PRIMS Full-text transcription (HTML)
[I]
Anfangsgruͤnde der Phiſiologie des menſchlichen Koͤrpers.
Fuͤnfter Band,
Die aͤuſſerlichen und innerlichen Sinne.
Aus dem Lateiniſchen uͤberſezt von Johann Samuel Hallen, Profeſſoren des Koͤnigl. Preußiſchen Corps des Gadets in Berlin.
[figure]
Berlin und Leipzig,Jm VerlagChriſtian Friedrich Voß, 1772.
[II][III]
[figure]

Vorrede.

Mein Schikkſal verhaͤngt es, ge - neigter Leſer, ob ich gleich al - len Gelehrten wohl will, und ihren Namen, ſie moͤgen von mir halten, was ſie wollen, niemals zu verkleinern ſuche; und ob ich gleich auſſerdem keinen jemals, nur Coſchwizzen aus - genommen, angegriffen, ja auch die Entdekkung dieſes Mannes, da ich noch jung, und beinahe* 2nochIVVorrede. noch ein Kind war, in den Jahren 1725 und 1727, jedoch mit geziemender Beſcheidenheit widerlegt habe, daß ich demohngeachtet doch, bei dieſen meinen Geſinnungen, faſt Jahr vor Jahr bittre Schmaͤhſchriften wider mich erſcheinen ſehen mus. Und dennoch weis ein jeder, wie ich dem Ham - berger bei ſeinem Leben(1)Jn den 1754. zu Lauſanne herausgegebnen Opuſeulis. , und nach ſeinem Tode(2)Jn dem Mem. ſur la Reſpirat. zu Lauſanne 1758. edirt, und in den ohnlaͤngſt wieder aufgelegten Opuſculis, und in phiſiol. Element. T. III. , nachdem Haens Buch ſchon erſchienen, welches beinahe eben ſo bitter ſchreibt, geantwor - tet habe. Und es kann jedermann leicht entſchei - den, wie ich Gunzens Verdienſte gelobt, und Albins, ſowol vor ſeiner ſcharfen Cenſur, als nach derſelben Erwaͤhnung gethan habe.

Mein Entſchluß iſt keine leichte Sache. Jch eile, dieſes lange Werk zu Ende zu bringen, und bediene mich des Landlebens, welches nur allein im Stande iſt, mir Ruhe zu verſchaffen, wiewol ich jezzo einige oͤffentliche Geſchaͤfte weniger zu beſor -genVVorrede. gen habe(3)Directorium Rupénſe, et vices Gubernatoris Aquiljeæ. . Jch mag dieſe fuͤr mich angenehme Arbeit, welche mehr Nuzzen, als alles Gezaͤnke ſtiftet, nicht auf die Seite legen, um Schmaͤh - ſchriften zu zergliedern, und Knoten aufzuloͤſen, wodurch man deutliche Erfahrungen verwikkeln, und unterdruͤkken will.

Je mehr dieſe Verſuche von kundigen Maͤn - nern, die ſich der Vorfaͤlle in der Wundarznei - kunſt bedienen wollen, wiederholt werden, deſto beſſer werden ſie ihnen den Weg zeigen, die Zwei - fel der Unglaͤubigen zu entkraͤften. Vor kurzen hat Hunter, Camper, Caldan unſre Arbei - ten mit ſeinem Zeugniſſe beehrt; bei ſolchen Exem - peln laͤſt ſich ſchon auch was mehreres hoffen.

Doch Sie halten ſich, wenden mir meine Freunde ein, denen wie es ſcheint, meine Ehre, mehr, als mir ſelbſt am Herzen liegt, Sie halten ſich indeſſen ſo geruhig. Sie hoͤren die Schmaͤ - hungen an, und heiſſen ſie durch ihr Stillſchweigen gut; ſie ſtaͤrken Leute in ihrer Verwegenheit, und dieſe wagen alles, weil ſie ſich fuͤr nichts fuͤrchten.

* 2JnVIVorrede.

Jn der That haben ſie, wie ich an mir erfahre Recht, und dennoch bleibe ich bei dem obigen Ent - ſchluſſe. Jch ſchone mich lieber. Vielleicht koͤnn - te ich mich nicht enthalten, wenn ich auf ihre bit - tre Reden, und ungerechte Verleumdungen ant - worten wollte, die dem Menſchen angebohrne Empfindlichkeiten aufzuopfern, und vielleicht wuͤr - de meine Antwort einige Hizze verrathen. Nun - mehr iſt es mir ertraͤglicher, daß die Erbitterung meiner Feinde der Nachwelt in die Hand komme, als daß ſie meine Hizze leſen ſoll. Ein redlicher Mann zu ſein, der auch mit ſeinen Gegnern bil - lig verfaͤhrt, ſcheint mir mehr, als alle Ehre der Gelehrſamkeit werth zu ſein; und es iſt keine Schande, gar zu redlich zu ſein, wofern bei dieſer Tugend zugleich das Laſter Plazz finden kann. Den Feinden hart zu fallen, und ſich uͤbel verdienten Perſonen furchtbar zu machen, ſcheint mir eine leichte Rolle zu ſein, und es gehoͤrt kein groſſer Wizz dazu, daß man ſchimpfen kann, wenn wir von dem Widerwillen unterſtuͤzzt werden.

Jn -VIIVorrede.

Jndeſſen habe ich doch in der Haeniſchen(4)Vindiciæ &c. Viennæ. 1762. Schrift, dasjenige ſorgfaͤltig heraus geſucht, und auch meine Freunde haben es gethan, was die Sache ſelbſt einigermaaſſen naͤher angeht. Es trug dieſer beruͤhmte Mann keinen einzigen Ver - ſuch vor, wenn man nicht darunter dasjenige ver - ſtehen will, welches, wenn es gelten ſoll, offen - bar fuͤr mich iſt, daß er naͤmlich die Sehne eines Menſchen, ohne daß derſelbe Menſch davon Em - pfindung gehabt, mit den Fingern ergriffen(5)p. 112.. Er brachte zwar die Verſuche des Radnizki, ei - nes Arzneibefliſſnen, und des Vandelli, der ebenfalls noch kein Anatomicus iſt bei, auf dieſe aber hatte ich bereits zwei Jahre zuvor geantwor - tet. Doch es ſagte einer von meinen Freunden, dieſe Schatten abgelebter Feinde, wuͤrden gegen mich, als ob ſie noch lebten, aus dem Reiche der Schatten aufgerufen.

Da er mir uͤbrigens die Widerſpruͤche mehr - malen zur Laſt legt, die, wie er ſagt, uͤberall vor -* 4kom -VIIIVorrede. kommen, ſo will ich hier dieſe Anklage beantwor - ten, weil man darauf kuͤrzlich antworten kann.

Wenn ich die Verſuche mit den Folgerungen daraus, erwaͤge, ſo habe ich oft gefunden, daß dieſe jenen entgegen ſind. Jch gebe alſo beiden Partheien Gehoͤr, und ein Menſch, dem die Wahr - heit am Herzen liegt, kann ſich dieſes zu thun nie - mals entbrechen. Zum Exempel, Schlagadern ſcheinen, ihre groͤſte Staͤmme ausgenommen laut den Verſuchen weder reizzbar, noch geſchikkt zu ſein, ſich zuſammen zu ziehen; indeſſen ſcheinen ſie ſich doch, vermoͤge andrer Schluͤſſe, die nicht zu ver - werfen ſind, zuſammen ziehen zu koͤnnen. Folg - lich mus man geſtehen, daß Schlagadern unter dem Meſſer nicht reizbar, doch aber unter andern Umſtaͤnden es zu ſein ſcheinen.

Die Blutadern ſind uͤberhaupt nicht reizbar(6)pag. 204., ſie haben aber auch keine fleiſchige Haͤute be - kommen: doch hat die Holader in der Bruſt, die obere ſowol, als die untere, Faſern, ſie ziehet ſichzuſam -IXVorrede. zuſammen, und ſie iſt dem Reizze unterworfen. Jch lehre beides, und dadurch, widerſpreche ich mir auf ſolche Art ſelbſt, daß man meinen Ver - ſuchen keinen Glauben beimeſſen kann, und eben ſo wenig gefallen ihm auch meine uͤbrige Gruͤnde.

Sehnen ſind nicht reizbar(7)pag. 146., und ſie laſſen ſich weder von einer angebohrnen Kraft, noch durch die Nerven zuſammen ziehen. Und dennoch ziehen ſich Sehnen, auch lange nach dem Tode, noch von der todten Kraft zuſammen, und eben ſolche Beſchaffenheit hat es auch mit den Blut - aderklappen des Herzens. Dieſe Wahrheiten, dieſe jedermann bekannte Wahrheiten, meinet Haene, widerſprechen ſich einander auf das un - anſtaͤndigſte.

Man ſollte glauben, das Pericranium(8)pag. 48., habe nach der Analogie zu urtheilen, keine Em - pfindung, weil es von der Art des Knochenhaͤut - chens iſt; und dennoch ſcheinet es nach andern Verſuchen, zu empfinden. Es kriechen am Pe -* 5ricra -XVorrede. ricranio tiefe Nerven, welche man nothwendig mit zerſchneidet, wenn man das Pericranium be - ſchaͤdigt. Folglich ſind hier keine ſolche Verſuche, die die Liebhaber der Wahrheit uͤberzeugen koͤnnten.

Daher rede ich von der Empfindlichkeit des Pericranii in ſo fern, daß ich dennoch der Ana - logie der harten Gehirnhaut mehr Einfluß zu - ſchreibe. Und dennoch ruft der beruͤhmte Mann dieſe ſo einfaͤltigen Dinge, mit einer ſchmaͤhenden Mine, fuͤr Saͤzze, eines ſich widerſprechenden Menſchen aus.

Von dem Marke der Knochen(9)pag. 172., habe ich keinen eignen Verſuch, ich ſehe, daß dergleichen ſchwer zu machen iſt, und daß ihm gegenſeitige Verſuche im Wege ſtehen. Jch nehme alſo, ſo lange bis jemand auftreten wird, der einen Ner - ven nebſt der Schlagader, und einer ernaͤhrenden Blutader bis ins Mark verfolgen kann, den Sazz an, und will alsdann gerne zugeben, das Mark habe eben ſolche Empfindung, als ein NervehatXIVorrede. hat. Auch dieſes ſoll ſich wieder, meinem Geg - ner zu Folge widerſprechen.

Jch ſage(10)pag. 175. 177. &c. , das Herz habe ſo viele Nerven, daß ſie folglich zur Empfindung hinreichen koͤn - nen, ſie waͤren aber ſo klein, daß ſie zu einer ſehr ſcharfen Empfindung nicht hinlaͤnglich ſein koͤnn - ten. Jch geſtehe endlich, daß ſich die Nerven vom Meſſer in innerliche kleine Muſkelſtreife, die vom Blutaderblute blos durch ihre zarte Beklei - dung getrennt werden, zertheilen laſſen, oder we - nigſtens doch nicht zertheilt worden. Und den - noch ſcheine es gewis zu ſein, daß in dieſe Gegend des faſt nakkten Herzfleiſches, kleine Nerven hin - laufen, weil uͤberall im Koͤrper des Menſchen Ner - ven zu den Muſkelnſtreifen gehen; hier aber im Herzen dergleichen Muſkelſtreife vorkommen. Bil - lige Richter moͤgen urtheilen, wie ſich dieſe voll - kommne Wahrheiten einander zuwider ſein koͤnnen.

Jch habe eingeſtanden, daß ich in Thieren, durchs Reizzen keinen Huſten(11)pag. 180. hervorbringenkoͤnneXIIVorrede. koͤnne, auſſer einmal an einem Lamme, und nicht einmal voͤllig. Am Menſchen verurſacht eben dieſer Reizz, oder eben der angefuͤhrte Schwe - felrauch, leicht einen Huſten. Und dieſes iſt wirklich wieder, wie der beruͤhmte Mann will, ein abſcheulicher Widerſpruch.

Es iſt wider die Wahrheit, daß ſich das Herz blos an kalten Thieren ausleeren ſoll(12)pag. 228.. Es leeret ſich ganz augenſcheinlich, im Huͤhnchen im Eie aus, und ich habe es oft im Menſchen, doch nicht allezeit, leer gefunden. Jſt es nicht allezeit in todten Koͤrpern leer, ſo ſtekkt die Urſache in der zuſtoſſenden lezzten Schwachheit, welche nicht hinlaͤnglich iſt, daß das Herz die lezzten Blutklum - pe austreiben kann.

Daß das Herz(13)pag. 236. ſeq. lang und kurz werde, ob es ſich gleich nicht ausleert, folgt aus der allgemei - nen Natur der Faſern, welche wenn ſie von Wech - ſelrichtungen hin und her gezogen wird, zittert. DieſesXIIIVorrede. Dieſes iſt ſehr widerſprechend, ſagt Hacn, ob man gleich beide Phaͤnomena zuverlaͤßig geſehen.

So viel finde ich, herauszuziehen, und zu wi - derlegen. Alles uͤbrige thut zur Sache nichts, ob es gleich meinen guten Namen angeht. Doch ich glaube, daß ſich dieſer, ohne durch meine laſter - hafte Handlungen, nicht beflekken laͤſt.

Die einzige, und wie ich felbſt davor halte, verdiente Nachrede, trift die Citationen. Da, bei deren unendlichen Menge, meine alte Hand, wenn ich die Charactere ziehe, zittert, da ich von der Preſ - ſe entfernt lebe, da der Corrector oder Drukker leicht einen andern Zug, ſtatt des Vorgeſchriebnen, greifen kann, ſo kann mir dieſes, wenn ich die Blaͤtter aus der Preſſe nachſehe, nicht ſo ſehr ver - dacht werden, da ich in einem obrigkeitlichen Amte ſizze, und mit ernſthaften Sorgen beſchaͤf - tigt bin; ja ich glaube ſelbſt, daß hier Fehler mit untergelaufen, und ich bitte deswegen um Verge - bung. Doch halte ich nicht davor, daß man Drukfehler von Wichtigkeit bemerken werde. WaszurXIVVorrede. zur Beſtaͤttigung eines Sazzes gehoͤret, habe ich aus dem gegenwaͤrtigen Buche des Autors genom - men, oder dabei erinnert, wenn ich dieſes Buch nicht eben bei der Hand gehabt. Und dennoch wiederhole ich auch hier billig, daß ich die citirte Stellen nicht darum anfuͤhre, weil beruͤhmte Maͤnner mit mir einerlei Gedanken davon gehabt. Es iſt gewis, und geſchicht oft, daß Leute, was die Sache ſelbſt betrift, das Gegentheil behaup - ten, ſo oft ich die Namen der Schriftſteller nicht auf die Art anfuͤhren wollen, daß ich ſie widerleg - te, weil ich mich daran begnuͤgte, durch das An - fuͤhren derſelben zu zeigen, daß ich ihre Gruͤnde geleſen.

Mit dieſem Abſchiede, empfehle ich, unſre Arbeit, geneigter Leſer, Deinem Wohlwollen, den 11. April 1763.

Des[1]

Des eilften Buches der Anfangsgruͤnde der Phiſiologie Zweeter Abſchnitt, Die Erſcheinungen in der Muſkel - Bewegung.

§. 1. Die Kraft, ſich zuſammenzuziehen, uͤberhaupt betrachtet.

Es erſtrekker ſich diejenige Kraft, vermoͤge welcher ſich die Grundſtoffe einer Faſer einander naͤhern, nicht nur uͤber das thieriſche Reich allein, ſondern auch eben ſo wohl uͤber das Reich der Pflanzen(a)Es iſt der elaſtiſche tonus in den Pflanzen groͤſſer. BOSE ſecr. hum. plant. p. IX. . Dieſe Kraft ſcheinet nicht nur uͤberhaupt die Urſache desZu -H. Phiſiol. 5. B. A2Thieriſche Bewegung. XI. Buch. Zuſammenhaͤngens zu ſein, ſondern ſie laͤſt ſich auch durch eine leichte Erfarung deutlich machen, wenn man eine Faſer, der Laͤnge nach, aus einander zieht, wieder los laͤſt, und beobachtet, wie ſie in wenig Augenblikken ihre erſte Kuͤrze wieder bekoͤmmt, und dieſe Beſtrebung, wodurch ſie ſich zu verkuͤrzen ſucht, nie verliert, ſon - dern ſo lange anſtrengt, bis ſie ihre erſte Kuͤrze wieder gewonnen hat(b)BOERHAAVE de viri - bus medieament. p. 66.. Dieſe Bewandnis hat es mit dem Hanfe, dem Flachſe, der Feder, den Haren, mit den Membranen, mit den Zellfaſern, mit einem abgeſtorbnen Muſkel, mit den Darmſaiten aus Thieren; ja hiervon iſt nicht einmal der aus(c)B. LANGRISCH muſc. mot p. 48. 49. vergl. SCHREI - BER almageſt. p. 89. A. Franc. PAWLOWSKY de fibra de - bili. Thieren oder Pflanzentheilen gemachte Leim ſelbſt ausgenommen.

Sie iſt in den kleinſten Theilgen ſtaͤrker, als in den groſſen, weil von den einzeln losgezerrten zarten Faͤden(d)Es beſizzen die zaͤrteſte Sei - denfaͤdengen eine Kraft, welche ſich zur Schweinsborſte verhaͤlt, wie 33915 zu 7970, das iſt, eine viermal groͤſſere. MVSSCHEN - BROECK de cohaeſ. corporum. Es wird die Elaſticitaͤt einer thie - riſchen Faſer durch die Waͤrme ge - ſchwaͤcht. MUSSCHENBR. in - ſtit. p. 440. mehr Gewicht, als von ihnen zuſammengenommen, getra - gen wird. Es koͤmmt auch dieſe Kraft nicht von dem Gewebe, oder einiger Verdrehung her, indem dieſe Ver - kuͤrzungskraft an einer geraden und einfachen Faſer groͤſ - ſer iſt, und hingegen durch ein Zuſammendrehen vermin - dert wird(e)Eben der, daſ. p. 509. ſeq. WALLERIUS act. reg. ſoc. Suec. 1739. Trim. I. n. 7. NOL - LET leçons de phyſique. Tom. III. p. 158.. Andre groſſe Maͤnner, die man ſelbſt nachſchlagen kann(f)BELLIN de villo con - tract. Prop. 52. SANTORIN de fibra in edit. oper. BAGLI - VIANORUM p. 761. 762., erklaͤren den Faſerbau nach dem Sinne ihrer Hipoteſe.

Doch3II. Abſchnitt. Erſcheinungen.

Doch es hat das Anſehn, daß ſich dieſe Kraft um ſo viel ſtaͤrker aͤuſſere, je groͤſſer die Gewalt iſt, welche eine Faſer hervorbringt, ſo wie eine muſikaliſche Saite an ſich haͤrter iſt, und ſich mit einer groͤſſern Gewalt zuſammen - zieht, wenn ſie hundert Pfunde traͤgt, als ſie ſich ſonſt zuſammenziehen wuͤrde, wenn man ſie blos mit zehn Pfunden ausſpannen wollte. Sie bedarf alſo, da ſie von einem ſo groſſen Gewicht ausgedehnt worden, wenn man ſie weiter ausſpannen will, einer groͤſſern Kraft, und ſpringt daher, wenn man ſie los laͤſt, auch viel ſtaͤrker und geſchwinder wieder zuruͤkke. Es erfordert die Menſchen - haut(g)SAUVAGES phyſiol. p. 16. Theor. tumor. p. 7. VARENNE in theſi: Ergo uieri contractio praecipua partus cauſa. , wenn ſie noch einmal ſo lang ausgedehnt wer - den ſoll, eine zehnmal groͤſſere, und wenn ſie ſechsmal laͤnger gemacht werden ſoll, zwanzigmal mehr Kraft(h)SAUVAGES theor. tu - mor. p. 7.. Man hat einen Hautriemen durch ein einfaches Gewicht auf vier Linien, durch ein gedoppelt Gewichte bis ſieben, durch ein dreifaches Gewicht, bis auf neun Linien ausge - ſpannt(i)Idem ibid. . Jndeſſen hat doch auch dieſe Gewalt ihr be - ſtimmtes Maas, und wenn man eine Faſer uͤber ihr Ver - moͤgen verlaͤngert, ſo zernichtet ſich dieſe Kraft voͤllig, und leidet von der Zerrung dergeſtalt, daß ſich die Grund - ſtoffe von einander trennen, und eine Tonſaite zerſprin - gen mus.

Eben ſo ſcheint auch dieſe natuͤrliche Verkuͤrzungskraft, gegenſeitig in dem Beruͤhrungspunkte ſtille zu ſtehen, wenn ſich naͤmlich die Grundſtoffe einander ſo nahe bringen laſſen, daß man ſie nicht naͤher bringen kann. Sie ſuchen ſich einander ſelbſt ſo nahe zu kommen, als es ihre Natur und die Freiheit verſtattet. Es zerris ein Hautrieme, als man ihn von drei bis ſechs Zoll ausſpannte, und ſeine Enden waren wieder, zuſammengenommen, drei Zoll lang, und wie Abſchnitte einer gezerrten Schlagader anzuſehen(k)ibid. p. 8.. A 2Jn -4Thieriſche Bewegung. XI. Buch. Jndeſſen iſt es doch warſcheinlich, daß auch alsdenn noch eine geheime Verkuͤrzungskraft ruͤkkſtaͤndig ſei, wel - che ſich kuͤnftig aͤuſſern kann, wofern man die Hinderniſſe aus dem Wege zu raͤumen vermag, welche dem Beruͤren der Grundſtoffe hinderlich ſind. Wir kennen naͤmlich kein koͤrperliches Weſen, welches nicht ſeine Poros und Raͤume zwiſchen den Grundſtoffen haͤtte, durch welche ſich die Grundſtoffe einander naͤhern koͤnnen.

§. 2. Jn welchen Theilen dieſe Verkuͤrzungskraft angetroffen werde.

Vielleicht iſt kein einziger Theil im menſchlichen Koͤr - per von dieſer Gewalt voͤllig ausgeſchloſſen. Sie offen - baret ſich indeſſen am deutlichſten an den Muskeln, und naͤchſt dieſen an den Membranen, an der Ribbenhaut, dem Knochenhaͤutchen, dem Mittelfelle, wie auch an den Sehnen, Baͤndern, und am Zellgewebe. Wenn ſie ja mangelt, ſo mangelt ſie den ungemein weichen Theilen, dergleichen das Mark, die Markrinde im Gehirne, oder das Nezhaͤutchen im Auge iſt; oder ſie felet auch den ganz harten Theilen, als den Knochen und Zaͤhnen.

Alle die Theile, welche ſich wieder zuſammenziehen, geben alle nach, wenn man ſie durch Gewichter ausdehnt, ſie werden laͤnger, behalten aber immer noch das Beſtre - ben, ſich, ſobald ſie koͤnnen, wieder in ihre erſte Kuͤrze zuruͤkke zu ziehen. Man kann leicht begreifen, daß ver - ſchiedne Theile auch eine verſchiedne Staͤrke beſizzen. Un - ter allen ſcheinen die Muskeln darunter die ſchwaͤchſten zu ſein, und dieſen folgen die Muſkelnſtreifen an der Mem - bran oder Harnblaſe, am Magen, welche doch an den Schlagadern noch etwas haͤrter ſind(k*)Phyſiolog. die ohnlaͤngſt in hollaͤndiſcher Sprache heraus - gekommen, und mir viel zu ſpaͤtzu Haͤnden gekommen, als ein kur - zer Begriff der albiniſchen Vor - leſungen. p. 384.. Staͤrker ſinddie5II. Abſchnitt. Erſcheinungen. die Membranen, als die harte Gehirnhaut, das Weſen der Schlagadern, das Knochenhaͤutchen, die Haut, Sehne und das Band. Jch will von jedem beſonders einige Verſuche melden.

Jch weis nicht, ob das Kopfhaar nicht, wenn man deſſen Zaͤhigkeit in Betrachtung zieht, alles uͤbrige darinnen, nebſt der Seide, deren Faͤden, weil ſie zaͤrter, auch zum Wiederſtehen am geſchikkſten und ſtaͤrkſten iſt, uͤbertreffe.

Es traͤgt ein Faden von der Seidenraupe, ehe er zer - reiſt, 85 Gran(l)MVSSCHENBROECK de cohaeſione corporum p. 521.. Ein Spinnenfaden haͤlt 15 Gran aus(m)p. 522.. Ein Kopfhaar, welches ſieben und funfzigmal dik - ker, als ein Seidenfaden war, vertrug 2069 Gran(n)p. 521.. Ein Pferdshaar, das ſiebenmal dikker iſt, zerris erſt von 7970(o)p. 522. bis 7920 Gran. Eine muſikaliſche Saite ſtand ein dreimal groͤſſeres Gewichte aus(p)p. 524.. Ein Riemen aus Leder geſchnitten, der $$\frac{4}{10}$$ Zoll breit und $$\frac{18}{100}$$ dikk war, hielte 380 Pfunde(q)ibid. , und in einem andern Ver - ſuche hielt ein ſolcher Riemen, der eine Linie im Quadrat war, 200 Pfunde aus(r)SAUVAGES theor. tu - mor. p. 5.. Die ſogenannte Achilles oder Sprungſehne trozzte dem ſchwerſten Gewichte(s)LOUIS diſc. hiſt. critic. p. 23. und die Sehne des dunnen Schienbeinsmuſkels, die doch nicht viel dikker, als zwo Linien iſt, ſtand den Druck von achtzig Pfunden aus(t)CROONE p. 11.. Man hat ohnlaͤngſt in Frankreich angefangen, zu den Trageriemen an den Kutſchen Thierſehnen zu gebrauchen, weil ſie ſtaͤrker als Riemen befunden worden(t*)Hiſt. de l Acad 1755. p. 145.. Es haben blos die Kap - ſelbaͤnder an einem Kalbsfuſſe(u)Inſtep Anglis. 119 Pfunde getragen(x)HALES haemaſtat. p. 170., ſo wie blos das Knochenhaͤutchen 431 Pfunde(y)p. 171.,A 3und6Thieriſche Bewegung. XI. Buch. und da es einen Zoll gros war, 100 Pfunde ausgehal - ten(z)HALES haemaſt. p. 172.. Das Band an der Fuswurzel(a)Hock joint. zerris erſt bei 830 Pfunden(b)p. 172..

Hingegen iſt der Muſkel ſchon viel ſchwaͤcher. Es laͤſt ſich naͤmlich ein, aus der Haut geſchnittner Riemen, drei - mal laͤnger ausdehnen(c)SAUVAGES l. c. p. 5.. Hingegen laͤſt ſich eine Magen - faſer nur bis zum ſiebenten Theil ihrer Laͤnge ausſpannen, da ſie denn zerreiſt, und das thut eine Blaſenfaſer(d)SAUVAGES phyſiol. p. 20. noch viel eher(e)ibid. , und noch eher die Faſer von der Karotis(f)ibid. .

Es iſt dieſe Kraft, ſich zuſammen zu ziehen, welche man blos durch die Anziehungskraft der Grundſtoffe gegen einander beſtimmen koͤnnte, und die den Thieren mit den Metallen gemein iſt, ein wenig von unſrer eigentlichen Abſicht entfernt, und wir naͤhern uns alſo derſelben wieder.

§. 3. Daß ſich die todte Faſer eines Thieres noch zuſammenziehe.

Es koͤmmt dasjenige Zuſammenziehen, welches ſich an einer thieriſchen Faſer beſtaͤndig und ſo lange das Thier lebt, aͤuſſert, um ſich zu verkuͤrzen(g)bei dem VANDERMONDE 1757. Janu. , und welches eben ſowohl, an einem feuchten Leichname noch fortdauret, hingegen mit der Trokkenheit allmaͤhlich verſchwindet, ſchon den Urſachen der Muſkelbewegung naͤher. Es iſt das Maas dieſes Zuſammmenziehens derjenige Raum, welchen eine von den Nebenfaſern abgeſonderte Faſer, um ſich kuͤrzer zu machen, durchlaͤuft. Es pflegt naͤmlich jede Membran, wenn man ſie durchſchneidet, die Wunde immer groͤſſer und groͤſſer dadurch zu machen, daß ſie ihre Faſern gegen den noch feſten und unbeſchaͤdigten Theil zu - ruͤcke zieht. Man kann dieſe Kraft an den Wunden(h)SAUVAGES theor. tu - mor. p. 9. lebendiger Thiere deutlich ſehen, indem ſie die Lefzen derWunde7II. Abſchnitt. Erſcheinungen. Wunde von einander zerret, und aus einer einfachen Spalte eine weite Oefnung macht. Sie bezeugt ſich an dem Mittelfelle(i)PERRAULT T. III. p. 74. LORRY beim VANDER - MONDE. 1757. Janv. , der Ribbenhaut(i*)LORRY bei dem VANDERM. loc. cit. dem Darmfelle, der Haut(k)SAUVAGES l. c. p. 9., dem Zellgewebe(l)v. GEUNS de vita p. 17. und an der Sehne(m)Denn es gehen die zer - ſchnittnen Theile derſelben aus - einander. PAGANI und BO - NIOLI. p. 158.. Sie iſt am Zellgewebe ſo gros, daß ich blos von dieſer in Krankheiten zugenommenen Kraft am Unterleibe und der Huͤfte eine offenbare Haͤrte wargenommen, davon die Huͤfte, ohne allen Feler der Muſkeln zuſammengezogen und gebogen war(m*)Opuspatholog. obſ. 52.. Von dieſer Art war diejenige alte Kruͤmmung des Kniees, welche man durch Baͤder heilte(m**)MA - LOET hiſt. de l’Acad. 1728.. Es aͤuſſert ſich dieſe Kraft an den Muſ - keln noch deutlicher und verſchwindet am getrokkneten Flei - ſche faſt ganz und gar. Es ziehet naͤmlich ein Muſkel, deſſen Bauch man mitten durchſchneidet, ſeine Fleiſchfa - ſern mit Gewalt gegen die Enden zuruͤkke(m***)GALEN. de motu muſc. T. I. p. 623., da - von auch in todten Koͤrpern ein groſſer Zwiſchenraum ent - ſteht. Schneidet man ſeine beiden Enden von den Kno - chen los, ſo ziehet ſich der Muſkel gegen die Mitte ſeines Bauches zuſammen(n)VESAL pag. 519. FA - BRIC. ab AQVAP. de act. muſc. p. 88.. Trokknes Fleiſch behaͤlt hinge - gen wenig von dieſer Kraft uͤbrig. Wenn man eine Schlagader, die in dieſem Stuͤkke mit den Muſkeln viel Aenlichkeit hat, an beiden Enden bindet, und ſie alsdenn dies und jenſeits von dem uͤbrigen Stamme losſchneidet, ſo verkuͤrzt ſie ſich ebener maaßen, und ſie wird uͤberhaupt um die Helfte kuͤrzer(o)STVART loc. cit. p. 40. und SAUVAGES phyſiol. p. 23.; iſt ſie hingegen ſchon ſteif, ſo zieht ſie ſich weniger und langſamer zuruͤkke.

Es zog ſich eine Fleiſchfaſer um etwas hurtiger, bis auf ein Drittheil ihrer Laͤnge zuſammen(p)SAUVAGES l. c. .

A 4Es8Thieriſche Bewegung. XI. Buch.

Es ſcheint dieſe Kraft in thieriſchen Theilen beſtaͤndig zu wirken, ob man ihre Wirkungen gleich nicht allemal gewar wird. Es ſcheint naͤmlich das, einem jeden Theil - chen eigene Zuſammenziehen, von dem gegenſeitigen Zu - ſammenziehen zweener benachbarten Grundſtoffe beſtritten und gezerrt zu werden, indem beide nicht kuͤrzer werden koͤnnen, ohne den mittlern Theil aus einander zu ziehen. Jndem nun dieſes in allen geſchieht, ſo ſcheint daraus eine Ruhe zu entſtehen, welches die Summe der gegenſeitigen und ſich einander zerſtoͤrenden Kraͤfte iſt. Sobald aber ein Theilchen von den Nebentheilen durch eine Verwun - dung| abgeſondert wird, ſo wird alsdenn die Lefze oder Wunde frei, und da ſie nicht mehr von der Gegengewalt feſte gehalten wird, ſo ziehet ſie ſich gegen das benachbarte Theilchen, von dem ſie gezerrt wird, oder gegen den noch ganzen Theil der verlezzten Membran zuruͤkke.

Uebrigens hat dieſe Kraft mit dem Leben nichts zu thun(q)vergl. SAUVAGES theor. tumor. p. 7.. Denn ob ſie ſich gleich an einer feuchten und biegſamen thieriſchen Materie deutlicher aͤuſſert, ſo ver - haͤlt ſie ſich doch nach voͤlligem Tode, an ausgeſchnittnen Gliedmaaßen, Muſkeln und Membranen noch lange.

Jch rechne zu dieſer Kraft auch diejenige Art einer ab - geſtorbnen Reizbarkeit, welche ſich nach den chemiſchen Giften in allen Theilen des menſchlichen Koͤrpers, beſon - ders aber nach dem rauchenden Nitergeiſte, Vitrioloele, Spiesglasbutter, und andern dergleichen wieder aͤuſſert. Es pflegen naͤmlich dieſe ſo hizzige Fluͤſſigkeiten, das Zell - gewebe(r)ZIMMERMAN. Exp. 62., die Haut(s)memoir. ſur les part. irrit. et ſenſib. p. 397. ZIMMERM. Exp. 63. 64., die aus dem Zellgewebe beſte - henden Membranen(t)Meninges BIKKER. nat. hum. p. 47. Die Membranen im Schafe. BIKKER. Das Ge - kroͤſe. LORRY Journ. de med. 1756. Dec. , den Mutterkuchen(u)BIKKER. natur. hum. p. 47. LVPS. de. irritab. p. 34., die Ein -ge -9II. Abſchnitt. Erſcheinungen. geweide(x)LORRY 1757. Janv. prem. mem. &c. p. 53. 397. ZIM - MERMAN. Exp. 60. 61., Schlagadern(y)Mem. ſur les part. irrit. p. 56. Exp. 267. 268. 280. 565. ſeqq. PAGANI et BONIOLI p. 177. BIANCHI. apud VAN - DERMONDE. pag. 171. 172. ZIMMERM. Exp. 67. 68. 69., Blutadern(z)Mem. ſur les part. irrit. p. 58. Exp. 286. 288. 289. 291. 292. 565. ſeqq. PAGANI et BON - IOLII. ZIMMERM. Exp. 70. ſqq. , Milchge - faͤſſe(a)memoir. ſur les part. irrit. p. 58. Exp. 293. 295. 296. 298., Auswurfsgaͤnge(b)Der Gallengang. PAGA - NI et BONIOL. p. 193. me - moir. ſur les part. irrit. p. 59. Exp. 314. ZIMMERM. Exp. 59. URETER. Mem. loc. c. Exp. 333. 336. ZIMMERMAN. Exp. 56. URETER ibid. ZIMMERM. Exp. 57., die Harnſaͤkkchen(c)PAGANI etc. Es iſt aber ſolches ein wirklicher Muſkel., Gallenbehaͤlter(d)Mem. ſur les part. irrit. p. 59. Exp. 299 300. 303. 304. 308. 310. 311. 313. FELIX. Exp 6. PAGANI. p. 193. ZIMMERM. Exp. 58., die Nerven(e)BIANCHI p. 173. Exp. noſt. 565. 566. 567. ZIMMERM. Exp. 74. 75. 76., Sehnen(f)Exp. noſtr. 565. 566. 567. ZIMMERMAN. Exp. 65. 66., ſelbſt die Muſkeln und das Herz, wenn ſie gedachte Theile be - ruͤren, zu veranlaſſen, daß ſie ſich in ihrer Laͤnge verkuͤr - zen muͤſſen. Von ihnen wird das Zellgewebe, nebſt dem Fette ſelbſt benagt und verzehrt; alles uͤbrige, was eine groͤſſere Feſtigkeit hat, zieht ſich blos zuſammen, bekoͤmmt tiefe Furchen(g)Exp. 300. 377. 407. 486 etc. , verengert ſich, wenn es hole Behaͤlt - niſſe ſind, und ziehet ſich zu einer Kruͤmme zuſammen; wenn es hingegen lange und gerade Schnuͤre ſind(h)prem. mem. ſur les part. irrit. p. 52., ſo krichen ſie ein.

Wir nehmen dieſes Zuſammenziehen mit dem obge - dachten zuſammen, weil eben ſo wohl alle Theile des Menſchenkoͤrpers von den Giften zuſammen ſchrumfen, welche, wie wir gleich melden werden, kein andrer Reiz noͤthigt, ſich zuſammen zu ziehen; ferner weil ſich auch lange nach dem Tode noch die Gifte an dieſen Theilen durch das Benagen und Zuſammenziehen eben ſo, und ſo lange aͤuſſern als dieſe Theile feucht und biegſam ſind,A 5an10Thieriſche Bewegung. XI. Buch. an denen die Erfarung gemacht wird; ſie moͤgen noch am thieriſchen Koͤrper feſte ſein, oder laͤngſt ſchon davon abgeſchnitten ſein, und zwar ſeit vielen Stunden, und gan - zen Tagen, und wenn keine Spur von Empfindlichkeit mehr vorhanden iſt, oder ſich keine Bewegung von gereiz - ten Nerven mehr dazu miſchen kann.

Den Giften koͤmmt das Erfrieren ſehr nahe, denn vom Froſte werden ebenfalls alle thieriſchen Theile(i)BIRCH. T. IV. pag. 254. Lebloſe Koͤrper werden vom Froſte welk. ſteif oder ſtarre gemacht, und die Kaͤlte ziehet eine belebte Haut(k)BIANCHI pag. 173. KRAUSE von der Reizbarkeit. KüHN de nonnullis motu muſc. momentis p. 13. 14. VANDEN - BOS. de viv. corp. hum. ſol. 39. bald mit Runzeln zuſammen.

Es mag uͤbrigens das Zuſammenziehen ſeinen Sizz, in welchem thieriſchen Theile es will, ſeinen Sizz haben, ſo geſchicht es doch ebenfalls und allezeit(l)BICKER p. 50. reſponſe a M. WHYTT p. 117. ohne ein wechſel - weiſes Nachlaſſen, und zwar vermoͤge ein fortgeſezztes und gemeiniglich langſames Annaͤhern der Faſer gegen einan - der durch dieſes Merkmal unterſcheidet es ſich offenbar von der Verkuͤrzungskraft der mereſten Muſkeln.

§. 4. Die den Muſkeln angeborne Kraft, ſich zuſammen zu ziehen.

Es iſt faſt kein einziger Theil eines belebten Koͤrpers vorhanden, welcher nicht die beſchriebne Gewalt ausuͤben ſollte, wenn man nicht vielleicht die Knochen, die Zaͤhne und das breiartige Weſen des Gehirns ausnehmen will. Die folgende Kraft, welche ſich ſchon wirkſamer bezeugt, iſt allein den Muſkeln eigen.

Man wird naͤmlich an dem Muſkelfleiſche eines leben - den oder auch vor kurzem geſtorbnen Thieres, oft von ſelbſt eine Bewegung gewar, welche ſich zuſammenzieht,ſchnell11II. Abſchnitt. Erſcheinungen. ſchnell, lebhaft erfolgt, vermoͤge der ſich die Muſkelſtreifen wechſelsweiſe gegen die Mitte des Bauches zuſammenzie - hen und ſich wieder(m)LAWRENCE mot. muſc. p. 66. de TOPPIS apud PACCHIONEUM pag. 61. WOODWARD p. 94. de HEYDE de mytul. p. 384. PA - GANI. BONIOLI. pag. 184. HOFMANN. de vi elaſtica p. 8. ANDREAE p. 25. Und in un - ſern haͤufigen Verſuchen. An den cirrhis des mytuli. A. de HEY - DE mytul. p. 46. Am pannicu - lus carnoſus. STENONIVS myolog. ſpec. p. 58. von dieſer Mitte entfernen, denn ich mag hier keine Erſcheinungen mehr erzaͤlen, indem ſolche an ihrem gehoͤrigen Orte vorkommen ſollen.

Es haben vorlaͤngſt(n)SWAMMERDAM. bibl. p. 845. Daß ein Muſkel an le -bendigen Thieren niemals gaͤnzlich ruhig ſei. und noch vor kurzem beruͤmte Maͤnner(o)ROGER de perpetua fi - bra muſcul. palp. I. C. n. 1. ſqq. von dieſer Bewegung behauptet, daß ſie von einer Muſkelfaſer beſtaͤndig hervorgebracht werde, indem dieſe Faſer niemals gaͤnzlich ruhen, und ſo gar aus dem Sauſen der Ohren, wenn wir die Hand ans Ohr halten, erwieſen werden ſoll(p)ROGER. n. 2..

Nun erhellt es noch zur Zeit aus dem Augenſcheine nicht, daß ſich abgeloͤſte, und entbloͤßte Muſkeln an einem lebenden Thiere, beſtaͤndig wechſelsweiſe zuſammenziehen und wieder nachlaſſen. Es ſcheinen ſelbſt die Gedaͤrme oft ganz ruhig zu ſein(q)Premier mem. p. 70. FE - LIX. de motu periſtalt. n. 11. BROKLESBY loc. cit. p. 244. CALDAN. p. 138. Unſre Aus - gabe., ſo bald man den Bauch oͤfnet, und es haͤtten beruͤmte Maͤnner die Darmbewegung nicht unter widernatuͤrliche Erſcheinungen rechnen koͤnnen, wenn ſie ſelbige beſtaͤndig an allen lebendigen Thieren ge - ſehen haͤtten, die ſie aufgeſchnitten(q*)vergleichet unter - deſſen praelect. BOERHAAV. T. I. p. 379..

Doch ich habe oft genung mit Augen geſehen, daß dieſe Bewegung ohne eine aͤuſſere Kraft erfolgt iſt, und zwar an verſchiednen Muſkeln am Magen(r)Exp. 345. 347. 361., am Her - zen(s)Exp. 54. et, an der Gebaͤrmutter(s*)daß ſie ſich wechſels -weiſe, an den Muſkeln derSchen -12Thieriſche Bewegung. XI. Buch. Schenkel, der Schlaͤfe, der Bruſt, an den geraden Muſ - keln des Unterleibes, an dem Hebemuſkel der Hoden, des Bruſtbeins und der Ribben, den Schliesmuſkeln(t)Sieh. Premier. mem. p. 61. Exp. 226. 233. 235. 236. 237. 241., an der Gebaermutter und es war dieſe Kraft an dem Fleiſche des Bruſtbeins und der Ribben(u)Ibid. et exp. 240. 242. auch STRENONIUS l. c. p. 58. ſo gar vermoͤgend, in Wechſelzeiten die Knorpel der Ribben zu kruͤmmen, und ſolche wieder zuruͤkke ſpringen zu laſſen.

Man hat uͤbrigens Urſache genung zu glauben, daß dieſe Kraft ohne Unterlaß wirke, ob man ſie gleich nicht gewar wird, und dieſes iſt auch die Meinung vieler Phi - ſiologiſten geweſen(x)SCHARBOROUGH. bei dem CROONE p. 2. B. LANGRISCH muſc. mot. p. 14. 51. BATTIER. princip. anim. p. 37. KRUGER l. c. p. 15. Von den Schliesmuſkeln. SIMSON. muſc. mot. pag. 10.. Beſonders bringen uns die Er - ſcheinungen an den Gegenmuſkeln (Antagoniſten) auf dieſe Gedanken. Man gibt dieſen Namen ſolchen Muſkeln, deren wiedrige Wirkungen einander aufzuheben ſuchen. Es iſt aber gewis, daß wenn einer dieſer Gegenmuſkeln durchſchnitten(y)VIEUSSENS du Cœur. p. 129. B. LANGRISCH l. c. GALENUS mot. muſo. pag 622. Am Schlaͤfenmuſkel. HARDER. obſ. 26. (doch von ihm leugnet es ROUHAULT P. S. playes de la tete p. 94. da der rechte vom linken ein Gehuͤlfe und kein Antagoniſt iſt) An der Hand GALENUS. Die Hand blieb ausgeſtrek, und konnte nicht aeſchloſſen werden, als man den Biegemuſkel derſelben zerſchnitten hatte. SANCTORIUS in ſen. Aric. p. 14., oder geſchwaͤcht wird, der andre ſo gleich augenſcheinlich zu wirken anfange, und daß ein Glied, wenn deſſen Ausſtrekker nachlaͤſſet, den Augenblikk, auch wieder des Menſchen Willen, gebogen werde, daß die Muſkeln das verrenkte Glied mit Heftigkeit und Gefar wieder an Ort und Stelle zu ziehen anfangen, ſobald es nur ſeiner Knochenpfanne gerade uͤber gebracht iſt, daß es in dieſelbe einfallen kann, ob dieſe Bewegung gleich ohne alle Beyhuͤlfe des Willens unternommen wird. Nunlaͤſt(s*)weiſe bewegt, beweiſt BVZOS. der gewis allen Glauben verdient, in ſeinem Tr. dec. acouch. p. 160.13II. Abſchnitt. Erſcheinungen. laͤſt ſich dieſer Vorfall gar nicht auf die Art erklaͤren, daß man glauben koͤnnte, der Muſkel bekomme von der Zer - ſtoͤrung des Gegenmuſkels eine neue Kraft. Man ſiehet deutlich, da noch beide Gegenmuſkeln unverlezzt und ganz waren, daß ein jeder derſelben das Glied auf ſeine Seite gezogen hat, und daß ſich dieſe von der Natur abgemeſſ - ne Kraͤfte, einander zerſtoͤrt haben(z)Es nannte dieſes ſchon mo - tum tonicum ſelbſt der GALE - NUS, de motu muſc. T. I. p. 625. et. und deſſen fleiſſiger Leſer RIOLANUS. , um ein Gleichge - wicht herauszubringen. Da nun alſo die eine Kraft ver - nichtet iſt, ſo mus diejenige nothwendig allein ſpielen, welche allein noch da iſt. Und daher koͤmmt es denn auch, weil faſt uͤberall die Muſkelbieger ſtaͤrker, als die Ausſtrekker ſind(z*)Am Ellbogen der Hand, Schienbein. RIOLANVS, p. 363. und den meiſten Schenkel - gelenken. Jn der colica pictonum werden die Ausſtrekker der Hand unnuͤzzlich, und es ziehen ſich die Beugemuſkeln mehr und mehr zu - ſammen. Journal med. 1762. WATSON electr. der Hals bog ſich in einer Laͤhmung zu einem ſehr ſpizzen Winkel. com. litt. nor. 1737., und die Gelenke merentheils etwas wenig gebogen ſind(a)BORELL. prop. 129., daß ſich die Knochen gegen die Seite hin kruͤmmen(b)PETIT mal des os T. II. p. 503. Mem. de l’Acad. 1722. p. 31. GOOCH faits. PROT - TENIUS. act. HAFN. V. I. III. obſ. 24. COURTIAL des os - p. 43. MERY Mem. de l’Acad. 1706. HILDAN. L. VI. obſ. 74. Der Koͤrper wurde davon bis auf 62 Zoll verkleinert. GOOCH erzaͤhlt dieſes; und dergleichen hat auch MERY. PROTTE - NIUS. SPON. voy. de Dalmat. T. II. p. 293., wo ſie die uͤberwichtige Staͤrke der Biegemuſkeln hinzieht, daher werden ſie zuerſt weich, und gehorchen alſo der Gewalt der Muſkeln. Daher kruͤmmen ſich die Gliedmaaßen in der Laͤmung, welche die Kraft der Nerven zerſtoͤrt und die angeborne Kraft ohne Verlezzung uͤbrig laͤſt, nach der Weiſe der gewoͤnli - ſchen Biegung(b*)de hemi - plegia. des HAIS. .

§. 5.14Thieriſche Bewegung. XI. Buch.

§. 5. Der Reiz.

Ob ſich aber gleich nicht allemal, von freien Stuͤkken, die dem Muſkel eingepflanzte Kraft aͤuſſern will, ſo kann ſolche doch in der That dadurch in Bewegung geſezzt wer - den, daß man den Muſkel dazu anreizet. Es dienen aber viele Dinge zu einem ſolchen Reizmittel, dergleichen das ebenberuͤrte chimiſche Gift iſt(c)GLISSON de ventric. et inteſt c. 7. n. 3. p. 149. ZIM - MERMANN. p. 19 etc. Exp. 45. 46. 47 48. 49. 50. 51. 52. 53. LORRY 1757. Jan. CROONE p. 30. Am Muſkel der Huͤfte eines Menſchen. p. 72. SVPPRIAN. p. 72. BERMOND. mem. de 1739. p. 746. PAGANI p. 184. Am Herzen. Prem. mem. p. 73. Exped. 520. Am Gedaͤrme. Exp. 408. 418. 424. 425. SVPPRIAN. p. 72., wiewohl dieſes keine ge - nau beſtimmte Bewegungen hervorbringt(d)Exp. 498. 514. prem. mem. p. 74. HOUSSETT pag. 408. OEDER. Exp. 10.. Man kann ferner ein Muſkelfleiſch mit Nachdrukk reizen, wenn man es mit Salze(e)OEDER p. 2., reinem Weingeiſte(f)An den Gedaͤrmen, pre - mier mem. p. 70. Exped. 443. T. IV. Exp. 3. An dem Zwerch - felle, Exp. 239., mit kaltem Waſſer(g)VATER. phyſiol. p. 18., mit groſſer Waͤrme(h)WOODWARD. p. 74. Eine durchgaͤngige Erſtarrung vomOpio ward durchs Elektriſiren ge - heilt. WATSON. wie auch die Laͤhmung, mem. de l’Acad. 1755. PIVATI. refl. Journ. med. 1762. Eine ſchadhafte Zunge und Spei - chelfluß des HAIS. Jm Schlage JALLABERT. WHYTT nov. edit. phyſ. Holl. matſchap. T. VI. , vornaͤmlich aber mit Zerfaſern oder Zerreiſſen(i)Exp. 233. 317. 344. p. 274. T. IV. Exp. 1. ZIMMERM. p. 19. etc. Exped. 45. CAL - DANI Epiſt. I. obſ. 36., das durch das Schaben mit einem Metalle geſchicht. Endlich iſt unter allen Reizmit - teln der aus einem Muſkel herausgelokkte elektriſche Fun - ken(k)VANDENBOS. Exp. 9. CALDANI. Epiſt. I. Exp. 60. 61. 63. 70. 71. SPENGLER. de curat. electric. p. 53. FON - TANA. Ep. p. 205. JALLA - BERT p. 79. Le ROI mem. de l’Acad. 1755. p. 65. Auch ohne elektriſchen Funken. CALDAN. p. 145., welcher oft eine Bewegung erwekkt, wenn bereits alle Reize zu ohnmaͤchtig ſind, das allerwirkſamſte(l)CALDAN. vide Ep. 1. Exp. 70. und noch mehr Exp. 71. FON -. Es15II. Abſchnitt. Erſcheinungen. Es pfleget aber dieſe Kraft des Lebens, und zwar ganz anders als ſie an der todten Reizbarkeit wargenommen wird, gleich nach der erſten Beruͤrung eines jeden, und beſonders des ſcharfen Reizmittels, zu erfolgen, aber lan - ge Zeit und dergeſtalt fortzudauren, daß eine ordentliche vollſtaͤndige und gewechſelte Reihe von Zuſammenziehun - gen und Nachlaſſungen auf einander folgt, indem ſich an dieſem Muſkel die Faſern ziemlich lange Zeit an einander ſchliſſen, und die nahe Beruͤrungspunkte wieder fahren laſſen(m)Premier mem. p. 64. 73. STENONIUS p. 58. mem. de 1749. p. 35.. Doch werden die Schwingungen allmaͤlich immer matter(n)Ibid. WHYTT. p. 18., bis endlich eine voͤllige Ruhe erfolgt.

Es unterſcheiden ſich die mereſten holen Muſkeln in ſo fern von den uͤbrigen, daß ſie ſich, wenn man ſie reizt, vermittelſt eines beſtaͤndigen Zuſammenziehens, immer enger zu machen beſtreben, ohne daß ſie wechſelweiſe nach - laſſen oder erſchlaffen. Und ſo habe ich die Sache an der Harnblaſe bemerkt(o)Premier mem. p. 64. Exp. 315. 316. 318.. Eben ſo ziehen ſich auch die Ge - daͤrme, wenn man ihre Nerven beruͤrt, ohne ein gewech - ſeltes Nachlaſſen blos zuſammen(p)Exp. 406. 407. 420. 422. Denn es iſt dieſes einerlei Verſuch in dem Exp. 424. 425. 433. 437. 459. T. IV. Exp. 3. ZIMMER - MANN. Exp. 50.. Folglich laͤſt ſich das wechſelweiſe Erſchlaffen von der Bewegung eines Muſkels trennen(q)WHYTT. on vital mot. p. 243 348..

Eben dieſe hole Muſkeln laſſen ſich vom Aufblaſen mit Luft, ſehr gut reizen(r)Exp. 483. 496. 498. 499. 500. 504. 520. 538. 539. pag. 388. 389. Tom. IV. 2. 3. HOUSSET p. 407. ZIMMERM. Exped. 42. 44., welches auch von allerlei Fluͤſſigkeiten, vom Blute, Waſſer (in dem Beiſpiele der Harnblaſe) von harten Koͤrpern, dergleichen der Kot iſt, und von der Frucht geſchicht.

§. 6.

(l)FONTANA. p. 205. auch an einem geſtorbnen Thiere. de Re - ſpir. Exp. 140. ob es gleich un - billig leugnet ROI loc. cit.

16Thieriſche Bewegung. XI. Buch.

§. 6. Dieſe Kraft iſt von der todten Kraft verſchieden.

Es haben viele Schriftſteller dieſe lebendige Kraft(s)BIANCH. LORY. Jm Tagebuch des VANDERMON - DE. M. 1756. Dec. 1757. M. Jan - vier. mit der todten, eben beſchriebnen Kraft verbunden, und ſie halten beide vor eins, indem ſie blos in lebendigen Thieren etwas beſſer als in todten wirken ſoll. Damit man aber wiſſe, ob ſie einerlei oder verſchieden ſei(s*)Von der Elaſtici - taͤt unterſcheidet dieſe Kraft der beruͤhmte WHYTT, weil ſich die gereizte Kraft des Stals nicht zu - ſammenzieht, und elaſtiſche Koͤrper keinen Reiz emfinden; ſiehe des ber. WHYTT tract. vital mot. p. 231., ſo mus man nach den Zeichen urteilen, woran man wiſ - ſen kann, was beiderlei Bewegungen gemein oder ver - ſchieden an ſich haben.

Anfangs koͤnnte es das Anſehn haben, als ob beide Kraͤfte einerlei waͤren, indem alle beide noch nach dem Tode fortdauren. Selbſt die alten Dichter haben dieſe Zuͤkkungen des Fleiſches an eben getoͤdteten Thieren nicht uͤberſehen, die an Thieren von warmen Blute war nicht ſo lange, aber doch viele Stunden(t)HOUSSET p. 359. 407. ANDREÆ. p. 25. Am Fleiſch - felle. Und am abgelederten Ochſen. PARSONS. mot. muſc. p. 68., und faſt ſo lange noch waͤhren, ſo lange noch einige Waͤrme zu ſpuͤren iſt(u)Second. mem. p 341. OE - DER. p. 64. HOUSSET. p. 344. 408. WOODWARD. p. 73. CALDAN. racolta p. 318., indem der lezte Zeitpunkt dieſer Bewegung die wirk - liche Kaͤlte iſt, kraft welcher ein Fett gerinnt, und mit eben dieſer Zeit endigt ſich auch das Vermoͤgen eines Muſ - kels, gereizt und wieder ermuntert zu werden(x)WOODWARD. CAL - DAN. .

Man koͤnnte hieruͤber viele Schriftſteller anfuͤhren, ich will mich aber nur bey wenigen begnuͤgen, welche(y)HIGHMOR. pag. 137. CROONE. pag. 10. B. LAN - GRISCH. l. c. p. 51. WOOD - WARD. l. c. p. 74. 75. 76. MA - ZIN. mechan. med. p. 13. PAR - SONS. de mot. muſc. pag. 68. LAWRENCE mot. muſc. p. 66. OEDER. p. 3. SCHWENKE - mitAugen17II. Abſchnitt. Erſcheinungen. Augen geſehen, wie die Muſkeln geklopft, ſich nach dem Zerſchneiden zuruͤcke gezogen(z)B. LANGRISCH. , durch Reizmittel wieder aufgewekkt worden(a)WOODWARD pag. 76. ZIMMERMANN. Exp. 45. und ſich bisweilen von freien Stuͤ - cken wieder in Bewegung geſezzet haben, und daß dieſe Bewegungen am Herzen(b)obſ. ſur le poulet. obſ. 226. und zwar viele Stunden lang, wie auch T. IV. Exp. 2. 3., an den Gedaͤrmen(b*)T. IV. Exp. 2. noch fortgedauret haben, wenn gleich der uͤbrige thieriſche Koͤrper ſchon voͤllig kalt geweſen.

An Thieren von kaltem Blute zeigt ſich dieſer Trieb zur Bewegung noch etwas beſtaͤndiger(c)PARSONS. SCHWENKE. OEDER. Exp. 9. HOUSSET. p. 342. Eine bleiche Faſer bewegt ſich laͤnger als eine rothe. HART - LEY. p. 97. Es beſtimmt dieſe Sache der HEUERMANN ſo, daß er dieſen Vorzug einer blaſſen Thierfaſer der groͤſſern MengeRuͤkkenmarkes zuſchreibt. Be - ſiehe davon dieſes beruͤmten Man - nes T. III. p. 155. und des AN - DREÆ p. 4..

Es waren naͤmlich an einer Schildkroͤte nach ihrem Tode die Schwanzmuſkeln ſo heftig geſpannt, daß man ſie kaum von zwo ſtarken Perſonen umbiegen laſſen konnte(d)PERRAULT. mov. peri - ſtalt. p. 170., es bewegen ſich die Theile dieſes Thieres, wenn man ſie nach dem Tode reizt, noch lange Zeit(e)Phil. Tranſ. n. 36., und ganzer 3 Tage lang(e*)HEUERMANN. l. c. . Wenn man den Nattern die Haut ab - zieht, ſo leben ſie noch zwoͤlf Stunden und nach ausge - nommenem Eingeweide ganzer 24 Stunden(e**)SEVERIN. Viper. Pyth. p. 118. 119.. Man hat von den Nattern angemerkt, daß, wenn ſie gleich voͤllig todt ſind, und man dieſe Thiere in Faͤßchen zuſammen - pakkt, noch der bloſſe Kopf gefaͤrliche Biſſe verurſacht(f)vergleicht damit REDUM degl. anim. viv. p. 8. 9. 10. de vipera. p. 58. Epiſt. T. II. p. 106. VALISNER. opuſc. filol. T. III. p. 208. Dieſes war die Todesart, an der KNIPSMACOPPE, ein beruͤmter Profeſſor ſterben mu - ſte. RHOD. Gent. M. obſ. 89. SEVERINVS l. c. ,und(y)hæmatol. p. 28. ROGER p. 13. Exper. noſtra 226. 227. 228. 229. 230. 231. 233. 234. 235. 236. 237. 239. 240. 241. 243.H. Phiſiol. 5. B. B18Thieriſche Bewegung. XI. Buch. und zwar bis nach dreien Tagen(g)ANDREÆ ibid. , ja bis acht und zwoͤlfe noch(h)REDI. degl. anim. viv. p. 9., ihre ganze Koͤrper ziehen ſich nach eben ſo langer Zeit noch bei der Beruͤrung zuſammen(i)BOYLE de util. phil. Exp. 114., und wenn gleich das Herz nicht mehr ſchlaͤgt, ſo iſt doch noch bisweilen einige Reizbarkeit am Koͤrper zu ſpuͤren(k)WOODWARD. p. 87. ſeqq. lege 82.. Man weis, daß der zuſammengezogne Kinnbakken eines todten Krokodils, jemanden der ihm unvorſichtiger Weiſe zu nahe kam, den Finger abgebiſſen(l)THEVENOT Itiner. T. I. c. 72..

Man lieſet, daß die vom Koͤrper abgeſonderten Schwaͤnze der Eidechſen, wiewohl nicht ſo lange als der Kopf, lebendig bleiben(m)VANDELI. Ep. II. p. 243. conf. hiſt. natur. des anim. T. II. P. 2. p. 199.. Wenn man die Theile eines Aales zwo Stunden nach dem Tode beruͤrt, ſo aͤuſſern ſie noch einige Zitterungen(n)BRADLEY mat. med. p. 151.. Ja es machen noch die Koͤpfe von Fiſchen, welche ich oft zerſchnitten, viel Stunden nach der Abloͤſung des Kopfes Erſchuͤtterungen, ſo bald man die Nerven beruͤrt. Daß Jnſekten lange nach dem Tode noch ein Leben haben(o)Journ. de ſavans 1683. n. 3., und ſich ſo gar einige Tage nach ab - geſchnittnem Kopfe(p)SWAMMERDAM bibl. p. 855. noch bewegen, wiederhole ich im Vorbeigehen, indem bey dieſen Thierchen der Kopf zur Erhaltung des Lebens keinen ſonderlichen Vorzug zu haben ſcheint(q)LYONNET theol. T. II. p. 84. 85.. Es hat Antonius von Heyde das Schla - gen der Faſern an den Faſern der Fliegen(q*)Epiſt. phyſiolog. p. 119., der Bie - nen(q**)p. 120. und Muͤkken(q***)p. 188., wie auch einige Tage nach dem Tode, das wechſelweiſe Zuſammenziehen und Erweitern der Faſern an der Keilmuſchel angemerkt(q****)de mytulo. p. 46..

§. 7.19II. Abſchnitt. Erſcheinungen.

§. 7. Ein Einwurf, nebſt andern Verſuchen.

Es wenden dagegen beruͤmte Maͤnner, und Anbaͤnger der Stahliſchen Lehrart ein, daß die Merkmale des To - des an ſich ſehr unſicher ſind(r)WINSLOW in dem be - ruͤmten Sazze: Ergo ſigna mor - tis incerta funt. Es blieb noch drei Tage nach dem Tode ein Hundskrampf uͤbrig. de HAEN rat. med. VI. MORGAGNI ſed. cauſ. I. p. 33., und daß diejenigen Thiere, welche wir vor todt angeben, ohngeachtet ſich noch einige von ihren Muſkeln bewegt haͤtten(s)SAUVAGES de anim. imper. in cor. p. 19. und bei dem VANDERMONDE T. III. WHYTT on vital mot. p. 367. 369., zu der Zeit noch gelebt haben koͤnnen, und daß dieſe Bewegung von den Lebenskraͤften, gleichſam aus dem Quelle des Lebens nachgefloſſen, da wir dieſelbe hingegen vor ein ruͤkkſtaͤn - diges Leben anſehen. Folglich muͤſſen wir auch dieſem Einwurfe unter die Augen treten.

Man hat naͤmlich ſchon vor langer Zeit, und mit Zuverlaͤßigkeit bemerkt, daß ein vom uͤbrigen Koͤrper losgeriſſener Muſkel entweder von freien Stuͤkken(t)ZIMMERMANN. p. 199. CALDAN. p. 191. BAGLIV. p. 278. BATTIE princip. anim. p 75., oder doch nach einem Reize in Bewegung gerate(u)CROONE p. 30. ZIM - MERM. Exp. 46.. Wir haben viele ſolche Beiſpiele vom Herzen ange - fuͤhrt(x)L. IV. p. 470. ſeqq. .

Endlich ſo iſt auch das nichts neues mehr, daß ſich an Thieren das zerſchnittne Herz(y)ibid. p. 472. VANDEN - BOS. Exp. 9. PAGANI, BONIOLI, p. 178. auch am Hunde. oder andre Theile, noch bewegen, zuſammenziehen, und erweitern. Man findet dieſes ſonderlich an Jnſekten, indem ſich deren los - gebrochne Beine lange Zeit verkuͤrzen, und wieder aus - ſtrekken(z)WOODWARD pag. |94. an den Spinnen..

B 2Wenn20Thieriſche Bewegung. XI. Buch.

Wenn man einer Biene den Stachel ausreiſt, ſo be - muͤhet ſich dieſer noch, von den Muſkelfaſern gereizt, in die Haut einzudringen(a)SWAMMERDAM p. 464., und es bewegt ſich noch der Schnekkenruͤſſel der Sommervoͤgel, wenn man ihn vom Kopfe trennt, drei oder vier Stunden lang(b)de GEER. p. 77..

Man kann auch die verwundernswuͤrdige Bewegung der Saamenfaſern an den Needhamiſchen Polipen hieherziehen, welche noch lange nach dem Tode fortfaͤhret, und die ſich wieder von neuem erwekken laͤſt(c)Microſcop. obſ. . Man ſiehet, wie ſich die Reizbarkeit an dem abgeſchnittnen Fuſſe der Schnekke ohne Haus aͤuſſert(d)ANDREÆ. p. 5.. Es iſt an den Eidechſen ſchon was altes, daß ſie ſich, wenn man ſie in Stuͤkke zerſchneidet, 12 bis 15 Stunden noch regen(e)LABAT. voy. d’Ital. T. V. p. 230., welches auch von den Nattern oder Schlangen gilt(f)An der geringelten Natter, ſiehe WOODWARD pag 82. An einer zerſchnittnen Blindſchlei -che zween Tage lang, ANDREÆ pag. 5.. Ein aalfoͤrmig Thierchen (Waſſeraal)(g)Der beruͤmte SCHÆFFER vom Waſſeraale, p. 87. laͤſt ſich ebenfalls zerſtuͤkken, ohne die Bewegung zu verlieren, wie man auch, nach des beruͤmten Abraham Trembley Ver - ſuchen, von dem Polipus dieſes uͤberall eingeſteht. Eben dieſes Vorrecht geniſſen, wenigſtens eine Stunde lang, auch die Aale(h)ANDREÆ. pag. 4..

Es bewegen ſich auch die, ſo gar aus warmen Thie - ren, herausgeriſſene Gedaͤrme(i)WOODWARD. p. 80. Experim. noſtra, 412. 459. T. IV. Exp. 3. BROKLENSBY. p. 227. noch mit ziemlicher Leb - haftigkeit, und zwar noch heftiger als im Koͤrper ſelbſt(k)FELIX n. 11.. Jch habe dieſen Verſuch bis dahin erweitert, daß ich aus einem Thiere von warmen Blute, das Gedaͤrme heraus - gezogen, und darauf in vier Theile zerſchnitten. Es kro - chen in dieſer Geſtalt noch alle Theile wie Wuͤrmer undvon21II. Abſchnitt. Erſcheinungen. von ſelbſt herum(l)Exp. 460. 461. 462. 463. SPROEGEL Exp. 53. p. 110., wenn man ſie aber reizte, ſo veren - gerten ſie ſich, wie es lebendige Muſkeln zu thun pfle - gen(m)Exp. 460..

Es hat endlich, doch auf einerlei Schlag und vor andern, der Ehrwuͤrdige Vater Felix Fontana, aus einer Menge von Verſuchen, die Erfarung gelernt(n)Jn dem Sendſchreiben an den HALLER. p. 153. et CAL - DANUS. Exp. 35., daß ſich erſt alsdenn die Gedaͤrme in eine heftige Bewe - gung ſezzen, wenn das Thier vor kurzem geſtorben, und daß dieſe Gedaͤrme, wenn man ſie nach dem Tode des Thieres zu reizen anfange, eine viel lebhaftere Empfindung aͤuſſern, als ſie damals hatten, da das Thier noch am Le - ben war(o)pag. 154.. Jch habe dieſe Anmerkung oͤfters nachge - macht, und ich ſehe, daß ſich das Fleiſch an geoͤfneten, aber noch lebenden Thieren viel traͤger bewege, als wenn man es ausſchneidet, aufhaͤngt, und auſſer allen Ver - dacht der Empfindung ſezzt. Man weis auch mehr als zu wohl, daß ein ſterbendes Thier, und beſonders ein ſolches, welches zu heftige Ausleerungen gelitten, an kramfhaften Bewegungen ſterbe(o*)PECH - LIN. obſ. 1. n. 55. wo derſelbe von der Wade redet, welche ich bei galliger Schaͤrfe, vom uͤberfluͤßigenGurkeneſſen ebenfalls Kraͤmpfe lei - den geſehen habe. BATTIE princip. anim. p. 124. BAGLIV. p. 101. Ein toͤdtlicher Krampf vom Safte der Nieſewurzel, beim HIPPOCR. aph. V. n. 1. und vom Bluten, n. 2..

Es erlangt endlich ein Muſkel, der doch bereits ſeine Reizbarkeit verloren, ſolche dadurch wieder, wenn man ihn in Stuͤkke zerſchneidet(p)F. FONTANA. Ep. p. 205..

Nun ſcheint es gar nicht mit der Vernunft uͤbereinzu - ſtimmen, daß dieſe Bewegung von dem Leben herruͤhre, indem dieſe Bewegung erſt alsdenn recht deutlich wird, wenn das Leben voͤllig zerſtoͤrt worden.

B 3Doch22Thieriſche Bewegung. XI. Buch.

Doch es haben es auch beredte Schriftſteller nicht ein - mal bei dieſen Verſuchen bewenden laſſen wollen. Sie wol - len naͤmlich, daß die Seele dieſe zerſtuͤkkte Thiertheile noch bewohnen ſoll, und behaupten nach ihren Lehrſaͤzzen, daß die Seele gleichſam in jede Theile des abgeriſſenen Ge - daͤrmes, Pflanzvoͤlker abſenden ſoll, um ſelbige zu regie - ren, und in Bewegung zu bringen(q)L. IV. pag. 467. premier mem. pag. 51. Reſponſ. a M. WHYTT p. 121.. Wir haben aber auf dieſe Einwendungen bei andrer Gelegenheit geantwor - tet, und ſehen, daß wir beruͤmten Maͤnnern oder Jour - naliſten ein Gnuͤgen geleiſtet haben.

Jndeſſen iſt doch auch in dieſen Verſuchen die Zuſam - menziehungskraft des Lebens, von eben dieſer todten Kraft, gar ſehr unterſchieden. Jene dauret naͤmlich nur wenige Stunden, oder Tage nach dem Tode fort, und ſie findet ſich nicht an getrokkneten thieriſchen Theilen; ſie iſt an keinem Muſkel mehr zu finden, welcher kalt und ſteif ge - worden. Hingegen wird die Zuſammenziehungskraft nach dem Tode noch groͤſſer, wenn man die Saite getrokknet hat. Sie iſt ſtaͤrker, und es ziehet ſich eine geſponnene muſikaliſche Saite mit groͤſſerer Kraft zuruͤkke, als ſich der Darm der Kazze zu verkuͤrzen pflegte, woraus der Kuͤnſtler dieſe Saite gedreht hat.

§. 8. Die Verkuͤrzungskraft unterſcheidet ſich nach den Stellen, wo man ſie antrift.

Doch es ſind auch alle beide Kraͤfte, der Gegend nach, ſehr von einander verſchieden. So iſt die todte Zuſam - menziehungskraft einer jeden thieriſchen Faſer weſentlich; hingegen eben dieſe lebendige Kraft nur dem Muſkel eigen. Dieſes mus ich hier mit Sorgfalt entwikkeln, weil viele beruͤmte Maͤnner(r)GLISSON. c. 7. BIRCH. T. IV. 537. GOURAIGNEde, ſowohl vor Zeiten, als inunſern23II. Abſchnitt. Erſcheinungen. unſern Tagen, andre Gedanken hiervon hegen, und eine jede thieriſche Faſer mit der Kraft ſich zu verkuͤrzen, nicht mit der todten, ſondern mit der lebendigen, welche mit der unſrigen einerley iſt, aufs freigebigſte beſchenken.

Sie haben ſich auch durch gewiſſe Verſuche verſchan - zen, und durch die Einſchrumpfungen, der nicht muſku - loͤſen Theile(s)LORRY, Journ. de Med. 1757. Janv. , durch die Schwankungen der Membra - nen(t)ASTRUC. des tumeurs. p 58. und durch die ſo genannte motus tonicos (Span - nungskraͤfte des Lebens)(u)KüHN. nonnull. mot. muſc. mom. p. 9., wie auch durch das Zuruͤkk - ziehen der zerſchnittnen Theile rechtfertigen wollen(x)LORRY 1756. M. Dec. Am Gekroͤſe; an den Eingeweiden, 1757. Jan. am Mittelfelle, ibid. an der Haut, 1756. Dec. , wozu ſie auch die Kraͤfte der Gifte zu Huͤlfe genommen. Und daher folgerten ſie endlich, daß auch die Haut(y)BIANCHI. etc. , der Mutterkuchen(z)BIKKER. p. 50. CAAR - RERE fedus animi et corp. p. 18., das Zellgewebe(a)BIKKER. nat. hum. p. 50. v. GEUNS. p. 20., die Dekken der Gehirnmaſſe(b)BIKKER. ibid. BAR - THES. in duodecim quæſt. p. 28. Es glaubt der beruͤhmte Mann, der Einwurf ſei vergebens, daß man ſagt, daß ſowol die harte Gehirn - haut, als das Knochenhaͤutgen an den Knochen feſte ſizze, und er ver - muthet, ob ſie gleich unbeweglich ſind, daß ſie dennoch von kramf - haften Bewegungen angegriffen werden koͤnnen., die Membranen im Eie(c)BIKKER. ibid. , und die Nerven reizbar(d)GAUBIUS p. 268. v. GEUNS. p. 19. BIANCHI Ep. I. p. 173. edit. VANDER - MONDE. ſein muͤſſen.

Doch ich halte dieſes fuͤr viel zu uͤbertrieben, nach - dem man die Verſuche daruͤber wiederholt hat. Es be - wegt ſich naͤmlich weder von ſelbſt, noch nach dem Reize,B 4das(r)de febribus. MORGAN. p. 139. KRüGER. diff. elat. et toni. WINTER. orat. inaug. p. 86. LORRY des Alimens. T. I p 27. BIKKER. pag. 44. 45. 46. 47. v. GEUNS. p. 20.24Thieriſche Bewegung. XI. Buch. das Zellgewebe(e)prem. mem. p. 53. ZIM - MERM. Exp. 1. ANDREÆ p. 8. HOUSSET p. 334. von dem Nezze. TOSSETTI T. I. Epiſt. 2. Exp. 2 Exp. 18., die Membran(f)Ueberhaupt. Piemier me - moir. p 54. HOUSSET 334. ANDREÆ p. 10., die Ribbenhaut(g)ZIMMERMANN p. 4. 5. Exp. 6. Dieſe Haut ward weder durch Meſſer, noch durch Vitriol - oel gereizt., das Darmfell(h)ZIMMERMANN Exp. 8. LORRY 1756. Dec. , die harte Gehirnhaut(i)ZIMMERM. LORRY. ANDREÆ, p. 10. Man ver - gleiche damit Exp. de irrit. , der Herzbeutel(k)ZIMMERMANN Exp. 7. LORRY. , das Mittelfell, der Regenbogen(k*)prem. mem. p. 64. 65. Exp. 250. 254. 257 261. CALDAN. p. 143. 368. MüL - LER. in diſput. Baſil. die da han - delt, de irrit. et irrid. . Eben ſo wenig ſind die Haut(l)Premier mem. pag. 45. HOUSSET. , die nervigen Membra - nen des Speiſeweges, die mit der Haut in eins fortlau - fenden Membranen, das Knochenhaͤutchen, die Baͤnder, die Ausfuͤhrungsgaͤnge, die Gallenwege(m)prem. mem. p. 59., die Harn - gaͤnge(n)Exp. 336., die Eingeweide als die Leber(o)ZIMMERM. Exp. 61. HOUSSET p. 335. CAL - DAN. p. 65. prem. mem. p. 53. TOSETTI l. c. , die Lunge(p)CALDAN. Ex. 65. ZIM - MERM. Exp. 60. prem. mem. TOSETTI Ep. II. , die Milz(q)ZIMMERM. Exp. 61. HOUSSET p. 335. CAL - DAN. ibid. TOSETTI ibid. , der Mutterkuchen, und die Ne[r]ven, welche auch in der Muſkelbewegung vollkommen ruhig ſind, reiz - bar(r)HOUSSET p. 335. 379. CALDAN. Exp. 68. et p. 455. 458. Confer. L. X. p. 195., ja dieſes gilt auch von den Sehnen(s)prem. mem. p. 54. Exp. 8. 10. 232. CALDAN. 334. ANDREÆ pag. 10. HOUS - SET pag. 335. Journ. de Med. 1756. Dec. Nicht einmal am Zwerchfelle. Sie ruhen bei der Bewegung. WILLIS. p. 118. Daß von verletzten Sehnen keine Bewegung erfolge, THOM - SON. p. 140., welche doch ſo gar eine Fortſezzung der Muſkeln, und bisweilen gar zu Knochen geworden ſind(t)An den Krebsſcheren, HOO - CKE beim BIRCH. T. III. p. 396. conferat. L. X. p. 275.. Jch rede aber von einer, und zwar augenſcheinlichen Bewegung, welche ſich durch Verſuche erweislich machen laͤſt, und nicht von einer ſolchen, welche man ſich etwa nur einbildet(u)Rep. gener. pag. 90..

Folg -25II. Abſchnitt. Erſcheinungen.

Folglich iſt die Muſkelfaſer blos der einzige Theil(x)VESALIUS pag. 264. LAURENTIUS p. 182. WIL - LIS mot. muſc. p. 110. CIGNA. diſſ. cit. n. 4. BIRCH. T. III. pag. 396. ANDREÆ pag. 8. HOUSSET p. 379. 408., welcher ſich an lebendigen Thieren von ſelbſt in Bewe - gung ſezzt, und von der Ruhe wieder durch Reizmittel und Eiſen, zur Bewegung erwekkt wird. Zu den Muſ - keln gehoͤren das Herz(y)L. IV. p. 465. ſeqq. , die Gedaͤrme(z)Second. mem. Sect. 16., der Ma - gen(a)Sect. 15., der Schlund(b)CALDAN. p. 139. 140. Sect. 15. p. 310. ſeqq. , die Harnblaſe(c)Exp. 315. 317. 318. 327. 328. 329. HOUSSET. p. 335. CAL - DANI p. 115. TOSETTI Ep. II. Exp. 18., die Ge - baermutter(d)PUZOS. l. c. prem. mem. p. 60. Exp. 337. 338. 339. 340. 341. 342. CALDANI p. 117., und ein Theil der Schlageadern(e)L. II. pag. 71. 72. L. IV. p. 435. 440. L. VI. p. 206. ſeqq. . Von der Gallenblaſe hat man noch keine voͤllige Gewis - heit(f)Daß ſolche nicht reizbar ſei, zeigt premier mem. p. 59. Exp. 313. daß ſie ſich zuſammen ziehe, HOUSSET. p. 105., und man koͤnnte es von den Blutadern vielmehr verneinen als bejahen(g)L. II. pag. 126.. Aus den Verſuchen, welche man an lebendigen Menſchen angeſtellt, ſcheinet zu erhel - len, daß auch die Schleimſinus, und die Druͤſen an der Reizbarkeit Theil nehmen(h)L. VII. p. 438 prem. mem. pag. 59. HARTLEY 174..

Hingegen laſſen ſich diejenigen Bewegungen, welche von den ſchaͤrfſten Giften hervorgebracht werden, ſo lange noch nach dem Tode, ſo ſehr in trokknen und kalten Mem - branen wieder herſtellen(i)prem. mem. p. 45. 397. ſqq. réſponſe générale, p. 90. Die Gifte erweiſen hier nichts, beſiehe davon den ANDREÆ pag. 8. BORDENAVE p. 250., und ſie werden mit ſo groſſer Zuverlaͤßigkeit in denjenigen Theilen erregt, denen Nie - mand eine wirkliche und eigentuͤmliche Bewegung jemals zuſchreiben kann, daß man alſo dieſe Bewegungen zu kei - ner lebendigen Kraft mitzaͤlen darf.

B 5Wenn26Thieriſche Bewegung. XI. Buch.

Wenn man endlich das vorhergehende wiederholt, ſo erſieht man daraus, daß die todte Kraft eine Fortſez - zung, hingegen die lebendige eine Abwechſelung ſei, und daß auch dieſe ein groͤſſeres Zuſammenziehen hervorbringe, weil ſie eine Faſer uͤber ihren Zuſtand der Ruhe verkuͤrzt(k)SCHULZE de tono part. p. 13..

Da folglich nicht einmal die Geſezze der Bewegung, in beiderlei Kraͤften einerlei ſind, und beide weder in der Dauer, noch in der Gegend uͤbereinſtimmig ſind, ſo mus man die lebendige Kraft allerdings von der todten abſondern(l)Damit ſtimmen uͤberein SCHREIBER almageſt. p. 90. SAUVAGES de convulſ. p. 13. PAGANI et BONIOLI p. 173. Der Verfaſſer der hiſt. de l’Ame, p. 147. Elem. de Phy - ſiol. p. 188. ſeqq. LAWREN - CE de mot. muſc. p. 75. etc. .

Dieſe lebendige Kraft einer Muſkelfaſer ſelbſt ſcheint das einzige Merkmal herzugeben, wodurch ſie ſich von den Zellfaͤden unterſcheiden laͤſt(m)prem. mem. p. 53..

Ein beruͤmter Mann hat, ſo ſonnenklaren Gegenver - ſuchen zuwieder, dennoch zu behaupten Luſt gehabt, daß weder das Herz, noch die Blaſe eine Emfindung haben(m*)de HAEN difficult. p. 141. etc. .

§. 9. Ob dieſe Kraft, mit dem Vermoͤgen zu empfin - den, einerlei ſei.

So bald unſre Verſuche, ich weis ſelbſt nicht wie, die Menſchen darauf gebracht, an das reizbare Weſen einer Faſer zu gedenken, ſo haben die meiſten diejenige Kraft, vermoͤge der ſich ein Muſkel von freien Stuͤkken bewegt, mit der Kraft zu empfinden vermengt(n)WHYTT aller Orten. Eſſays p. 154. LORRY allent - halben. BRUNING. de ſin - gultu p. 5. und vor kurzem der beruͤhmte BARTHES. in der letzten Theſi duodecim theſ. ;an -27II. Abſchnitt. Erſcheinungen. andre hingegen, wenn ſie nicht eben beide Weſen, das empfindende Weſen und das bewegende vermengen, ſo glauben ſie doch, daß der Nerve reizbar ſei(o)WINTER p. 84. 85., daß dieſes reizbare Weſen im Nerven von der Empfindung herruͤhre, und daß, ohne Empfindung, keine Reizbar - keit ſei(p)BIKKER p. 59. AN - DREÆ p. 35.. Es ſei der Grundſtoff zur ſelbigen die Zartheit(q)SAUVAGES patholog. pag. 61. und Spannung der Nervenfaſern, und es verhalte ſich die Kraft der Reizbarkeit, wie die Menge der Nerven(r)ANDREÆ pag. 36..

Sie haben auch zum Beweiſe ihrer Meinung Verſu - che aufgewieſen, daß alle reizbare Theile, oder die mit einer lebendigen Kraft begabt ſind, Empfindungen haben, daß ſie nach Proportion reizbar ſind, wie ſie empfindlich ſind(s)WHYTT Eſſays p. 189. 196., daß die Theile, welche maͤßig reizbar ſind, wenn ſie durch Entzuͤndung oder auf andre Art empfind - lich gemacht worden, nunmehr ſtaͤrkere Kraͤmfe leiden(t)Eſſays p. 191. 195. nach dem Exempel des Schlukkens, welcher ſich bei entzuͤndetem Ma - gen einſtellt. ANDREÆ p. 38., daß junge Thiere empfindlicher ſind(u)ANDREÆ pag. 4. 36. CIGNA p. 24. MANITIUS de irritabil. WHYTT p. 189. BATTIE princ. anim. p. 34. TOSETTI Epiſt. II. obſ. 12. und ein groͤſſeres Gehirn haben, und viel reizbarer ſind, daß Hunde, wel - che durch den Kaiſerſchnitt zur Welt gebracht worden, ſehr reizbar werden(x)ANDREÆ p. 36., daß das klopfende Voͤgelchen im Eie groſſe Empfindlichkeit aͤuſſere(y)HARVEI gener. anim. p. 52. Daß die Bewegung vom Beruͤhren beſchleunigt werde., und daß diejeni - gen Theile, welche in einem neugebornen Thiere reizbar waren, mit den Jahren ſo wohl unempfindlicher(z)WHYTT p. 184., als zur Bewegung traͤger werden, daß, wenn die Empfindung abnimmt, auch die Reizbarkeit abnehme, und wenn jene aufhoͤrt, auch dieſe zugleich mit aufhoͤre(a)ANDREÆ p 38.,(b)WHYTT p. 195., daß dasOpium28Thieriſche Bewegung. XI. Buch. Opium die zuſammenziehende Kraft des Herzens(c)WHYTT. vit. mot. p. 371 372. phyſ. obſſ. p. 206. 213. et in T. II. eſſays and obſ. phy - ſiol. and. litter. read before a So - ciety at Edimb. art. 20., und der Gedaͤrme(d)Second. mem. Exp. 368. 372. 373. 444. 446. 451. 452. 453. 458. 528. 529. 531. vernichte, daß der gereizte Muſkel eines ſterbenden Thieres nur ſchwache Schwankungen hervor - bringe(e)ANDREÆ. p. 41., daß ſich die Bewegung einer Muſkelfaſer wie das Reizmittel(f)BELLIN. de ſtimul. L. II. und die Schaͤrfe verhalte, von der ſie ihren Urſprung bekaͤme, oder ſich auch wie die Ent - bloͤſung des Nerven verhalte(g)BOERHAAVE. de vi - rib. med. p. 126..

§. 10. Sie iſt mit der Empfindungskraft nicht einerlei.

Es iſt zwar unter dieſen Einwendungen manche War - heit mit begriffen, wir koͤnnen aber dennoch auf keinerlei Weiſe einzuſehen beredet werden, daß die Kraft, womit wir empfinden, und die Kraft, welche ſich bei den Reiz - mitteln durch neu entſtandne Bewegung verraͤth, einerlei ſein ſoll, indem die Kluft, welche beide von einander trennt, viel zu gros iſt. Sie ſind demnach vors erſte dem Orte nach von einander unterſchieden. Es wird blos eine Muſkelfaſer von der lebendigen Kraft zuſammengezo - gen(h)p. 455., es empfindet blos der Nerve, und diejenigen thieriſchen Theile, zu denen Nerven hingehen(i)L. X. p. 269. etc. . Es empfinden alſo ſehr viel Theile, welche doch nicht reizbar ſind, und das thut vor allen andern der Nerve, der, da er unter allen Theilen die ſtaͤrkſte Empfindung hat, nicht das mindeſte von der zuſammenziehenden Kraft be - ſizzt, diejenige todte Kraft ausgenommen(k)L. X. p. 195., welche von Giften in Bewegung geſezzt wird. Es gilt eben dieſes auch von dem Marke des Gehirns und dem Marke desNezz -29II. Abſchnitt. Erſcheinungen. Nezzhaͤutchens im Auge. Es iſt aber weit gefehlt, daß die Kraft, welche empfindet, und die, von der die Lebensbe - wegungen erwekkt werden, einerlei ſei, und daß demohn - geachtet doch dieſe Lebenskraft in dem Orte und dem Quelle der Empfindungskraft aufhoͤren ſollte. Es hat dagegen das Herz, welches doch vor allen andern Theilen des Koͤrpers zu Bewegungen am geſchikktſten iſt, uͤberhaupt eine ſo ſtumfe Empfindung(l)prem. mem. pag. 46. Elem. phyſ. L. IV. p. 489. LORRY Journ. de med. 1756. pag. 405. CARRERE. de federe anim. et corp. p. 29., daß es Gegner gibt, welche ihm die Empfindung abſprechen(m)de HAEN. in diffic. .

Es erſtrekkt ſich aber auch die zuſammenziehende Kraft viel weiter, als die Gewalt der Nerven. Es beſizzen die Polipen(n)Phil. tranſ. n. 469. TREM - BLEY. p. 27., und was ſich unter den Waſſerinſekkten un - foͤrmliches, und des Kopfes und der Nerven beraubtes finden laͤſt, dennoch eine ſehr ſcharfe Verkuͤrzungskraft, und die ihnen demohngeachtet doch einen Kopf, oder der - gleichen was zugeſtehen(o)FONTANA p. 208. 209., nehmen ſich in der Naturhi - ſtorie in der That zu viel Freiheit(p)WHYTT Eſſays p. 164. LAGHIUS. p. 464. bei dem CALDAN. , indem ſie ſo was behaupten, welches doch wieder allen Augenſchein ſtreitet. Endlich ſo trift man ſogar in Pflanzen etwas an, welches einer reizbaren Kraft nicht ſo gar unaͤnlich iſt(q)v. GEUNS p. 28. LUPS. pag. 24. TISSOT. Epiſt. ad ZIMMERMANNUM p. 59..

Wenn man an einem lebenden Thiere(r)prem. mem. p. 48. Exp. 243. 245. 246. 247. 248. de BRUNN. p. 18. 19. 20. um den Nerven eine Schnur wirft, ſo hebt dieſe die Kraft zu em - finden auf, ſie hebt aber, unſern vielfachen Verſuchen gemaͤs, durchaus nicht die von ſelbſt wirkſame, oder durch Reizze wieder zu erwekkende Zuſammenziehungskraft auf, ob ſich gleich an einem Muſkel, der viele Stunden lang einen Nerven im Bande feſte haͤlt, die Zuſammenzie - hungskraft vermindert(s)du BOIS. de fluido ner - veo. JAUSSERAND. p. 13. Daß.

Eben30Thieriſche Bewegung. XI. Buch.

Eben dieſe Beſtaͤndigkeit aͤuſſert ſich auch an der Zu - ſammenziehungskraft eines Muſkels, deſſen Nerven man zerſchneidet(t)prem. mem. p. 46. 47. Exp. 244. STENON. Myolog. ſpec. 59.. Ein durch die Kaͤlte geſchwaͤchter Muſ - kel gerieth in ein Zittern(t*)HOUSSETT p. 347.. An einem gelaͤmten be - kam der Muſkel von der Beruͤrung eines elektriſirten Ei - ſens, ſeine vorige Bewegung wieder(u)de HAIS. hemipleg per electric. ſan. p. 10. le ROI l. c. mem. de l’Acad. 1749. pag. 32. JALLABEAT. und es geſchicht eben dergleichen an einem durchſchnittnen Muſkel(x)HOUSSET. pag. 372. und an einem abgeſtorbnen Thiere(x*)Exp 140. de reſpir. .

Man weis ferner, daß ſich an einem unterbundnen(x**)THOMSON p. 140. RO - BINSON Oecon. anim. p. 90. le ROI in Mem. de l’Acad. 1755. und durchſchnittnen(y)ROGER. p. 18. KAAUW. impet. fac. no. 288. Daß dieſe Bewegung vom Nerven nicht her - komme, ſagt ROGER. 23. 24. confer. CARRERE. pag. 21. GEUNS. p. 28. Nerven diejenige Bewe - gung verſtaͤrken laͤſt(z)ROGER. p. 25., welche der Muſkel von Natur beſizzt, und daß ein ſterbendes Thier von kramfhaften Zuͤkkungen angegriffen werde(a)p. 452..

Eben ſo dauret auch dieſe reizbare Kraft noch an Thie - ren fort, denen man den Kopf bereits abgeſchlagen(b)L. X. p. 353.; an Muſkeln, welche man aus dem Koͤrper eher ausreiſt(c)pag. 451. und an Gliedmaßen, oder andern koͤrperlichen Thei - len, welche man von dem Koͤrper abſondert(d)pag. 451. 152.; und es kann dieſe Kraft nach voͤlligem Tode, und wenn kein wei - terer Verdacht einiger Empfindung mehr ſtatt findet(e)pag. 450.,den -(s)Daß ein Muſkel ſchneller abſterbe, und in 26 Stunden, wenn der Nerve gebunden iſt, ſpaͤter und in 27 Stunden, wenn nichts veraͤn - dert worden. Davon hat man nur einen einzigen Verſuch. Es iſt auch die Sache wohl glaublich, weil von der Wegſchaffung des Nerven dem Muſkel was abgehen kann. Denn durch ſchmerzhaftes Reizen bekoͤmmt ein Muſkel eine ſtaͤrkere Bewegung, wenn er matt geworden. Blaſenziehende Sal - ben, ans Heiligbein aufgelegt ho - ben den Urinfluß. Med. obſ. at Lond. 31II. Abſchnitt. Erſcheinungen. dennoch von neuem wieder erwekkt werden, wenn man den, nach dem Tode unbeweglich gewordnen, Muſkel in Stuͤkke zerſchneidet(f)pag. 453. Die nach dem Tode noch daurende Kraft koͤmmt nicht von den Nerven her. Denn der Nerve des achten Paares gibt, auſſer dem Magen, noch vielen Theilen die Bewegung. Doch hat das der Magen allein voraus, daß er ſich nach dem Tode zuſammen - zieht. LEVELING. pylor. pag 19..

Endlich ſo gehoͤret vieles, was beruͤmte Maͤnner vor wahr angegeben, zu derjenigen Bewegung, welche uͤber - haupt von den Nerven in die Muſkelfaͤſer uͤbergetragen wird, und welche nach aufgehobner Gemeinſchaft mit den Nerven von ſelbſten wegfaͤllt und aufhoͤrt. Man gibt aber diejenige Bewegung, welche wir ſogleich beſchreiben wollen, nach der Zuſammenziehungskraft als eine Zugabe zu, da doch die zuſammenziehende Kraft ohne alle Huͤlfe der Nerven fortdauren kann.

Es heben ferner Dinge, welche die Reizbarkeit auf - heben, dennoch nicht eben die Empfindung auf. Es hem - met der beizende Rauch die Reizbarkeit(g)CALDANI II. p. 369. VANDENBOS. Exp. 13. BIK - KER. p. 40., da doch der - gleichen Daͤmfe vielmehr den Schmerz rege machen. Schwaͤchliche Koͤrper empfinden ſtaͤrker, ſtarke hingegen wemger(h)BATTIE. princip. p. 153..

Es mindert das Opium das Empfindungsvermoͤgen, und es zerſtoͤrt die zuſammenziehende Kraft, oder den To - nus des Magens, der Gedaͤrmen, und des Regenbogens im Auge. Es ſchadet aber uͤbrigens dem Herzen nicht, indem das Leben fortdauret(i)SPROEGEL. Exp. 15. 17. 21. 24. Second. mem. Exp. 528. 529. 531., indeſſen daß die uͤbrigen gedachte Bewegungen aufgehoben werden, und ſich viel - mehr der Umlauf des Gebluͤtes, nach dem Gebrauche des Opium, noch verſtaͤrket(k)VOUNGE. tr. on Opium p. 161. TRALLES. Opii uſus ſalubris et noxius, T. I. pag 89. 194..

Was32Thieriſche Bewegung. XI. Buch.

Was ſonſt von der groͤſſern Gewalt dieſes Giftes, der beruͤmte Robert Whytt(l)Eſſays and obſervations phy - ſical and literary T. II. art. 20. meldet, als ob das Opium die reizbare Kraft um deſto beſſer vernichte, wenn das Nervenſiſtem noch in ſeinem vollkommnen Zuſtande iſt, hingegen traͤger wirke, wenn man dem Thiere den Kopf abreiſt und das Nervengebaͤude zerſtoͤrt, alles dieſes iſt nicht nur ein wenig zu fein ausgedacht, ſondern es laͤſt ſich auch durch beſſere Verſuche wiederlegen. Jch ſage, zu fein ausgedacht, weil dieſer beruͤmte Mann dem Thiere ungeheure Wunden beibringt, den Kopf abſchlaͤgt, den Bauch oͤffnet(m)l. c. et Eſſays O. 210. 211., ſolglich laͤſt ſich bei einer ſolchen Mar - terbank ſchwerlich urtheilen, was das Opium zu dem ohnedem toͤdlichen Wunden, entweder beitrage, oder an denſelben mildere. Ferner ſo ſind es wirkliche Unwarhei - ten, da man uͤberhaupt gezeigt hat, daß Opium den Nerven nicht die Kraft Muſkeln zu reizen, raube(n)FONTANA Exp. 44. 45 54. CALDANI. reflex. XXXV. , wenn man es, wie Whytt gethan, von auſſen an die Nerven bringt.

Es ſtehet ferner die Zuſammenziehungskraft, und die Empfindungskraft nicht in einerlei Verhaͤltniſſe gegen ein - ander(n*)Dieſes geſtehet aus andern Gruͤnden zu angefuͤhrter BARTHES. l. c. pag. 40., indem ſich die erſtere nach der Groͤſſe und Bloͤſſe der Nerven richtet, die leztere hingegen ſich nach der Menge der Faſern bequemt(o)Auch die Dauer der Bewe - gung richtet ſich nach der Anzal der Faſern. Beſiehe davon den HOUSSET. p. 406. Eine angeborne Kraft nehmen an LOE - SECKE phyſiol. p. 258. MAR - TIN. neurol. GERHARD. triga diſſ. und SIEGWARD. dynam. Spec. IV. p. 25., welche dem Reize ausgeſezzt werden, und es ſcheint dieſes eben die Urſache zu ſein, warum der elektriſche Funke kraͤftiger, als ein jedes andre Reizmittel iſt, indem derſelben uͤber alle andre Reize durchdringend iſt, und ſich in das innerſte der Fa -ſern33II. Abſchnitt. Erſcheinungen. ſern einſchleicht(p)FONTANA p. 206.. Und daher laͤſt ſich auch begreifen, warum ſich ein durchſchnittner Muſkel ſo heftig zuſam - menziehe(q)Idem ibid. .

Es laͤuft ferner gegen die Warheit, daß ſich das Zu - ſammenziehen, wie die Schaͤrfe der Reizmittel verhalte, und folglich nicht, wie die vom Reize entſtandne Empfin - dung beſchaffen ſei(r)v. GEUNS p. 40.. Wir haben gezeigt, daß ſich das Herz viel beſſer von dem Einblaſen der Luft, als von ſau - ren Geiſtern reizen, und in Bewegung bringen laſſe. Es erregt ein elektriſcher Strudel an den Muſkeln Bewegun - gen, oͤhne denſelben Schmerzen zu erwekken. Es gibt Reize, welche Kraͤmfe nach ſich ziehen, wie man an der Nieſewurzel ein Exempel hat, da doch andre, und viel ſchaͤrfere Dinge, nichts von dergleichen Dingen verurſa - chen(r*)G. A. MüLLER. Ne - benſtunden p. 116.. Es entſtehen oft auch in hiſteriſchen Bewe - gungen ſehr gewaltige Kraͤmfe, ohne daß eine Frauens - perſon, welche ihrer nicht bewuſt iſt, dabei Schmerzen und Empfindungen(s)Idem p. 115. verſpuͤren ſollte. Es geſchicht eben das in Thieren, deren Muſkeln man entbloͤſt, indem ſel - bige auch ohne einige Klagen wirkſam ſind(t)HOUSSETT p. 375.. Dahin - gegen ſind die allerheftigſten Schmerzen des Krebſes und des Steines faſt ohne alle beigemiſchte Bewegungen(u)MüLLER, p. 117. Phil. tranſ. 1755. p. 244. WEPFER, de cicut. anim. , und ſo ſchmerzen auch ſelbſt die gelaͤmten Glieder ſehr ſelten(x)MüLLER. .

Folglich bewegt ſich auch das Unempfindliche, und es empfindet, was ohne Bewegung iſt(y)BATTIE. princ. anim. p. 125., und man mus demnach das Empfinden von der Kraft ſich zuſammen zu ziehen abſondern(z)v. GEUNS. p. 43. 44..

UndH. Phyſiol. 5. B. C34Thieriſche Bewegung. XI. Buch.

Und ſo haben beruͤmte Maͤnner(a)HOUSSET p. 347. 354. 355. 369. CIGNA p. 274. von der Empfindung unterſcheidet ſie auch FRANC GLISSON et BAGLIVIUS de fibra motrice et morboſa, p. 12. et FRID. WINTER p. 86. recht, wenn ſie die Emfindlichkeit von der Reizbarkeit unterſcheiden.

§. 11. Man hat dieſer Kraft, ſich zuſammen zu ziehen, den Namen der Reizbarkeit beigelegt.

Da alſo dieſe Kraft ſo wohl von der Elaſticitaet, als auch von der, allen Faſern gemeinen todten Zuſam - menziehungskraft, unterſchieden iſt, ſo ſcheinet ſelbige uͤberhaupt eine beſondre Kraft auszumachen, welche einer thieriſchen Faſer eigen iſt, und den Karakter einer ſolchen Faſer zu beſtimmen, das Anſehn hat, daß man alſo ſagen kann, es ſei eine jede Muſkelſaſer reizbar, und dagegen, was reizbar iſt, iſt auch eine Muſkelfaſer(b)A. KüHN l. c. p. 12. etc. . Sie iſt aber eine fuͤr ſich ganz eigne Kraft(c)prem. mem. p. 78. GAU - BIUS p. 66., welche ſich von einer jeden andern Kraft unterſcheidet, und die man unter die Quellen der Bewegungen zaͤlen mus, ob man ihre innere Urſache gleich nicht kennt. Sie iſt den Faſern angeboren und weſentlich(d)v. GEUNS. pag. 30. 38. Daß ſie von einem zarten Fluͤſſigen herruͤhre. GAUBIUS p. 78., und ſtroͤ - met nicht von anders woher in ſie. Dieſe Kraft hat verſchiedne Namen erhalten, und iſt zur Zeit in ſo weit bekannt geworden, daß man ſie einiger maaßen feſtgeſtellt, und beſtimmt hat. Es hat Franz Gliſſon, der den geſammten Elementen der Koͤrper eine Bewe - gungskraft(e)de Vita naturæ. beilegt, auch unſre Kraft Reizbarkeit(f)de ventriculo et inteſtin. C. 7. p. 147. edit. Angl. 4. genannt, nicht aus der Urſache, weil ſie niemals ohne eine Anreizung geſehen wird, ſondern darum; weil ſie nach einer Reizung gewis erfolgt. Jndeſſen behauptet dieſerbe -35II. Abſchnitt. Erſcheinungen. beruͤmte Mann doch, daß dieſe Kraft theils von einer natuͤrlichen Empfindung(f*)l. c. p. 147. 148. 169. und theils von dem aͤuſſern Gefuͤle(f**)pag. 148., wie auch von dem Reize des Blutes im Herzen herruͤhren ſoll. Er theilt ſelbige allen Theilen des menſchlichen Koͤrpers mit, und laͤſt ſo gar die Knochen(g)C. 9. p. 170. und unſre Saͤfte reizbar ſein. Folglich ver - bindet er offenbar alle Arten des todten Zuſammenziehens mit unſrer, unter Haͤnden habenden Kraft. Doch hat er recht, wenn er ſie von der Nervenbewegung(h)C. 8. p. 157. eqq. 169., die von der Einbildungskraft entſteht, unterſcheidet. Er hat mit Augen geſehen, wie dieſelbe uͤbermaͤßig werden koͤnne, und es hat dieſes Uebermaas Boerhaave nach gedach - tem Schriftſteller die Rraft des Jukkens(i)pag. 173. genannt. Walther Charleton gibt von ihr keine unebene Beſchrei - bung, wenn er ſie eine natuͤrliche Empfindung, ſich bei verdrieslichen Beruͤhrungen zuſammenzuziehen, nennt(k)pag. 148. 149..

Es beſchreibt Lorenz Bellin die Zuſammenziehungs - kraft weitleuftig, welche von ſcharfen Dingen erwekkt wird, ſich von den Urſachen der Beſchwerlichkeit loszuma - chen ſucht, zu dem Ende die Muſkeln in Bewegung ſezzt, den Zulauf des Blutes beſchleunigt, eine Entzuͤndung, Ableitung, und Ausleerung vornimmt, und dieſes alles laͤſt derſelbe, der Hipoteſe gemaͤs, ganz mechaniſch, aber ohne Verſuche geſchehen(l)de ſtimulis et de ſanguinis miſſione. . Auſſerdem ſcheinet ſowohl dieſer beruͤmte Mann als deſſen Nachfolger, die lebendige Kraft des Zuſammenziehens von der todten, und dieſe von der, von den Nerven abhaͤngenden, nicht hinlaͤng - lich genung zu unterſcheiden.

Solchergeſtalt hat es auch das Anſehn, daß des Stahls ſein Tonus gar artig zu der Reizbarkeit gezogen werden koͤnne, da er mit Grunde ſchreibt, daß dieſe Ton -C 2bewe -36Thieriſche Bewegung. XI. Buch. bewegung, von der obenein hinzukommenden Nervenbe - wegung, verſtaͤrkt und groͤſſer gemacht werde(m)pag. 548. Dieſes iſt auch beinahe die Meinung des beruͤmten KRüGERI diff. elat. et toni, pag. 15.. Dem - ohngeachtet ſchreibt doch dieſer Arzt ſeinen Tonus nicht nur allen und jeden Theilen in einem Thiere, ſondern auch inſonderheit den Pareuchimatibus (Mittelſubſtanzen, zwiſchen Fleiſch und Blut) zu, ja, er lehret auſſerdem, daß derſelbe von der Seele beherrſcht und die Faſern von der Seele geſpannt, oder nachgelaſſen werden.

Faſt eben dieſes iſt auch die Lebenskraft des Sorters(n)de motu vitali. , welche ebenfalls allen Faſern gemein ſein ſoll. Die Oſcillation (Schwingung), wie ſie Boerhaave(o)de viribus medicam. p. 140. nennt, weicht nicht ſehr von unſrer Kraft ab, nur daß dieſer vortrefliche Mann, die Kraft der Nerven, an kei - nem Orte von der Muſkelkraft abſondert. So nennt auch Friederich Winter(p)Orat. inaug. p. 80. 82. 85. die Reizbarkeit ein Princi - pium der Bewegung, und er geht in ſo fern von uns ab, daß er lehrt, ſie habe ihren Sizz in den Nerven, und werde von dem Reize des Geiſtes zur Bewegung veranlaſt.

Als hierauf meine Verſuche bekannt wurden, ſo ge - wann die Reizbarkeit ploͤtzlich ein ſo groſſes Anſehn, daß man von derſelben im menſchlichen Koͤrper uͤberhaupt alle Bewegungen des Lebens, und die unwillkuͤrliche Bewe - gungen(q)Idem ibid. p. 88. 89. PAR - SONS muſc. mot. pag. 64. 65. ZIMMERM add. BIKKER. p. 60. CIGNA n. 2. p. 272. v. GEUNS p. 36. ANDREÆ p. 45. J. Vinc. PETRINI inpræf. n. 304. Die Reizbarkeit iſt die Natur ſelbſt BIKKER p. 47. 48. J. MAN. de natura ho - min. p. 10. Eſt ευορμουν GAU - BIUS p. 75. 76. 77. oder wenigftens doch die mereſten darunter(r)Die unwillkuͤrlichen, und die Bewegungen des Lebens, WHYTT p. 325. KRüGER etc. , ſonderlich die Schlaͤge des Herzens(s)CARRERE p. 14. KRü - GER Grundriß ꝛc. n. 20. PAR - SONS I. C. Die Bewegung der Holader haͤngt von ſelbiger ab. CARRERE p. 12. herleitete.

So -37II. Abſchnitt. Erſcheinungen.

Sobald ich mich aber, fuͤr meine Perſon, an die Ver - ſuche ſelbſt machte(t)Von dem reizbaren Weſen habe ich zuerſt gehandelt im Jahr 1739. in Comm. ad BOERHAAV. n. 187. p. 1. 2. nach dieſer Zeit aber im Jahr 1743. in eben dem - ſelben Comm. T. IV. p. 586. und noch umſtaͤndlicher in primis phy - ſiologiæ lineis anno 1747., glaubte ich nicht nur etwas weiter, als man bisher gekommen, darinnen gehen, ſondern auch diejenigen Verſuche etwas naͤher einſchraͤnken zu koͤnnen, mit welcher ſich beruͤmte Maͤnner etwas zu gute gethan hatten. Jch trennte naͤmlich das reizbare Weſen, einer Seits von der todten Kraft, andrer Seits von der Kraft der Nerven, und von der Herrſchaft der Seele, und ich zeigte, daß von ihr die Bewegung des Her - zens(u)L. IV. p. 465. und die reizbare Natur der Gedaͤrme einzig und allein abhinge. Jch ſchraͤnkte ſie blos auf die Muſkelfaſer ein, und in dieſem Stuͤkke hegen die hol - laͤndiſchen Phiſiologiſten nicht mit uns einerlei Gedan - ken; ſie werden aber, wie ich verhoffe, meines Sinnes werden, wofern es ihnen beliebt, von der einem Muſkel eignen reizbaren Natur, die Zuſammenziehungskraft ab - zuſondern, welche einer thieriſchen Faſer gemein iſt. Jch zeigte ferner, daß zwar dieſe Kraft beſtaͤndig, als eine lebendige Kraft zugegen ſei, und oft, ſo viel wir wenig - ſtens begreifen koͤnnen, keinen aͤuſſerlichen Reiz vonnoͤthen habe, um in eine wirkliche Bewegung auszubrechen(x)pag. 446. 447., daß ſie aber demohngeachtet doch ungemein leicht, ſo oft ſie gleichſam einſchlafe, von Reizmitteln wieder erwekkt werden koͤnne. Jch unterſcheide in dieſer Bewegung(y)L. IV. p. 505. tum. illuſt. GAUBIUS pag. 72. 73. auſſer daß er noch das Empfinden hinzu - fuͤgt, wie ſolches auch GLIS - SONIUS thut. den Reiz, der nur klein ſein darf, und die von dieſem Reize hervorgebrachte Bewegung, welche ungemein gros ſein kann. Blos in dieſer Anmerkung ſtekkt ſchon die Antwort, auf die Einwendungen einiger beruͤmten An - haͤnger der Stahliſchen Theorie, welche ſich die SacheC 3ſo38Thieriſche Bewegung. XI. Buch. ſo einbilden, daß man von der Seele die Urſache zur Be - wegung hernehmen muͤſſe, weil der Koͤrper keine andre, als eine von ihr erborgte Bewegung hervor zu bringen vermoͤgend ſei(z)Davon ſoll an einem andern Orte weitlaͤuftiger gehandelt wer - den, ſiehe SAUVAGES diſp. cit. . Allein dieſe Ordnung ſteht den leich - teſten Erfahrungen(a)FONTANA p. 239. im Wege, aus denen man lernt, wie von dem Schlage einer Lanzette, deſſen Gewicht man leicht berechnen koͤnnte, ein Kramf in unzaͤlbaren Muſ - keln auch ſo gar an todten Thieren, und eine Gewalt her - vorgebracht werde, welche tauſend Pfunde uͤber den Hau - fen werfen koͤnnte.

Jch machte auch den Anfang, an dieſer Gewalt einige Grade feſte zu ſezzen, und zu zeigen, daß unter den Muſkeln das Herz(b)L. IV. p. 466. prem. mem. p. 69. 78. du poulet. Exp. 268. 269. 270. T. IV. Exp. 1. ſecond. mem p 385. ZIMMERMAN. p. 38. Exp. 43. Ob dieſes gleich nach unſren Erfarungen nicht ſehr ungewoͤnlich oder ſeltſam iſt; wie auch nach den Verſuchen des AN - DREÆ p. 25. daß manche Muſ - keln eine laͤngere Bewegung als das Herz ſelbſt gehabt haben; in - deſſen hat doch hierinnen das Herz und in kalten Thieren faſt allezeit den Vorzug. Da bei einem allge - meinen Kramfe, tetanus genannt, alles ſteif und unbeweglich war,konnte der Kranke doch noch ſchlin - gen und Atemholen. Med. Muf. T. II. n. 1. Einer, der vom Stein - kolendampfe ohne Gefuͤl war, und an dem keine Muſkeln ihr Amt verrichteten, konnte noch Atem holen, Phil. trans. Vol. L. II. P. 2. Alle Gelenke waren zuſammen - gewachſen, und nur die Ribben, wegen beſtaͤndiger Bewegung, ſrei. COLUMBUS de re anat. p. 264. mit den Herzohren die allerſtaͤrkſte Reizbarkeit beſizze, daß auf dieſes die Gedaͤrme zu folgen ſcheinen(c)prem. mem. p. 387. Se - cond. mem. p. 340. Es ſchreibt ſolches allein der bloſſen Waͤrme zu, ZIMMERMANN. l. c. OEDER Exp. 5., und daß gemeiniglich die uͤbrigen Muſkeln viel ehe einſchlafen, als das Herz oder das Gedaͤrme. Jch mutmaße, daß das Zwerchfell uͤber alle andre Muſ - keln einige Vorzuͤge beſizze(d)Prem. mem. p. 65. L. VIII. pag. 84. Second. mem. pag. 387. OEDER Exp. 1. ZIMMERM. diſp. p. 19. ANDREÆ p. 25.. Und daraus glaube ich, begreiflich machen zu koͤnnen, warum die Lebenstheile, das Herz und das Gedaͤrme(e)prem. mem. p. 77., auch ſogar im Schlafe, ſeineBe -39II. Abſchnitt. Erſcheinungen. Bewegungen in eins fortſetzen, indem gedachte Theile nicht nur aͤuſſerſt reizbar an ſich ſelbſt ſind, ſondern auch beſtaͤndig gereizt werden. Es ſcheinet naͤmlich der ein - faͤltigſte Grund, warum andre Muſkeln, die unter den Befelen des Willens ſtehen, nicht von ſelbſt Bewegungen machen, dieſer zu ſein, weil ſie weniger reizbar ſind; denn wenn ſich auch dieſe Muſkeln bewegen, ſo bald man einen groͤſſern Reiz an ſie bringt, es mag ſelbiger entwe - der von einer aͤuſſerlichen reizenden Urſache, wodurch der Kramf erwekkt wird, oder von dem Willen der Seele, auf den der Strom des reizenden Nervenſaftes bis zu den Muſkeln zu folgen ſcheinet, herruͤhren, ſo laͤſt ſich uͤber - haupt ſehr warſcheinlich daraus ſchlieſſen, daß ſolche Muſ - keln darum von den geringern Reizen des menſchlichen Lebens, und von der leichten Beruͤhrung der benachbar - ten Schlagadern nicht zur Bewegung ermuntert werden, weil dieſe Reize viel zu ſchwach, und nicht geſchickt ſind, die traͤge Reizkraft bis zu einem voͤlligen Zuſammenziehen zu vermoͤgen.

Man kann es alſo dieſen unſern Arbeiten zuſchreiben, daß der alte Name Reizbarkeit(f)TISSOT in præf. PE - TRINI p. 293. CALDANUS Lett. III. p. 13. FONTANA p. 241. CIGNA. hin und wieder zu - gleich mit meinem Namen wiederholet, und von groſſen Maͤnnern dieſe Kraft, als was neues, unter die Erfindun - gen der Deutſchen mit eingeruͤkkt wird(g)Comes de ROEDER in hiſt. de l’Acad. de Berlin T. XI. . Doch ich nehme mir deswegen nichts vor andern voraus(h)Rep. a M. WHYTT p. 124., indem ich die Arbeiten andrer Maͤnner vor mir mit Danke der meinigen vorziehe(i)Ibid. , und mich gern beſcheide, daß ich von dem voͤlligen Lichte der Warheit noch weit genung entfernt bin. Einige beruͤmte Maͤnner unter den Neuern nennen ſie lieber die Lebenskraft(k)GAUBIUS pag. 75. allein dieſer Na - me gefaͤllt mir nicht ſo gut, weil unſre Kraft, die KraftC 4des40Thieriſche Bewegung. XI. Buch. des Lebens noch ein wenig uͤberlebt. Folglich wuͤrde ich ſie lieber die angeborne, weſentliche, oder eigene Kraft des Muſkels nennen.

§. 12. Ob dieſe Kraft in dem thieriſchen Leime ſtekke.

Man erlaube mir, dieſem noch etwas weniges beizufuͤ - gen, welches ſeinen Grund in der Mutmaßung hat. Da es uͤberhaupt in allen menſchlichen Faſern zwei Grund - ſtoffe gibt(l)L. I. p. 2. 4., naͤmlich eine Erde, und ein bindender Leim, ſo laͤſt ſich fragen, in welchem von beiden Elemen - ten dieſe dem Muſkel weſentliche Kraft eigentlich befind - lich ſei. Jch habe mich geaͤuſſert(m)prem. mem. p. 79. 80., daß ſelbige vor - naͤmlich in dem Leime verborgen liege. Es zieht ſich naͤm - lich der Leim ſelbſt, vermoͤge ſeiner todten Kraft, und es iſt dieſes gleichſam der allererſte Grad der Materie, welche auf das Zuſammenziehen Anſpruch macht. Bringt man hingegen die Erde in ihre Anfaͤnge, ſo iſt ſie zerreiblich, ohne allen Zuſammenhang, und gelangt, wenn man ihr den verlornen Leim wiedergibt, zu der vorigen Zaͤhigkeit. Alle Metalle bekommen ihre Strekkbarkeit unter dem Ham - mer, die aufs genaueſte mit der anziehenden Kraft ihrer Theile verbunden iſt, wenn ſie ſolche verloren, von Fet - tigkeiten wieder, wenn man ſolche unter die ſchmelzende Metalle miſchet. Thiere, welche faſt nichts als ein beleb - ter Gallert ſind(n)BEROE Act. helv. T. IV. p. 37. Meduſa p. 38., und deren viele im Waſſer leben, be - ſizzen dieſe reizbare Kraft in einem hohen Grade, ſo daß der Polipus ſo gar vom Lichte gereizt zu werden ſcheint, da er keine Augen hat, und alle Thiere an der Kuͤrze ſei - ner Hoͤrner (Aerme) uͤbertrift(n*)um zehnmal, Phil. tranſ. n. 469. Es kann ſich ein Vielfus bis auf eine Linie, vom Zolle, d. i. auf den 12ten Theil ſeiner Laͤnge, zuſammenziehen. TREMBLEY T. I. f. 3. 6. p. 25. Conf. Phil. tranſ. n. 284. etc. , welche er nach Ge -fal -41II. Abſchnitt. Erſcheinungen. fallen verlaͤngern kann. Es ſind Muſkeln anfangs gleich - ſam gallertartig(o)SWAMMERDAM p. 855., und eben dieſe Art hat auch das Herz eines Huͤnchens, wenn es zur Bewegung am geſchikkteſten iſt. Junge Thiere haben viel Leim, hingegen ſehr wenig Erde, und ein Kalb gibt viel Erde, und weniger Leim von ſich. Und ſo lehrt auch die Erfarung, daß junge Thiere viel reizbarer, als die alten ſind(p)p. 456. Vom Bienenwurm. Idem p. 416. Conf. BATTIE p. 34.. Es ſind die Theile eines belebten Koͤrpers biegſam, und weich, und folglich beſtehen ſie aus einer Menge Leim, und ſie ſind reizbar; dahingegen diejenigen Theile, welche an Erde Ueberflus haben, als die Knochen und Zaͤhne, und die Sehnen, welche ſchon haͤrter als ein Muſkel ſind, von dieſer Kraft der Reizbarkeit ausgeſchloſſen ſind. Jch ſage dieſes ſo, wie ich es einſehe, da man weis, daß dieſes beruͤmte Maͤnner, als eine gleichguͤltige Sache beſtreiten,(q)WHYTT Eſſays p. 182. 184. SCHREIBER Almageſt. p. 90. GAUBIUS p. 77. AN -DREÆ p. 34. Ant. de HAEN difficult. p. 146., und es ſagt ein groſſer Mann, daß dieſe Kraft in den belebten feſten Theilen, und nicht im Leime, noch in den Grundſtoffen wohne(r)Pathol. p. 76. 77., doch auch in belebten feſten Theilen trift man entweder Erde, oder Leim an(s)Fuͤr mich. ROESNER de lacte n. 60..

Es ſcheint uͤbrigens dieſe Kraft, um es im voraus zu ſagen, gleichſam in der Leibesfrucht zu ſchlafen, welche in der Mutter ihrem Eigen liegt, und nur erſt erwekkt und belebt zu werden, ſobald ſie von dem maͤnnlichen Saa - men gereizt wird. Sie ſcheint von der Nahrung endlich zu wachſen, und von der Kraft des Lebens, mit einem gewiſſen Grade der Feſtigkeit, immer mehr und mehr zuzunehmen. Es bezeiget ſich naͤmlich das Gedaͤrm eines jungen Huͤhngen, noch vor dem ſechszehnten Tage ganz reizlos(t)T. II. ſur le poulet p. 131., und ſtimmt nach dieſem Tage mit dem ange -C 5brach -42Thieriſche Bewegung. XI. Buch. brachten Reize uͤberein. Es laͤſt ſich eben dieſe Kraft, wie es ſcheint, vom Gebrauche des Opium(u)Sie kann im Zuvielen, und im Zuwenigen ſuͤndigen. GAU - BIUS I. C. p 79. ſchwaͤchen, weil ſich alsdenn im ganzen Koͤrper das Waſſer anhaͤuft, wie auch von dem Einſchmieren mit Oel, von erweichen - den Arzneien, und allen Entkraͤftungen verringern. Sie waͤchſt von einer mittelmaͤßigen Ausdehnung des reizba - ren Theiles, wie man an dem Einblaſen der Luft ſehen kann. Sie hoͤrt in einer zu heftigen Spannung auf. So verliert das Herzohr(x)Exp. 545. oder die Kammer des Her - zens(y)HOUSSET p. 343. 405. 407., wenn ſie ſehr mit Blut angefuͤllt ſind, das Ge - daͤrme(z)CALDAN. p. 115. 116., wenn es eben ſo von der Luft ausgedehnt iſt, und die Harnblaſe, die mit Harn uͤberladen wird(a)dergleichen toͤdliches Ver - halten des Harnes geſchicht oft auch ohne aͤuſſerliche Feler. Jn einem Exempel ſchien die Reizbar - keit voͤllig aufgehoben zu ſein, da bei einer toͤdlichen Harnverhaltungauch ſo gar die Kliſtire am Ge - daͤrme keine Bewegung hervor - brachten. MARTII obſ. 4., ihre reizbare Beſchaffenheit. Es verſtattet mir die weit - laͤuftige Arbeit, und die gegenwaͤrtige Sache nicht, daß ich dieſes umſtaͤndlicher ausfuͤhre.

Es ſcheinen uͤbrigens die kleinen Thiere mehr Reiz - barkeit und die groſſen weniger zu beſizzen(b)BONSI hippiat. pag. 97. 115. Es iſt die Doſis von Purgir - mitteln gegen den Menſchen ge - rechnet 16 pla et 36 pla. MO - RIGI rifleſſioni p. 37. Es ver - tragen die Ochſen vier bis ſechs Qventgen Spiesglasleber. MAU - CHART de lue vaccar. . Man mus einem Pferde uͤbermaͤßige Doſen von Brechmitteln und Kliſtiren reichen, wenn die Gedaͤrme gereizt werden ſollen, um ſich auszuleeren.

Es ſcheint auch, daß dieſe oder jene Theile des Koͤr - pers von einerlei Reizmitteln anders angegriffen werden(c)WHYTT. vital mot. p. 50. Conf. de Man. p. 4.. So vertraͤgt die Harnblaſe einen ſehr ſcharfen Urin, aber nicht ſo gut laulich Waſſer, welches man in ſie ſprizzt. Der43II. Abſchnitt. Erſcheinungen. Der Magen wird vom Spiesglaſe zum Erbrechen ge - bracht, ob das Auge gleich dadurch nicht gereizt wird. Hierzu koͤnnen die verſchiedne Bekleidungen das ihrige mit beytragen, indem dieſe Koͤrper ſo, und andre wieder anders in ſelbige einzudringen geſchikkt ſind.

§. 13. Die Graden der Reizbarkeit.

Eben ſo ſcheint auch bei manchen Menſchen die reiz - bare Natur groͤſſer, bei andern hingegen ſchwaͤcher zu ſein. Man weis mit Gewisheit, daß einige Frauens - perſonen von einer geringen Gemuͤtsbewegung ſo gleich in kramfhafte Verzuͤkkungen verfallen, und daß hingegen Mannsperſonen nicht ſo leicht davon angegriffen werden, ob gleich einige dennoch zu zittern anfangen, bei bleichem Urine Froſt empfinden, und das Herzklopfen bekommen. So werden einige von Freude, oder Zorn ſehr heftig er - hizzt, dahingegen andre weder von der Furcht, noch vom Zorne leicht in Bewegung gebracht werden. Einige wer - den von muſikaliſchen Thoͤnen ſo gleich zum Weinen ge - bracht, da ſich andre hingegen auch am Wiehern der Pferde beluſtigen. Es gibt ferner viele Perſonen, die von dem geringſten Reizmittel Stuͤle bekommen; da es hingegen bey andern ſehr ſchwer damit haͤlt, und es muͤſ - ſen ganze Voͤlker Doſen haben, welche man, ohne ſich luſtig zu machen, in einer andern Himmelsgegend gewis nicht verſchreiben duͤrfte(c*)LENTILIUS in Jatromnem. . Und von dieſer Sache koͤnnte man unzaͤhliche Exempel anfuͤhren, wenn nicht jederman mit uns eins waͤre.

So verhaͤlt ſich die Sache mit den Nerven. An den Muſkeln aͤuſſert ſich ebenfalls bald eine ungemeine Staͤrke, bald wieder eine Welkheit, und man kann ſo gar an Muſkeln, welche durch oͤftere Bewegungen gebraucht werden, den Unterſcheid ſehr leicht, und ſo gar durch das Anfuͤlen bemerken.

Nun44Thieriſche Bewegung. XI. Buch.

Nun ſcheint die Urſache dieſes gedoppelten Unterſchie - des in den feſten Theilen zu ſtekken, weil in einem und eben demſelben Menſchen, wenn er gleich noch ſo fremd - artige Speiſen genieſſet, immer einerley Beſchaffenheit da iſt, und nach ſchweren Krankheiten, und wenn ſich der Koͤrper an ſeinen Saͤften erſchoͤpft hat, eben die vorige Miſchung wieder einſtellt. Es ſcheinen die Saͤfte, welche die Gefaͤſſe unſers Koͤrpers durchwandern, mehr Gaͤſte, als Theile von uns ſelbſt zu ſein. Folglich mus die Ur - ſache in dem Leime verborgen liegen.

Von dieſer Sache laͤſt ſich nun die zwote und vor - naͤmſte Urſache der verſchiednen Temperamenten herleiten. Es ſcheint die Faͤhigkeit, heftige ſinnliche Eindruͤkke, wel - che ſich mit einer Muſkelſtaͤrke verbinden, das choleriſche Temperament auszumachen. Eben dieſe Faͤhigkeit, doch bei einer ſchwachen Faſer(c**)Von reizbaren Frauens - verſonen bey geſpannter und loſerHaut, handelt A. de HAEN diffic. p. 141., macht das hipochondriſche und hiſteriſche Temperament. Eine geringere Geſchikk - lichkeit, zu den Bewegungen des Leibes und der Seele, aber mit Staͤrke verbunden, ſcheint das ſangviniſche, und bei einer ſchwachen Faſer, das phlegmatiſche Tempera - ment hervorzubringen. Jch gebe hier von der Sache blos die erſten Grundzuͤge, weil ich weis, wie noͤthig es ſei, ſie ſtuͤkkweiſe durchzugehen, und ich geſtehe es gern, daß ein jeder Menſch in der Anlage des Reizbaren, ſeine beſondre Verbindung mit der Beweglichkeit des Nerven - ſiſtems habe.

§. 14. Die Fortpflanzung des Reizes.

Es iſt gewis, daß ſich der Reiz von einer Faſer zur andern fortpflanzt, und daß ſich das ganze Gedaͤrme weit und breit zuſammenzieht, wenn gleich nur wenige Faſernvom45II. Abſchnitt. Erſcheinungen. vom Gifte, oder einem andern Reize beruͤrt werden; eben ſo ſieht man, daß ſich dieſe Bewegung bisweilen bis in die benachbarte Theile verbreitet, wie man an der Ue - bereinſtimmung des Zwerchfells bei dem Erbrechen gewar wird, ob die Urſache des Reizes zum Erbrechen gleich im Magen liegt(c†)Von elektriſcher Erſchuͤt - terung erfolgte an einem Gelaͤm - ten, im ſteifen Gliede, eine durch - gaͤngige Bewegung. Mem. de l’Acad. 1749. p. 32..

Es ſcheinet dieſe Uebereinſtimmung entweder durch die Nerven zu geſchehen, welche beiden Theilen gemein ſind, oder durch das Zellgewebe fortzulaufen(c††)WHYTT vit. mot. p. 250. Eſſays p. 50. 51. Journ. de Med. 1756. Dec. .

So zieht ſich der Regenbogen offenbar zuſammen, nicht weil er dazu eine eigene Kraft hat, denn er iſt nicht reizbar, ſondern vermoͤge des gereizten Nezzhaͤutgen(d)CALDANI Epiſt. II. p. 367. Oper. Min. pag. 372. ſeqq. .

Man erſiehet daraus, daß wenn eine Faſer des Muſ - kels angezogen, und nunmehr kuͤrzer wird, die benach - barte Faſern ſelbſt, vermittelſt der zellfoͤrmigen Feſſeln, mit angezogen, und ſolchergeſtalt gereizt werden; eine ge - reizte Faſer zieht ſich aber zuſammen.

§. 15. Die Nervenkraft.

Es offenbaret ſich, auſſer der einer Muſkelfaſer we - ſentlichen Kraft, noch eine andre in derſelben, welche der vorigen in ſo fern gleich iſt, daß ſie ebenfalls ganz allein in der Muſkelfaſer ihren Sizz hat. Dieſes lehren die Verſuche ſo, und es wiederſpricht dieſer Erfarung Nie - mand, indem ich denjenigen Schriftſteller uͤbergehe(e)LIBERTUS de mecha - niſm. in corp. hum. abſent. n. 16., welcher die Theile des menſchlichen Koͤrpers nicht von den Muſkeln, ſondern von der toniſchen Kraft der Knochen - haͤutgen, und der Membranen bewegen laͤſt. Man haͤttebei46Thieriſche Bewegung. XI. Buch. bei dieſem Sazze, entweder den Verſuchen des Galens(f)Admin. anat. L. VIII. C. 3., welcher beim Zerſchneiden der Ribbenmuſkeln, das Atemholen und Ausatmen verloren gehen geſehen, oder auch den Verſuchen der Hollaͤnder(g)NUEK exper. Chir. XXVI. pag. 85. ihr Recht thun muͤſſen, welche den Hals, der zu ſehr auf eine Seite ver - dreht iſt, dadurch wieder in die Hoͤhe richten, daß ſie den zizzenfoͤrmigen Muſkel der ſtaͤrkern Seite durchſchneiden; oder man haͤtte auch die Erfarung des Veſalius beant - worten muͤſſen(h)L. VII. p. 819., welcher bewieſen, daß ein Glied un - beweglich werde, deſſen Muſkeln man queer durchſchnitten.

Sie iſt von der angebornen Kraft aus dem Grunde verſchieden, weil ſie vom Gehirne durch die Nerven in die Muſkeln eingeht, und ſelbige in Bewegung ſezzt. Dieſes ſcheint mir ſo einfach zu ſein, und aus unzaͤlichen Verſuchen(i)L. X. p. 322. ſeqq. ſo gewis zu folgen, daß ich nie begreifen koͤnnen, wie es Maͤnner, welche in der Kunſt ſo erfaren ſind, noch in Zweifel ziehen koͤnnen. Es aͤuſſert ſich naͤm - lich in allen Thieren, welche Nerven haben, einerley Zu - ſammenlauf der Nerven in die Muſkeln(k)vom Petro LYONNET wird das Nervenſiſtem einer Raupemit unglaublichem Fleiſſe abge - zeichnet; doch es hat auch dieſes Jnſekt, ebenfalls wie der Menſch, an jedem Muſkel ſeine Nerven., es erfolgt eben ſolche Laͤhmung von der Unterbindung der Nerven(l)L. X. p. 323., und ein eben ſolcher Kramf,(m)Ibid. p. 322. 325. wenn man die Ner - ven reizet, und es hoͤrt dieſer ebenfalls vom Opium, und wenn man den Nerven enzwei ſchneidet, auf.

Uebrigens gehet dieſe Bewegung mit dem Leben zu Ende, und ſie iſt in Thieren von kaltem Blute faſt eben ſo beſtaͤndig, als die angeborne Bewegung iſt, indem an einem ohnlaͤngſt geſtorbnen Thiere(n)Ibid. p. 337. 338., welches nun keine Emfindung und willkuͤrliche Bewegung mehr uͤbrig zu ha - ben ſcheint, der noch feuchte und ganze Muſkel kramfhafteBe -47II. Abſchnitt. Erſcheinungen. Bewegungen hervorbringt, wenn man ſeinen Nerven reizt. Es verhaͤlt ſich dieſe Sache eben ſo bei den Thieren von warmen Blute(o)WHYTT Eſſays p. 172., ſie zeigt ſich in ihnen noch ſtaͤrker, als in den kalten, und verlangt noch mehr, daß ſich der Nerve in vollkommnem Zuſtande befinde, indem auch die Muſkeln ſelbſt von dem Reize der Nerven Kraͤmfe be - kommen, wenn der gebundene Nerve unterhalb dem Bande gereizt(p)pag. 337. Exp. 218. 221. 222. 223. 224., durchſchnitten(q)pag. 337. Exp. 201. 214. 220. 225., oder endlich der Muſkel und der Nerve vom Koͤrper abgeſchnitten wird(r)Bibl. p 846. 847., wie man aus einem Verſuche des Swammerdams ſieht, und wenn ſonſt keine Zeichen des Lebens mehr vor - handen ſind(s)pag 338. Exp. 215. Wennwir den Zwerchfellsnerven reizten, lage das Thier lange vorher wie todt..

§. 16. Die Nervenkraft iſt nicht beſtaͤndig.

Ob die meiſten Schriftſteller gleich(t)BORELLUS L. II. pro - poſ. 6. BOERHAAV. n. 402. Abhandlung vom Nervenſafte p. 53. n. 23. der Beſchrei - bung der Nervenkraft mit einzuverleiben pflegen, daß ſie gegenwaͤrtig ſein und mangeln koͤnne, ſo haben wir doch mehr, als eine Urſache, mit dieſer Erſcheinung genauer zu verfahren. Es ſind auch einige, welche ſagen, daß ſie beſtaͤndig wirke, und daß nur das Gleichgewichte un - ter den Gegenmuſkeln, dieſe Nervenkraft nicht ſichtbar werden laſſe, indem ſie unterdeſſen ein geheimes Gegen - beſtreben gegen dieſe wiedrige Gewalt ausuͤbe.

Jch habe geſagt, daß die reizbare Kraft allezeit in den Muſkeln zugegen ſei, aber dieſes behaupte ich nicht von der Nervenkraft. Man glaubt wenigſtens, daß ſie als - denn mangele, wenn das Glied welk wird, und man an dem Muſkel diejenige Zufaͤlle bemerkt, welche wir anſei -48Thieriſche Bewegung. XI. Buch. ſeinem Orte erzaͤhlt haben(u)pag. 470 ſeqq. , doch in dieſem Zuſtande befindet ſich ein jeder Muſkel in einem lebendigen Men - ſchen, oder in einem lebendigen Thiere, der Natur gemaͤs, auſſer wenn man will, daß er ſich in Bewegung ſezzen ſoll. Man betrachte nur das Fleiſch der Ribbenmuſ - keln, denn dieſe gehoͤren mit zu den willkuͤrlichen Muſ - keln, wie ſolches nach der Thaͤtigkeit wieder ruhig wird(x)de reſpir. Sect. I. uͤberall, wie auch hier, p. 480., welk, weich, lang, flach wird, und in dieſem Zuſtan - de beſtaͤndig verharrt, in welchen es kraft des Ausatmens verſezzt worden, bis in dieſes Fleiſch irgend eine neue Kraft einfliſt, von der ſie gereizt werden, das Einatmen vorzunehmen. Jn andern Muſkeln aͤuſſert ſich eben dieſe Kraft, und ſie liegen noch laͤngere Zeit ſtille, da ſie unter diejenigen Muſkeln mit gehoͤren, denen die Seele lange Zeit Ruhe laͤſt, ehe ſie ſie wieder gebrauchet, dergleichen die Wendemuſkeln des Kopfes ſind. Dieſe ſind die ganze Zeit uͤber, da ſie die Seele nicht zu Huͤlfe nimmt, weich, lang, und ſie ruhen nicht im Zuſtande des Zuſammenzie - hens, ſondern der Nachlaſſung.

Man muß hierbei noch ferner anmerken, daß ein Muſkel bei der willkuͤrlichen Thaͤtigkeit Schmerzen fuͤlt, wenn er ſelbige zu lange fortſezzen mus, daß er davon muͤde wird, und daß wir endlich davon ungemeine Be - ſchwerlichkeit ausſtehen muͤſſen.

Folglich muß man nicht behaupten, daß ſich die will - kuͤrlichen Muſkeln ſogar im Schlafe ohne auszuruhen im Zuſtande des Zuſammenziehens befinden, und eben ſo be - ſtaͤndig wirken, als das Herz, die Schliesmuſkeln, der Magen, und das Gedaͤrme, als deren Bewegung, weil ſie von der, den Muſkeln anerſchaffnen Kraft abhaͤngt, von keiner Ruhe unterbrochen wird, und welche auch durch keine Ermuͤdung Beſchwerlichkeiten nach ſich zieht.

Es49II. Abſchnitt. Erſcheinungen.

Es wuͤrde naͤmlich der Einwurf nichtig ſein, wenn man ſagen wollte, daß Muſkeln, welche von der Ner - venkraft getrieben werden, nicht in eine wirkliche Thaͤtig - keit ausbrechen, folglich waͤre die Arbeit der Natur da - bei geringer; man zeigt naͤmlich, wie es kommen koͤnne, daß ſie eden ſo gros werde, und daß ein Muſkel alsdenn nicht weniger arbeite, wenn er gegen einen gleichſtarken Gegner hundert Pfunde aufzuheben bemuͤht iſt, welche jener niedergedruͤkkt, als er damals arbeitete(y)pag. 447., da er ohne einen Gegner wirklich hundert Pfunde in die Hoͤhe hob.

Es waͤre ferner dieſe aͤuſſerſte Verſchwendung der Kraͤfte ohne eine gewiſſe Abſicht und man kann ohnmoͤg - lich von der weiſen Natur erwarten, daß ſich die Biege - muſkeln beſtaͤndig, vermoͤge der Nervenkraft, anſtrengen, und dieſe Kraft zugleich von dem Wiederſtande der aus - ſtrekkenden Muſkeln verzeren laſſen ſollte.

Mit einem Worte, es herrſcht in den Muſkeln eine, denſelben eingepflanzte Kraft(z)pag. 453 ſeqq. , wodurch die Glieder in ein gewiſſes Gleichgewichte geſezzt werden. Hingegen wirkt die Nervenkraft nicht, ohne den Befel des Willens, und es iſt ſich die Seele dieſes Beſtrebens, welches ſich durch das Verlangen nach einer Bewegung aͤuſſert, mehr als zu wohl bewuſt. Nun iſt ſie ſich eines dergleichen Be - ſtrebens in der Ruhe nicht bewuſt, und da ſie uͤberhaupt eingeſchraͤnkt iſt(a)vide Sect. 3., und in einerlei Zeit nur wenig Ge - genſtaͤnde empfinden kann, ſo wuͤrde die Seele einer ſo groſſen Arbeit, naͤmlich das auf gewiſſe Weiſe eingerichtete Beſtreben ſo vieler Muſkeln, im Schlafe und in allerlei Lebensumſtaͤnden in Ordnung zu bringen und daruͤber die Aufſicht zu fuͤhren, ſchwerlich gewachſen ſein. Die Na -turH. Phiſiol. 5. B. D50Thieriſche Bewegung. XI. Buch. tur hat uns dieſer ganzen Laſt uͤberhoben, da ſie die Staͤrke der gegenſeitigen Muſkeln in ein ſo gutes Gleich - gewicht brachte, daß ſie, vermoͤge der Abwaͤgung ihrer anerſchaffnen Kraͤfte, die Glieder in einer mittelmaͤßigen Schlafheit und ſo lange erhalten bis der Befel der Seele einen oder den andern Gegner zur Thaͤtigkeit aufbietet.

§. 17. Die Erſcheinungen bei dieſer Bewegung.

Es geraten die Faſern in ein Zittern, ſie werden angezogen, und machen Runzeln.

Es hat dieſe von den Nerven herruͤhrende Bewegung mit der dem Muſkel anerſchaffnen Kraft, die mereſten Merkmale gemein, auſſer daß ſie gemeiniglich etwas ſchneller und ſtaͤrker geſchehen. Jch ſage mit Fleis, ge - meiniglich, weil bei Kraͤmfen(b)pag. 453., welche bei dem Verlu - ſte des Blutes, und in ſterbenden Thieren vorkommen, und welche man nicht leichtlich andern Urſachen, als der angebornen Kraft zuſchreiben kann, weil ebendergleichen noch alsdenn, wenn das Leben vernichtet worden, in den abgeriſſnen Gliedern vorhanden iſt, kein Abgang an die - ſer Kraft zu ſpuͤren iſt. Diejenigen Ausleger, welche hier Gegenkraͤfte, dergleichen die Federkraft(c)LAMI mouvem. c. 6., oder das natuͤrliche Zuſammenziehen iſt, annehmen, und davon einen Muſkel nach der Vollendung des Zuſammenziehens ſchlaff werden laſſen, haben dasjenige Zuſammenziehen, welches in einem bereits abgeſtorbnen Muſkel, der ſich ſelbſt uͤberlaſſen wird, vorgeht, nicht mit Aufmerkſamkeit betrachtet(d)BELLIN. mot. cord. prop. 14..

Jch werde, bei Beſchreibung dieſer Erſcheinungen, ſonderlich auf die, dem Willen unterworfene, Muſkelnmein51II. Abſchnitt. Erſcheinungen. mein Augenmerk richten, damit man die angeborne Kraft, mit der Nervenkraft nicht vermengen moͤge; und ich werde mich dabei derjenigen Anmerkungen bedienen, welche ich in Erforſchung der Natur ſo oft an den Muſkeln des Atemholens wahrgenommen, und vordem in meine Auf - ſaͤzze eingetragen habe.

Man bemerkt erſt an den Muſkelſtreifen, und Faſern der Muſkeln(e)Exp. 23 -- 28. 30. 34. Se - cond. mem. Exp. 234 236. 241. einen gewiſſen Zug, vermoͤge deſſen ſie von ihren Enden ſchnell gegen die Mitte(f)Exp. 41. Denn es iſt die Rede von den unterſten Faſern, ferner Exp. 45 -- 48. 53. Second mem. Exp. 226. 227. 229. 231. 241. In corde ſecond. mem. Exp 468. 470. 475. 492. 501. 515. 525. 533. 534. 536. 539. 542. 543. 555. Du poulet T. II. p. 115. Conf. WIL - LIS. mot. muſc. p. 131. zu laufen, und kurz darauf von dieſer Mitte wieder gegen ihre Enden zuruͤkke gehen(g)Exp. 226. 227. 229. Conf. HARTLEY p. 89. PAGANI et BONIOLI p. 184.. Beide Zuͤge folgen ungemein ſchnell auf einander, und man kann dieſe kleine Zwiſchenzeiten ſchwerlich beſtimmen(h)Exp. 477. 507. 508. 509. 534. 536. Du poulet Exp 123. 125 139. PAGANI et BON - IOLI p. 184.. Jch habe dieſes an den Rib - benmuſkeln, am Zwerchfelle geſehen, und eben dieſes ge - ſchicht auch am Herzen. Selbſt der Honig der Bienen bewegt ſich, vermittelſt wechſelsweiſer Ausdehnungen und Zuſammenziehungen, durch den Saugeruͤſſel hindurch(h*)SWAMMERDAM. Biblia p. 450..

Jndem die Faſern angezogen werden, ſo erſcheinen an denſelben Runzeln(i)De reſpir. Exp. 9. 34. 41. 45. 46. 47. et Second. mem. Exp. 229 von dem Herzen, Exp. 471. 477. 481. 484. 490. 496. 524. 526. 527. Le CATT. Mem. pag. 61. De altern. cord. mot. cauſ. n. 15. Adde de HEYDE Exp. p. 33. 36. 37. MAYOW pag. 301. SCHELHAMMER in analect etc. WEPFER. de cicut. pag. 91. Corrugari et Criſpari BAGLIV oper. pag. 405. PAGANI et BONIOLI pag. 184. VER - HEYEN T. H. p. 157. BER - TIER loc. cit. p. 291. und gleichſam Falten, wie man am Zwerchfelle ſehen kann. Doch es zertheilt ſich auch am Herzen die ſo bekannte rote Farbe der Faſern in glaͤnzendeD 2weiſſe52Thieriſche Bewegung. XI. Buch. weiſſe Atlastheilgen, zwiſchen denen ſich Falten zeigen. Lower beſchreibt ſie(i*)pag. 79. BERTIER pag. 281. WINSLOW Expoſ. n. 48. wie kleine Saͤgen.

Jch habe gemeiniglich zugleich an dem ganzen Muſ - kel eben dieſe Erſcheinungen geſehen, es geſchahe aber doch auch, daß ſich das Klopfen und Ziehen der Faſern, in irgend einem Theilgen allein(k)Exp. 229. et de reſpir. Exp. 45. 46., oder in mehrern Theil - gen aͤuſſerte, und ſich endlich durch den ganzen Muſkel ausbreitete(m)Second. mem. Exp. 476.. So faͤngt ſich auch die Bewegung bei irgend einer Stelle des Muſkels an, und ſie laͤuft allmaͤ - lich von einem zum andern fort(n)Vom Herzen, Exp. 482. 533. 537..

§. 18. Es verkuͤrzen ſich die Faſern eines Muſkels.

Es iſt dieſes die vornemſte Erſcheinung an einem Muſkel, von der die ganze Handlung deſſelben abhaͤngt, und ich weis nicht, wie dieſelbe von einigen beruͤmten Maͤnnern angeſehen worden(o)Daß das elaſtiſche Zuſam - menziehen die einzelne Faſern nach - laſſe und verkuͤrze, das muſkelhafte Zuſammenziehen hingegen die ein - zelne Faſern ausſtrekke und ver - laͤngere, indem es dieſen Muſkel verkuͤrzt, ſagt SAUVAGES phyſiolog. p. 141., wenn ſie behaupten, daß ſich der ganze Muſkel, nicht aber deſſen einzelne Faſern, wenn er wirket, kuͤrzer mache.

Folglich verkuͤrzen ſich die einzelne Faſern, die Strei - fen, und die aus dieſen Faſerſtreifen zuſammengeſezzte Muſkeln, indem ſie wirkſam ſind; und ob das Maas gleich nicht immer einerlei iſt, ſo iſt es dennoch, auch an den lebendigen Muſkeln augenſcheinlich, indem ſich die aͤuſſerſten Enden des Muſkels einander nahe kommen, wenn nicht eins dieſer Enden unbeweglich iſt, und alsdennnaͤhert(l)Von dem Herzen, Second. mem. Exp. 476. 484. 499. 536. 537. und am Huͤhngen, Exp. 125. 282.53II. Abſchnitt. Erſcheinungen. naͤhert ſich das ſchwache Ende dem ſtaͤrkern. Das Zu - ſammenziehen der Ribben(p)Second. mem. Exp. 240. 242., welches die zuſammenge - zogne Muſkeln hervorbringen, zeiget ſich am allerdeut - lichſten, wie auch das Abnehmen der Zwiſchenraͤume an den Ribben(p*)de reſpir. Exp. 10. 12. 13. 14. 16. 19. 21. 22. 23. 24. 25. 27. 31.. Es iſt ſelbiges gros(q)von 63 Theilen bis 55. von 57 bis 56. von 61 bis 46 und 43. ibid. Exp. 28., wenn das andre Ende um ein vieles ſtaͤrker iſt, und hingegen klein(r)Exp. 27. 29. 30. 31., wenn alle beide Enden faſt gleich feſte ſind.

Es iſt gewis, daß ein Muſkel, von der Annaͤherung der Ribben gegen einander, um die Haͤlfte kuͤrzer werden koͤnne(s)Auf die Helfte Exp. 16. 17. 20. 24. 30., und mit dieſem ſtimmt auch dasjenige uͤberein, was wir taͤglich am Zwerchfelle(t)ſur la reſpir. Exp. 45. 46. und zwar ſehr Exp. 53., an den uͤbrigen Muſ - keln(u)Second. mem. Exp. 229. CALDANI lettr. 3. p. 20., an den Lefzen(x)zieht ſich uͤber die Helfte zu - ſammen, SEGNER de volvula coli p. 17., oder an andern Schliesmuſ - keln wahrnehmen. Oft verwandelt ſich das Gedaͤrme(y)Second. mem. Exp. 409. 414. 416. 424. 435. in ein Nichts, es ſcheint gar keine Hoͤlung uͤbrig zu blei - ben, und man ſieht, wie auch die allerkleinſte Koͤrpergen und ſelbſt die Graͤten und Stacheln der Fiſche darinnen fortruͤkken, und vom Magen gegen den Hintern getrieben werden koͤnnen. An dem gallertartigen Thieren verkuͤr - zen ſich die Muſkeln weit uͤber alle Erwartung(z)Polipen ziehen ſich vom Zoll bis auf eine Linie ein, TREM - BLEY l. c. Sie werden zehnmal kuͤrzer, FOLKES Philoſ. tranſ. n. 469. Ueberhaupt wie p. 64..

Wenn nun die Matematiker ſchreiben, ein Muſkel verliere ein Drittheil von ſeiner Laͤnge im Zuſammenziehen(a)Joh. BERNOULLI mot. muſc. n. XV. KAAUW. imp. n. 277. KRüGER phyſiol. p. 756. Jacobus KEIL macht ihn kleiner, als bis $$\frac{72728}{100000}$$ p. 149. Joh. TABOR ad $$\frac{58}{100}$$ pag. 91. Dan. BERNOULLI ad oder $$\frac{2}{11}$$ Comm. Acad. Petr. Vol. I. beieinem, ſo haben ſie ſich blos nach ihrer Hipoteſe gerichtet;D 3denn54Thieriſche Bewegung. XI. Buch. denn wenn eine loſe Faſer aus zwo Linien beſteht, deren Laͤnge 1 iſt; und wenn nun dieſe zwo Linien, von irgend einem fluͤßigen Weſen ausgedehnt, und zu einer Kugel werden, ſo ſieht man mehr, als zur Gnuͤge, wenn man die Sache auf einen Kreis ſezzt, daß der neue, aus zween Durchmeſſern entſtandne Kreis, zum Durchmeſſer $$\frac{2}{314}$$ habe, und daß folglich der eine Durchmeſſer deſſelben et - was kuͤrzer, als die zwei Drittheile des vorigen ſei, in - dem er ſo gros, als die Laͤnge der zwo Linien, aus wel - chen er entſtanden(b)Die Kuͤrze wird noch klei - ner ſein, wenn ſie von der Zuſam - menziehung des Muſkels herruͤhrt,weil ſich eine Faſer niemals gaͤnz - lich in eine Kugel verwandeln kann; wie ſolches eingeſtanden wird vom BERNOULLIO n. 15. und KEILIO p. 186., oder als die eine Linie iſt, weil ſie beide gleich gros ſind. Es iſt aber uͤberhaupt weiter nichts, als eine Hipoteſe, wenn man vorgibt, daß ſich in der Muſkelbewegung die Faſern in kleine Kugeln ver - wandeln, und es laſſen ſich alſo auch dieſe matematiſche Eigenſchaften einer Faſer nicht auf eine lebendige Faſer, denn dieſe zeigt ſich niemals kuglig, anwenden. Es hat bereits vorlaͤngſt Fr. Bayle(c)Oper. p. 78. mit Grunde erinnert, daß dieſes ein Feler in der Theorie der Blaͤsgen ſei, weil ſich ein Muſkel nicht uͤber $$\frac{4}{11}$$ zuſammenziehen kann. Frie - drich Winter(d)de muſc. pag. 22. zeigt, daß Bernouilli das Zuſam - menziehen viel zu klein gemacht, und der vortrefliche Se - nac, daß ſich das Zuſammenziehen weiter als auf er - ſtrekke(e)pag. 302..

Des Johann Tabor Verſuch hat den Feler, daß nicht der obere Schulterblatsmuſkel, ſondern der Delta - muſkel, die Schulter hebt.

Jndem ſich die Muſkelfaſer zuſammenzieht, und im Wirken verkuͤrzzt, ſo geſchicht es, daß ſie aus einer ſchie -fen(a)einem am Auge gemachten Ver - ſuche. Alle thun es, doch auf verſchiedene Weiſe. TABORUS und der beruͤhmte LORRY, ver - moͤge des Verſuches Journ. de med. 1757. Jan. 55II. Abſchnitt. Erſcheinungen. fen Lage in eine gerade uͤbergeht(f)Exp. 11. 13. 16. 25. 30., wenn ſie den Ab - ſtand zweier Knochen, die ſich nicht biegen laſſen, bezeich - net. Folglich wird die Faſer des Ribbenmuſkels gerade werden.

§. 19. Es naͤhern ſich die Enden, mit denen ein Muſkel angewachſen iſt, einander.

Wenn ein Muſkel, indem er in Bewegung geraͤth, kuͤrzer wird, ſo muͤſſen ſich notwendig die Enden dieſes Muſkels einander naͤhern, und zwar allein, wenn es ein einzelner Muſkel iſt, indem zugleich die feſten Theile, die Knochen, Knorpeln, und andre Theile, wofern ſie an eini - gen Faſern angewachſen ſind, mit naͤher herbei gezogen werden. Es iſt dieſes an ſich ſo einfach, daß es blos eine Wiederholung von dem bereits erzaͤlten zu ſein ſcheint.

Jch habe davon, und zwar an den einſamen Muſ - keln, dergleichen das Herz iſt, Beyſpiele geſehen(g)Exp. 469. 470. 492., deſ - ſen Baſis gegen die Spizze, und die Spizze wieder gegen die Baſis anruͤkkt, wie auch an dem Gedaͤrme, deſſen Umkreis von allen Seiten gegen den Mittelpunkt angezo - gen wird, und es hat Johann Swammerdam(h)Bibl. pag. 839. den Verſuch, an einem, aus dem Koͤrper geriſſenen Muſkel gemacht, welchen er mit Nadeln befeſtigt hatte. Jndem derſelbe in dieſer Lage den Nerven reizte, ſo naͤherten ſich dieſe Nadeln einander. Es geſchicht eben dergleichen auch an den Muſkeln, welche an Knochen feſte ſind, als an den Ribben, und es wuͤrden ſich die Raͤume zwiſchen denſelben nicht verringern, wofern nicht eine Ribbe der andern naͤher kaͤme(i)ſur la reſpir. p. 290.. Eben dieſes laͤſſet ſich auch an den Ribben, wenn ſie vom Zwerchfelle angezogen werden(k)ſur la reſpir. Exp. 36. 47. 53.,D 4bemer -56Thieriſche Bewegung. XI. Buch. bemerken. Man ſieht aber leichtlich ein, daß ſich Theile einander gleichfoͤrmig naͤhern muͤſſen, wenn ſolche gleich feſte, wie die gleichnamigen rechten, und linken Ribben ſind(l)ſur la reſpir. Exp. 7. 8. 36. 47. 48. 53., indeſſen daß das Zwerchfell ſein Geſchaͤfte fort - ſezzt.

Es erhellet von ſelbſt, daß derjenige Theil, welcher beweglicher iſt, zu dem feſtern Theile, doch aber unter der Bedingung heraufſteigen muͤſſe, daß der bewegliche Theil einen laͤngern Weg, und der feſte, einen kuͤrzern durchlaͤuft. Man kann die Sache am allerdeutlichſten am Herzen wahrnehmen, indem ſich die Spizze deſſelben der Baſis(m)Second. mem. Exp. 469. 470. 474. 481. 492. 496. 501. 515. 519. 533. 535. 547. 555. T. IV. Exp. 3. ſehr naͤhert, hingegen die Baſis nicht ſo ſehr gegen die Spizze vorruͤkt(n)Exp. 470. 492. 501. 515. 519. 555. T. IV. Exp. 3. Nichts im Exp. 481.. So ſinkt auch unter den obern Ribben, die obere weniger hernieder, als die untere hinaufſteigt. So ſinkt die Spizze des Herzohres zu ſeiner dikkern Baſis hernieder(o)Exp. 477. 482. 510. 537. 538. 539. 541. 555. 556. T. IV. Exp. 3., und ſo zieht ſich endlich in dem Huͤhngen die rechte Herzkammer, als die ſchwaͤchere, mehr gegen die linke, hingegen die linke ge - gen die rechte ſchon ſchwaͤcher(p)Exp. 186. 259. 269. hin.

Wofern endlich das eine Ende des Muſkels unbeweg - lich iſt, wenigſtens was die Kraͤfte des Muſkels, von dem die Rede iſt, betrift, alsdenn naͤhert ſich blos der andere bewegliche Theil gegen diejenigen, deſſen Feſtigkeit un - uͤberwindlich iſt. Man hat davon ein Exempel an der oͤberſten Ribbe(q)de reſpirat. Exp. 16. 17. 18. 19. 20. 25. 26., welche mit ihrer Unbeweglichkeit wi - derſteht, indeſſen daß ſich die zwote ganz allein der erſten naͤhert(r)beſiehe Exp. 18. 21. 24. 25. 28. 30. auſſer dieſen ferner noch 17. 20. 26. 27. 28. indem der oͤberſte Zwiſchenraum um die Helfte kleiner wird, und die oͤberſte Ribbe nicht herabſinkt..

Da57II. Abſchnitt. Erſcheinungen.

Da ſich aber die Feſtigkeiten der Theile, die vom Muſkel herbei gezogen werden, und vermoͤge derſelben auch die Lage, kraft der vereinigten Bemuͤhung der an - dern Muſkeln, ungemein veraͤndern laſſen, ſo kann es geſchehen, daß einerlei Muſkel unter dieſer oder jener Be - dingung, bald ſein Ende A, entweder einzig und allein, oder doch mehr gegen B, und wieder das Ende B, ein - zig und allein, oder doch mehr gegen A anzieht. Wir ſind dieſe Betrachtung, in der Beſtimmung der Muſkel - handlung, ſonderlich dem Jakob Benignus Winslow(s)ferner in den Memoir. de l’Academie des Sciences 1720. p. 90. auch im Opere anatomico SCHREIBER in præf. ad DOU - GLASS. Myolog. ſchuldig; und es verdient derſelbe, auch ſchon wegen dieſer Unterſuchung, bey allen dankbaren und aufrichti - gen Perſonen den groͤſten Ruhm. Wir wollen aber von dieſer Sache an einem andern Orte handeln.

§. 20. Es ſchwillt der Muſkel auf, wenn er wirkſam iſt.

Da ſich das Fleiſch eines wirkſamen Muſkels, von ſeinen Enden gegen die Mitte zuruͤkke zieht(t)WILLIS. mot. muſc. p. 31. B. LANGRISCH Croo - nian. lect. n. 70. DEIDIER in proprio ſcripto. , ſo mus derſelbe notwendig, weil er kuͤrzer wird, zugleich auch dikker werden(u)de HEYDE Exp. p. 33., indem ſich das Fleiſch deſſelben gleich - ſam gegen die Mitte zu anhaͤuft, und daſelbſt aufſchwillt. Folglich ſchwellen die Baͤuche der Biegemuſkeln, auch alsdenn, wenn der Muſkel nicht von dem Willen der Seele, ſondern von der ſtaͤrkern Gewalt ſeines Gegners verkuͤrzt, und das Glied gebogen wird, auf(x)CROONE p. 3. RID - LEY p. 103. ed. bat. . Es mus auch dieſes in der That geſchehen, da die Muſkeln nach der Uebereinſtimmung der Zergliederer, der Bild - hauer und Maler, ſehr aufſchwellen, und ſich erheben, wenn ſie bei verſchiednen Handlungen des Lebens in eineD 5hef -58Thieriſche Bewegung. XI. Buch. heftige Bewegung geraten. Ja es gehoͤrt keine geringe Kenntnis der Maler(y)COWPER ad Tabul. III. BIDLOI und in vielen Kupfern ſeiner Myologiæ, als XI. XII. XIII. CHESELDEN T. 19. 20. ROSSI in der Anatomie, wozu den Text gemacht hat Bernhar - dinus GENGA in tabulis 27. 35. etc. den Ausſtrekker des Ell - bogens zeichnet tab. 33. den Ge - ſaͤsmuſkel tab. 32. den Delta - muſkel tab. 27. Er nimmt aber die Muſkeln her von den Bildſaͤu - len des Fechters Faunus Laokoons, und des Farneſiſchen Herkuls. und Bildhauer, wenn ſie leben - dige Koͤrper kopiren, dazu, das fleiſchige des Zweikoͤpfigen, des Deltamuſkels, des geraden Huͤftemuſkels, des Geſaͤs - muſkels, der Wadenmuſkeln und der uͤbrigen Muſkeln, die bei jeder Handlung und den gebognen Gliedern vorkom - men, regelmaͤßig und gruͤndlich auszudruͤkken.

Es ſchwillt aber ein Muſkel, wenn er ſich zuſammen - zieht, von allen Seiten auf(z)ſur la reſpir. Exp. 6. 8. 9. 10. 11. 16. 17. 22. 23. 24. 25. 27. 30. 35., und er ſtoͤſſet den auf - liegenden Finger zuruͤkke, wie man ſolches an dem Kaͤu - muſkel eines beiſſenden Menſchen(a)VESAL. p. 291. KEIL muſc. mot. p. 156. Abhandlung vom Nervenſafte p. 49. am Her - zen, Exp. 470., leicht bemerken kann. Man nennt dieſes das Hart-und Rauchwerden des Muſkels(a*)Dies iſt der Ausdrukk STENONII, dergleichen G. HARVEY p. 28. WEPFER cicut. p. 91.. Je ſtaͤrker wir zubeiſſen, deſto ſtaͤr - ker ſchwillt(b)beſiehe ſur la reſpir. Exp. 8. 11. 12. 27. 33. 36. An der Urinblaſe Exp. 316. 471 485. p. 393. dieſer Muſkel auf, und deſto haͤrter wird er(c)BORELL L. II. prop. 14. WINSLOW Mem. de l’Acad. 1720. p. 106. Expoſ. Tr de muſc. n. 46., entweder weil ſich der Knochen des Kinnbakkens, dem Schlaͤfenknochen mehr naͤhert, oder weil blos die Ur - ſache des Zuſammenziehens ſchon, welche dem Wieder - ſtande kraͤftiger wiederſteht(c*)WINSLOW Mem. de 1720. p 87. Expoſ. n. 46., gegen die Mitte zu mehr Fleiſch anhaͤuft. Da nun ein Muſkel alſo von allen Sei - ten aufſchwillt, ſo wird davon ein holer Muſkel enger, und er hebt die vorige Hoͤlung auf(d)L. IV. pag. 395. Muſkeln werden ſehr hart und faſt knochig, wenn man am Froſche den Ruͤk - kenmark durchſchneidet. Jhr Fleiſch iſt alsdann ſehr zuſammengezogen, und nicht weiter reizbar, CAL - DAN. eſtrav. .

§. 21.59II. Abſchnitt. Erſcheinungen.

§. 21. Der Muſkel wird nicht bleich.

Es behaͤlt ein Muſkel uͤberhaupt, wenn er in Be - wegung iſt, ſeine Farbe unveraͤndert. Man mus dieſes mit allem Fleiſſe zeigen, weil man davon gemeiniglich ganz anders denkt, und die naͤchſtfolgende Frage davon ab - haͤngt, indem man gemeiniglich zu behaupten pflegt, daß ein Muſkel, wenn er ſich zuſammenzieht, blas werde(e)SWAMMERDAM p. 852. BERTIER p. 280. 291. HAM - BERGER phyſiolog. pag. 48. BOERHAAVE. STUART p. 62. 63. der doch der einzige iſt, welcher die Blaͤſſe mit dem Er - ſchlaffen, pag. 63. und nicht mit dem Aufſchwellen verbindet., daß die Gefaͤſſe alsdenn zuſammengedruͤkkt(f)Daß in der Thaͤtigkeit die Gefaͤſſe zuſammengedruͤkkt werden BOERHAAVE pag. 406. VIEUSSENS p. 247. KAAUW impet. n. 299., und das Blut ausgetrieben werde, welches ſich in dem Muſkel befindet(g)Daß ſie vom Blute leer werden, le CAT. Mem. p. 60. BOERHAAVE. B. LANG - RISCH n. 81. Daß im ſpielen -den Muſkel die Blutader zuſam - mengedruͤkkt werde, und das Blut ſtokke, CROONE p. 28. die Muſkeln werden in der Thaͤtigkeit nicht blas. Siehe den beruͤhmten BRASDOR bei dem ber. BER - TIER Jour. d. ſavans 1764. Dec. .

Man weis es aber von den Muſkeln, die nicht hol ſind, und von dem Gedaͤrme, ſo zuverlaͤßig(h)ſur la reſpir. Exp. 23. 45. 46. ſur les parties irrit. Exp. 226. 227. 229. 234. 240. 241. 242. et pag. 257., daß ſie in ihrer Thaͤtigkeit nicht bleich werden, daß ich nicht glaube, es habe es jemand auf ſich genommen, einen Verſuch auf die Bahn zu bringen, da das Fleiſch derſelben bleich geworden. Und wenn man ein Vergroͤſſerungs - glas zu Huͤlfe nimmt(i)Exp. 238., ſo ſind die Gefaͤſſe, welche zwi - ſchen den Streifen eines Muſkels krichen, ſowol wenn er ſich zuſammenzieht, als wenn er nachlaͤſt, voll und rot. Es ſind einige beruͤmte Maͤnner durch das Beiſpiel des einzigen Holmuſkels des Herzens verfuͤhrt worden, denn dieſes wird in der That im Huͤhngen(k)Format. du poulet T. II. p. 109. obſ. 56. 59. 63. 68. 71. 74. 78. 79. 81. 82. 83. 85. 105. 119. 121. 127. 132. 138. 148., im Froſche(l)Conf. L. IV. p. 369. 336.,in60Thieriſche Bewegung. XI. Buch. in der Schlange, der Eidechſe und andern zarten Thieren, waͤhrend des Zuſammenziehens blas, und im Nachlaſſen wieder rot. Man weis aber mehr als zu gewis, daß dieſe Roͤte nicht von der Aufname des Gebluͤtes in die Gefaͤſſe des Herzens, ſondern in die Hoͤlung ſelbſt, und von der Blutwelle herruͤhre, welche das Herzohr in die Kammer getrieben. Und ſo entſteht die Blaͤſſe wieder, wenn dieſe Welle, die die Herzhoͤle von ſich geſtoſſen, in die Schlagader uͤbertritt.

Folglich veraͤndert ſich am Herzen der groſſen Thiere(m)L. IV. p. 369., welches viele Faſerſchichten an ſich traͤgt, und ſeine eigene Roͤte in ſeinem Fleiſche hat, die Farbe nicht im geringſten, es mag ſich das Herz zuſammenziehen, oder erſchlaffen. Es ſcheinet naͤmlich, in einem dergleichen Her - zen, die in die Kammer aufgenommene Welle nicht durch das dikke Fleiſch durch, folglich macht weder ihre Einnah - me Roͤte, noch ihre Ausſtroͤmung Blaͤſſe. An einem Huͤhngen wird das Herz, bevor es aus der Schale gekro - chen, wechſelsweiſe bleich und rot, aber dieſes wiederfaͤh - ret keinem ausgekrochnen Huͤhngen(n)ſur le poulet, obſ. 255. 264. 268. 269..

Endlich hat die Gewalt der Warheit beruͤmte Maͤn - ner dahin gebracht, daß ſie die bleiche Farbe des Herzens dem Blute zuſchreiben, welches aus den Kammern getrie - ben wird(o)KAAUW impet. fac. n. 301. WINTER de motu muſc. pag. 35., und daß ſie das Geſtaͤndniß ablegen, wie die Muſkeln(p)KAAUW n. 301. WIN - TER ibid. KUHNBAUM de reſpir. p. 15. Abhandlung vom Nervenſafte, Phyſiolog. Amſtel. edita p. 403., auch nicht einmal an lebendigen Men - ſchen, bleich werden, wenn man ſie zufaͤlliger Weiſe ent - bloͤſt ſiehet(q)OSTERDYCK de motu muſc. p. 16.. Wir hegen die gute Hofnung von der Aufrichtigkeit dieſer Maͤnner, daß auch andre nach und nach, welche zur Zeit noch dem falſchen Wahne anhaͤn - gen, ihrem Beyſpiele folgen werden.

§. 22.61II. Abſchnitt. Erſcheinungen.

§. 22. Ob ein Muſkel, indem er wirkſam iſt, einen groͤſſern Umfang bekomme.

Es wird ein Muſkel in der Thaͤtigkeit kuͤrzer, und er ſchwillt alsdenn zugleich auf. Man koͤnnte hierbei fragen, ob dieſe zwo Veraͤnderungen dergeſtalt ſchadlos gehalten werden, daß der Muſkel, wenn er ſich zuſammenzieht(r)PARSONS muſc. mot. n. 29. FABRIC. p. 101. etc. , oder wenn er nachlaͤſſet, gleich gros bleibt; ob derſelbe eine Abname leidet, und ein wirkender Muſkel an ſich kleiner wird(s)SWAMMERDAM p. 851. STUART. SIMSON muſc. mot. p. 56. CALDAN. Lett. 3. p. 20. Diſp. XX. ſur le mecan du mouvem. p. 81. der von dem ber. SAUVAGES herruͤhrt, und indeſſen Phyſiolog. p. 134. Abhand - lung vom Nervenſafte p. 49. daß er nicht aufſchwelle, VIEUS - SENS. p. 247.; ob er endlich ſtaͤrker aufſchwillt, als er ſich verkuͤrzt, daß er alles zuſammengenommen, dennoch einen groͤſſern Raum einnimmt(t)de mot. anim. L. II. pro - poſ. 18.. Es hat eine jede von dieſen Meinungen ihre Vertheidiger.

Daß ein Muſkel nicht aufſchwelle, wenn er ſich zuſam - menzieht, ſuchte J. A. Borellus durch einen Verſuch zu erweiſen. Er legte einen Menſchen auf eine ſcharfe Holzkante, bis er ihn ins Gleichgewichte brachte. Hier - auf lies er ſelbigen die Muſkeln des untern Gliedes in Bewegung ſezzen, und dennoch bekamen die Fuͤſſe nicht das Uebergewichte(t*)dahin neigt ſich BOERHAAVE, auch HAM - BERGER phyſiol. pag. 581..

Daß die Groͤſſe der Muſkeln, waͤrend ihres Spieles, abnehme, ſoll durch eine beruͤmte Erfahrung beſtaͤtigt werden, welche entweder Goddard, Gliſſonius, oder Swammerdam gemacht haben. Sie ſtekken naͤmlich den Muſkel, oder ein ganzes Glied in ein glaͤſernes Ge - faͤſſe, welches ſie voll Waſſer giſſen. Sie befelen hierauf, das ganze Glied anzuſtrengen, damit alle Muſkeln zuſam -men62Thieriſche Bewegung. XI. Buch. mengezogen werden; oder ſie noͤtigen, wenn nur ein Muſkel zur Probe gebraucht wird, denſelben dadurch ſich zu verkuͤrzen, daß ſie ſeinen Nerven reizen. Und ſo fin - den ſie, ob bei dieſer Anſtrengung das Waſſer niederſinkt, oder in die Hoͤhe ſteigt; ſinkt es nieder, ſo iſt der Muſkel kleiner geworden; ſteigt es in die Hoͤhe, ſo hat derſelbe an Groͤſſe zugenommen.

Nun hat Johann Swammerdam an dem Muſ - kel des Herzens im Froſche wahrgenommen(u)pag. 846. 847., daß das Waſſer, wenn das aufgeblaſene Herze ſchlaͤgt, niederſinkt, und dagegen in die Hoͤhe ſteigt, wenn das Herz ſchlaff wird.

Nach eben dieſer Art ſahe der beruͤmte Goddard(x)BIRCH. T. II. p. 356. 412. T. III. p. 403. und Fr. Gliſſon(y)de ventric. et int. p. 167., als ſie den ganzen Arm in Waſ - ſer eintauchten, das Waſſer im Gefaͤſſe niederſteigen, wenn man ſich anſtrengte, und wieder in die Hoͤhe ſteigen, wenn der Menſch die Anſtrengung nachlies(z)BIRCH. l. c. .

Es haben andre dieſen Verſuch anders ausgelegt(a)ASTRUC. apud MAN - GET. theatr. pag. 37. nach der Theorie BOERHAAV. prælect. T. III. pag. 411. 412. 413. B. LANGRISCH elect. p. 81.. Swammerdam zweifelte ſelbſt von ſeinem Verſuche(b)pag. 849. 850., daß die Luft von dem zuſammengezognen Herzen habe zu - ſammengedruͤkkt werden koͤnnen, und er will nicht, daß man dieſes auf andre Muſkeln anwende, weil der Erfolg an denſelben nicht eben ſo gut von ſtatten gehen wollte(c)pag. 849..

Den gliſſoniſchen Verſuch hat Boerhaave(d)loc. cit. , und Franz Boiſſier de Sauvages dergeſtalt veraͤndert, daß ſie(e)Phyſiolog. p. 133. Diſp. XX. ſur le mouv. de muſcles p. 81. 82. anfaͤnglich das Waſſer niederſinken laſſen, wenn das Blut aus dem Muſkel herausgetrieben wird; und esſteigt63II. Abſchnitt. Erſcheinungen. ſteigt, nach ihrem Berichte, wieder in die Hoͤhe(f)ibid. phyſiol. p. 134. 182. BOERHAAVE p. 412. als ob es ſo erzaͤlt wuͤrde vom GLIS - SONIUS, doch ohne Grund, da derſelbe von dieſer Meinung weit abweicht., wenn das Blut wieder in den Muſkel einfaͤllt; ich kann aber, fuͤr meine Perſon, nicht ſagen, ob ſie ſich eines beſondern Verſuches dabei bedient haben moͤgen.

Mir ſcheint ein Muſkel, in ſeiner Anſtrengung, gar nicht groͤſſer zu werden(g)Auch nicht der ber. BER - TIER p. 72. aut CALDANI Lett. pag. 20.. Denn da derſelbe ſaſt um die Helfte kuͤrzer wird, ſo ſcheint derſelbe nicht unterdeſſen bis zur Helfte aufzuſchwellen(h)CALDANI Lett. M. p. 20. das Gegenteil lehret der be - ruͤmte CROONE. Doch es iſt offenbar, daß das Kuͤrzerwerden eines Muſkels nach dem Augen - maaße groͤſſer, als ſein Aufſchwel - len iſt.. Es naͤhern ſich ſerner uͤberhaupt die Fleiſchſtreifen der Achſe des Muſkels(i)SIMON muſc. mot. p. 56., es mag ſich der Muſkel entweder von freien Stuͤkken zuſam - menziehen, oder es mag ihn der elektriſche Funke, oder auch ein andrer Reiz dazu veranlaſſen(k)SAUVAGES l. c. p. 133. Von der Annaͤherung eines eiſer - nen Cilinders, des HAYS de hemipleg. per electr. ſanand. p. 10. 24. an dem gelaͤmten zwei - koͤpfigen Muſkel.. Und daher koͤmmt es denn, daß zwiſchen den einzelnen Fleiſchſtreifen und den uͤbrigen benachbarten, waͤhrend ihres Beſtrebens, Linien und Rizzen entſtehen(l)ſur la reſpir. Exp. 8. 9. 11. 12. 25. 36. 44. von der Mitte des Muſkels geſteht es G. CROONE p. 12. doch ſagt er noch, daß ſich an den aͤuſſerſten Enden die Raͤume verengern, welches ich weder geſe - hen, noch ſtatt haben kann, wo - fern die Enden ſehnig ſind., weil ſich die Fleiſchſtreifen offenbar in einander zuruͤkke ziehen, und einſchrumfen. Denn ſie wuͤrden, wofern ſie aufſchwellen, einander viel - mehr naͤher kommen, und alle Zwiſchenraͤume verdrengen.

Ueberhaupt kann der Verſuch des Gliſſonius nichts erweiſen, weil, wenn die Biegemuſkeln zuſammengezogen worden, und die Fauſt geſchloſſen wird, unterdeſſen die Ausſtrekker ſchlaff bleiben, und das Blut aus Blutadern,die64Thieriſche Bewegung. XI. Buch. die nicht dem wirkſamen Muſkel, ſondern vielmehr den zwiſchenliegenden Muſkeln eigen ſind, und aus dem Ar - me herausgetrieben werden kann, weil uͤberhaupt benach - barte Blutadern vom Anſtrengen ausgeleert werden(m)Dieſes erinnert vorlaͤngſt Robertus HOOKE apud BIRCH T. III. SWAMMERDAM pag. 853.. Man haͤtte an einem einzigen Muſkel die Probe machen muͤſſen. Ja es behauptet auch ein Ungenannter(n)Abhandlung vom Nerven - ſafte, p. 50., daß Gliſſonius die Sache nicht recht angegriffen habe.

Jch kann deswegen nicht ſagen, daß das Blut aus einem zuſammengezogenen Muſkel ausgetrieben, oder in einen erſchlaffenden wieder aufgenommen werde; denn es verſtattet das, oben(o)pag. 46. von der unveraͤnderten Farbe eines Muſkels gemeldete, nicht, daß man dieſes vor wahr halte. Es kann ſeine Maſſe aber ein wenig kleiner wer - den, wenn ſich ſeine Grundſtoffe einander um etwas naͤ - hern, oder wenn die Materie, die in den Muſkeln ſtekkt, zuſammengedruͤckt wird; ich glaube aber, daß ſich der Leim zuſammendruͤkken, und in eine kleinere Maſſe bringen laſſe.

Es hat endlich Hamberger das Glied mit einem Faden umlegt(o*)loc. cit. , und wahrgenommen, daß ein Menſch, wenn er willkuͤrliche Bewegungen vornahm, Schmerzen empfunden, und er glaubt daher erweiſen zu koͤnnen, daß die Muſkeln in der Thaͤtigkeit allerdings aufſchwellen muͤſſen. Es braucht aber nur die Schnur ausgedehnt zu werden, wenn das Glied aus der rundli - chen Figur, von irgend einem ſchwellenden Muſkel, in eine unregelmaͤßige verwandelt werden ſoll. Es ſpannt ſich naͤmlich, wie jedermann weis, die Schnur, wenn gleich das Glied weder groͤſſer, noch angezogen wird.

§. 23.65II. Abſchnitt. Erſcheinungen.

§. 23. Blos die Sehne folgt dem Zuge des Fleiſches.

Wir haben gemeldet, was eine Muſkelfaſer, indem ſie ſich zuſammenzieht, vor Eigenſchaften an ſich habe. Da die Sehne aber ohne alle Reizbarkeit iſt(p)pag. 454., ſo lei - det ſie auch inzwiſchen keine Veraͤnderungen, ſie wird nicht hart, ſie ſchwillt nicht auf, und ſie leidet uͤberhaupt gar nichts(q)Second. mem. Exp. p. 229. 232. ſur la reſpir. Exp. 41. 48., auſſer daß ſie dem Zuge des Fleiſches ge - horcht(r)Second. mem. loc. cit. et 47. 48. 59. WINSLOW Expoſ. n. 45. und ſich demjenigen Ende des Muſkels naͤhert, welchem ſich das Fleiſch ſelbſt naͤhert. Ja es ſezzt nicht einmal eine gereizte Sehne den Muſkel in Bewegung(s)Mem. ſur la reſpir. Exp. 48. et ſecond. mem. Exp. 233. THOM - SON p. 140..

Man kann die Sache an einem lebendigen Thiere augenſcheinlich ſehen, und ſie zeigt ſich alsdenn daher noch deutlicher, weil die Sehnen, ſo wohl an Thieren vom Geſchlechte der Krebſe und der Voͤgel gemeiniglich kno - chig, und ohne alle Verkuͤrzung ſind, als auch nicht ſelten im Menſchen hart werden(t)pag. 454..

Es hat auch bereits vor mir Bagliv mit Augen ge - ſehen, daß die Sehnen unbeweglich liegen bleiben, wenn indeſſen die Fleiſchfaſern ihre Schwingungen fortſezzen(u)An der Ente. BAGLIV p. 317. daß ſie ſich kaum veraͤndern. B. ROBINSON Oecon. p. 87..

Die Alten ſchrieben der Sehne, als dem vornemſten Werkzeuge in der Bewegung(x)FABRIC. muſc. util. p. 122. eine Kraft, ſich zuſam - menzuziehen(y)ſur la reſpir. Exp. 24., und zwar ganz allein, zu. Sie rechne - ten aber die Muſkelfaſern mit unter die ſehnige Theile.

§. 24.H. Phiſiol. 5. B. E66Thieriſche Bewegung. XI. Buch.

§. 24. Das Nachlaſſen eines Muſkels.

Sobald die Gewalt des Willens und die Kraft der Nerven zu wirken aufhoͤrt, ſo eraͤugnen ſich am Muſkel Dinge, welche gerade davon das Gegentheil ſind, was waͤrend ſeines Zuſammenziehens mit demſelben vorgeht.

Es verſchwinden naͤmlich, oder es entrunzeln ſich die kleine Falten an den Faſern (y), es ziehen ſich die Faſern der Muſkeln von der Mitte(z)Second. mem. Exp. 226. 227. 229. 234. 236. gegen ihre Enden zuruͤkke und ſie erlangen ihre erſte Laͤnge wieder(a)ſur la reſpir. Exp. 6. 8. 9. 12. 23. 25. 30. Second. mem. Exp. 483. 524. 525. 532., welches man ſonderlich an den Ribbenmuſkeln offenbar ſehen kann(b)ſur la reſpir. Exp. 10. 22. 24. 25. 30. 31., es entfernen ſich die Enden derſelben, indem beide Eigen - ſchaften unzertrennlich beiſammen ſind, von einander, es vergeht der ganze Geſchwulſt des Muſkels(c)ſur la reſpir. Exp. 6. 8. 11. 12. 23. 27., er wird wieder weich(d)Second. mem. Exp. 242. ſur la reſpir. Exp. 6. 8. 12. 22. 23. 25. 27. 30. 33. 35., es verſchwinden die Linien, und Furchen zwiſchen ſeinen Fleiſchſtreifen(e)ſur la reſpir. Exp. 9., und es verharret der Muſkel in dieſem Zuſtande, ſo lange bis ein neuer Reiz, und gleichſam ein neuer Zuflus von Nervenkraͤften dazu koͤmmt(f)ibid. Exp. 9. 30..

§. 25. Die Zeit, in der das Zuſammenziehen verrichtet wird.

Jch habe geſagt, daß die Muſkelfaſern mit der groͤſten Geſchwindigkeit angezogen werden. Doch es verrichten auch die Muſkeln in ihrem natuͤrlichen Zuſtande das Geſchaͤfte des Zuſammenziehens mit einer unglaublichen Geſchwindigkeit. Es hat der beruͤmte Boiſſier daserſte67II. Abſchnitt. Erſcheinungen. erſte Maas davon gegeben(g)Diſp. XX. ſur le mouvem. des muſcl. Daß ſich innerhalb einer Sekunde der Arm beuge, der zweikoͤpfige Muſkel um drei Zoll verkuͤrze, und dieſe Reiſe achtmal in einer Sekunde verrichte, naͤm - lich 2 Fus durchlaufe, p. 80. denn dieſes Zuſammenziehen erfordert $$\frac{1}{16}$$ Sekunde, oder faſt 4 Terzen. Es hat der beruͤmte Uffenbach engliſche Pferde in 6 Minuten eine franzoͤſiſche Meile, in einer Mi - nute 266 Ruthen, in einer Sekun - de 25 Fus durchlaufen geſehen. Itin. III. p. 116. Auſſerdem legen die engliſchen Pferde 41⅔ und 46½Fus innerhalb einer Sekunde zu - ruͤkke, von denen Condamine nach - zuſehen. Mem. de l’ac. 1757. Die - ſer lezzten Schnelligkeit habe ich mich bei meinen Berechnungen bedient. Eine Reiſe ward zu Fuſſe von vier Meilen, innerhalb drei Stunden gemacht. Act. mar. Balth. anni 1700. p. 48. Dieſes betraͤgt 360000 Fus in 180 Minu - ten, und in einer Sekunde faſt Fus.. Es ſchlaͤgt das Herz in einem Huͤhngen, welches noch in dem Eie eingeſchloſſen iſt, in einer Minute 150 mal, und folglich laͤſt es nach, und zieht es ſich zuſammen innerhalb einer Sekunde, folglich wuͤrde das Zuſammenziehen allein, wofern man es eben ſo lang, als das Nachlaſſen macht, innerhalb einer Sekunde, oder in zwoͤlf Terzen verrichtet werden. Es wird aber das Schlagen eines Herzohrs, oder einer Kammer noch viel geſchwinder vor ſich gehen, da ein jeder Herzſchlag in drei Schlaͤge, als in den Schlag des Herz - ohres, der Kammer, und des Aortenknollen eingetheilt werden kann(h)ſur le poulet T. II. p. 106.. Solchergeſtalt wird das Klopfen des Herzohres innerhalb $$\frac{1}{900}$$ einer Minute, oder in vier Terzen geſchehen. Man muß aber hierbei die Anmerkung nicht auſſer Acht laſſen, daß auch alsdenn, wenn zwiſchen den Schlaͤgen lange Pauſen vorkommen, dennoch das Zuſammenziehen immer einerlei Geſchwindigkeit uͤbrig be - halte(i)ibid. p. 111..

Es wird ſich dieſe Bewegung noch um etwas ſchneller aͤuſſern, wenn man das Pferd zum Beiſpiele nimmt(k)CONDAMINE in der 1757 gehaltnen Rede., es laͤuft naͤmlich ein Pferd aus der Barbarei 36¾ Fus in - nerhalb einer Sekunde, ein engliſches Pferd 41⅔. 54 bisE 28268Thieriſche Bewegung. XI. Buch. 82½ Fus, oder ſeine Laͤnge in einer einzigen Sekunde, oder in $$\frac{6}{7}$$ bis $$\frac{6}{14}$$ einer Sekunde dreimal durch.

Es wird dieſes Pferd, wenn man ſeinem Schritte ſechs Fus gibt, beinahe 14 Schritte in einer Sekunde, zuruͤkke legen; wenn man dieſes mit dem Aufheben des Fuſſes, mit dem Fortſchritte, welcher eine gedoppelte Er - hebungszeit erfordert, mit dem Hinablaſſen und mit der Feſtigkeit des Trittes vergleicht, ſo wird man faſt eben ſo viel, naͤmlich 70 Zuſammenziehungen auf eine Sekunde herausbringen. Und es wird die durchlaufene Laͤnge um etwas groͤſſer, als im Menſchen ſein, weil die Muſkeln an ſich laͤnger ſind.

Eben ſo gros iſt auch die Geſchwindigkeit am Men - ſchen(l)THEVENOT ſuite du Voiage, L. II. c. XI. Ueber dasLaufen beſiehe auch den ROBIN - SON of the ſpleen p. 242. 243.. Es legen die Laͤufer in Perſien in einem einzigen Tage 36 kleine Meilen zuruͤkke, ſie laufen ſie aber in zwoͤlf Stunden, oder in 43200 Sekunden durch. Folglich werden ſie, wenn man auf eine dergleichen Meile 2200 Schritte oder 13200 Fus rechnet, in 36 Meilen 475200 Fus, und in einer Sekunde 11 Fus durchlaufen ſein, wel - ches auf einen Menſchen von mittelmaͤßiger Leibeslaͤnge oder von ſechſtehalb Fus 4⅖ Schritte, in einer Sekunde, oder einen Schritt faſt in 14 Terzen betraͤgt. Es gehoͤrt aber zu einem jeden dieſer Schritte das Aufheben des Fuſſes, welches von dem geraden Muſkeln bewerkſtelligt wird, ferner das Fortbewegen, welches, damit wir uns kurz faſſen moͤgen, von eben dieſem Muſkel geſchicht, wie auch das Niederlaſſen auf die Erde, und der feſte Tritt gegen die Erde, welches gleichſam der Grund von dem naͤchſten Schritte iſt. Wir ſezzen von dieſen vier Theilen, daß das Fortbewegen gedoppelt ſo gros, als ein einfaches Erheben ſei. Folglich wird ſich der genannte Muſkel, um den Fus zu erheben, in einer Minute 70 mal zuſam -men -69II. Abſchnitt. Erſcheinungen. menziehen; es werden eben ſo vielmal die Fuͤſſe niederge - laſſen, eben ſo viel feſte Auftritte, und endlich 35 Fort - bewegungen geſchehen, und es wird ſich der gerade Muſkel des Schienbeins innerhalb einer Zeit, welche ſich zu der ganzen Zeit eines Schrittes, wie 1 zu 5 ver - haͤlt, folglich um etwas ſchneller, als in einer Terze zu - ſammenziehen.

Wenn es endlich wahr iſt, daß Philippis 1140 und Philonis 1200 Stadien in einem Tage durchgelaufen, und wenn man ein Stadium, auf 600 Fus ſezzt; ſo haͤt - ten ſie einen Weg von 720000 Fus zuruͤkke gelegt, und folglich haͤtte ſich der gerade Muſkel faſt halb ſo geſchwinde, oder in $$\frac{1}{140}$$ einer Sekunde zuſammengezogen. Es wuͤrde aber dieſe Geſchwindigkeit um deſto groͤſſer ſein, wenn man bedenkt, daß das beſtaͤndige Laufen den ganzen Tag durch, die Geſchwindigkeit ſehr ſchwaͤche, da ein Menſch bei derſelben wenige Spruͤnge machen kann, und wir wuͤr - den nicht Unrecht thun, wenn wir bei dieſen, obgleich wenigen, und nicht fortwaͤrenden Spruͤngen, die Ge - ſchwindigkeit gedoppelt ſo gros, als die Mittelgeſchwin - digkeit anſezzen. Solchergeſtalt wird die Bewegung des geraden Schienbeinmuſkels innerhalb $$\frac{1}{280}$$ Theil einer Sekunde, oder innerhalb 10 $$\frac{4}{7}$$ einer Quart verrichtet wer - den, wenn man nun den geraden Muſkel von 15 Zoll ſezzt, ſo wird das Zuſammenziehen beinahe drei Zoll betragen, welches innerhalb dieſer Zeit von einem einzigen Fleiſch - ſtreifen dieſes Muſkels durchlaufen wird.

So wird auch das gewechſelte Zuſammenziehen und Nachlaſſen in kleinen Thieren, dergleichen ein Hund iſt, der eben ſo ſchnell laͤuft, ob ſeine Schritte gleich viel kuͤr - zer ſind, ſchnell vor ſich gehen(m)BUCHNER miſcell. 1727. p. 559.. Es hat ein kleiner Hund, innerhalb 24 Stunden, 65 Ungariſche Meilen zuruͤkke gelegt, welches eine Strekke von 1690000E 3Fus70Thieriſche Bewegung. XI. Buch. Fus betraͤgt, und weil der Schritt eines Hundes kaum etwas uͤber einen Fus betraͤgt, ſo hat derſelbe eben ſo viel Schritte verrichtet, und die Schenkel ſo oft gehoben, naͤmlich zwanzigmal innerhalb einer Sekunde. Wenn man aber den Schritt theilt, ſo ſteigt, wie im vorigen Ex - empel, das Zuſammenziehen des Muſkels auf $$\frac{1}{100}$$ einer Sekunde, und wenn man ferner den Sprung doppelt ſo ſchnell als einen mittelmaͤßigen Lauf rechnet, ſo geſchehen innerhalb einer Sekunde 200 Erhebungen des Schenkels. Wuͤrde er aber blos zwoͤlf Stunden 65 Meilen zu durch - laufen anwenden, ſo wuͤrde jedes Heben des Schenkels in $$\frac{1}{400}$$ einer Sekunde geſchehen.

So bewegen ſich auch in einem ſprechenden Menſchen die Muſkeln ungemein geſchwinde, indem derſelbe mit Huͤlfe dieſer und jener Muſkeln in einer Minute 1500 Buchſtaben auszuſprechen vermag, wie ich an der Aeneis des Virgils die Probe gemacht. Solchergeſtalt wirkt ein Muſkel, der die Buchſtaben bildet, in dem 1500ſten Theile einer Minute, und da das Nachlaſſen des Muſ - kels eben ſo lange dauret, ſo mus ſein Zuſammenziehen innerhalb $$\frac{1}{3000}$$ einer Minute, oder faſt in einer Terze, geſchehen, und zwar noch viel geſchwinder, wenn ſich darunter Buchſtaben befinden, wobey ſich einerlei Muſ - kel oͤfters und zu wiederholten malen, wie man an dem Buchſtaben R ſieht, zuſammenziehet. Wenn man nun das Zittern deſſelben fuͤr 10 rechnet; ſo werden ſich die Griffelzungenmuſkeln, innerhalb einer Minute 30000 mal, oder ein einzigesmal in $$\frac{1}{30000}$$ einer Minute, oder in einer Terz zuſammenziehen.

Wenn es endlich erlaubt wuͤrde anzunehmen, daß eine Taube, innerhalb 9 bis 10 Minuten, 30 Meilen durch - fliegt(o)BRADLEY country Lady’s direct. p. 6., ſo wuͤrde dieſe Schnelligkeit die obige um ein vieles uͤbertreffen. Wenn man naͤmlich den Sprungdes71II. Abſchnitt. Erſcheinungen. des Vogels, der von einer Fluͤgelſchwingung hervorge - bracht wird, ſo gros, als die Laͤnge des Vogels, welche eine Spanne betraͤgt, macht, ſo wuͤrden uͤberhaupt 201387 Fluͤgelſchlaͤge, um 30 Meilen zuruͤcke zu legen, herauskommen, wenn man den Himmelsgrad auf 57100 Ruthen ſezzt, und 70 Meilen annimmt. Da aber in 10 Minuten 36000 Terzen enthalten ſind, und da das Schwingen des Fluͤgels in der Helfte des Aufhuͤpfens geſchicht, ſo wird zugleich die Bewegung des Fluͤgels in einer kuͤrzern Zeit, als der eilfte Theil einer Terz iſt, oder uͤberhaupt innerhalb ſechstehalb Quarten verrichtet werden.

Folglich wird das Zuſammenziehen der Muſkeln aͤuſ - ſerſt ſchnelle, und ſo hurtig geſchehen, daß ſie eine viel kuͤrzere Zeit, als eine Terz iſt, zum Zuſammenziehen noͤtig haben.

§. 26. Die Staͤrke eines Muſkels, wenn er ſich zuſammenzieht.

Wir haben die ungeheure Geſchwindigkeit berechnet, mit welcher ſich ein Muſkel zuſammenzieht. Es iſt aber auch die Gewalt deſſelben, oder das Gewichte ſchwerlich zu glauben, welches ein Muſkel, wenn es an ſein eines Ende angehaͤngt wird, waͤrend des Zuſammenziehens, in die Hoͤhe hebt, und man mus auf dieſe Betrachtung, auf welche ſich das beruͤmte Werk des Borelli faſt ganz und gar bezieht, allen Fleis verwenden.

Hier wollen wir die zwar unbeſtimmte, aber doch uͤber - maͤßige und ſeltene Beiſpiele von Staͤrke an Menſchen und Thieren beruͤhren, womit ſich Menſchen oͤffentlich ſehen laſſen. So rollte Auguſt der zweete, Koͤnig von Polen, ſilberne Teller zuſammen, er zerbrach Hufeiſen(p)RZASCYNSKI pag. 443.,E 4und72Thieriſche Bewegung. XI. Buch. und es konnte ein andrer viel geringerer Mann eine eiſerne Stange, welche einen Zoll dikk war, mit den Haͤnden biegen und ausſtrekken. Ein andrer zog zwei Pferde, ob dieſes gleich ſo viel groͤſſere Thiere ſind(q)DESAGULIERS courſe of experim. philoſ. Tom. I. p. 290. BAGLIV p. 591., und noch ein andrer ſechs Pferde(q*)RZASGYNSKI hiſtor. natur. polon. T. I. et O. p. 313. zuruͤkke, ja er zog den Fus eines Ochſen mit ſolcher Gewalt an ſich, daß die ruͤkſtaͤn - dige Klaue davon flog(q**)PAUSANIAS Eliac. II. p. 325..

Ein wuͤtender Loͤwe lies im Eiſen Merkmale von den Zaͤhnen zuruͤkke(r)Phil. tranſ. n. 310., und ein raſender Menſch zerbrach ein eiſernes Gitter(s)PANAROLUS pentec. IV. obſ. 49., und riß auf einmal alle Strikke entzwei(t)MEAD. of poiſons p. 136. Conf. ROBINSON l. c. , womit man ihn angebunden hatte.

So hat man Exempel, daß die Huͤfteknochen von einem Kramfe(u)KULMUS Eph. nat. cur. Vol. 7. obſ. 126. und von uͤbermaͤßigem Anſtrengen(x)Journ. de med. 1759. m. Oct. entzwei gebrochen, und ein andrer ſchleuderte mit einer Steinſchleuder(y)ATKINS navy ſurgeon pag 39. den Schulterknochen in Stuͤkken.

Es gehoͤrt auch keine mittelmaͤßige Staͤrke dazu, wenn die ſo ſtarke Achillesſehnen(z)Da auf den Tiſch eine ge - wiſſe Perſon, Namens Cochois, und auf ein noch mehr entferntes Ufer ein Schiffer beim KULMUS ungluͤkklich ſprang, zerriſſen an beiden Perſonen die Achyllesſehnen, die ſo ſtark ſind, daß man einen Menſchen daran ſicher aufhaͤngen kann, ploͤzzlich. und die Sehnen der Schienbeinbieger(a)Eph. nat. cur. Cent. VI. obſ. 24. Conf. PETIT Malad. des os L. II. c. 12. RUYSCH adverſ. anat. II. n. 2. ohne eine Wunde zerreiſſen. Es ging der Knochen der Schulter, vom Schulterblate, einen ganzen Querfinger los(b)BOERHAAVE prax. medic. T. I. p. 853., da jemand 300 Pfunde aufhob; und wir haben gezeigt, wie ſtark im Menſchen die Baͤnder ſind(b*)Daßder.

End -73II. Abſchnitt. Erſcheinungen.

Endlich ſcheint auch der Kramffiſch zu den Beweiſen der heftigſten Zitterungen zu gehoͤren, welche die Muſkel - faſer auszuſtehen vermoͤgen. Es wirkt naͤmlich dieſer Fiſch nicht durchs Waſſer(b**)Obgleich dieſes ſo heiſt bei dem PLINIUS. BOYLE mirah. offi. effic. c. 4. oder einen Dunſt, ſon - dern durch feſte Koͤrper, Harpunen(c)Die Fiſcher bei dem REDI p. 27. GALEN. de util. reſpir. , Spieſſe(d)PLINIUS L. XXXII. n 2. auch eine Ruthe. Id. durch Nezze. THEOPHYLACTUS. SI - MOCATES durch Borſten und Rohr, OPPIANUS L. III. Jm ſchweren Gebrechen ſind die Zaͤhne zerbrochen. G. v. SWIETEN III. pag. 397. Vom Pferde ward ein Stokk zwiſchen den Ribben zerbrochen, durch die Kraft der Bruſtmuſkeln. DUVERNEY poſth. II. , oder Staͤbe(e)COLL. de voy. t. 7. REAUMUR M. de 1714. p. 457. KOLBE deſcript. du Cap de b. Eſper. p. 127.. Und wenn ſich jemand wagt den Kramf - fiſch mit der Hand zu ergreifen(f)LORENZINUS. KÆM - PFER Amœn. Exot. Faſc. III. ob - ſerv. 2., ſo empfindet man eine hoͤchſtbeſchwerliche Fuͤlloſigkeit, als ob ein Nerve getroffen worden(g)LORENZINUS. REDUS. , wobei ſich Kaͤlte, Schauer, ein Zittern, gleichſam die Verrenkung des getroffnen Gliedes(h)KÆMPFER. , und eine kurze Laͤhmung(i)REAUMUR. einſtellt, welche in kal - ten Himmelsſtrichen ſchwaͤcher(k)Jn Jrrland. Hiſtor. of WATERFORD p. 272., im gemaͤßigten ſchon deutlicher iſt(l)Jn dem heiſſern Aſien. KÆMPFER. Jn Afrika. Col - lect. de voy. L. VIII. et KOLBE. , und bis zur Schulter(m)REDI. LORENZINI. , und zum Kopfe(m*)Jn Frankreich und Jta - lien. REAUMUR l. c. REDI pag. 26. LORENZINI. heraufſteigt, ſo daß man ſo gar einen Schwindel verſpuͤrt; da ſonſt dieſe Empfindungen in heiſ - ſen Gegenden(n)Eine Unempfindlichkeit am Kopfe. REAUMUR p. 450. das Herz in Unordnung bringen, die Gedanken verwirren, und die Kraͤfte darnieder ſchlagen(o)Daß die Kraͤfte verſchwin - den OPPIANUS. . Es ſcheinet dieſe Fuͤlloſigkeit uͤberhaupt von einerE 5ſehr(b*)der Kramffiſch das Waſſer, wor - innen er liegt mit der erſtarrenden Kraft anfuͤlle, ÆLIANUS L. XI. c. 14. dieſes befand falſch REDUS p. 27. et LORENZINUS 68.74Thieriſche Bewegung. XI. Buch. ſehr heftigen Erſchuͤtterung herzuruͤhren(p)LORENZINUS 67. 69. REAUMUR. STENONIUS Act. Hafn. Vol. II. pag. 224. REDI pag. 30. gelinder beim BORELLUS L. II. prop. p. 219., welche dieſer Seefiſch mit der groͤſten Schnelligkeit, und dadurch her - vorbringt, daß er ſeinen Koͤrper allmaͤlich gerade aus - ſtrekkt, und wieder ſchnell zu kruͤmmen weis(q)REAUMUR p. 457. t. 13. H. G. . Auf dieſe Art empfaͤngt der Finger, welcher ihn beruͤhrt, von den cilindriſchen holen Muſkeln(r)REAUMUR. LOREN - ZINI pag. 16. REDI pag. 13., Stoͤſſe, indem ſich dieſe Muſkeln mit einem Gallerte erfuͤllen, welcher hinauf getrieben wird. Folglich ſchadet kein todter Kramffiſch mehr(r*)KÆMPFER. MOORE. COLL de Voy. REDI p. 27., und es iſt ſeine Wirkung heftiger, je heftiger er erſchuͤttert wird(s)LORENZINI p. 69.. Man hat ſich auch ehedem dieſes Erſchuͤtterns, das Podagra(t)ANTEROS ein Freige - laſſner des Caͤſars bei dem MAR - CELLUS. EMPIRICUS p. 247., und das Fieber zu hei - len(u)LUDOLF hiſt. Æthiop. L. I. c. 11. Und aus dieſem REAUMUR pag. 466., bedient. Man hielte ihn an die Fusſole, oder an die Gliedmaßen. Es beſizzet noch ein andrer Fiſch, welcher mit den Lampreten ſehr uͤbereinkoͤmmt(x)BIRCH T. IV. pag. 28. RICHER deſcrip. de la Cayenne, pag. 325. Memoires avant 1699. p. 176. 177. de la CONDAMINE p. 158. 298. BARRERE hiſt. natur. p. 169. WARREN de - ſcript. of Surin. c. 1. GUMILLA hiſt. natur. de l’Orinoque P. III. p. 136. ADANSON relat. de Senegal p. 135. Verhand. van de Holl. maatſchappy T. II. p. 376. Act. helvet. T. IV. pag. 30. 34. Jch geſtehe es, laut den neuern, an dem fuͤllos machenden Aale (gymnoto) angeſtellten Verſuchen, daß uͤberhaupt aus dieſem Thiere ein elektriſcher Damf heraus zu gehen ſcheine. Er ſtekkt naͤmlich ſogar das Waſſer mit ſeinem Gifte an, daß er ſchon von weiten fuͤllos macht, und die Fiſche toͤdtet, welche mit ihm in einerlei Faſſe gehalten werden. Verhand. der Hollandz maatſchapp. T. VI. P. II. GRONOV. Zoophylac. I. p. 42. der dem Kramffiſche den Finger ins Herz geſtekkt hatte, empfand ſolchen Stich, wie vom elektri - ſchen Funken. Hamburg. Ma - gazin. Auch die Meerneſſel, wenn ſie ſich zuſammen zieht, duͤnſtet einen giftigen Dampf aus, BER - THOLOT anim. venen. gall. pag. 10. Wie der Blackfiſch fuͤllos macht, PERRAULT eſſ. de phyſ. III. p. 298. Auch KÆM - PFER. Dieſer glaubwuͤrdige Autor ſchrieb die Gewalttaͤtigkeit des Kramffiſches einem heraus - farenden Damfe zu., undden75II. Abſchnitt. Erſcheinungen. den einige beruͤmte Maͤnner vor kurzem Gymnotus nen - nen(y)Act. helvet. loc. cit. , eine aͤnliche Kraft, fuͤllos zu machen, und dieſe dringt ſo gar bis zum Gehirn, indem viele Menſchen, wenn ſie in den Seen ſchwammen, ploͤtzlich alle Kraͤfte verloren, und von der Wirkſamkeit umkamen(z)WARREN. , indeſſen daß ein ſtehen - der Menſch den Schwindel bekoͤmmt, und ſinnlos zur Erden faͤllt(a)Mem. avant. 1699.. Er pflanzt dieſe ſeine toͤdliche Wirkung ebenfalls durch einen Stab fort(b)Mem. avant. 1699. de la CONDAMINE. .

Wir wollen die Kraft der Muſkeln einzeln betrachten. Es wird demnach blos durch das Beiſſen, folglich vermit - telſt der Schlaͤfenmuſkeln, der Kaͤumuſkeln und der in - nern Fluͤgelmuſkeln, deren Fleiſch doch zuſammengenom - men nicht zwei Pfunde wiegt, eine erſtaunliche Kraft aus - geuͤbt. Es konnte ein Menſch ein leeres Bierfaß(c)PLEMP. van Spieren p. 44. BOERHAAVE prælect. I. p. 151., welches er mit den Zaͤnen aufhob, ruͤkklings uͤber den Kopf werfen, und es trank ein andrer ein Fas mit 116 Unzen Wein in einem Atem aus, und warf es uͤber den Ruͤkken(d)ROLFINK diſp. p. 524. et fere J. Anton v. d. LINDEN phyſiolog. p. 540., dieſes verrichtete ein andrer mit einem groſſen Fusſchemel, und mit einer Bank(f)RHOD. Cent. obſ. 97., welche 15 Haͤnde lang war, wie auch mit einem Balken(g)BAGLIV pag. 591. Bresl. Samlung p. 827. CARDAN ſubtil. p. 358.; ein andrer konnte eine eiſerne Stange von 25 Pfunden tragen, und dergeſtalt uͤber den Ruͤkken werfen, daß ſie in einem Balken ſtekken blieb(h)VESAL L. II. c. 15.. Man hat von den Kraͤften gewiſſer Menſchen ein genaueres Maas, indem ſelbige ein Gewicht von 50(i)RHOD loc. cit. , 56(k)PLOT natur. hiſtor. o Staffordshir. p. 293., 160(l)BORELL L. I. prop. 87. p. 171. und ſo gar von 300 Pfunden(l*)ibid. , mit den Zaͤhnen aufzuheben vermochten; andrehaben76Thieriſche Bewegung. XI. Buch. haben die Steine in Pfirſchen und Morellen zerbiſſen, welche doch erſt zerbrechen, wenn man ſie mit 200(m)HEISTER Maſtic. p. 29. und 300 Pfunden beſchwert(n)Ibid. . Erſtaunlich war die Staͤrke, mit welcher Thomas Topham(o)DESAGULIERS p. 290. einen ſechs Fus langen Tiſch, an deſſen Ende noch 50 Pfunde hin - gen, in die Hoͤhe hob.

Es tragen die ausſtrekkende Muſkeln der Huͤfte(p)Idem pag. 256. die Laſten, womit man die Schultern beladet, ſobald der Menſch fortgeht, und folglich den Fus auf hebt, auf welchem das Gewichte liegt, oder wenn man damit eine Treppe be - ſteigt(p*)Von 290 Pfunden laͤſt ihn aufheben la HIRE Memoir. de l’Acad 1699. p. 98. 154. doch hat er Unrecht, wenn er ſagt, daß er ſich nicht uͤber 2 Zoll hoch erheben koͤnne., beſonders aber, wenn man ſich nach der Befrach - tung in die Hoͤhe richtet, nachdem man ſich mit gekruͤmm - tem Leibe oder gebognen Knieen die Laſt aufpakken laſſen. Ein Menſch trug einen Ambos von 200 Pfunden eine halbe deutſche Meile weit fort(p**)LEHMANN Bergmannschronike, p. 857. 858..

Es tragen die Laſttraͤger zu Londen den ganzen Tag 300 Pfúnde herum(q)DESAGULIERS p. 282., ſo wie diejenigen, welche auf der Kampechekuͤſte das Faͤrbeholz faͤllen(r)DAMPIER Voyage to Campeachhay II. p. 80., ſo gar bis 400 Pfunde auf ſich nehmen, und es tragen ſo gar die Wei - ber zu Miſſuſipi, den ganzen Tag uͤber, bis 300 Pfunde(s)Voyage au Nord, T. I. pag. 296.. Die Tuͤrken koͤnnen noch einmal ſo viel, als die Englaͤnder tragen(s*)DESAGU - LIERS p. 264.. Noch ein andrer trug 627 Pfunde(t)CARDAN var. gegen das Ende zu.. Ein Englaͤnder(u)Tour through great Bri - tain. konnte einen Ochſen, der, wie ich davor halte, zwiſchen 700 bis 1000 Pfunde wog, weggetragen; und ſo trug auch Milo von Kroton einen Ochſen, ja ein andrer ging mit einem Pferde, wor -auf77II. Abſchnitt. Erſcheinungen. auf zween Leute ſaßen, davon(u*)Bresl. p. 823.. Athamas, wie ihn Vlinius nennt(x)L VII. c. 20., ging unter einer Laſt von 1000 Pfunden, indem er einen bleiernen Harniſch von 500 Pfunden, und einen bleiernen Panzer von gleicher Schwere an ſich hatte.

Jch habe auch an dem Ruͤkkenkramfe eines zarten Maͤdgen geſehen, an dem der Leib wie ein Bogen und das dergeſtalt gekruͤmmt war, daß der Ruͤkken um einen ganzen Fus weit vom Bette abſtand, und die geſammte Gewalt von vier darauf liegenden Maͤnnern, welche folglich 800 Pfunde ſchwer waren, nicht vermoͤgend war, den Ruͤkken niederzudruͤkken.

Eben dieſe Muſkeln richten noch vielmehr aus, wenn ſie einen Strikk zerreiſſen, welcher kaum von 1680 Pfunden zerreiſſet(y)pag. 270. Bresl. Samlung 1717. m. Aug. 826.. Dieſe Kraft iſt groͤſſer, als die Kraft zweier Pferde zuſammengenommen betraͤgt(z)DESAGULIERS p. 270., hieher gehoͤrt noch ein Eſel(a)La HIRE pag. 156. von 200 Pfunden, den jemand an den Haaren aufhob.

Blos die Biegemuſkeln des Schienbeins heben 200 Pfunde auf(b)DESAGUL. pag. 272. Bresl. Samlung p. 828., wenn ein Menſch, der auf den Huͤften liegt, mir gebogner Huͤfte aufſteht. Und wie gros iſt nicht die Staͤrke der Seiltaͤnzer, welche den ganzen Leib, entweder blos mit den Biegemuſkeln des Fuſſes mit einem einzigen Fuſſe, oder mit der Hand, und endlich blos mit der Ferſe(c)CARDAN ſubtil. p. 496., den Leib unterſtuͤzzen, indem hier blos die groſſen Waden-und Fusſolenmuſkeln dadurch wirken, daß ſie die Ferſe niederdruͤkken.

Die ausſtrekkenden Muſkeln des Ruͤkkens koͤnnen eine aufgeladene Laſt von 800 bis 900 Pfunden tragen,welche78Thieriſche Bewegung. XI. Buch. welche man dem untern Theile des Ruͤkkens zu tragen giebt(d)DESAGULIER p. 274.. Eben dieſelben tragen und erheben, wenn man ihnen mit einer bequemen Maſchine zu Huͤlfe koͤmt, welche einen Theil der Laſt auf die ausgeſtrekkte Huͤften uͤberleitet, 1900(e)Idem p. 281. Bresl. Sam - lung p. 827. und ſo gar 3000 Pfunde(f)DESAGUL. p. 268.. Es iſt der Ruͤkken ſo ſtark, daß man 200, 250(f*)Idem p. 256. wobey ſie zugleich geſchwinde gehen. Ein Pferd traͤgt kaum uͤber 224 Pfund. Idem die Heuſchrekken ſpringen 20mal weiter, als ihr Koͤrper lang iſt. SWAMMERDAM bloe - delooz. dierti. p. 121. 300, oder 400(g)Bresl. Samlung loc. cit. , 600(g*)AMAT. C. V. c. 95. Von einem Rieſen., 800(h)DESAGUL. p. 281. 282. 290. 292. Es behauptete de la HIRE, daß nicht uͤber 160 Pfun - de aufgehoben werden koͤnnen, pag. 155. Pfunde, welches mit dem Gewichte des eignen Koͤrpers faſt 1000 Pfunde betraͤgt, blos vermittelſt der Haͤnde aufheben kann, indem dieſe Kraft nicht auf den Aermen beruht, welche nur ſtatt der Seile da ſind.

Es ſchaͤzzt Philipp de la Hire(i)pag. 154. die Muſkeln des Armes auf 160 Pfunde; ihre Staͤrke aber iſt gewis viel groͤſſer. Als ich im Jare 1737 die Rammelsbergergru - ben befuhr, hatte eben ein Bergmann einen mit Erz an - gefuͤllten Kuͤbel, um ihn an dem Haſpel heraufzuwinden, an die Kette gehaͤngt. Dieſer Ungluͤkkſelige hatte noch den Finger in dem Ringe ſtekken, als die Maſchine den Kuͤbel ſchon hinaufzog. Er blieb ſolchergeſtalt blos mit dem einen Finger daran feſte haͤngen, und da er die aͤuſ - ſerſte Kraft anſtrengte, um nicht den Finger auszurenken, und ums Leben zu kommen, ſo kam er endlich oben aus dem Berge zugleich mit dem Kuͤbel, nachdem er ohngefehr 600 Fus hoch hinaufgezogen worden, gluͤkklicher Weiſe wieder heraus. Dieſes iſt ein ſehr ſeltnes Beiſpiel, daß er ſich ſo lange erhalten koͤnnen, indeſſen daß er dieSchwere79II. Abſchnitt. Erſcheinungen. Schwere ſeines Koͤrpers nebſt 150 Pfunden blos an den zween Biegemuſkeln eines einzigen Fingers haͤngen hatte.

Man mus dieſes ſo verſtehen, daß einer oder etliche wenige Muſkeln ihre gewiſſe Kraͤfte haben, und es thut bei unſrer Rechnung keinen Eintrag, daß einige beruͤmte Maͤnner(k)BOISSIER de l’inflam - mat. p. 229. die beſtaͤndigen willkuͤrlichen Kraͤfte im Menſchen 70 Pfunden gleich ſchaͤzzen, welche, innerhalb einer Sekunde einen Fus hoch aufgehoben worden. Sie reden naͤmlich von der Laſt, welche dieſe Kraͤfte lange Zeit und mit Beſtand aufzuheben vermoͤgend waͤren, da ich hingegen von denjenigen Kraͤften ſchreibe, welche dieſe Muſkeln ohngefehr auszuuͤben tuͤchtig ſind.

Endlich ſo uͤberſteigen die Kraͤfte der Jnſekten unſre Maaße um ein Auſſerordentliches, ſo wie ſie an der Reiz - barkeit die groſſen Thiere ſelbſt uͤbertreffen; indem ein Floh eine Laſt, die 70 bis 80 mal ſchwerer als er ſelbſt wiegt, fortſchleppt(k*)VALISNER Oper. T. III. p. 445. ROBERT. HOOCKE p. 210. von der ſchnel - len Bewegung der Kaͤſemilbe, in -dem ſie den Kopf am Schwanze abſtoͤſt. Davon beſiehe die Abbil - dung bei dem GRIENDEL F. 3. t. 3. pag. 31., da ein Pferd ſchwerlich uͤber 2000 Pfunde(k**)DESAGUL p. 283., das iſt, ohngefehr eine dreimal ſchwerere Laſt, als es ſelbſt wiegt, zu ziehen vermag.

§. 27. Die Muſkeln koͤnnen ſich nicht mit ihrer ge - ſammten Kraft offenbaren.

1. Weil ſie dem Ruhepunkte zu nahe liegen.

Wir haben bisher nur den allerkleinſten Theil von derjenigen Gewalt betrachtet, welche in den Muſkeln liegt. Dieſen haben wir dergeſtalt mit angehaͤngten Ge - wichtern verglichen, daß wir annahmen, wie ſich die ganze Kraft eines Muſkels mit Nuzzen anſtrenge, umdas80Thieriſche Bewegung. XI. Buch. das Gewichte zu erheben, ſo wie an einer Wage das ge - ſammte Gewichte einer Schale dazu dient, daß das Ge - wichte der andern Schale aufgehoben werde. Allein die ganze Sache verhaͤlt ſich in dem menſchlichen Koͤrper an - ders; und es hat der Schoͤpfer(l)Die Natur hat ſich der Maſchinen bedienet, GALENUS, um dadurch Kraͤfte zu erſparen, BORELL. p. 17. ſo wenig eine Erſpa - rung der Kraͤfte bei der Anlage der Muſkeln zur Abſicht gehabt, daß er vielmehr alle Muſkeln dergeſtalt an den Knochen gelagert, daß der groͤßte Theil von der Muſ - kelkraft verloren geht. Wir muͤſſen dieſes ſtuͤkkweiſe er - weislich machen.

Es verhalten ſich in dieſer ganzen Betrachtung die Knochen, wie Hebel, welche von den Muſkeln, wie von Strckken in Bewegung geſezt werden, und da die einge - pflanzte Kraft dieſe Muſkeln dergeſtalt anzieht, daß man ſie wirklich berechnen kann, ſo ſchaͤzzt man dieſe Kraft ſo gros, als das Gewichte, welches an einem Hebel hinge, und eben die Wirkung thaͤte, die ein von der eingepflan - ten Kraft angezogner Muſkel verrichtet.

Ruhepunkt iſt derjenige unbeweglich feſte Theil des Hebels, um den ſich der Hebel herum bewegt. Es durch - ſchneidet die Achſe des Knochen, der ſich am Gliede be - findet, die Laͤnge deſſelben, und ſie ſtimmet mit der Mitte des Gelenkes zuſammen, ob dieſes gleich nicht ſo ganz genau wahr iſt; und um dieſes Ende der Achſe drehet ſich der ganze Knochencilinder herum; folglich ſtekkt der Ruhepunkt mitten im Gelenke(m)BORELL. L. I. prop. 9. etwas anders ſagt der beruͤmte PARENT. Memoir. de l’Acad. 1702. p. 100. doch ſcheint er auf eben dieſe Erklaͤrung zu verfallen..

Wenn man nun dem Hebel eine Gewalt mittheilt, ſo wirkt dieſe um deſto ſtaͤrker, je weiter dieſe vom Ruhe - punkte abliegt, und den Hebel belebt; und dieſes iſt einemehr81II. Abſchnitt. Erſcheinungen. mehr als zu bekannte Sache; hingegen wirkt ſie um deſto ſchwaͤcher, je naͤher am Ruhepunkte ſie den Hebel zu bewegen ſucht. Es ſind aber die mereſten Muſkeln im menſchlichen Koͤrper an ihren Knochen, dem Ruhepunkte, viel naͤher angeſchloſſen(n)PARENT. p. 96. als das angehaͤngte Gewicht, und ſo tragen wir z. E. an dem Gelenke des Ellbogens eine Laſt, welche von dem Deltamuſkel, der die Schulter aufhebt, getragen wird. Es befindet ſich aber der Ruhe - punkt der Schulter in der Vergliederung derſelben mit dem Schulterblate. Die Einlen ung des Deltamuſkels lieget dieſer Vergliederung viel naͤher, als das Gewichte, welches von dem aͤuſſerſten Unterende der Schulter getra - gen wird, und es iſt wenigſtens, wie 1 zu 3, naͤher; wenn man daher annimmt, daß der Ellbogen ein Ge - wichte von 55 Pfunden(o)BORELL. p. 167. t. 8. f. 11. aufhebt, und man die Schwe - re des Armes mit dazu nimmt, welchen ich 5 Pfund ſchwer ſchaͤzze, wenn man ferner, des Einfachen wegen, dieſe ganze Laſt auf den aͤuſſerſten Theil des Ellbogens zu - ſammenwirft, ſo wird die Kraft, mit welcher der Delta - muſkel dieſe Gewichte aufhebt, nicht 60 oder 30 Pfunde, ſondern uͤberhaupt 180 Pfunde gros ſein. Hierzu hilft der innere Muſkel des Armes nicht das mindeſte mit, denn ich ſezze, daß die Laſt an der unterſten Schulter, oberhalb der Vergliederung, und oberhalb der Einlenkung dieſes Muſkels angehaͤngt ſei.

§. 28.

2. Des Winkels wegen, unter dem ſich der Muſ - kel an den Knochen anſchliſt, und der viel kleiner, als ein rechter Winkel iſt.

Wenn ein Muſkel uͤberhaupt mit demjenigen Kno - chen, welchen er zu bewegen hat, parallel liefe, ſo waͤrederH. Phiſiol. 5. B. F82Thieriſche Bewegung. XI. Buch. der Widerſtand des angehaͤngten Gewichtes unendlich gros(p)BORELL. propoſ. 12.. Waͤre ein Muſkel unter einem rechten Win - kel an den Knochen gefuͤgt, ſo wuͤrde er ſeine geſammte Kraft(q)FABRIC. p. 151. NOL - LET leçons de phyſique T. III. p. 42. auf die Bewegung des Gliedes mit Vorteil ausuͤben, ſo wie das an eine Waage angehaͤngte Gewicht ſeine ganze Staͤrke anwendet, den Koͤrper des Wagebal - ken herabzuziehen.

Man findet ſelten Muſkeln von dieſer Art, und von der vorhergehenden uͤberhaupt gar keine, und es hat die Natur nirgens Kraͤfte geſchaffen, welche unwirkſam waͤ - ren. Hingegen ſind die mereſten Muſkeln unter kleinen Winkeln, die viel kleiner, als rechte Winkel ſind, an ihrem Knochen befeſtigt(r)PARENT. loc. cit. p. 96.. So iſt der Deltamuſkel, von dem die Rede iſt, beinahe unter einen Winkel von zehn Graden in den Knochen der Schulter eingefugt.

Es verhaͤlt ſich aber die Kraft, welche ſchief zieht, zu derjenigen Kraft, welche nach der ſenkrechten Linie zieht, wie ſich der Sinus der Jnclination zu dem Sinus totus verhaͤlt(s)WOLF Mechanic. theor. 184. BORELL. prop. 13. etc. v. GRAVEZANDE n. 311. DESAGULIERS p. 147.. Und es betraͤgt dieſes Verhaͤltnis, um ein Exempel zu geben, wie 1736482 zu 10,000,000.

Wenn demnach, laut obiger Betrachtung, der Delta - muſkel, um 55 Pfunde aufzuheben, ſo viel Kraft anwen - det, als zum Erheben von 180 Pfunden erfordert werden, ſo wird derſelbe, laut dieſer zwoten Betrachtung, ſo viel Kraft anwenden, als 1058 Pfunde aufzuheben noͤtig iſt.

Es hat dieſe Sache J. Alphonſus Borellus etwas veraͤndert vorgetragen. Er verbindet naͤmlich unſre beide Speculationen, welche wir von einander getrennt haben,mit(o)f. 11. SEGNER ad NIEU - WENTYT Wereldheſchouw. p. 105. STURM Eph. nat. cur. Dec. II. ann. IV. app. f. 8. Sie ſezzen 55 Pfunde. Jch habe bei einer gleichguͤltigen Sache die ein - fachere Zal lieber gewaͤlt.83II. Abſchnitt. Erſcheinungen. mit einander. Er betrachtet den Muſkel, wie er queer uͤber das Gelenke fortgeht, und bemerkt, daß derſelbe, wegen Geſchwulſtes des Knochenkopfes, ein wenig von dem Centro der Bewegung und der Knochenachſe abweiche; und daraus ſchliſt er, daß ſeine Kraft, welche auſſerdem, ſo viel als Nichts ſein wuͤrde, in ſo fern zunehme, und daß ſelbige gegen die ganze Kraft, die ein ſenkrecht in den Kno - chen eingelaſſener Muſkel ausuͤben wuͤrde, wie die halbe Dikke des Gelenks oder wie die ſenkrechte Linie ſei, die vom Ruhepunkte, zur Directionslinie gezogen, zu dem Abſtande der Einlenkung vom Ruhepunkte iſt(t)prop. 13. 14. SEGNER loc. cit. p. 105. CHESELDEN pag. 63. SAUVAGES diſp. X. ſur le mouv. muſc. p. 89.. Man pflegt naͤm - lich in allen dergleichen ſchiefen Zuͤgen die wirkſame Kraft nach dem ſenkrechten Abſtande des Ruhepunktes von der Linie zu ſchaͤzzen(u)Conf. DESAGULIERST. I. p. 147. MUSSCHENBR. Eſſays p. 153. 155. etc. , laͤngſt welcher der Zug geſchicht. Es hat Borell dieſen Sazz in verſchiednen Beiſpielen auf die Muſkeln des Ellbogens(x)prop. 22 -- 26. und des Fuſſes(y)prop. 27 - 29. ange - wandt, und es erweiſet Sturm(z)Eph. natur. cur. Dec. II. ann. 11. an einem wirklichen Hebel, auf den ein andrer bald ſo, bald anders ſchiefer Hebel in einem beweglichen Gelenke aufliegt, daß ſich die ganze Sache wirklich ſo verhalte. Waͤre daher ein Gewichte an den Fingern angehaͤngt, ſo wuͤrde ſich die thaͤtige Kraft des Muſkels, welcher dieſes Gewicht aufheben will, zu dem Gewichte verhalten, wie der Abſtand der Muſkelachſe, oder der Linie, laͤngſt welcher der Zug verrichtet wird, von dem Centro der Vergliederung, zur Laͤnge des Ell - bogens, oder der Hand, denjenigen Theil der Finger aus - genommen, welcher ſich auſſerhalb dem Gewichte befindet. Wenn daher die Dikke des Gelenkes zunimmt, ſo nimmt zugleich die Kraft des Muſkels zu. Dieſes ſtimmt aber mit unſern Saͤzzen uͤberein, und es koͤmmt auf den Win - kel an, unter welchem ein Muſkel an ſeinen Knochen befe -F 2ſtigt84Thieriſche Bewegung. XI. Buch. ſtigt iſt. Es koͤnnen auch andre Urſachen als der Ge - ſchwulſt des Gelenkes vorhanden ſein, oder es kann eine Muſkel mit dem Knochen einen ziemlich groſſen Winkel machen, dergleichen an dem Bruſtmuſkel, der ſich an die Schulter und dem kleinen gezakkten, der ſich an den Fort - ſazz des Schulterblates anſchliſt, wahrzunehmen iſt.

Man will, daß ſich die Muſkeln in den Jnſekten in einer groͤſſern Weite von der Gelenkmitte lagern(a)CHESELDEN introd. , und daß ihnen dieſe Lage zur Verſtaͤrkung der Kraͤfte befoͤrder - lich ſei.

§. 29.

3. Weil ſich die Faſern gegen die Sehne zu neigen.

Es befinden ſich die Fleiſchfaſern in vielen Muſkeln, doch aber nicht in allen und jeden, mit ihrer Sehne nicht in einerlei Richtung. Sie pflegen an den gefiederten Muſkeln, unter einem abwaͤrts ſtumfen Winkel, in die Sehne zu laufen; und ſie ſind an den geſtralten Muſ - keln noch ſchiefer in die Sehne eingefugt; und dieſes thun die aͤuſſerſten Faſern noch mehr, als die innerſten.

Nun verliert ein Muſkel uͤberhaupt mehr von ſeiner Kraft, je groͤſſer der Winkel iſt, unter dem ſeine Faſern in die Sehne laufen, und es wuͤrde unter einem rechten Winkel gewis ſehr wenig von der Thaͤtigkeit eines Muſ - kels uͤbrig bleiben. Es werden ſich aber die thaͤtigen Kraͤfte, wie der mittlere Theil der Direktionslinie verhalten, die durch die, von der ſchiefen Richtung gezogne ſenkrechte Linie abgeſchnitten wird, welche zu eben demjenigen Theile der Richtungslinie hingeht, von dem die ſenkrechte aus - laͤuft. Oder es verhalten ſich, um einfacher zu rechnen, die aufgewandte Kraͤfte zu den wirkſamen Kraͤften, wie der Sinus totus zum Sinus desjenigen Winkels, unterwel -85II. Abſchnitt. Erſcheinungen. welchem ſich die Faſern in ihre gemeinſchaftliche Sehne werfen. Man ſehe davon die Berechnung bei dem J. Alphonſus Borell(b)BORELL p. 162. propoſ. 81. SEGNER p. 106. 107. add. CHESELDEN anat. ed. T. VI. p. 63. nach. Es iſt in einem Winkel von 30 Graden die angewandte Kraft zu der wirkſamen Kraft 100 zu 87. Hat man 45 Grade, ſo verhaͤlt ſich die Kraft, wie 100 zu 70. Sind es 26 Grade, ſo verhaͤlt ſie ſich, wie 100 zu 89. Sie iſt bey 14 Graden, wie 100 zu 97. Bei 8 Graden, wie 100 zu 99. J. Chri - ſtoph Sturm(c)Append. ad Ann. 4. Dec. II. E. N. G. hat auch dieſe Abnahme der thaͤtigen Kraͤfte durch ſeine Verſuche beſtaͤtigt.

Man ſiehet aber hieraus, daß man die Mittelzal zwiſchen den aͤuſſerſten Faſern eines ſtraligen Muſkels, deren Richtung von der geraden Mittellinie am meiſten abweicht, und zwiſchen den innerſten Faſern ſezzen muͤſſe, welche von gedachter Linie wenig abweichen.

Nach unſrer Rechnung waͤre der groſſe Winkel der aͤuſſern Faſern am Deltamuſkel = 30 °: der kleine, oder der Winkel der innern Faſern = 8 °. Daher iſt die Kraft des Deltamuſkels, wenn man damit 55 Pfunde auf hebt, uͤberhaupt ſo gros, als 1284 Pfunde zu erheben koſtet, wenn ſolche eben dieſer Muſkel in die Hoͤhe zoͤge, wofern dieſer Muſkel an ſeiner Kraft keinen Abgang gelitten haͤtte(d)Etwas anders giebt es HAMBERGER p. 605..

§. 30.

4. Weil er dem Hebel eine Feſtigkeit mittheilen mus.

Es mag der uͤbrige Abgang oder Verluſt der Kraͤfte, die ein angeſtrengter Muſkel einbuͤſt, ſo gros ſein, als er wolle, ſo mus man dieſen Abgang doch an einem jedenF 3Muſ -86Thieriſche Bewegung. XI. Buch. Muſkel gedoppelt ſo gros ſchaͤzzen, weil ein jeder Muſ - kel, indem er ſich zuſammenzieht, ſo viel Kraft anwendet, um demjenigen Knochen, der dem Muſkel ſein feſtes Lager macht, zu widerſtehen, als er auf die Aufhebung des Gewichts(e)BORELL. prop. 31 -- 36. Conf. GRAVEZAND. p. 60. verwendet. Er wirkt naͤmlich, weil er ſich kurz macht, und ſeine Faſern gegen die Mitte des Muſkels(f)p. 472. herbeizieht; nun wird er zwar einer Seits von der Laſt ausgeſpannt, und er uͤberwindet dieſes Aus - ſtrekken durch ſein Vermoͤgen, ſich zuſammen zu ziehen; andrer Seits wird er mit gleich groſſer Kraft von dem Wiederſtande des Knochens ausgeſtrekkt, und er mus alſo dieſer Ausſtrekkung eben ſo groſſe zuſammenziehende Kraͤfte entgegen ſtellen, wenn er ſich nicht ausſtrekken laſſen will. Um die Sache beſſer zu verſtehen, haben einige beruͤmte Maͤnner(g)PEMBERTON introd. ad COWPERI Myotomiam. Zweifel aufgeworfen, und man ſezze, daß der Muſkel eine Saite ſei, die theils an einen Nagel, an einer unbeweglichen Wand, aufgehaͤngt, theils von einem Gewichte herabgezogen wuͤrde: hier, ſage ich nun, daß die Saite nicht blos von dem einfach angehaͤngten Gewichte, ſondern von dieſem Gewichte gedoppelt herab - gezogen wird, indem es der Nagel ſo ſehr zuruͤkke zieht, als es das Gewichte ausſtrekkt. Damit man auch den Widerſtand der feſten Wand einfacher machen koͤnne, ſo nehme man an, daß, an ihrer Statt, der Nagel auf einem unbeweglichen Hebel auf liege, und daß er queer uͤber die - ſem Hebel im Gleichgewichte ruhe. Man ſiehet alsdenn leicht ein, wie der Hebel ein Gewichte haben muͤſſe, welches uͤber dem Nagel an ihn angehaͤngt, und das ſo gros, als das angehaͤngte Gewicht ſei, wenn das Gleich - gewichte herauskommen ſoll.

Folglich wird ein Seil ſowol von dem Gewichte, wel - ches an ihm haͤngt, herab, als auch von dem Gewichte hinaufgezogen, welches mit dieſem im Gleichgewichte ſteht. Es87II. Abſchnitt. Erſcheinungen. Es mus aber ein Muſkel bei dieſem Zuge, der ihn aus - ſtrekkt, und ſeine Faſern verlaͤngert, notwendig allemal kuͤrzer werden, und in der That einigen wirklichen Wie - derſtand thun. Folglich wendet derſelbe gedoppelt ſo viel Kraͤfte an, als das einfach angehaͤngte Gewichte ſonſt er - fordern wuͤrde.

Jm menſchlichen Koͤrper und am Deltamuſkel iſt die feſte Wand der Schulterknochen, und das Schluͤſſel - bein, das angehaͤngte Gewicht, wie wir geſagt haben, 55 Pfunde; folglich mus der Schulterknochen dem Delta - muſkel um ſo viel Widerſtand thun, als er vom Gewich - te herabgezogen wird, und es verzehrt ſich die halbe Kraft des Deltamuſkels im Aufheben der Laſt, und die andre Helfte im Widerſtande gegen die Feſtigkeit des Knochens, welche eben ſo als ein zuruͤkkziehendes Seil wirkt, folglich betraͤgt die aufgewandte Kraft = 2568 Pfunde.

Dieſes hat J. Chriſtoph Sturm(h)Append. ad Eph. nat. cur. Dec. II. Ann. III. p. 456. den Ver -ſuch p. 457. dieſes nimmt auch an SCHREIBERUS p. 107. ebenfalls durch Gruͤnde und Verſuche erwieſen.

§. 31.

5. Andre Abgaͤnge, die aber nicht bey allen Muſkeln vorkommen.

Es laufen viele lange Muſkeln uͤber zwei bis drei Gelenke fort, dergleichen der hohe Strekkmuſkel der Finger thut. Dergleichen Muſkel kann ſein beſondres Gelenke, welches das allerletzte von den Gelenken iſt, uͤber welche er laͤuft, nicht anders beugen, als daß zugleich ſeine Mittelgelenke mit gebogen werden.

Da aber der Wille der Seele dergleichen Beugungen verwirft, und nicht ſtatt finden laſſen will, ſo verhindert er ſie durch die Gegenmuſkeln, welches die Ausſtrekker dieſer Gelenke ſind; demohngeachtet aber wendet doch derF 4Muſ -88Thieriſche Bewegung. XI. Buch. Muſkel hier vergebens alle die Kraft mit an, womit er die Mittelgelenke beugen wuͤrde, und welche von dem ge - genſeitigen Anſtrengen der ausſtrekkenden Muſkeln ver - nichtet wird(i)CHESELD. p. 65.. So muͤſſen, um ein Exempel zu geben, die Gelenke des Ellbogens an der Handwurzel, die Ge - lenke der Handwurzel an der Mittelhand, und die Gelenke der Mittelhand an den Fingern zuruͤkke behalten werden. Es hat Henrich Pemberton(k)propoſ. 42. et c. 12. faſt ganz durch Verſuche beſtaͤtigt die - ſes STURMIUS in appendicead ann. III. Dec. Eph. nat. cur. pag. 458. doch weicht es von uns ab. dieſen Abgang, nach - dem er die Berechnung des Borelli einigermaßen verbeſ - ſert(l)pag. XXV. , ſo geſchaͤzzt, daß ſich der bei der Kraft, unter einige Gelenke vertheilte Theil des, am aͤuſſerſten Hebel, (den Fingern), angehaͤngten Gewichtes, wo er bei jedwe - dem Gelenke ruhet (und dieſes iſt eben der Abgang der aufgewandten Kraft) gegen dieſes ganze Gewichte, wie das zuſammengeſezzte Verhaͤltnis, aus dem Verhaͤltniſſe der ſenkrechten Linie, die mitten aus dieſem Gelenke nach der Richtungslinie des Muſkels, wovon die Rede iſt, ge - zogen wird, und womit derſelbe auf dieſes Gelenke wirkt, gegen die ſenkrechte Linie, welche aus eben dieſem Gelenke nach der Richtungslinie gezogen wird, kraft der das auf - liegende Gewichte wirkt; ferner aus dem Verhaͤltniſſe der ſenkrechten Linie, welche aus dem Gelenke nach eben dieſer vornemſten Linie (des Fingers) gezogen wird, gegen die ſenkrechte Linie, die man von dieſem Gelenke nach der Richtungslinie des Muſkels zieht, verhalte.

§. 32. Unrichtige Abgaͤnge.

Von der Lage uͤber einem gebognen Gelenke.

Es hat J. Alphonſus Borellus zuerſt die richtige Anmerkung gemacht, daß ſich an einem jeden Muſkel,welcher89II. Abſchnitt. Erſcheinungen. welcher uͤber ein Gelenke laͤuft, das ſich gegen die Achſe des Muſkels beugt, die Faſern dieſes Muſkels, mitten in ſeinem Spiele, kuͤrzer machen, indem das untere Glied gegen das obere Glied heraufgezogen wird(m)propoſ. 10. 11. Diſp. XX. ſur le mouv. des muſc. pag. 89. BARTHES. l. c. p. 7.. Es ziehet aber, ſagt dieſer vortrefliche Mann, eine ungeſpannte Saite nicht; folglich mus ein nachgelaſſner Muſkel von einer groſſen Kraft ausgedehnt werden, damit er nicht erſchlaffe. Dieſe einblaſende Kraft wird zum Aufheben der Laſt nicht angewendet, und man kann ſie fuͤr einen Abgang anſehen. Es ſcheint mir aber an dieſer Stelle dieſer Gelerte eine thieriſche Faſer mit einem todten Seile gar zu ſehr zu verwechſeln; indem eine thieriſche Faſer ſowol in dieſem Falle, als auch allemal zugleich kuͤrzer und dennoch geſpannt iſt; ja ſie braucht auch nicht aufgeblaſen zu werden, weil ſie blos durch eine dichtere Annaͤherung ihrer Theilgen gegen einander ihr Amt verrichten, und doch zugleich geſpannt und kurz ſein kann.

§. 33. Wegen der Menge der innerlichen Blaͤsgen.

Doch auch dieſer Verluſt ſcheint der Muſkelkraft wirk - lich nichts zu entwenden. Es hielte J. Alphonſus Bo - rellus(n)Cap. 16 et 17. toto append. STURMII ad ann. V. Dec. II. Eph. nat. cur. SEGNER apud NIEUWENTYT p. 108. ſq. , die Faſern vor eine Kette von Blaſen, oder Rauten, damit er eine einfachere Figur zu berechnen ha - ben moͤchte. Von dieſen Rauten ſezzte er auf die Laͤnge eines Zolles etwa zwanzig(o)propoſ. 115. STURM. ibid. . Er zeigte ferner, daß in - dem ſich ein Muſkel zuſammenziehe blos diejenige Raute(p)prop. 119. Conf. SEGN. p. 115. STURM. p. 129., in einer jeden Faſer, welche der Sehne am naͤchſten liege, das Gewicht aufhebe, und daß die uͤbrigen neun - zehn hintern Rauten die Bewegung vollſtaͤndiger machenF 5hel -90Thieriſche Bewegung. XI. Buch. helfen(q)STURM p. 130.. Daher koͤmmt es, daß ein Muſkel, nachdem er lang iſt, in jeder Faſer, vierzig bis ſechszig Blaͤsgen enthaͤlt, und daß von der angeſtrengten Kraft nur der vierzigſte oder ſechzigſte Theil die Laſt aufhebt, ferner, daß man die aufgewandte Kraft des ganzen Muſkels, wie wir ſie bisher erlaͤutert haben, um vierzig(r)propoſ. 124., bis ſech - zigmal groͤſſer annehmen muͤſſe, um dieſelbe vollſtaͤndig zu erhalten. Und davon ruͤhrt es nun her, daß man an dem Deltamuſkel die Staͤrke von 61600(s)Ibid. , oder 71600(t)STURM p. 131. SEGN. 716800. p. 112. bis 698286(u)TOBOR p. 195. Pfunden gefunden haben will.

Doch es beſtehen die Muſkelfaſern ſo wenig aus Blaͤs - gen, als ſie nach einem Zirkelſchnitte ausgedehnt wirken, und man braucht alſo auch nicht anzunehmen, daß blos der vierzigſte oder hunderte Theil eines Muſkels die Laſt aufhebe.

Die Verſuche lehren es naͤmlich, daß Faſern blos von einer etwas heftigern Anſtrengung der Muſkeln zer - reiſſen(x)MEAD of poiſons p. 136. An einem Waſſerſcheuen. EinBeiſpiel giebt auch CHESELDEN p. 207. oder auch von einem geringen angehaͤngten Ge - wichte entzwei gehen(y)BERTIER loc. c. p. 292., daher es denn gar nicht war - ſcheinlich iſt, daß ſie ohne Zerreiſſen auf irgend eine Art den Widerſtand von 70000 Pfunden uͤberwinden koͤn - nen(z)BIRCH. T. IV. pag. 140., indem die Geſchwindigkeit der Wirkung ſolches noch mehr befoͤrdern, als aufhalten wuͤrde.

§. 34. Das Maas der Muſkelkraͤfte.

Wir erlernen aus dem bisher beigebrachten(a)Comment. BOERH. T. III. pag. 452. 453. SCHREIBER almageſt. p. 166., daß man die aufgewandte Kraͤfte eines Muſkels, nachden91II. Abſchnitt. Erſcheinungen. den wirkſamen oder thaͤtigen Kraͤften deſſelben beſtimmen muͤſſe. Es iſt aber das Maas der thaͤtigen Kraͤfte das aufgehobene Gewicht. Und dieſes mus man ſo vielmal groͤſſer nehmen, als der Muſkel ſeinem Ruhepunkte naͤher liegt, als das Gewichte an ihm haͤngt(b)pag. 489.. Man mus ferner den Sinus des Winkels aufſuchen, unter welchem ſich der Muſkel in den Knochen wirft, und denn mus man die Vergleichung ſo anſtellen, daß man ſchliſſet, wie ſich dieſer Sinus zum Sinus totus, ſo verhaͤlt ſich die wirkſame Kraft (welche bereits, nach der vorigen Betrach - tung, Abgang erlitten) zu der angewandten Kraft. Eben ſo mus man nach einer andern Analogie aus dieſer Kraft die angewandte Kraͤfte finden, wenn die ſchiefe Richtung der Faſern gegen die Sehne zum Grunde genommen wird(d)p. 491 ſeq. , man mus naͤmlich abermals die geſammte Kraft zur thaͤtigen Kraft, wie den Sinus totus zum Sinus des Einfuͤgungwinkels ſchaͤzzen. Ferner wenn ein Muſkel uͤber mehr als ein Gelenke ſtreicht, ſo mus man nach Anweiſung der Regel(e)p. 493 ſeq. dieſen Abgang ausfin - dig machen, und wieder die aufgewandte Kraft groͤſſer machen. Und endlich mus man ſelbige verdoppeln(f)p. 492 ſeq. .

Nun waͤre noch die uͤbermaͤßige Kraft uͤbrig, in - dem die Laſten und der Widerſtand oft nicht langſam, ſon - dern mit groſſer Hurtigkeit von unſern Muſkeln aufgeho - ben werden. Doch es iſt dieſe ganze Theorie noch viel zu neu, und zur Zeit noch nicht berechnet worden, indem ein Menſch nicht blos ſich erhebt, ſondern auch auſſerdem noch bis funfzig Fus(f*)de φαυλλω. SUIDAS T. III. p. 586. fortſpringt, welches einige Thiere bis acht und zwanzigmal weiter verrichten, als ihre eigene Laͤnge betraͤgt(f**)SWAMMERDAM pag. 747. Conf. ex HOOKIO den Flohſprung, welcher geſchicht nach Microgr. p. 210. wenn der Floh die Beine an den Leib heran - zieht, und ſtark abſtoͤſt.

Aber
(c)pag. 490.
(c)92Thieriſche Bewegung. XI. Buch.

Aber ſo leicht laͤſt ſich nicht die Verhaͤltniskraft der Muſkeln herausbringen. Pitkarne(g)de modo, quo cibi u. ſ. f. hat ſie ſchlecht - hin nach der Staͤrke, wie die Laſten, berechnet, und es ſchaͤz - zen ſie andre nach der Menge der Faſern(g*)HAMBERGER p. 604. n. 1190. et p. 605., oder nach dem Queerdurchſchnitte(h)SAUVAGES phyſiol. p. 137. und nach der Dikke(i)Mem. avant. 1699. T. I. p. 249. Die abſoluten Kraͤfte der verſchiednen menſchlichen Koͤrper und Glieder verhalten ſich faſt in ratione ſequeſtriplicata der Men - ſchen, und der Glieder. MAR - TIN. ſimil. p. 87.. Doch es kann das Gewicht eines Muſkels vom fetten Blute, und von der Sehne anwachſen, ohne daß eben die Muſ - kelkraft zunehmen darf. Es kann ferner die Kraft eines Muſkels uͤberhaupt von der Anzal der Nerven, und von ihrer Entbloͤſſung(k)L. IV. p. 489. Von einem ſehr ſtarken Menſchen. BAGLI - VIUS loc. cit. , bald ſo, bald anders werden, und dieſe Veraͤnderung laͤſt ſich auch von der angebornen Reizbarkeit, von der Gewalt eines Reizes(l)wovon die Kraͤfte ein Be - weis ſind, die von ſcharfen, am Nerven nagenden Saͤften entſte -hen, oder auch die aͤuſſerſt hefti - gen Bewegungen zeugen, die in raſenden Perſonen entſtehen., der dem Muſkel beigebracht worden, und vielleicht auch von der natuͤrlichen(m)Der Loͤwe hat harte, krau - ſe und feſte Muſkelfaſern. BA - GLIVIUS p. 267. ſie ſind hart in den ſchnellen Voͤgeln. oder verurſachten Haͤrte der Faſern be - greiflich machen(n)Die Muſkeln ſind allezeit haͤrter, welche ein Kuͤnſtler am meiſten gebrauchet. CHEYNE ſanit. infirm. p. 124.. Das Herz, welches doch kleiner, als die meiſten Muſkeln iſt, uͤbertrift dennoch an Staͤrke, und Dauer alle andre. So ſind die tuͤrkiſchen Traͤger noch einmal ſo ſtark, als die Laſttraͤger in England, und es verhaͤlt ſich die Staͤrke der Englaͤnder, gegen die Staͤrke der Franzoſen(o)DESAGULIERS T. I. p. 264., wie 7 zu 5.

Was die Groͤſſe der Bewegung betrift, ſo haͤnget ſelbige von der Laͤnge der Faſern ab(p)BOERHAAVE Comm. p. 484. Mem. avant. 1699. l. c. SAUVAGES phyſ. pag. 138. theor. tumor. p. 7., und es biegenſich93II. Abſchnitt. Erſcheinungen. ſich ihrentwegen die Glieder geſchwinder(p*)Daß ſie ſtaͤrker ziehen, ſagt mit Unrecht, CHARLO - TON on motion p. 537.. Wenn man naͤmlich die Verkuͤrzung auf beiden Seiten gleich gros ſezzt, ſo ziehet ein Muſkel, der einen Fus lang iſt, ein Glied durch eine Laͤnge von vier Zoll nach ſich, indeſ - ſen daß ſolches von einem Muſkel, der einen Zoll lang iſt, durch vier Linien geſchicht. Uebrigens iſt eine jede lange Faſer ſchwaͤcher(p**)SAUVAGES phyſiol. pag. 138., und ſie laͤſt ſich von einer gerin - gen Gewalt, von ihrer geraden Richtung, verſchieben, und entzweireiſſen(q)MUSSCHENBROECK de cohaeſ. corporum p. 474..

§. 35. Warum die Muſkelkraft dergleichen Abgaͤnge auszuſtehen habe.

Man koͤnnte hierbei fragen, warum der weiſeſte Schoͤpfer dergleichen Bau in Thieren verhaͤngt habe, wo - bei notwendig ein groſſer Theil von den aufgewandten Kraͤften zunichte gehen mus.

Hierauf laͤſt ſich leicht antworten. Es kommen alle menſchliche Erſparungen der Kraͤfte darauf an, daß die bewegende Macht einen groſſen Weg beſchreiben, indeſſen daß das Gewicht eine kleine Linie zu durchlaufen hat. Folglich wirkt dieſelbe in einer groͤſſern Zeit, indeſſen daß das Gewichte, welches uͤberwaͤltigt werden mus, ſeinen Weg geſchwinder zuruͤkke legt. Nun konnte aber dieſe Regel in menſchlichen Dingen nicht ſtatt finden, und es muſte uͤberhaupt der Widerſtand einen groſſen Zir - kelbogen, und die Gewalt einen kleinen beſchreiben. Es mus die Hand, wenn ſie was umſpannt, und der Fus im Gehen, mit den aͤuſſerſten Fingern oder Zeen uͤber dem Gelenke des Ellbogens, oder des Kniees, einen groſſen Bogen beſchreiben, damit im Schritteeine94Thieriſche Bewegung. XI. Buch. eine anſtaͤndige Weite herauskomme, oder damit die ergriffene Koͤrper von der Erde bis zum Munde, um nur ein einziges Exempel zu geben, heraufgebracht werden moͤgen. Man muſte, mit einem Worte, darauf ſehen, daß das Gewichte einen groſſen Weg, und die Gewalt einen kleinen durchlaufen moͤchte. Man haͤtte aber weder fort - ſchreiten oder einen Fus vor den andern ſezzen, noch den untern Kinnbakken vor dem obern in die Hoͤhe bewegen koͤnnen, noch die Zunge aus dem Munde ſtrekken moͤgen, wenn nicht der Muſkel, welcher dieſe Bewegungen her - vorbringen mus, anſtatt in das Ende des zu bewegenden Hebels, vielmehr in den Ruhepunkt deſſelben eingefugt waͤre. Und indem eine menſchliche Gewalt, die naͤher an den Ruhepunkt gebracht wird, einen kuͤrzern Bogen, hingegen der an dem aͤuſſerſten Hebeltheil angehaͤngte Widerſtand, einen groͤſſern Bogen beſchreibt, ſo waͤchſet nothwendig die Geſchwindigkeit in der Aufhebung des Widerſtandes. Und dieſes war auch die Urſache, war - um der Schoͤpfer ſein Abſehn nicht auf den Abgang(r)Fr. BAYLE oper. pag. 94. DESAGULIERS T. I. p 157. PARENT. hiſt. de l’Acad. 1702. p. 97. PLUCHE ſpect. de la Nat. T. V. p. 136. von der dem Ruhepunkte naͤher gelagerten Kraft ge - richtet hat(r*)pag. 489..

So war es ferner notwendig, den Urſprung der Muſ - keln vom Koͤrperſtamme, und den Theilen, die dem Stamme unſers Koͤrpers nahe liegen, und das Ende der - ſelben, wofern ſie bewegt werden ſollten, uͤber die aͤuſſerſten Gelenke herzuleiten. Wenn demnach die Beduͤrfniſſe des Menſchen ein Glied verlangten, welches ſich uͤber viele Gelenke beugen laſſen muſte, ſo geſchahe es, daß der Muſkel uͤber etliche Zwiſchengelenke fortgefuͤhrt wurde(s)pag. 493..

Es muſten ferner die Gliedmaßen rundlich(s*)Von der Zierlichkeit ihrer Figur in MANGETTI theatr. pag. 35. und kegelfoͤrmig ſein, damit ſie nach der Reihe leichter werdenkoͤnnten,95II. Abſchnitt. Erſcheinungen. koͤnnten, ſo wie ſie vom Koͤrperſtamme weiter entfernt ſind. So rundlich und klein ſie waren, konnten die Gelenke doch nicht ſo dikke gemacht werden, daß der Muſkel weit von dem Mittelpunkt der Bewegung und von der durch dieſe Mitte gezogene Achſe, in die Hoͤhe gehoben wuͤrde. Und folglich muſte man wieder denjenigen Theil Kraft einbuͤſſen, welcher wegen der Kleinheit der ſenkrechten Linie verloren geht, die vom Mittelpunkte der Bewegung nach der Rich - tungslinie des Muſkels gezogen wird(t)p. 490. 491..

Wenn man das Muſkelfleiſch von dem Stamme des Koͤrpers immer gegen ein kleineres und leichteres Glied hinfuͤhren muſte, wenn die Natur uͤberhaupt viele Faſern vereinigen muſte, um das Glied durch eine ſchmale Sehne zu bewegen, wenn ſie oft weit vom Knochen eine Reihe Faſern herbeiziehen muͤſſen, um nur Faſern genug zu ha - ben, ſo erhellet daraus, warum die Natur geſtralte(u)pag. 434. und gefiederte Muſkeln(x)ibid. daß ſie zur Vermerung der Anzal der Faſern gemacht ſind,LAWRENCE mot. muſc. pag. 48. geſchaffen, ob dergleichen Muſkeln gleich an ihren Kraͤften einige Einbuſſe leiden.

§. 36. Die Huͤlfsmittel bei der Muſkelbewegung.

Die Dikke an den Fortſaͤzzen und Koͤpfen der Gelenke.

Jch unterſtehe mich nicht, das Verhaͤltnis ſtoſſender Kraͤfte gegen ihren ruhenden Widerſtand, fuͤr unendlich auszugeben, ob dieſes gleich Borell(y)L. II. p. 150. gethan hat, da gezeigt worden, daß dieſe ſtoſſende Kraft allerdings berech - net werden, und mit dem Gewichte des druͤkkenden Waſ - ſers ins Gleichgewicht gebracht werden kann(z)ZANOTTI Comm. Aca - dem. Bonon. . Dage -gen96Thieriſche Bewegung. XI. Buch. gen hat der Schoͤpfer, welcher wohl wuſte, was vor groſſe Triebraͤder zur Bewegung er in die Nerven, und ins reizbare Weſen der Muſkeln hineingelegt hatte(a)DESAGULIERS T. I. pag. 157., auf die Vermerung der Geſchwindigkeit in der Bewegung, und auf andre Vorteile mehr ſeine Abſicht gerichtet, in - dem er erlaubte, daß die aufgewandten Kraͤfte Abgang leiden ſollten.

Er hat aber auch demohngeachtet doch dieſen Abgang auf allerlei Weiſe zu verringern geſucht, und das zwar in ſo fern, als es die Vortheile verſtatteten, welche er durch - aus nicht verabſaͤumen wollte.

Es hat derſelbe nirgend, ſo viel ich weis, einen Muſ - kel von dem Ruhepunkte weiter weg verlegt, als das zu bewegende Gewichte, wenigſtens nicht der Hauptabſicht gemaͤs, entfernt war. Jndeſſen geſchicht es doch zufaͤlliger Weiſe, daß bisweilen das Ende eines Muſkels vom Ru - hepunkte weiter abliegt, als das Ende des zu bewegenden Gewichtes. Hiervon hat man an dem hohen Biegemuſ - kel, und dem langen Kopfe des tiefen ein Beiſpiel. Man ſezze, daß man ein Gewicht nicht mit der Hand ergreifen, ſondern irgendwo am Ellbogen, zwiſchen dem Gelenke deſſelben, an der Schulter oder Handwurzel anhaͤngen wollte. Hier werden in der That dieſe Muſkeln, welche uͤber das Gelenke des Ellbogens weglaufen, daſſelbe beu - gen und den Ellbogen folglich in die Hoͤhe heben, und es wird dieſe Maſchine ein wirklicher Hebel ſein, an dem der Ruhepunkt an der Vergliederung des Ellbogens mit der Schulter, das Gewicht etwas von dieſer Mitte der Bewe - gung ab, und die Gewalt noch viel weiter davon abliegt. Doch hat die Natur viel oͤfter ihr Augenmerk darauf ge - richtet, daß ſie denjenigen Winkel vergroͤſſern moͤchte(c)Dieſen Nuzzen der Vorra - gungen beſtimmet CHARLE - TON of voluntary mot. p. 533., den der Muſkel mit dem Knochen macht, in den er ſichhin -(b)pag. 494.97II. Abſchnitt. Erſcheinungen. hineinwirft. Sie hat denſelben uͤberhaupt groͤſſer, und die Enden aller Knochen, da, wo ſie an einander gefuͤgt ſind, dikker gemacht. Solchergeſtalt waͤchſet der Abſtand von dem Mittelpunkte der Bewegung, worinnen ſich die Achſen der zuſammengefuͤgten Knochen vereinigen, da - durch.

Es findet ſich an manchen Stellen, daß ſie einige Fortſaͤzze, welche aus dem Knochen ſelbſt hervorgehen, her - ausgefuͤhrt, oder doch wenigſtens andre Knoͤchgen mit Gelenken verſehen hat, welche vorragen, und von dem Muſkel, und dem Mittelpunkte der Bewegung abſtehen ſollten. Jn dieſe Fortſaͤzze, in dieſe Knochen hat ſie fer - ner Muſkeln eingefuͤgt, welche ſolchergeſtalt von der Achſe des Muſkels, und dem Mittelpunkte der Bewegung noch mehr abſtehen. Dieſen Nuzzen verſchaffet der groſſe Um - dreher (trochanter), an dem der eingefuͤgte mittlere Geſaͤs - muſkel(d)ALBIN. tab. muſc. VI. 1. mit dem Huͤfteknochen einen weit groͤſſern Win - kel macht, als er ſonſt ohne dieſen Umdreher machen wuͤrde. Von der Art iſt auch der Fortſazz, welcher ruͤkk - waͤrts aus der Ferſe(e)T. VI. E. D. T. 24. f. 9. 10. Des Affen Ferſe iſt nicht lang ge - nung, um lange Zeit ſtehen zu koͤnnen. RIOLAN. oſteol. p. 533. herauslaͤuft, damit die ſehr ſtar - ken Ausſtrekker des Fuſſes weiter von der Vergliederung des Schienbeins mit dem Sprungknochen eingelenkt wuͤrden. Und von dieſer Art iſt auch die Knieſcheibe(f)COWPER T. 61. AL -BIN. T. muſc. II. χ. λ. μ ν ξ T. 23. f. h. i. m. , dieſes beſondre Knoͤchgen, welches die in das Schienbein eingefuͤgte Strekkmuſkeln auffaͤngt, damit von dieſem Knochen die Sehne unter einem groͤſſern Winkel in das Schienbein eingepflanzt werden koͤnne.

Dieſe Bewandnis hat es auch uͤberhaupt mit dem waren Linſenknochen (ſeſamoidea), welche ſich an den Fin - gern, beſonders an den Daumen(g)Der Daumen C. STE - PHAN. l. 1. c. 20. VESAL. L. II. c. 25. EUSTACH. oſſ. exam. p. 186. MONROV. etc. und an den Zeenbe -H. Phiſiol. 5. B. G98Thieriſche Bewegung. XI. Buch. befinden(h)VESAL L. I. c. 33. f. 1. WINSLOW n. 960. MON - ROV. p. 330.; denn ich rechne die uͤbrigen callos, welche oft knochig ſind, und die bei dem Urſprunge der Waden - muſkeln(i)Duo VESALIUS p. 271. DRAKE L. IV. c 8. MUN - NIKS p 214. T. BARTHO - LIN. anat. RIOLAN. en - chiridion pag. 39. DIEMER - BROECK p. 559. VERDIER I. G. WELSCH tab. 21. Act. cit. Suec. 1726. p. 202. SCHAAR - SCHMIDT pag. 141. HEISTER Compend. pag. 203. tab. I. f. 2. TREW oder einen EUSTACH. oſſ. exam. p. 158. FALLOP. pag. 77. MORGAGN. Ad - verſ. II. p. 64. COWPER ad BIDLOUM tab. 83. et 103. f. 2. Auch im Affen ſind zwei. RIO - LANUS Oſteolog. Sim. p. 535. FALLOP. I. SYLVIUS deoſſib. HUNAULT Mem. de l’Acad. 1735. p. 383., und im Durchgange des langen Roͤhrenmuſkels (peroneus longus), laͤngſt dem Wuͤrfelknochen (os cupoi - des), an der untern Seite des Schiffknochens, an der Seh - ne des hintern Schienbeinmuſkels(l)CRELL. p. 23., unter die Krank - heiten. Es iſt das rundliche Knoͤchgen der Handwurzel vom Geſchlechte der Linſenknochen(m)ALBIN. tab. muſcul. 19. f. 10., und es thut eben dieſes Knoͤchgen dem Spindelbeuger der Handwurzel eben die Dienſte, als die Knieeſcheibe dem Ausſtrekker des Schienbeins.

Obgleich einige beruͤmte Maͤnner unter den Neuern dergleichen kleine Knochen nicht vor Maſchinen, ſondern vor auſſerordentliche Theile halten(n)THOMSON p. 104. 105. CRELL p. 22. LIEUTAUD pag. 112., welche vom Rei - ben und einer ſtarken Bewegung aus dem ſchwellenden Kapſelbande entſtehen ſollen(o)CRELL pag. 29. etc. , ſo ſind ſie doch viel zu beſtaͤndig, und zwar in allen Arten der Thiere und es ver - raͤt ihr genauer Anſchlus(p)Der Affe. RIOLAN. l. c. in allen Gelenken. EUSTACH. t. 47. f. 25. 37. der Elefant. Phil. tranſ. n. 327. das Pferd. SNAPE T. 41. der Hund. TREW de chyloſ. fet. p. 49. Rana RON - DELET piſc. pag. 218. Abſichten und keinen Zufall. Jch gebe leicht zu, daß ſie in ihren Anfaͤngen knorplichſein(k)RAU Myolog. pag. 82. ALBIN. tab. 25. f. 5. COW - PER T. 62. n. T. 66. n. 11. SYLVII calumn. de cap. XII. 99II. Abſchnitt. Erſcheinungen. ſein moͤgen(q)CRELL p. 17. ALBIN oſſ. fet. f. 150. 151.. Doch ſie haben dieſes mit allen uͤbrigen Knochen gemein.

Uebrigens werfen ſich an der Hand, in dieſe Knochen die Beuger der Vergliederung des Daumens mit der Mittelhand(r)ALBIN t. 20. f. 17.. Am Fuſſe wirft ſich von auſſen in den Knochen der abziehende Muſkel des groſſen Zees(s)t. 25. f. 12. a. b. c. und der Beuger(t)Ibid. q. r. ; von innen thut es der Beuger(u)f. 12. q. r. , und der mit dem Beuger zuſammengewachſene Abzieher(x)f. 14.. Aus dem waren Linſenknochen verlaͤngert ſich ein Band nach der naͤchſten Knochenreihe (phalanx), welches davon bei Anziehung des Muſkels in Bewegung geſezzt wird.

Jn dieſem Verſtande bekommen auch die Knochen ſelbſt vom Wachſen einige neue Staͤrke. Sie ſind an - fangs rundlich und einfach. Doch die Kraft der ziehen - den Muſkel(y)BARTHOLIN anat. p. 244. ziehet faſt uͤberall die aͤuſſerſten Knochen - plaͤttgen von den innern ab, und es entſtehen hervor - ragende Kaͤmme oder ſcharfe Kanten, in welche ſich Muſ - keln werfen, die daher wenigſtens um einige Linien von der Knochenachſe weiter abliegen. Daß ſich Fortſaͤzze er - zeugen, davon hat man ein ganz offenbares Beiſpiel an dem zizzenfoͤrmigen Schlaͤfenhoͤkker. Es erzeugen ſich bei dem Anfange und Ende aller etwas ſtarken Muſkeln rauhe Stellen, welche zwo bis drei Linien hoch ſind, der - gleichen diejenigen ſind, welche ſich die dreikopfige Muſ - keln an der Huͤfte machen.

§. 37. Die Griffe an Knochen (anſae).

Hieher gehoͤren noch andre Fortſaͤzze, welche ſowol zur Erweiterung der Bewegung, als auch zur Vergroͤſſe -G 2rung100Thieriſche Bewegung. XI. Buch. rung des Abſtandes des eingelenkten Muſkels von der Achſe, das ihrige mit beitragen, und gemeiniglich das ver - richten, was die Griffe an den Maſchinen thun muͤſſen. So ſind in dem groſſen Umdreher die vereinigte Muſkeln der Piramidenmuſkel(z)ALBIN t. 21. f. 6., die gedoppelten(a)f. 11. und der innere Verſtopfer(b)10. nebſt dem vierſeitigen dergeſtalt ein - gefugt(c)f. 8., daß ſie wie Zuͤgel in den Griff des Knochens eingelenkt ſind, und den Kopf des Knochens aus der Pfanne(d)ALBIN. hiſt. muſc. a. cap. 186. ad 189. nach vorne, und nach auſſen zu, und zwar viel freier, leichter und weiter bewegen oder ruͤkken koͤnnen, als ſonſt geſchehen wuͤrde, wofern das Huͤftbein gerade geweſen waͤren, und ſich in daſſelbe dieſe Muſkeln gewor - fen haͤtten. Nun beſchreibt der Umdreher nach Art der menſchlichen Maſchinen den Bogen von einem groͤſſern Zirkel, der Huͤftekopf hingegen den Bogen von einem klei - nern Zirkel, und folglich erſpart man dadurch wirklich Kraͤfte. Es kann leicht ſein, daß dieſe Zuname an Kraͤf - ten dreifach groͤſſer iſt.

Von eben der Art iſt auch der allerlaͤngſte Fortſazz des Atlas, als welcher die Einlenkungen beider ſchiefen(e)ALBIN t. 17. f. 3. 4. und des geraden Seitenmuſkels(f)Ibid. f. 5. von dem Mittel - punkte verſchiebt, damit ſich der Kopf von einer geringern Staͤrke umdrehen laſſe. Die Querfortſaͤzze der uͤbrigen Wirbelbeine helfen wenigſtens die Beugung und Neigung erleichtern. Doch dieſes wuͤrden nur Beiſpiele ohne Ende ſein.

Mit dieſen Griffen haben auch die Schluͤſſelbeine eini - ge Aenlichkeit. Dem zufolge hat die Natur an klettern - den Thieren(g)Die Fledermaus MEYER tab. 3. oder an ſolchen, die ſich mit den Haͤnden erhalten, und die Speiſe mit der Hand ergreifen(h)Mus ARNAULD hiſt. natur. des anim. T. 6. f. 3. HIL - DAN. VI. n. 97. MEYER tab. 181. 182. 183. 184. Das ThierOpaſ - undan101II. Abſchnitt. Erſcheinungen. an Voͤgeln(i)FABRIC. de greſſu p. 64. ALDROVANDUS or - nithol. p. 311. Folglich hat der Menſch nicht allein zween, wie PLINIUS XI. c. 8. ſagt, χλειδες ut RUFUS appell. L. I. p. 29., ſonderlich aber am Menſchen, den Arm vom Leibe entfernt, und mitten zwiſchen das Bruſtbein und das Schulterblat einen Knochen eingeruͤkkt. Dieſer Knochen iſt an Thieren gar nicht vorhanden(k)Jm Geſchlechte der Hunde, Kazzen, Jltiſſe, Schweine, der wiederkaͤuenden, der Pferde, Ele - fanten, Eidechſen. Die Schluͤſ - ſelbeine am Krokodile, obſ. de math. et de phyſ. p. 39. Am Kamaͤ - leon ſcheinen die Schluͤſſelbeine den Pariſern vielmehr Schulter - blaͤtter zu ſein. Siehe die Kupfer vom Krokodille tab. 3. und vom Kamaͤleon, tab. 6. beim CHE - SELDEN. , welche ſchlechtweg gehen, nicht ſehr klettern, noch mit den Haͤn - den die Speiſe ergreifen. Man ſiehet leicht, daß auf ſol - che Weiſe die Aerme freier werden, und daß ſie nunmehr einen ganzen Zirkel beſchreiben koͤnnen, welchen ſie aber ohne das Schluͤſſelbein nicht beſchreiben koͤnnten.

§. 38. Die Scheiden der langen Muſkeln.

Ob in den langen Muſkeln gleich nicht eine Faſer(l)p. 410. 411. ſondern viele nach der Reihe verbundene Faſern, in eine einzige lange Faſer zuſammen wachſen, ſo konnte doch die Kette der Faſern nicht anders, als ſchwach(m)p. 410. ſein, und von der geringſten Kraft bewegt werden, wofern die Dikke derſelben zur Laͤnge faſt ganz und gar kein Verhaͤltnis hat. Es iſt aber vieler Urſachen wegen viel daran gelegen, daß ſich dieſe Faſern nicht beugen laſſen, indem die Beugung an den geraden Muſkeln des Bauches, den Bauch nur erweitern wuͤrde, welcher doch von den geſammten Bauch - muſkeln verengert werden ſollte. Es muſte aber auch an den uͤbrigen Muſkeln das Beugen verhuͤtet werden, weil eine gebogene Faſer uͤberhaupt laͤnger wird, und ſich ausG 3einer(h)Opaſſum, deſcr. COWPERI. Der Maulwurf, CHESELDEN T. 2. 4. Der Affe, MEYER tab. 13. 14. CHESELDEN in icon. ad introductionem. TY - SON p. 68. Der Baͤr, MEYER tab. 27. CHESELDEN ad c. 4.102Thieriſche Bewegung. XI. Buch. einer Sehne in einen Bogen verwandelt; es ſtreitet aber dieſe Laͤnge mit derjenigen Verkuͤrzung(o)pag. 472., worinnen eben das Weſen eines jeden Muſkelgeſchaͤftes beſtehet.

Folglich hat die Natur zum Theil das Beugen ver - mieden, indem eine Muſkelfaſer zu gleicher Zeit kuͤrzer wird(o*)494., wenn ſie ein Glied beugt. Demohngeachtet hat doch die Natur die groſſe Beugungen der langen Muſkeln durch diejenige ſehnige Scheiden verhuͤtet, die ſich von auſſen um ſie herumlegen, von den Knochen ent - ſpringen, und nach Knochen wieder zuruͤkke laufen, und die Muſkeln gegen die Knochen andruͤkken. Wo es alſo lange Muſkeln gibt, da wird man auch dergleichen Schei - den, am Ruͤkken(p)pag. 437., an der Schulter(q)ibid. , dem Ellbo - gen(r)ibid. , der Huͤfte(s)pag. 436., dem Schienbeine(t)pag. 437., und dem Unterleibe antreffen. Da die Natur aber in dieſem ſehr langen Zwiſchenraume keinen Knochen hatte(t*)Die Sehnen liegen in der Mitte, weil nicht alle Faſern vom Knochen entſpringen koͤnnen. CHE - SELDEN anat. p. 66., an wel - chen ſie den geraden Muſkel befeſtigen konnte, ſo hat ſie ſich dabei mehr als eines Huͤlfsmittels bedient. Sie hat ihn erſtlich in eine ſehnige Scheide eingeſchloſſen(u)L. X. p. 71., wel - che von den ſchiefen Muſkeln hervorgebracht wird. Nach - her hat ſie den Muſkel an dieſe Scheide und zwar an deſ - ſen Vorderflaͤche, an drei oder vier Orten mit einem ſehr feſten Gewebe von Sehnenfaſern angehaͤngt(x)p. 72., und hier iſt uͤberhaupt, wie an demjenigen Theile der Muſ - keln, welcher an die Knochen angewachſen iſt, das Weſen des Muſkels ſehnig. Solchergeſtalt zertheilt ſich ein jeder gerader Muſkel in vier bis fuͤnf, zuweilen kuͤrzere Muſ - keln, darunter die aͤuſſerſten an den Knochen und die mit - telſten an der Scheide gepflanzt ſind, und es machen die ſchiefen Muſkeln, indem ſie dieſe Scheiden ausdehnen, ſolche noch feſter.

§. 39.103II. Abſchnitt. Erſcheinungen.

§. 39. Das Fett.

Es hat das Fett einen vielfachen Nuzzen, wovon be - reits oben gehandelt worden(y)L. I. Sect. 4., und unter andern auch den, daß es eine Muſkelfaſer mit einem weichen und ſchluͤpfrigen Schmeer befeuchtet, wodurch das Reiben in allen Arten bewegter Koͤrper vermindert, und die zur Bewegung noͤtige Biegſamkeit erhalten werde. Daher hoͤrt die Bewegung der Muſkeln, und ſelbſt ihre reizbare Kraft auf, wenn das Fett zerſtoͤrt wird(z)ibid. p. 46., oder auch verhaͤrtet(a)L. XI. p. 449.. Man hat zwar geleugnet(b)p. 65., daß ſich das Fett uͤber die wirkſame Muſkeln ergiſſen ſoll. Doch es iſt gewis, daß wenigſtens jeder Muſkel, wenn er im Spiele aufſchwillt(c)p. 75., alles Fett, welches um ihn herum - liegt, ſowol gegen die benachbarte Muſkeln, als auch noch ſtaͤrker gegen die darunter liegende Knochen ſtoͤſt. Da die Fleiſchſtreifen ferner, woraus Muſkeln beſtehen(d)pag. 479., waͤrend des Spiels einander naͤher kommen, ſo wird auch das inwendige, und zwiſchen den kleinen Streifgen ergoſſene Fett, von allen Seiten zuſammengetrieben und gedruͤkkt. Da nun auf dieſen Drukk kurz darauf die Er - ſchlaffung des Muſkels erfolgt, ſo hat es das Anſehn, daß dieſes Oel in allen Theilen des Muſkels, und bei einer jeden Anſtrengung des Muſkels ausgepreſt, kurz darauf verbreitet, verduͤnnt und ausgedehnt werde.

Das Fett mindert auch das Reiben, wenn ſich Kno - chen uͤber Knochen bewegen muͤſſen; und hierher gehoͤrt das Fettſaͤkkchen, welches ſich zwiſchen der Huͤfte, dem Schienbeine und der Knieſcheibe befindet(d*)ZAMBECCARI apud CORTE Med. Medioli p. 223..

Was das Fett den roten Muſkeln thut, leiſtet auch die zaͤhe, ſchmierige, doch eiweisartige(e)pag. 428., Fluͤßigkeit denG 4Seh -104Thieriſche Bewegung. XI. Buch. Sehnen. Jndeſſen ſtekkt doch im Fette etwas, welches unſre Abſicht naͤher angeht; indem es naͤmlich die Raͤume, welche zwiſchen den Muſkeln liegen, ausfuͤllt(f)L. I. p. 47., ſo legt es ſich an vielen Orten zwiſchen Knochen und Muſ - keln, und es noͤtigt die Muſkeln, daß ſie ſich von den Knochen entfernen, von der Achſe des Knochens abwei - chen, und dadurch etwas an Staͤrke gewinnen. Es haͤu - fet ſich dergleichen Zellgewebe in runde, groſſe, und bei ihrer Weichheit dennoch widerſtehende Kugeln an, wor - innen ſich theils Fett befindet, theils etwas eiweisartiges wie ein Gliedwaſſer inwendig zeiget. Es nennt ſie der vortrefliche Albin(g)p. 319. 694. Saͤkkgen (burſa), und er er - waͤnt verſchiedene derſelben. Die vornemſten liegen in der Knieſcheibe, und unter den Beugemuſkeln des Schien - beins.

§. 40. Die Knorpel. Das Gelenkfett.

Jch beruͤre nur mit einem Worte, die Leichtigkeit, mit der ſich Knochen, ohne alles Reiben, uͤber einander bewegen, und dieſes ſind die knorplige Rinden, deren Natur ſo unveraͤnderlich iſt, daß ſie ſchwerlich jemals knochig werden(h)MONROV p. 52., und ſich ſehr ſelten abreiben. Da ein Schlagaderſakk die Knochen, das Knochenhaͤutchen, die Sehnen, und die Haut entbloͤſt hatte, ſo konnte blos noch der Knorpel der Ribben Widerſtand thun. Es ſind hoͤchſt elaſtiſche(i)GAGLIARDI C. II. obſ. 3. NESBIT pag. 8. und beſonders HUNTER philoſ. tranſ. n. 470. t. 4. f. 1. de la SONE Mem de l’Acad. 1752. p. 171., kurze, im Knochen nach der ſenk - rechten Linie gelagerte, hoͤchſt dichte und durch ein ſchwer - lich ſichtbar zu machendes Zellgewebe(k)Dieſes wird durchs Trokk - nen an der Sonne, und durch Calcination ſichtbar gemacht, in - dem alsdenn kleine Membranen erſcheinen, nach dem GAGLIARDI. verbundne Faͤ -den105II. Abſchnitt. Erſcheinungen. den, welche ein wenig nachgeben, wenn ſich die Knochen an einander druͤkken, und kurz darauf, vermoͤge ihrer eig - nen Kraft(l)conf. la SONE p. 172. 173., zuruͤkke ſpringen.

Es koͤmmt ungemein ſelten vor, aber doch habe ich es an einer alten Frau wargenommen, daß ſich die knorplige Rinde von der Oberflaͤche des Schlaͤfenknochens, welche beſtimmt iſt, den untern Kinnbakken auſzunehmen, der - geſtalt abgerieben hatte, daß eine Menge rundlicher Kluͤmpgen in der Gelenkkapſel zu ſehen war.

Unter den Wirbelbeinen(m)An anderm Orte wollen wir dieſes mit beſſerm Rechte un - terſuchen. findet ſich ein beſon - deres Geſchlecht von elaſtiſchen und ſtraligen Knorpeln, welche die verbundne Knochen ſo nachdruͤkklich von einan - der ruͤkken, daß der Menſch nach der Ruhe des Morgens laͤnger, hingegen des Abends, wenn dieſe Knorpel den ganzen Tag uͤber gedruͤkkt worden und nachgegeben, wie - der kleiner iſt.

Die Knorpel werden in ihrem vollkommnen Zuſtande von dem Gelenkſafte erhalten, und es ſcheint die Natur die Erzeugung deſſelben ſelbſt durch die Bewegung der Muſkeln zu befoͤrdern. Er iſt haͤufiger in Thieren, welche eine groſſe Reiſe verrichtet haben(n)SENAC Eſſay de phyſi - que ed. 1753. T. I. p. 66., und es hat das Anſehn, als ob ſich das Knochenmark vermittelſt der Bewegung in die Gelenkhoͤle deſto reichlicher ergiſſe(o)Idem ad BERTIN. oſteol. pag. 61..

§. 41. Die Muſkelrollen (trochleae).

Es verſtaͤrkt die Rolle zwar nicht die Bewegung eines Muſkels, doch lenket ſie ſelbige dergeſtalt, damit ſie mit den Abſichten des menſchlichen Lebens deſto fuͤglicher uͤber - einſtimmen moͤge. Wir verſtehen aber unter dieſem Na -G 5men106Thieriſche Bewegung. XI. Buch. men ein jedes feſtes Hindernis, um welches ſich der Muſ - kel zuruͤkke beugt, und mit der andern Helfte dergeſtalt gegen ſeine erſte Richtung zuruͤkke laͤuft, daß er den zu bewegenden Theil nach der Gegenſeite hinzieht, da er ihn ſonſt nach einer andern hinziehen wuͤrde, wenn er dieſes Hindernis nicht vor ſich faͤnde.

Einfacher geſchicht dieſes, wenn die Sehne eines Muſ - kels durch eine Furche, oder einige Erhabenheit des Kno - chens dergeſtalt durchgeleitet wird, daß ſie gegen die Ge - gend zu zuruͤkke laͤuft, von der der Muſkel herkam. Man hat davon ein Beiſpiel an dem umgebognen Muſ - kel des weichen Gaumens, welcher von der Gegend der Trompete, wo ſie aus den Knochen herauskoͤmmt, herab - geht, und hiernaͤchſt um das Haͤkgen des beſondern viel - foͤrmigen Knochens herumgeht und zum weichen Gaumen hinaufſteigt(p)WINSLOW T. I. p. 98. ALBIN tab. 10. f. 16., damit er ſolchen niederdruͤkken moͤge, da er dieſen ſonſt, ohne dieſes Kunſtſtuͤck uͤberhaupt in die Hoͤhe gehoben haͤtte.

So laͤuft der inwendige Verſtopfer, wenn er aus dem Umkreiſe ſeines Loches entſpringt, dergeſtalt nach auſ - ſen zu, daß er eingefugt in die Huͤfte dieſelbe einwerts ziehen wuͤrde. Nun aber beugt er ſich, um die groſſe und ſehr glatte Furche des Huͤftbeins, und um den Rand, und zwar nach einer gegenſeitigen Richtung herum(q)WINSLOW n. 909. tr. des os ſecs n. 690. vide ALBIN T. 6. W. Y. Z. f. 7.. Und ſo beugt er ſich ſo einwerts, daß er zugleich mit den noch unerzaͤlten Nebenmuſkeln, die Huͤfte nach auſſen heraus kehrt(r)WINSLOW n. 1084. conf. VERDU ſuite d’oſteologie. .

Selbſt die Augenkugel hilft mit ihrer Erhabenheit den Muſkel, z. E. den Hebemuſkeln(s)Conf. L. XVI. S. 2., daß ſie um den groͤßten Durchmeſſer der Kugel zuruͤkke gebogen erſchei -nen,107II. Abſchnitt. Erſcheinungen. nen, herablaufen, und das Auge, oder das Augenlied in die Hoͤhe heben, welches ſie ſonſt blos ruͤkkwerts ziehen wuͤrden, wenn dieſe kuͤnſtliche Anlage unterblieben waͤre.

Zuſammengeſezzter iſt ſchon der Bau, wenn noch auſ - ſer der, in den Knochen gedruͤkkten Furche, ein Kanal vom Bande und Knorpel ausgeſchnitten wird, durch den die bewegliche Sehne hindurchgeht, und von da nach veraͤndertem Laufe, gegen ihren Urſprung zuruͤkke kehrt. Man hat davon ein Exempel an dem obern ſchiefen Au - genmuſkel(t)Faſcic. VII. T. 6. f. 1. 2. WINSLOW T. I. n. 246. ZINN hiſt ocul. t. 3. f. 1. 4. T. 5. f. 1. 2. 4. T. 6. f. 1. 2..

Bei andrer Gelegenheit nehmen Muſkeln zwar keinen gegenſeitigen aber doch verſchiednen Lauf, wenn ſie ſich um irgend eine knochige Erhabenheit herumbiegen, und darauf einer neuen Richtung folgen. So laͤuft der innere Muſkel des Hammers durch die Furche, die von den aͤuſſern einwerts hineinſtreicht, dermaſſen fort, daß er den Hammer nach vorne zu lenken wuͤrde. Allein nun findet er ein Haͤkgen vor ſich, um welches ſich die Sehne beugt, nun den Zug nach auſſen zu verrichtet, und den Hammer einwerts zieht(u)WINSLOW T. I. n. 402. DUVERNEY tr. de l’org. del’ouie, Tab. VI. n. 1. F. ic. IV. D. ic. V. F. VIEUSSENS traité de la reille tab. 2. f. 3. n. 3..

§. 42. Die zuſammengeſetzte Kraͤfte. Gegenmuſkeln.

Es ſcheint die groͤſte Huͤlfe, welche von den Nerven herruͤhrt, auf die Regierung der Gegenmuſkeln anzukom - men(x)Daß ohne Antagoniſten der Koͤrper nicht bewegt werden koͤnne SWAMMERDAM p. 847.. Man trift naͤmlich im menſchlichen Koͤrper keine einzige Muſkelkraft an, welche nicht ihre Gegenkraft haͤtte. So mus das Herz und die uͤbrigen Holmuſkelndie108Thieriſche Bewegung. XI. Buch. die ausdehnende Kraft, das Beſtreben des Gewichtes, und dem Widerſtand des Blutes, Waſſer des Harns, der Luft und des Kotes uͤberwaͤltigen. Den Ribbenmuſ - keln widerſezzt ſich ſelbſt die elaſtiſche Kraft der Ribben. Und ſo widerſteht die Schwere des Kopfes und der uͤbri - gen Gliedmaßen den Hebemuſkeln und den Ausdehnern.

Dennoch haben die meiſten Muſkeln andre Muſkeln, welche gegenſeitig wirken, und mit denen ſie ihre Gewalt abwaͤgen. Den Ausſtrekkenden ſtehen andre gegenſeitige Beuger, den Aufhebern ſtehen die niederziehenden; den Schliesmuſkeln ſtehen die erweiternden, den ruͤkkwerts zie - henden die vorwaͤrts ziehende, und ſo ſtehen ſich die Ge - genmuſkeln in verſchiednem Verſtande einander entgegen. Wir nennen aber uͤberhaupt diejenigen Beugemuſkeln, welche machen, daß zween Knochen, an denen ſie feſte ſind, in der Gegend des wirkenden Muſkels, einen Winkel machen. Dagegen ſtrekken die Ausdehner zween zuſammengefuͤgte Knochen in eine gerade, und in eins fortgehende Linie aus.

Die Natur hat die Kraͤfte dieſer Muſkeln dergeſtalt abgewogen, daß alle Vergliederungen in einem gewiſſen und merentheils mittelmaͤßigen Grade ruhen, wenn keine Kraft von den Nerven in ſie wirkt, wie man deutlich an ſchlafenden Thieren gewar wird. Dieſes hat die Natur dadurch erhalten, daß ſie die Beuger merenteils etwas ſtaͤrker, als die Ausſtrekker gemacht hat(y)pag. 447.. So ſind am Ellbogen die Beuger ſtaͤrker, als die Ausſtrekker, wel - ches auch an der Hand, den Fingern, am Fuſſe, und deſſen Zeen zu bemerken iſt.

Doch gibt es Faͤlle, wo das Gewicht eines zu tra - genden Theiles, wenn ſich ſolches gegen die Beugetheile zuneigt, ſtaͤrkere Ausdehner, als am Kopfe, Nakken und Ruͤkken erforderte. So erforderte auch die Staͤrke desSte -109II. Abſchnitt. Erſcheinungen. Stehens, wozu zuruͤkkgezogne, und ausgeſtrekkte Huͤften gehoͤren, daß die Ausſtrekker der Huͤfte ſtaͤrker waren, und dieſes gilt auch von der Natur des Schienbeinsge - lenkes, welches ganz und gar nicht nach vorne nachzuge - ben vermag, hingegen ſich leicht zuruͤkke beugen laͤſſet.

Demohngeachtet koͤnnen wir doch uͤberhaupt zugeben, daß die widrigen Muſkeln einander das Gleichgewicht halten; und wenn die eine Art hierinnen vor der andern einen Vorzug beſizzet, ſo biegt ſich, nach dem Maaße ihrer Kraft, das Glied gegen dieſe Theile hin.

Nun verſtaͤrkt aber die Nervenkraft die dem einen unter den Gegnern angeborne Kraft, wie am Ausdehner geſchicht. Folglich wird der Widerſtand des Beugemuſ - kels, als ob man in die eine Wagſchale ein neues Gewicht wuͤrfe, uͤberwaͤltigt, und das Glied dieſer neuen Nerven - kraft gemaͤs, die der Ausſtrekker zum Ueberſchuſſe bekom - men, ausgeſtrekkt. Solchergeſtalt entſteht nicht ploͤzzlich eine Kraft, die den Ausſtrekker auf blieſe, und alle deſſen Grundſtoffe zum Zuſammenziehen vermoͤchte. Sondern dieſe Kraͤfte bekommen nur ein Uebergewicht, und es wird von dieſem Uebergewichte kein voͤlliges Zuſammen - ziehen des Ausſtrekkers, durch alle ſeine Grundteile, in ſo kurzer Zeit erfordert, indem dieſe Kraft vorlaͤngſt im Muſkel war, ſondern es iſt nur dazu einiges Uebermaas an Kraft notwendig(z)BOERHAAVE prælect. T. III. p. 386. ſqq. . Dennoch wird auf dieſe Weiſe zur Zeit noch keine Kraft erſpart, ob die Geſchwindigkeit des Muſkelſpiels gleich dadurch ſehr vergroͤſſert wird, und dennoch iſt blos die neu erzeugte Nervenkraft wirkſam uͤbrig.

Hingegen wuͤrden die Kraͤfte wirklich erſpart werden koͤnnen, wenn man auſſerdem zugeben wollte, daß durch die, dem Ausſtrekker zugeteilte Kraft, etwas von der zuſammenziehenden Kraft des Beugemuſkels abgenom -men110Thieriſche Bewegung. XI. Buch. men wuͤrde. Wenn man ſolchergeſtalt den Beuger er - ſchlaffen lieſſe, und blos mit der einzigen Nervenkraft den Ausſtrekker reizte, ſo koͤnnten von dem Zutritte eines noch ſo kleinen neuen Theilgen, groſſe Bewegungen erfolgen, daß dieſe erfolgen, haben wir durch einen Verſuch gezeigt(a)pag. 447., und ich habe dergleichen an todten Koͤrpern wirklich geſehen. Daß kraft des Willens der zuſammenziehenden Kraft der Muſkeln wirklich etwas benommen werden koͤnne, haben einige, an ſich ſelbſt leicht, warzunehmen geglaubt(b)WINSLOW Mem. de 1720. p. 86., wenn ſie z. E. um die Laſt abzulegen, den Ruͤkken und Kopf nach vorne ſinken laſſen, indem dieſe Bewe - gung nicht von dem ſchnell wirkenden Gewichte, noch von einiger Gewalt der Beuger, denn dieſe ruhen zu der Zeit, ſondern von der Erſchlaffung der Ausſtrekker erhalten wird. Wenn daher die Kraft des Ausſtrekkers a waͤre, die Kraft des Ausſtrekkers b = a, ſo koͤnnte, wenn man von a erſt welchen Theil der Nervenſtaͤrke c abnaͤme, und ohne eine neue Kraft, wenn eine gleiche Kraft c zum Muſkel b ge - than wuͤrde, die uͤbrige Kraft des Beugers in a c die Kraft des Ausſtrekkers in a = c verwandelt werden, und ſo wuͤrde das Uebergewichte des Ausſtrekkers ſein = 2 c, weil keine neue Kraft erzeugt worden, und um deſto groͤſ - ſer wuͤrde das Uebergewichte ſein, folglich waͤre die wirk - ſame Kraft des ausſtrekkenden Muſkels um deſto ſtaͤrker, je groͤſſer die Gewalt c zu a iſt. Und wenn c = a waͤre oder wenn man die ganze Kraft des Beugers vernichtete, ſo wuͤrde uͤberhaupt die Kraft, welche nunmehr im Aus - ſtrekker ganz iſt, gedoppelt ſo gros, gegen diejenige ſein, welche vorher in ihm verborgen war.

Viele beruͤmte Maͤnner(c)PERRAULT Mecan. des anim. t. 3. f. 2. p. 72. ſeqq. et du mouvem. periſtalt. Doch es ſchreibtdie - haben ſich dieſer oder einer aͤnlichen Auslegungsart bedienet, die Bewegungen durch die Muſkeln zu erlaͤutern.

Es111II. Abſchnitt. Erſcheinungen.

Es hat dieſe Erlaͤuterung keinen andern Feler, als daß ſie die Kraft der Nerven entweder fuͤr beſtaͤndig annimmt, oder ihr doch ſo viel zuſchreibt, daß ſie eben ſo geſchikkt wird, die angeborne Kraft zu vermindern, als ſolche zu vermeren. Keins von beiden iſt aber warſcheinlich, denn wenn man die Nerven druͤkkt, oder zerſtoͤrt, ſo wird die Muſkelkraft blos auf ihr angebornes Weſen reducirt(d)pag. 468. etc. und vermindert; es ſcheinet aber nicht warſcheinlich zu ſein, daß dieſe angeborne Kraft von der Vollſtaͤndigkeit der Nervenkraͤfte vermindert und vermert werden koͤnne, weil widrige Erfolge auch widrige Urſachen haben muͤſſen.

Daß die Nervenkraft eben ſo beſtaͤndig wirke(d*)pag. 469. Dies leugnete ſchon BORELLUS L. II. pro - poſ. 6. als die angeborne Kraft wirkt, haben wir bereits bei andrer Gelegenheit verworfen.

Es iſt auſſerdem aus Verſuchen gewiß, daß, wenn einer der Gegenmuſkeln zerſchnitten worden, ſich der an - dre nicht kraft des Willens, ſondern vermoͤge der ange - bornen Kraft zuſammenziehe; indem eben dieſe Erſchei - nung auch an ſterbenden und todten Thieren ſtatt findet(e)pag. 447., wenn nunmehr keine Nervenkraft mehr uͤbrig iſt. Es kann aber auch an lebendigen Menſchen der Wille die Wirkungen des Gegenmuſkels auf keinerlei Weiſe aufhal - ten, wovon der Hundekramf, und die Kraͤmfe in einerArt(c)dieſer beruͤmte Mann blos die Schlaffheit des Muſkels dem Willen, das Zuſammenziehen aber der angebornen Kraft des Muſkels zu. Ohne dieſe Hipoteſe MERY in du HAMEL Hiſt. Acad. Reg. pag. 421. 422. Auguſtinus BU - DÆUS in diſp. de mot. muſc. Leidæ anno 1724. excuſa. Alex. STUARTUS T. 4. Dieſer ſagt, die Antagoniſten wirken durch eine ſolche mechaniſche Notwen - digkeit, als an einer Waage. HAMBERGER de corde qui - dem n. 185. etc. Doch es hat ſichCARTESIUS der Antagoni - ſtenmaſchine nicht nur bedient, ſondern auch Mitteilungskanaͤle, und in ſelbigen Klappen ausge - dacht, durch welche die Nerven - kraft von einem Muſkel in den Antagoniſten uͤbergeht. Man be - ſehe deſſen Tract. de homine, edit. de la FORGE p. 40. 41. CRAA - NEN p. 458. 459.112Thieriſche Bewegung. XI. Buch. Art des Schlages (paraplegia), ein Beiſpiel gegeben, wenn die eine Seite gelaͤmt worden an dem verrenkten Gliede, welches die Muſkeln freiwillig und mit groſſem Nachdrukke, ſobald die Hinderniſſe gehoben worden, wie - der in das Gelenke zuruͤkkeziehen. Ferner, wenn ein Muſ - kel, der vom elektriſchen Funken getroffen worden, ſich zuſammenzieht, ſo wirkt ſelbiger ſchnell, er zieht das Glied in ſeine Gegend nach, und er wartet nicht erſt auf den Wink des Willens, daß derſelbe die Gegenmuſkeln nach - laſſen, oder erſchlaffen laſſen ſoll(f)Mem. de l’Acad. 1749. p. 35. v. GEUNS p. 19. CAL -DANI Lett. III. p. 21. Diſp. ſur la mecan. du mouvem. p. 91. 95. 96.. Da endlich die allerſtaͤrkſten Muſkeln keine andre Muſkeln zu Gegnern haben, durch deren Erſchlaffung ihre Thaͤtigkeit gehemmt werden koͤnnte, wie man am Herzen und dem Gedaͤrme Exempel hat, und da ferner die Seele keine Gewalt uͤber das Blut, uͤber die Luft, den Kot, die im Herzen und den Gedaͤrmen enthalten ſind, oder uͤber die Elaſticitaͤt der Ribben, die den Ribbenmuſkeln Widerſtand thut, beſizzet, ſo iſt offenbar, daß die allergroͤſte und beſtaͤndige Bewegungen von den Muſkeln ohne alle Beihuͤlfe der Nervenkraft hervorgebracht werden koͤnnen.

Folglich kann man noch zur Zeit nicht mit Zuverlaͤſ - ſigkeit annehmen, daß die Gegenmuſkeln Kraͤfte erſparen helfen.

§. 43. Die zuſammengeſezzte Kraͤfte.

So viel muͤſſen wir ſchon dem Wechſelſpiele der Ge - genmuſkeln zueignen, daß die Seele Bewegungen von allerlei Art und Richtung nicht nur alsdenn hervorzubrin - gen vermag, wenn ſie die Gewalt des einen von den Gegenmuſkeln aufhebt, und auf das Beugen ein Aus - ſtrekken folgen laͤſſet, ſondern daß auch in eben dieſer Zeit die Gegenmuſkeln zu einer dritten und mittleren Bewegung das ihrige uͤbereinſtimmig mit beitragen.

Es113II. Abſchnitt. Erſcheinungen.

Es koͤnnen alſo verſchiedne Bewegungen, die aus der beſondren Kraft des Muſkels, der dieſe Bewegung kommandirt, und aus der verneinenden Nervenkraft des Gegners entſpringen, nach einerlei Sinn wirken, naͤm - lich das Beugen, wenn die Kraft des Beugemuſkels zu - genommen, und die Kraft des Ausſtrekkers abgenommen hat, oder aus der verneinenden Kraft des Gegenmuſkels allein. Es hindert hier nichts, daß ſich nicht bei der - gleichen langſamen Nachlaſſen der Ausſtrekker des Ruͤk - kens, welche am oͤfterſten langſam und nach beſtimmten Graden, nach dem Willen der Seele, und niemals ohne Feſtigkeit und Widerſtand wirken, den Koͤrper vorwerts beugen ſollte(g)WINSLOW loc. cit. pag 86.

Es koͤnnen ferner die Muſkeln eines und eben deſſel - ben Theiles ihr Spiel auf allerlei Weiſe verbinden. Nichts iſt einfacher als das Auge, deſſen gerade Muſkeln, ob gleich nicht vollkommen, dennoch aber die vier Weltge - genden der Augenkugel einnehmen, und denſelben ziemlich nahe kommen. Folglich kann aus zween geraden und zu gleicher Zeit wirkenden Muſkeln das Auge nach der Dia - gonallinie(g*)v. GRAVENSANDE pag. 360. gelenkt werden, deren Seiten die Direk - tionslinien der beiden geraden Muſkeln ſind.

Wenn daher der gerade inwendige, und der obere zugleich wirken, ſo kann das Auge gegen die Naſe, und dennoch zugleich in die Hoͤhe gezogen werden. Es kann aber entweder durch die mittlere Diagonallinie ein ſchiefer Zug, oder ein dergleichen, wenn einer der verwanten Muſkeln mehr, der andre weniger gezogen wird, nach allerlei Winkeln geſchehen, welche in dem rechten Winkel begriffen ſind; und ſo kann das Auge nach Belieben mehr in die Hoͤhe gehoben, oder mehr einwerts gedreht werden.

EbenH. Phyſiol. 5. B. H114Thieriſche Bewegung. XI. Buch.

Eben dieſes Beiſpiel findet bei allen Gliedmaßen ſtatt. Es fuͤgte Jakob Benignus Winslow(h)pag. 88., demjenigen Muſkel, welcher mit dem geraden z. E. dem obern uͤber - einſtimmt oder dem mittlern an ſeinem Gliede, die Sei - tenmuſkeln als Helfer bei. Man hat hiervon an den Fingern deutliche Beiſpiele, indem der Ausſtrekker ſelbige gerade ausſtrekkt, und die beigefuͤgte Knochen und wurm - foͤrmige Muſkeln ſolche zwar ausſtrekken, aber auch zu - gleich nach der Ellbogen - oder Daumengegend ziehen, ſo wie entweder der Ellbogenmuſkel zwiſchen den Knochen, wenn der Spindelmuſkel erſchlaffet, oder der Spindel - muſkel zwiſchen den Knochen, nach Erſchlaffung des Ell - bogenmuſkels wirket.

Jn den zuſammengeſezzten ſtraligen Muſkeln kann einerlei Muſkel ſchiefe Bewegungen verrichten, und es ſind die aͤuſſerſten Fleiſchſtreifen deſſelben die Leiter der mittlern Sehne(i)WINTER loc. cit. . Es kann der Deltamuſkel die Schul - ter theils ruͤkkwerts in die Hoͤhe ziehen, wenn blos die vom Schulterblate herkommende Faſern wirken, oder wenn ſie ſtaͤrker wirken, und theils nach vorwerts lenken, wenn die von dem Schluͤſſelbeine herruͤrende Faſern die Oberhand haben, denn es iſt gewiß, daß ſich etliche Fleiſchſtreifen dieſer Muſkeln zuſammenziehen koͤnnen, wenn die uͤbrige gleich in Ruhe bleiben(k)pag. 471..

Da auſſerdem Muſkeln keine Linien, ſondern Koͤrper ſind, und da ſie ſich nicht in einem rechten flachen, ſon - dern in einem rechten feſten Winkel bewegen laſſen, fer - ner drei Linien ſind, nach welchen ſich Gliedmaßen bewe - gen koͤnnen, naͤmlich hinauf, nach vorne, und denn ein - werts (oder auch nach den Gegenrichtungen), ſo koͤnnen allerdings drei verwante Muſkeln zugleich und dergeſtalt wirken, daß ſich ein Glied nach einer jeden in dieſem Win - kel begreiflichen Schiefheit bewegen laſſe. So kann amAuge115II. Abſchnitt. Erſcheinungen. Auge der obere ſchiefe Muſkel das Auge nach vorne zie - hen, daß es aus der Augenhoͤle hervortreten mus; der innere ziehet es einwerts, und der obere zugleich hinauf - werts. So wie ferner ein jeder dieſer Muſkeln mit mehr Lebhaftigkeit wirkt, und ſein Gegner mehr erſchlaft, ſo wird auch das Auge nach derjenigen Linie hingeriſſen, wel - che der Wille der Seele haben will, mehr aufwerts, als einwerts, oder mehr vorwerts, als aufwerts.

Dieſe zuſammengeſezzte Bewegungen, welche von der Lage der verwanten Muſkeln und der Groͤſſe der Kraͤfte auf verſchiedne Art entſtehen, hat Joſias Weitbrecht nach den Verbindungsregeln berechnet, und gefunden, daß von zehn Muſkeln, und zwo intenſitatibus, wie er es nennt, nicht weniger mannigfaltige Bewegungen, als 1.048.575 hervorgebracht werden koͤnnen, um das Re - ſultat von zwanzig oder dreiſſig Muſkeln zu uͤbergehen(l)Comm. Acad. Scient. Petrop. p. 277.. Man wird aber bald einſehen, daß dieſes nicht unwar - ſcheinlich ſei, wenn ſich viele Muſkeln in einem Spiele mit einander vereinigen.

§. 44. Wie ſich die Wirkungen der Muſkeln, mit der veraͤnderten Feſtigkeit der Theile, ſelbſt veraͤndern.

Auſſer denjenigen Muſkeln, welche aus einem Kno - chen entſpringen, und in einen weichen Theil laufen, als zum Auge, zur Zunge oder Schlunde, haben die uͤbrigen Muſkeln ſelten eins von beiden Enden vollkommen un - beweglich, und es iſt gemeiniglich das eine Muſkelende viel feſter, und das andre viel beweglicher; feſter, wel - ches ſich gegen den Koͤrperſtamm und gegen das BekkenH 2hin116Thieriſche Bewegung. XI. Buch. hin kehrt, beweglicher, welches ſich gegen die aͤuſſerſte Gliedmaßen wendet.

Nun kann des einen Muſkels Ende auf unzaͤliche Weiſe durch andre weit entlegne Muſkeln feſter, oder be - weglicher gemacht werden, daß alſo uͤberhaupt die Kraͤfte faſt des ganzen Koͤrpers mit einander harmoniren, und ſich wechſelsweiſe einander helfen oder im Wege ſtehen.

So muͤſte der Deltamuſkel, wenn er am ſizzenden und ruhigen Menſchen die Schulter in die Hoͤhe hebt, zugleich das Schulterblat und das Schluͤſſelbein niederziehen, in - dem beide Theile beweglich ſind. Solchergeſtalt wuͤrde dieſer ſtarke Muſkel aber, da die Schulter mit dem Schulterblate vergliedert iſt, gar nicht wirken, es wuͤrde das Aufheben das Niederdruͤkken aufheben, und ſo umgekehrt.

So oft wir alſo die Schulter aufheben wollen, muͤſ - ſen wir das Schulterblat und Schluͤſſelbein anhalten, daß ſie nicht niedergehen, damit dasjenige Ende unbeweglich gemacht werde, mit welchem der Deltamuſkel an dieſem Knochen feſte ſizzt. Folglich mus man zugleich den He - ber des Schulterblates, den Rautenmuſkel, den tiſchfoͤr - migen und einige ungleich dreiſeitige mit zuſammenziehen oder verkuͤrzen.

Dieſe Muſkeln aber kommen von den verſchiednen Halswirbelbeinen her, die auch ſelbſt beweglich ſind, und ſich beugen laſſen. Wuͤrden ſich aber dieſe Wir - belbeine von den angefuͤrten Muſkeln beugen laſſen, ſo wuͤrden ſie dieſem Fleiſche keinen feſten Punkt verſchaf - fen, da ſolches doch dem Deltamuſkel helfen muͤſte, und es wuͤrde folglich auch der Deltamuſkel an den Kno - chen, in welche dieſes Fleiſch eingefugt iſt, keinen feſtenGrund117II. Abſchnitt. Erſcheinungen. Grund haben. Folglich muͤſſen die Ausſtrekker des Nak - kens zugleich mitwirken, das iſt, es muͤſſen die vielſpal - tigen, heilige Lendenmuſkeln, die allerlaͤngſte Muſkeln, die abſteigende Nakkenmuſkeln, und diejenige ganze Na - tion Muſkeln zugleich mitwirken, welche auf der Ruͤkken - ſeite der Lenden und heiligen Wirbel aufliegen. Und nun kann erſt der Deltamuſkel von der vereinigten Kraft ſo vieler Muſkeln, ſeine voͤllige Gewalt erlangen, und er kann vermittelſt der Kraft, welche ihm eigen iſt, die Schulter aufheben. Und daraus erhellet abermals, daß ein Abgang an aufgewandten Kraͤften, wie oben gezeigt worden, unvermeidlich ſei. Da naͤmlich der Deltamuſ - kel das Schulterblat(m)Wenn die Faſern des Muſ - kels gegen die Mitte zuſammen - laufen, p 492. und das Schluͤſſelbein eben ſo herniederzieht, als er die Schulter in die Hoͤhe hebt, und da das Schulterblat und Schluͤſſelbein in der Erhebung der Schulter nicht niederſteigen muͤſſen, ſo mus notwen - dig diejenige ganze halbe Kraft des Deltamuſkels zunichte gehen(n)Dieſer Fall beziehet ſich auf denjenigen Fall, der p. 492. 493. gemeldet worden., welche die angefuͤrten Muſkeln, die das Schluͤſſelbein und Schulterblat zuruͤkke halten, uͤberwaͤl - tigen muͤſſen. Und folglich geht am Deltamuſkel die Helfte Kraft, und die Kraft der Hebemuſkel, welche die - ſer Mittelkraft gleich iſt, verloren.

Doch man laſſe nunmehr den Menſchen auf der Erde liegen, und man ſezze, daß er ſich an einem Baumaſte aufhelfen, oder an einem andern feſten Koͤrper in die Hoͤhe richten wolle, welchen er ergriffen haͤtte: ſo iſt nun ſeine Hand unbeweglich, und da dieſelbe durch ihre Beu - gemuſkeln zuruͤkkgehalten wird, ſo bekoͤmmt ſie mit dem ergriffnen Aſte einerlei Feſtigkeit. Alsdenn iſt der Stamm des Koͤrpers unten, und der Arm oben.

H 3Als118Thieriſche Bewegung. XI. Buch.

Alsdenn wird der Deltamuſkel ſowol das Schulter - blat, als das Schluͤſſelbein, und zugleich den ganzen Koͤr - perſtamm mit aufheben, ich ſage, der Deltamuſkel, der Kuͤrze wegen, denn es ſtimmen in dieſem Handel alle die - jenige Muſkeln mit uͤberein, welche hier im Schulterblate, dort in der Schulter ſtekken, naͤmlich der Muſkel uͤber, und unterhalb der Ruͤkkengraͤte, beide rundliche Muſkeln, der lange Ausſtrekker des Ellbogens, der groſſe Bruſt - muſkel, ſelbſt der breiteſte Ruͤkkenmuſkel(o)Ein ander Exempel vom Stehen, an den Ausſtrekkern des Schenkels hat I. B. WINSLOWloc. cit. p. 91. wie auch vom Zwei - koͤpfigen des Ellbogens. p. 94., und auch der zweikoͤpfige; doch es ſei genung nur den Deltamuſkel zu beſehen. Jndem ſich dieſer naͤmlich gegen die Schulter zuſammenzieht, ſo erhebt er den ganzen Koͤrper, und das Schulterblat, und er zieht das Schluͤſſelbein gegen die Schulter heran. Alsdenn geben ihm alle die Muſkeln die Feſtigkeit, und ſie befeſtigen die Schulter, und dieſes thun die Muſkeln, welche ſich zwiſchen der Schulter, und der aͤuſſerſten Hand befinden; was aber die Niederzieher des Schulterblates betrift, welche von dem Stamme des Koͤrpers entſpringen, ſo erſchlaffen ſie alle, und verhalten ſich blos als mechaniſche unbewegliche Strikke. Jndeſſen iſt die halbe Kraft des Deltamuſkels, welche auf das Nieder - ziehen der Schulter verwendet wurde, verloren gegangen, und es iſt von der Kraft der Muſkeln, welche die Schul - ter zuruͤkke hielten, ſo viel verloren gegangen, als die nie - derziehende Kraft des Deltamuſkels gros war.

Jch habe bereits davon ein Beiſpiel gegeben, und es laͤſt ſich die Sache ſelbſt auf alle Muſkeln des menſchli - chen Koͤrpers anwenden. Es wirkt, indem man geht, der laͤngſte Ruͤkkenmuſkel, und er haͤlt den Ruͤkkgrad feſte, damit ſich uͤber dieſen unbewegten Theil die Huͤfte bewe - gen koͤnne(o*)COWPER ad BIDL. tab. 28..

Doch119II. Abſchnitt. Erſcheinungen.

Doch entſteht in andern Faͤllen einige Veraͤnderung in den thaͤtigen Kraͤften, wofern beide Enden eines Muſ - kels nicht blos beweglich ſind, ſondern ſich auch wirklich zugleich mit bewegen. Denn alsdenn kann es durch die vereinigte Kraft andrer Muſkeln geſchehen, daß das eine ſchlaffe Ende ein groͤſſeres Stuͤkk in der vorhabenden Be - wegung vollendet, indeſſen daß das andre feſte Ende we - niger niedergeht. Man hat ein Exempel am zweibaͤuchi - gen. Wir bedienen uns dieſes Muſkels gemeiniglich beim Herunterſchlingen dergeſtalt, daß er das Zungenbein, und den damit verbundnen Schlundkopf, gegen die angezogne Kinnbakken, wie gegen ein unbewegliches Ende, in die Hoͤhe zieht. Und dennoch koͤnnen wir, obwol mit Be - ſchwerlichkeit, einiger maßen hinabſchlingen, oder das Zungenbein und den Luftroͤhrenkopf in die Hoͤhe heben, daß zugleich der Mund offen ſtehen bleibe, oder auch um den Mund zugleich zu eroͤfnen. Jn dieſem Falle halten die Schlaͤfen - Kaͤu - und innere Fluͤgelmuſkeln den Kinn - bakken zwar aber doch dermaßen zuruͤkke, daß ſie nach Belieben der Seele etwas erſchlaffen, und man kann zu - gleich warnemen, wie die Kraͤfte, welche den Kinnbakken niederziehen, naͤmlich der Hautmuſkel des Halſes, und der erſte Kopf des Zweibaͤuchigen, in einer heftigen Ar - beit begriffen ſind. Folglich ſteigt der Kinnbakken allmaͤ - lich und mit Widerwillen herab, und zugleich ſteigt das Zungenbein, der Schlundkopf, der Luftroͤhrenkopf viel freier, weil er von andren Muſkeln, und durch ſich ſelbſt in die Hoͤhe gezogen wird, in die Hoͤhe. Unter dieſen Muſkeln befindet ſich auch der Zweibaͤuchige zweite, der in ſeiner Thaͤtigkeit den Kinnbakken allmaͤlich oͤffnet, und das Zungenbein viel beſſer in die Hoͤhe zieht. So naͤhert ſich in der Bewegung des Zwerchfelles, das Zwerchfell den Ribben, indeſſen daß ſich die Ribben gegen das Zwerchfell ziehen laſſen(o**)de reſpir. exp. 48. Der vortrefliche CAMPERUS I. pag. .

H 4Es120Thieriſche Beweg. XI. Buch. II. Abſchn.

Es gibt tauſend andre Arten, wie die Wirkung der Muſkeln von der veraͤnderten Feſtigkeit veraͤndert werden kann. So beugen die wurmfoͤrmige Muſkeln, wenn die Handbeuger ſtark wirken, ſelbſt das erſte Fingergelenke. Eben dieſe ſtrekken auch, wenn die Kraft der ausſtrekken - den Muſkeln zunimmt, das zweite und dritte Gelenk aus, und ſie koͤnnen, wenn ſie die Muſkeln zwiſchen den Knochen zu Huͤlfe nehmen, die Finger auf die Seite ziehen.

(o**)pag. 3. da die willkuͤrliche Muſkeln ohne Bewuſtſein der Seele bewegt worden. An einem gelaͤmten Fuſſe und den Zeen entſtand, ohne ſeinWiſſen eine Bewegung, die er erſt glaubte, als er die Zeen entbloͤſte; und ſo ward das Glied nach und nach geſund.

Dritter121

Dritter Abſchnitt. Die Urſachen von der Bewegung der Muſkeln.

§. 1. Die Urſachen von der elaſtiſchen und todten Zuſammenziehungskraft.

Hier ſehe ich mich wiederum, obſchon wider meinen Willen, in Hipoteſen verwikkelt, nicht, weil ich etwa eine eigne Mutmaſſung vorzutragen habe, ſondern weil ſich gemeiniglich die Schriftſteller von phiſiologiſchen Sachen, um den Quell der wunderbaren Kraͤfte, welche ein belebtes Fleiſch in Bewegung ſezzen, zu erklaͤren, mehr durch Speculationen, als durch Verſuche bemuͤhen. Und man mus ſie in der That anhoͤren, da auſſerdem unter ihnen eine Partei bluͤhet, deren Herrſchaft ſich weit uͤber die geſamte Arzneikunde erſtrekket. Wir muͤſſen aber unſern Vortrag ſo theilen, daß wir die Urſachen von allen Bewegungen erklaͤren, die von einer Muſkelfaſer verrichtet werden, hernach aber auch die Urſachen von der Erſchlaffung angeben, welche auf eine jede Bewegung folgt.

Wir uͤberlaſſen beide Kraͤfte, die elaſtiſche(a)pag. 440., und die todte den Naturkuͤndigern, indem ſolche eigentlich nicht der Muſkelfaſer, ſondern uͤberhaupt allen, ſowohl thieri - ſchen als vergetabiliſchen Faſern, gemein ſind. Vielleicht wuͤrden beide durch eine Anziehungskraft der Theile hin - laͤnglich erklaͤrt werden, vermoͤge der ſie ſich beſtaͤndig beſtreben, ſich einander naͤher zu beruͤren. Verlangt man eine Hipoteſe, ſo findet man ſolche beim Bellin,H 5und(b)pag. 443.122Thieriſche Bewegung. XI. Buch. und es laͤſſet dieſer rechtwinkliche Theilgen, wie Dachziegel, theils ſich einander beruͤren, theils aber vor einander vor - ragen. Dieſe beſtreben ſich, ihre Zwiſchenraͤume zu ver - engern, und ſie laſſen ſich nach einer langen Parallelrich - tung ausſtrekken, ohne zu befuͤrchten, daß ſie von einander weichen wuͤrden, wenn ſie nicht von aller Beruͤrung los - gemacht worden(c)Opuſc. prop. 52. f. 8. 9. 10. SANTOR. de fibris. .

§. 2. Urſache von der einer Muſkelfaſer anerſchaffnen Kraft.

Jch unterſuche hier weder die mechaniſche, noch uͤber - haupt die phiſiſche Urſache von dieſer Kraft, weil ich glau - be, daß eine thieriſche Faſer ihre beſondre eingepflanzte habe(d)prem. mem. p. 82. confer. p. 462. etc. PETRINI p. 294., von der man keine andre Urſache weiter ſehen muͤſſe, es mag nun ſelbige entweder einzig und allein ein ſtaͤrkrer Grad des todten Zuſammenziehens, oder eine an - dere Kraft ſein, um daraus zu ſchliſſen, daß die todte Kraft einer jeden thieriſchen und vegetabiliſchen Faſer, dieſe hin - gegen der Muſkelfaſer in einem lebendigen Koͤrper eigen ſei(e)pag. 455. BATTIE prin - cip. pag. 33. 34.. Geſezzt, ſie ſei groͤſſer, als in den uͤbrigen Faſern, ſo iſt ſie doch ein natuͤrliches Zuſammenziehen der Theile(f)PEMPERTON apud HARTLEY pag. 89. 90. ſeqq. MORGAN. prop. 12. pag. 148. CHEYNE fibra morb. pag. 5. KNIGTH. vindic. p. 53., und eine Verſchiebung eines Grundſtoffes unter den an - dern Grundſtoff(g)BOERHAAVE de vi - rib. medic. p. 143.. Jch bin wenigſtens nicht dawider. Ein beruͤmter Mann liefert auch ſo gar eine Hipoteſe dar - uͤber. Er zeigt, daß der Leim, welcher die Erdſtoffe der Theile verbindet, die Faſern ſtaͤrker nach der Runde binde, und daſelbſt haͤufiger anzutreffen ſei; daß er nicht ſo ſtark nach der Laͤnge binde, und wenn ſich alſo ein Muſkel zu -ſam -123III. Abſchnitt. Urſachen. ſammen zieht, ſo muͤſſe derſelbe kuͤrzer werden(h)KRAUSE in le CATT. pag. 48.. Nach meiner Einſicht, ſcheint das natuͤrliche Beruͤren, welches von dem Leime verrichtet wird, der ſich gleich zur Kuͤrze und runden Figur bequemt, am allereinfachſten zu ſein. Von dieſem Bande werden die beugſamen Erdtheilgen veranlaſſet, ſich einander naͤher zu beruͤren, doch ich ver - lange ſo wenig, fuͤr dieſe Meinung zu ſtreiten, als jeman - den zu beunruhigen, welcher anders denket.

Ob ich aber gleich geſtehen mus, daß ich fuͤr entfernte Urſachen wenig neugierig bin, ſo kann ich doch die Frage uͤberhaupt von der beſondren Stelle dieſer Gewalt, und von ihrer naͤchſten Urſache, nicht vorbei gehen.

Da dieſe Kraft beſtaͤndig, und zwar in nicht wenig Muſkeln wirkſam iſt(i)pag. 447., ſelbſt wenn kein bekannter Reiz zugegen iſt, ſo fraͤgt es ſich, wenn man den Reiz bei Seite ſezzt, woher ſie thaͤtig gemacht werde. Es ſcheinet aber in den Gegenmuſkeln(k)ibid. , die ſich mit ihrem Zuſammenzie - hen einander die Waage halten, im leeren Herzen(l)L. IV. pag. 490., das bisweilen auch ohne Blut wieder zu ſchlagen anfaͤngt, in dem aufgehaͤngten Fleiſche todter Thiere(m)L. IX. pag. 446., welches ſich ſelbſt uͤberlaſſen wird, in dem ruhigen Gedaͤrme ſterbender Thiere(n)Ibid. Ohne alle aͤuſſerliche Urſache. BIKKER p. 48., welches oft ſchnell eine heftige periſtaltiſche Schlaͤngelung bekoͤmmt, ganz und gar kein Reiz anzu - treffen zu ſein.

Jch verlange nicht, mich der Verſuche zu bedienen, wodurch ich dieſe, ohne allen Reiz hervorgebrachte Thaͤ - tigkeit verwerflich machen koͤnnte(n*)CALDANI Lettr. L. pag. 134 -- 137.. Jch geſtehe viel lieber, wie es mir vorkomme, daß den Muſkeln eine immerwaͤrende Kraft anerſchaffen ſei(n**)pag. 447., wodurch ſiege -124Thieriſche Bewegung. XI. Buch. gemeiniglich in den Zuſtand des Zuſammenziehens verſezzt werden(o)Ibid. , wiewol dieſelbe bisweilen waͤrender Er - ſchlaffung untaͤtig und ruhig wird, wie wir am Her - zen ein Exempel haben. Jch geſtehe es, daß ſie gemei - niglich von dem bekannten Reize(p)L. IV. p. 467. ſeqq. des Blutes, der Luft, des Saamens, der Galle, des Harns, Speiſe und Waſſers erwekkt werde, daß ſie aber auch von nicht genung bekannten Urſachen, und von einem vielleicht noch ſchwachen Reize(p*)Von einer inwendigen Be -wegung vermutet es HOUSSET pag. 410. ermuntert werden koͤnne, welcher wiederholt und gleichſam in gewiſſen Zeitpunkten geſam - melt werden mus, wenn er in eine Bewegung ausbrechen ſoll; oder daß ſolches von keinem Reize, ſondern von einer ihr eignen Urſache herruͤhre, welche ſich allmaͤlich anhaͤufen mus, um an Vermoͤgen groͤſſer zu werden, ſo wie, nach der Hipoteſe, die allergelindeſte Anziehungs - kraft der Grundtheile erſt in eine ſichtbare Bewegung ausbrechen kann, wenn ſie die anziehende Kraft, wie die Entfernungen verkehrt und vervielfaͤltigt verhaͤlt. Sol - chergeſtalt wird es geſchehen, daß ein unſichtbares Annaͤ - hern der Grundtheile ploͤzzlich in die Augen fallen mus, ſo bald ſelbige die benachbarte Anziehungskraͤfte, welche ſie verſtaͤrken, zu erreichen im Stande iſt.

§. 3. Der verſchiedne Sizz dieſer und der Nervenkraͤfte.

Um deſto leichter den Ausſpruch uͤber die Urſache der angebornen, oder der durch die Nerven hervorgebrachten Bewegung zu thun, ſo muͤſſen wir unterſuchen, ob bei - derlei Urſachen an einerlei Orte ihren Sizz haben.

Es iſt dieſer Ort inſofern einerlei, weil beide in der Muſkelfaſer angetroffen werden(q)p. 467.. Es giebt ferner keine Muſkelfaſer(r)p. 446. 447., in welcher nicht die angeborneKraft125III. Abſchnitt. Urſachen. Kraft auch alsdenn noch wonen ſollte, wenn die Nerven - kraft in Ruhe iſt. Doch iſt der Unterſcheid zwiſchen bei - den nicht nur wirklich, ſondern er hat auch in der That viel zu bedeuten.

Es wonet die angeborne Kraft im Herzen, im Ge - daͤrme, im Schlunde, Magen, in der Harnblaſe, in den waren Ausſtrekkern der maͤnnlichen oder weiblichen Ruthe, in den groſſen Schlag - und Blutadern, in den undeut - lichen Muſkeln der kleinſten Schliesmuſkeln, welche ſich um die Milchgefaͤſſe, und die wieder einſaugende Gefaͤſſe der Haut herumlegen.

Jn dieſen Muſkeln bleibt auch, ohne alle Nerven, und wenn ſelbige zerſtoͤrt, und die Muſkeln losgeriſſen worden(s)pag. 451. 452., dennoch eine Bewegung, und ein Trieb, dem Reize zu gehorchen, noch uͤbrig(t)Ibid. .

Wenn die Kraft dieſen Werkzeugen angeboren iſt, warum bekommen ſie Nerven? Wenn dieſe nicht den Befel der Seele ausrichten, was thun ſie denn anders? Sie theilen die Empfindung mit, denn dieſe iſt ohne Ner - ven unbegreiflich(u)L. X. pag 296. ſeqq. . Sie bringen auch vom Gehirne wirkſame Befele; keine Vorſchriften des Willens, ſondern Geſezze zu uns, die dem belebten Koͤrper vorgeſchrieben ſind, und welche wollen, daß bei gewiſſen Reizen gewiſſe Bewegungen entſtehen ſollen. Es empfangen die Strekk - muſkeln der maͤnnlichen Ruthe, naͤmlich die waren, von den Nerven diejenige Kraft, womit ſie die Ruthe aus - einander dehnen, und es haͤngt dieſe Kraft nicht vom Willen ab, da ſie von der Seele weder verurſacht noch zerſtoͤrt werden kann, ſondern es ruͤhret ſelbige vom Ge - hirn, bei luſtigen Bildern und wolluͤſtigen Vorſtellungen her. Sie ſezzen das Herz im Zorn in Feuer, und machen ein Herzklopfen, nicht, weil es der Wille ſo haben will,ſon -126Thieriſche Bewegung. XI. Buch. ſondern weil das Gehirn und die Seele Reize von feind - lichen Vorſtellungen empfindet, von denen ſie ſich auf das eilfertigſte befreien will.

Folglich ſind die Nerven Boten zwiſchen den Ge - ſchaͤften der Seele, und den Theilen des Koͤrpers, ob ſie gleich in dieſen Beiſpielen keine Befele des Willens uͤber - bringen.

Vielleicht tragen auch ſonſt noch auf andre Art die Nerven etwas zur Vermerung der Reizkraͤfte mit bei, indem es gewiß iſt, daß die mereſten Theile mit Schmerz reizbar werden(x)Die Bewegung des Lebens erſtrekkt ſich nicht weit ohne Bei - ſtand der Nerven. v. GEUNS pag. 26. 27. Etwas, aber nur wenig, tragen die Nerven zum Schlagen des Herzens mit bei. CALDAN pag. 471. Die thie - riſche und Lebensbewegung helfen einander. GAUBIUS patheol. pag. 75.. Man hat ohnlaͤngſt die Mutmaßung vorgetragen(y)ROGER p. 22 -- 25., daß Nerven nicht die Urheber, ſondern die Aufſeher der reizbaren Kraͤfte, oder wirkliche Antago - niſten ſind.

§. 4. Folglich wird die angeborne Kraft nicht vom Willen beherrſcht.

Wir muͤſſen hier mit Bedacht anhoͤren, was die vor - mals und noch jezzo maͤchtige Partei des gelerten Stahls, um die Urſache der angebornen Bewegung, welche in den Theilen beſtaͤndig wirkſam iſt, ihrer Seele zuzueignen, vorzutragen habe(z)Jch konnte hier eine Wie - derholung nicht vermeiden. Denn da ich vor ſechs Jahren in L. IV. de cordis motu handelte, war ich gezwungen, STAHLII Saͤzze zu beruͤren, und zwar pag. 481. ſeqq. Jch wuſte in der That nicht, ob ich bis zu dieſem Theile noch leben wuͤrde, und wollte doch nicht gern darinnen, was ich von dem Herzen zu ſagen hatte, Luͤkken laſſen.. Sie ſagen demnach, es koͤnne vom Koͤrper keine einzige Bewegung herruͤhren, und es muͤſſe alle Bewegung, die Schwere nicht einmal ausge -nom -127III. Abſchnitt. Urſachen. nommen(a)WHYTT phyſiol. Eſſ. p. 187. STAHL in σχι μαχια. und anderswo., von einem belebten Principio(b)KRUGER diæt. p. 523. c. 5. etc. CHEYNE English Malad. p. 68. ſqq. 94. etc. SAU - VAGES de inflamm. et ad fin. pathol. med. III. p. 190. CAR - RERE de federe etc. p. 56. herkom - men, denn es ſei dasjenige, was man Bewegung nenne, etwas immaterielles, es widerſtehe die Materie der Be - wegung(c)SAUVAGES Journal de Med. l. c. T. III. n. 2., und es ſei nur laͤcherlich zu ſagen, daß die Materie eine Bewegung hervorbringen koͤnne(d)SAUVAGES ibid. . Folg - lich muͤſſe auch alle Bewegung in unſerm Koͤrper von der Seele herruͤhren. Die Seele erzeuge im menſchlichen Koͤrper alle Bewegungen, ſie beherrſche ſelbige mit Klug - heit, um das gute Vernemen mit dem Koͤrper auf das allerlaͤngſte zu erhalten(e)STAHLIUS uͤberall. SAUVAGES phyſiolog. p. 145. PAPI critica ſacra p. 266.. Wenn ſich die Seele in der Mutter ihren Koͤrper erbaut(f)GALEN. de form. fet. PORTERFIELD of the Eyes T. II. TABOR p. 338. conf. PERRAULT du toucher pag. 105., ſo richte ſie alle ihre Gedanken dahin, daß ſie denſelben auf das beſte bedienen moͤge, und wenn der Koͤrper verwundet worden, ſo ſei ſie bemuͤht, die verlorne Theile wieder zu ergaͤnzen(g)STAHL de autocratia naturæ.

Man habe ſich wegen der willkuͤrlichen Muſkeln keine Bedenklichkeit zu machen(h)SAUVAGES Journal de Med. loc. cit. , und man muͤſſe auch derentwegen ohne Sorge ſein, welche ohne Einſtimmung des Willens, und ein Bewuſtſein zu wirken ſcheinen, der - gleichen das Schlagen des Herzens(i)LAWRENCE prælect. pag. 75. PAPI critica ſacra. KIRKPATRIK pag. 4., oder das Ge - ſchaͤfte des Gedaͤrmes oder der Abſonderungen iſt(k)LAWRENCE pag. 71..

Es waͤren anfaͤnglich alle Bewegungen, auch des Herzens, willkuͤrlich geweſen(l)RIDLEY of the brain pag. 163. PORTERFIELDEſſays und ſie waͤren noch fer - ner in einigen Thieren und Menſchen, davon ſie einenMann128Thieriſche Bewegung. XI. Buch. Mann vom Soldatenſtande zum Exempel anfuͤren, will - kuͤrlich. Es unterdruͤkke naͤmlich die Schnekke(m)LISTER. de conchyl. bivalv. exerc. II. p. 249. de bum. pag. 49. wie auch am girino. de hum. c. 2. p. 43. vor Furcht die Schlaͤge des Herzens, und es habe ein Ober - ſter Townſhend(n)bei dem CHEYNE Eng - liſch Malad. 307. PORTER - FIELD loc. cit. pag. 222. 224. of the Eye. T. II. p. 153. SAU -VAGES in Journal de Med. T. III. art. 2. phyſiolog. p. 142. vor ſeinem wirklichen Tode, nach Belieben die Herzſchlaͤge mindern und endlich gar auf he - ben, und nach Verlauf einer halben Stunde durch An - ſtrengung das Herz von neuem in Bewegung ſezzen koͤn - nen. Ein andrer, welcher waͤrend des Abſterbens er - muntert worden, habe kraft der ſtarken Gemuͤtsbewegung eine Stunde wieder gelebt, und ſobald das Gemuͤthe be - ruhigt worden, ſei derſelbe im Ernſte verſchieden(n*)ROBINSON oecon. prop. XXI. . Und man wiſſe von Leuten, welche nach Gefallen zu ſchwizzen, und ſich zu erbrechen verſtuͤnden.

Daß die mehreſten Menſchen die Herrſchaft des Wil - lens uͤber ihr Herz verloren, ruͤre von der Gewonheit her, welche uns die offenbar willkuͤrliche Bewegung des Regenbogens(o)PORTERFIELD on the Eye T. II. p. 153. WHYTT vit. mot. pag. 283., der Augenlieder(o*)WHYTT loc. cit. und andrer Theile raube, daß es ſchiene, als ob ſolche von ſelbſt entſtuͤnden; wenn der Gebrauch dieſer Theile oft wiederholt werde, ſo verliere ſich die Ueberlegung(p)RIDLEY. und das Bewuſtſein da - bei(p*)SAUVAGES phyſiol. pag. 142.. Es gibt auch Schriftſteller, welche zween Wil - len angeben, einen, den Willen des Lebens, der allezeit gut, und von der Vernunft geleitet werde, den andern, welcher boͤſe ſei, und vom Vernunftſchluſſe gefuͤrt werde(q)JUNKER p. 128. STAH - LIUS de differ. et ratiocin. , und dahin ziehen ſie den in der heil. Schrift gemel -deten(l)Eſſays of a Societ. at Edimburg. T. IV. p. 214. 215. 216. of the Eyes T. II. p. 31. 152. BOND. of the nightmare pag. 70.129III. Abſchnitt. Urſachen. deten Streit zwiſchen Geiſt und Fleiſch(r)SAUVAGES de imper. anim. p. 7., wie auch die Zufaͤlle der Waſſerſcheuen, welche wider ihren Willen Reize zu beiſen empfinden(s)SAUVAGES phyſiolog. pag. 153. Beiſpiele davon giebet CODRONCHUS p. 100. RID - LEY obſ. p. 110. SAVIARD. obſ. 99. art de faire les raports p. 221. RHOD. Cent. I. obſ. 46. Lond. Mag. 1735. p. 391..

Sie glauben auch, die Seele wuͤrde das Gedaͤrme und Herz nach Belieben bewegen, wofern ſie nur ſehen koͤnnte(t)Dav. HARTLEY p. 177. adde SAUVAGES de animæ imper. in cor. p. 6. 7.;

Man ſehe offenbar, was die Gemuͤtsbewegungen uͤber das Herz vor Gewalt haͤtten, da das Schrekken, und der Zorn, die Kraͤfte des Herzens(x)Conf. SAUVAGES de inflam. n. 283., und des ganzen Koͤr - pers, um dem Uebel auszuweichen, aufbiete. Die Furcht, bei Verzweiflung des Lebens, die Kraͤfte wieder zuruͤkk - bringe, und es waͤren dieſes keine blinde Bewegungen, ſondern ſie haͤtten ihre gewiſſe Abſicht, welche auf die Be - wegungen der Seele folgten(y)SAUVAGES pathol. me - theol. pag. 189..

Das Fieber, oder dieſer ſtaͤrker gewordne Lerm des Herzens(z)CAMPANELLA medi - cin. p. 603. SAUVAGES de la fievre, c. 5. GODART. de l’ame p. 69., ſei eine offenbare Gegenmine der Seele(z*)SIMSON muſc. mot. pag. 11. gegen die anruͤkkenden Uebel. Es laſſe ſich keine Maſchine erdenken(a)SAUVAGES de imper. anim. pag. 10. 11. ſeqq. , welche ſich gegen einen vergroͤſſerten Wider - ſtand mit vergroͤſſerten Kraͤften zur Gegenwehr ſtelle, und es ſchienen nur die Kraͤfte, ob ſie gleich noch eben dieſel - ben waͤren, dennoch nach dem Vorwurfe der Schwierig - keit kleiner zu ſein(b)Von Bewegungen, die von geſtochenen Nerven herruͤhren, KRAZENSTEIN diabet. n. 39., weil nunmehr der groͤßte Theilder -H. Phiſiol. 5. B. J(u)SAUVAGES de imper. anim. p. 8.130Thieriſche Bewegung. XI. Buch. derſelben von dem Widerſtande vernichtet wird, und der kleinere Theil nur noch thaͤtig uͤbrig bleibt, dahingegen ſehe man deutlich, wie ſich die Kraͤfte im Herzen gegen die Hinderniſſe, und im lebendigen Hunde gegen die Un - terbindung empoͤren. Die Seele bediene ſich aber, um die Gefaͤſſe zu regieren, des Faſergewebes, welches dieſe Gefaͤſſe umgebe(d)STAHL de obſtructione vaſor. ſanguin. de motu tonico etc. .

Man ſehe die weiſen Abſichten der ſorgenden Seele(e)STAHL aller Orten. NICHOLLS. LAWRENCE hydrops pag. 16. SAUVAGES pathol. method. Edit. m. p. 43. an dem Wechſel der Krankheiten, wenn ſich dieſe ſelbſt entſcheiden, an den Abſonderungen, wenn ſich dieſe zum Behufe des Koͤrpers mehren, und am Schlafe(f)STAHL Theor. med. p. 437. NENTER phyſiol. c. 10. pag. 316. JUNKER. SAU - VAGES de ſomno. MOR - GAN. princip. pag. 345. NI - CHOLLS anim. med. p. 26., denn dieſer ſei eine willkuͤrliche Ruhe, welche die Seele ihrem Koͤrper zugeſtuͤnde, damit er nicht von beſtaͤndiger Arbeit zu fruͤhzeitig erſchoͤpft werde. Jm Schlagfluſſe werden die Willenskraͤfte fuͤr die Lebenskraͤfte als ein Huͤlfs - corps aufbehalten(g)SAUVAGES de hemi - pleg. , und die Seele nehme im Fieber, von dieſen Willenskraͤften etwas weg, um damit die Kraͤfte des Herzens zu verſtaͤrken.

Es waͤren die Nerven, um ein jedes Widrige aus - zutreiben, offenbar, wie im Nieſen(i)SAUVAGES action des medic. pag. 16., bei den ſcharfen Objecten in der Naſe, bei dem Weinen, um die rauhen Dinge, die das Auge beruͤhren, abzuwaſchen, in der Er - weiterung des Regenbogens, um von der verengerten Pu - pill einen Theil des zu haͤufigen Lichtes abzuwenden, und beim Krazzen, um das Jukken zu ſtillen(i*)TABOR pag. 239., wirkſam. Dieſen fuͤgen ſie noch die ſimpathetiſche Bewegungen,und(c)SAUVAGES de inflam. pag. 227.(h)SAUVAGES de la fie - vre n. 128.131III. Abſchnitt. Urſachen. und andre von einer widrigen Jdee herruͤhrende Begier - den, zu den Auswuͤrfen(k)STAHL autocratia natu - germ. 296. ALBERTI von der S〈…〉〈…〉 pag. 167. wie das Er - brech〈…〉〈…〉 Stulgehen von unan - geneht〈…〉〈…〉 Jdeen. WHYTT mot. pag. 253. bei.

Es ſei das Bewuſtſein der in dieſen Bewegungen wirkſamen Seele, gar nicht bei der Thaͤtigkeit des Her - zens(l)Nach einer Vermutung vom Herzen. BORELLUS prop. 80. SAUVAGES Journal de medic. l. c. PORTERFIELD act. Edimb. loc. cit. p. 216. 217. RIDLEY p. 163. WHYTT p. 302. etc. zugegen, ſo wie es bei andern(m)CRUSIUS Naturlehre, pag. 1089. WHYTT vital mot. p. 300. STAHL diff. rat. et ra - tiocin. wie bei dem Atemholen. NICOLAI Einbildungskraft, pag. 73. recht willkuͤrli - chen Bewegungen vermiſſt werde, ſo bald ſelbige uns ſehr gewoͤnlich geworden, indem man, wenn man Sachen uͤberlege, gehen, eſſen und verſchiedenes verrichten koͤnne, ohne ſich deſſelben bewuſt zu ſein, und dahin rechnen ſie auch die Bewegungen des Regenbogens und das Anſtren - gen der Gehoͤrmuſkeln, welches man ohne Bewuſtſein ver - richte. Wir waͤren uns oͤfters des Wollens uͤberhaupt, doch nicht des einzelnen Muſkels bewuſt, welcher ſich dem - ohngeachtet doch bewege(n)PORTERFIELD of the Eye T. II. p. 138.. Man verrichte offenbar willkuͤrliche Bewegungen(o)SAUVAGES Journal de med. loc. cit. adde HART - LEY pag. 108., als mit den Fingern in der Muſik, wobei doch das Bewuſtſein des Willens ſehr dun - kel ſei, und es wuͤrden die Saiten nicht gut klingen, wo - fern die Seele nicht ſo lange vergeſſe, daß ſie Finger habe (p). Sie vergeſſe, daß ſie aritmetiſche Aufgaben vor ſich habe, und zaͤle dennoch die Schwingungen im Ohre(q)Ibid. .

Die Seele regiert, ſagen ſie, auch ihr Eingeweide, durch den bloſſen Verſtand, ohne alle Ueberlegung und Vernunftſchluͤſſe(r)SAUVAGES de imper. anim. n. 11., hingegen ſtelle ſie ſich blos die auſ -J 2ſer132Thieriſche Bewegung. XI. Buch. ſer ihr befindlichen Objecte, mit Ueberlegung, oder mit Bewuſtſein des Empfindens und Handelns vor(s)STAHL Theor. p. 266. JUNKER Conſpect. p. 126..

Man habe Exempel, da die Bewegungen, die im Menſchen willkuͤrlich waͤren, ſchon durch bloſſe Entwoͤ - nung aufhoͤren, vom Willen beherrſcht zu werden(t)WHYTT vit. mot. p. 25. 321., und in andern Beiſpielen wuͤrden diejenige Bewegungen, welche notwendig waͤren, nunmehr willkuͤrlich(u)HARTLEY pag. 104., ſo wie im Gegentheil bei verſtaͤrktem Reize alle willkuͤrliche Muſ - keln unwillkuͤrlich werden koͤnnten(u*)Id. pag. 283.. Es haͤtten Weibsperſonen, blos kraft ihres heftigen Willens, hiſteri - ſche Kraͤmfe hervorbringen koͤnnen(u**)ROBINSON on the ſpleen p. 222., ſo wie nicht ſelten einige das verſtellte ſchwere Gebrechen in ihrer Ge - walt haben. Folglich waͤren die willkuͤrliche Bewegungen von den freiwilligen nicht unterſchieden.

Einige geſtehen lieber, die Seele regiere die gedachte Bewegungen, durch verworrne Gedanken(u†)PERRAULT du tou - cher p. 102. 103. et p. 547. 548. SAUVAGES anim. imp. p. 14. STRUVE anthrop. ſubtil. p. 75. WHYTT p. 322. CARREREpag. 61. 64. der dieſe von dunklen Jdeen entſtandne Bewegungen von den Erfolgen eines deutlichen Wil - lens unterſcheidet..

Aus dieſem allen und dergleichen ſchliſſen die beruͤmte Maͤnner, daß dasjenige, was man Reizbarkeit nenne, eine Anſtrengung der Seele ſei, welche die Reize nicht ver - tragen wolle(x)WHYTT vital mot. p. 241. 255. 265. etc. , und daß ſie die Faſern, um die Urſache der unangenehmen Empfindung zu entfernen(y)WHYTT p. 288. POR - TERFIELD pag. 139., verkuͤrze; es ſei dieſes Anſtrengen bei dunkeln Empfindungen gerin - ger(z)Des Lichtes in den Regen - bogen, des Biutes aufs Herz, WHYTT pag. 295. 322. So erklaͤrt es gemeiniglich vormals PERRAULT tr. des ſens ex - ter. p. 38., oder auch wohl offenbar ſchmerzhaft, wofern dieUr -133III. Abſchnitt. Urſachen. Urſache dazu gefaͤrlicher ſei. Daher entſtehe ohne Em - pfindung keine Bewegung(a)pag. 456. NICOLAI Einbildungskraft n. 13., und uͤberhaupt ohne die Seele ganz und gar keine Bewegung(b)pag. 517.; hingegen kommen diejenigen Zuſammenziehungen von der Seele her, welche nicht blos im gereizten Muſkel, ſondern auch weit und breit in den uͤbrigen(c)WHYTT pag. 249. auch durchs Gehirn, und Seele, wie in dem Erbrechen, Eſſays p. 178., auch ſchon von dem bloſſen Erinnern der verhaſten Sache, hervorgebracht werden(d)pag. 253..

Doch es weichen die beruͤmte Maͤnner in dem Stuͤkke von einander ab, daß Robert Whytt der Seele blos ein notwendiges(e)HARTLEY prop. 21. CARRERE loc. cit. , unwiderſtehliches(f)WHYTT vital mot. p. 306. 307., und nicht durch Klugheit(g)Er lachet NICHOLL - SIUM aus, und glaubt nich[t,]daß die Seele ihren Koͤrper〈…〉〈…〉 WHYTT vit. mot. pag. [267.]279. 285. vorhergeſehenes Zuſammenziehen der Faſer zuſchreibt, wodurch ſie vermocht wurde, den Reiz von ſich zu entfernen; hingegen glaubt Stahl und vor kurzem der vortrefliche de Sauvages, nebſt vielen an - dern, die Seele regiere die Bewegungen ihres Koͤrpers zu kuͤnftigen und vorhergeſehenen Endzwekken, und zwar mit der ihr weſentlichen Freiheit. Doch es misfaͤllt auch dem beruͤmten Wilhelm Porterfield(h)on the Eye T. II. p. 1. 〈…〉〈…〉2., daß Whytt der Seele den Willkuͤr bei ihren Reizen abgeſprochen. Jndeſſen folgen doch die meiſten unter den neuern, als Halbſtahlianer, dem Whytt darinnen nach, daß die Urſache, welche die Bewegungen erwekkt, im Reize, und die wirkſame Urſache der Bewegung, in der Seele zu ſuchen ſei.

J 3§. 5.134Thieriſche Bewegung. XI. Buch.

§. 5. Schriftſteller, welche fuͤr die Seele eingenommen ſind.

Es gibt viele Liebhaber dieſer Partei aus den vorigen und den neuern Zeiten, welche ſowohl des Hippokratis kluge und heilende Natur hieher ziehen, als auch den Galen(i)de form. fetus. offenbar auf ihrer Seite haben.

Aus dem ſiebenzehnten Jarhunderte, worinnen die mechaniſche Erklaͤrungsart in der Medicin aufkam, zeigt ſich Johann Swammerdam(k)Bibl. pag. 844., J. Alphonſus Bo - rellus(l)de motu anim. L. II. prop. 80, und Klaudius Perrault(m)du toucher p. 547. 548. du mouvements des yeux p. 587 588. du bruit p. 277. etc. als ein Freund von dieſer Hipoteſe.

Aus der naͤchſtfolgenden Zeit(n)Der beruͤmte PERRAULT ſchrieb im Jar 1680. hingegen STAHL im Jar 1685 de motu tonico pag. 37. nenne ich den Georg Ernſt Stahl(o)Allenthalben, et de motu tonico et vitali theor. medica p. 260. 567. etc. , dieſen ſcharfſinnigen Metaphiſiker, der dieſe Sache vor allen andern, die vor ihm gelebt, aus - geſchmuͤkkt, ob ſie gleich durch ganz Deutſchland vom J. Daniel Gohl(p)Vom an Vorurtheilen kran - ken Verſtande, und in den Actis Berolinenſibus etc. , Andreas Ottomar Goͤlike, G. Da - niel Coſchwitz, J. Samuel Karl, George Philipp Nenter, Johann Junker verbreitet worden, wie auch den Michael Alberti, Daniel Longolius, ſo wie auch Auguſtin Friederich Walther, dieſer Meinung beige - pflichtet, ferner den ber. G. G. Krazenſtein(r)Diabet n. 39., Jo - hann Gottlob Kruͤger, H. Friedr. Delius, ohne an die uͤbrigen zu gedenken. Dahin gehoͤrt auch E. Kamera - rius(s)de medio motus animalis. .

Jn
(q)de fibra motrica n. 14.
(q)135III. Abſchnitt. Urſachen.

Jn Grosbritannien war Georg Cheyne(t)in exerc. Med. der erſte, wie auch Johann Tabor(t*)Engliſch Malady pag. 68. Sanit. infirm. p. 190., ferner Thomas Mor - gan(t**)Ein gottloſer Mann, wor - aus zu ſehen, daß die Religion nicht allein das Seelenſiſtem an die Hand giebt., Richard Mead, Franz Nicholls(u)Anima medica. , Thomas Lawrence(x)loc. cit. , und unter den neuern iſt Ro - bert Whytt, ein beherzter Vertheidiger dieſer Meinung, wie auch der beruͤmte Kirkpatrik(y)Analyſis p. 4., und Bryan Ro - binſon(z)of food and diſcharg p. 81. Er ſchreibt die Ausfuͤrungen auf Rechnungen der klugen Seele..

Als Stahl auf der hohen Schule zu Montpellier an dem Franz de Sauvages einen Anhaͤnger fand, ſo breitete ſich ſeine Meinung weiter aus.

Sie fand auf den hollaͤndiſchen Schulen, wegen des Anſehens des Boerhaavens(a)Ausgenommen den HART - SOEKER, welcher glaubte, die Seele bewege das Herz. Sur les paſſions. , und auf den italieniſchen(b)PAPI pag. 266. criticæ ſacræ. wenig Beifall.

Es koͤmmt dieſer Meinung der Vortrag derjenigen Maͤnner ziemlich nahe, welche uͤber dieſe Lebensbewegungen zwar nicht eine unſterbliche Seele, ſondern einen andern Geiſt, eine empfindende Seele(c)AMOS. COMENIUS. GASSENDUS. HAMMOND. WILLIS. A. Q. RIVINUS. A. RIDIGER. Q. BIUMI. Canalett. c. XL. clariſſ Nic. le CATT. THADDÆUS. BAYER etc. Der Lebensgeiſt empfindet Jdeen, ſezzt zuſammen, erfaͤrt die Leidenſchaften und bringt im menſchlichen Koͤrper alle Bewegungen hervor. RI - VIN de ſpir. vit. oder ein empfindendes Weſen, oder den Archaͤus(c*)Joh. Baptiſtæ v. HEL - MONT. , oder einen Regierer des Nervenſiſtems(d)WEPFERI. , zum Vorſteher ſezzen, und dieſes Mittelweſen faſt mit der Seele einſtimmig wirken laſſen.

J 4§. 6.136Thieriſche Bewegung. XI. Buch.

§. 6. Man beantwortet die Gruͤnde der Gegner.

Jch glaube, daß es mir bei der Nachwelt zu keiner Schande gereichen werde, wenn ich der Meinung des Boerhaavens und Werlhofs beitrete, beſonders da ich mich, bei meiner allen Hipoteſen ſo zuwider lebenden Gemuͤtsart, nicht uͤberreden kann, daß meine Gedanken die rechten ſind, und daß das Warheit ſei, was mich meine Sinnen in einem ſo langwierigen Geſchaͤfte ge - lehrt haben(e)GALEN. mot. muſc. L. II. c. 6..

Jch gebe gerne zu, daß die ber. Maͤnner darinnen recht haben, wenn ſie zur Entſchuldigung ihrer Sache be - haupten, daß mit den willkuͤrlichen Handlungen nicht allemal ein Bewuſtſein verknuͤpft ſei(f)Den Schlus vom Mangel des Bewuſtſeins gebrauchte Gui - lielmus BATTIE princ. anim. pag. 119. etc. und noch vor ihm der ſehr beruͤmte Joſephus PIT -TON (gemeiniglich von TOUR - NEFORT genannt) in der Jn - augural - Theſis, anno 1695 her - ausgegeben: non eſt anima cor - poris facultatum principium, und in der andern: Ergo ex ſanguinis circuitu morbi. . Es hat die Seele, als ein endliches Weſen gemeiniglich ein beſonde - res Object vor Augen, mit welchem ſie ſich beſchaͤftigt. Jndem ſie ſich nun demſelbigen ganz und gar uͤberlaͤſt, ſo vergiſt ſie indeſſen diejenigen Dinge, die ſie wirklich empfin - det, und deren ſie ſich wirklich bewuſt iſt, ſehr leichtlich, und ſie glaubt ſelbige nicht empfunden zu haben, um ſo mehr, je ſchwaͤcher deren Eindrukk auf unſre Sinnen iſt. Wenn ich mich ſelbſt betrachte, ſo erinnere ich mich oft, bei keiner einzigen Lage des Koͤrpers, ohne allen Schmerz geweſen zu ſein, und dieſes iſt auch die Urſache, warum wir auch in dem weichſten Bette einmal nach dem andern die Lage des Koͤrpers veraͤndern. Doch ich beſinne mich nicht, eben dieſe Schmerzen, welche ich, wenn ich auf auf mich Acht gab, nur gar zu ſehr empfand, empfundenzu137III. Abſchnitt. Urſachen. zu haben, ſo lange ich eben dieſe meine phiſiologiſche Ent - wuͤrfe mit Bedachtſamkeit ſchrieb. Es iſt auch gewis, daß ich, wenn ich gehe, zwar meines Willens bewuſt bin, allein ich weis durchaus nicht, was ich in dieſer Abſicht vor Bewegungen machen, und mit welchen Muſkeln ich den Koͤrper fortruͤkken mus. Doch ich leugne deswegen nicht gaͤnzlich, daß das Herz den Reiz empfinden, oder empfunden haben koͤnne, ob ihn gleich die lange Gewon - heit ziemlich vertilget hatte.

Doch es ſind noch andre Gruͤnde vorhanden, warum ich mit dieſen beruͤmten Maͤnnern nicht einerlei Meinung hegen kann. Sie ſagen, es werden alle Muſkeln durch - gaͤngig von dem Willen beherrſcht, wiewohl einige kein Bewuſtſein des Wollens andeuten. Doch es haben die beruͤmte Maͤnner bisher, indem ich die mereſten Schriften uͤber dieſe Materie geleſen habe, nichts vorgetragen, wo - durch ſie erklaͤrt haͤtten, wie einerlei Bewegung willkuͤrlich ſein koͤnne, ohne doch dem Willen der Seele zu gehorchen, oder vom Willen erwekkt, und von ſelbigem gehemmt zu werden: Sie ſcheinen hier, ſo viel ich einſehe, Redensarten zu gebrauchen, welche ihnen ſelbſt zuwider laufen, und ſie nennen einen unwillkuͤrlichen Willen.

Es iſt das Schlagen des Herzens zur Erhaltung des Lebens notwendig, und ſo auch das Atemholen, denn ob das letztere gleich etwas langſamer geſchicht, ſo kann den - noch ein Menſch eine Zeitlang und die Thiere noch laͤnger ſowohl das Atemholen als das Schlagen des Herzens ver - miſſen.

Nun erfaren wir, was zwiſchen der willkuͤrlichen und der notwendigen Bewegung vor ein Unterſchied ſei. Es gehorcht das Atemholen, welches zur Erhaltung des Lebens erfordert wird, dennoch dem Willen(g)L. VIII. pag. 262.. Wir koͤnnenJ 5ſelbi -138Thieriſche Bewegung. XI. Buch. ſelbiges ſtaͤrker machen, anhalten und hemmen und uns ſelbſt durch dieſen Kunſtgriff ſo gar das Leben nehmen(h)pag. 252. GALEN. de mot. muſc. L. II. c. 6.. Wenn dieſes nicht ſo leicht und gemein iſt, ſeinem verdruͤs - lichen Leben auf ſolche Weiſe ein Ende zu machen, ſo macht die Aengſtlichkeit dieſes Verbrechen ſeltner(i)CIGNA diſſ. n. 3., weil uns ſolche bei Verhaltung des Atems uͤberfaͤllt, und un - ſern Willen noͤtigt, der gegenwaͤrtigen Beſchwerlichkeit, die uns unertraͤglich faͤllt, abzuhelfen. Wer dieſe Be - ſchwerlichkeit nicht achten wollte, iſt von ſeinem Atem Herr, ſo wie von ſeinem Leben; es iſt aber moͤglich, und es haben es einige wirklich gethan.

Folglich holen alle Sterbliche und alle Thiere, kraft ihres Willens, Atem; und es benimmt hier die Gewon - heit, oder die Notwendigkeit, der Gewalt nichts, und man kann hier keine unſichtbare Bauart des Zwerchfelles mit ins Spiel bringen.

Wir koͤnnen alle, und wir koͤnnen jederzeit die Werk - zeuge des Atemholens nach unſerm Belieben regieren.

Wir ſehen das Herz, deſſen Geſchaͤfte mit der Lunge ſo nahe verknuͤpft iſt, nicht, ob wir gleich das Schlagen deſſelben fuͤlen. Kein einziger Menſch hat jemals durch ſeine Anſtrengung das Schlagen deſſelben hemmen, oder, wenn es matt geklopft, verſtaͤrken koͤnnen. Es traͤgt hierzu nichts bei, daß wir das Herz nicht ſehen, indem wir weder das maͤnnliche Glied nach Willkuͤr regieren, noch diejeni - gen Perſonen, denen das Gedaͤrme aus einer Wunde, oder dem verkerten Maſtdarm, vorgefallen, dieſes Gedaͤrme kraft ihres Willens verengern, oder erweitern koͤnnen, und ich habe ſelbſt geſehen, daß an einer Frauensperſon we - nigſtens zwo Ellen Gedaͤrme durch den Hintern vorgeſun -ken(k)L. IV. pag. 480. ſeqq. vide clar. GAUBIUM in der akade - miſchen Rede anni 1747. SCHREI - BER almag. pag. 104.139III. Abſchnitt. Urſachen. ken waren, welche dieſe elende Perſon leichtlich mit der Hand angreifen konnte. Sie gehorchten dem Reize, ſie ſchwizzten beim Beruͤhren eines ſcharfen Koͤrpers ein Waͤſ - ſergen aus, und runzelten ſich; ſie wurden aber auf den Befel der Seele, ob dieſe gleich die Probe machte, weder enger, noch weiter. Es hat der ber. Wundarzt D. Tenon in einem aͤnlichen Exempel gleichfalls geſehen, daß der Wille, uͤber ein im Bruche vorgefallnes Gedaͤrme, nicht die geringſte Gewalt hatte.

Folglich werden unſre beruͤmte Gegner von der Staͤrke der Warheit dergeſtalt in die Enge getrieben, daß ſie uͤber - haupt einen Theil derſelben zugeſtehen(l)SAUVAGES in Journ. de med. T. III. p. 2. LAWREN - CE mot. muſc. p. 80. Es koͤmmt nicht von der Seele her, daß ſelbige vernuͤnftig iſt. GODART p. 67. Das Schlagen des Herzens koͤmmt nicht vom Leben, ſondern von der Reizbarkeit her. CARRERE pag. 14. naͤmlich, daß unſer Herz, nicht eben ſo, als ein andrer willkuͤrlicher Muſkel vom Willen regiert werde; oder wenn ſie ja be - haupten, daß es von ſelbigen regiert werde, ſo lehren ſie, daß es durch Umſchweife und durch das Atemholen, und durch Urſachen, die von der Seele abhingen, die ich aber nicht unterſuchen will, regiert werde(m)SAUVAGES de anim. imp. in cor. pag. 8. Conf. clar. CRANZ in ſolut. diffic. . Was die Geſchichte des Townſchend betrift, ſo erklaͤre ich ſelbige durch das Liegen, in welchem das Blut uͤberhaupt langſamer zu dem Herzen geht, und daſſelbe folglich ſchwaͤcher reizet(n)Eſſays of a Societ. phyſ. et litter. Edimburg T. I. p. 4. 39.. Daß in der Schnekke das Herz, nach veraͤndertem Atemholen, und wenn keine Luft zu - gelaſſen wird, wieder ruhig werde, geſteht Liſter(o)de Humor pag. 112., der dieſe Erſcheinung auf die Bahn bringt. Doch auch dieſes kann ein Menſch eben ſo wohl thun.

§. 7.140Thieriſche Bewegung. XI. Buch.

§. 7. Andre Einwuͤrfe.

Doch es veraͤndert ſich, ſo ſagen beruͤmte Maͤnner(p)SAUVAGES loc. cit. , das Schlagen des Herzens, nach den Gemuͤtsbewegun - gen der Seele; nun hat die Seele uͤber die Gemuͤtsbewe - gungen, und folglich auch uͤber das Herz, Gewalt.

Hiervon iſt ein Theil wahr, und ein Theil falſch. Es iſt gewis, daß das Schlagen des Herzens von ſcharfem Weingeiſte, von Gift, und von der Jdee eines mir ge - genwaͤrtigen Misvergnuͤgens, ſehr heftig werde. Doch es iſt darum nicht wahr, daß dieſe Veraͤnderungen will - kuͤrlich ſind, oder daß das Herz im Zorne, auf Befel der Seele ſchlagen ſoll.

Es haͤngt gar nicht von dem Willen ab, unberauſcht zu bleiben, wenn man zu viel Wein getrunken; es haͤngt vom Willen nicht ab, in einer geruhigen Gemuͤtsfaſſung zu verharren, wenn wir Dinge, die unſrer Ehre zuwider ſind, fuͤr ein Uebel anſehen, welches wir unverdienter Weiſe leiden.

Es ſtand in unſerm Belieben, keinen Wein zu trinken, und dasjenige fuͤr kein groſſes Uebel zu halten, was man wider unſre Ehre vornahm, und wir koͤnnten dieſes Uebel dadurch niederſchlagen, daß wir es mit demjenigen Uebel vergleichen, welches die Erfahrung, oder die Religion, als eine Folge des Zorns angiebt.

Wenn die Nerven einmal, entweder von den Wein - duͤnſten, oder von der Empfindung eines erlittnen Un - rechts, in Bewegung geſezzt worden, ſo hat die Seele keine freie Gewalt mehr, dem Herzen das ſchnelle Schla - gen zu verbieten, dergleichen ein geſunder und ruhiger Menſch hat. Wir koͤnnen freylich verhindern, daß in uns keine Leidenſchaften entſtehen, allein, ſind ſie ſchonent -141III. Abſchnitt. Urſachen. entſtanden, ſo koͤnnen wir die damit verbundne Erſchei - nungen im Koͤrper nicht verwehren.

Was ſich im Zorne eraͤugnet, das geſchicht im Herzen, in der Leber, an der Galle, im Antlizze, und dem ganzen Koͤrper, ohne unſer Bedacht, ohne alle Abſicht, und auf eine tumultuariſche Weiſe, eben ſo wie von uͤbermaͤßigem Weintrinken nicht vernuͤnftige Folgen, ſondern der Ver - nunft widrige Dinge erwartet werden muͤſſen(q)III. WERLHOF obſ. de febrib. pag 307.. Doch es klopft auch alsdenn das Herz, wenn es von zu heftigen Gemuͤtsbewegungen heftiger ſchlaͤgt, wider unſern Willen; und wir koͤnnen es nicht durch unſern Willen dazu vermoͤ - gen, daß es ſtaͤrker ſchlagen mus, ſo wie alles, was im Zorne vorgeht, groͤſtenteils wider unſern Willen, und ſo gar mit unſerm hoͤchſten Mißfallen geſchicht.

Man ſiehet, daß ein Menſch das Gift des Weines nach Belieben in ſich trinkt, daß eben dieſer Wille das ihm ſo widrige Gift zu ſich nimmt; allein was vom Weine und von dieſer Jdee in dem veraͤnderten Herzen vorgeht, geſchicht alles wider ſeinen Willen.

Doch es hat der bloſſe Wille ſo wenig, als die Nerven ſelbſt, uͤber das Herz zu befelen, indem durch die Nerven allein die Befele der Seele nach allen Muſkeln verſendet werden. Wenn dieſe gereizt werden(r)Lib. IV. pag. 383. Second. mem pag. 390. CALDANI Lett II. p. 470. FONTANA p. 213. 230. ROGER p 23. 24., ſo wird das Herz nicht zu ſchlagen veranlaſt, und wenn dieſe gebunden werden(s)CALDANI pag. 149. L. IV. pag. 463., ſo wird es nicht im Schlagen gehemmt.

Nun iſt die Kraft, welche die Nerven reizt, viel ſtaͤr - ker, als alle Kraft des Willens(t)WHYTT vital. mot. p. 21. 23. L. IV. pag. 461. 462., indem ſie einen Muſ - kel, aus der Klaſſe der Willkuͤrlichen, wider unſern beſten Willen zwingt, daß er ſich zuſammenziehen mus(u)SPENGLER epiſt. pag. 53.. Undden -142Thieriſche Bewegung. XI. Buch. dennoch aͤndert dieſe Kraft, die ſich im Nerven des Her - zens aͤuſſert, nicht das mindeſte an dem Herzſchlage.

Es gelangt aber blos durch die Nerven, was auch andre beruͤmte Maͤnner dagegen einwenden, oder mehr vermuten, als deutlich ſagen(x)SAUVAGES de imperio etc. pag. 18. ohne einen Weg an -zugeben, auf welchem die Seele, auſſer den Nerven wirken koͤnnte., der Befel der Seele zu den bewegenden Theilen(y)pag. 467. 468..

Folglich ſteht auch aus dieſem Grunde das Herz un - ter einer andern Herrſchaft, als ein willkuͤrlicher Muſkel, indem weder der Wille, noch die Nerven einige Gewalt uͤber daſſelbe haben.

Wir haben vom Herzen gewiſſe Verſuche, doch es er - regen auch die Nerven des Gekroͤſes, wenn man ſie reizt, an dem Gedaͤrme eines lebendigen Thieres kein Zuſam - menziehen, und wir haben von der Harnblaſe, oder den Magen keinen Verſuch, woraus man ſehen koͤnnte, daß ſie ſich, nachdem man die Nerven gereizt, ausgeleeret haͤtten.

§. 8. Es laſſen ſich die Klaſſen derer dem Willen un - terworfenen, und nicht unterworfenen Bewegungen beſtimmen.

Man hat wider alle Warheit vorgegeben, daß ſich die Klaſſen der willkuͤrlichen Bewegungen und der Bewe - gungen des Lebens, von der Gewonheit in Unordnung bringen laſſen. Es ſind diejenigen Bewegungen, welche in einem erwachſnen Menſchen dem Willen unterwor - fen ſind, allezeit im Kinde und Knaben ſolches geweſen. Die Seele des Kindes bedienet ſich einiger Schliesmuſ - keln nicht, und ſie hatte auch nicht Luſt, ſolches zu thun. So -143III. Abſchnitt. Urſachen. Sobald ſie daruͤber getadelt und geſtraft wurde, wollte ſie lieber den Urin an ſich halten, und ſie wuſte ſich ihrer Muſkeln zu bedienen. Folglich war das Weſen der Schliesmuſkeln(y*)LANGRISCH mot. muſc. n. 12. 13. geſchikkt, daß ſie dem Willen gehor - chen konnten. Wir lernen reden(z)Jch wundere mich, daß dieſes Exempel hier angefuͤrt wird, vom David HARTLEY p. 106. daß ſie allmaͤlich den Gebrauch der Muſ - keln erlerne, und daß Kinder nicht hoͤren koͤnnen, weil ſie die ſchoͤnſte Muſik nicht lieben, ſchreibt CAR - DANUS in Tract. de ſubtilitate pag. 490. et HAMBERGERUSphyſiol. pag. 573. welcher aber nie geſehen haben mus, daß Kinder durch Singen eingewiegt werden., da doch dieſe ganze Sache eine Sache der Kunſt iſt, und auf eine Verabre - dung mit andern Menſchen ankoͤmmt.

Es ſtekkt aber in dieſer Sache etwas bewundernswuͤr - diges, welches wir an einem andern Orte weitlaͤuftiger erwaͤgen wollen. Wir erlangen den Gebrauch der will - kuͤrlichen Muſkeln ſo wenig durch die Gewonheit, daß ſo - wohl der Menſch, als das Thier, ſobald ſie an des Ta - ges Licht kommen, diejenige Muſkeln, die bei ihnen voll - kommen ſind, ohne eines andern Anweiſung, und ohne Verſuche zu gebrauchen wiſſen(a)Add. n. 30..

Es thut uns nichts, daß man ein verſtelltes ſchwere Gebrechen aufzuzeigen hat(b)Eben dieſes erinnert der be - ruͤmte de LIGNAC lettre d’un Americain. T. VIII. pag. 153. und von der Fliege, die aus dem acarus wird SWAMMERDAM p. 716.. Denn hier werden blos die Muſkeln in Bewegung gebracht, welche dem Willen ohnedem unterworfen ſind.

Es entzieht ſich ferner ein willkuͤrlicher Muſkel, ſo lange man lebt, niemals dem Befele des Willens(c)REAUMUR des inſect. T. V. Mem. XI. . Man fuͤhrt deswegen die Augenlieder nur vergebens an, indem ſel - bige jederzeit dem Willen unterworfen, und auch niemals demſelben ungehorſam ſind. Wir nikken damit tauſend und hundert tauſend mal, ohne daß die Seele eine beſon - dere Jdee dazu bekaͤme. Allein wir koͤnnen doch, wennes144Thieriſche Bewegung. XI. Buch. es uns gefaͤllig iſt, unſer Gemuͤt darauf wenden, um das Nikken zu bemerken, uns deſſen enthalten, und uͤber die Zeit erſt, blos des Verſuches wegen, nikken. So konnte jener Fechter(d)Plin. L. XI. c. 37. PORTERFIELD Eſſays of Edimb. T. IV. pag. 215. die verſtellte Stoͤſſe eines gegen ſein Auge gerichteten Degens vertragen, weil er dieſes thun wollte, und ich habe dieſes, nach drei oder viermaliger Wiederholung, ebenfalls gethan. Es nikken die Kinder nicht, weil ſie ſich nicht fuͤrchten, und keine Gefar kennen. Doch auch bei ihnen faͤllt das Augenlied, bei vielem Lichte, nieder.

Folglich wird keine Gewohnheit verurſachen, daß das Herz, welches die beruͤmte Maͤnner in der Frucht vor eine willkuͤrliche Sache ausgeben, nunmehr aufhoͤren ſollte, dem Willen Gehorſam zu leiſten. Wir haben ge - zeigt, daß das Herz viele Stunden, Tage und Jare nicht geſchlagen habe; daß die Darmbewegung in uns ſelbſt oͤfters unterbrochen werde, und daß dieſe in Thieren, welche den Winter uͤber viele Monate lang ſchlafen, gar aufhoͤre, und daß der Regenbogen in einem dunkeln Gefaͤngniſſe, ſo wie die maͤnnliche Ruthe in einem keu - ſchen Menſchen und Thiere, die vom Anblikke und Er - innern des andern Geſchlechts frei ſind, ganze Jare lang ohne alle Bewegung ſind.

Hier war keine Gewonheit bei ganzen Jaren und keine Wirkſamkeit im Herzen, Regenbogen, Gedaͤrme, und dem maͤnnlichen Gliede. Man bringe aber zum Thiere Waͤrme, Sommer, bloſſes Waſſer, Licht, Speiſe, oder das Weibliche ſeines Geſchlechtes, ſo wird ſogleich das Herz, Gedaͤrme, Regenbogen, und der Zeugungs - theil wieder in Bewegung geraten. Und doch werden dieſe Theile der Seele eben ſo wenig gehorchen, als ſie in uns derſelben gehorchen, in denen das Herz taͤglich ſchlaͤgt, das Gedaͤrme ſich ſchlaͤngelnd fortwaͤlzt, und der Regen -bogen145III. Abſchnitt. Urſachen. bogen beim Anblikke des Lichtes enger oder weiter wird. Folglich iſt dasjenige, was die beruͤmte Maͤnner von der Gewonheit vorgetragen haben, blos zum Behufe ihrer Partei erdacht worden.

Daher iſt der Bezirk des Willens von dem Gebiete der Reizbarkeit durch ein ewiges Geſezze getrennt. Es hat bisher kein einziger Sterblicher, ſo viel man Exempel hat, mit ſeinem Willen uͤber das Herz, Gedaͤrme, den Magen, eine Schlagader, oder uͤber ein anderes Werk - zeug des Lebens eine Herrſchaft ausgeuͤbt, und dieſe Be - wegungen weder erwekken, noch verſpaͤten, beſchleunigen, oder unterdruͤkken koͤnnen. So hat auch kein einziger Sterblicher die dem Willen unterworfne Muſkeln, wo - fern dieſe geſund geweſen, ungehorſam gegen den Willen befunden. Es verſtehen alle Menſchen, alle dieſe Muſ - keln ſowol in Bewegung zu bringen, als auch noch weiter anzuſtrengen, oder nachzulaſſen, und wenn ſie es verlan - gen, ſogar wieder ruhen zu laſſen.

§. 9. Fortſezzung davon.

Man ſagt, ohne alle Beweiſe, daß Fieber auf Befel der Seele(f)Conf. HOFMANN dediffer. ſyſtemat. Stahl. et mechan. etc entſtehen ſollen, da der Wille weder die Criſes(g)Die Natur hat keinen Wil - len, weil ſie immer auf einerlei Art, und ohne Abſichten handelt. BARKER pag. 25., noch die Auswuͤrfe, z. E. des Gedaͤrmes, in ſeiner Gewalt hat, indem wir die Muſkeln des Unter - leibes vergebens anſtrengen, ſobald die periſtaltiſche Be - wegung in dem Anfange der hizzigen Fieber aufhoͤrt. Es(e)L. IV. pag. 483. 484. de anguillis clavorum ſecalinorum et paſtae librariorum LEDER - MULLER fraͤnkiſche Anmerkun - gen T. III. etc. H. Phyſiol. 5. B. K146Thieriſche Bewegung. XI. Buch. Es haben andere gezeigt, wie verkert(h)BERGER de natur. morb. medic. pag. 47. BARKER loc. cit. dieſes geſtehen aber die STAH - LIANI, und einige derſelben ſchrei - ben es der Seele zu, die durch den Fall Adams verderbt worden. Man vergleiche PERRAULT du tou - cher pag. 114. etc. STAHL deanim. errore med. MADAI von dem Wechſelfieber pag. 90. SAU - VAGES de anim. imper. n. 20. die mereſten Bewegungen in Krankheiten geſchehen, die man, aus Liebe zu ſeiner Partei, der Seele zugeſchrieben. Die Aerzte ſehen ſich gezwungen, die heftige Wallungen des Herzens, ſo viel an ihnen iſt, durch ein Aderlaſſen, und durch Laxirmittel, ſo wie die Kraͤmpfe, welches allemal vergebliche Reize ſind, mit eben dieſen Mitteln, und mit Opium zu ſtillen.

Es entſtehen einige mitleidende Bewegungen von der Gegenwart des Reizes in dem Werkzeuge, und andre hingegen von dem Daſein des Reizes im Gehirne. Von dieſer Art hat man ein Exempel an der Nierenkolik, wenn bei Gelegenheit, da ein Reiz im Harngange feſte ſtekkt, ein Erbrechen erfolgt. Hier geſchicht eben das, welches ſonſt bei den groͤſſern Nervenreizen vorkoͤmmt, naͤmlich ein Krampf(i)L. X. p. 334. Conf. BER - TIER 334., welcher ſich von dem beſondern Nerven in die benachbarte und damit verbundene, ja endlich in alle uͤbrige Nerven fortpflanzt, wenn der Krampf recht heftig wird. Hierzu kann der Wille gar nichts beitragen, ſondern es verrichtet ſolches blos der notwendige Zuſam - menhang der Nerven mit dem gereizten Nerven.

Jn andern Exempeln, als im Erbrechen, welches von einer ekelhaften Sache herruͤhrt, oder wenn man bei widrigen Arzneimitteln genoͤtigt wird, zu Stule zu gehen, gehorcht der menſchliche Koͤrper dem Geſezze der Einbil - dungskraft(k)davon ſoll gehandelt werden in Lib. XVII. , und er verhaͤlt ſich hier nicht anders, als wenn uns bei der Erneurung eines Schmerzens die Traͤhnen in die Augen treten. Hierinnen treffen wir keineein -147III. Abſchnitt. Urſachen. einzige Spur des Willens an, ſondern es lieget blos in der Spur einer ekelhaften oder traurigen Jdee ſo viel Gewalt, daß davon eben dieſelben Bewegungen hervor - gebracht werden, als von einem gegenwaͤrtigen und jezzt in uns wirkenden Objekt erfolgen wuͤrden, welches ſeine Spur in der Seele zuruͤkke gelaſſen hat: Es iſt naͤmlich das Erbrechen ſo wenig, als das Weinen ſelbſt eine will - kuͤrliche Sache.

Das das undeutliche Empfinden die Urſache ſei, warum ſich das Herz, oder das Gedaͤrme bewege, iſt ein Vorgeben, welches dem allerſicherſten Zeugen, dem Em - pfinden ſelbſt, widerſpricht(l)Es iſt das Wort Empfindung waͤrend der Wirkung des Reizes irrig und gefaͤrlich. v. GEUNS pag. 43. 44.. Jch ſehe, wie wir, da wir unſre Empfindungen zu vernachlaͤßigen pflegen, die ſchwachen nicht gewar werden, oder doch wenigſtens nicht im Sinne behalten. Wenn wir aber aufmerkſam ſind, Ueberlegungen machen, und alle andre Empfindungen auſſer Acht laſſen, alsdenn empfinden wir auch die ſchwache Empfindungen, und den kleinſten Wind, der viel leichter, als die vier Unzen Blut iſt, welche das Herz anfuͤllen. Und dennoch wird Niemand dieſen ins Herz eindringen - den Reiz, oder den Unterſcheid zwiſchen der Erweiterung und Verengerung des Herzens wahrnehmen. Und doch bewegt ſich noch das Herz, wenn es gleich aus dem Leibe herausgeriſſen, oder das Gedaͤrme, wenn ſolches zer - ſchnitten wird, noch, wenn gleich keine Empfindung mehr zu vermuten iſt.

Wenn die beruͤmte Maͤnner ſagen, das Bewuſt - ſein(m)pag. 520., und die Macht des Willens, werde durch die Gewonheit ausgeloͤſcht, ſo ſollten ſie ſich erinnern, daß vor allem andern die Staͤrke des Reizes durch Gewon - heit geſchwaͤcht werde(n)Man ſehe, wie ſich in Ent - wikklung dieſes Sazzes zermartere J. Gottlob KRüGER diætet. pag. 63. 64.. Und dennoch iſt das HerzK 2im148Thieriſche Bewegung. XI. Buch. im geſunden Menſchen, nach tauſend Millionen Schlaͤgen, nicht weniger reizbar, als es vor zwanzig Jaren war.

Sollte wohl derjenige die Seele fuͤr eine Baumeiſte - rin halten, welcher Acht darauf giebt, wie ſelbige einen einfaͤltigen Thierkoͤrper, von unglaublicher Kunſt, gerade ſo, wie einen der allerkluͤgſten Menſchen erbaut; und welcher nicht den mindeſten Unterſcheid in der gehoͤrigen Bildung eines Kindes, das niemals ſeine geſunde Ver - nunft gebraucht(o)Solches bekennt WHYTT pag. 285., gegen ein Kind antrift, woraus ein Newton werden ſoll? Es pfleget mir bei dieſer Gelegenheit das Exempel von einem dummen Menſchen - geſchlechte beizufallen, daran das benachbarte Walliſer - land einen Ueberflus hervorbringt. Es ſind hier die Leute zu allen Geſchaͤften des menſchlichen Lebens untuͤch - tig, und ſie ſizzen entweder beſtaͤndig in der Sonne, oder ſie liegen in ihren Betten, ihr ganzes Leben hindurch un - beweglich. Jch glaube daher, daß nie ein Dichter ſo was unglaubliches geſagt haben kann, als dieſe Macht einer Seele iſt, die ſo ſpaͤt und ſo wenig klug wird, und den - noch die Macht des groſſen Schoͤpfers nachahmen ſoll; denn wenn Gott Pflanzen erſchafft(p)Unſers geliebten TISSOTT inocul. juſtif. p. 130. BOROS - NAY diſput. die Seele bedoͤrfe nicht, daß fuͤr ſie Luft, Waͤrmeund Erde geſchaͤftig ſind. PER - RAULT du toucher pag. 81. als ob Thiere nicht die Kraft der Waͤrme empfaͤnden, L. IV. p 437. oder Luft ſchoͤpften, und alle Pflan - zen von der Erde ernaͤrt wuͤrden., ſo erbaut ſich hier die Seele belebte Koͤrper, die doch wuͤrdiger, als Pflanzen ſind, auf eigne Rechnung. Wer auſſerdem die groſſe Aenlichkeit zwiſchen einer wachſenden Pflanze, und einem wachſenden Thiere, und die faſt gleich groſſe Macht der Waͤrme, bei Entwikkelung beider Keime, ge - nauer betrachten will, der wird ſich nimmermehr bereden koͤnnen, daß Pflanzen ohne Seele, und Thiere von der Seele erbaut werden koͤnnen.

§. 10.149III. Abſchnitt. Urſachen.

§. 10. Es kann die Bewegung einen andern Urſprung, als von der Seele her haben.

Endlich wundre ich mich noch, wie kluge Maͤnner ſagen koͤnnen, daß im Koͤrper keine zeugende Kraft zu Bewegungen ſtatt finden moͤge(q)Vielmehr iſt der Materie die Bewegungskraft eingepflanzt, BATTIE princip. pag. 87.. Solchergeſtalt wer - den das Aufbrauſen(r)Viele andre Kraͤfte haͤngen nicht von der Seele ab. v. GEUNSpag. 41. Dieſelben erzaͤlt KRAFT phyſic. gener. p. 50., die Faͤulnis, Gaͤrung, Schwere, elaſtiſche Kraft, und die todte Zuſammenziehungskraft, Werke irgend einer Seele ſein, welche im Steine den Fall hervorbringe, den Moſt ſchaͤumen macht, die aufge - rollte Uhrfeder aufwikkelt, und den aus dem Schiespulver erzeugten Damf Thuͤrmer uͤber den Haufen zu werfen ver - anlaſſet. Jn den Pflanzen bewegen und ſcheiden ſich endlich nicht die Saͤfte ab, ſie reifen, ergaͤnzen ihre Theile wieder, und bringen Fruͤchte hervor; wird alſo nicht auch jeder Schwamm ſeine Seele haben? und hat er keine, warum iſt die thieriſche Faſer zur Bewegung ſo traͤge, da doch die Pflanzenfaſer ſo hurtig wirkt? da wir doch nach den Verſuchen an der thieriſchen Faſer eine gemeinſchaft - liche, beſtaͤndige und gierige Reizbarkeit, hingegen an den Pflanzen eine ſchwaͤchere und traͤgere warnehmen. Und doch hat eine vom Koͤrper losgeriſſene und zerſchnittne, wie auch von allem Wirken der Seele, oder des Willens befreite Muſkelfaſer(s)pag. 458. 459., eine eben ſo der Reizbarkeit gehorſame Zuſammenziehungskraft, und ein eben ſo groſſes Vermoͤgen, Bewegungen hervorzubringen, noch uͤbrig.

Jch wundere mich endlich, daß ein beruͤmter Mann(t)SAUVAGES in der ohnlaͤngſt ausgefertigten diſp. de anim. imper. in cor. , zu wiederholten malen, den Beweis von der ver - vielfaͤltigten Kraft der Wirkſamkeit der NervenreizungenK 3vor -150Thieriſche Bewegung. XI. Buch. vortraͤgt, nachdem bereits vorlaͤngſt von mir oft genung, wie auch von demjenigen beruͤmten Manne darauf geant - wortet worden(u)J. Peter EBERHARD de motu cordis ex aucta vaſorum reſiſtentia Hall. 1757. p. 19. 20. 21. add. F. FONTANA p. 239. et v. GEUNS pag. 39., welchen er, waͤrend ſeines Schreibens, vor den Augen hatte(x)EBERHARD, welches ich vormals in der Recenſion des Commentarii Franciſci BOISSIER. in Stephani HALES. hæmaſtatiks gezeigt, die nicht nach der neuernitalieniſchen Ausgabe dieſes Werks, wie in dem Journ. de med. T. III. p. 2. ſteht, ſondern nach der vor - hergehenden vom Jahre 1744. ge - macht iſt, in Diario Bibl. raiſonn. T. 34. pag. 116. Dieſe ſchreibt dieſer beruͤmte Mann, da er ſie billiget, zu, dem beruͤmten Medico MASSUET, ob ſie gleich von mir herkoͤmmt.. Es iſt die Staͤrke in einem Krampfe, der von gereizten Nerven entſpringt, eine kleine leichte Nadel, von zwei Gran, die ſo ſchnell bewegt wor - den, daß ſie in einer Sekunde eine Klafter durchlaͤuft; es erfolgt aber ein Krampf, wovon tauſend Pfunde ſchwer aufgehoben, zerbrochen, und Eiſenwerk gebogen, und zerſtuͤkkt wird. Folglich wird, nach der Ausſage des beruͤmten Mannes, der Erfolg groͤſſer, als deſſen Urſache ſein. Allein, er wird es nicht ſein. Die Urſache iſt die Zuſammenziehungskraft der Muſkeln in der menſchlichen Maſchine, welche allen dieſen aufzuhebenden Laſten ge - wachſen iſt. Jch verwundre mich gar nicht, daß dieſe Kraft von einem ſo kleinen Koͤrper erregt wird; denn wir wiſſen von Kraͤften weiter nichts, als was wir aus den Verſuchen erlernen. Wir haben dem beruͤmten Manne den Pulverblizz zu bedenken gegeben. Es faͤllt ein Stein, der ein Quentgen ſchwer wiegt, einen Fus hoch herab, auf einen andern Kieſelſtein, ſo faͤhrt aus dieſem Stoſſe ein Funken heraus, der ganze Berge umkehrt, wenn hinlaͤngliches Pulver darunter iſt. Jſt nun wohl zwi - ſchen dem vom Falle des Steins erlangten Nachdrukke, und zwiſchen dem daher entſtehenden Erfolge eine Pro - portion?

Es151III. Abſchnitt. Urſachen.

Es iſt keine vorhanden(y)Solches ſagt der beruͤmte BOISSIER in nupera diſp. p. 16. 17., ſondern es verurſacht ſolches die im Schiespulver erhizzte Materie, die vom klein - ſten Nachdrukke erregt werden kann, herausbricht, und von Schritt zu Schritt immer neue Kraͤfte gewinnt.

Dabei mag es bleiben; wenn aber die Folge des Fun - kens, der das Schiespulver anzuͤndet, gleich gros mit dem Erfolge einer Lanzette iſt, die einen Nerven ſticht, ſo iſt im Buͤchſenpulver, wie im Nerven - und Muſkelſiſtem einerlei zu groſſen Bewegungen aufgelegte Urſache ver - borgen, und vielleicht iſt ſie im Schiespulver eben dieſelbe, als im Muſkel, indem viele glauben, daß ein mit elektri - ſchem Feuer erfuͤllter Dunſt(z)vergl. BIKKIER nat. hum. p. 56. 57. et L. X. p. 378 379., wie der beruͤmte Boiſ - ſier will, oder wenigſtens doch ein hoͤchſtbewegliches und kraͤftiges fluͤßige Weſen, die Bewegung in den Muſkeln verurſachen. Jenes wird in dem ſalpetrigen Schiespul - ver, und dieſes ſowohl vom Funken, als von andern beſtimmten Reizen in Bewegung gebracht.

Es ſei ferner dieſes kein fluͤßiges Element, ſondern blos eine Anziehungskraft, die unter ihren beſondern Ge - ſezzen ſtehe, und einen unbekannten Urſprung habe; ſo kann es geſchehen, daß dieſe Anziehungskraft (a) in verkertem vervielfaͤltigten Verhaͤltniſſe der Entfernungen wachſen, und von dem erſt erwekkten Reize vergroͤſſert werden mag, und zwar nicht von dem Nachdrukke des Reizes, ſondern von dem Geſezze ſeines Wachstums, und dergleichen Wachſen ſehen wir in den Stufen des Falles ſchwerer Koͤrper. Dergleichen wuͤrde ſchon zur Erklaͤrung unſrer Erſcheinung hinlaͤnglich ſein, wofern die Kraft des Muſkels, von denen ſich einander naͤhernden Grund - ſtoffen in groͤſſerm Verhaͤltniſſe verſtaͤrkt wird, wovon wir ohngefehr am Magnetſteine ein Exempel haben. Es kann auch noch eine andere Urſache darinne ſtecken(a*)ευορμουν iſt die Urſacheder,K 4und152Thieriſche Bewegung. XI. Buch. und es verſtattet unſre Unwiſſenheit dem beruͤmten Manne kein Recht, die Urſache der Bewegung auf die Seele zu ſchieben, wenn wir ſelbige gleich nicht gekannt haben.

Was hat man denn nun damit geſagt, daß man der Seele dieſe erregte Bewegungen zuſchreiben will? Stahl geſtand es ehedem(b)Jn der Vorrede uͤber des JUNKERI Conſpectum phy - ſiolog. , es heiſſe dieſes gar nichts geſagt; und er habe leicht dieſer ganzen Erklaͤrung uͤberhoben ſein koͤnnen. Es bleibt hier naͤmlich noch immer, wie zuvor, zu zeigen uͤbrig, welches doch die phiſiſche Urſache, und nicht der metaphiſiſche Wille ſei, die in den Muſkeln Bewegungen verurſache. Wenn man naͤmlich ſagen wollte, daß die Seele ſelbſt in der Naͤhe, und, ohne eine koͤrperliche Urſache, in dem Muſkel ein Zittern, eine Haͤrte, und Verkuͤrzung hervorbringe, ſo wuͤrde man der Seele in der That Eigenſchaften des Koͤrpers, als die Ausdehnung, den Widerſtand und die Haͤrte beilegen.

Jch ſchreibe nicht der Seele dieſe Kraͤfte zu, ſondern ich ſage nur, daß dieſe Eigenſchaften auf Befel der Seele hervorgebracht werden. Folglich mus es eine Materie ſein, von der ſie herruͤren. Dieſes iſt die gewoͤnlichſte Formel ihres Geſtaͤndniſſes. Wenn dieſe Materie aber zur Hervorbringung der Erweiterung, des Widerſtandes, und der Verkuͤrzung des Muſkels hinlaͤnglich iſt, was lehren denn dieſe Herren uͤber unſrer Erklaͤrung wohl anders, als daß ſie noch zu einer hinlaͤnglichen, gewiſſen, und erwieſenen, und von ihnen erkannten Urſache, eine zwote, unnoͤtige hinzufuͤgen, ohngeachtet ſchon die erſte hinlaͤnglich iſt; doch, ſie wuͤrde gewis nicht hinlaͤnglich ſein, ſondern eine andre koͤrperliche Kraft erfordern, wo - fern dieſe erſte koͤrperliche Urſache nicht zulaͤnglich waͤre.

Es

(a*)der Bewegnngen im thieriſchen Koͤrper, GAUBIUS ſermon. 1740.

153III. Abſchnitt. Urſachen.

Es hat bereits ein beruͤmter Schriftſteller von der Stahliſchen Partei(d)PORTERFIELD l. c. 163. 164. 165. eingeſehen, daß Whytt die Seele vergebens der Kraft des Reizes beifuͤge, indem ſolche, ohne ihre Einwilligung, genoͤtigt wird, dem Reize durch eine unvermeidliche Bewegung zu folgen, und daß derſelbe nur etwas uͤberfluͤßiges zu unſern Principien hin - zuſezze; indem man die Frage niemals in die Weite ſpielen mus, ſobald man von einer Erſcheinung hinlaͤngliche Urſachen angiebt. Und dieſes iſt die erſte Regel New - tons, und der Vernunft.

Doch es hat auch J. Auguſt Unzer(e)Hamb. Magazin T. X. n. 4., welcher der Stahliſchen Meinung in ſo fern beipflichtet, daß er einen phiſiſchen Einflus zulaͤſſet, behauptet, wie man Unrecht thaͤte, daß man die Materie von den Quellen der Kraͤfte ausſchlieſſe; und es bekennt es der beruͤmte Whytt(f)on vital motions p. 267., wie auch ſelbſt Franz Boiſſier(g)Doch nehme er ſich noch mehr vor den Materialiſten in Acht, phyſiol. pag. 156. Wir fol - gen aber denſelben, jedoch nicht den Jrrtuͤmern derſelben., daß Stahl ſeiner Seele zu viel zugetraut habe.

Es war ferner ehedem Aſklepiades in der Medicin mit den koͤrperlichen Kraͤften(h)Keine heilende Seelen lies ſelbiger zu, alſo auch nicht BAT - TIE princip. pag. 287. zufrieden, und deswegen fuͤhrte ihn vor kurzem der beruͤmte Cochius(i)Jn dem neulich ausgegeb - nen Leben des ASCLEPIADES. mit groſſem Beifall an. Wir uͤbergehen andre beruͤmte Maͤnner, deren gewis nicht wenige ſind, und welche ſich ſowohl vordem(k)Die Natur iſt nichts. Die - ſes ſagt BONTEKOE L. I. p. 1. und uͤberall. Jn der Seele liegt keine bewegende Kraft, TAR - GIRUS pag. 113. de BIKKER pag. 38. Die Natur iſt die vis tonica der Theile, HECQUET med. theolog. p. 8. 529. 530. etc. vergl. damit den ſcharfſinnigen SCHELHAMMERUM præf. ad phyſiol. P. LXXII. et in opere pag. 432. QUESNAI œcon. anim. T. III. p. 185. 195., als ohnlaͤngſt erkuͤnet haben, von der Natur ohne Aberglauben zu reden. Jch nenne hierK 5Aber -154Thieriſche Bewegung. XI. Buch. Aberglauben, was von derjenigen Verehrung herruͤrt, mit welcher die Aerzte die hippokratiſchen Schriften verfolgt haben. Und dennoch ſtammen diejenigen Stel - len, welche der Natur ſo viel zuſchreiben, gemeiniglich nicht von den aͤchten Werken dieſes groſſen Vorfaren her. Endlich hat noch der beruͤmte Cigna die Stahliſche Theorie durch die Beſtimmung der Reizbarkeit uͤber den Haufen fallen geſehen, weil es eine andre Urſache zu den bewegenden Kraͤften(l)Diſp. n. 2. p. 18. giebt, die da notwendig, und koͤrperlich iſt. Jch mag auch die Urſache nicht zu ergruͤn - den ſuchen, warum die Anhaͤnger dieſer Partei ihre Kraͤfte ſo ſehr angeſtrengt, mich zu unterdruͤcken.

§. 11. Die Urſache, warum dieſe Klaſſe von reizbaren Muſkeln dem Willen keinen Gehorſam leiſtet.

Nunmehr |iſt es, da wir das vorhergehende mit Fleis unterſucht haben, nicht mehr ſchwer, dieſe Sache zu be - antworten. Erſtlich werden alle Muſkeln von einem Reize in Bewegung geſezzt(m)pag. 448.. Es bringt aber die Natur zu den Kraͤften des Lebens und des Willens fol - gende Reizmittel. Das Herz und die Schlagadern be - kommen das Blut, der Magen und das Gedaͤrme, Luft und Speiſe, die Harnblaſe den Urin, die Gallenblaſe die Galle, die Saamengefaͤſſe den Saamen, die Gebaͤr - mutter die Frucht, der Regenbogen das Licht(n)Naͤmlich am Nezzhaͤutgen, das mit dem Regendogen einſtim - mig iſt.. Wenn nun dieſe Muſkeln gereizt werden, ſo muͤſſen ſie notwen - dig zu wirken anfangen; denn ſie wuͤrden bei Empfindung des Reizes wirkſam werden, wenn ſie gleich auch willkuͤr - lich waͤren(o)Beſiehe die unwillkuͤrliche Bewegungen an den Kaͤumuſkeln, an dem groſſen Zeen, am Schen - kel, Arme u. ſ. w. ap. Marc. DONATUM L. II. c. 3. Eindrei -.

Wir155III. Abſchnitt. Urſachen.

Wir haben auſſerdem durch Verſuche gezeigt, daß dieſe Werkzeuge, und wenigſtens das Herz(p)pag. 463., und ſonderlich deſſen Ohren(q)ibid. , nebſt dem Gedaͤrme(r)ibid. , den Reiz durchaus nicht vertragen koͤnnen, daß ſie lange Zeit ihre Bewegungen fortſezzen, und ſo gar in dieſem Stuͤkke die unwillkuͤrliche Muſkeln uͤbertreffen. Ob man gleich bisweilen(s)ibid. die willkuͤrliche Muſkeln ſich zuſam - menziehen geſehen, wenn das Herz, und das Gedaͤrme ruhig waren, ſo geſchicht doch ſolches ſelten, und es hat dagegen das Herz und das Gedaͤrme, wie wir ſolches ſo oft gezeigt haben(t)ibid. , an dem Huͤhngen im Eie, an dem immer beſtaͤndigen Exempel der kalten und der meiſten warmen Thiere, jederzeit die Oberhand gehabt. Wenn daher dieſe Werkzeuge ſehr reizbar ſind, und wenn ſie beſtaͤndig gereizt werden(u)L. IV. p. 505., ſo darf man ſich uͤberhaupt gar nicht wundern, daß ſie ſich beſtaͤndig bewegen. Man nehme dem Gedaͤrme und dem ausgeleerten Herzen den Reiz(y)L. IV. p. 490. ſeqq. , ſo wird man ſehen, daß auch dieſe Muſkeln ohne Bewegung bleiben.

Dahingegen geraten die Muſkeln, welche dem Willen unterworfen ſind, da ſie weniger reizbar ſind(z)pag. 463., und von den Gegenkraͤften der Antagoniſten(a)pag. 506. 507. in Schranken erhalten werden, von freien Stuͤkken nicht in deutliche Bewegungen. Allein, wenn man ſie durch Gift, Eiſen, elektriſche Funken, oder irgend andre Schaͤrfe, reizt, ſo machen ſie ebenfalls ihre unwillkuͤrliche Bewegungen, indem ſie ſich zuſammenziehen(b)pag. 448..

Es hat aber das Anfehn, daß die Natur ſelbigen, bei Gelegenheit des Willens(c)Der Wille wirket wie ein Reiz, SIMSON on moſcul, mot. p. 93., anſtatt des Reizmittels,eine(o)dreimonatlich Hammern wider Willen, Tulp. I. obſ. 13.156Thieriſche Bewegung. XI. Buch. eine Lebhaftigkeit der Nervengeiſter mittheile. So lange dieſer Reiz waͤhret, ſo lange ziehen ſie ſich zuſammen, und ſie ruhen, wenn dieſer auf hoͤrt.

Folglich ſtekkt in dem Unterſcheide zwiſchen den un - willkuͤrlichen, und zwiſchen den uͤbrigen, dem Willen der Seele unterworfnen Muſkeln, kein ſolcher Knoten, den die Seele von einander hauen muͤſſe.

§. 12. Der Quell der Nervenkraͤfte.

Es empfangen auch die dem Willen unterworfene Muſkeln von den Nerven ebenfalls ihre Wirkſamkeit her. Dieſes will ich zum voraus annehmen, ohne dabei dasje - nige auſſer Acht zu laſſen, was man dagegen geſchrieben.

Es ſind dieſe Muſkeln aber die Muſkeln der Glied - maßen insgeſamt, die Muſkeln des Antlizzes, der Augen, des Schlundes, der Stimme, des Koͤrperſtammes, aus - genommen die ausſtrekkende Muſkeln der maͤnnlichen und weiblichen Ruthe.

Von den Muſkeln des inwendigen Ohres lieſſe es ſich noch zweifeln, da ſie nur klein, von den Sinnen entfernt ſind, und keine Bewegung hervorbringen, welche ſich fuͤlen lieſſe.

Alle dieſe bekommen ihre Nerven, nach deren Reize ſie in Kraͤmpfe gerathen, und wenn man ihre Nerven unterbindet, oder zerſchneidet, ſo gehorchen ſie nicht wei - ter den Befelen des Willens, ſondern ſie behalten nur blos noch ihre eingepflanzte Kraft uͤbrig.

Folglich ſiehet man offenbar, daß die Urſache ihrer Bewegung von den Nerven herruͤhre, und daß der Wille ſolche blos durch die Nerven veranlaſſe, indem ſonſt kein andrer Theil des Koͤrpers, wenn ſolcher gereizt wird, dieſe Bewegung in den Muſkeln erregt, oder wenn ſolchergebun -157III. Abſchnitt. Urſachen. gebunden und zerſchnitten wird, die Herrſchaft des Wil - lens aufhebt. Man erlaube uns aber, zu unterſuchen, wie die Nerven, die an ſich unbeweglich ſind, einen Muſ - kel bewegen koͤnnen, ob es gleich ſchwerlich moͤglich iſt, dieſe Sache zu entdekken. Wir muͤſſen aber erſtlich zei - gen, wie der Nerve den Muſkel noͤtige, ſich zuſammen zu ziehen, und denn, wie er ſolchen wieder ſchlaff mache, indem beide Handlungen ein Werk des Willens ſind.

§. 13. Hipoteſen davon. Die Nerven, als ziehende Seile.

Jndem wir den Galen uͤber dieſe Schwierigkeit befragen, ſo hoͤren wir von ihm eine Antwort, welches zugleich die allgemeine Meinung vierzehn ganzer Jarhun - derte geweſen. Es liegt, ſagt er, der Urſprung von der Bewegung der Muſkeln in dem Anfange der Nerven, der ſich im Gehirne, und deſſen Kammern befindet(d)de mot. muſcul. L. I. c. 13., und er bekoͤmmt von dem Willen ſein Entſtehen(e)de loc. adfec. L. III. c. 6.. Von hier pflanzen ſich die Geiſter, wodurch die Muſkeln bewegt werden, durch die Nerven in die Muſkeln fort(f)de HIPP. et PLAT. decret. L. II. c. 12. de utilit. part. L. XVII. c. 2. de mot. muſc. L. I. p. 620.(g)de mot. muſc. . Es entſtehen aber da, wo ſich der Nerve im Muſkel zertheilt, Faͤden (villi), die ſich abermals in der Sehne wieder mit einander vereinigen(h)de mot. muſc. loc. cit. Conf. FABRICIUM p. 6., in welche ſich die mit dem Bande vermengte Nerven verwandeln. Ferner laͤuft der Nerve in den Anfang des Muſkels(i)de mot. muſc. p. 620. in aphor. hipp. n. 66., und es iſt die Sehne das Ende des Muſkels. Folglich wird der Muſkel, und die Sehne, gegen dieſen Anfanghin158Thieriſche Bewegung. XI. Buch. hin gezogen(k)de loc. adfect. loc. cit. der Muſkel zieht ſich gegen die Sehne zuſammen, als Eiſen gegen den Magneten. FABRICIUS p. 106., und es bewegen die Nerven, wie Seile, die Muſkeln aber, wie ein Hebel, ihre Knochen(l)de HIPP. et PLATT. decret. L. I. c. ult. .

§. 14. Die anwachſende Geſchwindigkeit der Geiſter, und einer erweiterten Faſer.

Es ſchrieb C. Hoffmann, daß die vom Gehirn kommende Geiſter den Muſkel aufſchwellen machen, und daß ſolchergeſtalt die zu bewegende Theile herbeigezogen werden(l*)Apolog. GALEN. p. 79.. Karteſens Theorie iſt die allereinfachſte, wenn man ihr die Kanaͤle, welche die Nerven der Gegen - muſkeln vereinigen(m)pag. 508., und deren Klappen nimmt(n)ibid. .

Es glaubt derſelbe, wie auch deſſen Anhang(o)de homine p. 21. 34. des FORGES ad CARTES. p. 31. REGIUS phil. natur. p. 410. GRANEN. p. 455. TARGI - RUS pag. 209. 220. LAMY du mouvem. volont. p. 199., nebſt dem Molinett(p)Diſp. p. 71., R. Hooke(p*)Præf. ad poſth. p. XIX. , B. Vieuſſens(q)de cerebro p. 446. clar. DEIDIER et FANTONUS Diſp. pag. 14., H. Ridley(r)c. 12., und Abraham Kaauw(r*)impet. fac. n. 271. 272., daß hierzu ein ſchnellerer Einflus des Nervenſaftes hinlaͤnglich ſei.

So vermutete der vortrefliche Jſaak Newton, daß der Aether vom Willen in die Nervenroͤhrgen getrieben werde, und die thieriſche Bewegungen verurſache(s)QUERY 24. poſt L. III. opticor. . Man mus in der That nichts vor ungereimt halten, was ein ſo groſſer Geiſt vor warſcheinlich angeſehen.

Santorin erklaͤrte die Muſkelbewegung dergeſtalt, daß er zwar eine Faſer fuͤr einen Fortſazz des Nervenhielte159III. Abſchnitt. Urſachen. hielte(t)Tr. I. poſt BAGLIVIUM pag. 759. SIMSON muſc. mot. pag. 25., aber dennoch beifuͤgte, dieſe Faſer ſei nicht von freien Stuͤkken geſpannt(u)SANT. pag. 760., ſondern ſie ſchwelle von dem Nervengeiſte auf(x)pag. 769., ſie endige ſich in ein blindes Ende(y)n. 29., und werde daher von dem eindrin - genden Geiſt ausgedehnt, welchem ſich die Faſer mit ihrer eignen Zuſammenziehungskraft widerſezze(z)n. 39.. Solcher - geſtalt leitet er die Urſache des Zuſammenziehens von dem drengenden Geiſte, und die Urſache des Erſchlaffens von der Faſer her, welche ſich nach dem Ausdehnen zu der erſten geraden Laͤnge wieder ausſtrekke.

Auf eine etwas feinere Art laͤſt Johann Tabor(a)p. 212. die Nervenfaſer ſich nicht blos mit einem blinden Ende endigen, ſondern er zeiget auch auſſerdem, daß in dieſem Bau die Geiſter ſehr concentrirt wuͤrden, indem ein Ci - linder, ſo bald nur ein geringer Theil, als der zwoͤlfte Theil ſeiner Breite zunehme, um ein Drittheil dadurch kuͤrzer gemacht werden, da man ſonſt in der Hipoteſe der Blaͤsgen, welche Mode iſt, um die Faſer zu verkuͤrzen, eine erſtaunliche Erweiterung, und eine faſt funfzig mal groͤſſere Flaͤche(b)p. 198. noͤtig habe, wenn ſich der vierte Theil verkuͤrzen ſoll.

Es hat aber auch Willis(c)de motu muſc. p. 143. geſehen, wie die Ner - ven aufgeſchwollen, wenn der Muſkel dikker geworden, ja daß in einer Schnekke ohne Gehaͤuſe die Geiſter ſicht - barer Weiſe in den Muſkel eintreten, und ſich vom Kopfe gegen den Schwanz zu bewegen(d)H. REGIUS apud G. CHARLETON p. 220..

Dahingegen leitet Richard Jones(e)Diſp. de motu muſc. p. 18. die Bewegung eines Muſkels von den Geiſtern her, welche einen Nerven - faden ausdehnen, er laͤſt aber die Geiſter ſich dabeiver -160Thieriſche Bewegung. XI. Buch. verzoͤgern, und alſo, kraft dieſer Verſpaͤtung, denjenigen Seitendrukk verrichten, wodurch das Faͤſergen erweitert wird(f)Confer. MUSSCHEN - BROECK eſſays pag. 381..

§. 15. Das Blaͤsgen, in welches ſich eine Faſer endigt.

Da der Nervenſaft(g)vide L. X. p. 384., nach den Freunden dieſer Meinung, hoͤchſt langſam fortflieſt, und deſſen Menge und Gewicht notwendig ſehr geringe iſt, ſo wird man bei der aͤuſſerſten Zartheit(h)L. XI. p. 415. der Faſern in Gefar ſtehen, daß der Einflus des Nervenſaftes, wenn er gleich ſchnell genung geſchicht, zur Erzeugung der ungeheuren Gewalt nicht hinreichend ſei, dergleichen die Erfarungen und Berechnungen an einer Muſkelfaſer wahrnehmen. Da auſſerdem, um die ganze Laͤnge des voͤlligen Muſkels auf - zublaͤhen, bis derſelbe zu einer Kugel wird, eine unglaub - liche Menge Geiſter erfordert wird, und doch am Muſkel nur eine maͤßige Verkuͤrzung, laut der Erfarung, noͤtig iſt; und da ferner dieſes wargenommen worden, ſo haben ſich beruͤmte Maͤnner des boyliſchen hidroſtatiſchen Pa - radoxons(i)BOYLE parad. hydroſt. vi. VARINGON mem. avant. 1699. T. X. p. 14. NOLLET leçons de phyſique T. II. p. 253. 269. f. 17. BOERHAAVE de uſu rat. mech. etc. , kraft deſſen ein klein Roͤhrgen in ein wei - tes Waſſergefaͤs die Fluͤßigkeit, vermoͤge der Schwere fallen laͤſt, und den Boden dieſes Waſſergefaͤſſes eben ſo ſtark druͤkkt, als ſolcher gedruͤkkt werden wuͤrde, wenn das Roͤhrgen eine eben ſo groſſe Muͤndung, als das Waſſer - gefaͤſſe an ſeinem Boden haͤtte, zu dieſer Erklaͤrung bedient. Es ſtekkt der Grund dieſes Paradoxi in der Geſchwindig - keit, mit welcher das Waſſer durch die Roͤhre in die Waſ - ſerſchale faͤllt, und welche offenbar um deſto groͤſſer iſt, je weiter das Waſſergefaͤſſe in Vergleichung gegen das Roͤhr - gen iſt.

Um161III. Abſchnitt. Urſachen.

Um alſo den Nachdrukk in den kleinſten Faſerroͤhrgen zu vermeren, nahmen einige beruͤmte Maͤnner an(k)ASTRUC. in MAN - GETTI theatr. et de motu muſc. Monſp. 1718. 12. Doch hat MANGETTUS den Aſtruc in etwas veraͤndert., es erweitere ſich das Ende eines Roͤhrgen in eine Blaſe, die viel breiter, als das Roͤhrgen ſei. Jndem dieſe leer iſt, und zuſammengedruͤkkt wird, ſo hat ſie eine nur geringe Breite. Nunmehr dringt aber eine Fluͤßigkeit in ſelbige ein, wovon ſie ausgedehnt, und zu einer Kugel wird. Hier wird nur in dem ausdehnenden Safte eine kleine Kraft erfordert, da ſich der Drukk auf die Seitenwaͤnde der Blaſe um ſo viel groͤſſer, als das Roͤhrgen gedenken laͤſt, als zur Ueberwaͤltigung faſt jedweden Gewichtes noͤtig iſt. Da ſich aber die Blaſe zu einer Kugel auf - blaͤht, ſo wird ſie zugleich kuͤrzer(l)pag. 473. ASTRUC ap. MANG. p. 30. 31., und zwar nicht viel uͤber den dritten Theil ihrer Laͤnge, und es ſteiget ihr Gewichte, welches am blinden Ende haͤngt, in die Hoͤhe; dieſes blinde Ende aber ſtekkt, nach dieſer Hipoteſe, in der Sehne. Sie verwandelt ſich aber beinahe in eine voͤllige Kugel(m)BERNOULLI mot. muſc. pag. 12. ſqq. HAMBER - GER pag. 597., weil das Fluͤſſige in einen gleich dehnbaren Cilinder faͤllt, und ſelbigen von allen Seiten mit gleich - maͤßiger Staͤrke ausdehnt.

Die Sache iſt an ſich ſelbſt wahr, und es konnte Boyle(n)MARIOTTE tract. du mouvem. des eaux p. 368 tab. 14. f. 20. ed. Batav. WOLF nuͤzz - liche Verſuche, T. III. n. 69. T. I. n. 53. Elem. hydroſtat. theor. 13. ſ GRAVEZANDE n. 1451. 1452. T. 47. f. 5. MUSSCHEN - BROECK eſſays n. 731. ſein Paradoxon leicht erweislich machen. Man hat ſelbiges auch durch vielfache Erfarungen beſtaͤ - tigt. Man macht ein wuͤrfliches Waſſerbehaͤltnis, das von allen Seiten mit Stalplatten eingeſchloſſen iſt, undmanH. Phiſiol. 5. B. L162Thieriſche Bewegung. XI. Buch. man legt auf deſſen Dekkel die ſchwerſten Gewichte. Aus der Seite des Kaͤſtgens geht ein langes und duͤnnes Roͤhr - gen, um der Luft den Ausgang zu verſchaffen. Man gieſſet durch die Roͤhre Waſſer, bis auf eine oder zwo Unzen hinein. Solchergeſtalt wird der Dekkel des Kaͤſt - gens mit den 500 Pfunden aufgehoben(o)Mit achthundert, WOL - FIUS. , und wenn das Kaͤſtgen groͤſſer waͤre, und mehr Waſſer hineinginge, koͤnnten wohl 1000 Pfunde aufgehoben werden. Es laͤſt ſich dieſes an den Waſſerkaͤſten in Holland beobachten, welche in den Haͤuſern, durch eine aus verzinnten Eiſen zuſammengeloͤtete Roͤhre, das Regenwaſſer von den Daͤ - chern auffangen; denn wenn der obere Theil des Waſſers in der Ciſterne (Waſſerbehaͤlter) zu Eiſe wird, und un - beweglich dem herabkommenden Waſſer widerſteht, die Sonne aber vom Dache(p)BOERHAAVE T. III. prælect. p. 456. indeſſen etwas Schnee ſchmelzt, und dieſes geſchmolzene Waſſer in die Ciſterne herabflieſt, ſo koͤnnen davon ganze Haͤuſer aufgehoben werden.

Um ein naͤheres Beiſpiel von den Muſkeln zu geben, ſo haͤnge man an den Untertheil einer Blaſe etliche Ge - wichter an(q)CROONE pag. 35.. Man bringt bei dieſer Blaſe eine Roͤhre an, und man blaͤſet ſie dadurch voller Luft. Solcherge - ſtalt laſſen ſich mit geringer Muͤhe 36(r)STURM Colleg. phyſ. ex II. 50. 60(r*)D. HOFMANN tent. 26. 70. 80(r**)ibid. 150(s)STURM ibid. 160 (t)BERNOULLI l. c. n. 14.Pfunde aufheben. Je enger hierbei die Roͤhre, gegen die Weite der Blaſe iſt, deſto mehr Laſt kann man dadurch auf heben laſſen(u)CAMERAR. de med. mot. anim. p. 16. Die Kraft war, durch Huͤlfe der Blaſe, ſiebenmal groͤſſer. Idem ibid. . Es iſt bei dieſer Theorie auch noch der Vortheil, daß die Kraͤfte der Muſkeln nicht nach Proportion des Wider - ſtandes vermehrt werden doͤrfen, und kaum gedoppelt ſoviel163III. Abſchnitt. Urſachen. viel Geiſter erfordert werden, um ein doppelt ſo ſchweres Gewichte aufzuheben(x)BERNOULLI n. 18. PO - LENUS epiſt. mathem. ad Guid. GRANDI. .

§. 16. Die Faſer, als eine Reihe von Blaͤsgen.

Man ſiehet leichtlich, wenn man eine einzige derglei - chen Blaſe an der aͤuſſerſten Muſkelfaſer annimmt, daß das Aufheben unendlich klein, und nicht groͤſſer ſein werde, als der dritte Theil von der Laͤnge dieſer Blaſe iſt. Doch die Erſcheinungen verlangen ein weit groͤſſeres.

Hierzu kam noch, daß ſich einige ſehr beruͤmte Maͤn - ner uͤberhaupt einbildeten, wie eine Muſkelfaſer aus Faͤchergen zuſammengeſezzt ſei.

Aus dieſem Grunde fand die Theorie des J. Alfonſi Borelli(y)J. Alphonſ. BORELL. propoſ. 113. 114. 117. G. GROO - NE. R. HOOKE in philoſ. col - lect. BIRCH T. III. p. 40. etc. J. BERNOULLI n. 2. MAZIN. mechan. inſt. pag. 180. KEILp. 139. GOTTSCHED mot. muſc. c. 3. REGIS phyſique L. VII. P. I. p. 536. VERDUC mouv. myolog. p. 5. SENAC eſſays de phyſiqu. ed. 1735. p. 97. STUART pag. 49. SEGNER ad NIEUWENTYT loc. cit. p. 108. Le CATT pag. 55. ſqq. FLEM - MING phyſiolog. p. 168. leichtlich Beifall. Es kann nach derſelben eine jede Muſkelfaſer fuͤr eine Reihe Blaͤsgen angeſehen werden, welche einige Schriftſteller, um ſich leichter zu erklaͤren, fuͤr Rauten ausgeben.

Auf ſolche Art wird eine einzige Muſkelflaͤche aus Blaſenlinien, die neben einander liegen, beſtehen, und der ganze Muſkel ein Koͤrper ſein, in welchem unendliche Ketten von dergleichen Blaͤsgen gedacht werden muͤſſen. Es ſind aber dieſe hole Blaſen duͤnne, und laſſen ſich durch ſchiefwinklige Rauten vorſtellig machen.

Nunmehr ſoll der Geiſt eindringen, und folglich wer - den ſich die zarte Ellipſen in Kugeln verwandeln. UndL 2die164Thieriſche Bewegung. XI. Buch. die Kraͤfte wachſen, vermoͤge der Vervielfaͤltigung der Blaſenreihen(y*)STURM. loc. cit. p. 197..

Es haben ferner beruͤmte Maͤnner den Vorteil an Kraͤften in der Zartheit der Blaͤsgen geſucht(z)Sie ſind nicht groͤſſer, als $$\frac{1}{20}$$ Zoll. BORELL. prop. 115., damit man nicht(a)CROONE l. cit. STURM colleg. phyſic. exp. II. pag. 159. F. BAYLE oper. p. 81. 82. KEIL muſc. mot. p. 140. Le CATTMem. pag. 52. 53. Pr. de MOL - LIERS mem. de l’acad. des Scien - ces 1724. p. 48. SENAC eſſ. de phyſ. ed. 1735. p. 97. eine gar zu groſſe Menge Geiſter zu ihrer Erweiterung noͤtig haͤtte. Man erkennt naͤmlich leicht, daß ein Blaͤsgen, welches einen Zoll lang iſt, um zu einer Kugel zu werden, viel mehr Fluͤßiges, als eine Blaſen - kette erfordere, welche zwar, alle Blaſen zuſammengenom - men, eine Zolllaͤnge ausmacht, einzeln aber betrachtet, um den hunderten Theil eines Zolles breit ſind. Da ſie eigentlich zu Kugeln werden, ſo iſt die Verſchiedenheit unglaublich; denn es wird die groſſe Kugel wie 11001. oder wie 1000.000, und die kleinen Kugeln wie 10+1 ſein, wenn man die Kugeln ſo, wie Wuͤrfel der Durch - meſſer anſieht(b)conf. KEIL loc. cit. .

Es hat auch der beruͤmte Sturm(c)Colleg. phyſ. exp. T. II. pag. 200. die Sache in Verſuche gebracht, und aus einem leinenen Saͤkkgen eine Reihe Blaͤsgen gemacht, wodurch er, durch eingeblaſene Luft, und bei einer maͤßigen Ausdehnung, ziemlich ſchwere Gewichter auf heben laſſen. Man hat auch dergleichen Verſuche vom Robert Hooke(c*)poſthum. p. XX. .

§. 17. Betrachtungen uͤber dieſe Hipoteſen.

Wir haben erſtlich die Meinungen dererjenigen be - ruͤmten Maͤnner, welche die Muſkelfaſern fuͤr Fortſaͤzze der Nerven ausgeben, an einem andern Orte beantwor -tet165III. Abſchnitt. Urſachen. tet(d)pag. 425.. Denn ſie ſind davon ihrem ganzen Weſen nach unterſchieden, und jene beſizzen eine Reizbarkeit, hingegen dieſe ganz und gar nicht.

Es laͤſſet ſich der blaͤſige Bau der Faſern durch kein richtiges Experiment beſtaͤtigen(e)p. 427., und es wuͤrde ein einziges Blaͤsgen nur eine ganz kleine Erhebung hervor - bringen.

Man erſpart oder gewinnt an Kraͤften bei den aufge - blaſenen Blaſen, einzig und allein aus dem Grunde, weil das Gewichte wenig erhoben wird, indeſſen daß ſich dieſe Blaſen ſehr erweitern; oder, weil der Durchmeſſer der Faſer, queer uͤber genommen, ſehr anwaͤchſt, indem der ſenkrechte Durchmeſſer abnimmt. Folglich geſchiehet hier eben das, was man an einem Bache wahrnimmt, welcher ſich in einen See ergieſt, und der deſto langſamer laufen wird, je breiter der See, gegen den Bach iſt(f)L. VI. p. 176..

Man verliert naͤmlich an der Zeit, was man an dem Vortheile gewinnt, oder, es geſchicht die Bewegung in den Blaſen um deſto langſamer(g)SAUVAGES de la fievre p. 303. 304. BERTIER diſp. p. 35. 37. WINSLOW Mem. de 1720. p. 90. MOLIERES Mem. de l’Acad. loc. cit. pag. 41. FRACASSINI febr. p. 59., um deſto kleiner die einblaſende Kraft gegen das aufzuhebende Gewichte iſt, und es hat uͤberhaupt ein jeder Seitendrukk nur eine traͤge Wirkung, welche allmaͤlich ſtaͤrker wird. Doch es findet dieſe Minderung der Geſchwindigkeit uͤberhaupt bei menſchlichen Dingen nicht ſtatt, indem man bei denſel - ben nicht auf den Vortheil an Kraͤften, ſondern auf Er - ſparung der Zeit, ſehen mus, indem ſich die Muſkeln mit unglaublich ſchneller Geſchwindigkeit bewegen.

Es verſchwenden ferner die Blaſenketten unermeslich viel Kraͤfte, und es iſt der Aufwand viel zu gros. Denn da ein Blaͤsgen, von der Kraft des Einblaſens, um ſo viel auf beiden Seiten aus einander gezerrt werden mus,L 3als166Thieriſche Bewegung. XI. Buch. als es von dem Gewichte herabgedruͤkkt wird, ſo wird auf jedes Blaͤsgen, welches ſich in eine Quadratfigur verwan - deln ſoll, gedoppelt ſo viel Gewicht erfordert(h)Conf. ASTRUC loc. cit. p. 30. 31. SEGNER apud NIEU - WENTYT p. 110. 111. 112. Jm Verſuche hob die doppelte Kraft des Gewichtes das Gewicht bis $$\frac{2}{9}$$ hoch von der geſamten Laͤnge. TABOR 199. 200.; und da bei einem jeden Blaͤsgen einer vollſtaͤndigen Kette eben ſo viel Kraͤfte verloren gehen, ſo wird endlich zu dem Auf - heben des Gewichtes eine ſo viel ſtaͤrkere Gewalt erfordert, als die Anzal der Blaͤsgen, zweimal genommen, groͤſſer als die Einheit iſt.

Eben ſo iſt gezeigt worden, daß dazu eine unglaubliche Erweiterung(i)PEMBERTON loc. cit. p. XXIV. ſeqq. TABOR p. 188. des Muſkels gehoͤre, wenn nur eine geringe Verkuͤrzung geſchehen ſoll, und daß man ſie bei der borelliſchen Rautenhipoteſe um ſiebenzigmal (k) groͤſſer machen muͤſſe, um nur ſelbigen um den hunderten Theil zu verkuͤrzen, hingegen fuͤnf und zwanzigmal mehr(l)pag. 189. um ein Drittheil, wie doch oft mehr geſchicht, zu ver - kuͤrzen. Doch es findet dergleichen Erweiterung nie bei einem Muſkel ſtatt, und es mus ſelbige nicht viel uͤber dreifach bei der Verkuͤrzung auf ein Drittheil ſein, da ein Muſkel uͤberhaupt entweder ganz und gar nicht, oder doch um ein ſehr geringes an Dikke zunimmt(l*)pag. 479.. Man nimmt aber nur vergeblich zu der Kleinheit der Blaͤsgen ſeine Zuflucht, daß ſelbige ihre Erweiterung nicht ſichtbar werden laſſen. Denn da der ganze Muſkel, vermoͤge der Hipoteſe, aus dergleichen Ketten beſteht, ſo muͤſte ſich der Muſkel auch, nach dem Verhaͤltniſſe, als eine einzige Blaſe erweitern. Ja, es erfordern kleine Blaͤsgen eine groͤſſere Kraft zum Einblaſen(l**)CHESELDEN p. 62..

Es kann endlich, ſelbſt nach den Hipoteſen der beruͤm - ten Maͤnner, leicht geſchehen, daß ein Muſkel nach die -ſer167III. Abſchnitt. Urſachen. ſer Bauart ſo wenig kuͤrzer werde, daß derſelbe vielmehr laͤnger gemacht wird(m)GODDART reg. of the Royal ſoc. T. IV. p. 95. MOR - GAN princip. p. 132.. Es werden alle blinde thie - riſche Saͤkke laͤnger, wie an der maͤnnlichen Ruthe(n)Comparat BERTIER diſp. pag. 60., der Gallenblaſe, und dem Magen zu erſehen iſt. Denn da ſich Membranen von allen Seiten erweitern laſſen, ſo werden ſelbige nicht nur laͤnger, ſondern auch ebenfalls breiter.

Da alſo weder die Anatomie die Blaͤsgen erweislich macht, noch bei dieſem Baue Kraft oder Geſchwindig - keit, oder Verengerung in dem zuſammengezogenen Muſ - kel erhalten wird, wenn es nicht gar an dem iſt, daß daher ein widriger Erfolg zu erwarten iſt, und ſich der Zug in einen Ruͤkkſtos verwandelt, ſo haben wir weiter keinen Grund, daß wir dieſe Hipoteſe annehmen ſoll - ten(o)vergl. gegen dieſe Hipoteſe den vortreflichen WINTER p. 38. DESAGULIERS T. II. p. 392. phyſiolog. Amſtelod. p. 401..

§. 18. Hipoteſe, darinnen eine Muſkelfaſer voller Blut iſt.

Auch in dieſer Hipoteſe herrſcht die Neigung fuͤr die Rauten und Blaͤsgen, nur daß die Materie, womit eine Muſkelfaſer erfuͤllt ſein ſoll, von der vorhergehenden ver - ſchieden, und dagegen die Faſer mit Blut angefuͤllt iſt(p)KING philoſoph. tranſact. n. 18. tum Dan. TAUVRY anat. raiſ. P. II. c. 5. BAGLIVIUS pag. 405. 406. VERHEYEN L. II. p. 156. R. VIEUSSENS in deſſen neuern Schriften, du cœur. J. ASTRUC p. 28.. Sie unterwerfen auch nicht dieſes Blut, wie diejenigen, welche wir ſo gleich anfuͤhren werden, der Gewalt des Her - zens, ſondern der Nerven. Daniel Tauvry iſt der erſte(q)loc. cit. Es hatte zuerſt eine aͤnliche Theorie gegeben J. B. v. LAM -, welcher eine Faſer zu einem Schlagaͤdergen macht, erL 4laͤſt168Thieriſche Bewegung. XI. Buch. laͤſt ſelbige, da wo ſie ſich zu einer Blutader zuruͤkke biegt, von einen herumgelagerten Nerven eingeſchnuͤrt werden, und ſolchergeſtalt dehnt das verhaltene Blut, und der da - von entſtehende Seitendrukk die Faſer aus einander.

Es nimmt ferner der beruͤmte Daniel Bernoulli die Faſer als cilindriſche, hole und mit Blut angefuͤllte Schlagaderfortſaͤzze(s)Comm. Acad. Petrop. T. I. p. 299. MORGAN. princip. p. 124. FOURNEAU an per - turbationes animi motum cordis augeant, minuantve. J. ASTRUC loc. cit. p. 30. 31. an, um welche Qveernervenfaſern laufen, die ſie zuſammen ſchnuͤren, und zu Blaſen verwan - deln, die von der krummen elaſtiſchen Linie gebildet wuͤr - den(t)pag. 306.. Dieſe Meinung hat auch D. Privat de Mo - lieres(u)Mem. de 1724. pag. 33. nebſt andern beruͤmten Maͤnnern(x)L. BELLINI in diſcorſ. anat. X. pag. 231. 232. et Joſephi BRUN. otia phyſiol. pag. 30. HEUCHER ſelect. anat. p. 493. BERGER phyſiolog. pag. 303. 304. FICES conſpect. p. 88. 89. QUESNAI Oec. anim. Ed. I. pag. 225. adde Journal de Med. 1756. Dec. behauptet.

Eben dieſe Qveerfaſern hielt auch J. Alfons Borell(x*)propoſ. I. und andre(y)TAUVRY. WILLIS mot. muſc. p. 116. VERHEYEN loc. cit. p. 25. L. II. pag. 196. GOTTSCHED mot. muſc. P. de MOLIERES. la CHAR - RIERE pag. 29. vor Nerven. Es zeigte auch der vor - trefliche Teichmeyet(z)Antropol. pag. 200. durch einige Verſuche, daß ſich ein Gedaͤrme, welches hie und da mit Schnuͤren, die man anziehe, umflochten werde, verkuͤrze, und das Gewicht auf hebe.

Noch feiner bediente ſich vor kurzem der beruͤmte Joh. Ziegler(a)de mechaniſm. mot. muſcu - lor. Baſil. 1752. dieſer Faſern, indem er ſezzte, daß ſolche krummwaͤ -(q)v. LAMZWEERDE reſpir. Swamm. exſpir. pag. 138. Dieſe gefiel dem VERHEYEN L. II. pag. 56. Faſt dergleichen lehrte der beruͤmte BIUMI pag. 142. daß die vom Geiſte aufgeblaſene Nerven die Bewegung des Blutes in den Haargefaͤſſen hervorbringen. Eben dergleichen behielte LAN - CISIUS bei. Corod. et an. prop. 55. et de MOOR inſtaur. med. p. 76.169III. Abſchnitt. Urſachen. waͤren, und wechſelweiſe Erhabenheiten haͤtten, darunter einige z. E. nach Morgen, andre dagegen nach Abend zu gekehrt waͤren. Dieſe zoͤgen ſich zuſammen, und ſo wuͤrde eine Muſkelfaſer, die durch wechſelweiſe Biegungen einge - ſchloſſen waͤre, genoͤtigt, ſich nach Art einer Schlange zu kruͤmmen, und zu verkuͤrzen.

Ohnlaͤngſt verband der beruͤmte Bertier die Nerven - bewegung mit der Bewegung des Blutes. Er macht das Blut zur Urſache dieſer Bewegung(b)phyſique des corps animes p. 249. 266., indem es die Muſ - kelfaſer ſo anfeuchten ſoll, wie etwas Waſſer ein ganzes Strikk kuͤrzzer macht(c)pag. 278. 291. 307.. Es zerret aber mit Huͤlfe des kleinen Nerven die Faſern auf die Seite, und noͤtigt das Blut des Muſkelnezzes, das die Faſer bedekkt, derge - ſtalt einwerts zu wirken, daß daher eine Strikkmaſchine von abgewechſeltem Zuge entſteht, welche, wenn ſie ſich ver - kuͤrzt, das Gewichte aufhebt.

§. 19. Cowpers einfachere Theorie.

Cowper will, daß die Fleiſchfaſern ebenfalls von den Schlagadern Blut empfangen, und daß das Blut, wel - ches in dieſelben eindringt, und von da nicht wieder zu - ruͤkke kehrt, die Muſkelbewegung verurſache(d)Ad. t. 64. BIDLOI in - troduct. ad myolog. an. 1694. pag. 11. daß das Blut die Muſkeln als ein Gewichte in Bewegung ſezzen ſoll. Dagegen thut Erin -nerungen BOULTON p. 20. ſqq. und ſagt, daß, wenn eine Menge Blutes, vermoͤge der Lage, ins Blut eindringt, davon vielmehr die Kraft der Bewegung ſchwaͤcher werde..

Stuart(e)pag. 62. ſchreibt dem in die Schlagader getrieb - nen Blute die Roͤthe, und den Geſchwulſt zu, welcher, nach ſeinem Sazze, in der erſten Zeit der Muſkelbewegung ſtatt findet. Dieſes waren auch die Gedanken des Jo - hann Swammerdams(f)Biblior. p. 856..

L 5Eben170Thieriſche Bewegung. XI. Buch.

Eben von dieſer Art iſt auch faſt die Meinung des Baglivs(g)Oper. p. 404. 405. de fibra motrice pag. 7. 8. 9., welche die Blutkuͤgelgen durch die Raͤume zwiſchen den Muſkelfaſern(h)pag. 405. ſich bewegen, und die Fa - ſern reizen laͤſſet, daß ſie ſich an den Beruͤrungspunkten kraͤuſeln und verkuͤrzen muͤſſen.

Es konnten diejenigen beruͤmten Maͤnner, welche der - gleichen Theorien beiflichten, den Verſuch zu ihrem Be - hufe anwenden, welchen man gemeiniglich dem Stenonio zuzuſchreiben pflegt(i)Myolog. ſpec. p. 87.; naͤmlich wenn man die Aorte bin - de, daß die hintern Gliedmaßen lahm wuͤrden, und ihre Kraͤfte wieder bekaͤmen, ſo bald man das Band auf die Seite ſchaffe. Es haben viele beruͤmte Maͤnner dieſen Verſuch mit einem aͤnlichen Erfolge wiederholt(k)J. SWAMMERDAM de refpir. p. 62. ante STENO - NIUM. C. BARTHOLINUS in Epiſt. ad Jacobæum. BRUN - NER de pancr. pag. 187. 188. VIEUSSENS Neurolog. pag. 161. 247. du cœur p. 130. KOE - NIG reg. anim. p. 170. BOHN circul. anat. p. 102. 103. 297. 398. KING apud BIRCH T. III. p. 261. 300. 306. COWPER l. c. p. 11. COURTEN philoſ. tranſ. n. 335. ASTRUC. in diſſert. bei dem MANGET. p. 23. 24. et indiſſert. de mot. muſcul. pag. 87. KAAUW. n. 291. PASCOLI de homine p. 33. B. LANGRISCH muſc. mot. p. 17. etc. La MURE quæſt. XII. HINGANT ergo mot. muſcul. a ſpir. Le CAT Mem. p. 7. 8. 9. LORRY Journal de med. 1757. Janv. Jch habe auch dieſen Verſuch gemacht. de motu ſanguin. Exp. 52..

So ſtirbt auch die Bewegung an einem beſondern Muſkel, wenn man ſeine Schlagader bindet, ab(l)KAAUW n. 289. HAM - BERGER p. 582., und man hat am Schienbeine und Schenkel(m)SCHWENKE pag. 8. dieſes wargenommen. Gemeiniglich wird ein Glied unter ei - nem Schlagaderſakke fuͤllos(n)BAGLIV p. 403., und es iſt ſchwaͤcher, wenn ſeine Schlagader knochig(n*)MORG. Ep. XV. fin. , oder durchhauen wor - den(n**)LANCIS. de corde p. 105.. Andre beruͤmte Maͤnner bemerkten, wie auch der Muſkel aufſchwelle(o)RIDLEY p. 109. BOHN p. 69., und ſein anhaͤngendesGlied171III. Abſchnitt. Urſachen. Glied an ſich ziehe, wenn man in die Schlagader Waſſer einſprizzt(p)VIEUSSENS nov. ſy - ſtem. p. 105. Le CATT Mem. p. 162. BERTIER p. 309.. Andre behaupten dieſes blos von kaltem Waſſer(p*)BOHN apud FORE - STUM de motu cordis. VATER phyſiol. p. 18..

Dieſem koͤmmt die Theorie des beruͤmten le Cat nahe, welcher ſich einbildet, daß die Schlagaͤdergen in die Muſ - kelfaͤcher eine dem Nervenſafte aͤnliche Limphe ausſchuͤtten(p**)Mem. pag. 58., und daher waͤren Thiere aus dem Grunde ſtark, weil ſie bei wenigem Gehirne mehr Blut haͤtten.

§. 20. Einwuͤrfe gegen dieſe Hipoteſen.

Es iſt offenbar, daß man die Bewegung eines Muſkels nicht von dem bloſſen Triebe des Herzens, und von dem haͤufig in den Muſkel eindringenden Blute, herleiten koͤnne, da das Herz nicht vom Willen beherrſcht wird(q)pag. 520. etc. , die Muſkeln aber nach Gefallen, entweder ruhen, oder in Bewegung ſind; und da man keine kuͤnſtliche Erfindung angiebt, wie in einem beſondern Muſkel das Blut, nach einer andern Regel, als in andre ſehr benachbarte Muſ - keln eindringt, welche aus einerlei Stamme ihr Blut em - pfangen, und doch den vorigen entgegen handeln, wie ſehr oft geſchicht. Es bekommen naͤmlich die ausſtrekkende Muſkeln(r)conf. Faſc. icon. anat. VI. des Ellbogens ihr Blut von den Schlag - adern zwiſchen den Knochen her, welches Fortſaͤzze von der Spindel und Ellbogenſchlagader ſind, von denen auch die Beugemuſkeln Aeſte empfangen. Es iſt auch die Bewe - gung des Blutes viel traͤger, als die Bewegung der Muſ - keln(s)Diſſ. ſur le mecan. du mou - vem. des muſcl. p. 83. Daß es ſich bewege bis zu einem halben Zolle, in einer Sekunde; ein Muſkel hingegen bis auf 2 Zolle; allein, dieſe Geſchwindigkeit iſt groͤſſer. pag. 481. ſeqq. und die Kraft des Herzens viel zu ſchwach dazu(s*)172Thieriſche Bewegung. XI. Buch. (s*)HALES hæmaſtat. p. 57. Jn einer haarfeinen Schlagader macht eine 80 Zoll hohe Saͤule ein Beſtreben, das $$\frac{1838}{1000}$$ Thei - len eines Grans gleich iſt.. Es iſt aber auch gezeigt worden, daß ein Muſkel - faden ſubtiler, als die rothen Kuͤgelgen ſind, und das Blut nicht in ſeine kleinſten Stoffe aufnehme(t)pag. 418..

Es erſtrekkt ſich ferner das Gebiete der Muſkeln wei - ter, als das Schlagaderſiſtem, da die Jnſekten viele und ſtarke Muſkeln, ohne Blut(u)Aus dem vortreflichen Wer - ke des LYONETTI. und ohne Pulsadern haben.

Es iſt ein Muſkel ferner aͤuſſerſt reizbar(x)pag. 455. etc. , dagegen die Schlagader nur undeutlich reizbar(y)L. II. p. 71..

Was die Qveerfaſern betrift, welche beruͤmte Maͤn - ner zum Einſchnuͤren der Muſkelfaſer anwenden, ſo ſind dieſelben nichts weiter als faͤchrige Faͤden, die ſich nicht anders auf todte Weiſe zuſammenziehen(z)pag. 443. KAAUW impet. n. 291. B. LANGRISCH p. 17. LORRY loc. cit. BOHN p. 102. Diſſ. ſur le mouv. des muſcl. p. 91. Die Bewegung waͤrete denganzen Tag fort. SCHWENKE pag. 8..

Jch habe endlich den Verſuch an der Aorte, und an der Schlagader eines Gliedes wahr befunden; doch es hoͤrt deswegen nicht ploͤtzlich die Bewegung deſſelben Thei - les auf, wie bei einem gebundnen Nerven zu geſchehen pflegt. Es erfolgt eine langſame Laͤhmung, wenn das Thier oft lange genung mit der gebundenen Aorte herum - laͤuft. Und man weiß auch, daß dieſer Verſuch nicht von ſtatten gehen wollen(b)ASTRUC. loc cit. p. 23. BIRCH T. II. pag. 155. mit Fuͤl - loſigkeit zween Tage lang war ein Hund, dem die Aorte gebunden, unvermoͤgend, und am dritten be - kam er die Bewegung wieder. Jn des beruͤmten LAMURE Verſu - che bekam der Hund vom Aorten - bande gelaͤmte Schenkel, quæſt. duodec. pag. 56. Am hinkenden war die linke arteria hypogaſtrica ſchmaͤler. MORG. ſed. cauſ. II. BOHN pag. 102.. Jch habe auch geſehen, daß an Menſchen die Laͤhmung langſam erfolgt iſt, wenn man ihre Schlagadern wegen ſtarker Wunden notwendig ver -bin -173III. Abſchnitt. Urſachen. binden mußte. Es entſteht in einem ſolchen Gliede einige Fuͤlloſigkeit, es vergeht zugleich mit der Bewegung das Gefuͤhl(c)ALBIN de abortu pag 5. ASTRUC apud MANGET. theatr. p. 22. KAAUW n 294. 305. VANDELLI Epiſt. II. 235. davon kam einige Traͤgheit. PA - RISOT Journ. Oecon 1756., und kurz darauf ſchlaͤgt der Brand dazu(d)SCHWENKE pag. 8.. Es verloren die Finger das Gefuͤl, da man die Spindel - ſchlagader, an der ein Sakk war, unterbinden muſte(e)HEUERMANN Oper. T. III. pag. 201. Deswegen ruͤhrt aber das Gefuͤl nicht von der Schlagader her. Es gehoͤrt nemlich zur Vollſtaͤndigkeit des Lebens, daß die Schlagader frei ſei, und ſich das Blut nach allen Theilen hin bewegen koͤnne. Wird ſolches aber gehemmt, ſo raͤumt man zugleich die vornemſte Urſache des Lebens aus dem Wege, und folglich hoͤrt alles dasjenige mit auf, was eine Folge des Lebens iſt, als die Bewegung, Em - pfindung und die Waͤrme(g)BOHN pag. 103..

So hoͤrt auch an einem Muſkel, oder beſondern Glie - de(h)Idem p. 102. die Bewegung von einer unterbundenen Schlag - ader entweder langſam, oder ganz und gar nicht auf, wenn gleich eine Schlagader des ganz geſunden Gliedes unterbunden wird(k)BRUNNER de pancreat. POZZI Comm. Epiſt. p. 79. La MURE quæſt. XII. pag. 5. B. LANGRISCH m. mot. I. p. 14. 15. HINGANT theſ. inaug. DEI - DIER mot. muſc. pag 24. An keinem von beiden Schenkeln. Exp. noſtr. 58. loc. cit. .

Es verurſacht das Einſprizzen an einem lebendigen Thiere, daß auch ein Waſſer, welches man nicht durch die Schlagadern, ſondern durch die Blutadern einſprizzt, an den Muſkeln des lebendigen Thieres ein Zittren erregt(l)DUVERNEY apud du HAMEL loc. cit. .

Man kan noch hinzufuͤgen, wie es ſich von dem Er - folge einer gebundenen Schlagader auch daher nicht aufeinen(f)SCHWENKE KAAUW n. 294. Dazu erfordert einige Anfuͤllung der Gefaͤſſe und Faſern mit ihrer Fluͤſſigkeit WHYTT vit. mot. p. 12.(i)KAAUW n. 289.174Thieriſche Bewegung. XI. Buch. einen Einflus von der Schlagader ſchliſſen laſſe, weil auch nach Unterbindung der Blutadern, zwar nicht allemal(m)Dies leugnet VIEUSSENS ſyſtem. vaſor. p. 105. et POZZI pag. 80. da die Holader gebunden war., aber doch oft, eine dergleichen Laͤhmung erfolgt(n)BATTIE princip. p. 58. 60. KAAUW n. 292. 293. add. ASTRUC loc. cit. pag. 22..

Daß aber die Schnur an der Aorte, wegen der zu - gleich mit gebundnen Nerven(o)La MURE loc. cit. oder auch wegen der auf - gehobnen Gemeinſchaft des Ruͤkkenmarkes(p)ASTRUC apud MAN - GET p. 22. HINGANT in Theſ. E. m. mufcularis a ſpiritu. LALLEMANT theſ. mit dem Blute, eine Laͤhmung verurſache(q)MORGAGN. adv. II. anim. 8., ſcheint nicht mit den Erſcheinungen bei der Laͤhmung uͤberein zu ſtimmen, in - dem ſolche nur nach Unterbindung der Schlagadern zu erfolgen pflegt(r)Dieſem Verſuche trauet wenig zu SWAMMERDAM bibl. pag. 850..

Der Geſchwulſt, die Steifigkeit, und Bewegung an einem Gliede, nach Anfuͤllung der Schlagader gehoͤret zu der Ausdaͤmpfung des eingeſprizzten Waſſers in das Zell - gewebe(s)So urtheilt mit uns der vortrefliche KAAUW n. 303. 304. et illuſtr. WINTER pag. 33. 34., und dieſe bringt nicht nur einen Geſchwulſt, Steifigkeit, ſondern auch ein Zuſammenziehen an todten Koͤrpern zum Vorſchein, und ich habe dieſen luſtigen Ver - ſuch ſehr oft an todten Kindern mit Fiſchleim vorgenom - men. Was die Urſache der hervorgebrachten Bewegung an ganz friſchen Leichnamen, oder an lebendigen Thieren anbelangt(s*)SWAMMERDAM de reſpirat. Coroll. 3. 4., ſo koͤnnte man ſolche auf Rechnung des reizbaren Weſens der Muſkeln ſchreiben. Und daher erfolgt auch eben dergleichen, wenn man Blutadern mit Waſſer ausſprizzt(s**)HALES pag. 116..

§. 21.175III. Abſchnitt. Urſachen.

§. 21. Noch andre Hipoteſen.

Jch beruͤre die uͤbrige Muthmaſſungen, wodurch man verſucht hat, den Bau der Muſkelfaſer ausfuͤndig zu ma - chen, um die Erſcheinungen an dem Muſkel deſto gemaͤch - licher zu zergliedern, nur ganz obenhin.

Robert Hooke, deſſen Wizz in Erfindung dergleichen Hipoteſen, ſehr fruchtbar war, ſtellte die wechſelweiſe Bewegung und Ruhe einer Muſkelfaſer, durch einen Darm vor, welchen er wie eine Schnekke zog, und einen geraden Faden daran anbrachte. Blies man den Darm auf, ſo ward derſelbe kuͤrzer, und ſchnekkenfoͤrmig. War er leer, ſo ward der Faden gerade, und der Darm waͤlzete ſich wieder in eine Schnekke zuruͤkke(t)BIRCH T. III. pag. 401. Dergleichen ſagt faſt KüHN mot. muſc. momenta præc. p. 28..

Vor kurzem verglich der beruͤmte Kruſius die Faſer mit einer Schnekke, in deren Gruben Nervenfaͤden be - findlich waͤren, die die Schnekke verengern, und ein Ge - wichte aufheben(u)in phyſ. germ. pag. 1100..

Vor kurzem trug auch der beruͤmte junge Mann, J. Friedrich Kuͤhn(x)loc. cit. pag. 32. ſeqq. , eine andere Mutmaſſung vor, welche nicht nur von der wechſelweiſen Ruhe eines Muſkels, ſon - dern auch von dem Unterſcheide zwiſchen den Muſkeln, die dem Willen unterworfen ſind, und zwiſchen den Muſ - keln, die von der bloſſen Nothwendigkeit regiert werden, und auſſerdem beſtaͤndig wirken, Rechenſchaft gibt. Es bilden ſich daher die Faſern in den willkuͤrlichen Muſkeln zu wechſelweiſen und geſchlaͤngelten Windungen, welche doch alle einander parallel ſind, zwiſchen welchen die Ner - venfaſern frei durchlaufen. Dahingegen haben die Muſ - keln, welche blos der Notwendigkeit des Reizes gehorchen,zwar176Thieriſche Bewegung. XI. Buch. zwar wellenfoͤrmige Faſern, doch ſo, daß ſich die Bukkel der Wellen einander zugekehrt ſind, und indem ſich ſelbige beruͤren, ſo druͤkken ſie den dazwiſchen liegenden Nerven, und entwenden ſich alſo die Urſache der Bewegung ſelbſt.

Jch uͤberlaſſe dieſe, und vielleicht noch andre Mutmaſ - ſungen, der Ueberlegung des Leſers.

§. 22. Die gedrehte Faſer.

Wenn etwas einfach zu ſein ſcheinet, ſo iſt es gewis die Hipoteſe von der gedrehten Faſer. Es ſcheint ſelbſt die Zergliedrungskunſt dieſer Meinung das Wort zu reden. Auſſerdem lehrt die Mechanik, daß todte angefeuchtete Strikke blos von einigen Tropfen Waſſers kuͤrzer gemacht werden, und unglaubliche Gewichter auf heben. Man hat eine beruͤmte Geſchichte von dem Baumeiſter Fontana(y)Catalogue de BONNIER de la Moſſon. CHARLETON third. lectur. pag. 94. 95. TA - GLINI de aere pag. 115., welcher, auf Befel des Pabſtes Sixtus des 5, einen Obeliſk aufrichten wollte, und da die auf hebende Kraͤfte nicht hinlaͤnglich waren, und bereits alles den Umſturz drohte, die erſtaunliche Laſt mit angefeuchteten Strikken in die Hoͤhe hob, und auf ihre Grundflaͤche niederſezzte. Jch weiß, daß einige dieſes vor eine mechaniſche Fabel hal - ten(z)NOLLET T. III. p. 168. wenigſtens erzaͤlt man dergleichen von dem Obeliſk zu Konſtantino - pel vor dem FONTANA. AUGE - RII de BUSBEQ. oper. p. 70.. Allein die Sache iſt an ſich ſelbſt wahr, indem das Waſſer Strikke verkuͤrzt und Muͤlſteine ſpaltet, wenn man(a)NOLLET leçons de phy - ſique T. I. p. 88. T. III. p. 164. damit beide wie mit einem Thaue beſprengt. Man hat auf ſolche Weiſe hundert Pfunde aufgehoben(a*)BOYLE ſubtil. effluv. p. 184..

Es hat zuerſt J. Majow(a**)pag. 78. Daß die Faſer - gen von den Geiſtern zuſammen - gedreht werden. und nach ihm Wal - ter Charleton(b)loc. cit. et MISTICHELLI apopleſſ. pag. 26., ſo wie vor kurzem der beruͤmte Ber -tier177III. Abſchnitt. Urſachen. tier(c)pag. 282. 285. 287. 288. dieſen Verſuch zur Erklaͤrung der Muſkelbewe - gung angewandt. Es begegnet zugleich der ſcharfſinnige Mann einem Einwurfe, welchen man gegen dieſe Thaͤtig - keit einer gedrehten Faſer, von der Langſamkeit ihrer Be - wegung herzunehmen pflegt. Er fand naͤmlich, daß war - mes Waſſer ein Strikk beſſer verkuͤrze, und daß ein Seil mit kaltem Waſſer beſprengt, acht Zoll(d)pag. 287. 288., mit heiſſem hingegen zween Fus kuͤrzer werde; folglich koͤnne die Waͤr - me des Blutes, wenn dieſes eine Faſer anfeuchtet(e)pag. 543., die Bewegung ſchneller machen.

Doch wenn gleich die Hizze eines ſiedenden Waſſers, die doch gewis groͤſſer iſt, als die Waͤrme im Blute, das Seil etwas mehr verkuͤrzen kann, ſo iſt doch dieſer Vorteil gegen die unglaubliche Geſchwindigkeit nichts, mit der die Muſkeln ſpielen. Denn da das Waſſer, kraft der An - ziehung in das Seil eindringt, und in die Hoͤhe ſteigt, wie es uͤberhaupt zwiſchen zwo Glasplatten in die Hoͤhe ſteigt, oder im Zukker eindringt, ſo kann dieſes niemals anders, als langſam geſchehen, weil die Wege verdreht und verwikkelt ſind, durch welche ſich das Waſſer hindurch zieht, und ſelbiges nicht ehe die Anziehungskraͤfte eines feſten Grundſtoffes empfindet, als bis es demſelben ganz nahe koͤmmt, oder ihn beruͤhrt. Man betrachte nur, wie langſam das Waſſer in eine zollhohe Piramide von Zuk - ker, und in ein zolllanges Strikk eindringe. Jndem das Waſſer nun dieſen Raum zuruͤkke legt, ſo durchlaͤuft die be - wegende Kraft der Muſkeln tauſend Fus und druͤber(f)pag. 483..

Es dringt aber Waſſer geſchwinder ein, wenn Koͤr - per, von denen es angezogen wird, trokken ſind, und ſchwerlich, wenn ſolche feuchte ſind. Es ſind aber unſre Faſern allezeit in einem feuchten Zuſtande.

End -H. Phiſiol. 5. B. M178Thieriſche Bewegung. XI. Buch.

Endlich iſt es noch nicht ausgemacht, daß die Faſern gedreht ſind(g)pag. 414., und ich glaube, daß dieſes nur ſo zu ſein ſcheine, weil ſehr kleine Zellfaͤden um dieſelbe herum - liegen.

§. 23. Die Stenonianiſche Rauten.

Wir koͤnnen auch dieſe Theorie bei dem Muſkelbaue nicht uͤbergehen, und ſie iſt in der That die allereinfachſte. Es meinet naͤmlich dieſer vortrefliche Mann, daß ein jeglicher Muſkel aus zwo Sehnen, und aus Fleiſchfaſern beſtehe, welche mit beiden Sehnen ſchiefe Winkel machen(h)Myolog. ſpec. f. 10. tab. 1. f. 4., und dieſes finde uͤberhaupt in allen Thiergeſchlechtern ſtatt(i)pag. 23. etc. .

Wenn ſich nun dieſe Winkel veraͤndern, und groͤſſer werden, ſo erfolgen alle Erſcheinungen der Muſkelbewe - gung(k)pag. 470. ſqq. , indem der Muſkel kuͤrzer werde, aufſchwelle, und die Sehnen angezogen werden.

Dieſe ſinnreiche Muthmaſſung bekam Beifall(k*)Conf. BAGLIV. p. 400. VERHEYEN L. II. p. 156., und ſie konnte auch dadurch noch beſtaͤrket werden, was wir von der Verdrehung und den groͤſſer werdenden Win - keln der Muſkelpaͤkke an den Ribbenmuſkeln bei deren Spiele vorgetragen haben. Es hat aber auch Stephan Hales an dem Muſkel eines Froſches, den er im Brenn - punkte eines Brennſpiegels zur Bewegung brachte, die Faſern zittren und ſich aus ihrer parallelen Lage in Rauten - zuͤge(m)p. 61. verwandeln geſehen, ob ſie gleich vielmehr aus Rautenfiguren zu parallelen Koͤrpern haͤtten werden muͤſſen.

Allein der Bau laͤuft wider alle Warheit. Es ſind dergleichen Muſkeln, deren Fleiſchfaſern mit beiden Seh - nen ſchiefe Winkel machen ſollten, was Seltenes. Die mereſten machen mit der Sehne ſehr ſpizze Winkel.

Wenn
(l)pag. 479.
(l)179III. Abſchnitt. Urſachen.

Wenn ja einige dieſen Bau zu haben ſcheinen, ſo ſind es doch nicht die Elementarfaſern, ſondern die groſſen und deutlichen Fleiſchſtreifen an den Muſkeln, welche dieſer ſchiefen Richtung folgen.

Es vergiſt auch der vortrefliche Stenonius an einen Vorrat von fluͤſſiger Materie zu gedenken, welche ſich nach ſeiner Hipoteſe in die Zwiſchenraͤume der Faſern ergiſſen muͤſte, wenn er ſelbige nicht leer laſſen will. Denn indem ſich die Rauten in Vierekke verwandeln, ſo werden auch zugleich ihre Flaͤchen weiter und geraͤumiger. Folglich muſte man dieſe Rauten voll machen(n)Conf. BORELLUS pro - poſ. 5..

§. 24. Die harte Gehirnhaut.

Es haben bereits vor langer Zeit beruͤmte Maͤnner vermutet, daß in dieſer Bekleidung des Gehirns eine Kraft, ſich zuſammen zu ziehen, anzutreffen ſei(o)L. X. p. 177. 178., und da ſelbige nach allen Seiten des Koͤrpers ihre Fortſaͤzze verſende(p)pag. 92. WINTER apud LUPS. irritab. n. 35., und ſelbſt die Muſkelfaſern von der harten Gehirnhaut gebildet wuͤrden(q)LUPS. n. 36., ſo leiteten ſie die ver - ſchiednen Bewegungen(q*)MAJOW p. 332. PIC - QUER med. nov. anat. p. 28., wie auch das Schlagen des Herzens(r)B. LANGRISCH p 57. und vorlaͤngſt MAJOW durch Vermutung, p. 32. EREMOND theſ. par. 1726. defenſ. , nebſt allen andern Bewegungen(s)LUPS. n. 35. ex WIN - TER. , von der zuſammenziehenden Kraft dieſer Membran her.

Doch es hat die harte Gehirnhaut ſo wenig ein Ver - moͤgen, ſich zuſammen zu ziehen(t)pag. 179. 180., als von ihr Nerven(u)pag. 186. 190. oder Muſkelfaſern entſpringen.

M 2§. 25.180Thieriſche Bewegung. XI. Buch.

§. 25. Die fluͤſſige Urſachen zu der Bewegung der Muſkeln.

Wir haben bisher diejenige Lehrarten vorgetragen, welche man uͤber den Bau der feſten Theile einer Faſer ausgeſonnen. Da aber die meiſten von dieſen Hipoteſen wenig Gruͤndlichkeit haben, um ein ſo groſſes Vermoͤgen zu begreifen, als Muſkeln auszuuͤben gewont ſind, ſo nah - men die vornemſten Schriftſteller des verfloſſnen Jarhun - derts ihre Zuflucht zu dem Aufbrauſen widerwaͤrtiger Sal - ze, um damit die Vorfaͤlle in der Phiſiologie zu erleutern. Es trug zuerſt Thomas Willis(y)de motu muſc. p. 134. de morb. convulſ. p. 3., wiewohl auf eine be - ſcheidene und mistrauiſche Art das Aufbrauſen zwiſchen dem geiſtſalzigen Nervenfluͤſſigen, und dem ſchwefligen, oder ſalpetrigen Blute vor. Saure Geiſter, und ein alka - liſches Blut fuͤhrte J. Alphons Borellus(z)L. II. propoſ. 27. 79. ein, weil er durch eine groͤſſere Notwendigkeit zu dieſer Hipoteſe ver - leitet wurde, da er ſelbſt geſtand, daß die Mechanik der Muſkeln zur Verminderung, und nicht zur Verme - rung derſelben angeordnet ſei. Daher konnte er ſaſt nicht umhin, eine Kraft, wodurch Muſkeln ausgedehnt wuͤr - den, und welche vom Zuſammenziehen der feſten Theile verſchieden ſei, zu Huͤlfe zu nehmen. Dergleichen, naͤm - lich einen Streit zwiſchen dem Nervenſafte und dem Blute, und das daher ruͤhrende Verduͤnnen und Erweitern der Faͤſergen, trug auch Bellin(a)Ad Lector. de mot. muſc. n. 15. diſ. 10. pag. 233., Wilhelm Croone(b)Wenn ſie ſich in der FaſernZwiſchenraͤume ergoſſen haben. p. 23. 24., nebſt andern vor(c)DUNCAN p. 309. BAYLE oper. p. 72. PITCARNE Elem. II. c. 29. n. 8.. Peter Chirac leitet die Sache von dem luftigen Nitergeiſte, welcher mit den alkaliſchen Salzen des Blutes in Kampf gerathe, her(d)BESSE Anal. T. I. p. 132. PURGEL of vapours p. 105..

J. Ber -181III. Abſchnitt. Urſachen.

J. Bernoulli beſchreibt das Aufbrauſen in ſo fern noch mechaniſcher, daß er die kleinen Stacheln der Gei - ſter die Schalen der Blutkuͤgelgen durchboren laͤſt, um dem elaſtiſchen Aether, der in der holen Blutkugel verbor - gen liege, und auch bisweilen der Luft ſelbſt Plazz zu ma - chen(e)n. 7., damit dieſelbe herausdringen, und die Blaͤsgen ausdehnen koͤnne(f)n. 5. 6..

Mit dieſem ſtimmet faſt die Theorie des Jakob Keils(g)pag. 135. uͤberein. Dieſer will, daß die Kuͤgelgen des Blutes Luft enthalten ſollen, die mit einer Blutrinde uͤberzogen ſei. Es begegnen dieſen Kuͤgelgen in den lezzten Blaͤsgen, die thieriſchen Geiſter. Jhre kleine Maſſen ziehen das Blut ſehr an ſich(h)pag. 136., entreiſſen der Luft die Blutrinde, und eignen ſich ſelbige ſelbſt zu. Solchergeſtalt dehne ſich die befreite Luft, die bisher in einem Blutblaͤsgen gefan - gen war, aus. Es entſtehe kurz darauf vom Geiſte und Blute eine neue Rinde, in welche die wilde Luft einge - ſchloſſen wuͤrde.

Nicht weit von dieſem Gleiſe entfernt ſich G. Ehr - hard Hamberger(i)pag. 591. add. SCHROE - DER de convulſ. ex hæmorrhag. , wenn er lehrt, daß ſich die thieri - ſchen Geiſter an die Blutkuͤgelgen anhaͤngen, ſolche durch - dringen, und daß ſie den Widerſtand mindern, den die Blutrinde gegen die eingeſchloſſene Luft ausuͤbt, und da - von ſchwellen die Kuͤgelgen des Blutes, oder des Salz - waſſers auf.

J. Parſons leitet die Kraft der Muſkeln von der Luft ſelbſt her, welche ſtuͤrmend die Faͤcher aufbleht, und den Widerſtand der in den Zwiſchenraͤumen ſtekkenden Luft auf hebt(k)Muſc. mot. p. 51. 56., indem zugleich die gedruͤkkte Blutadern, vermittelſt des aufgehaltnen Blutes, das Schwellen eines Muſkels verurſachen.

M 3Ein182Thieriſche Bewegung. XI. Buch.

Ein anderer beruͤmter Mann leitet die Urſache von einem Hauche her, welcher in den Zwiſchenraͤumen der Faſern vorhanden ſei, und der aus unſern Saͤften und dem Aether gemiſcht, beſtuͤnde(l)GEORGI de homine c. XI. propoſ. 67. 68..

Von der bewegenden Materie(m)LIEUTAUD phyſiol. pag. 268., die aus den klei - nen Nerven in die offene Faſergaͤnge herausfare, und ſolche erweitere, iſt ein andrer eingenommen, indeſſen daß ein andrer die Sache von den elaſtiſchen Lufttheilgen her - leitet, wovon die Faſern ausgedehnt wuͤrden(n)VIEUSSENS du cœur pag. 135. VATER phyſiol. p. 132. TABOR p. 223.. Hieher koͤnnte man auch noch den Verſuch mit ziehen, aus wel - chem erhellet, daß Raupen von der Laͤhmung uͤberfallen werden, ſo bald man die Luftloͤcher an ihnen verſtopft(o)LYONNET præf. p. X. .

Vor kurzem verband ein beruͤmter Mann mit dem Zuſammenziehen ſo gar eine Exploſion(p)Gerh. Andr. MüLLER Entwurf eines Lehrgebaͤudes, n. 192..

Jſaak Newton iſt der erſte, welcher dem Aether das Geſchaͤfte, unter der Einſchraͤnkung aufgetragen(q)BIRCH T. III. pag. 252. Etwas dergleichen hat ſich ausge - ſonnen der beruͤmte FLURANT ſplanchnolog. T. I. p. 180. wel - chen man nachleſen kann., daß die Seele Kraft habe, den Aether im Muſkel zu verdich - ten, und zu verduͤnnen. Denn wenn ſolchergeſtalt das Gleichgewichte aufgehoben worden, ſo koͤnne im Muſkel entweder ein Geſchwulſt oder eine Zuſammendruͤkkung er - folgen, nachdem der innere Aether, uͤber den auſſen be - findlichen Aether, die Oberhand bekoͤmmt, oder dagegen vermoͤge der Verduͤnnung demſelben weichen mus. Die - ſem fuͤgte Newton noch bei, es koͤnne der Aethergeiſt von der Seele(r)pag. 253. 254. in dieſen, oder jenen Nerven getrieben wer - den, es wuͤrde aber das Herz ſein Schlagen ohne Bei - huͤlfe der Seele behalten, wenn ſich in ſelbigem durch die Gaͤrung der Saͤfte ein Aether von der Art erzeuge, der - gleichen im Gehirne erzeugt wird.

Zu183III. Abſchnitt. Urſachen.

Zu dem Aether nahmen die neuern Englaͤnder(s)THOMSON on muſc. mot. pag. 142. ROBINSON œcon. pag. 82. in den Zwiſchen - raͤumen der Faſern. und der beruͤmte Keſler(t)in einem beſondern Werkgen. ſeine Zuflucht, welcher ſich ebenfals die Sache ſo vorſtellt, daß die in den Faſern ent - haltene Feuchtigkeit von dieſem Elemente verduͤnnt wird.

Jakob Shebbeare(u)SHEBBEARE princip. pag. 80. Dieſes iſt auch die Mei - nung des beruͤmten GAUTIER obſerv. de phyſiq. P. V. p. 268. ſchreibt, daß ſich die ausge - breitete Nerven in das Zellgewebe endigen, und daß die Bewegung der Muſkeln von dem, durch den Willen da - hin gelenkten Feuer verrichtet werde(x)pag. 108., das ſich in die Faͤcher ergieſſe(x*)pag. 89. und die Blaͤsgen ausdehne. Dieſes Feuer verfliege kurz darauf(y)pag. 84., die Elaſticitaͤt der Faſern bekomme ihre erſte Geſchlankheit wieder(z)ibid. , und eben die - ſes ſei der Nuzzen des Zellgewebes(a)pag. 89.. Daher komme es daß die Muſkeln alle Bewegung verlieren, ſobald das Zellgewebe zerſtoͤret wuͤrde(b)p. 191..

Auf eine andre Weiſe bediente ſich der vortrefliche de Sauvages der elektriſchen Materie. Es entfernen ſich zween Fleiſchfaͤden, oder Hanf - und Seidenfaͤden, die mit einem Ende verbunden ſind, und an einen elektriſirten Ei - ſendrat feſte gemacht werden, von einander, ſobald man elektriſirt, und ſie gehen deſto mehr von einander, je ſtaͤrker die elektriſche Kraft iſt; ſie weichen auch von ein - ander, wenn man ſie an beiden Seiten anbindet, und man ſiehet daher, weil eben dergleichen am ganzen Muſkel von allen Seiten geſchicht, daß daraus der geſchwollne Bauch entſtehen muͤſſe(c)Diſſ. ſur la cauſe du mouv. des muſcl. p. 104. Noch vor ihm den beruͤmten des HAIS de he - meplegia diſp. . Es verfliege ein Theil dieſes elektri - ſchen Fluͤſſigen und vielleicht ruͤhre von ihm das brennliche Weſen im Fette her(d)pag. 107., das uͤbrige bleibe, weil es nicht rein ſei, zuruͤkke. Hieraus entſtehe offenbar in dem vomM 4elek -184Thieriſche Bewegung. XI. Buch. elektriſchen Funken getroffenen Muſkel(e)pag. 95. CALDANI Lett. III. pag. 21. diejenige Be - wegung, welche dieſer Muſkel habe.

Vielleicht laͤſſet ſich auch die groſſe Gewalt der Waͤr - me, welche ſich auch bei der Muſkelbewegung ſo wie bei der willkuͤrlichen aͤuſſert, hieher ziehen, indem Jnſekten ſowohl in der Winterkaͤlte die willkuͤrliche Bewegung der Muſ - keln verlieren, als ſolche von der Fruͤlingswaͤrme(f)SWAMMERDAM pag. 853. oder jeder andrer kuͤnſtlichen Waͤrme wieder erlangen. Es hat ehedem Entius an den Schnekken(g)Apolog. pag. 245., und an dem klo - pfenden Herzen der Frucht Harvey ſolches wargenommen, und wir haben bereits davon an einem andern Orte gere - det. Doch es erlangen auch die Eidechſen ebenfalls, wenn ſie im Winter unbeweglich ſind, am Feuer ihre Kraͤfte mit der Waͤrme wieder(h)QUESNAI Oecon. I. p. 181., wie ſolches auch, was die Thiere von warmen Blute betrift, von der Bergmaus(i)L. IV. pag. 437. 348. von der Schwalbe(k)ibid. und vom Menſchen gilt. Denn auch dieſer verliert in der Kaͤlte den Gebrauch ſeiner Fuͤſſe und Haͤnde, und er erholt ſich bei der Waͤrme wieder.

§. 26. Alle dieſe Erlaͤuterungen ſcheinen ohne Grund zu ſein.

Wir haben vorlaͤngſt gezeigt, daß im Blute keine wi - derwaͤrtige Salze ſind(l)L. VI. pag. 291. und daß davon keine Bewegun - gen entſtehen. W. Charleton(l*)Third lecture p. 103. adda - tur DEIDIER in opuſculo a 1699. Monspelis edito. BOER - HAAVIUS, und andre mehr. iſt einer von den erſten, der ſolches angemerkt hat.

Es185III. Abſchnitt. Urſachen.

Es ſind auch nicht die Blutkuͤgelgen Luftblaſen(m)L. V. pag. 60. und es wonet weder im Blute(n)L. VIII. pag. 336. ſeqq. noch in den Nerven ein elaſtiſches Element(o)L. X. pag. 336 ſeqq. .

Von dem Aether glaube ich(p)ibid. pag. 378. ſeqq. , daß er ſich in unſren Nerven nicht verſchlieſſen laſſe.

Daß der elektriſche Funken den Nerven in Bewegung ſezze, iſt gewis, da ein Nerve die Reize am liebſten auf - nimmt; es iſt aber gar nicht warſcheinlich, daß unſre Gei - ſter mit der elektriſchen Materie einerlei Weſen haben(q)pag. 380..

Waͤrme gehoͤrt zwar zu allen Bewegungen, und es hemmt die Kaͤlte die Reizbarkeit(r)L. XI. pag. 449.; allein es ſcheint nicht die Waͤrme durch die Nerven, ſondern durch die Schlag - adern in alle Theile des menſchlichen Koͤrpers einzudrin - gen(s)L. VI. pag. 305. ſeqq. , und folglich kann ſolche auch nicht vermoͤge deſſen, was wir vor kurzen erwaͤnt haben, Urſache von der Be - wegung der Muſkeln ſein(t)pag. 545..

§. 27. Ob uͤberhaupt nichts an der Nervenbewegung ſei, ſondern ob ſich Muſkeln blos vermoͤge ihrer angebornen Kraft bewegen.

Es gibt nicht wenig beruͤmte Maͤnner, beſonders zu unſren Zeiten, da man ſich aus den Hipoteſen wenig mehr macht, welche uͤberhaupt das Gehirn(u)SIMSON eſſays pag. 211. ENT. pag. 559. und die Nerven(x)ALBIN adnot. III. pag. 89. 90. FLURANT T. I. p. 19. BATTIE princip. p. 128. 134. von aller Muſkelbewegung ausſchlieſſen, und zwar auch aus dem Grunde, weil weder einige Empfindung, noch einiger Reiz, die ſo groſſe Bewegungen zu erwekken hinlaͤnglich iſt, die doch mit groͤſter Heftigkeit blos von der Ausleerung der Gefaͤſſe hervorgebracht werden(y)BATTIE princip. anim. pag. 84. 124. add. SCHWEN - KE pag. 77..

M 5Folg -186Thieriſche Bewegung. XI. Buch.

Folglich ſei das Zuſammenziehen der natuͤrliche Zu - ſtand eines Muſkels(z)FABRICIUS pag. 98. SWAMMERD. p. 856. BER - TRAND de motu muſculor. STENONIUS pag. 158. STUARD pag. 68. PERRAULT mecan. de anim. L. II. c. 2., und ſolches ruͤhre blos von den feſten Theilen her(a)KNIGTH vindication p. 53. HEUERMANN phyſiol. T. III. p. 151. QUINCY ſtat. med. pag. 387.; das Erſchlaffen komme von den Nerven und Lebensgeiſtern her(b)STUART. PERRAULT. BERTRAND. ENT. pag. 559. LOWER de corde p. 80. Nach Vermutung QUINCY. , und es finde zwiſchen dem natuͤrlichen und willkuͤrlichen Zuſammenziehen des Muſkels kein Unterſchied ſtatt(c)SWAMMERDAM bibl. p. 844. Man ſehe aber den Unter - ſcheid nach, L. XI. pag. 468.. Andere wollen, daß die elaſtiſche Kraft der feſten Theile ein groͤſſeres Ver - moͤgen habe(c*)CHEYNE diſeaſes p. 32., und der beruͤmte Perrault(c**)eſſ. de phyſ. T. III. pag. 72. mouvem. periſtalt p. 161. etc. , von der Stahliſchen Partei, ſchreibt das Zuſammenziehen, welches den Membranfaſern eigen ſei, die Bewegung des Muſkels zu.

Es iſt dieſes wenigſtens die allereinfachſte unter den uͤbrigen Hipoteſen; allein, ſie iſt deswegen nicht ſo gleich wahr, und ſie entſteht aus Vermiſchung der eingepflanz - ten Bewegung, mit der Bewegung, die von den Ner - ven herſtammt. So paſſet auch dieſe Theorie nicht mit den Erſcheinungen zuſammen, indem ſelbige lehren, daß die heftigſte Bewegungen hervorgebracht werden, ſobald man einen Nerven reizt(d)L. XI. p. 325., und daß ſolche auf hoͤren, wenn man ihn bindet(e)pag. 323. 324., (indem blos noch ein Klopfen uͤbrig bleibt) daß ſie nach ſeiner Befreiung oder Entbin - dung wiederkommen, und nach ſeiner Zerſchneidung nicht, als nur bisweilen lange Zeit hernach erſt wiederkommen(g)Soll anderswo gezeigt wer - den.. Obgleich einige Bewegungen ferner, entweder einzig und allein, oder doch hauptſaͤchlich, von der angebornenreiz -(f)pag. 324.187III. Abſchnitt. Urſachen. reizbaren Kraft, ohne alle Nervenkraft vollbracht werden(h)L. XI. pag. 457. 458. etc. , wenn gleich der Muſkel herausgeſchnitten, und das Thier todt iſt, ſo haͤngen doch in der That die groͤſten und maͤchtigſten Bewegungen der Muſkeln von der Nerven - kraft ab. Es iſt die Bewegung viel ſchneller, und lebhaf - ter(i)GALEN mot. muſc. L. I. c. 8. 9., wenn der Wille den Deltamuſkel anſtrengt, und viel matter, wenn ſelbiger Muſkel an einem abgehauenen Gliede oder gebundenen Nerven klopft.

Es zeigt Borell(k)L. II. prop. 5. BERTHER phyſ. du Corps anim. pag. 292., und es ſind die Erfarungen auf ſeiner Seite, daß ſich ein Muſkel eines todten Koͤrpers von einigen wenigen Pfunden leicht zerreiſſen laſſe, da er doch dieſes Gewichte, als er noch ſein Leben hatte, leicht tragen konnte. So koͤnnen die Beugemuſkeln des Schien - beins, die doch den ganzen Koͤrper im Gehen tragen, von wenig angehaͤngten Pfunden(l)BERTIER. zerriſſen werden. Sie zerreiſſen zwar auch an lebendigen Koͤrpern bisweilen, aber hoͤchſt ſelten, und nur nach den heftigſten Anſtren - gungen(m)Die Muſkeln des Schien - beins zerriſſen von einem Kram - pfe. CHESELDEN pag. 207. Es zerriſſen, wie der beruͤmte Mann glaubte, alle Muſkelfaſern. MEAD of poiſons pag. 136 Da bei einem Waſſerſcheuen alles gelaͤmt war. Man ſieht am Bienenruͤſſel ein Exempel, wie ſich die Faſern ein - ander naͤhern, und dadurch das Zuſammenziehen hervorbringen. SCHAEFER Maͤurerbiene tab. 3. f. 4. 5..

Endlich gelangen die Befele der Seele ſelbſt bis zu den Muſkeln hin. Dieſe aber erzeugen, es mag geſchehen, auf welche Weiſe es wolle, diejenige Bewegung, wodurch Muſkeln thaͤtig werden, und ſogar Gewichter aufheben. Es gelangen aber die Befele des Willens zu den Muſkeln, blos vermittelſt der Nerven, und es hat die Seele uͤber dieſe noch ſo geſunde Muſkeln, wenn deren Nerven ge - druͤkkt oder zerſchnitten werden, oder alsdenn uͤberhaupt keine Gewalt, wenn das Gehirn gehemmt worden. Folg -lich188Thieriſche Bewegung. XI. Buch. lich erzeugt die Seele nicht dieſe Kraft in den Muſkeln ſelbſt, womit ſie ſpielen, ſondern ſie ſenden ihnen ſolche, ſie ſei auch, wie ſie ſei, durch den Canal der Nerven zu(n)Man vergleiche damit BEL - LIN praef. ad I. de urin. et pulſ. .

§. 28. Es ruͤhrt die Bewegung der Muſkeln von dem verſtaͤrkten natuͤrlichen Zuſammenziehen her.

Die Sache ſcheint mir in ſo weit klar zu ſein, daß ich glaube, die natuͤrliche und angeborne Kraft ſich zuſammen zu ziehen, die ein Muſkel hat, laſſe ſich durch den Einflus des Willens vergroͤſſern. Da aber was koͤrperliches dazu gehoͤrt, welches die Maſſe eines Muſkels vergroͤſſere, und denſelben haͤrter und kuͤrzer macht, ſo ſcheint mir dazu eine, obwohl unbekannte(o)SCHARBOROUGH apud CROONE p. 2. MORGAN pag. 137. STAHL theor. med. p. 538. CHEYNE fibra natur. pag. 5. PEMBERTON apud HARTLEY pag. 89. 90. B. LANGRISCH pag. 76. 78. n. 74. 75. BRUNN. pag. 35. Tel. FONTANA pag. 234. CAL -DAN. L. II. pag. 460. Abhand - lung vom Nervenſafte, p. 61. So was aͤnliches lehret uns CROONE pag. 32. Conf. v. GEUNS pag. 32. 33 daß es vom Blute gereizt werde. LAWRENCE in mot. pag. 69., dennoch aber aͤuſſerſt ſchnelle und ſubtile Nervenfluͤſſigkeit, das allerwarſchein - lichſte zu ſein, welches ſich wie ein Reizmittel verhaͤlt, und die Elementen einer Fleiſchfaſer nach ihrer durchdringenden Subtilheit von allen Seiten reizet, ſich zuſammenzuziehen. Jch ſtelle mir die Sache ſo vor, wie die elektriſche Materie(p)pag. 448. auch im Muſkel die groͤſte Bewegungen, ohne alle Beihuͤlfe des Willens, erregt, nicht als ob beide Elementen von einerlei Natur waͤren, ſondern weil beide(q)F. FONTANA pag. 206. CALDAN pag. 460. 478. 479. einerlei aͤuſſerſte Geſchwindigkeit beſizzen, und ſich allen Elementen hurtig naͤhern koͤnnen. Jch halte aber, nach dem oben Erwaͤnten davor, daß ſich der Leim(r)pag. 464. 465. von dem Reize des Nervenſaftes viel eher, als der irdene Grundteil in Bewegung ſezzen laſſe.

§. 29.189III. Abſchnitt. Urſachen.

§. 29. Was dieſen Reiz in Bewegung bringe.

Man bildet ſich gemeiniglich ein, daß der Wille ein ſubtiles Element in die Nerven, und folglich auch in die Muſkeln, einfuͤhre. Zu dieſem Einfuͤhren aber gehoͤrt eine Kraft, und die Entelechia, von der die Folge iſt, daß im Nervenfluͤſſigen eine Bewegung hervorgebracht wird, vermoͤge welcher dieſes Fluͤſſige, noch gewaltſamer, als vorher, in die Muſkeln eindringt. Es iſt nun die Frage, was dieſes Vermoͤgen vor eine Urſache habe.

Die Stahlianer, und welche ſonſt den phiſiſchen Einflus verfechten, ſagen, es ſei die Seele. Jhr komme es zu, entweder fuͤr ſich allein(s)pag. 517., oder wenigſtens doch zu - gleich nebſt dem Koͤrper, Bewegungen zu erzeugen. Folg - lich wuͤrde von der Seele eine neue Bewegung erzeugt werden, vermoͤge welcher die Nervengeiſter in den Delta - muſkel eindringen muͤſten, ſo oft ich dieſes haben wollte.

Jch mag mich in dieſe ſchwere Fragen nicht einlaſſen und ſie kurz zu beruͤren, iſt mir nicht moͤglich. Es be - hauptet demnach Karteſius, Leibniz, und die meiſten Mathematiker, daß in der ganzen Natur keine neue Be - wegung entſtehe oder verſchwinde; daß hingegen Koͤrper nach dem Kreiſe ſtoſſen und geſtoſſen werden, und daß in einem Theile des Ganzen, von der Bewegung ſo viel verlo - ren gehe, als dem andern Theile zuwachſe; da Neuton gegenteils, mit Genemhaltung der ganzen Natur, behau - ptet, daß ſich neue Bewegungen erzeugen, und die alten zernichten laſſen. Folglich wuͤrde diejenige Bewegung, welche meinen Nervenſaft mit Gewalt in den Deltamuſ - kel treibt, von der Seele nicht hervorgebracht werden.

Man hat die Sache von einer andern Seite her an - gegriffen, um den Urſprung dieſer Entelechia zu erklaͤ -ren.190Thieriſche Bewegung. XI. Buch. ren. Karteſius ſchreibt die Urſache Gott zu(t)QUESNAI Oecon. anim. T. II. pag. 195., wel - cher, bei Gelegenheit der in der Seele entſtandnen Ge - danken, Bewegungen entſtehen laͤſſet, welche mit dieſen Gedanken verwant ſind.

Da es auf ſolche Weiſe das Anſehn hatte, daß Gott, bei gottloſen Gedanken, im Koͤrper unanſtaͤndige Bewe - gungen hervorbringe, ſo behauptete Gottfried Willhelm Leibniz, daß das goͤttliche Geſezz, nicht zur Erzeugung der einzelnen Bewegung des menſchlichen Koͤrpers, ſon - dern zur Erzeugung der ſaͤmtlichen Bewegungen gegeben ſei, vermoͤge deſſen die Seele, und der mit der Seele ver - einigte Koͤrper, kraft der vorherbeſtimmten Harmo - nie, von dem erſten Entſtehn eines Menſchen an, derge - ſtalt mit einander vereinigt waͤren, daß im Koͤrper, bei einem gewiſſen Gedanken, oder auf Verlangen der Seele, eine Bewegung zum Vorſchein komme, welche geſchikkt ſei, dieſes Verlangen zu ſtillen. Und auf dieſe Meinung lenkte ſich auch unſer ehemaliger Lehrer.

Wenn ich alſo, um ein Exempel zu haben, den Arm aufheben will, ſo ruͤhrt die Bewegung, welche den Delta - muſkel zuſammenzieht, und den Arm auf hebt, nicht von der Seele her, ſondern es erzeugt ſich dieſe Bewegung nach dem laͤngſt beſtimmten Geſezze im Koͤrper, und zwar ohne allen phiſiſchen Einflus der Seele.

Jch geſtehe es, daß mir dieſe Meinung, nachdem ich die Erſcheinungen bei derſelben in Erwegung gezogen, beſſer gefaͤllt. Denn ob gleich einige Verteidiger der Stahliſchen Theorie(u)WHYTT vital. mot. pag. 319. Tum. cl. BEAUMONTpſycholog. pag. 123. Doch es ſoll von dieſer Frage gehandelt werden, L. XVII. die Sache leugnen, ſo iſt doch gewis, daß ſich die Seele eine einzige Sache deutlich vor - ſtelle, und eine einzige Sache gedenke. Waͤrend des Gedenkens ſpricht ſie einen Buchſtaben nach dem andernaus191III. Abſchnitt. Urſachen. aus, uͤberhaupt, wie man lieſet, und ſie nennt nicht zween Buchſtaben zugleich. Auſſerdem kann ſie dunkel em - pfinden, und Schmerzen oder Wolluſt fuͤlen, aber ſich nichts deutlich weiter vorſtellen. Wenn ſie ſiehet, ſo ſieht ſie nur einen einzigen Punkt auf einmal deutlich, weil ſie, wenn ſie lieſet, Buchſtaben vor Buchſtaben ausſpricht, und nur einen einzigen deutlich ſieht, die uͤbrigen aber nach der Reihe mit dem Auge und Kopfe verfolget.

Dieſes waren des Boerhaavens(x)praelect. Tom. IV. n. 541. Wegen des Geſichtes ſtimmet mit uns uͤberein HARTLEY p. 232. et le CLERC, und alle uͤbrigen., und meine Gedanken, als Robert Whytt(y)loc. cit. dawider ſchrieb. Es koͤmmt aber der Einwurf dieſes Mannes darauf an, daß ſich nebſt der deutlichen Jdee, noch andre undeutliche in der Seele zugleich vorſtellen laſſen. Und das iſt auch ausgemacht, weil ich das ganze Buch vor mir ſehe, wenn ich einen einzigen Buchſtaben leſe. Doch dadurch leidet unſer Schlus nichts.

Nunmehr ſage ich, wie es gar nicht ſcheine, daß unſre Seele, welche ſich nur eine einzige Sache deutlich vorſtellt, ſo viel Muſkeln im Koͤrper in Bewegung ſezzen koͤnne, welche ſie doch wirklich, ſo oft ſie will, in Bewegung ſezzt. Wir wollen einen Sprung vor uns nehmen, man ſoll uͤber einen Graben, der vier Fus breit iſt, ſezzen. Die Seele bequemt ſich dazu. Es ſtoſſen demnach die gebogne Fuͤſſe, nachdem die Bewegung beliebt worden, von der Erde ab, es heben die Ausſtrekker des Schienbeins, und die Beuger der Huͤfte den Leib in die Hoͤhe, ſie entfernen ihn von der Erde, der Leib wirft ſich vorwerts hin, und erreicht den Ort, wohin die Seele den Koͤrper beſtimmt hatte.

Die Seele hat von den Muſkeln, welche ſie regiert, keine Kenntnis(z)QUESNAI loc. cit. pag. 125., und ſie macht ſich von der aͤuſſerſt ſchweren Aequation keinen Begriff, durch welche dasGleich -192Thieriſche Bewegung. XI. Buch. Gleichgewichte ſo vieler Muſkeln am ganzen Koͤrper, und das Ausſtrekken oder Beugen ſo vieler Gliedmaßen, zu dem beſtimmten Endzwekke abgewogen wird.

Es muͤſte die Seele von allen dem Willen unterwor - fenen Werkzeugen eine Landkarte vor Augen, und auf das allergegenwaͤrtigſte vor ſich haben, um nach ſelbiger beſſer, als auf dem albiniſchen Kupfer, die helfende, thaͤtige, lenkende, beitretende, und uͤbrige Muſkeln, zu der beſtim - ten Bewegung anzuſtrengen. Allein, wir kennen dieſe Karte ſo wenig, daß wir nicht einmal im Schmerzen die rechte Stelle genau treffen koͤnnen.

Jch uͤbergehe, daß, nach der Theorie unſrer Gegner, auch die dem Willen nicht unterworfne Werkzeuge(a)pag. 518. ſeqq. ebenfalls von dem Winke der Seelen regiert werden, und daß alle Gefaͤſſe, durch den motus tonicus, den andre Neuere die Schwingungskraft des Lebens (oſcillatorius vitali,) nennen, bald nachgelaſſen, bald verengert werden, damit die beſondre und rechtmaͤßige Geſchwindigkeit in dem Umlaufe der Saͤfte erhalten werden moͤge.

Es mus uns dieſe unendliche Menge Jdeen ſo wenig zur Laſt fallen, daß wir ſie als gegenwaͤrtig empfinden und regieren, ob wir gleich nicht einmal wiſſen, daß wir eine ſo groſſe Beſchwerlichkeit zu ertragen haben, und zu den feinſten Betrachtungen vollkommen geſchikkt ſind, welche dennoch von den geringſten Stoͤrungen der Sinne ſo leicht aus ihrer Sphaͤre gebracht werden; welches aber alles wider die Erfarung laͤuft.

Gewonheit erwirbt Fertigkeiten: wir haben durch Fallen ſpringen gelernt. Dieſes aber verhaͤlt ſich nicht ſo(b)pag. 527.. Es haben Thiere, welche uͤberhaupt haͤrtere Knochen beſizzen, wenn ſie an des Tages Licht gebracht werden, nichts gelernt, nichts verſucht, und dennoch laͤuft das Lamm, wenn es die Gebaͤrmutter verlaͤſt, es folgt derMutter193III. Abſchnitt. Urſachen. Mutter nach, und ſaugt an den Eitern. Die Biene, dieſe kuͤnſtliche Bearbeiterin des Wachſes und des Honigs, wird kaum aus einer Made zur Fliege, als ſie ſchon mit allen vereinigten Kraͤften ihres kleinen Leibes Wachs und Honig zu ſammeln weis, und ein ſo ſchweres Problem aufzuloͤſen verſteht, wie naͤmlich der ſtumfe Winkel des Dekkels ſo beſchaffen ſein muͤſſe, um das Zellgen an der Wachstafel mit dem kleinſten Aufwande Wachs zu verſie - geln(b*)REAUMUR. . Die Seele eines Schmetterlings, welche in der ehemaligen Raupe andre Gliedmaßen hatte, verſteht, ſo bald ſie aus der Puppenhuͤlſe gekrochen, die Fluͤgel zu entwikkeln, und die ihr unbekannte Luft zu durchſtreichen. Der ohnlaͤngſt geborne Polipus faͤngt ſich Waſſerwuͤrmer - gen, und er bezeugt ſich nicht traͤger, als ſeine Mutter, aus deren Seite er vor kurzem hervorwuchs. Die Voͤgel ſtimmen, einer leichter, als der andre, den gehoͤrten Ge - ſang an, um denſelben vermittelſt ihrer Werkzeuge nach - zuamen. Selbſt das neugeborne Kind weinet, ſauget, und ſchlingt die Milch hernieder. Es weis ſich einer Menge Muſkeln, die ſich waͤrend dem Einatmen verei - nigen, und die es nie vorher verſucht, dergeſtalt zu gebrau - chen, daß die niemals gekoſtete und begerte Milch, wenn es die Warze der Bruſt niederdruͤkkt, in den Magen flieſſen kann. Eben dieſes Kind verſteht zu weinen, und eine Stimme von ſich zu geben, wenn es noch in der Mutterſcheide halb lebendig ſtekkt, es muͤſſen aber unzaͤ - liche Muſkeln zuſammen treten, um das Kindergeſchrei hervorzubringen. Endlich entſtehen dieſe Bewegungen in den Pflanzen, welche zur Abſonderung der Saͤfte, zur Ernaͤhrung, Wachstum, zur Fortpflanzung ihrer Art, noͤtig ſind, oder auch diejenige Bewegungen, vermittelſt deren einige Pflanzen das Licht fliehen, oder ſuchen; ferner die Bewegungen, welche offenbar den Reiz nichtver -H. Phiſiol. 5. B. N194Thieriſche Bewegung. XI. Buch. vertragen, oder auch den reifen Saamen auswerfen: alle dieſe ſo verſchiedne Bewegungen, welche zu einerlei Zeit, nach ihrem verſchiednen Gebrauche, aufgefordert werden, entſtehen, ohne daß man auf die Seele Verdacht werfen kann(c)pag. 531., und wir haben dieſes hier wiederholt, weil wir es vor noͤtig finden.

Wenn ich nun die Seele einiger maßen kenne, und von der Urſache einen Begriff habe, ſo ſcheint die Seele keine Urſache von einer ſolchen Bewegung zu ſein, von der ſie weder die Jnſtrumenten, noch das Maas im geringſten kennt, die ſie vorher nie gebraucht, und dennoch jezzt zu gebrauchen weis, die unzaͤlbar ſind, dennoch aber alle zu - gleich, und auf einmal, wiewohl nach hoͤchſt verſchiednen Maaßen, wirken.

Folglich ſcheint mir diejenige Meinung der Warheit am naͤchſten zu kommen, nach der nicht von dem Einfluſſe der Seele in den Koͤrper die Entelechia, oder wirkſame Urſache der neuen Bewegung herruͤhrt, ſondern in den Nerven und Muſkeln, nach dem Willen der Seele, der - gleichen Bewegung entſteht, welche erfordert wird, um die Befele der Seele auszurichten. Wie dieſes Geſezze aber beſchaffen, und ob dieſes eine neue Bewegung ſei, welche aus dem Willen entſpringt, ob dieſes eine Bewegung eines von andern Orten her beweglichen Elements ſei, welches ſich, blos zur Bewegung des Muſkels, anhaͤuft, davon geſtehe ich, daß ich nicht das geringſte weis. Wir ſehen die Folge von der Bewegung, naͤmlich die Verſezzung der Koͤrper an andre Oerter, vor uns, ob wir gleich die Natur der Bewegung nicht verſtehen.

§. 30. Die Urſache von der Erſchlaffung des Muſkels.

Wie es dem Muſkel weſentlich iſt, ſich zuſammen zu ziehen, ſo iſt es ihm noch viel natuͤrlicher, ſchlaff zu wer -den195III. Abſchnitt. Urſachen. den(d)pag. 480.. Es iſt naͤmlich die Kraft des Willens gemei - niglich von kurzer Dauer, und ſie verſchwindet gleichſam den Augenblikk mit allen ihren Erſcheinungen wieder, indem die Faſer diejenige Erſchlaffung und Laͤnge wieder bekoͤmmt(e)ibid. , aus der ſie durch den Willen verruͤkkt wor - den, und die ſie, ſowohl ſich ſelbſten uͤberlaſſen, als auch im Tode ſo gar uͤbrig behaͤlt. Dieſe Erſchlaffung(f)LE CATT. memoir. p. 48. iſt nicht blos eine Traͤgheit; denn es zieht ſich ein Muſkel, den man in ſeinem allerſchlaffſten Zuſtande entzwei ſchnei - det, ſtark zuruͤkke. Sondern ſie iſt nur eine Abweſenheit des ſtaͤrkern Zuſammenziehens, welches vom Willen her - ruͤhrte.

Man verlangt die Urſache zu wiſſen, welche den Muſ - kel in dieſen Zuſtand verſezzt. Die Mehreſten fuͤhren hier die Gegenmuſkeln an(g)pag. 447. LANGRISCH pag. 51. BERTRAND. , welche mit Beſchwerlichkeit ausgedehnt ſind von den zuſammengezognen Gegnern, und ſolche wechſelsweiſe durch ihr Zuſammenziehen mit ausdehnen.

Andre ſagen, das kurz zuvor gehemmte Blut oͤffne ſich einen Weg in den Muſkel(h)SWAMMERDAM pag. 856., und mache alſo den Muſ - kel lang und weich.

Andre verbinden beide Handlungen mit einander(i)SWAMMERDAM. B. LANGRISCH lectur. n. 85..

Andre ſchreiben uͤberhaupt den Nervengeiſtern nicht das Zuſammenziehen, ſondern das Erſchlaffen zu(k)PERRAULT mouv. periſt. pag. 161. mecan. des anim. P. II. pag. 76..

Noch andre, welche an der Fleiſchfafer Blaͤsgen be - haupten, und deren Ausdehnung von den Geiſtern her - ſchreiben, ſchreiben das Erſchlaffen dieſer Blaͤsgen dem natuͤrlichen Zuſammenziehen(l)KAAUW loc. cit. n. 315. BERTIER 313. zu.

N 2Wir196Thieriſche Bewegung. XI. Buch.

Wir haben einige von dieſen Hipoteſen ſchon an dem Orte erwogen, wo wir die Urſachen des Zuſammenziehens unterſuchten. Es tritt naͤmlich das Blut eben ſo wenig aus einem zuſammengezognen Muſkel(m)pag. 476. 477., als es in einen erſchlaffenden eindringt(n)Ibid. .

Wir haben hier das Wechſelſpiel der Gegenmuſkeln nicht noͤtig; indem ſich die Faſern des Herzens ſchlaff machen, und zuſammenziehen, ohngeachtet ſie keinen Gegner haben. Es findet auch in einem und eben dem - ſelben einzelnen Muſkel, welcher keinen Gegner hat, den - noch das Wechſeln des Zuſammenziehens und Erſchlaffens ſtatt(o)pag. 471.. Endlich folgt erſt die Handlung eines Gegners, wenn die zuſammenziehende Nervenkraft aus dem wirken - den Muſkel zuruͤkke gewichen. Man kann nun bei der einfachern Hipoteſe, welche wir den uͤbrigen vorgezogen haben, die Erſchlaffung des Muſkels, der Unterbrechung des Zufluſſes der Nervengeiſter, welche den Faſerleim zum Zuſammenziehen vermoͤgen und reizen, zuſchreiben. Sol - chergeſtalt wird zwar die Zuſammenziehungskraft bleiben, ſie wird aber nur ſo maͤßig ſein, als ſie an einem ſchlaffen oder erſchlafften Muſkel iſt. Es koͤnnte aber, nach dem Belieben der Seele, entweder die geſamte Nervenkraft den Muſkel dergeſtalt verlaſſen, daß er vollkommen er - ſchlafft, oder nur ein Theil dieſer Gewalt verloren gehen, daß ſich ein Muſkel nur um die Helfte, oder noch weniger, zuſammen zu ziehen vermag.

Jndeſſen bleibt hier doch noch ein Knoten uͤbrig, wel - cher mir viel Muͤhe zu machen ſcheint. Wo geht dieſer Nervengeiſt hin, welcher, wenn er uͤberfluͤßig in den Muſkel eindrang, am Muſkel eine Bewegung hervor - brachte? Es mus aber gezeiget werden, wohin ſich der - ſelbe ſo ploͤzzlich zuruͤkke ziehe, indem ein Tonkuͤnſtler ſchnel - ler, als in einem Augenblikke, einige Fingermuſkeln erſchlaffen laͤſt, indem er andre in Bewegung ſezzt.

Keh -197III. Abſchnitt. Urſachen.

Kehren die Geiſter wieder ins Gehirn(o*)FLEMMING loc. cit. , oder in das allgemeine Nervenbehaͤltnis zuruͤkke, welches man vor ein Siſtem elektriſcher Saiten halten koͤnnte, das von einer geiſtigen Fluͤſſigkeit, wie die Saiten von der elektriſchen Materie, angefuͤllt waͤren.

Es ſcheinet dieſe Erklaͤrung mit einer gewiſſen Muͤdig - keit nicht uͤberein zu ſtimmen, welche man bei der Bewe - gung der Muſkeln gewar wird, und welche die Kraͤfte dergeſtalt erſchoͤpft, daß man eine Menge Geſchichte von Helden lieſet, welche blos von der Ermuͤdung ſo entkraͤf - tet worden, daß ſie nach langem Widerſtande, lieber den toͤdtlichen Streich erwaͤlt, als daß ſie die zu ſehr entkraͤf - tete Aerme laͤnger gebrauchen wollen.

Es ſcheinet dieſe Ermuͤdung von der Verſchwendung des zur Muſkelbewegung notwendigen Nervenſaftes her - zuruͤhren, indem ſie durch Speiſe und Trank, beſonders durch geiſtige Getraͤnke viel geſchwinder, als durch bloſſe Ruhe wieder verbeſſert wird. Folglich ſcheint es mir nicht rathſam zu ſein, die Geiſter von den kleinſten einſaugenden Blutaͤdergen der Muſkelfaſer wieder aufnehmen zu laſſen, von denen der vortrefliche Kaauw(p)n. 310. 313. add. BOUL - TON pag. 63. ſchreibt, daß ſie waͤrend des Aufſchwellens des Muſkels zuſammengedruͤkkt, und bald darauf wieder nachgelaſſen werden, die Geiſter wieder einſaugen, und ſolche den Blutadern wieder uͤber - liefern. Denn auf ſolche Art wuͤrde der Bewegungsſaft eben ſo wenig verloren gehen.

Daß ſich die Lebensgeiſter in den Sehnen, als in Vorrathshaͤuſern(q)WILLIS pag. 118. 131., verſammeln ſollen, iſt nur eine bloſſe Vermutung.

Verzehrt ſich uͤberhaupt der Nervengeiſt, waͤrend der Handlung auf ſolche Art(r)BORELL. L. II. prop. 28., wie man von den widrigenN 3Sal -198Thieriſche Bewegung. XI. Buch. Salzen ſagen koͤnnte, welche nach dem Aufbrauſen zwar nicht verſchwinden, dennoch aber durch den gegenſeitigen Kampf ſtumpf, und zu einem traͤgen Koͤrper werden? Allein, es findet in der Thaͤtigkeit der Muſkeln kein Streit gegenſeitiger Salze ſtatt(s)pag. 554..

Oder duͤnſten die Geiſter erſt wohin aus, und ver - liert man durch die Bewegung ſo viel Geiſter, als durch die Schweisloͤcher der bewegten Faſer, die zwar ſehr klein, aber doch noch ſo gros ſind, daß davon eine Faſer aufſchwellen kann, obgleich unmer etwas verloren geht(t)SANTORIN loc. cit. n. 29., entwiſchen koͤnnen?

Oder haͤngt ſich vielmehr etwas von den Nervengei - ſtern an den Leim des Muſkels an? und verwandelt es ſich in ſeiner Verhindung zu einer feſten Maſſe, wie wir geſagt haben, daß ſich die Luft an den Leim anhaͤngt(u)L. VIII. p. 184. 185. 352.? Oder hat es damit eben die Beſchaffenheit, wie Muſkeln ſtaͤrker, und auch dikker werden, wenn ſie oͤfters ange - ſtrengt werden(x)Sect. IV. n. 5.? Ruͤhren davon die derben Muſkel - koͤrper der alten Ringer, und der Vorzug der rechten Hand her, welche nicht bei allen Menſchen, oder bei neu - gebornen Kindern einerlei iſt, und von der Nachahmung, und dem oͤftern Gebrauche des rechten Armes herzukom - men ſcheint(x*)So ſagt auch ANDRY Orthop. pag. 275..

Es ſei damit beſchaffen, wie es wolle, ſo ſcheint ſich doch die Bewegungskraft allmaͤlich zu verzeren. Es kann der Schmerz an dem wirkſamen Muſkel von den oftmali - gen Abwechſelungen des Biegens, und Ausſtrekkens ent - ſtehen, denn dieſes vertraͤgt keine auch nicht einmal eine metalliſche Faſer(y)BELLIN de vill. con - tract. pag. 263. Daß Nerven, durch zu ſtarke Anſtrengung, den tonus verlieren, GAUBIUS p. 270.. Jch habe an den geraden und aus -ſtrek -199III. Abſchnitt. Urſachen. ſtrekkenden Muſkeln des Schienbeins einen faſt unertraͤg - lichen Schmerz erlitten, da ich zween ganzer Tage die Klausthaliſche und Goslariſche Gruben bereiſte und auf Leitern, welche wenigſtens 700 Fus hoch waren, in die tiefſte Gruben herabſtieg Jch finde uͤberhaupt, daß lange Muſkeln am leichteſten muͤde werden, und daß da - her groſſe Thiere weniger, als kleine arbeiten koͤnnen(z)Ein Pferd haͤlt nicht ſo lan - ge zu laufen aus, als der Menſch, BUFFON T. II. p. 552.. Die Laſttraͤger tragen zu London den ganzen Tag uͤber 300 Pfunde(a)DESAGULIERS L. I. pag. 282., da ein Pferd kaum eine Zeitlang 240 Pfunde zieht(b)pag. 251., und kein Pferd 2000 Pfunde zu tragen ver - mag(c)BUFFON. T. II. p. 551.. Die Voͤgel halten in der Arbeit laͤnger aus. Man faͤngt oft kleine Voͤgel, weit vom Ufer und mitten auf dem Meere(d)HUXHAM. Epidem. II. pag. 34. Der Meerſchwamm, ein unfoͤrmlich Thier, zieht ſich zu - ſammen, REDUS inſert. pag. 95.. Die Fiſche thun die laͤngſte Reiſen, aber ſie werden vom Waſſer getragen. Jn allen Thieren verrichtet das Herz, ohne Ermuͤdung und Schmerz, die dauerhafteſte Bewegung; es arbeiten aber auch die Ner - ven bei den Herzſchlaͤgen, entweder ſehr wenig, oder auch ganz und gar nicht(e)pag. 516. weil ſolches reiz - barer iſt, CRANZ, quæ ſint cauſæ motric. muſc. .

N 4Vier -200

Vierter Abſchnitt. Der Nuzzen von der Bewegung der Muſkeln.

§. 1. Das Fortſchreiten.

Es iſt der erſte Nuzzen, den die Muſkeln verſchaffen, die - ſer, daß ſie, nach dem Willen der Seele, entweder den ganzen Leib, oder doch einige Theile deſſelben, von einem Orte zum andern verſezzen. Es bewegen diejenigen Thiere, welche gleichſam mit einer unbeweglichen Wurzel in dem Jnwendigen einer Meerpflanze ſtekken, und in ſo fern unbeweglich ſind, dennoch ihre Hoͤrner(f)Siehe an den mereſten Orten pulcherr. ELLISIANAM Coralli - narum hiſtoriam. TREMBLEY pag. 27., und Werkzeuge, womit ſie ihre Nahrung ſuchen, ſehr geſchwin - de, und es gibt kein ſo traͤges Pflanzenthier, das ſich nicht beim Beruͤhren zuſammenzoͤge, und ſich wieder ausdehnen, und ſchmaͤler machen koͤnnte(g)Conf. DONATI hiſtoriæ maris adriatici prodromum. . Folglich iſt die willkuͤrliche Bewegung uͤberhaupt das Merkmal eines thieriſchen Lebens, wodurch es ſich von dem Pflanzenleben unterſcheiden laͤſſet. Daher haͤlt man die Saamenthiergen fuͤr wirkliche Thiere, weil ſie dergleichen Bewegung zu haben ſcheinen, und weder eine gewiſſe Richtung halten, noch untuͤchtig ſind, ſich in Acht zu nehmen, noch auf die vorſtehende Gegen - ſtaͤnde anſtoſſen. Da nun Pflanzen nichts willkuͤrliches an ſich haben, ſo haben ſie auch keine Muſkeln.

Wir koͤnnen uns nicht in alle thieriſche Bewegungen hier einlaſſen. Die Phiſiologie hat blos einige, als das Kaͤuen, Hinabſchlukken, Reden, Atemholen, Auswerfen des Saamens, Ausleeren des Kotes, und die Bewegungder201IV. Abſchnitt. Thieriſche Beweg. Nuzzen. der Augen naturaliſirt. Sie iſt gewont, die meiſten auſ - ſer Acht zu laſſen. Jndeſſen wollen wir doch einige der vorzuͤglichſten Bewegungen, die im menſchlichen Leben am oͤfterſten vorkommen, einiger maßen kuͤrzlich entwerfen.

§. 2. Das Stehen.

Der Menſch allein kann mit einiger Sicherheit eine Zeitlang ſtehen, ob der Baͤr gleich einen breiten Fus hat, und den Koͤrper zum Kampfe in die Hoͤhe richtet. So kann auch der Affe(h)Wegen der kurzen Ferſe, und des ſchmalen Fuſſes. RICOLA - NUS oſteolog. ſimiæ. pag. 533., und noch beſſer der Pigmaͤe(i)TYSON anat. of the pyg - my pag. 79. ſeqq. , ſtehen. Jndeſſen hat doch der Menſch einen breitern Fus, und es iſt inſonderheit deſſen inwendiger Theil feſter; und ſo hat der einzige Menſch vor allen andern Thieren den groſſen Zee, welcher feſter und laͤnger als alle uͤbrige Zeen iſt, da derſelbe auch am Affen kuͤrzer, und dem Daumen aͤnlich iſt. Folglich koͤnnen alle Voͤlker des menſchlichen Geſchlechtes ſtehen, und es haben auch diejenige wilde Maͤgdgen, welche unter den Thieren in Wildniſſen gros gewachſen, und welche fern von aller menſchlichen Erzie - hung ohnlaͤngſt in Frankreich gefunden worden, ſtehen koͤnnen.

Wenn ein Menſch ſtehen ſoll, ſo mus die ſenkrechte Linie, welche zwiſchen dem Schamknochen und dem Hin - tern, durch den Mittelpunkt der Schwere durchgeht(k)BORELL. Lib. I. prop. 132. 137., in den vierſeitigen Raum einfallen, der ſich zwiſchen den zwo Fusſolen befindet(l)idem ibid. prop. 137., oder ſie mus auf die Fusſole ſelbſt fallen, wofern der Menſch auf dieſem Fuſſe allein zu ſtehen beliebt, und dieſe Bewegung kann kein einziges vierfuͤſſiges Thier, auch nicht auf einen Augenblikk, nach - machen.

N 5Doch202Thieriſche Bewegung. XI. Buch.

Doch es wuͤrde zum Stehen nicht hinlaͤnglich ſein, den todten Koͤrper ſo zu ſtellen, daß ſeine Fusſolen den - jenigen Raum beſchrieben, worinnen ſein Schwerpunkt liegt. Denn da der Menſch bewegliche Gelenke hat, und da ſein Kopf und Unterleib vorne mehr vorliegen(m)COMPER ad T. 88. adde HAMBERGER pag. 642., als irgend ein andrer Theil hinterwerts vorragt, ſo wuͤrde ein todter Koͤrper, weil ſich die Gelenke ſo gleich biegen und niederſinken, umfallen, und nach vorne zu ſinken. Es gehoͤret demnach eine unendliche Menge Muſkeln dazu, wenn wir uns aufrecht erhalten wollen. Wir wollen von dieſen Kraͤften kuͤrzlich handeln.

Man pflegt alſo die Fusſolen beider Fuͤſſe, ſo eben als moͤglich auf die Erde zu ſezzen; und ſie geben einen deſto feſteren Stand, wenn man die Fuͤſſe etwas von einander zieht, die groſſen Zeen auswerts kehrt, und einen groͤſſern Standraum einnimmt. Zugleich ſcheinen die Beugemuſ - keln der Zeen, ſonderlich wenn man recht feſte ſtehen will, ihre Zeen gegen die Erde zu kruͤmmen.

Da aber nicht die Mitte des Fuſſes das Schienbein auf ſich traͤgt, ſondern uͤberhaupt ein viel groͤſſrer Theil mehr nach vorne, als dieſes Gelenke, und ein andrer Theil nach hintenzu vorliegt, ſo mus das Schienbein gegen den Fus, der der Pfeiler des ganzen Leibes iſt, dergeſtalt geruͤkkt werden, daß er nicht nach vorne falle. Dieſes geſchicht mit Huͤlfe der groſſen Wadenmuſkeln, und des Fusſolen - muſkels, welche das Schienbein und die unterſte Huͤfte ruͤkkwaͤrts ziehen, damit man nicht nach vorne fallen moͤge.

Es wird ferner zu eben derſelben Zeit, damit ſich das Schienbein und die Huͤfte nicht zuruͤkke ziehe, und der Koͤrper ruͤkkwerts falle(n)Dieſes ſcheinet zu leugnen, BORELLUS Lib. I. prop. 136. doch es iſt nichts ſeltenes, daß ein Menſch ſchnell von Wunden, oder Schrekken ſchwach wird, und zu -ruͤkke, das Gelenke des Fuſſes mit dem Schienbeine, vermittelſt des vordern Schienbein -muſ -203IV. Abſchnitt. Nuzzen. muſkels, des vordern Roͤhrenmuſkels, der Ausſtrekker der Zeen, und des groſſen Zees feſte gehalten, welche das Schienbein ſo viel als genug iſt, nach vorne hin ziehen und ſchwaͤcher, als die groſſen Wademuſkeln ſind, welche von der Neigung des Koͤrpers unterſtuͤzzet werden. Der Fus wird endlich an den Seiten, damit das Schienbein nicht uͤber dem Fus wakkle, von eben dem vordern und hintern Schienbeinmuſkel, von dem groſſen Roͤhrenmuſkel, und von den entgegengeſetzten Kraͤften der Zeebeuger, befeſtigt. Solchergeſtalt wird das Schienbein uͤber dem Fuſſe an vier Seiten unbeweglich erhalten, als ob es von eben ſo viel an der Erde befeſtigten Seilen feſte gehalten wuͤrde.

Da ferner an einem ſtehenden Menſchen das Bekken gemeiniglich mehr nach hinten zu liegt, als das Knie, und die Huͤfte vorwerts, gegen das Schienbein zu, geneigt iſt, ſo mus man ſich in Acht nehmen, daß das Bekken und die Huͤfte ruͤkkwerts falle. Folglich ziehen die groſſen Muſ - keln des Schienbeins, und der Schenkelmuſkel(o)Die ſehr ſtarken Ausſtrekkerdes Schienbeins, ſind um ſechsmal vermoͤgender, als die Muſkeln der Lenden. DESAGULIERS I. pag. 281. die Huͤfte gegen das Schienbein, welches die vorigen Kraͤfte unbeweglich machen, nach vorne zu, und ſie halten ſie feſte, damit ſich das Knie, wenn die Huͤfte zuruͤkke gezogen wird, nicht biegen moͤge.

Die entgegen geſezzte Bewegung, wodurch man ver - hindert, daß die Huͤfte und das Bekken nicht nach vorne ſinken, verrichten die zweikoͤpfige Beuger des Schienbeins, der halbmembranoͤſe, der halbſehnige und geſchlanke Muſ - kel, welche das Bekken und die Huͤfte, ſo viel als genug iſt, ruͤkkwerts ziehen, damit ſie nicht nach vorne vorſinken koͤn - nen(p)Dieſes laͤſt zu BORELLUS prop. 136. L. I. . Eben dieſe Muſkeln beſchuͤzzen auch die Seiten desKniees(n)ruͤkke faͤllt, daß ſich die Zeen und der ganze Fus vorne aufheben, die Ferſe niederſinkt, und der Menſch mit dem Hinterkopfe auf die Erde faͤllt Dieſes aber hindern die er - zaͤlten Kraͤfte.204Thieriſche Bewegung. XI. Buch. Kniees, damit die Huͤfte nicht auf eine, oder die andre Seite falle.

Es ſtehen die Huͤften am Menſchen weiter als an ir - gend einem Thiere von einander, und es iſt der Winkel, wel - chen der Hals der Huͤfte mit dem Koͤrper dieſes Knochens macht, blos am Menſchen faſt ein halbrechter Winkel. Dadurch erhaͤlt die Natur, daß die Grundflaͤche breit iſt, welche das Bekken uͤber den Knochen der Huͤfte traͤgt, da - mit das Bekken aber nicht ruͤkkwerts fallen moͤge, ſo ſind vornaͤmlich die Geſaͤsmuſkeln da, welche daſſelbe gegen die feſte Huͤfte zuruͤkke ziehen. Damit ſich aber das Bekken nicht zu ſehr zuruͤkke biegen laſſe, und man mit dem Hintern auf der Erde zu ſizzen komme(q)Dies leugnet BORELLUS loc. cit doch es geſchicht der Fall ſehr oft, daß wir auf die Erde zu ſiz - zen kommen., ſo verhuͤten ſolches eben dieſe Ausſtrekker des Schienbeins beſonders der gerade, und deſ - ſen Gehuͤlfe der Darmknochenlendenmuſkel (iliacopſoas).

Das Bekken traͤgt den ganzen uͤbrigen Koͤrper. Wird ſich dieſer ſelbſt uͤberlaſſen, ſo faͤllt er nach vorne, da ſich die Lendenwirbel nach vorne beugen, und nicht nach hinten zuruͤkke beugen laſſen, und da der Kopf auſſerdem, und die gewoͤnliche Lage der Aerme und die aufgeſchwollnen Ein - geweide des Unterleibes den Koͤrper nach vorne ſinkend machen. Daher fallen diejenigen gemeiniglich aufs Ant - lizz, welche ſich der Natur uͤberlaſſen.

Folglich werden die ſtaͤrkſten ausdehnende Muſkeln, welche im Bekken liegen, uͤber das unbewegliche Bekken den Koͤrper zuruͤkke ziehen, und dieſes thun die heiligen Lendenmuſkeln, die allerlaͤngſten Muſkeln, und ſo viel andere, welche wir genannt haben(r)L. VIII. de reſpiratione die Ausſtrekker wirken im Stehen mehr GALENUS de util. part. L. 15. c. 8. BORELLUS loc. cit. . Da der Koͤrper von ſelbſten nach vorne faͤllt, ſo wird derſelbe von dem ein - zigen Darmknochenlendenmuſkel, und auch einigermaaſ - ſen von den geraden Muſkeln des Unterleibes, nach vor - ne gezogen.

End -205IV. Abſchnitt. Nuzzen.

Endlich geben die Wirbelbeine, wenn ſie durch ihre Ausſtrekker zuruͤkke gezogen werden(s)Die Ausſtrekker des Ruͤkkens ſind ſehr ſtark. COWPER ad T. 88., die Stuͤzze fuͤr den Kopf ab. Da dieſer Kopf vorne weit uͤber das Gelenke am Atlas vorliegt, und wenn wir ſchlafen allezeit von ſelbſt nach vorne ſinkt, ſo waren hier wieder viel Ausſtrekker noͤtig, welche von den Graͤten, und den Querfortſaͤzzen des Halſes und Ruͤkkens entſpringen, und den Kopf zuruͤkke ziehen. Da derſelbige gegenteils von ſehr wenigen und viel ſchwaͤ - chern Muſkeln, als dem geraden groſſen, dem kleinen, und dem langen Halsmuſkel nach vorne gezogen wird. Die Seiten des Halſes werden auch von den ungleich dreiſei - tigen und andern von den Queerfortſaͤzzen herkommenden Muſkeln unterſtuͤzzt, welche durch den Gegenzug hindern, daß der Kopf, oder Hals nicht auf eine andre Seite uͤber - nikken kann.

Da ſo viele Kraͤfte, ob ich gleich nicht einmal alle ge - nannt habe, bei dem Stehen zuſammen wirken, ſo darf man ſich nicht wundern, daß ſolches ſo ſehr muͤde macht(t)FABRICIUS de greſſup. 16. COWPER loc cit. BAY - LE pag. 213., und zwar um deſto mehr, weil eben dieſe Muſkeln in eins weg fortarbeiten. Daher pflegen diejenigen, wel - che ſtehen, bald auf den rechten Fus(u)BORELL. L. I. prop. 143., indem der linke gleichſam ſo lange muͤßig iſt, bald auf den linken aufzutreten, und bald wieder etwas weiter zu ſpazieren, damit wenigſtens einige Muſkeln, die das Stehen zu ver - richten haben, indeſſen ausruhen moͤgen.

§. 3. Das Fortgehen.

Das Fortgehen iſt ſowohl fuͤr den Menſchen, als fuͤr den Beſchreiber leichter, als das Stehen war. Man ſezze, es ſtehe eine Perſon(x)pag. 564. ſeqq. ; folglich bleibt der eine Fus unbeweglich ſtehen, welches der feſte Punkt fuͤr dieje -nige206Thieriſche Bewegung. XI. Buch. nige Kraͤfte werden ſoll, die den andern Fus weiter ruͤk - ken muͤſſen. Es ſei dieſes der rechte Fus, und er werde durch ſeine Kraͤfte feſte erhalten. Hierauf erhebt man den linken Fus, vermittelſt ſeiner Ausſtrekker, naͤmlich des vordern und hintern Schienbeinmuſkels, des Roͤhren - muſkels, der Ausſtrekker der Zeen und des groſſen Zees. Hierauf erhebt ſich das Schienbein maͤßig, kraft ſeiner Ausſtrekker, welche wir erwaͤnt haben. Dieſes thut die Huͤfte, vermittelſt der Darmknochen und Lendenmuſkel noch ſtaͤrker, damit der Fus um ein anſenliches kuͤrzer wer - de(y)FABRIC. p. 86. de greſſu. Jm Gehen wirken die Beugemuſ - keln mehr. GALENUS de util. part. L. XV. c. 8., und ſich zugleich das Knie nach vorne verlaͤngre.

Wenn nun das Knie ſenkrecht uͤber dem Orte ſteht, wohin wir den linken Fus niederſezzen wollen, denn uͤber - laſſen wir es, indem wir die Kraͤfte nachlaſſen, denen er - hebenden, welche es gerade machen, und wir treten auf die Erde aber doch dergeſtalt auf(z)COWPER T. 12., daß die Huͤfte vor - werts uͤberhaͤngen bleibt. Solchergeſtalt ſteht der linke Fus feſte, und er druͤkkt ſich, da ihn ſeine Biegemuſkeln kruͤmmen mit den aͤuſſerſten Zeen an die Erde an.

Nun folgt, daß wir auch mit dem rechten Fuſſe gehen, oder ſelbigen vorwerts uͤber den linken vorausſezzen.

Wir erheben alſo die Ferſe des rechten Fuſſes derge - ſtalt ruͤkkwerts in die Hoͤhe(a)id. ibid. , daß er anfaͤnglich blos mit den Zeeſpizzen die Erde beruͤrt, und ſie darauf auch mit denſelben wieder verlaͤſt. Wir ſtrekken zugleich das Schien - bein ein wenig aus, indeſſen daß wir die Huͤfte(b)Idem ad t. 88., ver - moͤge des Darmknochen Lendenmuſkels, ſo beugen, daß der Fus kuͤrzer wird, und ſo werfen wir dieſes ganze Glied gebogen nach vorne hin. Es gibt aber das, uͤber dem rechten Fuſſe feſte Bekken denen Muſkeln die Standfeſtig - keit, welche die Huͤfte in die Hoͤhe heben. Wir pflegen dieſer Bewegung dadurch zu Huͤlfe zu kommen, daß wirden207IV. Abſchnitt. Nuzzen. den Unterricht der Natur beibehalten, und uns an die eingebildete Geſezze des Wohlſtandes nicht keren. Wir biegen naͤmlich den ganzen Koͤrperſtamm, wenn er uͤber der Huͤfte des rechten unbeweglichen Fuſſes feſte iſt, nach vorne uͤber, theils vermittelſt einer beſtimmten Nachlaſſung der Ausſtrekker, theils vermittelſt der Anſtrengung des Darmknochen Lendenmuſkels, doch aber an der feſten Seite, und vermittelſt des geraden Unterbauchsmuſkels(c)TAUVRY pag. 415. und der ſchiefen. Auf dieſe Art pflegen die Alpenbewoner das Gebirge zu beſteigen, indem ſie den Leib nach vorne uͤberbiegen, wodurch ſie weniger muͤde werden, als wenn wir es vor ein Stuͤkk des Wohlſtandes halten, den Koͤr - per gerade zu halten.

Nun wuͤrden wir aber bei dem vorgebeugten Leibe notwendig fallen muͤſſen, weil die durch den Schwerpunkt gezogene Linie nunmehr vor dem auf die Erde aufge - ſtemten Fus niederſinkt, und wir fallen auch wirklich, wenn wir den rechten Fus(d)BORELL. prop. 140. feſte zu ſezzen verabſaͤumen. Allein wir ſezzen, wenn wir geſund und aufmerkſam ſind, nunmehr den rechten Fus, ſobald die erhebende Muſkeln nachlaſſen, hingegen die Beugemuſkeln das Gegentheil thun, auf die Erde nieder(e)BORELL. prop. 158., damit die ſenkrechte Linie zwiſchen ihn, und den linken Fus fallen moͤge. Hierbei ergreifen wir gleichſam, wie vorher, mit den Beuge - muſkeln der Zeen den Erdboden.

§. 4. Das Laufen und Springen.

Das Laufen unterſcheidet ſich nicht blos vom Gehen, durch die Geſchwindigkeit der Bewegung, ſondern auch durch die Art und Weiſe. Es wird der Fus, welcher ſich vermittelſt des Wadenmuſkels, und den helfenden groſſen Wadenmuſkeln erhebt, dergeſtalt ruͤkkwerts in die Hoͤhe ge -hoben208Thieriſche Bewegung. XI. Buch. hoben und verkuͤrzt, daß er anfaͤnglich die Erde blos mit den Zeen beruͤrt, nachher nicht einmal mit den Zeen erreicht(f)SHEW. the heels. , ſondern ſich ganz nach hinten zu in die Hoͤhe begibt, und die Fusſole nach dem Hintern gekert wird(f*)COWPER tab. 12.. Da - her ſind diejenigen Thiere traͤge, welche auf dem ganzen Fuſſe aufſtehen, wie der Menſch, und Baͤr; geſchwinder welche auf die ganze Zeen auftreten, als die Voͤgel; und am geſchwindſten, welche blos auf den Zeeſpizzen gehen, wie die Hunde, und Pferde(g)FABRIC. pag. 32..

Solchemnach wird ſo wohl das Schienbein, vermittelſt ſeiner Beugemuſkeln in die Hoͤhe gezogen, als das Knie vorwerts vorgeruͤkkt, und die Huͤfte zugleich ſtaͤrker erho - ben, daß die Wechſelwinkel von den Knochen, welche in den Fusgelenken des Schienbeins und der Huͤfte an ein - ander haͤngen, deutlicher werden, und dieſe ausgeſtrekkte Knochen uͤber denjenigen Knochen einen groͤſſern Zirkelbo - gen beſchreiben, welche ihnen zu einem feſten Ruhepunkte dienen, wodurch alſo der Koͤrper um einen groͤſſern Raum fortgeruͤkkt wird. Zugleich ſchwebt der Koͤrper deutlicher und mit einer unvermeidlichen Unanſtaͤndigkeit, nach vorne uͤber, welches auch die Aerme zu gleicher Zeit thun, da - mit der Koͤrper ſelbſt durch ſein Gewicht nach vorne zu eilen koͤnne, welches vielleicht eine Urſache von dem ge - woͤnlichen Keuchen mit iſt, indem ſich nicht gar zu wohl atmen laͤſt, wenn man den Koͤrper nach vorne zu uͤberbiegt.

Der Sprung geſchicht um ſo viel ſchneller, als der Lauf gegen das Gehen geſchicht. Es geſchehen im Sprunge anfangs groſſe Beugungen(h)BORELLUS L. I. prop. 170. tab. 12. F. 4.. Man biegt die Fuͤſſe ſchief gegen die Erde(i)FABRIC. pag. 85., man laͤſt das Schienbein uͤber die Fuͤſſe, vermittelſt der vordern und hintern Schienbein - muſkeln, wie auch der Roͤhrenmuſkeln und Zeebeuger, nach vorne hinabſinken, und man thut, als ob man mitden209IV. Abſchnitt. Nuzzen. den Fuͤſſen in die Erde eine Grube eindruͤkken wollte, wobei am Sprungknochen ein deutlicher Winkel entſteht. Es ſtehet ferner das Knie ſehr anſenlich vorwerts hervor, die Huͤften ſinken, vermittelſt eben derſelben Beugemuſkeln, uͤber das Schienbein, hingegen das Bekken und der ganze Koͤrper uͤber die Huͤfte nieder. Hierauf verlaͤngern ſich die Huͤften nach vorne hin, und es wird auf ſolche Weiſe der ganze Menſch viel kleiner, als er an ſich ſelbſt iſt(k)BORELLUS fig. cit. .

Kurz darauf ſtrekket ſich der ganze Leib, ſchnell und mit groſſer Gewalt aus(l)Idem pag. 173., die Fuͤſſe heben ſich vermit - telſt der Fusſolenmuſkeln ruͤkkwerts in die Hoͤhe, das Schienbein hebt ſich mittelſt der Ausſtrekker nach vorne zu, und die Huͤfte zu gleicher Zeit mittelſt der Geſaͤsmuſkeln nach hinten zu, der ganze Koͤrper wirft ſich ruͤkkwerts, und zugleich ſtoͤſt der ganze Koͤrper von der harten, und widerſtehenden Erde, welche wir mit den Fuͤſſen druͤkkten, ab und in die Hoͤhe. Das Springen ermuͤdet wegen der groſſen Beugungen, und Ausſtrekkungen ungemein ſehr(m)Dieſe Kraft wird ſo gros gemacht vom BORELLUS, daß das Beſtreben 2900 mal groͤſſer, als die Schwere des aufgehobnen Koͤrpers iſt..

Doch ich darf mich, wegen der dieſem Werke beſtimm - ten Schranken, hieruͤber nicht weitlaͤuftiger erklaͤren. Wir finden davon etwas in den Alten(n)ARISTOTELES de in - ceſſu n. 9. GALEN. de util. part. L. XV. c. 8. de greſſu et ſtatione. , und denen, welche ihren Grundſaͤzzen gefolgt ſind; unter den Neuern ſchreibt davon ſonderlich J. Alfonſus Borellus(p)VERDUC. tum BAYLE, REGIS L. VII. pag. 612. vom Sprunge MAJOW p. 378. oper. , der aber die Natur, die ſonſt zuſammen geſezzte Kraͤfte gebraucht, auf eine matematiſche Einfachheit zu bringen geſucht. Unteran -H. Phiſiol. 5. B. O(o)FABRICIUS de greſſu. Doch er laͤſt ſich nicht in die Ge - nauigkeit ein.210Thieriſche Bewegung. XI. Buch. andern zeigt ſich noch George Ehrhard Hamberger(q)C 13. ſect. 3. tot. und J. Rudolf Staͤfelin(r)Die Probe, ſo zu Baſel im Jar 1751 bekannt gemacht wor - den, gehet vornemlich das Auf - richten eines Koͤrpers an, der auf dem Ruͤkken lag.. Allein man hat dieſe Betrachtung, welche eine der ſchoͤnſten iſt, noch zur Zeit nicht erſchoͤpft.

Jch will nur dieſes einzige noch beifuͤgen, daß im menſchlichen Koͤrper viel mehr Bewegungen verborgen lie - gen, als wir gemeiniglich hervorzubringen pflegen. Dieſe laſſen ſich erſt alsdenn ſehen, wenn uns die allergroͤſte Not zwingt, die Natur zu Huͤlfe zu nehmen, und ſie zu er - ſchoͤpfen Es iſt nichts gemeiner, als Menſchen(s)FABRICIUS de greſſu pag. 91. FABER ad HER - NANDER pag. 487. RHO - DIUS Cent. 3. obſ. 60. BLAN - CARD. Jaarregiſter I. Cent. 3. n. 5. zu fin - den, welche keine Haͤnde haben, und mit den Fuͤſſen zu ſchreiben, naͤhen, und alles dasjenige zu machen gelernt haben, was wir ſonſt mit den Haͤnden verrichten. Folg - lich lagen in ihren Koͤrpern gewiſſe notwendige Kraͤfte, welche man gemeiniglich verabſaͤumt. So lehrt uns auch die vielfaͤltige Gewonheit, das Gleichgewichte genau zu halten, den Koͤrper an einem Finger aufzuhaͤngen, unge - woͤnliche Spruͤnge zu machen, und was dergleichen andre Kuͤnſte ſind, die der Magen, welcher Menſchen wizzig macht, lehrt, dennoch aber die philoſophiſche Unterſuchung ſehr wohl verdienen, indem es Denkmaͤler von ſolchen Kraͤften ſind, von denen wir ohne dieſe Beiſpiele nichts wiſſen wuͤrden.

§. 5. Anderweitiger Nuzzen der Muſkeln. Sie vergroͤſſern ihre eigne Staͤrke.

Wir kennen die Urſache von demjenigen Vorteile, welcher der allernuzzbarſte bei der Muſkelbewegung iſt,noch211IV. Abſchnitt. Nuzzen. noch nicht voͤllig. Wenn man die Koͤrper der Leibes - fruͤchte, Weiber, Kaͤmfer, der zamen und wilden Thiere betrachtet, daß alle Muſkeln um deſto haͤrter werden, je oͤfter man ſie gebraucht(t)Das Fleiſch des Loͤwen iſt ſehr hart. BAGLIV. . Daher iſt das Fleiſch von wilden Thieren oder Wildprett hart, von zamen Viehe hingegen weich, indem ſich ein wildes Thier Muͤhe geben mus, um das Leben zu erhalten, da ein zames vom Menſchen die Speiſe erwartet. Vielleicht ruͤhrt davon die Staͤrke der Maͤnner her, woran ſie das weibliche Ge - ſchlecht uͤbertreffen. Wenigſtens findet ſich an der Frucht kein Unterſchied zwiſchen dem maͤnnlichen und weiblichen Geſchlechte, welcher doch an einem erwachſenen Menſchen gar zu deutlich in das Auge faͤllt, welches auch bei den Geſchlechtern der vierfuͤßigen Thiere ſtatt findet. Viel - leicht ruͤhrt auch der Vorzug der rechten Hand daher. Denn obgleich einige die Sache von der rechten Schlag - ader herleiten, welche groͤſſer iſt, ſo iſt dennoch gewis, daß ſich ein Kind ſowohl der rechten, als linken Hand bedient, und daß ihm folglich alle beide zu ſeinen Abſichten gleich nuͤzzlich ſind, indem ſich blos der Unterſcheid an den er - wachſenen Mannsperſonen am deutlichſten zeigt(t*)Hiſt. de l’acad. des inſcr. et des belles lettres 1713. T. II. pag. 82. ANDRY orthoped. pag. 275..

Woher koͤmmt nun dieſe von dem Muſkelgebrauche herruͤhrende Staͤrke? entſteht ſelbige von den aus den Fa - ſern vertriebenen Fluͤſſigkeiten, weil davon der feſten Theile mehr werden? wenigſtens werden die erſt fleiſchigen Muſ - keln ſehnig, blos vom Gebrauche, und dieſe ſehnigen Muſkeln verwandeln ſich endlich in knochige Weſen(u)pag. 454.. Man wuͤrde leicht vermuten, daß das Fett abnehme(x)L. I. gegen das Ende.; allein das Blut wird von einem Muſkel, indem er ſein Spiel verrichtet, nicht ſo ſehr zuruͤkke gewieſen, daß da - von eine lebhaftere Roͤthe entſtehen ſollte, nachdem ein Muſkel ſtaͤrker arbeitet, wovon wir an den Muſkeln einO 2Exem -212Thieriſche Bewegung. XI. Buch. Exempel haben, vermittelſt deren die Voͤgel ihre Fluͤgel bewegen, indem dieſe rot ſind, indeſſen daß die uͤbrigen weis bleiben(x*)GREW of the guts. p. 41.. Das Herz iſt faſt in allen Thieren rot. Doch es haben auch die Alten angemerket, daß ſich an den Kaͤmpfern die Muſkeln von der heftigen Uebung dikker ausbilden(y)GREW ibid. . Folglich ſcheinet die ausgetriebene Fluͤſſigkeit nicht die ware Urſache von der erlangten Staͤrke zu ſein.

Die Federkraͤfte und die von Menſchen erfundne Ma - ſchinen haben nichts von dergleichen an ſich. Dieſe wer - den alle durch den Gebrauch ſchwaͤcher, und vom oft wie - derholten Biegen bruͤchig.

Jch werde eine Mutmaſſung wagen. Vielleicht iſt hier ſchon hinlaͤnglich zuzugeben, daß zu der groͤſten Staͤrke eines Muſkels, eine gewiſſe Steifigkeit im thieriſchen Lei - me erfordert werde, und daß ſich dieſe durch denjenigen Drukk erhalten laſſe, welche ein Muſkel leidet, wenn ſich ſeine Fleiſchſtreifen einander naͤhern. Daher ſind alte Perſonen zu Leibesuͤbungen untauglich, da ihr Leim bereits viel zu zaͤhe und hart iſt, und daher koͤmmt es, daß eine gar zu arbeitſame Lebensart ein fruͤhzeitiges Alter hervor - bringt(z)CHEYNE ſanit. infirm. pag. 225..

§. 6. Sie bilden die Knochen.

Die Muſkeln haben groſſen Anteil an der Bildung der Knochen. Dieſe ſind an der Frucht durchgaͤngig rund, und ohne Vorragungen an den erwachſenen faſt alle dreiekkig, wie ich oft an der Schulter, (die nicht deut - lich dreiekkig iſt,) noch beſſer aber an der Huͤfte, dem Schienbeine, der Schienroͤhre, Ellbogen, Spindel und am Knochen der Mittelhand wargenommen habe. Eben ſo entſteht die rauhe Figur an den Fortſaͤzzen und Linien der Knochen von dem Gebrauche der Muſkeln.

Die213IV. Abſchnitt. Nuzzen.

Die Muſkeln wirken auf allerhand Art. Jndem ſie an dem Knochen anliegen, und waͤrend ihres Spieles oͤfters aufſchwellen, machen ſie an ſelbigem Eindruͤkke, wofern ſie lang und rund ſind, und auf langen Knochen liegen. Daher entſtehen die Schlaͤfegruben, die an der Frucht ſchwach, an erwachſenen Perſonen deutlicher, und an wilden reiſſenden Thieren am allergroͤſten ſind.

Doch ſie druͤkken nicht nur die Knochen nieder, ſon - dern ſie verhaͤrten ſolche auch, indem ſie das zellfoͤrmige Faͤchergewebe wegdruͤkken und die Knochenplaͤttgen naͤher an einander preſſen. Folglich ſind Knochen um deſto haͤr - ter, je groͤſſer die Muſkeln ſind, denen ſie ausgeſezzt wer - den(a)JANKE oſſ. maxill. ſeptenn. Diſſ. I. , als die Huͤfte, das Schienbein, und die Schul - ter, und es ſind uͤberhaupt die lange Knochen viel haͤrter als die kurzen, da man die Knochen der Fus - und Hand - wurzel allezeit ſchwammig findet, indem bei dieſen vielmehr Sehnen, als Fleiſch liegt.

Nach der zwoten Art druͤkken ſie die nahe beiliegende Knochen zwar nicht zuſammen, ſie hindern aber ſolche doch, daß ſie nicht Auswaͤchſe bekommen, indem ſie einen groͤſſe - ren Widerſtand thun, als der Knochen zuruͤkke druͤkkt. Auf dieſe Weiſe druͤkken ſogar die Sehnen in die Kno - chenfurchen, welches ſonderlich an der Fuswurzel, vor - naͤmlich aber an der Handwurzel und der unterſten Spin - del vorkoͤmmt.

Die dritte Art wie die Knochen von Muſkeln gebildet werden, geſchicht dadurch, daß die aͤuſſern Knochenplaͤtt - gen vermittelſt des beſtaͤndigen Zuges der Muſkeln, von den innerlichen Plaͤttgen, wohin die Gewalt der Muſkeln nicht zu reichen vermag, abgeruͤkkt und genoͤtigt werden, in einen Fortſazz auszulaufen. Auf dieſe Art entſteht der zizzenfoͤrmige Fortſazz, und die rauhen Striche an der Huͤfte, dem Schienbeine und den uͤbrigen langen Knochen.

O 3Es214Thieriſche Bewegung. XI. Buch.

Es gehoͤret auch hieher das Kruͤmmen der Knochen, welche erſt gerade waren, und nachher durch die groͤſſere Gewalt der Muſkeln, vermittelſt des beſtaͤndigen Zuges, auf deren Seite gezogen werden. Daher iſt die Huͤfte krumm, weil uͤber und unterhalb ihrer Mitte die ziehende Kraͤfte ſtaͤrker ſind, und dieſe den ſonſt ſehr ſtarken Kno - chen zuruͤkke ziehen, dahingegen der mittlere Theil ohne Veraͤnderung ſtehen bleibt. Solchergeſtalt verwandelt ſich die Schienenroͤhre an einigen Koͤrpern faſt in eine ſchnek - kenfoͤrmige Windung(b)Es ſind an der Schienen - roͤhre eines erwachſenen Menſchen drei verdrehte rauhe Striche Der Vordere laͤuft nach inwendig herab, der Jnnere iſt von obenher, ſehr un - gleich, und verliert ſich faſt zu un - terſt. Der Aeuſſere wird allmaͤlich zur hintern Linie. Auf ſolche Art ſind an einerlei Knochen, inwendig drei Flaͤchen. Diejenige, welche im Gehen gemeiniglich vorne zu liegen kommt: die aͤuſſere, woraus endlich die hintere wird. Die hintere, wel - che nun zur innern wird. Von der Gewonheit wird die Lebhaftigkeit der Muſkeln groͤſſer gemacht, wiean dem neunjaͤrigen Maͤgdgen er - hellet, das in den Waͤldern ohne Eltern erzogen worden, und unge - mein hurtig, und an den Aermen ſehr ſtark war, und welches unter dem Namen LEBLANC bekannt geworden.. Sie kruͤmmt ſich oft auf eine felerhafte Art von dem beſtaͤndigen Sizzen, indem immer einerlei Muſkeln wirken(b*)LORRY des alimens T. II. pag. 227., wie auch von dem Kram - pfe(b**)SEIDEL obf. 4.. Es iſt uͤberdem die Bewegung der Muſkeln ſo notwendig, daß an einer Frauensperſon, an der ein Theil des Schenkels zuſammengezogen war, und ſeine Bewegung verloren, der Arm aber den Gebrauch ſeiner Muſkeln erhalten hatte, die Muſkeln am Schenkel ver - worren wirkten, und die Knochen an der Huͤfte duͤnne, kurz, durchſichtig und bruͤchig geworden waren, dahinge - gen der Theil, welcher geſunde Muſkeln hatte, auch or - dentliche Knochen hervorbrachte(b†)HEUERMANN phy - fiolog. T. IV. pag. 37.. Daher koͤmmt es, daß die Knochen des rechten Arms ſchwerer, als die am linken Arme wiegen(b††)AMAT. Cent. IV. cur. 100..

Jch215IV. Abſchnitt. Nuzzen.

Jch ſchreibe aber deswegen nicht die ganze Bil - dung und Verhaͤrtung der Knochen den Muſkeln zu, in - dem ich mich der Zaͤhne, und Gehoͤrknoͤchgen erinnere, welche ohne allen Muſkeldrukk zu harten und ordentlich gebildeten Knochen werden. Doch iſt das, was wir bis - her geſagt haben, allerdings zuverlaͤßig, und es ſind die Knochen eines erwachſenen Menſchen, von den Knochen der Frucht in den wenigſten Stuͤkken unterſchieden, da - von wir nicht den Grund in den Muſkeln finden ſollten.

§. 7. Die Muſkeln bewegen die Saͤfte des Koͤrpers aus ihrer Stelle fort.

Wir haben bereits an einigen Orten gezeiget, wie die Muſkeln(c)L. III. p. 205. L. VI. p. 216. 217. 327. ſowohl das Blut in den Blutadern(d)L. VI. pag. 327. als auch in den Schlagadern ſelbſt weiter forttreiben(e)L. VI. pag. 216. 217.. So haͤlt der Muſkelguͤrtel der ſchiefen Bauchmuſkeln nebſt dem Queermuſkel des Bauches, den ganzen Bauch, und alle Eingeweide deſſelben(f)pag. 218. zuſammen, er druͤkkt ſolche zuſammen, daß das Blut nicht ſo wohl nach den untern, als nach den obern Theilen, zum Herzen und Kopfe laufen mus(g)Daher ſchwillet das Gehirn auf, de motu ſanguinis Sect. IX. . Daher entſteht im Erbrechen das rote und ge - ſchwollene blaue Angeſicht, und es zerreiſſen oft die Blut - adern bei dieſer Anſtrengung. Hiermit ſtimmen auch die uͤbrigen Kraͤfte des Ausatmens uͤberein.

Und auf dieſe Art leert ſich auch die Leber und Milz aus, weil ſich das Blut in dieſen Eingeweiden ſehr lang - ſam bewegt, und das Blut durch die Gefaͤſſe des Gekroͤ - ſes beſchleunigt zu werden ſcheint, wie ſolches der boͤrhaa - venſche Verſuch lehret, da die Gefaͤſſe des Gekroͤſes dik - ker und knochig werden(h)Exp. 45. 103., wenn man die Muſkeln desO 4Bau -216Thieriſche Bewegung. XI. Buch. Bauches zerſchneidet. Dahingegen treibt das Zwerchfell die Eingeweide niederwaͤrts, um den Bauch auszuleeren(h*)L. VIII. pag. 360.. Doch es geſchicht auch das Atemholen, wenn ſich eine gar zu groſſe Menge Blut in der Lunge anhaͤuft, oͤf - ter, wodurch das Blut in ſeinem Umlaufe eine neue Kraft bekoͤmmt(i)L. VIII. pag. 296. 297.. Daher haben ſtreitbare Thiere, und wel - che ſtarke Leibesuͤbungen machen, ein groͤſſeres Herz(k)ROBINSON diſcharges pag. 118. 119..

Die Speiſe, der Kot, und die Frucht wird von der periſtaltiſchen Bewegung weiter geſchaft.

Die Muſkeln thun auch noch einige andere kleine Dienſte, wenn ſie das Blut anhalten, und anſpornen, wie man an den Zeugungsteilen ſehen kann, an denen man ein Aufſchwellen, eine Roͤthe, Waͤrme und andre Erſchei - nungen des gereizten Blutes warnimmt, von denen man glaubt, daß ſie von den Muſkeln herruͤhren.

Endlich treiben auch ſelbſt die zarten Fleiſchfaſern das Blut hie und da weiter, ſo wie ſich die Gebaͤrmutter, die waͤrend der Schwangerſchaft voller Blutaderblut iſt, durch die zuſammenziehende Kraft ihrer Faſern dergeſtalt aus - leert, daß ihre Blutadern um eilfmal kleiner werden.

Ob die zuſammenziehende Kraft des Zellgewebes gleich nur geringe iſt, ſo haͤlt es doch ſo lange es wirkſam iſt, die Gefaͤſſe aller Eingeweide, und faſt des ganzen Koͤrpers in einer ſolchen Lage, daß ſie vermittelſt ihrer beſtimmten Muͤndung den Saͤften weder zu viel noch zu wenig Wi - derſtand thun. Folglich entſteht ſogleich ein Pulsader - ſakk, wenn das Zellgewebe durchſchnitten wird(l)Exper. de motu ſanguinis. 93. 94. 96. 97. 98. 101. 230.. Da - von ruͤhren die zuſammengebogene Gefaͤſſe und der veraͤn - derte Bau des Herzens in der Frucht her, weil die Natur dabei nur langſam verfaͤrt.

Selbſt217IV. Abſchnitt. Nuzzen.

Selbſt die unwillkuͤrliche Bewegung ſpornet das Blut ebenfalls an. So haͤuft ſich im ſchweren Gebrechen das Blut im Gehirne an, daß das ganze Angeſicht violbraun aufſchwillt(n)LAWRENCE prælect. p. 229. BOERHAAVE morb. nerv. pag. 781.. Der Leib bekoͤmmt von den hiſteriſchen Kraͤmpfen Flekke, und es ſchwellen die Schlag - und Blut - adern des Kopfes ungemein auf(o)MATANI aneuryſm. pag. 110..

Die Muſkeln bekommen nicht blos von den elektri - ſchen Funken ihre Bewegung wieder, ſondern es werden auch dadurch die ausgemagerten Glieder wieder ernaͤhrt(p)phyſ. Beluſtig. T. II. p. 512. 513 etc. . Folglich helfen die Muſkeln dem Herzen(q)L. VI. pag. 217. 326., indem ſie, auch auſſer den Bemuͤhungen deſſelben, das Blut in Bewegung ſetzen. Es ſcheint auch die Natur, indem ſie uns Muſkeln gegeben, auf dieſe Huͤlfe bei ihren Rechnun - gen mit geſehen zu haben, und man kann vermuten, daß ohne ihren Beiſtand nicht Kraͤfte genung vorhanden ſind, welche das Blut nach der Oberflaͤche zu treiben koͤnnten. Daher entſteht, wie wir bereits geſagt haben, ein uͤbermaͤſ - ſiges Fett(r)loc. cit. , ein Waſſergeſchwulſt, es haͤuft ſich das Blut in den guͤlden Blutadergefaͤſſen an, und es ruͤhrt davon, bei dem Feler der Eingeweide des Bauches, eine ſchwache Verdauung der Speiſen, und die Hipochondrie, wie auch die gewoͤnliche Krankheit der Gelerten her(t)GELS L. IV. c. 18..

Daher werden dieſe Uebel des Koͤrpers vornaͤmlich durch die Bewegung geheilt, und durch Arbeiten verbeſ - ſert, die zugleich Annemlichkeit bei ſich fuͤhren. Die Na - tur hat den Menſchen zum Akkersmanne und Gaͤrtner gemacht, und daher ſagt Hoffmann, er wiſſe von vielen Dummkoͤpfen(u)de motu opt. med. pag. 11., welche durch Leibesuͤbungen klug ge - macht worden.

O 5Einen
(s)loc. cit.
(s)218Thieriſche Bewegung. XI. Buch.

Einen dergleichen dummen Menſchen hat Herodi - kus, wie ich vermute, durch koͤrperliche Bewegungen wie - der geſund gemacht(x)PLATO. ; Straton(y)AELIAN. var. L. IV. c. 15. welcher Milzbe - ſchwerungen hatte, nahm die Leibesbewegungen zu Huͤlfe, er ward nicht nur geſund, ſondern konnte ſich auch unter die Kaͤmpfer in den Olimperſpielen miſchen. Hiſinoneus, welcher eine Schwaͤche an den Nerven litte, uͤbte ſich in dem fuͤnffachen griechiſchen Spiele, bis er ſeine Krankheit durch dieſe Uebungen dergeſtalt uͤberwand, daß er viele Siegeskraͤnze verdienen konnte(z)PAUSANIAS Eliæ L. II. . Laomedon muſte ſich auf Vorſchrift der Aerzte in Leibesbewegungen uͤben, davon er ſo geſund ward, daß er vor andern im Wettlaufe Preiſe davon trug(a)PLUTARCHUS in De - moſthene. .

Man hat einen Kranken, vermittelſt des Elektriſirens von hiſteriſchen Zufaͤllen befreit(b)Hamb. mag. T. XIX. p. 228..

Der Koͤrper kann die Leibesbewegungen nicht miſſen, um das Fett los zu werden(c)L I. pag. 39. 40. 41.,(d)FULLER gymnoſtic. p. 20., daher ſind die zamen Thiere fett, und die wilden mager, wovon bereits oben Erwaͤnung geſchehen iſt. Dennoch will ich nach dem Stahl(e)Theor. pag. 374. noch eine wunderbare Erſcheinung hier anfuͤh - ren. Es ſind die Lerchen des Nachts am allerfettſten, wenn ſie ſich wohl geſaͤttigt zur Ruhe begeben; ſie werden bei Tage magrer, und ſie ſind in der Demmerung nicht einmal fett genung; ſo geſchwinde verzert die Bewegung der Muſkeln das Fett.

§. 8. Die Abſonderungen und Ausfuͤhrungen.

Es iſt zwar nicht unſre Meinung, daß die Abſonde - rungen der Saͤfte, von der reizbaren Beſchaffenheit derſchei -219IV. Abſchnitt. Nuzzen. ſcheidenden Werkzeuge abhaͤngt; doch aber bekoͤmmt dieſe Theorie von den Erſcheinungen einige Warſcheinlichkeit. Denn da es gewis iſt, daß die Abſonderung der Milch, der Traͤhnen, des Naſenſchleims, des Saftes im Magen, den Gedaͤrmen, der Harnroͤhre, und der Schweis der Haut ſchon von dem bloſſen Reize(f)L. VII. p. 438. 439. 440. anwaͤchſt, ſo ſcheint es nicht unwarſcheinlich zu ſein, wenn gleich keine gar zu groſſe Schaͤrfe in dieſen Saͤften vorhanden iſt, daß den - noch in dem ſcharfen Weſen dieſer Saͤfte etwas liegen muͤſſe, wodurch ihre beſondre Werkzeuge zur Abſonderung gereizt werden.

Es iſt die Ausfuͤhrung eine deutlichere Folge des Rei - zes, indem kein Zweifel iſt, daß nicht der Reiz(h)L. VII. pag. 455. ſeqq. 138. ſeqq. CIGNA pag. 281., den man an irgend ein Scheidewerkzeug anbringt, die Aus - fuͤhrung der Saͤfte beſchleunigen ſollte, es mag nun dieſer Saft blos von Gefaͤſſen abgeſchieden werden, als der Spei - chel, die Traͤhnen, oder aus Blaͤsgen geſchehen, als der Schleim der Harnroͤhre, oder der Naſe, oder es mag ſich dieſe Fluͤſſigkeit in hole Blaſen ſammeln, als der Urin und Saamen. Folglich laͤſt es ſich vermuten, daß das reiz - bare Weſen von groſſem Umfange ſei, und daß ſo leicht keine Ausfuͤhrungswege ohne Reizbarkeit ſind.

Man hat angemerkt, daß ſich Faſern, nicht bei allen Arten von Reizen, gleich reizbar verhalten(h*)WHYTT vital. mot. p. 50. de MAN. de natur. pag. 4.. Es zieht ſich das Herz, und Gedaͤrme, wenn man in ſie Luft einblaͤſt, ſtaͤrker, als vom Waſſer, oder irgend einem Gifte zuſammen. Es kann die Harnblaſe einen ſcharfen Urin vertragen, aber keinen Eiter, oder Blut(i)CHESELDEN. . So vertragen die Augen ſcharfe Spiesglasarzneien, aber kei - nen Rauch oder ſcharfe Zwiebelduͤnſte. Die Naſe nieſet nicht bei allen, ja den ſchaͤrfſten Sachen nicht, wievon(g)pag. 442.220Thier. Bew. Nuzzen. XI. B. IV. Abſchn. von der Nieſewurzel bekannt iſt; der Magen bekoͤmmt Kraͤmpfe, und erbricht ſich von ſeinen Arzneien, und die Ge - daͤrme thun dieſes von andern wieder. Die Luftroͤhre ver - traͤgt nicht einmal das ſo weiche Waſſer. Es haben eini - ge beruͤmte Maͤnner(k)CIGNA. Es kann in der That der Todtenkrampf (tetanus) das Blut dergeſtalt in die Blut - adern treiben, daß der Koͤrper da - von ſchwarz wird. SULLY mem. X. pag. 335. und in die Lunge OR - TESCHI II. pag. 409. in denKopf, welches auch das ſchwere Ge - brechen zu thun vermoͤgend iſt. Jm Todtenkrampfe war ein ſchneller Puls, ein Herzklopfen. JERMIN malad. de Surin. pag. 91. den Renn - pferden ſtuͤrzt das Blut aus der Naſe. Uffenbachs Reiſen II. auf dieſe beſondre Beſchaffenheit gegen die Reize, ihre Theorie von der Jdioſincraſie gebaut. Allein dieſes Feld iſt noch lange nicht genung gebaut, und es iſt zu vermuten, daß wir mit der Zeit noch mehr Fruͤchte davon einerndten werden. Jndeſſen tragen die verſchied - nen Bekleidungen dieſer Theile, die von dieſen oder jenen Koͤrpergen leichter durchdrungen werden koͤnnen, ein vieles zu den verſchiednen Verhaͤltniſſen gegen die Reize bei.

Eben dieſe ungeduldige Wachſamkeit der Natur, wel - che bei der Empfindung der Reize gegenwaͤrtig iſt, veran - ſtaltet auch das Wiedereinſaugen der Saͤfte. So wird der Chilus von den Milchgefaͤſſen, hingegen kein ſcharfer Weingeiſt oder das Gift der beiſſigen Thiere eingeſogen.

Regi -[221]

Regiſter des eilften Buches.

Zweiter Abſchnitt. Die Erſcheinungen an einem lebendigen Muſkel.

  • §. 1. Die zuſammenziehende Kraft Seite
    • uͤberhaupt betrachtet1
    • iſt vielen Koͤrpern gemein2
    • Jhre Geſezze3
  • §. 2. Wo ſie anzutreffen ſei
    • iſt faſt im ganzen thieriſchen Koͤrper4
    • Jhre Kraͤfte nach Verſuchen5
  • §. 3.
    • todte Zuſammenziehungskraft der thieriſchen Faſer6
    • Wo ſie zu finden6. 7
    • Jſt allezeit vorhanden8
    • ſie hat nichts mit dem Leben gemein8
    • Sie iſt es, die durch Gifte8. 9
    • und durch Kaͤlte erwekkt wird10
    • beſizzt kein wechſelweiſes Erſchlaffen eb. daſ.
  • §. 4. Die den Muſkeln angeborne Kraft
    • ob ſie beſtaͤndig wirke11
    • Es ſcheint nicht an lebenden Thieren zu geſchehen11
    • iſt aber doch mutmaslich zugegen12 f.
  • §. 5. Sie wird vom Neizen erwekkt und dauret auch noch nach aufgehobnem Neize eine Zeitlang fort14. 15
  • §. 6.
    • Dieſe Kraft iſt unterſchieden von der todten Kraft16
    • Warum ſie beiſammen ſind eb. daſ.
    • Waͤret noch nach dem Tode eb. daſ.
    • auch ziemlich lange fort17. u. f.
  • [222]
  • §. 7. Sie ſtekkt an Muſkeln, Seite
    • die vom Leibe getrennt worden19. f.
    • wie auch in den Theilen eines zerſchnittnen Muſkels eb. daſ.
    • auch in warmen Thieren20
    • iſt ſtaͤrker wenn der Todt erfolgt21
    • Entſchuldigungen der Gegner22
  • §. 8.
    • Unterſcheidet ſich ſonderlich durch die Lage der Theile22
    • denn ſie gehoͤrt blos dem Muſkel an eb. daſ.
    • Wie ſie dem ganzen Koͤrper gemein ſei23
    • dieſes findet nicht ſtatt23. f.
    • Wohnt allein in Muſkeln und muſkuloͤſen Theilen25
  • §. 9. Ob ſelbige mit der Empfindungskraft einerlei ſei26. f.
  • §. 10.
    • Sie iſt es nicht28
    • Was am reizbarſten iſt, das hat keine lebhafte Empfindung, als das Herz29
    • Was am ſchaͤrfſten empfindet, iſt nicht reizbar, als die Nerven28
    • Reizbar ſind Thiere, die weder Koͤpfe noch Nerven haben29
    • Die Reizbarkeit vergeht von Urſachen, welche die Empfindung nicht aufheben31
    • Sie iſt nach der Zerſtoͤrung der Sinne noch uͤbrig30
    • auch an losgeriſſenen Gliedern30 f.
    • Whyttens Einwurf vom Opſo32
    • hebt aber nicht die Reizbarkeit des Herzens auf31
    • Die reizbaren Kraͤfte verhalten ſich nicht, wie die Reizmittel33
  • §. 11. Die Reizbarkeit
    • Gliſſonii Verdienſte darum34
    • Andrer35
    • Dieſelbe gebuͤrt dem von Haller36 f.
    • Und er nennt ſie lieber eingepflanzte Kraft40
  • §. 12. Ob ſie im Leime flekke,
    • es ſcheint zu vermuten40
    • Dieſe Kraft ſchlaͤft in der Frucht41
    • iſt groͤſſer in jungen Thieren42
    • und bei gewiſſen Reizmitteln42 f.
  • §. 13. Stuſen der Reizbarkeit43 davon die Temperamente kommen44
  • §. 14. Deren Fortpflanzung44 f.
  • §. 15. Die Nervenkraft mus nicht von der Muſkelbewegung getrennt werden45 f. iſt verſchieden von der angebornen oder eingepflanzten Kraft46 und geht mit dem Leben zu Grunde46 f.
  • §. 16. Sie wirkt nicht beſtaͤndig laut Verſuchen47 u. f.
  • [223]
  • §. 17. Erſcheinungen bei der Nerven - Seite bewegung50 Die Faſern zittern,51 werden angezogen, eb. daſ. machen Runzeln.51 f.
  • §. 18. werden kuͤrzer52 Maas dieſer Verkuͤrzung52. 53 Die Mathematiker meſſen dieſe Verkuͤrzung nach Theorien53 f.
  • §. 19. Folglich naͤhern ſich die Enden, an denen der Muſkel angewachſen iſt, einander,55 laut Verſuchen eb. daſ. nach dem gegenſeitigen Verhaͤltniſſe der Feſtigkeit56
  • §. 20. Der Muſkel ſchwillt auf, wenn er thaͤtig iſt,57 wird hart,58
  • §. 21. aber nicht bleich59 warum man ſagt, daß derſelbe blaß werden ſoll.59 f.
  • §. 22. Ob ein Mufkel groͤſſer werde, wenn er wirkſam iſt61 Verſuche uͤber dieſe Frage eb. daſ. er ſcheint nicht groͤſſer zu werden. 63
  • §. 23. Eine Sehne gehorcht, wenn ſie nicht bewegt wird, blos dem Muſkelfleiſche. 64
  • §. 24. Erſcheinungen am Muſkel, der ſchlaff wird. 66
  • §. 25. Die Zeit, in der ein Muſkel ſein Zuſammenziehen verrichtet66 wird am Huͤhngen im Eie geſchaͤzzt67 am Rennpferde67 u. f. Menſchen68 u. f. Hunde69 u. f. Ausſprechen der Buchſtaben70 im Fluge70 u. f.
  • §. 26. Staͤrke des muſkuloͤſen Zuſammenziehens71 obenhin geſchaͤzzt71 u. f. Wirkung des Krampffiſches73 u f. genanere Berechnung von beſtimmten Muſkeln des untern Kinnbakken75 u. f. von den Ausſtrekkern der Huͤfte76 u. f. Beugemuſkeln des Schienbeins77 Ausſtrekkern des Ruͤkkens77 f. Muſkeln des Arms78 eines Fingers78 an Jnſekkten79
  • §. 27. Die Kraft, die ein Muſkel anwendet, wird nicht ganz angebracht, 1. Wegen des Abſtandes des Gewichtes von dem Ruhepunkte79 f.
  • §. 28. 2. wegen des Winkels, den ein Muſkel mit dem Knochen macht, an den er befeſtigt worden81 f. Borell hat die Sache anders betrachtet82 f.
  • [224]
  • §. 29. 3. wegen des Winkels, den die Muſkelfaſern mit Seite der Sehne machen84 f.
  • §. 30. 4. weil der Hebel Feſtigkeit haben mus.85 f.
  • §. 31. 5. weil manche Muſkeln uͤber einige Gelenke weglaufen87 f.
  • §. 32. Falſche Abgaͤnge,88 wegen der Lage uͤber einem gebogenen Gelenke89
  • §. 33. wegen der Menge der innerlichen Blaͤsgen89 u. f.
  • §. 34. Wie man die vom Muſkel aufgewandte Kraͤfte meſſen ſoll90 f. es koͤmmt ein Uebergewichte dazu91 Ob man die beziehende Kraft ſchaͤzzen koͤnne92 Die Groͤſſe der Bewegung von der Laͤnge92 f.
  • §. 35. Warum die Natur dergleichen Abnamen an Kraͤften zugelaſſen93 Weil bei der Bewegung Geſchwindigkeit ſein muſte93 und Groͤſſe eb. daſ. u. f. und die Glieder kleiner, als der Koͤrperſtamm94 und rundlich ſein muſten eb. daſ. f.
  • §. 36. Huͤlfsmittel bei der Muſkelbewegung95 bisweilen liegt ein Mnſkel weiter vom Ruhepunkt ab96 Urſache, warum die Fortſaͤzze und Linſenknochen entſtanden eb. d. f. wie die Staͤrke kraft des Lebens anwachſe99
  • §. 37. Die Knochengriffe. Dreher. Schluͤſſelbeine100 f.
  • §. 38. Scheiden der langen Muſkeln101 Aufſchriften102
  • §. 39. Nuzzen des Fettes und der Saͤkkgen103 f.
  • §. 40. Der knorpligen criſtarum104 Die Bandknorpel zwiſchen den wirbelhaften105 Der Gelenkſaft eb. daſ.
  • §. 41. Die Winden von allerlei Art105 es dient die Erhabenheit eines Theiles ſtatt der Winde106 Zuſammengeſezzte Winden107
  • §. 42. Zuſammengeſezzte Kraͤfte der Muſkeln107 Gegenmuſkeln antagoniſtæ108 wie die Nervenkraft ihre Wirkung veraͤndere108 f. ob ſie der angebornen Kraft Schaden zu thun vermoͤge109 f. Dieſes ſcheint nicht zu geſchehen111 Wenn einer der Gegenmuſkeln zerſtoͤrt worden, ſo bewegt die angeborne Kraft den andern unbewegten111 f.
  • §. 43. Zuſammengeſezzte Kraͤfte vieler Muſkeln112 Kraͤfte zweener Muſkeln auf eine Diagonallinie113 Dreier114 wie aus dieſen Gruͤnden zuſammengeſezzte Bewegungen werden.114 f.
  • [225]
  • §. 44. Es aͤndern ſich die Thaͤtigkeiten der Muſkeln, wie ſich Seite die Feſtigkeit der feſten Theile aͤndert115 f. Beiſpiele davon116 f. es entſteht eine der vorigen widrige Thaͤtigkeit116 f. bisweilen bewegen ſich auch alle beide Enden119 f.
Dritter Abſchnitt. Die Urſachen und Quellen der Muſkelbewegung.
  • §. 1.
    • Man uͤbergeht die Urſache der Elaſticitaͤt121
    • und die Zuſammenziehungskraft der todten Faſer eb. daſ.
  • §. 2.
    • Urſache von der angebornen Kraft122
    • ſie iſt die beſondre Kraft eines Muſkels123
    • ſie wirkt ohne Unterlaß123 f.
    • deutlich oder undeutlich124
  • §. 3. Der Sizz der geteilten angebornen Kraft,
    • und der todten124 f.
    • was Nerven zur angebornen Kraft beitragen125 f.
  • §. 4. Es wird die angeborne Kraft nicht von den
    • Nerven regiert126
    • die Stahliſche Theorie126 f.
    • deſſen Gruͤnde127 f.
    • es heiſt, die Seele ſei die Urſache von allen Bewegungen im Thiere127
    • daß alle Bewegungen willkuͤrlich geweſen127 f.
    • wie ſie freiwillig werden. 128
    • Beweiſe von den Leidenſchaften der Seele hergenommen129
    • vom Fieber129. f.
    • von den criſibus130 f.
    • von dem nuͤzzlichen Endzwekke der thieriſchen Bewegungen,130
    • daß oft bei willkuͤrlichen Bewegungen das Bewuſtſein mangle131
    • Exempel von willkuͤrlichen Bewegungen, die zu Bewe - gungen geworden, welche von ſelbſt entſtehen131 f.
    • Folglich ſei die Reizbarkeit ein Beſtreben der Seele, ſich von den Beſchwerlichkeiten los zu machen132 f.
    • Uneinigkeit der Gegner133
  • §. 5. Die Urheber dieſer Partei134 f.
  • §. 6.
    • Antwort auf ihre Einwuͤrfe136
    • leichte Eindruͤkke verſchwinden voͤllig aus unſerm Gedaͤchtniſſe136
    • Doch es hat der Wille uͤber einige Muſkeln allezeit137
    • uͤber andre aber niemals Gewalt.138 f.
    • Wie ein willkuͤrlicher Muſkel unterſchieden ſei von dem unwillkuͤrlichen137 f.
    • [226]
    • Die Gewonheit iſt nicht Urſache, daß der Wille Seite ſeine Herrſchaft verliert138 f.
    • Woher der Wille uͤber das Herz, nach der Angabe der Autoren, Gewalt habe. 139
  • §. 7.
    • Die Leidenſchaften der Seele140
    • auf die Folgen von denſelben hat der Wille keine Gewalt eb. daſ f.
    • Das Herz leidet von gereizten Nerven keine Veraͤnderung.141 u. f.
  • §. 8.
    • Die Natur hat die Graͤnzen der willkuͤrlichen Muſkeln beſtimmt142
    • die Schliesmuſkeln gehorchen dem Willen142 f.
    • Die Muſkeln des Willens entziehen ſich niemals dem Befele der Seele143 f.
    • Die Gewonheit vermag nicht die Klaſſen der Muſkeln zu veraͤndern144
  • §. 9.
    • Die Fiebern ruͤhren nicht vom Willen der Seele her145
    • noch die mitleidende Kraͤmpfe146
    • leichte Empfindungen ſind nichts. eb. daſ u. f.
    • Die Seele baut ihren Koͤrper nicht auf. 148
  • §. 10.
    • Der Koͤrper erzeugt auch ohne Seele Bewegungen. 149
    • Warum die Folgen des Reizens zur Urſache werden koͤnnen auch in andern Exempeln150 f.
    • Stahls Theorie erklaͤrt nichts, weil ſie keine koͤrper - liche Urſache angiebt, die den Erfolgen gleich waͤre152
    • Das Geſtaͤndniß der Gegner.153 f.
  • §. 11.
    • Warum ſich einige Muſkeln von ſelbſt bewegen,154
    • andre hingegen blos vom Willen in Bewegung gebracht werden eb. daſ.
    • Dieſe ſind reizbarer,155
    • ſie werden beſtaͤndig gereizt, eb. daſ.
    • und bewegen ſich auch wider Willen, wenn man ſie reizt, eb. daſ.
  • § 12. Urſachen der Nervenkraͤfte156 f.
  • §. 13.
    • Hipoteſen157
    • Nerven ziehen die Muſkeln gegen ihre Theile eb. daſ.
  • §. 14.
    • Schnell in den Muſkel eindringende Lebensgeiſter158
    • in eine blinde Faſer,159
    • die cilindriſch iſt. eb daſ.
  • §. 15.
    • ins Blaͤsgen,160
    • Beweis von deſſen Erfolge eb. daſ.
    • Exempel161 f.
  • § 16.
    • Die Faſer als eine Reihe von Blaͤsgen163
    • Theorie des Borells eb. daſ.
  • §. 17.
    • Betrachtungen uͤber dieſe Hipoteſen164
    • Blaͤsgen ſchikken ſich nicht zur Geſchwindigkeit der Muſkelbewegung,165
    • [227]
    • Blaͤsgen Seite
      • verſchwenden die Kraͤfte,165
      • verkuͤrzen nicht die Faſern.166 u. f.
  • §. 18. Hipoteſe von einer mit Blut erfuͤllten Muſkelfaſer167 f.
  • §. 19.
    • Theerie des Cowpers169
    • gruͤndet ſich auf den Verſuch an einer unterbundenen Aorte170
  • §. 20.
    • Der Muſkel kann nicht ſeine Bewegung von dem Stoſſe des Herzens herhaben171
    • Warum von einer unterbundnen Schlagader die Laͤhmung entſteht172 f.
    • oder ein Aufſchwellen, wenn ſie angefuͤllt iſt173 f.
  • §. 21. Verſchiedne Hipoteſen, welche aus einem willkuͤrlichen Muſkelbau entſtanden ſind175 f.
  • §. 22. Die Befeuchtung einer gewundnen Faſer176 f.
  • §. 23. Stenoniſche Rauten178 f.
  • §. 24. Die reizbare Kraft der harten Gehirnhaut179
  • §. 25.
    • Urſachen von der Muſkelbewegung hergenommen180
    • Von den Saͤften eb. daſ.
    • Vom Aufbrauſen eb. daſ.
    • Von der frei gemachten Luft181
    • Von dem gedruͤkkten oder ausgedehnten Aether eb. daſ. f.
    • Hipoteſe von dem elektriſchen Grundſtoffe183
    • Wirkſamkeit der Waͤrme184
  • §. 26 Was dabei vermiſt werde184 f.
  • §. 27.
    • Ob es uͤberhaupt keine Nervenbewegung giebt185
    • ob das Erſchlaffen von den Geiſtern komme. 186
    • Die eingepflanzte Kraft iſt nicht allein hinlaͤnglich eb. daſ. f.
    • und ertraͤgt nicht die Befele der Seele187
  • §. 28. Sondern es iſt die Muſkelbewegung das natuͤrliche aber verſtaͤrkte Zuſammenziehen derſelben188
  • §. 29.
    • Die bewegende Urſache dieſes Reizes189
    • ob ſolches die Seele ſei eb. daſ.
    • ob Gott bei den gelegentlichen Urſachen wirke190
    • ob dies Geſezze von Gott einmal feſt geſtellt ſei eb. daſ.
    • ſolches ſcheint warſcheinlicher zu ſein190 u. f.
    • die Seele kennt die Karte der Muſkeln nicht191 u. f.
    • und lernt nicht Muſkeln durch Gewonheit gebrauchen192 f.
  • §. 30.
    • Urſachen des Erſchlaffens werden abgefertigt194 u. f.
    • wohin verliert ſich der Reiz, der den Muſkel in Bewegung brachte.196 u. f.
    • Vielleicht liegt der Grund im Leime. 198
    • Der Menſch ermuͤdet nicht ſo leicht als die Thiere. 199
P 2Vier -[228]Regiſter des eilften Buches 4. Abſchnitt.
Vierter Abſchnitt. Der Nuzzen der Muſkelbewegung.
  • §. 1. Das Gehen eines Thieres Seite von einem Orte zum andern200
  • §. 2.
    • Deſſen Arten. 201
    • Das Stehen wird weitlaͤuftig beſchrieben eb. daſ.
  • §. 3. Das Gehen205 f.
  • §. 4.
    • Das Laufen,207
    • Springen208
    • im Koͤrper liegt mehr Geſchicklichkeit ſich zu bewegen als man auszuuͤben pflegt210
  • §. 5.
    • Muſkeln werden vom Gebrauche ſtaͤrker211
    • Mutmaſſung, wie ſolches zugehe eb. daſ. f.
  • §. 6.
    • Sie bilden die Knochen212
    • weil ſie daran liegen213
    • und ſie druͤkken, eb. daſ.
    • das Anliegen ohne Drukk213
    • durch das Ziehen eb. daſ f.
    • ſie kruͤmmen den Knochen214
  • §. 7.
    • Treiben das Blut aus der Stelle215
    • zuſammenziehende Kraft des Zellgewebes216
    • Wie die Muſkelbewegung zur Geſundheit noͤtig ſei217 f.
    • Exempel, die durch Bewegung wieder geſund geworden218
    • verhindern uͤberfluͤſſiges Fett218
  • §. 8
    • Das Reizen vermert die Abſonderungen218 f.
    • und Ausfuͤhrungen eb. daſ.
    • Manche Reize reizen einige Theile vor andern kraͤftiger.219 f.
An -[229]

Anfangsgruͤnde der Phiſiologie. Fuͤnfter Band Zwoͤlftes Buch.

[230][231]

Der Anfangsgruͤnde der Phiſiologie Fuͤnfter Band, Zwoͤlftes Buch.

Das Gefuͤhl. ******* Erſter Abſchnitt. Das Werkzeug des Gefuͤhls.

§. 1. Das Gefuͤhl uͤberhaupt.

Man nimmt das Wort Gefuͤhl auf zwiefache Weiſe. Jn dem weitleuftigen Verſtande bedeutet daſſelbe beinahe eben das, was Empfinden bedeutet, naͤmlich, von einem dergleichen Koͤrper, die unſern Koͤrper beruͤhren, Veraͤn - derung leiden. Jn dieſem Sinne iſt das Gefuͤhl uͤber -P 4haupt232Das Gefuͤhl. XII. Buch. haupt ein Geſchaͤfte des Nerven: indem nicht nur der Nerve ganz allein(a)Zehndes Buch., ſondern auch alle und jede Ner - ven(b)Eben daſelbſt. von den Koͤrpern, die den menſchlichen Koͤrper beruͤhren, dergeſtalt veraͤndert werden, daß davon in unſrer Seele eine Veraͤnderung entſteht, wodurch ſich die Seele bewuſt wird, daß in ihrem Koͤrper einige Veraͤn - derung vorgegangen iſt.

Folglich empfindet der Nerve Waͤrme und Kaͤlte, er unterſcheidet das Rauhe und Glatte, das Harte und Wei - che, das Feuchte und Trokkene, das Schwere, welches durch ſeine Figur oder durch Schaͤrfe, Schmerzen macht, die Blutanhaͤufungen, woraus Beaͤngſtigung erwaͤchſt, die Schaͤrfe, welche auch ohne Schmerzen reizt(c)Ein Exempel davon iſt die Naſe mit dem flieſſenden Schnu - pfen., die Ur - ſachen des Kizzels, woraus ein Jukken wird, und alles, was nur unſer Koͤrper von andern Koͤrpern leidet. Jch habe oft daruͤber einen unbarmherzigen Verſuch an dem entbloͤſten Nerven eines zerfreſſnen Zahnes angeſtellt, wel - cher alle dieſe Eigenſchaften der Koͤrper auf das lebhafteſte empfindet. Folglich herrſcht dieſe Art des Gefuͤhls allent - halben im menſchlichen Koͤrper(d)Dieſes iſt das Gefuͤhl, wel - ches keiner Waͤrzchen bedarf, nach dem Claudius Perrault du tou - cher. pag. 94. des ſens exterieurs pag. 39. wo es, wiewohl nicht zum beſten, ſo gegeben iſt, das Gefuͤhlſei ein Geſchaͤfte, da die Seele auf die ſtaͤrkre Bewegungen acht giebt, welche den Zuſammenhang der Theile aufheben. Des HAIS nennt es, eine Empfindung des Schmerzens, am angefuͤrten Orte., und nicht nur in der Haut allein, ſondern auch inwendig im Koͤrper, wovon man am Magen und den Gedaͤrmen ein deutliches Bei - ſpiel hat, noch mehr aber, wo viele Nerven liegen, als am Auge, an der Zunge, und der Spizze des maͤnnlichen Glie - des, hingegen weniger, wo es weniger Nerven giebt, als an einigen Stellen der Haut(e)Ueber dem inneren Knopfe des Schulterbeins, SAUVAGES diſſ. ſur l action des medec. p. 14. dennoch fuͤlt meine Haut auch an dieſer Stelle., an den Eingeweiden(e*),233I. Abſchnitt. Werkzeug. (e*)Lib. 10., am Herzen(f)L. 4., und es mangelt dieſes Gefuͤhl uͤber - haupt voͤllig, wo die Natur keine Nerven angebracht hat, als im Oberhaͤutchen, an den Haaren, am Knochen, den Naͤgeln, den Knorpeln, den Baͤndern, Sehnen, und der nakkten Membran der Nerven(g)L. 10..

Es iſt ferner die Empfindlichkeit groͤſſer und ſchaͤrfer, wo entweder ein Nerve an die Werkzeuge, welche ihn um - geben, nakkt angrenzt, wie an einer abgezognen Haut, oder wo er doch in zaͤrtere Huͤllen eingeſchloſſen iſt, wie an der Mannseichel, am Magen und den Gedaͤrmen.

Wenn alſo blos der Nerve empfinden kann, ſo ſind dieſe Erſcheinungen an ſich ſchon ſo einfach, daß ſie keines fernern Erweiſes beduͤrfen.

§. 2. Die Haut.

Jedoch man n[i]mmt das Gefuͤhl in einem andern Ver - ſtande(h)Beruͤhren nennt es der be - ruͤmte PLOHR de ſapor. n. 3., wenn man diejenigen Kraͤfte eines aͤuſſerlichen Koͤrpers mit allem Fleiſſe erforſchen will, die wir eben ge - nannt haben. Alsdenn bedienen wir uns blos der Haut, und zwar inſonderheit der aͤuſſerſten Finger, ob das Gefuͤl gleich an den Fuͤſſen, wenn wir dieſe eben ſo blos truͤgen, und man ſolche weich erhielte, nicht ſtumpfer ſein wuͤrde. Und eben ſo iſt auch die Zunge zu allen ſolchen Sachen gleich geſchikkt.

Folglich iſt die Haut diejenige Dekke des menſchlichen Leibes, welche die Luft abhalten ſoll; genauer aber zu reden, ſo heiſt eigentlich der inwendige, dichte und feſte Boden dieſer Dekke, Haut.

Wir haben geſagt, daß die Haut allenthalben die aͤuſ - ſerſten Theile des Koͤrpers bedekke. Sie ſcheint durch -P 5loͤchert234Das Gefuͤhl. XII. Buch. loͤchert zu ſein an den Augen, Ohren, der Naſe, dem Munde, Nabel, und den Geburtstheilen, ſo wie am Hin - tern. Allein man weis nunmehr mehr als zu gut, daß ſie an dieſen genannten Stellen nicht aufgeſchlizzt, ſondern nur einwerts(i)Davon ſoll an ſeinem Orte genauer geredet werden. Vergl. MORGAGN. adv. II n. 6. gezogen und allmaͤlich veraͤndert ſei, daß ſie die Hoͤle der Naſe und des Mundes, der weiblichen Schaam und des aͤuſſerſten Darmes uͤberzieht, daß ſie im Gehoͤrgange uͤber die Trummelhaut geſpannt iſt, und end - lich an den Augen in eines fort, mit der Haut der Augen - lieder, unter dem Namen der gemeinſchaftlichen weislichen Augenhaut, vor der dunkeln Hornhaut herablaͤuft. Man hat bemerkt, daß ihre Empfindung deſto ſtumpfer ſei, je weiter ſie von der Zunge abliegt(i*)HARTLEY of man. pag. 151..

Jhr Bau iſt uͤberhaupt wie an den Membranen(k)L. 1., naͤmlich aus Faͤden und Plaͤttchen(k*)Vergl. Memoires de l’acad. 1751. p. 109, die kurz verwik - kelt ſind, und enge zuſammenhaͤngen, zuſammengeſezzt(l)Dav. Chriſtoph. SCHO - BINGER de celluloſa tela cet. LUDWIG de humore cutem inungente p. 6. 7.. Jhre aͤuſſere Flaͤche iſt dichter(m)LUDWIG eben daſelbſt., hingegen die inwen - dige, welche ſich nach dem faͤchrigen(n)Daſelbſt. Zellgewebe unter der Haut zukehrt, allmaͤlich loſer, ſo daß ſie ſich endlich in einer fortlaufenden Ausartung in eben dieſes Zellgewebe verwandelt, und man findet nirgends auf beiden Seiten die richtige Grenzen beſtimmt. Macerirt man die Haut im Waſſer, ſo ſchwillt ſie allmaͤlich auf, ſie wird lokker, ſcheidet ſich in ihre Plaͤttchen und Faſern, woraus ſie geworden iſt(o)Loͤſet ſich zu Faͤden auf, RUYSCH cat. muſ. rar. p. 138., ſowohl im Menſchen als Thieren(o*)HOOKE micograph. pag. 39. und 160., und ich betrachte dieſes an der Haut des Elefanten, welche ich eben vor Augen habe, und daran nur die Plaͤttchenbrei -235I. Abſchnitt. Werkzeug. breiter ſind. Sie beſizzet aber eine verſchiedne Dichtheit und Haͤrte. Sie iſt zart an den Augenliedern, Wangen, Lippen, Weiberbruͤſten, und der Vorhaut, und haͤrter an dem behaarten Kopfe. Sie kann eine bewunderns - wuͤrdige Ausdehnung vertragen, wenn dieſe langſam ver - richtet wird, wie man an den ſchwangern Frauen, und den fetten und waſſerſuͤchtigen Menſchen ſiehet. Man hat von einem einzigen Finger 22 Zoll abgeſchnitten(o**)DISDIER ſplanch - nol. T. I. p. 15. Ein Scirrhus, der drei oder vier Theile eines Pfundes wog, befand ſich in der Gegend des Stirn - und Schlaͤfenbeins(o†)RICHA conſtit. III. p. 117.. Ein Rieme von der Groͤſſe eines Quadratzolles, traͤgt 200 Pfunde(o††)SAUVAGES theor. tumor. 15..

Diejenigen, welche geſchrieben haben, daß die Seh - nen(p)STENONIUS inſonder - heit. Daß daraus der groͤſte Theil der Haut beſtehe, GREW cat. muſc. pag. 6. in den Bau der Haut aufgenommen werden, brin - gen eine Meinung auf die Bahn, welche, wenigſtens in Abſicht auf den Menſchen, nicht wahr iſt(q)Dieſes leugnet nebſt uns der beruͤmte LUDWIG und ALBIN. . Es zeigen ſich naͤmlich an der weiſſen Bauchlinie(r)Stephan LORENZINI Krampffiſch, p. 14. FANTO -NUS. BARTHOLIN ſpec. anat. pag. 28. HEUCHER magna ars anat. n. 64., und am Ruͤk - ken, dem Halſe(s)LORENZINI. FAN - TON. , dem Knie(t)FANTON anat. ed. 3. pag. 7. und Ellbogen(u)FANTON. BARTHO - LIN. HEUCHER. ſehr leicht die ſehnigen Faſern ohne Veraͤnderung und fuͤr ſich, wenn man die Muſkeln davon abſondert, und ſie werden jederzeit durch ein Zellgewebe von der wahren Haut ent - fernt gehalten. Der lange Muſkel der flachen Hand, (palmaris longus)(x)An der Hand und dem Fuſſe LORENZINI. Am Ellbogen - hoͤkker des Hundes GARENGEOT myol. T. II. p. 122., und eine aͤnliche breite Sehne am Fuſſe wirft allerdings ſehnige Faͤden in die Haut, welcheich236Das Gefuͤhl. XII. Buch. ich, wenn ich nicht irre, in Augenſchein genommen habe, ob ſie gleich Albin(y)pag. 474. 604. daſelbſt nicht zulaſſen will. Jch unterſtehe mich nicht zu ſagen, ob in den Thieren einige ſehnige Faſern in die Haut mit uͤbergehen(z)An den Fiſchen STENO - NIUS myol. ſpec. p. 75. An der Eidechſe, eben derſelbe. Am Bauche des Krampffiſches, LO - RENZINI pag. 14. Am Jgel, FANTON anat. pag. 22. Am Loͤwen, die Pariſer..

Die Haut iſt an den Vierfuͤßigen, beinahe wie am Menſchen beſchaffen, und an den Voͤgeln duͤnne, da ſie von ſo vielen uͤber einander liegenden Federbogen beſchuͤzzt wird.

§. 3. Die Schlag - und Blutadern.

Der vortrefliche Albin zaͤlt die meiſten von dieſen Schlagadern, welche Ruyſch der Haut zuſchreibt, zu dem Zellgewebe. Und ich habe es uͤberhaupt gefunden, daß ſich die Sache wirklich ſo verhaͤlt.

Es krichen viele und groſſe Blutadern durch das Zell - gewebe unter der Haut mit ihren Staͤmmen herum, wie man an beiden Roſenadern(a*)Tab. EUSTACH. XXII. XXIV. , an der Kopf - an der Medianader, und der aͤuſſern Droſſelader ein Beiſpiel hat. Dieſe Blutadern faͤrben die Haut an einer weiſſen lebenden Frau auf eine angeneme Art blau. Sie werfen in die Haut Aeſte, die nicht eben ſehr bekannt ſind, weil die Blutadern unter der Haut ziemlich mit Klappen verſehen ſind. Unter der Haut kommen Schlagader, die niemals lang ſind, mit zalreichen und kurzen Zweigen heraus, und dieſe Zweige ſind da, wo ſie tiefer liegen, mit Muſkeln bedekkt. Die kleinen Staͤmmchen eben dieſer Schlagadern verteilen ſichins(a)KAAUW n. 82. ALBIN adnot. L. 2. c. 9. t. 6. t. 1. Ander Hirnſchale erkannte der gute Greis den Unterſcheid, daß die Schlagadern im Zellgewebe klei - nen Baͤumchen aͤnlich, und in der Haut nezzfoͤrmig ſind. Theſ. max. n. 99. add. 15. 16. 156. Cur. re - nov. n. 52.237I. Abſchnitt. Werkzeug. ins Zellgewebe: ihre erſte Aeſte laufen ſchon nach der Haut, wo ſie ſich von dieſem Zellgewebe trennt, ſie ſind zalreich, wiewohl nicht gros, und ſie machen dasjenige Nezz aus, welches Ruyſch(b)Theſ. VIII. n. 90. Theſ. IX. n. 2. 35. Theſ. X. n. 161. Theſ. max. n. 10. 11. 12. 13. 17. 32. Jch erinnere mich, daß mir ſolches dieſer gute Alte ſelbſt gezeigt hat. Cur. ren. n. 38. 46. Adverſ. III. n. 8. p. 26. KAAUW n. 81. auszuſprizzen pflegte, wenn die Haut, nach Art einer Entzuͤndung, rot werden ſollte. Je weiter die Schlagadern gegen das Oberhaͤutchen in die aͤuſſern Haut - faͤſerchen fortlaufen, deſto kleiner werden ſie(c)ALBIN. cit. loc. , es kom - men die allerkleinſten in derjenigen Flaͤche vor, welche das Oberhaͤutchen beruͤhrt, und die ſich zuerſt, nach Fort - ſchaffung dieſer Dekke zeigt, ſo wie auch einige in den Warzen(c*)RUYSCH cur. renov. n. 38. KAAUW perſp. n. 65. 81. zu Geſichte kommen. Auch an dieſer Stelle hat die Haut eine angeneme Roͤthe, ſo wohl an lebendigen Menſchen, an denen blaſenziehende Mittel das Oberhaͤut - chen abgezogen haben, als an todten Koͤrpern, in deren Schlagadern man rotgefaͤrbten Fiſchleim ſprizzt. Der neugeborne Menſch iſt uͤber und uͤber ganz rot(c**)ROEDERER obſtet. ed. II. pag. 38. zwei und vierzig Tage lang. SEVERINUS PINÆUS de Virginit. not. p. 161., und faͤngt erſt nach und nach an blaſſer zu werden. An den Wangen(d)PECHLIN de nigred. æthiop. p. 161. ad SCHWENKE pag. 52. kann das Auge bei vielen Menſchen nicht nur eine verworrne Roͤthe, ſondern auch an einigen ſogar die roten Gefaͤſſe und deren Aeſte warnehmen. An Thieren iſt die Haut gemeiniglich weis, und dieſes iſt die natuͤrliche Farbe aller faͤchrigen Membranen.

Wenn an andern Orten die Gefaͤſſe von der kleinen Art(e)WINSLOW III. tr. des tegum. n. 17. KAAUW n. 801. helle Saͤfte enthalten, ſo hindert das nicht, daß nicht in der Haut dergleichen Gefaͤßgen ſein ſollten, und dieſes ſcheint die hoͤchſtzarte Ausſcheidung des Hautdunſtes,wo -238Das Gefuͤhl. XII. Buch. wovon wir nachgehens reden wollen, vermutlich zu ma - chen. Man glaubt, daß in dieſe Gefaͤſſe das Blut in Entzuͤndungen dringe, und daß ein einziger verwirrter roter Flekke alsdenn vor der ganzen Haut da ſei(f)SCHWENKE. . Al - lein ich glaube vielmehr, daß dieſes Blut aus ſeinen Ge - faͤſſen ausgetreten ſei. Denn warum erſcheinen an einer entzuͤndeten Haut keine groͤſſer aufgeſchwollne rote Ge - faͤſſe, ſondern aller Orten eine durchgaͤngig gleiche Roͤthe. Nuck erwaͤhnt einige limphatiſche Blutadern, die von den Fingern und Zeen an Haͤnden und Fuͤſſen entſorin - gen (f*). Allein dieſe nehmen von den bekannten Faden - gewebe (celluloſa tela) ihren Urſprung her(f**)Ebenda..

§. 4. Die Nerven(f†)Aus Schlag - und Blut - adern und Nerven beſteht die Haut. ARISTOTELES de ſpir. c. 5..

Jn der ganzen Haut befindet ſich eine groſſe Menge(f††)Auch Raupen krichen in die Haut ein, LYONNET. pag. 195. von deutlichen Nerven, und es enthaͤlt die Haut nicht viel weniger Nerven, als der Muſkel(f†††)Auch VIEUSSENS neurol. Vorrede.. Obgleich die geſammte Haut eines Menſchen, vermoͤge angeſtellter Verſuche, nicht viel uͤber vier und ein halbes Pfund ſchwer wiegt(g)LOESEL ren. p. 67.. Es verzeren ſich naͤmlich an den Glied - maaſſen, nicht nur ganze Nervenſtaͤmme, von denen ich an gehoͤrigem Orte Meldung gethan(g*)L. X. , ſondern auch unzaͤlige Zweige von andern Nervenaͤſten in der Haut: ſo wie an der Huͤfte(h)Eben da., am Arme(i)Eben da., Halſe und Kopfe geſchicht, allwo von harten Nerven(k)Das Kupfer des beruͤmten Meckels, Mem. de l’acad. de Berlin. , vom fuͤnften Zweige der drei Aeſte, vom Hinterhauptnerven des zwei -ten239I. Abſchnitt. Werkzeug. ten Nakkennerven(l)Kupfer des beruͤmten Aſche., vom Ohrnerven, der vom dritten entſpringt, ſehr haͤufige Fortſaͤzze in die Haut laufen, da - von die mereſten gemeiniglich nach der Lefze und der Naſe gehen.

Dieſe Nerven pflegen mit ihren langen Staͤmmen durch die faͤchrige Raͤume unter der Haut zu wandern(m)Vergl. tab. EUSTACHII 19. 20. 21. 23., und hierauf krichen ſie mit ihren zarten Aeſten(m*)Daher lengnet EUSTACH. daß viele Nerven in der Haut ſind, und doch laͤſt er dem Fadengewebe viele zu, de mult. p. 159., welchen das kleine Meſſer ſchwerlich nachfolgen kann, in die Haut hinein. Man kann dieſe Aeſte, da ſie ſich von keinerlei Kunſt bedienen laſſen, nicht weit verfolgen, und ſie verſchwinden in der Haut. Sie machen nicht(n)GLISSON hep. c. IV. die ganze Haut aus, indem dieſe ein Fadengewebe iſt, allein ſie ſind in einer ſo zalreichen Menge gegenwaͤrtig, und ſie laſſen zwiſchen ihren Zweigen ſo kleine Zwiſchenraͤumchen blosliegen, daß ein jeder Theil der Haut empfindlich iſt, und nach allen unſern Verſuchen ein ſcharfes Gefuͤhl hat(o)Reponſe gener. pag. 77. TOSETTI L. 4.. Doch es wiſſen es auch die, welche mit ihren Haͤnden Arzeneien machen, mehr als zu wohl, daß ein Menſch alsdenn Schmerzen leide, wenn die Haut zerteilt wird, und daß faſt alles uͤbrige ohne Empfindung verrichtet wird. Nach dem Verſuch neuerer Gelerten(p)POUTEAU p. 49. ſchmerzt die Haut an ihrer aͤuſſern Flaͤche mehr, als an der innern, die ſie unempfindlich(q)Ohne Empfindlichkeit will ſie GIRARD gefunden haben., oder wenig empfindlich(r)Nicht empfindlicher als an - dre Theile LORRY Journal de medec. 1756. menſ. Nov. befunden haben wollen, koͤnnen von der aͤuſſerſten Schwaͤche eines ſterbenden Thieres, oder von der Furcht hintergangen worden ſein.

§. 5.240Das Gefuͤhl. XII. Buch.

§. 5. Die muſkelhafte Beſchaffenheit der Haut.

Die Haut wird in vielen Thieren(s)FABRICIUS de inte - gum. pag. 44. Die Pariſer am Elefanten. PLIN. C. VIII. c. 10. von ſtarken Muſkeln dergeſtalt beherrſcht, daß ſie uͤberhaupt alle Jn - ſekkten durch Erſchuͤtterungen aus der Stelle treibt, und ſich das ganze Thier mit Veraͤnderung ſeiner Figur und vermittelſt der zuruͤkkgezognen Gliedmaaßen(t)Am Jgel WEYGAND Bresl. Supplem. T. IV. pag. 60. MURALT. Vademec. p. 269. COITER. pag. 127. 128. BLAS. anat. anim. pag. 64. Am Taru oder Armadillo PISO hiſt. na - tur. Ind. L. III. pag. 101 in eine kugliche Form verwandelt.

Dergleichen Bewegungen geſchehen, vermittelſt der Schicht der Muſkelfaſern, welche unter dem geſammten Koͤrper zwiſchen der Haut und dem Fette vorkommen, und welche an dem vierfuͤßigen faſt allezeit zugegen ſind(u)Am Phocæna, einer Wall - fiſchart, TYSON anat. turſ. p. 18. wo wirklich Faſern in die Haut laufen. Am Hunde GAREN - GEOT myol. T. II. pag. 122. BLAS. miſcell. pag. 172. An der Muſkusrazze, Memoir. von 1725. pag. 329.. Wenn man dieſes auf den Menſchenkoͤrper anwen - det(x)Dieſe Erfindung eignet ſichN. MASSA zu, Introduct. p. 3. VESALIUS pag. 179. GU - NEUS apolog. p. 37. verteidigt ſie weitlaͤuftig. JESSENIUS prag. anat. pag. 76. J. v. HOR - NE microſ. pag. 221. C. BAR - THOLIN anat. p. 22. MO - LINETTUS L. I. cap. ult. WELSCH t. 27. PASCOLI BOURDON pag. 29. LAU - RENTIUS lagert die Haut un - terhalb das Fett, pag. 276. Auch am Affen, TYSON pag. 26. BLASIUS verteidigt ſie gegen die Leugner. Miſcell. p. 53. und PETRIOLUS apol. med. p. 8., ſo pflegt man es unter dem Namen der Fleiſch - haut (panniculus carnoſus) fuͤr die beſondre Bekleidung des Menſchen zu halten.

Aus der Urſache haben viele beruͤmte Maͤnner(y)L. XI. , welche wir bereits angefuͤhret haben, die Haut reizbar gemacht, weil die Haut bald geſpannt(z)KüHN nonnull. mot. muſc. mom. p. 13. 14., bald loſe iſt,weil241I. Abſchnitt. Werkzeug. weil ſie in der Kaͤlte, und in den Gemuͤtsbewegungen ſtarre wird(a)VANDENROS viv. corp. hum. p. 34., ſich nach der Ausdehnung zuruͤkke zieht(b)LORRY Journal de me - dic. 1756. m. Dec. , und ſich ſo gar die Haare in der Kaͤlte, und im Zorne(c)TABOR p. 244., ſonderlich an den vierfuͤſſigen Thieren, in die Hoͤhe richten.

Am Menſchen werfen ſich einige, doch nicht zalreiche Muſkeln in die Haut, und ſie theilen derſelben einige Be - wegung, wie an der Stirn, der Naſe, den Lefzen, dem Kinne, dem Angeſichte und der Kehle mit. An dem uͤbrigen Menſchenkoͤrper und dem groͤſten Theile ſeiner Oberflaͤche bemerkt man dergleichen nicht. An der Run - zelhaut des Hodenſakkes liegt unter der Haut kein Muſkel, ſondern es haͤnget blos ein Fadengewebe daran feſte.

Es liegt aber unter der ganzen Haut am Menſchen, ohne alle Ausname, ein Fadengewebe, welches an den mei - ſten Stellen voller Fett, an einigen dagegen, welches aber ſelten geſchicht, ſehr mager iſt, als am maͤnnlichen Gliede, am Ohre und den Augenliedern(d)B. 1.. An den Fiſchen er - ſcheint ein ſehr haͤufiges Fett unter der Haut(d*)Am Turſio, dem kleinſten Wallfiſche, dennoch 1 Zoll dikk..

Dieſes bereits oben beſchriebene Fadengewebe verbin - det die Muſkeln dergeſtalt mit der Haut, daß dieſelbe bei aller Beweglichkeit dennoch eine Feſtigkeit hat. Man weis ſo gleich, daß ein Feler vorhanden iſt, ſo bald ſich die Haut nicht uͤber die aufgeſchwollne Eichel ziehen laſſen will. Dagegen hat bisweilen die gar zu groſſe Beweglichkeit(e)TULP. L. I. c. 57. ein Exempel in BLANCAARD Jahrregiſter, Cent. IV. n. 76. verurſacht, daß man die Haut von der Kehle weit uͤber die Naſe heraufziehen konnte, und daß ſolche von den Muſ - keln aller Orten zuruͤkke gezogen wurde(e*)MEKERN p. 29..

JchH. Phiſiol. 5. B. Q242Das Gefuͤhl. XII. Buch.

Jch habe ſie ſo rot befunden, daß man ſie vor eine kuͤnſtliche Fleiſchmembran ausgeben konnte(f)Dergleichen ſahe auch an Neugebornen RIOLANUS An - throp. L. II. c. 6. Jſt anfangs an den Kindern fleiſchig, nach dem POSTHIUS beim COLUMBUS pag. 500. Muſkelaͤnlich anthro - potom. p. 178.. Und die Natur ſelbſt bildet keine andre, die von einer Fettmem - bran verſchieden waͤre(g)Dieſes erkannte der beruͤmte STEPHANUS L. II. c. 2. Er ſahe an fetten Leuten keins, und an den magern ein Zuſammen - wachſen von der Farbe des Bluts; ferner BARTHOLIN, der Enkel, meth. demonſt. ſpec. anat. n. 16. 31. TASSIN adminiſt. pag. 59. COWPER ad BIDLOUM t. 4. f. ult. MORGAGNI adverſ. II. anim. VI. COLLINS p. 74. 75. Dieſer befielt, ſie im Menſchen die Fetthaut zu nennen, DIONIS. pag. 150..

An der Haut ſelbſt erſcheinen keine Muſkelfaſern, und die Haut hat keine ſo reizbare Kraft, als die Muſkelfaſern, ob ſie gleich in der Kaͤlte ſtarr wird, und ſich zuſammen - zieht; denn ſie bequemt ſich den Reizen nicht(h)L. XI. .

§. 6. Die Waͤrzchen.

Dieſes iſt, ſo viel ich finden koͤnnen, eine Entdekkung des Malpighi, welcher an den unvernuͤnftigen Thieren, und inſonderheit an dem Fuſſe des Schweins, zuerſt be - merkt hat(i)De externo tactus organo. Neap 1665. p. 8. ſeq. DUVER - NEY Journal des Savans 1689. n. 19. und aus ihm HAMEL de corp. anim. L. II. c. 1. Selbſt an den Raupen iſt die Haut von auſſen koͤrnig, LYONNET p. 68., daß die Haut nicht in einer gleichfoͤrmigen Ebene fortlaͤuft, ſondern ſich uͤberhaupt an ihrer aͤuſſern Flaͤche zu einigen Huͤgelchen erhebt, welche unter dem Oberhaͤutchen vorragen.

Weil aber nur gar zu oft der Bau in den unver - nuͤnftigen Thieren, der doch von dem unſrigen verſchieden iſt, mit dem menſchlichen vermengt wird(k)Beſiehe die erdichtete Figu - ren des BIDLOI t. 4. f. 6. An den Voͤgeln beſchreibet ſie MERY beim du HAMEL p. 315., ſo muß manſich243I. Abſchnitt. Werkzeug. ſich huͤten, etwas baraus in unſre Beſchreibungen mit ein - zumiſchen. Demnach ſind die Koͤrnerchen an dem groͤ - ſten Theile der menſchlichen Haut ſo klein, daß man uͤber - haupt, auſſer einer leichten Ungleichheit, nichts weiter be - merken kann, das von der uͤbrigen Haut unterſchieden waͤre. So hat nicht einmal Ruyſch(l)Adverſ. I. n. 3. p. 10. an dem erhabnen Theile des Fuſſes einige Waͤrzchen finden koͤnnen, und er geſteht es, daß ſolche anderswo tief in der Haut ſtekken(m)Adverſ. I. n. 5. p. 15., und nicht ehe zum Vorſchein kommen, als bis man Farbenſaͤfte einſprizzt. Ferner ſchreibt derſelbe nebſt an - dern beruͤmten Maͤnnern, daß dieſe Waͤrzchen ſich ſo gar durch Vergroͤſſerungsglaͤſer ſchwerlich entdekken laſſen, ſo wie andre ſie gar uͤberhaupt leugnen(o)PERRAULT eſſay de phyſiq. T. III. p. 53. du toucher. pag. 11. Er ſagt, daß ſo gar am Elefanten keine ſind, p. 92., oder doch ſagen, daß das Gefuͤl nicht durch dieſelbe verrichtet werde(p)Eben der. Memoir. avant. 1699. p. 344. CHESELDENed. VI. p. 135. SBARAGLI ocul. et ment. vigiliac p. 85..

Doch das heiſt, zu weit gegangen. Jch habe naͤm - lich am groſſen Zee und deſſen Theile, wo er mit der Fus - ſole zuſammengrenzt, wenn ich das Oberhaͤutchen von der macerirten Haut abzog, deutlich geſehen, daß ſich die Waͤrzchen, wie Faͤden(q)Mit Fuͤden vergleicht ſie ALBIN de color. æthiop. p. 7. HINZE de nat. papill. n. 5. daß ſie laͤnger ſind, mein Lehrer ad - not. L. I. c. 3. p. 24., oder Haare von dieſen Schnekkenlinien(r)Jn den Furchen malt ſie ſtumpf RUYSCH t. 17. f. 2. 3. Epiſt. XV. Sie hat WINSLOW n. 11. erhoben: und ſo verhalten ſie ſich auch an der flachen Hand und der Fusſole(r*)HINZE. .

Eben ſo koͤmmt an eben den Zeen oder Fingern der Hand, wenn die Naͤgel behutſam und blos durch Mace - ration weggeſchaft werden, die darunter liegende Haut, laͤngſt aus in Furchen geteilt, zum Vorſchein, und ſie zerteilt ſich in Faͤden, welche ſich laͤngſt dem Nagel beu -O. 2gen(n)C. BARTHOLIN ſpecim. anat. pag. 12. An der Fusſole, RUYSCH theſ. I. aſſ. 3. n. 4.244Das Gefuͤhl. XII. Buch. gen, und vorwerts fortgehen(s)Keglich nennt ſie WINS - LOW n. 13. Doch ich habe ſie allerdings ſo geſehen, wie ich ſie beſchreibe. LUDWIG progr. ALBIN malt und beſchreibt ſie adnot L. II. p. 57. tab. 7. f. 4.. Doch ſind dieſelben an den kleinſten Zeen und Fingern unvollſtaͤndiger, ſie beu - gen ſich nicht ſo und erſcheinen verhaͤltnismaͤßig kleiner(t)ALBIN loc. cit. f. 5. 6.. An der flachen Hand, und der innern Seite der Finger findet man ſie zugleich faſerhaft(t*)Phyſiolog. Amſtel. p. 412..

An den Lefzen(u)WINSLOW l. c. n. 12. RUYSCH Theſ VIII. t. 2. f. 2. Theſ. III. t. 4. f. 1. Theſ. VII. t. 2. f. 5. MALPIGHI poſth p. 28., den Wangen(x)RUYSCH Theſ. X. t. 1. f. 1. C. und im Ange - ſichte(y)Eben der ad BOERH. p. 59. erſcheinen ſie wie Zotten.

An der Eichel des maͤnnlichen Gliedes zerteilt ſich die