey ihm ſetzen ſolte! Jch uͤber - lieff dieſe Wort ein wenig / und ermaß unſern Zu - ſtand / und weil die jenige ſo Weg und Steg wuſten / nicht hinauß doͤrfften / dann ſie waͤren ſonſt erkant worden / die Unbekante aber keine Gelegenheit wu - ſten / etwas heimlich zu ſtehlen oder zu kauffen / als machte ich meinen Anſchlag auff unſern Studenten / und hielte die Sach dem Hauptmann vor / wiewol nun daſſelbige Gefahr auff ſich hatte / ſo war doch ſein Vertrauen ſo gut zu mir / und unſere Sach ſo ſchlecht beſtellt / daß er darem conſentirte.

Jch verwechſelte meine Kleider mit einem andern /und251Zweytes Buch. und zottelt mit meinem Studenten beſagtem Dorff zu durch einen weiten Umbſchweiff / wiewol es nur ein halbe Stund von uns lag / in demſelben erkanten wir das naͤchſte Hauß bey der Kirch vor deß Pfarꝛers Wohnung / weil es auff Staͤttiſch gebaut war / und an einer Mauer ſtunde / die umb den gantzen Pfarꝛhof gieng: Jch hatte meinen Cameraden ſchon inſtruirt / was er reden ſolte / dann er hatte ſein abgeſchaben Studenten-Kleidlein noch an / ich aber gab mich vor einen Mahler-Geſellen auß / dann ich gedachte / ich wuͤrde dieſelbe Kunſt im Dorff nicht uͤben doͤrffen / weil die Bauren nicht bald gemahlte Haͤuſer haben. Der Geiſtliche Herꝛ war hoͤflich / als ihm mein Ge - ſell ein tieffe Lateiniſche Reverenz gemacht / und ei - nen Hauffen daher gelogen hatte / was geſtalt ihn die Soldaten auff der Raͤis gepluͤndert / und aller ſeiner Zehrung beraubt haͤtten / botte er ihm ſelbſt ein Stuͤck Butter und Brod / neben einem Trunck Bier an / ich aber ſtellte mich / als ob ich nicht zu ihm gehoͤrte / und ſagte / ich wolte im Wirthshauß etwas eſſen / und ihm alsdann ruffen / damit wir noch denſelben Tag ein ſtuͤck Wegs hinder ſich legen koͤnten: Alſo gieng ich dem Wirthshauß zu / mehr außzuſpehen was ich dieſelbe Nacht holen wolte / als meinen Hunger zu ſtillen / hatte auch das Gluͤck / daß ich unterwegs ei - nen Bauren antraff / der ſeinen Bach-ofen zuklaibte / welcher groſſe Pumpernickel darinnen hatte / die 24. Stund da ſitzen und außbachen ſolten. Jch machts beym Wirth kurtz / weil ich ſchon wuſte wo Brod zu bekommen war / kauffte etliche Stutten / (das iſt ein ſo genantes weiß Brod) ſolche meinem Hauptmann zu bringen / und da ich in Pfarꝛ-Hof kame / meinenL vijCame -252Deß Abentheurl. SimpliciſſimiCameraden zu mahnen / daß er gehen ſolte / hatte er ſich auch ſchon gekroͤpfft / und dem Pfarꝛer geſagt / daß ich ein Mahler ſey / und in Holland zu wandern vorhabens waͤre / meine Kunſt daſelbſten vollends zu perfectioniren; der Pfarꝛherꝛ hieſſe mich ſehr will - komm ſeyn / und bat mich / mit ihm in die Kirch zu gehen / da er mir etliche Stuͤck weiſen wolte / die zu repariren waͤren: Damit ich nun das Spiel nicht verderbte / muſte ich folgen: Er fuͤhrte uns durch die Kuͤchen / und als er das Nachtſchloß an der ſtarcken eychenen Thuͤr auffmachte / die auff den Kirch-Hof gieng / ô mirum! da ſahe ich / daß der ſchwartze Himmel auch ſchwartz voller Lauten / Floͤten und Geigen hienge / ich vermeyne aber die Schincken / Knackwuͤrſt und Speckſeiten / die ſich im Kamin be - fanden; dieſe blickte ich troſtmuͤthig an / weil mich beduͤnckte / als ob ſie mit mir lachten / und wuͤnſchte ſie / aber vergeblich / meinen Cameraden in Wald / dann ſie waren ſo hartnaͤckig / daß ſie mir zu Trotz hangen blieben / da gedachte ich auff Mittel / wie ich ſie obgedachtem Bach-Ofen voll Brod zugeſellen moͤchte / konte aber ſo leicht keines erſinnen / weil / wie obgemeldt / der Pfarꝛhof umbmauret / und alle Fenſter mit eiſernen Gittern genugſam verwahret waren / ſo lagen auch zween ungeheure groſſe Hund im Hof / welche / wie ich ſorgte / bey Nacht gewiß - lich nicht ſchlaffen wuͤrden / wann man das jenige haͤtte ſtehlen wollen / daran ihnen auch zu Belohnung ihrer getreuen Hut zu nagen gebührte.

Wie wir nun in die Kirch kamen / von den Ge - maͤhlden allerhand diſcurirten / und mir der Pfarꝛer etliche Stuͤck außzuheſſern verdingen wolte / ich aberaller -253Zweytes Buch. allerhand Außfluͤcht ſuchte / und meine Wander - ſchafft vorwandte / ſagte der Meßner oder Gloͤckner: Du Kerl / ich ſehe dich ehe vor einen verloffenen Sol - daten-Jungen an / als vor einen Mahler-Geſellen! Jch war ſolcher Reden nicht mehr gewohnet / und ſolte ſie doch verſchmirtzen / doch ſchuͤttelt ich nur den Kopff ein wenig / und antwortet ihm: O du Kerl / gib mir nur geſchwind Benfel und Farben her / ſo will ich dir in Huy einen Narꝛn daher gemahlt haben / wie du einer biſt; Der Pfarꝛer machte ein Gelaͤchter da - rauß / und ſagte zu uns beyden / es gezieme ſich nicht an einem ſo heiligen Ort einander wahr zu ſagen; gab damit zu verſtehen / daß er uns beyden glaubte / ließ uns noch einen Trunck langen / und alſo dahin ziehen. Jch aber lieſſe mein Hertz bey den Knack - wuͤrſten.

Wir kamen noch vor Nacht zu unſern Geſellen / da ich meine Kleider und Gewehr wieder nam / dem Hauptmann meine Verꝛichtung erehlet / und ſechs gute Kerl außlaſe / die das Brod heim tragen ſolten helffen / wir kamen umb Mitternacht ins Dorff / und huben in aller Stille das Brod auß dem Ofen / weil wir einen bey uns hatten / der die Hund bannen konte / und da wir bey dem Pfarꝛhof voruͤber wolten / konte ichs nicht uͤbers Hertz bringen / ohne Speck weiters zu paſſirn; Jch ſtund einsmals ſtill / und betrachtete mit Fleiß / ob nicht in deß Pfaffen Kuͤchen zu kom - men ſeyn moͤchte? ſahe aber keinen andern Eingang als das Kamin / welches vor dißmal meine Thuͤr ſeyn muſte; Wir trugen Brod und Gewehr auff den Kirchhof ins Beinhauß / und brachten ein Laiter und Sail auß einer Scheur zuwegen / und weil ichſo254Deß Abentheurl. Simpliciſſimiſo gut als ein Schornſteinfeger in den Kaminen auff und ab ſteigen konte / (als welches ich von Jugend auff in den holen Baͤumen gelernet hatte) ſtiege ich ſelb ander auffs Dach / welches von holen Ziegeln doppelt belegt / und zu meinem Vorhaben ſehr be - quem gebaut war: Jch wickelt meine lange Haar uͤber dem Kopff auff einen Buͤſchel zuſammen / ließ mich mit einem End deß Sails hinunder zu meinem geliebten Speck / und band einen Schincken nach dem andern / und eine Speckſeite nach der andern an das Sail / welches der auff dem Dach fein ordentlich zum Dach hinauß fiſchete / und den Andern in das Beinhaͤußlein zu tragen gabe: Aber potz Unſtern! da ich allerdings Feyrabend gemacht hatte / und wie - der uͤberſich wolte / brach eine Stange mit mir / alſo daß der arme Simplicius herunder fiele / und der elen - de Jaͤger ſich ſelbſt / wie in einer Maußfallen gefan - gen befande: Meine Cameraden auff dem Dach lieſ - ſen das Sail herunder / mich wieder hinauff zu zie - hen / aber es zerbrach / ehe ſie mich vom Boden brach - ten. Jch gedachte / nun Jaͤger / jetzt muſt du eine Hatz außſtehen / in welcher dir ſelbſt / wie dem Actæ - on, das Fell gewaltig zerꝛiſſen wird werden / dann der Pfarꝛer war von meinem Fall erwacht / und be - fohl ſeiner Koͤchin / alsbald ein Liecht anzuzuͤnden: Sie kam im Hemd zu mir in die Kuͤchen / hatte den Rock uͤber der Achſel hangen / und ſtunde ſo nahe neben mich / daß ſie mich damit ruͤhrte; ſie griff nach einem Brand / hielte das Liecht daran / und fieng an zu blaſen / ich aber blieſe viel ſtaͤrcker zu / als ſie ſelb - ſten / davon das gute Menſch ſo erſchrack / daß ſie Feur und Liecht fallen lieſſe / und ſich zu ihrem Herꝛnreti -255Zweytes Buch. retirirte; Alſo bekame ich Lufft / mich zu bedencken / durch was Mittel ich mir darvon helffen moͤchte / es wolte mir aber nichts einfallen: Meine Cameraden gaben mir durchs Kamin herunder zu verſtehen / daß ſie das Hauß auffſtoſſen / und mich mit Gewalt her - auß nemmen wolten / ich gabs ihnen aber nicht zu / ſondern befohl / ſie ſolten ihr Gewehr in acht nem - men / und allein den Spring-ins-feld oben bey dem Kamin laſſen / und erwarten / ob ich ohne Lermen und Rumor darvon kommen koͤnte / damit unſer An - ſchlag nicht zu Waſſer wuͤrde / wofern aber ſolches nicht ſeyn moͤchte / ſolten ſie alsdenn ihr beſtes thun; Interim ſchlug der Geiſtliche ſelbſt ein Liecht an / ſei - ne Koͤchin aber erzehlte ihm / daß ein greulich Ge - ſpenſt in der Kuͤchen waͤre / welches zween Koͤpff haͤtte (dann ſie hatte vielleicht meinen Buͤſchel Haar auff dem Kopff geſehen / und auch vor einen Kopff gehalten) das hoͤrete ich alles / machte mich dero - wegen mit meinen ſchmutzigen Haͤnden / darinn ich Aſchen / Ruß und Kohlen riebe / im Angeſicht und an Haͤnden ſo abſcheulich / daß ich ohn Zweiffel kei - nem Engel mehr (wie hiebevor die Cloſter-Frauen im Paradeis ſagten) gleich ſahe; und der Meßner / wann ers geſehen / mich wol vor einen geſchwinden Mahler haͤtte paſſiren laſſen. Jch fienge an in der Kuͤchen ſchroͤcklich zu poldern / und allerley Kuͤchen - Geſchirꝛ untereinander zu werffen / der Keſſel-Ring gerieth mir in die Haͤnd / den haͤngte ich an den Hals / den Feuer-Hacken aber behielt ich in den Haͤnden / mich damit auff den Nothfall zu wehren; Solches lieſſe ſich aber der fromme Pfaff nicht irꝛen / dann er kam mit ſeiner Koͤchin Proceſſions-weis daher /welche256Deß Abentheurl. Simpliciſſimiwelche zwey Wachsliechter in den Haͤnden / und einen Weyhwaſſer-Keſſel am Armtrug / er ſelbſten aber war mit dem Chor-Rock bewaffnet / ſampt den Stollen / und hatte den Sprengel in der einen / und ein Buch in der andern Hand / auß demſelben fienge er an mich zu exorciren / fragende: Wer ich ſeye / und was ich da zu ſchaffen haͤtte? Weil er mich dann nun vor den Teuffel ſelbſt hielte / ſo gedachte ich / es waͤre billich / daß ich auch wie der Teuffel thaͤte / daß ich mich mit Luͤgen behuͤlffe / antwortet dero - wegen: Jch bin der Teuffel / und will dir und deiner Koͤchin die Haͤls umbdraͤhen! Er fuhr mit ſeinem Exorciſmo weiter fort / und hielte mir vor / daß ich weder mit ihm noch ſeiner Koͤchin nichts zu ſchaffen haͤtte / hieſſe mich auch mit der allerhoͤchſten Be - ſchwoͤrung wieder hinfahren / wo ich herkommen waͤre; Jch aber antwortet mit gantz foͤrchterlicher Stimm / daß ſolches unmuͤglich ſeye / wenn ich ſchon gern wolte. Jndeſſen hatte Spring ins-feld / der ein abgefaͤumter Ertz-Vogel war / und kein Latein ver - ſtunde / ſeine ſeltzame Tauſendhaͤndel auff dem Dach / dann da er hoͤrete / umb welche Zeit es in der Kuͤchen war / daß ich mich nemlich vor den Teuffel außgab / mich auch der Geiſtliche alſo hielte / wixte er wie eine Eul / bellete wie ein Hund / wiherte wie ein Pferd / plehckte wie ein Geißbock / ſchrye wie ein Eſel / und lieſſe ſich bald durch den Kamin herunder hoͤren wie ein Hauffen Katzen / die im Hornung ram - meln; bald wie eine Henne die legen wolte / dann dieſer Kerl konte aller Thier Stimme nachmachen / und wann er wolte / ſo natuͤrlich heulen / als ob ein gantzer Hauffen Woͤlff beyeinander geweſen waͤre. Solches257Zweytes Buch. Solches aͤngſtigte den Pfarꝛer und ſeine Koͤchin auff das hoͤchſte / ich aber machte mir ein Gewiſſen / daß ich mich vor den Teuffel beſchwoͤren lieſſe / vor welchen er mich eigentlich hielte / weil er etwan ge - leſen oder gehoͤret hatte / daß ſich der Teuffel gern in gruͤnen Kleidern ſehen laſſe.

Mitten in ſolchen Aengſten / die uns beyderſeits umbgeben hatte / wurde ich zu allem Gluͤck gewahr / daß das Nacht-Schloß an der Thuͤr / die auff den Kirch-Hof gienge / nicht eingeſchlagen / ſondern der Rigel nur vorgeſchoben war: Jch ſchob denſelben geſchwind zuruͤck / wiſchte zur Thůr hinauß auff den Kirch-Hof (da ich dann meine Geſellen mit auffge - zogenen Hanen ſtehen fande) und ließ den Pfaffen Teuffel beſchwoͤren / ſo lang er immer wolte. Und demnach Spring-ins-feld mir meinen Hut von dem Dach gebracht / wir auch unſer Proviant auffge - ſackt hatten / giengen wir zu unſerer Burſch / weil wir im Dorff nichts mehr zu verꝛichten hatten / als daß wir die entlehnte Laiter ſampt dem Sail wieder haͤtten heim liefern ſollen.

Die gantze Partey erquickte ſich mit dem jeni - gen das wir geſtolen hatten / und bekam doch kein ei - niger den Kluckſen darvon / ſo geſegnete Leut waren wir! Auch hatten alle uͤber dieſe meine Farth genug - ſam zu lachen / nur dem Studenten wolte es nicht gefallen / daß ich den Pfaffen beſtolen / der ihm das Muͤnckelſpiel ſo grandig beſteckt hatte / ja er ſchwur auch hoch und theur / daß er ihm ſeinen Speck gern bezahlen wolte / wenn er die Mittel nur bey der Hand haͤtte / und fraſſe doch nichts deſto weniger mit / als ob ers verdingt haͤtte. Alſo lagen wir noch zweenTag258Deß Abentheurl. SimpliciſſimiTag an ſelbigem Ort / und erwarteten die jenige / denen wir ſchon ſo lang auffgepaßt hatten / wir ver - loren keinen einigen Mann im Angriff / und bekamen doch uͤber dreiſſig Gefangene / und ſo herꝛliche Beu - ten / als ich jemals theilen helffen: Jch hatte doppelt Part / weil ich das beſte gethan / das waren drey ſchoͤner Frießlaͤndiſcher Hengſt mit Kauffmanns - Wahren beladen / was ſie in Eyl fort tragen moͤch - ten / und wann wir Zeit gehabt / die Beuten recht zu ſuchen / und ſolche in Salvo zu bringen / ſo waͤre jeder vor ſein Theil reich genug worden / maſſen wir mehr ſtehen laſſen / als wir darvon brachten / weil wir mit dem was wir fort bringen konten / ſich in ſchnellſter Eyl dumlen muſten / und zwar ſo retirirten wir uns mehrer Sicherheit halber auff Rehnen / da wir fuͤt - terten / und die Beuten theilten / weil unſers Volcks da lag. Daſelbſt gedachte ich wieder an den Pfaffen / dem ich den Speck geſtolen hatte; der Leſer mag den - cken / was ich vor einen verwegenen / freveln und ehr - geitzigen Kopff hatte / in dem mirs nicht genug war / daß ich den frommen Geiſtlichen beſtolen / und ſo ſchroͤcklich geaͤngſtiget / ſondern ich wolte noch Ehr darvon haben; derowegen nam ich einen Sapphier in einen guͤldenen Ring gefaſt / den ich auff ſelbiger Partey erſchnappt hatte / und ſchickte ihn von Rehnen auß durch einen gewiſſen Botten meinem Pfarꝛer / mit folgendem Briefflein:

WOl-Ehrwuͤrdiger / ꝛc. Wenn ich dieſer Tagen im Wald noch etwas von Speiſen zu leben ge - habt haͤtte / ſo haͤtte ich nicht Urſach gehabt / E. Wol - Ehrw. ihren Speck zu ſtelen / worbey Sie vermuth - lich ſehr erſchroͤckt worden. Jch bezeuge beym Hoͤch -ſten259Zweytes Buch. ſten / daß Sie ſolche Angſt wider meinen Willen ein - genommen / hoffe derowegen die Vergebung deſto ebender: Was aber den Speck ſelbſt anbelangt / ſo iſts billich / daß ſelbiger bezahlt werde / ſchicke dero - halben an ſtatt der Bezahlung gegenwaͤrtigen Ring / den die jenige hergeben / umb welcher willen die Wahr außgenommen werden muͤſſen / mit Bitt / E. Wol - Ehrw. belieben damit vor lieb zu nehmen; verſichere darneben / daß dieſelbe im uͤbrigen auff alle Begeben - heit einen dienſifertigen und getreuen Diener hat an dem / den dero Meßner vor keinen Mahler haͤlt / wel - cher ſonſt genant wird

Der Jaͤger.

Dem Bauren aber / welchem ſie den Bach-Ofen außgelaͤert hatten / ſchickte die Partey auß gemeiner Beut 16. Reichsthaler / dann ich hatte ſie gelernet / daß ſie ſolcher geſtalt den Landmann auff ihre Seite bringen muͤſſen / als welche einer Partey offt auß al - len Noͤthen helffen / oder hingegen eine andere ver - rathen / verkauffen / und umb die Haͤls bringen koͤnten. Von Rehnen giengen wir auff Muͤnſter / und von dar auff Ham / und heim nach Soeſt in unſer Quartier / allwo ich nach wenig Tagen ein Antwort von dem Pfaffen empfieng / die alſo lautet:

EDler Jaͤger / ꝛc. Wann der jenige / dem ihr den Speck geſtolen / haͤtte gewuſt / daß Jhr ihme in teuffliſcher Geſtalt erſcheinen wuͤrdet / haͤtte er ſich nicht ſo offt gewuͤnſcht / den Land-beruffenen Jaͤger auch zu ſehen: Gleich wie aber das geborgte Fleiſch und Brod viel zu theuer bezahlt woꝛden / alſo iſt auch der eingenommene Schrecken deſto leichter zu ver - ſchmirtzen / vornemlich weil er von einer ſo beruͤhm -ten260Deß Abenth. Simpl. II. Buch. ten Perſon wider ihren Willen verurſacht worden / deren hiemit allerdings verziehen wird / mit Bitt / dieſelbe wolle ein ander mal ohne Scheu zuſprechen / bey dem der ſich nicht ſcheuet / den Teuffel zu be - ſchwoͤren. Vale.

Alſo machte ichs aller Orten / und uͤberkam dar - durch einen groſſen Ruff / und je mehr ich außgabe und verſpendirte / je mehr floſſen mir Beuten zu / und bildet ich mir ein / daß ich dieſen Ring / wiewol er bey 100. Reichstbaler werth war / gar wol angelegt haͤtte. Aber hiemit hat dieſes Zweyte Buch ein Ende.

ENDE deß II. Buchs.

Aben -261

Abentheurlicher Simpliciſſimus Teutſch: Das Dritte Buch.

Jnhalt deß III. Buchs.

  • Das 1. Capitel. Wie der Jaͤger zu weit auff die lincke Hand gehet.
  • Das 2. Capitel. Der Jaͤger von Soeſt ſchafft den Jaͤger von Werle ab.
  • Das 3. Capitel. Der groſſe Gott Jupiter wird gefangen / und eroͤffnet der Goͤtter Rathſchlaͤg.
  • Das 4. Capitel. Von dem Teutſchen Helden / der die gantze Welt bezwingen / und zwiſchen allen Voͤl - ckern Fried ſtifften wird.
  • Das 5. Capitel. Wie er die Religionen miteinander vereini - gen / und in einen Model gieſſen wird.
Das262Jnhalt
  • Das 6. Capitel. Was die Legation der Floͤh beym Jove ver - richtet.
  • Das 7. Capitel. Der Jaͤger erjaget abermals Ehre und Beuten.
  • Das 8. Capitel. Wie er den Teuffel im Trog gefunden / Spring-ins-feld aber ſchoͤne Pferd erwiſcht.
  • Das 9. Capitel. Ein ungleicher Kampff / in welchem der Schwaͤchſte obſieget / und der Uberwinder gefangen wird.
  • Das 10. Capitel. Der General Feld-Zeugmeiſter ſchencket dem Jaͤger das Leben / und macht ihm ſonſt gute Hoffnung.
  • Das 11. Capitel. Haͤlt allerhand Sachen in ſich / von ge - ringer Wichtigkeit und groſſer Einbildung.
  • Das 12. Capitel. Das Gluͤck thut dem Jaͤger unverſehens eine Adeliche Verehrung.
  • Das 13. Capitel. Simplicii ſeltzame Grillen und Lufftgebaͤu / auch wie er ſeinen Schatz verwahrt.
  • Das 14. Capitel. Wie der Jaͤger vom Gegentheil gefangen wird.
  • Das 15. Capitel. Mit welchen Conditionibus der Jaͤger wie - der loß worden.
Das263deß Dritten Buchs.
  • Das 16. Capitel. Wie Simplicius ein Freyherꝛ wird.
  • Das 17. Capitel. Womit der Jaͤger die ſechs Monat hinzu - bringen gedenckt / auch etwas von der Wahr - ſagerin.
  • Das 18. Capitel. Wie der Jaͤger anfahet zu bulen / und ein Handwerck darauß macht.
  • Das 19. Capitel. Durch was Mittel ihm der Jaͤger Freund gemacht / und was vor Andacht er bey einer Predigt hatte.
  • Das 20. Capitel. Wie er dem treuhertzigen Pfarꝛer ander Werck an die Kunckel legte / damit er ſein Epicuriſch Leben zu corrigiren vergeſſe.
  • Das 21. Capitel. Wie der Jaͤger unverſehens zum Ehmann wird.
  • Das 22. Capitel. Wie es bey der Hochzeit ablieff / und was er weiter anzufangen ſich vorgeſtellt.
  • Das 23. Capitel. Simplicius kompt in eine Statt / die er zwar nur pro forma Coͤln nennet / ſeinen Schatz ab - zuholen.
  • Das 24. Capitel. Der Jaͤger faͤngt einen Haſen mitten in einer Statt.
MDas264Deß Abentheurl. Simpliciſſimi

Das Erſte Capitel.

DEr guͤnſtige Leſer wird in vorher - gehendem Buch verſtanden haben / wie Ehr - geitzig ich in Soeſt worden / und daß ich Ehr / Ruhm und Gunſt in Handlungen ſuchte und auch gefunden / die ſonſt bey andern waͤren Straff - wuͤrdig geweſen: Jetzt will ich erzehlen / wie ich mich meine Thorheit weiter verleiten laſſen / und da - durch in ſtetiger Leib - und Lebensgefahr gelebt; Jch war / wie ich bereits erwehnet hab / ſo befliſſen Ehr und Ruhm zu erjagen / daß ich auch nicht darvor ſchlaffen konte / und wann ich ſo Grillen hatte / und manche Nacht lag / neue Fuͤnd und Liſt zu erſinnen / hatte ich wunderliche Einfaͤll; dahero erfand ich ein Gattung Schuh / die man das hinderſt zu vorderſt anziehen konte / alſo daß die Abſaͤtz unter den Zaͤhen ſtunden / deren lieſſe ich auff meinen Koſten bey dreiſ - ſig unterſchiedliche Paar machen / und wann ich ſol - che unter meine Burſch außtheilete / und damit auff Partey gienge / wars unmuͤglich uns außzuſpuͤren / dann wir trugen bald dieſe / und bald unſere rechte Schuh an den Fuͤſſen / und hingegen die uͤbrige im Rantzen / und wann jemand an einen Ort kam / da ich die Schuh verwechſeln laſſen / ſahe es nicht an - ders in der Spur / als wann zwo Partey allda zu - ſammen kommen / und miteinander auch wieder ver - ſchwunden waͤren; behielte ich aber meine letzte Schuh an / ſo ſahe es / als ob ich erſt hingangen waͤ -[r]e / wo ich ſchon geweſen / oder als ob ich von demOrt265Drittes Buch. Ort herkaͤme / dahin ich erſt gienge: So waren ob - ne das meine Gaͤng / wann es eine Spur batte / viel verwirꝛter als in einem Jrꝛgarten / alſo daß es den jenigen / die mich vermittelſt der Spur haͤtten auß - kuͤndigen / oder ſonſt nach jagen ſollen / unmuͤglich gefallen waͤre / mich zu kriegen. Jch war offt aller - naͤchſt bey denen vom Gegentbeil / die mich in der Ferne ſolten ſuchen / und noch oͤffters etliche Meil Wegs von dem jenigen Buſch / den ſie jetzt umb - ſtellten und durchſtreifften / mich darinn zu fangen / und gleich wie ichs machte mit den Parteyen zu Fuß / alſo thaͤt ich ihm auch / wann ich zu Pferd darauß war / dann das war mir nichts ſeltzams / daß ich an Scheid - und Creutzwegen ohnverſehens abſteigen / und den Pferden die Eiſen das binderſt zu voͤrderſt auffſchlagen lieſſe; die gemeine Voͤrtel aber / die man brauchet / wann man ſchwach auff Partey iſt / und doch vor ſtarck auß der Spur judicirt / oder wenn man ſtarck iſt / und doch vor ſchwach gehalten wer - den will / waren mir ſo gemein / und ich achte ſie ſo gering / daß ich ſelbige zu erzeblen / nicht werth achte. Darneben erdachte ich ein Inſtrument, mit welchem ich bey Nacht / wann es Windſtill war / ein Trompet auff drey Stund Wegs von mir blaſen / ein Pferd auff zwo Stund ſchreyen / oder Hunde bellen / und auff eine Stund weit die Menſchen reden hoͤren kon - te / welche Kunſt ich ſehr geheim hielte / und mir da - mit ein Anſehen machte / weil es bey jederman ohn - muͤglich zu ſeyn ſchiene / bey Tag aber war mir be - ſagtes Inſtrument, (welches ich gemeiniglich neben einem Perſpectiv im Hoſenſack trug) nit ſo viel nutz / es waͤre dann an einem einſamen ſtillen Ort geweſen /M ijdann266Deß Abentheurl. Simpliciſſimidann man muſte von den Pferden und dem Rindvieh an / biß auff den geringſten Vogel in der Lufft / oder Froſch im Waſſer alles hoͤren / was ſich in der gan - tzen Gegend nur regte / und ein Stimm von ſich gab / welches dann nicht anderſt lautet / als ob man ſich (wie mitten auff einem Marck) ſich unter viel Men - ſchen und Thieren befaͤnde / deren jedes ſich hoͤren laͤſt / da man vor deß einen Geſchrey den andern nicht verſtehen kan.

Jch weiß zwar wol / daß auff dieſe Stund Leut ſeyn / die mir dieſes nicht glauben / aber ſie moͤgen es glauben oder nicht / ſo iſts doch die Warheit: Jch will einen Menſchen bey Nacht / der nur ſo laut re - det als ſeine Gewonheit iſt / an der Stimm durch ein ſolches Inſtrument erkennen / er ſey gleich ſo weit von mir / als ihn einer durch ein gut Perſpectiv bey Tag an den Kleidern erkennen mag. Jch kan aber keinen ver - dencken / wann er mir nicht glaubt / was ich jetzund ſchreibe / dann es wolte mir keiner glauben von den jenigen / die mit ihren Augen ſahen / als ich mehrbe - deut Inſtrument gebrauchte / und ihnen ſagte: Jch hoͤre Reuter reuten / dann die Pferd ſeyn beſchlagen; ich boͤre Baurn kommen / dann die Pferd gehen bar - fuß; ich hoͤre Fuhrleut / aber es ſind nur Baurn / ich kenne ſie an der Sprach; es kommen Mußquetier / ungefaͤhr ſo viel / dann ich hoͤre es am Geklaͤpper ih - rer Bandelier; es iſt ein Dorff umb dieſe oder jene Gegend / ich hoͤre die Hanen kraͤhen / Hund bellen / ꝛc. dort geht eine Herd Vieh / ich hoͤre Schaf plehcken / Kuͤhe ſchreyen / Schwein kruntzen / und ſo fortan: Meine eigene Cameraden hielten anfangs dieſe Reden vor Auffſchneiderey / und als ſie im Werck befanden /daß267Drittes Buch. daß ich jederzeit wahr ſagte / muſte alles Zauberey / und mir / was ich ihnen geſagt / vom Teuffel und ſei - ner Mutter offenbart worden ſeyn: Alſo / glaub ich / wird der guͤnſtige Leſer auch gedencken. Nichts deſto weniger bin ich dem Gegentheil hierdurch offtmals wunderlich entronnen / wann er Nachricht von mir kriegte / und mich auffzuheben kam; halt auch davor / wann ich dieſe Wiſſenſchafft offenbart haͤtte / daß ſie ſeither ſehr gemein worden waͤre / weil ſie denen im Krieg trefflich zu ſtatten kaͤme / ſonderlich in Belaͤge - rungen: Jch ſchreite aber zu meiner Hiſtori.

Wann ich nicht auff Partey dorffte / ſo gieng ich ſonſt auß zu ſtelen / und dann waren weder Pferd / Kuͤhe / Schwein noch Schaf in den Staͤllen vor mir ſicher / welche ich auff etlich Meil Wegs bolete; Rindviehe und Pferden wuſte ich Stiffel oder Schuh anzulegen / biß ich ſie auff eine gaͤnge Straß brachte / damit man ſie nicht ſpuͤren konte / als dann ſchlug ich den Pferden die Eiſen hinderſt zu voͤrderſt auff / oder wanns Kuͤh und Ochſen warn / thaͤt ich ihnen Schuh an die ich darzu gemacht hatte / und brachte ſie alſo in Sicherheit; die groſſe fette Schweins. Perſonen / die Faulheit halber bey Nacht nicht raͤiſen moͤgen / wuſte ich auch meiſterlich fort zu bringen / wann ſie ſchon gruntzten / und nicht dran wolten / ich machte ihnen mit Meel und Waſſer einen wolgeſaltzenen Brey / lieſſe ſolchen einen Baderſchwamm in ſich ſauffen / an welchen ich ein ſtarcken Bindfaden gebun - den hatte / ließ nachgehends die jenige umb welche ich leffelte / den Schwamm voll Muß freſſen / und behielt die Schnur in der Haud / worauff ſie ohne ferneren Wortwechſel gedultig mit giengen / und mir dieM iijZech268Deß Abentheurl. SimpliciſſimiZech mit Schincken und Wuͤrſten bezahlten / und wann ich ſo was heim brachte / theilte ich ſo wol den Officiern als meinen Cameraden getreulich mit / da - hero dorffte ich ein ander mal wieder hinauß / und da mein Diebſtal verꝛathen oder außgekundſchafftet wurde / halffen ſie mir huͤbſch durch: Jm uͤbrigen duͤnckte ich mich viel zu gut darzu ſeyn / daß ich die Arme beſtelen / oder Huͤner fangen / und andere ge - ringe Sachen haͤtte mauſen ſollen. Darbey fieng ich an / nach und nach mit Freſſen und Sauffen ein Epi - curiſch Leben zu fuͤhren / weil ich meines Einſidlers Lehr vergeſſen / und niemand hatte / der meine Jugend regierte / oder auff den ich ſehen dorffte / dann meine Officier machten ſelbſt mit / wann ſie bey mir ſchma - rotzten / und die mich haͤtten ſtraffen und abmahnen ſollen / reitzten mich vielmehr zu allen Laſtern / dar - von wurde ich endlich ſo gottioß und verꝛucht / daß mir kein Schelmſtuͤck / ſolches zu begehen / zu groß war. Zuletzt wurde ich auch heimlich geneidet / zu - mal von meinen Cameraden / daß ich ein gluͤcklichere Hand zu ſtelen hatte / als ein anderer; von meinen Officiern aber / daß ich mich ſo doll hielte / gluͤcklich auff Parteyen handelte / und mir ein groͤſſern Nah - men und Anſehen machte / als ſie ſelbſt hatten. Jch halte auch gaͤntzlich darvor / daß mich ein oder ander Theil zeitlich auffgeopffert haͤtte / wenn ich nicht ſo ſpendirt haͤtte.

Das II. Capitel.

ALs ich nun ſo fort hauſete / und im Werck begrif - fen war / mir einige Teuffels-Larven und darzu gehoͤrige ſchroͤckliche Kleidungen mit Roß - undOchſen -269Drittes Buch. Ochſenfuͤſſen machen zu laſſen / vermittelſt deren ich die Feind erſchrecken / zumal auch den Freunden als unerkant das Jhrige zu nehmen / darzu mir dann die Begebenheit mit dem Speck-ſtehlen Anlaß gabe / be - kam ich Zeitung / daß ein Kerl ſich in Werle auff hiel - te / welcher ein trefflicher Parteygaͤnger ſeye / ſich gruͤn kleiden laſſen / und hin und her auff dem Land / ſonderlich aber bey unſern Contribuenten / unter mei - nem Nahmen mit Weiberſchaͤnden und Pluͤnderun - gen allerhand Exorbitantien veruͤbte / maſſen dahero greuliche Klagen auff mich einkamen / dergeſtalt / daß ich uͤbel eingebuͤſt haͤtte / da ich nicht außtruͤcklich dargethan / daß ich in den jenigen Zeiten / da er ein und ander Stuͤcklein auff mich verꝛichtet / mich an - derswo befunden. Solches gedacht ich ihm nicht zu ſchencken / viel weniger zu leiden / daß er ſich laͤnger meines Nahmens bedienen / unter meiner Geſtalt Beuten machen / und mich dadurch ſo ſchaͤnden ſolte. Jch lieſſe ihn mit Wiſſen deß Commandanten in Soeſt auff einen Degen oder paar Piſtoln ins freye Feld zu Gaſt laden / nachdem er aber das Hertz nicht hatte zu erſcheinen / ließ ich mich vernehmen / daß ich mich an ihm revangiren wolte / und ſolt es zu Werle in deſſelbigen Commandanten Schos geſchehen / als der ihn nicht drumb ſtraffte: Ja ich ſagte offentlich / daß / ſo ich jhn auff Partey erdappte / er als ein Feind von mir tractirt werden ſolte! Das machte / daß ich meine Larven ligen lieſſe / mit denen ich ein groſſes anzuſtellen vor hatte / ſondern auch mein gantz gruͤnes Kleid in kleine Stuͤck zerhackte / und in Soeſt vor meinem Quartier offentlich verbrennet / unangeſehen allein meine Kleider / ohne Federn und Pferdgezeug /M jvuͤber270Deß Abentheurl. Simpliciſſimiuͤber die 100. Ducaten werth ware; ja ich fluchte in ſolcher Wuth noch druͤber hin / daß der naͤchſte / der mich mehr einen Jaͤger nenne / entweder mich ermor - den / oder von meinen Haͤnden ſterben muͤſſe / und ſolte es auch meinen Hals koſten! Wolt auch keine Partey mehr fuͤhren (ſo ich ohne das nicht ſchuldig / weil ich noch kein Officier war) ich haͤtte mich dann zuvor an meinem Widerpart zu Werle gerochen. Alſo hielte ich mich ein / und thaͤt nichts Soldatiſch mehr / als daß ich meine Wacht verſahe / ich waͤre dann abſonderlich irgends hin commandirt worden / welches jedoch alles wie ein anderer Bernheuter / ſehr ſchlaͤfferig verꝛichtet. Diß erſcholl gar bald in der Nachbarſchafft / und wurden die Parteyen vom Gegentheil ſo kuͤhn und ſicher davon / daß ſie ſchier taͤglich vor unſern Schlagbaͤumen lagen / ſo ich in die Laͤng auch nicht ertragen konte. Was mir aber gar zu unleidenlich fiele / war diß / daß der Jaͤger von Werle noch immerzu fort fuhr / ſich vor mich auß - zugeben / und zimliche Beuten zu machen.

Jndeſſen nun / als jederman vermeynte / ich haͤtte mich auff eine Bernhaut ſchlaffen gelegt / von deren ich ſo bald nicht wieder auffſtehen wuͤrde / kuͤndigte ich meines Gegentheils von Werle Thun und Laſſen auß / und befand / daß er mir nicht nur mit dem Nah - men und in den Kleidern nach-aͤffte / ſondern auch bey Nacht heimlich zu ſtehlen pflegte / wann er etwas erhaſchen konte / derhalben erwachte ich wieder ohn - verſehens / und machte meinen Anſchlag darauff: Mein beyde Knecht hatte ich nach und nach abgericht wie die Wachtelhund / ſo waren ſie mir auch dermaſ - en getreu / daß jeder auff den Nothfall fuͤr mich durchein271Drittes Buch. ein Feur geloffen waͤre / weil ſie ihr gut Freſſen und Sauffen bey mir batten / und treffliche Beuten mach - ten: Deren ſchickte ich einen nach Werle zu meinem Gegentheil / der wandte vor / weil ich / als ſein gewe - ſener Herꝛ / nunmehr anfienge zu leben wie ein ander Coujon, und verſchworen haͤtte / nimmermehr auff Partey zu geben / ſo haͤtte er nicht mehr bey mir blei - ben moͤgen / ſondern ſey kommen ihm zu dienen / weil er an ſeines Herꝛn ſtatt ein Jaͤgerkleid angenommen / und ſich wie ein rechtſchaffener Sold at gebrauchen laſſe; er wiſſe alle Weg und Steg im Land und koͤn - te ihm manchen Anſchlag geben / gute Beuten zu machen / ꝛc. Mein guter einfaͤltiger Narꝛ glaubte meinem Kuecht / und ließ ſich bereden / daß er ihn an - nam / und auff eine beſtimpte Nacht mit ſeinem Ca - meraden und ihm auff eine Schaͤferey gienge / etliche fette Haͤmmel zu holen / da ich und Spring-ins-feld mit meinem andern Knecht ſchon auffpaßten / und den Schaͤfer beſtochen hatten / daß er ſeine Hund an - binden / und die Ankoͤmmling in die Scheur unver - hindert miniren laſſen ſolte / ſo wolte ich ihnen das Hamelfleiſch ſchon geſegnen. Da ſie nun ein Loch durch die Wand gemacht hatten / wolte der Jaͤger von Werle haben / mein Knecht ſolte gleich zum er - ſten hinein ſchlieffen; Er aber ſagte Nein / es moͤchte jemand drinn auffpaſſen / und mir eins vorn Kopff geben / ich ſehe wol / daß ihr nicht recht mauſen koͤnt / man muß zuvor viſitiren; zog darauff ſeinen Degen auß / und henckte ſeinen Hut an die Spitz / ſtieſſe ihn alſo etlich mal durchs Loch / und ſagte / ſo muß man zuvor ſehen / ob Blaͤſy zu Hauß ſey oder nicht? Als ſolches geſchehen / war der Jaͤger von Werle ſelbſtM vder272Deß Abenth. Simpliciſſimider erſte ſo hinein kroch; Aber Spring-ins-feld er - wiſchte ihn gleich beym Arm / darinn er ſeinen Degen hatte / und fragte ihn / ob er Quartier wolte? Das hoͤ - ret ſein Geſell / und wolt durchgehen / weil ich aber nicht wuſte / welches der Jaͤger / und geſchwinder als dieſer auff den Fuͤſſen war / eylet ich ihm nach / und erdappt ihn in wenig Spruͤngen; Jch fragte / was Volcks? Er antwortet / Kaͤiſeriſch; Jch fragte / was Regiments? Jch bin auch Kaͤiſeriſch / ein Schelm der ſein Herꝛn verleugnet! Jener antwort / wir ſeyn von den Dragonern auß Soeſt / und kommen ein par Haͤmel zu holen / Bruder ich hoffe / wann ihr auch Kaͤiſeriſch ſeyd / ihr werdet uns paſſiren laſſen: Jch antwortet / wer ſeyd ihr denn auß Soeſt? jener ant - wort / mein Camerad im Stall iſt der Jaͤger; Schel - men ſeyd ihr! ſagte ich / warumb pluͤndert ihr denn euer eigen Quartier? der Jaͤger von Soeſt iſt ſo kein Narꝛ / daß er ſich in einem Schafſtall fangen laͤſt: Ach von Werle wolt ich ſagen / antwort mir jener wiederumb; und in dem ich ſo diſputirte / kam mein Knecht und Spring-ins-feld mit meinem Gegen - theil auch daher; Sihe da / du ehrlicher Vogel / kom - men wir hier zuſammen? wenn ich die Kaͤiſerliche Waffen / die du wider den Feind zu tragen auffge - nommen haſt / nicht reſpectirte / ſo wolt ich dir gleich eine Kugel durch den Kopff jagen! Jch bin der Jaͤ - ger von Soeſt bißhero geweſen / und dich halt ich vor einen Schelmen / biß du einen von gegenwaͤrtigen Degen zu dir nimmſt / und den andern auff Soldaten Manier mit mir miſſeſt! Jn dem legte mein Knecht (der ſo wol als Spring-ins-feld ein abſchenliches Tenffels-Kleid mit groſſen Bockshoͤrnern an hatte) uns273Drittes Buch. uns zween gleiche Degen vor die Fuͤß / die ich mit auß Soeſt genommen hatte / und gab dem Jaͤger von Werle die Wahl / einen darvon zu nemmen welchen er wolte; davon der arme Jaͤger ſo erſchrack / daß es ihm gienge wie mir zu Hanau / da ich den Tantz ver - derbte / dann er hofierte die Hoſen ſo voll / daß ſchier niemand bey ihm bleiben konte / er und ſein Camerad zitterten wie naſſe Hund ſie fielen nider auff die Knye / und baten umb Gnad! Aber Spring-ins-feld koller - te wie auß einem holen Hafen herauß / und ſagte zum Jaͤger: Du muſt einmalrauffen / oder ich will dir den Hals brechen! Ach hochgeehrter Herꝛ Teuffel / ich bin nicht rauffens halber her kommen / der Herꝛ Teuffel uͤberhebe mich deſſen / ſo will ich hingegen thun was du wilt; Jn ſolchen verwirꝛten Reden gab ihm mein Knecht den einen Degen in die Hand / und mir den andern / er zitterte aber ſo ſehr / daß er ihn nicht halten konte: Der Mond ſchiene ſehr hell / ſo daß der Schaͤfer und ſein Geſind alles auß ihrer Huͤt - ten ſehen und hoͤren konten / Jch ruffte demſelben / herbey zu kommen / damit ich einen Zeugen dieſes Handels haͤtte / dieſer als er kame / ſtellte ſich / als ob er die zween in den Teuffels-Kleidern nicht ſehe / und ſagte / was ich mit dieſen Kerlen lang in ſeiner Schaͤ - ferey zu zancken / wenn ich etwas mit ihnen haͤtte / ſolte ichs an einem andern Ort außmachen / unſere Haͤndel giengen ihn nichts an / er gebe monatlich ſein Konterbiſſion / hoffte darumb bey ſeiner Schaͤ - ferey in Ruhe zu leben. Zu jenen Zweyen aber ſagte er / warumb ſie ſich nur ſo von mir geheyen lieſſen / und mich nicht nider ſchluͤgen? Jch ſagte / du Fle - gel / ſie haben dir deine Schaf wollen ſiehlen; DerM vjBaur274Deß Abentheurl. SimpliciſſimiBaur antwortet / ſo wolt ich / daß ſie mich und meine Schaf muͤſten im Hindern lecken; und gienge damit hinweg. Hierauff drang ich wieder auff das fechten / mein armer Jaͤger aber konte ſchier nicht mehr vor Forcht auff den Fuͤſſen ſtehen / alſo daß er mich dau - rete / ja er und ſein Camerad brachten ſo bewegliche Wort vor / daß ich ihm endlich alles verziehe und vergabe: Aber Spring-ins-feld war damit nicht zu frieden / ſondern zwang den Jaͤger / daß er 3 Schaf (denn ſo viel hatten ſie ſtelen wollen) muſte im Hin - dern kuͤſſen / und zerkratzte ihn noch dazu ſo abſcheu - lich im Geſicht / daß er außſahe / als ob er mit den Katzen gefreſſen haͤtte / mit welcher ſchlechten Rach ich zu frieden war. Aber der Jaͤger verſchwand bald auß Werle / weil er ſich viel zu ſehr ſchaͤmte / dann ſein Camerad ſprengte allẽr Orten auß / und betheu - rets mit hefftigen Fluͤchen / daß ich warhafftig zween leibhafftiger Teuffel haͤtte / die mir auff den Dienſt warteten / darumb ich noch mehr gefoͤrchtet / hinge - gen aber deſto weniger geliebt wurde.

Das III. Capitel.

SOlches wurde ich bald gewahr / derhalben ſtellte ich mein vorig gottloß Leben allerdings ab / und befliſſe mich allein der Tugend und Froͤmmigkeit; ich gienge zwar wie zuvor / wieder auff Partey / er - zeigte mich aber gegen Freunden und Feinden ſo Leutſelig und diſcret, daß all die jenige / ſo mir unter die Haͤnd kamen / ein anders glaubten / als ſie von mir gehoͤrt hatten / uͤber das hielt ich auch mit den uͤber - fluͤſſigen Verſchwendungen innen / und ſamlete mir viel ſchoͤne Ducaten und Cleinodien / welche ich hinund275Drittes Buch. und wieder in der Soeſtiſchen Boͤerde auff dem Land in hole Baͤum verbarg / weil mir ſolches die bekante Wahrſagerin zu Soeſt riethe / und mich verſicherte / daß ich mehr Feind in der ſelben Statt und unter mei - nem Regiment / als auſſer halb und in den feindlichen Guarniſonen haͤtte / die mir und meinem Geld nach - ſtellten. Und in dem man hin und her Zeitung hatte / daß der Jaͤger außgeriſſen waͤre / ſaſſe ich denen / die ſich damit kuͤtzelten / wieder ohnverſehens auff der Hauben / und ehe ein Ort recht erfuͤhr / daß ich an ei - nem andern Schaden gethan / empfande daſſelbige ſchon / daß ich noch vorhanden war; denn ich fuhre herumb wie ein Windsbraut / war bald hie bald dort / alſo daß man mehr von mir zu ſagen wuſte als zuvor / da ſich noch einer vor mich außgab.

Jch ſaſſe einsmals mit 25. Feur-Roͤhren nicht weit von Dorſten / und paßte einer Convoy mit etli - chen Fuhrleuten auff / die nach Dorſten kom̃en ſolte; Jch hielte meiner Gewonheit nach ſelbſt Schild - wacht / weil wir dem Feind nahe waren; da kam ein einziger Mann daher / fein ehrbar gekleidet / der redte mit ihm ſelbſt / und hatte mit ſeinem Meer-robr / das er in Haͤnden trug / ein ſeltzam Gefecht; Jch konte nichts anders verſtehen / als daß er ſagte: Jch will einmal die Welt ſtraffen / es wolle mirs dann das groſſe Numen nicht zugeben! Worauß ich muthmaſſete / es moͤchte etwan ein maͤchtiger Fuͤrſt ſeyn / der ſo verkleidter Weis herumb gienge / ſeiner Underthanen Leben und Sitten zu erkundigen / und ſich nun vorgenommen haͤtte / ſolche (weil er ſie viel - leicht nicht nach ſeinem Willen gefunden) gehuͤh - rend zu ſtraſſen: Jch gedachte / iſt dieſer Mann vomM vijFeind276Deß Abentheurl. SimpliciſſimiFeind / ſo ſetzts ein gute Ranzion, wo nicht / ſo wiltu ihn ſo hoͤflich tractiren / und ihm dardurch das Hertz dermaſſen abſtehlen / daß es dir kuͤnfftig dein Lebtag wol bekommen ſoll / ſprang derhalben hervor / præ - ſentirt mein Gewehr mit auffgezogenem Hanen / und ſagte: Der Herꝛ wird ihm belieben laſſen / vor mir hin in Buſch zu gehen / wofern er nicht als Feind tractirt ſeyn will; Er antwortet ſehr ernſthafftig: Solcher Tractation iſt meines gleichen nit gewohnt. Jch aber dummelt ihn hoͤflich fort / und ſagte: Der Herꝛ wird ihm nicht zu wider ſeyn laſſen / ſich vor dißmal in die Zeit zu ſchicken / und als ich ihn in den Buſch zu meinen Leuten gebracht / und die Schild - wachten wieder beſetzt hatte / fragte ich ihn / wer er ſeye? Er antwortet gar großmuͤtig / es wuͤrde mir wenig daran gelegen ſeyn / wenn ichs ſchon wuͤſte / Er ſey auch ein Groſſer GOtt! Jch gedachte / er moͤchte mich vielleicht kennen / und etwan ein Edel - mann von Soeſt ſeyn / und ſo ſagen mich zu hetzen / weil man die Soeſter mit dem groſſen Gott und ſei - nem guͤldenen Fuͤrtuch zu vexiren pflegt / wurde aber bald innen / daß ich an ſtatt eines Fuͤrſten einen Phan - taſten gefangen haͤtte / der ſich uͤberſtudirt / und in der Poëterey gewaltig verſtiegen / denn da er bey mir ein wenig erwarmte / gab er ſich vor den Gott Jupiter auß.

Jch wuͤnſchte zwar / daß ich dieſen Fang nicht ge - than / weil ich den Narꝛn aber hatte / muſt ich ihn wol behalten / biß wir von dannen ruͤckten / und demnach mir die Zeit ohne das zimlich lang wurde / gedachte ich / dieſen Kerl zu ſtimmen / und mir ſeine Gaben zu nutz zu machen / ſagte derowegen zu ihm: Nun dannmein277Drittes Buch. mein lieber Jove, wie kompts doch / daß deine hohe Gottheit ihren himmliſchen Thron verlaͤſt / und zu uns auff Erden ſteigt? vergebe mir / ô Jupiter, meine Frag / die du vor fuͤrwitzig halten moͤchteſt / dann wir ſeynd den himmliſchen Goͤttern auch verwandt / und eitel Sylvani, von den Faunis und N[i]mphis gebo - ren / denen dieſe Heimlichkeit billich ohnverborgen ſeyn ſolle; Jch ſchwaͤre dir beym Styx, antwortet Jupiter, daß du hiervon nichts erfahren ſolteſt / wenn du meinem Mund ſchencken Ganymede nicht ſo aͤhn - lich ſeheſt / und wenn du ſchon Pans eigener Sohn waͤreſt / aber von ſeinet wegen communicire ich dir / daß ein groß Geſchrey uͤber der Welt Laſter zu mir durch die Wolcken gedrungen / daruͤber in aller Goͤt - ter Rath beſchloſſen worden / ich koͤnte mit Billich - keit / wie zu Lycaons Zeiten / den Erdboden wieder mit Waſſer außtilgen / weil ich aber dem menſchli - chen Geſchlecht mit ſonderbarer Gunſt gewogen bin / und ohne das allezeit lieber die Guͤte / als eine ſtrenge Verfahrung brauche / vagire ich jetzt herum / der Menſchen Thun und Laſſen ſelbſt zu erkuͤndigen / und obwol ich alles aͤrger finde / als mirs vorkom̃en / ſo bin ich doch nicht geſinnt / alle Menſchen zugleich und ohne Unterſcheid außzurenten / ſondern nur die jenige zu ſtraffen / die zu ſtraffen ſind / und hernach die uͤbrige nach meinem Willen zu ziehen.

Jch muſte zwar lachen / verbiſſe es doch ſo gut als ich konte / und ſagte: Ach Jupiter, deine Muͤhe und Arbeit wird beſorglich allerdings umb ſonſt ſeyn / weñ du nicht wieder / wie vor dieſem / die Welt mit Waſ - ſer / oder gar mit Feur heimſucheſt; dann ſchickeſt du einen Krieg / ſo lauffen alle boͤſe verwegene Bubenmit278Deß Abentheurl. Simpliciſſimimit / welche die friedliebende fromme Menſchen nur quaͤlen werden; ſchickeſtu eine Theurung / ſo iſts ein erwuͤnſchte Sach vor die Wucherer / weil alsdann denſelben ihr Korn viel gilt; ſchickſtu aber ein Ster - ben / ſo haben die Geitzhaͤls und alle uͤbrige Menſchen ein gewonnen Spiel / in dem ſie hernach viel erben; wirſt derhalben die gantze Welt mit Butzen und Stil außrotten muͤſſen / wenn du anders ſtraffen wilt.

Das IV. Capitel.

JUpiter antwortet / du redeſt von der Sach wie ein natuͤrlicher Menſch / als ob du nicht wuͤſteſt / daß uns Goͤttern muͤglich ſey / etwas anzuſtellen / daß nur die Boͤſe geſtrafft / und die Gute erhalten werden; ich will einen Teutſchen Helden erwecken / der ſoll alles mit der Schaͤrffe deß Schwerds vollenden / er wird alle verꝛuchte Menſchen umbbringen / und die from̃e erhalten und erhoͤhen; Jch ſagte / ſo muß ja ein ſol - cher Held auch Soldaten haben / und wo man Sol - daten braucht / da iſt auch Krieg / und wo Krieg iſt / da muß der Unſchuldig ſo wol als der Schuldig ber - halten! Seyd ihr irdiſche Goͤtter denn auch geſinnt wie die irdiſche Menſchen / ſagte Jupiter hier auff / daß ihr ſo gar nichts verſtehen koͤnnet? Jch will einen ſol - chen Helden ſchicken / der keiner Soldaten bedarff / und doch die gantze Welt reformiren ſoll; in ſeiner Geburt-Stund will ich ihm verleyhen einen wolge - ſtalten und ſtaͤrckern Leib / als Hercules einen hatte / mit Fuͤrſichtigkeit / Weisheit und Verſtand uͤber - fluͤſſig geziert / hierzu ſoll ihm Venus geben ein ſchoͤn Angeficht / alſo daß er auch Narciſſum, Adonidem, und meinen Ganymedem ſelbſt uͤbertreffen ſolle / ſieſoll279Drittes Buch. ſoll ihm zu allen ſeinen Tugenden ein ſonderbare Zier - lichkeit / Auffſehen und Anmuͤtigkeit vorſtrecken / und dahero ihn bey aller Welt beliebt machen / weil ich ſie eben der Urſachen halber in ſeiner Nativitaͤt deſto freundlicher anblicken werde; Mercurius aber ſoll ihn mit unvergleich lich-ſinnreicher Vernunfft begaben / und der unbeſtaͤndige Mond ſoll ihm nicht ſchaͤdlich / ſondern nuͤtzlich ſeyn / weil er ihm eine unglaubliche Geſchwindigkeit einpflantzen wird; die Pallas ſoll ihn auff dem Parnaſſo aufferziehen / und Vulcanus ſoll ihm in Hora Martis ſeine Waffen / ſonderlich aber ein Schwerd ſchmiden / mit welchem er die gantze Welt bezwingen / und alle Gottloſen nider machen wird / ohne fernere Huͤlff eines einigen Menſchen / der der ihme etwan als ein Soldat beyſtehen moͤchte / er ſoll keines Beyſtands bedoͤrffen / ein jede groſſe Statt ſoll von ſeiner Gegenwart erzittern / und ein jede Veſtung / die ſonſt unuͤberwindlich iſt / wird er in der erſten Viertelſtund in ſeinem Gehorſam haben / zuletzt wird er den groͤſten Potentaten in der Welt befehlen / und die Regierung uͤber Meer und Erden ſo loͤblich anſtellen / daß beydes Goͤtter und Menſchen ein Wolgefallen darob haben ſollen.

Jch ſagte / wie kan die Nidermachung aller Gott - lo ſen ohne Blutvergieſſen / und das Commando uͤber die gantze weite Welt ohne ſonderbaren groſſen Ge - walt und ſtarcken Arm beſchehen / und zu wegen ge - bracht werden? ô Jupiter, ich bekenne dir unverho - len / daß ich dieſe Ding weniger als ein ſterblicher Menſch begreiffen kan! Jupiter antwortet / das gibt mich nicht Wunder / weil du nicht weiſt / was meines Helden Schwerd vor ein ſeltene Krafft an ſich habenwird280Deß Abentheurl. Simpliciſſimiwird / Vulcanus wirds auß denen Materialien verfer - tigen / darauß er mir meine Donnerkeil macht / und deſſen Tugenden dahin richten / daß mein Held / wenn er ſolches entbloͤſſet / und nur einen Streich damit in die Lufft thut / einer gantzen Armada, wenn ſie gleich hinder einem Berg eine gantze Schweitzer - Meilwegs weit von ihm ſtuͤnde / auff einmal die Koͤpf herunder hauen kan / alſo daß die arme Teuffel ohne Koͤpff da ligen muͤſſen / ehe ſie einmal wiſſen wie ih - nen geſchehen! Wenn er denn nun ſeinem Lauff den Anfang macht / und vor eine Statt oder Veſtung kompt / ſo wird er deß Tamerlani Manier brauchen / und zum Zeichen / daß er Friedens halber / und zu Be - foͤrderung aller Wolfahrt vorhanden ſeye / ein weiſſes Faͤhnlein auffſtecken / kom̃en ſie dann zu ihm herauß / und bequemen ſich / wol gut; wo nicht / ſo wird er von Leder ziehen / und durch Krafft mehrgedachten Schwerds / allen Zauberern und Zauberinnen / ſo in der gantzen Statt ſeyn / die Koͤpff herunder hauen / und ein rothes Faͤhnlein auffſtecken; wird ſich aber dennoch niemand einſtellen / ſo wird er alle Moͤrder / Wucherer / Dieb / Schelmen / Ehebrecher / Huren und Buben auff die vorige Manier umbbringen / und ein ſchwartzes Faͤhnlein ſehen laſſen / wofern aber nicht ſo bald die jenige / ſo noch in der Statt uͤbrig blieben / zu ihm kommen / und ſich demuͤtig einſtellen / ſo wird er die gantze Statt und ihre Jnwohner als ein halsſtarꝛig und ungehorſam Volck außrotten wol - len / wird aber nur die jenige hinrichten / die den an - dern abgewehrt haben / und ein Urſach geweſen / daß ſich das Volck nicht ehe ergeben. Alſo wird er von einer Statt zur andern ziehen / einer jeden Statt ihrTheil281Drittes Buch. Theil Lands umb ſie her gelegen / im Frieden zu re - gieren uͤbergeben / und von jeder Statt durch gantz Teutſchland zween von den kluͤgſten und gelehrteſten Maͤnnern zu ſich nemmen / auß denſelben ein Parla - ment machen / die Staͤtt miteinander auff ewig ver - einigen / die Leibeigenſchafften ſampt allen Zoͤllen / Acciſen / Zinſen / Guͤlten und Umbgelten durch gantz Teutſchland auffheben / und ſolche Anſtalten ma - chen / daß man von keinem Fronen / Wachen / Con - tribuiren / Gelt geben / Kriegen / noch einiger Beſchwe - rung beym Volck mehr wiſſen / ſondern viel ſeeliger als in den Elyſiſchen Feldern leben wird: Alsdann (ſagt Jupiter ferner) werde ich offtmals den gantzen Chorum Deorum nemmen / und herunder zu den Teutſchen ſteigen / mich unter ihren Weinſtoͤcken und Feigenbaͤumen zu ergoͤtzen / da werde ich den Helicon mitten in ihre Grentzen ſetzen / und die Muſen von neuem darauff pflantzen / ich werde Teutſchland hoͤ - her ſegnen mit allem Uberfluß / als das gluͤckſeelige Arabia, Meſopotamiam, und die Gegend umb Dama - ſ[c]o; die Griechiſche Sprach werde ich als denn ver - ſchwoͤren / und nur Teutſch reden / und mit einem Wort mich ſo gut Teutſch erzeigen / daß ich ihnen auch endlich / wie vor dieſem den Roͤmern / die Beherꝛ - ſchung uͤber die gantze Welt zukommen laſſen werde. Jch ſagte / Hoͤchſter Jupiter, was werden aber Fuͤr - ſten und Herꝛn darzu ſagen / wenn ſich der kuͤnfftige Held unterſtehet / ihnen das Jhrig ſo unrechtmaͤſſi - ger Weis abzunehmen / und den Staͤtten zu unter - werffen? werden ſie ſich nicht mit Gewalt widerſe - tzen / oder wenigſt vor Goͤttern und Menſchen darwi - der proteſtiren? Jupiter antwortet / hierumb wirdſich282Deß Abentheurl. Simpliciſſimiſich der Held wenig bekuͤmmern / er wird alle Groſſe in drey Theil unterſcheiden / und die jenige / ſo ohn - exemplariſch und verꝛucht leben / gleich den Gemei - nen ſtraffen / weil ſeinem Schwerd kein irdiſcher Ge - walt widerſtehen mag / denen uͤbrigen aber wird er die Wahl geben / im Land zu bleiben oder nicht; was bleibt / und ſein Vatterland liebet / die werden leben muͤſſen wie andere gemeine Leut / aber das Privat-Le - ben der Teutſchen wird alsdann viel vergnuͤgſamer und glůckſeeliger ſeyn / als jetzund das Leben und der Stand eines Koͤnigs / und die Teutſche werden als - denn lauter Fabricii ſeyn / welcher mit dem Koͤnig Pyrrho ſein Koͤnigreich nicht theilen wolte / weil er ſein Vatterland neben Ehr und Tugend ſo hoch lieb - te / und das ſeyn die zweyte; die dritte aber / die Ja - Herꝛn bleiben / und immerzu herꝛſchen wollen / wird er durch Ungarn und Jtalia in die Moldau / Walla - chey / in Macedoniam, Thraciam, Græciam, ja uͤber den Helleſpontum in Aſiam hinein fuͤhren / ihnen die - ſelbe Laͤnder gewinnen / alle Kriegsgurgeln in gantz Teutſchland mit geben / und ſie alldort zu lauter Koͤ - nigen machen; Alsdenn wird er Conſtantinopel in einem Tag einnebmen / und allen Tuͤrcken / die ſich nicht bekehren oder gehorſamen werden / die Koͤpff vor den Hindern legen / daſelbſt wird er das Roͤmiſch Kaͤiſerthumb wieder auffrichten / und ſich wieder in Teutſchland begeben / und mit ſeinen Parlaments. Herꝛen (welche er / wie ich ſchon geſagt habe / auß allen Teutſchen Staͤtten paarweis ſamblen / und die Vorſteher und Vaͤtter ſeines Teutſchen Vatterlands neñen wird) eine Statt mitten in Teutſchland bauen / welche viel groͤſſer ſeyn wird / als Manoah in America,und283Drittes Buch. und Goldreicher als Jeruſalem zu Salomons Zei - ten geweſen / deren Waͤll ſich dem Tyroliſchen Ge - buͤrg / und ihre Waſſergraͤben der Breite deß Meers zwiſchen Hiſpania und Africa vergleichen ſoll / er wird einen Tempel hinein bauen von lauter Diamanten / Rubinen / Smaragden und Saphiren; und in der Kunſt-Kam̃er die er auffrichten wird / werden ſich alle Raritaͤten in der gantzen Welt verſamblen / von den reichen Geſchencken / die ihm die Koͤnige in China / in Perſta / der Groſſe Mogor in den Orientaliſchen Jndien / der Groſſe Tartar Cham / Prieſter Johann in Africa, und der Groſſe Czar in der Moſcau ſchi - cken; der Tuͤrckiſche Kaͤiſer wuͤrde ſich noch fleiſſiger einſtellen / wofern ihm bemeldter Held ſein Kaiſer - thum nicht genommen / und ſolches dem Roͤmiſchen Kaͤiſer zu Lehen gegeben baͤtte.

Jch fragte meinen Jovem, was dann die Chriſtli - chen Koͤnige bey der Sach thun wuͤrden? er antwor - tet / der in Engeland / Schweden und Dennemarck werden / weil ſie Teutſchen Gebluͤts und Herkom̃ens: der in Hiſpania / Franckreich und Portugall aber / weil die Alte Teutſchen ſelbige Laͤnder hiebevor auch eingenommen und regiert haben / ihre Kronen / Koͤ - nigreich und incorporirte Laͤnder / von der Teutſchen Nation auß freyen Stuͤcken zu Lehen empfahen / und alsdenn wird / wie zu Auguſti Zeiten / ein ewiger be - ſtaͤndiger Fried zwiſchen allen Voͤlckern in der gan - tzen Welt ſeyn.

Das V. Capitel.

SPring-ins-feld / der uns auch zuhoͤrete / haͤtte den Jupiter ſchier unwillig gemacht / und den Han -del284Deß Abentheurl. Simpliciſſimidel bey nahe verderbt / weil er ſagte: Und alsdann wirds in Teutſchland hergehen wie im Schlauraf - fenland / da es lauter Muſcateller regnet / und die Creutzer-Paſtetlein uͤber Nacht wie die Pfifferling wachſen! da werde ich mit beyden Backen freſſen muͤſſen wie ein Dreſcher / und Malvaſter ſauffen / daß mir die Augen uͤbergehen. Ja freylich / antwortet Jupiter, vornemlich wenn ich dir die Plag Eriſichto - nis anhencken wuͤrde / weil du / wie mich duͤncken will / meine Hodeit verſpotteſt; Zu mir aber ſagte er / ich habe vermeynt / ich ſey bey lauter Sylvanis, ſo ſehe ich aber wol / daß ich den neidigen Momum oder Zoilum angetroffen habe; Ja man ſolte ſolchen Verꝛaͤthern das was der Himmel beſchloſſen / offenbaren / und ſo edle Perlen vor die Saͤu werffen / ja freylich / auff den Buckel geſchiſſen vor ein Bruſt-tuch! Jch ge - dachte / diß iſt mir wol ein viſierlicher und unflaͤtiger Abgott / weil er neben ſo bohen Dingen auch mit ſo weicher Materi umbgehet. Jch ſahe wol / daß er nicht gern hatte / daß man lachte / verbiß es derowegen ſo gut als ich immer konte / und ſagte zu ihm: Allerguͤ - tigſter Jove, du wirſt ja eines groben Waldgotts Un - beſcheidenheit halber deinem andern Ganymede nicht verhalten / wie es weiter in Teutſchland hergehen wird? O Nein / antwortet er / aber befehle zuvor die - ſem Theoni, daß er ſeine Hipponacis Zunge fuͤrter - hin im Zaum halten ſolle / ehe ich ihn (wie Mercurius den Battum) in einen Stein verwandele; Du ſelbſt aber geſtehe mir / daß du mein Ganymedes ſeyeſt / und ob dich nicht mein eyferſichtiger Juno in meiner Ab - weſenheit auß dem himmliſchen Reich gejaget habe? Jch verſprach ihm alles zu erzehlen / da ich zuvor ge -hoͤrt285Drittes Buch. hoͤrt haben wuͤrde / was ich zu wiſſen verlangte: Da - rauff ſagte er / Lieber Ganymede, (leugne nur nicht mehr / dann ich ſehe wol daß du es biſt) es wird als - denn in Teutſchland das Gold-machen ſo gewiß und ſo gemein werden / als das Hafner-Handwerck / alſo daß ſchier ein jeder Roßbub den Lapidem Philoſopho - rum wird umbſchleppen! Jch fragte / wie wird aber Teutſchland bey ſo unterſchiedlichen Religionen ein ſo langwierigen Frieden haben koͤnnen? werden ſo unterſchiedliche Pfaffen nicht die Jhrige hetzen / und wegen ihres Glaubens wiederumb einen Krieg an - ſpinnen? O Nein! ſagt Jupiter, mein Held wird dieſer Sorg weislich vorkommen / und vor allen Dingen alle Chriſtliche Religionen in der gantzen Welt miteinander vereinigen; Jch ſagte / ô Wun - der / das waͤre ein groß Werck! wie muͤſte das zuge - hen? Jupiter antwortet / das will ich dir hertzlich gern offenbaren: Nachdem mein Held den Univer - ſal-Frieden der gantzen Welt verſchafft / wird er die Geiſt - und Weltliche Vorſteher und Haͤupter der Chriſtlichen Voͤlcker und unterſchiedlichen Kirchen mit einer ſehr beweglichen Sermon anreden / und ih - nen die bißherige hochſchaͤdliche Spaltungen in den Glaubens-ſachen trefflich zu Gemuͤth fuͤhren / ſie auch durch hochvernuͤnfftige Gruͤnde und unwider - treibliche Argumenta dahin bringen / daß ſie von ſich ſelbſt eine allgemeine Vereinigung wuͤnſchen / und ihme das gantze Werck / ſeiner hohen Vernunfft nach zu dirigirn / uͤbergeben werden: Alsdann wird er die aller-geiſtreichſte / gelehrteſte und froͤmmſte Theologi von allen Orten und Enden her / auß allen Religionen zuſammen bringen / und ihnen einen Ort / wie vordieſem286Deß Abentheurl. Simpliciſſimidieſem Ptolomæus Philadelphus den 72. Dolmetſchen gethan / in einer luſtigen und doch ſtillen Gegend / da man wichtigen Sachen ungehindert nachſinnen kan / zurichten laſſen / ſie daſelbſt mit Speiß und Tranck / auch aller anderer Nothwendigkeit verſehen / und ih - nen aufflegen / daß ſie ſo bald immer moͤglich / und jedoch mit der aller-reiffſten und fleiſſigſten Wol-er - wegung die Strittigkeiten / ſo ſich zwiſchen ihren Re - ligionen enthalten / erſtlich beylegen / und nachgehends mit rechter Einhelligkeit die rechte / wahre / Heilige und Chriſtliche Religion, der H. Schrifft / der uhr - alten Tradition, und der probirten H. Vaͤtter Mey - nung gemaͤß / ſchrifftlich verfaſſen ſollen: Umb die - ſelbige Zeit wird ſich Pluto gewaltig hindern Ohren kratzen / weil er alsdann die Schmaͤlerung ſeines Reichs beſorgen wird / ja er wird allerley Fund und Liſt erdencken / ein Que darein zu machen / und die Sach / wo nicht gar zu hindertreiben / jedoch ſolche ad infinitum oder indefinitum zu bringen / ſich gewal - tig bemuͤhen; er wird ſich unterſtehen / einem jeden Theologo ſein Intereſſe, ſeinen Stand / ſein geruhig Leben / ſein Weib und Kind / ſein Auſehen / und je ſo etwas / das ihm ſeine Opinion zu behaupten einra - then moͤchte / vorzumahlen: Aber mein dapfferer Held wird auch nicht feyren / er wird / ſo lang dieſes Concilium waͤhret / in der gantzen Chriſtenheit alle Glocken laͤuten / und damit das Chriſtlich Volck zum Gebet an das hoͤchſte Numen ohnablaͤſſig anmah - nen / und umb Sendung deß Geiſtes der Warheit bitten laſſen: Wenn er aber mercken wuͤrde / daß ſich einer oder ander von Plutone einnemmen laͤſt / ſo wird er die gantze Congregation, wie in einem Conclave,mit287Drittes Buch. mit Hunger quaͤlen / und wenn ſie noch nicht dran wollen / ein ſo hohes Werck zu befoͤrdern / ſo wird er ihnen allen vom Hencken predigen / oder ihnen ſein wunderbarlich Schwerd weiſen / und ſie alſo erſtlich mit Guͤte / endlich mit Ernſt und Bedrohungen da - hin bringen / daß ſie ad rem ſchreiten / und mit ihren halsſtarꝛigen falſchen Meynungen / die Welt nicht mehr wie vor Alters foppen: Nach erlangter Einig - keit wird er ein groß Jubelfeſt anſtellen / und der gan - tzen Welt dieſe gelaͤuterte Religion publiciren / und welcher alsdann darwider glaubt / den wird er mit Schwefel und Bech martyriſiren / oder einen ſolchen Ketzer mit Buxbaum beſtecken / und dem Plutone zum Neuen Jahr ſchencken. Jetzt weiſtu / lieber Gany - mede, alles was du zu wiſſen begehrt haſt / nun ſage mir aber auch / was die Urſach iſt / daß du den Him̃el verlaſſen / in welchem du mir ſo manchen Trunck Nectar eingeſchenckt haſt?

Das VI. Capitel.

JCh gedachte bey mir ſelbſt / der Kerl doͤrffte viel - leicht kein Narꝛ ſeyn wie er ſich ſtellte / ſondern mirs kochen / wie ichs zu Hanau gemacht / umb deſto beſſer von uns durch zu kommen; gedacht ihn dero - wegen mit dem Zorn zu probiren / weil man einen Narꝛn am beſten bey ſolchem erkennet / und ſagte / die Urſach / daß ich auß dem Himmel kommen / iſt / daß ich dich ſelbſt darinn manglete / nam derowegen deß Dædali Fluͤgel / und flog auff Erden dich zu ſuchen / wo ich aber nach dir fragte / fand ich / daß man dir aller Orten und Enden ein ſchlechtes Lob verliehe / dann Zoilus und Moſcus haben dich und alle andereNGoͤtter288Deß Abentheurl. SimpliciſſimiGoͤtter / in der gantzen weiten Welt vor ſo verꝛucht / leichtfertig und ſtinckend außgeſchryen / daß ihr bey den Menſchen allen Credit verloren; du ſelbſt / ſagen ſie / ſeyeſt ein Filtzlauſiger Ehebrecheriſcher Hurenhengſt / mit was vor Billichkeit du dann die Welt wegen ſolcher Laſter ſtraffen moͤgeſt? Vulca - nus ſey ein gedultiger Hanrey / und habe den Ehebruch Martis ohne ſonderbare nahmhaffte Rach muͤſſen hingehen laſſen / was der hinckende Gauch dann vor Waffen werde ſchmiden koͤnnen? Venus ſey ſelbſten die verhaßte Vettel von der Welt / wegen ihrer Un - keuſchheit / was ſie denn vor Gnad und Gunſt einem andern werde mittheilen koͤnnen? Mars ſey ein Moͤr - der und Rauber; Apollo ein unverſchaͤmter Huren - Jaͤger; Mercurius ein unnuͤtzer Planderer / Dieb und Kuppler / Priapus ein Unflat / Hercules ein Hirnſchaͤl - liger Wuͤterich / und in Summa die gantze Schaar der Goͤtter ſey ſo verꝛucht / daß man ſie ſonſt nirgends hin als in deß Augei Stall logiren ſolte / welcher ohne das durch die gantze Welt ſtinckt. Ach! ſagte Jupiter, waͤre es ein Wunder / wenn ich meine Guͤte beyſeit ſetzte / und dieſe heylloſe Ehrendieb und Gotts - ſchaͤndende Verleumder mit Donner und Blitz ver - folgte? Was duͤnckt dich mein getreuer und aller - liebſter Ganymede? Soll ich dieſe Schwaͤtzer mit ewigem Durſt plagen wie den Tantalum? oder ſoll ich ſie neben den muthwilligen Plauderer Daphitas auff dem Berg Therace auffhencken laſſen? oder ſie mit Anaxarcho in einem Moͤrſel zerſtoſſen? oder ſoll ich ſie zu Agrigento in Phalaris gluͤhenden Ochſen ſte - cken? Nein / Nein Ganymede! dieſe Straffen und Plagen ſind alle miteinander viel zu gering; ich willder289Drittes Buch. der Pandora Buͤchſe von neuem fuͤllen / und ſelbe den Schelmen auff die Koͤpff außlaͤeren laſſen / die Ne - meſis ſoll die Alecto, Megæra und Theſiphone erwe - cken / und ihnen uͤber den Hals ſchicken / und Hercu - les ſoll den Cerberum vom Pluto entlehnen / und dieſe boͤſe Buben damit hetzen wie die Woͤlff / wenn ich ſie dann dergeſtalt genug gejagt und geplagt haben wer - de / ſo will ich ſie erſt neben den Heſiodum und Home - rum in das hoͤlliſch Hauß an ein Saͤul binden / und ſie durch die Eumenides ohn einige Erbarmung ewig - lich abſtraffen laſſen. Jn dem Jupiter ſo drohete / zog er in Gegenwart meiner und der gantzen Partey die Hoſen herunder ohn einige Scham / und ſtoͤbert die Floͤh darauß / welche ihn / wie man an ſeiner ſprenck - lichten Haut wol ſahe / ſchroͤcklich tribulirt hatten: Jch konte mir nicht einbilden / was es abgeben ſolte / biß er ſagte: Schert euch fort ihr kleine Schinder / ich ſchwoͤre euch beym Styx, daß ihr in Ewigkeit nicht erhalten ſolt / was ihr ſo ſorgfaͤltig ſollicitirt! Jch fragte ihn / was er mit ſolchen Worten meyne? Er antwortet / daß das Geſchlecht der Floͤhe / als ſie vernommen / daß er auff Erden kommen ſeye / ihre Geſandten zu ihm geſchickt haͤtten / ihne zu compli - mentiren: Dieſe haͤtten ihm darneben angebracht / ob er zwar ihnen die Hunds-Haͤut zu bewohnen aſſi - gnirt / daß dennoch zu Zeiten wegen etlicher Eigen - ſchafften / welche die Weiber an ſich haͤtten / theils auß ihnen ſich verirꝛeten / und den Weibern in die Beltz geriethen; ſolche verirꝛte arme Tropffen aber wuͤrden von den Weibern uͤbel tractirt / gefangen / und nicht allein ermordt / ſondern auch zuvor zwi - ſchen ihren Fingern ſo elendiglich gemartert und zer -N ijrieben290Deß Abentheurl. Simpliciſſimirieben / daß es einen Stein erbarmen moͤchte: Ja / (ſagte Jupiter ferner) ſie brachten mir die Sach ſo beweglich und erbaͤrmlich vor / daß ich Mitleiden mit ihnen haben muſte / und alſo ihnen Huͤlff zuſagte / jedoch mit Vorbehalt / daß ich die Weiber zuvor auch hoͤren moͤchte; ſie aber wandten vor / wenn den Weibern erlaubt wuͤrde / Widerpart zu halten / und ihnen zu widerſprechen / ſo wuͤſten ſie wol / daß ſie mit ihren gifftigen Hunds-zungen entweder meine Froͤmmigkeit und Guͤte beteuben / die Floͤd ſelbſten aber uͤberſchreyen / oder aber durch ihre liebliche Wort und Schoͤnheiten mich bethoͤren / und zu ei - nem falſchen Urtheil verleiten wuͤrden; mit fernerer Bitt / ich wolte ſie ihrer underthaͤnigen Treu genieſ - ſen laſſen / welche ſie mir allezeit erzeigt / und ferner zu leiſten gedaͤchten / in dem ſie allezeit am naͤchſten darbey geweſen / und am beſten gewuſt haͤtten / was zwiſchen mir und der Jo, Caliſto, Europa, und andern mehr vorgangen / haͤtten aber niemal nichts auß der Schul geſchwaͤtzt / noch der Juno, wiewol ſie ſich auch bey ihr pflegten auffzuhalten / einiges Wort ge - ſagt / maſſen ſie ſich noch ſolcher Verſchwiegenheit befliſſen / wie dann kein Menſch biß dato (ohnange - ſehen ſie ſich gar nahe bey allen Bulſchafften finden lieſſe) von ihnen / wie Apollo von den Raben / etwas dergleichen erfahren haͤtte: Wenn ich aber je zulaſ - ſen wolte / daß die Weiber ſie in ihrem Bann jagen / fangen / und nach Waidmanns Recht metzlen doͤrff - ten / ſo waͤre ihr Bitt / zu verſchaffen / daß ſie hinfort mit einem heroiſchen Todt hingerichtet / und entwe - der mit einer Axt wie Ochſen nidergeſchlagen / oder wie Wildpret gefaͤllet wuͤrden / und nicht mehr ſoſchimpff -291Drittes Buch. ſchimpfflich zwiſchen ihren Fingern zerquetſchen und radbrechen ſolten / wordurch ſie ohne das ihre eigene Glieder / damit ſie offt was anders beruͤhrten / zu Henckers-Inſtrumenten machten / welches allen ehrlichen Mannsbildern ein Schand waͤre! Jch ſag - te / ihr Herꝛen muͤſt ſie greulich quaͤlen / weil ſie euch ſo ſchroͤcklich tyranniſiren? Ja wol / gaben ſie mir zur Antwort / ſie ſind uns ſonſt ſo neidig / und villeicht darumb / daß ſie ſorgen / wir ſehen / hoͤren und empfin - den zu viel / eben als ob ſie unſerer Verſchwiegenheit nicht genugſam verſichert waͤren. Was wolts ſeyn? koͤnnen ſie uns doch in unſerm eigenen Territorio nit leiden / geſtalt manche ihr Schoshuͤndlein mit Buͤr - ſten / Kaͤmmen / Saͤiffen / Laugen und andern Dingen dermaſſen durchſtreifft / daß wir unſer Vatterland nothdringlich quittiren / und andere Wohnungen ſuchen muͤſſen / ohnangeſehen ſie ſolche Zeit beſſer an - legen / und etwan ihre eigene Kinder von den Laͤufen ſaͤubern koͤnten: Darauff erlaubte ich ihnen / bey mir einzukehren / und meinen menſchlichen Leib ihre Bey - wohnung / Thun und Laſſen empfinden zu machen / damit ich ein Urtheil darnach faſſen koͤnte; da fieng das Lumpengeſind an / mich zu geheyen / daß ich ſie / wie ihr geſehen habt / wieder abſchaffen muͤſſen: Jch will ihnen ein Privilegium auff die Nas hofieren / daß ſie die Weiber verꝛieblen und vertrieblen moͤgen / wie ſie wollen / ja wenn ich ſelbſt ſo ein ſchlimmen Kunden erdappe / will ichs ihm nicht beſſer machen.

Das VII. Capitel.

WJr dorfften nicht rechtſchaffen lachen / beydes weil wir ſich ſtill halten muſten / und weils derN iijPhan -292Deß Abentheurl. SimpliciſſimiPhantaſt nicht gern hatte / worvon Spring-ins-feld haͤtte zerſpringen moͤgen. Eben damals zeigte unſere Hohewacht an / die wir auff einem Baum hatten / daß er in der Ferne etwas kommen ſehe; Jch ſtieg auch hinauff / und ſahe durch mein Perſpectiv, daß es zwar die Fuhrleute ſeyn muͤſten / denen wir auffpaßten / ſie hatten aber niemand zu Fuß / ſondern ohngefaͤhr et - lich und dreiſſig Reuter zur Convoy bey ſich / dahero konte ich mir die Rechnung leicht machen / daß ſie nicht oben durch den Wald / darin wir lagen / gehen / ſondern ſich im freyen Feld behelffen wuͤrden / da wir ihnen nichts haͤtten abgewinnen moͤgen / wiewol es daſelbſt einen boͤſen Weg hatte / der ungefaͤhr 600. Schritt von uns / und etwan 300. Schritt vom End deß Walds oder Bergs durch die Ebne voꝛbey gieng. Jch wolte ungern ſo lang daſelbſt umbſonſt gelegen / oder nur einen Narꝛn erbeutet haben / machte derhal - ben geſchwind einen andern Anſchlag / der mir auch angienge.

Von unſerer Laͤgerſtatt gienge ein Waſſer-runtze in einer Klam̃en hinunder (die bequem zu reuten war) gegen dem Feld warts / deren Außgang beſetzte ich mit 20. Mann / nam auch ſelbſt meinen Stand bey ihnen / und ließ den Spring-ins-feld ſchier an dem Ort / wo wir zuvor gelegen warn / ſich in ſeinem Vor - theil halten / befahl auch meiner Burſch / wenn die Convoy hin komme / daß jeder ſeinen Mann gewiß nemmen ſolte / ſagte auch jedem / wer Feuer geben / und welcher ſeinen Schuß im Rohr zum Vorꝛath behalten ſolte. Etliche alte Kerl ſagten / was ich ge - daͤchte? und ob ich wol vermeynte / daß die Convoy an dieſen Ort kommen wuͤrde / da ſie nichts zu thunhaͤtten293Drittes Buch. haͤtten / und dahin wol in 100. Jahren kein Bauer kommen ſeye? Andere aber / die da glauhten / ich koͤn - ne zaubern / (maſſen ich damals deßwegen in einem groſſen Ruff war) gedachten / ich wuͤrde den Feind in unſere Haͤnd bannen. Aber ich brauchte hierzu keine Teuffels-Kunſt / ſondern nur den Spring-ins-feld / dann als die Convoy / welche zimlich Trouppen hiel - te / recta gegen uns uͤber vorbey paſſiren wolte / fieng Spring-ins-feld auß meinem Befelch ſo ſchroͤcklich an zu bruͤllen wie ein Ochs / und zu wiehern wie ein Pferd / daß der gantze Wald einen Widerſchall dar - von gab / und einer hoch geſchworen haͤtte / es waͤren Roß und Rinder vorhanden: So bald die Convon das hoͤrte / gedachten ſie Beuten zu machen / und an dieſem Ort etwas zu erſchnappen / das doch in der - ſelben gantzen Gegend nicht anzutreffen / weil das Land zimlich eroͤſet war; ſie ritten ſaͤmptlich ſo ge - ſchwind und unordentlich in unſern Halt / als wenn ein jeder der erſte haͤtte ſeyn wollen / die beſte Schlappe zu holen / welche es dann ſo dichte ſetzt / daß gleich im erſten Willkomm / den wir ihnen gaben / 13. Saͤttel gelaͤert / und ſonſt noch etliche auß ihnen gequetſcht wurden; Hierauff lieffe Spring-ins-feld gegen ih - nen die Klamme herunder / und ſchrye: Jaͤger / hie - her! darvon die Kerl noch mehr erſchreckt / und ſo irꝛ wurden / daß ſie weder hinderſich / fuͤrſich / noch neben auß reuten konten / abſprangen / und ſich zu Fuß darvon machen wolten: Aber ich bekam ſie alle ſibenzehen / ſampt dem Leutenant der ſie commandirt hatte / gefangen / und gieng damit auff die Waͤgen loß / ſpannete 24. Pferd auß / und bekam nur etliche wenige Seidenwahr und Hollaͤndiſch Tuch / dannN jvich294Deß Abentheurl. Simpliciſſimiich dorffte nicht ſo viel Zeit nehmen / die Todte zu pluͤndern / geſchweig die Waͤgen recht zu durch ſu - chen / weil ſich die Fuhrleut zu Pferd bald auß dem Staub gemacht / als die Action angienge / durch wel - che ich zu Dorſten haͤtte verꝛathen / und unterwegs wieder auffgehebt werden koͤnnen Da wir nun auff - gepackt hatten / lieffe Jupiter auch auß dem Wald / und ſchrye uns nach / ob ihn dann Ganymedes ver - laſſen wolte? Jch antwortet ihm ja / wenn er den Floͤhen das begehrte Privilegium nicht mittheilen wolte: Jch wolte lieber (antwortet er wieder) daß ſie miteinander im Cocyto legen! Jch muſte lachen / und weil ich ohne das noch laͤere Pferd hatte / lieffe ich ihn auffſitzen / demnach er aber nicht beſſer reuten konte / als eine Nuß / muſte ich ihn auffs Pferd bin - den laſſen / da ſagte er / daß ihn unſer Scharmuͤtzel an die jenige Schlacht gemahnt haͤtte / welche die Lapi - thæ hiebevor mit den Centhauris bey deß Pirithoj Hochzeit angefangen haͤtten.

Wie nun alles voruͤber war / und wir mit unſern Gefangenen davon poſtirten / als ob uns jemand jagte / bedachte erſt der gefangene Leutenant / was er vor ein groben Fehler begangen / daß er nemlichein ſo ſchoͤnen Trouppen Reuter dem Feind ſo ohnvor - ſichtig in die Haͤnd gefuͤhrt / und 13. ſo brave Kerl auff die Fleiſchbanck geliefert haͤtte / fienge derowegen an zu deſperiren / und kuͤndete mir das Quartier wieder auff / das ich ihm ſelbſten gegeben hatte / ja er wolte mich gleichſam zwingen / ich ſolte ihn todt ſchieſſen laſſen / denn er gedachte nicht allein / daß dieſes Uber - ſeben ihm eine groſſe Schand ſeyn / und unverant - wortlich fallen / ſondern auch an ſeiner kuͤnfftigenBefoͤr -295Drittes Buch. Befoͤrderung verhinderlich ſeyn wuͤrde / wofern es anders nicht gar darzu kaͤme / daß er den Schaden mit ſeinem Kopff bezahlen muͤſte: Jch aber ſprach ihm zu / und hielte ihm vor / daß manchem rechtſchaf - fenen Soldaten das unbeſtaͤndige Gluͤck ſeine Tuͤck bewieſen / ich haͤtte aber darumb noch keinen geſeben / der deßwegen verzagt / oder gar verzweiffelt ſeye / ſein Beginnen ſey ein Zeichen der Kleinmuͤtigkeit / dapf - fere Soldaten aber gedaͤchten / die empfangne Schaͤ - den ein ander mal wieder einzubringen; mich wuͤrde er nimmermehr dahin bringen / daß ich das Cartel verletzte / oder ein ſo ſchandliche That wider alle Bil - lichkeit / und loͤblicher Soldaten Gewonheit und Herkommen begienge. Da er nun ſahe / daß ich nicht dran wolte / fienge er an mich zu ſchmaͤhen / in Mey - nung / mich zum Zorn zu bewegen / und ſagte: Jch haͤtte nicht auffrecht und redlich mit ihm gefochten / ſondern wie ein Schelm und Strauch-Moͤrder ge - handelt / und ſeinen bey ſich gehabten Soldaten das Leben als ein Dieb abgeſtolen; woruͤber ſeine eigene Burſch / die wir gefangen hatten / maͤchtig erſchra - cken / die meinige aber eben ſo ſehr ergrimmten / alſo daß ſie ihn wie ein Sieb durchloͤchert haͤtten / wann ichs nur zugelaſſen / maſſen ich genug abzuwehren bekame. Jch aber bewegte mich nicht einmal uͤber ſeine Reden / ſondern nam beydes Freund und Feind zum Zeugen deſſen was da geſchahe / und lieſſe ihn Leutenant binden / und als einen Unſinnigen verwah - ren; verſprach auch / ihn Leutenant / ſo bald wir in unſern Poſten kaͤmen / und es meine Officier zulaſſen wolten / mit meinen eigenen Pferden und Gewehr / worunter er dann die Wahl haben ſolte / außzuſtaf -N vfiren296Deß Abentheurl. Simpliciſſimifiren / und ihme offentlich mit Piſtolen und Degen zu weiſen / daß Betrug im Krieg wider ſeinen Ge - gentheil zu uͤben / in Rechten erlaubt ſeye / warumb er nicht bey ſeinen Waͤgen geblieben / darauff er be - ſtellt geweſen; oder da er ja haͤtte ſehen wollen / was im Wald ſtecke / warumb er dann zuvor nicht recht - ſchaffen haͤtte recognoſciren laſſen / welches ihm beſ - ſer angeſtanden waͤre / als daß er jetzund ſo unſinnige Narꝛenpoſſen anfienge / daran ſich doch niemand keh - ren wuͤrde. Hieruͤber gaben mir beydes Freund und Feind recht / und ſagten: Sie haͤtten unter hundert Parteygaͤngern nicht einen angetroffen / der auff ſol - che Schmaͤhewort nicht nur den Leutenant todt ge - ſchoſſen / ſondern auch alle Gefangene mit der Leich geſchickt haͤtte. Alſo brachte ich meine Beuten und Gefangene den andern Morgen gluͤcklich in Soeſt / und bekam mehr Ehr und Ruhm von dieſer Partey / als zuvor nimmer / jeder ſagte: Diß gibt wieder ein jungen Joh. de Werd! Welches mich trefflich kuͤ - tzelte; aber mit dem Leutenant Kugeln zu wechſeln oder zu rauffen / wolte der Commandant nicht zuge - ben / dann er ſagte / ich haͤtte ihn ſchon zweymal uͤber - wunden. Je mehr ſich nun dergeſtalt mein Lob wie - der vermehrte / je mehr nam der Neid bey denen zu / die mir ohne das mein Gluͤck nicht goͤnneten.

Das VIII. Capitel.

MEines Jupiters konte ich nicht loß werden / dann der Commandant begehrte ihn nicht / weil nichts an ihm zu ropffen war / ſondern ſagte / er wolte mir ihn ſchencken; Alſo bekam ich einen eigenen Narꝛn / und dorffte keinen kauffen / wiewol ich das Jahr zu -vor297Drittes Buch. vor ſelbſt vor einen mich hatte gebrauchen laſſen muͤſ - ſen. So wunderlich iſt das Gluͤck / und ſo veraͤnder - lich iſt die Zeit! Kurtz zuvor tribulierten mich die Laͤus / und jetzt habe ich den Floͤhe-Gott in meinem Gewalt; vor einem halben Jahr dienete ich einem ſchlechten Dragoner vor einen Jungen; nunmehro aber vermochte ich zween Knecht / die mich Herꝛ hieſſen; es war noch kein Jahr vergangen / daß mir die Buben nachlieffen / mich zur Hur zu machen / jetzt wars an dem / daß die Maͤgdlein ſelbſt auß Liebe ſich gegen mir vernarꝛten: Alſo wurde ich bey Zei - ten gewahr / daß nichts beſtaͤndigers in der Welt iſt / als die Unbeſtaͤndigkeit ſelbſten. Dahero muſte ich ſorgen / wann das Gluͤck einmal ſeine Mucken gegen mich außlaſſe / daß es mir meine jetzige Wolfahrt ge - waltig eintraͤncken wuͤrde.

Damals zoge der Graf von der Wahl / als Obri - ſter Gubernator deß Weſtphaͤliſchen Craͤiſes / auß allen Guarniſonen einige Voͤlcker zuſammen / eine Cavalcada durchs Stifft Muͤnſter gegen der Vecht / Meppen / Lingen / und der Orten zu thun / vornemlich aber zwo Compagnien Heſſiſche Reuter im Stifft Paderborn außzuheben / welche zwo Meilen von Paderborn lagen / und den Unferigen daſelbſten viel Dampffs anthaͤten; ich wurde unter unſern Drago - nern mit commandirt / und als ſich einige Trouppen zum Ham geſamblet / giengen wir ſchnell fort / und berenneten bemeldter Reuter Quartier / welches ein ſchlecht-verwahrtes Staͤttlein war / biß die Unſerige hernach kamen; Sie unterſtunden durch zu gehen / wir jagten ſie aber wieder zuruͤck in ihr Neſt / es wur - de jhnen angebotten / ſie ohne Pſerd und Gewehr /N vjjedoch298Deß Abentheurl. Simpliciſſimijedoch mit dem was der Guͤrtel beſchlieſſe / paſſiren zu laſſen; Aber ſie wolten ſich nicht darzu verſtehen / ſondern mit ihren Carbinern wie Mußquetierer weh - ren: Alſo kams darzu / daß ich noch dieſelbe Nacht probieren muſte / was ich vor Gluͤck in Stuͤrmen haͤtte / weil die Dragoner vorn an giengen / da gelung es mir ſo wol / daß ich ſampt dem Spring-ins-feld gleichſam mit den erſten gantz ohnbeſchaͤdigt in das Staͤttlein kam / wir laͤerten die Gaſſen bald / weil ni - dergemacht wurde / was ſich im Gewehr befande / und ſich die Burger nicht hatten wehren wollen / alſo gieng es mit uns in die Haͤuſer / Spring-ins-feld ſag - te: Wir muͤſten ein Hauß vornehmen / vor welchem eingroſſer Hauffen Miſt lege / dañ in denſelben pfleg - ten die reichſte Kautzen zu ſitzen / denen man gemei - niglich die Officier einlogirte / darauff griffen wir ein ſolches an / in welchem Spring-ins-feld den Stall / ich aber das Hauß zu viſitiren vor name / mit dieſer Abred / daß jeder das jenige was er bekame / mit dem andern parten ſolte; Alſo zuͤndet jeder ſeinen Wax - ſtock an / ich ruffte nach dem Vatter im Hauß / kriegte aber kein Antwort / weil ſich jederman verſteckt hatte / geriethe indeſſen in eine Kammer / fande aber nichts als ein laͤer Bett darinnen / und einen beſchloſſenen Trog / den haͤmmert ich auff / in Hoffnung etwas koſtbares zu finden / aber da ich den Deckel auffthaͤt / richtet ſich ein kohlſchwartzes Ding gegen mir auff / welches ich vor den Lucifer ſelbſt anſahe: Jch kan ſchwoͤren / daß ich mein Lebtag nie ſo erſchrocken bin / als eben damals / da ich dieſen ſchwartzen Teuffel ſo unverſehens erblickte; Daß dich bieſer und jener er - ſchlag / ſagte ich gleichwol in ſolchem Schrecken /und299Drittes Buch. und zuckte mein Aextlein / damit ich den Trog auffge - macht / und hatte doch das Hertz nicht / ihm ſolches in Kopff zu hauen; er aber knyete nider / bud die Haͤnd auff / und ſagte: Min leve Heer / ick bitte ju doer Gott / ſchinckt mi min Levent! Da hoͤ - rete ich erſt / daß es kein Teuffel war / weil er von Gott redet / und umb ſein Leben bat; ſagte demnach / er ſolte ſich auß dem Trog geheyen / das thaͤt er / und gieng mit mir ſo nackend / wie ihn GOtt erſchaffen hatte. Jch ſchnitte ein Stuͤck von meinem Wachs / und gabs ihm mir zu leuchten / das thaͤt er gehorſam - lich / und fuͤhret mich in ein Stuͤblein / da ich den Haußvatter fande / der ſampt ſeinem Geſind diß lu - ſtige Spectacul anſahe / und mit Zittern umb Gnad bate! Dieſe erhielte er leicht / weil wir den Burgern ohne das nichts thun dorfften / und er mir deß Ritt - meiſters Bagage, darunter ein zimlich wolgeſpickt verſchloſſen Felleiſen war / einhaͤndigte / mit Bericht / daß der Rittmeiſter und ſeine Leut / biß auff einen Knecht und gegenwaͤrtigen Mohren / ſich zu wehren auff ihre Poſten gangen waͤren; indeſſen hatte der Spring-ins feld beſagten Knecht auch mit ſechs ge - ſattelten ſchoͤnen Pferden auch im Stall erwiſcht / die ſtellten wir ins Hauß / verꝛigelten ſolches / und lieſſen den Mohren ſich anziehen / den Wirth aber aufftragen / was er vor ſeinen Rittmeiſter zurichten muͤſſen. Als aber die Thor geoͤffnet / die Poſten be - ſetzt / und unſer General Feldzeugmeiſter Herꝛ Graf von der Wahl eingelaſſen wurde / nam er ſein Logi - ment in eben demſelben Hauß darinn wir uns befan - den / darumb muſten wir bey finſterer Nacht wieder ein ander Quartier ſuchen. Das fanden wir bey un -N vijſern300Deß Abenth. Simpliciſſimiſern Cameraden / die auch mit Sturm ins Staͤnlein kommen waren / bey denſelbigen lieſſen wir uns wol ſeyn / und brachten den uͤbrigen Theil der Nacht mit Freſſen und Sauffen zu / nachdem ich und Spring - ins-feld miteinander unſere Beuten getheilt hatten / ich bekam vor mein Theil den Mohren und die zwey beſte Pferd / darunter ein Spaniſches war / auff wel - chem ein Soldat ſich gegen ſeinem Gegentheil dorff - te ſehen laſſen / mit dem ich nachgehends nicht we - nig prangte / auß dem Felleiſen aber kriegte ich un - terſchiedliche koͤſtliche Ring / und in einer guͤldenen Cappel mit Rubinen beſetzt / deß Printzen von Ura - nien Conterfaͤit / weil ich dem Spring-ins-feld das uͤbrige alles lieſſe / kam alſo / wenn ich alles halber hinweg haͤtte ſchencken wollen / mit Pferden und al - lem uͤber die 200. Ducaten / vor den Mohren aber / der mich am allerſaurſten ankommen war / wurde mir vom Gen. Feldzeugmeiſter / als welchen ich ihm præ - ſentirte / nicht mehr als zwey Dutzet Thaler verehrt. Von dannen giengen wir ſchnell an die Embs / rich - teten aber wenig auß / und weil ſichs eben traff / daß wir auch gegen Recklinghauſen zukamen / nam ich Erlaubnus / mit Spring-ins-feld meinem Pfaffen zuzuſprechen / dem ich hiebevor den Speck geſtohlen hatte / mit demſelben machte ich mich luſtig / und er - zehlte ihm / daß mir der Mohr den Schrecken / den er und ſeine Koͤchin neulich empfunden / wieder einge - traͤnckt haͤtte / verehrte ihm auch ein ſchoͤne ſchlagende Hals-Uhr zum freundlichen Valete, ſo ich auß deß Rittmeiſters Felleiſen bekommen hatte / pflegte alſo aller Orten die jenige zu Freunden zu machen / ſo ſonſten Urſach geha[b]t haͤtten / mich zu haſſen.

Das301Drittes Buch.

Das IX. Capitel.

MEine Hoffart vermehrte ſich mit meinem Gluͤck / darauß endlich nichts anders als mein Fall er - ſolgen konte; Ungefaͤhr ein halbe Stund von Reh - nen campirten wir / als ich mit meinen beſten Came - raden Erlaubnus begehrte / in daſſelbe Staͤttlein zu gehen / etwas an unſerm Gewehr flicken zu laſſen / ſo wir auch erhielten. Weil aber unſer Meynung war / ſich einmal rechtſchaffen miteinander luſtig zu ma - chen / kehrten wir im beſten Wirtshauß ein / und lieſ - ſen Spilleut kommen / die uns Wein und Bier hin - under geigen muſten: Da giengs in floribus her / und blieb nichts unterwegen / was nur dem Geld wehe thun moͤchte / ja ich hielte Burſch von andern Regi - mentern zu Gaſt / und ſtellte mich nicht anders / als wie ein junger Printz / der Land und Leut vermag / und alle Jahr ein groß Geld zu verzehren hat. Da - hero wurde uns auch beſſer / als einer Geſellſchafft Renter / die gleichfalls dort zehrte / auffgewartet / weils jene nicht ſo doll hergeben lieſſen / das verdroß ſie / und fiengen an mit uns zu kippeln: woher kom̃ts / ſagten ſie untereinander / daß dieſe Stigelhupffer (dann ſie hielten uns vor Mußauetterer / maſſen kein Thier in der Welt iſt / das einem Mußquetierer glei - cher ſihet als ein Dragoner / und wenn ein Dragoner vom Pferd faͤllt / ſo ſtehet ein Mußquetierer wieder auff) ihre Heller ſo weiſen? Ein anderer antwortet / jener Saͤugling iſt gewiß ein Stroh-Juncker / dem ſeine Mutter etliche Milch-Pfenning geſchickt / die er jetzo ſeinen Cameraden ſpendirt / damit ſie ihn kuͤnff - tig irgendswo auß dem Dreck / oder etwan durch einGraben302Deß Abentheurl. SimpliciſſimiGraben tragen ſollen. Mit dieſen Worten zieleten ſie auff mich / dann ich wurde vor einen jungen Edel - mann bey ihnen angeſehen. Solches wurd mir durch die Keller in hinderbracht / weil ichs aber nicht ſelbſt gehoͤrt / konte ich anders nichts darzu thun / als daß ich ein groß Bierglas mit Wein einſchencken / und ſolches auff Geſundheit aller rechtſchaffenen Muß - quetierer herumb gehen / auch jedesmal ſolchen Al - larm darzu machen lieſſe / daß keiner ſein eigen Wort hoͤren konte; das verdroß ſie noch mehr / derowegen ſagten ſie offentlich: Was Teuffels haben doch die Stigelhuͤpffer vor ein Leben? Spring-ins-feld ant - wortet / was gehts die Stiffelſchmierer an? Das gieng ihm hin / dann er ſahe ſo graͤßlich drein / und machte ſo grauſame und bedrohliche Minen / daß ſich keiner an ihn reiben dorffte. Doch ſtieß es ihnen wie - der auff / und zwar einen anſehnlichen Kerl / der ſagte: Und wenn ſich die Maurenſcheiſſer auch auff ihrem Miſt (er vermeynte / wir laͤgen da in der Guarniſon, weil unſere Kleidungen nicht ſo Wetterfaͤrbig auß - ſahen / wie der jenigen Mußquetierer / die Tag und Nacht im Feld ligen) nicht ſo breit machen doͤrfften / wo wolten ſie ſich dann ſehen laſſen? man weiß ja wol / daß jeder von ihnen in offenen Feldſchlachten unſer Raub ſeyn muß / gleich wie die Daub eines jeden Stoß-Falcken! Jch antwortet ihm: Wir muͤſſen Staͤtt und Veſtungen einnehmen / und ſolche werden uns auch zu verwahren vertrauet / dahingegen ihr Reuter auch vor dem geringſten Ratten-Neſt keinen Hund auß dem Ofen locken koͤnnet; warumb wolten wir ſich dann in dem / was mehr unſer als euer iſt / nicht doͤrffen luſtig machen? Der Reuter antwortet /wer303Drittes Buch. wer Meiſter im Feld iſt / dem folgen die Veſtungen / daß wir aber die Feldſchlachten gewinnen muͤſſen / folget auß dem / daß ich ſo drey Kinder / wie du eins biſt / mit ſampt ihren Mußqueten nicht allein nicht foͤrchten / ſondern ein paar darvon auff den Hut ſie - cken / und den dritten erſt fragen wolte / wo deiner noch mehr waͤren? und ſaͤſſe ich nur bey dir / ſagte er gar boͤniſch / ſo wolte ich dem Junckern zu Beſtetigung der Warheit ein par Dachteln geben! Jch antwor - tet ihm / ob ich zwar vermeyne / ein ſo gut par Piſto - len zu haben als du / wiewol ich kein Reuter / ſondern nur ein Zwidder zwiſchen ihnen und den Mußque - tierern bin / ſchau! ſo hat doch ein Kind das Hertz / mit ſeiner Mußqueten allein / einem ſolchen Praler zu Pferd / wie du einer biſt / gegen all ſeinem Gewehr im freyen Feld / nur zu Fuß zu erſcheinen. Ach du Coujon, ſagte der Kerl / ich balte dich vor einen Schelmen / wenn du nicht wie ein redlicher von Adel alsbald deinen Worten eine Krafft gibſt. Hierauff warff ich ihm einen Handſchuh zu / und ſagte: Sihe da / wenn ich dieſen im freyen Feld durch meine Muß - quete nicht zu Fuß wieder von dir bekomme / ſo habe genugſame Macht und Gewalt / mich vor den jeni - gen zu halten und außzuſchreyen / wie mich deine Ver - meſſenheit geſcholten hat. Hierauff zahlten wir den Wirth / und der Reuter machte ſeinen Carbiner und Piſtolen / ich aber meine Mußquete fertig / und da er mit ſeinen Cameraden von uns an den beſtim̃ten Ort ritte / ſagte er zu meinem Spring-ins-feld: Er ſolte mir