Kronhelm war lange, wie betaͤubt; Er ſah aus dem Kutſchenſchlag hinaus, und doch ſah er nichts, und fuͤhlte nichts von dem Reiz der Ge - gend, uͤber der ſich nach und nach der Himmel aufklaͤrte, und die, vom Regen erquickt, nun in hellerm Gruͤn prangte, und den ſuͤſſen Duft der Pflanzen und der Blumen rings umher ver - breitete; Siegwart war auch traurig, und wollte ſeinen Freund nicht ſtoͤren. Endlich fieng dieſer ſelbſt zu ſprechen an, und gieng die ſchoͤnen Ta - ge wieder durch, die ſie mit einander durchlebt hatten. Deine Schweſter, ſagte er, uͤbertrifft doch alle Maͤdchen, die ich noch geſehen habe! Wenn ſie mir nur fleiſſig ſchreibt! Sonſt wird mir der Aufenthalt in der Stadt unertraͤglich werden. — Sie ſtiegen wieder in dem Dorf, und vor dem Wirthshaus ab, wo ſie neulich geweſen waren. Ein Werber ſaß drinn, der eben einen Bauerkerl angeworben hatte. Dieſer machte groſſen Lerm, und war betrunken; ſchimpfte auf ſeine Mutter, die ihm ſein Maͤdchen nicht habe laſſen wollen; dann trank er auf die Geſundheit428 des Kayſers, der Kayſerin und ſeiner Kathrine, und ſchmiß das Glas beym Fenſter hinaus. End - lich kam ſeine Mutter mit groſſem Geſchrey: Hanns, iſts wahr, daß du Soldat worden biſt? Du Teufelskind, was haſt du jetzt getrieben? Wer hat dir den verfluchten Einfall eingegeben?
Hanns. Du ſelbſt, Mutter! haͤtteſt mir nur meine Dirne laſſen duͤrfen! Jch hab dirs immer geſagt. Nun iſts zu ſpaͤt. Vivat der Kayſer und die Kayſerin! Da trink auch mit!
Mutter. Geh mir weg mit dem Glas! Mir thuts Noth, zu trinken! Du gottloſer Bub! Laͤßt mich nun allein ſitzen und ſcharren. Wer ſoll nun ’s Feld bauen, und mich ernaͤhren hel - fen? Gelt! nun ſoll ich verderben und Hunger leiden? O, ich elendes, g’ſchlagnes Weib!
Hanns. ’s Jammern hilft nun nichts mehr, Mutter! Jch hab dir’s vorher geſagt; Aber wollteſt immer nichts hoͤren, wenn ich von Kathrinen anfieng! Da hatteſt du den Kopf drauf geſetzt, und lachteſt mich nur aus, wenn ich vom Soldatenleben ſprach! Gelt, nun bin ichs?
Mutter. Nun, ſo komm nur, Hanns! Sollſt ſie ja haben, wenns nicht anders ſeyn kann? Komm nur mit mir heim!
429Hanns. Ja, wenns der Herr haben woll - te, bin ichs ſchon zufrieden.
Werber. Ey, das bitt ich mir aus! Du muſt da bleiben, Hanns, haͤtteſt du das ein paar Stunden eher bedacht! Jetzt gehts nicht mehr an.
Mutter. Was? Jhr wollt mir meinen Sohn nicht laſſen? Jſt das auch erlaubt? Er muß mirs Feld bauen! Jch bin ein armes Weib!
Werber. Ja, das geht mich nichts an. Er iſt ſelbſt zu mir gekommen, und muß mit mir fort.
Mutter. Jch will ihm ja ſeine Kathrine laſſen! Er ſoll ſie noch heut haben! Komm nur!
Werber. Fort! oder ich will euch was anders ſagen! Er ſoll mit in Krieg!
Mutter. Jn den Krieg, wo man d’ Leute todt ſchlaͤgt? Nein, das thu ich nicht! Es iſt mein einziger Sohn. Hab ſonſt keinen Men - ſchen auf der Welt!
Hanns. Laß ſeyn, Mutter! ’s hilft nichts. Jch muß halt ſchon mit fort!
Mutter. Nein, du ſollſt nicht! ſag ich. Jch will dich loskaufen. Was muß ich fuͤr ihn geben?
430Werber. Hundert Thaler, und ’n andern Kerl dazu, von ſeiner Groͤſſe!
Mutter. Hundert Thaler? Lieber Gott! hab keine hundert Kreuzer! wenn ich auch mein Aeckerlein verkaufen wollte, wuͤrd ich doch keine 70 Gulden draus loͤſen. Ach lieber Herr Feld - waibel! hab er doch Mitleiden mit einer armen Frau! Jch will ja gerne hundert Roſenkraͤnze fuͤr ihn beten.
Werber. Was hilft mir das? Und, wenn ihr zweyhundert fuͤr mich betet! Wir muͤſſen Leut haben, und da iſt uns euer Sohn eben recht. Er gibt ’n guten Fluͤgelmann.
Mutter. Ach du lieber himmliſcher Vater! Jſt denn gar keine Barmherzigkeit mehr auf der Welt? — Hanns, Hanns! das wird mich noch vor der Zeit ins Grab bringen.
[Hanns]. Nun, Mutter, mach mir ’s Herz nicht weich! Ein Soldat muß Kourage ha - ben! ’s thut mir leid; aber du haſts nicht anders haben wollen. Gruͤß mir Kathrinen! Jch werd ſie doch nicht mehr ſehen. Das arme Ding wird ſich wol zu todt heulen. Aber ohne ſie haͤtt ich doch nicht im Dorf leben koͤnnen. Jetzt iſts beſſer, ’n Kugel vor den Kopf! — So gehts,431 wenn ihr Leut alles beſſer wiſſen wollt! — Da haſt zwoͤlf Gulden von meinem Handgeld. Ver - brauchs g’ſund!
Jndem kam Kathrine mit Heulen und Schreyen in die Stube, und fiel ihrem Hanns um den Hals. Hanns! Gelt, ’s iſt nicht wahr? Wirſt nicht Soldat? Kannſt mich nicht verlaſſen? — Was? haſt ’n Federbuſch ſchon aufm Hut? Geh! wirf ihn zum Teufel! Du biſt mein, und ſollſt mein bleiben! — Lieber Hanns! ſieh mich doch an! Gelt du bleibſt hier?
Hanns. Ja, Kathrine, ich wollts gern! Aber ’s geht nun nicht mehr an.
Kathrine. Was ſagſt? ’s geh nun nicht mehr an? Nun, ſo geh ich mit dir, wo du hin gehſt! Ohne dich kann ich nicht ſeyn! Wir wollen uns mit einander todt ſchieſſen laſſen.
Werber. Das geht auch nicht an. Jhr muͤßt hier bleiben! Macht nur bald ein End! Wir muͤſſen weiter; muͤſſen dieſen Morgen noch nach Guͤntzburg!
Kathrine. So? Jhr wollt mich nicht mit - nehmen? Wollt mir meinen Hanns nicht laſ - ſen? — Jch kann auch Soldat werden! kann auch ’n Flint tragen, und mich todt ſchlagen laſſen! Jch432 muß mit! Oder ich kratz dir die Augen aus, du alter, ſchwarzer Kerl!
Kronhelm (gieng zum Werber, und ſagte) O, ich bitte Sie, Herr Sergeant! Seyn Sie doch auch menſchlich! Laſſen Sie das arme Maͤd - chen mit!
Werber. Ja, Herr! ich wollt ſchon; aber was hilfts? Wenn wir zum Hauptmann kommen, ſo laͤßt er ſie wieder fortjagen. Wir koͤnnen im Feld nicht ſo viel Bagage brauchen. Unſer Haupt - mann iſt gar ſtreng.
Kathrine. Sey ers auch! Er wird doch ein Menſch ſeyn! Und wenn er auch ein Tyger waͤr, ich wollt ihm ’s Herz weich machen.
Werber. Nun, meintwegen wohl! Bis nach Guͤntzburg koͤnnt ihr ſchon mitlaufen. Moͤgt dann ſehn, wies weiter geht!
Kathrine. Ja, ja! Das will ich ſchon ſehn! — O, Hanns! Nun iſt mir wieder wohl. Hoͤr! nun will ich g’ſchwind zu meinem Bauren, und mir meinen Lohn geben laſſen, und mein Biſ - ſel Sach’ einpacken! (Sie gieng weg.)
Werber. (ihr nachrufend) Macht nur kurz! Jn einer Viertelſtunde muͤßt ihr wieder da ſeyn! 433Wir muͤſſen fort! — Der Hauptmann wird ihrs ſchon ſagen! —
Kronhelm. Jch kenn’ Jhren Hauptmann auch, und komm noch heut nach Guͤntzburg; da will ich gleich mit ihm reden.
Werber. Ja, wenn Sie ein Vorwort ein - legen, dann kanns gehen, aber ſonſt nicht!
Hanns (zu Kronhelm) O Herr, vergeſſen Sies ja nicht, und gehn Sie heut zum Haupt - mann! Sie ſind auch gar zu brav! — Heh, Mutter! ’s Weinen hilft nun nichts. Bet fleiſ - ſig fuͤr mich! Vielleicht komm ich doch einmal wieder! Jch hab nur auf 5 Jahr akkordirt.
Mutter. Ja, da werd ich wol im Grab ſeyn! Das Herzeleid haͤtteſt mir nicht anthun ſollen, Hanns! Gott verzeih dirs! Wenn das dein Vater dacht haͤtt! — Jch war auch ver - blendet, daß ich dir das Maͤdel mit Gewalt nicht laſſen wollt; aber ich dacht eben nicht, daß du gleich ſo oben ’naus ſeyn wuͤrdeſt. — Jch hab ſchon viel Kreutz g’habt, aber das iſt ’s groͤßt, das ich wol nicht uͤberleben werd. — Haͤtteſt ſo ruhig in unſerm Huͤttlein leben koͤnnen! Nun muß ich allein drinn ſchmachten! — O Hanns, Hanns! Wenn ihr Leute daͤchtet, was ihr euren Eltern434 fuͤr Kummer macht! ’s iſt ein Elend, eine Mut - ter zu ſeyn! —
Sie jammerte noch immer ſo fort; Endlich kam Kathrine mit einem Buͤndel Kleider. Der Werber fuͤhrte Hanns bald darauf fort, weil er fuͤrchtete, die Bauren moͤchten zuſammen laufen; die Mutter hieng ſich ihrem Sohn an den Hals, und wollte ihn nicht loslaſſen. Endlich mußte ſie; heulte jaͤmmerlich, und ſchlug die Haͤnd uͤber dem Kopf zuſammen. Sie wollte noch mit vors Dorf hinaus, aber der Werber, der den Laͤrm fuͤrchtete, gab es nicht zu. Kronhelm verſprach es Hanns noch einmal, beym Hauptmann fuͤr ihn und ſeine Kathrine zu ſprechen. —
Nach einer halben Stunde fuhren Kronhelm und Siegwart auch wieder weiter. Sie ſpra - chen viel uͤber den Rekruten, und ſeine Mutter. Das muß ein ſchreckliches Leben fuͤr die beyden ſeyn, ſagte Kronhelm, wenn ſie getrennt waͤren, und das Maͤdchen keinen Augenblick wuͤßte, ob nicht ihrem Hanns der Kopf geſpaltet, oder eine Kugel ins Herz geſchoſſen wuͤrde? So iſt ſie doch um ihn, und kann ihn warten, wenn er verwun - det wird. Der Hauptmann laͤßt ſie gewiß bey - ſammen, ich kenne ihn von meinem Vater her;435 und der Kerl iſt groß; denen ſieht man ſchon nach, wenn ſie Weiber haben; ſie gehen dann auch weniger durch. —
Nach anderthalb Stunden trafen ſie den Hauptmann auf einem Spatzierritt an. Kron - helm trug ihm ſogleich ſeine Bitte wegen Hanns vor. Jch habe den Kerl dort angetroffen, und ſein Menſch auch, ſagte der Hauptmann. Sie fiel mir gleich zu Fuͤſſen, und bat, daß ſie mit in Krieg duͤrfte. Jch verſprach ihr nichts Gewiſſes, denn man ſieht die Weibsleute im Feld nicht gern; ſie hindern nur auf dem Marſch. Aber zuweilen macht man wol eine Ausnahme; und weil Sie auch fuͤr den Kerl bitten, und er ſchoͤn und groß iſt, ſo will ichs ſo mit hingehen laſſen. Wenn ich einmal auf Jhr Schloß komme, ſo beding’ ich mir eine Bouteille Burgunder dafuͤr aus. Herzlich gerne, ſagte Kronhelm, und nahm von dem Hauptmann Abſchied. — Er war nun recht froh, daß er et - was zur Vereinigung dieſer beyden Leute mit bey - getragen hatte, und dachte nun mit deſto groͤſſerm Vergnuͤgen, aber auch mit groͤßrer Wehmuth an ſeine Thereſe. Siegwart mußte ihm tauſenderley kleine Geſchichten von Thereſens Kindheit erzaͤh -436 len; manche gefielen ihm ſo wohl, daß er ſie ſich zwey - und dreymal erzaͤhlen ließ.
Endlich kamen ſie auf ihrer Schule wieder an. Kronhelm gab dem Kutſcher ein paar Zei - len mit, die an den Amtmann und an Thereſen zugleich gerichtet waren, und blos die Nachricht von ihrer gluͤcklichen Ankunft, und Dankſagungen fuͤr die viele genoſſene Freundſchaft enthielten. Sie giengen dann ſogleich zu ihrem lieben P. Philipp, der ſich herzlich uͤber ihre Ankunft freute. Sie mußten ihm ſehr viel von ihrer Landluſt erzaͤhlen. Kronhelm vermied es ſorgfaͤltig, Thereſens Na - men zu nennen, oder nur entfernt von ihr beſon - ders zu reden, weil er ſich zu verrathen fuͤrchtete; denn die erſte Liebe iſt mehrentheils ſehr furchtſam und zuruͤckhaltend. Nach etlichen Tagen fiel aber P. Philipp ſelbſt auf die Vermuthung, daß er verliebt ſey; denn er war ſo ſtill, und verfiel oft auf Einmal in ein tiefes Nachdenken, und ſah aus, als ob er weinen wollte. Unſerm Kronhelm muß was wichtiges begegnet ſeyn, ſagte er, und wandte ſich zu Siegwart; Er iſt ſeit der Reiſe ganz veraͤndert. Jch weis nicht, antwortete Xa - ver; und Kronhelm ward feuerroth. — Nein, es fehlt mir nichts, ſagte er; ich weis nicht, wie437 Sie darauf kommen? Aber gewiß, es fehlt mir nichts! — Nun, nun, ich hab auch kein Recht zu Jhren Geheimniſſen, ſagte P. Philipp; wenns nur nichts ſchlimmes iſt, was die Veraͤnderung hervorbrachte. Kronhelm ward ſo verwirrt, und entſchuldigte ſich ſo viel, daß er ſich zuletzt ſelbſt verrieth, und mit vielen Umſtaͤnden und weit hergeholten Wendungen dem Pater das ganze Ge - heimnis entdeckte. Das iſt ja was gutes, und un - ſchuldiges, ſagte Philipp, und braucht der Be - ſchoͤnigungen gar nicht. — Ja, ich weis wohl, ſagte Kronhelm; aber es wird mir ſo ſonderbar zu Muth, wenn man davon ſpricht. Es iſt ge - wiß um die Liebe die unſchuldigſte Sache, der man ſich mehr zu ruͤhmen, als zu ſchaͤmen Urſache hat; aber es haͤlt einen immer ſo was zuruͤck. — Das kommt von der Erziehung her, ſagte Phi - lipp. Nun, ich wuͤnſch ihm von Herzen Gluͤck; denn ich hoffe, daß er nicht ſo auf Gerathewohl gewaͤhlt hat; und was ich bisher von Thereſen gehoͤrt habe, bringt mir die beſte Meynung von ihr bey. Sie muß ein frommes, unſchuldiges und liebenswuͤrdiges Geſchoͤpf ſeyn, das vor Tauſen - den den Vorrang hat. Nur Eine wohlgemeynte Warnung kann ich nicht zuruͤckhalten, und Er438 wird mir ſie nicht uͤbel nehmen! Mach Er die Liebe nicht zur Haupttriebfeder ſeiner Handlun - gen, und vergeß Er ſeine uͤbrige Beſtimmung nicht druͤber! Dieß iſt der gewoͤhnliche Fehler bey jun - gen Leuten. Sie glauben nur fuͤr ihr Maͤdchen allein geſchaffen zu ſeyn, und gegen die uͤbrige Welt weiter keine Pflicht zu haben. Bey Jhm fuͤrcht ich das nun weniger. Die Liebe ſollte uns am meiſten zur Vervollkommung unſrer ſelbſt an - treiben. Denn je mehr Vorzuͤge und innre Voll - kommenheiten wir haben, deſto gluͤcklicher koͤnnen wir einſt den geliebten Gegenſtand machen. Durch Kenntniſſe und Wiſſenſchaften bahnen wir uns den Weg zu Ehrenſtellen, anſehnlichen Aemtern und Beſoldungen; und dann koͤnnen wir erſt mit gutem Gewiſſen einem Frauenzimmer unſre Hand anbieten. Er kann zwar auch ohne Aemter le - ben; aber es iſt doch beſſer, wenn man zu allem geſchickt iſt. Kronhelm dankte fuͤr den Rath, und verſprach, ihn zu beſolgen. Er fuͤhle ſich jetzt, ſagte er, zu allem ſtaͤrker; alles ſey ihm leichter. Er liebe die Menſchen mehr. Sein Herz ſey weicher und mitleidiger geworden, und das Schick - ſal eines jeden Menſchen, beſonders eines leiden - den lieg ihm weit naͤher am Herzen, als ſonſt.
439Gleich den Tag nach ſeiner Ankunft hatte Kronhelm einen ziemlich weitlaͤuftigen Brief an Thereſen, und auch einen an ihren Vater geſchrie - ben, und ihn dem Bothen mitgegeben. Er war - tete nur mit Verlangen auf den Sonnabend, da der Bothe wieder kommen ſollte. Er zaͤhlte alle Stunden bis dahin, und lief am Sonnabend ſo - gleich nach dem Hauſe, wo die Briefe gewoͤhn - lich abgegeben wurden. Der Bothe war da geweſen, und hatte keinen Brief mitgebracht. Der ſonſt gelaßne Kronhelm ward durch dieſe Nachricht wie raſend, knirſchte mit den Zaͤhnen, und ſtampfte auf den Boden. Nun ſo wollt’ ich, daß ich die Welt zertruͤmmern koͤnnte! rief er, und alles, was drinn und drauf iſt! — Keinen Brief? Und ſie hat mirs ſo theuer ver - ſprochen? — Nun ſo trau mir einer mehr den Menſchen, und zumal den Maͤdchen! — Alles, alles iſt nichts! Jſt Tand! Jſt abſcheulicher Betrug! — O ich Thor, daß ich ſo drauf bau - te! Den Kopf moͤcht ich mir einrennen! — Das verfluchte Geſchlecht!
So tobte er, und lief, ohne zu wiſſen, war - um? vors Thor hinaus. Alles, was ihm be - gegnete, war ihm zuwider. Die ganze Welt440 kam ihm vor, wie ein Narrenhaus, und Zucht - haus. Jeder war ihm ein Narr, oder Boͤſe - wicht! Er kam an die Donau; ſetzte ſich ans Ufer nieder; ſcharrte den Sand mit ſeinem Stock auf, und ſtaͤubte ihn ins Waſſer. Gott! dachte er, auch Thereſe untreu! Auch die, auf die ich alles gebaut haͤtte! O, wir Maͤn - ner ſind doch rechte Narren! — Er dach - te hin und her, was ſie ſo ſchnell auf andre Ge - danken koͤnnte gebracht haben? Es war ihm un - begreiflich; und doch hielt ers fuͤr ausgemacht gewiß. Er fand tauſend Urſachen, und verwarf ſie wieder. Endlich hub er ſich wieder auf, und gieng nach Haus. Siegwart war ausgegangen, um ihn aufzuſuchen. Nach einer Stunde kam er wieder; Da iſt ein Brief von meiner Schwe - ſter, ſagte er. — Was? rief Kronhelm; Willſt du mich auch fuͤr einen Narren halten? Jch hab ſchon nach dem Bothen gefragt! Er hat nichts! — Da[lies] nur ſelber; ſagte Siegwart. Der Bothe hat mir den Brief ſelbſt eingehaͤn - digt, weils meine Schweſter haben wollte. Kron - helm brach den Brief mit Zittern auf, und riß ihn vor Ungeduld faſt entzwey. Thereſe ſchrieb ſo:
441Der vergnuͤgteſte Abend nach Jhrer Abreiſe war mir der, da ich Jhren lieben Brief erhielt; vielen, vielen herzlichen Dank dafuͤr, mein beſter Freund! Gottlob, daß Sie gluͤcklich wieder ange - kommen ſind! Meine beſten Wuͤnſche begleiteten Sie auf Jhrer ganzen Reiſe; aber beſonders mach - te mir der fatale Weg, und der ſtarke Regen viele Sorge. Jch freute mich recht fuͤr Sie, als der Regen wieder nachließ.
Alſo ſind Jhre Lehrer nicht boͤſe, wegen Jh - res etwas laͤngern Ausbleibens? Nun, das iſt mir ſehr lieb; mir war ſchon recht bange dafuͤr, und ich dachte, Sie koͤnntens gar daruͤber bereuen, daß Sie laͤnger hier blieben; das wollt ich doch nicht gerne!
Ach, mein theureſter Freund! oft denk ich noch an den traurigen Scheidetag und an die letzte trauri - ge Nacht. Dann ſeh ich noch immer den, mit ſchwar - zen Wolken umgebenen Mond, der uns gegenuͤber ſtand; dann hoͤr ich noch immer den rollenden Don - ner, und ſeh die ſchnellen Blitze. Alles war ſo feyerlich! Erſt ſinds acht Tage, und mir duͤnkts ſchon ſo lange! F f442Jetzt ſind wir ganz einſam, und alles iſt ſo ſtille, nun Sie nicht mehr hier ſind!
Am Tage nach Jhrer Abreiſe ſchrieb ich ein paar Lieder aus Kleiſt ab; hernach hab ich im Hagedorn geleſen, den Sie mir geſchenkt haben. Jch fand vieles drinn, was mir gefiel; aber fuͤr mein Herz, das jetzt ſo viel verlangt, hats zu we - nig Nahrung. Sonſt hab ich nichts geleſen. Theils hatt’ ich nicht Zeit dazu, theils nicht Luſt; und dann haben Sie mich ſo ganz verwoͤhnt, daß ich faſt nichts mehr allein leſen mag.
Einmal hab ich Beſuch gegeben bey meiner Freundin, der Poſtverwalterstochter; und den Abend gieng ich am kleinen Bach ſpatzieren, mit meinem Vater, der ſo ganz fuͤr Sie iſt. Wir ſprachen recht viel von Jhnen. Vorgeſtern war Hauptmann Northern, aber nur allein, hier. Wir kamen oft auf Sie zu ſprechen; er haͤlt ſehr viel auf Sie, und ich bin ihm deswegen noch ein - mal ſo gut. Wenn er nur oft kaͤme, und von Jh - nen ſpraͤche! Mir iſt ſo wohl dabey, und ſo bang. Jch wuͤnſchte immer, daß man davon anfienge; und faͤngt man an, ſo wuͤnſcht ich wieder, daß ich weit davon waͤre! Aber nachher freu ich mich doch immer recht druͤber.
443Von unangenehmen Dingen ſpricht man nicht gern; ſonſt koͤnnt ich Jhnen viel ſagen, von den Spoͤttereyen und Sticheleyen, die ich von mei - ner Schwaͤgerin anhoͤren muß; doch ſo etwas iſt zu gering, ſich daruͤber zu aͤrgern. Jch kann Jh - nen nicht mehr ſchreiben, weil ich recht viel wegen der Habererndte zu thun habe; aber wenn das vor - bey iſt, ſo werd ichs gewiß nachholen. Jch habe Jhnen noch ſo viel zu ſagen, ſo viel! Aber ein Brief iſt immer nur eine halbe Unterredung.
Als Kronhelm dieſen Brief geleſen hatte, gieng er ans Fenſter, und die hellen Zaͤhren ſtuͤrzten ihm aus den Augen. Sein Herz machte ihm tauſend Vorwuͤr - fe. Gott! Was iſt das fuͤr ein himmliſches Maͤdchen! dachte er; und was bin ich fuͤr ein Kerl! Lauter Zaͤrt - lichkeit und Liebe! Und ich that dem Engel Unrecht! That ihm teufliſches Unrecht! — O vergib, vergib, Engel, wenn ichs werth bin! — Jch habe vorhin recht geraſt, ſagte er zu Siegwart. Das iſt was Entſetzliches um die Liebe, wie ſie444 mit dem Menſchen umgeht, und ſo alles aus ei - nem macht, was ſie will! Da wollt ich dir den Brief holen; es hieß, der Bothe hab keinen mit - gebracht, und da wars, als ob ich auf Einmal ein ganz andrer Menſch wurde. Jch raſte, und haͤtt einen umbringen koͤnnen, der mir in Weg gekommen waͤre! Jch ſah und hoͤrte nichts; oder, was ich ſah, das war mir aͤrgerlich. Jch lief, wie ein Unſinniger beym Thor hinaus; fluchte bey mir ſelbſt, und haͤtte darauf geſchworen, deine Schweſter hab mich ſchon vergeſſen! — Und nun ſchreibt ſie mir da einen ſo herrlichen und lieben Brief. O ich moͤchte mich vor den Kopf ſchlagen, daß ich ſo ein Tollkopf bin, und ihr ſo Unrecht that! — Da ſiehſt du, ſagte Siegwart, daß der P. Philipp Recht hat: Man ſoll ſich von der Lie - be nicht ſo ganz beherrſchen laſſen! Du biſt ſeit der Zeit viel ungeduldiger und auffahrender. Alles aͤrgert dich, wenns nicht immer gleich nach Wunſch geht. — Freylich; ſagte Kronhelm; aber hab nur Geduld mit mir, Bruder! Jch will mich war - lich beſſern! Deine Schweſter iſt ſo ein ſanftes, nachgiebiges Maͤdchen; ſie weis ſich in alles ſo zu ſchicken; und ich bin ſo ein aufbrauſender Kerl[,]der gleich mit dem Kopf durch die Wand will. O445 ſie ſoll mich noch Gelaſſenheit und Sanftmuth leh - ren, oder ich waͤr ihrer Liebe nicht werth! Schreib ihr nur nichts davon! Jch muͤßt mich ſchaͤmen! — Da kannſt du ihren Brief leſen. Es iſt der Wie - derſchein ihrer Seele. Die Zaͤrtlichkeit hat ihr ihn ſelbſt eingegeben. Siegwart ließ ihn auch den Brief leſen, den ſie ihm geſchrieben hatte. — Es iſt herrlich, wie das Maͤdchen ſchreibt! ſagte Kronhelm; ſo natuͤrlich und ſo wahr! Man ſieht doch gleich, was Natur iſt! —
Kronhelm und Siegwart ſchrieben nun wie - der an Thereſen und an ihren Vater. Kronhelm ward oft ſehr bewegt, und mußte inne halten, ſo gegenwaͤrtig ſtellte er ſich das Maͤdchen vor. Er konnte es nicht ganz laſſen, und ſchrieb ihr doch einiges von ſeiner Ungeduld, in die er uͤber ihr vermeyntes Schreiben gerathen war. Auf den Nachmittag ſchickten ſie die Briefe fort.
Den Sonntag darauf beſuchten ſie den jungen Gruͤnbach, und erzaͤhlten ihm von ihrer Reiſe. Seine Schweſter Sophie kam, unter dem Vor - wand, Muſikalien zu holen, auch aufs Zimmer, und blieb uͤber eine Stunde da. Das arme Maͤd - chen hieng mit ihren Augen immer an Siegwart, und litt recht viel dabey, daß er ſo wenig auf ſie446 zu achten ſchien. Die Juͤnglinge ſprachen viel von Klopſtock, und als ſie Siegwarten mit ſolcher Waͤrme von ihm ſprechen hoͤrte, bat ſie ſich den Meſſias von ihrem Bruder zum Leſen aus. Jhr Vater kam, und ſie mußte in den Laden hinab. Der alte Gruͤnbach erkundigte ſich mit vielen Um - ſtaͤnden bey Siegwart nach dem Befinden ſeines Vaters und ſeiner Familie.
Die Schulſtunden wurden nun wieder angefan - gen, und die beyden Juͤnglinge beſchaͤftigten ſich mehrentheils mit den Buͤchern; zumal, da man bey den unbeſtaͤndigen und rauhen Herbſttagen wenig mehr aufs freye Feld hinaus konnte. Kronhelm liebte zwar die Wiſſenſchaften ſehr, und brannte vor Begierde, ſeine Kenntniſſe zu vermehren; aber der Gedanke an Thereſen uͤberraſchte ihn alle Au - genblicke uͤber den Buͤchern, und dann wars ihm unmoͤglich, weiter zu leſen. Er fieng an zu phan - taſiren, ſtellte ſich ihr Bild ganze Stunden ganz lebendig vor, und hielt, wenn er allein war, laute Geſpraͤche mit ihr. Sie ſchrieb ihm, wo nicht alle 8 Tage, doch wenigſtens alle 14 Tage gewiß. Sie wurden, auch in der Entfernung, immer noch ge - nauer mit einander verbunden. Sie lieſſen ihre Seele in den Briefen reden; ſagten ſich ihre in -447 nerſten Gedanken, und ſo entdeckte eines immer mehr Vorzuͤge und Vollkommenheiten an dem an - dern. Kurz, ſie waren das gluͤcklichſte Paar, weil Tugend und Weisheit ihre Seelen an einander kettete, und immer feſter mit einander verband. Der alte Siegwart wurde, ohngeachtet der Verſchie - denheit der Jahre, Kronhelms warmer und ver - trauter Freund. Er hielt alles auf ihn, und wuͤnſch - te nur, daß kein Ungluͤck ihn von ſeiner Tochter trennen moͤchte! Unſre Liebende vergaſſen der Ge - fahr, ſo bald ſie ihnen aus den Augen verſchwand; freuten ſich nur ihrer Liebe, und ſahen nichts, als einen heitern, unbewoͤlkten Himmel vor ſich.
Siegwart, der auf der Schule, wegen ſeines Fleiſſes, immer weiter fortruͤckte, ließ ſich dieſe Aufmunterung nur deſto mehr anſpornen, und vermehrte ſeine Kenntniſſe mit jedem Tage. Ti - bull und Properz, die man in der Schule las, verfeinerten ſein ohnedies zartes und richtiges Ge - fuͤhl; er las ſie ſehr fleiſſig, und ſchaͤtzte beſonders den Properz; aber nicht, wie gemeiniglich geſchieht, auf Koſten der Neuern. Er ſah wohl, daß die Deutſchen eben ſo gut, und in den meiſten Faͤchern weit beſſere Dichter aufzuſtellen haben, wie die Roͤmer; beſonders in Dingen, die mehr die Em -448 pfindung, als die Kunſt betreffen. P. Philipp lehrte ihn auf ſeinem Zimmer aus Freundſchaft das Griechiſche, das auf der Schule nicht getrie - ben wurde, und las mit ihm das neue Teſtament, die Fabeln des Aeſop und den Anakreon. Auf den Winter, verſprach er, mit ihm den Herodot, vielleicht auch den Homer zu leſen. Auch lieh er ihm einen Livius, und erklaͤrte ihm die ſchweren Stellen, uͤber die er ihn befragte. Kurz, Sieg - wart war auf dem rechten Wege, ein vernuͤnftiger Gelehrter zu werden.
Den Abend brachten ſie entweder allein zu, und da muſte Xaver mit Kronhelm fleiſſig von Thereſen ſprechen; oder ſie giengen zu P. Phi - lipp, deſſen Umgang ihnen immer der liebſte und lehrreichſte war; Sie laſen, oder zeichneten mit ihm, oder ſprachen abwechſelnd uͤber ernſthafte und muntre Gegenſtaͤnde. Oder ſie machten mit Gruͤnbach Muſik, und kamen durch die Uebung merklich weiter. Siegwart beſuchte auch noch oft die L. Frauenkirche, und hoͤrte da die Nonnen ſin - gen. Oft traf er auch Sophien da an. Die ſchoͤne Andaͤchtige gefiel ihm wohl. Er ſchaͤtzte ſie wegen ihrer Andacht nur noch hoͤher; aber449 doch fuͤhlte er nicht das gegen ſie, was ſie gegen ihn fuͤhlte.
Jn der Mitte des Winters, als Kronhelm einſt an einem heitern Tage mit Siegwart ſpa - zieren gegangen, und nach dem langen Stubenhuͤ - ten auſſerordentlich vergnuͤgt geweſen war, fand er, bey ſeiner Nachhauſekunft auf des P. Philipps Zimmer einen Brief, den ſein Vater durch einen eignen Bothen hereingeſchickt hatte, folgenden Jnhalts:
Hol Dich der Teufel mit Deinem ganzen Hu - renpack! Da haſt Du ’n rechten Hundeſtreich ge - macht. Biſt denn gar ein Narr? Was treibſt mit des Amtmanns Maͤdel, der unadelichen nichts - nutzigen Kanale? Hoͤr Kerl, Du biſt keinen Schuß Pulver wehrt — hol mich dieſer und je - ner, Mann ſollt Dich todtſchlagen, wie einen Dags. Jch hab mir g’aͤrgert, daß ichs Zibberlein kruͤgen thaͤt, ſonſt waͤr ich ſelbſt komen, und haͤtt Dich todtg’ſchlagen. Jnvamer Kerl, daß Du Dich ſo wegwerfen thuſt, als ob Du von einer Buͤrgers - hur herkommen thaͤteſt! Jch muß mich ja ob Dir ſchamen wo ich hinkomm. Aber ich ſchwoͤr Dir450 bei Godd, daß, wenn Du mir noch Augenblikk an das Burgersmaͤdel denken thuſt, ſo reit ich weck, und wenn ich keinen Fuß haͤtt, und ſchieß Dir nie - der, und ſchlag Dich dann mitn Flintenkolben fol - lendts tod. Laß Dirs nur nit einfallen, daß Du noch ’n Buchſtaben an ſie ſchreibſt, oder Du biſt, meiner Seel! des Teufels. Jch habs ’m Amt - man dem Kerl ſchon g’ſagt, und ſeiner Dirn auch, ’s koſtet Dir und ihm und ihr ’s Leben. Solang ich auf Godds Erdboden bin, ſollſt Du nicht mit ihr z’ſamen kommen, und wenns die ganz Welt hahn wollt. Jch reiſſ euch von ein - ander, und ſollts mit den Zaͤhnen ſein. Da haſt Du mein Wort. So wahr ich ’n alter Edelmann, und ſie ’n kahle Amtmansdirn iſt. Verteufelter Son, das heiſſt ’m alten Vater Herzleid anthun. So hats noch keiner g’macht ſeit vil dauſend Jah - ren, ſeit ’s Kronehelm geben hat, und Du mueſt grad anfangen, und willt doch mein Son ſein? Ja ’n Teufelskerl biſt, und kein Gaballiers Son. Jch ſag Dirs, wenn Du noch a Zeil ſchreiben thuſt, ſo muſt Du ſterben, und wenn Du auch am Hi - mel hangen thaͤteſt, Du muſt mir runter; und ’s Maͤdel zerreiſſ ich mit den Naͤgeln, das merk Dir! Laß mir ja kein Wort hoͤren, und wenn Du nur451 Mukker gegen mir thuſt, ſo ſchick ich drey Kerl zu Dir, die ſollen Dich lebendig oder tot zu mich bringen. Da ſollt Du Deine liebe Not haben. Braten will ich Dich, wie ’n Haſen, Lauskerl Du! Jch hab meine Spijon, Einen Buochſtaben, und Du biſt hin, und Deine Hur auch. Jch hab mir g’aͤrgert, daß ich nicht mer ſchreiben kan. Du weiſt noch nit, wie ich bin, wenn ich wild werd. Schwoͤr mir heilig, daß Du nit mer an ſie den - cken, und noch minder ſchreiben willt, ſonſt ſind auf d’ Woch die drey Kerl bey Dir, und holen Dich, und ich laß Dich ſchlieſſen, und beym Maͤ - del forbey fuͤhren, und ſie mit der Kugel vor den Kopf brennen, daß ſie verrecken muß, wie ’n ang’ſchoßnes Thier. Schreib mirs nur gleich, oder du lebſt keine 6 Taͤg mehr, das ſchwoͤr ich dir bey allen Teufeln.
Kronhelm ſtand, wie vom Blitz getroffen da, als er dieſen Brief geleſen hatte. Er ward blaß, und zitterte an allen Gliedern. — Da, lies! ſagte er zu Siegwart, gieng einigemal auf und ab; blieb oft ploͤtzlich ſtehen, als ob er nach - daͤchte, und konnte doch keinen Gedanken halb ausdenken. — Haſts geleſen? Nicht wahr[,]452es iſt ſchoͤn? Jch bin ein rechtes Gluͤckskind! — O ich wollte! — — der verdammte, hoͤlliſche Adel! — Aber, ich wollte nicht nachgeben! — Sprich! Was denkſt du denn? Stehſt ja da, wie ein Klotz!
Siegwart. Jch weiß nicht, was ich ſagen ſoll? Es iſt ſchrecklich! Jch bedaure dich von ganzem Herzen.
Kronhelm. So? Weiter nichts?
Siegwart. Was kann ich ſonſt thun?
Kronhelm. Was weiß ich? Mir rathen! Oder mich todtſchlagen, wenn du willſt.
Siegwart. Jch bitt dich um Gotteswillen, Kronhelm! Du muſt dich maͤſſigen!
Kronhelm. Du biſt ein Narr! — Aber, halt, Siegwart! Nicht wahr? ich thu dir Un - recht?
Siegwart. Ja, das daͤcht ich auch.
Kronhelm. Nu, ſo verzeih mir! Du weiſt ſchon, wie’s iſt; ich kann nicht dafuͤr. — Sag, Bruͤderchen, was muß ich anfangen? Sags doch! Jch weiß ja nicht —
Siegwart. Du muſt deinem Vater ſchreiben, denk ich.
453Kronhelm. Nun ja, ſchreiben! Und was denn?
Siegwart. Daß du mit meiner Schweſter nichts mehr —
Kronhelm. Was?
Siegwart. Daß du nichts mehr mit ihr zu thun haben wolleſt.
Kronhelm. Biſt du vom Teufel, Kerl?
Siegwart. Beſſers weiß ich nichts.
Kronhelm. Nun, ſo pack dich zu allen Hen - kern! — Den Rath kann mir nur mein Tod - feind geben! Aufſetzen will ich mich, und zu mei - nem Vater hinausreiten! Das will ich thun, Kerl!
Siegwart. Jch kann dirs nicht rathen.
Kronhelm. Und warum nicht, Memme? Glaubſt, er werd mich gleich niederſchießen? Laß ihn nur! Das waͤr mir eben recht! So kaͤm ich auf einmal von der verdammten Welt weg!
Siegwart (ſchwieg, und ſah ſeinen Freund mitleidig an.)
Kronhelm. Gefaͤllt dir das nicht? — Was ſoll ich denn thun?
Siegwart. Jch habs ſchon geſagt.
454Kronhelm. Schreiben? — Aber denk: Mein eignes Todesurtheil!
Siegwart. Traurig iſts genug! Du kennſt aber deinen Vater, und haſt ſeinen Brief noch nicht genug geleſen.
Kronhelm. Ja, ich habs! Sonſt waͤr ich nicht ſo raſend! — Jeſus, Maria! Was ſoll ich anfangen? — Gibts denn gar kein andres Mittel? — Sag doch! Biſt mir ja ſonſt im - mer gut geweſen.
Siegwart. Bins auch noch; mehr als du glaubſt. — Aber ich weiß nichts beſſers. Be - denks nur ſelber!
Kronhelm. Ja, was bedenken? Jch kann nicht, ſag ich dir! — Und ſo ſollt ich meinem Vater ſchreiben? — Sollt Thereſen aufgeben? — Gott, wie kann ich das?
Siegwart. Es kann ſich aͤndern.
Kronhelm. Was, aͤndern! Es kann nicht, ſag ich! — Thereſe! Thereſe! Dich aufge - ben? — Und wie kann ſichs aͤndern? Sprich doch!
Siegwart. Dein Vater koͤnnte ſterben; oder ſonſt ſo etwas —
455Kronhelm. Ja, der ſtirbt nicht! — Groſſer Gott! was ich da fuͤr Gedanken habe! — Ja, wenn er ſtuͤrbe! — Wenn er aber auch nicht ſtuͤrbe …?
Siegwart. Du haſt doch indeſſen eine Aus - flucht. Sonſt haſt du gar keine.
Kronhelm. Gar keine! — Das iſt ſchreck - lich! — Bey Gott! ſchrecklich! — Kann ich ihm denn ſonſt gar nichts ſchreiben?
Siegwart. Jch weiß nichts, wenn du ſei - nem Zorn entgehen willſt, und wenns nicht mei - ne Schweſter und mein Vater mit entgelten ſollen.
Kronhelm. Wie das?
Siegwart. Er droht ja, daß er ſie umbrin - gen will. Haſts nicht geleſen?
Kronhelm. Ja, das iſt wahr! Ja, ich muß ſchreiben; Siegwart, ich muß!
Siegwart. Aber nur behutſam, Bruder! ich bitte dich. Wenn du trotzen willſt, ſo gehts nicht. Jetzt muſt du nachgeben, ſo viel du kannſt.
Kronhelm. Ja, wenn man nur ſo koͤnnte. Denk einmal, in ſo was nachgeben! — Haͤtt er nur nicht Thereſen gedroht! Mir moͤcht er dro - hen wie er wollte! Jch achte nichts. — Aber ich weiß, wie er iſt; ſie waͤr nicht ſicher vor ihm. 456— O ich weiß nicht, was ich noch anfange? — Waͤrs nur nicht mein Vater! — Gott! was wird deine Schweſter ſagen! — Jch halts nicht aus, Bruder. Sterben, oder mein ſeyn! — Ja, ich will ihm ſchreiben, daß ich nicht mehr an ſie ſchreiben will. Das kann ich wohl. Sie iſt ja doch mein; ich ja doch ihr. Ja, ich will ihm ſchreiben. Gib nur Dinte her! Wo iſt der Schandbrief? Gott verzeih mirs! Aber ’s iſt ſo! Gib nur her Papier und Dinte.
Siegwart. Bruder, du kommſt mir ganz ſon - derbar vor. Jetzt auf einmal ſo nachgiebig, und eben vorher noch ſo heftig! Jch kann mich in dich nicht finden.
Kronhelm. Jch mich auch nicht, gib nur her!
Siegwart. Aber du muſt mich den Brief erſt ſehen laſſen. Nicht?
Kronhelm. Ja freylich! Gib nur her! (Er ſchreibt) „ Lieber Papa! ‟ Ja, es iſt nicht wahr. — „ Jhr nicht mehr ſchreiben will. ‟ Das iſt fuͤrch - terlich! — Da! Jch kann nichts beſſers ſchrei - ben. [Lies] nur! — Nun, gefaͤllt dirs? Kann ichs anders machen?
Siegwart. Nein; es iſt gut. Jch hoffe, das ſoll ihn beruhigen! —
457Kronhelm. Ja, ihn! Aber auch mich! Solls auch mich beruhigen? — Gib her! Jch wills wie - der zerreiſſen, den verdammten Wiſch!
Siegwart. Laß doch, Bruder! Du kannſt Ein - mal nichts anders ſchreiben. Denk, daß du The - reſen dabey ſchonſt!
Kronhelm. Nun ſo ſeys! Siegl’ es zu! Jch mag mit dem Quark nicht laͤnger umgehn!
Siegwart ſiegelte den Brief zu, und erbot ſich, ihn des Junker Veits Bedienten zu bringen; denn er fuͤrchtete, Kronhelm moͤchte den Brief wieder zerreiſſen. Dieſer blieb indeſſen allein auf dem Zimmer, und verwuͤnſchte ſein Schickſal. Bald war er wild und heftig, bald wieder wehmuͤthig, und zum tiefſten Schmerz herabgebeugt, wenn er an Thereſen dachte. Siegwart kam bald wieder, und nun beſprachen ſie ſich uͤber die traurige Geſchichte; Kronhelm war nun aͤuſſerſt beſorgt, was Thereſe zu ſeinem Betragen denken, und ob ſie ihn nicht verachten werde, wenn ſie hoͤre, daß er ſeinem Vater verſprochen habe, ihr nicht mehr zu ſchreiben? Siegwart beruhigte ihn aber wieder, indem er ver - ſprach, ihr die Sache im Zuſammenhang zu ſchrei - ben, und ſie zu uͤberzeugen, daß er, nach Erforder -G g458niß der Umſtaͤnde ſo habe ſchreiben muͤſſen. Sie wird es ſelber einſehen, ſagte er, da ſie nun deinen Vater ſelbſt kennt. Und deswegen, daß du verſpro - chen haſt, ihr nicht mehr zu ſchreiben, kannſt du auch ziemlich unbeſorgt ſeyn, da ich ihr alle Wochen ſchreibe; da kannſt du mir ja alles in die Feder ſa - gen, was du an ſie geſchrieben haben willſt; und ſo kann ſie’s wieder in den Briefen an mich ma - chen, dieß beruhigte zwar Kronhelm etwas, aber doch nicht viel; und er zitterte vor Thereſens naͤch - ſtem Briefe. P. Philipp, dem ſie die Geſchichte auch erzaͤhlten, arbeitete ſehr daran, unſerm Kron - helm einen geſetzten Muth beyzubringen, denn er befuͤrchtete nicht ohne Grund noch traurigere Auf - tritte. Er hielt ihm, mit der groͤßten Ruͤhrung, die Pflichten vor, die er ſeinem Vater, der Welt, The - reſen und ſich ſelber ſchuldig ſey. Jch will, ſagte er, das Verfahren ſeines Vaters nicht entſchuldigen; aber ganz Unrecht hat er doch auch nicht, daß er ſich einer Verbindung widerſetzt, die ohne ſein Vorwiſ - ſen, und (wie Er vorauswiſſen konnte) ohne ſeine Bewilligung mit einer Perſon eingegangen wor - den iſt, die ſein Vater nicht kennt, und die von ei - nem andern Stand iſt, als er. Zwar an ſich be - trachtet, iſt der Stand nichts, aber in unſre jetzige459 buͤrgerliche Verfaſſung hat er Einfluß, und man kann ihn nicht ganz aus den Augen ſetzen. Mach er ſich auf alles gefaßt, und bedenk er dieß zuerſt, daß man durch Heftigkeit und Unbeſonnenheit im - mer am wenigſten ausrichtet. Wenn er das gethan hat, was ihm moͤglich war, und was er, ohne ſeine Pflichten zu verletzen, thun konnte, dann uͤberlaß er das Uebrige der Vorſehung, die nie ohne weiſe Guͤte handelt, wenn man ſich ihr nicht ſelbſt wider - ſetzt. Es kann, ſo unglaublich es ihm jetzt auch vorkommt, ſein Gluͤck ſeyn, wenn er Thereſen nicht kriegt. Wenn ihr Beſitz ſein wahres Gluͤck iſt, ſo bekommt er ſie gewiß. Stell er ſich im Voraus al - les, auch das aͤrgſte, was ihm begegnen kann, vor! So kommt ihm nichts unerwartet, und ſein Herz wird weniger erſchuͤttert. Jch ſage nicht, daß er die Hofnung ganz ſinken laſſen ſoll. Hofnung naͤhrt das Herz des Menſchen, und iſt nur dann ſchaͤdlich, wenn wir ſie zu tief wurzeln laſſen, und Gewiß - heit aus ihr machen wollen. — Kronhelm hoͤrte zu; er fuͤhlte, daß der Pater Recht hatte, aber die Wahrheiten waren ihm zu traurig; doch hielten ſie ihn von der allzugroſſen Heftigkeit zuruͤck.
460Zween Tage darauf kamen Briefe von Thereſen und ihrem Vater. Kronhelm erbrach ſie mit Zit - tern und dem baͤngſten Herzklopfen. Sie ſchrieb ihm folgendes:
Jch ſchreib Jhnen mit dem kummervollſten Her - zen, und mit naſſen Augen den letzten Brief in meinem Leben. Der vergangene Montag iſt fuͤr mich der traurigſte und fuͤrchterlichſte Tag geweſen. Jhr Vater, den ich noch nicht kannte, kam mit einem Edelmann und zween Jaͤgern in unſern Hof angeſprengt. Jch hoͤrte ihn mit Ungeſtuͤm nach meinem Vater fragen, und ſah aus dem Fenſter. Biſt du die Hur? rief er zu mir herauf. Jch wußte nicht, was ich aus dem Mann machen ſoll - te? und lief zitternd zu meinem Vater. Als wir hinunter wollten, kam Jhr Vater uns ſchon auf der Treppe mit dem Edelmann entgegen. — Jſt Er der Amtmann Siegwart? fragte er. Ja, mein Herr! antwortete mein Vater, was befehlen Sie? — Nichts befehlen! rief Jhr Vater, und kam die Treppe vollends herauf. — Er iſt ein Schurke, daß Ers weis! Er will meinen Sohn verfuͤhren! — Das iſt wohl das ſaubre Menſch da, (indem er ſich461 zu mir wandte) an der er den Narren gefreſſen hat? Ein ſaubres Thierchen! Mein Seel! — Und ſo fuhr er fort, und gab mir und meinem Va - ter Reden, die ich mich ſchaͤmen wuͤrde, niederzu - ſchreiben. Kurz, er begegnete uns auf die groͤbſte, beleidigendſte Weiſe; ſprach immer vom Einſetzen, Verfuͤhrungen, Lumpen - und Hurenpack, und droh - te mit Mord und Todſchlag, wenn ich mir einfal - len laſſen wollte, ſeinen Sohn ferner zu infamiren, wie ers nannte. Jch ſtand da, und dachte, ich muͤß - te in die Erde ſinken. Einigemal konnt ich mich nicht enthalten, ihm grobe Reden zu geben, als er meine Unſchuld — das einzige, worauf ich ſtolz bin — angrif. Der Junker, der mit Jhrem Vater kam, iſt der niedertraͤchtigſte Menſch, der mir auf die ſchimpflichſte Art begegnete, und mich immer nur Kanaille, und buͤrgerliche Gaſſenhure nannte. — Mein Vater, der auch hitzig ſeyn kann, wenn man ihn erſt aufbringt, ſagte Jhrem Vater, er moͤchte ſich in Acht nehmen, und mit ſolchen Beſchimpfun - gen einhalten. Er ſey ein ehrlicher Mann, und ich ein ehrlich Maͤdchen; ich korreſpondire zwar mit ſeinem Sohn, aber auf die erlaubteſte Art; er koͤnn die Briefe ſelber ſehen u. ſ. w. Jhr Vater wollte von dem allen nichts hoͤren, ſchimpfte unauf -462 hoͤrlich fort, und drohte, Sie und mich, und meinen Vater zu erſchieſſen, wenn wir nur noch eine Zeile an einander ſchrieben, oder einen Gedanken auf ein - ander haben wollten. Mein Vater ſagte, das woll er wol verſprechen, daß ich nicht mehr an Sie ſchrei - ben, und weiter keine Gemeinſchaft mit Jhnen ha - ben ſoll; aber die uͤbrigen Beleidigungen woll er ſich auch inskuͤnftige verbitten. Der andre Junker ſchlug ein lautes Gelaͤchter auf. Jhr Vater aber ſagte: Nu Jobſt, laß uns weiter! Vorjetzt hab ich gnug; aber noch ein Brief, und — hier zog er eine Piſtole hervor — die erſte Kugel gehoͤrt dir, Maͤdel! und die zweyte ihm, Monſieur Amtmann! Merk er ſichs! Mit dieſen Worten gieng er wieder die Treppe hinunter, ſetzte ſich aufs Pferd, und ritt mit ſeinen Jaͤgern davon.
Sie koͤnnen ſich vorſtellen, Theurer Freund! wie mir ſeit der Zeit zu Muthe ſeyn muß. Das ganze Leben iſt mir verhaßt, die ganze Welt eine Einoͤde. Jch ſchreib Jhnen dieſen Brief auf Befehl meines Vaters, ders bey Jhrem Vater verantworten will, wenn ers erfahren ſollte. Jch ſoll von Jhnen Ab - ſchied nehmen auf ewig! Gott, von Jhnen! und doch muß es ſeyn! — Jch habe Sie geliebt, Theu - rer, aber verkennen Sie mich nicht! Nicht aus463 Stolz, weil Sie von Adel ſind. Um des Adels Jhres Herzens willen, liebt ich Sie; lieb ich Sie noch! Das darf ich ſagen, denn ich ſags ohne Ab - ſicht auf Jhre Hand. Jch hab auf ewig alle Hofnung von mir weggebannt. Es muß ſeyn! — Leben Sie gluͤcklich! Sie verdienen es. Bleiben Sie mein Freund in Jhrem Herzen! Denken Sie zuweilen an das Maͤdchen, das bald ſterben wird! … Jch habe mein Herz in Thraͤnen ausgeſchuͤt - tet, und komme nochmals, Jhnen das letzte Lebe - wohl zu ſagen. Kuͤnftig kann ich keine Zeile mehr von Jhnen annehmen. Jch werd Jhnen jeden Brief unerbrochen zuruͤck ſchicken. Das hab ich zugeſagt. Leben Sie denn wohl, auf ewig wohl, mein Theureſter! Gott ſtaͤrke Sie, und belohne Jhre Tugend! .. Betruͤben Sie ſich nicht zu ſehr! Sie muͤſſen andre Menſchen, und ein beſſeres Maͤdchen gluͤcklich machen, als ich bin… Sagen Sie ihr einſt, daß ich edel dachte, und Sie darum liebte… Meine Freundin kann ſie auf dieſer Welt nicht mehr werden, denn bis dahin bin ich todt… Jch murre nicht gegen die Vorſicht; aber ich kann dieſe Laſt nicht tragen. Mein Herz muß drunter brechen. — Leb wohl, Edelſter und Beß - ter! Jm Himmel ſehen wir uns wieder, und freuen464 uns, daß wir geduldet haben… Leb wohl! Siehſt Du einſt mein Grab, ſo wein drauf! Jch ver - diens! Der Engel der Liebe ſey Dein Schutzgeiſt! oder ich werds… Mein Herz ſchlaͤgt gewaltiger. Hier faͤllt eine Thraͤne hin, kuͤß die Stelle! .. Schreib mir keine Zeile! Du wuͤrdeſt mich betruͤ - ben… Nun das letzte Wort, das ich an Dich ſchreibe.
Was Kronhelm bey Leſung dieſes Briefs em - pfunden hat, laͤßt ſich nicht beſchreiben. Jedes zaͤrtliche und liebevolle Herz, das auch einmal ge - litten hat, denke ſich noch Einmal in ſein Ungluͤck zuruͤck! Fuͤhle noch Einmal die Leiden ſeiner Liebe, und wein’ unſerm Edeln, mit mir, eine mitleidige Zaͤhre! .. Er lehnte ſich ans Fenſter, huͤllte ſein Geſicht ein, und war ſprach - und thraͤnenlos. Siegwart weinte, und hatte den Brief, den ſeine Schweſter ihm geſchrieben hatte, in der Hand. Kronhelm drehte ſich ſchnell um, ſah ihn mit un - beſchreiblicher Wehmuth an; drauf warf er ſich aufs Bette, huͤllte ſein Geſicht ins Kiſſen ein, und blieb ſo eine Viertelſtunde unbeweglich liegen. Laß465 uns vors Thor hinaus, ſagte er, ich muß Luft krie - gen! Siegwart gieng mit ihm, ob es gleich ſtark ſchneyte. Kronhelm waͤlzte ſich im Schnee, und wollte da bleiben. Aber Siegwart riß ihn mit Gewalt auf. Endlich fieng er an bitterlich zu weinen. Siegwart ſprach kein Wort, und weinte mit. Nun iſt mir wohl, ſagte Kronhelm, herzlich wohl. Jch dachte, ich koͤnne nicht mehr weinen… Bruder, Bruder! Jn mir tobt mehr, als Hoͤllen - qual. Thereſe iſt hin fuͤr mich. Weiſt dus ſchon! — Ja, ſie hat mirs geſchrieben, ſagte Siegwart. — Hat ſie das? Mir hat ſies auch geſchrieben. O, der Engel iſt verloren! Aber meynſt du, daß das lange waͤhren ſoll? Jch kann auch ſterben, Bruder! Bey Gott! ich kanns auch! — Jhr ſeyd rechte Troͤſter, du und Philipp! Aber, ich brauch ja kei - nen Troſt! Der Tod hat ſo viel Troſt; wird mir auch wohl welchen geben! O, der Engel iſt verlo - ren! — So ſprach er immerfort, ohne daß Sieg - wart ihm ein Wort antworten konnte, als daß er ihn zuweilen mit Thraͤnen und einſylbichten Woͤr - tern bedauerte. Sie giengen wieder nach Haus. Siegwart bat in der Stille den P. Philipp auf ſein Zimmer, weil er ſich zu ſchwach fuͤhlte, jetzt bey ſei - nem Freund allein zu ſeyn. Philipp wußte ihm466 ſelbſt wenig zu ſeinem Troſt zu ſagen. Sein eig - nes Herz litt zu viel bey den Qualen ſeines jungen Freundes. Er hatte ſelbſt einmal ungluͤcklich ge - liebt; und die Erinnerung aller ſeiner vorigen Lei - den kehrte wieder in ſein Herz zuruͤck. Kronhelm ſprach wenig; er ſah immer mit ſeinen Blicken ſtarr auf Einen Ort, und ſchien gar nichts mehr zu fuͤhlen. Zuweilen nur ward ſein Koͤrper durch einen hervorbrechenden Seufzer ungewoͤhnlich ſtark erſchuͤttert. Die ganze Nacht aͤchzte er, und Sieg - wart, der nicht ſchlafen konnte, aber doch ſich ſtell - te, als ob er ſchliefe, hoͤrte ihn oft mit ſich ſelbſt, aber immer abgebrochen, ſprechen. Er litt bey den Leiden ſeines Freundes, und bey den Qualen ſeiner Schweſter, deren tieffuͤhlendes Herz er kann - te, unendlich viel. Den andern Morgen ſaß Kronhelm immer auf der Stube, und ſchrieb; denn es war ein Sonntag. Siegwart ſtoͤrte ihn nicht, und ſchrieb indeſſen an ſeine Schweſter. Endlich gab ihm Kronhelm ein Blatt, und ſagte: Jch will deiner Schweſter keinen Brief mehr ſchrei - ben, ſie hat mirs verboten. Aber nur um Eine Wohlthat fleh ich dich; die muſt du mir gewaͤh - ren. Schreib dieſes Blatt ab, es iſt kein Brief, was ich geſchrieben habe. Es iſt mein letztes Ver -467 maͤchtnis an Thereſen. Schreib es ab, und legs in deinen Brief, ohn ein Wort davon zu ſchrei - ben! Verſag mir dieſe letzte traurige Wohlthat nicht! Siegwart wagte es nicht, ſeinem Freund zu widerſprechen, und ſchrieb folgendes ab:
Stirb nur, Engel! Jch flehe Gott darum, und folg dir bald nach. Dieſe Welt iſt viel zu klein fuͤr Liebende. Wenn ich die Stern’ am Himmel funkeln ſeh, ſo denk ich: Einer von den Sternen allen wird doch einen Wohnplatz fuͤr die Liebe ha - ben. Du Gott, kannſt dein Kind, dein herrliches Geſchoͤpf, nicht ganz aus deinem Weltgebaͤu ver - bannen. Ja, ſie lachen mir lieblicher die Sterne. Dieſer Stern dort mit dem blaͤulichen und reinen Lichte winkt mir. … Stirb nur Engel! ſieh, er lacht uns. … Fall in Staub dahin, du ſchwa - che Huͤtte! denn du haſt genug geduldet. Hat dich nicht der Sturm des Lebens gnug erſchuͤttert? … Auf mein Geiſt! und ſchuͤttle deine Thraͤnen ab. Auf zum Stern mit dem blaͤulichen und reinen Lichte! … Die Natur iſt todt; ſie iſt geſtor - ben. Willſt du laͤnger hier im Thal des Todes weilen? — Ach, Thereſe, laß uns eilen an den Ort, wo keine Menſchen ſind! Denn der Menſch iſt hart und grauſam. … Weine nicht, du Theu -468 re! Dieſe Nacht im Traume hab ich ihn geſehn, den Tod. Er iſt ein hellleuchtender Engel, und hat Palmen in der Hand zum Troſt der Liebenden… Und du weinft noch? Sieh, ich laͤchle ja; der En - gel mit den Palmen hat uns zugewinket, dir und mir. … Wohlauf, ihr Menſchen, raubt mir mei - ne Liebe! Unter Engeln wohn ich. Raubt mir meine Liebe! .. Warum wein’ ich denn, du Theu - re? Kann doch die Natur nicht weinen. Schau hinaus! Sie iſt verſteinert. Auch der Bach, der immer weinte; auch die Donau ſteht verſteinert da. Weine doch, o Donau, daß ich einen Geſpielen ha - be meiner Thraͤnen! .. Wenig Tage noch, ſo ſind wir hingewandelt, ins Gefild der Liebe… Duld, o meine Liebe! Sey getreu bis an das En - de! Sieh! ich will getreu ſeyn, bis ans Ende! Und du willſt mir eine Freundin geben? Duld, o meine Liebe! ſey getreu bis an das Ende! Amen!
Kronhelms Seele verſank in die tiefſte, duͤſterſte Melancholie; ſein ganzer Karakter bekam eine an - dere Wendung. Er ward heftig, und auffahrend, und uͤber alles aͤrgerlich. Sein natuͤrlich ſanftes und gefaͤlliges Weſen verwandelte ſich in eine muͤr - riſche, verdruͤßliche Laune. Alles, was er ſah und hoͤrte, und die ganze Welt ward ihm zuwider. Er469 verachtete das ganze Menſchengeſchlecht; nur den P. Philipp und ſeinen Siegwart nicht. Aber der letztere ſtand doch ſehr viel bey ihm aus. Er konn - te ihm nichts recht machen; jede Bewegung, die er auf dem Zimmer vornahm, konnte ſeinen Freund verdruͤßlich machen, und er verzog die Minen dar - uͤber. Wenn er lachte, war ihms nicht recht; wenn er traurte, auch nicht. Siegwart trug alles mit der groͤßten Geduld, und gab ſeinem Freund in allem nach. Zuweilen uͤberfiel ſeinen Kronhelm ſchnell die Wehmuth, daß er weinen konnte; dann ſprach er von Thereſen. Siegwart konnte ihm we - nig von ihr ſagen, denn ſie ſchrieb nichts mehr von Kronhelm, aber immer traurig und wehmuͤthig. Einmal ſchrieb ſie ihm: Die Urſache meiner Leiden iſt unſre Schwaͤgerin. Sie war einmal bey uns, als ein Brief von dir kam. Jch uͤbereilte mich, und brach ihn auf. Ein verſiegelter Brief von Kronhelm lag darinn. Jch ſteckte ihn ſchnell ein, und ward roth. Das hat ſie vermuthlich gemerkt, und an Kronhelms Vater geſchrieben; denn ſie ſagte gleich: Sie korreſpondiren ja auch mit dem jungen Herrn von Kronhelm? Jch konnte meine Verwirrung nicht verbergen, noch es ganz verheh - len. — Kronhelm fieng von neuem an zu toben;470 daß eine ſolche Kleinigkeit an ſeinem Ungluͤck Schuld haben ſollte. P. Philipp ſuchte ihn auf alle moͤg - liche Weiſe zu zerſtreuen; aber es half wenig. Er nahm ihn oft, mitten im Winter, mit ſpatzieren. Das traurige Stillſchweigen der Natur naͤhrte nur ſeine Traurigkeit. Er las in ſeinen Buͤchern nichts, als duͤſtre, wehmuͤthige Stellen. Die Muſik er - goͤtzte ihn auch nicht mehr. Nur zuweilen phanta - ſirte er in lauter Diſſonanzen und wimmernden Toͤnen. Die Einſamkeit war ihm das liebſte, und ſie lobte er allein. Oft pries er unſern Siegwart wegen des Entſchluſſes ſelig, die Welt zu verlaſſen, und ſich in ein Kloſter zu verſchlieſſen. Das war gewiß ein weiſer und ungluͤcklicher Mann, ſagte er, der wie ich geliebt hat, der zuerſt den Einfall hatte, in eine Einſiedeley zu ziehen, oder ſich durch Mau - ren vom unſeligen Menſchengeſchlecht abzuſondern. Man muß aufhoͤren, ein Menſch zu ſeyn, wenn man gluͤcklich werden will! Jch wollte, daß ich alle meine Leiden mit dir in einer Zelle vergraben koͤnnte!
Dieſe Reden, und das ganze Schickſal ſeines Freundes machte bey unſerm Siegwart den Gedan - ken ans Kloſterleben aufs neue wieder zum allein - herrſchenden und angenehmſten. Er ſah die Liebe471 als die groͤßte Feindin des Menſchengeſchlechts an, und glaubte, ſich nicht ſtark und fruͤh genug vor ihr verwahren zu koͤnnen. Er dachte ſich nur ſeinen P. Anton und die andern Paters, wie ruhig und zufrieden die in ihren Zellen lebten. Er glaubte, die Liebe koͤnne ſich der Kloſtereinſamkeit nicht na - hen, und ſchmachtete recht darnach, bald in dieſem ſichern Hafen einzuſchiffen.
Oſtern ruͤckte nun heran, an dem Kronhelm die Schule verlaſſen, und nach Jngolſtadt ziehen ſollte. Er waͤre gern noch laͤnger in der Nachbarſchaft Thereſens geblieben, ob ihn dieſes gleich nichts half, und hatte deswegen auch an ſeinen Onkel in Muͤn - chen geſchrieben; aber dieſer fand nicht fuͤr gut, es ihm zu erlauben; denn er hatte durch ſeinen Bru - der Veit die Liebe ſeines Neffen erfahren. Ob er gleich von Vorurtheilen ziemlich frey war, ſo konn - te er doch Kronhelms Wahl nicht beguͤnſtigen, denn er hielt ſeine Liebe fuͤr eine voruͤbergehende, aufbrau - ſende Leidenſchaft, und kannte auch das Maͤdchen gar nicht, das er gewaͤhlt hatte. Die Entfernung, hoffte er, wuͤrde die beſte Arzeney fuͤr ſein krankes Herz ſeyn, und ihm bald ſeine vorige Heiterkeit und Ruhe wieder geben.
472Kronhelm reiſte alſo an Oſtern ab. Sein Va - ter hatte zwar gewollt, er ſollte ihn vorher noch in Steinfeld beſuchen, aber dieß war ihm unmoͤg - lich. Er ſah alle die Vorwuͤrfe voraus, die ihm ſein Vater wegen Thereſen machen wuͤrde, und wußte, daß er dazu unmoͤglich ſtill ſchweigen koͤnn - te. Er verachtete auch ſeinen Vater wegen ſeiner rohen, unmenſchlichen Seele, und wegen ſeines Be - tragens gegen ihn zu ſehr, als daß er nicht ſeine Geſellſchaft ſoviel, als moͤglich, haͤtte vermeiden ſol - len. — Bey dem herannahenden Abſchied von ſei - nem innigſten und erſten Freunde, von dem Bru - der ſeiner ewiggeliebten Thereſe, erwachte ſein gan - zer Schmerz von neuem. Die ganze Zeit uͤber, da er die Vorbereitungen zur Abreiſe machte, war er wie betaͤubt; alles war todt um ihn herum; dann uͤberfiel ihn ploͤtzlich wieder eine Aengſtlichkeit; er lief in einen Winkel, um allein zu ſeyn, und ſeine Thraͤnen auszuſchuͤtten. Er erſchrack, wenn er allein war, und Siegwart ungefaͤhr aufs Zim - mer kommen ſeh, und Zaͤhren ſchoſſen ihm in die Augen. Den Tag vor ſeiner Abreiſe gieng er zu Gruͤnbach, um von ihm Abſchied zu nehmen. So viel er auch auf ihn hielt; ſo fuͤhlte er doch nichts da - bey, und ward nicht im mindeſten bewegt. Unten in473 der Thuͤre ſtand Sophie, um ihm auch ihr Lebe - wohl zu ſagen; ſie weinte, und nun weinte er auf einmal mit, weil ihm ſeine Thereſe mit aller Leb - haftigkeit einfiel. Er lief, ſo ſchnell er konnte, uͤber die Straſſe. Dann nahm er von ſeinen Leh - rern Abſchied. Beym P. Johann ward er ſehr bewegt. Der kraͤnkliche Mann wuͤnſchte ihm mit der herzlichſten Ruͤhrung allen Segen des Him - mels. Kronhelm dankte ihm fuͤr ſeinen Unter - richt. Jch wuͤnſche, ſagte Johann, daß meine Leh - ren auch bey Jhm Frucht bringen, und Jhn, wie mich, in Freud und Leid erquicken moͤgen. Sie floſſen aus reinem Herzen, und nie ohne vorher - gehendes Gebeth, daß Gott ſie ſegnen moͤge! Jch wuͤnſchte ſo gern alle Menſchen, und beſonders meine Schuͤler, am meiſten aber Jhn, mein lie - ber Herr von Kronhelm gluͤcklich, weil er ſo ſitt - ſam und rechtſchaffen iſt; und das wird man am erſten durch Religion. Vergeß Er alſo Gottes Wort und meine Lehren nicht! Jch werd oft an Jhn denken, und fuͤr Jhn beten. Denk Er auch zuweilen an mich, und bet Er, daß mich Gott fer - ner treu und geduldig in der Leidenszeit erhalte, die wol nicht mehr lange waͤhren wird. Leb ErH h474wohl! Gott ſegn Jhn! Hier gab er unſerm Kron - helm die Hand; dieſer kuͤſte ſie mit heiſſer Jnn - brunſt, und ließ ſeine Thraͤnen drauf fallen. — Der Abend ward auf P. Philipps Zimmer ſehr traurig zugebracht. Kronhelm ſprach faſt gar nichts, und Siegwart auch nur wenig, denn auf beyden lag die Laſt der nahen Trennung ſchwer. Phi - lipp, der nun drey Jahre ſchon unſern Kronhelm gekannt, und ſeine Seele taͤglich unter ſeiner An - fuͤhrung ſich hatte vervollkommen ſehen; der ihn, ob er wol ſein Schuͤler war, wie ſeinen Freund liebte, der jetzt alle ſeine Leiden kannte, und vor - aus ſah, daß ſie ſich nach der Trennung von ſei - nen Freunden noch verdoppeln wuͤrden, war ſelbſt von allen dieſen Vorſtellungen danieder gedruͤckt, und hatte Muͤhe, ſeinen tiefen Kummer zu ver - bergen, um nicht ſeine jungen Freunde noch weh - muͤthiger zu machen. Er noͤthigte ſie, etwas mehr Wein zu trinken, um ihre Traurigkeit in etwas zu zerſtreuen, und ſie wurden wirklich um ein gu - tes munterer. Aber mit den Lebensgeiſtern wach - te bey Kronhelm das Andenken an Thereſen auch wieder lebhafter auf; er nahm ein Glas; ſtand auf; brachte Thereſens Geſundheit aus; und trank; und Thraͤnentropfen fielen ihm in den Wein. Alle475 Hinderniſſe, ſie jemals zu erhalten, ſchwanden vor ihm weg. Er fuͤhlte ſich zu allem ſtark, und ſagte, kein Menſch ſolle ſie ihm rauben. P. Philipp hatte ſich dieſer Wendung nicht verſehen; er war geſinnt geweſen, ihm noch etwas Lehren auf den Weg zu geben, ſich in ſein Schickſal zu finden, und nach und nach ihr Bild aus ſeinem Herzen zu entfernen; aber er ſah wohl, daß dieſes jetzt uͤbel angebracht ſeyn, und ſeine Leidenſchaft mehr erhiz - zen wuͤrde; er beſchloß alſo, ihm lieber davon zu ſchreiben, da ohnedieß Brieſe mehr Eindruck ma - chen, als Reden, weil man ſie oͤfter leſen, und die darin enthaltenen Ermahnungen mehr uͤberdenken kann. Er bat Kronhelm, ihm zuweilen zu ſchrei - ben, und verſprach, es auch zu thun. Kronhelm nahm dieſen Antrag mit Freuden und Dankbar - keit an. — Um zehn Uhr nahmen ſie von einan - der Abſchied. Beyde ſprachen wenig, weil Thraͤ - nen ihre Reden erſtickten. Gott ſey mit dir, mein Sohn! ſagte Philipp, und umarmte Kronhelm. Dieſer ſah ſeinen Freund und Lehrer noch einmal an, druͤckte ihm mit unausſprechlicher Empfindung die Hand, und gieng mit Siegwart ſchweigend weg. — Als er auf ſein Zimmer kam, ſtand er ans Fenſter, ſah ſtillſchweigend den Mond, und476 die Donau, die in ſeinem Glanz dahin tanzte; und uͤberdachte alle das Gute, was er hier im Kloſter, beſonders von ſeinem lieben P. Philipp genoſſen hatte. Siegwart ſtand am andern Fen - ſter, und weinte. Endlich fieng Kronhelm ſchwei - gend an, das noch noͤthige zu packen. Siegwart half ihm. Es lag noch ein Buch auf dem Tiſch. Willſt du das nicht auch einpacken? ſagte Sieg - wart. Nein, es gehoͤrt dir, ſagte Kronhelm, nimms zum Andenken! — Siegwart ſchlug es auf. Es waren Geßners Jdyllen. Vorne ſtand drinn:
Als dieß Siegwart geleſen hatte, druͤckte er ſei - nen Freund mit heftiger Bewegung an ſein Herz, und weinte. O es muß dir wohl gehen; ſagte477 er. Bleib nur ſtandhaft, und verzag nicht! — Dank dir, Lieber! fuͤr das Andenken! Aber ſter - ben muſt du nicht! Schon dich, Lieber! Glaub, es kann dir nicht ungluͤcklich gehen. — Jch will dulden, ſagte Kronhelm, ſchreibs auch Thereſen, daß ſie dulde! Hoͤr! Jch kann dirs nicht ver - ſchweigen, was ich vorhab! Jch fahre durch dein Dorf. Es iſt nur zwo Stunden Umweg. Viel - leicht ſeh ich meinen Engel, und werd auf Jahre lang geſtaͤrkt! Um Gottes und Maria willen, nicht! ſagte Siegwart. Willſt du ſie und dich ganz ungluͤcklich machen? Jhr wuͤrdet wieder dop - pelt leiden, wenn ihr aufs neu einander ſaͤhet. Und wenns meine Schwaͤgerin erfaͤhrt, und ſchreibts deinem Vater? Auch meinem Vater wuͤrd es ſehr mißfallen. Thu’s um Gottes wil - len nicht! — Nein, ich wills nicht thun, ſag - te Kronhelm weinend. Es war nur ſo ein Ein - fall, der mir erſt geſtern Abend kam. Du haſt Recht; ich kanns nicht thun. Gruͤß den Engel! Segn’ ihn tauſendmal in meinem Namen! Schreib ihm: Sey getreu bis an das Ende! Hier brach ihm wieder das Herz, daß er nicht weiter ſpre - chen konnte. — Siegwart uͤberredete hierauf ſeinen Freund, ſich drey oder vier Stunden nie -478 derzulegen; denn um fuͤnf Uhr war der Mieth - kutſcher beſtellt, der ihn nach Jngolſtadt fuͤhren ſollte. Anfangs wollt es Kronhelm nicht thun, weil er doch nicht ſchlafen koͤnne; aber endlich gab er ſeines Freundes Bitten nach. Siegwart ſah indeſſen die vom Monde blaßerhellte Gegend, war voll tiefer Wehmuth, und ſchrieb in ihr dieſe Ver - ſe nieder:
Siegwart ſchrieb das Gedicht unter Thraͤnen ab, und legte es auf den Tiſch, hierauf las er etwas im Geßner. Um vier Uhr wachte Kronhelm wie - der auf. Einigemal gieng er ſchweigend im Zim - mer auf und ab. Das Gedicht fiel ihm in die Au - gen, er las es, und ſank an die Bruſt ſeines Freun - des. Wie kann ich dir dafuͤr danken, Xaver? ſagte er. Nimms zum Andenken! antwortete Siegwart; ich hab nichts beſſers. Sey ſtandhaft, Lieber! Jn einem Jahr bin ich wieder bey dir. Dann ſolls beſſer mit dir ſtehen, hoff ich. — Ach, wie kann das? ſagte Kronhelm. Wenn du nur gleich mit mir reiſteſt! Wie werd ich das allein aus - halten koͤnnen? Gruͤß mir Thereſen! Segne ſie480 tauſendmal! Sag ihr, daß ich ewig ihr gehoͤre, wenn ich ſie auch niemals wiederſehe! Sprich ihr Muth ein und Geduld! — Wie viel iſt die Glocke? Jch werd wohl bald fort muͤſſen? Siegwart ſagte, daß es noch eine halbe oder dreyviertel Stunden anſtehen koͤnne. — Sie giengen mit einander auf und ab; und ſprachen wenig. Endlich kam der Thorwart, und ſagte, der Fuhrmann ſey da. Nun leb wohl, Liebſter, Beſter! ſagte Kronhelm, und um - armte Xavern. Vergiß mich nicht! Schreib mir oft! Sie hiengen lang an einander, und ſprachen nichts. Als ſie an P. Philipps Zimmer vorbey - giengen, ſagte Kronhelm: Gruͤß mir den lieben Mann tauſendmal! Segn’ ihn tauſendmal fuͤr alle ſeine Liebe! — An der Kutſche umarmten ſie ſich noch einmal und ſchieden.
Siegwart eilte auf ſein Zimmer zuruͤck, um ſei - nem Schmerz freyen Lauf zu laſſen. Er konnte ſich kaum maͤſſigen, rang die Haͤnde, ſprach und weinte laut. Endlich warf er ſich auf ſeine Knie nieder: Gott, du Vater aller! Segn’ ihn! Troͤſt ihn! Staͤrk ihn! Er iſt der edelſte, der beſte Menſch. Segn’ ihn! Staͤrk ihn! Troͤſt ihn! Jhn und mei - ne Schweſter! Mach die beyden gluͤcklich! Ach, be - lohn ihm alle Freundſchaft, die er mir erwieſen hat! 481Vergib mir alle Kraͤnkungen, die ich ihm vielleicht, wider Willen, anthat! Gott, vergib mir ſie, und ſegn’ ihn! — O mein Freund, du Theurer! War - um muſt du mich verlaſſen? Gib mir ihn bald wie - der, Gott! Laß mich ihn bald wieder ſehen! — Endlich warf ſich Siegwart, vom Wachen und vom Schmerz ermuͤdet, in den Kleidern aufs Bette, um noch ein paar Stunden zu ſchlafen.
Den andern Tag war die ganze Welt ihm oͤde, und ein unausfuͤllbares Leere war in ſeinem Her - zen. Er vermißte ſeinen Kronhelm immer, und wollte alle Augenblick mit ihm reden. Des Abends vergaß er ſich oft ſelbſt, und dachte, ſo oft er je - mand auf dem Gang vor ſeinem Zimmer gehen hoͤrte, ſein Freund komme nun. Dann ſah er ſei - nen Jrrthum; es fiel ihm ein, daß er ferne ſey, und ſeine Wehmuth erwachte ſtaͤrker. Er gieng auf P. Philipps Zimmer, um ihm das letzte Le - bewohl ſeines Freundes zu ſagen; die beyden bra - chen in ſein Lob aus, erzaͤhlten alles, was an ihm vortreflich war, mit Lebhaftigkeit nach einander her, und bedaurten dann gemeinſchaftlich ihren Verluſt. Siegwart zeigte dem Pater den Geßner, den ihm ſein Freund geſchenkt, und was er vorne hinein ge - ſchtieben hatte. — Jch bedaure den armen Kron -482 helm, ſagte Philipp! Er hat von der Liebe ganz unendlich viel gelitten. Er iſt ganz veraͤndert, und ſo ungeſtuͤm und heftig geworden. Man ſieht, daß er doch vieles von ſeines Vaters Temperament ha - ben muß. Seine Einbildungskraft, die ſonſt zu ſchlummern ſchien, iſt ſchrecklich aufgewacht. Das traurigſte iſt, daß er alles ſo tief fuͤhlt, und ſo feſt in ſeinem Herzen verſchlieſt. Die Liebe hat ihm eine tiefe Wunde geſchlagen, und ich fuͤrchte, daß ſie eher nicht, als durch den Beſitz Thereſens geheilt werden wird; aber dieſes iſt ſo weitausſehend und unwahrſcheinlich, daß er vorher druͤber zu Grund gehen kann. — Ja, und meine Schweſter kanns auch, ſagte Siegwart. Das arme Maͤdchen leidet ſo viel. Alles, was ſie ſchreibt, iſt ſo duͤſter und ſchwermuͤthig. Und dann ſchrieb ſie mir auch neu - lich, daß ſie kraͤnkle und den Tod hoffe. Jch durf - te das Kronhelm nicht ſagen; er wuͤrde mit ihr ſterben. Ach, die Liebe iſt was fuͤrchterliches, ſagte Philipp. Sie verzehrt die edelſten und beſten See - len. Unter hundert Juͤnglingen und Maͤdchen, welche ſterben, wuͤrde man immer, wenn man ihre Krankengeſchichten wuͤßte, zehen finden, die die Lie - be getoͤdtet, oder doch um etliche Jahre dem Grabe naͤher gebracht hat. Huͤt er ſich, mein lieber Xa -483 ver! ſo viel als moͤglich, vor dem Umgang mit Frauenzimmern! Man muß vorher Vorſicht ge - brauchen. Wenn man ſchon zu lieben anfaͤngt, dann iſt alle Flucht zu ſpaͤt. Huͤt er ſich, da er, nach ſeiner Beſtimmung, nie gluͤcklich lieben kann und darf!
Siegwart gieng auch wirklich deswegen weniger zu Gruͤnbach, weil Sophie allemal aufs Zimmer kam, wenn er da war. Doch glaubte er, hier, von ſeiner Seite ſicher genug zu ſeyn, denn er fuͤhlte keine Neigung zu dem Maͤdchen, ob er ſie gleich ihrer ſittſamen Beſcheidenheit, und ihrer tiefen, richtigen Empfindung wegen, ſehr hochſchaͤtzte. Die Einſamkeit, ſo ſehr er ſie auch liebte, war ihm doch zuweilen unertraͤglich, weil ſie ihn oft gar zu leb - haft und zu traurig an ſeinen Kronhelm erinner - te; und die Liebe zur Muſik, die er jetzt allein we - nig treiben konnte, rief ihn manchen Abend zu Gruͤn - bach. Sophie ſaß oft ganze Stunden lang in einem Winkel da, hoͤrte ihnen zu, und ward im Jnnerſten bewegt. Siegwart ſchrieb das der Muſik zu, was die Liebe bey ihr that. Doch war ſie dabey ſo aͤngſtlich und zuruͤckhaltend, daß ſie ihm nie einen deutlichen und redenden Beweis ihrer Liebe gab. Sie litt in der Stille, verzehrte ſich in ſich ſelbſt,484 und vertraute ihre Seufzer und Thraͤnen nur der Einſamkeit. Sie erlaubte ſich nur ſelten einen Blick auf Siegwart, und zog ihn gleich wieder erſchrocken zuruͤck, wenn er ſie anſah. Er ſelbſt war in der Liebe noch zu unerfahren, als daß ers haͤtte mer - ken ſollen. Wenn ſie am Klavier ſpielte und ſang, ſo bebte ihre Stimme, weil ſie ſich durch zu vielen Ausdruck zu verrathen fuͤrchtete. Zuweilen war ihr Ton ſo wehmuͤthig und ſchmelzend, daß Sieg - wart innigſt dadurch geruͤhrt wurde, und da glaubte ſie, er ſey gegen ſie nicht ganz gleichguͤltig; und dieß naͤhrte ihre Liebe.
Acht oder zehen Tage nach Kronhelms Abreiſe bekam Siegwart folgenden Brief von ihm:
Frag mich nicht, wie ich lebe? Dein eignes Herz muß Dir antworten: bang und elend. O Lieber! was iſt doch des Menſchen Leben? Schon ſo elend oft im Arm des Freundes! Was iſts ohne Freund? Wenn ich nicht eine Religion haͤtte, die mich dul - den lehrte, weil ſie dem Dulder Kronen zeigt, ſo ſucht’ ich einen Ausweg. — Dank Dir fuͤr Dei - nen lieben Vers, den ich hundertmal auf dem Weg hieher wiederholte:485
Jch wuͤrde hier in Jngolſtadt unzufrieden ſeyn, wenn ich auch ein geſunderes Herz mitgebracht haͤt - te. Die Lage des Orts iſt verdruͤßlich und ber - gicht. Jn der Stadt ſind lauter Miſthaufen. Wir ſind bisher immer in ſtinkende und ungeſunde Ne - bel eingehuͤllt geweſen. Man ſoll leicht Krankhei - ten davon kriegen. Das waͤre noch das beſte, wenn mich eine ſuchen, und es enden mit mir wollte! Aber man ſagt, der Tod ſey der Ungluͤckli - chen Freund nicht. Die Geſellſchaften unter den Studenten hier ſind ekel, elend und mehr als ein - ſchlaͤfernd. Die Leute koͤnnen kaum deutſch. Er - baͤrmliches Kuͤchenlatein wird uͤberall geſprochen. Laß dichs ja nicht merken, wenn Du hier biſt, daß Du deutſche Verſe, noch weniger von einem Pro - teſtanten leſeſt. Dieß waͤre ſchon genug, Dich laͤ - cherlich zu machen, und zum Ketzer. Jch waͤre bald um meine deutſche Buͤcher und um meinen Klopſtock gekommen. Ein Student, der mich be - ſuchte, ſah, daß vorn’ auf dem Titel: Halle ſtand. Das iſt ja wohl bey den Ketzern, ſagte er. Ja, antwortete ich, Halle iſt ein proteſtantiſcher Ort im Preuſſiſchen. — So laſſen Sie ja das Buch nicht486 oͤffentlich ſehen! ſagte er ganz aͤngſtlich; das wuͤrd Jhnen gleich weggenommen werden. Man iſt hier gar ſcharf. So, ſagte ich, denket man hier ſo? und ſchnitt das Titelblatt heraus; und ſo hab ichs auch mit meinen andern Buͤchern gemacht. Brauch dieſe Vorſicht auch, mein Lieber! — Du kannſt aus dieſem wenigenſehen, wies hier ausſieht? Beym alten und beym jungen Herrn von Jckſtatt hab ich Aufwartung gemacht; das ſind noch Leute, die bil - lig und vernuͤnftig denken. Aber der junge Herr hat auch auf einer reformirten Univerſitaͤt, ich denk, in Marpurg ſtudirt.
Wann nur Du hier waͤreſt, Lieber! dann waͤr mir jeder Ort noch ertraͤglich; aber ſo kann ichs kaum aushalten. Jch irre allein auf den Bergen herum, ſpreche mit mir ſelber laut, und wein’ um Thereſen und uͤber mein Schickſal. Was macht der Engel? Das wollt ich Dich zuerſt fragen. Jch hab ihren Namen in Buchen eingeſchnitten und in Felſen geritzt an der Donau. Schreib ihr, daß ich dulde, und getreu ſey! — Jch ſah den Himmel, der ihr Dorf umzieht, und weinte. Damals konnt ich beten; noch ſelten konnt ichs. — Mein Vater hat mir geſchrieben, und mir fuͤrchterlich gedroht. Jch lache ſeiner Drohungen. Mir kann nichts487 mehr ſchaden auf der Welt. — Vor zwey Tagen war ich etwas unpaß. Jch dachte, der Tod wuͤrde kommen, aber er wars nicht. Jch habe Thereſen geſehen im Traum, ſie hatte ein hellleuchtendes Ge - wand an, und lachte. So ſeh ich ſie nun immer vor mir. — OLieber! ich duld unausſprechlich viel; ſo allein, und ſo elend! komm doch bald! — Nicht wahr? Thereſe ſchreibt Dir nichts von mir? Warum thut ſies nicht? Bin ichs nicht werth? — O Gott, du weiſt, daß ichs bin. — Hier leg ich einen Brief bey, an den rechtſchaffnen P. Philipp. Gruͤnbach muſt Du gruͤſſen! Jch kann nicht ſchreiben. Jch bin nie ſo unthaͤtig geweſen. Zu nichts kann ich mich entſchlieſſen. — Thereſens Namen kritzl’ ich auf jedes Papier, in jeden Tiſch, und loͤſch ihn wie - der aus. Gruͤß den Engel tauſendmal, und ſchreib mir von ihm! Komm bald und hilf mir meine Lei - den tragen! Sie ſind ſchwer.
Siegwart antwortete ſeinem Freund ſogleich, und ſuchte ihn, ſo viel als moͤglich war, zu troͤſten. We - gen Thereſen ſchrieb er ihm wenig, und weiter nichts, als: ſie habe ſich nach ihm erkundigt, und488 ſcheine, nach Umſtaͤnden, ziemlich ruhig. Dieß ſchrieb er nur, um ſeinen Freund zu ſchonen. Aber im Grunde war Thereſe ſehr elend. Sie hatte ihm kuͤrzlich, in Abſicht auf Kronhelm, folgendes geſchrieben:
— Jch kann Jhn nicht vergeſſen. Tag und Nacht ſchwebt er mir vor Augen: Das Andenken an die ſeligſten von allen Tagen quaͤlt mich ganze Naͤchte durch, und raubt mir den Schlaf, die ein - zige Wohlthat, die der Leidende hienieden bat. Jch fuͤhls durch mein ganzes Weſen, daß nur Er, der Einzige, mich meiner Qual entreiſſen, und mich wieder gluͤcklich machen koͤnnte. Aber ich kann und will ihn nicht beſitzen! Jch wuͤrde ſeine Hand aus - ſchlagen, wenn er ſie mir heut anboͤte, denn er ſoll durch mich nicht auf ſein ganzes Leben ungluͤcklich werden. Jch weis, ſein Vater und ſeine Verwand - ten wuͤrden ihn durch Spott und Verachtung zu Tode quaͤlen. Jch waͤr eine Schlange an ſeinem Buſen, die er mit ſeinem eignen Leben naͤhrte. Schreib ihm, aber nicht gerade zu, daß er alle Hofnung aufgiebt! Jch will nie die Seinige wer - den! Er ſoll mich vergeſſen! Gott! wie iſt das Wort ſo hart! Aber ſchreib ihms doch! Vielleicht thut ers, und das wollt ich, denn es wuͤrd mich489 toͤdten… Unſer redlicher Vater leidet mit mir, und zehrt ſich ab. Das iſt mein groͤſter Schmerz. — Jch verberg ihm meine Qual, ſo viel ich kann; Schlieſſe ſie in meinen Buſen ein, und ich fuͤhls, daß ſie ſchon mein Herz angefreſſen hat. Es wird bald brechen. Wuͤnſch mir Gluͤck dazu, Bruder! Es iſt Wohlthat. — Jch leid’ jetzt doppelt. Jn - nerlich tobt verzehrende Glut, und auſſen kalte, ſpoͤttiſche Verhoͤhnung. Salome iſt hier, und bringt unſre Schwaͤgerin, die wieder aus dem Wochenbett aufgeſtanden iſt, taͤglich ins Haus. Da hoͤr ich nichts als Spoͤttereyen und muß dazu ſchweigen. Das kraͤnkt mehr als alles! Und doch unterſtuͤtzt mich Gott! Jch hab oft heitre Stunden, kann ſogar zuweilen hoffen, aber freylich nur wie Abadonna, auf Begnadi - gung. Klopſtock iſt auch ein Freund der Leiden - den; er erquickt mich oft. Nun kann ich ihn erſt ganz ſchaͤtzen. Denn im Leiden ſieht man, was ein Freund iſt; und das iſt er uͤber alle Maaßen, Gott und Er! — Auch Hauptmann Northern bedauert mich, und der alte Pfarrer. Northern meynt, Kronhelm ſoll in ſeines Koͤnigs Dienſte treten, und mich mitnehmen. Er will ihn em -J i490pfehlen. Aber ich wills nicht, obs gleich Troſt waͤre. Kronhelm ſoll ganz gluͤcklich werden! Mit mir kann ers nicht. Jch beſchwoͤre dich bey allen Heiligen, Bruder! ſag ihm nicht ein Wort davon! Gruͤß ihn nicht von mir! Er wuͤrde hoffen, und betrogene Hoffnung toͤdtet. Leb wohl, theurer Bruder! Bitt fuͤr mich um Geduld und Erloͤ - ſung!
Siegwart folgte dem Rath ſeiner Schweſter, und ſchrieb ſeinem Freund nur einzelne Worte von Thereſen. Kronhelm haͤrmte ſich daruͤber ſehr ab, und ſein innrer Gram nahm immer zu.
Der alte Gruͤnbach hatte dieſes Fruͤhjahr einen Garten gekauft, in dem ſein Sohn und Siegwart ſich ſehr viel aufhielten. Sie ſpielten nun auch die Floͤte, und brachten damit manchen ſchoͤnen Fruͤh - lingsabend hin. Sophie nahm ihre Arbeit mit hinaus, ſaß bey ihnen im Gruͤnen, hoͤrte ihrer Muſik zu, und ſang zuweilen eine Arie. Oft blieben ſie des Abends noch da; ſpielten im Mond - ſchein; die Nachtigall ſang dazwiſchen; und Sophie weinte. Oft lud ſie auch die ſtille Nacht zu ver - traulichen und halb melancholiſchen Geſpraͤchen ein. Sie unterhielten ſich ſehr oft von Kronhelm. So - phie hatte ſeine tiefe Traurigkeit vom erſten Augen -491 blick an bemerkt, und ſogleich die Urſache davon er - rathen. Denn die Liebe macht ſcharfſichtig; und Liebende erkennen ſich, ſo wie edle Seelen, meh - rentheils beym erſten Anblick. Sie fuͤhlte tiefes, inniges Mitleid mit ihm; dieſes lehrt die Liebe.
Kronhelm muß recht ungluͤcklich ſeyn, fieng der junge Gruͤnbach einmal an; ſeine Briefe ſind ſo duͤſter. Jch moͤchte wohl wiſſen, was ihm fehlt? — Siegwart war auſſerordentlich gewiſſenhaft in der Freundſchaft. Er glaubte ſeinen Freund zu beleidigen, wenn er eine Sache, um die er gefragt wuͤrde, verſchwiege, oder ſie nicht zu wiſſen, vorgaͤ - be. Dieß machte ihn, ſobald er mit einem Freund allein war, ſehr offenherzig; wozu noch ſeine edle Denkungsart kam, die ihn von den meiſten gut den - ken, und faſt jeden nach ſich beurtheilen lehrte. Er war alſo auch dießmal auf Gruͤnbachs Frage ziem - lich offenherzig, und ſagte: Jch fuͤrchte, daß der ar - me Kronhelm ungluͤcklich liebt; er ließ mich eini - gemal etwas davon merken. — Dann bedaur ich ihn von Herzen, ſagte Sophie, und ſuchte bey die - ſen Worten einen Seufzer zu unterdruͤcken. — Weichherziges Geſchoͤpf! ſagte Gruͤnbach.
Siegwart. Wie, Bruder? — Das iſt doch kein Tadel?
492Gruͤnbach. Tadel nicht. Aber es ſteht doch auch nicht fein, gleich ſo weinerlich zu thun. — Freylich, Maͤdchen muß man das verzeihen. —
Siegwart. Ja, wenn Mitleid Fehler iſt. Aber ich halts fuͤr einen Vorzug des weiblichen Ge - ſchlechts. Wir thun oft ſo hart und rauh; und doch wuͤrden wirs einem Freund uͤbel auslegen, der nicht Antheil dran naͤhme, wenn uns ein Ungluͤck, oder eine Krankheit zuſtoͤßt.
Sophie. Jch will mich meines Mitleids eben nicht ruͤhmen, denn man iſt immer etwas eigen - nuͤtzig dabey, weil man ſelbſt Vergnuͤgen daruͤber fuͤhlt, und ſich beym Mitleid wohlgefaͤllt; aber ich halte dieſes Gefuͤhl fuͤr eine Wohlthat Gottes; und einen ungluͤcklich Liebenden zu bedauren, halt ich fuͤr die erſte Pflicht, weil ſein Leiden wirklich groß ſeyn muß.
Siegwart. Ja, gewiß groß, Jungfer Sophie! Jch habs bey meinem Freund erfahren. — Ach, wenn er ſo des Abends bey mir ſaß im Mondſchein, oder in der Daͤmmerung; mir meine Hand druͤck - te, und dann ſchwer aufſeufzte, da fuͤhlt ichs ganz, welche Qual in ihm toben mußte.
493Gruͤnbach. Ja das ſind ſo Empfindungen, die man zuweilen hat; aber Kronhelm ſollte ſelbſt mehr Mann ſeyn.
Siegwart. Mann ſeyn? Haͤltſt du Liebe gar fuͤr eine Schwachheit? Jch liebe ſelbſt nicht, Gruͤn - bach! Wuͤnſch auch nie zu lieben; aber das weis ich, daß die edelſten und groͤßten Menſchen auch geliebt haben.
Gruͤnbach. Geliebt; das will ich nicht leugnen. Nur nicht klagen ſoll man, wenns nicht gehen will!
Siegwart. Als ob man nicht ſchon uͤber koͤrperli - che Leiden klagte! Und Seelenleiden ſind doch wohl noch groͤſſer. Ein vollkommenes Geſchoͤpf zu ſehen, deſſen man ſich werth fuͤhlt, und von ihm verkannt, oder misverſtanden zu werden, das muß ſchmerzen. Und noch groͤſſer muß der Schmerz ſeyn, wenn man gekannt, verſtanden und geliebt wird; wenn man fuͤhlt, daß man im Beſitz dieſes Geſchoͤpfes das ſeligſte Leben koſten koͤnnte, und nun macht uns Vorurtheil, oder unnatuͤrliches Verhaͤltniß in der Welt, oder Eigenſinn der Eltern und Verwandten den Beſitz dieſer Seligkeit unmoͤglich. Jſt es da noch Schwachheit, wenn man leidet; ſeine Leiden nicht ganz verbergen kann, und zuweilen in unge - duldige Klagen ausbricht? Kronhelm hat ſonſt ge -494 wiß maͤnnliches genug! Aber ich glaube, je zarter und richtiger und tiefer einer fuͤhlt, und je mehr er ſeinen eignen Werth kennt, deſto mehr muß ihn un - gluͤckliche, verſchmaͤhte, oder durch Lumpenumſtaͤnde zernichtete Liebe kraͤnken. — Nein! ich bedaure meinen Freund im Jnnerſten der Seele, und ſchaͤtz ihn nur noch hoͤher, ſeit ich geſehen habe, wie er mit ſich ſelbſt ringt, und doch ſeinen Schmerz ſo bekaͤmpft, daß er niemals ganz verzagt.
Sophie. Hat denn der Herr von Kronhelm gar keine Hofnung, daß er in ſeiner Liebe jemals gluͤcklich werden wird?
Siegwart. Wenig, oder keine, Jungfer Sophie!
Sophie. Das iſt traurig! Wenn ich an ſeiner Stelle waͤr, ich gieng ins Kloſter. Ueberhaupt halt ich viel vom Kloſterleben. Man kann da all ſein Leid in der Stille ſo verſeufzen, und wird von Men - ſchen nicht geſtoͤrt. Die Einſamkeit iſt des Men - ſchen beſte Freundin, und die wohnt im Kloſter.
Siegwart. O, da haben Sie vollkommen recht, Jungfer Sophie. Ja, das Kloſterleben geht vor allem andern. Jch weis, wie es da ſo gut iſt, und kanns kaum erwarten, bis ich da bin. —
Jndem ſetzte ſich eine Nachtigall nahe bey ihnen auf einen bluͤhenden Apfelbaum, und fieng an, aus495 voller Kraft zu ſchlagen. Auf Einmal ſchwiegen die jungen Leute, horchten zu, ſahn einander oft mit Verwunderung an, und nickten ſich laͤchelnd zu, wenn die Saͤngerin mit ihren Toͤnen auf den hoͤch - ſten Gipfel ſtieg, dann wieder langſam und weh - klagend ihren Ton herabſenkte. Oft druͤckte ſie die ganze Sehnſucht und das Schmachten aus, mit dem Sophiens Seele an Siegwarts ſeiner hieng. Das arme Maͤdchen mußte weggehn, und weinen, Sie gieng einen Heckengang hinauf, und blieb alle Augenblicke ſtehen. Siegwart kam durch einen an - dern Weg, oben in den Gang herunter. Er ſtand auch ſtill, und hoͤrte den Geſang der Nachtigall, die nun nahe bey ihm auf den Zweigen ſaß. Dann gieng er allmaͤhlig auf Sophien zu, nahm ſie in der Entzuͤckung bey der Hand. Ach, Sophie, ſagte er, das iſt himmliſch! Sie ſind auch bewegt. Es geht ihnen wohl wie mir; ich denk immer an ei - nen ſolchen Abend, wenn die Nachtigall ſo ſingt, und die Sterne hell blinken, an Perſonen, die ich liebe, oder an Verſtorbne. Ach das Bild mei - ner Mutter ſchwebt halbſichtbar um mich her, und ich preiſe ſie ſelig, daß ſie ſchon bey Gott iſt. — Auch ich, ſagte Sophie, denk an See - len, die ich liebe. Verzeihn ſie, daß ich ſo bewegt496 bin! Ach, ich hatt einſt eine Schweſter, die iſt nun bey Gott. Die war mein Alles, meine innigſte, vertrauteſte Freundin. Sie ſtarb in meinem Arm; ach, wenn ich nur ſchon bey ihr waͤre! Sie iſt gluͤcklich, uͤber alles gluͤcklich! Und auf Erden kann mans nicht ſeyn. — Hier ſah ſie unſern Siegwart mit einer Wehmuth an, die ihm durchs Herz drang. Wir werdens auch einſt; ſagte er; druͤckte ihr, ohne daß ers wußte, die Hand, und wiſchte ſich die Augen. Sophie blickte auf die Seite, und Thraͤnen fielen aufs junge Gras.
Seit dieſem Abend ward Sophie immer duͤſtrer und ſchwermuͤthiger. Die Worte Siegwarts: Jch liebe ſelbſt nicht; wuͤnſch auch nie zu lieben waren wie ein Dolch in ihre Seele gedrungen. Sie hatt’ es bisher nur halb geglaubt, daß er in ein Kloſter gehen wolle; nun hatte ſie’s aus ſeinem eignen Mun - de gehoͤrt. — Alle Hofnung war nunmehr fuͤr ſie verſchwunden; ſie gab ſie ſelbſt auf, und nahm ſich ſehr in Acht, ihn zu ſehen. Ganze Tage lang war ſie auf ihrem Zimmer eingeſchloſſen, ſeufzte, betete, ſtickte traurige Geſchichten auf die Leinwand, oder verlohr ſich in wehmuͤthigen und ſchwaͤrmeriſchen Phantaſien am Klavier. Oft ſchrieb ſie auf ein Papier, das ſie ſorgfaͤltig verſchloß. Alle Morgen497 gieng ſie ins Frauenkloſter in die Fruͤhmeſſe, und naͤhrte da ihre Phantaſie, bey der feyerlichen Mu - ſik, die die Nonnen machten, mit Bildern von uͤber - irrdiſcher Liebe und himmliſcher Seelenfreundſchaft. Seit ſie gewiß wußte; daß Siegwart ins Kloſter gehen wuͤrde, war es auch bey ihr feſtgeſetzt, ſich einkleiden zu laſſen. Der Gedanke hatte tauſend Reiz fuͤr ſie, ſich eben ſo wie der, den ihre Seele liebte, ganz dem Himmel zu weihen; eben ſo, wie er, in der Stille, und von der Welt abgeſondert, ſich mit dem Heiland zu vermaͤhlen; und einſt als eine keuſche Braut dem, den ſie hier umſonſt liebte, als ihrem Braͤutigam entgegen zu gehen. Sie er - hitzte ihre Einbildungskraft noch mehr durch das Leſen einiger myſtiſchen und andaͤchtigſchwaͤrmeri - ſchen Buͤcher. Jhr Herz ward mit einer anſchei - nenden Verachtung der Welt erfuͤllt, die an ſich mehr Ueberdruß zu leben war, und allein von be - trogner Hofnung herruͤhrte. Wenn ſie Siegwart Einmal wieder ſah, ſo war ihre Seele wieder ganz aus ihrer Faſſung gebracht; die Welt zog ſie wieder an ſich, und ſie hatte Tage lang zu thun, bis die arbei - tende Phantaſie ſie aufs neu in den taͤuſchenden Schlummer wiegte. Oft glaubte ſie, ganz ruhig und ganz gluͤcklich zu ſeyn; aber der innre Gram ver -498 ſchmaͤhter Liebe nagte unſichtbar an ihrem Leben; ihre Kraͤfte verzehrten ſich allmaͤhlig: ihre Wangen bleichten ab; ihre Augen verlohren das lebhafte Feuer, und die zarte Pflanze welkte hin. Jhr Va - ter und ihre Mutter merkten endlich die Veraͤnde - rung, und wurden ſehr bekuͤmmert druͤber. Sie drangen oft mit Bitten in ſie, ihnen die Urſache ihres Kummers zu entdecken, aber Sophie ant - wortete nur mit Thraͤnen, gab die Urſach ihrer Krankheit fuͤr eine natuͤrliche Auszehrung aus, und entdeckte ihren Eltern den Wunſch, den Reſt ih - res Lebens im Kloſter zubringen zu koͤnnen. Die Eltern wollten lange nicht daran, weil dadurch alle die ſchoͤnen Hofnungen vereitelt wurden, die ſie ſich einſt von ihrer Tochter verſprachen, aber endlich gaben ſie nach, weil ihr Beichtvater, dem Sophie ihren Wunſch anvertraut hatte, auch ſehr daran ar - beitete, und es ihnen zur Gewiſſensſache machte, wenn ſie ihre Tochter von einem ſo heilſamen Ent - ſchluß abhielten, und Gott und dem Himmel eine Seele zu ſtehlen ſuchten. Sophie erhielt endlich die Erlaubnis von ihren Eltern, auf Michaelis das Noviziat bey den Nonnen anzutreten.
Siegwart erzaͤhlte das alles ſeinem P. Phi - lipp, der ſogleich die Urſache von Sophiens trau -499 rigem Zuſtand errieth. Er ſuchte daher Xavern ſo viel als moͤglich abzuhalten, daß er nicht viel in Gruͤnbachs Haus oder Garten gieng, weil er ver - muthete, Sophie wuͤrde mehr leiden, je oͤfter ſie ihn ſaͤhe. Daher lud er den jungen Gruͤnbach oͤf - ters zu ſich, oder gieng mit den beyden Juͤnglingen ſpatzieren, und machte Anſtalt, daß der junge Pa - ter oft im Kloſter ein Konzert anſtellte, damit ſie doch die Muſik forttreiben koͤnnten. — Um dieſe Zeit ſtarb P. Johann ploͤtzlich. Man traf ihn Mor - gens mit gefalteten Haͤnden in ſeinem Bette todt an. Der gute Mann ward allgemein bedauert; am mei - ſten aber von P. Philipp und von Siegwart. Bey - de giengen mit ſeiner Leiche auf den Kirchhof, ſahn den Redlichen in die Ruheſtaͤtte legen, und ſegne - ten ſein Andenken mit tauſend Thraͤnen. P. Hya - cinth ward nun an ſeine Stelle zum Lehrer der The - ologie ernannt, und nun ſah Siegwart den Unter - ſchied erſt recht zwiſchen einem redlichen Mann, der die Lehren der Religion aus Ueberzeugung und mit Waͤrme, weil er ihre Kraft ſelbſt ſo oft an ſich gefuͤhlt hat, andern vortraͤgt; und zwiſchen einem Eiferer, der den Religionsunterricht als Handwerk anſieht, und ſein Gedaͤchtnis blos mit Worten oh - ne Saft und Kraft, und mit der Geſchichte von500 nichtswuͤrdigen Streitigkeiten und Zaͤnkereyen an - gefuͤllt hat. Dieſer trockne und muͤrriſche Mann entleidete unſerm Siegwart, der nur Leben und Waͤrme, beſonders in der Religion ſuchte, den Auf - enthalt auf dem Kloſter ziemlich. Er ſehnte ſich nach ſeinem lieben Kronhelm, der ihm viele, aber immer die klaͤglichſten und ſchwermuͤthigſten Brie - fe ſchrieb, und ihn aufs herzlichſte bat, ja recht bald nach Jngolſtadt zu kommen!
Thereſe ſchrieb ihm auch noch immer traurig, aber doch gelaſſen. Jhr Schmerz daurte zwar be - ſtaͤndig fort, aber ſie gewoͤhnte ſich nach und nach daran, und klagte weniger. Ungefaͤhr in der Mit - te des Sommers ließ ſie ihren Bruder einmal drey Wochen lang auf Briefe warten. Er ward ver - druͤßlich druͤber, und konnte ſich die Urſache ihres Schweigens nicht erklaͤren. Als er an einem Sonnabend wieder einmal vergeblich gewartet hat - te, ſo ſchlug ihm P. Philipp auf den Nachmittag einen Spatziergang vor. Sie giengen zwiſchen den Kornfeldern hin, und ein Bettelbube bat ſie wei - nend um ein Allmoſen. Ach, liebe geiſtliche Herren, ſagt’ er, mir iſt ſo gar uͤbel g’fehlt! Vor drey Ta - gen iſt mein Vater g’ſtorben, und nun hab ich kei - nen Menſchen auf der Welt mehr. Siegwart griff501 hurtig in die Taſchen, gab ihm reichlich, und ſag - te dann zu P. Philipp: Lieber Gott! was iſt das traurig, wenn man ſich an gar keinen Menſchen auf der Welt halten kann!
P. Philipp. Ja wohl hat man Gott zu danken, wenn man ſeine Eltern und Verwandte hat; man kann nie genug thun, um ihnen das Leben ange - nehm zu machen und ſie nicht zu kraͤnken.
Siegwart. Das hab ich auch immer bey mei - nem Vater gedacht. Ach, ich wuͤſte nicht, was ich anfangen ſollte, wenn er ſtuͤrbe.
P. Philipp. Und doch muͤſt Er Gott danken, daß er ihn Jhm ſo lang erhalten hat. Er hat doch ſeine Erziehung ganz genoſſen, und kann ſich ſchon eher ſich ſelbſt auf der Welt fort bringen.
Siegwart. Das wohl, Gottlob! Aber es waͤr doch fuͤr mich das groͤſte Ungluͤck!
P. Philipp. Und doch muß Ers mit Gelaſſen - heit annehmen, die Nachricht moͤchte heut oder morgen kommen. Sein Herr Vater kann doch nicht ſo jung mehr ſeyn?
Siegwart. Neun und funfzig, glaub ich, wird er auf den Herbſt alt werden.
P. Philipp. Sieht Er, das iſt doch ſchon ein Al - ter, bey dem man ein bischen Sorge haben kann. 502Mach Er ſich auf alle Faͤlle gefaßt! Es koͤnnte bald eine ſchlimme Nachricht einlaufen.
Siegwart. (Sah den Pater aͤngſtlich an) Herr Profeſſor … ich fuͤrchte …
P. Philipp. Ach, mein lieber Siegwart! Es thut mir leid .. aber ich muß ihms ſagen …
Siegwart. Was! Jſt er todt? Gott im Himmel! —
P. Philipp. Todt nicht, mein Lieber! Aber …
Siegwart. Aber krank! … Ja, ſagen Sies nur! Jch ſehs Jhnen an.
P. Philipp. Nur gelaſſen! Und bedenk Er, daß Er ein Chriſt iſt! Jch hab wuͤrklich heute Nach - richt bekommen, daß ſein Vater gar nicht wohl iſt.
Siegwart. Lieber, lieber Gott! — Ach das iſt ja ſchroͤcklich! Wie wird mirs gehn?
P. Philipp. Jch hab ihn ſchon gebeten, etwas gelaſſener zu ſeyn. Vielleicht iſt noch Hofnung da.
Siegwart. Ja damit wirds wohl vorbey ſeyn!
P. Philipp. Das weiß er ja noch nicht. Er weiß noch keine Umſtaͤnde. Wenn er ſich erſt etwas ge - ſaßt hat, ſo will ich ihm einen Brief geben.
Siegwart. O ich bin ſchon gefaßt! Lieber Herr Pater! Geben Sie mir nur den Brief her!
503P. Philipp. Er iſt ſchon gefaßt? — Hoͤr er mich erſt an! Seine Schweſter hat mir geſchrieben, und mich himmelhoch gebeten, ihm erſt Muth ein - zuſprechen. Jch glaub, er iſt nun vorbereitet. Sieht er, ſein Vater iſt ſchnell krank geworden; es ſieht mislich mit ihm aus; aber man kann noch nichts gewiſſes wiſſen; der Arzt iſt erſt aus der Stadt ge - holt worden. Halt Er ſich an Gott; es mag gehen, wie es will! Bedenk er, daß es Gott noch nie boͤs mit ihm gemeynt hat! — Da kann er nun den Brief ſelber leſen.
Siegwart las ein kleines Briefchen von There - ſen hurtig und zitternd durch; die Thraͤnen ſtuͤrzten ihm aus den Augen; er ſteckte es ſchweigend ein. — Das iſt fuͤrchterlich! ſagte er nach einer langen Pau - ſe; Gott ſteh mir bey, und helf mirs tragen! Jch hab mir tauſendmal gewuͤnſcht, eher zu ſterben, als mein Vater, um den Schmerz nicht zu erleben; und nun kommts doch —
P. Philipp. Seiner Zaͤrtlichkeit und kindlichen Liebe macht das ſehr viel Ehre, mein lieber, bra - ver Xaver! Aber denk er nur, wenn all unſre Wuͤnſche erſuͤllt wuͤrden, zumal ſolche …
Siegwart. Jſt der Wunſch etwa ungerecht? —
504P. Philipp. Mir deuchts ſo. Wenn alle Soͤh - ne vor den Vaͤtern ſtuͤrben, wo kaͤm eine Nachwelt her? Der Menſch muß ſich in einer Welt, die der Veraͤnderung ſo unterworfen iſt, im Voraus und in frohen Tagen auf alles Widrige gefaßt machen. Jch fuͤrchte, daß ihm bey ſeinem gefuͤhlvollen Her - zen noch groͤſſere Pruͤfungen und Leiden bevor - ſtehen.
Siegwart. Groͤßre Leiden kanns nicht geben, wie dieſes iſt! …
P. Philipp. So muß er jezt auch denken. Aber alles kommt auf die Lage an, in der uns ein Lei - den trift; je, nachdem wir geſtimmt ſind; nach - dem’s eine Saite unſers Herzens trift. Jch tadl’ ihn gar nicht, daß er jezt ſo niedergeſchlagen iſt. Der Tod ſeines Vaters bleibt fuͤr ihn immer ein Ungluͤck.
Siegwart. Ja wohl! und das groͤſte, denk ich! — Groſſer Gott! Einen ſolchen Vater zu verlieren! … Und wenns auch moͤglich waͤr, mich dabey zu vergeſſen, wie wirds meiner Schweſter, meiner armen Schweſter gehen? (Hier weinte er heftiger.)
P. Philipp (weinte auch mit) Seiner Schwe - ſter … Auch dieſer wird Gott ſich erbarmen;505 Wird fuͤr ſie auch Troſt haben. Wir wollen fuͤr ſie beten… Ach, ich weis, wies mir gieng! Jch war in Freyburg, als mein Vater ſtarb; wir waren ſieben Waiſen. — Aber Gott hat keins von uns verlaſſen; keins! und mich am wenigſten… Faß er ſich, mein lieber Siegwart! Vielleicht hilft Gott noch… Hoff ers zu dem Vater aller Waiſen! —
Sie kehrten nun wieder nach der Stadt zuruͤck. Siegwart ſprach wenig, und ſchluchzte nur zuweilen. Der Betteljunge ſtand wieder am Wege. Da haſt du noch was, ſagte Siegwart, und gab ihm einen Sechsbaͤtzner. Jn der Stadt lief er ſogleich zum Arzt, um ſich nach ſeines Vaters Umſtaͤnden zu er - kundigen. Der Arzt zuckte die Achſeln. Es iſt ſo ſo, ſagte er. Jch ward aus dem Haus ihres Vaters auf ein andres Dorf geholt zu einem Predi - ger, und konnte die Kriſin nicht abwarten. Wir muͤſſen ſehen. Uebermorgen komm ich wieder hin - aus. O lieber Herr Doktor, ſagte Siegwart, Mor - gen! Jch bitte Sie bey allem, was heilig iſt, reiten Sie doch Morgen hinaus! Thun Sie, was ſie koͤnnen! Retten Sie, retten Sie meinen Vater! Der Doktor machte Entſchuldigungen, daß er Morgen viel zu thun habe; verſprach aber doch, gegen Abend hinaus zu rei -K k506ten. — Siegwart verſchloß ſich nun auf ſein Zim - mer; gieng auf und ab; rang die Haͤnde; fieng zu - weilen ein Gebeth an; ward vom Schmerz wieder vom Gebeth ab, in Labyrinthe hineingeriſſen, wo er keinen Ausweg ſah; nahm ein Buch; wollte le - ſen; warf es wieder weg; ſank auf die Knie; ſprang wieder auf, und fand nirgends keine Ruhe. Er gieng in den kleinen Garten am Kloſter; da erblick - te er eine hohe Sonnenroſe, die von einem Wurm angefreſſen war, und zu welken anfieng. Gott! rief er, und Thraͤnen ſchoſſen ihm in die Augen; denn er dachte ſich ſeinen Vater. Alles erinnerte ihn jetzt an den Tod; jede Blume ward fuͤr ihn ein Bild der Verweſung. — Zuweilen dachte er ſich alles Gute, was er ſeinem Vater zu verdanken hatte, und nun ſchauerte er zuruͤck, und wollte vergehen. — Die ganze Nacht ward von ihm durchweint; ſeine kurzen Schlummer waren aͤngſtlich; oft war ihms, als ob ſein Vater ihm zuliſpelte und Abſchied naͤhme, und dann fuhr er auf und aͤchzte. — Den andern Tag war er wie betaͤubt; er gieng noch ein - mal zum Doktor, und bat ihn, ja gewiß zu ſeinem Vater hinaus zu reiten. Er gab ihm ein kleines Briefchen mit an ſeinen Vater, und ein kleines an Thereſen, das er mit der heftigſten Bewegung ge -507 ſchrieben hatte; worinn er ſeinem Vater fuͤr alle ſei - ne Wohlthaten dankte, und halb Abſchied von ihm nahm. Seine Schweſter ſuchte er zu troͤſten, ob er gleich ſelbſt troſtlos war. P. Philipp gieng den Nachmittag mit ihm ſpatzieren, und floͤßte ihm durch ſeine ſanfte liebreiche Lehren, die immer mit dem zaͤrtlichſten Mitleid untermiſcht waren, eine ziemliche Gelaſſenheit und Ergebung in den goͤttli - chen Willen ein. Vorher hatte es in Siegwarts Seele ungeſtuͤm geſtuͤrmt, jetzt folgte dem Sturm ein ſanfter Regen, und ſein Schmerz goß ſich in Thraͤnen aus. Der Doktor kam den andern Tag wieder zuruͤck. Siegwart war wohl zehnmal in ſeinem Hauſe geweſen; und nun dachte er gewiß, ſein Vater ſey geſtorben, oder in den letzten Zuͤgen. Er beweinte ihn als todt. Sein Schmerz war unendlich groß, aber doch gemaͤſſigter und ruhiger, wie vorher. Die Angſt, ein theures Gut zu verlie - ren, erſchuͤttert mehr, und ſchlaͤgt die Seele ſchreck - licher danieder, als der wirkliche Verluſt des Gutes. — Der Doktor war den folgenden Morgen wie - der in die Stadt gekommen; muſte aber nach einer Stunde gleich wieder fort, eh ihn Siegwart ſpre - chen konnte. Er hatte nur die Nachricht fuͤr ihn hinterlaſſen: Er moͤchte ſich auf alles gefaßt ma -508 chen! Nun zweifelte Siegwart gar nicht mehr am Tode ſeines Vaters. P. Philipp zuckte auch die Achſeln, und hielt es fuͤr wahrſcheinlich, oder gar gewiß.
Siegwart ſetzte ſich in ſeinem ganzen Schmerz nieder, um ſeinem Kronhelm zu ſchreiben. Unter anderm ſchrieb er: Sag mehr, du ſeyſt allein un - gluͤcklich auf der Welt! Jch bins auch, mehr als du. Mein Vater — o wie kann ichs ſchreiben? — mein Vater iſt geſtorben. — Schreckliches, banges Wort! ich ſchreibe dir zum erſtenmal und mit Zittern: Jch bin — ein Vater - und Mut - terloſer Waiſe. Gott! ein Waiſe! Aber du biſt noch mein Vater! Wenn ich dich nicht haͤtte, o was waͤr ich! — Sieh, Kronhelm, ſo kanns Men - ſchen gehen. Biſt du nun allein elend? — Noch iſt der Todesbote nicht gekommen; aber Thorheit waͤr es, noch zu hoffen. Alle Umſtaͤnde predigen mir Tod. — Tod! — O du ſuͤſſes Wort. Wenns von mir auch gaͤlte! — u. ſ. w.
Den folgenden Morgen ſchrieb er wieder an eben dieſem Briefe. Man klopfte an die Thuͤr, und ein Bauer aus ſeinem Dorfe trat herein. Sieg - wart wagte es nicht, ihn zu fragen; er nahm den Brief an, gieng auf die Seite, brach ihn zitternd509 auf, konnt ihn kaum halten, und las ihn durch. — Wie erſchrack er! Es war die Handſchrift ſeines todtgeglaubten Vaters:
Du wirſt in tauſend Aengſten meinethalben ſeyn, und du hatteſt es auch Urſach. Jch war dem To - de nah, aber Gott rief mich noch einmal zuruͤck. Der Arzt verſichert mich, ich ſey jetzt auſſer aller Gefahr. Wir koͤnnen Gott nicht genug dafuͤr lo - ben; denn es waͤr mir ſchwer geweſen, unverſorgte Kinder zu verlaſſen, beſonders Dich und Thereſen. Das arme Maͤdchen hat unendlich viel an mir ge - than, und unendlich viel gelitten. Gott belohn es ihr! Sie gruͤßt Dich herzlich. Bin noch matt, und kann nicht allzuviel ſchreiben. Muß nun eine Brunnenkur brauchen. Laß Dir dieſen Zufall zur Warnung dienen, Dich nicht zu ſehr auf Men - ſchen zu verlaſſen! So lang ich lebe, thu ich fuͤr Dich, was ich kann, wenn Du brav biſt. Aber nach meinem Tode muſt Du Dir groͤſtentheils ſelbſt helfen. Leb wohl, mein liebſter Sohn! Jch bin
Nun Gott Lob und Dank! ſagte Siegwart, und wandte ſich zu dem Bauren. Ja, Herr, das war ein Schrecken, den wir hatten; ſagte dieſer. Das ganze Dorf war in Aengſten; habs mein Lebetag nicht ſo geſehen, und bin doch ſchon ein alter Mann. Alle Leut liefen in die Kirche. Wenns der Lands - herr waͤre, koͤnnts nicht aͤrger ſeyn. Aber ſo ’n Herrn kriegen wir halt nicht wieder; das ſagen alle Leut, alt und jung; wenn ſchon der junge Herr auch ein braver Herr iſt. Euer Vater hat ’s prae vor allen, das iſt nur gewiß. Wenn ich denk, was die arme Leut, und Wittwen, und Waiſen an ihm verlohren haͤtten, d’ Augen gehen mir uͤber. ’s iſt halt ’ne ſchoͤne Sach um ’n braven Mann! — und hier wiſchte ſich der ehrliche Bauer die Augen. —
Siegwart ſchrieb ein kleines Briefchen an ſeinen Vater, und gab dem Bauer ſechs Batzen. Der gutherzige Schwabe wollt’ es lang nicht nehmen. Nein, Herr! ſagte er, mit ſo einer Nachricht waͤr ich Euch bis Wien umſonſt gelaufen. ’s haͤtt mir weh gethan, wenn man’s einem andern auftragen haͤtt. Bin ſchon zwanzig Jahr ’n Tagwerker in ’s Vaters Haus; darfs nicht nehmen, warlich511 nicht! — Siegwart aber ließ nicht nach, bis er’s nahm.
Er warf ſich nun auf ſeine Knie, dankte Gott; ſchrieb etliche Worte an Kronhelm, daß ſein Vater noch lebe; und lief dann in ſeiner Freude auf P. Philipps Zimmer, der an ſeiner Freude herzlichen Antheil nahm. Thereſe ſchrieb ihm acht Tage dar - auf wieder, daß ihr Vater ſich taͤglich mehr beßre, und ſchon eine halbe Stunde in den Garten habe gehn koͤnnen. Siegwart war nun wieder wie neu - gebohren, und nahm aufs neu an allem Antheil, was um ihn vorgieng. Einmal gieng er mit Gruͤnbach in ſeinen Garten; Sophie war auch da, um ſich bey der ſchoͤnen Witterung etwas zu erho - len, weil ſie ſchon etliche Wochen ſich zu Haus auf - gehalten hatte. Sie erſchrack, als ſie unſern Sieg - wart eroͤlickte. Er erſchrack auch, denn das ſchoͤne bluͤhende Maͤdchen ſah blaß und eingefallen aus. Jn ihren Augen ſaß eine tiefe ſchweigende Schwer - muth. — Jch werd Jhnen noch zuvor kommen, ſagte ſie; auf Michaelis geh ich ſchon ins Kloſter. Werden Sie wohl auch zuweilen noch an mich den - ken? Jch werd es oft thun. — Jch warlich auch, ſagte Siegwart. Der guten Seelen ſind doch ſo wenig. Ja, ich werd oft an die Stunden denken,512 die wir am Klavier, und hier in der Daͤmmerung zubrachten. Sie waren ſo heilig und ſo ſuͤß! — Ja wohl, ſuͤß und heilig! ſagte Sophie ſeufzend. Werden Sie aber auch noch an mich denken wenn ich todt bin? — Auch da noch oft! antwortete Xaver. Jch werde dann an die Zeit denken, da wir uns begluͤckter wieder ſehen werden, an die Zeit im Himmel. O, das iſt ſuͤß und troͤſtend! ſagte das Maͤdchen. Jch werd bald im Himmel ſeyn; folgen Sie mir bald nach! — Jhr Auge glaͤnzte, als ſies ſprach, und Siegwart war auch tief bewegt.
Nun wurden wieder die Rollen zu dem kuͤnfti - gen Schuldrama ausgetheilt. Der Pater, der es machte, waͤhlte den Thomas Aquinas zum Hel - den ſeines Singſpiels, und zwar den Theil ſeines Lebens, da Thomas, wider den Wunſch ſeiner An - verwandten, und beſonders ſeiner Mutter, zu Nea - pel unter die Dominikaner geht. Der Kampf des Juͤnglings war nicht uͤbel geſchildert; da er auf der Einen Seite die zaͤrtlichen Bitten ſeiner Anver - wandten, die Thraͤnen ſeiner Mutter, die Lockſpei - ſen, die man ihm vorhaͤlt, in der Welt zu bleiben, beſonders ein ſchoͤnes junges Maͤdchen, gegen das ſein Herz nicht ganz gleichguͤltig iſt, ſieht; und auf513 der andern Seite den Ruf ins Kloſter, den er fuͤr goͤttlich haͤlt, den Traum von Verdienſtlichkeit und Heiligkeit, und alles, was eine lebhafte Einbildungs - kraft, von einem guten Herzen unterſtuͤtzt, reizendes am Kloſterleben findet. Dieſe Rolle war nun ganz fuͤr unſern Siegwart gemacht, und er bekam ſie auch, weil ſie die ſtaͤrkſte und ſchwerſte zum Singen war. Er war davon ganz bezaubert, und dachte ſich, ohne viele Muͤhe, ganz in die Rolle, und die Lage des h. Thomas hinein. Er uͤbte ſich Tag und Nacht im Singen, und taͤuſchte ſich oft dabey ſo ſehr, daß er nicht mehr Siegwart, ſondern der h. Thomas ſelbſt zu ſeyn glaubte. Unter The - reſen, die ihm auch einmal vom Kloſter abgerathen hatte, dachte er ſich die Mutter ſeines Helden, und wendete alle Umſtaͤnde genau auf ſich an. Dieſer Umſtand feſſelte ſein Herz aufs neue wieder ſo feſt ans Kloſter, daß ihm die ganze Welt zuwider und ekelhaft wurde. Oft ward er dem jungen Gruͤn - bach, der die Rolle der Mutter hatte, ganz im Ernſt boͤſe, wenn ſie ihre Arien zuſammen probirten.
Als das Stuͤck ſelbſt wirklich aufgefuͤhrt wurde, ruͤhrte er durch ſein empfindungsvolles Spiel, und ſeinen ausdruͤckenden, herzlichen Geſang faſt alle Zuſchauer, und beſonders alle Maͤdchen, bis zu Thraͤ -514 nen. Jn allen jungen Herzen ſtieg der Wunſch auf, auch ins Kloſter zu gehen. Sophie ſaß, im Jnnerſten bewegt, da; jeder Ton drang ihr ans Herz; ſie war auf dem Scheideweg zwiſchen Him - mel und Erde; hier das Kloſter, das ihr lieber Juͤngling mit aller Staͤrke der Beredſamkeit, und dem Zauber des Geſangs abſchilderte — dort die Welt und Er, der reizende und ſanfte Juͤngling ſelbſt. Jhr Herz ward zerriſſen; endlich hub die Staͤrke der Muſik ſie uͤber alles weg; und als Thomas uͤber alle Ueberredungen und Hinderniſſe ſiegte, riß auch ſie ſich von allem los, und flog in ihrem Geiſt dem Kloſter und dem Himmel zu. Drey oder vier Wochen darauf gieng ſie, ungeach - tet aller Bitten ihrer Eltern als Novize ins Klo - ſter. Den Tag vorher nahm ſie noch von Sieg - wart Abſchied. Sie hatte ein ſchneeweiſſes Kleid mit ſchwarzen Schleifen an. Jch bin eine Braut des Himmels und des Todes, ſagte ſie. Jch habe Freuden von der Welt gehofft, und ſie gab mir Thraͤnen. Leben Sie wohl, mein Theurer, ewig theu - rer Freund! Ach, Sie wiſſen nicht, wie theuer ſie mir ſind; aber, wenn ich todt bin, ſollen Sies er - fahren. Siegwart war ſehr geruͤhrt bey ihrem Abſchied; er beweinte ſie und ihr Geſchick, ohne zu515 wiſſen, daß er ſelbſt die Urſache davon ſey. Keine Seele wußte ſie, als P. Philipp, der aber weiter nichts, als muthmaßte. Das ungluͤckliche Maͤd - chen ſchloß ſich und ihren Gram in die Zelle. Jh - re Tage waren zwiſchen Thraͤnen und Gebeth ge - theilt. Der Tod war ihr einziger Freund, und die Gedanken an ihn waren ihr die ſuͤſſeſten. Sie wurde taͤglich mit ihm vertrauter, und fuͤhlte ſeine nahe Ankunft taͤglich mehr. Jhre Kloſterpflichten beobachtete ſie genau; man ſah ſie vor Anbruch des Tages immer zuerſt im Chor; oft kniete ſie mit blaſſem, abgehaͤrmtem Geſicht allein am Al - tar; ihre Thraͤnen floſſen hinter dem Schleyer an den Fuß des Altars nieder; ſie betete laut und bruͤn - ſtig, und war oft durch gluͤhende Andacht ſo ermuͤ - det, daß ſie kaum allein wieder aufſtehen konnte. Beym Eſſen ſprach ſie gar nichts, und ſah blos ihre Schweſtern, eine nach der andern an, und bemerk - te in ihren Geſichtern den verſchiednen Ausdruck des mannigfachen Kummers, der in ihren Seelen wohnte. Sie hatte keine ganz vertraute Freundin; nur Caͤcilia, ein zwanzigjaͤhriges Maͤdchen, ſaß oft bey ihr auf der Zelle, denn ſie hatte auch Gram im Herzen, und das Ungluͤck ſucht Geſellſchaft. Es ſchien, daß die beyden Seelen einen gemeinſchaftli -516 chen Kummer hatten, aber ſie wagten’s nicht, ihn einander zu entdecken. Oft ſahn ſie ſich Stunden - lang ſtillſchweigend an; druͤckten ſich die Haͤnde, kuͤßten ſich, und blickten dann weg, um ihre Thraͤ - nen zu verbergen. Wenn Sophie allein war, ſo kniete ſie vor ihrem Krucifix, bat um ihren Tod, und ſetzte ſich dann hin, um Stickereyen, oder Agnus Dei zu machen. Sie ſtickte Blumen, aber immer nur mit blaſſen Farben, oder halbverwelkte. Oft zeichnete ſie einen Grabhuͤgel aufs Papier, und Cypreſſen drum herum. Auf den Grab - ſtein ſchrieb ſie ihren Namen; dann weinte ſie aufs Papier, und zerriß es wieder. Sieg - warts Bildnis ſchwebte unter tauſenderley verſchie - denen Vorſtellungen immer ihr vor Augen; der Ge - danke an ihn miſchte ſich in ihre Andacht, und in alles, was ſie vornahm. Oft betruͤbte ſie ſich dar - uͤber, und machte ſich ein Gewiſſen draus, an ihn zu denken. Sie wollte ihn vergeſſen; aber alles, alles erinnerte ſie wieder an den theuren Juͤngling. Jn dem Augenblick, da ſie Gott um Vergebung bat, daß ſie noch ſo ſehr an der Welt haͤnge, und ſo viel an Siegwart denke, in dem Augenblick ſtellte ihr die Liebe ſein Bild wieder dar, und ſie hieng ſich ihm in Gedanken an ſeinen Arm. Unter die -517 ſen fortwaͤhrenden Kaͤmpfen, und der unaufhoͤrli - chen Arbeit ihrer Seele zehrte ſich ihr Leben ab; ihre Saͤfte vertrockneten, wie ein Quell in der Sonnenhitze; ſie ward taͤglich ſchwaͤcher, und muß - te oft auf ihrer Zelle bleiben. Oft ſchrieb ſie gan - ze Stunden lang, muſte dann, wegen ihrer haͤufig flieſſenden Thraͤnen aufhoͤren, und ſchloß das Pa - pier ein. Alle Wochen ſprach ſie zweymal mit ih - rer Mutter und andern Verwandten am Sprach - gitter. Jhre Mutter ſuchte ſie mit Thraͤnen zu bereden, wieder in die Welt zuruͤckzukehren, aber alle Thraͤnen und Bitten halfen nichts. Endlich ward ſie ganz bettlaͤgerig; Caͤcilia war beſtaͤndig um ſie. Einſt, in einer ſchlafloſen Nacht, erzaͤhlte ihr Sophie ihre ganze Geſchichte, und die Liebe zu Siegwart. Aber, ſagte ſie, verſchleuß mein Ver - trauen in dich, und nimms ins Grab mit! Belei - dige deine todte Freundin nicht durch Untreue! Sonſt koͤnnen wir uns im Himmel nicht mit Freu - den entgegen gehn. Hier hab ich ein verſiegeltes Packet an Siegwart. Gibs meiner Mutter, wenn ich todt bin, daß ſies ihm einhaͤndige! Dank ihr in meinem Namen tauſendmal fuͤr ihre Liebe, und meinem Vater auch! Kuͤß ihre Hand, wie ich die deinige kuͤſſe; eben ſo heiß und bruͤnſtig! Sag ihr,518 daß ich gluͤcklich werde! Sie ſoll ſich nicht zu ſehr betruͤben! Noch wenig Schritte — denn was ſind Jahre in dieſem Leben anders? — ſo werden wir uns widerſehn, und ohne Seufzer, ohne Thraͤnen wiederſehn. — Auch du haſt groſſe Leiden, liebe Schweſter! Trag ſie mit Geduld! Jhre Frucht wird Freude ſeyn. Folg mir bald nach! — Caͤ - cilia weinte; ſie erzaͤhlte Sophien auch ihre Ge - ſchichte. Sie war traurig; ungluͤckliche Liebe war ihr Jnhalt. Sophie weinte viel, legte ſich auf die Seite; huͤllte ihr Geſicht ins Bett, ſchlummerte ein, und wachte den andern Morgen kraftlos auf. Jhre Stimme war gebrochen; man konnte ſie kaum mehr verſtehen. Ein Kapuziner gab ihr die letzte Oelung. Gegen Abend ward ſie noch einmal mun - ter; betete eine halbe Stunde laut, und mit der groͤſten Jnbrunſt; dann entgieng ihr die Sprache wieder; ein paarmal ſah ſie Caͤcilien an, machte einen Zug mit ihrem Finger auf das Bette, der ein S, vermuthlich Siegwarts Namen, vorſtellte; dann ſtarb ſie.
Caͤcilia gab den andern Tag ihrer troſtloſen Mutter das Packet, auf welchem Siegwarts Na - me ſtand. Er brach es mit Zittern auf. Es ent - hielt eine Art von Tagebuch, das an ihn gerichtet519 war. Einige Stuͤcke daraus wollen wir denen, die es fuͤhlen koͤnnen, mittheilen. Erſt die Einleitung:
Wenn das Grab mich deckt; wenn meine Seel’ in Gottes Hand iſt; wenn ich unter Engeln wand - le, und der Leiden dieſer Zeit vergeſſe: dann, mein Auserwaͤhlter, wirſt Du dieſe Blaͤtter leſen, und weinen. Laß ſie Dir erzaͤhlen, was mein Herz ge - litten hat, um deinetwillen, weils mein Mund nie durfte! Wein’ in meine Leiden! Das Bild der Thraͤnen, die Du mir vergieſſen wirſt, troͤſtet mich in truͤben Stunden. — Betruͤb Dich nicht zu ſehr, Juͤngling! und mach Dir keine Vorwuͤrfe! Nicht Du bift die Urſache meines Jammers; mein zu fuͤhlendes, zu weiches Herz iſts. Jch will Deinem Auge keine Thraͤnen erpreſſen, als Thraͤnen des Mitleids, und auch die ſollen ſuͤß ſeyn. Denk, daß meine Leiden, wenn Du ſie erfaͤhrſt, voruͤber; daß alle Thraͤnen, die die Liebe weinte, abgetrocknet ſind; daß ich ausgerungen habe jeden Kampf, und geklei - det bin ins glaͤnzende Gewand des Glaubens, und geſchmuͤckt mit Siegerpalmen. O Du Theurer! Weine nicht! Blick auf! Jch bin bey Gott, und bey der hochgelobten Jungſrau. Sieh, ſie nennt520 mich Schweſter und Tochter, weil ich ausgeduldet habe meinen ſchweren Kampf; weil mein Mund nicht murrte, da die Laſt mir ſchwer ward. Troͤ - ſte Dich, mein Auserwaͤhlter! Jch will um Dich ſeyn bey Deinen Thraͤnen, will Dir Ruhe herab - liſpeln aus den Luͤften, wenn Dirs truͤbe wird im Herzen; will im Traume Dir erſcheinen, und Dir ſagen, daß ich nicht mehr leide.
Vergib mir, daß ich Dich geliebt habe! Gott vergibt mirs auch. Jch kaͤmpfte lang, aber Du biſt gar zu fromm und lieb. Waͤrſt Du wild und leichtſinnig, wie die Jugend, ich haͤtte Dich nicht geliebt; aber Du biſt gut, und fromm, und ſanft. Mein Herz iſt keuſch, und rein, und kennt keine wilde Flamme. Vergib, daß ich Dich geliebt habe!
Vergib, daß ich an Dich ſchreibe! Jch habe lang gelitten, und meinen Mund nicht aufgethan. Laß mich nach dem Tode zu Dir reden! — Gott weis, daß ich Dich nicht kraͤnken wollte; wie koͤnnt ich Dich kraͤnken, Du Geliebter? [Lies] und lerne Troſt aus meinem Schreiben! Lerne dulden, wie einſt ich that, wenn das Ungluͤck einbricht! Lerne, Gott Dich widmen, wie ich Jhm mich widme! Blick auf zu den Sternen, und zu mir, wenn die Welt,521 dir oͤd und ekel wird! Lern aus meinem Schick - ſal, und du wirſt mich ſegnen.
Vom dritten May (als ſie Abends im Garten zu - ſammen geweſen waren).
Jch liebe ſelbſt nicht; wuͤnſch auch nie zu lie - ben! So haſt du ſelbſt geſagt, du Theurer, den ich uͤber alles liebe. Faſſe dich, meine Seele! Er liebt nicht, wuͤnſcht auch nie zu lieben. Alſo ſind die Hofnungen geſunken, die die Liebe baute. Alſo wirſt du nie geliebt werden, armes, liebekrankes Herz! O ihr Heiligen, erbarmet euch mein, und troͤſtet mich! Nicht geliebt werden, und lieben, ach ſo heiß und innig lieben — iſt ein harter Kampf, den ein armes ſchwaches Maͤdchen ohne Gott nicht kaͤmpfen kann; Gott, du wirſt mich nicht verlaſ - ſen! — Komm, Gedanke des Todes! Komm, und kuͤſſe mich ſtatt ſeiner! Hauche mich kalt an, daß ich hinſink und ſterbe! — Ach, du liebſt mich nicht, Erwaͤhlter, und ich liebe dich doch uͤber alles. — Singt mir ein Todtenlied, ihr Geſpie - linnen der Jugend! Jhr Vertraute meiner Kin - derjahre, kommt und haͤngt den Flor um, und ſingt: Sie liebte, wurde nicht geliebt, und ſtarb. —L l522Horch! das Kaͤuzlein ruft herab vom Kirchthurm! Hu! ich zittre. — Schoͤn war der Abend, mein Erwaͤhlter! Deine Floͤte klang ſuͤß, wie das Lied der Liebe. Hell ſchien der Mond, aber traurig. Ach, ich ſah ihn wohl, wie er hinter eine Wolke trat und weinte. Aber du haſts nicht geſehen, wie ich mit ihm weinte. Lieblich ſang die Nachtigall, aber traurig. Jch hoͤrt es wohl, und dachte, der arme Vogel liebt wie ich; aber, du Erwaͤhlter, dach - teſt’s nicht. Wehmuͤtig warſt du, wie ein Lieben - der, und liebteſt nicht. Thraͤnen floſſen dir vom Aug, und Liebe hieß ſie nicht flieſſen. — Sagen wollt ichs dir, daß ich dich liebe. Meine Stimme zitterte und ward ein Seufzer. O ein Engel Got - tes hielt das Wort zuruͤck, das dich betruͤbt, mich nichts geholfen haͤtte, denn du liebſt nicht; wuͤn - ſcheſt nie zu lieben. —
Jns Kloſter willſt du gehn, mein Auserwaͤhl - ter, willſt ein Heiliger werden, und biſt ſchon ſo heilig. Aber ich bins nicht; Liebe flammt in mei - nem Herzen. Gott du weiſt es, fromme Liebe; aber dennoch Liebe, und er liebt nicht. Nun ſo will ich dann hingehn, wo mein Auserwaͤhlter hin - geht! will vor Gott treten, und mich heiligen. Nimm mich an um ſeinetwillen, weil er heilig iſt,523 o Gott! Suͤſſer Troſt des Kloſters und der Ein - ſamkeit! traͤufle herab in mein Herz; erfuͤll es ganz! — O wie will ich ſitzen in der Einſamkeit und weinen, bis der Tag kommt der Erloͤſung! — Du biſt heilig; ich will heilig werden, daß ich dei - ne Braut ſey, wenn der Tag kommt der Erloͤſung.
Jm Auguſt.
Lang hab ich dich ſchon nicht geſehen, mein Er - waͤhlter, und doch biſt du ſchoͤn, wie die Liebe, und mein Herz haͤngt feſt an dir, und ewig. Aber ich will dulden in der Stille, und dich Gott nicht rauben, dem du dienen willſt im Kloſter. Jm Him - mel will ich deine Braut ſeyn, und mich heiligen auf Erden. — Schoͤn biſt du, mein Geliebter; bluͤhſt wie die Roſe, die am Morgen aufwacht im Thau. Blaß bin ich, und welke, wie die Roſe, die des Abends hin ſinkt in der Sonnenhitze, und ihre Blaͤtter flattern aus einander, wenn der Sturm kommt. Moͤcht’ er bald aufſtehn, und meinen Staub zerſtreuen! Aber noch nicht ganz reif iſt die Frucht; noch nicht gnug getroffen vom heiſſen Stral der Liebe. —
Schoͤn biſt du, mein Braͤutigam! Deine Wan - gen ſind roſenroth; blau dein Auge, wie der Mit -524 tagshimmel; mild dein Laͤcheln, wie die Abendſon - ne; golden ſind deine Locken, wie die goldbeſaͤum - ten Wolken, wenn die Sonne ſinkt. Der du jezt ſchon ſo lieblich biſt, wie wirſt du einſt geſchmuͤckt ſeyn in den Tagen der Belohnung! Wie einher - gehn unter Engeln und Gerechten!
Jch bin blaß geworden wie die Lilie des Gar - tens, und mein Haupt ſenkt ſich zur Erde. Meine Mutter weint und traurt: Ach meine Tochter, war - um biſt du blaß geworden, wie die Lilie des Gar - tens? Warum ſenket ſich dein Haupt zur Erden? — Ach meine Mutter, laß mich ſchweigen, und mein Leid nicht kund thun! Ach, ich kann nicht reden; laß mich ſchweigen, Mutter! Bringt die welke Blum’ in Schatten, daß ſie wieder aufleb in der kuͤhlen Daͤmmerung des Kloſters! Warum willſt du trauren, meine Tochter, in der Einſamkeit des Kloſters? Warum ſoll ich einſam ſeyn mit deinem Vater, und nicht bluͤhen ſehen deine Schoͤnheit, daß ſich unſer Herz daran ergoͤtze!
Ach, mein Vater, meine Mutter trauren, und ich darf nicht reden. Meine Schoͤnheit kann nicht bluͤhen vor euren Augen. Seht ihr nie die Roſe, wie ſie welkte, weil ein Wurm in ihrem Buſen525 nagte? Meine Schoͤnheit kann nicht bluͤhn vor euren Augen.
Jch will eine Braut des Himmels werden, und flehen meinen Braͤutigam, daß er Ruhe ſende mei - nem Vater, und dem Herzen meiner Mutter! Ger - ne will ich leiden, wenn nur ſie getroͤſtet werden. Aber, Mutter, ich kann nicht reden!
Jm September.
Geſegnet ſeyſt du, mein Erwaͤhlter, daß du heu - te freundlich geſprochen haſt mit meiner Seele; daß du wahrgenommen meine bleichen Wangen, und geſeufzt haſt uͤber meine Blaͤſſe! O, wie war mir ſo wohl, als ich an deiner Seite gieng im Garten, als ich dacht’ ans Paradies, wo ich auch einſt mit dir gehen, und dir ſagen werde, daß ich dein war auf der Welt, und um deinetwillen duldete. Du lobteſt mich, Geliebter, daß ich auch ins Kloſter geh, wie du. Ach, dein Lob iſt mir ſo lieb, du Auserwaͤhlter, und ich durft es dir nicht ſagen. Al - les, alles will ich dir im Paradieſe ſagen. Dann wird meine Stimme nicht mehr beben; meine Wange nicht mehr gluͤhen. Meine Seele wird dir ſagen, daß ſie dein iſt; daß ſie Gott zur Freundin ſchuf, fuͤr dich.
Am 26ſten September.
Jch habe deinen Freund geſehn im Traume, den beſcheidnen Kronhelm. Blaß war ſeine Wange, gleich der meinigen, und truͤb ſein Auge. Er klagte, daß ein Maͤdchen untreu ſey, daß er ſo heiß und treu geliebt hat; daß ſie ſich durch Menſchen len - ken laſſe, von ihm ab; daß ſie wanke von der Lie - be, die ihm ſtark ſchien, wie der Tod. — Jſt das moͤglich, mein Erwaͤhlter, daß man weiche von der Liebe? Koͤnnt ich weichen von dir, du mein Braͤutigam? — Alle Maͤdchen, ſagt’ er, waͤren ſchwach und unbeſtaͤndig; waͤren allzubieg - ſam; lieſſen ſich von jedem Winde lenken. Jſt das wahr, mein Lieber? Sind die Maͤdchen ſo? Bin ich nur allein treu bis ans Ende? — O ſo will ich meine Schweſtern haſſen, wenn ſie falſch ſind; wenn ſie den betriegen koͤnnen, der ihr Herz liebt. — Als er klagte, ſtand ein Maͤdchen in der Ferne, hatte Zuͤge faſt wie du, aber traurig wars, wie ich. Und dieß Maͤdchen, das ſo gut ſchien, dir ſo aͤhn - lich war, mein Theurer, koͤnnte falſch ſeyn? — Sag ihr, daß ich treu ſey, ohne Hofnung!
Jm Anfang des Oktobers.
Bald werd ich hingehn ins Kloſter, eher noch als du. Die hochgelobte Jungfrau hat mir zuge - winkt, und einen Perlenkranz geflochten fuͤr mein Haupt. Als ich durch die goldnen Pforten ein - gieng, kamſt du, mein Erwaͤhlter, mir entgegen; wareſt angethan mit einem glaͤnzenden Gewand. — Hier iſt gut ſeyn, mein Erwaͤhlter, laß uns Lau - ben flechten von den Lebensbaͤumen, und in ihrem Schatten wohnen!
Meine Mutter weint; mein Vater klagt. Trock - net eure Thraͤnen, ihr Geliebten! Denn ich wer - de wohnen bey dem Mann, den meine Seele liebt; werde mit ihm Huͤtten bauen, daß ihr wohnen moͤget an der Seite eurer Kinder!
Am 25ſten Oktober. (als das Schuldrama auf - gefuͤhrt worden)
Meine Seele dankt dir, o du Heiliger und Aus - erwaͤhlter, daß du mich verachten lehrteſt dieſe Welt mit ihren Freuden! Eine Braut des Himmels will ich werden, wie du wirſt ein Braͤutigam des Him - mels. Ach, wie haſt du heut mein Herz erſchuͤt - tert, als du da ſtandſt in aller deiner Lieblichkeit;528 als die Welt dich feſſeln wollte; als die Mutter weinte, und dir zeigte alle Reize dieſes Lebens; als Hilaria dich binden wollte mit dem Band der Liebe — wie du da, du mehr als Thomas, nie - derſahſt mit hohem Aug auf alle goldne Feſſeln; wie du blickteſt nach dem Palmenzweig im Him - mel; ihn ergriffeſt mit entſchloſſener Hand! durch alle Reizungen hinweggiengſt nach dem Sitz des Friedens und der Ruhe!
Oefne dich, o Zelle, daß ich eingeh, wie mein Auserwaͤhlter, an den Ort der Stille, wo gerei - nigt wird das Herz, und geheiliget zur Braut des Himmels! Folg mir nach, o Bild des Auser - waͤhlten, den ich bald zum letztenmal erblicke, bis wir uns begegnen in den Thaͤlern Edens! — Hei - liger Thomas, deſſen Bild mein Auserwaͤhlter iſt, bald erblick ich dich mit ihm, und ſinge Siegeslie - der! — Wenig Tage noch, mein Braͤutigam, ſo wirſt du meinem Aug entriſſen, denn die Zelle hat ſich aufgethan; aber meine Seele ſoll dich ſehen, bis ich lieg’ und ſchlaf im Grabe.
Am 12ten November. (als ſie ins Kloſter ge - treten war.)
Jch bin eingegangen in den Ort der Ruhe; aber529 noch iſt keine Ruh in meinem Herzen. Geſtern hab ich dich zum letztenmal geſehn, mein Braͤuti - gam! Ach, zum letztenmal! Schoͤner warſt du mir, als jemals, weil du traurig warſt und wein - teſt. — Heilig iſt der Ort, den ich bewohne. Heilig ſoll mein Herz ſeyn, und entfernt vom Jrr - diſchen. Aber ſollt ich dein nicht mehr gedenken, du Erwaͤhlter? Du biſt heilig, wie ein Tempel Gottes; ich gedenke deiner. — Still und oͤd iſts um mich her; meine Schweſtern ſchlafen, aber mei - ne Seele wacht noch, und beſpricht ſich mit der deinigen. Moͤchteſt du zuweilen noch der Abge - ſchiedenen gedenken, die ſo heiß und heilig dich ge - liebt hat! Aber in dein Herz drang nie der Stral der Liebe; mich allein hat er entzuͤndet, daß ich brenne ſonder Nahrung.
Jch murre nicht, Geliebter! Wohl dir, daß du Ruhe haſt im Herzen, und den Sturm der Leidenſchaft nicht hoͤreſt! Doppelt wuͤrd ich lei - den, wenn auch deine Seele litte. Geh im Frie - den ein in deine Zelle! Schlummre ſanft, wie ich einſt ſchlummern konnte, eh ich dich erblickte! Wandle ruhig auf dem Pfad des Lebens, bis am Ziel du biſt, wo das Maͤdchen wartet, das gedul - det hat bis an ihr Ende!
Am 30ſten November.
Meine Kraft nimmt ab; mein Leben welkt da - hin; aber meine Liebe gruͤnt und waͤchſt. Ewig iſt ſie, wie das ewige Licht, das in der Lampe brennt im Chor. Der Hauch des Todes wird ſie nicht ausloͤſchen, oder meine Seele ſtuͤrbe mit. Wenn die Glocke mich erweckt zum Beten, ſo iſts, als ob mir deine Stimme rufte, du Erwaͤhl - ter. Du befeuerſt meine Andacht, und hebſt hoch mein Herz. — Oft zittert meine Seele, daß ſie dich erblickt am Altar, wenn ſie betet; aber du biſt ja heilig, und darfſt wohl vor Gott erſcheinen. — Meine Schweſtern fragen mich, warum ich blaß ſey? Sie bedauren mich, und weinen, daß ich nahe ſey dem Grabe. O, ſie wiſſen nicht, wie ſuͤß das Grab iſt; und ſehn doch ſo blaß aus; oder gibts noch andre Leiden, als den Schmerz troſtloſer Liebe?
Am erſten Jenner.
Jhr fangt in der Welt ein nenes Jahr an. Das alte gab mir Thraͤnen; wird das neue mir den Tod geben? Ja, ich hoff ihn, Lieber; denn mein Auge wird truͤb und matt; meine Kraͤfte531 ſchwinden, daß ich kaum mehr gehen kann ins Chor, fuͤr dich zu beten, und fuͤr mich. Meine Hand zittert, wenn ich an dich ſchreibe; meine Thraͤnen ſind vertrocknet. — Sey mir willkom - men, Jahr des Friedens und des Todes! Sende Segen meinem Braͤutigam, daß er Freuden ernd - te an jedem deiner Tage! O du Lieber, Auser - waͤhlter, warum bin ich heut ſo traurig, da ich doch den Tod erwarte, meinen Freund?
Jm Februar. (zween Tage vor ihrem Tode.)
Endlich, endlich! Lieber, Theurer, auserwaͤhl - ter Braͤutigam, o du, den meine Seele liebet, wie iſt mir ſo wohl! Der Tod, mein Freund, mein Retter, der einſt dir mich wieder geben ſoll, iſt vor der Thuͤr, und hat ſchon angeklopft. Jch fuͤhls, in wenig Tagen werd ich ſchlummern in der Gruft der Todten. — Leb wohl du Theurer! Ach, nun wird mirs ſchwer, die Welt zu laſſen, welche du bewohnſt! — Aber deine Huͤtte wird einſt ſin - ken, und du wirſt hinuͤbergehen in die Wohnung der Gerechten, wo ich dich erwarte im Gewand des Lichts. — Verſchweig, ich beſchwoͤre dich bey Gott, zu dem ich uͤbergehe, verſchweig meine Zaͤrt - lichkeit, und alles, was ich dir geſchrieben habe! 532Jch ſchaͤme mich nicht meiner Liebe; aber meine Mutter und mein Vater wuͤrden noch mehr trau - ren, wenn ſies wuͤſten, und dir minder gut ſeyn. — Ach, du Theurer, nimm den letzten, letzten Se - gen, den mein Herz dir gibt! Lebe fromm, und folg mir bald nach! — Mein Herz hat dich rein geliebt, und keuſch; ich kann ruhig ſterben, denn ich ſeh dich bald, und weine nicht mehr. — Mei - ne Hand wird matt … ich kann nicht mehr ſchreiben. …
Siegwart blieb einen halben Tag eingeſchloſſen, um das Tagebuch, von dem dieſes nur einige ab - gerißne Stuͤcke ſind, zu leſen. Er las es mit un - unterbrochner Ruͤhrung durch, und hoͤrte faſt nie - mals auf zu weinen. Nun klaͤrte ſich ihm auf Ein - mal ſo vieles auf, was ihm in Sophiens Betra - gen ſo ſonderbar und unbegreiflich vorgekommen war, denn er dachte zu beſcheiden von ſich ſelbſt, als daß er Liebe gegen ihn fuͤr die Urſache davon haͤtte halten ſollen. Anfangs machte ihm ſein zar - tes Herz Vorwuͤrfe, daß ſie ſeinetwillen ſo viel aus - geſtanden hatte; als er aber uͤber ſein Betragen533 nachdachte, fand er nichts, daß er ſich vorzuwer - fen haͤtte, und beruhigte ſich von dieſer Seite. Doch beſchaͤftigte ſich ſeine Seele lange mit den traurig - ſten Gedanken. Das Bild der leidenden Sophie begleitete ihn aller Orten hin, und erſchien ihm manche Nacht im Traum. Er bekam aufs neue die ſtaͤrkſte Abneigung vor der Liebe, die ſo vieles Ungluͤck auf der Welt anrichtet. Er vermied ſorg - faͤltig, viel in Gruͤnbachs Haus zu gehen, weil ihn da alles, beſonders die ſchwarze Kleidung ih - rer Eltern, zu lebhaft an Sophien erinnerte. Die Mutter wollte wiſſen, was das Packet ihrer Toch - ter an ihn enthalten habe? Er kam uͤber die Fra - ge in Verlegenheit, und ſagte: Es ſeyen ein paar Buͤcher drinn geweſen, die er Sophien geliehen habe.
Seine meiſte Zeit brachte er nun in der Einſamkeit auf ſeinem Zimmer, oder bey P. Philipp zu, mit dem er aber ſo wenig, als moͤglich, von Sophien ſprach. Kronhelm ſchrieb ihm fleißig, aber trau - rig, und erwartete mit aller Sehnſucht ſeine An - kunft in Jngolſtadt. Thereſe und ſein Vater ſchrie - ben ihm auch, daß er auf Oſtern dahin abreiſen koͤnne, welches ihm ſehr lieb war, da ihm die534 Einſamkeit immer trauriger und unertraͤglicher wurde.
Acht Tage vor Oſtern bekam er von ſeinem Va - ter einen Wechſel, Reiſegeld, und einen Brief an den Hofrath Fiſcher in Jngolſtadt, dem er, als ſeinem alten Freunde, ſeinen Sohn empfahl. Sieg - wart brachte ſeine Sachen in Ordnung, um gleich nach Oſtern abgehen zu koͤnnen. Er ſchrieb auch ſeinem Kronhelm, daß er ihm, wo moͤglich, ein paar Stunden weit entgegen kommen moͤchte. Der Abſchied wurd ihm blos um des P. Philipps, und einigermaſſen um der Gruͤnbachiſchen Fami - lie willen ſchwer. Ein paar Tage vor der Reiſe gieng er noch in das Nonnenkloſter, wo Sophie geſtorben war. Er beſuchte ihr Grab, und weihte dem Andenken des ungluͤcklichen Maͤdchens ſeine Zaͤhren. Leb wohl, theurer Staub, ſagte er bey ſich, beym Weggehn! Leb wohl, Ueberreſt So - phiens! Jhr Beyſpiel ſoll mich dulden lehren, wenn ich leiden muß. Jch will dir treu ſeyn, und dein Braͤutigam im Himmel werden. Hier - auf gieng er nach Haus, und las ihr Tagebuch wieder mit zwiefacher Ruͤhrung durch. Den an - dern Tag nahm er von ihren Eltern, und von ihrem Bruder Abſchied. Sein Herz ward ſehr535 bewegt, und er muſte eilen, um die armen El - tern nicht zu weich zu machen. Der junge Gruͤn - bach verſprach ihm, in einem Jahr nach Jngol - ſtadt nachzukommen.
Den lezten Abend brachte er bey ſeinem lieben P. Philipp zu. Dieſer theilte ihm noch viel gu - te Lehren mit, und zeigte ihm alle die Behutſam - keit, die ein Neuling auf einer hohen Schule zu beobachten hat, wo Verfuͤhrung, Reizung und Betruͤgereyen ſo gewoͤhnlich ſind. Wegen Kron - helms ſagte er ihm auch verſchiedenes, wie er glaub - te, daß ſein krankes Herz am beſten geheilt wer - den koͤnnte. Er rieth ihm, ihn ſo viel als moͤg - lich zu zerſtreuen; Thereſens Briefe vor ihm ge - heim zu halten, und wenig, oder nichts mit ihm von ihr zu ſprechen! Er wird mir doch zuweilen Nachricht von ſich geben, und mich nicht ganz vergeſſen? ſagte er. Ach Gott! Wie koͤnnt ich Sie vergeſſen? antwortete Siegwart, und wein - te. Wenn ich Jhnen nur ſchreiben darf, ich werds gewiß oft thun. Jhnen hab ich ja alles zu verdanken. — Nichts zu verdanken, lieber Xaver! Was ich that, geſchah aus willigem und gutem Herzen; weil ich wuſte, daß es bey ihm wohl angewendet iſt. Siegwart wollte ihm hier536 die Hand kuͤſſen, aber P. Philipp gab ihm einen Kuß auf den Mund. — Da will ich ihm ein kleines Andenken auf den Weg geben, ſagte er, und gab ihm die Berliner Ausgabe vom Virgil. Siegwart wuſte nicht, was er vor Ruͤhrung und Dankbarkeit ſagen ſollte? Vorn hatte P. Philipp ſeinen Namen eingeſchrieben. Der Famulus brachte unſerm Siegwart ein ſehr guͤnſtiges Teſti - monium, das alle ſeine Lehrer unterſchrieben hat - ten. Als ers las, gingen ihm die Augen uͤber. Das iſt zu viel! ſagte er. Nein, mein Lieber! antwortete P. Philipp; er verdients; er hat ſich brav gehalten; bleib er ferner brav, ſo wird ihms wohl gehen. Als es zehn Uhr ſchlug, ſtund Sieg - wart auf, ohne ein Wort zu ſagen; gieng ans Fenſter, und weinte, und ſagte endlich: ja, nun muß ich gehen. Weiter ließ ihn der Schmerz nicht reden. Philipp gab ihm ſeinen Segen, kuͤßte ihn, und ſie ſchieden.
Siegwart weinte auf ſeinem Zimmer noch ei - ne Stunde lang. Den Virgil packte er nicht ins Koffre, ſondern ſteckte ihn zu ſich. Das Ge - ſchenk war ihm gar zu lieb. Endlich, als er ſich ganz muͤde geweint hatte, warf er ſich aufs Bette, um noch einige Stunden zu ſchlafen.
537Des Morgens um halb ſechs Uhr kam der Thor - wart, um ihn aufzuwecken. Der Mann war ſehr geſchaͤftig, ihm das noch uͤbrige einpacken zu helfen. Als Siegwart eben gehen wollte, ſtand er in einer Ecke des Zimmers, ſah zur Erde hin, und auf Einmal ſtuͤrzten ihm die Thraͤnen aus den Augen. Er druͤckte unſerm Siegwart die Hand mit der groͤſten Treuherzigkeit, und kuͤſte ſie. Ja, Sie ſind ſo gar ein braver Herr, ſagte er, und es geht mir recht nah, daß Sie fortreiſen. Es muß Jhnen gewiß wohl gehen! Siegwart war daruͤber ſehr geruͤhrt, gab ihm noch ein Trinkgeld; der Mann wollte es nicht nehmen. Sie haben mir ſchon ſo viel Guts gethan, und Sie brauchens jezt auf Jhrer Reiſe, ſagte er in ſeiner Einfalt. Siegwart legte das Geld aufs Geſimſe, und gieng mit ſchwerem Herzen weg.
Nach ſieben Uhr gieng der Poſtwagen ab. Die Reiſenden waren ein junger baierſcher Offizier, ein Jude, und der Kondukteur, ein dicker, ſtar - ker Mann, dem ſeine grobe baieriſche Ausſprache recht drollicht ließ. Siegwart war die erſte Stun - de ganz betaͤubt. Er dachte an den P. Philipp, und an alles, was er ihm, und dem ganzen Klo -M m538ſter zu verdanken hatte. Der Offizier, und der Kondukteur fiengen an, den armen Juden auf alle Art zu necken. Keine halbe Stunde durfte er auf ſeiner Stelle ſitzen bleiben. Bald fiels dem Offizier ein, vorwaͤrts, bald wieder ruͤckwaͤrts zu fahren. Der Jude ließ ſich alles gefallen, und ſetzte ſich ſtillſchweigend hin, wohin mans wollte. Endlich fiel dem Kondukteur ein, daß er ein wildes Schwein auf dem Wagen habe. Er ſagte dem Juden, er ſoll ſich weiter hinten hin im Poſtwagen ſetzen. Der Jude thats. Hierauf fieng der Kondukteur mit dem Offizier ein lautes Gelaͤchter an. Mauſchel, Mauſchel, haſt du Geluſt zu Schweinefleiſch? Seht mir doch, da ſetzt er ſich neben die Bache hin! Jndem zog der Kondukteur die Decke weg, unter der das Schwein lag. Der Jude ſprang mit groſſem Geſchrey aus dem Poſtwagen: O weh, o weh! Jch bin verunreinigt! Bin ein armer Mann! Unſerm Siegwart that das in der Seele weh. Man ſollt’ ihn doch in Ruhe laſſen! ſagte er, und wurde feuerroth im Geſicht, weil er noch ziemlich erſchreckt war. Ey was! junger Herr, ſagte der Offizier. Er verſteht das nicht! Das iſt Poſtwagenrecht. Siegwart ſchwieg, weil er das grimmige Geſicht des Offiziers fuͤr Tapferkeit539 hielt. Der Jude war nicht mehr zu bewegen, in die Kutſche zu ſitzen. Er ſetzte ſich von auſſen hin, ungeachtet es heftig regnete. Auf der Station aß der Jude nichts als trockenes ungeſaͤuertes Brod, das er bey ſich hatte, weil der Jude nichts von Chriſten Zubereitetes genieſſen darf. Sieg - wart bedaurte recht von Herzen das Schickſal die - ſer armen Leute, und ſah den Juden oft mitleidig von der Seite an, der zuweilen bey ſich ſelbſt ſeufzte. Der Offizier, mit dem Siegwart aß, ſprach ihm immer zu, brav zu trinken, vermuth - lich in der Abſicht, ihn betrunken zu machen; aber unſer Xaver nahm ſich ſehr vor ihm in Acht. Eh der Poſtwagen abgieng, kam ein Amtmann mit ſeinem Sohn, und der ganzen Familie, die den jungen Herrn begleitete, der auch auf die Uni - verſitaͤt nach Jngolſtadt gehen ſollte. Die Mutter, und zwo Schweſtern ſtanden unaufhoͤrlich um den jungen Menſchen herum, und weinten, als ob ſie auf ewig von einander Abſchied nehmen ſollten. Sie ſteckten ihm die Taſchen voll mit Le - kerbißchen, und Arzneyglaͤſern. Der Amtmann, der gehoͤrt hatte, daß Siegwart auch nach Jngol - ſtadt gehe, ſetzte ſich zu ihm; ließ eine Bouteille Burgunder kommen; trank tapfer drauf los, ſetz -540 te unſerm Siegwart auch brav zu, und empfahl ihm ſeinen Sohn mit tauſend Fluͤchen und Betheurun - gen, daß er ein rechtſchaffener Kerl werden muͤſſe, weil er ſchon dreyhundert Gulden an ihn gewen - det habe. Mitmachen darf mein Kaſpar alles! ſagte er. Es will mir gar nicht eingehn, daß meine Amtmaͤnnin ſo ein Ammenſoͤhnchen aus ihm ziehen will. Sakrebleu! ich hab ihm einen Degen angeſchafft, mit dem er ſich herum hauen kann, daß es eine Luſt iſt. Er ſoll mir kein Hundsfott werden! Eine Schramme im Geſicht mehr oder weniger! Mit Maͤdels mag ers auch zu thun haben! Nur vor liederlichen Nickeln ſoll er ſich in Acht nehmen! Da koͤmmt nichts Gutes hinterher. He! Kaſpar! was greinſt wieder, wie eine alte Hure? Komm her! trink! Vivat die Univerſitaͤt! Jch ſag dirs; werd mir ein braver Kerl! Laß dir keinen zu nah kommen! Oder ſtich ihn nieder! Hoͤr ich einen ſchlechten Streich von dir; ſo ſollſt du deine liebe Noth haben. Da, das iſt ein rechter Herr, (auf Siegwart deutend) der ſticht jeden uͤbern Haufen, der ihm auf die Zaͤhne fuͤhlen will. Siehſt, was er fuͤr einen Schlaͤger an hat? Der hat gewiß ſchon Blut geſehen. Nicht wahr, Herr? Siegwart ſagte, daß er ihn erſt vor541 zwey Tagen neu gekauft habe. — Ja, ja, ſo ſagt man! antwortete der Amtmann; indem bließ der Poſtillion zum Abfahren. Die Amtmaͤnnin er - ſchrack, ward todtblaß, und eilte mit ihren Toͤch - tern herzu, ihrem Knaben Filzſchuhe, ein dickes Halstuch, und einen Ueberrock anzulegen. Der Amtmann trank hurtig ſeine Bouteille aus, und ſprang mit den uͤbrigen an den Wagen. Die Amtmaͤnnin herzte und druͤckte ihren Sohn; hub ihn in den Wagen, fieng ein groſſes Geheul an, und wollte den Schlag, der ſchon zu war, wieder aufreiſſen, um ihren Sohn noch einmal zu umar - men. — Fahr zu, Schwager! ſchrie der Amt - mann, und ſchlug mit ſeinem Stock auf die Pfer - de zu. Der Wagen fuhr fort.
Siegwart ſaß bey dem Officier. Jhm gegen - uͤber der junge Kaſpar, neben dem Juden. Er weinte wie ein Kind, und wollte immer aus dem Schlag gucken, um ſeine Mutter noch einmal zu ſehen; aber der Wagen gieng zu ſchnell, und ſchmiß ihn immer wieder zuruͤck, wenn er auf - ſtehen wollte. Der Jude, der die Geſchwaͤtzigkeit mit ſeiner ganzen Nation im hohen Grad gemein hatte, plauderte beſtaͤndig mit dem jungen Kaſpar; erzaͤhlte ihm alle ſeine Familienumſtaͤnde, daß er ei -542 nen Sohn habe, der ſo alt ſey, wie er; daß ihm ſeine Rebekka vor zwey Jahren geſtorben ſey u. ſ. w. Seine Neugierde wollte aus Kaſpar eine gleiche Vertraulichkeit herauslocken; aber dieſer ſagte immer nur: So! und Ja, und Nein. Der Offizier und der Kondukteur ſpotteten beſtaͤndig uͤber den Ju - den, fragten ihn verſchiedenes; und wenn er zu erzaͤhlen anfieng, lachten ſie uͤber ihn. Der Offi - zier rief alle Maͤdchen an, die den Wagen vorbey giengen, und rief ihnen Zoten zu. Wenn ein Bettler an den Wagen kam, ſo ſtellte er ſich, als ob er etwas Muͤnze herauswuͤrfe; die armen Leu - te ſuchten lang umſonſt im Koth herum, und der Offizier lachte recht aus vollem Halſe uͤber ſeinen, wie er glaubte, gluͤcklichen Einfall. Als ſie auf die naͤchſte Station kamen, und den Poſtillion be - zahlen ſollten, kannte Kaſpar keine Muͤnze, und wollte dem Schwager ſtatt ſechs Kreuzern einen Sechsbaͤzner geben. Siegwart nahm ſich ſeiner an, und zahlte fuͤr ihn aus, ſonſt waͤr er in kurzer Zeit um all ſein Geld gekommen. Nun ſetzte ſich auch ein junges Maͤdchen von Donauwerth in den Poſtwagen, an das ſich der Offizier ſogleich mach - te. Er brachte ſo grobe Zoten und Zweydeutigkei - ten vor, daß Siegwart die Augen zuthat, als ob543 er ſchliefe, ſo aͤrgerlich war ihm das Geſchwaͤtz. Er wurde durch ein groſſes Geplapper aufgeweckt, indem eine Wallfahrt, die ein halbes Dorf ausmach - te, und nach Koͤniginbild im Burgauiſchen gieng, am Wagen vorbey kam. Der Offizier rief ihnen zu: Sie moͤchten doch auch fuͤr ihn beten! denn er ſey ein groſſer Suͤnder. Hieruͤber ſchlug er ein lautes Gelaͤchter auf. Gegen Abend wurde der Jude, der ſein Abendgebeth verrichten wollte, von dem Offizier unaufhoͤrlich ſo geneckt, daß er ſich end - lich, ungeachtet des aͤrgſten Regens, aus dem Wagen hinausſetzte, und die ganze Nacht da ſitzen blieb. — Jn Donauwerth giengen alle vom Poſtwagen ab, ausgenommen der junge Kaspar und der Kondukteur. Dagegen traten drey Stu - denten von Jngolſtadt ein, die auf der Vakanz ge - weſen waren. Sie ſprachen mehrentheils lateiniſch, und Siegwart miſchte ſich in ihr Geſpraͤch. Kas - par aber konnte mit dem Lateiniſchen nicht fort - kommen. Er beklagte ſich ſehr uͤber die Kaͤlte, un - geachtet die Witterung ziemlich gelinde war; zog ſeine Leckerbißchen hervor, und zehrte eins nach dem andern auf. Sie fuhren auf eine Anhoͤhe, und ſahn unten eine Ueberſchwemmung, die die Do - nau machte. Es ſah traurig aus. Die Felder la -544 gen unter Waſſer; nur zuweilen ragte eine Anhoͤ - he, oder ein Geſtraͤuch hervor. Tannen und Ei - chen hiengen halb ausgewurzelt uͤber’s Waſſer. Oben, wo ſie fuhren, ſtand ein gutgeſatteltes Pferd, ohne Reuter, das der Poſtillion mitnahm. Gan - ze Doͤrfer waren vom Waſſer, das wild und laut unten hinrauſchte, umzingelt. Halbe Scheunen und Haͤuſer, oder losgeriſſene Balken nahm die Flut mit fort. Die Bauren ſtanden, zum Theil nur halb gekleidet, mit Weib und Kindern, und ihrem Vieh auf der Hoͤhe; ſahen ſtillſchweigend ins Thal hinab; oder ſtreckten die Haͤnde aus, und fiengen ein lautes Wehklagen an, wenn ihre Huͤt - ten einſtuͤrzten. Siegwart uͤberſah die Scene mit Thraͤnen; einer von den Studenten kramte witzi - ge Einfaͤlle aus. Auf Einmal ward er blaß, und ſchwieg. Es erhub ſich ein groſſes Geſchrey. Der Wagen, der ſich bisher immer auf der Hoͤhe gehal - ten hatte, muſte nach dem Dorf, wo die Station war, ins Thal hinabfahren. Du kannſt hier nicht durch, riefen alle Bauren dem Poſtillion zu. Jch muß durch! ſagte dieſer, und peitſchte auf die Pfer - de los. Ploͤtzlich blieb der Wagen ſtecken, und das Waſſer ſtroͤmte wild drum herum. Zween Bau - ren ſprangen, ungeachtet ſie, wegen des Feyertags,545 gut gekleidet waren, ins Waſſer, und huben die Raͤder in die Hoͤhe, daß der Wagen wieder fort konnte. Drauſſen rief ein altes Weib ihrem Sohn aͤngſtlich zu, der faſt unter’s Rad kam, als es ſich zu drehen anfieng. Der Poſtillion fluchte, und lachte die Bauren aus, als er aus dem Waſſer heraus war. Siegwart warf ihnen zween Drey - baͤzner zu. —
Herr Gott! Das iſt unſers Herrn Gaul! rief eine Magd; und gleich drauf ſprang die Verwal - terin aus ihrem Haus heraus, und rief: halt, Schwager, halt! Wo iſt mein Mann? Das iſt ſein Schimmel. Schwager, Schwager, ſag um Gottes willen, wo er iſt? Das weis ich nicht, ſagte der Poſtillion ganz kalt. Da habt ihr den Gaul, wenn er euer iſt. Jndem ließ er das Pferd gehen, das ſogleich ſeinem Stall zulief. Die Ver - walterin lief dem Wagen nach ins Poſthaus; zwey Kinder ſprangen heulend hintennach. Sie wand - te ſich an Siegwart, um zu fragen, wo ihr Mann ſey? Auf ſeine Antwort: Daß ſie das Pferd, zwo Stunden vor dem Dorf drauſſen, ohne Reu - ter angetroffen haben, fiel ſie in eine Ohnmacht, und ward in ihr Haus getragen. — Nach zwey546 Stunden fuhr der Wagen weiter, nachdem die Reiſenden erſt verſichert worden waren, daß ſie von der Ueberſchwemmung nichts mehr zu befuͤrch - ten haͤtten, weil man immer auf der Hoͤhe fah - ren koͤnne. Als die drey Studenten drauf von Jngol - ſtadt ſprachen, ward Siegwart ſehr aufmerkſam. Sie muſterten die Jngolſtadter Maͤdchen. Die Korn - feldin iſt eben ein fideles Menſch, ſagte der Eine, mit der man einen wahren Jokus haben kann. Sapperluft, ſie ſieht ſo friſch aus, wie ein Bor - ſtorferapfel, und das Beſt’ iſt, daß ſie einem nichts uͤbel nimmt. Weiſt du, Kirner, wie wir letzt bey ihr waren, als wir die Muſikanten hatten? Narr, warum wirſt roth druͤber? Man ſieht dir noch recht den Fuchs an; darfſt dich ja nicht ſchaͤmen; Man weis wohl. — Auf dem Billard gehts auch noch an; die Franzel macht noch wohl ſo was mit; aber um das andre Geſchmeiß geb ich all zuſam - men keinen Heller! — Was verziehſt das Maul ſo, Gutfried? ſteckt dir wieder deine Fiſcherin im Kopf, der Zieraffe? — Jhr moͤcht ſagen, was ihr wollt, antwortete Gutfried; die Fiſcherin iſt ein trefliches Frauenzimmer; aber ſie iſt euch zu gut; ihr wollt nur leichte Waare, wo man wenig Um - ſtaͤnde machen darf. — Das iſts eben, ſagte Bo -547 ling; die Fiſcherin iſt ein ſtolzes Menſch, die ſo juͤngferlich thut, als ob ſie nicht fuͤnfe zaͤhlen koͤnn - te, und einen ehrlichen Kerl uͤber die Achſel an - ſieht. Schoͤn iſt ſie, das kann man ihr nicht neh - men; aber eben deswegen ſollte ſie mehr mit unſer einem umgehn. Narr! ſie hat doch auch Fleiſch und Blut! Aber du ſiehſt ſie immer als einen Engel an. Wenn ein Maͤdel nicht mit Studenten um - geht, ſo wird ihr Lebetag nichts rechts aus ihr! — Schoͤne Moral! ſagte Gutfried. — Moral hin, Moral her! verſetzte Kirner, um der Moral wil - len bin ich nicht nach Jngolſtadt gegangen. Das kanſt du doch nicht leugnen, Gutfried, daß die Fiſcherin mit all ihrem glatten runden Geſicht ein dummes, hoffaͤrtiges Ding iſt! Jch wollte letzt - hin mit ihr im Schlitten fahren; da zog ſie die Naſe in die Hoͤhe, und ſagte, ſie muͤſſ’ es ſich ver - bitten. — Verbitt du den Henker und ſeine Groß - mutter! Gelt, wenn der feine Herr von Kronhelm kommt, da reicht ſie gleich ihr Pfoͤtchen her, weil er eine goldbeſchlagene Jack’ an hat. Das ſind mir die rechten Menſcher! Jch bekuͤmmre mich viel um ihre feine Haut.
Als die beyden Herren ausgeſungen hatten — denn Gutfried ſang nicht mit — ſo fragte Sieg - wart, ob ſie den Herrn von Kronhelm kennen? O ja! ſagte Boling, er hoͤrt mit mir das Ius Ca - nonicum. Es iſt ein trocknes eingebildetes Buͤrſch - chen, das immer ausſieht, als obs weinen wollte. Der Kerl iſt mir recht fatal, weil er immer allein auf der Stube ſitzt, und ſich viel zu gut duͤnkt, mit andern ehrlichen Kerls umzugehen. — Er iſt doch ſehr artig in Geſellſchaft, ſagte Gutfried; ich hab ihn ein paarmal im Konzert beym Hofrath Fiſcher geſprochen. Er iſt nichts weniger als ſtolz. Ein Bißchen ſchwermuͤthig ſcheint er wol zu ſeyn. Es muß ihm etwas fehlen. Sonſt aber iſt er ſehr artig, und hat viele Lebensart. — Er iſt mein vertrauter Freund, ſagte Siegwart zu Gutfried; ich habe zwey Jahre auf der Schule mit ihm zu - ſammen gelebt; wir wurden Ein Herz und Eine Seele. Jch glaube, daß er mir entgegen kom - men wird. — Das ſoll mir lieb ſeyn, antworte - te Gutfried; ich habe ſchon laͤngſt gewuͤnſcht, ge - nauer mit ihm bekannt zu werden; aber es wollte ſich nicht ſchicken: vielleicht geſchiehts jetzt. Ein549 paar Buͤcher hab ich durch die dritte Hand von ihm zu leſen bekommen, die ſehr ſchoͤn waren. Das Eine hieß der Meſſias, und im andern ſtund ein groſſes Gedicht, der Fruͤhling. — O, die kenn ich wohl, die hab ich ſelbſt auch, ſagte Siegwart. Sie leſen wol gern ſolche Buͤcher, mein Herr Gutfried? Auſſerordentlich gern! antwortete dieſer; wenn man nur in Jngolſtadt dergleichen auch bekommen koͤnnte! — Die beyden Juͤnglinge fiengen nun ein vertrauteres Geſpraͤch uͤber dieſe Materie an; denn nichts macht vertrauter, als die gemeinſchaftliche Liebe zu den ſchoͤnen Wiſſenſchaften. Sie beſchaͤf - tigt ſich mit der Empfindung, und da begegnet man ſich alle Augenblick auf Einem Wege. — Da hat er nun einmal den rechten Mann gefunden, ſagte Boling zu Kirner, vor dem er ſein Herz ausſchuͤtten kann. Wir muͤſſen immer hoͤren, daß wir von nichts, als Studentenmaͤhrchen reden koͤn - nen. — Es iſt auch wahr, fiel ihm Gutfried ein, ihr bekuͤmmert euch um nichts, was geſchrieben wird. — Um Vergebung! ſagte Boling; wir le - ſen doch den Triller und den Guͤnther. Das iſt wol ein herrlich Lied im Guͤnther: Jhr Schoͤnen hoͤret an ꝛc.
550Jndem kam ein Kapuziner an den Poſtwagen, und bat den Schwager, ihn doch einzunehmen, weil er ſehr ermuͤdet, und von der langen Reiſe halb krank ſey. Meinetwegen wol, ſagte der Poſt - knecht, wenns die Herren da zufrieden ſind. So - gleich machte Siegwart den Schlag auf, und ließ den Kapuziner ein. Er ſetzte ſich neben Kaſpar, der ſich aͤngſtlich vor ihm zuruͤck zog. Bleib er ſitzen, junger Herr! ſagte Siegwart, und ſchlag er ſei - nen Mantel mit um den Ehrwuͤrdigen Herrn her - um! Er ſieht ja, daß er halb erfroren iſt. Kas - par thats halb unwillig, und der Kapuziner ſah unſern Siegwart dankbar an. — Wo geht denn die Reiſe bey den jungen Herren hin? fragte er. — Nach Jngolſtadt, war die Antwort. — So? da - hin will ich auch. Will Gott recht danken, wenn ich da bin; denn nun marſchir ich ſchon ſeit fuͤnf Tagen aus dem Frankenland heraus. Jch glaubt’ oft, ich koͤnnt’s kaum mehr aushalten. — War - um gehn Sie denn bey dieſer veraͤnderlichen Jahrs - zeit ſo weit, Herr Pater? fragte Siegwart. — Ach, was thut man nicht um des lieben Gehor - ſams willen! antwortete er. Jch habe Geſchaͤfte fuͤr meinen Provinzial gehabt. Freylich kommt michs hart an, da ich ſchon ſeit Jahr und Tag551 nicht recht geſund bin. Jch hoffte aber auch, mei - ne Leut’ im Aichſtaͤttiſchen noch einmal zu ſehen. Lieber Gott! wie ich da vor meines Vaters Haus komm, und denk, ich will dem alten Mann eine Freude machen, daß er mich nach 20 Jahren wieder einmal ſieht; da find’ ich alles ganz und gar ver - aͤndert; lauter fremde Geſichter; und als ich frag, da weis kein Menſch nichts von meinen Leuten. Die ſind ſeit zehen Jahren weg, und geſtorben, hieß es — das drang mir durch Mark und Bein, daß ich nicht mehr wuſte, wo ich war? — Hei - lige Mutter Gottes! ſagt ich; ſind ſie alle geſtor - ben? — Hier ſtuͤrzten dem ehrlichen Kapuziner die Thraͤnen aus den Augen. Siegwart und Gut - fried weinten mit. — Was iſt denn das fuͤr ein Kerl da? rief Kirner zum Poſtillion, als ſie bey einem Rad vorbey fuhren, auf dem ein kuͤrzlich hingerichteter Menſch lag. Ja, das war ein feiner Geſelle! Herr! antwortete der Schwager. Er iſt auf der Muͤhle dort Knecht geweſen. Der hat ſeinem Herrn die Kaſten aufgebrochen, und das Geld herausgenommen, und dann ſeine Tochter mit dem Beil umgebracht, weil ſies ſah, und ih - rem Vater ſagen wollte. Meynen Sie, er habe gebetet, als man ihn raͤderte? Geflucht und ge -552 ſungen hat er, bis man ihn aufs Rad legte. Jch ſtand nah dabey, dort auf dem Huͤgel, und hab alles recht mit angeſehen. Das war ein Teufels - kerl! Aber er hat auch ſein Lebtag nichts ge - than, als geſoffen und geſpielt, und mit Menſchern ganze Naͤchte zugebracht. Jch hab ihm oft geſagt: Hans, ſo wirſt dus nicht weit bringen. — Das iſt mir doch ganz unbegreiflich, ſagte der Kapuzi - ner, wie ein Menſch die Bosheit ſo weit treiben, und ſich vom Teufel ſo verblenden laſſen kann! Jch wuͤrds nicht glauben, wenns der Schwager da nicht ſelbſt ſagte. Daß man einem etwas nimmt, wenn man ſich nicht mehr zu helfen weis, und Hungers ſterben muͤſte, das laͤſt ſich wohl noch denken, obs gleich auch grauſig iſt; aber wie man einen umbringt, das geht uͤber meinen Verſtand hinaus. — Ueber meinen auch, ſagte Siegwart; ich haͤtte nie geglaubt, daß es ſo verdorbne Men - ſchen gibt. — Wohl euch, edle, unſchuldsvolle Seelen, denen das Laſter unbegreiflich, und der Gang einer boshaften Seele unerforſchlich iſt! Moͤchtet ihr immer bey eurer unwiſſenden Einfalt bleiben!
Der Kapuziner unterhielt ſich noch viel mit Siegwart, und erzaͤhlte ihm von ſeiner eigenen553 Geſchichte, und vom Kloſter; zuweilen ſeufzte er, aber nur verſtohlen, und furchtſam, uͤber die Stren - ge ſeines Ordens. Die liebenswuͤrdige Einfalt, und die faſt kindiſche Unerfahrenheit im Lauf der Welt, beſonders in der Bosheit der Menſchen, die der Pater alle Augenblick aͤuſſerte, nahm un - ſern Siegwart, der ſeine idealiſche Vorſtellungen hier ſo lebendig vor ſich ſah, ſehr fuͤr ihn ein. Mit Gutfried, an dem er ſehr viel edles fand: ward er auch bald Freund.
Den andern Tag, als ſie noch drittehalb Stun - den weit von Jngolſtadt entfernt waren, kam Kronhelm hergeritten. Seine, und Siegwarts Freude war unbeſchreiblich. Jeder fuͤhle ſie mit mir, der ſeinen Freund, den er ſo zaͤrtlich liebt, wie Siegwart ſeinen Kronhelm, nach einer Jahr - langen Trennung wieder umarmt, und nun wie - der ganz ſein iſt! Boling erbot ſich, zu reiten, und Kronhelm ſetzte ſich in den Wagen. Anfangs ſprachen ſie wenig, und hielten ſich nur bey der Hand feſt. Sie fragten ſich tauſend Dinge, be - antworteten die Fragen nur halb, und fiengen ſo - gleich wieder eine neue an. Als ſie einander ſteif, und mit dem ſeelenvollſten Ausdruck anſahen,N n554erſchrack Siegwart auf Einmal, weil er jetzt erſt wahrnahm, wie blaß und mager Kronhelm ausſah. Du biſt doch geſund? ſagte er. So ziemlich; war die Antwort. Und nun ſtunden dem armen Kronhelm die Thraͤnen in den Augen, denn er dachte ſich ſei - ne Thereſe lebhaft, und erkannte ſie in den Zuͤgen ihres Bruders ganz wieder. Haſt du mir nichts mitgebracht? ſagte er. — Nichts als Gruͤſſe von dort her, und vom P. Philipp. Kronhelm ſchwieg eine Zeitlang, und verſank in tiefe Wehmuth.
Gutfried miſchte ſich nun auch ins Geſpraͤch. Kronhelm wunderte ſich, daß ſie ſich nicht ſchon fruͤher haͤtten genauer kennen lernen, da er ſo viel Gleichheit in ihrer Denkungsart wahrnahm, und da dieſes Siegwart noch mehr beſtaͤtigte. Er bat ihn zu ſich, und verſprach, ihn oͤfters zu beſuchen, und ihm alle Buͤcher zu leihen, die er haͤtte. Kir - ner haͤnſelte indeſſen den jungen Kaſpar, der ſich alles gefallen ließ, und nun froh war, daß er das Ende der Reiſe vor ſich ſah. Der Kapuziner freu - te ſich innerlich recht herzlich uͤber die Freundſchaft der beyden Juͤnglinge, und uͤber die Freude, die ſie an einander hatten. Das iſt ſchoͤn, ſagte er, wenn man einander ſo recht gut iſt. Jch weis, daß mein P. Jgnatz auch viel Freude haben wird,555 wenn ich wieder komme. Wir ſind Herzensfreun - de zuſammen. Eine Viertelſtunde vor der Stadt gieng der ehrliche Pater vom Poſtwagen ab, und dankte Siegwart noch beſonders, daß er ſich ſeiner ſo angenommen, und fuͤr ihn geſorgt habe. — Sieh, dort an dem mittlern Thurm, ſagte Kron - helm zu Siegwart, indem er nach der Stadt wies, iſt mein Zimmer, gleich in dem Hauſe rechter Hand. Du kannſt erſt bey mir ſeyn, bis wir um eine Wohnung fuͤr dich ſehen; ich glaub, daß in mei - nem Haus noch ein Zimmer ledig wird. Das waͤr herrlich, ſagte Siegwart; aber koͤnnten wir nicht auf Einem Zimmer beyſammen wohnen, wie im Kloſter? Nein, Bruder, antwortete Kronhelm; aber ich kann dir jetzt nicht ſagen, warum?
Endlich kamen ſie in der Stadt an, und giengen gleich auf Kronhelms Zimmer. Hier umarmten ſie ſich erſt mit herzlicher, bruͤderlicher Liebe. Sieg - wart bemerkte gleich beym Eintritt in die Stube ein unter dem Spiegel haͤngendes Portrait, das ihm ſehr bekannt deuchte. Wen ſoll das vorſtel - len? fragte er. Kennſt du das nicht! antwortete Kronhelm. Es iſt Thereſe. — Ja wahrhaftig! Recht gut und aͤhnlich! Fiel mirs doch nicht gleich ein. Aber, wo haſt du’s denn her? Wer hats556 gemacht? — Aus mir ſelber hab ichs; ich habs ge - macht. Das war dir eine Freude, als ichs fertig hatte. O Bruder, ich kann nichts anders thun und denken! — Du daurſt mich, armer Junge! Jch hoffte, die Zeit wuͤrd es aͤndern. — Da kennſt du die Liebe recht. Wer einmal liebt, liebt ewig. — Hierauf erkundigte er ſich mit Aengſtlichkeit nach Thereſen. Siegwart wich ſeinen Fragen aus, ſo gut er konnte, und antwortete immer nur ins Allgemeine. Bey Kronhelm wachte der ganze, etwas eingeſchlummerte Schmerz wieder auf. Alles war ihm wieder neu. Es kam ihm vor, als ob er Thereſen erſt geſtern geſehen, und ver - lohren haͤtte. Alle Bilder der Vergangenheit ſtell - ten ſich ihm wieder dar. Er betrachtete ſeinen Siegwart genau, eilte dann zum Portrait hin, und brachte ſogleich einen Zug drinn an, den The - reſe mit ihrem Bruder gemein hatte. Das hat noch gefehlt, ſagte er, das konnt ich nicht treffen; nun iſts noch aͤhnlicher. Und wirklich hatte die Aehnlichkeit des Bildes durch dieſe Aenderung ſehr gewonnen.
Sieh, das Zimmer waͤre groß genug, ſagte Kronhelm, daß wir bey einander wohnen koͤnnten. Aber ich habs beſſer uͤberlegt. Du haſt in der letz -557 ten Zeit im Kloſter ſehr viel von mir ausgeſtanden; ich war ſo wunderlich und verdruͤßlich. Seit der Zeit bin ichs noch mehr geworden. Oft iſt mirs ſo zu Muthe, daß ich keinen Menſchen, nicht ein - mal meinen beſten Freund um mich leiden kann. Wenn du hier im Hauſe wohnſt, ſo kannſt du doch immer bey mir auf dem Zimmer ſeyn; aber wenn ichs zu arg mache, kannſt du ausweichen. Mir iſts leid, daß ich ſo bin; aber ich kanns nicht aͤn - dern. Siegwart machte erſt Einwendungen, aber endlich ließ er ſichs gefallen.
Den andern Tag beſahen ſie die Stadt mit ein - ander. Sie gefiel unſerm Siegwart beſſer, als ſeinem Freunde, der, bey ſeinem Eintritt, alles in die Farbe der Melancholie gekleidet geſehen hatte. Siegwart erkundigte ſich bey ihm nach dem Hof - rath Fiſcher, und erfuhr, daß es eben der ſey, von dem die Studenten auf dem Poſtwagen geſprochen hatten. Er wird dir nicht ſehr gefallen, ſagte Kronhelm, denn er iſt ziemlich ſtolz; aber ſeine Tochter, denk ich, wird dir mehr gefallen; es iſt ein herrliches Maͤdchen. Mir wirſt du dieſes Lob um ſo mehr glauben, da ich ſo ganz unpartheyiſch bin, und nur fuͤr Thereſen allein lebe. Meinetwe - gen mag ſie ſeyn, wie ſie will! verſetzte Sieg -558 wart, was gehen mich die Maͤdchen an? Jch bring einmal dem Hofrath meines Vaters Brief, und damit aus! Wenn er ſtolz iſt, ſo bin ichs auch! — Nun, wir wollen ſehen, ſagte Kron - helm laͤchelnd. Den Nachmittag waren ſie zu Gutfried gebeten, der ihnen ſehr gefiel, und mit dem ſie Freundſchaft errichteten, und eine woͤchent - liche Zuſammenkunft ausmachten, weil er die Floͤte recht gut ſpielte. Es war auch ein Sohn vom Hofrath Fiſcher da, dem Gutfried gegenuͤber wohn - te. Dieſer junge Menſch ſtudierte, und war un - baͤndig ſtolz. Er gab ſich mit Kronhelm etwas, und mit Siegwart gar nicht ab, ob ihm dieſer gleich ſagte, ſein Vater habe ehedem das Gluͤck gehabt, ein Freund des ſeinigen zu ſeyn. Alle Augenblicke beſah er ſich im Spiegel, und bewun - derte ſein glattes, karmeſinrothes Geſicht. Den andern Tag gieng Siegwart zum Kanzler, der ihm hoͤflich begegnete, und von da zum Hofrath Fiſcher, dem er ſeines Vaters Brief brachte. Der Hofrath empfieng ihn in ſeinem damaſtenen Schlaf - rock ſehr kalt und ſtolz, und noͤthigte ihn nicht ein - mal zum Sitzen. Als er den Brief durchgeleſen hatte, ſagte er: Alſo lebt ſein Vater noch? Jch dachte, er waͤre ſchon laͤngſt geſtorben. Nun, Nun! 559Wenn ich ihm gelegentlich worinn dienen kann, ſo komm er wieder zu mir! Er kann auch ſeinen Vater von mir gruͤſſen, wenn er an ihn ſchreibt. Siegwart buͤckte ſich, und nahm ſeinen Abſchied. Der Hofrath gieng bis an die Thuͤre mit, und klingelte dem Bedienten, der ihn die Treppe hinab begleitete. Voll Unmuths gieng nun Siegwart zu Hauſe, und ſchimpfte unterwegs bey ſich ſelbſt auf den kalten Weltton, und das ſtolze, veraͤnderliche, menſchliche Herz. Der kriegt mich gewiß nicht wieder! ſagte er zu Kronhelm; das iſt ein rechter Hofmann. Haͤtt ich das gewuſt, er haͤtte weder mich, noch den Brief geſehen! Meinem Vater darf ich das nicht ſchreiben, der wuͤrde ſich zu ſehr druͤber aͤrgern. O Kronhelm, wenn ich denke, daß einer von uns einmal ſo werden koͤnnte, ich moͤchte toll werden! — Wie kannſt du auch ſo was denken? ſagte Kronhelm, Haſt du aber ſeine Tochter nicht geſehen? — Nein! antwortete Siegwart halb unwillig; was willſt du nur im - mer mit ſeiner Tochter? Jch mag ſie gar nicht ſehen! —
Nach ein paar Tagen ward in dem Haus ein Zimmer leer, das Siegwart ſogleich miethete und bezog, ob er gleich ſeine meiſte Zeit auf Kronhelms560 Zimmer zubrachte. Dieſer ſprach beſtaͤndig nur von Thereſen. Siegwart muſte ganze Abende durch mit ihm von ihr reden, ohngeachtet er jetzt ſelbſt wenig von ihr wuſte; denn ſie ſchrieb ſeltener, als ſonſt, vermuthlich um Kronhelms willen. Sieg - wart haͤtte ſo gern ſeinem Freund eine Neigung ausgeredet, die allem Anſchein nach nie einen gluͤck - lichen Ausgang nehmen konnte; aber wenn er ſich nur von fern etwas dergleichen merken ließ, ſo ward Kronhelm boͤſe oder traurig, und argwohn - te, daß er nicht ſein Freund mehr ſey. Zerſtreuen ließ er ſich auch wenig, denn er ſaß bey den ſchoͤn - ſten Fruͤhlingstagen faſt immer zu Hauſe, und wollte nicht einmal gern Muſik machen, wenn Gutfried kam. Gieng Siegwart einmal allein aus, und kam er nicht ſogleich wieder heim, ſo ward er druͤber unruhig und unzufrieden. Er wollte den Bruder ſeiner Thereſe beſtaͤndig um ſich haben, und ſagte ihm oft, daß die Freundſchaft ſo wohl eifer - ſuͤchtig ſey, als die Liebe. Siegwart, der ihn ſo unausſprechlich liebte, fuͤgte ſich ganz in ſeine Laune, bedaurte ihn in der Stille, und that ihm alles zu Gefallen.
Nun giengen auch die Kollegia an: Siegwart, der auf der Schule durch ſeinen Fleiß ſchon ſo weit561 gekommen war, hoͤrte die Philoſophie, und die Phyſik. Der junge Jckſtatt, der die Wolfiſche Philoſophie inne hatte, und uͤberhaupt ſehr aufge - klaͤrt dachte, gefiel ihm vorzuͤglich, und machte ihm das philoſophiſche Studium ſehr angenehm. Sei - ne andern Lehrer, die groͤſtentheils Jeſuiten waren, gefielen ihm ſchon weniger. Kronhelm hatte blos eine Stunde bey Jckſtatt, und eine andre auf der Reitbahn. Die ganze uͤbrige Zeit brachte er zu Haus in der Einſamkeit zu. Gutfried war faſt ihr einziger Geſellſchafter. So gieng der Fruͤhling und der Sommer hin, ohne daß Siegwart Ein - mal in eine eigentliche Studentengeſellſchaft kam, wobey er freylich blutwenig verlohr. Sein Ver - ſtand ward durch die Wiſſenſchaften und den Vor - trag ſeiner Lehrer immer mehr aufgeklaͤrt; ſein Herz durch das Leſen der Alten, und beſonders der Geſchichtſchreiber, immer maͤnnlicher und fe - ſter; und ſeine Empfindung durch das Leſen der alten und neuen Dichter, durch fleiſſige Uebung in der Muſik, und genaue Beobachtung der Natur immer feiner, richtiger, und reizbarer. Oft fuͤhlte er in ſich ein gewiſſes Leere, und ein Verlangen, wovon er den Gegenſtand nicht kannte. Sein Herz war oft, beſonders in der Daͤmmerung, ungewoͤhn -562 lich weich; oft floſſen ihm Thraͤnen aus den Au - gen, ohne daß er wuſte, warum? Er hielts fuͤr eine Sehnſucht nach dem Kloſter, und fuͤr einen goͤttlichen Aufruf, ſich zu dieſem Stande recht vor - zubereiten; daher ſtudierte er auch unaufhoͤrlich, oft bis in die tiefe Nacht hinein. Wenn ſein Herz recht weich, und er allein war, ſo erhub ſich ſeine Seele zu hoher Andacht; er betete mit groſſer Jnbrunſt, und heiligte ſich Gott ganz. Das Le - ſen der Bibel machte ihn taͤglich vollkommener und beſſer, und jeder groſſen Handlung ſaͤhig. Seine Liebe zur Tugend, und ſeine Gewiſſenhaftigkeit ward beynahe ſchwaͤrmeriſch. Ein paarmal traf er von ungefaͤhr bey Gutfried andre Studenten an, beſonders Boling und Kirner, welche ziemlich frey und leichtſinnig ſprachen. Dieß that ihm ſo weh, und brachte ihn ſo auf, daß er ganz freymuͤthig ſein Misfallen druͤber an den Tag legte, und faſt in Ungelegenheit und Streit kam. Das rohe und verderbte Weſen, das er unter den Studenten wahrnahm, machte ihn beynah zum Einſiedler und zum Menſchenfeind, ſo daß er bey keinem Men - ſchen gern war, als bey Kronhelm und Gutfried. Das Andenken an Sophien, und ihr Tagebuch, worinn er fleiſſig las, erhoͤhten ſeine Schwaͤrmerey563 noch mehr. Thereſens traurige Briefe, und ſei - nes Kronhelms duͤſtre Denkungsart lehrten ihn die Welt, die den beſten Seelen ſo wenig Freude ge - waͤhrt, und ſie in ſo tiefen Kummer ſtuͤrzt, immer mehr gering ſchaͤtzen. Dabey war ihm bey ſeiner halbfanatiſchen Denkungsart ſo wohl, daß er ſich in keine andre Lage wuͤnſchte.
Die Kirchen, und beſonders die Frauenkloſter - kirche beſuchte er alle Sonn - und Feyertage, und naͤhrte da ſeine Phantaſie noch mehr durch das heilige Gepraͤnge, und die feyerliche Muſik. Ein - mal ſah er ein Maͤdchen neben ſich knien, uͤber deſſen Anblick er erſchrack. Es hatte die Augen andachtsvoll gen Himmel gerichtet, und warf, als er es anblickte, einen Blick auf ihn, der ſein Jnnerſtes umkehrte. Er war auf einmal aus aller Faſſung, und konnte, ohngeachtet aller Bemuͤhung, ſeine Andacht nicht mehr ſammeln. Es uͤberfiel ihn ein ſolches Zittern und Beben, daß er ſich kaum mehr auf den Knien halten konnte. Noch Einmal blickte er hinuͤber; ſie ließ eben ein Kuͤgelchen an ihrem Noſenkranz fallen, ſah ihn wieder an, und ſein Blick fuhr wie der Blitz zuruͤck. Nach etli - chen Minuten ſtand ſie auf; er hoͤrte ihr Gewand rauſchen, wagte es aber nicht, nach ihr hinum zu564 blicken. Er wollte wieder beten, aber er konnte nicht vier Worte zuſammen bringen. Drauf mach - te er ein Kreuz, ſchlug ſich auf die Bruſt, ſtund auf, und, indem er ſich umwendete, ſah er das ſchlanke Geſchoͤpf mit langſamem, majeſtaͤtiſchem Gang der Kirchenthuͤre zugehn, ſich mit Wieh - waſſer beſprengen, und aus ſeinen Augen verſchwin - den. Er kam aus der Kirche, ohne ſelbſt zu wiſſen, wie? Gutfried ſtand in einem Seiten - ſtuhle, und gruͤſte ihn; aber er nahm ihn nicht wahr. Als er vor die Kirche kam, ſah er das Maͤdchen nicht mehr, und wuſte nicht, wo er ſich hin wenden ſollte? — Gott! Was iſt das? dachte er. War das ein Engel, oder wars Maria? Seine ganze Empfindung war ihm unerklaͤrlich. Es war ihm nicht wohl, und auch nicht weh! Seine See - le war immer auſſer ihm, und er wuſte doch nicht, wo? Er ſah nur das, gen Himmel gehobene Au - ge, und die ſchlanke Geſtalt, wie ſie majeſtaͤtiſch vor ihm hin ſchwebte. Ein paar Stunden lang gieng er, ohne ſich ſeiner bewuſt zu ſeyn, auf ſei - nem Zimmer auf und ab. Er wollte beten, wollte leſen; aber ſeine Gedanken waren immer anders - wo. Zuweilen ſeufzte er, und huſtete, um vor ſich ſelbſt den Seufzer zu verbergen. Kronhelm hatte565 ſchon eine halbe Stunde mit dem Eſſen auf ihn gewartet. Als er nicht kam, gieng er zu ihm auf ſein Zimmer. Siegwart fuhr zuſammen. — Was treibſt du denn, Xaver? Jch warte ſchon uͤber eine Stunde auf dich. Das Eſſen ſteht ſchon eine hal - be Stunde auf dem Zimmer; es wird ganz kalt. — So? iſts denn ſchon Eſſenszeit? Das kann ja kaum ſeyn! — Je freylich! antwortete Kron - helm; ſieh nur nach der Uhr! Es iſt ſchon halb Eins. — Siegwart gieng ſchweigend mit ihm auf ſein Zimmer, und ſprach waͤhrend dem Eſſen faſt kein Wort; auch aß er wenig. — Kronhelm, der mit ſeinen Gedanken bey Thereſen war, merkte davon nichts. Nach Tiſche gieng Siegwart auf ſein Zimmer, unter dem Vorwand, daß er Briefe nach Haus zu ſchreiben habe. Kronhelm trug ihm einen Gruß an Thereſen auf. Siegwart ſchrieb nicht, ſondern gieng nur hin und her. Er wollte das Maͤdchen und ihren andaͤchtigen Blick wieder vergeſſen, dachte an tauſend verſchiedne Dinge, aber immer am Ende wieder an ſie. Zuweilen phantaſirte er auf ſeiner Violine; gleich war ihms wieder entleidet, und er hieng ſie wieder auf. Um halb vier Uhr holte ihn Kronhelm ab, um zu Gutfried zu gehen, wo ſie ein woͤchentliches566 Privatkonzert hatten. Siegwart zog ſich an, und gieng mit ihm. Als ſie ſchon unter der Hausthuͤre waren, ſagte Kronhelm: Nimmſt du denn deine Violine nicht mit? Ach, das iſt wahr! die haͤtt ich bald vergeſſen! ant - wortete Siegwart, und ſprang die Treppe wie - der hinauf. Als das Band, an dem die Violine hieng, ſich am Nagel verwickelt hatte, riß er es mit Gewalt entzwey. Jm Konzert ſpielte er ohne alle Aufmerkſamkeit mit, und hoͤrte endlich, als ein andrer kam, der die erſte Violine ſpielte, gar auf, weil er vorgab, es ſey ihm nicht recht wohl. Er ſetzte ſich in eine Ecke, hielt die Hand vors Geſicht, verſank in Wehmuth, und dachte nichts, als das ſchoͤne andaͤchtige Maͤdchen. Zuweilen konnte er ſich ihr Geſicht nicht mehr deutlich vor - ſtellen; es ſchwebte blos ſein Umriß vor ihm her - um, und da ward er auf ſich ſelbſt boͤſe, und gab ſich alle Muͤhe, ſich das ganze Bild wieder zuruͤck zu rufen. Kronhelm merkte wohl, als er mit ihm nach Haus gieng, daß ihm etwas ſehlte, aber er beruhigte ſich wieder, als er hoͤrte, daß es nur von Kopfſchmerzen herruͤhre. Siegwart blieb wohl noch drey Stunden auf, ſprach oft mit ſich ſelbſt, ſang zuweilen etwas, betete, und flehte Gott um Ruhe567 und Vergebung, denn er hielt, aus zu genauer Gewiſſenhaftigkeit, ſeine Empfindung fuͤr Suͤnde. Er wuſte nicht, war es Liebe, oder was es war? Endlich legte er ſich zu Bette. Lang bemuͤhte er ſich umſonſt, einzuſchlafen. Wenn er die Augen zumachte, ſo ſtand das Maͤdchen lebendiger, als ers ſich den Tag uͤber hatte vorſtellen koͤnnen, ihm vor Augen. Den andern Morgen wachte er fruͤh auf; die eben aufgehende Sonne ſchien in ſeine Kammer; eine Thraͤne ſchoß ihm in die Augen, denn ſein erſter Gedanke war das Maͤdchen. Jhr gen Himmel gehobnes Auge gab ſeiner Andacht Schwingen. Er ſtand auf, ſtreckte die Arme aus, als ob er ſie umfangen wollte, und betete ſo feu - rig, als er faſt noch nie gebetet hatte. — Gott! Gott! ſeufzte er: Jch kenne mich ſelbſt nicht mehr! Was will ich? Was fehlt mir? Warum denk ich immer an den Engel? Wenn es Suͤnde iſt, o Gott! ſo vergib mir! Du haſt ihn erſchaffen! Jch kann nicht anders. Jch bin immer bey ihm! Ach, wo mag ſie ſeyn, die Heilige, die unaus - ſprechlich Holde? Ach, wo mag ſie ſeyn, dann betete er wieder. Aber immer ſchien ihms, als ob ſie ſich zwiſchen Gott und ihn ſtellte, oder mit ihm betete. — Er gieng ins Kollegium. Auch da568 war ſie immer um ihn. Er hoͤrte nichts, was der Lehrer ſagte. Er zwang ſich, aufzumerken, aber nur vergeblich. So gieng die ganze Woche hin. Zuweilen dachte er minder lebhaft an ſie; aber tau - ſenderley Dinge zogen ihn wieder zu ihr zuruͤck. Wenn er in Geſellſchaft ſie auf einige Augenblicke vergaß, ſo wachte er ploͤtzlich wieder, wie vom Schlummer, auf. Wenn er nur das Wort: Maͤd - chen, ausſprechen hoͤrte, ſo ſtand ſein Maͤdchen wie - der vor ihm. Nie war ſein Geiſt in der Geſell - ſchaft ſeiner Freunde ganz gegenwaͤrtig; immer ſchwebte er in der Kirche vor dem Altar, oder er wuſte ſelbſt nicht, wo? Er war immer zu Thraͤ - nen geſtimmt, und muſte oft aufſtehn, um ſeine Wehmuth vor ſeinen Freunden zu verbergen. Sie riethen hin und her, was ihm fehlen moͤchte? Auf Liebe fielen ſie gar nicht, da er bey jeder Gelegen - heit dagegen eiferte. Endlich wuſten ſie ſeiner Zer - ſtreuung keine andere Urſach zu geben, als ſein lan - ges Aufſitzen bey Nacht. Kronhelm bat ihn ſehn - lich, es zu unterlaſſen, und ſeine Geſundheit zu ſchonen! Er war uͤber die zaͤrtliche Beſorgniß ſei - nes Freundes ſehr geruͤhrt, und verſprach, es zu thun. Den kuͤnftigen Sonntag konnte er kaum erwarten. Da dachte er, das Maͤdchen wieder in569 der Kirche zu ſehen. Hundertmal des Tags ſah er nach ſeinem Wandkalender, wie viel Tage es noch dahin bis ſey? Jmmer vergaß ers wieder, und rechnete oft einen Tag weniger. Zuletzt zaͤhlte er ſogar die Stunden. Er ſtellte ſich vor, was er thun, wo und wie er ſich anſtellen wolle? wenn ſie in die Kirche komme. Als der Sonntag kam, wachte er fruͤh auf, kraͤuſelte ſeine Haare ſehr ſorgfaͤltig, und kleidete ſich praͤchtiger und netter, wie gewoͤhnlich. Jn der Fruͤhmeſſe traf er das Maͤdchen nicht. Sein Herz erhub ſich zu Gott mit ſchwaͤrmeriſcher Andacht; ſeine Einbildungskraft drang bis an den Thron der Gottheit; ſein Geiſt war auſſer dem Leibe, und unmittelbar im Himmel. Auf Einmal uͤberfiel ihn wieder eine aͤuſſerliche Beklemmung; ſein Herz klopfte laut und ſichtbar. Alle Augen - blicke, dacht’ er, kann ſie kommen, und neben mir niederknien. Er bebte vor dem Augenblick, und wuͤnſchte ihn doch ſo ſehnlich herbey. — Jn die Predigt kam das Maͤdchen auch nicht. Sein Au - ge ſuchte aͤngſtlich umher, verweilte auf jedem gut - gekleideten Frauenzimmer, und wandte ſich unwil - lig wieder weg, weil es nicht fand, was es ſuchte. So oft die Kirchenthuͤre aufgieng, blickte er hin,O o570und zitterte. Sie kam nicht. Nach der Predigt gieng er in den Chor, kniete auf die Stelle nie - der, wo ſie gekniet, und die er ſich ſo genau gemerkt hatte. So oft er etwas hinter ſich gehen, oder ein ſeidenes Gewand rauſchen hoͤrte, ward ihm bange; aͤngſtlich blickte er dann um ſich, weil er fuͤrchtete, jedermann bemerke ihn: Einmal ſah er ein Maͤdchen mit einem Flor vor dem Ge - ſicht ihm zur Rechten niederknien. Es hatte die ſchlanke Geſtalt ſeines Maͤdchens. Sein Geſicht gluͤhte, er zitterte, ſein Gebet ward laut; er glaub - te zu vergehen und zu ſinken. Schwankend ſtand er auf. Das Maͤdchen war nicht das ſeini - ge. Heilige Mutter Gottes! dachte er, wo iſt ſie? — Schnell ſteckte er den Roſenkranz ein, gieng aus der Kirche, ohne das Weihwaſſer zu nehmen, und nach der obern Stadtkirche. Hier fand er ſie wieder nicht. Nun uͤberfiel ihn tiefe Wehmuth. Tauſenderley traurige Vorſtellungen bekaͤmpften ſich in ſeiner Bruſt: Jſt ſie krank? Jſt ſie todt? Hab ich ſie durch meinen Blick erzuͤrnt? Haͤtt ich ſie doch nie geſehen! Stuͤrb ich doch auch! O ich bin der ungluͤcklichſte Menſch auf Gottes Erdboden! — Er gieng heim, und weinte, rang die Haͤnde und betete. Kronhelm kam zu ihm571 aufs Zimmer. Jndem erhielt er einen Brief von Thereſen mit der Nachricht, daß ihr Vater ſich von neuem nicht ganz wohl befinde, doch ſey er ſchon wieder auf dem Weg der Beſſerung. Waͤh - rend dem Leſen ſtuͤrzten ihm die Thraͤnen aus den Augen. Kronhelm fragte ihn um die Urſache da - von. Er konnte ſie vor Wehmuth kaum erzaͤhlen. Nun weinten beyde Freunde. Siegwart konnte nun einen Grund fuͤr ſeine Traurigkeit angeben, und Kronhelm argwohnte deſto weniger eine andre Urſache. Der doppelte Schmerz beſtuͤrmte nunmehr Siegwarts Seele mit aller Gewalt. Er dachte ſich die beyden theuren Perſonen immer zuſam - men, und wuͤnſchte ſich nichts als den Tod, das einzige Ende ſeines Jammers, das er vor ſich ſah. — Den Nachmittag ſchrieb er an ſeine Schweſter und an ſeinen Vater einen bangen und ſchwermuͤthigen Brief. Unter andern ſchrieb er an Thereſen: — Jch ſehe wohl, daß die Welt keine Freuden hat. Jeder Tag hat ſeine Plage, und mit jedem Tage ſteigt ſie. Moͤcht ich doch bald dieſe Welt verlaſſen, und im Grab von allem Kummer ausruhen! O meine Schweſter, es gibt viele Leiden, die du noch nicht kennſt. Sterben, ſterben iſt das Beſte! Und wenn dieſes Ziel vom Schoͤpfer noch nicht geſetzt572 iſt, iſt es dann nicht Weisheit, der Welt ſo viel abzuſterben, als man kann und darf? Du verſtehſt mich; der Eintritt ins Kloſter iſt ein Bild des Todes. Duͤrft’ ich ihn doch morgen thun! ꝛc.
Dießmal war das Konzert auf Kronhelms Zim - mer. Siegwart ſpielte nicht mit, ſondern ſaß in einem Winkel, und weinte. Seine Phantaſie ward durch die Muſik aufs aͤuſſerſte geſpannt. Zuwei - len irrte er durch Nacht und Graͤber; ſah ſei - nen Vater mit dem Tode ringen, ſchauerte zuruͤck, und ſtand haſtig auf. Dann ward er wieder in das ſuͤſſe, heilige Gefuͤhl der Liebe verſenkt; ſah ſein andaͤchtiges Maͤdchen vor dem Altar knien; ſah ſie wehmuͤthig und traurig; bildete ſich ein, ſie laͤchl’ ihm zu. — Dann ſchwand ſie ihm wieder aus den Augen. Er ſah kein Mittel, ſie jemals zu ſprechen. Jch werde ſie nie, nie ſehen! dachte er. Sie flieht mich; ſie muß mich verachten; Jch bin nichts, gar nichts gegen ſie! Sie iſt ein En - gel, und ich bin ein Suͤnder, ein Verworfener! O warum hab ich ſie geſehen? Warum all mei - ne Ruhe ſo auf Einmal verlohren?
Ploͤtzlich ward er aufmerkſam, als eine wild - ſchwaͤrmeriſche Symphonie von Fils geſpielt wurde. 573Er ſtand auf, nahm ſeine Violine, und ſpielte mit. — Von wem iſt das Stuͤck? fragte er, als es ausgeſpielt war. Von Fils, antwortete einer. Das war ein herrlicher Kerl! Seine beſten Stuͤ - cke hat er in der raſendſten Liebe gemacht; und als es ihm nicht nach Wunſch gieng, aß er Glas, und ſtarb dran. — Das iſt vortreflich, ſagte Sieg - wart, wir wollen das Stuͤck noch einmal ſpielen! Sie ſpieltens wieder. — Bey einem Quatuor von Boccherini verſank er wieder in die tiefſte Schwer - muth, in der er den ganzen Abend blieb. — Die ganze Woche ſtrich ihm traurig hin. Die Unruhe uͤber die Krankheit ſeines Vaters verdrang das Bild des Maͤdchens etwas aus ſeinem Herzen, oder uͤberzog es vielmehr nur mit einer Art von Schley - er. Oft ſtand es wieder frey, und in allem ſeinem Reiz vor ihm da. Er lief alle Straſſen der Stadt durch, ob er ſein geliebtes Maͤdchen nirgends ent - decke? Aber nirgend ſah ers. Jn die Kirchen konnte er die Woche uͤber nicht gehen, weil er ſeine Kollegia gewiſſenhaft beſuchte. Er und Kronhelm machten nun eine traurige Figur zuſammen. Kei - ner konnte den andern troͤſten. Sie weideten ſich an ihrem wechſelſeitigen Schmerz, und vereinigten ihre Klagen, obwol Siegwart viel zu furchtſam574 und zaͤrtlich war, ſeinem Freunde das Geringſte von dem Maͤdchen zu entdecken. Ganze Stunden ſaſſen ſie in der Daͤmmerung, ohne Licht, beyſam - men; ſeufzten und klagten mit einander, oder ſpiel - ten wehklagende Stuͤcke. Am Sonnabend bekam Siegwart einen Brief von Thereſen, und die Verſicherung, daß ihr Vater wieder ganz hergeſtellt ſey. Dieß war ihm ein groſſer Troſt, aber ganz freuen konnte er ſich nicht. Gott! ich danke dir, ſagte er. Du biſt guͤtig und barmherzig. Nur verzeihe mir meine Schwachheit! Ach, ich kann mich nur halb freuen. Du weiſts, ich bin nicht undankbar! Mein Jammer iſt dir nicht verborgen! Von einer Seite haſt du mich geheilet; aber von der andern friſt der Schmerz immer tiefer! Gott! wenn ichs wuͤrdig bin, ach, wenn ichs wuͤrdig bin, ſo er - barm dich meiner! Laß mich ſie ſehen, oder laß mich ſterben! — Nun dachte er wieder ſie nur ganz allein. Morgen, morgen, rief er, Leben oder Tod! — Er gieng auf Kronhelms Zimmer, und brachte ihm die Nachricht von der Geneſung ſeines Vaters. — Und von Thereſen haſt du mir nichts? ſagte Kronhelm wehmuͤthig. — Nichts, mein Lieber, als einen Gruß. Ach du daureſt mich unendlich. Jch kann dirs nicht ſagen, wie tief ich deine Leiden fuͤhle! Gott weis, ich575 kanns nicht! — Und nun ſchwiegen ſie lang. — Jch weis nicht, ob ichs lang mehr aushalte? hub Kronhelm wieder an. Wenn ſie mich vergeſſen, mir untreu werden koͤnnte. — Und doch! — ſoll ſie ohne Hofnung harren? Ohne Hofnung! we - nigſtens ohne Gewißheit, ſogar ohne Wahrſchein - lichkeit: O, mein Leiden iſt das groͤſte! Duld und harre! ſagte Siegwart. Die Leiden auf der Welt ſind mancherley. Jch bin auch nicht gluͤcklich. — Er wollte reden; aber eine ploͤtzliche Aengſtlichkeit hielt ihn wieder zuruͤck.
Der Sonntagsmorgen brach an. Siegwart klei - dete ſich gut, und gieng voll banger Ahndung in die Kirche. Er ſetzte ſich in einen Stuhl, von dem er die ganze Kirche uͤberſehen konnte. Das Maͤd - chen war noch nicht da. Er ward verwirrt druͤber; dankte aber doch Gott fuͤr die Geneſung ſeines Va - ters bruͤnſtig. Nach einer halben Stunde oͤfnete ſich die Kirchenthuͤre, und das Maͤdchen trat her - ein, ſchwarz gekleidet, mit einer etwas bejaͤhrten Frau von angenehmer und ſanfter Geſichtsbildung. Sein Herz ſchlug ungeſtuͤm. Sie ſetzte ſich ihm gegenuͤber in einen vergitterten Stuhl, an dem aber das Gitter zuruͤckgeſchoben war. Sie ſetzte ſich nieder, und las in einem Gebetbuch. Zuwei -576 len erhub ſie ihr ſchoͤnes nußbraunes Auge zum Himmel; drey - oder viermal glaubte er, ſie ſeh ihn aufmerkſam an; und ihm ward bald warm, bald kalt in der Bruſt. Er hieng mit ganzer Seele an ihr; ſein Blick ruhte auf ihrem Geſicht, wie auf dem Antlitz einer Heiligen. Er konnte den unendli - chen Reiz nicht faſſen, der ſich uͤber das Ganze verbreitete. Alles um ſich her vergaß er, Himmel und Erde, und wuſte nicht mehr, daß er in der Kirche war. Er dachte nichts; ſein ganzes Weſen war Gefuͤhl. Sie ſah ihn an; Er ſchlug die Au - gen nieder, als ob ein Blitz ihn blendete. Gleich ſah er wieder auf; ſie war verſchwunden. Ein breitſchultriger Mann mit einer groſſen Peruͤcke hatte ſich vor ſie hingeſetzt, und ihm den Anblick des himmliſchen Geſichts benommen. Nur zuwei - len, wenn der Mann ſich buͤckte, ſah er ſie auf ei - nen Augenblick. Der Mann ward ihm auf Ein - mal unausſprechlich zuwider. Er knirſchte mit den Zaͤhnen, und haͤtt ihn gern mit den Fuͤſſen wegge - ſtoſſen. — Der dumme, kalte Kerl! dachte er, mit dem abſcheulichen Alltagsgeſicht! Jch wollte, daß er hundert Meilen weit von hier waͤre! — Nach der Meſſe ſtund das Maͤdchen, mit der Frau auf; gieng in den Chor vor den Altar und577 kniete nieder. Jm Hingehn warf ſie einen Blick auf Siegwart, der ihm durch die Seele drang. Er ſah ſie langſam, und andaͤchtig vor ſich hin gehn, und wuſte nicht, ob er ihr folgen, oder bleiben ſollte? Er zitterte, daß die Kuͤgelchen an ſeinem Roſenkranze klapperten. Sie kniete ſchon etliche Minuten, da ſchlich er ſich aͤngſtlich und zoͤgernd nach dem Chor. Sie kniete im vorderſten Reihen, unter denen, die das Abendmahl genieſſen wollten. Er kniete ſich an der Seitenwand der Kir - che ihr faſt gegenuͤber nieder. Die Muſik, die in dem Augenblick gemacht wurde, war ihm ſein ganzes Leben durch die liebſte, und ruͤhrte, ſobald ſie angeſtimmt wurde, alle Saiten ſeines Herzens. Der Prieſter, der die Hoſtie austheilte, gieng um - her, und kam zu ihr. Jn dem Augenblick haͤtt’ er alles hingegeben, um der Prieſter, oder einer von den Knaben zu ſeyn., die das Tuch unterhiel - ten. So oft er nachher einen von den Knaben ſah, ſtellte ſich ihm die ganze feyerliche Handlung wieder lebendig dar, und ſeine Seele gluͤhte. Er liebte die Knaben, und war doch eiferſuͤchtig auf ſie. Als ein dritter ihr den Spuͤhlkelch reichte, da bebte ſeine Seele vor Verlangen, nach ihr aus dem Kelch zu trinken. Er beneidete das Maͤdchen,578 das neben ihr kniete, und aus dem Kelch trank. Nun betete ſie, und ſeine Seele flog mit ihr zum Himmel. — Gott! ach Gott, laß ſie mein ſeyn! Sey ihr gnaͤdig, und erhoͤre mein Gebet! — Wei - ter konnte er nichts denken. —
Noch lag er auf den Knien, in der Abſicht, zu warten, bis ſie weg gienge, und zu erfahren, in wel - ches Haus ſie gehoͤre? als er auf Einmal durch einen Stoß, den ihm jemand, neben ihm, gab, aus ſeiner Schwaͤrmerey aufgeweckt wurde. Kronhelm, den er nicht wahrgenommen hatte, ſtand neben ihm, und winkte, mit ihm weg zu gehen. Er ſtand un - willig auf, und ſuchte ſeine Verwirrung ſeinem Freunde zu verbergen. So boͤs er druͤber war, ſo durft er es doch ſeinen Freund nicht merken laſſen, und gieng mit ihm aus der Kirche. — Laß uns etwas ſpatzieren gehen! ſagte Kronhelm; der Tag iſt ſo ſchoͤn. — Meinetwegen! antwortete Sieg - wart.
Sie giengen mit einander durch die Stadt, ohne ein Wort zu ſprechen. Siegwart war ganz in Ge - danken verlohren, und bey ſeinem lieben Maͤdchen in der Kirche. Es ſchmerzte ihn tief, daß er ſo von ihr weggeriſſen worden war, und ihre Wohnung nicht hatte erfahren koͤnnen. Sich nach ihr bey579 Kronhelm zu erkundigen, wagte er gar nicht. Als ſie auſſerhalb der Stadt waren, ſo fieng Kronhelm an: Du biſt ja ganz auſſer dir geweſen in der Kir - che, und haſt mich nicht bemerkt, ob ich gleich eine halbe Viertelſtunde neben dir kniete. — Wer? Jch? … ſtotterte Siegwart. Recht! ich war ſo in der Andacht; weil ich an meinen Vater dachte… Weil er geſund worden iſt… Und da dankt ich Gott — — und da konnt ich dich nicht ſehen… Ja, ich war ganz vertieft… Hab dich warlich nicht bemerkt. … Es kam gewiß nur daher… u. ſ. w.
Der helle Herbſtmorgen machte auf ſein ofnes Herz den tiefſten Eindruck. Die bleichgelben Blaͤt - ter, deren eins nach dem andern von den Baͤumen herabfiel; das Rauſchen der verdorrten Blaͤtter im Geſtraͤuch; der halb durchſichtige Hain; die einzeln drinn herum fliegenden Voͤgel; die, auf der Wieſe ſparſam zerſtreuten Herbſtbluͤmchen; alles brachte ihm das ſuͤſſe Bild des Todes in die Seele. Er fuͤhlte eine dunkle Sehnſucht, ſich hinzulegen und zu ſterben. Sein Herz ward erweitert, und Thraͤ - nen ſtunden ihm in den Augen. Kronhelm hatte eben dieſes Gefuͤhl; beyde ſchwiegen. Noch nie hab ich ſo lebhaft und ſo ruhig an Thereſen gedacht, fieng endlich Kronhelm an; Noch nie eine ſo ſuͤſſe580 Melancholie gefuͤhlt. Mir iſt ſo wohl, und ſo weh - muͤthig! — Mir auch, Bruder! ſagte Siegwart mit bebender Stimme. — Sie ſetzten ſich an das, etwas erhoͤhte Donauufer hin, blickten den Wellen nach, und dachten nichts. — Wie alles ſo geſchwind geht! ſagte Kronhelm, nach einer langen Pauſe. Nur das Leben geht ſo langſam, wenn man ungluͤck - lich iſt. Ach Bruder, das Waſſer kommt von dei - nem Dorfe her. Wenn jetzt Thereſe auch ſo da ſaͤſſe, und an mich daͤchte! — Vielleicht thut ſies. Meynſt du nicht, Siegwart? — Ja, vielleicht, Bruder, antwortete Xaver. Jch wuͤnſch es dir. — Nun ſchwiegen beyde wieder. — Jndem ſchwamm ein todter Menſch in der Donau herunter. Herr Jeſus! rief Siegwart, ſieh! dort! — Jn dem An - genblick ſprang er nach der nah gelegnen Fiſcherhuͤt - te, und rief dem Fiſcher, der ſogleich in ſeinem Kahn hinausfuhr, und den Leichnam auffieng. Es war ein junges Maͤdchen, das nicht uͤbel ausſah, von neunzehn oder zwanzig Jahren. Der Kleidung nach wars ein Dienſtmaͤdchen. Ueber eine Stunde konnte ſie noch nicht im Waſſer gelegen haben, denn ſie ſah noch friſch und roth im Geſicht, und ihre Fingergelenke waren noch nicht einmal ſteif. Der Fiſcher ſtuͤrzte ſie auf den Kopf, in der ver -581 kehrten Meynung, daß das Waſſer ihr aus dem Mund und aus den Ohren laufen moͤchte. Allein, wenn ein Ertkunkener noch nicht ganz todt iſt, ſo muß er durch dieſes Mittel ſterben. Das fluͤſſige Blut ſtroͤmt nach dem Kopf zu, und ein Schlagfluß iſt faſt unvermeidlich. — Sie iſt todt, ſagte der Fiſcher, gibt kein Anzeichen mehr — und dann legte er ſie wieder nieder, und fieng an, ſie genauer zu betrachten. ’s iſt meiner Seel, kein unfeines Ding; fieng er an; ſeht mir nur einmal die vollen Backen, und das glatte weiſſe Kinn! Der hats ge - wiß um ’n Mann gefehlt, oder ’s hat ſie einer an - g’fuͤhrt. Hab ſchon mehr dergleichen Exempel er - lebt. Erſt vorigen Sommermarkt hab ich auch ſo ’n Maͤdel raus zogen. — Schaut mir einmal an, was ſie fuͤr ’n ſchoͤnen Fingerring hat! Er iſt, mei - ner Six, Silber; den will ich mir zu Gemuͤth fuͤh - ren. Er iſt gut fuͤr meine Thrine, paßt ihr grad. — Jndem zog er den Ring vom Finger. — Muß doch auch ſehen, was ſie im Sack hat? — ’n Ro - ſenkranz! Hat doch auch noch ’n Vaterunſer und ein Ave betet! Und da gar ’n Buͤchel! — ’s iſt ein Pſalter. Nu, nu, ſie hat ſich doch vorbereitet. Gott ſey der armen Seel gnaͤdig! Will auch ein Ave fuͤr ſie beten. — Da ſteckt ja gar ’n Papier582 im Buch. — ’s iſt g’ſchrieben — Kann nicht G’ſchriebnes leſen. Da, Herr! (zu Siegwart) le - ſets Jhr! — Siegwart las den Brief, der ſehr un - leſerlich und unrichtig geſchrieben war. Hier iſt er in deutlicherer Schreibart; ſonſt iſt er unver - aͤndert. —
Du haſt mirs arg gemacht, Joſeph. Haſt mir die Eh’ verſprochen im Namen der heiligen Jung - frau, und nimmſt nun ein anders Maͤdel. Jch weis mir nicht mehr zu helfen; muß mir ſelber was zu Leid thun. Gott verzeih mirs! mit dem ichs red - lich gemeynt hab mein Lebetag. Jch wollt mir ſchon einmal die Kehle abſchneiden, aber das war mir zu grauſig. Jn der Donau haben ſchon viel ihr Grab gefunden; ich werds auch finden. Gib Acht, wenn du mich ſiehſt, daß ich mich nicht noch einmal um - dreh, und dir den Ring zeig, den ich von dir am Finger trag zum Trauring. Lieber Gott! Ein rechter Trauring! Das hat mir noch am weheſten gethan, daß du mein noch ſpotteſt, und letzthin des Abends bey meinem Haus vorbeygiengſt mit dei - nem Maͤdel. Jch dacht, ich muͤſt dich umbringen! 583Aber das Leben wird dir doch nicht hell werden, weil dus ſo gemacht haſt mit mir. — Lieber Gott! ich war dir ſo herzlich gut, und haͤtt gern mein Le - ben fuͤr dich hingegeben! Und du ſagteſt mir ſo oft, du meyneſt’s treu; Nun haſt du auf den Montag Hochzeit. Hoͤr, Joſeph! auf den Sonntag ſpring ich ins Waſſer. Es kann nicht anders ſeyn, Jo - ſeph! Aber gib Acht! Jch lade dich ins Thal Jo - ſaphat auf den Erſten Tag im neuen Jahr. So lange haſt du noch Zeit zur Buſſe. Bedenks, Jo - ſeph, und bekehre dich! Jch wollte nicht, daß du ins Fegfeuer, und von dar in die Hoͤlle kaͤmeſt; denn ich hab dich noch lieb, aber in dieſem Leben kann ich dir nicht mehr gut ſeyn. Mir iſts ſchauerhaft zu Muth! Jeſus und Maria mag ſich mein erbar - men! Aber laͤnger leben kann ich nicht. Denk an den Erſten Tag im Jahr! Hab Acht, und bekeh - re dich!
Das iſt| meiner Seel recht herzbrechend, ſagte der Fiſcher, und wiſchte ſich die Augen. Der Joſeph moͤcht ich nicht ſeyn um tauſend Gulden! Jch denk, ich ſteck ihr den Ring wieder an Finger. Jch mag ihn nicht, weils ein Trauring iſt, der iſt heilig. —584 Hierauf ſteckte er dem Maͤdchen den Ring wieder an den Finger.
Kronhelm und Siegwart giengen ſchweigend und traurig weg. — So ein Tod iſt doch der ſchreck - lichſte, ſagte Siegwart; Gott ſey dem armen Maͤd - chen gnaͤdig! — Sie giengen nun wieder der Stadt und ihrem Hauſe zu. Siegwart konnte lang das Bild des Maͤdchens nicht aus ſeinem Herzen brin - gen, uud dafuͤr das Bild ſeines Maͤdchens drein zuruͤckrufen. Endlich war er wieder ganz bey ihr, und verſetzte ſich ganz in die Kirche. Als er zu Hauſe angekommen war, gieng er auf ſein Zimmer, uͤberſah die ganze Scene in der Kirche wieder, be - tete zu Gott um ſein Maͤdchen, ſprach oft laut, und warf endlich dieſe Verſe, die mehr Gebet ſind, als Gedicht, aufs Papier hin.
Es war ihm recht wohl, als er dieſes Gedicht ge - macht hatte. Er las es mehrmals durch; es gefiel ihm, denn er hatte ſeiner Empfindung doch eini - germaſſen ein Gewand und Worte gegeben; ob er gleich unendlich mehr hatte ſagen wollen. Er ſchrieb das Gedicht rein ab, und ergoͤtzte ſich noch lange dran, bis ihn Kronhelm zum Eſſen rief. Da ſchloß ers ſchnell und aͤngſtlich in ſein Pult ein. — Gutfried aß nun gewoͤhnlich auch mit ihnen. Sie erzaͤhlten ihm die Geſchichte mit dem ertrunkenen Maͤdchen, und den Jnhalt des Briefes. Er ſeufzte dabey, und ſagte: Gekraͤnkte oder unbelohnte Liebe iſt al - les zu thun im Stande! Mit dieſen Worten ſah er Kronhelm an, der in ſeiner Liebe zu des Hof - rath Fiſchers Tochter ſein Vertrauter geworden war. P p586Alle drey Juͤnglinge wurden uͤber dieſen Ausruf noch trauriger. Gutfried erzaͤhlte nun ein paar ſchreckliche Geſchichten von Perſonen, die ſich aus ungluͤcklicher Leidenſchaft ſelbſt entleibt hatten. Sie bedaurten ihr Schickſal, und wuͤnſchten ihnen, durch ihre Seufzer, ein gluͤcklicheres Schickſal, als ſie in dieſem Leben gehabt hatten. Gutfried ſchlug ihnen zur Zerſtreuung von dem anhaltenden Studieren einen Spatzierritt auf ein, zwo Stunden von Jn - golſtadt, gelegnes Dorf, vor. Sie nahmen den Vorſchlag an, und ritten hin. Siegwart dachte auf dem ganzen Wege an ſein liebes Maͤdchen. Es ſchmerzte ihn im Jnnerſten, die Stadt, in der ſie lebte, nur auf einige Stunden zu verlaſſen. Er glaubte, weis nicht wieviel, zu verſaͤumen, ob er gleich nicht die geringſte Hofnung hatte, ſie zu ſpre - chen, oder nur zu ſehen. — Was mag ſie jetzt machen? dachte er beſtaͤndig. Jetzt wird der En - gel wohl beten; jetzt wird er vor Gott knien u. ſ. w. Moͤcht ich ſie nur einen Augenblick erblicken! Moͤchte ſie nur einen Augenblick an mich denken! Aber, ach, wie kann ſie das? Wer weis, ob ſie mich bemerkt hat? Vielleicht iſt ein andrer bey ihr! Solche und aͤhnliche Vorſtellungen ſtuͤrzten ihn in die tiefſte Traurigkeit, aus der ihn faſt nichts her -587 ausreiſſen konnte. Auf dem Dorfe hatten ſie we - nig Vergnuͤgen, und konnten nicht einmal zuſam - men ſprechen, denn die vielen andern Studenten, die da waren, machten mit Geſang und Zank beym Spiel einen ſolchen Lerm, daß man kaum ſein eig - nes Wort verſtand. Gegen Abend ritten ſie in der Daͤmmerung wieder zuruͤck. Alle drey Lieben - de waren jetzt noch wehmuͤthiger; jeder dachte ſich zu ſeinem Maͤdchen hin. Als ſie gegen die Stadt hin ritten, begegnete ihnen ein Scharfrich - ter, der auf ſeinem Karren das ertrunkne Maͤdchen fuhr. Der Ungluͤcklichliebende, ſagte Kronhelm, der ſich mit der ganzen Schwere ſeines Jammers bela - den, ſelber in die Grube ſtuͤrzt, hat alſo einerley Schickſal mit dem Boͤſewicht, der ſich im Kerker umbringt, um dem Galgen zu entgehen; oder mit dem Betruͤger, der, weil er ſeinen Glaͤubigern nicht mehr entgehen kann, ſich dem Tod in den Rachen wirft? Wie wenig ſehn doch die meiſten buͤrgerli - chen Geſetze auf das Moraliſche an einer Handlung! Laß ſie ruhen! ſagte Siegwart; ihr iſts einerley, wo ihr Koͤrper liegt. — Das wohl! antwortete Kronhelm; aber das Ungluͤck verdiente doch eine beſſere Behandlung, als die Bosheit!
588Sie hielten nun noch zu Haus ein kleines Kon - cert, das, weil alle gleich traurig geſtimmt waren, groͤſtentheils aus wehmuͤthigen Trios beſtand. Nach - dem Siegwart ſich den ganzen Abend nach dem Koncert mit dem Gedanken an ſeine himmliſche Unbekannte beſchaͤftiget hatte, ſo wuͤnſchte er nichts mehr, als von ihr zu traͤumen, und ſie wenigſtens im Traum zu ſehen. Aber dieſe Wohlthat ward ihm nicht zu Theil. Er wuͤnſchte ſie ſich ſo oft, und immer umſonſt. Zu lebhafte und gegenwaͤrti - ge Vorſtellungen kommen ſelten im Traume wieder; ſie muͤſſen mehrentheils erſt mit dem Flor der Ver - gangenheit umzogen ſeyn.
Als Siegwart ein paar Tage drauf des Nach - mittags um drey Uhr aus dem Kollegio gieng, da ſah er, etliche Haͤuſer vor ihm, ſein geliebtes Maͤd - chen gehen. Das Herz ſchlug ihm, und er eilte, was er konnte. Sie gieng in ein gutgebautes Haus hinein. Wer wohnt hier? ſagte er in der Ver - wirrung zu einem kleinen zwoͤlfjaͤhrigen Maͤdchen, und erſchrack gleich ſelbſt wieder uͤber ſeine Frage. Es wohnt ein reicher Herr da, ſagte das Maͤdchen; man nennt ihn nur Herr Spiegel. Jetzt wuſte er ſo viel, wie vorhin, und wagte es doch nicht, ſonſt jemand um den Herrn Spiegel zu fragen;589 weil er fuͤrchtete, jeder werde ſogleich die Abſicht ſeiner Frage muthmaſſen. Er gieng alle Tage zwey - oder dreymal bey dem Hauſe vorbey; ſah aber ſeine Holde nie am Fenſter. Die ganze Wo - che verfloß ihm unter Seufzern nach dem Sonn - tag, weil er da gewiß wieder ſein liebes Maͤdchen in der Kirche zu ſehen hoffte. Viele Stunden, ja halbe Tage lang beſprach er ſich in Gedanken mit ihr, klagte ihr ſeine Leiden vor, und ließ ſie zaͤrtlich wieder antworten. Er ſann ganze Romanen aus, und dachte ſich in Lagen hinein, in denen ſie noth - wendig ſein werden muſte. Oft wuͤnſchte er ſie in Lebensgefahr; daß Feuer in ihrem Hauſe auskom - men moͤchte, und er ſie befreyen koͤnnte. Er dach - te ſie in Waſſergefahr, rettete ſie, und nun gab ſie ihm zur Dankbarkeit ihre Hand. Aufs lebhafteſte fuͤhlte er die Wonne, mit der er ſie an ſein Herz druͤckte; den Blick der Dankbarkeit und Liebe, den ſie auf ihn warf; dann eilte er zu ihrem Vater, zeigte ihm die befreyte Tochter, und ward ihr Braͤutigam. Nur ein Liebender, wie unſer Sieg - wart, kann ſich die ſchwaͤrmeriſchen und zaͤrtlichen Geſpraͤche denken, die dann ſeine Seele mit ihr fuͤhrte. — Aber Seufzer, und Bangigkeit, und590 Thraͤnen waren immer das Ende dieſer ſuͤſſen Traͤu - mereyen. —
Den naͤchſten Sonntag kam er erſt um neun Uhr in die Kirche. Sein Kronhelm war zu ihm aufs Zimmer gekommen, um von Thereſen zu ſprechen; und wenn er von ihr anfieng, ſo konnte er nicht aufhoͤren. Siegwart war mit ſeiner Seele abwe - ſend, und antwortete verwirrt, aber Kronhelm merk - te es nicht. Ein paarmal ſah er auf die Uhr. Jede Minute ward ihm zu einer Stunde. Dieß war das erſtemal, daß ihm ſein Freund zur Laſt fiel; aber er ließ ſich doch vorſetzlich nicht das geringſte merken. Endlich gieng Kronhelm. Siegwart eil - te, was er konnte, und kam ganz athemlos vor die Kirche. Als die Thuͤre aufgieng kam eben ſein Maͤdchen mit der Frau, die er fuͤr ihre Mutter hielt, ihm entgegen. Er war, wie vom Donner geruͤhrt. Sein Geſicht gluͤhte. Er gieng ſchnell an ihr vorbey, und machte in der Angſt kaum eine Verbeugung. Sie gruͤſte ihn freundlich. Er eilte, ohne ſich ſeiner bewußt zu ſeyn, nach dem naͤchſcen Stuhl, und ſah ſich um. Jn dem Augenblick gieng die Thuͤre zu. Sein Herz klopfte laut. Er woll - te wieder umkehren; beſann ſich aber ploͤtzlich, daß man ſeine Abſicht merken wuͤrde. Er war Kron -591 helm, ſich ſelbſt, und der ganzen Welt boͤſe, daß er zu ſpat gekommen war. Es war ihm unmoͤglich - lang da zu bleiben. Nach etlichen Minuten eilte er wieder weg, und der Straſſe zu, wo ihr Haus war, aber er ſah ſie nicht mehr. Er wollte nach Hauſe; aber vor der Thuͤre fiel ihm wieder ein, Kronhelm wuͤrde aus ſeiner ploͤtzlichen Zuruͤck - kunft etwas folgern. Er gieng alſo wieder weg, rannte noch einige Straſſen durch, und wuſte nicht, wo er bleiben ſollte? Endlich gieng er aus einem Thor; rannte weit ins Feld hinaus, ohne die Na - tur um ſich her zu bemerken, und kam nach einer Stunde wieder nach Haus zuruͤck. Gutfried war ſchon bey Kronhelm auf dem Zimmer. Sie laſen mit einander Leſſings Sara, die ein junger Herr von Dahlmund an Gutfried geliehen hatte. Da haben wir was herrliches, ſagte Kronhelm zu Sieg - wart; ſieh einmal! Leſſings vermiſchte Schriften. Das iſt gut! ſagte Siegwart ganz zerſtreut. Jch hab eben angeſangen zu leſen, fiel Gutfried ein; es iſt Miß Sara Sampſon. Jch kann ihnen mit ein paar Worten ſagen, was vorhergieng; wenn ſie wollen, les ich weiter. — Ganz wohl, antworte - te Siegwart; ſetzte ſich in eine Ecke des Fenſters, und ſtuͤtzte die Hand an den Kopf. Er hoͤrte faſt592 nichts, und war mit ſeinen Gedanken weit weg; nur, wenn die andern eine Stelle lobten, ſagte er auch: das iſt vortreflich! ohne zu wiſſen, wovon die Rede war; nach dem Eſſen laſen ſie weiter fort, und als das Stuͤck geendigt war, ſagten ſie einander ihre Meynung druͤber. Als Siegwart die ſeinige auch ſagen wollte, ſo wuſte er gar nichts, oder urtheilte ganz verkehrt. — Wo waren ſie denn mit ihren Gedanken? fragte Gutfried. Jch weis nicht, was ihm fehlt? fiel ihm Kronhelm ein. Er iſt eine Zeit her ganz zerſtreut. Siegwart wur - de feuerroth druͤber, und ſah nach dem Fenſter. — Den ganzen Tag war er auſſerordentlich traurig und verdrießlich.
Die folgende Woche floß ihm wieder unter Thraͤnen, Seufzern und ſchwaͤrmeriſchen Traͤumereyen hin. Kronhelm merkte die Veraͤnderung, die in ſeinem gan - zen Weſen vorgieng; er ſpielte oft drauf an; aber doch nahm er ſich Acht, weiter deswegen in ihn zu dringen, theils, weil er merkte, daß ihm Siegwart auf alle moͤgliche Art auswich, theils, weil er ſelbſt ei - ne ungluͤckliche Liebe muthmaſte, und aus ſeiner eigenen Erfahrung wuſte, wie hart es einem an - komme, ſeine Leidenſchaft einem andern, auch ſei - nem beſten Freunde zu entdecken. — Der Sonntag,593 den ſich Siegwart ſo ſehnlich herbeygewuͤnſcht hat - te, kam endlich wieder. Er eilte, noch vor ſieben Uhr, auf den Fluͤgeln der Liebe, nach der Kirche. Sein Maͤdchen war ſchon da, ſchoͤn und heiter, wie ein Engel Gottes. Siegwart ſaß gegenuͤber, und zerfloß faſt vor Wonne in dem Anblick ihrer Schoͤnheit. So genau hatte er ſie noch nie betrach - tet. Er ſah erſt jetzt den ganzen Glanz ihrer un - ausſprechlichen Anmuth; ihr groſſes, kaſtanienbrau - nes, mit Feuer und edelm Stolz belebtes Auge, uͤber dem ſich die ſchwarzen Augenbraunen maje - ſtaͤtiſch woͤlbten; die hohe, offne, heitre Stirne; die ſo regelmaͤſſig gebildete Naſe; den ſanfteſten, anmuthsvollſten Mund; die friſchrothen glaͤnzenden Lippen; das runde, weiſſe, weiche Kinn, von dem ſich zwo zarte blaue Adern nach dem weiſſeſten und ſchoͤnſten Hals hinabſchlaͤngelten; das lieblichſte Farbengemiſch von Weiß und Roth auf den zarten Wangen; und die nicht zu beſchreibende Ueberein - ſtimmung aller dieſer Zuͤge; und die himmli - ſche Anmuth, die uͤber das Ganze ausgegoſſen war, und die die Schoͤnheit erſt zur Schoͤnheit macht; und das, nicht kuͤnſtlich, aber ſchoͤn aufgethuͤrmte blonde Haar; und das Ebenmaaß der Glieder, und den ſchlanken hohen Wuchs, und alles, alles,594 was man ſich von einer regelmaͤſſigen und be - lebten Schoͤnheit denken kann. Hiezu kam die Andacht, die jede Schoͤnheit noch verſchoͤnert, und die offene Freundlichkeit, mit der ſie jeden, der bey ihrem Stuhl vorbeygieng, gruͤſte. Jhre Kleidung war geſchmackvoll, regelmaͤſſig, ſchoͤn, und doch nicht praͤchtig. Jn ihren Haaren ſteckten Blumen, die Vergißmeinnichtchen vorſtellten; ihr Buſen war mit Sittſamkeit verſchleyert; ihr Gewand von himmelblauer Seide. Sie ſah unſern auſſer ſich gebrachten Siegwart zu verſchiednenmalen, und ſchlug die Augen nieder, wenn ers merkte. Er ward traurig, ſobald ſie eine Zeitlang nicht nach ihm blickte, und wandte doch ſein Auge von ihr weg, ſobald ſie’s that. Er machte traurige Gebaͤrden, in der Abſicht, daß ſies merken, und Mitleid mit ihm haben ſollte. Als ſie weggieng, gieng er auch, und folgte ihr, ungefaͤhr 20 oder 30 Schritt weit, hinter ihr nach. Sie gieng in des Hofrath Fi - ſchers Haus. Er erſchrack druͤber. Gott! wenn der Hofrath ihr Vater iſt, dachte er, ſo iſt mein Ungluͤck vollkommen. Wenn der ſtolze Mann ihr Vater iſt, was fang ich an? — Er gieng zu Gutfried, der, wie ſchon geſagt, dem Hofrath ge - genuͤber wohnte, und eben aus dem Fenſter ſah,595 und ihn hinaufrief. Gutſried, der die Fiſcherin auch liebte, blieb im Fenſter liegen, als Siegwart auf das Zimmer kam, und rief ihn, um neben ihm hinaus zu ſehen. — Das iſt die Fiſcherin, ſagte er, und ſeufzte, indem ſie eben in der Stube nah am Fenſter ſtand, und ihre Kirchenkleider auszog. Sie warf einen Blick heruͤber, und gieng weg, indem ſie die beyden Juͤng - linge erblickte. Siegwart zitterte, ward feuerroth, und konnte kein Wort ſprechen. Nun wards ihm erſt auf Einmal wichtig, und ein Stachel im Herzen, was er ſchon ſo lang gewuſt hatte, daß ſein Freund des Hofraths Tochter liebe. Er gieng einigemal im Zimmer auf und ab, wollte gern noch mehr von ihr erfahren, und hielt hundertmal die Frage, die ihm ſchon auf der Zunge lag, wie - der zuruͤck. Endlich ſtieß er haſtig und erſchrocken die Frage heraus: Es iſt wohl ein gutes Maͤdchen, die Fiſcherin? und lehnte ſich ans Fenſter, damit ſein Freund ſein Geſicht nicht ſehen moͤchte, denn es gluͤhte. — O, ſie iſt ein auſſerordentliches Frau - enzimmer, ſagte Gutfried, zu deren Lob man ei - gentlich nichts ſagen ſollte, weil man doch immer nur zu wenig ſagt, und ich kanns am wenigſten. Jch kenne ſie nun uͤber zwey Jahre, und jeden Tag wird ſie artiger und ſchoͤner. Sie hat das596 Herz eines Engels, das iſt alles, was ich ſagen kann. — Beyde ſchwiegen nun wieder eine Zeit - lang, und ſahn aus dem Fenſter. Sie kam wie - der in ihr Zimmer, weiß gekleidet mit roſenrothen Baͤndern, ſtellte ſich ans Fenſter, und ſah ein paarmal heruͤber. Dann gieng ſie an ihr Klavier, und ſpielte. Alles, was Siegwart hoͤren konnte, war bezaubernd ſchoͤn. Er glaubte im Paradies zu ſeyn, und Harmonien der Engel anzuhoͤren. — Sie ſpielt ja himmliſch! ſagte Siegwart. — O, bey Nacht ſollten Sies erſt hoͤren, verſetzte Gutfried, wenn alles ſtill iſt; da weis man nicht mehr, ob man im Himmel, oder auf der Welt iſt? — Zu - mal, wenn ſie ſingt. Das iſt ein Silberton! Ein … ein … Ach, man kanns nicht ſagen! — Sie ſingt auch zuweilen im Konzert, da koͤnnen Sie ſie hoͤren. — Wo? fragte Siegwart haſtig. — Jn ihrem Hauſe, war die Antwort. — Jhr Va - ter hat im Winter alle Wochen Konzert, es wird nun bald wieder anfangen. — Kann man da auch drein gehen? fragte Siegwart. O ja, ant - wortete Gutfried, wenn man nur den Hofrath drum erſucht; zumal wenn man ſelbſt zuweilen mit - ſpielt. Kronhelm und ich gehen auch drein. — Aber der Hofrath iſt ſo ein ſtolzer Mann, erwie -597 derte Siegwart. — Je nu, das muß man uͤber - ſehn! verſetzte Gutfried. —
Und nun hoͤrten ſie dem Spiel Marianens — ſo hieß die Fiſcherin — wieder zu, und ſchwam - men beyde in uͤberirdiſchem Entzuͤcken, und wol - luſtreicher Wehmuth. Mariane trat wieder ans Fenſter; die beyden zaͤrtlichen Liebhaber traten zu - ruͤck, um ſie nicht zu beleidigen, und blickten nur halb durch die Vorhaͤnge durch. Marianens Bru - der kam nun auch ans Fenſter. Der ſchlaͤgt ſei - nem Vater nach, ſagte Gutfried, und uͤbertrift ihn noch ein Gutes an Stolz und Hochmuth. Der Menſch iſt ſo in ſich vernarrt, als ich noch nicht leicht einen geſehen habe. Auf ſein rundes, auf - gedunſenes Geſicht thut er ſich unendlich viel zu gut. Er bildet ſich ein, er ſey ein groſſer Violin - ſpieler, und auf der Floͤte gar ein Virtuoſe, und doch iſt er auf beyden Jnſtrumenten kaum mittelmaͤſſig. Dabey iſt er noch auf eine ſchaͤndliche Art filzig. Was ich ihm aber am wenigſten vergeben kann, iſt, daß er ſeiner Schweſter allen moͤglichen Ver - druß anthut. Jmmer neckt er ſie und plagt ſie. Jch habs ſchon hundertmal von hier mit angeſehn Einmal hat er, mit Huͤlfe ſeines Bruders, ſeinen Vater ſchon ſo weit gebracht, daß das Maͤdchen598 ins Kloſter ſollte, aber ſie wehrte ſich ritterlich, und ward von ihrer Mutter, die eine trefliche Frau iſt, unterſtuͤtzt. — Sehen Sie, da kommt die Mutter eben auch. — Dacht ichs nicht? Da faͤngt er ſchon wieder einen Zank mit ſeiner Schwe - ſter an. Der verteufelte Kerl! — Aber warum gehn Sie denn mit ihm um? Jch traf ihn ja ſchon ein paarmal bey Jhnen an, ſagte Siegwart. — Gutfried zuckte die Achſeln. Was muß man nicht alles in der Welt thun, wenn man Abſichten erreichen will? Es iſt hundsfuͤtiſch genug, daß man ſich mit ſolchen Kerls abgeben und ihrer Gnade leben muß! — Siegwart merkte wohl, wo das hinaus wollte, und ſuchte das Geſpraͤch abzulenken. — Und wo iſt denn der andre Bruder? ſagte er. — Hier in Jngolſtadt, verſetzte Gutfried; dort droben wohnt er, an der Ecke. Er iſt bey einem Kollegio ſo viel, als Sekretair, und an ſich ſo toll nicht, wie ſein Bruder; aber dafuͤr hat er ein Weib, von dem er ſich regieren laͤſt; und das Weib iſt nicht einen Hel - ler werth; ein bigottes Ding, das immer fromm ſeyn will, und es meiner Seel! nicht iſt. Da iſt ſie immer hinter den Hofrath drein, und will, er ſoll ſeine Tochter ins Kloſter ſtecken, und iſt doch ſelbſt nicht drein gegangen. Der verfluchte Aber -599 glauben mit dem Kloſter! Es iſt, auf meine Ehre! nur auf das Geld angeſehen, das Mariane kriegen ſoll; das moͤchten die feinen Herren Bruͤder thei - len. O, ich hab ſo viel Mitleid mit dem armen Maͤdchen, daß ich oft toll werden moͤchte. Sie ſteht erſtaunlich viel aus; mich wundert nur, wie ſies aushalten kann! Aber ſie hat auſſerordentlich viel Standhaftigkeit, und iſt bey all ihrem ſanften Weiberweſen doch ein halber Mann. Koͤnnt ich ſie auf meine Seite bringen, ich wollts den Kerls ſchon ſagen! Aber .... und hier ſeufzte Gut - fried, und gieng auf die Seite. — Es wird Eſſens - zeit ſeyn, ſagte Siegwart. Gutfried ſah auf der Uhr nach, und ſie giengen mit einander auf Kron - helms Zimmer.
Beym Eſſen wurde Siegwart durch allerley an - dre Geſpraͤche etwas zerſtreut, und von dem Ge - danken an ſeine Mariane abgezogen; aber oft ſtralte das Bild von ihr wieder, wie ein Blitz, in ſeine Seele, und machte ihn verwirrt, und weh - muͤthig.
Sie waren zum Herrn von Dahlmund gebeten, und blieben den Nachmittag und Abend bey ihm. Dieſes war ein junger Edelmann von vielen Kennt - niſſen, der, waͤhrend ſeines Aufenthalts in Augſpurg600 viel mit dem jungen Buchhaͤndler umgegangen war, der unſerm Siegwart und Kronhelm die Buͤcher zugeſchickt hatte. Durch ſeinen Umgang, und in ſeinem Laden war er mit unſern beſten proteſtanti - ſchen Schriftſtellern, und beſonders Dichtern be - kannt geworden, und hatte auch die meiſten mit nach Jngolſtadt gebracht. Als er bey Gutfried von Kronhelm und Siegwart, und ihrer Liebe zu den ſchoͤnen Wiſſenſchaften hoͤrte, ſo war er nach ih - rer Bekanntſchaft ſehr begierig; denn ſie waren unter den Studenten die einzigen, die in dieſem Stuͤcke aufgeklaͤrt dachten. Alle andre Studenten waren roh und unwiſſend, und groͤſtentheils im tiefſten Aberglauben verſunken, worinn die meiſten Profeſſors, und die Jeſuiten am vorzuͤglichſten, ſie zu erhalten ſich beſtrebten. Er hatte viele Buͤcher, die Siegwart und Kronhelm nicht hatten. Alſo konnten ſie hierinn einander aushelfen. Er hatte auch ſonſt ſo viel Gutes an ſich, und war ſo geſittet und tugendhaft, daß unſre vier Juͤnglinge ſehr bald Freunde wurden, und eine woͤchentliche Zuſammen - kunft ausmachten, wovon hauptſaͤchlich die ſchoͤnen Wiſſenſchaften der Gegenſtand waren. Sein Zim - mer lag ſehr angenehm, gegen die Donau hinaus. Er bewirthete ſeine Geſellſchaft dießmal mit Wein,601 der unſre Juͤnglinge ziemlich luſtig und offenherzig machte. Siegwarts erhitzte Einbildungskraft brach - te ihn mit der groͤſten Lebhaftigkeit zu ſeiner Ma - riane. Die Thraͤnen ſtanden ihm oft in den Au - gen. Als Gutfried anfieng, mit Enthuſiasmus ſie zu loben, muſte er weggehn, um ſeine Bewegung zu verbergen. Er legte ſich ins Fenſter, und uͤber - ſah die Donau, die im hellen Mondſchein dahin - rollte. Das mannigfaltige Spiel der Wellen, die da, wo ſie auf den Kieſeln huͤpften, lauter goldne Sternchen bildeten, erhitzte ſeine Einbildungskraft, und brachte tauſenderley Vorſtellungen hervor, die ſich alle auf Marianen bezogen. Kronhelm kam zu ihm; ſchlang ſeinen Arm um ſeinen Arm, ſah weh - muͤthig mit ihm hinaus, und kuͤſte ihn ein paarmal mit naſſen und bethraͤnten Wangen. Siegwarts Zaͤhren floſſen auch. Ach Bruder, ſagte Kronhelm, weiſt, an wen ich denke? — Was mag jetzt un - ſre Thereſe machen? Denkt ſie wohl jetzt auch an dich und mich? — Ja, ſie denkt noch oft an dich, ſagte Siegwart; ſie kann dich nicht vergeſſen! Du biſt ihr zu tief ins Herz gegraben. Jch hoffe, daß du noch mit ihr gluͤcklich werden wirſt. Trage nur Geduld! Ohne Hofnung und Geduld muͤſtenQ q602wir vergehen. — Hier ſtuͤrzten ihm die Thraͤnen haͤufiger von den Augen. Er ſah ſeinen Kron - helm ein paarmal mit unausprechlicher Zaͤrtlichkeit an. Es war ihm, als ob er dießmal reden, und ſein Herz ausſchuͤtten muͤſte. Aber Furchtſamkeit hielt ihn immer wieder wie eine geheime, unſichtbare Gewalt zuruͤck. Gutfried und Dahlmund kamen, und riefen ſie wieder zum Trinken. — Wir wol - len eins ſingen! ſagte Dahlmund, und fieng das Lied von Kleiſt an: Freund, verſaͤume nicht zu le - ben ꝛc. Endlich ſangen ſie auch das Studenten - lied: Was den Muſen ſoll gefallen ꝛc. das ſich ſchlieſt: Vivat deine — — hoch! wo zwiſchen den zwey letzten Worten jeder den Namen eines Maͤdchens ſingen muß. Dahlmund ſang: Eliſe; Kronhelm: Thereſe; und Gutfried: Mariane. Nun kam die Reihe auch an Siegwart. Er ſtund an, und wuſte nicht, welchen Namen er ſingen ſoll - te? Er entſchuldigte ſich, er habe ja kein Maͤd - chen. — Ey, du muſt eins haben, ſagte Kronhelm, du biſt ja unaufhoͤrlich traurig. Siegwart erroͤthe - te, und wollte ſich entſchuldigen. — Nun, ſchon gut! verſetzte Kronhelm, wir wiſſens ja! Sing, was du willſt: Suſanne, oder Kunigunde! Sieg - wart ſang: Suſanne! — Dieſe Rede Kronhelms603 machte unſern Siegwart noch furchtſamer und zu - ruͤckhaltender. Beym Nachhauſegehen begleiteten ſie Gutfried, und giengen alſo bey des Hofrath Fi - ſchers Haus vorbey, wo noch Licht war. Sieg - wart blickte mit banger Sehnſucht hinauf, und hoͤrte Marianen Klavier ſpielen und | ſingen. Er waͤre ſo gern ſtehen geblieben, und haͤtte dem Ge - ſang zugehoͤrt, aber ſeine Schuͤchternheit erlaubte ihm nicht, ſeinen Kronhelm den Vorſchlag zu thun. Er gieng alſo ſchweres Herzens mit ihm nach Haus.
Den andern Tag konnte er erſt uͤber alle das nachdenken, was er den Tag vorher gehoͤrt hatte. Der Umſtand, daß Mariane des Hofrath Fiſchers Tochter war, machte ihn ſehr traurig; denn da er aus eigener Erfahrung, den ſtolzen Karakter dieſes Mannes kannte, ſo ſah er alle Schwierigkeiten vor - aus, die er haben wuͤrde, Marianen kennen zu ler - nen; und doch war ihm der Gedanke unertraͤglich, ſie, die Vollkommenſte, die ſein Herz ſo ſehr liebte, nie zu ſprechen. Jns Konzert ſah er auch keine Gelegenheit, zu kommen; er war theils zu ſtolz, dem Mann, der ihn das erſtemal ſo veraͤchtlich be - gegnet hatte, noch gute Worte deswegen zu geben; theils war er auch, wenn die Liebe dieſen Stolz604 noch uͤberwunden haͤtte, viel zu ſchuͤchtern in der Liebe, und haͤtte tauſendmal gefuͤrchtet, die Abſicht, warum er ins Koncert zu kommen wuͤnſchte, moͤch - te verrathen werden. Auch Gutfrieds Liebe zu Marianen machte ihn aͤuſſerſt unruhig, obwohl Gutfried bey ihr nicht gluͤcklich zu ſeyn ſchien. Aber eben dieſes erregte bey ihm auch die Beſorgnis, es koͤnnte ihm eben ſo gehen. — Auf der andern Seite freute ihn das viele Gute, was er von Ma - rianens Denkungsart gehoͤrt hatte, auſſerordentlich, und feſſelte ſeine ganze Seele nur noch mehr an ſie. Von allen dieſen verſchiednen Empfindungen ward ſein Herz immer mehr zerriſſen, und die ſchmerz - hafte Wunde immer tiefer, ſo daß er in eine dun - kele und verdrießliche Melancholie verfiel, die ihm oft die ganze Welt, und ſich ſelbſt zuwider machte. — Jn andern Stunden machte er wieder Entwuͤr - fe auf Entwuͤrfe, und baute ein Luftſchloß nach dem andern auf.
Gegen das Ende der Woche erhielt er einen Brief von P. Philipp. Der rechtſchaffene Mann fragte ihn darinn unter andern nach ſeinen theolo - giſchen Studien, ob er noch Geſchmack daran finde, und ſich gewiſſenhaft aufs Kloſter vorbereitete? Dieſe Frage gab unſerm Siegwart einen Stich605 durchs Herz. Seit dem Anfang ſeiner Liebe hatte er zwar ſeine theologiſche Kollegia immer fleiſſig beſucht, aber zu Hauſe hatte er ſich weniger mit den Wiſſenſchaften, und beſonders den theologiſchen ab - gegeben. Das Andenken an ſein Maͤdchen beſchaͤf - tigte ihn allein. Er dachte ungern ans Kloſter, und entfernte den Gedanken von ſich, ſo bald er ſich ihm aufdringen wollte. Jetzt ward er ſo unvorbe - reitet dran erinnert, daß er davor zuruͤckſchauerte. Sein voriger Enthuſiasmus fuͤr das Kloſter; die Geluͤbde, die er ſo oft bey ſich ſelbſt Gott gethan hatte, dahin zu gehen; P. Anton; ſein Vater — alles fiel ihm auf Einmal ein, und beſtuͤrmte ſein Herz. — Gott! in welchem Jrrgang bin ich! dachte er. Was fang ich an? Was unternehm ich? Dir ungetreu? Dir, dem ich mich widmete? Und die Welt ſoll mich feſſeln? Die Welt, die ich ſchon ſo verachtete? — Gott! Gott! — Nein, ich muß es halten, mein Geluͤbde! Muß ins Kloſter! — Mariane! Mariane! (indem er umher gieng, und die Haͤnde rang) Welt! Welt! Dich verlaſſen! Dich und alles! Dich und Marianen! — So dachte er wild und ſtuͤrmiſch hin und her; fuͤhlte ſich von allem losgeriſſen; wuſte nicht, woran er ſich halten ſollte? — Bald betete er, widmete ſich606 ganz Gott; bat ihn um Vergebung, daß er ihm ſo lang ſein Herz entzogen habe! — Bald war ſeine ganze Seele wieder bey Marianen, hieng an ihrem Blick, und fuͤhlte es, daß nichts auf der Welt im Stande ſey, ſie von ihr loszureiſſen. — P. Phi - lipps Brief ſchloß er ein, damit er ihm nicht zu Ge - ſichte kommen moͤchte; er wollte nicht dran den - ken, und dachte doch immer dran. Es graute ihm ſchon von fern vor der Beantwortung des Brie - fes; aber auch daran mochte er noch nicht denken. So tief wehmuͤthig, wie jetzt, war er vorher noch nie geweſen. Alle Schwierigkeiten, die ſich ſeiner Liebe haͤtten widerſetzen koͤnnen, waren ihm leicht vorgekommen; aber dieſe letzte, gegen die er ſich bisher immer eingeſchlaͤfert hatte, ſchien ihm jetzt unuͤber - windlich. Er wuſte wohl, daß er, um ſeines Va - ters willen, nicht ſchlechterdings gezwungen ſey, ins Kloſter zu gehen; aber die Verpflichtung, die er Gott ſchuldig zu ſeyn glaubte, erſchreckte ihn. Er glaubte eine Untreue an ihm zu begehen, wenn er die Welt der Zelle vorzoͤge. — Einigemal beſchloß er feſt, alle Gelegenheit, Marianen zu ſehen, zu vermeiden, und ſo wenig, als moͤglich, an ſie zu denken. — Nur noch Einmal, dachte er dann wieder, muß ich mich an ihrem Anblick weiden,607 und auf ewig von ihr Abſchied nehmen. Nur noch Einmal will ich in die Kirche! — Jn andern Stunden dacht’ er wieder: Sehen kann ich ſie doch wohl; das iſt keine Suͤnde; nur nie ſprechen muß ich ſie, und den Gedanken aus der Seele bannen, mich um ihre Liebe zu bewerben, oder auch nur ſie zu wuͤnſchen. — Nun ward er ruhig, und glaubte, einen herrlichen Ausweg gefunden zu haben; aber, wie wenig kannte er ſich ſelbſt! Kaum ſah er Marianen am Sonntag wieder, ſo waren alle ſeine Entſchluͤſſe umgeſtoſſen, und er dachte nichts, als ſie. — Jch kann, ich kann nicht anders! dach - te er; Gott vergeb mirs! Jch bin nicht mein eig - ner Herr mehr! — Die Antwort an P. Philipp machte ihm bey ſeiner zarten Gewiſſenhaftigkeit wieder neuen Kummer. Er wollte ihm nicht ſchrei - ben, daß er noch eben ſo eifrig und enthuſiaſtiſch ans Kloſtergehen denke, wie vor Zeiten; und noch weniger konnte er ihm ſeine Abneigung davon, und die Urſache dieſer Abneigung melden. Er ſchrieb alſo etwas zweydeutig: Die Theologie gefall ihm wohl, aber er hoͤre jetzt noch mehr philoſophiſche Kollegia, als theologiſche; und das war auch im Grunde wahr. Jetzt vergaß er wieder alles, und ward, von dieſer Seite, ruhig.
608Die Woche drauf kam des Hofrath Fiſchers Be - dienter zu Kronhelm, als Siegwart eben bey ihm auf dem Zimmer war, und lud ihn zum kuͤnftigen Winterkonzert ein. Koͤnnen Sie mir nicht ſagen, ſetzte er hinzu, wo Herr Siegwart wohnt? Jch ſoll auch zu ihm. O ja, antwortete Kronhelm; hier iſt Herr Siegwart ſelbſt. Der Bediente richtete eine Empfehlung an ihn vom Hofrath Fiſcher aus, und ſagte ihm, der Herr Hofrath wuͤrde ihn auch gern im Koncert ſehen, weil er gehoͤrt habe, daß er die Violine und die Floͤte ſpiele. Siegwart wuſte nicht, was er in der Verwirrung antworten ſollte? Machte viele Komplimente, und ſagte zu. Als der Bediente weg war, ſagte er zu Kronhelm. Es iſt mir nur halb lieb, daß ich zugeſagt habe; der Hof - rath moͤchte glauben, er erweiſe mir eine groſſe Gnade, und Gnaden nehm ich eben nicht gern an. Kronhelm zeigte ihm, daß das Grillen waͤren; man muͤſte in der Welt nicht alles ſo genau neh - men ꝛc. und beruhigte ihn. Jm Grunde freute ſich Siegwart uͤber den Antrag ſehr; er wollte ſich nur recht gleichguͤltig bey der Sache ſtellen, um de - ſto weniger entdeckt zu werden. Am Sonntag ſah er ſeine Mariane in der Kirche wieder; ſie ent - zuͤckte ihn immer mehr, und einigemal glaubte er609 zu bemerken, daß ſie Antheil an ihm nehme. We - nigſtens waren ihre Blicke oft auf ihn geheftet - und, wenn er bey Gutfried war, ſah ſie fleiſſig aus dem Fenſter.
Am Mittewoch nahm das Konzert ſeinen An - fang. Siegwart gieng mit ſchwerem Herzen hin, nachdem er ſich vorher ſehr ſorgfaͤltig angekleidet hatte. Als er in den Saal trat, machte er dem Hofrath ein verwirrtes Kompliment. Dieſer war ſehr hoͤflich, freute ſich, ihn wieder in ſeinem Hauſe zu ſehen, ſagte, daß er viel Gutes von ſei - nem Violin - und Floͤtenſpielen gehoͤrt habe, und ſtellte ihn dann ſeiner Frau, und ſeiner Tochter, die an der Seite ſtanden, mit den Worten vor: Das iſt der junge Herr Siegwart, deſſen Vater ein alter Freund von mir iſt. Die Mutter, eine Frau von der angenehmſten Bildung, machte ihm ein ſehr verbindliches Kompliment. Mariane ver - neigte ſich ſtillſchweigend. Siegwart gluͤhte im Geſicht, und buͤckte ſich, ohne ein Wort zu ſpre - chen, ſehr tief. Drauf ſtellte ihn der Hofrath der uͤbrigen Geſellſchaft vor, und bat ihn, bey der Symphonie die zweyte Violine mit zu ſpielen. Siegwart war froh, daß er etwas auf die Seite gehen, und Luft ſchoͤpfen konnte. Er ſtimmte ſeine610 Violine, und konnte ſie, in der Angſt, kaum zu Stande bringen. Endlich gieng das Konzert an. Mariane ſaß unſerm Siegwart gegenuͤber. Er machte in ſeinem Spiel tauſend Fehler, und ward noch verwirrter, weil er fuͤrchtete, die Zuhoͤrer moͤchten es merken. Endlich erholte er ſich etwas von ſeiner Verwirrung, und ſpielte ordentlicher. — Bey einem Floͤtenkonzerte, das Gutfried machte, ruhte er, und lehnte ſich an die Wand, Maria - nen gegenuͤber. Er glaubte, bey der ſchmelzenden Muſik, und dem Anblick ſeines Maͤdchens, das er noch nie ſo nah bey ſich geſehen hatte, zu ver - gehen. Sie ſaß, in aller ihrer Anmuth, aufs niedlichſte und kunſtloſeſte gekleidet, da; ihre Seele war ganz auf die zaͤrtliche Muſik gerichtet; ſie ſchien jeden wahren Ton im Jnnerſten zu fuͤh - len, und druͤckte oft ihren Beyfall durch eine kleine Bewegung aus. Oft hub ſie ihr ſchoͤnes Aug in die Hoͤhe, und richtete es dann auf Siegwart, der, in uͤberirdiſche Entzuͤckungen verſunken, da ſtand, und vor lauter Empfindung nichts von dem fuͤhl - te, was um ihn herum vorgieng. Zuweilen drang ſich ihm ein tiefer Seufzer aus der Bruſt, den er aͤngſtlich zu verbergen ſuchte. Selten wagte ers, ſie lange anzuſehen, weil er von tauſend Augen be -611 merkt zu werden glaubte. Mariane ſang dießmal nicht; ein paar andre Frauenzimmer aus der Stadt ſangen ziemlich artig. Als das Konzert zu Ende war, ſo wurden einige Solos und Konzerte auf die kuͤnftige Woche ausgetheilt; Kronhelm uͤber - nahm eins, und auch Dahlmund; aber unſern Siegwart traf noch keins. Eh man auseinander gieng, ſprach Kronhelm mit Marianen ziemlich bekannt. Dieß that unſerm Siegwart weh, ob er ihm gleich ſo herzlich gut war.
Sonſt aber wars ihm, als ob er neu gebohren waͤre. Nun ſah er einen frohen, wonnevollen Winter vor ſich. Sie alle Wochen Einmal, und des Sonntags in der Kirche zu ſehen, war fuͤr ihn ein Gluͤck, das er jetzt nicht groͤſſer wuͤnſchte. Jhre Blicke ſchienen ihm auch viel Gutes zu prophezeihen, und das freundli - che Betragen des Vaters fuͤllte ihn mit tauſend Hofnungen. Als ſie zu Hauſe waren, ſagte Kron - helm: Nun, wie gefaͤllt dir die Fiſcherin? Jſt ſie nicht ein herrliches Geſchoͤpf, und zum Anbeten ſchoͤn? — Von Auſſehen gefaͤllt ſie mir recht wohl, antwortete Siegwart ganz kalt. — Das glaub ich, ſagte Kronhelm; aber ihr Herz ſollteſt du erſt ken - nen! Wart, ich will ſchon machen, daß du noch genauer mit ihr bekannt wirſt. Da ſollſt du deine612 Wunder ſehen! O, ſie hat ein himmliſches Ge - muͤth! Nach deiner Schweſter kenn ich gar kein beßres Maͤdchen. So viel Verſtand, ſo viel Em - pfindung und Gutherzigkeit, ſo viel Feſtigkeit der Seele, und edeln Stolz und Unſchuld trift man ſelten beyſammen an. Ueberhaupt hat ſie mit The - reſen ſehr viel Aehnlichkeit, nur daß ſie kaͤlter ſcheint, und, wie mir deucht, etwas eigenſinnig iſt, wenn mans nicht Standhaftigkeit nennen will. Jhre Mutter haft du auch geſehen; das iſt eine trefliche Frau, die es ſelbſt nicht weis, wie gut ſie iſt. Sie iſt die Beſcheidenheit und Froͤmmigkeit ſelbſt, und liebt ihre Tochter uͤber alles. Man koͤnnte ſie fuͤr uͤbertrieben fromm halten, aber bey ihr kommt alles aus gutem Herzen.
Siegwart legte ſich voll froher Vorſtellungen ſchlafen. Das Verſprechen Kronhelms, ihn mit Marianen genauer bekannt zu machen, gab ihm tauſend glaͤnzende Ausſichten. Er ſah eine wonne - volle Zukunft vor ſich, und machte tauſend Plane von Gluͤckſeligkeit. Zwey - oder dreymal gieng er unter allerley Vorwand zu Gutfried, um ſie oft zu ſehen, und ſie ſtand oft eine Viertelſtunde lang am Fenſter, und blickte oft heruͤber. Jn der Kir -613 che ſah er ſie auch wieder, und erhoͤhte ſeine An - dacht durch die ihrige.
Den naͤchſten Mittewoch eilte er wieder ins Kon - zert. Sie ſang bald zu Anfang eine Arie; er ſtellte ſich, fern von ihr, in die andere Ecke des Saals, um unbemerkt ihren Engelston zu hoͤren. Seine ganze Seele war auſſer ſich, ſobald ſie an - ſtimmte. Eine ſolche Empfindung hatte er in ſei - nem Leben nicht gehabt. Jch kann ſie nicht be - ſchreiben. Mitten in dem ſchmelzenden Geſang machte ihr Bruder, der ihr auf dem Fluͤgel akkom - pagnirte, ſolche Fehler im Spielen, daß ſie ploͤtzlich abbrach, vom Pult weggieng, und ſich unwillig auf ihren Stuhl niederſetzte. Unſerm Siegwart wars, als ob er aus dem hellſten Sonnenſchein mit Einem - mal in die tiefſte ſchauervollſte Gruft herabſtuͤrzte. Der Bruder ſprang haſtig auf, lief zu ihr hin, verzerrte ſein Geſicht, und machte ihr die kraͤnkendſten Vorwuͤrfe. Sie ward roth, und unwillig. Noch nie hatte ſie unſerm Siegwart ſo gefallen; auf den Bruder warf er einen Blick voll Verachtung, und haͤtt ihn in dem Augenblick vor die Stirne ſchlagen koͤnnen. Endlich kam der Hofrath und ſeine Frau, und beſaͤnftigten den Bruder; aber Mariane ließ ſich nicht mehr bewegen, fort zu ſin -614 gen. Sie ſaß, immer noch roth im Geſicht, mit hingeſenktem Blick da, und konnte die Zaͤhren des Unwillens kaum zuruͤck halten. Hierauf ſpielten Kronhelm, Dahlmund, und ein paar andre, noch Konzerte. Siegwart hieng mit ſchmachtendem Blick an Marianens niedergeſchlagenen Augen. Der Verdruß und Schmerz, der aus ihren Mienen blickte, drang ihm durch die Seele, und lockte ihm auch Thraͤnen in die Augen.
Bey Endigung des Konzerts ward unſerm Sieg - wart auf den kuͤnftigen Mittewoch ein Violinkon - zert aufgetragen; er uͤbernahm es, ob ihm gleich bange war, ſich vor Marianen hoͤren zu laſſen. Heut hatte er auf Gutfrieds Betragen ſorgfaͤltig Acht gegeben. Er hatte ſeine Blicke wohl bemerkt, wie ſie ſchmachtend an ihr hiengen, aber Mariane ſah ihn nur Ein - oder Zweymal, und dabey ziem - lich gleichguͤltig an. Noch einen andern Menſchen, der ſchon in den dreyſſigen zu ſeyn ſchien, und den man Rath nannte, ſah er oft, und zaͤrtlich nach ihr blicken; aber dieſen ſchien ſie noch weniger zu bemerken. Dagegen ward er wegen ſeines Kron - helms unruhiger, mit dem ſie vor dem Weggehen wieder, und, wie er glaubte, ſehr vertraulich, ſprach. Auch war ihm kein Blick entgangen, den615 ſie auf ihn| richtete; und, als er ſein Konzert aus - geſpielt hatte, bemerkte er genau, wie ſie ihm Bey - fall zuklatſchte. Er kaͤmpfte zwar lang gegen ſich ſelbſt, ihr und ſeinem Freunde nicht Unrecht zu thun, zumal da er von dem letzten ſo gewiß uͤber - zeugt war, daß ſeine Seele nur allein an There - ſen hange. Er machte ſich ſelbſt Vorwuͤrfe, daß er gegen ſeinen liebſten Freund nur der geringſten Argwohn hegen, und nur einen Augenblick unzu - frieden auf ihn ſeyn konnte; aber ſeine Empfindung ließ ſich nicht unterdruͤcken; ſie widerſetzte ſich ſei - ner Vernunft und Ueberzeugung, und beunruhigte ihn ſehr. Wenigſtens, dachte er, kann doch Ma - riane etwas fuͤr ihn fuͤhlen, wenn gleich er nichts fuͤr ſie fuͤhlt.
Zu Hauſe ſprachen er und Kronhelm noch uͤber das Konzert. Kronhelm ſchimpfte ſehr auf Ma - rianens Bruder, und beſtaͤtigte alles das, was Gut - fried ſchon von ihm unſerm Siegwart erzaͤhlt hat - te. Das Mitleiden, das Kronhelm mit Marianens Schickſal hatte, und das Lob auf ſie, in das er aufs Neue ausbrach, machte unſern Siegwart noch unruhiger. Er mochte ſich ſelber dagegen ſa - gen, was er wollte, ſo ließ ſich doch ſein Herz nicht uͤberreden, billiger zu denken. Er fuͤhlte an -616 ders, als er glaubte. Am Sonntag drauf gieng Kronhelm mit ihm in die Kirche. Auch das kam ihm verdaͤchtig vor. Aber Mariane kam dießmal nicht. Halb war ihms lieb, halb ſchmerzlich. Den Montag drauf ward eine Schlittenfahrt angeſtellt, und nach dieſer ein Ball. Kronhelm ſagte zu Sieg - wart: Du muſt auch mit machen, Xaver. Wenn du willſt, ſo will ich bey des Regierungsraths, Os - walds Tochter fuͤr dich anhalten. Sie iſt eine Freundin von Marianen. Jch muß die Fiſcherin fahren; ich hab ihrs ſchon im Herbſt zugeſagt. — Ein neuer Donnerſchlag fuͤr den liebekranken, ſchon halb eiferſuͤchtigen Siegwart. Nun ward ers ganz. Nichts war im Stande, ihn zu uͤberreden, die Schlittenfahrt mitzumachen. Kronhelm drang lang in ihn, aber endlich ließ er nach. Die Schlitten fuhren bey ſeinem Haus vorbey. Er ſah hinaus. Kronhelm lachte freundlich zu ihm herauf. Ma - riane ſah auch herauf, und gruͤſte freundlich. Aber dießmal ruͤhrte ihn ihr Gruß nicht; er ſchlug das Fenſter zu, zog ſich an, und lief aufs Feld hin - aus. Hier irrte er lang im hohen Schnee herum; zeichnete mit ſeinem Stock ihren Namen in den Schnee, zernichtete ihn wieder, und ſprach viel mit ſich ſelber. Er war halb erfroren, eh ers617 merkte. Gegen Abend, als er wieder in die Stadt kam, traf er gerade auf die Schlitten. Kronhelm flog an ihm vorbey; er und Mariane gruͤſten. Siegwart nahm den Hut trotzig ab, und ſetzte ihn wieder tief ins Geſicht. Er gieng auf eine halbe Stunde zu Gutfried, der ſich nicht recht wohl befand. Aber er konnte nicht lang an einem Orte bleiben, und gieng wieder nach Haus. Gutfried hatte ihn nach der Schlittenfahrt gefragt; er ſagte aber, er wuͤſte nichts davon. Der ganze Abend, und die Nacht war ihm eine der traurigſten und quaͤlendſten. Er machte ſich tauſend ungeheure Vor - ſtellungen, die, ſo unwahrſcheinlich ſie auch waren, ſeine aufgebrachte Leidenſchaft fuͤr wahr hielt. — Jetzt tanzt ſie, dachte er; iſt von Stutzern und abgeſchmackten Kerls umgeben; denkt an ihren ar - men Freund, der hier im Stillen um ſie traurt, nicht einen Augenblick; reicht vielleicht meinem gluͤcklichern Freund die Hand, blickt ihn liebeſchmach - tend an! — Gott ich kanns nicht aushalten! Mach ein Ende mit mir! — So quaͤlte er ſich uͤber eine Stunde mit den ſchrecklichſten Gedanken. Endlich lehnte er ſich matt in ſeinen Lehnſtuhl zuruͤck und ſchlief ein. Erſt nach drey Stunden,R r618um halb zwoͤlf Uhr wachte er wieder auf. Sein Licht war ausgegangen. Der Mond ſchien hell ins Zimmer. Er legte ſich ins Fenſter, ſah ihn trau - rig an, wie er bald hell und klar am Himmel lief, bald wieder hinter leichte Woͤlkchen ſich verſteckte, und ſie golden machte. Eine unausſprechliche Weh - muth uͤberfiel ihn; ploͤtzlich machte er Licht, und ſchrieb folgendes Gedicht nieder:
Noch zwey Stunden blieb er auf, und verfiel aufs neu in aͤngſtliche Zweifel wegen ſeiner Mariane. Er glaubte, er muͤſte Kronhelm noch erwarten; aber endlich ward ſein Zimmer zu kalt, und er legte ſich zu Bette. Kein Schlaf kam in ſeine Augen, jede Viertelſtunde hoͤrte er ſchlagen. Seine Phantaſie arbeitete fuͤrchterlich. Um vier Uhr hoͤrte er endlich die Hausthuͤre oͤffnen, und ſeinen Kronhelm kom - men. Ein kalter Schauer lief ihm uͤber ſeine Glie - der. — Gott! — der Gluͤckliche! dachte er; huͤll - te ſein Geſicht ins Kiſſen ein, und weinte. End - lich kam ein kurzer und unruhiger Schlummer. Den andern Morgen, als er ins Kollegium gieng, ſchlief Kronhelm noch; um eilf Uhr gieng er bey Marianens Haus vorbey. Das Haus war ein Eckhaus; ſie ſah in die Straſſe, durch die Sieg - wart gieng; und als er ſich in die andre wendete, ſah ſie auf der andern Seite auch heraus, ihm nach. Dieß bemerkte er nachher immer, und ſchloß mit Recht viel Gutes draus. Aber heut war ihm al - les gleichguͤltig, und er fuͤhlte nichts, als Gram und620 Eiferſucht wegen des geſtrigen Tages. — Zu Haus kam Kronhelm auf ſein Zimmer, und that ganz freundlich. Siegwart konnt’ ihn kaum anſehen, ſo viel quaͤlende und ſchmerzende Gedanken bemaͤch - tigten ſich auf Einmal ſeiner Seele. O Bruder - fieng Kronhelm an, geſtern waren wir recht froͤlich! Seit ich hier bin, war mirs nie ſo wohl. Du haͤt - teſt auch dabey ſeyn ſollen! Jch dachte hundertmal an dich. Die Fiſcherin hat mich zweymal nach dir gefragt; ſie glaubte ganz gewiß, du wuͤrdeſt auch kommen. Du darfſt dir recht was drauf zu gut thun, Bruder! Sie lobte dein Violinſpielen ſehr, und freut ſich auf den Mittewoch, wenn du Kon - zert ſpielſt. — Jch ſagt ihr auch, du ſingeſt gut. — Das haͤtteſt du wohl bleiben laſſen koͤnnen, ſagte Siegwart haſtig und verwirrt. Es liegt mir viel dran, was die Maͤdchen von mir denken! Und nun gieng er ſchneller auf und ab. — Jmmer noch der alte Weiberfeind? ſagte Kronhelm. Und nun muß ichs gar entgelten, wenn ich Gutes von dir ſpreche. Du biſt ein wunderlicher Menſch! — Hier brach unſerm Siegwart das Herz. Verzeih mir, Bru - der! ſagte er, ich bin heut in uͤbler Laune. Es war nicht ſo boͤs gemeynt. Jch weis nicht, das beſtaͤn - dige Stubenſitzen macht mich ganz hypochondriſch. 621Es war warlich nicht ſo boͤs gemeynt! — Bey mir auch nicht, Bruder, ſagte Kronhelm, und nahm ſeinen Freund bey der Hand. Wir ſind ja Freun - de, und du weiſt, was ich auf dich halte. Du haͤt - teſt mir auch ſchon vieles uͤbel nehmen muͤſſen. Laß die Grillen fahren! Jch weis am beſten, daß man nicht immer aufgeraͤumt iſt. Aber ein Wort muſt du mir erlauben, Xaver! Jch ſeh wohl, daß das Stubenſitzen dir nicht taugt; du ſollteſt dich zerſtreuen! drum wollt ich eben, daß du geſtern mit geweſen waͤreſt! Gelt, bey mir haſt du wenig Aufmunterung, dich zu zerſtreuen? Jch weis wohl, und es thut mir leid. Aber wer kann fuͤr ſein Schickſal? Wenn man ſo viel Gram im Herzen hat, wie ich, wie kann man da noch froh und mun - ter ſeyn? Mach dir zuweilen eine Veraͤnderung! — Gut, ich wills thun, Kronhelm! ſagte Siegwart zaͤrtlich. Bey der naͤchſten Schlittenfahrt will ich auch ſeyn! Du muſt Geduld mit mir haben! Viel - leicht wirds bald beſſer! — Er gieng auf die Sei - te, und wiſchte ſich die Augen. Kronhelm konnte nichts ſprechen, und gieng nach etlichen Minuten auf ſein Zimmer, unter dem Vorwand, ſich anzu - kleiden, denn ſie aſſen jetzt auf Gutfrieds Zimmer, weil er krank war. — Siegwarts Schmerz brach622 nun in lautes Schluchzen aus, als Kronhelm weg war. — Gott! was bin ich fuͤr ein Scheuſal! dachte er; wie hab ich meinem beſten liebſten Kron - helm Unrecht gethan! — Er iſt ein Engel, und ich bin ein Teufel! — Ach, ich bin ſeiner Liebe nicht werth! … Vergib mir, Gott! Vergib mir, Kronhelm! … Ach, ich bin ein Teufel! .. Er meynts ſo redlich mit mir, und ich bin ſo treu - los! … Bin ſo ſcheuslich undankbar! … Vergib mir, Lieber, wenn dirs moͤglich iſt! — Mariane hat nach mir gefragt! … Das iſt mehr, als ich verdiene! .. Ach, daß ich ſo ein ſchaͤndli - cher Kerl bin! .. Vergib mir, Gott! … Ma - riane, Mariane! O du Engel! .. Wenn ich dei - ner werth waͤre! .. O vergib mir, Gott, daß ich ſo hart war gegen meinen lieben, ſanften, freund - ſchaftlichen Kronhelm!
Jndem kam Kronhelm wieder aufs Zimmer, und ſahs noch, wie ſein Freund ſich die Augen wiſchte. Er umarmte ihn ſtillſchweigend. Arm in Arm, und Bruſt an Bruſt, blieben ſie lang ſo ſtehen, und giengen endlich mit einander zu Gutfried. Sie trafen ihn ſehr beſtuͤrzt an. Er hatte einen Brief vor ſich liegen, und lehnte ſich, mit weinenden Au - gen, uͤber ihn hin. Nun ſoll ich fort! ſagte er. 623Mein Vater hat mir heut geſchrieben. Er iſt ſehr boͤſe, daß ich ſchon uͤber die Zeit ausgeblieben bin, und droht, mich zu enterben, wenn ich nicht zwi - ſchen heut und drey Wochen zu Hauſe ſey. Das koſtet mich, bey Gott! mein Leben; ich fuͤhls ſchon. Jch kann an keinem andern Ort ſeyn, als wo ſie iſt! Das weis mein Vater, und ich ſoll doch fort. O, ich moͤchte raſend werden uͤber das verwuͤnſchte Schickſal, das mich hieher brachte! Seit ich Ma - rianen ſah, hatt ich keinen, ganz frohen, Augenblick, und das dauert nun ſchon ins zweyte Jahr. Nun ſoll ich gar ſie nicht mehr ſehen. Das einzige, was mich bisher noch erhalten hat; ſonſt waͤre ich laͤngſt todt. — Sagt, was fang ich nun an? Beydes iſt gleich ſchrecklich: Ohne ſie ſeyn, und von ſeinem Va - ter enterbt und verflucht werden. Er haͤlt Wort; ich kenn ihn ſchon. — Nun rathet mir! Sieg - wart und Kronhelm zuckten die Achſeln; keiner wu - ſte, was er ſagen ſollte? — Nicht wahr, ſagte er, ihr koͤnnt mir auch nicht rathen? Und wie ſolls nun ich? — Das beſte iſt, daß es nicht mehr lang waͤhrt! Es ſteckt mir ſo ſchon etlich Tage her ein Schelm im Leib. — Nur das Weggehn, davor graut mir! Jch wollt mir lieber jetzt gleich eine Kugel vor den Kopf ſchieſſen laſſen; ſo waͤrs doch624 mit Einemmal aus! — Gleich in drey Wochen weg! Das laͤſt ſich kaum denken, geſchweige thun.
Kronhelm und Siegwart troͤſteten ihn, ſo gut ſie konnten; aber alles half nichts. Er war viel zu heftig. — Jhr ſeyd nicht klug, ſagte er, wenn ihr mit Worten etwas auszurichten glaubt! Da, da, (auf die Bruſt zeigend) ſitzt es. Jhr muͤſt mir erſt dieſes Herz aus dem Leibe reiſſen; dann wirds beſſer! Jch weis, was ich ſchon ſeit Jahren her um ſie geduldet habe, da ſie mich nicht Einmal an - ſah, wie ichs wuͤnſchte. Blos an ihrem Anblick hab ich mich geweidet; der erhielt mich noch; aber nun iſts aus mit mir. Zwar bleib ich hier, das hab ich ſchon beſchloſſen; aber der Fluch meines Vaters, den ich lieb und ehre — denn er iſt ein braver Mann — der wird mich toͤdten. — Und ich wette, er laͤſt mich mit Gewalt wegholen, wenn ich nicht komme; er wollts ſchon vor einem halben Jahr thun, da hielt ihn meine Mutter noch zuruͤck. Nun iſt ſie todt, und kein Menſch auf Erden kann ihn halten. — O, ich bin ein Ungluͤckskind! — Mit dieſen Worten ſchlug er ſich vor die Stirne, daß es wiederhallte. — So raſend hab ich dich noch nie geſehen; ſagte Kronhelm; mir iſt bang fuͤr dich. — Mir auch; fiel Gutfried ein. So toll wars aber625 auch noch nie! Jch weis, wie mirs war an Oſtern, als ich nur acht Tage von ihr weg war; und nun auf mein ganzes Leben! O, ich halt es nicht aus! Wenn nur das Gift, das ich in mir fuͤhl, bald um ſich griffe, und Mark und Knochen aufzehrte! Es waͤr ja Wohlthat, wenn gleich das Sterben ohne ſie auch ſchrecklich iſt. Aber nach dem Tod hoff’ ich doch Linderung.
Kronhelm und Siegwart redeten ihm zu, ſich doch ſelbſt zu ſchonen, und kein Selbſtmoͤrder zu wer - den! — Das werd ich auch nicht, ſagte er, dazu hab ich zu viel Chriſtenthum, und weis, daß es Suͤnde iſt. Aber, lieben Leute! ich hab mir ja den Schmerz, der mich aufzehrt, nicht ſelbſt ge - macht! Jch ſtritt lang, und wollte ſie vergeſſen, als ſie gar nichts von mir hoͤren wollte. Aber der verſchloßne Gram wuͤthete nur heftiger in mir, und leckte allen Lebensſaft hinweg. — Jetzt kannſt du aber nicht reiſen, ſagte Kronhelm; du ſiehſt gar zu elend aus. Jch will deinem Vater ſchreiben, daß du krank biſt, oder ſelber die acht Meilen zu ihm reiten. Vielleicht ſieht ers doch ein, und gibt nach. — Thu das, Bruͤderchen! ſagte Gutfried; Gott ſegne dich fuͤr dieſen Einfall, und fuͤr deine viele Freundſchaft! Jch werd dirs nicht mehr lang626 verdanken koͤnnen; aber einſt im Himmel will ichs thun, wenn mir Gott barmherzig iſt, und mich zu ſich nimmt. — Kronhelm verſprach, morgen hin - zureiten, wenns nicht beſſer werde. Und nun ward Gutfried etwas ruhiger. Doch aß er nicht mit, und beklagte ſich uͤber innerliche Hitze. Siegwart hatte mit ſeinem Zuſtand vieles Mitleid, und zit - terte vor gleichem Schickſal. Nach Tiſche muſte er ins Kollegium gehen. Gegen Abend kam er wieder hin. Gutfried beklagte ſich ſehr uͤber Kopf - weh, und innre Hitze, und muſte ſich zu Bette le - gen. Kronhelm, der Gefahr befuͤrchtete, erbot ſich, dieſe Nacht bey ihm zu bleiben und zu wachen. Siegwart kann dann morgen da bleiben, wenns noͤthig iſt, ſagte er, weil ich morgen weg reite. Siegwart gieng nach Haus, und machte ſich wegen ſeines Betragens gegen Kronhelm neue Vorwuͤrfe. Er weinte uͤber ſeine Thorheit, die ihn auf ſeinen beſten Freund eiferſuͤchtig machte, und zu einem ſo liebloſen Betragen verleitete. Nach vielen Seuf - zern entſchloß er ſich recht feſt, ſich kuͤnftig vor die - ſem ſchrecklichen und thoͤrichten Verdacht in Acht zu nehmen, und weder ſich, noch ſeinen edeldenkenden Freund mit einem ſo ungegruͤndeten Verdacht zu quaͤlen. —
627Dann uͤberließ er ſich ganz dem ſuͤſſen, und ſchmei - chelnden Gedanken, daß ſich Mariane nach ihm erkundigt habe, und zog tauſend gute Vorbedeu - tungen draus her. Er aͤrgerte ſich, daß er aus bloſſem Eigenſinn und naͤrriſcher Verblendung den Ball und die Schlittenfahrt nicht mit gemacht hat - te, und wuͤnſchte ſehnlich eine ſo herrliche Gelegen - heit, Marianen kennen zu lernen, bald wieder.
Den andern Morgen kam Kronhelm nach Haus, und ſagte, daß ihm Gutfried gar nicht gefalle. Es ſcheine eine ſchwere Krankheit im Anzug zu ſeyn. Siegwart fand ihn auch am Mittag um ein gutes kraͤnker, als geſtern. Den Nachmittag ritt Kronhelm weg, und verſprach, in hoͤchſtens vier Tagen wie - der zu kommen. Siegwart blieb bis fuͤnf Uhr bey Gutfried. Dann gieng er nach Haus, um ſich anzukleiden, und ſein Konzert noch vorher zu ſpie - len. Nach dem Konzert, verſprach er, wieder zu kommen, und bey ihm zu wachen.
Er gieng mit ziemlichem Herzklopfen ins Kon - zert, weil ihm bange war, ſich vor Marianen hoͤ - ren zu laſſen. Sie ſaß ihm gegenuͤber. Anfangs ſpielte er ſehr aͤngſtlich; aber der Beyfall, den ſie ihm durch ihre Aufmerkſamkeit, und einige Be - wegungen mit dem Kopf zu geben ſchien, befeuer -628 te ihn auf einmal, daß er beym Allegro wild in ſeine Saiten ſtuͤrmte, und die Herzen aller Zuhoͤ - rer zur Bewunderung hinriß. Er ſah ihr die Freude und das Wohlgefallen an, das ſie druͤber hatte, und trieb die Kunſt immer hoͤher. — Auf Einmal ſank er, im Adagio, in den tiefſten Klage - ton herab. Seine Violine ſprach; jeder Ton ward eine Sylbe. Sein ganzes Spiel ward die ruͤhrendſte Klage, und das wehmuͤthigſte Selbſtgeſpraͤch. Sein eignes, liebekrankes Herz ſchien, es zu halten. Alles lauſchte auf dem Saal, kein Laut ward ge - hoͤrt; jeder hielt den Athem an ſich; aus jedem Herzen wollt’ ein Seufzer aufſteigen, der nur muͤhſam zuruͤck gehalten wurde. Mariane ſaß in tieſer Wehmuth da; ſenkte ihr thraͤnenvolles Aug zur Erde, blickte ſchmachtend wieder auf, und ward vor heftiger Empfindung blaß. Dann warf ſie einen Blick, aus dem die ganze Seele ſah, auf Siegwart; er fieng ihn auf, ſtieg in einem Lauf bis auf die hoͤchſte Hoͤhe, daß die Seele mit hin - auf ſtieg, und ſtaunte; ſenkte ſich herab, und preſte aus jeder Bruſt ein Ach! voll Schmerz und Be - wunderung. Jede Hand war aufgehoben, ihm den waͤrmſten Beyfall zuzuklatſchen; Mariane war die erſte, die es that. Er verneigte ſich gegen ſie,629 und gegen die uͤbrige Geſellſchaft, und gieng auf die Seite, um ſich wieder zu erholen, und den Schweiß vom gluͤhenden Geſicht zu wiſchen. Jm ganzen Saal entſtand ein freudiges Gemurmel; jedes Herz theilte dem andern ſeine ſtaunende Be - wunderung mit; jeder Zuhoͤrer ſah auf ihn, und war bewegt. Der Hofrath Fiſcher kam, druͤckte ihm die Hand, und dankte ihm. Auch der Engel Mariane kam — ihr Siegwart zitterte. — Sie habens unausſprechlich gut gemacht, ſagte ſie; ich dank Jhnen aus dem vollſten Herzen. Sie brin - gen Toͤne aus der Violine, die ich niemals drinn geſucht haͤtte. O, Jhr Adagio war goͤttlich! — Hier ſah ſie ihn mit einem unbeſchreiblich zaͤrtlichen Blick an; er ward feuerroth, ſchlug die Augen nieder, und wagt es nicht, ſie anzuſehen. Er ſtund da, und konnte ſich kaum halten; jedes Auge, glaubte er, bemerk ihn. — Wo haben ſie denn heut den Herrn von Kronhelm gelaſſen? fieng ſie wieder an. — Dieſe Frage riß ihn wieder etwas aus der ſchrecklichen Verlegenheit, in der er ſich gewiß verrathen haͤtte. Er iſt .. ſagte er, und hub die Augen wieder auf; er iſt … ausgeritten .. weil Herr Gutfried krank iſt … weil ers ſeinem Va - ter ſagen will. Drauf erkundigte ſie ſich nach630 Gutfrieds Umſtaͤnden. — Werden Sie nicht auch einmal eine Schlittenfahrt mitmachen? fragte ſie endlich. O ja! war ſeine Antwort, ſobald wieder Gelegenheit da iſt — ploͤtzlich fuhr der Gedanke, wie ein Blitz, durch ſeine Seele: Sollt ich ſie wol bitten, mit mir zu fahren? Jndem er noch zweifelte, und eben etwas ſagen wollte, kam Ma - rianens Mutter, machte ihm ein auſſerordentlich ver - bindliches Kompliment, und lobte ihn mit vieler Waͤr - me wegen ſeines Spiels. Jndem kamen noch andre, die ihn auch mit Lobſpruͤchen uͤberhaͤuften; man hielt ſein Erroͤthen fuͤr Beſcheidenheit, und er konn - te nun Marianen, die noch bey ihm ſtand, weit freyer anſehn, und ihre unausſprechlich regelmaͤſſige Zuͤge, ihr hellglaͤnzendes Aug, und die feinſte weiße Haut bewundern. So wohl und bang, wie in dieſem Augenblick, war ihm noch nie geweſen.
Waͤhrend daß noch jedermann um den begluͤck - ten Siegwart herum ſtand, klopfte endlich Maria - nens Bruder, der ſchon laͤngſt vor Eiferſucht ge - gluͤht hatte, voll Verdruß auf die Violine, um die Spieler zuſammen zu rufen, und fieng ein Kon - zert zu ſpielen an. Er machte es nicht ganz ſchlecht; aber nach Siegwart konnte man ihn kaum mehr hoͤren. Als er ausgeſpielt hatte, klatſchte niemand631 Beyfall. Dieß verdroß den ſtolzen Knaben ſehr, und machte ihn unſerm Siegwart, den er ſchon vorher beneidet hatte, noch aufſaͤtziger.
Nach dem Konzert gieng Siegwart nach Haus, um ſich umzukleiden. Anfangs wuſte er ſich vor Freuden uͤber Marianens Beyfall kaum zu faſſen. Nach und nach kamen ihm wieder Grillen und aͤngſtliche Gedanken. Er dachte: Das alles konnte ſie wol ſagen, ohne dich zu lieben. Sie ſprach nur mit dir, um ſich nach Kronhelm zu erkundi - gen. Sie kann ihn lieben, wenn ers auch nicht weis. Er iſt unſchuldig, aber was hab ich davon? So lang ſie ſich nicht deutlicher erklaͤrt, und von meiner Liebe weis, ſo lang iſts nichts, u. ſ. w. Un - ter ſolchen traurigen Gedanken, die die erſte Liebe, ſolang ſie nicht Gewißheit hat, tauſendmal in der Bruſt des Liebenden erzeugt, gieng er zu Gut - fried, um bey ihm die Nacht uͤber zu wachen. — Er war jetzt etwas muntrer. Dieſen Abend, ſagte er, hatt ich einen harten Kampf. Jch be - kam eine Art von Fieber, und die ſchrecklichſten Phantaſien aͤngſtigten mich wol eine Stunde lang. Jetzt iſt mirs ganz leicht. Setzen ſie ſich zu mir her, ans Bette! Siegwart thats.
632Was macht denn Mariane? fuhr er fort. Ha - ben Sie ſie heut geſehen? Hat ſie geſungen? — Geſehen hab ich ſie, antwortete Siegwart; aber geſungen hat ſie nicht. Sie erkundigte ſich bey mir nach Jhnen. — Hat ſie das? rief Gutfried haſtig, und richtete ſich im Bett auf. O der En - gel! Jch muß ſie anbeten, ob ich gleich gewiß weis, daß ſie ewig nicht die meine wird. — Er legte ſich langſam wieder nieder, und fuhr fort: Alles, lieber Siegwart! alles hab ich ihr zu ver - danken! Jch war ein liederlicher Kerl, eh ich ſie habe kennen lernen. Gott vergeb es mir! Jch ward verfuͤhrt. Als ich hieher kam, wuſt ich noch gar nichts von der Welt. Sechs Jahre hatt ich in einem Jeſuiterkloſter geſteckt; muſte da die Religion als ein Handwerk treiben, und ganze Stunden lang, ohne Andacht, beten. Das, wozu mich meine Lehrer anhielten, ſah ich ſie ſelber mit den Fuͤſſen treten. Wie ein Sklave war ich einge - ſchraͤnkt, und durfte keinen Schritt thun, ohne Vorwiſſen meiner Lehrer. Wenn ich nun einmal in die Welt hinaus kam, ſo hielt ich alles, was ich ſah, fuͤr wuͤnſchenswuͤrdig, und ſchmachtete in meinem Kaͤficht wieder deſto mehr darnach. Als ich nun hier ankam, und der Freyheit ganz genoß,633 nach der ich mich ſo laͤngſt geſehnt hatte, da glaubt ich, um mich ſchadlos zu halten, und das Verſaͤum - te wieder einzuholen, muͤſſ’ ich nun der Freyheit ganz genieſſen, und alles mitmachen. Freyheit und Ausgelaſſenheit hielt ich fuͤr einerley. Alles, was ich ſah, war mir neu, und reizte mich; ich fiel drauf hin, wie ein Geyer auf den Raub, und glaubte mich nie ſaͤttigen zu koͤnnen. Sie wiſſen, wozu der naͤrriſche Begriff von Univerſitaͤtsfrey - heit verleitet. Zu allem Ungluͤck waren damals hier die allerſchaͤndlichſten Geſellſchaften, in denen Gewiſſen und Vernunft durch Zoten und Unflaͤ - thereyen uͤbertaͤubt, und durch unmaͤſſiges Saufen geſchwaͤcht, oder gar getoͤdtet wurden. Da gieng ein jeder hin, und that, was ihm gefiel. Mein Troſt iſt noch, daß ich niemals Freundesblut ver - goſſen, und nie eine Unſchuld verfuͤhrt habe. Da - vor hat mich Gottes Gnade noch bewahrt; mir hab ichs nicht zuzuſchreiben. Jch waͤr bey meinem tollen, heftigen Temperament, und bey meinen Grundſaͤtzen zu allem faͤhig geweſen. Zweymal ward ein Freund in meiner Gegenwart erſtochen; ich ſeh noch ihr Blut mit Schrecken rauchen. Dem Boling, der ſonſt noch weit ſchlechter war, wieS ſ634jetzt, hab ich zweymal das Leben gerettet. Der Um - gang mit liederlichen Menſchern entkraͤftete mich ſo, daß ichs jetzt noch fuͤhle; und ich haͤtte mich zuletzt ganz zu Schanden gerichtet, wenn nicht der Engel Mariane, wie vom Himmel herab, gekom - men waͤre. Das erſtemal ſah ich ſie auf einem Ball wo mich Dahlmund mit Gewalt hinſchleppte; denn es gieng mir da viel zu ehrbar zu. Sie ſehn, und weg ſeyn, war Eins! Aber, Gott! was das fuͤr eine Empfindung war! Jch bebte, wie ein Suͤn - der, der vor Gott ſteht, und ſchaͤmte mich vor mir ſelbſt. Anfangs wagt’ ichs kaum, ſie anzuſehen, denn es war, als ob ſie mich durchblickte, und den ſchlechten Kerl in mir entdeckte. Aber weg war ich ganz, und konnt auf der Welt an nichts mehr denken, als an ſie. Alles war mir ekelhaft; ich haͤtt in das Lumpengeſind und meine liederlichen Saufbruͤder ſpucken moͤgen! Sie lachten mich aus, als ich nicht mehr mitmachte, ich ließ ſie la - chen. Jch blieb allein, aͤrgerte mich uͤber mein ver - gangnes Leben, und ſchmachtete um Marianen. Daß ſie mich lieben ſollte, konnt’ ich noch nicht wuͤnſchen, denn ich kannte mich ſelbſt zu gut, was ich fuͤr ein Kerl geweſen war; ob gleich jetzt jeder Schatten von Begierde aus mir weg wich. —635 Aber ſie war doch fuͤr mich zu heilig; ich ſah zu ihr hinauf, wie zu der Mutter Gottes, und wuͤnſchte nichts, als einen einzigen Gnadenblick von ihr. Jch kriegte ſie ſelten zu Geſicht. Einmal ſah ich ſie, an Allerheiligen, in der Kirche. Jhr Aug und Herz betete voll Andacht. Nun wagt ichs auch zum er - ſtenmal wieder, meine Augen aufzuheben, und Gott um Erbarmung anzuflehen. Jhre Andacht gab der meinen Muth und Fluͤgel. Es war mir, als ob ein Stral von goͤttlicher Barmherzigkeit ſich in mein Herz herab ſenkte, und es ſtaͤrkte. Mir ward ſo wohl, daß ich weinen konnte. Dieſer Augenblick bleibt mir unvergeßlich; er iſt der Anfang meines wahren Gluͤcks. Jch ward nun wirklich fromm, denn ich handelte nach Grundſaͤtzen. Zu Haus warf ich mich nun nieder, und zerfloß in Thraͤnen. Das Gefuͤhl der goͤttlichen Begnadigung goß ſich wieder durch mein Herz; ich las auch in der Bi - bel, und ganz anders, als im Kloſter ehmals. Jhre Kraft, und der heilige Gedank an Marianen unter - druͤckte, oder maͤſſigte meinen wilden, unbaͤndigen Karakter; obgleich noch — das weis der liebe Gott — unendlich viel davon zuruͤck blieb; denn oft will es wieder in mir aufbrauſen, und ich habe gnug mit mir zu kaͤmpfen. Mit meiner Beſſerung636 keimte auch der Wunſch auf, Marianens Herz zu gewinnen. Jch konnte mich ihr nun eher ohne Zittern nahen, denn ich fuͤhlt es, daß ich beſſer war. Jm Konzert hatt ich Gelegenheit, mit ihr bekannt zu werden. Sie begegnete mir immer freundlich und gefaͤllig; aber niemals hab ich einen Funken von Liebe an ihr wahrgenommen. Jch fuͤrchte, ſie weis meinen vorigen Lebenswandel, und kann des - wegen kein rechtes Zutrauen zu mir haben. O Freund, dieß iſt die groͤſte Strafe meiner ſchaͤndli - chen Verblendung! Dieſe, und daß ich einen aus - gemergelten Koͤrper davon getragen habe, der mich wohl in wenig Wochen oder Tagen ins Grab ſtuͤr - zen wird. Daß mir Gott vergeben habe, hoff ich um der Leiden ſeines Sohnes willen, ſonſt muͤſt ich gar verzweifeln. — Jch beſchwoͤre Sie um Gottes willen, theurer Freund! Sie ſind noch jung, und mancherley Verfuͤhrungen ausgeſetzt. O behalten Sie ihr Herz rein! Sie wiſſen nicht, was das fuͤr ein Kleinod iſt, denn ich hoffe, daß Sies nie verloh - ren haben. Glauben Sie mir, daß beym Laſter nichts als Unruh iſt, und Hoͤllenreue hintennach. Jch ſchwoͤr Jhnen, daß ich nicht nur jetzt ſo rede, weil ich krank bin, und den Tod naͤher vor Augen ſeh, als Sie. Jch hab in geſunden Tagen eben ſo637 gedacht, und bin wahrhaſtig uͤberzeugt, daß nichts auf der Welt ganz gluͤcklich macht, als Kenntniß und Ausuͤbung unſrer heiligen Religion, und Recht - ſchaffenheit, und Reinigkeit des Herzens. Jch hab alles verſucht, bin alles geweſen, Religionsveraͤch - ter, Spoͤtter, Zweifler, Taugenichts, und Chriſt, und nichts hat mich beruhigt, als das letzte. — Noch einmal, ich beſchwoͤre Sie, Freund! bleiben Sie auf dem guten Wege, auf dem Jhnen ſo wohl iſt! Bleiben Sie ein rechtſchaffener Mann, ein Chriſt! Denken Sie an meine Worte! Jch bin jetzt gluͤcklich, und waͤrs noch mehr, waͤr ich immer gut geblie - ben. —
Hier konnte der geruͤhrte und entkraͤftete Juͤng - ling nicht mehr reden. Ein heiſſer Strom von Thraͤnen ſtuͤrzte ihm aus den Augen, er ſchluchzte, und verhuͤllte ſein Geſicht ins Kiſſen. — Siegwart konnte ſich nicht laͤnger halten; das Herz brannte ihm im Leibe. Thraͤnen ſchoſſen uͤber ſeine Wan - gen; er lief weg ans Fenſter, und ſchluchzte laut. — Gott, erhalt mich fromm und rein! Mehr konnte er nicht ſeufzen; aber ihm wars, als ob er Gott von Angeſicht zu Angeſicht erblickte, und gewiß waͤre, daß er bleiben wuͤrd’ in ſeiner Reinigkeit und Unſchuld.
638Erſt nach etlichen Minuten gieng er wieder aus Krankenbette. Gutfried gab ihm ſeine Hand. Lieber Freund, ſagte er mit ſanfter Stimme, wir koͤnnten ſo viel reine Freuden auf der Welt genieſ - ſen, daß wir ſolcher Ausſchweifungen nicht noͤthig haͤtten. Wie viel frohe himmliſche Abende gab uns, dieſes letzte halbe Jahr, die Freundſchaft! Gott! wie ſaſſen wir oft ſo vergnuͤgt zuſammen, und fuͤhl - tens erſt am Ende, daß die Zeit ſo ſchnell verſtri - chen war. Welche reine, unverfaͤlſchte Freuden gab uns die Muſik! Wie erhub ſie unſer Herz zu himm - liſchen Empfindungen; zu Entſchluͤſſen, etwas Groſ - ſes und Edles fuͤr die Welt zu thun. Wie erquick - te ſie uns nach unſerm Studieren! Am Abend wars uns, als ob wir den ganzen Tag in reiner Wolluſt zugebracht haͤtten. Und die ſchoͤnen Wiſ - ſenſchaften! — Jhnen verdank ich, naͤchſt der Liebe zur Tugend und zu Marianen, mein verfeinertes, veredeltes Gefuͤhl am meiſten. Jch liebte Maria - nen, und durch ſie, die Tugend ſchon eine geraume Zeit; aber in meinem aͤuſſerlichen Weſen war im - mer noch viel Rohes und Unbehagliches. Nun ſah ich bey ihr einmal ein Buch von Kronhelm liegen; es waren Kleiſts Werke. Jch ſah hinein; und es gefiel mir. Mariane lehnte mir das Buch mit639 Kronhelms Vorwiſſen. Freund! wie war mir das ſo neu! Wie viele, vorher nie gefuͤhlte Empfin - dungen fuͤllten da mein Herz! Wie ward es oft zur Anbetung des Schoͤpfers hingeriſſen! Jch ſah nun die Natur mit ganz andern Augen an. Jede Blume, jeder Vogel, jede ſchoͤne Gegend ward mir wichtiger, und lehrte mich den Schoͤpfer im Geſchoͤpf bewundern. Mein Herz ward reizbarer und em - pfindlicher fuͤrs Gute und fuͤrs Schoͤne. Jch ſah die Harmonie der Schoͤpfung, trug ſie auf meine Handlungen uͤber; ſchaͤtzte ſie im Leben und der Denkungsart andrer Menſchen mehr; ſah bey mir ſelbſt mehr auf aͤuſſerlichen Anſtand; und ward ge - gen jedes Elend mitleidig.
Sein Geſpraͤch ward durch die Ankunft Bolings unterbrochen. Dieſer erbot ſich, mit Siegwart zu wachen, damit der Eine etwas ſchlafen koͤnnte, waͤh - rend daß der andre wachte. Unſer Siegwart er - waͤhlte die Vormitternacht zum Wachen, denn er ſah beym Hofrath Fiſcher Licht, und hoffte, ſeine Mariane noch einmal zu ſehen. Als Gutfried etwas einſchlummerte, ſetzte ſich Boling in den Lehnſtuhl, um zu ſchlafen, und Siegwart legte ſich ins Fenſter, ob er Marianen nicht erblicke? Ein paarmal ſah er etwas am Fenſter hin und her640 gehn, aber er konnte nicht genau unterſcheiden, ob es ſie ſey, oder ihre Mutter? Er war halb freudig, und bald traurig; bald fuͤrchtete er alles Traurige, und hoffte dann auf Einmal wieder nichts als Gu - tes. So ſtand er, in ſuͤſſer Wehmuth, und voll ſchwaͤrmeriſcher Entwuͤrfe eine ganze Stunde da. Endlich hoͤrte er das Klavier anſtimmen, riß das Fenſter eilig auf, und lauſchte, daß er kaum zu ath - men wagte. Erſt ſpielte Mariane eine ernſthafte, langſam gehende Phantaſie; dann eine ſchmelzend zaͤrtliche Sonate, und endlich einen feyerlichandaͤch - tigen Choral, und ſang dazu. Siegwart kam uͤber den empfindungsvollen Ton ihrer Silberſtimme ganz auſſer ſich, daß er kaum mehr wuſte, wo er war. Er hatte tauſend Empfindungen, deren er ſich kaum ſelbſt bewuſt war, und die ſich erſt nach und nach entwickelten, als ſie lange ſchon ſchwieg. Er lag noch lang im Fenſter, als ob er ihr zuhorchte, ob ſie gleich ſchon das Licht ausgeloͤſcht hatte. Endlich ward er wehmuͤthig, ſetzte ſich an den Tiſch, und ſchrieb, als er Dinte und Papier vor ſich ſah, folgen - des Gedicht nieder:
641Siegwart ſaß noch eine Stunde da, und uͤber - ließ ſich ſeiner Phantaſie, als endlich Boling auf - wachte, um ihn abzuloͤſen. Gutfried ſchlief ſehr aͤngſtlich, und unruhig; fuhr oft auf, und ſprach oft mit ſich ſelbſt. Sie befuͤrchteten den Ausbruch eines hitzigen Fiebers, das der Arzt den Abend vorher ziemlich deutlich vorausgeſagt hatte. Bo - ling verſprach, unſern Siegwart ſogleich zu wecken, wenn die Krankheit ſteigen ſollte, und nun ſchlief er im Lehnſtuhl ein. Vor Tag weckte ihn Boling durch einen heftigen Schrey auf; denn Gutfried hatte angefangen, zu phantaſiren, war aus dem Bett geſprungen, und hielt ihn an der Kehle feſt. Laß mich los! rief Gutfried, reiß mich nicht von Marianen, Vater! ſonſt erwuͤrg ich dich! Sieg - wart ſprang hinzu, und riß ihn endlich mit aller Gewalt von Boling weg. Sie hatten Muͤhe, ihn ins Bett zu bringen; ſeine Augen funkelten und roll - ten fuͤrchterlich; der weiſſe Schaum ſtand ihm zwi - ſchen den Zaͤhnen; er klammerte ſich mit den Haͤn - den feſt an, wenn er was zu faſſen kriegte, und hatte faſt uͤbermenſchliche Staͤrke. Endlich brach - ten ſie ihn doch wieder aufs Lager. Er ſprach un - aufhoͤrlich fort, zankte ſich mit ſeinem Vater, glaub - te zuweilen, den boͤſen Feind vor ſich zu ſehen,643 lachte fuͤrchterlich laut, und weinte dann wieder, wie ein Kind. Sein Zuſtand drang ſeinen beyden Freunden tief ins Herz, daß ſie ſich mit Thraͤnen, und mit Seufzern anſahen. Einmal hielt er ein langes, ruͤhrendes Gebeth an die Mutter Gottes, richtete ſich auf, hub die Haͤnde in die Hoͤhe, nann - te ſie zuweilen Mariane, und ſank entkraͤftet wieder aufs Bett zuruͤck. Siegwart und Boling wuſten ſich kaum mehr zu helfen. Nach dem Arzt konn - ten ſie nicht gehen, weil keiner ſich, allein bey ihm zu bleiben, getraute, und im Hauſe ſchlief noch je - dermann. Sie warteten mit Sehnſucht auf den Morgen. Endlich brach er an. Sie ſchickten ei - ligſt nach dem Arzt. Dieſer zuckte die Achſeln, verordnete eine Aderlaͤſſe, und verſprach wenig Hofnung. Nach dem Aderlaſſen ward der Kranke etwas ruhiger, und ſchlummerte ein wenig ein. Zwey Stunden nachher wachte er mit groſſem Schreyen wieder auf, riß die Binde von der Ader weg, und verblutete ſich, eh man ihm beykommen konnte, ſo, daß er in eine Ohnmacht ſank. Der Arzt, der herbeygerufen wurde, brachte ihn, nach vieler Muͤhe wieder zu ſich ſelbſt. Er war ſo matt, daß er kaum reden konnte. So lag er den ganzen Tag da, und erholte ſich erſt gegen Abend644 wieder etwas. Siegwart kam keine Viertelſtunde von ſeinem Bette. Auf ſein Verlangen muſte er ihm die letzten Reden Jeſu im Johannes, und Se - midas Selbſtgeſpraͤch im vierten Geſang der Meſ - ſiade vorleſen. Beyde waren ſehr geruͤhrt. Der Kranke hub ſeine Augen in die Hoͤhe, und ſagte: Segen dem Manne, der die Heiligkeit der Liebe ſo tief gefuͤhlt hat! Wohl dem, der, wie er, fuͤhlt! Dann betete er ſtill zu Gott; rief einigemal laut: Gnade mir, Erbarmer! und dann weinte er. Seg - ne Marianen! ſprach er leiſer. Gib ihr einen Mann, der fromm und rein liebt!
Den ganzen Tag uͤber lag er matt da; ſeine Kraͤfte nahmen ſichtbar ab. Gegen Abend ſchien ſein Ende nahe. Lieber Siegwart, ſagte er: Ver - ſichern Sie meinen Vater meiner Liebe, meines Danks, und meiner Reue! Sagen Sie ihm, daß ich Marianen liebte; daß ich durch ſie fromm ward, und nun freudiger zu Gott geh! Jch wollt ihn durch mein Auſſenbleiben nicht betruͤben. Eine innre, unbekannte Kraft hielt mich zuruͤck. Es war mehr, als Liebe. Jhr zu widerſtehen, war mir unmoͤglich. Sagen Sie ihm alles, alles! —
Nach einigem Schweigen fuhr er fort: Noch einmal, um Gottes willen, lieber Siegwart, be -645 wahr das im Herzen, was ich geſtern ſagte! .. Laß dich nicht verfuͤhren! … Bleibe dir und Gott treu! … Sags auch Kronhelm! … Dank ihm! …
Siegwart konnte nichts, als weinen. Auf Ein - mal entſtand im Haus unten ein Lerm. Das will ich ſehen, obs ſo ſchlecht iſt? rief eine rauhe Stim - me. Er ſoll und muß mit mir fort, der Unge - rathene! Jndem ſtuͤrzte Gutfrieds Vater in das Zimmer, Kronhelm hinter ihm drein, und aufs Bette zu. Heh! Kerl! rief der Vater, und ſchuͤttelte ſeinen Sohn. Ploͤtzlich, als er ſeinen Sohn im Todesſchweiſſe ſah, blieb er wie erſtarrt ſtehn. Mit der einen Hand hielt er ſeinen Sohn, und die andre hub er in die Hoͤhe. — Was iſts? ſagte er, mit zerſtoͤrten Blicken, zu Siegwart. Will er ſterben, oder iſt er ſchon? — Karl! und nun ſchuͤttelte er ihm die Hand; um Gottes willen, Karl! du lieber Karl! Was iſts? — Der jun - ge Gutfried hub ſeine Augen auf; eine Thraͤne glaͤnzte drinn, und ſchloß es wieder zu. Der kalte Todesſchweiß ſtund ihm auf der Stirne. Er lag unbeweglich da. Der Vater ließ ſeine Hand un - willig fahren, gieng weg, ſah gen Himmel, ſeufzte tief, und ſprach: Nun iſts aus mit mir! Deine646 Mutter, deine Mutter! Gott! ich habs verſchul - det! — Karl! Karl! Sie hat mirs geſagt. Nun warf er ſich ſtumm uͤber ſeinen Sohn her, kuͤſte ihm den letzten Athem aus dem Mund; der Sohn war todt. — Der Vater ſetzte ſich ans Bette, ſah den Sohn lang und ſtarr an. Endlich mur - melt’ er: Gott! ſobald mit deinen ſchrecklichen Ge - richten! — Hat er mir geflucht? — Sie ge - ſegnet, ſagte Siegwart. — Gut! ich habs doch nicht verdient! verſetzte der Vater. Hab doch ſei - ne Mutter ins Grab gebracht, durch Untreu! — Aus dem Haus ſoll ſie mir, der Hund! Jch kann keine Hure ſehn! Jch bin ein Ehebrecher! — Lieber Karl! Biſt du bey der Mutter? Ach, ver - klag mich nicht! Verklag mich nicht! — Nun ſtuͤrzte er ſich wild uͤber ſeinen todten Sohn her, und kuͤſte ihn, daß er ihm die Lippen aufbiß. — Der Bube war doch fromm? Nicht? — Nun, ſo mag er fuͤr mich bitten! — Aber, ach, nun hab ich keinen Sohn mehr! habe keine Freunde mehr im Alter! Ach, nun moͤcht ich ſterben, weil er todt iſt! — Du lieber, todter Sohn! Eine Hure hat dir deines Vaters Herz geſtohlen! Und du biſt geſtorben; konnteſts laͤnger nicht mehr an - ſehn! Sags deiner Mutter nicht, Karl! Um Got -647 tes willen nicht! — Ach, daß du ſo fruͤh geſtor - ben biſt! Die Hure ſoll mirs buͤſſen! — Siehſt wie deine Mutter aus, als ſie geſtorben war! — Hat er mich geſegnet, Herr? Mein Weib hats auch gethan! Aber kann beym Ehebruch auch Se - gen wohnen? — Daß du mich geſegnet haſt, das hat dich deine Mutter wohl gelehrt; wenn ſie mit dir weinte in der Kammer. — Nun ſprang er auf: Aber, lieben Herren, ſagts der Welt nicht! Jch will ſelber meine Schande aufdecken! — Lie - ber Karl! Jch kann dich nicht mehr anſehn. Es iſt gar zu fuͤrchterlich! —
Jndem kam der Arzt herein mit Boling. Der Vater gieng in einen Winkel, ſah beſtaͤndig ſtarr auf einen Platz, und ſchwieg, ſolang der Arzt da war. — Nachher ſagte er zu Kronhelm: Laſſen Sie meinen Karl begraben! Jch kann nichts thun.
Kronhelm machte Anſtalten, daß ſein Freund in zwey Tagen begraben wurde. Der Vater verſchloß ſich groͤſtentheils auf dem Zimmer ſeines Sohnes, und ließ ſich nur von Siegwart und von Kron - helm ſprechen. Sie muſten ihm ſeine ganze Ge - ſchichte erzaͤhlen. Er hoͤrte ſtillſchweigend, und mit niedergeſchlagnen Augen zu. Nur zuweilen ſeufzte648 er tief auf, oder klagte ſich ſelber, wegen ſeines Betragens gegen ihn, an. Jch vermuthete, ſagte er, daß ihn etwas anders auf der Univerſitaͤt zu - ruͤckhielte, ſo wie mirs ehemals gieng. Wenn man ſchlechte Streiche macht, ſo vermuthet man ſie bey andern auch. An eine ſo heilige und keu - ſche Liebe, wie die gegen Marianen war, dacht’ ich gar nicht. War denn gar keine Hofnung da, daß ihn das Maͤdchen wieder lieben werde? — Wenig, oder keine; antwortete Kronhelm. Eben jetzt ſagte mir Boling, ſie werd’ einen hieſigen Aſſeſſor heyrathen. — Siegwart wurde uͤber dieſe Nach - richt ploͤtzlich blaß, und lief weg. Zu Haus ſank er in einen Stuhl, blieb eine Stunde lang ſo ſitzen, ſeufzte, weinte; und verwuͤnſchte ſein Ge - ſchick.
Den andern Tag wurde Gutfried begraben. Der Vater gieng ſtumm hinter dem Sarge drein. Es folgten die Freunde ſeines Sohnes; alle voll tiefen Grams. Siegwart war am meiſten bewegt. Der Gedanke an den Verluſt eines ſolchen Freun - des, und der Gedanke an ſein eignes truͤbes Schick - ſal zerfloß in ſeiner Seele in einen einzigen, und lag ſchwer auf ihm. Stumm und ſtarr ſah er auf den Sarg ins Grab hinab; bittre Thraͤnen floſſen649 drauf, und ſein Herz ward voll von dem Wunſch, wie ſein Freund zu ſterben; denn zuweilen that er, aus ſeinem kummervollen Leben einen Blick in die Wonne, der ſein Freund nun genoß. Den Abend drauf ſchrieb er aus dem kummervollſten Her - zen dieſe Verſe nieder:
Kronhelm hielt den Kummer ſeines Freundes fuͤr Schmerz uͤber Gutfrieds Tod, und vereinte ſich mit ihm zu klagen. Den naͤchſten Sonntag ſah Siegwart ſeine Mariane in der Kirche. Sie gruͤß - te ihn freundlich, und ſah heiter aus. Er hielt dieſe Heiterkeit fuͤr Freude uͤber ihre nahe Verbin - dung, und ward daruͤber noch unruhiger, und trauriger. Jm naͤchſten Konzert merkte er wohl, daß ſie ihn ſehr fleiſſig beobachtete, aber ſeine Furcht ließ ihn auf nichts vortheilhaftes ſchlieſſen. Sie ſang eine obligate Arie, und bat Kronhelm, ihr dabey zu akkompagniren. Dieß brachte ihn noch mehr auf, und erfuͤllte ihn mit dem baͤngſten Schmerz. Der halbverborgene Funken von Eiferſucht glimmte wieder friſch in ihm auf. Seine Ver - nunft mochte ihm ſagen, was ſie wollte; ſein Herz ſtritt dagegen. Er merkte kaum auf ihren himm - liſchen Geſang, und fuͤhlte nichts von der herz - ſchmelzenden Zaͤrtlichkeit, mit der ſie ſang. Jn - dem er ſo, von tauſend kaͤmpfenden Leidenſchaften beſtuͤrmt, in einem Winkel ſtand, und nicht be - merkte, daß die Arie ausgeſungen war, trat Ma - riane zu ihm, und bat, er moͤchte ihr bey einer zweyten Arie akkompagniren. Er ſtund da, wie vom Grab erweckt, in der ſtaunendſten Bewegung;651 neigte ſich gegen ſie, und nahm zitternd ſeine Vio - line. Seine Toͤne rangen mit den ihrigen um den Vorrang des Ausdrucks; endlich ſtroͤmten ſie in einander, wie die Empfindung zwoer Seelen, die ſich nun zum erſtenmal ihr Gefuͤhl entdecken, und es ganz in Seufzer und in Worte ausflieſſen laſſen. Als er ausgeſpielt hatte, verneigte ſie ſich tief vor ihm, mit einem Laͤcheln und einem Ausdruck ihres Auges, der durch ſein ganzes Weſen eine, nie ge - fuͤhlte Waͤrme ausgoß. Jn dem Augenblick ver - gaß er aller Zweifel, aller Schwierigkeiten; ſie war ganz ſein. Es fuͤhlt’ er wohl, und wuſt’ es nicht, wie Klopſtock ſagt.
Sie bat ihn nun im naͤchſten Konzert ein Duett mit ihr zu ſingen. Er ſtotterte was her: Er ſey im Singen ſo geuͤbt nicht, um mit ihr zu ſingen u. ſ. w. Sie ſagte aber: Sie wiſſe, durch Herrn von Kronhelm, ſchon das Gegentheil, und rief Kronhelm ſelbſt zum Zeugen auf. Dieſer verſicher - te, daß ſein Freund nur aus uͤbergroſſer Beſchei - denheit ſo rede. Drauf ſprachen ſie von Gutfried. Mariane bedaurte ſeinen Tod mit dem herzlichſten Antheil, ſo daß unſerm Siegwart die Thraͤnen in die Augen ſchoſſen. Tauſend Empfindungen draͤngten ſich in ſeiner Seele. Gutfried, ſagte ſie, hatte652 ſehr viel Gutes, viel Empfindung, und das iſt das Beſte. Seine Freundſchaft war mir werth und ſchaͤtzbar. Jch haͤtt ihm ein laͤngeres Leben ge - wuͤnſcht. Doch nun iſt ihm auch wohl. Hier wandte ſie ſich auf die Seite, um ſich eine Thraͤne aus dem Auge zu wiſchen. Unſre beyden Juͤng - linge ſahn ſich an, und weinten auch. Von ſeiner heftigen Liebe gegen ſie ſchien ſie nichts gemerkt zu haben. Dieß ruͤhrte unſern Siegwart noch mehr. Die Hofrath Fiſchern ſtellte ſich auch zu ihnen, und beſprach ſich, beſonders mit Siegwart, uͤber Gut - frieds Tod. Mariane ſprach indeſſen mit Kron - helm, und ſah mehrmals unſern Siegwart ſeit - waͤrts ſehr bedeutend an. Sein Herz ward ihm durch jeden ſolcher Blicke ſehr erleichtert, und Hof - nung nahm die Stelle der Furcht ein. Kronhelm hub zu Hauſe an: Hoͤr! Xaver, Mariane will den Geßner leſen, und ich hab ihn nicht, willſt du mir ihn wohl fuͤr ſie leihen?
Siegwart. O von Herzen gerne! Sie kann alle Buͤcher von mir haben.
Kronhelm. Nun, das heiſſ’ ich mir einmal vernuͤnftig geſprochen! Nicht wahr, du gibſt mir nun auch zu, daß die Fiſcherin ein vortrefliches Maͤdchen iſt! Sie gefaͤllt dir doch?
653Siegwart. Jch habe nie nichts gegen ſie ge - habt; warum ſollte ſie mir nicht gefallen, wie ein andres braves Maͤdchen auch?
Kronhelm. Alſo mehr gefaͤllt ſie dir doch nicht? Was du nicht geheimnißvoll ſeyn kannſt!
Siegwart. Geheimnißvoll, Kronhelm? Jch weis gar nicht, was das heiſſen ſoll?
Kronhelm. Gut, ſo weis ichs auch nicht! Jch dachte nur, daß ich dir niemals Urſache gegeben ha - be, gegen mich ſo zuruͤckhaltend zu ſeyn, da ichs doch nicht gegen dich bin. Und in dieſer Sache koͤnnt ich dir vielleicht mehr nuͤtzen, als ſchaden. Aber, glaub ja nicht, daß ich neugierig bin, oder jemand ſeine Heimlichkeiten abdringen will. Sieh, dieß Blatt Papier haſt du geſtern, als du deine Brieftaſche durchſuchteſt, bey mir auf dem Tiſche liegen laſſen. Die Verſe ſind wohl an Marianen? Sie hat doch wohl Klavier geſpielt, als du bey Gutfried wachteſt?
Siegwart zitterte, ward roth und blaß, und fiel endlich ſeinem Kronhelm um den Hals. Du haſt Recht, ſagte er, ich war ein mistrauiſcher Narr, der ſo einen Freund, wie du biſt, nicht verdient! Aber, Kronhelm, wenn du in mein Herz ſehen koͤnnteſt; wenn du wuͤſteſt, was ich ausgeſtanden654 habe, daß ich ſchweigen muſte! Denn ich muſte ſchweigen. — O ich weis, du wuͤrdeſt mir verge - ben. — Du kennſt die Liebe, Kronhelm! Weiſt, wie’s einem iſt. Ach, vergib mir, Bruder! War - lich, wenn ichs Einem Menſchen haͤtte ſagen koͤn - nen, du waͤrſt der erſte auf der Welt geweſen; warlich! —
Kronhelm. Sey ruhig, Bruder! Jch war boͤſe, und das muſt du mir vergeben! Aber jetzt iſts ſchon vorbey. Jch will glauben, daß du mehr um deinetwillen ſchweigeſt, als um meinetwillen. Laß es gut ſeyn! Jch wills auch thun. Freunde muͤſ - ſen ſich ſo was nicht uͤbel nehmen!
Siegwart umarmte ſeinen Freund noch feuri - ger, und geſtund ihm nun ſeine Liebe zu Maria - nen offenherzig. Es war ihm unausſprechlich wohl dabey, daß er ſein, ſchon ſo lang gepreſtes, volles Herz ausſchuͤtten konnte. Kronhelm billigte ſeine Wahl aufs aͤuſſerſte, und machte ihm nicht gerin - ge Hofnung, daß er Marianen gar nicht gleich - guͤltig ſey. Zugleich verſprach er, ſie noch mehr auszuholen, und ihm Gelegenheiten zu verſchaffen, genauer mit ihr bekannt zu werden. Dieß Ver - ſprechen war unſerm Siegwart auſſerordentlich an - genehm, nur bat er, ſeiner angebohrnen Schuͤch -655 ternheit gemaͤß, ſeinen Kronhelm ſehr, recht be - hutſam drein zu gehen, und ſich und ihn auf keine Weiſe zu verrathen. Zu ſeiner groͤſten Freude erfuhr er auch, daß ihre Verbindung mit dem Aſ - ſeſſor eine falſche Nachricht ſey, und ſich bloß auf einen Misverſtand von Bolings Seite gegruͤndet habe. —
Die beyden Freunde verlohren ſich nun in ſuͤſſe Traͤumereyen uͤber das kuͤnftige Gluͤck ihrer Liebe; Kronhelm ſprach von ſeiner Thereſe, und Siegwart von ſeiner Mariane mit dem waͤrmſten Enthuſias - mus. Jeder lobte das Maͤdchen des andern mit Begeiſterung, um eben ſolches Lob auf das ſeinige zu hoͤren. Sie blieben bis um Mitternacht bey - ſammen, und konnten ſich kaum trennen; denn immer fiel, bald dem einen, bald dem andern et - was neues ein. Kronhelm meynte, Siegwart ſoll - te Thereſen etwas von ſeiner Liebe ſchreiben, aber Siegwart wollte ſich dazu ſchlechterdings nicht ver - ſtehen, denn er war in dieſem Punkt uͤbermaͤſſig furchtſam und zuruͤckhaltend, und zaͤrtlich.
Taͤglich ſprachen ſie nun ganze Stunden lang von ihrer beyderſeitigen Liebe. Siegwart ſah nun ein, wie unrecht er ſeinem Freund mit ſeiner un - gegruͤndeten Eiferſucht gethan habe, und ward taͤg -656 lich offenherziger. Er entdeckte ihm ſo gar ſeine ehemaligen Grillen, und auch Sophiens ungluͤckli - che Liebe zu ihm. Sie machten mit einander aus, ſo bald wieder ein Schnee fiele, eine Schlittenſahrt und einen Ball anzuſtellen, wobey Siegwart ſeine Mariane bedienen ſollte. Dieſer machte zwar an - fangs tauſenderley Einwendungen, die ihm ſeine Schuͤchternheit eingab, aber Kronhelm zerſtreute ſeine Zweifel und aͤngſtliche Bedenklichkeiten.
Den naͤchſten Sonntag gieng Kronhelm mit Siegwart in die Kirche, und wollte in Marianens Blicken und Betragen viele Theilnehmung an Siegwarts Perſon bemerkt haben. Siegwart machte ihm tauſend Einwuͤrfe, um ſie nur widerlegt zu ſehen. Jm folgenden Konzert ſang er mit Ma - rianen das Duett zum Erſtaunen aller Zuhoͤrer. Jhre Stimmen waren wie das Liſpeln der Liebe; ſtiegen mit einander in den Himmel, und wieder mit einander in das Grab herab, und klagten. Je - des Herz fuͤhlte Zaͤrtlichkeit und Liebe, doch das ih - rige am meiſten. Man haͤtte wenig ſcharfſinnig ſeyn duͤrfen, um zu hoͤren und zu fuͤhlen, daß weit mehr aus ihnen ſang, als Kunſt. Bey einem Tril - ler ſah ſie unſern Siegwart ſo ſchmachtend und be - weglich an, daß ihm Thraͤnen in die Augen kamen,657 und ſein Herz im ſeligſten Gefuͤhl ſchwamm. Die ganze Geſellſchaft klatſchte noch ſo lang, als ſonſt ge - woͤhnlich, als die beyden ausgeſungen hatten. Sie lobte ſeinen richtigen Geſang und ſeinen tiefen Ausdruck mehr mit Blicken, als mit Worten. Wir muͤſſen oͤfter ſingen, ſagte ſie. Jch ſang noch nie mit ſolchem Erfer und mit ſolchem Antheil. Jch gewiß auch nie! ſagte Siegwart, und ſeufzte. — Kronhelm kam dazu, und ſagte: Hab ich nicht Recht, Jungfer Fiſcherin, daß er gut ſingt? — O, ſie haben mir nicht halb ſo viel geſagt, war ihre Antwort. Herr Siegwart ſingt auſſerordentlich Endlich ward das Geſpraͤch, durch andre, die dazu kamen, allgemeiner.
Siegwart war nun ſo froh, daß er alles um ſich her vergaß. Er glaubte nun ſelber, daß ihn Ma - riane liebe, und wuͤnſchte nur bald Gelegenheit, ſie allein zu ſprechen, und ihr ſein Herz ganz entdecken zu koͤnnen! Beym Weggehen, als er von ihr Ab - ſchied nahm, ſah ſie ihn mit dem zaͤrtlichſten ſchmach - tendſten Blick, in dem eine Thraͤne ſchwamm, an. Zu Haus machte er ſogleich in ſeiner Freude fol - gendes Gedicht:658
Mit dieſem Gedichte gieng er gleich zu ſeinem Kron - helm, der damit zufrieden war, und ſagte: Die Zeit, die du dir in dieſen Verſen wuͤnſcheſt, kann bald kommen. Sie liebt dich, daran zweifle ich gar nicht mehr; und bey der erſten Schlittenfahrt659 ſollſt du mit ihr fahren, und den Abend drauf beym Ball kannſt du ihr dein Herz entdecken. — Sieg - wart war uͤber dieſe Hofnung und das Verſpre - chen ſeines Freundes ganz auſſer ſich. Er gieng nun taͤglich mehr als zwanzigmal zu ſeinem Baro - meter, ob der Merkurius drinn noch nicht falle, und Schnee verkuͤndige? Er blickte immer nach dem Himmel, ob noch kein Gewoͤlk ſich aufziehe? und freute ſich uͤber jedes aufſteigendes Woͤlkchen, das ihm Schnee zu tragen ſchien.
Endlich umzog ſich am Sonnabend der Himmel ganz, und in der Nacht drauf fiel ein tiefer Schnee. Als er am Sonntag Morgens aufwachte, und al - les weiß ſah, da wars ihm ſo wohl, als ob der Fruͤh - ling angebrochen waͤre.
Auf den folgenden Tag ward ſogleich eine Schlit - tenfahrt feſt geſetzt. Kronhelm gieng zu Maria - nen und ihren Eltern, um anzuhalten, ob Siegwart ſie fahren duͤrfe? Denn dieſer war zu furchtſam, um ſelbſt anzuhalten. Mariane, nebſt ihren El - tern, willigten mit Freuden in den Antrag. Sieg - wart, dem ſein Freund dieſe Nachricht brachte, war daruͤber ganz auſſer ſich. Doch klopfte ihm das Herz, je naͤher die Zeit kam, da er Marianen abholen ſollte. Er wuͤnſchte oft den ſo ſehnlich er -660 ſeufzten Augenblick weit weg, und zoͤgerte, als die Stunde kam, mit dem Schlitten vor ihr Haus zu fahren. Endlich muſte er doch hinfahren. Zitternd gieng er die Treppe hinauf in ihr Zimmer; mach - te vor ihr und ihren Eltern eine tiefe Verbeugung, und tauſend Entſchuldigungen, die man aber nicht verſtehen konnte, ſo leiſe und verwirrt ſprach er. Der Hofrath Fiſcher und ſeine Frau waren gegen ihn ſehr hoͤflich, und Mariane that gegen ihn ſehr offenherzig und freundlich. Mit bangem Zittern ergriff er ihre Hand, und fuͤhrte ſie die Treppe hinunter. Jn der freyen Luft ward ihm wieder wohl, und er fuhr zu der uͤbrigen Geſellſchaft. Mariane ſagte ihm im Fahren: Es ſey ihr ſehr angenehm, in ſeiner Geſellſchaft zu ſeyn. Er ſtotterte: Jhm ſeys noch angenehmer, und er habe ſich ſchon lange die - ſes Vergnuͤgen gewuͤnſcht ꝛc. Nachdem die Geſell - ſchaft in der Stadt herum gefahren war, ſo fuhr man auf ein benachbartes Dorf. Siegwart wuſte nichts zu ſprechen; er lobte nur das Wetter, und die angenehme Wintergegend, und freute ſich, daß ein ſo ſchoͤner Schnee gefallen ſey. Es aͤrgerte ihn, daß er ſo den Stummen ſpielen ſollte; er beſann ſich hin und her, was er ſagen wollte? Es fiel ihm nichts ein, und doch war ihm das Herz661 ſo voll. Endlich kam er aufs Konzert zu ſprechen. Er fuͤhlte, daß ſein Geſpraͤch kalt und gleichguͤltig ſey; er wollte was anders anfangen, und unter - hielt ſich doch davon ganz allein mit ihr, bis ſie an das beſtimmte Dorf kamen. Hier blieben ſie nur eine kleine Stunde, und bedienten das Frauen - zimmer mit Kaffee. Die Studenten trunken ein Glas Wein. Dieſes machte, daß Siegwart auf der Ruͤckfahrt etwas minder ſchuͤchtern war. Er fuͤhr - te ſeine Mariane an den Schlitten, und wagte es, ein paarmal ihr die Hand zu druͤcken. Sie ſah ihn an, und laͤchelte mit einer Wehmuth, die ſchnell, wie ein Blitz, in ſeine Seele uͤbergieng, und ihn die Augen niederzuſchlagen zwang. Der Abend war der ſchoͤnſte. Die ganze Gegend war ins weiſſe ſchweigende Gewand des Winters eingehuͤllt, und ſtimmte die Seele zum wehmuͤthigfeyerlichen. Die Sonne gieng, wie das reinſte, durchſichtigſte Gold am Horizont hinab, und breitete am Himmel eine unbeſchreib - liche Heiterkeit aus. Als ſie, am ſchwarzen Wald hinab, tiefer in die Duͤnſte ſank, ward ſie blutroth, und faͤrbte durch ihren Wiederſchein den halben Him - mel mit Violet und Roſenroth. Marianens Ge - ſicht glaͤnzte in dem ſanften Wiederſchein des Him -662 mels. Jhre Miene war voll Heiterkeit, und ihr helles braunes Auge voll ſuͤſſer Wehmuth. Ein paarmal ſah ſie ſich nach Siegwart um, der, in ihrem Anſchaun ganz verſunken, faſt vergaß, ſein Pferd zu lenken. Alles war ihm ſo feyerlich; die ganze Flur umher ſchien ihm ein Tempel. Ein paarmal ſah er gen Himmel, und ſein Blick, und die Thraͤne drinn, ward ein Gebeth um Maria - nens Liebe. Anfangs ſprach er wenig. Nur zu - weilen rief er aus: Was das doch alles ſchoͤn iſt! Sehn Sie dort am Schloß die Fenſter! Wie ſie glaͤnzen, als obs Gold waͤr! Sehn Sie das herr - liche, uͤberherrliche Abendroth! Und die Waldung dort im Golde! Und das Dunkel dort am Berg! Und die Stille! O, der ſchoͤnſte Tag in meinem Leben! — Kronhelm, der vor ihm fuhr, und ſich ein paarmal nach ihm umſah, merkte ihm die Freude an, wie ſie ihm aus den Augen blitzte, und in jeglichem Geſichtszuge ſich ausdruͤckte. Er freute ſich im Jnnerſten daruͤber, und ſah ihn mit einem vielbedeutenden Laͤcheln an.
Jn der Stadt fuhr die Geſellſchaft noch einmal die Hauptſtraſſen durch, und dann nach dem Hau - ſe, wo der Ball gehalten wurde. Mariane ließ ſich erſt nach Hauſe fuͤhren, um ſich umzukleiden. 663Siegwart fuͤhrte den Schlitten weg, und eilte auch nach Haus, um ein andres Kleid, und ſeid - ne Struͤmpfe anzulegen. Er war vor Freuden uͤber Marianens Betragen ganz auſſer ſich, huͤpfte hin und her, ſang laut, und ſprach mit ſich ſelber. Als Kronhelm, der ſein Frauenzimmer auch nach Haus gefuͤhrt hatte, kam; ſprang er ihm entgegen, druͤckte ihn feſt an ſich, daß er haͤtte ſchreyen moͤgen, und frohlockte gegen ihn uͤber ſein Gluͤck und uͤber ſeine Mariane. Bruder, Bruder! ſagte er, das iſt ein Engel, wie es keinen gibt! Nun fang ich erſt recht zu leben an. Vorher war es alles nichts! Wenn ſie ſo bleibt, ſo bin ich ganz im Himmel! Meynſt du nicht, ſie ſey mir gut? — Ganz unſtreitig, ſagte Kronhelm! O die Liebe laͤſt ſich gar nicht lang verbergen, zumal vor einem Lieben - den. Mach deine Sachen nun klug! Sey nicht allzuſchuͤchtern! Sie muß es merken, was du fuͤr ſie fuͤhlſt! Siegwart machte wieder einige Einwen - dungen: Sie koͤnn’ es uͤbel nehmen, und ihm boͤſe werden, wenn er ſo gerade zu geh, u. ſ. w. Kron - helm aber fiel ihm in die Rede; Da kennſt du die Maͤdchen ſchlecht, wenn du glaubſt, ſie nehmen ſo etwas uͤbel. Warum ſollten ſies auch thun? Es ſchmeichelt ihnen ja, und muß ſie freuen, wenn664 ein braver Kerl ſie ins Auge faſt. Du nimmſt’s ja auch nicht uͤbel, wenn du einem Maͤdchen wohl - gefaͤllſt, zumal wenns von Liebe von der rechten Art herkommt. Fang nur keine Grillen! Das iſt bey der Liebe, und zumal im Anfang ſo gewoͤhn - lich. Wenn du Marianen, wie ich glaube, wirk - lich wohlgefaͤllſt, ſo kann ihr dein Geſtaͤndniß nicht misfallen. Wart nur den rechten Zeitpunkt ab, und ſprich mit ihr aus dem Herzen!
Siegwart verſprach, zu thun, was er koͤnnte, und gieng nun, Marianen zum Ball abzuholen. Er gieng aufs Wohnzimmer, wo ihre Eltern wa - ren, die ihm beyderſeits ſehr hoͤflich begegneten. Die Mutter that beſonders auſſerordentlich freund - ſchaftlich, und bat ihn, ſie und ihren Mann und ihre Tochter zuweilen am Abend zu beſuchen. Wenn Sie den Herrn von Kronhelm mitbringen, und mein Joſeph (ſo hieß Marianens juͤngſter Bruder, der auch im Zimmer war) zu Haus iſt, ſo koͤn - nen Sie, wenn es Jhnen gefaͤllig iſt, zuweilen ein kleines Privatkonzert machen. Siegwart nahm den Antrag mit Freuden und einer tiefen Ver - beugung an. Der Hofrath Fiſcher ſagte eben die - ſes, und war uͤberhaupt ungewoͤhnlich hoͤflich, er - kundigte ſich ſehr forgfaͤltig nach ſeinem Vater, trug665 ihm ein hoͤfliches Kompliment an ihn auf, und bedaurte, daß er noch nicht Zeit gehabt, ſelbſt an ihn zu ſchreiben. Marianens Bruder, Joſeph, war ſo hoͤflich nicht; er aͤrgerte ſich, daß ſeine Eltern dem Siegwart, ſeines Violinſpielens we - gen, ſo hoͤflich begegneten; Er hielt es fuͤr eine Verachtung ſeiner ſelbſt, und hatte es noch nicht vergeſſen, daß Siegwart einmal im Koncert ihn mit ſeinem Spiel ſo verdunkelt hatte. Daher ſprach er ſehr wenig mit Siegwart, blickte ſtolz auf ihn herab, und ließ allerley ſpoͤttiſche und zweydeutige Reden fallen. Siegwart merkte es, that aber doch ſehr freundſchaftlich gegen ihn, und gab ſich Muͤhe, ihm eine guͤnſtigere Geſinnung gegen ſich einzufloͤſſen. Der Bruder ſagte Ma - rianen, es werde nicht gut ſtehen, wenn ſie wie - der ſo ſpaͤt nach Hauſe komme, wie das letztemal; Man ſpreche von ſolchen Maͤdchen nicht zum Beſten, u. ſ. w. Mariane, die mit ihrem Anzug beſchaͤftigt war, that, als ob ſie ſeine Hofmeiſte - rey nicht hoͤrte.
Als ſie fertig war, gieng ſie mit Siegwart nach dem Ball. Auf dem Weg dahin beſchwerte ſie ſich uͤber ihren Bruder. Es iſt ein fatalerU u666Menſch, ſagte ſie, dem man nichts recht machen kann; er will alles beſſer wiſſen. Sie wiſſen ſich gut in ihn zu ſchicken, und das gefaͤllt mir, u. ſ. w. Siegwart war uͤber ihre Offenherzigkeit ganz be - zaubert, und zog tauſend guͤnſtige Schluͤſſe daraus.
Als ſie auf den Tanzſaal kamen, ward alles auf Marianen aufmerkſam. Sie hatte ein Kleid von roſenrothem Tafft an, und glich in ihrer Hei - terkeit und der friſchen Geſichtsfarbe der Goͤttin der Morgenroͤthe. Kronhelm hatte an der Tafel ſchon einen Platz fuͤr ſie neben ſich belegt. Noch vor dem Eſſen muſte Siegwart eine Menuet mit ihr tanzen. Anfangs zitterte er, und machte faſt alle Schritte falſch. Nach und nach kam er in den Gang, und tanzte recht zierlich. Alle ihre Bewegungen hatten die groͤſte Leichtigkeit und Un - gezwungenheit, und den ſchoͤnſten Anſtand. Sie tanzte nicht aͤngſtlich nach dem Takte, ſondern mit Empfindung und Gefuͤhl, und machte viele Ab - aͤnderungen. Sie ſah unſerm Siegwart immer ins Geſicht, ſo daß er oft die Blicke wegwenden, oder niederſchlagen muſte. Bey Tiſch ward die Geſellſchaft aufgeraͤumt und munter. Man ſprach viel ins Allgemeine. Das Maͤdchen, das Kron - helm bediente, war eine luſtige, etwas vorlaute667 Bruͤnette, die ſehr oft zur Unzeit ihren Spaß anbrachte. Sie wollte immer aller Augen, und die Auſmerkſamkeit der ganzen Geſellſchaft auf ſich ziehen. Endlich ließ ſie ſich doch mit Dahl - mund, der ihr auf der andern Seite ſaß, und nicht gleichguͤltig gegen ſie zu ſeyn ſchien, allein in ein Geſpraͤch ein. Kronhelm unterhielt ſich nun mit Marianen, und mit Siegwart, der im Taumel ſeiner Liebe nicht wuſte, was er anfan - gen, oder reden ſollte? Kronhelm ſah eine Zeit - lang ſtarr und traurig vor ſich hin, holte einen tiefen Seufzer, grif endlich haſtig nach dem Glas, ſtieß an Siegwarts ſeines, und ſagte: There - ſe! O, das trink ich auch mit, ſagte Mariane, und ſtieß mit den beyden an. Kennen Sie ſie auch? ſagte Siegwart. O ja, gab ſie zur Ant - wort: Herr von Kronhelm hat mir viel von ihr erzaͤhlt. Jſts noch immer bey dem Alten? (indem ſie ſich zu Kronhelm wendete). Jmmer noch, erwiederte dieſer, mit einem tiefen Seuſzer. — Das iſt traurig, ſagte ſie. Und Sie verdienten doch, ſo gluͤcklich zu ſeyn, und Thereſe gewiß auch. Jhr Schickſal hat mich ſchon manchen Seuſzer gekoſtet. Hier ſchoſſen unſerm Kronhelm die Thraͤnen in die Augen. Sie muͤſſen eine668 herrliche Schweſter haben, ſagte ſie zu Siegwart. Was ich von ihr hoͤrte, hat mich ganz fuͤr ſie eingenommen. Jch wuͤnſchte nichts mehr, als ſie von Perſon zu kennen. — Ja, es iſt ein braves Maͤdchen, verſetzte Siegwart, und es waͤr ein Gluͤck fuͤr ſie, mit Jhnen bekannt zu ſeyn. Jch liebe ſie herzlich, und ihr Schickſal geht mir tief zu Herzen, denn es iſt gewiß ſehr traurig. Die Liebe hat ſie ganz ungluͤcklich gemacht. — Jch hoff immer noch, es ſoll ein gutes Ende nehmen; ſagte Mariane. Herr von Kronhelm verdient ſie gar zu ſehr, und wuͤrde ſie gewiß gluͤcklich machen. Wenn Sie nur Geduld haben koͤnnen, Herr von Kronhelm! Jch habe Ahndungen — Wollte Gott! ſie traͤfen ein! ſagte dieſer ſeufzend, nahm ein Glas, ſah gen Himmel und trank. Wir wollens auch mit trin - ken, ſagte ſie zu Siegwart, und ſah ihn mit einem ſehr bedeutenden Blick an, den ſein Herz verſtand. Er hub ſein feuchtes Auge gen Himmel, und trank. Nun iſt mirs um ein gutes leichter, ſagte Kronhelm.
Es war jetzt abgeſpeiſt, und ein Paar fieng an zu tanzen. Siegwart tanzte auch mit Maria - nen. Er merkte wieder, daß ſie ihm immer in die Augen ſah. Nachher gab er Acht, als ein an -669 drer mit ihr tanzte, ob ſie dieſem auch ſo ſcharf ins Geſicht ſehe? und zu ſeiner groͤſten Freude fand er das Gegentheil. Nachher ward ein Ge - ſellſchaftstanz mit der Promenade und der Chaine gemacht. Siegwart hatte Marianen zur Taͤnze - rinn. So oft er ſie bey der Hand faſte, fand er, zu ſeiner groͤſten Freude, daß ſie ihm die Hand weit ſtaͤrker druͤcke, als die uͤbrigen Maͤdchen; er freute ſich, ſo oft er ihr nahe kam, und bey je - dem ihrer Haͤndedruͤcke durchſchauerte ihn die an - genehmſte, unbeſchreiblichſte Empfindung. Jhr Auge ſah ihn oft auch bedeutend an, und ihre Bli - cke hatten eine Sprache, die mehr ausdruͤckte, als tauſend Worte. Er war immer da, wo ſie war. Sein Auge merkte ſie aus zwanzigen her - aus, und fand ſie, wenn ſie auch am aͤuſſerſten Ende des Saals ſtand. Mit andern Maͤdchen tanz - te er wenig; er ſtand immer da, wo ſeine Ma - riane tanzte. Einmal bemerkte er einen Menſchen, der oft, und immer lang mit ihr tanzte. Er ward daruͤber unruhig, biß ſich auf die Lippen und tanzte. Mit hingeſenktem, truͤbem Blick ſtand er in einer Ecke des Saals; alles war um ihn her verſchwun - den; er ſah und hoͤrte nichts. Mariane kam, oh - ne daß ers merkte, von der Seite auf ihn zu, nahm670 ihn bey der Hand, ſah ihn halblaͤchelnd an, und ſagte: Sie ſind ja ſo traurig und ſo nachdenklich? Wollen Sie nicht mit mir tanzen? Jch kann den Menſchen dort im gruͤnen Kleid gar nicht los werden, und das iſt mir ſo verdruͤßlich. Kommen Sie! Ein Schleifer! (So heiſt der eigentlich ſchwaͤ - biſche Tanz.) Siegwart kuͤßte ihr im feurigen Ent - zuͤcken die Hand, und huͤpfte mit ihr in den Rei - hen. Sie tanzte herrlich ſchwaͤbiſch. Alle Paare wurden muͤd, und hoͤrten auf. Aber das liebe Paar tanzte noch eine halbe Viertelſtunde allein, und die andern ſahen bewundernd, oder neidiſch zu. — So iſts eine Freude, ſagte ſie, indem ſie den Tanz ſchloſſen. Sie tanzen ſo raſch und ſo leicht weg, daß man glaubt, man fliege. Er fuͤhr - te ſie an eine Seitenbank, und ſtand vor ihr. Sie ſind doch warm geworden, ſagte ſie, und kuͤhl - te ihm mit dem Faͤcher das Geſicht. Er nahm den Faͤcher, und kuͤhlte damit ſie und ſich. Sie ſah nach ihm auf, wie eine Heilige zum Himmel. Er nahm ihre Hand, und wendete das Geſicht weg, denn ſein Auge glaͤnzte. Sie druͤckte ihm die Hand; er kuͤſte ſie. Reden konnt’ er nicht, ob er gleich ſich hin und her beſann, was er ſagen wolle. Das iſt ein herrlicher Tag! fieng er end -671 lich an. Sind Sie auch vergnuͤgt? — Wie ſollt ich nicht? war ihre Antwort, und ihr Auge ſagte noch mehr. Setzen Sie ſich doch! fuhr ſie fort; Sie werden muͤde ſeyn. Er ſetzte ſich, ob er gleich lie - ber ſo vor ihr geſtanden waͤre. Jch habe lange ſchon gewuͤnſcht — fieng er an, und faſte ſie bey der Hand. Jndem kam ein Student, und zog ſie zum Tanz auf. Er blieb unbeweglich ſitzen, und ließ ſie von ſich. Mit ſchmachtendem, und halb - aufgeſchlagenem Auge ſah er das herrliche Maͤdchen vor ſich herumtanzen. Sein Auge folgte ihr, wohin ſie ſich wendete. Kronhelm kam, und ſetz - te ſich neben ihn. Wie iſt dir, Bruder? Du biſt doch vergnuͤgt? Siehſt ſo ſchmachtend aus, als ob du ſterben wollteſt. Nicht wahr? Mariane iſt dir hold? Jch weis nicht, antwortete Siegwart; Sie hat nichts geſagt. — Ey, das glaub ich, ant - wortete Kronhelm; ſeit wann fangen denn die Maͤd - chen an, Liebeserklaͤrungen zu machen? Haſt du denn ihr Auge nicht geſehen, wie es ſpricht? Trink Wein, Bruder! Ein Glaͤschen kann nicht ſchaden, wenn du ſelber keinen Muth haſt. Du muſt heute weiter kommen! — Ach, ich kann nicht! ſagte Siegwart. — Ey, was, Poſſen? fiel ihm Kron - helm ein, nahm ihn bey der Hand, und fuͤhrte672 ihn zum Tiſch hin. Marianens Wohlſeyn! ſagte er, indem er zwey Glaͤſer eingeſchenkt hatte; und Thereſens! Was mag nur der Engel machen? Wenn ſie mich nur nicht vergißt! — Nein, gewiß nicht, Bruder! ſagte Siegwart. Waͤre Mariane ſo gewiß mein, als ſie dein iſt, ich wuͤnſchte wei - ter nichts mehr! Nun, auf gute Hofnung! und hier fuͤllte er die Glaͤſer wieder. Schwager, ſag - te Kronhelm, wenn ſie mein wird, ſo ſoll Maria - ne dein ſeyn! Eher kann ich nicht ruhen. Wart! Jetzt will ich mit ihr tanzen. Sie iſt eben frey. Werd mir nur nicht eiferſuͤchtig! Siegwart ſah ihm nach, und trank noch ein Glas. Dahlmund kam, und fragte ihn, ob er nicht mit ihm und Kronhelm eine Menuet a ſix machen wolle? Sieg - wart nahm das erſte beſte Maͤdchen, und ſprang hin. Mariane druͤckte ihm allemal die Hand, wenn er ſie hinauf fuͤhrte. Er druͤckte die ihrige wieder, und ſah in ſeinem Sinn ſo ſtolz umher, als ob ihm die ganze Welt gehoͤrte. Sie machten eben dieſen Tanz auch deutſch, und giengen dann an den Tiſch. — Darf ich wuͤrklich zuweilen in Jhr Haus kommen? fragte Siegwart Marianen. O Sie muͤſſen kommen! antwortete dieſe. Halten Sie ja bald Wort! Jch haͤtt es lange ſchon gewuͤnſcht;673 aber es wollte ſich nicht ſchicken. Kommen Sie doch ja bold! — Lieber Engel! ſagte Siegwart gantz auſſer ſich, und kuͤßte ihr die Hand. — Jch habe noch den Geßner von Jhnen, ſagte ſie, nach einiger Zeit; in drey oder vier Tagen ſollen Sie ihn haben. Jch habe viel herrliches drinn gefun - den. Beſonders hat mir ſein Daphnis wohl gefal - len. Unſchuld und Liebe, wenn man die ſo wahr geſchildert ſieht, da geht einem das Herz auf. Es iſt einem ſo wohl, daß man gleich ein Schaͤſerwer - den moͤchte. Jch habe ſolche Gemaͤhlde gern, wenn ſie gleich mehr ſchoͤne Traͤume, als Wuͤrklichkeiten darſtellen. Man ſieht doch, was die Menſchen ſeyn koͤnnten, und fuͤhlt ſich dabey. Jch wuͤrde gern recht viel ſolche Buͤcher leſen, aber ich behalte ſie immer ſo lang zuruͤck, denn mein Bruder faͤngt ſogleich an zu ſchmaͤlen, wenn ich etwas leſe, und da thu ichs nur, wenn er nicht zu Haus iſt. Wenn Sie wieder einmal ein Buch eine Zeitlang entbeh - ren koͤnnen, ſo wollt ich Sie wohl darum bitten. Siegwart war uͤber dieſe Bitte ſehr erfreut: und verſprach, ihr alle Buͤcher zu geben, die er von der Art haͤtte. Dann fragte ſie mit vielem Antheil nach Thereſen, und war bey ſeinen Erzaͤhlungen von ihr ſehr aufmerkſam. Das waͤr ein Frauen -674 zimmer fuͤr mein Herz, ſagte ſie, hier kann ich keine ſolche Freundin finden. Meine Vertrauteſte iſt jetzt aufs Land verheirathet, und da leb ich ſo in der Einſamkeit; und das iſt mir manchesmal ſehr traurig. Wenn ich nicht noch meine Mutter haͤtte, ſo waͤr ich hier ſehr ungern, aber ſie erſetzt mir alle Beduͤrfniſſe.
Nachdem die Frauenzimmer mit Kaffee und fremdem Wein bedient waren, wurde noch einmal deutſch getanzt. Endlich ſagte Mariane, nun muß ich doch wol nach Haus, mein Bruder macht ſonſt morgen groſſen Laͤrm. Es ſchien unſerm Sieg - wart noch viel zu fruͤh zu ſeyn, aber er wagte es doch nicht, ſie laͤnger aufzuhalten. — Wie doch die Zeit ſo ſchnell verfliegt! ſagte er. Mir iſts, als ob wir erſt eine Stunde da waͤren. — Mir iſts auch ſo, ſagte ſie, und druͤckte ihm ſanft die Hand. Jch bin noch nie ſo vergnuͤgt geweſen, wie heute. — Moͤcht’ ich doch auch etwas dazu bey - getragen haben! ſagte er ſchmachtend. — Vieles, vieles! ſagte ſie mit tiefem Ausdruck. Er ward wie von einer unſichtbaren Gewalt hingeriſſen, und kuͤßte ſie auf den Mund. Sie hielt willig ſtill. Jn dem Augenblick fuͤhlte er ſich uͤber alles erhaben. Welt und alles ſchwand vor ſeinen Blicken. Der675 fatale Menſch, der ſchon mehrmals mit ihr ge - tanzt hatte, wollte ſie wieder aufziehen. Jch tanze mit Herrn Siegwart, ſagte ſie, ſah ihn zaͤrtlich an, und druͤckte ihm die Hand. Er ſtuͤrmte mit ihr in den Reihen hinein, flog mit ihr herum, als ob ihn Wolken truͤgen. Alle andre hoͤrten auf, und ſahn unſerm Paar verwundernd zu. Hier und da ward ein Gelipſel: Da wird wohl ein Lie - beshandel draus werden; die ſind immer bey ein - ander, u. ſ. w. Endlich tanzte man den Kehraus, den Mariane und Siegwart anfuͤhrten, und die Geſellſchaft gieng groͤſtentheils auseinander.
Auf dem Heimweg kuͤſte Siegwart ſeine Maria - ne noch ein paarmal. Sie war auſſerordentlich vergnuͤgt uͤber dieſen Abend, dankte ihm fuͤr das viele Vergnuͤgen, das er ihr gemacht haͤtte; freute ſich, mit ihm genauer bekannt worden zu ſeyn, und bat ihn, ſie nur recht bald zu beſuchen. Er wuſte vor Entzuͤcken nicht, was er reden ſollte? Alle Worte fehlten ihm. Er druͤckte ihr nur die Hand, und gab ihr noch einmal einen heiligen Kuß zum Abſchied.
Als er aus ihrer Straſſe kam, huͤpfte und ſprang er mehr, als daß er gieng. Zu Haus blieb er noch eine halbe Stunde auf; Kronhelm war ſchon zu676 Bette gegangen. Alle Begebenheiten des vorigen Tags und des ſchoͤnſten Abends ſchwebten in glaͤn - zendem Gemiſch vor ihm herum. Wenn er ſich einen Umſtand beſonders denken wollte, ſo fielen ihm zwanzig andre ein. Es war ihm, als ob er ein buntes Tulpenbeet vor ſich ſaͤhe, deren jede ſchoͤn iſt, aber er konnte keine einzeln betrachten. Sein Geiſt irrte, wie ein Schmetterling von einer Blume zu der andern. Zuletzt ward ihms vor den Augen daͤmmerig. Er ſah nur noch Far - ben vor ſich. Alle floſſen in einander. Ma - riane war der Hauptgedanke, den er ſich unter tau - ſenderley Geſtalten dachte. Er wiederholte alle Geſpraͤche, die er mit ihr gefuͤhrt hatte, und aͤr - gerte ſich, daß er ſo wenig geſprochen hatte. Jetzt, dachte er, jetzt ſollte ſie da ſeyn! Jetzt wollt’ ich ihr alles ſagen, ihr mein ganzes Herz ausſchuͤtten, u. ſ. w.
Jm Bette konnte er nicht ſchlafen. Der Tanz, den er mit ihr zuerſt getanzt hatte, ſchallte ihm immer in den Ohren. Wenn er die Augen zumach - te, ſo war ihms, als ob er mit ihr im Kreis herum - floͤge, vor ihr ſtuͤnde, ihr ins Auge blickte, und ſie bey der Hand faßte. Aus dem leiſeſten Schlum - mer fuhr er wieder auf, denn es dauchte ihm, ein677 Geltſpel, wie Marianens Stimme, fluͤſtr’ ihm in die Ohren. Er hielt ganze lange Geſpraͤche mit ihr, ſtreckte ſeine Haͤnde nach ihr aus, wachte auf, und ſah ſich getaͤuſcht. Morgens um acht Uhr ſtand er, faſt muͤder, wieder auf, als er ſich niederge - legt hatte, und gieng auf Kronhelms Zimmer. Dieſer lachte ihm ſogleich entgegen, und wuͤnſchte ihm zu Marianens Liebe Gluͤck. Dann nun, ſagte er, wirſt du doch nicht mehr unglaͤubig ſeyn? Sie hat ſich zu viel verrathen. — Siegwart ſagte ihm, er muͤſte mehr beobachtet haben, als er ſelbſt. — Das hab ich auch, verſetzte Kronhelm. Jch bin in dieſer Schule laͤnger ſchon erfahren, und ein Dritter Unpartheyiſcher ſieht immer mehr. Aber, Bruder, du ſchieneſt mir ſo kalt zu ſeyn. — Kalt? rief Siegwart voll Verwunderung aus. So muß die Sonne auch kalt ſeyn! Jch weis gar nicht, wie du ſo reden kannſt? Freylich, da haſt du Recht, reden konnt ich wenig; oder, wenns was war, ſo bracht ich dummes Zeug vor. Da hab ich mich ſchon gnug druͤber geaͤrgert. Jch weis nicht, wenn ich ſo allein bin, da haͤtt ich ihr tauſend Dinge zu ſagen; und kaum ſteh ich vor ihr, da iſts, als ob mir aller Sinn genommen waͤre. Geſtern auf dem Schlitten haͤtt ich nun nichts reden koͤn -678 nen, wenn ich mich Stunden lang beſonnen haͤtte. Sie wird mich wol fuͤr einen dummen Einfaltspin - ſel halten. — Das gewiß nicht, Bruder! ſagte Kron - helm. Die Liebe hat ihre eigne Sprache; das Auge hat da mehr zu thun, als die Zunge. Und Mariane hat dich ganz gewiß verſtanden. Man haͤlt alles, was man ſpricht, fuͤr dummes Zeug, weil man fuͤhlt, daß man das noch lang nicht aus - druͤckt, was das Herz fuͤhlt. Man will lauter Empfindungen und Goͤtterſpruͤche ſprechen, und da iſt unſre Sprache viel zu arm dazu. Jedes Wort ſoll ſo voll und warm ſeyn, wie das Herz iſt, und das iſt unmoͤglich. Weil man nun doch ſprechen will, da kommt man auf allerley entfernte und gleichguͤltige Dinge, die nichts ſagen. Die Empfindung iſt einſylbig, oder ſtumm. Jch habe das bey Thereſen oft gefuͤhlt. Waren wir allein, ſo ſchwieg ich ganz; und wenn andre da waren, ſo macht’ ich Spaß; das iſt noch das Beſte. — Mariane hat dich gewiß gefuͤhlt. Waͤrſt du wort - reich geweſen, ſo waͤrs mit deiner Liebe nichts. Redſeligkeit iſt Larve der Liebe, nicht die Liebe ſelbſt. — Bruder, ſieh! wie die Sonne ſo hell aufgeht! Jch denke, wir gehen ſpatzieren. Mit deinen theo - logiſchen Kollegien hats nun doch wohl in En -679 de? — Erinnre mich daran nicht! ſagte Sieg - wart. Aber, zieh dich nur an! Wir wollen ſpatzieren gehen.
Sie giengen mit einander aus. Als ſie an die Straſſe kamen, wo man nach Marianens Haus hinauf geht, da ſtellte ſich Kronhelm an, als ob er in ei - ne Seitenſtraſſe gehen wollte. Siegwart ſah ihn halb bittend an. Er laͤchelte, und gieng mit ihm bey Marianens Haus vorbey. Sie ſah erſt auf der Einen, und dann auf der andern Seite des Hauſes aus dem Fenſter, und gruͤſte unſre beyden Juͤnglinge ſehr freundlich. Siegwart ward auf Einmal wehmuͤthig. Wir wollen vor das Thor gehen, ſagte er, wo wir geſtern gefahren ſind. Hier erinnert’ er ſich an jede Rede, an jede Empfindung wieder, die er geſtern hier gehabt hatte. Kronhelm ſprach viel von Thereſen, und ſagte, daß er geſtern wieder beſonders lebhaſt an ſie gedacht habe. Er fuͤhle es mit jedem Tage mehr, daß er ohne ſie nicht leben koͤnne. Es ſey ihm unertraͤglich, daß er an ſie nicht ſchreiben duͤrfe, und nicht das ge - ringſte von ihr erfahre. Naͤchſtens wollt’ er wie - der an ſie ſchreiben, es moͤge daraus kommen, was wolle! u. ſ. w. Siegwart ſuchte ihn mit der Vorſtellung zu beruhigen, daß Thereſe ihm gewiß680 treu bleibe, ſie moͤge ſchreiben oder nicht. Es koͤnne nur einen neuen Laͤrm bey ſeinem Vater ab - geben, wenn er den Briefwechſel wieder anfange, u. ſ. w.
Nun kamen ſie auf die Wuͤrkungen der Liebe in dem Herzen eines Verliebten zu ſprechen. Sieg - wart ſagte: Jch bin, ſeit ich liebe, ein ganz an - drer Menſch. Jch glaubte vorher, gut zu ſeyn, aber die Liebe hat mich noch weit beſſer gemacht. Jch bin froͤmmer, andaͤchtiger, mitleidiger, und duldſamer geworden. Jch bin auf fremdes Elend aufmerkſamer, und fuͤhl es tiefer. Wenn ich ein blaſſes Geſicht, und ein truͤbes Auge ſehe, ſo ver - muth ich fogleich ungluͤckliche oder hoffnungsloſe Liebe, und nehme an dem Schickſal dieſer Perſon Antheil. Jch wuͤrde alles thun, um ihr eine Ge - faͤlligkeit zu erweiſen, die ihr Elend lindern, oder heben koͤnnte. Jeder Liebender, und Leidender wird auch mein Bruder. Jch theilte gern mit jedem Armen mein Vermoͤgen. Die Gluͤckſeligkeit aller Menſchen liegt mir nah am Herzen. Jch waͤre faͤhig, alles fuͤr andre zu thun. Jede Pflicht, und jede Tugend wird mir leichter. *)Wenn ich bete, ſo wird mein Herz weiter, wie gewoͤhnlich. Es hebt ſich leichter, undSo glaub ich681 auch, ſagte Kronhelm, und eben deswegen iſt es ungerecht und thoͤricht, auf die Liebe loszuziehen, wie viel hochgelahrte, ſich weiſe duͤnkende Leute thun. Es iſt Undank gegen Gott, einen Trieb, den er mit dem Leben uns ins Herz pflanzt, zu verdammen, und den Aufruf zu mancher hohen Tugend fuͤr Stimme der Sinnlichkeit, oder gar des Satans auszugeben. Daß die Liebe oft gemis - braucht, oder misverſtanden wird, ſoll doch wol nichts gegen ſie beweiſen? Denn ſonſt waͤre die Religion auch ein Uebel, die, wenn ſie misverſtan - den und gemisbraucht wird, oft groͤſſere Verwuͤ - ſtungen anrichtet, als misverſtandne Liebe. An - ſtatt daß man die Liebe mit Gewalt und ſtolzer Verachtung zu unterdruͤcken, und aus dem Herzen der Jugend zu verdraͤngen ſucht, ſollte man ſich nur beſtreben, ſie durch Vernunftgruͤnde zu leiten, und auf den rechten Gegenſtand zu lenken. Dieß*)naht ſich Gott mit groͤßrer Zuverſicht; nie bin ich andaͤchtiger geweſen: als wenn ich Ma - rianen in der Kirche beten ſah, oder gleich darauf zu Hauſe betete. Wenn ich erſt an ſie denke, dann wird mein Herz weich, und fuͤhlt ſich zur Andacht vorbereitet. Liebe iſt gewiß die Mutter der Menſchlichkeit, und groſſer Tugenden.X x682wuͤrde viele Leute beſſer machen, als ſie bey ihrer angenommenen, oder erzwungenen Kaͤlte ſind. Wer nicht lieben will, und veraͤchtlich von der Lie - be denkt, der ſchaͤmt ſich auch ein Menſch zu ſeyn; und wer ſie ſchlechterdings verdammt, der begeht einen Hochverrath gegen die Menſchheit, denn er will die Quelle der Empfindung und ſo vieler Tu - genden ableiten, oder austrocknen, und dafuͤr eine duͤrre Sandwuͤſte anlegen! —
Um 11 Uhr kamen ſie wieder zu Haus an, und ſpielten miteinander auf der Violine. Den Nach - mittag ritten ſie mit Dahlmund ſpatzieren, der auch ſehr vergnuͤgt war, weil er ſeine Bruͤnette ziemlich kirr gemacht hatte. Er erzaͤhlte ihnen: Gutſrieds Va - ter ſey geſtorben. Als er nach Haus gekommen war, kuͤndigte er ſeiner Beyſchlaͤferin ſogleich an, ſie koͤn - ne ſich innerhalb zwey Tagen aus dem Hauſe packen. Das Menſch gab ihm ſpitzige Reden, begegnete ihm grob, und machte groſſe Forderungen an ihn. Er erzuͤrnte ſich daruͤber, und legte ſich den Abend drauf krank zu Bette. Er bekam eine hitzige Krank - heit, deren Samen er vermuthlich von ſeinem Sohn eingeſogen hatte, als er ihm den letzten Hauch von den Lippen kuͤſte. Vier Tage drauf ſtarb er, nachdem ihm die Metze drey Tage vor -683 her eine anſehnliche Summe Gelds, und ſeine be - ſten Koſtbarkeiten mitgenommen hatte. — So gehts mit den Huren, ſagte Kronhelm.
Kronhelm und Siegwart legten ſich Abends bald zu Bette, weil ſie die vorige Nacht wenig, oder nichts geſchlafen hatten. Den folgenden Abend ſprach Mariane im Konzert viel mit Siegwart, und beſtaͤrkte ihn, durch ihr gefaͤlliges Betragen, immer mehr in der Hofnung, daß ſie ihn liebe. Er ſchwamm jetzt immer in einem Meer von Won - ne; nur zuweilen unterbrach ihn ein Anfall von Wehmuth in ſeiner Freude. Es ſtiegen ihm oft wieder Zweifel auf, ob ſie ihn auch wirklich liebe? Vor einiger Zeit waͤre ein Blick, wie ſie ihm jetzt viele gab, ſein groͤſter Wunſch, und der hoͤchſte Grad von Gluͤckſeligkeit fuͤr ihn geweſen; aber jetzt verlangte ſein Herz ſchon mehr; er wollte nun thaͤtige und muͤndliche Verſicherungen von ihrer Liebe haben. Sie weis vielleicht noch nicht, dach - te er, wie ſehr ich ſie liebe. Wie leicht koͤnnte ein andrer kommen, der mehr Kuͤhnheit, und viel - leicht auch groͤſſere Anſpruͤche hat, als ich, und den kleinen Funken von Liebe ausloͤſchen, der vielleicht fuͤr mich in ihrem Herzen glimmt. Bey ihren Vorzuͤgen kann es ihr nicht lang an Freyern feh -684 len. Jch habe nichts, keinen Stand, kein Ver - moͤgen, kein Amt, wenig aͤuſſerlich empfehlendes; warum ſollte ſie mich andern vorziehen? oder mich nicht alſobald vergeſſen, wenn ein, dem aͤuſſerlichen Scheine nach, beſſerer und vorzuͤglicherer Mann kommt, u. ſ. w.
So quaͤlte er ſich oft ganze Stunden lang, und thuͤrmte Berge von Zweifeln gegen ſeine eigne Ruhe auf. Aber wenn er Marianen wieder ſah, und ſie ihm mit dem Blick der Liebe begegnete, dann verſchwanden dieſe Zweifel wieder, wie Ne - belwolken vor der Sonne. — Etliche Tage nach dem Konzert ſchickte ſie an Kronhelm den Geßner wieder, und ließ ihn, oder Siegwart um ein an - deres Buch bitten. Sigwart ſchickte ihr den Kleiſt, und ſprang mit dem Geßner auf ſein Zimmer, wo er ihn hundertmal an den Mund druͤckte und kuͤßte. Das Buch war ihm nun ganz heilig ge - worden. Er blaͤtterte es durch, und verweilte ſich bey jedem Blatt. Jegliches ſchien ihm zu glaͤnzen, weil ihr Auge drauf geruht hatte. Wie groß war ſeine Freude, als er ein klein Stuͤckchen blauer Seide drinn liegen fand, von der Farbe, wie ſie zuweilen ein Kleid trug. Dieſes Stuͤckchen war ihm mehr werth, als dem Aberglaͤubigen das685 Stuͤckchen vom Gewand eines Heiligen. Nachdem ers lange gnug betrachtet hatte, ſchloß ers ſorgfaͤl - tig in ſeinen Schreibpult; holte es aber alle Au - genblicke wieder heraus, um es von neuem wieder anzuſehen. — Als er noch weiter blaͤtterte, fand er auch ein Schnippelchen Papier, auf welchem Marianens Name ſtand. Er ſprang hoch auf, hub es in die Hoͤhe, druͤckte es hundertmal an ſeinen Mund, und an ſein Herz, und betrachtete jeden Zug unzaͤhligemal.
Endlich entdeckte er auch ſeinem Kronhelm ei - nen Entwurf, den er ſchon lang bey ſich ſelbſt ge - macht hatte, ob ſie naͤmlich nicht Gutfrieds Zim - mer beziehen wollten? Er hatte ſchon Erfahrung eingezogen, daß in dem Hauſe noch ein andres Zim - mer ledig ſey, worauf alſo Kronhelm wohnen koͤn - ne. Es thut mir zwar leid, unſre Hausleute zu verlaſſen, ſagte er, weil es ehrliche und brave Leu - te ſind; aber ich will ihnen gern noch ein halb Jahr Hausmiethe bezahlen, um nur bald meiner Mariane naͤher zu kommen. Kronhelm, der ſei - nem Freund alles zu Gefallen that, willigte ſehr gern in dieſen Vorſchlag, und nach wenig Tagen bezogen ſie das Zimmer. Nun ſah Siegwart ſein geliebtes Maͤdchen taͤglich, und faſt ſtuͤndlich. Er686 hatte ſeinen Schreibepult am Fenſter ſtehen, und merk - te jede Bewegung, die auf Marianens Zimmer vorgieng; ſie ſtund auch ſehr oft am Fenſter, und ſetzte ſich, wenn ſie allein zu Hauſe war, ſo, daß er ſie, und ſie ihn ſehen konnte. Er ſah ſie ſtricken, naͤhen, Stickereyen machen, und alle haͤusliche Ge - ſchaͤfte verrichten. Oft ſtanden ihm Freudenthraͤ - nen in den Augen, wenn er das liebe Maͤdchen, ſo mit ſich vergnuͤgt, der Welt unbekannt, ſich in der Stille, in jeder Pflicht, in jeder Tugend uͤben ſah. Mit Thraͤnen blickte er zum Himmel. Gott! dachte er, welch ein Gluͤck iſt dem bereitet, dem du eine ſolche Gattin gibſt, die, mit jeder Anmuth ge - ziert, noch mehr fuͤr die Schoͤnheit ihrer Seele ſorgt, und ſich taͤglich innerlich vollkommener zu machen ſucht! — Statt Eroberungen zu machen, und von hunderten begafft, und angeſtaunt, und bewun - dert zu werden, ſtatt ihre Eitelkeit zu naͤhren, ſitzt das fromme Maͤdchen da, von ihrem Engel, und von dem nur geſehen, der ſie ſo heiß und heilig liebt, und bildet ſich zu einer treuen Gattin, zu einer weiſen Hausfrau, und zu einer frommen Mutter. — Gott! wenn ich es werth bin, ſo erbarm dich mein, und ſchenk mir dieſen Engel, daß ich in ihrer Gegenwart taͤglich beſſer, taͤglich heiliger, dir taͤg -687 lich angenehmer und meinem Nebenmenſchen nuͤtz - licher werde! Gott, du kannſt mich nicht verdam - men, wenn ich in der Welt bleibe; dieſe Welt iſt ja dein Tempel, und ich will dir dienen drinn mit dieſem Engel. — So ward die Empfindung uͤber ihr Anſchauen oft bey ihm Gebeth. Einmal ſah er ſie ſpinnen. Dieſer Anblick ruͤhrte ihn unge - mein. Er erinnerte ſich aus ſeinem Homer, den er mit P. Philipp geleſen hatte, an die Toͤchter der Koͤnige, wie ſie ſpannen und Gewebe webten, und ſich nicht der gemeinſten Weberarbeit ſchaͤmten; er erinnerte ſich der Toͤchter der Patriarchen, die ſich auch zur laͤndlichen Arbeit nicht zu vornehm daͤuch - ten. Ein andermal ſah er ſie im Kleiſt leſen, und geruͤhrt zum Himmel blicken. Wie beneidenswuͤr - dig war ihm da das Loos des Dichters, der das fromme Herz eines Maͤdchens zur Bewunderung und zum Dank hinreiſt; ihre Seele zu zaͤrtlichen Geſinnungen erweicht, Thraͤnen in das ſchoͤnſte Au - ge lockt, und nach ſeinem Tode noch fuͤr ſeine from - men Lieder geſegnet wird. — Des Abends hoͤrte er ſie oft noch am Klaviere ſingen, ward bald zu hoher Andacht mit ihr aufgehoben, und betete mit einer Jnnbrunſt, die er ſonſt nie erreicht hatte; bald ward er zu Seufzern und zu Thraͤnen herabge -688 ſtimmt, und zerſchmolz in ſuͤſſer Wehmuth. Kurz ſeine neue Wohnung machte ihm jeden Tag zu ei - nem Feſttag; alles um ihn her war feyerlich, denn alles erinnerte ihn an Marianen. Jm Konzert ſpielte er oft; fand ſie immer freundlich, und erhielt manchen liebenden und zaͤrtlichen Blick von ihr. Mit ihrem Bruder ſuchte er, ſo viel als moͤglich, Freundſchaft zu erhalten, und bat ihn zuweilen zu ſich. Der Menſch that aͤuſſerlich freundſchaftlich, aber die geheime Tuͤcke, die er auf Siegwart hatte, ließ ſich doch nicht ganz verbergen. Endlich wagte er es auch einmal, Marianen und ihre Eltern mit ſeinem Kronhelm zu beſuchen. Er ward aufs freundſchaftlichſte empfangen; man that ihm viele Ehre an, und Mariane ſah ſo heiter aus uͤber ſeine Ankunſt, wie der junge Tag, wenn die Sonne eben aufgeht. Siegwart und Kronhelm lieſſen ihre Violinen holen, und machten ein Konzert, bey wel - chem Mariane Klavier ſpielte, und himmliſch ſang. Beym Weggehen bat ſie unſern Siegwart, kuͤnftig nachbarlicher zu handeln, und ſie oͤfter zu beſuchen. Er kuͤßte ihr die Hand, und ſie druͤckte ihm die ſei - nige.
So wahrſcheinlich, und beynahe zuverſichtlich Siegwart nun hoffen durfte, daß ihn ſeine Maria -689 ne liebe, ſo ward ihm doch die ewige Entfernung, und die, doch immer nur halbe Gewißheit, taͤglich unertraͤglicher. Er ſchmachtete darnach, ſie einmal allein zu ſprechen, ihr Herz noch genauer auszufor - ſchen, und ihr das ſeinige mehr zu entdecken. Die groͤſſere Freymuͤthigkeit, die ſie jetzt gegen ihn, und er zum Theil auch gegen ſie beobachtete, erregte die - ſen Wunſch in ihm noch mehr. Nun, dachte er, wuͤrde er ihr alles ſagen, was ihm auf dem Herzen liege. Daher ſann er Tag und Nacht auf Gelegen - heit, ſie allein zu ſprechen. Seine Einbildungs - kraft kam ihm zu Huͤlfe. Er ſtellte ſich ſchon in Gedanken den kuͤnftigen Fruͤhling vor, wie er ſie auf einem Spatzierwege allein antreffe, ſich anbiete, ſie zu begleiten, ihr die Hand reiche, und im Schat - ten eines Waͤldchens ihr ſein ganzes Herz auf - ſchlieſſe. Er hielt in Gedanken lange zaͤrtliche Geſpraͤche, fuͤhrte ſie und ſich redend ein, ſank ihr endlich in den Arm, und empfieng mit dem erſten heiligen Kuß die Verſiegelung einer ewigen Liebe. Aber dieß waren alles nur Traͤume, und wenn ſie verflogen waren, ſehnte ſich ſein Herz deſto mehr nach der Wirklichkeit. Oft wollte er ſie beſuchen, wenn ſie allein zu Hauſe war, aber er fuͤrchtete, der Bruder moͤchte kommen, oder ſie moͤcht es690 uͤbel nehmen. Er ſah vorher, daß | er doch nicht wuͤrde reden koͤnnen, wenn die Sache ſo vorberei - tet waͤre, und dann wollte er auch allen Schein ei - ner heimlichen Zuſammenkunft vermeiden, woge - gen ſein zartes Gefuͤhl ſtritt. Oft dachte er, er woll’ ihr ſchreiben, aber wie ſollte er ihr den Brief beybringen?
Kurz, alle ſeine Entwuͤrfe zerfielen wieder von ſelbſt, bis ihm endlich ein Ungefaͤhr — das Beſte in der Liebe — ſeinen heiſſen Wunſch erfuͤllte. Wider alles Vermuthen, ſelbſt wider ſeine Hoff - nung — und ein Liebender hofft doch gewiß nicht wenig — fiel, noch kurz vor Oſtern, ein ſehr tie - fer Schnee, und zween Tage drauf ward eine Schlittenfahrt angeſtellt, bey welcher Siegwart Marianen fuhr.
Nun ſprach er ſchon mehr, und that minder ſchuͤchtern. Er und Mariane theilten ihre Freude mit einander uͤber die unvermuthete Gelegenheit, ei - nen Abend mit einander zuzubringen. Sie geſtand ihm frey, es haͤtt’ ihr nichts angenehmers begegnen koͤnnen, und ſah ihm dabey mit einem unausſprech - lichzaͤrtlichen Laͤcheln ins Geſicht. Er beugte ſich auf dem Schlitten vorwaͤrts, um ihr einen Kuß zu geben, und ſie hielt willig ſtill. Es iſt ſehr ſchoͤn,691 ſagte ſie, daß ſie nun auf Gutfrieds Zimmer woh - nen, ſo kann ich ſie doch oft Violine oder Floͤte ſpie - len hoͤren. — Und ich Sie oft ſehen und oft hoͤ - ren, fiel ihr Siegwart ein. Dieſe Wohnung iſt mir mehr werth, als wenn man mir das ganze Schloß ſchenkte. — Sie ſind gar zu guͤtig! ſagte ſie. — Gar zu eigennuͤtzig, ſollten Sie ſagen, ver - ſetzte Siegwart. — Sie ſprachen auf dem ganzen Weg hin nach dem Dorfe, und zwar ſo, als ob ſie mit einander voͤllig ausgemacht haͤtten, daß ſie ſich liebten; ſie nahmen es ſtillſchweigend fuͤr be - kannt an, und ſprachen vertrauter, als ſie ſelbſt zu wiſſen ſchienen. Auf dem Dorfe ließ er ihre Hand faſt niemals los, ſchenkte ihr Chokolade ein, und trank, weil Mangel dran war, mit ihr aus einer Schaale. Kron - helm ſelbſt muſte ſich uͤber die Herzhaftigkeit ſeines Freundes, und uͤber ihre Offenherzigkeit wundern, da ſie ſonſt etwas zuruͤckhaltend, und dem Scheine nach ſtolz war. So eine maͤchtige Veraͤnderung in ihrem beyderſeitigen Karakter hatte die Liebe, die ſtumme Augenſprache, und der Zwang, ſich einander nicht ent - decken zu duͤrfen, hervorgebracht. Auf dem Ruͤck - wege ſagte Siegwart: dieſer Abend iſt noch ſchoͤner, als der letztere; Sie ſind noch guͤtiger und freundli - cher. — Sie ſind auch noch ungezwungener und692 munterer, ſagte ſie, und das lieb ich. Solche Tage muß man ganz der Freude weihen, denn ſie kom - men ſelten. Siegwart ließ ſich nun von ihr feyer - lich verſprechen, daß ſie auf den Abend laͤnger beym Ball bleiben wolle, und ſie that es gerne. So fuh - ren ſie im rothen Duft des Winterabends nach der Stadt. Vor ihnen ſtieg der Rauch von den Schorn - ſteinen ſaͤulengerad in die Hoͤhe, und ward von der, hinten untergehenden Sonne verguͤldet und geroͤthet. Das Geſicht der Liebenden war heitrer als der Abend. Sie ſahn zur Seite ſchon den Abendſtern blinken, zeigten ihn einander, und ſahn ihn mit heitern Blicken an: dann blickten ſie ein - ander wieder ins Geſicht, und laͤchelten mit na - menloſem Ausdruck. Das iſt der Stern der Liebe, ſagte Siegwart. Ein herrliches Geſtirn, ſagte Ma - riane, ſah ihren Juͤngling ſchmachtend an, und er kuͤßte ſie. — Schade, daß nicht auch Thereſe bey uns iſt! ſagte ſie. Jch lieb ihre Schweſter ſehr, und wuͤnſchte ſie ſo gern gluͤcklich! — Sie wirds werden, verſetzte Siegwart. Kronhelm meynt es ehrlich, und ſie liebt ihn treu. Das gute Maͤdchen muß noch gluͤcklich werden; ſie hat gar zu viel ge - litten. — Wird man immer gluͤcklich, wenn man693 leidet? fragte Mariane, und ward wehmuͤthig. Siegwart ſchwieg, und ſah gen Himmel.
Sie kamen nun in der Stadt an. Beym Um - kleiden theilte Siegwart ſeine Freude mit Kronhelm auf die heftigſte Art. — Jch bin alles, alles! Ewig! Unſterblich! Alles! ſagte er. Freu dich doch, Kron - helm! Du biſt ja ſo kalt. Denk, ſie iſt mein, auf ewig mein! Kannſt du nicht begreifen, was das iſt? Mein, mein! — Wenn man doch ſagt, man ſey nicht gluͤcklich, und hat nur ſo Einen Augen - blick! — Denk nur erſt den Abend! Die ganze lange Nacht mit ihr tanzen, mit ihr ſprechen! O ich moͤchte ſterben, ſo wohl iſt mir! — Nun ſag mehr: Jch ſey nicht kuͤhn! Alles, alles ſoll ſie heut erfahren! — Denk, auch Thereſen wuͤnſcht ſie her, und wuͤnſcht ſie gluͤcklich! Siehſt du, was der En - gel fuͤr ein Herz hat? — Sey nur gutes Muths! Es muß euch auch noch gluͤcklich gehen! Kein Menſch kann auf der Welt ungluͤcklich ſeyn! Gott hat uns all zur Freud erſchaffen! — So ſprach er in lauter Ausrufungen fort, bis es Zeit war, Ma - rianen wieder abzuholen.
Er fuͤhrte ſie im Triumph auf den Tanzſaal, und fieng gleich mit ihr zu tanzen an. Sie ſchweb - te, wie eine Goͤttin zwiſchen Himmel und Erde. 694Jhre Blicke waren immer auf ihn gerichtet. Er glaubte, in dem Saal der Seligen zu ſeyn. So oft er ſie bey der Hand faßte, gab ſie ihm einen Haͤnde - druck, der durch Mark und Knochen ſchauderte. Beym Eſſen ſprach ſie nur allein mit ihm, und zu - weilen mit Kronhelm, der in tiefer Wehmuth da ſaß, weil er an Thereſen dachte, und doch zwang er ſich, an dem Entzuͤcken ſeines Freundes Theil zu nehmen, und laͤchelte zuweilen wie die Fruͤhlings - ſonn’ im Regenſchauer. Mariane trank ihm The - reſens Geſundheit zu, und bat ihren Siegwart, es ſeiner Schweſter zu ſchreiben, daß ſie eine unbekann - te Freundin habe, die ihr Schickſal oft beſeufze, und fuͤr ſie bete. — O dann muß ſie gluͤcklich werden, ſagte Siegwart, wenn ein Engel fuͤr ſie betet. — Und beten ſie denn auch fuͤr mein Gluͤck, lieber En - gel? Wuͤrden Sie mich auch wol gluͤcklich machen? — Ob ichs wuͤrde? ſagte ſie, und ſah ihn zaͤrtlich an. Koͤnnt ichs nur! — O ſie koͤnnens! Bey Gott! Sie koͤnnens, wenn Sie mir nur gut ſind! Sind Sies, lieber Engel? — Herzlich! Herzlich! ſagte ſie; mehr, als ichs ſagen kann! — Er ſchwieg, und druͤckte ihr die Hand. — Sie hatte ein Stuͤck Torte vor ſich auf dem Teller liegen. Er ſchnitts entzwey. Sie gab ihm ein Stuͤck davon, und aß695 das andere. Suͤßre Koſt hatte Siegwart nie noch genoſſen. Er ſchlang ſeinen Arm um ſie, und ſah ſie ſeitwaͤrts an. Jhr Geſicht hatte eine Wehmuth, die uͤber Thraͤnen erhaben war. Zuweilen blickte ſie zu ihm herum, und ſchlug ſchnell das Auge nie - der. Seine Bruſt war | geſpannt, er athmete ſchwer, und konnte kaum den Seufzer zuruͤckhalten. Es war ihm nicht moͤglich, ein Wort hervorzubringen. Er ſah nichts mehr um ſich her. Jhr Geſicht zer - floß vor ihm, als ob nur ein leichter Roſenduft vor ihm ſchwebte. Sie druͤckte ihm mit unaus - ſprechlicher Zaͤrtlichkeit die Hand. Er konnte die Empfindung |nicht mehr zuruͤckhalten, und kuͤßte ſie, mit einem heiſſen Seufzer, auf die Wange. Jn - dem kam ein Student, und foderte ſie zum Tanz auf. Sie entzog ihm, nach einem ſanften Druck, die Hand, legte ihre Handſchuh an, ſah ihn an, und gieng, halb unwillig, mit dem Studenten weg. Er blieb unbeweglich, ruͤckwaͤrts an den Stuhl gelehnt, ſitzen. Endlich ſah er ſich nach ihr um; ſie tanz - te, und hatte ihr ſchoͤnes Auge immer auf ihn ge - heftet. Er konnts nicht aushalten; Thraͤnen ſchoſ - ſen ihm in das ſeinige; er eilte in die Vertieſung des Saals ans Fenſter, ſah durch die Scheiben nach dem hellen Mond, und weinte. Nach etlichen Mi -696 nuten kam ſie, ohne daß ers merkte, zu ihm, legte ihre Hand auf die ſeinige, ſah ihn an, und ſagte: Sie ſind traurig? — Ja, vor Freuden, antwor - tete er. Lieber, lieber Engel, ſind Sie mein? — Auf ewig! ſagte ſie, und ſank ihm mit dem Ge - ſicht an die Bruſt. Er kuͤßte ſie feurig, und em - pfieng von ihr den erſten heiligen Kuß der Liebe. — Drauf folgte eine ſprachloſe Scene, die ſich nicht beſchreiben laͤſt. Erſt nach einiger Zeit giengen ſie, mit naſſen Augen, um eine Menuet zu tanzen. Dann giengen ſie wieder ans Fenſter, ſahn den Mond an, ſahn, wie er ſich ſpiegelte in ihren Thraͤnen, kuͤßten ſie ſich von den Wangen, und waren uͤber - ſchwenglich gluͤcklich. Siegwart tanzte faſt mit kei - nem Maͤdchen, als mit ihr. Wenn ſie mit einem andern tanzte, ſo ſtellte er ſich in eine Ecke, und hatte faſt immer Thraͤnen in den Augen, denn das Maaß der Freuden war fuͤr ihn zu groß. Sie kam immer, wenn ſie ausgetanzt hatte, wieder zu ihm hin, nahm ihn bey der Hand, und ſah ihn unaus - ſprechlich zaͤrtlich an. — Nun muͤſſen Sie mich oft beſuchen, ſagte ſie. Meine Mutter liebt Sie, mein Vater iſt Jhnen gut, und mein Bruder denkt auch wieder beſſer von Jhnen, ſeit Sie auf ſein Spiel zu achten ſcheinen. Etwas behutſam muͤſſen Sie nur697 ſeyn, doch das ſind Sie ſelbſt. O, der heutige Tag iſt doch gar zu herrlich! Nicht wahr, Sie ſind auch vergnuͤgt, mein lieber Siegwart? Ein feuriger Kuß auf ihre Lippen gab ihr die Antwort. — Wenn wir doch immer beyſammen ſeyn koͤnnten! fuhr ſie fort; das Tanzen iſt mir heut ganz verdruͤßlich. Kaum hatte ſie ausgeſprochen, ſo ward ſie wieder aufgezogen. Siegwart ging zu ſeinem Kronhelm, der in einer Ecke des Saals wehmuͤthig und nach - denklich da ſaß. — Wenn nur du auch gluͤcklich waͤreſt! ſagte Siegwart; ich wollt’ Alles geben! — Lieber Schwager! — ſagte Kronhelm, und kuͤßte ihn. Da hab ich einen Gedanken, den ich, glaub ich, Morgen oder Uebermorgen ausfuͤhre. Jch will nach Muͤnchen zu meinem Onkel; du muſt auch mit! — Und was da machen? — Um Thereſen anhalten. Er kann und wird ſich meiner anneh - men! Von ihm kann ichs ganz allein erwarten. So halt ichs nicht laͤnger aus. Dein Gluͤck hat alle meine Empfindungen wieder aufgeweckt; ich fuͤhle meinen Verluſt wieder ſtaͤrker, und mein Zu - ſtand wird mir unertraͤglich. Nicht wahr, Bru - der, du gehſt mit mir? Du muſt bitten helfen. Er wird deine Schweſter auch um deinetwillenY y698ſchaͤtzen, wenn ich ſage: daß du ihr Ebenbild biſt. — Wenn ich etwas dazu beytragen kann, ſagte Siegwart, ſo weiſt du ſchon, daß ich fuͤr dich ins Feuer ginge.
Sie erlaubens doch auch? ſagte Kronhelm zu Marianen, die eben zu ihnen kam, daß ich Herr Siegwart mitnehme? — Wohin? fragte ſie raſch und aͤngſtlich, und ſah ihren Siegwart an. Nach Muͤnchen, antwortete Kronhelm; nur auf etliche Tage. Er kann mir einen großen Dienſt thun. Es betrifft mein und Thereſens Schickſal. — Ja, wenn das iſt … ſagte ſie, ſonſt … Jch will bey meinem Onkel, dem geheimen Rath, anhalten, ſagte Kronhelm, ob ich Thereſen heirathen darf? und Siegwart ſoll meine Bitte unterſtuͤtzen. Er kann viel ausrichten, das weis ich. — Nur auf vier, oder fuͤnf Tage. — Tauſend, tauſend Gluͤck! ſagte Mariane, aber kommen Sie bald wieder! Und Sie, Herr Siegwart, Sie vergeſſen mich doch nicht? — Gott im Himmel! koͤnnten Sie das glauben? rief Siegwart aus. O Sie kennen mich noch nicht! Jch werd an keine Seele denken, als an Sie. — Ein Kuß verſiegelte das Verſprechen.
Sie war nun auch traurig, daß ſie ihren Sieg - wart ſo bald — waͤrs auch nur auf einige Tage —699 verlieren ſollte. Sie ſaß traurig neben ihm, als ſie Kaffee tranken, und konnte die Thraͤnen nicht zuruͤckhalten. Er umſchlang ſie mit ſeinem Arm, lehnte ſein Geſicht an ihre Bruſt, und konnte vor Bewegung und Zaͤrtlichkeit nicht ſprechen. Er fuͤhlte das Schlagen ihres Herzens, blickte zuwei - len zu ihr hinauf; ſchmachtend ſah ihr Aug auf ihn herab, und eine Thraͤne fiel auf ſeine Stirne, die ſie wieder weg kuͤßte. Kronhelm ſah das edle, zaͤrt - liche Paar, und weinte vor Freuden. — Moͤcht ich Sie einmal beyſammen ſehen! ſagte er; Sie und meine Thereſe! Sie waͤren gleich im Augenblick Ein Herz und Eine Seele.
Nun werd ich wol bald nach Hauſe gehen muͤſſen, ſagte endlich Mariane; es iſt uͤber zwey Uhr. Siegwart wollte das nicht glauben, bis ers ſelbſt auf ſeiner Uhr ſah. Noch ein paar Schlei - fer muͤſſen wir doch machen! ſagte er, und fing an, mit ihr zu tanzen. Mariane blieb noch uͤber drey Viertel Stunden. Endlich ſagte ſie: Jch muß, ich muß gehn, wenn ich gleich nicht will! Siegwart ſtund mit ihr noch eine halbe Stunde unter ihrem Haus, und empfing die zaͤrtlichſten Verſicherungen ihrer Liebe. Jch habe keinen noch geliebt, ſagte ſie, und will auch auſſer Jhnen keinen lieben. Mein700 Herz war unruhig, ſeit ich Sie erblickt habe. Sie muſtens oft an meinen Blicken merken, im Kon - cert und in der Kirche. — Lieber Siegwart, ich bin nun ſo gluͤcklich; ſoll ichs ferner bleiben? Jſt Jhr Herz auch ganz mein? — Ganz! ſo wahr als Gott lebt! ſagte er. Keiner Seele hats noch an - gehoͤrt, Gott iſt mein Zeuge! und ſoll Gott und Jh - nen nur gehoͤren ewig. Nun folgten wieder Kuͤſſe, die den Bund auf ewig ſchloſſen. Endlich trenn - ten ſie ſich mit Gewalt von einander. Da geht der Stern der Liebe wieder auf, ſagte er beym Schei - den. Geſtern hat er uns zum erſtenmal geglaͤnzt, und nun auf ewig. Nie will ich ihn anſehn, oh - ne dieſes Tags und Jhrer zu gedenken. Er ſoll das Sinnbild unſrer Liebe ſeyn, ewig rein, und ju - gendlich und ewig! Schlaf ſanft, lieber Engel, ſanft, ſanft, ſanft! —
Er ging nach ſeinem Haus hinuͤber, und ſchloß auf. Andacht, und Entzuͤcken, und Dankbarkeit bebten durch ſein Herz. Er ſah aus dem Fenſter, ſie ſah noch eine Viertelſtunde heraus; endlich war - fen ſie ſich einen Kuß zu, und ſie loͤſchte ihr Licht aus. Haſtig ging er im Zimmer auf und ab. Mein, o mein iſt er, der Engel Gottes! ſagte er laut, ſetzte ſich nieder, und ſchrieb:701
Noch eine halbe Stunde blieb er auf, und ſagte dieſe Verſe oft zum Fenſter hinaus. Endlich leg - te er ſich zu Bette, aber es kam wenig Schlaf702 in ſeine Augen. Um halb ſieben Uhr weckte ihn das Morgenroth ſchon wieder. Er ſah hinaus, dachte nichts als Marianen, war im Jnnerſten bewegt, und dankte Gott mit ſolcher Jnbrunſt fuͤr ihre Liebe, daß ſein Herz mehr im Himmel, als auf Erden war. Sie war auch ſchon aufgeſtan - den, und laͤchelte mit Engelanmuth zu ihm her - uͤber. Seine Seele war ſo heiter, als ſie in ſei - nem Leben nie noch geweſen war. Kronhelm kam zu ihm aufs Zimmer, und ſagte, er habe dieſe Nacht nicht ſchlafen koͤnnen, und den Plan, zu ſeinem Onkel zu reiſen, vollends ausgedacht. Er ſey nun voͤllig entſchloſſen, morgen nach Muͤnchen zu reiten. Er habe alles uͤberlegt, und ſoviel ein Menſch voraus ſehen koͤnne, koͤnn’ es ihm nicht fehlen. Sein Onkel habe ihn und ſein Gluͤck viel zu lieb, und ſey zu frey von Vorurtheilen, als daß er ihm ſeine Einwilligung, Thereſen zu hei - rathen, verſagen koͤnne. Wenn er dieſe habe, dann ſey es ihm genug. Sein Vater werde ge - wiß nachgeben, denn ſein Onkel vermoͤge alles uͤber ihn, und er muͤſſ’ ihm nachgeben, weil er ſonſt fuͤrchten muͤſte, er vermache ſeine Guͤter einer an - dern Linie vom Kronhelmſchen Haus. Jch trage, ſetzte er hinzu, dieſen Plan ſchon lang im Herzen;703 aber noch nie fuͤhlte ich ſo vielen Muth, und ſo zu ſagen, innerlichen Beruf, ihn auszufuͤhren, wie jetzt. O Bruder, wenn Gott meine Wuͤnſche ſegnet; wer iſt dann begluͤckter, als wir beyde! Hierauf unter - richtete er ſeinen Freund, wie er ſeinem Onkel be - gegnen muͤſſe, um ſein Herz zu gewinnen. Nur geradezu, und frey! Das liebt er. Dein Charak - ter iſt ſo, wie ers wuͤnſcht. Zeig dich, wie du biſt! Dann kennt er Thereſen, und iſt ganz gewiß fuͤr meine Wahl. Er iſt ungeheuchelt fromm, und man darf mit ihm mehr von der Religion reden, als mit irgend einem Hofmann. Auch von mei - ner Schweſter hoff ich viel. Wenn ſie ſo iſt, wie ſie war, dann tritt ſie ganz gewiß auf meine Seite, und uͤber meinen Onkel vermag ſie alles. Nur vor meinem Schwager darf ich nichts ſagen; der iſt ganz Hofmann, und glaubt, zwiſchen den Buͤr - gerlichen und dem Adel muͤſſ’ eine ewige Kluft be - feſtigt ſeyn. — Sieh, Bruͤderchen, ich denk, es geht gut. Wir wollen Gott drum bitten, und das Beſte hoffen! ſagte Siegwart. Niemand kann dir mehr einen gluͤcklichen Ausgang wuͤnſchen, als ich, denn ich liebe, nach Marianen, dich und meine Schweſter uͤber alles.
704Sie gingen nun aus, um Pferde zu beſtellen. Dahlmund kam drauf zu ihnen, und klagte, daß ihm ſeine Bruͤnette geſtern ungetreu geworden ſey. Sie habe ſich mit einem ſchlechten Kerl abgegeben, der ſchon zwey - oder dreymal Schulden und lie - derlicher Streiche halben auf dem Karzer geſeſſen habe. Er that ganz verzweifelt und untroͤſtlich, ſchlug ſich vor die Stirne, knirſchte mit den Zaͤhnen, weinte vor Wuth, und ſagte endlich: Entweder ich muß ſterben, oder Er? Feder und Dinte her! Jch ſchick ihm eine Ausforderung. Kronhelm, du muſt mir ſekundiren!
Biſt du toll, Dahlmund? ſagte Kronhelm. Mit dem ſchlechten Kerl dich ſchlagen! Dein Leben an ihn ſetzen! Was haſt du davon, wenn du ihn nie - derſtichſt? Wird das Maͤdel dadurch beſſer? Moͤch - teſt du ſie dann wohl wieder haben? Du weiſt ſelbſt, daß jeder Zweykampf, den man ſelbſt ſucht, Thor - heit und Verbrechen iſt; wir haben ſchon einmal davon geſprochen. Aber hier trifft das doppelt ein. Der Kerl iſt ſchlecht, das ſagſt du ſelbſt. Alles, was noch Gutes an ihm iſt, das iſt ſein Leben, weil ers noch einmal dazu brauchen kann, ſich zu beſſern, der Welt etwas nutz zu werden, und dem Elend zu entgehen, das ihn in der Ewigkeit er -705 wartet. Darfſt du einem Menſchen den Weg zu ſeinem Gluͤck abſchneiden? Oder willſt du ſein Teu - fel werden, und ihn in die Hoͤlle jagen, und dir dadurch dein Leben auch zu einer Hoͤlle machen? Denk einmal, was ein Moͤrder fuͤr ein unſeliges Geſchoͤpf iſt? Fliehen muß er vor Menſchen und vor Gott; darf nicht mit ſich ſelber reden, denn es ruft aus ihm heraus: Du biſt ein Moͤrder. Blut ſieht er uͤberall, darf keinem Menſchen ins Geſicht ſehn, und hat Hoͤllenquaalen, auſſer ſich und in ſich. Das heiſt ſich warlich ſchoͤn geraͤcht, wenn man ſich ſelbſt einen Dolch ins Herz ſtoͤſt, daß es ewig blutet. Dem Teufel gibt man Sa - tisfaktion, und nicht ſich ſelbſt, wenn man ihm einen ſchlechten Kerl zuſchickt, und wohl ſelber nachfolgt. Und dann iſts ja ſo ausgemacht nicht, daß du ihn gerad niederſtichſt; er hat ja auch einen Degen, und kann eben ſo gut treffen, als du. Jſt der Kerl wol dein Leben werth, und dein Gluͤck in alle Ewigkeit? Darfſt du nur damit ſchalten und walten, wie du willſt? Du haſt brave El - tern, die ſo viel an dir thun, und Troſt und Freud im Alter von dir erwarten, und nun mit Gram und Kummer vor der Zeit ins Grab ſaͤnken; die nicht ohne Graus an dich denken koͤnnten, und706 im Tod einander ſagen muͤſten: Er hat uns um - gebracht, und nun treffen wir ihn doch nicht an. Heiſt das, ſeinen Eltern Freude machen, und ih - nen fuͤr das lohnen, was ſie an uns thaten? Heiſt das, ein ehrlicher Kerl ſeyn, geſchweige denn ein Chriſt? Das heiß ich mir recht auf Ehre halten, und ein Schurke gegen ſich und andre werden! Beſinn dich, lieber Dahlmund! Sieh, du biſt der Welt viel ſchuldig, haſt ſo gute Gaben, die dir Gott gab zur Verwaltung, daß du Menſchen ſegneſt, und ſie gluͤcklich machteſt. Sieh, du haſt uns, und wir ſind dir herzlich gut, und du biſt uns Freundſchaft ſchul - dig! Wirf dein Leben nicht einem ſchlechten Kerl hin. Handle nicht ſo gegen Gott, und dein eig - nes Gluͤck! Jch bitte dich um Gottes und um deinetwillen, komm wieder zu dir ſelbſt! Du biſt ſonſt ein Menſch und haſt Religion, und willſt nun alles das mit Fuͤſſen treten. Nicht wahr, du folgſt mir, Dahlmund? Jndem umarmte er ihn. Dahlmund ward geruͤhrt, und weinte. Vergebt mir, Bruͤder! rief er, daß ich ſo ein Narr war! Jch wills nicht thun! Lieber mag man mich fuͤr einen feigen Kerl halten!
Das biſt du deswegen doch nicht, ſagte Siegwart; du haſt dich letzthin maͤnnlich gewehrt, als dich die707 zween Studenten mit dem bloſſen Degen angriffen. Man kann Muth haben, ohne ihn zum Schaden andrer ohne Noth zu brauchen. Jch ſchlage mich gewiß nicht, aber deswegen komm mir keiner und necke mich! Jch will ihms zeigen, daß ich meine Fauſt und meinen Degen nicht umſonſt habe. Und bey den groben Schlaͤgern fehlts gar oft an Herz, wenns auf wirkliche Vertheidigung ankommt. Beym boͤſen Gewiſſen gibts keine wahre Herz - haftigkeit, und ein gutes Gewiſſen hat der niemals, der vorſetzlich, um einer Kleinigkeit willen, ſein Leben aufs Spiel ſetzt, oder nach dem Leben eines andern trachtet. — Aber die Weiſſin iſt nun doch verloh - ren, ſagte Dahlmund, und das thut mir in der Seele weh! — Kanns das wol mit Recht? ſagte Kronhelm. Sie hat ſich ſchlecht aufgeſuͤhrt, das muſt du ſelbſt bekennen, da ſie dir einen ſol - chen Menſchen vorzieht. Ein Maͤdchen, das auſ - ſer uns, noch mit einem andern, auch ſonſt guten Menſchen, liebelt, verdient warlich unſere Liebe nicht. Ganz und allein muß man ein Herz haben, das man ganz liebt. Wenn ich meinem Maͤdchen nicht Alles bin, ſo bin ich gar nichts, und nehm auch mein Herz zuruͤck. Du muſt ſtolz ſeyn, Dahl - mund, und den Flattergeiſt verachten koͤnnen. Du708 verdienſt ein ganz andres Maͤdchen. Es fehlt dir nichts, um ein Herz zu feſſeln, und gluͤcklich zu machen. Du ſiehſt gut aus; haſt Verſtand, Ver - moͤgen, Wiſſenſchaften, und ein edles Herz, das treu lieben, und daher wieder treue Liebe fodern kann. Sag einmal, moͤchteſt du ein Weib, wie die Weiſſin, das mit jedem Kerl buhlt, ſich von je - dem ſchmeichleriſchen Schurken die Haͤnde und den Mund belecken laͤſt; jedem Narren glaubt, und ſeine unverſchaͤmten Schmeicheleyen anhoͤrt, und ſich druͤber zur Ehebrecherin machen laͤſt? Moͤchteſt du ſo ein Weib? Und man muß kein Maͤdchen haben, das man nicht zum Weib machen will! Der Verdruß uͤber ihre Narrheiten wuͤrde dich umgebracht haben. Laß ſie nur nicht merken, daß es dir leid um ſie thut, ſie wuͤrde heimlich nur daruͤber jauchzen. Sey ein Mann, und wimmre nicht wie eine Memme um ein eitles falſches Maͤ - del! Warlich, ſie iſt dein nicht werth! — Du haſt Recht, Bruder, ſagte Dahlmund, ich fuͤhl mich, daß ich etwas beſſers werth bin. Sie mag ſich zur alten Jungfer buhlen, oder noch was aͤrgers mit dem Kerl thun! Jch frag den Henker nach ihrem Paar ſchwarzen Augen, wenn ſie glaubt, die gan - ze Welt muͤſſe ſich drein vergaffen!
709Den Abend drauf ging Siegwart mit Kron - helm zu dem Hofrath Fiſcher, unter dem Vorwand, ein Konzert zu machen. Aber ſeine wahre Abſicht war, ſeine Mariane noch einmal zu ſehen, und von ihr Abſchied zu nehmen. Der Hoſrath wur - de gegen Siegwart immer hoͤflicher, theils wegen ſeines guten Spielens, theils auch, und hauptſaͤch - lich, weil ſich Siegwart jetzt taͤglich gut kleidete, denn er ſah mehr auf aͤuſſerliche, als auf weſent - liche Vorzuͤge. Die Hofraͤthin liebte ihn ſeiner Artigkeit, ſeiner unbeſcholtnen Sitten, und ſeines edeln frommen Herzens wegen, taͤglich mehr, und ließ ihn ihre Achtung deutlich ſehen. Joſeph, Ma - rianens Bruder, that jetzt auch ſehr freundſchaft - lich, da er ſah, daß ihn Siegwart ſehr von an - dern unterſcheide. Ueber Marianens Geſicht ver - breitete ſich ſichtbar eine auſſerordentliche Heiterkeit, ſobald ihr Geliebter kam. Sie ſtand von ihrer Stickerey auf, wo ſie eben eine Schaͤferinn, und einen Schaͤfer, die im Graſe bey einander ruhten, gezeichnet hatte. Sie war ſehr beſchaͤſtigt, die lie - ben Gaͤſte zu bewirthen. Siegwart betrachtete in - deſſen mit Entzuͤcken ihre Stickerey. Sie trat hin - zu, ſah ſie ein paar Augenblicke an, und betrach - tete dann ſein Geſicht, das mit Wohlgefallen auf710 der Arbeit ruhte. Er ſah ſie an, ſie laͤchelte mit einem ſolchen Ausdruck, daß er Muͤhe hatte, ſich nicht vor dem Vater und der Mutter zu verrathen. Nachdem er dem Vater und der Mutter erſt von ſeiner vorhabenden Reiſe erzaͤhlt hatte, ſo ſpielten ſie ein kleines Konzert, bey welchem Mariane ſchoͤner und mit mehr Ausdruck ſang, als ſie noch je gethan hatte. Drauf ſpielte Joſeph ein Konzert auf dem Fluͤgel, und ward uͤber den Beyfall, den ihm Kronhelm und Siegwart gaben, ganz entzuͤckt. Siegwart ſang auch, und wurde von Marianen und ihren Eltern ſehr gelobt. Um ſechs Uhr mach - ten dieſe viele Entſchuldigungen, daß ſie weggehen muͤſten, weil ſie ſich bey ihrem aͤltern Sohn ver - ſprochen haͤtten. Kronhelm und Siegwart woll - ten auch weggehen, wurden aber ſehr gebeten, da zu bleiben. Mariane bat auch, und Siegwart willigte nur gar zu gern ein. Joſeph machte auch Entſchuldigungen, daß er zu ſeinem Zeichenmeiſter gehen muͤſſe. Er wolle um ſieben Uhr ſogleich wieder da ſeyn ꝛc. und unſre jungen Leute waren nun allein. Sie ſahn aus dem Fenſter, als die Eltern weggiengen, und merkten, daß der Wind ſich gedreht habe, und aus Mittag wehe, und Thauwetter bringe. Es fing auch bereits an et -711 was zu regnen. — Seys! ſagte Mariane; wir haben nun doch noch die Schlittenfahrt gehabt. Vielleicht koͤnnen Sie auch morgen noch nicht rei - ſen. Kronhelm ſagte, ſie muͤſten, wo moͤglich, fort. Nun ſtellte ſich Mariane an den Fluͤgel, ſchlug, ohne hinzuſehen, ein paar Toͤne, ſah ihren Sieg - wart an, gab ihm die Hand, und ſank in ſeinen Arm. Seligkeit des Himmels ward um ihn herum, und noch mehr in ſeiner Seele. — Du muſt ſpie - len, ſagte er zu Kronhelm, damit man unten und im Hauſe glaubt, wir machen Muſik. Kron - helm ſpielte ſich, ganz allein, auf ſeiner Violine recht muͤde; oft ganz wild, und heftig wie der Tau - mel der Liebe; dann wieder ſchmachtend und zaͤrtlich, gleich der Empfindung unſrer Liebenden. Sie ſaſ - ſen im Kanapee beyſammen, gluͤcklicher als alle Koͤnige der Erden. Jhre Zunge konnte nicht re - den; nur ihr Auge ſprach, und ihr Haͤndedruck. Liebes Maͤdchen! Lieber Engel! war alles, was zuweilen Siegwart ſagte. Dann lehnte ſie wieder ihr Geſicht an ſeine Bruſt. Er kuͤßte ſie auf ihre ſchoͤnen Augen. Sie ſah auf, erhub ſich etwas und kuͤßte ſeine offne, hochgewoͤlbte Stirne. Wenn ihre Blicke ſich begegneten, wenn ihr Auge ſcharf in ſeines ſah, dann ſchoß ihm eine Thraͤne drein,712 und er und ſie laͤchelten, und ihr Geſicht ſank wie - der an ſein Herz, das ſo laut ſchlug, daß ſies hoͤr - te. — Morgen, morgen! ſagte Siegwart traurig. Sie hub ihr Geſicht langſam auf, ſah ihn ſchwei - gend, lang, und wehmuͤthig an! Ein Seufzer bebte ihre Bruſt herauf, und ſie verbarg ſich wieder an der ſeinigen. — Traurig! traurig! rief ſie Kron - helm zu, der eben ein Allegro ſpielte. Auf Ein - mal ſank er ins Moll herab, in eine Duͤſternheit, daß den Liebenden ſchauerte. — Gedenke meiner, ſagte Siegwart, wenn ich fern bin! Sie druͤckte ihren Mund feſt auf den ſeinigen; wendete ſich ei - lig weg, nahm ihr Schnupftuch, und wiſchte ſich das Auge. — Nur etliche Tage! ſagte Siegwart. — Kann ich Jhnen ſchreiben? Sie ſchuͤttelte ſtillſchwei - gend mit dem Kopf. Jch habe niemand, ſagte ſie nach einer Pauſe. Dann druͤckten ſie einander feſt ans Herz, und kuͤßten ſich, als ob ſie den Athem und die Seelen austauſchen wollten. — Man laͤu - tete an der Glocke. — Schon vorbey? ſagte Sieg - wart ſeufzend, und ſtand auf. Joſeph kam, und ſagte, daß das Wetter ſehr ſchlecht und ungeſtuͤm ſey. Man hoͤrte auch ſtark ſtuͤrmen, und der Re - gen wurde heftiger. Wenn es ſo fort macht, ſag - te Mariane, und ſah unſern Siegwart bittend an,713 ſo reiſen Sie morgen doch nicht! Jch bitte Sie. Kronhelm verſprach, noch einen Tag zu warten, wenn das Wetter ſich verſchlimmre. — Um acht Uhr nahmen er und Siegwart Abſchied. Sie leuchtete ihnen hinunter. Der Wind loͤſchte das Licht aus. Sie ſtand noch einige Augenblicke bey ih - nen. Siegwart kuͤßte ſeinen Engel noch aufs zaͤrt - lichſte, nahm mit vielen Thraͤnen Abſchied, und verſprach, bald wieder zu kommen. Den andern Morgen ſtuͤrmte und regnete es noch ſo ſtark, und das Gewaͤſſer vom zerfloßnen Schnee war ſo haͤu - fig, daß ſie unmoͤglich wegreiten konnten. Auch am folgenden Tage wars noch ſo, und ſie konnten erſt am Anfange der Charwoche abreiſen.
Mariane ſah mit ihrer Mutter aus dem Fen - ſter, als ſie zu Pferd ſtiegen. Sie ſah traurig aus, und ſchmachtend. Siegwart blickte noch einmal zaͤrtlich hinauf, nahm den Hut ab, und ritt mit ſeinem Freund um die Ecke hinum. Mit ſchwerem Herzen kam er auf das Feld hinaus, und ſah ſich noch einigemal mit Thraͤnen nach der Stadt um, die ſeine Mariane einſchloß. Der Morgen war ſehr heiter, und die Sonne gieng golden auf. Der Schnee war groͤſtentheils zer -Z z714ſchmolzen, nur noch an den Rainen, und Hecken, und in den Graͤben lag ein wenig, wo die Son - ne nicht ſo frey hin ſcheinen konnte. Die Wie - ſen waren ſchon gruͤn, beſonders an den Quel - len; das junge Gras, und die Gaͤnſebluͤmchen keimten ſchon hervor. Die Lerchen ſchwangen ſich das erſtemal in dieſem Fruͤhjahr in die Luft, und ſangen. Es war, als ob ein himmliſches, uͤberirdiſches Konzert uͤber unſern beyden Juͤng - lingen ſchwebte. Jhre Seelen erweiterten ſich, und lebten in der friſchen Fruͤhlingsluft, die um ſie her ſpielte, wie neu auf. All ihr Gefuͤhl wur - de geſchaͤrft; jeder dachte an ſein Maͤdchen und ſchwieg. Um Mittag kamen ſie in ein Dorf, wo ſie ihre Pferde fuͤtterten, und aſſen. Ein Flei - ſcher ſaß in der Stube mit zwey großen Hunden. Er erzaͤhlte von einer Frau im naͤchſten Dorf, die naͤrriſch geworden ſey, und nun gebe man ihr Schuld, ſie habe ihren Mann umgebracht. Dann erzaͤhlte er von einem alten Mann von 73 Jah - ren, den man drauſſen im Bach todt gefunden habe. Vermuthlich ſey er ſelbſt hineingeſprungen, denn ſein Sohn, der nun auf ſeinem Handwerk ſey, und bey dem der Vater aus Gnad und Barmherzigkeit gewohnt habe, ſey ihm hart und715 grauſam begegnet, hab ihm taͤglich vorgeworfen: Er eſſe Gnadenbrod, ſey der Welt nichts mehr nuͤtz, und duͤrfe wol machen, daß er bald draus fort komme. Dieſen Morgen noch hab er ihn einen alten Narren geſcholten, ihm gedroht, er woll ihn noch aus dem Hauſe ſtoßen, und drauf habe der alte Mann geweint, und geſagt: Gott ſoll unter uns richten! Hab ſein altes zerriſſenes Wamms angezogen, ſey an ſeinem Stab aus dem Dorf gegangen, und habe ſich am Bach niedergeſetzt. Jch hab ihn ſelber angetroffen, ſagte der Metzger; er gab mir noch einen guten Morgen, und nahm die Muͤtze ab, daß ich ſeine handvoll weiſſer Haare und ſeine Glatze ſah, und bey mir ſelber dachte: Lieber Gott, was es doch um einen Alten fuͤr ein Elend iſt, wenn ſich niemand ſeiner annimmt, ſelbſt die Kinder nicht, die er groß gezogen hat! — Da hat ſich eben der arme Mann hingeſetzt, halb kin - diſch war er, wuſte ſich ſelbſt nicht mehr zu helfen, und ſprang in das Waſſer. Gott verzeih es ihm, er war ſonſt ein guter Chriſt, der niemand nichts zu leid that. Aber ſo Kerls, wie ſein Sohn iſt, ließ’ ich ſpieſſen, die verdienen nicht zu leben, wenn ſie Leuten nicht das Leben goͤnnen, denen ſie doch alles zu verdanken haben. Das iſt ſo meine716 einfaͤltige Meynung. Hab ich Unrecht, Herr? Sieg - wart gab ihm voͤllig Recht. Kronhelm ſpielte in - deſſen mit einem von den Hunden. Das iſt ein treues Thier, Herr! ſagte der Fleiſcher. Der lieſ - ſe ſich eher todt ſchieſſen, als mir was thun. Nun erzaͤhlte er mit treuherziger Geſchwaͤtzigkeit die Ge - ſchichte und die Tugenden ſeiner beyden Hunde. Sehen Sie, ſagte er, die Thiere horchen auf, als ob ſies verſtuͤnden. Ja, es iſt ein geſcheides Thier um einen Hund. — Siegwart liebkoſte ein paar Kinder mit einem offenen Geſicht, und groſſen blauen Augen. Er fragte ſie nach ihrem Alter, und nach ihrem Namen, und gab jedem einen Kreuzer. Die Kinder ſprangen mit dem Geld zu ihrer Mutter, wieſen es ihr, und dann wieder auf Siegwart, daß ers ihnen gegeben habe. Die Mutter kam zu ihm her, gab ihm die Hand, und ſagte: O Herr, warum machen Sie ſich Unkoſten? Das iſt gar zu viel. Drauf muſten ihm beyde Kinder die Hand kuͤſſen.
Jndem kam ein Bedienter in abgeſchabter Livree mit verweinten Augen ins Zimmer, und ſetzte ſich an den Ofen. Er machte einige Bewegungen mit der Hand, als ob er mit ſich ſelber ſpraͤche, und dann zaͤhlte er etwas an den Fingern ab. Was717 fehlt denn ihm, Marx? ſagte die Wirthin. Ey, was wird mir fehlen! antwortete er; ſie haben mich im Schloß fortgeſchickt, und nun kann ich betteln. Das iſt mir eine Haushaltung! Da iſt ein welſcher Hahn aus dem Schloſſe weggekommen, und weil ich nichts davon wiſſen wollte, und auch meiner Treu nichts wuſte; da geben ſie mir mei - nen Abſchied. Jſt das auch erlaubt? Aber ich weis ſchon wo das her kommt. Die gnaͤdige Frau kann mich eben nicht leiden, und das hat auch ſeine Urſachen. Moͤcht ich nur Haͤndel an - richten, und dem gnaͤdigen Herrn ein paar Stuͤck - chen vom Jaͤger und von ihr erzaͤhlen! Aber das mag ich ihm nicht zu leid thun. Er iſt ein kreuz - braver Herr, der ſo ſchon ſeine liebe Noth hat. Nur das iſt unverantwortlich und himmelſchreyend, daß man einem armen Dienſtbothen ſeinen Lohn nicht gibt. Jch hatte zwanzig Thaͤlerchen zu ſodern; da kam die gnaͤdige Frau mit ihrer großen Schreibtafel, und hatte, der Henker weiß, was all? drauf ge - ſchrieben. Da war Porcellain zerbrochen, das ich nie geſehen hatte, da war dieß und jenes am Sat - telzeug zerriſſen; ein Fuͤllen war geſtorben, und da ſollt alle ich Schuld dran ſeyn, und das Ding be - zahlen. Jch mochte ſagen, was ich wollt; es half718 alles nicht, ſie ſummirte, und ſiehe da: Summa ſummarum war 19 Thaler 46 Kreuzer, daß mir alſo gerad noch 44 Kreuzer heraustraſen. Jch dacht, ich haͤtte Blut weinen muͤſſen, wie ichs hoͤr - te. Jch wollt ihr zu Fuͤßen fallen, und ihr mei - ne Unſchuld darthun; aber ſie gab mir noch harte Reden, warf mir das Geld in lauter Zweyern hin, und ſchlug die Thuͤr zu. Jch wollt vor den gnaͤd - gen Herrn, und ihm meine Noth klagen, aber ſie ſtand bey ihm im Hof, und da durft ich nichts ſa - gen. Die Livree gehoͤrt auch noch uns, ſagte ſie. Ach, mein Schatz, laß ihm das, ſagte er; es iſt doch nicht viel mehr dran! Nun, ſo kann er ſich aus dem Schloßhof packen, rief ſie, und ſich nie mehr drinn erblicken laſſen! — So hat man mirs gemacht, und Gott weiß, ich hab meinem Herrn treu gedient, das wißt ihr, Wirthin, und alle Leut im Dorf wiſſens. Nun weiß ich nicht wo naus. Auf dem Leib hab ich nichts als dieſen Kittel, an dem man alle Faͤden zaͤhlen kann. Kein Atteſtat hab ich auch nicht, darf mich nicht drum melden. Und ohne Atteſtat nimmt mich keine Herrſchaft an. Und, Gott weiß, meynts einer mit ſeiner Herr - ſchaft ehrlich, ſo thus ich. Jch wollte gleich mein Leben laſſen, wenn mein Herr in Gefahr kommt;719 Jch wollt ihm dienen, daß er mir wie ſeinem Kind trauen koͤnnte. Ehrlich waͤhrt am laͤngſten. Das hab ich noch von meinem Vater gelernt, der war auch Bedienter, bis er 70 Jahr alt war, und nicht mehr dienen konnte. Drauf zog er ſeine 44 Kreu - zer heraus, und zaͤhlte 32 davon ab, die er, wie er ſagte, noch dem Jaͤger ſchuldig war fuͤr ein Ge - bethbuch.
Kronhelm, der, wie Siegwart, von dem Schick - ſal des Bedienten ſehr geruͤhrt war, zog die Wir - thin auf die Seite, und erkundigte ſich bey ihr nach ihm. Sie gab ihm mit der gutherzigſten Miene, und mit vieler Waͤrme das Zeugniß eines frommen und rechtſchaffenen Menſchen. Drauf gieng Kron - helm zu dem Bedienten, der ihm, ſeiner guten, ehrlichen Bildung wegen, gleich gefallen hatte, frag - te ihn, was er monatlich fodre? und nahm ihn zu ſeinem Bedienten an. Der Kerl war vor Freu - den ganz auſſer ſich, und konnte kaum Worte fin - den, ſeine Dankbarkeit auszudruͤcken. Kronhelm ſagte ihm, er ſoll ſehen, daß er ein Pferd geliehen kriege, um nach Muͤnchen mitzureiten; in einer Viertelſtunde kam er mit einem Pferd wieder. Der Wirthin gab er das Geld fuͤr den Jaͤger, und bat ſie, alle gute Freund’ im Dorf noch einmal zu720 gruͤſſen. Als ſich Kronhelm die Zeche machen ließ, ſoderte die Wirthin ſo wenig, daß er ſie ausdruͤck - lich fragte, ob ſie nichts vergeſſen, oder zu niedrig angerechnet habe? Sie ſagte aber, Nein: ſie hab alles angerechnet; Sie ihn ſich nicht Unrecht, aber andern Leuten thu ſies auch nicht. Wie gewon - nen, ſetzte ſie hinzu, ſo zerronnen. Sie dankte auch Siegwart noch einmal fuͤr die 2 Kreuzer.
Auf dem Wege erzaͤhlte der neue Bediente, Marx, faſt ſeine ganze Lebensgeſchichte mit vielen Umſchwei - fen, und der, dem Schwaben ſo gewoͤhnlichen ge - wiſſenhaften Aufrichtigkeit. Man ſah ihms an, wie viel er auf ſeinen neuen Herrn halte; er war beſorgt, ſobald das Pferd ſtolperte, und ſtieg ab, ſobald es ſcheute. Neugierig war er auch, wie die meiſten Schwaben ſind, und fragte Kronhelm und Siegwart mit der treuherzigſten Einfalt, die ein Sachſe fuͤr Beleidigung halten wuͤrde, um alles, was ſie angieng.
Ziemlich ſpaͤt am Abend kamen ſie in Muͤnchen an, und ſtiegen, weil Kronhelm ſeinen Onkel und ſeine Schweſter nicht mehr uͤbetraſchen wollte, in einem Gaſthof ab. Marx war auſſerordentlich be - ſorgt, ſeine neue Herrſchaft und unſern Siegwart zu bedienen, und lauerte auf alle ihre Winke. 721Wenn einer nur eine Bewegung machte, ſo fragte er ſogleich, ob man etwas zu befehlen habe? und verrichtete jeden Auftrag mit der geſchwindeſten Ge - nauigkeit. Den folgenden Morgen ſchickte ihn Kronhelm ſogleich aus, ihn bey ſeinem Onkel zu melden. Marx kam bald wieder mit der Nach - richt zuruͤck, der geheime Rath ſey gegenwaͤrtig nicht in Muͤnchen. Kronhelm, der daruͤber ſehr betrof - fen war, gieng ſelbſt nach ſeinem Hauſe, und er - fuhr: ſein Onkel reiſe ſchon ſeit acht Tagen in Chur - fuͤrſtlichen Geſchaͤften im Land herum, und werde vor 14 Tagen nicht zuruͤckkommen. Kronhelm kam voll Unmuths wieder in den Gaſthof, erzaͤhlte Sieg - wart den verdrießlichen Umſtand, und ließ ſich nun bey ſeinem Schwager und ſeiner Schweſter melden. Als er angenommen wurde, gieng Siegwart in - deſſen aus, um die Stadt zu beſehen. Er erſtaun - te uͤber die vielen ſchoͤnen Haͤuſer und Pallaͤſte, und noch mehr uͤber die Volksmenge, die ihm auf al - len Straßen entgegen wimmelte. Alles, was er ſah, war ihm neu. Anfaͤnglich gefiels ihm, bald aber aͤrgerte er ſich, zu ſehen, wie hier immer ein Menſch dem andern im Wege ſteht; |wie ſich ſo viele tauſende zuſammenthun, ein jeder in der Ab - ſicht, von dem andern zu |zehren. Eine Bauren -722 huͤtte, dachte er, iſt mir lieber, wo ſein Beſitzer ruhig drinn ſitzt, ſich nur um ſich ſelbſt bekuͤmmert, von keines andern Huͤlf’ oder Gnade abhaͤngt, und im Frieden fuͤr ſich und ſeine Kinder ſein Feld baut. Am meiſten aͤrgerte er ſich uͤber die vielen Muͤſſiggaͤnger, die, wie Puppen, die Straſſen auf und ab tanzten, denen man den Muͤſſiggang anſah, und die, um den Muͤſſiggang noch zu ver - mehren, eben ſo groſſe Muͤſſiggaͤnger, als Bediente, hinter ſich drein gehen haben. Es ſchmerzte ihn, ſo viel Leute in zerlumpten Kleidern, mit ausge - hungerten Geſichtern, und muthloſen, niederge - ſchlagnen Mienen zu ſehen, die, von den goldbe - deckten Herren umbemerkt, wie Gewuͤrm unter den Fuͤſſen des Wanderers herum kriechen. Gott, dachte er, das ſind doch auch Menſchen, die auch Seelen haben, wie die Herren, und ſie werden nicht geachtet! Gibts denn keine Groͤße, und kein Gluͤck, wenn ihm nicht Niedrigkeit und Elend zur Seite ſteht? Hier vergißt man ja ſich ſelber vor dem ewigen Gelaͤrm der Kutſchen, und den ſtillen rechtſchaffenen Buͤrger muß man auch vergeſſen. Leute mit den frechſten Geſichtern und dem aufge - blaſenſten Weſen ſah er zwiſchen andern, und be - ſonders alten Muͤtterchen ſich bruͤſten, die mit der723 andaͤchtigſten, oft bigotteſten Miene, und dem Ro - ſenkranz in der Hand, nach den Kirchen zuſchli - chen. Aberglauben und Unglauben ſchien ſich hier ewig zu durchkreuzen. Als er eine Kirche vorbey - kam, gieng er hinein. Auf einmal dachte er an Marianen, gieng in einen Stuhl, warf ſich auf die Knie, und betete mit heiſſer Jnnbrunſt, und mit Thraͤnen in den Augen. Nun fuͤhlte er erſt ganz das Gluͤck der Ruhe und der Liebe, das er in ihrem Arm genoſſen hatte; und jetzt entbehren muſte. Mit ungewoͤhnlich ſtarker Sehnſucht ſehn - te er ſich nach ihr zuruͤck. Jn der Kirche ſah er noch mehr die große Kluft zwiſchen Andacht und Frechheit. Das gemeine Volk lag in tiefſter De - muth vor Gott, und die vornehmen jungen Herren und Frauenzimmer ſtunden frech in ihren goldnen oder ſeidnen Kleidern da, begafften ſich mit ſtolzer Selbſtzufriedenheit; warfen ſich, anſtatt zum Him - mel zu blicken, und in Demuth vor Gott zu er - ſcheinen, buhleriſche Blicke zu, und vergaſſen alle Ehrerbietung, die man in einem Gotteshauſe zei - gen ſollte. Siegwart gieng, mit einem ſchweren Seufzer aus der Kirche, und nach ſeinem Gaſthof zuruͤck.
724Kronhelm ſchickte ſeinen Bedienten dahin, und ließ ihn zu ſeiner Schweſter zum Mittags - eſſen bitten. Er ward von ihr guͤtig aufgenommen. Sie war ein Frauenzimmer von 25 oder 26 Jah - ren, das in den Geſichtszuͤgen, das feine weibliche abgerechnet, ihrem Bruder ganz aͤhnlich ſah. Sie hatte viel Anmuth in der Miene, etwas ſchwaͤrme - riſches im Auge, und viele Lebhaftigkeit und Mun - terkeit in ihrem Weſen. Jhr Mann war auch da; er war ſchon in den dreyſſigen, hatte eine ziemlich angenehme Bildung, die er aber durch ein ange - nommnes, kaltes, ſteifes Weſen ſehr verſtellte. Sein Betragen gegen Siegwart war hoͤflich, aber doch von einer Feyerlichkeit und Entfernung begleitet, die alles Zutrauen verbannte. Vor Tiſch wurden die Kinder ins Zimmer gebracht, zwey Maͤdchen von 6 und 7 Jahren, und ein Knabe von 9 Jahren, die wie junge Engel ausſahen. Sie muſten etwas franzoͤſiſch plappern, aber mit Siegwart ſprach der Knabe deutſch, fragte ihn alles, wo er herkomme? wie er heiſſe: Ob er auch einen Papa, und auch eine liebe Mama habe? u. ſ.w. Dann erzaͤhlte er allerley Ge - ſchichten von ſich und ſeinen Schweſtern, von ih - ren Puppen, von ſeinen zinnernen Soldaten, die er herholte und in Schlachtordnung ſtellte. Sieg -725 wart wollte ihm auch helfen, aber er machte, nach ſeiner Meynung, alles unrecht; der Knabe lachte ihn aus, und belehrte ihn eines Beſſern. Dann holte er der Beaumont Magazin, las ihm daraus vor, und erzaͤhlte ihm ein Maͤhrchen. Siegwart muſte auch vorleſen, und ſich von dem kleinen Karl alle Augenblicke korrigiren laſſen. Er mach - te vorſetzlich Fehler, und ſtellte ſich bey den Be - lehrungen des Knaben ſehr aufmerkſam an, wel - ches dieſem auſſerordentlich gefiel. Die Maͤdchen unterhielten ſich mit ihrer Mama, und mit Kron - helm, dem ſie ihre Puppen zeigten, ihre ſchoͤnen Klei - der hererzaͤhlten, und von andern kleinen Maͤdchen unterhielten. Als die Kinder weggebracht werden ſoll - ten, bat der Knabe ſehr, man moͤcht ihn doch bey dem Herrn laſſen! Man verſprach ihm aber, daß er wieder kommen duͤrfte. Bleib ſein da! ſagte er zu Siegwart, als er weggieng.
Bey Tiſch war auch Kronhelms Bruder, ein etwas fluͤchtiger und leichtſinniger junger Menſch, der die witzigen Franzoſen, und beſon - ders Voltaͤrs Schriften ſtark las. Er ſpottete uͤber Univerſitaͤten, Profeſſoren, und gelehrte Wiſ - ſenſchaften, ſprach viel von der Hiſtorie, in der Voltaire ſeine Quelle war; ſagte, er wuͤnſche726 nichts mehr, als Paris zu ſehen; ſchimpfte auf die Steifigkeit der Deutſchen, nahm aber den Muͤnchnerhof davon aus; erzaͤhlte ein paar Hof - geſchichten, und gieng wieder weg, in eine ande - re Geſellſchaft.
Herr von Eller, ſo hieß Kronhelms Schwa - ger, der ſchon ernſthafter dachte, ſuchte ihm die Annehmlichkeiten des Hoflebens von einer andern Seite darzuſtellen, und ihm den Hang, auf dem Land zu leben, zu entleiden. Er ſtellte ihm das Gluͤck vor, um einen großen Herrn zu ſeyn, im - mer hoͤher zu ſteigen, und endlich vielleicht gar zu ſeinem Vertrauen zu gelangen, u. ſ. w. Fuͤr Kronhelm war dieſes kein Gluͤck, und er wich den Ueberredungen ſeines Schwagers mit Klug - heit und Beſcheidenheit aus. Um 3 Uhr muſte Hr. von Eller in eine Seſſion, und ſeine Gemahlin, Kronhelm und Siegwart blieben allein. Das Geſpraͤch ward nun vertraulicher. Die Frau von Eller fragte ihren Bruder, warum er ſo blaß und eingefallen ausſehe? Er ſey ſonſt viel munterer geweſen; jetzt hab er ſo viel Ernſt und Schwermuth in ſeinem Karakter; ſeine Seele muͤſſe eine große Veraͤnderung und tiefe Leiden erfahren haben. Er kenne die Freundſchaft, die727 ſie von jeher gegen ihn getragen, und den An - theil, den ſie immer an ſeinen Schickſalen genom - men habe; er moͤchte daher doch offenherzig gegen ſie ſeyn, und ihr alles offenbaren, was er, ohne Ver - letzung ſeiner Ruhe koͤnne! ꝛc. Kronhelm that es auch, erzaͤhlte ihr mit vieler Ruͤhrung und der groͤſten Aufrichtigkeit ſeine ganze traurige Geſchich - te mit Thereſen, und ſetzte hinzu: So lang ich von ihr getrennt leben muß, und ſie nicht bekommen kann, ſo lang kann ich auch nicht ruhig und nicht gluͤck - lich werden. Mein Herz wird ſie ewig lieben, und ewig um ſie trauren, wenn ich ſie nicht ganz beſitzen ſoll. Fuͤr mich iſt dann keine Ruhe, als im Grab! — Seine Schweſter ſagte: |ſie habe von ihrem Onkel einen Theil ſeiner Geſchichte ſchon gewußt; ſie ha - be innerlich um ihn getraurt, ſeine Liebe und ſeine Leiden wuͤrden durch die Hinderniſſe, und durch die Zeit wieder verringert werden; nun erfahre ſie mit inniger Betruͤbniß das Gegentheil. — Jch bin in der Abſicht hieher gereiſt, ſagte er, den Onkel auf meine Seite zu bringen; denn, wenn ich nur ſel - ber mit ihm von Thereſen reden, und ihm meinen Zuſtand ſchildern koͤnnte, ſo waͤr alles gut, aber nun iſt dieſes auch nichts. Seine Schweſter beru - higte ihn von dieſer Seite mit der Verſicherung, daß728 der Onkel ſeiner Wahl nicht ganz abgeneigt ſey; und jetzt, da er in Thereſens Gegend komme, ſich gewiß nach ihr erkundigen, oder den alten Hrn. Siegwart ſelbſt beſuchen werde. Der Onkel, ſetzte ſie hinzu, haͤlt alles auf dich, und iſt fuͤr dein Schick - ſal ſehr beſorgt. Er war mit dem Betragen un - ſers Vaters gegen dich nicht zufrieden, aber weil er deine Liebe nur fuͤr ein aufbrauſendes Feuer hielt, ſo glaubte er, behutſam drein gehen zu muͤſſen. Er hat ſich unter der |Hand fleiſſig nach dir erkundigt, beſonders bey einem Hofrath Fiſcher in Jngolſtadt (hier wurde Siegwart roth) und war oft ſehr be - kuͤmmert, wenn er hoͤrte, daß du ſo niedergeſchlagen ſeyeſt. Erſt noch neulich, als man von dir ſprach, ſagte er, ich will mich der Sache annehmen, ſobald ich kann. — Und was ich dabey thun kann, Bru - der, das thu ich gewiß. |Davon brauch ich dir nicht erſt Verſicherung zu geben. — Kronhelm war uͤber dieſe Nachricht aͤuſſerſt froh, und voll ſuͤſſer Hoffnungen. Er und Siegwart muſten nun der braven Frau viel von Thereſen erzaͤhlen. Sie er - kundigte ſich nach allen, ſie betreffenden Kleinigkei - ten ſehr genau. Kronhelm muſte ihr Thereſens ganzes Ausſehen beſchreiben. Er ſagte: in den meiſten Zuͤgen ſeh ſie ſeinem Siegwart ganz aͤhn -729 lich; nur eine feinere Haut hat ſie, ſagte er, iſt nicht ſo ernſthaft, hat hellere und dunkelblauere Augen, eine nicht ſo hoch gewoͤlbte Stirne. Die Frau von Eller that gegen unſern Siegwart recht vertraut, trank auf Thereſens Geſundheit, und war ganz mit ihm zufrieden. Kronhelm ſagte, auf den Karfreytag wollten ſie wieder zuruͤckreiten; aber ſie drang ſo lang in ſie, am Karfreytag noch in Muͤnchen zu bleiben, um die Prozeſſion zu ſehen, und den feyer - lichen Gottesdienſt und die Trauermuſik bey Nacht mit anzuhoͤren, bis ſie endlich nachgaben. Der kleine Karl kam wieder, und ſpielte mit Siegwart; die Maͤdchen wurden auch nach und nach zuthaͤti - ger und miſchten ſich mit in die Spiele. Sie er - zaͤhlten in der Reihe herum Maͤhrchen, und Sieg - wart muſte das ſeinige auch erzaͤhlen; aber er ſah, wie viel ihm dazu fehle, etwas auch den Kindern wahrſcheinliches, zu erzaͤhlen, denn ſie machten ihm alle Augenblicke Einwendungen und Fragen, die er nicht beantworten konnte. Der Herr von Eller kam auch wieder zuruͤck, und war gegen unſre bey - den Juͤnglinge ganz verbindlich; aber weil er um 6 Uhr mit ſeiner Frau in Geſellſchaft gehen muſte, ſo bat er ſie auf den andern Tag wieder zu Tiſch,A a a730und ſagte, uͤberhaupt, ſo lang ſie in Muͤnchen waͤ - ren, ſollten ſie immer bey ihm eſſen.
Den Abend aſſen Kronhelm und Siegwart in ih - rem Gaſthof in Geſellſchaft, aber ſie gingen bald wieder auf ihr Zimmer, denn in der Geſellſchaft, die aus gemiſchten Perſonen beſtand, wurden faſt lauter Spoͤttereyen uͤber die Religion, Anſpielun - gen auf die Begebenheit, die am bevorſtehenden Feſt gefeyert werden ſollte, und Zweydeutigkeiten vorgebracht, die in der ſogenannten groſſen Welt, wo der gute Ton herrſchen ſoll, ſo gewoͤhnlich ſind, und Leuten von Verſtand und Herz nicht gefallen koͤnnen. Marx erzaͤhlte ſeinem Herrn, nach ſeiner Art, die Merkwuͤrdigkeiten, die er in der Stadt ge - ſehen hatte. Er habe nicht geglaubt, ſagte er, daß ſo viel Menſchen in der Welt waͤren, als er heut angetroffen habe. Es ſey in ſeinem Dorf am Jahrmarkt nicht ſo voll, wie hier auf allen Straſ - ſen; und Junker hab er angetroffen, die weit ſchoͤn - re Kleider haben, als ſein vorger gnaͤdger Herr an hohen Feſten getragen habe, und doch ſeys jetzt nur ein Werktag; wie’s nun erſt am Sonntag ſeyn muͤſſe? Es geb in ſeinem Dorf nicht ſo viele Wagen, als er hier vergoldete Kutſchen angetroffen habe. Man hab ihm auch das Haus gezeigt, wo731 der Herr Kurfuͤrſt wohne. Unten ſey ein Herr geſtanden, von dem er gewiß geglaubt habe, er ſey der Kurfuͤrſt, denn er hat lauter Silber angehabt, aber, als er ſich ſehr tief gebuͤckt, hab des Herrn von Eller Bedienter ihn ausgelacht, und geſagt, das ſey nur ein Laͤufer. Auch in ein paar Kir - chen ſey er geweſen; da ſey ſo viel Gold, daß ei - nem die Augen davon weh thuen. Jn der Einen Kirche ſey das Wahrzeichen ein Stein zwiſchen zwey Pfeilern; wenn man auf dem Stein ſteh, ſo koͤnne man kein Fenſter in der ganzen Kirche ſe - hen. Er wiſſe nicht, wie das ſeyn koͤnn’, aber es ſey ſo; er habs ſelbſt geſehen. Jn einer andern Kirche blas’ ein Engel die Poſaune, daß man glaub, er lebe, und doch ſey er nur von Holz. Es muß wohl Zauberwerk ſeyn, ſonſt koͤnn’ ers nicht begrei - fen. Jn den Kirchen ſey ſo ſchoͤne Muſik, daß er glaub, die Leute in Muͤnchen muͤſſen all in den Himmel kommen, weil man ihn ihnen ſo ſchoͤn und anmuthig vormale. Es ſey eine Luſt, da zu bethen. Das Herz werd’ einem ganz weit und leicht, und man glaub, Gott muͤſſ’ einem gnaͤdig ſeyn, wenn man ſo ſchoͤne Muſik hoͤre; auch glaub er nicht, daß man viel Boͤſes thun koͤnn’, wenn man oft ſo was mit anhoͤre; das Herz werd einem ſo732 weich und mitleidig, daß man alles Boͤſe druͤber vergeſſe u. ſ. w. Kronhelm und Siegwart hoͤrten ſeiner Beſchreibung mit Vergnuͤgen zu. Kron - helm gab ihm Taſchengeld, und verſprach ihm auch, ihm in Jngolſtadt eine neue Livree machen zu laſ - ſen; der arme Kerl war ſo dankbar, daß er vor Freuden weinte, und ſagte: Er moͤchte nur wiſſen, wie er bey Gott ein ſo groſſes Gluͤck verdient habe? —
Kronhelm ließ ihn weggehn, und theilte nun mit ſeinem Siegwart ſeine Freude uͤber die frohen Aus - ſichten, die er jetzt, in Abſicht auf Thereſen hatte. Er machte ſchon Entwuͤrfe, wie er ſein kuͤnftiges Leben einrichten wollte. Wenn mein Vater ſich nicht zu - frieden geben will, ſagte er, ſo zieh ich auf das Land - guth, wo wir mit unſrer ſeligen Mutter lebten. Jch weis, daß Thereſe ſich mit Wenigem vergnuͤgt, und mein Onkel wird ſchon auch fuͤr uns ſorgen. Wir ſind uns an jedem Ort genug, und brauchen keinen Ueberfluß, wenn uns nur die Liebe mit Zufrieden - heit ſegnet; und das wird ſie thun, ſo lang wir le - ben. Siegwart gab ihm voͤllig Beyfall, und ſagte, ſo denk er auch in Abſicht auf ſeine Mariane. Kronhelm mochte ihn noch nicht fragen, welchen Plan er ſich gemacht habe, und welche Lebensart er733 zu erwaͤhlen gedenke? Siegwart hatte auch im Taumel ſeiner Liebe daran noch nicht gedacht.
Den andern Morgen gingen ſie bey Zeiten wie - der zu Kronhelms Schwager. Dieſer wurde nach und nach vertraulicher, und legte den Hofton ziem - lich ab. Er fragte, ob ſie nicht die Merkwuͤrdig - keiten der Stadt beſehen wollten? und gab ihnen ſeinen Kammerdiener mit. Sie beſahen die Reſi - denz und beſonders den Prinzenhof, wo ſie die vie - len metallenen Bildſaͤulen, die zum Theil ſehr gut gearbeitet ſind, bewunderten; das Antiquarium, mit den vielen marmornen Bildſaͤulen der aͤltern roͤmiſchen Kaiſer, und die Kunſtkammer. Sie be - daurten nur, daß man alles nur ſo fluͤchtig beſehen kann, und von der Menge der Merkwuͤrdigkeiten mehr betaͤubt wird, als daß man das, ſich beſon - ders auszeichnende, ſtudiren, und ſeinem Gedaͤcht - niſſ’ einpraͤgen kann. Auch giengen ſie in einige Kirchen, wo die Menge von Gemaͤlden, Koſtbar - keiten und Schaͤtzen ſie blendete, und kamen um Ein Uhr zum Eſſen zuruͤck. Herr von Eller frag - te ſie nach verſchiedenem, was ſie geſehen hatten, und freute ſich, daß ſie auf die Alterthuͤmer und die roͤmiſchen Bildſaͤulen am aufmerkſamſten gewe - ſen waren, denn er ſelbſt war ein guter Alterthums -734 kenner, und ein Freund der alten Litteratur. Bey Tiſch ſprach er viel von roͤmiſchen und griechiſchen Schriftſtellern, und war uͤber die Einſichten, die Siegwart und ſein Schwager hatte, nicht wenig entzuͤckt. Er rieth ihnen, ſich in Jngolſtadt, we - gen des Griechiſchen, an den alten Jckſtadt zu wen - den, der es in dieſem Fach ausnehmend weit ge - bracht habe, und zuweilen privatiſſima uͤber den Homer, oder andre Griechen leſe. Auch ruͤhmte er ihnen den Prof. Lory (der jetzt geadelt und ge - heimer Rath zu Muͤnchen, auch Praͤſident uͤber die Univerſitaͤt Jngolſtadt iſt), als einen Mann, deſſen Herz und Verſtand, und Gelehrſamkeit gleich groß ſey. Jch kenn ihn ſehr genau, ſagte er, und hab in der Jugend mit ihm ſtudirt. Er war im Studiren unermuͤdet, forſchte ſelbſt, und pruͤfte al - les, was er hoͤrte. Jm Griechiſchen, Lateiniſchen, Jtaliaͤniſchen und Franzoͤſiſchen war er ſchon dazu - mal zu Hauſe, und ſetzte ſich noch immer mehr drinn feſt. Alles Wiſſenswuͤrdige machte er ſich zu eigen, und erweiterte nachher ſeine Kenntniſſe in den Wiſſenſchaften noch mehr zu Goͤttingen, wo er, auſſer den andern beruͤhmten Lehrern, ſich be - ſonders an den, in ſeinem Fache groſſen Puͤtter hielt, und ſich ſeine ganze Freundſchaft, die er jetzt noch735 durch Briefe unterhaͤlt, erwarb. Er iſt ein trefli - cher Mann, der alle Weisheit der Alten und der Neuen aus ihren Schriften ſammelt, und auf ſich und den Zuſtand ſeiner Mitbuͤrger anwendet, denn er iſt ein aͤchter deutſcher Patriot, der auf ſeinen Reiſen nach Frankreich und Jtalien nicht, wie ge - woͤhnlich, Thorheiten oder Laſter, ſondern Wiſſen - ſchaften, Menſchenkenntniß und Weltklugheit einge - erndtet hat, und ſie nun unter ſeine Mitbuͤrger und in ſeine Schriften ausſtreut. Er hat bey ſei - nem ſtandhaften, deutſchen, maͤnnlichen Karakter, die uneingeſchraͤnkteſte Menſchenliebe und Recht - ſchaffenheit. Kurz er iſt ein Mann, wie es heut zu Tage wenig mehr gibt. Machen Sie ihm nur eine Empfehlung von mir! Er wird Jhnen auch um meinet willen viele Freundſchaft erweiſen. — Nach Tiſche zeigte Herr von Eller unſern Juͤnglin - gen ſeine anſehnliche Kupferſammlung, und ver - wunderte ſich uͤber den natuͤrlich guten Geſchmack, den ſie zeigten. Er war aufmerkſam, als er ſie mit ſo vieler Waͤrme von neuern deutſchen Schriftſtel - lern reden hoͤrte, und ließ ſich ſogleich einige Tratt - nerſche Nachdruͤcke von deutſchen Dichtern aus dem Buchladen holen.
736Kronhelm und Siegwart blieben dieſen Abend bis zehn Uhr da, und giengen ſehr vergnuͤgt nach ihrem Gaſthof zuruͤck. Den andern Morgen, am Karfreytag, giengen ſie in die Jeſuiterkirche, wo ſie mit der groͤſten Andacht eine ſehr ſchoͤne und ruͤh - rende Trauermuſik anhoͤrten, und einen groſſen Theil des vornehmen Muͤnchner Adels ſahen. Sieg - wart wuͤnſchte nichts, als daß ſeine Mariane auch da ſeyn moͤchte, denn unter der Menge von Frauen - zimmern, die er ſah, konnte keine ſein Auge lange auf ſich ziehen. Er dachte nur, wie ſeine Mariane in ihrem ſchwarzen Kleid, und das himmliſche Ge - ſicht mit Flor bedeckt, jetzt auch im Chor knien, und uͤber die Leiden ihres Heilandes heilige und un - ſchuldsvolle Thraͤnen vergieſſen werde.
Nach dem Eſſen ſahen ſie die groſſe Prozeſſion, und die Kreuzigung, die das Jahr darauf auf kur - fuͤrſtlichen Befehl, zum Triumph der geſunden Ver - nunft, abgeſchafft worden iſt. Der Geißler und Buͤſſenden war eine faſt unzaͤhlige Menge. Ganz Muͤnchen, auch der Hof, war an Einem Ort ver - ſammelt, und die Buͤſſenden waren mehr zum Ge - praͤnge, als aus Andacht da. Marx ſagte nachher: das Geiſſeln hab ihm ſo wohl gefallen, daß er bey - nahe Luſt bekommen habe, auch mitzumachen, wenn737 er nur gleich ein leinenes Kleid und eine Geiſſel gehabt haͤtte.
Den Abend aſſen Siegwart und Kronhelm noch einmal beym Herrn von Eller. Kronhelm ſprach mit ſeiner Schweſter nochmals allein wegen There - ſen, und erhielt die wiederholte ernſtliche Verſiche - rung von ihr, ſie wolle ſich ſeiner aufs moͤglichſte annehmen, und gewiß ein kraͤftiges Vorwort bey ihrem Onkel einlegen. Um zehn Uhr nahmen die beyden Juͤnglinge Abſchied, denn ſie wollten den an - dern Morgen, mit dem Tag, wegreiten. Um 11 Uhr giengen ſie in die Frauenkirche, um die groſſe Trauermuſik, die zum Andenken der Kreuzigung des Erloͤſers aufgefuͤhrt wird, mit anzuhoͤren. Die ganze kurfuͤrſtliche Kapelle war zugegen. Der An - blick der Kirche war der feyerlichſte. Eine groſſe Menge von Wachslichtern erleuchtete die Dunkel - heit der Kirche. Oben im Gewoͤlbe ſchwebte der Weihrauchsdampf wie eine Wolke. An den Waͤn - den glaͤnzten die vergoldeten Altaͤre, Gemaͤlde und der Marmor. Die Volksmenge draͤngte ſich, und ihre Stimmen, und der Schall der Gehenden machten ein dumpfes, fuͤrchterliches Gemurmel. Die ſchwarze Kleidung der meiſten Frauenzimmer machte die Scene noch feyerlicher. Auf Einmal738 wurde das wehmuͤthige Miſerere von Allegri an - geſtimmt. Das Gemurmel ſchwieg; alle Geſichter wendeten ſich nach dem Chor hin, und glaͤnzten im Schein der Wachslichter. Jede Bruſt war von Bangigkeit beklommen. Aus allen Mienen ſprach allgemeine Wehmuth. Die Jnſtrumente klangen dumpf wie aus dem Grab. Die tiefe Demuth und die Traurigkeit der Singſtimmen ergoß ſich in jedes Herz. Ein allgemeines Sehnen nach Erbarmung athmete aus jeder Bruſt. Jn Siegwarts Seele wars wie das Sehnen nach der Auferſtehung. Er weinte, denn er dachte ſich die Liebe Chriſti, die fuͤr uns geſtorben iſt, dachte alle die unabſehlichen Fol - gen dieſes Todes, die in alle Ewigkeit fortſtroͤmen; ſah ſeinen Heiland am Kreuze hangen, und mit Hei - terkeit hinab ins Grab blicken; ſah die Augen aller auf ihn gerichtet, die im Elend ſchmachten; ſah die Dunkelheit der Graͤber, und das aͤngſtliche Har - ren der Kreatur nach der Erloͤſung und der Aufer - ſtehung; ſah auch ſeine Mariane mit ſchon halbge - brochnen Augen zu ihm aufblicken. Seine Seele bat zu ihm fuͤr ſie, fuͤr ſich, und alle Menſchen. Laß ſie Alle Eins werden! dacht’ er, mach ſie Alle ſelig! — Zum Schluß ward noch ein herrliches739 Oratorium aufgefuͤhrt, das aller Herzen hob, und mit Ausſichten in die Ewigkeit erfuͤllte.
Marx ging mit Kronhelm und Siegwart heim. Er ſprach lange nichts. Endlich ſagte er: Er glau - be, im Himmel werde einſt lauter Muſik gemacht werden, denn ſchoͤners koͤnne man wol nichts er - denken. Siegwart und Kronhelm legten ſich noch in den Kleidern drey oder vier Stunden zu Bette, und mit Sonnenaufgang ritten ſie aus der Stadt weg. Siegwart freute ſich unausſprechlich, ſeine Mariane bald wieder zu ſehen. Sein Pferd lief ihm viel zu langſam, und er konnte den Abend kaum erwarten. Auf dem ganzen Wege fiel nichts wichtiges vor. Die beyden Freunde unterhielten ſich wechſelsweis von ihrem Gluͤck, und kamen, mit dem Bedienten, Abends ziemlich fruͤh in Jn - golſtadt an, weil Siegwart ſo ſehr getrieben hatte. Seine Mariane lag im Fenſter, und winkte ihm mit den Augen, daß er ſie beſuchen moͤchte. Er hatte auch kaum ſeine Reiſekleider ausgezogen, ſo gieng er mit Kronhelm hinuͤber. Der Hofrath Fiſcher war allein bey ſeiner Tochter im Zimmer, weil die Mutter zu der Schwiegertochter gegangen war, die ſich nicht recht wohl befand. Die Liebenden ſahn einander mit einer Sehnſucht an, als ob ſie740 ſich Jahre lang nicht geſehen haͤtten. Gern waͤren beyde einander in die Arme geflogen, und haͤtten ſich ans Herz gedruͤckt, wenn nicht die Gegenwart des Vaters ſie zuruͤckgehalten haͤtte. Kronhelm und Siegwart muſten viel von Muͤnchen, von der Prozeſſion, und der Trauermuſik erzaͤhlen. Ma - riane hieng an den Augen ihres Juͤnglings, wie die Seele eines Jnbruͤnſtigbetenden am Krucifix. Sie ſchenkte ihm Kaffee ein. Er bemerkte die Stelle, wo ſie die Schaale gehalten hatte, und druͤckte ſie, mit einem Blick auf ſeinen Engel, an den Mund. Nach einer halben Stunde gieng der Hofrath auch zu ſeiner Schwiegertochter, und ent - ſchuldigte ſich bey Kronhelm und Siegwart, daß er ſie allein laſſen muͤſſe. Mariane leuchtete ihrem Vater die Treppe hinunter. Als ſie wieder zuruͤck kam, ſah ſie ihren Siegwart zaͤrtlich an, gab ihm die Hand, und ſank in ſeinen Arm. Er konnte vor Entzuͤcken ſo wenig ſprechen, als ſie. Nur Kuͤſſe und ſeelenvolle Blicke druͤckten die Empfin - dungen ihrer Herzen aus. — Haben Sie zuwei - len auch an mich gedacht? fragte Siegwart endlich. Jmmer, immer! gab ſie zur Antwort. Jch ſah hundertmal des Tags nach Jhrem Fenſter, ob ich Sie nicht ſehe? Und dann fiel mir erſt ein, daß741 Sie weit von hier waͤren, und da ward ich trau - rig und weinte. Vorgeſtern und geſtern Abend ſah ich unaufhoͤrlich aus dem Fenſter, ob Sie noch nicht kommen? und als ich mich in meiner Er - wartung betrogen fand, hatt ich tauſenderley trau - rige Vorſtellungen, daß Jhnen ein Ungluͤck be - gegnet ſeyn moͤchte. So oft ich in der Ferne ein Pferd kommen hoͤrte, fing mein Herz laut zu ſchlagen an, weil ich dachte, nun kommt er. Heut, als ich Sie kommen ſah, war ich ſo auſſer aller Faſſung, daß ich fuͤrchte, meine Mutter habe es gemerkt. Das Beſte iſt, daß ſie auch aus dem Fen - ſter ſah, und alſo meine Bewegung nicht wahr - nehmen konnte. — Er ſchloß ſie feſter an ſein Herz, und belohnte mit dem heiſſen Kuß der Liebe ihre Zaͤrtlichkeit. Dann fragte ſie, was Kronhelm ausgerichtet habe? und freute ſich uͤber die frohen Ausſichten, die er hatte. — Alles Gluͤck der Zaͤrtlichkeit ergoß ſich dieſen Abend uͤber unſre beyde Liebende. Sie empfanden die Seligkeit, ein - ander zu beſitzen, nun noch mehr, weil die kurze Trennung ſie gelehrt hatte, wie unentbehrlich eins dem andern ſey. Marianens Bruder kam ihnen nur allzufruͤh, nach Haus, und das Geſpraͤch ward gleichguͤltiger, auſſer daß die Liebenden ſich zuwei -742 weilen mit dem beredten Blick der Liebe ſeitwaͤrts anſahn. Die Hofraͤthin kam bald darauf auch nach Haus, und hatte eine herzliche Freude uͤber die gluͤck - liche Zuruͤckkunft unſrer Juͤnglinge. Beym Weg - gehn leuchtete Mariane ihrem Siegwart und ſeinem Freund die Treppe hinunter, und erzaͤhlte ihm, wie gut ihm ihre Mutter ſey, und wie vortheil - haft ſie ſehr oft von ihm ſpreche. Eine Nach - richt, die unſerm Siegwart auſſerordentlich ange - nehm war. Nach etlichen Kuͤſſen und Umarmungen trennten ſich die Liebenden, weil ſie fuͤrchteten, der Hofrath moͤchte bald zuruͤckkommen, und ſie in der Hausthuͤre uͤberraſchen.
Den andern Morgen, welches der Oſtertag war, ſah Siegwart ſeine Mariane in der Kirche. Jhre feſtliche Kleidung, ihr aufgeheitertes Geſicht, die hohe Andacht, die draus hervorleuchtete, bezau - berten ſein Herz mehr als jemals. Als er in ſei - ner Freude nach Hauſe gieng, und ſich im Taumel ſeiner Wonne kaum faſſen konnte, da ward er auf Einmal durch Kronhelms Anblick drinn geſtoͤrt. Dieſer kam ganz beſtuͤrzt, mit einem Brief in der Hand zu ihm aufs Zimmer. Jch muß fort! ſagte er, und warf den Brief auf den Tiſch. Siegwart743 ſah ihn betroffen und ſtillſchweigend an. Lies nur! ſagte Kronhelm. Siegwart las:
Daß Zibberlein hat mich abermalen hingeworfen, daß ich glauben thaͤt, es ſey aus. Es wirt mir gewiß noch einmal den Fang geben. Will mich in Goddes Nam̃en darauf vorbereiten thun, und mein Schloß beſtellen. Du muoſt darbey ſeyn, darum komm! haſt meiner Seel gnuog Gelt an das verdrakte Stuttieren verwendt, daß ich denk, es ſey genuog. Du weiſt wol, daß bey einem Jun - ker bey den Buͤchern nigs herauskommen thut. Pack alſo auf, und komm baͤlder als balt, oder ’s geht nicht guot. Wenn du kommen thuſt in fier Taͤgen, ſo bin ich dein gedreuer Vatter
Was haͤltſt du von dem Brief? ſagte Kronhelm. Jch halt ihn fuͤr ſo ſchlimm nicht, antwortete Siegwart. Daß du fort muſt, das iſt freylich traurig, und fuͤr mich am meiſten, aber ſonſt ſeh ich nichts Boͤſes bey der ganzen Sache. Wenn dein Vater, wie es ſcheint, ſo ſchwach iſt, daß er bald ſterben koͤnnte, ſo wirſt du dein eigner Herr, und dann … Schon gut, fiel hier Kronhelm ein;744 aber ich habe eine Ahndung … Jch weis ſelbſt nicht. Mein Vater koͤnnte leicht andre Abſichten haben. Er wird wieder von Thereſen anfangen, und da zittr’ ich, wenn ich dran denke. — Sieg - wart ſuchte ihn, ſo viel als moͤglich, zu beruhi - gen, und ihm allen Argwohn zu benehmen. Er ſuchte ihm groͤßre Hofnungen einzufloͤſſen, als er ſelber hatte, und ſprach ihm Muth ein, da es ihm doch ſelbſt daran gebrach; denn der Gedanke, ſei - nen beſten Freund ſo bald zu verlieren, beugte ihn tief nieder. Wenn alles fehlſchlaͤgt, ſagte er, ſo haſt du ja deinen Onkel, auf den du dich verlaſſen kannſt. Er wird ſich der Haͤrte deines Vaters ge - wiß widerſetzen, und ſich deiner annehmen. Durch dieſe und andre Vorſtellungen wurde Kronhelm etwas ruhiger, und beſchloß, gleich den andern Tag abzureiſen. Jch will meine meiſten Sachen hier laſſen, ſagte er; vielleicht komm ich wieder. Wenigſtens will ich alles thun, was ich kann; denn was ſoll ich bey meinem Vater machen, zumal wenn er krank und verdrießlich iſt?
Siegwart beſtellte fuͤr ſeinen Freund einen Miethkutſcher, und fuͤr ſich ein Pferd, um ihn einige Stunden weit zu begleiten. Er verbarg ſeine Traurigkeit ſorgfaͤltig, um ihm nicht den Abſchied745 ſchwerer zu machen, oder ſeine traurige Vorſtellun - gen und Ahndungen zu vergroͤſſern. Kronhelm packte indeſſen ſeine noͤthigſten Sachen zuſammen, und nahm dann beym Hofrath Fiſcher, und eini - gen wenigen Freunden Abſchied. Seine oͤkonomi - ſchen Umſtaͤnde waren bald in Richtigkeit gebracht, da er jedermann ſogleich bezahlte. Gegen Abend war er fertig, ohne daß er ſelber wuſte, wie er dazu gekommen war. Nun konnt er ſich erſt be - ſinnen, und an ſich ſelber denken. Nun fiel ihm erſt die nahe Trennung von ſeinem Siegwart ſchwer aufs Herz. Nun ſollte er zum zweyten - mal, und, Gott weis wie lange? ſich von ſeinem Herzensfreund, von dem Bruder ſeiner Thereſe, der ihm, nach ihr, alles auf der Welt war, tren - nen. Nun ſollt’ er einem Vater entgegen gehen, der wenig oder gar kein menſchliches Gefuͤhl hatte, der ihm das Kleinod ſeines Herzens rauben wollte. Er ſaß in der Daͤmmerung, ſah ſeinen Siegwart an, und verſank in die tiefſte Nacht des Kummers. Jn ſeiner Seele waͤlzten ſich tauſend Zweifel hin und her. Seine Phantaſie thuͤrmte Gefahren auf Gefahren vor ihm auf. Siegwarts Geſicht kam ihm in der Daͤmmerung wie Thereſens ihres vor. B b b746Die tiefe Traurigkeit, die drinn ſaß, ſchien ihm eine ewige Trennung anzukuͤndigen. Er konnte ſich nicht laͤnger halten, ſprang auf, druͤckte ſeinen Siegwart feſt ans Herz, und rief: Bruder, Bruder, was wird aus uns werden! Unſerm Siegwart ſtuͤrzten die Thraͤnen aus den Augen; er konnte nichts ſprechen, und ſchloß ſeinen Freund noch feſter ans Herz. — Wir werden gar zu traurig, ſagte er endlich; laß uns etwas anders ſprechen, oder uns ein wenig ausgehen.
Jch kann zu keinem Menſchen gehen! ſagte Kronhelm; ich weis nicht, wie mir iſt? Jch bin fuͤr alle Geſellſchaft unbrauchbar. Das iſt ein erſchrecklicher Zuſtand! Jch ſeh nichts vor mir, als Trennung und Elend. Jndem ward an die Thuͤre geklopft, und Dahlmund kam. Jch konnte heut nicht genug mit dir reden, Kronhelm! ſagte er, weil jemand bey mir war. Dir und Siegwart hab ichs zu verdanken, daß ich von der Weiſſin los bin, und mit ihrem liederlichen Kerl mich nicht geſchlagen habe. Heut iſt er durchgegangen, und hat ein paar hundert Gulden Schulden hinterlaſ - ſen. Kuͤrzlich hat er noch beym Kaufmann etliche Ellen Stoff zu einem Kleid ausgenommen, und ihr verehrt. Nun will der Kaufmann von ihr747 die Bezahlung, oder ſeinen Stoff wieder, und druͤber wird ſie das Geſpraͤch der ganzen Stadt. O, ich bin ſo froh, daß ſie mich nicht mehr in ihren Klauen hat. Jhr habt brav an mir gehan - delt, daß ihr mich ſo von ihr losriſſet, und ich werd es nie vergeſſen. Es thut mir nur leid, Kronhelm, daß wir dich ſo bald verlieren ſollen. — Siegwart lenkte das Geſpraͤch, mit Vorſatz, auf etwas anders, und Kronhelm ward nach und nach ziemlich zerſtreut, und, nach Umſtaͤnden, munter.
Dahlmund blieb noch ein paar Stunden da, und nahm von Kronhelm mit vieler Ruͤhrung Ab - ſchied. Siegwart bat ſeinen Freund, fruͤhzeitig zu Bett zu gehen, weil ſie morgen bald aufſtehen wollten. Er war beſorgt, ſie moͤchten beyde wie - der in den ſchwermuͤthigen Ton herab ſinken, und ſein Freund moͤchte Zweifel aufwerfen, die er nicht im Stand waͤre, umzuſtuͤrzen; denn er ſchloß wirk - lich aus dem Schreiben des Junker Veit wenig Gutes. Kaum war er allein auf ſeinem Zimmer, ſo brach ſein Schmerz mit aller Gewalt aus. Er fuͤhlte den Verluſt, den er leiden ſollte, in ſeinem ganzen Umfang. Es war ihm jetzt gedoppelt ſchmerzhaft, ſeinen einzigen und beſten Freund zu verlieren, da er kaum einen Vertrauten ſeiner Liebe748 entbehren konnte, und doch keinen Menſchen auf der Welt wuſte, dem er ſich ſo ganz anvertrauen koͤnnte, denn mit Dahlmund war er nicht vertraut genug. Nach vielen Thraͤnen, und tauſend aus - geſtoßnen Seufzern legte er ſich endlich zu Bette.
Um 4 Uhr weckte ihn Kronhelm wieder, und war ſo bewegt, daß er kein Wort ſprechen konnte. Sie tranken ſtillſchweigend mit einander Kaffee, packten das noch uͤbrige zuſammen, und reiſten um 5 Uhr ab. Mariane trat in ihrem Nachtzeug ans Fenſter, gruͤßte Kronhelm noch einmal halb freund - lich und halb traurig; auf ihren Siegwart warf ſie einen ſchmachtenden und liebevollen Blick. Vor dem Thor fragte Siegwart: Weis ſies, daß ich dich nur etliche Stunden weit begleite, und heut wieder zuruͤckkomme? Ja, ich hab ihrs geſtern geſagt, ant - wortete Kronhelm. Weil Siegwart im Reiten ne - ben der Kutſche nicht gut mit ſeinem Freunde ſpre - chen konnte, ſo ließ er den Marx auf ſein Pferd ſitzen, und ſetzte ſich zu ihm hinein, denn jetzt, in der freyen Luft, wurden ihre Herzen leichter, und ſie konnten eher mit einander ſprechen. Jhre Un - terhaltung war, wie natuͤrlich, traurig. Jhre Blicke ſprachen mehr, als ihre Zunge. Gruͤß Thereſen tauſendmal! ſagte Kronhelm; ſchreib mir alles, was749 du von ihr weiſt! Unſer Schickſal muß ſich nun bald entwickeln. Wenn ſie nur Muth genug hat, alles zu erwarten! Zwar ich hoffe viel; aber, Bru - der, unſer Schickſal ſteht in Gottes Hand; wir koͤnnen nichts thun, als ihm willig folgen ohne Murren. Jch habe doch bey allem, was mir noch bisher begegnete, erfahren, daß es nichts als weiſe Guͤte iſt, wodurch uns Gott regiert. Dieſer Grund - ſatz kann mich allein bey allen Widerwaͤrtigkeiten troͤſten. Laß ihn in dir leben und weben, und ſorg, daß ihn auch mein Engel ſich ganz zu eigen macht! Jch ſchreibe dir, ſobald als moͤglich. Lie - ber Freund, daß wir uns trennen muͤſſen, iſt ſehr hart, und doch werden wir noch einſehn, daß es auch weiſe Guͤte war, die uns trennte. — Wir haͤtten uns weit beſſer genieſſen koͤnnen. Jeder Augenblick, der uns ungenoſſen hinfloh, ſchmerzt mich jetzt. Wie oft ſaſſen wir eine Stunde lang beyſammen, ohne zehn Worte zu ſprechen. O, wenn doch der Menſch die Zeit recht zu genieſſen wuͤſte! Aber hinter drein wird man weiſe. — De - ſto beſſer, ſagte Siegwart, werden wir die Zeit be - nutzen, wenn uns Gott wieder zuſammen fuͤhren ſollte. O Freund, wird es wohl geſchehen? — Ja, ich hoff es, hoff es, ſagte Kronhelm. Ohne750 dieſe Hoffnung waͤre mir die Trennung unertraͤg - lich. Aber ſchreib mir fleiſſig. Laß mich nicht in meiner Einſamkeit verſchmachten! — Du mich auch nicht, Kronhelm! Du weiſt, wie ich ohnehin zur Schwermuth geneigt bin. Wenn ich dich nicht haͤtte, und es ginge mir in meiner Liebe widerwaͤr - tig! Bruder, Bruder, ſchreib mir! — Du muſt gluͤcklich werden, ſagte Kronhelm, du, und Mariane! Wenn ein Menſch es werth iſt, ſo ſeyd ihrs. Aber, Bruder, du muſt dich bald entſchlieſſen, welche Le - bensart du waͤhlen willſt. Ein Geiſtlicher wirſt du nun doch nicht, und das iſt recht gut, ich war nie damit zufrieden. Aber, da Mariane weis, was du bisher ſtudirt haſt, ſo koͤnnte ſie leicht unruhig werden. Neiß ſie bald aus ihrer Unruhe! — Jch wills thun, Bruder! verſetzte Siegwart. Es geht mir ſchon lang im Kopf herum, und quaͤlt mich heimlich. Jch bin ſelber noch nicht ſchluͤſſig; ſo bald ichs bin, ſchreib ich dir davon. Ein Geiſtli - cher kann ich freylich nicht werden. Gott wird mirs vergeben, und ich hoffe, mein Vater wird es auch zufrieden ſeyn. Jch muß mich erſt an The - reſen wenden. — Thu es bald! ſagte Kronhelm du weiſt, wie der Engel denkt. —
751So fuhren ſie unter freundſchaftlich wehmuͤthi - gen Geſpraͤchen noch drey Stunden fort. Kron - helm fragte ſeinen Freund etlichemal, ob er nun nicht ausſteigen und umkehren wollte? Aber Sieg - wart wollte gar nichts davon hoͤren. Laß mir noch die Freude, ſagte er, dich ein paar Stunden laͤnger zu haben! Wer weis, wenn wir wieder ſo beyſam - men ſind. Zuletzt wagte Kronhelm nicht mehr, etwas zu ſagen, bis ſie endlich in ein Dorf, 5 Stun - den von Jngolſtadt kamen.
Hier hielt der Fuhrmann, um die Pferde zu fuͤt - tern. Siegwart und Kronhelm aſſen etwas weni - ges zuſammen, und ſprachen nur ſehr ſelten. Viel - leicht iſt dieß das letzte Mittagseſſen, ſagte Sieg - wart ſeufzend. — Nicht ſo zaghaft, Bruder, ver - ſetzte Kronhelm; man ſieht ſich immer wieder, hat einmal ein weiſer Mann geſagt; ſeitdem iſt dieß mein Troſt bey jeder Trennung. Wer weis, ob ich nicht in wenig Wochen oder Tagen wieder in Jngolſtadt bin? Und dann ſind wir ja nicht ſo weit von einander. — Hofnung iſt freylich das beſte, wenn man ſonſt nichts hat, ſagte Siegwart.
Endlich ſagte der Fuhrmann: Er habe ange - ſpannt. Kronhelm, der eben ein Glas Mallaga in der Hand hatte, und trinken wollte, ſtellte das752 Glas wieder hin, ohne einen Tropfen zu trinken, ſtand auf, legte ſeinen Ueberrock an, gab ſeinem Be - dienten ſeinen Stock und Degen, und umarmte ſeinen Siegwart. Keiner konnte ein Wort ſprechen. Sie gingen aus der Thuͤre, und und umarten ſich noch ein - mal. Gott ſey mit dir! ſagte jeder! — Gruͤß The - reſen tauſendmal, und Marianen! Leb wohl, Bruder, vergiß meiner nicht, ſchreib mir fleißig, und ſey gluͤck - lich! Mit dieſen Worten ſtieg Kronhelm in den Wa - gen. Siegwart eilte, thraͤnenlos, an den Schlag, druͤck - te ſeinem Freunde noch einmal die Hand. Marx nahm den Hut weinend ab, und der Wagen ſchwand aus Siegwarts Augen.
Die Wirthsleute ſtunden da, und wiſperten zu - ſammen. Die Herren muͤſſen recht viel auf einan - der halten, ſagte die Wirthin; ſie machen, daß einem das Weinen ankommt. Ja, ja, das ſcheint ein braver Herr zu ſeyn, der da fortgefahren iſt. Er war ſo ſtill und freundlich, daß man ihm nicht boͤs ſeyn konnte. Nun, Gott geb ihm Gluͤck auf den Weg! Dieſe Rede voll Einfalt ruͤhrte unſern Siegwart ſo ſehr, daß ihm nun erſt die Thraͤnen in die Augen ſchoſſen. Er trank noch ein paar Glaͤſer Wein, bezahlte, und ritt fort.
753Auf dem Wege brach ſein Herz ganz. Nun al - lein zuruͤck zu reiten, ſich mit jedem Schritte mehr von dem Freund ſeiner Seele zu entfernen, der Gedanke begleitete ihn unaufhoͤrlich. Gott ſegne ihn! war alles, was er denken konnte. Gott! ich hab ihn durch Mistrauen ſo beleidigt! O vergib mir, wenn es moͤglich iſt! Weiter fuͤhlte ſeine Seele nichts. — An Marianens Buſen ſeinen Schmerz auszuweinen, war der Wunſch, der ihn befluͤgelte, daß er in drittehalb Stunden zu Jngol - ſtadt ankam. Der Hofrath Fiſcher ſah aus dem Fenſter, als er abſtieg, und fragte, ob er den Herrn von Kronhelm gluͤcklich verlaſſen habe? Jch komm hinuͤber, ſagte Siegwart, wenn Sie es er - lauben wollen. Nach einer halben Stunde gieng er hinuͤber, und brachte dem Hofrath tauſend Em - pfehlungen von Kronhelm. Der Hofrath lobte ihn ſehr. Mariane war nicht gegenwaͤrtig. Sieg - wart war daruͤber innerlich ſehr unruhig, aber ſei - ne Verwirrung ſchien von der Trennung von Kron - helm herzuruͤhren. Nach anderthalb Stunden wollte er wieder gehen. Der Hofrath ſagte aber, ob er nicht noch auf ſeine Tochter warten wolle? Sie muͤſſe alle Augenblicke von einem Beſuch bey einer Freundin zuruͤckkommen. Dieß war eine Herz - ſtaͤrkung fuͤr unſern kranken Juͤngling.
754Nach einer Viertelſtunde kam ſein Engel. Ver - zeihn Sie! war ihr erſtes Wort. Jch vermuthe - te Sie hier, aber ich konnte mich nicht losreiſſen. Jſt er gluͤcklich fortgekommen? — Tauſend Gruͤſſe, ſagte er; der Abſchied war unendlich ſchmerzlich fuͤr uns beyde. Ach, ich glaub es; verſetzte ſie, und ſeufzte. Nach einigen Erzaͤhlungen ging der Hof - rath auf ſein Zimmer, weil er Geſchaͤfte hatte. Siegwart ſank in Marianens Arm, und weinte. Eine Stunde lang konnte er nichts, als ſeufzen. Sein Mund hing feſt am ihrigen, und Thraͤnen miſchten ſich in ihre Kuͤſſe. Verzeihn Sie, Theu - re! ſagte er, ich kann heut nicht ſprechen. Gott weis, wie mir zu Muth iſt! Haͤtt’ ich Sie nicht, ich verginge. — Sie ſtreichelte ihm die Thraͤnen von den Wangen, oder kuͤßte ſie weg. Nach einer halben Stunde hoͤrten ſie ein Geraͤuſch. Mariane ſprang ans Klavier und ſpielte eine Phantaſie. Es kam niemand auf das Geraͤuſch. Sie ſpielte eine traurige Opernarie von Haſſe. Es war ein Ab - ſchiedslied. Das Wort: Adio! war drinn auſſer - ordentlich ausgedruͤckt. Sie hatte ausgeſpielt, und ſah ihn an. Er wollte eben an ihr Herz ſinken, als der Hofrath wieder ins Zimmer kam. Nach755 einer Viertelſtunde ging Siegwart weg. Zu Hauſe machte er ein Lied:
Den andern Tag gieng Siegwart traurig und niedergeſchlagen umher. Der Schmerz um ſeinen verlohrnen Freuud begleitete ihn aller Orten hin. Seine Mariane konnte er nur ſehen, aber nicht ſprechen. Abends fieng er einen ſehr wehmuͤthigen Brief an Kronhelm an. Den Tag drauf erhielt er folgenden Brief von Thereſen.
Jch eile, dir die angenehmſte Nachricht zu ſchreiben. Vor drey Tagen ließ ſich ein fremder Herr bey unſerm theuren Vater melden. Wir machten uns ſo ſchnell als moͤglich auf ſeine An - kunft gefaßt. Er war ſehr hoͤflich, und bat ſich, auf eine angenehme Art, ſelbſt zu Gaſt. Er hatte aber ſeine eigne Kuͤche und drey Bediente bey ſich, die ihn Herr geheimer Rath nannten. Jch war in der Kuͤche, und machte einige Zuruͤſtungen. Er frug aber nach mir, und ſagte, daß ich nothwen - dig mit bey Tiſche ſeyn muͤſſe. Du kannſt dir nicht vorſtellen, wie leutſelig und herablaſſend der Herr757 war, und trug doch einen Stern auf der Bruſt. Aber ob er gleich ſo vornehm ausſah, ſo muſt ich ihn doch lieb haben, denn er hatte nicht den ge - ringſten Stolz an ſich. Mit mir gab er ſich viel ab, und fragte mich allerley aus. Sie ſind ja ſo blaß, liebes Jungferchen, ſagte er; in Jhrem Au - ge ſitzt ſo etwas; iſts vielleicht ungluͤckliche Liebe? Jch ward feuerroth, und konnt ihn lange nicht mehr anſehn. Er lobte mich auch gegen unſern l. Vater ſo, daß ich gern weit weg geweſen waͤre, ob mirs gleich im Herzen wohl that, von einem ſo braven Mann gelobt zu werden. Mit dem l. Va - ter gieng er auf einen recht vertraulichen Fuß um, daß dieſer ganz vergnuͤgt und offenherzig wurde. Einmal, als die Bedienten weg waren, wendete er ſich ſchnell zu mir, und ſagte: Kennen Sie nicht einen jungen Kronhelm? dabey ſah er mich ſo ſteif ins Auge, als ob er mir durchſehen wollte. Gott weis, wie mir da auf Einmal wurde? Mein Ge - ſicht brannte. Jch weis nicht, was ich zur Ant - wort gab? Jch glaub, ich ſagte: Ja, ich kenn ihn. Er iſt mein Neffe, ſagte er; ich heiß auch Kron - helm. Unſer Vater ſtand auf, weil der Herr ſehr viel in Muͤnchen gilt, und wollte ſich wegen ſei - ner Vertraulichkeit entſchuldigen. Er muſte aber758 gleich wieder nieder ſitzen. Wir ſind gute Freun - de, Herr Amtmann, ſagte er, und muͤſſen uns noch naͤher kennen lernen. Keine Komplimente! — So kennt Sie meinen Neffen, gutes Maͤdchen, und liebt ihn auch? Nicht wahr? Scheuen Sie ſich nur nicht, es zu ſagen! Jch bins wohl zu - frieden! Er verdient Sie, und iſt Jhnen auch gewiß recht gut. Faſſen Sie ſich nur! Es iſt mir recht lieb. Mein Wort haben Sie. — O liebſter Bru - der, es war mein Gluͤck, daß er ſo freundlich war, und daß ich weinen konnte; ſonſt waͤre mein Herz zerſprungen. Jch muſte mein Schnupftuch vors Geſicht halten, ſo ſehr weint ich. — Dieſe Thraͤnen ſind alles werth, ſagte er; und dann zu unſerm Vater: Unſre Kinder ſind einander auch werth; nicht wahr, lieber Herr Amtmann? Mein Neffe hat eine gute Wahl getroffen. Ein ſolches Maͤdchen haͤtt ich in meiner Jugend auch geheira - thet, wenn ich eins gefunden haͤtte. Jhr ſollt mir an Kindesſtatt ſeyn! Sie lieben ihn doch noch recht herzlich? — Hier nahm er mich bey der Hand. O Bruder, ich dacht, ich haͤlt in Thraͤnen zerflieſſen moͤgen. So ein Herr iſt mehr werth, als die ganze Welt! Unſer beſter Vater ſprach kein Wort, und ward ganz blaß. — Mein Bruder759 iſt ein harter Mann, ſagte der geheime Rath. Jch will ernſtlich mit ihm reden. Morgen reis ich zu ihm. Wenn er nicht nachgiebt, ſo nehm ich mich meines Vetters an; ich kann ihm ſchon Vermoͤgen geben, denn ich habe keine Kinder. — Dann redete er mit unſerm Vater allerley ab. Mir ſagte er, ich ſollte guten Muth faſſen, und mich gar nichts anfechten laſſen; ſein Vetter muͤſſe mein ſeyn! und was er ſonſt noch ſchoͤnes ſagte, das ich vor Freuden nicht alle merken konnte. Er verſprach, in etlich Wochen Richtigkeit zu machen, und dem lieben Vater, und mir ſelbſt zu ſchreiben. Gegen Abend fuhr er wieder weg. Unſern Vater umarmte er, wie ein Bruder den andern; und mich kuͤßte er auf die Backe, und ſagte: Mein Vetter wird doch nicht eiferſuͤchtig werden? Wir ſchickten ihm 1000 heiſſe Segenswuͤnſche nach.
O Bruder, ich kann dir nicht ſagen, was alles in mir vorgeht? Es iſt, als ob ich ein ganz neues Leben anfienge. Die Welt hat ſich um mich her veraͤndert. Die Thraͤnen ſtehen mir immer in den Augen, und ich kanns noch kaum glauben, was ſich mit mir zugetragen hat. Meinen Kron - helm, meinen ewig, ewig theuren Kronhelm ſoil ich wieder haben! Groſſer Gott! Meine Leiden760 waren zwar ſehr groß, aber dieſen Lohn, dieſes alles uͤberwiegende Gluͤck hab ich nicht verdient. O mach michs wuͤrdig! Mach michs wuͤrdig! — Bruder, was iſt alles Leiden dieſer Zeit gegen ſo eine Stunde? — Und doch — iſt mir oft ſo bang! Jch habe ſo ſchwarze Ahndungen, ſo ſchwere Traͤume! Jch fuͤrcht immer noch, ich ver - lier es wieder. — Groſſer Gott, vergib mir, wenn es Undank oder Mistrauen iſt? Hilf mein Gluͤck mir ertragen! Mir iſts noch zu ſchwer! — Tau - ſend, tauſend Gruͤſſe und Umarmungen an meinen, meinen Kronhelm! Jch kann ihm noch nicht ſchreiben. Bruder, Gott weis, ich kann nicht! Mein Herz iſt noch gar zu voll. Hilf mir be - ten, und Gott danken! Unſer beſter Vater iſt wie neugebohren und gruͤßt tauſendmal. Gott! wie hat ſich alles mit uns veraͤndert! — Jch weis, du nimmſt an meinem Gluͤck Antheil. O Bruder, Gott mache dich doch auch recht gluͤcklich! Schreib mir doch bald
Siegwart konnte ſich der Freudenthraͤnen nicht enthalten, als er dieſen Brief geleſen hatte. 761Gott, wie gut biſt du! rief er einigemal aus. Dank! Dank! Du kannſt mich auch nicht ver - laſſen! O mein Kronhelm, o mein Kronhelm, du biſt gluͤcklich! O meine Schweſter, meine Schweſter! — Er warf ſich auf ſeine Knie. Gott! Barmherziger, Gnaͤdiger! O, auch mich, auch mich! Und Marianen! — Der halbe Tag zerfloß ihm unter einem fortdaurenden Taumel. Bald ſchrieb er etliche Zeilen in dem Brief an Kronhelm! Bald gieng er wieder auf dem Zimmer auf und ab. Zuweilen grif er nach einem Buche, wollte drinn leſen, und ſchlug es wieder zu; ſeine Seele war viel zu zerſtreut, und ganz getheilt. Er ſehn - te ſich nach jemand, dem er ſeine Freude mitthei - len koͤnnte; aber, ach, er hatte niemand, und nun fuͤhlte er, mitten in ſeiner Freude, die Tren - nung von ſeinem Kronhelm doppelt wieder. Er ſah Marianen am Fenſter: er wuͤnſchte, ihr den Brief zeigen, und ſie an ſeiner Freude mit Antheil nehmen laſſen zu koͤnnen; aber er wagte es nicht, ſie wieder zu beſuchen, da er erſt vor zwey Tagen da geweſen war. Nach Tiſche ſah er ſie mit ihrem Bruder ausgehn, und vermuthete, da ſie einenC c c762Sonnenſchirm trug, daß ſie vor das Thor gehen werde.
Er zog ſich auch an, und gieng vor das naͤchſte beſte Thor, weil er nicht wuſte, wo ſie hingegan - gen war. Es war ſchon ein voͤlliger Fruͤhlingstag, die Sonne ſchien warm, alle Kraͤuter und Fruͤh - lingsblumen keimten ſchon hervor; die Lerchen ſan - gen in der Luft, und die Aemmerlinge, Zaunkoͤni - ge und andre Voͤgel im Gebuͤſch. Seine Seele ſchwang ſich mit den Lerchen auf, und freute ſich der reinen aufgehellten Luft. Freude und Weh - muth graͤnzten aneinander; er war bewegt, daß ſein Aug in Thraͤnen glaͤnzte. Er ſehnte ſich nach Marianen, aber ſie war nirgends. Von fern ſah er ein Frauenzimmer gehn; ſein Herz klopfte; er eilte, um ſie einzuholen; aber es war nicht ſein En - gel, und er ward noch wehmuͤthiger. An einer etwas erhoͤhten Stelle, die von einer Dornhecke geſchuͤtzt war, fand er endlich blaue Veilchen. Er ſchrie laut auf, als er ſie ſah, pfluͤckte, und band ſie mit einem Grashalm in ein Straͤuschen. Haͤtt’ euch Mariane! ſagte er halb laut; moͤchtet ihr an ihrem Buſen bluͤhn! — O Kronhelm, waͤrſt doch du da! Aber du biſt gluͤcklich, und ich kann763 dich nicht beneiden! Singend, und mit ſich ſelber ſprechend gieng er wieder nach der Stadt zu.
Nur ſo allein, Herr Siegwart? rief eine Stim - me aus einem Gartenhaͤuschen. Stutzend ſah er auf, und erblickte Marianen. Sie rief ihm in den Garten. Sind Sie hier? ſagte er; ich habe Sie geſucht. Jch ſahs, daß ſie ausgiengen. Das iſt mein Garten, antwortete ſie. Jch haͤtts Jhnen gern wiſſen laſſen, daß ich hier bin, aber ich konn - te nicht. — Wo iſt Jhr Bruder? fragte er. Auf die Jagd gegangen, war die Antwort. Das iſt ja erwuͤnſcht, daß Sie hier ſind. Was machen Sie? trauren Sie noch um Jhren Kronhelm? — Hierauf erzaͤhlte er ihr die freudige Nachricht, die er heut von ſeiner Schweſter erhalten hatte, und gab ihr den Brief zu leſen. Sie nahm herzlichen Antheil daran, und freute ſich uͤber das Zutrauen ſehr, das ihr Juͤngling zu ihr hatte. — Darf ihr Bruder mich hier antreffen? fragte nachher Sieg - wart — O ja, antwortete ſie. Er iſt Jhnen jetzt recht gut. Man muß ſchon ein uͤbriges bey dem Menſchen thun. Wenn man nur ihm nicht im Wege ſteht, dann laͤſt er einen ſchon zufrieden. Mein Vater iſt Jhnen auch ſehr gut, und beſon - ders meine Mutter. Jch glaube, daß ſie etwas764 merkt, und wenn ſie mich drum fragen ſollte, ſo wuͤſt ich nicht, warum ich ein Geheimniß draus machen muͤſte, wenn nur Sie mir gut ſind. — Er ſank in ihren Arm, kuͤßte ſie feurig, und ſchwur ihr ewig Liebe.
Der ganze Abend war fuͤr unſre Liebende ein heiliges Feſt. Der Bruder kam erſt nach zwo Stunden wieder, und war ſehr vergnuͤgt, weil er ein paar Haſen geſchoſſen hatte. Siegwart be - gleitete ſein Maͤdchen nach Haus, und hatte nie einen ſchoͤnern Fruͤhlingstag gehabt.
Zween Tage drauf kam der Miethkutſcher wie - der, der Kronhelm nach Haus gebracht hatte, und brachte von ihm folgendes Briefchen an Siegwart:
Den Augenblick bin ich angekommen, und kann alſo noch nichts ſagen. Die Reiſe war mir trau - rig, ſo allein, und von dir getrennt, den ich ſo ſehr liebe! Mein Vater empfieng mich, nach ſeiner Art, freundlich, und iſt lange ſo krank nicht, als ich glaubte. Er konnte im Zimmer auf und abgehn, als ich ankam. Er fuͤrchtet eben den Tod, daher war er ſo beſorgt beym letztern Anfall. O Bruder, was werd ich hier anfangen unter ſolchen Leuten? 765Du verſtehſt mich. Warum muſten wir uns tren - nen? Mein Herz iſt voll von tauſend Dingen, aber jetzt kann ichs nicht ausſchuͤtten vor dir. Naͤch - ſtens einen großen Brief! Schreib mir ja bald! Was macht Mariane? Tauſend Gruͤſſe an den En - gel, und dem andern zehntauſend! Leb wohl, Be - ſter! Der Fuhrmann will weiter, und ich wollt ihn doch nicht leer fahren laſſen.
N. S. Mach uͤber deinen Brief an mich zwey Kouverte, und auf das aͤuſſere die Aufſchrift: Herrn Amtmann Friedrich. Der Brief wird mir richtig eingehaͤndigt.
Siegwart hatte nur auf dieſen Brief und Nach - richt von ſeinem Freund gewartet, um ſeinen Brief abſchicken zu koͤnnen; denn er hatte noch keine Adreſ - ſe gehabt. Nun ſchrieb er umſtaͤndlich und mit groſſen Freuden alles, was ihm Thereſe berichtet hatte, wuͤnſchte ſeinem Kronhelm tauſend Gluͤck und ſchickte den Brief ab. Das wird eine Freude ſeyn, dacht’ er, wenn er noch nichts weiß, und dieſen Brief erbricht! Nun wird er fuͤr alle ſeine Leiden getroͤſtet werden.
766Zehn Tage lang wartete er mit der groͤſten Sehnſucht, aber nur vergeblich, auf neue Nach - richten. Endlich kam an einem Mittewochen, wel - ches nicht der gewoͤhnliche Poſttag war, folgen - der Brief:
Seit drey Tagen bin ich hier, in der ſchrecklich - ſten Verfaſſung, die du dir denken kannſt. Alles, alles iſt verlohren! Meine Ruhe, meine Hoffnung, meine Thereſe, alles! O Bruder, es iſt aus mit mir! Zwey Tage war ich bey meinem Vater, da giengs an. Seine Krankheit war nur ein Vorge - ben, um mich her zu locken. Eines Abends war ich allein bey ihm auf dem Zimmer. Wie ſtehts mit deinem Menſchen? ſagte er; haͤngſt du ihr noch an? Jch weiß nicht, ob ſie die Jungfer Siegwart meynen? ſagte ich. Jch habe noch alle Urſache, ſie hochzuſchaͤtzen. — Was? Canaille! rief er, und das wagſt du mir ins Geſicht zu ſagen? Daß dich alle Teufel holen! Jch zertrete dich, du Ra - benaas! — Mit dieſen Worten kam er auf mich zu, packte mich bey der Kehle feſt, und wuͤrde mich er - wuͤrgt haben, wenn ich mich nicht vorgeſehn, und767 losgeriſſen haͤtte. Kaum konnt ich mich zuruͤckhal - ten, mich an ihm nicht zu vergreifen. Als ich los war, ſprang ich aus dem Zimmer aufs meinige, und ſchloß hinter mir zu. Jch hoͤrt ihn noch eine Stunde lang im Haus herum laͤrmen, und die Thuͤren zuſchlagen. Kurz vor Sonnenuntergang ritt er weg; ich wuſte nicht, wohin? Meine Schwe - ſter kam erſchrocken zu mir aufs Zimmer, weinte und ſchrie, und bat faſt auf den Knien, daß ich mich doch geben ſollte; ſonſt koͤnns kein Menſch mehr aushalten bey dem Vater. Schon ſeit vier - zehn Tagen ſey man nicht des Lebens bey ihm ſicher, ſeit mein Onkel weg ſey. Dieſer war nehmlich bey ihm hier, und da gabs groſſen Streit, ver - muthlich wegen meiner. Jch konnte nichts Gewiſ - ſes erfahren, denn ſie ſprachen allein miteinander. Meine Schweſter that gar klaͤglich, aber ich ſagt ihr: Jch koͤnn es nun nicht aͤndern; Thereſen koͤnn ich nicht aufgeben, wenn es auch mein Leben ko - ſten ſollte, u. ſ. w. Du weiſt das alle ſelbſt ſchon. Das Maͤdchen konnte mir nicht Unrecht geben, aber ſie ſagte nur: Jch ſtuͤrzte mich, und Thereſen, und ſie alle in Lebensgefahr. Kunigunde ſtecke dahinter, und regiere meinen Vater ganz. Er ſey wie ra - ſend, und koͤnn’ alles thun, u. ſ. w. Jch beſchloß768 alſo, wegzugehen; weiß der liebe Gott wohin? und machte meine Einrichtungen ſo, daß ich in drey oder vier Tagen auf die Jagd zu reiten, und nicht mehr zuruͤck zu kommen dachte. Aber es gieng anders.
Den andern Morgen kam mein Vater wieder, that ganz freundlich, und ſtellte ſich, als obs ihm leid waͤre, daß er geſtern ſo mit mir umgegangen war. Auf den Nachmittag, ſagte er, wollen wir ein wenig auf die Jagd reiten, und das uͤbrige, zu ſeiner Zeit, im Frieden mit einander abthun. Jch konnte mich in ſein Betragen nicht finden, und vermuthete nichts Gutes; doch konnt ichs auch nicht abſchlagen, mit zu reiten. Wir ritten in einen Forſt, eine Stunde weit vom Dorf, nur mit Einem Jaͤger; und, nach einigen Schuͤſſen, ſagte er: wir wollen aufs naͤchſte Dorf zum Amtmann reiten; ich muß etwas trinken. Von der Sache ſprach er gar nichts.
Beym Amtmann war der Baron Striebel; wie es ſchien, ganz von ungefaͤhr. Der Amtmann ſah aus, wie ein Spitzbube, dem ich keinen Heller an - vertrauen moͤchte. Nach drey Viertelſtunden kam ein Wagen mit dem alten Seilberg, mit Regine Stellmann, und dem luͤderlichen Jobſt. Das769 kam mir bedenklich vor; aber ich merkte weiter nichts. Die Stellmann war mir jetzt mit ihrer buhleriſchen Freundlichkeit noch unausſtehlicher, weil ich von meiner Schweſter wuſte, was ſie ſeit der Zeit mit dem ſuͤſſen Silberling fuͤr einen aͤrgerlichen Liebeshandel gehabt hatte. Jch haͤtte ſie lieber an - ſpeyen, als viel mit ihr machen moͤgen, und doch war ſie ſo zuthaͤtig, daß ich nicht wuſte, wohin? Man ſprach mir ſtark zu, zu trinken, und im Aerger trank ich ziemlich. Nach und nach fielen von Seiten Jobſts und meines Vaters, und des Amtmanns allerley Anſpielungen vor: Wir gaͤben ſo ein huͤbſches Paar ab, u. ſ. w. daß ich wol merken konnte, es ſey abgekartet, und auf mich gemuͤnzt. Jch that aber, als ob ichs nicht hoͤrte, oder nicht verſtuͤnde. Jch ſah immer auf der Uhr, und ſehnte mich weit weg. Einmal gieng ich in den Stall hinunter, ſah nach meinem Pferd, und machte etwas am Gurt zurechte, das vorher auf der Jagd aufgegangen war. Jch hielt mich mit Fleiß lang auf, und kam erſt nach einer Viertel - ſtunde wieder aufs Zimmer. Da ſaſſen ſie all auf Einem Haufen, ſteckten die Koͤpfe zuſammen, und fuhren auseinander, als ich herein trat. Das machte mich nun noch ſtutziger. Mein Vater ſagte:770 Hoͤr, Karl, das Fraͤulein hier wollt ich dir eben wuͤnſchen! Sie iſt ſchoͤn, hat Geld, und iſt von ſteinaltem Adel. — Verzeihen Sie, Papa, ſagt ich, und zuckte die Achſeln; Sie wiſſen … Ey was? rief er, freylich weis ich! Aber, ſchlag mich der Donner, da wird nichts draus! Lieber zieh ich dir die Haut ab! — Es leb Fraͤulein Stell - mann! Trinks mit! — Jch konnts, ohne die Hoͤflichkeit zu beleidigen, nicht abſchlagen. — So, Karl, das iſt brav! Jhr muͤſt ein Paar werden; nicht wahr, Fraͤulein? — Sie ſah mir unverſchaͤmt ins Geſicht, lachte, und gab mir die Hand. Jch ließ es ſo geſchehen, weil ich dachte, hier wird doch nichts ausgemacht, und allein will ich ſchon mit ihm reden. —
Schade, daß nicht gleich ein Pfaff bey der Hand iſt! ſagte mein Vater; man koͤnnt ſie gleich zuſammengeben. — O, da iſt Rath vor, ſagte der Amtmann, hier iſt ſchon ein Pfarrer! indem machte er ein Seitenzimmer auf, und ein dicker Pfaffe trat heraus. Jch riß mich von der Stell - mann los, und ſprang auf. Papa, rief ich, iſt das Ernſt? Freylich, Kerl, rief er, und riegelte die Saalthuͤre zu. Man wird dich ſchon krie - gen, du vermaledeyte Beſtie! — Jch ward in771 dem Augenblick wie raſend, und ſprang in das Zimmer hinter mir, das aus Verſehen offen ge - blieben war, und ſchlug die Thuͤre zu, daß das Schloß zuruͤckfuhr. Von da gieng eine Thuͤre nach dem aͤuſſern Saal; ich hinaus, die Treppe hinunter, in den Stall aufs Pferd, und beym Hof hinaus! Vom Fenſter herab geſchah ein Schuß, der mir nichts that. — Nach! Nach! ſchrie mein Vater. Jch flog beym Dorf hinaus, wie der Blitz. Beym letzten Haus hoͤrt’ ich ſchon hinter mir her galoppiren. Mein Vater wars, mit 3 oder 4 andern Neutern. Sie waren mir ſchon ſo ganz nah auſ dem Hals, daß ich ihn fluchen hoͤren konnte. Ueber einen breiten tiefen Grafen ſetzt ich wie der Wind. Es geſchah noch einmal ein Schuß. Mein Pferd wendete ſeitwaͤrts. Auf Einmal entſtand ein ſchreckliches Geſchrey. Jch ſah mich um, und ſah eben noch meinen Vater in den Graben ſtuͤrzen. Jch nahm mir nicht Zeit, nochmals umzuſehn. Endlich, nach einer halben Viertelſtunde merkt ich keinen Menſchen mehr hinter mir. Vermuthlich waren ſie bey meinem Vater geblieben, um ihm aufzu - helfen. — Jch ritt links in einen dicken Wald hinein. Nach einer guten halben Stunde fand772 ich einen Holzweg, auf dem ich gerade fort ritt. Es ward ſchon ſehr dunkel, und der Weg war mir gaͤnzlich unbekannt. Endlich kam ich aus dem Holz, und ungefaͤhr um eilf Uhr in ein Dorf, wo ich noch in einer Huͤtte Licht ſah und mich erkundigte, wo ich waͤre? Ein altes Muͤt - terchen ſagte mir, das Dorf heiſſe Reiſensburg, und lieg eine gute halbe Stunde von Guͤnzburg. Mit dem Namen: Guͤnzburg fuhr der Gedanke durch meine Seele, unter die kaiſerlichen Voͤlker zu gehen, und mich bey unſerm Hauptmann an - werben zu laſſen. Bey dem Gedanken ward mir auf Einmal wohl, denn ich ſah nun einen Aus - weg, da mirs vorher war, als ob ich in einem Jrrgang wandelte. Krieg und Tod war mir Eins; denn was kann ich anders wuͤnſchen, als den Tod? — Jch ſpornte mein Pferd, und kam nach einer Viertelſtunde zu Guͤnzburg an. Jn der Krone ſtieg ich ab, weil ich wuſte, daß der Haupt - mann da logirt; und als ich hoͤrte, daß er noch nicht zu Bette ſey, ließ ich mich bey ihm melden, und trug ihm meine Abſicht vor. Er nahm mich mit Freuden auf, und nun geh ich in vier oder fuͤnf Tagen auf der Donau als Freywilliger mit dem Transport nach Schleſien, wo vermuthlich773 eine Kugel auf mich wartet, und meiner Qual ein Ende macht.
O Bruder, ſo weit iſts mit mir gekommen. Das ſind nun meine Hoffnungen! Gott, was wird aus Thereſen werden? Schick ihr dieſen Brief, wenn dus fuͤr gut haͤltſt, und ſchreib ihr das uͤbri - ge! Troͤſt ſie, wenn du kannſt! Jch bins nicht im Stand. An meinen Onkel hab ich vor 2 Tagen geſchrieben, daß er Sorge traͤgt, daß ihr mein Va - ter nichts thut, und daß er mir Geld ſchickt, denn ich hab nur 15 Gulden bey mir, und mein Pferd nehm ich mit. Der Hauptmann will mir indeſſen Geld auf den Weg mitgeben. Mein Onkel kann meinen Schritt unmoͤglich misbilligen; es war mir nichts anders uͤbrig. Jch gehe nicht aus dem Haus, um nicht entdeckt zu werden; ſonſt waͤr ich zum P. Philipp gegangen. Schreib mir unter der Adreſſe an den Hauptmann!
Jch kann dir nicht ſagen, wie mir iſt. An The - reſen darf ich kaum gedenken, und doch iſt ſie faſt mein einziger Gedanke. Sie auf ewig nun ver - lieren! Sie auf ewig nicht mehr ſehen! Und doch iſt dieß all mein Troſt, daß ich nun dem Tod ent - gegen gehe. Die Preuſſen ſchieſſen gut, und ich will mich immer dahin ſtellen, wo der Tod am774 naͤchſten iſt. O Bruder, ich kann nicht anders. Jch will meine Pflicht thun, als Soldat, aber dann muß der Tod mein Lohn ſeyn. Mein Va - ter mags bey Gott verantworten, daß er mich ſo weit gebracht hat! — Troͤſte meinen Engel! Dieß iſt alles, was du thun kannſt. Leb wohl, Bruder, ewig wohl! Vielleicht kriegſt du bald den letzten Brief von mir. Hab Dank fuͤr alle deine viele Liebe! Gruͤß deine Mariane! Laß ſie mich bedau - ren! Gott bewahre dich vor einem ſo ſchrecklichen Schickſal, wie das meine iſt! Beth fuͤr mich, daß ich ſelig ſterbe! Jch muß abbrechen. Es wird mir baͤnger ums Herz. Troͤſte Thereſen, daß einſt Gott dich troͤſte! Leb ewig wohl, und bewein mich! Schreib ja bald! Der Hauptmann ſchickt mir den Brief nach.
Jn dem Brief lag folgendes Blatt an Thereſen, unverſiegelt:
Was ſoll ich, ach, was ſoll ich der Geliebten meiner Seele ſchreiben? Auch der letzte, ſchwache Rohrſtab iſt zerbrochen, den die Hoffnung mir gereicht hatte. Dein Bruder, ewig Theure! mag775 mein Ungluͤck dir erzaͤhlen! Jch kanns nicht. Die - ſe blutigen Zaͤhren, die ich auf das Blatt hin wei - ne, ſind das Letzte, was ich dir in dieſem Leben weihen kann. Meine Seele iſt tief gebeugt zur Erden, und ſchmachtet nach dem Grabe. Dir zu leben, war der Wunſch, der mich bisher noch an den Leib feſſelte. Nun er hin iſt, kenn’ ich kei - nen Wunſch mehr, als fuͤr dich zu ſterben. Jch eile dahin, wo der Tod laurt. Jch will ihn aus ſeinem Hinterhalt herausweinen, daß er komm, und mich in ſeinen eiſernen Arm ſchließe. — O Thereſe! Was ich wuͤnſchen kann fuͤr mich, iſt ei - ne Thraͤne, daß du ſie dem Juͤngling weineſt, der dich liebte, wie kein Sterblicher geliebt hat. Wei - ne ſie, und ſey dann gluͤcklich, wenn dus ſeyn kannſt ohne mich! — Jch hab keinen Troſt fuͤr dich! Wie kann der troͤſten, der ſonſt keinen Freund hat, als den Tod! Bethen kann ich, wenn noch das Gebeth des Elends hilft. Gott! Nur ei - nen Tropfen Troſt fuͤr ſie! Jch will gerne durſten, bis mein Ende koͤmmt. — Thereſe! Nicht wahr, ich quaͤle dich? Nun, verzeih! Jch wuſt es nicht; ſonſt haͤtt ich meine Hand gelaͤhmt, eh ich dieſes Blatt ſchrieb! — Aber ich muſte noch zu dir reden. Leb denn wohl, Engel! und hab Dank fuͤr deine776 Liebe! Gott, warum muſte ſie doch ſo belohnt wer - den? Leb ewig wohl! Jch kann nichts ſchreiben. Meine Saͤfte ſtocken. Aber reden mußt’ ich. Wenn Du Bothſchaft hoͤrſt: Er iſt todt, dann jauchze laut auf, und ſag: Er iſt gluͤcklich. — Ach The - reſe, wenn Du doch auch ſtuͤrbeſt! Es iſt ſo was ſuͤſſes um den Tod, und wir ſind ſo elend. Stuͤrbſt Du doch mit Deinem
Die Bewegung, in die unſer Siegwart durch dieſe beyden Briefe gerieth, kann man ſich mehr vorſtellen, als beſchreiben. Anfangs war er ganz betaͤubt, und konnte es kaum glauben; zuletzt brach ſein Schmerz in laute Klagen und in Thraͤnen aus. Nach der erſten heftigen Erſchuͤtterung fieng er an, Plane zu machen, ob ſein Freund nicht noch zu retten ſey? Erſt beſchloß er, nach Guͤnzburg zu reiten, und, wo moͤglich, ſeinen Freund noch zu - ruͤck zu halten. Aber, was ſollte er ihm ſagen? Welche Gruͤnde hatte er, durch die er ihn zuruͤck halten koͤnnte? Und der Weg war weit. Vie - leicht war ſein Freund indeſſen ſchon abgereiſt. Endlich, nach tauſend Entwuͤrfen, die im erſten Augenblick annehmlich ſchienen, und im zweyten777 wieder verworfen wurden, ſchien ihm dieſer noch der beſte zu ſeyn, nach Muͤnchen zu Kronhelms Onkel zu reiſen, ihm die Sache ſo dringend vorzu - ſtellen, als moͤglich, und ihn zu bewegen, ſich ſeines Vetters thaͤtig anzunehmen, ihn aufs ſchleunigſte zu retten, und entweder ſelbſt ſogleich nach Guͤnzburg zu reiſen, oder ihn mit genugſamer Vollmacht da - hin zu ſchicken. Er beſtellte ſich ſogleich ein Pferd, um weg zu reiten, und den andern Tag in Muͤn - chen zu ſeyn. Nur das lag ihm am Herzen, daß Mariane die Urſache ſeiner Reiſe erfahren moͤchte! Zu gutem Gluͤck traf er ihren Bruder an; erzaͤhlte ihm, daß er in Kronhelms Geſchaͤften ſchnell nach Muͤnchen reiſen muͤſte; und bat ihn, es ſeinen Eltern und ſeiner Schweſter zu erzaͤhlen, und ihnen ſeine vielfache Empfehlung zu machen.
Nach einer Stunde ritt er weg, und ſah, zu ſei - ner groͤſten Freude, ſeine Mariane noch im Fenſter, der er einen zaͤrtlichen Blick zuwarf.
Er ritt bis ſpaͤt in die Nacht hinein; ſchlief auf einem Dorf nur einige Stunden, und kam den an - dern Abend in Muͤnchen an; aber, weils ſchon ſpaͤt war, wagte er es nicht mehr, zum geheimen Rath zu gehen. Den folgenden Morgen ließ erD d d778ſich durch einen Miethbedienten nach dem Hauſe bringen und melden. Aber zu ſeiner groſſen Be - ſtuͤrzung hoͤrte er, der geheime Rath ſey nicht hier. Er erkundigte ſich bey einem Bedienten; dieſer gab ihm kurzen Beſcheid, und ſagte, ſein Herr ſey ſchon vor drey Tagen mit ſeinem Kammerdiener unver - muthet auf der Poſt abgereiſt, er wiſſe nicht, wo - hin? Mehr konnte Siegwart nicht erfahren. Jn der Betaͤubung lief er zu Kronhelms Schweſter, die ihn ſogleich vor ſich ließ. Er erzaͤhlte ihr, in der aͤuſſerſten Verwirrung, faſt ohne Zuſammen - hang die ganze Geſchichte ihres Bruders, ſagte, warum er nach Muͤnchen gekommen ſey, und frag - te ſie, wo der geheime Rath hingereiſt ſey? — Sie war aufs aͤuſſerſte betroffen, und hatte, wie verſteinert, zugehoͤrt. Als ſie etwas von ihrem Staunen zuruͤckkam, und ſich durch Thraͤnen Luft gemacht hatte, ſagte ſie, ſie wiſſe vom geheimen Rath und ſeiner ploͤtzlichen Abreiſe nicht das min - deſte. Seit ſeiner Zuruͤckkunft habe ſie ihn nur Einmal geſehen, und mit ihm von ihrem Bruder geſprochen. Er habe ſie verſichert, daß es alles gut gehen werde. Er ſey bey ihrem Vater geweſen, dieſer nehme durchaus keine Gruͤnde an. Nun woll er ſich ſeines Vetters ernſtlich annehmen. Er779 kenne Thereſen; ſie hab ihm auſſerordentlich gefal - len, und ſein Neffe ſoll ſie haben. Dieſe Nach - richt habe ſie ganz beruhigt; ſie haͤtte wirklich ih - rem Bruder geſchrieben, und geſtern den Brief nach Jngolſtadt geſchickt; denn von ſeiner ploͤtzli - chen Abreiſe, und der vorgeblichen Krankheit ihres Vaters habe ſie nicht das geringſte gewußt. —
Nun fieng ſie aufs neue an, ihren ungluͤcklichen Bruder zu beklagen, und bitterlich uͤber ſein Schick - ſal zu weinen. Endlich fing ſie ſich mit Siegwart zu berathſchlagen an, was nun zu thun waͤre? Er wollte ſelbſt nach Guͤnzburg reiten, aber ſie wider - rieth es ihm. Wahrſcheinlich, ſagte ſie, werden Sie meinen Bruder, nach ſeinem eignen Schreiben, nicht mehr da antreffen. Sollt er aber noch da ſeyn, ſo koͤnnen wir durch einen Brief, der ohne - dieß ſchneller hinkommt, eben das ausrichten. Wenn wir ihn verſichern koͤnnen, daß mein Onkel ſich ſei - ner ganz gewiß annehmen, und ihm Jhre Schwe - ſter geben will, ſo muß ihn das zuruͤckhalten! Wir wollen ihm jetzt augenblicklich ſchreiben; denn in einer Stunde geht die Poſt ab. — Siegwart, der ſich ohnehin ſehr nach ſeiner Mariane zuruͤckſehnte, ließ ſich dieſen Vorſchlag gefallen, und gieng in ein Kabinet, wo er einen ſehr beweglichen Brief an780 ſeinen Kronhelm ſchrieb, und ihn um alles in der Welt willen bat, in Guͤnzburg zu bleiben, oder, wenn er ſchon abgegangen waͤre, ſogleich zuruͤckzu - kehren, weil er von den Bemuͤhungen ſeines On - kels alles hoffen, und gewiß mit Thereſen vereinigt werden koͤnne. Die Frau von Eller ließ ihn ihren auch ſehr ruͤhrenden Brief leſen, und ſchickte beyde augenblicklich auf die Poſt. Sie bat ihn zum Mittagseſſen. Er nahms an, ſagte aber, er wolle heut noch wegreiten, um noch eine gute Strecke Wegs zu machen. — Jhrem Mann, bat ſie, moͤcht er nicht ſagen, warum er nach Muͤnchen gekommen ſey? Weil er noch nichts davon wiſſe, und leicht Hinderniſſe in den Weg legen koͤnnte. — Unſerm Siegwart wurde nun wieder leichter ums Herz, weil er Einen Stral von Hoffnung fuͤr ſeinen un - gluͤcklichen Freund ſah. Er gieng in ſeinen Gaſt - hof, um ſein Pferd auf den Nachmittag zu beſtel - len; nach einer Stunde kam er wieder zu der Frau von Eller, die indeſſen von ihrem Schrecken ſich er - holt, und wegen ihres Bruders gute Hoffnung hat - te. Sie lobte unſern Siegwart ſehr, daß er fuͤr ſeinen Freund ſo viel thue, und die Reiſe uͤber - nommen habe. Jhre Schweſter, ſagte ſie, muß ein herrliches Maͤdchen ſeyn, wenn ſie Jhnen gleich781 iſt. Jch kann meinem Bruder keine beßre Gattin wuͤnſchen, und ſehne mich recht darnach, ſie bald meine Schwaͤgerin zu nennen. Wenn nur mein Onkel bald zuruͤckkommt, dann ſoll, hoff ich, alles noch gut gehen. Jndem kam ihr Mann, und em - pfieng unſern Siegwart freundlich. Er erkundigte ſich nach ſeinem Schwager, und verwunderte ſich uͤber ſeine ſo beſchleunigte Abreiſe von Jngolſtadt. Bey Tiſch wurde viel uͤber den Junker Veit ge - ſprochen. Sie beklagten ſich alle uͤber ſein rohes Weſen, und daß er ſich ſo von Kunigunden regie - ren laſſe.
Bald nach dem Eſſen empfahl ſich Siegwart, nachdem er erſt noch einige Augenblicke mit der Frau von Eller allein geſprochen hatte, und ritt wieder nach Jngolſtadt zuruͤck. Unterwegs dachte er nur an Kronhelm, an Thereſen, und an ſeine Mariane. Er dachte hin und her, ob er ſeiner Schweſter etwas von dem ungluͤcklichen Vorfall ſchreiben ſollte? und konnte nicht mit ſich einig werden. Den folgenden Tag kam er ſehr ſpaͤt wieder in Jngolſtadt an, denn er wollte nicht noch eine Nacht weg bleiben; der Gedanke, ſeiner Ma - riane nah zu ſeyn, hatte zu viel ſuͤſſes fuͤr ihn. Den andern Tag ſtund er etwas ſpaͤt auf, und ſah,782 nachdem er eine halbe Stunde vergeblich ausgeblickt hatte, ſeinen Engel endlich am Fenſter. Es war ihm, als ob ſie etwas traurig waͤre; dieſes beunru - higte ihn ſehr, und er ſehnte ſich nach dem Abend, da er ſie im Konzert ſehen, und vielleicht auch ſpre - chen wuͤrde; denn, ſeit Kronhelm weg war, wagte er es nicht, ſo oft hinuͤber zu gehen. Er hatte auch gehofft, vielleicht einen Brief von ſeinem Freund anzutreffen, aber vergeblich.
Des Abends im Konzert vermehrte ſich ſeine Un - ruhe noch mehr, als er ſeine Mariane ſehr nieder - geſchlagen fand. Erſt am Ende des Konzerts be - kam er Gelegenheit, ſie auf einige Augenblicke allein zu ſprechen. Mit etlichen Worten erzaͤhlte er ihr die Urſache ſeiner Reiſe, und von Kronhelms Ungluͤck. Sie ſeufzte, und ſagte: Jch haͤtt’ Jhnen auch viel Unangenehmes zu ſagen. Gehen Sie vielleicht morgen Nachmittags bey meinem Garten vorbey? Es waͤr moͤglich, daß ich da waͤre. Eh ſie weiter reden konnte, kam ein goldgeſtickter Herr dazu, der ſich mit abgeſchmackter Hoͤflichkeit nach ihrem Be - finden erkundigte.
Siegwart ſchlich ſich auf die Seite, denn er ward vom Schmerz zu heftig uͤberwaͤltigt, und lief fort, eh noch das Konzert geendigt war. Sein783 Zuſtand zu Hauſe war der grauſamſte. Gott, was iſt das? dachte er, und ſann hin und her, was ſich zugetragen haben moͤchte? Seine Einbildungs - kraft ſtellte ihm alles Fuͤrchterliche vor. Er ſah nichts als Trennung und Elend vor ſich. Maria - nen hielt er ſchon fuͤr verlohren; nur die Art, wie ſies waͤre? war ihm noch ein Raͤthſel. Die ganze Nacht konnte er nicht ſchlafen. Tauſend Schrecken ſtanden vor ihm; und, wenn er die Augen zuſchloß, ſah er Blut und Tod. Oft fuhr er auf, und ſchlug ſich vor die Stirne; waͤlzte ſich im Bette hin und her, ſtand auf, legte ſich wieder, und aͤchzte, wie ein Sterbender. Endlich erweichte ſich die er - muͤdete Natur zu Thraͤnen. Seine Seufzer wur - den nun Gebet und heiſſes Flehen. Mit dem Tag ſtand er wieder auf, und ſah aus dem Fenſter nach dem Wetter, ob es gut bleiben wuͤrde? Der Him - mel war etwas umzogen, aber nach und nach hellte er ſich auf, ſo daß er hoffen konnte, Marianen heut zu ſehen. Den ganzen Morgen ſann er wieder nach, woruͤber Mariane ſo beſtuͤrzt ſeyn moͤchte? Zuweilen dachte er an Kronhelm und ſeine Thereſe. Hier fand er wieder neuen Stoff zur Unruh. Er war noch nicht mit ſich einig, ob er ſeiner Schwe - ſter Kronhelms Brief ſchicken, oder ſie in ihrer fro -784 hen Hoffnung laſſen ſollte? Er wartete, da es heu - te Poſttag war, mit Sehnſucht auf Briefe; lief ſelbſt ein paarmal auf die Poſt, aber es war nichts fuͤr ihn da.
Der ſehnlich erwuͤnſchte Nachmittag kam. Ma - riane gieng um drey Uhr allein aus dem Haus. Eine halbe Stunde drauf gieng er mit bangem Zittern, und aͤngſtlicher Erwartung, bey einem an - dern Thor hinaus ihrem Garten zu. Wie er - ſchrack er, als der Garten und das Haͤuschen drinn noch zugeſchloſſen war! Mit banger Ahndung gieng er in das, nah daran ſtoſſende Waͤldchen, und warf ſich unter einer Eiche nieder. Alle Blumen um ihn her, und alles Gras riß er mit der Wurzel aus; die Voͤgel, die im Gebuͤſche zwitſcherten, ver - ſcheuchte er; ſprang wieder auf, draͤngte ſich durchs dichteſte Gebuͤſch durch, und machte ſich dann, ſeiner Ungeduld wegen, ſelbſt wieder Vor - wuͤrfe. Endlich gieng er wieder an den Garten; Mariane ſah aus dem Haͤuschen, und ſprang her - ab, ihm die Thuͤre aufzumachen. Jch kam ſpaͤt, ſagte ſie, ich muſte eine Freundin mit nehmen, es war nicht zu aͤndern. Wir koͤnnen aber doch al - lein reden. Sie weis ſchon davon. — Jhre Freundin war ein Frauenzimmer, das Siegwart785 ſchon oft im Konzert geſehn, und ſingen gehoͤrt hatte. Sie ſprach mit ihm von der Muſik, und lobte ſein Spiel, und ſeine Stimme.
Nach einiger Zeit gieng ſie von ſelbſt in den Garten hinunter, und ließ unſre Liebenden allein. Siegwart ſah Marianen traurig an, und wagte kaum, eine Frage an ſie zu thun. Sie fragte erſt noch nach einigen Umſtaͤnden von Kronhelms und Thereſens Schickſal, und ſagte dann: Auch uns, lieber Siegwart, droht ein Ungluͤck. Unſre Liebe iſt ſo heimlich nicht mehr, als ich glaubte. Meine Schwaͤgerin weis davon, und vor ihr war ich immer am meiſten bange. Jch muß Jhnen nur geſtehen; meine Mutter hat mit mir druͤber geſprochen. Jch geſtund ihr alles. Sie iſt an ſich nicht unzufrie - den mit unſrer Liebe, aber ſie ſagt, daß ſie voller Angſt ſey, wenn mein Vater es erfahre, und das werde durch unſre Schwaͤgerin nur gar zu bald ge - ſchehen. Jch bedaure dich, meine Tochter, ſagte ſie. Jch habe eure Liebe lange ſchon gemerkt, und heim - lichen Gram im Herzen drob getragen. Jch weis nicht, wie dein Vater von Siegwart denkt, aber du kennſt ihn, daß man ſich in nichts, ohne ſein Vorwiſſen, einlaſſen ſoll; und ich kann dirs nicht verbergen, er hat Abſichten mit dem Hofrath Schra -786 ger (der geſtern zu mir kam, als ich mit Jhnen ſprach). Wenn nun unſers Theodors Frau, die ihm gut iſt, noch dazu kommt, dann weis ich nicht, wie es gehen wird? Pruͤf dich recht, meine Toch - ter, wie es um dein Herz ſteht; ob du den Antrag annehmen kannſt? — Jch fiel ihr weinend um den Hals. Ach meine Mutter! ſagte ich. — Jch weis wohl, meine Tochter, fiel ſie mir ein, und weinte mit; Siegwart waͤre beſſer. Aber denk, er iſt ein Student, und darauf ſieht dein Vater ſehr. Jch will thun, was ich kann; aber ich kann nichts verſprechen. Halt nur alles recht geheim, mit Siegwart! und vertrau auf Gott! das iſt das Beſte. Jch rathe dir, wenn dein Herz noch nicht ganz an ihm haͤngt, ſo reiß dich los! Denn ich ſehe nichts vor mir, als tauſend Kummer und Ver - druß. — O Mutter, ſagt ich, thun Sie was Sie koͤnnen, und entfernen Sie den Hofrath! Denn er iſt mir unausſtehlich. Gott erbarm ſich meiner! Siegwart iſt allein der Mann. Gott weis, daß ich ohne ihn nicht leben kann. — Hier ſank Sieg - wart weinend, und halb ohnmaͤchtig an ihr Herz. — Sie werden mich verlaſſen, und mir untreu wer - den, ſagte er nach einiger Zeit. Nein, bey Gott nicht! war ihre Antwort. Lieber ſterben! Aber,787 Theurer, vorſichtig muͤſſen wir uͤber alles ſeyn! Sonſt ſind wir verlohren. Ach, es iſt doch um - ſonſt, ſagte Siegwart. — Gott, wenn Sie ver - zweifeln wollen, fiel ſie ein, was ſoll dann ich an - fangen? Bey allen Heiligen verſprech ich Jhnen, daß ich ewig widerſtreben will. Dieſe Hand ſoll nie ein andrer haben! Mich ſoll niemand zwingen. Lieber bleib ich ewig, wie ich bin. Seyn Sie ſtark, und ſprechen Sie mir Muth ein! Meine Mutter wird mir beyſtehn, und Gott! Mein Va - ter iſt doch Vater, und ich bin ſein Kind. Meine Thraͤnen ſollen vor ihm flieſſen, bis ſein Herz er - weicht wird. Nur jetzt handeln Sie behutſam! Lieber jetzt auf eine Zeit getrennt, als ewig. Wenn Sie mich noch lieben, Siegwart, o ſo ſeyn Sie ſtark! Meiden Sie mich jetzt! Es kann nicht an - ders ſeyn. Jch geb ihnen Nachricht, wenn ich kann. Jch ſchwoͤrs, bey der Mutter Gottes, daß ich ſtandhaft bleibe. Bleiben Sie es auch! Aber gehn Sie jetzt! Wir ſind nicht ſicher. Kommen Sie das naͤchſtemal nicht ins Konzert! — Er kuͤßte ſie noch einigemal mit feuervollen Kuͤſſen; konnte kaum vor Thraͤnen und vor Schluchzen reden, und nahm Abſchied. Um Gottes Willen, bat er, blei - ben Sie mir treu, und geben Sie mir Nachricht,788 ſonſt vergeh ich. Bleiben Sie mir treu! Mit dieſen Worten gieng er, und lief auf einer andern Seite weit ins Feld hinaus. Seine Seele war in der fuͤrchterlichſten Arbeit. Alles, was ſagen konn - te, war:
Verflucht ſeyſt du, betruͤgeriſche Liebe! Von dir allein ſtammt unſer Elend her!
Erſt in der ſpaͤten Daͤmmerung kam er zu - ruͤck. Sein Herz war jetzt wehmuͤthiger geworden, und ſein Schmerz goß ſich in Thraͤnen aus. Eine Stunde lang blieb er ohne Licht auf ſeinem Zim - mer, gieng ſchnell auf und ab, rang die Haͤnde, faltete ſie zuweilen, und betete. Endlich ſchrieb er mit der heftigſten Bewegung, und mit tauſend Thraͤnen dieſes Gedicht nieder:
Ein Thraͤnenſtrom ſtuͤrzte auf das Blatt hin, als er dieſes ausgeſchrieben hatte. Seine ganze Seele ſchien ſich ausgieſſen zu wollen. Der Klang von Marianens Klavier riß ihn aus dieſer fuͤrch - terlichen Lage. Er legte ſich ins Fenſter, und lauſchte. Sie ſpielte wehmuͤthig. Er weinte; aber790 ruhiger; denn ihre ſanfte Stimme floß in ſeine Seele, wie das Lied der Nachtigall nach einem Sturm. Endlich ſang und ſpielte ſie ein Lied, voll Entſchloſſenheit, voll Hofnung, und Ergeben - heit in Gottes Willen. Ruh und Zuverſicht traͤu - felte, wie Abendthau in ſein Herz herab. Er ſah zum Himmel auf. Die goldnen Sterne blinkten hell. — Gott, Gott! ſeufzte er; du Schoͤpfer aller! und du Vater aller! Jeder Stern in ſeiner Bahn! Jeden lenkeſt du, und ſiehſt du! Siehſt auch mich, und Marianen! Alles lebt, und jauchzt ob deiner Guͤte. Gott, du Vater aller! Sey auch mein, und Marianens Vater! — Der du dieſe Sterne ſchufeſt; haſt auch mich, und ſie er - ſchaffen. — Gott! Barmherziger! Gnaͤdiger! Maͤchtiger! Nein, du wirſt, du kannſt uns nicht verlaſſen! O, ich fuͤhls, du kannſt uns nicht ver - laſſen! Jn deine Haͤnde geb ich mein, und Ma - rianens Schickſal! Sey du unſer Vater! Send uns Muth, und Zuverſicht und Hofnung! Hilf uns alles tragen, was du ſendeſt! Sey du unſer Vater! — Auf Einmal ward ſein Herz leicht. Er ſah in der ganzen Schoͤpfung nichts, als Selig - keit und Segen; fuͤhlte ganz von Gottes Guͤte ſich umfloſſen; war lebendig uͤberzeugt, daß Gott kein791 Geſchoͤpf ganz ungluͤcklich machen kann; daß alles, was er thut, zu unſerm Beſten abzweckt. Freu - denthraͤnen floſſen in die Thraͤne des Elends. Er dankte Gott fuͤr alles, was er ihm gegeben hatte, auch fuͤr ſeine Leiden. — Voll ſichrer Zuverſicht und Hofnung gieng er ſchlafen; und ward durch einen ruhigen und milden Schlaf erquickt. Am Morgen, als er aufwachte, betete er mit heiſſer Jnbrunſt fuͤr Kronhelms und Thereſens Schickſal, und dann erſt fuͤr ſich und Marianen. — Endlich bekam er auch um zehn Uhr einen dicken Brief von Kronhelm. Mit dem Zittern der Hofnung und Erwartung und der Angſt, brach er das Packet auf, und fand einen Brief von Thereſen und von Kronhelm. Erſt las er Kronhelms Brief:
O daß ich endlich dieſen Namen ſchreiben darf mit zuverlaͤßigſter Gewißheit! Jauchze laut mit mir, Geliebter meines Herzens! Der Herr hat wegge - nommen meine Leiden, meinen bittern Jammer! Hat in Freude ſie verwandelt und Frohlocken. Hoch ſey er dafuͤr geprieſen bis in Ewigkeit! O Gelieb - ter, ſag, wo fang ich an die Geſchichte meiner groſſen Freude? Daß ſie mein iſt, daß ſie mein792 iſt! Das iſt alles, was ich ſagen, was ich preiſen kann.
Eben wollt ich fort in Guͤnzburg. Ein Trans - port Recruten, den wir noch erwarteten, hatt’ uns laͤnger aufgehalten. Da kam der Engel meiner Liebe, der mich retten ſollte, und mir Freude brin - gen uͤber Alles. Mein Onkel kam, der theure Gottesmann, und ſagte, daß ich nicht ſterben ſoll - te, ſondern leben; daß Thereſe mein ſey, daß die Leiden ſich geendigt haben mit dem Tode meines Vaters. Gott ſey ſeiner Seele gnaͤdig! Er warf Blut aus nach dem Sturz vom Pferd, und ſtarb. Daß Thereſe mein ſey, dieß, ſonſt nichts, konnt ich begreifen, und auch dieß nur wenig. Nach drey Tagen ſank ich ihr ans Herz, und glaubte zu ver - gehen. — O Bruder, wenn du fuͤhlen kannſt, was das heiſſe: Das zu finden, was man ſchon verlohren gab, ſo fuͤhls! Jch weis nicht, ob ich lebe? Das nur weis ich, lieber, theurer Schwa - ger! daß ſie mein iſt.
Jn ſechs Tagen wird uns, die wir lang ſchon Eins ſind, auch des Prieſters Hand vereinigen. O Schwager, daß du hier waͤrſt, und mit uns dich freuen koͤnnteſt! Freue dich mit Marianen! Du wirſt auch gluͤcklich werden; denn es iſt nicht793 moͤglich, daß ein Menſch auf Erden ungluͤcklich ſey. Meine Thereſe wird |dir auch ſchreiben. — Hier iſt ſchon ihr Brief. Jch kuͤſſ’ ihn tauſend - mal. Bruder, nun ſink ich wieder an ihr Herz. Sie ſieht mich an; dieß ſchreib ich in ihrem Arm.
Thereſens Brief, der in den vorigen mit eingeſchloſſen war, iſt dieſer:
Mein Herz, o geliebteſter und beſter Bruder, iſt ſo voll von unausſprechlichem Entzuͤcken, daß ich dir mit Worten wenig, oder nichts ſagen kann. Mein Kronhelm iſt ſeit vier Tagen hier, und wird in ſechs Tagen ganz mein. Jn dieſem Wort, o Bru - der, liegt die Seligkeit von Jahrhunderten! Er kam an einem Abend, als ich mit dem beſten Vater in der Laube ſaß. Jch ward in ſeinem Arm ohn - maͤchtig, und ſah, als ich wieder zu mir ſelber kam, ihn und ſeinen theuren Onkel vor mir. Jch wuſte es ſchon, daß er nun auf ewig mein ſey, eh ſies ſagten. Erſt nach langer Zeit konnt ich dem vor - treflichſten von allen Menſchen, ſeinem beſten On -E e e794kel danken. Aber meine Worte waren nichts, ge - gen das, was mein Herz fuͤhlte. Mein ganzes Leben iſt nicht hinreichend, dieſem Mann zu ſagen, was ich ihm ſchuldig bin, und wie ich ihn uͤber alles ehre. — Der ganze Abend war fuͤr mich, und fuͤr uns alle der wehmuͤthigſte, und ſeligſte. Nun erfuhr ich erſt, was mein Kronhelm noch um meinetwillen ausgeſtanden hatte. Gott! wie nah war ich dem Verderben, und ſo ruhig, weil ich nichts davon wuſte! Wenn doch wir Menſchen alles wuͤſten, welch ein Elend waͤrs um unſer Leben! — Aber was der arme Juͤngling um mich ausgeſtanden hat! Gott im Himmel weis, ich bin ſo vieler Liebe nicht werth. Nur anbeten kann ich ihn, und danken, und meinem theuren Kronhelm all mein Leben, jeden Athemzug in meinem Leben widmen. —
Koͤnnt ich ihn doch ſo gluͤcklich machen, als ers werth iſt! Keinen andern Wunſch trag ich Gott in meinem taͤglichen Gebet vor. Haͤtt ich das Un - gluͤck gewuſt, das unſrer Liebe drohte, ich lebte nicht mehr; denn der Uebergang von ſolcher Hofnung in das tiefſte Elend haͤtte mich getoͤdtet. Und nun bin ich ſo ganz, ſo uͤberſchwaͤnglich gluͤcklich. O Bruder, du haſt nie ein gluͤcklicheres Geſchoͤpf ge -795 kannt, als mich. Wuͤrdeſt du doch eben ſo gluͤck - lich mit deiner | Mariane! Jch kann dirs nicht verhehlen, daß ich um deine Liebe weis. Mein Kronhelm hat es mir erzaͤhlt.
Werd ihm druͤber nicht boͤſe, ich bitte dich, du wuͤrdeſt mich betruͤben. Er geſtand es mir in der zaͤrtlichen Vertraulichkeit, in der wir geſtern Abend in der Laube beyeinander ſaſſen! Er kann und darf mir nichts verhehlen; ich verhehl ihm auch nichts; und was er mir ſagte, war ja nur zu deinem Be - ſten. Doch du kannſt ihm nicht boͤſe werden; wer das koͤnnte, muͤſte ſelbſt boͤs ſeyn. Jch freue mich unendlich, liebſter Bruder, uͤber deine Liebe. Ma - riane muß, nach dem, was mir Kronhelm von ihr ſagte, ganz deiner Liebe werth, und ein Engel ſeyn. O ſey recht gluͤcklich mit ihr; mache ſie ganz gluͤck - lich, und laß deinen Traum vom Kloſterleben fah - ren! Du kannſt durch den geheimen Rath leicht ein gutes weltliches Amt im Baieriſchen kriegen. Wir wollen mit ihm druͤber reden. Wenn doch alle Welt ſo gluͤcklich waͤr, als ich und Kronhelm! Wenn doch du und Mariane es am erſten wuͤr - den! Er ſagte mir, Mariane ſey mir gut. Das freut mich unausſprechlich; ich bin ihrs gewiß auch herzlich; — ſag es ihr, und kuͤſſe ſie in meinem Na -796 men, und erbitt mir ihre theure Freundſchaft! Vielleicht ſchreib ich einmal an ſie, wenn ich erſt aus dieſem Taumel von Seligkeit heraus bin; jetzt iſt mir mein Kronhelm Alles in Allem, und er ſoll es ewig bleiben. — Eben gieng er vor mei - nem Zimmer vorbey. Mein Herz ſchlaͤgt ihm zu; ich muß aufhoͤren. Leb wohl, theurer Bruder! nach der Hochzeit ſchreib ich wieder. — Unſer beſter Vater iſt ſo froͤhlich, als ich ihn in meinem Leben nie ſah. Er, und der vortrefliche Mann, der geheime Rath, ſind immer beyſammen, und begegnen ſich wie Bruͤder. — Gott, wie gluͤcklich haſt du mich, und uns alle gemacht! Leb wohl, mein Geliebteſter! Jch bringe meinem Kronhelm dieſen Brief, und dann kuͤſſen wir uns wieder wie die Seligen und Heiligen im Himmel.
Siegwart hatte bey dem Leſen dieſer Briefe hundertmal abſetzen muͤſſen, denn ſeine Freude war zu heftig, und die Freudenthraͤnen ſtuͤrzten ihm auf das Blatt hin. Eine Zeitlang vergaß er ſeiner eignen Leiden druͤber, und hielt ſich ſelbſt797 fuͤr gluͤcklich, weil es die waren, die er ſo unaus - ſprechlich liebte. Aber dann empfand er ſein eig - nes Ungluͤck nur wieder deſto ſtaͤrker, wenn er die Kluft ſah, die zwiſchen ihm und ſeinen Freunden war; wenn er die Donnerwolke ſah, die uͤber ihm und Marianen hieng, und ſchon herabzudonnern anfieng, und dort die Flur im hellen Sonnenſchein, auf der ſeine Lieben ruhig wandelten. Oft ward er etwas ungeduldig, und rief: Gott, warum ich allein mit Marianen elend, und die andern uͤberſchwenglich gluͤcklich? Dann machte er ſich ſel - ber wieder Vorwuͤrfe: Gott, vergib mir dieſen Un - muth! Ach, bewahre mich vor Ungeduld und Murren; vor Neid und Misgunſt! Laß mich uͤber meiner Freunde Gluͤck ſich freuen, wenn ich ſchon fuͤr mich nicht gluͤcklich bin! — Dann ſchrieb er ihnen dieſen Brief:
Jhr vergebt mir, wenn ich nicht frohlocken kann. Meine Seele freut ſich Eures Gluͤcks, das wiſt Jhr; aber meine Freude iſt ſo duͤſter, wie mein Schick - ſal. O Geliebteſte, Gott ſegne Eure Liebe! Mach Euch zu den Gluͤcklichſten auf Erden! Jhr verdient es. Wohl Euch, daß der Herr die Thraͤnen798 abgetrocknet hat, die ich rinnen ſah! Freut euch nun der goldnen Tage, die die Liebe fuͤr euch auf - gehen heiſt! Roſen muͤſſen euch durchs ganze Leben bluͤhen, und euch taͤglich einen Kranz geben, euer Haar damit zu ſchmuͤcken. Euer Grab ſey in einem Roſenwaͤldchen, wo ihr unter lieblichen Geruͤchen einſchlummert! Mir iſt ein Cypreſſenwald gepflanzt, in dem ich weinen muß. Mich hat die Liebe we - nig Tage nur geſegnet. Jch habe wenig Tropfen ihres ſuͤſſen Zaubertranks gekoſtet; nun reicht ſie mir einen Becher dar voll Wehmuth. Vielleicht hat bald ein andrer Marianens Hand; nicht ihr Herz, denn das iſt mein, und dieß iſt der Stab, an dem ich mich im Thal der Leiden halte. —
Seyd geſegnet, meine Lieben, ſeyd geſegnet! Dieß wuͤnſch ich Euch, mit Thraͤnen in den Augen. Moͤcht ichs einmal koͤnnen ohne Thraͤnen! Aber, wie der Herr will, der mir Freuden erſt gegeben hat, und mir nun Leiden gibt. Segne, liebſte Schweſter, unſern theuren Vater, aber ſag ihm nichts von meinen Leiden! daß nicht ſeine Freude duͤſter, und umwoͤlkt werde! Du biſt mein Schwa - ger, Kronhelm, und ich liebe dich, wie meine Seele. Du machſt meine Schweſter gluͤcklich, und ſie lohnet dir mit ihrer Liebe. Jch wollt euch ei -799 nen Brautgeſang ſingen; aber Brautgeſaͤnge ſollten freudig ſeyn. Jch ſchreib euch aber doch das Lied ab, ob ich gleich nicht ſagen konnte, was ich woll - te. Es kam doch aus bruͤderlichem Herzen. Jch will an eurem Hochzeittage fuͤr Euch beten, und mein Leid vergeſſen. Liebt Euch treu, und ſeyd geſegnet! Dieß iſt alles, was ich wuͤnſchen kann. Betet auch zuweilen in Eurem Gluͤck fuͤr Euren Bruder! Denn ich glaube, das Gebeth der Gluͤck - lichen vermag viel. Betruͤbt Euch nicht zu ſehr! Meine Leiden ſind nicht ewig, und ich glaub an einen Gott, der unſer aller Vater iſt, auch wenn Er zuͤchtiget. Hier iſt noch das Lied.
Den andern Tag, als Siegwart ausgegangen war, ſagte man ihm bey ſeiner Nachhauſekunft, daß ein fremder Bedienter nach ihm gefragt ha - be, der in einer Stunde wiederkommen well - te. Siegwart konnte nicht begreifen, wer der Bediente ſeyn, und was er bey ihm zu thun haben muͤſſe? Er ſann hin und her, und machte ſich tauſenderley Einbildungen, aͤngſtliche und angenehme. Nach einer Stunde kam der Be -801 diente, und — ſiehe da! Es war Marr, den Kronhelm angenommen hatte.
O daß ich Sie nur wieder einmal ſehe! fieng er an. Jch bin weit und breit im Land herumge - laufen; koͤnnen Sie mir nichts von meinem gnaͤd - gen Herrn ſagen? — O ja, antwortete Siegwart. Er iſt wohl auf, und nimmt naͤchſtens eine Frau. Gott ſey Lob und Dank! rief der Kerl aus, und ſprang vor Freuden in die Hoͤhe. Hab ichs doch immer geſagt: ſo einem braven Herrn kanns nicht uͤbel gehen! Ja, Herr Siegwart, das war ein Jammer! Sie werden mirs kaum glauben. Da brachte man den alten Herrn auf einer Tragbahre heim. Das Blut lief aus Mund und Naſe, wie ein Roͤhrkaſten; und dabey ſchimpfte und fluchte er auf meinen gnaͤdgen Herrn, daß ich mich kreu - zigte und ſegnete. Es hieß, mein Herr ſey verlohren, und man wiſſ’ nichts von ihm. Man muͤſſ’ ihn uͤberall aufſuchen. Jch konnte das nun nicht begreifen, aber ich nahm den erſten beſten Gaul im Stall, und ritt, wo die Maͤhre hin wollte, denn ich wuſte — Gott verzeih mirs! — von meinem Herrn ſo wenig als der Gaul. Keine Seele wollt ihn geſehen haben, wo ich fragte. Jch rannte durch Hecken und Stauden, durch dick und802 duͤnn; alles nur umſonſt. Endlich ritt ich nach drey Tagen recht betruͤbt, mochte nichts eſſen und nichts trinken, in Gottes Namen wieder heim. Da war nun der Laͤrm erſt recht angegangen. Der alte Herr war abgeſegelt. Es ſoll entſetzlich anzuſehn geweſen ſeyn, wie er geſchimpft, dann wieder ge - bethet, dann geflucht hat, beſonders auf meinen unſchuldigen jungen Herrn. Die Augen ſoll er im Kopfe herum gedreht haben, wie ein Uhu. Er war ganz blau im Geſicht, und die Zung hieng ihm aus dem Mund heraus, ſechs Zoll lang, daß alle Menſchen im Dorf ſagten, der Boͤſe — Gott ſey uns gnaͤdig — hab ihn abgeholt. — Ja, wie ich eben ſah, daß da nichts zu machen war; denn oh - ne meinen Herrn mocht ich gar nicht leben — und daß alles drunter und druͤber gieng — jeder packte ein, und die ſaubre Jungfer Kunigund am mei - ſten — da nahm ich eben in Gottes Namen mei - nen Buͤndel auf den Ruͤcken. Jch haͤtt einen Gaul aus dem Stall mit nehmen koͤnnen, daß kein Hahn darnach gekraͤht haͤtt — aber ich bedanke mich da - fuͤr! Unrecht Gut g’raͤth nie gut! und ehrlich will ich bleiben, es mag gehn wie’s will! Da gieng ich eben auf gut Gluͤck uͤberzwerch ins Land hinein, und dachte: ich will meinen Herrn ſchon finden,803 wenns Gotts Will iſt. Freylich giengs ein bißchen hart her. Die kaiſerlichen Werber wollten mich mit Gewalt wegnehmen, weil ich keinen Paß hatt’, und mir ſechzig baare Thaler geben; aber ich rankte michz hinaus; und weil ich meinen Herrn nicht auftreiben konnte, da fiel mirs erſt ein, daß ich mich bey Jhnen Raths erholen wollte; Sie wuͤrden ſchon Beſcheid wiſſen. Gottlob! daß ich auf den Einfall kam. Nun bitt ich gar ſchoͤn, ſa - gen Sie mir gleich, wo er iſt? Daß ich mich morgen mit dem fruͤheſten auf den Weg machen kann.
Siegwart ſagte ihm, wo Kronhelm waͤre. Ey, Ey! ſagte er, das iſt ein bißchen weit ohne Paß. Jch haͤtte wohl eine Bitte, ob Sie mir ein kleines Briefchen mit gaͤben, wo drinn ſtuͤnde, daß ich ein ehrlicher Kerl ſey. Jch fuͤrchte die Soldaten, wie den Henker. Siegwart gab ihm einen kleinen Brief an Kronhelm, und ein offnes Zeugniß ſeines Wohlverhaltens. Der Kerl kuͤßte ihm die Hand — Aber, fuhr er fort, und kratzte ſich hinter den Ohren. Nun haͤtt ich noch eine Bitte! Sie iſt zwar groß, ich weis nicht, ob Sies mir nicht abſchlagen? Sie wiſſen ſchon ſo, wie’s auf Reiſen geht! Das Geld804 iſt mir eben ausgegangen, und da wollt ich … Gut, gut! rief Siegwart, wie viel braucht Er? — O Herr, Sie ſind auch gar zu gut, ſagte Marr ganz bewegt. Jch daͤchte, wenn ich ſechszehn Batzen haͤtt. Jch wollts Jhnen in vier Wochen wieder ſchicken; da krieg ich meinen Monatslohn. — Siegwart gab ihm zwey Gulden, und ſagte, daß er ſie ihm ſchenke. Der Kerl wollte das Geld nicht geſchenkt annehmen, und ließ ſich erſt da - durch beruhigen, daß ihm Siegwart ſagte: Er ſey ſeinem Herrn das Geld ſchuldig und wolle mit ihm abrechnen. Endlich nahm Marr mit Thraͤnen Abſchied.
Den folgenden Tag brachte Marianens Maͤd - chen unſerm Siegwart ſeinen Kleiſt wieder. Es war ein Papier um das Buch geſchlagen, und als ers wegnahm, fiel ihm dieſer Zettel in die Haͤnde:
Entreiſſen Sie ſich Jhrer Unruh! Es iſt wie - der Hofnung fuͤr uns da. Meine Mutter hat aufs neu mit mir geſprochen. Sie iſt ſehr fuͤr Sie, und verſprach mir, alles, was zu unſerm Beſten dienen koͤnnte, zu verſuchen. Sie hat805 bereits mit meinem Vater geſprochen, und ihn ſo weit gebracht, daß nun wegen des Hofraths nicht weiter in mich geſetzt werden ſoll. Nur ſollen wir behutſam ſeyn, und unſre Rechnung nicht zu gewiß machen! Meine Hand ſoll gewiß kein anderer bekommen; das hab ich Jhnen ſchon ſo oft geſagt, und ſag es hier auch ſchriftlich. Jch kann nicht glauben, daß Gott eine ſo reine und un - ſchuldige Liebe ungluͤcklich machen wird. Bleiben Sie nur Gott und der Hofnung treu, mein Al - lerliebſter! Jch wuͤnſche ſehr, Sie zu ſprechen, denn ich hab Jhnen mancherley zu ſagen. Mor - gen geh ich mit meiner Freundin in ihren Gar - ten, und da koͤnnten wir uns ſehen. Es iſt, wenn Sie bey meinem Garten ſich in das Gaͤß - chen rechter Hand ſchlagen, der fuͤnfte Garten auf der linken Seite, mit einem ſchwefelgelben Haͤuschen. Sie koͤnnen nicht leicht fehlen, und ich werd auch herausſehen. Schlag Drey gehen wir hinaus, wenn das Wetter gut iſt. Leben Sie wohl, mein Allertheureſter! Bauen Sie auf meine Liebe und auf meine Standhaftigkeit; am meiſten aber auf die Vorſehung, die unſre Her - zen ſo feſt vereinigt hat!
Siegwarts Seele war durch dieſen Brief, und die darinn enthaltne Hofnung wieder wie neu be - lebt. Er gieng den andern Tag um halb vier Uhr in den Garten, wo ſeine Mariane ſchon ſeiner wartete. Sie empfiengen ſich mit einem Entzuͤcken, als ob ſie Jahre lang getrennt geweſen waͤren. Mariane ſah wieder ſo heiter aus, wie der Fruͤh - lingshimmel. Sie pfluͤckte zwo Aurikeln von glei - cher Farbe; gab die Eine ihm, und ſteckte die an - dre an ihre Bruſt. Jn Gegenwart ihrer Freun - din war ſie bis zum Muthwillen luſtig, und hat - te tauſend muntre Einfaͤlle. Siegwart erzaͤhlte den beyden Maͤdchen Kronhelms und Thereſens gluͤck - liche Geſchichte, und meldete ſeinem Maͤdchen den Gruß ſeiner Schweſter. Mariane ward uͤber die - ſe Erzaͤhlung noch munterer, und ſagte, mit einem Blick auf Siegwart: Standhaftigkeit und treue Liebe bleibt doch ſelten unbelohnt. Mit dieſen Wor - ten gab ſie ihm ihre Hand, und gieng mit ihm durch die Johannisbeerhecken einer dunkeln Geiß - blattlaube zu. Jn ihrem Schatten ſank ſie an ſein Herz; er neigte ſich herab, kuͤßte ſie auf ihre Stir - ne, auf ihre ſchoͤne Augen, und auf ihren Mund. Freudenthraͤnen ſtunden ihm in den Augen, wann ſie ihren ſchmachtenden und liebevollen Blick zu807 ihm auſſchlug. Er laͤchelte; Sie auch, und fuhr ihm ſanft mit der Hand uͤber ſein Geſicht. Er umſchlang ſie. Lieber, lieber Engel, ſprach er, ſind Sie wieder mein? Wollen Sie mein bleiben? Sie lehnte ihr Geſicht an ſeine Bruſt, und druͤckte ſeine Hand ſanft. Oft ſaſſen ſie lange ſtillſchwei - gend da; Geſicht an Geſicht geſchmiegt; Er hoͤrte ihren Athem, wie er erſt langſam, nach und nach ſchneller und ſtaͤrker gieng, und zuletzt ein Seufzer ward. Dann druͤckte er ſie wieder feſter an ſein Herz, ſeinen Mund an ihren Mund; ſog ihren Kuß, und ihren ſanften, reinen Athem ein. — Lieben Sie mich auch? fragte er ein paarmal ganz leiſe. O unendlich! antwortete ſie, und ihr Auge, das ſo zaͤrtlich und ſo frey ihn anſah, ſag - te, daß es wahr ſey.
Ein paarmal blickte Siegwart zum Himmel. Der ganze Ausdruck ſeines Blicks war Dank. Gott, ach Gott! dachte er; wie unendlich haſt du mich geſegnet! Alles, alles, was du meinem Wunſch auf Erden geben konnteſt, die ganze Welt in mei - nem Arm! Alles andre iſt mir nichts; iſt Staub! Laß mir nur Sie, nur Sie! Gott, ach Gott, nur Sie! Und dann druͤckte er ſie wieder feucrvoller an ſein Herz. — Warlich! Eine ſolche Liebe muß die808 Freude Gottes, und die Luſt der Engel ſeyn! Laß zwey ſolche Liebende auf Erden auch getrennt wer - den! Jn der Ewigkeit eilen ſie ſich wieder zu, wo ewig keine Trennung ſeyn wird! —
Lieben Sie mich auch? fragte ſie nach einiger Zeit, ganz bewegt. Ueber alles, uͤber alles! gab er ihr zur Antwort. — Lieben Sie mich, Sieg - wart? fragte ſie bald darauf, noch bewegter wie - der. — Warlich! wie mein Leben; mehr noch, als mein Leben! antwortete er, und ward trau - rig. — Lieben Sie mich mehr noch, als das Klo - ſter? fragte ſie zum drittenmal. — Thraͤnen ſtuͤrz - ten ihm hier aus den Augen; ja, bey Gott! auch mehr noch, als das Kloſter! rief er aus. Liebſtes, beſtes Maͤdchen! Jch will naͤchſtens meinem Va - ter druͤber ſchreiben; denn er weis noch nichts. Aber er hat nichts dagegen, davon bin ich uͤber - zeugt. Der geheime Rath von Kronhelm will mir helfen, und im Baierſchen ein Amt verſchaf - fen. — Nun, das iſt ja herrlich! ſagte ſie; nun bin ich ruhig. Meine Mutter machte mir den Ein - wurf: Sie wuͤrden ja ein Geiſtlicher, und ich wuſte nichts darauf zu antworten. Er verſicherte ſie nochmals, daß er bald davon an ſeinen Vater ſchreiben werde. Und nun goß die Zaͤrtlichkeit von809 neuem ihre Freuden uͤber ſie in vollem Maas aus; jeder Kuß war ein Tropfen aus der Schaale der Liebe, die nur keuſchen Liebenden gereicht wird. Eine Nachtigall ſaß auf dem Zweig des naͤchſten Apfelbaums, und ſang ihnen noch mehr Wolluſt ins Herz. Endlich kam auch Marianens Freun - din zu ihnen. Dieß ſtoͤrte ſie in ihrer Freude nicht. Mariane gab ihrem Siegwart in ihrer Ge - genwart Kuͤſſe, und blickte ihn noch eben ſo zaͤrt - lich an; denn ihre Freundin war mit ihr aufs innigſte verbunden, und hatte ihr auch ehmals die Geſchichte ihres Herzens anvertraut. Sie ſagte ihrem Siegwart, er moͤchte das naͤchſtemal wieder ins Konzert kommen, zumal da es das vorletzte ſey. Jhre Schwaͤgerinn ſey wieder krank, und koͤnne alſo nicht auflauren. Dann ſprachen ſie wieder von Kronhelm und Thereſen; und endlich gieng Siegwart ſo ſelig und vergnuͤgt wieder nach der Stadt, als er ſeit langer Zeit nicht geweſen war.
Zu Haus fieng er ſogleich einen Brief an Kron - helm und ſeine Schweſter an, der aber, in ſei - ner Freude, ſo unzuſammenhaͤngend ward, daß er ihn wieder zerriß. Nun dachte er ernſtlich drauf,F f f810was er ſeinem Vater ſchreiben wollte? So feſt ers auch beſchloſſen hatte, ſo ungern gieng er doch dran, weil es ihm ſchwer fiel, ſeinem Vater ein Ge - ſtaͤndniß zu thun, das ſein zu zaͤrtliches und aͤngſt - liches Gefuͤhl lieber nie einer Seele eroͤffnet haͤtte. Daher ſchob er das Schreiben an ſeinen Vater von einem Tag zum andern auf. Oft hatte ers an einem Abend beſchloſſen, und unterließ es den andern Morgen, unter tauſend, ſelbſtgemachten, Entſchuldigungen wieder. Wenn er Marianen ſah, ſo dachte er, nun muß ich ſchreiben! Er fieng zu Hauſe an, war aber nie mit dem, was er ge - ſchrieben hatte, zufrieden, ſtrich hundertmal aus, und zerriß dann das ganze Blatt wieder. Er hat - te unendlich viele Bedenklichkeiten, daß er ſeinen Vater beleidigen, oder ſeine Gunſt verlieren moͤch - te, und machte ſich ſelbſt tauſend Zweifel, die nicht wirklich waren.
Nach etlich Tagen erhielt er dieſen Brief von Thereſen:
Endlich ſind alle Wuͤnſche meines Lebens ganz erfuͤllt, und ich bin die gluͤcklichſte Frau des Beſten aller Sterblichen. Vor zwey Tagen wurden wir811 getraut. O Bruder, Bruder, meine Freuden ſind zu groß, als daß eine Zunge, oder eine Feder ſie ausdruͤcken koͤnnte. Jch kann dir nicht den Schat - ten von dem zeigen, was ich fuͤhle. Genug, fuͤr mich hab ich keinen Wunſch mehr, als das Leben und die Ruhe meines Kronhelms. Und ich hoffe, daß ihn Gott mir lange erhalten werde, denn er iſt ein Segen der Welt. Taͤglich lern ich ihn mehr kennen, mehr bewundern und lieben. Taͤg - lich lern ich von ihm, und werde doch gewiß in dieſem Leben nie auslernen. Seine Zaͤrtlichkeit gegen mich iſt unbeſchreiblich. Unſre Seelen ſind aufs engeſte vereinigt und haben nur einen Wil - len. Doch, du kennſt ihn ja ſelbſt. Aber von feinem Lob moͤcht ich unaufhoͤrlich reden, und du faſſeſt ſo etwas am beſten.
Bey der Hochzeit waren einige Freunde unſers theuren Vaters, der unausſprechlich heiter war. Auch meinen ehrlichen Prediger in Windenheim hab ich bitten laſſen; er konnte aber, leider, wegen einer kleinen Unpaͤßlichkeit nicht kommen. Vor fuͤnf Tagen ſind wir, ich und mein Kronhelm, bey ihm geweſen. Der gute Mann hatte eine unbeſchreib - liche Freude, die hellen Zaͤhren ſtunden ihm in den Augen, und er gab uns einen ſo herzlichen Se -812 gen, daß ihn Gott gewiß erhoͤren muß. Der gehei - me Rath iſt mehr als mein zweyter Vater. Jch kann dir nicht ſagen, wie liebreich er mir begegnet! Er nennt mich immer ſeine Tochter, und das thut ſo wohl. Auch große, nur zu große Geſchenke hat er mir gemacht, an Juwelen, Diamanten, Perlen u. d. gl. Karl und ſeine Frau waren auch bey der Mahlzeit. Wie hat ſich doch alles hier ſo wunderlich geaͤndert! Sie wuͤnſchte mir ſo viel Gluͤck, ſchmeichelte mir ſo ſehr, daß ichs zuletzt faſt uͤberdruͤſſig wurde. Der geheime Rath will, der Papa ſoll mir gar kein Heyrathsgut mitgeben. Er will, wie er ſagt, Vatersſtelle bey mir vertreten, und bat den Papa, ihm dieſe Freude zu goͤnnen, da er keine eigne Kinder habe. Daruͤber iſt Karl ganz auſſer ſich vor Freuden.
Deinen Brief, liebſter Bruder, haben wir mit vielen Thraͤnen geleſen. Gott ſtehe dir bey, und mache dich mit deiner theuren Mariane gluͤcklich! Mich deucht, du biſt ein wenig zu furchtſam; we - nigſtens mein Kronhelm ſagt, du ſeyeſt viel zu aͤngſtlich. Faſſe doch Muth! Eine ſolche Liebe kann kaum ungluͤcklich werden. Denk an unſre Liebe; welche Leiden wir ausgeſtanden haben, und wie gluͤcklich wir nun ſind! Vielleicht iſt ſchon wie -813 der Hofnung fuͤr dich da. Gott geb es! Jch bitte taͤglich fuͤr dich. Tauſend Dank fuͤr dein Gedicht, wollte Gott, du haͤtteſt ein freudigeres ſingen koͤn - nen! Aber doch hat es uns ſehr gefallen. Gruͤß deine Mariane in meinem Namen herzlich! — Jch will meinen Kronhelm fragen, ob er dir auch ſchreiben will? O Bruder, ich bin deine unaus - ſprechlich gluͤckliche Schweſter
Am Schluß des Briefes war noch folgendes von Kronhelm geſchrieben:
Jch kann nicht ſchreiben, Bruder! Mein Herz iſt zu voll, und tobt vor Freuden. Jch bedaure dich, Gott weis es, herzlich. Aber faß Muth! Es wird ſich aͤndern. Marianens Herz iſt ſtark und ſtandhaſt. Bau darauf! Jch bitte dich, ſey nicht gar zu muthlos! — Hier iſt alles Freude; und mich deucht, ich bin der Gluͤcklichſte von al - len. Koͤnnt ich dir nur den tauſendſten Theil von meinem Gluͤck geben; und du waͤrſt ſchon froh. Aber nur getroſt! Du muſt auch noch gluͤck - lich werden; du biſt gar zu brav. Uebermorgen reiſen wir mit meinem treflichen Onkel nach Stein - feld. Unſer Vater iſt gar ein vortreflicher Mann,814 den ich mit der groͤſten Ehrſurcht liebe. Sey ein Mann, Bruder, und kaͤmpf! Die Siegerkrone kann dir nicht fehlen. Du wirſt ſagen: der hat gut troͤſten, weil ihm nichts mehr auf Erden uͤbrig iſt, zu wuͤnſchen; und da haſt du freylich Recht.
Siegwart war nun wieder von allen Seiten gluͤcklich. Die Wuͤnſche ſeiner liebſten Freunde wa - ren ganz erfuͤllt; er beſaß die Liebe ſeiner theuren Mariane ganz, und die Furcht, ſie zu verlieren, war wieder groͤſtentheils zerſtreut. Nur der Ge - danke an das Geſtaͤndniß, das er nun bald ſeinem Vater thun ſollte, truͤbte noch zuweilen ſeine Ruhe. Aber in den vielen Freuden, die er hatte, ſuchte er ihn zu betaͤuben und einzuſchlaͤfern; er ſchrieb an ſeinen Schwager und an ſeine Schweſter nach Steinſeld; theilte mit ihnen ihre große Freude, und erzaͤhlte ihnen auch die Hofnungen, die er fuͤr ſich und ſeine Liebe hatte. Jm naͤchſten Konzert ſang er mit Marianen ein paar Arien, die die Wiedervereinigung zweyer Liebenden zum Jnhalt hatten. Mit welchem Ausdruck ſie und er geſun - gen haben moͤgen, kann ſich jedes gefuͤhlvolle Herz vorſtellen. Jeder Zuhoͤrer war bewegt, und klatſch -815 te Beyfall. Ueber ſeinen Blicken wachte er ge - nau, um den Hofrath und den andern Anwe - ſenden keine Gelegenheit zum Argwohn zu geben. Der Hoſrath war ſehr hoͤflich, und lud am En - de des Konzerts alle, auch unſern Siegwart ein, nach dem naͤchſten Konzert, weiches das letzte ſeyn wuͤrde, zu einem Ball da zu bleiben. Sieg - wart ſprach zwiſchen dieſer Zeit ſein Maͤdchen ein - mal in dem Garten ihrer Freundin, und brach - te einen, der liebe heiligen Abend mit ihr zu. Sie verſicherte ihn wieder, daß ihre Mutter ganz fuͤr ihn ſey, und daß ſie wegen des Hofrath Schragers wenig, oder nichts mehr zu beſorgen habe.
Am naͤchſten Mittewochen ſpielte Siegwart noch einmal mit dem allgemeinſten Beyfall ein Kon - zert. Auch Marianens Bruder ſpielte eins mit ziemlichem Beyfall, weil er ſich, unter Sieg - warts Anfuͤhrung, ſehr darauf vorbereitet hatte. Dieſer Umſtand machte, daß auch er unſerm Siegwart ziemlich zugethan wurde. Nach dem Konzert gab der Hofrath Fiſcher ein Abendeſſen; nach demſelben eroͤſnete er, mit ſeiner Frau, den Ball. Siegwart tanzte zuerſt mit Marianen ei - ne Menuet, und dann einen Geſellſchaftstanz. 816Hierauf tanzte er mit ihrer Mutter, die auſſe - ordentlich freundſchaſtlich gegen ihn that. Sie ſetzte ſich nach dem Tanz mit ihm auf ein Ka - napee, und fieng von ihrer Tochter an, zu re - den. Es freut mich herzlich, ſagte ſie, daß Sie ſo viel Freundſchaft gegen meine Tochter tragen; ſie wird es Jhnen auch ſchon geſagt haben. Nur um der Leute, und hauptſaͤchlich um meines Mannes willen, muß ich Sie ſehr um Behut - ſamkeit bitten. Man iſt im Stillen weit gluͤck - licher, als wenn man vieles Auſſehen macht. Jch wurde ſchon von verſchiednen Seiten her gewarnt. Die Leute hier ſchlieſſen aus jeglicher Bekannt - ſchaft auf die engeſte Vertraulichkeit, und erdich - ten aus Langerweile tauſenderley Geſchichten. Sie ſehen ein, was mir daran liegt, daß mei - ne Tochter nicht in der Leute Mund kommt. Meine Schwiegertochter und mein Mann ſind gar wunderlich. Suchen Sie ein rechtſchaffner und geſchickter Mann zu werden; das Uebrige haͤngt von Gott und nicht von uns ab. Jch hoͤre, Sie wollten geiſtlich werden. Wird es Jhr Herr Vater wol zufrieden ſeyn, wenn Sie um - ſatteln? O ja, ganz gewiß! ſagte Siegwart; ich will ihm naͤchſter Tagen ſchreiben. Ein anderer,817 der die Hofraͤthin zum Tanz aufzog, machte dem Geſpraͤch ein Ende. Er blieb ſitzen, und ſah ſeine Mariane in einiger Entfernung von ihm, tanzen. Jhre Augen waren viel auf ihn gerichtet; oft, wenn ſie glaubte, daß es niemand merkte, laͤchelte ſie ihm zu. Jhm wars, wie wenn ein Sonnen - blick im Fruͤhling auf die Flur faͤllt.
Als der Student, mit dem Sie tanzte, ihr, beym Schluß der Menuet, die Hand kuͤßte, da fuhr ihms wie ein Dolch durchs Herz. Er ward feuer - roth, und gleich drauf traurig; denn er hatte viel, faſt zu viel Anlage zur Eiferſucht. Der freund - liche Blick, mit dem ſie dem Studenten dankte, machte tauſend Empfindungen in ihm rege. Er glaubte, Liebe drinn entdeckt zu haben, ſo unwahr - ſcheinlich und ungegruͤndet dieß auch war. Die Vernunft mochte ihm auch tauſendmal ſagen, daß er ſich ſelbſt ohne Urſach kraͤnke, und Maria - nen Unrecht thue, er konnte ſich und ſeine Un - ruhe doch nicht gnug bekaͤmpfen. Mariane merkte dieſes wohl, und ſetzte ſich, als er ins Zimmer ge - gangen war, zu ihm. Sie blickte ihn zaͤrtlich an, und nun kam die Heiterkeit auf Einmal in ſein Aug, und in ſein Herz zuruͤck. Er ſah die Falſch - heit ſeines Argwohns ein, machte ſich ſelbſt bittre818 Vorwuͤrfe, und konnte eine Thraͤne nicht verber - gen, die ihm ins Auge ſchoß. Gern waͤr er an ihr Herz geſunken, und haͤtte ſein beleidigtes Maͤd - chen um Verzeihung gebeten, aber die vielen Gaͤſte, die zugegen waren, hielten ihn zuruͤck. Der, ihm verhaßte Hofrath Schrager, zog ſie nun zum Tanz auf. Es ward ihm kalt und warm, als er den Mann ſah. Er tanzte, um ſeine Verwirrung zu verbergen, mit dem naͤchſten beſten Maͤdchen, ſeiner Mariane gegen uͤber. Sie tanzte ganz kalt, und nachlaͤßig mit dem Hofrath, und warf zuweilen einen liebevollen Blick auf ihren Juͤng - ling. Als Mariane mit Dahlmund ſchwaͤbiſch tanzte, ſetzte ſich Siegwart allein in einen Winkel auf dem Saal, und hatte lauter traurige Gedan - ken. Mariane legte ihre linke Hand auf Dahl - munds Schulter, und flog ſo mit ihm auf dem Saal herum. Dieſer Anſchein von Vertraulich - keit kraͤnkte ſeine zarte Seele tief, zumal da es ſonſt kein Maͤdchen auf dem Saal ſo machte. Er ſah zwar nachher, daß dieſes bey Marianen blos Gewohnheit war, weil ſie es bey jedem Taͤnzer ohne Unterſchied ſo machte; aber es that ihm doch im Herzen weh, daß die Geliebte ſeiner Seele auch nur ſcheinen ſollte, auſſer ihm mit einem Menſchen819 auf der Welt vertraut zu ſeyn. Er haͤtt es ihr ſo gern geſagt, aber er fuͤrchtete, ſie zu betruͤben, oder in den Verdacht der Wunderlichkeit bey ihr zu kommen. Noch trauriger ward er bald dar - auf, als ſie mit einem andern tanzte, der ſie, wie ein Raſender herumriß, und mit ihr mehr flog, als ſprang. Gott! dachte er, wenn ihr dieſe heftige Bewegung Schaden braͤchte, und ihre Ge - ſundheit zerruͤttete! Wie leicht koͤnnte ſo ein Au - genblick mein Liebſtes rauben! Dieſer Gedanke verſenkte ihn immer tiefer in die traurigſten Vor - ſtellungen, ſo daß ihm Thraͤnen in den Augen ſtan - den. Sie kam nach dem Tanz zu ihm. Das iſt ſchrecklich getanzt! ſagte er; Sie gluͤhen recht! und ſchien aufgebracht zu ſeyn. Sie ſah ihn weh - muͤthig, und halb birtend an. Eine Thraͤne drang aus ihrem Auge. Liebes Maͤdchen, ſagte er, und war bewegt; wie leicht