O! wo iſt itzt die warnende Stimme, die laut durch die Himmel
Jener rufen gehoͤrt, dem Pathmos die Zukunft enthuͤllte;
Damals, als auf der zweyten Flucht, der grimmige Drache
Wuͤthend vom Himmel herabkam, ſich an den Menſchen zu raͤchen.
5
157Wehe! der Erde Bewohnerna)Nach Offenbar. Joh. XII. 12. Wehe denen, die auf Erden woh - nen, und auf dem Meer, denn der Teufel kömmt zu euch hinab, und hat einen großen Zorn. N.
a)! daß itzo, indem es noch Zeit war, Unſre Stammeltern vor ihm gewarnt, und von dem Herannahn
Jhres geheimen grimmigen Feindes benachrichtigt, alſo
Jhm entgangen waͤren, vielleicht dem toͤdtlichen Netze
Alſo entgangen waͤren! Denn itzt kam Satan hernieder,
10
158 Von der heftigſten Wuth entflammt. Jtzo der Verſucher, Dann der Verklaͤger des Menſchengeſchlechtsb)Wie er in eben dieſem Kapitel der Offenbarung vorgeſtellet wird. Denn der Verkläger unſrer Brü - der iſt verworfen, der ſie verkla - get Tag und Nacht vor Gott. N.
b). Zum erſtenmal kam er Auf die Erde herab, ſein erſtes verlohrnes Treffen,
Und die ſchimpfliche Flucht nach der Hoͤll’, am unſchuldigen Menſchen,
Am gebrechlichen Menſchen, zu raͤchen. Doch freut er ſich wenig
15
159 Wegen der kuͤhnen eiligen Reiſe, ſo unerſchrocken Er in der Ferne geweſen; er hat auch zu pralen nicht Urſach,
Da136Da er das grauſame Werk itzt beginnt. Der Ausfuͤhrung nahe,
Wallt es in ſeiner aufruͤhriſchen Bruſt, und ſchlaͤgt auf ihn ſelber,
Als ein teufliſches Werkzeug, zuruͤck. Die verwirrten Gedanken
20
159 Werden von Grauſen und Zweifel zerriſſen, die in ihm die Hoͤlle Von Grund auf entzuͤnden; Denn er bringt mit ſich die Hoͤlle,
Jn ſich, und rund um ſich her; und durch die Veraͤndrung des Ortes
Kann er der Hoͤlle ſo wenig, als wie von ſich ſelber entfliehen.
Das Gewiſſen weckt itzt die Verzweiflung, die in ihm geſchlummert;
25
159 Weckt in ihm die bittre Erinnrung des vorigen Zuſtands, Was er war, was er iſt, und was ihm noch ſchlimmers bevorſteht,
Denn auf ſchlimmere Thaten erfolgen noch ſchlimmere Strafen.
Manchmal lenkt er voll Gram die traurigen Blicke gen Eden,
Das itzt in lachender Anmuth ihn im Geſicht lag; und manchmal
30
159 Nach dem Himmel hinauf, und nach der hellglaͤnzenden Sonne, Die erhaben itzt ſaß in ihrem mittaͤglichen Thurmec)Zur Mittagszeit iſt die Sonne wie auf einem Thurm erhaben. So ſagt Virgil in ſeinem Culex v. 41. Igneus aethereas jam ſol penetrâ - rat in arces. Zu den aͤtheriſchen Thürmen war ſchon die feurige Sonne Aufgeſtiegen. Richardſon.
c). Voll von tauſend Gedanken, beginnt er drauf alſo mit Seufzen:
Du, mit ausnehmendem Glanzed)Als Milton aus dem verlohrnen Paradieſe nur ein bloßes Trauerſpiel machen wollte, waren dieſe zehn er - ſten Zeilen der Anfang davon, die er ſeinem Neffen Eduard Philips, und andern gezeigt. N.
d)gekroͤnt, du, die du herabſiehſt Von dem hohen monarchſchen Gebiet, als wenn du der Gott waͤrſt
35
161 Dieſer neuerſchaffenen Welt; vor welcher die Sterne Jhre dunkelern Haͤupter, ſo bald du hervorgehſt, verhuͤllen;
An137An dich wend’ ich die Stimme, doch nicht die Stimme des Freundes,
Und ich nenne mit Namen, dich Sonne; damit ich dir ſage,
Wie mir deine Stralen verhaßt ſind, die in das Gedaͤchtniß
40
161 Meinen vorigen Zuſtand mir bringen, von dem ich gefallen! O wie glorreich war er! wie war er ehmals erhaben
Ueber deiner Sphaͤre, bis daß der verderbliche Hochmuth,
Und noch ſchlimmere Herrſchſucht, mich ſo zu Boden geſtuͤrzet,
Da ich verwegen im Himmel den Koͤnig des Himmels bekriegte,
45
161 Dem kein anderer gleicht. Und ach! warum? Er verdiente Keine ſolche Vergeltung von mir, da Er mich geſchaffen,
Was ich war, ſo glaͤnzend, ſo hoch erhaben, und niemals
Seine Guͤte mir vorwarf! Auch wars nicht ſchwer ihm zu dienen!
Was war leichter, als ihn mit Lob und Dank zu bezahlen.
50
161Eine ſo leichte Vergeltung! Wie billig war ſie! Und dennoch Ward in mir alle ſein Gutes zu lauter Boͤſem, und brachte
Lauter Verderbniß hervor. So hoch erhaben, verdroß mich
Unterwerfung. Noch hoͤher, nur Eine Stufe noch hoͤher,
Dacht’ ich der Allerhoͤchſte zu werden, und dachte ſogleich auch
55
161 Von der endloſen Dankbarkeit unermeßlichen Schulden Mich zu befreyn; ſo ſchwer, auch wenn ſie bezahlt worden, doch noch
Jmmer ſchuldig zu bleiben, vergaß ich was ich beſtaͤndig
Von ihm empfieng, und ſah es nicht ein, daß ein dankbar Gemuͤthe,
Wenn es die Schuld erkennt, nichts ſchuldig iſt, immer bezahlet;
60
161 Zwar in Schulden faͤllt, doch auch zugleich die Schulden entrichtete)Nach dem Cicero, Gratiam autem et qui retulerit, habere, et qui habeat, retuliſſe. Bentley.
e). WelcheS138Welche Laſt denn? O haͤtte mich doch ſein maͤchtiges Schickſal
Zum geringern Engel gemacht, ſo ſtuͤnd ich vielleicht noch
Gluͤcklich; und taͤuſchende Hoffnung, die keine Schranken mehr kennet,
Haͤtte nicht meinen Ehrgeiz erregt. Doch warum nicht? Wer weis es,
65
162 Ob nicht ein andrer Geiſt, ſo maͤchtig, wie ich, ſich empoͤret, Und alsdenn mich geringern auf ſeine Seite gezogen?
Aber andre Maͤchte, mir gleich an Glanz und an Groͤße,
Sind nicht gefalln, und ſtehn unerſchuͤttert; von innen und außen
Wider alle Verſuchung geſtaͤhlt. Hattſt du denn denſelben
70
162 Freyen Willen, dieſelbe Macht, zu ſtehn? Ja du hattſt ſie! Wen oder was denn kannſt du verklagen, was ſonſt, als des Himmels
Freye Liebe, die allen gleich mitgetheilt wird. — So ſey denn
Seine Liebe verflucht, da Haß und Liebe mir gleich iſt,
Und zu ewger Pein mich verdammt, — doch nein, ſey du ſelber,
75
162 Sey du ſelber verflucht, da du freywillig erwaͤhlet, Wider ſeinen Willen erwaͤhlt haſt, woruͤber du itzo
Dich mit ſo viel Rechte beklagſt. Wie ſoll ich, Elender,
Seinem unendlichen Zorn entfliehn — der Verzweiflung entfliehen,
Die mich beſtaͤndig verfolgt! Wohin ich flieh, iſt die Hoͤlle;
80
162 Jch bin ſelbſt mir die Hoͤlle! und in der tiefeſten Tiefe Find ich noch eine tiefere Tiefe, die, mich zu verſchlingen,
Jhren drohenden Schlund mir immer eroͤffnet. Die Hoͤlle
Die ich leide, ſcheint gegen ſie Himmel! Ergieb dich denn endlich!
Jſt kein Platz fuͤr die Reu, iſt keiner fuͤr die Vergebung
85
162 Uebrig gelaſſen? Nein keiner, als durch Unterwerfung. Mein Hochmuth Unterſagt mir dies Wort; die Furcht vor der Schande verbeut mirs
Bey139Bey den Geiſtern dort unten; Jch habe mit andern Verſprechen
Sie verfuͤhrt, mit anderm Prahlen, als Unterwerfung,
Da ich mich, den Allmaͤchtgen zu uͤberwinden, geruͤhmet.
90
162O ich Armer! Sie wiſſen es wenig, wie viel mich dies ſtolze, Dieſes vergebliche Prahlen koſtet, und wie ich inwendig
Unter den tiefſten Quaalen erliege, wenn ſie mich mit Ehrfurcht
Auf dem Throne der Hoͤllen anbeten. So hoch mich mein Zepter,
Und dies Diadem, vor andern erhebt, ſo viel tiefer
95
162 Fall ich herab; der Oberſte zwar, jedoch nur im Elend. Solche Freude findet der Ehrgeiz. Doch wenn ich zur Reue
Mich entſchließen koͤnnte, wenn ich durch Gnad und Vergebung
Meinen vorigen Zuſtand erlangte; wie wuͤrde die Hoͤh bald
Wieder hohe Gedanken erwecken; und bald wiederrufen.
100
162Was Unterwerfung verſtellt geſchworen! wie wuͤrd ich im Gluͤcke Meine Geluͤbde fuͤr leer, und fuͤr erzwungen, erklaͤren,
Die ich im Ungluͤck gethan! (Wahrhafte Verſoͤhnung kann nimmer
Jn dem Herzen wachſen, von Wunden des toͤdtlichſten Haſſes
So durchdrungen) zu ſchlimmerm Zuruͤckfall, zu ſchwererm Hinabſturz,
105
162 Wuͤrde mich dieſes nur leiten. So wuͤrd ich mit doppelten Schmerzen Theuer den kurzen Stillſtand erkaufen. Dies weis mein Beſtrafer,
Und iſt deshalb ſo wenig geneigt mir Frieden zu geben,
Als ich geneigt bin, von ihm ihn zu betteln. So iſt denn die Hoffnung,
Alle Hoffnung gaͤnzlich verlohren! Und ſiehe! ſtatt unſer,
110
162 Die wir verſtoßen, ins Elend gejagt ſind, ſein neues Vergnuͤgen, Dieſes geſchaffne Geſchlecht der Menſchen; und fuͤr dies Geſchlechte
Dieſe herrliche Welt. — So fahre denn wohl, o Hoffnung,
S 2Fahre140Fahre, wohl, o Furcht, und du, o Reue! Fuͤr mich iſt
Alles Gute verlohren; ſey du mein Gutes, o Uebel!
115
162Wenigſtens werd ich durch dich das Reich mit dem Koͤnig des Himmels, Theilen; vielleicht auch durch dich noch mehr als die Haͤlfte regieren,
Wie in kurzem der Menſch und dieſe Welt ſoll erfahren!
Als er ſo ſprach, ward ſein Antlitz von jedem Affekte verdunkelt,
Und erblaßte dreymal vor Zorn, und Neid, und Verzweiflung
120
162 Sein geborgtes Geſicht ward entſtellt, und haͤtte verrathen, Daß es nachgemacht ſey, wenn irgend ein Aug’ ihn geſehen.
(Denn von ſolchen haͤßlichen Trieben ſind himmliſche Seelen
Allezeit heiter.) Er nimmt ſich deshalb in Acht, und beſaͤnftigt
Jeden Sturm des Gemuͤths in tiefer Stille von auſſen
125
162 Des Betrugs Erfinder, er war der erſte, der Falſchheit Unter heiligem Scheine veruͤbt; die tiefeſte Bosheit,
Schwanger von Rachgier, zu verbergen. Doch hatt’ er genug nicht
Sie veruͤbt, den einmal gewarnten Waͤchter der Sonne,
Uriel, zu betriegen. Er war mit forſchenden Blicken
130
162 Seinen Weg ihm herunter gefolgt, und ſah ihn entſtellet Auf dem Aſſyriſchen Bergf)Bentley will haben auf dem Armeniſchen Berg; der Niphates aber wird vom Plinius zwiſchen Ar -menien und Aſſyrien geſetzt, und kann alſo auch der Aſſyriſche heißen. Pearce.
f); entſtellter, als gluͤckliche Geiſter Jemals es werden koͤnnen. Er ſah die wilden Geberden,
Und ſein tobend Betragen, indem er allein, unbemerket,
Ungeſehen, zu ſeyn ſich ſchmeichelt. So eilet er weiter,
Und141135
163Und koͤmmt an die Graͤnzen von Eden, wo itzo voll Anmuth Naͤher das Paradies mit einer gruͤnen Umfaſſung
Einer Landwehr gleich, das Haupt einer felſichten Wildniß
Kroͤnte, deren haarichte Seiten mit dicken Geſtraͤuchen
Ueberwachſen, grotesk, und verwildert, den Zugang verſagten.
140
163Hohe dunkele Schatten, von unuͤberſteiglicher Hoͤhe, Ragten uͤber dem Haupt hervor; die Ceder, die Tanne,
Und die Ficht’, und die Palme mit weitverbreiteten Zweigen,
Eine waldichte Scene; und ſo wie Schatten auf Schatten
Stufenweis aufſteigen, ſtanden ſie da, ein Waldtheater,
145
163 Von dem praͤchtigſten Anblick. Weit uͤber die ſchattichten Gipfel Ragte der gruͤnende Wall des Paradieſes heruͤber.
Unſer Stammvater ſchaute von da mit offener Ausſicht
Jn ſein niederes Reich, das nachbarlich rund um ihn herlag.
Hoͤher noch, als der Wall, ſtand eine zirkelnde Reihe
150
163 Mit den ſchoͤnſten Fruͤchten beladner herrlichen Baͤume. Frucht und Bluͤthe ſah man zugleich, von guͤldenem Glanze,
Mit dem bunten Schmelze der munterſten Farben vermiſchet.
Auf ſie druͤckte weit freudger die Sonne die lachenden Stralen,
Als bey ihrem Abſchied in ſchoͤnen Abendgewoͤlken;
155
163 Oder im feuchten Bogen, wenn Gott die Erde getraͤnkt hat. So voll Anmuth erſchien hier die Landſchaft. Aus reinen Luͤften
Kam er in reinre. Sein Herz empfand ein ſolches Vergnuͤgen,
Solche Fruͤhlingsluſt, die faͤhig war, alle Betruͤbniß
Zu vertreiben, nur nicht die Verzweiflung. Nun ſchuͤttelten ſanfte
160
163 Liſpelnde Luͤfte die Schwingen, mit ſuͤßen Geruͤchen beladen, S 3Und142Und verſtreuten gewachſenes Rauchwerk; und fliſterten ſaͤuſelnd,
Wo ſie die Balſambeute geraubt. Wie Seefahrer fuͤhlen,
Wenn ſie das Vorgebirge der Hoffnung voruͤbergeſeegelt,
Und nun Mozambik vorbey ſind. Mit holden Sabaͤiſchen Duͤfteng)Von Saba, einer Stadt und Gegend des gluͤckſeligen Arabiens, die wegen des Weyhrauchs am beruͤhm - teſten iſt. N.
g) 165
164Weht der Nordoſtwind ſie itzt vom ſpezereyvollen Ufer Des begluͤckten Arabiens an. So langſam ſie fahren,
Sind ſie doch mit dem Verzug wohl zufrieden. Der Ocean laͤchelt
Manche Meile lang fort, am holden Geruch ſich ergoͤtzend.
So ergoͤtzte ſich Satan an dieſen holdſeeligen Duͤften,
170
164 Welcher ſie zu vergiften itzt kam, obgleich ſie ihm beſſer Als dem Asmodih)Asmodi war der boͤſe Geiſt, wel - cher in Sara, die Tochter Naguelsverliebt war, deren ſieben erſte Maͤn - ner er umbrachte; nachdem ſie aber mit dem jungen Tobias vermaͤhlt war, wurde er durch den Rauch von dem Herzen und der Leber eines Fiſches vertrieben. Siehe das Buch Tobias Kap. VIII. N.
h) der Fiſchrauch gefielen, der von des Tobias Sohn und ſeiner Verlobten ihn trieb, als, ihn zu beſtrafen,
Er nach Aegypten geſandt ward, mit feſten Ketten gebunden.
Satan hatte nunmehr in tiefen Gedanken, und langſam,
175
165 Sich dem Aufgang des ſteilen verwilderten Huͤgels genahet, Aber fand keinen weitern Weg; ſo dick in einander
Waren die zackigten Straͤucher, und dichten Gebuͤſche verwachſen,
Einer fortlaufenden Hecke gleich; daß Menſchen, und Thiere,
Die hier giengen, nicht durchbrechen konnten. Nur eine Pforte
180
165 War hier, die auf der andern Seite nach Oſten zu ſchaute. Als143Als der Erzverraͤther ſie ſah, verſchmaͤht er veraͤchtlich
Den gehoͤrigen Eingang, und ſprang mit fliegendem Sprunge
Ueber alle Huͤgel, und uͤber die hoͤheſten Waͤlle,
Und ließ innerhalb ſich auf ſeine Fuͤſſe hernieder.
185
165Wie ein raͤubriſcher Wolf, den nagender Hunger nach Beute Forttreibt in fremde Bezirke, wo wachſam die Schaͤfer am Abend
Jhre Heerden auf ſichern Geſilden, in feſte Schranken
Eingeſperrt halten, mit leichtem Sprung uͤber niedrige Huͤrden
Jn die Heerde hinabſpringt; und wie ein Dieb, der die Kiſten
190
165 Eines wohlhabenden Manns zu pluͤndern gedenket; die Thuͤren Stark, und maſſiv, ſind wohl verwahrt mit eiſernen Stangen;
Keinen Anfall fuͤrchtend; er aber ſteiget zum Fenſter,
Oder zum Dach herein. So ſtieg er, der Erſte, große
Raͤuber in Gottes Schaafſtall, ſo ſteigen die Miethlinge nachher
195
165 Jn die Kirche des Hoͤchſten. Jtzt flog zum Baume des Lebens Satan auf; (er ſtand in der Mitte der hoͤchſte der Baͤume)
Und ſaß auf demſelben gleich einem Meerrabeni)Der Dichter hat Satan im drit - ten Buche mit einem Geyer verglichen, und hier ſehr wohl mit einem Meer - raben; welches ein ſehr gefraͤßiger Seevogel iſt, und ein ſehr gutes Bild von dieſem Verderber des Menſchen - geſchlechts abgiebt.
i); ſaß hier, Aber erlangte dadurch nicht wahres Lebenk)Was ſollte Satan fuͤr einen an - dern Gebrauch von dem Baum des Lebens machen? Wuͤrde, wenn er da - von gegeſſen haͤtte, dieſes ſein Weſen veraͤndert, oder ihn noch unſterblicher gemacht haben, als er ſchon war? Es iſt nicht leicht, Miltons wahren Sinn dieſer Stelle einzuſehn. N.
k); den Tod nur, Weiſſagend allen, die lebten; auch dacht er nicht an die Tugend
200
167 Dieſer lebengebenden Pflanze; zur Ausſicht allein nur Braucht144Braucht er, was beſſer genutzt, ein Pfand der Unſterblichkeit fuͤr ihn
Waͤre geworden. (So wenig weis jemand, als Gott nur, den Werth oft
Eines Gutes, das vor ihm liegt; die nuͤtzlichſten Dinge
Werden, wo nicht zum ſchlimmſten, zum kleinſten Gebrauch oft verkehret:)
205
167 Unter ſich ſah er nunmehr mit neuem Wunder den Reichthum Und die Schaͤtze der ganzen Natur; im engen Bezirke
Lagen ſie offen vor jedem Vergnuͤgen der menſchlichen Sinnen,
Und es ſchien hier ein Himmel auf Erden. Denn Gottes Garten
War das gluͤckliche Paradies, von ihm in dem Oſten
210
167 Edens gepflanztl)1 B. Moſ. II. 8. Und Gott der Herr pflanzte einen Garten in Eden gegen den Morgen. Auran Haran, Charran, oder Charraͤ eineStadt in Meſopotamien, am Euphrat. Seleucia, eine Stadt vom Seleucus, einem Nachfolger Alexanders des Groſ - ſen an dem Tigris erbaut. N.
l). Und Eden verſteckte ſich oſtwerts von Auran Bis zu den Koͤnigsthuͤrmen der großen Seleucia, praͤchtig
Von den griechſchen Monarchen erbaut, wo die Soͤhne von Eden
Lange zuvor in Tilaßar gewohnt. Hier hatte der Schoͤpfer
Seinen noch ſchoͤnern Garten im ſchoͤnſten Boden gepflanzet.
215
168Alle Baͤume der edelſten Art, ſowohl fuͤr die Augen, Als den Geruch, und Geſchmack, entſproßten dem fruchtbaren Erdreich
Auf ſein Wort; — und in der Mitte ſtand unter denſelben,
Hoch erhaben, der Baum des Lebens; Ambroſiſche Fruͤchte
Reifenden Goldes bluͤhten auf ihm; es wuchs naͤchſt am Leben
220
168 Unſer Tod, der Baum der Erkenntniß; des Guten Erkenntniß Durch die Erkenntniß des Uebels nur allzutheuer erkaufet.
Suͤdwerts rauſchte durch Eden ein breiter Fluß, — unveraͤndert
Hielt er den Lauf, und floß, vom duͤrren Sande verſchlungen,
Unter145Unter den waldichten Huͤgel hindurch; denn dieſes Gebirge
225
168 Hatte Gott uͤber dem reißenden Strom, dem Garten zum Grunde Hoch erhaben; der Fluß quoll durch die Adern der Erde,
Aufgezogen mit lieblichem Dufte, hervor, als ein Springbrunn,
Welcher mit manchen rieſelnden Bach den fruchtbaren Garten
Waͤſſerte, bis er vereint den ſteilen Huͤgel hinabſchoß,
230
168 Und ſich unten zum Strome miſchte, der itzo von neuem Aus den finſteren Grotten, die er durchfloſſen, hervorkam.
Jn vier Hauptfluͤſſenm)1 B. M. II. 10. Und es gieng aus von Eden ein Strom, zuwaͤſſern den Garten und theilete ſich daſelbſt in vier Hauptwaſſer.
m)ſtroͤmt er nunmehr auf verſchiedenen Wegen Durch ſo manches beruͤhmte Reich, wovon zu erzehlen
Hier nicht noͤthig iſt, noͤthiger waͤr es, wofern es die Kunſt nur
235
169 Abzuſchildern vermoͤchte, wie aus dem ſaphirnen Brunnen Die ſich kraͤuſelnden Baͤch’, in labyrinthiſchen Kruͤmmen,
Unter hangenden Schatten, ſich uͤber Perlen und Goldſand
Rollten, und Nektar rannen; der jede Pflanze beſuchte,
Jede Blume naͤhrte, des Paradieſes ſo wuͤrdig;
240
169 Welche die feinſte Kunſt nicht auf Beeten, und zierlichen Feldern, Sondern allein die guͤtge Natur verſchwendriſch hervorbringt
Auf den Ebnen, im Thal, und auf dem fruchtbaren Huͤgel,
Da wo die Morgenſonne zuerſt die offenen Felder
Sanft erwaͤrmt, oder da, wo undurchdringliche Schatten
245
169 Kuͤhle mittaͤgliche Lauben ſchwaͤrzen. Der Ort war alſo Ein anmuthiger Landſitz von mancher lachenden Ausſicht.
Luſt -T146Luſtwaͤlder, wo die koͤſtlichen Baͤume wohlriechendes Gummi,
Oder Balſam weinten; von andern hiengen die Fruͤchte
Glaͤnzend mit guͤldenen Schaalen voll Anmuth herunter; hier wurden
250
169 Die Heſperiſchen Fabeln wahr, hier allein, oder nirgend. Fruͤchte vom ſchoͤnſten Geſchmack. Es lagen blumichte Wieſen,
Lachende Auen, zwiſchen den Waͤldern, mit graſenden Heerden.
Oder Palmenhuͤgel, und manche gewaͤſſerte Thaͤler,
Schloſſen den Blumenſchooß auf, und zeigten die duftenden Schaͤtze,
255
169 Blumen von allen Farben, und ohne Dornen die Roſe. An der andern Seit’ erblickte man ſchattichte Hoͤhlen;
Grotten mit kuͤhlen Gemaͤchern, woruͤber der fruchtbare Weinſtock
Seine purpurnen Trauben verſpreitet, und anmuthsvoll fortkriecht,
Murmelnde Waſſer fallen indeß die Klippen herunter,
260
169 Welche ſich theilen, oder im See die Fluthen verſammeln, Der dem Ufer, mit Myrthen gekroͤnt, den kryſtallenen Spiegel
Vorhaͤlt; die Voͤgel erheben dazu die melodiſchen Choͤre;
Und die ſuͤßeſten Luͤfte, holdſeelige Fruͤhlingsluͤfte,
Welche die holden Geruͤche der Fluren und Waͤlder aushauchen,
265
169 Stimmen dazu mit ſanftem Geraͤuſche die zitternden Blaͤtter. Mit den Gratien, und mit den Stunden, in Taͤnze geſchloſſen,
Leitet der allgemeine Pann)Die Alten machten aus allen Dingen Perſonen; Pan iſt die Natur; die Gratien ſind die angenehmen Jahrszeiten; und die Stunden ſind die Zeit, die zu Hervorbringung und zur Vollkommenheit der Dinge erfor - dert wird. Milton ſagt alſo nur aufeine ſehr poetiſche Art, (wie Homer vor ihm in dem Hymnus an den Apoll gethan), daß itzo die ganze Natur in vollkommner Schoͤnheit war, und je - de Stunde etwas neues und vollkom - menes hervorbrachte. Richardſon.
n)den ewigen Fruͤhling Ueber147Ueber die Fluren einher. Die ſchoͤnen Gefilde von Ennao)Nicht das ſchoͤne Feld von En - na in Sicilien, welches Ovid und Claudian ſo ſehr wegen ſeiner Schoͤn - heit geruͤhmt haben, wo Proſerpi - na durch den dunkeln Gott der Hölle, Dis oder Pluto geraubt wurde, wel - ches ihre Mutter Ceces veranlaßte, ſie durch die ganze Welt zu ſuchen; noch der angenehme Hayn Daphne bey Antiochia, der Hauptſtadt von Syrien, an den Ufern des Fluſſes Orontes, nebſt der dortigen Caſta - liſchen Quelle, die gleichen Namen mit der in Griechenland fuͤhrte, und we - gen ihrer prophetiſchmachenden Kraͤfte erhoben wurde; noch die Jnſel Nyſa, umgeben von dem Fluß Triton in Afrika, wo Cham, oder Ham ein Sohn Noah, (der zuerſt Egypten und Lybien bevoͤlkert, und unter den Hey -den Ammon, oder der lybiſche Ju - piter hieß,) die Amalthea, und ih - ren ſchoͤnen Sohn Bachus (welcher deshalb Dionyſus genennt wurde) verbarg, vor ſeiner Stiefmutter Rhea Augen, der Stiefmutter des Bachus, und der Gemahlinn des Lybiſchen Ju - piters; noch das Gebirge Amara, wo die Koͤnige von Abaſſinien, oder Abyſſinien (einem Koͤnigreich des obern Aethiopiens) ihre Soͤhne verwahren ließen, in einer außerordentlich ſchoͤ - nen Gegend von vortrefflicher Aus - ſicht, mit Alabaſterfelſen umgeben; nichts von allem dem konnte mit dem Paradieſe von Eden um den Vorzug ſtreiten, es uͤberſtieg alſo alles, was die Geſchichtſchreiber oder die Poeten von den anmuthigſten Oertern ge - ſchrieben oder erdichtet. N.
o) Wo Proſerpina Blumen gepfluͤckt, und ſelbſt als die ſchoͤnſte
270
171 Blume vom dunklen Dis gepfluͤckt ward, welches der Ceres Durch die Welt ſie zu ſuchen ſo vielen Kummer gekoſtet,
Noch der liebliche Hayn vom Daphne an dem Orontes,
Noch auch jene begeiſternde Quelle Caſtaliens, konnte
Mit dem Paradieſe von Eden ſtreiten; ſo wenig
275
171 Als die Nyſeiſche Jnſel vom Fluſſe Triton umguͤrtet, Wo der alte Cham, den die Heiden Ammon vor Alters
Oder den Lybiſchen Jupiter nannten, die Amalthea,
Mit ihr, ihren bluͤhenden Sohn, den jungen Lyaeus
Seiner Stiefmutter Rhea verheelt; noch wo der Monarchen
280
171 Abyſſiniens Soͤhne verborgen die Jugend durchleben, Amara, das Gebirge, von vielen fuͤr das wahrhafte
T 2Para -148Paradies gehalten, nah an der Quelle des Niles,
Unter der Aethiopiſchen Linie, rundum bezirket,
Von helleuchtenden Klippen von Bergkryſtall, eine ganze
285
171 Lange Tagreiſe Joch; von dieſem Aſſyriſchen Garten Noch viel Meilen entlegen — der Feind ſah alles Vergnuͤgen
Hier mit Mißvergnuͤgen; und aller Geſchoͤpfe Geſchlechter,
Die dem neugierigen Blick noch ſo neu und ungewohnt waren.
Zwey, von viel edlerem Anſehn, mit aufgerichtetem Leibe,
290
171 Aufgerichtet, wie Goͤtter, mit angebohrener Groͤße, Schienen in nackender Majeſtaͤt die Herren von allen;
Und ſie ſchienen es werth zu ſeyn; die goͤttlichen Blicke
Stralten das Bild des glorreichen Schoͤpfers, Wahrheit und Weisheit
Heiligkeit ſtreng’ und rein; (ſtreng’, aber in wahrer Freyheit,
295
171 Wahrer kindlichen Freyheit gegruͤndet) von welcher des Mannes Wahres Anſehen koͤmmt. Zwar ſchienen ſie beyde nicht gleich ſich
Wie ihr Geſchlecht nicht gleich zu ſeyn ſchien; zur hohen Betrachtung
Und zur Staͤrke geſchaffen ſchien Er; Sie aber zur Sanftmuth
Und zu ſuͤßer anziehender Anmuth; fuͤr Gott er alleine,
300
171 Sie fuͤr Gott in ihm. Die ſchoͤne offene Stirne Und ſein erhabenes Auge ſprach ſeine vollige Herrſchaft.
Seiner getheilten Scheitel entſloſſen maͤnnliche, volle
Hyacinthene Lockenp)So giebt Minerva im Homer dem Ulyſſes hyacinthene Locken, um ihn deſto ſchoͤner zu machen— —〈…〉〈…〉 Odyſſ. VI. 231. Und
p), jedoch nicht unter die Schultern. Sie149Sie trug ihr guͤldenes Haarq)Die Alten hielten dieſe Art von Haaren fuͤr die ſchoͤnſte, und ſie wur -de am meiſten von ihnen bewundert, vielleicht weil oft eine ſehr feine Haut dabey iſt, und eine fanfte Gemuͤths - art dadurch vorausgeſetzt wird. So wie Milton in andern Dingen den Geſchmack der Alten hatte, ſo hatte er ihn auch hierinn. Er hat viel - leicht auch hiedurch ſeiner Frau eine Schmeicheley machen wollen, die er in der Beſchreibung der Eva vor Au - gen gehabt, ſo wie er in der Beſchrei - bung Adams auf ſeine eigne Perſon geſehen, von der er keine geringe Mey - nung gehaht. N.
q), gleich einem wallenden Schleyer, 305
173 Fliegend, und ungeziert, zu den ſchlanken Huͤften herunter, Jn viel ſpielende Ringe gekraͤuſt, wie die Gabeln des Weinſtocks,
Unterwerfung bezeichnend, mit ſanftem Befehle gefordert,
Von ihr gegeben, und liebreich von ihm empfangen; mit ſproͤder
Demuth von ihr gegeben, und einem beſcheidenen Stolze,
310
173 Und mit weigerndem ſuͤßen verliebten Zoͤgern begleitet. Damals waren noch nicht die geheimen Glieder verborgen,
Keine ſchuldige Schaam, unehrbare Schaam nicht, war damals
Ueber natuͤrliche Dinge bekannt, noch entehrende Ehre.
Jhr Geburten der Suͤnde, wie habt ihr das Menſchengeſchlechte
315
173 Mit der Reinigkeit Schein, dem bloßen Scheine, verwirret, Und vom Leben des Menſchen ſein gluͤcklichſtes Leben verbannet,
Unbefleckte Unſchuld, und Einfalt. — So giengen ſie nackend,
Ohne ſich vor dem Anblick von Gott, oder Engeln, zu ſcheuen;
Denn ſie dachten nichts uͤbels, und wandelten alſo voll Unſchuld
320
173 Hand in Hand, das lieblichſte Paar, das nachher ſich jemals T 3Mitp)Und ſie ließ ihm Locken von hyacin - thener Farbe von der Scheitel ent - fließen — Euſtathius erklaͤrt hyaeinthene Lo - cken, durch ſchwarze Haare, und Svidas durch ſehr dunkelbraune. Mil - ton meynt gleichfalls dadurch ſchwar - ze oder braune Haare. Es iſt wahr - ſcheinlich, daß der Hyacinth bey den Alten von dunklerer Farbe geweſen, als bey uns. N. 150Mit verliebter Umarmung umſchlang, der ſchoͤnſte der Maͤnner,
Adam, von allen ſeinen nachher ihm gebohrnen Soͤhnen,
Eva, von ihren Toͤchtern die ſchoͤnſte. Sie ſetzten ſich nieder
Unter einem ſchattichten Buſch, der angenehm ſaͤuſelnd
325
174 Auf dem blumichten Raaſen bey einer friſchſprudelnden Quelle Stand. Sie hielten nunmehr nach der kleinen vollendeten Arbeit,
Nach der ſuͤßen Gartenarbeit, die eben genug war,
Jhnen den kuͤhlen Zephir noch kuͤhler, die Ruhe noch ſuͤßer,
Und den Hunger und Durſt noch angenehmer zu machen,
330
174 Jhre Abendmahlzeit von Fruͤchten; nektariſchen Fruͤchten Welche die willigen Zweige reichten, ſo wie ſie im Schatten
Nachlaͤßig hingelehnt, itzt auf der weichen Raſenbank ſaßen,
Die mit Blumen geſtickt war. Sie eſſen die ſaftigen Fruͤchte
Und ſie ſchoͤpfen, ſo oft als ſie duͤrſtet, die ſilberne Quelle
335
174 Mit den guͤldenen Rinden. Auch fehlten nicht liebreiche Reden, Schmeichelndes Laͤcheln, und jugendlichs Scherzen, ſo wie ſichs geziemte
Fuͤr ein ſo ſchoͤnes Paar, in ein gluͤckliches Ehband verknuͤpfet,
Das ſo allein war, wie ſie. Es ſpielten ſcherzend vor ihnen
Alle Thiere der Erden, und alles Wild, was hernachmals
340
174 Jn den Waͤldern, und Wuͤſten, und Hoͤhlen, die Jagd verfolget. Schmeichelnd ſprang der Loͤwe daher, und wiegt in den Klauen
Taͤndelnd das Lamm; und Tyger, und Baͤre, Pardel, und Luͤchſe,
Spielten vor ihnen. Der Elephant, unbehuͤlflich, bemuͤht ſich
Seine Staͤrke zu zeigen und windet, um ſie zu ergoͤtzen,
345
174 Seinen geſchmeidigen Ruͤſſel. Jn dicht geſchloſſene Ringe Schlung die liſtige Schlange den Schweif in gordiſche Knoten
Und151Und gab vom unſeelgen Betrug unbeachtete Proben.
Andre Thiere lagen geſtreckt auf dem Gras, oder ſchauten,
Jtzt mit Nahrung gefuͤllt, umher, oder giengen zum Lager
350
174 Wiederkaͤuend. Weil itzt die niedergehende Sonne Sich mit dem eilenden Lauf zu den Jnſeln des Oceansr)Dieſes ſind die Jnſeln im weſt - lichen Meere, weil nach der poetiſchenSprache die Sonne aus dem Meere auf - und wieder darinn untergeht. N.
r)neigte. Jn der aufſteigenden Wagſchaal des Himmels giengen die Sterne
Die den Abend herfuͤhren, itzt auf, als Satan, vom Orte,
Wo er zuerſt geſtanden, ſtets um ſich ſchauend, die Sprache,
355
175 Die er verlohren, wieder bekam, und traurig ſo ſagte:Hoͤlle, was ſieht mein Auge voll Gram! Statt unſer, Geſchoͤpfe
Von ganz andrer Art, ſo hoch erhaben zum Gluͤcke!
Erdgebohrne Geſchoͤpfe vielleicht! Nicht Geiſter, wie wir ſind,
Aber nur wenig geringer, als ſtralende Geiſter des Himmels.
360
175Mit Verwundrung verfolgen ſie meine Gedanken, und koͤnnten Selbſt ſie lieben; ſo lebhaft ſtralt das Ebenbild Gottes,
Aus dem Antlitz hervor, und ſolche Schoͤnheit, und Anmuth,
Hat die Hand, die ſie ſchuf, auf ihre Geſtalten verſchuͤttet.
Ach! holdſeeliges Paar, wie weißt du den grauſamen Wechſel,
365
175 Welcher dir droht, ſo wenig! wenn alle dieſe Vergnuͤgen Nun verſchwinden, und dich dem Elende hingeben werden!
Deſto groͤßerem Elend, je groͤßer von euren Freuden
Jtzt der Genuß iſt. Gluͤcklich! doch fuͤr ſo gluͤckliche ſeyd ihr
Von der Dauer des Gluͤcks ſehr uͤbel verſichert. Und ſchlecht iſt
Euer152370
175Euer irdiſcher Himmel, fuͤr einen Himmel verwahret, Einen Feind abzuhalten, wie der, der itzt ihn erſtiegen.
Doch iſts kein vorſetzlicher Feind; denn mit euch Verlohrnen
Hat er Mitleiden, ob gleich es niemand mit ihm hat. Jch ſuche
Mich mit euch zu verbinden, und eine ſo ſtarke, ſo feſte,
375
175 Wechſelsweiſe Freundſchaft mit euch zu errichten, daß Jch muß Kuͤnftig wohnen bey euch, oder ihr bey mir. Zwar die Wohnung
Wird wohl euren Sinnen ſo gut nicht gefallen, als dieſes
Herrliche Paradies; doch nehmt ſie als eures Erſchaffers
Werk, und ſo wie ſie iſt. Er gab ſie mir ſo, und mit Freuden
380
175 Geb ich ſie ſo euch wieder, die Hoͤlle ſoll, euch zu empfangen, Jhre weiteſten Pforten eroͤffnen, und alle Fuͤrſten
Euch entgegen ſenden. Und hier wird Raum ſeyn, noch mehr Raum
Als in dieſem engen Bezirk, eur zahlreich Geſchlechte
Einzunehmen. Und ſcheint euch der Platz nicht beſſer, ſo dankt es
385
175 Dem, der mich noͤthigt an euch Unſchuldgen die Rache zu nehmen, Die ihr mich nicht beleidigt, ſtatt ſeiner, der mich beleidigt.
Und wofern mir (wie es geſchieht) das Herz zerſchmoͤlze
Bey dem Anblick ſo frommer Unſchuld, ſo treiben doch itzo
Billige Staatsurſachen, und Ruhm, und Begierde nach Herrſchaft,
390
175 Mit der Rache vermehrt, die neue Welt zu erobern, Thaten zu thun mich an, unbillige ſchreckliche Thaten,
Die ich ſonſt ſelber (ſo ſehr ich verdammt bin) verabſcheuen wuͤrde.
Alſo Satan. Und mit der Vertheidigung aller Tyrannen,
Mit der Nothwendigkeit, ſucht er die teufliſche That zu entſchuldgen.
Er153395
175Er laͤßt dann vom erhabenen Stand auf dem hohen Baume Sich hinab zu den ſpielenden Heerden vierfuͤßiger Thiere,
Und wird ſelber bald dieſes, bald jenes; wie ihre Geſtalten
Seinem Endzweck am nuͤtzlichſten ſcheinen, um deſto naͤher
Seinen Raub zu betrachten, und unbemerkt zu verſuchen,
400
175 Ob er von ihrem Zuſtand durch Wort, oder Handlungen etwas Mehrers erfahren koͤnne. Jtzt tritt er mit funkelnden Augen
Als ein Loͤw um ſie her, dann als ein Tyger, der etwan
Jn dem ſonnichten Forſt zwey Rehkaͤlber ſpielend entdecket:
Alſobald legt er ſich nieder, ſpringt wieder auf, und veraͤndert
405
175 Oſtmals ſeinen lauſchenden Stand, als einer, der kluͤglich Seinen Poſten erwaͤhlt, um, wenn er auf einmal herzuſchießt,
Deſto gewiſſer ſie beyde mit ſeinen Klauen zu faſſen.
Als itzt Adam, der erſte der Maͤnner, zur erſten der Weiber,
Eva, alſo die Rede richtet. Aufmerkſam kehrt Satan
410
175 Sich herum, ganz Ohr, die neue Sprache zu hoͤren. Einzige Theilnehmerinn an allen dieſen Vergnuͤgen,
Selbſt ein Theil von ihnen, weit theurer, als alle. — Nothwendig
Muß die Macht, die uns ſchuf, und die zu unſerm Gebrauche
Dieſe geraume Welt geſchaffen, unendlich guͤtig
415
175 Und von Jhrem Guten nicht minder freygebig, und mild ſeyn, Als ſie unendlich iſt! Da ſie ſo hoch aus dem Staub uns erhoben
Und in alle Gluͤckſeeligkeit hier uns eingeſetzt; da wir
Nichts um ſie verdienen, und nichts zu verrichten vermoͤgen,
Was ſie beduͤrfen koͤnnte. Der Schoͤpfer verlanget von uns auch
UKei -154420
175Keinen andern Dienſt, als dieſes einzige, leichte, Dieſes ſo leichte Gebot zu halten, von allen Baͤumen
Die uns im Paradieſe ſo viel der koͤſtlichſten Fruͤchte
Darreichen, nur vom Baum der Erkenntniß nicht zu koſten,
Den er zunaͤchſt beym Baume des Lebens gepflanzet. So nahe
425
175 Waͤchſt der Tod bey dem Leben; was immer der Tod auch nur ſeyn mag, Etwas ſehr ſchreckliches ohne Zweifel; denn Gott hat, du weißt es,
Tod es genannt, woferne von dieſem Baume wir eſſen!
Dieſes verlangt er zum einzigen Zeichen von unſerm Gehorſam,
Unter ſo vielen Zeichen der Herrſchaft und Macht, uͤber alle
430
175 Uebrige Creaturen, von ihm uns verliehn, die die Erde, Und die Luft, und das Meer, beſitzen: So laß denn ein leichtes,
Laß ein einziges leichtes Verbot uns zu ſchwer nicht beduͤnken,
Da wir ein freyes Recht auf alle uͤbrigen Dinge
Und die freye Wahl, ſo vieler verſchiedenen Freuden,
435
175 Himmliſcher Freuden, haben. Wir wollen vielmehr ihn beſtaͤndig Loben, und ſeine Guͤtigkeit preiſen; indem wir die ſuͤße
Tagesarbeit vollbringen, die wachſenden Pflanzen zu ſchneiden,
Oder auch dieſe Blumen zu warten. Die Arbeit, die, wenn ſie
Wirklich beſchwerlich waͤre, mit dir doch angenehm wuͤrde!
440
175Jhm gab Eva zur Antwort: O du, fuͤr den ich geſchaffen, Und von dem ich, Fleiſch von deinem Fleiſche, gemacht bin,
Ohne den ich von keinem Endzweck waͤre; mein Fuͤhrer,
Und mein Haupt! das was du geſagt haſt, iſt recht, und iſt billig.
Denn in Wahrheit ſind wir ihm taͤglichen Dank zu entrichten,
Und155445
175Und ſein Lob zu erheben, ſchuldig; ich bin es beſon〈…〉〈…〉 Da mir noch ein weit ſchoͤneres Loos gefallen, und da ich
Dich o Adam beſitze, dich, der du durch ſo viel Verdienſte
Vor mir den Vorzug behaupteſt und deines gleichen nicht findeſt.
Oftmals ruf ich den Tag mir in die Gedanken zuruͤckes)Aus dieſer und einigen andern Stellen des Gedichts ſieht man, wie der Dichter vorausgeſetzt, daß Adamund Eva einige Zeit im Paradieſe vor ihrem Falle mit einander gelebet. N.
s), 450
176 Da ich zuerſt, vom Schlummer erwacht, mich unter dem Schatten Ruhend auf Blumen fand; Ganz in Verwunderung, wo ich,
Was ich ſey, und woher, und wie ich hieher gebracht worden.
Eine Hoͤhle goß fern nicht davon in murmelnden Waſſern
Ein Geraͤuſche hervor; — in eine fluͤßige Plaͤne
455
176 Stand es verbreitet hier ſtill, von nichts ſonſt bewegt, und ſo heiter, Als das Gewoͤlbe des Himmels. Mit unerfahrnen Gedanken
Trat ich hinzu, und legte mich nieder am gruͤnen Geſtade,
Jn den hellen, und ſpiegelnden See, der ein anderer Himmel
Mir zu ſeyn ſchien, zu blicken. So wie ich mich niederbuͤckte,
460
176 Jn denſelben zu ſchaun, erſchien recht gegen mich uͤber Jn dem hellen Waſſer, ein Bild, das gleichfalls ſich buͤckte
Mich zu ſchauen: ich fuhr zuruͤcke, das Bild fuhr zuruͤcke;
Aber bald wandt ich vergnuͤgt wieder um; es wandte ſich gleichfalls
Bald vergnuͤgt wieder um, mit ſanften erwiedernden Blicken,
465
176 Voll von Sympathie und von Liebe. Jch haͤtte mein Auge Noch auf dieſe Stunde davon nicht verwendet, und haͤtte
Mich mit eiteln Verlangen gemartert, wofern eine Stimme
Nicht mich alſo gewarnt: das was du, ſchoͤnes Geſchoͤpfe,
U 2Was156Was du hier in dem Waſſer erblickeſt, das biſt du ſelber;
470
176 Mit dir koͤmmt es, und geht es. Doch folge mir nach, und ich will dich Zu dem Orte bringen, wo deiner Ankunft, und deiner
Sanften Umarmung, kein Schatten erwartet; zu jenem, von dem du
Ganz das Ebenbild biſt; ihn ſollſt du als eigen beſitzen,
Unzertrennlich von ihm; ſollſt Mengen, dir gleich, ihm gebaͤhren,
475
176 Und den Namen der Mutter des Menſchengeſchlechtes empfangen. Konnt ich anders als folgen, unſichtbar alſo geleitet?
Endlich fand ich dich, ſchoͤn in der That, und ſchlank; angelehnet
Unter einem Maßholderbaum, doch, ſo wie mich duͤnkte,
Nicht ſo ſchoͤn, nicht ſo ſanft, nicht ſo holdſelig, ſo liebreich,
480
176 Als das ſanftere Bild in der Fluth. Jch kehrte zuruͤcke, Aber du folgteſt mir, Adam, und rufteſt mir: Kehre wieder,
Kehre wieder, holdſeelige Eva, wen fliehſt du? du flieheſt
Den, von dem du gemacht biſt, ſein Fleiſch, ſein Gebein! Dir das Daſeyn
Zu verſchaffen, gab ich zunaͤchſt an dem ſchlagenden Herzen
485
176 Dir mein weſentlichs Leben aus meiner Seite, dich kuͤnftig Jmmer an meiner Seite, zur unzertrennlichen, theurſten
Freude zu haben. Ein Theil von meiner eigenen Seele,
Meine andere Haͤlfte, biſt du! komm folge mir, Eva!
So ergriffſt du mit deiner Hand die meine holdſeelig;
490
176 Jch ergab mich, und ſah, wie die Schoͤnheit von maͤnnlicher Anmuth, Und von Weisheit, allein nur ſchoͤn, ſo maͤchtig beſiegt ward.
Unſre Stammutter redete ſo: und lehnte mit Augen
Voll von unſtrafbarer ehlichen Liebe, mit ſanften Entzuͤcken,
Halb157Halb ihn umarmend, ſich an an unſern erſten Vater,
495
176 Halb fiel ihre ſchwellende Bruſt auf ſeine, bedecket Von dem fließenden Gold der loshinfliegenden Locken.
Er im maͤchtgen Entzuͤcken von ihrer Schoͤnheit und Anmuth,
Die ſich ihm ganz ergiebt, lacht ihr mit erhabner Liebe,
So wie der Juno Jupiter laͤcheltt)Wie der Himmel auf die Luft laͤ - chelt, wenn er die Wolken und al -le Dinge im Fruͤhlinge fruchtbar macht. N.
t), indem er die Wolken 500
177 Schwaͤngert, welche die Blumen des Mays auf die Fluren herabſtreun, Und druͤckt auf die Matronenlippen die reineſten Kuͤſſe.
Satan wandte voll Neid ſich um; voll Eiferſucht ſieht er
Von der Seite ſie an, und jammerte ſo bey ſich ſelber.
O verhaßter quaͤlender Anblick! verparadieſet,
505
177 Sollen ſich dieſe zwey einander ſo in den Armen Liegen, (ihr gluͤcklichers Eden,) und ſollen die Fuͤlle der Wonne,
Gluͤck auf Gluͤck, genießen, indem ich zur Hoͤlle verbannt bin.
Zu der Hoͤlle, wo keine Freude, wo keine Lieb’ iſt,
Sondern nur ungezaͤhmte Begierden, (gewiß nicht die kleinſte
510
177 Unſerer Martern) ſtets unerfuͤllt, mit vergebnem Verlangen, Ewig quaͤlen! Jedoch ich muß nicht vergeſſen, was itzo
Jch aus ihrem Munde vernommen! nicht alles gehoͤret
Jhnen zu, wie es ſcheint. Ein verderblicher Baum, der Erkenntniß
Baum genannt iſt ihnen verboten? Erkenntniß verboten?
515
177Dies iſt verdaͤchtig, ohne Vernunft —: Sollt ihnen ihr Herr dann Dieſes beneiden, kann Suͤnde das ſeyn, noch mehr zu erkennen.
U 3Kann158Kann dies Tod ſeyn? koͤnnen ſie nur durch Unwiſſenheit ſtehen,
Und iſt dieſes ihr gluͤcklicher Zuſtand? Jſt dieſes die Probe
Jhres Gehorſams, und ihrer Treu? Vortrefflicher Grundſtein
520
177 Jhr Verderben darauf zu erbaun! Jn ihren Gemuͤthern Will ich noch groͤßre Verlangen entzuͤnden, noch mehr zu erkennen,
Und das neidſche Gebot zu verwerfen, unfehlbar erfunden
Jn der Abſicht als Sclaven ſie ſtets in der Tiefe zu halten;
Da ſie Erkenntniß erhoͤht, und Goͤttern gleich gemacht haͤtte.
525
177Hiernach werden ſie ſtreben, und werden eſſen und ſterben. Wird nicht dies ſo vermuthlich erfolgen? Doch muß ich vorher noch
Rund um dieſen Garten mit fleißigem Nachforſchen wandern,
Keinen Winkel unausgeſpaͤht laſſen. Vielleicht, daß ich irgend
Ungefaͤhr einen wandernden Geiſt des Himmels entdecke,
530
177 Der am Rand eines Quells, oder einſam im dunkeln Schatten Sitzt, um etwa noch mehr, was mir nuͤtzt, von ihm zu erfahren.
Leb itzt wohl, gluͤckſeliges Paar, genieße, ſo lange
Als du noch kannſt, bis zu meiner Zuruͤckkunft, der kurzen Freuden;
Freuden, denen gar bald ein langer Jammer ſoll folgen.
535
177Alſo ſprach er, und wandte die ſtolzen Schritte veraͤchtlich Von dem gluͤcklichen Paare hinweg, doch mit ſchlauem Umherſchaun.
Und fieng an durch den Wald und durch die Wildniß zu ſtreifen,
Ueber Huͤgel und Thaͤler. Die untergehende Sonne
Sank indeß im aͤußerſten Weſten, da wo ſich der Himmel
540
177 Mit der Erd, und dem Meere vermiſcht, allmaͤhlich hinunter, Und ſchoß gegen die oͤſtliche Pforte des Paradieſes
Jhren159Jhren Abendſtral an. Es war ein Fels von Albaſter
Aufgethuͤrmt gegen die Wolken, der weit in der Ferne geſehn ward.
Durch ihn wand ſich ein einziger Zugang hinauf von der Erde
545
177 Alles andre war ſteile Klippe, die weit uͤberhangend Sich erhob, unerſteiglich. Hier ſaß der engliſchen Wache
Fuͤhrer, Gabrielu)Ein Erzengel; ſein Name be - deutet im Hebraͤiſchen einen Mann Gottes, oder die Stärke und MachtGottes, deswegen macht ihn der Poet ſehr wohl zum Anfuͤhrer der en - gliſchen Wache. Hume.
u), zwiſchen den Felſen, die Nacht erwartend. Um ihn her uͤbten heroiſche Spiele die Jugend des Himmels,
Ungewaffnet; doch hieng in der Naͤh die himmliſche Ruͤſtung
550
178 Schilde, Lanzen, und Helme, von Gold und Diamant flammend. Uriel kam hier zu ihnen; mit einem Sonnenſtral war er
Durch den Abend herunter geſchluͤpft, ſo ſchnell, als im Herbſte
Durch die Nacht ein ſchießender Stern herunter ſich ſchlaͤngelt,
Wenn die Luft von feurigen Duͤnſten erfuͤllet, dem Seemann
555
178 Zeigt, von welcher Ecke von ſeinem Compaß die Stuͤrme Zu befahren ſind; eilig fieng er alſo an zu reden:
Gabriel, durch das Loos, iſt dir das Amt aufgetragen
Aufs genauſte zu wachen, daß dieſem gluͤcklichen Orte
Sich nichts Boͤſes nahe, noch weniger einbreche. Heute
560
178 Kam ein Geiſt zu meiner Kugel am hoͤheſten Mittag Voll von Eifer, ſo ſchien es, noch mehrere Werke der Allmacht
Zu erkennen, beſonders den Menſchen, das Ebenbild Gottes
So er zuletzt geſchaffen. Mit aller moͤglichen Sorgfalt
Gab160Gab ich Achtung auf ſeinen Weg, und den fluͤchtigen Luftgang,
565
178 Welcher ſehr eilfertig ſchien; doch auf dem Gebirge, das nordwaͤrts Gegen Eden liegt, wo er zuerſt ſich herabließ, bemerkt ich
Seine Blicke gar bald, nicht wie der himmliſchen Blicke,
Sondern verdunkelt von wilden Affekten; ich folgte beſtaͤndig
Mit den Augen ihm nach, jedoch verlohr ich ihn endlich
570
178 Unter den Schatten aus dem Geſicht. Jch fuͤrchte zu ſehr nur Von der rebelliſchen Rotte hab aus der Tieſe ſich einer
Wieder herauf gewagt, um neues Unheil zu ſtiften;
Deine Sorge wird ſeyn, o Gabriel, ihn zu entdecken!
Jhm erwiederte drauf der gefluͤgelte Krieger: Kein Wunder
575
178 Uriel iſt es, wenn du mit deinem vollkommnen Geſichte Mitten im hellen Zirkel der Sonne, worinnen du ſitzeſt,
Weit in die Ferne ſieheſt; zu dieſer Pforte kann niemand
Durch die ſcharfe Wache gelangen, als Geiſter des Himmels,
Die gar wohl uns bekannt ſind, und ſeit der Stunde des Mittags
580
178 Kam von da kein Geſchoͤpf. Hat dieſe irdiſchen Waͤlle Etwan ein Geiſt von anderer Art, aus eigener Abſicht,
Ueberſprungen ſo weißt du ſelbſt wie ſchwer es iſt, Geiſtern
Blos mit Schranken, die koͤrperlich ſindx)Was Gabriel hier ſagt ſcheint dieſe Waͤlle, dieſe Pforte, und dieſe gan - ze engliſche Wache ziemlich unnuͤtz zu machen. Denn wenn Geiſter dadurchnicht abgehalten werden konnten, ſo ſcheinen ſie hier voͤllig uͤberfluͤßig zu ſeyn. Z.
x), den Eingang zu wehren. Sollt’ indeſſen, in eigner Geſtalt, oder fremder Geſtalt auch,
Der161585
179Der, von dem du mir ſagſt, in dieſen Gefilden verborgen Lauren, ſo will ich es noch mit der Morgendaͤmmrung erfahren.
Dieſes verſprach er; und Uriel kehrte zu ſeinem Poſten
Wieder zuruͤck auf eben demſelben hellglaͤnzenden Strale,
Welcher, itzt aufwaͤrts gerichtet, ihn ſchief zu der Sonne hinabtrug,
590
179 Die itzt zu den Azoriſchen Jnſelny)Dieſes ſind Jnſeln im großen Atlantiſchen oder weſtlichen Ocean. Einige vermiſchen die Canariſchen Jn - ſeln darmit. Hume und Richardſon.
y)herunter geſunken; Weil entweder die erſte Scheibe des Himmels, geſchwinder,
Als zu glauben, hieher ſich gewaͤlzt, oder weil ſie vielleicht auch
Dieſe Erde, die nicht ſo geſchickt iſt, herum ſich zu waͤlzen,
Durch den kuͤrzern Flug nach Oſten zuruͤcke gelaſſen,
595
180 Hier mit Purpur und Gold die ſtillen Gewoͤlke zu ſchmuͤcken, Die um ihren weſtlichen Thron herſchweben. Der Abend
Kam itzt heran, und die Flaͤchen der Dinge verhuͤllte die Daͤmmrung
Jn ihr dunkler Gewand. Stillſchweigen kam mit ihr. Die Thiere
Hatten ſich, wie die Voͤgel, die, zu dem Lager von Raſen,
600
180 Jene, zu ihren Neſtern, verſchlichen. Sie alle, die einzge Wache Nachtigall nicht. Die ganze einſame Nacht durch
Sang ſie ihren verliebten Diskant; es horchte die Stille
Mit Vergnuͤgen umher. Jtzt glaͤnzte das Himmelsgewoͤlbe
Mit lebendgen Saphiren. Und Heſperus, welcher der Sterne
605
180 Glaͤnzende Schaaren leitet, ſchien itzt am hellſten; bis endlich JnX162Jn umwoͤlkter Majeſtaͤt die Fuͤrſtinn des Himmels,
Phoebe, herauftritt; ihr herrliches Licht den Augen enthuͤllet,
Und weit uͤber das Dunkle den Silbermantel verbreitet.
Als ſich Adam zu Eva wendet, und huldreich ſo anhebt:
610
180Schoͤne Gattinn, die Stunde der Nacht, und alle Geſchoͤpfe, Die ſich itzo zur Ruhe begeben, erinnern uns, gleichfalls
Unſere Ruhe zu ſuchen; indem der Schoͤpfer geordnet,
Daß, wie Tag und Nacht, auch Arbeit und Ruh, bey den Menſchen
Abwechſeln ſollen. Jtzt ſinkt des Schlafes Abendthau nieder,
615
180 Und neigt mit dem ſanften und ſchlummervollem Gewichte Unſere Augenlieder. Es ſchweifen die andern Geſchoͤpfe
Muͤßig, und ohne Geſchaͤffte, den ganzen Tag durch, und haben
Weniger Ruhe noͤthig. Der Menſch hat ſein taͤglich Geſchaͤffte
Mit dem Gemuͤth, oder Leibe; Ein Zeichen der Wuͤrde des Menſchen,
620
180 Und der Gunſt des Himmels, der ſeine Wege bemerket, Da die andern Geſchoͤpfe die muͤßigen Tage verbringen
Ohne Geſchaͤfft’; und Gott auf ihre Werke nicht Acht hat.
Ehe der friſche Morgen des kuͤnftigen Tages den Oſten
Um ſich her mit der erſten Ankunft des Lichtes verguͤldet,
625
180 Muͤſſen wir auf ſeyn, und uns zur ergoͤtzlichen Arbeit begeben, Jene blumichten Baͤume, und jene ſchattichte Lauben,
Unſern Mittagsſpaziergang, mit Zweigen ganz uͤberwachſen,
Zu beſchneiden, die unſrer zu ſchwachen Arbeiten ſpotten,
Weil ſie mehr Haͤnde, wie unſre, die geilen Reiſer zu tilgen,
630
180 Fordern; und dieſe Blumen, und dieſer tropfende Gummi, Die163Die zerſtreut, unſcheinbar, unſauber liegen, verlangen
Unſre Huͤlfe, wofern wir gemaͤchlich einhertreten wollen.
Wie die Natur will, gebeut indeſſen die Nacht uns zu ruhen.
Eva, mit ſiegender Schoͤnheit geziert, antwortet ihm alſo:
635
180 Adam, mein Urſprung, und Fuͤhrer, was du mir befiehlſt, dem gehorch ich Ohne Widerſpruch; ſo will es Gott; Gott iſt dein Geſetze
Mein Geſetze biſt du. Nicht mehr zu wiſſen, als dieſes,
Jſt die gluͤcklichſte Weisheit, das wahre Lob, eines Weibes.
Jn dem Umgang mit dir vergeß ich den Wechſel der Zeiten,
640
180 Jede Tagszeit gefaͤllt mir, mit aller ihrer Veraͤndrung. Lieblich iſt der Athem des Morgens, und lieblich ſein Anbruch,
Von dem zauberiſchen Liede der fruͤheſten Voͤgel begleitet:
Lieblich die Sonne, wenn ſie zuerſt die oͤſtlichen Stralen
Ueber dies reizende Land verſtreut; auf Kraͤuter, und Baͤume,
645
180 Blumen, und Fruͤchte, die blitzen von Thau; und lieblich die Duͤfte Die von der fruchtbaren Erde nach ſanften Regen heraufziehn;
Lieblich iſt auch die Ankunft des milden holdſeeligen Abends;
Und dann die ſtille Nacht, mit dieſem ihr heiligem Vogel,
Und mit dieſem ſanftleuchtendem Mond; mit dieſen des Himmels
650
180 Stralenden Edelgeſteinen, und ihrem Sternengefolge. Aber weder der Athem des Morgens, in dem er heraufſteigt,
Von dem zauberiſchen Liede der fruͤheſten Voͤgel begleitet;
Noch auch die Sonne, wenn ſie zuerſt die oͤſtlichen Stralen
Ueber dies reizende Land verſtreut, auf Kraͤuter, und Baͤume,
655
180 Blumen, und Fruͤchte, die blitzen von Thau; noch Duͤfte nach ſanftem X 2Regen,164Regen, oder die Ankunft des milden holdſeeligen Abends;
Noch auch die ſtille Nacht mit dieſem ihr heiligem Vogel,
Noch der angenehme Spaziergang in ſilbernem Mondſchein,
Noch der Geſtirne ſchimmerndes Licht iſt ohne dich lieblich.
660
180Doch warum ſcheinen ſie denn die lange Nacht durch? Fuͤr wem dient Dieſes praͤchtige Schauſpiel, da jedes Auge nun ſchlummert?
Jhr verſetzte hierauf der erſte Stammvater alſo:
Tochter Gottes, und Tochter des Menſchen, vollkommene Eva,
Dieſe haben zum folgenden Abend rund um die Erde
665
180 Jhren Lauf zu vollbringen. Und Nationen, die itzt noch Ungebohren, von Land zu Land ihr Licht zu ertheilen,
Gehn ſie ordentlich auf, und unter; ſonſt wuͤrde bey Nachtszeit
Gaͤnzliche Finſterniß wieder die alte Herrſchaft erlangen,
Und das Leben in der Natur und in allen Dingen
670
180 Wieder erloͤſchen; die ſanften Feuer erleuchten ſie nicht nur, Sondern mit guͤtiger Hitze von unterſchiedenem Einfluß
Waͤrmen, erquicken und naͤhren ſie ſie; ſie ſchuͤtten zum Theil auch
Jhre Sternenkraft nieder auf alle Pflanzengeſchlechter,
Die auf Erden wachſen, und machen dadurch ſie geſchickter,
675
180 Von dem maͤchtigern Strale der Sonne die voͤllige Reifung Zu empfangen. Sie ſcheinen alſo gewiß nicht vergebens,
Obgleich in der Tiefe der Nacht ſie niemand betrachtet.
Und wenn keine Menſchen auch waͤren, ſo mußt du nicht denken,
Daß es dem Himmel an Schauern, und Gott an Lobe, gebreche.
680
180Millionen von geiſtgen Geſchoͤpfen beſuchen die Erde Ungeſehen,165Ungeſehen, ſo wohl wenn wir wachen, als wenn wir ſchlafen.
Mit unaufhoͤrlichem Lobe betrachten des Tags und des Nachts ſie
Seine Werke. Wie oft vernehmen wir himmliſche Stimmen
Von dem wiederſchallenden Huͤgel, vom dicken Gebuͤſche,
685
180 Durch die mitternaͤchtliche Luft, in einzeln Geſaͤngen, Oder in ſich antwortenden wechſelnden Choͤren, womit ſie
Jhren großen Schoͤpfer beſingen. Oft wenn ſie in Schaaren
Wache halten, oder bey Nacht ſorgfaͤltig herumgehn:
Miſchen ſie unter den Klang der guͤldnen Saiten die vollen,
690
180 Hohen, harmoniſchen Lieder, womit ſie die Stunden der Nachtwach Unterſcheidenz)So wie die Trompete bey den Alten erklang, wenn die Wachen ab - geloͤſt wurden. Richardſon.
z), und unſre Gedanken zum Himmel erheben, Beyde begaben ſich Hand in Hand, indem ſie ſo ſprachen,
Ganz allein zur ſtillen gluͤckſeeligen luſtreichen Laube.
Dies war ein Platz, den der oberſte Pflanzer ſich ſelber erwaͤhlet,
695
181 Als er alle Dinge zur Luſt und zum Nutzen des Menſchen Machte. Das Dach von dicken zuſammengewachſenen Zweigen
War ein dichter verflochtner Schatten von Lorbeer und Myrthen,
Und was hoͤher noch waͤchſt von ſtarken geruchreichen Laube
An den Seiten her ſchloß ſich in gruͤnenden Waͤnden Acanthus
700
181 Und jedwede wohlriechende Staude; die herrlichſten Blumen, Jris von allen Farben, Jesmin und Roſen, erhuben
Jhre Haͤupter darunter empor, und flochten moſaiſch
Jn die Waͤnde ſich ein. Den Boden ſtickten Violen,
X 3Crokus,166Crokus, und Hyacinth mit reichem ſchimmernden Schmelze,
705
181 Und viel herrlichern Farben, als die von koͤſtlichen Steinen. Hieher durfte kein andres Geſchoͤpf ſich wagen, kein Thier nicht,
Und kein Vogel, kein Wurm, kein Jnſect; ſo groß war die Ehrfurcht
Fuͤr den Menſchen in ihnen. Jn heiligern einſamen Lauben,
Ob ſie gleich nur erdichtet, hat weder Pan, noch Sylvanusa)Pan, der Gott der Schaͤfer, Syl - vanus, der Gott der Waͤlder, Faunus, der Schutzgott der Landleute. N.
a), 710
182 Jemals geſchlafen, noch Nymphe, noch Faunus, ehmals gewohnet. Eva zierte zuerſt hier, in einem einſamen Raume,
Da ſie eben vermaͤhlt war, mit Blumen und Kraͤnzen, und ſanften
Duftenden Kraͤutern, ihr Brautbett; hier ſangen die himmliſchen Choͤre
Jhr den Hochzeitgeſang am Tage, da ſie der Engel
715
182 Unſerm erſten Stammvater bracht? in nackender Schoͤnheit, Beſſer geſchmuͤckt, und liebenswerther, als ehmals Pandorab)Prometheus, der Sohn Japhets hatte das Feuer vom Himmel geſtoh - len. Jupiter, um ſich zu raͤchen, ſandte ihm durch den Hermes oder Merku -rius die Pandora; Er nahm ſie aber nicht an, ſondern ſein Bruder der un - weiſere Sohn Japhets, Epi - metheus. Dieſer verurſachte durch ſeine thoͤrichte Reugierigkeit, daß ſie eine Buͤchſe eroͤffnete, in welcher alle Arten von Uebeln eingeſchloſſen ge - weſen. Richardſon.
b), Welche mit allen Gaben die Goͤtter beſchenket (ihr leider
Nur zu aͤhnlich im traurigen Ausgang) indem ſie, vom Hermes
Japhets unweiſerm Sohne gebracht, mit den zaubriſchen Blicken
720
183 Alle Menſchen beſtrickt, an jenem Rache zu nehmen, Welcher das heillge Feuer des Himmels dem Jupiter raubte.
Als ſie zu ihrer ſchattichten Wohnung ſo beyde gelanget,
Standen ſie ſtill und wandten ſich um, und beteten beyde
Unter167Unter dem freyen Himmel Gott an; den Gott, der den Himmel,
725
183 Und die Erd, und die Luft, und die leuchtende Kugel des Mondes, Und die Sternenpol machte. Du machteſt, Allmaͤchtger, die Nacht auch,
Und du machteſt den Tag. Mit unſrer Arbeit beſchaͤfftigt,
Haben wir ihn geendet; gluͤckſeelig in unſerer Huͤlfe,
Und in gegenſeitiger Liebe, der Krone des Seegens,
730
183 Welchen du auf uns verſtreut in dieſem luſtreichen Orte, Der zu groß fuͤr uns iſt; denn deinem Ueberfluß mangelts
Hier an ſolchen, die ganz ihn genießen, und unabgepfluͤcket
Faͤllt er auf die Erde herab. Doch haſt du uns beyden
Eine zahlreiche Nachkommenſchaft verſprochen, die Erde
735
183 Zu erfuͤllen; die ſollen mit uns die unendliche Guͤte O Allmaͤchtger, erheben, ſo wohl wenn wir wachen, als wenn wir
So wie itzo den Schlaf, den du uns ſchenkteſt, erwarten.
Einmuͤthig ſagten ſie dieſes, und bey den Haͤnden ſich haltend;
Giengen ſie in den innerſten Theil der luſtreichen Laube,
740
183 Ohne Beobachtung andrer Gebraͤuche, als reinen Anbetens, Welches Gott am gefaͤlligſten iſt. Sie hatten nicht noͤthig
Von der muͤhſamen Verkleidung ſich zu entledigen, die wir
Tragen, und legten ſo gleich ſich nebeneinander nieder.
Adam wandte ſich auch von ſeiner ſchoͤnen Vermaͤhlten,
745
183 Glaub ich ſicher, nicht weg; und Eva ſchlug die geheimen Sitten der ehlichen Liebe nicht aus, was immer die Heuchler
Noch ſo ſtrenge von Reinigkeit, Unſchuld und heiligem Orte
Reden moͤgen, indem ſie als Unrein verlaͤumden, was Gott ſelbſt
Rein168Rein erklaͤrt, und eingen befiehlt, und allen erlaubet.
750
183Gott will unſre Vermehrung, und wer gebietet Enthaltung? Niemand, als unſer Zerſtoͤrer, der Feind von Gott und dem Menſchen.
Heil dir! ehliche Liebe! Geheimnißreiches Geſetze!
Wahre Quelle der Nachkommenſchaft des Menſchen; du einzges
Eigenthuͤmliches Gut im Paradieſe, wo alles
755
183 Außer dir ſonſt gemeinſchaftlich war; ehbrechriſche Luͤſte Wurden durch dich von den Menſchen verbannt, in den Heerden der Thiere
Umzuſchweifen. Durch dich, gerecht, und rein, und vernuͤnftig,
Wurden die theuren Verwandſchaften erſt von Sohn, und von Vater,
Und von Bruder bekannt. Fern ſey es, daß ich dich Suͤnde
760
183 Nenne, viel minder dich tadle, noch zu dem heiligſten Orte Ungeziemend dich halte, dich, o du beſtaͤndige Quelle
Aller haͤuslichen Freuden! Rein iſt dein Lager, fuͤr heilig
Ward es beſtaͤndig gehalten von Patriarchen und Frommen.
Jhre guͤldenen Pfeile gebraucht hier die Liebe; hier leuchtet
765
183 Jhre beſtaͤndige Lampe, hier ſchwingt ſie die purpurnen Fluͤgel; Herrſcht und beluſtigt ſich hier; nicht in dem erkauften Laͤcheln
Eitler Dirnen, im leeren zufaͤlligen thierſchen Genuße
Ohne Liebe; noch auch im Liebesverſtaͤndniß der Hoͤfe,
Oder vermiſchten Taͤnzen, und mitternaͤchtlichen Baͤllen,
770
183 Oder in Mummereyen, und Serenaten, in welchen Seiner ſtolzen Gebiethrinn der klagende Liebhaber ſinget,
Die er am beſten mit ſtolzer Verachtung verlaſſen ſollte.
Dieſe beyden lagen nunmehr, ſich zaͤrtlich umarmend,
Eingeſungen von Nachtigallen. Die blumichte Decke
Goß169775
183Goß auf ihre nackenden Glieder ſanftduftende Roſen, Welche der Morgen ſo gleich mit neuer Schoͤnheit erſetzte.
Schlafe denn, ſchlafe gluͤckſeeliges Paar, ihr gluͤcklichſten, wenn ihr
Keinen gluͤcklichern Zuſtand, noch mehr zu wiſſen, verlanget.
Nunmehr hatte die Nacht mit ihrem ſchattichten Kegel
780
183 Halben Weg dies weite Gewoͤlbe, das unter dem Mond iſt Gegen die Hoͤh zu gemeſſen, indem zur gewoͤhnlichen Stunde
Aus der elfenbeinernen Pforte die Cherubim traten
Die, im kriegriſchen Aufzug, gewaffnet zur Nachtwache ſtunden;
Als zu dem Naͤchſten an Macht nach ihm, dies Gabriel ſagte:
785Uzzielc)Der naͤchſte Engel nach Ga - briel. Sein Name bedeutet die Stärke Gottes. Hume.
c), nimm die Haͤlfte von dieſen, und ſtreife nebſt ihnen Mit der genaueſten Wacht gen Suͤden, die andren ſollen
Gegen Norden ſich wenden, und unſer eigner Umherzug
Soll im vollen Weſten ſich ſchließen. Sie ſchieden wie Flammen
Halb zur Seite des Schildesd)Ein ſchoͤner poetiſcher Aus -druck, an ſtatt rechter und linker Hand. Bentley.
d), und halb zur Seite des Speeres, 790
185 Dann berief er von ihnen zwey ſtarke verſchlagne Geiſter Die zunaͤchſt bey ihm ſtanden, zu ſich, mit dieſem Befehle:
Mit befluͤgelter Eil, Jthuriel, und du, o Zephone)Jhre Namen zeigen ihr Amt an. Jthuriel heißt die EntdeckungGottes,
e), Sucht durch dieſen Garten; laßt keinen einzigen Winkel
Undurch -Y170Undurchſucht. Beſonders, wo dieſe zwey ſchoͤnen Geſchoͤpfe
795
186 Wohnen, und liegend im Schlaf vielleicht kein Ungemach fuͤrchten. Dieſen Abend kam einer vom Niedergange der Sonne
Welcher erzehlte, daß jemand (wer haͤtte dieſes vermuthet)
Von den hoͤlliſchen Geiſtern hieher ſich gewendet; entronnen
Aus den Schranken der Hoͤlle, der ohne Zweifel ein ſchlimmes
800
186 Unternehmen ausrichten will, wofern ihr ſo einen Findet, ſo bemaͤchtigt euch ſeiner, und bringet ihn hieher.
Alſo ſprach er und zog mit ſeinen glaͤnzenden Schaaren,
Welche den Mond verdunkelten, weiter. Sie aber begaben
Graden Wegs nach der Laube ſich zu, um den, den ſie ſuchten,
805
186 Auszufinden. Sie fanden ihn hier am Ohre der Eva Sitzen in einer Kroͤte Geſtalt. Mit teufliſchen Kuͤnſten
Sucht er ihrer Einbildungskraft Organen zu treffen;
Um, ſo wie’s ihm beliebte, Blendwerke, Geſichter, und Traͤume
Jn derſelben zu ſchmieden, und mit einfloͤßendem Gifte
810
186 Jhre Lebensgeiſter, die von dem reineſten Blute, Wie die zarten Duͤnſte von reinen Fluͤßen, aufſteigen,
Zu beflecken; und endlich darinn empoͤrte Gedanken,
Eitle Hoffnungen, eitles Verlangen, und wilde Begierden,
Zu erwecken, Gedanken mit hoher Einbildung ſchwanger,
815
186 Welche Hochmuth gebaͤhren. Mit dieſem Vorſatz beſchaͤfftigt, Ruͤhrt ihn Jthuriel ſanft mit ſeinem himmliſchen Speer an;
Denne)Gottes, und Zephon ein Geheimniß, oder einer, der ein Geheimniß ſucht. Hume.
e) 171Denn vor aͤtheriſch geſtaͤhlten Waffen kann keine Falſchheit
Sich verbergen; ſie muß in ihrer wahren Geſtalt ſich
Zeigen. Beſtuͤrzt fuhr er auf, und ſah ſich entdeckt und ergriffen.
820
187Wie wenn ein feuriger Funken auf einen Haufen vor Pulver Faͤllt; es lag ſchon bereit in Tonnen geleget zu werden,
Um fuͤr einen befuͤrchteten Krieg ein Zeughaus zu fuͤllen:
Schnell verſpreitet das dunkele Korn ſich mit ploͤtzlichem Brande
Und entflammet die Luft; ſo unvermuthet ſprang Satan
825
187 Auf in ſeiner eignen Geſtalt; es wichen die beyden Schoͤnen Engel zuruͤck, den furchtbaren Koͤnig ſo ploͤtzlich
Vor ſich zu ſehn; doch redten ſie bald ihn herzhaft alſo an:
Welcher von jenen rebelliſchen Geiſtern, zur Hoͤlle verdammet,
Jſt dem Gefaͤngniß entronnen? Was ſaßeſt du, alſo verwandelt,
830
187 Wie ein lauernder Feind im Hinterhalte verborgen, Und wachſt hier verdaͤchtig am Haupte derer, die ſchlafen?
Kennet ihr denn, ſprach Satan hierauf mit ſtolzer Verachtung:
Kennt ihr mich nicht? Jhr kanntet mich doch vor kurzem noch, da ich
Eures Gleichen nicht war, und ſaß, wohin ihr zu ſteigen
835
187 Es nicht wagen durftet; Wenn ihr mich nicht kennt, ſo geſteht ihr, Daß ihr ſelber unbekannt ſeyd, und zu den geringſten
Eurer Schaaren gehoͤrt. Und wenn ihr mich kennt, warum fragt ihr?
Und fangt eure Geſandſchaft mit uͤberfluͤßigen Reden
So umſonſt bey mir an, als ſie umſonſt ſich wird enden?
Y 2Jhm172840
187Jhm antwortete Zephon mit einer gleichen Verachtung: Schmeichle dir nicht, rebelliſcher Geiſt, daß deine Geſtalt itzt
Eben dieſelbe noch ſey, und daß dein Glanz, unvermindert,
Dich noch eben ſo kennbar mache, als da du im Himmel
Rein und aufrichtig ſtandeſt; ſo bald du gefallen vom Guten,
845
187 Schied auch deine Herrlichkeit von dir — Wie deine Suͤnde Und ſo wie dein dunkler und haͤßlicher Ort der Verdammniß
Biſt du itzo. — Doch komm, du mußt dem, welcher uns ſandte
Rechenſchaft geben; ſein Amt iſt, dieſen Platz zu beſchuͤtzen
Und dies gluͤckliche Paar vor allem Harm zu bewahren.
850
187Alſo ſagte der Cherub, ſein ſtrenger Verweis, in der Schoͤnheit Der aufbluͤhenden Jugend, gab ſeinen ernſtlichen Worten
Unuͤberwindliche Anmuth. Beſchaͤmt ſtand Satan, und fuͤhlte,
Wie ehrwuͤrdig und furchtbar die reine Guͤte des Herzens,
Und wie liebenswuͤrdig die Tugend in eigner Geſtalt iſt;
855
187 Sah’s, und beklagte ſeinen Verluſt. Jhn ſchmerzte beſonders, Daß man hier ſeinen Glanz ſo ſichtbar vermindert erblicket.
Aber doch ſchien er unerſchrocken, und ſagte: Wofern ich
Streiten muß, wohl! ſo ſey es mit eurem Beſten der Beſte,
Mit dem, der euch geſandt hat, nicht mit den Geſendeten — oder
860
187 Mit euch allen zugleich; Mehr Ehr’ iſt dann zu erwerben, Oder auch weniger zu verlieren. Der muthige Zephon
Sagte drauf: deine Furcht wird den Beweis uns erſparen,
Was der geringſte von uns auch wider dich ganz allein kann,
Wider dich Boͤſewicht kann; da der, der gottlos, auch ſchwach, iſt.
Satan173865
187Satan antwortete nichts, vor Zorn nicht ſeiner mehr maͤchtig, Sondern gleich einem ſtolzen gezaumten Roſſef)Dies iſt Wort fuͤr Wort was Merkurius zum Prometheus ſagt. Aeſch. im Prom. Vinct. 1008. 〈…〉〈…〉Thyer.
f), das ſchaͤumend An dem eiſern Gebiſſe kaut, begab er hochmuͤthig
Sich vor den Engeln voraus; zu ſtreiten, oder zu fliehen,
Hielt er fuͤr gleich vergeblich; ihm hatte das Schrecken von oben
870
188 Seinen Muth benommen, den nichts ſonſt demuͤthgen konnte. Jtzo nahten ſie ſich dem weſtlichen Strich, wo die Schaaren,
Welche die andere Haͤlfte der zirklenden Wache geendet,
Eben zuſammenſtießen. Feſt in ein Geſchwader geſchloſſen
Standen ſie, fernern Befehl zu erwarten; als ihnen ihr Fuͤhrer
875
188 Gabriel vorn an der Spitze mit lautem Zurufe ſagte: Freunde, von hurtigen Fuͤßeng)Wie hier Upton angemerkt hat, bleibt Milton in dieſer ganzen Erzaͤh - lung ſehr genau bey ſeinem Meiſter Homer, der den Ulyſſes und Diomedals Kundſchafter in das troganiſche Lager ſendet. II. X. 533. 〈…〉〈…〉Freunde, mein Ohr vernimmt den Tritt leichtfuͤßiger Pferde〈…〉〈…〉〈…〉〈…〉 540. Als er kaum endigte, nahten ſie ſich — N.
g) vernehm ich den Tritt, und ſie eilen Auf uns zu; ich ſeh durch die Schatten beym Sternenglanz, Zephon
Und Jthuriel; koͤniglich koͤmmt von Anſehn ein dritter
Mit den beyden; jedoch von blaſſen, verblichenen Schimmer.
880
189Seinem kuͤhnen Betragen, und ſeinem hochmuͤthigen Gang nach, Scheint er der Fuͤrſt der Hoͤlle zu ſeyn; und wird er, ſo ſcheint es,
Ohne zu ſtreiten, nicht fliehn. Steht feſt, Verwegenheit fuͤhrt ihn,
Und Herausfodrung liegt in ſeinen Blicken verborgen.
Y 3Da174Da er kaum endigte, nahten ſich ihm die beyden, und kuͤrzlich
885
189 Sagten ſie, wen ſie braͤchten, wo ſie ihn gefunden; womit er Sich beſchaͤfftigt, in welcher Geſtalt, und in welcher Stellung,
Er gelegen: Mit ernſtem Blick ſprach Gabriel alſo:
Warum haſt du, o Satan, die feſten Grenzen gebrochen,
Welche deinem Verbrechen geſetzt ſind, in ihrer Beſchaͤfftgung
890
189 Andre zu ſtoͤren, die deinem aufruͤhriſchen Beyſpiel nicht folgen, Sondern Macht und Befugniß haben, nach deinem ſo kuͤhnen
Einbruch in dieſen Platz dich zu fragen; die Abſicht davon ſcheint,
Dieſes unſchuldige Paar in ſeinem Schlafe zu ſtoͤren,
Deren ſeelige Wohnung Gott hier in Wonne gepflanzet.
895
189Mit verachtender Stirn antwortete Satan ihm alſo:Gabriel, in dem Himmel wardſt du fuͤr weiſe gehalten,
Und ich hielt dich ſelber dafuͤr; doch heißt mich die Frageh)Homer: du ſchienſt mir ehmals ein weiſer Mann,〈…〉〈…〉. Bentley.
h), Die du mir thuſt, dran zweifeln. Lebt jemand, welchem ſein Elend
Angenehm iſt? Wer wird, wenn er kann, nicht der Hoͤllen entfliehen,
900
190 Ob er dazu gleich verdammt iſt? du thaͤteſt ohnfehlbar es ſelber; Wuͤrdeſt verwegen zu jedem Ort, von dem Elend am fernſten,
Fliehn, wo du hoffen koͤnnteſt, mit Ruhe die Quaal zu verwechſeln,
Und dein Leid zur Freude zu machen. Dies ſucht’ ich allhier auch.
Doch was wirkt dies auf dich, du kenneſt allein nur das Gute,
Und175905
190Und haſt nie das Uebel gepruͤft? Wie? fuͤhrſt du den Willen Deſſen mir an, der uns Grenzen geſetzt? So laß ihn denn feſter
Seine eiſernen Thore verriegeln, wofern er verlanget,
Daß wir in dieſem finſtern Gefaͤngniß aushalten ſollen.
Was ſie ſonſt ſagten, iſt wahr; ſie fanden mich dorten, doch dieſes
910
190 Schließt nicht Gewaltthaͤtigkeit, noch auch Beleidigung in ſich. Alſo Satan veraͤchtlich. Der kriegriſche Engel verſetzte
Jhm halblaͤchelnd mit Spott: O was verliert nicht der Himmel,
Seitdem Satan gefallen, an einem, welcher von Weisheit
Urtheilen konnte, — Satan, den ſeine Thorheit geſtuͤrzet,
915
190 Und der nun ſeinem Kerker entronnen, zuruͤck koͤmmt, die Frage Ernſthaft aufzuwerfen, ob man fuͤr weiſ, oder thoͤricht,
Dieſe zu halten habe, die fragen, welch eine Kuͤhnheit
Ohn’ Erlaubniß hieher ihn gebracht, aus den Graͤnzen der Hoͤlle
Die man ihm vorgeſchrieben; ſo weiſe ſcheint’s ihm, den Schmerzen,
920
190 Auf was Art es auch ſey, zu entkommen, und ſeiner Strafe Zu entfliehn. Urtheile du immer, Vermeſſener, alſo,
Bis die Rache, der deine Flucht entgegen ſich ſtuͤrzet,
Siebenmal ſchneller auf ihr dich ereilt, und zur unterſten Hoͤlle
Dieſe Weisheit zuruͤckpeitſcht, die dich nicht beſſer gelehrt hat,
925
190 Daß kein Elend dem Zorn des Unendlichen zu vergleichen. Aber warum du allein? und warum hat die ſaͤmmtliche Hoͤlle
Sich nicht losgebrochen mit dir? Und ſind denn die Schmerzen
Weniger Schmerzen fuͤr ſie, und brauchen ſie etwan ſo ſehr nicht,
Als176Als wie du, ſie zu fliehn? oder biſt du ſo hart nicht, wie ſie ſind,
930
190 Sie zu ertragen? Muthiger Fuͤhrer, der Erſt’ im Fliehen Vor der Pein; o haͤtteſt du deinen verlaſſenen Schaaren
Dieſen Grund doch entdeckt von deinem ſchnellen Entfliehen,
Du waͤrſt ſicherlich nicht ſo allein als ein Fluͤchtling gekommen.
Mit verfinſtertem drohenden Blick antwortet ihm Satan:
935
190 Nein! beleidgender Engel, nicht daß ich weniger hart bin, Oder mich fuͤrchte vor Pein, du weißt zu wohl es, der kuͤhnſte
Stand ich wider dich tief in der Schlacht, als der rollende Donner
Mit der ganzen voͤlligen Ladung zu Huͤlfe dir eilte,
Und dein ſonſt nicht furchtbares Speer unterſtuͤtzet; Auch itzo
940
190 Zeigen ſo wie vorher die unbedachtſamen Reden Deine Unerfahrenheit an, da ein treuer Feldhauptmann
Nach ſo vielen harten Verſuchen und uͤblen Erfolgen
Alles nicht wagen muß auf Wegen voller Gefahren,
Die er nicht ſelber verſucht hat. Zuerſt und allein hab ich alſo
845
190 Ueber den oͤden Abgrund zu fliegen auf mich genommen, Dieſe unerſchaffene Welt, von der das Geruͤchte
Jn der Hoͤlle nicht ſchweigt, zu entdecken; in ſchmeichelnder Hoffnung
Eine beſſere Wohnung zu finden, und hier auf der Erden
Oder auch in der mittlern Luft mein geſchlagenes Kriegsheer
950
190 Wieder zu ſetzen, ſollt ich deshalb auch noch einmal verſuchen, Was du wider uns kannſt mit deinen munteren Schaaren,
Denen es leichter ſeyn wuͤrde, dort oben dem Koͤnig des Himmels
Mit177Mit laut ſchallenden Hymnen, und ſklaviſchen Liedern, zu dienen,
Und in gebuͤhrender Ferne zu kriechen, als mit mir zu fechten.
955
190Jhm antwortete ſchnell der ſtreitbare Engel: Zu ſagen Und gleich drauf es zu laͤugnen; erſt zu behaupten, den Schmerzen
Zu entfliehen, ſey weiſe, dann als ein Kundſchafter kommen,
Dieſes zeigt in der That nicht einen Anfuͤhrer, ſondern
Einen ergriffnen Luͤgner an. Und konnteſt du, Satan,
960
190 Konntſt du ſo gar das Wort getreu hinzuſetzen? — Name, O geheiligter Name der Treue! wie wirſt du entweihet!
Treu! Wem biſt du getreu! Treu deiner rebelliſchen Rotte?
Einem Heere von Teufeln! — Der Koͤrper iſt wuͤrdig des
Hauptes!
War dies eure gegebne Treu, der verſprochne Gehorſam,
965
190 Euch der oberſten Macht, die ihr einmal erkannt, zu entziehen? Und du, liſtiger Heuchler, der gern ein Beſchuͤtzer der Freyheit
Jtzo ſcheinen moͤchte; wo hat wohl ehmals im Himmel
Mehr ſich gebuͤckt, mehr gekrochen, als du, und den furchtbarn
Allmaͤchtgen
Sklaviſcher angebetet? Warum, als bloß in der Hoffnung,
970
190 Jhn zu entthronen, und ſelber an ſeiner Statt, zu regieren. Aber merk auf, was ich itzo dir ſage: fort, fliehe zuruͤcke,
Zu dem Orte, von dem du entflohn! Wofern du von nun an
Wieder in dieſen geheiligten Grenzen erſcheineſt, ſo werd ich
Dich zum hoͤlliſchen Abgrund zuruͤcke ſchleppen, und ſo dich
ZDrinnen178975
190Drinnen verſiegelni)Nach Offenbarung Joh. XX. 3. Und er warf ihn in den Abgrund,und verſchloß ihn, und verſiegelte oben drauf ꝛc.
i), daß du nicht mehr zu ſpotten ſollſt brauchen, Wie die Pforten der Hoͤlle zu ſchlecht verriegelt geweſen.
Alſo droht er. Doch achtete Satan der Drohungen wenig,
Sondern nahm in Wuth noch mehr zu, und antwortete zornig:
Wenn ich erſt dein Gefangener bin, ſo rede von Ketten,
980
191 Stolzer Beſatzungscherub! Doch fuͤhle du ſelber vorher erſt Einen ſchwereren Streich von meinem gewaltigen Arme;
Obgleich der Koͤnig des Himmels auf deinen Fittigen faͤhret,
Und du mit deinen Gefaͤhrten, die zu dem Joche gewoͤhnt ſind,
Durch die leuchtenden Straßen des ſternengepflaſterten Himmels
985
191 Seinen Triumphwagen ziehſt! — So ſprach er, die engliſche Schaar ward Flammend wie Feuer, und ſpitzt in einen gehoͤrnten Monden
Jhren Phalanx, und ſtand um ihn her mit gefaͤllten Spießen
Dick, als ein Feld der Ceres, zur Erndte reif, das itzt wallend
Seinen baͤrtigen Aehrenwald neigt, ſo wie es der Sturm ſchlaͤgt.
990
191Sorgend ſteht der bekuͤmmerte Landmann, und fuͤrchtet, die Garben Voller Hoffnung moͤchten nur Spreu auf der Dreſchtenne geben.
Auf der andern Seite ſtand Satan empoͤret, und raffte
Alle ſeine Staͤrke zuſammen, und ſtand da, verbreitet,
Gleich dem Teneriff, oder dem Atlas, unbeweglich,
995
191 Seine Geſtalt erreichte die Wolken; gefiedertes Schrecken Saß179Saß auf ſeinem Helm; was Speer ſowohl, oder Schild ſchien,
Fehlte nicht ſeiner Fauſt. — Nun waͤren ſchreckliche Thaten
Vor ſich gegangen, wovon nicht allein in der wilden Zerruͤttung
Eden, ſondern vielleicht des Himmels Sternengewoͤlbe,
1000
191 Oder die ſaͤmmtlichen Elemente, zerſtoͤrt, und zerriſſen, Durch den tobenden Aufruhr zu Grunde gegangen waͤren;
Haͤtte nicht ploͤtzlich der Ewge, den ſchrecklichen Streit zu verhindern,
Jn dem Himmel zwiſchen dem Zeichen des Skorpiones
Und dem Bild der Aſtraͤa die goldne Waag’ ausgehangen,
1005
191 Drinn er alle geſchaffenen Dinge von Anfang gewogen, Dieſe runde hangende Erd’ im Gegengewichte
Mit der Luft; und worinn er noch itzt den Ausgang der Dinge,
Schlachten und Koͤnigreiche, waͤgt. Jn jegliche Schaale
Legt er als ein Gewicht die Folgen der Flucht, und des Streites.
1010
191Ploͤtzlich flog das letzt’ empor, und ſtieß an die Stange; Welches Gabriel ſah, und alſo anhub zu Satan:
Satan, deine Staͤrke kenn ich, du kenneſt die meine;
Keinem von uns iſt ſie eigen, ſie iſt uns beyden gegeben.
Welche Thorheit alſo, auf ſeine Waffen zu trotzen!
1015
191Deine koͤnnen nicht mehr, als ihnen der Himmel erlaubet, Wie die meinen; ob ſie gleich itzt ſo verdoppelt geſtaͤrkt ſind,
Daß ich zu Staub dich treten koͤnnte. Schau auf zum Beweiſe,
Und lies droben dein Loos in jenem himmliſchen Zeichen,
Wo du gewogen wirſt; Siehe, wie leicht, wie ſchwach du empor ſteigſt,
Z 2Wenn1801020
191Wenn du Widerſtand thuſt. — Und Satan ſah auf, und erblicktek)Nach allen den Anſtalten, die Milton hier zu einem Gefecht zwiſchen Satan und den Engeln gemacht, ſcheint Satan ein wenig zu ploͤtzlich und unvermuthet die Flucht zu neh - men; und es iſt nicht recht wahr - ſcheinlich, daß er, der wider den Meſ - ſias ſelbſt noch Stand halten wollen,und kaum vor dem Donner des All - maͤchtgen gewichen, hier, ohne den ge - ringſten Verſuch weiter zu machen, davon flieht, weil er das Zeichen der Waage ausgehangen ſieht. Man - chem Leſer moͤchte dieſe Nachahmung aus dem Homer nicht gluͤcklich vor - kommen. Z.
k)Seine Schaale, die hoch in die Hoͤh flog; er ſaͤumte nicht laͤnger,
Und floh murrend davon; mit ihm entflohen die Schatten.