PRIMS Full-text transcription (HTML)
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Herrn Albrecht von Hallers Anfangsgruͤnde der Phiſiologie des menſchlichen Koͤrpers.
Aus dem Lateiniſchen uͤberſezt von Johann Samuel Haller.
Erſter Band. Die Faſer; die Gefaͤſſe; der Umlauf des Blutes; das Herz.
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Berlin, bei Chriſtian Friedrich Voß,1759.

Dem Hochwohlgebornen Herrn, Herrn Johann Theodor Eller, Sr. Koͤnigl. Majeſtaͤt in Preuſſen Hochbetrauten Geheimen Rathe, erſten Leibarzte Sr. Majeſtaͤt, wie auch General-Staabsmedico, Direktori der phiſiſchen Klaſſe bei der Koͤniglichen Akademie der Wiſſenſchaften, und des Collegii medico-chirur - gici, wie auch aller mediciniſchen und chirurgiſchen Sachen in den geſamten Koͤnigl. Preußiſchen Landen, Dekano des Obercollegii der Aerzte, Mitgliede der Roͤmiſchkaiſerlichen Akademie der Naturforſcher, und des Geſund - heitraths. Meinem Hoͤchſtzuverehrenden Herrn.

Hochwohlgeborner, Hochgelahrter Herr, Hoͤchſtzuverehrender Herr Geheime Rath, und Archiater.

Der Name des bereits durch mehrere Schriften, in der That verewigten Verfaſſers, von dieſer Phiſiologie, welche ich Ew. Hochwohlgebornen in einer deutſchen Ueberſezzung, hiermit zu uͤberreichen, das Gluͤk ſuche; und der eben ſo glaͤnzende Name von Ew. Hochwohlgebornen, welcher in dem Reiche der gelehrteſtenAerzteAerzte unſers Jahrhunderts, bereits den erſten Rang behauptet; beide haben ei - nen viel zu hohen eigenthuͤmlichen Werth, als daß ihn eine unbekannte Feder, durch den Zuſaz einiger maleriſchen Zuͤge, von neuem auffriſchen koͤnnte. Die beiden groͤſten Prinzen, und die ſcharfſinnig - ſten Gelehrten dieſes Zeitalters, haben ihr ganzes Anſehen angewandt, Dero Beiderſeitigen unſterblichen Werth, uͤber alle Lobſpruͤche der Nachwelt, un - endlich hinauszuſezzen. Jch hoffe alles, wenn meine geringe Arbeit Dero min - deſten gnaͤdigen Anblik hoffen darf, und es wuͤrde in der That der gedoppelte Glanz ſolcher erlauchten Maͤnner, ſo viel Nachſicht daruͤber ausſtreuen, daß davon alle Fehler verloͤſchen.

Jch ſchmeichle mir mit dem groͤſten Verdienſte, dieſe verdeutſchte Phiſiologiea 3eineseines groſſen Mannes, einem der groͤſten Maͤnner mit aller Ehrfurcht uͤberreicht zu haben.

Jch bin gluͤklich, wenn dieſe Ehr - furcht das Unternehmen ſelbſt in Schuz nimt.

Uebrigens bitte ich GOtt, Dero Perſon und anſehnliches Haus in ſeinen heiligen Schuz zu nehmen, und erſterbe in tiefſter Verehrung, als

Ew. Hochwohlgebornen Meines hoͤchſtzuverehrenden Herrn Geheimen Raths und Archiaters Berlin, den 18. des Aprilmonats 1759. unterthaͤnigſter Diener Johann Samuel Haller.

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Vorrede des Verfaſſers.

Es hat der ſcharfſinnige Verulam ſehr weislich erinnert, daß es dem gemeinen Beſten zum Vor - theile gereiche, wenn man von Zeit zu Zeit kurzgefaßte Auszuͤge von einer jeden Kunſt lieferte. Es iſt dergleichen Unter - nehmen dem Wachsthume derer Wiſſenſchaf - ten zutraͤglich, wenn man beinahe in jedem Jahrhunderte anmerket, wie weit dieſelben geſtiegen ſind, und wenn man dieſen Theil der Warheit, der zu einer ſolchen Zeit bekannt geworden, beſonders aufzeichnet und aufbe -a 4haͤlt.Vorrede des Verfaſſers. haͤlt. Auf ſolche Weiſe kann die Nachwelt, von dieſem Zeitpunkte an, die Graͤnzen der menſchlichen Wiſſenſchaft mit leichterer Muͤhe und auf eine anſtaͤndigere Art erweitern, in - dem es ſich von ſelbſten offenbaret, was ein jedweder, auſſer denen bekannten alten War - heiten, noch fuͤr neue Entdekkungen gemacht habe. Denn es iſt zu vermuthen, daß die Menſchen ſich kuͤnftig nicht immer mit glei - cher Schlaͤfrigkeit nur in einen Umkreis ein - ſchrenken, und beſtaͤndig darinnen beharren werden, wenn man ſie ſogleich uͤberzeugen kann, daß die Sachen in der That bereits un - ſern Vorfahren bekannt geweſen, welche ſie vor neue Erfindungen ausgeben. Da auch endlich gar wenig Menſchen ſo groſſen Fleis ſelbſt anwenden, oder in ſo bequemen Umſtaͤn - den leben, daß ſie ſelbſt fuͤr ſich Warheiten erfinden koͤnnen, und doch indeſſen keinem von den Aerzten die Verrichtungen, ſo im menſch - lichen Koͤrper geſchehen, ohne ſeinen eigenen hoͤchſten Schaden unbekannt ſeyn duͤrfen, ſo wird der Arzeneikunſt allerdings viel Nuzzen daraus erwachſen, wenn man ſie mit einem ſolchen Werk verſiehet, aus dem die Anfaͤn - ger die erſten Grundſaͤzze dieſer vortreflichen Kunſt ohne Muͤhe erlernen koͤnnen. Und eben dergleichen Werk habe ich nunmehro aus - zuarbeiten mir vorgeſezzet. Ehe ich aber die - ſes unternommen, habe ich bereits lange zu - vor den groͤſten Theil von meiner Lebenszeit mit phiſiologiſchen Beſchaͤftigungen zuge -bracht.Vorrede des Verfaſſers. bracht. Und ſolchemnach iſt mir auch die Wichtigkeit des groſſen und beſchwerlichen Ge - ſchaͤftes, welchem ich mich unterzog, nicht un - bekannt geweſen, daher ich mich allerdings gluͤklich ſchaͤzzen werde, wenn ich mich in dem Stande befinden ſollte, daſſelbe gehoͤriger maſ - ſen auszufuͤhren.

Wer eine Phiſiologie ſchreibt, der muß die innere Bewegungen eines thieriſchen Koͤrpers, die Verrichtungen derer Eingeweide, die Ver - aͤnderungen der Saͤfte, und die Kraͤfte erklaͤ - ren, wodurch das Leben erhalten wird, ver - mittelſt welcher die denen Sinnen mitgetheilte Geſtalten derer Dinge, der Seele vorgeſtellet werden; mit was fuͤr Kraͤften die Muskeln verſehen ſind, die unter der Herrſchaft der Seele ſtehen; durch was fuͤr Kraͤfte die Spei - ſen in unſre Lebensſaͤfte, von ſo verſchiedner Art, verwandelt werden; und wie endlich dieſe Saͤfte theils zum Unterhalt unſrer Koͤr - per angewendet werden, theils auch der Ab - gang des menſchlichen Geſchlechts durch neue Geburten wieder erſezzet wird. Ein Unter - nehmen von einem ſehr weiten Umfange, und welches beinahe fuͤr den Verſtand eines einzi - gen Mannes allzu gros iſt.

Vorerſt muß man demnach den Bau des menſchlichen Koͤrpers verſtehen, der aus faſt unzehlichen Theilen beſtehet. Es kommen mir diejenigen, welche die Phiſiologie vona 5derVorrede des Verfaſſers. der Zergliederungskunſt trennen wollen, in der That eben ſo vor, wie gewiſſe Meßkuͤnſt - ler, welche ſich unterſtehen, die Kraͤfte und die Verrichtungen einer Maſchine auszurechnen, daran ihnen weder das ganze Raͤderwerk, noch die Triebraͤder, ingleichen die Maſſe und die Materie bekannt ſind. Jch bin von der Mei - nung dieſer chimaͤriſchen und windigen Bau - meiſter ſo weit entfernet, daß ich vielmehr glaube, man koͤnne in der Phiſiologie faſt gar nichts wiſſen, als was man aus der Zerglie - derungskunſt erlernt hat. Man wird ſich von der Warheit deſſen, was ich hier erinnere, leicht uͤberzeugen koͤnnen, wenn man ſich nur die Muͤhe nehmen will, die heut zu Tage be - kannte Einrichtung des menſchlichen Koͤrpers, mit der Phiſiologie des Fernelius, oder des Caſpar Hoffmanns, zu vergleichen. Es be - ſaſſen dieſe Maͤnner Verſtand, ſie waren in den Arbeiten unermuͤdet, ſie wußten etwas von der Anatomie, ſo viel ſie entweder von den Griechen, oder aus einigen, aber unge - mein ſparſamen Zergliederungen menſchlicher Koͤrper, gelernt hatten. Und dennoch blieb dieſen groſſen Maͤnnern der wahre Lauf des Blutes, die Art, wie durch das im Auge ge - brochne Licht das Sehen zuwege gebracht wird, ferner der Weg, oder die kuͤnſtliche Weiſe, wie der Milchſaft aus den Speiſen ins Blut koͤmt, und endlich, wenn man es frei heraus ſagen darf, beinahe die ganze Phiſiologie noch ein Raͤthſel.

EsVorrede des Verfaſſers.

Es iſt aber die Zergliederungskunſt an ſich eine weitlaͤuftige Wiſſenſchaft, und begreift viele Theile in ſich; es gehoͤren dahin die Muskeln, die Knochen, die aͤuſſere Umklei - dung der Eingeweide, ihre Lage, und wie ſich gewiſſe Theile gegen andere verhalten; ferner gehoͤret hieher, die erſt zu unſren Zei - ten ausfindig gemachte Beſchreibung der Schlagadern und der Blutadern; der nicht voͤllig ausfuͤndig gemachte und deutlich entdek - te Labyrint derer Nerven, und endlich die ſub - tilere Zerlegung der kleinen Theile, woraus die Eingeweide, die Druͤſen, und andre of - fenbar in die Augen fallende Theile des thie - riſchen Koͤrpers zuſammengeſezzt ſind.

Es iſt dieſe Arbeit ſo unermeslich groß, daß manche groſſe Maͤnner ſchon beruͤhmt ge - worden ſind, wenn ſie nur einen der kleinſten und leichteſten Theile dieſer Wiſſenſchaft voll - ſtaͤndig vorgetragen haben. Der Umlauf des Blutes hat den Namen eines Harvey un - ſterblich gemacht; Wirſung, oder Whar - ton, haben ſich durch ein einziges Gefaͤschen ein immerwaͤhrendes Andenken geſtiftet. Wol - te man aber alles durchgehen, und alle Ge - genden des menſchlichen Koͤrpers in genaue Betrachtung ziehen, ſo wuͤrde dieſes ſo muͤh - ſam, und eben ſo wenig zu Stande zu bringen ſeyn, als wenn man eine ausfuͤhrliche Be - ſchreibung von allen Doͤrfern, Fluͤſſen, Thaͤ - lern, und Huͤgeln einer weitlaͤuftigen Land -ſchaftVorrede des Verfaſſers. ſchaft verfertigen wollte. Das Leben der Menſchen iſt an ſich kurz, und das Leben ei - nes Zergliederers iſt noch kuͤrzer, indem daſſelbe gemeiniglich durch einen fruͤhzeitigen Tod abgekuͤrzet, oder durch eine andre Le - bensart, oder wenigſtens durch andere buͤr - gerliche Bedienungen, geſtoͤhret und unruhig gemacht wird. Man koͤnnte auch wohl, ſo gar durch Berechnungen, deutlich zeigen, daß es nicht moͤglich ſey, innerhalb zwanzig Jah - ren alle Theile des thieriſchen Koͤrpers vollſtaͤn - dig abzuhandeln; wenn man auſſerdem noch die Mannigfaltigkeit mit auf die Rechnung ſezzte, welche in Anſehung der Bildung derer Theile vorkommt, und die man erſt nach wie - derholten Erfahrungen recht genau muß er - kennen lernen, wofern man nicht blos mit ei - nem Theile des Wahren zufrieden ſeyn, und in beſtaͤndiger Furcht vor dieſem ſo gemeinen Fehler beharren will, in den uns die bloſſe Beobachtung eines einzigen Beiſpiels zu ſtuͤr - zen pflegt. Vermoͤge dieſes Fehlers pflegen wir oftermals das vor wahr zu halten, was nur hoͤchſt ſelten wahr iſt, und davon ein ge - genſeitiger Bau oͤfterer vorkommen, und alſo, wegen der Menge derer Abaͤnderungen, fuͤr eine wirkliche Abſicht der Natur angeſehen werden kann. Wollte uns jemand, da wir dieſe Schwierigkeiten eingeſtehen, widerſpre - chen, ſo kann er nur den Verſuch machen, ei - ne Geſchichte der Nerven zu ſchreiben, und denn mag er nach zehn Jahren noch fortfah -ren,Vorrede des Verfaſſers. ren, dieſem unſern Geſtaͤndnis ferner zu wi - derſprechen, wenn er anders alsdenn gegruͤn - dete Urſache dazu findet. Denn von dieſer Bemuͤhung iſt ſeit hundert Jahren, durch die vereinigte Arbeiten auf ſo gar vielen oͤffentli - chen Zergliederungsſaͤlen, kaum etwas tuͤch - tiges und vollſtaͤndiges bekannt geworden, wenn ich die Geſchichte des fuͤnften und ſieben - den Nervenpaares, die uns der vortrefliche Meckel geliefert, und die von dem gelehrten Zinn beſchriebenen Augennerven, ausnehme.

Jnzwiſchen wird dennoch, aus der Zerglie - derung derer menſchlicher Koͤrper allein, noch keine vollſtaͤndige Phiſiologie zu erhalten ſeyn. Jch werde es taͤglich mehr als zu deutlich ge - wahr, daß man uͤber die Verrichtung der mei - ſten Theile eines belebten Koͤrpers kein gruͤnd - liches Urtheil faͤllen koͤnne, wenn uns nicht vorher auch der Bau dieſes Theiles ſowol am Menſchen, als an verſchiednen vierfuͤßigen Thieren, an den Voͤgeln, den Fiſchen, und oftermals auch an den Jnſekten vorher be - kannt iſt. Es wird, zum Exempel, von der Galle der Leber, und von der in der Gallen - blaſe befindlichen gehandelt. Man zweifelt, ob ſie voͤllig und ganz allein in der Leber, oder ob ſie ganz allein in der Gallenblaſe zubereitet werde, oder ob ein Theil derſelben in gedach - tem Eingeweide, und ein andrer Theil wieder in dem erſtgemeldeten Behaͤltniſſe, hervorge - bracht werde. Nun wuͤrde es in der That un -gemeinVorrede des Verfaſſers. gemein ſchwer werden, dieſen Streit blos nach demjenigen zu entſcheiden, was man in einem menſchlichen Leichnam wahrnimt: wir neh - men aber hierbei die Thiere zu Huͤlfe. Und dieſe zeigen uns erſtlich, daß viele von denen groſſen Thieren blos in der Leber, und ohne daß ſie zugleich eine Gallenblaſe haben, eine recht gute Galle zubereiten. Hernach bemer - ken wir, daß kein Thier eine Gallenblaſe ha - be, wo nicht auch eine Leber dabei befindlich iſt: und daß keins eine von der Leber derge - ſtalt abgeſonderte Gallenblaſe bekommen habe, daß dieſe letztere nicht ſollte entweder mit der Leber ſelbſt verwachſen ſeyn, oder vermittelſt ihres Ausfuͤhrungsganges mit derſelben eini - ge Gemeinſchaft unterhalten ſollte. Man ſie - het demnach hieraus, daß zur Zubereitung der Galle ohnumgaͤnglich die Leber erfordert werde, und daß hingegen hierzu keine Gal - lenblaſe noͤthig ſey, mithin alſo dieſelbe in die - ſem letzten Theil nicht hervorgebracht werde, ſondern aus der Leber erſtlich in denſelben ge - lange. Jnzwiſchen habe ich ſonſten noch al - lerlei nuͤzliche Anwendungen aus der verglei - chenden Zergliederungskunſt, von eben ſolcher Beſchaffenheit, die hier aber vielleicht zu ſub - til ſeyn moͤchten, in meinem ganzen Werke mit untergeſtreuet.

Man muß demnach Thiere zergliedern. Es wuͤrde aber dazu keinesweges hinlaͤnglich ſeyn, daß man nur todte zerlegte, ſondernmanVorrede des Verfaſſers. man mus auch lebendige oͤfnen. Ein tod - ter Koͤrper hat keine Bewegung, mithin mus man alle Bewegungen bei einem leben - digen Thiere unterſuchen. Es gehet aber die ganze Phiſiologie mit der innern und aͤuſſern Bewegung des belebten Koͤrpers um. Folglich kann man, um den Umlauf des Blu - tes, um die ſubtilern Bewegungen deſſelben einzuſehen, um das Athemholen, den Wachs - thum des Koͤrpers und der Knochen, die wurm - foͤrmige Bewegung der Gedaͤrme, und den Weg des Speiſeſafts zu erforſchen, ohne ei - ne Menge lebendiger Thiere um das Leben zu bringen, niemals etwas fruchtbarliches ausrichten. Es hat ſehr oft ein einziger Verſuch manche muͤhſame Erdichtungen, darauf man ganze Jahre verwendet gehabt, auf einmal widerlegt.

Dieſe Grauſamkeit hat aber auch einer wahren und gegruͤndeten Phiſiologie mehr wirklichen Nuzzen verſchaffet, als faſt von allen uͤbrigen Kuͤnſten zu erwarten iſt, un - ter deren Beiſtande unſre Wiſſenſchaft zuge - nommen hat. Hiernaͤchſt hat aber auch die Eroͤfnung ſolcher Koͤrper, die an Krankhei - ten verſtorben, ihren guten Nuzzen.

bGe -Vorrede des Verfaſſers.

Geſezzt, man habe einem oder dem andern Theile des Koͤrpers, nach der eingefuͤhrten Meinung, ſeine gewiſſe Verrichtung beige - legt, und man verlange zu wiſſen, ob dieſes auch wirklich ihr wahres Amt ſey, das man ihnen gewoͤhnlicher maſſen zueignet; ſo wird man ſolches niemals mit voͤlligerer Gewis - heit beſtimmen koͤnnen, als wenn man ſolche Koͤrper eroͤfnet, in denen dieſer Theil verdor - ben geweſen. Jſt nun dieſe Verrichtung un - veraͤndert geblieben, da ſolches Werkzeug mit einem Fehler behaftet war, ſo muß daſſelbe ohnſtreitig denjenigen Nuzzen, den man ihm zugeſchrieben hat, nicht leiſten. Wofern hin - gegen in einem ſolchen Koͤrper diejenige Function gemangelt hat, deren Werkzeug, dem man dieſelbe zugeſchrieben hat, verdor - ben iſt, ſo laͤſſet ſich hoͤchſt wahrſcheinlich daraus ſchlieſſen, daß die bisher unterlaſſene Verrichtung wirklich dieſem Theile zugekom - men ſey.

Da auch ferner diejenigen Bewegungen, worauf ſich die ganze Phiſiologie gruͤndet, in denen kleinſten Theilgen oder ſogenannten Elementen des Koͤrpers geſchehen, und unſre Augen eigentlich nur zu den Angelegenheiten dieſes Lebens, und um dasjenige in der Fer - ne voraus zu ſehen, was unſerm KoͤrperNuz -Vorrede des Verfaſſers. Nuzzen oder Nachtheil bringen kann, ge - ſchaffen ſind, ſo muͤſſen wir daher ohnum - gaͤnglich unſern Geſichte durch Vergroͤße - rungsglaͤſer zu Huͤlfe kommen, wenn wir dieſe Kleinheiten genau erforſchen wollen. Ohne dergleichen erhaben geſchliffne Glaͤſer koͤnnen wir uns weder von der Geſtalt derer Blutkuͤgelchen, und ihrer wirbelhaften Be - wegung, noch von den belebten Gaͤſten in dem maͤnnlichen Saamen, ingleichen auch der ſo bewundernswuͤrdigen Schoͤnheit des menſch - lichen Auges, von dem Zunehmen und Wachsthum derer Knochen, oder von den meiſten andern Verrichtungen des thieriſchen Lebens, einige deutliche Begriffe machen.

Jch uͤbergehe hier die kuͤnſtlichen Huͤlfs - mittel bei den Zerlegungen derer Thiere, als das Einſprizzen, die Auftrokknung, und was dahin mehr einſchlaͤgt, das man ſonſt als ei - nen zu der Zerlegung gehoͤrigen Theil anſe - hen koͤnnte, ohnerachtet die Anzahl dieſer kuͤnſtlichen Handgriffe ſo groß iſt, und dieſel - ben an ſich ſo muͤhſam ſind, daß ſie nicht nur ſehr viele Zeit wegnehmen, ſondern auch ſchon fuͤr ſich ganz allein denenjenigen, die ſie aus - geuͤbet, einen beſondern Ruhm zuwege ge - bracht haben.

b 2BeiVorrede des Verfaſſers.

Bei allen dieſen kuͤnſtlichen Handgriffen wird ein gewiſſer Erfindungsgeiſt erfordert, den man in der Kuͤrze nicht wohl beſchreiben kann, und den die Natur nur wenigen Sterb - lichen verliehen hat. Man mus ohne Vor - urtheil das Werk angreifen, und nicht in der Abſicht das zu ſehen, was uns ein bewaͤhr - ter Schriftſteller bereits beſchrieben hat; ſon - dern mit dem Vorſaz, dasjenige zu ſehen, was die Natur ſelbſt hervorgebracht hat. Man mus den vorhabenden Theil, zum Exempel ein Eingeweide, erſtlich in ſeiner natuͤrlichen Lage, und mit ſeinen Verbindun - gen betrachten. Dieſes war der allgemeine Fehler, den die Zerleger des verfloßenen Jahrhunderts begiengen, da ſie dieſe Be - trachtung unterlieſſen. Man mus alle Thei - le an dieſem Eingeweide, die Schlag - und Blut - aͤderchen, die zarteſten Nerven, alle ſeine Grenzen und Umriſſe unterſuchen, und mit vieler Gedult beſchreiben: und alsdenn erſtlich das ganze Eingeweide von ſeinen zelligen Baͤndern abloͤſen, und ganz langſam von de - nen benachtbarten Theilen abſondern, damit man es allmaͤhlich reinigen koͤnne. Man mus aber auch wohl acht haben, was man etwa, indem ein ſolcher Theil geſaubert wird, weg - geworfen habe. Endlich mus man dieſes voͤl - lig frei gemachte Eingeweide ganz allein,nachVorrede des Verfaſſers. nach allen ſeinen Flaͤchen und Geſtalten, von innen und auſſen genau betrachten. Oefters wird es ſehr nuͤzzlich ſeyn, wenn man das Zellgewebe von allen Seiten abloͤſet: auf ſol - che Weiſe verwandeln ſich die Saamenblaͤs - chen, wenn man dieſes Gewebe auf die Seite ſchaft, in einen einzigen kleinen, aber aeſti - gen Darm; der Sammelkaſten des Nah - rungsſafts verwandelt ſich nicht in Beutel - chen, ſondern in Flieswaſſerkanaͤle: die Ober - hode entwikkelt ſich ſolchergeſtalt in ein einzi - ges kleines Gefaͤſſe. Es wird aber auch oft ſeinen beſondern Nuzzen haben, wenn man zugleich das Maaß von unbeſchaͤdigten Thei - len, von unverzerrten Winkeln, und von den Durchmeſſern derer Gefaͤſſe nimt.

Die Einweichung im Waſſer thut eben das, und ſtellet die Membranen unter der Geſtalt ihrer urſpruͤnglichen Stoffe wieder dar. Das Einblaſen dehnet das Zellgewebe erſtaunlich aus, und entdekket daſſelbe an ſolchen Orten, wo man gewis keins vermu - thete. Doch ich ſehe hier kein Ende vor mir.

Alle dieſe Verſuche beruhen auf einem ge - wiſſen Grundgeſezze, deſſen Vernachlaͤßigung bisweilen den groͤſten Maͤnnern Nachtheilb 3gebrachtVorrede des Verfaſſers. gebracht hat. Es mus nie ein Verſuch, oder eine Behandlung, nur ein einziges mal an - geſtellt werden; und es laͤſt ſich die Wahrheit niemals anders, als aus dem unveraͤnderli - chen Erfolge wiederholter Erfahrungen, er - kennen. Bei denen Verſuchen miſchen ſich viele fremde Zwiſchendinge mit ein; alle die - ſe verſchwinden wieder, wenn man den Ver - ſuch wiederholt, weil ſie nicht dazu gehoͤren, und die unveraͤnderten Dinge bleiben nur allein uͤbrig, welche darum immer wieder eben ſo erſcheinen, weil ſie aus der Natur der Sache ſelbſt herflieſſen. Es iſt aber auch die Natur veraͤnderlich, und es offenbaret ſich erſt ihre rechte Abſicht und Geſinnung bei dergleichen Wiederholungen. Es iſt die - ſes Geſezze, welches in den vorigen Zeiten noch wenig bekannt war, vornaͤmlich durch den Morgagni bei der Zergliederungskunſt eingefuͤhret worden.

Die Scheidekunſt iſt eine Gattung von der Zergliederungskunſt. Denn wie dieſe die feſten Theile eines belebten Koͤrpers in ihre kleinſten Theilgen zerlegt, ſo ſcheidet die Faͤulung, das Feuer, und die beigemiſchten Fluͤßigkeiten, deren Wirkſamkeit bekannt iſt, von denen Saͤften ihre Salze, ihre Oele, und ihr Waſſer ab. Solchemnach entdekketdieVorrede des Verfaſſers. die Scheidekunſt ganz allein die wahre Be - ſchaffenheit des Blutes, der Milch, des Harns und der Galle, ob ſie naͤmlich fett, gelinde, laugenhaft, oder von andrer Art ſey. Man muß aber auch allezeit wohl bedenken, was das Feuer, oder die Faͤulung vor eine groſſe Kraft haben, die Koͤrper zu veraͤndern, und darf daher nicht ſo unbedachtſam ſchlieſſen, daß in unſren Saͤften diejenigen Salze ſchon vorher waͤren vorhanden geweſen, die das Feuer aus denenſelben hervorgebracht hat.

Da aber die geſamte Phiſiologie eine Er - zaͤhlung von denen Bewegungen iſt, die eine beſeelte Maſchine beleben, und da ferner alle Bewegungen ihre beſondern Geſezze haben, nach welchen ſie verrichtet werden, ſo ſiehet man daraus, warum man gegen den Beſchlus des vorigen Jahrhunderts die mechaniſchen, hidroſtatiſchen, und hidrauliſchen Saͤzze in die Phiſiologie aufgenommen hat. Es aͤuſ - ſern ſich zwar in dieſen Kuͤnſten, auſſer ih - rem Nuzzen, freilich auch viele Schwierig - keiten, und wenn man alles zuſammen rech - net, was etwa ſowol boͤſes, als gutes, von denen Verehrern dieſer Kuͤnſte aus denenſel - ben in die Phiſiologie iſt eingefuͤhret worden, ſo werden ſich vielleicht Leute finden, welche uns zum Verluſte des Guten noch Gluͤkb 4wuͤn -Vorrede des Verfaſſers. wuͤnſchen moͤchten, wenn wir zugleich von dem Boͤſen auch wieder befreiet werden koͤnn - ten. Denn es kommt bei der thieriſchen Ma - ſchine vieles vor, das von den gemeinen me - chaniſchen Geſezzen weit abweichet: naͤmlich ſtarke Bewegungen, die von geringen Urſa - chen erreget ſind: ſchnelle Umlaͤufe der Saͤf - te, die ſich durch ſolche Urſachen ſehr wenig vermindern laſſen, durch welche ſie, nach den angenommenen Geſezzen, haͤtten gehem - met werden muͤſſen: Bewegungen, die ſich von voͤllig unbekannten Urſachen mit ein - ſchleichen: heftige Bewegungen, die von ſchwachen Faſern herfuͤrgebracht ſind: Ver - kuͤrzungen der Faſern, die alle Rechnungen uͤberſteigen, und was dergleichen mehr iſt.

Jch halte darum keineswegs davor, daß ſolche Geſezze gleichwol ſolten verworfen wer - den, nach welchen ſich die bewegenden Kraͤf - te, auſſerhalb dem thieriſchen Koͤrper, rich - ten muͤſſen: ich verlange nur, daß man ſie nie bei unſren belebten Maſchinen anwenden ſolle, woferne die Verſuche nicht damit uͤber - einſtimmen. Denn man kann leichtlich, auch nur aus dem einzigen Beiſpiel erſehen, daß der Zuſtand eines flieſſenden Waſſers, das ſich in Roͤhren befindet, die zu ſeiner Bewe - gung nicht das mindeſte beitragen, ganz an -dersVorrede des Verfaſſers. ders muͤſſe beſchaffen ſeyn, als wenn das Waſſer durch belebte Kanaͤle gefuͤhret wird, welche auf verſchiedne Weiſe, nicht nur ih - ren, Saͤften eine neue Geſchwindigkeit bei - bringen, ſondern auch hinwiederum ihrem Laufe gegenſeitige Kraͤfte entgegen ſtellen.

Damit auch, zweitens, Anfaͤnger nicht etwa durch eine Furcht moͤgen abgeſchrekkt werden, wenn ſie ſich einbilden, daß ſie durch die langen und verwikkelten Rechnun - gen zu einem ehrerbiethigen Stillſchweigen wuͤrden genoͤthiget werden, ſo koͤnnen ſie, wenn ſie erſt die Sachen beſſer eingeſehen haben, daraus leicht abnehmen, daß die Aufloͤſungen durch Zahlen und Analiſirun - gen mit wenigerer Muͤhe geſchehen koͤnnen; und daß hingegen die wahren, und die we - ſentliche Beſchaffenheit derer Dinge erlaͤu - ternde Conſtructionen aus der gemeinen Feld - meßkunſt allein, vermittelſt derer Drei - und Vierekke, muͤſſen hergenommen werden. Dieſes allein, und ſonſt nichts weiter, wird man in des Borellus Werke antreffen, wel - ches das vollſtaͤndigſte von allen Schriften iſt, die von mathematiſchen Aerzten her - ruͤhren; und es iſt beinahe dasjenige, was Stephan Hales vorgetragen, noch leichterb 5zuVorrede des Verfaſſers. zu verſtehen, wiewohl ſich dieſer mehr auf Erfahrungen, als auf Rechnungen, gegruͤn - det hat, nichts deſtoweniger aber gleichſam die allgemeine Quelle abgiebt, aus welcher die neuern Schriftſteller der vorbemeldeten Secte das meiſte herzuholen pflegen.

Jch habe von dieſer ſehr weitlaͤuftigen Wiſſenſchaft blos die erſten Grundzuͤge ent - worfen. Es wird aber derjenige, dem man dieſe Arbeit auferlegt, mit Recht dagegen einwenden, daß dasjenige, was man von ei - nem Phiſiologiſten fordert, nicht von einem einzigen Menſchen koͤnne geleiſtet werden. Denn es kann einer allein ohnmoͤglich die Zergliederungskunſt des menſchlichen Koͤrpers, nach ihren ganzen Umfang, hinlaͤnglich faſ - ſen; er iſt noch vielweniger im Stande, alle Thiere zu eroͤfnen, oder die Scheidekunſt mit denen Zerlegungen zu verbinden, oder allein die unendliche Menge von Verſuchen uͤber ſich zu nehmen, welche, um alle Arten von thieriſchen Bewegungen zu erklaͤren, erfor - dert werden.

Man mus aber auch deswegen dennoch nicht ſogleich verzagen. Denn wenn gleich kein Zergliederer eine hinlaͤngliche AnzahlvonVorrede des Verfaſſers. von Koͤrpern zerlegt hat, und ohnerachtet auch die mehreſten muͤßigen Stunden am al - lerbeſten der Betrachtung der Natur koͤnnen gewidmet werden; ſo hat man doch noch ge - wiſſe Huͤlfsmittel, welche der menſchlichen Schwachheit, der allzu kurzen Lebenszeit, und denen nicht allezeit vorhandenen Be - quemlichkeiten annoch zu ſtatten kommen koͤn - nen. Vermittelſt der Schiffart erhalten un - ſere nordliche Laͤnder die Gewuͤrze der Jn - dianer, die Delicateſſen, ſo ſich unter beiden Wendezirkeln befinden, und die Arzeneimit - tel der andern Welt. Eben ſo verſchaffet uns das Buͤcherleſen eine Menge guter Be - ſchreibungen von Dingen, nuzzbare Verſu - che, Eroͤfnungen kranker Koͤrper, die ſich zu unſren Abſichten ſchikken, und das ohne gar zu groſſe Koſten, welches alles wir ohnmoͤg - lich durch unſern eigenen Fleiß wuͤrden al - lein erhalten koͤnnen. Es oͤfnen ſich zu un - ſerem Dienſte die Schazzkammern des Al - terthums, vornemlich aber werden uns die Entdekkungen dargeboten, die man ſeit de - nen leztern hundert und zwanzig Jahren ge - macht hat, und vermittelſt welcher man al - lerdings in der Erkenntnis der Wahrheit viel weiter gekommen iſt, als in funfzig Jahrhunderten vorher. Es liefern uns diegroſ -Vorrede des Verfaſſers. groſſen Jahrbuͤcher derer Akademien eine groſſe Menge von mannigfaltigen Verſu - chen, die eine Privatperſon nicht allemal nachmachen kann, ingleichen auch ganz ſon - derbare Geſchichte, welche die Arbeiten von vielen Jahren auf wenigen Blaͤttern zuſam - menfaſſen. Solchergeſtalt haben Maͤnner, die zum Unterſuchen gebohren waren, dieſe oder jene Koͤrpertheile insbeſondere vorge - nommen, und bei dieſer Arbeit allen ihren Fleis und Eifer angewandt, um ſolche voͤllig zu erſchoͤpfen. Man kann alſo die gute Hof - nung faſſen, daß man auch diejenigen Ge - genden des menſchlichen Koͤrpers annoch ge - nauer werde kennen lernen, die man vorher nicht anders, als nur fluͤchtig hat uͤberſehen koͤnnen.

Hier vernehme ich den Widerſpruch de - rer Buͤcherveraͤchter, welche nichts als neue Erfindungen leſen wollen, und nie die Na - men derer Schriftſteller anfuͤhren, ohne ſie zugleich zu widerlegen. So denkt gemei - niglich der wizzige und ſcharfſichtige Haufe, den die Unwiſſenheit in Sprachen oft vom Buͤcherleſen abſchrekket, der durch die vor - handene gute Bequemlichkeit, tode Koͤrper zu eroͤfnen, eingeladen wird, die NaturſelbſtVorrede des Verfaſſers. ſelbſt reden zu hoͤren, und der endlich durch einen Eifer ſich hervorzuthun, und die Begierde nach oͤffentlichen Belohnungen und akademiſchen Titeln, in Bewegung geſezzet wird.

Jn ſo weit haben ſie allerdings recht, wenn ihre Erinnerung ſolche Perſonen ange - het, welche nur darum leſen, damit ſie ge - lehrter Maͤnner Schriften durchblaͤttern, die daher betrogen werden, und andere wieder betriegen, und die Natur und die Wahr - heit vor einerlei halten. Sie haben recht, wenn ſie taͤglich einſchaͤrfen, daß in Dingen, die man ſelbſt beobachtet, ſich mehr Deut - lichkeit und mehr Wahrheit zeige, als ſelbſt in der richtigſten Geſchichte ſolcher Sachen. Sie haben recht, wenn ſie ſagen, daß durch das Buͤcherleſen die menſchliche Erkenntnis keinen neuen Zuwachs erhalte, daß Buͤcher Schaͤzze ſind, die durch beſtaͤndiges zaͤhlen nicht vermehret werden: man wende ſich nie - mals an die Natur allein, um ſich bei ihr Raths zu erholen, da ſie uns nicht guten Unterricht gebe; ſie ſey der unerſchoͤpfliche Quell, aus dem nicht nur die erſten Jahr - hunderte die Wahrheiten geſchoͤpft, ſondern auch die Nachwelt dieſelben noch ferner ohneeini -Vorrede des Verfaſſers. einigen Abgang erhalten werde. Die Na - tur allein iſt neu, allein getreu und aufrich - tig; ſie kann niemals genung, und auch nie - mals vergeblich verehret werden. Hingegen wuͤrden dieſe Maͤnner einen uͤbermaͤßigen Eifer beweiſen, wofern ſie aus dieſen ange - fuͤhrten Gruͤnden nicht zugeben wollen, daß man in der That aus Buͤchern einen wah - ren Nuzzen erhalten koͤnne, und vielleicht iſt dieſes die Urſache mit, daß ſie in geraumer Zeit, ſo wenig in der Anatomie, als in der Phiſiologie, weiter gekommen ſind. Jch ha - be davon ein Beiſpiel vor mir, einen Mann der Verſuche macht, und bisweilen wieder - holt, der auch zugleich in Anſehung ſeines Verſtandes ſich unter demjenigen Volke her - vorthut, das ſich ſelbſt durch den Wiz vor andern erhebt. Allein er lieſet nicht, er weiß die Gruͤnde nicht, die man vorlaͤngſt fuͤr und wider eine Sache vorgebracht hat; er erkennet nicht, mit was fuͤr groſſen, und ſchon laͤngſtens angefuͤhrten Schwierigkeiten diejenige Hipotheſe umgeben ſey, die er ſo kuͤhnlich vortraͤgt. Das Buͤcherleſen leiſtet eben das, was wir durch die Reiſen erhalten. Jndem wir die mancherlei Sitten, und die verſchiedne Gottesdienſte von allerhand Voͤl - kern, und andre Urtheile uͤber menſchlicheAnge -Vorrede des Verfaſſers. Angelegenheiten, kennen lernen, ſo begeben wir uns in der That aus dem kleinen Kreiſe heraus, in den uns unſre Erziehung, und die Ehrfurcht fuͤr unſre Lehrer, eingeſchloſſen hat, und wir lernen, wie wir Gruͤnden, und nicht dem Anſehn andrer, Beifall geben ſol - len. Es lieget aber auch in den Buͤchern eine unbeſchreibliche Menge von Saamen der Wahrheit hin und wieder zerſtreuet, den wir bei allen angewandten Fleiß niemalen voͤllig von ſeinem eignen Boden werden einernden koͤnnen. Welcher Sterbliche iſt ſo gluͤcklich, wenn er gleich noch ſo lange lebt, daß er ſo viele kranke Koͤrper ſollte eroͤfnen koͤnnen? Wer wird die Eingeweide ſo vieler ſeltnen und auslaͤndiſchen Thiere unterſuchen koͤn - nen? und was fuͤr Fleis und Unverdroſſen - heit wuͤrde zu der Verfertigung derer Ge - ſchichte von denen ſchwehrſten und verbor - genſten Gegenden des belebten Koͤrpers erfor - dert werden, dergleichen wir doch manchen gluͤcklichen Erforſchern der Natur, deren Namen wir ſogleich anfuͤhren wollen, in der That zu danken haben? Wuͤrde man wohl die Swammerdammiſche, alle menſchliche Gedult uͤbertreffende ſubtile Verſuche, ent - behren wollen? wuͤrde man ſich wohl ver - ſprechen koͤnnen, daß man die Jnſekten ebenſo,Vorrede des Verfaſſers. ſo, wie ein Swammerdam, zergliedern, die Nerven wie ein Mekel, und die Muskeln wie Albinus entwikkeln moͤchte?

Jch bin zwar wohl uͤberzeuget, daß das Buͤcherleſen muͤhſam ſey, daß faſt unzaͤhl - bare Werke, die in verſchiedenen Sprachen geſchrieben worden, vorhanden ſind, und daß die meiſten dererſelben viel unnuͤzzes, und viel wiederholte Sachen enthalten, ja daß auch die Aufrichtigkeit, und der Fleiß derer Schriftſteller nicht allemal ſo beſchaf - fen ſey, daß man buͤndige Folgeſaͤzze darauf gruͤnden koͤnne. Es wird eine beſtaͤndige Arbeit, und zugleich auch eine ſtarke, und mit vie - ler Beſchwerlichkeit verknuͤpfte Beurthei - lungskraft muͤſſen angewendet werden, um die wahren Erfolge derer Dinge von den Fehlern zu reinigen, die ein eingeſogenes Vor - urtheil, das groſſe Anſehn derer Schulen, und die Luſt, eine Hipotheſe auszuſchmuͤk - ken, ſehr oft in denen beſten Schriften hin und wieder ausgeſtreuet hat. Jndeſſen ge - het doch das muͤhſame Leſen noch nicht uͤber die menſchliche Faͤhigkeiten hinaus, und man hat allerdings Urſache zu hoffen, daß das Wahre von den Einbildungen werde koͤnnen unterſchieden werden, wozu dann unſre eigneVer -Vorrede des Verfaſſers. Verſuche uns ſehr behuͤlflich ſeyn koͤnnen. Denn alſo wird man erkennen, daß derje - nige ein redlicher Schriftſteller ſey, der am meiſten den Beifall der Natur erhaͤlt.

Jch habe bisher gezeigt, was ich mir vor eine Vorſtellung von dem Werke ge - macht habe, welches ich herauszugeben den Entſchlus faſſe. Man kann, wo ich nicht irre, ein groͤſſeres Vertrauen auf einen Menſchen ſezzen, welcher von ſeinen Pflich - ten unterrichtet geweſen, und der mit kei - ner leichtſinnigen Sicherheit ein Werk vor geringe angeſehen, welches er zu ſchwer fuͤr ſein Schultern gefunden haben wuͤrde, wo - ferne er die damit verknuͤpften Schwierig - keiten vorher aufrichtig erwogen haͤtte. Jch glaube zwar deswegen dennoch nicht, daß ich dieſem Werke moͤchte gewachſen ſeyn; ich werde aber indeſſen dasjenige erzaͤlen, was ich eigentlich gethan habe, um dazu nicht ganz und gar untuͤchtig zu bleiben.

Jch habe ſeit dem Jahre 1729. den An - fang gemacht, uͤber Boͤrhaavens Phiſiolo - gie Vorleſungen zu halten, Buͤcher von al - lerlei Arten durchzugehen, und von allen Auszuͤge zu machen, und dasjenige zu ſamm -clen,Vorrede des Verfaſſers. len, was ich zu dergleichen Commentarien nuͤzlich zu ſeyn erachtete. Jch habe ſehr oft in Buͤchern, die hierzu gar nicht gehoͤren, in Reiſebeſchreibungen, und in der Civilge - ſchichte, Sachen angetroffen, die ich am ge - hoͤrigen Orte ſehr gut anbringen konnte. Jch machte auch oft Verſuche, ich eroͤfnete Koͤrper von Menſchen und Thieren. Endlich habe ich auch nicht unterlaſſen, mich des oͤffentlichen Zergliederungsſaales, der mir von der Republik erlaubet worden, zu mei - nen Abſichten zu bedienen.

Jch ward im Jahre 1736. nach Goͤttin - gen berufen, ich brachte auf dieſer hohen Schule ſiebenzehn Jahre zu, und ich haͤtte mein Leben an keinem andern Orte beſchlieſ - ſen wollen, wofern mich nicht mein ſchwaͤch - licher Geſundheitszuſtand befuͤrchten laſſen, daß mein Leben nicht nur in wenigen Jah - ren dem gemeinen Beſten ganz unnuͤzze wer - den, ſondern auch vor der Zeit zu Ende laufen wuͤrde. Jch habe alſo an gedach - tem Orte, durch die Vorleſungen und das Zerlegen der Koͤrper, meine Kenntnis um ſehr vieles vermehret. Von menſchlichen Leichnamen habe ich beinahe dreihundert und funfzig eroͤfnet, und von lebendigenThie -Vorrede des Verfaſſers. Thieren mehr, als ich, ohne in den Ver - dacht der Ruhmbegierde zu fallen, erzaͤlen darf. Was ich daran beobachtet, habe ich in mein Handbuch aufrichtig eingetragen. Als ich uͤber Boͤrhaavens Vorleſungen et - was zu fruͤhzeitige, und alſo mit Recht un - vollkommene Erklaͤrungen verfertigte, ſo habe ich wenigſtens von dieſer Arbeit den Nuzzen gehabt, daß ich dadurch erkannte, was fuͤr Theile in der Zergliederungskunſt, und welche Verſuche noch vollkommener aus - gearbeitet werden muͤſten. Jch merkte dieſe Zweifel in meinen Aufſaͤzzen an, und be - diente mich ihrer bei der naͤchſten Gelegen - heit, bis mir die Natur uͤber die Fragen, die man mir vorlegte, ein Genuͤgen that.

Nachgehends, da die hohe Schule ohn - gefehr ſeit dem Jahre 1746. recht zu bluͤhen anfing, und ſehr viel auserleſene junge Leute, aus verſchiedenen Laͤndern, nach Goͤttingen kamen, ſo hatte ich das Gluͤck, dieſe Gelegenheit mir zu Nuzze zu machen. So oft jemand um die mediciniſche Wuͤrde anhielte, und zu dem Ende eine Probe - ſchrift auszuarbeiten im Begriffe ſtand, ſo war es mir leicht, ihn zu uͤbereden, daß er ſich ein ſchweres Stuͤk aus der Zergliede -c 2rungs -Vorrede des Verfaſſers. rungskunſt zum Vorwurf nahm, und wo - zu er faſt zween ganze Winter anwenden muſte. Es gereichte dieſer Vorſchlag nicht nur denen Candidaten zur beſondern Ehre, ſondern ich ſelbſt konnte meine eigne Zerglie - derungen ins kurze faſſen(*)Auf dieſe Weiſe ſind die academiſchen Streitſchrif - ten der beruͤhmten Maͤnner, eines Mekels, Zinns, Sproͤgels, Aurivillius, Trendelenburgs, Noree - nius, Felix, Aſch, des Freiherrn von Brun, eines Zimmermanns, Walstorfs, Kuhlemanns, Rhades, Schobingers, Voſſius, Detlef, Vemus, Caſtelli, Albrechts, Rungs und Dunzius, zum Vorſchein ge - kommen, wie auch die Diſputation des Anderſch, welche gewis keiner andern etwas nachgegeben haben wuͤrde, wo ſie nicht durch ein ungluͤkliches Schikſal waͤre unterdruͤkt worden.. Man koͤnnte in der That auf keine andere Weiſe naͤher zu der Vollkommenheit derer anatomiſchen Kentniſſe gelangen, als wenn man dieſen guten Rath auf einer hohen Schule, die mit allen Bequemlichkeiten dazu verſehen waͤre, viele Jahre, und durch ganze Jahrhunderte befolgte, und auſſerdem noch, wie in Goͤt - tingen, eine Ruhmbegierde und beſondere Nacheiferung, nebſt einer oͤffentlichen Be - lohnung, dieſe gute Abſicht unterſtuͤzte.

Nach -Vorrede des Verfaſſers.

Nachdem ich wieder in Bern angelanget war, und hierauf die Geſundheit in meinem Vaterlande wieder erlanget hatte, anbei aber auf einmal mich der Gelegenheit be - raubt ſahe, Coͤrper zu zerlegen, ſo muſte ich mich an die Verſuche halten, die mir nur allein noch anzuſtellen moͤglich waren. Nach - dem ich alſo an lebendigen Thieren die Be - wegung des Herzens, und das Athemholen, vornaͤmlich aber in den Jahren 1754, 1755, 1756 und 1757, den Lauf des Blutes durch die hellen Gefaͤſſe, an den Thieren die kal - tes Blut haben, und die Erſcheinungen am klopfenden Huͤnchen, nebſt der Bildung der Knochen an dem im Ey befindlichen Vogel, mittelſt vieler Erfarungen verfolgt habe, ſo muß ich eine andere Zeit ausſezzen, die Verſuche zu wiederholen, welche zu der Ge - ſchichte der Erzeugung, und den erſten Grundlagen der Bildung derer Thiere gehoͤ - ren. Es wird der Leſer, wenn er dieſe Vorrede in die Haͤnde bekoͤmmt, bereits vier Theile von dieſen Verſuchen(*)De partibus ſenſibilibus & irritabilibus, zu Lauſanne in franzoͤſiſcher Sprache 1756. De motu ſanguinis, & ve - nae ſectione, ebendaſ. und in eben dem Jahre. De euolutione cordis; de oſſium formatione; deque reſpira -tione. ausc 3derVorrede des Verfaſſers. der Preſſe erhalten haben, worinnen die Zeugniſſe und Beweiſe meiner behaupteten Meinung beiſammen befindlich ſind.

Jch habe alſo hiermit meinen eignen Vorrath angezeiget, ich halte aber davor, daß derſelbe noch nicht hinlaͤnglich ſey. Denn ich weiß mehr als zu wohl, daß am menſchlichen Coͤrper verſchiedene kleine Theil - gen vorkommen, die ich weder oft genung, noch mit hinlaͤnglichen Fleiß unterſucht habe, oder, auf welche ich nicht alle die nothwen - digen und beſchwerlichen Behandlungen habe wenden koͤnnen, durch deren Beihuͤlfe ſie ſich allein entdekken laſſen. Jch habe auch ſogar einige Verſuche hinweglaſſen muͤſſen, welche einen Vorrath von Jnſtrumenten er - fordern, der fuͤr mein Vermoͤgen zu koſtbar iſt: von ſolcher Art ſind diejenigen, die zur Erklaͤrung des Lichtes und der Farben ge - hoͤren.

Jch

(*)tione. Lauſan. 1757. 2 Tom. Die uͤbrigen zerſtreueten Stuͤkke, die zur Verdauung der Speiſen, zur Rede, und zu andern Verrichtungen des beſeelten Coͤrpers ge - hoͤren, habe ich aus meinem Handbuche in die Phi - ſiologie eingeruͤkket.

Vorrede des Verfaſſers.

Jch habe aber auch nicht immer den Bau der Thiere oft und ſorgfaͤltig genug unterſuchen koͤnnen, wiewohl ich dieſem Feh - ler taͤglich, ſo viel in meinen Kraͤften ſtehet, abzuhelfen ſuche. Es werden auch Leute auftreten, die von einem Schuͤler des Jo - hann Bernoulli eine groͤſſere Erfarung in der tiefſinnigen Analiſirung verlangen. Sol - chemnach hat man alſo, bei der Armut eigner Faͤhigkeiten, ſuchen muͤſſen ſich mit fremden Guͤtern zu helfen. Wenn ich einige kleine Theile des menſchlichen Koͤrpers nicht auf das genaueſte habe unterſuchen koͤnnen, ſo habe ich den Mangel aus dem Albinus, dem Ruyſch, und andern ſichern Quellen erſezzet, indem ich in dieſen Sachen wenig - ſtens ſo weit erfahren bin, daß ich nicht leicht kann hintergangen werden. Die zur Naturlehre gehoͤrigen Verſuche habe ich aus dem J. Theophilus Desaguliers, aus dem Smith, und Muſchenbroek entlehnt. Wo ich mich aber voͤllig verlaſſen geſehen, da habe ich die Luͤkken dadurch auszufuͤllen ge - ſucht, daß ich frei geſtanden, ich ſey hier mit keinen weitern Nachrichten verſehen.

Nun iſt noch uͤbrig, nachdem ich meine Bemuͤhungen, und das Unternehmen bei die -c 4ſemVorrede des Verfaſſers. ſem Werke bereits angezeiget habe, daß ich auch noch melde, was ich von meinen Ma - terialien vor einen Gebrauch gemacht habe. Alle Beſchreibungen, die ich nach der Na - tur gemacht, habe ich aus meinem Hand - buch genommen; alle Geſchichte, wenn de - ren viele waren geſammlet worden, welches faſt durchgaͤngig geſchehen iſt, habe ich, ſo viel es ſich hat thun laſſen, in eine ein - zige zuſammenzuziehen geſucht.

Bisweilen habe ich dasjenige hinzuge - fuͤgt, was andre noch auſſer dem meinigen beobachtet. Jch habe viele Stellen der Schriftſteller angezeiget, mehrentheils aus der Abſicht, damit einem jeden ſeine gehoͤri - ge Ehre erzeiget werde. Denn ich habe es ſchon laͤngſt vor ſchaͤndlich, und einem redli - chen Manne unanſtaͤndig gehalten, wenn ich, durch Verſchweigung des rechten Erfin - ders, mir dasjenige zueignen wolte, was an - dre vor mir, durch ihre eigne Bemuͤhung, entdekket haben. Sehr oft habe ich nur die Schriftſteller angezeigt, die mit mir eines Sinnes geweſen, bisweilen aber auch dieje - nigen, welche anders, als ich, gedacht haben, weil ich nicht gerne andere zu widerlegen pflege, und auf alle Weiſe Streitigkeiten zu vermeiden ſuche. Jch verlange aber darum nicht, daß man die Stellen derer Schriftſteller, die ich anfuͤhre, fuͤr die Quellen meiner Beſchrei -bun -Vorrede des Verfaſſers. bungen anſehen ſoll, indem ich ſchon von ſelbſt es anzeigen werde, ſo oft ich ſie wirklich daraus hergenommen habe.

Bisweilen habe ich mich mit Fleis in eine hiſtoriſche Unterſuchung, uͤber die eigentlichen Erfinder, um deswillen eingelaſſen, damit das Gemuͤt des Leſers, wenn es durch das Nachden - ken bei denen Subtilitaͤten in etwas abgemat - tet worden, durch einen leichten Vortrag wie - der aufgemuntert werde.

Bei der Beſchreibung derer Theile des thie - riſchen Koͤrpers habe ich mich etwas kuͤrzer er - klaͤret, als wol einige derer Neuern zu thun pflegen. Denn die weitlaͤuftige Beſchreibung aller Kleinigkeiten verurſachet gemeiniglich ei - nen unvermeidlichen Ekel, zumal da ſie auſſer - dem mehrenteils keinen ſonderlichen Nuzzen haben. Hingegen werde ich andern bei dieſer Arbeit zu weitlaͤuftig vorkommen. Wer kan aber wol das rechte Maas beſtimmen?

Jch habe eigentlich den menſchlichen Koͤr - per beſchrieben, mit deſſen Zergliederung ich mich ſo viele Jahre beſchaͤftiget, daß ich ſeinen Bau nicht blos zu ſehen bekommen, ſondern auch ſo oft, und unter einer ſolchen Menge von Verſuchen in Augenſchein genommen, daß ich mehrentheils habe anzeigen koͤnnen, was daran beſtaͤndig vorhanden, was zum oͤf - tern, und was ſehr ſelten vorkoͤmt. Jch habe die Gruͤnde hinzugefuͤget, auch zugleich diec 5Aehn -Vorrede des Verfaſſers. Aehnlichkeiten an denen Thieren gezeiget, ja ſogar mich dererſelben bei der Erklaͤrung des ſubtilern Baues bedienet, wobei ich aber jeder - zeit erinnere, ob die Beſchreibung von einem Thier, oder von dem Menſchen hergenommen ſey. Denn ich werde immer mehr und mehr uͤberzeuget, daß die Grundſtoffe des Koͤrpers, und was nur einigermaſſen ſubtiler iſt, bei ver - ſchiedenen vierfuͤßigen Thieren in der That auf einerlei Art gebauet ſey, und daß hingegen die groͤſſern und groͤbern Theile nach den Verrich - tungen verſchieden ſind, die der Schoͤpfer ei - ner jeden Art von Thieren verordnet hat.

Jch kan hiernaͤchſt leicht einſehen, daß ſich, ſo oft ich von andern Schriftſtellern Verſuche, oder andere nuͤzliche Auszuͤge entlehnt habe, wegen der Vielheit der Dinge, wegen des Zeit - mangels, oder zur ungelegenen Zeit erfolgten Hinderungen, mehrmalen Fehler in Anſehung der angefuͤhrten Blatſeiten, etwas ſeltener aber irrige Zeugniſſe uͤber die Sachen ſelbſt, in mein Werk haben einſchleichen koͤnnen. Wegen die - ſes Verſehens, das ſich ſchwerlich von menſch - lichen Werken trennen laͤſſet, bitte ich uͤber - haupt um Vergebung; ich hoffe auch dieſelbe, theils von der guͤtigen Nachſicht der Leſer, theils weil die Fehler ſelbſt nur geringe ſind, gewiß zu erhalten. Denn diejenigen Zeugniſſe, die von groͤſſerer Wichtigkeit ſind, und auf deren Rich - tigkeit ſich ein Lehrſaz gruͤndet, oder, ſobald ſiewider -Vorrede des Verfaſſers. widerlegt ſind, auch voͤllig hinwegfaͤllt, habe ich insgeſamt, bei der Ausbeſſerung meines Wer - kes, mit denen Buͤchern ſelbſt zuſammengehal - ten, und dadurch bekraͤftiget. Von Krankheiten aber oder Verſuchen, habe ich mehrentheils nur in dieſen Anfangsgruͤnden eine kurze An - zeige gethan, nicht aus der Urſache, daß mir et - wa nicht bewuſt waͤre, daß ausfuͤhrlichere Ge - ſchichte mit ihrer angenehmen Abwechſelung beluſtigen: ſondern weil ich mich in acht neh - men muſte, daß mein Werk theils nicht zu un - geheuer gros wuͤrde, und theils ſich nicht uͤber die Grenzen meines Lebens hinaus erſtrekken moͤchte.

Jch habe mich befliſſen, verdiente Maͤnner zu loben, und keinen Menſchen zu nahe zu tre - ten. Jch folge der Wahrheit allein, und es hat mich niemals mein Herz, aber ohne Zweifel oft die allen Menſchen gemeine, und meine eigne Schwaͤche, dahingeriſſen. Jch habe keine Hipo - theſe angenommen, um ſie noch weiter auszu - ſchmuͤkken. Meine ſtaͤrkſte Beſtrebung iſt dahin gegangen, die Dinge einfaͤltig, obgleich etwas umſtaͤndlicher, als in meinen uͤbrigen Schrif - ten, vorzutragen.

Es ſind dieſe Anfangsgruͤnde innerhalb ei - nigen Jahren mit eigner Hand zweimal von mir, ſowol erſt niedergeſchrieben, als auch her - nach ins reine gebracht worden, und nachdem ich ſie an einigen Stellen verbeſſert hatte, ſindſieVorrede des Verfaſſers. ſie von neuem abgeſchrieben worden. Es kan aber leicht geſchehen ſeyn, daß, wegen der Entfer - nung des Buchdrukkers, verſchiedene Fehler mit untergelaufen ſind, und ich ſehe auch be - reits aus dem Abdrukke, daß ſolches wirklich ge - ſchehen: es iſt aber dieſes Uebel nicht zu vermei - den, wenn der Verfaſſer und der Buchdrukker ſich in verſchiedenen Staͤdten befinden.

Jch werde dieſes langwierige Werk, ſo viel es die Geſundheit, die Ruhe, und andere Ge - ſchaͤfte des buͤrgerlichen Lebens zulaſſen, uner - muͤdet fortſezzen. Auf dieſen erſten Theil ſoll der andere, der ſchon lange fertig liegt, und bei ruhigen Stunden noch einmal durchgeſehen werden ſoll, naͤchſtens folgen. Der achte wird das ganze Werk beſchlieſſen. Unterdeſſen ſollen dieſe Theile ſo eingerichtet werden, daß ſich mit jedem zugleich eine vollſtaͤndige Abhandlung von einem Haupttheile der Phiſiologie endiget, und ſo ſoll alſo, wenn ich nicht ſo lange leben ſollte, daß ich das ganze Werk zu Ende bringen koͤnnte, dennoch ohnfehlbar entweder die ganze Geſchichte des Blutes und der uͤbrigen Saͤfte, oder aber noch auſſerdem das Athemholen, das Reden, ſodann das Gehirn, die Muskeln und Sinnen, ferner die Werkzeuge ſo zur Ver - dauung derer Speiſen gehoͤren, und endlich die Werkzeuge der Erzeugung, in eben ſo viel Baͤn - den, an das Licht treten. Bern, den 28. April 1757.

Erklaͤ -

Erklaͤrung derer Kupfertafeln.

Die erſte Tafel

ſtellet einen aufgeblaſnen Herzbeutel vor, wie derſelbe an die groſſe Herzgefaͤſſe ange - wachſen iſt.

Erſte Figur.

Der mit Luft angefuͤllete Herzbeutel aus dem Koͤr - per eines Kindes, wie er von der vorderen Seite ſich darſtellet.

  • A. Die groſſe Blaſe des Herzbeutels, in der ſich das Herze befindet.
  • B. Die rechte Lunge.
  • C. Die linke.
  • D. Die abſteigende Aorte, die man mit einiger Gewalt aus ihrer Lage gebracht, und zuruͤkke gebogen hat.
  • E. Das Ende von dem eingepflanzten Schlagader - gange.
F. Die
  • F. Die rechte Schluͤſſelſchlagader.
  • G. Die rechte Halsſchlagader.
  • H. Die linke Halsader.
  • I. Die linke Schluͤſſelbeinader.
  • K. Der linke Aſt der Lungenſchlagader.
  • L. Die Lungenblutadern.
  • M. Das rechte Horn des Herzbeutels.
  • N. Der unterſte Theil von deſſen Anhange.
  • O P. Das linke Horn, wie es an den Schlagadergang angewachſen, und an den Aortenbogen bei O an - gehaͤngt iſt.

Zweite Figur.

Die hintere Seite des Herzbeutels.

  • A. Der Theil, der das Herz in ſich enthaͤlt.
  • B. Die linke Lunge.
  • C. Die rechte.
  • D. Die linken Lungenblutadern.
  • E. Der Schlagadergang.
  • F. Der linke Aſt der Lungenſchlagader.
  • G. Der gemeinſchaftliche Stamm der rechten Hals - ſchlagader, und Schluͤſſelſchlagader.
H. Die
  • H. Die linke Halsader.
  • I. Die linke Schluͤſſelſchlagader.
  • K. Die abſteigende Aorte.
  • L. Der rechte Aſt der Lungenſchlagader.
  • M. N. Die rechten Lungenblutadern.
  • O. Das linke Horn vom Herzbeutel, welches an der Aorte und dem Schlagadergange feſt haͤngt.
  • P. Das rechte Horn, wie es an der Aorte angewachſen.
  • Q. Der mittlere Theil der Lungenſchlagader, der an den Urſprung des linken Aſtes angewachſen iſt.
  • R. Ein Theil vom Herzbeutel, der an die rechten Lun - genblutadern angewachſen iſt.
  • S. Die obere Holader.

Die zweite Kupfertafel

ſtellet einen Umriß von dem Herzen, und das aufgeſchnittene rechte Herzohr von vorne her vor.

  • A. Die ebene Flaͤche des Herzens.
  • B. Der rechte Sinus, wie er aufgeſchnitten iſt.
  • C. Der Theil von dieſem Sinus, welcher inſonderheit das Ohr heiſſet.
D. Der
  • D. Der Eingang zur rechten Herzkammer.
  • E. Die obere Holader.
  • F. Die Aorte.
  • G. H. I. Deren drei Aeſte.
  • K. Der abſteigende Aortenſtamm.
  • L. Die eyfoͤrmige Grube.
  • M. Die rechte Saͤule an dem eyfoͤrmigen Ringe.
  • N. Die linke Saͤule.
  • O. Der hintere Anfang der Euſtachiſchen Klappe.
  • P. Der vordere,
  • Q. der mittlere, und breiteſte Theil des rechten Sinus,
  • R. wie er von B losgeſchnitten iſt.
Anfangs -
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Anfangsgruͤnde der Phiſiologie. Erſtes Buch. Die Elementartheile des menſchlichen Koͤrpers.

Jch habe eigentlich an der Ordnung nichts auszuſezzen, vermoͤge der ſich ein Schriftſteller bei einem muͤh - ſamen Werke, dadurch viele Arbeit erſparet, daß er alles dasjenige kurz zuſammenfaſſet, welches mit ſeiner Materie verwant iſt. Denn auf ſolche Art be - ziehet ſich jederzeit das eine auf das andre, es unter - ſtuͤzzet und erklaͤret ſich einander ſelbſt; dem Schrift - ſteller wird die Art des Vortrages erleichtert, und der - gleichen Samlungen, die er anſtellt, weiſen deſſen Gruͤn - den und Verſuchen ihre natuͤrliche Stelle an.

AJndeſſen2Erſtes Buch. Elementartheile

Jndeſſen moͤchte ich doch auch nicht von einem, der die Phiſiologie entwirft, eine der mathematiſchen aͤhn - liche Lehrart, gebieteriſch verlangen, oder darauf beſtehen, daß er nicht das mindeſte annehmen ſolle, wenn es nicht vorher erklaͤret, und erwieſen worden. Jn dieſer Art von Bemuͤhung iſt noch kein Lehrer gluͤklich genung ge - weſen, und er hat ſeinen methodiſchen Vortrag niemals ununterbrochen zu Ende bringen koͤnnen. Man mus in dieſer Wiſſenſchaft in der That ſehr viele Dinge aus phiſiſchen, chimiſchen, anatomiſchen und andern Lehr - ſaͤzzen zum Grunde legen: man darf ſich auch nicht bei den einfachen Koͤrpern, die an ſich ſonſt leicht zu erklaͤren ſind, ganz allein aufhalten, und man unterſcheidet ſich demnach auf dieſe zwiefache Art von dem Meskuͤnſtler, als der die Gruͤnde ſeiner Kunſt, aus der Kunſt ſelbſt hernimt, und folglich Linien, Punkte, und andre hoͤchſt einfache Dinge abzuhandeln vor ſich ſieht. Uns hinge - gen legen die verwikkelten Gemaͤlde thieriſcher Werkzeuge, die von ſo mannigfaltiger Art ſind, ſo vielerlei Hinderungen in den Weg, und man kann es auf keinerlei Weiſe ver - meiden, daß man nicht vor der Hand etwas als wahr anzunehmen genoͤtigt iſt, welches erſt kurz darauf erklaͤ - ret, und beſtaͤtigt werden kann. Folglich lege ich es denenjenigen nicht zur Laſt, die einen beſſern Vortrag, als der meinige iſt, belieben; ich laſſe aber auch eben ſo wenig die Hofnung ſinken, daß man mir die Fehler guͤ - tigſt uͤberſehen werde, denen ich ohnmoͤglich ausweichen koͤnnen, ob ich denſelben gleich alle meine Bemuͤhungen entgegen geſezzet habe.

Jch habe indeſſen geglaubt, daß die Ordnung, die ich meinem Vortrage zum Beſten gewaͤhlet, in allen Stuͤkken zuſammenhaͤngend iſt, und daß dadurch dasje - nige nicht von einander geriſſen wird, was die Finger der Natur ſelbſt unter ſich verbunden, noch daß dadurch fremde Dinge zuſammengebracht werden, welche eigent -lich3des menſchlichen Koͤrpers. Faſer. lich nicht zuſammen gehoͤren. Es iſt genung, daß ich mir hierbei, ein der mathematiſchen Lehrart zugehoͤriges Geſez vorgeſchrieben, welches dahin gehet, nicht das mindeſte vor wahr anzunehmen, das nur ſchwachen Grund hat, oder blos wahrſcheinlich iſt: ich ſehe es auch fuͤr keinen Fehler an, wenn ich den Leſer auf einen andern Theil dieſes Werkes hin verweiſe, ſo oft ich in der Entwikkelung eines natuͤrlichen Geſchaͤftes, die Kraͤfte eines noch unbekanten Eingeweides, oder eines andern Werkzeuges noͤthig habe, die ich der nothwendigen Ord - nung gemaͤs, anderswo und ſpaͤter erzaͤlet habe. Jch ziehe daher in die Geſchichte des Herzens die Federkraͤfte der Fleiſchfaſern mit gutem Rechte hinein, und ich ent - lehne mir aus der Muskellehre dasjenige, was das Herz mit den Muskeln gemein hat.

Erſter Abſchnitt. Die Faſer.

Jch mache demnach von der Faſer den Anfang, dem Urſtoffe, welchen auch der beruͤhmte Joh. Fr. Schreiber, unſer Freund, in demjenigen Theile ſeines groſſen Werkes zum Grunde gelegt, der allein ans Licht getreten iſt(a)Elem. Med. phyſ. math. . Denn eine Faſer iſt fuͤr einen Phiſiologiſten, was fuͤr den Meskuͤnſtler eine Linie iſt, aus der ſich naͤmlich alle ſeine uͤbrige Figuren erzeugen. Man iſt, wie ich die Sache jezzo einſehe, dem beruͤhm - ten Bernhard Konnor(b)Hiſtor. of Poland. T. I. S. 308. u. w. de oſſ. coalit. S. 32. 33. den Ruhm ſchuldig, daß er alle feſten Theile unſers Koͤrpers fuͤr mehr oder weni - ger nahe Faſern gehalten, von welcher Betrachtung man in der That vielen Nuzzen hat. Das Pflanzenreich ge - horchet beinahe eben denſelben Vorſchriften, und es fin -A 2den4Erſtes Buch. Elementartheileden ſich nicht nur Faſern, die mit den menſchlichen eine groſſe Aehnlichkeit haben, ſondern auch Plaͤttchen (lamina) in den Grundſtoffen der Metallen(c)Du clos ſur les princip. S. 8.. Feſte Theile (partes ſolidas) nenne ich indeſſen, was ſonſt andre lieber firmas, und noch andre conſiſtentes genant haben(d)Der beruͤhmte malovin, und Joſ. de Juſſieu in theſi: Er - go in reactionis et acti. aequal. oecon. animalis. Paris 1733..

Die Faſer, unter deren gemeinſchaftlichem Namen, wir die vieifache Geſchlechter einiger Elementartheile begreifen, deren Unterſchiede bald aus einander geſezzet werden ſollen, gehoͤret dem ganzen menſchlichen Koͤrper eigenthuͤmlich zu, und dieſe Materie iſt ſo gar, wie wir anderswo zeigen wollen, in dem Gehirne und dem Ruͤk - kenmarke gegenwaͤrtig. Sie iſt zerbrechlich oder weich, elaſtiſch oder voͤllig breiartig, von einer Laͤnge ohne Breite, oder ſo breit, als ſie lang iſt, und ſie bildet die Knochen, Knorpeln, Membranen, Gefaͤſſe, Baͤnder, Sehnen, Muskeln, die Nerven, das Zellgewebe, das ſo genannte Parenchim des Eingeweides, die Haare und Naͤgel ohne andre Beihuͤlfe. An dieſer Erklaͤrung haben Hermann Boͤrhave(e)Inſt. rei med. Cap. de nutrit. Aphor. de cogn. et cur. morb. gleich im Anfange. Elem. chem. T. II. 360. und deſſen beruͤhmte Schuͤler J. F. Schreiber, H. D. Gaub(f)Diſp. inaug. de ſolid. corp. hum. partibus. Leid. 1725., Joh. von Gorter(g)Comp. Med. Chirurg. S. 267. n. 289. u. w. und Abr. Kaauw Boͤrhave(h)Perſp. Hipp. c. 37. Imp. fact. Hipp. n. 263. 264. einen ruhmwuͤrdigen Antheil.

Die urſpruͤnglichen Theile einer Faſer ſind, ſo viel man noch entdekkt hat, theils von feſter Art, theils fluͤßig; dieſe leztern haͤngen aber mit den feſten ſo genau zuſammen, daß ſie ſich allein davon vermittelſt des Feuers, oder der Faͤulung losreiſſen laſſen. Das feſte Elementdazu5des menſchlichen Koͤrpers. Faſer. dazu gibt eine kalkartige Erde her(i)Der beruͤh. Schinz, Streit - ſchrift de calce. S. 29., welche mit ſauren Fluͤſſigkeiten brauſet, und durch die Gewalt eines der heftigſten Feuer allein, in ein weiſſes, undurchſichtiges Glas, nach den Entdekkungen des Henkels(k)Flora ſatur. S. 372. Neu - mann von Zimmermann herausg. S. 1221. verwan - delt wird. Dieſe, von ihren Banden entledigte Erde, wird zerreibar, und zerfaͤllt in Theile, welche ſich nicht mehr in allen Punkten beruͤhren, noch im Waſſer weiter aufloͤſen laſſen. Sie erſcheint aber rein oder unver - miſcht, ſobald ein ſtarkes Feuer die uͤbrigen Grundſtoffe davon abgeſondert hat, und dieſes gehet noch beſſer von Statten, wenn ſie durch Huͤlfe einer langwierigen Ge - walt der Luft voͤllig davon entbloͤſt worden. Wenig - ſtens behalten die Knochen zweitauſend und mehr Jare, wenn man ſie in Mumien aufbewahrt, ihren natuͤrlichen Leim uͤbrig. Sezzt man aber eben dieſe Knochen viele Jar - hunderte lang der Luft, und den Feuchtigkeiten, die den Sand durchſtroͤmen, aus, ſo entledigen ſie ſich nach und nach von ihrem Oele und Waſſer, und ſie laſſen keine andre Materie, als die bloſſe Erde zuruͤk. Von dergleichen thieriſchen Ueberbleibſeln uͤberſandte mir, mein ehemali - ger Zuhoͤrer, der beruͤhmte Heinze einen menſchlichen Stirnknochen mit ſeinen Augenbranvertiefungen, welchen man aus einem Sandhuͤgel in Thuͤringen hervorgegraben hatte. Dieſer Knochen hatte ſich dergeſtalt in eine Erde verwandelt, daß er das Waſſer begierig in ſich zog, und unter einer kurzen Einwaͤſſerung von einander fiel; er loͤſte ſich ganz und gar auf, als ich ihn abwaſchen wollte. Dergleichen Naſenhornknochen, die eben ſo durſtig Waſ - ſer in ſich ziehen, und die man in Herzberg ausgegraben, habe ich eben, da ich dieſes ſchreibe, vor mir liegen, und man weis es auch von andren Elephantenknochen, wel - che der ehemaliche beruͤhmte Bruͤkkmann an den be -A 3ruͤhmten6Erſtes Buch. Elementartheileruͤhmten Hollmann ſandte, und die von ihm beſchrieben worden(l)Ep. cent. II. S. 306. Et - was beſſer haben die Elephanten - knochen ihre thieriſche Natur er - halten, die man nahe bey Tonne ausgrub. Siehe den Tenzel. Denn ſie gaben, uͤber dem Feuer abgezogen, ein fluͤchtig Salz von ſich.. Eben dieſe Erde war der feine Staub, welchen Auguſt von Alexandern dem macedoniſchen Koͤ - nige, zu Alexandrien allein uͤbrig fand: er ſchien zuſam - menzuhaͤngen, und die Figur vom Helden zu bilden, es liſſen aber ſeine Theile unter den Fingern los, weil ſie ihren Leim verloren hatten, welches eben die Kraft iſt, durch deren Huͤlfe ſich die Erdkluͤmpchen an einander haͤn - gen. Aehnliche Verwandlungen der Knochen in eine erdartige Materie treffe ich hin und wieder bei bewaͤhr - ten Schriftſtellern an. Jn eben der Stadt Alexandrien nam Thevenot Knochen in Augenſchein, die ein feſtes Anſehn hatten, und wie friſche ausſahen, die aber, wie ein verfaultes Holz zerbrechlich waren, und von dem Drukke der Finger enzweibrachen(m)Itin. T. III. L. I. c. 2.. Die beruͤhmte Maͤnner Greaves(n)Travels and obſerv. S. 488. und Blainville(o)Voyage d’Italie. T. II. S. 543. Er beſchreibt zu weiſſem Breie aufgeloͤßte Knochen, weil der Ort ſchattig und feuchte war. ſahen der - gleichen Knochen, die in den roͤmiſchen Katakomben zu einem feinen Staube zerfallen waren. Eine aͤhnliche Geſchichte fuͤhret der beruͤhmte Martyn von einem mit Knochen erfuͤllten Sarge an(p)Deſer. of the weſtern Is - lands. S. 60.; Amman, ein Schwei - zer, von den Mumienkoͤrpern(q)Jn den deutſchgeſchriebe - nen Reiſen. Zuͤrch 1678. 8; von dem Leichname eines Biſchofes, den man vor zweien Jarhunderten be - erdiget hatte, und der in Beiſein der Zuſchauer in eine Aſche zerfiel, der beruͤhmte Einhoͤrning(r)Anfangsgruͤnde der mecha - niſchen Arzeneigelahrheit. S. 24., und von einbalſamirten Koͤrpern Franz Baco de Verulam(s)Hiſtoria vit. et mort. S. 67.. Man findet dergleichen Nachrichten von Menſchenkoͤr - pern, die zu Staub geworden, in den PhiloſophikalTrans -7des menſchlichen Koͤrpers. Faſer. Transactionen(t)Nro. 475., beim Joh. Schulze(u)Merkwuͤrdige Haarkrank - heit. S. 229., in den Samlungen der Breslaueraͤrzte(x)Vom Jahr. 1723. S. 177., bei dem Jsbrand van Diemerbroek(y)Anatomie. S. 336., Gaſſend(z)In fetu Muſſipontani ſe - cund. S. 103., Kaauw(a)Perſp. Hipp. n. 946. u. f. und andern mehr. Am Holze erfolgt eben das(b)Des Serres Maiſ. ruſt. S. 170..

Mit dieſer Erde vermenget ſich ein Theil vom Eiſen, oder wenigſtens von ſolcher Erde, welche vermittelſt ei - nes Brennbaren zu Eiſen wird, und die der Magnet an ſich zieht(c)Denn daß dieſes alles ent - weder reifes oder unvollkomme - nes Eiſen ſey, erinnert Peter vonMusſchenbroek billig im eſſais de phyſ. S. 293.. Denn ob der beruͤhmte Nikolaus Le - mery(d)Mem. d. l’ac. d. ſci. 1707. S. 40. Hiſt. de l’acad. 1709. gleich in den Muſchelſchaalen, in den Thier - hoͤrnern und dem Elfenbeine kein Eiſen zuliß, ſo beſtaͤ - tigte doch Menghin(e)Comment. ac. Bon. T. II. P. II. S. 251. 252. am Hunde, Pferde, Menſchen. galeacivs ebend. S. 29. Liſter fand im Men - ſchenſteine Eiſen., der viel neuer, und vollſtaͤndi - ger davon geſchrieben, ſowohl im Thierfleiſche, als in den Knochen die Grundſtoffe zum Eiſen, wiewohl ſie in den Knochen ſparſamer ausgebreitet waren(f)Jm Menſchen kam aus zweien Pfunden Knochen ein Fuͤnftheil vom Grane hervor. Siehe Menghin ang. Ort.. Es er - hellet hieraus, daß eine thieriſche Faſer von dem Bei - tritte dieſes Metalles, eine groͤſſere Feſtigkeit bekoͤmt.

Der andre Theil der menſchlichen Faſer iſt der Leim, aber eigentlich ein ſolcher fluͤßiger Theil, der mit ſeiner Erde im Zuſammenhange ſteht, als ohne den die Erdſtoffe zerreibar bleiben, und nicht weiter zuſammen - haͤngen wollen, wie ſolches Stahl(g)Zymotechnia fund. S. 49. wohl einſahe. Die Gegenwart dieſes Leimes wird demnach daraus er - wieſen, daß eine Faſer ſich aufloͤſet, und in ihre Ele - mente zerfaͤllt, ſobald dieſelbe das Band ihrer haltendenA 4Theile8Erſtes Buch. ElementartheileTheile in dem Feuer oder der Faͤulung eingebuͤſſet hat: ferner, weil eine Faſer ihre erſte Feſtigkeit wiedererlangt, und da ſie ſich ganz und gar aufheben laͤſt, dennoch aber, ſo - bald ſie Waſſer, oder Oel erreicht, daſſelbe begierig in ſich ſchlingt(h)kaavw boerhave perſp. Hipp. n. 957. 961., und von beiden Weſen wieder eine Feſtig - keit annimt, wie es die, beſonders vom Boͤrhave(i)Elem. chem. T. II. S. 360. und ohnlaͤngſt vom beruͤhmten Buta(k)Gebrannt Hirſchhorn, er - langt, in Oel gekocht, ſeine erſte Feſtigkeit wieder. Streitſch. de oſſium nat. n. 6. angeſtellte Verſuche bezeugen. Jagt man dieſen Leim durch Huͤlfe des Feuers davon, ſo behalten die Knochen, Kohlen, das Schreibpappier(l)bonani obſ. microſ. S. 130., die Haare, zwar die Geſtalt von Faſern noch an ſich, allein ſie buͤſſen ihre Dauer und Staͤrke dabey ein. Dieſe Koͤrper entledigen ſich ihres Leimes, ſobald man ſie verbrennt, unter der Geſtalt des Rauches.

Viel ſichtbarer iſt der Leim in den Knochen zu ma - chen(m)stahl ang. Ort., da er einen groſſen Theil von denſelben be - traͤgt: beſonders aber erhellet es aus den Verſuchen des Papins(n)Nouveau digeſteur ou l’art d’amolir les os. et Contin. , der dem groſſen Boyle ehedem bey deſſen ehimiſchen Arbeiten behuͤlflich war, und zur Hand ging, imgleichen aus denen faſt gleichfoͤrmigen, die Hubin(o)Zodiac. Med. gall. ann. 3. S. 80. Mem. d. l’ac. d. ſci. vor 1699. S. 321. Iourn. d. ſav. 1681. n. 15. nollet cours de phyſ. exp. T. IV. S. 40. anſtellete. Er bediente ſich zweener Metallcilinder, wel - che hol waren und ſo genau zuſammenpaſten, daß der kleinſte Dunſt nicht entwiſchen konnte, wenn man ſie mit Waſſer und Knochen angefuͤllt, aufs Feuer ſezzte. Es drungen demnach die vom Sieden erzeugte, hoͤchſt elaſtiſche Duͤnſte in alle Zwiſchenraͤume der Knochen hin - ein, ſie zerſtreuten ihre Grundſtoffe, ſie zogen und loͤſten den Leim auf, und entwandten der Erde ihre bindendeKraͤfte.9des menſchlichen Koͤrpers. Faſer. Kraͤfte. Solchergeſtalt ward beynahe der ganze Knor - pel zu einem Gallerte(p)Nouveau digeſteur. S. 52. und es lies ſich vom Knochen ein Gallert abſondern, der eine ſo groſſe Zaͤhigkeit beſiz - zet, daß er ſechzehnmal ſo viel Waſſer verdikken kann, wofern er aus Hirſchhern gezogen worden(q)S. 34. 59. 60., und funf - zehnmal ſo viel(r)Contin. du digeſteur. S. 19. 21., wofern ihn das Elſenbein hergege - ben. Jn der Frucht betraͤgt der Leim zwey Drittheile vom Knochen(s)Es verfliegen naͤmlich zwey Drittheile von den Fruchtknochen nesbit oſteogn. S. 31., an Erwachſenen, nach Keils Be - rechnung, die Helfte(t)De velocit. ſangui. S. 32., an Bejahrten noch weniger. Ueberhaupt aber ſind die Knochen zarter Fruͤchte ein bloſ - ſer, anfangs fluͤſſiger, nachgehens dichterer Leim, der - gleichen ich an bebruͤteten Huͤnchen mehrmal wahrge - nommen, und der beruͤhmte Joſ. Exuperius Bertin(u)Oſteol. T. I. S. 267. T. II. S. 488. 489. beſchrieben hat. Ein zartes Laͤmmchen liß ſich bey ge - linder Waͤrme ganz und gar, mit Knochen und allem zu lauter Schleim aufloͤſen(x)schrader de pane. . Hat man dieſen Leim erſt herausgezogen, ſo wird nunmehr der Knochen, oder das Horn oder das Elfenbein an der Luft zerreibar, und es gibt dem Drukke des Fingers nach(y)nollet ang. Ort. Ma - lovin chym. med. T. I. S. 169., ob die Kno - chenfaͤcherchen gleich ihre alte Lage gegeneinander behal - ten. Dergleichen Knochen ſind Teſten (Treibſcherben) daraus zu verfertigen geſchickt, die ein ſtarkes Feuer, ohne Spruͤnge ausſtehen(z)Hellot uͤber Schlüters opus metallurg. T. I. S. 120. Denn man verfertigt die Teſten aus Rinderknochen, die man ihres Leimes beraubet hat..

Man hat noch eine Art, naͤmlich vermittelſt des Kochens, aus dem Knochenabſchabſel, den Leim her - auszubringen; es verwandelt ſich alsdenn das daraus gezogne Waſſer in einen gummigen, zittrenden und demA 5Tiſch -10Erſtes Buch. ElementartheileTiſchlerleime verwandten Gallert, welcher ebenfalls aus den Lederabſchnitten, und den Sehnen der Thiere, wie auch aus den Knorpeln, vermittelſt des Knochens berei - tet wird(a)le clerc Mal. des os. Kap. 4.: dieſes ſind eben die zaͤhſten und leimreich - ſten Thiertheile von allen. Auf ſolche Art kan man nach und nach allen Leim herausziehen, ſo daß endlich nichts weiter als eine Kreidenerde uͤbrig bleibt(b)freke eſſay on the art. of healing. S. 242..

Die Art, wie dieſer Leim die erdartige und trokkne Knochenelemente unter ſich vereinigt, laͤſt ſich aus des beruͤhmten Leibarztes Pet. Shaw Verſuche abneh - men(c)Chymical lectures S. 176., welcher den aus den Rinderknochen gezogenen Gallert dieſen dadurch muͤrbe gemachten Knochen, wel - che die Kochmaſchine voͤllig erſchoͤpft hatte, von neuem wieder mittheilete, dadurch ſie denn ihre anfaͤngliche Haͤrte, und voͤllige Aehnlichkeit mit andren Knochen wie - der bekamen. Faſt eben dieſes zeiget die aͤuſſerſte Zaͤhig - keit an, welche man zuwege bringt, ſo oft man aus Thierhaͤuten verfertigten Leim zwiſchen trokkne Bretter oder Pappiere heis aufſtreicht. Jch werde bei andrer Gelegenheit zeigen, daß von dieſem Leime(d)pavlowsky de fibra de - bili. vielleicht die Reizbarkeit einer Faſer abhange.

Es iſt aber die Natur dieſes Leimes leicht zu entdek - ken. Der herausgebrachte Knochengallert nimt von ſelbſt die Faͤulung an, er wird von fluͤchtiger Natur, und verfliegt endlich(e)teichmeyer anthropo - log. S. 67.. Das aus Knochen oder Elfen - bein abgezogne Gallertwaſſer enthaͤlt Waſſer, fluͤchtig Salz, und ein wenig vom fluͤchtigen, feuerbeſtaͤndigen und Meerſalze(f)geofroi Mem. de l’acad. roi de ſci. 1732. vom Anfange.: eben dieſen Leim bringt auch die chi - miſche Aufloͤſung aus allen thieriſchen Theilen, den Haa - ren, Klauen, aus Fleiſch und Knochen heraus, er iſtſich11des menſchlichen Koͤrpers. Faſer. ſich allemal aͤhnlich, und aus Salzen, die die Heftig - keit des Feuers erzeuget, mit Waſſer und Oel zuſam - mengeſezzt. Und dennoch iſt der Thiergallert, wofern kein Feuer hinzu koͤmt, wie das Eiweis zu thun pflegt, ganz ohne Geruch, und geſchmaklos, ſo daß man dem beruͤhmten Turberville Needham leicht Glauben bei - meſſen kann, daß erſt alsdann die leimige Saͤfte gut naͤhren, wenn ſie ihren groͤſten Theil von Salzen nie - dergelegt haͤtten. Waſſer iſt am haͤufigſten zugegen, vom Oele nur etwas, denn dieſes gibt der bindenden Kraft des Leims die groͤſte Gewalt(g)P. van mvsschenbroek inſtit. phyſ. 19. Eben der be - ruͤhmte Mann, de cohaeſione cor - por. S. 435. Er zeiget, daß man das Zuſammenhaͤngen durch da - zwiſchen gegoſſenes Waſſer, oder mit vielem Oele verſtaͤrken koͤnne., und es folgerte nur noch neulich der beruͤhmte Eller(h)Mem. de l’ac. roi. d. ſcienc. de Berlin. 1749. die Zaͤhigkeit der Thonerde aus ihrem Oele her.

Es iſt aber auch ferner noch im Thierleime eine groſſe Menge von Luft eingeſchloſſen, welche fuͤr die Alten unerhoͤrte Eigenſchaft der Luft, Hales, ein Mann, den wir oͤfters ruͤhmlichſt anfuͤhren muͤſſen, wie ich mich deſſen vorjezzo erinnere, zuerſt in ihr Licht geſezzet hat. Denn es befindet ſich nicht nur in den fluͤßigen Theilen unſers Koͤrpers eine Luft, die ihre Springkraͤfte, und nachgebende Eigenſchaft abgelegt hat, jedoch vom Feuer und andern anderswo zu erzaͤhlenden Urſachen, eben die Natur der Luftſphaͤre wieder empfaͤngt: ſondern es iſt auch allerdings viel Luft von eben der Art in den feſten Theilen der Thiere verborgen, und ſie wird aus denen - ſelben vermoͤge des Feuers, oder eines Aufloͤſungsmit - tels herausgetrieben. Sie haͤlt ſich aber darinnen nach dem Ebenmaaße auf, als ein jeder Theil im Koͤrper fe - ſter oder nicht iſt; in den Knochen waͤchſt ſie bis zum zweyhunderten Theile von der Schwere derſelben an(i)Anal. of the air in des Ha - les veget. ſtat. K. 6. Verſ. 119. S. 296. u. ſ. w.. Die12Erſtes Buch. ElementartheileDie aus dem Hirſchhorne entſtandene Luft erfuͤllte eben - falls den 234ſten Theil der Hornmaſſe, und ſie betrug, ſo lange ſie den Knochen einnahm, den ſiebenten Theil vom Ganzen(k)Ebendaſ. Verſ. 151. Vergl. J. Theoph. Desaguliers in phil. trans. N. 454. und im Courſe of exp. phil. II. S. 403. Browne Langriſh of muſc. mot. in ph. trans. Nachtrag 1747.. Die Luft ſcheinet das Hauptband der Elementartheile zu ſeyn, indem dieſelben nicht ehe von einander loßlaſſen, als bis die Luft daraus vertrieben worden, die ſich in jeder Aufloͤſung unter der Geſtalt der Blaſen, ſogar im Menſchenſteine, in den Flußkie - ſeln(l)staehlin. in epiſt. ad Hartley. oder jedem andern harten Koͤrper ſehen laͤßt. Jn wiefern dieſe Luft aber ihre Stoskraft verluſtig geht, und ſich dagegen der Anziehungskraft bemaͤchtigt, wie ſie das Zuſammenhaͤngen der Stoffe in einem feſten Koͤrper bewirket und vermehret, dieſes laͤßt ſich von den Verſuchen zwar darthun, aber mit den mechaniſchen Ge - ſezzen nicht vereinigen(m)Die Verſuche, die da die - nen, hieruͤber eine Erlaͤuterung zu geben, kann man in Mich. Lomonoſſows Aufſazze in Comm. ac. ſci. petr. Band 1. nach - leſen..

Aus dieſen Grundtheilen, der Erde, dem Waſſer, dem Oele, dem Eiſen und der Luft zuſammen ver - bunden, entſteht eine Faſer, der Grundſtoff zum Thie - re; den man in ſeinem einfachen Zuſtande nie zu ſchen vermag, und der an ſich viel kleiner iſt, als daß ihn die vergroͤſſernde Eigenſchaften der Glaͤſer ſichtbar ma - chen koͤnnten, da doch ſonſt die kleinſten Thierchen, die die Glaͤſer und Glaskugeln der erſten Kleinheit kaum entdekken helfen, noch ebenſowohl aus Faſern gebauet ſind, die unendlichmal kleiner an ſich, als das belebte Thierſtaͤubchen ſelbſt ſeyn muͤſſen.

Eine ſolche unſichtbar kleine Faſer, die das Auge der ſcharfſichtigen Einbildungskraft allein erblickt, iſt blos aus Erde und leimigem Grundſtoffe, und nichtaus13des menſchlichen Koͤrpers. Faſer. aus noch kleinern andern Faſern zuſammengeſezzt(n)Ludwigs Phyſiol. N. 130.; ſie verwandelt ſich aber mit andern aͤhnlichen in zweene ſichtbare und feſte thieriſche Grundſtoffe. Der erſte die - ſer Stoffe iſt einer Linie faſt gleich, und nebſt einer ge - ringen Breite lang; man nennet ihn gemeiniglich Fa - ſer(o)Gorter nennt ſie ſtamen, Faden. in chir. S. 259. N. 789. u. w.. Das allgemeine Naturgeſezz, raͤth uns, weil wir nirgens die Elemente der Dinge an ſich unvermiſcht wahrnemen, den ſchon ſichtbaren Faden aus der Zuſam - menſezzung mit andern kleinern herzuleiten. Ferner zer - legen die Vergroͤßrungsglaͤſer die Faſern der Knochen und Muskeln in viele andre kleinere; ſie zeigen in einer Knochenfaſer Paͤkke von kleinern Faͤſerchen, nach dem angeſtellten Verſuche des beruͤhmten von Hamels(p)Mem. de l’ac. d. ſci. 1743. S. 128.: eben ſo zertheilen ſich die Muſkelfaſern nach der muͤhſa - men Erfindung des von Leeuwenhoek(q)Jch werde mich hieruͤber weitlaͤuftiger in der Abhandlung von den Muſkelfaſern erklaͤren. nnd Muys dergeſtalt in immer kleinere Faͤden, daß endlich die aͤuſ - ſerſte Vergroͤſſerungskraft der Glaͤſer ſtehen bleiben muß, ohne das Ende der Zertheilungen abzuwarten. Was die knochigen Faſern lehren, das gilt ohne Zweifel eben ſowohl von den Membranen; denn mehrentheils iſt eine Faſer erſt haͤutig, bevor ſie zum Knochen wird. Fuͤgen ſich mehrere Faͤden nach ihrer Laͤnge und parallel zu - ſammen, und vereinigen ſie ſich mit den Enden anderer, ſo bildet ſich dadurch eine ſichtbare Faſer, an der folglich weder die Laͤnge noch Breite mehr einfach iſt. Die zu - erſt ſichtbar werdende und den bloſſen Augen nach einfa - che Faſern ſind nach ihrer Laͤnge und Kennbarkeit an den Knochen junger Kinder zu beobachten, naͤmlich an den brei - ten Knochen des Vorderkopfes, der Stirn und des Hinter - kopfes; ſie machen hier, wenn ſie unter einander parallel laufen, und durch Spalten weit von einander gehalten wer - den, die dazwiſchen liegende Erhabenheit aus. Man darfnur14Erſtes Buch. Elementartheilenur die Wallfiſchkiefern in Augenſchein nehmen, um gewis zu ſeyn, daß die groſſen Bartfaſern derſelben aus andren klei - nern aͤhnlichen Buͤndeln entſtehen. Sie offenbaren ſich eben auf die Art in den Sehnen, den Baͤndern, und der har - ten Gehirnhaut, ſo wie an andern Orten. Sie vermi - ſchen ſich in dem zelligen Gewebe, davon wir gleich reden wollen, mit den Faͤchern deſſelben. Man kann ſie dicht zuſammengehaͤuft, und von ziemlicher Kuͤrze in den Knor - peln(r)hvnter in phil. trans. N. 470. aufzeigen. Sie beſizzen alle einerlei und folgende Eigenſchaften.

Eine Faſer iſt elaſtiſch, ſie ſpringt, nach aufge - hobner Biegung wieder in ihre alte Stelle zuruͤk, und ſie wird wieder ſo kurz, als ſie anfangs war, ehe man ſie dehnte. Sogar beſizzet ſie noch im Knochen dieſe Ei - genſchaften, wenn man davon duͤnne Faͤden abloͤſet. Die mehreſten laſſen ſich, wenn die Kraͤfte langſam zie - hen, der Laͤnge nach ausdehnen, wiewohl ſie ſich wieder in die vorige Lage ſezzen, ſobald die Anſtrengung nach - laͤſt. Dagegen nimt eine Faſer, die Muskelfaſern ausgeſchloſſen, keinen Theil an der Reizbarkeit(s)von Haller ſur l’irritabi - lité. S. 53. erſte Abh.. Man mag ſie, ſo lange ſie noch unverſtuͤmmelt ſind, be - ruͤhren, und zu reizen ſuchen, wie man will, ſo werden ſie ſich doch niemals zu verkuͤrzen ſuchen. Wir nehmen auch die Natur einer Faſer zu erklaͤren, keine freſſende Waſſer oder das Feuer zu Huͤlfe: denn dergleichen Ge - waltthaͤtigkeiten kraͤuſeln und ziehen freilich alle thieriſche Faſern zuſammen(t)Ebend. Abſchn. 19. 2te Abh., wenn ſie bereits laͤngſt erſtorben ſind. Die Faſern ſind fuͤr ſich allein betrachtet unem - pfindlich; ſie hoͤren es aber auf zu ſein, ſobald ſich ihnen die Nerven naͤhern(u)De gorter. angef. Ort. S. 267. Streitſchr. ſur lesp art. ſenſib. S. 42.. Ferner ſind ſie, ihrem Weſen nach blutlos und von feſter Beſchaffenheit(x)Ebenderſ.,ſo15des menſchlichen Koͤrpers. Zellgewebe. ſo daß ſie von keiner Kunſt ausgefuͤllet, noch einige Hoͤlen in ihrem inwendigen gezeiget werden koͤnnen. Sie wiegen etwas ſchwerer, als Waſſer, welches von allen feſten Theilen thieriſcher Koͤrper gilt, und ſie fallen von ſelbſt im Waſſer nieder, wofern ſie nicht verfault ſind. Die gemeinſte Farbe einer Faſer iſt weis.

Die zwote Art von einer Faſer iſt das Plaͤttchen (Scheibgen, lamina), das bei einer maͤßigen Laͤnge eine ſehr merkliche Breite hat. Unter dieſem Namen meine ich aber nicht die anſehnliche Faͤcher in den Knochen, ſondern die Blaͤtter der zelligen Membran, die an ſich einfach ſind, oder ſich wenigſtens nicht in kleinere Plat - ten mehr zertheilen laſſen, ſo wie die Zwiſchenwaͤnde der glaͤſernen Feuchtigkeit im Auge u. a. dergleichen beſchaf - fen ſind. Sie haben alles, auſſer der Breite, mit der Faſer gemein.

Zwoter Abſchnitt. Das zellige Gewebe.

Aus beiden Arten, der Faſer und den Plaͤttchen, jedes allein von ſich genommen, oder beide unter ſich ver - bunden, entſpringet der anſehnliche Theil von unſerm Koͤrper, den die Neuern das zellige Gewebe (tela celluloſa) nennen. An einigen Stellen herrſcht die Faſer, wie an den faſerigen Faͤchern der lang geſtrekten Knochen, und den magern Scheiden der Schlagadern, darunter diejenige, die die Schlafpulsadern begleitet, beſonders langfaſerig iſt, zu ſehen iſt. Die Plaͤttchen befinden ſich an den Knochenhaͤngſeln, in der glaͤſernen Feuchtigkeit, in den Zwiſchenraͤumen der Muskeln, in der Lunge, in den zelligen Haͤuten der Eingeweide, wie man ſie zu nennen pflegt, und in allen den Stellen, die das Fett aufnehmen, am allerhaͤufigſten zugegen, ſo daßes16Erſtes Buch. Elementartheilees das Anſehn hat, daß das zarte Zellgewebe vornehmlich aus Faͤden, das groͤbere hingegen mehr aus Plaͤttchen entſpringet.

Das zellige Gewebe iſt fuͤr ſich, es mag aus Faſern oder Plaͤttchen erzeugt werden, ein auf verſchiedne Art von den Grundſtoffen zubereitetes Nezz, welches leere Zwiſchenraͤume beſchreiben hilft, die ganz laͤnglich und geſchlank ausfallen, wenn die Faͤden an ſich lang ſind, wie man an den Scheiden der Blut - und Schlagadern bemerken kann; und an Breite zunehmen, wo die Natur des Orts ein haͤufiges Fett niederzulegen verlangt, wie man um die Nieren einen Zoll breite Zwiſchenraͤume ge - funden; endlich ſind dieſe Raͤume am kleinſten und kaum ſichtbar, wo ſich dieſes Zellgewebe in einer Membran verdichtet.

Vielleicht iſt das Einfache ſelbſt die Urſache geweſen, daß dieſer vorzuͤgliche Theil an einem Thiere ſpaͤter be - kant geworden. Die Alten kannten einige Gegenden deſſelben unter andern Namen, und ſie hiſſen die gemein - ſchaftliche Ueberkleidung der Muskeln, eine Fettmembran, die Scheidenmembran, und Dartos. Karl Stephan(y)Steph. diſſ. corp. human. S. 357. spigel op. anat. L. VIII. c. 3. er uennet es das in dem Fette ausgebreitete faſrige Gewebe. vesling ſynt. anat. hoffm. diſſ. de ping. vievs - sens du coeur. p. 33. malpi - ghi de omento, pingv. adip. duct. p. 40. hat es zuerſt erlaͤu - tert. rvysch cat. muſ. rar. p. 146. f. I. hat dieſe Zellen aus - gefuͤllt. dovglas de perit. N. 8. winslow exp. anat. T. III. des tegumens. boerha - ve praef. ad aphrodis kaaw Boerh. perſpir. N. 771. u. w. al - bin diſſ. fratr. de inſt. ten. fabr. und ohnlaͤngſt in ann. acad. de bergen memb. cellul. 1732. halleri coll. T. III. nante es ehemals uͤberhaupt, kleine Baͤnder, womit die Gefaͤſſe zuſammenhaͤngen, und darinnen koͤmt er ſchon der Sache naͤher. Es iſt dieſes das Faſergeflechte, deſ - ſen Faͤden ſich im Fette verbreiten, wie es Adrian Spi - gell, Johan Wesling und Anton von Marchettis nennen. Dieſes ſind die weiſſen mit den kleinſten Faͤden umflochtne Faſern, welche nach dem Ausdrukke des Rai -mund17des menſchlichen Koͤrpers. Zellgewebe. mund Vieuſſens, von dem verzehrten Fette des Her - zens uͤbrig bleiben. Marcell Malpigh hat den Ruhm, daß er uns die Natur dieſes Gewebes zuerſt und viel ge - treuer gelehrt hat. Nach ihm blis Frid. Ruyſch die Faͤcher dieſes Gewebes auf, und er beſchrieb ſie, wenn ſie ausgefuͤllt waren, unter dem Namen der eigenthuͤmlichen Haut an den Gedaͤrmen und dem Hodenbeutel. Wie - derum kamen Jak. Douglas und der vortrefliche Greis Jak. Benign. Winslow ſchon der Warheit naͤher, dar - unter jener das um das Darmfell gelagerte zellige Woll - gewebe, dieſer die zellige Scheiden der Gefaͤſſe und des Ribbenfelles beſchrieben. Man mus hier auch nicht den nuͤzlichen Beitrag, den man meinem Lehrer, dem vortref - lichen Boͤrhave in der Geſchichte dieſes Gewebes zu danken hat, aus der Acht laſſen. Dieſes gilt auch von dem vortreflichen Werke des beruͤhmten Kaauw Boͤrha - vens. Es gehoͤren hieher mein zweeter Lehrer, der vor - trefliche Bernh. Siegfr. Albin, der gelehrte Karl Aug. von Bergen, unſer ehemalige Zuhoͤrer, David Chriſtoph Schobinger, welcher unſre Verſuche durch ſeine eigne haͤufig angeſtellte beſtaͤtigt hat, und Franz Thierry, der nach unſren Gruͤnden, das Zellgewebe fuͤr eine den mei - ſten menſchlichen Theilen zugehoͤrige Materie erkant hat.

Wir muͤſſen nun auch von dem Orte reden, den das zellige Gewebe einnimt. Es offenbaret ſich uͤberall unter den Bekleidungen unſers Koͤrpers, zwiſchen dieſen und den Muskeln ſehr haͤufig, und es ward von den Alten unter die Ueberzuͤge des geſamten Koͤrpers gezaͤlet; es iſt ferner, wenige Gegenden ausgenommen, beinahe aller Orten mit einem uͤberfluͤßigen Fette angefuͤllt. Es uͤber - kleidet ferner von auſſen alle die anſehnliche Membranen, die gleichſam eben ſo viel Saͤkke fuͤr das Eingeweide ſind. Es bluͤhet daher auf der aͤuſſern Oberflaͤche des Herzbeu - tels und Ribbenfells allenthalben hervor, ſowohl an dem Orte, wo es von den Muskeln zwiſchen den Ribben,Bdem18Erſtes Buch. Elementartheiledem Zwergfelle, den Ruͤkgradswirbeln und Ribben unterſtuͤzt wird, als auch an den Stellen, wo die zween einander zugekehrte Saͤkke des Ribbenfells das Mittel - haͤutchen (mediaſtinum) erzeugen. Eben dieſes Zellge - webe umgibet das Darmfell allenthalben von auſſen her(z)dovglas und hensing de peritonaeo. , ſowohl da, wo es ſich bekanter maaßen mit den Muskeln des Unterleibes und dem Zwerchfelle vereiniget, als auch da, wo es ſich der Harnblaſe, Gebaͤrmutter und des Maſtdarms, wie auch der Nieren und Ruͤkgrads - wirbeln unter der Geſtalt des Sakkes bemaͤchtigt; fer - ner da, wo das gedoppelte Darmfell nach einer feineren Zeichnung eine ihm eigne Hoͤle beſchreibet, und wo die zwei gegen einander liegende Blaͤtter das Gekroͤſe und Grimdarmsgekroͤſe (meſocolon), wie auch die uͤbrigen breiten Baͤnder der Gebaͤrmutter und des Eingeweides im Unterleibe ausmachen. Denn an allen dieſen Orten fuͤllet die zellige Beſchaffenheit den Zwiſchenraum dieſer zwoen Plaͤttchen von auſſen aus. Gleichergeſtalt bildet das Zellgewebe zwiſchen der ehedem aͤuſſern, jezo aber die aͤuſſerſte Membran am Eingeweide genanten Flaͤche des Darmfells, und der Flaͤche des Magens, und der Gallen - blaſe eben diejenige Membran, die man ſonſt die allererſte Zellhaut zu nennen pflegt. Ferner umſpant das Zell - gewebe, nachdem es zaͤrter geworden, unter dem Namen des Spinnengewebes, die zarte Haut im groͤſſern und kleinerem Gehirne von auſſen her. Auſſerdem verbinden ſich auch die uͤbrigen eigenthuͤmlichen Membranen der Eingeweide, des Herzens, der Lunge und Nieren vermit - telſt ihrer zelligen Faͤden mit dem unter ihnen gelagerten Koͤrper der Eingeweide ſelbſt (parenchyma)(a*)Parenchyma (Mittelweſen eines jeden Eingeweides, gleich -ſam ein zwiſchen die Gefaͤſſe der Leber, Milz ꝛc. ausgegoſſner Blut - koͤrper.) Die Neuern wiſſen nur von Gefaͤſſen und keinen geronne - nen Blutſubſtanzen. Ueberſez. .

Weiter -19des menſchlichen Koͤrpers. Zellgewebe.

Weiterhin beruͤhret und verbindet das Zellgewebe(a)Weitleuftiger davon im Buche de motu muſcul. die Faſern, die Faͤſerchen, die Muskeln und den voͤlligen Bauch der Muskeln von allen Seiten her mit einander; es beſchreibet um den ganzen Muskel ein Sakgeflechte; es begleitet jeden Arm, jede Faſer, und jedes Faͤſerchen im Muskel beſonders, bis zu den allerkleinſten Faͤden un - ter der Geſtalt der Scheiden, die um ſo viel zaͤrter und faſeriger ſind, je feiner das Fleiſchfaͤſerchen war, aber deſto breitere Plaͤttchen aufzuweiſen haben, ſo oft das Zellgewebe die groſſen Muskeln umſpannet. Man weis auch weder am Menſchen, noch an einigen andren Thie - ren von Beiſpielen, daß man eine Fleiſchfaſer ganz frei, und ohne Verbindung mit den Zellfaſern angetroffen haͤtte. Endlich erſcheint dies Gewebe, wo die Muskeln von einander geſchieden werden, grob, und es wird zwi - ſchen allen fleiſchigen Stellen (torus) des Koͤrpers am haͤufigſten geſamlet(b)Jch glaube, daß dieſes die in Aeſte zertheilte Hoͤlungen ſind, worinnen wahrſcheinlicherweiſe derWallrat im Wallfiſche aufbehalten wird, und die ſich laͤngſt dem gan - zen Koͤrper in etliche tauſend Ge - faͤſſe (Streifen) vervielfaͤltigen. Anderſon Beſchreib. von Jsland. p. 210. ſ. .

Ferner ſind alle Gefaͤſſe im menſchlichen Koͤrper(c)Roſen anat. berkriſn. p. 128. grashvys ſuppur. p. 69. wal -ther de obeſ. et vor. p. 11. u. ſ. w. die Schlagadern, Blutadern und Nerven in eine zell - foͤrmige Scheide eingehuͤllt, die ſehr oft, wie gemeinhin an den Gliedmaaßen, von fetter Beſchaffenheit, außer - dem aber, ſo wie am Eingeweide vornaͤmlich wahrzuneh - men iſt, mager angetroffen wird. Es umflechten naͤm - lich unzaͤliche Zellfaͤden die Schlagader vor ſich allein, ſo wie die Blutader und den Nerven, und ſie heften ſelbige von allen Seiten an ihre Nebengefaͤſſe an: ein groͤberes und deutlicheres Gewebe bindet dagegen wiederum das ganze Pak mit den Muskeln der benachbarten Knochen zuſammen. Es gilt hier, was bei den Muskeln ſtatt hat: je groͤſſer die Staͤmme an ſich ſind, deſto blaͤttriger,B 2fetter20Erſtes Buch. Elementartheilefetter und loſer iſt das Gewebe ſelbſt. Was die feinſten Zweige der Gefaͤſſe und Nerven betrift, ſo iſt ihre zellige Bekleidung ungemein zart, aber doch noch immer deut - lich wahrzunehmen; ſie haͤngt ihre Gefaͤſſe oder Nerv - chen an einige Membranen ſo bedachtſam an, daß kein einziges Zweigchen frey vor ſich herum irrt, und ſich al - lein von der Hand des Zergliederers, wenn die zellige Baͤnder abgeſchnitten worden, hervorziehen laͤſt. Man kennet die Scheiden am beſten, die die Zeugungsgefaͤſſe mit ſehr anſehnlichen Plaͤttchen umgeben; ferner dieje - nige Scheide, die aus Faſern beſtehet und die Staͤmme der Leber unter dem Namen der Kapſel zuſammenhaͤngt; wie auch die vom Lancis, Hebenſtreit u. a. beſchrie - bene Scheiden der Lungengefaͤſſe und Schlafpulsadern.

So oft mehrere um einander gewikkelte Haͤute eine einzige hole Roͤhre machen, ſo oft befindet ſich das zellige Geflechte zwiſchen dieſen Haͤuten, wodurch nicht nur zwo von dergleichen Hautrollen von einander entfernt gehalten, ſondern auch beide mit einander vereinigt werden: Bei - ſpiele hat man davon an den Schlagadern, Blutadern, am Gedaͤrme, dem Magen, der Harn - und Gallenblaſe, der Augenkugel, der Traubenhaut und anderswo mehr.

Jmgleichen vereinigt das zellige Gewebe auch die Druͤſenkernchen, ſo weit ein bewaffnetes Geſicht hat kom - men koͤnnen, einzeln unter einander; die ganze Druͤſe ſelbſt wird dagegen von einem feſteren Gewebe uͤberklei - det: die einzelne Druͤſen erhaͤlt es aber an ihrer Stelle, ohne zu wanken, feſte, und ohne ihnen die Beweglichkeit zu benehmen, ſchwebend.

Es gibt noch eine andre Art, und eine andre Ver - richtung, zu der ſich das Zellgewebe bequemt, da es naͤm - lich verſchiedne Hoͤlungen im Koͤrper voll fuͤllt, und ſie von allen Seiten mit einem feſten Ueberzuge auskleidet. Hieher21des menſchlichen Koͤrpers. Zellgewebe. Hieher kann man das Faͤcherwerk rechnen, welches von dem Knochen eingeſchraͤnkt, unter dem Namen des Kno - chenmarkes das Fett aufnimt(d)kaavw perſp. N. 929.: noch eigentlicher aber gehoͤret das ſchwammige Geflechte der Plaͤttchen hieher, welches in dem loͤcherichten Koͤrper der maͤnnlichen und weiblichen Ruthe vorkoͤmt, und ſich voll Blut ſauget. Eine aͤhnliche, nur etwas zaͤrtere Bauart, verſamlet und nimt die Luft in der Lunge, in der Nabelſchnur das Waſ - ſer, in den Faͤchern der glaͤſernen Feuchtigkeit einen ſehr klaren Saft auf. Eben ſo ſchwammig iſt das blaͤſige Weſen in den noch unreifen Stengeln verſchiedner Pflan - zen, und dieſes verwandelt ſich nachgehens, wenn die Pflanze zu ihrer Vollkommenheit gebracht worden, in eine feſte Haut (Splint) oder in Holz(e)lvdwis inſt. reg. veg. N. 318..

So weitleuftig das Gebiet dieſes zelligen Gewebes an ſich iſt, ſo genau hat die Natur die Gemeinſchaft unter allen deſſen Hoͤlen von allen Seiten her angelegt, und uͤberall offen gelaſſen, ſo daß die Luft, und jede andre Feuchtigkeit, ſie mag ſich durch alle moͤgliche Wege im Koͤrper ergiſſen, wie ſie will, nach allen andern Theilen, wenn ſie noch ſo weit entfernt ſind, hinkommen, in Be - wegung geſezzt werden, und durch die Zellchen ungehin - dert fortfliſſen kann; wofern ſich indeſſen etwa ein feſter Koͤrper in die Faͤcher dieſes Gewebes einmiſchen ſollte, ſo kann derſelbe allmaͤlich in alle uͤbrigen hinuͤber bewegt werden. Da nun die Natur des zelligen Gewebes, wel - ches ſchon Boͤrhave kannte, von groſſer Wichtigkeit iſt, ſo wollen wir daſſelbe durch verſchiedne und mannigfaltige Verſuche beſtaͤtigen, und hierauf die Zergliederung davon mittheilen(f)boerh. prael. ad ventrie. actio. N. 82..

Erſtlich ergiſſet ſich die Luft, man mag ſie mit Be - dacht, oder ungluͤklicher weiſe unter die Haut eindringenB 3laſſen,22Erſtes Buch. Elementartheilelaſſen, mit Geſchwindigkeit in die geſamte Oberflaͤche ei - nes Thieres; ſie dehnet und ſondert dieſelbe allenthalben von den Muskeln ab. Sie ruhet dabei nicht, ſondern ſie ſchleicht ſich in alle Zwiſchenraͤume der Muskeln ein, wodurch das Thier, wie es das Anſehn gewinnt, ſchein - barer weiſe ein gut ausgefuͤlltes Anſehn bekoͤmt, das ſich aber nach etlichen Tagen wieder verliert, wenn die Haut von der durch die beſtaͤndige Ausduͤnſtungen verdorbenen Luft, die ihre Federkraft dadurch eingebuͤßt, wieder nie - derſinkt. Dieſen handgreiflichen Verſuch wenden die Fleiſcher oftmals an, um das Fell, wenn es von ſeinen Baͤndern befreit worden, deſto genauer von den fleiſchi - gen Theilen abzuloͤſen(g)vesal. corp. hum. fabr. p. 281. riolanvs uͤber den bartholinvs p. 762. an. pnev. p. 167. enchir. path. p. 439.. Ein andrer etwas zaͤrterer Verſuch an den Pferden(h)gieson an. equi. p. 57. iſt in meinem Vaterlande nicht ganz ungewoͤhnlich, den man in England an den Kaͤlbern(i)lister humor. c. 19. cowper ad bidloo. T. IV. ad. f. 615. an den Ochſen, ſiehe casavbonvm. Lib. V. com - ment. in athenaevm. , wie auch in Deutſchland, und an den un - geheuren Kameelen in den Morgenlaͤndern anbringt(k)tavernier voy. de Perſe, Lib. VII. c. 9.. Einige verlangen gar, durch dergleichen Aufblaſung das Thier fetter zu machen(l)plin. L. VIII. c. 45. mav - chartvs der aͤltere in ephem. nat. cur. cent. 1-2. obſ. 12. ari - stoteles in hiſt. anim. L. VIII. c. 7., wie weit dieſes aber wahr ſey, weis ich nicht, ob uns gleich die Folgen ſelbſt eigentlich hier nichts angehen. Eben durch dieſen Handgrif, der aber an ſich unſchuldiger war, pflegte Ruyſch denen aufgetrokneten Menſchenfruͤchten, um ihnen das Unge - ſtalte zu benehmen, ihre rundliche Geſtalt dadurch wieder - herzuſtellen, daß er ihre Haut aufblies(m)Aduerſ. anat. III. n. 10.. So gar hat man von einem unreinlichen Menſchen Nachricht, der ſeinen eigenen Toͤchtern den Koͤrper, wie einen Schlauch, aufzutreiben pflegte(n)P. borellvs hiſt. 30. cent. 3. rosen anat. p. 129., einen kuͤnſtlichen Waſſerkopfnach -23des menſchlichen Koͤrpers. Zellgewebe. nachmachte(o)hildan. cent. 3. obſ. 18., und es ward einem andern Ungluͤckſeeli - gen der Koͤrper von den Raͤubern grauſamer weiſe und dergeſtalt aufgeblaſen, daß er ſeinen eignen Hals eroͤf - nen muſte, damit er der erſtikkenden Luft Plaz machte(p)imbert des tumeurs. S. 241.. Von den Dachſen gibet Plinius vor, ſie koͤnnten dergeſtalt ihren Koͤrper mit Luft erfuͤllen, daß ſie ganz und gar da - von eine runde Figur bekaͤmen(q)Lib. VIII. c. 38..

Solchergeſtalt weis ſich die Luft, wenn ſie nach ei - ner Verwundung an der Luftroͤhre, oder der Lunge in die zellige Raͤume zwiſchen den Ribben und den Muſ keln, oder in die Faͤcher, welche ſich um die Ruͤkkenwirbel her - umlagern, tritt, oder wenn ſie auf irgend eine Weiſe vermittelſt der Einſchnitte in die Haut, ſich in die kleine Hoͤlen unter der Haut hineinbegibt, ſobald ſich die Lippen der Wunde zuſchlieſſen, und der Luft den Ruͤckweg ab - ſchneiden, ſo weis ſich, ſage ich, die Luft in dem ganzen Koͤrper des Menſchen auszubreiten, und ſie iſt es eben, die nach der Verduͤnnung, wovon die Lebenswaͤrme Ur - ſache iſt, allenthalben einen zuſammenhaͤngenden Ge - ſchwulſt, den man den Windgeſchwulſt nennt, hervor - bringt. Jch fuͤhre von unzaͤhlbaren Beiſpielen nur ei - nige wenige an. An einem der verſchnitten ward, brachte die verſchloßne Luft einen Windgeſchwulſt am ganzen Koͤrper zum Vorſchein, ſo daß ſich auch das Ge - kroͤſe, die Blutadern, und das Herz ſelbſt endlich mit Luft anfuͤllten(r)Alex. monroo eſſ. of a Societ. at Edimburgh. T. V. . Die zerſchnittene Luftroͤhre, und eine zerbrochne Ribbe wurden von einem Windgeſchwul - ſte am ganzen Koͤrper begleitet, die Fusſole und inwendi - ge Hand allein ausgenommen(s)cheselden anat. of hum. bod Ed. 6. p. 130.; eine andre Wunde, die durch den obern Theil der Luftroͤhre gedrungen war, zog ſehr haͤufige Windgeſchwuͤlſte auch an Haͤnden undB 4Fuͤſſen24Erſtes Buch. ElementartheileFuͤſſen nach ſich(t)El. col. de villars cours de chirurg. T. II. S. 170.. An andern folgte ein Windge - ſchwulſt am ganzen Koͤrper, die Fusſole und den innern Handteller ausgenommen, auf eine zerbrochne Ribbe. Die Luft drang durch die Rizze der verlezten Lungen - membran hervor(u)Alexius littre Mem. de l’ac. des ſci. 1713. S. 12.. Von einer Bruſtwunde entſtand uͤber den ganzen Koͤrper, auch ſo gar an den Augenlie - dern ein Windgeſchwulſt(x)Io. Gottf berger de tympanite. S. 26.. Es trat an einem, der ſich eine Ribbe zerbrochen hatte, ein vier Zoll hoher Wind - geſchwulſt am ganzen Leibe hervor(y)dran obſ. 29.. Da man das Zellgewebe unter der Haut, 5 Zoll hoch an der Bruſt, und am Bauche 6 Zoll hoch aufblies, ſtiegen die Au - gen heraus, und man fand in der waͤſſrigen Augenfeuch - tigkeit Luft(z)littre. Ebendaſ. S. 11.. Nach andern Berichten hatte ſich die innere Luft, ohne daß eine Verwundung von auſſen herzugekommen, uͤberall durch das Zellgewebe ergoſſen. Einen durchgaͤngigern Windgeſchwulſt, der ſo gar die Mannsruthe nicht verſchonte, berichtet Binninger(a)obſ. 100. cent. 4.. An einem andern Gegenſtande brachte die unterdruͤkte Ausduͤnſtung von freyen Stuͤkken einen Windgeſchwulſt hervor, ſo daß die Bruͤſte ſo gar zu ſchweſtern (auf - ſchwellen) anfingen(b)I. H. schvlze Streitſchr. de emphyſemate. . Ein Knabe ſchwoll uͤber und uͤber, ſo gar an der Ruthe, nachdem bey ihm das Fie - ber zuruͤkgetreten war(c)mann tripes Haitersba - cenſis. 1. Tub. 1755. 4..

Eben ſo greift das Waſſer weit um ſich, wenn es in einem aufgedunſteten Koͤrper ſtillſtehend wird. Nach den Bemerkungen des de la Motte hat man die Raͤu - me in allen Muskeln voll Waſſer angetroffen(d)J. Will. de la Motte chi - rurg complete. obſ. 126.. Und der beruͤhmte Beggi(e)Beim A. Pacchon in op. omn. S. 219. Meibom de pede tum. S. 14. beſchreibet die Ergiſſung desWaſſers25des menſchlichen Koͤrpers. Zellgewebe. Waſſers bey einem Waſſerſuͤchtigen in alle zellige Raͤume, da ſo gar die faͤchrigen Theile an der Mannsruthe von der Feuchtigkeit in die Hoͤhe getrieben wurden, und man unter der Muskelmembran, in den Muskeln ſelbſt, und in ihren Zwiſchenraͤumen einen Gallert zu Geſichte be - kam. Die Eitergeſchwuͤlſte haben eben die Natur an ſich, vermoͤge welcher ſich der Eiter von der angefreſſe - nen Stelle, die er durch die Vereiterung des Eingewei - des bekommen hat, weit und breit dem ganzen Koͤrper mittheilt. Der von Velſe fuͤhret einen Zufall an, da der Eiter von der Bruſt, vermittelſt eines zwiſchen den Muskeln weiter freſſenden Eitergeſchwulſtes bis zu den Hinterbakken und Fuͤſſen niederſank(f)Corn. de velse de ingr. int S. 34.. Ein Nieren - geſchwuͤr ſtieg bis zu dem Dikkbeine herab, und der Eiter ſamlete ſich in den Zwiſchenraͤumen beyder Gliedma - ßen(g)Chr. Jerem. Rollin in den braunſchweig. Anzeigen vom Jahre 1751.. Von einer vereiterten und uneroͤfneten Ohren - druͤſe bahnte ſich der Eiter bis zum Armbuge den Weg, er zerfras die Ellbogenbaͤnder, daß daher eine Steifig - keit erfolgte(h)Ger. v. Swieten Comm. in Boerh. aphor. T. I. S. 705.. Jn einem pucklichten Schwindſuͤchti - gen entdekkte man einen Sack voll weiſſer Eitermaterie hinter dem Ribbenfelle, und einen aͤhnlichen Eiter in der Gekroͤsdruͤſe, dem Gekroͤſe, der Leber, zwiſchen der Ach elhoͤhle, am Halſe, an den Duͤnnungen, zwiſchen dem harten und zarten Hirnhaͤutchen, und zwiſchen den Gelenken, ſo daß der Ellbogen dadurch verloren ging(i)Jak. Nik. weiss. Progr. 5..

Aus dem erzaͤlten erhellet der Zuſammenhang derer Zellhoͤlchen unter einander. Es iſt daher der Materie, die ſich in dieſe Raͤume verirret, nicht moͤglich, wenn die Bewegbarkeit derſelben gereizt worden, von allen Gegenden in alle moͤgliche andre uͤberzugehen. Es iſt wunderbar,B 5wie26Erſtes Buch. Elementartheilewie bald ſich das ſehr fluͤſſige Fett in dem Strausvogel von den Arabern, und zwar vermittelſt des Handgriffes, in eine zuſammenhaͤngende fluͤſſige Maſſe vereinigen und ſamlen laͤſt, da ſie den gejagten Vogel ſtark herum - ſchuͤtteln und das Fett des ganzen Koͤrpers aus der zer - ſchnittnen Kehle fliſſen laſſen(k)thevenot. itin. Lib. II. e. XXV. .

Auf eben die Art geht es an, daß der Eiter, der, wie wir zeigen wollen, eigentlich ein geſchmolznes Fett iſt, an ganz fremden Stellen hervordringen kan. Man lieſet daher, daß ein Bruſtgeſchwuͤr, welches auf das Seitenſtechen gefolgt war, durch ein Geſchwuͤr am Ar - me geheilet worden(l)Ephem. nat. cur. dec. 1. an. 6. 7. obſ. 147.. Bey einer Frauensperſon, wel - che Eiter durch den Mund auswarf, bliben die ſchwind - ſuͤchtigen Zufaͤlle nach, nachdem man ihr Haarſchnuͤre verordnete: ſie fiel aber in eben die Zufaͤlle wieder ein, ſobald man die Haarſchnur aus der Acht lies(m)Aeg. watts of revulſion and derivation. S. 43.. Hier - aus laſſen ſich die Krankheitswanderungen (metaſtaſes) der Alten glaubwuͤrdiger machen, von denen der Herr von Swieten gezeiget, wie ſie ſich durch die zelligen Zwiſchenraͤume vornaͤmlich(n)Ger. v. Swieten angef. Ort. T. III. S. 669. fortpflanzen.

Die Beiſpiele kommen oͤfterer vor, und ſie erwei - ſen eben das, wenn das Waſſer in waſſerſuͤchtigen Per - ſonen, das ſich weit herum ausgebreitet hat, durch eine einzige und oft an ſehr entlegenen Stellen angebrachte Oefnung abflieſt. Geofroi zapfte einem, der an der Waſſerſucht krank darnieder lag, und dem die Augen - lieder aufgeſchwollen waren, alles Waſſer durch einen, an dem Schienbeine gemachten Einſchnitt aus dem Leibe ab(o)geofroi de la peſte in der Samlung des beruͤhmten Senaks. S. 443.. Ein andrer Waſſerſuͤchtiger entledigte ſich von ſeinem Uebel, da ihm die Fuͤſſe von freien Stuͤckenauf -27des menſchlichen Koͤrpers. Zellgewebe. aufbrachen(p)fehr de abſint. S. 139. spindler obſ. 52. des gelehrt. Donald monroo, ehemaligen Schuͤlers unſers H. v. Hallers, Abh. of dropſy. S. 84.; und dieſe Erſcheinung koͤmt ſo oft vor, daß ich faſt alle Tage davon die Erfarung einziehe, und die Frauensperſonen ſo gar die Heilſamkeit von dieſem Abfluſſe bereits kennen. Man zog in einer Bruſtwaſ - ſerſucht, indem man die Fuͤſſe ſchroͤpfte, 8 Pfunde Waſ - ſer heraus, und die Krankheit ward dadurch gehoben(q)rainssant. Iourn. d. Savans 1685. N. 28. Kolumell befiehlt die Feuchtigkeiten der Waſſerſucht vermittelſt gewiſſer Einſchnitte in die Haut unter der Schulter auszutroknen.. Eine Frauensperſon, der von einer andern verwegener Weiſe das Sprungbein durchgeſchnitten worden, kam noch gluͤklich davon, nachdem ſie bei der Heilung die Stalmittel und bittren Arzeneien zu Huͤlfe nahm(r)Rich. mead mon. med. S. 132.. So gar haben es ganze Voͤlkerſchaften im Gebrauche, daß ſie ſich keines andren Mittels bey dem Waſſer, das unter der Haut ſteckt, bedienen, als eben dieſes, und der gluͤkliche Zufall iſt in dergleichen Faͤllen mehr als einmal ein beliebter Arzt geweſen(s)Die Egiptier nach dem Prosp. Alpin de medic. Aegypt. L. III. c. XIII. S. 102. Bör - have angefuͤhrt. Ort. S. 286. Schulze beim Schenken obſ. med. S. 438. Kundmanns Sel - tenh. d. Nat. u. Kunſt. S. 931. Bremer Saml. 1723. Mon. Jun., da dem Koͤrper das beſchwerliche Waſſer dadurch entzogen worden, wenn man Brennmittel bei den Fuͤſſen anbrachte. Jndeſſen beweget ſich dieſes Waſſer auch von freien Stuͤkken durch die Zellraͤume weiter durch, es ſchwillet oftmals an der Bruſtwaſſerſucht anfaͤnglich der Hodenbeutel auf, und nachgehens ſenket ſich die Feuchtigkeit weiter hinab, und leget ſich auf die Fuͤſſe an(t)Breslauer de hydrop. pecto. S. 7..

Endlich gehen in den zelligen Raͤumen eben die wun - derbare Wanderungen vor, die von Pfeilen und andern Koͤrpern unternommen werden, als welche erſt in ei - nen Theil des Koͤrpers hineindringen, und nach einerZeit28Erſtes Buch. ElementartheileZeit durch einen andern entfernten Theil wieder hervor - kommen, oder ſich wenigſtens herausſchneiden laſſen. Auf die Art krichen die Stacheln des Stachelſchweins von Kanada, nachdem ſie in die Haut getrieben wor - den, in den Zwiſchenraͤumen der Muskeln weiter unter der Haut vor, bis ſie endlich, wenn ſie das Eingeweide zerrizzet, den Tod nach ſich ziehen(u)sarrazin Mem. de l’ac. d. ſci. 1727. S. 392.. Eben ſo oͤffnete ſich eine verſchlukte Grasaͤhre einen Weg durch die Seite(x)parevs de monſtr. S. 458.. Man ſchnitte eine herabgeſchlungne Steck - nadel aus einer Blutader des Fingers heraus(y)Zod. med. gall. an. 2. S. 88. act. litt. Suec. ann. 1724. S. 602., und es kam eine Gerſtenaͤhre, die jemand zu ſich genommen, nach einiger Zeit in einem Lendengeſchwuͤre wieder zum Vorſchein(z)Marc. donatvs hiſt. med. S. 746. dergleichen Begebenh. in Nov. lit. mar. balt. 1707. Mon. Merz. dolge in einer beſond. Streitſchr.. Dergleichen Erſcheinungen mehr fuͤhre ich nur mit der Benennung ihrer Verfaſſer an(a)Eine verſchlukte Spindel durchborte die Gegend der Leber Valiſnier. op. T. I. S. 360. Steknadeln aus den Fingern wie - der hervorgezogen. Ebendaſ. Eine Steknadel hatte ſich zu den Fuͤſ -ſen herabgewandt. Mem. de l’ac. de chir. Band 1. Ausgabe 12. Th. 3. S. 91. aͤhnliche Faͤlle eben da, und beim H. van moinichen obſ. 21. 22. Ephem. nat. cur. dec. 2. ann. 3. obſ. 59. Eine Lanzet - tenklinge war beim Aderlaſſen abgebrochen, und kam hinter den Ohren wieder hervor. Alex. be - niven de abdit. rer. cauſ. S. 31. b.. Es hatte ſich jemand eine Nadel in den Arm geſtochen, und dieſe kam nach einigen Jahren aus der rechten Bruſt heraus(b)Phil. trans. N. 461.; und noch eine andre, die man ſich nahe an dem ringfoͤrmigen Handbande hineingeſtoſſen, machte ſich ganz oben am Arme ſechs Jare darauf wieder Luft, und man zog ſie an dem Orte heraus(c)ravaton Trai. des ar - mes a feu. S. 22.. Bleierne Flintenkugeln, die durch die Bruſt gefahren waren, fie - len durch ein Eitergeſchwuͤr an den Hinterbakken her - aus(d)Prax. med. L. I. S. 143.. Aus einem dergleichen Geſchwulſte neben denHinter -29des menſchlichen Koͤrpers. Zellgewebe. Hinterbakken hat man ein Eiſen, das unter dem Schul - terblate hineingeſtoſſen worden, neun Jare darauf wieder erhalten(e)And. a cruce chir. mag. Lib. II. S. 104.. Eine in die Hinterbakken gedrungne Stekna - del machte ſich durch die Duͤnnungen endlich Platz(f)parevs de monſtr S. 442..

Es iſt noch der Zuſammenhang zwiſchen den ver - ſchiednen Lagen des Zellgewebes zu zeigen uͤbrig(g)Die Zellſtreife uͤber einenjeden Theil am Koͤrper hat der beruͤhmte Schobinger in ange - zeigt. Streitſchr. entworfen. Siehe ferner winslow des tegum. N. 68.. Jch mache den Anfang vom Kopfe. Demnach ſtehen die zelligen unter der Haut gelagerten Raͤume oder dieſes Nez mit eben dergleichen Raͤumen am Halſe, ferner laͤngſt den Ruͤkkenwirbeln mit dem Bruſtzellgewebe, mit dem zweibeutligen Mittelfelle hinterwerts, mit dem Umfange des Herzbeutels, mit den um das Ribbenfell gelagerten Flokken, die den Muskeln zwiſchen den Ribben zugeordnet ſind, augenſcheinlich in Verbin - dung. Hiernechſt wendet ſich das Zellgewebe mit der groſſen Schlagader ohne Aufenthalt hinter dem Zwerg - felle weiter bis zu dem Striche der Zellplaͤttchen, die die Lendenwirbel beruͤhren, zu dem geſamten Umfange des Darmfells von auſſen her, zu denen Zwiſchenraͤumen der Gekroͤſeblaͤtter und ihrer hintern Seite, zu dem Fette an den Nieren, zu der faͤchrigen Beſchaffenheit, die die aͤuſſern Membranen an den Eingeweiden des Un - terleibes begleitet, und von dem erſtern Zellgewebe nebſt den Gefaͤſſen ſelbſt zu dem zweiten Zellgewebe des Ma - gens und Gedaͤrmes fort. Von der Lendengegend ſtei - get es nebſt den Krumdarmsgefaͤſſen zu der Huͤfte und laͤngſt den ganzen Fuß vorne zu herab. Dieſes iſt die Hauptkolonne des Zellgewebes, und es begleitet alſo die Paͤkke der Gefaͤſſe, die neben ihm lauffen: Ein Theil dieſes Nezzes wendet ſich mit den Saamengefaͤſſen zu den Hoden herab, ein andrer bekleidet die Gebaͤrmut -ter,30Erſtes Buch. Elementartheileter, die Harnblaſe, und beide Seiten vom Maſtdarme, indem es ſich auf dieſem Wege allezeit auswendig ans Darmfell anhaͤngt, und ſein Entſtehn von den Lenden - wirbeln empfaͤngt. Ein andrer Aſt vom Zellgewebe be - gibt ſich durch das eirunde Loch des Schaambeins nebſt den uͤbergeſpanten Gefaͤſſen zu der Huͤfte hin, ein an - drer Zweig durchboret die Spalte des Huͤft - und Heili - genbeins, und krichet zu den Hinterbakken, zu dem Um - fange des Hintern und zur hintern Huͤfte weiter fort. Hie und da verbindet ſich dieſes faͤchrige Gewebe, wo es tiefer liegt und ein Gefolge von Gefaͤſſen neben ſich hat, in den Zwiſchenraͤumen der Muskeln mit dem uͤbrigen Zellgewebe unter der Haut, dergeſtallt umkleidet es nebſt den Gefaͤſſen und Muskeln die geſamte Laͤnge vom Fuſſe. Die Aerme empfangen ihre ſchwammige Natur von dem Zellgewebe, das die Schluͤſſelpulsader umſchliſſet; von einem zweiten Zellgewebe unter der Haut, und von der aͤuſſern Zellhaut des Oberleibes, die den Muskel des Schulterblates von unten unterſtuͤzzet. Folglich findet keine Zweideutigkeit mehr darinn ſtatt, wie die Luft oder das Waſſer von der Augenhoͤle oder Stirn in die Bruſt, oder in die Unterhaut der Bruͤſte, in Aerme, und Fuͤſſe, in die Gegend des Gekroͤſes oder den Um - fang des Ribbenfells hinkommen koͤnne. Es iſt zu ver - muten, daß beide jetzt genante fluͤſſige Weſen mit den Blutgefaͤſſen in die Ruthenfaͤcher, und zwiſchen die Zellchen der glaͤſernen Augenfeuchtigkeiten zugleich mit eindringen. Denn es beſizzen alle Gefaͤſſe, wie wir ge - ſagt haben, ihre faͤchrige Scheiden. Hierbei laſſen wir die uͤbrige dunklere Stellen im Naturbuche weg. Zu - lezt werden noch die Werkzeuge der Verwundungen, von dem wechſelweiſe Aufſchwellen und Verengern der Mus - keln, ſo wie durch ihr eignes Gewicht weiter fort be - wegt: Waſſer und Eiter helfen ſich faſt mit ihrer Schwere allein weiter fort.

Das31des menſchlichen Koͤrpers. Zellgewebe.

Das bisher erzaͤlte machet das Zergliedrungsmeſſer erweislich, und es iſt eine an ſich wohl bekannte Sache. Jndeſſen ſchliſſet man billig von dem weitleuftigen Ge - biete dieſes Zellgewebes, auf deſſen fuͤr unſren Koͤrper ausnehmenden Nuzzen. Um alſo das Fett und den in - nern Dunſt im Koͤrper, fuͤr die unſre Zellhaut Faͤcher und Hoͤlungen bauet, aus dem Geſichtspunkte zu ruͤkken, betrachte ich hier nur das Hauptgeſchaͤfte des Zellgewe - bes, welches darauf ankoͤmt, daß es allen und jeden Theilen unſers Koͤrpers ihre gehoͤrige Feſtigkeit beſtim - met, wodurch der Schoͤpfer ſeine unendlich weiſe Ab - ſichten befoͤrdern will. Zerſtoͤret man dieſes Gewebe, ſo ſchwanken die Nerven, Muskeln, Gefaͤſſe und Mem - branen aller Orten ungewis umher, ſie wiederſtehen denen Saͤften nicht laͤnger, die in ihnen laufen, ſie werden von dem Muskelſiſteme nicht mehr nachdruͤklich genung beherrſcht und im Gehorſam erhalten, ſie werden von ihrer Stelle nach andern hingeworfen. So wie man nur dasjenige Zellgewebe, welches die Schlag - und Blutadern von auſſen bekleidet, aus dem Wege raͤumt, ſo bluͤhen ſo gleich die Pulsadergeſchwuͤlſte und Blut - aderkroͤpfe an den verlezten Stellen hervor, und man kan dieſe, laut unſren Verſuchen, kuͤnſtlich nachmachen(h)haller. Memoir. II. ſur le mouvem. du ſang. S. 238. und364. Exp. 93. 94. 96. 97. 98. 101. 145. 180. 230.. Durch dergleichen Verſtuͤmlung, wird ein Nerve laͤnger, als gehoͤrig, da denſelben zuvor ſo viele unzaͤlbare Faͤden, ohne Zweifel, zu deſſen groͤſtem Nuzzen, verkuͤrzen und ſo zu ſagen runzeln muſten. Eben dies Geflechte von Faͤcherchen verbindet die Membranen unter einander, es theilet dem Gedaͤrme ſeine Dauer mit, es ſtaͤrkt den Magen und die geſamte Behaͤltniſſe im Koͤrper, da dieſe auſſerdem in ihrem erſchlafften Zuſtande allen Angrif - fen von der Luft und den Fluͤſſigkeiten nachgeben muͤſten und unnuͤzze wuͤrden, woferne nicht die MuskelartigeMem -32Erſtes Buch. ElementartheileMembran, mit der nervenhaften, und der aͤuſſern Be - kleidung, eins mit dem andren, durch Huͤlfe der Zell - faſern verbunden waͤre. Befeſtigte ferner das Zellge - webe nicht das Darmfell an das Zwergfell, an den Bruſtknochen das Mittelfell, an die Sehnen des groͤ - ſten Bauchmuskels das Darmfell, ſo wuͤrde weder das Baucheingeweide an ſeinem Orte bleiben, noch der Herz - beutel, und folglich auch nicht das Herz ſelbſt, eine Feſtigkeit beſizzen, und es wuͤrden die Bruͤche nicht lange mehr auſſenbleiben. Da eben die Zellhaut die Ge - meinſchaft unter den Druͤſenkoͤrnchen und dem Einge - weide unterhaͤlt, ſo ſchreibt ſie zugleich dem Eingeweide ſeine abgemeßne Zaͤhigkeit vor; und man trift auch dies Eingeweide dauerhaft und aͤuſſerſt feſt, wo das Zellge - webe wenig und nur mager iſt, dagegen aber weich an, wenn das Geflechte haͤufig, langgeſtrekt und fettreich erſcheint. Es verbindet das Ohr mit dem Kopfe, und es iſt das gewoͤhnlichſte Band, womit die Natur benach - barte Theile zuſammenhaͤnget. Daher koͤmt es eben, daß die uͤber den Nieren gelagerte Druͤſen, ſobald man die Faͤden des Zellgewebes enzwei ſchneidet, nach ent - fernten Gegenden, die weit von den Nieren liegen, und gegen die Staͤmme anſehnlicher Gefaͤſſe hingetrieben werden(i)Nach der Abbildung die Bartholin davon gibt in anat. 4. re[n]ov. T. 20., und ſich verirren.

Ob nun ſchon das Zellgewebe dem menſchlichen Koͤr - per und den mehreſten Theilen ihre Feſtigkeit gibt, ſo er - haͤlt doch auch daſſelbe eben die Theile ſo bewegbar, als es ihre Lage und deren Unveraͤnderlichkeit erfordert. Es iſt Urſache, daß verbundne Theile ſich mit einiger Frei - heit uͤber einander bewegen koͤnnen, daß ſie nicht zuſam - men wachſen, noch ſteif werden: und das ruͤhrt davon her, weil das Zellgewebe claſtiſche und dehnbare Faͤdenbeſizzet.33des menſchlichen Koͤrpers. Zellgewebe. beſizzet. Daher fuͤgt es ſich, daß Muskeln mit der Haut zu einem Stuͤkke werden, ſobald das Zellgewebe, das ſich unter der Haut ausbreitet, vernichtet worden; ſie verlie - ren alsdenn den beſten Theil ihrer Bewegbarkeit, und lei - den dabei ſo ſehr, daß das Uebel einer Gelenkſteifigkeit gleich zu achten iſt(k)Jn der Abhandlung vom Fette wird es ausfuͤhrlicher be - ruͤhrt werden.. Eben das iſt auch die Urſache, daß Druͤſen, die ſich erſt zu bewegen alle Freiheit hatten, mit der Haut zu einem Ganzen werden, ſobald das Zell - gewebe vermittelſt einiger weiſſen Saͤfte zu einem troknen Geſchwulſte verhaͤrtet iſt: ohne daran zu gedenken, was die Nuzbarkeit dieſes Gewebes noch ferner entwikkeln koͤnnte(l)boerhaave, Prael. ad inſt. rei. med. N. 412..

Endlich beſtimmet daſſelbe die Geſtalten und Biegun - gen derer Koͤrpertheile vorzuͤglich. Das Saamenblaͤs - chen(m)S. dieſes Blaͤschens Be -ſchreib. in halleri Pr. lin. Phyſ. N. 784. ingl. in Phil. trans. N. 494. u. im Progr. de viis ſeminis. , welches, ſich ſelbſt uͤberlaſſen, und wenn es von den Zellfaͤden abgeſondert worden, ein kleiner Darm mit vielen Blindgedaͤrmen iſt, wird durch Huͤlfe der Zellfaͤ - den in einen ſehr kurzen, verwikkelten, gleichſam viel - beutligen Knaul zuſammen gerunzelt. Der Hals der Gallenblaſe bekoͤmt ſeine dem Kopfe eines Voͤgelchens aͤhnliche Kruͤmmung von dem Zellgewebe; er verlieh - ret aber ſogleich dieſelbe, wenn man dies Gewebe auf die Seite ſchaft. Die Grimmdarmsklappe(n)Prim. lin. Phyſ. N. 719. Progr. de valvula coli. Gott. 1742. bekoͤmt allein von dieſen Zellfaͤden ihr Weſen, vermittelſt deren der Grimm - und Krumdarm vereinigt wird, und ſobald dieſe Faͤden verſchwinden, ſo verſchwindet auch zugleich die Klappe mit denenſelben. Der Bogen, den die Schlaf - pulsader unter dem Hirnſchedel beſchreibt(o)Icon. anat. Faſcic. VII. S. 1., entſteht nicht allein von dem Zellgewebe, ſondern es wird auchdie34Erſtes Buch. Elementartheiledie Schlafpulsader lang, und ſie dehnt ſich gerade aus, wenn das Zellgewebe Riſſe bekoͤmt. Daher drehet ſich an erwachſenen Perſonen die Milzſchlagader um ſo viel mehr zuſammen, je haͤrter das Zellgewebe iſt, das dieſe Schlagader runzelt. Jedoch bringt auch dies Gewebe, wenn es ſich verhaͤrtet, die Kuͤgelchen, die in der Niere der menſchlichen Frucht einzeln und entfernt von einander liegen, nach und nach naͤher zuſammen, bis ſich endlich dadurch die Zwiſchenraͤume aufheben, und die erſten Ab - theilungen zu einem einzigen Eingeweide machen laſſen, die jedennoch die alte Figur wieder annehmen, ſobald man in die Faͤcher derſelben Waſſer hineinleitet(p)Milzſchlagader. halleri Prim. lin. Phyſ. n. 753. von den Nieren. cowper Phil. trans. n. 280. von der Muskelbewegung. schebbeare Pract. of phyſ. T. I. S. 80. 89. 108. la Caze Specim. nov. med. conſp. Idee de l’hom - me phyſ. et mor. S. 151. alle feſte Theile ſind ein Zellge - webe. Prim. lin. Phyſ. n. XI. dieweitleuftige Ausbreitung des Ge - webes hatte der Verfaſſer laͤngſt zuvor in Comment. in prael. Boerh. T. II. p. 66. gezeigt, ob er den Umfang dieſer Jdee gleich zu der Zeit noch nicht vollkommen einſah. Alex. monroo Eſſay of a ſociety at Edim. Vol. V. S. 286, trieb Luft in die Membranen.. Glei - chergeſtalt vernichtet man die Geſtalt der thieriſchen Theile, wenn man das beſchriebene Gewebe leichtſinniger weiſe, als ob es von keinem Nuzzen waͤre, hinwegraͤumt.

Da das Zellgewebe alſo dem menſchlichen Koͤrper ſo viele Vortheile ſchaft, ſo bedarf es keiner uͤbertriebnen Erhebung, und die Sache erfordert es eben nicht, daß man es, da es an ſich unempfindlich iſt, vor ausgedehnte Endigungen der Nerven, oder vor das Werkzeug der Muskelbewegung, ausgebe, als ob das in die Zellchen ſich ergiſſende Flieswaſſer, welches von der Thierhizze verduͤnnet worden, dieſe Bewegung zur Wirklichkeit braͤchte. Es befindet ſich auch nichts bandſehniges und nerviges in dem zellfoͤrmigen Gewebe; daß es daher alſo nicht das Recht hat, ein zellfoͤrmiges Empfindungs - werkzeug zu heiſſen, oder daß man vermuten koͤnnte, als entſtuͤnden durch die wechſelweiſen Wirkungen dieſerSaͤfte35des menſchlichen Koͤrpers. Membranen. Saͤfte in dem menſchlichen Koͤrper die mehreſten Bewe - gungen; dergleichen Eigenſchaften neulich la Caze, ein Veraͤchter anatomiſcher Beſchauungen, von dem Zell - gewebe behauptete.

Dritter Abſchnitt. Die Membranen.

Wir muͤſſen noch erklaͤren, wie weit ſich das Gebiet des Zellgewebes, uͤber die ihm bisher zugeſtandne Grenzlinie, ausbreitet. Jch trage hier Neuigkeiten vor, wenigſtens ſind es ſolche, die vor der Herausgabe meiner Prim. lin. Phyſiol. kaum bekant waren, und ich dringe eher auf keinen Beifall, wenn ich meinen Saͤzzen nicht vorher mit Verſuchen und Gruͤnden ihr Weſen geben kann, da ich hier mehr als gangbare Meinungen be - haupte. Die Erfarung hat mich gelehrt, daß beinahe alle feſte Theile an unſerm Koͤrper nichts als ein enge geſtriktes und dicht durch einander gewikkeltes Zellgewebe ſind. Wenigſtens finde ich es in den Verſuchen gegruͤn - det, daß alle Membranen, ohne alle Ausname, die Ge - faͤſſe, welches nur hole Membranroͤhren ſind, daß ferner das Weſen (parenchyma) der Eingeweide, daß Baͤnder, vielleicht auch die Sehnen, Knorpel, und ein groſſer Theil von den Knochen ein Zellgewebe ſind, oder es we - nigſtens ehedem geweſen ſind.

Folglich bilden ſich die gemeinſchaftlichen Membra - nen der Muskeln, die beſondre und die Scheidewaͤnde derſelben, welche leztere ſich zwiſchen den Aermen der Muskeln herab begeben, blos aus dem zelligen Gewebe, welches man dadurch erweislich machen kann, wenn man nach den fleiſſigen Verſuchen des beruͤhmten Monroo Luft zwiſchen dieſelbe hineintreibt. Gleichergeſtalt laͤſt ſich das Spinngewebe im Gehirne, welches man an demC 2Ruͤkken -36Erſtes Buch. ElementartheileRuͤkkenmarke fuͤr eine weit ausgedehnte und feſte Mem - brane haͤlt, am Gehirngrunde, und zwiſchen den beiden Halbkugeln in lauter faͤchrige Blaͤschen verwandeln. Die Membranen, welche von Zergliederern, die in guten Anſehn ſtehen, vor ſehnige Druͤſenbekleidungen ausgege - ben worden, zerlegen ſich in der Druͤſe, die an den Oh - ren, und in einer andren, die im Winkel des Kinbakkens hingepflanzt iſt, augenſcheinlich in zellfoͤrmige Faͤden. Auch die Unterhaut ſcheinet, wenn man ſie obenhin be - trachtet, zwar an ſich feſte zu ſeyn, an der Seite naͤm - lich, wo ſie nach dem Oberhaͤutchen hin gewandt iſt; ſie wird aber viel ſchlaffer, und ſtrekket Blaͤtter und Plaͤtt - chen an der Flaͤche von ſich, wo ſie an das Fett grenzt(q)lvdwic de humore cutem inung. S. 8.. Auf gleiche Weiſe verwandelt ſich die harte und elaſtiſche Bekleidung, die man an der groſſen Schlagader vor ſeh - nig haͤlt, wie auch das Knochenhaͤutchen, welches die haͤrteſte von allen Membranen iſt; imgleichen der ſehr harte Sak, der den faͤchrigen Ruthenkoͤrper zuſammen - haͤlt, blos nach der Vorſchrift des Meſſers, und wenn man allmaͤlich die Schuppen wegnimt, in lauter faͤchrige Plaͤttchen, ſo daß man weiter keine Materie in den Haͤn - den uͤbrig behaͤlt, ſondern alles, was vorher noch ſo feſte zu ſeyn ſchien, jezzo in zellartige Blaͤtter zerfaͤllt.

Naͤchſt dieſen ungemein leichten Verſuchen, die ſich einem nachlaͤßigen Zergliederer beinahe von ſelbſten an - bieten, habe ich noch andre mehr angeſtellt, und entweder Luft oder Waſſer in die verengerte Raͤume eines der - gleichen Zellgewebes hineingebracht, welches man insge - mein vor eine Membrane anſieht; dadurch habe ich dieſe Membrane zu einem Zellgewebe aufgeloͤſt. Folglich kann man die weiſſen und ſich weit erſtrekkende ſehnige oder nervige Membranen des Magens, derer Gedaͤrme, und der Harnblaſe, ob ſie gleich die einzigen ſind, diedieſen37des menſchlichen Koͤrpers. Membranen. dieſen holen Behaͤltniſſen ihre Feſtigkeit geben, durch hineingeblaſene Luft, oder vermittelſt einer kleinen Ver - wundung, oder wenn man dieſe Saͤkke umkehrt und durch eine Roͤhre Luft hineintreibt, dergeſtalt in eine flokkige weiſſe Wolle verwandeln, daß davon weiter nichts, als eine Art von Baumwolle uͤbrig bleibt. Der vortrefliche Albin hat daruͤber Verſuche an dem Gedaͤrme(r)Bernh. Siegf. Albin in C. Beruh. ſeines Bruders Streitſch. de Inteſt. tenu. n. 8. 14. und ohn - laͤngſt im Lib. II. adnot. academ. Von der Bekleidung der Manns - ruthe und dem zellartigen derſel -ben ſ. v. haller Prim. lin. Phy - ſiol. N. 795. 774., und ich an dem Magen, und der Harnblaſe angeſtellet, da denn beider Zellhaͤute ſchoͤn weis und wie ein Schaum ausſahen, und die Zierlichkeit der Haut des Gedaͤrmes uͤbertrafen. Eben die Einblaſung macht den vom Ruyſchen als nervig beſchriebenen Ueberzug der Manns - ruthe, das Band derſelben, und die ſogenante Hoden - muskelhaut, zu einem wahren in Faͤcher getheilten Schwamme.

Bei andern Membranen kann man ſich des Waſſers mit groͤſſerem Nuzzen, um ihre faͤchrige Beſchaffenheit vor Augen zu legen, bedienen. Das Waſſer ſchleicht ſich auf die Art, wie in die Loͤcher des Zukkers und der Haarroͤhrchen, allmaͤlich in die kleine Hoͤlen und Faͤcher der Membranen, wenn es auch die haͤrteſten waͤren, ein; es trennet die Faſern und Plaͤttchen von einander; es verwandelt die Membranen in eine ſchwammig lokre Scheerwolle, aus der ſie urſpruͤnglich entſtanden ſind. Dieſen Verſuch hat Vieuſſens(s)Raymund vievssens nov. vaſ. corp. hum. ſyſt. S. 83. 84. 85. 88. Dav. Chriſt. Schobin - gers angef. Streitſchr. S. 72. 73. zuerſt unternommen, und ſich dadurch uͤberreden laſſen, gar keine Muskelmem - brane mehr in der Schlagader zu geſtatten, weil derſelbe, an der Schlagader, nach einer langen Einweichung im Waſſer, nichts als ſchwammiges entdekken konnte. Auf eben die Weiſe habe ich die Unterhaut, die harte Gehirn -C 3haut,38Erſtes Buch. Elementartheilehaut, den Herzbeutel, das von allerlei Gegenden herge - nommene Knochenhaͤutgen, das Darmfell, die harte Augenmembrane (ſclerotica) im Waſſer geraume Zeit eingeweicht, und es ſind alle dieſe Membranen endlich zu einem flokkigen Schwamme geworden, wobei der Erfolg derer Verſuche jederzeit uͤberein geweſen. Eben dieſe Verſuche hatte Schobinger vor langer Zeit und nur neulich noch, wie ich aus dem Schreiben dieſes redlichen Mannes ſehe, vor ſich wieder angeſtellt. Vermittelſt des Waſſers laſſen ſich eben ſowohl die einzelne Druͤſen - kugeln, die Gebaͤrmutter, die faͤchrige Ruthenkoͤrper, und die an der weiblichen Ruthe, in ein aͤhnliches Zellge - webe und Plaͤttchen aufloͤſen; und es ſcheidet das Waſſer an den Eingeweiden und Druͤſen augenſcheinlich das Weſen derſelben in Gefaͤſſe und in zellfoͤrmige Faͤden von einander, welche Ruyſch vermittelſt eben der gedachten Einweichung, nebſt den ledigen Gefaͤſſen, von den Schlag - aͤderchen des Eingeweides, die mit einem angenem in die Augen fallenden Talge ausgefuͤllt waren, abzuſondern pflegte(t)boerhaave in Praelect. ad inſt. rei med. T. II. S. 373. Von einer zerriſſenen Gebaͤrmutter, die ſich in ein zellfoͤrmiges Gewebeverwandelte, hat der Verfaſſer Nachricht gegeben in ſ. Op. pa - thol. obſ. 38. hiſt. 2. 3..

Jch glaube, man koͤnne noch auf andre Art erweis - lich machen, daß unſer Zellgewebe die dichten und feſten Membranen ausmacht, weil ich kurz zuvor gewieſen, wie ſich die dichteſte Membranen in ein dergleichen zellig Gewebe aufloͤſen lieſſen. Die Hautgeſchwuͤlſte entſtehen von freien Stuͤkken mitten in dem Zellgewebe unter der Haut: in einem von deſſen Faͤcherchen, oder in mehrern faͤngt das Oel an zu ſtokken, indem es blos von der un - gemein zarten Membrane dieſes Faͤcherchens eingeſchloſ - ſen und getragen wird. Wenn eins von dergleichen Faͤ - cherchen ausgedehnt wird, und ſein empfangnes Oel nicht wieder ausſchuͤttet, ſo druͤkkt es allmaͤlich die be -nachbarten39des menſchlichen Koͤrpers. Membranen. nachbarten Raͤumchen zuſammen, es entwendet ihnen durch dieſe preſſende Gewaltthaͤtigkeit ihr Oel, welches mit der Zeit mitten zwiſchen den Faͤcherplaͤttchen hart wird, anwaͤchſt und verurſachet, daß dergleichen Plaͤtt - chen, und wie man weis, jederzeit viele von ihnen auf einmal, unter ſich zuſammenwachſen: folglich bekoͤmt man ſtatt eines ſehr weichen ſchwammigen Gewebes eine dikke, ſehr feſte, und gar knorplige Membrane, deren Durchmeſſer wohl zwo Linien betraͤgt(u)Des Verf. Prim. lin. Phy - ſiol. n. 11. Schreiben des Cipri - ans de fetu tubario, p. 57. Der Sak iſt in dem Waſſerbruche bis -weilen auf zwey Drittheile eines Zolles dick. dovglas de Hydro - cele. , auf eben die Art, wie ſich an den Baͤumen das zellfoͤrmige Gewebe in das Holz verwandelt(x)Ludwig am angef. Ort.. Jch habe dieſe Ausartun - gen oͤfters an der Schilddruͤſe und den einzelnen Druͤſen - kuͤgelchen, die zu dem Schlunde gehoͤren, wahrgenommen.

Es hat daher allerdings das Anſehn, daß die ziem - lich uͤbereinſtimmende Natur des Zellgewebes und der Membranen bisher noch unter ſich darinnen verſchieden ſey, weil es noch ſo lange immer ein Zellgewebe bleibt, als die Hoͤlungen deſſelben mit haͤufigem Dampfe, mit Waſſer oder Gallerte und Fette erfuͤllt ſind, wodurch die benachbarte Faͤcherchen in einer gewiſſen Entfernung von einander gehalten werden; und daß hingegen eben dieſes Zellgewebe erſt den Augenblick zu einer Membrane wird, wenn dieſe Fluͤßigkeiten verfliegen, oder herausgetrieben worden, und die naͤchſten Faͤden ſich zu beruͤhren, und ſich einander anzuziehen anfangen, wobei die durch einander verwikkelte Plaͤttchen veranlaſſet werden, in ein Stuͤkke zuſammen zu wachſen. Denn es iſt oben gezeigt worden, daß der Druk allein ſchon vermoͤgend ſey, ein Zellgewebe in eine Membrane, und die Auflokkerung hingegen eine wahre Membrane in ein ſchwammiges Geflechte zu ver - wandeln.

C 4Wenn40Erſtes Buch. Elementartheile

Wenn nun aus dem Zellgewebe Membranen, wenn aus Membranen, die ſich aufrollen, Gefaͤſſe, wenn aus Gefaͤſſen, und deren zellfoͤrmigen Scheiden, die Ein - geweide gebildet werden, wenn uͤberdem die Fleiſch - kluͤmpchen der einzelnen Druͤſenkuͤgelchen ein bloſſes Zell - gewebe ſind, ſo erhellet daraus, was vor ein anſehnlicher Theil von unſrem Koͤrper aus derjenigen Materie beſte - het, die man ſo viel Jarhunderte lang fuͤr eine Nichts - wuͤrdigkeit angeſehen hat.

Vielleicht ſind dieſes noch nicht einmal die Grenzen von dem zellfoͤrmigen; denn die Sehnen, wenigſtens ei - nige, breiten ſich augenſcheinlich in eine zellfoͤrmige Mem - brane, die einer harten Membrane ganz gleich koͤmt, un - ter dem Namen des Sehnenbandes (aponeuroſis) aus; andre laſſen ſich, wenn man ſie nur mit den Fingern von einander zieht, in eine wirkliche Membrane verwandeln. Jch habe dieſe Probe ſeit langer Zeit mit der Sehne des Fusſolenmaͤusleins angeſtellt. Es wird dieſe Vermu - tung noch viel wahrſcheinlicher, wenn man uͤberlegt, daß die Sehnen, eben ſo wie das Zellgewebe, weder reizbar, noch empfindlich ſind. Allein ich ſezze noch die genaue - re Unterſuchung hieruͤber bis zu einer andren Gelegen - heit aus.

Ferner ſcheinen die Knorpel vermutlich aus dem ela - ſtiſchen Zellgewebe ihren Urſprung zu nehmen; denn es laſſen ſich die Knorpel an erwachſnen Perſonen, und an Knaben noch beſſer, beſonders an den Ribben, auf eben die Weiſe, wie die zellhafte Membrane der groſſen Schlag - ader, nach und nach in Schuppen auflokkern: und um - gekehrt veraͤndert eine Krankheit das Zellgewebe in einen wahren Knorpel, wie an den Membranen der Kroͤpfe oͤfters vorkoͤmt, und wie wir anderswo zeigen werden. Vor der Hand nenne ich nur einen geſchikten Zeugen, dem man voͤllig glauben kann(y)warner Caſes in ſurgery. S. 164..

Daß41des menſchlichen Koͤrpers. Membranen.

Daß die Knochen aus dem Knochenhaͤutchen erzeugt werden, hat ein durch Verdienſte erhabner Mann(z)Man wird dieſe Streitig - keit anderswo beruͤhren; indeſſen muß man den Franz du Hamel nicht ohne Ehrerbietung an die - ſem Orte erwaͤhnen., der ohnlaͤngſt ſeinen Vertheidiger gefunden, behauptet(a)de la Sone Comment. acad. reg. ſcient. Paris. 1751.. Ob mich nun gleich andre Gruͤnde, dieſer Meinung bey - zupflichten, noch zuruͤkhalten, ſo ſind dennoch, wie der Augenſchein lehrt, die lokkre Knochenanhaͤngſel (epiphy - ſes), beſonders an Kindern, voller Faͤcher, die ſich blos durch ihre Haͤrte von der oftgenanten Faͤcherhaut unter - ſcheiden.

Es gibt aber im menſchlichen Koͤrper zweierlei Arten von Faſern, die ſich vermoͤge ihres Geſchaͤftes von den Faͤden des Zellgewebes entfernen. Erſtlich ſcheinet die Muskelfaſer, die allemal gerade und mit den benachbar - ten von ihres gleichen jederzeit parallel laͤuft, da ſie ſich nirgenswo mit einigen Zweigen an die benachbarte Fa - ſern wirklich anhaͤngt, und da ſie eine Reizbarkeit beſiz - zet, allerdings von andrer Beſchaffenheit zu ſeyn. Fer - ner mus man das Gehirnmark, und die daher entſtehen - de markige Natur der Nerven, ſowohl wegen des ſehr ein - fachen Baues, als auch wegen der ununterbrochen fort - gefuͤhrten Laͤnge, und gerader Richtung der Faſern, die ſich in den Nerven niemals verwirren oder verwikkeln, ferner wegen der reizbaren Beſchaffenheit, von dem Zell - gewebe unterſcheiden, ob der beruͤhmte de la Caze(b)Idde de l’hom. phyſ. et mor. S. 326. gleich, ohne ſeinen Scheinſaz mit den geringſten Gruͤn - den zu unterſtuͤzzen, beides unter einander gemiſcht hat. Jch habe bereits erinnert, daß unſer Zellgewebe ohne Empfindungen und unreizbar iſt.

Es moͤchte zwar, was ich hier von dem Zellgewebe geſchrieben, ſehr vielen als was Neues vorkommen, da ich wenigſtens davon nichts vor dem Jahr 1747. be -C 5kannt42Erſtes Buch. Elementartheilekannt gemacht: ich mus demnach anzeigen, daß es weder voͤllig neu geweſen, noch daß ich das geringſte ohne den Erweis von groſſen Maͤnnern vorgetragen habe. Hart - ſoeker hat bereits(c)Suite des conject. phyſ. S. 93. Nikol. Hartſöker. das thieriſche Gebaͤude vor eine Zuſammenſezzung von Gefaͤſſen und zellfoͤrmiger Mate - rie angeſehen. Nach ihm lehrte Cowper(d)Beim Keil of anim. ſecret. S. 129. Willh. Cowper. , daß alle Membranen offenbar blaͤſig waͤren, und ſich durch Ein - blaſungen in ein zellartiges Geflechte verwandeln lieſſen. Man weis, was man dieſem Manne in der Zergliede - rungskunſt vor ein Anſehn zugeſtehen mus. Ferner ſchrieb Morgan(e)Mechanic. pract. of phyſik. S. 338. Thom. Morgan. , ein wunderlicher Kopf, und der ſich zu Gefallen alles glaubte, daß die Gefaͤſſe ſelbſt aus derglei - chen Gewebe beſtuͤnden. Allein Boerhaavens bewun - dernswuͤrdige Beredſamkeit brachte die hie und da zer - ſtreute Stimmen einiger wenigen bald zum Schweigen; und erſt damals laß ich die jezo angezognen Stellen der groſſen Maͤnner zum erſtenmale, oder mit Aufmerkſam - keit durch, da mich meine Verſuche laͤngſt ſchon veran - laſſet hatten, meinen vorigen Meinungen zu entſagen. Eben dieſe Theorie hat auch Thierry(f)Franz. Thierry Streitſchr. Derowegen entſtehen die haͤufig - ſten Krankheiten in dem Zellge -webe, und folglich hat auch die Heilungskunſt hierauf ihr Abſehen zu richten. Paris, 1749. 4., und ohnlaͤngſt ei - ner unter einem falſchen Nahmen(g)Der ein Buch unter dem Titel Archangelus piccolho - minevs geſchrieben., nebſt andern, nach der Zeit, da ich meine Schriften herausgegeben, behauptet(h)Unter andern Joh. Dou - glas de Hydrocele, Lond. 1755. 8 S. 46..

Es iſt noch uͤbrig, daß ich die jetzt erzaͤlte Theorie noch mit einem Stuͤkke von ihrer Geſchichte verbinde, da man ſiehet, daß ſie von den meiſten Aerzten in Europa faſt durchgaͤngig angenommen wird. Man erfuhr aus Ruyſchens Verſuchen, daß die weiſſe und blutloſe Saa - menmembranen ſich uͤber und uͤber roth faͤrben lieſſen, ſobald43des menſchlichen Koͤrpers. Membranen. bald man die Schlagaderſtaͤmme mit dem gefaͤrbten Talge gluͤklich und muͤhſam genung ausſprizzte: dieſes bahnte den Weg zu dem Schluſſe, daß der menſchliche Koͤrper aus lauter Gefaͤſſen beſtuͤnde. Dieſe Meinung trug da - her bereits Duverney(i)Ioſeph dvverney, Mem. de l’ac. des ſci. vor 1699. S. 281. vor, und er nahm an, der Koͤrper enthielte nichts als Gefaͤfſe, und Blaͤschen, in die ſich die Gefaͤſſe oͤffneten. Daß der Koͤrper aus Gefaͤſſen ſeinen erſten Urſprung habe, glaubte Santorin(k)santorinvs de nutrit. N. 9. gleichfalls. Eben dieſes Vorgeben wurde von den Haͤn - den des Pitkarne(l)Archib. pitcarnivs, Boerie Schreiben an den Pitkarn. S. 236. noch beſſer ausgeſchmuͤkket und er - laͤutert; er ſezte die kleinſte Gefaͤſſe aus den kleinſten Mem - branen, und aus dieſen andre, aus dieſen ferner die groͤſ - ſern Roͤhren zuſammen. Hierauf arbeitete Boerhaave die Sache vollſtaͤndiger aus, und er iſt es, der ihr meh - rentheils ihre gegenwaͤrtige Geſtalt gegeben hat. Eine Faſer beſteht aus Erde und Leim(m)Aph. de cog. et cur. morb. N. 21. 23. Prael. ad inſt. rei med. T. III. S. 644.. Vereinigen ſich die Faſern unter ſich, ſo wird das einfachſte oder das an - faͤngliche Membranchen daraus. Rollt ſich dieſes uͤber einander, und waͤchſet ihr Laͤngenrand zuſammen, ſo bil - det ſich das erſte einfache Gefaͤschen daraus(n)Aphor. N. 38.. Umwik - keln und durchſchlingen ſich die erſten einfachen Gefaͤs - chen, ſo entſteht die zwote Membrane daher. Rollt ſich dieſe zuſammen, und waͤchſet ihre Schaͤrfe feſt an, ſo bekoͤmt man das zweite Gefaͤs(o)Gerard van Swieten, zur N. 39.. Aus dergleichen un - ter einander verſchlungnen Gefaͤſſen bereitet die Natur das Zellgewebe, dergleichen man mit glaͤſernen Roͤhr - chen nachmachen wuͤrde, wenn man ſie in einem wollenen Tu - che unter einander verbaͤnde(p)Prael. ad inſt. rei med. T. III. S. 336., oder einweben wollte. Die dritte Membrane erzeuget, um ſich ſelbſt gebogen, das dritte Gefaͤs, und dieſes iſt das erſte, das ſich mitbloſſen44Erſtes Buch. Elementartheilebloſſen Augen erblikken laͤſt. Aus dergleichen Gefaͤſſen wird die vierte Membrane zubereitet, und das gehet auf eben die Art immer weiter fort, bis die groͤſten Ge - faͤſſe, und die groͤbſte dikſte Membranen zum Vorſchein kommen. An andren Orten hat dieſer mein ehemaliger Lehrer ſeine Erklaͤrungsart in etwas eingeſchraͤnkt, und er ſezzte zwar, der ganze Koͤrper waͤre ein Geflechte von Gefaͤſſen(q)Inſt. rei med. N. 214. Vor - leſungen daruͤber. T. II. S. 252. N. 440. u. a., oder ſchlagaderhaften, blutadrigen und nervigen Roͤhrchen; wenn man aber genauer darauf Acht hatte, ſo ſezzte er den thieriſchen Koͤrper blos aus Nerven, als ſeiner urſpruͤnglichen Materie, zuſammen(r)Inſt. rei med. N. 301. Er gibt es als beinahe erweislich an. N. 440. Jch habe in meiner Thiergeſchichte vermutet, daß die Saamenthierchen die anfaͤngliche Nervenfaͤſerchen ſeyn koͤnnten. Die Kraft zu wachſen, ein Ge - flechte von ſich zu ſtrekken, iſt im abgezapften Blute, im Saamen, den man in abgekochtem Waſſer laulich erhaͤlt, und der ſich als eine Thierpflanze in ein Adergeflechte nach und nach ausbreitet, Faſern macht, und zuſammenhaͤngt, alle - zeit ſichtbar zu machen. Folglich beſtuͤnde der Mannsſaamen, 1. aus reizbaren, wachſenden, nezzbilden - den Nervenfaͤſerchen (Saamen - thierchen) oder den urſpruͤnglich -ſten Elementarfaſern eines Thie - res. 2. Aus dem Leime, der ein ſolches Thierfaͤſerchen mit dem andern verbindet, und dem Ge - flechte die Feſtigkeit mittheilt; oder es in den erſten Tagen er - naͤhrt; und ſo ſind Millionen Saamenthierchen nicht zu viel, da viele tauſend Nervenſtaͤubchen, als ſo viele mathematiſche Puͤnkt - chen, erfordert werden, eine kleine Laͤnge oder Faſer zu beſchreiben. Ueberſez. .

Dieſe Theorie nahmen die mehreſten und beruͤhmte - ſten Aerzte der neuern Zeit an, vermoͤge der man die Ge - faͤſſe aus Membranen, und die Membranen wiederum aus Gefaͤſſen herleitete. Aus der Schule unſers beruͤhm - ten Lehrers fuͤhre ich den van Swieten, Roͤm. Kaiſer - lichen Leibarzt(s)Ger. v. Swieten Comm. ad aphor. , von Gorter, Ruß. Kaͤiſ. Leibarzt(t)Ioh. de gorter Comp. med. T. I. S. 4. ſ. fig. 1. 5. 14. 15. 17. 18. 19. 20. 21., Abr. Kaauw Boerhaaven(u)Perſp. Hipp. N. 980., einen Enkel des groſ - ſen Mannes, Schreibern(x)Ioh. Frid. schreiber El. med. phyſ. math. , welche beide der Peters -burger45des menſchlichen Koͤrpers. Membranen. burger Akademie zugehoͤren, und den aͤltern Wintring - ham(y)Clifton wintringham. de Podag. p. 32. an. Jn andern Laͤndern hat man den Ques - nay(z)Franc. qvesnay eſſ. ſ. l’oe - eon. anim. T. III. S. 93., den Ant. Fizes(a)Conſp. mech. ſecret. S. 81., den Joh. Godf. von Berger(b)De tuend. valet. S. 12. 13., den Joh. Gottl. Kruͤger(c)Patholog. S. 128., Sam. Schaarſchmidt(d)Phiſiol. S. 136., G. E. Hambergern(e)Phyſiol. med. S. 329., Georg Cheyne(f)De fibra debili. S. 12., und andre, welche zu nennen uͤberfluͤſſig waͤ - re, zu bemerken.

Jnzwiſchen habe ich die von meinem eben ſo beruͤhm - ten Lehrer, Bernh. Siegfr. Albin, unlaͤngſt herausgege - bene Gruͤnde vor ein paar Monaten in die Haͤnde be - kommen(g)Adn. anat. L. III. p. 11. 13. ed. 1756., wodurch man auch wider Willen veranlaſ - ſet wird, an der Staͤrke der Boerhaaviſchen Gedanken zu zweifeln, ob ich gleich finde, daß eben die Gegen - gruͤnde ſchon vorlaͤngſt von einem andren Schuͤler des groſſen Mannes, Joh. Rogaar, bekannt gemacht wor - den(h)Streitſchr. de Nutrit. Leid. 1744. p. 40 bis 42., und ich trug dergleichen ſchon vor vielen Ja - ren unerinnert vor(i)Comment. ad prael. Boerh. T. II. p. 253. 660. Ausgabe von 1740.. Cheſeldens Vortrag ſchlaͤgt in dieſe Materie ebenfals hinein(k)Anat. of hum. bod. Ed. 6. p. 204.. Der groͤſte Theil bleibet naͤmlich von der Oberflaͤche der Membranen, an denen man ſonſt die Blutgefaͤſſe von beiderlei Gattungen noch am gluͤklichſten ausſprizzen kann, zwiſchen denen aus Gefaͤſſen geflochtnen Nezzen, weis und ungefaͤrbt uͤbrig(l)alrin. ang. Or. S. 5.: eben dieſer unberuͤhrte Theil trennet ſich in der Einwaͤſſerung unter dem Namen des Schleims davon, und faͤllt endlich als ein Bodenſaz nieder. Hiernechſt beweiſen es offenbare Wahrnehmungen an der Zwiſchen - fruchthaut (allantois membrana), an dem Ruͤkkenſpinnen - gewebe (arach. medull. ſpin. ) und am Oberhaͤutchen, daßes46Erſtes Buch. Elementartheilees wirklich groſſe Membranen ohne Gefaͤſſe gebe: fer - ner koͤnnen auch Membranen, die den wahren vollkom - men aͤhnlich ſind, zufaͤlliger Weiſe, oder durch Krankhei - ten hervorgebracht werden, wo ſonſt nicht der geringſte Verdacht auf die Gefaͤſſe geworfen werden kann, derglei - chen mit den Waſſerblaͤschens (hydatis), den bandarti - gen Lungenplaͤttchen, und andern Eingeweiden zu erwei - ſen iſt. Weiter iſt der Theil vom Gehirnmarke, von den Knochen, und den Knorpeln, in ſo weit derſelbe aus Gefaͤſſen beſtehet, ungemein geringe; und man trift die meiſten Thierchen von feſter Beſchaffenheit an, welches die Vielaͤrme des ſuͤſſen Gewaͤſſers beſtaͤtigen, an denen man vermittelſt der ſtaͤrkſten Vergroͤſſerungen nichts von einem Eingeweide, oder herzfoͤrmigen gewahr werden kann.

Jch will indeſſen nicht in Abrede ſeyn, daß die Mem - brangewebe nicht aus Faſern geflochten ſind, die Georg Bagliv(m)Opera omnia. S. 399. nach den Erſcheinungen unter dem Ver - groͤſſerungsglaſe beſchrieben. Eben das gilt auch vom Wilh. Wier Muys(n)De fabr. fibr. muſc. S. 283. 484.. Allein ich zaͤle ſie dennoch oͤf - fentlich zu dem Zellgewebe, als welches allerdings aus Faͤden, die ſich unter verſchiednen Winkeln vergittern, zu - ſammengeſezt iſt. Ferner haben eben die Gewebe in andren Verſuchen ganz allein einen Theil von der Mem - brane ausgemacht, dergleichen in dem Verſuche geſcha - he, da er die Beſchaffenheit der ſehnigen Membrane un - terſuchte: in andren hatten ſie nicht einmal den kleinſten Antheil an der Membrane, wie an dem Geflechte zu erſe - hen, welches aus Faͤden gemacht iſt, die nicht groͤſſer als die feinſte Fleiſchfaͤden ſind, und davon ein Theil denen Schlagadern auf ihrem Wege laͤngſt aus nachfolget, und ein Theil dieſelben queer uͤber durchſchneidet(o)W. W. Muys. S. 284. A. v. Leuwenhök Epiſt. 67..

Vierter47des menſchlichen Koͤrpers. Fett.

Vierter Abſchnitt. Das Fett.

Bisher haben wir von den Faͤden und Plaͤttchen des Zellgewebes gehandelt. Es iſt dabei mit angemerkt worden, daß zwiſchen dieſen Faſern Raͤume ſtatt finden, die an einigen Orten ſehr klein, an andern von groͤſſern Umfange ſind. Dieſe Raͤume enthalten eine Feuchtig - keit, die ſich in dieſelbe ergieſſet, und welche allein die Urſache iſt, daß die Plaͤttchen des Zellgewebes nicht zu - ſammenwachſen, da ſonſt die Verhaͤrtung derſelben nicht nur Krankheiten nach ſich ziehen, ſondern auch gewis niemals ausbleiben wuͤrde, ſo oft die Feuchtigkeiten der Faͤcher daraus vertrieben worden, und ſich daher die verhaͤrtete Faſern an einander zu haͤngen und anzuziehen Gelegenheit faͤnden. Dieſe Feuchtigkeiten ſind aber nicht alle von einerlei Art.

Das Gewebe iſt zart, mehr aus Faſern zuſammen - geſezt, und zellfoͤrmig, wo es ſich zwiſchen den kleinern Muskeln, zwiſchen der Aderhaut, und der undurch - ſichtigen Hornhaut im Auge, zwiſchen dem Nezhaͤut - chen und der Aderhaut, und zwiſchen den beiden Plaͤttchen des Regenbogens, oder in dem ſtreifigen Kreiſe des Petits befindet: wo es ſich von auſſen um die wahre harte Gehirnhaut herumlegt: wo es die zarteſten Zweige der kleinſten Gefaͤſſe umſpannet und von einander entfernet, oder wo es den Queermuskel des Unterleibes mit dem Darmfelle vereinigt: wo es endlich in den lee - ren Raͤumchen zwiſchen den kleinſten Schlagadern, in dem faͤchrigen Magengewebe, im Gewebe der Gedaͤrme, der Mannsruthe, des Hodenbeutels, der Harn - und Gal - lenblaſe, in der aͤuſſern Einfaſſung des Gehoͤrganges, ferner wo es unter dem Fleiſchigen der Eichel an der Mannsruthe, dergleichen das Weſen der Lunge oder die faͤchrigen Theile der Leber, der Milz und das Fleiſchigein48Erſtes Buch. Elementartheilein den Druͤſen ſind, angetroffen wird. Dieſes Gewebe nennt der von Bergen(p)Karl Aug. von Bergen an - gef. Progr. das eigentliche Zellgewebe, und er unterſcheidet es dadurch von der Fetthaut.

Kein anderes entdekkt man an den noch zarten menſch - lichen Leibesfruͤchten, an denen kein Fett weder im Nezze, noch unter der Haut in blaͤttrigen Raͤumchen befindlich iſt. An einer ſolchen viermonatlichen Frucht iſt das voͤllige Nez wenigſtens durchſichtig, und es ſtekket eine zittrende Gallerte zwiſchen den Muskeln und der Haut. Wenn dieſe Gallerte aus mancherlei Urſachen nach andern Gegenden herumgefuͤhret wird, ſo entſtehen davon die Misgeſtalten unter den menſchlichen Fruͤchten(q)Jn der Beſchreib. der zwei - koͤpfigen Menſchenfrucht; unter des Verfaſſers anat. Werken. S. 205.. Mit gutem Rechte behauptet alſo Diemerbroek(r)Jsbrand von Diemerbrök Anat. S. 13., daß ſehr wenig Fett unter der Haut einer Frucht gefunden werde, und Ruyſch beſchreibt das blaͤttrige Zellgewebe in der Frucht vollkommen fettlos(s)Theſ. anat. III. N. 64. Muſ. Petrop. T. I. S. 13..

Jn dieſen kleinen Faͤcherchen trift man ein ſehr zartes, verduͤnſtendes, mit etwas Oel vermengtes Waſſer an, welches, weil es ſich in den Krankheiten anhaͤufet, und man es durch die chimiſche Aufloͤſungen genauer unter - ſucht hat, beſſer bekant geworden. Es iſt dieſes der Dampf des Hippokrates, den er den Geiſt nennt, der im Menſchen alle geſunde oder natuͤrliche Hoͤlungen er - fuͤllet(t)〈…〉〈…〉. N. 17., wie man es in dem Buche ausgedruͤkkt findet, das man zwar nicht vor deſſen eigenhaͤndiges, aber dennoch einſtimmig vor ein Werk aus dem Alterthum haͤlt. Eben dieſer zarte Dunſt hat ſich vermittelſt der Verſuche des Kaauw Boͤrhaave(u)De Perſp. Hippoer. unter den Arzeneiverſtaͤndigen gemeiner gemacht. Er beſizzet ein wenig Klebrigkeit und haͤngt ſich an die Finger an: ſammlet ſich derſelbe,ſo49des menſchlichen Koͤrpers. Fett. ſo erſcheint er unter der Geſtalt einer roͤthlichen Gal - lerte(x)Die Gallerte ſtehet in de - nen den Wachstafelzellen aͤhnli - chen Faͤcherchen des Hodenbeutels ſtille. dovglas de Hydrocele. S. 5.. Es befindet ſich in den Knochen der Frucht eine aͤhnliche, etwas zaͤhe Lymphe ſtatt des Markes: welches ſchon vormals Ariſtoteles(y)Hiſt. animal. L. 3. c. 20. part. anim. L. 2. c. 6., und ohnlaͤngſt Stahl(z)Theor. med. S. 376. erinnert hat.

Eben ſo wird man an den etwas vollkommneren Menſchenfruͤchten am Nezze, und beſonders, wenn man den Weg der Gefaͤſſe verfolgt, wie auch an dem uͤbrigen Koͤrper eines noch zarten Thieres weiſſe, mit muͤrben Fette erfuͤllte, und ordentlich gelagerte Kuͤgelchen ge - wahr. Dieſe erſcheinen jederzeit klein, wenn die Gefaͤſſe zart ſind, ſie liegen anfaͤnglich von einander zerſtreut, nachgehens fangen ſie an ſich zu beruͤhren(a)kaavw Perſp. N. 792. 794. bis 796. muß durchgehens gele - ſen werden.. An dem Nezze der Frucht beobachtete Hulſebuſch, mein ehema - liger werther Freund(b)De celluloſa. Leid. 1728. 4, einzelne Fettblaͤschen, und die Acta Balthica(c)an. 1699. S. 18. zeigen, wie das Fett in der Men - ſchenfrucht aus lauter Koͤrnerchen beſtehet. Dieſes iſt das vom Hoffmann(d)1. m. hoffmann diſſ. de Pinguedine. am Ruͤkken der Frucht ausge - breitete, ſogenante Koͤrnerfett. Jndeſſen iſt eine Frucht niemals fett von Leibe, wie ein erwachſner wohl zu ſeyn pflegt, und man trift auch an dem Herzen weniger Fett als ſonſt an(e)hvnavld Hiſt. d. l’acad. des ſci. 1732.. Ueberhaupt habe ich ſo wie Riolan(f)Anthropogr. S. 410. allemal das Fett in der menſchlichen Frucht von magrem und haͤrteren Weſen zu finden geglaubt.

Erblikkt aber der Menſch das Licht der Welt, ſo iſt er als ein Kind in den erſten Jahren ſeines Lebens ziem - lich fett von Leibe; es befindet ſich alsdenn unter derDHaut50Erſtes Buch. ElementartheileHaut das Fett, nach dem Verhaͤltniſſe des Muskelflei - ſches, viel haͤufiger, als in mannbaren Juͤnglingen, es iſt ganz weis von Farbe, und aus weichen und rundli - chen Kluͤmpchen zuſammen gehaͤuft. Das zweite Alter der Fettigkeit beruhet auf dem vierzigſten und den folgen - den Jahren; zu der Zeit gibt das angehaͤufte Fett dem Menſchen, deſſen Glieder vorher geſchlank blieben, ein ausgefuͤlltes vierſchroͤtiges Anſehn; es nimt bis ins hoͤ - here Alter zu, da es ſich denn wieder faſt uͤberall vermin - dert, und der roͤthlichen Gallerte, welche in der Frucht die Herrſchaft hatte, wieder Plaz macht.

Jndeſſen bleiben doch gewiſſe Theile am Menſchen beſtaͤndig ohne Fett. So iſt das Gehirn, und das kleine Gehirn ganz fettlos, wenn man nicht etwa die Scheitel - druͤſen der duͤnnen Gehirnhaut, nach der Vermuthung des Ruyſchens, dahin zaͤlen will(g)Theſ. anat. V. n. 1.: mir haben dieſel - ben wenigſtens von andrer Beſchaffenheit und haͤrter zu ſeyn geſchienen; ob das Gehirn gleich an den Seefiſchen, wofern die Berichte zuverlaͤßig ſind, mitten im Oele ſchwimmt. Ferner iſt das Fett an etlichen Hautfalten, wo ſich zwiſchen zwoen huͤglichen Stellen eine kleine Vertiefung befindet, z. E. wo ſich die Huͤfte mit den Hinterbakken verbindet, in ganz geringer Menge zuge - gen(h)Iac. Ben. winslow Traité des tegumens. N. 82.. Es iſt ſparſam angebracht zwiſchen einigen breiten, und einer beſtaͤndigen Bewegung ausgeſezten Muskeln, z. E. zwiſchen dem geraden und Schienbein - muskel, zwiſchen dem Waden - und Fusſolenmuskel, und a. d. Es iſt wenig Fett an der aͤuſſern haarigen Haut, an einem Theile des Halſes, den der breite Halsmuskel einnimt, an der Stirn, wo es, nach einigen vom Spi - gel und Ruyſchen wiederlegten Schriftſtellern, ganz und gar fehlen ſoll(i)Anat. S. 287. rollfink Diſſ. anat. S. 502..(k)Am Kopfe und Vorderkopfe. Muſ. Petrop. T. I. S. 10. am Vor - derhaupte und der Stirn. Theſ. II. an. II. n. 4., an den Augenliedern, demaͤuſſern51des menſchlichen Koͤrpers. Fett. aͤuſſern Theile des Hodenbeutels; inwendig aber iſt es reich - licher vorhanden. Es ſcheinet voͤllig zu mangeln, wo Gefahr von einer Zuſammendruͤkkung zu befuͤrchten iſt, wie z. E. an der Lunge und dem Gehirne; oder wo die Natur ſehr lebhafte Empfindungen, wie an der Eichel der maͤnnlichen und weiblichen Ruthe, hervorbringen will: es ſcheint ſich aber zu vermindern, wo die Gefaͤſſe klein, die Muskeln in geringer Anzahl bei einander, und das Reiben immerwaͤhrend iſt. Hingegen haͤuft es ſich an groſſen Muskeln bis zum Ueberfluſſe an, es iſt an der vordern Seite der Bauchmuskeln, an der inwendigen Flaͤche der Huͤfte, nach oben zu, und vorwerts vor der Bruſt uͤberfluͤßig vorhanden. Der groͤſte Vorrat vom Fette iſt in denen Geſaͤsmuskeln niedergelegt; dieſes trift aber den Menſchen nur allein, indem die Affen ſonſt durch kein leichteres Merkmal, als vermoͤge der feh - lenden Hinterbakken, von uns unterſchieden werden koͤn - nen. An den genanten Stellen ergieſſen ſich ſehr groſſe und runde Fettkluͤmpe zwiſchen die leeren Plaͤzze, der von einander abliegenden, und ſparſam ausgebreiteten Faſern.

Das meiſte Fett, das an ſich weich und aus breiten rundlichen Kluͤmpen gebildet iſt, bekleidet die Druͤſe der weiblichen Bruͤſte, und man hat demſelben die ſo ange - neme halbkugliche Geſtalt dieſes Theiles zuzuſchreiben. Es iſt dieſes Fett unter der Fusſole, und in der Hand in - wendig, weich und uͤberfluͤßig vorhanden; es wird aber von ſehr feſten Faſern des Zellgewebes dergeſtalt durch - ſchnitten, daß ein jedes Fettkluͤmpchen daher ſeinen be - ſondern Plaz angewieſen bekoͤmt(l)Das ſind die faſerhafte Faͤ - den, die durchs Fett laufen. Ant. de marchettis beim Hoff manne de Pingv. N. 10..

Zwiſchen den muskelhaften Straͤngen der Kniekehle liegen groſſe Fettkluͤmpe in einer beſondern Membrane eingeſchloſſen; an andern Orten miſchen ſich dergleichenD 2Saͤkchen52Erſtes Buch. ElementartheileSaͤkchen hie und da unter die Sehnen ein, und Albin(m)albin. Hiſt. muſc. corp. hum. S. 319. 694. hat ihre Anzal zu beſtimmen geſucht. Dergleichen Fett - behaͤltniſſe fuͤllen die Hoͤle aus, die, um die Wangen zwi - ſchen dem Trompetermuskel mit einem uͤberfluͤßigen Fette auszuſtopfen, vorhanden iſt. An der Augenhoͤle fuͤllen ſehr groſſe und ungemein weiche Fettkluͤmpe alle die leeren Raͤume aus, die vom Augapfel und den Augenmuskeln uͤbrig gelaſſen werden, welches die Natur an keinem an - dren Thiere wegzulaſſen, vor gut gefunden(n)plinivs Hiſt. nat. L. XI. S. 631.. Der - gleichen dikke Kluͤmpe legen ſich bei fetten Perſonen aufs Zwergfell an; ſie nehmen den Herzbeutel, und den Raum zwiſchen beiden Saͤkken des Ribbenfells ein.

Die Nieren ſind an der vordern und hintern Seite am ſtaͤrkſten mit dem Fette bedekkt, es haͤuft ſich unter - werts am meiſten an, wo dieſe Eingeweide den groſſen Lendenmuskel, und das Lendenvierek beruͤhren(o)kaavw de Perſpir. N. 569. 570.. Die - ſes Fett iſt eine Reihe von runden oder ſtumpfvierekki - gen Kluͤmpchen, die von den Faͤchern, welche gleichſam zellfoͤrmig ſind, aufgenommen werden, und das findet am Menſchen, und den vierfuͤſſigen Thieren ſtatt(p)Das Fett iſt blaͤtterig, und zwiſchen breiten Platten um die Nieren der Beutelratten gelagert. Tyſon S. 35.. Dieſe Art vom Fette pflegt aber haͤrter, ſchneidbar, und unter dem Namen des Talgs bekannt zu ſeyn. Endlich entdekkt man noch mitten in den Gaͤngen langgeſtrekkter Knochen ziemlich groſſe und lange Fettkluͤmpe, welche von auſſen eine ſehr zarte Membrane umwikkelt, die auch ſo gar das innerſte von den Faͤchern uͤberzieht. Und hier iſt das Fett zu weich, als daß es das Einblaſen vertra - gen koͤnnte(q)grützmacher de me - dulla oſſium. N. 11.. Duverney hat von der gemeinſchaft - lichen Haut des Markes, von den zarten Blaͤschen, die ſich mit ihren Muͤndungen eins in das andre oͤffnen,und53des menſchlichen Koͤrpers. Fett. und die jederzeit mit einem Oele erfuͤllet ſind, ſehr artig gehandelt(r)Mem. de l’Acad. des ſcienc. 1700. S. 202.. Kaauw Boerhaave beobachtete, wie ſich ein anſehnlicher Fettklumpe, den man in ſiedendem Waſſer behandelte, in eine Art von Wurſt, oder Gefuͤll - ſel verwandelte, welches ſeine beſondre Haut um ſich hatte(s)angef. Ort. N. 929..

Wir muͤſſen uns noch daruͤber erklaͤren, was das Fett eigentlich ſey. Dieſes Fett iſt im Menſchen, und den fleiſchfreſſenden Vierfuͤſſigen, von weichem Weſen, und es gehoͤret, wenigſtens ſo lange das Thier am Leben iſt, mit in die Klaſſe derer fluͤſſigen Theile deſſelben. So habe ich an lebendigen Hunden oͤfters das Fett am Nez - ze, Herzen, in den Eierſtoͤkken, und andren warmen Glied - maaßen des Thiers, durchſcheinend und fluͤſſig angetrof - fen, und es iſt mir angenem zu ſehen, daß der ehedem beruͤhmte Sanctorius(t)In 1. Fen. Auicen. S. 325., dem nachgehens Mor - gan(u)Thom. Morgan Mechan. pract. of Phyſ. S. 284. nachfolgte, mit mir einerlei Meinung geweſen. Hieher rechne ich den Quesnay(x)Franc. quesnay Oecon. anim. T. III. S. 91. ebenfals, als wel - cher ausdruͤklich behauptete, daß das zellhafte Gewebe kaum annoch zu den feſten Theilen gezogen werden koͤn - ne. An den wallfiſchartigen Fiſchen iſt der Spek offen - bar fluͤſſig, und der fluͤſſige Wallrat, den man unbilliger Weiſe zu dem Wallfiſchſaamen zu machen pflegt, befindet ſich in den Zellchen des Hirnſchedels, die mit denen uͤbri - gen Faͤchern im ganzen Koͤrper Gemeinſchaft haben, ver - ſchloſſen(y)Anderſons Nachr. von Js - land. S. 212.. Jn dem groſſen Seekalbe, welches An - ſon Meerloͤwen nennt(z)Voyage round the World. S. 124., beobachtet man, daß das Fett, wenn ſich das Thier in Bewegung ſezt, in demſel - ben wie eine rauſchende Flut hin und her fahre. Ti -D 3ſon54Erſtes Buch. Elementartheileſon(a)Edw. tyson Phocaena. S. 17. beſchreibet das oelige Fett im Taumler (Braun - fiſche, Phocaena) nach allen Umſtaͤnden; ſo wie Ander - ſon den fluͤſſigen Wallrat an einem mit Zaͤhnen verſehe - nen Wallfiſche(b)Angef. Ort.. Es iſt daher kein Wunder, wenn aus der Vermengung des Wallrats mit dem Terpentin - oele eine dem geronnenen Eiſe aͤhnliche zittrende Gerin - nung wird, die von einem maͤßigen Grade der Waͤrme in der Hand wieder fluͤßig wird; an der Luft aber, wie ſie uns umgibt, auf die Art von neuem ſtillſtehet(c)Phyſikal. Beluſtigungen. S. 341., wie das Hundsfett an der Luft zu gerinnen pflegt, ſo bald das Thier, von dem es genommen, das Leben ver - lohren hat. Das weichſte Fett nimt auch ſo gar am Menſchen die Gegend um das Ruͤkkenmark ein; es iſt blutig und fluͤßig in den Knochenanhaͤngſeln(d)stahl Theor. med. S. 376..

Dagegen nimt das Fett in denen Thieren, die von nichts als dem Graſe leben, eine groͤſſere Haͤrte an ſich, und es faͤngt dieſer Unterſcheid bereits mit dem Pferde an(e)bourgelat Hippiatri - que. T. II. S. 158.. Noch deutlicher hat es, der in dieſer Art von Naturwiſſenſchaft ganz beſondre Gelehrte, Ariſtote - les(f)De Part. anim. L. II. c. 5. Hiſt. anim. L. III. c. 17., an den gehoͤrnten Wiederkaͤuenden gewieſen, daß ihr Talg ganz zerbrechlich iſt, und daß das Mark, wel - ches in denen mit vielen Zeen verſehenen Thieren fettar - tig iſt, an denen vierfuͤſſigen mit Hoͤrnern talgig erſchei - ne(g)De Part. anim. L. II. c. 6.. Dergleichen Anmerkungen macht auch Pli - nius(h)L. XI. S. 621. L. XXVIII. N. 38. und Suidas(i)Lexicon, Küſters Ausgabe. T. I. S. 155. vom Fette; ſo daß es keinen Schein einer Glaubwuͤrdigkeit hat, wenn man vorgibt, daß es Ochſen in Schottland gebe, deren Fett nicht ge - rinnen will; ob dieſes Cardan gleich zu bejahen das Herz hat(k)De rerum varietate. Lib. VII. c. 31.. Jndeſſen kan auch ſogar das Menſchen -fett55des menſchlichen Koͤrpers. Fett. fett auf verſchiedne Weiſe eine Verhaͤrtung leiden. Jch habe ſelbſt unter der Haut der inwendigen Schienbein - roͤhre am Menſchen verſchiedene ſehr harte linſenfoͤrmige Talgtheilchen, die beinahe einem thieriſchen Steinchen, wenn man ſie nicht haͤtte am Feuer zum Schmelzen brin - gen koͤnnen, aͤhnlich waren, ohne merklichen Fehler, ſo viel man entdekken konnte, angetroffen. Das Kameel - fett legt ſich in ſehr harte talghafte Bukkel an. Die Phi - loſophikal Transact. gedenken einer Perſon, die mit Bruͤchen behaftet war, an der das Fett wie ein Talg an - zuſehen war(l)N. 326.: und dieſer Fehler koͤmt ſehr oft an dem ausgetretenen Nezze vor, dadurch das Eingeweide in Ge - fahr geſezzt wird, von dem verhaͤrteten Fette zuſammen - gedruͤkkt zu werden. Jn den Spekbeulen kommet das Menſchenfett nach und nach zur aͤuſſerſten Verhaͤrtung. An denen in Begraͤbniſſen beigeſezten Menſchengebeinen verwandelt ſich das Mark in eine Art vom Talge; wie Ruyſch, ein ſtrenger Beobachter, der, alles zu verſuchen, Muth genung hatte(m)Theſ. anat. II. obſ. III. N. 4. Aduerſ. anat. III. N. 9., und Becher(n)Ioach. becher Phyſ. ſubt. S. 196. in einem Be - graͤbniſſe in Stokholm angemerkt hat. Eine derglei - chen unterirrdiſche Vertalgung fuͤhrt Bruͤkmann an(o)Fr. Ernſt Brükmann Epiſt. itin. S. 57.. Hieraus laͤſt ſich der Schlus ziehen, daß das Fett uͤber - haupt waͤſſeriger als der Talg ſey, und daß es ſich in den lezteren verwandeln laſſe, wenn das Waſſer nach und nach davon ausduͤnſten kann.

Die Eigenſchaften des Fettes, wenigſtens des friſchen, beruhen auf folgenden Stuͤkken. Es gibt daſſelbe, weil es an ſich weich iſt, der Beruͤhrung nach, wobei es eine ungemein kleine Federkraft aͤuſſert; es mindert, wenn es ſich zwiſchen Koͤrpern aufhaͤlt, die ſich uͤber einander be - wegen, das reiben; es noͤtigt eben dieſelben ſtark genungD 4zuſam -56Erſtes Buch. Elementartheilezuſammenzuhaͤngen; es haͤngt ſich an Koͤrper, die kein Waſſer in ſich fuͤhren, ſchmierig an; es laͤſt ſich nicht im Waſſer gerne aufloͤſen, wenn es nicht ſehr handthiert, oder durch die Gewalt des Feuers geſchmolzen worden; alles dieſes iſt an ſich bekant, vielleicht iſt folgendes aber weniger bekant, daß der Spek in den Seekaͤlbern bei ei - nem ſo maͤßigen Feuer zu ſchmelzen anfange, daß man ſich, wenn er gleich zu kochen ſcheint(p)tengstroem ars adip. phoc. coquendi. , nicht die Hand daran verbrennt, welches ein neuer Erweis iſt, daß das Fiſchfett ſehr vom Menſchenfette unterſchieden ſey, in - dem das Fett im Menſchen auch in der heiſſeſten Luft nicht fluͤſſig wird, wenn ſie gleich bis zum neunzigſten Grade des Farenheitiſchen Thermometers geſtiegen iſt. Jedennoch loͤſet ſich das Fett im Menſchen zur Som - merzeit, wenn die Faͤulung dazu koͤmt, in einem Tage und zum Verdruſſe des Zergliederers, zu einer fluͤſſigen Geſtalt auf, und es faͤngt, wie ein Oel, an in den Flus zu kommen. So bald es ſeine Fluͤſſigkeit wieder ver - liert, ſo ziehet es ſich von ſelbſten in Kuͤgelchen zuſam - men(q)Cont. arc. nat. S. 223. Ep. 128.. Da es ſonſt fuͤr ſich faſt ohne Geſchmak iſt, ſo nimt es von der langen Zeit und dem Eindrukke der Luft eine unangeneme ranzige Schaͤrfe an, die ſo gar das Kupfer zerfriſt. Auſſerdem bewahret es allerlei Koͤrper mit Nachdruk wieder die Einfluͤſſe der Luft, es haͤlt die traurigſte Folgen von der Kaͤlte in dem aͤuſſerſten Nor - den von den menſchlichen Koͤrpern zuruͤkke(r)Swenska acad. Handl. 1741. S. 279., es ver - theidiget das Fleiſch, die zur Gaͤrung geneigte Saͤfte, u. a. Koͤrper fuͤr der Faͤulung, der Ausduͤnſtung und Gaͤrung(s)Man ſendet in Butter ein -gelegte Voͤgel aus dem Herzog - thum Meklenburg nach entfernten Gegenden hin. boerhave Prael. ad inſt. rei med. T. I. S. 131 und noch ehe Robert boyle Exper. phyſ. mech. de aëre. S. 209. und ſeine Fortſezzung.. Es iſt leichter als Waſſer, und man weis,daß57des menſchlichen Koͤrpers. Fett. daß fette Perſonen leichter als andre ſind, und nicht ſo bald im Waſſer unterſinken(t)swenke Haemat. S. 127..

Nach der chimiſchen Aufloͤſung offenbaret ſich in dem Fette des Menſchen, menſchenartiger Thiere, und im Talge der wiederkaͤuenden Gehoͤrnten, ein, obwohl weni - ges, Waſſer; ferner ein brennbares Oel in groͤſter Men - ge; und endlich ein herber brandiger Saft, deſſen Weſen, nach den Zeichen, die er von ſich gibt, ſaͤuerlich iſt; ſo daß das Fett uͤberhaupt viele Spuren von ſeiner milchigen und dem Narungsſa fte zugehoͤrigen Natur uͤbrig behaͤlt, und eine Aehnlichkeit mit der Butter hat(u)Caecil. folivs della ge - nerat. del. pingued. Das ganze Buch enthaͤlt die Gruͤnde fuͤr dieſe Meinung.. Was das Mark betrift, ſo hat der beruͤhmte Gruͤz - macher eine ſolche Menge Oel daraus gezogen, daß es den $$\{14}{16}$$ Theil von dem voͤlligen Gewichte des Markes betragen(x)De Medul. oſſium. Lipſ. 1748., und man erſiehet aus den Acroamatibus des beruͤhmten Barchuſen(y)Nach den Acroam. experi - ment. 17., daß aus einer Unze Mark in allem 7 Drachmen und 23 Gran Oel gewor - den, welche Verhaͤltnis mit der vorigen ſehr uͤbereinkoͤmt. Bei dem beruͤhmten Knape(z)Dav. Henr. knape in dervortreflichen Streitſchr. de acido pingued. anim. Gotting. 1754. S. 15. er bekam 4 Unzen waͤſſriger Feuchtigkeit aus einem halben Pfunde Mark. befand ſich weniger Oel, und mehr Waſſer. Das Fett, denn das Schmalz iſt eben ſo wohl Fett, enthielte nach den Bemerkungen des beruͤhmten Barchuſen vom Oele(a)Exp. 8.. Unſer ehema - lige Zuhoͤrer und Freund, der gelehrte Rhades(b)De ferro ſangu. hum. aliis - que liqu. anim. Gott. 1753. S. 43. Joach. Jak. Rhades. , gibt in ſeinen Verſuchen von 128 Theilen des Fettes, 113 fuͤr das Oel an. Der bereits angefuͤhrte Utrechti - ſche Lehrer fand in dem Talge, das allerdings haͤrter und nicht ſo waͤſſrig iſt, $$\{15}{16}$$ Theile fuͤr das Oel(c)Exp. 17. Angef. Ort..

D 5Von58Erſtes Buch. Elementartheile

Von dem Sauren iſt man nicht ſo vollkommen un - terrichtet, und es behauptete nur unlaͤngſt der beruͤhmte Pinelli(d)De Podagra. S. 228., daß man ganz und gar nichts Saures aus dem thieriſchen Fette ziehen koͤnne, indem er in dem Fet - te kein ander Salz, als ein fluͤchtig Laugenſalz, zuließ. Jch kan eigentlich noch nicht beſtimmen, wer zuerſt ein ſaures Salz darinnen entdekkt hat. Jn der That hat der erfahrne Karthaͤuſer(e)Joh. Fridr. Karthäuſer de Princ. ſpecif. S. 41. verglichen mit ſeinen Fundam. mat. med. T. II. S. 518. erinnert, daß man aus dem Talge der Thiere einen ſauren Saft durch das Uebertrei - ben erhalte, und dieſen hat der gelehrte Gruͤzmacher ausfuͤhrlicher beſchrieben(f)Angef. Ort. N. 14. u. ſ. w., ob er gleich nur eine ſehr geringe Quantitaͤt deſſelben erhalten konnte(g)Funfzehn Gran aus zwoenUnzen Fett; doch noch einmal ſo viel, als aus dem Marke. N. 14. 15.. Viel genauer zog unſer beruͤhmter Rhades, auf mein Ein - rathen und Erinnern, das von unſrem oͤffentlichen Zer - gliederungsſaale erhaltene Menſchenfett uͤber dem Feuer ab(h)rhades angef. Ort. S. 38. N. 63.. Es ſtieg anfaͤnglich eine helle Feuchtigkeit, hierauf ein wachsartiges Butteroel, und noch ein andres fluͤſſiges Oel heruͤber. Hiernechſt kam eine rusartige fluͤchtige Feuchtigkeit, welche brandig und ſauer war, und 14 Drachmen, von 16 Unzen Fett, am Gewichte betrug, zum Vorſchein. Jch koſtete nicht nur dieſen Saft wie er war, ſondern ich ſahe auch, daß er den Violenſirup, wenn man ihn damit vermiſchte, gruͤn faͤrbte, mit lau - genhaften Saͤften aufbrauſete, und mit fluͤchtigen Sal - zen zu dergleichen Criſtallnadeln anſchoß(i)S. 39. N. 64., wie man aus dem Bernſtein - und Hirſchhorn-Salz erhaͤlt. Hier - auf trieb dieſer beruͤhmte Mann(k)S. 41. N. 66. das vorher bemeldete dikke wachsartige Oel noch weiter uͤber. Hiervon erhielt er eine butterhafte Maſſe, ein klaͤreres Oel, hierauf ein ſauresWaſſer,59des menſchlichen Koͤrpers. Fett. Waſſer, eine fluͤchtige ſaure Feuchtigkeit, und endlich ein brandiges Oel. Das fluͤßige aus dem Menſchen - fette geſamlete Oel(l)S. 41. N. 67. gab von neuem eine ſaure Feuch - tigkeit, ein helles weiſſes Oel, und ein etwas braͤunli - ches andres Oel von ſich, daß es alſo eine ziemliche Aehn - lichkeit von den Pflanzenoͤlen an ſich hatte(m)S. 42. N. 68.. Nach dieſen Verſuchen ſchaͤzte der beruͤhmte Beobachter die Menge der ſauren Fluͤßigkeit gegen das geſamte Fett, wie 121 zu 768(n)S. 44. N. 71.. Der gelehrte Macquer laͤugnete mit gutem Rechte, daß ein reines, am Feuer uͤbergetriebnes Talg ein fluͤchtig Laugenſalz hervorbringe(o)Chym. prat. T. II. S. 484.. Er be - hauptet, daß es dagegen ein ſaures Waſſer, etliche Tro - pfel Oel und ein fixes Oel enthielte. Endlich hat der er - fahrne Knape die Sache, nach meinen Abſchied von der hohen Schule zu Goͤttingen, nachdem er ver - ſchiedne Verſuche daruͤber angeſtellt, viel genauer unter - ſucht(q)Angef. Ort. S. 23. N. 22., und gefunden, daß von dem Rindertalge, wel - ches man uͤber einem aͤllmaͤlich vergroͤſſerten Sandfeuer deſtilliret, Duͤnſte aufſteigen, die in das Waſſer der Vor - lage niederfallen. Das Oel ſchwamm auf dem Waſſer oben auf, und es dunſtete ein ungemein ſcharfbrennender Dunſt durch die Vorlage aus, der die Augen eben ſo hef - tig, als ein faulender Trahn, angriff(r)Martens Reiſe nach Spiz - bergen. S. 114.. Wenn man dieſes Oel, das auf dem Waſſer ſchwamm, mit dem Waſſer zu wiederholten malen vermiſchte, ſo lies es ſei - nen waͤſſrigen Zuſaz fahren, ſobald man es durch eine kleine Sprizze davon abſonderte, es ward ſehr ſcharf und ſauer, und ſo ſonderte ſich das ſaure Waſſer gleichergeſtalt von dem uͤbrigen nach und nach uͤbergetriebnen Oele ab. Es lehret dieſer beruͤhmte Mann nicht nur wie man es ferner reinigen(s)Knape angef. Ort. N. 25., ſondern auch ſolches Waſſerin(p) S. 481.60Erſtes Buch. Elementartheilein eine reine Saͤure verwandeln ſoll, welche alle Eßige an Schaͤrfe(t)S. 27. uͤbertrift, und von allem andren Sauren unterſchieden iſt(u)S. 29. Nemlich, daß es ein dem Salmiac aͤhnliches Salz ſehr leicht erzeugt.. Es erhellet aus dieſen Verſuchen, warum das Mark nicht leicht faulet(x)pringle Diſſ. of the Ar - my S. 425. Das friſche Fett be - ſteht aus Criſtallkuͤgelchen. leev - wenhoek T. III. S. 223., und woher es koͤmmt, daß der Eiter, der uͤberhaupt nach meinen Ver - ſuchen aus dem Fette wird(y)Aus einem ſchmierigen Tal - ge wird eine dem Eiter aͤhnliche Materie gemacht. grashvys de Suppur. S. 28., und ſich zu einer Flamme enzuͤndet, an ſich ſelbſt ein Saures ſey(z)Du verney Traité desmaladies des os T. II. S. 410. Pinelli angef. Ort. S. 162. hatte im Eiter lauter laugenhafte Be - ſtandtheile angetroffen., welches, auch nach den Verſuchen des Ruyſchen, den Lakmus roth faͤrbt. Dieſe Vermutung gewinnet ein noch groͤſſeres Anſehn, wenn man die Beobachtungen des in Verſu - chen ſehr gluͤklichen Grew zu Huͤlfe nimt. Da dieſer nemlich wahrnahm, daß das Olivenoͤl vom Salpeter - geiſte, den man mit demſelben zuſammen gegoſſen, zu ei - ner Art von Butter gemacht wurde(a)Nehem. Grew Anat. of the plants S. 233. Der Verſuch ſteht auch in Comment. Acad. reg. Scient. vom Jahr 1719., ſo glaubte er, es waͤre keine Unwahrſcheinlichkeit mehr, daß nicht in den Thieren die ſaure kaͤſige Gerinnung (coagulum) die Urſache von der Verdikkung des Fettes ſeyn ſollte. Eben dieſe Meinung nahmen auch der gelehrte Macquer(b)Angef. Ort S. 482. und Karthaͤuſer(c)Joh. Frid. Karthäuſer an - gef. Ort. ebenfalls an, und der leztere leitete den Grund davon her, warum die vom Graſe ernaͤhrte Thiere fetter, als die fleiſchfreſſenden waͤren, ſie erhielten naͤmlich ihre ſaͤuerliche Beſchaffenheit vollkomner beiſam - men. Auf eine etwas veraͤnderte Art ſahe Dale Jn - gram, aus einer Vermiſchung des Gelenkſaftes mit einem haͤufigen Marke, nebſt einem Sauren, ein geron - nenes Oel entſtehen(d)dale ingram oſ the Gout S. 46..

Das61des menſchlichen Koͤrpers. Fett.

Das lezte und groͤbſte Stuͤk, das man vom Fette herausbringt, iſt eine Kohle, die der beruͤhmte Rhades ſowohl vom Fette ſelbſt, als von dem verdikkten, oder klaren Oele deſſelben erhalten. Dieſe Kohle iſt ohne Ge - ſchmak, und man bekoͤmt davon eilf Drachmen an Ge - wichte, wenn man 16 Unzen Fett dazu genommen ge - habt(e)S. 39. N. 63.. Jndeſſen faͤngt ſie dennoch Feuer, und ſie hin - terlaͤſt eine Erde, die von allem eiſenhaften entbloͤſſet iſt, und deren feuerbeſtaͤndiger Theil beinahe der 7680ſte Theil vom geſamten Fette iſt(f)S. 42. N. 69.. Folglich bekoͤmt man aus dem Fette kein feuerbeſtaͤndiges Salz, wie Bar - chuſen ſchon laͤngſt erinnert hatte(g)Angef. Ort. Joh. Konr. Barchuſen. .

Nach der Zerlegung des Fettes in ſeine Grundtheile, muͤſſen wir auch ſeine Entſtehungsart in ihr Licht ſezzen. Ob dieſe Theorie nun gleich zu dem Artikel der Abſonde - rungen gehoͤrt, von denen ich noch zur Zeit nicht reden darf, ſo hat man doch zu der Erklaͤrung ſelbſt nur ſo leichte Verſuche noͤthig, daß ich die ganze Geſchichte des Zellgewebes und Fettes lieber zuſammennehme.

Die Faͤcherchen, welche, wie wir geſagt haben, die Zwiſchenraͤume ſind, die die Plaͤttchen und Faſern des Zellgewebes unter einander beſchreiben, und die zu Be - haͤltniſſen fuͤr das Fett dienen, haben demnach verſchiede - ne Figuren. Man kan ihre Einrichtung hin und wie - der im menſchlichen Koͤrper, und im Fette kennen lernen, das unter der Haut liegt, noch beſſer aber an dem in Faͤ - cher zertheilten Ruthenkoͤrper des Mannes, in den Zellen der glaͤſernen Feuchtigkeit, und vornemlich wenn man die ſchwammige Theile der Nabelſchnur, der Lunge, des Magens, und derer Gedaͤrme aufblaͤſt; beſonders haben die leztern Stuͤkke hierinnen, weil ſie leer ſind, einen Vorzug, und ſie laſſen ſich beſſer mit dem Geſichte ver - folgen. Dieſe Faͤcher ſind an den groſſen Fiſchen ganzdeutlich62Erſtes Buch. Elementartheiledeutlich zu ſehen, ſo bald das Fett aus den leeren Zellen weggeſchaffet worden(h)martens angef. Ort. S. 109.. Man trift uͤberall unzaͤhlba - re Fettbeutelchen an; und es oͤfnet ſich der Weg von ei - nem in alle nachfolgende, doch nicht wie etwa eine Fla - ſche in die andre durch eine einzige Oefnung, als welche gar zu ſehr gekuͤnſtelte Vorſtellung man nicht anneh - men darf. Jhre Figur iſt ohngefehr rund, indem ſich das Fett von ſelbſten in rundliche Kluͤmpe zu ballen pflegt. Malpighi(i)Marc. Malpighi de Omen - to, et adip. ductib. S. 40. 41. iſt der erſte, der dieſe eirunde, blinde, und an die Enden der Schlagadern befeſtigte Flaſchen be - ſchrieben, wie ſie ſich in kleinen Behaͤltniſſen vereini - gen, wie ſie von nezfoͤrmigen Gefaͤſſen durchdrungen werden, und was der beruͤhmte Verfaſſer mehr davon weitlaͤuftig erzaͤlt. Es hat damit dasjenige viele Aehnlichkeit, was Gliſſon daruͤber geſchrieben(k)Franz Gliſſon de ventric, et inteſt. c. XI. , und nach ihm Havers(l)Clopton havers Oſteol. diſcour. 3., wenn er von dem Marke redet, und nur ohnlaͤngſt ſtellte Gruͤzmacher(m)Angef. Ort. N. 12. in zwoen Kupfern die runden Blaͤschen des Rindermarkes vor, wobei er die groͤſſren Staͤmchen der Schlagadern die durch die Zwiſchenraͤume der Blaͤschen und Zellen laufen, wie auch die kleinern auf den Zellen kriechende Zweige, deutlich von einander unterſchieden.

Die Muthmaßungen haben viele Zuſaͤzze zu dieſer Materie auf die Bahn gebracht. Selbſt Malpighi(n)S. 2. 3. geriet auf die Vermuthung, da er einer der bekanteſten Ver - theidiger des Druͤſengewebes war, daß die Druͤſen ent - weder der Urſprung zum Fette waͤren, oder daß ſie we - nigſtens ein Mittel ſeyn koͤnnten, die Abſonderung des Fettes zu befoͤrdern(o)Angef. Ort. S. 39.. Andere beſchrieben nach ihm ſo gar beſondre Druͤſenblaͤschen, die man in den mitFett63des menſchlichen Koͤrpers. Fett. Fett erfuͤllten Faͤchern antraͤfe, wie der beruͤhmte Per - rault(p)Eſſays de phyſ. T. III. S. 294. Pariſ. Ausg., Kollins(q)Samuel collins Syſt. of anatom. S. 181. und Hartſoeker gethan, der beſondre Fettdruͤſen und Auswurfsgaͤnge zuließ(r)Nik. Hartſoeker Suite des conj. phyſ. S. 85.. Er entfernt ſich auch wenig von der Meinung des Fanto - ni(s)Johann Fantoni Anat. corp. hum. ed. 1711. S. 37., oder des Littre(t)Hiſt. de l’Acad. des Scienc. 1704. S. 18.. Endlich beſchreibt Mor - gagni die Fettſaͤkchen ſo, als ob ſie mit Kuͤgelchen oder gleichſam mit Druͤſenkernchen erfuͤllt waͤren(u)Angef. Ort. S. 39..

Hier blieb indeſſen die Muthmaßung noch nicht ſte - hen. Denn da im vorigen Jarhunderte einige hin und wieder die Ausfuͤhrungswege in den groſſen Druͤſen entdekkten, und Malpighi ſelbſt dieſes an den kleinen Blaͤschen derſelben wahr fand, ſo ward dieſer groſſe Mann durch ſolche Gleichfoͤrmigkeit hinter das Licht gefuͤhrt, daß er auch fuͤr das Fett beſondre Gaͤnge annahm. Er ſahe folglich an den Fettſtreifen des Nez - zes, neben denen die rothen Gefaͤſſe laufen, wie ſich an einem Stachelſchweine gewiſſe oͤlige Striche, die ſich von den Streifen unterſchieden, durch die Zwiſchen - raͤumchen, welche ſich zwiſchen den Gefaͤſſen befinden, von einem Streifen nach dem andern gegenuͤber liegenden heruͤber bewegten, und daß dieſe Striche oder Zweige von Fettkuͤgelchen aufgetrieben waren. Er hielte alſo dieſe Striche vor wahre Auswurfskanaͤle, die aus den Schlagadern des Nezzes entſtanden waͤren und das Fett aus dieſer ſeiner Haupt-Niederlage im Thiere uͤberall her - um verfuͤhrten(x)S. 35. bis 38. Ebendaſ.. Jndeſſen geſtehet er doch, nach ſei - ner gewoͤhnlichen Beſcheidenheit, daß dieſes weiter nichts als eine bloſſe Vermuthung von ihm waͤre(y)S. 41..

Ganz Europa lies ſich beinahe funfzig Jahre lang die geſamte Theorie dieſes groſſen Mannes ohne Ein -ſchraͤnkung64Erſtes Buch. Elementartheileſchraͤnkung gefallen. Daher kam es, daß Joh. Moriz Hoffmann gewiſſe mit Fettkuͤgelchen angefuͤllte Laͤpp - chen, nach den Erſcheinungen des Vergroͤſſerungsglaſes, oder gleichſam ſolche Blaͤschen, wie ſie in der Lunge zu finden ſind, und die von Gefaͤſſen durchdrungen waren, ferner Fettkugeln, die an denſelben hingen, und blaͤſige Fettgefaͤſſe, die aus den Laͤppchen hervortraten: inglei - chen gewiſſe Fettſtreifen, die neben den Gefaͤſſen liefen, und andre Streifen, die zu denen gerade gegenuͤber be - findlichen Streifen zugiengen, und dieſe mit einander ver - banden, umſtaͤndlich beſchrieben; und er erzaͤlte, daß er ſolche an dem Kalbe wahrgenommen, und daß er am warmen Rindernezze gewiſſe mit durchſichtigem Fette er - fuͤllte Gaͤnge beobachtet haͤtte(z)Streitſchr. de Omento. S. 2.. Raymund Vieuſ - ſens behauptete, als eine von ihm wahrgenommene Sa - che, daß im Nezze gewiſſe, wie ein Nez geſtrikkte, Fett - gefaͤſſe vorhanden waͤren, welche durch ſehr kleine Baͤn - derchen von einander entfernt gehalten wuͤrden(a)Nov. vaſ. Syſt. S. 99.. So gar nahmen auch die Pariſiſchen Zergliederer, in dem vor - treflichen Werke von der Zergliederungsgeſchichte einiger Thiere, an dem Zibetthiere gewiſſe Fettgaͤnge an(b)Memoir. pour ſervir a l’hi - ſtoire des animaux. , und Joh. Baptiſta Fantoni, dieſer ehemals geſchikte Mann, legte in dieſem Falle ein neues Zeugnis fuͤr den groſſen Malpighi ab(c)Manud. anat. S. 14.. Endlich ſezzet noch Sam. Kollins, der ſeine ganze Glaͤubwuͤrdigkeit auf fremde Unterſuchun - gen zu bauen gewohnt war, als gewis feſt, daß nicht al - lein Fettgaͤnge in der That da waͤren, ſondern daß ſie auch von der Milz entſtuͤnden(d)Angef. Ort. S. 183. 185.. Noch mehr, es man - gelt den Malpighiſchen Gefaͤſſen noch bis dieſe Stunde nicht an Goͤnnern, indem der beruͤhmte Jmbert unlaͤngſt ihr Daſeyn auſſer allen Zweifel zu ſtellen bemuͤht war(e)de Tumore. S. 2..

Jndeſſen65des menſchlichen Koͤrpers. Fett.

Jndeſſen hat der Fleis der neuern Gelehrten, wie es mit allen Muthmaſſungen zu gehen pflegt, auch dieſe Saͤzze endlich auf die Seite geſchaft. Was die vorge - gebene Druͤſen betrifft, ſo konnte ſie keiner von den neu - ern Zergliederern mehr gewahr werden; und es wird die ganz einfache und leichte Geſchichte von den Fettabſonde - rungen, von denen wir bald reden wollen, erweiſen, daß zwiſchen den Schlagadern und Fettbeutelchen kein ander Behaͤltnis Plaz finde. Es kan auch weder das unbe - waffnete Auge, noch das Vergroͤſſerungsglas ein etwas dikker Koͤrperchen, welches man vor eine Druͤſe anſehen koͤnnte, in den zarteſten Zellblaͤtterchen entdekken. End - lich verwarf Joh. Fanton in dem neuern Werke ſeine vorige Meinung als unbrauchbar, und er widerlegte, mit einer ihm eignen Aufrichtigkeit, die Abſonderungs - druͤſen im Fette von freien Stuͤkken(f)Diſſ. anat. 1745. S. 42..

Es konnte aber auch die bloſſe Vernunft ſchon die Fettgaͤnge widerlegen, da man begreift, daß eine ſo traͤ - ge Feuchtigkeit viel geſchikter auf dem kuͤrzeſten Wege aus den Schlagadern ausduͤnſten konnte, als vermittelſt langgeſtrekkter, und verzoͤgernder Gefaͤſſe. Ferner er - innert Joh. Hieron. Sharalea daß das Fett, wenn man die vor Fettgaͤnge zeither gehaltene Streifen ver - wundete, dergeſtallt aus denſelben herausflieſſe, daß es nicht aus der ganzen Laͤnge dieſes Streifes, ſondern ganz allein aus den naͤchſten Stellen an der Wunde hervorkaͤ - me, und daß man dieſe alſo nicht vor Gefaͤſſe anſehen koͤnne(g)Ocul. & ment. vigil. S. 60.. Endlich verlis auch Malpighi ſelbſt, nach reiferer Erwaͤgung, die von ihm auf die Bahn gebrach - te Fettgaͤnge(h)Opera poſthuma. S. 85.: und es widerlegte dieſelben Mor - gagni, ein fuͤr dieſen beruͤhmten Zergliederer und deſ - ſen Druͤſentheorie ſehr billig denkender Mann, eben -Efalls66Erſtes Buch. Elementartheilefalls(i)Advers. anat. III. S. 3.. Jndeſſen kan man ohne groſſe Schwierigkeit den Jrrthum dieſes groſſen Mannes aus den Zellſtrei - fen ſelbſt erklaͤren, als welche in dem Thiere, wenn es noch lebt, mit fluͤßigem Fette erfuͤllt ſind.

Es iſt dahero noͤthig, uͤber die wahrhafte Fettabſon - derung an ſich ſelbſt Unterſuchungen anzuſtellen. Man kann ſich uͤberall in den Schlagadern des menſchlichen Koͤrpers, und in ihrer ganzen Laͤnge Schweisloͤcher, die man zwar mit dem Geſichte nicht zu entdekken vermag, oder wenigſtens kurze und eben ſo wenig deutliche Aus - fuͤhrungsgaͤnge einbilden, die ſich aus der holen Run - dung der Schlagadern in die zellfoͤrmige Hoͤlungen oͤff - nen. Verſuche machen dergleichen Schweisloͤcher oder Muͤndungen offenbar. Wenn man naͤmlich in die Schlagadern eine fluͤſſige Subſtanz, von welcher Art man will, ſie mag waͤſſrig, gallertartig, fettig, oder talchig ſeyn, einſprizzet, ſo dringt dieſelbe allenthalben laͤngſt der ganzen Schlagader, hervor, und ergiſt ſich endlich in die Raͤume des Zellgewebes. Das Waſſer, es mag kalt oder warm ſeyn, quillt ſehr ſchnell, wenn man es in die Schlagader durch Huͤlfe einer Sprizze ge - trieben, aus derſelben, in dieſes ſchwammige Gewebe hinein, und es durchlaͤuft den Weg viel geſchwinder, als es in die Blutadern uͤbergeht; folglich iſt es gar nicht noͤthig, zu dieſer Abſicht die Blutadern zu unterbin - den(k)Douglas. angef. Ort. S. 6.. Der Fiſchleim, den man vorher im Waſſer oder ſchwachen Kornbrantweine aufgeloͤſt und mit einer lebhaften Farbe verſehen hat, ſchwizzet, wenn er warm eingetrieben worden, ſo gleich aus der Schlagader in das Zellgewebe, das ſich unter der Haut befindet, oder in die faͤchrige Zwiſchenhoͤlungen, zwiſchen den Mem - branen des Magens und der Gedaͤrme, durch; und die - ſe Durchdringlichkeit ſpielt dem Ausſprizzer den Betrug,und67des menſchlichen Koͤrpers. Fett. und erlaubt ihm nicht, das Siſtem der Gefaͤſſe mit einer duͤnnem Feuchtigkeit gehoͤrig anzufuͤllen: indeſſen macht er ein ungemein artiges Anſehen, wenn man damit die Naſe, das Gedaͤrme oder den Magen ausſprizzet, da die hochrothe Farbe, die ſich in das Zellgewebe ergoſſen, durch die innerſte duͤnne Membrane durchſcheint. Es iſt aber was leichtes, die Koͤrper der Knaben mit dieſer Feuchtigkeit ſo auszufuͤllen, daß ſie vollfleiſchig werden, und ein runzlicher, verwelkter Leichnam ein roͤthliches, bluͤhendes, rundliches Anſehen, wie ein lebendiger und ſchlafender Menſch zu haben pflegt, wieder erhalte, oder, wenn man nur den Verſuch weiter fortſezzen will, den Koͤrper zu einer ungeſtalten Misgeburt auszudehnen. Gebraucht man warm gemachtes und geſchmolznes Fett, ſo durch wandert es dieſen Weg eben ſo geſchwinde, daß es alſo uͤberhaupt zu den Ausſpruͤzzungen nichts taugt, indem daſſelbe, nachdem es aus denen Gefaͤſſen heraus - gegangen, und die Farbe zuruͤkgelaſſen, ſich voͤllig in die faͤchrigen Zwiſchenraͤume der Muskeln ausbreitet. Endlich ſchwizzet auch der warme Talg, wiewohl unter einem etwas ſtaͤrkern Antrieb, ebenfalls laͤngſt den Schlagadern, als eine wahre Nachahmung von dem na - tuͤrlichen Wege des Fettes, durch: dieſes Fett breitet ſich mit aͤhnlichen Streifen nach der Laͤnge neben den Nezgefaͤſſen und den Gefaͤſſen anderer Theile im Thiere uͤberall aus. Dieſe beſchriebene Durchſchwizzung findet allezeit bei unbeſchaͤdigten Gefaͤſſen ſtatt, und wenn die - ſelbe zerriſſen ſind, ſo kann man leicht erkennen, daß ſich die geſamte Einſprizzungsmaterie alsdenn neben der berſtenden Stelle zu einer unfoͤrmlichen kluͤmpigen Maſſe anhaͤufen, und in groſſer Menge und blaſſerer Farbe um den gefaͤrbten Talg anſezzen muͤſſe, da hingegen das ausduͤnſtende Fett Parallelſtreife mit den Schlagadern bildet, die uͤberall ziemlich dik ſind, und nicht ſo wohl aus den aͤuſſerſten Endigungen, als vielmehr aus einemE 2einfachen68Erſtes Buch. Elementartheileeinfachen Gefaͤsſtamme, der keine Aeſte hat, hervor - dringt.

Hieruͤber habe ich auch wider meinen Willen unzaͤ - liche Verſuche gemacht, und daraus gelernet, wie gros die Schwierigkeit ſey, wenn man Gefaͤſſe ausfuͤllen ſoll, eine Feuchtigkeit zu erfinden, die fluͤßig genung waͤre, auch in die allerkleinſten Gefaͤſſe zu dringen, und die doch auch nicht gar zu duͤnne ſey, um in die Faͤcherhoͤ - lungen durchzuſchwizzen. Der groͤſte Gelehrte in den Uebungen, die Gefaͤſſe der Thiere auszuſprizzen, Fridr. Ruyſch, beſchreibet dieſes Austreten an verſchiednen Stellen, und er ſchlieſſet daraus(l)Theſ. anat. IV. n. 96. Prooem. ad Theſ. VI. S. 13. eben denſ. Theſ. n. 125. Theſ. X. n. 35. Theſ. max. n. 19. 112. Adv. anat. I. n. 6. De fabr. gland. S. 67., daß ſich das Blut, unter der Geſtalt des Thaues, in das, wie eine flokkige Wolle geſtalte, zellige Weſen ergieſſe, worinnen ihm ſeine Schuͤler, und vornaͤmlich Joh. Godfr. von Ber - ger(m)De Natur. hum. S. 171., hin und wieder in dieſem Punkte beiſtimmen. Joh. Gottſched berichtet(n)Bei dem beruͤhmten Schrei - ber im Leben Ruyſchens. , ſo wie Fridr. Hoff - mann(o)Jn der Streitſchrift de Sy - novia. und Alex. Stuart, daß das Waſſer, wenn es in die Schlagadern geſprizzet worden, aus denſelben durchſchwizze, und das Fleiſch anfeuchte(p)De motu et ſtruct. muſcul. S. 12.. Hieher gehoͤrt vielleicht die Stelle aus dem Konr. Peyer, da er ſchreibt, daß das in die Schlagadern getriebene Wachs ſich leicht in das Zellgewebe ausbreite(q)Method. anat. S. 101.. Man findet viel aͤhnliches mit unſern Verſuchen in den Wer - ken des Steph. Hales(r)Hæmaſtat. S. 144., und es hat daſſelbe Abr. Kaauw anderwaͤrts faſt bey allen menſchlichen Thei - len mit Verſuchen beſtaͤtigt(s)Perſp. Hipp. N. 562. und an andern Orten mehr..

Was69des menſchlichen Koͤrpers. Fett.

Was die Luft betrift, ſo vermag dieſelbe nicht ſo leicht durch das Fett hindurch zu dringen; indeſſen habe ich doch, und beſonders am Herzen gefunden, daß die in die Kranzadern gepreſte Luft, in das Zellgewebe, das ſich um den Hauptſtaͤmmen der Gefaͤſſe befindet, uͤbergieng, und wie ein Schaum oder ein Haufen von Perlen anzuſehen war. Quekſilber nimmt, wiewohl mit groͤſſerer Beſchwerlichkeit, eben den Weg: indeſſen hat ſolches doch Wilh. Cowper(t)Myolog. S. 8. in der That richtig befunden, und ich habe die Probe damit am Herzen ge - macht.

Jn verſchiednen Krankheiten nimmt das Blut eben den Weg, wie hier die mannichfaltige Feuchtigkeiten tha - ten, die von der Hand des Zergliederers ihre Richtung empfiengen. An den Leichnamen erſtikkter, oder an hefti - ger Entzuͤndung verſtorbner Perſonen habe ich oͤfters an den Membranen des Magens und der Gedaͤrme rothe, ſchwarzbraune, und endlich faſt voͤllig ſchwarze Striche, laͤngſt der ganzen Schlagader herab laufen, geſehen(u)Opuſc. pathol. obſ. 43. S. 109., die offenbar vom Blute entſtanden waren, das ſich von allen Seiten aus der Schlagader in dasjenige Zellgewe - be ergoſſen hatte, welches alle Schlagadern bekleidet, und welches unſre Verſuche auch an denen allerkleinſten Thierchen erwieſen haben(x)Memoir. ſur le mouv. du ſang. II. hie und da im 8 Ab - ſchnitt.. Jm Jahr 1751 da ich hiervon zum erſtenmale ſchrieb, ſahe ich, als eine zer - brochne Schienbeinsroͤhre von dem Wundarzte lange in einer Queerlage gehalten wurde, und, nachdem ſie ſich ſelbſt uͤberlaſſen war, ploͤzlich eine ſenkrechte Stellung annahm, daß das Blut an ſehr vielen Orten in das Zell - gewebe unter der Haut durchgeduͤnſtet war, und viele blaue Flekken hinterlaſſen hatte, die die Natur ſelbſt wie -E 3der70Erſtes Buch. Elementartheileder zertheilte. Jn der toͤdlichſten Lungenentzuͤndung ſchwizzet das Blut ſelbſt in die Luftblaͤsgen der Lunge durch, es vermehret, wenn es in dieſelben eingedrungen, die Schwere dieſes Eingeweides, daß es nachgehends im Waſſer zu Boden ſinkt, und das geronnene dem uͤbrigen Blute, das ſich durchdrengen ſoll, nicht mehr Plaz macht. Von dieſem hoͤchſtbetruͤbten Falle habe ich an - derswo(y)Opuſc. path. Obſ. 14. S. [3]8. eine Nachricht gegeben. Es ſcheinen mir auch, ſo wie andern beruͤhmten Maͤnnern(z)rogers of epidemic. diſea - ſes. S. 14., die in boͤs - artigen Fiebern ausbrechende Flekken nichts anders zu ſeyn, als ein in die Faͤcherraͤume unter der Haut ergoſſe - nes Gebluͤt. Eben dieſer Fall, der aber fuͤrchterlicher wird, findet in denen ſo genannten Peſtcarbunkeln ſtatt: denn alsdenn ziehet ſich das Blut in alle faͤchrige Raͤume an den beſchaͤdigten Theilen, bis in die Kno - chen hinein, die es ſchwarz faͤrbt. So gar habe ich an den innern Haͤuten der groſſen Schlagader mehr als zu oft Flekken, wie ſie der heiſſe Brand nach ſich laͤſt, wahr - genommen, welche von dem durchgeſchwizzten Blute ih - ren Urſprung hatten. Alles dieſes erfolget, indem die Gefaͤſſe ganz bleiben, und keine Riſſe leiden, welches ſonſten ſchon ſeltener vorkoͤmt, und von uns, da wir dergleichen Koͤrper mit verſchiednen Feuchtigkeiten aus - ſprizzten, nothwendig haͤtte entdekkt werden muͤſſen: denn es haͤtten ja dieſe fluͤſſige Subſtanzen unumgaͤnglich aus der geborſtnen Schlagader hervorbrechen und groſſe Flekken und Klumpen, wie oben gedacht, bilden muͤſ - ſen.

Es darf dieſes aber niemand vor eine Neuigkeit an - ſehen. Denn es berichtet ſchon einer der aͤlteſten Aerzte, Eraſiſtratus, daß das Blut durch die Verbindungen der aͤuſſerſten Ende derer Blutgefaͤſſe (anaſtomoſis) durch -71des menſchlichen Koͤrpers. Fett. durchſchwizzen koͤnne(a)Coel. aurelian. Chron. L. II. c. 10.; und es beſchreibet unter den Neuern, Joh. Dan. Schlichting(b)Thavmatogr. S. 239. not. ad verbrvgge S. 283. 284. ſehr ausfuͤhrlich, wie eine Entzuͤndung von dem ins Zellgewebe getrete - nen Blute entſpringe; daß auch endlich aus dieſem Grunde die Entzuͤndungen groß werden koͤnnen, weil die kleinen vom unterlaufenen Blute entſtuͤnden, davon thut Gerard van Swieten Meldung(c)Comment. in Aphor. Boerh. S. 646.. Ferner hat der beruͤhmte Huxham in den gefaͤhrlichſten Flekfiebern wahrgenommen, daß ſich das Blut durch die duͤnnge - wordne Aderhaͤute durchgezogen(d)Of fevers S. 4., daß es in der Blut - ſtuͤrzung nicht von zerriſſnen Lungengefaͤſſen, ſondern vermittelſt der Durchſikerung herfuͤrgedrungen(e)S. 191., und in den boͤsartigen dreitaͤgigen anhaltenden Fiebern (ter - tiana continua maligna) hat der beruͤhmte Cleghorne die mit Fett durchwachſne Theile am Koͤrper, das Nez, das Gekroͤſe, den Grimdarm, mit Blut ſchwarz ange - laufen gefunden(f)Deſcript. of Minorca S. 65.. Es ſind aber auch die obgedachte am Nezze, Grimdarme, und Gekroͤſe vorkommende pur - purfarbne Flekken nichts ſeltenes(g)Traité de la Peſte S. 402., und hieher rechne ich auch den Blutſchweis, den Boerhaave ſo oft an Thieren hervorbrachte, die er ſich ungemein heftig bewe - gen ließ, und mit vielen laufen ermuͤdete. Vornaͤm - lich zeigte er dieſe Erſcheinung an der groſſen Schlag - ader eines Ochſen(h)Prax. med. T. I. S. 242. von dem Haſen aber Prælect. T. III. S. 501., und deſſen beruͤhmter Schuͤler(i)Ger. van Swieten an an - gef. Ort. S. 171. machte es an der groſſen Schlagader im Hirſchen ſicht - bar. Hierzu kann man, nach Gutbefinden, den Anton von Leeuwenhoek zaͤlen, der vom durchſchwizzen - den Schlagaderblute Meldung thut(k)Contin. arc. nat. Brief 113. S..

E 4Folglich72Erſtes Buch. Elementartheile

Folglich iſt der Weg aus den Schlagadern in die Zellhoͤlungen ganz kurz, oder der naͤchſte moͤgliche. Jn - deſſen koͤmmt in dem geſunden Thiere noch die Fettmate - rie dazwiſchen; denn es laͤufet der Milchſaft, davon ein groſſer Theil butterartig iſt, ganz offenbar in dem Blu - te herum, und Bapt. Morgagni(l)Advers. anat. II. S. 16. bezeuget unwi - derſprechlich, daß aus den zerſchnittnen Gefaͤſſen ein wirkliches Fett, unter der Geſtalt von Tropfen, heraus - gelaufen. Jn den Gefaͤſſen der Froͤſche fand Marcell Malpigh das Fett flieſſend, wiewohl mir dieſes Gluͤk noch niemals begegnet iſt(m)Am angef. Ort S. 42. poſth. S. 92.. Franz Gliſſon(n)Am angef. Ort. S. 85. und Frid. Ruyſch haben in dem Blute ſkorbutiſcher Perſo - nen Fett angetroffen(o)Adverſ. anat. II. S. 28..

Wenn das Fett alſo im Schlagaderblute herumflieſt, wenn der Weg aus den Schlagdern laͤngſt aus in die herumliegende Faͤcherchen frei und offen iſt, wenn uͤber - dem, wie gezeiget werden ſoll, ſich das Fett von freien Stuͤkken an die Schlagaderwaͤnde anhaͤngt, ſo ſehe ich eben keine groſſe Dunkelheiten in dem Punkte der Fett - abſonderung herrſchen, zu deren Erklaͤrung der gar zu behutſame Winslow(p)Traité des Tégumens, N. 72. keine Hofnung macht.

So kurz der Weg fuͤr das Fett bis in die Saͤkchen deſſelben iſt, ſo geſchwinde wird er von ſelbigem zuruͤkke gelegt. Die Ortolans, dieſe den Groſſen ſo angenehme Voͤgel, werden in einem Tage fett. Die Lerchen, die den Tag uͤber mager waren, legen des Nachts viel Fett an(q)stahl Theor. med. S. 374.. Man maͤſtet Schweine nach vorgaͤngigen Fa - ſten und machet ſie in dreien Tagen fett(r)Ariſtoteles Hiſt. anim. L. VIII. K. 6.. So laͤſſet ſich auch an den Knaben, die in Krankheiten verloren ge - gangne rundlichgewoͤlbte Weichheit der Haut in ſehr kur - zer Zeit wieder herſtellen.

Damit73des menſchlichen Koͤrpers. Fett.

Damit ſich aber das Fett in ſeine faͤchrige Behaͤltniſ - ſe verſammlen koͤnne, dazu traͤgt die Gemuͤtes-und Lei - besruhe viel bei. Koͤrper, die ſich unter langen Arbei - ten ermuͤden, werden niemals, wie man von Menſchen und Thieren uͤberzeugt wird, fett werden. Kein Hand - arbeiter, der ſich anſtrengen muß, kein Laſtentraͤger iſt fett(s)Clopton havers Oſteol. S. 207.. Pferde die ein anhaltendes Laufen, und eine mit dieſem vergeſellſchaftete Ermattung, mager erhalten, neh - men bey einer guten Ueberwinterung geſchwinde wieder zu. Wenn man alte Rinder, die vor dem Pfluge ab - getrieben worden, auf eine luſtige Weide bringt, ſo weis man aus der gemeinen Erfarung, daß ſie in gar kurzer Zeit ein wohlſchmekkendes Fett anlegen(t)vervlam Hiſt. vit. et mort. S. 364. bradley hushandry S. 55. Dieſe Art Ochſen zu maeſten iſt in der Grafſchaft Devon, und im weſtlichen Theile von England, ingleichen in der Schweiz, und in Thuͤringen gebraͤuchlich.. Vermit - telſt der Ruhe, nehmen Gaͤnſe, die man geblendet, und denen man die Schenkel zerbrochen, bis zur Unfoͤrmlich - keit am Fette uͤberfluͤßig zu, wenn man ſie mit Fleis maͤſtet(u)Oliv. des serres de pra - del S. 446. bradley country ſarmer director. S. 27., welches auch von den jungen Tauben gilt(x)Des serres S. 482.. Die Murmelthiere leben den Winter uͤber bei einem fet - ten Leibe, ohne Speiſe(y)rai wisdom of God. S. 292., wie man von den Baͤren eben - falls weis(z)aristoteles Hiſt. anim. B. VI. K. 36. hillerstroem laemtelands diur ſange. S. 15.; denn es ſchlafen beiderlei Thiere in dieſen Jareszeit beſtaͤndig fort, ob ſie gleich wenig oder nichts genieſſen. Wenn man Haushuͤner maͤſten will, ſo muͤſ - ſen ſie viel ſchlafen(a)v. Reaumur Art. de faire eclore les oiſeaux domeſtiques S. 2. Eb. 392., und man miſchet ihnen zu die - ſer Abſicht ſo gar den Saamen von Treſpen (lolium) un - ter die Futterkoͤrner(b)S. 393.. Man weis, daß Hausratten in Faͤſſern fett geworden(c)varro de re ruſtisa, B. III. K. 15., und es werden, wie ich oftE 5wahr -74Erſtes Buch. Elementartheilewahrgenommen, die zum Tode verurtheilten(d)Der beruͤhmte Rhades in der angefuͤhrten Streitſchrift S. 45. biswei - len mit fetten Leibe zur Lebensſtrafe hingefuͤhrt. So gar kann man Karpen, wenn man ſie in Moos einhuͤl - let, um ſie dadurch in einer ruhigen Unthaͤtigkeit zu erhal - ten, und alſo im Keller aufbehaͤlt, fett machen(e)razczynski Hiſt. nat. Polon. T. II. S. 211..

Es traͤgt demnach alles dasjenige, was den Blut - lauf vermindert, wofern die Geſundheit nur vollkommen iſt, das ſeinige zu der Fettmachung bei. Selbſt das vierzig-und funfzigjaͤhrige Alter beguͤnſtigt dieſe Er - ſcheinung damit, daß die Herzſchlaͤge, und Umlaufskraͤf - te zu der Zeit nicht mehr ſo ſchnell und heftig ſind, ſon - dern ſchon merklich nachlaſſen. Hingegen macht die Gemuͤtsſorge, und die Anſtrengung derer Seelenkraͤfte den Koͤrper ſehr mager, und diejenigen ſind jederzeit fet - ter, bey denen die Gemuͤtsbewegungen mit gemaͤſſigten Feuer geſchehen. Daher kam es, daß Caeſar zu ſagen pflegte: er fuͤrchte ſich vor den fetten und mit Salben eingeriebenen Maͤnnern nicht im mindſten; denn es er - kannte dieſer ſcharfſinnige Herr ſehr wohl, daß derglei - chen Leute ſich weder das Beſte des gemeinen Weſens, noch den Trieb zur unabhaͤngigen Freiheit ſehr zu Her - zen gehen laſſen. Der bekante Jonath. Swift (denn man kann leichtlich errathen, von was fuͤr einem Manne eigentlich die Rede ſey) blieb, ſo lange er mit Sorgen und Zorn beſtaͤndig uͤberhaͤuft, ungemein mager; er wurde aber ausnehmend fett, nachdem ſich ſeine See - lenkraͤfte erſchoͤpfet hatten, und er daruͤber kindiſch wurde(f)baker de affect. anim. S. 20..

Solchemnach befoͤrdert auch ein oͤfteres Aderlaſſen, da - durch die Fettigkeit, daß es dem Herzen die Stachel, die es reizen, entwendet, und der ganzen Maſchine ei -ne75des menſchlichen Koͤrpers. Fett. ne Schwaͤche zuzieht(g)bagliv de Fibr. mot. B. I. S. 338.. Auf ſolche Art maͤſtet man wenigſtens in England die Kaͤlber(h)lister Iourny to Paris S. 157. de Humor. S. 450. Holl. Ausgabe, lavrence in Opere ru - ſtico, und andere mehr.. Desgleichen werden auch die verſchnittnen Thiere nicht aus dem Grun - de fett, weil die ernaͤhrenden Theile nunmehro in dem Koͤrper zuruͤk behalten werden(i)Wie der beruͤhmte Buffonin ſ. Hiſtoire natur. B. IV. S. 444. mutmaſſet., ſondern weil der ganze Koͤrper an den Verſchnittnen in ſeinem voͤlligen Umfan - ge ſchwaͤchlicher iſt, und von keinem ſo hizzigen Blute, wie man an verſchnittnen Thieren augenſcheinlich ſiehet, begeiſtert wird. Man darf nur einen geduldigen Och - ſen, und muthloſen Wallach, mit einem trozzigen Stie - re und feurigen Hengſt in Vergleichung ſtellen. End - lich erwaͤhlet auch das Fett in einem und eben demſelben Thiere an dem Orte ſeine Niederlage, wo man dem Rei - ben und der ſtarken Bewegung Grenzen ſezzt. An der Stelle der an einem Hunde ausgeſchnittnen Milz, haͤufte ſich eine Menge Fett an(k)borrich. Hermet. med. ſa - pient. S. 429.; eben dieſes wieder - fur Leuten, die man, durch die Ausſchneidung einer Hode, ihrer Mannheit beraubte(l)hülsebusch am angef. Ort. n. 27..

Hieher kann man auch dasjenige ziehen, was an ei - nem andern Ort ausfuͤhrlicher ſoll gemeldet werden, daß naͤmlich Mehlſpeiſen, und vornaͤmlich Milch, zur Fettig - keit viel beitragen, weil dadurch viele Fettheile in das Blut gebracht werden.

So wie es Uebergaͤnge aus den Schlagadern in das Zellgewebe giebt, ſo finden ſich auch eben dergleichen fuͤr die Blutadern. Denn wenn das Fett aus denen Schlag - adern herausgehet und allda geſammlet wird, ſo muß es nothwendig von denen Blutadern wieder eingeſogen wer - den, wenn anders die Thiere nicht zu einer ganz uner -meßlichen76Erſtes Buch. Elementartheilemeßlichen Fettigkeit gelangen ſollen. Und dieſe Wege zeiget die Zergliederungskunſt auch in der That eben ſo gut, wie ſie die vorigen darſtellet. Es ſchwizzet eben ſo wohl die eingeſprizte Feuchtigkeit aus den Blutadern heraus, und fuͤllet die Schwammhoͤlungen an, wie mir oͤfters, auch wider meinen Willen, der Verſuch mit Waſſer, mit der Hauſenblaſe, mit der Luft alſo geraten, wenn es eben meine Abſicht erforderte, daß die einge - ſprizzte Feuchtigkeit in den Blutadern bleiben ſollte. Eben dieſer Erfolg verfuͤhrte Joh. Henr. Schulzen, daß er denen Blutadern die Fettbereitung zuſchrieb(m)Jn der Streitſchrift de Ven. ſect. in hydropicis, die der beruͤhmte Schaarſchmid in den Berlinſchen Nachrichten, Th. IV. S. 400. anfuͤhrt, und jezo neh - ne ich wahr, daß eben dieſer Ver - ſuch in des erſtgedachten deruͤhm -ten Mannes Streitſchrift de Su - dore. S. 9. vorkoͤmt., nach - dem er gefunden, daß das in die Armblutadern getriebne Waſſer in die Fettfaͤcherchen uͤbergeſtiegen war. Alſo ſahe Steph. Hales an einem Hunde, deſſen Blutadern er mit Waſſer ausgeſprizzet hatte, die Zellſaͤkchen und Speicheldruͤſen davon aufſchwellen(n)Am angef. Ort. S. 117.. Auf gleiche weiſe dringet auch zuweilen das in die Blutadern einge - ſprizte Waſſer in die zwiſchen dem Marke befindliche Fett - zellen(o)Joſ. de la Charriere Anat. de la tete. S. 62.. Mit dergleichen Erfolgen iſt das ſehr ſchaͤz - bare Werk des Abr. Kaauw ganz angefuͤllet(p)Am angef. Ort. N. 800. u. w..

Jch will hier nicht viel gedenken von dem ohnehin hoͤchſt deutlichen Verſuch des Malpighs, welcher bey lebendigen Thieren, in die Blutadern, und in die Leber ſelbſt Oel zuruͤk zutreiben pflegte(q)De mento. S. 42.. Es ſind hieruͤber ſehr viele phiſiologiſche Zeugniſſe vorhanden, die ſich auf die Beobachtung derer Verrichtungen des menſchlichen Koͤrpers gruͤnden, und wodurch dieſer Ruͤkweg des Fet - tes ganz offenbar und deutlich erwieſen wird. Denn erſtlich verhindert die ſtarke Bewegung derer Muskeln injedem77des menſchlichen Koͤrpers. Fett. jedem Thiere nicht nur das Zunehmen der Fettigkeit, ſondern macht auch, daß ſich das ſchon vorhandne Fett nach und nach vermindern muß, weil die unter der Be - wegung aufſchwellende Muskeln das in ihren Zwiſchen - raͤumen befindliche Zellgewebe zuſammen druͤkken, und das von andern Orten kommende fluͤßige Fett, durch die offne Muͤndungen in die Blutadern zuruͤk treiben, die daſſelbe, bei dieſer Beſchaffenheit des Blutlaufes, ge - ſchwinde nach dem Herzen wieder zuruͤk fuͤhren, und da - her viel dazu mit beitragen, daß das Fett wiederum von neuen eingeſogen wird. Die Verminderung des Fettes pflegt hingegen am geſchwindeſten zu erfolgen. Die Ler - chen verlieren die Fettigkeit, welche ſie, wie vor erwaͤhnt, des Nachts erlanget haben, ſo gleich den folgenden Tag wieder, und werden viel magerer(r)stahl angef. Ort. S. 374.. Das ſehr traͤge Faulthier (Sloth) erſchoͤpfet ſich, indem es von einem Baume herab ſteigt und nach einem andern fortkricht, von der geringen Arbeit ſo ſehr, daß es wie ein ausge - zehrtes Gerippe anzuſehen iſt, wenn es gleich mit fettem Koͤrper von dem Baume herunter geſtiegen war(s)dampier Voyage round the World. T. II. S. 62.. Die braſiliſchen Ochſen werden, wenn man ſie aus entlege - nen Landſchaften nach Fernambuc, oder der Bucht aller Heiligen treiben laͤſt, unterwegens ganz mager(t)zucchelli Rilaz delli miſ - ſioni. P. V. S. 64.; und man trift in den Ochſen und Schafen, die man von dem platten Lande nach Paris bringt, wenn ſie erſt in dieſer Stadt ankommen, gar kein Mark an, es ſammlet ſich aber in ganz kurzer Zeit wieder, nach dem Zeugniſſe des be - ruͤhmten Rouhault(u)Er hat es an Schafen gan - zer 25 Jahre lang wahr befunden. Bei dem vauguyon Oper. de Chir. S. 683., Ludw. Lemerys(x)De la nouriture des[os]S. 12. und des gelehrten Senak(y)Vorrede zu bertini Oſte[o]- log. S. 60.. Von den Begattungen verlierendie78Erſtes Buch. Elementartheiledie maͤnnlichen Thiere das Mark in den Knochen(z)hippo metapontinvs beim censorinus de die natali. K. V. S. 25.. Und Coel. Aurelian(a)Chronicor. B. V. K. II. giebt den Rath, daß man ſich bloß und allein vermittelſt der Leibesbewegungen von der Fettigkeit zu entledigen ſuchen ſolle. Bei ſchnell-laufen - den Thieren iſt auch das Zellgewebe um die Nieren ganz ledig(b)kaauw am angef. Ort. N. 569. 570.. So finden wir auch, daß durch oͤfters wieder - holtes Reiben ein hervorgetriebner Schmeerbauch und eine beſchwerliche Fettigkeit voͤllig ſey vertrieben wor - den(c)zacutus Luſitan. Prax. ad - mir. B. III. obs. 112. Noch vie - les andere von eben dieſer Art fin -det man beim Wier. Wilh. Muys und Franz quesnay de la ſaignée. S. 5..

Es ſind aber beſonders die Thiere dieſem Uebel unter - worfen, ſo daß fuͤrnemlich einige Arten unter ihnen alle - zeit unter der Arbeit mager werden; dieſe nennen die Englaͤnder Waſhhorſes(d)king Phil. Trans. N. 18., und ſie nehmen auch eben ſo geſchwinde wieder an Fette zu(e)Wilh. Croone de Motu muſc. S. 26.. Man hat es an die - ſen Thieren vor andern abnehmen koͤnnen, wie das Fett eigentlich verſchwindet. Es ſchmelzet naͤmlich und duͤn - ſtet ſodenn aller Orten, und ſo gar in die Gedaͤrme aus, daß es den Auswurf gleichſam mit einem Felle uͤberzie - het(f)Fiſchers lieflaͤndiſches Hand - buch S. 126., oder ſich in dem Unterleibe in ziemlich groſſen Klumpen verdikket und anhaͤufet(g)ruysgh de Gland. fabr. &c. . Am genauſten hat dieſe Fettwege vor andren Gibſon, der neue Ver - faſſer der Pferdearzneikunſt (Hippiatrice) wahrgenom - men. Dieſer beſchreibet demnach die Pferdekrankheit, die er Moltengreaſe nennet, ſo, daß ſie eines der heftig - ſten Fieber ſey, welches vom ſtarken Reiten entſtuͤnde, da alles Fett auf einmal ſchleunig verſchwinde, der Koth fettig ausſaͤhe, und ſich im Gebluͤte ein hoͤchſt zaͤ -hes79des menſchlichen Koͤrpers. Fett. hes Fett zeigete(h)Diſeaſes of the horſes. S. 326. 327. und S. 57., welches der deutlichſte Beweis da - von iſt, daß das Fett von der Gewalt der Muskeln in das Blut zuruͤk getrieben worden.

Man muß indeſſen auch noch andre Urſachen anfuͤh - ren, wie das Fett wieder in das Blut zuruͤk gehet. Die Bewegung der Muskeln iſt nicht die einzige, die, indem ſie das Fettgewebe beſtaͤndig erſchuͤttert, die fetten Thie - re mager macht: denn es verſchwindet ſo gar das Mark aus den Knochen, da ſich doch dieſe Erſchuͤtterung nicht bis dahin erſtrekket. Es ſcheint demnach, daß, wie in Fie - bern, alſo auch in gar zu groſſer Leibesbewegung, die vermehrte Ausduͤnſtung, der Schweis, und der uͤbrige Abgang, die Blutmaſſe dergeſtalt vermindere, daß ſich das geſchmolzne Fett gleichſam als an einen freiern Ort, wo es weniger Widerſtand befuͤrchten darf, in die Blutadern hinuͤberbewegt, wie ſich ſonſt das Waſſer in der Waſſerſucht, nach ſehr heftigen Purgiermitteln, mit dem Blute wieder vermengt. Man kann auch in Fie - bern, in Abſicht auf dieſe Ausleerung, der gewoͤhnli - chen Aderlaß nicht alle Wirkung abſprechen. Denn es zehren Fieber, wie jedermann weis, wunderbarer Weiſe den Koͤrper aus, und es iſt alles dasjenige, was aus dergleichen Urſachen dem Gewichte des Koͤrpers entgeht, allerdings nichts als Fett(i)Morgan am angef. Ort. Mein Lehrer hin und wieder; und ehemals connor Evang. Med. S. 147. Jn einem ausgezehrten war nicht der kleinſte Muskel an -gegriffen, und nicht einmal eine Faſer. petermann de Nutr. . Daher geſchahe es, daß ein Menſch nach dem Fieber um dreißig Pfunde leichter ward(k)Fr. Ruyſch de Fabr. gland. S. 60. sanctorius Med. ſtat. 1. aph. 81., und ein anderer, nach einer durch den Gebrauch des Quekſilbers erwekten Speichelcur, funfzig Pfun - de am Gewichte einbuͤſte(l)Boerhaave de Lue vene - rea. S. 162.; gleichwie noch ein andrer inden80Erſtes Buch. Elementartheileden Pokken achtzig Pfunde an ſeiner Schwere verlor(m)Die Stelle iſt mir entfal - len.. An einem an den Pokken verſtorbnen fand ſich, als man ihn oͤfnete, nirgens in dem ganzen Koͤrper einiges Fett uͤbrig(n)Fr. Hoffmann Med. con - ſult. T. II. Dec. 5. Caſ. 3. ver - dries de Pingv. S. 26., und der beruͤhmte Blair entdekte an dem Elephanten, welchen er zerlegte, nicht das mindeſte davon, weder um den Hintern, noch an den Nieren oder in den Knochen(o)Phil. Trans. N. 326.. Von einem Fieber loͤſte ſich ein ziemlich groſſer Breigeſchwulſt(p)verduc Operat. de chirur. S. 139., und eine Spek - beule(q)App. obs. poſt scultetum. N. 46. von ſelbſt auf. Es zerſchmelzt aber das Fett beinahe, wie an den obgedachten Pferden, und zeiget ſich in dem ſchwarzen, und bisweilen pechfarbigen Urin(r)Jm zehrenden Fieber vomverdorbnen Marke monroo of the bones. S. 21., dergleichen ehemals der ungluͤkliche Williams in dem ſehr boͤsartigen Zehrfieber (colliquativa febre) auf den antilliſchen Eilanden angemerkt hat(s)On the bilious fever. S. 12., und es fehlet nicht an Kranken, bei denen ſich das geſchmolzne Fett durch den Nabel ausgeleeret(t)Auf 6 Pfunde. Act. Mar. Balth. 1701. S. 24., oder ſich in den holen Bauch dergeſtalt ergoſſen hat, daß die Gedaͤrme in dem - ſelbigen herumgeſchwommen(u)bagliv de Fib. mot. ſp. 1. S. 313..

Sonſten hemmen auch noch andre gewaltſame Aus - leerungen natuͤrlicher Feuchtigkeiten, das Zunehmen der Fettigkeit, und das thut vornaͤmlich der Gebrauch des aus Franzoſenholz verfertigten Tranks, wiewohl ſich die Fettigkeit nach dieſem Mittel bald wieder einzufinden pflegt, wenn auch gleich die Kranken durch dieſen Holz - trank(x)verulam Hiſtor. vit. & mort. S. 364. 365., oder durch den Gebrauch des Quekſilbers(y)schlichting Siphilid. mne - moſyn. crit. S. 546. das uͤbermaͤſ -ſige, noch ſo ſehr ſolten ſeyn ausgetroknet worden.

Das81des menſchlichen Koͤrpers. Fett.

Das Fett gehet aber auch, ohne Krankheit, ohne ſtarken Umlauf des Blutes, in dem geſundeſten Zuſtan - de, in das Blut zuruͤk, und es verzehrt ſich endlich dar - innen. Denn man weis, daß man eine uͤbermaͤßige Fettigkeit allein vermittelſt ſolcher Speiſen, die ſehr we - nig Fett zu wege bringen, und durch ſcharfe Mittel, gluͤklich gehoben. Galen befreiete einen jungen Men - ſchen, vermittelſt des Theriaks, des Theriakſalzes, des Laufens und des Reibens von dem uͤberfluͤßigen Fette(z)Method. med. L. XIV. . So wurde auch bei einem andern die allzugroſſe Fettig - keit durch fleißiges Kauen des Tabaks vermindert(a)P. Borell ein Schriftſtel - ler, der eben nicht das beſte Lob hat, Cent. 2. Obſ. 2.. Zu dieſer Abſicht rathet man gemeiniglich den Eßig an(b)riolanus Enchir. anat. path. S. 477. mit angefuͤhrten Beiſpielen, baynard Pſychrolu - ſia S. 485. spon Aphor. nov. S. 216. J. W. Pauli de Nutrit. S. 44. bis 46. Acta Hafni. ann. 1. obſ. 47., ich weis aber nicht, ob man Grund dazu habe, oder kluͤglich darinnen verfahre. Wenigſtens habe ich aus der Erfarung angemerket, daß der Magen von dem Gebrauche des Sauren, und, wo ich nicht irre, des Vi - triolgeiſtes, ſehr verhaͤrtet worden und ſtark aufgeſchwol - len ſey, und es haben andere wahrgenommen, daß da - her harte Knoten (tubercula) an der Lunge entſtanden ſind(c)De savlt. . Von dem Stekruͤbenſaamen legen die all - zufetten Canarienvoͤgel ihre unbequeme Laſt ab(d)Hervieux des Serins de canarie S. 237..

Endlich verzehrt der bloſſe Hunger ſchon das Fett, und alsdenn mangelt die Materie ganz allein, welche die Stelle deſſen, was das Blut beſtaͤndig in ſich geſo - gen, und das entwendete wieder erſezzen koͤnnte. Die Schlangen werden nach anhaltendem Hunger ganz ma -Fger(y)ſige Fett wurde durch einen Spei - chelflus vom Quekſilber gehoben. forestus Obſ. L. XXXI. Obſ. 10. pauli de Nutrit. S. 46.82Erſtes Buch. Elementartheileger(e)Bertram Streitſchrift de Pingued S. 31.. Man findet im Chamaeleon, denen Eidechſen und Froͤſchen die Fettbehaͤltniſſe im Herbſte voll, und im Fruͤhjahre wieder ledig(f)valisnieri de chamæleonte Aſric. T. II. ſeiner Werke S. 418.. Ein Knabe, dem man boshafter Weiſe nur ſo viel zu eſſen reichte, daß er kaum das Leben erhalten konnte, wurde endlich ſo mager, wie ein Todtengerippe(g)Kaauw Imp. fac. Hippocr. N. 456.. Hieraus will ich eben nicht den Schluß machen, daß das ins Blut zuruͤkgekehrte Fett ernaͤhre, ſondern es iſt zu gegenwaͤrtiger Abſicht hinrei - chend, daß es allerdings, zu welchem Endzwekke es auch ſey, wieder von dem Blute aufgenommen wird. Ein in Verſuchen fleißiger und geuͤbter Mann geſtehet, daß das Fett keine Nahrung gebe, daß es ſich aber immer mehr vermindere, und von neuem wieder ergaͤnze(h)A. J. Roeſel von Roſen - hof Froͤſchgeſchichte. S. 22.. Auf das, beſonders durch Krankheiten verminderte Fett folget beinahe eine ſolche Gallerte, die derjenigen aͤhn - lich iſt, welche vorher, ehe das Fett geſammlet worden, in denen Saͤkchen zugegen war. Bey Waſſerſuͤchtigen wird dieſes am gewoͤhnlichſten und leichteſten wahrge - nommen. Jn einem ausgezehrten Schafe fand man, ſtatt des Fettes, eine Gallerte(i)Ephem. Nat. Cur. Dec. I. ann. 8. obſ. 30., und ſo gar traffen die Pariſiſchen Zergliederer in dem Herzen eines Loͤwen, der an einer Krankheit geſtorben war, dergleichen Gallerte an der Stelle des Fettes an. Dieſe Gallerte machte, daß das mit durchſichtigem Safte erfuͤllte Zellgewebe dem beruͤhmten Anton Deidier in Flieswaſſergefaͤſſe verwandelt zu ſeyn ſchien(k)Conſil. T. III. S. 121. 124.. Jch werde an andern Orten davon die Urſache anzeigen. Es ſcheinet aber die - ſelbe in der Schwaͤche derer zur Verdauung beſtimm - ten Eingeweide zu liegen, wenn bei dieſem Uebel Waſſer und Gallerte ihre vegetabiliſche Natur behalten: inglei -chen83des menſchlichen Koͤrpers. Fett. chen auch in dem verſperrten Ruͤkwege des Dunſtes in die groͤſſern Blutadern, als welcher in ſeinen Saͤkchen zuruͤk gehalten wird und ſtokket, mithin alſo die Adern ausdehnt.

Es iſt noch uͤbrig, daß wir den Nuzzen des Fet - tes in Erwegung ziehen. Jedermann wird ſo gleich auf die Vermutung fallen, daß dieſer Nuzzen nicht ge - ringe ſey, wenn man erweget, wie daſſelbe uͤberall bey Thieren von ganz verſchiedenen Arten, dergleichen die vierfuͤßigen, die Voͤgel, Fiſche und Jnſekten ſind, an - getroffen werde, in welchen allen man Fett antrift, ſo daß nicht einmal die Uferaasfliege(l)Swammerdam Biblia na - turæ. S. 576., oder die Raupen, davon ausgenommen ſind(m)malpighi de Bombyce S. 16. 17. C. de Geer in ſeinen Me - moir. pour ſerv. a l’hiſtoire des inſectes, S. 11.; wie auch, daß ſich der Umfang des Fettes eben ſo weit, als das Muskelſiſtem, erſtrekke. Der vornemſte Nuzzen, den der thieriſche Koͤrper davon hat, beſtehet in der Bewegbarkeit, die es unter benachbarten Theilen erhaͤlt, da die Reibung zwi - ſchen zweien feſten Koͤrpern auf keinerlei Weiſe, es moͤ - gen Strikke, Leder, Holz oder Metalle ſeyn, ſo kraͤftig gehoben wird, als wenn man Oel zwiſchen ſie gieſſet, und es ſcheinen durch dieſe ſanfte Zwiſchenfuͤgung alle die rauhen Spizzen, die ſich faſt auf allen koͤrperlichen Oberflaͤchen befinden, ausgefuͤllet zu werden, und ſobald die kleinen Thaͤler, die wie Vertiefungen dazwiſchen lie - gen, ausgefuͤllet worden, ſo hat es das Anſehen, daß ſich die ganze Flaͤche dadurch voͤllig gleich machen laſſe. Ueberdem werden thieriſche Faſern ſehr leicht ſteif, und ſie nehmen eine trokne und zerbrechliche Natur an ſich. Nun vermindert aber das Oel, womit man ſie uͤbergieſ - ſet, nicht nur die Reibung der Faſern an denen angrenzen - den andern Faſern, ſondern es zieht ſich auch in eine jedeF 2Faſer84Erſtes Buch. ElementartheileFaſer vor ſich ſanft und laulich hinein. Jch weis zwar wohl, was der ehemals beruͤhmte Leyſer(n)Prim. lin. ſyſt. med. , und ein vor kurzen bekannt gewordener Zergliederer(o)Hiſt. de l’Acad. des ſcienc. 1732. S. 28. 29., wider dieſen angefuͤhrten Nuzzen des Fettes geſchrieben haben. Jch habe aber bisher die Staͤrke ihrer Einwuͤrfe noch nicht wahrnehmen koͤnnen, die ſie beide der angenommenen Meinung entgegen geſezzet haben, ich habe auch nicht ſehen koͤnnen, wie das zwiſchen denen Muskeln befindli - che Fett, ſobald ſie ſich in Bewegung ſezzen, denenſel - ben ausweiche, da es doch an ſich noͤthig iſt, daß es von den benachbarten aufgeſchwollnen Muskeln gedruͤkkt werde, und ſich uͤberall uͤber ihre Oberflaͤche ergieſſen muß. An den kleinen Muskeln leiſtet der Gallertdunſt eben dieſe Dienſte, und man trift nirgends Theile an, die ſich uͤbereinander wechſelweiſe bewegen koͤnnen, wo nicht allezeit eine gewiſſe Feuchtigkeit zwiſchen ihnen vorhan - den iſt(p)petit des malad. des os. T. I. S. 354. u. a. beruͤhmte Maͤnner mehr. Dasjenige haͤngt nicht zuſammen, was eine fluͤßi -ge Materie zwiſchen ſich hat. Boerhaave Præl. T. III. S. 703..

Ueber dieſes haͤlt aber auch das Fett die nahe zuſam - menſtoſſenden Gliedmaſſen und Muskeln derer menſch - lichen Koͤrper in gehoͤriger Entfernung von einander, und legt ſich zwiſchen dieſelben, damit ſie nicht zuſam - men verwachſen. Jſt dieſe Scheidewand hinweggenom - men, ſo waͤchſt alles, die Haut mit den Muskeln, ein Muskel mit dem andern und mit dem Knochenhaͤutchen zuſammen, und die Bewegung des Gliedes wird voͤllig aufgehoben. Ueberhaupt iſt der Siz der Eitergeſchwuͤl - ſte gewoͤhnlicher Weiſe, wiewol nicht ganz allein, in dem Zellgewebe(q)Boerhaave Præf. ad Aphrodis. sharpe chir. op. S. 66. schebbeare Pract. T. II. S. 42. zu ſuchen, da die Erfarung zeiget, daß in der Subſtanz des Gehirns, der Hoden, oder derLeber85des menſchlichen Koͤrpers. Fett. Leber ein wahrer Eiter erzeugt wird, da doch in dieſen Eingeweiden kein Fett vorhanden iſt. Gemeiniglich iſt aber der Eiter ein wirkliches Fett, mit dem ſich das Blut und die Limphe vermiſchet, und ſolcher geſtalt zu - gleich etwas faulendes hinzugefuͤhret hat(r)grashuys de Suppur. S. 16.. Daher entzuͤndet ſich der Pokkeneiter, wie ich erwehnt habe, leichtlich am Feuer, und daher laͤſſet auch das im Waſ - ſer faulende Fett, eine weisliche, zaͤhe, und dem Eiter aͤhnliche Materie in demſelben zu Boden ſinken(s)Ebendaſelbſt S. 26.; und es erzeugt ſich, wie ich erinnert habe(t)Ebendaſelbſt 28., aus dem ſchmierigen Talge eine dem Eiter gleichkommende Ma - terie. Jndeſſen zerſtoͤhret die Eiterung mit dem Fette zugleich auch das Zellgewebe(u)Ebendaſ. S. 22. u. ſ. w., ſo daß, nach dem Zeug - niſſe verſchiedener geſchikter Maͤnner(x)Boerhaave de Lue vene - rea. S. 16. bartholin Cent. 3. hiſt. 19., wenn die Zwi - ſchenraͤume an den Muskeln vernichtet worden, das Fleiſch blos und ganz roth zum Vorſchein koͤmmt. An der Bruſt hat es Hoffmann(y)de Effectu elaſtic. in corp. hum. S. 8.; H. Franz le Dran an denen Halsmuskeln, die durch einen Carbunkel ent - bloͤſſet worden(z)Tom. I. obſ. 94., an den aͤuſſern Schenkelmuskeln, die eine Eitergeſchwulſt angefreſſen hatte, der beruͤhmte Ravaton(a)Trait. des playes des armes a feu. obſ. 87. angemerket. Von einer weggefreſſnen Ohrendruͤſe ſahe der gelehrte Hodges(b)Loimologia S. 130., wie die aͤuſſern Droſſelblutadern, die Schlagadern, der zuruͤkkehrende Nerve, die Sehnen, der Schlund, alles mit ein einander blos lag. Eine Peſtcarbunkel hatte beinahe den gan - zen Umfang der Bruſt angegriffen, daß man die Mus - keln zwiſchen den Ribben ſehen konnte, wie ſie waͤhren - den Athemholens ſich bewegten(c)Traité de la Peſte S. 285..

F 3Nunmehr86Erſtes Buch. Elementartheile

Nunmehr kann man, wenn das Fett zerſtoͤret wor - den, leicht den Nuzzen begreifen, den die Gegenwart deſſelben dem Koͤrper zu wege bringen mus, indem ent - weder das Glied davon ſeine Bewegbarkeit verliert, wenn das Fleiſch mit den Knochen zuſammenwaͤchſt(d)moyle Chir. mem. S. 10. n. w., oder wenigſtens dieſe Bewegbarkeit ſehr geſchwaͤcht wird und eine Art von Steifigkeit darauf folgt, wenn an den Stellen, wo ſich das Glied beugt, ein groſſer Eiterge - ſchwulſt befindlich iſt. Nach dem heiſſen Brande am Schenkel, der die Fettzellchen zerſtoͤret hatte, verlor die - ſer Theil ſeine Bewegung(e)boerhaave Præl. ad aphor. pract. S. 330.. Von einer Wunde wuchs der zwoͤlffingerdarm mit dem Darmfelle zuſam - men, und die Leber hieng ſich an das Zwerchfell an(f)De Cicuta aquatica. S. 204.. Wenn unter Verwundungen das Nezz geriſſen und ver - zehrt worden, ſo vereinigen ſich die Gedaͤrme mit dem Darmfelle(g)saviard Obſ. 59. Mem. de l’Acad. des Scienc. 1705. S. 40. Ephem. N. C. Vol. VI. obſ. 134. moyle angef. Ort., wachſen auch wohl ſo gar untereinander ſelbſt zuſammen(h)Jn den meiſten der eben angefuͤhrten Beobachtungen.. Eben dieſes Uebel begegnete ei - nem magern Coͤrper, an dem ſich das Nezfett voͤllig auf - geloͤſet hatte(i)cowper Phil. Tranſ. n. 302. und Tom. III. eidlo. ; bei einem andern, dem das Nez fehlte, wuchſen der Magen, Leber und Milz in ein Stuͤk zu - ſammen(k)bartholin. Cent. 3. hiſt. 6.. Von einem verdorbnen Nezze wurden die Gedaͤrme, vermittelſt kleiner herfuͤrgekommener Faͤſer - gen, an einander gehaͤngt(l)bontius Obſ. 7. l. 3..

Zu eben dem Ende und um das Zuſammenhaͤngen derer Theile, die ſich an einem Thiere uͤber einander be - wegen muͤſſen, zu verhindern, duͤnſtet das Fett von der Oberflaͤche des Gekroͤſes derer zarten und dikken Gedaͤr - me (meſenterium et meſocolon), des Nezzes, und viel - leicht auch von dem Fette des Herzens aus, und das er -ſtere87des menſchlichen Koͤrpers. Fett. ſtere vermiſcht ſich ſo augenſcheinlich mit der Dunſtfeuch - tigkeit des Unterleibes, daß man kleine Rinden oder Schalen von Fett darinnen ſchwimmen ſieht. Es hat auch das Anſehen, daß die weiche und ſchluͤpfrige Beſchaffen - heit derer Gedaͤrme und aller Eingeweide des Unterlei - bes, durch dieſe Beyhuͤlfe in ihren natuͤrlichen Zuſtande erhalten werde. Das unter der Haut befindliche Fett duͤnſtet vermittelſt der groſſen Schweisloͤcher, die be - ſonders an Fiſchen merklich(m)Die Haut iſt an den Wall - fiſchen ganz durchloͤchert und von allen Seiten ſchluͤpfrig. martens angef. Ort. S. 102. u. f., und im Menſchen nicht ganz undeutlich ſind(n)Ant. v. leeuwenhoek Epiſt. phys. S. 405. 406. ruysch uͤber Boerh. de gland. fabr. S. 55. trew Commerc. litt. Nor. 1743. Woche 31., wie auch vermittelſt derer Haa - re des ganzen Leibes(o)C. Gott. Ludwig Progr. de Humore cutem inungente, welches in unſrer Samlung ana - tom. Streitſchriſten wieder abge - drukket worden., bis zur Oberflaͤche der Haut aus, es erhaͤlt ſolche glaͤnzend und glatt, und beſchuͤzzet ſie gegen die rauhe Luft. Denn es hat dieſes Element eine ſolche ſtarke Kraft, daß es alle thieriſche Membra - nen, das Oberhaͤutchen allein ausgenommen, trokken, undurchdringlich und hornartig macht, und denenſelben ihre Feuchtigkeit und Empſindlichkeit benimmt. Man kann auch die Kaͤlte nicht beſſer vom Koͤrper abhalten, als wenn man ihr eine oͤlige Salbe entgegen ſezzet, wie wir durch Verſuche, die die Natur nachahmen, gezeiget haben.

Ferner fuͤllt das Fett die meiſten Zwiſchenraͤume de - rer Muskeln dergeſtallt aus, daß dieſe Theile davon an ihrem Orte feſtgehalten werden, da ſie ſonſten ohne die - ſes Fett gleichſam hin und her ſchwanken wuͤrden, und man, weil das weiche Fett nachgiebt, dieſe Theile zu - gleich ohne Hinderung mit bewegen und auseinander trei - ben koͤnnte. Man hat ein Beiſpiel davon an der Au - genhoͤle. Da das Auge mit ſeinen Muskeln nicht dasF 4voͤllige88Erſtes Buch. Elementartheilevoͤllige Knochengewoͤlbe ausfuͤllt, ſo wuͤrde, wofern hier das Fett mangelte, das Auge, wenn es kleiner waͤre, welk darinnen herumſchwimmen muͤſſen, und wenn es groͤſſer waͤre, und die Knochenhoͤle ausfuͤllen ſollte, von den knochigen Waͤnden zuſammengedruͤkt werden. Das Fett fuͤllet mit dem Lenden - und Vierekmuskeln den bau - chigen Umkreis der Niere mit einen gleichfoͤrmigen Ueber - zuge aus, da dieß Eingeweide auf den obgedachten Mus - keln ruhet, und ſich daher auf das Fleiſch derſelben ſtuͤz - zet. Da der Menſch am gewoͤhnlichſten zu ſizzen pflegt, ſo iſt die Haut der Hinterbakken damit uͤberfluͤßig aus - gefuͤttert; dieſes Fett beſchuͤzzet zugleich die Geſaͤsmus - keln wider die Haͤrte und die Reibung vom Sizzen, und da es ſich zugleich zwiſchen dem Maſtdarme und den in - nern Verſtopfmuskeln mit einmiſcht, ſo fuͤllt es zwar dieſen unterſten Theil vom Bekken, aber doch nur derge - ſtalt aus, daß es ſehr leicht dem Gedaͤrme, welches ſich wechſelweiſe ausdehnt, nachgeben kann; und wenn es ge - druͤkt wird, ſo umgiebt und uͤberziehet es die breiten Maſtdarmmuskel, und den Schliesmuskel des Hintern mit einer weichen Fettigkeit. An andern Orten ſcheinet es die unangeneme Geſtalt eines Todtengerippes da - durch zu verhuͤten, daß es ſich zuſammenhaͤuft, und an - ſtatt der Gruben eine Rundung hervorbringt. So trift man zwiſchen den Bakken - und Trompeterknochen an - ſehnliche Fettkluͤmpe an, und wenn dieſe verſchwunden ſind, ſo entſtehen davon die verdruͤslichen Furchen und Runzeln im Geſichte: wozu man auch die ſchwindende Au - genvertiefungen rechnen kann, die davon herruͤhren, daß die Augenhoͤle ſchlecht mit Fett ausgefuͤllet iſt. Ueber - dieß machet es auch die Haut angenehm weiß, indem es dieſelbe gelinde ausfuͤllet und durch ſie herfuͤr ſcheinet. Daher ſehen die Kinder ſo weiß aus; daher ſind auch allemal diejenigen Theile am weiſſeſten, unter denen ſich das meiſte Fett, wie z. E. an den Bruͤſten, befindet:und89des menſchlichen Koͤrpers. Fett. und daher faͤrbt ſich die Haut an den Maͤgdchen, wenn ſie mager werden, gemeiniglich olivengelbe.

Man haͤlt auch ferner dafuͤr, daß das haͤufige unter der Haut ausgebreitete Fett, die thieriſche Koͤrper vor der Kaͤlte der Luft bewahre. Wenigſtens iſt dieſes gewiß, daß bey der ſtrengſten Kaͤlte der Nordſee alle Fiſche, der Wallfiſch, das Meerkalb, auch ſelbſt die Voͤgel, mit haͤufigen thranigten Fett unter ihrer Haut verſehen ſind(p)Anderſon Nachricht von Jsland; von dem mit Zaͤhnen verſehenen Wallfiſche, Cachelot, schellhammer de Xiphia. rai Wisdom of god. S. 26. 252., und von magern Perſonen weiß man, daß ſie die Kaͤlte ſtaͤrker empfinden, als die fetten.

Endlich haben wir auch noch den Nuzzen, der von dem wieder ins Blut zuruͤkgefuͤhrten Fette zu erwarten iſt, in Erwaͤgung zu ziehen. Es giebt Gelehrte, die daran zweifeln, daß es alsdenn, wenn dieſer erfolget, den Koͤrper naͤhren koͤnne, und daß ein Thier von ſeinem eignen Safte leben ſollte. Die mehreſten, und beſon - ders auch die alten phyſiologiſchen Schriftſteller beobachteten, daß gewiſſe Thiere vor ihren Winterſchlafe fett waren, und ſie hernach im Anfange des Fruͤhlings mager aus ihren Erdhoͤlen herfuͤr kommen ſahen, verfielen ſie auf die Gedanken(q)valisnieri T. II. S. 436. iacobaevs de Ranis. S. 71. rai Wisdom of god S. 292. von den Bergmaͤuſen oder Murmelthieren der beruͤhmte Altmann vom Eis - meere. S. 108., daß dieſes von den Adern wieder eingeſogene Oel ernaͤhre, und den Blutmangel, der vom Hunger natuͤrlicher weiſe erfolget, wieder erſezze; ferner daß es die Stelle des Leimes, der alle thieriſche feſten Theile ſtaͤrket und wieder herſtellet, vertrete. Andre verwerfen dagegen, und zwar mit tuͤchtigen Gruͤnden, dieſe Art von Ernaͤhrung. Denn es geben Thiere, die den Winter ſchlafend zubringen, keinen Auswurf durch das Gedaͤrme von ſich, ſie athmen kaum, und ihr Blut -F 5lauf90Erſtes Buch. Elementartheilelauf iſt ſo gemaͤßigt, daß ſie ganz kalt werden, wie ich in der Abhandlung von der thieriſchen Waͤrme zeigen werde. Wenn ſie nun nichts verzehren, ſo ſcheint es nicht noͤthig zu ſeyn, an eine Wiedererſtattung zu geden - ken. Ferner ſehen andere beruͤhmte Maͤnner(r)fanton am angef. Ort. S. 34. das in das Blut wieder zuruͤkgefuͤhrte Fett nicht ſo an, daß es eine gelinde Blutmiſchung zu unterhalten vermoͤgend ſey, weil es in Menſchen und Thieren, die vom ſchnellen und ſtar - ken Laufen ſehr mitgenommen und mager geworden, die hizzigſten und gefaͤhrlichſten Fieber zu erregen pflegt(s)huxham of fevers. S. 13. daher ſind die Fieber bey fetten Leuten am gefaͤrlichſten., und weil zu beſorgen iſt, daß es in dem Zuſtande, wenn es dergeſtalt geſchmolzen und herumgetrieben worden, daß es von den Adern wieder aufgenommen werden kann, eben ſo ſcharf werden moͤchte, gleichwie man an gekoch - ten Oele eine groͤſſere Schaͤrfe wahrnimmt. Der Schlaf ſcheint das Fett nicht ſo ſehr zu verzehren, als er es ver - mehrt: denn das Blut bewegt ſich um ſo viel langſa - mer, je anhaltender der Schlaf an ſich iſt: und es iſt noch nicht vollkommen ausgemacht, daß dergleichen Thiere allezeit aus ihren Schlafwinkeln, in denen ſie den Winter zugebracht, mager hervorkommen(t)Jn denen Froͤſchen findet man ein haͤufiges gelbes Fett, wenn ſie aus ihren Winterwoh -nungen kommen. A. J. Roeſel. angef. Ort. S. 34. Die Baͤre ſind fett, wenn ſie die Hoͤlen ver - laſſen. plin. L. VIII. K. 36. hil - lerstroem angef. Ort. aristote - les Hiſt. L. VI. c. 30. pantop - pidan Hiſt. nat. Norv. T. II. S. 31.. Jch will alſo lieber meine Gedanken daruͤber noch ausſezzen, bis man erſtlich uͤber den lezten Punkt entſcheidende Erfa - rungen angeſtellet hat.

Bei andrer Gelegenheit werde ich unterſuchen, ob das Fett von den Harngaͤngen, dikken Gedaͤrmen, und von der Harnblaſe wieder aufgenommen wird, da es die - ſe Theile haͤuſig bekleidet, und es koͤnnte der obgedachte durch den Stuhlgang abgehende und mit Fett vermiſchteUnrat91des menſchlichen Koͤrpers. Fett. Unrat die Sache einiger maſſen ſchon wahrſcheinlich machen.

Jnzwiſchen wollen wir hier von dem beſondern Nuz - zen des Markes noch etwas beifuͤgen. Erſtlich iſt es auſſer allen Zweifel, daß das Mark durch gewiſſe Oef - nungen, von welcher Art auch dieſelben ſeyn moͤgen, in die harte Theile des Knochens uͤbergehe, daß es durch alle Zwiſchenraͤume derer kleinen Plaͤttchen und Knochen - faſern ſich fortbewege(u)duverney Iourn. des ſavans 1689. n. 19. Jn der kleinen Schrift, die ich unter denen Diſp. anat. Vol. VI. wieder auflegen laſſen. Mem. de l Acad. des ſcienc. 1700. S. 204. vieussens des liqueurs. S. 318. glass. In - flam. oſſ. S. 200. 201., und aus ſeiner Hoͤle in die Oberflaͤche ſelbſt hinauf ſteige. Dieſen Weg nimmt auch ſo gar das Mark an den abgeſtorbenen Knochen nach dem Tode des Thieres, und es faͤrbt die Knochen alsdenn mit einem durchdringenden ranzigen Oele gelb(x)Duverney. glass. am an - gef. Ort. an: es ſchwizzet aus den aͤuſſerſten Plaͤttchen unter der Geſtalt ſichtbarer Tropfen hindurch. Es ſcheint, daß der Nuzzen dieſer Zuruͤkfuͤhrung des Fettes offenbar darinnen beſtehe, um die Knochenfaſern und Plaͤttchen mit einem Oele zu uͤberziehen, ihre Sproͤdigkeit zu ver - mindern, und ihnen eine Biegſamkeit mitzutheilen(y)Ebendieſ. ebendaſ. Clopton havers. Ernaͤhrt es aber wohl die Knochen aus dieſem Grunde? Man hat auf beiden Seiten vieles fuͤr und wider dieſe Meinung vorgetragen: einige behaupten die Ernaͤh - rung(z)andry des vers II. S. 670. Eclairciſſ. ſur le Tr. de vers. lieutaud Eſſays. S. 12. gruez - macher N. 18., andere nehmen das Gegentheil an(a)Hiervon handelt Lemeni ausfuͤhrlich in der Schrift de la nourrit. des os, und im Diar. Trivult Dec. 1707. wie auch vor - laͤngſt Jak. de Marque in einem beſondern Tractat. Paris 1609. malpighivs de Omento & adip. duct. ; einige darunter ſtuͤzzen ſich auf ſchwache Gruͤnde, wenn ſie ein - wenden, daß kein Mark in denen Gehoͤrbeinchen, im Hirſchgeweihe, in den Hirnſchedelzellchen gegenwaͤrtigſey:92Erſtes Buch. Elementartheileſey: denn ob das gleich von einem in Kluͤmpe zuſam - men gehaͤuften Marke wahr iſt, ſo vertritt doch die roͤth - liche und fluͤßige Gallerte in denen kurzen und ſchwam - migen Knochen, wie auch denen Knochenanhaͤngſeln die Stelle des Markes: und dieſes verwandelt ſich, nach Ruyſchens Wahrnehmungen, ebenermaſſen in denen Graͤbern in ein dichtes Talg, daher ich alſo glaube, daß ſchwerlich ein Knochen ohne daſſelbe moͤchte gefunden werden. Andere ſagen, das Mark ſey fuͤr den Koͤrper nicht nahrhaft, weil es oelicht iſt, und der Nahrungs - ſaft mehr die Art von einer Gallerte an ſich hat. Die - ſer Einwurf ſcheint mir allerdings nicht allzuſchwach zu ſeyn, wenn von der Wiedererſtattung des Leims die Re - de iſt, wodurch die kleinſten erdigten Theilchen der Kno - chen mit einander verbunden werden, und welcher groͤſ - ſeſten theils aus Waſſer beſtehet. Man wird noch mehr veranlaſſet zu glauben, daß das Mark zur Nahrung, beſonders derer Knochen, nichts beitrage, weil es von der Art der rohen Feuchtigkeiten und von ſaurer Natur iſt, in den Knochen hingegen nicht das geringſte Saure durch alle Verſuche herauszubringen iſt, wie ich in dem Buche von der Ernaͤhrung zeigen werde(d)An Menſchenknochen C. neumann am angef. Ort. S. 1244. An Rinderknochen bey dem be - ruͤhmten Macquer Chym. prat. T. II. S. 478. und neumann am angef. Ort. S. 1250. An Hirſch -geweihe Ebenderſ. S. 1242. J. Conr. Barchhuſen am angef. Ort. Exp. 5. An Kaͤlberknorpeln Ebenderſ. Exp. 14. und in Pferds - hufen. Exp. 20. wo man uͤberall keine Spur vom Sauren angetrof - fen..

Es ſcheinet das Fett noch einen andern Nuzzen zu haben, naͤmlich daß es durch die duͤnne knorpliche Rinde, welche die Knochenanhaͤngſel uͤberkleidet, allmaͤhlich durchſchwizzen, und ſich mit dem Gelenkſafte vermiſchen, und deſſelbigen oͤligen Theil moͤge vermehren helfen(e)Clopton havers diſcourſe 3. gorter Chirurg. S. 32. u. f.. Jch weis zwar, daß es beruͤhmte Maͤnner gegeben, diedieſe(b)duverney Mem. de l’acad. am angef. Ort. S. 203.(c)glisson de Rachit. S. 117.93des menſchlichen Koͤrpers. Fett. dieſe Durchſchwizzung nicht zugeſtanden haben(f)Grüzmacher n. 20.. Jn - zwiſchen dringt doch gleichwol das Mark in todten Koͤr - pern eben ſo wohl durch den knorplichen Ueberzug, faͤrbt denſelben gelb, und bahnet ſich alſo einen freyen Weg nach der Hoͤle des Gelenkes. Ferner hat der beruͤhmte Bened. Staehelin, unſer ehemalige Freund, beobach - tet, daß ein roͤthlicher Saft, in den man den Knorpel des Knochenanhaͤngſels geworfen hatte, durch dieſe Bedek - kung, ingleichen durch ziemlich weite Knochenvertiefungen, bis in die Hoͤle des Markes ſelbſt durchgedrungen ſey, ſo wie er ſonſt auch durch die Eierſchalen zu dringen pflegt: und dieſen Verſuch theilte mir, ſo viel ich mich erinnere, dieſer vortrefliche Mann in einem Schreiben mit. An dem Oberarmknochen und der Huͤfte des Pferdes beſchrei - bet Clopton Havers deutliche Schweisloͤcher, welche ſich von dem Marke nach der Hoͤle der Gelenkkapſel hin - wenden(g)Angef. Ort.. Vermittelſt dieſes Weges, glaubet der be - ruͤhmte Senak, daß die Thiere ihr Mark nach langen Arbeiten und Reiſen verlieren(h)Senak uͤber Bertins Oſteolog. S. 61..

Nachdem wir alſo den Nuzzen des Fettes gezeiget, ſo muͤſſen wir nun auch einige Fehler und Ausartungen deſſelben anfuͤhren. Das Fett hat naͤmlich ſein vorge - ſchriebnes gewiſſes Maas, welches beruͤhmte Maͤnner in erwachſenen Perſonen auf 8 Pfunde geſezzet haben(i)quesnay ſur la ſaignee ed. nov. S. 145.. Dieſes Maas wird bisweilen ſowohl bey Menſchen, als Thieren, uͤberſchritten, als welche ſowohl von narhaften Speiſen, als einer langen Gemuͤts - oder Leibesruhe, zu - mal wenn beide auf eine vorgaͤngige arbeitſame Lebensart folgen, eine ungeheure Menge Fett anlegen, wie man an den Rindern Beiſpiele hat, die, wenn ſie vom Pfluge hinweggenommen und auf ſchoͤne Wieſen gebracht wer -den,94Erſtes Buch. Elementartheileden, ſich bald ausmaͤſten und zu einer groſſen Fettigkeit gelangen. Ein wichtigeres Beiſpiel hiervon findet man an dem Demetrius, der bei ſeinen gluͤklichen Umſtaͤn - den den Namen Poliorcetes erhalten hatte. Als die - ſer in die Gefangenſchaft gerieth, und in derſelben verblei - ben muſte, inzwiſchen aber doch dabey koͤniglich gehal - ten und bedienet wurde, nam die Fettigkeit dergeſtalt bei ihm uͤberhand, daß er nach wenigen Monaten daran ſterben muſte(k)Plutarch im Leben dieſes Fuͤrſten.. Es wird aber bei Menſchen und Thie - ren ihr gewoͤnliches Gewicht ganz ungemein vermehret, und man mus ſich wundern, was ſich bey ihnen vor eine Menge Fett unter der Haut anhaͤuft. Ein Menſch, deſ - ſen mittleres Gewicht ohngefaͤhr 160 Pfunde betraͤgt, erreichte eine Schwere von 427(l)Smetius bey einer Fuͤrſtin, die einen ungeheuren Magen hat - te. Miſcell. L. X. S. 580., 448(m)cheyne engliſh. malad. S. 342. mit guter aber gewoͤnli - cher Diaͤt., 480(n)Phil. trans. n. 479., 492(o)Hanows Anmerkungen. B. I. S. 144., 500(p)Phil. Transact. angef. Ort. Gentlemanns Magaz. 1750. woeine Abbildung vom Menſchen zu ſehen iſt., 580(q)Breslauer Samlungen 1721. Mon. Dec. 1724 S. 530., und 600 Pfunden(r)Ebendieſ. Eph. nat. cur. Dec. I. ann. 2. Obſ. 87.: Ein Ochſe von 500 Pfunden ſteigt bis auf 2666, und 2792(s)Hanow angef. Ort. S. 220. 221., ja 2800(t)Gentlemanns Magaz. Dec. 1750., welches die Helfte vom Ge - wichte eines Elephanten iſt. Fuͤrnemlich aber ſind die Kinder zu einer auſſerordentlichen Fettigkeit gar ſehr ge - neigt. Jch habe von einem fuͤnfjaͤrigen Knaben gele - ſen, der 250 Pfund gewogen(u)tvlpii L. III. Obs. 55., auch ſonſt mehrere dergleichen Beiſpiele gefunden. Jn denen Philoſoph. Transactionen(x)No. 265. wird gemeldet, daß ſich das Fett unter der Haut an einem Menſchen 6 Zoll hoch geſamlet habe, ſo daß in der Geſchichte des Dionyſius, Be -herr -95des menſchlichen Koͤrpers. Fett. herrſchers von Heraklea(y)phot. in Biblioth. S. 269. aelian. var. lect. L. IX. c. 13. Athen. , es eben nichts unwarſchein - liches iſt, daß man dieſen ſehr fetten und ſchlaͤfrigen Her - ren mit langen Nadeln, damit man bis in ſein Fleiſch geſtochen, habe aufwekken muͤſſen; ſo ſind auch Var - rons(z)Lib. II. c. 4. und Buffons(a)Hiſtoire naturelle, T. V. S. 112. Erzaͤlungen gar nicht un - glaublich, da ſie beide geſehen, daß Maͤuſe im Schwein - ſpekke ſich Neſter gemacht, und erſterer von ihnen war - genommen, daß der Abſtand der Haut vom Knochen auf 15 Zolle betragen. So haben ehemals die Aerzte den Sohn des L. Apronius von ſeinem haͤufigen Fette, und ſeiner allzugroſſen Laſt wieder befreiet(b)plinivs. L. XI. S. 632. Harduins Ausgabe.. Denn obgleich freilich Nerven durch die Zellraͤume unter der Haut fortlaufen, und in die Haut treten, ſo erſtrekken ſie ſich dennoch nicht bis in die Fettzellen und ihre Blaͤt - terchen, ſondern ſie endigen ſich, wenn man ihnen ge - nau nachſpuͤret, mit allen ihren und ſo gar denen klein - ſten Zweigen in der Haut. Daher koͤmmt es, daß das Zellgewebe unempfindlich iſt, und daß die Nadel, die durch ſelbiges faͤhrt, keinen Schmerz ehe erregt, als in dem Augenblikke, wenn ſie die ihr entgegenſtehende Haut beruͤhret(c)Memoir. 2. ſur les part. ir - rit. & ſenſibles Exp. 52. 53. u. w.. Diejenigen wenigen Nerven aber, die durch das Zellgewebe hin und wieder gleichſam durch - wandern, haben in den angefuͤhrten Geſchichten keine Empfindungen geaͤuſſert, weil ihre Anzal ſehr geringe, und uͤberfluͤſſiges Fett dazwiſchen befindlich war, daher ſie dann bey denen mehreſten Verwundungen unbeſchaͤdigt geblieben, und vielleicht eben ſo, wie die Gefaͤſſe, von dem Fette zuſammengedruͤkt worden, und ihre ſcharfe Fuͤhlbarkeit dadurch verloren haben.

Ueber -96Erſtes Buch. Elementartheile

Ueberhaupt erſtikket dieſe Fettigkeit auf die lezte nicht nur Voͤgel(d)Bekommen die Ortolans Speiſe genung, ſo bringt ſie das zu viele Fett ums Leben. Döbel Jaͤgerpraktik, S. 56. reaumur art de faire éclore &c. B. II. S. 409. Die Voͤgel, welche er Maubeches nennet, ſterben fuͤr Fet - tigkeit., oder andre Thiere, ſondern auch ſo gar Menſchen ſelbſt. Es verſtarb ein Mann von uͤbermaͤßi - gen Fette, das 6 Zoll dikke war(e)aristoteles Hiſt. anim. B. III. K. 17.. Dergleichen Faͤlle findet man mehrere(f)Hartmann in Ephem. N. C. Dec. 2. Ann. 9. Obſ. 13. Fr. Loß Obſ. 8. l. 3. der mehr Exem - pel davon anfuͤhret. hildan Cent. 6. Obſ. 97. plvtarchvs de Demetrio Poliorcete. . Es ſterben auch ſo gar Saͤug - linge, unter der Zeit, da ſie geſtillet werden, von allzu - groſſer Fettigkeit(g)dionis Cours d’anato - mie, S. 412., weil die Milch, als ihr gewoͤhn - liches Nahrungsmittel, viele Buttertheile enthaͤlt, die ſehr leicht zu Fette werden.

Es wird vielleicht nicht unnuͤzlich ſeyn, wenn wir noch etwas genauer unterſuchen, was die allzugroſſe Fet - tigkeit fuͤr ſich ſelbſt fuͤr beſondere Schaͤden verurſachen koͤnne(h)Leeuwenhök Epiſt. phy - ſiol. S. 321. 362.. Erſtlich ſchwaͤcht und vermindert ſie die Em - pfindung, wenn ſie ſich an ſolchen Orten ſammlet, wo ge - woͤnlicher maſſen ein ſchaͤrferes Gefuͤl, wie z. E. an der Mannsruthe, erfordert wird. Wenn ferner das Fett ſich zwiſchen den Muskelfaſern anhaͤufet, ſo drenget es die - ſelben von einander, daß ſie beinahe daruͤber verſchwinden, und wenn ſie aus ihrer Parallel-Lage verſezt worden, und in einem allzu weichen Mittelkoͤrper ſchwimmen, endlich ih - re zuſammenziehende kraͤuſelnde Kraͤfte nicht mehr aͤuſ - ſern koͤnnen. So beobachtete Salzmann, der juͤngere, daß auch ſo gar groſſe Muskeln, nachdem ſie in abge - ſonderte Faſern zertheilet worden, voͤllig verſchwan - den(i)Streitſch. de plurium mu - ſculor. defectu. . Vielleicht iſt dieſes die zwote und mit einem Unvermoͤgen derer Muskeln, eine gar zu groſſe Koͤrper -maſchine97des menſchlichen Koͤrpers. Fett. maſchine zu ſchleppen, verbundne Urſache, warum dieje - nigen zu Bewegungen ganz ungeſchikt werden, die uͤber - maͤßig fett ſind. Nikomach, der Smirner, ward fuͤr Fettigkeit ganz unbewegbar, und Aeskulap unter - nam deſſen Heilung(k)Beim Galen de differ. morb. L. I. c. 9.. Derjenige, von dem ich ohn - laͤngſt gemeldet, daß ſein Koͤrper bis zu einem Gewicht von 500 Pfund angewachſen(l)Philoſ. Transact. n. 265., konte denſelben kaum von der Stelle bewegen.

Hiernaͤchſt ſind auch fette Leute mit wenigern Blut ver - ſehen, theils, weil der in denen Gefaͤſſen enthaltenen Blutmaſſe alles das entgehet, was ſich in die Faͤcher aus - leeret und darinnen gerinnet; theils weil das Fett die Gefaͤſſe zuſammendruͤkkt, und derſelben, beſonders aber derer an ſich weichen Blutadern ihre Durchmeſſer veren - gert; welches die Wundaͤrzte an den Aermen fetter Frauenzimmer, denen ſie zur Ader laſſen wollen, allzu - oft wahrnehmen. Ariſtoteles(m)Hiſtor. anim. B. III. K. 19. und andere geſchik - te Naturkenner(n)Franz Redi Oper. omn. T. VII. S. 61. hildanvs Cent. 6. Obſ. 97. boerhaave Præl. ad in - ſtit. med. T. IV. S. 527. ſagen ebenfalls, daß Thiere um ſo viel weniger Blut enthalten, je mehr ſie Fett beſizzen. Ferner wird die Droſſelader nach und nach dergeſtalt ge - druͤkkt, daß die Ruͤkkehr des Blutes aus dem Gehirne mit vieler Schwierigkeit geſchiehet, und daher verfallen fette Leute in eine anhaltende Schlaͤfrigkeit, und werden endlich leicht denen Schlagfluͤſſen unterworfen. Der oben benannte Heracleaniſche Regent war beſtaͤndig ſchlaͤfrig. Ueber dieſes wird auch die Lunge von zu vie - ler Fettigkeit dergeſtalt zuſammengedruͤkkt, daß ſolchen Leuten endlich der Athem entgeht und ſie erſtikken: es ſammlet ſich aber das Fett in der aͤuſſern zellhaften wolli -genG98Erſtes Buch. Elementartheile ꝛc. gen Flaͤche des Ribbenfells, und im Mittelfelle(o)Ephem. N. C. Dec. I. Ann. I. Obſ. 101. Fr. loss angef. Ort. linden Phyſiol. S. 221.. Die Geſchichte von einem vornemen Englaͤnder, dem Gra - fen von S. Alban, der an zu vielen Fette, das ſich im Mittelfelle angehaͤuft hatte, ſein Leben einbuͤſte, davon das Herz ganz bedekket war, iſt wegen ihres beruͤhmten Verfaſſers mehr als zu bekannt(p)Hiſtoria morbi atrocis alte - ra Herm. Börhaavens. . Zulezt ziehet ei - ne ſtarke Fettigkeit die Waſſerſucht herbei, und das iſt das gemeinſte Ende ſolcher Perſonen, an denen vielleicht die Blutadern geſperret ſind, die ſonſt den Ruͤkkfluß der dunſtigen Subſtanz haͤtten wieder aufnehmen ſollen. Endlich werden auch in denen mit Fett uͤberhaͤuften Nie - ren gar leichtlich Steine erzeuget(q)Ephem. N. C. Dec. 2. Ann. 9. Obſ. 13..

Ende des erſten Buches.

Zwei -99

Zweites Buch der phiſiologiſchen Anfangsgruͤnde. Die Gefaͤſſe.

Erſter Abſchnitt. Die Schlagadern.

§. 1. Die Schlagadern uͤberhaupt.

Aus dem Zellgewebe erzeugen ſich die Gefaͤſſe des menſchlichen Koͤrpers, von denen wir in dieſem Ka - pitel beſonders handeln wollen: jedoch wird jezo nicht alles davon vorkommen, weil ſich noch bequeme Gelegenheiten finden werden, von denenjenigen Behaͤlt - niſſen, welche kein rothes Blut in ſich faſſen, zu welcher Klaſſe der Magen, die Gedaͤrme, die Harnblaſe, die Gallenblaſe, die Gelenkkapſeln, und die Auswurfsgaͤnge oder Druͤſenblaͤschen gehoͤren, beſondere Nachricht zu ge - ben. Wir laſſen aber auch ſo lange die Gefaͤſſe weg, in denen ſich zwar Blut befindet, welches indeſſen doch kei - nen ununterbrochnen Umlauf beobachtet, ſo daß dieſelbe zu ungewiſſen abwechſelnden Zeiten davon leer oder voll ſind, dergleichen Hoͤlungen vor andren in den Zeugungs - theilen vorkommen, und worunter auch die faͤchrigen Koͤrper, (corpora cavernoſa) der maͤnnlichen und weiblichen Ruthe gehoͤren. Wir ſind hier nur geſonnen diejenigen Ge -G 2faͤſſe100Zweites Buch. Gefaͤſſe. faͤſſe zu beſchreiben, in denen ſich thieriſche Lebensſaͤfte unaufhoͤrlich bewegen, und die man gemeiniglich von der Farbe ihres Saftes die rothe Gefaͤſſe nennt, da die - ſer Saft allen Thieren, die Jnſekten und Wuͤrmer aus - genommen, gemein iſt. Denn gleichwie in dieſen Thier - chen die ihnen eigene Saͤfte zur Erhaltung ihres Lebens beſtimmt ſind, alſo haben ſie auch beſondre und denen un - ſerigen gleichkommende Gefaͤſſe, in welchen dieſe Saͤfte beweget werden. Der Mangel an erhabengeſchliffnen Glaͤſern machte es, daß der in der Thiergeſchichte vordem ſo groſſe Naturkuͤndiger, Ariſtoteles, denen Jnſekten mit dem Blute auch die Blutadern zugleich abſprach(a)De part. anim. B. 4. K. 5.. Heutiges Tages weis man von den mehreſten Jnſekten, daß ſie Gefaͤſſe(b)lyonnet Inſectotheol. T. II. S. 84., und bis weilen von ſo beſondrer Art, beſizzen, daß ſie in den Gedaͤrmkanal parallel einge - ſchloſſen ſind(c)redi degli animali viven - ti negli altri animali S. 55. Tab. XV. f. 5. Tab. XVI. von den Re -genwuͤrmern und Lampreten. S. 56. bonnet Inſectolog. T. II. S. 125.. Es hat aber auch der geſchikkte Karl Bonnet(d)Inſectolog. T. II. S. 12. wirkliche Schlagadern, in denen das Blut zu gewiſſen Zeiten ſchnell herumgefuͤhrt wird, ferner an - dre weder klopfende, noch ſich wechſelweiſe ausdehnende Gefaͤſſe, welche aͤſtig und eine Aehnlichkeit mit den Blut - adern haben, an denen Endungen ihrer Auswurfsgaͤnge angemerkt. Auch in noch kleinern Thierchen, als in den Fliegen, fand Robert Hooke(e)Micrograph. S. 184., dieſer Meiſter in mi - kroſ kopiſchen Arbeiten, haͤufige weiſſe Gefaͤſſe, und deut - liche Aeſte, die von einem Hauptſtamme herkamen; ja ſo gar Laͤuſe haben ihre Schlag - und Blutadern, und man wird an ihnen dem Pulſe gleichkommende Schwingun - gen gewar(f)Phil. transact. n. 284.. Von denen ganz zarten Thierchen hin - gegen, die durchaus gleichſam einen Darm vorſtellen, z. E. denen Polipen (Vielaͤrmen) und andren ſehr ein -fach101Schlagadern. fach gebauten Waſſerbewohnern, die von Joh. Hill be - ſchrieben worden, iſt es noch nicht voͤllig ausgemacht, ob ſie beſondere, und von dem Thiere ſelbſt unterſchiedne Roͤhr - chen haben(g)Microſcop. obſerv. .

Man theilet dieſe den Lebensſaft in ſich enthalten - de Gefaͤſſe bey Menſchen und Thieren, die mit einem Herzen verſehen ſind, in zwo Klaſſen ein. Die erſte Art iſt dichter, feſter, und fuͤhret, nach denen Verſuchen, die an ihren beſtimten Ort ſollen angefuͤhret werden(h)B. III. , das Blut vom Herzen weg, und bringet daſſelbe in alle am menſchlichen Koͤrper befindliche Gliedmaſſen und Eingeweide. Die zwote Art, welche zaͤrter und weicher iſt, nimt das Blut wieder von allen belebten Koͤrper - theilen auf, und fuͤhret es dem Herzen von neuem zu, es mag nun dieſes eigentliches Blut, oder einer von de - nenjenigen Saͤften ſeyn, die nach ihrer Vermiſchung und Vereinigung dieſen Namen erhalten.

Vormals hieſſen alle Gefaͤſſe Blutadern, und ſehr oft nennet das Alterthum die Gefaͤſſe von beiden Arten ſo(i)rvfvs Epheſius de appell. part. S. 42. ſiehe den beruͤhmten meibom. Comment. ad Formu - lam Casſiodori. S. 85.. Hippokrates bediente ſich des Ausdrukkes ſchlagender Blutadern, und er verſtand darunter den an den Schlaͤfen klopfenden Aſt der Halspulsadern (ca - rotis)(k)〈…〉〈…〉〈…〉〈…〉n. 6.. Ariſtoteles nahm eine einzige Art und nicht zwei von Blutgefaͤſſen an, und er nannte ſo gar die groſ - ſe Schlagader das kleinere Blutgefaͤs(l)Hiſtor. anim. B. 3. K. 4. B. 1. K. 16.. Es kam aber der Name Arterie viel ſpaͤter auf, er entſprang aus einer Aehnlichkeit mit der Verrichtung, die dem wahren Namen eigen iſt, da es eben ſo viel als πνευμα - τικος αγγεια, Luftfuͤhrende Gefaͤſſe bedeutet(m)rvfvs angef. Ort.. DennG 3man102Zweites Buch. Gefaͤſſe. man nennete zu allererſt den Kanal, durch den die Luft in die Lunge gelanget, von dieſem ſeinem Amt eine Ar - terie; und als man nach der Zeit Blutgefaͤſſe mit dem Namen derer Arterien belegte, ſo gab man jener die Be - nennung einer knorpligen Arterie (arteria aſpera), und Ariſtoteles begreift dieſelbe jederzeit und allein unter dem Namen der Arterie. Man nennete aber unter al - len glatten und blutfuͤhrenden Kanaͤlen denjenigen zuerſt eine Arterie, der, als der fuͤrnehmſte, aus dem Herzen ſeinen Urſprung hat (arteria aorta), nachhero kam all - gemach die Reihe auch an die uͤbrigen, und man kan da - her uͤberhaupt die unter Hippokrates Werken befindli - che Buͤcher von denen Arterien, mit guten Grund fuͤr untergeſchoben halten. Denn Eraſiſtratus ſchrieb zu erſt, daß in denen Gefaͤſſen, wovon wir reden, Luft ent - halten ſey, und ſcheinet daher zu dieſer neuen Benen - nung Gelegenheit gegeben zu haben. Ariſtoteles ge - braucht den Namen Aorta von dem Gefaͤs, welches noch heut zu Tage den Namen fuͤhret, und es wurde die Be - nennung derer Aorten uͤberhaupt damals allen Schlag - adern gemeiniglich beygelegt(q)Rufus angef. Ort. aristo - teles de gener. anim. B. II. K. 4..

Nach und nach fieng man endlich an ſich ordentli - cher auszudruͤkken. Aretaͤus nennete die Gefaͤſſe hin - ter denen Ohren, deren Eroͤfnung er anrieth, klopfen - de Arterien(r)De curat. morb. diut. L. I. c. 2.. Plinius deutet nach der alten Art, durch das Klopfen der Adern (venarum percuſſum), denPuls -(n)celsvs B. 4. K. 1.(o)De Osſ. nat. S. 274. de princip. & carnib. S. 250. lin - denii Ausgabe. aretaevs acut. B. II. K. I. (p)Hiſt. anim. B. III. K. 3. n. w. Er fand jedoch, daß der Name bereits angenommen war, und ſagt: einige nennten ſie Aov - ta. Alſo iſt er nicht der erſte, derſich dieſer Benennung bedienet, wie man aus dem Rufus und Ga - lenus gemeiniglich zu ſchlieſſen pflegt. galenvs de diſſect. ar - ter. K. 1.103Schlagadern. Pulsſchlag an(s)B. 7. K. 51., doch nennt er die luftfuͤhrende Ge - faͤſſe an andern Orten Arterien(t)B. X. S. 633., deren Schlagen He - rophilus mit vielen Fleiß beſchreibet, und ſie an an - dern Orten wiederum arterias iliacas nennet(u)Ebendaſ. S. 631.. Ga - lenus hat den Namen derer Arterien genauer beybehal - ten, und es wurde zu des Aulus Gellius Zeiten ein Arzt ausgelacht, da er ſagte, daß die Blutadern ſchluͤ - gen: denn die Kunſtverſtaͤndige bedienten ſich bereits des Namens derer Arterien. Heutiges Tages ſind ohne wei - tern Widerſpruch die Namen ſo wohl, als die Sachen deutlich genung von einander unterſchieden.

§. 2. Jhr Durchſchnitt beſchreibt einen Kreis.

Es haben alle Schlagadern im Thierkoͤrper dieſes unter ſich gemein, daß ſie Roͤhren von einem Zirkel - ſchnitte ſind. Jch glaube aber darum nicht, daß man dieſe Figur der Schlagader im Lichten, mit Recht von dem gleichſtarken Drukke, der von allen Orten gegen die Seiten zu nach der ſenkrechten Richtung hingewendet waͤre, herzuleiten Urſach habe(y)Dieſes behaupten gemeinig - lich die Mathematiker. hermannin Phoronom. L. II. S. 164. Ioh. bernovlli de motu muſcul. n. 10. P. Ant. michelotti de ſeparat. fluid. S. 58. Jak. Keil de Secret. anim. S. 127. orlov de motu ſanguin. in arter. & ven. S. 5. u. w.. Denn es findet die - ſer Lehrſatz allein an einer Roͤhre ſtatt, die uͤberall gleich - feſt iſt, und von keiner Urſache von auſſen genoͤtigt wer - den kann, an einer Stelle mehr, und an der andern we - niger nachzugeben, deren Ausdehnungen demnach fuͤr gleichlange ſenkrechte Linien angeſehen werden koͤnnen, die ſich uͤberall nach dem Umkreiſe zu ausbreiten, und von deren Drukke allerdings die krumme Linie, die man denG 4Zirkel(x)Noct. Attic. L. XVIII. K. 10.104Zweites Buch. Gefaͤſſe. Zirkel nennet, ihren Urſprung nimmt. Waͤre indeſſen ein Theil an der Schlagader feſter, als ein andrer, und widerſtuͤnde dem Blute mehr, entweder weil er von an - dern Urſachen, wie z. E. die groſſe Schlagader an den Lenden und an der Bruſt, gedruͤkkt, oder, weil er an ei - nem Ort mit andern leicht nachgebenden Theilen des Koͤr - pers umgeben iſt, an einem andern aber eine unbewegli - che Knochentiefe hinter ſich hat, ſo muͤſten daher ohn - fehlbar von dem hier vermehrten und dort verringerten Widerſtande dieſe ſenkrechte Linien ungleich werden, und ſolchemnach wuͤrde alsdenn die Schlagader eine andre, und vielleicht eine ovale Geſtalt bekommen, deren ſtum - pfer Scheitelpunkt gerade da zu ſtehen kaͤme, wo die Schlagader am wenigſten wuͤrde nachgeben koͤnnen. Jn der That entſtehen die Blutaderbehaͤltniſſe aus krumm - ſeitigen Dreiekken(z)Prim lineæ Phyſiol. n. 346., und es findet ſich in denen Be - weiſen der Mathematiker keine Bedingung, die mehr auf die Schlagadern, als die Blutadern zu ziehen waͤre. Jndeſſen haben dieſe ſo beruͤhmte Maͤnner darinn nicht ganz unrecht: denn die Natur macht, ſo viel mir be - kannt iſt, die Schlagadern uͤberall rundlich, und ſie gie - bet ihnen einen zirkelfoͤrmigen Durchſchnitt. Die groſ - ſe Schlagader(a)Franz Boiſſter de pulſuS. 2. macht ſie vorne dikker und feſter im Unterleibe., die, wo ſie auf den Knochenwirbeln aufliegt, flach zu ſeyn ſcheint, iſt nichts weniger als flach, wenn man ſie ausfuͤllet, und ſie erhebet ſich eben ſo in einen Cylinder, wie die Schlagadern derer aͤuſſern Glieder zu thun pflegen, welche, ſo lange ſie leer gelaſ - ſen werden, flach ſind. Dieſes erhellet aus den Schlag - aderſ keleten, die man mit Talg ausſprizzet, dergleichen ich ehedem verfertigte, und die ſich jezzo unter denen Goͤt - tingiſchen ſchaͤtzbaren anatomiſchen Sachen befinden. Was hier die Ausſprizzung zuwege bringt, das thut das Blut eben ſo wohl, wenn es in einem lebendigen Thiereaus105Schlagadern. aus dem Herzen in die groſſe Schlagader hinein getrieben wird, und man kann mit Recht glauben, daß es dieſe Art von Gefaͤſſen ebnermaſſen in einem Cylinder aus - dehne, und dieſes beſtaͤtigen auch die Eroͤfnungen lebendi - ger Thiere. Auch ſo gar die Schlagadererweiterungen (anevrismata), wenigſtens diejenigen, welche ich an Thie - ren zuwegegebracht(b)Second memoir. ſur le mou - vement du Coeur. S. 238. N. 10., oder an damit behafteten Kran - ken wahrgenommen, haben jederzeit einen zirkelfoͤrmigen Schnitt gezeiget.

§. 3. Wie fern man die Schlagadern kegel - foͤrmig nennet.

Die kegelfoͤrmige Figur derer Schlagadern wird ge - meiniglich in ihrer Beſchreibung mit angefuͤhret, und zwar in der Abſicht, damit ein anatomiſcher Zerleger wiſſe, daß, wenn er eine oder die andere Schlagader, wie z. E. die am Finger, bis zu ihrem Stamme, bis zur groſſen Schlagader, und endlich zum Herzen verfol - get, die Oeffnungen derſelben im Lichten immer groͤſſer werden, je naͤher die Schlagader dem Herzen kommt; daher kommt es, daß man die Figur der Schlagadern eine zuſammen geneigte kegelfoͤrmige (conica convergens) nennet(c)boerhaave Inſtit. rei med. N. 132. Præl. T. II. S. 4., ſo oft man die groſſe Schlagader bis zu ei - nem einzigen Aſte und deſſen kleineſten Zweigen verfolgt, und wir halten, vermoͤge unſerer Einbildungskraft, die - ſe bis zum Finger fortgeſezte Aorte vor einen einzigen Kanal, deſſen Urſprung und Grundlinie im Herzen, das Ende und die Spizze aber in dem Finger angetroffen wird. Jnzwiſchen koͤnnte man dennoch wider dieſe durchgaͤngig angenommene Erklaͤrung einer Schlagader allerdings verſchiednes einwenden, und man muß dieſeG 5Zweifel106Zweites Buch. Gefaͤſſe. Zweifel allerdings in Betrachtung ziehen, wofern man nicht in Jrrthuͤmer verfallen will.

Es ſcheinet demnach die Abname der Schlagadern, in dieſem Verſtande, nicht ſowohl von der Entlegenheit vom Herzen, als vielmehr von der Groͤſſe derer Aeſte, welche aus denenjenigen Schlagadern herauskommen, die man vor ihren Stamm annimmt, eigentlich herzuruͤh - ren. Wenn eine Schlagader ganz aſtlos, oder wenig - ſtens ohne einen merklichen Zweig in einer gewiſſen Wei - te fortgehet, ſo ſcheinet dieſelbe innerhalb dieſen ganzen Raum, wenn man anders auf die gewoͤhnlichen Abmeſ - ſungen ſich verlaſſen kann, gar nicht merklich kleiner zu werden. Ein Beiſpiel hiervon giebt die Nabel - ſchlagader, welche vielmehr nahe an der Nabelſchnur ein wenig breiter iſt, als bei der Oefnung des Unterlei - bes, wie dieſes der beruͤhmte Joh. Georg. Roederer angemerket(d)Theſ. med. N. 14.: ein ander Exempel hat man an dem Stamme der Halspulsader, welche ich ebenfals breit, oder hoͤchſtens um etwas ſehr weniges enger, ſowohl ge - gen das obere Horn des ſchildfoͤrmigen Knorpels am Adamsapfel (cornu cartilaginis thyroideae ſuperius), als auch im Herzbeutel finde. So ſcheinet auch ferner die Wirbelſchlagader, welche ſowol gegen die Halsmus - kel, als gegen die Wirbelhoͤle, verſchiedene, obwol nicht alzugroſſe Aeſte, ausbreitet, nahe an dem Hinterhaupte im geringſten nicht ſchmaler zu werden. An der Bruſt - ſchlagader (aorta thoracica), an der Schulderſchlag - ader, Spindelpulsader, und denen innern Bruſtpuls - adern, hat der beruͤhmte erſte Leibarzt, Joh. Bapt. Se - nak(e)Traité du coeur. T. I. 243., eben die Ungleichheit angemerkt. Daher traue ich dem gegenſeitigen Verſuch, des ſonſt beruͤhmten Joh. Dominik107Schlagadern. Dominik Santorinus, weniger zu, wenn er meldet(f)Beim Valisneri in der Zer -gliederung dieſes Vogels. S. 253. santorinus Obſ. anat. C. VII. n. 6. J. B. Morgagni Adverſ. anat. II. N. 38.; daß er an den Strauſſen eine Schlagader wahrgenom - men, die ſechs Zoll lang, ohne ſich in Aeſte zu zertheilen, fortgelaufen, am Ende aber dieſes angegebenen Rau - mes enger, als bey dem Anfange geweſen.

Ueberlegt man dieſes mit Aufmerkſamkeit, ſo wird man natuͤrlicher Weiſe auf die Vermuthung gefuͤhrt, ei - ne Schlagader, die man gewoͤhnlicher maſſen convergi - rend kegelartig zu nennen pflegt, ſey vielmehr eine Reihe von Cilindern, die dergeſtalt auf einander paſſen, daß auf jeden Anfang eines ziemlich groſſen Aſtes zween Cy - linder zu ſtehen kommen, davon der groͤſſere uͤber den Punct, wo der Aſt herfuͤr kommt, und der kleinere un - ter demſelben angenommen werden muß. Faſt auf glei - che Weiſe hat der beruͤhmte Joh. Friedr. Schreiber(g)Elem. med. phyſ. mathem. B. II. K. I. N. 18. 19. 20., und ohnlaͤngſt Joh. Steph. Guettard(h)Jn der Streitſchrift, die ſich ſo endigt: Ergo ex vaſorum ſi gura & originalibus angulis faciliorfluidorum diſpenſatio. Pariſ. 1741., der ſich des deruͤhmten Ferreins ſeiner Verſuche dabey bediente, die Schlagadern betrachtet.

Ferner iſt es gewis, und ſchon laͤngſt durch des be - ruͤhmten Martinius, und meine Verſuche erweisbar gemacht, daß ſich alle Schlagadern im menſchlichen Koͤr - per uͤber ihrer Aeſtelung allerdings ein wenig mehr er - weitern, ſo oft ſie ſich in Zweige verbreiten(i)De ſimilibus animalibus. S. 200. Eſſays of a Society at Edimb. T. III. S. 156.. Denn indem ſich die Seiten der Schlagader auf beiden Seiten beider Aeſte verlaͤngern, ſo fahren ſie auseinander, und es iſt der Schlagaderſtam ein wenig breiter, bevor er Aerme oder Aeſte von ſich ſtrekket.

Ferner hat man glaubwuͤrdige Berichte, daß man einige vom Herzen entfernte Schlagadern etwas breiter angetroffen, als es ihr Hauptſtam mit ſich brachte, esmag108Zweites Buch. Gefaͤſſe. mag dieſes nun in den Zuſammenfuͤgungsſtellen von Blut - und Schlagadern (anfractus), oder vermoͤge andrer Ur - ſachen geſchehen ſeyn. Jn dieſen Faͤllen verwandelt ſich eine Schlagader in einen umgekehrten Kegel, deſſen Spizze im Herzen ſtekkt, und deſſen Grundlinie an dem vom Herzen entlegenen Orte Plaz nimmt. Hiervon gi - bet, was die Biegungen betrift, der beruͤhmte Wilhelm Cowper, Exempel an der Milz-Hals-und denen Wir - belſchlagadern, von denen er wahrgenommen, daß ſie unterhalb der Gehirnſchale in ihren Kreiſen verborgen lie - gen(k)Philoſ. Trans. N. 280.. Jch mag derowegen dieſer Beobachtung weder meinen Beifall entziehen, noch Zweifel dagegen erregen. Denn es iſt ſchwer zu erhalten, daß das in die Schlag - adern eingeſprizzte Wachs mit gleicher Gewalt hinein - getrieben werde, und daher einen foͤrmlichen Cylinder bilde. Jndeſſen koͤnnte man dawider ziemlich wahr - ſcheinliche Urſachen anfuͤhren. Es kann ſchon vor ſich der Blutſtrom allein, der in einer geradelaufenden Schlagader durch ihre Muͤndung fließt, und die Waͤn - de wenig auseinander dehnt, wenn ſeine Richtung Kraft einer Beugung geaͤndert worden, nunmehr mit deſto ſtaͤrkerer Gewalt auf die Waͤnde herabfallen, und ihre Durchmeſſer da erweitern. Es kann der obere Theil an der Schlagader, da er frei iſt, von dem durchſtroͤmen - den Blute in die Hoͤhe getrieben werden, indeſſen daß ihr unterer Theil, der ſich an die Vertiefung des Atlas - wirbels lehnet, ohne Veraͤnderungen bleibt. Es kann die Wirbelſchlagader (vertebralis arteria) von dem aus der Hinterhauptsſchlagader aufgenommenem Blute an Groͤſſe zunehmen. Denn es fuͤgen ſich beide Schlag - adern neben dem Atlaswirbel mit anſehnlichen Erweite - rungen in ein Ganzes zuſammen (anaſtomoſis)(l)Icon. anat. Faſc. II. T. II. arter. thyreoid. infer. not. 6., und es iſt nicht wohl zu beſtimmen, ob das Blut der Wirbel -ſchlagader109Schlagadern. ſchlagader in die am Hinterhaupte befindliche flieſſe, oder ob es aus der leztern in die erſtere heruͤbergefuͤhret werde, welches an ſich gar nichts unmoͤgliches zu ſeyn ſcheinet, ſo oft der von der Hinterhauptsſchlagader entſprungne Aſt an ſich groͤſſer iſt, als derjenige, den die Wirbel - ſchlagader von ſich giebt. Oder es kann auch das Blut in der Hinterhauptsſchlagader einigen Aufenthalt verurſa - chen, indem es demjenigen widerſtehet, das aus der Wir - belſchlagader ſoll herausgetrieben werden, wie derglei - chen Erweiterungen an den Bruſtſchlagadern der vortref - liche Senak(m)Jn der ohnlaͤngſt angefuͤhr - ten Stelle. beobachtet hat, an denen die zuſam - mengehaͤngte Aderſtaͤme eben ſolche Ausdehnung, wie an den Zwerchfels-und Oberbauchsſchlagadern verurſachen. Wenigſtens ſcheinet dieſes an den Kranzſchlagadern der Unterlefze die Urſache zu ſeyn, weil dieſe, da ſie viele Aeſte von ſich laſſen, dennoch nicht im mindſten an der Weite abnehmen. Hier ſcheinet das Blut des rechten Stam - mes offenbar dem aus dem linken Stamme hinderlich, und daher ein jeder von beiden Staͤmmen ein wenig brei - ter zu werden. Auch die Saamenſchlagader erweitert ſich von den oͤftern Beugungen, zwar nicht ſo wol im Menſchen, als vielmehr in einigen Thieren, z. E. im Schweine, von dem man weis, daß dieſe Ader, ob ſie gleich nicht undeutliche Zweige in das Nierenfett von ſich geworfen, ſich dem ohngeachtet, ſo wie ſie ſich denen Hoden naͤhert, bey ihm erweitere, zwar eben nicht um fuͤnf und zwanzig mal(n)keil de ſecr. anim. S. 99. 100., jedoch aber auf eine ganz merkliche Weiſe.

Es hat auch Fr. Ruyſch, den ich in dergleichen Er - farungen ſehr hoch ſchaͤzze, weil er kein Siſtem vor ſich hatte, dem er nacharbeitete, uͤberhaupt erinnert, daß die kleinen Schlagadern der Eingeweide dikker als dieAeſte(o)monroo de teſtibus & fe - mine. T. III. f. 5.110Zweites Buch. Gefaͤſſe. Aeſte waͤren, von denen ſie ihren Urſprung her ha - ben(p)Theſ. anat. VII. N. 40..

Jch laſſe mit Willen noch andre Nachrichten von den mancherley Durchmeſſern der Schlagadern anjezo hinweg, z. E. die groſſen Aortentiefen (ſinus aortae), und die mit wechſelweiſen Saͤkken erweiterte Aorte an dem Mexikaniſchen wilden Schweine(q)Phil. Tranſ. N. 153., den an der Gekroͤſeſchlagader des Pferdes beſtaͤndig vorhandnen Schlagaderbeutel, von dem ohnlaͤngſt der beruͤhmte Bourgelat(r)Hippiatrique. B. II. T. I. S. 379. eine Beſchreibung herausgegeben.

Endlich muͤſſen noch uͤberhaupt alle haarfeine Schlag - aderendigungen (arteriae capillares), ſo weit ſie ſich im - mer erſtrekken, cilindriſch ſeyn(s)boerhaave Inſt. rei med. N. 243. Præl. schwenke hæma - tol. S. 11. wenigſtens von vielen., theils, weil die haͤu - fig zuſammengewachſne Nezze einem jeden Staͤmchen ge - rade ſo viel zuruͤk geben, als ſie von demſelben bekommen haben, theils, weil der Durchmeſſer eines einzigen Blutkuͤgelchens das beſtaͤndige Maas fuͤr diejenige Schlagader iſt, in welche dieſes Kuͤgelchen eben hinein - paſſet. Es iſt vermittelſt derer Vergroͤſſerungsglaͤſer ganz leicht, dieſe Cilindergeſtalt mit Augen zu ſehen, und es erhellet aus denen nach ſolchen Erfahrungen entworfe - nen Zeichnungen des Leeuwenhoeks, Cowpers(t)Cowper uͤber den Bidloo B. III. Abbild. 4. 5., und Cheſeldens(u)Ausg. 6. anat. of human. body. T. XXX. , daß es allerdings cilindriſche Ge - faͤſſe ſind, die theils nur ein Kuͤgelchen durchlaſſen(x)leeuwenhoek. Epiſt. ad Soc. reg. Angl. T. III. S. 52., theils groͤſſere Schlagadern ſind, die laͤngſt den Fiſch - ſchwaͤnzen fortlaufen(y)Ebenderſ. hie und da in ſei - nen Werken..

§. 4.111Schlagadern.

§. 4. Jhre Farbe.

Eine Schlagader iſt an Farbe weis, und ſie laͤſt uͤberhaupt nur an wenigen Stellen die Blutfarbe durch - ſcheinen. Selbſt am Huͤhnchen, ſo lange es noch im Ei liegt, ſind die drei Staͤmme, welche die Aorte aus - machen, weis und durchſichtig. Mitten uͤber die klei - nern Schlagadern laͤufet ein rother Strich zwiſchen zwo weiſſen Linien hindurch. Endlich ſind die kleinſten Schlagadern roth. Es uͤberkleidet naͤmlich ein weiſſes und haͤufiges Zellgewebe die Schlagadern, es haͤlt ihr Weſen zuſammen, und es iſt in den groſſen dikke, in den kleinen duͤnn und deutlich anzutreffen.

§. 5. Die Schlagaderhaͤute. Das Zellgewebe der Schlagadern.

Wir gehen nunmehr zu der Bauart dieſer Ader fort, welche man an einer uͤber ein Staͤbchen gezognen Schlagader, oder wenn man heiſſes Waſſer(z)schacher de adminiſtr. anatom. S. 23. zu Huͤl - fe nimmt, leichtlich betrachten kann, ob ſich gleich noch vieles davon vermittelſt der Muͤrbemachung im Waſſer, und zum Theil durch Krankheiten, und durch Huͤlfe der Zerlegungen an groſſen Thieren, deutlich zu erkennen giebt.

Es iſt demnach eine Schlagader eine, aus etlichen membranartigen Cilindern und concentriſchen Haͤuten, gleichſam zuſammengerollte Roͤhre. Die aͤuſſerſte von dieſen Haͤuten, oder die von jedermann ſo genannte Membrane, kann man in allen Zergliederungsbuͤchern beſchrieben ſehen. Wiewohl dasjenige, was man dar -innen112Zweites Buch. Gefaͤſſe. innen gemeldet, noch ſehr unvollſtaͤndig iſt. Denn es verlaͤngert ſich zwar in der Herzbeutelhoͤle(a)Chr. Gottl. Ludwig de tu - nica arter. N. 8. 22. die aͤuſſere Membrane am Herzen bis in die Aorte (groſſe Schlag - ader) fort, ſie bekleidet die Aorte von auſſen, und es be - findet ſich zwiſchen dieſer Membrane und dem eignen We - ſen der Schlagader ein Zellgewebe, nebſt dem Fette und Gefaͤſſen, mit darunter ein; es gehet aber dieſe Scheide bis zu den Anhaͤngſeln des Herzbeutels, aus denen die Aorte erwaͤchſt, mit dem Herzbeutel in einem Stuͤkke weiter fort(b)A. Kaauw Boerhaave dePerſp. N. 153. Senak. angef. Ort. S. 13.. Der Herzbeutel haͤngt zwar ſelbſt mit der Aorte zuſammen, aber er theilet derſelben von auſſen keinen Ueberzug mit.

Ferner ruhet die linke Seite des Ribbenfellſakkes, von vorne her, beinahe laͤngſt der ganzen Bruſt auf der Aorte, faſt auf eben die Art, wie das Darmfell auf der Aorte und den Schlagadern des Bekkens aufliegt, und ſie ſcheinet die aͤuſſere, wahre und glatte Haut dazu her - zugeben. Jndeſſen iſt dieſes doch keine wahre Ueberklei - dung, weil ſie hinterwaͤrts gaͤnzlich ermangelt, und hier die Aorte bloß liegt, und allein vermittelſt des Zellge - webes mit den Membranen der Wirbel zuſammen ver - bunden wird. Man darf auch nicht hieher die Fortſaͤzze der harten Gehirnmembrane ziehen, welche die mancher - lei Kanaͤle im Gehirne durchſtreifen, und eine Schlag - ader durch ſich gehen laſſen, wie davon die Halsſchlag - ader, wo ſie ſich ins Gehirn begiebt, ein Beiſpiel ab - giebt. Denn dieſes ſind eigentlich nichts als Knochen - haͤutchen, und ſie haͤngen in der That an den Schlag - adern nicht feſte an.

Jn denen aͤuſſern Gliedern, am Halſe, und wo ſonſt ein zu andern Abſichten gebaueter haͤutigter Sak ſich nahebei113Schlagadern. bei einer Schlagader befindet, trift man keine zuſam - menhaͤngende Ueberkleidung an, die man eine aͤuſſere Schlagadermembrane nennen koͤnnte, und man muß hier allerdings von der gemeinen Lehre derer Schulen abge - hen, nach welcher man gemeiniglich ſo wol eine aͤuſſere Bedekkung, als eine muskelhafte an der Schlagader an - zunemen pflegt(c)Die aͤuſſere Membrane der Schlagader iſt der Blutader ihrer aͤhnlich. vesalivs de fabr. corp. hum. 1755 S. 439. So lehren Thom. Willis Pharmac. ration. Th. 2. S. 16. Lorenz HeiſterComp. anat. n. 63. und andre ge - woͤhnlicher maſſen.. Dieſen Jrrthum hat ſchon vor mir, mein geliebter Freund, Jak. Douglas(d)De Periton. N. 19. ehedem, wie auch nachgehends der beruͤhmte Alex. Monroo(e)Edimb. Society eſſays, B. II. n. 16. S. 365. u. f. 1. Ausg., und der kurz zuvor angezogene beruͤhmte Ludwig(e*)Angef. Ort. N. 9. voͤl - lig widerlegt.

Es iſt aber ein andrer beſtaͤndiger Ueberzug da, der die ganze Schlagader und alle ihre Aeſte von allen Sei - ten umſchließt, und dieſes iſt das Zellgewebe. Dieſes bindet jeztgedachte Gefaͤſſe an ihre benachbarte Membra - nen, an das Eingeweide, ans Knochenhaͤutchen, und an die Muskeln feſt. Es iſt mehrentheils kurz, und um deſto zaͤrter, je kleiner die Zweige der Schlagadern wer - den; es mangelt uͤberhaupt nirgends, ſo daß auch die feinſten und denen Haarroͤhren aͤhnliche Schlagaͤderchen uͤber und uͤber mit dieſen zellfoͤrmigen Baͤndern beſtrikkt ſind, und ſobald dieſe zerreiſſen, zu ſchwanken und lokker zu werden anfangen.

An den groſſen Schlagaderſtaͤmmen iſt dies Zellge - webe loſer geſpannt(f)B. 1. Abſchn. 2. Th. 11., und es beſtehet aus laͤngern, nach ſehr ſpizzigen Winkeln vergitterten Faͤden, die faſt parallel unter einander laufen und von allem Fette ent - bloͤſt ſind, daß es endlich an gewiſſen Stellen den be -ſondernH114Zweites Buch. Gefaͤſſe. ſondern Namen einer Scheide von beruͤhmten Maͤn - nern davon getragen(g)Joh. Ernſt. Hebenſtreit de vaginis vaſorum. Joh. Jak. Hu - ber Brief de orig. nervi interco - ſtal. S. 23.. Jn dieſe Ueberkleidung mi - ſchen ſich hie und da Nerven und kleine Gefaͤſſe derge - ſtalt ein, daß daraus was rothes und eine beſondere Ge - ſtalt entſtehet, wie dann dergleichen Nezgeflechte die Ge - kroͤsſchlagader, die Pfortader, und die Halsſchlagader auf ſolche Weiſe uͤberkleidet. Dergleichen Scheide, wel - che ſich bis in das Anhaͤngſel des Herzbeutels, und den Siz des Schlagaderganges(h)J. E. Hebenſtreit Progr. de baſi calvariæ. linker Seits endigt, um - giebt ſo wohl die gemeine, als die Gehirnshalsader. Von ſolcher Scheide wird die Schlagader nicht allein feſt erhalten, ſondern auch uͤber dem noch gebogen, und in die ſonſt bekannte Kruͤmmung unter der Hirnſcha - le zuſammengezogen(i)Prim. lin. Phyſiol N. 336.. Daher geſchicht es daß, wenn man dieſes Zellgewebe auf die Seite ſchafft, die gebogne Ader ihre Kruͤmmung verliehret, und in eine gerade Linie ausgeſtrekket und verlaͤngert wird. Eben das gilt von der Saamenſchlagader, welche in dem weinrebenfoͤrmi - gen Gewebe (pampini ſimili textu) ganz gebogen er - ſcheint. An dem Oberarme verbindet ein ſehr ſtarkes Gewebe die Schlagader mit dem Mediannerven, und verliehret ſich allmaͤhlich(k)Hebenſtreit de vaginis va - ſorum. Ferner vereinigt ſich der Schienbeinsnerve am Schienbeine mit der Schlagader in einen Buͤſchel. Diejenigen beruͤhmte Scheiden, die Franz Gliſſon in der Leber, Lancis in der Lunge, und Jak. Rau(l)Beim Valentini Amphit. zootom. append. S. 92. in der Milz beſchrieben, ſind von eben dergleichen Beſchaffenheit.

Die aͤuſſern Lagen an dieſem Zellgewebe bilden eini - germaſſen ein von den Schlagadern unterſchiednes We - ſen. Allein es folgen auf ſie, nach inwendig zu, allmaͤ -lich115Schlagadern. lich andre Lagen, die nach und nach feſter geflochten, mit kleinern Zwiſchenraͤumen verſehen ſind, und daher einer wahren Membrane ſchon naͤher kommen. Jn dieſem Zellgewebe entdekkt man hin und wieder einiges Fett, wel - ches ſich nahe am Herzen, in der Aorte, mit dem Fette des Herzens ſelbſt(m)Ludwig N. 21., und darauf im Mittelfelle(n)Ebend. N. 9. verbin - det; in der Bruſt aber und dem Unterleibe von demjeni - gen Fette eine Fortſetzung iſt, welches ſehr haͤufig um das Ribbenfell, und hinterwerts um das Darmfell ge - lagert iſt. Es ſchleichen durch dieſes Zellgewebe hin und wieder verſchiedne Gefaͤſſe, und es verwandeln ſich ſehr viele auf der aͤuſſern Flaͤche derer groſſen Schlagadern in Nezze, von denen wir hin und wieder zu reden haben werden.

Dieſen faͤchrigen und loſen Theil der Schlagader nannte Lancis(o)De corde & anevriſm. S. 95. die Ausgabe von 1728. zottig; und viele beruͤhmte Maͤn - ner, wie Hermann Boͤrhaave(p)Prax. med. I. S. 242. Inſt. med. n. 132., Lor. Heiſter(q)Comp. anat. Anmerk. 63., Franz Nicholls(r)Comp. anat. oecon. S. 2., die Engliſche Leibaͤrzte, Johann Fridr. Caſſebom, Joſ. Lietaud(s)Eſſays d’anat. S. 119., Carl Gottl. Ludwig(t)N. 10. 21. gaben ihm den Namen des Zellfoͤrmi - gen. Der ehemalige gelehrte Auguſtin Fridr. Wal - ther(u)Progr. de anevriſm. nannte ihn die erſte Zellhaut, und Thom. Willis(x)Pharm. ration. Th. II. S. 38. Tom. VI. n. 4. die Aderhaut (vaſculoſa), ob ihm gleich ih - re blaͤſige Beſchaffenheit ſehr wohl bekannt war.

Die druͤſige Schlagadermembrane, welche eben die - ſer beruͤhmte Mann(y)Ebendaſ. Abbild. 3. bekannt machte, wiederholten nach ihm Vieuſſens(z)Nouvell. decouv. S. 12. Nov. vaſ. ſyſt. S. 72., Verheyn, Joh. von Gor -H 2ter116Zweites Buch. Gefaͤſſe. ter(a)Comp. med. S. 76., und andre Verfaſſer; und es gab ſo gar Bid - loo(b)Th. XXIII. f. 4., der ſonſt gluͤklich war das zu ſehen, was ſich andere zu erſinnen pflegen, eine Zeichnung davon. Jch wuͤrde dieſelbe, wenn ja was an der Sache ſeyn ſollte, vor Fettkluͤmpchen anſehen, die man an den aͤuſſerſten zellfoͤrmigen Lagen derer Schlagadern wahrnimt.

§. 6. Die eigene Zellmembrane.

Gleichwie ſich dieſe ſo genannte zellfoͤrmige Schlag - adermembrane nach auſſen zu in eine loſe Scheide ver - wandelt, alſo wird dieſelbe nach innen zu, und wo ſie mit den Muskelfaſern in der Schlagader zuſammengrenzt, enger, weiſſer und feſter. Sie nimmt mit der groſſen Haͤrte an Schnellkraft zu, laͤſſet ſich ſchwerlich zuſam - mendruͤkken, und wuͤrde ungemein leicht wieder zuruͤk - ſpringen. Es bezeichnen ſie kaum ſichtbare Gefaͤſſe, und ſie machet uͤberhaupt den Haupttheil der Schlagader aus; da ſie die uͤbrigen Theile um ein vieles an der Dikke uͤber - trift, und den einzigen Theil zum Adergeflechte in den Thieren, die kaltes Blut haben, hergibt. Sie iſt die knorplige Schlagaderhaut des Andr. Veſals(c)Am angef. Ort. S. 439.. Heiſter(d)Am angef. Ort. nennt ſie ſehnig, ſo wie andre beruͤhmte Maͤnner, als J. B. Senak(e)S. 237. Er behauptet alda,daß es eine wahre Membrane ſey., und Joh. Fridr. Caſſebom(f)Jn dem Methodo ſecandi, der nach ſeinem Tode herausge - kommen.; Nicholls aber heiſſet ſie bandartig elaſtiſch(g)Am angef. Ort..

Allein ſo gros auch ihre Feſtigkeit immer zu ſeyn ſcheinet, und ſo ſehr ſie den Namen einer Aderbedekkung verdienen moͤchte, ſo zeugen die Verſuche doch, daß ſiewei -117Schlagadern. weiter nichts, als ein verdichtetes, feſter gewebtes Zell - gewebe ſey. Bemuͤht man ſich, ſie mit dem Meſ - ſerchen rein zu ſchaben, ſo wird man bald die Schuppen ohne Ende weggehen ſehen, bis man die Fleiſchfaſern blos liegen ſieht; man trift ſie aber nirgends als eine glatte und feſte Umhuͤllung an: macht man ſie im Waſ - ſer muͤrbe, ſo dringt daſſelbe in die Zwiſchenraͤume der Plaͤttchen ein, es entfernt ihre Faͤden allmaͤlich von ein - ander, die ſich am naͤchſten durchſchlungen, es loͤſet die Schlagader dergeſtalt auf, daß ſie wie ein bloſſer Schwamm da lieget. Raym. Vieuſſens(h)Nov. vaſ. Syſt. S. 85. war der erſte, der dieſen Verſuch machte, und er wurde dadurch bewegt zu glauben, daß die ganze Schlagader ohne Muskelfaſern, und ein bloſſer Schwamm ſey. Jch ha - be es ebenfalls verſucht, es haben es auch Dan. Chriſt. Schobinger(i)Am angef. Ort. N. 50., und der beruͤhmte Ludwig(k)Am angef. Ort. N. 12. gleich - falls unterſucht, auſſer daß der erſtere, indem er zugiebt, daß das eigene Gewebe der Schlagader ſich zwar verrin - gere, das Zellgewebe aber zunehme, dennoch jene zugleich beibehalten will. Vor mir haben die beruͤhmten Maͤn - ner, Jak. Douglas(l)Deſcr. of the periton. S. 26., und Alex. Monroo, ihre zellige Natur ſchon erwieſen(m)Eſſays of a Society at E - dimb. Tom. II. S. 267..

§. 7. Die muskelhafte Bekleidung.

Auf dieſen vornemſten Theil einer Schlagader fol - gen nunmehr die Fleiſchfaſern, die ich vornemlich da, wo die Aorte ihren Urſprung bekoͤmmt, indem ſie ſich an dieſem Orte durch ihre Menge und Roͤthe leichter entdek - ken laſſen, beobachtet habe. Es giebt daſelbſt verſchiede - ne uͤber einander liegende Schichten von dieſen Fa -H 3ſern118Zweites Buch. Gefaͤſſe. ſern(n)Der beruͤhmte Ludwig hat 8 oder 10 im Ochſen gezaͤlt. N. 14., und wenn man eine nach der andern abloͤſet, ſo findet man die Faſern dichte, mit wenigem Zellgewebe von einander abgeſondert, hart, und nach Kreiſen gebo - gen. Unter dem lezten Ausdrukke verſtehe ich nicht voll - kommen geſchloſſne Kreiſe, die die Faſern machen ſollten, oder daß ſie ſich mit einem Ringe vergleichen lieſſen. Denn hier findet eben das ſtatt, was man ſonſt an andern Muskeln bemerkt, es verſtekken ſich naͤmlich die geraden und kurzen Faſern mit ihren aͤuſſerſten Enden, die ſich an der Seite verdrehen, zwiſchen die benachbarte und ſich aͤhnliche Fleiſchfaſern. Einige ſchreiben, ſie waͤren ſchlangenfoͤrmig gewunden(o)Will. Cole, Creſcentius de febribus, u. a., fuͤhren Beiſpiele von den Rindern zu Beſtaͤrkung ihrer Meinung an; der vortref - liche Morgagni aber hat ihren Jrrthum durch ſeinen genauern Fleiß entdekket(p)Adverſ. anat. II. S. 78.. Die alten Schriftſteller hatten recht, wenn ſie dieſelben Queerfaſern nanten, wie ſolches ehedem Galen beim Oribaſius gethan(q)Jn den vom Dundaſſen herausgegebnen Anat. Schriften. S. 74.. Sie iſt der von den mehreſten Zergliederern angenomme - ne Muskeluͤberzug an der Schlagader, den der beruͤhmte Monroo(r)Willis, am angef. Ort. Taf. 6. Abbild. 2. Bidloo f. 5. Lan - cis, Nicholls u. a. zuerſt die Schlagadermembrane nennt(s)Am angef. Ort.. Er kommt in den kleinen Schlagadern immer ſchwerer zum Vorſchein, und an den feinſten haarfoͤrmigen Aeder - chen kann man ihn nicht einmal durch ein gutes Vergroͤſ - ſerungsglas entdekken. Man ſchreibt auch insgemein, daß in den Gefaͤſſen des Gehirns keine Fleiſchfaſern mit eingewebt waͤren(t)Börhaave Præl. Tom. II. n. 234., welchen Jrrthum der beruͤhmte Ludwig widerlegt, doch ſo, daß er deren wenigere zu - laͤſt(u)Am angef. Ort. n. 18.. An Thieren, die kaltes Blut bey ſich fuͤhren, habe ich nach vielfachen Verſuchen nichts, das dieſen Fa -ſern119Schlagadern. ſern aͤhnlich geweſen waͤre, entdekken koͤnnen(x)I. Memoir. ſur le mouv du ſang. S. 12.; wie es denn auch ihren Schlagadern gaͤnzlich an der Kraft mangelt, ſich zuſammenzuziehen(y)II. Mem. Abſch. IV. n. 4. S. 236.. Jndeſſen waͤre es aus der Urſache unbillig, dieſe Muskelfaſern aus der Reihe der Bekleidungen in den Schlagadern zu ſtoſſen, und der Schlagader eine einfache Springkraft beyzule - gen, wie dergleichen Guͤnth. Chriſtoph Schellham - mer(z)De Pulſu. S. 13. Art. med. univ. Tom. I. Th. CLX. und Raym. Vieuſſens(a)Am angef. Ort. S. 86. 88. gethan haben. Denn man kan bey warmen Thieren, und an groſſen Schlagadern auch mit dem bloſſen Auge dieſe Fleiſchfa - ſern entdekken, an ſehr kleinen hingegen beweiſet deren Gegenwart das Niederſinken der Schlagader, welches wechſelweiſe auf ihre Erweiterung folgt(b)II. Mem. ſur le mouv. du ſang. Erf. 55. 56. Eben das beſtaͤ -tigt der vortrefliche Heiſter de vuln. arter. crural. .

Vom Herzen nehmen dieſe Faſern nicht ihren Ur - ſprung, ſondern ſie haͤngen allein mit dem Fleiſche dieſes Muskels vermittelſt des Zellgewebes zuſammen(c)Ludwig am angef. Ort. n. 21.. Wie ſie ferner die Muͤndungen der aus der innern Hoͤle der groſſen Schlagader entſpringenden Aeſte mit ihren elliptiſchen Ringen umflechten(d)Mem. des ſav. etrangers, T. II. f. 1. bis 5., wie die Faſern der Aeſte von den Faſern ihres Stammes entſpringen(e)S. 35. fig. 7., in wie fern die zuſammengehaͤufte Faſern einer Schlagader an der Oefnung eines herfuͤrkommenden Aſtes, der vom Herzen weiter abliegt, dieſes ſeinen Ausbruch befoͤr - dern(f)Ebendaſ. S. 32. 33. 35. fig 4. E. E. E., und wie kuͤnſtlich ſie zwiſchen zween gegen uͤber ſtehenden Aeſten, mit den erhabnen gegen einander gewendeten Ruͤkken ihrer Kreiſe, die dieſe Aeſte umſchlin - gen, zuſammen vereiniget ſind(g)Fig. 5.; alles dieſes erzaͤletH 4der120Zweites Buch. Gefaͤſſe. der beruͤhmte Baſſuel, zwar wie es ſcheint, der War - heit gemaͤs, aber etwas zu ausfuͤhrlich und zu zierlich, als daß es unſre beſtimte Einſchraͤnkung hier zu wieder - holen erlauben ſollte. Der vortrefliche Senak(h)Am augef. Ort. T. II. S. 671. T. IV. fig. 2. hat gleichſam eine weiſſe und harte Narbe, die von der Zu - ſammenfuͤgung der Faſern beider Aeſte erzeugt wird, und Morgagni eine harte und rundliche Spizze, die gegen die aͤuſſerſte Hoͤlung des Aortenſtammes gewendet war, in dieſer groſſen Schlagader und an demjenigen Orte an - getroffen, wo ſie ſich in die Staͤmme der Bekkenſchlag - adern zertheilet(i)Epiſt. anat. XV. n. 33..

Verſchiedne Zergliederer haben noch andre Fleiſchfa - ſern, die den Schlagadern in ihrer ganzen Laͤnge nach - folgen, angefuͤhret, und in denen Thieren, die kaltes Blut haben, ſind ſie von glaubwuͤrdigen Maͤnnern gefunden worden, als von Johann Mery in der Schildkroͤte(k)Mem. de l’Acad. roy. des ſcienc. 1703. S. 453., an dem Seefroſche (Rana piſcatrix) von Walth. Char - leton(l)Mant. anat. S. 77.. Willis(m)Am angef. Ort. S. 15., welchem andre Schriftſtel - ler(n)Bidloo gibt eine Abbil - dung am angef. Ort. fig. 6. J. Petr. Albrecht Diſſ. de adminic. anat. S. 23. darinnen gefolget ſind, hat am Menſchen die in - nere Lage aus langen Faſern zuſammengeſezzt, und dieſe Faſern der innerſten Membrane zugeſchrieben. Ferner haben andre beruͤhmte Maͤnner das Daſeyn dieſer Faſern daraus zu folgern geglaubt, weil ſich eine zerſchnittne Schlagader mit Macht zuruͤkkezoͤge, und ſich merklich verkuͤrzete: es hat auch dieſe Erſcheinung ihre gute Rich - tigkeit, und es verkuͤrzt ſich eine Schlagader, ſo oft ſie ſich zuſammenzieht, ſo wie ſie bey ihrer Erweiterung wie - der an Laͤnge zunimt(o)Laur. heister de vuln. art. crur. n. 25..

Allein121Schlagadern.

Allein die Zerlegung, und das Vergroͤſſerungsglas haben ſo wenig mir, als andern Verfaſſern vor mir, auf deren Anſehn ich mich berufe, iemals einige ſolche Faſern zu erkennen gegeben, die nach der Laͤnge derer Schlagadern fortlaufen ſollen(p)morgagni Adv. anat. am angef. Ort. Joh. Gottl. Ludwig. n. 19. g. a. Langguth arter. a vi cord. æmul. remot. S. 28.. Man mus auch nicht einige Fal - ten an der innerſten Membrane hieher ziehen: und es iſt nicht rathſam, Bauarten nach den Erſcheinungen zu mo - deln. Denn es koͤnnen gewiſſe Wirkungen von ganz an - dern verborgnen Urſachen herruͤhren, die von denenjeni - gen weit unterſchieden ſind, die ſich unſerer Einbildung zu erſt von ſelbſt darſtellen.

§. 8. Die innere Zellhaut.

Zwiſchen den Muskelfaſern einer Schlagader und ihrer innerſten Membrane befindet ſich ein ander Zellge - webe, gleichwie zwiſchen allen ſich unaͤhnlichen Mem - branen. Es iſt hier ganz kurz, zart, fettlos, und ſchwer zu erweiſen; indeſſen empfaͤngt es doch vom vortreflichen Siegfr. Albin(q)Beim wesseling, Diſſ. de arter. homin. S. 10., vom Walther(r)De Anevr. und andern groſ - ſen Maͤnnern, ſein ganzes Anſehn(s)Pet. Tarin Anthropots - mie. T. II. S. 10.. Es iſt an ſich gewis, daß ſich zwiſchen der Fleiſchhaut, und der inner - ſten, ein gelber Saft ergieſt, der anfaͤnglich knorplig(t)Opuſc. pathol. Obſ. 47., nachgehends knochenhaftig wird, und ſich in harte und uͤber die Schlagader weit ausgebreitete Schuppen ver - wandelt, die zwiſchen die innerſte und mittlere Mem - brane derſelben aufgenommen werden. Jch rechne die ei - ner Spekkbeule aͤhnliche Dikke der innerſten Membrane hieher, von der man wahrgenommen, daß ſie die Schlag -H 5ader122Zweites Buch. Gefaͤſſe. ader endlich gar verſtopft hat(u)monroo Eſſ. of a ſociety at Edimb. T. II. S. 271.. Mein ehemaliger, und ſtets verehrungswuͤrdiger Lehrer, Boͤrhaave, mel - det, daß das Weſen dieſer Zellhaut dergeſtalt aufſchwel - len koͤnne, daß die Schlagaderroͤhre bey einer entſtande - nen ungewoͤnlichen Zuſammendruͤkkung (thlipſis), ganz verengert werde(x)Prax. med. T. I. S. 242..

§. 9. Die innerſte Membrane.

Die innerſte Membrane iſt an der Schlagader glatt, zart, mit der inwendigen Membrane des Herzens einer - ley, und eine Fortſezzung davon. Die Alten nannten ſie Spinnwebenfoͤrmig(y)oribasivs am angef. Ort. vesalivs S. 440. vidvs vidivs Anat. corp. hum. S. 129. A. Lau - rentius im groſſen Werke. S. 142., die Neuern nervig(z)Willis. S. 38. T. VI. fig. 1.. An dieſer haben beruͤhmte Maͤnner kleine Schweisloͤcher wahrgenommen(a)R. Vieuſſens Nov. vaſ. Syſt. S. 87. Bidloo fig. 6. Lanciſius am angef. Ort. Ludwig. N. 19., die ich aber nicht habe entdekken koͤnnen. Sie iſt mehrentheils an denen, dem Einge - weide beſonders zugeordneten Schlagadern, weicher, ge - runzelt, vereinigt ſich mit der Muskelhaut vermoͤge ei - nes loſeren Zellgewebes, und von roͤtherer Farbe als jene. So finde ich ſie im Schlagadergange: andre beruͤhmte Maͤnner haben ſie eben ſo, entweder in der Luftroͤhren - Leber - Milz - und Gekroͤsſchlagader(b)Iac. Nic. weiss de arter. viſcer. propr. , oder in den Kranzſchlagadern(c)lancisivs S. 62. Ausg. in fol. S. 123. 4. wahrgenommen. Jn einem der - gleichen Theile des menſchlichen Koͤrpers ſcheinet ſie Alex. Monroo(d)Eſſ. of a ſociety at Edimb. T. II. S. 267. beobachtet zu haben, wodurch er veran - laſſet worden, ſie mit der zottigen vor einerlei zu halten.

Uebri -123Schlagadern.

Uebrigens verhindert dieſe Bekleidung das Entſtehn der Pulsadergeſchwuͤlſte. Denn wenn die Fleiſchfaſern gleich an ſich ſtark ſind, ſo gehen ſie doch nicht in eins fort. Folglich koͤnnten ihre Zwiſchenraͤume allerdings ſehr leicht Blut aufnehmen. Sie iſt uͤbrigens ſehr glatt, und verhindert, durch die immerwaͤhrende Herzbewe - gung, und den ſtarken Umlauf des Blutes, daß nicht ſo leicht etwas, ſo lange ſie unverlezt bleibet, mit den Schlagadermembranen zuſammenwachſen moͤge. Die ſteinigen oder knochenhaften Verhaͤrtungen derer Schlag - adern ſezzen ſich zwiſchen derſelben, und der fleiſchigen Membrane zu erſt an; die Faſergewaͤchſe (polypi) haͤn - gen ſich mehrentheils mit ihren Wurzeln an die innere Flaͤche der Schlagadern, ſo bald dieſe ſind verlezt worden.

§. 10. Die Hoͤlung der Schlagader.

Ueberhaupt iſt die innre Flaͤche der Schlagadern, an welche das durchlaufende Blut anſchlaͤgt, an ſich glatt im Menſchen, und ſie hat gar nichts klappenaͤhnliches. Man mus indeſſen nicht das Gitterwerk bey denen vier - fuͤßigen Eierlegenden Thieren hieher ziehen, davon man nichts aͤhnliches im Menſchen wahrnimmt(e)duverney Mem. de l’Ac. des ſcienc. 1699. fig. 9. am Froſche. An dem ſchlagadrigen Knauel des Lachſes hat der beruͤhmte Geringſtraligte Faſern wahrgenommen, und in dem Tr. de Piſcat. Salm. beſchrieben.. Es ent - haͤlt auch nicht die Halsſchlagader am Menſchen ſolche Queerfalten, wie ſie die Pariſer Aerzte in einer Hirſch - kuh fanden, und man weis nicht, was man von der Spur einer Klappe, die ehemals Thom. Bartholin(f)Anat. IV. renov. S. 595. an der Schlagader des Oberarms geſehen, oder was man von denen Balken des Joh. Mor. Hoffmanns halten ſoll, welche inwendig durch die Schlagadern hin -durch -124Zweites Buch. Gefaͤſſe. durchgehen, und ſie vor der Zerreiſſung bewahren ſoll - ten(g)horne B. V. S. 140..

Es iſt bey dem Ausbruch derer Aeſte, welche aus de - nen Schlagadern hervorkommen, allezeit gewoͤnlich, daß ſie beinahe ſchief und unter ſpizzigen Winkeln entſprin - gen. Man kann daher an der Muͤndung, wo ſie heraus - kommen, zween Bogen deutlich wahrnemen. Derjeni - ge, der ſich naͤher nach dem Herzen zu befindet, iſt von gleicher Weite, ſowol in Anſehung des Aſtes ſelbſt, als des Fortganges von dem Schlagaderſtamme: er leitet auch das aus dem Herzen herbeygefuͤhrte Blut, als wie durch eine Gusrinne, mit einem ſanften und beſtaͤndig anhaltenden Fluß in die kleine Roͤhre des Aſtes hin - ein(h)lower de corde. S. 37. bassvel T. I. fig. 2. T. II. fig. 6. und I. E. S. 26.. Der andre Bogen aber, der ſich unterwerts befindet und weiter vom Herzen entfernt iſt, macht eine Erhoͤhung, weil er aus dicht zuſammen verbundenen Fa - ſern beſteht(i)bassvel. T. I. d. T. II. fig. 1. F. . Er iſt es, von dem in der Verbreitung der Schlagadern die groͤſſere Feſtigkeit und Dikke her - ruͤhret, welches groſſe Maͤnner von dem feſtern Zuſam - menhange der ſehnigen Haut mit der fleiſchigen hergelei - tet haben(k)Ludwig am angef. Ort. N. 22.. Die von dieſem Bogen herruͤhrende Wirkung beſtehet darinnen, daß er verhuͤtet, damit das Blut, welches in den Anfang des Aſtes hineintritt, nicht leicht wieder in den Stamm zuruͤkklaufen moͤge. Hier - naͤchſt hilft er auch dazu, daß kein ander Blut in die Aeſte uͤbertritt, als welches mit voͤlliger Kraft von dem Herzen herbeigetrieben wird, und weiſet dagegen dasjenige Blut zuruͤkke, welches von einer entlegenen Gegend der Schlag - ader, ſobald ſich ſolche zuſammengezogen, mit einem ſchwaͤchern Triebe herbeiflieſſen koͤnte.

Der125Schlagadern.

Der vortrefliche Senak(l)Angef. Ort. N. 242. hat von dieſem Bogen angemerkt, daß er um ſo viel mehr hervorrage, und zu - gleich um ſo viel hoͤher und groͤſſer ſey, je ſpizziger der Winkel waͤre, unter dem ſein Aſt von dem Herzen ab - ſtammete. Dieſe Ringe ſind in den groſſen Aorten - aeſten, wie man ſich leicht einbilden kann, am ſtaͤrkſten, und ſind ſchon vor langer Zeit von dem aufmerkſamen Lower wahrgenommen worden(m)De corde. T. II. f. 5. bas - svel f. 3.. Einen andern dergleichen Ring beſchrieb Joh. Bapt. Carcanus(n)Anat. B. 1. an der Muͤndung des aus der Aorte herfuͤrkommenden Schlagaderganges, welches auch ohnlaͤngſt der beruͤhm - te Agricola zu erweiſen unternam(o)Commerc. litter. Noric. 1735. Woche 4. B. 1. Fig. 3. 4. S. 26.. Man ſiehet zwar eine ganz deutliche Spur davon(p)Faſc. IV. Icon. anat. ic. valv. evstach. Anm. 12., inzwiſchen kann man dennoch weder dieſer, noch denen erſtgedachten Spizzen am Bogen der Aorte ein mehreres beilegen, als was wir eben jezo von dem am Anfang derer Schlag - adernaeſte hervorragenden Halbkreiſe gemeldet haben. Hieher rechne ich auch die Kranzaderklappen, wie ſie ei - nige nennen, und die ſchon laͤngſt Meibom(r)De motu ſangu. N. 22. unter die Runzeln und Falten der innerſten Membrane gerech - net hat.

§. 11. Die kleine Schlagaͤderchen, welche uͤber die groͤſſern hinlaufen.

Bisher haben wir die groͤberen, und organiſchen Theile an der Schlagader in Betrachtung gezogen; es iſt aber billig, daß wir nun auch die zaͤrter gebauetenund(q)lancisivs S. 62. 63. in Fol. Er hielte ſie in der That vor wahre Fallthuͤren, die den Blutlauf rich - ten muͤſten. glass de circular. P. 43.126Zweites Buch. Gefaͤſſe. und mehr einfach gleichartige (ſimilares) hinzufuͤgen. Solchemnach haben die Schlagadern ihre eigene kleine Schlagaederchen, ihre Blutaederchen, ihre Nervchen. Dieſes iſt eine Erfindung, die durch den neueren Fleiß iſt herfuͤrgebracht worden: denn es hat uns Plinius ohne Zweifel aus denen alten Schulen die Meinung hin - terlaſſen, daß die Schlagadern keine Empfindung haͤt - ten und kein Blut fuͤhreten(s)B. XI. S. 633. Harduins Ausgabe.. Thom. Willis aber beſchreibt uns die kleinen Schlagadern, ſo uͤber die groͤſ - ſern hinlaufen, daß ſie die aus Gefaͤſſen beſtehende(t)Angef. Ort. T. VI. Fig. 4., und die druͤſenhafte Membrane(u)Ebendaſ. Fig. 3. bildeten, und das thut Vieuſſens(x)Nouv. decouv. S. 12. ebenfalls. Genauer und ſchoͤner hat ſie uns aber Ruyſch, nach ſeiner Gewonheit, abge - zeichnet hinterlaſſen(y)Ep. III. Tom. III. 1. 3., und ſie bekamen hernach vom Boerhaave ihr voͤlliges Anſehen und Glaubwuͤrdigkeit.

Der Urſprung von dieſen Schlagaederchen iſt ver - ſchiedentlich. Von denenjenigen, welche dem Herzen am naͤchſten ſind, entſpringen ſehr viele von der rechten und linken Kranzſchlagader, und ſie flechten ſich auf mancherlei Weiſe als Nezze durcheinander(z)Icon. anat. faſe. VIII. S. 7. 8.. Es ge - ſchiehet aber ſehr oft, daß ein eigen Staͤmmchen ganz nahe an der Muͤndung der rechten Kranzſchlagader her - auskommt, welches man vor eine dritte Kranzader hal - ten koͤnnte, die aber Raymund Vieuſſens(a)Du coeur. S. 68. T. V. f. 1. T. II. f. 2. unſre Streitſchrift de vaſis cordis propriis, N. 5. mor - gagni Epiſt. XV. n. 8. fettartig nennt. Jch habe noch eine zwote ſolche Ader, nahe an der linken Kranzader, ebenfalls wahrgenommen.

Die Fortſaͤzze dieſer Schlagaederchen bilden in der Menſchenfrucht, und in jungen Perſonen, ohne einige angewendete Kunſt, ohne daß ein gefaͤrbter Saft einge -ſprizzt127Schlagadern. ſprizzt werden darf, in den Haͤuten der groſſen Schlag - ader und der Lungenſchlagader ein ganz deutliches Nez, ſie ſind aber in Erwachſnen und Bejahrten weniger ſicht - bar, wenn man ſie nicht mit gefaͤrbten Feuchtigkeiten ausfuͤllet. Dieſes Nez(b)Ruyſch, angef. Ort. lieget auf der zelligen Mem - brane auf, und es wird von derjenigen Membrane bedekt, welche eine Fortſezzung von der aͤuſſern Herzbekleidung abgiebt. Es iſt von allen Seiten an Zellfaͤden ange - haͤngt, ſo daß Monroo nicht Unrecht hat, wenn er den Rath giebt, man ſolle niemals das Zellgewebe hin - wegnehmen, wenn man die Abſicht habe, die Gefaͤſſe in denen Membranen zu zeigen(c)Eſſ. of a ſociety at Edimb. T. III. S. 112. 113.. Von ihnen erhaͤlt auch die muskelhafte und innerſte Haut ganz zarte Zweig - lein.

Nach dem uͤbrigen Theil der verlaͤngerten Aorte ge - hen gleichfalls verſchiedene Aeſtchen von kleinen Schlag - adern, die von den obern Schlagadern der Luftroͤhre (bronchiales ſupremae)(d)Icon. anat. faſc. III. Tab. art. bronchial. n. 6. entſpringen, welche entwe - der von den Schlagadern der Bruͤſte, oder von den Schluͤſſelſchlagadern herruͤhren; desgleichen entſtehen ſie auch von den Zweigen der Schlagadern der Bruͤ - ſte(e)Ruyſch angef. Ort. u. Fig. 2.; von denen ſchon bekannten Luftroͤhrenſchlag - adern; von denen Schlagadern des Schlundes, des Zwerchfells, und bisweilen aus einem beſondern aus der Aorte gewachſenen Stamme; von den Saamenſchlag - adern; von den kleinſten Staͤmmen, die nach den Len - dendruͤſen gehen(f)Icon. anat. faſc. III. Ic. art. renal. n. 7., und aus dem Anfange der Schlag - ader des Gekroͤſes am dikken Gedaͤrme, oder aus der Aorte ſelbſt, und endlich uͤberall aus der Nachbarſchaft derſelben. Man mus hier nicht die Worte meines Leh - rers in gar zu ſtrengen Verſtande nehmen, als ob dasganze128Zweites Buch. Gefaͤſſe. ganze Siſtem der Schlagadern ſeine Zweige von der Kranzſchlagader bekaͤme. Denn es ſind dieſe Staͤmm - chen ſehr klein, kurz, und nicht leicht uͤber einen oder zween Zoll lang. An denen andern Schlagadern ent - dekt man aͤhnliche Aeſte. Jn denen durch die Lunge laufenden entſtehen ſie von denen Kranzſchlagadern, in - gleichen ſowol von denen obern, als denen ſonſt ſchon bekannten Schlagadern der Luftroͤhre, welche ſich in der Lungenſchlagader mit den Fortſaͤzzen der Kranzſchlagadern paaren. Jn kleinen Staͤmmen nehmen dieſe Aederchen entweder von den Staͤmmen ſelbſt, oder von einer jeden in der Naͤhe befindlichen Schlagader ihren Urſprung.

Es iſt zwar bekannt, daß dieſe kleine Schlagadern denen Schlagaderhaͤuten die Nahrung zufuͤhren, und die dunſtige Materie darreichen, womit die Zellraͤume uͤberzogen werden. Ob ſie aber etwas zur Zuſammen - ziehung der Schlagader beitragen, wie Boerhaave ver - muthet(g)Inſtit. rei med. n. 213., das werde ich anderswo zeigen, und zugleich die Urſachen beibringen, warum es mir nicht wahrſchein - lich vorkomme. Die Schlagaederchen muͤſſen nothwen - dig auch Blutaederchen neben ſich haben, welche das von jenen herbeigefuͤhrte Blut wieder zuruͤkke fuͤhren. Mal - pigh ſahe auf der Aorte eines Ochſen ein Blutaederchen, welches ſich durch die ganze Subſtanz derſelben ausbrei - tete(h)De polyp. S. 127.. Es iſt hierbey keine groſſe Schwierigkeit, und es wird auf der Aorte, aus den Zweigen der ungepaar - ten Blutader, beſonders aus ihren linken; ingleichen aus denen Zweigen, welche aus der obern Ribbenblut - ader herkommen, und endlich aus der Schlundblutader eine Art eines Nezzes gebildet, das viel deutlicher, als das Nez derer kleinen Schlagadern, in die Augen faͤllt. Dergleichen kleine Blutadern habe ich anderswo wahr - genommen, daß ſie aus den Saamenblutadern nach derAorte(i)Faſc. II. Icon. vaſ. bronch. 129Schlagadern. Aorte hingelaufen, und daß ſie bald aus dieſen, bald aus jenen Staͤmmen ihren Urſprung genommen.

§. 12. Die Nerven derer Schlagadern.

Es laufen ſehr viele Nerven nach denen Schlagadern hin, fuͤrnemlich aber nach denen groͤſſeren. Alſo ent - ſpringen aus dem groſſen Knotengeflechte des Jntered - ſtalnerven oben am Halſe, ſehr weiche(k)Icon. anat. faſc. II. not. 12. ad arter. maxill. int. Streitſchrift de orig. nerv. interc. n. 17., ſchwammige und gelbliche Nerven, die nicht von der kleinſten Art ſind, und durch alle Staͤmme der Halsſchlagader, ingleichen nach der Zunge, nach der aͤuſſern Bakke, nach den Schlaͤfen, nach der obern Schilddruͤſe, und nach dem gemeinſchaftlichen Halsaderſtamme, gegen das Hinter - haupt zu, ſich ausbreiten, allwo, nahe bei ſeiner Thei - lung, aus dieſen Nerven ein beſondrer, obwohl ganz kleiner Knote entſtehet; man hat indeſſen keine voͤllige Gewisheit daruͤber, ob dieſe Nerven in der Halsſchlag - ader, oder in ihren Fortſaͤzzen wuͤrklich zuruͤk bleiben. Von dem jeztgedachten Nervenknoten(l)Angef. Streitſchrift. ſteiget ein Zweig laͤngſt dem gemeinſchaftlichen Stamme der Hals - ſchlagader herab, von dem ich nicht wahrnehmen koͤnnen, wo er ſich endlich mit ſeinen Enden verliere. Derjenige, welcher die Lippenſchlagader begleitet, vereiniget ſich mit dem Nerven des Kinbakkens, oder mit dem dritten Fort - ſaz des fuͤnften Nervenpaars.

Eben ſo breiten ſich Aeſte von denen Herznerven, die ich obenhinweglaufende (ſuperficiales) nenne, und die von dem obern Genikknoten herkommen, uͤber die vor - dere Flaͤche des Aortenbogens aus, die ich aber nicht weiter verfolget habe.

Um
(m)Der vortrefliche Mekel in ſeinen Briefen.
(m)J130Zweites Buch. Gefaͤſſe.

Um die Gekroͤs - und Bauchſchlagadern ſchlingen ſich ganze Nervenflechten herum, die vom groſſen Nerven - knoten des Unterbauchs ihren Urſprung nehmen. Es giebt auch Nerven, welche mit den Schlagadern faſt einer - lei Richtung haben, wie aus dem ſehr deutlichen Bei - ſpiel des Jnterkoſtalſtammes erhellet, welcher ganz offen - bar auf der Halsſchlagader aufliegt, obgleich keine Aeſte von ihm in derſelben zuruͤk bleiben.

Es iſt auch kein Zweifel, daß ſich nicht einige Ner - venzweige unter die Fleiſchfaſern der Schlagadern mit einmiſchen ſollten, da es keine Muskelfaſern ohne Ner - ven giebt, und da ohne diejenige Kraft, welche von denen Nerven herkommt, allerdings die andere, wodurch dieſe Faſern zuſammen gezogen werden, viel ſchwaͤcher wirket; wiewol freilich bisher noch niemand, ſo viel ich mich er - innere, dergleichen Nervenzweige in der That gezeiget hat.

Daß ſie ſehr zart, und in Abſicht auf die Groͤſſe der ganzen Schlagader ſehr klein ſeyn muͤſſen, laͤſt ſich nicht nur aus ihrer zellfoͤrmigen Natur, ſondern auch uͤber - haupt aus ihrer ſchwachen Empfindlichkeit ſchlieſſen, wel - che die bey lebendigen Thieren an denen Schlagadern angeſtellte Verſuche zu erkennen geben. Denn ich habe nie geſehen, daß ein Thier klaͤglich gethan, oder ein Zei - chen von einem Schmerzen von ſich gegeben, wenn ich eine Schlagader an demſelben unterbunden(n)Second. Memoir. ſur les parties ſenſibl. S. 217.. Daß ſo wol die Nabel -, als die Mutterkuchenſchlagadern mit gar keinen Nerven verſehen ſind, hat ſeine vollkommene Richtigkeit, indem man mit aller angewendeten Kunſt nichts davon entdekken kann.

§. 13.131Schlagadern.

§. 13. Die zuſammenziehende Kraft der Schlagader.

Wenn es in der Schlagader Fleiſchfaſern giebt, ſo mus ſie eine reizbare Natur beſizzen, weil es zwei am menſchlichen Koͤrper unzertrennliche Dinge ſind, muskel - haft und reizbar zu ſeyn(o)Prem. Mem. ſur l’irritabilité, S. 53.. Jndeſſen muͤſſen wir doch etwas deutlicher und umſtaͤndlicher von der Verkuͤrzungs - kraft der Schlagader handeln, damit wir daruͤber in kei - ne Jrrthuͤmer geraten.

Erſtlich giebt die Feſtigkeit der Schlagader allein, und die dem Zellgewebe natuͤrliche Federkraft, einige An - zeige von derſelben Staͤrke. Jch rechne folglich hieher, daß eine zerſchnittne Schlagader ihre vorige Oefnung im Lichten ungekraͤnkt uͤbrig behaͤlt, wie ich dieſes vor eini - gen Tagen noch an einem Huͤhnchen beobachtet habe. Eine zerſchnittne Blutader faͤllt ſogleich zuſammen; eine Schlagader zieht ſich dagegen zuruͤkke und bleibt hol, da - bei ſie nicht im geringſten enger wird. Jch glaube auch, daß nichts weiter noͤthig iſt, um diejenigen Falten zu machen, in welche ſich eine zerſchnittene Schlagader in Verwundungen runzelt(p)savvages theor. tumor. S. 8. De pulſu. S. 2., und welches der wichtigſte Theil von der beſondern Vorſorge iſt, ſo die Natur zu Hemmung des Blutſturzes anwendet. Jch halte auch davor, daß es eben die Kraft ſey, vermoͤge der eine Schlagader, in Vergleichung mit dem Nerven, kuͤrzer gemacht wird. Eine 27 $$\{7}{10}$$ Linien lange Schlagader zog ſich, als man ſie zerſchnitte, bis auf 12 Linien zuruͤk(q)Senak beobachtete, daß ſich ein Stuͤk der menſchlichen Aorte von 21. Lin bis auf 13. zu - ruͤkkegezogen. angef. Ort. S 239., welches 3 und 5 mal mehr betrug, als bey dem Ner -J 2ven132Zweites Buch. Gefaͤſſe. ven(r)Sauvages S. 9.. Eben dieſelbe lies ſich bis auf 55 Linien lang ausdehnen, ehe ſie zerreiſſen wollte. Dieſe Springkraft iſt indeſſen nur was todtes, und ſie bleibt noch lange hernach zuruͤk, wenn das Thier ſchon laͤngſtens aufgehoͤ - ret hat zu leben. Alſo ziehet ſich auch ferner die Aorte an den Rindern, wenn man ſie mit den Fingern ausge - dehnt hat, ſo bald dieſe wieder nachlaſſen, ſo gleich mit groſſen Nachdruk wieder zuruͤkke(s)Der vortrefliche und ehr - wuͤrdige Greis, Joh. Fanton Diſſ. anat. 1745. p. CXI. Fr. Hoffmann de effect. elaſt. S. 7.. Endlich ziehet ſich dieſelbe nach dem Tode theils dergeſtalt zuruͤkke, daß ſie viermal kuͤrzer wird(t)lamvre de ſecret. S. 26., theils treibt ſie auch, wenn ſie aufgeblaſen wird, die zwiſchen zwei Schnuͤren einge - ſchloſſene Luft, wenn man ein Loch hinein ſticht, mit vieler Gewalt heraus(u)senac T. II. S. 199.: und es iſt daher keinesweges von ihrer Muskelkraft hergekommen, daß das Blut, nachdem die Schienbeinsader zerſchnitten worden, nach dem Tode des Thieres zweene Schuhe weit aus derſelben geſprungen, wiewol dieſes Beiſpiel billig unter die ſel - tenſten gehoͤret(x)drelincovrt Canicid. III. .

Jch erklaͤre aber auch die mit chimiſchen Giften an - geſtellte Verſuche aus der einfachen Schnellkraft, und der zellfoͤrmigen Bauart der Schlagader; denn es ziehet ſich eine Schlagader, die man mit dem Meſſer reizet, nicht im mindeſten zuſammen, wovon an den Muskel - faſern gerade das Gegentheil geſchicht(y)Second Memoire ſur les parties irritabl. S. 274.. Es bringen aber auch nicht die ſchwachen Gifte, wie der Weingeiſt und der Wolfsmilchſaft, eine Schlagader in Bewegung(z)Angef. Ort. Exp. 278.. Hingegen verengern die ſchaͤrfſten ſauren Saͤfte, z. E. das Vitrioloͤl(a)Angef. Ort. Exp. 267. zim - mermann diſſ. de irritabilit. S. 24., und der zu dergleichen Verſu - chen wirkſamſte rauchende Salpetergeiſt(b)Sec. Mem. etc. Exp. 280 565., eine Schlag -ader,133Schlagadern. ader, ſo bald ſie damit beruͤhrt wird, ſie mag uͤbrigens ganz, oder aufgeſchnitten geweſen ſeyn, damit die ſaure Fluͤßigkeit auch die innerſte Membrane beruͤhren koͤnne. Man mus aber erſtlich dieſes nicht zu weit treiben. Denn es iſt falſch, wenn man ohnlaͤngſt eine zerſchnittne Ader am Froſche verengert will geſehen haben(c)Ant. de heyde Exper. anat. S. 7., da ich ſo oft beobachtet habe, daß ſie offen bleibt. Eben ſo ſchlecht iſt die Erfarung, daß ſie ſich von der Beruͤhrung mit Vitrioloͤl zuſammen ziehe(d)Ebenderſ. Obſ. 85.. Ferner bringen die durch chimiſche Mittel geſchchene Reizungen, auf wel - che unſer Freund zu viel Vertrauen ſezzt, nicht allezeit die ihnen zugeſchriebene Wirkung hervor, daß ſie naͤmlich die Adern zuſammen ziehen, und bringen dieſes nicht ver - moͤge einer beſondern Lebenskraft zuwege: denn eben die - ſes erfolget ſogleich nach dem Tode, oder bisweilen erſt den andern Tag darauf(e)Exp. 565 bis 567., und bei lebendigen Thieren iſt dieſe Wirkung hingegen oͤfters von ganz andrer Be - ſchaffenheit(e*)Angef. Ort. Exp. 265. 266. 269. ingleichen 281. 282 bis 285..

Es giebt aber auch andre Begebenheiten, welche viel eher auf die Rechnung der Verkuͤrzungskraft einer Schlagader geſchrieben werden muͤſſen. Wenn man in eine aufgeſchnittne Schlagader den Finger ſtekkt, ſo em - pfindet man einen ſtarken Drukk gegen denſelben(f)senac T. II. S. 199.. Wenn man die Aorte bindet, und oberhalb dem Bande eine Oefnung macht, ſo ſtoͤßt ſie zu der Zeit, wenn das Herz in Ruhe iſt, das Blut mit Gewalt heraus(g)vievssens neurogr. S. 27.; man ſagt auch, es ſey aus derſelben, wenn ſie verwundet worden, unter der Zuſammenziehung (ſyſtole) das Blut heftiger herausgetrieben worden, als wenn ſie ſich er - weitert gehabt, welches ein ſeltner und allen unſren Er -J 3farungen134Zweites Buch. Gefaͤſſe. farungen zuwider laufender Fall iſt(h)Ger. van Swieten Com. T. I. S. 65.. Eine an zwee - nen Orten gebundene Schlagader leeret ſich dennoch zwi - ſchen den Baͤndern aus(i)schwenke Hæmatol. S. 80., welches von der Kraft des Herzens nicht herruͤhren kann, ſondern ſeinen guten Grund in dem Schlagaderbaue ſelbſt haben mus. Wenn man gleich die Aorte unterbindet, ſo laͤuft doch das Blut aus der Schlagader, daß ſie ganz leer bleibet, und es geht ſodann daſſelbe nach den Blutadern uͤber; und die - ſes ſcheinet von der Zuſammenziehung der Schlagader herzuruͤhren(k)senac T. II. S. 228. pec - qvet de mot. ſangu. C. 7. dre - lincovrt canicid. I. gavet nov. febr. idea. S. 137., weil es auch nach der Hinwegnehmung des Herzens eben ſo noch erfolget(l)borellvs de mot. anim. L. II. prop. 31. staehelin de pulſu, S. 20. qvincy of animal fibres. . Sezt man noch dazu, daß eine Schlagader in einem lebendigen Thiere, wenn es warmes Blut fuͤhret, nachdem ſie durch den aus dem Herzen neu ankommenden Blutſtrom iſt erweitert worden, ſich den naͤchſten Zeitpunkt darauf wieder zu - ſammenziehe, und nieder ſinke, ſo wird man keine Ur - ſache finden, warum man uͤberhaupt der Schlagader eine belebte Zuſammenziehungskraft abſprechen koͤnnte.

§. 14. Die Staͤrke der Schlagadern.

Staͤrke und Dichtigkeit koͤmt in der Schlagader auf die Dikke des Zellgewebes, und die enge Vereinigung der Faͤden an, woraus dieſes Gewebebeſtehet. Es war ſchon laͤngſt bekannt, daß die Aorte eine groſſe Staͤrke beſizze, daß die Lungenſchlagader an ſich von maͤßiger Duͤnne(m)Die Aorte verhaͤlt ſich zur Lungenſchlagader wie 148 zu 110. savvages de pulſu. S. 8. Es iſt gewiß, daß die Aorte ein groſſeres Vorrecht habe., und die Gehirnſchlagadern die zaͤrteſten und duͤnneſten unter allen ſeyn. Jnzwiſchen hatte man auchangenommen,135Schlagadern. angenommen, daß die Feſtigkeit der Schlagadern ſich wie die Groͤſſe der Durchmeſſer verhalte, mithin muͤſten alſo die Staͤmme am ſtaͤrkſten ſeyn, die Aeſte hingegen deſto ſchwaͤcher werden, je kleiner ſie an ſich ſind(n)morland on the force of the heart. S. 62. martine de anim. ſimil. S. 60. savvages phyſiol S. 213..

Jndeſſen hat Clifton Wintringham, der juͤngere(o)Experimental inquiris on ſome parts of the animal ſtructure. , des Herzogs von Cumberland Leibarzt, in dieſem Fel - de ſehr nuͤzliche Entdekkungen gemacht. Er unternam es, die Staͤrke der Schlagadern vermittelſt einer Ma - ſchine zu erforſchen, welche die Luft in einen engern Raum zu bringen geſchikt war. Mit dieſer Luft fuͤllete er die Schlagadern an, bis ſie Riſſe bekamen: hierauf uͤber - ſchlug er die Quantitaͤt der Luft, welche er darzu verbraucht hatte, und brachte zugleich die Dikke der Membranen, und die Weite der Oefnung im Lichten mit in den An - ſchlag, um die Staͤrke oder Feſtigkeit zu berechnen, wel - che jeder Schlagader eigen iſt. Es verlohnt ſich der Muͤhe, hier einen Auszug von deſſen Erfindungen zu geben.

Solchemnach verhaͤlt ſich die eigenthuͤmliche Schwe - re der Aorte, deren Dikke im Menſchen den neunten Theil vom Zolle betraͤgt, zu dem Waſſer, wie 106 zu 100(q)Exp. 1., in alten Perſonen we 1098 zu 1000(r)Exp. 6.. Die - ſe Dichtheit oder eigenthuͤmliche Schwere verhaͤlt ſich in einem alten Rinde wie 1086 zu 1000 gegen das Waſ - ſer(s)Exp. 7.; im alten Eber wie 1084 zu 1000(t)Exp. 8., und in einem jungen Hunde wie 1059 zu 1000(t*)Exp. 9..

Die Aorte in einem jungen Menſchen zerriß nahe am Herzen von einem Luftgewichte, das 119 Pfunden und 5 Unzen gleich kam; und etwas tiefer herabwaͤrts vonJ 4131(p)Exp. 5. von der abſteigenden Aorte.136Zweites Buch. Gefaͤſſe. 131 Pf. 10 Unzen, folglich war die Aorte weiter vom Herzen ſtaͤrker, und dieſe Verhaͤltniſſe ſind wie 1794 zu 1000(u)Exp. 15.. An einem Eber verhielt ſich die Staͤrke der Schlagader nahe am Anfange der Bauchſchlagader, zu der Staͤrke der Aorte neben den Bekkenſchlagadern, wie 1000 zu 1713(x)S. 57.. Die Staͤrke der Aorte neben den Nierenſchlagadern war, gegen die Aortenſtaͤrke nahe am Anfange der Bekkenſchlagadern, an einem Widder, wie 1000 zu 1112(y)S. 86. 87.; und die Staͤrke der Bekkenſchlag - adern zur Staͤrke der Aorte nahe an denen aus derſelben nach denen Nieren gehenden Schlagadern (emulgentes arteriae), wie 1897 zu 1000(z)S. 87.. Die Halsſchlagadern beſizzen eine ausnehmende Staͤrke, da in einem kleinen Hunde die Halsſchlagader nicht eher, als von 25 $$\{71}{100}$$ Pfunden zerreiſſen wollte(a)hales Hæmaſtat. S. 156., und in einem Menſchen 30 Unzen Quekſilber nur alleine die innere Membrane, dabei die andren ganz blieben, zu zerreiſſen erfordert wurden(b)senac S. 241.. Die Milzſchlagader eines Mannes trug 41 Pfunde 8 Unzen, und man befand ihre Staͤrke ge - gen die Staͤrke der Aorte wie 1319 zu 1000(c)Clifton wintringham. Exp. 34.; und noch in einem andren Verſuche wie 1302 zu 1000(d)Eberderſ. Exp. 36.. Die Nierenſchlagader verhielte ſich gegen die Aorte in der Staͤrke, wie 51 zu 40(e)Exp. 38..

Es beweiſet dieſes, nebſt andern Verſuchen von glei - cher Abſicht, daß Schlagadern uͤberhaupt betrachtet, zwar an ſich ſtark und geſchikt ſind, die Gewalt des Her - zens auszuhalten: daß hingegen uͤbrigens ihre Dichthei - ten nach veraͤnderlichen und ungewiſſen Verhaͤltniſſen zu - nehmen(f)S. 60. 178.. Jndeſſen iſt die Aorte am ſchwaͤchſten(g)S. 87. 90., und es iſt beſonders der Theil an ihr, der ſich zwiſchender137Schlagadern. der aͤuſſern und innern Membrane befindet, und den man gewoͤhnlicher Weiſe ſehnig nennt, zerreibbar. Es wird aus den Beiſpielen von den Blutadern erhellen, daß beinahe die Staͤrken in einem umgekehrten Verhaͤltnis gegen ihre Haͤrte ſtehen. Jndeſſen ſiehet man auch dar - aus, daß die Feſtigkeit der Schlagadern mit ihren Durch - meſſern nicht dergeſtalt vermindert werde, daß es alſo immer weiter gehen muͤſſe(i)S. 90., und daß die Staͤmme uͤberhaupt ſchwaͤcher als ihre Aeſte(k)S. 92., und die zu den Abſonderungen beſtimmte Schlagadern ſtaͤrker, als die uͤbrigen ſeyn ſollten(l)S. 210.. Endlich leſen wir noch, daß der erhabene Theil an der Schlagader um etwas feſter, als ihr holer Theil ſey(m)Exp. 12. S. 62., ſo wie die Schlagadern an den Fuͤſſen haͤrter ſind, als die uͤbrigen(n)cheselden anat. of human body. 6te Ausg. S. 201..

Alles dieſes ſcheinet dem erſten Anſehen nach wider die einmal angenommene Theorie zu ſtreiten; bei einer ge - naueren Betrachtung aber ſtimmet alles mit derſelben vollkommen uͤberein. Denn da die Schlagadern der aͤuſſern Glieder ſich in einer viel groͤſſern Gefahr der Zu - ſammendrukkung befinden, die ſie von den umliegenden Koͤrpern, von den Laſten, und endlich von den Muskeln zu befuͤrchten haben, ſo erforderte es die Nothwendig - keit, daß ſie eine groͤſſere Feſtigkeit bekommen muſten. An den Nerven offenbaret ſich dieſe Vorſicht der Natur am meiſten, indem dieſelbe an ſolchen Orten ganz weich, und beinahe gallertartig ſind, wo ſie von den Knochen beſchuͤzzet werden, wie ſolches z. E. der Jnterkoſtalſtam, und die Nerven des Handtellers beweiſen: dagegen be - kleiden ſich eben dieſelben Nerven in denenjenigen Ge - genden mit einem harten Zellgewebe, wo ſie zwiſchen den Muskeln der Gliedmaſſen laufen, und mancherlei An -J 5ſtoß(h)S. 209.138Zweites Buch. Gefaͤſſe. ſtoß zu beſorgen haben. Ferner erſiehet man aus den Verſuchen des beruͤhmten Wintringham, daß harte Schlagadern ſehr leicht, dagegen weiche Blutadern ſchwerer zerreiſſen, und daß uͤberhaupt Gefaͤſſe, die ſich ausdehnen laſſen, dem Blute beſſer widerſtehen. Aus der Urſache hat die Natur die Schlagadern weich und nicht allzu dicht gebildet, wo ſie ſich dem Herzen naͤhern, und von demſelben den erſten und ſtaͤrkſten Anfall auszu - ſtehen haben, damit ſie von dem Stoſſe dieſes gewaltſa - men Blutſtromes deſto weniger verlezzet werden moͤch - ten: vielleicht ſucht dieſelbe auch dadurch zu verhindern, daß ſie nicht ſo bald eine knochenhafte Haͤrte annehmen moͤgen(o)Jſt eine Vermutung des be - ruͤhmten Wintringhams, S. 90.. Denn es iſt die Gefahr von beiden ſolchen Fehlern um ſo viel groͤſſer, je naͤher ſich das Herz dabey befindet, und das Blut in dieſelben hineintreibet. Denn auch ſo gar bei dieſer Vorſicht werden die meiſten Schlag - aderſaͤkke an dem Bogen der Aorte erzeuget, weil ſich das Blut mit der groͤſten Heftigkeit in denſelben ergieſ - ſet, wovon genungſame Zeugniſſe von vielen beruͤhmten Maͤnnern vorhanden ſind(p)Schretber angef. Ort. S. 325. J. B. morgagni Adv. anat. II. S. 81. lancisivs S. 76. fer - rein beim Henkel Samml. medic. und chirurg. Aum. III. S. 9. se - nac T. II S. 319. der noch eine andre Urſache angiebt, wovon an einem andern Ort ein mehreres wird gemeldet werden.. Jch vermuthe auch, daß die bauchige Rundung der Gefaͤſſe von den Stoͤſſen des Blutes ſelbſt, welches ſich gegen dieſen Theil ſtaͤrker be - wegt, dichter gemacht werden. Jnzwiſchen bleibet das - jenige, was der beruͤhmte Lanciſius meldet, gleichwol wahr, daß man die Schlagadern nicht in allen Men - ſchen gleich ſtark finde, und daß es Leute gebe, bei denen dieſelben von ihrer erſten Bildung an ſchwaͤcher ſind, als bei andern, und wird dadurch die Warheit des vorhergehenden gar nicht zweifelhaft gemacht(q)Angef. Ort, S. 108..

§. 15.139Schlagadern.

§. 15. Das Verhaͤltnis des Feſten zu dem Fluͤßigen in der Schlagader.

Zu dieſen Betrachtungen gehoͤret auch noch diejenige, welche man ebenfalls dem beruͤhmten Wintringham zu danken hat. Es iſt naͤmlich das Verhaͤltnis der Membranen in der Schlagader zu ihrer Oefnung im Lich - ten, oder zur Blutſaͤule, weiche durch ſie flieſt, nicht uͤberall gleich gros(r)Clift. wintringham S. 176, es nimmt auch nicht mit den Halbmeſſern der Schlagadern zugleich ab(s)Dieſes war Morlands Meinung. S. 27., und an ei - nigen Orten iſt das Verhaͤltnis derer feſten Theile gegen die fluͤßigen groͤſſer, und an andern Orten kleiner. So war die Linie und Flaͤche (ſectio) der feſten gegen die fluͤſ - ſigen Theile in der Aorte eines alten Hundes, nahe am Anfange der Nierenſchlagader gemeſſen, wie 1000 zu 1229(t)wintringham S. 84., nahe am Urſprunge der Bekkenſchlagadern, wie 1000 zu 1636(u)Ebenderſ., in den Bekkenſchlagadern ſelbſt wie 1000 zu 1698(x)Ebenderſ., in der Milzſchlagader wie 1000 zu 1890(y)S. 174., in den Nierenſchlagadern wie 1000 zu 2027. 2037 und 2079(z)S. 202. u. ſ. w..

Vergleicht man dieſe Verhaͤltniſſe unter einander, ſo wird man zwar die Menge des Fluͤßigen gegen das Feſte allezeit groͤſſer befinden, jedoch alſo und dergeſtalt, daß das Verhaͤltnis gegen das Herz am kleinſten iſt, und im Fortgang groͤſſer wird; folglich wird es beim Urſprunge der Nierenſchlagadern, wenn man den gemeinſchaftli - chen Diviſor 1000 weglaͤſt, wie 1229, beim Anfange der Bekkenſchlagadern wie 1636, in den Bekkenſchlag - adern ſelbſt wie 1698, in der Milzſchlagader wie 1890, in den Nierenſchlagadern wie 2037 ſeyn. Dieſe Pro -greſſion140Zweites Buch. Gefaͤſſe. greſſion verdienet um deſto mehr beobachtet zu werden, weil ſie den vorigen §. 15. beinahe vollends ergaͤnzet. Denn weil die Aeſte derer Schlagadern haͤrter ſind, als der Aortenſtamm, ſo widerſtehen ſie alſo dem Herzen auch mehr: da aber auch eben dieſe Schlagaderaͤſte groͤſ - ſere Oefnungen im lichten, und nicht ſo dikke Membra - nen erhalten haben, ſo werden ſie folglich auch, nach der Beſchaffenheit der Membranen, von einer groͤſſeren Blutmaſſe ausgedehnt. Sie widerſtehen, vermoͤge ihrer Dichtigkeit, mehr, die ausdehnende Kraͤfte ſind aber viel groͤſſer, und ihre Dikke, mit der ſie Widerſtand thun, iſt nur kleiner. Man erſiehet daraus viel deutlicher, als aus dem obigen, daß die Kraft des Blutes, die Schlagadern zu erweitern, gleich gros ſey. Es waͤre aber zu wuͤnſchen, daß man eben ſolche Verſuche mit den uͤbrigen Fortſaͤzzen der Aorte gleichfalls machen moͤchte.

§. 16. Der Ort, wo man Schlagadern antrift.

Nunmehro iſt es noͤthig, daß wir auch den eigentli - chen Siz derer Schlagadern, die Orte, wo ſie ſich befin - den, anzeigen. Es wird zwar der ganze menſchliche Koͤrper, ſehr wenige Membranen ausgenommen, mit Schlagadern verſehen, und dieſe breiten ſich auch durch das Zellgewebe aus. Man hat aber gleichwol noch kei - ne in der Spinnengewebehaut des Gehirns(a)rvysch Adv. anat. III. N. 8. und des Ruͤkkenmarkes, in dem Oberhaͤutchen, den Naͤgeln, den Haaren, ihre Zwiebel ausgenommen, und den Mem - branen der Nabelſchnur entdekken koͤnnen. Was hinge - gen die Anhaͤngſel der Knorpel betrift, ſo werden dieſel - be an der Stelle, wo ſie ſich mit dem Knochen verbin -den,141Schlagadern. den, von einem mit Gefaͤſſen durchflochtnen Ringe uͤber - kleidet, aus dem man, bei jungen Thieren, kleine Aeſte wahrnimmt, die in die Knorpel uͤbergehen(b)hvnter. Phil. Trans. n. 470.. Die Schlagadern breiten ſich indeſſen auf eine ganz andre Art aus, als die Blutadern zu thun pflegen. Denn da die Blutadern ihre Staͤmme unter der Haut, und die kleinen Aeſte in einer groͤſſern Tiefe fortfuͤhren, ſo ſind die Schlagadern dagegen unter der Haut nur mit kurzen und kleinen Aeſten verſehen, ihre groͤſſern Staͤmme aber lau - fen viel tiefer, und nach ſolchen Gegenden fort, wo ſie vor Verlezzungen geſichert ſind. Folglich begleiten die Schlagadern nicht uͤberall eine Blutader, wenn man nicht ohne Noth die kleinen tiefen Blutadern mit Ge - walt dahin rechnen will, welche die Schlagadern beglei - ten, oder die kleinen Schlagaederchen auf den Oberflaͤ - chen, welche hie und da neben den groſſen Blutaderſtaͤmmen hinlaufen. Solchemnach verlaſſen alſo die Blutadern an ſehr vielen Orten die Schlagadern gaͤnzlich. Die Wirbelſchlagadern ſteigen durch die knochenhafte Kanaͤle der Queerfortſaͤzze, und die Blutadern neben dieſen Fort - ſaͤzzen ganz frey in die Hoͤhe. Die Schlagadern der Gliedmaſſen, als der Ellbogenroͤhre, die Spindelſchlag - ader, die Schlagader der Fusſchiene, die hintere Schie - nenſchlagader (peronea), die der Zunge zugeordnete, haben ſtatt mehrerer Blutadern nur eine einzige, und noch dazu nicht allzugroſſe, zur Gefehrtin neben ſich. Hingegen laufen groſſe Blutadern, z. E. die Kopfader, die Leberader am Arme (baſilica), beide Roſenadern (ſaphena), die aͤuſſere Droſſelblutader, ganz, ohne eine Begleitung von Schlagadern neben ſich zu haben, oder wenigſtens nur in Geſellſchaft von ſehr kleinen Zweiglein, unter der Haut fort. Es erhellet hieraus die Behutſam - keit der Natur, da ſie der Gefahr ausweichen wollen, wel - che von einer Schlagaderwunde entſtehen koͤnnte, indemdie142Zweites Buch. Gefaͤſſe. die naͤchſte Kraft des Herzens das Blut ſehr ſchnell in die Schlagadern treibt, und es in den Verwundungen derſelben auf die gefaͤhrlichſte Weiſe ausſchuͤttet, da es hingegen vermittelſt der Blutadern, nachdem es einen groſſen Theil von ſeiner Geſchwindigkeit verlohren hat, wieder nach dem Herzen zuruͤkkehret. Wo nun aber die Blutadern einen ſichern Weg haben, und von Knochen oder groſſen Muskeln beſchuͤzt werden, da bekommen ih - re Staͤmme uͤberall Schlagadern zu Gefaͤhrten, wie man z. E. an denen Schlagadern des Gekroͤſes, der Nie - ren, Lunge, des Bekkens, den Schienbeinsſtaͤmmen und denen des Oberarmes ſiehet. Eine Ausname hier - von haben wir hingegen an der beſondern Bauart der Blutadern im Gehirne, wo ſich die kleinſten Aeſte von beiderlei Geſchlechtern einander ſelbſt zu begleiten pflegen. Solchergeſtalt kommen die Blutadern, welche ober - werts auf dem Schienbeine von den Schlagadern abge - hen, an den Zeen wieder zu denenſelben zuruͤk. Man hat keine Schlagader in der Haut, die von einiger maͤßi - gen Laͤnge waͤre, denn die Schlagadern des Hirnſchedels kann man nicht hieher rechnen, indem die Unterlage nicht verſtattet hat, daß dieſelben tiefer haͤtten koͤnnen verſen - ket werden. Eben ſo wenig giebt es eigene und beſon - dere Blutadern, die tief liegen, wie man an der Pfort - ader, der ungepaarten, und den Kranzadern, ſiehet; denn ob ſich ihre Staͤmme gleich ein wenig von den Schlagadern entfernen, ſo begleiten ſich doch dagegen ihre Aeſte unter einander. Ueberhaupt haben die Blut - adern ihr Spiel allenthalben mehr in dem veraͤnderlichen Laufe, den ſie beobachten, da hingegen die Schlagadern ſchon eine beſtimmtere und beſtaͤndigere Richtung ha - ben. Daher hat auch noch niemand ſich getrauet, uns eine umſtaͤndliche und genaue Beſchreibung von jenen mitzutheilen. Von ihrer Anzal werden wir in dem Ar - tikel von den Blutadern eine Vergleichung anſtellen.

§. 17.143Schlagadern.

§. 17. Die Schlagaderaeſte. Anzal ihrer Zertheilungen.

Nachdem wir alſo die Staͤmme der Schlagadern in Betrachtung gezogen, ſo gehen wir zu ihren Aſtaus - ſchuͤſſen fort, unter welchen die groſſen auf gleiche Art wie die groͤſſern Fluͤſſe, ihre beſondern Namen bekommen haben, die mittelmaͤßigen dagegen in den wenigſten Ge - genden unſers Koͤrpers zur Zeit noch beſchrieben worden, und die unzaͤlbare Menge der ganz kleinen und haarfoͤr - migen die Geduld des beſten Zergliederers ermuͤdet. Es kommt bey dieſen Aeſten ſehr vieles vor, das wir aller - dings genauer zu betrachten Urſach haben.

Um von denen einfacheren den Anfang zu machen, ſo laͤſt es ſich ſchwer beſtimmen, wie oft ſich Schlag - adern zertheilen, die ihren Namen annoch unveraͤndert beibehalten. Keil(c)De velocitate ſanguinis. S. 48. war hierinnen ſehr freigebig, und beſtimmte ihnen vierzig und funfzig Zertheilungen, legte auch dieſe zalreiche Zeracſtelung groͤſtentheils bei ſeiner Theorie zum Grunde, ohnerachtet dadurch gar wichtige Hinderniſſe, in Anſehung der Geſchwindigkeit der Bewe - gung des Blutes in den kleinſten Gefaͤſſen, entſtehen. Es wird ein groſſer Theil von der Bewunderung, mit der man gegen ſeine Rechnung moͤchte eingenommen werden, von ſelbſten wegfallen, wenn man die Menge ſeiner herausgebrachten Zeraeſtelungen verringert, und ich hal - te auch in der That dafuͤr, daß ſie muͤſſe vermindert wer - den. Jch habe einige mal die Zertheilungen derer Aeſte an denen Membranen derer Gedaͤrme, die ich genau aus - geſprizzet hatte, gezaͤlet, nachdem ich den Anfang der Zertheilungen in dem Herzen feſtgeſezt, und das Ende in den kleinſten verſchwindenden Schlagaederchen ange -nommen,144Zweites Buch. Gefaͤſſe. nommen, ſo klein, wie ſie noch das Auge entdekken kann. Gleichwol habe ich niemals uͤber zwanzig Zertheilungen herausgebracht; es koͤnnen auch noch uͤber den Aeder - chen, die ich vor die lezten anſahe, nicht ſehr viele Thei - lungen bis zu den Anfaͤngen der Blutadern mehr ſtatt haben, theils weil die kleinſte ſichtbare Schlagaͤderchen ganz kurz, und kaum etliche wenige Linien lang ſind, theils weil ich auf der Erhabenheit der Gedaͤrme ſelbſt zu zaͤlen aufhoͤrte, welche ohnehin von dem Eintritte der Staͤmme am weitſten entfernet iſt. Das kommt mir aber nicht wahrſcheinlich fuͤr, daß die Schlagaͤderchen uͤber dieſe Erhoͤhung hinaus bis in die Blutaͤderchen der halbrunden Oberflaͤche eines andern Darms fortlaufen ſollten.

§. 18. Die Oefnung der Aeſte im Lichten iſt groͤſſer, als eben dergleichen Oefnung am Stamme.

Es iſt diejenige Beobachtung von groͤſſerer Wichtig - keit, aus welcher erhellet, daß im ganzen Thierkoͤrper(d)Jm Pferde nahm Steph. Hales eben die Regel wahr. S. 24. Jn den Froͤſchen habe ich ſie ebenfalls gefunden., ſo oft eine Schlagader ſich zertheilet, allezeit, und ohne daß man ein gegenſeitiges Beiſpiel findet, die Oefnung des Stammes im Lichten kleiner ſey, als die Summe ſol - cher Oefnungen an zwoen Aeſten, die aus ſolchem Stam - me entſpringen. Es iſt mir unbekant, ob jemand dieſe Eigenſchaft der Schlagader vor dem Will. Cole(e)De Secret. anim. S. 97. Oxford. Ausgabe 1674. ein - geſehen. Joh. Loke ſchloß mit vieler Scharfſinnig - keit, es befaͤnde ſich mehr Maſſe in allen Endigun - gen der Aeſte zuſammengenommen, als im Stamme ſelbſt(e*)Den 3 Merz 1670. beim birch Hiſtory of the Royal ſocie - ty, T. II. , ob er gleich nicht von ihren Oefnungen imLich -145Schlagadern. Lichten handelte. Man muß aber dieſes Geſez auf das genaueſte unterſuchen und erwegen.

Man ſuchte naͤmlich das Verhaͤltnis, worinnen die Oefnungen der Aeſte gegen die Oefnungen des Stammes eigentlich ſtehen. Der erſte Erfinder beſtimte zwar die - ſes Verhaͤltnis nicht, er behauptete aber dennoch, daß es beſtaͤndig zuneme, alſo daß die Staͤmme um deſto klei - ner als die Summe der Aeſte ausfielen, je weiter ſie von dem Herzen ſich entfernet haͤtten, bis endlich die Oefnungen der aͤuſſerſten und haarfoͤrmigen Aeſte, wenn ſie zuſam - mengenommen wuͤrden, ihre Staͤmme in dem hoͤchſten Verhaͤltnis uͤbertraͤfen. Und in dieſen Punkten handelt er nicht ohne gute Erfarungen(f)Am angef. Ort., ob er gleich daruͤ - ber von dem beruͤhmten Geuder(g)De fermentis. S. 45. getadelt worden.

Daher ſchrieb der ehemals beruͤhmte Wundarzt und Zergliederer Buſſiere, daß die Schlagadern kleiner waͤ - ren, als ihre Aeſte zuſammengenommen, und ſezzete ih - nen folgendes Verhaͤltnis. Es ſey der abſteigende Durchmeſſer der Aorte in einem Knaben 4 Linien lang; an den ſaͤmtlichen Jnterkoſtaladern zuſammengenommen, betruͤgen die Oefnungen 14 Linien im Lichten; die Ge - kroͤsſchlagadern hielten 9 Linien: wenn man alſo dieſe Aortenaͤſte nur allein berechnete, ſo verhielten ſich die Aeſte zu ihrem Stamme, wie 16 zu 23.(h)Lettre a M. bourdelin. S. 10..

Archibald Pitkarn behauptet, daß ſich die Oefnun - gen der Schlagadern beſtaͤndig vergroͤſſerten, je weiter ſie ſich vom Herzen entfernten(i)De motu, quo cibi adte - runtur. n. 8.; weiter iſt er nicht ge - kommen.

JakobK146Zweites Buch. Gefaͤſſe.

Jakob Keil, der zuerſt die mathematiſch-mediciniſche Methode und die Logarithmen, zur Beſtimmung der Ge - ſchwindigkeiten fluͤßiger Dinge im Koͤrper, anwendete, wuſte ſich beſonders der jeztgedachten Eigenſchaft der Schlagader vortreflich zu bedienen. Er gruͤndete ſeine Verſuche auf die von dem geſchikten Wundarzte, Wil - helm Cowper, mit Wachs ausgeſprizzte Gefaͤsſkelet - te, und er maß zuerſt das Verhaͤltnis der Aorte zu ihren Aeſten aus. Dieſes ſezzte er auf 100000 gegen 102740(k)De Secret. anim. S. 87., und bey denen Schlagadern der Huͤfte war das Verhaͤltnis zwiſchen dem Stamm und denen Aeſten, wie 10000 zu 12387(l)De velocit. ſangu. S. 46.; oder kuͤrzer, ſie ver - hielten ſich wie 4 zu 5; am Gekroͤſe aber maß er eben - falls die Aeſte zuſammen aus, und brachte das Verhaͤlt - nis wie 15129 zu 37418 heraus, welches ungleich groͤſ - ſer iſt. Ferner uͤberlegte er auch, daß ſich eine Schlag - ader nicht etwa nur einmal, oder in wenige Aeſte zerthei - le, ſondern daß ſie Aeſte aus Aeſten von ſich ſtrekke, de - ren Fortſaͤzze von neuem wieder Oefnungen bekaͤmen, die viel groͤſſer als ihre Stammoͤfnungen waͤren. Da ſich nun alſo die Summe der Oefnungen derer Aeſte von der zwoten Zertheilung, zu dem erſten Stamme eben ſo ver - haͤlt, wie ſich die Oefnungen der erſten Zertheilung zu eben dem Stamme quadrirt verhalten; und eben daſſelbe Verhaͤltnis an den Aſteroͤfnungen der dritten Theilung zu ihrem Stamme der Cubus von dem anfaͤnglichen Verhaͤltniſſe iſt, und ſolchergeſtalt weiter waͤchſt, ſo wird ſich endlich in jedweder Zertheilung die zuſammen - genommene Summe der Aeſte zu der Oefnung des erſten Stammes, wie die erſten Aeſte zu ihrem Stamme ver - halten, wenn ſie zu der Potenz erhoben worden, deren Exponent die Anzal derer Zertheilungen iſt(n)De velocit. ſangu. S. 46.. Gaͤbe esdemnach(m)De Secret. anim. S. 88.147Schlagadern. demnach vierzig ſolcher Zertheilungen, und bliebe das Verhaͤltnis des Stammes zu zween Aeſten jederzeit wie 10000 zu 12387, ſo wird ſich die Stammoͤfnung zu allen Aſtoͤfnungen zuſammengenommen, wie 5233 zu 1 verhalten(o)Ebendaſ., und wenn wan funfzig Zertheilungen haͤt - te, ſo kaͤme das Verhaͤltnis, wie 44507 zu 1 heraus(p)Ebendaſ., und wuͤrde alſo unendlich groͤſſer werden, wenn man hun - dert Zertheilungen faͤnde, und man das Verhaͤltnis der Aeſte aus der hundertſten Theilung zu ihrem Stamme ſuchen wollte.

Daher entdekkte der beruͤhmte Leibarzt, Joh. Claud. Adrian Helvetius, der ſich zur Berechnung der Schlag - adern im menſchlichen Koͤrper ebenfalls neuer Maaſſe be - diente(q)Hiſt. de l’Acad. des ſcienc. 1725. S. 24., ein ganz ander Mittelverhaͤltnis der Staͤm - me zu den Aeſten, naͤmlich 256 zu 284, oder 84 zu 71, und er vertheidigte dieſes Verhaͤltnis in dem vor kurzen herausgegebenen Werke gegen den Joh. Beſſe(r)Lettre au ſujet de la lettre critique de M. besse. S. 181. u. f., wor - innen er nochmals verſichert, daß dieſes bey einem Kna - ben das Verhaͤltnis der Aorte zu den zuſammengenom - menen Oefnungen der Schluͤſſelpulsadern, der linken Hals-Bauch-Gekroͤs-Nieren - und Bekkenſchlagadern waͤre. Jndeſſen iſt dieſe Art Verhaͤltniſſe auszurech - nen ungemein von derjenigen unterſchieden, deren ſich andre phiſiologiſche Schriftſteller bedienet haben: denn Helvetius vergleichet nicht den Stamm mit den zwee - nen Aeſten einer einzigen Zertheilung, ſondern mit den Aeſten von 9 auf einander folgenden Zertheilungen.

Mit dem Helvetius ſtimt der ehedem beruͤhmte Arzt Silva(s)De la ſaignée. S. 112. durchgaͤngig uͤberein, daß die Oefnungen der Schlagader im Lichten im Fortgange immer mehr zuneh -K 2me,148Zweites Buch. Gefaͤſſe. me, und daß der Aortenſtamm ſich zu den Oefnungen der haarfoͤrmigen Schlagadern, wenn man das kleinſte Wachstum annimt, wie 1 zu 500 verhalte(t)Ebendaſ. T. II. S. 297..

Eben dergleichen Gedanken hat auch Thom. Mor - gan, ſezzet aber noch dieſes hinzu, daß das Verhaͤltnis des Stammes zu den Aeſten der kleinſten und haarfoͤr - migen Gefaͤſſe kleiner werde(u)Mechanic practice of phy - ſik. S. 124.. Endlich hat ſich Georg. Martine voͤllig auf dieſe Betrachtung gelegt, und in der nach ſeinem Tode bekant gemachten Auslegung der Euſtachiſchen Tafeln ſich deutlicher daruͤber erklaͤret. Weil er ſich nun dieſer Tafeln, die Schlagaders-Durch - meſſer zu unterſuchen, bediente(x)An dem gleich anzuzeigen - den Ort. S. 142., ſo ſezte er dieſes als ein Geſez zum Grunde, daß das gemeinſchaftliche Ver - haͤltnis des Stammes zu ſeinen Aeſten, wie 100 zu 122, 133 und 125, oder wie in dem erſten Keiliſchen Ver - haͤltniſſe, beynahe wie 4 zu 5 waͤre; wenn aber mehrere Aeſte vorhanden waͤren, ſo ſezte er das Verhaͤltnis, wie 100 zu 138, feſte(y)Eſſays of a ſociety at Edim - burgh, T. III. S. 143. und de anim. ſimilib. S. 183. 184.. Ueberhaupt hat er den Durch - meſſer einer jeden Schlagader mit der Cubikwurzel derje - nigen Zal gleich geſezt, die aus der Summe derer Cubo - rum von denen Durchmeſſern aller Aeſte entſtehet(z)Eſſays S. 150. und de anim. ſimil. S. 194.. Allein dieſe Hipotheſe iſt in der That wenig von einer Muthmaſſung unterſchieden, und es hatte der vortrefli - che Euſtachius, ſo oft er einige Theile des menſchli - chen Koͤrpers abgezeichnet lieferte, vielmehr auf die Haupt - ſachen, auf die wahre Lage und Ordnung der Aeſte, und beſonders darauf ſeine Abſicht gerichtet, daß er Veſals Fehler widerlegen wollte, und alſo bekuͤmmerte er ſich um dieſe kleine Maaſſe der Durchmeſſer wenig.

Etwas149Schlagadern.

Etwas gar zu ſparſam war ferner Joh. Tabor, ein andrer mathematiſcher Arzt, in ſeinen Abmeſſungen, in - dem er die Oefnung aller Aeſte zuſammengenommen, zur Aorte, wie zu 1 anſezzete(a)Exercit. medic. S. 3..

Franz Nicholls, der leztere engliſche Leibarzt, be - diente ſich andrer Maaſſe, und bekam daher auch andre Verhaͤltniſſe(b)Comp. anat. oeconom. T. II. f. 4.. Er beſtimte demnach die Summe der Aſtoͤfnungen zur Stammoͤfnung jederzeit nach dem Ver - haͤltnis von anderthalb. Folglich nahm er ſein erſtes Verhaͤltnis von den Gekroͤsſchlagadern der erſten Zerthei - lung, wie $$\{100}{10}$$ zu $$\{49}{7}$$ $$\{64}{8}$$ her, welches ſoviel als wie 10 zu 15 betraͤgt. Fuͤr die zwote Zertheilung ſezte er die Stammeroͤfnung wie $$\{64}{8}$$ , die Aſtmuͤndungen $$\{49}{7}$$ und $$\{25}{7}$$ , welches wieder wie 8 zu 12 iſt. Von der dritten Zer - theilung gilt eben dieſes.

Endlich lieferte der vortrefliche Joh. Baxt. Se - nak(c)Am angef. Ort. S. 246. 247. nicht ſowol die wahre Muͤndungen der Staͤm - me im Lichten, ſondern vielmehr ihre Durchmeſſer, wel - che er in ſehr groſſen Zalen ausdrukkte. So betraͤgt der Aortenſtamm bey dieſem beruͤhmten Manne 90000 ſol - cher Theile, deren 118490 auf alle Aeſte zuſammengehen. An der Achſelſchlagader iſt der Stammdurchmeſſer von 22801 Theilen, die Durchmeſſer aber von fuͤnf Aeſten enthalten 36499 von dergleichen Theilen. Der Durch - meſſer der Schlagader des Oberarms betraͤgt 6241, die Oefnungen der Spindel - (radialis) und Ellbogenſchlag - ader (cubitalis) zuſammen hingegen 8441. Ferner ver - haͤlt ſich die Aorte nahe am Urſprunge der Bauchſchlag - ader (coeliaca) wie 42500; der Stamm der Aorte un - terhalb der Theilung, und zugleich in Verbindung mit dem Stamme der Bauchſchlagader, wie 57249. DieK 3Aor -150Zweites Buch. Gefaͤſſe. Aorte verhaͤlt ſich gegen die Bekkenſchlagadern (iliacae) wie 24964 zu 28573. Jch habe dieſe Zalen, nachdem ich davon die Tauſende abgeſchnitten, auf ihre erſten und Hauptzalen gebracht, hernach ihre Quadrate genommen, damit ich die Verhaͤltniſſe ihrer Oefnungen im Lichten herausbringen koͤnnte. So iſt alſo das erſte Verhaͤlt - nis beinahe wie 81 zu 144; das zweite wie 484 zu 1296, in welchem Exempel der Stamm um ein merkli - ches kleiner iſt. Jm dritten Exempel koͤmt das Verhaͤlt - nis wie 36 zu 64, und im vierten wie 1764 zu 3249 heraus.

Mit dieſen Verſuchen habe ich die meinigen vergli - chen: ich nahm verſchiedne Maaſſe von Schlagadern, die mit Wachs ausgeſprizzt waren, und von aufgetrok - neten Aderſiſtemen. Jn einem einzigen Exempel, bey einem neugebornen Kinde, iſt der quadrirte Durchmeſſer des Aortenſtammes 0.004900; die zuſammengenom - mene Oefnungen von dreien Aeſten des Aortenbogens 0.003866; die Aortenoͤfnung unterhalb der Zerthei - lung 0.002209; folglich die Aſteroͤfnungen zuſammen - genommen 6075, da der Stamm 4900 betrug. An einem andren Gegenſtande waren die Verhaͤltniſſe wie 3789 zu 4659; und noch in einem andren wie 1521 zu 2250. Man findet aber, daß dieſes Verhaͤltnis groͤſ - ſer iſt, weil in dergleichen Alter der Schlagadergang die zwote Wurzel von der abſteigenden Aorte iſt, und alſo die Aorte, welche aus der linken Herzkammer koͤmt, nicht der ganze Aortenſtamm iſt. An der Gekroͤsſchlagader fand ich den Stamm zu eilf Aeſten wie 529 zu 988; an der Halsſchlagader (carotis) bemerkte ich, daß die Oef - nungen des gemeinen Stammes 529 zehntauſend Zoll - theile; die Oefnungen der Gehirnſchlagader aber und der aͤuſſern zuſammengenommen, 768 betrugen. An eben dem Menſchen maß ich das Quadrat von der Oefnung der aͤuſſern Halsſchlagader, (denn ich verſtehe jederzeitQua -151Schlagadern. Quadrate darunter,) uͤber der Schilddruͤſe (thyreoidea), und fand es 169, die Oefnungen von fuͤnf Aeſten, wel - che die Halsſchlagader hier dicht neben einander von ſich ſtrekkt, 376. Jch uͤbergehe die uͤbrigen Maaſſe, deren ich noch ſehr viele von den Schlagadern genommen ha - be. Man kann indeſſen aus denen angefuͤhrten leicht ſchlieſſen, daß ſich die Stammoͤfnung zu den Aeſten bei - nahe wie anderthalb, oder um etwas weniger, verhalte, daß alſo fuͤr den Antheil der Aeſte etwas mehr heraus - kommt. Daß aber dieſe Verhaͤltniſſe nicht allezeit uͤber - ein gleich ſind, kann man aus den Maaſen leicht ab - nehmen, und es ſcheinen die Aſtoͤfnungen in den klein - ſten Gefaͤſſen, in Abſicht auf die Portion des Stammes, kleiner zu ſeyn. Es iſt etwas ganz bekanntes, daß man bey denen Froͤſchen wahrnimt, wie zwei Blutadern des Gekroͤſes, die nur ein Blutkuͤgelchen durchlaſſen, ſich in einen einzigen Stamm zuſammen vereinigen, durch wel - chen hernach zwei ſolche Kuͤgelchen hindurchgehen. Jn dieſem Exempel kann man den Durchmeſſer eines Kuͤgel - chen fuͤr den Durchmeſſer des Gefaͤſſes annehmen, wel - ches von jenen ausgefuͤllet wird, und wovon daſſelbe das eigentliche Maas abgiebt. Solchergeſtalt wird man den Durchmeſſer des Stammes wie 2, die Summe der Durchmeſſer der verbundnen Aeſte auch wie 2, die Stammoͤfnung im Lichten wie 4, und die Summe der Aſtoͤfnungen auch wie 2, mithin alſo die Stammoͤfnung doppelt ſo gros als die Aſtoͤfnungen finden. Wenn ſich nun zwo Blutadern, die ein Kuͤgelchen tragen, in eine einzige Ader von gedoppelten Durchmeſſer verwandeln, ſo kann man aus dem Grunde der Aehnlichkeit ſchlieſſen, daß ein Schlagaͤderchen, welches zwo Kugeln faſſet, gleichfalls in zweene Aeſte, davon jeder ein Kuͤgelchen durchgehen laͤſſet, getheilet werden koͤnne, wenn gleich das Vergroͤſſerungsglas dergleichen kleine Schlagadern kaum entdekken kann.

K 4So152Zweites Buch. Gefaͤſſe.

So unbeſtaͤndig und veraͤnderlich aber der Begriff von den Verhaͤltniſſen der Stammoͤfnung zu den Muͤn - dungen der Aeſte iſt, ſo wird indeſſen doch jederzeit gezei - get, daß das Schlagaderſiſtem ein verkehrter Kegel ſey, deſſen Spizze im Herzen ſtekkt, und wozu man die Grund - flaͤche in den kleinſten Schlagadern des ganzen Koͤrpers annehmen muß(d)pitcarne de motu, quo cibi u. ſ. w. n. 8. u. w. walther de ſangu. acceler. er retard. Prop. I. , und hieraus entſtehet ein groſſer Be - trag fuͤr die Summe aller Aeſte gegen den Stamm ge - rechnet. Denn wenn man auch eine ganz leidliche Rechnung macht, und von der Aorte bis zum kleinſten Schlag - aͤderchen im ganzen Koͤrper zwanzig Zertheilungen ſezzet, ſo wird man dennoch finden, daß das Verhaͤltnis aller Aeſte zur Aorte zum naͤchſten wie die zwanzigſte Potenz der Zal 3, zur zwanzigſten Potenz der Zal 2 ſeyn werde, welches ein ſtarkes Verhaͤltnis, und viel groͤſſer iſt, als 20 zu 1, das der vorgedachte beruͤhmte Mann(e)De Inflammatione. S. 218. ange - nommen hat; ingleichen auch das andere Verhaͤltnis uͤbertrift, nach welchen eben derſelbe die vierzig erſten Aeſte der Aorte um ein Achttheil groͤſſer annimt, als den Aortenſtamm(f)De Pulſu. S. 12.. Man kann auch die Einwendung mehrgemeldeten beruͤhmten Mannes gegen die Cowperi - ſchen Unterſuchungen, worauf ſich doch der Keiliſche Calculus gruͤndet, nicht ſchlechterdings annehmen. Denn er behauptet dagegen, es waͤren die Aeſte zu ſehr erweitert worden, weil ſie an ſich ſchwaͤcher waͤren(g)S. 29.. Man hat aber in der That ſchon oben(h)Jn diefem Werke. N. 14. gezeiget, daß die Aeſte mehr Staͤrke haben, als ihre Staͤmme. Und das alles muß ſeine Beſtimmung aus der Zergliederungs - lehre erhalten, und man darf keineswegs von der Zuruͤkk - haltung oder langſamern Bewegung des Blutes, von der man ſonſt glaubet, daß ſie fuͤrnemlich in denen kleinſtenGefaͤſ -153Schlagadern. Gefaͤſſen erfolge, ob ſie gleich noch nicht deutlich erwie - ſen iſt, auf die beſondere Weite ſolcher Gefaͤſſe den Schluß machen.

§. 19. Der Winkel, den die Aeſte mit ihren Staͤmmen machen.

Das naͤchſte, wovon wir hier zu reden haben, ſind die Winkel, unter denen ſich die Schlagadern zertheilen, und davon verſchiedene beruͤhmte phiſiologiſche Schrift - ſteller gehandelt haben. Es iſt aber noͤthig, daß wir bey dieſer Gelegenheit die Zergliederer erinnern, alle moͤgliche Vorſichtigkeit zu beobachten, und dahin zu ſehen, daß, wenn ſie Winkel an denen Gefaͤſſen meſſen wollen, ſol - che dazu erwaͤhlet werden, die nicht zerzerret ſind, und daß nicht etwa das Zellgewebe vorher von den Schlag - adern abgeloͤſet werde. Denn ſobald dieſes geſchiehet, ſo wird man allerlei wunderliche Veraͤnderungen von Win - keln herausbringen, und nichts weniger, als die natuͤrliche Beſchaffenheit beſtimmen. Es werden alle Winkel groͤſ - ſer, als ſie in ihrem natuͤrlichen Zuſtande ſind, ſo bald man dieſe Baͤnder zerſchneidet, als welche die in der Naͤ - he liegende Gefaͤſſe allezeit genauer mit einander vereini - gen und zuſammen verbinden. Daher ſtellen ſolche ana - tomiſche Tafeln, die nach voͤllig gereinigten Gefaͤſſen ge - zeichnet ſind, beinahe alle Winkel ungleich groͤſſer vor, als ſie in einem belebten Koͤrper zu ſeyn pflegen. Die ganz ſpizzigen Winkel, dergleichen der Leber - und Gallen - blaſengang unter ſich beſchreiben, verwandeln ſich in halb - rechte. Die ſpizzigen Winkel, dergleichen die Ribben - ſchlagadern oder Lendenſchlagadern zwiſchen der Aorte und Nierenſchlagadern machen, werden zu rechten. Und es koͤnnen ebenfalls aus ſpizzigen ſtumpfe Winkel werden, wie wir bald zeigen wollen.

K 5Es154Zweites Buch. Gefaͤſſe.

Es iſt demnach das erſte Geſez dieſes, daß, ſobald ſich Schlagadern zertheilen, allemal der groͤſſere Aſtaus - ſchus eben die Richtung des Stammes behaͤlt, und hingegen der kleinere unter einer ſchiefen Richtung aus dem Stamme herausgehet(i)martine Eſſays of a ſociety at Edimb. T. III. S. 141. che -selden Anat. Ed. 6. S. 195. 196.. Ferner ſind uͤberhaupt die mehreſten Winkel, in die ſich die Schlagadern im menſchlichen Koͤrper zertheilen, kleiner als rechte Win - kel, und ſpizzig, oder naͤhern ſich mehr denen geraden, oder ſind auch oͤfters halbſpizzig, oder endlich ſcharfſpiz - zig, und dieſe werden ziemlich oft gefunden. Gemeinig - lich beobachtet man an den Baumblaͤttern faſt eben der - gleichen Winkel, unter denen ſich die Gefaͤſſe oder Rib - ben, wie man ſie nennt, zertheilen. Diejenigen Win - kel, welche die drei aus dem Aortenbogen ſteigende groſſe Aeſte mit dem Fortſazze des Aortenſtammes machen, ſind ſpizzig, aber von ziemlicher Groͤſſe. Eben ſo ſind dieje - nigen, die die Aorte mit den interkoſtal-und Lendenae - ſten beſchreibt, gros, jedoch dabei etwas kleiner als die rechten Winkel. Spizzig iſt der, wo die Zwerchfells - Bauchs - (coeliaca) oder Gekroͤsſchlagader hervortritt. Unter einem ſpizzigen aber etwas groͤſſern Winkel kom - men die Nierenſchlagadern; unter einem ſehr ſpizzi - gen aber zum oͤftern, und unter einem gewoͤhnlich ſpizzi - gen allezeit, die Saamenſchlagadern herfuͤr. Die Aorte theilet ſich unter einem ſpizzigen, beinahe halbrechten, in die Bekkenſchlagadern, und dieſe hinwiederum faſt auf gleiche Weiſe in die Schlagader des Unterbauchs und die Huͤftenſchlagader. Aus einem ſpizzigen, und bisweilen ſehr ſpizzigen entſpringen die groſſen Huͤftenaeſte, als die tiefe Schlagader an der Huͤfte, die hintere an dem Schienbeine, die an der Schienenroͤhre und andre mehr. Die Halsſchlagadern zertheilen ſich unter denen kleinſten Winkeln, indem eine jede dererſelben aufwerts nach demKopfe155Schlagadern. Kopfe in die Hoͤhe ſteigt. Weniger ſpizzig ſind die Win - kel, unter denen die Schlagader des Luftroͤhrenkopfes, der Zunge, und des Hinterhauptes zum Vorſchein kommen. Eben ſo ſpizzig ſind die meiſten Schlagaderwinkel im Ge - ſichte, oder die am Oberarme(l)Siehe alle dieſe Stuͤkke ent - weder in Euſtachs 25 und 26 Ta - fel, oder in unſerer Tab. ant. Arter. corp tot. .

Die recht-ſcheinende Winkel, und die man vor rech - te ausgibt, waren gemeiniglich, ehe noch die Zergliederer ihre genauere Unterſuchungen anſtelleten, kleiner als rechte, und hiervon ſind nicht einmal die vordern Schlag - adern des Kreuzes, oder der Fuswurzel ausgenommen.

Diejenigen Aeſte, welche man ſtumpfwinklichte zu nennen pflegt, ſind, wie ich ſchon laͤngſtens gemeldet(m)Comment. ad præl. boer - haav. T. II. S. 437., und wie der beruͤhmte Roederer ebenfalls(n)Theſ. anat. med. N. 13. anmerkt, in ihren erſten Anfaͤngen ſpizzig geweſen, alſo daß ſie zwar aus dem Stamme mit dem Fortſazze deſſelben un - ter einem ſpizzigen Winkel hervorkommen, nachhero aber, nachdem ſie ſich zuruͤkgebogen und gewendet, wie - der gegen die Richtung ihres Stammes zuruͤkkehren. Von dieſer Art finde ich die Winkel an den Nabel-Ober - bauchs-und Jnterkoſtalaeſten von der Aorte, an denen naͤhrenden Schlagadern der Huͤfte, des Ellbogens, der Spindel und andern mehr, wiewol ſie, nach weggeraͤum - ten Zellgewebe, allerdings unter einem ſtumpfen Winkel eben ſo zu entſpringen ſcheinen, als verſchiedne andre Schlagadern, die am Schienbeinanhaͤngſel aus der vor - dern Schlagader des Schienbeins hervorkommen(o)Tab. corp. tot. antic. I. N. X. , ingleichen die aus den Schlagadern des Bekkens zu den Nieren zuruͤkkehren(p)evstach. Tab. anat. XII. f. 10. 12., ferner die aus den Aderſtaͤm - men des Oberarms neben dem Ellbogengelenke kommen, und ſich wieder nach den Schultern zuruͤkke wenden(q)Icon. anat. faſc. VI. T. IV. δθ. Θ. ν. θτ.,nicht156Zweites Buch. Gefaͤſſe. nicht weniger diejenigen, welche vom Kniekehlenſtamme zum Huͤftenanhaͤngſel heraufſteigen(r)Tab. corp. tot. poſtic. τ. χ., und ſich zu dem Gelenke deſſelben, wo es mit dem Schienbeine grenzet, wenden(s)Ebend. 2. 7., und endlich die Schlagadern, welche aus dem tiefen Bogen der flachen Hand(t)Icon. anat. faſc. VI. T. IV. 30. 31. 36., oder der Fus - ſole(u)Icon. faſc. V. T. VI. Fig. 2. ηΔ. δ. 〈…〉〈…〉. c. , zu der Hand - und Fuswurzel wieder zuruͤkkeh - ren. Am groͤſten, und entweder ſtumpf, oder ohnfehl - bar recht, ſcheinen die Winkel neben dem Urſprunge der vordern Ruͤkmarksſchlagadern(x)Icon. anat. faſc. VII. T. I. f. f. rvysch Epiſt. XII. T. XIII. , der untern Gehirn - ſchlagadern(y)Ebendaſ. d. h. und der Kranzſchlagadern(z)rvysch Epiſt. anat. IV. T. III. doch kommt ſie einem rechten Winkel naͤher, ohnerachtet Euſta - chius denſelben zum ſtumpfen macht. evstach. T. XV. f. 2. T. XVI. f. 1. zu ſeyn.

Jn der That findet man bei den Winkeln gar keine Ordnung, nach welcher die Schlagadern aus der Aorte und ihren Staͤmmen kommen, und es haben vormals verſchiedene beruͤhmte Maͤnner ſich allzuſehr auf einen bloſſen angenommenen Saz gegruͤndet, wenn ſie vorge - geben, daß kleine Aeſte unter groſſen Winkeln, und groſſe Aeſte unter kleinen herfuͤr kaͤmen(a)cheselden anat. of hum. body. 6te Ausg. S. 195.: oder wenn ſie be - haupteten, die Aeſte der kleinen Schlagadern, die nicht weit vom Herzen entfernt ſind, waͤren ſtumpfwinklig, es wuͤrden aber dieſe Winkel nachgehens allmaͤlich ſpizzi - ger, und endlich bei ihren aͤuſſerſten Endigungen hoͤchſt - ſpizzig(b)cantwell. Ergo ſecret. diverſitatis multiplex cauſa. . Denn man ſiehet ja, daß die Kranzadern unter dem groͤſſeſten Winkel entſtehen; desgleichen auch die Jnterkoſtal-Lenden-und Anhaͤngſelſchlagadern; die Saamenſchlagadern hingegen beſchreiben nur einen klei - nen Winkel, und die mittlere Schlagader des Kreuzes(ſacra157Schlagadern. (ſacra media) den allerkleinſten: allein bald hernach brei - ten ſich wiederum die Seitenſchlagadern des Kreuzes in ſehr groſſe Winkel aus, worauf andere, die aus ganz kleinen Winkeln entſtanden ſind, folgen, oder um die - ſelben herum ſich ausbreiten, damit ſie hernach aus den Bekken herausgehen koͤnnen, als wie die hintere Schlag - ader des Bekkens, der Huͤfte und des Maſtdarms.

Unterſuchet man die Winkel der kleinern Schlagadern, ſo zeiget es ſich, daß die meiſten, eben wie bey denen groſſen Schlagadern, ſpizzig, andere ſcharf ſpizzig, noch andere groͤſſer, halbrecht, u. ſ. w. ſind. Mit denen Verſuchen aber dererjenigen, welche denen kleinſten Schlagadern in den Muskeln(c)hales Hæmaſtat. S. 59. parson ſupplem. Tranſ. philoſ. ad T. 43. T. l. f. 4., und der Gallenblaſe(d)hales. angef. Ort. S. 150. 151., rechte Winkel zugeſchrieben haben, ſtimmen weder meine, noch Ruyſchens(e)Beſiehe das Schlagadernez an der Gallenblaſe, das ſehr ſcharf - winklig iſt, und ſich abgebildet be - findet in Epiſt. IV. T. V. f. 4. Theſ. anat. IX. T. IV. f. 1., noch auch Leeuwen - hoeks Verſuche uͤberein, indem nach dieſen die Winkel derer meiſten kleinſten Gefaͤſſe ebenfalls ſpizzig, und eini - ge auch, wie die Erfarung lehrt, ſtumpf ſind. Es wird aber allen Anſehen nach von dieſen Schlagadernez - zen, und ihren Winkeln, viel bequemer in dem 7 Bu - che, welches fuͤr die Abſonderungen beſtimmt iſt, koͤn - nen gehandelt werden.

§. 20. Die Beugungen der Schlagadern.

Wir muͤſſen auch die Beugungen nicht uͤbergehen, welche den Schlagadern gemein ſind. Es kruͤmmen ſich aber gemeiniglich diejenigen, welche man mit Talg aus - ſprizzt, und das betrift ſo gar ſolche, von denen man es am wenigſten vermuthen ſollte, naͤmlich die Schlagadernder158Zweites Buch. Gefaͤſſe. der aͤuſſerſten Glieder, die beiden des Knochenbandes, die Schienen - (tibialis)(g)Icon. anat. faſc. V. T. V. , die Schienenroͤhre - (pero - nea)(h)Ebend. T. V. , Fusſolen -(i)Ebendaſ. T. V. f. 2. p. , die vordre Schienen - (tibialis anterior)(l)Ebendaſ. T. IV. , die Spindel - (radialis), Ellbogen - (ulnaris)(m)Faſc. VI. T. III. e. Tab. V. , Wirbel - (vertebralis)(n)Faſc. II. T. arter. thy[r]. in - ſer. II. , Leber -(o)Faſc. II. T. art. coel. I. , Ruͤkmarks - (ſpinalis)(p)Faſc. VII. T. arter. medull. ſpinal. utr. , und die Augenſchlagadern(q)Faſc. VII. Tab. arter. ocul. f. 2. 3.. Es ſchei - net indeſſen dergleichen Ausfuͤllung die Ader in eben den Zuſtand zu verſezzen, in welchen ſie ſich unter der Puls - erweiterung (diaſtole) befindet: daher es dann ſehr wahr - ſcheinlich iſt, daß dergleichen Schlagadern auch in leben - digen Menſchen und Thieren wechſelweiſe muͤſſen gebo - gen ſeyn, und es ſtimmet auch dasjenige damit uͤberein, was ich in geoͤfneten lebendigen Thieren wahrgenommen habe. Trift man aber dieſe Schlagadern, wie es bey todten Koͤrpern gemeiniglich geſchiehet, vom Blute leer an, ſo werden dieſelben alsdenn gerade ausgeſtrekt; und ſie nehmen eben die gerade Richtung auch freiwillig an, ſo bald man ſie von ihren Zellfaͤden befreiet hat. Sol - chemnach zeichnet ſie der Zergliederer gewoͤnlicher maſſen ganz gerade, wie ſie erſcheinen, wenn ſie ganz rein ſind abgepuzt worden(r)Vornaͤmlich Euſtach. , wiewol ich lieber, ſo viel es nur immer moͤglich geweſen, der Natur nachzuzeichnen ge - ſucht habe.

Jnzwiſchen giebt es dennoch unter den Schlagadern einige, die eine gebogene Richtung vorzuͤglich anneh - men, daß auch daher dieſe wellenfoͤrmige Art unter de - nen Zergliederern etwas ganz bekanntes iſt. Erſtlich ſind alſo diejenigen Schlagadern krummgebogen, die durch Membranen, oder durch ein Eingeweide gehen,deſſen159Schlagadern. deſſen Groͤſſe veraͤnderlich iſt, alſo daß, nach den ver - ſchiedenen Veraͤnderungen der menſchlichen Lebensart, der - gleichen Schlagadern bald laͤnger, bald kuͤrzer werden muͤſſen. Auf gleiche Art ſind auch die Kranzſchlagadern an den Lippen(s)Faſc. III. Tab. II. , die Schlagadern der Gebaͤrmutter(t)Faſc. IV. Tab. I. pelv. , der Gedaͤrme, beſonders der dikken, des Augenregenbo - gens und der Nabelſchnur, krumm gebogen. Denn es ziehen ſich die Lippen bald ſehr enge zuſammen, wenn man den Mund entweder unter dem Saugen, oder in - dem man ein Geziſche damit macht, dichte zuſchlieſſet, bald verlaͤngern ſie ſich wieder merklich, wenn man jaͤhnt oder lacht. Von der Gebaͤrmutter iſt es an ſich offen - bar und ſchon zur Gnuͤge bekannt, daß die Schlagadern derſelben unter der Schwangerſchaft gerader ausgedehnt werden. Das dikke Gedaͤrme laͤſt ſich von dem Unrathe des Stuhlganges, und den Blehungen, wunderbar auf - treiben, es verengert ſich aber wieder unter der wurm - foͤrmigen Bewegung (motu periſtaltico) ſo genau, daß dadurch Fiſchgraeten und Nadeln weiter koͤnnen fortge - trieben werden. Der Regenbogen im Auge verengert und erweitert ſich nach der verſchiedenen Beſchaffenheit des Lichts. Eben ſo noͤthig iſt es, daß ſich die Nabel - ſchnur, nach der verſchiednen Lage der Frucht, bald wei - ter von dem Mutterkuchen entferne, bald auch demſel - ben wieder naͤhere. Auf gleiche Weiſe entfernt ſich die krumm gebogene Milzſchlagader(u)Faſc. II. Tab. arter. coel. II. , nebſt ihrer Milz, und dem von Speiſe und Luft ausgedehnten Magen, wei - ter von ihrem Urſprunge nach der linken Duͤnnung hin, ſonſt aber iſt ſie kuͤrzer, wenn ſie ſich naͤher bei ihren un - veraͤnderten Urſprung befindet. Eben dieſes zeiget ſich auch alſo in Anſehung der Zungenſchlagader(x)Faſc. III. Tab. I. z. , als wel - che ſich zugleich mit der Zunge entweder aus der Hoͤle des Mundes hervorbegiebt, oder hinwiederum zuruͤkge -zogen160Zweites Buch. Gefaͤſſe. zogen und verkuͤrzet wird; ingleichen auch bei denen Schlagadern, die vom Magen gegen das Nez uͤberge - hen(y)Faſc. II. Tab. Coel. I. , welche ſich nach der Groͤſſe und Weite des Ma - gens richten; nicht weniger auch bey den untern Schlag - adern der Luftroͤhre, als welche gewiſſe Beugungen an - nehmen, damit ſie ſich nach der Ausdehnung der Lunge richten koͤnnen .(y*)Faſc. III. Tab. art. bronch. .

Man ſiehet alſo leicht, was die Natur vor Endzwekke bey dem Bau des Koͤrpers gehabt habe. Eine gebogne Schlagader iſt uͤberhaupt laͤnger, als die gerade Linie betragen wuͤrde, welche beide Beugungen durchſchneidet, und die das Laͤngenmaas von der Schlagader abgiebt, wofern dieſelbe gerade ausgeſtrekket waͤre; es laͤſt ſich demnach eine gebogne Schlagader, ſo oft ſich ihr End - punkt von dem Anfange entfernet, ohne einige Gefahr(z)Siehe des beruͤhmten Joh. Zachar. Petſche Obſervationes an -giologicas, in der aeademiſchen Probeſchrift, die in dem ſechſten Theil unſerer Sammlung wieder aufgelegt worden. S. 172. dadurch verlaͤngern, indem ihre Einbiegungen ſich aus einander begeben, und die Schlagader ihre ganze Laͤnge ausbreitet, die nunmehro, da ſie ausgeſtrekkt wor - den, das Maaß der Entfernung beider Enden von ein - ander abgiebt. Denn es haben dieſe Schlagaderkruͤm - men uͤberhaupt die Art an ſich, daß eine Schlagader nach einer eingebildeten Linie fortlauft, und wechſelweiſe bald uͤber dieſelbe hervorkommt, bald wieder unter die - ſelbe niedergedrukt wird. Vollbluͤtigkeit und anatomi - ſche Einſprizzungen vermehren dieſe Kruͤmmen. So lan - ge die Schlagadern des Gehirns leer ſind, ſo ſcheinen ſie faſt gerade zu ſeyn; ſo bald ſie ſich aber erfuͤllen, ſo ſchlaͤngeln ſie ſich von neuem wieder. Hingegen kruͤm - men ſich die Schlagadern, die, wenn ſie leer ſind, ge - bogen erſcheinen, allezeit nach kleinern Winkeln, wenn man ſie ausſprizzet, wofern nur indeſſen derjenige Theil,des161Schlagadern. des thieriſchen Koͤrpers, worauf ſie liegen, keine Ver - aͤnderung in ſeiner Laͤnge erlitten hat. Eine andere Ur - ſache der Kruͤmmung derer Schlagadern findet ſich darin - nen, wenn ſich ein ſolches Gefaͤß nach den Zwiſchenraͤu - men der Knochen bequemt, wie man an der innern Kin - bakkenſchlagader wahrnimmt(a)Faſc. II. Tab. art. maxill. .

Eine andere Art von Biegungen iſt diejenige, wenn ſich groſſe Schlagaderſtaͤmme ploͤzlich zwei-oder dreimal mit groſſen Kruͤmmen zuruͤkſchlagen, ſo daß eine ſolche Schlagader mit ſich ſelbſt zweene oder drei ſehr ſpizzige Winkel macht. An kleinen Schlagadern hat man faſt kein ſolches Beiſpiel; unter den groſſen aber beſchreiber die Halsſchlagader (carotis) unter der Gehirnſchale eine ſtarke krumme Wendung, zu der wenigſtens drei Rich - tungslinien gerechnet werden koͤnnen: eine andre Kruͤm - mung macht die Wirbelſchlagader theils unter dem Atlas - wirbel, theils in deſſen Furche(c)Ebendaſ. n. 14. Faſc. icon. anat. Tab. II. arter. thyr. inf. he - benstreit de flex. arter. S. 14.. Auch dieſe Beu - gungen werden von dem Zellgewebe hervorgebracht, und wuͤrden ſogleich verſchwinden, wenn man dies Gewebe davon abſondern wollte.

§. 21. Die Verbindungen der Schlagadern unter ſich (anaſtomoſes).

Nunmehr muͤſſen wir auch von denen Verbindun - gen derer Schlagadern unter ſich handeln, welche or - dentlicher Weiſe entſtehen, wenn entweder mehrere Staͤmme in einen zuſammen laufen, oder wenn ein da - zwiſchen kommender Aſt zweene Staͤmme mit einander verbindet. Von dieſen Vereinigungen waren ehemalsſehr(b)cowper beim drake T. XX. n. 13.L162Zweites Buch. Gefaͤſſe. ſehr wenige bekannt; heutiges Tages aber, da die Zer - gliederungskunſt und die Ausſprizzung derer Gefaͤſſe mit Wachs fleißiger getrieben werden, hat man uͤberall im ganzen menſchlichen Koͤrper eine faſt allgemeine Ver - bindung und Vereinigung unter den Schlagadern ent - dekket.

Jn der menſchlichen Frucht vereinigen ſich zween groſſe Staͤmme unter einem ſpizzigen Winkel in einen einzigen, indem naͤmlich der aus der Lungenſchlagader entſtandene Stamm, ſowohl in Menſchen, als beſon - ders in Voͤgeln, (bei welchen ſich die Lungenſchlagader, um ſich mit der Aorte zu vereinigen, noch weiter hinaus verlaͤngern muß), ſo denn die einzige Ruͤkkenſchlagader durch dieſe Verbindung herfuͤrbringet. Jn Thieren, die Eier legen, und zugleich kaltes Blut haben, vereinigen ſich zween Aortenſtaͤmme in einen einzigen Stamm im Unterleibe zuſammen(d)duverney Mem. de l’Acad. roiale des ſcienc. 1699.: und man hat ein aͤhnliches Beiſpiel an den Wirbelſchlagadern, welche ſich bey der bekannten Varoliusbruͤkke im Gehirne in einen einzigen gemeinſchaftlichen Stamm zuſammenbegeben. Unter den kleinen Staͤmmchen findet man ein anderes Beiſpiel an den vordern Schlagadern des Ruͤkkenmarks; denn auch dieſe verbinden ſich im Anfange des Ruͤkkenmarkes in einem einzigen kleinen Stamme(e)Icon. medull. ſpin. ant. Faſc. VII. .

Diejenige Vereinigungsart iſt indeſſen viel gemeiner, da ſich zwar zweene Staͤmme mit einander, aber doch dergeſtalt verbinden, daß ſie ſich einander in entgegenge - ſezten Richtungen begegnen, und das ſchmale Ende der einen Schlagader in das eben ſo ſchmale Ende der an - dern dergeſtalt geleitet wird, daß die von beiden Seiten herbeikommende Stroͤme des Blutes allda mit einander zuſammentreffen muͤſſen. Von dergleichen Art iſt derBogen163Schlagadern. Bogen der obern Gekroͤsſchlagader, und des mittleren Aſtes derſelben, der von der Schlagader des Grimdarms, mit dem aufſteigenden Aſte der linken Gekroͤſeſchlagader am dikken Gedaͤrme gebildet wird, und von dem die eng - liſche Zergliederer vorlaͤngſt ſo viel geſchrieben haben(f)Faſc. icon. anat. III. Tab. arter. meſent. 3. 6.. Dieſer Bogen aber iſt nur ein einziges Beiſpiel von meh - rern andern. Denn man trift dergleichen ſo viele vom Magen bis zum Ende der Gedaͤrme an, daß man ſie ſchwerlich alle zaͤlen kann. Erſtlich begegnet die rechte Magenſchlagader, die vom Magen zum Nezze geht (ga - ſtroepiploica dextra), der linken gleiches Namens(g)Faſc. icon. anat. II. art. coel. I. : ferner machen beſtaͤndige Bogen mit einander, die Zwei - ge der jeztgedachten rechten Magenſchlagader mit den Pfoͤrtnerſchlagadern (pyloricae), dieſe mit der Schlag - ader der groſſen Druͤſe am Zwoͤlffingerdarme (pancrea - tico-duodenalis)(h)Ebendaſ. T. II. c. c. , die am obern Zwoͤlffingerdarme mit der leztgedachten(i)Ebendaſ. Note q. ſ. , dieſe aber mit dem Pancreas - aſte der Gekroͤſeſchlagader(k)Tab. II. f. , dieſer mit dem erſten Aſte eben des Stammes, der nach dem leeren Darme geht(l)Faſc. III. n. 6., dieſer Aſt mit einem andern, und alſo auch die uͤbrigen Aeſte des leeren und krummen Darmes (ieiunales & ilia - ci) unter ſich(m)evstach. T. XXVII. f. 2. 4., der lezte von dieſen mit der Krum - und Grimdarmsſchlagader (ileocolica)(n)Faſc. icon. III. 1. 2. 2., dieſe mit der rechten Grimdarmsſchlagader(o)Ebendaſ. χ. y. , dieſe mit der mittle - ren(p)t. u. , dieſe ferner mit der Schlagader des Gekroͤſes am dikken Gedaͤrme (meſocolica)(q)Ebendaſ. 3. 6. 5., und endlich dieſer ihre groſſe Aeſte unter ſich ſelbſt(r)Ebendaſ. 7. 9. 15. 14. 11., welche Vereinigun - gen oder Zuſammenhaͤnge insgeſamt Euſtachius ſchon laͤngſt mit groſſen Fleiſſe abgezeichnet hat(s)Am angef. Ort.. VonL 2der -164Zweites Buch. Gefaͤſſe. dergleichen Art ſind die Queerbogen, die am Magen die rechte Kranzader mit der linken(t)Tab. coel. I. , an der Hand die Spindel - mit der Ellbogenſchlagader, ſowol unter der Haut und dem Bande der flachen Hand(u)Faſc. icon. VI. Tab. III. e. t. χ. und in Tab. corp. tot. anter. , als an den Knochen(x)Ebendaſ. Tab. IV. a 9. ad 44. und Tab. corp. tot. anter. , mit einander machen, wie auch ein andrer dergleichen tiefer Bogen an der Fusſolen, wo ſich die vordre Schienenſchlagader mit der aͤuſſern Fusſolen - ſchlagader verbindet(y)Faſc. V. T. VI. f. 2. μ. & in tab. corp. tot. poſter. . Ein dergleichen Bogen ver - einiget auch die Seitenſchlagadern am Kreuze (ſacrae la - terales) mit ihrer mittleren(z)Faſc. IV. f. 5., die obere(a)Faſc. III. art. faciei, k. k. und unte - re Lippenkranzader rechts und links(b)Ebendaſ. y. und Tab. tot. corp. anter. , die rechten Schlagadern der Gebaͤrmutter mit den linken(c)swammerdam. mirac. nat. T. II. , die verſchiedene Aeſte der hintern Bekkenſchlagadern (iliacae poſticae)(d)Tab. corp. tot. poſt. faſc. IV. n. 9., ferner die Aeſte der Schlagader unterm Schulterblate(e)Faſc. VI. p. 13. T. II. fig. 2. O. , und beide Schlagadern der Fuswur - zel mit einander. Es giebt auch noch andre Bogen, z. E. die beiden Bogen an den Zeen(f)Faſc. VII. T. VI. f. I. g. c. und denen Fin - gerſpizzen(g)Faſc. IV. T. VI. f. 12. faſc. V. f. 6., nebſt andern unzaͤlichen mehr. Einen vollſtaͤndigen Zirkel beſchreiben die Schlagadern des Ader - gewebes (choroideae), die ſich durch ihre Muͤndun - gen(h)Faſc. VII. T. 6. f. 6. mit keinen Gefaͤſſe weiter verbinden.

Die andre Gattung dieſer Verbindungen kommt oͤf - terer vor, als die vorhergehende, und beſtehet darinnen, daß ein kleiner Aſt eines anſehnlichen Stammes, mit ei - nem andern kleinen Aſte eines groſſen Stammes ſich ver - bindet. Es iſt dieſe Bauart ſo gemein, daß man nir -gends165Schlagadern. gends in dem ganzen menſchlichen Koͤrper eine Schlag - ader antrift, die nicht, vermittelſt unzaͤlbarer Zweige, mit den benachbarten Schlagadern eine Gemeinſchaft un - terhielte, da ſodann ſolche Zweige, nachdem ſie aus der Schlagader herfuͤrgekommen, ſich mit denen Aeſten der benachbarten Staͤmmchen vereinigen. Es wuͤrde aber eine unendliche Arbeit ſeyn, das ganze Siſtem ſo durch - zugehen, daher es dabei bewenden mag, daß wir die groſ - ſen und vorzuͤglichen Beiſpiele davon angefuͤhret haben.

Es verbinden ſich demnach die tiefen Schlagadern des Gehirns, die von den Wirbelſchlagadern entſtehen, und die Hinteraͤſte der Halsſchlagadern, vermittelſt zwo - ner anſehnlichen Zweige, unter einander, und(i)Faſc. VII. T. I. φ. φ. dieſe Vereinigung nennt man den Zirkel des Williſius. Es werden auch durch einen kurzen, aber ziemlich anſehn - lichen Aſt die zwone vordre Fortſaͤzze von den Halsſchlag - adern(k)Ebendaſ. A. , und durch einen andern aͤhnlichen die zwone Nabelſchlagadern an dem Ende der Nabelſchnur mit ein - ander verbunden(l)Comment. ad præl. T. V. P. II. S. 294.. Ferner ſind auch in der Wundarz - neikunſt ihres Nuzzens wegen diejenigen Schlagadern genugſam bekannt, die von der Spindel -(m)Tab. tot. corp. poſt. dex. t. Ellbo - gen -(n)Faſc. VI. T. VI. η. & Tab. corp. tot. poſt, δ. und der hintern Schlagader des Knochenban - des (interoſſea poſterior)(o)Faſc. VI. T. VI. τ. & Tab. corp. tot. poſt. 6. zuruͤkkommen, und ſich, vermittelſt der verſchiedenen Fortſaͤzze, mit der tiefen Schulterader(p)Faſc. VI. T. VI. χ. & Tab. corp. poſt. r. t. u. x. y. , und einem andren Kopulationsaſte der Schulterader zuſammenfuͤgen(q)Art. corp. tot. poſt. α.. Eben ſo ſichtbar muſte auch die Vereinigung ſeyn, welche zwiſchen denen von der vordern(r)Tab. art. corp. tot. ant. ſin. β. und hintern(s)Art. poſt. Tab. 15. 16. SchienenſchlagaderL 3(tibi -166Zweites Buch. Gefaͤſſe. (tibialis) zuruͤkkehrenden Schlagadern, und zwiſchen den obern Gelenkadern des Kniees(t)Ebendaſ. Tab. ant. p. P. , die von der Schlagader der Kniekehle entſpringen, geſtiftet iſt. Man findet auch, und zwar ſehr oft, recht groſſe Ver - einigungen zwiſchen der Schlagader des Hinterhaupts und der Wirbelſchlagader nahe am Atlaswirbel(u)Faſc. II. thyr. inf. .

Die uͤbrigen kleinen Verbindungen durch die Muͤn - dungen zwiſchen einigen wichtigen Staͤmchen, und die andern, ſo noch nicht voͤllig bekannt ſind, wollen wir nur ganz kuͤrzlich anfuͤhren. Solchemnach finden ſich dergleichen Vereinigungen zwiſchen den obern und un - tern Schlagadern des kleinen Gehirns im Kopfe(x)Faſc. VII. T. II. nahe bei C. , ne - ben dem ſo genannten Wurme: zwiſchen den Augen - Stirn -(y)Ebendaſ. n. 11. S. 52. Faſc. III. Tab. faci. 8. 19. und Naſenſchlagadern, die von der Lippen - ader entſprungen(z)Faſc. VII. T. VI. f. 1. z. Faſc. III. Tab. fac. , den Schlaͤfen -(a)Faſc. VII. am angef. Ort. e. h h. Faſc. III. am angef. Ort. y. und den Schlag - adern unter der Augenhoͤle (infraorbitales)(b)Faſc. VII. Q. X. Y. Faſc. III. ebend. 3.: ferner zwiſchen den leztgenannten und dem Trompeteraſte der innern Kinbakkenſchlagader(c)Tab. corp. tot. ant. π., und zwiſchen dieſen und denen Lippenſchlagadern(d)Ebendaſ. κ. λ..

Weiter vercinigen ſich auf mannigfaltige Weiſe mit einander, die untere Kinbakken - mit der Lippen -(e)Faſc. III. Tab. art. faciei, Q. P. und Kinnſchlagader(f)Ebendaſ. Q. 36.; die vordern mit den hintern Ohr - adern(g)Ebendaſ. 22. 23. Δ.; die Schlaͤfſchlagadern mit denen am Hinter - haupte(h)Ebendaſ. S. 18. not. 24.; dieſe mit den Wirbel -(i)Faſc. VIII. S. 58. 59. Nakken -(k)Faſc. VIII. S. 59. Faſc. II. not. h. und des Luftroͤhrenkopfes Schlagadern (thyreoidea ar -ter.)167Schlagadern. ter. )(l)Faſc. II. Ebendaſ.; die Schlagadern des Ruͤkkenmarkes mit den Wirbelſchlagadern(m)Tab. arter. med. ſpinal. ant. & poſt. , den untern Schlagadern des Luftroͤhrenkopfes(n)Tab. art. thyreoid. inf. II. Tab. medull. ſpin. ant. K. poſt V. , mit noch andern Nakkenſchlag - adern(o)Tab. art. medull. ſpin. ant. Q. l. m. n. r. poſt. ρ. χ. ω., den Jnterkoſtal -(p)Ebendaſ. an verſchiedenen, doch nicht an allen Ribben., Lenden -(q)Ebendaſ. 86. 91. 94. 97. 101. 105., Seiten - ſchlagadern des Kreuzes(r)Ebendaſ. 107. 108. 113. 114. 115. 119., und den Geſaͤsſchlag - adern(s)Faſc. IV. T. III. o. p. not. 9. 10. (coccygea).

Hieher rechne ich, ſo viel den Hals und den Rumpf des Koͤrpers betrift, die Vereinigung der untern Schlag - adern am Luftroͤhrenkopfe und dem Schulterblate(t)Faſc. VI. T. II. f. 2. l. f. c. : derer aus verſchiedenen Staͤmmen entſprungenen Bruſt - adern unter ſich ſelbſt(u)Ebendaſ. T. I. m. n. o. p. q. r. ſ. t. : derer Bruſtadern mit den aͤuſſern Bruſt - (thoracica)(x)Ebendaſ. OE. o: 1. p. n: 3. e: 4. λλ κκ: 7. κκ. λλ. 8. 9. νν: 12. ρρ: 13. und Jnterkoſtaladern(y)14. φ. 15. χ. 20. ψ: 21. ω. 22: 23. Θ: 24. Λ: 25. Λ.: dieſer leztern(z)Ebendaſ. n. l. α. f. 5. υ. u. ſ. f. mit den aͤuſſern Bruſt -, Oberbauchs -(a)Ebendaſ. Π. 46. φ. 46. ψ. 43. und Lendenadern(b)Ebendaſ. Ω. 43. Ω. 43.: wie auch der Bruſtſchlagadern mit denen des Oberbauchs(c)Ebendaſ. 30. 30. 45., indem dieſe Vereinigung unverdienter weiſe einen groͤſſern Namen, als wohl ande - re anſehnliche Adernzuſammenhaͤnge, davon getragen, und man ſie mit Unrecht (weil ſie ſchon laͤngſtens uͤberall bekannt iſt), vor eine vorzuͤgliche Erfindung des Joſ. Exuperius Bertins ausgibt, der ſonſt keines fremden Lobes bedarf(d)Interpret. de la nature. S. 172..

L 4Hier -168Zweites Buch. Gefaͤſſe.

Hiernaͤchſt haben auch in eben dem Rumpf des Koͤr - pers folgende Schlagadern unter ſich Gemeinſchaft: die Zwerchfellsadern (phrenica) mit den Aeſten der Schluͤſ - ſeladern(e)Faſc. III. T. arter. pector. not. 7., mit den Bruͤſten -(f)Faſc. VI. S. 8., Lenden -(g)Faſc. III. Tab. art. ren. & phren. S. 55., Jnter - koſtal -(h)Ebendaſ., Leberadern und den Aderzweigen des wech - ſelnden Stammes(i)S. 54.: die obere, von der Schluͤſſelader gezeugte Jnterkoſtalader, mit denen Jnterkoſtaladern welche aus der Aorte entſpringen(k)Faſc. VIII. & Tab. art. thy - reoid. ant. in Faſc. II. , und mit den Luft - roͤhrenadern (bronchiales)(l)Ebendaſ. und Faſc. III. S. 36.; dieſe mit der untern Luftroͤhrenkopfsader(m)Ebendaſ., mit denen am Schlunde(n)Faſc. VIII. S. 21., am Herzbeutel(o)Ebendaſ., den Kranzadern(p)Faſc. III. S. 36. Faſc. VIII. S. 21., und den Lun - genadern(q)Faſc. III. S. 37.; ferner die Saamenſchlagadern mit den Gedaͤrmadern(r)Faſc. III. hiſt. art. mefenter. S. 48., mit den Oberbauchs -(s)Faſc. IV. in hiſt. eius arter. , Unter - bauchs -(t)Laͤngſt dem abfuͤhrenden Gange., Mutter -(u)Faſc. IV. hiſt. art. uteri. und Leberadern(x)Faſc. VIII. S. 33.; die Ober - bauchsadern mit denen der Mutter angehoͤrigen(y)Faſc. V. S. 8.; die Blaſenadern mit den Schlagadern der Manns -(z)Ebendaſ. not. 12. 16. oder der Weiberruthe(a)Ebendaſ. Tab. I. ζ.; die vordern und hintern Gedaͤrm - adern unter ſich ſelbſt(b)Faſc. III. S. 48., auf der erhabnen runden Flaͤ - che des Darms, mit den mittleren Maſtdarmsadern(c)Faſc. IV. n. 17. Tab. corp. hum. poſt. S. 37.; und die Seitenadern des Kreuzes (ſacrae laterales) unter ſich ſelbſt(d)Faſc. IV. Tab. V. . Eben ſo vereinigen ſich die rechte Ader der Manns - oder Weiberruthe mit der linken(e)Faſc. IV. 19., die Schlagadern des Kreuzes, mit denen der Huͤfte (iſchia -dicae)169Schlagadern. dicae)(f)Ebendaſ. hiſt. arter. iſchiad. not. 11., die Lendenadern mit denen an dem Kreu - ze(g)Faſc. VIII. 72., und mit der Darmlendenader (iliolumbalis)(h)Ebendaſ. Faſc. IV. not. 8., wie auch der am Unterleibe(i)Faſc. V. 9., die Huͤftadern mit denen umgebognen Adern, die von der Huͤfte herkom - men(k)Tab. corp. hum. poſt. ſin. i. p. q. r. ſ. Faſc. IV. not. II. Faſc. V. Tab. III. δ. κ., die hintere Bekkenſchlagader (iliaca poſterior) mit ebendenſelben(l)Ebendaſ. Tab. VIII. δ. e. κ., die Verſtopfadern (obturatoriae) endlich mit denen Adern des Dikbeins (femorales)(m)Faſc. IV. not. g. Faſc. V. T. II. .

Auf gleiche Weiſe anaſtomoſirt an verſchiedenen Or - ten und mit mannigfaltigen Veraͤnderungen, die hintere Schienenader (tibialis) mit der vordern(n)Faſc. V. 29.; ingleichen mit der Schlagader der Schienenroͤhre (peronea)(o)Ebendaſ. S. 58. Tab. corp. hum. tot. poſt. ſin. S. 48., und dann auch ihre verſchiedene Aeſte unter ſich ſelbſt(p)Tab. corp. tot. ant. H. M. E. : ferner die Schienroͤhrenader mit der aus der Fuswurzel, die von der vordern Schienenader entſpringt(q)Ebendaſ. Tab. IV. α. Tab. tot. corp. ant. x. , und mit den Fusſolenadern(r)Ebendaſ. T. VI. f. 2. δ. σ. Tab. corp. tot. poſt. 58.; die von verſchiedenen Staͤm - men herruͤhrende Fusſolenadern unter ſich ſelbſt(s)Ebendaſ. Tab. corp. tot. poſt. dext. und mit den Fuswurzeladern(t)Ebendaſ. Tab. V. δ. ω. υ. w. v. .

Am Oberarme finden ſich groͤſſere Verbindungen zwiſchen den untern Schulterblatadern mit den obern(u)Faſc. VI. T. II. z. b. d. Tab. corp. tot. poſt. dext. 3. a. , wie auch der untern zwiſchen ſich ſelbſt(x)Ebendaſ. fig. 1. und 2. Tab. corp. tot. poſt. m. ; zwiſchen den hintern umgebognen mit den tiefen(y)Ebendaſ. T. VI. t. q. ; zwiſchen der hintern obern Knochenbandader mit der unterſten (in - teroſſea)(z)Ebendaſ. χ. 2. Tab. corp. poſt. dext. κ. τ.; zwiſchen dieſer unterſten mit den Finger -L 5adern170Zweites Buch. Gefaͤſſe. adern(a)Ebendaſ. p. u. ſ. w. und in Tab. corp. poſt. dext. mit der Ellbogen - (ulnaris)(b)Ebendaſ. A. B. Tab. corp. poſt. 4. 7. und Spin - delſchlagader (radialis)(c)Ebendaſ. D. Tab. corp. poſt. 4. 5.; zwiſchen den innern und aͤuſſern Fingeradern unter ſich(d)In vola T. V. Faſc. V. 51. 53. 54. u. ſ. w. Am Ruͤkken Tab. VI. Am Fuſſe T. VI. f. 1. 2. Tab. tot. corp. ant. & poſt. , u. a. unzaͤlige mehr, die einen jeden Leſer ohnfehlbar ermuͤden wuͤrden, wenn man ſie alle hier zuſammen faſſen wollte.

Dieſe Zuſammenfuͤgungen ſind an kleinen Aeſten ſo gemein, daß es ein vergebliches Unterfangen ſeyn wuͤr - de, wenn man ſie insgeſamt anfuͤhren wollte. Jn der That machen die Schlagadern an verſchiedenen Orten unſers Koͤrpers, in allen Membranen, in allen Muskeln, im Herzen(e)rvysch Theſ. IV. T. III. , in der Mutter, den Eierſtoͤkken(f)Faſc. anat. II. Tab. uteri. , den einzeln Kugeldruͤſen(g)Ruyſch in der Figur bei dem Briefe de glandul. fabr. , und in der Lunge verſchiedene Nezzvergitterungen (retia), welches eine Benen - nung iſt, die von Malpighius(h)De pulmon. und Lorenz Bellin ihr Anſehn erhalten hat(i)De ferm. & gland. Prop. 38.. Es ſenket ſich naͤmlich ein jedes Schlagaderſtaͤmchen, wie eine Gabel geſpalten, mit ſeinen beiden Aeſten in andre Zweige benachbarter Schlag - aͤderchen dergeſtalt hinein, daß in der ganzen duͤnnen Ge - hirnmembrane (pia membrana), ſo weit ſie ſich erſtrekkt, oder in dem geſamten Knochenhaͤutchen der Schulter(k)Faſc. anat. VI. , oder des Dikkbeins(l)Faſc. V. S. 12., kein einziger Aſt iſt, mit dem nicht ein jeder anderer Aſt dieſer Membrane freie Gemein - ſchaft haͤtte. Wir ſezzen die verſchiedene Geſtalten von dergleichen Schlagadernezzen bis zum 7ten Buche aus, worinnen von der Abſonderung gehandelt werden ſoll. An dem Eingeweide iſt dieſe Bauart(m)boerhaave Præl. T. II. S. 13. faſt etwas an - ders eingerichtet, und es laufen die Schlagaderaͤſte mehrparal -171Schlagadern. parallel oder in gleichweiter Entfernung fort, ſind auch nicht ſo wechſelweiſe mit einander verbunden, ingleichen oͤfnet ſich auch nicht ſo leicht eine Schlagader mit ihrer Muͤndung in die benachbarte andern, wie wir dergleichen Beiſpiel an den Nieren, der Milz, und der rindenfoͤrmi - gen grauen Gehirnſubſtanz haben: allein hiervon ſoll an dem gedachten Orte ebenfalls gehandelt werden.

§. 22. Die Enden der Schlagadern. 1. Die Blutader.

Wir haben noch die lezte Endigungen derer bisher abgeſchilderten Schlagadern zu zeigen: es ſind aber die - ſelben von mancherley Art, und einige deutlicher, als die andern zu ſehen. Die erſte und gemeinſte beſtehet darin, daß ſich endlich eine fortgehende Schlagader in eine Blut - ader verwandelt. Dieſe Art der Endigung war denen alten Aerzten faſt gaͤnzlich unbekannt, indem ſie zwiſchen Blut - und Schlagadern ein ſchwammiges und dichtes Blut annahmen, in welches ſich das Schlagaderblut ergieſſen muſte. Dieſes Parenchima (παρεγχυμα) nah - men alle Schulen, ohne Widerſpruch, von den Schuͤlern und Anhaͤngern des Eraſiſtratus an(n)Beim Galenus de adminiſt. anat. L. VI. c. II. . Aretaͤus ſagt, die ganze Leber waͤre nichts als ein geronnenes Ge - bluͤt(o)Curat. acut. L. II. c. 6., und an einem andern Orte ſchreibt er, die Nie - re waͤre der ἁιμαλωπι. (einem vom Stoſſe mit Blute un - terlaufnen Auge) gleich(p)Ebendaſ. c. 9.. Galenus bedient ſich an unzaͤlichen Stellen dieſes Wortes von der Leber, Lunge, Niere, Milz(q)Meth. med. L. X. und andren Eingeweiden. Dem ohn - geachtet wuſten doch die Alten, daß das Blut der Schlag - und Blutadern unter ſich Gemeinſchaft habe, und damitſezten172Zweites Buch. Gefaͤſſe. ſezten ſich die Aerzte aus des Eraſiſtratus Schule in Si - cherheit, ſo oft ihnen Galenus einwandte, daß ſich bey lebendigen Thieren das Blut ſo gleich aus einer geoͤfne - ten Schlagader ergieſſe(r)Quod ſanguis natura in ar - ter. contineatur. . Er laͤugnete indeſſen vor ſeine Perſon eben ſo wenig dieſe Gemeinſchaft der Gefaͤſſe unter ſich, und er erklaͤrte eine Entzuͤndung auf die Art, daß ſie von dem Blute verurſacht werde, welches aus der Blutader in die Schlagader uͤbergetreten waͤre(s)De uſu part. L. VI. c. 17.. Die neuern Schriftſteller, und beſonders ſowol Bauhin(t)Theatr. anat. S. 48., als M. Aurel. Severin(u)Anatome Phocæ. , haben wenig mehr hier - bey geleiſtet, da ſie mit ziemlich dunkeln Verſuchen zu be - haupten vermeinten, daß die Gefaͤſſe des thieriſchen Koͤr - pers uͤberall, vermittelſt zuſammengehaͤngter Aeſte, mit einander verbunden waͤren. Sie pflegten aber derglei - chen Vereinigungen an einer ziemlich grob entfleiſchten Leber zu zeigen(x)I. casserivs Tab. VIII. L. VIII. f. 2. G., und die ſtarken Verbindungen zwi - ſchen den Schlag - und Blutadern als eine an ſich unge - zweifelte Sache anzunemen, dergleichen die blutaderhaf - ten Aeſte ſind, die ſich nach einem geheilten Schlagader - ſakke bey dem Joh. Riolan in die Queere hineingezo - gen hatten(y)Reſp. ad harvei. S. 53., oder auch die deutlichen Communica - tionslinien der Saamenſchlag - und Saamenblutadern, die von Leale Leali bekannt gemacht worden(z)Περι σπερματιζοντων οργανων., von Cromwell Mortimer hernach beſtaͤtigt(a)Phil. Transact. n. 415., vom Albin aber(b)Beim beruͤhmten Mores. Streitſchr. de Nutritione. und von mir(c)Comment. boerhaav. T. V. P. I. S. 281. widerlegt ſind. Dagegen laͤug - nete Harvey, dieſer groſſe Mann, der ſich nicht leicht bewegen lies, etwas zu glauben, was er nicht ſelbſt ſa - he, daß es zwiſchen den Schlag - und Blutadern Ver - bindungen gebe, die man deutlich ſehen koͤnne(d)Diſſ. II. S. 204.; undJoh.173Schlagadern. Joh. Pecquet, dieſer Nachahmer der harveyiſchen Verſuche, behielt dieſes als eine Warheit bei, daß ſich das Blut zwiſchen beiderlei Arten von Gefaͤſſen ergieſſe(e)Diſſ. anat. C. V. . Nicht lange darnach laͤugnete Georg Ent, daß es zwi - ſchen den Schlag - und Blutadern einen Zwiſchenraum gebe(f)Apol. pro ſangu. circul. S. 260., ſahe auch gar wohl ein, daß ein in die Schlag - ader geſprizter Saft durch die Blutader ſchnell und un - gehindert fortging(g)S. 249., behauptete aber doch daneben, daß man keine offenbare Zuſammenhaͤnge zwiſchen den Schlag - und Blutadern zeigen koͤnne(h)S. 145. an der Achſelblut - ader., und nahm da - bei die Hipotheſe an, es begebe ſich eine Schlagader der - geſtalt ſchief in eine Blutader, daß hernach die Blut - ader etwas unterhalb der Einfuͤgung in einen Haken ver - laͤngert werde(i)S. 150. 151..

Marcell. Malpighius war der erſte, der durch Huͤlfe des Vergroͤſſerungsglaſes den Zuſammenhang der Schlag - und Blutadern an der Harnblaſe eines Froſches deutlich wahrnahm(k)Epiſt. II. de pulmon. die im Jahr 1661. herauskam.. Nachgehens nahm Edmund King, fuͤr Parenchima lauter Gefaͤſſe in dem Fleiſche der Eingeweide an, wobei er ſich auf ſeine eignen Ver - ſuche gruͤndete(l)Phil. Trans. n. 18. 1666. und 52.: Ruyſch aber widerlegte die Mei - nung, daß ſich das Blut in den Schlagader-enden wie in einem Schwamme anhaͤufe, durch einen Verſuch, aus welchen erhellet, daß ein in das Zellgewebe gedrungner Talg zu einer unfoͤrmlichen Maſſe gerinne, dergleichen er aber nach einer gluͤklichen Einſprizzung niemals gewahr wurde. Ferner erinnert derſelbe, es waͤre nicht moͤg - lich, daß der Talg mit einem zuſammenhangenden Stra - le aus den Schlag-in die Blutadern uͤberginge, wofern ein ſchwammiger Raum dazwiſchen waͤre, in welchen ſichder174Zweites Buch. Gefaͤſſe. der Talg haͤtte ergieſſen koͤnnen(m)Epiſt. anat. III. S. 28.. Jndeſſen laͤſt ſich dieſer ehrliche Alte durch die lezteren Verſuche uͤberreden, daß ſich das Blut wieder unter der Geſtalt eines Dun - ſtes in die flokkige Subſtanz der Theile des thieriſchen Koͤrpers verbreite(n)Theſaur. IV. n. 96. Theſ. VI. gegen das Ende. Theſ. X. n. 35. Theſ. max. n. 19. 112. Adverſ. I. n. 6. II. n. 8. Epiſt. probl. XVI. .

Hierdurch wurde aber das Parenchima gleichwol noch nicht ohne Vertheidigung gelaſſen. Denn Johann Mayov(o)Oper. omn. belg. ed. S. 307. hatte ſich deſſen bisher noch dergeſtalt an - genommen, daß er vorgab, eine Schlagader endige ſich in ein Blaͤschen, aus dem hernach eine Blutader wieder entſtuͤnde. Dieſe Hipotheſe nahm darauf Duverney(p)Mem. de l’Acad. des ſcienc. 1699. T. I. S. 281. fuͤhrt die Milz und Lunge zum Beiſpiele an., und mit einiger Veraͤnderung auch Georg Chriſtoph Schelhammer(q)Phyſiol. p. CLXV. CLXXI. an, indem er die Verbindungen von beiderlei Gefaͤſſen unter ſich ſo einrichtete, daß durch einige Loͤcherchen das Blut eben ſo frei aus einem in das andere uͤbergienge, wie die einfoͤrmige Oefnung zwiſchen beiden Herzkammern dergleichen freien Durchgang dem - ſelben verſtattet. Ferner verwarf Theod. Kerkring(r)Spicil. obſ. 8. die Gemeinſchaft unter dieſen Gefaͤſſen, weil die Luft aus den Schlagadern nicht in die Blutadern zu bringen war, ob er ſich gleich vergebens der Praͤparationen des Ruy - ſchen bediente. Selbſt Stahl(s)Hiſt. temperament. Diſſ. de motib. humor. ſpaſmod. et de Me - chaniſmo motus progr. ſanguin. fuͤhrte die zellige Zwiſchenraͤume von Faſern zwiſchen den Schlag - und Blutadern wieder ein, darinnen entweder das Blut ſtill - ſtehen, oder wenigſtens langſam flieſſen muͤſte, nachdem es die Seele vor gut befaͤnde, als welche dieſe Faſern nach ihrem Willkuͤhr verſchiedentlich bewege: und da - her kaͤme es, daß das Blut bald in groͤſſerer, bald in ge - ringerer Menge hindurchgienge, nachdem naͤmlich dieSeele175Schlagadern. Seele dieſe Zwiſchenraͤume entweder erweitere oder zuſam - menzoͤge. Dieſe Hipotheſe ſuchte nachhero Johann Junker(t)Conſp. Phyſiol S. 184. dadurch noch mehr zu erlaͤutern und zu be - kraͤftigen, weil ſich verſchiedene Erſcheinungen am thie - riſchen Koͤrper dadurch leichter erklaͤren lieſſen. Ein ge - ſchikterer Zergliederer, Johann Bohn(u)Diſſ. de Hæmopt. S. 17. Circ. anat. phyſiol. 99. 100., verfiel eben - falls, als er ſahe, daß der in die Schlagader gepreſte Saft nicht in die Blutader zuruͤkke treten wollte, und viel ehe die Schweisloͤcher und Zellraͤume in den Mus - keln erfuͤllete, wieder auf das alte Parenchima; und eben dieſer Umſtand bewegte auch den Joh. Bapt. Se - nak(x)Eſſais de phyſ. 1735. S. 460., daß er einige Zwiſchenraͤume zugab.

Unterdeſſen hatte aber Anton van Leeuwenhoek ſeine Briefe herausgegeben, und nach dieſen ſchien es daß kein Zweifel mehr ſtatt finden wuͤrde. Denn dieſer Mann, der nicht ſtudirt, inzwiſchen aber groſſe Erfah - rung in Anſehung des Gebrauchs derer Vergroͤſſerungs - glaͤſſer hatte, und der um deſto mehr ſich ein Vertrauen bey andern zuwege bringen konnte, je weniger er von Hipotheſen eingenommen war, die er haͤtte erlaͤutern muͤſſen, ſahe an Fiſchen, und andern durchſichtigen Waſſerthieren, ganz deutlich, daß Schlag - und Blut - adern in einem Stuͤk fortliefen, und zwar bemerkte er beſonders an den Fiſchſchwaͤnzen, daß die Schlagader mit einer Kruͤmmung in die Blutader uͤbergieng, welche hingegen mit einer dieſer entgegen geſezten Wendung wie - der zum Herzen gieng: und daß einige dergleichen Schlag - aͤderchen nur ein einzeles, andere aber(y)Arcan. nat. det. ſ. Opera omn. lat. edita. T. II. S. 160. f. A. B. C. S. 168. f. 10. Siehe auch 183. 185. Contin. arcan. nat ſ. Tom. Oper. III. S. 52. 110. f 1. G. cowper. phil. Trans n. 280. f. 45. App. ad bidloo T. III. f. 4. baker microſc. made eaſy. S. 124. 126. 136. T. X. f. 2. zwei und dreiBlut -176Zweites Buch. Gefaͤſſe. Blutkuͤgelchen aufnehmen koͤnnten(z)A. v. leevwenhoek T. II. S. 178. f. 1. S. 183. f. 14. S. 185. f. 15. S. 186. f. 16. 17. T. III. S. 52. und Kupf. S. 223. f. 7. cowper App. ad bidl. anat. T. III. f. 4. 5. cheselden anat. of hum. bod. T. 30. f. 2.. Jch habe ſelbſt dieſe Vereinigung der Schlagadern mit den Blutadern an einem Steinbeisker (cobitis aculeatus, Steinſchmerl) beobachtet. Die zwote Art, wie ſich Schlagadern mit den Blutadern vereinigen, beſtehet in folgenden. Die Schlagader laͤufet mit den Blutadern beinahe parallel, denn es beſtimmet im Fiſchſchwanze die Lage der Graͤt - chen den eigentlichen Weg derer Gefaͤſſe. Aus einer Schlagader treten kleine Aeſte hervor, die abermals von der Weite ſind, daß ſie eins oder zwo Blutkuͤgelchen durchlaſſen koͤnnen, und wenn ſie ſich in eine Blutader ge - ſenket haben(b)leevwenhoek. cowper ad bidloo anat. T. III. f. 4. 5. che - selden am angef. Ort. hales - maſtat. S. 58., ſodann ihre Kuͤgelchen durch dieſelbe wieder bis zum Herzen zuruͤk fuͤhren; oder es begeben ſich auch etliche Schlagadern zugleich in eine einzige Blut - ader hinein(c)leevwenhoek T. II. S. 161. T. III. S. 119. baker. 121. T. X. f. 1.. Auch dieſe Art von Adervereinigungen habe ich in dergleichen vorgedachten Thieren ſelbſt beob - achtet(d)Angef. Ort Exp. 59. 62. 63.. Eben das haben die beruͤhmten Maͤnner, Johann Bernoulli(e)De nutrit. n. 8., Wilh. Cowper(f)Angef. Ort. Phil. Trans. 285. an der Lunge eines Froſches., Marc. Malpigh(g)Opp. poſthum. S. 123., Stephan Hales(h)Er ſezt noch hinzu, daß die Winkel, unter denen die Schlag - aͤderchen mit denen Blutadern ſich vereinigen, rechte geweſen. - maſtat. S. 150. 151., Heinrich Baker(i)Angef. Ort., und noch viele andre in Verſuchen geuͤbte Maͤnner geſehen, daß es etwas uͤberfluͤßiges ſeyn wuͤrde, wenn man alle ihre Verſuche hier wiederholen wolte.

Da nun hiernaͤchſt die Kunſt, thieriſche Kanaͤle aus - zuſprizzen mehr und mehr bekannt wurde, machte man auch Verſuche, um die in einem Ganzen mit den Blut -adern(a)Sec. mem. ſur le mouv. du ſang, Exp. 62. 63.177Schlagadern. adern fortlaufende Schlagadern deutlich zu zeigen. Denn das Terpentinoel, Talg, Wachs, oͤfters auch Luft und Waſſer, dringen ſehr leicht und geſchwinde faſt uͤberall am ganzen Koͤrper in die Blutadern hinein, ſo bald man dieſe Saͤfte mit einigen Nachdruk in die Schlagadern getrieben hat. Auf ſolche Art machte Re - gner de Graaf an dem Kopfe und dem Schienbeine mit gefaͤrbtem Wachſe und andern Saͤften den Verſuch(k)De uſu ſiphonis. S. 531. 532. aller ſeiner Werke.. Es beſtaͤtigte ferner ſolche Verbindung C. Bartholin an den Schlagadern der Niere, Lunge und der Huͤfte(l)Method. demonſtr. anat. , ohnerachtet er auſſer dem das Parenchima noch beſtaͤndig vertheidigte(m)Specim. anat. S. 85.; an der Niere und denen Muskeln er - wieß dieſelbe Bohn(n)Circul. anat. oecon. S. 100. 101.; an der Milz Borrich(n*)Beim Bartholin Cent. IV. n. 17. Die Luft drang aus derBauchſchlagader (coeliaca) in die Blutadern der Milz., und an der Lunge Vieuſſens(n†)De la ſtructure des viſce - res. Er bediente ſich des Quekſil - bers.. Aus der Aorte trieb Godf. Bidloo(o)Beim bloemesteyn admi - niſt. anat. S. 7. das Wachs in die Gekroͤsblut - adern; und aus der Halsſchlagader (carotis) in die Blut - rinnen im Gehirne (ſinus) Vieuſſens, welches leztere ſehr leicht angehet(o*)De la ſtructure des viſce - res. . Am Oberarme lief das in die Schlagader gebrachte Wachs, unter der Geſtalt eines Zir - kels, in die Blutadern zuruͤk, und zwar ſo deutlich und offenbar, daß man genau ſehen konnte, wo die Schlag - adern mit denen Blutadern zuſammengraͤnzeten, wie ſol - ches Morland(p)Phil. Trans. n. 283. bezeuget; es ſcheint aber dieſes Gluͤk beinahe gar zu gros zu ſeyn, indem ſolche ganz kleine Schlagadern, die nur eins oder zwone Blutkuͤgelchen faſſen koͤnnen, ſchwerlich mit bloſſen Augen koͤnnen ent -dekketM178Zweites Buch. Gefaͤſſe. dekket werden. Eben dergleichen kuͤnſtlichen Wachs - umlauf erhielt auch Wilhelm Cowper, mit gleichen Gluͤk und ohne groſſe Schwierigkeit(q)Phil. trans. n. 280. 285., an der Milz, der Mannsruthe, und der Lunge, ingleichen auch nachhero an der Leber, wo er es ſo weit brachte, daß das Wachs aus der Pfortader und der Leberſchlagader in die Hol - ader uͤbertrat(r)Ad T. 38. f. 5. in der Bidloi - ſchen Anat. Vieuſſens de la ſtruct. des viſc. . Dieſe Begebenheiten waren dem Fridr. Ruyſch etwas ſo gemeines, daß er ſie nur ſehr ſelten anzufuͤhren pflegte(s)Ep. III. de arter. intercoſta - libus. . Es iſt dieſes gewiß eine der groͤſten Schwierigkeiten, die ſich bey einer vorha - benden recht vollſtaͤndigen Ausſprizzung ereignen und die - ſelbe hindern koͤnnen, wenn das Wachs auf ſolche Wei - ſe Gelegenheit bekommt zu entwiſchen und ſich weiter auszubreiten, mithin man alſo, um daſſelbe zuruͤk zu hal - ten, ſowol die Blut-als Schlagadern unterbinden muß. Joh. Godfr. Berger(t)De Nat. hum. S. 88. 211. Vieuſſens machte eben den Ver - ſuch, ſo daß Quekſilber aus der Bauchſchlagader in die Hol - und Pfortader drang., und andre beruͤhmte Maͤn - ner(x)De adm. anat. S. 31., brachten aus der Pfortader Milch in die Holader, und dieſen Verſuch ſeines Vettern wiederholte der vor - trefliche Engliſche Leibarzt, J. Samuel von Berger(y)De tranſitu. ſangu. per mi - nima S. 7., unſer ehemalige Freund, wie auch Olaus Borrich(y*)Cent. IV. Epiſt. 17. Luft drang durch die Bauchſchlagader in die Pfort - und Holader.. An der Niere machte denſelben Theod. Craanen(z)De homine. S. 685., Joh. Ludw. Apin(a)Faſc. diſp. S. 129., und der vortrefliche Walther(b)De ſecret. S. 18., welcher leztere auch das Parenchima (Blutſubſtanz) und die beſondere Schnellkraft (motus tonicus) des Stahls widerlegte(c)De acceler. et retard. ſangu. n. 13. ſeq. . Vieuſſens trieb Quekſilber durch die Gekroͤsſchlagader eines Menſchen, in die Blutadernder(u)Negot. cholepojeſeos. n. XI. 179Schlagadern. der gegen uͤber liegenden Seite, und in die Pfortadern(d)Traité des liqueurs. S. 177.. An der Milz geſchahe dieſes von Wilhelm Stukke - ley(e)Of the ſpleen. S. 17. Dieſe Begebenheit nehme ich allein an, ob ich gleich ſeinen wunderbaren Blutaderbau gar nicht annehmen moͤchte, da ſie in ihren Roͤhrchen die Schlagadern einſchlieſſen.; an der Lunge und dem Gekroͤſe von Fr. Boiſ - ſier(f)Traité de l’inflammat. 215.. George Friedr. Frank verſichert, daß die eingeſprizzte Saͤfte, aller Orten am menſchlichen Leibe und in allen Eingeweiden, aus den Schlagadern in die naͤchſten Blutadern uͤbergehen(g)Jn dem ganzen Tractat, derden Titul fuͤhrt: Anaſtomoſis re - tecta. . A. Kaauw Boer - haave ſahe daß die wachshafte Materie aller Orten, durch die ganze Aorte, in die Holblutader (caua) ein - drang(h)De Perſp. n. 550. 151.. Durch eine eilfſchuhige ſenkrechte Roͤhre er - hielt man, daß das Waſſer den Koͤrper eines ganzen Ochſen erfuͤllte, und aus den Schlagadern wieder in die Blutadern zuruͤkkehrte(i)Phil. exp. 84. 91. u. w., ohnerachtet eben der Verfaſ - ſer vorher ſchrieb, daß es ſchwerlich in dieſelben uͤberzu - gehen pflege(k)Hæmaſt. 144.. Jch habe hingegen vor meine Perſon bey ſehr vielen Verſuchen wahrgenommen, daß dieſes beinahe in allen Gefaͤſſen unſers Koͤrpers, beſonders aber an der Niere, dem Gehirne, dem Gekroͤſe, und der Lun - ge, ganz leicht von ſtatten gehe.

Ohnerachtet nun dieſe Erſcheinungen an ſich ganz deutlich und offenbar ſind, ſo iſt dennoch billig, daß man noch erſtlich unterſuche, ob diejenigen beruͤhmten Maͤn - ner Recht gehabt, die das Gegentheil davon behauptet. Bohn gruͤndete ſich hauptſaͤchlich auf den Saz, daß ein in die Blutader geſprizter Liquor niemals in eine Schlag - ader uͤbergehe(l)Angef. Ort. S. 100.. Wir koͤnnten Gegenverſuche, und ei - nen neuern Verfaſſer, den vortreflichen Chriſtoph Jak. Trew(m)Comm. Noric. 1739. Wo - che 36., anfuͤhren, welcher deutlich geſehen, daß ſichM 2das180Zweites Buch. Gefaͤſſe. das in den Bruſtkanal getriebne Quekſilber, nachdem es die Gehirnblutadern erfuͤllet, ebenfalls in die Schlag - adern der duͤnnen Gehirnhaut begeben habe. Jch ſelbſt habe gleichfalls mehr als einmal wahrgenommen, daß das Wachs aus der Pfortader, wenn ich es gegen das Gedaͤrme trieb, in die Schlagadern des Gekroͤſes uͤber - gegangen; Vieuſſens aber(m†)Angef. Ort. und Ger. van Swie - ten beobachteten, daß es in die Leberſchlagader eindrang(n)T. III. Comment. S. 82.. Es gehen aber uͤberhaupt die Einſprizzungen in die Blut - adern nicht gar zu gut von ſtatten, und man kann daher mit der Sprizze keine groſſe Gewalt brauchen. Denn wenn man das Roͤhrchen, wie es an den Schlagadern geſchicht, in einen groſſen Stamm einſtekt, ſo thun die Klappen Widerſtand: bindet man die Sprizzenroͤhre an eine kleine Blutader, ſo hat man keine Freiheit einige Gewalt zu gebrauchen. Ueder dieſes rauben auch die un - zaͤliche Blutaderverbindungen (anaſtomoſes) den Saft, den man in dieſelbe hinein preſſet, und endlich wird es ſehr wahrſcheinlich, daß die kleinſten Schlagadern dich - ter ſind und ſtaͤrker widerſtehen.

Der andere Einwurf wird von dem Safte herge - nommen, der ſich in das Zellgewebe ergieſſet; es gilt die - ſes zwar nur allein von ſehr duͤnnen waͤſſerigen Saͤften, von der in Kornbrantwein aufgeloͤſten Hauſenblaſe, oder warmen Schweineſchmalz, oder von dem mit groſſer Gewalt eingeſprizten Talg. Man verhuͤtet aber dieſen Fehler, ſobald man etwas kaltes Oel, oder eine gewiſſe Quantitaͤt Wachs dazu miſcht, und weniger Gewalt bei der Sprizze gebraucht, und man erhaͤlt alſo, daß alles, was man in die Schlagadern gebracht hat, durch die Blutadern wieder zuruͤkke kommt. Es zeiget aber die erſtere Begebenheit ganz allein, daß die Materie unge - hindert aus der Schlagader in das Zellgewebe flieſſenkoͤnne.181Schlagadern. koͤnne. Man koͤnnte noch aus dem Boerhaave hin - zuſezzen, daß Ruyſchens Materie, die derſelbe fuͤr aus - gelaufen und in Flekken zuſammengeronnen hielte, uͤber - haupt nichts als wahre Buͤſchel von ausdampfenden, und mit dem gefaͤrbten Talge angefuͤllten Gefaͤſſen gewe - ſen ſey(o)Præl. T. II. S. 17. 18.. Jndeſſen iſt es eine ausgemachte Sache, daß recht duͤnne Fluͤßigkeiten in der That herauslaufen. Noch wenigere Wahrſcheinlichkeit hat das Vorgeben Steph. Blankards(p)Jn dem Tractat de circulat. ſanguin. per fibras. , welches ohnlaͤngſt zu meiner groſſen Verwunderung von einem beruͤhmten Manne(q)Fr. qvesnay oecon. anim. T. III. S. 424. iſt angenommen worden, welcher behauptete, das Blut gienge aus den aͤuſſerſten Schlagadern in die Muskelfa - ſern, und durch dieſe kaͤme es allererſt wieder in die Blut - adern zuruͤkke.

Erwaͤgt man ferner, daß an Thieren, deren Gefaͤſſe mit bloſſen Augen entdekket werden koͤnnen, und die von beiderlei Art offenbar in einem Stuͤkke fortgehen, nicht das mindeſte ſchwammartige, oder vom Zellgewebe, oder irgend ein truͤbes Mittelweſen zum Vorſchein kommt, welches ſich zwiſchen dieſe Gefaͤſſe legen, oder ſie umge - ben ſollte, ſo glaube ich mit den vortreflichen Maͤnnern unſers Jahrhunderts(r)Ioh. Godofr. de berger de natura humana. S. 84. de inflam -mat. S. 8. 9. Samuel de berger angef. Ort. A. F. walther de ſangu. acceler. et retard. n. 13. und folg. Hermann Boerhaave, und andre mehr., die faſt durchgaͤngig dieſer Meinung beipflichten, daß man das Parenchima (Blut - ſubſtanz), welches zwiſchen denen herbeifuͤhrenden und zu - ruͤkleitenden Gefaͤſſen befindlich ſeyn ſoll, ganz ſicher ver - werfen koͤnne. Jch weis zwar mehr als zu wohl, daß auch nach der gluͤklichſten Einſprizzung haͤufiges Fleiſch an denen ſaͤmmtlichen Eingeweiden uͤbrig bleibt, welches keinen gefaͤrbten Saft weiter annehmen will(s)persoons de morb. vetula - rum ex Ill. albini præceptis. , es magM 3dieſes182Zweites Buch. Gefaͤſſe. dieſes nun ein Zellgewebe, welches weis bleibt, oder Ge - faͤſſe von kleiner Art ſeyn, in welche keine etwas dikke Materie eindringen kann(t)Naͤmlich die weiſſe Gefaͤſſe des vortreflichen Ferreins, die er in denen Comment. Acad. reg. ſcient. Paris. 1749. beſchrieben.. Wir uͤbergehen anjezo mit guten Vorbedacht die ganz ſonderbare Gemeinſchaft zwiſchen den Schlag - und Blutadern, da die Blutadern ſehr gros, und die Schlagadern nur ganz klein ſeyn, wie an dem Mutterkuchen(u)kavivs im Anhange zu M. B. valentini Amphith. Zootom. S. 52., oder auf andre Weiſe die ganz kleine Gefaͤſſe von der gewoͤhnlichen Bauart abgehen.

Uebrigens ſind dieſe ganz kleinen Gefaͤſſe, in denen das Blut aus den Schlagadern in die Blutadern uͤber - flieſt, allerdings ſehr zart, hoͤchſt durchſichtig, mit bloſ - ſen Augen gar nicht zu entdekken(x)Lettre ſur le nouveau ſyſte -me ſur la formation de la voix. S. 55., noch durch ein Ver - groͤſſerungsglas leicht wahrzunehmen; denn man kann Blutadern, die ein einziges Kuͤgelchen fuͤhren, viel leich - ter ſehen, als die Schlagadern. Jedennoch haben ſie ihre Membranen, ob ſich Anton van Leeuwenhoek(y)Daß ſich die Kuͤgelchen Plaz machten und durchpreſſeten, wel - ches der leichteſte Weg ſey. Oper. T. II. S. 184. gleich durch eine gemeine Erſcheinung, nach welcher die rothen Kuͤgelchen von den Schlagaderwaͤnden her - vorzuragen ſcheinen, hat uͤberreden laſſen, daß ſie gar keine haͤtten(z)Second. Memoire ſur le mouvem. du ſang. Exp. II. 124.. An einem bebruͤteten Eie ſcheinen al - lerdings den zweeten Tag, in einer gelben ſpreuhaften weichen Subſtanz (aceroſa pulpa), die Gaͤnge gleichſam mit einer Nadel vorgeriſſen zu ſeyn; den folgenden Tag aber kommen ſchon offenbare Membranen zum Vorſchei - ne. Suchet man den Durchmeſſer, ſo iſt derſelbe eben nicht ſchwer zu beſtimmen, denn er muß eben ſo groß, oder ein wenig groͤſſer ſeyn, als der Durchmeſſer eines Blutkuͤgelchens, das eine ganz kleine Schlagader aus -fuͤllet,183Schlagadern. fuͤllet(a)hales Hæmaſtat. S. 61. cowper phil. Tranſ. n. 280. 285. 460. mvys fabr. fibr. S. 303. ba - ker. angef. Ort. S. 136., daß ſolchemnach die Schlagader noch uͤber den Durchmeſſer dieſes Kuͤgelchens eine zarte Dikke fuͤr ihre Waͤnde zum Ueberſchuſſe hat. Wir werden anders - wo zeigen, daß dieſer Durchmeſſer ſehr klein(b)L. VI. darinnen vom Blute gehandelt wird., und kaum ſo gros ſey, als der dreitauſendſte Theil eines Zol - les. Stephan Hales(c)Hæmaſtat. S. 58. 52. macht den Durchmeſſer der Schlagader zweimal ſo groß, als der Durchmeſſer des Kuͤgelchens iſt, damit das Blut deſto ungehinderter durchlauffen koͤnne. Daß aber der Durchmeſſer der Schlagader kleiner ſey, als des Blutkuͤgelchens ſeiner, damit ſich daſſelbe etwas ſchwer, und mit einer Reibung fortbewegen muͤſſe(d)dovglass on the generat. of heat. S. 6., ſcheinet uͤberhaupt aus derjeni - gen Hipotheſe behauptet zu werden, welche bei der Be - wegung des Blutes beſondere Schwierigkeit vorausſezt, da doch die ſchon ſo oft angefuͤhrte Verwandlung der Ge - ſtalt derer Blutkuͤgelchen, worauf ſich dieſe angenomme - ne Meinung gruͤndet, noch gar nicht hinlaͤnglich und gewiß genung erwieſen iſt. Wenn in allen Thieren die Blutkuͤgelchen von gleicher Groͤſſe ſind, ſo folgt daraus, daß auch in allen die kleinſten Schlagadern gleichweit ſeyn muͤſſen(e)mvys. S. 306..

§. 23. 2. Der Ausfuͤhrungsgang.

Die zwote Endigung einer Schlagader oͤfnet ſich in den Ausfuͤhrungsgang, welches ein der Blutader ziemlich aͤhnlicher, und mit andern ſeines gleichen in groͤſ - ſere Staͤmme zuſammen laufender Kanal iſt, den alsdenn neue Aeſte, die den vorigen aͤhnlich ſind, beſtaͤndig ver -M 4mehren184Zweites Buch. Gefaͤſſe. mehren helfen. Dergleichen Gaͤnge unterſcheiden ſich von der Blutader auf zwiefache Weiſe. Denn ſie fuͤh - ren einen vom Blute unterſchiedenen Saft, und ſie brin - gen denſelben nicht der Blutmaſſe wieder zu, ſondern ſie fuͤhren ihn in eine groſſe Hoͤlung, dergleichen die fuͤr die Luft, die Speiſen, und den Urin beſtimmte iſt, oder end - lich auſſerhalb dem thieriſchen Koͤrper, wie zum Exempel die aus den Thraͤnendruͤſen entſpringende Ausfuͤhrungs - gaͤnge zu thun pflegen.

Man kann zwar dergleichen aus den Schlagadern fortgeſezte Gaͤnge nicht vermittelſt der Sinne erweislich machen. Leeuwenhoͤk hat, durch Huͤlfe ſeiner Ver - groͤſſerungsglaͤſer, nur einen einzigen Ausfuͤhrungsgang entdekket, der aus einer Schlagader ſeinen Urſprung ge - nommen, da er hingegen tauſendmal Blutadern geſehen, die daraus herfuͤrgekommen, und es iſt ſeit dem niemand ſo gluͤklich geweſen, ein mehreres von dieſen Anfaͤngen zu entdekken. Hieraus folgt, daß die Durchmeſſer der erſt entſtehenden Ausfuͤhrungsgaͤnge viel kleiner, als der Blutaͤderchen ihre, ſeyn muͤſſen, wiewol die durch - ſichtige duͤnne Waͤnde etwas mit beitragen koͤnnen, daß dieſe kleine Wurzeln dem Geſichte entzogen werden. Denn der beruͤhmte Heinrich Baker(f)Am angef. Ort. S. 136., welcher nur der ein - zige Zeuge iſt, der die gelben und weißfaͤrbigen Kuͤgel - chen, die in die Seitenkanaͤle gepreſt worden, zu behau - pten ſuchet, hat nichts anders, als einzele Blutkuͤgelchen geſehen, die oͤfters in der That von gelblicher Farbe ſind. Ferner iſt es an denen meiſten Orten ſehr ſchwer, etwas von Saͤften durch die Schlagadern bis in die Auswurfs - gaͤnge zu treiben. An den Hoden gelung es dem jungen ſehr fleißigen Alex. Monroo(g)De ſemine & teſtib. S. 23. ſo wenig, als mir; jedoch lieſſen ſich verduͤnnte Saͤfte, gefaͤrbtes Waſ - ſer und aufgeloͤßte Hauſenblaſe, in die Speichel -, Ge -kroͤs -185Schlagadern. kroͤsdruͤſen - und Thraͤnengaͤnge durch die Schlagadern bringen.

Es giebt aber doch auch andre gegenſeitige Erſchei - nungen, nach denen allerdings eine in die Schlagadern getriebene Feuchtigkeit in eins fort durch die Kanaͤle und die Ausfuͤhrungsgaͤnge zum Vorſchein gekommen. An den Nieren gehet es ſehr leicht an, daß man Luft, Waſ - ſer, und warmgemachten Talg vermittelſt der Nieren - ſchlagadern in den Harngang(h)Ein gleiches haben von eben dieſen Materien wahrgenommen, Will. Cowper uͤber den Bidloo T. 43. f. 5. und Ruyſch Theſ. I. aſſ. 2. n. 8. Theſ. II. aſſ. 6. n. 7. Theſ. III. n. 41. Theſ. VI. n. 2. 16. Theſ. VIII. n. 44. 96. Theſ. IX. n. 10. bringen kann, und man iſt in der That genoͤtigt, dieſen Kanal zu unterbinden, wenn man die Niere vollkommen ausſprizzen will, wie ich oͤfters erfahren habe. Man weis aber auch, daß ein Menſch bei ſeinem Leben mit dem Urine Quekſilber von ſich gelaſſen habe(i)rhod Obſ. 37. Cent. II. . Mir gluͤkte es ebenfalls an der Leber, und andern beruͤhmten Maͤnnern vor mir(k)ortlob Oecon. anim. S. 132. lischwe de princip. venar. S. 32. heuermann Phyſiol. T. III. S. 734. boerhaave de fabr. gland. S. 36. franken. de hepa - te, S. 19. Vieuſſ. (durch die Pfort - blutader, nicht durch die Schlag - ader,) am angef. Ort., daß gefaͤrbtes Terpentinoͤl durch die Schlagader, oder wenigſtens durch die Pfortader in die Gallengaͤnge uͤber - gieng.

Es gluͤkte dem vortreflichen Albin an den Speichel - und Gekroͤſedruͤſegaͤngen beſſer, als mir, wie man aus den Nachrichten ſeiner Schuͤler ſchlieſſen kann(l)haymann. Comm. in inſtit. re. med. T. III. S. 494. 815.. Die talghaften Gaͤnge des Meiboms ſprizten Ruyſch(m)Theſ. X. n. 124. mit Talge, Cowper(n)Ueber den Bidloo T. 19., Vieuſſens(o)Jn dem Anhang der Gene - ver Ausgabe des Verheins. T. I. S. 31. 32., und Man - get(p)Theat. anat. T. II. S. 168. dagegen die Milchgefaͤſſe in den Bruͤſten mit Quekſilber und Milch aus.

M 5Es186Zweites Buch. Gefaͤſſe.

Es hat aber auch die Natur von freien Stuͤkken noch andre Verſuche an die Hand gegeben, welche in der That eben dieſes beweiſen. Es geſchiehet naͤmlich ſehr oft, daß das von der Gebaͤrmutter zuruͤkgetriebene, oder an an - dern Orten uͤberfluͤßige und aufwallende Blut, durch dergleichen Auswurfsgaͤnge fortgeſchaffet wird, wodurch es ſich alſo von neuem beſtaͤtiget, daß dieſelben aus denen Schlagadern in einem Stuͤk fortlaufen muͤſſen, zumal da es gar nicht warſcheinlich iſt, daß bey verſchiedenen ſolchen Verſuchen die Kanaͤle zerreiſſen ſollten, indem auf dergleichen kurze Unordnung und Abweichung die Ge - ſundheit ſowol, als auch die gewoͤnliche Abſonderung derer Feuchtigkeiten, wieder auf den vorigen Fuß herge - ſtellet wird.

Man hat bey geſunden Menſchen einen zu gewiſſen beſtimmten Zeiten ſich einfindenden Blutflus durch die Harngaͤnge, (auch durch andre ungewoͤhnliche Wege,) wahrgenommen(q)Phil. transact. n. 471.. Ein dreitaͤgiges Fieber erregte ein Blutharnen(r)valcarenghi med. rat. S. 4.. An vollbluͤtigen hat Baronius(s)In Tripl. oper. medendi. S. 235. Th. Schenk Exerc. anat. S. 561. 562. harder Apiar. obſ. 79. ſchon laͤngſtens die Blutausleerungen fuͤr heilſam gehal - ten. Ein vollbluͤtiger achzigjaͤriger Greis gab mit dem Harne Blut von ſich(t)F. Hoffmann de venæ ſe - ctione prud. adminiſtr. S. 11.: die Krankheiten werden oͤfters, durch ein critiſches Blutharnen, zum Beſten der Kran - ken, gluͤklich gehoben(u)Amatus lvsitanvs Cent. II. curat. 93. salmvth Cent. III. obſ. 47.. Statt der monatlichen Rei - nigung erfolgte ein Blutfluß mit dem Harne durch die Nieren(x)bavsch de Hæmatite prodr. S. 22. Storch von Jungferkrank - heiten S. 332. moeb. Inſt. med. S. 422. stahl Theor. med. 758.. Die bloſſe Bewegung und das Fahren, oder allerlei Urſachen mehr, bringen zuweilen ein un -ſchaͤd -187Schlagadern. ſchaͤdliches, wenigſtens der Geſundheit nicht naͤchtheili - ges Blutharnen zuwege(y)Alex. bened. L. 22. c. 26. pechlin Cent. II. obſ. 57. hoff - mann med. ſyſt. T. IV. L. II. 136. 137. 150. Comment. acad. ſcient. Pariſ. 1735. obſ. 4. Commerc. litt. noric. 1731. hebd. 20. forest Obſ. 5. 7. L. 24. river Cent. I. obſ. 13. bonnet Sepulchret. L. III. S. 687. stahl am angef. Ort..

Aus denen Bruͤſten kommt zuweilen, ſtatt der Milch, Blut herfuͤr(z)salmvth L. II. obſ. 24. auzout in denen mit des Pec - quet Diſſertation de ſangu. & chylo herausgegebenen Tractaten. S. 105.. Das in ſeinem ordentlichen Ausgang geſtoͤhrte Blut der monatlichen Reinigung dringet aus denen Bruͤſten heraus(a)stalpart van der wiel Cent. I. obſ. 79.. Auf einen verſtopften Blut - fluß folgte eine roͤthliche Milch(b)Iuſt. vesti obſ. 4.. Durch die Bruͤſte gehet zur gewoͤhnlichen Zeit die monatliche Reinigung ab(c)panarolvs Pentec. IV. obſ. 13. rvysch Adverſ. III. n. 3. Com - ment. ad præl. T. V. P. II. S. 88..

Durch die Augen ergoß ſich die monatliche Reini - gung(d)mesaporitvs in den Phil. Transact. n. 302. valisneri T. III. S. 305. Dieſe floß lange Zeit. dodon. hiſt. vitis & vini. S. 110. Comment. ad præl. T. V. P. II. 88.. Die Augenliedergefaͤſſe oͤfneten ſich, das drin - gende Blut durchzulaſſen(e)stalpart van der wiel obſ. 19. cent. prior. . Nach einer Erhizzung von der Sonne brach eine Menge Blut durch die Augen hervor(f)bierling Adverſ. n. 98.. An einem Maͤdchen drang das Blut, nach einem hartnaͤkkigen Kopfwehe, aus den Augen und Oh - ren heraus, und dieſer neue Ausfluß daurete vier ganzer Jahre lang, wobei ſich die Kranke recht wohl befand(g)Phil. Transact. n. 268.. Eine mit Convulſionen beſchwehrte Perſon thraͤnte Blut(h)Diar. Trivultienſe Mai. Iun. 1701.. Bey einem zarten Knaben kamen mit Blut untermengte Thraͤnen herfuͤr(i)Eph. Nat. Cur. Dec. I. ann. 6. 7. obſ. 200.. Die monatliche Rei - nigung fand ſich bey einem Maͤdchen vom ſiebenden bisins188Zweites Buch. Gefaͤſſe. ins dreizehnte Jahr allezeit tropfenweiſe aus den Augen ein, nachhero aber gieng ſie durch den ordentlichen Weg wieder ab(k)helwig Obſ. 140.. Der Schwindel wurde gluͤklicherweiſe nach einer ſtarken auf fuͤnf Unzen ſich belaufenden Blut - ergieſſung durch die Augen gehoben(l)zacvtvs Luſitan. Hiſt. med. mir. obſ. 54.. Eine andre ſehr haͤufige Blutausleerung erfolgte aus dem Winkel der Au - genlieder(m)Blankards Jahrregiſter, Cent. VII. obſ. 27..

Durch den Speichelgang fuͤhrte die Natur die weib - liche Blume aus(n)Eph. Nat. Cur. Dec. III. ann. 7. 8. obſ. 48..

Nach dieſen angefuͤhrten Beiſpielen, die ich mit einer un - gleich groͤſſern Anzal von andern haͤtte vermehren koͤnnen, wird es nun nicht noͤthig ſeyn, andere widernatuͤrliche Blutergieſſungen, ſo durch die ausfuͤhrende Gaͤnge geſchehen ſind, beizubringen. Einige wenige koͤnnen hier ſchon genung ſeyn. Von dem Biſſe der Schlange, welche die Jndianer Ibiracoa nennen, brach das Blut aus Oh - ren, Naſe und den Augen hervor(o)piso Hiſt. nat. Ind. S. 276.. Bei der ſo fuͤrch - terlichen Krankheit, welche die Franzoſen die Siami - ſche Krankheit, die Englaͤnder aber das gelbe Fie - ber nennen, weil ſich das Blut in einen gelben Eiter aufloͤſet, dringet das Blut durch die Ohren, Naſen, Au - gen, und andre Theile hervor, und folget gemeiniglich ein toͤdtlicher Ausgang darauf(p)chevalier malad. de S. Domingue S. 5. loyer voyage d’Isſigny. S. 7.. Nach einem beige - brachten Liebestrank brach das Gebluͤt durch die Nieren, Thraͤnen, und die Ohrenſchmalzwege hervor(q)Henr. ab heers Obſ. oppi - do rar. S. 126. u. w.. Jn der Gelbeſucht erfolgte eine Blutergieſſung von zwei Pfunden durch die Thraͤnendruͤſe, mit gleich toͤdlichen Ausgange(r)Phil. transact. n. 208.. Jn den boͤsartigſten Pokkenkrankheitengehet189Schlagadern. gehet das Blut mit dem Urin ab, nach welchen Zufall aber die Kranken ſelten davon kommen(s)lister de variolis. S. 93..

Dieſe Beiſpiele dienen in der That zur Erlaͤuterung desjenigen, was wir vorher geſagt haben. Denn wenn ſie gleich nicht zu der geſunden Beſchaffenheit des Koͤr - pers gehoͤren, ſo zeigen ſie doch deutlich an, daß keine Zer - reiſſung feſter Theile geſchehen ſey, oder neue Wege fuͤr das ergoſſene Blut waͤren gemacht worden, ſondern daß die Aufloͤſung des Blutes einzig und allein die Urſache von allem ſey. Wir haben uns aber jezzo zu zeigen vor - genommen, daß die Ausfuͤhrungsgaͤnge ihren Urſprung von denen blutfuͤhrenden Schlagadern nehmen. Und dieſen Beweis kann ſo wenig die Schlaffheit der Gefaͤſſe, als ein verduͤnntes Blut im geringſten entkraͤften.

Endlich kann man noch hinzufuͤgen, daß man ein, obwol gar ſeltenes, Beiſpiel habe, da die Fortſezzung des Ausfuͤhrungsganges aus der rothgefaͤrbten Schlag - ader deutlich kann vor Augen gelegt werden(t)bertin Mem. de l’Acad. des ſeienc. 1744. S. 98. 99..

Wenn dahero die eingeſprizte Saͤfte aus einer roth - gefaͤrbten Schlagader in verſchiedne Ausfuͤhrungsgaͤnge ohne Aufenthalt, oder ohne Knoten zu bilden, uͤberge - hen: wenn das rothe Blut, von geringen, wenigſtens die feſten Theile nicht veraͤndernden Urſachen, in dieſe Gaͤnge geleitet wird; wenn ferner der Augenſchein ſelbſt dieſes beſtaͤtiget: ſo gewinnt es in der That das Anſehen, daß die blutfuͤhrende Schlagadern mit den Ausfuͤh - rungsgaͤngen gerade fortgehen, und daß dieſer Ausgang ganz ſicher, und ohne einen Jrrthum zu befuͤrchten, fuͤr eine von den Endigungen dieſer Schlagadern angenommen werden koͤnne.

§. 24.190Zweites Buch. Gefaͤſſe.

§. 24. 3. Fuͤnffache Ausdampfung. Jn das Zellgewebe, und in die Lunge.

Die dritte Endigung beſtehet darinnen, daß eine mit Blut erfuͤllte Schlagader, ohne andre Mittelwege, ent - weder ſelbſt, durch ihr gleichſam abgeſchnittnes Ende das Blut ausſchuͤttet; oder eine duͤnnere Fluͤßigkeit durch ihre Schweisloͤcher ausſchwizzet, die ſich in das Zellge - webe ergieſſet; oder ſich wenigſtens in ein ausduͤnſtendes Gefaͤschen endigt, welches weder eine Blutader, die wie - der zum Herzen zuruͤkkehrt, noch ein Ausfuͤhrungsgang iſt, der ſich nach Art der Blutadern mit andern ſeines gleichen in einen groͤſſern Stamm vereinigte; ſondern es iſt dieſes kleine Gefaͤß uͤberhaupt kurz und einfach, und fuͤhret ſeinen fluͤßigen Saft durch das eroͤfnete Ende aus. Man macht aber nach der Verſchiedenheit dieſer Dampf - gefaͤſſe fuͤnf neue Arten dererſelben. Es oͤfnet ſich naͤm - lich dergleichen Gefaͤs entweder in eine anſehnliche Hoͤ - lung des Koͤrpers, dergleichen der Mund, Magen, das Gedaͤrme, die Naſe, Harn - und Gallenblaſe, die Ge - baͤrmutter, die Mutterſcheide, die Gehirnhoͤlen, die Hoͤ - lungen des Ribbenfells, Herzbeutels, des Darmfells, des Scheidenuͤberzuges (tunica vaginalis) iſt, oder es geſchiehet die Ausduͤnſtung in dem ganzen aͤuſſern Um - fange des Koͤrpers, vermittelſt der Haut, der Vereini - gungsmembrane, zwiſchen denen Augen und Augenlie - dern; oder es oͤfnen ſich die von den blutfuͤhrenden Schlagadern entſprungene Gefaͤſſe in ſubtilere Hoͤlungen, und ſchuͤtten daſelbſt ihren Saft in kleine Hoͤlen, oder in wahre Druͤſen aus.

Jch werde alſo zeigen muͤſſen, daß dieſe fuͤnferlei Ausduͤnſtungsarten in der That gegruͤndet und allerdings vorhanden ſind. Wir wollen an einem andern Orte vonder191Schlagadern. der Blutergieſſung handeln, die aus einer rothgefaͤrbten Schlagader in das ſchwammige Gebaͤude, der mit zell - foͤrmigen Hoͤlen verſehenen Warze, welche an denen Bruͤ - ſten angeſezzet iſt, ingleichen auch der weiblichen und maͤnnlichen Ruthe, und in die unter der Haut gelagerten zellige Raͤume der Halskrauſe am Welſchen Hahne, und den Hanenkaͤmmen geſchiehet(u)Jm vorlezten Buche, und dem lezten, wo von den Zeugungs - theilen ſoll gehandelt werden. Jn - deſſen vergleiche damit Comment. ad Præl. boerhaave T. V. P. I. S. 423. 424. P. II. 426..

Von der zwoten Art, da ein Saft aus einer rothen Schlagader, entweder durch die Schweisloͤcher, oder vermittelſt ganz kurzer Kanaͤle, in die umherliegende Zell - raͤume durchſchwizzet, haben wir bereits an den Hoͤlun - gen des Zellgewebes ein merkwuͤrdiges Exempel angefuͤh - ret(x)L. I. S. IV. S. 35. Die klein - ſten Schlagadern ſchwizzen etwas aus. B. S. albinvs Adn. L. III. c. 10.. Ein zweites, eben ſo merkwuͤrdiges, befindet ſich an der Lunge, welches an gehoͤrigem Orte ſoll beige - bracht werden(y)Comment. ad Præl. n. cci. ; inzwiſchen aber will ich nur dieſen einzigen Verſuch voraus anfuͤhren, der mit ganz gerin - ger Muͤhe kann gemachet werden. Man ſtekke in die Holader nahe am Herzen eine Roͤhre, und ſprizze ein blaugefaͤrbtes Waſſer durch dieſe Roͤhre ein: ſo wird daſ - ſelbe in die rechte Herzkammer und die Lungenſchlagader uͤbergehen, auch darauf die ganze, blaͤſige, und ſchwamm - artige Lungenflaͤche von einem blauen Thaue bedekket werden, welcher hernach ſchaͤumend und mit Luft ver - miſcht, durch die Luftroͤhre wieder herausdringen wird. Eben dergleichen Durchſchwizzung durch die Lunge ge - ſchiehet von dem Blute ſelbſt in einer von denen gefaͤhr - lichſten Krankheiten, wenn naͤmlich daſſelbe, indem es durch die verſtopfte Lunge nicht durchflieſſen kann, und mit groſſer Gewalt von der preſſenden rechten Herzkam - mer in die verengerten Schlagadern gedrengt worden,uͤber -192Zweites Buch. Gefaͤſſe. uͤberall herfuͤrdringet, und ſich unter der Geſtalt einer rothen leberaͤhnlichen Maſſe durch die ganze Lunge ergieſ - ſet, und die gemeiniglich mit einem toͤdlichen Ausgang ſich endigende Art von Lungenentzuͤndung nach ſich ziehet(a)Opuſc. pathol. obſ. 14.. Es dienet aber auch gleichfalls zu gegenwaͤrtiger Abſicht das Beiſpiel von den monatlichen oder andern Blutfluͤſ - ſen, da das allzuſehr gehaͤufte Blut, wenn es durch die Gebaͤrmutter keinen Weg findet, ſehr leicht in die vor die Luft beſtimmte Lungenblaͤschen zuruͤktritt, und mit wenigerer Gefar, als es an den Mannsperſonen zu ge - ſchehen pflegt, vermittelſt des Blutſturzes ausgeſtoſſen wird(b)pechlin L. I. obſ. 43. hvx - ham on fevers. S. 44. 191. hip -pocrates περι γυναικειων, u. a. haͤufig in Comment. ad Præl. T. V. P. II. S. 86. angefuͤhrte Maͤnner.. Denn es beweiſet die nachherige Wiederher - ſtellung der Geſundheit, daß die Gefaͤſſe nicht zerriſſen, ſondern nur erweitert worden ſind.

§. 25. Die Durchſchwizzung in groͤſſere Hoͤlungen.

Auf gleiche Weiſe kann man auch die Ausduͤnſtun - gen der Schlagadern, in die groͤſſere Koͤrperhoͤlungen, be - weiſen, und zugleich zeigen, daß dieſelbe eben ſo, wie wir von der Durchſchwizzung in das Zellgewebe geſagt haben, aus denen rothen Schlagadern herruͤhre. Jn der That geben alle Membranen in dem menſchlichen Koͤrper durch ihre unſichtbare Schweisloͤcher einen Dunſt von ſich, welchen ich ſehr oft, in aufgeſchnittenen Hun - den, unter der Geſtalt eines Rauchs, von der noch warmen Oberflaͤche der harten und duͤnnen Gehirnhaut, des Her - zens, der Lunge, Leber, Milz, der Gekroͤsdruͤſe, der Nieren, Gedaͤrme, des Magens, der Harnblaſe, des Nezzes, des Gekroͤſes, der Ribbenhaut und des Darm -felles193Schlagadern. felles habe ſehen aufſteigen(c)kaauw de Perſp. n. 539. 540. 542. 543. 544. 547. 549.. Dieſer Dampf hat ei - nen ſehr widrigen Geruch, der die fluͤchtige Art derer mit dem aufgeloͤſeten Oel verbundenen thieriſchen Theile zu erkennen giebt, und aͤuſſert ſich hauptſaͤchlich auf die - ſe Art in dem Unterleibe; denn der aus der Bruſt auf - ſteigende iſt nicht ſo uͤbelriechend(d)Ebendieſ. beruͤhmte Mann ebendaſ.. Wir finden dieſen Dampf nach dem Tode des Thieres in denen vorangezeig - ten Hoͤlungen in ein Waſſer verwandelt, von deſſen Be - ſchaffenheit, nach welcher es ſich durch das Feuer oder den Alkohol (hoͤchſt rectificirten Weingeiſt) zum Gerin - nen bringen laͤſt, alsdenn gehandelt werden ſoll, wenn die Rede von der Limphe ſeyn wird(e)rvysch Obſ. rar. poſt tract. de valvul. XIX. N. stenonis de muſc. & gland. n. 45. 46.. Dieſes iſt eben der durchdringende Saft, durch deſſen Huͤlfe die Gelenk - ſteifigkeiten (ancyloſis) und andre der ſchlimſten Krank - heiten bisweilen gehoben werden, wenn man den ver - ſtopften Theil zwiſchen die Eingeweide eines noch leben - den und athmenden Thieres ſtekken laͤſſet. (f)desportes Traité des armes à feu. S. 258.Er koͤmt auch, wenn der Unterleib eines lebendigen Thieres geoͤf - net wird, allezeit wieder zum Vorſchein, wenn man ihn abgewiſcht hat, und benezzet die Membranen wieder mit neuen herfuͤrdringenden Tropfen(g)kaauw n. 541. 548. 557.. Man kann indeſ - ſen die Erzeugung deſſelben leicht nachmachen, wenn man warmes Waſſer(h)kaauw n. 546. 549. 550. 551. 552. 555. 556. 557. 562. 563. Comment. in Præl. boerh. T. I. S. 596. T. II. S. 625. C. A. a bergen Diſſ. de perſpir. viſcer. , oder im Kornbrantweine zerlaſſne Hauſenblaſe, oder Terpentinoͤl, oder endlich warmge - machtes Schweineſchmalz in die Aorte eines Thieres oder Menſchen, oder in die Schlagader des Gekroͤſes oder Bauches (meſenterica & coeliaca) einſprizzet. Denn es ſchwizzen hierauf eben ſolche Tropfen uͤberall aus dieſenMem -N194Zweites Buch. Gefaͤſſe. Membranen hervor, und ſie erfuͤllen, ohne daß das ge - ringſte an denſelben verlezzet worden, die Behaͤltniſſe. Denn es ſchwizzet bey dieſem Verſuch nur allein das Ter - pentinoͤl durch, indem die Mennige in den kleinſten Ge - faͤſſen zuruͤkke bleibt, welches ſonſt nicht erfolgen wuͤrde, wenn die Gefaͤſſe zerriſſen waͤren. Eben dieſes erfolget auch, wenn man in die Pfortader einen duͤnnen Saft einſpruͤzzet(i)günz de Hepate n. 8. kaavw. n. 562.. Jch habe oft ſelbſt wahrgenommen, wie ſchoͤn die blaue Gallerte die Hirnkammern und die Nezzhoͤle ausfuͤllte, ſo daß dieſe Hoͤlungen ihre natuͤrliche Geſtalt unveraͤndert beibehielten.

So wie die waͤſſrigen und verduͤnnten Saͤfte, eben ſo gehet auch nicht ſelten etwas von Blut mit in dieſe Wege uͤber, und es iſt nichts ſeltenes, daß in denen tod - ten Leichnamen das Herzbeutelwaſſer, oder die Bauch - feuchtigkeiten roth gefaͤrbt angetroffen werden; bey der menſchlichen Leibesfrucht aber wird dieſes beſtaͤndig wahr - genommen(k)santorini Iſtoria d’un feto. n. 51.. Die waͤſſeriche Augenfeuchtigkeit faͤrbt ſich bey eben derſelben allezeit roth; ſie zeiget aber auch ſonſten zum oͤftern dergleichen Blutfarbe(l)nvk Defenſ. duct. aquoſ. S. 25.. Von ſol - cher Art iſt das Naſenbluten; denn das Blut zerreiſſet alsdenn die eigentliche ausduͤnſtende Gefaͤſſe in der Naſe nicht, ſondern erweitert ſie nur. Eben dieſen Weg nimmt in Bruſtkrankheiten die Gallerte, welche, wie wir kuͤnftig zeigen werden, durch die Lunge und das Herz als wie ein Honig heraus ſchwizzet(m)Damianus sinopevs Pa - rerg. med. S. 38. 60. senac Eſſais de phyſique. 735. S. 544. qves - nay Traité des ſuppurations. . Dieſer Dunſt verhindert eigentlich, daß die Membranen(n)kaavw n. 635., und die Eingeweide welche ſich zwiſchen Membranen befinden, und dadurch zuſammen gehalten werden, nicht leicht zu - ſammen wachſen koͤnnen. 〈…〉〈…〉〈…〉〈…〉,195Schlagadern. 〈…〉〈…〉(Denn es iſt eine jegliche unverwachſene Hoͤlung im geſunden Zuſtande mit einem geiſtigen Dam - pfe, und bei Krankheiten mit Eiter angefuͤllet.) Dieſes ſind die Ausdruͤkke eines alten Verfaſſers, deſſen Buch unter des Hippokrates ſeinen Werken mit befind - lich iſt(o)περι τεχνης.. Jch habe nur dieſe einzige Hauptſtelle aus - gezeichnet, wiewol Abraham Kaauw Boerhaave, dem dieſer ganze Theil der Phiſiologie in der That viel zu dan - ken hat, deren mehrere anfuͤhret. Dieſes iſt das zarte und duͤnne Waſſer, welches alle Membranen im thieri - ſchen Koͤrper feuchte erhaͤlt, wie Veſal(p)De fabr. corp. hum. S. 728. erinnert: und es dringet daſſelbe aus denen Membranen, wenn man ſie abſondert, unter der Geſtalt ganz kleiner Troͤpfgen hervor(q)helvetivs Lett. au ſujet de la critique de M. besse. S. 206. 207..

Daß aber die Gefaͤſſe, die dieſe Feuchtigkeit abſon - dern, kurz ſind, und aus den Schlagaͤderchen ihren Ur - ſprung nehmen, beweiſet der ganz ungehinderte Durch - gang der, obgleich etwas groͤberen, Feuchtigkeiten, ja auch endlich des Blutes ſelbſt, zur Gnuͤge.

Mit dieſer Ausduͤnſtung hat diejenige eine Aehnlich - keit, welche in die innere Flaͤche(r)kaavw n. 112. 120. 177. 178. 179. bis 182. 185. 186. 191. 194. 195. 196. 201. 202. 204. 210. 213. 214. 562. aller Koͤrperhoͤlen am Menſchen, in den Mund, den Schlund, die Luft - roͤhre, den Rachen, Magen, das Gedaͤrme, die Gal - len-und Harnblaſe, die Nierenkapſeln, und in die Ge - baͤrmutter durchſchwizzet, wiewol ſie oͤfters aus deutli - chern und ſichtbareren Flokken hervortritt. Daß dieſe Ausdaͤmpfung gleichfalls durch Gefaͤſſe geſchehe, welche aus den rothen Schlagadern herausgehen und weiter fortlaufen, zeiget ein verduͤnnter Saft, der, wenn erN 2ein -196Zweites Buch. Gefaͤſſe. eingeſprizzet worden, aus dieſen Schlagadern in ge - dachte Hoͤlungen, beſonders in die Magen-und Gedaͤrm - hoͤle dringt, daß man alſo gar nicht Urſache hat, die Blutadern deswegen zu unterbinden(s)hartmann de Peritia ana - tom. veter. ſpec. Diſſert. I. n. 27. 28.: denn das Waſ - ſer, das Terpentinoͤl, und die verduͤnnte Hauſenblaſe, ja bisweilen ſelbſt das Wachs, erwaͤhlen gar zu leicht und allzuhaͤufig eben dieſen Weg, und breiten ſich daſelbſt aus(t)kaavw. n. 186. 187. 196. 201. 213. von der Mutter, der Harn - blaſe, dem Magen und Gedaͤrmen. Dele Boe sylvivs Diſp. med. VI. n. 53. von der Gallenblaſe..

Ferner ergieſſet ſich in eben dieſe Gaͤnge, wenn ſie auch alleſamt unverlezzet ſind, zum groſſen Vortheil de - rer Kranken, ebenfals auch Blut, theils unter der Ver - ſtopfung der monatlichen Reinigung, theils unter Fie - bern, theils auch andrer Urſachen halber, die nicht eben neue Muͤndungen zu wege bringen, ſondern die alten und natuͤrlichen nur erweitern helfen. Statt der mo - natlichen Reinigung wird das uͤberfluͤßige Blut in denen heiſſen Eilanden von Weſtindien oͤfters durch den Stuhl - gang ausgefuͤhret(u)towne de morb. Barbadenſ. S. 115. Mehr Exempel ſiehe in Comm. Boerh. V. P. II. S. 87.. Eben daſſelbe iſt unter gleichen Umſtaͤnden ohne Schaden durch Brechen weggegan - gen(x)stalpart van der wiel, Cent. II. c. 17.. Einen periodiſchen Blutflus, der durch den Hintern und die Harnblaſe erfolget, haben wir ſchon vorher angefuͤhret(y)Phil. Trans. n. 471.. Bei dem Kranken, deſſen Va - lisneri(z)T. III. Opp. omn. S. 305. erwaͤhnt, drang das Blut faſt durch alle Ausfuͤhrungsgaͤnge am Koͤrper, als aus dem Zahnflei - ſche, den Augen, der Naſe, den Ohren, durch den Hin - tern und mit dem Harne heraus, mit einem gluͤklichen Erfolg. Bei einem jungen Menſchen, welcher lange krank darnieder gelegen, drang das Blut wechſelweiſedurch197Schlagadern. durch die Nieren, die Lunge, den Magen, und das Ge - daͤrme hervor(a)Alberti kleiner Schriften S. 580.. Bei Milzſuͤchtigen ging das Gebluͤte zu zehen Pfunden durch den Stuhlgang und vermittelſt des Erbrechens mit merklicher Erleichterung, auch zuweilen mit darauf folgender voͤlliger Beſſerung des Kranken ab(b)Marc. donatvs Hiſt. med. mir. L. IV. 19.. Durch den Hintern wurden ohne weiteres Uebel fuͤnf Pfunde ausgetrieben(c)smetivs in Miſc. , ingleichen auch ſechs(d)Diomed. Cornarius Obſ. med. c. 26.. Ein Gelbſuͤchtiger entledigte ſich zu ſeinen Beſten durch den Hintern vom Blute(e)bartholinvs Cent. V. h. 41.. Bei einem andern wurden vier bis fuͤnf Pfunde Blut durch den Stuhlgang ausgefuͤhrt, und durch dieſe Criſis ein ſehr heftiges Kopfweh (cepha - laea) gehoben(f)hildanvs L. II. obſ. 19.. Ferner ſind innerhalb vier und zwan - zig Stunden zwoͤlf und vierzehn Pfunde hellrothes Blut, mit guter Erleichterung des Kranken, ausgeleeret wor - den(g)spindler Obſ. 44.. Ein ſtarker Blutflus erfolgte durch den Hin - tern, ohne einiges Nachtheil, worauf ſodann ein dikkes zaͤhes geronnenes Weſen folgte, das aus dem in die Ge - faͤſſe wieder aufgenommenen Schleime beſtand(h)Iul. ofrai Obſ. de prat. 80.. Daß der Blutdurchlauf oͤfters heilſam ſey(i)rhodivs Obſ. 85. cent. 10., und auch als - denn ohne zerriſſene Gefaͤſſe erfolge, wenn der Koͤrper davon zu ſchwinden anfaͤngt, davon zeigen auch gewiſſe Faͤlle(k)Glisson de hepat. 442.. Endlich iſt die monatliche Reinigung bei dem Frauenzimmer ein beſtaͤndiges Beiſpiel und deutlicher Beweis, daß in der Gebaͤrmutter durch die zarten zur Ausdaͤmpfung beſtimmten Gefaͤſſe Blut ausſchwizze.

Uebrigens haben auch die vortreflichen Maͤnner, Ruyſch(l)Epiſt. XI. u. w., B. Siegf. Albin(m)n. 112. 186. 187. walther de inteſt. anguſt. n. 3., und Kaauw Boer - haave(n)kaavw n. 113., auch ich ſelbſt fuͤr meine Perſon ebenfalls,N 3wahr -198Zweites Buch. Gefaͤſſe. wahrgenommen, daß das in die Schlagadern geſprizte Wachs in den aͤuſſerſten Flokken haͤngen geblieben, mit - hin alſo offenbar daraus erhellet, daß ſich die Zweige der Schlagadern in der That bis in dieſe Flokken ver - laͤngern, und darinnen mit weiten Muͤndungen endigen muͤſſen.

§. 26. Die Ausduͤnſtung durch die Haut.

Die Schlagadern duͤnſten noch auf andere Weiſe, naͤmlich durch den ganzen aͤuſſern Umfang des menſchli - chen Koͤrpers, und durch die gegen das Oberhaͤutchen gekehrte Oberflaͤche der Unterhaut aus: es iſt dieſelbe ſchon laͤngſtens unter dem Namen ſowol des Schweiſ - ſes, als der unmerklichen Ausduͤnſtung bekannt. Dieſes iſt ebenermaſſen ein Geſchaͤfte der Schlagadern, und geſchiehet durch die kleinen Gefaͤſſe, die aus den Schlagadern der Haut in einen fortgehen. Man kann dieſen Schweis ohne groſſe Muͤhe mit dem Waſſer(o)kaavw n. 94. 96. nachmachen, wenn die Schlagadern derer aͤuſſerſten Glieder, oder die Aorte, beſonders an ſehr zarten Kna - ben, damit ausgeſprizzet werden. Denn es troͤpfelt daſ - ſelbe alsdann aller Orten aus der Oberflaͤche der Haut heraus, und ſamlet ſich in Blaſen, indem es das un - durchdringliche Oberhaͤutchen in die Hoͤhe treibt, von dem es an verblichnen Koͤrpern zuruͤkke gehalten wird. Eben dieſen Weg nimmt auch, wie ich ſehr oft geſehen, der aufgeloͤſete Fiſchleim oder Hauſenblaſe, die man vorher nach Belieben gefaͤrbt hat. Das Wachs kann man ſeltener durch dieſe Gefaͤſſe treiben, da ſie ohnehin nicht ſo weit ſind, als die inwendigen Flokken; indeſſen iſt doch auch dieſer Verſuch bisweilen gut von ſtatten ge -gangen199Schlagadern. gangen(p)rvysch beim boerh. de fabr. gland. S. 6. kaavw n. 96.. Auch dieſen Weg, der allein zu duͤnnen Fluͤſ - ſigkeiten beſtimt iſt, pflegt das Blut ebenfalls und oft genung zu erwaͤhlen. Ariſtoteles fuͤhret ſchon Beiſpie - le von Blutſchweiſſe an(q)De part. anim. L. III. c. 5., und ihm ſind viele Schrift - ſteller mehr nachgefolget(r)Marcell. donatvs Hiſt. med. mir. S. 17. 30. hildanvs L. VI. obſ. 70 borellvs hiſt. S. 353. Jetze von den weiſſen Haſen. S. 14. binninger Cent. 4. obſ. 52. an verſchiednen Kindern. senac T. II. 669. 670. (daß er oͤfters an den Achſelhoͤlen vorkomme). Eines vom Schrekken entſtandenen Blut - ſchweiſſes erwaͤhnet mvsitanvs. . Vom Gebrauch des Fall - krautes oder Wolverley (Arnica) entſtand ein rother Schweis an der Bruſt(s)dilthey obſ. 2.. Ein Blutſchweis drang durch die kleinen Oefnungen in der Haut hervor(t)tvlpivs L. II. c. 31.. Jn hizzigen Fiebern erfolgte eine Durchſikkerung (diapedeſis) unter der Geſtalt eines blutreichen Schweiſſes, die ſo ſtark wurde, daß das Hemde unter der Achſel davon ge - faͤrbt erſchiene(u)hvxham of fevers S. 44.. Jn dem Fieber, das in Jamaica gewoͤhnlich graſſiret, brechen zwar an ſich heilſame Blut - ergiſſungen, die man aber kaum zuruͤkke halten und min - dern kann, durch die Schweisloͤcher der Haut hervor(x)williams of the yellow fe - ver S. 13. Jn der Peſt ſahe eben dergleichen zacvtvs Luſitanus Prax. admir. L. III. obſ. 41., und es bringen dergleichen Blutſchweiſſe, auf denen von den Franzoſen bewohnten Antillen-Jnſeln, viele Leute innerhalb vier oder fuͤnf Tagen ums Leben(y)helvetivs des pertes du ſang. S. 87. 88.. Die monatliche Reinigung drang durch die ganze mit Haaren bedekte Oberflaͤche des Hauptes, als ein blutiger Schweis bei ſehr vielen Perſonen hervor(z)pechlin Obſ. med. III. L. I. et de Apopl. n. 15. schenk Exercit. anat. S. 175. kerkring obſ. 86. rvysch Adv. anat. III. n. 3. mehr Stellen ſind geſamlet in Comm. ad boerh. T. V. P. II. S. 87., ingleichen auch bei der Wurzel eines Nagels am Finger(a)Comm. T. V. P. II. S. 87. 89., und durch an - dre Stellen der Haut(a*)C. a. reyes Camp. elys. jucund. quæſt. n. 93.. So hat man auch einen be -N 4ſonderen200Zweites Buch. Gefaͤſſe. ſonderen kritiſchen Blutſchweis(b)zacvtvs Luſitanus Prax. ad - mi[r. L.]III. obſ. 75.. Bisweilen wird das Blut auf eine ſonderbare Weiſe durch einige Schweis - loͤcher der Haut ausgetrieben. Ein junger Menſch be - kam zu gewiſſen Zeiten aus der kleinen Fingerſpizze ei - nen blutigen Schweis, und es war ihm dieſe Criſis ſo natuͤrlich geworden, daß er ſich, wenn ſie ausblieb, alle - zeit uͤbel dabei befand(c)hird of contag. diſeas. S.. Jn heftigen Kopfwehe (ce - phalaea) ſchwizzte Blut durch die Achſelhoͤle und die Fus - zeen, ingleichen auch aus dem Hand-ruͤkken(d)pezold obſ. 46.. Es floß daſſelbe durch die Ohren, Finger-und Zeeſpizzen, durch die Spizze der Zunge, den Nabel, den Augenwinkel(e)mesaporitvs phil. Trans. n. 302.. Es ſchwizte aus der Haut der Hand und der Wangen Blut hervor(f)bartholinvs Hiſt. anat. XIII. Cent. III. . Ein anhaltender Blutſchweis erfolgte bei einem ganz geſunden Menſchen(g)binninger Cent. IV. obſ. 53.. Eine groſſe Menge Blut kam aus dem kleinſten Finger hervor(h)H. ab heers obſ. 23.. Die guͤldne Ader, die auf eine nachtheilige Art war zuruͤk - gehalten worden, erhielt einen andern Ausbruch, indem das Blut durch die weibliche Geſaͤshaut (interfemineum) aus einem unmerklichen Schweisloͤchlein hervordrang(i)zacvtvs Prax. med. obſ. 51.. Ein ganz kleines Schweisloͤchlein oͤfnete ſich am Fuſſe, wodurch eine heilſame Blutergieſſung erfolgte(k)Commerc. litter. Noric. 1740. Woche 26.. So drang auch das Blut durch Schweisloͤcher, welche als Nadelſtiche anzuſehen waren, am Kopfe, der Schulter, dem Ellbogen, den Fingern, und dem Fuſſe heraus(l)Phil. Trans. n. 109..

Wir uͤbergehen die blutigen ſcorbutiſchen Schweiſſe(m)G. v. Swieten Comment. in aphor. boerh. T. III. S. 608., die vielleicht aus den zerfreſſenen Gefaͤſſen entſtehen koͤnn - ten, wenn gleich die Wege nicht deutlich genung zu ſehengeweſen.201Schlagadern. geweſen. Es mag an gegenwaͤrtiger Sammlung ge - nung ſeyn, welche zum Beweiſe dienen kann, daß die ausduͤnſtenden Hautgefaͤſſe von den rothen Schlagadern ihren Urſprung nehmen.

§. 27. Die Ausduͤnſtung in die Druͤſen.

Die lezte Art der Ausdampfung geſchicht in die ver - borgne Gaͤnge, oder in die eigentlich ſo genannten Druͤ - ſen. Von dieſer Art werde ich an einem andern Ort ausfuͤhrlich handeln(o)L. VII. de ſecretione. . Denn es ſchwizzet in dieſe Druͤ - ſen, wie in die groͤſſere Hoͤlungen unſers Koͤrpers, aus den rothen Schlagadern ein Saft durch, den die Zer - gliederer kuͤnſtlich nachmachen, und dieſe kleine Hoͤlchen mit Waſſer, und bisweilen ſo gar mit Wachs ausſpriz - zen(p)Jn die Gedaͤrmdruͤſen des Peyers, iſt ſolches von Ruyſchund Kaauw geſchehen. Angef. Ort. n. 255.: die Natur treibet aber, wenn ſie gereizt oder da - zu von irgend einer andern Urſache veranlaſſet worden, auf gleiche Weiſe, wie bei denen erſtern Arten der Aus - daͤmpfung, eine bisweilen zuſammenrinnende Limphe, und endlich auch Blut durch eben dieſe Wege fort, wie man an denen Vertiefungen in der Harnroͤhre, nach geſche - hener Einſprizzung ſcharfer Feuchtigkeiten, ſehr oft wahr - nimmt.

§. 28. 4. Jn kleinere Gefaͤſſe. Das Flieswaſſer-Gefaͤs.

Der lezte Ausgang einer rothen Schlagader, wor - uͤber zwar ſehr geſtritten wird, endiget ſich in ein Gefaͤs von kleinerer Art, welches keinen rothgefaͤrbten Saft mehrN 5fuͤhret202Zweites Buch. Gefaͤſſe. fuͤhret. Von einer rothen Schlagader unterſcheiden ſich dieſe Gefaͤſſe durch den Saft, der darinnen fortgefuͤhret wird; und von einen Ausfuͤhrungsgange dadurch, weil ſie gar nicht nach der Art der Blutadern ihren Saft in einige weite Muͤndungen zuſammen fuͤhren. Erſtlich hat es nun allerdings ſeine gute Richtigkeit, ſie moͤgen nun entweder ohne ein Mittelweſen aus einem ganz klei - nen Schlagaederchen ihren Urſprung nehmen, oder es mag etwas anders roͤhrfoͤrmiges dazwiſchen kommen, daß in der That diejenigen Flieswaſſergefaͤſſe welche ins - gemein unter dieſem Namen bekannt ſind, wirklich aus den rothen Schlagadern ihren Urſprung nehmen. Es iſt dieſes ſchon laͤngſt bekannt, und es hat ſie bereits Caſpar Bartholin, der Sohn des Thomas Bartho - lin, an der Milz(q)De diaphragmate. S. 91. und den Nieren(r)S. 93., vermittelſt der rothen Schlagadern ausgeſprizzet. Eben dieſes bewerk - ſtelligte Borrich(s)Schreiben an Bartholin den Vater Ep. 17. Cent. IV. an der Milz, indem er die Bauch - ſchlagader dergeſtalt aufblies, daß der groſſe in der Bruſt aufſteigende Gang (ductus thoracicus) ſo gar zu ſchwel - len anfieng: an der Lunge aber(t)Adenogr. S. 52. Defenſ. duct. aqvoſor. S. 8., der Niere(u)Ebendaſ. S. 48. 61. An der Saamenſchnur. Ebendaſ., der Milz, und an verſchiednen Theilen des menſchlichen Koͤr - pers verſuchte es Ant. Nuk, der vornehmſte Schrift - ſteller in Anſchung der Geſchichte dieſer Gefaͤſſe. An der Leber ſahe Cowper eben den Erfolg(x)Ad bidlovm T. 38., an der Niere Aug. Friedr. Walther(y)De Secretione. S. 18. und Phil. Ad. boehmer Faſc. obſ. I. Præf. S. 15.. Aus der Schlagader der Bruͤſte(z)manget Theatr. anat. T. II. S. 168. drang Waſſer in die Flieswaſſergefaͤſſe, und es haben einige behauptet, es kaͤmen dieſe Gefaͤſſe an der Gebaͤrmutter einer Kuh ganz deutlich aus den Schlag - adern hervor(a)Ebendaſ. S. 204.. Die Pfortader hat ſehr vieles vonder203Schlagadern. der Natur einer Schlagader an ſich, und daher ſind durch dieſelbe, und niemals durch die Holader, bei den Verſuchen des Loquets(b)De arter. hepat. n. 7. und andrer beruͤhmten Maͤnner(c)winslow und cassebohm in M. S. Cod. den ich beſizze., die Flieswaſſergefaͤſſe der Leber ausgeſpriz - zet worden.

Wider dieſe Entſtehungsart der jeztgedachten Gefaͤſſe aus den Schlagadern hat bisher der vortrefliche Mekel und Alex. Monroo, des Alex. Sohn, geſtritten, und ſie behaupten, die Flieswaſſergefaͤſſe lieſſen ſich zwar ver - mittelſt der Schlagadern ausſprizzen, aber doch nur der - geſtalt, daß ſich bald die Blutadern, (Mekels Schrei - ben an mich. S. 9. 12) bald das Zellgewebe, wie an der Milz (Monroo S. 23. 24. 25 ), den Hoden, (S. 29), der Leber (S. 38), und das Zellgewebe (Monroo S. 23. 24. 25. 29. 37. 38 ) vorher mit der eingeſprizten Maſſe erfuͤllen lieſſen.

Da endlich der Speiſeſaft und das Flieswaſſer einen gemeinſchaftlichen Weg haben, und die Milchgefaͤſſe in der That ein Flieswaſſer zu derjenigen Zeit fuͤhren, wenn ſie keinen Speiſeſaft aufnehmen; ſo gehoͤren diejenigen Verſuche allerdings hieher, da man Milch, Quekſilber, und Terpentinoͤl aus den Gekroͤsſchlagadern in die Milch - gefaͤſſe(d)cowper ad bidloi anat. T. 39. f. 1. Edw. tyson anat. of a pigmy. S. 43. Wilh. Stukeley ofthe ſplen. S. 18. P. v. copello de fabr. gland. S. 32. Pet. tarin in dem im VII. Theil unſerer Sammlung wieder aufgelegten Sendſchreiben. Mekel in den an mich abgelaſſenen Briefen. getrieben hat, und welche man ehedem in Eng - land haͤufig, ohnlaͤngſt aber auch in Deutſchland und Frankreich angeſtellet hat.

Dieſe Verſuche geriethen mir ganz leicht, wenn ich ſie oftermals mit guten Vorbedacht wiederholte, oder bisweilen nicht einmal zur Abſicht hatte, beſonders aber giengen ſie an der Leber, ingleichen auch an dem Gekroͤſegut204Zweites Buch. Gefaͤſſe. gut von ſtatten. Man kann auch, wenigſtens von mei - nen Verſuchen, nicht ſagen, daß der eingeſprizte Saft erſt in die zellfoͤrmige Hoͤlungen(f)monroo de ſemine et teſtib. T. I. f. 4. 5. 6. T. II. 10. T. III. f. 5. IV. 2. 4., und von da aller - erſt in die Flieswaſſergefaͤſſe gedrungen ſey. Denn ich habe in der That geſehen, daß das Terpentinoͤl mit Beibehaltung ſeiner Roͤthe in dieſe Gefaͤſſe eingedrun - gen, da ſonſt in keinen zellartigen Stellen das geringſte von einer Farbe angetroffen werden konnte. Jch kann auch uͤberhaupt den beruͤhmten Maͤnnern nicht beipflich - ten, welche behaupten, daß, laut ihrer Verſuche, die Flieswaſſer-Gefaͤſſe keineswegs durch die Schlagadern koͤnnten ausgefuͤllet werden(g)vievssens Traité des li - queurs. S. 252., und daß diejenigen, welche in der Lunge und Milz nach dergleichen Einſpriz - zung zum Vorſchein kommen, keine wahre Flieswaſſer - Gefaͤſſe waͤren(h)Hier. sbaragli Scepſis II. S. 445..

Es iſt demnach kein Wunder, daß das Flieswaſſer oͤfters roͤthlich ſiehet, und daß etwas vom Blute in die Flieswaſſergefaͤſſe, und den groſſen in der Bruſt aufſtei - genden Gang, wie ich gar zu oft beobachtet habe, uͤber - gehe. Es hat aber auch Anton Nuk oft das Flies - waſſer blutig angetroffen(i)Adenogr. S. 54., und es berichtet Wilhelm Langley(k)Obſ. 8., daß daſſelbe oͤfters in ſeinen Gefaͤſſen bei ſolchen Perſonen ganz roth ſey, die durch den Strang ums Leben gekommen. Jch finde beim Eman. Koͤnig,(l)Regn. anim. S. 107. daß das Flieswaſſer in den Gefaͤſſen einer Eſelin blu - tig ausgeſehen. Roth haben es beruͤhmte Maͤnner, J. Nik. Pechlin(m)Obſ. 60. L. I. am Menſchen, am Hunde der juͤngere Peyer(n)Obſ. anat. 13., und an verſchiednen Thieren J. Zeller(o)Jn der Streitſchrift de ad - miniſtrat. vaſor. lymphat. und J. C. Brunner(p)Jn dem Tractat de Pan - create. angetroffen. Eine mit demgelben205Schlagadern. gelben untermiſchte Roͤthe hat de le Boe Sylvius(q)Diſſert. med. VIII. n. 7. und J. G. Duvernoy(r)Tom. I. Comment. Acad. Petropol. wahrgenommen.

Wenn demnach der eingeſprizte Saft durch die Schlagadern in die Flieswaſſergefaͤſſe uͤbergehet; wenn das Flieswaſſer(s)Sectio III. verglichen mit L. VII. dem ſalzigen Waſſer im Blute (ſerum) ſehr aͤhnlich iſt; wenn ſich mit dieſen Flieswaſſer oͤfters ein Schlagaderblut vermiſcht: ſo ſcheint es allerdings das Anſehen zu haben, daß man, ohne ſich eines Jrrthums ſchuldig zu machen, annehmen koͤnne, daß die Flies - waſſergefaͤſſe mit den Schlagadern in einem Stuͤkke fort - laufen, und daß auch dieſe Endigung einen Rang unter den uͤbrigen Endigungen der rothen Schlagadern be - haupte. Dieſes haben ſchon laͤngſt verſchiedene in der Zergliederungskunſt beruͤhmte Maͤnner ebenfalls geleh - ret(t)Nic. stenonis der juͤngerede muſcul. et glandul. C. bartho - linvs, des Thomas Sohn, Hiſt. anat. S. 13. Mart. Liſter de humori - bus c. 22. .

§. 29. 5. Die Schlagader ohne Roͤthe.

Dasjenige, wovon wir jezo beſonders handeln wol - len, iſt von dem vorhergehenden gar ſehr unterſchieden. Um naͤmlich jezo nichts weiter von dem Ariſtoteles, noch auch von denen undeutlichen Faſern zu gedenken, die ei - nen blutigen Eiter enthalten ſollen, und von denen die - ſer beruͤhmte Mann gemeldet, daß ſie als ein Mittel - koͤrper zwiſchen Schlag - und Blutadern ſich befaͤnden(u)Hiſtor. anim. L. III. c. 6. , muß man allerdings die cilindriſche Schlagadergefaͤſſe, welche enger ſind, als der Durchmeſſer eines rothen Kuͤ - gelchen, und wodurch ein duͤnnerer Saft gefuͤhret wird, als die wichtigſte Erfindung des Hermann Boͤrhaave an - ſehen. Jch lege dieſen Ruhm meinem Lehrer bei, weiler206Zweites Buch. Gefaͤſſe. er dieſe Gefaͤſſe im Jahre 1703(x)De uſu ratiocinii mechanici. S. 14. Inſtit. Med. n. 245., und alſo einige Jah - re fruͤher als Vieuſſens, den einige Franzoſen zum Erfinder machen(y)Anton. fizes de tumoribus, S. 10., beſchrieben hat. Denn dieſer Mann hat erſtlich im Jahr 1705 ſeine Nevrolimphatiſche Gefaͤſſe, die aus den Schlagadern entſpringen, ſich in die Blutadern endigen, und die Membranen im Thier - koͤrper bilden ſollen, bekannt gemacht(z)Nov. vaſ. ſyſtem. S. 112.. Eine gerau - me Zeit hernach nennte er ſie arterioſolimphatiſche Gaͤnge, die aus Schlagadern entſtuͤnden, und ſich in die fleiſchigen Gaͤnge oder Blutadern wieder endigten: wie denn auch ſeine Fettgaͤnge ebenfalls mit hieher gehoͤ - ren. Denn es ſind dieſe Gefaͤſſe ſehr klein, und fuͤhren einen Theil von ungefaͤrbten Blute, welches von neuem eine Roͤthe empfaͤngt, wenn es wiederum mit dem an - dern ſich vereiniget hat(a)Traité des liqueurs. S. 22. 129. u. f.. Dieſer beruͤhmte Mann aber iſt es nicht allein(b)Eben den Verdacht kann man auch mit Recht von B. Boſchett faſſen. Tr. de ſalivatione. S. 16., dem wir die recht deutliche Be - ſchreibung dieſes Zellgewebes, unter dem Namen der klei - nen Gefaͤſſe zu danken haben(c)Beſiehe die Beſchreibung der Gekroͤsdruͤſe S. 212.. Vielweniger iſt der - jenige Ruhm gegruͤndet, den ſich in der That ganz un - rechtmaͤßiger Weiſe vormals J. Cl. Helvetius theils ſelbſt zuſchrieb(d)Hiſt. de l’acad. des ſcienc. 1725., theils auch von andren ſich beilegen ſahe(e)le tellier in Emmenol. Friendianae refutatione. S. 75.. Denn dieſer beruͤhmte Mann kam erſt mit ſei - ner Oekonomie viele Jahre hernach, da das Boͤrhaa - viſche Werk ſchon mehrmals wieder war aufgelegt wor - den, zum Vorſcheine(f)Jm Jahre 1722. da die In - ſtit. rei medic. ſchon ann. 1707. 1713. und 1720. zu Leiden heraus - gekommen waren..

Es verband alſo Boͤrhaave die mit dem Vergroͤſ - ſerungsglaſe angeſtellte Verſuche des Leeuwenhoͤks,nach207Schlagadern. nach denen man Stuffenweiſe immer kleinere Kuͤgelchen im Blute erblikket, mit Ruyſchens Ausſprizzungen der Gefaͤſſe, durch welche ſo viel erhalten wird, daß die un - gefaͤrbte und mit dem Geſichte nicht zu entdekkende Ge - faͤſſe(g)Lib. VI. de ſanguine. , mit gefaͤrbten Saͤften angefuͤllet, und nun vollkommen ſichtbar werden. Hieraus ſchloß dieſer vor - trefliche Mann, nach ſeinem guten natuͤrlichen Verſtan - de, daß aus den rothen Schlagadern andre kleinere Schlagaͤderchen entſtuͤnden, die einen duͤnnern Saft, als Blut, in ſich enthielten, eben ſo wohl kegelfoͤrmig und aͤſtig waͤren, und daß vermittelſt dieſer Schlagaͤder - chen der Saft nach denenjenigen Theilen hingefuͤhret wuͤrde, die vom Herzen weiter entfernet waͤren. Es fand auch dieſer lobenswuͤrdige Mann ganz augenſchein - liche Beiſpiele von dieſer Bauart an den Schlagadern der gemeinſchaftlichen Augenhaut, die bei geſunden Men - ſchen durchſichtig und unſichtbar, aber zu der Zeit aͤſtig und kegelfoͤrmig erſcheinen, wenn eine Entzuͤndung das Blut hineinpreſſet; und da ſonſt nur wenig rothe Gefaͤſſe im natuͤrlichen Zuſtande am Auge bemerket werden, ſo zeiget ſich in dieſer Haut, wenn ſie von einer Entzuͤn - dung angegriffen iſt, eine unzaͤlbare Menge derſelben: dieſe Schlagaͤderchen gehen offenbar aus den rothen Schlagadern heraus, weil das Blut theils in dem an - gezeigten Falle in dieſelbe hineindringt, theils auch ge - faͤrbte Saͤfte, die man nach der anatomiſchen Kunſt in die rothen Schlagadern einſprizzet, jene zugleich mit an - fuͤllen(h)helvetivs lettre au ſujetde la lettre critique de M. besse. S. 213.. Es erſcheinen aber, ſagte dieſer vortrefliche Mann, ſowol die ausgedehnten Flieswaſſergefaͤſſe an der gemeinſchaftlichen Augenhaut ganz deutlich, als auch ſelbſt das Blut, welches dieſelben anfuͤllet(i)Prax. med. T. I. S. 269. G. v. Swieten T. I. S. 640..

Es208Zweites Buch. Gefaͤſſe.

Es koͤnnen auch, allem Anſehen nach, dieſe kleine Schlagaͤderchen auſſer denen Krankheiten, und ohne Bei - huͤlfe der Kunſt zum Vorſchein gebracht werden. Denn es ſchwellen zwar an eben dem Auge die Schlagadern der Fortſaͤzze vom Regenbogen (arteriae ciliares) von rothem Blute auf, es ſcheinet aber dieſes Blut nachhero durch - gaͤngig eine braunrothe Farbe anzunehmen, wenn die Aeſte dieſer Schlagaͤderchen durch die aderigte Augen - haut (choroidea membrana) fortlaufen. Ferner iſt es eben ſo gewiß, daß aus dem Ringe, der die Trauben - haut umgiebt, und den dieſe auseinander fahrende Schlag - aͤderchen machen, andre Schlagaͤderchen entſtehen, wel - che ſich ſtrahlenweiſe und in geſchlaͤngelten Zuͤgen, zwi - ſchen beiden Blaͤttlein des Regenbogens gegen den Stern im Auge zu, ausbreiten(k)Comment. ad. præl. boerh. T. 4. n. 521. S. 150. mit Quekſil - ber hat Vieuſſens den Verſuch gemacht, am angef. Ort. S. 286. 287.. Dieſe Gefaͤſſe haben aber alle Eigenſchaften von den Schlagadern an ſich, ſie ha - ben ihre beſondern Aeſte(l)helvetivs Hiſt. de l’Acad. des ſcienc. S. 215. Es ſind die -ſe Gefaͤschen als wahre duͤnne Ge - faͤſſe ebenfalls von dem beruͤhm - ten Ferrein beſchrieben; allein der Streit ſoll anderswo beruͤhrt werden., ihre Anaſtomoſirung, das kegelartige, und Blutadern, die neben ihnen hinlaufen; ſie enthalten aber bloß und allein eine duͤnnere Feuchtig - keit, ſo lange nicht durch die Kunſt eine andere hineinge - bracht wird. Denn ich kann ſie ohne groſſe Muͤhe mit roͤthlich gefaͤrbten Terpentinoͤle anfuͤllen. Ein andrer beruͤhmter Mann hat noch uͤber dieſes gemeldet, daß die - ſelben auch in Wunden, ingleichen in zerſprengten oder zerriſſenen Gedaͤrmen zum Vorſchein kaͤmen, und als - denn ein waͤſſriger Eiter herausſikkere(m)helvetivs am angef. Ort.. Man koͤnn - te noch das Anſehen des Anton von Leeuwenhoͤk zu Huͤlfe nehmen, welcher nicht nur Gefaͤſſe geſehen, die kleiner als die roͤthlichen Kuͤgelchen waren(n)Arcan. nat. det. S. 15., ſondernauch209Schlagadern. auch noch andre, welche um zweihundert tauſendmal klei - ner, als ein Haar waren(o)S. 16..

Zu dieſen muß man aber noch hinzuſezzen, daß ſich uͤber - haupt das Gebiet der kleinen Schlagadern viel weiter er - ſtrekke, ob man ſie gleich nicht aller Orten durch eben ſo deutliche Verſuche an den Tag bringen kann. Denn die - ſer vortrefliche Mann ſezte noch ferner hinzu, es ſey am ganzen menſchlichen Koͤrper kein einziges Theilchen, an dem nicht entweder von Entzuͤndungen, oder von kuͤnſt - lich eingeſprizten gefaͤrbten Feuchtigkeiten, ebener maſſen kleine Gefaͤſſe ſichtbar gemacht werden ſollten, derglei - chen, ehe dieſe Urſachen dazu kamen, dem Auge gaͤnzlich verborgen blieben, und die jezzo, nachdem ſie mit gefaͤrb - tem Talge ausgefuͤllet worden, alle Eigenſchaften der Schlagadern zeigen. Die Gedaͤrme, die harte und duͤn - ne Gehirnhaut, und beinahe alle Bekleidungen des thie - riſchen Koͤrpers, erſcheinen daher mit neuen unzaͤlbaren Gefaͤſſen ausgezieret, ſobald die Schlagaderſtaͤmme, nach Ruyſchens kuͤnſtlicher Art, ſind ausgeſprizzet worden. Jch habe ſelbſt ohne groſſe Muͤhe dieſe Verſuche nachge - macht. Denn dieſe neuen Schlagaͤderchen in den Membranen werden ſehr leicht und bald von dem mit Mennige gefaͤrbten Terpentinoͤl angefuͤllet.

Es machen aber auch Krankheiten dieſe Gefaͤschen am ganzen menſchlichen Koͤrper uͤberall ſichtbar. An der Hornhaut im Auge hat wohl nie ein Menſch ein Blutkuͤgelchen geſehen: indeſſen verurſachen doch Ent - zuͤndungen, daß ſich ihre Gefaͤſſe roth zeigen, wenn man anders beruͤhmten Maͤnnern trauen darf. Die Haut, die Membranen der Bruſt und des Unterleibes werden bey Entzuͤndungen, das Gehirn aber in der Peſt mit ei - ner Menge von kleinen rothen Gefaͤſſen ausgezieret(p)senag Traitè de la peſte. S. 248. 450.,dieO210Zweites Buch. Gefaͤſſe. die man an geſunden Perſonen niemals zu ſehen bekoͤmt. Selbſt auch das Herze wird in den Koͤrpern dererjenigen, die an boͤsartigen Fiebern geſtorben ſind, ſehr roth ge - faͤrbt angetroffen(q)strvthivs de arte ſphy - gmica. . Und ſolcher Beiſpiele hat man noch eine ſehr groſſe Anzal.

Daher ſchloß mein Lehrer, daß, gleichwie es Fluͤſ - ſigkeiten im Koͤrper gebe, die viel duͤnner als das Blut ſind, alſo habe auch die Natur fuͤr dieſe Feuchtigkeiten beſondre Gefaͤſſe gebildet, ſowol Schlagadern, die mit den rothen in eins fortgehen, und die von dem Zweig - lein der kleinſten rothen Schlagader, wie gleichſam von ihrer Aorte, dieſe Fluͤßigkeiten an ihre gehoͤrige Oerter uͤberbringen muͤſten; als auch Blutaͤderchen, welche von den vorigen Schlagaͤderchen das nuͤzliche, ſo noch uͤbrig geblieben, in die Blutmaſſe wieder zuruͤkfuͤhren muͤſten.

Dieſe Theorie iſt mit dem groͤſten Beifalle aufgenommen worden, und es haben beinahe ſeit vierzig Jahren we - nig phiſiologiſche Schriftſteller in Europa gelebt, welche anders gedacht haͤtten. Jch fuͤhre hier einige Namen von den beruͤhmteſten Maͤnnern an, die dieſer Boͤrhaavi - ſchen Meinung beigepflichtet haben(r)Franc. nicholls Compend. anat. oecon. S. 3. Clifton win - tringham der aͤltere de poda - gra 26. 36. Joh. Frid. Schrei - ber Elem. med. phyſ. math. L. II. c. 2. u. f. Aug. Fridr. Walther Streitſchr. de inflammat. n. XI. J. Cl. Adrian Helvetius Oecon. anim. S. 6. 132. u. f. Hiſt. de l’Acad. des ſcienc. 1725. u. f. Joh. Baptiſt Senak in ſeinen erſteren Werken, als Eſſais de phyſ. S. 154. und du coeur T. II. S. 61. 62. Franz Quesnay de la Suppura - tion. S. 266. 273. und in der neuern Ausgabe de l’uſage de la ſaignée. S. 61. Ger. v. Swieten Diſſ. in - aug. n. 6. und in Comment. ad aphor. pract. uͤberall. Anton Va - lisneri Opp. T. II. S. 51. 52. (er nam naͤmlich limphatiſche Schlag - adern an). Jak. Benj. Winslow Exp. anat. T. IV. n. 600. , viele andere aber habe ich noch hinweggelaſſen.

§. 30.211Schlagadern.

§. 30. Die Verirrung vom gewoͤhnlichen Orte.

Mit gleichem Beifalle nahmen auch die Aerzte(s)Jch fuͤhre hier einige an, welche die Börhaaviſche Verir - rung vom gewohnlichen Ort ange - nommen haben. J. Claud. Adrian Helvetius in der Oecon animal. S. 44. 78. wo zwar der Quell nicht deutlich genung angezeigt iſt, aus dem er geſchopft hatte, wie ſol - ches ſchon laͤngſtens Joh. Beſſe (in der replique S. 73.) erinnert hat. raym. vievssens nov. vaſ. ſyſt. S. 109. 110. sylva de laſaignée T. I. S. 281. Thom. Schwenke hæmatol. S. 52. 98. Joh. von Gorter de perſp S. 47. G. v. Swieten Comment. T. I. S. 178. 640. 641. 646. u. f. Geor - ge Erhard Hamberger de theor. inflammationis Clift. wintring - ham Inquiry. S. 219. J. Hux - ham of fevers. S. 3. die Theorie von den Entzuͤndungen an, welche aus die - ſen Gruͤnden hergeleitet war. Eine Verirrung vom ge - woͤhnlichen Orte (errorem loci) nannte mein geliebter Lehrer(t)Aphor. de cognoſc. & cu - rand. morb n. 118. 378. Prax. med T. I. S. 269. den Uebergang des Blutes in kleinere Gefaͤſſe. Er lehrte, daß dieſe an ſich koniſche Gefaͤſſe zwar in ihre groͤſte Muͤndung ein dahin gepreſtes Kuͤgelchen aufnaͤh - men, demſelben aber alsdenn Widerſtand thaͤten, wenn es weiter fortruͤkken wollte, und das um ſo mehr, je tie - fer ein Kuͤgelchen in ein zarteres Gefaͤs hinein gerathen waͤre: denn es waͤren die Oefnungen der kleinen Gefaͤſſe um ſo viel kleiner im Lichten, je weiter ſie ſich von ihrem Urſprunge, welches eine rothe Schlagader iſt, entfern - ten: folglich geſchaͤhe denen Waͤnden dieſer Gefaͤſſe im - mer mehr Gewalt, und daher faͤnde auch ein Blutkuͤgel - chen, welches hier wie ein Keil dieſelben zu erweitern ſucht, einen groͤſſern Widerſtand vor ſich. Jndeſſen kaͤ - me der Herzſchlag gleichſam von hinten dazu, wodurch das Blut mit Gewalt fortgepreſſet, und ein bereits in ei - nem ſolchen ſtekkendes Kuͤgelchen in die engſten Roͤhr - chen des kegelfoͤrmigen Gefaͤſſes getrieben wuͤrde. Sol - chemnach muͤſten nothwendig dieſe Gefaͤſſe dadurch zer - riſſen werden, wofern nicht das Kuͤgelchen entweder zu -O 2ruͤk -212Zweites Buch. Gefaͤſſe. ruͤkgeſtoſſen wuͤrde, oder in kleinere Theilchen zerſpraͤn - ge, indem dieſelben zwar einen Eingang gefunden, aber keinen Ausgang vor ſich ſaͤhen. Uebrigens naͤhmen nun - mehr die Gefaͤſſe, in denen die Kuͤgelchen feſt ſaͤſſen, ob ſie gleich vorher durchſichtig und unſichtbar geweſen, ei - ne rothe Farbe an ſich, und davon ruͤhre die Roͤthe in Entzuͤndungen her. Jndeſſen gienge es doch auch an, daß erweiterte kleine Gefaͤſſe, ohne daß der Antrieb ver - mehret werden duͤrfte, bey einer ſchwaͤchlichen Beſchaf - fenheit Blut in ſich aufnehmen koͤnnten(u)Prax. med. T. I. S. 314.. Dieſe Theorie konnte man mit des Eraſiſtratus ſeiner verglei - chen(x)Beim Galenus Meth. med. L. II. VII. plvtarchvs de placi -tis Philoſ. L. V. n. 29. celsvs in præfam. L. I. , als welcher die Urſache der Entzuͤndung in den Bluttheilchen ſuchte, wenn dieſe in die aͤuſſerſten Ende derer Gefaͤſſe, welche allein einen geiſtigen Dunſt (ſpiri - tus) aufzunehmen pflegten, hineingetrieben waͤren, und beim Ausgange aus denſelben ſtekken blieben.

Hier ſtand aber der erfinderiſche Verſtand meines groſſen Lehrers noch nicht ſtille. Es zerſpringt naͤmlich ein rothes Kuͤgelchen, nach den Leeuwenhoͤkiſchen Verſuchen(y)L. VI. , nicht blos in ſechs gelbliche, und es be - ſtehen auch die feineren Saͤfte nicht blos aus Maſſen, die um ſechsmal kleiner ſind, als ein rothes Kuͤgelchen. Weil demnach diejenigen Gefaͤſſe, welche gelbe Saͤfte enthalten, aus den rothen entſpringen, ſo ſchloß der vor - trefliche Erfinder hieraus, daß es auch andre Gefaͤſſe geben muͤſſe, die geſchikt waͤren, feinere Saͤfte, als die gelben, durchzulaſſen(z)Inſtit. rei med. n. 245. 246., weil es Theilchen gebe, welche ſechsmal kleiner als die gelben, und um ſechs und dreiſ - ſigmal kleiner, als die rothen waͤren. Jndeſſen waͤren auch noch dieſe nicht einmal zart genung, oder ſie kaͤmen noch nicht mit der Feinheit der lezten Gefaͤschen im Ge -hirne213Schlagadern. hirne uͤberein: folglich gebe es ohne Zweifel auch noch andre Ordnungen von Gefaͤſſen, welche beſtaͤndig abnaͤh - men, darunter die erſte Klaſſe aus dem dritten Geſchlech - te von Schlagadern entſtuͤnde, welche ein durchſichtiges Flieswaſſer fuͤhrten; aus dieſer kaͤme eine andre, naͤmlich die fuͤnfte Klaſſe von kleinen Schlagadern hervor, die wieder feinere Saͤfte fuͤhre, und man finde ſo wenig En - de in den Progreßionen, als man noch zur Zeit wuͤſte, welches das lezte Geſchlecht von Gefaͤſſen ſey.

Daher entſtuͤnden alſo neue Verirrungen von dem gewoͤhnlichen Orte, und Entzuͤndungen, die von keiner Roͤthe begleitet wuͤrden, ſo oft der gelbrothe Saft(a)Aphor. de cognoſc. & cu - rand. morb. n. 379. 380. Prax. med. T. II. S. 25. Steph. Ha - les Hæmaſtat. S. 169. der kleinen Schlagaͤderchen, die ein ſalzig Waſſer fuͤhr - ten (arteriolae ſeroſae), in die durchſichtige Gefaͤſſe hin - eingetrieben wuͤrde, und in dieſen engen Kanaͤlen ſtekken bliebe; von welcher Art ohngefaͤhr die gelbrothe Roſe(b)G. v. Swieten T. I. S. 644. (eryſipelas flavum) waͤre, ingleichen die gelbrothe Faͤden auf der Zunge, die eine ſchlimme Vorbedeutung abge - ben(c)viridet du bon chile. S. 407., wie ich davon unlaͤngſt ein betruͤbtes Exempel an einer mit der rothen Ruhr behafteten Frauensperſon mit Augen geſehen, deren Zunge ganz und gar ſafrangelb ausſahe. Man findet aber auch Beiſpiele von ſafran - farbigen durch die monatliche Reinigung abgegangenen Blute(d)lanzoni Animadverſ. 75..

§. 31. Die Anmerkungen.

Wir muͤſſen nunmehro unterſuchen, was an dieſer ſo zierlichen und ſo gefaͤlligen Theorie gruͤndliches iſt. Solche Gefaͤſſe, die kleiner waͤren, als die rothen, kannO 3aller -214Zweites Buch. Gefaͤſſe. allerdings niemand ablaͤugnen. An dem Gebaͤude der Augen haben wir ſchon mehr als ein Beiſpiel hiervon. Denn es ſind ſowol die durchſichtigen Gefaͤſſe des Re - genbogens, als die ungefaͤrbten bekannt, welche in einem Schaafe recht deutlich von dem Nezzhaͤutchen in die glaͤ - ſerne Feuchtigkeit uͤbergehen(e)Prim. lin. Phyſiol. n. 519. , ingleichen auch die Ge - faͤſſe der Kriſtallinſe, ſie moͤgen uͤbrigens ihren Urſprung herhaben, wo ſie wollen. Es iſt auch nicht wahrſchein - lich, daß die rothen Kuͤgelchen, auch nur ganz allein, in dieſe ſehr durchſichtige Werkzeuge, deren einziger Nuzzen in einer durchſcheinenden Reinigkeit beſtehet, jemals ein - dringen ſollten. Jch halte aber auch eben ſo wenig da - vor, daß die Gefaͤſſe der aͤuſſeren grauen Gehirnſubſtanz (cortex cerebri), die den Nervenſaft abſondern, ſolche rothe Kuͤgelchen aufnehmen koͤnnten, indem nicht die ge - ringſte Wahrſcheinlichkeit vorhanden iſt, daß aus einer ſolchen dikken Feuchtigkeit einer der allerzaͤrtſten Saͤfte ſollte koͤnnen hervorgebracht werden. Es iſt aber auch die beſte Einſprizzung, welche ſehr leicht in die Blut - adern eindringet, und die ausgedehnten Adergaͤnge (ſinus) im Gehirne ausfuͤllt, folglich alſo auch leicht in die en - gen Schlagaͤderchen, die nur ein Kuͤgelchen durchlaſſen koͤnnen, gelanget, gleichwol nicht vermoͤgend weiter, als nur in einen ſehr kleinen Theil von der grauen Gehirn - ſubſtanz einzudringen, daß ſolchemnach allerdings das uͤbrige aus zaͤrteren Gefaͤſſen beſtehen muß, als diejeni - gen ſind, in welchen ein rothes Blut herumbeweget wird. Denn daß dasjenige, was unausgeſprizt uͤbrig bleibt, kein verworrener Klumpe ſey, ſondern eben ſo wohl aus Gefaͤſſen beſtehe, erhellet unter andern auch daher(f)N. 359. Comment. boerh. T. II. n. 265. not. a. , weil ein ſehr geringer Theil von der grauen Gehirnſub - ſtanz eine rothe Farbe an ſich nimmt, wenn die Schlag -adern215Schlagadern. adern nur ſo obenhin ausgeſprizzet worden, hingegen aber deſto mehr gefaͤrbte Gefaͤſſe zum Vorſchein kommen, je tiefer und gluͤklicher der eingeſprizte Saft ſich hat aus - breiten koͤnnen. Ein jeder aͤchter Liebhaber der War - heit wird demnach erkennen, es folge offenbar aus dieſem Verſuche, daß immer kleinere und kleinere Gefaͤſſe in ge - dachter grauen Subſtanz vorhanden ſeyn muͤſſen, von welchen ein mittelmaͤßig gluͤklicher Zergliederer die erſten und ſtaͤrkeren, hingegen die lezten nur eine auſſerordent - liche Geſchiklichkeit allein, mit Beihuͤlfe eines leicht ein - dringenden Saftes, zu erweitern im Stande ſey. Man koͤnnte ebenfalls die weiſſen Gefaͤſſe des beruͤhmten An - ton Ferreins(g)Es ſind dieſelben in denen Comment. Acad. ſcient. 1749. be - ſchrieben worden. hieher rechnen, aus denen, wie er zeig - te, das meiſte Eingeweide beſtuͤnde, und die niemals mit einigen gefaͤrbten Safte koͤnnen angefuͤllet werden.

Aus dieſen zuſammengenommenen Gruͤnden glaube ich in der That, daß es kleinere, aus rothen Schlag - adern entſtandene, aber durchſcheinende Gefaͤſſe gebe, die durch kein Vergroͤſſerungsglas koͤnnen entdekket werden, welche, weil ſie fuͤr Blutkuͤgelchen zu enge ſind, nothwen - dig zaͤrtere Fluͤßigkeiten in ſich enthalten muͤſſen: und ſolchergeſtalt werden dieſe Gefaͤſſe ihre Stelle unter den Endigungen der rothen Schlagader wohl behaupten.

Was hingegen die Verirrung vom gewoͤhnlichen Or - te anbetrift, ſo iſt dieſelbe noch nicht zureichend erwieſen. Denn es iſt gewiß, daß der Hauptgrund, der dieſelbe be - ſtaͤtigen ſoll, noch ziemlich ſchwach ſey. Denn wenn Gefaͤſſe, die erſt durchſichtig, und zugleich unſichtbar waren, von dem Blute oder gefaͤrbtem Safte roth, und zugleich ſichtbar werden, ſo ſind darum dieſe Gefaͤſſe nicht vorher zu rothen Kuͤgelchen zu enge, oder von einem an -O 4dern216Zweites Buch. Gefaͤſſe. dern Geſchlechte geweſen, als die rothen ſind. Hein - rich Power hat vorlaͤngſt gemeldet, daß die kleinſten Gefaͤſſe durchſichtig waͤren, wenn ſie gleich Blut enthal - ten haͤtten, und das mit gutem Rechte, weil die Blut - kuͤgelchen gemeiniglich blaß ſind(h)Microſcopial experiments. S. 59., wenn ſie ſich einzeln fortbewegen. Dieſes Beweisthums bedienten ſich die beruͤhmten Maͤnner, J. Beſſe(i)Lettre a M. helvetivs. S. 190., Joh. Bapt. Se - nak(k)Traité du coeur. T. II. S. 667. u. f., und Franz Quesnay(l)Tr. de la faignée, neuſteAusg. S. 354. de la ſuppurat. 266. 279., nebſt einem andern ungenanten Verfaſſer(m)Lettre ſur le nouveau ſy - ſteme de la voix. S. 55., und ſie hielten die Gefaͤſſe des Auges, oder andrer Membranen, welche von Entzuͤn - dungen oder anatomiſchen Einſprizzungen gleichſam ganz neu erſt entſtehen, fuͤr kleine Schlagaͤderchen, welche nur eine Reihe von Kuͤgelchen durchgehen laſſen, und aus dem Grunde durchſichtig und unſichtbar waͤren. Jch finde auch ſelbſt allezeit, daß ſich dergleichen Schlag - und Blutaͤderchen in der That an lebendigen Thieren be - ſtaͤndig dem Geſichte entziehen(n)Premier Memoire ſur le mouvem. du ſang. S. 14. 15., als zum Exempel an der Gekroͤsflaͤche, welche blos und ohne Gefaͤſſe zu ſeyn ſcheint, wo man aber vermittelſt der Vergroͤſſerungs - glaͤſer kleine Kanaͤlchen entdekket, deren Weite mit dem Durchmeſſer eines Kuͤgelchen einerlei iſt.

Ferner ſind die mehreſten, und vielleicht alle Entzuͤn - dungen, nicht von einerlei Art, was naͤmlich das in un - verlezten Gefaͤſſen ſtokkende Blut betrift. Betrachtet man die Roͤthe eines entzuͤndeten Fingers, oder einer in ſolchen Zuſtand befindlichen Membrane, ſo findet man dieſe Theile nicht dergeſtalt mit Gefaͤſſen bedekket, daß man farbenloſe Zwiſchenraͤume dazwiſchen wahrnehmen ſollte, wie es ſonſt am Auge zu geſchehen pflegt. Derent -217Schlagadern. entzuͤndete Finger iſt ganz roth; bei den Maſern erſcheint der ganze Kreis, ingleichen der kleine Hof um die ſchwaͤ - renden Pokken herum, roth. Die ſo genannten Magen - entzuͤndungen entſtehen offenbar von dem Blute, das ſich in das innere Zellgewebe ergoſſen hat. Man kann die - ſes aus demjenigen erſehen, was oben bereits iſt gemeldet worden(q)Am angef. Ort. S. 37. 38.. Sezzet man hierzu noch den Ausgang derer Entzuͤndungen, die Wiedereinſaugung des ausgetretenen Blutes, oder die Erzeugung des Eiters in dem Zellge - webe, oder den heiſſen Brand, welcher eben ſo wohl von dem in das Zellgewebe ausgetretenen Blute entſtehet, oder eine verhaͤrtete Geſchwulſt, deren Saft nicht in Gefaͤſ - ſen, ſondern in allen zelligen Raͤumen des hart gewordenen Theils ſtokkt; ſo wird es alsdann in der That wahrſcheinlich werden, daß die Entzuͤndungen, wenigſtens die meiſten, nicht vom Blute entſtehen, welches in gewiſſen Gefaͤſſen ſtokket, ſondern von demjenigen, das in die benachbarte Zellraͤu - me durchgeſchwizzet. Es iſt dieſes die alleraͤlteſte Theo - rie von den Entzuͤndungen, welche ſchon Galenus vor - getragen(r)Method. med. L. X. daß dasBlut ſich in die weiten Raͤume ergieſſe, welche zwiſchen den Ge - faͤſſen befindlich ſind., und die Gerard van Swieten, indem er denen Worten dieſes Greiſes von Pergamo eine andere kleine Wendung gegeben, auf die Verirrung vom or - dentlichen Ort angewendet hat(s)Comment. T. I. S. 178..

Man kann noch, um ſich bei einer ſo wichtigen und ernſthaften Sache ein wenig laͤnger zu verweilen, hinzu - ſezzen, daß eine Entzuͤndung auf diejenige Art, wie ſie uns dieſer vormals groſſe Mann beſchrieben hat, gar nicht entſtehen koͤnne. Eine Verſtopfung hat die naͤchſte Aehnlichkeit mit einer Unterbindung, weil ſie unſre Saͤf - te in den Gefaͤſſen auf ihrem Wege mit Gewalt zuruͤk - haͤlt. Beides aber, das Band, und die Verſtopfung,O 5brin -(o)Opuſc. path. obſ. 43.(p)Am angef. Ort. S. 37. 38.218Zweites Buch. Gefaͤſſe. bringen nie eine Entzuͤndung zuwege. Legt man ein Band um die groͤſten Schlagadern des Nabels, an einer neugebornen Frucht, um die Halsſchlagader (carotis), und andre Staͤmme an lebendigen Thieren, ſo bringt man nichts, das einer Entzuͤndung gleich waͤre, hervor. Nach etlichen Pulsſchlaͤgen, und nach einen ſchnell ent - ſtandenen, aber nicht ſonderlich ſtark zunehmenden Ge - ſchwulſt(x)sauvages theor. pulſus. S. 56. Pathol. method. S. 125. 226., wendet ſich das Blut vom Bande ab, und ziehet ſich in die naͤchſten offenen Gefaͤſſe zuruͤk, welche in der That mehr Blut von ſich geben wuͤrden, wenn man eine Oefnung darein machte, da inzwiſchen der eige - ne Stamm vom Blute ledig bleibet, und mit der Zeit mit dem wenigen zuruͤkgebliebenen Blute zuſammen wach - ſen wuͤrde. An kleinen und durchſcheinenden Gefaͤſſen, an denen die Vergroͤſſerungsglaͤſer alles, was darinnen vorgehet, zu erkennen geben, bringet hingegen ein ange - legtes Band gerade das Gegentheil von demjenigen zu - wege, was nach der angenommenen Meinung geſchehen ſollte. Denn anſtatt, daß ſich die gebundene Kanaͤle ausdehnen ſollten, ſo weichet vielmehr das Blut von dem Bande und dem verſtopften Aſte hinweg, und be - gibt ſich in andre Schlagadern, die mit jenen eine Ge - meinſchaft unterhalten, bis der Aſt, den man unterbun - den gehabt, endlich ganz leer verbleibet(z)Second Memoire ſur le mou - vement du ſang. Exp. 54. 93. re - mvs in Exper. ad circul. ſangu. S. 50..

Jch habe auch die Verſtopfung oͤfters an lebendigen Thieren geſehen. Zuweilen pfleget das Blut ſogar in den Schlagadern ſtehen zu bleiben und zu ſtokken, alſo daß die Kuͤgelchen in eine Maſſe zuſammen verwandelt werden(a)Exp. 93.. Dieſe wird nun manchmal von der annoch uͤbrigen Kraft des Blutes wieder frei gemacht und in Be -wegung(y)Ferrein beim beruͤhmten Salmon in der Streitſchr. de Vtero. 219Schlagadern. wegung geſezzet, auch endlich durch eine Wunde der Schlag - oder Blutader aus dem Koͤrper herausgetrie - ben. Geſchiehet aber dieſes nicht, ſo bleibt das nach - folgende Blut ebendaſelbſt ſtehen, haͤufet ſich zuſammen, und wird gleichſam von dem ſchon vorhandenen geronne - nen Blutklumpen an ſich gezogen. Ferner habe ich auch mehrmals eine wahre Verſtopfung beobachtet, wenn naͤmlich eine groſſe Menge von einer weislichen Feuchtig - keit die Oefnung, welche in eine Schlag - oder Blutader war gemacht worden, verſtopft hatte. Jn dergleichen Faͤllen unternimmt die Natur niemals das geringſte ge - gen dieſe Verſtopfung; es laͤuft das Blut gegen dieſen Ort nicht geſchwinder, ſondern es wendet ſich entweder nach ſolchen Wegen, die von aller Gerinnung frei ſind(b)Exp. 180. , oder es bleibet uͤberhaupt in dem ganzen Stamme ruhig ſtehen. Es iſt auch was ganz gewoͤhnliches, daß das Blut in den Schlagadern ohne Bewegung ſtill ſtehet. Alsdenn ſtoͤſſet das neue Blut, welches vom Herzen koͤmmt, nicht ſo ſtark wider dieſen Pfropf, daß es zuruͤk - prallend wieder zum Herzen zuruͤkkehren(c)Experim. 92. 93. 187., oder die ver - ſtopfte Schlagader ausdehnen ſollte. Als auch endlich eine von den Halsadern (carotis) einsmals von einer zaͤ - hen Materie verſtopfet war, ſo fand ſich hernach, daß weder der Durchmeſſer dieſer Schlagader unterhalb der Gerinnung groͤſſer worden, noch eine Roͤthe oder Zei - chen von einer Entzuͤndung vorhanden war(d)Opuſc. pathol. obſ. 19..

Solchemnach iſt alſo die Urſache der Entzuͤndung allerdings von der Verſtopfung unterſchieden, es ſey nun, daß ſie entweder von einem gewiſſen Reizze herruͤhre, wie man in Anſehung vieler und fuͤrnemlich dererjenigen Erſcheinungen, die bey einem gereizten Auge vorkom - men, nicht unbillig vermuthen koͤnnte(e)whytt phyſiological eſſays. S. 67., oder daßuͤber -220Zweites Buch. Gefaͤſſe. uͤberhaupt die eigentliche Beſchaffenheit dieſes gefaͤhrli - chen Zufalls noch nicht hinlaͤnglich genung iſt eingeſehen worden.

Endlich erlauben noch viele andere Umſtaͤnde, die ich auch ſchon vorlaͤngſt als Zweifel angefuͤhret habe(f)Præl. ad boerh. T. II. n. 245. not. c. , gar nicht, daß man die vielen Ordnungen von immer kleiner werdenden und ſtuffenweiſe abnehmenden Gefaͤſſen zuge - ben koͤnnte. Denn erſtlich muß wohl allerdings eine Blutader, die eigentlich Blut fuͤhret, ſich auf das leichteſte durch eine ſolche rothe Schlagader anfuͤllen laſſen, die zur Aufnahme rother Kuͤgelchen beſtimmt und eingerichtet, mithin alſo weiter iſt, als alle Schlagaͤderchen der klei - nern Geſchlechter ſind. Zweitens muß ein gefaͤrbter Saft in eine gelbrothe Schlagader etwas muͤhſamer, als in eine rothe Blutader, jedoch zugleich leichter, als in andre Gefaͤſſe der kleineren Geſchlechte uͤbergehen, da ſie die weiteſte unter den kleinern iſt. Daher muß ein lim - phatiſches, oder zu durchſichtigen Fluͤßigkeiten beſtimmtes Schlagaͤderchen den eingeſprizzten Saft mit groͤſſerer Schwierigkeit in ſich nehmen: denn es wird dieſer Saft nicht in dieſelbe hineindringen koͤnnen, wenn er nicht vor - her ſowol durch die rothe, als gelbliche Schlagader hin - durch gegangen iſt: dieſe Schwierigkeit wird hiernaͤchſt, theils von der Enge dieſes Schlagaͤderchens, theils auch durch den Aufenthalt vergroͤſſert werden, den der einge - ſprizte Saft in den gelben, kegelfoͤrmigen und aͤſtigen Gefaͤſſen ohnumgaͤnglich erleiden muß. Wenn aber hin - gegen die Rede von denen Blutkuͤgelchen und ihren Durchgang durch die kleinen Gefaͤſſe iſt, ſo wird ohn - fehlbar ein rothes Kuͤgelchen mit der groͤſſeſten Schwie - rigkeit, und ungemein ſelten durch die ganze Laͤnge eines gelben Schlagaͤderchen fortgehen koͤnnen, indem deſſen groͤſſeſte Oefnung im Lichten kleiner iſt, als ein ſolchesKuͤgel -221Schlagadern. Kuͤgelchen, und die engſte und lezte Endigung dage - gen um vielmal enger, als ein rothes Kuͤgelchen ſeyn muß, indem ein gelbes Gefaͤschen kegelfoͤrmig iſt, und ſeine Oefnung im Lichten beſtaͤndig abnimt. Derowe - gen iſt es kaum glaublich, daß entweder ein hineinge - triebenes Kuͤgelchen eine ſolche Gewalt, oder eine ge - faͤrbte Fluͤßigkeit eine ſo groſſe Geſchwindigkeit beſizzen ſollte, daß ſie durch einen kegelfoͤrmigen, und ſo weit hin convergirenden Kanal, der um ſo gar vielmal en - ger, als dieſe Kugel iſt, bis in die durchſichtige Gefaͤſſe durchdringen ſollte.

Nun zeigen uns aber die Verſuche nichts, das hier - mit nur einigermaſſen uͤbereinſtimmte. Denn es drin - gen Waſſer, Hauſenblaſe in Kornbrandtewein aufgeloͤft, Terpentinoͤl, Talg und Wachs ſehr leicht in die durch - ſichtige Gefaͤſſe, und das eben ſo ungehindert, als ſie in die ro - the Blutadern, oder in die gelbrothe Schlagaͤderchen gehen, die mit den blutfuͤhrenden zuſammengrenzen, wenn an - ders deren einige vorhanden ſind. Wir haben unlaͤngſt gezeigt, daß alle die genannte Fluͤßigkeiten ſehr ge - ſchwind in die Fettfaͤcher(g)L. I. S. 37. 38. L. II. S. 102., und faſt noch behender, als in die Blutadern uͤbergehen: naͤchſt dieſen gehet ſodann die Ausduͤnſtung der Gedaͤrme(h)L. II. S. 104., des Magens, und derer Fluͤßigkeiten, die ſich in die Hoͤlungen des Ribben - felles(i)L. II. S. 103., des Herzbeutels, des Gehirns ergieſſen, eben - falls leicht von ſtatten. Alle dieſe durchſichtige Gefaͤſ - ſe laſſen ſich eben ſo leicht, und noch leichter, als die ro - then Blutadern, vermittelſt der Schlagadern ausfuͤllen, obgleich darunter die mehreſten einen Saft fuͤhren, der viel duͤnner als das gelbe ſalzige Waſſer im Blute iſt, und daher, vermoͤge der Hipotheſe, nicht aus rothen, ſondern aus gelben, oder endlich aus andern von den rothen auch allenfalls entfernt liegenden Arten von Ge - faͤſſen, ihren Urſprung bekommen.

Der222Zweites Buch. Gefaͤſſe.

Der vom Blute hergenommene Beweis iſt ſchon et - was buͤndiger. Es muß freilich daſſelbe, nach dieſer Hipotheſe, welche Stuffen von auf einander folgenden Gefaͤſſen annimt, ſehr ſchwer in die durchſichtige Gefaͤſſe kommen. Und doch iſt es eine ganz gemeine, unſchaͤdli - che, und mit Exempeln von uns uͤberfluͤßig erwieſene Sache, daß ſich das Blut oͤfters und ohne Muͤhe durch unverlezte, unzerriſſene, oder nie beſchaͤdigte Gefaͤſſe in die Gedaͤrme(k)S. 105., die Nieren(l)S. 100. 101., die Gebaͤrmutter(m)Welches die monatliche Reinigung beweiſet., und die Haut(n)S. 106. einen Durchgang bahne; daß ſolchem - nach der Weg von den rothen Schlagadern in die durch - ſichtige Ausfuͤhrungsgaͤnge beinahe uͤberall im Koͤrper ganz leicht und ziemlich nahe angelegt ſey, und daß es daher keines wegs das Anſehen habe, daß dieſe Gefaͤſſe, vermittelſt einer Reihe von dazwiſchen kommenden koni - ſchen Schlagadern, von den rothen Schlagadern ſolten unterſchieden ſeyn. Wider dieſen Vernunftſchlus, wel - cher, wie ich ſehe, beruͤhmter Maͤnner(o)C. A. von Bergen Streit - ſchrift de inflammat. ſanguinea. ihren Beifall erhalten hat, machte der vortrefliche Senak(p)T. II. S. 64., wel - cher zwar die Theorie meines Lehrers, oder die verſchiede - nen Ordnungen der Gefaͤſſe eben nicht allzuſehr verthei - digen wollte, einige Einwendungen. Er laͤugnet, daß die zaͤrteſte Gefaͤschen aus rothen Schlagadern kommen koͤnnen, weil bei dieſer Theorie groſſe Gefahr zu befuͤrch - ten ſey, daß dergleichen hoͤchſt zarte Gefaͤſſe zerreiſſen moͤchten, wenn ſie Gewalt von dem heftigen Antrieb des Blutes erleiden muͤſten.

Man kann aber leicht erkennen, daß ſie ſo zart an ſich nicht ſind, indem ſie eine groſſe Gewalt von der Sprizze, dem Quekſilber, Talge, vom Blute, den dik - ken und ſchweren Saͤften, wie auch dem Beſtreben unddem223Schlagadern. dem Gewichte der druͤkkenden Muskeln, ohne Schwie - rigkeit und ohne zu zerreiſſen, ausſtehen koͤnnen.

Da mein Lehrer uͤberdem die allerkleinſte Schlag - ader als eine Aorte(q)Siehe Inſtit. rei med. n. CCLXI. und die Vorleſungen uͤber dieſe Stelle. von der gelben Schlagader, und den lezten Aſt von dieſer als eine Aorte eines limphati - ſchen Schlagaͤderchens anſiehet: da ferner alle dieſe Schlagadern aͤſtig und kegelartig ſind, und in Anſehung der Geſchwindigkeit der Bewegung ihrer Saͤfte eben ſol - chen Verminderungen unterworfen ſind, welche aus ei - ner koniſchen und aͤſtigen Natur in denen rothen Schlag - aͤderchen erfolgen: da endlich in dem lezten rothen Schlagaͤderchen ſelbſt, nach der Hipotheſe(r)Ebendaſ. und anderwaͤrts, z. E. n. CCXXII. CCCCLXXIX. , der Saft allerdings langſam fortbeweget wird: ſo folget daraus, daß ſich diejenigen durchſcheinende Saͤfte hoͤchſt langſam wuͤrden bewegen muͤſſen, die nach ſo vielen dazwiſchen lie - genden Geſchlechten derer Gefaͤſſe von den rothen Schlag - adern abgeſondert werden. Man ſezze, die Verweilung oder Zuruͤkhaltung ſey in jedem Geſchlechte von Schlag - adern gleich gros; man nehme an, es ſey die Zuruͤkhal - tung in der kleinſten Schlagader wenigſtens ſo beſchaffen, daß das Blut aus dem lezten Aeſtchen derſelben mit dem zwanzigſten Theile derjenigen Geſchwindigkeit, mit wel - cher es aus dem Herzen koͤmmt(s)Siehe ebendaſelbſt und in Comment. S. 305. Ferner Tom. III. Com. uͤber n. 479. Jch habe aber das Verhaͤltnis von 20 zu 1 als das kleinſte von dem genom - men, was verſchiedene mathema - tiſche Aerzte ſonſt feſt zu ſezzen pfle - gen., fortflieſſe; ſo wird es folglich durch das Schlagaͤderchen der zehnten Ord - nung mit einer Geſchwindigkeit laufen, die ſich zur Ge - ſchwindigkeit der entſpringenden Aorte, wie die Einheit zur zehnten Potenz der Zal zwanzig verhaͤlt; das iſt, die - ſe Geſchwindigkeit wird zur Geſchwindigkeit der Aorte wie 1 zu 10, 240, 000, 000, 000. ſeyn. Wenn dem -nach224Zweites Buch. Gefaͤſſe. nach das Blut in der Aorte innerhalb einer Minute 150 Fus durchlaͤuft, ſo durchlaͤuft daſſelbe in dieſer kleinſten Schlagader in gleicher Zeit beinahe $${1}{68. 000,000,000.}$$ von einem Fuſſe. Man ſezze ein jedes andre Verhaͤlt - nis, nach der die vom Herzen empfangne Geſchwindig - keit abnehme, ſo weis man, daß auch die zehnte Digni - taͤten der kleinſten Zalen uͤberaus gros ſeyn muͤſſen.

Nun eraͤugnet ſich aber nichts von dergleichen, und es gehen die Bewegungen in denen zaͤrteſten Gefaͤſ - ſen, ſo weit ſie uns bekannt ſind, ſehr ſchnell, und eben ſo hurtig von ſtatten, als ſich das Blut ſelbſt beweget, oder noch geſchwinder: wie man an des Sanctorius Ausduͤnſtung, oder vornaͤmlich(t)Prim. lin. n. 440. an dem Fluͤſſigen ein Beiſpiel hat, welches durch die Nerven bewegt wird, und die in die Sinnen geſchehenen Eindruͤkke in das Gehirne uͤberbringt(u)Ebendaſelbſt n. 393.. Es erwiedert der vortrefliche Senak hier - auf ferner(x)Angef. Ort., daß ſich duͤnne Fluͤſſigkeiten nicht ſehr aufhalten lieſſen. Allein, diejenige Zuruͤkhaltung, wel - che von der vergroͤſſerten Oefnung der Aeſte im Lichten erfolget, und diejenige, welche von der Erweiterung ei - nes convergirenden kegelartigen Aſtes, und dem davon entſtehenden Reiben, herruͤhrt, dieſe Verminderungen, ſage ich, ſind einerlei, man mag nun die Zartheit, oder die eigenthuͤmliche Schwere derer Fluͤßigkeiten ſo gros, oder klein anſezzen, als man immer will.

Zweiter225Blutadern.

Zweiter Abſchnitt. Die Blutadern.

§. 1. Die Blutadern uͤberhaupt.

Dieſe Art von Gefaͤſſen war denen Alten durchgaͤngig beſſer, als die Schlagadern, bekannt, und ſie unter - ſuchten dieſelben mit mehreren Fleis. Denn weil ſie theils den Siz der Krankheiten in die Blutadern(y)Der Siz des Fiebers iſt in der Holader, praxagoras beim rvfvs L. I. S. 41. Aus der Hol - ader erfolgt eine ſchaͤdliche Aus - ſtoſſung des Blutes, aretaevs cu - rat. acut. L. II. c. I. ſez - ten, theils auch dieſelben fleißiger, wenigſtens weit ge - troſter, als die Schlagadern, oͤfneten; auch hiernaͤchſt, in Anſehung des Orts und ihrer Lage, einen groſſen Un - terſchied in dem Erfolge oder der Wirkſamkeit von der - gleichen Eroͤfnungen ſuchten, nachdem naͤmlich dieſe oder jene Blutader mit den Blutadern des angegriffenen Thei - les zuſammenhing, oder daraus herſtammete: ſo geſcha - he es, daß man die Blutadern, nach einer der heutigen gerade entgegen geſezten Einrichtung, zuerſt vor den Schlagadern beſchrieb, und denenſelben die Geſchichte der Schlagadern als einen bloſſen Anhang beifuͤgte. So verhielten ſich Galenus(z)Jn dem Buch de venarum et arteriarum diſſectione. und Veſalius hierbei(a)vesalivs L. III. S. 484. o. B. ; und es ſind aus dieſer groͤſſeren Achtung gegen die Blut - adern nicht geringe Jrrthuͤmer erwachſen. Denn da z. E. Veſalius(b)vesalivs L. VII. c. 12. die groſſe Blutader aus dem Stamme, der von der Milz gegen die Pfortadern gehet, an dem in die Queere liegenden Gekroͤſe des dikken Gedaͤrmes (me - ſocolon transverſum), welches die Alten das hintere Nezblat hieſſen, herleitete, ſo ſezte er alſobald auchdenP226Zweites Buch. Gefaͤſſe. den Anfang der neben derſelben hinlaufenden Schlag - ader gleichfals in der Milzader: und daher iſt die linke Nezſchlagader (epiploica) entſtanden, die von der Milz - ader hergeleitet wird, da von der Milzſchlagader ſonſt nur ein kleiner Aſt zum Nezze hingehet, und hingegen dem vorgedachten Queergekroͤſe, welches zu denen Zeiten der Alten das Nez genennet wurde, auſſer einigen ganz zarten Zweigen, gar nichts weiter mitgetheilet wird. Auf eben dieſe Art haben auch diejenigen Schlagadern ihren Urſprung bekommen, welche Veſalius(c*)L. V. f. 4. x. Siehe auch Faſc. II. Icon. anat. T. II. coeliac. not. b. in die groſ - ſen Gehirnadergaͤnge (ſinus cerebri) hineinleitete: und daher hat man die Jrrthuͤmer noch weiter vermehret, und eben dieſen jeztgedachten weiten Adergaͤngen einen Pulsſchlag beigelegt, welchen doppelten Jrrthum man auch noch heut zu Tage denen Zergliederern nicht voͤllig hat benehmen koͤnnen.

Uebrigens machen die Blutadern in dem Menſchen, und denen mit Blut verſehenen Thieren, das andre Ge - ſchlecht von Gefaͤſſen aus, welches uͤberhaupt die Schlag - adern begleitet, denſelben aͤhnlich iſt, und eben ſowol aus dem Herzen ſeinen Urſprung nimmt. Jn andern Klaſ - ſen derer Thiere, z. E. in der Seeſchnekke(c)lister de buccinis. , dem Blak - fiſche (loligo), dem Waſſertauſendfuſſe(d*)baker employement for the microſcopei T. II. S. 352. Naͤmlich ein herbei-und zuruͤkfuͤh - rendes Gefaͤs., haben an - dere beruͤhmte Maͤnner ebenfalls Blutadern angetroffen. Jndeſſen glaube ich faſt, daß das Gebiet der Blutadern enger, als der Schlagadern ihres, eingeſchraͤnket ſey. Raupen haben eine Schlagader, naͤmlich einen klopfen - den Kanal mit ſeinen Aeſten(e)malpighivs de bombyce. S. 19.: aber man hat noch zurZeit(d)Ebenderſelbe de conchis bivalvibus. S. XXXII. 227Blutadern. Zeit keine Blutadern in dieſer Klaſſe angetroffen(e*)Das Jnſektenreich, die Muſcheln, das Gewuͤrme, ſind blutlos, wenn man ein Blut ohne Rothe fuͤr ein Unding haͤlt. Je fei - ner die Adernſiſteme in kleinen Thierchen werden, je weniger faſ - ſen ſie rothe Bluttheile. Die Ge - faͤſſe dehnen ſich in uns immer wei - ter aus, ſo weit unſre Haut, ohne Haͤutung, es zulaͤſt, und vermuth - lich iſt darinnen eine Anlage zu ſo ſtuffenweiſen feinern Gefaͤſſen, wie Börhaave glaubt. Jnſekten haͤu - ten ſich alle. Jhre groͤbſte Gefaͤſſe liegen nach auſſen, ſie zerſpringen von der Ausdehnung der ſich neu - entwikkelnden zaͤrteren, und zer - faſern als vertroknete Skelette. Welche Geſchlechter von Gefaͤſſen von den Hummern bis zu den Mi - kroſ kopenthierchen, die immer hellere und weiſſere Saͤſte fuͤhren! die Regenwuͤrmer, Fliegenkoͤpfe u. ſ. w. haben rothes Blut. Sollte den Jnſekten alſo die Blutader mangeln, da man wenig Schlag - adern nach unſerm Begriffe in ih - nen ſiehet? Ueberſezzer. . Auch ſelbſt in einer menſchlichen Misgeburt waren keine Blutadern vorhanden, weil dieſelbe mit keinem Herzen verſehen war(f)Mem. de l’Acad. des ſcienc. 1739. S. 590..

Sie werden uͤberhaupt, vornaͤmlich nach phiſiologi - ſcher Art, und nach dem Unterſchied des Weges, den das Blut in ſeinem Laufe nimmt, von denen Schlag - adern abgeſondert. Denn ihre groͤſſere Zartheit ſchei - net keinesweges etwas beſtaͤndiges zu ſeyn, wenn es wahr iſt, was Harvey geſehen(g)Exerc. de motu cordis. S. 171. Prooem. S. 11., daß die Dikke der Schlag - und Blutadern in denenjenigen Thieren einerlei ſey, deren Herzkammern glatt ſind. An den Froͤſchen und den Kroͤten ſind die Blutadern in der That duͤnner als die Schlagadern, beinahe ſo, wie man es bei dem Menſchen wahrnimmt(h)Mem. ſur le mouvem. du ſang. K. 1. S. 10..

§. 2. Die Blutaderſtaͤmme.

Man zaͤlet gemeiniglich, wie bei denen Schlag - adern, zweene Blutaderſtaͤmme, die Lungenblut - ader, von der wir vor der Hand noch nicht reden koͤn -P 2nen,228Zweites Buch. Gefaͤſſe. nen, und die Holader, gleichwie ebenfals zwo Schlag - adern aus dem Herzen herauskommen. Unterſuchet man indeſſen die Sache ſtrenger nach der Warheit, ſo wird man ſechs Blutaderſtaͤmme bekommen, welche nirgends zuſammenſtoſſen, auſſer an den beiden Vorkammern des Herzens, naͤmlich vier Lungenblutadern, und zwo Hol - adern. Nahe am Herzen ſind alle Blutadern in der That am weiteſten, und ſie werden, wie ſie ſich nach ge - rade davon entfernen, auf gleiche Weiſe, wie die Schlag - adern, immer kleiner und enger. Solchemnach haben die aͤlteſte Schriftſteller, und unter denenſelben Ariſto - teles(i)Der Blutadern Anfang iſt das Herz, de gener. anim. L. II. c. 4. de part. anim. L. III. c. 4. zu erſt, und nach ihm Eraſiſtratus, unter den neuern aber Veſalius vor dem Harvey(k)De fabric. corp. hum. L. IV. c. 6. de radice Chinæ. S. 263., und andre wenige mehr(l)Andr. caesalpinvs quæſt - peripat. L. V. c. 3. Caeſar cremo - ninvs in einem eignen Buche. Nach dem Harvey vornaͤmlich Franz Gliſſon de hepate, c. 36., mit Recht behauptet, daß die Blutadern ihren Urſprung vom Herzen ſelbſt bekaͤmen. Der Verfaſſer des Buches περι τροφης(m)N. 8. S. 29. Ausg. lalla - mantii. , und Galenus, haben(n)De hippocr. et platon. de - cret. L. VI. u. f. die Beſchaffenheit dieſes Urſprungs von einer andern Seite betrachtet, und denſelben in denjenigen Theil geſezzet, von dem die Blutadern das Blut erhal - ten: und hierinnen folgten ihm Aretaeus(o)Die Leber iſt der eigentliche Ort, wo die Blutadern ihre Wur - zeln haben. Cur. acut. L. II. c. 7. Ebendaſelbſt cap. 6. und de diut. curat. n. 1., Fallo - pius(p)De partib. ſimilarib. c. 14. und andre mehr. Dieſer Streit ward mit beſon - derer Hizze gefuͤhret, der aber heutiges Tages in eine