PRIMS Full-text transcription (HTML)
[1]
Das unſchuldig vergoßne Blut /
Welches an ſtatt einer Leichen-Predigt / aus dem IV. Cap. des 1. Buch Moſis / v. 8-11.
Bey Chriſtlicher Beerdigung eines kleinen Kindes von 3. Jahren / Nehmlich Daniel Zeibigs / So von ſeinem leiblichen Vater / Meiſter Daniel Zeibigen / aus Pirna buͤrtig / Huff - und Gemeind-Schmied allhier / Am 26. Junii / 1699. fruͤhe Morgens zwiſchen 3. und 4. Uhren / in der Wiegen ſchlaffend / mit einem Scheer - Meſſer jaͤmmerlich ermordet / und nachmahls den 2. Julii mit Chriſtlichen Ceremonien in Volckreicher Verſamlung beerdiget worden: Chriſtlich erwogen / und ſeinen lieben Zuhoͤrern zu guter Warnung und kraͤfftigen Troſt in ihren Suͤnden-Noͤthen vorgeſtellet /
[2]
WAs hoͤrt man leider! nicht von Mord - und Ubel-Tha -
ten
Auff dieſer argen Welt? Es iſt wohl boͤſe Zeit.
Was giebts nicht hier und dar? Es iſt noch nicht gerathen /
Was man im ſinne fuͤhrt / das End iſt nicht mehr weit.
Die Nahrung nimmt ſehr ab / man klagt von ſchweren Zei -
ten /
Wie dieſer Moͤrder hier ſehr oͤffters hat gethan.
Drum / Suͤnder / ſey bedacht / wie du dich moͤgſt bereiten /
Wilſt du vor GOttes Thron dereinſt gelangen an.
Will ja die Suͤnden-Laſt dein Hertze hefftig druͤcken /
Kommt dir in deinen Sinn bald diß / bald jenes ein /
So muſt du billich dich in wahrer Buſſe buͤcken
Vor JESU Gnaden-Stuhl / da kanſt du
ſicher ſeyn.
[3]

Dem Wohlgebohrnen Herrn / HERRN Johann ÆGIDIO Alemannen / auff Schmiedeberg / Ihro Koͤnigl. Majeſt. in Pohlen / und Chur - fuͤrſtl. Durchl. zu Sachſen Hochbetrauten wuͤrcklichen Geh〈…〉〈…〉 mbden Rathe / Wie auch Hochanſehnlichen Vice-Bergwercks-Directorn, Wie auch Dem Wohlgebohrnen Herrn / HERRN Rudolph von Buͤnau / auff Lauenſtein / Ihro Koͤnigl. Majeſt in Pohlen / und Chur - fuͤrſtl. Durchl. zu Sachſen Hoch-beſtallten Cammer - Junckern / Meinen gnaͤdigen Herren /[4] uͤberreichet gegenwaͤrtige Predigten in ſchuldigſter Unterthaͤnigkeit / mit dem hertzlichen Wunſche: Es wolle der Heilige / unſterbliche GOTT Sie mit ſeinen Vaͤterlichen Schutz-Fluͤgeln gnaͤdigſt bedecken / Mit langen Leben ſaͤttigen / und Ihnen ſein Heyl zeigen in Zeit und Ewigkeit!

Dero Unterthaͤniger Diener und treuer Vorbitter bey GOtt / M. Nicolaus Bahn / Pfarrer in Sadisdorff.

[5]
Im Nahmen JESU!
Mitten in der Hoͤllen-Angſt unſre Suͤnd uns treiben /
Wo ſollen wir denn fliehen hin / da wir moͤgen bleiben?
Zu dir HErr Chriſt alleine.
Vergoſſen iſt dein theures Blut /
Das gnug fuͤr die Suͤnde thut.
Heiliger HErre GOtt! Heiliger ſtarcker GOtt!
Heiliger barmhertziger Heyland!
Du ewiger GOtt?
Laß uns nicht entfallen von des rechten Glaubens Troſt.
Kyrie Eleiſon / HErr erbarme dich unſer aller! Amen.

ACh HErr! laß uns nicht verderben um dieſes MannesPræloq. Jon. 1. 2 Seele willen / und rechne uns nicht zu unſchuldig Blut! So jaͤmmerlich / ſo erbaͤrmlich / ihr meine Geliebte / und in wahrer Bußfertigkeit GOtt-ergebne Chriſten-Hertzen / ſeuffzeten eher - mahls jene Schiff-Leute / als ſie Jonam ins Meer ſtuͤrtzen wolten / da - mit ſich die tobenden Meeres-Wellen ſtillen und legen moͤchten / Jon. 1 / 14. So einer unter den heiligen Propheten eine rechtmaͤßige und Goͤttliche Vocation gehabt / Buße zu predigen / ſo iſts in Wahrheit dieſer Jonas / der Sohn Amithai / geweſen. Denn es geſchahe das Wort des HErrn zu Jona / dem Sohn Amithai / und ſprach: Mache dich auf / und gehe in die groſſe Stadt Ninive / und pre - dige drinnen / denn ihre Boßheit iſt herauff kommen fuͤr mich / Jon. 1, 1. 2. Alleine was thut Jonas? Der Text fagt: Er flohe vor dem HErrn / v. 3. Es wuſte Jonas mehr als zu wohl / was Predigen vor einen Danck nach ſich zoͤge / nemlich des Teuffels Wuͤten und To - ben / und der Welt Haß. (a)(a) "> Prædicare verbum DEI, nihil aliud eſt, qvàm in ſe derivare furorem to - tius inferni & Satanæ, deinde omnium Sanctorum in mundo, & omnem potentiam mundi. Eſt autem periculoſiſſimum vitæ genus, tot dentibus Sa - tanæ ſe objicere, inqvit B. Lutherus Tom. 3. Jen. lat. in Eſ. 40. fol. 386. Und diß muſte ſonder Zweiffel auch wohlmer -8[6]Das unſchuldig-vergoſſene Blut. mercken Moſes; Denn als ihn der HErr ſenden wolte / ſo brachte er al - lerhand Entſchuldigungen vor / bald ſagte er / er habe eine ſtam̃lende Zunge; bald wendete er ein / er waͤre je und je nicht wohl beredt; Ja / er ſagte endlich GOtt dem HErrn gar ſeinen Dienſt auff / in den Worten: Sende / welchen du ſenden wilt / Exod. 4, 13. Und dieſes mochte auch wohl dieUrſache ſeyn / warumJeremias ſo ſchwer ansPre - gen wolte / als ihn ſein GOtt jenden wolte / drum wandte er ſeine jun - gen Jahre fuͤr: Ach HErr / ſprach er / ich taug nicht zu predigen / denn ich bin zu jung / Jer. 1, 6. Jonas flohe hier gar vor demHErrn / weil er in der groſſen Stadt Ninive einen Buß-Prediger abgeben ſol - te / er machte ſich auffs Meer zu Schiffe / und ſuchte unter den unſi - chern Meeres-Wellen ſeine Sicherheit / nicht bedenckende / daß ihn auch GOTT der HErr auff dem Meer finden koͤnne / welches der fromme Koͤnig David zu ſeiner Zeit bey ſich wohl uͤberlegte / fragende: Wo ſoll ich hingehen fuͤr deinem Geiſt? und wo ſoll ich hin - fliehen fuͤr deinem Angeſicht? Fuͤhre ich gen Himmel / ſo biſt du da; bettet ich mir in die Hoͤlle / ſiehe / ſo biſt du auch da. Naͤhme ich Fluͤgel der Morgenroͤthe / und bliebe am aͤuſſerſten Meere / ſo wuͤrde mich doch deine Hand daſelbſt fuͤhren / und deine Rechte mich halten / Pſ. 139, 7. 8. 9. 10. Alleine / meine Hertz - allerliebſten / vernehmet / wie es ihm allda ergangen: Der HErr ließ ſeines Ungehorſams wegen einen groſſen Sturm-Wind auffs Meer kommen / und es erhub ſich ein groß Ungewitter auff dem Meer / daß man meynte / das Schiff wuͤrde zubrechen. Und die Schiff-Leute furchten ſich / und ſchryen ein jeglicher zu ſeinem GOtt / und wurffen das Geraͤthe / das im Schiffe war / ins Meer / daß es leichter wuͤrde / Jon. 1, 4. 5. Endlich kam es mit ihnen ſo weit / daß ſie anfiengen zu loſen / und zu ſehen / wer Urſacher waͤre / daß es ihnen ſo uͤbel gienge; Es ſprach einer zu dem andern: Kommt / wir wollen loſen / daß wir erfahren / um welches willen es uns ſo uͤbel gehe. Und da ſie loſeten / traff es Jonam / v. 7.

  • (De Inqviſitione per Sortem prolixè diſſerit M. Gregorius Strigenitius in Conc. in Jonam Conc. 38. & 39. Confer. D. Luc. Oſiander in Comment. in9[7]Das unſchuldig vergoſſene Blut. in h. I. Tarnovii Comment. in Jonam p. 28. Interim de Sortibus Biblicis conf. Joh. Morinum de Sacris Eccleſiæ Ordinationibus p. 11. n. 75. Sten - gel. de judiciis divinis p. 1. c. 34.)

Nachdem nun die erwehnte Schiff-Leute dieſen Jonam ſcharff genug examiniret / wer er waͤre / und woher er komme / Jonas ſelbſten ſich auch gantz willig drein ergabe / und zu ihnen ſagte: Nehmet mich / und werffet mich ins Meer / ſo wird euch das Meer ſtille wer - den / denn ich weiß / daß ſolches groß Ungewitter uͤber euch kom̃t um meinet willen / v. 12. Siehe / ſo fingen ſie alle an gantz jaͤm̃erlich und erbaͤrmlich zu ſeuffzen: Ach HErr / laß uns nicht verderben um dieſes Mañes Seele willen / und rechne uns nicht zu unſchuldig Blut! Hatten zu vorher dieſe Schiff-Leute ihreGoͤtzen um Huͤlffe an - geſchrien / wie dann die meiſten Ausleger dieſe Schiff-Leute unter die offenbahren Abgoͤtter und Heyden rechnen / (lege D. Maͤyers Ham - burgiſches Ninive / pag. m. 116. it Strigenitii Conc. in Jonam, Conc. 29. p. 129. b) ſo wenden ſie ſich itzo zu dem wahren und ewi - gen GOtt / den ſie aus Jonæ Bekaͤntniß hatten lernen erkennen / ſie lieſ - ſen ihre andere Goͤtter fahren / und rieffen aus allen Kraͤfften: Ach HErr / laß uns nicht verderben um dieſes Mannes Seele wil - len / und rechne uns nicht zu unſchuldig Blut. Recht eiffrig bethen ſie zu GOtt / welches das Woͤrtgen[ᒈᔄᒈ]anzeiget. Ach Jam̃er! Ach Angſt! ach Noth! Ach HErr! du wahrer lebendiger GOtt / der du das Meer und das Trocken gemacht / Him̃el und Erden erſchaffen haſt / laß uns nicht verderben. [ᔒᒉᑣᒈᑤ]Rotte uns nicht gar aus mitStrumpff und Stiel / wie es alſo von dem gaͤntzlichen Verderben der Stadt Babel ge - leſen wird Jer. 51, 55. um dieſes Mannes Seele willen. Sollen wir denn alle mit einander um des einzigen frembden Mannes willen um - kom̃en und erſauffen? Dieſer Ebraͤer geſtehets ſelbſten / daß er an allen Schuld ſey / das Loß hat i[h]n getroffen / ja es iſt ſelbſten auch ſein guter Wille / daß wir ihn ins Meer werffen ſollen / daruͤmb rechne uns nicht zu unſchuldig Blut. Sie nennen Jonam ein unſchuldiges Blut / nicht der Meynung / daß ſie ſeine Flucht und Ungehorſam hiermit entſchul - digen wolten / als haͤtte er damit denTod und ſolche Straffe nicht ver -Bſchul -10[8]Das unſchuldig vergoſſene Blut. ſchuldet um unſern HErrn GOTT / nein / ſondern ſie ſehen auff ihre Perſon / daß er ihnen alles guts gethan / ſie gelehret und unterweiſet in der rechten Religion / und keinen weder mit Worten noch mit Wercken beleidiget / und es um ſie nicht verſchuldet / daß ſie ihm das Leben neh - men ſolten; Derhalben bitten ſie / GOtt wolle ihnen dieſes Mannes Tod nicht zurechnen und zumeſſen / als haͤtten ſie daran Luſt gehabt / und mit unſchuldigen Blut ſich beflecken wollen / ſind Worte des ſel. Strigenitii in Conc. in Jonam Conc. 84. p. 215. b. Das Recht der Natur / ihr eigen Gewiſſen uͤberzeugte ſie / daß ſie ihre Haͤnde mit un - ſchuldigen Blute nicht beſudeln ſolten / daher rufften ſie zu GOtt: Ach HErr / rechne uns nicht zu unſchuldig Blut!

Dieſes / andaͤchtige Zuhoͤrer / mitleidende Hertzen / iſt dasSchreyen und Seuffzen der Schiff-Leute / welches wir ihnen billiger maßen ab - zuborgen wichtige Urſache haben / indem ja iederman unter uns mehr als zu wohl bekannt iſt / wie leider GOtt erbame es! am abgewiche - nen Montage in unſern lieben Jonasbach unſchuldig Blut ver - goſſen worden / allermaſſen ein Vater / vom hoͤlliſchen Teuffel ver - leitet / mit dem Scheermeſſer ſein eintziges liebes Kind / ſein eintziges liebes Soͤhngen / in der Wiege ſchlaffend liegende / jaͤmmerlich ermor - det. Wir ſeuffzen und ſchreyen daher mit jenen Schiff-Leuten zu GOtt: Ach HErr / laß uns nicht verderben umb dieſes Man - nes Seele willen / und rechne uns nicht zu unſchuldig Blut! Ach HErr! laß es dieſer Chriſtlichen Gemeine nicht entgelten diß un - ſchuldig vergoſſene Kinder-Blut / reinige uns mit dem Blute deines lieben Sohnes JEſu Chriſti / unſers Erloͤſers / denn das macht uns rein von allen unſern Suͤnden / 1. Joh. 1, 7.

Du haſt / JESU / weggenommen
Unſre Suͤnden durch dein Blut /
Laß es / ô Erloͤſer / kommen
Unſrer Seeligkeit zu gut!

Und weilen der moͤrderiſche Vater begehret / ſeinem im Blut liegen - den und von ihm entleibten Kinde eine Leichen-Predigt zu thun / als ſoll anitzo vielmehr durch GOttes Beyſtand allen unbußfertigen ſichernSuͤn -11[9]Das unſchuldig vergoſſene Blut. Suͤndern zum Schrecken und Abſcheu / hingegen aber allen bußferti - gen Seelen zu ihrem Troſt / eine Mord-Predigt aus Gen. 4. v. 8. 11. gehalten werden. Wir wollen hierzu den Anfang machen mit dem Gebeth des heiligen Vater Unſers / welches E. L. in hertzlicher Andacht mit mir bethen wolle.

  • Hierauff wolle Eure Chriſtliche Liebe mit Fleiß und in gebuͤhrender Hertzens-Andacht verleſen hoͤren die jenigen Worte / ſo wir zum Grund bevorſtehender Mord-Predigt geleget haben / und ſind dieſelben zu finden Gen. 4, 8. -11. und lauten in unſerer teut - ſchen Sprache alſo:

TEXTUS.

UNd es begab ſich / da ſie auff dem Felde waren / erhub ſich Cain wider ſeinen Bruder Habel / und ſchlug ihn tod. Da ſprach der HErr zu Cain: Wo iſt dein Bruder Habel? Er aber ſprach: Ich weiß nicht; Soll ich meines Bruders Huͤtter ſeyn? Er a - ber ſprach: Was haſtu gethan? Die Stimme deines Bruders Blut ſchreyet zu mir von der Erden. Und nu verflucht ſeyſtu auff der Erden / die ihr Maul hat auff - gethan / und deines Bruders Blut von deinen Haͤn - den empfangen. ()

Eingang.

WEnn der Mann nach dem Hertzen und Willen GOttes / derExord. ex Pſ. 106, v. 38. gottſelige Koͤnig und Prophete David / alleſamt geliebte und andaͤchtige Zuhoͤrer in dem HErrn JEſu / nach der Laͤnge die vornehmſten Suͤnden erzehlet / mit welchen die Kinder Iſrael mancher - ley Straffen verdienet / ſo giebet er ihnen unter andern ſchuld / daß ſie unſchuldig Blut vergoſſen / das Blut ihrer Soͤhne und Toͤchter. Sie vergoſſen (ſpricht er) unſchuldig Blut / das Blut ihrer Soͤhne und ihrer Toͤchter / die ſie opfferten den Goͤtzen Canaan / daßB 2das12[10]Das unſchuldig vergoſſene Blut. das Land mit Blut-Schulden beflecket ward / Pſal. 106, 38. In dieſem Pſalm will Koͤnig David den Kindern Iſrael / GOtt zu Ehren / nicht allein die Goͤttlichen Wohlthaten / ſondern auch ihre Ubelthaten und Undanckbarkeit zu Gemuͤthe fuͤhren. Unter denen vornehmſten Suͤnden und Miſſethaten / ſo ſie begangen / ſtehet auch das Blutver - gieſſen ihrer Kinder / dadurch eben das Land mit Blut-Schulden beflecket wurde: Sie vergoſſen (ſagt Koͤnig David) unſchuldig Blut / das Blut ihrer Soͤhne und ihrer Toͤchter. Dieſes lernten die Kinder Iſrael von den benachbarten abgoͤttiſchen Heyden / welche ſich durch den Teuffel bereden lieſſen / ſie wuͤrden GOtt ein groſſes Werck thun / wenn ſie ihre Kinder demſelben opfferten / wie denn Euſebius meldet Orat. in Conſt. Cæſaris laudem, daß die Phænicier jaͤhr - lich ihre liebſten und einigen Kinder geopffert / welchen auch die Car - thaginenſer gefolget; wie denn Paulus Oroſius von ihnen ſchreibet / daß ſie die jungen Kinder geopffert / welches auch die Feinde zum Mit - leiden bewogen habe. Der Minutius Felix in Octavio ſpricht: In etlichen Theilen Africæ wurden die Kinder von den Eltern geopffert / mit ſchmeichlenden Worten und viel Kuͤſſen / damit ſie nicht weinen ſolten / und alſo ein klaͤglich Opffer geopffert wuͤrde. So berichtet auch Tertullianus in Apologetico c. 9. daß die Eltern den Kindern die beſten Worte gegeben / wenn ſie ſie opffern wollen. (vide M. Johann Samuel Adami Cornu Copiæ, Part. 1. p. m. 1280. 1281. ſeqq.) Und weiln ſich die Kinder Iſrael unter die Heyden gemenget / und derſelben Wercke gelernet / v. 35. ſiehe / ſo lernten ſie auch der Hey - den Weiſe in dieſem Stuͤcke / daß ſie ihre Kinder den Goͤtzen Canaan opfferten / und unſchuldig Kinder-Blut vergoſſen. Sie fragten wohl eher / ob GOtt zuverſoͤhnen ſey durch die Auffopfferung ihrer Leibes - Fruͤchte und erſtgebohrnen Kindern; Soll ich meinen erſtgebohr - nen Sohn fuͤr meine Ubertretung geben? oder meines Leibes Frucht fuͤr die Suͤnde meiner Seele? beym Propheten Micha / c. 6, 7. Es hatte der Teufel es dazumahl (ſchreibet der vormahls ge - lehrte und ſehr beliebte Prediger in Leipzig / Herr Lic. Dan. Grieb - ner / in Betrachtung des andern und ewigen Todes / und zwar im An -hang13[11]Das unſchuldig vergoſſene Blut. hang Conc. 1. uͤber die angezogene Worte aus dem Mich. 6, 7. p. 697.) bey vielen Voͤlckern ſo weit gebracht / daß ſie / wider GOttes ausdruͤck - lichen Befehl / zu Hohn und Spott der von GOtt geſtiffteten Opffer / ihre leibliche Kinder auffgeopffert. Worinnen greulich gewuͤtet dieAſ - ſyrer / die ihre Kinder dem Abgott Adramelech / gleichwie die Griechen der Dianæ, geopffert / dergleichen auch die Roͤmer bey ihren Saturni - niſchen Fecht-Spielen gethan. Welches Barbariſche / unheilige und unbarmhertzige Teuffels-Opffer von denen verbanneten Cananaͤiſchen Voͤlckern auff das Juͤdiſche Volck gekommen / auch von dem Koͤnig Ahas / Manaſſe und andern veruͤbet worden / wie aus 2. Chron. 23, 3. 33, 6. 2. Reg. 17, 17. zu erſehen / da die unbarmhertzigen und unmenſch - lichen Eltern ihre leibliche liebe Kinder / Soͤhne und Toͤchter / dem Ab - gott Moloch / einem ehrnen Goͤtzen / ſo inwendig hohl und voller feuri - gen Gluth geweſen / in ſeine gluͤende Arme hinein gelegt / daß ſie darin - nen mit groſſen Schmertzen und Marter verbrennen muͤſſen: Und da - mit die Eltern das Winſeln / Ach und Wehe / das Zetter-Geſchrey der Kinder nicht moͤchten hoͤren / haben die abgoͤttiſchen Prieſter die Paucken und Trommeln dazu geſchlagen / daher derſelbige Ort Tophet genen - net worden / Jer. 7, 31. das iſt / das Trommel-Hauß oder Kirche. Biß hieher der ſel. Herr Griebner / cit. loco. Conf. Selden. de DiisSyr. Synt. l. c. 6. p. 167. Qvenſtedts Antiqvib. P. I. c. 5. v. 4. p. 594. it. B. Auguſt. Pfeiffers Dub. Vexat. Cent. IV. p. 831. Ohngeachtet Goͤttliche Majeſtaͤt den Kindern Iſrael dergleichen HeydniſchesWeſen ernſtlich verboten / wie zu leſen Lev. 18, 21. c. 20, 2. ſqq. Devt. 12, 31. ſo waren ſie doch dem Worte des HErrn ungehorſam / ſie vergoſſen un - ſchuldig Blut / das Blut ihrer Soͤhne und ihrerToͤchter / die ſie opfferten den Goͤtzen Canaan / daß dasLand mit Blut-Schulden befleckt worden. Es kam dahin / ſpricht der HErr / HErr / daß du nahmeſt deine Soͤhne und deine Toͤchter / die du miꝛ gezeiget hatteſt / und opffer - teſt ſie den Goͤtzen zu freſſen / Ezech. 16, 20. Iſt das nicht grauſam zu hoͤren? Iſt das nicht erſchrecklich zu leſen? daß die Eltern ihr eigen Fleiſch und Blut auf dieSchlacht-Banck liefern / uñ〈…〉〈…〉 durch Abgoͤtterey von dem Teufel verblendet /) ſolche Dinge fuͤr einen angenehmen Got -tes -14[12]Das unſchuldig vergoſſene Blut. tes-Dienſt halten / dafuͤr ſich auch die Natur ſelbſt entſetzet. Dieſes thaten die Iſraeliten an ihren eigenen Kindern / an ihren leiblichenSoͤhnen und Toͤchtern / nach Heydniſcher Art und Weiſe. Und eben daher wurde das ganze Land mit Blut-Schulden beflecket / es fahe dasLand gleichſam ganz fleckicht von dem unſchuldig-veꝛgoſſenenBlut / ihꝛe Haͤnde waꝛen voll Bluts / welches auch ihnen Eſaias zu ſeiner Zeit vorhaͤlt / Eſ. 1, 15. 59, 3.

  • (Crudelia iſta filiorum filiarumqve ſacrificia Dæmonis atqve Idolis, qvæ Chanænæi colebant, ab Hebræis eadem illorum ſuperſtitione imbutis fa - cta. non extant qvidem in ullo Sacræ ſcripturæ libro ante Davidis ætatem: ſed qvin facta ſint, ambigi non poteſt, atqve per traditionem ad illum per - veniſſe credi debet monente B. Auguſtino Tom. VIII. p. 1243.)

GOtt ergebene Hertzen in unſerm blutigen Erloͤſer / Chriſto JEſu; Auch unſer Moͤrder iſt in dieſem Stuͤcke den Kindern Iſrael und ab - goͤttiſchen Heyden nachgefolget / wenn er ſein eintziges / ſonſt liebes Soͤhngen am abgewichenen Montage / in der Wiege liegend / mit dem Schermeſſer geſchlachtet / wie ſeine eigene Worte / gleich nach begange - ner Mordthat / lauteten. Solte man das nunmehro ſelige und vor eu - ren Augen liegende Kind fragen? Was ſind das vor Wunden in deinen Haͤnden? (an deinem Halſe?) ſo duͤncket mich / wenn es reden koͤnte / es wuͤrde aus ſeinem Saͤrglein antworten: So bin ich geſchla - gen (ſo bin ich geſchnitten) im Hauſe derer / die mich lieben / zu re - den aus dem Propheten Zach. 13, 6. Denn es war ja freylich dieſes liebe Kind nicht etwa ermordet und umbracht von einem Fremb - den / von einem Straſſen-Raͤuber / ſondern von ſeinem leiblichen Vater / auff ſeinem Bettgen / da es ſonſten ruhete und ſchlieff / wel - ches warlich recht ſchrecklich und entſetzlich zuhoͤren iſt. Da Amaſa in ſeinem Blute auff der Erden tod lag / bleib alles Volck be - ſtuͤrtzt ſtehen / und ſahe die jaͤmmerlich umgebrachte Leiche mit Verwunderung an / 2. Sam. 20, 12. Was iſt Wunder / andaͤchti - ge Zuhoͤrer / mitleidende Hertzen / wenn auch anitzo / ſonderlich bey die - ſer gehaltenen Mord-Predigt / von ſo vielen Orten das Volck haͤufig zuſammen laufft / und dieſes vom ſeinem eigenen Vater ermordete Soͤhnlein mit Erſtaunen und vielen Thraͤnen anſchauet. Warlichdie -15[13]Das unſchuldig vergoſſene Blut. die Haare ſtehen mir zu Berge / das Hertze moͤchte mir im Leibe blu - ten / wenn ich meines Orths an dieſe unbarmhertzige Mordthat ge - dencke. Der heilige Apoſtel Paulus ſagt dorten: Niemand hat iemals ſein eigen Fleiſch gehaſſet / ſondern er naͤhret es und pfle - get ſein / gleichwie auch der HErr die Gemeine / Eph. 5, 29. Und wie haſt du denn / ô unbarmhertziger Vater! ô grauſamer Kinder - Moͤrder! mit deinem eigenen Fleiſch und Blute / mit deinem eintzigen Kind / und ſonſt lieben Soͤhngen / ſo barbariſch und grauſam verfah - ren koͤnnen? Keine unvernuͤnfftige Beſtie toͤdtet ihres gleichen / kein grimmiger Baͤr / kein hungriger Wolff / kein Blutduͤrſtiger Loͤwe wuͤ - tet wieder ſeines gleichen / und friſt die Jungen / vielmehr defendirt und beſchuͤtzt er ſeine Junge / und laͤſt wohl eher das Leben druͤber; Du aber / ô Cains-Bruder / toͤdteſt und ſchlachteſt dein eigen Kind / der ge - rechte GOtt fordert dich itzo / wie ehermahls den gottloſen Cain / fuͤr ſeinen Richter-Stuhl / er ſtellet wieder dich eine ſcharffe Inqviſition an: Wo iſt dein Kind? Wo iſt dein Sohn? Was haſt du ge - than? Die Stimme deines Kindes Blut ſchreyet zu mir von der Erden / du haſt unſchuldig Kinder-Blut vergoſſen / und nu verflucht ſeyſt du auff der Erden / die ihr Maul hat auffge - than / und deines Kindes Blut von deinen Haͤnden empfangen. Dieſe Worte wollen wir an ſtatt eines Leichen-Texts bey gegenwaͤr - tiger Volckreichen Verſamlung und Chriſtlicher Beerdigung des ſee - ligen Kindes zu betrachten vor uns nehmen / und im Nahmen der al - lerheiligſten Dreyfaltigkeit daraus erwegen

Das unſchuldig vergoßne Blut.
Wir werden zu ſehen haben
I. Die grauſame Mord-Geſchicht.
II. Das gerechte Blut-Gericht.
Mein JEſu! Durch dein unſchuldig Blut /
Die ſchoͤne rothe Fluth /
Waſch ab all meine Suͤnde /
Mit Troſt mein Hertz verbinde /
Und16[14]Das unſchuldig vergoſſene Blut.
Und ihr nicht mehr gedencke /
Ins Meer ſie tieff verſencke.

Abhandlung.

I. Die grau - ſame Mord - Geſchicht.
1

SO wollen wir / andaͤchtige Zuhoͤrer / bey dem Anſchauen des all - hier liegenden ermordeten Kindes / aus dem verleſenen Texte mit einander andaͤchtig betrachten das unſchuldig-vergoßne Blut / und zwar erſtlich ſehen die grauſame Mord-Geſchicht aus den Wor - ten unſers Texts: Und es begab ſich / da ſie auf dem Felde waren / erhub ſich Cain wider ſeinen Bruder Habel / und ſchlug ihn±) Der Moͤrder. todt. Bey dieſen Texts-Worten koͤm̃t uns alſobald zu bedencken vor der Moͤrder / welcher unſchuldig Blut vergoſſen. Und der iſt Cain / der erſtgebohrne Sohn Adams und der Even / uͤber deſſen Geburth die Mutter ſich nicht wenig freuete / nicht anders meynende / ſie haͤtte den verheiſſenen Weibes-Saamen zur Welt gebohren / der der hoͤlliſchen Schlangen den Kopff zertreten ſolte / daher ſagte ſie Freuden-voll:[ᒕᒓᑤᒕᒗᑖᑰᔔᑡᒈᑢ ᔓᒗᑠᒈᑠ ᒗᔔᑠᒗᔄᑠᔑᑤ]. Ich habe denMann den HErrn / Gen. 4, 1.

  • (vide de his verbis Luth. Tom. 8. Jen. Germ. p. 157. &c. Hunn. Calvin. Ju - daiz. c. 1. p. 13. Glaſſ. Onomathol. Meſſ. Prophet. p. 116. &c. Val. Her - berg. Magnal. Part. II. Medit. 1. & 2. Danhaueri Evangeliſches Denckmahl / p. 49.)

Wiewohl der guten Mutter nachmahls durch dieſe grauſameMord - that die vorige Freude ziemlich verſaltzen wurde / miſer Mulier falli - tur, die arme Frau wird betrogen / wie Herr Lutherus redet in Geneſ. fol. 59, 6. Es gienge der Even / wie vielen andern Eltern / welche dann und wann ihre Hoffnung auff dieſes oder jenes Kind ſetzen / ſo aber nachmahls aus der Art ſchlaͤgt / und am aller uͤbelſten geraͤth. Denn da Cain ſeinen frommen Bruder / den Abel / ſolte lieben / ſiehe / ſo haſſete er ihn; da er deſſen Leben als ſein eigenes Leben haͤtte ſollen befoͤrdern / ſiehe / ſo beraubete er ihn deſſelbigen / und verurſachte bey ſeinen Eltern groß Hertzeleid. Cains Hertze war vom Satan mit Haß / Neid und Mord angefuͤllet / denn es begab ſich / da ſie auf dem Felde waren / erhub ſich Cain wider ſeinenBruder Habel / und ſchlug ihn todt. Was17[15]Das unſchuldig-vergoſſene BlutWas die Urſache geweſen / daß der gottloſe Cain ſeinen frommen Bru - der / den Abel / ermordet / koͤnnen wir eben ſo eigentlich nicht wiſſen / ob ſie ſich mit einander gezanckt wegen des Grund und Bodens / darauff ſie beyde damahls geſtanden / daß ein jeglicher gerne hat der Beſitzer und Grund-Herr ſeyn wollen / oder ob es um der Schweſter willen gewe - ſen / die ein jeder gerne zum Weibe haben wollen / wie die Rabbinen in ihren Chumaſch beym Sauberto in Pentatevchum p. 48. fuͤrge - geben / citante D. Mayero Conc. 1. das bey doppelten Mord un - ſchuldige Wittenberg / p. 7. ſtehet dahin. Vermuthlich / iſts aus groſ - ſer Ungedult geſchehen / wegen des Opffers / daß GOtt der HErr des glaͤubigen Abels Opffer gnaͤdiglich angeſehen / des Cains Opffer aber nicht gnaͤdiglich angeſehen / wie Moſes in dem 4. und 5. Verſe berichtet. Denn Abei brachte ſein Opffer im Glauben / gerichtet auff das Verdienſt des zukuͤnfftigen Meßiaͤ / wie zu ſehen aus Ebr. 11, 4. Cain aber brachte ſein Opffer ohne Glauben / aus pur lauterer Heucheley / deswegen wurde Abels Opffer fuͤr CainsOpffer GOtt dem HErrn angenehmer / als deſſen Augen ſehen nach dem Glauben / Jer. 5, 3. deswegen ergrimmteCain ſehr / und ſeineGe - berde verſtellet ſich / Gen. 4, 5. Daruͤber erboßete ſich der unglaͤubi - ge Cain / daß er zu einem Atheiſten wurde / und zu Abel ſagte: Es ſey kein Gericht / kein Richter / kein kuͤnfftiges Leben / die Frommen haͤtten keinen Lohn / und die Gottloſen keine Straffe zu gewarten / welchem aber Abel / als eine fromme Seele / ſtandhafftig widerſprochen / darauff Cain den Abel uͤberfallen / und ſeinen Bruder jaͤmmerlich erſchlagen.

  • (Targum Hieroſolymit. refert B. Scherzerus in Syſtemat. Theolog. Loc. XXIV. p. 641. Joh. Qviſtorp. Annot. Bibl. in Cap. IV. Gen. p. 16. & B. Gerhardus Comment. in Geneſ. p. 138. his verbis: Targum Hie - roſolymit, ſic reddit: Et dixit Cain ad Abel, fratrem ſuum: Veni, & egrediemur in agrum. Et fuit, cum egreſſi fuiſſent am - bo ipſi ad facies agri, reſpondit Cain & dixit ad Abel fratrem ſu - um: Non eſt judicium, & non eſt judex, & non eſt ſeculum ali - ud, & non dabitur præmium bonum juſtis, & non vindictæ ſume - tur ab improbis, & non in miſeratione creatum eſt ſeculum, & non in miſericordia ipſe Deus gubernat. Nam cur, qvæſo, accepta -Ctur18[16]Das unſchuldig vergoſſene Blut. tur Oblatio tua beneplacito, & à me non acceptatur in benevolen - tia? Reſpondit Habel & dixit ad Cain: Eſt judicium, & eſt ju - dex, & ſeculum aliud, & eſt donum præmii bonis juſtis, & vin - dicta ſumetur ab improbis, & in miſerationem creatum eſt ſecu - lum, & in miſericordia ipſe gubernat. Utiqve in fructibus bono - rum (bonos) Deus gubernat. Qvod ſi fuerint opera mea recta præ tuis, accipietur oblatio mea â me in beneplacito, & à te non ac - cipietur in beneplacito. Et fuerunt ambo ipſi rixantes in agro, & ſurrexit Cain adverſus Habel, fratrem ſuum, & occidit eum. Conf. etiam B. Auguſt. Pfeiffers Diatribe Philolog. de Colloqvio Caini & Abelis ad Gen. cap. IV. v. 8. Theſ. XI.)

Unſer Moͤrder allhier in Johnsbach iſt uns allen mehr als zu wohl bekandt / nemlich es iſt Meiſter Daniel Zeibig / Zeithero geweſener Huff - und Gemein-Schmied / buͤrtig aus Pirna / welcher zehen Jahr auff ſeinem Schmiede-Handwerck gearbeitet / und manchen feinen Orth in der Welt geſehen / ſo in Geißing Meiſter worden / und vor we - nig Jahren hieher zu uns in die Gemeine-Schmiede gezogen. Wir koͤnnen ihm mit gutem Gewiſſen ein feines Zeugniß geben / von wegen ſeines wohlgefuͤhrten Chriſtlichen Lebens-Wandels / geſtalten Er ſich mit jederman gar wohl vertragen / er iſt geweſen ein frommer Bether und fleißiger Kirchen-Gaͤnger / ſein eintziges Soͤhngen hat er immer hertzlich geliebet / und offters mit jedermans beſondern Vergnuͤgen bey der Hand in und aus der Kirchen gefuͤhret. Dieſen frommen Mann hat der hoͤlliſche Mord-Geiſt / wider iedermans Vermuthen / einge - nommen / verblendet und beredet / als wenn er bey gegenwaͤrtigen ſchwe - ren Zeiten ſich und ſein Kind nicht wuͤrde ernaͤhren und bekleiden koͤn - nen / daher er ihn offters verleitet / daß er ſich ſelbſten haͤngen ſollen / ſo aber uͤber das arme unſchuldige Kind hinaus gelauffen / (wie ſeine eigne Worte lauten /) an welchem er zum Moͤrder worden / und un - ſchuldig Blut vergoſſen / welches wir ferner ſehen bey der grauſamen Mord-Geſchicht / wenn wir auch anſehen die Mord-that an ſich〈…〉〈…〉 elbſten / wie denn das unſchuldige Blut vergoſſen worden. Im[T]exte ſtehet: Und es begab ſich / da ſie auff dem Felde waren /[er]hub ſich Cain wider ſeinen Bruder Habel / und ſchlug ihntodt. 19[17]Das unſchuldig vergoſſene Blut. todt. Die Gelegenheit / ſolche Mordthat hinaus zu fuͤhren / war die Einſamkeit: da ſie auff dem Felde waren. Die Einſamkeit iſt niemand zu rathen. Seneca ſchreibet: Solitudo omnia nobis ma - la perſvadet, i. e. Die Einſamkeit rathet uns zu allen Boͤſen. Das bezeugen auch viel Exempel in heiliger Goͤttlicher Schrifft. Wenn der ſonſt fromme Loth alleine iſt / ſo begehet er mit ſeinen Toͤch - tern Blut-Schande / Gen. 19, 30. 38. Wenn die Soͤhne Jacobs alleine ſind / ſo verkauffen ſie ihren Bruder / den Joſeph / Gen. 37, 28. Wenn Koͤnig David alleine iſt / ſo verliebet er ſich in die ſchoͤne Bath - ſebam / und bricht die Ehe / 1. Sam. 11, 2. ſeqq. Wann Amnon al - leine iſt / ſo nothzuͤchtiget er ſeine leibliche Schweſter / die Thamar / 2. Sam. 13, 14. Wenn Chriſtus JEſus / unſer Heyland / ſelbſt al - leine in der Wuͤſten iſt / ſo wird er vom Teuffel hefftig verſuchet / Matth. 4, 1. ſeqq. Alſo / wenn Cain hier auff dem Felde mit ſeinem Bru - der alleine iſt / ſo ſchlaͤget er ihn todt.

Crede mihi loca ſola nocent, loca ſola caveto,
Qvo fugis? in populo tutior eſſe potes.
  • vid. Bakii Expoſition. Evangel. Dominieal. Dom. Invocavit, Parte 2 p. m. 29.

Auſſer allen Zweiffel ſind dieſe beyde Bruͤder von ihren Eltern aufs Feld geſchickt worden / ihre gewoͤhnliche Arbeit zu verrichten / Cain wird geackert / und Abel wird die Schaaffe gehuͤtet haben / denn Abel war ein Schaͤfer / Cain aber war ein Ackermann / v. 2. Und da ſie nun alſo beyde gantz allein geweſen / ſo hat der moͤrderiſche Cain die Einſamkeit zu ſeinem Vortheil gebrauchet. In den vorhergehenden Worten ſtehet / daß Cain mit ſeinem Bruder Abel geredet / welches wohl auff das allerfreundlichſte wird geſchehen ſeyn. D. Lucas Oſiander in Comment. in h. l. ſchreibet: Er bat ihm freundlich zugeſprochen / und den Haß oder Groll verborgen / biß er ſeine Gelegenheit erſehen / da er ihm beykommen und ſchaden koͤnte. Denn ſonſten / wenn Habel im wenigſten etwas davon gemercket / daß Cain im Sinn gehabt / ihn zu erwuͤrgen / haͤtte er entweder bey den Eltern ſichs beklagt / und be - gehrt / den Cain dahin zu halten / daß er vor ihm moͤchte geſichert ſeyn:C 2Oder20[18]Das unſchuldig vergoſſene Blut. Oder es haͤtte ſich Habel vor ihm gehuͤtet / und beyZeit an einen andern Orth davon gemacht / damit er ihm aus den Augen kommen. Aber weil Cain ſich ſo freundlich gegen ihm erzeiget / meinte er / dieSache ſey allerdings richtig / und keine Gefahr mehr verhanden. Biß hieher wohlgedachter Oſiander. Das Inſtrument, wormit Cain ſeinen Bruder ermordet / wird im Texte nicht gemeldet.

  • In einer Arabiſchen Schriſſt lieſet man / (wie Hottingerus Smegm. Orient. pag. 221. meldet /) es habe Cain dem Abel mit einem Stein den Kopff zerſchmettert / und die Hirnſchale entzwey geſchlagen. Die Juͤden ſagen / aus lauter Grimm habe er ihn angefallen / wie ein boͤſer Hund / und mit Zaͤhnen zerriſſen. Chryſoſtomus will / er habe es mit einem Schwerdt ge - than; Irenæus hingegen / er habe ihm eine Sichel in den Leib gehauen / und Prudentius, er habe ihn mit einem Karſt zu Boden geſchlagen. Die Mah - ler geben ihm eine groſſe Keule in die Hand / wie dem Herculi, und damit ſoll er ihn getoͤdtet haben. GOtt iſts am beſten bekannt / wie / oder mit was Inſtrument es geſchehen. (Has diverſas Sententias collegit Polycar - pus Kunadi in den erſten Fruͤchten ſeinerGott-geheiligten Kirchen-Arbeit / pag. m. 15.)

Es kan ſeyn / daß er ein Acker-Inſtrument gehabt / welches er zu ſei - ner Arbeit gebrauchet / und die Mordthat auszufuͤhren beqvem genug befunden / er ſchlug ihn todt / ſtehet im Text. Mactavit, er hat ihn geſchlachtet / heiſts eigentlich nach dem Grund-Texte / geſchlachtet / wie ein Opffer-Vieb / wie die Glaͤubigen von ihren Feinden geachtet werden als Schlacht Schaafe / Pſ. 44, 23. B. Lutherus ſtehet in den Gedancken / es habe Abel auff der Erden liegend ſeinen Bruder gebeten / ſeiner zu ſchonen / welches er aber nicht geachtet. Comment. in Geneſ. p. m. 67. D. Lucas Oſiander hegt gleiche Meynung / cit. loco. Abel werde ohne Zweiffel GOtt klaͤglich um Huͤlffe angeruffen / und den Cain zum hoͤchſten und mit Flehen dafuͤr gebeten haben / daß er ſeine Haͤnde nicht beflecken ſolte mit ſeines Bruders Blut / aber Cain hat ſich zu keinem Mitleyden wollen bewegen laſſen. Aus welchen Umſtaͤnden die groſſe Blut-Duͤrſtigkeit des unerbittlichen Todtſchlaͤ - gers deſto mehr zu ſehen iſt. Eben die Einſamkeit war auch / meines Erachtens / die allermeiſte Gelegenheit unſers Moͤrders allhier / er warein21[19]Das unſchuldig vergoſſene Blut. ein Wittber / wiewohl allbereit mit einesBauren Tochter verlobet und verſprochen / in dieſer ſeiner Einſamkeit mag er mit innerlichen Gedan - cken ſeyn auff boͤſe Dinge umgangen / Satan wird darbey nicht ge - feyert / und ihn in ſeinem boͤſen Vorſatz geſtaͤrcket baben / daher er an GOttes gnaͤdiger Vorſorge und Erhaltung ſeiner und ſeines Kindes verzagt / ſich ſelbſten hengen wollen / iedoch endlich ſein Scheer-M[e]ſſer ergriffen / (das war das Inſtrument, wormit er unſchuldig Blut vergoſſen /) und ſein armes in der Wiegen liegende ſchlaffendes Kind jaͤmmerlich ermordet. Redete Cain mit ſeinem Bruder freundlich / ebe er ihn todtſchlug / ſiehe / ſo ſtellte ſich auch dieſer Moͤrder gegen ſein Soͤhngen freundlich / indem er mir erzehlet / daß er daſſelbige zweymahl vor Liebe gekuͤſſet / ehe er es ermordet; Er machte es in dieſem Fall / wie dorten der Meuchel-Moͤrder Joab / welcher den Amaſa nicht alleine auffs freundlichſte gruͤſte / ſondern auch gar kuͤſte / ehe er aber ſichs ver - ſahe / ſtach er ihm das Schwerdt in den Wanſt / daß ſein Eingeweide ſich auff die Erde ſchuͤttete / und er ſeinen Geiſt auffgabe / 2. Sam. 20, 9. 10. Er machte es wie Herodes / welcher anch ſeine Soͤh - ne umbrachte / daß daher der Roͤmiſche Kaͤyſer Auguſtus hat von ihm pflegen zu ſagen: Se malle eſſe porcum ejus, qvam filium, er wolle lieber ſeineSaue / die er / als ein Jude / nicht geſchlachtet / als ſein Sohn ſeyn. Stehet von Cain im Texte / daß er ſeinen Bruder todt geſchlagen / oder / wie es nach der Grund-Sprache lau - tet / geſchlachtet; So waren ja eben dieſes die erſchrecklichen Worte unſers Moͤrder / allermaſſen er alſobald / nach vollbrachter Mordthat / ein Weib geruffen / und zu mir geſchickt / ſie ſolte mir ſagen / er haͤtte ſein Kind geſchlachtet. O der grauſamen Mordthat! O der erſchreck - lichen Mord-Geſchicht.

Laſt uns / andaͤchtige und mitleidende Chriſten-Hertzen / in unſerer be - truͤbten Andacht fortgehen / und bey dem unſchuldig-vergoſſenen Blut auch anſehen

II. Das gerechte Blut-Gericht.

II. Das ge - rechte Blut - Gericht.
1

Darbey haben wir zu erwegen ±) die Inqviſition oder ſcharffeC 3Ver -22[20]Das unſchuldig vergoſſene Blut. Verhoͤr. Wie es bey weltlichen Gerichten braͤuchlich iſt / daß man wider die Ubelthaͤter eine ſcharffe Inqviſition anſtellt / und nach al - len Umſtaͤnden genau fragt; Gleicher maſſen finden wir auch dieſes in unſerm Texte: Da ſprach der HErr zu Cain: Wo iſt dein Bruder Habel? Er aber ſprach: Ich weiß nicht / ſoll ich mei - nes Bruders Huͤter ſeyn? Er aber ſprach: Was haſt du ge - than? Die Stim̃e deines Bruders Bludt ſchreyet zu mir von der Erden. Der Richter / ſo die Inqviſition allhier anſtellt / und den Thaͤter genau examinirt / iſt der heilige Dreyeinige GOtt / GOtt Vater / Sohn und heiliger Geiſt / denn da ſprach der HErr zu Cain: Wo iſt dein Bruder Habel? Etliche unter den Auslegern wollen davor halten / GOtt der HErr habe den Cain durch ſeinen Vater / den A - dam / fragen und alſo hart anreden laſſen: Wo iſt dein Bruder Habel?

  • (Hæc ſententia etiam B. Luthero noſtro placuit in Comment. in Gen ſcri - bendi fol. m. 64. b. Admonetur ad Adam parente. Credo enim verba hæc ab ipſo Adam eſſe dicta. &c.)

Dieweil aber der jenige / ſo da fragt / weiter alſo redet: Was haſtu gethan? Die Stimme deines Bruders Blut ſchreyet zu mir von der Erden; ſo iſt vielmehr zu glauben / daß GOtt der HErr ſelbſten in aſſumptâ formâ viri, in angenommener Mannes-Ge - ſtalt mit Cain geredet habe. Cain gienge nach vollbrachter Mord - that fein ſicher in ſeinen Suͤnden dahin / und mochte wohl durch Ver - blendung des Teuffels ſich einbilden / er habe deswegen keine Straffe zu gewarten / niemand werde wider ihn inqviriren / niemand werde ihn richten und verdammen. Aber hoͤre / glaͤubiges Chriſten-Hertze / bald citirte ihn der Richter aller Welt durch die doppelte ſcharffe Nachfrage: Wo iſt dein Bruder Habel? Was haſt du gethan? Es fragt ihn GOtt der HErr nicht zu dem Ende / als ſey es latens crimen, als wuͤſte ers nicht / wie alſo dort Joſua den Diebiſchen Achan fragte: MeinSohn / gieb dem HErrn / demGOttIſrael / die Eh - re / und gieb ihm das Lob / und ſage mir an: was haſt du ge - than? und leugne mir nichts / Joſ. 7, 19. ſondern er / als ein allwiſ - ſenderGOtt / will vielmehr denThaͤter convinciren / und ihn in ſeinerbegan -23[21]Das unſchuldig-vergoſſene Blut. begangenen Mord-That uͤberfuͤhren / daß er ſich vor der gerechten Rache des Himmels nicht gefuͤrchtet / ſeines leiblichen Bruders nicht verſchonet / und ihn ſo jaͤmmerlich ermordet. Auſſer Zweiffel wolte GOtt der HErr bey der angeſtellten Inqviſition dem moͤrderiſchen Cain durch dieſe doppelte Frage ſein Hertz ruͤhren / damit er ſeinen Bruder-Mord erkennen / bereuen / und die gnaͤdige Vergebung ſeiner ſchweren Suͤnde und Miſſethat ſuchen moͤchte. Aber wie trotzig fuͤhret ſich hier der Thaͤter auf / er ſpielet alles auffs Leugnen: Er aber ſprach: Ich weiß nicht / ſoll ich meines Bruders Huͤtter ſeyn? Es will der gottloſe Cain gleichſam ſagen: Er ſey darzu nicht beſtellet / daß er ſeinen Bruder huͤtten und in acht nehmen ſolle / er wuͤſte viel / wo ſein Bruder geblieben.

  • (Sic Cain hoc in loco putat belle excuſatum ſe, qvod negat, ſe eſſe cuſtodem Fratris ſui. At tum fratrem ſuum nominat, annon fatetur, ſe debere cu - ſtodem ejus eſſe: Annon etiam accuſat ſe, qvod alieno in Fratrem ſit animo? ita iterum B. Lutherus in Gen. fol. 67. b.)

Es wuſte dieſer Moͤrder aller Luͤgner ihr Principium: Si feciſti, nega, haſt du was gethan / ſo laͤugne es nur. Aber der allwiſſende GOtt / deſſen Augen viel heller ſind / denn die Sonne / und ſehen alles / was die Menſchen thun / und ſchauen auch in die heimlichen Winckel / nach dem Syr. 23, 28. 29. brachte einen unverwerfflichen Zeugen wider ihn auff / ſagende: Siehe / die Stimme deines Bru - ders Blut ſchreyet zu mir von der Erden / das unſchuldig vergoßne Blut deines Bruders iſt dein Anklaͤger worden / alle Bluts-Tropffen des unſchuldig-getoͤdteten Abels ſind gleichſam lauter Zungen worden / geſtalten in der heiligen Ebraͤiſchen Sprache der Pluralis zu finden〈…〉〈…〉, Voxſangvinum, die Stim̃e der Blute / oder des vie - len Bluts / ſchreyet von der Erde zu mir gen Himmel umRache. Dieſe Redens-Art wird in den Schulen genannt Proſopopæia, da man lebloſen Dingen eine menſchliche Rede zuſchreibet: (vid. Glaſſii l. 5. Phil. Sacr. Tr. 1. c. 9. p. 194. ſeqq.) Es will damit der gerechte GOtt andeuten / daß Cains Suͤnde und Mordthat eine ſehr ſchwere und Him̃el-ſchreyende Suͤnde ſey / welche er nach ſeiner Gerechtigkeiternſt -24[22]Das unſchuldig vergoſſene Blut. ernſtlich ſtraffen muͤſſe / wie etwan dergleichen Art zu reden gefunden wird Gen. 18, 20. Es iſt ein Geſchrey zu Sodom und Gomorra / das iſt groß / und ihre Suͤnde iſt faſt ſchwer. Wie auch Hab. 3, 11: Die Steine in der Mauer werden ſchreyen / und die Balcken am Geſparre werden ihnen antworten. Gleicher Geſtalt wird auch hier dem Blute eine ſtarcke Stimme zugelegt / es habe das unſchuldig - vergoſſene Blut gleichſam Zungen bekommen / es habe das Blut ſelber um Rache zu ſchreyen angefangen / und den Moͤrder fuͤrs Gericht ge - fordert. Worbey die Chaldaͤiſche Bibel angemercket / daß hier eingefuͤh - ret werden alle Nachkoͤmmlinge / die aus Abels Lenden haͤtten koͤnnen gezeuget und gebohren werden / daß dieſelbigen zu GOtt mit groſſen und unablaͤßigen Geſchrey wider den Cain um Rache geſchrien. (Lege D. Gerhard. Comment. in h. l. p. 144.) Sonder allen Zweiffel ſchrie Abels Blut / wie dorten Hiobs Blut: Ach Erde verdecke mein Blut nicht! Job. 16, 18. ſonder allen Zweiffel ſchrie Abels Blut / wie die Seelen der heiligen Maͤrtyrer / welche mit groſſer Stim̃e ſchrien: HErr / du heiliger und Wahrhafftiger / wie lange richteſt du / und raͤcheſt nicht unſer Blut an denen / die auf Erden wohnen / Apoc. 6, 10. Wie nun nach der Inqviſition oder ſcharffen Verhoͤr / wie auch nach Uberfuͤhrung der That durch gewiſſe Zeugen / uͤber die Ubel - thaͤter nach Urthel und RechtlicherErkaͤntniß geſchickt wird / alſo erfolg -(β) Die Verurthei - lung. te auch in unſerm Texte (β) die Verurtheilung / in dieſen Worten: Und nun verflucht ſeyſt du auf der Erden / die ihr Maul hat auff - gethan / und deines Bruders Blut von deinen Haͤnden empfan - gen. Dieſes ſind erſchreckliche Worte / ſo alles Wehe in ſich faſſen. Das Wort verflucht / iſt eines von den ſchrecklichſten Worten in der gantzen heiligen Schrifft / es iſt dasjenige Donner-Wort / wormit dermahleinſt Chriſtus JEſus die Verdammten anreden und zu ihnen ſagen wird: Gehet hin von mir / ihr Verfluchten / in das ewige Feuer / das be - reitet iſt dem Teuſel und ſeinen Engeln / Math. 25, 41. Mit eben dem Worte wird auch hier Cain verurtheilet / verflucht und verdammt. Verflucht ſoll ſeyn des Moͤrders Leib / weil er ſeinen leiblichen Bruder ermordet: Verflucht ſoll ſeyn des Moͤrders Thun und Vornehmen / ſolan -25[23]Das unſchuldig vergoſſene Blut. lange er auf Erden ſeyn wird; Verflucht ſoll ſeyn des MoͤrdersSee - le / woferne er nicht rechtſchaffene Buſſe thut / denn wenn die Erde ihr Maul auffgethan / ſeines Bruders Blut zu empfahen / ſo ſoll die Hoͤlle ihren Rachen auffſperren / ihn zu verſchlingen. Der Welt beruͤhmte Prediger zu Hamburg / Herr D. Johann Friedrich Maͤyer / ſchreibet in dem bey doppelten Mord unſchuldigen Wittenberg / Conc. 2. p. m. 35. Von dem Cain melden die Rabbinen / daß / wo er gegangen / die Erde gezittert / und eine Stimme geruffen: Fliehet / der Moͤrder koͤm̃t.

Dieſes iſt das gerechte Blut-Gericht / ſo auch etlicher maßen unſern Moͤrder betrifft. Beſſer hat ers zwar in dieſem Fall gemacht / als Cain / welcher die Mordthat ſeines Bruders noch fein trotzig und kuͤhne ge - leugnet / wenn er dem allwiſſenden GOtt geantwortet: Ich weiß nicht! Soll ich meines Bruders Huͤter ſeyn?

  • (Mitiſſima vox eſt, ubi eſt Habel, Frater tuus? Ad hanc tamen mi - nimè aſperam vocem adeò ferociter & ſuperbè reſpondet hypocritæ & homicida, ut dicat: Neſcio, & indignetur ſe hac de re compellæ - ri, inqvit B. Luth. Comment. in Geneſ. in h. l. p. 68.)

Geſtalten unſer Moͤrder die begangene grauſame Mordthat an ſei - nem leiblichen Kinde ohne eintziges Fragen ſelbſten freywillig angege - ben / dergeſtalt / daß er / wie ſchon oben gemeldet / alſobald ein Weib zu mir ſchickte / mit den ſchrecklichen Worten: Sie ſolle mir ſagen / er haͤtte ſein Kind geſchlachtet. Ich ſtelle es dahin / ob das ermordete und in ſeinem Blute liegende Kind dem moͤrderiſchen Vater alſobalden zugeruffen: Cur me occidiſti? Cur me occidiſti? Warum haſt du mich ermordet? Warum haſt du mich ermordet? Wie es alſo jenem Moͤrder vorkam / der ein kleines Kind ermordet hatte. Dieſer Moͤr - der hatte ſich in ein Kloſter gemacht / und wolte allda Buſſe thun. Was geſchicht? Er koͤmmt zu dem Abt Zoſimo, leget ſeine Muͤnchs-Klei - der nieder / und bittet / man moͤge ihm nur ein ander Kleid geben / er wolle nicht laͤnger ein Moͤnch ſeyn. Wie ihm nun der Abt Zoſimus zuredet / er ſolte bedenck[e]n / daß er ſich einmahl in den geiſtlichen Stand begeben / giebt er zur Antwort: Geiſtlicher Stand hin / geiſtlicher Stand her / meine Blut-Schulden drucken mich / denn es koͤm̃t allezeitDein26[24]Das unſchuldig vergoſſene Blut. ein kleines Kind / welches ich ermordet / zu mir / und ruffet: Cur me occidiſti? Warum haſt du mich ermordet? Wenn ich mich zu Bette lege / ſo kommt das Kind / und ruffet: Cur me occidiſti: Warum haſt du mich ermordet? Wenn ich bethe / ſo ſchreyet es: Cur me occidi - ſti? Warum haſt du mich erwuͤrget? Summa / wo ich gehe und ſtehe / da iſt das Kind / und ſchreyet: Cur me occidiſti? Drum will ich mein Kleid anziehen / hin zum Richter gehen / mich als einen Moͤrder ange - ben / um mein Recht ſelbſt bitten / auf daß ich dieſer Marter loßkomme. (Moſchus in Prato ſpirituali c. 166. & ex eo D. J. F. Mayer. cit. loc. Conc. 2. p. m. 34. 35. it. M. Polycarpus Kunadi, in den er - ſten Fruͤchten ſeiner Gott-geheiligten Kirchen-Arbeit / p. m. 733. 734.) Ob nun gleich dieſer Inqviſite, dieſer unbarmhertzige Kinder-Moͤr - der / ſeine Verurtheilung und verdienten Lohn erwartet; Wie ich ge - arbeitet habe / ſo wird mir auch gelohnet werden / ſagte er ſelbſt bald nach der angezeigten Mordthat / ſo wird ihn doch nicht treffen der ewige Fluch / wie den Cain / weil ers beſſer als Cain macht. Cain gienge in Verzweiffelung dahin / ſagende: Meine Suͤnde iſt groͤſſer / denn daß ſie mir koͤnne vergeben werden / Gen. 4, 13. Welchem Augu - ſtinus antwortet: Mentiris Cain, major eſt DEI miſericordia, qvàm omnium hominum miſeria. i. e. Du laͤugſt Cain / GOt - tes Barmhertzigkeit iſt viel groͤſſer / als aller Menſchen Unbarmhertzig - keit. Welche Worte gedachter Kirchen-Lehrer dem H. Apoſtel Paulo abgeborget / welcher ſagt: Wo die Suͤnde maͤchtig worden iſt / da iſt die Gnade GOttes viel maͤchtiger / Rom. 5, 20. Unſer Kinder - Moͤrder hat biß dieſe Stunde uͤber ſeinen begangenen Kinder-Mord hertzliche Reue und Leid; Hat er unſchuldig Blut an ſeinem leiblichen Kinde vergoſſen / ſo troͤſtet er ſich des theuren Blutes JEſu CHriſti / daß es auch ihn koͤnne reinigen von ſeinen Suͤnden / 1. Joh. 1, 7. Daher bekennet er bußfertig / als ein armer und erſchrockner betruͤbter Suͤnder / daß er / wie Cain / unſchuldig Blut vergoſſen / und ſeuffzet mit der Chriſtl. Kirche: Iſt meine Boßheit groß / ſo werd ich ihr doch loß / wenn ich dein Blut aufffaſſe / und mich darauff verlaſſe / wer ſich zu dir nur findet / all Angſt ihm bald verſchwindet. Die -ſes27[25]Das unſchuldig vergoſſene Blut. ſes iſt alſo / andaͤchtige / bußfertige Hertzen / was ich aus dem verleſenen Texte durch GOttes Beyſtand vorgetragen / nemlich das unſchul - dig vergoſſene Blut / ich habe euch dabey zu bedencken gegeben I. die grauſame Mord-Geſchicht / und II. das gerechte Blut-Gericht.

Gebrauch.

AUs dieſen erklaͤrten Texts-Worten erkennet / was es fuͤr eine ſchwere und abſcheuliche Suͤnde ſey / wann Moͤrder / auffs Teuf - fels Geheiß / greuliche Mord-Thaten begehen. Von GOTT und ſeinen heiligen Engeln ruͤhren ſolche nicht her / denn GOtt iſt nicht ein GOtt / dem gottloß Weſen gefaͤllt / wer boͤſe iſt / bleibet nicht fuͤr ihm / Pſ. 5, 5. Der Engel des HErrn lagert ſich um die her / ſo ihn fuͤrchten / und hilfft ihnen aus / Pſal. 34, 8. Son - dern der leidige Teuffel iſt der Anſtiffter aller ſolcher Mord-Tha - ten / denn er iſt und bleibet ein Moͤrder von Anfang / wie ihn Chri - ſtus JEſus nennet / Joh. 8, 44. Was rechtſchaffene Eltern ſind / die lieben ihre Kinder von Hertzen: Und was iſt einem Vater oder Mut - ter lieber / als ſein einiger Sohn / bey dem es offte heiſt / was dorten Prov. 31, 2. geſchrieben ſtehet: Ach mein Auserwehlter! ach du Sohn meines Leibes! ach mein gewuͤnſchter Sohn! Wie denn jener Vater bey dem Valerio M. l. 2. c. 4. 11. 5. P. 72. die Goͤtter gebethen / ſie wolten ſeiner Soͤhne Kranckheit von ihnen wegnehmen / und auff ihn legen. Jene Roͤmiſche Matron, die Cornelia, als ihr eine andere Roͤmerin alle ihre ſchoͤne Kleynodien zeigte / ſtellte ihre Kinder ihr vor / und ſagte: Et hæc ornamenta mea ſunt: Dieſes ſind meine Kleinod / die lieben Kinder halt ich fuͤr mein Geſchmeide. Jener Kauffmann ſagte / ſeine Kinder waͤren ihm lieber / als alles in der Welt / wenn es auch das groͤſſeſte Reichthum waͤre / denn dieſes muͤſte er alles in der Welt laſſen / die Kinder aber nehme er mit ſich in den Himmel. Und jener Vater ſagte: Ein jegliches Kind waͤre ihm lieber / als eine Tonne Goldes / denn Gold und Silber waͤre nicht nach GOttes Ebenbilde erſchaffen. (vid. M. Joh. Samuel Adami Cornu Copiæ Part. 1. p. m. 64. 65.) Dieſes hat unſer Moͤrder nicht bedacht / er hat ſeine vaͤterliche Liebe ſchlecht erwie -D 2ſen /28[26]Das unſchuldig vergoſſene Blut. ſen / wie er ſich immer ruͤhmete / wie lieb er ſein Kind haͤtte / allermaſ - ſen er / wie offte gedacht / durch des Teuffels Trieb ſein liebes Soͤhn - gen jaͤmmerlicher Weiſe ermordet. Der Todtſchlag iſt allerdings eine ſchwere und abſcheuliche Suͤnde / ja eine Himmel-ſchreyende Suͤnde / denn ſo ſagt Goͤttliche Majeſtaͤt in dem erklaͤrten Texte: Die Stimme deines Bruders Blut ſchreyet zu mir von der Erden. Mord und Todtſchlag hat GOtt in ſeinem heiligen Geſetze ernſtlich verboten / denn da heiſts: Du ſolt nicht toͤdten / Exod. 20, 3. Der HErr hat Greuel an denen Blutgierigen / Pſal. 5, 7. Deswegen hat auch GOtt der HErr der weltlichen Obrigkeit das Schwerdt in die Haͤnde gegeben / und geſagt: Wer Menſchen-Blut vergeuſt / des Blut ſoll wieder vergoſſen werden / denn GOTT hat den Menſchen zu ſeinem Bilde gemacht / Gen. 9, 6. Der ge - rechte GOtt will uͤber ſolche Moͤrder gar keine Verſoͤhnung anneh - men: Ihr ſolt keine Verſoͤhnung nehmen uͤber die Seele des Todſchlaͤgers / denn er iſt des Todes ſchuldig / und er ſoll des To - des ſterben / Num. 35, 31. Die ordentliche leibliche Straffe der Todt - ſchlaͤger haben auch die Heyden gewuſt / daher der weiſe Plato ſagt / Lib. 9. de Leg. Majora ſupplicia illis decet imponere, qvi conſultò per iram interfecerunt: illis contrà, qvirepentè & inconſultò, leniora. Das iſt: Welche aus Vorſatz einen Menſchen grimmiglich ermordet / dieſelben ſoll man mit harter Straffe: die aber ploͤtzlich und unverſehens jemand getoͤdtet / mit gelinderer Straffe belegen. Es iſt aber an der leiblichen Straffe nicht genug / wenn der Moͤrder mit dem Cain in ſeinen Suͤnden noch trotzig und verſtockt dahin gehet / ſo ſoll auch folgen die ewige Straffe / und dieſe iſt ihnen vorlaͤngſt angekuͤndi - get: Ein Todtſchlaͤger hat nicht das ewige Leben bey ihm blei - bend / 1. Joh. 3, 15. Der Greulichen und Todſchlaͤger ihr Theil ſoll ſeyn in dem Pfuhl / der mit Feuer und Schwefel brennet / wel - ches iſt der andere Tod / Apoc. 21, 15. Auſſer dem him̃liſchen Je - ruſalem ſind die Todtſchlaͤger / Apoc. 22, 15. Wiſſet ihr nun dieſes / meine hertzallerliebſten Zuhoͤrer / daß Mord und Todtſchlag eine ſchwe - re und abſcheuliche Suͤnde ſey / ey ſo huͤtet euch dafuͤr / laſt euch Suͤnderdie -29[27]Das unſchuldig vergoſſene Blut. dieſe grauſame Mord-Geſchicht zur Buſſe leiten / und ein ſchrecklich Exempel ſeyn. Ihr wiſſets gar wohl / was hier und dar vor wiſſentliche und fuͤrſetzliche Suͤnden im Schwange gehen. Moͤrder und Todt - ſchlaͤger ſind nicht allein diejenigen / die ihren Naͤchſten mit ihren Haͤn - den erwuͤrgen / und deſſen Blut unſchuldig vergieſſen / wie alſo Cain ſei - nen Bruder / Gen. 4, 8. ſeqq. Abimelech 70. ſeiner Bruͤder erwuͤr - get / Jud. 9, 9. und der Idumæer Döeg. 85. geſalbte Prieſter des HErrn / die alle leinene Leib-Roͤcke trugen / erſchlagen / 1. Sam. 22, 18. Sondern auch diejenigen ſind und heiſſen Moͤrder / welche die Em - pfaͤngniß verhindern / und nicht gerne den Ehe-Se[e]gen haben wollen / wie ein ſolcher Moͤrder der Onan war / Gen. 38, 9. Moͤrder und Todt - ſchlaͤger ſind alle diejenigen Weibs Perſonen / die entweder durch boͤſe Getraͤncke / oder auf andere Art und Weiſe die Leibes-Frucht abtreiben / von welchen Auguſtinus Serm. 144. de Temp. ſchreibet: Daß ſie zaͤuberiſche Getraͤncke eigenommen / damit ſie nicht empfangen / die ſeyn nun ſo vieler Todtſchlaͤge ſchuldig / als viel ſie Kinder haͤt - ten koͤnnen gebaͤhren. Dadurch koͤmmt eine Blut-Schuld nach der andern / zu reden aus dem Hoſ. 4, 12. Moͤrder und Todtſchlaͤger ſind auch die Diebe / denn ein Dieb koͤm̃t nicht / denn daß er ſtehle / wuͤr - ge und umbringe / wie Chriſtus JEſus klar ſagt / Joh. 10, 10. Wie offte habe ich nicht um dieſe und andere Suͤnden mehr bißher geeifert? ſo aber leider wenig gefruchtet / es hat wohl eher von manchem geheiſſen: Nach dem Worte / das du im Nahmen des HErrn uns ſageſt / wollen wir dir nicht gehorchen / ſondern wir wollen thun nach alle dem Worte / das aus unſerm Munde gehet / Jer. 44, 16. 17. Hat Satan einem frommen Mann / einem fleißigen Beter und Kir - chengaͤnger ein Bein unterſchlagen / und zu einer ſo grauſamen Mord - that verleiten koͤnnen / je wie ſolte er auch nicht nach euren armen See - len trachten / bedencket doch fleißig des Heil. Apoſtels Petri Worte: Seyd nuͤchtern und wachet / denn euer Widerſacher / der Teufel / gehet umher / wie ein bruͤllender Loͤwe / und ſuchet / welchen er verſchlinge / dem widerſtehet feſt im Glauben / 1. Petr. 5, 8. 9. Es iſt mehr als zu wahr / was der H. Auguſt. c. 27. Soliloq. p. [3]23. mel -D 3det:30[28]Das unſchuldig vergoſſene Blut. det: So offt wir Guts thun / ſo freuen ſich die Engel / und betruͤben ſich die Teuffel. So offt wir aber vom Guten ablaſſen / erfreuen wir den boͤſen Feind / und berauben denen Engeln ihre Freude. Denn ſie freu - en ſich uͤber einen armen Suͤnder / der Buſſe thut / aber der Teuffel freuet ſich / wenn ein Gerechter dieBuſſe verlaͤſt. Darum / o ihr Suͤn - der / mißbrauchet GOttes Langmuth / Guͤte und Barmhertzigkeit nicht / goͤnnet doch auch einmahl den H. Engeln die Freude / daß ſie ſich uͤber euere Buſſe und frommes Leben freuen koͤnnen. Ihr habet ja vor acht Tagen gehoͤret aus dem damahligen Evangelio die Worte: Alſo wird auch Freude im Himmel ſeyn uͤber einen Suͤnder / der Buſ - ſe thut / fuͤr neun und neuntzig Gerechten / die der Buſſe nicht beduͤrf - fer Item: Alſo auch / ſage ich euch / wird Freude ſeyn fuͤr den En - geln GOttes uͤber einem Suͤnder / der Buſſe thut / Luc. 15, 7. 10. Pec - catorum Lachrymæ ſunt Angelorum Deliciæ, haben die Alten geſagt: Die Thraͤnen der Suͤnder ſind eine Beluſtigung der Engel. Oder wie der heilige Bernhardus Serm. 30. ſuper Cantic. col. 587. C. mit wenig veraͤnderten Worten redet: Lachrymæ pœnitentium ſunt vinum Ange - lorum, der Bußfertigen bittre Thraͤnen ſind ein rechter ſuͤſſeꝛ Fꝛeuden-Wein der Engel. Ach ihr K[i]nder der Finſterniß / ihr groben Suͤnder / die ihr die Finſterniß mehr liebet / denn das Licht / wiſſet / daß alle eu - re Wercke werden offenbahr werden / Joh. 3, 19. 21. Wir muͤſſen ja alle offenbahr werden fuͤr dem Richter-Stuhl Chriſti / auf daß ein ieglicher empfahe / nachdem er gehandelt hat bey Leibes Leben / es ſey gut oder boͤſe / 2. Cor. 5, 10. In Erwegung deſſen / ſo verlaͤugnet doch das ungoͤttliche Weſen / die weltlichen Luͤſte / und lebet zuͤch - tig / gerecht und gottſelig in dieſer Welt / Tit. 2, 12. Waſchet / rei - niget euch / thut euer boͤſes Weſen von meinen Augen / laſſet ab vom Boͤſen / lernet Gutes thun / Eſ. 1, 16. Vor allen Dingen huͤtet euch vor Unglauben und Mißtrauen gegen GOtt / das war eben die meiſte Urſache unſers Moͤrders / daß er ſich nicht einbilden koͤnnen / daß GOtt der HErr ihn und ſein Kind bey itzigen ſchweren Zeiten werde ernaͤhren / erhalten und be - kleiden koͤnnen. Gedencket an die ſchoͤnen Davidiſchen Worte: Siehe / des HERRN Auge ſiehet auff die / ſo ihn fuͤrchten / die auf ſeine Guͤte hoffen / daß er ihre Seele errette vom Tode / und ernaͤhre ſie in der Theurung / Pſ. 33, 19. Dieſes wuſte jene Hertzogin zu Mechelnburg / So - phia genannt / denn als einſten ein Adeliches Fraͤulein mit traurigen Gemuͤ -the31[29]Das unſchuldig vergoſſene Blut. the ſchrie: Ach wir ſind verlaſſen! ſprach die gottſelige Fuͤrſtin gleich drauff: GOtt verlaͤſt die Seinen nicht. (Vid. Delicias Biblicas Menſe Martio p. 230.) Ihr habt ja auch die herrliche Verheiſſung / daß euch GOtt nicht ver - laſſen will: Ich will dich nicht verlaſſen noch verſaͤumen / Ebr. 13, 5. Bedencket doch / wie Syrach das Wehe uͤber diejenigen ausrufft / welche an GOtt verzagen / Syr. 2, 14. Darum / ſo werffet alle eure Sorge auff GOtt / denn er ſorget vor euch / nach der Vermahnung Petri in ſeiner 1. Epiſt. 5 / 7. ſagt mit der Chriſtlichen Kirche:

  • Auff GOTT will ich vertrauen in meiner ſchweren Zeit / Es kan mich nicht gereuen / er wendet alles Leid. Ihm ſey es heimgeſtellt:
  • Mein Leib / mein Seel / mein Leben ſey GOtt dem HErrn ergeben / Er machs / wies ihm gefaͤllt.

Werdet ihr / andaͤchtige Seelen / dieſen allen beſtmoͤglichſt nachleben / und euch diß traurige Exempel ein Schreck - und Buß-Exempel ſeyn laſſen / ſo habt ihr auch einen kraͤfftigen Seelen-Troſt in aller eurer Suͤnden - Noth / daß nehmlich euch alle eure Suͤnden um JEſu blutiges Verdienſt ſollen vergeben ſeyn. Habt ihr ja dieſe oder jene Suͤnde begangen / ſo euer Gewiſſen beſchweret / daß ihr klagen muͤſt: Ach was ſoll ich Suͤnder machen? Ach, was ſoll ich fangen an? Me[in]Gewiſſen klagt mich an / es beginnet auffzuwachen. Eylſo troͤſtet euch des vergoſſenen Blu - tes JEſu Chriſti / das macht euch rein von allen Suͤnden / 1. Joh. 1 / 7. Chriſti Blut / macht endlich alles gut. Ihr ſeyd kommen zu dem Mittler des neuen Teſtaments / JEſu / und zu dem Blute der Beſprengung / das da beſſer redete / denn Abels / Ebr. 12, 24. An JEſu habt ihr die Erloͤſung durch ſein Blut / nehmlich die Vergebung der Suͤnden / Col. 1, 14. Eph. 1, 7. Die Suͤnd kan dir nicht ſchaden / erloͤſt biſt du aus Gnaden / umſonſt / durch Chriſti Blut. Will euch der hoͤlliſche Moͤrder / der Teuffel / ſchrecken / ey ſo dencket an JEſu Blut / und ſagt mit der Chriſtlichen Kirche: Du / o JEſu / haſt mich ja erloͤſet von Suͤnd / Tod / Teuffel und Hoͤll / es hat dein Blut gekoſtet / drauff ich mein Hoffnung ſtell. Item: Und wenn des Satans Heer / mir gantz zu - wider waͤr / darff ich doch nicht verzagen / mit dir kan ich ſie ſchla - gen / dein Blut darff ich nur zeugen / ſo muß ihr Trotz bald ſchwei - gen. Wenn nun Abels Blut Rache rufft / ſiehe / ſo rufft JEſu Blut Gnade / JEſu Blut gibt das Leben / und die ewige Seligkeit. Wir ins - geſamt / die wir das unſchuldig vergoßne Blut an dem ſeeligen Kinde er - blicken / ſeuffzen fuͤr die Wohlfarth dieſer Chriſtlichen Gemeinde / ja desgan -32[30]Das unſchuldig vergoſſene Blut. gantzen Landes / und ſagen aus Devt. 21, 7. 8. Unſere Haͤnde haben diß Blut nicht vergoſſen / ſo habens auch unſere Augen nicht geſehen / ſey gnaͤ - dig deinem Volck / das du HErr erloͤſet haſt / lege nicht das unſchuldige Blut auff dein Volck. Wir beten mit dem Koͤnige David: Errette uns von den Blut-Schulden / GOtt / der du mein GOtt und Heyland biſt / Pſal. 51, 15. Wir ruffen mit den Schiff-Leuten zu GOtt gen Himmel: Ach HErr laß uns nicht verderben um dieſes Mannes Seele willen / und rechne uns nicht zu unſchuldig Blut / Joh. 1, 14. Leit uns mit deiner rechten Hand / und ſegne unſer Gemeind und Land / gib uns allzeit dein heiligs Wort / behuͤt fuͤrs Teuffels Liſt und Mord / be - ſcher ein ſeeligs Stuͤndelein / auf daß wir ewig bey dir ſeyn / Amen.

Geneigter Chriſtlicher Leſer!

MIt wenig Worten wird zur Nachricht angehaͤnget / wie obiger Kinder - Moͤrder endlich in Verzweiffelung geſtorben / und ein Ende mit Schre - cken genommen. Als dieſer Moͤrder die grauſame Mordthat an ſeinem leib - lichen Kinde begangen / und ſolche ſelbſten angezeigt / ſo bezeugete er Anfangs daruͤber hertzliche Reu und Leid / und nahm allen zugeſprochenen Troſt ſehr gerne an / darbey betete er fleißig / und ſunge oͤffters die ſchoͤnſten Buß-Lieder. Aber es hatte leider! mit ihm nicht Beſtand / er aͤnderte ſich nachmahls von Tag zu Tage / indem er ſich durch des Teuffels Eingeben / ſeine Suͤnden als die groͤſten Berge / und hingegen GOttes Barmhertzigkeit und das blutige Verdienſt JEſu Chriſti als ein kleinesSand-Koͤrnlein vorbildete / anGOt - tes Gnade verzagte / und mit dem gottloſen Cain meynte / ſeine Suͤnden waͤ - ren groͤſſer / denn daß ſie ihm koͤnten vergeben werden / Gen. 4, 13. Welches er auch in der That erwieſen / als er durch eingeholtes Urthel loßgeſprochen wurde / man koͤnte ihm das Leben nicht nehmen / weil er die Mordthat ſeines Kindes mehr ex dolore melancholico, als aus Vorſatz begangen / und ſich hierauff nach Pirna zu ſeinem Bruder wendet / ihn aber damahls zu Hauſe nicht antrifft / ſo gehet er hin in den naͤchſt-gelegenen Buſch / bey dem Schuͤß - Hauſe / und erhenckt ſich aus Verdruß ſeines Lebens an einen Baum; Da man ihn gefunden / ſind ihm beyde Schenckel vom Leibe abgeriſſen geweſen / ſo etliche Schritte von ihm gelegen / welches einen grauſamen Anblick verur - ſachet / worauff er durch den Scharffrichter abgenommen / und am ſelbigen Ort eingeſcharret worden. Siehe / geehrteſter Leſer / wie dieſer Moͤrder ſein Kind zum Him̃el / ſich aber ſelber zur Hoͤllen befoͤrdert / da er mit ewigen Ach und Wehe brennen und Pein leiden muß. Der barmhertzige GOtt wolle uns dafuͤr gnaͤdigſt behuͤten / und im wahren Glauben an JEſum Chriſtum zum ewigen Leben erhalten / um das theure und blutige Verdienſt unſers Erloͤſers JEſu Chriſti willen / Amen!

[31]

About this transcription

TextDas unschuldig vergoßne Blut
Author Nikolaus Bahn
Extent31 images; 9115 tokens; 3000 types; 61098 characters
Responsibility Alexander Geyken, ed.; Susanne Haaf, ed.; Bryan Jurish, ed.; Matthias Boenig, ed.; Christian Thomas, ed.; Frank Wiegand, ed.

CLARIN-DNote: Langfristige Bereitstellung der DTA-Ausgabe

EditionVollständige digitalisierte Ausgabe.

About the source text

Bibliographic informationDas unschuldig vergoßne Blut Das unschuldig vergoßne Blut/ Welches an statt einer Leichen-Predigt/ aus dem IV. Cap. des 1. Buch Mosis/ v. 8-11. Bey Christlicher Beerdigung eines kleinen Kindes von 3. Jahren/ [...] Christlich erwogen/ und seinen lieben Zuhörern zu guter Warnung und kräfftigen Trost in ihren Sünden-Nöthen vorgestellet Nikolaus Bahn. . 31 Georg Bathasar LudewigPirna1701.

Identification

Universitätsbibliothek Breslau Universitätsbibliothek Breslau, 421583 / 421583

Physical description

Fraktur

LanguageGerman
ClassificationGelegenheitsschrift; Leichenpredigt; Gebrauchsliteratur; Leichenpredigt; ready; aedit

Editorial statement

Editorial principles

Publication information

Publisher
  • dta@bbaw.de
  • Deutsches Textarchiv
  • Berlin-Brandenburg Academy of Sciences and Humanities (BBAW)
  • Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften (BBAW)
  • Jägerstr. 22/23, 10117 BerlinGermany
ImprintBerlin 2019-12-10T09:35:39Z
Identifiers
Availability

Distributed under the Creative Commons Attribution-NonCommercial 3.0 Unported License.

Holding LibraryUniversitätsbibliothek Breslau
ShelfmarkUniversitätsbibliothek Breslau, 421583 / 421583
Bibliographic Record Catalogue link
Terms of use Images served by Deutsches Textarchiv. Access to digitized documents is granted strictly for non-commercial, educational, research, and private purposes only. Please contact the holding library for reproduction requests and other copy-specific information.