PRIMS Full-text transcription (HTML)
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Das Verlohrne Paradies,
in Reimfreye Verſe uͤberſetzt, und mit eignen ſowohl als andrer Anmerkungen begleitet von Friedrich Wilhelm Zachariaͤ.
Erſter Theil.
Mit Kupfern.
Altona,beyDavid Jverſen, Koͤnigl. privil. Buchh. in Holſtein,1760.

Vorbericht.

Milton iſt unſtreitig einer der groͤßten Dichter. Sei - ne Fehler ſo gar, die man ihm vorgeworfen, ſind von der Art, daß ſie nur ein großer Geiſt be - gehn konnte. Er wird nicht allein von ſeiner eignen Nation angebetet, der man Geſchmack und Einſicht gewiß nicht abſprechen wird, ſondern jedes Volk, das mit den ſchoͤnen Wiſſenſchaften nur einigermaßen bekannt iſt, bewundert ihn, und die Nachwelt laͤßt ihm alle die Gerechtigkeit wiederfahren, die ihm ſeine eignen Zeitgenoſſen verweigert. Ungeachtet alles ungegruͤn - deten Tadels, aller Verſuche, ihn laͤcherlich zu machen, hat er doch auch unter uns von jeher Leſer und Beyfall gefunden. Den groͤßten Beyfall, das groͤßte Lob hat er durch die Meßiade ſeines gluͤcklichen Nebenbuhlers erhalten.

2WirVorbericht.

Wir ſind es unſerm beruͤhmten Bodmer ſchuldig, daß wir das verlohrne Paradies in unſrer Sprache kennen lernen. Die - ſer große Kunſtrichter hat indeß ſelbſt gewuͤnſcht, daß es jemand in Verſe uͤberſetzen moͤchte, weil ein Dichter von dieſer Art in einer proſaiſchen Ueberſetzung zu viel verliert. Jch lege der Welt eine ſolche Ueberſetzung vor, und erwarte ihr Urtheil, ohne weiter et - was von meiner Arbeit zu ſagen.

Es ſollen noch zwey Theile nachfolgen. Der zweyte wird die ſechs uͤbrigen Geſaͤnge, und der dritte Miltons Leben, nebſt einigen kritiſchen Schriften uͤber ſein Gedicht, enthalten.

Meine eignen Anmerkungen ſind mit einem Z bezeichnet. Aus der Newtoniſchen Ausgabe habe ich vorzuͤglich diejenigen gewaͤhlt, die ungeuͤbtern Leſern Miltons Schoͤnheiten verſtaͤnd - licher machen konnten. Da wir leider von den Alten noch gar keine Ueberſetzungen haben, ſo ſah ich mich genoͤthigt, die Stellen aus dem Homer, Virgil ꝛc. ſelbſt zu uͤberſetzen. Wie oft habe ich bey dieſer Gelegenheit unſre Nachbarn wegen ihrer vortrefflichen Ue - berſetzungen der Alten beneidet, und gewuͤnſcht, daß wir, die wir ſo gern nachahmen, es doch auch hierinn thun moͤchten. Braun - ſchweig, den 6ten May 1760.

Friedrich Wilhelm Zachariaͤ.

Das
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[1]

Das Verlohrne Paradies. Erſter Geſang. Das Verlohrne Paradies. Erſter Geſang.

A[2][3]
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Von dem erſten Vergehn des ungehorſamen Menſchen,
Und dem verderblichen Eſſen der Frucht des verbo -
tenen Baumes,
Welches den Tod auf die Erde gebracht, und alles ihr Elend,
Mit dem Verluſte von Eden
a)Das iſt mit dem Verluſte des Paradieſes, welches in Eden lag. Newton.
a); bis jener groͤßere Menſch uns
5
1 Die verlohrnen Rechte von neuem erwarb, und von neuem
Uns den ſeligen Sitz der Unſchuld wieder gewonnen:
Sing, o himmliſche Muſe, die auf dem geheimen Gipfel
Horebs, oder auf Sinais Hoͤhen den Schaͤfer begeiſtert,
A 2Der4Das verlohrne Paradies.
Der den erwaͤhlten Saamen zuerſt gelehrt
b)Denn Moſes hütete der Schaa - fe Jethro, ſeines Schwähers. Jm 2 B. Moſ. III, 1. Es wird ſehr eigent - lich von ihm geſagt, daß er den erwaͤhl - ten Saamen zuerſt gelehrt, weil er nicht nur der aͤlteſte Schriftſteller der Juden, ſondern der aͤlteſte von allen iſt, von denen uns noch etwas aufbehalten worden. N.
b), wie im Anfang
10
2 Himmel und Erde
c)Nach den erſten Worten des er - ſten Buchs Moſe. N.
c) dem Chaos entſprang; doch gefaͤllt dir der Huͤgel
Sions mehr, und der Bach Siloah
d)Siloah war ein kleiner Bach, der nahe am Tempel Jeruſalems vorbey floß. Er wird erwaͤhnt Jeſ. VIII, 6. Daß Milton alſo in der That die himmliſche Muſe anruft, welche den Koͤnig Da - vid und die Propheten auf dem Berge Sion, und zu Jeruſalem begeiſtert, ſo wie Moſen auf dem Berge Sinai. N.
d), der nah am Orakel
Gottes vorbey fließt: ſo ruf ich von da zu dem kuͤhnen Geſange
Deine Huͤlfe herunter, der mit nicht gewoͤhnlichem Fluge
Ueber den hohen Aoniſchen Berg
e)Die Gebirge von Boͤotien, wel - ches vor Alters Aonien genannt wurde, waren der Sitz der Muſen; obgleich dieſe Gegend auch ſonſt, ich weis nicht durch was fuͤr ein Schickſal, wegen derDummheit ihrer Einwohner beruͤhmt war. N.
e) ſich zu ſchwingen gedenket,
15
5 Und die geheiligte Spur von großen Dingen verfolget,
Die ſonſt niemand vor mir in Proſa noch Reimen
f)Milton verſteht hier unter Rei - men, Verſe uͤberhaupt. Verſe ohne ein Beywort ſchien ihm vermuthlich nicht edel genug. Arioſto ſagt beynahe mit den naͤmlichen Worten: Coſa, non detta in proſa mai, ne in rima. Eine Sache, die niemals in Proſa, noch Reimen, geſagt war. Pearce.
f) verſucht hat.
Und du beſonders, o Geiſt
g)Milton konnte zu ſeinem Werke gar wohl den heiligen Geiſt anrufen, da nach Jacobi I, 17. alle gute und alle vollkommene Gabe von oben her - ab kömmt, von dem Vater des Lichts. Er ſcheint ſich aber fuͤr einen wirklich begeiſterten Mann gehalten zu haben, wie ſeine hinterlaſſene Wittwe oftmals erzaͤhlt. N.
g), du Schoͤpfer erhabner Gedanken,
Der du allen Tempeln ein Herz, das aufrichtig und rein iſt,
Vorziehſt; unterrichte du mich, denn du weißt es
h)Theokrit. Jdyll. XXII, 116. 〈…〉〈…〉etc. Sage Goͤttinn, du weißt es ꝛc. N.
h); du wareſt
Gegen -5Erſter Geſang.
20
8Gegenwaͤrtig im Anfang, da du die maͤchtigen Fluͤgel
Ueber den weiten Abgrund, gleich einer bruͤtenden Taube
i)Eine Anſpielung auf 1 B. Moſ. I, 2. Der Geiſt Gottes ſchwebete auf dem Waſſer. Das Wort ſchweben in der Ueberſetzung, heißt eigentlich nach der Grundſprache brüten, wie ein Vogel uͤber ſeinen Eyern. Er nimmt lieber die Taube, als einen andern Vo - gel, weil die Herabkunft des heiligen Gei - ſtes mit einer Taube verglichen wird: Luc. III. 22. Da Milton die Schrift in der Grundſprache las, ſo ſind ſeine Ausdruͤcke und Bilder oͤfter aus ihr entlehnt, als aus der Ueberſetzung. N.
i),
Ausgeſpreitet, und fruchtbar ihn machteſt; erleuchte was finſter
Jn mir iſt, durch dein Licht, und alles was niedrig iſt in mir,
Das erhebe, das ſtaͤrke; damit ich die ewige Vorſicht,
25
9 Nach dem erhabenen Jnnhalt des großen Geſanges, vertheidge,
Und die Wege Gottes den Menſchen rechtfertigen moͤge
k)Dieſes geſchieht durch das ganze Gedicht, beſonders in den Reden zwi - ſchen Gott dem Vater und Sohn. N.
k).
Sage zuerſt, denn der Himmel haͤlt deinem Blick nichts verborgen,
Noch der Hoͤlle Tiefen
l)Der Poet ſchreibt der Muſe eine Art von Allwiſſenheit zu, und das mit Recht, weil ſie dadurch faͤhig gemachtwird, von Dingen zu reden, die ſie an - ders nicht wiſſen konnte. So ſagt Ho - mer Iliad. II, 485. 〈…〉〈…〉Denn ihr ſeyd Goͤttinnen, ſeyd zuge - gen, und wiſſet alles. Und Virgil Aen. VII, 645. Et meminiſtis enim, Divae, et me - morare poteſtis. Denn ihr erinnert es euch, Goͤttin - nen, und koͤnnt es erzaͤhlen. Da Miltons Muſe der heilige Geiſt iſt, ſo mußte ſie nothwendig allwiſſend ſeyn. Er erwaͤhnt hier ſehr geſchickt des Him - mels und der Hölle, da der Schauplatz von einem ſo großen Theile des Gedichts, bald im Himmel und bald in der Hoͤlle iſt. N.
l); entdecke zuerſt mir die Urſach,
Die im gluͤcklichen Zuſtand, (ſo hoch vom Himmel beſeligt!)
30
11Unſere Stammaͤltern trieb, von ihres Schoͤpfers Befehlen
Abzuweichen, und ſeinem Willen entgegen zu handeln,
Welcher nur Eins verbot, und ſonſt ſie Herren der Welt ließ?
A 3Sage,6Das verlohrne Paradies.
Sage, wer war es, der ſie zuerſt von ihrem Gehorſam
Zu dem ſchaͤndlichen Aufſtand verleitet? Der Drache der Hoͤlle.
35
11Dieſer war es, welcher mit Liſt, von Rachſucht und Neide
Angefeuert, die Mutter des Menſchengeſchlechtes verfuͤhrte,
Als ihn ſein Stolz mit dem ganzen Heere rebelliſcher Engel
Aus dem Himmel geworfen, durch deren Beyſtand er glaubte,
Ueber alle, die neben ihm waren, ſich zu erheben;
40
11 Ja dem Allmaͤchtigen ſelbſt die Wage zu halten, wofern der
Jhm widerſtuͤnde. Voll ſtolzer Ehrſucht begann er im Himmel
Wider den Thron und die Herrſchaft Gottes vermeſſene Kriege,
Und gottloſe Schlachten; mit eitlem Beſtreben. Jhn ſtuͤrzte
Flammend von der aͤtheriſchen Buͤhne die Kraft des Allmaͤchtgen
45
11 Mit erſchrecklichem Fall, und graͤßlichem Brande, herunter
Jn das bodenloſe Verderben. Hier ſollte der liegen
Jn dem ſtrafenden Feuer, mit demantnen Ketten
m)Aeſchylus im Prometheus 6. 〈…〉〈…〉.
m) gefeſſelt.
Welcher ſich unterſtand, den Allmaͤchtgen zum Streite zu fordern.
Neunmal die Zeit, die den Tag und die Nacht den Sterblichen abmißt,
50
12 Lag er mit ſeinem ſcheußlichen Haufen, uͤberwunden,
Jn dem feurigen Schlunde ſich waͤlzend, vom Falle betaͤubet,
Obgleich unſterblich. Jedoch zu groͤßern Qualen verſparte
Sein Gericht ihn. Jhn nageten itzt die ſchwarzen Gedanken
Seines verlohrnen Gluͤcks, und der immerwaͤhrenden Schmerzen.
55
12Rund umher waͤlzt er die giftigen Augen; ſie ſprachen Verzweiflung
Tiefe7Erſter Geſang.
Tiefe Betruͤbniß, mit ſtandhaftem Haß, und verhaͤrtetem Stolze
Untermiſcht: Und ſo weit, als die Blicke der Engel nur dringen,
Ueberſieht er auf einmal die wuͤſte traurige Gegend,
Unermeßlich; ein ſchrecklicher Kerker, rund um ihn her flammend,
60
12 Wie ein feuriger Ofen; doch ſchoß kein Licht von den Flammen,
Sondern vielmehr eine ſichtbare Finſterniß
n)Dieſes iſt ein ſtarker, kuͤhner Aus - druck, womit Milton, wie es ſcheint, eine dicke Daͤmmerung bezeichnen wollen. Die Finſterniß iſt eigentlich zu reden un - ſichtbar. Aber wo nur eine bloße Daͤm - merung iſt, da bleibt noch ſo viel Licht uͤbrig, daß man Gegenſtaͤnde erkennen, obgleich nicht genau unterſcheiden kann. Pearce. Seneka gebraucht einen gleichen Aus - druck von der Grotte des Pauſilyppus im 57. Brief. Nihil illo carcere lon - gius, nihil illis faucibus obſcurius, quae nobis praeſtant, non vt per tene - bras videamus, ſed vt ipſas. Es giebt nicht leicht ein laͤngeres Gewoͤlbe, noch Schluͤnde, die dunkler ſind; ſie machen,daß wir nicht durch die Finſterniß, ſondern die Finſterniß ſelbſt ſehn. Antonio de Solis iſt auf eben den Ge - danken gerathen, wenn er in ſeiner vor - trefflichen Geſchichte der Eroberung von Mexico von dem Orte redet, in welchem Motezuma ſeine Goͤtter zu fragen pfleg - te. Es war ein weites, dunkles, unterirdiſches Gewölbe, (ſagt er,) welches einige traurige Kerzen nur eben ſo viel erleuchteten, daß man die Finſterniß ſehn konnte. Auch Euripides druͤckt ſich auf eben dieſe poe - tiſche Art aus. Bac. 510. 〈…〉〈…〉, Daß er die Finſterniß ſehn koͤnnte. Newton.
n), welche nur diente,
Lange Proſpekte voll Jammer, und Regionen voll Kummer
Zu entdecken, und traurige Schatten, in welchen die Ruhe,
Und der Friede nie wohnt; die nie die Hoffnung beſuchet,
65
13 Die ſonſt alles beſucht; wo nichts als Qualen ohn Ende
Unaufhoͤrlich quaͤlen, und eine feurige Suͤndfluth,
Die mit immerbrennendem Schwefel, der niemals verzehrt wird,
Sich unterhaͤlt. Und dies war der Ort, den die goͤttliche Rache
Dieſen Rebellen bereitet, hier wies ſie ihnen den Kerker
70
13 Jn der aͤußerſten Finſterniß an, und ihr trauriges Erbtheil,
Drey -8Das verlohrne Paradies.
Dreymal ſo fern von Gott, und von dem Lichte des Himmels,
Als von dem aͤußerſten Pole, der Erde Mittelpunkt abſteht
o)Der Erde Mittelpunkt war nach Miltons Syſtem der Mittelpunkt des ganzen Weltgebaͤudes, und der aͤußerſte Pol iſt gleichfalls nicht der Pol der Er - de, ſondern des Weltgebaͤudes uͤberhaupt. Es iſt zu bemerken, daß Homer die Hoͤl - le ſo weit unter den tiefſten Schlund der Erde ſetzt, als der Himmel von der Erde entfernt iſt. 〈…〉〈…〉〈…〉〈…〉Iliad. VIII, 16. Virgil ſetzt ſie zweymal ſo weit. Tum Tartarus ipſe Bis patet in praeceps, tantum tendit - que ſub umbras Quantus ad aethereum coeli ſuſpe - ctus Olympum. Aen. VI, 577. der Tartarus ſelber Thut itzt den Abgrund zweymal ſo weit auf, und erſtrecket ſo tief ſichUnter die Schatten, ſo weit als der Blick zum aͤtherſchen Olymp reicht. Und Milton: Dreymal ſo fern von Gott und von dem Lichte des Himmels ꝛc. ꝛc. Nicht anders, als ob dieſe drey großen Poeten ihr aͤußerſtes Genie angeſtrengt, und mit einander haͤtten wetteifern wollen, wer ſeine Jdee von der Tiefe der Hoͤlle am hoͤchſten treiben koͤnne. Milton uͤbertrifft ſie aber in der Beſchrei - bung der Hoͤlle uͤberhaupt, eben ſo ſehr, als in dieſem einzigen Umſtande von ih - rer Tiefe. N.
o).
Dieſer Ort, o wie war er dem Orte ſo ungleich, von welchem
Sie herunter geſtuͤrzt! Daſelbſt erkennet er ploͤtzlich
75
14 Seines Falles Gefaͤrthen, von Wirbelwinden, und Fluthen
Stuͤrmenden Feuers, bedeckt. Dicht neben ihm waͤlzt ſich der naͤchſte
Nach ihm, an Macht, und an Bosheit, den lange nachher Palaͤſtina
Unter Beelzebubs
p)Der Fliegenfuͤrſt, ein Goͤtze, der zu Ekron, einer Stadt der Philiſter, ver - ehrt wurde, 2 B. der Koͤnige I, 2.
p) Namen gekannt; der Erzfeind, (im Himmel
Satan
q)Denn das Wort Satan bedeu - tet im Hebraͤiſchen einen Feind. Er iſt vorzuͤglicher weiſe der Feind; der Haupt - feind Gottes und des Menſchen.
q) ſeitdem deswegen genennet) kehrte ſich zu ihm,
80
16 Und brach ſo mit vermeſſenen Worten das graͤßliche Schweigen:
O! wenn du es noch biſt; doch ach! wie gefalln, wie veraͤndert,
Biſt du von dem, der ſonſt in den gluͤcklichen Reichen des Lichtes,
Mit hellſcheinender Klarheit gekleidet, ſo hell ſie auch glaͤnzten,
Myria -9Erſter Geſang.
Myriaden weit uͤberſtralte! Wofern du noch der biſt,
85
16 Den ein gemeinſchaftlich Buͤndniß, vereinte Gedanken und Thaten,
Gleiche Hoffnung, und gleiche Gefahr, zum glorreichſten Endzweck
Ehmals mit mir verbunden, und welchen itzo das Elend
Mit mir im gleichen Verderben vereint! du ſieheſt, wie tief wir
Aus der Hoͤh in den Abgrund gefallen, ſo ſehr hat ſein Donner
90
16 Staͤrker, als uns, ihn gemacht; allein wer kannte bis hieher
Dieſer greulichen Waffen Gewalt? Doch fuͤrcht ich auch ſie nicht,
Noch wird irgend etwas, womit uns der maͤchtige Sieger
Noch in ſeinem Zorne verfolgt, zur Reu mich bewegen,
Noch mein ſtandhaft Gemuͤthe veraͤndern, ſo ſehr ich veraͤndert
95
16 Nach der aͤußeren Herrlichkeit bin, noch weniger jemals
Jenen Unwillen, den die Verachtung meiner Verdienſte
Jn mir erweckt; der mit dem Allmaͤchtgen zu ſtreiten mich antrieb,
Und zu dem trutzigen Streit unzaͤhlich gewaffnete Geiſter
Herzufuͤhren, die Muth genug hatten, ſein Reich zu verlaſſen,
100
16 Mich ihm vorzuziehn, und auf den Ebnen des Himmels
Jn der Schlacht, die ſo zweifelhaft war, mit Gegengewalt ſich
Jhm entgegen zu ſtellen, und ſeinen Thron zu erſchuͤttern.
Jſt gleich das Schlachtfeld verlohren, ſo iſt drum nicht alles verlohren.
Nicht der unbezwingliche Wille, der Trieb nicht nach Rache.
105
16Noch der unſterbliche Haß, und der Muth, ſich nie ihm zu beugen,
Noch im geringſten nachzugeben, und alles was ſonſt noch
Nicht uͤberwunden kann werden. Die Ehre wird er von mir nie
Weder durch Zorn, noch durch Macht, erzwingen! Mit flehendem Kniefall
Seine Gnade zu ſuchen, und deſſen Macht zu vergoͤttern,
BDer10Das verlohrne Paradies.
110
16Der bey dem maͤchtigen Schrecken, ſo dieſer Arm ihm verurſacht,
Noch ſo kuͤrzlich gefuͤrchtet, ſein wankendes Reich zu behaupten:
O dies waͤre niedrig, in Wahrheit! und eine Schande,
Eine noch groͤßere Schmach, als dieſer gewaltge Herabſturz.
Da vermoͤge des Schickſals
r)Satan ſetzt voraus, daß die Engel durchs Schickſal, und durch ei - ne gewiſſe Nothwendigkeit exiſtiren. Er will ſich nicht unterwerfen, da die Engel, wie er ſagt, nothwendiger weiſe unſterblich ſind und nicht zer - nichtet werden koͤnnen; da ſie nun durch die Erfahrung gepruͤft worden, und ſich ſchmeicheln koͤnnten, den Kriegmit mehrern Fortgang zu fuͤhren, un - geachtet des gegenwaͤrtigen Triumphs ihres Feindes im Himmel. Newton.
r), die Staͤrke der Goͤtter, ihr Weſen,
115
17 Nicht vergehn kann; da durch die Erfahrung des wichtigen Ausgangs
Wir in Waffen nicht ſchlechter, in Vorſicht ſtaͤrker geworden;
O ſo koͤnnen wir uns mit beßrer Hoffnung entſchließen,
Einen ewigen Krieg mit unſern maͤchtigem Feinde
Kuͤnftighin durch Gewalt oder Liſt unverſohnlich zu fuͤhren;
120
17 Welcher itzt triumphirt, und uͤbermaͤßig ſich freuet,
Daß er die Tyranney in ſeinem Himmel allein hat.
Alſo ſprach der rebelliſche Engel mit prahlenden Worten,
Aber mitten in Pein. Er ward von tiefer Verzweiflung
Heimlich gefoltert; Jhm gab ſein frecher Gefaͤhrte die Antwort:
125
17 Fuͤrſt und maͤchtiges Haupt, ſo mancher thronenden Maͤchte,
Die der Seraphim Schlachthaufen ſonſt auf deine Befehle
Jn die Felder des Krieges gefuͤhrt, und mit furchtbaren Thaten,
Ohne Furcht den beſtaͤndigen Koͤnig
s)Beelzebub ſagt nicht den ewigen Koͤnig, ſondern bemuͤht ſich von Got - tes immerwaͤhrender Herrſchaft, ſo viel abzubrechen, als er nur kann, und nennt ihn allein den beſtaͤndigen Koͤnig, ei -nen
s) des Himmels erſchrecket,
Und11Erſter Geſang.
Und die hohe Herrſchaft gepruͤft, ob Staͤrk, oder Zufall,
130
18 Oder das ewge Verhaͤngnis, ſie aufrecht erhalten; Jch ſehe,
Und empfinde zu ſehr nur den grauſamen Ausgang des Treffens,
Welches in einer ſchaͤndlichen Flucht, nach traurigem Umſturz,
Uns des Himmels verluſtig gemacht; mit wilder Zerruͤttung
Dieſes ganze gewaltige Heer ſo zu Boden geſchlagen,
135
18 Als nur Goͤtter, und himmliſche Weſen zu fallen vermoͤgen.
Denn das Gemuͤth, und der Geiſt, bleibt unuͤberwindlich; die Kraͤfte
Kehren bald wieder zuruͤck, ob unſer Glanz zwar erſtorben,
Und der gluͤckliche Zuſtand von unaufhoͤrlichem Elend
Ueberſchwemmt ſcheint. Doch wie! wenn unſer Sieger, (den itzo
140
18 Jch fuͤr allmaͤchtig gezwungen erkenne, weil ſolche Kriegsmacht,
Wie die unſrige war, kein andrer, als nur ein Allmaͤchtger,
Ueberwaͤltigen konnte;) wie wenn er uns darum nur voͤllig
Dieſen unſeren Geiſt, und unſere Staͤrke gelaſſen,
Deſto beſſer die Pein zu ertragen, und ſtaͤrker zu leiden,
145
18 Daß wir ſo ſeiner Rachſucht genug thun, und, ſeine Sklaven,
Die das Kriegsrecht ihm gab, ihm wichtgere Dienſte zu leiſten,
Deſto geſchickter ſeyn moͤgen; er hab uns entweder beſtimmet,
Daß wir allhier im Herzen der Hoͤllen im Feuer arbeiten,
Oder ſeine Befehle durch dieſe finſteren Tiefen
150
18 Ausrichten ſollen? Was hilft es uns dann, daß wir unſere Staͤrke
Unvermindert noch fuͤhlen? Was hilft uns ein ewiges Weſen,
Wenn wir nur darum es haben, um ewige Strafen zu leiden?
B 2Jhms)nen Koͤnig von unendlichen Zeiten her, deſſen Herrſchaft nie unterbrochen wor -den; wie Ovidius ſagt, perpetuum carmen Met. I, 4. N. 12Das verlohrne Paradies.
Jhm gab mit gefluͤgelten Worten der Erzfeind zur Antwort:
Schwach zu ſeyn, o gefallner Cherub, iſt allezeit elend
t)Nachdem Satan in ſeiner Rede geprahlt, daß die Staͤrke der Goͤtter nicht vergehn koͤnne, und Beelzebub erwiedert: Wenn Gott uns dieſe Staͤr - ke nur darum voͤllig gelaſſen, deſto beſ - ſer die Pein zu ertragen und ſtaͤrker zu leiden, oder als ſeine Sklaven ihm wichtgere Dienſte zu leiſten, was kann uns denn unſere Staͤrke helfen: Soantwortet Satan hier ſehr geſchickt: Wir moͤgen nun leiden, oder handeln ſo iſt es allezeit noch einiger Troſt, wenn wir unſere Staͤrke unvermin - dert haben; denn es iſt eine elende Sache, ſagt er, ſchwach zu ſeyn, wir moͤgen leiden, oder handeln. Dieſes iſt der Sinn dieſer Stelle. N.
t),
155
20 Wenn wir leiden, oder auch handeln; doch dies ſey verſichert,
Jrgend etwas Gutes zu thun, wird nie uns beſchaͤfftgen,
Unſer einzigs Vergnuͤgen vielmehr wird Boͤſes zu thun, ſeyn;
Dies iſt deſſen erhabenem Willen am meiſten entgegen,
Dem wir Widerſtand leiſten. Wenn ſeine Vorſehung trachtet,
160
20 Gutes aus unſerm Uebel zu ziehn, ſo muͤſſen wir ſorgen,
Seinen Zweck zu verderben, und immer im Guten, die Mittel
Auszufinden zum Boͤſen; dies kann uns ſo gluͤcklich gelingen,
Daß es ihm, wenn ich nicht irre, verdrießen, und maͤchtig gnug ſeyn ſoll,
Seine geheimſten Entſchluͤße von ihrem Zweck zu entfernen.
165
20Aber ſiehe! Der zornige Sieger hat itzo die Diener
Seiner Verfolgung und Rache, von uns an die Pforten des Himmels
Wieder zuruͤck gerufen; der ſtuͤrmiſche Hagel von Schwefel,
Den er nach uns geſchoſſen, iſt von den Winden verwehet;
Dieſe feurige Welle, die von den Hoͤhen des Himmels
170
20 Uns in unſerm Falle verſchlang, hat nun ſich geleget;
Und der Donner, gefluͤgelt mit rothen leuchtenden Blitzen,
Und mit ſtuͤrmiſcher Wuth, hat ſeine Koͤcher, ſo ſcheint es,
Ausgeleeret, und bruͤllet nicht mehr durch die grenzloſe Tiefe.
Laß13Erſter Geſang.
Laß die Gelegenheit nicht, die unſer Feind uns vergoͤnnet,
175
20 Uns entſchluͤpfen; er gebe ſie uns aus Verachtung entweder,
Oder weil nun ſein Grimm ſich geſaͤttigt. Erblickeſt du dorten
Jene traurigen Ebnen, wild, und verlaſſen und oͤde;
Der Verzweifelung Sitz, und alles Lichtes beraubet,
Auſſer dem blaſſen Schimmer, den dieſe graͤßlichen Flammen
180
20 Fuͤrchterlich um ſich ſchießen? Da laß uns hindurch arbeiten
Aus dem Wallen der feurigen Fluthen; um dorten zu ruhen,
Wenn noch einige Ruh hier zu finden; und wenn wir dort wieder
Unſre geſchlagenen Heere verſammlet, ſo laßt uns vereinet
Rathſchlagen, wie wir unſerm Feind in Zukunft am beſten
185
20 Schaden thun, und von unſerm Verluſt uns wieder erholen;
Wie wir dieſen ſchrecklichen Jammer am leichtſten ertragen,
Was wir noch von der Hoffnung fuͤr Troſt zu erlangen uns ſchmeicheln,
Und wo nicht, was fuͤr Muth in uns die Verzweifelung anfacht.
Alſo redete Satan zu ſeinem naͤchſten Gefaͤhrten,
190
20 Mit dem Haupt hoch uͤber der Fluth, und mit flammenden Augen.
Schwimmend lagen die uͤbrigen Glieder, weit uͤber den Wellen
Jn die Laͤng und Breite viel Morgen Landes verbreitet.
Nicht an Groͤße geringer, als jene Rieſengeſtalten
Von der ungeheuerſten Form, von denen die Fabel
195
20 Sagt; die Titanier, Kinder der Erde, die ehmals im Kriege
Wider den Jupiter ſtunden; Briareus oder auch Typhon,
Der in der ſchrecklichen Hoͤhle des alten Tarſus
u)Typhon iſt mit dem Typhoeus einerley. Wir wiſſen durch den Pin -dar, und den Pomponius Mela, daß die Hoͤhle des Typhoeus in Cili -cien
u)ſich aufhielt;
B 3Oder14Das verlohrne Paradies.
Oder wie jenes Ungeheuer der See, Leviathan
x)Milton ſcheint unter dem Le - viathan den Wallfiſch zu verſtehn, ober ihm gleich auch wie dem Crokodill eine ſchuppichte Rinde zuſchreibt. N.
x),
Den Gott von allen Geſchoͤpfen, die in des Oceans Strome
200
22 Schwimmen, am groͤßten erſchaffen; wofern etwan der Pilote
Eines kleinen Schiffs, das die Nacht uͤbereilt, in den Wellen
Der beſchaͤumten Norwegiſchen See ihn ſchlummernd gefunden,
Haͤlt er ihn oft, (wie Seefahrer ſagen,)
y)Dieſer Zuſatz war noͤthig, um das Unglaubliche eines ſolchen Anker werfens zu mildern. Hume.
y) fuͤr irgend ein Eyland,
Und wirft ſeinen Anker in ſeine ſchuppichte Rind aus;
205
23 Wo er an ſeiner Seite ſich hinter dem Wind haͤlt, ſo lange,
Als die Nacht noch das Meer bedeckt, und der Morgen verzoͤgert.
Alſo lag ungeheur in die Laͤnge verbreitet, der Erzfeind,
Auf dem brennenden Sumpf angekettet; er waͤr auch von ihm nicht
Aufgeſtanden, und haͤtte ſein Haupt empor nicht gehoben,
210
23 Wenn ihn nicht die Erlaubniß des alles beherrſchenden Himmels
Seinen eignen verruchten Entſchluͤßen aufs neu uͤberlaſſen,
Daß er durch wiederholte Verbrechen, mit ſchwereren Laſten
Auf ſein eigenes Haupt die ſchwarze Verdammniß haͤufe
Da er andern zu ſchaden geſucht; und wuͤthend erfuͤhre,
215
23 Daß er mit ſeiner Bosheit unendliches Gutes, und Gnade,
Und Vergebung den Menſchen, die er verfuͤhret, gewirket,
Aber ſich ſelbſt mit dreyfacher Schmach, und Rache, beladen.
Jtzo richtet er ſich mit dem maͤchtigen Koͤrper vom Pful auf,
Und die Flammen neigten die Spitzen, zuruͤckegetrieben,
Jtztu)cien lag. Tarſus war eine beruͤhmte Stadt in dieſer Provinz. Jortin. 15Erſter Geſang.
220
24Jtzt an beyden Seiten, und theilten, in Wellen gerollet,
Sich in der Mitten, ein greuliches Thal! Und alsdann regiert er
Seinen Flug in die Hoͤh mit ausgeſpanntem Gefieder;
Schwebend auf duͤſterer Luft, die ungewoͤhnliche Laſt fuͤhlt,
Bis er ſich aus der Hoͤhe zum trockenen Lande herab ließ,
225
24 Wenn dies Land war, was unaufhoͤrlich von Flammen zerriſſen,
Mit gediegener Gluth, wie der See mit fluͤßiger, brannte.
Und ſo ſchien er an Farbe gleich einem fliegenden Felſen,
Den vom Pelorus
z)Ein Vorgebirge Siciliens; itzo Capo di Faro genannt. N.
z) die Macht unterirdiſcher Winde geriſſen;
Oder auch gleich der zerſchmetterten Seite des donnernden Aetna,
230
25 Deſſen Eingeweid, brennbar und harzig, wofern es in Gluth koͤmmt,
Mit mineraliſcher Wuth empor ſteigt, die Winde verſtaͤrket,
Und den verſengten Boden in Rauch und Geſtank eingehuͤllet
Hinter ſich laͤßt. Und ſolche Ruhſtatt fanden die Solen
Dieſer unſeeligen Fuͤße. Jhm folgte ſein naͤchſter Gefaͤhrte;
235
25 Beyde ruͤhmten ſich itzt, daß aus den ſtygiſchen Fluthen
Sie als Goͤtter geſtiegen, durch ſich allein, und durch eigne
Wiedererhaltene Staͤrke, nicht durch die Nachſicht der Allmacht.
Jſt dies die Landſchaft, dieſes der Boden, und dieſes das Clima,
Sprach der gefallene Erzengel drauf; iſt dieſes der Wohnplatz
240
25 Welchen man mit dem Himmel uns zu vertauſchen, gezwungen;
Dieſe betruͤbten Schatten an ſtatt des himmliſchen Lichtes?
Wohl! es ſey ſo! da der, der nun Monarch iſt, verordnet,
Und gebietet, was recht ſeyn ſoll; das iſt wohl das beſte,
Daß16Das verlohrne Paradies.
Daß wir recht fern ſind von dem, der uns nach Billigkeit gleich war,
245
25 Doch den Gewalt uͤber die, die gleich ihm waren, erhoben.
Jhr gluͤckſeelgen Gefilde, worauf die ewige Freude
Wohnet, gehabt euch wohl! Jhr Schreckniſſe, ſeyd mir gegruͤßet!
Sey mir gegruͤßt, unterirdiſche Welt; Du, tiefſte Hoͤlle,
Nimm mich, deinen neuen Beſitzer! Er bringt ein Gemuͤthe
250
25 Zu dir, welches kein Ort, und keine Zeit, kann veraͤndern!
Das Gemuͤth iſt ſein eigener Platz
a)Dieſe ausſchweifenden Meynun - gen der Stoiker konnten nicht beſſer laͤcherlich gemacht werden, als in Sa -tans Munde, und in ſeinem itzigen Zuſtand. Thyer.
a), und macht in ſich ſelber
Aus der Hoͤlle den Himmel, und aus dem Himmel die Hoͤlle.
Und was geht es mich an, wo ich ſey, wofern ich nur der bin,
Der ich war, und der ich ſeyn ſoll; geringer allein nur
255
26 Als wie Er, den bloß ſein Donner noch groͤßer gemacht hat.
Hier zum wenigſten, werden wir frey ſeyn; hier hat der Allmaͤchtge
Nicht, uns zu beneiden, gebaut; er wird uns von hier nicht
Wegtreiben wollen; wir werden allhier in Sicherheit herrſchen,
Und nach meinem Ermeſſen iſt, waͤr es auch nur in der Hoͤlle,
260
26 Herrſchen des Ehrgeizes wuͤrdig. Viel beſſer, geherrſcht in der Hoͤlle,
Als im Himmel gedient! Doch warum laſſen wir alſo
Unſre getreuen Freunde, und unſers Verluſtes Gefaͤhrten,
So zerſtreut, und betaͤubt, auf dem Pful der Vergeſſenheit liegen?
Warum rufen wir ſie nicht zu uns, die traurige Wohnung
265
26 Mit uns zu theilen; oder aufs neu mit vereinigten Waffen
Zu verſuchen, was etwann im Himmel noch itzt zu gewinnen,
Oder hier in der Hoͤlle fuͤr uns noch mehr zu verlieren?
Dieſes17Erſter Geſang.
Dieſes ſprach Satan: Jhm gab Beelzebub alſo zur Antwort:
Fuͤhrer dieſer glaͤnzenden Heere, die nur ein Allmaͤchtger
270
26 Schlagen konnte, wofern ſie nur deine Stimme vernehmen,
Dieſes ihr ſicherſtes Pfand der Hoffnung, in Furcht und Gefahren,
Oft in aͤuſſerſten Noͤthen gehoͤrt; ihr gewiſſeſtes Zeichen
Jm gefaͤhrlichſten Zuſtand der Schlacht, und in jeglichem Angriff,
Wo die Wuth des Krieges geraſt; wofern ſie die hoͤren,
275
26 Werden ſie bald, geſtaͤrkt mit neuem Muth ſich erholen,
Und wieder aufleben, ob ſie gleich itzt gekruͤmmt und geſchlagen
Auf dem Feuerſee liegen, wie wir vor kurzem noch ſelber
Lagen, beſtuͤrzt und betaͤubt; gewiß kein Wunder, indem wir
Von ſo einer verderblichen Hoͤh herunter geſtuͤrzet.
280
Seine Rede war kaum geendiget, als ſchon der Erzfeind
Nach dem Geſtade hinzugieng. Sein Schild von entſetzlicher Groͤße,
Breit, und rund, und maſſiv, und von aͤtheriſcher Staͤhlung,
Hatt er auf ſeinen Ruͤcken geworfen; ſein breiter Umkreis
Hieng da von ſeinen Schultern, dem Mond gleich, wenn ihn am Abend
285
26 Durch ein optiſches Glas der weiſe toskaniſche Kuͤnſtler,
Zu Valdarno, oder vom Gipfel des Feſole
b)Eine Stadt in Toskana. Val - darno, oder das Thal Arno, ein Thal daſelbſt. Durch den Toskaniſchen Kuͤnſt -ler verſteht er den beruͤhmten Gali - lei, den er in Jtalien gekannt und beſucht hatte. N. und Richardſon.
b)anſchaut,
Neue Laͤnder, und Berg, und Fluͤß, auf der fleckigten Kugel
Zu entdecken. Gegen ſein Speer war die laͤngſte der Tannen,
AufC18Das verlohrne Paradies.
Auf den Norwegiſchen Bergen gehauen, um etwan ein Maſtbaum
290
27 Eines Admiralſchiffs zu werden, ein Stab nur. So gieng er
Schwer geſtuͤtzet darauf, um uͤber den brennenden Boden
Seine muͤhſamen Schritte zu leiten; (wie ungleich den Schritten
Auf dem Lazure des Himmels!) wobey das brennende Clima,
Rund um mit Feuer unwoͤlbt, mit heftger Gewalt auf ihn zuſchlug.
295
27Aber doch hielt er es aus, bis er itzo die brennenden Ufer
Dieſer flammenden See erreicht; er ſtand hier, und rufte
Seinen Kriegsſchaaren, Engelsgeſtalten, die uͤbereinander
Sinnlos lagen, ſo dick, als die Blaͤtter im Herbſte
c)Virgil. Aen. VI, 309. Quam multa in ſylvis autumni frigore primo Lapſa cadunt folia. Wie vom gefallnen Laube beym erſten Froſte des Herbſtes Dick die Waͤlder beſtreut ſind.
c)die Baͤche
Vallombroſens
d)Ein beruͤhmtes Thal in Etru - rien, oder Toskana, ſo genannt von Vallis und Umbra. Es iſt wegen ſeiner beſtaͤndigen kuͤhlen Schatten bekannt, die durch die große Mengevon Baͤumen verurſacht werden, die es uͤberſpreiten. Hume.
d) beſtreun, da wo die hetruriſchen Schatten
300
29 Hochgewoͤlbt es umlauben; und gleich dem zerſtreuten Rohre,
Das die Ufer beſtroͤmt, wenn Orion mit wuͤthenden Winden
e)Orion iſt ein Geſtirn, von dem man glaubt, das es Stuͤrme bringe. aſſurgens fluctu nimboſus Orion. Virgil. Aen. I, 539. Als von Stuͤrmen begleitet Orion die Fluthen heraufſteigt. Das rothe Meer iſt ſo voller Schilf, das es in der Schrift das Schilfmeer genennt wird. N.
e)
Die Geſtade des Schilfmeers gepeitſcht, wo die grimmigen Wogen
Den Buſiris bedeckt, und die Memphiſchen Wagen und Reuter,
Da ſie mit treuloſem Haß die Einwohner Goſens verfolgten,
305
30 Welche vom ſichern Ufer die fließenden Leichname ſahen,
Und die zertruͤmmerten Raͤder der Wagen; ſo dick hingeſtreuet
Lagen19Erſter Geſang.
Lagen auch dieſe gefalln, und verlohren, die Fluthen bedeckend,
Ueber den ſcheußlichen Wechſel in tiefe Betaͤubung verſunken.
Satan rief itzt ſo laut, daß die hohlen Tiefen der Hoͤlle
310
30 Wiederſchallten: Jhr Fuͤrſten, und Potentaten, und Helden,
Jhr der Ausbund des Himmels, der euer war, nun verloren,
Wenn ein ſolches Erſtaunen, wie dieſes, ewige Geiſter
Faſſen kann; oder habt ihr den Platz euch darum erwaͤhlet,
Hier nach der Arbeit der Schlacht die ermuͤdete Tapferkeit wieder
315
30 Auszuruhn, weil ihr hier eben ſo ſuͤß den Schlummer gefunden,
Als in den Thaͤlern des Himmels? Wie! oder habt ihr geſchworen,
Euren Ueberwinder in dieſer niedrigen Stellung
Anzubeten? Er ſieht in der Fluth itzt den Cherub und Seraph
Unter zerſtreuten Waffen und Fahnen ſich waͤlzen, bis ploͤtzlich
320
30 Seine ſchnellen Verfolger von jenen himmliſchen Thoren
Jhren Vortheil bemerken, auf uns herunter ſich ſtuͤrzen,
Und uns vollends danieder treten, indem wir ſo traͤumen;
Oder auch mit zuſammengeketteten Donnerkeilen
f)So ſagt Virgil vom Ajax Oile - us: Aen. I, 44, 45. Illum expirantem transfixo pecto - re flammas Turbine corripuit, ſcopuloque in - fixit acuto. Da er die Flammen, welche das Herz ihm durchbohret, noch ausblies, Riß ſie ſchnell ihn im Wirbelwind fort, und heftet ihn raͤchend Auf den ſpitzigen Fels
f)
Auf den Boden von dieſem Abgrund uns heften. Erwachet!
325
31Raffet, raffet euch auf, oder ſeyd auf ewig gefallen.
Und ſie hoͤrten ſein maͤchtiges Wort, und ſchaͤmten ſich; alle
Fuhren auf ihren Fluͤgeln itzt auf; wie Maͤnner, beſtimmet,
Wegen des Feindes zu wachen, wenn ihr gefuͤrchteter Obrer
C 2Schla -20Das verlohrne Paradies.
Schlafend ſie findet, erſchrocken, noch eh ſie wirklich erwachet,
330
31 Auffahren, und ſich bewegen. Sie wurden des elenden Zuſtands
Bald gewahr, in welchem ſie lagen, und fuͤhlten ihr Elend.
Dennoch gehorchten ſie ſchnell der Stimme des maͤchtigen Fuͤhrers;
Eine zahlloſe Schaar. Als wenn in den ſchrecklichen Tagen,
Die Egyptenland trafen, der maͤchtige Stab des Sohnes
335
31 Amrams
g)2 Buch Moſ. X, 13. Moſes reckte ſeinen Stab über Egypten - land, und der Herr trieb einen Oſtwind ins Land, den ganzen Tag, und die ganze Nacht, und die Heuſchrecken kamen über ganz Egyptenland und verfin - ſterten das Land.
g)an den Kuͤſten ſich ſchwang, und der pechſchwarzen Wolke
Raſſelnder Heuſchrecken aufrief; ſie ſtuͤrmte daher auf dem Oſtwind,
Und hieng uͤber dem Reich des gottloſen Pharao, finſter,
Einer Nacht gleich, und deckte mit Dunkel die Laͤnder am Nilus:
So unzehlbar waren die Schaaren gefallener Engel,
340
32 Die man unter der Hoͤlle Gewoͤlbern, auf brauſenden Fluͤgeln
Schweben ſah, unten und oben, und rundum mit Feuer umgeben;
Bis ihr maͤchtiger Sultan, als ein gegebenes Zeichen,
Jtzo ſein Speer in die Hoͤh hob, um ihren Weg zu beſtimmen.
Senkrecht ließen ſie ſich zum feſten Bimſtein hernieder,
345
32 Eine Menge, dergleichen noch nie der volkreiche Norden
Seinen kalten Lenden entſchuͤttet, die uͤber die Donau,
Oder den Rhein geſetzt, als ſeine Barbariſchen Soͤhne,
h)Dieſes waren die Gothen, Hunnen und Vandalen, welche alleſuͤdliche Provinzen von Europa uͤber - ſchwemmten, und nachdem ſie das Mittellaͤndiſche Meer durchkreuzt, un - ter Gibraltar in Afrika landeten, und ſich weit in die ſandichten Ge - genden von Lybien verbreiteten. Sie waren im eigentlichſten Verſtande Barbaren, weil ſie nicht nur viel Grauſamkeiten ausuͤbten, ſondern auch alle Denkmaͤler der Kunſt und Ge - lehrſamkeit zerſtoͤrten. N.
h)
Gleich21Erſter Geſang.
Gleich der Suͤndfluth, vor Zeiten die ſuͤdlichen Laͤnder bedecket,
Und ſich unter Gibraltar nach Lybiens Sand zu verbreitet.
350
33Alſobald eilten die Haͤupter und Fuͤhrer von jedem Haufen,
Und von jedem Geſchwader, dahin, wo ihr großer Beherrſcher
Stand; Geſtalten, wie Goͤtter, von hoher goͤttlicher Bildung,
Ueber die menſchliche weit erhaben; gefuͤrſtete Maͤchte,
Wuͤrden, und Kraͤfte, die ſonſt im Himmel auf Thronen geſeſſen,
355
33 Obgleich ihrer Namen nunmehr im Verzeichniß des Himmels
Nicht mehr gedacht wird, und alle durch ihren ſchaͤndlichen Aufſtand
Aus den Buͤchern des Lebens auf ewig ausgeloͤſcht worden.
Damals hatten ſie auch noch nicht die Namen empfangen,
Die ſie nachmals unter den Soͤhnen der Eva gefuͤhret,
360
33 Als ſie aus hoher Zulaſſung Gottes, zur Pruͤfung der Menſchen
Ueber den Erdkreis gewandert, und ihre Falſchheit und Luͤgen
Oft den groͤßeſten Theil des Menſchengeſchlechtes verfuͤhret;
Daß ſie treuloſerweiſe Gott, ihren Schoͤpfer, verließen;
Die unſichtbare Herrlichkeit deſſen, der ſie erſchaffen,
365
33 Oft in das Bild vernunftloſer Thiere verwandelt, gezieret
Mit Religionen
i)Dieſes bedeutet hier ſo viel als Religionsgebraͤuche, wie Cicero de le -gibus lib. I, c. 15. religiones et cere - monias zuſammen ſetzt. Pearce.
i)voll Pomp, und ſchimmernden Goldes,
Und vor Teufeln als Gottheiten knieten; da wurden ſie nachmals
Unter mancherley Namen, und mancherley Goͤtzengeſtalten,
Weit umher durch die heydniſche Welt den Menſchen bekannter.
C 3Sage22Das verlohrne Paradies.
370
34Sage, Muſe, die dann beruͤhmt gewordenen Namen;
Wer zuerſt, wer zuletzt, auf den Ruf des großen Beherrſchers,
Da ſie auf dieſem feurigen Lager vom Schlummer erwachet,
Jeder nach ſeinem Range zu ihm an den nackenden Strand kam,
Da die Gemeinen das Feld in vermiſchten Haufen bedeckten?
375
34Dieſes waren die erſten, die lange hernach aus dem Abgrund
Sich herausriſſen, ihren Raub auf der Erde zu ſuchen;
Und zuerſt ſich erkuͤhnten, zunaͤchſt bey dem Sitz des Allmaͤchtgen
Jhre Wohnung zu nehmen; bey ſeinem heiligen Altar
Jhren ſchaͤndlichen Altar zu ſetzen, als Goͤtter verehret
380
34 Von den Nationen umher; die ſich wagten, Jehovah,
Der von Sion gedonnert, und zwiſchen den Cherubim thronte,
Auszuhalten; die ihre Greuel und Goͤtzenaltaͤre
Oft in ſein Heiligthum ſtellten, und mit verfluchten Gebraͤuchen
Seines Tempels Gebraͤuch und heilige Feſttag entweihten,
385
34 Und oft mit ihrer Finſterniß ſeine Klarheit beleidigt.
Erſt kam Moloch, ein greulicher Koͤnig
k)Moloch war der Abgott der Am - moniter. Sein Goͤtzenbild war nach den Rabbinen von Erzt; er ſaß auf einem Thron von demſelben Me - tall, und hatte das Haupt von einem Kalbe, mit einer Koͤnigskrone geziert. Seine Arme waren ausgeſpreitet, die elenden Opfer zu empfangen, die dar - inn verbrannt werden ſollten. Jn der Schrift wird geſagt, daß die Kin -der dem Moloch durchs. Feuer giengen. Unſer Dichter braucht eben dieſen Ausdruck, woraus zu verſtehn iſt, daß man die Kinder dieſem Goͤ - tzen zu Ehren nicht immer wirklich verbrannte, ſondern ſie nur geſchwind durch die Flammen gehn ließ, ſie da - durch zu reinigen, und dieſem Goͤtzen zu heiligen. N.
k), befleckt mit dem Blute
Menſchlicher Opfer; mit Thraͤnen der Eltern, die vor dem Getoͤſe
Schallender Pauken und Trommeln das Schreyn der Kinder nicht hoͤrten,
Die zu ſeinem grimmigen Bilde durchs Feuer hingiengen.
Jhn23Erſter Geſang.
390
35Jhn verehrte zu Rabba, in ihren waͤßrichten Ebnen,
Und in Argob, und Baſan, der Ammonit, bis zum Strome
Des entfernteſten Arnon. Die kuͤhne Nachbarſchaft war ihm
Noch nicht genug, er verfuͤhrte mit Liſt des weiſeſten Koͤnigs
Salomons Herz, auf dem aͤrgernden Huͤgel, dem Tempel des Hoͤchſten
395
35 Gegen uͤber, ihm einen Tempel zu baun, und den Luſtwald
Jn dem Thale von Hinnom zum Vorbild der Hoͤlle zu machen,
Welches Tophet daher, und das ſchwarze Gehennah genennt ward.
Nach ihm kam Chemos
l)Der Abgott der Moabiter. Der heil. Hieronymus und verſchiedne andre Gelehrte halten ihn mit demBaal Peor fuͤr einerley, und glau - ben, daß er, wie der Priapus, der Goͤtze der Unkeuſchheit geweſen. N.
l), das unkeuſche Schreckbild der Soͤhne von
Moab;
Herrſchend von Aroar an, bis nach Nebo, hinab in die Wuͤſten
400
36 Abarim, weit gen Suͤden, in Heſbon und Heronaim,
Und in Seons Gebieten, im blumichten Thale von Sibma,
Welches mit purpurnen Reben umhaͤngt iſt, und in Eleale,
Bis zum Asphaltiſchen Pfuhl. Sein anderer Nahme war Peor,
Als er Jſrael reizte, indem es vom Nile daherzog,
405
36 Jhm in Sittim wolluͤſtige Feſt und Gebraͤuche zu feyren,
Welches ihnen viel Schmerzen gekoſtet. Von da er ſogar noch
Bis zum Aergernißhuͤgel ſein uͤppiges Reich ausgebreitet,
Nah am Luſthayn des moͤrdriſchen Molochs; wo Blutdurſt und Wolluſt
Neben einander geherrſcht, bis ſie der fromme Joſias
410
36 Beyde mit heiligem Eyfer von da zu der Hoͤlle hinabtrieb.
Jhnen24Das verlohrne Paradies.
Jhnen folgeten dieſe, die von des alten Euphrates
Grenzfluthen an, bis zum Strom, der Egypten von Syrien trennet,
Allgemeinere Namen von Baal, und Aſtharoth
m)Dieſes waren die allgemeinen Namen von den Goͤttern und Goͤttin - nen in Syrien, Palaͤſtina, und den benachbarten Gegenden. Man glaubt, daß die Sonne, und das himmliſche Heer darunter verſtanden werde. N.
m), fuͤhrten.
Dieſe maͤnnlich, die andern weiblich, (nach ihrem Gefallen
415
37 Koͤnnen Geiſter
n)Man meynt, daß Milton dieſe Begriffe von den Geiſtern aus einem Geſpraͤch des Michael Pſellus ent - lehnt; und Herr Newton lobt ihn ſehr wegen ſeiner mannichfaltigen Gelehr - ſamkeit. Jch weis aber nicht, ob Mil - ton dieſe Beleſenheit in allen Artenvon Schriftſtellern hier ſehr ſchicklich angebracht habe. Zu welchem End - zwecke ſollen Geiſter auch weiblich ſeyn koͤnnen? Der Leſer kann dadurch zu leicht auf Begriffe gerathen, die der Wuͤrde der Geiſter unanſtaͤndig ſind. Milton haͤtte, duͤnkt mich, dieſen Um - ſtand deſto eher weglaſſen ſollen, da er von dieſer Erfindung in ſeinem ganzen Gedicht keinen weitern Gebrauch macht. Das uͤbrige dienet, den Leſer zu der wunderbaren Zuſammenzie - hung der Geiſter, zu Ende dieſes Ge - ſanges, vorzubereiten. Z.
n) jedes Geſchlecht, oder beyde zugleich auch,
Annehmen; denn ſo ſanft iſt ihr reines Weſen, verknuͤpft nicht,
Oder zuſammengeſchloſſen mit Gliedern, oder Gelenken,
Noch auch auf der Gebeine zerbrechliche Staͤrke gebauet,
Gleich dem hindernden Fleiſch) doch welche Geſtalt ſie erwaͤhlen,
420
38 Ausgedehnt, oder zuſammengezogen; hell, oder auch dunkel,
Koͤnnen ſie doch die geiſtgen Entſchluͤſſe zur Ausfuͤhrung bringen,
Oder Werke des Haſſes, und Werke der Liebe vollfuͤhren.
Um ſie verließ oft Jſraels Stamm die lebendige Staͤrke,
Ließ unbeſucht den heilgen Altar, und beugte ſich nieder
425
38 Vor den thieriſchen Goͤtzen zur Erde; da wurden zur Strafe
Jhre Haͤupter gebeugt in der Schlacht, und ſanken vor Speeren
Jhrer verachteten Feinde darnieder. Drauf kam in den Haufen
Aſtho -25Erſter Geſang.
Aſthoreth
o)Aſtarte, war die Goͤttinn der Phoͤnicier. Der Mond ward un - ter dieſem Namen angebetet. N.
o), von den Phoͤniciern auch Aſtarte genennet,
Die Monarchin des Himmels mit halben Hoͤrnern. Bey Mondſchein
430
39 Weihten vor ihrem ſtralenden Bild die Sidoniſchen Jungfraun
Jhr Geſaͤng und Geluͤbde. Sie blieb auch ſelbſt nicht in Sion
Ohne Lieder; daſelbſt ſtand auf dem ſuͤndlichen Berge
Jhr ein Tempel erbaut von jenem buhlriſchen Koͤnig,
Deſſen ſo großes Herz, durch die reizenden Abgoͤtterinnen
435
39 Ueberliſtigt, zum ſchaͤndlichen Dienſte der Goͤtzen herabfiel.
Nach ihr folgete Thammuz;
p)Der Gott der Syrier. Er iſt mit dem Adonis einerley. Man fa - belte von ihm, daß er auf dem Berge Libanon von einem Eber getoͤdtet worden. Der Fluß Adonis entſpringtauf dieſem Berge, und wenn er, wie alle Jahr zu einer gewiſſen Zeit zu ge - ſchehn pflegt, eine rothe Farbe bekam, ſo ward das Feſt des Adonis gefeyert, indem die Weiber ein lautes Wehkla - gen ſeinetwegen erhuben, und glaub - ten, der Strom ſey von ſeinem Blute gefaͤrbt. N.
p) durch ſeine jaͤhrlichen Wunden,
Wurden Syriens Toͤchter auf Libanons Hoͤhen verſammlet,
Da in verliebten Liedern ſein ungluͤckſeeliges Schickſal
Einen Sommertag lang zu beweinen; der ſanfte Adonis
440
40 Floß indeß von den Klippen, worauf er entſprungen, zum Meere
Purpurfarbig, und ſo wie ſie glaubten, gefaͤrbt von dem Blute
Jhres jaͤhrlich verwundeten Thammuz. Die Liebesgeſchichte
Hatte die Toͤchter Sions mit gleichen Flammen entzuͤndet.
Jhre ſchaͤumende Wolluſt ſah in dem heiligen Vorhof
445
40 Ehmals Ezechiel, als durch erhabne Geſichte geleitet
Er die Abgoͤtterey des abtruͤnnigen Juda geſehen.
Einer kam drauf, der im Ernſte getraurt, als im eigenen Tempel
DieD26Das verlohrne Paradies.
Die gefangene Lade des Bundes ſein thieriſches Bildniß
Jhm verſtuͤmmelt, und ihm die Haͤnd und das Haupt abgehauen,
450
40 Daß er am Fußgeſtell hinfiel, und ſeine Verehrer beſchaͤmte.
Dagon
q)Der Gott der Philiſter. Seine Verſtuͤmmelung durch die Lade des Bundes ſiehe 1 Buch Samuel V, 4.
q)hieß er mit Namen; ein Ungeheuer des Meeres,
Oben ein Menſch, und unten ein Fiſch. Doch hatt er in Azot
Einen hocherhabnen Tempel, und wurde gefuͤrchtet
Auf der Kuͤſte von Paleſtina, in Askalons Mauren,
455
41 Und zu Gath, und zu Akkaron, bis an die Grenzen von Gaza.
Auf ihn folgete Rimmon
r)Ein Abgott der Syrier, zu Da - maskus verehrt. Einer voll Ausſatz trat aus ſeinem Dienſt, nemlich Naa - man, der durch den Eliſa von ſeinem Ausſatz geheilt wurde, nnd ſich des - halb entſchloß, nicht mehr andernGöttern zu opfern, und Brand - opfer zu thun, ſondern dem Herrn. 2 Buch der Koͤnige V, 17. N.
r), der in dem ſchoͤnen Damaskus
Seinen lachenden Wohnplatz erwaͤhlt, an den fruchtbaren Ufern
Des Abbana, und Pharphar, zween heller anmuthiger Fluͤſſe.
Dieſer auch trutzte dem Hauſe des Herrn; es trat ihm zwar einmal
460
42 Einer voll Auſſatz aus ſeinem Dienſt, hergegen gewann er
Einen Koͤnig, den thoͤrichten Ahas, der ihn uͤberwunden.
Dieſen vermocht er, daß er den Altar des Hoͤchſten hinwegthat,
Einen nach ſyriſcher Art an ſeine Stelle zu ſetzen;
Seine verhaßten Gaben auf dieſem Altar zu opfern,
465
42 Und vor Goͤttern niederzuknien, die er ſelber beſieget.
Eine Schaar erſchien nach dieſen, die unter den Namen
Jſis, Oſiris, und Orus
s)Egyptiſche Gottheiten, unter vielerley Thiergeſtalten angebetet. Man glaubt, daß das guͤldne Kalb der Jſraeliten eine Nachahmung von dem Kalbe oder Ochſen war, ſo den Oſiris vorgeſtellt. N.
s), mit ihrem Gefolge, beruͤhmt war.
Dieſe27Erſter Geſang.
Dieſe verfuͤhrten mit ſeltſamen Formen und zaubriſchen Kuͤnſten
Die fanatiſchen Prieſter Egyptens, die wandernden Goͤtter
470
43 Jn verlarvten Geſtalten, mehr thieriſch, als menſchlich, zu ſuchen.
Jſrael auch entgieng nicht der Peſt, da am Fuſſe des Horebs
Sie von ihrem geborgten Gold ein Kalb ſich bereitet;
Und hernach der rebelliſche Koͤnig zu Dan, und zu Bethel,
Dieſe Suͤnde verdoppelt; der ſeinen Schoͤpfer verſtellet
475
43 Jn das Bild eines graſenden Stiers; den großen Jehovah,
Welcher in Einer Nacht, da er aus Egypten herauszog,
Durch ſein raͤchendes Schwerdt mit den Erſtgebornen des Landes
Alle die bloͤckenden Goͤtter in Einem Streiche vereinigt.
Belial
t)Es ſcheint nicht, daß er irgend - wo als ein Abgott verehrt worden; ſondern alle liederlichen gottloſen Leute,werden in der Schrift Kinder Be - lials genannt; wie die Soͤhne des Eli 1 Buch Sam. II, 12. N.
t)kam noch zuletzt, kein groͤberwolluͤſtiger Geiſt war
480
44 Von dem Himmel gefallen, als er; er liebte das Laſter
Wegen des Laſters allein; ihm war zwar kein eigener Tempel
Aufgebaut, und ihm rauchte kein Altar; allein wer wird oͤftrer
Jn den Tempeln geſehn, und bey dem Altar, wenn Prieſter
Gotteslaͤugner werden, ſo wie die Soͤhne des Eli,
485
44 Die mit Gewaltthat und Wolluſt das Haus des Hoͤchſten erfuͤllten?
Er regiert auch am Hof, in Pallaͤſten, und ſchwelgriſchen Staͤdten,
Wo das Getuͤmmel der Wolluſt, und Unrecht, und wilde Beleidgung,
Jhre hoͤheſten Thuͤrm uͤberſteigt. Wenn die Nacht itzt die Straßen
Dunkel gemacht, dann wandeln ſie fort, des Belials Soͤhne,
490
44 Ueberfließend von Muthwill und Wein. Die Gaſſen von Sodom
Sind hievon, wie die ſuͤndliche Nacht zu Gibea, Zeugen,
D 2Als28Das verlohrne Paradies.
Als die gaſtfreye Thuͤr, um groͤßere Schande zu hemmen,
Eine Matrone herausgab, und auf die Gaſſe geſtellet.
Dieſes waren die erſten an Macht und an Range. Der andern
495
44 Zu erwaͤhnen, waͤre zu lang, ſo beruͤhmt ſie auch waren.
Die Joniſchen Goͤtter
u)Die vornehmſten Gottheiten der Jonier und Griechen waren Himmel und Erde. Jhr aͤlteſter Sohn, Ti - tan, der Vater der Rieſen, ward vom Saturn, und Saturn wieder vom Jupiter, ſeinem eignen Sohn von der Rhea, der Herrſchaft beraubt. Dieſe waren zuerſt auf der Jnſel Creta, itzo Candia, bekannt, auf welcher Jnſel der Berg Jda liegt. Dann kamen ſie nach Griechenland uͤber, und wohnten auf dem Berg Olympus in Theſſalien. Oder auf der Delphiſchen Klippe, dem Parnaß, auf welchem die Stadt Del - phos lag, beruͤhmt wegen des Tempels und Orakels des Apollo daſelbſt. Oder auch zu Dodona, einer Stadt mit einem angrenzenden Walde, demJupiter geheiligt; und ſo weit ſich die Grenzen des Doriſchen Landes, das iſt Griechenlandes, erſtreckten. Oder die uͤber Adria, uͤber das Adria - tiſche Meer, zu Hesperiſchen Fel - dern, das iſt, Jtalien, flohn, und uͤber die Celtiſche Landſchaft, Frank - reich, und die andern von den Celten uͤberſchwemmten Landſchaften, bis zu den aͤußerſten Jnſeln geſtreift, naͤmlich Großbrittannien, Jrrland, die Orkadiſchen Jnſeln, und Thule, ultima Thule, wie es genannt wird, als der aͤußerſten Grenze der Welt. Dieſe Erklaͤrungen ſind uͤberfluͤßig fuͤr diejenigen, die mit den klaſſiſchen Schriftſtellern bekannt ſind; ſie die - nen bloß fuͤr ungeuͤbtere Leſer. N.
u), erkannt und verehret als Goͤtter,
Von den Nachkommen Javans; obgleich ſie ſelber bekannten,
Daß ſie juͤnger waͤren, als ihre geprieſenen Eltern,
Himmel und Erde. Titan, der Erſtgebohrne des Himmels,
500
45 Mit dem Rieſengeſchlecht, dem Saturn, ſein juͤngerer Bruder,
Sein Geburthsrecht entriß; vom maͤchtigern Jupiter aber,
Seinem eigenen Sohn von der Rhea, der Herrſchaft beraubt ward,
Welche Jupiter fuͤhrte, nachdem er des Reichs ſich bemaͤchtigt.
Dieſe waren zuerſt bekannt in Creta, und Jda;
Herrſch -29Erſter Geſang.
505
45Herrſchten hernach auf dem ſchneevollen Gipfel des kalten Olympus,
Jn der mittleren Luft, als ihrem hoͤheſten Himmel;
Oder auch zu Dodona, und auf der Delphiſchen Klippe,
Und ſo weit ſich die Grenzen des Doriſchen Landes erſtreckten,
Oder die mit dem alten Saturn, zu Hesperiſchen Feldern,
510
45 Ueber Adria flohen; und, uͤber die Celtiſche Landſchaft
Bis zu den aͤuſſerſten Jnſeln geſtreift; die alle, nebſt mehrern,
Kamen in Schaaren herbey, mit niedergeſchlagenen Augen,
Und mit finſtern Blicken, doch daß noch dunkele Funken
Einiger Freude drinn glimmten, weil ſie ihr Haupt noch nicht gaͤnzlich
515
45 Jn Verzweiflung verſunken geſehn, und weil ſie ſich ſelber
Mitten in dieſem Verluſt nicht ganz noch verlohren gefunden.
Dies uͤberzog ſein Geſicht mit einer aͤndernden Farbe;
Doch nahm er bald den gewoͤhnlichen Stolz von neuem zuſammen,
Und hob ihren ſinkenden Muth durch prahlende Worte,
520
45 Mit dem Scheine, nicht aber dem Weſen der Hoheit bekleidet,
Und verjagte die Furcht aus ihren ſorgſamen Herzen.
Dann befahl er alsbald, daß ſeine maͤchtge Standarte,
Unter dem kriegriſchen Schall der lauten Trompeten und Zinken,
Aufgeſtellt wuͤrde. Das Recht des ſtolzen Vorzugs gebuͤhrte
525
45 Einem hochragenden Cherub, Azazel. Vom ſchimmernden Stabe
Ward das erhabne Koͤnigspanier ohn Anſtand entwickelt.
Wie ein Nordſchein ſtralt es, nachdem es voͤllig entfaltet,
Und in die Hoͤh gerichtet, im Winde flatternd dahin ſtroͤmt.
Hohe Seraphiſche Waffen, und Siegeszeichen, ſie glaͤnzten,
530
45 Reich blaſoniret mit Gold, und koſtbaren Edelgeſteinen;
D 3Da30Das verlohrne Paradies.
Da indeß aus dem klingenden Erzte kriegriſche Toͤne
Schallten; worunter das ſaͤmmtliche Heer ein Feldgeſchrey machte,
Daß der Hoͤlle Gewoͤlber erbebten, und draußen die Reiche
Von der alten Nacht, und dem Chaos, darob ſich entſetzten.
535
45Ploͤtzlich ſtiegen in duͤſterm Licht zehntauſend Paniere
Jn die Luft auf, und ſtralten mit hellen Farben des Aufgangs;
Und zugleich ſtieg ein ſchrecklicher Wald auf von glaͤnzenden Spießen;
Helme, dicht an einander gedraͤngt, und geſchloſſene Schilde,
Sah man in dichter Schlachtordnung ſtehn, unermeßlich an Tiefe.
540
45Und nun zogen ſie fort in einem vollkommenen Phalanx,
Nach der Doriſchen Tonart
x)Wir haben von der Muſik der Alten nur ſehr ungewiſſe und ver - wirrte Begriffe. Es ſcheint, daß ſie drey Haupttonarten gehabt; die Ly - diſche, Phrygiſche, und Doriſche. Die Lydiſche war die traurigſte, die Phrygiſche, die munterſte, und die Doriſche die ernſthafteſte, |und ma - jeſtaͤtiſchte.
x)von Floͤten, und anmuthgen Pfeifen;
So wie ſie ehmals des Alterthums Helden zum hoͤheſten Grade
Edler Grosmuth erhaben, wenn ſie zur Schlacht ſich gewaffnet,
Und ſtatt raſender Kuͤhnheit mit feſtem Muth ſie begeiſtert;
545
46 Welche die Furcht des Todes zu keinem Fliehen bewogen,
Noch zum ſchaͤndlichen Abzug; jedoch mit der Kraft auch begabet,
Die empoͤrten Gedanken mit feſtlichem Klange zu ſtillen,
Und von ſterblichen Seelen ſowohl, als unſterblichen, Kummer,
Zweifelmuth, Furcht, und Angſt, und Schmerzen, und Pein zu verjagen.
550
46Alſo athmeten ſie vereinte Macht, mit geſetzten
Feſten Gedanken, und ruͤckten ſtillſchweigend heran, nach dem Schalle
Sanft ertoͤnender Floͤten, wodurch die peinvollen Schritte
Auf31Erſter Geſang.
Auf dem brennenden Boden bezaubert wurden; und itzo,
Voͤllig herangenaht, ſtanden ſie da, in graͤulicher Fronte
555
46 Von entſetzlicher Laͤnge, mit hellen ſchimmernden Waffen,
Nach des Alterthums Art, mit Schilden und Spießen verſehen,
Und erwarteten ſo des maͤchtigen Hauptes Befehle.
Dieſer ſchoß den erfahrnen Blick durch der Schlachtordnung Reihen,
Ueberſah die gehoͤrige Stellung des ſaͤmmtlichen Heeres;
560
46 Sah ihr Geſicht, und ihre Geſtalt, gleich Geſtalten der Goͤtter,
Und zuletzt uͤberzaͤhlt er ſie alle. Da ſchwoll ihm voll Hochmuth
Sein verhaͤrtetes Herz; auf ſeine Macht ſich verlaſſend,
Jauchzt er in ſeinem Muth. Denn ſeit der Erſchaffung der Menſchen
War nie ſolch ein zahlreiches Heer vereiniget worden,
565
46 Welches mit dieſer Kriegsmacht verglichen, groͤßer geſchienen,
Als das kleine Fußvolk mit dem die Kraniche kriegten
y)Alle Helden, und Kriegsheere die jemals verſammelt worden, waren nichts anders, als Zwerge, in Ver - gleichung mit dieſen Engeln, wuͤrde auch das ganze Rieſengeſchlecht von Phlegra, einer macedoniſchen Stadt, wo die Rieſen mit den Goͤttern foch - ten, zu ihnen geſtellt, mit dem Helden, geſchlecht, ſo ehmals vor Thebe ge - fochten, einer Stadt in Böotien, die wegen des Krieges zwiſchen den Soͤh - nen des Oedipus beruͤhmt iſt, welchen Statius in ſeiner Thebais beſungen; und vor Jlium, oder Troja, welches durch Homers Jliade noch beruͤhmter geworden, wo auf jeder Seite die Hel - den von Goͤttern unterſtuͤtzt wurden; und was in Fabeln, oder Romanenberuͤhmt iſt, von Uthers Sohne, dem Koͤnig Arthur, welcher oft von Brittiſchen und Armoriſchen Rittern begleitet ward, denn er ſtand oft in Buͤndniß mit dem Koͤnig von Armo - rica, welches, nachdem ſich die Brit - ten daſelbſt geſetzt, Bretagne hieß; und allen die nachmals in Aspramont, und Montalban Waffen gefuͤhrt, Romanennamen von Oertern, die im Orlando furioſo vorkommen, oder zu Damasko, Marokko, und Trapezunt, alles Namen, die in Romanen beruͤhmt ſind; Oder die noch Biſerta, ehmals Utica, von den Afrikaniſchen Ufern ſandte, welches die Saracenen ſind, die von Biſerta in Afrika nach Spa - nien uͤbergiengen; als Carl der Großebey
y);
Wuͤrd32Das verlohrne Paradies.
Wuͤrd auch das ganze Rieſengeſchlecht von Phlegra zu ihnen,
Mit dem Heldengeſchlechte geſtellt, die ehmals vor Thebe,
Und vor Jlium fochten, auf jeder Seite vermiſchet
570
47 Mit den helfenden Goͤttern; und alles, was ſonſt noch in Fabeln
Oder Romanen beruͤhmt iſt, von Uthers Sohne, begleitet
Von Armorſchen und Brittiſchen Rittern, und allen, die nachmals,
Unglaͤubig, oder getauft, in Aspramont Waffen gefuͤhret,
Und in Montalban, zu Damaskus, oder Marocco,
575
47 Und zu Trapezunt, und die noch Biſerta geſendet,
Von den Afrikaniſchen Ufern, als Carl der Große
Bey Fontarabbia fiel, mit allen Fuͤrſten und Rittern;
So uͤberſtieg dies Heer jedwede ſterbliche Kriegsmacht,
Und doch ſah es auf ſeinen furchtbaren Fuͤhrer. Er ſtand itzt
580
47 Einem Thurm gleich, und ragete ſtolz an Geſtalt und Betragen
z)Welch eine edle Beſchreibung von Satans Perſon! Und wie unter - ſchieden iſt ſie von der gewoͤhnlichen laͤcherlichen Vorſtellung derſelben mit Hoͤrnern, Schwanz, und Klauen. Und doch hat ihn ſelbſt Taßo ſo beſchrieben. Die groͤßten Mahler hatten nicht ſo erhabene Jdeen, als Milton, wie je - der geſtehen muß, der die Gemaͤhlde und Kupferſtiche Michaels und des Teufels, vom Raphael oder Gvido, oder das Weltgericht vom Michael Angelo geſehn. N. Die Jtaliaͤner ſcheinen an dieſe erniedrigenden Vorſtellungen Satans, mit Hoͤrnern, Schwanz, und Klauenſo
z)Ueber
y)bey Fontarabbia fiel mit allen Fuͤrſten und Rittern. Milton nimmt naͤm - lich, nach dem Mariana, und an - dern ſpaniſchen Schriftſtellern an, daß dieſer Kayſer auf ſolche Art gefallen. Mezeray aber, und andre f anzoͤſi - ſche Schriftſteller, haben gezeigt, daß er zuletzt uͤber ſeine Feinde geſiegt, und in Frieden geſtorben. Man kann die - ſe ganze Stelle, mit dem D. Bentley nicht als untergeſchoben verwerfen; doch waͤre zu wuͤnſchen, daß unſer Dichter ſeinem Geſchmack an Roma - nen nicht ſo nachgehangen, auf die er in ſeiner Jugend, wie er ſelbſt geſteht, ſehr hitzig geweſen, und nicht mit ei - ner Beleſenheit in Buͤchern haͤtte Staat machen wollen, die vielleicht beſſergar nicht haͤtten geleſen werden ſol - len. N.
y)
33Erſter Geſang.
Ueber die andern hervor. Noch hatte ſeine Geſtalt nicht
Ganz den urſpruͤnglichen Schein verlohren, er ſchien nichts geringers,
Als ein Erzengel, welcher gefallen; allein nur verfinſtert
An der Herrlichkeit, die bey ihm ſonſt uͤbermaͤßig geſtralet.
585
49Wie die aufgehende Sonne durch neblichte Horizontalluft
Schaut, mit abgeſchnittenen Stralen; und ſo wie ſie oftmals
Hinter dem Mond in duͤſtrer Verfinſtrung mit furchtbarem Schatten,
Ungluͤck weiſſagend, die Voͤlker erſchreckt, und Monarchen in Sorgen
Wegen Staatsveraͤndrungen ſetzt
a)Dieſes iſt das beruͤhmte Gleich - niß, weswegen dieſes vortreffliche Ge - dicht beynahe durch den Cenſor unter - druͤckt worden, welcher Hochverrath darinn zu finden glaubte. N.
a); ſo war er verfinſtert,
590
50 Aber an Glanz vortrefflicher noch, als die uͤbrigen alle.
Zwar in ſein Angeſicht waren vom Donner ihm tiefe Narben
Eingegraben; und Sorge ſaß auf der erblaſſeten Wange;
Aber von ſeinen Augbraunen ſchaut ein Muth, ungeſchrecket,
Und ein geſetzter Stolz, der auf Rache laurte. Sein Auge
595
50 War voll Grimm, doch ſah man drinn Zeichen von Reu, und von Mitleid,
Seine Gefaͤhrten, oder vielmehr, die im Laſter ihm folgten,
(Ehmals ſo ſehr begluͤckter!) verdammt und verurtheilt zu ſehen
Zu dem Loos unaufhoͤrlicher Pein; Millionen von Geiſtern,
Wegen ihres Vergehens nun aus dem Himmel getrieben,
600
50 Und vom ewigen Glanz ob ſeiner Empoͤrung verſtoßen.
Dennoch ſtanden ſie noch in ihrem verblichenen Schimmer
Treuz)ſo gewoͤhnt zu ſeyn; daß er ſogar in den Kupfern vor des Rolli Ueberſe - tzung des verlohrnen Paradieſes noch immer ſo vorgeſtellt wird, ob ſich gleich Milton ſo viel Muͤhe gegeben, dieſe niedern Jdeen von den gefallnen En - geln auszuloͤſchen. Z. E34Das verlohrne Paradies.
Treu, und ſtandhaft bey ihm. Wie wenn das Feuer vom Himmel
Jn die Eichen des Waldes, und in die Bergfichten ſchlaͤget,
Jhre ſtattliche Laͤnge, mit kahlem verſengeten Gipfel,
605
51 Auf der Haide verbrannt ſteht. Er war itzt zu ſprechen bereitet;
Deshalb ſchwenkten die doppelten Reihen von Fluͤgel zu Fluͤgel
Sich um ihn her, und ſchloſſen mit allen Großen des Reiches
Rund ihn ein, und Aufmerkſamkeit erhielt ſie im Schweigen.
Dreymal verſucht er zu reden
b)Er hat den Ovid in Gedanken, Met. XI, 419. Ter conata loqui, ter fletibus ora rigavit. Dreymal verſucht ſie, zu reden, und dreymal netzt ſie mit Thraͤnen Jhre Wangen. Bentley.
b), und dreymal brachen die Thraͤnen
610
52 Trotz des Hochmuths hervor, aus ſeinen verfinſterten Augen;
Thraͤnen, wie Engel ſie weinen. Doch endlich fanden die Worte,
Unterflochten mit tiefen Seufzern, alſo den Ausgang:
O ihr Myriaden unſterblicher Geiſter; ihr Kraͤfte,
Die ihr mit nichts zu vergleichen, als mit dem Allmaͤchtgen! der Streit ſelbſt,
615
52 Den wir mit ihm gefuͤhrt, war ohne Ruhm nicht; ſo grauſam
Auch der Ausgang geweſen, wie dieſer Platz uns beweiſet,
Und der grauſame Wechſel, woran nicht ohn Abſcheu zu denken:
Aber welch eine Kraft des Gemuͤthes, und welche Gabe,
Etwas vorher zu ſehn, und in die Zukunft zu ſchauen,
620
52 Haͤtt aus der tiefen Erkenntniß des Gegenwaͤrtgen, und Kuͤnftgen,
Jemals fuͤrchten koͤnnen, daß eine Kriegsmacht von Goͤttern,
So wie dieſe vereinigt, und die ſo feſt ſtand, wie dieſe,
Wuͤrde geſchlagen werden? und wer kann itzo noch glauben,
Selbſt35Erſter Geſang.
Selbſt nach dieſem Verluſt, daß alle die maͤchtigen Schaaren,
625
52 Deren Verbannung den Himmel entvoͤlkert
c)Man haͤlt dafuͤr, daß der dritte Theil der Engel mit Satan abgefallen, nach Offenbarung Joh. XII, 4. Und ſein Schwanz zog den dritten Theil der Sterne des Himmels nach ſich, und warf ſie auf dieErde. Milton hat dieſe Meynung in verſchiedenen Stellen ſeines Ge - dichts geaͤußert. Satan macht aber ihre Anzahl hier groͤßer, und prahlt, als ob ihre Verbannung den Himmel entvölkert. N.
c), aus eigenen Kraͤften
Nicht wieder aufſteigen muͤßten, und ihren alten Geburtsſitz
Wieder einnehmen ſollten? Was mich betrifft, ruf ich hier foͤrmlich
Dieſes ſaͤmtliche Heer des Himmels zu Zeugen, ob etwan
Ungleiche Rathſchlaͤg, oder Gefahr, die ich furchtſam geſcheuet,
630
53 Unſere Hoffnung verlohren gemacht. Nein, der, der im Himmel
Als ein Monarch herrſcht, hatte bisher auf dem ſichern Throne
Ruhig geſeſſen, als einer, den eine lange Gewohnheit,
Und ein alter Gebrauch, durch einen freyen Gehorſam
Aufrecht gehalten; ſo fuͤhrt er beſtaͤndig in voͤlligem Pompe
635
53 Seinen Koͤnigsſtaat fort, ſtets ſeine Staͤrk uns verbergend,
Welches dies Unternehmen veranlaßt, und Urſach geworden
Dieſes unſers erſchrecklichen Falls. Wir kennen in Zukunft
Seine Macht, und kennen die unſre. Wir haben nicht noͤthig,
Jhn zum Streite zu fordern, und ſo man uns dazu fordert,
640
53 Duͤrfen wir auch den Streit nicht fuͤrchten; doch bleibt wohl das beſte,
Daß wir mit Liſt, und Betrug, und geheimen Anſchlaͤgen zwingen,
Was die Gewalt nicht vermag. Damit er an uns auch erfahre,
Daß wer ſeinen Feind mit Gewalt allein uͤberwindet,
Jhn nur halb uͤberwindet. Laß nach der Sag in dem Himmel
645
53 Neue Welten den Raum gebaͤhren; ſo hieß es, er wuͤrde
E 2Sie36Das verlohrne Paradies.
Sie in kurzem erſchaffen, und ein Geſchlechte drein ſetzen,
Das er mit gleichen Gnaden, als wie die Soͤhne des Himmels,
Anſehn wuͤrde. Dahin, und waͤrs nur ſie auszukundſchaften,
Thun wir vielleicht den erſten Ausfall; dahin, oder ſonſt wo.
650
53Dieſe hoͤlliſche Grube ſoll nicht auf immer in Banden
Himmliſche Geiſter behalten, noch ſie mit Finſterniß lange
Dieſer Abgrund bedecken. Doch dieſe großen Gedanken
Muͤſſen in voller Verſammlung zu ihrer Zeitigung kommen.
Keine Hoffnung bleibt uͤbrig zum Frieden! Denn welcher von uns kann
655
53 Unterwerfung ſich denken; zum Kriege denn, Goͤtter, zum Kriege
Muͤſſen wir uns entſchließen, er ſey nun verdeckt, oder offen!
Alſo ſprach er. Schnell flogen, das was er ſprach, zu beſtaͤtgen,
Millionen von flammenden Schwerdtern aus ihren Scheiden,
Von der Cherubim Seiten gezuͤckt. Das ploͤtzliche Blitzen
660
53 Machte den Abgrund weit umher hell. Sie raſeten heftig
Wider den Hoͤchſten; und wuͤthend mit ihren ergriffenen Waffen
Schlugen ſie auf die ſchallenden Schilde das Kriegesgetoͤne,
Und hohnſprechender Trutz flog hinauf zum Gewoͤlbe des Himmels.
Fern nicht davon ſtand ein Berg, der aus dem graͤßlichen Gipfel
665
53 Feuer und wallenden Rauch auswarf. Die uͤbrigen Theile
Glaͤnzten mit einer funkelnden Rind; ein ſicheres Zeichen,
Daß in ſeinem Schooße verborgen, das Werk des Schwefels,
Reifes metalliſches Erz lag. Mit ſchneller Eile befluͤgelt,
Flog dahin eine zahlreiche Schaar. Wie Haufen Minirer
Vor37Erſter Geſang.
670
53Vor dem Koͤnigesheer, mit Picken und Spaden bewaffnet,
Herziehn, ein Feld abzuſtecken, und einen Wall aufzuwerfen.
Mammon
d)Ein ſyriſcher Name, welcher Reichthum bedeutet. Einige ſehn ihn als den Gott des Reichthums an, undſo macht ihn auch unſer Dichter zu einer Perſon. N.
d)der niedrigſte Geiſt, der aus dem Himmel gefallen,
Mammon fuͤhrte ſie an. Sein Blick, und ſeine Gedanken
Waren im Himmel bereits nur auf die Erde geheftet;
675
54 Er bewunderte mehr den Reichthum des himmliſchen Bodens,
Lautres geſchlagenes Gold, als alles, was goͤttlich und heilig
Man im ſeeligen Anſchaun genießt. Durch ihn auch gelehret,
Und durch ſein Anſtiften, haben zuerſt ſich die Menſchen erkuͤhnet,
Mit verruchten Haͤnden die Eingeweide der Erden,
680
54 Jhrer Mutter, zu pluͤndern, um ſolche Schaͤtze, die beſſer
Waͤren verborgen geblieben. Schnell hatte ſein Haufen im Felſen
Eine weite Wunde gemacht, und Ribben von Golde
Ausgegraben; (es wundre ſich niemand, daß Reichthum und Schaͤtze
Tief in der Hoͤlle wachſen: ihr Boden ſchickt ſich am beſten
685
54 Fuͤr dies koſtbare Gift.) Und hier laß alle die lernen,
Die in irdiſchen Dingen ſich ruͤhmen, und voller Bewundrung
Von der Herrlichkeit Babels, und von der Aegyptſchen Monarchen
Praͤchtigen Werken erzaͤhlen; laß alle die lernen, wie leicht ſie
Jn den herrlichſten Monumenten des Ruhms, und der Staͤrke,
690
54 Und der Kunſt, von verworfenen Geiſtern ausgeloͤſcht werden,
Die in einer Stunde verrichten, was kaum ein Jahrhundert
Mit unaufhoͤrlicher Arbeit, und zahlloſen Haͤnden
e)An einer der Aegyptiſchen Py -ramiden
e), vollbringet.
E 3Nah38Das verlohrne Paradies.
Nah auf der Ebene waren viel zubereitete Zellen
Unterwerts hin mit Adern von fluͤßigem Feuer durchkreuzet,
695
55 Aus dem See geleitet; in welchem ein anderer Haufen
Mit verwundernswuͤrdiger Kunſt die Erzklumpen ſchmelzte;
Schied denn jedwede Art von der andern, und ſchaͤumte die Schlacken
Von dem fließenden Erz. Ein dritter Haufen indeſſen
Hatte den Grund in mancherley Form mit Modellen durchgraben,
700
55 Und aus den ſiedenden Zellen, durch manche ſeltſamen Gaͤnge,
Alle hohlen Winkel gefuͤllt. So wie in der Orgel
Nur ein einziger Hauch durch verſchiedene Reihen von Pfeifen
Aus der Windlade blaͤſt. Schnell ſtieg ein großes Gebaͤude
Aus der Erde hervor, wie ein Nebel, unter dem Schalle
705
55 Lieblicher Symphonien und Stimmen, gebaut wie ein Tempel.
Saͤulen waren umher geſetzt, und Doriſche Pfeiler,
Ueberdeckt mit goldnen Geſimſen; auch fehlten daran nicht
Frieſen, oder Karnießen, mit herrlichem Schnitzwerk gezieret,
Und die gewoͤlbete Decke war ganz mit Goldblech bezogen.
710
55Babylon nicht, noch das große Cairo, im groͤßeſten Flore,
Hat in Pracht dies erreicht, als ihren Goͤttern, dem Belus,
Oder Serapis
f)Belus, der Sohn Nimrods, der zweyte Koͤnig von Babylon, undder erſte Menſch, welcher als ein Gott verehret worden. Er ward von den Chaldaͤern Bel, von den Phoͤniciern Baal genannt. Serapis iſt mit dem Aegyptiſchen Gott Apis einer - ley. Hume.
f), Tempel, und ihren Koͤnigen Schloͤſſer
Mit der groͤßten Verſchwendung ſie bauten; und ehemals Aſſur
Mit Aegypten in Pracht und Wolluſt und Reichthum geeifert.
Jtzte)ramiden haben 36000. Menſchen bey - nahe zwanzig Jahr gearbeitet. Nach dem Diodor. Sic. L. I. und Plin. L, 36. c. 12. N. 39Erſter Geſang.
715
57Jtzo ſtanden die Saͤulen, und ſtiegen in ſtattlicher Hoͤh auf.
Alsbald oͤffneten ſich die ehernen Fluͤgel der Thore
Weit hinein; und man ſah drinn in die geraumen Saͤle,
Ueber das glatte polirte Pflaſter. Durch magiſche Kuͤnſte
Hiengen viel ſternende Lampen, und ſchimmernde Kronen, genaͤhret
720
57 Mit Asphaltus und Naphta, herab von der Decke Gewoͤlben,
Die ein Licht von ſich gaben, gleich einem ſternvollen Himmel.
Eilend trat nun die Menge hinein, ganz Aug, und Bewundrung.
Einige prieſen das Werk, und andre den Baumeiſter. Ehmals
War er mit Ruhm im Himmel bekannt, durch manches Gebaͤude
725
57 Von erhabner gethuͤrmter Bauart, wo thronende Engel
Jhren Aufenthalt hatten, und gleich den Fuͤrſten regierten,
Welche der oberſte Koͤnig zu ſolchem Anſehn erhaben,
Und in ſeiner Hierarchie jedwedem die Herrſchaft
Ueber die glaͤnzenden Reihen und Orden der Engel vertrauet.
730
57Auch war ſein Name ſo unbekannt nicht, noch ohne Verehrer
Jn des alten Graͤciens Graͤnzen. Jhn nannten die Menſchen
Mulziber in den Auſoniſchen Laͤndern, und fabelten von ihm,
Wie er vom Himmel gefallen, indem ihn Jupiter zornig
Von den kryſtallenen Zinnen herab ſtieß; da ſey er vom Morgen
735
57 Bis zum Mittag gefall’n, und vom Mittag zum Thaue des Abends,
Einen Sommertag lang; und mit der ſinkenden Sonne
Sey er herab vom Zenith, gleich einem fallenden Sterne,
Jm Egeiſchen Meer auf die Jnſel Lemnos geſtuͤrzet.
So erzaͤhlten ſie irrig von ihm; ſein Fall war vorher ſchon
Mit40Das verlohrne Paradies.
740
57Mit der rebelliſchen Rotte geſchehen. Was halfs ihm im Himmel
Hohe Thuͤrme gebaut zu haben? Mit allen Maſchinen
Konnt er ſich itzt nicht erretten; Er ward vom Himmel geſtuͤrzet,
Jn der Hoͤlle zu bauen mit ſeinen fleißigen Schaaren.
Mittlerweile ward auf Befehl der oberſten Herrſchaft
745
57 Unter furchtbarn Gebraͤuchen von fliegender Herolde Lippen
Bey dem Schall der Trompeten, im ganzen Heer durch, ein Reichstag
Feyerlich ausgerufen. Jm Pandaͤmonium ſollt er
Unverzuͤglich gehalten werden, dem Hauptpallaſte
Satans, und ſeiner Großen des Reichs. Die Befehle verlangten
750
57 Von jedwedem Geſchwader den Vornehmſten, ſo wie ſein Rang ihn,
Oder die Wahl beſtimmt. Bey hundert und tauſenden kamen
Sie ſogleich in Haufen herbey. Die Zugaͤnge waren
Alle voller Gedraͤnge. Die weiten Thuͤren und Hallen
Und der geraume Vorhof beſonders, obgleich wie ein Feld groß,
755
57 Wo die verwegnen Kaͤmpfer in Waffen herum ſich getummelt,
Und vor der Buͤhne des Soldans den beſten der heydniſchen Ritter
Zu dem toͤdtlichen Kampf, und zum Lanzenbrechen gefordert,
Wimmelten vom andringenden Schwarm, ſo wohl auf dem Boden,
Als in der Luft, die vom Ziſchen der rauſchenden Fluͤgel getheilt ward.
760
57So wie die Bienen im Lenz, wenn mit dem Stiere die Sonne
Durch den Himmel da hin faͤhrt, die zahlreiche Jugend vom Stocke
Forttreiben; bis ſie ſich hier, oder da, in Trauben anhaͤngen:
Hin und her fliegen ſie dann im friſchen Thau, unter Blumen,
Oder wandeln herum auf dem glatten Brete, der Vorſtadt
Jhrer41Erſter Geſang.
765
57Jhrer Veſtung von Stroh, mit Balſam neu uͤberſtrichen,
Und berathſchlagen ſich von ihren Geſchaͤften des Staates:
Eben ſo ſchwaͤrmten die geiſtigen Schaaren in dickem Gedraͤnge,
Bis zum gegebenen Zeichen. Und ſieh ein Wunder
g)Dieſes wunderbare Zuſammen - ziehn der Geiſter im Pandaͤmonium iſt verſchiedentlich getadelt worden, be - ſonders vom Herrn von Voltaire, und andern franzoͤſiſchen Schriftſtel - lern, die aber von dem Wunderbaren uͤberhaupt, unſtreitig zu eingeſchraͤnk - te Begriffe haben. Milton hat mit vieler Kunſt den Leſer in dieſem Ge - ſange ſchon dazu vorbereitet, wie Addiſon, und William Duncombeangemerkt, und nach der Beſchrei - bung des Poeten iſt nichts laͤcherli - ches darinn; ſie iſt ſo edel und praͤch - tig, als irgend eine vom Homer, oder Virgil, in dieſer Art. Es wuͤrde viel unwahrſcheinlicher geweſen ſeyn, wenn er die unzaͤhligen Myriaden gefallner Engel alle in ihrer wahren Rieſengeſtalt in einem einzigen Saal eingeſchloſſen, vorgeſtellt haͤtte. Z.
g)! denn dieſe,
Die noch eben an Rieſengeſtalt die Soͤhne der Erde
770
58 Uebertrafen, ſind itzo ſo klein, als die niedrigſten Zwerge,
Und ziehn ſich in dem engeſten Raum zuſammen, unzaͤhlig,
Gleich dem Pygmaͤen Geſchlecht jenſeit der Jndiſchen Berge,
Oder auch gleich den zaubriſchen Aelfen, wenn etwa der Landmann,
Der ſich verſpaͤtet, zur Mitternachtszeit, am ſilbernen Brunnen,
775
58 Oder am Walde, die Nachttaͤnze ſieht, oder traͤumt, ſie zu ſehen;
Da indeſſen zuſchauend der Mond ihm uͤber dem Haupt ſteht,
Und mit dem blaſſen Laufe der ſchlafenden Erde ſich naͤhert;
Sie vertiefen ſich ganz in ihre froͤhlichen Taͤnze,
Und ergoͤtzen ſein Ohr mit ſuͤſſer Muſik, daß ſein Herz ihm
780
58 Eben ſo klopft fuͤr Angſt als fuͤr Freuden. So zogen auch itzo
Dieſe aͤtheriſchen Geiſter die ungeheurſten Geſtalten,
JnF42Das verlohrne Paradies. Erſter Geſang.
Jn die niedrigſten Formen zuſammen, und ſaßen bequem nun,
Obgleich unzaͤhlig, im praͤchtigen Saale des hoͤlliſchen Schloſſes.
Aber weiter hinein, in ihren eignen Geſtalten,
785
58 Voͤllig ausgedehnt, ſaßen die großen ſeraphiſchen Herren,
Mit den Cherubim, neben einander, auf goldenen Stuͤhlen,
Jm geſchloßnen Senat, und einem geheimen Conclave,
Tauſend Halbgoͤtter, zahlreich und voll, in dem ſchimmernden Saale.
Bald drauf nach kurzem Schweigen, und abgeleſnen Befehlen,
790
58 Nahm der verſammelte Reichstag der hoͤlliſchen Staaten den Anfang.
Das
[figure]
[43]

Das Verlohrne Paradies. Zweyter Geſang. Das Verlohrne Paradies. Zweyter Geſang.

F 2[44]45
Hoch auf einem glaͤnzenden Thron, der koͤniglich praͤchtig
Allen Reichthum von Ormus und Jndien
a)Diamanten, der vornehmſte Reichthum von Jndien, worinn ſie gefunden, und auf der Jnſel Ormus in dem Perſiſchen Meerbuſen verkauft werden. Pearce.
a)weit uͤberſtralte,
Oder wo ſonſt nach Barbarſchem Geſchmack
b)Barbarſches Gold und Perlen heißt es eigentlich im Engliſchen, nach dem Beyſpiel der Griechen und Roͤ - mer, welche alles Auslaͤndiſche bar - bariſch nannten. Virgil. Aen. II. 504. Barbarico poſtes auro ſpoliisque ſuperbi Procubuere etc. Die mit barbariſchem Gold, und reicher Beute gezierten Schimmernden Pfeiler ſanken. Taſſo hat es gleichfalls in folgender Beſchreibung angenommen. C. 17. N. 10. E ricco di barbarico ornamento In habito regal ſplender ſi vede. Und in reicher barbariſcher Pracht, in Koͤnigsgewande Sah man ihn ſtralen. N.
b) mit verſchwen -
driſchen Haͤnden,
Perlen und Gold der Aufgang auf ſeine Koͤnige ſtreuet;
5
60 Saß itzt Satan erhaben; zu dieſem elenden Vorzug
Durch ſein Verdienſt erhaben; und da er wider Vermuthen
Von der Verzweiflung ſo hoch empor ſich geſchwungen, ſo ſtrebt er
Hoͤher noch; unerſaͤttlich, den eitlen Krieg mit dem Himmel
Zu verfolgen; und durch den ſchrecklichen Ausgang nicht kluͤger,
10
60 Wandt er, in ſtolzen Traͤumen verlohren, ſich ſo zur Verſammlung.
F 3Thro -46Das verlohrne Paradies.
Thronen, Fuͤrſtenthuͤmer, und Maͤchte
c)So nennt Paulas Col. I, 16. die Engel, Thronen, Herrſchaften, Für - ſtenthümer, ꝛc. N.
c), Gottheiten des Himmels;
Denn weil keine Tief in ihrem unterſten Abgrund
Kann unſterbliche Kraͤfte behalten, (obgleich unterdruͤcket,
Und gefallen;) ſo geb ich noch nicht den Himmel verlohren.
15
61Himmliſche Tugenden werden ſich bald von dieſem Herabſturz
Wieder erholen, und glorreicher noch, und furchtbarer ſtralen,
Als ſie vor ihrem Falle geſtralt, und duͤrfen ſich zutraun,
Nicht zum zweytenmal noch ein ſolches Schickſal zu fuͤrchten.
Mich, obgleich ein billiges Recht, und des Himmels Geſetze
20
61 Mich im Anfang zu eurem Haupte geſchaffen, und nachher
Eure freywillige Wahl, und was ich in Rath und Gefechten
Sonſt noch um euch verdient; ſo hat doch dieſer Verluſt mich,
Da wir von ihm uns in ſo weit erholt, auf dem ſicheren Throne
Noch weit mehr befeſtigt; von keinem beneidet, mit aller
25
61 Voͤlligem Beyfall. Der gluͤckliche Zuſtand im Himmel, begleitet
Von erhabenen Wuͤrden, vermoͤchte jedes Geringern
Neid zu erwecken; allein wer wird hier dieſen beneiden,
Den die hoͤheſte Stelle, mich, eure Schutzwehr, am naͤchſten
Wider das Ziel des Donnerers ſetzt, und zum groͤßeſten Antheil
30
61 An der endloſen Pein verdammet? Wo alſo kein Gut iſt,
Ueber welches geſtritten kann werden, da wird von Partheyen
Auch kein Streit erwachſen. Jn Wahrheit, hier in der Hoͤlle
Wird wohl niemand den Vorzug verlangen; und wenn auch der Antheil
Seines itzigen Elendes noch ſo gering iſt, ſo wird doch
Nie -47Zweyter Geſang.
35
61Niemand mit ſtolzem Gemuͤthe nach groͤßerem Antheile geizen.
Mit dem Vortheil alſo der Einigkeit, und mit der feſten
Treu, und dem feſten ſtarken Verbuͤndniß, noch feſter und ſtaͤrker,
Als im Himmel ſeyn kann, ziehn wir itzt wieder zuruͤcke,
Unſer gebuͤhrendes Erbtheil, das uns von Alters her zukoͤmmt,
40
61 Wieder zu fordern; und ſind nun des gluͤcklichen Fortgangs gewiſſer,
Als wir im Gluͤcke vordem uns zu verſprechen vermochten.
Aber, ob ein offener Krieg, oder heimliche Liſten
Zu erwaͤhlen, koͤmmt itzt in Rath; wer rathen kann, ſpreche.
Satan endigte ſo. Der zepterfuͤhrende Koͤnig
d)So wie Homer ſagt II. I, 279. 〈…〉〈…〉.
d),
45
62 Moloch, der ſtaͤrkſte frecheſte Geiſt, ſo im Himmel gefochten,
Stand ſogleich nach ihm auf, itzt durch Verzweiflung noch frecher.
Voller Hochmuth verlangt er, dem Ewgen an Macht und an Staͤrke
Gleich geachtet zu werden; er hielt in der Wuth es fuͤr beſſer,
Gar nicht zu ſeyn, als geringer zu ſeyn. Mit dieſem Gedanken
50
62 Hatt er auch alle Furcht verlohren; er achtete nicht mehr
Weder auf Gott; noch die Hoͤlle, noch etwas aͤrgers; Er ſprach itzt.
Meine Meynung, ihr Goͤtter, ſie raͤth euch zum offenen Kriege;
Unerfahrner in Liſten, kann ich mit ihnen nicht prahlen.
Dieſe moͤgen drauf ſinnen, die noͤthig ſie haben; und, wenn ſie
55
62 Noͤthig ſie haben, nicht itzo, da hohe Thaten uns rufen!
Soll, indem ſie ſo nachſinnend ſitzen, der Reſt, Millionen,
Die in Waffen hier ſtehn, und mit Verlangen das Zeichen,
Wieder48Das verlohrne Paradies.
Wieder ſich aufzuſchwingen, erwarten, ſo muͤßig hier ſitzen
Als die Verjagten des Himmels, und eine ſchaͤndliche Hoͤle,
60
62 Dieſe ſinſtre Hoͤle der Schaam zur Wohnung annehmen,
Dieſen Kerker des maͤchtgen Tyrannen, der darum nur herrſchet,
Weil wir ſo zaudern? Nein! Laßt lieber uns alle bewaffnet
Mit der Wuth und den Flammen der Hoͤlle, den maͤchtigen Weg uns
Ueber die Thuͤrme des Himmels erſtreiten, und unſere Martern
65
62 Wider den Marterer ſelbſt, in ſcheußliche Waffen verwandeln;
Daß er an ſtatt des Getoͤſes von ſeinem allmaͤchtigen Werfzeug,
Hoͤlliſche Donner vernehm, und, ſtatt des leuchtenden Blitzes,
Schwarze Feuer und Graus erblicke, mit eben dem Wuͤten
Unter die Engel geſchoſſen; und ſeinen ſtralenden Thron ſelbſt
70
62 Mit tartariſchem Schwefel und fremdem Feuer vermiſcht
e)Vermiſcht iſt hier ſo viel als erfüllt, nach dem Lateiniſchen des Virgil Aen. II, 487. At domus interior gemitu miſe - roque tumultu Miſcetur. Aber der innre Pallaſt ward mit erbaͤrmlichen Klagen Und mit Seufzern vermiſcht. Pearce. Doch kann Milton das Vermiſchen auch im eigentlichen Verſtande ge - braucht haben, weil Belial gleich nach - her V. 140. ſagt. Die himmliſche Maſſe, die keine Flecken erduldet, wuͤrde bald ſiegend Von dem unedleren Feuer ſich ſaͤubern. Z.
e)ſeh;
Die von ihm ſelbſt erfundnen Plagen. Doch ſteil und beſchwerlich
Scheint vielleicht uns der Weg, mit aufwaͤrts gerichteten Schwingen
Einem maͤchtigen hoͤheren Feind entgegen zu ſtreben.
Dieſe moͤgen bedenken, wenn nicht der Schlummertrank itzt noch
75
63 Aus der Vergeſſenheit See die traͤumenden Sinnen benebelt,
Daß wir von ſelbſt nach eigner Bewegung zu unſerm Geburtsſitz
Wieder aufſteigen muͤſſen; herunter zu ſteigen, zu fallen,
Jſt49Zweyter Geſang.
Jſt uns zuwider. Wer hat nicht von uns noch neulich empfunden,
Als der grauſame Feind an unſern geſchlagenen Nachtrab
80
63 Siegend ſich anhieng, und weit uns durch die Tiefe verfolgte;
Wie wir mit Zwang und arbeitendem Flug ſo herunter geſunken?
Alſo iſt es uns leicht, hinaufzuſteigen. Der Ausgang
Wird gefuͤrchtet? Wofern wir unſern Staͤrkern aufs neue
Wider uns reizen, ſo moͤchte ſein Zorn noch ſchlimmere Wege,
85
63 Uns zu verderben, finden; Allein iſt hier in der Hoͤlle
Noch ein aͤrgers Verderben zu fuͤrchten? Was iſt wohl noch ſchlimmer,
Als hier zu wohnen, vertrieben von allem Gluͤck, und verdammet
Zu dem aͤußerſten Weh, in dieſer abſcheulichen Tiefe;
Wo uns Schmerzen und Pein in unausloͤſchlichem Feuer,
90
63 Ohn ein Ende zu hoffen, uns, ſeines Zornes Vaſallen,
Plagen, ſo oft als uns nur die unerbittliche Geißel,
Und die Stunde der Marter zu unſrer Zuͤchtigung fordert.
Mehr noch zerſtoͤrt, als wir itzo zerſtoͤrt ſind, wuͤrden wir voͤllig
Ausgeloͤſcht ſeyn und vergehn. Was fuͤrchten, was zweifeln wir alſo
95
63 Seinen aͤußerſten Zorn zu entzuͤnden? Er wird uns, entflammet
Jn dem hoͤheſten Grad, entweder voͤllig verzehren,
Und dies Weſen in Nichts verwandeln; fuͤr uns viel begluͤckter,
Als in ewigem Elend ein ewiges Weſen zu haben;
Oder iſt unſre Natur wahrhaftig goͤttlich, und kann ſie
100
63 Nicht aufhoͤren zu ſeyn, ſo kann uns nichts ſchlimmers begegnen,
Was wir nicht ſchon erfahren. Durch uͤberzeugende Proben
Fuͤhlen wir unſre Macht hinlaͤnglich, ihm ſeinen Himmel
Zu verwuͤſten, und ſeinen Thron, den das blinde Verhaͤngniß
GJhm50Das verlohrne Paradies.
Jhm gegeben, ſo ſicher er ſteht, mit beſtaͤndigem Anfall
105
63 Zu erſchuͤttern. Jſt dieſes nicht Sieg, ſo iſt es doch Rache.
Drohend endiget er, und ſeine Blicke verkuͤnd’gen
Rache voller Verzweiflung, und eine Schlacht voll Gefahren
Allen geringern, als Goͤtter. Mit einem mehr ſittſamen Anſtand,
Und mit ſanftern Geberden, erhub an der andern Seite
110
63 Belial ſich. Eine ſchoͤnre Perſon verlohr nicht der Himmel;
So geſtaltet ſchien er zu erhabnen wuͤrdigen Thaten.
Aber alles war leer und betriegriſch: So ſehr auch die Zunge
Manna traͤufelte; ob er auch gleich die verdaͤchtigſten Gruͤnde
Jn die beſten verwandeln konnte, die reifſten Entſchluͤſſe
115
63 Zu verwirren, und aufzuhalten; denn ſeine Gedanken
Waren niedrig, zum Laſter geſchwind, doch zu edleren Thaten
Furchtſam, und faul. Er wuſte jedoch den Ohren zu ſchmeicheln,
Und mit uͤberredenden Worten begann er alſo:
Jch auch wuͤrde zum offenen Kriege, verſammelte Goͤtter,
120
63 Rathen, indem ich an Haß gewiß nicht der letzte bin, wenn nicht
Eben der Hauptgrund, welcher uns ſoll zum Kriege bereden,
Mich zum Gegentheile beredte, voll uͤbeler Ahndung
Ueber den ganzen Ausgang; weil der, ſo in Thaten des Krieges
Es am hoͤchſten gebracht, in dieſes, was er uns anraͤth,
125
63 Und worinn er all uͤbertrifft, ein Mistrauen ſetzet;
Seinen muthgen Entſchluß allein auf Verzweifelung gruͤndet,
Und auf eine letzte Zernichtung, den einzigen Endzweck
Seiner51Zweyter Geſang.
Seiner ganzen Bemuͤhung, nach einiger grauſamen Rache.
Welche Rache? frag ich zuerſt. Die Thuͤrme des Himmels
130
63 Sind mit bewaffneten Wachen beſetzet, die undurchdringlich
Allen Zugang machen. Oft ſtehn am Ufer des Abgrunds
Jhre Legionen gelagert; mit einſamen Fluͤgeln
Eilen ſie tief in die Reiche der Nacht, als Kundſchafter, muthig
Allem Ueberfall ſpottend. Und koͤnnten wir unſeren Weg auch
135
63 Mit Gewalt uns eroͤffnen, und koͤnnte die ſaͤmtliche Hoͤlle
Unſern Fußſtapfen folgen, im ſchwaͤrzeſten Aufſtand, des Himmels
Reineſtes Licht zu beflecken, ſo wuͤrde doch unuͤberwindlich
Unſer großer Feind auf dem unbeſudelten Throne
Sitzen; die himmliſche Maſſe, die keine Flecken erduldet
140
63 Wuͤrde das Unreine ſchnell von ſich ſtoßen, und wuͤrde bald ſiegend
Von dem unedlern Feuer ſich ſaͤubern. Und ſo denn geſchlagen,
Jſt noch unſre letzte Zuflucht, Verzweiflung. Wir muͤſſen
Unſern allmaͤchtigen Sieger bewegen, auf unſere Haͤupter
Seinen ganzen Zorn zu verſchuͤtten; dies waͤre zuletzt noch
145
63 Alles, was wir verlangen, und unſre ganze Bemuͤhung,
Nicht mehr zu ſeyn! Betruͤbte Bemuͤhung! denn welcher von uns will
Dieſes denkende Weſen verlieren, ſo ſehr es auch leidet;
Dieſe Goͤttergedanken, die durch die Ewigkeit wandern,
Und zu vergehen lieber ſich wuͤnſchen, verſchlungen, verlohren,
150
63 Jn der unerſchaffnen Nacht unfruchtbarem Schooße;
Aller Empfindung beraubt, und aller Bewegung. Und wenn auch
Dieſes fuͤr uns das beſte ſeyn ſollte; wer weis denn, ob jemals
Unſer erzuͤrnter Feind uns dieſe Wohlthat erweiſen
G 2Kann52Das verlohrne Paradies.
Kann, oder will? Ob er kann, daran iſt billig zu zweifeln;
155
63 Daß er nimmer will, iſt gewiß. Wird Er, der Allweiſe,
Seinen Zorn, entweder aus Schwachheit, oder Verſehen,
Auf einmal, und ſo ſehr, auf unſere Haͤupter verſchuͤtten,
Daß er dadurch die Wuͤnſche von ſeinen Feinden erfuͤlle,
Und in ſeinem Zorn ſie zernichte; da eben ſein Zorn ſie
160
63 Zu unendlichen Strafen verſpart? Was zaudern wir alſo,
Sagen die, ſo zum Krieg uns rathen? Zu ewigen Schmerzen
Sind wir verurtheilt, beſtimmt, und aufgehoben, wir moͤgen
Thun, |was wir koͤnnen, und wollen; was koͤnnen wir mehr denn noch leiden,
Und was koͤnnen wir aͤrgers leiden! Jſt dies denn das aͤrgſte,
165
63 So zu ſitzen? ſo Rath zu halten? und ſo in den Waffen?
Was! indem wir erſchrocken dahinflohn, verfolgt und getroffen
Von des Himmls ſtrafendem Donner, und unten die Tiefe
Baten, uns zu bedecken: Da ſchien uns auch dieſe Hoͤlle
Eine Zuflucht vor jenen Wunden; und als wir gefeſſelt
170
63 Auf dem brennenden Abgrunde lagen; gewiß, das war aͤrger!
Oder wenn itzo der Athem, der dieſe grimmigen Feuer
f)Eſ. XXX, 33. Denn die Gru - be iſt von geſtern her zugericht tief und weit genug, ſo iſt die Wohnung darinnen, Feuer undHolz die Menge. Der Odem des Herrn wird ſie anzünden, wie ei - nen Schwefelſtrom. N.
f)
Anzuͤndet, wieder erwacht, und zu ſiebenfaͤltiger Wuth ſie
Anblaͤſt, und in die Flammen uns ſtuͤrzet; oder von oben
Jene blitzende Rechte der nachgelaſſenen Rache
175
64 Wieder von neuem ſich waffnet, um uns zu plagen? Wie, wenn ſie
Alle53Zweyter Geſang.
Alle Vorrathshaͤuſer eroͤffnet; und dieſes Gewoͤlbe
Seine Schleuſen voll Feuer herabſpeyt, (hangende Schrecken,
Die mit ſcheußlichem Fall einſt uͤber unſere Haͤupter
Niederzuſtuͤrzen, uns drohn;) und uns vielleicht, da wir eben
180
64 Glorreiche Feldzuͤg entwerfen, und muthig dazu uns ermuntern,
Von dem feurigen Sturm ergriffen, die Flammen hinabſtoͤßt,
Jeden an ſeinen Felſen geſpießt; das Spiel und die Beute
Reißender Wirbelwinde von Feuer; Oder auf immer,
Unter dem ſiedenden Meere verſenkt, in Ketten uns anſchließt,
185
64 Da Jahrhunderte lang, von denen kein Ende zu hoffen,
Unter immerwaͤhrendem Jammern in Pein zu vollbringen,
Unaufhoͤrlich, und unbedaurt und unnachgelaſſen;
Dies waͤr’| aͤrger! Drum kann ich, ihr Goͤtter, zum Kriege nicht rathen,
Weder zum offenen Kriege, noch zum verdeckten. Was kann denn
190
64 Wider Jhn Gewalt, oder Liſt? Wer kann den betriegen,
Welcher alle Dinge mit einem Blick uͤberſchauet?
Von den himmliſchen Hoͤhn ſieht, und verſpottet er
g)Pſ. II, 4. Aber der im Himmel wohnet, lachet ihr, und der Herr ſpottet ihr. N.
g) alle
Dieſe Bewegungen; eben ſo weiſe, die Anſchlaͤg und Raͤnke,
Die wir gemacht, zu vereiteln, als er allmaͤchtig iſt, ſiegend
195
65 Unſrer Macht ſich entgegen zu ſtellen. Doch ſollen wir alſo
So erniedriget leben, wir, das Geſchlechte des Himmels,
So zu Boden getreten, ſo ausgeſtoßen? und Ketten
Hier ertragen, und ſolche Martern? Nach meinem Ermeſſen
Lieber dieſe, denn aͤrgre; da uns ein eiſernes Schickſal
G 3Unter -54Das verlohrne Paradies.
200
65Unterwuͤrfig gemacht, und der Wille des Ueberwinders,
Ein allmaͤchtiger Rathſchluß. Wir haben zum Thun, und zum Leiden,
Gleiche Staͤrke; das harte Geſetz, ſo dies uns verordnet,
Jſt auch ungerecht nicht. Denn waren wir weiſe, ſo war es
Damals bereits beſchloſſen, als wir zu ſtreiten es wagten
205
65 Mit ſo einem maͤchtigen Feind; und der Ausgang des Krieges
So ſehr zweifelhaft war. Jch lache, wenn ſie, die ſo muthig
Auf ihr Speer ſich verlaſſen, ſobald es fehlet, erzittern,
Und ſo ſchrecklich das fuͤrchten, wovon ſie vorherſehen konnten,
Daß es erfolgen mußte; Verbannung, und Schmach, oder Ketten,
210
65 Oder Pein, der Ausſpruch des Ueberwinders. Dies iſt nun
Unſre Verdammniß; koͤnnen wir ſie ertragen und leiden,
Dann kann mit der Zeit ſich der Zorn des oberen Feindes
Um ein großes mildern; ſo ſehr entfernet, vergißt er
Uns vielleicht, wofern wir ihn nicht aufs neue beleid’gen,
215
65 Und iſt mit der Strafe, die itzo wir dulden, zufrieden.
Dieſes wuͤthende Feuer wird dann ſich legen, wofern nicht
Dieſe Flammen von ſeinem Athem angefacht werden.
Unſer reineres Weſen wird ihre ſchaͤdlichen Daͤmpfe
Ueberwinden, oder ſie auch, verhaͤrtet, nicht fuͤhlen;
220
65 Oder zuletzt veraͤndert, und zu dem Orte der Quaalen
Faͤhig gemacht an Art und Natur, die grauſame Hitze,
Voͤllig dazu gewoͤhnt, ohn alle Schmerzen empfinden.
Dieſe Schreckniſſe werden dann mild, und die Nacht wird uns Licht ſeyn.
Ohne was ſonſt noch fuͤr Hoffnung und Troſt der zukuͤnftigen Tage
225
65 Nimmerendende Flucht, und was uns Veraͤndrung und Zufall
Noch55Zweyter Geſang.
Noch erwarten laͤßt; da dies Loos zwar itzo nicht gluͤcklich,
Doch nur ſchlimm iſt; ſchlimm, doch nicht das ſchlimmſte, wofern wir
Selbſt nicht Urſach geben zu neuen und groͤßeren Schmerzen.
Belial rieth ſo mit Worten, die in das Gewand der Vernunft ſich
230
65 Eingekleidet, unedle Ruh, und friedvolle Faulheit,
Aber nicht wahren Frieden. Und Mammon ſprach nach ihm alſo:
Wir bekriegen entweder, wofern der Krieg zu erwaͤhlen,
Jhn zu entthronen, den Koͤnig des Himmels; oder wir ſuchen
Unſer eignes verlohrnes Recht aufs neu zu erobern.
235
65Jhn zu entthronen, moͤgen wir dann vergeblich nicht hoffen,
Wenn das ewige Schickſal dem unbeſtaͤndigen Zufall
Weichen wird, und das Chaos den großen Streit wird entſcheiden.
Eitel iſt es, das erſte zu hoffen, und eben ſo eitel
Jſt das letzte. Denn was fuͤr ein Platz kann fuͤr uns in des Himmels
240
65 Grenzen ſeyn, wenn wir nicht ihn, den oberſten Herrſcher des Himmels,
Ueberwinden? Geſetzt, in ſeinem Zorne beſaͤnftigt,
Boͤt er uns allen Vergebung an, wofern wir von neuem
Jhm Gehorſam verſpraͤchen; mit welchem Antlitze koͤnnten
Wir vor ihm gedemuͤthigt ſtehn, und die ſcharfen Geſetze
245
65 Von ihm empfangen; vor ſeinem Thron mit harmoniſchen Hymnen
Jhm zu feyern, und ſeiner Gottheit ſo manches gezwungne
Hallelujah zu ſingen, indem er, als unſer Beherrſcher,
Auf dem ſo beneideten Stuhle gebieteriſch ſaͤße,
Und von ſeinem Altar ambroſialiſche Duͤfte,
Und56Das verlohrne Paradies.
150
65Und ambroſialiſche Blumen die Luͤfte durchhauchten,
Unſre ſklaviſchen Opfer. Dies muͤßte das einz’ge Geſchaͤffte,
Unſer einzigs Vergnuͤgen im Himmel ſeyn. O wie verdruͤßlich
Waͤre die Ewigkeit nicht, die wir mit deſſen Anbetung
Zubringen muͤßten, den wir ſo haſſen! Laßt darum nicht laͤnger
255
65 Nach dem vorigen Stande der glaͤnzenden Knechtſchaft uns ſtreben.
Er iſt nicht mit Gewalt zu erlangen, und, eine Gnade,
Jſt er, auch ſelber im Himmel, nicht anzunehmen. Nein, lieber
Suchen wir unſer eigenes Heil in uns ſelber, und leben
Jn dem unſern, fuͤr uns allein; hier im wuͤſten Bezirk zwar,
260
65 Aber doch frey und unabhaͤngig. Laßt denn uns die Freyheit,
Harte Freyheit, dem leichteren Joche des ſklaviſchen Pompes
Herzhaft vorziehn. Unſere Groͤße wird dann ſich am hellſten
Zeigen, wenn wir aus kleinen Dingen erhabene Dinge,
Nutzen aus unſerem Schaden, und Gluͤck aus Ungluͤck erſchaffen;
265
65 Und, an welchem Ort es auch ſey, ſelbſt unter dem Ungluͤck
Herrlicher werden, und Ruh und Vergnuͤgen durch Arbeit und Leiden
Aus der Marter heraus wirken koͤnnen. Wie? fuͤrchten wir etwan
Dieſe tiefe finſtere Welt? Wie oft liebt des Himmels
Alles beherrſchender Herr in duͤſtern ſchrecklichen Wolken,
h)Nach Pſ. XVIII, 13. Sein Gezelt um ihn her war finſter, und ſchwarze dicke Wolken, dar - inn er verborgen war. Der Herr donnerte im Himmel, undder Herr ließ ſeinen Donner aus mit Hagel und Blitzen. Und nach Pſ. XCVII, 2. Wolken und Dunkel iſt um ihn her. N.
h)
270
66Ohne daß ſich ſein Glanz dadurch verdunkelt, zu ſitzen,
Und huͤllt ſeinen Thron in majeſtaͤtiſche Nacht ein.
Tiefe57Zweyter Geſang.
Tiefe Donner bruͤllen alsdann, und wuͤthende Blitze
Machen den Himmel aͤhnlich der Hoͤlle. Und wenn’s uns beliebet,
Koͤnnen wir nicht ſein Licht nachahmen, ſo wie er die Nacht uns
275
66 Nachahmt? Dieſer veroͤdete Boden haͤlt in ſich verborgen
Gold und Edelgeſteine; es fehlt uns an Kunſt nicht, Gebaͤude
Voller Pracht daraus zu errichten; und was kann der Himmel
Mehr-uns zeigen? Denn koͤnnen ſelbſt dieſe ſchmerzende Martern,
Durch die Zeit uns vielleicht zum Elemente geworden,
280
66 Und dies ſtechende Feuer ſo ſanft uns ſcheinen, ſo ſtreng es
Jtzo uns ſcheint; in ihre Natur kann unſre Natur dann
Sich veraͤndern, welches am meiſten von Pein und von Schmerzen
Alles empfindliche wegnimmt. Zu friedlichen Rathſchlaͤgen alſo,
i)Es ſind verſchiedne ſehr feine Zuͤge in dieſen Reden der hoͤlliſchen Geiſter, und in ihren verſchiednen Bewegungsgruͤnden, die ſie anfuͤhren, und die ſich vortrefflich zu jedes ſei - nem Charakter ſchicken, ob ſie gleich eigen lich von dem Hauptpunkte, der ausgemacht werden ſollte, abgewichen ſind; welches auch in andern Ver - ſammlungen nur allzugewoͤhnlich iſt. Satan erklaͤrt im erſten Geſange V. 653. Keine Hoffnung bleibt uͤbrig zum Frie - den; denn welcher von uns kann Unterwerfung ſich denken! zum Kriege denn, Goͤtter, zum Kriege Muͤſſen wir uns entſchließen, er ſey nun verdeckt, oder offen. Welches von dem ganzen Heere der gefallenen Engel gebilligt und beſtaͤ - tigt ward. Dieſem zufolge ſetzt er bey der Eroͤffnung des Reichstageszum Hauptpunkte, der ausgemacht werden ſollte, feſt: Geſ. II, 42. Aber ob ein offener Krieg, oder heimliche Liſten Zu erwaͤhlen, koͤmmt itzt in Raͤth. Moloch ſpricht dieſem Vortrage ge - maͤß, und erklaͤrt ſich v. 52. Meine Meynung, ihr Goͤtter, ſie raͤth euch zum offenen Kriege. Belial aber raͤth allen Krieg ab, ſo - wohl verdeckt als offen, v. 188. Drum kann ich zum Kriege nicht rathen, Weder zum offenen Kriege, noch zum verdeckten ꝛc. Mammon fuͤhrt dieſe Bewegungs - gruͤnde noch weiter aus, und allen Gedanken zum Kriege Laßt uns von nun an gaͤnzlich ent - ſagen Daß
i)
UndH58Das verlohrne Paradies.
Und zum feſten Staate voll Ordnung ermahnet uns alles;
285
67 Laßt uns denn uͤberlegen, wie wir in guter Verfaſſung
Unſer itziges Ungluͤck verbeſſern; und laßt uns erwaͤgen,
Was, und wo wir ſind, und allen Gedanken zum Kriege
Laßt uns von nun an gaͤnzlich entſagen Dies iſts, was ich rathe.
So wie er ſchloß, durchlief die Verſammlung ein heiſres Gemurmel,
290
67 Als wenn hohle Felſen
k)Virgil vergleicht den Beyfall, den die Verſammlung der Goͤtter, der Rede der Juno gegeben, Aen. X, 96. mit dem entſtehenden Winde, und un - ſer Dichter mit dem Murmeln des fallenden Windes; cunctique fremebant Coelicolae aſſenſu vario; ceu fla - mina prima Cum deprenſa fremunt ſylvis, et coeca volutant Murmura, venturos nautis proden - tia ventos. Die Bewohner des Himmels Rauſchten ihr insgeſamt Beyfall: ſo wie die entſtehenden Winde Anfangs im Walde gefangen mur - meln; mit heimlichem Sauſen Durch die Zweige ſich waͤlzen, und ſchon dem erfahrnen Seemann Kommende Stuͤrme verrathen. Hume. Das Verhalten beyder Poeten iſt der Sache gemaͤß. Die Abſicht von derRede der Juno war, die Verſammlung der Goͤtter aufzubringen, und anzu - flammen; Virgil vergleicht alſo die Wirkung davon ſehr geſchickt mit dem entſtehenden Winde. Mammons Ab - ſicht aber war, die Verſammlung zu beruhigen, und zu beſaͤnftigen; und Milton vergleicht alſo die Wirkung davon eben ſo geſchickt mit dem nach einem Sturme fallenden Winde. Clau - dian hat faſt eben ein ſolches Gleich - niß in ſeiner Beſchreibung des hoͤlli - ſchen Reichstags. In Rufinum, I. 70. ceu murmurat alti Impacata quies pelagi, cum flami - ne fracto Durat adhuc, ſaevitque tumor, du - biumque per aeſtum Laſſa recedentis fluitant veſtigia venti. Und wie das ſinkende Meltmeer brauſt, wenn itzo die Wogen Nach gebrochenem Sturme noch dau - ren, und hoch gehn, und wuͤthen, Und vom fallenden Winde weit uͤber die furchigte Flaͤche Matte Fußtapfen wallen. Noch in einigen andern kleinen Um - ſtaͤnden ſcheint unſer Dichter die Ver -ſammlung
k) den Schall der brauſenden Winde,
Welchei)Daß alſo in dem Fortgange der Be - rathſchlagung, der ſtreitige Punkt gaͤnzlich veraͤndert wird. Ob der Poet dieſes mit Vorſatz gethan, oder ob es aus Unachtſamkeit geſchehen, iſt ſchwer zu beſtimmen. N. 59Zweyter Geſang.
Welche die lange Nacht durch die Wellen des Meeres empoͤret,
Auffangen, und den verwachten Seemann mit heiſerem Tone
Einſchlaͤfern; deſſen Pinnaß, oder Kahn, nach dem wuͤthenden Sturme
Jtzt in einer felſichten Bay von ohngefehr ankert.
295
69Solch ein Beyfall wurde gehoͤrt, da Mammon geendet,
Ueber ſeine Meinung zum Frieden; denn mehr als die Hoͤlle
Scheuten ſie noch ein ſolches Schlachtfeld; ſo wirkte das Schrecken
Vor dem Donner und Michaels Schwerdt in ihren Gemuͤthern,
Und ein eben ſo ſtarkes Verlangen, ein Reich in der Hoͤlle
300
69 Zu errichten, welches dereinſt durch weiſe Geſetze,
Und die Laͤnge der Zeit, dem Himmel nacheifern koͤnnte.
Als dies Beelzebub ſah, (denn auſſer Satan ſaß niemand
Hoͤher, als er) ſtand er auf mit hohem ernſtlichen Anſehn,
Und ſchien eine Saͤule des Staats, indem er ſo aufſtand.
305
69Ueberlegung ſaß tief auf ſeine Stirne gegraben,
Und die| Sorge des Staats; aus ſeinem Angeſicht, welches
Majeſtaͤtiſch noch ſchien, ſo ſehr es verfallen war, ſtralte
Fuͤrſtlicher Rathſchluß hervor. So ſtand er, ein Weiſer, die Schwere
Maͤchtiger Monarchien mit ſtarken atlantiſchen Schultern
l)Eine Metapher, ſeine großenFaͤhigkeiten anzuzeigen. Atlas war ein ſo großer Sternkundiger, daß man von ihm ſagte, er habe den Himmel auf ſeinen Schultern getragen. Das ganze Gemaͤhlde vom 303 Vers an bis zu Ende dieſes Abſatzes iſt unver - gleichlich. Richardſon.
l)
310
70 Faͤhig zu tragen. Sein Blick verlangte Gehoͤr, und erwarb ſich
H 2Tiefek)ſammlung der Teufel, nach der Ver - ſammlung der Furien geſchildert zu haben. Der Leſer kann die Rede der Alekto mit Molochs Rede, und der Megaͤra ihre mit Belials oder viel - mehr Beelzebubs ſeiner vergleichen. N. 60Das verlohrne Paradies.
Tiefe Stille, ſo ſtill als die Nacht, oder ruhende Luͤfte,
Jn dem Mittag des Sommers, indem er ſo anfieng, zu reden:
Thronen, und fuͤrſtliche Maͤchte, aͤtheriſche Kraͤfte; des Himmels
Nachkommen; oder ſollen wir dieſen Wuͤrden entſagen,
315
71 Und mit veraͤnderten Titeln uns Fuͤrſten der Hoͤlle benennen?
Denn ſo ſcheint es, als ob ſich der Wunſch der meiſten erklaͤre,
Hier zu bleiben, und hier ein wachſendes Reich zu errichten;
Ohne Zweifel, indem wir traͤumen, und nicht erwaͤgen,
Daß der Koͤnig des Himmels den ſchrecklichen Ort zum Gefaͤngniß,
320
71 Nicht zur ſichern Zuflucht vor ſeinem maͤchtigen Arm uns
Angewieſen; nicht hier, von der hohen Herrſchaft des Himmels
Ausgenommen, zu leben, in einem neuen Verbuͤndniß
Wider ſeinen erhabnen Thron; vielmehr aufs genauſte
Jn der ſtrengeſten Knechtſchaft zu bleiben, und, ob wir ſo fern gleich
325
71 Von ihm verwieſen ſind, dennoch als ſeine gefangenen Schaaren
Aufgeſpart, die Nacken dem ſchimpflichen Joche zu beugen.
Denn Er, ſeyd es verſichert, wird in der Hoͤh und der Tiefe,
Wird als der Erſt und der Letzte beſtaͤndig monarchiſch regieren.
Er bleibt Koͤnig allein, und unſers Aufſtandes wegen
330
71 Wird er den kleinſten Theil nicht von ſeiner Herrſchaft verlieren;
Sondern uͤber die Hoͤlle ſein Reich erſtrecken, und hier uns
Mit dem eiſernen Zepter
m)Das eiſerne Zepter iſt nach Pſ. II, 9. ſo wie das goldne nach Eſther V, 2. Hume.
m) regieren, ſo wie mit dem goldnen
Seine Geliebten im Himmel. Was ſitzen wir denn, und entwerfen
Krieg61Zweyter Geſang.
Krieg und Frieden. Der Krieg hat in unſerm Entſchluß uns beſtimmet,
335
72 Und mit einem Verluſte, noch immer uns unerſetzlich,
Uns betroffen. Auch hat uns noch niemand Punkte zum Frieden
Angetragen, noch wir ſie geſuchet. Denn welchen Frieden
Giebt man Sklaven, wie uns? O! keinen andern, als Martern,
Oder ein ſtrenges Gefaͤngniß, und Geiſſeln, willkuͤhrliche Strafen.
340
72Und was kann er von uns fuͤr einen Frieden erwarten?
Nichts, als Haß, und Feindſeeligkeiten, nach unſerm Vermoͤgen;
Unzubezaͤhmendes Widerſtreben, und Rache, zwar langſam,
Aber die doch beſtaͤndig drauf ſinnt, wie der Sieger am mindſten
Seines Vortheils genießen, und deſſen, was er uns anthut,
345
72 Und wir leiden und fuͤhlen, ſo wenig, als moͤglich, ſich freue.
An Gelegenheit wird es nicht fehlen. Wir haben nicht noͤthig
Mit gefaͤhrlichem Feldzug uns an den Himmel zu wagen,
Deſſen hohe Mauren nicht Sturm noch Belagerung fuͤrchten,
Noch Ueberraſchung aus unſern Tiefen. Wie? wenn wir was
leichters
350
72 Faͤnden, zu unternehmen? Es iſt ein Platz, (wenn im Himmel
Eine prophetiſche Sage nicht irret) die gluͤckliche Wohnung
Eines neuen Geſchlechts auf einer benachbarten Erde,
Menſchen genannt; der Sage nach ſollt es in dieſen Zeiten,
Uns nicht ungleich, erſchaffen werden, zwar nicht ſo gewaltig,
355
72 Noch ſo herrlich, wie wir; allein mit groͤßeren Gnaden
Ueberſchuͤttet von dem, der in der Hoͤhe regieret.
Denn ſo war es ſein Wille; ſo that er vom furchtbaren Thron ihn
H 3Kund,62Das verlohrne Paradies.
Kund, und hat vor den Goͤttern mit einem Eid
n)Er hat einen Eid dazu ge - than, ſagt Paulus Ebr. VI, 17. Von dieſem Eide wird geſagt, daß er den ganzen Umkreis des Himmels erſchuͤt - tert, wie von dem Eide Jupiters im Virgil Aen. IX, 104. Dixerat: idque ratum Stygii per flumina fratris, Per pice torrentes atraque voragine ripas Annuit, et totum nutu tremefecit Olympum. Alſo ſprach er, indem er ſein Ja bey des Stygiſchen Bruders Unterirdiſchen Stroͤmen, und finſtern Strudeln des Abgrunds, Zuwinkt; ſein ſchrecklicher Wink er - ſchuͤttert den ganzen Olympus. Virgil hat den Homer nachgeahmt. II, I, 528. 〈…〉〈…〉 So ſprach er, und winket Mit den ſchwarzen Augenbraunen; ambroſiſche Locken Zitterten wallend hernieder vom Haupt des unſterblichen Koͤnigs, Und ſein furchtbarer Wink erſchuͤt - tert den maͤchtgen Olympus. Alle drey Poeten, wie wir ſehn, erwaͤh - nen der Erſchuͤtterung des Himmels, nur daß Milton ſolches der Wirkung des Eides zuſchreibt, und Homer und Virgil dem Winke des Jupiters. Aber der Wink iſt hier mit Recht ausgelaſ - ſen, da Gott nicht, wie im Homer und Virgil, die Erfuͤllung einer Bitte ver - ſpricht, ſondern nur bloß ſeinen Wil - len unter den Engeln kund thut. N.
n)ihn beſtaͤtigt,
Welcher den ganzen Umkreis des Himmels erſchuͤttert. Dahin denn
365
73 Laßt uns alle Gedanken verſammlen, damit wir entdecken,
Was fuͤr Geſchoͤpfe da wohnen, zu welchen Weſen ihr Schoͤpfer
Sie gemacht hat; wie ſtark oder ſchwach die Unſterblichen ſcheinen,
Und wie wir am leichtſten mit Macht oder Liſt ſie verfuͤhren.
Obgleich der Himmel verſchloſſen, und in der eigenen Staͤrke
365
73 Sicher der hohe Beherrſcher des Himmels ſitzet, ſo mag doch
Dieſer Ort, als die aͤußerſte Grenze von ſeinem Reiche,
Offener liegen; vielleicht den Bewohnern allein zur Beſchuͤtzung
Ueberlaſſen. Vielleicht wird hier durch Geſchwindigkeit etwas
Vortheilhaftes fuͤr uns gethan; mit hoͤlliſchem Feuer
370
73 Seine neue Schoͤpfung entweder ihm ganz zu verwuͤſten,
Oder63Zweyter Geſang.
Oder alles fuͤr uns in Beſitz zu nehmen, und ſeine
Neuen Einwohner draus zu vertreiben, ſo wie man uns ſelber
Aus dem Himmel vertrieben; und wenn ſie nicht zu vertreiben,
Sie zu unſrer Parthey zu ziehn, daß ihr Gott dann ihr Feind wird,
375
73 Und mit reuender Hand das, was er erſchaffen, zernichtet.
Dieſes waͤre fuͤrwahr weit mehr, als gewoͤhnliche Rache,
Und wir wuͤrden dadurch ihm ſeine Freude vernichten
Ueber unſre Schmach, und unſre eigene Freude
Ueber ſeinen Fehlſtreich erhoͤhn; wenn hier in der Hoͤlle
380
73 Seine geliebteſten Soͤhne, zu uns herunter geſtuͤrzet,
Mit uns theilen muͤßten, und ihren gebrechlichen Urſprung,
Und ihr verwelktes Gluͤck, ſo ſchnell verwelket, verfluchten.
Sagt, ob dieſes verdient von uns gewaget zu werden,
Oder ob wir lieber allhier in Finſterniß ſitzen,
385
73 Eitle Koͤnigreiche zu bruͤten. Beelzebub trug ſo
Seine teufliſchen Rathſchlaͤge vor, von Satan am erſten
Ausgeſonnen, und groͤßtentheils auch von ihm ſchon eroͤffnet.
Denn woher, als von ihm, des Uebels einzigem Schoͤpfer,
Konnte ſo ſchwarze Bosheit entſpringen, das Menſchengeſchlechte
390
73 Zu verderben in Einer Wurzel, und untereinander
Erd und Hoͤlle zu miſchen, dem großen Schoͤpfer zum Hohne?
Aber ihr Hohn auch dienet doch nur ſein Lob zu vermehren.
Hoch gefiel der verwegene Vorſatz den hoͤlliſchen Staaten;
Jedes Auge funkelte Freude; mit voͤlligem Beyfall
395
73 Gaben ſie alle die Stimmen; worauf er von neuem ſo anhub:
Ruͤhm -64Das verlohrne Paradies.
Ruͤhmlich habt ihr geurtheilt, und ruͤhmlich, verſammelte Goͤtter,
Habt ihr den langen Streit geendet; habt, euer wuͤrdig,
Große Dinge beſchloſſen, die aus der niedrigſten Tiefe
Noch einmal uns erheben werden, dem Schickſal zum Trutze,
400
73 Naͤher zu unſerm alten Sitz, vielleicht im Geſichte
Dieſer ſtralenden Grenzen, von da durch benachbarte Waffen,
Und durch begluͤckten Ausfall, aufs neu in den Himmel zu kommen;
Oder irgend in einem gemilderten Luftſtriche, ſicher,
Nicht unbeſucht vom ſchoͤnen Lichte des Himmels, zu wohnen,
405
73 Und die dunkelen Flecken am hellen oͤſtlichen Glanze
Abzuſpuͤlen. Die ſanfteren Luͤfte ſollen da Balſam
Hauchen, die Narben von dieſem verzehrenden Feuer zu heilen.
Aber vor allem, wen ſollen wir ſenden, wen ſollen wir finden,
Welcher tuͤchtig gnug ſey, die neue Welt zu entdecken?
410
73Wer unterſteht ſich von uns, mit kuͤhnen wandernden Fuͤßen
Jn den finſtern, grundloſen, und unendlichen Abgrund
Sich hinunter zu wagen, und mitten durchs fuͤhlbare Dunkle
Seinen ſeltſamen Weg zu finden, oder den Luftflug
Ueber die weite Kluft mit unermuͤdeten Schwingen
415
73 Zu verfolgen, bevor er zur gluͤcklichen Jnſel
o)Die Erde, welche in einer See von Luft haͤngt wie eine gluͤckliche Jn - ſel, oder Fortunateyland. Cicero de Nat. Deor. II. 66. nennt gleichfallsdie Erde quaſi magnam quandam in - ſulam, quam nos orbem terrae voca - mus. N.
o)gelanget?
Und welch eines Verwegenen Kunſt oder Staͤrke vermag es,
Wo iſt ein Ausweg, welcher ihn ſicher die haͤufigen Poſten,
Und die dicken Schaaren der wachſamen Engel hindurch bringt?
Alle65Zweyter Geſang.
Alle Vorſicht hat er hier noͤthig; nicht mindere Vorſicht
420
74 Fordert unſere Wahl; denn alles, und unſere letzte
Hoffnung beruhet auf dem, den wir zu ſenden beſchließen.
Dieſes geſagt, ſaß er nieder; und ſeinen Blick hielt Erwartung
Aufmerkſam, und verlangend, ob jemand aufſtehen wuͤrde,
Dieſen gefaͤhrlichen Anſchlag zu unterſtuͤtzen, zu tadeln,
425
74 Oder zu unternehmen. Doch alle ſaßen verſtummet
p)Homer braucht oft gleiche Ausdruͤcke, wenn eine Sache von Wichtigkeit vorgetragen wird; als et - wan einen Kundſchafter in das Tro - janiſche Lager zu ſenden, oder jeman -den zu einem Zweykampf mit dem Hektor abzuſchicken. Siehe II. VII, 92. N.
p);
Jeder erwog die Gefahr in tiefen Gedanken, und jeder
Las ſein eigenes Schrecken beſtuͤrzt in des andern Geberden.
Keiner unter dem Ausbund und unter der Bluͤthe der Krieger,
Die den Himmel bekaͤmpft, ward itzo gefunden, der muthig
430
75 Sich erboten, allein die ſchreckliche Reiſe zu wagen.
Bis ihr Oberhaupt, Satan, den ſchimmernde Herrlichkeit itzo
Ueber ſeine Gefaͤhrten erhob, mit monarchiſchem Stolze,
Seines hohen Werths ſich bewuſt, gelaſſen ſo ſagte:
O! ihr Soͤhne des Himmels, und empyreiſche Thronen!
435
75Billig hat ein tiefes Schweigen, und ernſtes Bedenken
Uns ergriffen, jedoch nicht niedergeſchlagen. Der Weg iſt
Lang und beſchwerlich, welcher zum Licht aus der Hoͤlle hinauffuͤhrt;
q)Er hat den Virgil in Gedanken Aen. VI, 128. JSed
q)
Unſer66Das verlohrne Paradies.
Unſer Gefaͤngniß iſt feſt; dies ungeheure Gewoͤlbe
Von verzehrendem Feuer umringt uns mit neunfachen Mauern;
440
76 Neben uns ſchließen ſich ſtarke Pforten, von brennendem Demant,
Und verwehren uns allen Ausgang; und ſo man hindurchkoͤmmt,
Wenn ja jemand hindurch kommen kann, ſo empfaͤngt dann weit offen,
Jhn der unweſentlich ſchrecklichen Nacht entſetzliches Leere,
Welches, wofern er verſinkt im mißgebaͤhrenden Abgrund,
445
76 Mit dem letzten Verluſte von ſeinem Weſen ihm drohet.
Sollt er von da auch entrinnen in andre Welten und andre
Unbekanntre Bezirke; was kann er geringers erwarten,
Als noch unbekannte Gefahren, aus denen es ſchwer wird
Zu entfliehn. Doch, maͤchtige Fuͤrſten, ich wuͤrde gewiß nicht
450
76 Dieſen Thron verdienen, und dieſe monarchiſche Herrſchaft,
So mit Glanze geziert, und mit Macht bewaffnet, wenn etwas,
Zu der gemeinen Wohlfahrt Beſtem, mich abſchrecken koͤnnte
Durch der Schwierigkeit Schein, und durch die Geſtalt der Gefahren,
Es zu wagen. Weswegen nehm ich die glaͤnzende Hoheit
455
76 Dieſer erhabenen Wuͤrden an, und ſchlag es nicht lieber
Aus, zu regieren, wofern ich mich weigre, ſo wohl als die Ehre,
Auch die Gefahren auf mich zu nehmen, da dem, der regieret,
Beyde gleich ſeyn muͤſſen, und noch viel mehr die Gefahren
Jhm geziemen, indem er vor andern in hohen Ehren
460
76 Koͤniglich ſitzt. So gehet denn hin, gefuͤrchtete Maͤchte,
Nochq)Sed revocare gradum ſuperasque evadere ad auras, Hoc opus, hic labor eſt. Aber den Schritt zuruͤcke zu rufen, die oberen Luͤfte Wieder zu athmen, dieſes iſt ſchwer und dieſes iſt Arbeit N. 67Zweyter Geſang.
Noch der Schrecken des Himmels, obgleich gefallen. Erwaͤget
Mit einander daheim, weil doch unſere Heimath hier ſeyn ſoll,
Was den gegenwaͤrtigen Jammer am beſten erleichtre,
Und die Hoͤll ertraͤglicher mache; wenn irgend ein Mittel
465
77 Oder eine Bezaubrung zu finden, wodurch wir die Schmerzen
Dieſes ungluͤcklichen Orts entweder aufhalten koͤnnen,
Oder betruͤgen, und lindern. Vergeſſet niemals zu wachen
Gegen einen ſo wachſamen Feind; indem ich von außen
Alle Kuͤſten der finſtern Verwuͤſtung durchſtreife, Befreyung
470
77 Fuͤr uns alle zu ſuchen. Dies Unternehmen ſoll niemand
Theilen mit mir
r)Satans kurze Entſchließung iſt durch den abgebrochenen Vers ſehr wohl ausgedruckt. N.
r)! Jndem ers geſagt, erhub der Monarch ſich,
Und kam aller Einwendung kluͤglich zuvor, daß nicht andre
Unter den Haͤuptern durch ſeinen Entſchluß ermuntert, des Abſchlags
Jtzo gewiß, zu dem ſich erboͤten, wovor ſie vor kurzem
475
78 Noch geſchaudert, und abgewieſen mit ihrem Erbieten,
Dennoch als ſeine Nebenbuhler gehalten wuͤrden,
Und ſich wohlfeil den Ruhm erwuͤrben, den er zu erlangen,
Große Gefahren itzt antrat. Sie aber ſcheuten die Stimme,
Die es ihnen verbot, nicht weniger, als die Gefahren.
480
78Alle ſtunden zugleich mit ihm auf; ihr Aufſtehn zugleich klang
Wie vom fernen Donner der Schall; ſie beugten vor ihm ſich
Ehrerbietig zur Erde, indem ſie als Gott ihn erhuben,
Und ihn mit dem erhabnen Koͤnig des Himmels verglichen.
Auch vergaßen ſie nicht zu erwaͤhnen, wie ſehr er zu loben,
J 2Daß68Das verlohrne Paradies.
485
78Daß er der allgemeinen Sicherheit wegen die eigne
Zu verachten gewuſt. (Denn auch bey verworfenen Geiſtern
Jſt nicht alle Tugend verlohren, damit nicht des Laſters
Anhaͤnger ihrer ſcheinbaren Thaten auf Erden ſich ruͤhmen;
Thaten von Ehrgeiz erzeugt, und von verborgenem Stolze
490
78 Ueberfirnißt mit Eyfer.) So ſchloß ſich ihr finſterer Reichstag
Zweifelsvoll, aber doch freuten ſie ſich des muthigen Hauptes.
So wie von der Gebirge Gipfeln die dunkelen Wolken
Aufſteigen, weil der Nordwind ſchlaͤft
s)So druͤckt es Homer aus Iliad. V, 524. 〈…〉〈…〉 Weil dieſer Wind gemeiniglich die Luft auf klaͤrt, und die Wolken zerſtreuet. Jedermann muß durch dieſes Gleichniß auſſerordentlich aufgeheitert werden; die Bilder ſind eben ſo angenehm in der Natur, als ſie fuͤr den Leſer nach ſeiner langen Aufmerkſamkeit auf die vorhergegangene Berathſchlagung er - quickend ſind. Ein aͤhnliches Gleich - niß haben wir im Homer, ob es gleich bey einer ſehr verſchiednen Gelegen - heit angebracht iſt. II. XVI, 297. 〈…〉〈…〉So wie der Donnerer itzt von eines maͤchtigen Berges Gipfel die dunkeln Wolken verjagt; auf einmal erſcheinen Alle Warten, die Spitzen der Fel - ſen, und Waͤlder und Haine; Und der Schimmer zerreißt den un - ermeßlichen Aether. Noch ein ſolches aͤhnliches Gleichniß findet man in einem Sonnet von Spen - ſer, wie Thyer angemerkt. Sonn. 40. Mark when ſhe ſmiles with amiable chear, And tell me whereto can you liken it: When on each eye-lid ſweetly do appear An hundred Graces as in ſhade to ſit. Likeſt it ſeemeth, in my ſimple wit, Unto the fair ſun ſhine in ſum - mer’s day, That when a dreadfull ſtorm away is flit, Through the broad world doth ſpread his goodly ray: At ſight whereof each bird that ſits on ſpray, And every beaſt that to his den was fled, Come forth afreſh out of their late dismay And to the light lift up their droop - ing head. So my ſtorm-beaten heart likewiſe is cheared, With that ſun-ſhine, when cloudy looks are cleared. Bemerke,
s), und uͤber des Himmels
Holde69Zweyter Geſang.
Holde Geſtalt ſich ziehn, und auf die verfinſterte Landſchaft
495
79 Schnee oder Regen herabſinkt; wenn dann die glaͤnzende Sonne
Bey dem lieblichen Abſchied die Abendſtralen umher ſchießt,
Die Gefilde wieder erwachen, die Saͤnger des Waldes
Jhre froͤhlichen Lieder erneun, und bloͤckende Heerden
Jhre Freude bezeugen, daß Huͤgel und Thaͤler erſchallen.
500
79Welche Schande dem Menſchen! Mit Teufeln verdammte Teufel
Stehn in feſter Eintracht; und unter vernuͤnftgen Geſchoͤpfen
Leben die Menſchen allein in Zwieſpalt, da doch die Hoffnung
Himmliſcher Gnade ſie leitet! Jhr Gott verkuͤndiget Frieden,
Aber ſie leben in Feindſchaft und Haß und Uneinigkeiten
505
79 Untereinander, und fuͤhren grauſame Krieg, und verwuͤſten
Weit umher die Erde, daß einer den andern zerſtoͤre.
Als wenn Menſchen (wie ſollte dies uns znr Einigkeit fuͤhren!)
Nicht noch hoͤlliſche Feinde gnug haͤtten, die auf ihr Verderben
Jeden Augenblick lauren! So gieng der Stygiſche Reichstag
J 3Auss)Bemerke, wie ſie voller Anmuth laͤchelt, Und ſage mir, womit kannſt du’s vergleichen, Wenn hundert Gratien, als wie im Schatten Der holden ſchwarzen Augenbrau - nen ſitzen? Am meiſten gleichts dem ſchoͤnen Sonnenſchein Jm Sommer, wenn er nach ent - flohnem Sturm Mit ſeinem guͤtgen Stral die Welt verguͤldet. Jedweder Vogel, den das Laub verſteckt,Jedwedes Thier, das nach der Hoͤhle floh, Koͤmmt froͤhlich nach dem dunkeln Sturm hervor Und hebt zum Licht ſein hangend Haupt empor. So wird auch mein vom Sturm getroffnes Herz Durch dieſen Sonnenſchein aufs neu erhellt, Wenn dunkle Blicke wieder ſich erheitern. Noch ein aͤhnliches Gleichniß findet man im Boethius Conſ. Philoſoph. L. I. und in der Hoͤlle des Dante. C. 24. N. 70Das verlohrne Paradies.
510
80Aus einander, und vorwaͤrts in Ordnung traten die großen
Hoͤlliſchen Fuͤrſten. Jhr maͤchtiges Oberhaupt kam in der Mitte,
Und ſchien auch ſchon allein der Gegner des Himmels; nichts ſchlechters,
Als der gefuͤrchtete Kayſer der Hoͤllen, im hoͤheſten Pompe,
Und mit nachgeahmtem gottaͤhnlichen Staat. Jhn umſchloſſen
515
80 Feurige Seraphim, rund umher, mit reich blaſonirten
Fahnen, und ſtarrenden Spießen. Dann gieng der Befehl aus, es ſollte
Bey dem weittoͤnenden Klang der Trompeten der große Reichsſchluß
Allen verkuͤndiget werden. Vier ſchnelle Cherubim ſetzten
Jhr hellſchallendes Erz an den Mund, nach allen vier Winden
520
80 Ruften der Herolde Stimmen ihn aus. Der hallende Abgrund
Hoͤret ſie weit und breit, und alle Heere der Hoͤlle
Wiederholen es laut mit einem betaͤubenden Zuruf.
Und die geſchloßnen Schaaren begaben ſich drauf aus einander
Jtzt mit leichterem Herzen, und etwas geſtaͤrket von falſcher,
525
80 Scheinender Hoffnung, und wandernd nahm jeder, ſo wie ihn die Neigung,
Oder die traurige Wahl in die Jrre fuͤhrte, beſonders
Seinen einſamen Weg, um fuͤr die empoͤrten Gedanken
Einige Ruhe zu finden, und die verdrießlichen Stunden
Bis zur erwuͤnſchten Zuruͤckkunft des großen Fuͤhrers zu taͤuſchen.
530
80Einige kaͤmpften untereinander
t)Dieſe kriegriſchen Uebungen der gefallnen Engel ſcheinen nach dem Ho - mer Il. II. 774. geſchildert zu ſeyn, nur daß die Bilder nach der Naturder hier beſchriebnen Weſen erhoͤht worden. Vielleicht hatte der Dich - ter auch die Zeitverkuͤrzungen der ab - geſchiednen Helden in den elyſaͤiſchenFel -
t)in offenen Ebnen
Oder71Zweyter Geſang.
Oder auf ihren Schwingen, hoch in der Luft; oder rennten
Einen fliegenden Wettlauf, wie in den Olympiſchen Spielen,
Oder auf Pythons Feldern; da andre die feurigen Roſſe
Zaͤhmten; oder das Ziel mit den reißenden Raͤdern vermieden;
535
81 Oder geſchloſſne Geſchwader formirten. Als wenn an dem Himmel
Krieg erſcheint, und ſchimmernde Heere zur Schlacht in den Wolken
Wider einander ziehn; von jedem Fluͤgel begeben
Sich die luftigen Ritter hervor, und meſſen die Speere
Gegen einander, bis ſich die dicken Schlachthaufen ſchließen.
540
81Die Gefilde des Himmels gluͤhn von den kriegriſchen Thaten
Von dem Aufgang zum Niedergang hin. Mit typhoͤiſchem Wuͤthen
Reißen andre, von grimmigerm Weſen, die Felſen und Huͤgel
Aus der Wurzel, und fahren auf Wirbelwinden die Luft durch.
Kaum vermag die erſchuͤtterte Hoͤlle den tobenden Aufruhr
545
81 Zu ertragen; als wenn Alcides
u)Thyer hat ſehr wohl angemerkt, daß Milton in dieſem Gleichniſſe ſehr unter ſeine gewoͤhnliche Hoheit herab - ſinkt. Wie ſehr viel kleiner iſt das Bild des Aleides, der die Theſſaliſchen Tannen ausreißt, gegen die Engel, die Berge und Huͤgel ausreißen; und wie ſchwach und unwichtig endet ſich die Anſpielung mit dem kleinen Um - ſtande vom Lichas, der in die Euboi - ſche See geſchleudert wird. N.
u), mit Siege gekroͤnet,
Von Oechalia kam, und ſein vergiftet Gewand itzt
Fuͤhlend, vor wuͤthendem Schmerz die hohen theſſaliſchen Tannen
Ausrißt)Feldern des Virgils vor Augen, Aen. VI. 642. Pars in gramineis exercent mem - bra palaeſtris, Contendunt ludo, et fulvâ luctan - tur arena: Pars pedibus plaudunt choreas, et carmina dicunt. Einige uͤbten die Glieder in edlen heroiſchen Spielen, Rungen im Sand; oder fuͤhrten den Tanz in harmoniſchen Kreiſen, Oder verkuͤrzten die Stunden mit hohen begeiſterten Liedern. N. 72Das verlohrne Paaradies.
Ausriß, und vom Gipfel des Oeta den Lichas herunter
Jn die Euboiſche See geſchleudert. Noch andere, milder,
550
83 Und von ſanfterer Art, in ein ſtilles Thal abgewichen,
Sangen mit engliſchen Liedern, zu mancher toͤnenden Harfe,
Jhre eignen heroiſchen Thaten, und ihren unſeelgen
Fall, durch das Loos des Kriegs. Sie beklagten, daß durch das Schickſal
Freye Tugend der Staͤrk, und dem Zufall, unterthan wuͤrde.
555
83Jhr Geſang war partheyiſch; doch ihre harmoniſchen Lieder,
(Und wie konnt es anders auch ſeyn, da unſterbliche Geiſter
Sangen?) erhielten die Hoͤll in aufmerkſamer Bewundrung,
x)Die Wirkung ihres Geſanges iſt beynahe eben ſo, als die von dem Geſange des Orpheus in der Hoͤlle. Virg. Georg. IV. 481. Quin ipſae ſtupuere domus, atque intima lethi Tartara, cœruleosque implexae cri - nibus angues Eumenides, tenuitque inhians tria Cerberus ora,Atque Ixionii vento rota conſtitit orbis. Selbſt des Tartarus Wohnungen ſtaunten; die Eumeniden Mit dem Schlangenhaar hoͤrten ihm zu, und Cerberus ſelber Stund mit dem dreyfachen Schlunde verwundrungsvoll ſtum̄, u. Jxion Hielt ſein Rad auf, und lehnte ſich dran, und horchte den Liedern.
x)
Und entzuͤckten der Zuhoͤrer Schaaren. Jn lieblichen Reden,
(Denn der Beredtſamkeit Macht entzuͤckt die bezauberte Seele,
560
84 Und der Geſang nur die Sinne,) in großen erhabnen Gedanken
Saßen andre, beyſeit auf einen Huͤgel gewichen,
Jn verflochtene Schluͤſſe vertieft, und redeten ernſthaft
Von der Vorſehung, von dem Vorherwiſſen, und vom Willen,
Und dem Schickſal; vom feſten Schickſal, vom freyen Willen,
565
84 Und dem unbedingten Vorherwiſſen; voͤllig verlohren,
Fanden ſie keinen Ausgang aus ihrer Vernunft Labyrinthen.
Alsdenn unterhielten ſie ſich vom Guten und Boͤſen,
Von73Zweyter Geſang.
Von der Gluͤckſeligkeit, und von dem endlichen Elend;
Von den Affekten, und ihrer Bezaͤhmung; von Ehr und von Schande.
570
84Alles falſche Philoſophie und eitele Weisheit;
Die indeſſen doch Schmerzen und Angſt mit ſuͤßer Bezaubrung
Eine Weile zu ſtillen vermocht, und taͤuſchende Hoffnung
Einblies; oder mit feſter Geduld, und dreyfachem Stahle
y)Eine Nachahmung des Horaz, Od. III. I. 9. 10. Illi robur et aes triplex Circa pectus erat. Die Staͤrke von dreyfachem ErzUmſchloß des Kuͤhnen Herz, der auf dem leichten Holz Zuerſt dem Meere ſich vertraut. Nur daß unſer Poet das haͤrteſte Me - tall, nehmlich Stahl, nimmt. Hume.
y),
Das verhaͤrtete Herz bewaffnen konnte. Noch andre
575
85 Giengen, in zahlreiche Haufen, und dicke Geſchwader vertheilet,
Kuͤhn auf Entdeckungen aus; und ließen die forſchenden Blicke
Dieſe traurige Welt durchſtreifen, ob irgend ein Clima
Jhnen bequemere Wohnungen boͤte. Der fliegende Zug gieng
An der vier hoͤlliſchen Fluͤſſe Geſtaden herunter, die brauſend
580
85 Jn den flammenden See die giftvollen Fluthen ergoſſen.
Der abſcheuliche Styx, der Strom des toͤdtlichen Haſſes;
Und der traurige Acheron, ſchwarz, an tiefer Betruͤbniß
Unergruͤndlich; Cocytus, benamt von dem lauten Gewinſel,
Das man an ſeinen Ufern vernimmt; und Phlegeton, ſchaͤumend,
585
85 Deſſen Wellen in feurigen Stroͤmen mit Wuth ſich entzuͤnden.
Fern von ihnen waͤlzte mit ſtillen langſamen Fluthen
Sein labyrinthiſches Waſſer der Fluß der Vergeſſenheit, Lethe.
Wer ihn trinket, vergißt alsbald des vorigen Zuſtands,
Seines vorigen Weſens; vergißt der Freud und der Leiden,
UndK74Das verlohrne Paradies.
590
85Und der Luſt, und der Pein. Ein rauher befrohrener Landſtrich
Liegt an dem andern Ufer des Flußes; wild, finſter, getroffen
Von beſtaͤndigen Stuͤrmen, und Wirbelwinden, und Hagel,
Welcher am feſten Lande nicht ſchmilzt, vielmehr ſich in Haufen
Sammelt; gleich den Ruinen von alten verfallnen Gebaͤuden.
595
85Alles umher iſt tief in Schnee und Eiſe vergraben,
Und ein unergruͤndlicher Schlund, dem Serboniſchen Schlund gleich,
z)Ein See zwiſchen dem alten Ge - birge Caſius, und Damiata, einer aͤgyptiſchen Stadt an der oͤſtlichſten Muͤndung des Nils. Dieſer See war von allen Seiten mit Huͤgeln von Triebſand umgeben, welcher vom Sturm oft ſo dick uͤber das Waſſer geſtreut wurde, daß man den See nicht vom feſten Lande unterſcheiden konnte, und ganze Kriegsheere darinn verſanken. Herodot. B. 3. Hume.
z)
Welcher von Damiata bis zu dem alten Gebirge
Caſius ſich erſtreckt, wo ganze Heere verſunken.
Die verſengende Luft brennt hier mit Eis
a)So ſagt Virgil Georg. I. 93. Boreae penetrabile frigus adurat; Des Nordwinds durchdrin - gende Kaͤlte verſenget. und im Buch der Weisheit XLIII. 20. 21. Wenn der kalte Nordwind we - het verderbt er die Gebirge, und verbrennet die Wüſten, und verdorret alles was gruͤn iſt, wie ein Feuer. N.
a), und die Kaͤlte
600
87 Hat die Wirkung des Feuers. Harpyenfuͤßige, wilde
Furien ſchleppen hieher zu groͤßerer Pein die Verdammten,
Welche den aͤußerſten Grad der Hitz und der Kaͤlte hier fuͤhlen,
Durch den Wechſel grauſamer noch. Aus raſendem Feuer
Schnell in Eis geſtoßen, erſtirbt die aͤtheriſche Waͤrme
605
87 Unter dem Froſt; ſie ſchmachten darinn Perioden von Zeiten,
Unbeweglich, und feſt, rund eingefrohren; und werden
Drauf zuruͤck in die Flammen geworfen. Sie ſtreichen begierig
Ueber dieſen Lethaͤiſchen Sund; doch nur zur Vermehrung
Jhrer75Zweyter Geſang.
Jhrer Quaalen; und wuͤnſchen, und ſtreben im flatternden Fluge
610
87 Den verſuchenden Strom zu erreichen, in ſuͤßem Vergeſſen
Augenblicklich ihr Elend, und alle Quaalen und Schmerzen,
Nur durch einen einzigen Tropfen, dem Ufer ſo nahe,
Zu verlieren. Allein entgegen ſteht ihnen das Schickſal;
Mit Gorgoniſchen Schrecken bewacht Meduſa die Fluthen
b)Man hat unſern Poeten verſchie - dentlich getadelt, daß er zu viel My - thologie in ſein Gedicht gebracht, und Heydenthum und Chriſtenthum unter - einander gemengt. Man iſt darinn unſtreitig zu weit gegangen, da Milton dieſe Fabeln nur immer als Gleichniſ - ſe und Anſpielungen gebraucht hat,auſſer in dieſer Stelle, wo er ein Schickſal und eine Meduſa in ſeine Hoͤlle wirklich hineinſetzt. Die gan - ze Stelle bekoͤmmt dadurch ein heyd - niſches Ausſehn, welches gewiß ſeine Abſicht nicht war. Man muß dies kleine Verſehn, dem Geſchmacke der damaligen Zeiten vergeben. Z.
b),
615
88 Und die Waſſer fliehn von ſich ſelbſt vor allem, was lebet,
Wie ſie ehmals die Lippen des Tantalus flohen. So ſchweiften
Dieſe verirreten Schaaren umher, mit verlohrnem Zuge,
Blaß vor Schauder und Schrecken. Mit ſcheußlich entſtellten Augen
Sahn ſie nun erſt ihr klaͤgliches Loos, und fanden zu ruhen
620
88 Keinen Ort. Sie wandelten fort durch manches betruͤbte
Finſtere Thal, und durch manche Regionen voll Jammer,
Ueber manche gefrohrnen, und manche feurigen Alpen,
Klippen, Hoͤlen, und Suͤmpf, und Lachen, und Strudel, und Gruͤfte,
Schatten des Tods, eine Welt des Tods, vom Schoͤpfer im Fluche
625
88 Boͤſ erſchaffen; zum Boͤſen nur gut; wo alles Leben
Stirbt, und der Tod nur lebt; in der die Natur nur verkehrte,
Ungeheure, abſcheuliche Dinge, unnennbare Dinge,
Ausgebruͤtet, abſcheulicher noch, als was man in Fabeln
K 2Je -76Das verlohrne Paradies.
Jemals erſonnen, und was ſich die Furcht oder Einbildung dachte,
630
88 Giftige Hydern, grauſame Gorgonen, und wilde Chimaͤren.
Satan, der Feind von Gott und dem Menſchen, begiebt ſich indeſſen,
Flammend von wilden verwegnen Gedanken, auf eilende Schwingen,
Und ſucht mit dem einſamen Fluge die Thore der Hoͤlle.
Manchmal ſchweift er zur Rechten, und manchmal zur Linken. Jtzt ſtreicht er
635
88 Ueber die Tiefe mit ſchwebenden Fluͤgeln. Dann ſteigt er auf einmal
Zu dem feur’gen Gewoͤlb empor. Als wenn in der Ferne
Eine Flotte geſehn wird, in Wolken hangend; von Tidor,
Oder Ternate, oder Bengala
c)Bengala ein Koͤnigreich und ei - ne Stadt in Oſtindien dem großen Mogul gehoͤrig. Ternate, und Tidor, zwey von den Molukkiſchen Jnſeln im Oſtindiſchen Meer, von da die Hol -laͤnder die beſten Gewuͤrze nach Euro - pa bringen. N.
c), (von wannen der Kaufmann
Seine Spezereyen uns bringet,) geſellſchaftlich ſeegelnd.
640
89Sie durchfahren die weiten Fluthen, zur Handlung gezaͤhmet,
Auf der Aethiopiſchen See bis zum Cap, und ſteuren
Jhren Lauf zur Nachtzeit gen Norden. So thuͤrmte ſich Satan
Jn der Ferne; zuletzt erſchienen die Mauren der Hoͤlle,
Die zum ſchrecklichen Dach ſich erſtrecken; und dreymal drey Pforten.
645
89Jhrer Fluͤgel drey waren von Kupfer, drey waren von Eiſen,
Und drey waren aus Felſen von Diamant, undurchdringlich,
Rund um mit Feuer umgeben, doch unverſehrt. Vor den Thoren
Saß an jeglicher Seit ein furchtbares Schattenbild. Eines
Schien bis in die Mitten ein Weib
d)Hier hebt Miltons beruͤhmte Allegorie an, die eigentlich eine Um - ſchreibung einer Stelle in der EpiſtelJak.
d), und reizend; doch unten
Schloß77Zweyter Geſang.
650
90Schloß ſie ſich in viel ſchuppichte Ringe, weitlaͤuftig verwickelt;
Eine Schlange mit toͤdtlichem Stachel bewaffnet. Es bellte
K 3Rundd)Jak. iſt. I, 15. Wenn die Luſt em - pfangen hat, gebiert ſie die Sün - de, die Sünde aber, wenn ſie vol - lendet iſt, gebiert ſie den Tod. Richardſon. Dieſe Allegorie iſt ſo ſehr gelobt, und ſo ſehr getadelt worden, als nur jemals eine Stelle in einem Gedicht. Jndeß wird jeder aufmerkſame Leſer die ganz beſondern Schoͤnheiten davon empfin - den, die ihr die feinſten und aufgeklaͤr - teſten Kunſtrichter zugeſtanden haben. Niemanden wird der Tadel des Voltai - re und andrer franzoͤſiſchen Kunſtrich - ter irre machen, die Miltons erhabne und vorſichtige Ausdruͤcke in laͤcherliche und gemeine verkleiden, oder wegen der Armuth ihrer Sprache, und wegen ihrer eingeſchraͤnkten Begriffe vom Wunderbaren uͤberhaupt, an einer et - was kuͤhnen Dichtung keinen Geſchmack finden koͤnnen. Dem ungeachtet koͤmmt es mir doch allezeit bey Leſung dieſer vortrefflichen Stelle vor, als wenn Addiſons Tadel gegruͤndet ſey, daß nehmlich dieſe Allegorie, eben weil ſie eine bloße Allegorie iſt, ſich in kein Epiſches Gedicht ſchicke; wenigſtens glaube ich, ſchickt ſie ſich nicht in die - ſes Gedicht, und das aus folgenden Gruͤnden. Milton hat zu den Ma - ſchinen in ſeinem Gedicht Perſonen ge - nommen, von deren wirklichem Daſeyn wir vermoͤge der Schrift und Religion eben ſo gewiß verſichert ſind, als von dem Daſeyn Gottes, oder unſerm eignen. Dieſe Maſchinen ſind die guten und boͤſen Engel. Ploͤtzlich aber fuͤgt er zu ihnen zwey Weſen hinzu, von denen auch der unwiſſendſte Leſer gleich ein -ſieht, daß es keine ſolche wirkliche Perſonen ſind, als Satan und die En - gel, ſondern daß es erdichtete Weſen ſind, die ihr Daſeyn bloß der Einbil - dungskraft des Dichters zu danken ha - ben. Gedaͤchte Milton dieſer beyden Weſen bloß im Vorbeygehn, wie er manchmal das Schrecken, die Zwie - tracht, zu Perſonen macht, ſo wuͤrde dieſes eine gewoͤhnliche poetiſche Frey - heit ſeyn. Aber er macht ſie zu Haupt - perſonen, zu eben ſo wirklichen Perſo - nen, als die guten und boͤſen Engel, er laͤßt ſie uͤber das Chaos eine Bruͤcke pflaſtern, und fuͤhrt ſie durch ſein gan - zes Gedicht durch. Dies wird dem Leſer, ohne daß er immer die wahren Gruͤnde davon unterſucht, anſtoͤßig; hiezu koͤmmt noch eine in die Augen fallende Unwahrſcheinlichkeit, daß er nehmlich Gott ſelbſt mit dieſem Weſen der bloßen Einbildungskraft auf ge - wiſſe Art in Handlung ſetzt. Der Suͤnde wird der Schluͤſſel der Hoͤlle von ihm anvertraut, der Suͤnde, ei - ner Tochter Satans, die ſelbſt mit vom Himmel geſtuͤrzt wurde, und fuͤr die die Hoͤlle ſo gut ein Gefaͤngniß ſeyn ſollte, als fuͤr Satan, und ſeine Schaaren. Kann ein Poet es uns wahrſcheinlich machen, daß Gott ein ſo wichtiges Amt, wie die Bewahrung der Hoͤllenpforten war, einer Perſon anvertrauen ſollte, die blos in der Ein - bildungskraft des Dichters da iſt, ei - ner Perſon, die er ſelbſt zu ihrer Ver - dammniß und Beſtrafung in die Hoͤlle verſtoßen hatte? Dieſe Gruͤnde ſind, glaube ich, Urſache, daß wir die - ſe Allegorie zwar ſehr ſchoͤn finden,daß78Das verlohrne Paradies.
Rund um ihren mittleren Leib von hoͤlliſchen Hunden
Eine Schaar, unaufhoͤrlich, und laut, mit cerb’riſchen Maͤulern,
Ein erſchrecklich Geheul! Doch konnten ſie, wenn ſie es wollten,
655
91 Und in ihrem Geheul ſie etwas ſtoͤrte, zuruͤck ſich
Jn den Leib verkriechen, in welchem ſie lagen; und drinnen
Bellten, und heulten ſie fort, obgleich ungeſehen. Weit minder
Scheußlich waren die Hunde, die ehmals die Scylla geplaget
e)Circe hatte den Theil der See vergiftet, in welcher ſich Scylla zu ba - den pflegte. Als ſie es das naͤchſtemal hierauf that, wnrden ihre untern Thei - le in Hunde verwandelt, in dem Meer, welches Calabrien trennet von dem heiſern trinacriſchen Ufer, das iſt, von Sicilien, welches vor Alters Trinacria hieß, von ſeinen drey Vorgebirgen, die in Form eines Triangels lagen. DiesUfer kann mit Recht heiſer heißen, nicht nur wegen der ſtuͤrmiſchen See, die daran ſchlaͤgt, ſondern auch wegen des Geraͤuſches, ſo der Aetna durch ſei - nen Auswurf macht. N.
e),
Als ſie im Meer ſich gebadet, welches Calabrien trennet
660
92 Von dem heiſern Trinacriſchen Ufer; mehr ſcheußlichre folgen
Nicht der naͤchtlichen Zauberinn nach, wenn heimlich beſchieden
Durch die Luͤfte reitend ſie koͤmmt, indem der Geruch ſie
Vom vergoßnen Kinderblut lockt, mit den Hexen von Lapland
Froͤhliche Taͤnze zu ſchließen, indem der arbeitende Mond
f)Die Alten glaubten, daß der Mond durch zaubriſche Kuͤnſte ſehr viel leiden koͤnne, und nannten daher die Mondfinſterniſſen, Labores lunae. Die drey vorhergehenden Zeilen ent - halten einen kurzen Begriff von dem, was man vor Alters noch glaubte, und zu Miltons Zeiten nicht ſo laͤ - cherlich war, wie itzo. Richardſon.
f) ſich
665
93 Unter ihrer Bezaubrung verdunkelt. Die andre Geſtalt ſtund,
Wenn Geſtalt hieß, was keine hatte; woran man an Gliedern,
Theilen, oder Gelenken, nichts unterſchied, oder wenn man
Weſen dies nennen konnte, was nur ein Schatten ſchien; beydes
Schiend)daß wir aber wuͤnſchen, die Perſonen davon moͤchten in einem bibliſchen Epiſchen Gedichte nicht ſolche Haupt - perſonen ſeyn, wie die guten und boͤſen Engel. Z. 79Zweyter Geſang.
Schien es zugleich; ſtund ſchwarz, als die Nacht, wie zehn Furien grimmig,
670
94 Schrecklich, als wie die Hoͤll; es ſchwang einen furchtbaren Wurfpfeil,
Und was ſein Haupt ſchien, trug die Geſtalt einer Koͤnigskrone.
Satan nahte ſich itzt; das Ungeheuer erhub ſich
Von dem Sitz, und kam ihm entgegen mit graͤßlichen Schritten;
Unter den Schritten erbebte die Hoͤlle. Der unerſchrockne
675
94 Teufel verwunderte ſich, was dies ſeyn koͤnnte; verwundert,
Aber fuͤrchtet ſich nicht; denn Gott, und ſeinen Geſalbten
Ausgenommen
g)Dies ſcheint anfaͤnglich, als ob Gott und ſein Sohn mit unter erſchaf - fene Dinge gerechnet werde. Es ſollaber nur ſo viel heiſſen, er ſcheute al - lein Gott und ſeinen Geſalbten, er - ſchaffne Dinge gar nicht. Richardſon.
g), ſcheut er ſich nicht vor erſchaffnen Dingen,
Und fieng ſo mit veraͤchtlichem Blick zuerſt an zu reden:
Was, und woher biſt du, verwuͤnſchte Geſtalt, daß du’s wageſt,
680
95 Obgleich grimmig und ſcheußlich genug, mit der mißgeſchaffnen
Stirne dich mir in den Weg nach jenen Pforten zu ſtellen?
Sey es verſichert, ich werde hindurch gehn, und werde gewiß nicht
Lang um Erlaubniß dich fragen. Entweiche zuruͤck, oder ſchmecke
Deine Thorheit, und lern aus Erfahrung, du Hoͤllengebohrner,
685
95 Wie gefaͤhrlich es ſey, mit Geiſtern des Himmels zu ſtreiten!
Jhm erwiedert voll Zorn das Geſpenſt: Biſt du es, Verraͤther?
Biſt du jener aufruͤhriſche Engel, du, der in dem Himmel
Frieden und Treu zuerſt gebrochen, bisher ungebrochen?
Der den dritten Theil der Soͤhne des Himmels verfuͤhret,
Wider80Das verlohrne Paradies.
690
95Wider den Hoͤchſten verſchworen, mit ſtolzen rebelliſchen Waffen,
Jhm zu folgen, wofuͤr du mit ihnen, von Gott ausgeſtoßen,
Hier verurtheilt biſt, ewige Tag in Pein und in Schmerzen
Zu vollbringen? und rechneſt du dich zu den Geiſtern des Himmels,
Hoͤllenverdammter? und willſt hier Trutz und Drohungen ſchnauben,
695
95 Wo ich als Koͤnig regiere; und, um dich noch mehr zu erbittern,
Selbſt dein Koͤnig, dein Herr? Jn deine Strafen zuruͤcke,
Falſcher Fluͤchtling, und nimm zu der Flucht die geſchwindeſten Fluͤgel,
Daß ich mit einer Peitſche von Skorpionen dein Zoͤgern
Nicht verfolgen darf; oder wenn dich mein Wurfpfeil beruͤhret,
700
95 Seltſame Schauder und Wehn, vorhin nicht gefuͤhlt, dich ergreifen!
Alſo ſprach mit drohender Stimme das graͤßliche Scheuſal,
Und ward zehnmal ſcheußlicher noch, und furchtbarer, da es
Alſo redet und droht. An der andern Seite ſtand Satan,
Flammend vor Zorn, unerſchrocken, und brannte, gleich einem Kometen
h)Die alten Dichter vergleichen ſehr oft einen Helden, der in ſeinen Waffen einherſtralt, mit einem Ko - meten, wie Virgil Aen. X. 272. Non ſecus ac liquida ſi quando nocte cometae Sanguinei lugubre rubent Wie in heiterer Nacht die blutge - faͤrbten Kometen Ungluͤckweiſſagend feuren Aber dieſer Komet iſt ſo groß, daß er das ganze Geſtirn Ophiuchus, oder An - guitenens, und Serpentarius, wie esgemeiniglich genannt wird, herunter feuert, das iſt eine Laͤnge von mehr als 40 Graden im nordlichen Himmel, oder der nordlichen Halbkugel, und Seuchen und Krieg den ſcheußlichen Haaren entſchuͤttelt. Die Poeſie hat einen Gefallen an ſolchen Wundern, und wunderbaren Begebenheiten, die, wie man vorausſetzt, auf die Erſchei - nung von Kometen und Finſterniſſen erfolgen. Taßo vergleicht auf eben die Art den Argantes mit einem Ko - meten, und gedenkt eben derſelben furchtbaren Wirkungen C. 7. St. 52. Qual
h),
Der81Zweyter Geſang.
705
96Der im nordlichen Himmel den Ophiuccus herunter
Feuret, und Seuchen und Krieg den ſcheußlichen Haaren entſchuͤttelt.
Jeder zielt nach des andern Haupt, mit der toͤdtlichen Spitze
Nicht zum zweytenmal mit verderbenden Haͤnden zu ſtoßen;
Und jedweder wirft auf den andern ſo drohende Blicke,
710
96 Als wenn uͤber der Caſpiſchen See
i)Die Caſpiſche See iſt wegen ihrer Stroͤme und Ungewitter bekannt. N.
i) zwey finſtere Wolken,
Mit des Himmels Geſchuͤtze beladen, lautpraßlend einher ziehn;
Eine Weile ſchweben ſie dann mit drohenden Stirnen
Gegen einander, bis drauf die ſtuͤrmenden Winde das Zeichen
Zu dem Angriffe blaſen, und nun ſie das dunkele Treffen
715
97 Jn der mittleren Luft beginnen. So drohten einander
Dieſe maͤchtigen Streiter, daß unter dem Drohen die Hoͤlle
Schwaͤrzer wurde; ſo gleich, daß keiner mehr, als noch einmal
Einen ſo maͤchtigen furchtbaren Feind
k)Dieſer iſt Jeſus Chriſtus, wel - cher, wie v. 729. folgt, kuͤnftig einmal ſowohl den Tod, als den der des Todes Gewalt hat, das iſt, den Teufel, zerſtören wird, Hebr. II, 14. N.
k) wird finden. Nun waͤren
Große Thaten geſchehn, und durch den Abgrund erſchallet;
720
98 Waͤre die liſtige Zauberinn nicht, die am Thore der Hoͤlle
Saß, und dazu den Schluͤſſel bewahrte, vom Sitze geſprungen,
Und mit einem graͤßlichen Schreyn dazwiſchen geſtuͤrzet.
Wash)Qual con le chiome ſanguinoſe horrende Splender cometa ſuol per l aria aduſta, Che i regni muta, e i feri morbi adduce, A i purpurei tiranni infauſta luce. Als wenn mitblutigem Schweif ein Ko - met durch die brennende Luft ſtralt, Und den Tyrannen in Purpur mit un - gluͤckweiſſagendem GlanzeSchreckt, und Veraͤndrung der Reiche, und wuͤthende Seuchen verkuͤndigt. N. L82Das verlohrne Paradies.
Was, o Vater, (ſo ſchrie ſie,) will deine Hand? was beginnt ſie
Gegen deinen einzigen Sohn! und welche Tollheit
725
99 Heißt dich, o Sohn, auf das Haupt des Vaters den toͤdtlichen Wurfpfeil
Richten? und weißt du, fuͤr wen? fuͤr jenen, welcher dort oben
Sitzet, und deiner lacht, daß du ſein verordneter Scherge
Alles vollſtreckſt, was ſein Zorn, den er Gerechtigkeit nennet,
Dir gebietet; ſein Zorn, der einſt euch beyde zerſtoͤret.
730
99Alſo ſprach ſie: die hoͤlliſche Peſt gab, da ſie ſo ſagte,
Nach in der raſenden Wuth; worauf ihr dies Satan erwiedert:
Mit ſo ſeltſamen Ausruf, und mit ſo ſeltſamen Worten
Faͤllſt du zwiſchen uns ein, daß meine Hand noch verzoͤgert,
Dir mit Thaten zu ſagen, was ſie zu verrichten gedachte;
735
99 Bis ich erſt, welch ein Geſchoͤpf du ſeyſt, ſo gedoppelt geſtaltet,
Von dir erfahre; warum, da hier in dem hoͤlliſchen Thale
Wir zuerſt uns ſehn, du deinen Vater mich nenneſt,
Meinen Sohn, dies Geſpenſt! Jch kenne dich nicht, und ich habe
Keine ſcheußlichern Weſen, als dich und ihn noch geſehen.
740
99Jhm erwiederte drauf die hoͤlliſche Pfoͤrtnerinn alſo:
Haſt du denn meiner vergeſſen, und ſchein ich deinen Augen
Jtzt ſo haͤßlich, da man mich ſo ſchoͤn im Himmel gehalten,
Als in offner voller Verſammlung, und in dem Geſichte
Aller Seraphim, die ſich mit dir im verwegenen Buͤndniß
745
99 Wider den Koͤnig des Himmels verſchworen, dich ſchmerzliche Wehen
Ploͤtzlich ergriffen, und truͤbe die Augen in Finſterniß ſchwammen?
Da83Zweyter Geſang.
Da dein ſchwellendes Haupt gewaltige Flammen umherſchoß;
Bis ſich die linke Seite zuletzt weit oͤffnete. Dir gleich,
An Geſtalt, und ſchimmerndem Anſehn, und himmliſch ſchoͤn leuchtend,
750
99 Sprang ich aus deinem Haupt
l)So wie Minerva oder die Weis - heit aus Jupiters Haupte hervorſprang,ſo entſpringt die Suͤnde mit Recht aus dem Haupt Satans. N.
l)als eine gewaffnete Goͤttin.
Kaltes Entſetzen ergriff das ganze Himmelsheer; alle
Fuhren im Anfang erſchrocken zuruͤck, und nannten mich: Suͤnde,
Und ich ſchien allen ein fuͤrchterlichs Zeichen; doch als wir vertrauter
Mit einander geworden, gefiel ich; und die, ſo am meiſten
755
100 Mir entgegen geweſen, gewann ich mit ſiegender Anmuth.
Dich vor andern; du ſaheſt in mir dein voͤlliges Bildniß,
Wurdeſt verliebt, und genoſſeſt mit mir verſchwiegene Freuden,
Daß mein ſchwangerer Leib an Buͤrde zunahm. Jndeſſen
Kam es im Himmel zum Krieg, und Schlachten wurden gefochten,
760
100 Und, (wie konnt es anders auch ſeyn!) der voͤllige Sieg ward
Unſerm allmaͤchtigen Feinde zu Theil, und unſeren Schaaren
Blieb allein der Verluſt, und die voͤllige Flucht, durch das weite
Empyreum hindurch. Sie ſtuͤrzten hernieder, getrieben
Von den Hoͤhen des Himmels hernieder in dieſe Tiefen;
765
100 Jch im allgemeinen Fall auch. Zu dieſer Zeit ward mir
Dieſer maͤchtige Schluͤſſel in meine Haͤnde gegeben,
Mit dem Befehl, die Pforten auf immer verſchloſſen zu halten,
Welche niemand hindurch kommen kann, wenn ich ſie nicht oͤffne.
Einſam ſaß ich allhier in Gedanken; doch ſaß ich nicht lange,
770
100 Als ich in meinem Leibe, von dir befruchtet, und itzo
L 2Sehr84Das verlohrne Paradies.
Sehr gewachſen, ein ſchrecklichs Bewegen, und ſchmerzliche Wehen
Fuͤhlte. Zuletzt brach dieſe verhaßte Geburt ſich,
Die du hier ſiehſt, dein eigener Saame, den Weg gewaltſam
Durch meine Eingeweide hindurch; von Furcht, und von Schmerzen
775
100 Ward es verzerrt, und mein unterer Leib ſo verwandelt. Er aber
Mein erzeugter Feind ſchwang ſeinen unſeligen Wurfpfeil,
Zum Verderben gemacht; ich entfloh mit Entſetzen, und rufte,
Tod! Es erbebte die Hoͤlle vom ſcheußlichen Namen, und ſeufzte
Schrecklich aus allen Hoͤhlen zuruͤck, und hallete wieder
m)Die Wiederholung Tod iſt eine Schoͤnheit von eben der Art, als die Wiederholung des Namens Eurydi - ce im Virgil. Georg. IV. 525. Eurydicen vox ipſa et frigida lingua, Ah miſeram Eurydicen, anima fu - giente, vocabat; Eurydicen toto referebant flumine ripae. Eurydice rief die erſtarrte Zunge, Eurydice ſeufzt er, da ihm die Seel entfloh; Und die Geſtade ringsum hallten wieder, Eurydice! Eine gleiche Wiederhohlung iſt Eclog. VI. 43. His adjungit, Hylan nautae quo fonte relictum Clamaſſent; ut littus Hyla, Hyla, omne ſonaret. N. Nach der vortrefflichen Nachahmung des Herrn Schmids in den Bremi - ſchen Beytraͤgen Band. I. S. 255. 56. Wie eine Nymphe dort den ſchoͤnen Hylas liebte Und ihn ins Waſſer zog; wie ſich Alcid betruͤbte, Wie ihn der Schiffer ruft, und oft das Ufer ſchallt Und Hylas, Hylas, oft vom Felſen wiederhallt. Z.
m),
780
101 Tod! Voll Schrecken entfloh ich; er folgte mir; aber, (ſo ſchien es)
Mehr aus Wolluſt, als Wuth, und uͤberholte viel ſchneller
Seine Mutter, mich, da ich ganz matt war, und zwang mit Gewalt mich
Zur ſcheuſelgen Umarmung; er hat mit mir in der Schandthat
Dieſe heulenden Unthier erzeugt, die, wie du geſehn haſt
n)Man muß ſich naͤmlich vorſtel - len, daß dieſe Ungeheuer zu der Zeit, da ſie ſprach, in ihrem Leibe verborgen lagen. N.
n),
Mich85Zweyter Geſang.
785
102Mich unaufhoͤrlich bellend umringen, ſtuͤndlich empfangen,
Stuͤndlich gebohren, fuͤr mich zu unausſprechlichen Schmerzen.
Denn ſie kehren zuruͤck in den Leib, aus dem ſie gekommen,
Wenn ſie wollen, und heulen, nnd nagen mein Eingeweide
Jhre Nahrung. Denn brechen ſie fort von neuem, und plagen
790
102 Rund umher mich mit unaufhoͤrlichen Schrecken, ſo daß ich
Weder Ruhe finde, noch Raſt. Der grimmige Tod ſitzt
Gegen mir uͤber, mein Sohn, und mein Feind, und hetzet ſie aͤrger
Auf mich an; und haͤtte ſchon laͤngſt mit gierigem Rachen
Seine Mutter verſchlungen, aus Mangel von anderer Beute;
795
102 Aber er weis es, ſein End iſt mit dem meinen verbunden,
Und ich werde fuͤr ihn, dies weis er, ein bitterer Biſſen,
Und ſein Gift ſeyn, es ſey wenn es wolle. So hat das Verhaͤngniß
Unſer Urtheil geſprochen. Dich aber warn ich, o Vater,
Scheue du ſeinen toͤdtlichen Pfeil; du hoffeſt vergebens
800
102 Sicher vor Wunden zu ſeyn in dieſen ſchimmernden Waffen,
Ob ſie gleich himmliſch geſtaͤhlt ſind; der toͤdtlichen Spitze kann niemand
Widerſtehn, als nur der, der in der Hoͤhe regieret.
Alſo endigte ſie: ſchnell merkte der liſtige Teufel
Seinen Vortheil, und gab itzt milder, und ſchmeichelnd, zur Antwort:
805
102 Theure Tochter, indem du Vater mich nenneſt, und meinen
Schoͤnen Sohn mir hier zeigſt, das theure Pfand |des Vergnuͤgens
Mit dir im Himmel; der damals ſo ſuͤſſen Freuden, wovon itzt
Die Erinnrung ſo traurig, da dieſer grauſame Wechſel
Uns ſo unerwartet, ſo unvermuthet, betroffen;
L 3Wiſſe86Das verlohrne Paradies.
810
102Wiſſe dann, nicht als Feind bin ich gekommen, vielmehr euch
Dich und ihn zu befreyn aus dieſem finſtern Gefaͤngniß,
Dieſem traurigen Hauſe der Pein, und alle die Schaaren
Himmliſcher Geiſter, die unſrer gerechten Anſpruͤche wegen
Sich gewaffnet, und mit uns herab von der Hoͤhe geſtuͤrzet.
815
102Zu der ſchweren Geſandſchaft bin ich von ihnen geſendet,
Und ich wage mich ſelbſt, allein, und einer fuͤr alle,
Durch die unergruͤndliche Tiefe; mit einſamen Schritten
Durch das weite Leere zu wandern; um da eine Wohnung,
Die man vorher verkuͤndigt, zu ſuchen, ein Ort, der ſchon itzo
820
102 Weit, und geraum, und rund, nach zuſammentreffenden Zeichen,
Wenn ich nicht irre, geſchaffen ſeyn muß; von Wonne beſeligt,
Und an den Graͤnzen des Himmels, ganz neugemachten Geſchoͤpfen
Angewieſen zur Wohnung; vielleicht den Raum zu erfuͤllen,
Den wir ledig gemacht, doch weiter vom Himmel entfernet,
825
102 Daß er nicht, uͤberladen von ihrer maͤchtigen Menge,
Wieder neuen Aufruhr zu fuͤrchten; dies ſey nun vollendet,
Oder ſonſt noch etwas geheimers, ſo muß ichs erfahren;
Und ich kehre ſchnell wieder zuruͤck, ſo bald ichs erfahren,
Dich, und den Tod, zu dem Orte zu bringen, in dem ihr gemaͤchlich
830
102 Wohnen ſollet. Da werdet ihr dann unſichtbar, im Stillen
Jn den weichen Luͤften, vom holden Geruche durchbalſamt,
Auf - und niederfliegen; und ohne Maaße gefuͤllet,
Will ich euch alle Dinge daſelbſt zum Raub uͤberlaſſen.
Alſo87Zweyter Geſang.
Alſo ſprach er: ſie ſchienen mit ſeinen Verſprechungen beyde
835
102 Hochvergnuͤgt. Es grinzte der Tod ein ſcheußliches Laͤcheln
o)Verſchiedne Dichter haben ſich bemuͤht eben dieſes Bild auszudruͤcken, wie zum Exempel Homer S. II. VII. 212. und Statius ſagt vom Tydeus, Thebaid. VIII. 582. formidabile ri - dens, fuͤrchterlich lachend, und Cow - ley vom Goliath, Davideis Buch III. Th uncircumcis’d ſmil’d grimly with disdainUnd grimmig laͤchelte der Unbe - ſchnittne Verachtungsvoll herab. Arioſto und Taßo, wie Thyer bemerkt, druͤcken es ſehr gut aus, aſpramente ſorriſe, oder ſorriſe amuramente. Doch wird man geſtehn muͤſſen, daß ſie Milton alle uͤbertrifft. N.
o),
Als er vernahm, ihm ſollte ſein Hunger geſaͤttiget werden,
Und ſein Rachen gefuͤllt. Nicht weniger freute ſich mit ihm
Seine ſchuldige Mutter, die alſo anhub zum Vater:
Jch verwahre den Schluͤſſel zu dieſem hoͤlliſchen Abgrund
340
103 Auf Befehl des allmaͤchtigen Koͤnigs des Himmels. Er hat mir
Dieſe demantnen Pforten zu oͤffnen verboten; der Tod ſteht
Wider alle Gewalt mit ſeinem Wurfpfeile fertig,
Ohne Furcht von etwas, das lebt, uͤberwaͤltigt zu werden.
Aber was ſoll ich dort oben nach deſſen Befehlen mich richten,
845
103 Welcher mich haßt, und vom Himmel in dieſe Tiefen herunter
Jn des Tartarus Nacht mich warf; allhier in dem Abgrund
Einen verhaßten Dienſt zu verwalten? Jch, die ich den Himmel
Ehmals bewohnt, gebohren im Himmel, ich ſoll hier, verbannet
Leben in ewiger Angſt, in immerwaͤhrenden Schmerzen?
850
103Rund umher umzingelt von Schrecken, und wildem Geheule
Meiner eigenen Brut, die mein Eingeweide verzehren?
Du biſt mein Vater, mein Schoͤpſer; du gabſt mir mein Weſen; wem ſollt ich
Sonſt88Das verlohrne Paradies.
Sonſt gehorchen, ſonſt folgen, als dir? Du wirſt mich in kurzem
Zu der neuen Welt, von Licht und von Wonne beſeligt,
855
103 Unter die Goͤtter bringen, die koͤſtlich leben
p)Wort fuͤr Wort nach dem Ho - mer,〈…〉〈…〉 Bentley. Es iſt die Suͤnde, die hier ſpricht, und ſie ſpricht nach Epikuraͤiſchen Grund - ſaͤtzen. Richardſon.
p); da werd ich
Dann in Wolluſt und Freuden, an deiner Rechten, ohn Ende
Herrſchen, wie deiner Tochter, und deinem Schooskind geziemet.
Alſo ſprach ſie, und nahm von ihrer Seite den Schluͤſſel,
Das betruͤbte Werkzeug all unſers Elends und Jammers.
860
104Und indem ſie hin nach den Pforten den viehiſchen Schweif ſchleppt,
Hob ſie das ſchwere Fallgatter auf, das außer ihr ſelber
Alle Stygiſchen Maͤchte nicht zu bewegen vermochten;
Und dann dreht ſie den Schluͤſſel herum in den krauſen Fugen,
Und hob alle Riegel von Eiſen, und demantnen Felſen,
865
104 Ohne Muͤhe hinweg. Mit ſchnellem gewaltigen Ruͤckſprung
Flogen die Hoͤllenthore weit auf; von den knarrenden Angeln
Hallt ein dumpfer krachender Donner zuruͤck in den Abgrund,
Daß davon der unterſte Boden des Erebus bebte.
Oeffnen konnte ſie ſie, allein ſie wieder zu ſchließen,
870
104 War ihr vom Himmel verſagt. Weit offen ſtanden die Thore,
Daß ein zahlreiches Heer, mit weit verbreiteten Fluͤgeln,
Unter fliegenden Fahnen, mit Roß und Wagen, den Durchzug
Durch ſie nehmen konnte. So ſtanden ſie offen, und warfen,
Wie ein Ofenſchlund, wallenden Rauch aus, und roͤthliche Flammen.
Und89Zweyter Geſang.
875
104Und itzt lagen der grauen Tiefe Geheimniſſe ploͤtzlich
Jhren Augen entdeckt; ein unermeßlicher, dunkler
Ocean; ohne Graͤnzen, und Grund; wo Laͤng, und Breite,
Hoͤh, und Zeit, und Ort, ſich untereinander verlieren;
Wo die aͤlteſte Nacht, und das Chaos, noch aͤltere Weſen
q)Alle alten Naturkuͤndiger, Phi - loſophen und Dichter hielten das Cha - os fuͤr das erſte Principium aller Din - ge, und die Poeten beſonders machten aus der Nacht eine Gottheit, und ſchil - derten die Nacht, oder die Finſterniß, und das Chaos, oder die Verwirrung in einer ungeſtoͤrten Regierung mit einander vom erſten Anfang an. Soſagt Orpheus in dem Hymnus auf die Nacht:〈…〉〈…〉 Nacht, du Mutter der Goͤtter und Menſchen und aller Dinge. N.
q),
880
105 Als die Natur, im wilden Getuͤmmel von endloſen Kriegen
Jhr anarchiſches Reich durch ewge Verwirrung behaupten.
Denn Heiß, Kalt, und Trocken, und Feucht, vier wuͤrthende Kaͤmpfer,
Streiten ſich hier um die Herrſchaft, und fuͤhren die embryonſchen
Atomen in den Streit; ſie ſchwaͤrmen in zahlloſen Schaaren
885
105 Jeder um ſeines Anhangs Fahn, in verſchiedenen Horden,
Leicht, oder ſchwer bewaffnet; ſcharf, ſanft, geſchwind, oder langſam,
Gleich dem Sande von Barka, und gleich dem verſengeten Boden
Von Cyrrhene
r)Eine Stadt und Provinz in dem ſandichten Lybien. N.
r), wenn kriegende Wind ihn um ſich verſammeln,
Jhren leichten Fluͤgeln ein ſtaͤrkres Gewichte zu geben.
890
106Wem ſie am meiſten folgen, herrſcht einen Augenblick. Chaos
Sitzt als Richter, und macht das Gefechte, durch welches er herrſchet,
Durch die Entſcheidung noch aͤrger. Nach ihm beherrſchet der Zufall
MaͤchtigM90Das verlohrne Paradies.
Maͤchtig und unumſchraͤnkt alles. Vor dieſem ſchrecklichen Abgrund,
(Wo die Natur im Mutterleibe gelegen, vielleicht auch
895
106 Einſt ihr Grab) nicht See, und nicht Ufer, nicht Luft, und nicht Feuer,
Obgleich dies alles allhier im erſten urſpruͤnglichen Stoffe
Untereinander verwirrt und vermiſcht iſt; und untereinander
Ewig ſtreitet (wofern nicht vielleicht der allmaͤchtige Schoͤpfer,
Mehrere Welten zu ſchaffen, als ſeinen verborgenen Grundzeug
900
106 Sie in Ordnung bringet,) vor dieſem ſchrecklichen Abgrund
Stand der behutſame Teufel am hoͤlliſchen Ufer, und ſchaute
Eine Weile hinab, die Reiſ erwegend; (er hatte
Keinen geringen Sund zu durchkreuzen) auch ſtuͤrmte nicht minder
Lautes Getoͤß in ſein Ohr, als wenn im Donner des Krieges,
905
106 (Große Dinge mit kleinen
s)Ein Ausdruck im Virgil Ecl. I. 24. parvis componere magna. Und was fuͤr einen Begriff macht uns dies nicht von dem Getoͤße des Chaos, da dieBelagerung einer Hauptſtadt, ja ſelbſt Himmel und Erde, wenn ſie in einan - der ſtuͤrzten, nur ein kleines Geraͤuſch dagegen machen wuͤrden. N.
s)zu meſſen) Bellona wildſtuͤrmend
Einer Hauptſtadt ſich naht, und ihre Maſchinen errichtet,
Sie zu ſchleifen; oder wenn itzt das Gebaͤude des Himmels,
Jn einander ſtuͤrzend, und wuͤthend die Elemente
Aus den feſten Angeln die Erde fortreißen wollten.
910
107Und nun ſpreitet er endlich die ſeegelbreiten Gefieder
Aus zum Flug, und ſtoͤßt ſich empor im aufſteigenden Rauche,
Und eilt manche Meil in dem Wolkenſeſſel verwegen
Aufwaͤrts. Aber gar bald entweicht der Sitz ihm, und laͤßt ihn
Jn91Zweyter Geſang.
Jn dem weiten Leeren zuruͤck; er ſinkt unvermuthet,
915
107 Mit vergeblich flatternden Schwingen, zehntauſend Klaftern
Jn den Abgrund hinunter; und wuͤrde den heutigen Tag noch
Nicht aufhoͤren zu falln, wenn durch den ungluͤcklichſten Zufall
t)Es war der ungluͤcklichſte Zufall fuͤr das ganze menſchliche Geſchlecht, daß ihm ſeine Reiſe ſo gelang, und ſo beſchleunigt wurde. Pearce.
t)
Nicht der ſtarke Zuruͤckſchlag von einer ſtuͤrmiſchen Wolke,
Von Salpeter und Feuer ſchwanger, nicht weniger Meilen
920
108 Wieder empor ihn geworfen. Jn einer ſumpfigten Syrtis,
Welche nicht See war, noch trockenes Land, ließ ihre geſchwaͤchte
Wuth etwas nach. Er fuhr dahin, faſt ſtrandend, indem er
Jtzt die rohe Feſtigkeit trat, zu Fuß halb, halb fliegend,
Und bedienet ſich itzt der Ruder ſowohl, als der Seegel.
925
108So wie durch die Wildniß ein Greif mit befluͤgeltem Laufe
Ueber Huͤgel und Suͤmpfe den Arimaſpen verfolget
u)Die Arimaſpen waren ein ein - aͤugigtes Volk in Seythien. Herodo -tus und andre erzehlen, daß zwiſchen ihnen und den Greifen wegen des Gol - des ein beſtaͤndiger Streit war, da die Greifen es bewachten, und die Arimaſpen es ihnen bey aller Gelegen - heit zu rauben ſuchten. Siehe Plin. Nat. Hiſt. L. 7. c. 2. N.
u),
Welcher das Gold ihm entfuͤhrt, ſo ſeiner Wache vertraut war;
Eben ſo eifrig verfolgte der Teufel den Weg uͤber Klippen,
Ueber Suͤmpf, und unebnes, und ebnes, und dichtes und duͤnnes,
930
109 Mit dem Haupt und Haͤnden, mit Fuͤßen, oder mit Fluͤgeln;
Schwimmt, ſinkt, wadet, und kriecht, oder fliegt. Von fernher beſtuͤrmet
Endlich ſein horchendes Ohr ein allgemeines Getuͤmmel
M 2Von92Das verlohrne Paradies.
Von verwirrten Toͤnen und Stimmen, vermiſcht durcheinander,
Die mit der heftigſten Wuth durch die hohle Finſterniß ſchallen.
935
109Dahin wandt er ſich unerſchrocken, um hier zu erfahren,
Welche Macht, oder was vor ein Geiſt des unterſten Abgrunds,
Jn den Getuͤmmel wohne; und nach dem Weg ihn zu fragen,
Wo der Finſterniß naͤhefte Kuͤſten zuletzt an des Lichtes
Graͤnzen ſtoßen. Als ploͤtzlich der Thron des Chaos erſcheinet,
940
109 Und ſein dunkles Gezelt, weit uͤber die wuͤſte Tiefe
Ausgeſpreitet. Mit ihm ſaß die Nacht, in ſchwarzem Gewande,
Auf dem Thron, das aͤltſte der Dinge, die mit ihm regierte.
Um ſie ſtand Orcus
x)Orcus wird gemeiniglich von den Poeten fuͤr den Pluto genommen, ſo wie Ades fuͤr jeden finſtern Ort. De - mogorgon, oder wie einige wollen,Demiurgus, war eine Gottheit, deren bloßem Namen die Alten eine große Kraft in Zaubereyen zuſchrieben. N.
x)und Ades, und der gefuͤrchtete Name
Demogorgon. Zunaͤchſt der Laͤrm und der Zufall, der Aufruhr,
945
110 Und die Verwirrung, voͤllig in Streit, und die Zwietracht, mit tauſend
Unterſchiedenen Zungen. Zu ihnen kehrte ſich Satan,
Unerſchrocken, und ſprach: Jhr dieſes unterſten Abgrunds
Geiſter, und Maͤchte, Chaos und alte Nacht, die Geheimniß
Eures Reichs zu ſpaͤhn, und zu ſtoͤren, bin ich nicht gekommen;
950
110 Sondern ich wandre gezwungen durch dieſe naͤchtlichen Wuͤſten,
Da durch euer weites Gebiet mein Weg zu dem Lichte
Mich hinauffuͤhrt; ohne Fuͤhrer und halbverlohren,
Such ich den gradeſten Weg nach jener Gegend, in der ſich
Euer93Zweyter Geſang.
Euer finſteres Reich mit den Grenzen des Himmels vereinet;
955
110 Oder iſt eurer Herrſchaft ein andrer Platz noch entzogen,
Den der Koͤnig des Himmels ſeit kurzem beſitzet; ſo gehet
Meine Reiſe durch dieſe Tiefen, dahin zu gelangen.
Zeiget den Pfad mir dahin, wenn ihr mir ihn zeiget, ſo ſoll euch
Keine geringe Vergeltung belohnen, indem ich von neuem
960
110 Dieſes verlohrne Reich von aller gewaltſamen Herrſchaft
Wieder zu eurem Zepter, zur erſten Finſterniß bringe;
Und, (denn dies iſt der Endzweck der gegenwaͤrtigen Reiſe)
Die Standarte der alten Nacht von neuem errichte.
Aller Vortheil davon ſey euer, mein ſey nur die Rache.
965
110Alſo Satan: Mit ſtammelnder Zung, und entſtelltem Geſichte,
Gab ihm der alte Anarch zur Antwort: Jch kenne dich, Fremder,
Denn du biſt der maͤchtige Fuͤhrer der Engel, der unlaͤngſt
Wider den Koͤnig des Himmels geſtritten, jedoch uͤberwunden
Worden. Jch ſah es, und hoͤrt es; ein ſolches zahlreiches Heer floh
970
110 Ueber den zitternden Abgrund gewiß nicht im ſtillen; ihm folgte
Fall auf Fall, Ruin auf Ruin; und Verwirrung, verwirrter,
So wie ſie flohn. Und der Himmel ließ ſeine ſiegreichen Schaaren
Millionenweiß aus, die ſie verfolgten. Jch habe
Meinen Aufenthalt hier auf meinen Grenzen genommen,
975
110 Ob mir vielleicht es gelaͤnge, das wenige, ſo mir gelaſſen,
Zu vertheidgen, das immer in unſern eigenem Aufruhr
Angegriffen, dem Zepter der alten Nacht wird entzogen.
M 3Anfangs94Das verlohrne Paaradies.
Anfangs euer Kerker die Hoͤlle, die unter der Tiefe
Weit in die Nacht ſich erſtreckt; dann kuͤrzlich noch Himmel und Erde,
980
110 Jene neuere Welt. Jn einer goldenen Kette
Haͤngt ſie uͤber meinem Gebiet an der Seite des Himmels
Angeſchloſſen, von da ihr mit eurem geſchlagenen Kriegsheer
Stuͤrztet. Jſt dieſes dein Weg, ſo haſt du nicht weit mehr zum Ziele;
Deſto naͤher iſt auch die Gefahr. Geh, ſaͤume nicht laͤnger,
985
110 Mein Gewinn iſt Ruin, und Unordnung, Raub und Verderben.
Alſo ſprach er, und Satan verweilte ſich nicht mit der Antwort:
Sondern, daß ſeine See nun endlich ein Ufer gefunden,
Sprang er mit friſchem Muth, und verneuten Kraͤften, voll Freuden,
Einer Pyramide von Feuer gleich, aufwaͤrts, ins wilde
990
110 Ausgeſpannte, und brach ſich den Weg durch den wuͤthenden Anfall
Streitender Elemente, die rund umher ihn umringten.
Seine Reiſe war ſchwerer, mit groͤßern Gefahren begleitet,
Als da durch die ſchaͤumenden Fluthen, und kaͤmpfenden Klippen,
Argo durch den Boſphorus gieng; und Ulyßes erfahren,
995
110 Als er die Wuth der Charybdis vermied; und mit maͤchtigem Ruder
An dem andern Strudel voruͤber geſteuert. Er ſetzte
Seinen Weg fort, mit Arbeit und Muͤh. Mit Muͤh und mit Arbeit
Er. Doch als er nur einmal die Reiſe zuruͤck gelegt hatte,
Welche ſeltne Veraͤnderung gleich nach dem Falle des Menſchen!
1000
110Seinen Fußſtapfen folgten mit Macht der Tod und die Suͤnde,
(Denn ſo war es der Wille des Himmels) und pflaſterten nach ihm
Einen95Zweyter Geſang.
Einen breiten geſchlagnen Weg durch den dunkeln Abgrund.
Willig litte das ſiedende Meer auf dem duldenden Ruͤcken
Dieſe verwegene Bruͤcke
y)Da dieſe Bruͤcke im zehnten Ge - ſang wirklich erſt gepflaſtert wird, ſo hat Newton wohl nicht unrecht, wenn er die zu fruͤhzeitige Erwaͤhuung die -ſer Bruͤcke in dieſer Stelle fuͤr einen kleinen Fehler in Anſehung des Gan - zen haͤlt. Z.
y)von wundernswuͤrdiger Laͤnge,
1005
111 Die ununterbrochen vom finſtern Reiche der Hoͤlle
Bis zum aͤußerſten Kreiſe von dieſer zerbrechlichen Welt gieng.
Auf ihr wandeln gemaͤchlich die Schaaren der boͤſen Geiſter
Hin und wieder, die Menſchen mit ihrer Liſt zu verſuchen,
Oder zu ſtrafen; wofern ſie nicht Gott und ſein Engel bewahret.
1010
111Und nun ſcheint ihm des Lichts geheiligter Ausfluß entgegen;
Fern in den Buſen der Nacht ſchoß es vom Walle des Himmels
Eine ſchimmernde Daͤmmrung. Hier fangen die aͤußerſten Graͤnzen
Von der Natur an, und hier zieht ſich das Chaos zuruͤcke,
Wie mit geringerm Tumult, und geringern kriegriſchem Laͤrmen
1015
111 Aus den letzten Schanzen ein uͤberwundener Feind flieht.
Satan ſchwebt itzt mit weniger Arbeit, und bald drauf gemaͤchlich,
Durch ein zweifelhaft Licht geleitet, in ſtilleren Wellen,
Und eilt froͤhlich zum Hafen, gleich einem zerſchmetterten Schiffe,
Welches Maſt und Tauwerk verlohren. Er waͤgt in der leeren,
1020
111 Und Luftaͤhnlichen Wuͤſte die ausgeſpreiteten Fluͤgel,
Um nach ſeinem Gefallen den empyreiſchen Himmel
Zu96Das verlohrne Paradies. Zweyter Geſang.
Zu betrachten, der weit ſich in dem Umkreiß erſtreckte,
Ungewiß, ob geviert oder rund; mit glaͤnzenden Thuͤrmen
Von Opal, und mit Zinnen geziert von lebendigem Sapphir;
1025
111 Ehmals ſein eigner Geburtsort! An einer goldenen Kette
z)Die goldene Kette ſcheint Milton vom Homer genommen zu haben. Sie - he Jl. VIII. Unter dieſer ſchwebendenWelt, verſteht er nicht dieſe Erde al - lein, ſondern das ganze große Welt - gebaͤude uͤberhaupt. N.
z)
Hieng an ihm dieſe ſchwebende Welt. Sie ſchien in der Ferne
Kaum ein Stern von der kleinſten Groͤße, zunaͤchſt an dem Monde.
Hieher nimmt er, verflucht, und in einer verfluchten Stunde,
1029
112 Seinen unſeeligen Weg, erfuͤllt von wuͤthender Rache.
Das
[figure]
[97]

Das Verlohrne Paradies. Dritter Geſang. Das Verlohrne Paradies. Dritter Geſang.

[98]99
Sey mir gegruͤßet, heiliges Licht
a)Dieſe Anrede unſers Dichters an das Licht, und die Klage uͤber ſei - ne eigne Blindheit, moͤchte vielleicht einigen ſtrengen Kunſtrichtern ein Feh - ler wider die Regeln der Epiſchen Poe - ſie ſcheinen; wenn es indeß auch ein Fehler ſeyn ſollte, ſo wird man ihn doch dem Poeten Dank wiſſen, da er zu ſo großen Schoͤnheiten Gelegenheitgegeben, und uns mit ſeinen Umſtaͤn - den und ſeinem Gemuͤthscharakter ge - nauer bekannt macht. N.
a)! Des ſchaffenden Himmels
Erſte Geburt! Mitewiger Stral vom ewigen Strale,
Moͤcht ich ſo dich untadelhaft nennen; indem Gott das Licht iſt
b)Nach 1 Joh. I. 5. Gott iſt das Licht, und in ihm iſt keine Finſterniß. Und nach der 1 Tim. VI. 16. Der allein Unſterblichkeit hat, der da wohnet in einem Lichte, da niemand zukommen kann. R.
b),
Und nie anders, als nur in unzunahlichen Lichte
5
114 Wohnte von Ewigkeit her; in dir alſo wohnte, du heller
Ausfluß eines reinen, und unerſchaffenen Weſens.
Oder hoͤreſt du lieber den lautern aͤtheriſchen Strom dich
Nennen? Die Quelle, wer kennt ſie? Noch vor der Sonn und den Himmeln
Warſt du, und umhuͤllteſt, auf Gottes allmaͤchtige Stimme,
10
114 Wie ein Mantel, die Welt der dunkeln naͤchtlichen Waſſer,
Welche heraufſtieg, nachdem ſie dem weiten unfoͤrmlichen Leeren
Abgewonnen worden. Mit kuͤhnern Schwingen beſuch ich
Jtzo dich wieder, nachdem ich den Stygiſchen Tiefen entronnen,
Obgleich lange genug in dieſem finſteren Abgrund
N 2Zu100Das verlohrne Paradies.
15
114Zu verweilen gezwungen. Auf meinem verwegenen Fluge,
Welcher mich durch die aͤußerſt und mittlere Finſterniß
c)Durch die Hoͤlle, welche oft die äußerſte Finſterniß genannt wird, und durch den großen Abgrund zwi - ſchen der Hoͤlle und dem Himmel, die mittlere Finſterniß. N.
c)forttrug,
Sang ich mit andern Toͤnen, als Orpheus Leyer geſungen
d)Orpheus machte einen Lobge - ſang an die Nacht, den wir noch von ihm haben; er ſchrieb auch von derSchoͤpfung aus dem Chaos. Siehe den Apoll. Rhodius I. 493. Orpheus ward nur durch ſeine Mutter Kallio - pe begeiſtert; Milton durch die himm - liſche Muſe; deshalb ſagt er, daß er mit andern Toͤnen als Orpheus geſun - gen, obgleich die Gegenſtaͤnde einerley waren. Richardſon.
d),
Von der ewigen Nacht, und dem Chaos. Die himmliſche Muſe
Unterrichtete mich, die dunkle Hinabfahrt zu wagen,
20
116 Und mich wieder herauf zu ſchwingen; ſo ſchwer, und ſo ſelten
Dieſes Unternehmen auch iſt. Gerettet, beſuch ich
Jtzo dich wieder; und fuͤhl ich die herrſchende Lebenslampe:
Aber du beſuchſt mich nicht wieder; nicht wieder die Augen,
Die vergeblich ſich rollen, um deine durchdringenden Stralen
25
116 Wiederzufinden; ſie finden ſie nicht! und keine Daͤmmrung
Bricht zu ihnen hindurch; ſo hat ein verfinſternder Tropfen,
Oder ein truͤbes Gewoͤlke, die helle Scheibe verhuͤllet.
Dennoch hoͤr ich nicht auf, an lieblichen Oertern zu wandeln,
Welche die Muſen bewohnen; an klaren rieſelnden Quellen,
30
116 Oder im ſchattichten Hain, und auf dem ſonnichten Huͤgel,
Von der Lieb entzuͤndet zum heilgen Geſange. Beſonders
Komm ich, o Sion, zu dir in ſtillen naͤchtlichen Stunden,
Zu den blumichten Baͤchen, die deine geweihten Wurzeln
Waſchen, und murmelnd uͤber ſie fließen. Jndem ich nicht ſelten
An101Dritter Geſang.
35
116An den blinden Thamyr, und blinden Moͤonides
e)Maͤonides iſt Homer, von ſeinem Vater Maͤon alſo benamt, und iſt es kein Wunder, daß unſer Dichter dem an Nachruhm gleich zu ſeyn wuͤnſchte, deſſen Schriften er ſo fleißig geleſen, bewundert, und nachgeahmt. Tha - myris iſt nicht ſo bekannt. Homer gedenkt ſeiner Jl. II. 595. und Euſta - thius ſetzt ihn mit dem Orpheus undMuſaͤus unter die beruͤhmten Poeten und Tonkuͤnſtler. Tireſias von The - ben, und Phineus, Koͤnig von Ar - kadien, waren beyde blinde Dichter und Propheten des Alterthums; dann das Wort Prophet bedeutet oft bey - des zugleich, wie im lateiniſchen Va - tes. N.
e)denke,
(Sie, die Beyden, im Schickſal mir gleich, o moͤcht ich im Nachruhm
Jhnen ſo gleich ſeyn!) und jene der alten Weiſſager, Phineus,
Und Tireſias. Dann ernaͤhren mich große Gedanken,
Welche von ſelber harmoniſch fließen; dem Vogel der Nacht gleich,
40
117 Der in dicker Finſterniß ſitzt, und unter der Decke
Hoher Schatten ſein naͤchtliches Lied ertoͤnen laͤßt. Alſo
Kehren die Jahreszeiten zuruͤck, doch kehret der Tag nicht
Mir zuruͤck, noch die ſuͤße Ankunft des Abends und Morgens;
Noch der Anblick der Fruͤhlingsblume, der Roſe des Sommers,
45
117 Oder der Heerden; und nicht des Menſchen goͤttliches Antlitz.
Sondern ſtatt deſſen umringt mich ein immerwaͤhrendes Dunkel,
Dick als Wolken; ich bin vom holden Umgang der Menſchen
Abgeſchnitten; an ſtatt des Buchs der ſchoͤnen Erkaͤnntniß,
Liegt nur ein weißes Blatt vor mir da; die herrlichen Werke
50
117 Jn der Natur, ſind fuͤr mich getilgt, und ausgeloͤſcht worden,
Und die eine Pforte der Weisheit iſt ganz mir verſchloſſen.
Scheine du alſo, himmliſches Licht, in mir deſto ſtaͤrker,
Und beſtrale durch alle Kraͤfte die hellere Seele!
Pflanze du Augen allda; zerſtreue die finſtern Nebel,
N 3Die102Das verlohrne Paradies.
55
117Die ſie umhuͤllen; und weihe ſie dir; damit ich, gereinigt,
Dinge ſeh, und erzehle, der Sterblichen Augen unſichtbar!
Und der allmaͤchtige Vater wandt itzo vom ſtralenden Throne,
(Wo er im reineſten Empyreum hoch uͤber den Himmeln,
Ueber alle Hoheit erhoͤht ſitzt; die Augen hernieder,
60
117 Seine Werk, und ihre, mit Einem Blick zu beſchauen
f)Das iſt, die Werke ſeiner eignen Werke, die Verrichtungen ſeiner eignen Geſchoͤpfe, der Engel, Menſchen, Teu - fel. N.
f).
Um ihn her ſtanden die Heilgen des Himmels, ſo dicht als die Sterne,
Und genoſſen von ihm und ſeinem goͤttlichen Anſchaun
Wonn ohn Ende. Sein einziger Sohn, als ſeiner Ehre
Stralendes Ebenbild
g)Nach Paulus Hebr. I. 3. Durch den Sohn welcher iſt der Glanz ſeiner Herrlichkeit, und das Eben -bild ſeines Weſens und ſich geſetzt hat zu der Rechten der Majeſtät in der Höhe. Einſichts - volle Sprachverſtaͤndige wollen die vorhergehende Beſchreibung Gottes mit des Taßo ſeiner vergleichen, Cant. 9. St. 55. 56. 57. Hume.
g), ſaß ihm zur Rechten; Er ſah auf der Erde
65
119 Unſre beyden Stammeltern erſt, die einzigen Zwey noch
Von dem Menſchengeſchlecht; in jenem gluͤcklichen Garten,
Wo ſie unſterbliche Fruͤchte von Lieb und von Freuden genoſſen;
Ununterbrochne Freuden, und unbeneidete Liebe,
Jn gluͤckſeeliger Einſamkeit. Dann ſah er die Hoͤlle,
70
119 Und den Golfo dazwiſchen; ſah, wie dort Satan des Himmels
Mauren von dieſer Seite der Nacht beſtrich, in der hohen
Dunkeln Luft; und bereit itzt war mit ermuͤdeten Schwingen,
Und mit willigen Fuͤßen ſich auf der unfruchtbaren Seite
Dieſer103Dritter Geſang.
Dieſer Welt herunter zu laſſen, die feſtes Land ſchien
h)Das ganze Weltgebaͤude erſchien dem Satan als eine dichte Kugel, von allen Seiten umgeben, mit Waſſer oder Luft, das war ungewiß; jedoch ohne Firmament, ohne eine Sphaͤ -re von Fixſternen uͤber demſelben, als wie uͤber der Erde; die Sphaͤre der Fixſternen war ſelbſt mit darunter begriffen, und machte einen Theil da - von aus. N.
h),
75
120 Ohne Firmament; ob im Ocean, oder der Luft, war
Ungewiß. Als ihn Gott ſah von ſeiner erhabenen Ausſicht,
Wo er alles, was war, und was iſt, und was ſeyn wird, erblicket;
Sprach er vorherſehend alſo zu ſeinem einigen Sohne:
Siehſt du, mein einziger Sohn, welch eine wuͤthende Rachſucht
80
120 Unſern Gegner entflammt, den keine beſtimmten Graͤnzen,
Nicht die Riegel der Hoͤlle, noch alle Ketten, die dorten
Auf ihn gehaͤuft ſind den ſelbſt des Abgrunds gewaltige Kluͤfte
Nicht zuruͤckhalten koͤnnen? So ſcheint er, voller Verzweiflung,
Fortgeriſſen zur Rache; doch falle die Rache zuruͤcke
85
120 Auf ſein eignes rebelliſches Haupt! Er fliegt itzt, nachdem er
Alle Hinderniſſe gebrochen, nicht ferne vom Himmel,
Durch die Vorbezirke des Lichts, gerade herunter
Nach der neuerſchaffenen Welt, und dem Menſchen, dem ich ſie
Eingeraͤumet zur Wohnung; er ſucht mit Gewalt ihn entweder
90
120 Zu zerſtoͤren; und fehlt er in dieſer ſchmeichelnden Hoffnung,
Will er ihn, welches noch ſchlimmer, mit falſchem Betruge verfuͤhren;
Und er wird ihn verfuͤhren. Der Menſch wird den gleiſenden Luͤgen
Willig Gehoͤr verleihn; mein einzigs Gebot uͤbertreten,
Seines Gehorſams einziges Pfand. Und ſo wird er fallen
Er,104Das verlohrne Paradies.
95
120Er, und ſein ganzes treulos Geſchlecht. Und was iſt die Urſach,
Wer hat Schuld, als er ſelbſt? Er hatte, der Undankbare,
Was er von mir nur haben konnte. Gerecht und aufrichtig
Schuf ich ihn; vermoͤgend zu ſtehn, doch frey auch, zu fallen.
Und ſo hab ich ſie alle geſchaffen, die Geiſter des Himmels,
100
120 Beyde die ſtunden, und fielen. Frey ſtunden die, welche geſtanden,
Und frey fielen die, welche gefalln. Wie konnt ich von ihnen,
Ohne Freyheit, aufrichtige Proben von treuem Gehorſam
Oder beſtaͤndiger Lieb erwarten, wofern ſie nur thaten,
Was ſie thun mußten, und nicht was ſie wollten? Wie konnten von mir ſie
105
120 Einiges Lob verlangen? Was konnt ich an ſolchem Gehorſam
Fuͤr Gefallen empfinden, an ſolchem gezwungnen Gehorſam
Wo die Vernunft, (Vernunft auch iſt Wahl) und mit ihr der Wille,
Beyde vergeblich, unnuͤtzlich, der Freyheit beyde beraubet,
Beyde nur leidend gemacht, der bloßen Nothwendigkeit dienten
110
120 Und nicht mir. Jch habe ſie alſo mit Recht ſo erſchaffen,
Und ſie koͤnnen mit Grunde nicht ihren Schoͤpfer verklagen,
Jhre Schoͤpfung, oder ihr Schickſal; daß ihren Willen
Eine Vorherbeſtimmung, ein unwidertreiblicher Rathſchluß,
Oder hohes Vorwiſſen zwang. Sie ſelber beſchloſſen
115
120 Jhren Abfall, nicht ich; wußt ich vorher ihn
i)Dies ſoll nicht die geringſte Ungewißheit anzeigen, ſondern bedeutet nur, ob ich gleich vorher ihn gewußt. N.
i), ſo hatt es
Keinen Einfluß in ihren Fehler, der immer erfolgte,
Wenn ich auch nicht vorher ihn gewußt. So ſind ſie gefallen
Ohne den mindeſten Antrieb, ohn einigen Schatten vom Schickſal
Oder105Dritter Geſang.
Oder durch etwas, ſo ich unhintertreiblich vorherſah.
120
121Sie ſind ſelber von allem die Urheber, was ſie erkennen,
Was ſie erwaͤhlen; ſo ſchuf ich ſie frey; frey muͤſſen ſie bleiben,
Bis ſie ſelber ſich feſſeln. Sonſt muͤßt ich ihr Weſen veraͤndern,
Und den erhabnen, ewgen, unwidertreiblichen Rathſchluß
Wiederrufen, der frey ſie erklaͤrte; ſie ſelber beſchließen
125
121 Jhren Fall. Es fielen die erſten durch eigenen Antrieb,
Und verfuͤhrten ſich ſelber, verderbten ſich ſelber. Der Menſch faͤllt
Durch die erſten betrogen. Der Menſch ſoll dieſerhalb Gnade
Finden, die andern nicht. So wird mein Ruhm in dem Himmel,
Und auf Erden, an Gnade ſowohl, als Gerechtigkeit, leuchten;
130
121 Aber zuerſt und zuletzt ſoll die Gnad am helleſten ſcheinen.
Als der Allmaͤchtge ſo ſprach, erfuͤllten ambroſiſche Duͤfte
k)Homer und ſeine Nachfolger, wenn ſie die Gottheit redend einfuͤh - ren, mahlen uns eine ſchreckliche furcht - bare Scene. Die Himmel, die Mee - re und die Erde zittern ꝛc. Dies war den natuͤrlichen Begriffen, die ſie von der Gottheit hatten, gemaͤß genug. Dies wuͤrde ſich aber nicht ſo gut zu der ſanften, gnaͤdigen und wohlthaͤti - gen Jdee geſchickt haben, die wir nach der chriſtlichen Religion von der Gott -heit haben; deshalb laͤßt unſer Dich - ter mit vieler Einſicht die Worte des Allmaͤchtigen Wohlgeruch und Ver - gnuͤgen ausbreiten. Jm Arioſto fin - det man eine Stelle in demſelben Ge - ſchmack, C. 29. St. 30. Thyer.
k)
Alle Himmel. Empfindung von unausſprechlichen Freuden
Goß ſich von neuem ins Herz der erwaͤhlten ſeeligen Geiſter.
Ueber alle Vergleichung verherrlicht erſchien der Sohn Gottes;
135
122 Jn ihm ſtralte ſein ganzer Vater, der weſentlich in ihm
l)Nach Hebr. I. 3. Wo der Sohn Gottes genennet wird: der Glanz ſeiner Herrlichkeit, und das Eben - bild ſeines Weſens ꝛc. Hume.
l)
Aus -O106Das verlohrne Paradies.
Ausgedruͤckt war; aus ſeinem Geſicht ſprach goͤttliches Mitleid
Sichtbarlich; und unendliche Lieb, unermeßliche Gnade,
Die er mit dieſen Worten dem großen Vater entdeckte:
Vater! das war ein gnaͤdiges Wort, womit dein allmaͤchtger
140
123 Ausſpruch ſich ſchloß; der Menſch ſoll Gnade finden! Dafuͤr ſoll
Himmel und Erde dein Lob erhoͤhn mit unzaͤhligem Schalle
Heiliger Hymnen und Lieder; die ſollen dir, Ewigſeelger,
Rund um deinen Thron her erklingen. Denn ſollte zuletzt noch
Sollte der Menſch, dein letztes Geſchoͤpf, dir noch kuͤrzlich ſo theuer,
145
123 Deiner Soͤhne juͤngſter, ſo falln, durch Betrug uͤberliſtigt,
Ob er mit ſeiner eignen Thorheit dazu zwar geholfen?
Das ſey fern von dir
m)Nach 1 B. Moſ. XVIII. 25. Das ſey ferne von dir, daß du das thuſt, und tödteſt den Ge - rechten mit dem Gottloſen, daßder Gerechte ſey wie der Gott - loſe; das ſey ferne von dir, der du aller Welt Richter biſt, du wirſt ſo nicht richten. N.
m)! Fern ſey von dir es, o Vater,
Der du, von allen erſchaffenen Dingen der Richter, allein nur
Mit Gerechtigkeit richteſt. Sollt unſer wuͤthender Gegner
150
124 Alſo ſeinen Endzweck erreichen, und deinen vereiteln?
Soll er das Maaß der Bosheit erfuͤllen, und deine Guͤte
So vernichten. Oder ſoll er mit ſtolzer Zuruͤckkehr,
Zwar zu groͤßrer Verdammniß, doch mit vollkommener Rache,
Hinter ſich her zur Hoͤlle das ganze Menſchengeſchlecht ziehn,
155
124 Das er verfuͤhrt? Und wollteſt du deine Schoͤpfung zerſtoͤren?
Wollteſt du ſeinetwegen, was du dir zur Ehre geſchaffen,
Wieder107Dritter Geſang.
Wieder verderben? So wuͤrde, Gott, deine Groͤß und Gnade
Zweifelhaft ſeyn, und man wuͤrde ſie unvertheidiget laͤſtern.
Alſo ſprach er. Der große Schoͤpfer erwiedert ihm alſo:
160
124 O mein einiger Sohn, den meine Seele beſonders
Liebt; Sohn meines Buſens, Sohn, der du alleine
Meine Weisheit, mein Wort, und meine wirkſame Macht biſt;
Alles haſt du geſprochen nach meinen Gedanken, und alles
Wie es mein ewiger Rathſchluß beſchloſſen. Nicht gaͤnzlich verlohren
165
124 Soll der Menſch ſeyn; wer will, ſey errettet; doch nicht durch den eignen
Willen in ihm, allein durch meine freywillige Gnade,
Der ich ihn wuͤrdge. Noch einmal will ich die gefallenen Kraͤfte
Jn ihm erneuern, obgleich durch die Suͤnde verwirkt, und gefeſſelt
Von unmaͤßgen Begierden; er ſoll noch einmal geſtaͤrket,
170
124 Durch mich aufgerichtet, mit ſeinem Todtfeinde kaͤmpfen.
Aufgerichtet durch mich! damit er erkenne, wie ſchwach er
Jn dem gefallnen Zuſtand iſt, und ſeine Befreyung,
Seine ganze Befreyung mir ſchuldig ſey, mir, und ſonſt keinem.
Einige hab ich erwaͤhlt, aus beſondern Gnaden erwaͤhlet
175
124 Vor den uͤbrigen allen, ſo iſt es mein Wille. Die andern
Sollen von mir oft gewarnt in ihrem ſuͤndlichen Zuſtand
Oft mich rufen hoͤren, damit ſie die zuͤrnende Gottheit
Zeitig verſoͤhnen, ſo lange die angebotene Gnade
Sie noch einladet. Dann ich will die verfinſterten Sinnen
180
124 Heiterer machen; und ihre verhaͤrteten ſteinernen Herzen
Zum Gebet, und zur Reu, und ſchuldgem Gehorſam erweichen.
O 2Zum108Das verlohrne Paradies.
Zum Gebet, und zur Reu, und ihrem ſchuldgen Gehorſam,
Wenn ſie ein unverſtellter, und wahrer Vorſatz, begleitet,
Soll mein Ohr nicht langſam, mein Auge verſchloſſen nicht bleiben.
185
124Und als einen Fuͤhrer will ich mein richtend Gewiſſen
Jn ſie legen; wofern ſie es hoͤren, und wohl es gebrauchen,
Sollen ſie Licht auf Licht erlangen; und wenn ſie zum Ende
Treulich verharren, den Port des Lebens ſicher erreichen.
Aber wer meine Langmuth
n)Es iſt zu bedauren, daß unſer Dichter die Gottheit ſo erniedrigt, da er ihr die ſo ſchreckliche Lehre von ei - nem Gnadentage in den Mund legt, nach deſſen Verlauf es nicht mehr moͤglich ſeyn ſoll, ſich zu bekehren. Der guͤtige Leſer wird ihn allein mit den Vorurtheilen entſchuldigen koͤnnen, die er vielleicht durch die finſtre en - thuſiaſtiſche Gottesgelahrheit ſeiner Zeiten eingeſogen. Thyer.
n), die Tage der Gnade, verſaͤumet,
190
125 Oder verſchmaͤht; ſoll nimmer ſie ſchmecken. Jch werde die Harten
Haͤrter noch machen, die Blinden noch blinder; damit ſie noch aͤrger
Straucheln, und tiefer noch falln. Und niemand, als dieſe Verlohrnen,
Schließ ich aus meinen Gnaden. Doch noch iſt nicht alles geſchehen,
Denn der ungehorſame Menſch bricht die ſchuldige Treue;
195
125 Hat ſich wider die hohe Herrſchaft des Himmels verſuͤndigt,
Und ſtrebt nach der Gottheit ; ſo hat er alles verlohren!
Nichts iſt ihm uͤbrig geblieben, den Hochverrath zu verſoͤhnen,
Sondern er, und ſein ganzes Geſchlecht, dem Verderben geweyhet,
Muͤſſen ſterben! Sterben muß er, ſonſt muͤßt es ſtatt ſeiner
200
125 Die Gerechtigkeit thun; wofern fuͤr ihn, nicht ein andrer,
Tuͤchtig und willig dazu, die harte Genugthuung leiſtet,
Tod fuͤr Tod! Sagt himmliſche Kraͤfte, wo werden wir ſolche
Unaus -109Dritter Geſang.
Unausſprechliche Liebe finden? und welcher von euch will
Sterblich werden, das Todesverbrechen des Menſchen zu buͤßen?
205
125Wer will von den Gerechten den Ungerechten erretten?
Wohnt in allen Himmeln ſolch eine zaͤrtliche Liebe?
Alſo fragt er; jedoch ſtumm ſtunden die Schaaren des Himmels;
Tiefes Stillſchweigen herrſchte, und kein Beſchuͤtzer, kein Mittler,
Fuͤr den Menſchen, erſchien; noch weniger jemand, ders wagte,
210
125 Auf ſein eigenes Haupt das Todesverbrechen zu nehmen,
Oder das Loͤſegeld, welches geſetzt ward. Auf ewig waͤr itzo
Das Geſchlechte der Menſchen verlohren gegangen; verurtheilt
Durch das ſtrengeſte Recht zur Hoͤll, und dem Tode; wofern nicht
Gottes Sohn, in welchem die Fuͤlle der goͤttlichen Liebe
215
125 Wohnte, mit dieſen Worten die theure Vermittlung erneuet:
Vater, es iſt dein huldreiches Wort ergangen, der Menſch ſoll
Gnade finden; und ſollte die Gnade die Mittel nicht finden?
Sie, von deinen befluͤgelten Boten die ſchnellſte, die alle
Deine Geſchoͤpfe beſucht; zu allen koͤmmt, ungerufen,
220
125 Ungebeten, und ungeſucht? Welch Gluͤck fuͤr den Menſchen,
Daß ſie ſo koͤmmt. Er kann ſelbſt ihre Huͤlfe nicht ſuchen,
Da er in Suͤnden verlohren, und todt iſt; Er kann fuͤr ſich ſelber
Keine Buͤrgſchaft ſtellen; kann fuͤr ſich ſelber kein Opfer
Finden, ſo tief verſchuldet, ſo gaͤnzlich verlohren! So ſieh dann
225
125 Mich! Nimm mich fuͤr ihn an! Jch biete Leben fuͤr Leben!
Nur auf mich ergieße dein Zorn ſich; und ſieh mich als Menſch an!
O 3Jhn110Das verlohrne Paradies.
Jhn zu erretten, will ich von deinem Buſen mich trennen;
Will der Herrlichkeit, die mich umringt, freywillig entſagen,
Und zuletzt fuͤr ihn ſterben mit Freuden ſterben! Der Tod mag
230
125 Alles ſein Wuͤthen auf mich verſchuͤtten; ich werde nicht lange
Unter ſeiner finſtern Gewalt uͤberwunden liegen.
Denn du haſt mir verliehn, daß ich das Leben auf ewig
Jn mir ſelber beſitze
o)Joh. V. 26. Denn wie der Vater das Leben hat in ihm ſel - ber, alſo hat er dem Sohn gege - ben das Leben zu haben in ihm ſelber. N.
o); ich lebe durch dich, ob ich itzt zwar
Jn des Todes Gewalt mich begebe, und ob er ein Recht gleich
235
126 Auf das alles erhaͤlt, was in mir ſterben kann. Aber
Wenn ich nun dieſe Schuld bezahlt, dann wirſt du, o Vater,
Nicht dem ſcheußlichen Grabe zur Beute mich laſſen, noch leiden,
Daß dort die unbefleckte Seel in ewger Verweſung
Wohne
p)Pſ. XVI. 10. Denn du wirſt meine Seele nicht in der Hölle laſſen, und nicht zugeben, daß dein Heiliger verweſe. Welches vom Petrus auf die Auferſtehung unſersHeylandes gedeutet wird, Apoſtelgeſch. II. 20. 21. ꝛc. ꝛc. N.
p). Jch werde vielmehr mich triumphirend erheben,
240
127 Meinen Sieger beſiegen, und ſeines Raubs ihn berauben.
Dann ſoll ſeine toͤdtliche Wunde der Tod empfangen,
Und vom verderbenden Stachel entwaffnet, unruͤhmlich im Staube
Liegen; ich will alsdann, die weite Luft durch, die Hoͤlle,
Trotz der Hoͤll, im hohen Triumphe gefangen fuͤhren,
245
127 Und zur Schau die gefangenen Maͤchte
q)Pſ. LXVIII. 19. Du biſt in die Höhe gefahren, und haſt das Gefängniß gefangen, und Col II. 15. Er hat ausgezogen die Für - ſtenthümer, und die Gewaltigen, und ſie Schau getragen öffent - lich. N.
q) der Finſterniß leiten.
Bey dem Anblick ſollſt du mit Wohlgefallen vom Himmel
Nieder -111Dritter Geſang.
Niederblicken und laͤcheln; indem ich, durch dich erhoͤhet,
Alle meine Feinde zertrete; mit ſeinem Gerippe
Soll der Tod noch zuletzt
r)1 Cor. XV. 26. Der letzte Feind, der aufgehaben wird, iſt der Tod. N.
r) den Schlund des Grabes verſchließen,
250
129 Und dann will ich mit Mengen von meinen Erloͤſten die Himmel
Wieder nach langer Entfernung beſuchen, und wiederkehren,
Vater, dein Antlitz zu ſehn, wo keine Wolke des Zornes
Mehr zuruͤckbleiben wird; vielmehr befeſtigter Friede
Und Verfoͤhnung mit dir; kein Zorn wird kuͤnftig mehr flammen,
255
129 Lauter Friede wird ſeyn vor deinem gnaͤdigen Antlitz.
Seine Reden endigten hier, doch die guͤtigen Blicke
Sprachen noch ſchweigend, und ſtralten unſterbliche goͤttliche Liebe
Fuͤr den ſterblichen Menſchen. Nichts als der Gehorſam des Sohnes
Stralte noch heller, als ſie. Gleich einem willigen Opfer,
260
129 Welches geopfert zu werden ſich freut, erwartet er itzo
Seines großen Vaters Befehl. Es ſtanden die Himmel
Von Verwundrung ergriffen, was dieſes bedeuten, wohin es
Zielen koͤnne; doch bald erwiederte ſo der Allmaͤchtge:
O du einziger Frieden, im Himmel ſowohl, als auf Erden,
265
129 Fuͤr den ſuͤndigen Menſchen, der unter dem Zorn lag, gefunden!
O du mein einzigs Ergoͤtzen; du weißt es zu wohl wie theuer
Alle meine Werke mir ſind, der Menſch nicht am mindſten,
Ob ich ihn gleich zuletzt erſchaffen. Jch miſſe fuͤr ihn dann
Dich112Das verlohrne Paradies.
Dich von meinem Buſen, von meiner Rechten; damit ich
270
129 Durch den kurzen Verluſt das ganze verlohrne Geſchlechte
Rette. So fuͤge dann du, (denn du nur kannſt ſie erloͤſen,)
Deine Natur zu ihrer Natur; ſey unter den Menſchen
Menſch auf Erden; zu Fleiſch in der Fuͤlle der Zeiten geworden,
Durch die Wundergeburth von reinem jungfraͤulichen Saamen.
275
129Sey du an Adams ſtatt das Haupt des ganzen Geſchlechtes
Ob du gleich Adams Sohn biſt. Wie alle Menſchen in Adam
s)1 Cor. XV. 22. Denn gleich - wie ſie in Adam alle ſterben, al -ſo werden ſie in Chriſto alle le - bendig gemacht werden. N.
s)
Untergehn; alſo ſollen in dir, als der zweyten Wurzel,
Alle die wiederhergeſtellt werden, ſo viel, als von ihnen,
Wiederhergeſtellt werden, und ohne dich niemand. Durch ihn ſind
280
130 Alle Soͤhne von ihm Mitſchuldge von ſeinem Verbrechen;
Aber dein zugerechnet Verdienſt ſoll von der Verdammniß
Alle die ledig ſprechen, die ihren Thaten entſagen,
Jhren gerechten, und ungerechten; die, in dich verpflanzet,
Leben in dir, und von dir ein neues Leben empfangen.
285
130Und ſo ſoll dann der Menſch, wie die ſtrenge Gerechtigkeit fordert
Fuͤr den Menſchen genugthun, gerichtet werden, und ſterben;
Sterbend auferſtehn, und auferſtehend vom Tode
Seine Bruͤder mit ſich erheben, ſo theuer erkaufet
Durch ſein eignes Leben. So ſoll die himmliſche Liebe
290
130 Ueber den hoͤlliſchen Haß triumphiren, indem ſie dem Tod dich
Hingiebt, und mit Sterben erkauft, ſo theuer erkaufet,
Was der hoͤlliſche Haß ſo leicht zerſtoͤrt, und noch immer
Jn113Dritter Geſang.
Jn den Suͤndern zerſtoͤrt, die, da ſie es koͤnnen, die Gnade
Nicht annehmen wollen. Doch ſoll indeß die Erniedrung
295
130 Zu der Natur des Menſchen, dir nicht die eigne verringern,
Oder herabſetzen. Da du, Gott gleich, in der hoͤheſten Wonne
Mit ihm gethront, und gleichen Theil am Genuſſe der Gottheit
Mit ihm gehabt; dies alles verlaͤßt, von dem aͤußerſten Elend
Eine Welt zu erretten; und mehr durch deine Verdienſte,
300
130 Als durch deine Geburth der Sohn des Hoͤchſten erkannt wirſt,
Und durch deine Guͤte noch mehr, als durch Hoheit und Groͤße
Dazu der wuͤrdigſte biſt; da du noch reicher an Liebe,
Als an Herrlichkeit ſtraleſt: ſo ſoll die freye Erniedrung
Deine Menſchheit mit dir zum Throne der Gottheit erheben,
305
130 Wo du verherrlicht, im Fleiſch, als Gott und Menſch ſollſt regieren,
Gottes und Menſchenſohn; ein allgemeiner, geſalbter
Koͤnig. Dir geb ich alle Gewalt; regiere fortewig,
Und gebrauche dich deiner Verdienſte. Als Oberhaupt, ſollen
Unter dir alle Thronen, und Fuͤrſtenthuͤmer, und Maͤchte,
310
130 Stehn. Jm Himmel, auf Erden, und in der tiefeſten Hoͤlle
Sollen ſich alle Knie vor dir beugen.
t)Philipp. II. 10. Daß in dem Namen Jeſu ſich beugen ſollen alle derer Knie, die im Himmel,und auf Erden, und unter der Erden ſind. N.
t)Wenn itzo vom Himmel,
Herrlich begleitet, in Wolken du koͤmmſt, und mit den Poſaunen
Vor dir her du die Erzengel ſendeſt, den furchtbarn Gerichtstag
Auszurufen: dann werden ſich ſchnell von allen vier Winden
315
131 Die Lebendgen verſammeln; die vorgeforderten Todten
AllerP114Das verlohrne Paradies.
Aller Weltalter werden zum allgemeinen Gerichte
Hereilen, ſolch ein Schall ſoll ihren Schlummer erwecken.
Alsdann ſollſt du vor allen verſammelten Heilgen, die Boͤſen,
Menſchen und Engel, richten; ſie ſollen danieder ſinken
320
131 Unter deinem goͤttlichen Urtheil. Die Hoͤlle, (wann itzo
Sie mit ihrer Anzahl erfuͤllt iſt,) ſey ewig geſchloſſen.
Unterdeß wird die Welt verbrennen
u)Die Himmel werden von Feuer zergehn und die Elemente vor Hitze zerſchmelzen. Wir warten aber eines neuen Him - mels, und einer neuen Erden, nach ſeiner Verheiſſung, in wel - chen Gerechtigkeit wohnet. 2 Petr. III. 12. 13.
u); doch wird aus der Aſche
Sich ein neuer Himmel und Erde hervorthun; die Frommen
Sollen hier wohnen, und werden, nach ihren langwierigen Plagen,
325
132 Goldene Tage, fruchtbar an goldenen Thaten, hier leben;
Und die ſchoͤne Wahrheit wird mit der Lieb, und der Freude,
Triumphiren. Dann legeſt du auch dein koͤniglich Zepter
Nieder; denn nunmehr wird man kein koͤniglich Zepter beduͤrfen,
Gott wird alles in allem ſeyn
x)Nach 1 Cor. XV. 28. Wenn aber alles ihm unterthan ſeynwird, alsdenn wird auch der Sohn ſelbſt unterthan ſeyn dem, der ihm alles unterthan hat, auf daß Gott ſey alles in allem. N.
x)! Doch ihr o ihr Goͤtter,
330
133 Betet ihn an, der ſtirbt, um dieſes alles zu leiſten;
Betet ihn an, den Sohn; und ehret ihn, wie mich ſelber
y)Joh. V. 23. Auf daß ſie alle den Sohn ehren, wie ſie den Vater ehren. N.
y)!
Als der Allmaͤchtige ſchloß
z)Wenn der Leſer dieſe goͤttliche Rede mit den Reden der Goͤtter im Homer oder Virgil vergleichen will, ſowird
z), ſtieg von den Schaaren der Engel
Lautes Jauchzen empor, von einer unzehligen Anzahl,
Suͤß,115Dritter Geſang.
Suͤß, wie von ſeeligen Stimmen gewoͤhnlich. Die Himmel erklangen
335
135 Von dem Jubelgeſchrey, und laute Hoſannahs durchhallten
Alle ſeelgen Gefilde. Sie neigten mit tiefer Ehrfurcht
Sich vor beyden Thronen, und warfen, feyrlich anbetend,
Jhre Kronen zur Erde
a)So werden ſie vorgeſtellt Offen - bar. IV. 10. Da fielen die vier und zwanzig Aelteſten vor den, der auf dem Stul ſaß, und beteten an den, der da lebet von Ewig - keit zu Ewigkeit, und warfen ihre Kronen vor den Stuhl. N.
a), mit Gold durchflochtene Kronen,
Und mit unſterblichem Amaranth; der Blume, die ehmals
340
136 Nah beym Baume des Lebens im Paradieſe gebluͤhet;
Aber ſie ward bald wegen der Suͤnde der Menſchen zuruͤcke
Jn den Himmel genommen; da waͤchſt ſie, wo ſie zuerſt wuchs,
Bluͤht, und umſchattet da hoch den hellen Brunnen des Lebens,
Und da, wo der Seeligkeit Strom durch die Mitte des Himmels
345
136 Ueber Elyſiſche Blumen die Amberwellen dahinrollt.
Und mit dieſer himmliſchen Blume, die niemals verwelket,
Binden die auserwaͤhlten Geiſter die glaͤnzenden Locken,
Und verflechten Stralen darunter. Jtzt lachte der Boden,
Als er, ſo dick beſtreut von hingeworfenen Kraͤnzen,
350
136 Einer See gleich von Jaſpis
b)Jaſpis iſt ein koſtbarer Stein von verſchiednen Farben, doch wirdder
b) ſchien, mit himmliſchen RoſenP 2Ueber -
z)wird er finden, daß der chriſtliche Poet die heydniſchen eben ſo ſehr uͤbertrifft, als unſre Religion alle die andern. Jhre Goͤtter reden und handeln wie Menſchen, aber Miltons goͤttliche Per - ſonen ſind in der That goͤttlich, ſie reden in der Sprache Gottes, das iſt, in der Sprache der heiligen Schrift. Milton iſt ſo genau und vorſichtig in dieſem Stuͤcke, daß vielleicht kein ein - ziger Ausdruck iſt, der nicht mit der Autoritaͤt der heiligen Skribenten ge - rechtfertigt werden koͤnnte. Wir ha -ben verſchiedne angemerkt, wo er bey dem Buchſtaben der Bibel geblieben iſt, das uͤbrige insgeſamt iſt in dem Geiſte der heiligen Schrift. N.
z)
116Das verlohrne Paradies.
Ueberpurpert. Sie nahmen, nachdem ſie aufs neu ſich bekraͤnzet,
Jhre goldenen Harfen, die immergeſtimmten Harfen,
Welche, ſchimmernd, von ihren Seiten, gleich ſtralenden Koͤchern,
Hiengen. Unter dem ſuͤßen Vorſpiel bezaubernder Toͤne
355
138 Huben ſie an den heilgen Geſang. Die maͤchtigen Lieder
Weckten zu hohen Begeiſtrungen auf; von unſterblichen Stimmen
War hier keine, die ſchwieg, und nicht in die lieblichen Choͤre
Sich harmoniſch gemiſcht, ſo groß iſt die Eintracht im Himmel.
Dich, o Vater, beſangen ſie erſt, dich, der du Allmaͤchtig,
360
138 Unveraͤnderlich biſt, Unſterblich, Unendlich, ein Ewger
Koͤnig; dich, Schoͤpfer der Weſen, dich, o du Quelle des Lichtes,
Selber unſichtbar im herrlichſten Glanz, in welchem du throneſt
Ohne Zugang. Wenn du die Fuͤlle der blendenden Stralen
Einhuͤllſt in Schatten, und wie durch Wolken, die rund um dich fließen,
365
138 Deine Saͤume wir dunkel vor uͤbermaͤßigem Glanz ſehn;
Blenden ſie dennoch die Himmel; die helleſten Seraphim ſelber
Naͤhern ſich nicht, und bedecken mit beyden Fluͤgeln
c)Eſai. VI. 2. Seraphim ſtun - den über ihm, ein jeglicher hatteſechs Flügel; mit zween deckten ſie ihr Antlitz ꝛc.
c) die Augen.
Alsdann ſangen ſie dich, von aller Schoͤpfung der Erſte
d)So heißt er Col. I. 15. Der Erſtgebohrne vor allen Kreatu - ren, oder von aller Schöpfung,〈…〉〈…〉, und Offenb. III. 14. Der Anfang der Kreatur Gottes. N.
d),
Eingebohrne Sohn, du Ebenbild Gottes; in deſſen
Hoherb)der gruͤne am hoͤchſten geſchaͤtzt, und hat er einige Aehnlichkeit mit dem Meergruͤn. N. 117Dritter Geſang.
370
141Hoher Geſtalt der allmaͤchtige Vater ſich ohne Wolken
Sichtbar gemacht; kein endlich Geſchoͤpf kann anders ihn ſchauen
e)Keine Kreatur kann den Vater auf andere Art ſehn, als in und durch den Sohn. Joh. I. 18. Niemand hat Gott je geſehen, der Einge -bohrne Sohn, der in des Vaters Schooß iſt, der hat es uns ver - kündiget. N.
e),
Seiner Herrlichkeit Ausfluß ſtralt in dich uͤber; auf dir ruht
Ausgeſchuͤttet, ſein reicher Geiſt; die Himmel der Himmel
Hat er mit allen Kraͤften durch dich erſchaffen. Er ſtuͤrzte
375
142 Durch dich die rebelliſchen Maͤchte. Du haſt an dem Tage
Nicht den gefuͤrchteten Donner des Vaters geſpart, noch die Raͤder
Deines flammenden Wagens zuruͤckgehalten; des Himmels
Jmmerwaͤhrender Bau erbebte dem ſchrecklichen Donner,
Als du uͤber die Nacken der feindlichen Engel dahinfuhrſt.
380
142Dich erhuben bey deiner Zuruͤckkunft von ihrer Verfolgung
Alle Heere des Himmels mit lautem Zuruf; erhuben
Dich allein, o Sohn, Sohn ſeiner ſchrecklichen Allmacht,
Strenge Rache zu uͤben an ſeinen Feinden; doch nicht ſo
An dem Menſchen. Jhn haſt du, durch ihre Verfuͤhrung gefallen,
385
142 Nicht ſo ſtrenge gerichtet, o Vater der Gnad und Erbarmung,
Sondern dich mehr zum Mitleid geneigt. Kaum ſahe dein theurer
Einziger Sohn den Entſchluß, ihn nicht ſo ſtrenge zu richten
Den gebrechlichen Menſchen, und daß du zum Mitleid dich neigteſt;
Als er, um deinen Zorn, Allmaͤchtiger, zu verſoͤhnen,
390
142 Und der Gnad und Gerechtigkeit Streit zu ſchlichten, die Wonne,
Die ihn umringte, der zweyte nach dir, vergaß, und ſich ſelber
Fuͤr den Menſchen zu ſterben erbot. O Lieb! ohn Exempel!
P 3Liebe,118Das verlohrne Paradies.
Liebe, von allen Seiten betrachtet, goͤttliche Liebe!
Heil dir, Sohn Gottes, Erloͤſer der Menſchen! dein Name ſey kuͤnftig
395
142 Meines Liedes Begeiſtrung, der Gegenſtand meiner Geſaͤnge,
Meine Harfe ſoll nie dich zu erheben vergeſſen,
Noch dein Lob von dem Lobe des großen Allmaͤchtigen trennen.
So verfloſſen im Himmel, hoch uͤber der Sphaͤre der Sternen,
Jhre gluͤcklichen Stunden in Freuden, und heilgen Geſaͤngen.
400
142Mittlerweile gieng Satan auf dieſer feſten und dichten
Kugel der runden Welt einher; ihr erſtes Gewoͤlbe
Theilte die untern leuchtenden Kreife, vorm Chaos bewahret,
Und der alten Finſterniß Einbruch. Sie ſchien in der Ferne
Eine Kugel, doch itzt ein feſtes Land, ohne Grenzen,
405
142 Finſter, und wuͤſt, und wild, das unter der furchtbaren Nacht lag,
Jmmerdrohenden Stuͤrmen des Chaos, das rund umher brauſte,
Ausgeſetzt; ein unguͤnſtiger Himmel. Doch wars von der Seite
Ruhiger, wo ſie vom Walle des Himmels, ſo ſehr er entfernt war,
Einigen ſchwachen Wiederſchein trank von ſchimmernden Luͤften,
410
142 Und ſo ſehr nicht von lauten Stuͤrmen empoͤrt ward. Hier gieng itzt
Auf den weiten Gefilden der Feind. Als wenn ſich ein Geyer
Auf dem Jmaus gebruͤtet
f)Jmaus iſt ein beruͤhmtes Ge - birge in Aſien, und der Ganges und Hydaſpes ſind zween bekannte Fluͤſſe in Jndien. Seriea iſt eine Landſchaft zwiſchen China oſtwaͤrts, und demBerge Jmaus weſtwaͤrts. Was un - ſer Verfaſſer von den chineſiſchen Wa - gen ſagt, ſcheint er aus Heylin’s Cos - mographie genommen zu haben. p. 867. N.
f), an deſſen ſchneevollen Gipfel
Der umſtreifende Tartar graͤnzt, von Laͤndern entfernet
Die119Dritter Geſang.
Die fuͤr ihn leer ſind an Raub; nach Huͤgeln mit Heerden bedecket,
415
143 Sich mit dem Fleiſche der Laͤmmer und ſaugender Ziegen zu ſaͤttgen
Nimmt er gegen die Quellen des ſchnellen Hydaſpes, und Ganges,
(Jndiſcher Fluͤſſe) den Flug, und laͤßt ſich auf ſeinem Wege
Zu den unfruchtbaren Ebnen von Sericana herunter,
Wo die Chineſer die Wagen von Rohr mit Seegeln und Winden
420
143 Jn dem Sande hinrollen: So gieng auf dem ſtuͤrmiſchen Lande,
Welches ein Meer ſchien, Satan umher; allein, und nach Raube
Gierig. Allein; kein andres Geſchoͤpf ward außer ihm ſonſt hier
Leblos, oder lebendig, gefunden. Kein anderes itzo,
Aber nachher flog ein Haufen von eiteln und nichtigen Dingen
425
143 Von der Erde hieher, gleich leichten, luftigen Duͤnſten,
Da die Suͤnde die Werke der Menſchen mit Eitelkeit fuͤllte.
Eitle Dinge nicht nur, auch die, ſo in eitelen Dingen
Jhre thoͤrichte Hoffnung von Ehr, und von ewigem Nachruhm,
Oder Gluͤckſeeligkeit, baun, in dieſem itzigen Leben,
430
143 Oder in einem andern. Auch alle, die ihre Belohnung
Hier auf Erden haben; die Fruͤchte des blinden Eifers
Oder des peinvollen Aberglaubens; die anders nichts ſuchen,
Als das Lob der Menſchen, die finden hier ihre Vergeltung,
Eitel, wie ihre Thaten. Die unvollendeten Werke
435
143 Von der Hand der Natur; was ungeheuer, und unreif,
Oder ſeltſam vermiſcht iſt; fließt hieher, nachdem es auf Erden
Aufgeloͤſt worden; und wandelt allhier unnuͤtzlich, und eitel,
Biß zur letzten Vernichtung; nicht aber, wie einige traͤumten,
Jm benachbarten Mond. Die ſilbernen Felder bewohnen,
Staͤrkrer120Das verlohrne Paradies.
440
143Staͤrkrer Vermuthung nach, entweder verſetzte Heilgen,
Oder auch Geiſter, mittlere Weſen von Engeln und Menſchen.
Hieher kamen zuerſt die Rieſen der Vorwelt, gezeuget
Von ungleichen Soͤhnen und Toͤchtern, voll eiteler Thaten,
Obgleich damals beruͤhmt. Drauf die Erbauer von Babel,
445
143 Die auf Sinears Ebnen gebaut. Sie wuͤrden noch immer
Neue Babel errichten, wofern ſie nur Werkzeuge haͤtten.
Einige kamen auch einzeln. Empedokles, welcher den Menſchen,
Daß er ein Gott ſey, glauben zu machen, hinab in des Aetna
Flammen ſich thoͤricht geſtuͤrzt. Und jener, Cleombrotus, welcher
450
143 Jm Elyſium Platons die Freuden eher zu ſchmecken
Jn die See ſich hinabwarf; und andre, zu lang zu erzehlen,
Embryonen, und Jdioten, Einſiedler, und Moͤnche,
Weiße, nebſt ſchwarzen und grauen, und allen betruͤgriſchem Tande.
Pilger wallen allhier, die ſich ſo thoͤricht verirrten,
455
143 Daß ſie den, todt, auf Golgatha ſuchten, der lebet im Himmel.
Die auch, die deſto gewiſſer ins Paradies zu gelangen
Sterbend Dominikus Rock anlegen; und dieſe, die ſichrer
Durchgelaſſen zu werden, als Franziskaner ſich kleiden.
Durch die ſieben Planeten, und durch die Fixſterne gehn ſie
460
143 Und durch jene kryſtallne Sphaͤre
g)Milton ſpricht hier nach der al - ten Aſtronomie, die Ptolomaͤus ange - nommen und verbeſſert. Sie gehn durch die ſieben Planeten, unſer Planeten - oder Sonnenſyſtem; und durch die Fixſterne, und die kry -ſtallne Sphäre, oder den Kryſtall - himmel, welchem Ptolomaͤus eine Art vom Schwanze zuſchrieb, um gewiſſe unregelmaͤßige Bewegungen der Ster - ne zu erklaͤren. N.
g), durch deren Bewegung,
Jenes121Dritter Geſang.
Jenes beruͤhmte Zittern des oberſten Himmels erregt wird.
Und nun ſcheint es, Sankt Peter erwart an den Pforten des Himmels
Sie mit ſeinen Schluͤſſeln, und an der Steige zum Himmel
Heben ſie ſchon den Fuß in die Hoͤh; als ploͤtzlich ein Queerwind
465
144 Sie mit Ungeſtuͤm faßt, und weit in die Luͤfte, zehntauſend
Meilen vom Weg ab ſie blaͤſt. Dann kannſt du Kappen und Zipfel,
Kutten, in Stuͤcke zerriſſen, mit denen, die ſie getragen,
Flattern ſehn. Suͤndentaxen, Reliquien, Roſenkraͤnze,
Diſpenſationen, und Ablaßzettel, und Bullen,
470
144 Sind dann das Spiel der Winde. Dies alles flieget im Wirbel
Ueber die hintere Seite der Welt; ein finſterer Limbus,
Welcher ſich weit umher erſtreckt, und nachher, der Narren
Paradies hieß
h)Dieſes Narren-Paradies hat Milton aus dem Orlando furioſo des Arioſto genommen C. 34. St. 70. etc. Man muß es dem Geſchmacke der da - maligen Zeiten, und ſeinem Wider - willen gegen die roͤmiſchkatholiſche Re - ligion vergeben; denn freylich iſt dieſe ganze Stelle fuͤr ein ſo ernſthaftes Gedicht viel zu klein und komiſch. Z. Empedokles war ein Schuͤler des Pythagoras und ein Dichter und Weltweiſer aus Agrigent in Sicilien. Er ſchrieb in griechiſchen Verſen von der Natur der Dinge, wie Lucretius im Lateiniſchen nachher gethan. Erſtuͤrzte ſich heimlich in die Flammen des Aetna damit man, wenn man ihn nicht faͤnde, glauben moͤchte, er ſey als ein Gott in den Himmel ge - nommen worden. Seine eiſernen So - len aber, die von dem Feuerſpeyen - den Berge ausgeworfen worden, ent - deckten ſeinen Stolz, und machten ihn laͤcherlich, Horat. de Art. Poet 464. Hume. Cleombrotus hatte Platons Buch von der Unſterblichkeit der Seele und der Gluͤckſeeligkeit in jenem Leben ge - leſen, und ſtuͤrzte ſich gleich darauf in die See, um ſie deſto eher zu genießen. Newton.
h), nimmt alles dies ein; nur wenigen war es
Nachher unbekannt; doch itzt iſt es entvoͤlkert, und oͤde.
DieſeQ122Das verlohrne Paradies.
475
145Dieſe ganze finſtere Kugel fand Satan, und lange
Wandert er durch ſie hin; bis endlich des tagenden Lichtes
Schimmer den matten Fuͤßen hieher zu eilen gebietet.
Fernher entdeckt er ein hohes Gebaͤude. Mit praͤchtigen Stufen
Stieg es hinauf zum Walle des Himmels; zu oberſt am Gipfel
480
145 Sah man ein herrliches Werk, gleich hohen Koͤnigesthoren,
Aber viel praͤchtiger noch; es glaͤnzte von Demant und Golde,
Und von funkelnden Steinen; durch ein Modell nicht auf Erden
Nachzuahmen, noch auch durch Schatten und Licht zu entwerfen.
Seine Stufen glichen den Stufen, auf welchen einſt Jakob
485
145 Stralende Schaaren von Engeln, und Haufen himmliſcher Waͤchter,
Auf - und abſteigen ſah
i)Eine Nachahmung nach 1 Buch Moſ. XXVIII. 12. 13. Und ihm träumete und ſiehe! eine Leiter ſtund auf Erden, die rührte mitder Spitze an den Himmel, und ſiehe! die Engel Gottes ſtiegen daran auf und nieder, und der Herr ſtand oben drauf ꝛc. N.
i), nachdem er nach Padan-Aran
Jn die Gefilde von Lutz vor Eſau geflohn, und bey Nachtszeit
Unter dem offenen Himmel getraͤumt, und ausrief, erwachend,
Hier iſt die Pforte des Himmels! Jedwede der glaͤnzenden Stufen
490
146 Faßt ein Geheimniß in ſich; man ſah die Treppe nicht immer,
Sondern oft ward ſie unſichtbar hinauf zum Himmel gezogen.
Unter ihr floß ein ſchimmernder See von leuchtendem Jaſpis
Oder von fluͤßigen Perlen, auf welchen die ſchifften, die nachher
Von der Erde kamen, von ſchuͤtzenden Engeln gefuͤhret;
495
146 Oder in einem Wagen, von feurigen Roſſen gezogen,
Ueber den See hinflohn. Die himmliſche Bruͤcke war damals
Niedergelaſſen, um Satan entweder, indem es ſo leicht war,
Auf123Dritter Geſang.
Auf ihr hinaufzuſteigen, zu dieſem Verſuche zu reizen,
Oder die traurige Ausſchließung auch von den Thoren der Wonne
500
146 Deſto mehr ihm fuͤhlen zu machen. Recht unter derſelben
Oeffnet ſich uͤber dem ſeeligen Sitze des Paradieſes
Eine weite Straße zur Erde herunter (viel breiter,
Als die uͤber Sion nachher, und breiter, als jene
Ueber dem Land der Verheißung, das Gott ſo lieb war,) auf welcher
505
146 Oefters die himmliſchen Boten in ſeinen hohen Befehlen
Dieſe gluͤckſeeligen Staͤmme beſuchten, auf die er ſein Auge
Vorzuͤglich wandte. Von Paneas an
k)Die Graͤnzen des gelobten Lan - des werden in der heiligen Schrift be - ſtimmt, von Dan bis nach Berſa - ba, Dan als die nordlichſte und Ber -ſaba als die ſuͤdlichſte Graͤnze. Die Stadt Dan ward auch Paueas ge - nannt. N.
k), der Quelle des Jordans,
Bis nach Berſaba, da wo das heilige Land mit Aegypten,
Und dem Arabiſchen Ufer graͤnzt. So weit ſchien die Oeffnung,
510
147 Wo der Finſterniß Schranken, den Schranken aͤhnlich, geſetzt ſind,
Welche des Oceans Wellen umſchließen. Von hieraus ſah Satan
Von der unterſten Staffel auf dieſer guͤldenen Leiter,
Die zu den Thoren des Himmels hinauffuͤhrt, verwundernd hinunter,
Als er auf einmal vor ſich die neue herrliche Welt ſah.
515
147Wie ein Kundſchafter, wenn er die Nacht durch, umringt von Gefahren
Dunkle, wuͤſte Wege gewandelt; zuletzt mit dem Anbruch
Des erfreulichen Morgens den Gipfel des Berges erreichet,
Der unvermuthet die Ausſicht in unbekannte Provinzen,
Die er zuerſt itzt ſieht, vor ſeinen Blicken ihm oͤffnet:
520
147 Oder in eine beruͤhmte Hauptſtadt mit ſchimmernden Thuͤrmen
Q 2Die124Das verlohrne Paradies.
Die die aufgehende Sonne mit ihren Stralen verguͤldet;
Eine ſolche Verwundrung ergriff den Geiſt des Verderbens,
Ob er vorher gleich den Himmel geſehn. Noch ſtaͤrker ergriff ihn
Wuͤthender Neid, bey dem Anblick des herrlichen Weltgebaͤudes.
525
147Rund umher ſchaut er, (und konnt es auch wohl, indem er erhaben
Unter dem runden Gewoͤlbe des weiten Schattens der Nacht ſtand,)
Von dem oͤſtlichen Punkte der Wage
l)Die Wage, eines der zwoͤlf himmliſchen Zeichen ſteht dem Fließ - geſtirne, dem Aries oder Widder ge - rade gegenuͤber, das iſt von Oſten nach Weſten, denn wenn die Wage in Oſten aufgeht, geht das Fließge - ſtirne in Weſten unter. Es wird ge - ſagt, daß es Andromeden trägt, weil dieſes Geſtirn als eine Weibes - perſon uͤber dem Widder vorgeſtellt wi〈…〉〈…〉 d, und er alſo wenn er untergeht, Andromeden fern in die Atlanti - ſchen Fluthen in das große weſtliche Meer zu t[r]agen ſcheint, über den Horizont hin. Er ſchauet her -nachmals in die Breite von Pol zu Pol, das iſt, von Norden gen Suͤden, und dies heißt in die Breite, weil die Alten von der Erde von Oſten gen Weſten mehr wußten, als von Norden gen Suͤden, nnd dies alſo die Laͤnge, jenes aber die Breite nann - ten. N.
l)zum Fließgeſtirne
Welches Andromeden fern in die Atlantiſchen Fluthen
Ueber den Horizont hintraͤgt. Er ſchauet hernachmals
530
148 Jn die Breite von Pol zu Pol. Er zoͤgert nicht laͤnger
Sondern ſtuͤrzt drauf mit fallendem Fluge ſich ſenkrecht nieder
Jn die erſten Bezirke der Welt, und windet gemaͤchlich
Durch die reine marmorne Luft
m)Milton gebraucht, wie Virgil, dies Beywort ohne Abſicht auf die Haͤrte des Marmors, blos die Fein - heit und Weiße der Luft dadurch an - zuzeigen. N.
m), und durch zahlloſe Sternen,
Seinen gekruͤmmten Weg. Sie ſchienen zwar in der Entfernung
535
149 Sterne, doch naͤher betrachtet, ſo ſchienen ſie andere Welten.
Andere Welten vielleicht; vielleicht auch gluͤckliche Jnſeln,
Gleich125Dritter Geſang.
Gleich den Heſperiſchen Gaͤrten
n)So genannt vom Heſperus, Ve - ſper, weil ſie im Weſten unter dem Abendſtern lagen. Dieſe beruͤhmten Gaͤrten waren die Jnſeln um dasgruͤne Vorgebuͤrge in Afrika, deſſen weſtliche Spitze noch itzo Heſperium cornu genennt wird. Andre halten die Canariſchen Jnſeln dafuͤr. Hume.
n), ſo ſehr geprieſen vor Alters.
Gluͤckliche Fluren, und Haine, und blumichte duftende Thaͤler;
Dreymal gluͤckliche Jnſeln; doch was fuͤr Begluͤckte hier wohnten,
540
150 Forſcht er nicht lange. Die goldene Sonne, dem Himmel am gleichſten
Durch den herrlichen Glanz, zog ſeine Blicke vor allem
Auf ſich. Er wendet dahin durch die reine ruhige Feſte
Seinen Lauf; ob auf, oder nieder, zum Mittelpunkte
Oder vom Mittelpunkt, weſt - oder oſtwerts, iſt ſchwer zu beſtimmen.
545
150Da wo das große Licht, hoch uͤber gemeinen Geſtirnen,
Die von ſeinem herrſchenden Blick gehoͤrig entfernt ſtehn,
Um ſich die Stralen vertheilt; indem ſie in leuchtenden Kreiſen
Jhren Sternentanz nach Bewegungen halten, die Tage,
Monden, und Jahre, berechnen; ſo halten ſie ihren Umlauf
550
150 Schnell herum um die alleserquickende Lampe des Himmels;
Oder ſie werden gewendet durch ihre magnetiſchen Stralen,
Welche dies Ganze ſo lieblich erwaͤrmen, und, obgleich unſichtbar,
Jn die innerſten Theile ſanft dringen, und in die Tiefe
Ungeſehn wirkende Kraͤfte ſchießen. So wunderſam hatte
555
150 Sie ihr glaͤnzendes Amt. Hier landet Satan, ein Flecken,
Als kein Sternſeher je in der leuchtenden Scheibe der Sonne
Durch ſein optiſches Glas erblickt. Er fand die Stelle
Unausſprechlich glaͤnzend; mit nichts zu vergleichen auf Erden,
Weder mit Stein noch Metall. Zwar waren die Theile nicht alle
Q 3Unter -126Das verlohrne Paradies.
560
150Untereinander ſich gleich; doch waren ſie alle durchfahren
Mit dem ſtralenden Lichte, wie gluͤhendes Eiſen mit Feuer.
War es Metall, ſo ſchien es Gold, oder blendendes Silber;
Waren es Steine, ſo warens Carfunkel, und Chryſolithen,
Oder Rubinen, Topaſen, und von den zwoͤlf koͤſtlichen Steinen,
565
150 Die in Arons Bruſtſchilde glaͤnzten. Vielleicht auch dem Stein gleich,
Welchen man mehr ſich gedacht, als geſehn; den hier auf der Erde
Lang und umſonſt die Weiſen geſucht; umſonſt ihn geſuchet,
Ob ſie gleich durch die machtvolle Kunſt den fluͤchtigen Hermes
o)Hermes iſt ein andres Wort fuͤr Merkurius oder Queckſilber, welches ſehr fluͤßig, fluͤchtig und ſchwer zu fixiren iſt. Proteus, ein Meergott,welcher ſich in vielerley Geſtalten ver - wandeln konnte, aber wenn man ihn feſt hielt, zuletzt in ſeine wahre Geſtalt wieder zuruͤckkehrte. N.
o)
Binden, und ſelbſt aus den Tiefen des Meeres den alten Proteus,
570
151 Aufgeloͤſt in verſchiedne Geſtalten, heraufrufen koͤnnen,
Und in ſeine natuͤrliche Form durch den Brennkolben zwingen.
Alſo kein Wunder, daß hier die Felder und Landſchaften, reines
Elixir von ſich hauchen, und trinkbares Gold in den Fluͤßen
Rinnet, da die erzchymiſche Sonne, von uns ſo entfernet,
575
151 Nur durch eine kraͤftge Beruͤhrung, mit irdiſcher Naͤſſe
Untermiſcht, hier im Finſtern ſo viele koſtbare Dinge,
Von ſo herrlichen Farben, und ſeltſamer Wirkung, hervorbringt.
Ungeblendet, fand Satan allhier, umher ſich zu ſchauen,
Neuen Stoff. Sein forfchendes Auge herrſcht weit in die Ferne;
580
151 Seine Blicke fanden hier auch nicht Hindrung, noch Schatten,
Alles war Sonnenſchein rund um ihn her; als wenn ſie die Stralen
Senkrecht von dem Aequator um Mittag herunter ſchießet;
Denn127Dritter Geſang.
Denn itzt ſtiegen ſie ſenkrecht auf; daher denn kein Schatten
Jrgend von einem dunkeln Koͤrper umher fallen konnte.
585
151Seinen Geſichtsſtral ſchaͤrfte die Luft, die nirgends ſo hell iſt,
Weit entfernte Dinge zu ſehn; und ploͤtzlich entdeckt er
Jn ihr einen herrlichen Engel. Es ſah ihn Johannes
p)Und ich ſahe einen Engel in der Sonnen ſtehen. Offenbar XIX. 17.
p)
Auch nachher in der Sonne. Er hatt ihm den Ruͤcken gewendet,
Aber doch blieb ſein Glanz nicht verborgen. Ein guͤldener Hauptſchmuck
590
152 Von hellleuchtenden Sonnenſtralen umzirkte die Schlaͤfe,
Und nicht weniger herrlich bedeckten die blendenden Locken
Hinten wallend die Schultern, mit leichten Fluͤgeln befiedert.
Und ſo ſchien er beſtimmt zu einer großen Verrichtung,
Oder in tiefe Betrachtung vergraben. Der unreine Geiſt war
595
152 Jn der ſchmeichelnden Hoffnung nun froh, daß er jemand gefunden,
Welcher den irrenden Flug nach dem Paradieſe, des Menſchen
Gluͤcklichen Wohnung, beſtimmen konnte; der muͤhſamen Reiſe
Lange gewuͤnſchtes Ende, und unſers Elendes Anfang.
Erſtlich iſt er bemuͤht, die eigne Geſtalt zu verwandeln,
600
152 Um in Gefahr nicht zu falln, noch aufgehalten zu werden.
Und nun ſcheint er ein junger Cherub; zwar keiner der Erſten,
Aber doch laͤchelte himmliſche Jugend in ſeinem Geſichte,
Und jedwedes Gliedmaaß, (ſo wohl verſtellt er ſich) ſchmuͤckte
Anmuth und Anſtand; ſein fliegendes Haar, in Locken gekruͤmmet,
605
152 Spielte, mit einem Kranze geziert, um die bluͤhenden Wangen.
Fluͤgel trug er von farbichten Federn, mit Golde durchſprenget;
Auf -128Das verlohrne Paradies.
Aufgeſchuͤrzet zur eiligen Reiſ, umſchließt das Gewand ihn,
Und ein ſilberner Stab fuͤhrt ſeine beſcheidenen Tritte.
Als er ſich nahte, ward er gehoͤrt; der glaͤnzende Seraph
610
152 Wandt, eh er naͤher noch kam, ſein helles ſtralendes Antlitz
Um, gewarnt durch ſein Ohr; und da er ſich umwandt, ſah Satan,
Daß er der Erzengel Uriel war, und einer der ſieben,
Die am Throne zunaͤchſt vor Gottes Angeſicht ſtehen,
Jmmer bereit auf ſeine Befehle. Sie ſind durch die Himmel
615
152 Seine Augen
q)Nach Sachariaͤ IV. 10. Mit Augen, die das ganze Land den ſieben, welche ſind des Herrn durchziehn. N.
q), und bringen die ſchnellen Gebote zur Erde
Ueber Laͤnder und Seen. Jhn redte Satan alſo an:
Uriel, denn du biſt einer der ſieben herrlichen Geiſter,
Die vor Gottes erhabnem Thron in ſeinem Geſicht ſtehn;
Du biſt einer der erſten von heller ausnehmender Klarheit,
620
153 Welcher, als ſein Geſandter, den hohen gebietenden Willen,
Durch die hoͤheſten Himmel bringt, wo deine Geſandſchaft
Alle Soͤhne des Himmels erwarten. Auf hohe Verordnung
Biſt du vermuthlich auch hier zu gleichen Ehren beſtimmet,
Und ſollſt oft als ſein Auge die neue Schoͤpfung beſuchen.
625
153Unausſprechlichs Verlangen die Werke der Schoͤpfung zu ſehen,
Alle die wunderbaren Werke zu ſehn, und zu kennen,
Und beſonders den Menſchen, mit ſo vorzuͤglichen Gnaden
Von ihm geliebt; den Menſchen, fuͤr den er, ſo wundervoll, alle
Dieſe Werke geſchaffen; hat von der Cherubim Schaaren
So129Dritter Geſang.
630
153So alle’n mich hieher gebracht. O helleſter Seraph,
Sage mir doch, in welchem von dieſen leuchtenden Kugeln
Jſt des Menſchen Wohnung beſtimmt? Oder hat er vielleicht nicht
Eine gewiſſe Wohnung, und kann nach ſeinem Gefallen
Alle die leuchtenden Kugeln bewohnen? Wie kann ich ihn finden,
635
153 Um entweder an ihm die geheimen Blicke zu weiden,
Oder mit unverhohlner Verwundrung den Liebling zu ſchauen,
Welchen der große Schoͤpfer mit Welten begabt hat, und alle
Dieſe Gnaden auf ihn verſchuͤttet, damit wir geziemend
Jn ihm, und allen Dingen den allgemeinen Regenten
640
153 Preiſen moͤgen; Jhn, welcher mit Recht in die tiefeſte Hoͤlle
Die Rebellen gejagt, und ihren Verluſt zu erſetzen,
Dieſes neue gluͤckſeelge Geſchlecht der Menſchen erſchaffen,
Daß es ihm beſſer diene. Die Wege des Hoͤchſten ſind weiſe.
Alſo ſprach unentdeckt der falſche Heuchler. Denn weder
645
153 Menſchen, noch Engel, vermoͤgen die Heucheley zu erforſchen;
Dieſes einzige Uebel, das auf der Erd, und im Himmel,
Allem unſichtbar, wandelt, nur Gotte nicht, welcher es zulaͤßt,
Denn oft, wenn die Weisheit auch wacht, ſo ſchlaͤft doch der Argwohn
An der Pforte der Weisheit, und uͤberlaͤßt die Verwaltung
650
153 Seines Amtes der Einfalt, indem die Gutheit nichts uͤbels,
Wo nichts uͤbels zu ſeyn ſcheint, vermuthet. So ward auch der Engel
Uriel diesmal betrogen, wiewohl er der Sonne Beherrſcher,
Und der ſcharfſichtigſte Geiſt war von allen Geiſtern des Himmels,
Voller Aufrichtigkeit gab er dem ſchnoͤden Betrieger die Antwort:
RSchoͤner130Das verlohrne Paradies.
655
153Schoͤner Engel, die maͤchtge Begierde die Werke des Hoͤchſten
Zu erkennen, um dadurch noch mehr den großen Erſchaffer
Zu erhoͤhen; leitet dich nicht zu ſtrafbarer Neugier,
Sondern verdient vielmehr Lob, jemehr dies Ausſchweifung ſcheinet,
Was von deiner himmliſchen Wohnung hieher dich geleitet,
660
153 So allein; um alles mit eigenen Augen zu ſehen,
Wenn im Himmel ſo viel bloß mit der Erzehlung vergnuͤgt ſind.
Alle ſeine Werke fuͤrwahr ſind wunderbar; alle
Lieblich zu erkennen, und alle vollkommen wuͤrdig,
Daß man mit Luſt an ſie denke. Doch welcher erſchaffne Verſtand kann
665
153 Jhre Menge, noch auch die unendliche Weisheit, begreifen,
Die ſie hervor gebracht, die Urſach aber von ihnen
Tief verborgen. Jch ſahs, als dieſer unfoͤrmliche Klumpen,
Als der Grundſtoff der Welt, auf ſeinen Befehl, ſich in Haufen
Sammelte. Seine Stimme vernahm die wuͤſte Verwirrung,
670
153 Und bezaͤhmt, ſtand der Aufruhr, begraͤnzt, das unendliche Leere.
Bis auf ſein zweytes Wort die Finſterniß floh, und das Licht ſchien,
Und aus Unordnung Ordnung entſtand
r)So ſagt Plato im Timaͤus:〈…〉〈…〉, welches Tullius ſo im Lateiniſchen aus -druckt: Id ex inordinato in ordinem adduxit. Thyer.
r). Dann begaben ſich ploͤtzlich
Die verwickelten Elemente, die Erde, das Waſſer,
Und die Luft, und das Feuer, nach ihren verſchiednen Bezirken.
675
154Und die aͤtheriſche Quinteſſenz des Himmels flog aufwaͤrts
Jn verſchiednen geiſtgen Geſtalten; in ſphaͤriſche Kugeln
Rollten131Dritter Geſang.
Rollten ſie ſich, und wurden zu Sternen, unzehlig; du ſiehſt es,
Wie ſie umher ſich bewegen. Jedweder hat ſeine Stelle,
Jeder hat ſeinen beſondern Lauf; das uͤbrige wallet
680
154 Zirkelnd um dieſes Ganze. Sieh nieder zu dieſer Kugel,
Deren zu uns gekehrte Seite mit Lichte von hieher
Stralt; zwar nur mit erborgtem Lichte, das wieder zuruͤckſchlaͤgt;
Dieſer Platz iſt die Erde, die gluͤckliche Wohnung des Menſchen;
Dieſes Licht iſt ihr Tag. Sie wuͤrde die Nacht ſonſt umhuͤllen,
685
154 Wie die andere Haͤlfte der Kugel; doch leiſtet bey Zeiten
Jhr der benachbarte Mond, der ſchoͤne Stern gegenuͤber,
Seine Huͤlfe. Dieſer vollfuͤhrt mit jeglichem Monath
Seinen Lauf, und erneut ihn ſtets durch die Himmel; von hieher
Fuͤllt er, und leert er mit fremden Lichte ſein dreyfoͤrmig Antlitz
s)Mit zunehmenden Hoͤrnern gen Oſten, mit abnehmenden Hoͤrnern gen Weſten, und wenn er voll iſt. N.
s),
690
155 Um der Erde zu leuchten, und hindert die Nacht in der Herrſchaft,
Dieſer Fleck, den mein Finger bezeichnet, iſt Eden, die Wohnung
Adams; und dieſe gewoͤlbten Schatten ſind ſeine Laube;
Du kannſt deinen Weg nicht verfehlen, mich fordert der meine.
Als er dies ſagte, ſo wandt er ſich um. Mit tiefer Verehrung
695
155 Neigte ſich Satan vor ihm, wie man im Himmel gewohnt iſt
Gegen hoͤhere Geiſter zu thun, wo niemand die Ehrfurcht,
Welche dem andern zukoͤmmt, vergißt. Und ſo nimmt er Abſchied,
Und ſtuͤrzt von der Ekliptik mit niederſchießendem Fluge
R 2Nach132Das verlohrne Paradies. Dritter Geſang.
Nach den Kuͤſten der Erd in manchem Luftrad
t)Durch dieſen Ausdruck hat Mil - ton Satan keine luſtige Bewegung zu - ſchreiben, ſondern nur ſeine Geſchwin - digkeit dadurch anzeigen wollen; wie dieſes auch bey den Jtaliaͤnern eine gewoͤhnliche Redensart iſt. Thyer.
t)herunter,
700
156 Mit gehofftem Fortgang befluͤgelt; und ruhet nicht eher,
Bis er ſich auf den Gipfel des hohen Niphates
u)Ein Gebirge an den Graͤnzenvon Armenien, nicht weit von der Quelle des Tigris, wie Xenophon aus eigner Erfahrung verſichert. Der Dichter laͤßt Satan ſich auf dieſen Berg hernieder laſſen, weil er an Me - ſopotamien graͤnzt, in welches die be - ſten Schriftſteller das Paradies ſetzen. Hume.
u) herablaͤßt.
Das
[figure]
[133]

Das Verlohrne Paradies. Vierter Geſang. Das Verlohrne Paradies. Vierter Geſang.

R 3[134]135
O! wo iſt itzt die warnende Stimme, die laut durch die Himmel
Jener rufen gehoͤrt, dem Pathmos die Zukunft enthuͤllte;
Damals, als auf der zweyten Flucht, der grimmige Drache
Wuͤthend vom Himmel herabkam, ſich an den Menſchen zu raͤchen.
5
157Wehe! der Erde Bewohnern
a)Nach Offenbar. Joh. XII. 12. Wehe denen, die auf Erden woh - nen, und auf dem Meer, denn der Teufel kömmt zu euch hinab, und hat einen großen Zorn. N.
a)! daß itzo, indem es noch Zeit war,
Unſre Stammeltern vor ihm gewarnt, und von dem Herannahn
Jhres geheimen grimmigen Feindes benachrichtigt, alſo
Jhm entgangen waͤren, vielleicht dem toͤdtlichen Netze
Alſo entgangen waͤren! Denn itzt kam Satan hernieder,
10
158 Von der heftigſten Wuth entflammt. Jtzo der Verſucher,
Dann der Verklaͤger des Menſchengeſchlechts
b)Wie er in eben dieſem Kapitel der Offenbarung vorgeſtellet wird. Denn der Verkläger unſrer Brü - der iſt verworfen, der ſie verkla - get Tag und Nacht vor Gott. N.
b). Zum erſtenmal kam er
Auf die Erde herab, ſein erſtes verlohrnes Treffen,
Und die ſchimpfliche Flucht nach der Hoͤll, am unſchuldigen Menſchen,
Am gebrechlichen Menſchen, zu raͤchen. Doch freut er ſich wenig
15
159 Wegen der kuͤhnen eiligen Reiſe, ſo unerſchrocken
Er in der Ferne geweſen; er hat auch zu pralen nicht Urſach,
Da136Das verlohrne Paradies.
Da er das grauſame Werk itzt beginnt. Der Ausfuͤhrung nahe,
Wallt es in ſeiner aufruͤhriſchen Bruſt, und ſchlaͤgt auf ihn ſelber,
Als ein teufliſches Werkzeug, zuruͤck. Die verwirrten Gedanken
20
159 Werden von Grauſen und Zweifel zerriſſen, die in ihm die Hoͤlle
Von Grund auf entzuͤnden; Denn er bringt mit ſich die Hoͤlle,
Jn ſich, und rund um ſich her; und durch die Veraͤndrung des Ortes
Kann er der Hoͤlle ſo wenig, als wie von ſich ſelber entfliehen.
Das Gewiſſen weckt itzt die Verzweiflung, die in ihm geſchlummert;
25
159 Weckt in ihm die bittre Erinnrung des vorigen Zuſtands,
Was er war, was er iſt, und was ihm noch ſchlimmers bevorſteht,
Denn auf ſchlimmere Thaten erfolgen noch ſchlimmere Strafen.
Manchmal lenkt er voll Gram die traurigen Blicke gen Eden,
Das itzt in lachender Anmuth ihn im Geſicht lag; und manchmal
30
159 Nach dem Himmel hinauf, und nach der hellglaͤnzenden Sonne,
Die erhaben itzt ſaß in ihrem mittaͤglichen Thurme
c)Zur Mittagszeit iſt die Sonne wie auf einem Thurm erhaben. So ſagt Virgil in ſeinem Culex v. 41. Igneus aethereas jam ſol penetrâ - rat in arces. Zu den aͤtheriſchen Thürmen war ſchon die feurige Sonne Aufgeſtiegen. Richardſon.
c).
Voll von tauſend Gedanken, beginnt er drauf alſo mit Seufzen:
Du, mit ausnehmendem Glanze
d)Als Milton aus dem verlohrnen Paradieſe nur ein bloßes Trauerſpiel machen wollte, waren dieſe zehn er - ſten Zeilen der Anfang davon, die er ſeinem Neffen Eduard Philips, und andern gezeigt. N.
d)gekroͤnt, du, die du herabſiehſt
Von dem hohen monarchſchen Gebiet, als wenn du der Gott waͤrſt
35
161 Dieſer neuerſchaffenen Welt; vor welcher die Sterne
Jhre dunkelern Haͤupter, ſo bald du hervorgehſt, verhuͤllen;
An137Vierter Geſang.
An dich wend ich die Stimme, doch nicht die Stimme des Freundes,
Und ich nenne mit Namen, dich Sonne; damit ich dir ſage,
Wie mir deine Stralen verhaßt ſind, die in das Gedaͤchtniß
40
161 Meinen vorigen Zuſtand mir bringen, von dem ich gefallen!
O wie glorreich war er! wie war er ehmals erhaben
Ueber deiner Sphaͤre, bis daß der verderbliche Hochmuth,
Und noch ſchlimmere Herrſchſucht, mich ſo zu Boden geſtuͤrzet,
Da ich verwegen im Himmel den Koͤnig des Himmels bekriegte,
45
161 Dem kein anderer gleicht. Und ach! warum? Er verdiente
Keine ſolche Vergeltung von mir, da Er mich geſchaffen,
Was ich war, ſo glaͤnzend, ſo hoch erhaben, und niemals
Seine Guͤte mir vorwarf! Auch wars nicht ſchwer ihm zu dienen!
Was war leichter, als ihn mit Lob und Dank zu bezahlen.
50
161Eine ſo leichte Vergeltung! Wie billig war ſie! Und dennoch
Ward in mir alle ſein Gutes zu lauter Boͤſem, und brachte
Lauter Verderbniß hervor. So hoch erhaben, verdroß mich
Unterwerfung. Noch hoͤher, nur Eine Stufe noch hoͤher,
Dacht ich der Allerhoͤchſte zu werden, und dachte ſogleich auch
55
161 Von der endloſen Dankbarkeit unermeßlichen Schulden
Mich zu befreyn; ſo ſchwer, auch wenn ſie bezahlt worden, doch noch
Jmmer ſchuldig zu bleiben, vergaß ich was ich beſtaͤndig
Von ihm empfieng, und ſah es nicht ein, daß ein dankbar Gemuͤthe,
Wenn es die Schuld erkennt, nichts ſchuldig iſt, immer bezahlet;
60
161 Zwar in Schulden faͤllt, doch auch zugleich die Schulden entrichtet
e)Nach dem Cicero, Gratiam autem et qui retulerit, habere, et qui habeat, retuliſſe. Bentley.
e).
WelcheS138Das verlohrne Paradies.
Welche Laſt denn? O haͤtte mich doch ſein maͤchtiges Schickſal
Zum geringern Engel gemacht, ſo ſtuͤnd ich vielleicht noch
Gluͤcklich; und taͤuſchende Hoffnung, die keine Schranken mehr kennet,
Haͤtte nicht meinen Ehrgeiz erregt. Doch warum nicht? Wer weis es,
65
162 Ob nicht ein andrer Geiſt, ſo maͤchtig, wie ich, ſich empoͤret,
Und alsdenn mich geringern auf ſeine Seite gezogen?
Aber andre Maͤchte, mir gleich an Glanz und an Groͤße,
Sind nicht gefalln, und ſtehn unerſchuͤttert; von innen und außen
Wider alle Verſuchung geſtaͤhlt. Hattſt du denn denſelben
70
162 Freyen Willen, dieſelbe Macht, zu ſtehn? Ja du hattſt ſie!
Wen oder was denn kannſt du verklagen, was ſonſt, als des Himmels
Freye Liebe, die allen gleich mitgetheilt wird. So ſey denn
Seine Liebe verflucht, da Haß und Liebe mir gleich iſt,
Und zu ewger Pein mich verdammt, doch nein, ſey du ſelber,
75
162 Sey du ſelber verflucht, da du freywillig erwaͤhlet,
Wider ſeinen Willen erwaͤhlt haſt, woruͤber du itzo
Dich mit ſo viel Rechte beklagſt. Wie ſoll ich, Elender,
Seinem unendlichen Zorn entfliehn der Verzweiflung entfliehen,
Die mich beſtaͤndig verfolgt! Wohin ich flieh, iſt die Hoͤlle;
80
162 Jch bin ſelbſt mir die Hoͤlle! und in der tiefeſten Tiefe
Find ich noch eine tiefere Tiefe, die, mich zu verſchlingen,
Jhren drohenden Schlund mir immer eroͤffnet. Die Hoͤlle
Die ich leide, ſcheint gegen ſie Himmel! Ergieb dich denn endlich!
Jſt kein Platz fuͤr die Reu, iſt keiner fuͤr die Vergebung
85
162 Uebrig gelaſſen? Nein keiner, als durch Unterwerfung. Mein Hochmuth
Unterſagt mir dies Wort; die Furcht vor der Schande verbeut mirs
Bey139Vierter Geſang.
Bey den Geiſtern dort unten; Jch habe mit andern Verſprechen
Sie verfuͤhrt, mit anderm Prahlen, als Unterwerfung,
Da ich mich, den Allmaͤchtgen zu uͤberwinden, geruͤhmet.
90
162O ich Armer! Sie wiſſen es wenig, wie viel mich dies ſtolze,
Dieſes vergebliche Prahlen koſtet, und wie ich inwendig
Unter den tiefſten Quaalen erliege, wenn ſie mich mit Ehrfurcht
Auf dem Throne der Hoͤllen anbeten. So hoch mich mein Zepter,
Und dies Diadem, vor andern erhebt, ſo viel tiefer
95
162 Fall ich herab; der Oberſte zwar, jedoch nur im Elend.
Solche Freude findet der Ehrgeiz. Doch wenn ich zur Reue
Mich entſchließen koͤnnte, wenn ich durch Gnad und Vergebung
Meinen vorigen Zuſtand erlangte; wie wuͤrde die Hoͤh bald
Wieder hohe Gedanken erwecken; und bald wiederrufen.
100
162Was Unterwerfung verſtellt geſchworen! wie wuͤrd ich im Gluͤcke
Meine Geluͤbde fuͤr leer, und fuͤr erzwungen, erklaͤren,
Die ich im Ungluͤck gethan! (Wahrhafte Verſoͤhnung kann nimmer
Jn dem Herzen wachſen, von Wunden des toͤdtlichſten Haſſes
So durchdrungen) zu ſchlimmerm Zuruͤckfall, zu ſchwererm Hinabſturz,
105
162 Wuͤrde mich dieſes nur leiten. So wuͤrd ich mit doppelten Schmerzen
Theuer den kurzen Stillſtand erkaufen. Dies weis mein Beſtrafer,
Und iſt deshalb ſo wenig geneigt mir Frieden zu geben,
Als ich geneigt bin, von ihm ihn zu betteln. So iſt denn die Hoffnung,
Alle Hoffnung gaͤnzlich verlohren! Und ſiehe! ſtatt unſer,
110
162 Die wir verſtoßen, ins Elend gejagt ſind, ſein neues Vergnuͤgen,
Dieſes geſchaffne Geſchlecht der Menſchen; und fuͤr dies Geſchlechte
Dieſe herrliche Welt. So fahre denn wohl, o Hoffnung,
S 2Fahre140Das verlohrne Paradies.
Fahre, wohl, o Furcht, und du, o Reue! Fuͤr mich iſt
Alles Gute verlohren; ſey du mein Gutes, o Uebel!
115
162Wenigſtens werd ich durch dich das Reich mit dem Koͤnig des Himmels,
Theilen; vielleicht auch durch dich noch mehr als die Haͤlfte regieren,
Wie in kurzem der Menſch und dieſe Welt ſoll erfahren!
Als er ſo ſprach, ward ſein Antlitz von jedem Affekte verdunkelt,
Und erblaßte dreymal vor Zorn, und Neid, und Verzweiflung
120
162 Sein geborgtes Geſicht ward entſtellt, und haͤtte verrathen,
Daß es nachgemacht ſey, wenn irgend ein Aug ihn geſehen.
(Denn von ſolchen haͤßlichen Trieben ſind himmliſche Seelen
Allezeit heiter.) Er nimmt ſich deshalb in Acht, und beſaͤnftigt
Jeden Sturm des Gemuͤths in tiefer Stille von auſſen
125
162 Des Betrugs Erfinder, er war der erſte, der Falſchheit
Unter heiligem Scheine veruͤbt; die tiefeſte Bosheit,
Schwanger von Rachgier, zu verbergen. Doch hatt er genug nicht
Sie veruͤbt, den einmal gewarnten Waͤchter der Sonne,
Uriel, zu betriegen. Er war mit forſchenden Blicken
130
162 Seinen Weg ihm herunter gefolgt, und ſah ihn entſtellet
Auf dem Aſſyriſchen Berg
f)Bentley will haben auf dem Armeniſchen Berg; der Niphates aber wird vom Plinius zwiſchen Ar -menien und Aſſyrien geſetzt, und kann alſo auch der Aſſyriſche heißen. Pearce.
f); entſtellter, als gluͤckliche Geiſter
Jemals es werden koͤnnen. Er ſah die wilden Geberden,
Und ſein tobend Betragen, indem er allein, unbemerket,
Ungeſehen, zu ſeyn ſich ſchmeichelt. So eilet er weiter,
Und141Vierter Geſang.
135
163Und koͤmmt an die Graͤnzen von Eden, wo itzo voll Anmuth
Naͤher das Paradies mit einer gruͤnen Umfaſſung
Einer Landwehr gleich, das Haupt einer felſichten Wildniß
Kroͤnte, deren haarichte Seiten mit dicken Geſtraͤuchen
Ueberwachſen, grotesk, und verwildert, den Zugang verſagten.
140
163Hohe dunkele Schatten, von unuͤberſteiglicher Hoͤhe,
Ragten uͤber dem Haupt hervor; die Ceder, die Tanne,
Und die Ficht, und die Palme mit weitverbreiteten Zweigen,
Eine waldichte Scene; und ſo wie Schatten auf Schatten
Stufenweis aufſteigen, ſtanden ſie da, ein Waldtheater,
145
163 Von dem praͤchtigſten Anblick. Weit uͤber die ſchattichten Gipfel
Ragte der gruͤnende Wall des Paradieſes heruͤber.
Unſer Stammvater ſchaute von da mit offener Ausſicht
Jn ſein niederes Reich, das nachbarlich rund um ihn herlag.
Hoͤher noch, als der Wall, ſtand eine zirkelnde Reihe
150
163 Mit den ſchoͤnſten Fruͤchten beladner herrlichen Baͤume.
Frucht und Bluͤthe ſah man zugleich, von guͤldenem Glanze,
Mit dem bunten Schmelze der munterſten Farben vermiſchet.
Auf ſie druͤckte weit freudger die Sonne die lachenden Stralen,
Als bey ihrem Abſchied in ſchoͤnen Abendgewoͤlken;
155
163 Oder im feuchten Bogen, wenn Gott die Erde getraͤnkt hat.
So voll Anmuth erſchien hier die Landſchaft. Aus reinen Luͤften
Kam er in reinre. Sein Herz empfand ein ſolches Vergnuͤgen,
Solche Fruͤhlingsluſt, die faͤhig war, alle Betruͤbniß
Zu vertreiben, nur nicht die Verzweiflung. Nun ſchuͤttelten ſanfte
160
163 Liſpelnde Luͤfte die Schwingen, mit ſuͤßen Geruͤchen beladen,
S 3Und142Das verlohrne Paradies.
Und verſtreuten gewachſenes Rauchwerk; und fliſterten ſaͤuſelnd,
Wo ſie die Balſambeute geraubt. Wie Seefahrer fuͤhlen,
Wenn ſie das Vorgebirge der Hoffnung voruͤbergeſeegelt,
Und nun Mozambik vorbey ſind. Mit holden Sabaͤiſchen Duͤften
g)Von Saba, einer Stadt und Gegend des gluͤckſeligen Arabiens, die wegen des Weyhrauchs am beruͤhm - teſten iſt. N.
g)
165
164Weht der Nordoſtwind ſie itzt vom ſpezereyvollen Ufer
Des begluͤckten Arabiens an. So langſam ſie fahren,
Sind ſie doch mit dem Verzug wohl zufrieden. Der Ocean laͤchelt
Manche Meile lang fort, am holden Geruch ſich ergoͤtzend.
So ergoͤtzte ſich Satan an dieſen holdſeeligen Duͤften,
170
164 Welcher ſie zu vergiften itzt kam, obgleich ſie ihm beſſer
Als dem Asmodi
h)Asmodi war der boͤſe Geiſt, wel - cher in Sara, die Tochter Naguelsverliebt war, deren ſieben erſte Maͤn - ner er umbrachte; nachdem ſie aber mit dem jungen Tobias vermaͤhlt war, wurde er durch den Rauch von dem Herzen und der Leber eines Fiſches vertrieben. Siehe das Buch Tobias Kap. VIII. N.
h) der Fiſchrauch gefielen, der von des Tobias
Sohn und ſeiner Verlobten ihn trieb, als, ihn zu beſtrafen,
Er nach Aegypten geſandt ward, mit feſten Ketten gebunden.
Satan hatte nunmehr in tiefen Gedanken, und langſam,
175
165 Sich dem Aufgang des ſteilen verwilderten Huͤgels genahet,
Aber fand keinen weitern Weg; ſo dick in einander
Waren die zackigten Straͤucher, und dichten Gebuͤſche verwachſen,
Einer fortlaufenden Hecke gleich; daß Menſchen, und Thiere,
Die hier giengen, nicht durchbrechen konnten. Nur eine Pforte
180
165 War hier, die auf der andern Seite nach Oſten zu ſchaute.
Als143Vierter Geſang.
Als der Erzverraͤther ſie ſah, verſchmaͤht er veraͤchtlich
Den gehoͤrigen Eingang, und ſprang mit fliegendem Sprunge
Ueber alle Huͤgel, und uͤber die hoͤheſten Waͤlle,
Und ließ innerhalb ſich auf ſeine Fuͤſſe hernieder.
185
165Wie ein raͤubriſcher Wolf, den nagender Hunger nach Beute
Forttreibt in fremde Bezirke, wo wachſam die Schaͤfer am Abend
Jhre Heerden auf ſichern Geſilden, in feſte Schranken
Eingeſperrt halten, mit leichtem Sprung uͤber niedrige Huͤrden
Jn die Heerde hinabſpringt; und wie ein Dieb, der die Kiſten
190
165 Eines wohlhabenden Manns zu pluͤndern gedenket; die Thuͤren
Stark, und maſſiv, ſind wohl verwahrt mit eiſernen Stangen;
Keinen Anfall fuͤrchtend; er aber ſteiget zum Fenſter,
Oder zum Dach herein. So ſtieg er, der Erſte, große
Raͤuber in Gottes Schaafſtall, ſo ſteigen die Miethlinge nachher
195
165 Jn die Kirche des Hoͤchſten. Jtzt flog zum Baume des Lebens
Satan auf; (er ſtand in der Mitte der hoͤchſte der Baͤume)
Und ſaß auf demſelben gleich einem Meerraben
i)Der Dichter hat Satan im drit - ten Buche mit einem Geyer verglichen, und hier ſehr wohl mit einem Meer - raben; welches ein ſehr gefraͤßiger Seevogel iſt, und ein ſehr gutes Bild von dieſem Verderber des Menſchen - geſchlechts abgiebt.
i); ſaß hier,
Aber erlangte dadurch nicht wahres Leben
k)Was ſollte Satan fuͤr einen an - dern Gebrauch von dem Baum des Lebens machen? Wuͤrde, wenn er da - von gegeſſen haͤtte, dieſes ſein Weſen veraͤndert, oder ihn noch unſterblicher gemacht haben, als er ſchon war? Es iſt nicht leicht, Miltons wahren Sinn dieſer Stelle einzuſehn. N.
k); den Tod nur,
Weiſſagend allen, die lebten; auch dacht er nicht an die Tugend
200
167 Dieſer lebengebenden Pflanze; zur Ausſicht allein nur
Braucht144Das verlohrne Paradies.
Braucht er, was beſſer genutzt, ein Pfand der Unſterblichkeit fuͤr ihn
Waͤre geworden. (So wenig weis jemand, als Gott nur, den Werth oft
Eines Gutes, das vor ihm liegt; die nuͤtzlichſten Dinge
Werden, wo nicht zum ſchlimmſten, zum kleinſten Gebrauch oft verkehret:)
205
167 Unter ſich ſah er nunmehr mit neuem Wunder den Reichthum
Und die Schaͤtze der ganzen Natur; im engen Bezirke
Lagen ſie offen vor jedem Vergnuͤgen der menſchlichen Sinnen,
Und es ſchien hier ein Himmel auf Erden. Denn Gottes Garten
War das gluͤckliche Paradies, von ihm in dem Oſten
210
167 Edens gepflanzt
l)1 B. Moſ. II. 8. Und Gott der Herr pflanzte einen Garten in Eden gegen den Morgen. Auran Haran, Charran, oder Charraͤ eineStadt in Meſopotamien, am Euphrat. Seleucia, eine Stadt vom Seleucus, einem Nachfolger Alexanders des Groſ - ſen an dem Tigris erbaut. N.
l). Und Eden verſteckte ſich oſtwerts von Auran
Bis zu den Koͤnigsthuͤrmen der großen Seleucia, praͤchtig
Von den griechſchen Monarchen erbaut, wo die Soͤhne von Eden
Lange zuvor in Tilaßar gewohnt. Hier hatte der Schoͤpfer
Seinen noch ſchoͤnern Garten im ſchoͤnſten Boden gepflanzet.
215
168Alle Baͤume der edelſten Art, ſowohl fuͤr die Augen,
Als den Geruch, und Geſchmack, entſproßten dem fruchtbaren Erdreich
Auf ſein Wort; und in der Mitte ſtand unter denſelben,
Hoch erhaben, der Baum des Lebens; Ambroſiſche Fruͤchte
Reifenden Goldes bluͤhten auf ihm; es wuchs naͤchſt am Leben
220
168 Unſer Tod, der Baum der Erkenntniß; des Guten Erkenntniß
Durch die Erkenntniß des Uebels nur allzutheuer erkaufet.
Suͤdwerts rauſchte durch Eden ein breiter Fluß, unveraͤndert
Hielt er den Lauf, und floß, vom duͤrren Sande verſchlungen,
Unter145Vierter Geſang.
Unter den waldichten Huͤgel hindurch; denn dieſes Gebirge
225
168 Hatte Gott uͤber dem reißenden Strom, dem Garten zum Grunde
Hoch erhaben; der Fluß quoll durch die Adern der Erde,
Aufgezogen mit lieblichem Dufte, hervor, als ein Springbrunn,
Welcher mit manchen rieſelnden Bach den fruchtbaren Garten
Waͤſſerte, bis er vereint den ſteilen Huͤgel hinabſchoß,
230
168 Und ſich unten zum Strome miſchte, der itzo von neuem
Aus den finſteren Grotten, die er durchfloſſen, hervorkam.
Jn vier Hauptfluͤſſen
m)1 B. M. II. 10. Und es gieng aus von Eden ein Strom, zuwaͤſſern den Garten und theilete ſich daſelbſt in vier Hauptwaſſer.
m)ſtroͤmt er nunmehr auf verſchiedenen Wegen
Durch ſo manches beruͤhmte Reich, wovon zu erzehlen
Hier nicht noͤthig iſt, noͤthiger waͤr es, wofern es die Kunſt nur
235
169 Abzuſchildern vermoͤchte, wie aus dem ſaphirnen Brunnen
Die ſich kraͤuſelnden Baͤch, in labyrinthiſchen Kruͤmmen,
Unter hangenden Schatten, ſich uͤber Perlen und Goldſand
Rollten, und Nektar rannen; der jede Pflanze beſuchte,
Jede Blume naͤhrte, des Paradieſes ſo wuͤrdig;
240
169 Welche die feinſte Kunſt nicht auf Beeten, und zierlichen Feldern,
Sondern allein die guͤtge Natur verſchwendriſch hervorbringt
Auf den Ebnen, im Thal, und auf dem fruchtbaren Huͤgel,
Da wo die Morgenſonne zuerſt die offenen Felder
Sanft erwaͤrmt, oder da, wo undurchdringliche Schatten
245
169 Kuͤhle mittaͤgliche Lauben ſchwaͤrzen. Der Ort war alſo
Ein anmuthiger Landſitz von mancher lachenden Ausſicht.
Luſt -T146Das verlohrne Paradies.
Luſtwaͤlder, wo die koͤſtlichen Baͤume wohlriechendes Gummi,
Oder Balſam weinten; von andern hiengen die Fruͤchte
Glaͤnzend mit guͤldenen Schaalen voll Anmuth herunter; hier wurden
250
169 Die Heſperiſchen Fabeln wahr, hier allein, oder nirgend.
Fruͤchte vom ſchoͤnſten Geſchmack. Es lagen blumichte Wieſen,
Lachende Auen, zwiſchen den Waͤldern, mit graſenden Heerden.
Oder Palmenhuͤgel, und manche gewaͤſſerte Thaͤler,
Schloſſen den Blumenſchooß auf, und zeigten die duftenden Schaͤtze,
255
169 Blumen von allen Farben, und ohne Dornen die Roſe.
An der andern Seit erblickte man ſchattichte Hoͤhlen;
Grotten mit kuͤhlen Gemaͤchern, woruͤber der fruchtbare Weinſtock
Seine purpurnen Trauben verſpreitet, und anmuthsvoll fortkriecht,
Murmelnde Waſſer fallen indeß die Klippen herunter,
260
169 Welche ſich theilen, oder im See die Fluthen verſammeln,
Der dem Ufer, mit Myrthen gekroͤnt, den kryſtallenen Spiegel
Vorhaͤlt; die Voͤgel erheben dazu die melodiſchen Choͤre;
Und die ſuͤßeſten Luͤfte, holdſeelige Fruͤhlingsluͤfte,
Welche die holden Geruͤche der Fluren und Waͤlder aushauchen,
265
169 Stimmen dazu mit ſanftem Geraͤuſche die zitternden Blaͤtter.
Mit den Gratien, und mit den Stunden, in Taͤnze geſchloſſen,
Leitet der allgemeine Pan
n)Die Alten machten aus allen Dingen Perſonen; Pan iſt die Natur; die Gratien ſind die angenehmen Jahrszeiten; und die Stunden ſind die Zeit, die zu Hervorbringung und zur Vollkommenheit der Dinge erfor - dert wird. Milton ſagt alſo nur aufeine ſehr poetiſche Art, (wie Homer vor ihm in dem Hymnus an den Apoll gethan), daß itzo die ganze Natur in vollkommner Schoͤnheit war, und je - de Stunde etwas neues und vollkom - menes hervorbrachte. Richardſon.
n)den ewigen Fruͤhling
Ueber147Vierter Geſang.
Ueber die Fluren einher. Die ſchoͤnen Gefilde von Enna
o)Nicht das ſchoͤne Feld von En - na in Sicilien, welches Ovid und Claudian ſo ſehr wegen ſeiner Schoͤn - heit geruͤhmt haben, wo Proſerpi - na durch den dunkeln Gott der Hölle, Dis oder Pluto geraubt wurde, wel - ches ihre Mutter Ceces veranlaßte, ſie durch die ganze Welt zu ſuchen; noch der angenehme Hayn Daphne bey Antiochia, der Hauptſtadt von Syrien, an den Ufern des Fluſſes Orontes, nebſt der dortigen Caſta - liſchen Quelle, die gleichen Namen mit der in Griechenland fuͤhrte, und we - gen ihrer prophetiſchmachenden Kraͤfte erhoben wurde; noch die Jnſel Nyſa, umgeben von dem Fluß Triton in Afrika, wo Cham, oder Ham ein Sohn Noah, (der zuerſt Egypten und Lybien bevoͤlkert, und unter den Hey -den Ammon, oder der lybiſche Ju - piter hieß,) die Amalthea, und ih - ren ſchoͤnen Sohn Bachus (welcher deshalb Dionyſus genennt wurde) verbarg, vor ſeiner Stiefmutter Rhea Augen, der Stiefmutter des Bachus, und der Gemahlinn des Lybiſchen Ju - piters; noch das Gebirge Amara, wo die Koͤnige von Abaſſinien, oder Abyſſinien (einem Koͤnigreich des obern Aethiopiens) ihre Soͤhne verwahren ließen, in einer außerordentlich ſchoͤ - nen Gegend von vortrefflicher Aus - ſicht, mit Alabaſterfelſen umgeben; nichts von allem dem konnte mit dem Paradieſe von Eden um den Vorzug ſtreiten, es uͤberſtieg alſo alles, was die Geſchichtſchreiber oder die Poeten von den anmuthigſten Oertern ge - ſchrieben oder erdichtet. N.
o)
Wo Proſerpina Blumen gepfluͤckt, und ſelbſt als die ſchoͤnſte
270
171 Blume vom dunklen Dis gepfluͤckt ward, welches der Ceres
Durch die Welt ſie zu ſuchen ſo vielen Kummer gekoſtet,
Noch der liebliche Hayn vom Daphne an dem Orontes,
Noch auch jene begeiſternde Quelle Caſtaliens, konnte
Mit dem Paradieſe von Eden ſtreiten; ſo wenig
275
171 Als die Nyſeiſche Jnſel vom Fluſſe Triton umguͤrtet,
Wo der alte Cham, den die Heiden Ammon vor Alters
Oder den Lybiſchen Jupiter nannten, die Amalthea,
Mit ihr, ihren bluͤhenden Sohn, den jungen Lyaeus
Seiner Stiefmutter Rhea verheelt; noch wo der Monarchen
280
171 Abyſſiniens Soͤhne verborgen die Jugend durchleben,
Amara, das Gebirge, von vielen fuͤr das wahrhafte
T 2Para -148Das verlohrne Paradies.
Paradies gehalten, nah an der Quelle des Niles,
Unter der Aethiopiſchen Linie, rundum bezirket,
Von helleuchtenden Klippen von Bergkryſtall, eine ganze
285
171 Lange Tagreiſe Joch; von dieſem Aſſyriſchen Garten
Noch viel Meilen entlegen der Feind ſah alles Vergnuͤgen
Hier mit Mißvergnuͤgen; und aller Geſchoͤpfe Geſchlechter,
Die dem neugierigen Blick noch ſo neu und ungewohnt waren.
Zwey, von viel edlerem Anſehn, mit aufgerichtetem Leibe,
290
171 Aufgerichtet, wie Goͤtter, mit angebohrener Groͤße,
Schienen in nackender Majeſtaͤt die Herren von allen;
Und ſie ſchienen es werth zu ſeyn; die goͤttlichen Blicke
Stralten das Bild des glorreichen Schoͤpfers, Wahrheit und Weisheit
Heiligkeit ſtreng und rein; (ſtreng, aber in wahrer Freyheit,
295
171 Wahrer kindlichen Freyheit gegruͤndet) von welcher des Mannes
Wahres Anſehen koͤmmt. Zwar ſchienen ſie beyde nicht gleich ſich
Wie ihr Geſchlecht nicht gleich zu ſeyn ſchien; zur hohen Betrachtung
Und zur Staͤrke geſchaffen ſchien Er; Sie aber zur Sanftmuth
Und zu ſuͤßer anziehender Anmuth; fuͤr Gott er alleine,
300
171 Sie fuͤr Gott in ihm. Die ſchoͤne offene Stirne
Und ſein erhabenes Auge ſprach ſeine vollige Herrſchaft.
Seiner getheilten Scheitel entſloſſen maͤnnliche, volle
Hyacinthene Locken
p)So giebt Minerva im Homer dem Ulyſſes hyacinthene Locken, um ihn deſto ſchoͤner zu machen 〈…〉〈…〉 Odyſſ. VI. 231. Und
p), jedoch nicht unter die Schultern.
Sie149Vierter Geſang.
Sie trug ihr guͤldenes Haar
q)Die Alten hielten dieſe Art von Haaren fuͤr die ſchoͤnſte, und ſie wur -de am meiſten von ihnen bewundert, vielleicht weil oft eine ſehr feine Haut dabey iſt, und eine fanfte Gemuͤths - art dadurch vorausgeſetzt wird. So wie Milton in andern Dingen den Geſchmack der Alten hatte, ſo hatte er ihn auch hierinn. Er hat viel - leicht auch hiedurch ſeiner Frau eine Schmeicheley machen wollen, die er in der Beſchreibung der Eva vor Au - gen gehabt, ſo wie er in der Beſchrei - bung Adams auf ſeine eigne Perſon geſehen, von der er keine geringe Mey - nung gehaht. N.
q), gleich einem wallenden Schleyer,
305
173 Fliegend, und ungeziert, zu den ſchlanken Huͤften herunter,
Jn viel ſpielende Ringe gekraͤuſt, wie die Gabeln des Weinſtocks,
Unterwerfung bezeichnend, mit ſanftem Befehle gefordert,
Von ihr gegeben, und liebreich von ihm empfangen; mit ſproͤder
Demuth von ihr gegeben, und einem beſcheidenen Stolze,
310
173 Und mit weigerndem ſuͤßen verliebten Zoͤgern begleitet.
Damals waren noch nicht die geheimen Glieder verborgen,
Keine ſchuldige Schaam, unehrbare Schaam nicht, war damals
Ueber natuͤrliche Dinge bekannt, noch entehrende Ehre.
Jhr Geburten der Suͤnde, wie habt ihr das Menſchengeſchlechte
315
173 Mit der Reinigkeit Schein, dem bloßen Scheine, verwirret,
Und vom Leben des Menſchen ſein gluͤcklichſtes Leben verbannet,
Unbefleckte Unſchuld, und Einfalt. So giengen ſie nackend,
Ohne ſich vor dem Anblick von Gott, oder Engeln, zu ſcheuen;
Denn ſie dachten nichts uͤbels, und wandelten alſo voll Unſchuld
320
173 Hand in Hand, das lieblichſte Paar, das nachher ſich jemals
T 3Mitp)Und ſie ließ ihm Locken von hyacin - thener Farbe von der Scheitel ent - fließen Euſtathius erklaͤrt hyaeinthene Lo - cken, durch ſchwarze Haare, und Svidas durch ſehr dunkelbraune. Mil - ton meynt gleichfalls dadurch ſchwar - ze oder braune Haare. Es iſt wahr - ſcheinlich, daß der Hyacinth bey den Alten von dunklerer Farbe geweſen, als bey uns. N. 150Das verlohrne Paradies.
Mit verliebter Umarmung umſchlang, der ſchoͤnſte der Maͤnner,
Adam, von allen ſeinen nachher ihm gebohrnen Soͤhnen,
Eva, von ihren Toͤchtern die ſchoͤnſte. Sie ſetzten ſich nieder
Unter einem ſchattichten Buſch, der angenehm ſaͤuſelnd
325
174 Auf dem blumichten Raaſen bey einer friſchſprudelnden Quelle
Stand. Sie hielten nunmehr nach der kleinen vollendeten Arbeit,
Nach der ſuͤßen Gartenarbeit, die eben genug war,
Jhnen den kuͤhlen Zephir noch kuͤhler, die Ruhe noch ſuͤßer,
Und den Hunger und Durſt noch angenehmer zu machen,
330
174 Jhre Abendmahlzeit von Fruͤchten; nektariſchen Fruͤchten
Welche die willigen Zweige reichten, ſo wie ſie im Schatten
Nachlaͤßig hingelehnt, itzt auf der weichen Raſenbank ſaßen,
Die mit Blumen geſtickt war. Sie eſſen die ſaftigen Fruͤchte
Und ſie ſchoͤpfen, ſo oft als ſie duͤrſtet, die ſilberne Quelle
335
174 Mit den guͤldenen Rinden. Auch fehlten nicht liebreiche Reden,
Schmeichelndes Laͤcheln, und jugendlichs Scherzen, ſo wie ſichs geziemte
Fuͤr ein ſo ſchoͤnes Paar, in ein gluͤckliches Ehband verknuͤpfet,
Das ſo allein war, wie ſie. Es ſpielten ſcherzend vor ihnen
Alle Thiere der Erden, und alles Wild, was hernachmals
340
174 Jn den Waͤldern, und Wuͤſten, und Hoͤhlen, die Jagd verfolget.
Schmeichelnd ſprang der Loͤwe daher, und wiegt in den Klauen
Taͤndelnd das Lamm; und Tyger, und Baͤre, Pardel, und Luͤchſe,
Spielten vor ihnen. Der Elephant, unbehuͤlflich, bemuͤht ſich
Seine Staͤrke zu zeigen und windet, um ſie zu ergoͤtzen,
345
174 Seinen geſchmeidigen Ruͤſſel. Jn dicht geſchloſſene Ringe
Schlung die liſtige Schlange den Schweif in gordiſche Knoten
Und151Vierter Geſang.
Und gab vom unſeelgen Betrug unbeachtete Proben.
Andre Thiere lagen geſtreckt auf dem Gras, oder ſchauten,
Jtzt mit Nahrung gefuͤllt, umher, oder giengen zum Lager
350
174 Wiederkaͤuend. Weil itzt die niedergehende Sonne
Sich mit dem eilenden Lauf zu den Jnſeln des Oceans
r)Dieſes ſind die Jnſeln im weſt - lichen Meere, weil nach der poetiſchenSprache die Sonne aus dem Meere auf - und wieder darinn untergeht. N.
r)neigte.
Jn der aufſteigenden Wagſchaal des Himmels giengen die Sterne
Die den Abend herfuͤhren, itzt auf, als Satan, vom Orte,
Wo er zuerſt geſtanden, ſtets um ſich ſchauend, die Sprache,
355
175 Die er verlohren, wieder bekam, und traurig ſo ſagte:
Hoͤlle, was ſieht mein Auge voll Gram! Statt unſer, Geſchoͤpfe
Von ganz andrer Art, ſo hoch erhaben zum Gluͤcke!
Erdgebohrne Geſchoͤpfe vielleicht! Nicht Geiſter, wie wir ſind,
Aber nur wenig geringer, als ſtralende Geiſter des Himmels.
360
175Mit Verwundrung verfolgen ſie meine Gedanken, und koͤnnten
Selbſt ſie lieben; ſo lebhaft ſtralt das Ebenbild Gottes,
Aus dem Antlitz hervor, und ſolche Schoͤnheit, und Anmuth,
Hat die Hand, die ſie ſchuf, auf ihre Geſtalten verſchuͤttet.
Ach! holdſeeliges Paar, wie weißt du den grauſamen Wechſel,
365
175 Welcher dir droht, ſo wenig! wenn alle dieſe Vergnuͤgen
Nun verſchwinden, und dich dem Elende hingeben werden!
Deſto groͤßerem Elend, je groͤßer von euren Freuden
Jtzt der Genuß iſt. Gluͤcklich! doch fuͤr ſo gluͤckliche ſeyd ihr
Von der Dauer des Gluͤcks ſehr uͤbel verſichert. Und ſchlecht iſt
Euer152Das verlohrne Paradies.
370
175Euer irdiſcher Himmel, fuͤr einen Himmel verwahret,
Einen Feind abzuhalten, wie der, der itzt ihn erſtiegen.
Doch iſts kein vorſetzlicher Feind; denn mit euch Verlohrnen
Hat er Mitleiden, ob gleich es niemand mit ihm hat. Jch ſuche
Mich mit euch zu verbinden, und eine ſo ſtarke, ſo feſte,
375
175 Wechſelsweiſe Freundſchaft mit euch zu errichten, daß Jch muß
Kuͤnftig wohnen bey euch, oder ihr bey mir. Zwar die Wohnung
Wird wohl euren Sinnen ſo gut nicht gefallen, als dieſes
Herrliche Paradies; doch nehmt ſie als eures Erſchaffers
Werk, und ſo wie ſie iſt. Er gab ſie mir ſo, und mit Freuden
380
175 Geb ich ſie ſo euch wieder, die Hoͤlle ſoll, euch zu empfangen,
Jhre weiteſten Pforten eroͤffnen, und alle Fuͤrſten
Euch entgegen ſenden. Und hier wird Raum ſeyn, noch mehr Raum
Als in dieſem engen Bezirk, eur zahlreich Geſchlechte
Einzunehmen. Und ſcheint euch der Platz nicht beſſer, ſo dankt es
385
175 Dem, der mich noͤthigt an euch Unſchuldgen die Rache zu nehmen,
Die ihr mich nicht beleidigt, ſtatt ſeiner, der mich beleidigt.
Und wofern mir (wie es geſchieht) das Herz zerſchmoͤlze
Bey dem Anblick ſo frommer Unſchuld, ſo treiben doch itzo
Billige Staatsurſachen, und Ruhm, und Begierde nach Herrſchaft,
390
175 Mit der Rache vermehrt, die neue Welt zu erobern,
Thaten zu thun mich an, unbillige ſchreckliche Thaten,
Die ich ſonſt ſelber (ſo ſehr ich verdammt bin) verabſcheuen wuͤrde.
Alſo Satan. Und mit der Vertheidigung aller Tyrannen,
Mit der Nothwendigkeit, ſucht er die teufliſche That zu entſchuldgen.
Er153Vierter Geſang.
395
175Er laͤßt dann vom erhabenen Stand auf dem hohen Baume
Sich hinab zu den ſpielenden Heerden vierfuͤßiger Thiere,
Und wird ſelber bald dieſes, bald jenes; wie ihre Geſtalten
Seinem Endzweck am nuͤtzlichſten ſcheinen, um deſto naͤher
Seinen Raub zu betrachten, und unbemerkt zu verſuchen,
400
175 Ob er von ihrem Zuſtand durch Wort, oder Handlungen etwas
Mehrers erfahren koͤnne. Jtzt tritt er mit funkelnden Augen
Als ein Loͤw um ſie her, dann als ein Tyger, der etwan
Jn dem ſonnichten Forſt zwey Rehkaͤlber ſpielend entdecket:
Alſobald legt er ſich nieder, ſpringt wieder auf, und veraͤndert
405
175 Oſtmals ſeinen lauſchenden Stand, als einer, der kluͤglich
Seinen Poſten erwaͤhlt, um, wenn er auf einmal herzuſchießt,
Deſto gewiſſer ſie beyde mit ſeinen Klauen zu faſſen.
Als itzt Adam, der erſte der Maͤnner, zur erſten der Weiber,
Eva, alſo die Rede richtet. Aufmerkſam kehrt Satan
410
175 Sich herum, ganz Ohr, die neue Sprache zu hoͤren.
Einzige Theilnehmerinn an allen dieſen Vergnuͤgen,
Selbſt ein Theil von ihnen, weit theurer, als alle. Nothwendig
Muß die Macht, die uns ſchuf, und die zu unſerm Gebrauche
Dieſe geraume Welt geſchaffen, unendlich guͤtig
415
175 Und von Jhrem Guten nicht minder freygebig, und mild ſeyn,
Als ſie unendlich iſt! Da ſie ſo hoch aus dem Staub uns erhoben
Und in alle Gluͤckſeeligkeit hier uns eingeſetzt; da wir
Nichts um ſie verdienen, und nichts zu verrichten vermoͤgen,
Was ſie beduͤrfen koͤnnte. Der Schoͤpfer verlanget von uns auch
UKei -154Das verlohrne Paradies.
420
175Keinen andern Dienſt, als dieſes einzige, leichte,
Dieſes ſo leichte Gebot zu halten, von allen Baͤumen
Die uns im Paradieſe ſo viel der koͤſtlichſten Fruͤchte
Darreichen, nur vom Baum der Erkenntniß nicht zu koſten,
Den er zunaͤchſt beym Baume des Lebens gepflanzet. So nahe
425
175 Waͤchſt der Tod bey dem Leben; was immer der Tod auch nur ſeyn mag,
Etwas ſehr ſchreckliches ohne Zweifel; denn Gott hat, du weißt es,
Tod es genannt, woferne von dieſem Baume wir eſſen!
Dieſes verlangt er zum einzigen Zeichen von unſerm Gehorſam,
Unter ſo vielen Zeichen der Herrſchaft und Macht, uͤber alle
430
175 Uebrige Creaturen, von ihm uns verliehn, die die Erde,
Und die Luft, und das Meer, beſitzen: So laß denn ein leichtes,
Laß ein einziges leichtes Verbot uns zu ſchwer nicht beduͤnken,
Da wir ein freyes Recht auf alle uͤbrigen Dinge
Und die freye Wahl, ſo vieler verſchiedenen Freuden,
435
175 Himmliſcher Freuden, haben. Wir wollen vielmehr ihn beſtaͤndig
Loben, und ſeine Guͤtigkeit preiſen; indem wir die ſuͤße
Tagesarbeit vollbringen, die wachſenden Pflanzen zu ſchneiden,
Oder auch dieſe Blumen zu warten. Die Arbeit, die, wenn ſie
Wirklich beſchwerlich waͤre, mit dir doch angenehm wuͤrde!
440
175Jhm gab Eva zur Antwort: O du, fuͤr den ich geſchaffen,
Und von dem ich, Fleiſch von deinem Fleiſche, gemacht bin,
Ohne den ich von keinem Endzweck waͤre; mein Fuͤhrer,
Und mein Haupt! das was du geſagt haſt, iſt recht, und iſt billig.
Denn in Wahrheit ſind wir ihm taͤglichen Dank zu entrichten,
Und155Vierter Geſang.
445
175Und ſein Lob zu erheben, ſchuldig; ich bin es beſon〈…〉〈…〉
Da mir noch ein weit ſchoͤneres Loos gefallen, und da ich
Dich o Adam beſitze, dich, der du durch ſo viel Verdienſte
Vor mir den Vorzug behaupteſt und deines gleichen nicht findeſt.
Oftmals ruf ich den Tag mir in die Gedanken zuruͤcke
s)Aus dieſer und einigen andern Stellen des Gedichts ſieht man, wie der Dichter vorausgeſetzt, daß Adamund Eva einige Zeit im Paradieſe vor ihrem Falle mit einander gelebet. N.
s),
450
176 Da ich zuerſt, vom Schlummer erwacht, mich unter dem Schatten
Ruhend auf Blumen fand; Ganz in Verwunderung, wo ich,
Was ich ſey, und woher, und wie ich hieher gebracht worden.
Eine Hoͤhle goß fern nicht davon in murmelnden Waſſern
Ein Geraͤuſche hervor; in eine fluͤßige Plaͤne
455
176 Stand es verbreitet hier ſtill, von nichts ſonſt bewegt, und ſo heiter,
Als das Gewoͤlbe des Himmels. Mit unerfahrnen Gedanken
Trat ich hinzu, und legte mich nieder am gruͤnen Geſtade,
Jn den hellen, und ſpiegelnden See, der ein anderer Himmel
Mir zu ſeyn ſchien, zu blicken. So wie ich mich niederbuͤckte,
460
176 Jn denſelben zu ſchaun, erſchien recht gegen mich uͤber
Jn dem hellen Waſſer, ein Bild, das gleichfalls ſich buͤckte
Mich zu ſchauen: ich fuhr zuruͤcke, das Bild fuhr zuruͤcke;
Aber bald wandt ich vergnuͤgt wieder um; es wandte ſich gleichfalls
Bald vergnuͤgt wieder um, mit ſanften erwiedernden Blicken,
465
176 Voll von Sympathie und von Liebe. Jch haͤtte mein Auge
Noch auf dieſe Stunde davon nicht verwendet, und haͤtte
Mich mit eiteln Verlangen gemartert, wofern eine Stimme
Nicht mich alſo gewarnt: das was du, ſchoͤnes Geſchoͤpfe,
U 2Was156Das verlohrne Paradies.
Was du hier in dem Waſſer erblickeſt, das biſt du ſelber;
470
176 Mit dir koͤmmt es, und geht es. Doch folge mir nach, und ich will dich
Zu dem Orte bringen, wo deiner Ankunft, und deiner
Sanften Umarmung, kein Schatten erwartet; zu jenem, von dem du
Ganz das Ebenbild biſt; ihn ſollſt du als eigen beſitzen,
Unzertrennlich von ihm; ſollſt Mengen, dir gleich, ihm gebaͤhren,
475
176 Und den Namen der Mutter des Menſchengeſchlechtes empfangen.
Konnt ich anders als folgen, unſichtbar alſo geleitet?
Endlich fand ich dich, ſchoͤn in der That, und ſchlank; angelehnet
Unter einem Maßholderbaum, doch, ſo wie mich duͤnkte,
Nicht ſo ſchoͤn, nicht ſo ſanft, nicht ſo holdſelig, ſo liebreich,
480
176 Als das ſanftere Bild in der Fluth. Jch kehrte zuruͤcke,
Aber du folgteſt mir, Adam, und rufteſt mir: Kehre wieder,
Kehre wieder, holdſeelige Eva, wen fliehſt du? du flieheſt
Den, von dem du gemacht biſt, ſein Fleiſch, ſein Gebein! Dir das Daſeyn
Zu verſchaffen, gab ich zunaͤchſt an dem ſchlagenden Herzen
485
176 Dir mein weſentlichs Leben aus meiner Seite, dich kuͤnftig
Jmmer an meiner Seite, zur unzertrennlichen, theurſten
Freude zu haben. Ein Theil von meiner eigenen Seele,
Meine andere Haͤlfte, biſt du! komm folge mir, Eva!
So ergriffſt du mit deiner Hand die meine holdſeelig;
490
176 Jch ergab mich, und ſah, wie die Schoͤnheit von maͤnnlicher Anmuth,
Und von Weisheit, allein nur ſchoͤn, ſo maͤchtig beſiegt ward.
Unſre Stammutter redete ſo: und lehnte mit Augen
Voll von unſtrafbarer ehlichen Liebe, mit ſanften Entzuͤcken,
Halb157Vierter Geſang.
Halb ihn umarmend, ſich an an unſern erſten Vater,
495
176 Halb fiel ihre ſchwellende Bruſt auf ſeine, bedecket
Von dem fließenden Gold der loshinfliegenden Locken.
Er im maͤchtgen Entzuͤcken von ihrer Schoͤnheit und Anmuth,
Die ſich ihm ganz ergiebt, lacht ihr mit erhabner Liebe,
So wie der Juno Jupiter laͤchelt
t)Wie der Himmel auf die Luft laͤ - chelt, wenn er die Wolken und al -le Dinge im Fruͤhlinge fruchtbar macht. N.
t), indem er die Wolken
500
177 Schwaͤngert, welche die Blumen des Mays auf die Fluren herabſtreun,
Und druͤckt auf die Matronenlippen die reineſten Kuͤſſe.
Satan wandte voll Neid ſich um; voll Eiferſucht ſieht er
Von der Seite ſie an, und jammerte ſo bey ſich ſelber.
O verhaßter quaͤlender Anblick! verparadieſet,
505
177 Sollen ſich dieſe zwey einander ſo in den Armen
Liegen, (ihr gluͤcklichers Eden,) und ſollen die Fuͤlle der Wonne,
Gluͤck auf Gluͤck, genießen, indem ich zur Hoͤlle verbannt bin.
Zu der Hoͤlle, wo keine Freude, wo keine Lieb iſt,
Sondern nur ungezaͤhmte Begierden, (gewiß nicht die kleinſte
510
177 Unſerer Martern) ſtets unerfuͤllt, mit vergebnem Verlangen,
Ewig quaͤlen! Jedoch ich muß nicht vergeſſen, was itzo
Jch aus ihrem Munde vernommen! nicht alles gehoͤret
Jhnen zu, wie es ſcheint. Ein verderblicher Baum, der Erkenntniß
Baum genannt iſt ihnen verboten? Erkenntniß verboten?
515
177Dies iſt verdaͤchtig, ohne Vernunft : Sollt ihnen ihr Herr dann
Dieſes beneiden, kann Suͤnde das ſeyn, noch mehr zu erkennen.
U 3Kann158Das verlohrne Paradies.
Kann dies Tod ſeyn? koͤnnen ſie nur durch Unwiſſenheit ſtehen,
Und iſt dieſes ihr gluͤcklicher Zuſtand? Jſt dieſes die Probe
Jhres Gehorſams, und ihrer Treu? Vortrefflicher Grundſtein
520
177 Jhr Verderben darauf zu erbaun! Jn ihren Gemuͤthern
Will ich noch groͤßre Verlangen entzuͤnden, noch mehr zu erkennen,
Und das neidſche Gebot zu verwerfen, unfehlbar erfunden
Jn der Abſicht als Sclaven ſie ſtets in der Tiefe zu halten;
Da ſie Erkenntniß erhoͤht, und Goͤttern gleich gemacht haͤtte.
525
177Hiernach werden ſie ſtreben, und werden eſſen und ſterben.
Wird nicht dies ſo vermuthlich erfolgen? Doch muß ich vorher noch
Rund um dieſen Garten mit fleißigem Nachforſchen wandern,
Keinen Winkel unausgeſpaͤht laſſen. Vielleicht, daß ich irgend
Ungefaͤhr einen wandernden Geiſt des Himmels entdecke,
530
177 Der am Rand eines Quells, oder einſam im dunkeln Schatten
Sitzt, um etwa noch mehr, was mir nuͤtzt, von ihm zu erfahren.
Leb itzt wohl, gluͤckſeliges Paar, genieße, ſo lange
Als du noch kannſt, bis zu meiner Zuruͤckkunft, der kurzen Freuden;
Freuden, denen gar bald ein langer Jammer ſoll folgen.
535
177Alſo ſprach er, und wandte die ſtolzen Schritte veraͤchtlich
Von dem gluͤcklichen Paare hinweg, doch mit ſchlauem Umherſchaun.
Und fieng an durch den Wald und durch die Wildniß zu ſtreifen,
Ueber Huͤgel und Thaͤler. Die untergehende Sonne
Sank indeß im aͤußerſten Weſten, da wo ſich der Himmel
540
177 Mit der Erd, und dem Meere vermiſcht, allmaͤhlich hinunter,
Und ſchoß gegen die oͤſtliche Pforte des Paradieſes
Jhren159Vierter Geſang.
Jhren Abendſtral an. Es war ein Fels von Albaſter
Aufgethuͤrmt gegen die Wolken, der weit in der Ferne geſehn ward.
Durch ihn wand ſich ein einziger Zugang hinauf von der Erde
545
177 Alles andre war ſteile Klippe, die weit uͤberhangend
Sich erhob, unerſteiglich. Hier ſaß der engliſchen Wache
Fuͤhrer, Gabriel
u)Ein Erzengel; ſein Name be - deutet im Hebraͤiſchen einen Mann Gottes, oder die Stärke und MachtGottes, deswegen macht ihn der Poet ſehr wohl zum Anfuͤhrer der en - gliſchen Wache. Hume.
u), zwiſchen den Felſen, die Nacht erwartend.
Um ihn her uͤbten heroiſche Spiele die Jugend des Himmels,
Ungewaffnet; doch hieng in der Naͤh die himmliſche Ruͤſtung
550
178 Schilde, Lanzen, und Helme, von Gold und Diamant flammend.
Uriel kam hier zu ihnen; mit einem Sonnenſtral war er
Durch den Abend herunter geſchluͤpft, ſo ſchnell, als im Herbſte
Durch die Nacht ein ſchießender Stern herunter ſich ſchlaͤngelt,
Wenn die Luft von feurigen Duͤnſten erfuͤllet, dem Seemann
555
178 Zeigt, von welcher Ecke von ſeinem Compaß die Stuͤrme
Zu befahren ſind; eilig fieng er alſo an zu reden:
Gabriel, durch das Loos, iſt dir das Amt aufgetragen
Aufs genauſte zu wachen, daß dieſem gluͤcklichen Orte
Sich nichts Boͤſes nahe, noch weniger einbreche. Heute
560
178 Kam ein Geiſt zu meiner Kugel am hoͤheſten Mittag
Voll von Eifer, ſo ſchien es, noch mehrere Werke der Allmacht
Zu erkennen, beſonders den Menſchen, das Ebenbild Gottes
So er zuletzt geſchaffen. Mit aller moͤglichen Sorgfalt
Gab160Das verlohrne Paradies.
Gab ich Achtung auf ſeinen Weg, und den fluͤchtigen Luftgang,
565
178 Welcher ſehr eilfertig ſchien; doch auf dem Gebirge, das nordwaͤrts
Gegen Eden liegt, wo er zuerſt ſich herabließ, bemerkt ich
Seine Blicke gar bald, nicht wie der himmliſchen Blicke,
Sondern verdunkelt von wilden Affekten; ich folgte beſtaͤndig
Mit den Augen ihm nach, jedoch verlohr ich ihn endlich
570
178 Unter den Schatten aus dem Geſicht. Jch fuͤrchte zu ſehr nur
Von der rebelliſchen Rotte hab aus der Tieſe ſich einer
Wieder herauf gewagt, um neues Unheil zu ſtiften;
Deine Sorge wird ſeyn, o Gabriel, ihn zu entdecken!
Jhm erwiederte drauf der gefluͤgelte Krieger: Kein Wunder
575
178 Uriel iſt es, wenn du mit deinem vollkommnen Geſichte
Mitten im hellen Zirkel der Sonne, worinnen du ſitzeſt,
Weit in die Ferne ſieheſt; zu dieſer Pforte kann niemand
Durch die ſcharfe Wache gelangen, als Geiſter des Himmels,
Die gar wohl uns bekannt ſind, und ſeit der Stunde des Mittags
580
178 Kam von da kein Geſchoͤpf. Hat dieſe irdiſchen Waͤlle
Etwan ein Geiſt von anderer Art, aus eigener Abſicht,
Ueberſprungen ſo weißt du ſelbſt wie ſchwer es iſt, Geiſtern
Blos mit Schranken, die koͤrperlich ſind
x)Was Gabriel hier ſagt ſcheint dieſe Waͤlle, dieſe Pforte, und dieſe gan - ze engliſche Wache ziemlich unnuͤtz zu machen. Denn wenn Geiſter dadurchnicht abgehalten werden konnten, ſo ſcheinen ſie hier voͤllig uͤberfluͤßig zu ſeyn. Z.
x), den Eingang zu wehren.
Sollt indeſſen, in eigner Geſtalt, oder fremder Geſtalt auch,
Der161Vierter Geſang.
585
179Der, von dem du mir ſagſt, in dieſen Gefilden verborgen
Lauren, ſo will ich es noch mit der Morgendaͤmmrung erfahren.
Dieſes verſprach er; und Uriel kehrte zu ſeinem Poſten
Wieder zuruͤck auf eben demſelben hellglaͤnzenden Strale,
Welcher, itzt aufwaͤrts gerichtet, ihn ſchief zu der Sonne hinabtrug,
590
179 Die itzt zu den Azoriſchen Jnſeln
y)Dieſes ſind Jnſeln im großen Atlantiſchen oder weſtlichen Ocean. Einige vermiſchen die Canariſchen Jn - ſeln darmit. Hume und Richardſon.
y)herunter geſunken;
Weil entweder die erſte Scheibe des Himmels, geſchwinder,
Als zu glauben, hieher ſich gewaͤlzt, oder weil ſie vielleicht auch
Dieſe Erde, die nicht ſo geſchickt iſt, herum ſich zu waͤlzen,
Durch den kuͤrzern Flug nach Oſten zuruͤcke gelaſſen,
595
180 Hier mit Purpur und Gold die ſtillen Gewoͤlke zu ſchmuͤcken,
Die um ihren weſtlichen Thron herſchweben. Der Abend
Kam itzt heran, und die Flaͤchen der Dinge verhuͤllte die Daͤmmrung
Jn ihr dunkler Gewand. Stillſchweigen kam mit ihr. Die Thiere
Hatten ſich, wie die Voͤgel, die, zu dem Lager von Raſen,
600
180 Jene, zu ihren Neſtern, verſchlichen. Sie alle, die einzge
Wache Nachtigall nicht. Die ganze einſame Nacht durch
Sang ſie ihren verliebten Diskant; es horchte die Stille
Mit Vergnuͤgen umher. Jtzt glaͤnzte das Himmelsgewoͤlbe
Mit lebendgen Saphiren. Und Heſperus, welcher der Sterne
605
180 Glaͤnzende Schaaren leitet, ſchien itzt am hellſten; bis endlich
JnX162Das verlohrne Paradies.
Jn umwoͤlkter Majeſtaͤt die Fuͤrſtinn des Himmels,
Phoebe, herauftritt; ihr herrliches Licht den Augen enthuͤllet,
Und weit uͤber das Dunkle den Silbermantel verbreitet.
Als ſich Adam zu Eva wendet, und huldreich ſo anhebt:
610
180Schoͤne Gattinn, die Stunde der Nacht, und alle Geſchoͤpfe,
Die ſich itzo zur Ruhe begeben, erinnern uns, gleichfalls
Unſere Ruhe zu ſuchen; indem der Schoͤpfer geordnet,
Daß, wie Tag und Nacht, auch Arbeit und Ruh, bey den Menſchen
Abwechſeln ſollen. Jtzt ſinkt des Schlafes Abendthau nieder,
615
180 Und neigt mit dem ſanften und ſchlummervollem Gewichte
Unſere Augenlieder. Es ſchweifen die andern Geſchoͤpfe
Muͤßig, und ohne Geſchaͤffte, den ganzen Tag durch, und haben
Weniger Ruhe noͤthig. Der Menſch hat ſein taͤglich Geſchaͤffte
Mit dem Gemuͤth, oder Leibe; Ein Zeichen der Wuͤrde des Menſchen,
620
180 Und der Gunſt des Himmels, der ſeine Wege bemerket,
Da die andern Geſchoͤpfe die muͤßigen Tage verbringen
Ohne Geſchaͤfft; und Gott auf ihre Werke nicht Acht hat.
Ehe der friſche Morgen des kuͤnftigen Tages den Oſten
Um ſich her mit der erſten Ankunft des Lichtes verguͤldet,
625
180 Muͤſſen wir auf ſeyn, und uns zur ergoͤtzlichen Arbeit begeben,
Jene blumichten Baͤume, und jene ſchattichte Lauben,
Unſern Mittagsſpaziergang, mit Zweigen ganz uͤberwachſen,
Zu beſchneiden, die unſrer zu ſchwachen Arbeiten ſpotten,
Weil ſie mehr Haͤnde, wie unſre, die geilen Reiſer zu tilgen,
630
180 Fordern; und dieſe Blumen, und dieſer tropfende Gummi,
Die163Vierter Geſang.
Die zerſtreut, unſcheinbar, unſauber liegen, verlangen
Unſre Huͤlfe, wofern wir gemaͤchlich einhertreten wollen.
Wie die Natur will, gebeut indeſſen die Nacht uns zu ruhen.
Eva, mit ſiegender Schoͤnheit geziert, antwortet ihm alſo:
635
180 Adam, mein Urſprung, und Fuͤhrer, was du mir befiehlſt, dem gehorch ich
Ohne Widerſpruch; ſo will es Gott; Gott iſt dein Geſetze
Mein Geſetze biſt du. Nicht mehr zu wiſſen, als dieſes,
Jſt die gluͤcklichſte Weisheit, das wahre Lob, eines Weibes.
Jn dem Umgang mit dir vergeß ich den Wechſel der Zeiten,
640
180 Jede Tagszeit gefaͤllt mir, mit aller ihrer Veraͤndrung.
Lieblich iſt der Athem des Morgens, und lieblich ſein Anbruch,
Von dem zauberiſchen Liede der fruͤheſten Voͤgel begleitet:
Lieblich die Sonne, wenn ſie zuerſt die oͤſtlichen Stralen
Ueber dies reizende Land verſtreut; auf Kraͤuter, und Baͤume,
645
180 Blumen, und Fruͤchte, die blitzen von Thau; und lieblich die Duͤfte
Die von der fruchtbaren Erde nach ſanften Regen heraufziehn;
Lieblich iſt auch die Ankunft des milden holdſeeligen Abends;
Und dann die ſtille Nacht, mit dieſem ihr heiligem Vogel,
Und mit dieſem ſanftleuchtendem Mond; mit dieſen des Himmels
650
180 Stralenden Edelgeſteinen, und ihrem Sternengefolge.
Aber weder der Athem des Morgens, in dem er heraufſteigt,
Von dem zauberiſchen Liede der fruͤheſten Voͤgel begleitet;
Noch auch die Sonne, wenn ſie zuerſt die oͤſtlichen Stralen
Ueber dies reizende Land verſtreut, auf Kraͤuter, und Baͤume,
655
180 Blumen, und Fruͤchte, die blitzen von Thau; noch Duͤfte nach ſanftem
X 2Regen,164Das verlohrne Paradies.
Regen, oder die Ankunft des milden holdſeeligen Abends;
Noch auch die ſtille Nacht mit dieſem ihr heiligem Vogel,
Noch der angenehme Spaziergang in ſilbernem Mondſchein,
Noch der Geſtirne ſchimmerndes Licht iſt ohne dich lieblich.
660
180Doch warum ſcheinen ſie denn die lange Nacht durch? Fuͤr wem dient
Dieſes praͤchtige Schauſpiel, da jedes Auge nun ſchlummert?
Jhr verſetzte hierauf der erſte Stammvater alſo:
Tochter Gottes, und Tochter des Menſchen, vollkommene Eva,
Dieſe haben zum folgenden Abend rund um die Erde
665
180 Jhren Lauf zu vollbringen. Und Nationen, die itzt noch
Ungebohren, von Land zu Land ihr Licht zu ertheilen,
Gehn ſie ordentlich auf, und unter; ſonſt wuͤrde bey Nachtszeit
Gaͤnzliche Finſterniß wieder die alte Herrſchaft erlangen,
Und das Leben in der Natur und in allen Dingen
670
180 Wieder erloͤſchen; die ſanften Feuer erleuchten ſie nicht nur,
Sondern mit guͤtiger Hitze von unterſchiedenem Einfluß
Waͤrmen, erquicken und naͤhren ſie ſie; ſie ſchuͤtten zum Theil auch
Jhre Sternenkraft nieder auf alle Pflanzengeſchlechter,
Die auf Erden wachſen, und machen dadurch ſie geſchickter,
675
180 Von dem maͤchtigern Strale der Sonne die voͤllige Reifung
Zu empfangen. Sie ſcheinen alſo gewiß nicht vergebens,
Obgleich in der Tiefe der Nacht ſie niemand betrachtet.
Und wenn keine Menſchen auch waͤren, ſo mußt du nicht denken,
Daß es dem Himmel an Schauern, und Gott an Lobe, gebreche.
680
180Millionen von geiſtgen Geſchoͤpfen beſuchen die Erde
Ungeſehen,165Vierter Geſang.
Ungeſehen, ſo wohl wenn wir wachen, als wenn wir ſchlafen.
Mit unaufhoͤrlichem Lobe betrachten des Tags und des Nachts ſie
Seine Werke. Wie oft vernehmen wir himmliſche Stimmen
Von dem wiederſchallenden Huͤgel, vom dicken Gebuͤſche,
685
180 Durch die mitternaͤchtliche Luft, in einzeln Geſaͤngen,
Oder in ſich antwortenden wechſelnden Choͤren, womit ſie
Jhren großen Schoͤpfer beſingen. Oft wenn ſie in Schaaren
Wache halten, oder bey Nacht ſorgfaͤltig herumgehn:
Miſchen ſie unter den Klang der guͤldnen Saiten die vollen,
690
180 Hohen, harmoniſchen Lieder, womit ſie die Stunden der Nachtwach
Unterſcheiden
z)So wie die Trompete bey den Alten erklang, wenn die Wachen ab - geloͤſt wurden. Richardſon.
z), und unſre Gedanken zum Himmel erheben,
Beyde begaben ſich Hand in Hand, indem ſie ſo ſprachen,
Ganz allein zur ſtillen gluͤckſeeligen luſtreichen Laube.
Dies war ein Platz, den der oberſte Pflanzer ſich ſelber erwaͤhlet,
695
181 Als er alle Dinge zur Luſt und zum Nutzen des Menſchen
Machte. Das Dach von dicken zuſammengewachſenen Zweigen
War ein dichter verflochtner Schatten von Lorbeer und Myrthen,
Und was hoͤher noch waͤchſt von ſtarken geruchreichen Laube
An den Seiten her ſchloß ſich in gruͤnenden Waͤnden Acanthus
700
181 Und jedwede wohlriechende Staude; die herrlichſten Blumen,
Jris von allen Farben, Jesmin und Roſen, erhuben
Jhre Haͤupter darunter empor, und flochten moſaiſch
Jn die Waͤnde ſich ein. Den Boden ſtickten Violen,
X 3Crokus,166Das verlohrne Paradies.
Crokus, und Hyacinth mit reichem ſchimmernden Schmelze,
705
181 Und viel herrlichern Farben, als die von koͤſtlichen Steinen.
Hieher durfte kein andres Geſchoͤpf ſich wagen, kein Thier nicht,
Und kein Vogel, kein Wurm, kein Jnſect; ſo groß war die Ehrfurcht
Fuͤr den Menſchen in ihnen. Jn heiligern einſamen Lauben,
Ob ſie gleich nur erdichtet, hat weder Pan, noch Sylvanus
a)Pan, der Gott der Schaͤfer, Syl - vanus, der Gott der Waͤlder, Faunus, der Schutzgott der Landleute. N.
a),
710
182 Jemals geſchlafen, noch Nymphe, noch Faunus, ehmals gewohnet.
Eva zierte zuerſt hier, in einem einſamen Raume,
Da ſie eben vermaͤhlt war, mit Blumen und Kraͤnzen, und ſanften
Duftenden Kraͤutern, ihr Brautbett; hier ſangen die himmliſchen Choͤre
Jhr den Hochzeitgeſang am Tage, da ſie der Engel
715
182 Unſerm erſten Stammvater bracht? in nackender Schoͤnheit,
Beſſer geſchmuͤckt, und liebenswerther, als ehmals Pandora
b)Prometheus, der Sohn Japhets hatte das Feuer vom Himmel geſtoh - len. Jupiter, um ſich zu raͤchen, ſandte ihm durch den Hermes oder Merku -rius die Pandora; Er nahm ſie aber nicht an, ſondern ſein Bruder der un - weiſere Sohn Japhets, Epi - metheus. Dieſer verurſachte durch ſeine thoͤrichte Reugierigkeit, daß ſie eine Buͤchſe eroͤffnete, in welcher alle Arten von Uebeln eingeſchloſſen ge - weſen. Richardſon.
b),
Welche mit allen Gaben die Goͤtter beſchenket (ihr leider
Nur zu aͤhnlich im traurigen Ausgang) indem ſie, vom Hermes
Japhets unweiſerm Sohne gebracht, mit den zaubriſchen Blicken
720
183 Alle Menſchen beſtrickt, an jenem Rache zu nehmen,
Welcher das heillge Feuer des Himmels dem Jupiter raubte.
Als ſie zu ihrer ſchattichten Wohnung ſo beyde gelanget,
Standen ſie ſtill und wandten ſich um, und beteten beyde
Unter167Vierter Geſang.
Unter dem freyen Himmel Gott an; den Gott, der den Himmel,
725
183 Und die Erd, und die Luft, und die leuchtende Kugel des Mondes,
Und die Sternenpol machte. Du machteſt, Allmaͤchtger, die Nacht auch,
Und du machteſt den Tag. Mit unſrer Arbeit beſchaͤfftigt,
Haben wir ihn geendet; gluͤckſeelig in unſerer Huͤlfe,
Und in gegenſeitiger Liebe, der Krone des Seegens,
730
183 Welchen du auf uns verſtreut in dieſem luſtreichen Orte,
Der zu groß fuͤr uns iſt; denn deinem Ueberfluß mangelts
Hier an ſolchen, die ganz ihn genießen, und unabgepfluͤcket
Faͤllt er auf die Erde herab. Doch haſt du uns beyden
Eine zahlreiche Nachkommenſchaft verſprochen, die Erde
735
183 Zu erfuͤllen; die ſollen mit uns die unendliche Guͤte
O Allmaͤchtger, erheben, ſo wohl wenn wir wachen, als wenn wir
So wie itzo den Schlaf, den du uns ſchenkteſt, erwarten.
Einmuͤthig ſagten ſie dieſes, und bey den Haͤnden ſich haltend;
Giengen ſie in den innerſten Theil der luſtreichen Laube,
740
183 Ohne Beobachtung andrer Gebraͤuche, als reinen Anbetens,
Welches Gott am gefaͤlligſten iſt. Sie hatten nicht noͤthig
Von der muͤhſamen Verkleidung ſich zu entledigen, die wir
Tragen, und legten ſo gleich ſich nebeneinander nieder.
Adam wandte ſich auch von ſeiner ſchoͤnen Vermaͤhlten,
745
183 Glaub ich ſicher, nicht weg; und Eva ſchlug die geheimen
Sitten der ehlichen Liebe nicht aus, was immer die Heuchler
Noch ſo ſtrenge von Reinigkeit, Unſchuld und heiligem Orte
Reden moͤgen, indem ſie als Unrein verlaͤumden, was Gott ſelbſt
Rein168Das verlohrne Paradies.
Rein erklaͤrt, und eingen befiehlt, und allen erlaubet.
750
183Gott will unſre Vermehrung, und wer gebietet Enthaltung?
Niemand, als unſer Zerſtoͤrer, der Feind von Gott und dem Menſchen.
Heil dir! ehliche Liebe! Geheimnißreiches Geſetze!
Wahre Quelle der Nachkommenſchaft des Menſchen; du einzges
Eigenthuͤmliches Gut im Paradieſe, wo alles
755
183 Außer dir ſonſt gemeinſchaftlich war; ehbrechriſche Luͤſte
Wurden durch dich von den Menſchen verbannt, in den Heerden der Thiere
Umzuſchweifen. Durch dich, gerecht, und rein, und vernuͤnftig,
Wurden die theuren Verwandſchaften erſt von Sohn, und von Vater,
Und von Bruder bekannt. Fern ſey es, daß ich dich Suͤnde
760
183 Nenne, viel minder dich tadle, noch zu dem heiligſten Orte
Ungeziemend dich halte, dich, o du beſtaͤndige Quelle
Aller haͤuslichen Freuden! Rein iſt dein Lager, fuͤr heilig
Ward es beſtaͤndig gehalten von Patriarchen und Frommen.
Jhre guͤldenen Pfeile gebraucht hier die Liebe; hier leuchtet
765
183 Jhre beſtaͤndige Lampe, hier ſchwingt ſie die purpurnen Fluͤgel;
Herrſcht und beluſtigt ſich hier; nicht in dem erkauften Laͤcheln
Eitler Dirnen, im leeren zufaͤlligen thierſchen Genuße
Ohne Liebe; noch auch im Liebesverſtaͤndniß der Hoͤfe,
Oder vermiſchten Taͤnzen, und mitternaͤchtlichen Baͤllen,
770
183 Oder in Mummereyen, und Serenaten, in welchen
Seiner ſtolzen Gebiethrinn der klagende Liebhaber ſinget,
Die er am beſten mit ſtolzer Verachtung verlaſſen ſollte.
Dieſe beyden lagen nunmehr, ſich zaͤrtlich umarmend,
Eingeſungen von Nachtigallen. Die blumichte Decke
Goß169Vierter Geſang.
775
183Goß auf ihre nackenden Glieder ſanftduftende Roſen,
Welche der Morgen ſo gleich mit neuer Schoͤnheit erſetzte.
Schlafe denn, ſchlafe gluͤckſeeliges Paar, ihr gluͤcklichſten, wenn ihr
Keinen gluͤcklichern Zuſtand, noch mehr zu wiſſen, verlanget.
Nunmehr hatte die Nacht mit ihrem ſchattichten Kegel
780
183 Halben Weg dies weite Gewoͤlbe, das unter dem Mond iſt
Gegen die Hoͤh zu gemeſſen, indem zur gewoͤhnlichen Stunde
Aus der elfenbeinernen Pforte die Cherubim traten
Die, im kriegriſchen Aufzug, gewaffnet zur Nachtwache ſtunden;
Als zu dem Naͤchſten an Macht nach ihm, dies Gabriel ſagte:
785
Uzziel
c)Der naͤchſte Engel nach Ga - briel. Sein Name bedeutet die Stärke Gottes. Hume.
c), nimm die Haͤlfte von dieſen, und ſtreife nebſt ihnen
Mit der genaueſten Wacht gen Suͤden, die andren ſollen
Gegen Norden ſich wenden, und unſer eigner Umherzug
Soll im vollen Weſten ſich ſchließen. Sie ſchieden wie Flammen
Halb zur Seite des Schildes
d)Ein ſchoͤner poetiſcher Aus -druck, an ſtatt rechter und linker Hand. Bentley.
d), und halb zur Seite des Speeres,
790
185 Dann berief er von ihnen zwey ſtarke verſchlagne Geiſter
Die zunaͤchſt bey ihm ſtanden, zu ſich, mit dieſem Befehle:
Mit befluͤgelter Eil, Jthuriel, und du, o Zephon
e)Jhre Namen zeigen ihr Amt an. Jthuriel heißt die EntdeckungGottes,
e),
Sucht durch dieſen Garten; laßt keinen einzigen Winkel
Undurch -Y170Das verlohrne Paradies.
Undurchſucht. Beſonders, wo dieſe zwey ſchoͤnen Geſchoͤpfe
795
186 Wohnen, und liegend im Schlaf vielleicht kein Ungemach fuͤrchten.
Dieſen Abend kam einer vom Niedergange der Sonne
Welcher erzehlte, daß jemand (wer haͤtte dieſes vermuthet)
Von den hoͤlliſchen Geiſtern hieher ſich gewendet; entronnen
Aus den Schranken der Hoͤlle, der ohne Zweifel ein ſchlimmes
800
186 Unternehmen ausrichten will, wofern ihr ſo einen
Findet, ſo bemaͤchtigt euch ſeiner, und bringet ihn hieher.
Alſo ſprach er und zog mit ſeinen glaͤnzenden Schaaren,
Welche den Mond verdunkelten, weiter. Sie aber begaben
Graden Wegs nach der Laube ſich zu, um den, den ſie ſuchten,
805
186 Auszufinden. Sie fanden ihn hier am Ohre der Eva
Sitzen in einer Kroͤte Geſtalt. Mit teufliſchen Kuͤnſten
Sucht er ihrer Einbildungskraft Organen zu treffen;
Um, ſo wie’s ihm beliebte, Blendwerke, Geſichter, und Traͤume
Jn derſelben zu ſchmieden, und mit einfloͤßendem Gifte
810
186 Jhre Lebensgeiſter, die von dem reineſten Blute,
Wie die zarten Duͤnſte von reinen Fluͤßen, aufſteigen,
Zu beflecken; und endlich darinn empoͤrte Gedanken,
Eitle Hoffnungen, eitles Verlangen, und wilde Begierden,
Zu erwecken, Gedanken mit hoher Einbildung ſchwanger,
815
186 Welche Hochmuth gebaͤhren. Mit dieſem Vorſatz beſchaͤfftigt,
Ruͤhrt ihn Jthuriel ſanft mit ſeinem himmliſchen Speer an;
Denn
e)Gottes, und Zephon ein Geheimniß, oder einer, der ein Geheimniß ſucht. Hume.
e)
171Vierter Geſang.
Denn vor aͤtheriſch geſtaͤhlten Waffen kann keine Falſchheit
Sich verbergen; ſie muß in ihrer wahren Geſtalt ſich
Zeigen. Beſtuͤrzt fuhr er auf, und ſah ſich entdeckt und ergriffen.
820
187Wie wenn ein feuriger Funken auf einen Haufen vor Pulver
Faͤllt; es lag ſchon bereit in Tonnen geleget zu werden,
Um fuͤr einen befuͤrchteten Krieg ein Zeughaus zu fuͤllen:
Schnell verſpreitet das dunkele Korn ſich mit ploͤtzlichem Brande
Und entflammet die Luft; ſo unvermuthet ſprang Satan
825
187 Auf in ſeiner eignen Geſtalt; es wichen die beyden
Schoͤnen Engel zuruͤck, den furchtbaren Koͤnig ſo ploͤtzlich
Vor ſich zu ſehn; doch redten ſie bald ihn herzhaft alſo an:
Welcher von jenen rebelliſchen Geiſtern, zur Hoͤlle verdammet,
Jſt dem Gefaͤngniß entronnen? Was ſaßeſt du, alſo verwandelt,
830
187 Wie ein lauernder Feind im Hinterhalte verborgen,
Und wachſt hier verdaͤchtig am Haupte derer, die ſchlafen?
Kennet ihr denn, ſprach Satan hierauf mit ſtolzer Verachtung:
Kennt ihr mich nicht? Jhr kanntet mich doch vor kurzem noch, da ich
Eures Gleichen nicht war, und ſaß, wohin ihr zu ſteigen
835
187 Es nicht wagen durftet; Wenn ihr mich nicht kennt, ſo geſteht ihr,
Daß ihr ſelber unbekannt ſeyd, und zu den geringſten
Eurer Schaaren gehoͤrt. Und wenn ihr mich kennt, warum fragt ihr?
Und fangt eure Geſandſchaft mit uͤberfluͤßigen Reden
So umſonſt bey mir an, als ſie umſonſt ſich wird enden?
Y 2Jhm172Das verlohrne Paradies.
840
187Jhm antwortete Zephon mit einer gleichen Verachtung:
Schmeichle dir nicht, rebelliſcher Geiſt, daß deine Geſtalt itzt
Eben dieſelbe noch ſey, und daß dein Glanz, unvermindert,
Dich noch eben ſo kennbar mache, als da du im Himmel
Rein und aufrichtig ſtandeſt; ſo bald du gefallen vom Guten,
845
187 Schied auch deine Herrlichkeit von dir Wie deine Suͤnde
Und ſo wie dein dunkler und haͤßlicher Ort der Verdammniß
Biſt du itzo. Doch komm, du mußt dem, welcher uns ſandte
Rechenſchaft geben; ſein Amt iſt, dieſen Platz zu beſchuͤtzen
Und dies gluͤckliche Paar vor allem Harm zu bewahren.
850
187Alſo ſagte der Cherub, ſein ſtrenger Verweis, in der Schoͤnheit
Der aufbluͤhenden Jugend, gab ſeinen ernſtlichen Worten
Unuͤberwindliche Anmuth. Beſchaͤmt ſtand Satan, und fuͤhlte,
Wie ehrwuͤrdig und furchtbar die reine Guͤte des Herzens,
Und wie liebenswuͤrdig die Tugend in eigner Geſtalt iſt;
855
187 Sah’s, und beklagte ſeinen Verluſt. Jhn ſchmerzte beſonders,
Daß man hier ſeinen Glanz ſo ſichtbar vermindert erblicket.
Aber doch ſchien er unerſchrocken, und ſagte: Wofern ich
Streiten muß, wohl! ſo ſey es mit eurem Beſten der Beſte,
Mit dem, der euch geſandt hat, nicht mit den Geſendeten oder
860
187 Mit euch allen zugleich; Mehr Ehr iſt dann zu erwerben,
Oder auch weniger zu verlieren. Der muthige Zephon
Sagte drauf: deine Furcht wird den Beweis uns erſparen,
Was der geringſte von uns auch wider dich ganz allein kann,
Wider dich Boͤſewicht kann; da der, der gottlos, auch ſchwach, iſt.
Satan173Vierter Geſang.
865
187Satan antwortete nichts, vor Zorn nicht ſeiner mehr maͤchtig,
Sondern gleich einem ſtolzen gezaumten Roſſe
f)Dies iſt Wort fuͤr Wort was Merkurius zum Prometheus ſagt. Aeſch. im Prom. Vinct. 1008. 〈…〉〈…〉Thyer.
f), das ſchaͤumend
An dem eiſern Gebiſſe kaut, begab er hochmuͤthig
Sich vor den Engeln voraus; zu ſtreiten, oder zu fliehen,
Hielt er fuͤr gleich vergeblich; ihm hatte das Schrecken von oben
870
188 Seinen Muth benommen, den nichts ſonſt demuͤthgen konnte.
Jtzo nahten ſie ſich dem weſtlichen Strich, wo die Schaaren,
Welche die andere Haͤlfte der zirklenden Wache geendet,
Eben zuſammenſtießen. Feſt in ein Geſchwader geſchloſſen
Standen ſie, fernern Befehl zu erwarten; als ihnen ihr Fuͤhrer
875
188 Gabriel vorn an der Spitze mit lautem Zurufe ſagte:
Freunde, von hurtigen Fuͤßen
g)Wie hier Upton angemerkt hat, bleibt Milton in dieſer ganzen Erzaͤh - lung ſehr genau bey ſeinem Meiſter Homer, der den Ulyſſes und Diomedals Kundſchafter in das troganiſche Lager ſendet. II. X. 533. 〈…〉〈…〉Freunde, mein Ohr vernimmt den Tritt leichtfuͤßiger Pferde〈…〉〈…〉〈…〉〈…〉 540. Als er kaum endigte, nahten ſie ſich N.
g) vernehm ich den Tritt, und ſie eilen
Auf uns zu; ich ſeh durch die Schatten beym Sternenglanz, Zephon
Und Jthuriel; koͤniglich koͤmmt von Anſehn ein dritter
Mit den beyden; jedoch von blaſſen, verblichenen Schimmer.
880
189Seinem kuͤhnen Betragen, und ſeinem hochmuͤthigen Gang nach,
Scheint er der Fuͤrſt der Hoͤlle zu ſeyn; und wird er, ſo ſcheint es,
Ohne zu ſtreiten, nicht fliehn. Steht feſt, Verwegenheit fuͤhrt ihn,
Und Herausfodrung liegt in ſeinen Blicken verborgen.
Y 3Da174Das verlohrne Paradies.
Da er kaum endigte, nahten ſich ihm die beyden, und kuͤrzlich
885
189 Sagten ſie, wen ſie braͤchten, wo ſie ihn gefunden; womit er
Sich beſchaͤfftigt, in welcher Geſtalt, und in welcher Stellung,
Er gelegen: Mit ernſtem Blick ſprach Gabriel alſo:
Warum haſt du, o Satan, die feſten Grenzen gebrochen,
Welche deinem Verbrechen geſetzt ſind, in ihrer Beſchaͤfftgung
890
189 Andre zu ſtoͤren, die deinem aufruͤhriſchen Beyſpiel nicht folgen,
Sondern Macht und Befugniß haben, nach deinem ſo kuͤhnen
Einbruch in dieſen Platz dich zu fragen; die Abſicht davon ſcheint,
Dieſes unſchuldige Paar in ſeinem Schlafe zu ſtoͤren,
Deren ſeelige Wohnung Gott hier in Wonne gepflanzet.
895
189Mit verachtender Stirn antwortete Satan ihm alſo:
Gabriel, in dem Himmel wardſt du fuͤr weiſe gehalten,
Und ich hielt dich ſelber dafuͤr; doch heißt mich die Frage
h)Homer: du ſchienſt mir ehmals ein weiſer Mann,〈…〉〈…〉. Bentley.
h),
Die du mir thuſt, dran zweifeln. Lebt jemand, welchem ſein Elend
Angenehm iſt? Wer wird, wenn er kann, nicht der Hoͤllen entfliehen,
900
190 Ob er dazu gleich verdammt iſt? du thaͤteſt ohnfehlbar es ſelber;
Wuͤrdeſt verwegen zu jedem Ort, von dem Elend am fernſten,
Fliehn, wo du hoffen koͤnnteſt, mit Ruhe die Quaal zu verwechſeln,
Und dein Leid zur Freude zu machen. Dies ſucht ich allhier auch.
Doch was wirkt dies auf dich, du kenneſt allein nur das Gute,
Und175Vierter Geſang.
905
190Und haſt nie das Uebel gepruͤft? Wie? fuͤhrſt du den Willen
Deſſen mir an, der uns Grenzen geſetzt? So laß ihn denn feſter
Seine eiſernen Thore verriegeln, wofern er verlanget,
Daß wir in dieſem finſtern Gefaͤngniß aushalten ſollen.
Was ſie ſonſt ſagten, iſt wahr; ſie fanden mich dorten, doch dieſes
910
190 Schließt nicht Gewaltthaͤtigkeit, noch auch Beleidigung in ſich.
Alſo Satan veraͤchtlich. Der kriegriſche Engel verſetzte
Jhm halblaͤchelnd mit Spott: O was verliert nicht der Himmel,
Seitdem Satan gefallen, an einem, welcher von Weisheit
Urtheilen konnte, Satan, den ſeine Thorheit geſtuͤrzet,
915
190 Und der nun ſeinem Kerker entronnen, zuruͤck koͤmmt, die Frage
Ernſthaft aufzuwerfen, ob man fuͤr weiſ, oder thoͤricht,
Dieſe zu halten habe, die fragen, welch eine Kuͤhnheit
Ohn Erlaubniß hieher ihn gebracht, aus den Graͤnzen der Hoͤlle
Die man ihm vorgeſchrieben; ſo weiſe ſcheint’s ihm, den Schmerzen,
920
190 Auf was Art es auch ſey, zu entkommen, und ſeiner Strafe
Zu entfliehn. Urtheile du immer, Vermeſſener, alſo,
Bis die Rache, der deine Flucht entgegen ſich ſtuͤrzet,
Siebenmal ſchneller auf ihr dich ereilt, und zur unterſten Hoͤlle
Dieſe Weisheit zuruͤckpeitſcht, die dich nicht beſſer gelehrt hat,
925
190 Daß kein Elend dem Zorn des Unendlichen zu vergleichen.
Aber warum du allein? und warum hat die ſaͤmmtliche Hoͤlle
Sich nicht losgebrochen mit dir? Und ſind denn die Schmerzen
Weniger Schmerzen fuͤr ſie, und brauchen ſie etwan ſo ſehr nicht,
Als176Das verlohrne Paradies.
Als wie du, ſie zu fliehn? oder biſt du ſo hart nicht, wie ſie ſind,
930
190 Sie zu ertragen? Muthiger Fuͤhrer, der Erſt im Fliehen
Vor der Pein; o haͤtteſt du deinen verlaſſenen Schaaren
Dieſen Grund doch entdeckt von deinem ſchnellen Entfliehen,
Du waͤrſt ſicherlich nicht ſo allein als ein Fluͤchtling gekommen.
Mit verfinſtertem drohenden Blick antwortet ihm Satan:
935
190 Nein! beleidgender Engel, nicht daß ich weniger hart bin,
Oder mich fuͤrchte vor Pein, du weißt zu wohl es, der kuͤhnſte
Stand ich wider dich tief in der Schlacht, als der rollende Donner
Mit der ganzen voͤlligen Ladung zu Huͤlfe dir eilte,
Und dein ſonſt nicht furchtbares Speer unterſtuͤtzet; Auch itzo
940
190 Zeigen ſo wie vorher die unbedachtſamen Reden
Deine Unerfahrenheit an, da ein treuer Feldhauptmann
Nach ſo vielen harten Verſuchen und uͤblen Erfolgen
Alles nicht wagen muß auf Wegen voller Gefahren,
Die er nicht ſelber verſucht hat. Zuerſt und allein hab ich alſo
845
190 Ueber den oͤden Abgrund zu fliegen auf mich genommen,
Dieſe unerſchaffene Welt, von der das Geruͤchte
Jn der Hoͤlle nicht ſchweigt, zu entdecken; in ſchmeichelnder Hoffnung
Eine beſſere Wohnung zu finden, und hier auf der Erden
Oder auch in der mittlern Luft mein geſchlagenes Kriegsheer
950
190 Wieder zu ſetzen, ſollt ich deshalb auch noch einmal verſuchen,
Was du wider uns kannſt mit deinen munteren Schaaren,
Denen es leichter ſeyn wuͤrde, dort oben dem Koͤnig des Himmels
Mit177Vierter Geſang.
Mit laut ſchallenden Hymnen, und ſklaviſchen Liedern, zu dienen,
Und in gebuͤhrender Ferne zu kriechen, als mit mir zu fechten.
955
190Jhm antwortete ſchnell der ſtreitbare Engel: Zu ſagen
Und gleich drauf es zu laͤugnen; erſt zu behaupten, den Schmerzen
Zu entfliehen, ſey weiſe, dann als ein Kundſchafter kommen,
Dieſes zeigt in der That nicht einen Anfuͤhrer, ſondern
Einen ergriffnen Luͤgner an. Und konnteſt du, Satan,
960
190 Konntſt du ſo gar das Wort getreu hinzuſetzen? Name,
O geheiligter Name der Treue! wie wirſt du entweihet!
Treu! Wem biſt du getreu! Treu deiner rebelliſchen Rotte?
Einem Heere von Teufeln! Der Koͤrper iſt wuͤrdig des
Hauptes!
War dies eure gegebne Treu, der verſprochne Gehorſam,
965
190 Euch der oberſten Macht, die ihr einmal erkannt, zu entziehen?
Und du, liſtiger Heuchler, der gern ein Beſchuͤtzer der Freyheit
Jtzo ſcheinen moͤchte; wo hat wohl ehmals im Himmel
Mehr ſich gebuͤckt, mehr gekrochen, als du, und den furchtbarn
Allmaͤchtgen
Sklaviſcher angebetet? Warum, als bloß in der Hoffnung,
970
190 Jhn zu entthronen, und ſelber an ſeiner Statt, zu regieren.
Aber merk auf, was ich itzo dir ſage: fort, fliehe zuruͤcke,
Zu dem Orte, von dem du entflohn! Wofern du von nun an
Wieder in dieſen geheiligten Grenzen erſcheineſt, ſo werd ich
Dich zum hoͤlliſchen Abgrund zuruͤcke ſchleppen, und ſo dich
ZDrinnen178Das verlohrne Paradies.
975
190Drinnen verſiegeln
i)Nach Offenbarung Joh. XX. 3. Und er warf ihn in den Abgrund,und verſchloß ihn, und verſiegelte oben drauf ꝛc.
i), daß du nicht mehr zu ſpotten ſollſt brauchen,
Wie die Pforten der Hoͤlle zu ſchlecht verriegelt geweſen.
Alſo droht er. Doch achtete Satan der Drohungen wenig,
Sondern nahm in Wuth noch mehr zu, und antwortete zornig:
Wenn ich erſt dein Gefangener bin, ſo rede von Ketten,
980
191 Stolzer Beſatzungscherub! Doch fuͤhle du ſelber vorher erſt
Einen ſchwereren Streich von meinem gewaltigen Arme;
Obgleich der Koͤnig des Himmels auf deinen Fittigen faͤhret,
Und du mit deinen Gefaͤhrten, die zu dem Joche gewoͤhnt ſind,
Durch die leuchtenden Straßen des ſternengepflaſterten Himmels
985
191 Seinen Triumphwagen ziehſt! So ſprach er, die engliſche Schaar ward
Flammend wie Feuer, und ſpitzt in einen gehoͤrnten Monden
Jhren Phalanx, und ſtand um ihn her mit gefaͤllten Spießen
Dick, als ein Feld der Ceres, zur Erndte reif, das itzt wallend
Seinen baͤrtigen Aehrenwald neigt, ſo wie es der Sturm ſchlaͤgt.
990
191Sorgend ſteht der bekuͤmmerte Landmann, und fuͤrchtet, die Garben
Voller Hoffnung moͤchten nur Spreu auf der Dreſchtenne geben.
Auf der andern Seite ſtand Satan empoͤret, und raffte
Alle ſeine Staͤrke zuſammen, und ſtand da, verbreitet,
Gleich dem Teneriff, oder dem Atlas, unbeweglich,
995
191 Seine Geſtalt erreichte die Wolken; gefiedertes Schrecken
Saß179Vierter Geſang.
Saß auf ſeinem Helm; was Speer ſowohl, oder Schild ſchien,
Fehlte nicht ſeiner Fauſt. Nun waͤren ſchreckliche Thaten
Vor ſich gegangen, wovon nicht allein in der wilden Zerruͤttung
Eden, ſondern vielleicht des Himmels Sternengewoͤlbe,
1000
191 Oder die ſaͤmmtlichen Elemente, zerſtoͤrt, und zerriſſen,
Durch den tobenden Aufruhr zu Grunde gegangen waͤren;
Haͤtte nicht ploͤtzlich der Ewge, den ſchrecklichen Streit zu verhindern,
Jn dem Himmel zwiſchen dem Zeichen des Skorpiones
Und dem Bild der Aſtraͤa die goldne Waag ausgehangen,
1005
191 Drinn er alle geſchaffenen Dinge von Anfang gewogen,
Dieſe runde hangende Erd im Gegengewichte
Mit der Luft; und worinn er noch itzt den Ausgang der Dinge,
Schlachten und Koͤnigreiche, waͤgt. Jn jegliche Schaale
Legt er als ein Gewicht die Folgen der Flucht, und des Streites.
1010
191Ploͤtzlich flog das letzt empor, und ſtieß an die Stange;
Welches Gabriel ſah, und alſo anhub zu Satan:
Satan, deine Staͤrke kenn ich, du kenneſt die meine;
Keinem von uns iſt ſie eigen, ſie iſt uns beyden gegeben.
Welche Thorheit alſo, auf ſeine Waffen zu trotzen!
1015
191Deine koͤnnen nicht mehr, als ihnen der Himmel erlaubet,
Wie die meinen; ob ſie gleich itzt ſo verdoppelt geſtaͤrkt ſind,
Daß ich zu Staub dich treten koͤnnte. Schau auf zum Beweiſe,
Und lies droben dein Loos in jenem himmliſchen Zeichen,
Wo du gewogen wirſt; Siehe, wie leicht, wie ſchwach du empor ſteigſt,
Z 2Wenn180Das verlohrne Paradies. Vierter Geſang.
1020
191Wenn du Widerſtand thuſt. Und Satan ſah auf, und erblickte
k)Nach allen den Anſtalten, die Milton hier zu einem Gefecht zwiſchen Satan und den Engeln gemacht, ſcheint Satan ein wenig zu ploͤtzlich und unvermuthet die Flucht zu neh - men; und es iſt nicht recht wahr - ſcheinlich, daß er, der wider den Meſ - ſias ſelbſt noch Stand halten wollen,und kaum vor dem Donner des All - maͤchtgen gewichen, hier, ohne den ge - ringſten Verſuch weiter zu machen, davon flieht, weil er das Zeichen der Waage ausgehangen ſieht. Man - chem Leſer moͤchte dieſe Nachahmung aus dem Homer nicht gluͤcklich vor - kommen. Z.
k)
Seine Schaale, die hoch in die Hoͤh flog; er ſaͤumte nicht laͤnger,
Und floh murrend davon; mit ihm entflohen die Schatten.
Das
[figure]
[181]

Das Verlohrne Paradies. Fuͤnfter Geſang. Das Verlohrne Paradies. Fuͤnfter Geſang.

Z 3[182]183
Jtzo nahte mit Roſenſchritten
a)Dies iſt der erſte Morgen nach Satans Ankunft auf der Erde. So wie Homer den Morgen mit Roſen - fingern mahlt:〈…〉〈…〉; ſo giebt ihm Milton Roſenfüße, undim ſechſten Buche v. 3. eine Roſen - hand. Der Morgen iſt zuerſt grau, und wird, wenn die Sonne hoͤher koͤmmt, roſenfarbig. N.
a)der Morgen im Oſten,
Und beſaͤte die Erde mit orientaliſchen Perlen:
Als, ſo wie er gewohnt war, Adam erwachte. Sein Schlaf war
Luftig und leicht; von reiner Verdauung, und ſanften und milden
5
193 Duͤnſten erzeugt; vom bloßen Schalle der ſaͤuſelnden Blaͤtter,
Und der rauchenden Baͤche, (dem Faͤcher Aurorens,) vom hellen
Suͤßen Morgengeſange der Voͤgel auf jeglichem Zweige
Leicht zerſtreuet. Um deſto groͤßer war ſeine Verwundrung,
Als er Even noch unerwacht, mit verworrenen Locken,
10
193 Und mit gluͤhenden Wangen, in einem unruhigen Schlummer
Fand. Halb aufgerichtet, auf ſeine Seite gelehnet,
Hieng er mit Blicken voll herzlicher Lieb, in ſuͤßem Entzuͤcken,
Ueber ihr, und beſchaute die Schoͤnheit, die ſchlafend, und wachend
Jmmer beſondern Reiz um ſich her ſchoß. Mit lieblicher Stimme,
So184Das verlohrne Paradies.
15
193So wie Zephir Floren
b)Als wenn die ſanften weſtlichen Luͤfte uͤber Blumen wehn. Dies iſt außerordentlich ſchoͤn und poetiſch. Richardſon.
b)anhaucht, und indem er die Hand ihr
Sanft beruͤhrte, liſpelt er zaͤrtlich ihr alſo: Erwache,
Meine Schoͤnſte, meine Vermaͤhlte
c)Der Poet hat unſtreitig bey die - ſer Rede zwey Stellen aus dem ho - hen Lied Salomons vor Augen ge - habt, die in gleichem Geſchmacke ge - ſchrieben, und mit eben ſo anmuthi - gen Bildern angefuͤllt ſind. Mein Freund ſpricht zu mir: Stehe auf, meine Freundinn, meine Schö - ne, und komme her. Denn ſiehe der Winter iſt vergangen, der Regen iſt weg und dahin. Die Blumen ſind hervorkommen imLande, der Lenz iſt herbeykom - men, und die Turteltaube läßt ſich hören in unſerm Lande. Der Feigenbaum hat Knoten gewon - nen, und geben ihren Ruch. Ste - he auf, meine Freundinn, und komm, meine Schöne, komm her. Hohe Lied Salom. II. 10. Und Kap. VII. 11. 12. Romm, mein Freund, laß uns aufs Feld gehn daß wir früh aufſtehn zu den Wein - bergen, daß wir ſehen, ob der Weinſtock blühe, und Augen ge - wonnen habe, ob die Granat - äpfelbäume ausgeſchlagen ſind. Addiſon.
c)! Mein letztes gefundnes,
Letztes, beſtes Geſchenke des Himmels, o du, mein Alles,
Du mein immer neues Vergnuͤgen, erwache! der Morgen
20
195 Stralt; uns ruft das thauigte Feld; wir verlieren die Fruͤhzeit,
Wo wir beobachten koͤnnen, wie unſre gewarteten Pflanzen
Aufſchoſſen, wie der Myrthenbaum tropft und die Balſamgeſtraͤuche;
Wie die Natur die Farben mahlt, und die fleißige Biene
Auf den Blumen ſitzt, und fließende Suͤßigkeit auszieht.
25
195Alſo liſpelnd weckt er ſie auf; doch mit ſtarrendem Auge
Sah ſie auf Adam empor, umarmt ihn feurig, und ſagte:
O du einzger, in dem ich mit allen meinen Gedanken
Ruhe finde; mein Ruhm, und meine Vollkommenheit! Froͤhlich
Seh185Fuͤnfter Geſang.
Seh ich dein Antlitz aufs neu, und die Ruͤckkehr des Morgens! Jch traͤumte
30
195 Dieſe Nacht, (und ich habe nie eine Nacht noch, wie dieſe,
Hingebracht;) finſter traͤumt ich, wofern es anders getraͤumt war,
Nicht, ſo wie ich gewohnt bin, von dir, noch von den Geſchaͤften
Des verfloſſenen Tages; noch von des kuͤnftigen Morgens
Arbeiten; ſondern von Harm und Beleidigung, wovon ich vor dieſer
35
195 Ungluͤckſeeligen Nacht nichts gewußt. Es duͤnkte mich, jemand
Rufte mir nah an meinem Ohre mit freundlicher Stimme,
Mit ihm zu gehn; ich hielt ſie fuͤr deine Stimme; ſie ſagte:
Warum ſchlaͤfſt du, Eva? Jtzt ſind die Stunden am ſchoͤnſten,
Und am kuͤhlſten, am ſtillſten; bloß da nicht, wo horchend die Stille
40
195 Vor der naͤchtlichen Saͤngerinn weicht, die wachend ihr ſuͤßtes
Liebebegeiſtertes Lied itzt toͤnen laͤßt; itzo regieret
Durch die Himmel der volle Mond; die Flaͤche der Dinge
Zeigt er im ſanfteren Schatten mit angenehmerem Lichte.
Aber vergebens, wenn niemand es ſieht. Es wachet der Himmel
45
195 Jtzt mit allen Augen, wen ſonſt, als dich, zu betrachten,
Dich, den Wunſch der Natur, bey deren himmliſchem Anblick
Alle Dinge ſich freuen, und, voll vom maͤchtgen Entzuͤcken,
Angezogen durch deine Schoͤnheit, ohn Aufhoͤren ſchauen,
Als ob deine Stimme gerufen, erhub ich mich; aber
50
195 Fand dich nicht, und verfolgte drum meinen Pfad, dich zu finden.
Und ich gieng, wie mich duͤnkt, allein, und auf Wegen, die ploͤtzlich
Zu dem Baum der verbotnen Erkenntniß mich brachten. Er ſchien mir
Schoͤn, und meiner Einbildungskraft viel ſchoͤner noch, als er
Mir bey Tage geſchienen. Jndem ich ihn wundernd betrachte,
A aStand186Das verlohrne Paradies.
55
195Stand daneben Einer, geſtaltet, und recht ſo befluͤgelt,
Wie die Bewohner des Himmels, die oft uns erſcheinen; es tropften
Seine thauigten Locken Ambroſia
d)So ſagt Virgil von der Venus Aen. l. 403. Ambroſiaeque comae diuinum ver - tice odoremSpirauere Und ein Goͤttergeruch haucht von den ambroſiſchen Locken. Hume.
d); ebenfalls ſah er
Dieſen Baum an, und ſprach: Du ſchoͤne Pflanze, mit Fruͤchten
Ganz uͤberladen, wuͤrdigt dich niemand, dich deiner Buͤrde
60
196 Zu entledgen, und deine vortrefflichen Fruͤchte zu koſten,
Weder Gott, noch Menſch? Jſt Erkaͤnntniß ſo ſehr denn verachtet?
Oder verbietet es Neid, oder ſonſt was, von dir zu eſſen?
Es verbiet es, wer will; doch mir ſoll niemand das Gute
Laͤnger noch vorenthalten, ſo du von ſelber mir anbeutſt.
65
196Und weswegen waͤrſt du denn hier gepflanzet? Jndem er
Dieſes geſprochen, zoͤgert er nicht; mit verwegenen Haͤnden
Pfluͤckt er davon, und . Ein kalter Schauder ergriff mich
Bey ſo frechen Worten, mit einer eben ſo frechen
That bekraͤftigt. Doch er, als wie von Freuden berauſchet,
70
196 Sprach: O goͤttliche Frucht! zwar an ſich ſelber ſo ſuͤß ſchon,
Aber ſuͤßer noch, alſo gepfluͤckt. Verboten hier, ſcheinſt du
Bloß fuͤr Goͤtter beſtimmt zu ſeyn; doch waͤrſt du, aus Menſchen
Goͤtter zu machen, geſchickt. Und warum nicht Goͤtter aus Menſchen,
Da das Gute nur mehr uͤberfließt, je mehr es ſich mittheilt,
75
196 Und der Schoͤpfer dadurch nicht verringert, nur mehr noch geehrt wird.
Komm denn, gluͤckſeelges Geſchoͤpf, du ſchoͤne engliſche Eva,
Koſte187Fuͤnfter Geſang.
Koſte du gleichfalls davon. Du biſt ſehr gluͤcklich, doch kannſt du
Noch viel gluͤcklicher werden; nur nicht vortrefflicher. Koſt es
Und ſey kuͤnſtighin eine Goͤttinn unter den Goͤttern.
80
196Nicht an die Erde gefeſſelt, erheb in die Luͤfte dich manchmal
So wie wir; und ſteige zuweilen zum Himmel auf, der dir
Nach Verdienſten gebuͤhrt, und ſieh, was dorten die Goͤtter
Fuͤr ein Leben genießen, und lebe du gleichfalls wie Goͤtter.
Als er ſo ſprach, trat er naͤher, und hielt mir dicht vor die Lippen
85
196 Einen Theil von der herrlichen Frucht, die er abgepfluͤckt hatte,
Und der reizende ſuͤße Geruch erweckte ſo heftig
Jn mir die Begierde zum Eſſen, daß ich, wie mich duͤnkte,
Koſten mußte. Schnell flog ich mit ihm hinauf in die Wolken;
Und ich ſah unten die Erde weit ausgeſtreckt, unermeßlich
90
196 Liegen in weiter veraͤnderten Ausſicht, ganz voller Verwundrung
Ueber meinen aufſteigenden Flug, und die ſchnelle Verſetzung
Jn ſo einen erhabenen Stand. Mein Fuͤhrer indeß war
Ploͤtzlich verſchwunden; und ich, ſo wie es mir vorkam, ſank nieder,
Und fiel in Schlaf. Doch ach! wie froͤhlich war ich erwachend,
95
196 Als ich fand, dies ſey bloß ein Traum. So erzaͤhlet ihm Eva
Jhre Nacht
e)So wiederholt ihm Eva ihren Traum. Nacht ſteht hier an ſtatt der Traͤume in derſelben. N.
e), und traurig gab Adam ihr alſo zur Antwort:
Beſtes Bild von mir ſelbſt, du, meine theurere Haͤlfte,
Mich auch betruͤbet die Unruh, die dieſe Nacht durch im Schlafe
Deine Gedanken empoͤrt. Auch will dein ſeltſamer Traum mir
A a 2Nicht188Das verlohrne Paradies.
100
197Nicht gefallen; ich fuͤrchte, vom Boͤſen ſey er entſprungen.
Aber woher denn das Boͤſe? Jn dir kann kein Boͤſes nicht wohnen,
Denn du biſt rein erſchaffen. Doch wiſſe, verſchiedene Kraͤfte
Sind, geringer als unſer Verſtand, in unſerer Seele,
Die ihm als ihrem Oberhaupt dienen; und unter denſelben
105
197 Hat nach ihm oft die Einbildungskraft ihr Amt zu verwalten.
Dieſe formieret in uns von allen aͤußeren Dingen,
Welche von unſern fuͤnf wachſamen Sinnen uns vorgeſtellt werden,
Phantaſien und Luftgeſtalten, die unſre Vernunft dann
Trennet, oder verbindet, und alles aus ihnen erbauet,
110
197 Was wir bejahen, oder verneinen, und was wir Erkenntniß,
Oder Meynung nennen. Zu ihrer einſamen Zelle
Weicht ſie, wenn die Natur itzt ruht; doch wachet nicht ſelten
Gaukelnd die Einbildungskraft, wenn ſie entfernt iſt, und ſucht ſie
Nachzuahmen; allein indem ſie viel ungleiche Bilder
115
197 Mit einander verbindet, ſo ſchafft ſie oft wilde Geburten
Und beſonders in Traͤumen, in denen ſie alte Geſchichte
Oft mit neuern Reden unſchicklich zuſammenſetzt. Etwas
Aehnlichs mit unſern letzten Geſpraͤchen des Abends entdeck ich
Auch in deinem Traum, wie mich duͤnkt, doch mit ſeltſamem Zuſatz.
120
197Sey indeſſen nicht traurig. Jn Gott und des Menſchen Gemuͤthe
f)Gott bedeutet hier nur ſo viel als Engel, wie in verſchiedenen an - dern Stellen dieſes Gedichts. N.
f))
Kann das Boͤſe kommen, und wieder weichen; wofern es
So gemißbilligt wird, und laͤßt deshalb in der Seele
Weder Flecken, noch Tadel. Dies heißt mich hoffen, du werdeſt
Nim -189Fuͤnfter Geſang.
Nimmer wachend das thun, was du zu traͤumen verabſcheut.
125
198Sey denn nicht niedergeſchlagen; umwoͤlke nicht dieſe Blicke,
Die gewohnt ſind, freudger zu ſeyn, und heitrer zu ſtralen,
Als wenn uͤber die Erde der ſchoͤne Morgen uns laͤchelt.
Laß uns im Luſtwald uns itzt zur friſchen Arbeit erheben,
Oder am Quell, und unter den Blumen, die itzo den Buſem
130
198 Voll von den beſten Geruͤchen eroͤffnen, worinn ſie die Nacht durch
Sie verſchloſſen gehalten, und bloß fuͤr dich ſie verſparet.
Adam troͤſtete ſo die ſchoͤne betruͤbte Vermaͤhlte,
Und ſie ward getroͤſtet
g)Eine Art zu reden, die manch - mal in der Schrift vorkoͤmmt; wie Jer. XX. 7. Du haſt mich überredt,und ich habe mich überreden laſ - ſen. N.
g). Doch ließ ſie aus jeglichem Auge
Eine holdſeelige Thraͤne fallen; mit ihren Haaren
135
199 Trocknet ſie traurig ſie ab; zwey andere koſtbare Tropfen
Standen in jeder kryſtallnen Schleuſe bereit ſchon, zu fließen;
Aber er kuͤßte ſie auf, eh ſie fielen, als werthe Zeichen
Eines zaͤrtlichen Kummers, und einer frommen Beſorgniß,
Unrecht gethan zu haben. Aufs neu war alles erheitert,
140
199 Und ſie eilten aufs Feld. Jndem ſie unter dem Dache
Hoher Lauben hervorgehn, zur weiten offenen Ausſicht
Des anbrechenden Tags, und der eben aufgehenden Sonne,
(Welche, mit ihren Raͤdern noch uͤber dem Ocean hangend,
Gleich mit der thauigten Erde die Stralen herabſchoß,) und vor ſich
145
199 Ganz den Oſten des Paradieſes in weiter Landſchaft
A a 3Mit190Das verlohrne Paradies.
Mit den hellen gluͤcklichen Ebnen von Eden entdeckten:
Beugten ſie tief ſich zur Erden, und beteten an, und erhuben
Jhre Seufzer, die jedweden Morgen ſie pflichtmaͤßig thaten
Jn veraͤndertem Ausdruck; denn weder veraͤnderter Ausdruck,
150
199 Noch auch fromme Begeiſtrung, war ihnen verſagt, mit Geſaͤngen
Jhren Schoͤpfer geſchickt zu preiſen; ſie ſprachen und ſangen,
(Solche fertige Wohlredenheit entſtroͤmte den Lippen,)
Ohne darauf zu ſinnen, in Proſ und harmoniſchen Verſen,
Muſikalſcher, als daß ſie der Laute noch Harfe bedurften
155
199 Sie noch angenehmer zu machen. Drauf huben ſie ſo an:
Dieſes ſind deine herrlichen Werke, du Vater des Guten,
Großer Allmaͤchtiger; Dein iſt dieſer geſammte Weltbau,
Den du ſo wunderbar ſchoͤn geſchaffen; wie wunderbar mußt du
Selbſt denn nicht ſeyn, du Unausſprechlicher, der du erhaben,
160
199 Ueber dieſe Himmel erhaben, unſichtbar fuͤr uns biſt,
Oder nur dunkel geſehn wirſt, in deinen niedrigſten Werken.
Aber auch dieſe verkuͤndigen weit uͤber alle Gedanken
Deine Guͤt und goͤttliche Kraft. Jhr Soͤhne des Lichtes,
Die ihr am beſten zu ſprechen vermoͤgt, ſprecht ihr, o ihr Engel,
165
199 Denn ihr ſeht ihn. Jm Tag ohne Nacht umringet ihr jauchzend
Seinen Thron mit lauten Geſaͤngen und ſchallenden Choͤren.
Jhr,191Fuͤnfter Geſang.
Jhr, im Himmel! Auf Erden verbindet euch, ihn zu erheben,
All ihr Geſchoͤpfe, und preiſt ihn zuerſt, und zuletzt, in der Mitten,
Und ohn Ende
h)Theokr. Jdyll. XVII. 3. 〈…〉〈…〉 Und wie ſehr hat es Milton durch den Zuſatz ohn Ende verſchoͤnert, da er hier Gott lobt, und Theokrit nur ei - nen Menſchen. N.
h). Preiſt ihn den Herrn, den Allmaͤchtgen, den Ewgen.
170
200Und du, o ſchoͤnſter der Sterne
i)So nennt ihn Homer II. XXII. 318. 〈…〉〈…〉Und Ovid druͤckt ſich auf eben die Art aus: Met. II. 114. diffugiunt ſtellae, quarum agmina cogit Lucifer, et cœli ſtatione nouiſſimus exit. Es entfliehen die Sterne, indem die glaͤnzenden Schaaren Lucifer forttreibt; und aus dem Him - mel der letzte verſchwindet. Addiſon.
i), der du am Himmel der letzte
Vom Gefolge der Nacht biſt, wofern du zur erſten Daͤmmrung
Nicht mit groͤßerem Rechte gehoͤrſt; du ſicherſtes Zeichen
Vom anbrechenden Tage, der du mit der ſtralenden Krone
Den ſanftlaͤchelnden Morgen bekroͤneſt; in deiner Sphaͤre
175
201 Preis ihn, beym kommenden Tag, in der ſuͤßen Stunde der Fruͤhe.
Du auch, das Auge, die Seele, von dieſem vollkommenen Weltbau,
Sonne! fuͤr deinen groͤßern erkenn ihn! So wohl wenn du ſteigeſt
Und den hohen Mittag erreicht haſt, als wenn du ins Meer ſinkſt,
Laß auf deinem ewigen Laufe ſein Loblied erſchallen!
180
201Und du, o Mond, der du itzo der Sonne des Morgens begegneſt,
Bald mit den Fixſternen laͤuſſt, die in den beſtimmten Kreiſen
Fliehn; und ihr andern fuͤnf wandelnden Feuer, die myſtiſch in Taͤnzen
Sich192Das verlohrne Paradies.
Sich, nicht ohne Geſang, herum bewegen, verkuͤndigt
Deſſen Lob, der das Licht aus der Finſterniß Schooße hervorrief.
185
201Du, o Luft, und ihr Elemente, ihr aͤltſten Geburten
Von der Mutter Natur; ihr, die ihr im viereckten Zirkel
Stets vielfoͤrmig umher lauft, und alle Dinge vermiſchet,
Und ernaͤhret; mit eurem ſtets unaufhoͤrlichen Wechſel
Singet dem großen Schoͤpfer mit immer veraͤndertem Lobe.
190
201Jhr, ihr Nebel und Duͤnſte, die ihr vom Huͤgel itzt aufſteigt,
Jtzt vom weiten dampfenden See; grau, oder auch dunkel,
Bis die Sonne die wollichten Saͤume mit Purpur bemahlet;
Steiget auch ihr auf zur Ehre des großen Schoͤpfers der Erde,
Wenn ihr entweder mit Wolken den ungefaͤrbeten Himmel
195
201 Zieret, oder mit fallendem Regen das Erdreich getraͤnket,
Wenn ihr ſteiget, und fallt, befoͤrdert das Lob des Allmaͤchtgen.
Haucht, ihr Winde, das Lob des Allmaͤchtgen, die von den vier Enden
Wehen; athmet es ſanft oder laut. Mit wallendem Wipfel
Rauſchet, ihr Fichten, und neigt euch, ihr Pflanzen zum Zeichen der
Ehrfurcht!
200
201Jhr, ihr Quellen, und ihr, die, ſo wie ihr rieſelnd dahin fließt,
Unmelodiſch nicht murmelt; ertoͤnet ſein Lob, wenn ihr murmelt.
All193Fuͤnfter Geſang.
All ihr lebenden Seelen, vereinigt die Stimmen! Jhr Voͤgel,
Die ihr euch zu den Pforten des Himmels im Singen hinaufſchwingt,
Traget auf euren Fluͤgeln und eurem Geſange ſein Lob fort.
205
201Die ihr in Waſſern ſchluͤpfet, und die ihr die Erde wandelt,
Die ihr praͤchtig einhergeht, und ihr, die ihr niedrig dahin kriecht,
Gebt mir Zeugniß; ſchweig ich des Morgens und Abends den Huͤgeln,
Oder Thaͤlern, und Quellen, und friſchen Schatten? die lauter
Oft mein Lobgeſang macht, und den Ruhm des Allmaͤchtigen lehret.
210
201Heil dir! o Herr der Natur! ſey gegen uns, deine Geſchoͤpfe,
Jmmer guͤtig, und ſchenk uns allein das Gute
k)Er hat, wie Bentley angemerkt, das beruͤhmte Gebet des Plato vor Au - gen:〈…〉〈…〉Gieb uns, o Koͤnig Zevs, allein das Gute; wir moͤgen Dich darum bitten, oder nicht bit - ten. Bewahr uns vorm Buͤßen, Wenn wir darum dich auch anflehn ſollten N.
k). Wofern auch
Etwas Boͤſes die Nacht in dem finſtern Schooße geſammelt,
So zerſtreu es, wie itzo das Licht die Schatten zerſtreuet!
Alſo beteten ſie in Unſchuld. Befeſtigter Friede,
215
202 Und die gewoͤhnliche Ruh kam wieder in ihre Gemuͤther.
Und ſie eilen nunmehr zur ſuͤßen Arbeit des Morgens
Auf dem Feld, im lieblichen Thau, und zwiſchen den Blumen,
Wo die Reihn fruchttragender Baͤume mit geilenden Zweigen
UeberB b194Das verlohrne Paradies.
Ueber die Luſtgaͤnge ragten, und mehrere Haͤnde verlangten,
220
202 Der fruchtloſen Umarmung zu wehren; ſie fuͤhrten die Rebe
Sich mit ihrem Ulmbaum zu paaren; ſie, mit ihm vermaͤhlet,
Schlinget ſich um ihn mit ehlichen Armen, und bringet zur Mitgift
Die von ihm angenommenen Trauben, die unfruchtbaren
Zweige mit ihnen zu zieren. Es ſah ſie der Koͤnig des Himmels
225
202 Alſo beſchaͤfftigt, voll Mitleid, und rief den geſelligen Engel
Raphael zu ſich, der ehmals den jungen Tobias gewuͤrdigt,
Mit ihm zu reiſen, und ihn in der Eh mit der Jungfrau bewahrte,
Welche ſiebenmal vor ihn ungluͤcklich vermaͤhlet geweſen.
Raphael, ſprach er, du hoͤrſt, was Satan, welcher der Hoͤlle
230
202 Durch den finſtern Abgrund entronnen, auf Erden fuͤr Unruh
Jn dem Paradieſe geſtiftet; mit welchen Verſuchen
Dieſe Nacht er das menſchliche Paar geſtoͤrt hat, und wie er
Auf einmal das ganze Geſchlecht der Menſchen in ihnen
Zu verderben ſich vornimmt. Begieb dich alſo zu Adam
235
202 Und bring dieſe Haͤlfte des Tages, wie Freunde mit Freunden,
Bey ihm zu, da wo du ihn findſt vor der Hitze des Mittags
Unter kuͤhlende Lauben und hohe Schatten entwichen,
Sich nach der Arbeit des Tages mit einer erfriſchenden Mahlzeit
Oder mit ſuͤßer Ruh zu erquicken. Mit ſolchen Geſpraͤchen
240
202 Unterhalt ihn, die ihn an ſeinen gluͤcklichen Zuſtand,
An dies Gluͤck erinnern, das ſeinem eigenen Willen,
Seinem freyen Willen ich ganz uͤberlaſſen; dem Willen,
Der zwar frey, doch veraͤnderlich iſt; und warne daher ihn,
Daß195Fuͤnfter Geſang.
Daß er nicht, allzu ſicher, den gluͤcklichen Zuſtand verſcherze.
245
202Sag ihm beſonders ſeine Gefahr, und von wem ſie zu fuͤrchten;
Was fuͤr ein Feind, der ſelber erſt kuͤrzlich vom Himmel gefallen,
Jtzt auf den Fall der andern bedacht iſt, die eben ſo gluͤcklich
Waren, wie er. Mit Gewalt! Nein, das ſoll nimmer geſchehen;
Aber mit Liſt und Betrug. Dies laß ihm wiſſen, damit er,
250
202 Wenn er freywillig mein einzigs Gebot uͤbertreten, nicht vorgiebt,
Daß er gefallen ſey unerinnert, und ungewarnet.
Dieſes ſprach der ewige Vater. Und alſo erfuͤllt er
Alle Gerechtigkeit. Laͤnger nicht ſaͤumt der befluͤgelte Heilge,
Sondern nach dieſen empfangnen Befehlen erhub er ſich ploͤtzlich
255
202 Unter tauſend himmliſchen Feuern
l)Milton verſteht hierunter Se - raphim. Das hebraͤiſche Zaraph, wo -von Seraph herkoͤmmt, bedeutet bren - nen. Thyer.
l), worunter er praͤchtig
Eingehuͤllt ſtand in die glaͤnzenden Fluͤgel. Mit ſchleunigem Schwunge
Flog er mitten die Himmel hindurch; die engliſchen Schaaren
Theilten ſich ſchnell zu beyden Seiten, der eilenden Reiſe
Auf der ganzen Straße des Empyreum hinunter
260
203 Raum zu laſſen. Er nahet ſich itzt zu der Pforte des Himmels,
Welche von ſelber weit auf ſich that; in goldenen Angeln
Drehte ſie ſich, als ein goͤttliches Werk, vom oberſten Bauherrn
Selber gemacht. Er erblickte von da, indem ihm nicht Wolke,
Oder Stern das Geſicht verhindert, die Erde, ſehr klein zwar,
265
203 Aber doch andern leuchtenden Kugeln nicht ungleich; und auf ihr
Gottes Garten, der uͤber den Huͤgeln mit Cedern gekroͤnt ſtand.
B b 2Wie196Das verlohrne Paradies.
Wie mit geringrer Gewißheit das Galilaͤiſche Sehrohr
Eingebildete Laͤnder und Regionen im Monde
Zu entdecken glaubt; oder wie von den Cykladiſchen Jnſeln
270
203 Delos und Samos, indem ſie zuerſt vor dem Steuermann aufſteigt,
Wie ein wolkigter Flecken erſcheint. Mit fallendem Fluge
Eilt er hinunter, und ſeegelt den weiten aͤtheriſchen Himmel
Zwiſchen Welten und Welten hindurch, mit ſchwebenden Schwingen
Auf Polarwinden ruhend; dann ſchlaͤgt er die biegſamen Luͤſte
275
203 Mit verdoppeltem Flug, bis er itzo die Hoͤhen erreichet,
Welche der Adler empor ſteigt; von allen Voͤgeln des Himmels
Wird er itzt als der Phoͤnix
m)Die Fabel vom Phoͤnix iſt be - kannt. Die Alten glaubten von ihm, er werde fuͤnf - bis ſechshundert Jahr alt, baue ſich hernach ein Neſt von koſtbaren Spezereyen, welches durch die Sonne angezuͤndet werde, und wor - inn er ſich ſelbſt verbrenne. Aus ſei -ner Aſche komme alsdann ein neuer Phoͤnix hervor, der ſeine eigene Aſche im Tempel der Sonne des Aegypti - ſchen Thebens beſtatte. N.
m)betrachtet, der einzige Vogel
Seiner Art, wenn er etwan nunmehr zum Egyptiſchen Theben
Seinen Flug nimmt, um ſeine Aſchen im Tempel der Sonne
280
204 Zu beſtatten. Er laͤßt ſich auf einmal mit ſinkenden Fluͤgeln
Auf der oͤſtlichen Klippe des Paradieſes hernieder,
Und ſteht da in eigner Geſtalt, ein gefluͤgelter Seraph.
Seine goͤttlichen Glieder zu decken, trug er ſechs Fluͤgel
n)Jeſ. VI. 2. Seraphim ſtun - den über ihm, ein jeglicher hatte ſechs Flügel. N.
n);
Zwey, ſo die breiten Schultern bedeckten, umgaben die Bruſt ihm
285
205 Wie ein Mantel, mit Koͤnigesſtaat; das mittelſte Paar gieng
Wie ein ſternvoller Guͤrtel um ſeinen Leib, und umguͤrtet
Seine Seiten und Huͤften mit wollichtem Gold, und mit Farben,
Jn197Fuͤnfter Geſang.
Jn den Himmel getaucht; das dritte beſchattet von unten
Seine Ferſen mit Federn, gefaͤrbt in aͤtheriſchem Purpur.
290
205Jugendlich ſteht er da, wie der Sohn der Maja
o)Die Vergleichung des Engels mit dem Sohne der Maja zeigt deut - lich, daß der Dichter die erhabene Stellen des Homers und Virgils vor Augen gehabt, worinnen der Flug und die Niederlaſſung des Merkurius auf die Erde beſchrieben wird. Die vom Homer iſt Il. XXIV. 339. 〈…〉〈…〉Alſo ſprach er. Der Herold der Goͤtter gehorcht den Befehlen, Und knuͤpft an die Ferſen die guͤld - nen ambroſiſchen Schwingen, Die mit dem Hauche des Windes ihn uͤber Laͤnder und Meere Forttragen. Drauf ergreift er den Stab, womit er die Augen Sterblicher einwiegt zum Schlum̃er, und ſchlummernde wieder eroͤffnet. Virgil hat es beynahe von Wort zu Wort, doch mit einigem Zuſatz, uͤber - ſetzt. Aen. IV. 238. Dixerat: ille patris magni parere pa - rabat Imperio, et primum pedibus talaria nectit Aurea: quae ſublimem alis, ſiue aequora ſupra, Seu terram, rapido pariter cum flami - ne portant. Tum virgam capit: hac animas ille evocat Orco Pallentes, alias ſub triſtia Tartara mit - tit; Dat ſomnos adimitque, et lumina morte reſignat. Alſo Jupiter. Er, des großen Vaters Befehlen Zu gehorchen, knuͤpfet ſo gleich die guͤt - denen Schwingen An die Ferſen, die ihn mit dem Wind uͤber Laͤnder und Seen Forttragen; und drauf nimmt er den Stab, womit er die Seelen Aus dem Orkus herauf, und andre zur Hoͤlle hinabfuͤhrt; Bald dadurch den Schlummer ertheilt, bald wieder ihn raubet, Und die Augen eroͤffnet, die Todesſchat - ten verhuͤllet. Es iſt ſchwer zu beſtimmen, wie Po - pe ſagt, ob die Copie oder das Original ſchoͤner ſey; doch glaube ich wird jeder Leſer zugeben, daß Miltons Beſchrei - bung beyde uͤbertreffe. N.
o), und ſchuͤttelt
Seine Gefieder, daß himmliſche Duͤfte weit um ihn den Umkreis
Ganz erfuͤllten. Jhn kannten ſogleich die Schaaren der Engel
Die hier die Wache verſahn; und ſeinem erhabenen Range,
Und der hohen Geſandtſchaft, die ihn hieher trug, zu Ehren,
B b 3Stan -198Das verlohrne Paradies.
295
206Standen ſie ſchnell vor ihm auf; denn daß er in hoher Geſandtſchaft
Von dem Himmel kam, ſahen ſie bald. Durch die ſchimmernden Zelte
Gieng er hindurch, und naͤherte ſich den gluͤcklichen Feldern
Durch Luſtwaͤlder von Myrthen und blumenreichen Geruͤchen,
Welche Caßia, Nardus, und Balſam um ſich verſtreuten;
300
206 Eine Wildniß von ſuͤßen Duͤften. Denn jugendlich ſcherzte
Hier die Natur, und ſpielte jungfraͤuliche Phantaſien,
Wies ihr beliebte, indem ſie hier wild, nicht nach Kunſt oder Regeln,
Sich wolluͤſtig in Wohlgeruch ausgoß; unendlicher Seegen!
Durch den balſamduftenden Hayn ſah ihn Adam ſich naͤhern,
305
206 Als er unter dem Eingang
p)So ſaß Abraham in der Thür ſeiner Hütten, da der Tag am heißeſten war, als er von dreyEngeln beſucht wurde. Nach 1 B. Moſ. VIII. 1. Bentley.
p)von ſeiner ſchattichten Laube
Saß, und itzo die Sonne, zur Mittagshoͤhe geſtiegen,
Senkrecht die heißen Stralen herabſchoß, das Jnnre der Erde
Zu erwaͤrmen, und mehr es erwaͤrmte, als Adam bedurfte.
Eva bereitete drinnen zu ihrer gewoͤhnlichen Stunde
310
207 Schmackhafte Fruͤchte zum Mittagsmahl, den Geſchmack zu ergoͤtzen,
Und dazwiſchen den Nektartrank von dem milchichten Strome
Reifer Beeren und Trauben. Und Adam rufet ihr alſo:
Eile geſchwind, o Eva hieher, und ſieh ein Geſichte,
Wuͤrdig, daß du es ſiehſt! Dort unter den Baͤumen gen Oſten
315
207 Naht ſich die glorreichſte Geſtalt, die im herrlichſten Glanze
Wie ein anderer Morgen am hellen Mittag uns aufgeht.
Eine wichtge Geſandtſchaft vielleicht vom Himmel, die heute
Bey199Fuͤnfter Geſang.
Bey uns ein Gaſt zu ſeyn uns Erdengebohrene wuͤrdigt.
Eile du alſo, und alles, was dein geſammleter Vorrath
320
207 Aufbehalten, das bringe hervor; im Ueberfluß bring es,
Um den erhabnen himmliſchen Fremdling geziemend zu ehren,
Und zu empfangen. Wir koͤnnen gar wohl den himmliſchen Gebern
Jhre Geſchenke zuruͤcke geben, und mittheilen, was uns
Selber ſo reichlich mitgetheilt iſt; hier wo die Natur ſich
325
207 Stets an fruchtbarem Wachsthum vermehrt, und je mehr ſie der Buͤrde
Sich entlediget, fruchtbar wird, und dadurch uns lehret,
Daß wir nicht ſparen ſollen. Jhm gab drauf Eva zur Antwort.
Adam, geheiligter Theil der Erde, vom Schoͤpfer begeiſtert!
Hier iſt ein kleiner Vorrath genug, wo der reicheſte Vorrath
330
207 Alle Jahrszeiten, reif zum Gebrauch, von den Stielen herabhaͤngt;
Außer was durch ein haͤuslichs Verwahren mehr Feſtigkeit annimmt,
Und die uͤberfluͤßigen Saͤfte verzehrt. Doch ich eile,
Und von jeglichem Zweige, von allen Stauden und Pflanzen
Will ich die ſaftigſten Fruͤchte, das auserleſenſte, pfluͤcken,
335
207 Unſern engliſchen Gaſt zu unterhalten, damit er,
Wenn er es ſieht, bekenne, daß Gott auch hier auf der Erde
Seine Gnaden eben ſowohl, als im Himmel, vertheilet.
Alſo ſprach ſie, und wandte ſich um mit ausrichtſamen Blicken,
Voll von Wirthſchaftsgedanken, die niedlichſten Fruͤchte zu waͤhlen,
340
207 Und in der beſten Ordnung die ungleichen Arten Geſchmackes
Ungeſchickt nicht zu vermengen; vielmehr mit der ſchoͤnſten Veraͤndrung
Jm -200Das verlohrne Paradies.
Jmmer Geſchmack auf Geſchmack zu vergnuͤgen. So eilt ſie, und ſammelt
Von den zarteſten Stielen, was immer die Mutter Erde
Jn den beyden Jndien giebt, und am Ufer des Pontus
q)Jn Pontus, einem Theile von Afrika; und an den Puniſchen - ſten, gleichfalls einem Theil von Afri - ka, und da wo Alcinous herrſchte, in einer griechiſchen Jnſel auf dem Jo - niſchen Meere (itzt der Venetianiſche Meerbuſen) die vor Alters Phaͤaciahieß, dann Corcyra, und heutiges Tages Corfu genannt wird, unter der Herr - ſchaſt der Republik Venedig. Dieſe Jnſel iſt ſehr fruchtbar an Oel, Wein, und den vortrefflichſten Fruͤchten, und Homer hat den Alcinous wegen ſeiner Gaͤrten ſehr beruͤhmt gemacht.
q),
345
208 An den Puniſchen Kuͤſten, und da wo Alcinous herrſchte;
Fruͤchte von allen Arten, in glatten und haarichten Schaalen,
Baͤrtigen Huͤlſen und Rinden; ein reicher Tribut! Auf der Tafel
Haͤuft ſie ihn auf mit unſparſamer Hand. Zum Getraͤnke zerknirſcht ſie
Trauben, einen unſchaͤdlichen Moſt, und Meethe von allen
350
208 Arten von Beeren; und zieht aus ſuͤßen gepreßten Kernen
Einen lieblichen Rohm; ihr fehlts nicht an reinen Geſchirren
Um ihn aufzufaſſen; dann uͤberſtreut ſie mit Roſen
Und mit feinen Geruchen, von Straͤuchern geſammelt, den Boden.
Seinem goͤttlichen Gaſt gieng unſer Stammvater itzo
355
208 Voller Ehrfurcht entgegen; von keinem andern Gefolge,
Als von ſeinen eignen Vollkommenheiten, begleitet.
Jn ihm allein beſtand ſein Staat; doch war er viel praͤchtger,
Als der verdrießliche Pomp, der um die Fuͤrſten ſich draͤnget,
Wenn der lange Zug von Pferden und guͤldenen Dienern
360
208 Weit um ſie her den Poͤbel, der ſtarr ſie angafft, verblendet.
Adam kam itzt ihm naͤher, und buͤckte ſich, zwar nicht erſchrocken,
Aber201Fuͤnfter Geſang.
Aber doch mit demuͤthigem Zutritt, und holder Verbeugung
Tief, wie vor hoͤhern Naturen geziemt, und ſagte voll Ehrfurcht.
Du, im Himmel gebohrner, denn nur der Himmel allein kann
r)Milton hat hier unſtreitig den Virgil nachgeahmt Aen. I. 327. O, quam te memorem, Virgo? nam - que haud tibi vultus Mortalis, nec vox hominem ſonat; o Dea certe. O wie ſoll ich dich nennen, o Jung - frau? Denn weder dein Antlitz Jſt wie einer Sterblichen Antlitz; noch ſchallet die Stimme,Wie die Stimme der Menſchen Du biſt der Unſterblichen eine. Thyer.
r)
Solche glorreiche Weſen in ſich enthalten. Dieweil dir
360
209 Von den himmliſchen Thronen herunter zu ſteigen beliebt hat,
Jene gluͤckſeeligen Oerter fuͤr eine Weile zu miſſen,
Und mit deiner Gegenwart dieſe zu ehren; ſo laß dirs
Mit uns beyden gefallen, den einzigen, die wir allein noch
Dieſes geraume Land durch die oberſte Gnade beſitzen,
365
209 Dort in jener ſchattichten Laube die Ruhe zu nehmen,
Mit uns zu ſitzen, und was uns der Garten erleſenes darreicht,
Zu verſuchen, bis ſich die Hitze des Mittags gemildert,
Und im purpurnem Weſten die kuͤhlere Sonne ſich neiget.
Jhm erwiedert hierauf holdſeelig die Engliſche Tugend
s)Der Engel. So gebraucht Ho - mer〈…〉〈…〉, die Priamiſche Stärke, fuͤr Priam ſelbſt; II. III. 105. und〈…〉〈…〉 anſtatt Hektor. II. XIV. 418. Hume.
s).
370
210Adam, ich komme deshalb; du biſt auch alſo geſchaffen,
Und bewohneſt hier ſolch einen Ort, daß auch Geiſter des Himmels
Dich zu beſuchen, gereizet werden. So fuͤhre mich alſo
UnterC c202Das verlohrne Paradies.
Unter deine gewoͤlbten Schatten; die Stunden des Mittags
Hab ich fuͤr mich, bis der Abend heraufſteigt. So kamen ſie beyde
375
210 Zu der waldichten Wohnung, die gleich der Laube Pomonens
Duftend ſie anlacht, mit Blumen geziert, und erfriſchenden Bluͤthen.
Aber Eva ſtand nackend, nur mit ſich ſelber geſchmuͤcket,
Und doch reizender noch als eine Waldnymph, und ſchoͤner,
Als der drey Fabelgoͤttinnen ſchoͤnſte, die vormals auf Jda
380
210 Nackend ſich um den Preis der Schoͤnheit geſtritten. So ſtand ſie
Jhren himmliſchen Gaſt zu bedienen; und keines Schleyers
Hatte ſie noͤthig zum Schirme der Keuſchheit; kein ſchwacher Gedanke
Durfte die Wangen entfaͤrben. Mit Heil! empfieng ſie der Engel,
Und er gab ihr den heiligen Gruß, den er lange nachhero
385
210 Gegen die hohe Maria, die zweyte Eva
t)Siehe Luk. I. 28. Sie wird die zweyte Eva genannt, wie Chriſtusmanchmal der zweyte Adam genannt wird. N.
t), gebrauchet.
Heil dir! Mutter des Menſchengeſchlechtes! die fruchtbare Schooß wird
Mit mehr Soͤhnen die Welt erfuͤllen, als mancherley Fruͤchte
Von den Baͤumen Gottes auf dieſe Tafel gehaͤuft ſind.
Jhre Tafel erhub ſich von Roſen, und hatte rund um ſich
390
211 Sitze von weichen Moos. Auf ihrer geraumen Flaͤche
Trug ſie von Seite zu Seite den ganzen Herbſt aufgethuͤrmet,
Obgleich Hand in Hand der Herbſt und der Fruͤhling hier tanzten.
Eine Weil unterhielten ſie ſich mit holden Geſpraͤchen,
Ohne zu fuͤrchten, daß ihre Speiſen erkalten moͤchten.
Und203Fuͤnfter Geſang.
395
211Und drauf ſprach der Erſte der Menſchen: Laß, himmliſcher Fremder,
Dir von dieſen Gaben bey uns zu koſten gefallen;
Sie hat unſer Ernaͤhrer, der mit dem vollkommenſten Guten
Ohne Maaß uns beſchuͤttet, fuͤr uns zur Luſt und zur Nahrung
Hier der wohlthaͤtigen Erde hervorzubringen befohlen.
400
211Unſchmackhafte Nahrung vielleicht fuͤr ge[i]ſtge Naturen,
Doch dies weis ich, uns allen giebt ſie Ein himmliſcher Vater.
Jhm verſetzte der Engel: Weil Er, dem Lob und dem Ehre
E[w]ig geſungen werde, dem theils auch geiſtigen Menſchen
Alles dieſes geſchenkt; ſo kann es den reineſten Ge[i]ſtern
405
211 Nicht zu ganz widriger Nahrung dienen. Gehoͤrige Nahrung
Brauchen ſowohl die geiſtigen Weſen, als euer vernuͤnftges.
Beyde beſitzen in ſich die niedrern Vermoͤgen der Sinne,
Durch die ſie hoͤren, ſehn, und riechen, und fuͤhlen, und ſchmecken;
Was ſie ſchmecken, verzehren, und alles, was koͤrperlich, wieder
410
211 Jn unkoͤrperlichs in ſich verwandeln. Denn alles Erſchaffne,
Adam, hat noͤthig, genaͤhret und unterhalten zu werden.
Unter den Elementen gewaͤhren die groͤbern den reinern
Nahrung; die Erde der See; die See der Luft; und die Erde
Und die Luft, den himmliſchen Feuern; zuerſt dem Monden,
415
211 Als der niedrigſten Kugel; daher entſtehn ihm die Flecken
Auf dem runden Geſicht; noch nicht gereinigte Duͤnſte,
Die er noch nicht in ſein Weſen verwandelt. Aus waͤßrichten Laͤndern
Duͤnſtet der Mond ſelbſt Nahrung aus fuͤr hoͤhere Kugeln.
Selber die Sonne, die alles mit Lichte verſorget, empfaͤnget
C c 2Jhre204Das verlohrne Paradies.
420
211Jhre Belohnung von allen, in feuchten aufſteigenden Duͤnſten,
Und haͤlt Abends ihr Mahl mit dem Ocean. Zwar in dem Himmel
Tragen die Baͤume des Lebens ambroſialiſche Fruͤchte,
Und der Weinſtock reichet uns Nektar; mit jeglichem Morgen
Streichen wir honigfließenden Thau von den Zweigen herunter,
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211 Und wir finden den Boden mit Perlenkoͤrnern bedecket;
Aber doch hat Gott auch hier mit ſo viel neuen Vergnuͤgen
Seine Gaben veraͤndert, daß man gar wohl mit dem Himmel
Sie vergleichen kann. Denke drum nicht, ich ſey ſie zu koſten
Zu verwoͤhnt. So ſaßen ſie nieder zu ihren Gerichten,
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211 Und der Engel auch; nicht nur dem Schein nach, im Nebel,
Nach der gruͤbelnden Gloſſe der Gottesgelehrten
u)Verſchiedne Kirchenvaͤter und Gottesgelehrten der Alten waren der Meynung, daß die Engel niemals wirk - lich gegeſſen, ſondern nur zu eſſen ge - ſchienen. Milton war hier un gegenthei - liger Meynung, und ſcheint er die Schrift vor ſich zu haben. 1 B. Moſ. XVIII. und XIX. wo ausdruͤcklich ge - ſagt wird, man ſetzte ihnen ein Mahl vor, und ſie aßen. Man hat we - nigſtens keinen Grund; dieſes nicht eben ſowohl als das uͤbrige der Er - zehlung nach dem Buchſtaben zu ver - ſtehen. N.
u); nein, wirklich,
Mit begierigem Hunger, und mit verzehrender Hitze,
Was er , zu verwandeln; das uͤbrige dunſtet bey Geiſtern
Unvermerkt aus. Kein Wunder, da durch das groͤbere Feuer
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212 Schmutziger Kohlen der Alchimiſt die ſchlechtſten Metalle
Jn vollkommnes Gold verwandelt; zum wenigſten glaubet,
Daß nicht unmoͤglich es ſey, es drein zu verwandeln. Jndeſſen
Wartete Eva auf bey der Tafel, in nackender Schoͤnheit,
Und kroͤnt ihre ſtroͤmenden Becher mit lieblichem Tranke.
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212O der Unſchuld! des Paradieſes ſo wuͤrdigen Unſchuld!
Da -205Fuͤnfter Geſang.
Damals, oder ſonſt nimmer, waͤr es den Soͤhnen des Hoͤchſten
Zu verzeihen geweſen, wenn ſie bey ſolchem Anblick
Sich verliebt; aber hier in dieſen reineren Herzen
Herrſchte Lieb ohne Wolluſt; beleidigter Liebhaber Hoͤlle,
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212 Eiſerſucht, kannte man hier nicht. Nachdem ſie mit Speiſen und Tranke
Jtzt die Natur geſaͤttigt, nicht uͤberladen; ſtieg ploͤtzlich
Ein erhabner Gedank in Adams Gemuͤth auf, den Anlaß
Dieſes großen Beſuchs ſich nicht entgehen zu laſſen,
Und nach Dingen uͤber der Welt, und dem Weſen der Geiſter,
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212 Welche den Himmel bewohnen, ſich zu erkundigen; da er
Sich ſo ſehr uͤbertroffen durch ihre hohe Geſtalt ſah,
Ausſtralungen von Gott, die mit den erhabenen Kraͤften
Menſchliche ſo ſehr weit uͤberſtiegen. Er wandte behutſam
Alſo mit ſeiner Rede ſich zu dem Geſandten des Himmels.
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212O du, der du wohneſt bey Gott! Jch erkenn itzt vollkommen
Deine Guͤtigkeit, durch die Ehre, womit du den Menſchen
Anſiehſt; unter ſein niedriges Dach zu treten, ihn wuͤrdigſt,
Und von dieſen irdiſchen Fruͤchten, nicht Speiſen fuͤr Engel,
Bey ihm gekoſtet; ſo willig gekoſtet, als je bey des Himmels
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212 Hohen Feſten; wie ſehr von dieſen irdſchen verſchieden!
Jhm erwiederte drauf der befluͤgelte Bote des Himmels.
Ein Allmaͤchtger, o Adam, iſt nur, der alles erſchaffen;
Alles kehrt zu ihm wieder zuruͤck, wofern es vom Guten
Sich nicht entfernt. Er ſchuf das, was er geſchaffen, vollkommen;
C c 3Al -206Das verlohrne Paradies.
465
212Alles war eine erſte Materie; mancherley Formen
Nahm ſie an, nach mancherley Stufen von Weſen und Leben
Jn den Dingen, die leben. Doch mehr gereinigt, mehr geiſtig,
Und viel reiner ward alles, was naͤher am Throne des Schoͤpfers
Hoͤher hinauf ſich beſtrebte zum erſten Urſprunge; jedes
470
212 Jn der ihm eignen beſtimmten Sphaͤre der Wirkſamkeit, bis ſich
Endlich der Koͤrper zum Geiſt hinaufarbeitet, nach Grenzen
Abgemeſſen zu jeglicher Art. So entſproſſet der Wurzel,
Leichter, der gruͤne Stiel; von ihm, mehr luftreich, die Blaͤtter
Bis die helle vollkommne Blume balſamiſche Geiſter
475
212 Von ſich athmet. Die Blumen und Fruͤchte, die Nahrung des Menſchen
Werden feiner gemacht nach verſchiednen Graden, und ſteigen
Hoͤher, und werden verwandelt zu Lebensgeiſtern, zu thierſchen,
Und intellektualiſchen Geiſtern, und geben Empfindung,
Leben, Verſtand, und Einbildungskraft; woher denn die Seele
480
212 Jhre Vernunft empfaͤngt, (und die Vernunft iſt ihr Weſen)
Entweder anſchauend, oder auch ſchließend; die erſt iſt meiſtens
Unſer, und euer die letzte; nur bloß in Graden verſchieden,
Sonſt von einerley Art. Verwundre dich alſo nicht laͤnger,
Daß auch ich nicht verwerfe, was Gott als Gut euch beſtimmte,
485
212 Sondern es ſo wie ihr in mein Weſen verwandle. Vielleicht koͤmmt
Einmal die Zeit, da der Menſch mit den Engeln ſpeiſt, und die Nahrung
Nicht zu leicht fuͤr ſich findet; vielleicht daß die Laͤnge der Zeiten
Eure Koͤrper verbeſſert, und ſie, ganz Geiſt, ſich befluͤgelt
Jn die Luͤft erheben, aͤtheriſch wie wir, und bald hier ſich
Auf -207Fuͤnfter Geſang.
490
212Aufhalten, oder bey uns in himmliſchen Paradieſen;
Wenn ihr in eurem Gehorſam verharrt, und die Liebe des Hoͤchſten,
Deſſen Geſchlecht ihr ſeyd, euch unveraͤndert erhaltet.
Unterdeſſen genießet die Fuͤlle des Gluͤckes, das dieſer
Gluͤckliche Zuſtand enthaͤlt; mehr waͤr er zu faſſen nicht faͤhig.
495
212Jhm gab alſo der Vater des Menſchengeſchlechtes zur Antwort:
Guͤtiger Engel, geneigter Gaſt! Wie haſt du den Weg uns
Wohl gelehret, der uns in unſern Erkenntniſſen leitet,
Und wie haſt du die Leiter der Dinge vom Mittelpunkt naͤher
Zu dem Umkreis geſetzt, wodurch wir uns durch die Betrachtung
500
212 Dieſer erſchaffenen Ding um uns her von Stufe zu Stufe
Hoͤher ſchwingen zu Gott. Doch ſage mir, himmliſcher Lehrer,
Was bedeutet die Warnung, die du hinzufuͤgteſt: Wenn ihr
Jm Gehorſam verharrt! Kanns uns an Gehorſam denn fehlen,
Oder kann unſere Liebe ſich gegen Den wohl verringern,
505
212 Welcher aus Staub uns gemacht, und dieſe Wohnung uns anwies,
Wo wir in uͤberfließendem Maaße des Gluͤckes genießen,
Welches Begierden der Menſchen nur wuͤnſchen, oder begreifen.
Jhm verſetzte der Engel hierauf: O Sohn des Himmels
Und der Erde, merk auf! daß du gluͤckſeelig biſt, danke
510
212 Gotte; doch daß du ſo bleibſt, dies mußt du ſelber dir danken,
Das iſt, deinem Gehorſam. Jn dieſem verharre beſtaͤndig,
Dies war die Warnung, die ich dir gab; gebrauche der Warnung,
Gott erſchuf dich vollkommen, doch nicht unveraͤnderlich; ſchuf dich
Gut;208Das verlohrne Paradies.
Gut; doch gut zu bleiben, dies uͤberließ er dir ſelber;
515
212 Schuf von Natur dich frey, mit freyem Willen; kein Schickſal,
Keine Nothwendigkeit kann in dem, was du waͤhleſt, dich binden.
Er will unſre willigen Dienſte, nicht unſre gezwungnen.
Dieſe gefallen ihm nicht, auch koͤnnen ſie ihm nicht gefallen;
Denn wie kann man von Herzen, die voͤllig nicht frey ſind, erfahren,
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212 Wie ſie dienen, ob frey, ob gezwungen, wofern ſie nur wollen,
Was ſie durchs Schickſal muͤſſen, und eigene Wahl ſie nicht leitet.
Jch, und das ganze engliſche Heer, das im Angeſicht Gottes
Seinen Thron umringet, wir bleiben nicht laͤnger, wie ihr auch,
Jn dem gluͤcklichen Zuſtand, als wir im Gehorſam verharren;
525
212 Keine Verſicherung haben wir ſonſt. Wir dienen freywillig,
Weil wir freywillig lieben, und weil es in unſerm Willen
Steht, zu lieben und nicht zu lieben; ſo ſtehn wir, ſo falln wir.
Ach! und einige ſind gefalln! Vom Gehorſam gefallen,
Und vom Himmel zur tiefſten Hoͤllen. O Fall! von dem hoͤchſten
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212 Gluͤcklichſten Zuſtand herunter zum tiefſten niedrigſten Elend.
Unſer erhabener Stammvater gab ihm alſo zur Antwort:
Deine Worte hab ich aufmerkſam, o goͤttlicher Lehrer,
Und mit entzuͤcktern Ohren vernommen, als wenn in der Nacht uns
Von den benachbarten Huͤgeln der Cherubim himmliſche Choͤre
535
212 Mit Muſik begeiſtern. Mir war es bekannt, daß der Schoͤpfer
Unſern Willen und unſre Handlungen frey uns geſchaffen,
Und mir ſagten beſtaͤndig, ſo wie ſie mirs itzo noch ſagen,
Meine feſten Gedanken, ſtets unſern Schoͤpfer zu lieben,
Und209Fuͤnfter Geſang.
Und ihm, deſſen einzigs Gebot ſo gerecht iſt, beſtaͤndig
540
212 Unſern Gehorſam zu leiſten. Das, was du vom traurigen Vorfall
Jn dem Himmel erwaͤhnteſt, hat in mir einige Zweifel,
Aber noch groͤßre Begierden erweckt, die ganze Geſchichte,
Wenn dirs gefaͤllt, zu vernehmen. Sie muß nothwendig ſehr ſeltſam
Und ſehr werth ſeyn, daß man mit heiligem Schweigen ſie hoͤre.
545
212Und noch haben wir langen Tag, denn kaum hat die Sonne
Halb erſt die ſchnelle Reiſe geendigt; die andere Haͤlfte
Tritt ſie eben itzt an in der großen Zone des Himmels.
So erſuchet ihn Adam. Nach kurzem Schweigen gewaͤhrt ihn
Raphael ſeines Verlangens, indem er ſo anhub zu reden:
550
Hohe Materien ſoll ich entwickeln
x)Die Epiſchen Dichter pflegen die wichtigſten Dinge die vor der Hand - lung des Gedichts geſchehn, in einer Epiſode oder Erzehlung anzubringen. So wie Ulyſſes im Homer dem Al - cinous und Aeneas im Virgil der Di - do ihre Begebenheiten erzehlen, ſo er - zehlt hier der Engel an Adam die Schoͤ - pfung der Welt, und faͤngt ſeine Er -zehlung vom Fall der Engel faſt eben ſo an, wie Aeneas die Geſchichte von der Zerſtoͤrung Troja Virg. Aen. II. 3. Infundum, regina, jubes renouare dolorem. Koͤniginn, du befiehlſt mir den un - ausſprechlichen Kummer Zu erneuern. N.
x), o Erſter der Menſchen!
Traurige ſchwere Bemuͤhung! Wie ſoll ich menſchlichen Sinnen
Unſichtbare Thaten von kriegenden Geiſtern erzehlen?
Oder wie ohne Betruͤbniß den ſchrecklichen Fall dir beſchreiben
Von ſo viel ehmals vollkommnen, glorreichen, maͤchtigen Engeln,
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213 Als ſie noch im Gehorſam ſtunden? Wie ſoll ich dir endlich
EinerD d210Das verlohrne Paradies.
Einer andern Welt verhuͤllte Geheimniß entfalten,
Die zu entdecken vielleicht verboten iſt. Doch dir zum Beſten
Jſt mir dieſes erlaubt; und was die Begriffe des Menſchen
Ueberſteigen mag, will ich dir durch die geſchickte Vergleichung
560
213 Geiſtiger Dinge mit irdiſchen Bildern zu zeichnen ſuchen,
Die ſie am beſten erklaͤren. Und wie? wenn die Erde des Himmels
Schatten nur iſt, und die irdiſchen Dinge den himmliſchen Dingen
Untereinander mehr gleichen, als man auf Erden ſich vorſtellt?
Als die Welt noch nicht war, und wild noch das Chaos regierte,
565
213 Wo ſich dieſe Himmel itzt rollen, wo itzo die Erde
Von dem Allmaͤchtgen gegruͤndet auf ihrem Mittelpunkt ruhet;
War es an einem Tage, (weil auch in der Ewigkeit ſelber
Alles was Fortdauer hat, die Zeit in ihrer Bewegung
Nach dem gegenwaͤrtgen, vergangnen, und kuͤnftigen, abmißt;)
570
213 An ſolch einem Tag, als das große Himmelsjahr vorbringt,
Wurden auf Gottes Befehle die empyreiſchen Schaaren
Aller Engel zuſammen berufen; ſie kamen unzehlig
Vor des Allmaͤchtigen Thron, von ihren Haͤuptern gefuͤhret,
Aus den Himmeln herbey; zehntauſendmal tauſend Paniere,
575
213 Und Standarten und Fahnen, die zwiſchen der Vorhut und Nachhut
Hoch in die Luft hinſtroͤmten, und zwiſchen Hierarchien,
Orden, und Graden, den Unterſchied machten. Sie zeigten zum Theil auch
Stralende Denkzeichen, eingeſtickt in ihr ſchimmernd Gewebe,
Zur Erinnrung erhabener Thaten von Eifer und Liebe.
580
213Als ſie ſo ſtunden in Kreiſen von unausſprechlichem Umfang,
Kreiſ211Fuͤnfter Geſang.
Kreiſ in Kreiſe geſchloſſen, erhub der unendliche Vater,
Neben welchem der Sohn ſaß in gleicher Seeligkeit mit ihm,
Wie aus der Mitte des Heilgen von einem flammenden Berge,
Deſſen Gipfel vor Glanz unſichtbar geworden, die Stimme.
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Hoͤret, ihr Engel
y)Wir haben ſchon angemerkt, daß Milton außerordentlich vorſichtig iſt, Gott nicht anders als in der Sprache der Schrift reden zu laſſen. Man vergleiche dieſe Stelle mit folgenden Texten aus der Bidel. Jch habe meinen König eingeſetzt auf mei - nem heiligen Berge der Herr hat zu mir geſagt: Du biſt mein Sohn, heute hab ich dich gezeu -get. Pf. II. 6. Jch habe bey mir ſelbſt geſchworen, ſpricht der Herr, 1 B. Moſ. XXII. 16. Jn dem Na - men Jeſus ſollen ſich beugen aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erden ſind, und alle Zungen ſollen be - kennen, daß Jeſus Chriſtus der Herr ſey zur Ehre Gottes des Va - ters. Philipp. II. 10.
y), ihr Soͤhne des Lichts, ihr Thronen, und Fuͤrſten,
Tugenden, Wuͤrden, und Kraͤfte, hoͤrt meinen ewigen Rathſchluß,
Welcher in allen Himmeln unwiederruflich beſtehn ſoll.
Heute hab ich gezeuget, den Eingebohrnen gezeuget,
Den ich fuͤr meinen Sohn euch erklaͤre; ich hab ihn geſalbet
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214 Hier auf dieſem geheiligten Huͤgel; ihr ſeht ihn hier ſitzen
Zu der Herrlichkeit Rechten. Zu eurem Oberhaupt hab ich
Jhn beſtimmt, und geſchworen, feſt bey mir ſelber geſchworen,
Aller Knie ſoll im Himmel vor ihm ſich beugen, und ſollen
Fuͤr den Herrn ihn erkennen. Bleibt unter ſeiner Regierung,
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214 Eine Seele, vollkommen vereint, in Ewigkeit gluͤcklich.
Wer die Treu ihm verſagt, verſagt ſie mir, und zerreißet
Unſrer Einigkeit Band; er ſoll noch deſſelbigen Tages
D d 2Aus -212Das verlohrne Paradies.
Ausgeſtoßen von Gott und ſeinem ſeeligen Anſchaun
Jn die aͤußerſte Finſterniß falln, in den Schlund des Verderbens,
600
214 Seinen ihm angewieſnen Ort, ohn Erloͤſung, ohn Ende.
Alſo ſprach der Allmaͤchtge, und mit dem, was er geſprochen,
Schienen alle zufrieden; ſie ſchienen’s, doch warn’s nicht alle.
Dieſer Tag ward von ihnen, gleich andern feſtlichen Tagen
Mit Geſaͤngen und Taͤnzen rund um den heiligen Huͤgel
605
214 Zugebracht; myſtiſche Taͤnze, den Taͤnzen der Sphaͤren am gleichſten,
So die Planeten und Fixſterne machen mit ihren Kreiſen,
Jrrgaͤng, in einander verflochten, eccentriſch verſchlungen,
Aber doch regelmaͤßig, wenn ſie es am wenigſten ſcheinen.
Jn die Bewegungen ſchallten ſo ſuͤße harmoniſche Toͤne,
610
214 Daß ſelbſt Gottes Ohr mit Vergnuͤgen ſie hoͤrte. Der Abend
Nahte ſich itzt, (denn unſern Abend und unſern Morgen
Haben wir auch im Himmel zur angenehmen Veraͤndrung;)
Und ſie wandten ſich nun von ihren harmoniſchen Taͤnzen,
Voll Verlangen zum ſuͤßen Gaſtmaal. Sie ſtunden in Kreiſen
615
214 Um die praͤchtigen Tafeln umher; mit engliſchen Speiſen
Wurden ſie ſchnell bethuͤrmt; es ſprudelt rubinrother Nektar
Jn maſſivem Gold, und in Perlen, und Diamanten;
Koͤſtlicher ſuͤßer Weinſtoͤcke Frucht, das Gewaͤchſe des Himmels,
Hingeworfen auf Blumen, mit friſchen Kraͤnzen gekroͤnet,
620
214 Aßen und tranken ſie nun, und ſpeiſten in froher Gemeinſchaft
Freud und Unſterblichkeit; jauchzend dem großen allguͤtigen Koͤnig,
Welcher mit reichen wohlthaͤtigen Haͤnden ſie alle verſorgte,
Und213Fuͤnfter Geſang.
Und an ihrer Freude ſich freute. Sie durften nicht fuͤrchten,
Daß ſie ſich uͤberluden, indem hier dem volleſten Maaße
625
214 Nur die Uebermaaß Grenzen geſetzt. Sobald als indeſſen
Heiter und ambroſialiſch die Nacht mit vertraulichen Wolken,
Die ſich vom Berge Gottes erheben, von welchem beydes
Licht und Schatten entſpringt, die helleſten Flaͤche des Himmels
Mit der lieblichen Daͤmmrung verhuͤllt, (denn in |dickerem Schleyer
630
214 Koͤmmt hier die Nacht nicht;) und roſichte Thaue der himmliſchen Augen
Eingeladen zum Schlaf, das Auge Gottes allein nicht
z)So Pſ. CXXI. 4. Der Hüther Jſrael ſchläfet noch ſchlummert nicht. Und Homer II. II. 1. 〈…〉〈…〉 Alle die andern Unſterblichen ſchliefen, Nur allein nicht die wachenden Au - gen des Koͤnigs des Himmels. N.
z),
Welches nie ſchlummert: verſpreiteten ſchnell die engliſchen Schaaren
Jn zerſtreuten Haufen ihr Lager weit uͤber die langen
Unabſehbarn Gefilde, viel weiter als dieſer Erdball,
635
215 Wuͤrd er zur Ebne verbreitet; (von ſolcher erſtaunlichen Weite
Sind die Vorhoͤfe Gottes;) unzehlbare Zelte, ſie ſtunden
Unter den Baͤumen des Lebens an hellen lebendigen Stroͤmen.
Himmliſche Huͤtten ſtiegen ſchnell auf, in denen ſie ſchliefen,
Sanftgefaͤchelt von kuͤhlenden Winden; die Schaaren allein nicht,
640
215 Welche, ſo wie die Reihe ſie traf, mit melodiſchen Hymnen
Wechſelnd die lange Nacht durch den Thron des Ewgen umgaben.
Doch ſo wachte nicht Satan; (ſo nenn ihn itzt; denn im Himmel
D d 3Wird214Das verlohrne Paradies.
Wird ſein voriger Name nicht mehr gehoͤrt.) Er, der erſten
Erzengel einer, wofern nicht der Erſte an Macht und an Vorzug
645
215 Groß, doch wider den Sohn des Hoͤchſten mit Neid erfuͤllet,
Weil ihn ſein großer Vater an dieſem Tage zum Erben,
Und zum geſalbten Koͤnig erklaͤrt. Er konnte vor Stolz nicht
Dieſen Anblick ertragen, und glaubte, ſein Glanz ſey verringert.
Und ſo entſpann ſich in ſeinem Herzen Verachtung und Bosheit,
650
215 Als die einſame Mitternacht itzt in der finſteren Stunde,
Guͤnſtig dem Schlaf und der Stille, heran ſich genahet, beſchloß er
Jn der verſchwiegnen Nacht mit allen, die ſeinen Befehlen
Unterthan waren, von hinnen zu ziehn, und unverehret
Gottes erhabenen Thron zu verlaſſen. Er weckte den naͤchſten
655
215 Seiner Fuͤrſten, der bey ihm lag, auf, und ſprach zu ihm alſo:
Schlaͤfſt du, mein theurer Gefaͤhrte? Wie kann der Schlum -
mer dein Auge
Schließen, wofern du dich noch des geſtrigen Ausſpruchs erinnerſt.
Der nur ſo kuͤrzlich erſt noch des Allmaͤchtigen Lippen entfloſſen.
Du warſt deine Gedanken mir zu entdecken gewohnet,
660
215 Jch die meinigen dir; wir waren nur Eine Seele
Wachend; wie kannſt du denn itzt durch den Schlaf von mir abgeneigt
ſcheinen?
Neue Geſetze ſind uns, du ſichſt es, auferlegt worden;
Neue Geſetze, von ihm, der herrſchet; neue Gedanken,
Neue Rathſchlaͤge, muͤſſen in uns, die dienen, entſtehen
665
215 Ueber das alles, was mißlichs daraus erfolgen kann. Aber
Weiter215Fuͤnfter Geſang.
Weiter hieruͤber ſich auszulaſſen, iſt hier nicht ſicher.
Eile du denn, und verſammle die Fuͤhrer und Haͤupter von allen
Dieſen zahlloſen Heeren, die uns gehorchen; und ſage:
Daß auf erhaltnen Befehl, noch ehe die finſtere Nacht ſich
670
215 Von den Schattenwolken befreyet, nach unſerer Heimath,
Wo wir die Regionen des Nordens
a)Milton ſetzt Satans Gebiet in die Gegenden des Nordens nach Ver - anlaſſung einer Stelle der Schrift, die zwar eigentlich auf den Koͤnig von Babylon gedeutet wird, aber doch auch zugleich eine Anſpielung auf Satans Aufruhr iſt. Eſ. XIV. 12. Wie biſt du vom Himmel gefallen, du ſchö -ner Morgenſtern; denn du ge - dachteſt in deinem Herzen, ich will in den Himmel ſteigen, und mei - nen Stuhl über die Sterne Got - tes erhöhn. Jch will mich ſetzen auf den Berg des Stifts, an der Seiten gegen Mitternacht. R.
a)beſitzen, ich eilig
Mich begeben wuͤrde, mit allen, die ihre Paniere
Unter mir ſtroͤmen laſſen; um alles zum wuͤrdgen Empfange
Unſers Koͤnigs, des großen Meſſias, da vorzubereiten,
675
216 Und die neuen Befehle von ihm zu hoͤren; indem er
Unverzuͤglich gedenkt durch alle Hierarchien
Jm Triumphe zu fahren, und neue Geſetze zu ſtellen.
Alſo ſprach der Betruͤger, und floͤßt in ſeines Gefaͤhrten
Umwahrſame Seele verfuͤhreriſche Gedanken.
680
216Dieſer berief theils zuſammen, theils einzeln, die herrſchenden Maͤchte,
Unter ihm herrſchend; und ſpricht, ſo wie er von Satan gelehrt war,
Daß auf des Hoͤchſten Befehle, noch eh die naͤchtlichen Schatten
Von dem Himmel entflohn, die hierarchiſche Fahne
Aufbrechen werde; er fuͤgt dazu die erdichtete Urſach,
Und216Das verlohrne Paradies.
685
216Und laͤßt darunter zweydeutige Worte voll Eiferſucht fließen,
Jhre Treu zu erforſchen, und zu beflecken. Doch alle
Folgten gehorſam dem Zeichen zum Aufbruche, welches ſie kannte
Und der maͤchtigen Stimme des großen erhabnen Beherrſchers:
Denn ſein Name war groß, und ſeine Staffel im Himmel
690
216 Hoch erhaben; ſein Anſehn, ſo wie der Morgenſtern, wenn er
Vor dem Heere des Himmels einherzieht, betrog ſie; mit Luͤgen
Zog er den dritten Theil der himmliſchen Heerſchaaren nach ſich.
Aber das Ewige Auge, vor deſſen allſehenden Blicken
Sich der geheimſte Gedank enthuͤllt, ſah vom heiligen Berge
695
216 Zwiſchen den guͤldenen Lampen
b)Nach Offenb. Joh. IV. 5. Und ſieben Fackeln mit Feuer brann - ten vor dem Stuhl. N.
b)hervor, die vor ihm die Nacht durch
Brennen, auch ohn ihr Licht den entſpringenden Aufruhr, und ſah es,
Wer ihn anhub; wie er ſich ſchon mit wachſendem Wuͤthen
Unter den Soͤhnen des Morgens verſpreitet, und was ſich fuͤr Mengen
Wider ſeinen erhabenen Rathſchluß zuſammengerottet.
700
217Laͤchelnd ſprach er alſo zu ſeinem einigen Sohne:
Sohn, in welchem ich voͤllig den wiederſtralenden Abglanz
Meiner Herrlichkeit ausgedruͤckt ſeh
c)Denn er iſt der Glanz ſeinerHerrlichkeit, das Ebenbild ſeines Weſens, den er geſetzt hat zum Erben über alles. Hebr. I. 2. 3. N.
c), du einziger Erbe
Meiner Macht; itzt iſt es entſcheidend, daß unſerer Allmacht
Sicher wir ſind, und erwegen, mit was fuͤr Waffen wir glauben
Unſer217Fuͤnfter Geſang.
705
218Unſer verjaͤhrtes Recht an die Gottheit und Herrſchaft des Himmels
Zu behaupten; denn itzt will ein gewaltiger Feind ſich
Wider uns auflehnen, welcher ſich vornimmt, im weiten Norden
Seinen Thron dem unſern entgegen zu ſtellen: Auch hiermit
Jſt er noch nicht zufrieden, indem er in offener Feldſchlacht
710
218 Unſere Macht, und unſer Recht zu pruͤfen gedenket.
Laß uns denn rathſchlagen, laß uns in Eil die Kraͤfte verſammeln,
Die uns noch uͤbrig geblieben; und alle Vorſicht gebrauchen,
Uns zu vertheidgen; damit wir nicht etwan, noch eh wirs vermuthet
Unſern heiligen Sitz und unſern Huͤgel verlieren.
715
218Jhm erwiedert der Sohn mit ruhigem heitern Geſichte,
Goͤttlich und unausſprechlich leuchtend: Allmaͤchtiger Vater,
Deiner Feinde ſpotteſt du billig, und unbeſorget
Lachſt du des eiteln Raths, der eiteln Empoͤrung. Jhr Haß wird
Mich nur herrlicher machen, wenn alle Koͤnigsmacht mir
720
218 Durch dich mitgetheilt wird, um ihren Hochmuth zu daͤmpfen;
Wenn der Ausgang ſie lehrt, ob deine Rebellen zu ſchlagen
Jch geſchickt ſey, oder am ſchlechtſten im Himmel gefochten.
Alſo der Sohn. Doch Satan mit ſeinen Maͤchten war fern ſchon
Fortgezogen; ein zahlloſes Heer, wie die Sterne des Abends,
725
218 Oder die Sterne des Morgens, die Thautropfen, welche die Sonne
Ueber die glaͤnzenden Blaͤtter und friſchen Blumen geperlet.
Regionen zogen ſie durch, und weite Gebiete,
E eMaͤch -218Das verlohrne Paradies.
Maͤchtiger Seraphim Thronen und Potentaten und Fuͤrſten;
Reiche, gegen die dein Gebiet, o Adam, zu rechnen,
730
218 Wie dein Garten gegen den Erdball mit allen Meeren,
Wuͤrd er auch in die Laͤnge ſtatt ſeiner Rundung gedehnet.
Sie erreichen zuletzt die Grenzen des Nordens, und Satan
Kam da zu ſeinem Koͤnigesſitz. Er ſchimmerte fern her
Hoch erhaben, gleich einem Berg auf Berge gethuͤrmet,
735
218 Mit Pyramiden von Thuͤrmen aus Felſen von Demant gehauen,
Und aus Klippen von Gold, des großen Lucifers Pallaſt.
Denn ſo heißt in der Sprache der Menſchen dies praͤchtge Gebaͤude.
Aber bald drauf, ſo wie er in allem Gott gleich zu ſeyn ſtrebte,
Hieß ers den Berg der Verſammlung, nach jenem heiligen Berge,
740
218 Wo im Antlitz des Himmels der große Meſſias erklaͤrt ward;
Denn er verſammelte hier ſein ganzes Gefolge, mit ihnen
Wie er vorwandte, Rath zu pflegen, den Koͤnig der Geiſter
Nach Gebuͤhr zu empfangen; und mit verlaͤumdriſchen Kuͤnſten,
Und verſtellter Wahrheit erhub er zu ihnen die Rede.
745
218Thronen, und Potentaten, und Herrſchaften, Tugenden, Kraͤfte!
Wenn itzt dieſe praͤchtigen Titel nur etwas noch mehr ſind,
Als bloß leere Titel, da durch den neulichen Ausſpruch
Aller Gewalt ſich ein andrer bemaͤchtigt, und unter dem Namen
Eines geſalbten Koͤnigs uns alle verdunkelt. Fuͤr ihn iſt
750
218 Dieſer Aufbruch zur Mitternachtszeit ſo eilig geſchehen,
Und wir verſammeln uns hier ſo im Tumult, zu erwaͤgen
Wie219Fuͤnfter Geſang.
Wie wir den neuen Beherrſcher mit neuen Ehren empfangen,
Wenn er nun koͤmmt, und von uns den noch ſchuldigen Knietribut fordert.
Niedertraͤchtiges Niederwerfen! Zu viel ſchon fuͤr Einen,
755
218 Aber fuͤr zwey, wie da zu ertragen? Fuͤr Einen, und nun auch
Fuͤr den zweyten, den er zu ſeinem Abbild erklaͤrt hat.
Aber wie? wenn ein beſſerer Rath zu hoͤhern Gedanken
Unſre Gemuͤther erhuͤb, und dieſes Sklavenjoch endlich
Abzuwerfen uns lehrte! Wollt ihr die Nacken ihm beugen,
760
218 Beugen euer gelenkſames Knie? Jhr wollt nicht, wofern ich
Recht zu kennen euch glaube, und ihr euch ſelber recht kennet,
Jhr, Geburthen und Soͤhne des Himmels, den vor euch noch niemand
Jm Beſitze gehabt. Wofern ihr alle nicht gleich ſeyd,
Seyd ihr doch alle frey, gleich frey! denn Orden und Grade
765
218 Koͤnnen gar wohl mit der Freyheit beſtehn. Wer kann mit Vernunft denn,
Oder mit Recht, uͤber die der Monarchie ſich bemaͤchtgen,
Die ihm gleich ſind durchs Recht, in Freyheit ihm gleich ſind, wofern ſie
Auch geringer als er an Macht und an Herrlichkeit waͤren,
Und wer kann mit neuen Geſetzen Unſterbliche binden,
770
218 Da wir auch ohne Geſetze doch niemals zu irren vermoͤgen;
Oder wie kann er am wenigſten noch von Goͤttern verlangen,
Daß der unſer Oberherr ſey, und Anbetung verlange
Dieſen Koͤnigestiteln zum Hohn, die gnugſam beweiſen,
Daß wir zum herrſchen allein, und nicht zum dienen, beſtimmt ſind.
775
218Seine vermeſſene Rede fand, ohn unterbrochen zu werden,
So weit Gehoͤr; als Abdiel, einer der Seraphim aufſtand.
E e 2Keiner,220Das verlohrne Paradies.
Keiner, als er, verehrte die Gottheit mit feſterer Treue,
Und gehorchte mit groͤßerem Eifer. Voll flammenden Zornes
Setzt er ſich alſo dem Strom des raſenden Unſinns entgegen.
780
218O der ſtolzen betruͤgriſchen Reden! der laͤſternden Worte!
Worte, die nimmer ein Ohr im Himmel zu hoͤren erwartet,
Und am mindſten von dir, du Undankbarer! Jndem du
Ueber deine Gefaͤhrten ſo hoch erhaben biſt. Kannſt du
Gottes gerechten Ausſpruch mit gottloſer Schmaͤhſucht verdammen,
785
218 Da er erklaͤrt, und beſchworen, daß ſeinem einigen Sohne,
Von ihm mit Recht mit dem Koͤnigeszepter bekleidet, im Himmel
Jede Seele die Knie ſoll beugen, durch dieſe Verehrung
Fuͤr den rechtmaͤßigen ewigen Koͤnig ihn zu erkennen
Ungerecht, ſagſt du, hoͤchſtungerecht ſeys, mit Gebot und Geſetzen
790
218 Die zu binden, die frey ſind; und uͤber Gleiche den Gleichen
Herrſchen zu laſſen; den Einen mit ungetheilter Regierung
Ueber die andern herrſchen zu laſſen. Willſt du denn, Vermeßner,
Gotte Geſetze vorſchreiben? Willſt uͤber die Punkte der Freyheit
Mit ihm rechten? Er, der dich gemacht was du biſt, dich gemacht hat?
795
218Der die Kraͤfte des Himmels nach ſeinem Gefallen formieret,
Und ihr Weſen beſchraͤnkt. Und wiſſen wir nicht aus Erfahrung,
Wie er hoͤchſtguͤtig fuͤr unſer Beſtes, fuͤr unſere Wuͤrde,
Sorgt, und ſo ſehr vom Gedanken, uns zu verringern, entfernt iſt,
Daß er beſtaͤndig nur ſucht, in unſerm gluͤcklichen Zuſtand
800
218 Uns noch mehr zu erhoͤhn, da wir mit ihm naͤher vereint ſind
Unter221Fuͤnfter Geſang.
Unter einem einzigen Haupt. Doch geſetzt, es ſey unrecht,
Daß ein Gleicher Gleiche beherrſche. Darfſt du denn dich ſelber,
So erhaben, ſo glorreich du biſt und duͤrfen ſich alle
Engelsnaturen, zuſammenvereint, mit ihm, mit dem Sohne,
805
218 Seinem goͤttlichen Sohne vergleichen, durch welchen der Vater
Alle Dinge, ſelbſt dich
d)Col. I. 16. 17. Denn durch ihn iſt alles geſchaffen, das im Himmel und auf Erden iſt, das Sichtbare und Unſichtbare, bey - de die Thronen und Herrſchaftenund Fürſtenthümer, es iſt alles durch ihn und zu ihm geſchaffen, und er iſt vor allen, und es beſte - het alles in ihm. N.
d), und alle Geiſter des Himmels
Als durch ſein Wort erſchaffen; in ihren herrlichen Stufen
Sie mit Glanze gekroͤnt, und, ſie zu verherrlichen, nannte
Thronen, und Potentaten, und Herrſchaften, Tugenden, Kraͤfte,
810
219 Wahre wirkſame Kraͤfte des Aethers, die ſeine Regierung
Nicht zu verdunkeln gedenkt, vielmehr ſie verherrlicht, indem er
Unſer Oberhaupt wird, und einer von unſerer Anzahl.
Jſt ſein Geſetz nicht auch unſer Geſetz? und ſtralet die Ehre,
Die ihm angethan wird, auf uns nicht auch wieder zuruͤcke?
815
219Hemme denn dieſe gottloſe Wuth, und verfuͤhre nicht dieſe;
Sondern eile vielmehr, um ihn, den erzuͤrnten Vater,
Und den erzuͤrnten Sohn zu verſoͤhnen. Vielleicht daß Vergebung
Zu erlangen noch ſteht, wenn du in Zeiten ſie ſucheſt.
Alſo ſagte der Engel voll Eifer; ihn unterſtuͤtzte
820
219 Niemand in ſeinem Eifer; man hielt ihn fuͤr dieſe Verſammlung
E e 3Nicht222Das verlohrne Paradies.
Nicht geſchickt, und fuͤr viel zu geſchwind. Der Aufruͤhrer ſah es,
Und verſetzte deshalb noch ſtolzer und trutziger alſo:
Daß wir geſchaffen ſind, ſagſt du? das Werk von huͤlfreichen Haͤnden,
Und der Arbeit, welche der Vater dem Sohn uͤbergeben?
825
219Eine ganz neue ſeltne Lehre! Wir moͤchten wohl wiſſen,
Wo du ſie her haſt? Wer ſahs, als dieſe Schoͤpfung geſchahe?
Kannſt du dich deiner Erſchaffung erinnern, in der dir das Weſen
Mitgetheilt ward vom Schoͤpfer. Wir wiſſen von keiner Zeit nicht,
Da wir nicht eben ſo waren, als itzt; und wiſſen von niemand,
830
219 Der noch vor uns geweſen. Wir ſind durch uns ſelber gezeuget,
Selbſt entſtanden durch uns, durch unſre belebenden Kraͤfte,
Als ſich der Lauf des Schickſals im vollen Zirkel geſchloſſen;
Sind die reife Geburth von unſerem eigenen Himmel,
Soͤhne des Aethers. Unſre Macht gehoͤret uns eigen;
835
219 Unſre eigene Rechte ſoll uns die erhabenſten Thaten
Lehren; und wollen wir bald durch die Probe der Waffen erfahren,
Wer uns gleich iſt. Dann wirſt du ſehn, ob wir demuͤthig bitten,
Und den Thron des Allmaͤchtgen mit Flehn oder Anfall belagern,
Dieſe Nachrichten bringe dem neuen geſalbten Koͤnig!
840
219Jtzo flieh, damit nicht dein Ungluͤck die Flucht dir verhindre.
Alſo Satan. Und gleich dem Schall tiefrauſchender Waſſer
e)Die Stimme einer großen Bey - fallgebenden Menge wird gleichfallsOff. Joh. XIX. 6. einer Stimme großer Waſſer verglichen. N.
e)
Hallt ein heiſres Gemurmel ihm durch die zahlloſen Schaaren
Bey -223Fuͤnfter Geſang.
Beyfall. Aber der flammende Seraph, darob nicht erſchrocken,
Obgleich allein, und mit Feinden umgeben, antwortet ihm muthig:
845
220O verfluchter, abtruͤnniger Geiſt, von allem Guten
Gaͤnzlich verlaſſen! Dein Fall iſt verhaͤngt; ich ſeh ihn, und mit ihm
Dieſer Ungluͤckſeelgen Verderben, in gleiches Verbrechen
Durch dich verwickelt; und beydes dein Laſter, und ſeine Strafe
Hat ſie der Peſt gleich ergriffen, du darfſt hinfort nicht mehr ſorgen,
850
220 Gott des Meſſias Joch abzuwerfen. Der ſanften Geſetze
Wirſt du nicht mehr gewuͤrdigt. Schon iſt ein anderer Rathſchluß
Wider dich unwiederruflich ergangen; das guͤldene Zepter,
Das du verwirfſt, wird dir nun zu einem eiſernen Stabe
Deinen Ungehorſam zu brechen und zu zerſchmettern.
855
220Wohl erinnerſt du mich! doch nicht ob deiner Erinnrung,
Oder Drohung, entflieh ich aus dieſen verfluchten Gezelten;
Sondern, daß nicht die feurige Rache, die uͤber euch herſchwebt,
Wenn ſie nun ploͤtzlich in Flammen geraͤth, mich mit euch vermiſche.
Denn bald wird auf dein Haupt ſein Donner, verzehrendes Feuer,
860
220 Niederſtuͤrzen; dann lerne lautjammernd, den, der dich gemacht hat,
Kennen, indem du nun Jhn, der dich vernichten kann, ſieheſt.
Seraph Abdiel ſprach ſo, der unter den Ungetreuen
Treu erfunden ward; treu allein unter zahlloſen Falſchen,
Unerſchuͤttert, und unerſchrocken, und unverfuͤhret,
865
220 Stand er in ſeiner Lieb, in ſeiner Treu. Nicht das Beyſpiel,
Noch224Das verlohrne Paradies. Vierter Geſang.
Noch die Menge vermocht ihn, vom Pfade der Wahrheit zu weichen,
Oder ſein ſtandhaft Gemuͤth zu veraͤndern, obwohl er allein war.
Mitten durch ſie gieng er hindurch; durch feindlichs Geſpoͤtte
Einen langen Weg, und ertrug ihr Geſpoͤtte voll Hoheit;
870
220 Fuͤrchtete keine Gewalt, und mit erwiedertem Hohne
Wandt er ſich um von den Thuͤrmen, der ſchnellen Zerſtoͤrung geweihet.
Das
[figure]
[225]

Das Verlohrne Paradies. Sechſter Geſang. Das Verlohrne Paradies. Sechſter Geſang.

F f[226]227
Unerſchrocken und unverfolgt gieng der Engel indeſſen
Waͤhrend der langen Nacht in den weiten Gefilden des Himmels,
Bis itzt von den zirkelnden Stunden
a)Dies Bild iſt aus dem Homer genommen II. V. 749. wo die Stun - den auf gleiche Art die Pforten des Himmels bewachen. 〈…〉〈…〉,〈…〉〈…〉 die Pforten des Himmels, Welche die zirkelnden Stunden bewa - chen, und die itzt die Wolken Bald entfernen, bald naͤher bringen N.
a)der Morgen geweckt ward,
Und die Thore des Lichts mit ſeiner Roſenhand aufſchloß.
5
221Eine Hoͤhl iſt im Berge Gottes zunaͤchſt am Throne,
Wo im beſtaͤndigen Zirkel das Licht und die Finſterniß wechſelnd
Aus - und einziehn; dies macht die anmuthsvolle Veraͤndrung
Jn dem Himmel, gleich Tag und Nacht. Wie das Licht itzt heraustritt,
Geht auf der andern Seite die folgſame Finſterniß wieder
10
221 Jn die Hoͤhle zuruͤck, bis ihre Stunde gekommen,
Und ſie mit ihrem Schleyer den Himmel bedecket. Doch moͤchte,
Was dort Finſterniß iſt, auf Erden nur Daͤmmerung heißen.
Und der Morgen, geſchmuͤckt mit empyreiſchem Golde,
F f 2Wie228Das verlohrne Paradies.
Wie er im oberſten Himmel erſcheint, war hervor nun gegangen
15
221 Vor der verſchwindenden Nacht, die die Stralen des Aufgangs durchbohret.
Als die Ebnen, bedeckt mit hellen geſchloſſenen Schaaren,
Und mit Wagen, und flammenden Waffen, und ſeurigen Roſſen
Jn die Augen ihm fielen; mit wiederſcheinendem Schimmer
Gegen einander ſtralend. Er ſah, daß Krieg ſchon vorhanden,
20
221 Und die Zeitung ſchon da war, die er zu bringen gedachte,
Er geſellt ſich ſogleich zu dieſem Heere von Freunden,
Welche mit lautem Geſchrey ihn jauchzend empfiengen, daß Einer,
Daß von ſo viel gefallnen, ſo vielen verlohrnen, doch Einer
Wiederkam, nicht verlohren. Sie fuͤhrten mit hohem Beyfall
25
221 Jhn zum heiligen Huͤgel, und ſtellten ihn da vor des Hoͤchſten
Stuhl. Da kam bald, wie mitten aus einer guͤldenen Wolke
Eine gnaͤdige Stimme hernieder, die ſo zu ihm ſagte:
Diener des Hoͤchſten
b)Dies bedeutet der Name Abdiel nach dem Hebraͤiſchen. N.
b), wohlgethan haſt du, und ruͤhmlich geſtritten
Einen beſſeren Streit, da du die Sache der Wahrheit
30
222 Gegen rebelliſche zahlloſe Mengen allein vertheidigt;
Maͤchtger in Worten, als ſie in Waffen; und wegen der Wahrheit
Allgemeine Verachtung ertrugſt, die ſchwerer zu tragen,
Als Gewaltthaͤtigkeit; denn deine groͤßeſte Sorge
War nur, daß du gerechtfertigt ſtuͤndeſt vorm Angeſicht Gottes,
35
222 Sollten auch Welten fuͤr thoͤricht dich halten; zu leichterem Siege
Sollſt du glorreicher nun mit dieſem Heere von Freunden
Gegen die Feinde zuruͤckgehn, ſo ſehr du von ihnen verhoͤhnet
Weg -229Sechſter Geſang.
Weggegangen; und ſollſt mit Gewalt die Rebellen bezwingen,
Die die Vernunſt zum Geſetz, und den Meſſias zum Koͤnig
40
222 Anzunehmen ſich weigern; ihn, der durch das Recht der Verdienſte
Wuͤrdig des Throns ſich gemacht. Geh, Fuͤrſt der him̃liſchen Schaaren
Michael
c)Da dieſe Schlacht der Engel hauptſaͤchlich auf Offenb. Joh. XII. 7. 8. gegruͤndet iſt: Und es erhub ſich ein Streit im Himmel, Mi - chael und ſeine Engel ſtritten mit dem Drachen, und der Drache ſtritte und ſeine Engel, und ſie - geten nicht, auch ward ihre Stät - te nicht mehr funden im Himmel: ſo wird Michael mit Recht von dem Poeten zum Heerfuͤhrer der Engel ge - macht. N.
c), du auch der naͤchſte nach ihm an kriegriſchem Muthe,
Gabriel, eilet, und ſtellt euch vor meine gewaffneten Heilgen,
Meine unuͤberwindlichen Soͤhne! Geht, fuͤhrt ſie ins Schlachtfeld,
45
223 Fuͤhrt ſie bey Tauſenden an, bey Millionen; an Zahl gleich
Jenen rebelliſchen gottloſen Haufen. Mit Feuer und Schwerdte
Fallet ſie an voll Muth; verfolgt ſie zum Rande des Himmels;
Treibt ſie von Gott und der Seeligkeit aus zu dem Orte der Qualen,
Tief in des Tartarus Schlund, der ſchon ſein feuriges Chaos
50
223 Jhnen entgegen weit aufgeſperrt, um ihren Fall zu empfangen.
Alſo ſprach die allmaͤchtige Stimme, und Wolken verhuͤllten
d)Nach 2 Buch Moſ. XIX. 16. Als nun der dritte Tag kam, und Morgen war, da erhub ſich ein Donnern und Blitzen, und eine dicke Wolke auf dem Berge, und ein Ton einer ſehr ſtarken Po - ſaune Der ganze Berg aber Sinai rauchte, darum daß der Herr herabfuhr mit Feuer ꝛc. R.
d)
Rundum den Berg, und Dampf ſtieg auf in duͤſteren Kreiſen,
Und wild ſtreitende Flammen; die Zeichen erwachenden Zornes.
Eben ſo furchtbar erklangen die lauten aͤtherſchen Trommeten
F f 3Von230Das verlohrne Paradies.
55
224Von den Hoͤhen des Berges. Auf dieſes Zeichen zum Aufbruch
Zogen die kriegenden Maͤchte mit ihren glaͤnzenden Schaaren
Jn ein maͤchtiges Viereck von unwiderſtehlicher Staͤrke
Feſt zuſammengeſchloſſen, ſtillſchweigend weiter, beym Schalle
Kriegriſcher Harmonien, die ſie mit heroiſchem Muthe
60
224 Unter ihren goͤttlichen Fuͤhrern zu tapfern Thaten
Fuͤr die Sache Gottes, und ſeines Meſſias beſeelten.
Alſo zogen ſie fort in unzertrennlichen Gliedern;
Jhre vollkommnen Linien brach kein verhindernder Huͤgel,
Und kein enges Thal, kein Wald, kein Strom. Denn ihr Zug gieng
65
224 Ueber dem Grunde hoch fort, und ihre fluͤchtigen Tritte
Trug die leidende Luft; Wie damals, als uͤber Eden,
Vorgefordert vor dich, das ganze Geſchlechte der Voͤgel
Auf den Fittigen ſchwebend kam, in gehoͤriger Ordnung,
Jhre Namen von dir zu empfangen. So zogen ſie weiter
70
224 Ueber manche Landſchaft des Himmels, und manches Gebiete,
Zehnmal laͤnger, als dieſer Erdball. Zuletzt fiel gen Norden
Fern am Horizont ein feurig Revier in die Augen,
Welches von Ende zu Ende in kriegriſchem Anblick ſich ſtreckte,
Und indem es naͤher erſchien, von unzehligen Spitzen
75
224 Aufgerichteter Speere ſtarrte, von ſchimmernden Helmen,
Und zuſammengedrungenen Schilden, mit prahlenden Bildern
Ausgeſchmuͤckt; Satans vereinigte Maͤchte. Jn wuͤthender Abſicht
Waren ſie eilig in Anzug; ſie waͤhnten, noch ſelbigen Tages
Gottes heiligen Berg durch Ueberfall, oder mit Sturme,
80
224 Zu gewinnen, und ſeinen Beneider, den ſtolzen Bewerber
Um231Sechſter Geſang.
Um den goͤttlichen Thron, darauf zu erheben. Jhr Anſchlag
Aber mislung auf halbem Wege. Zwar kam es uns anfangs
Seltſam und wunderbar vor, daß Engel Engel bekriegen,
Und ſich feindlich die anfallen ſollten, die ehmals ſo einig
85
224 An des Himmels feſtlichen Tagen in Lieb und in Freuden
Sich voll Freundſchaft umfiengen, als Eines großen Beherrſchers
Soͤhne, die alle mit Hymnen den Ewigen Vater beſangen;
Aber der Kriegslaͤrm hub an; des Anfalls rauſchend Getoͤſe
Macht ſchnell jedem mildern Gedanken des Friedens ein Ende.
90
224Jn der Mitte, vor allen hoch, einem Gott gleich, erhaben,
Saß der Abtruͤnnige ſtolz auf ſeinem Sonnglaͤnzenden Wagen,
Als der Goͤtze der Majeſtaͤt Gottes, rundum ihn umgaben
Flammende Cherubim ihn und guͤldene leuchtende Schilde.
Jtzo ſprang er herunter von ſeinem praͤchtigen Throne,
95
224 Und ein geringer Raum, ein furchtbarer Unterſchied war noch
Zwiſchen Heer und Heer; die Fronte ſtand gegen die Fronte
Jn erſchrecklicher Schlachtordnung von entſetzlicher Laͤnge.
Eh ſie einander erreichten, trat Satan mit ſtolzen Schritten
An der ſcharfen Spitze der Schlacht vor den wolkigten Vortrab;
100
224 Einem Thurm gleich; in ſchimmernden Waffen von Demant und Golde.
Seraph Abdiel konnte nicht dieſen Anblick ertragen,
Welcher unter den Maͤchtigſten ſtund, auf erhabene Thaten
Sinnend; ſein eignes furchtloſes Herz erforſchet er alſo:
Himmel, daß ſolche Gleichheit noch mit dem Hoͤchſten zuruͤckbleibt,
105
224 Wenn die Pflicht und die Treu nicht mehr bleibt; und ſollte die Macht nicht
Und232Das verlohrne Paradies.
Und die Staͤrke da fehlen, wo Tugend fehlt? Sollten ſie dann nicht
Am ohnmaͤchtigſten ſeyn, wenn ſie am frechſten iſt, wenn auch
Unuͤberwindlich ſie ſcheint? Mit Vertraun auf die Huͤlfe der Allmacht
e)Man wird hier die Gottesfurcht des guten Engels bemerken; denn in der That wuͤrde er ohne die Huͤlfe undden Beyſtand der Allmacht gegen einen ſo viel maͤchtigern Engel viel zu ſchwach geweſen ſeyn. N.
e)
Will ich itzt ſeine Staͤrke pruͤfen, ſo wie ich vor kurzem
110
225 Seine Vernunft gepruͤft, und krank und falſch ſie befunden.
Jſt es nicht billig, daß der, ſo kuͤrzlich im Streite der Wahrheit
Ueberwunden hat, itzt im Streite der Waffen auch ſiege,
Sieger im letzten Kampfe, ſo wie in dem erſten? Der Streit zwar
Jſt verwegen und thoͤricht, wenn mit der Gewalt die Vernunft ficht;
115
225 Jſt es darum nicht vernuͤnftig, daß nun der Vernunft auch der Sieg bleibt?
Dieſes erwog er bey ſich; aus ſeinen gewaffneten Freunden
Trat er darauf herzhaft hervor, und gieng mit verdoppelten Schritten
Seinem verwegenen Feind entgegen, der mehr noch entflammet ward,
Da er dies ſah; voll Zuverſicht fordert ihn Abdiel alſo:
120
225Findet man dich, Vermeſſener, hier? Du hattſt dir geſchmeichelt,
Ohne Widerſtand jene Hoͤh, nach welcher du ſtrebeſt,
Schon zu erreichen; den Thron des Allmaͤchtgen, und ſeine Seite
Unbewacht und verlaſſen zu finden, vorm maͤchtigen Schrecken
Deines ſtreitbaren Arms, und deiner gewaltigen Zunge.
125
225Thoͤrichter! dachteſt du |nicht, daß es vergeblich ſey, Waffen
Wider ihn, den Allmaͤchtgen, zu fuͤhren, der zahlloſe Heere
Aus233Sechſter Geſang.
Aus den geringſten Dingen ſich ſchaffen kann
f)Oder meynſt du, daß ich nicht könne meinen Vater bit - ten, daß er mir zuſchickte mehrdenn zwölf Legionen Engel: Matth. XXVI. 53. N.
f), deine Thorheit
Zu beſtrafen; der dich mit einem einzigen Schlage
Seiner alles erreichenden Hand, ohn andere Huͤlfe
130
226 Voͤllig vernichten kann; dich, und deine rebelliſchen Schaaren,
Wenn er will, uͤberdeckt mit Finſterniß hinlegt. Doch ſiehſt du,
Alle ſind nicht von deinem Gefolge; noch einige ſtehn hier,
Die es vorziehn, an Gott mit Treu und Gehorſam zu halten.
Ob ſie gleich deinen verkehrten Augen da ſichtbar nicht waren,
135
226 Als ich in deiner irrenden Welt allein nur von allen
Abzugehn ſchien. Du ſieheſt hier meine Sekte! lern itzo,
Aber zu ſpaͤt, wie oft wenige klug ſind, wenn tauſend irren.
Jhm antwortet der große Feind mit verachtendem Auge:
Dir zum Ungluͤck, aber fuͤr mich und fuͤr meine Rache,
140
226 Welche zuerſt dich geſucht, kehrſt du zur gluͤcklichſten Stunde
Von der Flucht wieder um, aufruͤhriſcher Engel, am erſten
Deinen gebuͤhrenden Lohn zu empfangen, das erſte Probſtuͤck
Dieſes gereizten maͤchtigen Arms, nachdem du zuerſt es
Wagteſt, mit dieſer Zunge, vom Widerſpruchsgeiſte befeuert,
145
226 Dich dem dritten Theile der Goͤtter entgegen zu ſtellen,
Die ſich in voller Synode verſammelt, ihr Recht an die Gottheit
Zu behaupten, und die, ſo lange ſie goͤttliche Kraͤfte
Jn ſich noch fuͤhlen, keinem die Allmacht eingeſtehn koͤnnen.
AberG g234Das verlohrne Paradies.
Aber du koͤmmſt recht gelegen fuͤr deinen Gefaͤhrten, voll Ehrſucht
150
226 Eine Feder von mir zu gewinnen, damit, wenn dirs gluͤckte,
Du den andern den Weg zu unſerm Verderben zeigteſt.
Aber zuvor, (der Verzug ſoll kurz ſeyn, damit du nicht ruͤhmeſt,
Daß ich die Antwort dir ſchuldig geblieben) zuvor laß dir ſagen,
Daß ich Anfangs geglaubt, es waͤre fuͤr himmliſche Seelen
155
226 Himmel und Freyheit eins; doch ſeh ich nunmehr, daß die meiſten
Lieber aus Traͤgheit zu dienen geneigt ſind! Sklaviſche Geiſter,
Bey Geſaͤngen und Feſten erzogen; die haſt du gewaffnet,
Saͤnger und Saitenſpieler des Himmels; die Knechtſchaft gewaffnet,
Mit der Freyheit zu ſtreiten, wie dieſer entſcheidende Tag wird
160
226 Darthun, wenn man ſie beyde mit ihren Thaten vergleichet.
Kurz, und mit ernſter Stirn antwortet ihm Abdiel alſo:
Abgefallner, du irreſt beſtaͤndig, und deines Jrrens
Wirſt du kein Ende finden, nachdem du vom Pfade der Wahrheit
Abgewichen; mit Unrecht willſt du durch den Namen der Knechtſchaft
165
226 Es erniedern, wenn dieſem man dient, dem zu dienen der Schoͤpfer
Und die Natur befiehlt. Gott und die Natur will zugleich es
Wenn er, der herrſcht, es am wuͤrdigſten iſt, und die er beherrſchet,
Uebertrifft an Macht und Verdienſten. Dieſes iſt Knechtſchaft,
Dem Unweiſen zu dienen, und dem, der voll Hochmuth ſich auflehnt
170
226 Wider ſeinen Wuͤrdgern; wie dir itzt die Deinigen dienen,
Dir, der du ſelber nicht frey, und dein eigener Sklav biſt. Und darfſt doch
Uns und unſern Dienſt noch boshaft verſpotten. Regiere
Du in der Hoͤllen in deinem Reich, und laß mich im Himmel
Gott235Sechſter Geſang.
Gott dem Ewigſeeligen dienen, und ſeinen Geboten,
175
226 Seinen, unſers Gehorſams ſo wuͤrdgen Geboten gehorchen.
Aber erwarte du Strafen und Ketten, und keine Reiche
Jn der Hoͤlle! Von dem, der, wie du erſt ſagteſt, geflohn war!
Nimm dies indeſſen zum Gruß auf deinem gottloſen Helm hin.
Als er noch ſprach, erhub er mit ſeinen maͤchtigen Armen
180
226 Einen verdoppelten Streich in die Hoͤh; der Streich blieb nicht haͤngen,
Sondern ſtuͤrzte ſo ſchnell, gleich einem Wetter, auf Satans
Stolzen Helm, daß kein Blick, kein ſchneller Gedanke, noch minder
Sein gewaltiger Schild ihn aufhielt. Zehn graͤßliche Schritte
Wankt er zuruͤck, den zehnten hielt auf gebogenen Knien
185
226 Noch ſein Speer auf; als wenn auf der Erden verſchloſſene Winde
Oder wildbrauſende Waſſer, die ihren Weg mit Gewalt ſich
Oeffnen, ein ganzes Gebirge von ſeiner Stelle gehoben,
Halb geſunken, mit allen Fichten. Entſetzen ergriff itzt
Die rebelliſchen Thronen, noch groͤßere Wuth, da ſie ſahen,
190
226 Daß ihr Maͤchtigſter alſo beſiegt war. Die unſern, voll Freuden,
Machten ein ſiegweißagend Geſchrey, voll muthgen Verlangens
Nach der grimmigen Schlacht; deswegen ließ Michael alsbald
Die Erzengelspoſaune blaſen; mit feſtlichem Klange
Schallte ſie durch die Fernen des Himmels; und laute Hoſannahs
195
226 Wurden von unſern getreuen Heeren dem Hoͤchſten geſungen.
Aber nicht muͤßig ſtanden die feindlichen Legionen;
Sondern huben mit ſcheußlicher Wuth den ſchrecklichen Streit an.
Und nun erhub ſich ein wildes Geſchrey, und wuͤthendes Raſen,
G g 2Als236Das verlohrne Paradies.
Als man vorher nie im Himmel gehoͤrt; es praſſelten Waffen
200
226 Wider Waffen, und bruͤllten entſetzliche Zwietrach; laut donnern
Durch die Gefilde die tobenden Raͤder der ehernen Wagen,
Und das Getoͤſe der Schlacht ward fuͤrchterlich. Ueber dem Haupte
Flog ein traurig Geziſch von feurigen Pfeilen, in hohen
Flammenden Wolken; ſie uͤberwoͤlbten im Fliegen mit Feuer
205
226 Beyde Treffen; ſo rauſchten die beyden maͤchtigen Heere
Unter der feurigen Decke lautſtuͤrmend gegen einander
Mit unausloͤſchlicher Wuth. Der ganze Himmel erſchallte,
Und die Erde, waͤre ſie damals geweſen, die Erde
Haͤtte vorm Streit im Mittelpunkte gezittert. Was Wunder,
210
226 Da Millionen wildkaͤmpfender Engel auf beyden Seiten
Gegen einander fochten, und der geringſte von ihnen
Dieſe Elemente bezwingen, und mit der Gewalt ſich
Jhrer ſaͤmmtlichen Kraͤfte bewaffnen konnte; wie mußte
Jhre Macht nicht viel groͤßer ſeyn (da zahlloſe Heere
215
226 Gegeneinander ſtunden) mit furchtbarem kriegriſchem Feuer
Jhren begluͤckten Geburtsſitz in wilde Verwirrung zu ſetzen,
Doch nicht ganz zu zerſtoͤren! Wofern nicht der ewige Koͤnig
Mit allmaͤchtiger Hand von ſeiner himmliſchen Veſte
Jhre Gewalt beſchraͤnkt; ob ihre Zahl gleich ſo groß war,
220
226 Daß ſchon jegliche Kriegsſchaar fuͤr ſich ein zahlreiches Heer ſchien,
Und jedwede gewaffnete Hand allein ſchon ſo ſtark war,
Als ein ganzes Geſchwader. Es ſchien im wilden Gefechte
Jeder Kriegsmann ein Fuͤhrer, und wußt auch ohne Befehle
Anzuruͤcken, zu ſtehn, die Ordnung der Schlacht zu veraͤndern,
Oder237Sechſter Geſang.
225
226Oder die Glieder des grimmigen Treffens zu oͤffnen, zu ſchließen.
Da war kein Gedanke zu fliehn, kein Gedanke zum Weichen,
Keine nicht edele That, die Furcht verrathen. Denn jeder
Stuͤtzt ſich auf ſich ſelbſt, als ob der Ausſchlag des Sieges
Einzig auf ſeinem Arm beruh Erhabene Thaten
230
226 Ewigen Nachruhms wurden gethan, doch unendlich zu ſagen,
Denn die Schlacht war von vielerley Art, und verbreitete weit ſich
Jtzt auf dem Boden ein Treffen zu Fuß; itzt wurden die Luͤfte,
Da ſie auf ihren gewaltigen Schwingen empor ſich gehoben,
Rundum gepeitſcht; und die ganze Luft ſchien ein kaͤmpfendes Feuer.
235
226Lange hieng in ebener Wagſchaal die Schlacht. Bis daß Satan,
(Welcher an dieſem Tag erſtaunliche Staͤrke gezeiget,
Und nicht ſeines Gleichen gefunden) nachdem er ſich lange
Durch das verwirrte Gefecht der Seraphim durchgedrungen,
Endlich ſah, wo Michaels Schwerdt mit maͤchtigen Streichen
240
226 Ganze Geſchwader hinlegte; mit beyden Haͤnden erhoben
Flog das gewaltige Schlachtſchwerdt empor, und mit weiter Verwuͤſtung
Stuͤrzt es wieder herab. Schnell eilte Satan, ſich muthig
Solcher Zerſtoͤrung entgegen zu ſetzen. Er warf ihm ſein Schild vor,
Eine felſichte Scheibe von zehnfachem Demant, im Umkreis
245
226 Unermeßlich. Der Erzengel ließ, indem er ſich nahte,
Von der Arbeit der Schlacht ab, und war ſchon voll freudiger Hoffnung,
Hier den verwuͤſtenden innern Krieg des Himmels zu enden,
Und den Erzfeind niederzuwerfen, oder in Ketten
Jhn gefangen zu ſchleppen. Mit feindlich drohenden Blicken
250
226 Und entflammtem Geſicht begann er zuerſt zu ihm alſo:
G g 3Schoͤ -238Das verlohrne Paradies.
Schoͤpfer des Boͤſen
g)Dieſe Reden laſſen den Leſer nach dem Getuͤmmel einer allgemeinen Schlacht Athem holen, ſie bereiten ſein Gemuͤth vor, und machen ſeine Erwartung auf den bevorſtehenden Zweykampf zwiſchen Michael und Sa -tan deſto groͤßer. Eben ſo laſſen Ho - mer und Virgil ihre Helden vor dem Streit mit einander reden, welches die Handlung feyerlicher macht, und den Leſer in deſto groͤßerer Aufmerk - ſamkeit erhaͤlt. N.
g)! das man vor deinem Aufſtand im Himmel
Nie ſonſt gekannt; du ſiehſt es an dieſen verhaßten Thaten,
Wie es fruchtbar geworden; an Thaten, die jedem verhaßt ſind,
Aber am ſchwerſten auf dich, und auf die, ſo dir anhangen, fallen;
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227 Durch ein gerechtes Maaß! Wie haſt du den Frieden des Himmels
Dieſen ſeeligen Frieden, Verruchter, zerſtoͤrt, und das Elend
Jn die Natur gebracht, das ungeſchaffen vor deinem
Schaͤndlichen Aufſtand geweſen; wie haſt du nicht deine Bosheit
Tauſenden eingefloͤßet; die treu und aufrichtig ſtanden,
260
227 Und nun falſch und verderbt ſind. Doch denke deshalb nicht, auf immer
Hier in der heiligen Ruh uns zu ſtoͤren. Aus ſeinen Graͤnzen
Stoͤßt der Himmel dich aus, der Himmel, der Seligkeit Wohnplatz,
Kann nicht die Werke des Kriegs und ſolcher Gewaltthat erdulden.
Fort dann von hier! und deine Geburth, das Boͤſe, flieh mit dir
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227 Zu dem Orte, der Wohnung des Boͤſen, dem hoͤlliſchen Abgrund,
Du, und dein gottloſer Haufe mit dir; dort bruͤte dir Aufruhr,
Eh dies raͤchende Schwerdt die ſchwere Verdammniß dir anhebt,
Oder eine noch ſchnellere Rache, vom Ewgen befluͤgelt,
Mit vermehrterer Quaal dich zu dem Abgrund herabſtuͤrzt.
270
227Alſo der Fuͤrſt der Engel. Der Widerſacher verſetzte:
Glaube nicht, daß du mit Stolz und leerer Drohung den ſchreckeſt,
Den239Sechſter Geſang.
Den du noch nicht mit Thaten geſchreckt. Haſt du den geringſten
Meiner Krieger zur Flucht ſchon vermocht? oder wenn er gefallen,
Hat er nicht unuͤberwindlich ſich wieder erhoben? Wie kannſt du
275
227 Leichter denn Mich zu beſiegen dir ſchmeicheln? Mit bloßen
Befehlen
Oder mit Drohungen bloß, von hier mich zu jagen? Du irreſt,
Wenn du glaubſt, daß der Streit des Boͤſen, wie Du ihn benenneſt,
Oder, nach unſerer Sprache, der Streit der Ehre, ſich ſo ſoll
Enden. Wir hoffen gewiß ihn zu gewinnen, ſonſt wollen
280
227 Wir in die Hoͤlle, von welcher du fabelſt, den Himmel verwandeln,
Daß wir zum wenigſten frey hier wohnen, wofern wir nicht herrſchen.
Ruf indeſſen in dir die aͤußerſten Kraͤfte zuſammen;
Nimm noch den ſogenannten Allmaͤchtgen zu Huͤlfe; ich flieh nicht;
Denn ich habe zu lang dich nah und fern ſchon geſuchet.
285
227Beyde ſchwiegen; und machten ſogleich zum harten Gefechte
Voll unausſprechlichem Muths ſich bereit; denn wer kanns erzehlen,
Selbſt in der Sprache der Engel, wer kann durch irdiſche Bilder
Menſchlicher Einbildung ſich zu ſolcher Hoheit erheben,
Und zu ſolcher goͤttlichen Staͤrke? Denn Goͤttern ganz aͤhnlich
290
227 Schienen ſie, wenn ſie ſtunden und giengen, in Anſehn und Waffen
Und Betragen; geſchickt die Herrſchaft des großen Himmels
Zu entſcheiden. Nun wallten die feurigen Schwerdter, und machten
Schreckliche Kreiſ in der Luft, und ihre ſchimmernden Schilder
Stralten gegeneinander, wie breite leuchtende Sonnen,
Da240Das verlohrne Paradies.
295
227Da die Ewartung indeß in Schrecken ſtand
h)Jeder Leſer wird in dieſer gan - zen Beſchreibung der Schlacht zwi - ſchen den guten und boͤſen Engeln eine ungemeine Staͤrke des Ausdrucks und eine Hoheit der Sprache wahrneh - men, mit der Milton ſeine Erzehlung zu erheben ſucht. Er ſpricht in den kuͤhnſten Figuren der Poeſie. Alles wird dadurch belebt. Die Erwar - tung wird zu einer Perſon gemacht, die Waffen bruͤllen Zwietracht, undſogar die Wagenraͤder toben. Nichts iſt indeß leichter, als eben dieſe kuͤh - nen Figuren komiſch zu machen, wenn ſie zu niedrigen Dingen gebraucht wer - den, welches verſchiedne Tadler Mil - tons gethan. Sie werden aber da - durch die erhabene Poeſie Miltons eben ſo wenig laͤcherlich machen koͤn - nen, als Scarrons Virgil braveſti die goͤttliche Aeneide. Z.
h). Eilig begaben
Sich von beyden Seiten die ſtreitenden engliſchen Schaaren
Aus dem erſt dichten Gefecht zuruͤck, und ließen den Streitern
Einen geraumen Kampfplatz, indem ſie im furchtbaren Sturme
Solcher Erſchuͤtterung ſich ſicher nicht hielten: ſo ſchrecklich, als wenn itzt,
300
228 (Große Dinge mit kleinen zu meſſen,) die Eintracht der Sphaͤren
Aufgeloͤſt worden, und unter Geſtirnen ein Krieg entſtanden;
Dann zwey Planeten vom boͤſen Aſpekt mit grimmiger Feindſchaft
Zum Gefecht ziehn gegeneinander im mittelſten Himmel
Und ſich mit ihren krachenden Kreiſen zuſammen verwirren.
305
228Beyde bereiteten ſich mit hoch erhabenen Armen,
Des Allmaͤchtigen Armen an Staͤrk am naͤchſten, auf einen
Schweren gewaltigen Streich, der den Krieg geendiget haͤtte,
Und zu wiederholen nicht noͤthig geweſen; auch ſah man
Keinen Unterſchied hier an Staͤrk und Geſchwindigkeit. Aber
310
228 Michaels Schwerdt aus der Ruͤſtkammer Gottes war himmliſch geſtaͤhlet,
Und ſo durchdringend, daß weder Hartes noch Scharfes den Angriff
Aushalten konnte. Grimmig ſtuͤrzt es auf Satan hernieder,
Schnitt241Sechſter Geſang.
Schnitt mit gewaltiger Schneide ſein Schwerdt ihm entzwey
i)Miltons Vers mahlt auf gewiſ - ſe Art die Sache ſelbſt it met The ſword of Satan with ſteep force to ſmite Deſcending, and in half cut ſheer; | nor ſtay’d &c. Man hat dieſes in der Ueberſetzung beyzubehalten geſucht. Und hier koͤn - nen wir (ſagt Newton) bemerken, wie fein große Geiſter einander nachahmen. Es iſt eine ſehr ſchoͤne Stelle in Ho - mers Jlias B. III. 363. wo das Schwerdt des Menelaus in dem Zwey - kampfe mit dem Paris in Stuͤcken bricht. Euſtathius hat angemerkt, daß wir in dem Griechiſchen Verſe nicht allein die Handlung ſehn, ſon - dern das Zerbrechen des Schwerdts in dem Schalle der Woͤrter ſelbſt hoͤren:〈…〉〈…〉 Jch glaube daß ſich die deutſche Sprache dieſen Toͤnen ziemlich naͤhern kann: Dreyfach und vierfach zerſplittert, zer - ſprang ihm das Schwerdt Virgil, da er dieſe Schoͤnheit nicht wohl nachahmen konnte, hat mit groſ - ſer Einſicht eine andre von ſeiner Er - findung angebracht, um das Abbre - chen von dem Schwerdte des Turnus zu malen. Aen. XII. 731. &c. at perfidus enſisFrangitur; | in medioque ardentem deſerit ictu. Der untreue Stahl brach Ab, | und verließ den hitzigen Krieger mitten im Streiche, Er geht noch weiter: Mortalis mucro, glacies ſeu futilis, ictu Diſſiluit; | fulvâ reſplendent fragmi - na arenâ. Und der ſterbliche Stahl, gleich einem zerbrechlichen Glaſe, Brach; | es glaͤnzten im Sand die ſchim - mernden Stuͤcke. Da dieſe Schoͤnheit im Engliſchen mehr nachzuahmen war, als das〈…〉〈…〉 -〈…〉〈…〉 &c. des Homer, ſo hat Pope in ſeiner vortrefflichen Ueber - ſetzung Homers lieber den Virgil copiirt. The brittle ſteel, unfaithful to his hand, Broke ſhort; | the fragments glitterd on the ſand. Der morſche Stahl, untreu der ta - pfern Hand Zerſprang; | die Stuͤcken ſchimmerten im Sand. Dieſe Schoͤnheiten muͤſſen indeß, wie Herr Klopſtock in ſeiner vortreff - lichen Abhandlung vom Griechiſchen Sylbenmaße gezeigt, in dem Feuer der Ausarbeitung ſo zu ſagen von ſelbſt entſtehn, ohne muͤhſam darauf zu den - ken, weil man ſonſt leicht ins Spie - lende dadurch verfallen kann. Z.
i); doch
ruht nicht,
Sondern drang tiefverwundend mit ſchnellem ruͤckkehrenden Hiebe
315
229 Jhm in die rechte Seite hinein. Zum erſtenmal fuͤhlte
Satan itzt Schmerzen, und rang, und kruͤmmte ſich hin und wieder;
So durchdringend war ihm das Schwerdt mit fortdaurenden Wunden
JnH h242Das verlohrne Paradies.
Jn die Seite gefahren. Jedoch das aͤtheriſche Weſen
Blieb nicht lange getheilt, und ſchloß ſich bald wieder zuſammen;
320
229 Doch entſtuͤrzte dem Schnitt ein Strom nektariſchen Naſſes
k)Dies iſt eine Nachahmung Ho - mers. Homer naͤmlich erzehlt uns, daß, nachdem Diomedes die Goͤtter verwundet, ein Ichor aus den Wun - den gefloſſen, oder eine reinere Art von Blut, welches nicht durch menſch -liche Speiſen erzeugt worden; und obgleich der Schmerz ſehr groß gewe - ſen, ſo ſey die Wunde doch alſobald in ſolchen unſterblichen Weſen wieder zu - geheilet. Addiſon.
k),
Blutig, (ſo wie die Geiſter des Himmels zu bluten vermoͤgen)
Und befleckt ihm die Ruͤſtung, die kaum noch ſo blendend geſtralet.
Ploͤtzlich eilten von allen Seiten viel maͤchtiger Engel,
Jhm zu helfen, herbey; Jndem ſie ihn rundum beſchirmen,
325
230 Trugen auf ihren Schilden die andern ihn fort nach dem Wagen,
Welcher hinter der Schlachtordnung ſtand, und legten daſelbſt ihn
Nieder. Er knirſchte vor Schmerz und Wuth, und Schaam, daß er alſo
Ueberwunden ſich ſah, und durch den ſchimpflichen Umſturz
Jn den ſtolzen Gedanken, Gott ſelbſt an Staͤrke zu gleichen,
330
230 So gedemuͤthigt worden. Doch heilt er bald wieder; denn Geiſter,
Die mit lebender Kraft durch alle Theile begabt ſind,
Nicht bloß wie der gebrechliche Menſch nur im Eingeweide,
Oder dem Herzen, dem Haupte, den Nieren, oder der Leber,
Koͤnnen nicht anders ſterben, als durch die Zernichtung. Es kann auch
335
230 Eine toͤdtliche Wund ihr leichtes fluͤßigs Gewebe
Eben ſo wenig verletzen, als leicht hinfließende Luͤfte;
Denn ſie leben, ganz Herz, ganz Haupt, ganz Ohr, und ganz Auge,
Ganz Verſtand und ganz Sinnen; ſie nehmen nach ihrem Gefallen
Glie -243Sechſter Geſang.
Glieder und Farb und Geſtalt an, verdicket oder verduͤnnet.
340
230Auch erwarben an andern Orten gleich herrliche Thaten
Ehrenmaͤler, wo Gabriels Macht mit durchbrechender Fahne
Jn die dicken Geſchwader des wuͤthenden Koͤniges Molochs
Eindrang, der mit hohnſprechendem Trutz ihm gedroht, an die Raͤder
Seines Wagens ihn anzuſchließen und fortzuſchleppen.
345
230Selbſt den großen Allmaͤchtgen entehrte die laͤſternde Zunge;
Doch ſchnell ward er vom raͤchenden Schwerdt hinuntergeſpalten
Bis auf die Huͤften; er floh, mit ſeinen zerſplitterten Waffen
Bruͤllend vor ungewoͤhnlichen Schmerzen. Auf jedwedem Fluͤgel
Schlugen Raphael
l)Die Perſon, die hier ſpricht, iſt Raphael ſelbſt, weil aber Adam ſeinen Namen nicht wußte, ſo ſpricht er von ſich, als einer dritten Perſon. Bentley.
l)auch, und Uriel, tief in dem Treffen
350
231 Jhre ruhmredigen Feinde, den ſcheußlichen Adramelech,
Und den Aſmodai, ſo ungeheuer ſie waren,
Und obgleich ſie ein Fels von feſtem Demant gewaffnet;
Zween gewaltige Thronen, die ſich nichts geringers als Goͤtter
Duͤnkten; aber ſie lernten nunmehr beſcheidener denken,
355
231 Da ſie zerhackt durch Bruſtblatt und Panzer, voll ſcheußlicher Wunden
Fortflohn. Abdiel auch fiel mit verdoppelten Streichen
Auf die gottesvergeſſene Rotte; mit ſiegendem Schwerdte
Stuͤrzt er Ariel
m)Ariel nach dem Hebraͤiſchen ein Löwe Gottes, oder ein ſtarker - we. Arioch bedeutet eben dieſes; und Ramiel, einer der ſich ſelbſt wider Gott erhöht. Hume.
m)nieder, und Arioc; Ramiel fiel auch
Ueberwunden vor ihm, verſengt von dem flammenden Schwerdte.
H h 2Noch244Das verlohrne Paradies.
360
232Noch von tauſenden koͤnnt ich erzehlen, und hier auf der Erde
Jhre Namen verewgen; doch dieſe vollkommenen Geiſter
Sind mit dem Ruhm im Himmel zufrieden, und ſuchen des Menſchen
Lob nicht. Die andern, an Macht, und Thaten des Kriegs nicht geringer,
Aber weniger eifrig auf Nachruhm, doch weil ſie im Himmel
365
232 Aus dem Verzeichniß der Heilgen auf ewig ausgeloͤſcht worden,
Laß in finſtrer Vergeſſenheit bleiben. Die Staͤrke, getrennet
Von dem Recht und der Wahrheit, verdienet nur Schmach und Verachtung,
Ob ſie nach Lob gleich ehrſuͤchtig ſtrebt, und eifrig bemuͤht iſt,
Durch unruͤhmliche Thaten ſich Ruhm zu erwerben. Drum werde
370
232 Dieſer Name zu ihrer Verdammniß nie wieder erwaͤhnet.
Und nun, da die maͤchtigſten Helden der Feinde gefallen,
Fiengen die Schlachthaufen an zu wanken; die wilde Zerruͤttung,
Mit der ſcheußlichen Unordnung, drang in die fliehenden Reihen,
Und der Boden war rund umher mit zerſplitterten Waffen
375
232 Ueberſtreut; und zerbrochene Wagen, und die ſie gefuͤhret,
Und wildſchaͤumende feurige Roſſe, von Lanzen durchbohret,
Lagen uͤbereinander; die uͤbrigen, welche noch ſtunden,
Zogen ſich uͤberwunden zuruͤck durch das Kriegesheer Satans,
Welches mit Noth noch Widerſtand that, auch theils ſchon ergriffen,
380
232 Damals zuerſt ergriffen von Furcht, und von dem Gefuͤhle
Wuͤthender Schmerzen, mit Schande floh. Zu ſolchem Verderben
Stuͤrzte ſie Ungehorſam herab. Sie kannten vorher nicht
Weder die Furcht, noch die ſchaͤndliche Flucht, noch Empfindung der
Schmerzen:
Jn245Sechſter Geſang.
Jn der Heiligen Heer war es weit anders. Sie zogen
385
232 Undurchdringlich gewaffnet, und unverwundbar, ohn Abbruch
Fort, im feſten kubiſchen Phalanx; ſo großen Vortheil
Hatten ſie durch die Unſchuld von ihren Feinden, dieweil ſie
Nicht geſuͤndigt, nicht abgefallen. Sie ſtanden im Treffen
Unuͤberwunden, und unbeſorgt, verwundet zu werden,
390
232 Wenn die Gewalt ſie auch gleich von ihrer Stelle gehoben
n)Dieſer Umſtand hereitet den Le - ſer zu dem vor, was in der kuͤnftigen Schlacht erfolgt. N.
n).
Jtzo naht ſich die Nacht, und breitet uͤber die Himmel
Finſterniß aus; das wilde Getoͤſe der laͤrmenden Waffen
Sank in erwuͤnſchte Stille; die Sieger und Ueberwundnen
Zogen ſich unter die Decke der Schatten. Doch nahm auf dem Schlachtfeld
395
233 Michael mit den ſiegenden Engeln ſein Lager; und ſtellte
Rund um das Heer cherubiſche Wachen, hochflammende Feuer.
Tief in die Nacht hin verſchwand mit ſeinem rebelliſchen Haufen
Satan; und raſtlos berief er die maͤchtigen Potentaten
Bey der Stille der Nacht zum Kriegsrath
o)So beruft Agamemnon, nach - dem die Griechen geſchlagen worden, einen Kriegsrath bey Nacht zuſam - men. II. IX. N.
o). Nachdem ſie erſchienen,
400
234 Sprach er mit ungebaͤndigtem Muth alſo zur Verſammlung:
O getreue Gefaͤhrten, nun in Gefahren gepruͤfet!
Die ihr nunmehr uͤberzeugt ſeyd, daß keine Gewalt nicht der Waffen
Euch uͤberwaͤltigen kann, ihr Helden, nicht nur der Freyheit
Wuͤrdig, (ſie waͤre zu klein die Fordrung) nein aller der Ehre,
H h 3Aller246Das verlohrne Paradies.
405
234Aller der Herrſchaft, alles des Glanzes und Nachruhmes wuͤrdig,
Welchen wir zu erlangen bemuͤht ſind; ihr habt euch nun muthig
Einen Tag (und wenn Einen, warum nicht ewige Tage?)
Durch ein zweifelhaft Treffen, der Macht entgegen geſtellet,
Die der Koͤnig des Himmels von ſeinem erſchuͤtterten Thron her
410
234 Wider uns ſandte; maͤchtig genug, (ſo glaubt er unſtreitig,)
Uns zum Gehorſam zu bringen. Doch ſeine Hoffnung betriegt ihn;
Und, ſo ſcheint es, er ſey nicht unfehlbar die Zukunft zu wiſſen,
Ob man ihn gleich bisher fuͤr allwiſſend gehalten. Wahr iſt es,
Schlechter bewaffnet, als ſie, hat unſer maͤchtiges Kriegsheer
415
234 Einigen Schaden erlitten; wir haben Schmerzen empfunden,
Niemals empfunden vorher; doch lernten wir bald auch die Schmerzen
Zu verachten, indem wir erfahren, daß unſer Weſen
Dieſes empyreiſche Weſen vor toͤdtlichen Wunden
Sicher iſt, oder wenn es auch ja von Wunden durchbohrt wird,
420
234 Bald nach eignen natuͤrlichen Kraͤften von ſelber ſich heilet.
So gering iſt dies Uebel; vielleicht ſind die Mittel dawider
Eben ſo leicht zu erfinden; vielleicht daß ſtaͤrkere Waffen
Beſſere Ruͤſtungen uns in einem kuͤnftigen Treffen
Groͤßern Vortheil bringen, und unſern Feinden mehr Nachtheil,
425
234 Wenn das wenigſtens gleich gemacht wird, was ſie von Natur nicht
Vor uns voraus beſitzen. Doch ſind ſie aus anderer Urſach,
Die uns verborgen noch iſt, uns an Macht uͤberlegen, ſo wird uns,
Da wir unſern Verſtand und unſere Kraͤfte der Seele
Unvermindert noch haben in dieſer hohen Verſammlung
430
234 Unſer nachforſchender Geiſt, und unſer Fleiß, es erfinden.
Er247Sechſter Geſang.
Er ſaß nieder. Und in der Verſammlung ſtund Nisroc
p)Ein Goͤtze der Aſſyrier, in deſſen Tempel zu Ninive Sennacherib von ſeinen beyden Soͤhnen ermordet wur - de. 2. Buch der Koͤn. XIX. 37. N.
p), der Erſte
Unter den Fuͤrſten, zunaͤchſt nach ihm auf. Er ſtand da, als einer,
Welcher dem grauſamen Treffen nur eben entflohn war, ermattet,
Mit zerhauenen Waffen, und ſprach mit umwoͤlktem Geſichte:
435
235Der du von neuen Herrn uns erloͤſt, und zum freyen Genuſſe
Unſeres Rechts uns gefuͤhrt, gleich Goͤttern; wir finden fuͤr Goͤtter
Selber es ſchwer; der Streit iſt zu ungleich, mit ungleichen Waffen
Unter Schmerzen mit ſolchen zu fechten, auf welche die Schmerzen
Nichts vermoͤgen. Aus dieſem Uebel muß unſer Verderben,
440
235 Unſer gaͤnzlicher Untergang folgen. Was hilft uns die Staͤrke,
Wenn ſie unuͤberwindlich auch waͤre, wofern ſie vom Schmerze
Unterdruͤckt wird, der alles beſiegt, und des Maͤchtigſten Hand ſelbſt
Schwach und ſchlaff macht. Wir koͤnnten vielleicht in unſerem Zuſtand
Noch die Empfindung der Luſt vermiſſen, und ohne zu klagen
445
235 Jn Zufriedenheit leben, durch die man am ruhigſten lebet;
Aber der Schmerz iſt vollkommenes Elend, das aͤrgſte der Uebel,
Welches, wofern es zu groß wird, die groͤßte Gedult uͤberwindet.
Wer uns alſo Waffen erſinnt, mit denen wir maͤchtger
Unſern noch unverwundeten Feinden zu ſchaden vermoͤgen,
450
235 Oder die wenigſtens uns mit gleicher Vertheidgung bewaffnen,
Dem muß gleiches Verdienſt mit unſerm Befreyer gebuͤhren
q)Milton laͤßt Satan auch dieſen Vorzug erhalten. Richardſon.
q).
Mit248Das verlohrne Paradies.
Mit geruhigem Blick erwiederte Satan ihm alſo:
Was du fuͤr unſere Wohlfahrt mit Recht fuͤr ſo noͤthig erachteſt,
Jſt von mir ſchon erfunden. Denn welcher von uns, der aufmerkſam
455
236 Dieſes aͤtheriſchen Bodens hellglaͤnzende Flaͤche betrachtet,
Dieſes Land des geraumen Himmels, auf welchem wir ſtehen,
Mit ambroſialiſchen Pflanzen, und Blumen und Fruͤchten,
Und mit Golde geziert, und koͤſtlichen Edelgeſteinen,
Weſſen Blick ſieht dies alles ſo fluͤchtig, und weis nicht, wodurch es
460
236 Unter dem Boden entſpringt? Und daß es aus finſterem Grundſtoff
Voll von feurigem geiſtigen Schaum, wenn der himmliſche Lichtſtral
Jhn beruͤhrt und gekocht, in ſolcher Schoͤnheit hervorſproßt,
Und am belebenden Licht ſich entfaltet. Mit dieſem Grundſtoff
Soll uns die Tiefe verſehn aus ihrem ſchwarzen Geburtsort,
465
236 Schwanger mit unterirdiſchen Flammen; nachdem er in hohle,
Lange, runde Maſchinen dick eingepreßt iſt, und Feuer
Jhn am Luftloch beruͤhrt, ſo wird er ſich wuͤthend verbreiten,
Und von fern her mit donnerndem Kuall auf unſere Feinde
Solche Ladung von Uebel verſchuͤtten, daß alles zerſchmettert,
470
236 Alles umgeſtuͤrzt wird, was uns entgegen ſich ſtellet.
Zitternd ſollen ſie fuͤrchten, wir haben den Donnerer ſelber
Seiner gefuͤrchteten Keile beraubt. Es ſoll auch die Arbeit
Lange nicht waͤhren; die That ſoll noch vor Anbruch des Tages
Unſeren Wunſch uns erfuͤllen. Jndeſſen lebet voll Hoffnung
475
236 Wieder auf, und verbannet die Furcht! Wo der Rath und die Staͤrke
Sich verbinden, iſt nichts zu ſchwer; iſt nie zu verzweifeln!
Alſo249Sechſter Geſang.
Alſo ſchloß er, und ſeine Reden belebten von neuem
Jhren ſinkenden Muth, und ihre ſchmachtende Hoffnung.
Die Erfindung ward hoch von allen bewundert; und jedem
480
236 Duͤnkte dies itzo ſehr leicht, was vor der Erfindung den meiſten
Ganz unmoͤglich geſchienen. Doch kann in den kuͤnftigen Tagen
r)Dieſe prophetiſche Sprache giebt der Poeſie eine große Feyerlichkeit. N.
r)
Einer von deinem Geſchlechte vielleicht, (wenn Verderben und Bosheit
Ueberhand nimmt,) auf Ungluͤck bedacht, und von teufliſchem Antrieb
Angefeuert, ein gleiches Werkzeug erfinden, die Menſchen
485
237 Wegen der Suͤnden zu ſtrafen, indem ſie auf Krieg und auf Morden
Jhre Gedanken gerichtet. Schnell eilten ſie von der Verſammlung
An das Werk, denn keiner war hier, der Einwuͤrfe machte;
Zahlloſe Haͤnde waren bereit. Jm Augenblick riſſen
Sie den himmliſchen Boden weit auf, und ſahen darunter
490
237 Jn der Tiefe den Stoff der Natur in der rohen Empfaͤngniß;
Fanden ſalpetrichten ſchweflichten Schaum
s)Der Leſer wird hier gewiß denDichter bewundern, daß er alle dieſe kleinen Umſtaͤnde einer ſolchen Zube - reitung ſo erhaben zu beſchreiben ge - wußt. Z.
s), und mengten denſelben
Untereinander, mit ſeiner Kunſt, gekocht und gereinigt,
Ward er zum ſchwaͤrzeſten Korn, und aufgeſchuͤttet in Haufen.
Andre gruben ſehr tief nach verborgenen Adern von Steinen,
495
238 Oder Metall, (auch dieſes Erdreich hat Eingeweide,
Jener nicht ungleich) um ihre Maſchinen und Kugeln zu gießen,
Die das Verderben umherſenden ſollten. Noch andre beſorgten
Ruthen,J i250Das verlohrne Paradies.
Ruthen, die ploͤtzlich durch leichte Beruͤhrung verderblich feuern.
Alſo ward unter der Huͤlle der Nacht, vor Anbruch des Tages
500
238 Alles geendet, und alles, von niemanden ausgel undſchaftet,
Ward mit verſchwiegner Vorſicht im Heer in Ordnung geſtellet.
Und, da kaum der holdſelige Morgen am Himmel erſcheinet,
Wachten die ſiegreichen Engel bereits; die fruͤhe Trompete
Sang zu den Waffen; ſchnell ſtanden ſie da in blitzender Ruͤſtung,
505
238 Und in goldnen Panzern, ein ſchimmerndes Kriegsheer, und ſchloſſen
Jhre Linien. Andere ſahn von den tagenden Bergen
Weit umher; da indeß von leicht bewaffneten Schaaren
Jede Gegend durchſtreift ward, den fernen Feind zu entdecken,
Wo er ſich wieder geſetzt, wohin er geflohn, ob zu fechten
510
238 Er im Anzuge ſey, oder Halte gemacht. Sie entdeckten
Jhn gar bald in der Naͤh, indem er mit fliegenden Fahnen,
Langſam, aber mit feſter geſchloſſener Schlachtordnung anzog.
Zophiel
t)Nach dem Hebraͤiſchen ein Kundſchafter Gottes. Hume.
t), einer der ſchnelleſten Fluͤgel der Cherubim, eilte
Ploͤtzlich zuruͤck, und rief laut aus den Luͤften herunter:
515
239Zu den Waffen, ihr Krieger, eilt zu den Waffen! Der Feind naht,
Den wir geflohn zu ſeyn glaubten, er will das lange Verfolgen
Heut uns erſparen; und fuͤrchtet nur nicht, er woll uns entfliehen,
Einer Wolke gleich koͤmmt er, ich ſeh in ſeinem Geſichte
Strengen entſchloſſenen Vorſatz. Den diamantenen Panzer
Guͤrte251Sechſter Geſang.
520
239Guͤrte jeder ſich wohl, und jeder binde den Helm feſt,
Halte ſich feſt den Schild vor der Bruſt oder uͤber dem Haupte;
Denn der heutige Tag wird, wenn ich in meiner Vermuthung
Mich nicht irre, nicht ſanfte Schauer herunterſtuͤrzen,
Sondern ein praſſelnd Gewitter von Pfeilen mit Feuer befiedert.
525
239Alſo hieß er ſie Acht auf ſich haben. Die Schlachtordnung wurde
Ploͤtzlich formiert. Nichts hinderte ſie; ohn Unruh empfiengen
Sie das Zeichen zum Treffen, und ſchloſſen ſich vorwaͤrts; und ſiehe,
Nicht ſehr entfernt mehr naht ſich der Feind mit ſchwerem Schritte
Ungeheuer daher Jm hohlen verborgenen Viereck
530
239 Schleppt er die teufliſchen Werkzeuge fort; ſie waren umgeben
Von beſchattenden tiefen Geſchwadern, die Liſt zu verbergen.
Beyde Kriegsheere ſtanden itzt ſtill; doch ploͤtzlich trat Satan
An die Spitze hervor, und gab laut alſo Befehle:
Vortruppen oͤffnet euch rechts und links, daß die, ſo uns haſſen
535
239 Sehn moͤgen, daß wir geneigt ſind, mit ihnen Frieden zu ſchließen,
Und mit offener Bruſt ſie zu empfangen bereit ſtehn,
Wenn die Eroͤffnung ihnen gefaͤllt; und ſie etwan nicht tuͤckiſch
Uns den Ruͤcken zukehren; und dieſes fuͤrcht ich. Doch Himmel!
Sey du Zeuge, ſey Zeuge, du Himmel! Jndem wir uns offen
540
239 Unſerer Vorſchlaͤg entladen. Die ihr zu dem Amte beſtimmt ſeyd.
Thut, ſo wie euch befohlen: beruͤhret kuͤrzlich die Punkte,
Welche wir vorſchlagen, laut, damit ſie jeder vernehme.
J i 2Alſo252Das verlohrne Paradies.
Alſo ſpottet er unſer mit doppelſinnigen Worten;
Und kaum hatt er geendet, da trennte zur Rechten und Linken
545
239 Sich die Fronte bereits, und zog an die Fluͤgel des Heeres.
Und nun ſahen wir voller Verwundrung mit unſern Augen
Eine dreyfache Reihe von Pfeilern, auf Raͤder geleget;
Denn ſie glichen Pfeilern und hohlen Staͤmmen von Eichen
Oder Fichten, die man von ihren Zweigen behauen
550
239 Auf dem Berg und im Walde gefaͤllt; von Metall oder Eiſen,
Oder ſteinerne Maſſe; haͤtt ihre ſcheußliche Muͤndung
Nicht den furchtbaren Schlund weit gegen uns aufgeſperret,
Und mit durchloͤchertem Frieden gedroht
u)Die Wortſpiele, welche Milton die Teufel ſagen laſſen, koͤnnen nicht allein entſchuldigt werden, ſondern ſie ſind ſogar nach meinem Geſchmacke eine wirkliche Schoͤnheit. Nichts ſchickte ſich beſſer fuͤr ſo ſtolze, ver -derbte, betruͤgriſche Geiſter, und fuͤr den Vater der Luͤgen, wie Satan in der Schrift genannt wird. Aber ich wuͤnſchte, daß Milton hier nicht auch den guten Engel das Wortſpiel haͤtte fortfuͤhren laſſen. Z.
u). Bey jedem Pfeiler
Stand ein Seraph, der eine Ruthe, in Feuer getauchet,
555
240 Jn der Hand hielt; wir ſtunden indeß unſchluͤſſig, voll Zweifel,
Jn Gedanken vertieft; jedoch nicht lange; denn ploͤtzlich
Streckten ſie all auf einmal die feuerbeſprengten Ruthen
Vor ſich hin, und legten ſie ſanft mit geringer Beruͤhrung,
An ein Luftloch. Der ganze Himmel ſtand gaͤhlings in Flammen,
560
240 (Aber bald wieder in Rauch eingehuͤllt) die dieſe Maſchinen
Aus dem tiefſchlundigten Rachen geſpruͤht; ſie zerriſſen die Luͤfte
Durch ihr ſchrecklich Gebruͤll im Jnnerſten. Da ſie itzt ausſpien
Was die teufliſchen Schluͤnde verſchluckt, zuſammengedrungne
Don -253Sechſter Geſang.
Donnerkeile, mit Hagel von eiſernen Kugeln begleitet;
565
240 Welche mit ſolcher entſetzlichen Wuth auf das ſiegende Kriegsheer
Stuͤrmten, daß keiner von ihnen, ſo bald ihn die Donner getroffen,
Aufrecht zu ſtehen vermochte, da ſonſt ſie wie Felſen ſtunden;
Sondern ſie fielen bey tauſenden nieder; bey tauſenden rollten
Engel und Erzengel uͤbereinander; und dieſes vielmehr noch
570
240 Wegen der ſchweren Ruͤſtung; ſie waͤren als Geiſter viel leichter
Ungewaffnet dem Unfall entgangen, wofern ſie die Koͤrper
Ploͤtzlich zuſammengezogen, und eilig herum ſich geſchwenket.
Aber nun folgte die wuͤſte Zerſtoͤrung, gezwungne Zerruͤttung;
Und es half nicht, daß ſie die feſten geſchloſſenen Reihen
575
240 Trennten. Was ſollten ſie thun? Wofern ſie von neuem den Angriff
Wagen wollten, ſo mußten ſie fuͤrchten, von neuem geſchlagen,
Durch gedoppelten Umſturz noch mehr veraͤchtlich zu werden,
Und dem Feind zum Geſpoͤtte zu dienen. Schon ſtand im Geſichte
Eine folgende Reihe von wartenden Seraphim fertig,
580
240 Jhnen die zweyte Lage von ihrem Donner zu ſenden;
Sollten ſie fluͤchtig den Ruͤcken kehren? Dies ſcheuten ſie noch mehr.
Satan ſah, wie verlegen ſie waren; er wendete ſpottend
Sich zu ſeinen Gefaͤhrten, indem er hohnlachend ſagte:
Warum kommen, o Freunde, die ſtolzen Sieger nicht naͤher?
585
240Da ſie erſt eben ſo trotzig ſich nahten, indem wir bereit ſtehn
Sie, (was konnten wir mehr) mit offener Stirn zu empfangen,
Und die wichtigen Punkte zum Frieden ihnen geſendet,
Haben ſie ſchnell die Gedanken veraͤndert, und fliehen, und machen
J i 3Selt -254Das verlohrne Paradies.
Seltſame Spruͤng, als wollten ſie tanzen; doch ſcheinen zum Tanze
590
240 Dieſe Spruͤnge zu wild; vielleicht vor Entzuͤcken und Freuden
Ueber den angebotnen Vergleich. Doch wenn wir noch einmal
Laut, wie wir eben gethan, den Friedensantrag erneuern,
Moͤchten wir ſchneller vielleicht zur letzten Eroͤffnung ſie zwingen.
Eben ſo ſpottreich und ſcherzend erwiedert ihm Belial alſo:
595
240 Großer Feldhauptmann, die Vorſchlaͤge waren von wichtigem Jnnhalt,
Die wir ihnen geſendet; ſo viel wir wahrnehmen koͤnnen,
Haben ſie treffliche Wirkung gehabt, und tiefe Gedanken
Allen gemacht; viel ſtrauchelten auch; wer recht ſie verſtehn will,
Muß nicht wenig Verſtand von Haupt zu Fuße beſitzen.
600
240Werden ſie nicht recht verſtanden, ſo haben ſie doch noch die Tugend,
Daß ſie uns zeigen, wenn unſere Feinde nicht aufrecht einhergehn.
Alſo machten ſie untereinander, hohnſprechend, ſich luſtig;
Und ſie zweifelten nicht in ihren ſtolzen Gedanken
Uns zu beſiegen, und glaubten voll Hochmuth mit ihrer Erfindung
605
240 Gott dem Allmaͤchtgen zu gleichen, und machten aus ſeinem Donner
Sich ein Spiel, und verlachten ſein heiliges Kriegesheer, weil es
Einige Zeit in Verwirrung ſtand. Doch ſtand es nicht lange
Alſo verlegen Von Wuth geſpornt, erfanden ſie Waffen,
Die ſie dem hoͤlliſchen Werfzeug entgegen zu ſtellen vermochten.
610
240Sie, (bemerke die Macht und den Vorzug, mit welchem der Ewge
Seine maͤchtigen Engel begabt) ſie warfen die Waffen
Alſobald von ſich, und liefen, gleich wetterleuchtenden Blitzen,
Nach255Sechſter Geſang.
Nach den Bergen hinauf, (denn dieſe veraͤnderte Anmuth,
So von Bergen und Thaͤlern entſpringt, hat die Erde vom Himmel;)
615
240 Dahin flogen ſie, machten ſich Raum um die Wurzeln der Berge;
Riſſen ſie aus aus den Tiefen mit allem, was drauf war, mit Felſen,
Stroͤmen und Waͤldern; und trugen ſie ſo bey den waldichten Gipfeln
Hoch in den Haͤnden empor. Entſetzen und Schrecken ergriff itzt
Das rebelliſche Heer, indem ſie den Boden der Berge,
620
240 Aufwaͤrts gekehrt, auf ſich ankommen ſahn, und die dreyſache Reihe
Jhrer verfluchten Maſchinen mit ihrem ganzen Vertrauen
Unter der Laſt der Berge verſcharrt ward. Sie wurden drauf ſelber
Angefallen, nach ihren Haͤuptern flog manches Gebirge,
Welches, die Luft verdunkelnd, auf ganze gewaffnete Schaaren
625
240 Niederfiel. Jhre Harniſche halfen die Pein noch vermehren;
Denn ſie wurden zerſplittert in ihren Gliedern, und machten
Jhnen grauſame Schmerzen; ſie aͤchzten vor Quaalen, und mußten
Lange darunter ringen, eh ſie aus dieſem Gefaͤngniß
Wieder ſich loswinden konnten, ſo ſehr ſie Geiſter auch waren
630
240 Von dem reinſten Licht, (zwar erſt von dem reinſten, doch itzo
Durch die Suͤnde verdickt) drauf griffen die uͤbrigen wuͤthend
Zu gleich ſchrecklichen Waffen, und riſſen benachbarte Berge
Aus, aus den Wurzeln. So ſtieß in der Luft durch entſetzliches Schleudern
Berg an Berg; ſie fochten darunter in furchtbarem Schatten.
635
240Ein lautdonnerndes hoͤlliſches Krachen; der ſcheußlichſte Krieg ſchien
Gegen dieſe Verwuͤſtung ein bloßes Spiel nur; Verwirrung
Ward auf Verwirrung gehaͤuft; und itzo waͤre der Himmel
Voͤllig zu Truͤmmern gegangen, mit Schutt und Graus uͤberſchuͤttet,
Haͤtte256Das verlohrne Paradies.
Haͤtte nicht der allmaͤchtige Vater, da, wo er im Himmel
640
240 Sicher im Heiligſten ſitzt, und den Ausgang der Dinge betrachtet,
Dieſem Aufruhr entgegen geſehn, und ihn weislich verhaͤnget,
Seinen erhabenen Zweck zu erlangen, und ſeinen Geſalbten
So an ſeinen Feinden zu raͤchen, daß offenbar werde,
Wie er ihm alle Gewalt gegeben. Er wandte daher ſich
645
240 So zu dem Sohn, der neben ihm ſaß auf dem Throne der Gottheit:
Mein geliebteſter Sohn, du meiner Herrlichkeit Abglanz,
Sohn, in deſſen goͤttlichen Antlitz das Unſichtbare
Sichtbar geſehn wird, und alles, was ich nach dem Rechte der Gottheit
Bin; durch welchen ich alles, was ich beſchloſſen, vollfuͤhre;
650
240 Zweyte Allmacht; zwey Tage, ſo wie wir im Himmel ſie zehlen,
Sind vergangen, ſeit Michael auszog mit ſeinen Maͤchten
Dieſe Rebellen zu zaͤhmen. Hart war ihr Gefecht, wie’s ſeyn mußte,
Wenn zwey ſo maͤchtige Feinde die Waffen gegeneinander
Fuͤhren. Jch uͤberließ ſie ſich ſelbſt; du weißt, in der Schoͤpfung
655
240 Sind ſie einander gleich gemacht worden; die Suͤnde hat nachher
Sie in etwas verringert, jedoch nur unmerklich gewirket,
Da ich ihre Verdammniß noch aufgeſchoben. Nothwendig
Muͤßten ſie alſo in endloſem Streit mit einander verharren.
Krieg hat gethan, was der Krieg thun kann; dem aͤußerſten Raſen
660
240 Ließ er den Zuͤgel ſchießen; hat ſich mit Bergen gewaffnet,
Welches den Himmel zerſtoͤrt, und dem Ganzen den Untergang drohte.
So ſind zwey Tage vergangen; der dritte ſey dein! Denn ich habe
Dir ihn beſtimmt, und ſo lang es erduldet, damit die Ehre,
Dieſen257Sechſter Geſang.
Dieſen gewaltigen Krieg im Himmel geendigt zu haben,
665
240 Dein ſey, weil niemand, als du, ihn enden kann. Solche Staͤrke
Hab ich in dich gelegt, mit ſolcher unendlichen Gnade
Dich uͤberſchuͤttet, daß alles im Himmel ſo wohl als der Hoͤlle
Deine goͤttliche Kraft erkenn; und hab ich ſo lange
Dieſen ſcheußlichen Zwieſpalt verhaͤngt, daß offenbar werde,
670
240 Wie du am wuͤrdigſten ſeyſt, von allen Dingen der Erbe,
Erb, und Koͤnig zu ſeyn, durch meine heilige Salbung,
Dein erworbnes gebuͤhrendes Recht. Du Maͤchtigſter, geh denn
x)Nach Pſ. XLV. 3. 4. Gürte dein Schwerdt an deine Seite, du Held, ꝛc.
x)!
Du in deines Vaters Allmacht der maͤchtigſte, geh du,
Schwing dich auf meinen Wagen, und fahr auf den reißenden Raͤdern,
675
241 Welchen die Feſten des Himmels erſchuͤttern. Nimm alles mein Kriegszeug,
Meinen Bogen und Donner; zeuch an die Waffen der Allmacht;
Guͤrte mein raͤchendes Schwerdt an deine maͤchtige Seite,
Und verfolge der Finſterniß Soͤhne durch alle Himmel;
Treib ſie hinaus aus der Seligkeit Sitz in die aͤußerſte Tiefe,
680
241 Und daſelbſt laß ſie lernen im Orte der ewigen Quaalen,
Die ſie verdienet, Gott, und ſeinen Geſalbten verachten.
Alſo ſprach er, und leuchtete ſanft mit geraden Stralen
Auf den ewigen Sohn; der fieng im goͤttlichen Antlitz
Seinen Vater ganz ausgedruͤckt auf, unausſprechlich; worauf ihm
685
241 Alſo mit tiefem Gehorſam die Gottheit drs Sohnes erwiedert:
Ober -K k258Das verlohrne Paradies.
Oberſten aller himmliſchen Thronen; allmaͤchtiger Vater;
Erſter, Hoͤchſter, Heiligſter, Beſter; du ſucheſt beſtaͤndig
Deinen Sohn, und ich dich zu verherrlichen, wie es auch recht iſt.
Denn ich halt es fuͤr meine Ehre, fuͤr meine Erhoͤhung
690
241 Und fuͤr meine vollkommene Luſt, daß du dein Gefallen
An mir haſt, und bezeigſt, dein Wille, den ſtets zu vollbringen
Meine Wolluſt iſt, ſey vollbracht. Als deine Geſchenke
Nehm ich Zepter und Macht; doch will ich ſie freudiger wieder,
Vater, zuruͤcke dir geben, wenn du am Ende der Dinge
695
241 Alles in allem wirſt ſeyn
y)Wir haben ſchon angemerkt, daß Milton die goͤttlichen Perſonen allezeit in der Sprache der heiligen Schrift reden laͤßt. Dieſe Stelle iſt aus 1 Cor. XV. 24. 28. Darnach das Ende, wenn er das Reich Gott und dem Vater überantworten wird. Wenn aber alles ihm unterthan ſeyn wird, alsdenn wird auch der Sohn ſelbſt unterthan ſeyn dem, der ihm alles unterthan hat, auf daß Gott ſey alles in allem. Man ſehe ferner Joh. XVII. 21. 23. N.
y); und in dir, und auf ewig
Alle diejenigen, welche du lieb haſt. Aber ich haſſe,
Welche du haſſeſt. Jn allen dein Ebenbild, kann ich ſowohl mich
Ewger, mit deinen Schreckniſſen kleiden, als ich mich, o Vater,
Deiner Gnade gebrauche. Mit deiner Staͤrke bewaffnet,
700
242 Will ich die Himmel gar bald von dieſen Aufruͤhriſchen ſaͤubern;
Will ſie hinabtreiben in das Gefaͤngniß, ſo ihnen beſtimmt iſt,
Jn der Finſterniß Ketten zum nimmer ſterbenden Wurme;
Sie, die deinem rechtmaͤßgen Gehorſam, dem zu gehorchen
Wahre Seeligkeit iſt, ſo ſtolz ſich entzogen. Dann ſollen
705
242 Deine Heiligen unvermiſcht, von dieſen Unreinen
Abge -259Sechſter Geſang.
Abgeſondert, den heiligen Berg mit Jauchzen umringen,
Und, Allmaͤchtiger, dir nicht falſche Hallelujahs ſingen,
Hymnen voll hohen Lobes; ich unter ihnen der Erſte.
Alſo ſprach er, und neigte ſich uͤber ſein guͤldenes Zepter,
710
242 Und ſtand auf von der Herrlichkeit Rechte, zu der er geſeſſen;
Und der dritte heilige Morgen begann itzt zu ſcheinen
Durch die tagenden Himmel. Der furchtbare Wagen der Allmacht
Rauſchte mit Wirbelwindsbrauſen herbey
z)Dieſe ganze Beſchreibung iſt beynahe von Wort zu Wort aus demerſten Kap. des Propheten Ezechiels genommen. N.
z), mit dicklodernden Flammen,
Flammet er um ſich; Rad in Rad; von nichts ſonſt gezogen,
715
243 Waren ſie in ſich ſelber mit Geiſte beſeelt, doch begleitet
Von vier Cherubsgeſtalten, und jede von dieſen Geſtalten
Hatte vier wunderbare Geſichter; die Leiber und Fluͤgel
Waren mit Augen gleich Sternen beſaͤt, mit Augen die Raͤder
Von Beryll; und dazwiſchen wild furchtbar rennende Feuer.
720
243Ueber den Haͤuptern hieng ein heller kryſtallener Himmel,
Wo auf einem ſaphirnen Thron, mit dem reineſten Bernſtein,
Und mit den wechſelnden Farben des naſſen Bogens geſchmuͤcket,
Er hinauf ſtieg, gewaffnet in himmliſcher ſchimmernder Ruͤſtung
Stralenden Urim, das Werk der vollkommenſten goͤttlichen Arbeit.
725
243Jhm ſaß zur Rechten der Sieg mit Adlersſchwingen. Und bey ihm
Hieng ſein Bogen und Koͤcher mit dreyfachen Donnerkeilen
Angefuͤllt; wilde Stroͤme von Rauch, mit fechtenden Flammen,
K k 2Und260Das verlohrne Paradies.
Und entſetzlichen Funken, umfloſſen ihn rundum. So zog er,
Von zehntauſendmal tauſend der Heiligen Gottes
a)Jud. 14. Siehe der Herr kommt mit viel tauſend Heiligen. Pſ. LXVIII. 18. Der Wagen Got - tes iſt viel tauſendmal tauſend. Offenb. VII. 4. Und ich hörte die Zahl. Jſt Milton nicht die erhaben - ſten Stellen ſeines Gedichts der heili - gen Schrift ſchuldig. N.
a)begleitet,
730
244 Durch die Himmel, und zwanzig tauſend der Kriegswagen Gottes,
Denn ich hoͤrte die Zahl, umgaben auf jeglicher Seit ihn.
Alſo fuhr er daher auf der Cherubim ſtuͤrmiſchen Fluͤgeln
Unter dem hellen kryſtallnen Himmel, auf Saphir gethronet,
Und ward weit in die Ferne geſehn; doch entdeckten die Seinen
735
244 Jhn zuerſt; unerwartete Freud ergriff ſie, da itzo
Hoch in der Luft das große Panier des Meſſias, ſein Zeichen
Jn dem Himmel, von Engeln erhoben weitflammend dahinſtroͤmt.
Michael zog ſich ſogleich mit ſeinen gehorchenden Schaaren
Unter ſeinem Befehl an beyde Fluͤgel. Sie ſtunden
740
244 Alle durch ihn, ihr maͤchtiges Haupt, unaufloͤslich vereinet.
Vor ihm her hatte die goͤttliche Macht den Weg ihm bereitet;
Jeder der ausgeriſſenen Berge begab ſich itzt wieder
Auf ſein Wort zu der erſten Stelle. Sie folgten gehorſam
Seiner Stimme. Die Himmel erneuten ihr voriges Antlitz,
745
244 Und nun laͤchelten Thaͤler und Huͤgel mit friſcheren Blumen.
Dies ſahn ſeine verlaſſenen Feinde; doch ſtanden ſie trotzig
Und verhaͤrtet; ſie ſammeln aufs neu zum rebelliſchen Treffen
Jhre Schaaren, die Thoren! ſie ſchoͤpften noch einige Hoffnung
Aus261Sechſter Geſang.
Aus der Verzweiflung. Wie konnte ſolch eine verderbte Gemuͤthsart
750
244 Himmliſche Geiſter beherrſchen! Doch was fuͤr Zeichen und Wunder
Koͤnnen auf Stolze wirken, und Harte zum Nachgeben zwingen?
Was ſie am erſten zuruͤckbringen ſollte, verhaͤrtete mehr nur
Jhre Herzen; und wuͤthender Neid ergriff ſie beym Anblick
Seines herrlichen Anzugs. Sie ſtrebten nach ſeiner Hoͤhe,
755
244 Stunden von neuem in Schlachtordnung da, in ſchmeichelnder Hoffnung,
Wider den Hoͤchſten zuletzt und ſeinen Geſalbten den Vortheil
Mit Gewalt oder Liſt zu erhalten; und ſollt es nicht gluͤcken,
Endlich im allgemeinen Verderben vernichtet zu werden.
Und ſo nahten ſie ſich, (nicht Willens zu fliehn, noch zu weichen,)
760
244 Zu der letzten entſcheidenden Schlacht; der Sohn des Allmaͤchtgen
Wandt ſich zu ſeinem geſammten Heer, indem er ſo anhub:
Steht hier ſtill in glaͤnzenden Reihen, ihr Heiligen; ſteht hier,
Jhr getreuen gewaffneten Engel, und ruhet vom Streite
Dieſen Tag; ihr habt getreu mit dem Beyfall des Hoͤchſten
765
244 Furchtlos in ſeiner gerechten Sache den Krieg gefuͤhret;
Und nachdem ihrs empfangen, ſo habt ihr auch Thaten verrichtet,
Unuͤberwindlich! Doch hat er die Strafe der hoͤlliſchen Rotte
Einer ganz andern Hand beſtimmt; denn ſein iſt die Rache
b)Roͤm. XII. 19. Die Rache iſt mein, ich will vergelten, ſpricht der Herr.
b),
Oder doch deſſen nur, dem er allein die Rache befiehlet.
770
245Große zahlreiche Mengen erfordert der heutige Tag nicht;
Steht nur ſtill, und ſchaut zu, wie itzo des Ewigen Rache
K k 3Dieſe262Das verlohrne Paradies.
Dieſe Rebellen verfolget, durch mich ſie verfolget; denn euch nicht,
Mich verſchmaͤhten, beneideten ſie; und alles ihr Wuͤthen
Gieng auf mich nur allein, dieweil der ewige Vater,
775
245 Dem im hoͤchſten Himmel das Reich und die Ehre gebuͤhret,
Mich nach ſeinem Willen geehrt; drum hat er es mir auch
Ueberlaſſen, ſie zu beſtrafen; ſie ſollen erlangen,
Was ſie ſo ſehr ſich gewuͤnſcht, ſich mit mir im Streit zu verſuchen
Und zu erfahren, wer ſtaͤrker ſey, ſie alle zuſammen,
780
245 Oder ich gegen ſie all allein, indem ſie doch alles
Nach der Staͤrke nur meſſen, auf keinen anderen Vorzug
Nacheifernd; eines anderen Streits will ich ſie nicht wuͤrdgen.
Alſo der Sohn. Er verwandelte ploͤtzlich in furchtbare Schrecken
Seine Geſtalt; zu ſtreng, als daß man ſie anſchauen konnte;
785
245 Und er wandt ſie auf ſeine Feinde voll toͤdtenden Grimmes.
Und die vier Cherubim ſpreiteten ſchnell die ſternvollen Fluͤgel
Weit um ſich her mit furchtbarem Schatten; die Raͤder des Wagens
Rollten dahin, wie mit dem Getoͤs lautdonnernder Waſſer,
Oder zahlreicher Heere. Schwarz, finſter, der ſchrecklichſten Nacht gleich,
790
245 Fuhr er auf ſeine gottloſen Feinde. Die Feſten des Himmels
Bebten von Grund auf den brennenden Raͤdern; allein nur des Ewgen
Thron nicht. Jm Augenblick war er bey ihnen, die grimmige Rechte
Faßte zehntauſend Donner; er ſandte mit ſolcher Gewalt ſie
Vor ſich her, daß ſie tief in ihre getroffenen Seelen
795
245 Wunden ſchlugen; erſtarrt, und von allem Muthe verlaſſen,
Gaben ſie allen Widerſtand auf, und die muͤßigen Waffen
Fielen263Sechſter Geſang.
Fielen aus ihren Haͤnden. Er fuhr mit verderbenden Raͤdern
Ueber Schild und Helme, und uͤber gehelmte Haͤupter
Maͤchtiger Thronen und Seraphim her, die zu Boden geſtuͤrzet
800
245 Lagen, und wuͤnſchten, daß itzo die Berge ſie decken moͤchten
c)Offenb. VI. 16. Sie ſprachen zu den Bergen: Fallet auf uns und verberget uns, vor dem An - geſicht deß, der auf dem Stuhl ſitzt. N.
c),
Um ſie vor ſeinem Zorne zu ſchirmen. Von jedweder Seite
Fielen nicht minder ſtuͤrmiſche Pfeile, gleich einem Gewitter,
Von der vier Cherubim Antlitz, das ganz mit Augen beſaͤt war,
Und den lebendigen Raͤdern hernieder, mit Mengen von Augen
805
246 Gleichfalls bedeckt. Ein einziger Geiſt beſeelte ſie; ſchrecklich
Wetterleuchtete jedes der Augen verderbendes Feuer
Unter die ſtarren Verfluchten hinab. Wodurch ſie verwelket,
Aller ehmaligen Staͤrke beraubt, und von Kraͤften erſchoͤpfet,
Hinſanken, muthlos, entgeiſtert, daniedergeſchlagen, gefallen.
810
246Und doch hatt er nicht halb ſich ſeiner Staͤrke gebrauchet,
Sondern mitten im Flug den verderbenden Donner gedaͤmpfet,
Weil er nicht ganz ſie zernichten, und nur aus den Graͤnzen des Himmels
Sie hinaustreiben wollte. Er richtet die Niedergeſtuͤrzten
Wiederum auf, und treibt ſie, dicht in einander gedraͤnget,
815
246 Wie eine Heerde furchtſamer Ziegen
d)Es koͤmmt uns vielleicht beſon - ders vor, daß Milton unter ſo viel er -habenen Bildern ein ſo niedriges Gleichniß braucht. Außerdem aber daß Homer ſolches ſehr oft thut, ſo kann Milton noch mehr entſchuldigt werden, weil er es hier auf die gefall - nen Engel anwendet. Je niedriger die Vergleichung war, je mehr druͤckte es ihren Umſturz aus.
d) und ſchuͤchterner Schaafe
Donnerbetaͤubt vor ſich her, und mit Schrecken und Furien jagt er
Auf264Das verlohrne Paradies.
Auf die kryſtallnen Mauren des Himmels ſie zu; weit offen,
Wallten die Mauren einwerts und ließen hinab in die Tiefe
Einen geraumen Riß Vom ſchrecklichen Anblick getroffen
820
247 Fuhren ſie ſchaudernd zuruͤck; doch eine noch ſchwerere Rache
Jagte ſie hinten. Sie ſtuͤrzten ſich ſelbſt vom Rande des Himmels
Jn das Verderben hinab; das ewige Zornfeuer brannte
Hinter ihnen einher bis zum unterſten Abgrund. Die Hoͤlle
Hoͤrte den donnernden Fall; ſah wie der Himmel vom Himmel
825
247 Niederſtuͤrzte, und waͤre vor Furcht gern zuruͤcke geflohen,
Aber ſie hatte zu tief das maͤchtge Verhaͤngniß gegruͤndet,
Und zu feſt ſie umgraͤnzt. Sie fielen neun Tage. Das Chaos
Bruͤllt und fuͤhlt, indem ſie ſo fielen, zehnfache Verwirrung
Durch ſein wildes anarchiſches Reich, und wurde zerruͤttet
830
247 Durch ſo eine gewaltſame Flucht; zuletzt ſchlang die Hoͤlle
Alle mit offenem Rachen ſie ein, und ſchloß ſich nach ihnen
Zu; die Hoͤlle mit unausloͤſchlichem Feuer erfuͤllet,
Die gehoͤrige Wohnung fuͤr ſie; das Haus der Schmerzen,
Und der endloſen Pein. Der Himmel, von ihnen entlaſtet,
835
247 Freute ſich, und ergaͤnzte bald wieder die Oeffnung der Mauren,
Die itzt da, wohin ſie gewichen, zuruͤcke ſich rollten.
Und der Meſſias wandte von ſeinen vertriebenen Feinden,
Sieger allein, den Triumphwagen um. Jhm kamen die Heilgen
Welche ſchweigend geſtanden, und ſeiner allmaͤchtigen Thaten
840
247 Augenzeugen geweſen, lautjauchzend entgegen, und ſangen,
So265Sechſter Geſang.
So wie ſie giengen mit Palmen beſchattet, Triumphgeſaͤnge.
Jeder glaͤnzende Orden ſang ihm, dem ſiegenden Koͤnig,
Jhm dem Sohn, dem Erben und Herrn, dem die Herrſchaft
gegeben,
Weil er zu herrſchen der maͤchtigſte war. Jn hohem Triumphe
845
247 Fuhr er durch die Himmel, und durch die Vorhoͤfe Gottes
Jn den Tempel des maͤchtigen Vaters, der hoch auf dem Thron ſitzt.
Dieſer nahm ihn aufs neu in ſeiner Herrlichkeit Schooß auf,
Wo er nunmehr in Seeligkeit ſitzt zu der Rechten des Vaters.
Alſo hab ich dir, Erſter der Menſchen, nach deinem Verlangen,
850
247 Da ich himmliſche Dinge nach irdiſchen Dingen gemeſſen,
Um dich durch das Vergangne vor gleichem Unfall zu warnen,
Vieles, was ſonſt dem Menſchengeſchlechte verborgen geblieben,
Offenbaret; die ſcheußliche Zwietracht, den Krieg in dem Himmel
Zwiſchen den engliſchen Maͤchten, den Fall der Rebellen, die thoͤricht
855
247 Nach der Gottheit geſtrebt, und ſich mit Satan empoͤret,
Welcher itzt mit vergaͤlltem Auge dein Gluͤck dir beneidet,
Und mit ſich rathſchlagt, wie er auch dich vom Gehorſam verfuͤhre,
Daß du, deines Gluͤckes beraubt, ſein ewiges Elend
Theilen moͤchteſt mit ihm; dies waͤr ihm die herrlichſte Rache;
860
247 Dich dereinſt zum Gefaͤhrten in ſeiner Verdammniß zu haben,
Und dem Allmaͤchtgen ſo Hohn zu ſprechen. Doch horche du nie -
mals
L lSei -266Das verlohrne Paradies. Sechſter Geſang.
Seinen Verſuchungen; warne die Schwaͤchere
e)So nennt Petrus das Weib, das ſchwächeſte Werkzeug. 1 Petr. III. 7.
e), laß es dir nuͤtzen,
Daß du gehoͤrt durch dies Beyſpiel, wie Ungehorſam belohnt wird,
Unuͤberwindlich konnten auch ſie im Guten verharren;
865
248 Aber ſie fielen! denke daran, und fuͤrchte zu ſuͤndgen!

Ende des erſten Theils.

[267]

Da der Druck auswaͤrtig beſorgt worden, ſo ſind einige Fehler geblie - ben, wovon man die wichtigſten, die man in der Geſchwindig - keit bemerken koͤnnen, anzeigen will.

  • Seite 8. zu Ende leſet ſtrecket ſtatt erſtrecket. S. 107. muß der 161 Vers ſo heißen: Liebt; Sohn meines Buſens; mein Ebenbild ꝛc. S. 120. zu Ende der Note: leſet Schwange ſtatt Schwanze. S. 144. Vers 210. leſet erſtreckte ſtatt verſteckte. S. 148. Vers 285. leſet hoch ſtatt Joch. S. 167. Vers 726. leſet den Sternenpol ſtatt die Sternenpol. S. 171. Vers 820. leſet von Pulver ſtatt vor Pulver, Vers 827. leſet: doch redeten ſie bald herzhaft ihn ſo an. S. 173. Vers 2. leſet gezaͤumten, Vers 3. leſet kaͤut. S. 176. Vers 846. leſet neu erſchaffene ſtatt unerſchaffene. S. 177. Vers. 967. leſet wer ſtatt wo. S. 193. zu Ende der Note leſet Boͤſem ſtatt Buͤßen. S. 197. Vers 290. leſet Jugendlich ſchoͤn ſteht er da. S. 202. Vers 389 leſet Raſen ſtatt Roſen. S. 205. Vers 443. leſet doch ſtatt aber. S. 212. Vers 602 leſet warens ſtatt warn’s. S. 229. Vers 50. leſet aufſperrt ſtatt aufgeſperrt. S. 252. Vers 117. leſet drauf ſtatt darauf. S. 244. V. 370. leſet Namen ſtatt Na - me. S. 245. Vers 399. leſet als ſtatt nachdem. Vers 400. leſet ſo zu der Ver - ſammlung ſtatt alſo zur Verſammlung. S. 249. Vers 496. Jnnen ſtatt Jener. S. 258. Vers 695. leſet: und ich in dir, ſtatt in dir.
  • Verſchiedne Fehler der Rechtſchreibung beſonders in den fremden Sprachen, als S. 87. amuramente fuͤr amaramente. S. 197. 〈…〉〈…〉fuͤr〈…〉〈…〉 &c. S. 209. in - fundum fuͤr infandum &c. wolle der geneigte Leſer entſchuldigen und verbeſſern.
[268]

About this transcription

TextDas Verlohrne Paradies
Author John Milton
Extent299 images; 61262 tokens; 12063 types; 415343 characters
Responsibility Alexander Geyken, ed.; Susanne Haaf, ed.; Bryan Jurish, ed.; Matthias Boenig, ed.; Christian Thomas, ed.; Frank Wiegand, ed.

CLARIN-DNote: Langfristige Bereitstellung der DTA-Ausgabe

EditionVollständige digitalisierte Ausgabe.

About the source text

Bibliographic informationDas Verlohrne Paradies aus dem Englischen Johann Miltons in Reimfreye Verse übersetzt, und mit eignen sowohl als andrer Anmerkungen begleitet Erster Theil John Milton. Justus Friedrich Wilhelm Zachariae (ed.) . [2] Bl., 266 S., [1] Bl. IversenAltona1760.

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SUB Göttingen SUB Göttingen, DD91 A 33655:1

Physical description

Fraktur

LanguageGerman
ClassificationBelletristik; Lyrik; Belletristik; Lyrik; core; ready; china

Editorial statement

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Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.

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  • Deutsches Textarchiv
  • Berlin-Brandenburg Academy of Sciences and Humanities (BBAW)
  • Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften (BBAW)
  • Jägerstr. 22/23, 10117 BerlinGermany
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