PRIMS Full-text transcription (HTML)
Von Deutſcher Art und Kunſt.
Einige fliegende Blaͤtter.
[figure]
Hamburg,1773. BeyBode.

I. Auszug aus einem Briefwechſel uͤber Oſſian und die Lieder alter Voͤlker.

AI. Aus -

I. Auszug aus einem Briefwechſel uͤber Oſſian und die Lieder alter Voͤlker.

Auch ich bin, wie Sie, uͤber die Ueberſetzung Oſſians fuͤr unſer Volk und unſre Sprache, eben ſo ſehr als uͤber ein Epiſches Original entzuͤckt. Ein Dichter, ſo voll Hoheit, Unſchuld, Ein - falt, Thaͤtigkeit, und Seligkeit des menſchli - chen Lebens, muß, wenn man in faca Ro - muli an der Wuͤrkſamkeit guter Buͤcher nicht ganz verzweifeln will, gewiß wuͤrken und Her - zen ruͤhren, die auch in der armen Schotti - ſchen Huͤtte zu leben wuͤnſchen, und ſich ihre Haͤuſer zu ſolchem Huͤttenfeſt einweihen Auch Denis Ueberſetzung verraͤth ſo viel Fleiß und Geſchmack, theils gluͤcklichen Schwung der Bilder, theils Staͤrke der deutſchen Spra - che, daß ich auch ſie gleich unter die Lieblings - buͤcher meiner Bibliothek geſtellt, und Deutſch - land zu einem Barden Gluͤck gewuͤnſcht, denA 2der4der ſchottiſche Barde nur gewecket Aber Sie, der vorher ſo halsſtarrig an der Wahr - heit und Authenticitaͤt des ſchottiſchen Oſſians zweifelte, hoͤren Sie jetzt mich den Verthei - diger, nicht halsſtarrig zweifeln, ſondern be - haupten, daß Trotz alles Fleiſſes und Ge - ſchmacks und Schwunges und Staͤrke der deutſchen Ueberſetzung unſer Oſſian gewiß nicht der wahre Oſſian mehr ſey. Der Raum fehlt mir, das jetzt zu beweiſen: ich muß alſo meine Behauptung nur, wie ein tuͤrkiſcher Mufti, ſein Fetwa hinſetzen, und hier der Name des Mufti

Meine Gruͤnde gegen den deutſchen Oſſian ſind nicht blos, wie Sie guͤtigſt waͤhnen, Eigenſinn gegen den deut - ſchen Hexameter uͤberhaupt: denn was trauen Sie mir fuͤr Empfindung, fuͤr Ton und Harmonie der Seele zu, wenn ich z. E. den Kleiſtiſchen, den Klopſtockiſchen Hexame - ter nicht fuͤhlen ſollte? aber freylich, weil Sie doch Einmal ſelbſt darauf gekommen ſind, der Klopſtockſche Hexameter bey Oſſian? freylich auch hinc illæ lacrimæ! Haͤtte der Herr D. die eigentliche Manier Oſſians nur etwas auch mit dem innern Ohre uͤberlegt Oſſianſo5ſo kurz, ſtark, maͤnnlich, abgebrochen in Bil - dern und Empfindungen Klopſtocks Ma - nier, ſo ausmalend, ſo vortreflich, Empfin - dungen ganz ausſtroͤmen, und wie ſie Wellen ſchlagen, ſich legen und wiederkommen, auch die Worte, die Sprachfuͤgungen ergieſſen zu laſſen welch ein Unterſchied? und was iſt nun ein Oſſian in Klopſtocks Hexameter? in Klopſtocks Manier? Faſt kenne ich keine zwo verſchiednere, auch Oſſian ſchon wuͤrklich wie Epopaͤiſt betrachtet.

Aber das iſt er nun nicht, und ſehen Sie, das wollte ich Jhnen nur ſagen, von jenem hat ſchon, wie mich duͤnkt, eine Kritiſche Bi - bliothek geredet, und das geht mich nichts an. Jhnen wollte ich nur in Erinnerung bringen, daß Oſſians Gedichte Lieder, Lieder des Volks, Lieder eines ungebildeten ſinnlichen Volks ſind, die ſich ſo lange im Munde der vaͤterlichen Tradition haben fortſingen koͤn - nen ſind ſie das in unſrer ſchoͤnen epiſchen Geſtalt geweſen? haben ſies ſeyn koͤnnen? mein Freund, wenn ich mich zuerſt gegen Jhre zweifelnde Halsſtarrigkeit gegen die Urſpruͤng - lichkeit Oſſians auf Nichts ſo ſehr, als auf inneres Zeugniß, auf den Geiſt des Werks ſelbſt berief, der uns mit weiſſagender Stim - me zuſagte: ſo etwas kann Macpherſon un - moͤglich gedichtet haben! ſo was laͤßt ſich inA 3unſerm6unſerm Jahrhunderte nicht dichten! mit eben dem innern Zeugniß rufe ich jetzt eben ſo laut: das laͤßt ſich wahrhaftig nicht ſingen! in ſolchem Ton von einem wilden Bergvolke wahrhaftig nicht fortſingen und erhalten folg - lich iſts nicht Oſſtan, der da ſang, der ſo lan - ge fortgeſungen wurde! Was ſagen Sie zu meinem innern Beweiſe? naͤchſtens fuͤlle ich Jhnen vielleicht damit Seiten!

So eigenſinnig fuͤr Jhren deutſchen Oſſian haͤtte ich Sie doch nicht ge - glaubt! Es mir durch Zergliederungen und einzelne Vergleichungen abzwingen zu wollen, daß er gewiß ſo gut, als der Engliſche ſey! Jn Sachen der bloſſen, ſchnellen Empfindung, was laͤßt ſich da nicht aus zergliedern? was nicht durch ein gruͤbeln des Zerlegen heraus be - weiſen, was wenigſtens die vorige ſchnelle Empfindung gewiß nicht iſt. Haben Sie es wohl diesmal bedacht, was Sie ſo oft, oft, und taͤglich fuͤhlen, was die Auslaſſung Eines, der Zuſatz eines andern, die Umſchreibung und Wiederholung eines dritten Worts; was mir andrer Accent, Blick, Stimme der Rede durchaus fuͤr anderen Ton geben koͤnne? Jch will den Sinn noch immerblei -7bleiben laſſen; aber Ton? Farbe? die ſchnel - leſte Empfindung von Eigenheit des Orts, des Zwecks? Und beruht nicht auf dieſen alle Schoͤnheit eines Gedichts, aller Geiſt und Kraft der Rede? Jhnen alſo immer zuge - geben, daß unſer Oſſian, als ein poetiſches Werk ſo gut, ja beſſer, als der Engliſche ſey eben weil er ein ſo ſchoͤnes poetiſches Werk iſt, ſo iſt er der alte Barde, Oſſian, nicht mehr; das will ich ja eben ſagen?

Nehmen Sie doch Eins der alten Lieder, die in Shakeſpear, oder in den engliſchen Sammlungen dieſer Art vorkommen, und ent - kleiden Sies von allem Lyriſchen des Wohl - klanges, des Reims, der Wortſetzung, des dunkeln Ganges der Melodie: laſſen Sie ihm blos den Sinn, ſo ſo, und auf ſolche und ſolche Weiſe in eine andre Sprache uͤbertra - gen; iſts nicht, als wenn Sie die Noten in einer Melodie von Pergoleſe, oder die Let - tern auf einer Blattſeite umwuͤrfen? wo blie - be der Sinn der Seite? wo bliebe Pergoleſe? Mir faͤllt eben das Liedchen aus Shakeſpears Twelfth-Night in die Haͤnde, bey welchem der Liebeſieche Herzog von hinnen ſcheiden will:

that old and antik ſong
Me thought it did relieve my paſſion
much
A 4More8
More than light airs and recollected terms
Of theſe moſt briſk and giddy paced times
it is old and plain
The Spinſters and the Knitlers in the Sun
And the free Maids that weave their
Thread with Bones
Do uſe to chant it: it is ſitly ſoath
And daillies with the innocence of Love
Like the old Age

Nun, werden Sie bey ſolchem Lobe nicht ſo begierig, wie der verliebte Ritter ſelbſt? Auf! uͤberſetzen Sies flugs in Denisſche Hexame - ter:

Song.
Come away, come away, death!
And in ſad cypreſs let me be laid!
Fly away, fly away, breath!
I am ſlain by a fair cruel Maid!
My Shrowd of white ſtuck all with yew
Oh prepare it
My Part of death, no one ſo true
Did ſhare it!
Not a Flow’r, not a Flow’r ſweet
On my black Coffin let there be ſtrown
Not a Friend, not a Friend greet
My poor Corps, where my Bones
ſhall be thrown.
A thouſand thouſand Sighs to ſave
Lay me o where
True Lover never find my Grave
To weep there.
Der9

Der ſollte nicht mein Freund ſeyn, der bey dieſem ſo einfaͤltigen, Nichtsſagenden Liede, inſonderheit lebendig geſungen, nichts mit fuͤhlte! Jndeſſen, wenn es uͤberſetzt wuͤrde (Wieland hat es, ſo wie die Meiſten dieſer Art, nicht uͤberſetzt!) wenn der Einige faſt, dem ich hiezu Biegſamkeit zutraue, der Saͤn - ger des Skaldengeſanges und der Grabſchrift Aſpaſiens, und des griechiſchen Schnitterlied - chens und der ſuͤſſen Naͤnie auf Wachtel und das Schnittermaͤdchen des Himmels, und auf die Herzensangſt jenes guten Pfarrers wenn dieſer Dichter, der ſo Mancherley, und dies Mancherley ſo vortreflich ſeyn kann, es uͤberſetzte, wie anders erhaͤlt er den Abdruck der innern Empfindung, als durch den Ab - druck des Aeuſſern, des Sinnlichen, in Form, Klang, Ton, Melodie, alles des Dunklen, Unnennbaren, was uns mit dem Geſange ſtromweiſe in die Seele flieſſet. Schlagen Sie die Dodslei’ſchen Reliques of ancient Poetry auf, von Einem Ende zum Andern; uͤberſetzen Sie was und wie ſchoͤn Sie es wollen, aber auſſer dem Ton des Ge - ſanges, und ſehen Sie denn, was Sie ha - ben werden!

Sie kennen doch die liebe, ſuͤſſe Romanze, von der ich mich wundere, daß ſie ſich in denA 5Dods -10Dodsleiſchen Reliques nicht finde: Heinrich und Kathrine

In ancient times in Britain Iſſe Lord Henry was well knowne

ein engliſcher Schulrector, ſeines Namens Samuel Biſhop, hat gewiſſe Ferias poeti - cas gefeyret: i. e. Carmina Anglicana Elegiaci plerumque argumenti (ich ſchrei - be Jhnen den verdienſtvollen Titel) latine reddita geſchrieben, und in dieſen Carmi - nibus Anglicanis latine redditis iſt auch unſre Romanze Elegiaci argumenti, und alſo auch Elegiaco verſu, ſchoͤn ſkandirt und phraſeologiſirt, die ſich alſo anhebt:

Angliacos inter proceres innotuit olim Henricus priſcæ nobilitatis honos!

und wo iſt nun die Romanze? Daß es mit Oſſian kaum anders ſey, ſehen Sie nur einmal die ſchoͤne Macferlanſche Ueber - ſetzung von Temora. Der Verf. ſelbſt ein Schotte? der Oſſian ſingen gehoͤrt? ihn doch alſo fuͤhlen muß? Sehen Sie nun, was un - ter den Haͤnden des guten, flinken Lateiners aus der ruͤhrenden Stelle geworden iſt, da Oſcar faͤllt, und der Dichter ploͤtzlich abbre - chend, ſich an ſeine Geliebte wendet Jn der N. Bibl. der ſch. W. Band 9. St. 2. S. 344. ſind die Ueberſetzungen aus Mac -ferſon11ferſon Macferlan, und Denis neben ein - ander. Sie koͤnnen nachſchlagen und ſe - hen!

Jhre Einwuͤrfe ſind ſonderbar. Bey alten Gothiſchen Geſaͤngen, wie Sie ſie zu nennen belieben, bey Reimgedich - ten, Romanzen, Sonnets und dergleichen ſchon kuͤnſtlichen oder gar gekuͤnſtelten Stan - zen, geben Sie mir nach; aber bey alten unge - kuͤnſtelten Liedern, wilder, ungeſitteter Voͤl - ker wilder ungeſitteter Voͤlker? ich kann ihre Stelle kaum ausſchreiben. So gehoͤrte ihr Oſſian und ſein edler, groſſer Fingal ſo ſchlechthin zu einem wilden ungeſitteten Volk? und wenn jener auch alles idealiſirt haͤtte, wer ſo idealiſiren konnte, und wem ſo idealiſirt, dergleichen Bilder, dergleichen Geſchichte, der Traum des Nachts, und das Vorbild des Tags, Gemuͤthserholung und beſte Her - zensluſt ſeyn konnte; der war wildes Volk? Wohin man doch abgerathen kann, um nur ſeine Lieblingsmeinung zu retten.

Wiſſen Sie alſo, daß je wilder, d. i. je le - bendiger, je freywirkender ein Volk iſt, (denn mehr heißt dies Wort doch nicht!) deſto wilder, d. i. deſto lebendiger, freyer, ſinnlicher, lyriſchhan -12handelnder muͤſſen auch, wenn es Lieder hat, ſeine Lieder ſeyn! Je entfernter von kuͤnſtlicher, wiſſenſchaftlicher Denkart, Sprache und Let - ternart das Volk iſt: deſto weniger muͤſſen auch ſeine Lieder fuͤrs Papier gemacht, und todte Lettern Verſe ſeyn: von lyriſchen, vom leben - digen und gleichſam Tanzmaͤßigen des Geſan - ges, von lebendiger Gegenwart der Bilder, vom Zuſammenhange und gleichſam Noth - drange des Jnhalts, der Empfindungen, von Symmetrie der Worte, der Sylben, bey man - chen ſogar der Buchſtaben, vom Gange der Melodie, und von hundert andern Sachen, die zur lebendigen Welt, zum Spruch - und Na - tionalliede gehoͤren, und mit dieſem verſchwin - den davon, und davon allein haͤngt das Weſen, der Zweck, die ganze wunderthaͤtige Kraft ab, den dieſe Lieder haben, die Ent - zuͤckung, die Triebfeder, der ewige Erb - und Luſtgeſang des Volks zu ſeyn! Das ſind die Pfeile dieſes wilden Apollo, womit er Herzen durchbohrt, und woran er Seelen und Gedaͤcht - niſſe heftet! Je laͤnger ein Lied dauren ſoll, deſto ſtaͤrker, deſto ſinnlicher muͤſſen dieſe See - lenerwecker ſeyn, daß ſie der Macht der Zeit und den Veraͤnderungen der Jahrhunderte trotzen wohin wendet ſich nun die Sache?

Ohne Zweifel waren die Skandinavier, wie ſie auch in Oſſian uͤberall erſcheinen, ein wilde -res13res rauheres Volk, als die weich idealiſirten Schotten: mir iſt von jenen kein Gedicht be - kannt, wo ſanfte Empfindung ſtroͤme: ihr Tritt iſt ganz auf Felſen und Eis und gefrorner Erde, und in Abſicht auf ſolche Bearbeitung und Kul - tur iſt mir von ihnen kein Stuͤck bekannt, das ſich mit den Oſſianſchen darinn vergleichen laſſe. Aber ſehen ſie einmal im Worm, im Bar - tholin, im Periſtiold, und Verel ihre Ge - dichte an wie viel Sylbenmaaſſe! wie ge - nau jedes unmittelbar durch den fuͤhlbaren Takt des Ohrs beſtimmt! aͤhnliche Anfangsſyl - ben mitten in den Verſen ſymmetriſch aufge - zaͤhlt, gleichſam Loſungen zum Schlage des Takts, Anſchlaͤge zum Tritt, zum Gange des Kriegsheers. Aehnliche Anfangsbuchſtaben zum Anſtoß, zum Schallen des Bardengeſan - ges in die Schilde! Diſticha und Verſe ſich ent - ſprechend! Vokale gleich! Sylben Conſon wahrhaftig eine Rythmik des Verſes, ſo kuͤnſt - lich, ſo ſchnell, ſo genau, daß es uns Buͤcherge - lehrten ſchwer wird, ſie nur mit den Augen auf - zufinden; aber denken Sie nicht, daß ſie jenen lebendigen Voͤlkern, die ſie hoͤrten und nicht la - ſen, von Jugend auf hoͤrten und mit ſangen, und ihr ganzes Ohr darnach gebildet hatten, eben ſo ſchwer geweſen ſey. Nichts iſt ſtaͤrker und ewiger, und ſchneller, und feiner, als Ge - wohnheit des Ohrs! Einmal tief gefaßt, wielange14lange behaͤlt daſſelbe! Jn der Jugend, mit dem Stammlen der Sprache gefaßt, wie leb - haft kommt es zuruͤck, und ſo ſchnell mit allen Erſcheinungen der lebendigen Welt verbun - den, wie reich und maͤchtig kommt es wie er. Aus Muſik, Geſang und Rede koͤnnt ich Jh - nen eine Menge ſonderbarer Phaͤnomene an - fuͤhren, wenn ich einmal pſychologiſiren wollte!

Denken Sie nicht, daß ich uͤbertreibe. Un - ter 136 Rhythmusarten der Skalden, habe ich nur Einen, den Saugbaren, in Worm naͤher ſtudirt (denn ihre eigentliche Proſodie, der zwei - te Theil der Edda iſt meines Wiſſens noch nicht erſchienen!) und was denken Sie, wenn in dieſem Rythmus von 8 Reihen nicht blos 2 Diſticha, ſondern in jedem Diſtichon 3 An - fangaͤhnliche Buchſtaben, 3 conſone Woͤrter und Schaͤlle, und dieſe in ihren Regionen wie - der ſo metriſch beſtimmt ſind, daß die ganze Strophe gleichſam eine proſodiſche Runentex - tur geworden iſt und alles waren Schaͤlle, Laute eines lebenden Geſanges, Wecker des Takes und der Erinnerung, alles klopfte, und ſtieß und ſchallte zuſammen! Machen Sie nun die Probe, und ſtudiren Reyner Lod - brogs Sterbegeſang in den Runen des Worms, und leſen denn die feine, zierliche Ueberſetzung, die wir davon im Dentſchen, in ganz anderm Ton und ganz anderm Sylben -maaſſe15maaſſe haben der verzogenſte Kupferſtich von einem ſchoͤnen Gemaͤlde! Nun komme je - mand und mache aus dem Schlachtgeſang der Dyſen, aus dem Zaubergeſpraͤch Odins am Thor der Hoͤlle, aus dem juͤngſten Gericht der Eddagoͤtter ein ſchoͤnes Heldengedicht in He - xametern, oder ſchoͤne griechiſche Sylben - maaſſe, wie Herr Denis aus dem Geſpraͤch Gauls und Mornis, Fingals und Ros - kranen gemacht hat; aus Evind Skalda - ſpillers Trauerlied auf Hako eine Elegie im Ton der Rothſchildsgraͤber was wuͤrde Va - ter Odin und der alte Skaldaſpiller ſagen? Daß ſich nun dieſe Skaldiſche Rhytmik nicht auf Jsland und Skandinavien eingeſchraͤnkt, koͤnnen ſie aus Hickes, und andern; am neue - ſten noch in den Dodslei’ſchen reliques aus der Vorabhandlung von dem complaint of conſcience (Th. 2. B. 3. S. 277.) ſehen, wo aus dem Angelſaͤchſiſchen dergleichen mehr als Eine Probe angefuͤhrt wird.

Aber noch mehr. Gehen Sie die Gedichte Oſſians durch. Bey allen Gelegenheiten des Bardengeſanges ſind ſie einem andern Volk ſo aͤhnlich, das noch jetzt auf der Erde lebet, ſin - get, und Thaten thut; in deren Geſchichte ich alſo ohne Vorurtheil und Wahn die Geſchichte Oſſians und ſeiner Vaͤter mehr als Einmal le - bendig erkannt habe. Es ſind die fuͤnf Na -tionen16tionen in Nordamerika: Sterbelied und Kriegsgeſang, Schlacht - und Grablied, hiſto - riſche Lobgeſaͤnge auf die Vaͤter und an die Vaͤ - ter alles iſt den Barden Oſſians und den Wilden in Nordamerika gemein; der letzten Marter - und Rachelied nehme ich aus, dafuͤr die ſanften Kaledonier ihre Geſaͤnge mit dem ſanften Blut der Liebe faͤrbten. Nun ſehen Sie einmal, was alle Reiſebeſchreiber, Char - levoix und Lafiteau, Roger, und Cad - wallader Colden vom Ton, vom Rythmus, von der Macht dieſer Geſaͤnge auch fuͤr Ohren der Fremdlinge ſagen. Sehen Sie nach, wie viel nach allen Berichten darinn auf lebende Bewegung, Melodie, Zeichen ſprache und Pan - tomime ankoͤmmt, und wenn nun Reiſende, die die Schotten kannten, und mit den Ameri - kanern ſo lange gelebt hatten, Kapt. Timber - lake z. B. die offenbare Aehnlichkeit der Geſaͤnge beyder Nationen anerkannten ſo ſchlieſſen Sie weiter. Bey Denis ſtehen wir ſteif und feſt auf der Erde: hoͤren etwa Sinn und Jn - halt in eigner, guter poetiſcher Sprache, aber nach der Analogie aller wilden Voͤlker kein Laut, kein Ton, kein lebendiges Luͤftchen von den Huͤ - geln der Kaledonier, das uns hebe und ſchwinge, und den lebendigen Ton ihrer Lieder hoͤren laſ - ſen: wir ſitzen, wir leſen, wir kleben ſteif und feſt an der Erde.

Als17

Als eine Reiſe nach England noch in meiner Seele lebte o Freund, Sie wiſſen nicht, wie ſehr ich damals auch auf dieſe Schotten rechnete! Ein Blick, dachte ich, auf den oͤf - fentlichen Geiſt, und die Schaubuͤhne, und das ganze lebende Schauſpiel des engliſchen Volks, um im Ganzen die Jdeen mir aufzu - klaͤren, die ſich im Kopf eines Auslaͤnders in Geſchichte, Philoſophie, Politik und Sonder - barkeiten dieſer wunderbaren Nation, ſo dun - kel und ſonderbar zu bilden und zu verwirren pflegen. Alsdenn die groͤßte Abwechſelung des Schauſpiels, zu den Schotten! zu Macferſon! Da will ich die Geſaͤnge eines lebenden Volks lebendig hoͤren, ſie in alle der Wuͤrkung ſehen, die ſie machen, die Oerter ſehen, die allenthal - ben in den Gedichten leben, die Reſte dieſer alten Welt in ihren Sitten ſtudiren! eine Zeit - lang ein alter Kaledonier werden und denn nach England zuruͤck, um die Monumente ihrer Litteratur und ihre zuſammengeſchleppten Kunſt - worte und das Detail ihres Charakters mehr zu kennen wie freute ich mich auf den Plan! und als Ueberſetzer haͤtte ich gewiß auf andern Wegen aͤhnliche Schritte thun wollen, die jetzt Denis nicht gethan hat! Fuͤr ihn iſt ſelbſt die Macpherſonſche Probe der Urſprache ganz vergebens abgedruckt geweſen.

B Sie18

Sie lachen uͤber meinen Enthuſias - mus fuͤr die Wilden beynahe ſo, wie Voltaire uͤber Rouſſeau, daß ihm das Gehen auf Vieren ſo wohl gefiele: Glauben Sie nicht, daß ich deswegen unſre ſittlichen und geſitteten Vorzuͤge, worinn es auch ſey, verachte. Das menſchliche Geſchlecht iſt zu einem Fortgange von Scenen, von Bildung, von Sitten beſtimmt: wehe dem Menſchen, dem die Scene mißfaͤllt, in der er auftreten, han - deln und ſich verleben ſoll! Wehe aber auch dem Philoſophen uͤber Menſchheit und Sitten, dem Seine Scene die Einzige iſt, und der die Erſte immer, auch als die Schlechteſte, verkennet! Wenn alle mit zum Ganzen des fortgehenden Schauſpiels gehoͤren: ſo zeigt ſich in jeder eine neue, ſehr merkwuͤrdige Seite der Menſch - heit und nehmen Sie ſich nur in Acht, daß ich Sie nicht naͤchſtens mit einer Philologie aus den Gedichten Oſſians heimſuche. Die Jdeen wenigſtens dazu liegen tief und le - bendig genug in meiner Seele, und ſie wuͤrden manches Sonderbare leſen!

Fuͤr jetzt. Wiſſen Sie, warum ich ein ſolch Gefuͤhl theils fuͤr Lieder der Wilden, theils fuͤr Oſſian inſonderheit habe? Oſſian zuerſt, habe ich in Situationen geleſen, wo ihn diemeiſten,19meiſten, immer in buͤrgerlichen Geſchaͤften, und Sitten und Vergnuͤgen zerſtreute Leſer, als blos amuſante, abgebrochene Lecture, kaum leſen koͤnnen. Sie wiſſen das Aben - theuer meiner Schiffahrt; aber nie koͤnnen Sie ſich die Wuͤrkung einer ſolchen, etwas langen Schiffahrt ſo denken, wie man ſie fuͤhlt. Auf Einmal aus Geſchaͤften, Tumult und Ranges - poſſen der buͤrgerlichen Welt, aus dem Lehn - ſtuhl des Gelehrten und vom weichen Sopha der Geſellſchaften auf Einmal weggeworfen, ohne Zerſtreuungen, Buͤcherſaͤle, gelehrten und ungelehrten Zeitungen, uͤber Einem Brette, auf ofnem allweiten Meere, in einem kleinen Staat von Menſchen, die ſtrengere Geſetze haben, als die Republik Lykurgus, mitten im Schauſpiel einer ganz andern, lebenden und webenden Natur, zwiſchen Abgrund und Him - mel ſchwebend, taͤglich mit denſelben endloſen Elementen umgeben, und dann und wann nur auf eine neue ferne Kuͤſte, auf eine neue Wolke, auf eine ideale Weltgegend merkend nun die Lieder und Thaten der alten Skalden in der Hand, ganz die Seele damit erfuͤllet, an den Orten, da ſie geſchahen hier die Klippen Olaus vorbey, von denen ſo viele Wunderge - ſchichte lauten dort dem Eilande gegenuͤber, das jene Zauberoſe, mit ihren vier maͤchtigen Sternebeſtirnten Stieren abpfluͤgte, dasB 2 Meer20 Meer ſchlug, wie Platzregen, in die Luͤfte empor, und wo ſich, ihren ſchweren Pflug ziehend, die Stiere wandten, glaͤnzten 8 Sterne vor ihrem Haupte uͤber dem Sand - lande hin, wo vormals Skalden und Vikinge mit Schwerdt und Liede auf ihren Roſſen des Erdeguͤrtels (Schiffen) das Meer durchwan - delten, jetzt von fern die Kuͤſten vorbey, da Fingals Thaten geſchahen, und Oſſians Lieder Wehmuth ſangen, unter eben dem Weben der Luft, in der Welt, der Stille glauben Sie, da laſſen ſich Skalden und Barden anders leſen, als neben dem Katheder des Profeſſors. Wood mit ſeinem Homer auf den Truͤmmern Tro - ja’s, und die Argonauten, Odyſſeen und Luſia - den unter wehendem Segel, unter raſſelndem Steuer: Die Geſchichte Uthals und Nina - thoma im Anblick der Jnſel, da ſie geſchahe; wenigſtens fuͤr mich ſinnlichen Menſchen ha - ben ſolche ſinnliche Situationen ſo viel Wuͤr - kung. Und das Gefuͤhl der Nacht iſt noch in mir, da ich auf ſcheiterndem Schiffe, das kein Sturm und keine Fluth mehr bewegte, mit Meer beſpuͤlt, und mit Mitternachtwind um - ſchauert, Fingal las und Morgen hofte Verzeihen Sie es alſo wenigſtens einer altern - den Einbildung, die ſich auf Eindruͤcke dieſer Art, als auf alte bekannte und innige Freunde ſtuͤtzet.

Aber21

Aber auch das iſt noch nicht eigentlich Ge - neſis des Enthuſiasmus, uͤber welchen Sie mir Vorwuͤrfe machen: denn ſonſt waͤre er vielleicht nichts als individuelles Blendwerk, ein bloſſes Meergeſpenſt, das mir erſcheinet. Wiſſen Sie alſo, daß ich ſelbſt Gelegenheit gehabt, lebendige Reſte dieſes alten, wilden Geſanges, Rhytmus, Tanzes, unter lebenden Voͤlkern zu ſehen, denen unſre Sitten noch nicht voͤllig Sprache und Lieder und Gebraͤuche haben neh - men koͤnnen, um ihnen dafuͤr etwas ſehr Ver - ſtuͤmmeltes oder Nichts zu geben. Wiſſen Sie alſo, daß, wenn ich einen ſolchen alten Geſang mit ſeinem wilden Gange gehoͤrt, ich faſt immer, wie der franzoͤſiſche Marcell ge - ſtanden: que de choſes dans un menuet! oder vielmehr, was haben ſolche Voͤlker durch Umtauſch ihrer Geſaͤnge gegen eine verſtuͤm - melte Menuet, und Reimleins, die dieſer Me - nuet gleich ſind, gewonnen?

Sie kennen die beyden lettiſchen Lieder - chen, die Leßing in den Litteraturbrie - fen aus Ruhig anzog, und wiſſen, wie viel ſinnlicher Rhythmus der Sprache in ihrem We - ſen liegen mußte; laſſen Sie mich itzt ein paar Peruaniſche aus Garcilaſſo di Vega zie - hen, die ich nach Worten, Klang, und Rhyth - mus ſo viel moͤglich uͤbertragen; Sie werden aber gleich ſelbſt ſehen, wie weit ſie ſich uͤbertra - gen laſſen.

B 3Das22

Das Erſte iſt die Serenate eines Liebhabers in der Abenddaͤmmerung:

Schlummre, ſchlummr, o Maͤdchen,
Sanft in meine Lieder,
Mitternachts, o Maͤdchen,
Weck ich dich ſchon wieder!

Was laͤßt ſich ſeinem Maͤdchen mehr und ſuͤſſer ſagen? Das andre iſt ein bloſſes Bild, eine Fiktion ihrer Mythologie von Donner und Blitz. Jn den Wolken iſt eine Nymphe mit einem Waſſerkruge in der Hand, beſtellet, um zu gehoͤriger Zeit der Erde Regen zu geben. Unterlaͤßt ſies, laͤßt ſie die Erde in Duͤrre ſchmach - ten, ſo koͤmmt ihr Bruder, zerſchlaͤgt ihren Krug, das giebt Blitz und Donner, und denn zugleich Regen. Wenn die Dichtung vom Ungewitter in der Duͤrre, mit Regen be - gleitet, Jhnen als ſinnlich, als anſchauend ge - gefaͤllt: ſo hoͤren ſie das Lied oder Gebet an ſie, wie Sie wollen:

Schoͤne Goͤttin,
Himmelstochter!
Mit dem vollen
Waſſerkruge,
Den dein Bruder
Jetzt zerſchmettert
Daß es wettert
Ungewitter,
Blitz und Donner!
Schoͤne23
Schoͤne Goͤttin,
Koͤnigstochter!
Und nun traͤufelſt
Du uns Regen,
Milden Regen!
Doch oft ſtreueſt
Du auch Flocken
Und auch Schloſſen!
Denn ſo hat dir
Er der Weltgeiſt!
Er der Weltgott!
Virakocha!
Macht gegeben
Amt gegeben!

Als Weisheit habe ich das Liedchen nicht angefuͤhrt: denn Sie wiſſen, in welchem Ruf die dummen Peruaner ſtehen? ich rede von Symmetrie des Rhythmus, des Sangbaren, und da arbeitet meine Nachbildung dem Ori - ginal ſo matt und ſchwach nach.

Sie kennen das Kleiſtiſche Lied eines Lapplaͤnders, und die Hand dieſes braven Man - nes konnte fuͤr uns gewiß nicht anders, als verſchoͤnern: aber wenn ich Jhnen nun den ro - hen Lapplaͤnder gaͤbe? wenigſtens aus der dritten Hand, denn ich habe Scheffer nicht bey mir:

O Sonne, dein helleſter Schimmer beglaͤnze
den Orra See!
Jch wuͤrde den Fichtengipfel erſteigen, koͤnnt ich
ſchauen den Orra-See!
B 4Jch24
Jch wuͤrd ihn erſteigen, den Gipfel, meine
Blumenfreundinn zu ſehn!
Jch wuͤrd ihn beſcheeren, ihm alle Zweige, ſeine
gruͤnen Zweige ſtuͤmmeln
Haͤtt ich Fluͤgel, zu dir zu fliegen, Fluͤgel der
Kraͤhen
Dem Laufe der Wolken folgt ich, ziehend zum
Orra-See!
Aber mir mangeln die Fluͤgel! Entefluͤgel!
Fuͤſſe der Ente!
Rudernde Fuͤſſe der Gaͤnſe, die mich zu dir
bringen!
O du haſt lange gewartet, ſo viel Tage!
ſchoͤne Tage,
Du mit erquickenden Augen, mit deinem freund -
lichen Herzen!
Was iſt ſtaͤrker, als Flechte Sehnen! als eiſene,
maͤchtige Ketten
So feſſelt uns die Liebe, die Umſchafferinn Sinns
und Willens:
Denn der Wille des liebenden Juͤnglings iſt
Windesgang
Die Gedanken des Liebenden lange Gedanken!
Folgt ich ihnen allen, ich irrte vom rechten
Weg ab.
Drum bleibt mir Ein Entſchluß, die ſichre Bahn
zu gehn!

Es iſt, wie geſagt, aus der dritten Hand, die - ſes lapplaͤndiſche Lied Aber noch immer, wie natuͤrlich, wie ſehnlich ſinnet der junge, begehrende Lapplaͤnder, dem ſein Weg zu lange wird, dem Alles, was er ſieht, Sonne und Wipfel und Wolke und Kraͤhe und Ruderfuͤſſeſich25ſich zum Orraſee, auf ſein Maͤdchen beziehen muß! Der auf die Schnelle und Langſam - keit ſeines Weges, auf ſein Hineilen der Seele, auf ſeine vorwandernde Gedanken, auf ſeine Luſt, Richtſteige zu ſuchen, wie natuͤrlich! wie ſehnlich zuruͤck kommt! Que de choſes dans un menuet! und ich liefre Jhnen doch nur die ſtammlendſten, zerriſſenſten Reſte.

Ein andres lapplaͤndiſches Liebeslied an ſein Rennthier wollte ich Jhnen auch mittheilen; aber es iſt verworfen, und wer mag Zettel ſu - chen? Dafuͤr ſtehe hier ein altes, recht ſchau - derhaftes Schottiſches Lied, fuͤr das ich ſchon mehr ſtehen kann, weil ichs unmittelbar aus der Urſprache habe. Es iſt ein Geſpraͤch zwi - ſchen Mutter und Sohn, und ſoll im Schotti - ſchen mit der ruͤhrendſten Landmelodie beglei - tet ſeyn, der der Text ſo viel Raum goͤnnet:

Dein Schwerdt, wie iſts von Blut ſo roth?
Edward, Edward! |
Dein Schwerdt, wie iſts von Blut ſo roth
Und gehſt ſo traurig da! O!
Jch hab geſchlagen meinen Geyer todt
Mutter, Mutter!
Jch hab geſchlagen meinen Geyer todt,
Und das, das geht mir nah! O!
Dein’s Geyers Blut iſt nicht ſo roth!
Edward, Edward!
Dein’s Geyers Blut iſt nicht ſo roth,
Mein Sohn, bekenn mir frey! O!
B 5Jch26
Jch hab geſchlagen mein Rothroß todt!
Mutter, Mutter!
Jch hab geſchlagen mein Rothroß todt!
Und’s war ſo ſtolz und treu! O!
Dein Roß war alt und haſts nicht noth!
Edward, Edward,
Dein Roß war alt und haſts nicht noth,
Dich druͤckt ein ander Schmerz! O!
Jch hab geſchlagen meinen Vater todt,
Mutter, Mutter!
Jch hab geſchlagen meinen Vater todt,
Und das, das quaͤlt mein Herz! O!
Und was wirſt du nun an dir thun!
Edward, Edward!
Und was wirſt du nun an dir thun?
Mein Sohn, bekenn mir mehr! O!
Auf Erden ſoll mein Fuß nicht ruhn!
Mutter, Mutter,
Auf Erden ſoll mein Fuß nicht ruhn!
Will wandern uͤber Meer! O!
Und was ſoll werden dein Hof und Hall,
Edward, Edward,
Und was ſoll werden dein Hof und Hall,
So herrlich ſonſt und ſchoͤn! O!
Ach! immer ſtehs und ſink und fall,
Mutter, Mutter,
Ach immer ſtehs und ſink und fall,
Jch werd es nimmer ſehn! O!
Und was ſoll werden dein Weib und Kind,
Edward, Edward?
Und was ſoll werden dein Weib und Kind,
Wann du gehſt uͤber Meer O!
Die Welt iſt groß! laß ſie betteln drinn,
Mutter, Mutter!
Die27
Die Welt iſt groß! laß ſie betteln drinn,
Jch ſeh ſie nimmermehr! O!
Und was ſoll deine Mutter thun?
Edward, Edward!
Und was ſoll deine Mutter thun?
Mein Sohn, das ſage mir! O!
Der Fluch der Hoͤlle ſoll auf Euch ruhn,
Mutter, Mutter!
Der Fluch der Hoͤlle ſoll auf Euch ruhn,
Denn ihr, ihr riethets mir! O.

Koͤnnte der Brudermord Kains in einem Po - pulaͤrliede mit grauſendern Zuͤgen geſchildert werden? und welche Wuͤrkung muß im leben - digen Rhytmus das Lied thun? und ſo, wie viele viele Lieder des Volks! Doch aus mei - nem Briefe ſoll kein Buch werden u. ſ. w.

Endlich werden Sie aufmerkſam, und mahnen mich um mehrere ſolche Volkslieder; ich aber beweiſe nun wieder ge - gen Sie Eigenſinn. Denn aus Jhrem vorletz - ten Briefe z. E. iſt mir noch ein Einwurf auf dem Herzen. Auch Herr D. habe ja ſo viel lyriſche Stuͤcke, und die ſo ſchoͤn waͤren!

Lyriſche Stuͤcke hat er, und ſchoͤn ſind ſie; aber wie viel lyriſche Stuͤcke, und wodurch ſind ſie ſchoͤn? Was iſt das andre im Original, was bey ihm nicht lyriſch iſt, der Grund des Ge -dichts,28dichts, auf dem ſeine Oden nur Blumen ſind, iſt das Hexameter? Und denn auch, wie? | wo - durch ſind ſie ſchoͤn? Durch ſchoͤne Roͤmiſche, Griechiſche Sylbenmaaſſe, und durch ſo ſchoͤne Anordnung in denſelben, daß ich ja eben des - wegen behauptet, ſie ſeyn die ſchoͤnen Barden - lieder Oſſians nicht mehr! Was macht Mac - pherſon faſt bey jedem ſolcher Stuͤcke fuͤr Aus - ruͤfe uͤber das Wilde, oder Sanfte, oder Feier - liche oder Kriegeriſche ihres Rhythmus, ihrer Melodien, ihrer Sylbenmaaſſe, das Seele des Geſangs ſey nun muß ich aber beken - nen, daß bey den meiſten Faͤllen ich weder Wahl, noch Veranlaſſung eben zu ſolchen Roͤmiſchen und Griechiſchen Sylbenmaaſſe; ja wenn ich von den Geſaͤngen der Wilden uͤberhaupt Ton habe, nirgends Veranlaſſung zu Einem ſol - cher Roͤmiſchen und Griechiſchen Sylbenmaaſſe ſehe. Jch mag mit Herr D. nicht wetteifern; er hat ſo viel poetiſchen Styl und Sprache in ſeiner Gewalt; aber ich wolte Ein Stuͤck bey ihm ſehen, das nicht in einem andern Sylben - maaſſe eben ſo gut, das iſt, eben ſo geziert, erſcheinen ſollte, und maches iſt, ohne Um - ſchweif, uͤbel gewaͤhlt.

Zur Probe davon ſehen Sie einmal den drit - ten Band durch. Da hat ihm, ich weiß nicht, welcher Kunſtrichter, den Rath gegeben, mehr des Skaldiſchen Sylbenmaaſſes zu gebrauchen,und29und nun ſehen Sie, wie es der Ueberſetzer miß - braucht hat. Die vortrefliche, ſo vielſaitige Goldharfe, die unter der Hand des daͤniſchen Skalden allen Zauber - und Macht-und Leyer - und Wunderton hat annehmen koͤnnen, ſo wie gegenſeitig den Ton der Liebe, der Freund - ſchaft, der Entzuͤckung, iſt in den Haͤnden des Ueber ſetzers eine hoͤlzerne Trommel mit zween Schlaͤgen geworden. Schade nur, daß eben dadurch die ſchoͤnen Lieder von Selma und das ſuͤſſe Carrikthura verunſtaltet ſind. Jm erſten Bande hat der Ueberſetzer gar eine Cantate in Reimen nach aller Form erfunden, und da ihm nun kaum zwey Reime gelingen, ſo ſinkt dies ganze Stuͤck faſt unter die Kritik hinab.

Wie ganz anders hat Klopſtock auch hier z. E. in der Sprache gearbeitet! Der ſonſt ſo ausflieſſende ausſtroͤmende Dichter, wie kurz! wie ſtark und abgebrochen! wie altdeutſch hat er ſich in ſeiner Hermanns-Schlacht zu ſeyn beſtrebt! Welche Proſe gleicht da wohl ſeinem Hexameter! welch lyriſches Sylbenmaaß ſeinen ſonſt ſo ſtroͤmenden griechiſchen Sylbenmaaſſen! Wenn in ſeinem Bardit wenig Drama iſt: ſo iſt wenigſtens das Lyriſche im Bardit, und im Lyriſchen mindſtens der Wortbau ſo Dra - matiſch, ſo Deutſch! Leſen Sie z. E. das edle, ſimple Stuͤckchen:

Auf Mooſ, am luftigen Bach ꝛc. ()und30

und ſo viele, ja faſt alle andre, und dann zeigen Sie mir Etwas in dem Bardenton in Denis. Da nun Klopſtock ſelbſt ſich ſo ſehr hat verlaͤug - nen koͤnnen, veraͤndern muͤſſen iſt dies Muß nicht eine groſſe Lehre? Sie ſchreiben mir neulich, da Sie Denis Sylbenmaaſſe prie - ſen, Jhnen ſey bey ſeinem Fingal und Ros - krane Klopſtocks Hermann und Thuſnel - de (in den Brem. Beytr.) eingefallen: deſto ſchlimmer, denn Klopſtocks neuerer Bardeton iſt wohl nicht ganz der in Hermann und Thu - ſnelde. Jch bins gewiß nicht allein, der die - ſen veraͤnderten, haͤrtern Bardeton im neuern Klopſtock empfindet, und ohne mich in das Beſſre oder Schlechtre einzulaſſen, gehe ich gern mit den Jahren des Dichters, und mit der Natur fort, und bin ſtolz darauf das Deut - ſche Bardenmaͤßige in ſeinem

Was that dir Thor, dein Vaterland.

und in allen neuern Stuͤcken, wo ſo viel kurzer, dramatiſcher Dialog und Wurf der Gedanken iſt, zu empfinden

Der Faden unſres Briefwechſels ver - vielfaͤltigt ſich ſo, daß ich kaum mehr weiß, wo ich ihn angreifen ſoll, um ihnfort -31fortzufuͤhren am beſten alſo, wo er mir in die Haͤnde faͤllt.

Die Anmerkungen, die Sie uͤber das Dra - matiſche in den alten Liedern dieſer Art machen, iſt ſo nach meinem Sinn, daß ichs mir immer mit unter dem Charakterſtuͤcken der Alten gedacht habe, die wir Neuere ſo wenig er - reichen, als ein todtes momentariſches Ge - maͤlde eine fortgehende, handelnde, lebendige Scene. Jenes ſind unſre Oden; dies die ly - riſchen Stuͤcke der Alten, inſonderheit wilder Voͤlker. Alle Reden und Gedichte derſelben ſind Handlung: Leſen Sie z. E. im Charle - voix ſelbſt die unvorbereitete Kriegs-und Frie - densrede des Eskimaux: es iſt alles in ihr Bild, Strophe, Scene! Was fuͤr Handlung in Odins Hoͤllenfahrt, im Webegeſange der Valkyriur, im Beſchwoͤrungsliede der Hervor, und bey Oſſian auf jeder Seite, in jedem Stuͤcke! Damit Sie nun nicht wie - der ſagen, daß ich Jhnen viel nenne und nichts gebe: ſo mache ich mit Abtragung meiner Schuld den Anfang, und lege Jhnen, zumal ich jetzt zu ſchreiben, nicht mehr Zeit habe, ein paar der genannten bey. Jch haͤtte ſie Jhnen ſo neu aufſtutzen und idealiſiren koͤnnen: denn blieben ſie ja aber nicht mehr, was ſie jetzt ſind, und eben | am Alengo der Bildſaͤule, am dun -keln,32keln, einfoͤrmigen, nordiſchen Zauberton der Stuͤcke, iſt Jhnen und mir ja gelegen:

Odins Hoͤllenfahrt.
Es erhub ſich Odin
Der Menſchen hoͤchſter!
Und nahm ſein Roß
Und ſchwang ſich aufs Roß
Und ritt hinunter
Zu der Hoͤllen Thor.
Da kam |ihm entgegen
Der Hoͤllenhund!
Blutbeſpritzt
War ſeine Bruſt!
Mit offnem Rachen,
Und ſcharfem Gebiß
Und Wuth und Schaum.
Und riß den Rachen
Und bellt entgegen
Dem Zaubervater Und bellte lang!
Und fort ritt Odin
Und die Erd erbebte.
Da kam er zum hohen
Hoͤllenſchloß,
Und ritt gen Aufgang
Zum Hoͤllenthor,
Wo die Seherin
Jm Grabe lag.
Und ſang der Weiſen
Todtenẽrweckenden
Graͤbergeſang:
Und ſah gen Rorden
Und legte Runen
Und33
Und beſchwur und fragt,
Und foderte Rede
Bis ſie zuͤrnend endlich
Sich erhub und begann
Todtenſtimme:
Wer iſt der Mann?
Jch kenn ihn nicht!
Der meine Ruhe
Zu ſtoͤren beginnt!
Jch lag mit Schnee
Und Eis bedeckt,
Und Regen befloſſen
Und Thau benetzt,
Und lag ſo lang!
Ein Wandrer bin ich,
Kriegersſohn.
Du ſollſt mir Kunde
Vom Hoͤllenreich geben.
Jch will ſie dir geben
Aus meiner Welt!
Jener goldne Sitz
Wem iſt er bereitet?
Jenes goldne Bette
Fuͤr wen ſtehts da?
Fuͤr Balder’n ſteht,
Sieh her! der Trank,
Der Honigtrank
Und der Schild liegt drauf!
Bald werden um ihn
Die Goͤtter trauren!
Unwillig red ich
Nun laß mich ruhn!
Noch ruhe nicht, Jungfrau!
Jch forſche| weiter
CUnd34
Und laſſe nicht ab,
Bis ich Alles weiß! Sprich, wer wird Baldern
Den Tod bereiten?
Und Leben berauben Odins Sohn?
Hoder iſts,
Der wird dem Bruder
Den Tod bereiten
Und Leben berauben
Odins Sohn!
Unwillig red ich
Nun laß mich ruhn!
Noch ruh, nicht, Jungfrau!
Jch forſche weiter,
Und laſſe nicht ab,
Bis ich Alles weiß!
Sprich, wer wird Hodern
Den Haß vergelten
Und Balders Moͤrder
Zum Grabe ſenden?
Jn Weſten wird Rinda
Dem Odin zu Nacht
Einen Sohn gebaͤren,
Der kaum gebohren
Wird Waffen tragen,
Seine Hand nicht waſchen,
Sein Haar nicht kaͤmmen,
Bis er Balders Moͤrder
Zu Grabe gebracht.
Unwillig red ichs
Nun laß mich ruhn!
Noch35
Noch ruhe nicht, Jungfrau!
Jch forſche weiter,
Und laß nicht ab
Bis ich Alles weiß.
Wer ſind die Jungfraun,
Die ſtumm dort weinen
Und Himmel an werfen
Jm Schmerz den Schley’r
Noch das ſprich mir
Eher ſollt du nicht ruhn!
O du kein Wandrer,
Wie ich erſt gewaͤhnt!
Du biſt Odin ſelbſt
Der Menſchen Hoͤchſter.
Und du keine Weiſe
Propheten Jungfrau;
Keine Seherin!
Drey-Rieſen-Mutter
Vielmehr biſt du!
Weg, Odin! wandre
Nachheim! hinweg!
Und ruͤhme daheim,
Daß Niemand der Menſchen
Wie du’s vermocht,
Forſchen wird,
Bis einſt der Arge
Die Ketten bricht
Und die Goͤtter fallen
Und die Welt zerfaͤllt
Und Nacht beginnt!
C 2Der36
Der Webegeſang der Valkyriur. (Der Schickſalsgoͤttinnen, vor der Schlacht, zu des Grafen Randvers Tod, und des Koͤnigs Siege)
Umher wirds dunkel
Von Pfeilgewoͤlken!
Sie breiten umher ſich
Wetterverkuͤndend!
Es regnet Blut!
Auf! knuͤpfet an Spieſſe
Das Schickſalsgewebe
Blutrothen Einſchlags,
Jhr Todesſchweſtern
Zu Randvers Tod.
Sie weben Gewebe
Von Menſchendaͤrmen!
Menſchenhaͤupter
Haͤngen ſie dran!
Bluttriefende Spieſſe
Schieſſen ſie durch
Und ſind mit Waffen
Und Pfeil geruͤſtet
Und dichten mit Schwerdter
Das Sieggarn veſt.
Sie kommen zu weben
Mit nackten Schwerdtern
Hild, Hiorthrimul, Sangrida, Svipul,
Eh die Sonne ſinkt
Werden Schilde ſpalten
Und Panzer brechen
Und37
Und Schwerdter treffen,
Daß die Helme toͤnen.
Wir weben, wir weben Schlachtgewebe!
Dies Schwerdt trug einſt
Ein Koͤnigs Sohn!
Hinaus, hinaus
An die Schaaren hinan,
Wo unſre Freunde
Jn Waffen ſchon gluͤhn!
Wir weben, wir weben
Schlachtgewebe!
Hinaus, hinaus
Zum Koͤnig hinan!
Qudr, Qondula!
Da ſahen ſie ſchon
Schilde blutroth
Den Koͤnig decken!
Wir weben, wir weben
Schlachtgewebe!
Hinaus, hinaus!
Wo die Waffen toͤnen
Und Helden fechten!
Wir wollen nicht fallen
Den Koͤnig laſſen!
Die Valkyriur walten
Ueber Leben und Tod!
Es ſoll gebiettn,
Dem Erdenkreis
Dies Volk der Wuͤſte!
Maͤchtiger Koͤnig
Jch verkuͤnde dir
Es naht in Pfeilen
C 3Ein38
Ein Tod heran!
Dein Feind iſt gefallen!
Und Jrrland wird
Trauer treffen,
Die ſeinen Soͤhnen
Nie ſchwinden wird!
Das Geweb iſt gewebt!
Das Schlachtfeld fließt
Von rothem Blut!
Der Krieg wird wuͤten
Noch Laͤnder hindurch!
Wie iſts nun ſchrecklich
Umherzuſchaun!
Blutwolken fliegen
Jn der Luft umher!
Ach! Kriegerblutes
Wird die Luft getuͤncht,
Eh unſre Stimmen
Erfuͤllt einſt ſind.
Singt all ihr Schweſtern
Dem Koͤnige Heil!
Und Siegeslieder!
Und Heil uns Schweſtern
Und unſerm Geſang!
Und wer ſie hoͤrt
Die Schlachtgeſaͤnge,
Der lern und ſinge
Sie den Kriegern vor.
Und reiten auf Roſſen
Jn der Luft hinweg:
Mit nackten Schwerdtern
Hinweg von hier!
Habe39

Habe ich denn je meine ſkaldiſche Ge - dichte in Allem fuͤr Muſter neuerer Gedichte ausgeben wollen? Nichts weniger! ſie moͤgen ſo einfoͤrmig, ſo trocken ſeyn: andre Nationen ſie ſo ſehr uͤbertreffen: ſie moͤgen fuͤr Nichts als Geſaͤnge, nordiſcher Meiſterſaͤnger oder Improviſatori gelten; was ich mit ihnen beweiſen will, beweiſen ſie. Der Geiſt, der ſie erfuͤllet, die rohe, einfaͤltige, aber groſſe, zaubermaͤßige, feyerliche Art, die Tiefe des Eindrucks, den jedes ſo ſtarkgeſagte Wort macht, und der freye Wurf, mit dem der Ein - druck gemacht wird nur das wolte ich bey den alten Voͤlkern, nicht als Seltenheit, als Muſter, ſondern als Natur anfuͤhren, und daruͤber alſo laſſen Sie mich reden.

Sie wiſſen aus Reiſebeſchreibungen, wie ſtark und feſt ſich immer die Wilden ausdruͤk - ken. Jmmer die Sache, die ſie ſagen wollen ſinnlich, klar, lebendig anſchauend: den Zweck, zu dem ſie reden, unmittelbar und genau fuͤh - lend: nicht durch Schattenbegriffe, Halbideen und ſymboliſchen Letternverſtand (von dem ſie in keinem Worte ihrer Sprache, da ſie faſt keine abſtracta haben, wiſſen) durch alle dies nicht zerſtreuet: noch minder durch Kuͤnſteleyen, ſklaviſche Erwartungen, furchtſamſchleichende Politik, und verwirrende Praͤmeditation ver - dorben uͤber alle dieſe Schwaͤchungen desC 4Gei -40Geiſtes ſeligunwiſſend, erfaſſen ſie den ganzen Gedanken mit dem ganzen Worte, und dies mit jenem. Sie ſchweigen entweder, oder reden im Moment des Jntereſſe mit einer un - vorbedachten Feſtigkeit, Sicherheit und Schoͤn - heit, die alle wohlſtudierte Europaͤer allezeit haben bewundern muͤſſen, und muͤſſen blei - ben laſſen. Unſre Pedanten, die alles vor - her zuſammen ſtoppeln, und auswendig lernen muͤſſen, um alsdenn recht methodiſch zu ſtam - meln; unſre Schulmeiſter, Kuͤſter, Halbge - lehrte: Apotheker, und alle, die den Gelehr - ten durchs Haus laufen, und nichts erbeuten, als daß ſie endlich, wie Shakeſpear’s Laun - celots, Policeydiener, und Todtengraͤber un - eigen, unbeſtimmt, und wie in der letzten To - desverwirrung ſprechen dieſe gelehrte Leute, was waͤren die gegen die Wilden? Wer noch bey uns Spuren von dieſer Feſtigkeit fin - den will, der ſuche ſie ja nicht bey ſolchen; unverdorbne Kinder, Frauenzimmer, Leute von gutem Naturverſtande, mehr durch Thaͤ - tigkeit, als Spekulation gebildet, die ſind, wenn das, was ich anfuͤhrete, Beredſamkeit iſt, alsdenn die Einzigen und beſten Redner unſrer Zeit.

Jn der alten Zeit aber waren es Dichter, Skalden, Gelehrte, die eben dieſe Sicherheit und Feſtigkeit des Ausdrucks am meiſten mitWuͤrde41Wuͤrde, mit Wohlklang, mit Schoͤnheit zu paa - ren wußten; und da ſie alſo Seele und Mund in den feſten Bund gebracht hatten, ſich einan - der nicht zu verwirren, ſondern zu unterſtuͤtzen, beyzuhelfen: ſo entſtanden daher jene fuͤr uns halbe Wunderwerke von αοιδοισ, Saͤngern, Barden, Minſtrels, wie die groͤßten Dichter der aͤltſten Zeiten waren. Homers Rhapſo - dien und Oſſians Lieder waren gleichſam im promptus, weil man damals noch von Nichts als impromptus der Rede wußte: dem letz - tern ſind die Minſtrels, wiewohl ſo ſchwach und entfernt, gefolgt; indeſſen doch gefolgt, bis endlich die Kunſt kam und die Natur aus - loͤſchte. Jn fremden Sprachen quaͤlte man ſich von Jugend auf Quantitaͤten von Sylben kennen zu lernen, die uns nicht mehr Ohr und Natur zu fuͤhlen gibt: nach Regeln zu arbeiten, deren wenigſte, ein Genie, als Naturregeln anerkennet; uͤber Gegenſtaͤnde zu dichten, uͤber die ſich nichts denken, noch weniger ſinnen, noch weniger imaginiren laͤßt; Leidenſchaften zu erkuͤnſteln, die wir nicht haben, Seelen - kraͤfte nachzuahmen, die wir nicht beſitzen und endlich wurde Alles Falſchheit, Schwaͤche, und Kuͤnſteley. Selbſt jeder beſte Kopf ward verwirret, und verlohr Feſtigkeit des Auges, und der Hand, Sicherheit des Gedankens und des Ausdrucks: mithin die wahre LebhaftigkeitC 5und42und Wahrheit und Andringlichkeit. Alles ging verlohren. Die Dichtkunſt, die die ſtuͤr - mendſte, ſicherſte Tochter der menſchlichen Seele ſeyn ſollte, ward die ungewiſſeſte, lahmſte, wankendſte: die Gedichte fein oft corrigirte Kna - ben, und Schulexercitien. Und freylich, wenn das der Begriff unſrer Zeit iſt, ſo wollen wir auch in den alten Stuͤcken immer mehr Kunſt als Natur bewundern, finden alſo in ihnen bald zu viel, bald zu wenig, nachdem uns der Kopf ſteht, und ſelten was in ihnen ſingt, den Geiſt der Natur. Jch bin gewiß, daß Homer und Oſſian, wenn ſie aufleben und ſich leſen, ſich ruͤhmen hoͤren ſollten, mehr als zu oft uͤber das erſtaunen wuͤrden, was ihnen gegeben und ge - nommen, angekuͤnſtelt, und wiederum in ihnen nicht gefuͤhlt wird.

Freylich ſind unſre Seelen heut zu Tage durch lange Generationen und Erziehung von Jugend auf anders gebildet. Wir ſehen und fuͤhlen kaum mehr, ſondern denken und gruͤb - len nur; wir dichten nicht uͤber und in leben - diger Welt, im Sturm und im Zuſammenſtrom ſolcher Gegenſtaͤnde, ſolcher Empfindungen; ſondern erkuͤnſteln uns entweder Thema, oder Art, das Thema zu behandeln, oder gar bey - des und haben uns das ſchon ſo lange, ſo oft, ſo von fruͤh auf erkuͤnſtelt, daß uns frey - lich jetzt kaum eine freye Ausbildung mehrgluͤcken43gluͤcken wuͤrde, denn wie kann ein Lahmer ge - hen? Daher alſo auch, daß unſern meiſten neuen Gedichten, die Feſtigkeit, die Beſtimmt - heit, der runde Contour ſo oft fehlet, den nur der erſte Hinwurf verleihet, und kein ſpaͤteres Nachzirkeln ertheilen kann. Einem Homer und Oſſian wuͤrden wir bey ſolchem poetiſchen Fleiß gewiß nicht anders vorkommen, als ei - nem Raphael oder Apelles, der durch Einen Umriß ſich als Apelles zeigt, der ſchwachhaͤn - dig, krizzelnde Lehrknabe u. ſ. w.

Als ob ich mit dem, was ich neulich vom erſten Wurfe eines Gedichts gemeint, der Eilfertigkeit und Schmiererey unſrer jungen Dichterlinge, auch nur im min - zu ſtatten kommen koͤnnte? Denn was iſt doch bey ihnen fuͤr ein Fehler ſichtbarer, als eben die Unbeſtimmtheit, Unſicherheit der Gedanken und der Worte, daß ſie nie wiſſen, was ſie ſa - gen wollen, oder ſollen? Weiß aber je - mand das nicht, wie kann ers durch alle Kor - rektur lernen? Durch Schnitzeley kann da je ein Bratſpieß zur marmornen Bildſaͤule Apolls werden?

Mich duͤnkt, nach der Lage unſrer gegenwaͤr - tigen Dichtkunſt ſind hierinn zwey Hauptfaͤllemoͤg -44moͤglich. Erkennet ein Dichter, daß die See - lenkraͤfte, die theils ſein Gegenſtand und ſeine Dichtungsart fodert, und die bey ihm herrſchend ſind, vorſtellende, erkennende Kraͤfte ſind: ſo muß er ſeinen Gegenſtand und den Jnhalt ſeines Gedichts in Gedanken ſo uͤberlegen, ſo deutlich und klar faſſen, wenden, und ordnen, daß ihm gleichſam alle Lettern ſchon in die Seele gegraben ſind, und er gibt an ſeinem Gedichte nur den ganzen, redlichen Abdruck. Fodert ſein Gedicht aber Ausſtroͤmung der Lei - denſchaft und der Empfindung, oder iſt in ſei - ner Seele dieſe Klaſſe von Kraͤften die wuͤrk - ſamſte, die gelaͤufigſte Triebfeder, ohne die er nicht arbeiten kann: ſo uͤberlaͤßt er ſich dem Feuer der gluͤcklichen Stunde, und ſchreibt und bezaubert. Jm erſten Falle haben Milton, Haller, Kleiſt und andre gedichtet: ſie ſan - nen lang, ohne zu ſchreiben: ſprachen ſie aber, ſo wards und ſtand. Bey Milton wenige Verſe, die er ſo Naͤchte durch gleichſam als Moſaiſche Arbeit in ſeiner Seele gebildet hatte, und fruͤhe dann ſeiner Schreiberey ſagte: Hal - ler, deſſen Gedichten mans gnug anſieht, wie ausgedacht und zuſammendraͤngend ſie ſind: Leßing iſt, glaub ich, in ſeinen ſpaͤtern Stuͤk - ken der Dichtkunſt auch in dieſer Zahl alle ſo lebendig, und in der Seele ganz vollendete ganz vollendete Stuͤcke nehmen ſich, wenn nichtdurch45durch ein Schnelles, ſo durch ein Tiefes und Beſtaͤndiges des Eindrucks aus. Sie dauren, und die Seele findet bey jedem neuen wieder - holten Eindruck gleichſam noch etwas Tiefers und Vollendetes, was ſie anfangs nicht be - merkte. Von der zweiten Art muß z. E. Klop - ſtock in den ausſtroͤmendſten Stellen ſeiner Gedichte ſeyn: Gleim, deſſen Gedichte ſo viel Sichtbares vom Erſten Wurf haben: Ja - cobi, deſſen Verſe Nichts, als ſanfte Unter - haltungen des Moments werden, und andre, die die Sache freylich nachher bis zu jeder Nach - laͤſſigkeit uͤbertrieben haben. Rammler, glaube ich, ſucht beyde Arten zu verbinden, ob freylich gleich die Erſte, die Ausgedachte, bey ihm ungleich ſichtbarer iſt. Wieland ſucht ſie zu verbinden, ob er gleich immer doch mehr, aus dem Fach der Weltkenntniß ſeines Herzens zu ſchreiben ſcheint, Gerſtenberg zu verbinden und uͤberhaupt verbindet ſie in gewiſſem Maaſſe jeder gluͤckliche Kopf: denn ſo entfernt beyde Arten im Anfange ſcheinen; ſo wenig Ein Genie ſich der Art des Andern aus dem Stegreife bemaͤchtigen kann: ſo kom - men ſie doch endlich beyde uͤberein; lange und ſtark und lebendig gedacht, oder ſchnell und wuͤrkſam empfunden im Punkt der Thaͤ - thigkeit wird beydes improptns, oder bekoͤmmt die, Feſtigkeit, Wahrheit, Lebhaftigkeit undSicher -46Sicherheit deſſelben, und das nur das iſt, was ich ſagen wollte. Was lieſſen ſich aber auch nur aus dem fuͤr groſſe, reiche Wahrhei - ten der Erziehung, der Bildung, der Unter - weiſung ziehen! Was lieſſen ſich uͤberhaupt aus dieſer Proportion oder Disproportion des erkennenden und empfindenden Theils unſrer Seele fuͤr pſychologiſche und praktiſche Anmer - kungen machen! Aber Sie muͤſſen auf meine Pſychologie uͤber Oſſian warten!

Jch bleibe hier in meinem Felde. Da die Gedichte der alten, und wilden Voͤlker ſo ſehr aus unmittelbarer Gegenwart, aus unmittel - barer Begeiſterung der Sinne, und der Ein - bildung entſtehen, und doch ſo viel Wuͤrfe, ſo viel Spruͤnge haben: ſo hat mich dies laͤngſt, aus vielen Wahrnehmungen, auf die Gedan - ken gebracht, die ich Jhnen hier zum freund - ſchaftlichen Gutachten mittheile. Zuerſt, ſol - ten alſo wohl fuͤr den ſinnlichen Verſtand, und die Einbildung, alſo fuͤr die Seele des Volks, die doch nur faſt ſinnlicher Verſtand und Ein - bildung iſt, dergleichen lebhafte Spruͤnge, Wuͤrfe, Wendungen, wie Sies nennen wollen, ſo eine fremde boͤhmiſche Sache ſeyn, als uns die Gelehrten und Kunſtrichter beybringen wol - len? Sie wiſſen die Einwuͤrfe, die man hier aus Klopſtocks Kirchenliedern, wie es immer gelautet hat, fuͤr gute Sache des ChriſtlichenVolks47Volks gemacht hat, laſſen ſie uns ſehen, was daran ſey?

Zuerſt muß ich Jhnen alſo, wenn es auf Erfahrung und Autoritaͤt ankommt, ſagen, daß Nichts in der Welt mehr Spruͤnge und kuͤhne Wuͤrfe hat, als Lieder des Volks, und eben die Lieder des Volks haben deren am mei - ſten, die ſelbſt in ihrem Mittel gedacht, erſon - nen, entſprungen und gebohren ſind, und die ſie daher mit ſo viel Aufwallung und Feuer ſingen, und zu fingen nicht ablaſſen koͤnnen. Mir iſt z. E. ein Jaͤgerlied bekannt, das ich wohl unterlaſſen werde, Jhnen ganz mitzuthei - len, weil ſich das Meiſte und Anziehendſte in ihm, auf lebendigen Ton und Melodie des Horns beziehet; aber bey allem Simpeln und Populaͤren iſt kein Vers ohne Sprung und Wurf des Dialogs, der in einem neuen Ge - dichte gewiß Erſtaunen machte, und uͤber den unſre lahme Kunſtrichter, als ſo unverſtaͤndlich, kuͤhn, dithyrambiſch ſchreyen wuͤrden. Ein Jaͤger hat Abends ſpaͤt das Netz geſtellt, und blaͤßt alleweil bey der Nacht, (welche Wort die Jaͤgerreſonanz ſind) mit ſeinem Horne das Wild aus dem Korn ins lange Holz: alleweil bey Nacht begegnet ihm alſo von fern eine Jungfrau ſtolz, und da hebt ſich dieſer Dia - log an:

Wo48
Wo aus? wo ein? du wildes Thier! Alleweil bey der Nacht! Jch bin ein Jaͤger, und fang dich ſchier, u. ſ. w. Biſt du ein Jaͤger, du faͤngſt mich nicht Alleweil bey der Nacht! Mein hohe Spruͤng, die weißt du nicht, u. ſ. w. Dein hohe Spruͤng, die weiß ich wohl, Weiß wohl, wie ich ſie dir ſtellen ſoll. u. ſ. w.

Und ſehen Sie, ploͤtzlich, ohne alle weitere Vor - bereitung erhebt ſich die Frage:

Was hat ſie an ihrem rechten Arm? ()

und ploͤtzlich, ohne weitere Vorbereitung die Antwort:

Nun bin ich gefangen, u. ſ. w.
Was hat ſie an ihrem linken Fuß?
Nun weiß ich, daß ich ſterben muß!

und ſo gehen die Wuͤrfe fort, und doch in einem ſo gemeinen, populaͤren Jaͤgerliede! und wer iſts, ders nicht verſtuͤnde, der nicht eben daher auf eine dunkle Weiſe, das lebendige Poeti - ſche empfaͤnde?

Alle alte Lieder ſind meine Zeugen! Aus Lapp - und Eſthland, Lettiſch und Pohlniſch, und Schottiſch und Deutſch, und die ich nur kenne, je aͤlter, je volkmaͤßiger, je lebendiger; deſto kuͤhner, deſto werfender. Wenn ihnen meine Skaldiſchen, und Lapp-und Schottlaͤndi - ſchen Lieder nicht genug ſind, hoͤren Sie ein - mal ein Andres, aus den Dodsleiſchen Re - liques: ich waͤhle ein ganz gemeines, derenwir49wir unter unſerm Volk gewiß hundert aͤhnliche, und wo nicht Lieder, doch Sager haben. Es iſt nichts in der Welt mehr, als Sweet Williams Ghoſt: und doch, wie wenig kann ich ihm in der Ueberſetzung, ſeinen Aerago, ſein Feier - liches Populaͤres laſſen.

Zu Hannchens Thuͤr, da kam ein Geiſt,
Mit manchem Weh und Ach!
Und druͤckt am Schloß und kehrt am Schloß
Und aͤchzte traurig nach.
Jſts, Vater Philipp! der iſt da?
Biſts, Bruder! du, Johann?
Oder iſts Wilhelm, mein Braͤutigam!
Aus Schottland kommen an!
Dein Vater Philipp, der iſts nicht!
Dein Bruder nicht, Johann!
Es iſt Wilhelm, dein Braͤutigam,
Aus Schottland kommen an!
Hoͤr, ſuͤſſes Hannchen, hoͤre mich,
Hoͤr und willfahre mir!
Gib mir zuruͤck mein Wort und Treu,
Das ich gegeben Dir!
Dein Wort und Treu geb ich dir nicht
Geb’s nimmer wieder Dir!
Bis du zu meiner Kammer kommſt,
Mit Liebeskuß zu mir!
Zu deiner Kammer ſoll ich ein,
Und bin kein Menſch nicht mehr?
Und kuͤſſen deinen Roſenmund?
So kuͤß ich Tod dir her!
Nein ſuͤſſes Hannchen, hoͤre mich,
Hoͤr und willfahre mir.
Gib mir zuruͤck mein Wort und Treu
Das ich gegeben Dir!
D Dein50
Dein Wort und Treu geb ich dir nicht,
Geb’s nimmer wieder Dir!
Bis du mich fuͤhrſt zur Kirch hinan
Mit Treuering dafuͤr!
Und an der Kirche lieg ich ſchon
Und bin ein Todtenbein!
’S iſt, ſuͤſſes Hannchen, nur mein Geiſt,
Der hier zu dir kommt ein!
Ausſtreckt ſie ihre Liljenhand
Streckt bebend ſie ihm zu:
Da, Wilhelm, haſt du Wort und Treu,
Und geh, und geh zur Ruh!
Und ſchnell warf ſie die Kleider an
Und ging dem Geiſte nach,
Die ganze lange Winternacht
Ging ſie dem Geiſte nach.
Jſt, Wilhelm, Raum noch, dir zu Haupt,
Noch Raum zu Fuͤſſen dir?
Jſt Ranm zu deiner Seite noch,
So gib, o gib ihn mir!
Zu Haupt und Fuß iſt mir nicht Raum
Kein Raum zur Seite mir!
Mein Sarg iſt, ſuͤſſes Hannchen, ſchmal
Das ich ihn gebe Dir!
Da kraͤht der Hahn! da ſchlug die Uhr!
Da brach der Morgen fuͤr!
Ach, Hannchen, nun, nun kommt die Zeit,
Zu ſcheiden weg von Dir!
Der Geiſt und mehr, mehr ſprach er nicht
Und ſeufzte traurig drein
Und ſchwand in Nacht und Dunkel hin
Und ſie, ſie ſtand allein!
Bleib, treue Liebe! bleibe| noch
Dein Maͤdchen rufet dich!
Da brach ihr Blick! ihr Leib der ſank,
Und ihre Wang erblich!
Nun51

Nun ſagen Sie mir, was kuͤhn geworfner, abgebrochner und doch natuͤrlicher, gemeiner, volksmaͤſſiger ſeyn kann? Jch ſage volksmaͤſſi - ger: denn was die Braͤutigamsſitte betrift, leſen Sie die Gebraͤuche der Wilden, z. E. der Nordamerikaner; und das Koſtume der Er - ſcheinung, in ſeiner ganzen Natur, brauche ich Jhnen nicht zu erklaͤren kuͤnftig weiter!

Sie glauben, daß auch wir Deutſchen wohl mehr ſolche Gedichte haͤtten, als ich mit der ſchottiſchen Romanze angefuͤhret; ich glaube nicht allein, ſondern ich weiß es. Jn mehr als einer Provinz ſind mir Volkslie - der, Provinziallieder, Bauerlieder bekannt, die an Lebhaftigkeit und Rhythmus, und Nai - vetaͤt und Staͤrke der Sprache vielen derſelben gewiß nichts nachgeben wuͤrden; nur wer iſt der ſie ſammle? der ſich um ſie bekuͤmmre? ſich um Lieder des Volks bekuͤmmre? auf Straſſen, und Gaſſen und Fiſchmaͤrkten? im ungelehr - ten Rundgeſange des Landvolks? um Lieder, die oft nicht ſkandirt, und oft ſchlecht gereimt ſind? | wer wollte | ſie ſammlen wer fuͤr unſre Kritiker, die ja ſo gut Sylben zaͤhlen, und ſkandiren koͤnnen, drucken laſſen? Lieber leſen wir, doch nur zum Zeitvertreib, unſreD 2neuere52neuere ſchoͤngedruckte Dichter Laß die Fran - zoſen ihre alte Chanſons ſammlen? Laß Eng - laͤnder ihre alte Songs und Balladen nnd Ro - manzen in praͤchtigen Baͤnden herausgeben! Laß in Deutſchland etwa der Einzige Leſſing ſich um die Logaus und Scultetus und Bardengeſaͤnge bekuͤmmern! Unſre neuen Dichter ſind ja beſſer gedruckt und ſchoͤner zu leſen; allenfalls laſſen wir noch aus Opitz, Flemming, Gryphius Stuͤcke abdrucken. Der Reſt der aͤltern, der wahren Volksſtuͤcke, mag mit der ſogenannten taͤglich verbreitetern Kultur ganz untergehen, wie ſchon ſolche Schaͤtze untergegangen ſind wir haben ja Metha - phyſik und Dogmatiken und Akten und traͤmen ruhig hin

Und doch, glauben Sie nur, daß wenn wir noch in unſern Provinzialliedern, jeder in ſei - ner Provinz nachſuchten, wir vielleicht noch Stuͤcke zuſammen braͤchten, vielleicht die Haͤlfte der Dodsleien Sammlung von Reliques, oder die derſelben beynahe an Werth gleich kaͤme! Bey wie vielen Stuͤcken dieſer Sammlung, in - ſonderheit den beſten ſchottiſchen Stuͤcken ſind mir deutſche Sitten, deutſche Stuͤcke beyge - fallen, die ich ſelbſt zum Theil gehoͤret ha - ben Sie Freunde in Elſaß, in der Schweitz, in Franken, in Tyrol, in Schwaben, ſo bit - te Sie aber zuerſt, daß ſich dieſe Freundeja53ja der Stuͤcke nicht ſchaͤmen; denn die dreuſten Englaͤnder haben ſich z. E. nicht ſchaͤmen wol - len und doͤrfen. Selbſt die Melodie des ihnen einmal angefuͤhrten: Come away, come away, death! erinnere ich mich einmal dun - kel gehoͤrt zu haben, und noch nicht vor langer Zeit erinnere ich mich eines Bettlerliedes, das an Jnhalt ſo gemiſcht und voll Spruͤnge war, und in ſeiner ſehr lyriſchen alten Melodie ſo traurig toͤnte. Unter ihrem Jammer kam die Saͤngerin, eine Penia felbſt, im halben Gebetston aufs Ende ihres Lebens, wenn ſie der bittre Tod uͤberwaͤnde, und ihr (ich glaube es iſt Gewohnheit oder Ausdruck) die Fuͤſſe baͤnde; endlich kaͤmen 4 oder 6 Leute, die ſie von Hauſe nnd Freunden weg, unter dem Schall der Todtenglocke, in ihr Grab trugen

Und wenn die Glocke verliert ihren Ton So haben meine Freunde vergeſſen mich ſchon!

ſagen Sie, iſt der Zug nicht elegiſch und ruͤhrend?

Da ich weiß, daß dieſer Brief keinem von den eckeln Herren unſrer Zeit in die Haͤnde kom - men wird, die uͤber einen veralteten Reim oder Ausdruck gleich rumpfen! Da ich weiß, daß Sie uͤberall mit mir mehr Natur, als Kunſt ſuchen: ſo trage ich kein Bedenken, Jhnen z. E. aus einer Sammlung ſchlechter Handwerks - lieder, ein ſehnend-trauriges Liebeslied hinzu -D 3ſetzen,54ſetzen, das, wenn es ein Gleim, Ramler oder Gerſtenberg nur etwas einlenkte, wie viele der Neuern uͤbertraͤfe!

Der ſuͤſſe Schlaf, der ſonſt ſtillt Alles wohl
Kann ſtillen nicht mein Herz mit Trauren voll,
Das ſchafft allein, die mich erfreuen ſoll!
Kein Speiſ, kein Trank, mir Luſt, noch Nah - rung geit,
Kein Kurzweil iſt, die mir mein Herz erfreut,
Das ſchafft allein, die mir im Herzen leit!
Kein Geſellſchaft ich nicht mehr beſuchen mag,
Ganz einig ſitz in Unmuth Nacht und Tag,
Das ſchafft allein, die ich im Herzen trag.
Jn Zuverſicht allein an ihr ich hang
Und hoff, ſie ſoll mich nicht verlaſſen lang,
Sonſt fiel ich g’wiß ins bittern Todes Zwang.

Jſt das Sylbenmaaß nicht ſchoͤn, die Sprache nicht ſtark, der Ausdruck empfunden? Und, glauben Sie, ſo wuͤrden ſich in jeder Art meh - rere Stuͤcke ſinden, wenn nur Menſchen waͤ - ren, die ſie ſuchten!

Wir haben z. B. viele und vielerley neue Fabeln, was ſagen Sie demohngeachtet aber zu einer ſolchen alten Fabel im alten Ausdruck und Ton:

Kukuk und Nachtigall.
Einmal in einem tiefen Thal
Der Kukuk und die Nachtigal
Eine Wett thaͤten anſchlagen,
Zu ſingen um das Meiſterſtuͤck,
Wers55
Wers gewoͤnn aus Kunſt oder aus Gluͤck
Dank ſollt er davon tragen.
Der Kukuk ſprach: ſo dirs gefaͤllt
Hab der Sach einen Richter erwaͤhlt!
Und thaͤt den Eſel nennen.
Denn weil der hat zwey Ohren groß, |
So kann er hoͤren deſto baß
Und was recht iſt, erkennen!
Als ihm die Sach nun ward erzaͤhlt, (ver -
muthlich vertalt)
Und er zu richten hat Gewalt,
Schuf er: ſie ſolten ſingen!
Die Nachtigall ſang lieblich aus;
Der Eſel ſprach: Du machſt mirs kraus!
Jch kanns in Kopf nicht bringen.
Der Kukuk fing auch an und ſang
Wie er denn pflegt zu ſingen:
Kukuk! Kukuk! lacht fein darein!
Das gefiel dem Eſel im Sinne ſein.
Er ſprach: in allen Rechten
Will ich ein Urtheil ſprechen:
Haſt wohl geſungen, Nachtigal,
Aber! Kukuk! ſingt gut Choral!
Und haͤlt den Takt fein innen.
Das ſprech ich nach meinem hohen Verſtand,
Und ob es goͤlt ein ganzes Land
So laß ichs dich gewinnen

Was meinen Sie zu der Fabel? Nicht lieber zehn ſolche gemacht, als alle --- ſche? Laſſen Sie mich die Moral nicht dazu ſetzen, ſie iſt ſchlechter geſagt, neuer, und wie vieler - ley Moral kann ſich nicht jeder ſelbſt darausD 4zie -56ziehen, in Theilen und im Ganzen! Die Herrn, die ſo buͤrgerlich feiſt wohlmeinend achten, daß jener Titel und dieſer Kragen doch das Ding verſtehen muͤßte

Dieweil er hat zwey Ohren groß So kann er freylich hoͤren baß!

Die Herren, die aus Stumpfſinn, und Ge - dankenloſigkeit gleich uͤber jeden etwas gedraͤng - ten oder lebhaften Styl ſchreyen, ey nicht griechiſche Lauterkeit! Ciceroniſche Wohlberedt - heit im ellenlangen Deutſchlateiniſchen Perio - den! ſo voll Anſpielungen, voll Bilder, voll Gedanken ſonſt aber freylich --- kurz:

Der Eſel ſprach: du machſt mirs kraus, Jch kanns in Kopf nicht bringen Aber Kukuk ſingt gut Choral Und haͤlt den Tackt fein inne!

Was lieſſen ſich ſonſt noch vor Deutungen machen, wenn man etwas die Welt kennet? Aber zu unſerm Zweck: wie feſt und tief er - zaͤhlt! Ohne erzwungne Luſtigkeit und doch wie luſtig und ſtark und treffend in jedem Wort, in jeder Wendung! Aller guten Dinge ſind drey! und zu unſern Zeiten wird ſo viel von Liedern fuͤr Kinder geſprochen: wollen Sie ein aͤlteres Deutſches hoͤren? Es enthaͤlt zwar keine tranſcendente Weisheit und Mo - ral, mit der die Kinder zeitig genug uͤberhaͤuft werden es nichts als ein kindiſches

Fabel -57
Fabelliedchen.
Es ſah ein Knab ein Roͤßlein ſtehn
Ein Roͤßlein auf der Heiden.
Er ſah, es war ſo friſch und ſchoͤn
Und blieb ſtehn, es anzuſehen
Und ſtand in ſuͤſſen Freuden.

Jch ſupplire dieſe Reihe nur aus dem Gedaͤcht - niß, und nun folgt das kindiſche Ritornellbey jeder Strophe:

Roͤßlein, Roͤßlein, Roͤßlein roth,
Roͤßlein auf der Heiden!
Der Knabe ſprach: ich breche dich!
Roͤßlein ꝛc.
Das Roͤßlein ſprach: ich ſteche dich,
Daß du ewig denkſt an mich
Daß ichs nicht will leiden! Roͤßlein ꝛc.
Jedoch der wilde Knabe brach,
Das Roͤßlein ꝛc.
Das Roͤßlein wehrte ſich und ſtach,
Aber er vergaß darnach
Beym Genuß das Leiden! Roͤßlein ꝛc

Jſt das nicht Kinderton? Und noch muß ich Jhnen Eine Aenderung des lebendigen Geſan - ges melden. Der Vorſchlag thut bey den Liedern des Volks eine ſo groſſe und gute Wuͤr - kung, daß ich aus Deutſchen und Engliſchen alten Stuͤcken ſehe, wie viel die Minſtrels darauf gehalten: und der iſt nun noch im Deut - ſchen wie im Engliſchen in den Volksliedern meiſtens der dunkle Laut von the in beydem Geſchlecht (de Knabe) ’s ſtatt das (’s Roͤß -D 5lein) 58lein) und ſtatt ein ein dunkles a, und was man noch immer in Liedern der Art mit aus - druͤcken koͤnnte. Das Hauptwort bekommt auf ſolche Weiſe immer weit mehr poetiſche Subſtantialitaͤt und Perſoͤnlichkeit

  • Knabe ſprach
  • Roͤßlein ſprach, u. ſ. w.

in den Liedern mit mehr Accent, und endlich laſſen Sie mich noch mit einer weitern Anmer - kung hieraus ſchlieſſen. Jn ſchnellrollenden, gereimten komiſchen Sachen, und aus dem ent - gegen geſetzteſten Grunde in den ſtaͤrkſten, hef - tigſten Stellen der tragiſchen Leidenſchaft, dort inſonderheit in leichtſinnigen Liedern, hier am meiſten in den gedrungnen Blank-Verſen haben Sie es da nicht oft bemerkt, wie ſchaͤd - lich es uns Deutſchen ſey, daß wir keine Eli - ſionen haben, oder uns machen wollen? Unſre Vorfahren haben ſie haͤufig und zu haͤufig ge - habt: die Englaͤnder mit ihren Artikeln, mit den Vokalen bey unbedeutenden Woͤrtern, Par - tikeln u. ſ. w. haben ſie zur Regel gemacht: die innre Beſchaffenheit beyder Sprachen iſt in dieſem Stuͤcke ganz Einerley: uns quaͤlen dieſe ſchleppende Artikel, Partikeln u. ſ. w. oft ſo ſehr, und hindern den Gang des Sinns oder der Leidenſchaft aber wer unter uns wird zu elidiren wagen? Unſre Kunſtrichter zaͤhlen ja Sylben, und koͤnnen ſo gut ſkandiren! Siealſo,59alſo, der kein Kunſtrichter iſt, erlauben Sie alſo in dergleichen Faͤllen mir wenigſtens, mich freyherrlicher maaſſen des Zeichens () bedie - nen zu koͤnnen, nach beſtem Belieben u. ſ. w.

Und ſo fuͤhren Sie mich wieder auf meine abgebrochne Materie: wo - her anſcheinend einfaͤltige Voͤlker ſich an der - gleichen kuͤhne Spruͤnge und Wendungen haben gewoͤhnen koͤnnen? Gewoͤhnen waͤre immer das Leichteſte zu erklaͤren: denn wozu kann man ſich nicht gewoͤhnen, wenn man nichts anders hat und kennet? Da wird uns im kur - zen die Huͤtte zum Pallaſt, und der Fels zum ebnen Wege aber darauf kommen? Es als eigne Natur ſo lieben koͤnnen? Das iſt die Frage, und die Antwont drauf ſehr kurz: weil das in der That die Art der Einbildung iſt, und ſie auf keinem engern Wege je fortgehen kann.

Alle Geſaͤnge ſolcher wilden Voͤlker weben um daſeyende Gegenſtaͤnde, Handlungen, Be - gebenheiten, um eine lebendige Welt! Wie reich und vielfach ſind da nun Umſtaͤnde, gegen - waͤrtige Zuͤge, Theilvorfaͤlle! Und alle hat das Auge geſehen! Die Seele ſtellet ſie ſich vor! Das ſetzt Spruͤnge und Wuͤrfe! Es iſt keinanderer60anderer Zuſammenhang unter den Theilen des Geſanges, als unter den Baͤumen und Gebuͤ - ſchen im Walde, unter den Felſen und Grot - ten in der Einoͤde, als unter den Scenen der Begebenheit ſelbſt. Wenn der Groͤnlaͤnder von ſeinem Seehundfange erzaͤhlt: ſo redet er nicht, ſondern mahlet mit Worten nnd Bewe - gungen, jeden Umſtand, jede Bewegung: denn alle ſind Theile vom Bilde in ſeiner Seele. Wenn er alſo auch ſeinem Verſtorbnen das Leichenlob und die Todtenklage haͤlt, er lobt, er klagt nicht: er mahlt, und das Leben des Verſtorbnen ſelbſt, mit allen Wuͤrfen der Ein - bildung herbeygeriſſen, muß reden und bejam - mern. Jch entbreche mich nicht ein Fragment der Art hieher zu ſetzen; denn da es gewoͤhn - lich iſt, Spruͤnge und Wuͤrfe ſolcher Stuͤcke fuͤr Tollheiten der Morgenlaͤndiſchen Hitze, fuͤr Enthuſiasmus des Prophetengeiſtes, oder fuͤr ſchoͤne Kunſtſpruͤnge der Ode auszugeben, und man aus dieſen eine ſo herrliche Webertheorie vom Plan und den Spruͤngen der Ode recht regel - maͤßig ausgeſponnen hat: ſo moͤge hier ein kalter Groͤnlaͤnder faſt unterm Pol hervor, ohne Hitze und Prophetengeiſt und Odentheorie, aus dem volles Bilde ſeiner Phantaſie reden. Alle Grabbegleiter und Freunde des Verſtorbnen ſitzen im Trauerhauſe, den Kopf zwiſchen die Haͤnde, die Arme aufs Knie geſtuͤtzt: die Wei -ber61ber auf dem Angeſicht und ſchluchzen und wei - nen in der Stille; und der Vater, Sohn oder naͤchſte Verwandte faͤngt mit heulender Stim - me an:

Wehe mir, daß ich deinen Sitz anſehen ſoll, der nun leer iſt! Deine Mutter bemuͤhet ſich vergebens, dir die Kleider zu trocknen!

Siehe! meine Freude iſt ins Finſtre ge - gangen, und in den Berg verkrochen.

Ehedem ging ich des Abends aus, und freute mich: ich ſtreckte meine Angen aus, und wartete auf dein Kommen.

Siehe du kamſt! du kamſt muthig ange - rudert mit Jungen und Alten.

Du kamſt nie leer von der See: dein Ka - jack war ſtets mit Seehunden oder Voͤgeln beladen.

Deine Mutter machte Feuer und kochte. Von dem Gekochten, das du erworben harteſt, ließ deine Mutter den uͤbrigen Leuten vorle - gen, und ich nahm mir auch ein Stuͤck.

Du ſaheſt der Schaluppe rothen Wimpel von weiten, und rufteſt: da kommt Lars (der Kaufmann.)

Du liefſt an den Strand und hieltſt das Vordertheil der Schaluppe.

Denn brachteſt du deine Seehunde hervor, von welchen deine Mutter den Speck abnahm, und dafuͤr bekamſt du Hemde und Pfeileiſen.

Aber62

Aber das iſt nun aus. Wenn ich an dich denke, ſo brauſet mein Eingeweide.

O daß ich weinen koͤnnte, wie ihr andern: ſo koͤnnte ich doch meinen Schmerz lindern.

Was ſoll ich mir wuͤnſchen? Der Tod iſt mir nun ſelbſt annehmlich worden, aber wer ſoll mein Weib und meine uͤbrigen kleinen Kinder verſorgen?

Jch will noch eine Zeitlang leben: aber meine Freude ſoll ſeyn in Enthaltung deſſen, was den Menſchen ſonſt ſo lieb iſt.

Der Groͤnlaͤnder befolgt die feinſten Geſetze vom Schweben der Elegie, die auch

irrt, doch nicht verwirret! ()

und von wem hat er ſie gelernet? Sollte es mit den Geſetzen der Ode, des Liedes nicht eben ſo ſeyn? und wenn ſie in der Natur der Einbildung liegen, wen ſind ſie noͤthig zu lehren? wem unmoͤglich zu faſſen, der nur die - ſelbe Einbildung hat? Alle Geſaͤnge des A. T., Lieder, Elegien, Orakelſtuͤcke der Pro - pheten ſind voll davon, und die ſollten doch kaum poetiſche Uebungen ſeyn.

Selbſt einen allgemeinen Satz, eine abge - zogne Wahrheit kann ein lebendiges Volk im Liede, im Geſange, nichts anders als auch ſo lebendig, und kuͤhn behandeln: es weiß von der Lehrart und dem Gange eines dogmatiſchen Locus nicht, und es ſchlaͤft gewiß ein, wenn esdenſel -63denſelben gefuͤhrt werden ſoll. Sehen Sie z. E. in den mehr angefuͤhrten Dodsleiiſchen Reliques die alten moraliſchen Stuͤcke an: My heart to me a kingdom is u. ſ. w. Sie brechen immer in ihren lyriſchen Gange nur die Blumen ihrer Moral, und kommen, da hier kein ſichtbarer Gegenſtand, keine an einander hangende Geſchichte und Handlung der Einbildung und dem Gedaͤchtniß vorſchwe - bet, jenem immer durch Anwendung, dieſem durch Symmetrie, Refrain des Verſes und zehn andre Mittel zu ſtatten. Hoͤren Sie ein - mal eine Probe der Art uͤber den allgemeinen Satz: Der Liebe laͤßt ſich nicht wider - ſtehen! Wie wuͤrde ein neuer analytiſcher, dogmatiſcher Kopf den Satz ausgefuͤhrt haben, und nun der alte Saͤnger?

Ueber die Berge!
Ueber die Quellen!
Unter den Graͤbern,
Unter den Wellen
Unter Tiefen und Seen
Jn der Abgruͤnde Steg
Ueber Felſen, uͤber Hoͤhen
Findt Liebe den Weg.
Jn Ritzen, in Falten,
Wo der Feurwurm nicht liegt!
Jn Hoͤhlen, in Spalten,
Wo die Fliege nicht kriecht!
Wo Muͤcken nicht fliegen,
Und ſchluͤpfen hinweg,
Kommt64
Kommt Liebe! Sie wird ſingen
Und finden den Weg!
Sprecht, Amor ſey nimmer
Zu fuͤrchten das Kind!
Lacht uͤber ihn immer
Als Fluͤchtling, als blind!
Und ſchließt ihn durch Riegel
Vom Tagſtrahl hinweg
Durch Schloͤſſer und Riegel
Find Liebe den Weg!
Wenn Phoͤnix und Adler
Sich unter euch beugt!
Wenn Drache und Tyger
Gefaͤllig ſich neigt!
Die Loͤwin laͤßt kriegen
Den Raub ſich hinweg.
Aber Liebe wird ſiegen
Und finden ſich Weg!

Konnte der Gedanke ſinnlicher, maͤchtiger, ſtaͤr - ker ausgefuͤhrt werden? Und mit welchem Fluge! mit welchem Wurfe von Bildern! Laſ - ſen Sie den dummſten Menſchen das Lied drey - mal hoͤren: er wirds koͤnnen, und mit Freude und Entzuͤckung ſingen; ſagen Sie ihm aber eben dieſelbe Sache auf einfoͤrmige, dogmati - ſche Art, in huͤbſch abgezaͤhlten Strophen, und ſeine Seele ſchlaͤft.

Alle unſre alte Kirchenlieder ſind voll dieſer Wuͤrfe und Jnverſionen: keine aber faſt mehr und maͤchtiger, als die von unſerm Luther. Welche Klopſtockſche Wendung in ſeinenLiedern65Liedern kommt wohl den Transgreſſionen bey, die in ſeinem Ein feſte Burg iſt unſer Gott! Gelobet ſeyſt du Jeſu Chriſt! Chriſt lag in Todesbanden! und der - gleichen vorkommen: und wie maͤchtig ſind dieſe Uebergaͤnge und Jnverſionen! Wahrhaftig nicht Nothfaͤlle einer ungeſchliffenen Muſe, fuͤr die wir ſie guͤtig annehmen: ſie ſind allen alten Liedern ſolcher Art, ſie ſind der urſpruͤnglichen, unentnervten, freyen und maͤnnlichen Sprache beſonders eigen: Die Einbildungskraft fuͤhret natuͤrlich darauf, und das Volk, das mehr Sinne und Einbildung hat, als der ſtudirende Gelehrte, fuͤhlt ſie, zumal von Jugend auf ge - lernt, und ſich gleichſam nach ihnen gebildet, ſo innig und uͤbereinſtimmend, daß ich mich z. E. wie uͤber zehn Thorheiten unſrer Liederver - beſſerung, ſo auch daruͤber wundern muß, wie ſorgfaͤltig man ſie wegbannet, und dafuͤr die ſchlaͤfrigſten Zeilen, die erkuͤnſteltſten Partikeln, die matteſten Reime hineinpropfet. Eben als wenn der groſſe ehrwuͤrdige Theil des Publi - cums, der Volk heißt, und fuͤr den doch die Geſaͤnge caſtigirt werden, eine von den ſchoͤ - nen Regeln fuͤhle, nach denen man ſie caſtigi - ret! Und Lehren in trockner, ſchlaͤfriger, dog - matiſcher Form, in einer Reihe todter, ſchlaf - trunken, nickender Reime mehr fuͤhlen, empfin - den und behalten werde, als wo ihm durchEBild66Bild und Feuer, Lehre und That auf Einmal in Herz und Seele geworfen wird.

Sie glauben doch nicht, daß ich hiemit eine Schutzſchrift etwa fuͤr die Klopſtockiſchen Lieder ſchreiben wolle? Jch glaube ſehr gerne, daß auch ſie nicht immer Lieder des Volks ſind, und daß ſie ſeltner ganze Gegenſtaͤnde, als kleine Zuͤge aus dieſen Gegenſtaͤnden, ſelt - ner ganze Pflichten, Thaten und Geſtalten des Herzens, als feine Nuͤancen, oft Mittelnuͤan - cen von Empfindungen beſingen, daß alſo ein ſehr ſympathetiſcher, und zu gewiſſen Vorſtel - lungen ſehr zugebildeter Charakter zum ganzen Saͤnger ſeiner Lieder gehoͤre. Aber dem ohn - geachtet iſt das, was viele ſonſt gegen ihn ſag - ten, und noch mehr, was man ihm entgegen ſtellet, ſo trocken, ſo mager, ſo unkundig der menſchlichen Seele, daß ich immer wetten will, das kuͤhnſte Klopſtockiſche Lied, voll Spruͤnge und Jnverſionen, einem Kinde beygebracht, und von ihm einigemal lebendig geſungen, werde mehr fuͤr ihn ſeyn, und tiefer und ewiger in ihm bleiben, als der dogmatiſchte Locus von Liede, wo ja keine Zwiſchenpartikel und Zwi - ſchengedanke ausgelaſſen iſt. Mein Gott! wie trocken und duͤrre ſtellen ſich doch manche Leute die menſchliche Seele, die Seele eines Kindes vor! Und was fuͤr ein groſſes, trefli - ches Jdeal waͤre mir dieſelbe, wenn ich michje67je an Lieder dieſer Art verſuchte! Eine ganze jugendliche, kindliche Seele zu fuͤllen, Geſaͤnge in ſie zu legen, die, meiſtens die Einzigen, le - benslang in ihnen bleiben, und den Ton der - ſelben anſtimmen, und ihnen ewige Stimme zu Thaten und Ruhe, zu Tugenden und zum Troſte ſeyn ſoll, wie Kriegs - Helden - und Vaͤ - terlieder in der Seele der alten, wilden Voͤl - ker welch ein Zweck! welch ein Wort! und wie viel wahrhafte Beſtrebungen zu ſolchem Werke haben wir denn? Reimgebetlein und Lehrverſe genug!

Wenn Luther uͤber jene beyde wegen der Religion verbrannte anſtimmt:

Die Aſche will nicht laſſen ab,
Sie ſtaͤubt in allen Landen
Hier hilft kein Bach und Grub und Grab,
Sie macht den Feind zu ſchanden!
Die er im Leben durch den Mord
Zu ſchreyen hat gezwungen,
Die muß er todt an allem Ort
Mit heller Stimm und Zungen
Gar froͤlich laſſen ſingen

oder wenn er ſchließt:

Die laß man liegen immerhin
Sie habens keinen Frommen!
Wir wollen danken Gott darinn
Sein Wort iſt wieder kommen,
Der Sommer iſt hart fuͤr der Thuͤt
Der Winter iſt vergangen.
Die Gartenblumen gehn herfuͤr,
E 2Der68
Der das hat angefangen
Der wird es auch vollenden

ſo wolte ich fragen, wie viele unſre neuern Lie - derdichter dergleichen Strophen, (ich ſage nicht dem Jnhalt, ſondern der Art nach) gemacht haben? und wie viele haben Luthern ver - beſſert?

Auch Sie beklagens, daß die Romanze dieſe urſpruͤnglich ſo edle und feyer - liche Dichtart bey uns zu Nichts, als zum Niedrigkomiſchen und Abentheuerlichen ge - braucht, oder vielmehr gemißbraucht werde ich beklage es gewiß mit: denn wie wahrer, tiefer und daurender iſt das Vergnuͤgen, das eine ſanfte oder ruͤhrende Romanze, des alten Englands oder der Provinzialen, und eine neuere Deutſche voll niedrigen abgebrauchten, poͤbelhaften Spottes und Wortwitzes nachlaͤßt. Aber noch ſonderbarer iſts, daß in dieſer letzten Geſtalt die Romanze uns faſt nur bekannt ge - worden zu ſeyn ſcheint.

Gleim ſang ſeine Marianne ſo ſchoͤn ich ſage, er ſang ſie ſchoͤn: denn eigentlich iſt das Stuͤck Zug vor Zug eine alte Franzoͤſiſche Romanze, die Sie, (wenn Sie das noch nicht wiſſen,) wie mich duͤnkt, auch in dem neuenchoix69choix des Romances anciennes & mo - dernes finden werden und ſo ſang man ihm nach. Seine beyden andern Stuͤcke neigten ſich ins Komiſche; die Nachſinger ſtuͤrzten ſich mit ganzem plumpen Leibe hinein, und ſo haben wir jetzt eine Menge des Zeugs, und Alle nach Einem Schlage, und alle in der uneigentlich - ſten Romanzenart, und faſt alle ſo gemein, ſo ſehr auf ein Einmaliges leſen daß, nach weniger Zeit, wir faſt Nichts wieder, als die Gleimſchen uͤbrig haben werden.

Dazu kommt nun noch das, daß die weni - gen fremden, die uͤberſetzt ſind, ſo ſchlecht uͤber - ſetzt ſind, (ich fuͤhre Jhnen nur die ſchoͤne Ro - ſemunde, und Alkanzor und Zaide an, welche letztere noch den Vorzug hat, zweymal elend uͤberſetzt zu ſeyn) und da der Ton nun Einmal gegeben iſt: ſo ſingt man fort, und verfehlt alſo den ganzen Nutzen, den fuͤr unſer jetziges Zeitalter dieſe Dichtart haben koͤnnte, nemlich unſre lyriſchen Geſaͤnge, Oden, Lieder, und wie man ſie ſonſt nennt, etwas zu einfaͤltigen, an einfachere Gegenſtaͤnde und edlere Behandlung derſelben zu gewoͤhnen, kurz uns von ſo manchem druͤckenden Schmuck zu befreyen, der uns jetzt faſt Geſetz geworden.

Sehen Sie einmal, in welcher gekuͤnſtel - ten, uͤberladnen, gothiſchen Manier die neu - ern ſogenannten Philoſophiſchen und Pinda -E 3riſchen70riſchen Oden der Englaͤnder ſind, die ihnen als Meiſterſtuͤcke gelten! Von Gray, von Aken - ſide, von Maſon u. ſ. w. ob wohl in ihren Sylbenmaaß, oder Jnnhalt, oder Einklei - dung die mindſte Odenwuͤrkung thun koͤnne? Sehen Sie, in welche gekuͤnſtelte horaziſche Manier wir Deutſche hie und da gefallen ſind Oſſian, die Lieder der Wilden, der Skalden Romanzen, Provinzialgedichte koͤnnten uns auf beſſern Weg bringen, wenn wir aber auch hier nur mehr als Form, als Einkleidung, als Sprache lernen wolten. Zum Ungluͤck aber fangen wir hiervon an, und bleiben hiebey ſte - hen, und da wird wieder Nichts. Jrre ich mich, oder iſts wahr, daß die ſchoͤnſten lyri - ſchen Stuͤcke, die wir ſchon jetzt haben, und laͤngſt gehabt haben, ſchon mit dieſem maͤnnli - chen, ſtarken, feſten deutſchen Ton uͤberein - kommen, oder ſich ihm naͤhern was waͤre nicht alſo von der Aufweckung mehrerer ſolcher zu hoffen!

II. Sha -[71]

II. Shakeſpear.

E 4[72]73

II. Shakeſpear.

Wenn bey einem Manne mir jenes unge - heure Bild einfaͤllt: hoch auf einen Felſengipfel ſitzend! zu ſeinen Fuͤſſen, Sturm, Ungewitter und Brauſen des Meers; aber ſein Haupt in den Strahlen des Himmels! ſo iſts bey Shakeſpear! Nur freylich auch mit dem Zuſatz, wie unten am tiefſten Fuſſe ſeines Felſenthrones Haufen murmeln, die ihn erklaͤren, retten, verdammen, entſchuldigen, anbeten, verlaͤumden, uͤber - ſetzen und laͤſtern! und die Er alle nicht hoͤret!

Welche Bibliothek iſt ſchon| uͤber fuͤr und wider ihn geſchrieben! die ich nun auf keine Weiſe zu vermehren Luſt habe. Jch moͤchte es vielmehr gern, daß in dem kleinen Kreiſe, wo dies geleſen wird, es niemand mehr in den Sinn komme, uͤber fuͤr und wider ihn zu ſchreiben: ihn weder zu entſchul - digen, noch zu verlaͤumden; aber zu erklaͤren, zu fuͤhlen wie er iſt, zu nuͤtzen, und woE 5moͤg -74moͤglich! uns Deutſchen herzuſtellen. Truͤge dies Blatt dazu etwas bey!

Die kuͤhnſten Feinde Shakeſpears haben ihn unter wie vielfachen Geſtalten! be - ſchuldigt und verſpottet, daß er, wenn auch ein groſſer Dichter, doch kein guter Schau - ſpieldichter, und wenn auch dies, doch wahr - lich kein ſo klaſſiſcher Trauerſpieler ſey, als Sophokles, Euripides, Korneille und Voltaire, die alles Hoͤchſte und Ganze dieſer Kunſt erſchoͤpft. Und die kuͤhnſten Freun - de Shakeſpears haben ſich meiſtens nur be - gnuͤget, ihn hieruͤber zu entſchuldigen, zu retten: ſeine Schoͤnheiten nur immer mit Anſtoß gegen die Regeln zu waͤgen, zu kom - penſiren; ihm als Angeklagten das abſolvo zu erreden, und denn ſein Groſſes deſto mehr zu vergoͤttern, je mehr ſie uͤber Fehler die Achſel ziehen muſten. So ſtehet die Sache noch bey den neueſten Herausgebern und Kommentatoren uͤber ihn ich hoffe, dieſe Blaͤtter ſollen den Geſichtspunkt veraͤndern, daß ſein Bild in ein volleres Licht kommt.

Aber iſt die Hoffnung nicht zu kuͤhn? gegen ſo viele, groſſe Leute, die ihn ſchon behandelt, zu anmaſſend? ich glaube nicht. Wenn ich zeige, daß man von beyden Seiten blos auf ein Vorurtheil, auf Wahn gebauet, der nichts iſt, wenn ich alſo nur eine Wolke vonden75den Augen zu nehmen, oder hoͤchſtens das Bild beſſer zu ſtellen habe, ohne im minde - ſten etwas im Auge oder im Bilde zu aͤndern: ſo kann vielleicht meine Zeit, oder ein Zufall gar ſchuld ſeyn, daß ich auf den Punkt ge - troffen, darauf ich den Leſer nun feſt halte, hier ſtehe! oder du ſieheſt nichts als Karri - katur! Wenn wir den groſſen Knaul der Gelehrſamkeit denn nur immer auf - und ab - winden ſolten, ohne je mit ihm weiter zu kom - men welches traurige Schickſal um dies hoͤlliſche Weben!

Es iſt von Griechenland aus, da man die Woͤrter Drama, Tragoͤdie, Komoͤdie geerbet, und ſo wie die Letternkultur des menſchlichen Geſchlechts auf einen ſchmalen Striche des Erdbodens den Weg nur durch die Tradition genommen, ſo iſt in dem Schooſſe und mit der Sprache dieſer, natuͤr - lich auch ein gewiſſer Regelnvorrath uͤberall mitgekommen, der von der Lehre unzertrenn - lich ſchien. Da die Bildung eines Kindes doch unmoͤglich durch Vernunft geſchehen kann und geſchieht; ſondern durch Anſehen, Eindruck, Goͤttlichkeit des Beyſpiels und der Gewohnheit: ſo ſind ganze Nationen in Al - lem, was ſie lernen, noch weit mehr Kinder. Der Kern wuͤrde ohne Schlaube nicht wach -ſen,76ſen, und ſie werden auch nie den Kern ohne Schlaube bekommen, ſelbſt wenn ſie von die - ſer ganz keinen Gebrauch machen koͤnnten. Es iſt der Fall mit dem griechiſchen und nor - diſchen Drama.

Jn Griechenland entſtand das Drama, wie es in Norden nicht entſtehen konnte. Jn Griechenland wars, was es in Norden nicht ſeyn kann. Jn Norden iſts alſo nicht und darf nicht ſeyn, was es in Griechenland ge - weſen. Alſo Sophokles Drama und Sha - keſpears Drama ſind zwey Dinge, die in ge - wiſſem Betracht kaum den Namen gemein haben. Jch glaube dieſe Saͤtze aus Griechen - land ſelbſt beweiſen zu koͤnnen, und eben da - durch die Natur des nordiſchen Drama, und des groͤſten Dramatiſten in Norden, Shakeſpears ſehr zu entziffern. Man wird Geneſe Einer Sache durch die Andre, aber zugleich Ver - wandlung ſehen, daß ſie gar nicht mehr Die - ſelbe bleibt.

Die griechiſche Tragoͤdie entſtand gleich - ſam aus Einem Auftritt, aus dem Jmprom - ptus des Dithyramben, des mimiſchen Tan - zes, des Chors. Dieſer bekam Zuwachs, Umſchmelzung: Aeſchylus brachte ſtatt Ei - ner handelnden Perſon zween auf die Buͤhne, erfand den Begriff der Hauptperſon, undver -77verminderte das Chormaͤſſige. Sophokles fuͤgte die dritte Perſon hinzu, erfand Buͤhne aus ſolchem Urſprunge, aber ſpaͤt, hob ſich das griechiſche Trauerſpiel zu ſeiner Groͤſſe empor, ward Meiſterſtuͤck des menſchlichen Geiſtes, Gipfel der Dichtkunſt, den Ariſto - teles ſo hoch ehret, und wir freylich nicht tief gnug in Sophokles und Euripides be - wundern koͤnnen.

Man ſiehet aber zugleich, daß aus dieſem Urſprunge gewiſſe Dinge erklaͤrlich werden, die man ſonſt, als todte Regeln angeſtaunet, erſchrecklich verkennen muͤſſen. Jene Sim - plicitaͤt der griechiſchen Fabel, jene Nuͤchternheit griechiſcher Sitten, jenes fort ausgehaltne Kothurnmaͤſſige des Ausdrucks, Muſik, Buͤhne, Einheit des Orts und der Zeit das Alles lag ohne Kunſt und Zauberey ſo natuͤrlich und weſentlich im Urſprunge griechiſcher Tra - goͤdie, daß dieſe ohne Veredlung zu alle Je - nem nicht moͤglich war. Alles das war Schlaube, in der die Frucht wuchs.

Tretet in die Kindheit der damaligen Zeit zuruͤck: Simplicitaͤt der Fabel lag wuͤrk - lich ſo ſehr in dem, was Handlung der Vorzeit, der Republik, des Vaterlan - des, der Religion, was Heldenhandlung hieß, daß der Dichter eher Muͤhe hatte, indieſer78dieſer einfaͤltigen Groͤſſe Theile zu entdecken, Anfang, Mittel und Ende dramatiſch hinein - zubringen, als ſie gewaltſam zu ſondern, zu verſtuͤmmeln, oder aus vielen, abgeſonder - ten Begebenheiten Ein Ganzes zu kneten. Wer jemals Aeſchylus oder Sophokles geleſen, muͤſte das nie unbegreiflich finden. Jm Erſten was iſt die Tragoͤdie als oft ein allegoriſch-mythologiſch-halb epiſches Gemaͤlde, faſt ohne Folge der Auftritte, der Geſchichte, der Empfindungen, oder gar, wie die Alten ſagten, nur noch Chor, dem ei - nige Geſchichte zwiſchengeſetzt war Konnte hier uͤber Simplicitaͤt der Fabel die geringſte Muͤhe und Kunſt ſeyn? Und wars in den meiſten Stuͤcken des Sophokles anders? Sein Philoktet Ajax, vertriebner Oedipus u. ſ. w. naͤhern ſich noch immer ſo ſehr dem Ein - artigen ihres Urſprunges, dem dramatiſchen Bilde mitten im Chor. Kein Zweifel! es iſt Geneſis der griechiſchen Buͤhne.

Nun ſehe man, wie viel aus der ſimpeln Bemerkung folge. Nichts minder als: das Kuͤnſtliche ihrer Regeln war keine Kunſt! war Natur! Einheit der Fabel war Einheit der Handlung, die vor ihnen lag; die nach ihren Zeit - Vaterlands - Religions - Sittenumſtaͤnden, nicht anders als ſolch ein Eins ſeyn konnte. Einheit des Orts war79war Einheit des Orts; denn die Eine, kurze feierliche Handlung ging nur an Einem Ort, im Tempel, Pallaſt, gleichſam auf einem Markt des Vaterlandes vor: ſo wurde ſie im Anfange, nur mimiſch und erzaͤhlend nach - gemacht und zwiſchengeſchoben: ſo kamen end - lich die Auftritte, die Scenen hinzu aber alles natuͤrlich noch Eine Scene. Wo der Chor Alles band, wo der Natur der Sache wegen Buͤhne nie leer bleiben kounte u. ſ. w. Und daß Einheit der Zeit nun hieraus folgte und natuͤrlich mitging welchem Kinde brauchte das bewieſẽ zu werdẽ? Alle dieſe Din - ge lagen damals in der Natur, daß der Dich - ter mit alle ſeiner Kunſt ohne ſie nichts konnte!

Offenbar ſiehet man alſo auch: die Kunſt der griechiſchen Dichter nahm ganz den ent - gegen geſetzten Weg, den man uns heut zu Tage aus ihnen zuſchreyet. Jene ſimpli - ficirten nicht, denke ich, ſondern ſie verviel - faͤltigten: Aeſchylus den Chor, Sopho - kles den Aeſchylus, und man darf nur die kuͤnſtlichſten Stuͤcke des letztern, und ſein groſſes Meiſterſtuͤck, den Oedipus in Thebe gegen den Prometheus, oder gegen die Nachrichten vom alten Dithyramb halten: ſo wird man die erſtaunliche Kunſt ſehen, die ihm dahinein zu bringen gelang. Aber niemals Kunſt aus Vielen ein Eins zu ma -chen,80chen, ſondern eigentlich aus Einem ein Vieles, ein ſchoͤnes Labyrinth von Scenen, wo ſeine groͤſte Sorge blieb, an der verwickeltſten Stelle des Labyrinths ſeine Zuſchauer mit dem Wahn des vorigen Einen umzutauſchen, den Knaͤuel ihrer Empfindungen ſo ſanft und allmaͤhlig los zu winden, als ob ſie ihn noch immer ganz haͤtten, die vorige Dithyram - biſche Empfindung. Dazu zierte er ihnen die Scene aus, behielt ja die Choͤre bey, und machte ſie zu Ruheplaͤtzen der Handlung, er - hielt Alle mit jedem Wort im Anblick des Ganzen, in Erwartung, in Wahn des Werdens, des Schonhabens, (was der lehrreiche Euripides nachher ſogleich, da die Buͤhne kaum gebildet war, wieder verab - ſaͤumte!) Kurz, er gab der Handlung (eine Sache, die man ſo erſchrecklich mißverſtehet) Groͤſſe.

Und daß Ariſtoteles dieſe Kunſt ſeines Genies in ihm zu ſchaͤtzen wuſte, und eben in Allem, faſt das Umgekehrte war, was die neuern Zeiten aus ihm zu drehen beliebt ha - ben, muͤſte Jedem einleuchten, der ihm ohne Wahn und im Standpunkte ſeiner Zeit ge - leſen. Eben daß er Theſpis und Aeſchylus verließ, und ſich ganz an den vielfach dich - tenden Sophokles haͤlt, daß er eben von dieſe ſeiner Neuerung ausging, in ſie dasWeſen81Weſen der neuen Dichtgattung zu ſetzen, daß es ſein Lieblingsgedanke ward, nun einen neuen Homer zu entwickeln, und ihn ſo vor - theilhaft mit dem Erſten zu vergleichen; daß er keinen unweſentlichen Umſtand vergaß, der nur in der Vorſtellung ſeinen Begriff der Groͤſſe habenden Handlung unterſtuͤtzen konnte. Alle das zeigt, daß der groſſe Mann auch im groſſen Sinn ſeiner Zeit phi - loſophirte, und nichts weniger, als an den verengernden kindiſchen Laͤppereyen ſchuld iſt, die man aus ihm ſpaͤter zum Papier geruͤſte der Buͤhne machen wollen. Er hat offenbar, in ſeinem vortreflichen Kapitel vom Weſen der Fabel in keine andre Regeln gewußt und an - erkannt, als den Blick des Zuſchauers, Seele, Jlluſion! und ſagt ausdruͤcklich, daß ſich ſonſt die Schranken ihrer Laͤnge, mithin noch weniger Art oder Zeit und Raum des Baues durch keine Regeln beſtimmen laſſen. O wenn Ariſtoteles wieder auf lebte, und den falſchen, widerſinnigen Gebrauch ſeiner Re - geln bey Drama’s ganz andrer Art ſaͤhe. Doch wir bleiben noch lieber bey der ſtillen, ruhigen Unterſuchung.

Wie ſich Alles in der Welt aͤndert: ſo muſte ſich auch die Natur aͤndern, die eigent - lich das griechiſche Drama ſchuf. Welt -Fver -82verfaſſung, Sitten, Stand der Republi - ken, Tradition der Heldenzeit, Glaube, ſelbſt Muſik, Ausdruck Maas der Jlluſi - on wandelte: und natuͤrlich ſchwand auch Stoff zu Fabeln, Gelegenheit zu der Bearbeitung, Anlaß zu dem Zwecke. Man konnte zwar das Uralte, oder gar von andern Nationen ein Fremdes herbey holen, und nach der ge - gebnen Manier bekleiden: das that Alles aber nicht die Wuͤrkung: folglich war in Allem auch nicht die Seele: folglich wars auch nicht (was ſollen wir mit Worten ſpielen?) das Ding mehr. Puppe, Nachbild, Affe, Sta - tuͤe, in der nur noch der andaͤchtigſte Kopf den Daͤmon finden konnte, der die Statuͤe belebte. Laſſet uns gleich (denn die Roͤmer waren zu dumm, oder zu klug, oder zu wild und unmaͤſſig, um ein voͤllig graͤciſirendes Theater zu errichten) zu den neuen Athenien - ſern Europens uͤbergehen, und die Sache wird, duͤnkt mich, offenbar.

Alles was Puppe des griechiſchen Thea - ters iſt, kann ohne Zweifel kaum vollkomm - ner gedacht und gemacht werden, als es in Frankreich geworden. Jch will nicht blos an die ſogenannten Theaterregeln denken, die man dem guten Ariſtoteles beymißt, Einheit der Zeit, des Orts, der Handlung, Bin - dung der Scenen, Wahrſcheinlichkeitdes83des Brettergeruͤſtes, u. ſ. w. ſondern wuͤrk - lich fragen, ob uͤber das gleiſſende, klaſſiſche Ding, was die Korneille, Racine und Voltaire gegeben haben, uͤber die Reihe fchoͤner Auftritte, Geſpraͤche, Verſe und Reime, mit der Abmeſſung, dem Wohl - ſtande, dem Glanze etwas in der Welt moͤglich ſey? Der Verfaſſer dieſes Aufſatzes zweifelt nicht bloß daran, ſondern alle Ver - ehrer Voltairs und der Franzoſen, zumal dieſe edlen Athenienſer ſelbſt, werden es ge - radezu laͤugnen habens ja auch ſchon gnug gethan, thuns und werdens thun, uͤber das geht nichts! das kann nicht uͤbertroffen werden! Und in den Geſichtspunkt des Uebereinkommniſſes geſtellt, die Puppe aufs Bretterngeruͤſte geſetzt haben ſie recht, und muͤſſens von Tag zu Tage je mehr man ſich in das Gleiſſende vernarrt, und es nach - aͤffet, in allen Laͤndern Europens mehr be - kommen!

Bey alle dem iſts aber doch ein druͤckendes unwiderſtrebliches Gefuͤhl das iſt keine grie - chiſche Tragoͤdie! von Zweck, Wuͤrkung, | Art, Weſen kein griechiſches Drama! und der partheyiſchte Verehrer der Franzoſen kann, wenn er Griechen gefuͤhlt hat, das nicht laͤug - nen. Jch wills gar nicht Einmal unterſuchen ob ſie auch ihren Ariſtoteles den Regeln nachF 2ſo84ſo beobachten, wie ſies vorgeben, wo Leſſing gegen die lauteſten Anmaaſſungen neulich ſchreckliche Zweifel erregt hat. Das Alles aber auch zugegeben,