Jch wage es endlich, den vierten und zu - gleich den letzten Theil meiner ſatiri - ſchen Schriften herauszugeben. Eine fuͤr mich wichtige Veraͤnderung in mei - nem Amte, nnd die dadurch verdop - pelte Arbeit, ſind zum Theil Urſache geweſen, daß ich mich ſeit drey Jahren eines Verſprechens nicht habe entledigen koͤnnen, an welches mich, wo nicht das Publicum, doch wenigſtens mein Ver - leger fleißig genug erinnert hat. Aber in der That iſt mein Amt nur zum Theil Urſache an die - ſem Aufſchube geweſen; ich habe noch weit wich - tigere Verhinderungen gehabt. Fuͤr die meiſten Autoren iſt der Beyfall der Leſer die ſtaͤrkſte Rei - zung, daß ſie muthig, und viel ſchreiben. Darf ich es wohl geſtehen, daß eben dieſer Beyfall die wichtigſte Urſache iſt, warum ich ſeit drey Jah - ren mich nicht habe entſchließen koͤnnen, den vierten Theil meiner Schriften zu liefern? Die erſten drey Theile haben das Gluͤck gehabt, in Deutſchland ihre Freunde, und auch bey Aus - laͤndern Leſer zu ſinden. Man iſt endlich, auf* 2meineVorbericht. meine ungeheuchelten Vorſtellungen, ſo billig geweſen, an mehrern Orten zu glauben, daß wirklich ein unendlicher Unterſchied zwiſchen ei - ner Satire und einem Pasqville ſey; daß man die Fehler der Menſchen laͤcherlich machen koͤnne, ohne einen Menſchen ſelbſt laͤcherlich zu machen; daß man als Satirenſchreiber ſpotten, und doch mit redlichem Herzen ein Menſchenfreund ſeyn koͤnne. Ja, die Guͤtigkeit meiner Leſer iſt noch weiter gegangen: Man hat die Fehler in verſchie - denen Ausarbeitungen uͤberſehen, welche vor den Augen der Kritik nicht verborgen bleiben konn - ten. Maͤnner von Einſicht haben mir dieſe Feh - ler verziehn, und nur diejenigen Stellen ange - zeigt, welche ihren Beyfall erlangten: Wie viel Urſache hatte ich, daruͤber vergnuͤgt zu ſeyn! Andre Maͤnner, die zwar auch Einſicht genug be - ſaßen, aber nur meine Freunde nicht ſeyn wollten, haben ganz davon geſchwiegen: Konnte ich mir wohl etwas mehr wuͤnſchen! Und dennoch ſind al - le dieſe vortheilhaften Umſtaͤnde die wahre Urſa - che, daß ich itzo, ſo ein alter Autor ich auch bin, mich dennoch ganz ſchuͤchtern unter das Publicum wage. Wie viel Achtung bin ich der Nachſicht meiner Leſer ſchuldig! Wie viel Urſache habe ich, alles zu vermeiden, was ihnen anſtoͤßig ſeyn kann, um dieſe verzeihende Nachſicht nicht zu verlieren! Wie ſorgfaͤltig muß ich alle meine Charaktere zeichnen, um keine Originale zu malen, und um mich wider einen Vorwurf ſicher zu ſtellen, der mir, bey meinen menſchenfreundlichen Geſin - nungen, gewiß der empfindlichſte ſeyn wuͤrde! BisherVorbericht. Bisher hat die Kritik mir meine Fehler uͤber - ſehen; vielleicht in der Hoffnung, ich wuͤrde mich beſſern: Und habe ich mich nicht gebeſſert, wer wird mich wider dieſe ſtrenge Richterinn vertheidigen, welche die Nachwelt auf ihrer Seite hat? Geſchaͤffte und Jahre machen einen Sa - tirenſchreiber ernſthafter, und eben dadurch bit - terer, als es vielleicht der groͤßte Theil ſeiner Leſer wuͤnſchet: Jſt nicht ſchon das Urſache ge - nug, einen Beyfall zu verlieren, der mir ſo unendlich ſchaͤtzbar iſt? Jch lebe hier ganz ver - waiſt von meinen kritiſchen Freunden, ohne deren Rath und Gutachten ich ſonſt nicht eine Zeile wagte. Sie ſind zerſtreut, ſie ſind weit von mir weg zerſtreut; dieſe Freunde, deren ehrli - ches Herz, und deren reifer Witz mir unver - geßlich ſeyn werden. Nur einer noch von mei - nen redlichen Ariſtarchen iſt in Leipzig; und auch dieſer Eine iſt ſchon zu weit von mir ent - fernt. Und wie ſoll ich mir die freundſchaftli - chen Lehren derer zu Nutze machen, die itzt in Kopenhagen, in Hamburg, in Zerbſt, in Braun - ſchweig, in Qvedlinburg, ſeit einigen Jahren von mir, und vielleicht auf ewig von mir ge - trennt ſind? die in Zuͤrch und Bern entfernt leben? ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ Und was ſage ich von unſerm Vater Hagedorn, der mich ſo oft geleitet hat, und deſſen Andenken auch dieſe Thraͤne noch heilig ſey! ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ Waͤre nicht dieſer Mangel meiner Freunde und meiner Fuͤhrer Urſache genug, ein Vorhaben zu unterlaſſen, welches mir ſchon damals ſchwer* 3genugVorbericht. genug ward, da ich es unter ihrem Beyſtande wagte, und welches ich itzo wagen ſoll, da ich von ihrem Beyſtande ganz entbloͤßt bin?
Und doch muß ich es wagen! Aber ich wage es unter einer Geluͤbde, die ich hier vor den Augen meines Vaterlandes, und, wenn ich ſo praͤchtig reden darf, vor den Augen der ganzen witzigen Welt thue. Dieſes iſt der vierte, aber gewiß auch der letzte Theil meiner ſa - tiriſchen Schriften. Jch thue hier einen heiligen Schwur, einen Schwur, der mir hei - liger iſt, als er ſonſt den meiſten Schrift - ſtellern zu ſeyn pflegt: daß ich dergleichen ſatiri - ſche Schriften, weder unter meinem, noch un - ter einem verſtellten Namen, weder in monat - lichen, noch in fliegenden Blaͤttern weiter be - kannt machen werde.
Dieſen Vorſatz rechtfertigen, wenn anders meine Leſer verlangen ſollten, daß ich ihn recht - fertige; dieſen Vorſatz, ſage ich, rechtfertigen ſchon die Urſachen genug, die ich oben angefuͤhrt habe. Ein ernſthafteres Alter; Geſchaͤffte, die taͤglich gehaͤuft werden; der Verluſt der beſten Freunde; eine argwoͤhniſche Vorſicht, die mei - nem itzigen Stande vielleicht noch unentbehrli - cher iſt, als ſie mir vor drey Jahren war; Le - ſer, die noch immer gewohnt ſind zu lachen, ſo lange ſie uͤber andere lachen, und welche unver - ſoͤhnlich wuͤten, ſo bald ſie glauben, ihr eignes Geſicht im Spiegel zu ſehen; der geſchwaͤtzige Vorwitz der Ausleger, welche immer boshaftgenugVorbericht. genug ſind, Schluͤſſel zu machen, wo keine Schluſſel noͤthig ſind; die tuͤckiſche Bosheit de - rerjenigen, welche ſich getroffen finden, und ſchweigen, und welche doch haͤmiſch im Namen dererjenigen ſeufzen, die gewiß nicht gemeynt, und gewiß nicht getroffen ſind; die beleidigende Unbilligkeit des witzigen Poͤbels, welcher im - mer an dem Orte, wo der Verfaſſer ſchreibt, die Originale zuerſt ſucht, eine Unbilligkeit, die mir bey meinem gegenwaͤrtigen Amte doppelt empfindlich ſeyn muß: Alles dieſes ſind Urſa - chen, welche mir meinen Vorſatz ernſtlich machen.
Ueberhaupt iſt wohl Deutſchland das Land nicht, in welchem eine billige und beſſernde Sa - tire es wagen darf, ihr Haupt mit der Frey - muͤthigkeit empor zu heben, mit welcher ſie ge - wohnt iſt, die Laſter, oder die Thorheiten der Menſchen zu ſtrafen. Es giebt Staͤdte in Deutſchland, in denen man nur beſchaͤfftigt iſt, Reichthuͤmer zu ſammeln, und in denen man kein Laſter weiter kennt, als die Armuth. Wer wird es wagen duͤrfen, ihren feiſten Buͤrgern zu ſagen, daß ſie laſterhaft ſind, weil ſie nur mit Ungerechtigkeit wuchern; daß ſie Thoren ſind, weil ſie auf ihren erwucherten Reichthum ſtolz ſeyn koͤnnen? Es giebt maͤchtige Staͤdte in Deutſchland, wo man unter dem praͤchtig - ſten Aufwande ſeine Armuth, unter den laͤr - menden Vergnuͤgungen ſeine innerliche Unruhe zu verbergen ſucht, wo man ſeinen Freund kuͤßt, und umarmt, um ihn niederzuwerfen, wo man* 4uͤberVorbericht. uͤber alle Sachen mit einem entſcheidenden Tone urtheilet, um ſeine Unwiſſenheit nicht zu ver - rathen, wo man ein poͤbelhaftes Pasqvill mit lautem Beyfalle annimmt, und ausbreitet, weil man den Einzigen Ungluͤcklichen kennt, den es trifft, und wo man im Gegentheile eine lehrende Satire fuͤr ein gefaͤhrliches Pasqvill haͤlt, weil ſie auf hundert Perſonen paſſen kann, und weil dieſe hundert Perſonen vielleicht noch fuͤhlen, daß ſie Thoren ſind, aber zugleich auch denjeni - gen verabſcheuen, der ſie an ihre Thorheit er - innert. Und was ſoll ich von denen Staͤd - ten ſagen, welche ein Sitz der ſchoͤnen Wiſſen - ſchaften ſind, und wo es ein oͤffentlicher Beruf iſt, Weisheit und Sitten zu predigen? Viel - leicht iſt hier die Satire an der Hand ihrer Schweſter, der Moral, beliebt und ſicher? Nichts weniger! Nur gar zu oft haben die Ge - lehrten viel Urſache, ſich vor der Satire zu fuͤrch - ten. Gemeiniglich ſind ſie die erſten, die ſie ver - dammen; es muͤßte denn eine Satire aus dem Horaz ſeyn, welcher ſie unmoͤglich gemeynt ha - ben kann.
Vielleicht iſt ein Patriot mit dem ſehr un - zufrieden, was ich hier von den meiſten Staͤd - ten meines Vaterlandes ſage. Er wird glau - ben, daß man eben dieſes von den Staͤdten aller Laͤnder ſagen koͤnne. Es kann ſeyn: Aber deſto ſchlimmer fuͤr die Satire; deſto allgemeiner iſt die Wahrheit des Satzes, den ich oben behaup - tet habe. Und was will mir dieſer Patriot ant - worten, wenn ich ihm Paris nenne, wo einBoile -Vorbericht. Boileau und Moliere waren, deren Satire ihr Koͤnig liebte und ſchuͤtzte? Es iſt nur ein London, wo auch nicht einmal der groͤßte Mis - brauch die Billigkeit der Satire verdaͤchtig macht, wo kein Laſter zu vornehm iſt, daß es ſich nicht vor ihrer Geißel ſcheuen muͤſſe. Nur ein London iſt, wo ein lehrender Zuſchauer taͤglich unter einer Menge von zwanzig tauſend Leſern unerkannt herum gehen, und unbemerkt den Beyfall einſammeln kann, den ſeine Satire verdient. Jn Deutſchland mag ich es nicht wagen, einem Dorfſchulmeiſter diejenigen Wahrheiten zu ſagen, die in London ein Lord - Erzbiſchof anhoͤren, und ſchweigen, oder ſich beſſern muß.
Je mehr ich allen dieſen Urſachen nachden - ke; je ernſtlicher wird mein Vorſatz, niemals dergleichen Schriften wieder zu wagen. Aber dagegen verſpreche ich mir auch von der Billig - keit meiner Leſer dieſes, daß ſie mich kuͤnftig mit etwas weniger Zuverſicht, als wohl bisher bey einigen Gelegenheiten geſchehen, fuͤr einen Mitarbeiter an witzigen Monatſchriften, oder fuͤr den verborgenen Verfaſſer fliegender Blaͤt - ter ausgeben.
Jch muß befuͤrchten, daß dieſes Geluͤbde vielen von meinen Leſern verdaͤchtig ſeyn werde. Man weis aus der Erfahrung, daß beynahe kein Geſchoͤpf ſo meineidig iſt, als ein Poet, welcher die Verſe verſchwoͤrt: Sollte ein Sati - renſchreiber mehr Gewiſſen haben? Jch will* 5michVorbericht. mich in dieſe Vergleichung nicht einlaſſen. Da - mit man aber gar keinen Vorwand behalte, an meinem Vorſatze zu zweifeln: ſo will ich eine wohlbedaͤchtige Einſchraͤnkung beyſetzen, unter welcher ich mein Geluͤbde gethan habe. Jch werde gewiß niemals weiter dergleichen ſatiriſche Schriften, weder unter meinem, noch frem - den Namen bekannt machen: Aber ich werde vielleicht noch verſchiedne Abhandlungen von dieſer Art ſchreiben. Jch werde ſie der Kritik einiger von meinen Freunden, und meinem verſchwiegnen Pulte anvertrauen, und nicht eher, als nach meinem Tode, ſoll das unpar - theyiſche Publicum zum Richter daruͤber ge - ſetzt werden.
Jch finde bey dieſem Entſchluſſe hundert Vortheile, und viele Annehmlichkeiten, die ein Satirenſchreiber unmoͤglich haben kann, wel - cher von der Aufnahme ſeiner Werke Zeuge iſt. Da ich mir, vom Anfange an, das Geſetz ge - geben, keinen Menſchen durch meine Satiren zu beleidigen, ſondern ſie ſo allgemein zu ma - chen, daß es einem billigen Leſer unmoͤglich fallen ſollte, einen zu finden, der das Original zum Gemaͤlde ſeyn koͤnnte: ſo hatte ich mir ein Geſetz gegeben, welches mir unendliche Schwie - rigkeiten verurſachte. So bald ich mit einer Abſchilderung fertig war, war dieſes meine er - ſte Sorge, daß ich ſie gegen diejenigen Geſich - ter hielt, die ich kannte, um zu verſuchen, ob vielleicht zu viel Aehnlichkeit von ihnen in mei - nein Gemaͤlde waͤre. Das Gemaͤlde ſelbſt zuentwer -Vorbericht. entwerfen, koſtete mich immer weniger Muͤhe, als mich es koſtete, ſolches durch neue Zuͤge, durch mehr Licht, oder mehr Schatten unkennt - lich zu machen. Und wenn ich alles gethan hat - te; und wenn ich nunmehr glaubte, daß es mit keinem Menſchen eine Aehnlichkeit habe, daß es nur das allgemeine Bild eines Thoren ſey: So rief doch wohl einer meiner Leſer mit bittrer Freude aus: Das iſt mein Nachbar! Kuͤnf - tig werde ich eine ſo aͤngſtliche Vorſicht, weiter nicht noͤthig haben. Nun kann ich mir die Ori - ginale waͤhlen, wo ich will, ohne einen von ih - nen zu beleidigen. Denn erſt nach meinem Tode ſollen dieſe Schildereyen bekannt werden. Und da ich Hoffnung habe, noch etliche und zwanzig Jahre zu leben, ſo zweifle ich, ob ſich alsdann noch jemand die Muͤhe geben wird, den Thoren zu entdecken, den ich vor zwanzig Jahren gemalt habe; denn in zwanzig Jahren iſt ein Thor ge - wiß vergeſſen, und wenn er auch ein Durch - lauchtigſter Thor geweſen waͤre. Nunmehr kann ich mich viel freyer unter meinen Mitbuͤrgern umſehen, und Zuͤge zu einem Gemaͤlde ſammeln, welches ich vielleicht außerdem, zu ſchildern noch nicht wagen duͤrfte, wie ich es nunmehr wagen darf, da dieſe Schildereyen erſt nach meinem Tode ausgeſtellt werden ſollen. Finde ich kuͤnf - tig einen Menſchen, deſſen Thorheiten verdie - nen, fuͤr die Nachwelt gezeichnet zu werden: ſo ſehe ich dieſen Menſchen, als meinen Poſthu - mum, an. Die nach mir leben, ſollen nichteinenVorbericht. einen Zug von ſeinem Geſichte verlieren; aber bis dahin will ich ihn allein kennen, und nur allein uͤber ihn lachen.
Man hat mir wider dieſen Plan den Ein - wurf gemacht, daß vielleicht in zwanzig Jahren, hundert kleine Umſtaͤnde in den Sitten und Ge - braͤuchen meiner heutigen Landsleute geaͤndert, oder gar verloren gegangen ſeyn koͤnnten, die doch oftmals ſchlechterdings zu wiſſen noͤthig ſind, wenn man das Feine und das Reizende der Satire ſo empfinden ſoll, wie ein jeder Ver - faſſer wuͤnſcht, daß es ſeine Leſer empfinden moͤ - gen. Dieſer Einwurf iſt gegruͤndet genug: Aber eben dadurch werde ich deſto aufmerkſamer gemacht werden, in meinen Satiren auch das zu vermeiden, was das Perſoͤnliche der Sitten und Gebraͤuche genannt werden kann; ſo wie ich das Perſoͤnliche der Charaktere bisher ver - mieden habe. Jch erlange dadurch den großen Vortheil, daß meine Satire auch von dieſer Seite allgemein wird. Und kann ich auch die - jenigen Umſtaͤnde nicht ganz vermeiden, welche ſo fluͤchtig und veraͤnderlich ſind; wer wird mir es verdenken, wenn ich mein eigner Scholiaſt werde? Jn dieſem Falle, werden ſelbſt meine Anmerkungen Satiren auf meine Mitbuͤrger, wenn ich genoͤthiget bin, der Vergeſſenheit durch Noten eine Tracht, ein Spiel, ein Ceremoniell, eine Mode, und andere ſolche Kleinigkeiten zu entreiſſen, worauf ſie doch itzt ſo ſtolz ſind, und worinnen vielmals heuer ihr ganzer Werth beſteht.
EinVorbericht.Ein andrer Einwurf ſollte vielleicht fuͤr mich noch wichtiger ſeyn: Nach meinem Tode werde ich den Beyfall der Leſer nicht hoͤren! Es iſt wahr; aber auch ihren Tadel nicht! Meine Schriften ſind durch die guͤtige Aufnahme der Kenner, und andrer ſo gluͤcklich geweſen, daß ich mich, wenn ich mich ſo ſtolz ausdruͤcken darf, an dem Lobe meiner Leſer gewiſſer maßen ſchon geſaͤttigt habe. Dieſer Beyfall verdient von mir die erkenntlichſte Achtung fuͤr den Ge - ſchmack, und das Vergnuͤgen meiner kuͤnftigen Leſer. Jch beſitze gewiß Eigenliebe genug, die - ſes Lob auch nach meinem Tode verdienen zu wollen, je vortheilhafter alsdann fuͤr mein An - denken ein ſo unpartheyiſches Lob iſt, und je weniger ich hernach im Stande bin, meine Feh - ler zu entſchuldigen, oder wider ſcheinbare Vor - wuͤrfe mich zu verantworten.
Jch habe bey meinen Satiren ein zu freudi - ges Gewiſſen, und zu der fortdauernden Bil - ligkeit meiner Leſer ein zu großes Vertrauen, als daß ich hiebey einen Vorwurf befuͤrchten ſollte, der mir bey einer Stelle des Seneca ein - gefallen iſt. Labienus, ein Mann, der ſeinen republikaniſchen Haß, und die bitterſten Leiden - ſchaften unter dem praͤchtigen Namen eines Pa - trioten verbergen wollte, welcher ſeine Schmaͤ - hungen wider die Großen in Rom ſatiriſchen Witz, und perſoͤnliche Beleidigungen hiſtoriſche Wahrheiten nannte, welcher den Rath zu einem vorher unerhoͤrten Befehle zwang, den in fol -gendenVorbericht. genden Zeiten, die Unwiſſenheit, der Aberglau - be, und die dumme Bosheit ſo ungluͤcklich ge - misbraucht haben;*Seine Schriften wurden auf Befehl des Raths verbrannt. Seneca iſt in ſeiner Praefatione L. V. Controverſiarum ſehr bitter, da er auf dieſe Stelle koͤmmt. Er haͤlt es fuͤr das erſte Exempel, wo verdaͤchtige Schriften auf Befehl des Raths verbrannt worden waͤren, und vermuthlich mag er ſich auf die Verbrennung der Schriften des Numa Pompi - lius nicht beſonnen haben, die Livius im neun und zwan - zigſten Capitel des vierzigſten Buchs anfuͤhrt. Seneca freut ſich, daß dieſe Grauſamkeit erſt zu der Zeit erfunden wor - den, da es ſchon weniger große Geiſter gegeben habe. Jch will ſeine eignen Worte hier anfuͤhren; ſie ſind ſehr prophe - tiſch: In hunc (Labienum) primum excogitata eſt noua poena: effectum eſt enim per inimicos, vt omnes ejus libri incenderentur. Res noua et inſueta, ſupplicia de ſtudiis ſumi. Bono hercle publico iſta in poenas ingenioſa crudelitas poſt Ciceronem inuenta eſt. Quid enim futurum fuit, ſi ingeni - um Ciceronis triumuiris libuiſſet proſcribere. etc. etc. Facem ſtudiis ſubdere et in monumenta diſciplinarum animaduer - tere, quanta, et quam non contenta certa materia ſaeuitia eſt! Dii melius, quod eo ſeculo iſta ingeniorum ſupplicia coeperunt, quo et ingenia deſierunt etc. Dieſer Labienus las ein - mal eine von ihm gefertigte Geſchichte oͤffentlich vor, uͤberſchlug aber einen großen Theil davon, und ſagte: Das, was ich hier uͤberſchlage, ſoll man erſt nach meinem Tode leſen! Seneca kann ſich nicht enthalten, hiebey aus - zurufen: „ Wie verwegen muß der Jnnhalt die - „ ſer Stelle geweſen ſeyn, daß auch ſo gar La - „ bienus ſich geſcheut hat, ſie bekannt zu„ machen!Vorbericht. „ machen! „ *Memini aliquando, cum recitaret hiſtoriam, magnam par - tem conuoluiſſe et dixiſſe: Haec, quae tranſeo, poſt mor - tem meam legentur. Quanta in illis libertas fuit, quam etiam Labienus extimuit? M. Annaeus Seneca Lib. V. Con - troverſiarum in Praefatione. Meine Leſer werden ſich des ungeheuchelten Bekenntniſſes noch erinnern, welches ich in einer weitlaͤuftigen Abhandlung vom Misbrauche der Satire ablegte, da ich den erſten Schritt that, mit ihnen bekannt zu werden. **S. den Vorbericht zum erſten Theile dieſer ſatiriſchen Schriften.Jch zeigte damals, daß die vor - nehmſte Pflicht eines Satirenſchreibers ſey, von der Religion und den Obern niemals anders, als mit der anſtaͤndigſten Ehrfurcht zu reden, daß er alles ſorgfaͤltig vermeiden muͤſſe, was ſeine Mitbuͤrger, oder den Wohlſtand nur auf einige Art beleidigen koͤnne, mit einem Worte, daß er ein rechtſchaffner Mann ſeyn muͤſſe. Jch habe mir Muͤhe gegeben, bey allen meinen Sa - tiren nach dieſen Grundſaͤtzen zu handeln, und meine Leſer ſind, ſo viel ich weis, allemal ſo gerecht geweſen, zu geſtehen, daß ich dieſe hei - ligen Pflichten erfuͤllt habe. Jch werde ſie weiter erfuͤllen. Jch werde mich unermuͤdet bearbeiten, der Satire dasjenige ehrwuͤrdige Anſehen zu erwerben, welches ihr als einer Verehrerinn der Religion, als einer Freun - dinn der Tugend, als einer unverſoͤhnlichen Feindinn der ungeſitteten Thoren gebuͤhrt, undwelchesVorbericht. welches ihr freylich ſo lange Zeit ſtreitig ge - macht worden iſt, ſo lange ein jeder boshafter Pasqvillant behauptete, er ſchreibe Satiren. Durch dieſe Bemuͤhung hoffe ich den guͤtigen Beyfall meiner Leſer, auch fuͤr dieſen vierten Theil; ja, ich hoffe ſo gar auch den Beyfall ih - rer Kinder fuͤr diejenigen Theile meiner Sati - ren zu erlangen, die ich erſt nach meinem Tode, ihrer billigen Beurtheilung zu uͤberlaſſen mich entſchloſſen habe.
Gottlieb Wilhelm Rabener.
Deine eignen Verdienſte, und das ver - ehrungswuͤrdige Andenken meines Uraͤltervaters, Sancho Panßa, erfo - dern es von mir als einen wichtigen Theil meiner Schuldigkeit, daß ich dieſen Abhandlungen von Spruͤchwoͤrtern Deinen Namen vorſetze. Jch nahe mich alſo Dir mit der ehrfurchtsvollen Ver - beugung, mit welcher ſich ein verlaſſener Autor ſeinem Maͤcenaten naht, und lege dieſe Schrift zu Deinem Hufe nieder. Das Anſehen, in wel - chem Dein Name bey allen geſitteten Voͤlkern iſt, wird dieſen Abhandlungen der ſicherſte Schutz ſeyn, und durch Deinen Namen, unſterblicher Eſel,A 3wird,6Zueignungsſchriftwird, wie ich, als Autor, zuverſichtlich hoffe, auch auf gegenwaͤrtige Schrift ein Theil der Unſterb - lichkeit zuruͤck fallen.
Dieſes wuͤrde genug ſeyn, gegen Dich mein Vorhaben zu rechtfertigen. Jch glaube, daß ich alles geſagt habe, was ein Client in einer Zueig - nungsſchrift ſeinem Goͤnner von Empfehlung, von Verdienſten, von Demuth, und von ſeinem Mangel zu ſagen hat. Aber Du wirſt mir hoch - geneigt erlauben, mein Eſel, daß ich dieſe Zu - eignungsſchrift gegen diejenigen vertheidige, wel - che ſo viel Einſicht, wie Du, nicht haben, und doch Kunſtrichter ſeyn wollen. Gluͤcklicher, ja dreymal gluͤcklicher Eſel, der Du in den Tagen des weiſen Sancho grau worden biſt, wo man Verdienſte auch an Eſeln verehrte! Wie ſehr ha - ben ſich die Zeiten zu unſrer Schande veraͤndert! Man verehrt ‒ ‒ ‒ aber nicht Verdienſte, man verehrt Rang und Pracht; und ein Eſel mit einer reichen Decke, wenn er ſchon die geringſten Verdienſte nicht hat, iſt uns oftmals verehrungs - wuͤrdiger, als ſieben Weiſe. Jch finde alſo noͤ - thig, einige Einwuͤrfe zu beantworten, welche mir wider meine Zueignungsſchrift gemacht werden koͤnnen. Dieſes wird mich ganz natuͤrlich auf Deine eignen Verdienſte fuͤhren. Jch will zeigen, wie groß Du geweſen biſt; und wenn ich dieſes zeigen will, ſo darf ich die Welt nur an Deine Thaten erinnern. Wie leicht iſt es, Verdienſte zu loben, wenn man ſie ſchon findet, und nicht erſt erdichten darf! Ein Vorzug, den Du vor vielen Menſchen haſt, welche Dich nur als Eſel kennen.
Was7Zueignungsſchrift.Was ich hier im voraus angefuͤhrt habe, iſt die gruͤndlichſte Vertheidigung wider einen Ein - wurf, welchen viele machen werden, ſo bald ſie dieſe Zueignungsſchrift erblicken. Einen Eſel zum Maͤcenat! werden ſie ausrufen. Und warum nicht, meine Herren? Bin ich etwan der erſte, der dieſes thut? Oder vermißt ihr nur an meinem Maͤcenat die menſchliche Pracht der Eu - rigen? Seyd nicht ſo ungerecht, zu glauben, daß mein Eſel dieſer Zueignungsſchrift unwuͤrdig ſey, weil ihr ihn fuͤr dumm haltet: Jhr werdet ſelbſt euern Zueignungsſchriften ein trauriges Urtheil ſprechen. Wie viele von euern Maͤcenaten wer - det ihr abſetzen muͤſſen, wenn die Dummheit hin - dert, der Maͤcenat eines Autors zu ſeyn!
Aber wird der Eſel die Zueignungsſchrift leſen? und noch mehr, wird er das Buch verſtehn, das du ihm zueigneſt? Aber, meine Herren, iſt denn das noͤthig? Er wuͤrde es viel - leicht nicht thun, wenn er auch lebte, zumal da er ein ſpaniſcher Eſel iſt, und ich freylich nur ein deutſcher Autor bin. Allein iſt es denn ſo ſchlech - terdings noͤthig, daß ein Maͤcenat die Schriften lieſt, die ihm gewidmet werden? Wie viel Maͤ - cenaten leſen eure Schriften, und noch mehr, wie viel ſind im Stande, ſie zu verſtehn? Jhr macht euch kein Bedenken, denen Goͤnnern, welche viel - mals kaum ihre Mutterſprache gelernt haben, eure Werke, die ihr in auslaͤndiſchen oder wohl gar in todten Sprachen abgefaßt habt, zu uͤber - reichen, von denen ſie doch vielleicht nicht einmalA 4die8Zueignungsſchrift. die Buchſtaben kennen. Genug; ſie ſehen ihr Bildniß, oder ihr Wapen, ſie ſehen den praͤch - tigen Band des Buchs, ſie ſehen ein gekruͤmm - tes Geſchoͤpf murmelnd zu ihren Fuͤßen kriechen, und hieraus ſchließen ſie, daß dieſes Geſchoͤpf ein Autor iſt, daß unter ihrem Bildniſſe, oder Wa - pen, eine Zueignungsſchrift ſtehen wird, und daß ſie ein Maͤcenat ſind. Sehen ſie alſo nicht alles, was der Autor will, daß ſie ſehen ſollen, und iſt es erſt noͤthig, daß ſie die Zueignungsſchrift leſen, und die Abhandlung verſtehn muͤſſen?
Jch erwarte noch einen Einwurf, der bey vielen meiner Tadler der wichtigſte iſt, und den ſie zu ſagen, nur das Herz nicht haben. Wirſt du von deinem Eſel fuͤr die Zueignungsſchrift nur einen Gulden, oder die geringſte Beloh - nung erwarten koͤnnen? Nein, ihr habt recht, nicht einen Gulden, nicht die geringſte Befoͤrde - rung. Aber deſto uneigennuͤtziger iſt mein Vor - haben; deſto weniger iſt das Lob verdaͤchtig, das ich meinem Eſel gebe. Jhr martert euch, und eure Leſer, um Tugenden und Verdienſte zuſam - men zu ſtoppeln, welche ihr euern Maͤcenaten an - paßt: Allein bey Vernuͤnftigen macht ihr dadurch euch und euern Held laͤcherlich, und die Zueig - nungsſchriften uͤberhaupt veraͤchtlich. Jhr wißt es, und thut es doch, um mit hungrigen Haͤnden eine kleine Belohnung zu erhaſchen, welche gemei - niglich gar außen bleibt, oder welche doch euer Maͤcenat ſo ſpaͤrlich zumißt, weil er, wie Auguſt, noch mehr dergleichen unnuͤtze Schwaͤtzer zu er -naͤhren9Zueignungsſchrift. naͤhren hat, die ihm den gelernten Gruß, aus Be - gierde zum Futter, zurufen. Eben ſo wenig kann ich auf eine Befoͤrderung mir Rechnung ma - chen: Aber wie viele von euch erlangen derglei - chen durch ihre Zueignungsſchriften? Vielleicht nicht einmal die Hoffnung dazu. Eine vorneh - me Neigung des Haupts iſt wohl alles, was ihr durch eure Demuͤthigung von euerm Maͤcenat er - preſſen koͤnnet. Wiederholt ihr muͤndlich eure Bitte, ſo werdet ihr machen, daß er mit einem trotzigen: Vôtre Serviteur! ſich von euch wendet, und die geweihte Schrift dem Kammerdiener hin - wirft, der ſie beſſer zu brauchen weis. Aber ich will auch einraͤumen, daß euer Maͤcenat einer von den Großmuͤthigen iſt, welche alle Menſchen gluͤcklich zu machen wuͤnſchen; wird er deßwegen auch im Stande ſeyn, es zu thun, oder wenig - ſtens es ſo zu thun, wie ihr es hofft? Und iſt er auch ſo gefaͤllig, daß er ſich bey ſeinem Range neue Verdienſte und Hochachtung durch ſeine Freundlichkeit zu erwerben ſucht; ſo wird er euch zwar in den gnaͤdigſten Ausdruͤcken das Vergnuͤ - gen verſichern, das er hat, euch zu dienen; allein ſeine Geſchaͤffte, und der Anlauf ſo vieler eurer Collegen, wird machen, daß er euch vergißt, da ihr keine Verdienſte weiter habt, als den Mangel. Gewinne ich alſo durch meine Zueignungsſchrift wohl weniger, als ihr gemeiniglich durch die eu - rigen erlangt?
Dieſes ſind, beruͤhmter Eſel, einige von den Einwuͤrfen, die man mir machen wird; aberA 5das10Zueignungsſchrift. das iſt auch die Vertheidigung, die ich dergleichen ungegruͤndeten Einwuͤrfen entgegen ſetzen werde.
So wichtig auch meine Gruͤnde ſind; ſo werden ſie noch mehr Nachdruck erhalten, wenn ich die Welt an einige Deiner beſondern Verdien - ſte erinnere, die Dich, großer Eſel, uͤber viele er - heben, welche der Witz und der Hunger ihrer Cli - enten zu verewigen ſucht.
Deine genaue Verbindung mit meiner Fa - milie giebt mir ein Recht, den Ruhm Deiner ſel - tenen Verdienſte zu widerholen, welche ſeit mehr als einem Jahrhunderte die billige Bewunderung der halben Welt geweſen ſind. Liebſter Freund und treuer Gefaͤhrte meines Vaters Sancho! Jch neige mich vor Deinem ehrwuͤrdigen Schat - ten, mit eben dem frommen Schauer, mit wel - chem der glaͤubige Muſelmann ſich vor dem gehei - ligten Kameele niederwirft, das vor tauſend Ka - meelen zu dem ſtolzen Gluͤcke erwaͤhlt worden iſt, den Alkoran auf ſeinem Ruͤcken zu tragen.
Wie gluͤcklich bin ich vor vielen Lobrednern, da ich die Ueberzeugung der Welt, und die Wahr - heit auf meiner Seite habe! Die Haͤlfte unſrer Zueignungsſchriften ſind Satiren auf die Maͤce - naten unſrer Zeit. Die Verfaſſer quaͤlen ſich, die Welt zu betaͤuben und zu uͤberreden, daß ihr nie - dertraͤchtiger Wucherer ein großmuͤthiger Verſor - ger der Verlaſſenen, ihr erlauchter Jgnorant ein Kenner und Beſchuͤtzer der Muſen, daß er gerecht ſey, da doch das halbe Land unter ſeinen Raͤube - reyen entkraͤftet ſeufzet. Aber Du, gluͤcklicherGrau -11Zueignungsſchrift. Grauſchimmel, Du biſt von allen dieſen Vor - wuͤrfen frey, und eben dadurch befreyeſt Du auch mich von den Vorwuͤrfen der Schmeicheley. So bald ich des großen Sancho Panßa großen Eſel nenne, ſo bald verſteht mich die ganze Welt, und weis es, daß ich den ehrwuͤrdigen Eſel meyne, welcher ſo viele Tugenden der Menſchen, und keines von ihren Laſtern gehabt.
Es iſt bekannt, und ſelbſt der beruͤhmte Cid Hamet Benengely laͤugnet es nicht, ob er gleich ein beſchnittner Mohr, und Du ein chriſtlicher Eſel warſt, daß die weiſen Spruͤche des erleuchteten Sancho mit ſo viel Kraft auf Deine Ohren her - abgewirkt, daß Du der tiefſinnigſte Eſel deiner Zeit geweſen. Ein großer Beweis Deiner Faͤ - higkeit war es, da Du in einer Zeit von etlichen Monaten, und unter tauſend ungluͤcklichen Be - ſchaͤfftigungen, dennoch mehr gelernt, als hun - dert Soͤhne der Großen in Spanien kaum lernen, welche drey Jahr und laͤnger in Oſſuna zu den Fuͤßen ihrer Lehrer ſitzen. Mehr als ein Bacca - laureus in Salamanca war eiferſuͤchtig auf Dich: Aber Deine Beſcheidenheit gewann das Herz der Neider. Das Wiſſen, welches ſo viele junge Gelehrte unertraͤglich macht, war fuͤr Dich ein neuer Trieb zur Demuth. Unwiſſende Pedanten richten ſich trotzig auf: aber Du, der Du ſie am Verſtande und Witze unendlich uͤbertrifft, hiengſt Deine Ohren immer demuͤthig; denn die Voll - kommenheiten Deines Lehrers erinnerten Dich be - ſtaͤndig an Deine Unvollkommenheiten: Eine Tu -gend,12Zueignungsſchrift. gend, die unter unſern Schuͤlern nicht allgemein iſt! Jch kenne Deutſche, welche an Deiner Weis - heit und Gelehrſamkeit zweifeln werden, da man nicht ein Blatt, geſchweige einen Folianten, von Deinen Schriften aufzuweiſen hat. Deſto ſchlimmer fuͤr uns! Der Schade iſt unſrer Nach - welt unerſetzlich. Mit wie viel Vergnuͤgen und Erbauung wuͤrden wir Deine Schriften leſen, und ihre Schriften aus den Haͤnden werfen! Es war ein Fehler Deiner Zeit, wo man noch wenig ſchrieb, und deſto mehr dachte. Bey unſern Zeiten iſt dieſes der Fehler, daß viele ohne Ueber - legung ſchreiben, was Du, weiſer Eſel, nur zu denken, Dich wuͤrdeſt geſchaͤmt haben. Haͤtte Dir die Natur die Vorzuͤge gegoͤnnt, ein Autor wer - den zu koͤnnen, wie hoch wuͤrde Dein Ruhm ge - ſtiegen ſeyn! Und dennoch biſt Du ſchon unſterb - lich, da Myriaden von Schriftſtellern ſeit Deiner Zeit in die ewige Nacht der Vergeſſenheit geſtuͤrzt worden ſind.
Die Maͤßigkeit iſt eine Tugend, welche unſern meiſten Sittenpredigern nicht allemal eigen iſt. Wenigſtens habe ich in meiner Jugend zu Leyden einen Mann gekannt, der ein Meiſter der Weis - heit hieß, der ſein Brodt durch das Lehren der Moral verdiente, und der alles, was er verdiente, durch die niedertraͤchtigſten Ausſchweifungen ver - that. Unendlich tief haͤtte er, ungeachtet ſeines Lorbers, unter Dir, geſittetem Eſel, ſtehen ſollen. Die ganze Geſchichte des Heldes von Mancha zeigt uns nicht eine einzige Spur, daß Du iemalsin13Zueignungsſchrift. in einen Fehler gefallen waͤreſt, welcher ſo ſehr menſchlich iſt. Vermuthlich trug die Uebereilung des alten Roßinante, und ſeine demuͤthigende Strafe viel zu Deiner Maͤßigung bey. Die Welt weis die traurige Geſchichte von den Stutten aus Gallicien*Don Qvixots Geſchichte B. 3. C. 15.. Roßinante war ein lehrender Be - weis, daß Alter nicht vor Thorheit hilft. Er ſah die Stutten, und vergaß ſich. Benengely macht zu ſeiner, und vielleicht auch zu vieler Men - ſchen Entſchuldigung, die lehrreiche Anmerkung, daß kein Hengſt ſo alt ſey, der nicht noch einmal im May wiehere. Allein die Eſeltreiber von Jan - gois dachten nicht ſo billig. Die Strafe folgte der Wolluſt auf dem Fuße nach. Roßinante empfand es, und als eine neue Zuͤchtigung ſeiner alten Jugendſuͤnden, mußte er die Demuͤthigung ausſtehen, daß der tapfre Qvixot ſich auf Dich, tugendhaften Eſel, ſetzte, und der ſtolze Roßi - nante an deinen Schwanz angebunden ward.
Ein Freund in der Noth iſt dasjenige Kleinod, welches auch die fuͤr das koſtbarſte halten, die niemals großmuͤthig genug ſind, andern in der Noth beyzuſpringen. Wie ſehr beſchaͤmeſt Du, freundſchaftlicher Eſel, alle dieſe unempfind - lichen Seelen! So gar Roßinanten, der deines Mitleidens damals kaum wuͤrdig war, bedauer - teſt Du. Deine Schritte waren noch langſa - mer, als die Schritte eines gelaſſenen Eſels von Natur ſind; Du wollteſt dem Ungluͤcklichen Zeit laſſen, nachzukommen. Ein Menſch wuͤrde ſich dieſe Demuͤthigung ſeines Naͤchſten zu Nutze ge -macht,14Zueignungsſchrift. macht, und mit einer ſtolzen Grauſamkeit noch mehr zu ſeiner Kraͤnkung beygetragen haben: Aber ſo ungerecht dachteſt Du nicht; denn Du wa - reſt des weiſen Sancho liebreicher Eſel. Wie troſtlos hiengeſt Du die Ohren, als Dein Herr, Sancho, durch Zulaſſung des Himmels und Don Quixots geprellt ward*B. 3. C. 17.? Er ſah flehentlich auf Dich herab, und wenn er am hoͤchſten flog, ſo war Deine freundſchaftliche Traurigkeit fuͤr ihn die kraͤftigſte Staͤrkung.
Die Gelaſſenheit iſt uͤberhaupt eine Fami - lientugend der Eſel: Bey Dir aber hatte ſie einen weit ruͤhmlichern Urſprung; denn Du wareſt mit Ueberlegung gelaſſen. Jn dem ungluͤcklichen Treffen mit den befreyten Galerenſclaven**B. 3. C. 22. hielteſt Du ſtandhaft die Steine der Undankbaren aus. Quixot, Sancho, und Roßinante lagen um Dich herum. Nur dich konnten die unzaͤhligen Wuͤr - fe der Verraͤther nicht ſtuͤrzen, noch zur Ungeduld bewegen. Quixot ſeufzete nach ſeiner Dulcinee, Sancho nach ſeinem Mantel, Roßinante hieb voll Ungeduld in die Erde; aber von Dir ſagt der Geſchichtſchreiber, daß Du gelaſſen unter Deinen Freunden geſtanden, und mitleidig die Ohren ge - ſchuͤttelt habeſt.
Bey dieſer Deiner Maͤßigkeit, Deiner geſelli - gen Freundſchaft, Deiner Gelaſſenheit; konnteſt Du wohl bey allen dieſen Tugenden des geringſten Neides faͤhig ſeyn? Nichts weniger! Dein Be - zeigen gegen die Eſel der Domherren von Toledoiſt15Zueignungsſchrift. iſt hievon der ſtaͤrkſte Beweis*B. 4. C. 43.. Dieſe Eſel, welche ſo fett und ſtark waren, wie die Eſel der Domherren natuͤrlicher weiſe ſeyn muͤſſen; wel - che ihr Futter bey der Faulheit ihrer hochwuͤrdi - gen Herren muͤßig verzehrten, da Du bey den muͤh - ſamſten Abentheuern immer Hunger leiden muß - teſt; dieſe Eſel, welche zur Ehre der Kirche praͤch - tig aufgeputzt waren, da Deine ganze Decke in einem ſchlechten Reutkuͤſſen beſtand; welche muthwillig um Dich herum ſcherzten, wie Eſel von Stande zu ſcherzen pflegen; welche Dich, als einen duͤrftigen Layeneſel, mit Verachtung anſa - hen; mit einem Worte, dieſe Eſel der Dom - herren waren mit aller ihrer Gluͤckſeligkeit doch nicht im Stande, nur einen Augenblick Tadel oder Neid bey Dir zu erregen. Wie viel Men - ſchen beſchaͤmeſt Du, genuͤgſamer Eſel, welche das Gluͤck der Großen und Reichen beneiden, und, da ſie zu ohnmaͤchtig ſind, es ihnen zu nehmen, ſich doch wenigſtens Muͤhe geben, die Welt durch Spoͤttereyen, oder durch Beſchul - digungen zu bereden, daß ſelbige dieſes Gluͤckes ganz unwuͤrdig waͤren.
Bey keinem von allen Abentheuern hat San - cho Panßa ſo unverwerfliche Proben ſeines groſ - ſen Geiſtes abgeleget, als bey Regierung der Jn - ſel Barataria**B. 7. C. 45.; aber eben dieſer Zeitpunkt iſt derjenige, welcher auch zugleich Deine tugendhaf - ten Vorzuͤge am meiſten in ein Licht geſetzet hat, das eine Reihe von ſpaͤten Jahrhunderten nichtverdun -16Zueignungsſchrift. verdunkeln kann. Du warſt der Bruder und vertrauteſte Freund des gluͤcklichen Sancho. Er wagte es nicht, ohne Dich zu regieren; man mußte Dich, mit koſtbarem Zeuge geſchmuͤckt, hin - ter ihm herfuͤhren, als er ſeinen praͤchtigen Ein - zug hielt*B. 7. C. 47.. Cid Hamet weis von Dir und dem Sancho bey dieſer Gelegenheit nichts ſchmeichel - hafters zu ſagen, als daß Sancho, welcher ein praͤchtig aufgezaͤumtes Maulthier ritt, ſich oft - mals umgeſehen, Dich, ſein getreues Thier, zu betrachten, und ſich vom Herzen uͤber den gluͤckli - chen Zuſtand zu freuen, in welchem er Dich er - blickte. Auch alsdenn warſt Du noch ſein liebſter, ſein vertrauter Eſel, da ihn die ganze Jnſel als ihren Statthalter anbetete. Waͤre Dir damals wohl etwas leichter geweſen, als das Vertrauen Deines Herrn zu Deinem und der Deinigen Vortheile, und zum Schaden Deiner Feinde zu misbrauchen? Beides haſt Du nicht gethan. Jn der ganzen Geſchichte finde ich dieſen Umſtand am merkwuͤrdigſten, daß waͤhrend der Statthal - terſchaft des Sancho Deiner nicht mit einem Worte gedacht wird. Der Leſer ſieht Dich bey dem praͤchtigen Einzuge zum letzten male, und bekoͤmmt Dich eher nicht wieder zu Geſichte, als in dem traurigen Augenblicke, da der weiſe San - cho von der Laſt der ungewohnten Herrſchaft er - muͤdet, den großmuͤthigen Schluß faßte, auf Dir, getreuem Eſel, der muͤhſeligen Pracht eines Regenten zu entfliehen. Jn ſeinem Gluͤcke gelaſſen zu ſeyn; ſich der Gewalt ſeiner maͤchtigenFreun -17Zueignungsſchrift. Freunde nicht zu misbrauchen; an ſeinen Fein - den ſich nicht zu raͤchen, wenn man Gelegenheit hat, es zu thun; fuͤr ſeine Vortheile am wenig - ſten zu ſorgen; eine ſo ſchnelle Veraͤnderung des Gluͤcks gelaſſen zu ertragen, ja ſo gar von dem wolluͤſtigen Ueberfluſſe des Hofs mit geſchwindern Schritten ſich zu entfernen, als man ſich demſel - ben genaht; das ſind Tugenden, welche Dioge - nes unter den Menſchen ſeiner Zeit vergebens ſuchte, und welche Cid Hamet bey dem Eſel des erleuchteten Panßa gefunden hat.
Vielleicht hatteſt Du dieſen jaͤhlingen Umſturz der Hoheit Deines Sancho voraus geſehen? Be - nengely geſteht Dir die Gabe, kuͤnftige Dinge vorher zu wiſſen, ausdruͤcklich zu*B. 5. C. 8.. Jch glaube, er hatte nicht noͤthig, Dir Wunder anzudichten. Deine Erfahrung, Deine Einſicht, und der taͤg - liche Umgang mit dem Sancho machten Dich vor - ſichtig, ohne Wahrſagerkunſt, und tugendhaft, ohne außerordentliche Wunder. Wie viele glei - ten bey dieſem wichtigen Schritte, welche vorſich - tig und erfahren genug zu ſeyn glauben! Aber ihr Herz iſt ſo tugendhaft nicht, als das Deine war: Und eben darum kann ſie weder Vorſicht noch Erfahrung ſchuͤtzen. Ohne dieſes tugend - hafte Herz muͤſſen ſie bey ihrem hohen Gluͤcke ſchwindlicht werden und niederſtuͤrzen, wenn ſie gleich, wie Du, die Gabe gehabt haͤtten, zukuͤnf - tige Dinge vorher zu ſehen.
BDa18Zueignungsſchrift.Da Adler wieder Adler zeugen; iſt es wohl Wunder, daß ein Theil Deiner guten Eigenſchaf - ten auch bis auf Deine ſpaͤten Nachkommen fort - gepflanzt worden iſt? Jch verſtehe darunter die Maͤßigkeit, die Gelaſſenheit, den Fleiß, und die natuͤrliche Abneigung von allem Hochmuthe. Lau - ter Tugenden, die man noch bis auf dieſe Stunde allen denen Eſeln in Mancha vorzuͤglich zugeſteht, welche die Ehre haben, in gerader Linie von Dir abzuſtammen. Ungeachtet ſie Dich zu ihrem An - herrn haben; ſo iſt doch nicht ein einziger unter ihnen, welcher zur Ungebuͤhr darauf ſtolz waͤre, oder durch Deine Verdienſte den Mangel eigner Verdienſte zu verbergen ſuchte, oder andere Eſel in dem Flecken verachtete, welche eben ſo lange Ohren, eben ſo breite Ruͤcken, und eben ſo ar - beitſame Knochen haben, aber freylich nicht von ſo gutem Hauſe, und nicht von ſo edler Geburt ſind, als ſie. Jm uͤbrigen wiſſen die Einwoh - ner zu Mancha dieſen Vorzug an ihnen billig zu ſchaͤtzen. Sie verehren den Namen des Sancho, und zugleich verehren ſie das Andenken ſeines Grauſchimmels noch bis auf dieſe Stunde ſo un - verbruͤchlich, daß ſie ſein Geſchlechtsregiſter mit eben der Sorgfalt fortfuͤhren, mit welcher die Roßtaͤuſcher von Gallicien die Stammbaͤume ih - rer edelſten Pferde glaubwuͤrdig erhalten.
Dieſes wird genug ſeyn koͤnnen, die Gruͤnde zu rechtfertigen, welche mich bewogen haben, Dir, theuerſter Eſel, gegenwaͤrtige Abhand - lungen von Spruͤchwoͤrtern zuzueignen. Jchhabe19Zueignungsſchrift. habe die Urſache angegeben, woher ich Dir ſo viel Verbindlichkeit ſchuldig bin; da Du in den Tagen des Don Qvixots einen ſo wichtigen Theil unſrer Familie ausgemacht, da Du als des Sancho Freund und treueſter Gefaͤhrte Gluͤck und Ungluͤck mit ihm ausgeſtanden haſt. Die wenigen Proben, die ich aus der Geſchichte von Deinen großen Eigenſchaften und bewaͤhrten Tugenden angefuͤhret habe, ſind, wo ich mich nicht ganz irre, unwider ſprechliche Beweiſe, daß Du wohl verdienſt, mein Maͤcenat zu ſeyn. O du Spiegel und Blume der vortrefflichſten Eſel! Wie ruͤhmlich iſt fuͤr mich, dieſe meine Wahl! Deine tiefe Weisheit, welche Du den lehrreichen Spruͤchwoͤrtern des Sancho zu danken haſt; Deine tugendhafte Maͤßigung und exem - plariſche Sittſamkeit, welche Dir ſo eigen, und bey uns Menſchen nicht allemal eine Folge der tiefen Weisheit iſt; Deine unverbruͤchliche Red - lichkeit gegen Deinen Herrn, und Deine Freunde uͤberhaupt; Deine ſtoiſche Gelaſſenheit bey allen Ungluͤcksfaͤllen, welche Dich und Deinen Herrn trafen; die ſeltne Tugend der Zufriedenheit, und die ſchwere Kunſt, das glaͤnzende Gluͤck andrer, die es weniger verdienen, und weniger anzuwen - den wiſſen, mit gelaßnen Augen, ohne misguͤnſtige Empfindungen, anzuſehen; die politiſche Vorſicht, ſich mit dem ungewiſſen Gluͤcke ſeines maͤchtigen Freundes nicht allzugenau zu verbinden, und die praktiſche Klugheit, ohne Eigennutz und ohne Haß des Volks der Vertraute eines gewaltigen Statthalters ſeyn zu koͤnnen; Alles dieſes ſindB 2Vor -20Zueignungsſchrift. Vorzuͤge, welche Du, tugendbelobter Eſel, vor allen Eſeln und vor vielen Maͤcenaten haſt!
Mit einem Worte: Der Fleiß iſt des Gluͤcks Vater; das Gluͤck dreht ſich geſchwinder herum, als ein Muͤhlrad; wer immer hart ſchlaͤft, liegt auch auf Steinen weich; ehrlich waͤhrt am laͤngſten; hoch macht ſchwindlicht; wer aufs Gold ſieht, dem vergeht das Geſichte; was hilft das Laufen, wenn man nicht auf dem Wege iſt; ſuͤße getrunken, wird oft ſauer bezahlt; auch aus einem kleinen Loche ſieht man den Himmel; wer ſich an einen guten Baum lehnt, hat guten Schatten; wer das Spiel nicht verſteht, ſoll die Karten nicht mengen; wer ſich ſelbſt zum Schafe macht, den freſſen zuletzt die Woͤlfe; wer die Augen bey ſich hat, ſtolpert nicht; der Teufel ſteht oft hinter dem Kreuze; guter Weg um, iſt keine Kruͤmme; eine goldne Decke macht den Eſel nicht zum Pferde; wer auf dem Eiſe tanzt, der ſtrauchelt; wer zu nahe an das Feuer tritt, verſaͤngt ſich den Rock; mancher traͤgt einen Sack, und heißt ſeinen Nach - bar einen Eſel ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ Aber Gott verſteht mich! ſagte Vater Panßa.
Jch kuͤſſe Ew. Eſeley den Huf.
Anton Panßa von Mancha.
Es iſt vor einigen Wochen eine Schrift an un - ſern Verleger geſendet worden, welche den Titel fuͤhrt: Antons Panßa von Man - cha Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern, wie ſolche zu verſtehn und zu gebrauchen ſind; dem Verfaſſer zum Beſten, und dem Leſer zur Erbauung, ans Licht geſtellt.
Jn einem weitlaͤuftigen Schreiben erklaͤrt der Verfaſſer ſeine Abſichten und die Einrichtung des Werks ſelbſt. Es iſt dieſes Schreiben voͤllig in der Sprache abgefaßt, welche den Stolz eines ver - armten Spaniers, und die Demuth eines ver - laſſenen Autors verraͤth. Der letzte Umſtand geht unſern Verleger an, und wir uͤberlaſſen es ihm, wie er ſich mit ihm vereinigen will. Die Erzaͤhlun - gen, die er von ſeinen Voraͤltern und von ſeinen eig - nen Umſtaͤnden einſtreut, verdienen angemerkt zuB 4wer -24Antons Panßa von Manchawerden. Es ſind nuͤtzliche Anecdoten zur Lebensbe - ſchreibung des unſterblichen Don Qvixots, die wir noch zur Zeit in keiner von allen Auflagen gefun - den haben. Der Verfaſſer erzaͤhlt uns, daß der beruͤhmte Stallmeiſter Sancho Panßa von Man - cha ſein Uraͤltervater geweſen ſey. Da er nach dem Tode ſeines Ritters der witzigſte und weiſeſte Kopf in ganz Mancha geweſen: ſo habe er ſich durch eben dieſen Witz und ſeine weiſen Spruͤch - woͤrter viel Feinde gemacht. Er habe geglaubt, den Barbier, und den Geiſtlichen des Orts uͤber - ſehn zu koͤnnen, und deßwegen habe er ſich lieber in der Geſellſchaft ſeines Eſels und ſeiner uͤbrigen Familie eingeſchloſſen, als daß er mit jenen die alte Freundſchaft haͤtte fortſetzen ſollen. Dieſes ſey der Grund zu ſeinem Ungluͤcke geweſen. Der Geiſtliche habe unter die Leute gebracht, daß Herr Sancho kein alter Chriſt ſey, und kein Schwein - fleiſch eſſe. Die Jnquiſition ſey aufmerkſam ge - macht worden, und habe ihn zum Feuer verdammt, weil ſie gefunden, daß er vernuͤnftiger gedacht und weiſer geſprochen, als die alten Chriſten ihres Landes damals zu denken und zu reden gewohnt geweſen. Der rechtſchaffene Sancho ſey alſo wirklich verbrannt, und der erſte Maͤrtyrer der Spruͤchwoͤrter geworden. Dieſes Ungluͤck habe ſeine ganze Familie zerſtreut. Des Herrn Ver - faſſers Aeltervater, welcher ſich durch ſeine hohen Gemuͤthsgaben, ſchon bis zur Wuͤrde des unter - ſten Schulzens im Flecken Mancha empor ge - ſchwungen gehabt, habe ſich entſchloſſen, lieber ſei -nem25Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. nem Vaterlande, als ſeinem angebornen Verſtan - de zu entſagen. Er ſey mit ſeinem reichen Vor - rathe von Spruͤchwoͤrtern nach Liſſabon gefluͤchtet. Aber auch bis dahin habe ihn der heilige Haß des Geiſtlichen von Mancha verfolgt; und nur durch ein Wunder ſey er den Haͤnden der Jnquiſition entronnen und in die Niederlande gekommen, wo er ſein Leben witzig und kuͤmmerlich zugebracht, und eine zahlreiche Familie hinterlaſſen. Hier giebt der Herr Verfaſſer noch viele Nachrichten von ſeiner Familie an, die aber vielleicht nur ihm wichtig ſind. Wir koͤnnen mit ſeiner Erlaubniß nicht unerinnert laſſen, daß er bey dieſer Gelegen - heit den Stolz ſeines Vaterlandes ein wenig zu ſehr verraͤth. Er will behaupten, daß die Nie - derlaͤnder ihren meiſten Witz ſeiner Familie zu danken haͤtten. Ja er treibt dieſe laͤcherliche Ein - bildung ſo hoch, daß er glaubt, verſchiedene ihrer groͤßten Kunſtrichter haͤtten die Geſchicklichkeit, andere mit ihren lateiniſchen Wahrheiten zu betaͤu - ben, bloß der Erfindung ſeines Uraͤltervaters zu danken; als dieſer, wiewohl mit ungluͤcklichem Er - folge, die Kunſt gelehrt, zu ſchreyen, wie ein Eſel*S. Don Quixote 6 Buch 25 Cap..
Die Umſtaͤnde, welche der Herr Verfaſſer end - lich von ſeinem eignen Leben beygefuͤgt, koͤnnen uns auch gleichguͤltig ſeyn. Nur dieſes verdient angemerkt zu werden, daß er ſich zu J ... einem Staͤdtchen in Weſtphalen, aufhaͤlt, und bey einer maͤßigen Einnahme ſo lange ruhig leben und Buͤcher ſchreiben will, bis er ſeine Verbeſſerung findet.
B 5Die26Antons Panßa von ManchaDie drey letzten Seiten ſeines Schreibens be - ſtehn in den gewoͤhnlichen Autorcomplimenten, wo man durch eine edle Gleichguͤltigkeit und Verach - tung aller gewinnſuͤchtigen Vortheile, die Groß - muth des Verlegers zu reizen ſucht. Das ganze Werk moͤchte ungefaͤhr ein halbes Alphabet aus - machen. Die Spruͤchwoͤrter, die der Herr Ver - faſſer ausgefuͤhrt hat, ſind dieſe: Wem Gott ein Amt giebt, dem giebt er auch den Verſtand. Jung gewohnt, alt gethan. Gut macht Muth. Ehrlich waͤhrt am laͤngſten. Kleider machen Leute. Gedanken ſind zollfrey. Die Ehen werden im Himmel geſchloſſen. Alte Liebe roſtet nicht. Ein Quentchen Mutterwitz iſt beſſer, als ein Centner Schulwitz. Friſch ge - wagt, iſt halb gewonnen; und andre mehr.
Der Verleger zweifelt, daß dieſes Buch Bey - fall finden werde, da man es außerhalb Weſtpha - len ſchwerlich verſtehen, am wenigſten aber das Feine davon einſehen koͤnne. Er will daher nur eine Probe davon liefern, und die beiden Artikel: Wem Gott ein Amt giebt, dem giebt er auch den Verſtand; und Kleider machen Leute, als einen Verſuch abdrucken laſſen. Von der Auf - nahme dieſes Auszugs wird das Schickſal des gan - zen Werks abhaͤngen. Sollte dieſer, wider Ver - muthen Beyfall finden: ſo iſt er entſchloſſen, dieſe Abhandlung einer Sammlung andrer ſolcher Schriften vordrucken zu laſſen.
Wenn irgends ein Spruͤchwort iſt, deſſen Wahrheit durch die taͤgliche Erfahrung be - ſtaͤtigt wird: ſo iſt es dieſes, wenn man ſagt: Wem Gott ein Amt giebt, dem giebt er auch den Verſtand. Da ich Gelegenheit gehabt habe, die Verfaſſung meines Vaterlandes ſehr genau kennen zu lernen: ſo getraue ich mir ſehr wohl zu behaupten, daß wenigſtens zwey Drittheile meiner Mitbuͤrger ihren Verſtand nicht eher erlangt ha - ben, als bis ſie das Amt bekommen; und kaum ein Drittheil iſt, ich weis nicht durch was fuͤr einen Zufall, vor der Erlangung des Amts mit Ver - ſtande begabt geweſen. Jch ſage mit gutem Vor - bedachte: Kaum ein Drittheil. Denn ich muß noch fuͤr diejenigen ein wenig Platz laſſen, welche die Ausnahme von dem Spruͤchworte machen, und das Amt zwar ſeit langer Zeit, noch bis dieſe Stun - de aber nicht den geringſten Verſtand haben.
Jch finde von unſerm Spruͤchworte verſchie - dene Lesarten. Ein ſehr altes Manuſcript, wel - ches, wie ich aus verſchiedenen Umſtaͤnden vermu - the, zu Heinrich des Voglers Zeiten geſchrieben worden, lieſt ausdruͤcklich: Wem Gott ein Amt giebt, dem giebt er Verſtand; und dieſer Les - art habe ich mich bedienet. Die meiſten der neuernSchrift -28Antons Panßa von ManchaSchriftſteller ſagen hingegen nur: Wem er ein Amt giebt ꝛc. Beide Lesarten haben ihren gu - ten Grund, und beide ſind in ihrer Art merkwuͤr - dig. Jn den damaligen rohen und unaufgeklaͤr - ten Zeiten war es noch hier und da Mode, daß Gott die Aemter gab, und daher laͤßt ſich die Art zu reden, wem Gott ein Amt giebt, noch wohl entſchuldigen. Jtzt braucht man dieſe Weitlaͤuf - tigkeit nicht mehr; und man hat Mittel gefun - den, die Aemter zu erlangen, ohne daß man noͤ - thig hat, Gott mit der Austheilung derſelben be - ſchwerlich zu fallen. Dieſes mag auch Gelegen - heit gegeben haben, das alte Spruͤchwort einiger maßen zu aͤndern. Jnzwiſchen muß ich doch zum Ruhme unſerer Zeiten erinnern, daß man wieder anfaͤngt, die alte Lesart hervor zu ſuchen, und aus einer andaͤchtigen Hoͤflichkeit ſo zu thun, als habe man das Amt von Gott, ob man ſich gleich in Acht nimmt, derer uͤber rechtsverwaͤhrte Zeit wohl - erlangten Gerechtſamen ſich zu begeben, und das Amt von Gott zu erwarten, da man es naͤher ha - ben kann. Jch freue mich, ſo oft ich iemanden alſo reden hoͤre, von dem ich ſonſt ſehr wohl weis, daß ihn die goͤttliche Fuͤgung am wenigſten beun - ruhiget. Es iſt dieſes ein Zeugniß, daß die Reli - gion bey uns noch nicht ganz abgekommen iſt. Man darf mir nicht einwenden, daß dieſe Art von Gott zu reden nur ein Ehrenwort ſey. Jch glaube es ſelbſt; aber das thut nichts. Es iſt dieſes im - mer noch eben ſo ruͤhmlich, als es einem gebornen Roͤmer iſt, der ſich vor dem Segen des heiligenVa -29Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. Vaters niederwirft, und in ſeinem Herzen uͤber ihn lacht.
Dieſes hat mich bewogen, das Spruͤchwort nach ſeiner alten Lesart beyzubehalten, und ich habe mich deutlich genug daruͤber erklaͤret, ohne zu beſorgen, daß mich diejenigen, welche ſtaͤrker denken, als der fromme Poͤbel, fuͤr einen Quaͤ - ker halten werden.
Jch nehme es alſo fuͤr bekannt an, daß Gott das Amt giebt. Es hebt dieſer Satz dasjenige gar nicht auf, was man aus der Erfahrung dar - wider einwenden moͤchte. Recht wahrſcheinlich iſt es freylich nicht; aber ein guter Ausleger weis alles zuſammen zu reimen.
Jch halte mich in einem ſehr kleinen Staͤdt - chen auf, und doch iſt es noch immer groß genug, meinen Satz zu behaupten. Außer dem Nacht - waͤchter weis ich niemanden, welcher auf eine er - laubte Weiſe zu ſeinem Amte gekommen waͤre. Er wuͤrde, als ein alter wohlverdienter und ab - gedankter Soldat haben verhungern muͤſſen: (denn dieſes iſt immer die gewiſſe Belohnung de - rer, welche ſich fuͤr das Vaterland verſtuͤmmeln laſſen:) wenn er nicht zu dieſem wichtigen Poſten zu eben der Zeit erhoben worden waͤre, als die Buͤrgerſchaft ſo weit gebracht war, daß ſie ihn als einen Hausarmen ernaͤhren ſollte. Man machte ihn ohne ſein Anſuchen zum Nachtwaͤchter, und ſein Beruf muß wohl rechtmaͤßig ſeyn, weil er den Amtmann nicht beſtochen hat, und von keinemRaths -30Antons Panßa von ManchaRathsherrn ein Vetter iſt. Dieſes iſt der einzige Mann in der Stadt, der ſein Amt auf eine billige Art erlangt hat, und im Vorbeygehen muß ich auch erinnern, daß er zugleich der einzige in un - ſerm Orte iſt, welcher den Verſtand eher hatte, als das Amt.
Mit den Uebrigen iſt es ganz anders beſchaffen. Der Stadtſchreiber hatte, als Advocat, das Un - gluͤck, daß er wegen ſeiner Geſchicklichkeit, die verſchiedene Obere aus Unverſtand Betruͤgerey nannten, in die Jnquiſition kommen ſollte. Sei - ne Sache war ſo beſchaffen, daß er nach dem Ei - genſinne altvaͤteriſcher Rechte gewiß den Staupbe - ſen wuͤrde bekommen haben; aber ein Edler Wohl - weiſer Rath ſahe die unvermeidliche Folge davon ein. Der groͤßte Theil von ihnen ſtund in einer ſo genauen Verbindung mit ihm, daß ſie gewiß an ſeinem Staupbeſen haͤtten Antheil nehmen, und des regierenden Herrn Buͤrgermeiſters Hochedlen am Galgen erſticken muͤſſen, wenn man dieſen wackern Mann nicht den Haͤnden der blinden Ge - rechtigkeit entriſſen haͤtte. Man uͤberlegte mit der Frau Amtmanninn die Sache genau, und eine Kleinigkeit von etlichen Ellen brabanter Spitzen legte ſeine Unſchuld dergeſtalt an den Tag, daß er ſich mit Ehren von ſeinem Handel befreyt ſah. Der Frau Buͤrgermeiſterinn war der Hals ihres theuren Gemahls ſo lieb, daß ſie vor Freuden nicht eher ruhte, bis dieſem angefochtnen Manne die Gerechtigkeit der Stadt, und das Wohl dergan -31Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. ganzen Buͤrgerſchaft anvertraut, und er ungeſaͤumt zum Stadtſchreiber erwaͤhlt wurde. Ein jeder ſeiner Vorgeſetzten glaubte, er ſey dieſen Dienſt ſich ſelbſt ſchuldig, weil ein jeder wuͤnſchte, daß man ſich bey dergleichen beſorglichen Faͤllen auf gleiche Weiſe ſeiner annehmen moͤchte.
Wie der Amtmann zu ſeinem Dienſte gelangt iſt, das weis die ganze Stadt. Er hatte durch ſeine patriotiſchen Bemuͤhungen es ſo weit gebracht, daß ganze Doͤrfer wuͤſte, und eine anſehnliche Men - ge nichtswuͤrdiger Bauern mit Weib und Kind Bettler geworden waren. Die Beute, die er da - bey gemacht, ſetzte ihn in den Stand, unverſchaͤm - ter zu ſeyn, als ſein Vorfahr, welcher einfaͤltig genug war, ſich einzubilden, daß man es mit dem Landsherrn nicht redlich meynen koͤnne, wenn man es nicht zugleich mit den Unterthanen redlich meyne. Er ſtuͤrzte dieſen gewiſſenhaften Tropf, und be - maͤchtigte ſich ſeines Amts auf eine Art, welche zu gewoͤhnlich iſt, als daß man ſie tadeln ſollte.
Es ſind nicht mehr als zween Prieſter in un - ſrer Stadt. Der oberſte davon waͤre vielleicht noch itzt Candidat, wenn er nicht die Geſchicklich - keit beſeſſen haͤtte, alle diejenigen zu verkleinern, und ihre Lebensart verdaͤchtig zu machen, welche mit ihm um ein geiſtliches Amt anſuchten. Er meynte es aber mit ſeiner chriſtlichen Gemeine ſo gut, daß er ſich den Capellan zu ſeinem Collegen ſelbſt auserſah, und ihm dazu befoͤrderlich war, weil die natuͤrliche Dummheit dieſes lieben Man -nes32Antons Panßa von Manchanes ihm vortheilhaft zu ſeyn ſchien, und weil er das Herz hatte, des Herrn Paſtors Jungfer Muh - me zu heirathen, welcher ſehr viel daran lag, einen dummen Ehmann zu haben.
So gar bis auf den Kuͤſter erſtreckt ſich in meinem Staͤdtchen dieſe Art des Berufs. Denn weil er in der ganzen Gegend den beſten Brandt - wein brennt: ſo hat es der Kirchenvorſteher fuͤr billig gehalten, ihm das Kuͤſteramt, und die Un - terweiſung der Jugend anzuvertrauen.
Dieſe wenigen Exempel beweiſen ſchon genug, wie wunderbar oftmals die Wege ſind, zu einem Amte zu gelangen. Dieſe Ausſchweifung wuͤrde uͤberfluͤßig ſeyn, wofern ich nicht verſichern koͤnnte, daß der Stadtſchreiber, der Amtmann und die Geiſtlichen in Geſellſchaften niemals von ihrem Amte reden, ohne Gott mit darein zu mengen, der es ihnen gegeben haben ſoll.
Diejenigen, welche ſich dieſes Spruͤchworts: Wem Gott das Amt giebt, dem giebt er auch den Verſtand: auf eine ſo bequeme Art zu bedienen wiſſen, ſind als ein uͤberzeugender Beweis wider diejenigen Laͤſterer anzufuͤhren, welche uns vor - werfen, daß in unſern Zeiten das Zutrauen auf die goͤttliche Vorſorge nur gar zu matt geworden, und faſt gaͤnzlich abgekommen ſey. Jch freue mich, daß ich hier eine Gelegenheit finde, das Chriſten - thum meiner Landsleute zu vertheidigen, und ich erwarte dafuͤr alle Erkenntlichkeit. Denn ichnehme33Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. nehme eine Sache uͤber mich, bey der auch der beſte Advocat verzweifeln wuͤrde.
Jch finde beſonders dreyerley Gattungen Leute, welche dieſes ſagen. Es ſind entweder diejenigen, durch welche, nach ihrer Sprache zu reden, Gott die Aemter austheilt, oder es ſind die ſelbſt, wel - che die Aemter bekommen, oder es ſind endlich die, welche als Zuſchauer uͤber die wunderbare Fuͤh - rung und Beſetzung der Aemter erſtaunen. Die letzten fuͤhlen dabey in ihrem Herzen den freudigen Troſt, daß Gott, welcher nach ihrer Meynung ſo vielen Narren Aemter giebt, auch ſie nicht unver - ſorgt laſſen, und wenn ſie verſorgt ſind, auch ſie alsdann mit dem noͤthigen Verſtande ausruͤſten wird, den ſie nicht haben, und den ſie ohne ein Wunderwerk auch nicht zu erlangen hoffen.
Dieſe Betrachtungen zeugen von ihrer De - muth, und ſie beſchaͤmen dadurch eine unzaͤhlige Menge Leute, welche doppelt ungluͤcklich ſind, da ſie keinen Verſtand haben, und ihn doch nicht vermiſſen.
Noch weit ſtaͤrker aber iſt das Vertrauen zur goͤttlichen Vorſorge bey denenjenigen, welche die Pflicht auf ſich haben, die Aemter zu beſetzen. Bey verſchiednen von ihnen wuͤrde ihr Betragen unſinnig ſeyn; man wuͤrde ſie fuͤr Betruͤger, fuͤr heimliche Verraͤther ihres eigenen Vaterlandes, fuͤr die gefaͤhrlichſten Boͤſewichter halten, wenn man ſieht, wie unbedachtſam ſie bey der BeſetzungCder34Antons Panßa von Manchader Aemter verfahren. Aber man darf nur den - ken, daß ſie uͤberzeugt ſind: Wem Gott das Amt giebt, dem giebt er auch den Verſtand: ſo iſt die - ſer Widerſpruch gehoben. Sie koͤnnen dieſes mit einer deſto gewiſſern Zuverſicht hoffen, da ſie an ihren eigenen Perſonen ein ſo erſtaunendes Wun - der erfahren, und nach dem glaubwuͤrdigen Zeug - niſſe aller ihrer demuͤthigen Clienten gegenwaͤrtig die verſtaͤndigſten Maͤnner, die weiſeſten Vaͤter der Stadt ſind, ungeachtet ſie vor der Erlangung ihres Amts die unverſtaͤndigſten Narren waren. Dieſe wichtige Erfahrung wirket in ihnen eine wahre Freudigkeit, ſo oft ſie ein Amt beſetzen muͤſſen.
Jch weis nicht, ob irgend ein Amt wichtiger iſt, als das Amt eines Seelſorgers. Die uͤble Beſetzung eines ſolchen Amtes kann eine ganze Ge - meine ungluͤcklich machen, und das Verderben von mehr als einer Nachkommenſchaft nach ſich ziehen. Wenigſtens wuͤrde ich ſehr unruhig ſeyn, wenn ich fuͤr die Beſetzung eines ſolchen Amtes ſorgen ſollte. Aber wie gluͤcklich ſind nicht diejenigen, welche ſich darauf verlaſſen, daß der Verſtand ſich ſchon mit dem Amte finden werde!
Jch habe vor wenigen Tagen das Schickſal gehabt, einer Prieſterwahl auf dem Lande beyzu - wohnen. Der Kirchenpatron hatte in kurzer Zeit das Ungluͤck erfahren, daß ihm ſein Pfarrer, und bald darauf, welches noch weit wichtiger war, ſein Schaͤfer geſtorben war. Einen guten Schaͤferzu35Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. zu finden, welcher das Vieh ſorgfaͤltig wartete, die Kunſt verſtuͤnde, die Krankheiten zu heilen, und welcher bey ſeinem Amte ehrlich waͤre; dieſen ausfindig zu machen, war freylich eine ſchwere Sache, die alle moͤgliche Behutſamkeit erfoderte. Denn, wenn eine Schaͤferey durch Verwahrloſung ausſtirbt: ſo iſt dieſes manchem Gerichtsherrn weit empfindlicher, als wenn durch ein unexem - plariſches Leben, oder durch Unachtſamkeit des Pfarrherrns die Haͤlfte der Bauern zum Teufel faͤhrt. Und, oͤkonomiſch davon zu urtheilen, hat der Gerichtsherr Recht.
Jch kam eben zu der Zeit an, als mein Land - edelmann einen geſchickten Schaͤfer ausfindig ge - macht, und in ſeine Dienſte genommen hatte. Er erzaͤhlte mir dieſes mit Freuden, und that dabey viel gute Wuͤnſche fuͤr ſeine Schaͤferey. Morgen, fuhr er fort, morgen muͤſſen ſie noch bey mir blei - ben, mein neuer Pfarrer thut die Anzugspredigt, und wir wollen tauſend Spaß mit ihm haben. Da ich ein Buͤrger bin, der die Art zu leben noch nicht recht weis, und da mir die Einfalt meines Uraͤltervaters immer noch anhaͤngt: ſo kann ich nicht laͤugnen, ich erſchrak ungemein uͤber die edle Gleichguͤltigkeit meines Wirths. Jch erwartete den folgenden Tag mit Ungeduld; ich kam in die Kirche, und erſtaunte, als ich einen großen ſchwarz - gekleideten Koͤrper auf die Kanzel ſteigen ſah. Sein Gang, ſeine Mine, ſeine Bewegung mit den Haͤnden, ſeine Sprache ſelbſt war ſo poͤbel -C 2maͤßig,36Antons Panßa von Manchamaͤßig, daß ich den Kirchenpatron im Verdacht hielt, er habe aus einem leichtſinnigen Scherze ſei - nen Reitknecht verkleidet, und der Gemeine vor - geſtellt. Jch ſagte ihm meinen Zweifel. Allein er lachte mit ſolcher Heftigkeit uͤber mich, daß ihm der Bauch ſchuͤtterte. Mein Reitknecht? ſagte er endlich. Zerreiß mich der Teufel, wenn es nicht mein Jnformator iſt! Er iſt Magiſter und nicht ungeſchickt. Er will noch heuer ein Geſangbuch fuͤr mein Dorf zuſammen drucken laſſen, und es mei - ner Gemahlinn zueignen. Es iſt ein guter Narr; ich wollte Holz auf ihm hacken. Ein vortreffli - cher Charakter, dachte ich bey mir ſelbſt, und ſchwieg ganz beſchaͤmt ſtill. Jch hoͤrte ihm zu, weil ich ſonſt nichts zu hoͤren hatte, und hielt bey ſeinem albernen Gewaͤſche eine Stunde lang ge - duldig aus. Jch getraue mir indeſſen ohne Ei - genruhm zu behaupten, daß dasjenige, was mein lieber Uraͤltervater, Sancho Panßa, mit ſeinem Eſel geredet hat, weit vernuͤnftiger geweſen iſt, als dieſes neuen Seelſorgers heilige Rede an ſeine Gemeine war. Wir eilten aus der Kirche aufs Schloß. So gleich ſtellte ſich unſer Seelenhirt auch ein, und das erſte Compliment, das ihm der gnaͤdige Herr zum Gluͤckwunſche bey dem Ein - tritte in die Stube machte, war, daß er ſagte: Komm er, komm er, Herr Magiſter, trink er das Glas Brandtwein, es iſt ihm ſauer gewor - den; aber er hat auch, der Teufel hole mich! ge - predigt wie ein Superintendent. Nur das ver - fluchte Schmaͤlen gewoͤhne er ſich ab, das leideich37Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. ich mein Seele nicht; und wenn er einmal auf mich ſchmaͤlt: ſo ſoll mich der Donner erſchlagen, wenn ich ihn nicht uͤber die Kanzel herunter wer - fen laſſe, daß er die Beine in die Hoͤhe kehrt. Da! trink er! Und darauf trank der theure Kir - chenvater laͤchelnd auf einen Zug ein großes Glas aus. Wir ſetzten uns zu Tiſche; ich war dem ungeachtet ganz kleinmuͤthig, und ſahe die armen Bauern als eine verrathene Heerde an. Jch aß wenig. Weis er denn, Herr Magiſter, ſagte der Edelmann, wofuͤr ihn Herr Panßa angeſehen hat? Fuͤr meinen Reitknecht! Das wundert mich nicht, rief der ſchon halb trunkne Pfarrer aus. Die Diener des Herrn ſind den rohen Weltkindern im - mer ein Anſtoß, und Herr Panßa hat noch ketze - riſch Blut in ſeinen Adern. Waͤre er, wie ſeine Aeltern, verbrannt worden: ſo haͤtte unſere Reli - gion auch einen Veraͤchter weniger. Jch ent - faͤrbte mich uͤber dieſen Unſinn, und war eben im Begriffe, ihm nach ſeiner Narrheit zu ant - worten, als unſer Wirth merkte, daß ſich dieſer Auftritt mit Verdruß endigen wuͤrde. Er unter - brach mich mit einem Deckelglaſe, und brachte es ſeinem Pfarrer auf die Geſundheit aller huͤbſchen Maͤdchen zu, welcher redlich Beſcheid that; und auf dieſe Weiſe ward bis gegen den Abend fortge - fahren. Jhro Wohlehrwuͤrden hatten das Ver - gnuͤgen, zu ſehen, daß Jhro Gnaden nebſt dem Gerichtsverwalter trunken unter den Tiſch ſan - ken, ohne daß er ſelbſt auf eine merkliche Art un - vernuͤnftiger geworden waͤre, als er ſchon vorC 3Tiſche38Antons Panßa von ManchaTiſche war. Jch ſchlich mich fort, weil ich merkte, daß er einen Religionsſtreit mit mir anfangen wollte. Am folgenden Morgen fragte mich der Gerichtsherr, was ich nun eigentlich von ſeinem Pfarrer hielte? Jch halte ihn, ſagte ich, fuͤr einen Mann ohne Verſtand, ohne ‒ ‒ ‒ Ach, ſagte er, was Verſtand! Wem Gott ein Amt giebt, dem giebt er auch Verſtand! Er iſt mein Jnformator geweſen, ich habe ihm die Pfarre ſchon lange ver - ſprochen, und um deßwillen hat er meine Kinder fuͤr ein Spottgeld unterrichtet. Was ich ver - ſpreche, das halte ich als ein Cavalier. Der Kerl wird ſchon werden. Saufen kann er, wie ein Teufel! Hier verſtummte ich auf einmal. Jch ſahe, daß der Herr das Wohl und die Unterwei - ſung ſeiner Kinder nicht fuͤr ſo wichtig gehalten; als die Erſparung einiger Thaler Geld; ich ſchloß, daß er es mit ſeinen Bauern nicht ſo boshaft, als ich anfangs geglaubt, meynen muͤßte, weil er ih - nen einen Mann zum Lehrer gab, dem er ſeine eigenen Kinder anvertraut hatte; daß er noch im - mer glaubte, Gott habe dieſes Amt ſeinem Pfar - rer gegeben; und daß er gewiß hoffte, er werde den Verſtand, der ihm fehlte, ſchon zu rechter Zeit aus der Hand des Herrn empfangen.
Jch habe mich bey der Erzaͤhlung dieſes Aben - theuers laͤnger aufgehalten, als ich Willens ge - weſen, und als es vielleicht einigen meiner Leſer lieb ſeyn wird, welche von der Ehrwuͤrdigkeit des geiſtlichen Standes eben ſo orthodoxe Begriffe haben, als der neue Pfarrer. Aber es ſchien mirum39Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. um deſto noͤthiger, hievon etwas umſtaͤndlicher zu reden, je leichter es nunmehr zu begreifen ſeyn wird, wie es komme, daß man bey der Beſetzung andrer Aemter, welche nicht die Seele, ſondern nur den Leib, oder den Beutel der Unterthanen betreffen, ſo ſorglos ſeyn, und nach allen eher, als nach dem Verſtande und der Geſchicklichkeit des Candidaten, fragen kann. Alle Staͤnde ſind voll von Beweiſen meines Satzes. Jch habe nicht den Vorſatz, mein itztlebendes Vaterland zu ſchreiben, ſonſt wuͤrde ich mit leichter Muͤhe noch hundert Exempel anfuͤhren koͤnnen.
Es iſt noch uͤbrig, daß ich von der zwoten Gattung der Menſchen ein paar Worte ſage, de - nen unſer Spruͤchwort bey allen moͤglichen Faͤllen zum kraͤftigen Troſte gereichet. Es ſind dieſes diejenigen, welche Aemter ſuchen. Sie ſind ſo vorſichtig, daß ſie keine muͤhſame Unterſuchung an - ſtellen, ob ſie auch den noͤthigen Verſtand haben, der zu den Aemtern erfodert wird. Eine ſolche Unterſuchung verriethe ein Mistrauen, welches ih - rer maͤnnlichen und geſetzten Religion zuwider, dem geliebten Vaterlande aber ſehr ſchaͤdlich waͤre. Denn dem Vaterlande liegt ſehr viel daran, daß dieſe Herren Aemter kriegen; und wenn ſie ſich nicht eher darum bewerben ſollten, als bis ſie von ihrem Verſtande und ihrer Faͤhigkeit innerlich uͤberzeugt waͤren, ſo wuͤrde, ungeachtet unſers ſehr bevoͤlkerten Landes, eine große Menge Aem - ter unbeſetzt bleiben muͤſſen. Und was waͤre dem Vaterlande wohl nachtheiliger, als dieſes? SieC 4aͤngſti -40Antons Panßa von Manchaaͤngſtigen ſich daher gar nicht mit dergleichen kin - diſchen und unpatriotiſchen Fragen: Wo werden wir den Verſtand hernehmen? Der dem Vieh ſein Futter giebt, der wird auch fuͤr ihren Ver - ſtand ſorgen; und ſie genießen bey dieſer nahrhaf - ten Gemuͤthsruhe eben diejenige wahre Gluͤckſe - ligkeit, die ein Maſtſchwein hat, welches um Weih - nachten feiſt iſt, ohne daß es den Sommer uͤber fuͤr ſeine Maſtung geſorgt hat. Wenn ich drey Candidaten beyſammen ſtehen ſehe, ſo kann ich, ohne die Liebe des Naͤchſten zu beleidigen, gewiß glauben, daß zween davon keinen Verſtand ha - ben, und bey dem dritten iſt es noch vielmals un - gewiß. Unſre Aeltern ſind gemeiniglich gegen die Vorſorge des Himmels ſo erkenntlich, daß ſie bey der Erziehung ihrer Kinder nicht den geringſten Vorwitz bezeigen, wenn es auf die Frage ankoͤmmt, ob ihre Kinder auch Gelegenheit haben, ihren Verſtand ſo zu bilden, daß er dereinſt zur Ueber - nehmung eines Amtes, und zu deſſen wuͤrdiger Bekleidung faͤhig iſt. Es waͤre dieſes unverant - wortlich. Jhre Vaͤter dachten eben ſo, und den - noch haben Kinder dieſer Vaͤter Aemter bekom - men, ohne daß jemand die unbeſcheidne Frage aufzuwerfen das Herz gehabt, ob ſie auch Ver - ſtand genug beſaͤßen. Solche Kleinigkeiten geben ſich von ſich ſelbſt. Sie haben nunmehr Ver - ſtand genug, und ſie haben zu viel Verſtand, als daß ſie in dieſem Falle wegen ihrer eignen Kinder bekuͤmmert ſeyn ſollten. Ja ſie machen ſich ein Gewiſſen daraus, und ſie ſind deswegen zu lo -ben.41Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. ben. Es iſt unverantwortlich, die Natur in ih - rem Laufe zu ſtoͤren, oder in ihrem Werke zu mei - ſtern. Sie haben wohlgeſtalte Kinder gezeugt, und die wenigſten male war es ihre Abſicht, ſie zu zeugen. Die Natur hat ſie ohne ihre Vorſorge ſo wohlgeſtalt hervor gebracht. Und da der Koͤr - per das Vornehmſte an den Menſchen, wenig - ſtens heut zu Tage, iſt, ſo uͤberlaſſen ſie auch der guͤtigen Natur lediglich die Bildung des Verſtan - des, als eines ſehr zufaͤlligen, und nicht unentbehr - lichen Theils des Menſchen. Jch kenne den Sohn eines vornehmen Officiers. Er iſt noch in ſeiner zarten Kindheit von achtzehen Jahren; deßwegen hat der gnaͤdige Papa noch nicht ſo grauſam ſeyn, und ihn der Aufſicht der Franzoͤſinn entreißen wol - len, welche ihn noch alle Morgen anziehen und waſchen muß. Er iſt ein vortrefflicher Kenner von der Naͤtherey, und verſteht die Schattirung der bunten Nath beſſer, als irgend ein Sohn ei - nes Officiers. Der Koch iſt ein Sudler gegen ihn. Er weis alle Gerichte zu beurtheilen, er kocht ſelbſt die ſchmackhafteſten Speiſen, und un - ter der ganzen Armee iſt niemand, der die Paſte - ten ſo leckerhaft backen kann, als dieſer junge Herr. Waͤre er der Sohn eines Unterofficiers, oder elenden Gemeinen: ſo wuͤrde man ihn, nach der Gewohnheit des buͤrgerlichen Poͤbels, zu einer Kenntniß des Chriſtenthums, der noͤthigſten Wiſ - ſenſchaften, und der Welt angefuͤhrt, und durch beſtaͤndige Arbeit zu ſeinen kuͤnftigen Dienſten ab - gehaͤrtet haben. Aber ſo niedertraͤchtig erzieht manC 5den42Antons Panßa von Manchaden Sohn eines großen Officiers nicht. Aus Liebe zum Vaterlande ſchont man dieſen theuern Koͤrper; zu ſeiner Gemuͤthsergetzung laͤßt man ihn kochen, naͤhen und ſticken. Er iſt ein junger feuriger Herr, welchen man nicht zu fruͤh anſtrengen muß, wenn es ihm nicht gehen ſoll, wie den jungen hitzigen Ochſen, welche ſich leicht verruͤcken, wenn man ſie zu jung ein - ſpannt. Seine gnaͤdige Mama hat mit einem muͤt - terlichen Vergnuͤgen zugeſehn, mit was fuͤr einer ed - len Unverſchaͤmtheit er nur ohnlaͤngſt dem Kammer - maͤdchen in den Buſen griff, und ſie iſt vor Lachen bald außer ſich gekommen, als ihr die alte Franzoͤſinn, bey der dieſer zarte hoffnungsvolle Knabe beſtaͤn - dig aus billiger Vorſorge im Bette liegen mußte, vor etlichen Wochen klagte, daß er ſie des Nachts nicht mehr ruhig ſchlafen ließ. Der loſe Schelm! ſagte die zaͤrtliche Mutter, und nunmehr glaubte ſie, daß es Zeit waͤre, ihn in die Welt zu laſſen. Sie uͤberlegte die Sache mit ihrem Gemahle. Man kaufte ihm eine Compagnie, und bey der er - ſten Gelegenheit wird dieſer allerliebſte Sohn eine Anzahl baͤrtiger und tapfrer Maͤnner, die unter ihm ſtehen, wider den Feind anfuͤhren. Er hatte kaum eine Stunde lang den Ringkragen umgehabt, als er recht eigentlich ſpuͤrte, wie ihm der Verſtand, der zu einem ſolchen Commando gehoͤrt, aus dem Magen in alle Glieder des Leibes drang. Er kann fluchen wie der aͤlteſte Muſketier, er ſaͤuft wie ein Corporal, hat ſich ſchon zweymal mit dem Lieute - nant geſchlagen, ſeinem Oberſten ſich einige mal widerſetzt, und alles gethan, was man von ihm hathoffen43Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. hoffen koͤnnen. Nur keine Maitreſſe hat er noch; doch wird er naͤchſtens fuͤr eine ſorgen, damit er ſeinem Herrn Vater in allem gleich werde. Jſt nicht dieſes alles ein Beweis, daß der Verſtand mit dem Amte koͤmmt? Und haͤtte wohl iemand geglaubt, daß, bey einer ſolchen Erziehung, derjenige mit ſo vieler anſcheinenden Hoffnung fuͤr ſein Vaterland fechten ſollte, welcher, menſchlichem Anſehen nach, nur geboren war, fuͤr ſein Vaterland zu kochen?
Wie gluͤcklich muß das Land ſeyn, in welchem ein Ueberfluß von ſolchen Perſonen vorhanden iſt, bey denen man ungewiß bleibt, ob ſie ſich beſſer vor die Spitze ihrer Truppen, oder hinter den Naͤhrahm ſchicken!
Jndeſſen muß ich geſtehn, daß nicht der Mili - taͤrſtand allein ſich dieſes Vorzugs ruͤhmen kann; ſondern daß wir durch die weiſe Sorgloſigkeit un - ſerer Aeltern und Vorgeſetzten, und durch die na - tuͤrliche ſich ſelbſt gelaſſene Dummheit des groͤßten Theils unſrer hoffnungsvollen Jugend, denenjeni - gen gluͤcklichen Zeiten ſehr nahe gekommen ſind, wo man einen Candidaten, welcher die noͤthige Ge - ſchicklichkeit und den Verſtand eher hat, als das Amt, bald als ein Wunderthier fuͤr Geld in den Meſſen ſehen laſſen wird. Jch bin verſchiednen werthen Freunden, welche in meiner Gegend woh - nen, fuͤr das Vergnuͤgen, das ich in ihrem erbau - lichen Umgange taͤglich genieße, ſo vielen Dank ſchuldig, daß ich mir ein Gewiſſen daraus mache, dieſe Abhandlung zu ſchließen, ohne ſie im Vor - beygehn ein wenig zu verewigen, und der Nach -welt44Antons Panßa von Manchawelt ihre Verdienſte um das Vaterland nach mei - nem Vermoͤgen kenntbar zu machen.
Cajus iſt werth, daß ich ihn zuerſt nenne. Seinen wahren Namen muß ich verſchweigen, um ſeine Beſcheidenheit nicht zu beleidigen. Viel - leicht aber findet man ihn naͤchſtens im Anhange der Zeitungen nebſt einer genauen Beſchreibung ſeiner Perſon und Kleidung. Denn wenn er in ſeinem Vorhaben gluͤcklich iſt, wie ſeine Anſtalten nicht anders vermuthen laſſen: ſo wird man das Vergnuͤgen haben, ihn entweder unter dem Gal - gen, oder doch aus einem Steckbriefe kennen zu lernen. Es ſind ihm landsherrſchaftliche Caſſen anvertraut. Ob er nun gleich weder ſchreiben noch rechnen kann: ſo kennt er doch das Geld ſehr gut, und iſt in ſeinem Amte ſo unermuͤdet, daß er nirgends keine Reſte, auſſer in ſeiner Caſſe, leiden kann. Unter andern Wohlthaten des Himmels, welche dieſer wackre Mann verdient, iſt dieſe nicht die geringſte, daß er einen Sohn erzogen hat, wel - cher recht zum Galgen geboren zu ſeyn ſcheint. Als ein unſchuldsvoller Knabe von zwoͤlf Jahren empfand er ſeinen innerlichen Beruf, und bediente ſich mit vieler Geſchicklichkeit einer Gelegenheit, ſeiner Mutter einen Theil ihres Geſchmeides zu ent - wenden. Zweymal hat er bey zunehmenden Jah - ren ſeinem werthgeſchaͤtzten Herrn Vater die Caſſe erbrochen. Jm ganzen Staͤdtchen iſt keiner, der mit einer ſo witzigen Art die Schnupftuͤcher aus der Taſche ziehen kann, als er thut. Dieſe Beſchaͤffti - gungen haben ihm von Jugend auf nicht ſo viel Zeitgelaſ -45Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. gelaſſen, etwas zu lernen, und ich kann es ihm ohne Ruhm nachſagen, daß er itzo, da er zwanzig Jahr alt iſt, ſeinen Namen nicht zu ſchreiben weis, noch das geringſte von Rechnungsſachen verſteht. Die - ſes hat ſeinen Papa ganz natuͤrlicher Weiſe auf die Gedanken gebracht, daß es ſehr wohl gethan ſeyn wuͤrde, ſich den lieben Sohn adjungiren zu laſſen. Und ich ſehe nicht die geringſte Schwierig - keit, welche dieſe vaͤterliche Abſicht hindern ſollte. Wem Gott ein Amt giebt, dem giebt er auch den Verſtand; und da der Herr Vater ſo lange Zeit ſein Amt hat verwalten koͤnnen, ohne ehrlich zu ſeyn: ſo hoffe ich gewiß, der Herr Adjunctus wird es mit der Zeit noch hoͤher bringen.
Der Pachter von einem benachbarten Landgute hat einen Sohn, welcher ſo dumm iſt, als man es nur verlangen kann. Sein Vater hat viel Ein - ſicht, und iſt daher im Stande geweſen, ſich mit einer Menge gelehrter Maͤnner bekannt zu machen, welche, ſo viel er hat wahrnehmen koͤnnen, in ih - rer Jugend wenigſtens ſo dumm geweſen ſind, als ſein Sohn, und noch itzo dem Verſtande eines Pachters nicht gleich kommen. Da ſich ſein Sohn zu gar nichts ſchickt: ſo hat er dem gnaͤdigen Herrn ſein Anliegen erzaͤhlt; und beide ſind einmuͤthig darauf gefallen, der Junge ſolle ein Doctor wer - den. Und er faͤngt auch nunmehr an, ein Doctor zu werden. Der Vater ſchmeichelt ſich, daß ihm Gott gewiß mit der Zeit eine Profeſſur, und ſo - dann wenigſtens ſo viel Verſtand geben werde, als, ſeiner Meynung nach, zu einem Canonicaterfo -46Antons Panßa von Manchaerfodert wird. Jn der That ſehe ich nicht, was ihn in ſeinem frommen Vertrauen ſtoͤren ſollte.
Der Organiſt in einem Marktflecken, der un - gefaͤhr eine halbe Meile von mir liegt, hat einen Sohn, der wohl gewachſen iſt, reiche Weſten traͤgt, uͤber alle Sachen ein entſcheidendes Urtheil faͤllt, und nichts gelernt hat. Der Vater, der den Sohn vaͤterlich bewundert, wuͤnſcht ſehr, ihn als Hofmeiſter bey einem Jungen von Adel zu ſehen. Er glaubt, daß er alle Faͤhigkeiten beſitze, die dazu erfodert werden, und ich glaube, daß er im kurzen eine eintraͤgliche Hofmeiſterſtelle bekom - men wird. Es iſt wahr, daß er von allem dem nichts verſteht, was ein junger Cavalier lernen ſoll. Er iſt auch niemals, ſo wenig, als itzo, im Stande geweſen, ſich ſelbſt zu regieren. Er iſt, wie ihm einige muͤrriſche Leute nachſagen, in ſei - nen Ausſchweifungen niedertraͤchtig, in ſeiner Wirthſchaft unordentlich, in ſeinen Urtheilen poͤ - belhaft. Was ſchadet das? Wie viel junge Her - ren wuͤrden allein auf Reiſen gehen muͤſſen, wenn dieſe Eigenſchaften hinderten, ein Hofmeiſter zu ſeyn! Genug, er ſpielt gut l’Hombre; er kann die Kunſt, mit vieler Unterthaͤnigkeit einen gnaͤdigen Rock zu kuͤſſen; er iſt unverſchaͤmt; und hat er gleich keinen Verſtand: ſo wird ſich das ſchon geben.
Weil vielleicht einige nicht begreifen moͤchten, warum ich mich bey einer ſo ausgemachten Sache, als das Spruͤchwort iſt: Wem Gott das Amt giebt, dem giebt er auch den Verſtand, ſo lange aufgehalten habe: ſo will ich hier den Schluͤſ -ſel47Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. ſel dazu geben. Es betrifft meine eigne Leibes - und Seelenruhe, und es liegt mir viel daran, daß alle Leute von der Wahrheit dieſes Spruͤchworts uͤberzeugt ſind. Man hat mir unter der Hand an - getragen, Balletmeiſter an einem gewiſſen Hofe zu werden. Es ſind viele Vortheile bey dieſer Station, und mancher große Gelehrte verdient in ſeinem Leben ſo viel nicht bey aller ſauern Muͤhe mit ſeinem Kopfe, als ich ſodann unter Tanzen und Springen in einem Jahre mit meinen Fuͤßen ver - dienen koͤnnte. Jch bin um deßwillen nicht ganz abgeneigt, die Stelle anzunehmen. Es iſt wahr, es ſcheint nicht, als wenn mich die Natur zu einem Tanzmeiſter erkoren haͤtte. Mein linker Fuß iſt ungeheuer dick; auf dem rechten hinke ich ein we - nig; die rechte Schulter iſt etwas hoͤher, als die linke; auf dem einen Auge habe ich einen Stern, auf dem andern ſchiele ich; die Arme ſind durch die engliſche Krankheit ſehr verwachſen, und weil ich einen Anſatz zur Waſſerſucht habe, ſo zweifle ich faſt, daß ich ſolche hohe Capriolen werde machen koͤnnen, als mein ſeliger Uraͤltervater machte, da er geprellt ward. Jnzwiſchen verzweifle ich nicht ganz. Wenn es ausgemacht iſt, daß Gott demjeni - gen Verſtand giebt, dem er ein Amt giebt: ſo iſt es eben ſo leicht zu hoffen, daß er einem Kruͤpel geſunde Gliedmaßen geben wird, den er zum Tanz - meiſter machen will. Es gehoͤrt, duͤnkt mich, noch weniger dazu, als wenn aus einem gebornen Narren ein verſtaͤndiger Mann werden ſoll. Und wenn ich auch wider Vermuthen ein Kruͤpel bliebe:ſo48Antons Panßa von Manchaſo wuͤrde doch das gemeine Weſen von einem ge - brechlichen Tanzmeiſter bey weitem nicht ſo viel Schaden zu beſorgen haben, als es von einem Manne befuͤrchten muß, der zu einem oͤffentlichen Amte ungeſchickt, und bey deſſen Verwaltung ohne Verſtand iſt. Mit einem Worte, ich halte den Antrag fuͤr einen rechtmaͤßigen Beruf. Jch werde ihn alſo wohl annehmen; und der geneigte Leſer wird kuͤnftige Meſſe das Vergnuͤgen haben, eine ſyſtematiſche Abhandlung von den Regeln der Tanzkunſt von mir zu erhalten. Verſtehe ich gleich nicht das geringſte davon: ſo habe ich doch das Recht, mir eine guͤtige Aufnahme meines Werks mit eben der Zuverſicht zu verſprechen, mit welcher ſich ſo viele Schriftſteller ſchmeicheln, die ſich zum Buͤcherſchreiben ſo wenig ſchicken, als ich mich zum Tanzen. Was mich noch abhaͤlt, mei - ne endliche Erklaͤrung von mir zu geben, iſt die Furcht vor dem Hofe. Es geſchieht zuweilen, daß die vornehmſten Damen einen wunderlichen Appe - tit haben, und mein ſcarroniſcher Koͤrper ſtellt mich vor ihren verfuͤhreriſchen Liebkoſungen nicht in voͤl - lige Sicherheit. Jch weis mehr Exempel, daß ein plumper Stallknecht die Stelle eines liebenswuͤr - digen Gemahls vertreten muͤſſen. Jch waͤre des Todes, wenn ich mich in ſo gefaͤhrliche Umſtaͤnde verwickelt ſehen ſollte. Denn keuſch bin ich, wie meine Vaͤter, und dieſe unzeitige Keuſchheit hat mich mehr, als einmal, um mein Gluͤck gebracht. Jch will es uͤberlegen. Ein Balletmeiſter zu ſeyn, waͤre gleichwohl eine huͤbſche Sache!
Jn dieſen drey Worten liegt eine unerſchoͤpfliche Weisheit verborgen. Sie ſind der Schluͤſ - ſel zu den erſtaunlichſten Begebenheiten des menſch - lichen Lebens, welche ſo vielen, und den Philo - ſophen am meiſten, unbegreiflich vorkommen. Sie ſind das wahre, das einzige Mittel, alle diejenigen Gluͤckſeligkeiten zu erlangen, um welche ſich ein großer Theil der Menſchen vergebens bemuͤhet. Thoren ſind es, welche ſich und andern weiß ma - chen, daß nur die wahren Verdienſte, die Liebe zum Vaterlande, die Redlichkeit, daß nur die Tu - gend gluͤckſelig und uns zu wahrhaftig großen und beruͤhmten Leuten macht. Wie unverantwortlich und grauſam ſind unſre Moraliſten zeither mit uns umgegangen! Was brauchen wir alle dieſe aͤngſt - lichen Bemuͤhungen? Kleider, gluͤckſelige Erfin - dung! nur Kleider machen das, was Tugend und Verdienſte, Redlichkeit und Liebe zum Vaterlande vergebens unternehmen. Nunmehr iſt mir nichts ſo laͤcherlich, als ein ehrlicher Mann in einem ſchlechten Aufzuge; und das iſt mir ganz unertraͤg - lich, wenn ein ſolcher Mann darum, weil er ehr - lich iſt, angeſehen und bewundert zu ſeyn verlangt. Wie lange muß er ſich durch Hunger und Verach - tung hindurch winden, ehe er es nur ſo weit bringt, daß er von Leuten, welche ihre Kleider vorzuͤglich machen, einiger maßen gelitten wird. Eine aͤngſt -Dliche50Antons Panßa von Manchaliche Bemuͤhung, ſeinen Pflichten Gnuͤge zu thun, bringt ihn in dreyßig Jahren zu der Hochachtung nicht, zu welcher er durch ein praͤchtiges Kleid in vier und zwanzig Stunden gelangen kann. Man ſtelle ſich einen ſolchen Mann vor, welcher mit ſei - nen altvaͤteriſchen Tugenden und einfoͤrmiger Klei - dung ſich in eine Geſellſchaft von vornehmen Klei - dern zum erſten male wagt. Er muß ſehr gluͤck - lich ſeyn, wenn ihm der Thuͤrſteher nicht den er - ſten Schritt ins Haus verwehrt. Draͤngt er ſich auch bis in das Vorzimmer, ſo hat er ſich noch durch eine Menge von Bedienten durchzuarbeiten, wovon ihn die meiſten laͤcherlich finden, viele gleich - guͤltig anſehen, und die billigſten gar nicht merken. Er verlangt Jhro Excellenz aufzuwarten. Man antwortet ihm nicht. Er verlangt Jhro Excel - lenz unterthaͤnig aufzuwarten. Ein Laqvey weiſt ihn an den andern, und keiner meldet ihn an. Er ſteht beſchaͤmt am Camine, und ſteht allen im Wege. Er ſieht endlich den Kammerdiener. Er bittet gehorſamſt, ihm die hohe Gnade zu verſchaf - fen, daß er Jhro Excellenz ſeine ganz unterthaͤ - nigſte Aufwartung machen duͤrfe. Komme der Herr morgen wieder, es iſt heute Geſellſchaft im Zimmer! ‒ ‒ ‒ Aber waͤre es nicht moͤglich ‒ ‒ ‒ Kurz, nein! Jhro Excellenz haͤtten viel zu thun, wenn ſie jede Bettelviſite annehmen wollten; der Herr kann morgen wieder kommen. Da ſteht der tugendhafte, der ehrliche, der gelehrte Mann, der Mann von großen Verdienſten, welcher ſich redlich, und muͤhſam naͤhrt, ſeinen Fuͤrſten treudient,51Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. dient, hundert Leute durch ſeinen guten Rath gluͤcklich gemacht hat, mit aͤngſtlicher Sorgfalt die Rechte gedruͤckter Witwen und Wayſen ſchuͤtzt; niemanden um das Seinige bringt, da ſteht der rechtſchaffenſte Patriot. Sein ſchlechter Anzug druͤckt alle Verdienſte nieder. Er ſchleicht ſich beſchaͤmt zur Thuͤre, um ſich der Verachtung der Antichambre zu entziehen. Man ſtoͤßt ihn mit Gewalt von derſelben weg, man reißt beide Fluͤ - gel mit einer ehrfurchtsvollen Beſchaͤfftigung auf, alle Bediente kommen in Bewegung, alle richten ſich in eine demuͤthige Stellung, der Kammerdie - ner fliegt ins Zimmer ſeines Herrn; es wird Laͤr - men darinnen, man wirft die Karten hin. Jhro Excellenz eilen entgegen, und wem? einem ver - goldeten Narrn, welcher die Treppe herauf gefa - ſelt koͤmmt, und den Schweiß ſeines betrognen Glaͤubigers auf der Weſte traͤgt. Sein Kopf, ſo leer er iſt, wird bewundert, weil er gut friſirt iſt; ſein Geſchmack beſteht in der Kunſt, ſich artig zu buͤcken. Haͤtte er Verſtand, ſo wuͤrde er alle ſech - zehn Ahnen beſchaͤmen, und nur aus kindlicher Hochachtung gegen ſeine Vorfahren hat er ſich in Acht genommen, verſtaͤndiger zu werden, als ſie geweſen ſind. Sein Herz iſt boshaft, ſo viel es ihm ſeine vornehme Dummheit zulaͤßt. Er hat das geringſte nicht gelernt, womit er dem Vater - lande, oder ihm ſelbſt dienen koͤnnte, und womit er jemanden dient, das ſind leere Gnadenverſiche - rungen. Er borgt, er betruͤgt, er kuͤßt, er pfeift, er lacht, ſpielt gern und ungluͤcklich, und JhroD 2Ex -52Antons Panßa von ManchaExcellenz freuen ſich mit offenen Armen uͤber die Ehre ſeines Zuſpruchs. Nun iſt unſer redlicher Mann ganz vergeſſen, und es iſt ein Gluͤck fuͤr ihn, daß er noch ohne Schaden aus dem ehr - furchtsvollen Gedraͤnge entronnen, und die Treppe hinunter kommen koͤnnen. Es geſchieht ihm recht. Der Thor! Warum hat er nicht beſſere Kleider, und geringere Verdienſte?
Man thut der Welt unrecht, wenn man ſagt, daß ſie bey den Verdienſten rechtſchaffener Maͤn - ner unempfindlich, und blind ſey. Sie iſt es nicht; aber man muß ihr die Augen durch eine aͤußerliche Pracht oͤffnen, und ſie durch ein vorneh - mes Geraͤuſch aufwecken. Kann die Welt etwas dafuͤr, daß ſich ein großer Geiſt in ein ſchlechtes Kleid verſteckt? Die Welt iſt eine Schaubuͤhne, und auf der Schaubuͤhne halten wir nur diejenigen fuͤr Prinzen, welche fuͤrſtlich gekleidet ſind. Nicht alle haben die Geduld, den letzten Auftritt, und die Entwickelung des Spiels abzuwarten.
Man ſtelle einmal die Billigkeit der Welt auf die Probe, und vertauſche die Kleider.
Jhro Gnaden werden ſich gefallen laſſen, das ſchwarze Kleid dieſes ehrlichen Mannes anzuzie - hen, und ſeine etwas bejahrte Peruͤcke aufzuſetzen. Wie dumm ſehn Jhro Gnaden aus! Die dreiſte und unverſchaͤmte Miene iſt mit einem male ver - ſchwunden. Aller Witz, deſſen ein praͤchtiges Kleid faͤhig war, iſt verloren. Man fuͤhre ihn indie53Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. die Loge; in eben diejenige Loge, in welcher er ſo vielmal der artige Herr, der allerliebſte artige Herr, der ſchalkhafte Baron geweſen. Er koͤmmt. Er macht ſeine Verbeugung noch immer ſo gut, und ungezwungen als ſonſt. Man lacht daruͤber. Er will die Hand kuͤſſen; man ſtoͤßt ihn fort. Die Damen murmeln unter einander, und aͤrgern ſich uͤber die Unverſchaͤmtheit dieſes gemeinen Men - ſchen. Man haͤlt ihn fuͤr einen Jnformator, wel - cher bey ſeiner gnaͤdigen Herrſchaft nicht gut thun, und etwas mehr ſeyn wollen, als ein gemeiner Bedienter. Er faͤngt an zu reden. Wie abge - ſchmackt, wie pedantiſch redet er! Er wird unge - duldig, und flucht ein ſacre bleu! Man lacht uͤber den Narrn, und laͤßt ihn durch die Heyducken als einen wahnwitzigen Kerl hinausſtoßen.
Nunmehr erſcheint der redliche und verdienſt - volle Mann in der Loge, welcher die praͤchtigen Kleider des entlarvten Barons angezogen hat. Er erſcheint das erſte mal darinnen, und thut ein wenig bloͤde. Man findet ſeine Bloͤdigkeit ange - nehm, und haͤlt ihn fuͤr einen Fremden, deſſen Sittſamkeit bewundert wird. Die Damen dan - ken ihm auf eine gnaͤdige Art, und die Faͤcher rau - ſchen ihm mit Beyfall entgegen. Man bietet ihm einen Stuhl an, und er ſetzt ſich mit Anſtand nie - der. Eine jede fragt ihre Nachbarinn, wer dieſer Herr ſeyn muͤſſe; es kennt ihn keine. Sie laſſen ſich in ein Geſpraͤch mit ihm ein; er redet beſchei - den. Man beurtheilt die Oper; er beurtheilt ſieD 3mit,54Antons Panßa von Manchamit, und ſein Urtheil findet Beyfall. Die Saͤn - ger werden gelobt, er lobt ſie mit Geſchmacke; man redet vom Hofe, er kennt die Welt; man redet von Staatsſachen, man findet ſeine Gedan - ken ſehr fein; man redet Boͤſes von den uͤbrigen Logen, er ſchweigt, und auch ſein Stillſchweigen wird gebilligt, weil man ihn fuͤr einen Fremden haͤlt, welcher noch ganz unbekannt, oder zu be - ſcheiden iſt, in einer fremden Geſellſchaft auf eine boshafte Art witzig zu ſeyn. Die Oper iſt zu Ende. Er hat die Gnade, ſeine Nachbarinn an die Kutſche zu fuͤhren. Er thut es mit einer un - gezwungenen Wohlanſtaͤndigkeit. Er darf die Hand kuͤſſen, und Jhro Excellenz wuͤnſchen, in - dem ſie fortfahren, daß der gnaͤdige Herr wohl ruhen moͤge. Gluͤckſelige Veraͤnderung! Der gnaͤdige Herr! der, welcher nur vor wenig Stun - den noch beſchaͤmt am Camin ſtand, und allen Bedienten laͤcherlich war, iſt itzo die Bewunde - rung der ganzen Geſellſchaft! Man erkennt ſeine Verdienſte, denn man ſieht ſeine praͤchtigen Kleider.
Da wir bloß den Kleidern den entſcheidenden Werth unſrer Verdienſte zu danken haben: ſo ſcheue ich mich nicht zu geſtehen, daß ich wenig Perſonen mit ſo viel Ehrfurcht anſehe, als mei - nen Schneider. Jch beſuche ſeine Werkſtatt oft, und niemals ohne einen heiligen Schauer, wenn ich ſehe, wie Verdienſte, Tugenden und Vernunft unter ſeinen ſchaffenden Haͤnden hervorwachſen, und theure Maͤnner durch den Stich ſeiner Nadelaus55Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. aus Nichts hervor ſpringen, ſo, wie das erſte Roß an dem Ufer muthig hervor ſprang, als Neptun mit ſeinem gewaltigen Dreyzack in den Sand ſtach.
Vor etlichen Wochen gieng ich zu ihm, und fand ihn in einem Chaos von Sammet und rei - chen Stoffen, aus welchen er erlauchte Maͤnner und Gnaden ſchuf. Er ſchnitt eben einen Dom - herrn zu, und war ſehr unzufrieden, daß der Sam - met nicht zureichen wollte, den hochwuͤrdigen Bauch auszubilden. Ueber dem Stuhle hiengen zwo Excellenzen ohne Aermel. Einer ſeiner Ge - ſellen arbeitete an einem geſtrengen Junker, wel - cher ſich von ſeinem Pachter zwey Quartale hatte vorſchieſſen laſſen, um ſeine hochadlichen Ver - dienſte in der bevorſtehenden Meſſe kenntlich zu machen. Auf der Bank lagen noch eine ganze Menge junge Stutzer, liebenswuͤrdige junge Herr - chen, und ſeufzende Liebhaber, welche mit Unge - duld auf ihre Bildung, und die Entwickelung ih - res Weſens zu warten ſchienen. Unter der Bank ſtack ein großes Packt ſchlechter Tuͤcher und Zeuge fuͤr Gelehrte, Kaufleute, Kuͤnſtler, und andre niedere Geſchoͤpfe. Zwey Jungen, welche noch nicht geſchickt genug waren, ſaßen an der Thuͤre, und uͤbten ſich an dem Kleide eines Poeten. Jch ſtund bey dem Meiſter, hielt den Hut unterm Ar - me, und blieb laͤnger, als eine Stunde, in eben der ehrfurchtsvollen Stellung, welche ich anneh - me, wenn ich in Geſellſchaft vornehmer und groſ - ſer Maͤnner bin. Mein Schneider iſt in derglei -D 4chen56Antons Panßa von Manchachen Faͤllen ſchon von mir ein ſolches ehrerbietiges Stilleſchweigen gewohnt, daß er mich nicht wei - ter um die Urſachen befragt. Er weis die Hoch - achtung, welche ich fuͤr die wunderthaͤtigen Klei - der habe. Sie iſt billig. Nur die Kleider ſind es, welche wir an den meiſten Großen verehren. Und weil uns der Koͤrper, ſo in dieſen verdienſt - vollen Kleidern ſteckt, gleichguͤltig, und von kei - ner Wichtigkeit ſcheint; ſo verbindet uns unſre Pflicht, auch alsdann eine demuͤthige Miene anzu - nehmen, wenn wir dieſe Kleider ohne ihre zufaͤl - ligen Koͤrper ſehen.
So erhaben meine Gedanken ſind, wenn ich den erſtaunenden Wirkungen meines Schneiders in ſeiner Werkſtatt zuſehe: ſo kleinmuͤthig werde ich im Namen des groͤßten Theils meiner vorneh - men Landsleute, ſo oft ich bey einer Troͤdelbude vorbeygehe. Dieſe iſt in Anſehung der Kleider eben das, was uns Menſchen die Begraͤbniſſe ſind. Hier hoͤrt aller Unterſcheid auf. Oftmals ſehe ich in der Troͤdelbude den abgetragnen Rock eines witzigen Kopfs ſehr vertraut neben dem Kleide ei - nes reichen Wuchrers liegen, und es iſt wohl eher geſchehen, daß die Weſte eines Dorfſchulmeiſters uͤber dem Sammetkleide ſeines Praͤlaten gehangen hat. Noch betruͤbter iſt es, wenn dieſe praͤchti - gen Kleider die Hochachtung der Menſchenmaſchi - ne, die in ſelbigen geſteckt, uͤberleben. Man hat mir einen reichgeſtickten Rock gezeigt, welcher die Bewunderung der ganzen Stadt und der beſin - gungswuͤrdige Gegenſtand vieler hungrigen Mu -ſen57Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. ſen geweſen; endlich aber doch vor der Unbeſchei - denheit ſeiner Glaͤubiger in dieſe Troͤdelbude fluͤch - ten muͤſſen.
Ehe ich dieſen Artikel ſchließe, muß ich noch etwas erinnern. Jch bin ſo billig geweſen, und habe gewieſen, daß Kleider Leute und Verdien - ſte machen; zur Vergeltung dieſer Bemuͤhungen verlange ich wieder etwas, das eben ſo billig iſt.
Diejenigen, denen zum Troſte ich dieſes Spruͤchwort ausgefuͤhrt und bekannter gemacht habe, und die keine Verdienſte weiter beſitzen, als welche ſie dem Anſehen ihrer Kleider zu danken haben, werden ſo gerecht ſeyn, und die Ehrenbe - zeugungen, welche dieſen Kleidern gemacht worden, niemals auf ihre Rechnung annehmen. Sie ge - hen ſie nichts an, und es iſt wirklich ein unver - antwortlicher Raub, wenn ſie ſich der Hochach - tung bemaͤchtigen, die man ihren Kleidern ſchul - dig iſt. Sollte ich wider Vermuthen erfahren, daß man dieſe meine Vermahnung nicht in Acht naͤhme, und wie es bey den meiſten geſchehn, fort - fuͤhre, die Verdienſte der Kleider ſich anzumaßen: ſo werde ich und meine Freunde ſie oͤffentlich de - muͤthigen. Wir werden die Sprache der Com - plimente aͤndern, und wenn wir einem ſolchen Manne begegnen, niemals anders zu ihm ſagen, als: Mein Herr, ich habe die Gnade, ihre Weſte meiner unterthaͤnigſten Devotion zu verſichern. Jch empfehle mich ihrem geſtick - ten Kleide zu gnaͤdiger Protection. Das Vaterland bewundert die Verdienſte ihresD 5rei -58Antons Panßa von Manchareichen Aufſchlags. Der Himmel erhalte ih - ren Sammetrock der Kirche und unſrer Stadt zum Beſten noch viele Jahre! u. ſ. w.
N. S. Jn dieſem Augenblicke erfahre ich et - was, von dem ich nicht weis, ob ich es wuͤnſchen, oder nicht wuͤnſchen ſoll. Denenjenigen zur War - nung, welche mit den Verdienſten ihrer Kleider ſo, wie ich oben gedacht, zur Ungebuͤhr groß thun, will ich dieſes Geheimniß im Vertrauen entdecken, und es bleibt noch zur Zeit unter uns. Man hat einen Vorſchlag gethan, daß der Handlung zum Beſten in die neue Kleiderordnung ein Artikel ein - geruͤckt werden moͤge: „ Daß niemand ein reiches „ oder ſeidnes Kleid anziehen ſoll, bis er es be - „ zahlt habe, und ein jeder ſoll zu dem Ende alle - „ zeit die Quittung von dem Schneider und Kauf - „ manne bey ſich tragen. „ Was ſoll das fuͤr ein Laͤrm werden! und wie viel angeſehne Kleider wer - den vor unſern Augen verſchwinden! Der Vor - ſchlag iſt ſo vernuͤnftig und billig, und der Handlung ſo zutraͤglich, als einer ſeyn kann; aber er iſt, wie mich duͤnkt, ein wenig zu grauſam. Sehr viele, ge - wiß ſehr viele, welche weder Geld noch Verdienſte beſitzen, und ihr Anſehen bloß auf Unkoſten der Kaufleute und ihrer Glaͤubiger bisher erhalten ha - ben, verlieren dadurch, daß man ihnen die geborgte Pracht der Kleider nimmt, zugleich mit einem male alles, was ſie vorzuͤglich, groß, liebenswuͤrdig, und anſehnlich gemacht hat. Was ſoll aus dieſen guten Leuten werden? Wie todt wird es kuͤnftig in ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ und bey vornehmen Verſammlungen ſeyn!
Herr Anton Panßa von Mancha iſt uͤber die Nachricht ſehr aufgebracht worden, welche ihm der Verleger von der gleichguͤltigen Aufnahme und dem ſchlechten Vertriebe ſeiner Ab - handlung von Spruͤchwoͤrtern gegeben hat. Er bedient ſich des allgemeinen Rechts der Autoren, und ſpricht allen ſeinen Leſern ohne Barmherzig - keit den guten Geſchmack, und auf allen Fall auch den Verſtand ab. Er glaubt Recht dazu zu haben, weil er uͤberzeugt iſt, daß der Fehler nicht an ihm liege. Und dennoch iſt er ſo großmuͤthig, daß er ſeinen Leſern Zeit zur Beſſerung laſſen, und es noch einmal verſuchen will, ob er ſie ganz verloren ge - ben, oder vielleicht noch hoffen ſoll. Er hat den Verleger gebeten, die Abhandlung von dem Spruͤchworte: Ehrlich waͤhrt am laͤngſten, ein - zuruͤcken. Er verſpricht ſich hievon einen beſſern Erfolg, weil dieſes praktiſcher ausgefuͤhrt ſey, als die erſten beiden Spruͤchwoͤrter. Faͤnde wideralles60Ant. Panßa von Mancha Abh. ꝛc. alles Vermuthen auch dieſer Verſuch keinen Bey - fall, ſo will er entweder ſeine Hand von dem ver - ſtockten Publico ganz abziehen, und nicht eine Zeile mehr in ſeinem ganzen Leben ſchreiben; oder er will zwey Spruͤchwoͤrter ausfuͤhren, davon das eine wider den Staat, und das andere wider die Religion gerichtet ſeyn ſoll, um ſeinen Veraͤch - tern, und unwitzigen Leſern zu zeigen, daß er, auch ohne ihren Beyfall, Geſchicklichkeit genug habe, ſich durch diejenigen Wege beruͤhmt und unſterblich zu machen, welche nach dem itzigen all - gemeinen Geſchmacke, und die ſicherſten ſind, bey einem kleinen Verſtande und noch geringerm Witze vor andern bemerkt zu werden.
Jch ſpeiſte in der letzten Oſtermeſſe auf Schell - hafers Saale, und kam an einen Tiſch zu ſitzen, wo ich mir die Geſellſchaft nicht merkwuͤr - diger haͤtte waͤhlen koͤnnen. Sie beſtund aus ei - nem Kaufmanne, welcher zween ſehr vortheilhafte Bankerutte gemacht hatte, und itzo in weit beſſern Umſtaͤnden ſteht, als ſeine betrognen Glaͤubiger. Der zweyte war ein Regimentsquartiermeiſter, der vor einiger Zeit die ſaͤmtlichen Regiments - gelder verſpielt hatte, und ohne den vollguͤltigen Vorſpruch ſeiner jungen und ſchoͤngebildeten Schweſter gewiß wuͤrde haben haͤngen muͤſſen. Der dritte war der Spieler, der ihm dieſe Gelder abgewonnen hatte, und nunmehr in der Meſſe aus bewegenden Urſachen ſeine Bekanntſchaft vom neuen ſuchte. Der vierte war ein Mann ohne Charakter, welcher aus einem benachbarten Lande hatte fluͤchtig werden muͤſſen, weil er die ihm an - vertrauten Muͤndel um das ihrige gebracht, und in die elendeſte Armuth geſtuͤrzt hatte. Der fuͤnfte war ein Beamter, welcher mit dem Mini - ſterio ſehr unzufrieden war, daß es ihn abgeſetzt, und ſeine Caution eingezogen hatte, und zwar umeiniger62Antons Panßa von Manchaeiniger Kleinigkeiten willen, da er mehr nicht ver - ſehen, als daß er die Depoſitengelder zu ſeiner eig - nen Nothdurft verwendet. Der ſechſte endlich war ein Doktor Juris, und ehedem beruͤhmter Rechtsconſulent, welcher einige Jahre im Zucht - hauſe zugebracht hatte, und dem nunmehr die Pra - xis auf Lebenszeit unterſagt war. J[ch]habe die Urſache davon niemals errathen koͤ[nnen]; ſie muß aber ſehr wichtig geweſen ſeyn: denn wegen all - taͤglicher, und gemeiner Betruͤgereyen ſind die Ad - vocaten nicht gewohnt, ins Zuchthaus zu kommen. Jch habe angemerkt, daß dieſer Doktor ſich be - ſtaͤndig zu obiger Geſellſchaft hielt, und es ſchien, daß ſie ihn auf den Fall ernaͤhrten, dafern einer oder der andere von ihnen eine Defenſion pro avertenda tortura brauchte, wovor ſie nicht eine Stunde ſicher waren. Jn dieſer vortrefflichen Geſellſchaft brachte ich einige Stunden, nicht ohne Erbauung, zu. Aus ihren Geſpraͤchen konnte man gleich abnehmen, daß es Maͤnner waren, welche die große Welt kannten, und alles, was ſie redeten, ſprachen ſie mit einer ſo dreiſten Freymuͤ - thigkeit, daß ein Fremder nimmermehr darauf gefallen ſeyn wuͤrde, daß dieſes Leute waͤren, wel - che nur ſo lange noch frey herum giengen, als es der Himmel und der weltliche Arm wollte.
Mitten unter den Geſpraͤchen von verſchied - nen Materien ihres Handwerks, ergriff der ban - kerute Kaufmann ein Glas, und brachte die Ge - ſundheit aus: Ehrlich waͤhrt am laͤngſten! Jch63Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. Jch erſchrack, weil ich glaubte, es ſey eine Sa - tire auf die ganze Geſellſchaft. Noch groͤßer aber war mein Erſtaunen, als ich ſahe, daß die ganze Geſellſchaft die Meſſer fallen ließ, nach den Glaͤ - ſern griff, und mit einmuͤthiger Stimme rufte: Ehrlich waͤhrt am laͤngſten! Sie hatten unter dem Trinken bemerkt, daß ich bey dieſer Geſund - heit ſtutzte, und mein Glas etwas langſamer aus - trunk, als ſie. Sie ſpotteten daruͤber, und frag - ten mich nach der Urſache meiner Unentſchluͤßig - keit, die ich dabey gezeigt hatte. Jch war nicht Willens, ihnen die Wahrheit zu ſagen, weil ich weis, daß niemand gefaͤhrlicher iſt, als ein Schelm, der ehrlich ſeyn will. Jch wandte daher vor, daß ich bey mir ſelbſt nachgedacht haͤtte, wo dieſes Spruͤchwort herkaͤme, und wie weit es gegruͤndet waͤre. Wiſſen ſie das nicht? rief der bankerute Kaufmann, das will ich ihnen ſagen. Alle Sa - chen, die man nicht ſehr braucht, waͤhren am laͤng - ſten; denn ſie werden am wenigſten abgenutzt. Dieſer Ladenwitz brachte unſern ganzen Tiſch in Bewegung, und die ehrliche Geſellſchaft konnte ſich kaum vor Lachen faſſen. Sie haben, hol mich der Teufel, Recht, ſchwur der Regimentsquartier - meiſter, und lachte vom friſchen ſo ſtark, daß man kaum die Muſicanten hoͤren konnte. Der Spie - ler, welcher noch etwas feiner war, ſchien damit nicht zufrieden zu ſeyn, ſondern verlangte eine genauere Beſtimmung des Worts Ehrlich, nicht darum, wie er ſagte, als ob er nicht wuͤßte, was ehrlich waͤre, ſondern weil er ſich in keinen Streitein -64Antons Panßa von Manchaeinlaſſen wollte, bevor ein jeder in der Geſellſchaft ſeine eigentliche Meynung davon geſagt haͤtte, da - mit nicht die ganze Sache zuletzt auf einen Wort - ſtreit hinaus laufen moͤchte. Verba valent, ſicut numi, antwortete der gefluͤchtete Vormund. Jch weis nicht, was hier zu Lande Mode iſt. Bey uns waͤhrt ehrlich am laͤngſten, weil es eine Ge - ſundheit iſt, und Geſundheiten trinkt man, weil man dabey Gelegenheit hat, einmal zu trinken, nicht aber, daß man pedantiſche Unterſuchungen daruͤber anſtellen wolle. So gar pedantiſch nicht, als ſie meynen, verſetzte der Doctor. Das Wort Ehrlich wird in zweyerley Verſtande gebraucht: terminative, und applicative. Was Ehrlich terminative heißt, das weis auch der Poͤbel, und weil er mehr davon nicht weis, ſo iſt er eben der Poͤbel. Applicative ehrlich ſind diejenigen, wel - che eine Sache cum grano ſalis anſehen. Und da alles, was in der Welt iſt, dem Menſchen zum Beſten erſchaffen iſt: ſo iſt auch die Ehrlichkeit dem Menſchen zum Beſten gegeben. Sie iſt ein Mittel zu unſerm Zwecke zu gelangen. So bald wir finden, daß ſie unſerm Zwecke zuwider iſt: ſo waͤre es eine Thorheit, ſich ungeſchickter Mittel zu bedienen; und dieſe Thorheit begeht niemand, als der Poͤbel, der nicht verſtehet, quid juris? Und das von Rechtswegen, rief der abgeſetzte Beamte, und ſuchte durch eine ernſthafte Amtsmiene ſeinem ge - ſprochenen Urtheile das Gewicht zu geben. Jch war der einzige, der ſeine Meynung noch nicht geſagt hatte. Man verlangte ſie von mir, undich65Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. ich antwortete, daß dieſe Geſundheit nicht mehr ſa - gen wollte, als die, wenn man trinkt: Es gehe dem Koͤnige und dem Lande wohl! Jch waͤre in Geſellſchaften geweſen, wo dieſe Geſundheit von Leuten getrunken worden waͤre, welche den Koͤnig und das Land betrogen haͤtten. Das laͤßt ſich hoͤren, meynten ſie, und der Amtmann gaͤhnte. Eine dicke Tyrolerinn, welche meiner kritiſchen Geſellſchaft in die Haͤnde fiel, unterbrach unſere Wortforſchung, und wir giengen aus einander.
So bald ich in mein Quartier kam, ſuchte ich meinen verhungerten Patrioten auf, dem ich die zweyte Auflage von der gegenwaͤrtigen Schrift de - diciren werde, und der mit mir in einem Hauſe lebt. Jch kletterte nicht ohne Lebensgefahr fuͤnf Treppen hinauf, wo er in einer Kammer unter dem Dache wohnt. Jch traf ihn eben bey der Abendmahlzeit an, da er einen Hering, voll Ver - druß uͤber die verderbte Welt, doch mit ziemli - chem Appetit verzehrte. Jch erzaͤhlte ihm die Urſachen meines ſo ſpaͤten Beſuchs, uͤber den er ſich zu wundern ſchien. Jch machte ihm eine Be - ſchreibung von meiner Geſellſchaft, und von den neuen Wahrheiten, die ein jeder von ihnen bey dem Spruͤchworte ausfindig gemacht hatte.
„ Da ſehn ſie es, ſagte er; nun werden ſie „ mir bald Recht geben. Sie ſind nur zufaͤlliger „ Weiſe in eine Geſellſchaft von ſechs Perſonen „ gekommen, wo nicht ein ehrlicher Mann dabeyE„ gewe -66Antons Panßa von Mancha„ geweſen, und wo der ehrlichſte verdient, in der „ Buͤtteley, und nicht auf dieſem Saale zu eſſen. „ Habe ich nun wohl Unrecht, daß ich alle Geſell - „ ſchaften ſo ſorgfaͤltig meide? Wer noch ein red - „ liches Herz, und einen Tropfen patriotiſches „ Blut in ſeinen Adern hat, der kann dergleichen „ Frevel ohne innerlichem Jammer nicht anſehen. „ Dieſe ganze Geſellſchaft naͤhrt ſich von den er - „ preßten Raubereyen ungluͤckſeliger Mitbuͤrger, „ welche kaum Waſſer und Brodt zu der Zeit ha - „ ben, da ihre Henker beym Weine und bey den „ niedlichſten Speiſen uͤber die Ehrlichkeit der un - „ terdruͤckten Unſchuld ſpotten. An den Pranger „ ſollte man dieſe Nichtswuͤrdigen ſtellen; aber „ nein, man verehrt ſie noch, man ſchmeichelt ih - „ nen, und jeder ſucht ſeinen Antheil von ihrer ge - „ machten Beute zu erhaſchen. Man giebt ihnen „ Gelegenheit, ihre Bosheit noch hoͤher zu treiben, „ man erhebt ſie zu Ehrenaͤmtern, man beſoldet „ ſie wohl fuͤr ihre Spitzbuͤbereyen, und laͤßt da - „ gegen andere in Kummer und Elend ſchmachten: „ redliche Maͤnner, welche ihr Leben fuͤrs Vater - „ land aufopfern, ihren letzten Blutstropfen fuͤr „ den Koͤnig und die Unterthanen mit Freuden „ hingeben wuͤrden; aufrichtige Patrioten laͤßt „ man verhungern. Jch rede nicht von mir, noch „ von dem Unrechte, das man mir bey meinen „ redlichſten Abſichten angethan hat. Jch uͤber - „ ſehe es mit Großmuth, und habe gelernt, mit „ meinen Umſtaͤnden zufrieden zu ſeyn. Wie ge - „ ſagt, ich rede nicht von mir, noch von meinen„ uͤbel -67Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. „ uͤbelbelohnten Verdienſten. Niemals aber kann „ ich gleichguͤltig bleiben, wenn ich hoͤre, daß die „ Unſchuld darbt, und die Verruchten ſich blaͤhen. „ Durchgehen ſie unſere Stadt itzo, da in der Meſſe „ Leute von allen Orten zuſammen kommen. Su - „ chen ſie mir den redlichen Patrioten, den Mann, „ deſſen groͤßter Ruhm in der Ehrlichkeit beſteht, „ den Mann ohne Falſchheit. Suchen ſie ihn, „ aber uͤbereilen ſie ſich nicht. Der geringſte Kra - „ mer, welcher ſein ganzes Vermoͤgen auf dem „ Ruͤcken herum traͤgt, iſt abgerichtet, den andern „ durch Freundlichkeit, durch Zureden, durch un - „ geſtuͤmes Bitten zu betruͤgen; und daß dieſer „ nur in Kleinigkeiten betruͤgt, davon haͤlt ihn „ nicht ſein Gewiſſen, nein ſein Unvermoͤgen, ſeine „ Armuth haͤlt ihn ab. Er geht niemals vor dem „ Laden eines großen Kaufmanns vorbey, ohne „ eiferſuͤchtig zu ſeyn, daß dieſer oder ſeine Aeltern „ ein groͤſſeres Vermoͤgen zuſammenbetrogen ha - „ ben, als er iemals hoffen kann. Jnzwiſchen „ thut er doch in ſeinem Herzen die Geluͤbde, ſich „ und ſeinen Kindern zum Beſten, ſo lange zu be - „ truͤgen, bis er auch ein angeſehener Kaufmann „ werden kann. Kleine Schelme entſchuldige ich „ noch immer eher, als Schelme von Stande; „ dieſe ſchaden mehr und werden ſeltner beſtraft. „ Noch dieſen Vormittag habe ich einen elenden „ Kerl in das Gefaͤngniß fuͤhren ſehen, welcher „ aus Hunger, und, wie ich nachdem erfuhr, aus „ aͤußerſter Beduͤrfniß, worinnen er ſich mit ſeiner „ Frau, und einigen unerzognen Kindern befindet,E 2„ ſich68Antons Panßa von Mancha„ ſich hatte geluͤſten laſſen, einem koͤniglichen Pach - „ ter die Boͤrſe aus der Taſche zu ziehen. Dieſer „ merkte den Diebſtahl, ergriff ihn bey den Haa - „ ren, und hielt ihn ſo feſt, bis die Stadtwache „ dazu kam. Der Kerl verdient ſeine Strafe, es „ iſt wahr; ich kenne aber auch den Pachter, wel - „ cher der groͤßte Boͤſewicht im Lande iſt, und un - „ ter dem ſcheinbaren Vorwande, das landesherr - „ ſchaftliche Jntereſſe zu beobachten, Steuern und „ Gaben der Verfaſſung gemaͤß einzutreiben, und „ die Juſtiz zu befoͤrdern, eine ganze Pflege ſeuf - „ zender Unterthanen mit ſeiner legalen, und ſchrei - „ benden Bande pluͤndert. Das Geld, welches „ der Ungluͤckſelige ihm entwenden wollte, war „ ein Theil der erpreßten Beute, und wenn alle „ diejenigen, welche zu dieſem Raube das Jhrige „ beytragen muͤſſen, die Freyheit gehabt haͤtten, „ dieſen ungerechten Haushalter auch ſo, wie er „ ſeinem Diebe that, in gefaͤngliche Haft zu brin - „ gen, ſo wuͤrden hundert Haͤnde nicht zugereicht „ haben. Mit einem Worte: Kleine Diebe uͤber - „ liefert man der ſtrafenden Gerechtigkeit; vor „ Hauptdieben zieht man den Hut mit Ehrfurcht „ ab. Das iſt noch nichts; die Zeiten werden noch „ viel ſchlimmer werden. Unſere Jugend iſt ſchon „ ſo boshaft, als ihre Vaͤter, wie weit wird ſie „ es nicht kuͤnftig bringen! Jn den erſten Jahren „ gewoͤhnt man die Kinder zur Verſtellung, bey „ zunehmendem Alter wird eine Falſchheit daraus, „ welche in den maͤnnlichen Jahren in eine berufs - „ maͤßige Betruͤgerey ausbricht. Aber ſie ſehen„ es69Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. „ es nicht beſſer in dem Hauſe ihrer Aeltern, wo „ der Vater alle diejenigen, mit denen er zu thun „ hat, die Mutter den Vater betruͤgt, und wo es „ bey einer ſo verderbten Zucht die Kinder ſo weit „ bringen, daß ſie im Stande ſind, Vater und „ Mutter zu betruͤgen! Herr Panßa, ach lieber „ Herr Panßa, was fuͤr eine Nachwelt; was fuͤr „ Zeiten werden daraus werden! O wie gluͤcklich „ iſt derjenige, welcher ſie nicht erlebt! Und wie „ gluͤcklich ſind wir beide, die wir nach dem or - „ dentlichen Laufe der Natur den groͤßten Theil „ unſerer Jahre in dieſer falſchen betruͤgeriſchen „ Welt ſchon durchgelebt haben! Wie blind iſt „ die Welt! Wie wenig verſteht ſie ihr wahres „ Gluͤck! Wir ſuchen tauſend Abwege, dasjenige „ Gluͤck zu erlangen, welches unſere Zufriedenheit „ befoͤrdern ſoll. Wir arbeiten uns durch eine „ nicht zu uͤberſehende Menge von Widerwaͤrtig - „ keiten durch; wir ertragen Froſt und Hitze; wir „ ſtellen uns der groͤßten Beſchimpfung, den em - „ pfindlichſten Vorwuͤrfen unſers eignen Gewiſſens „ bloß, und warum dieſes alles? Damit nach „ unſerm Tode, oder wohl gar noch bey unſerm „ Leben, die Welt ſagen moͤge: Das war ein „ Schelm! Mit welcher Gemuͤthsruhe, mit was „ fuͤr Zufriedenheit wuͤrden unſere Tage vorbey „ fließen, wenn wir um nichts beſorgt waͤren, als „ den Namen eines ehrlichen Mannes, eines recht - „ ſchaffenen Patrioten zu erlangen! Dazu gehoͤrt „ die Unruhe, die Muͤhe, die Gefahr bey weitem „ nicht, welche erfodert wird, ein Betruͤger zuE 3„ heißen.70Antons Panßa von Mancha„ heißen. Wir duͤrfen nur reden, wie wirs mey - „ nen, thun, was wir verſprechen, und andern „ diejenige Billigkeit wiederfahren laſſen, die ein „ jeder von dem andern erwartet. Wir ſind uͤber - „ zeugt, daß wir uns nicht gluͤcklich machen koͤn - „ nen, ohne die Beyhuͤlfe unſers Mitbuͤrgers. „ Wir ſind niedertraͤchtig genug, ſolche mit den „ groͤßten Schmeicheleyen zu verlangen. Wir „ verſprechen ihm dagegen alle Dienſtfertigkeit, „ alle Freundſchaft von unſrer Seite, und haben „ doch die Abſicht, ihn zu betruͤgen. Unſer Mit - „ buͤrger denkt auch ſo. Er ſchmeichelt uns, er „ verſpricht uns, er ſchwoͤrt uns Freundſchaft und „ Redlichkeit zu. Wir betruͤgen beide einander. „ Keiner traut dem andern. Wir ſcheuen uns „ einer vor dem andern. Keiner erlangt ſein „ Gluͤck, welches von einer beiderſeitigen Huͤlfe „ abhaͤngt. Und wenn auch der eine von uns zu „ ſeinem großen Endzwecke, zu ſeinem geſuchten „ Gluͤcke gekommen zu ſeyn ſcheint: ſo iſt es ge - „ wiß nur derjenige, welcher den andern an Bos - „ heit und Schelmerey uͤbertroffen hat. Aber die - „ ſes Gluͤck iſt mit einer beſtaͤndigen Angſt und „ Sorge verknuͤpft. Alle Augenblicke muß er ge - „ waͤrtig ſeyn, daß ihn ein andrer darum bringt, „ welcher in der Kunſt zu betruͤgen ihn uͤbertrifft. „ Und dieſes geſchieht allemal. Wie ruhig muß „ ein Mann ſeyn, welcher das Vermoͤgen hat, an - „ dern redlich zu dienen, und ihnen mit Freuden „ dient! Es bittet ihn ein anderer redlicher Mann „ um ſeine Huͤlfe. Er hilft ihm durch einen auf -„ richtigen71Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. „ richtigen Rath, durch einen zu rechter Zeit ein - „ gelegten Vorſpruch bey den Obern, er hilft ihm „ mit ſeinem Vermoͤgen, und macht dadurch ihn, „ und ſeine ganze Familie gluͤcklich. So viele er „ gluͤcklich gemacht hat, ſo viele aufrichtige Freunde „ hat er ſich erworben. Alle eifern um die Wette, „ erkenntlich zu ſeyn und ſein Gluͤck wieder zu be - „ foͤrdern. Jn allen Geſellſchaften ruͤhmen ſie „ dieſen ehrlichen Mann; wider alle ſeine Feinde „ vertheidigen ſie ihn. Sie warnen ihn, ſo bald „ ſie merken, daß etwas zu ſeinem Schaden ge - „ ſchmiedet wird. Sie wagen ihr ganzes Ver - „ moͤgen daran, ihn von dem Ungluͤcke zu retten, „ das ihm bevorſteht. Sie freuen ſich, wenn er „ ihm entgangen iſt. Und wenn auch, wie es im - „ mer geht, die Bosheit ihn auf einige Zeit nie - „ derdruͤckt: ſo beweinen ſie ſein Ungluͤck mit red - „ lichen Thraͤnen, und erwarten den Augenblick „ mit aͤngſtlicher Ungeduld, welcher niemals auſ - „ ſen bleibt, die Unſchuld zu retten, und die Red - „ lichkeit zu kroͤnen. Sind die Vortheile ſo wich - „ tig, wenn Privatperſonen es ehrlich mit einander „ meynen, wie viel groͤſſer muß die Zufriedenheit „ bey denenjenigen ſeyn, welche das Gluͤck auf ei - „ nen Poſten geſtellt hat, wo ſie viel tauſend Men - „ ſchen bloß durch ihre Redlichkeit gluͤcklich ma - „ chen koͤnnen? Ein jeder, der ihm begegnet, und „ den er auch nicht kennt, iſt ſein Freund und Be - „ ſchuͤtzer, weil er durch ſeine Vermittelung einen „ Theil des Gluͤcks erlangt hat, welches er einem „ ganzen Lande zuſtroͤmen laſſen. Tauſend Fa -E 4„ milien72Antons Panßa von Mancha„ milien liegen taͤglich auf den Knieen, und beten „ fuͤr das Wohl eines ſolchen Mannes. Tauſend „ ſind untroͤſtbar, wenn ihn Neid und Verleum - „ dung von dem Poſten verdraͤngen, den er ſo „ ruͤhmlich bekleidet hat. Doch wie ruhig muß „ ein ſolcher redlicher Patriot den letzten Augen - „ blick ſeines Lebens erwarten, wenn er ſich ſo vie - „ ler großmuͤthigen Thaten bewußt iſt; wenn er „ weis, daß ein ganzes Land bey ſeinem Grabe „ Thraͤnen weint, Thraͤnen, welche von Dankbe - „ gierde und von Liebe herruͤhren! Koſtbare Thraͤ - „ nen! wenn er glauben kann, daß nicht einer un - „ ter dem Volke iſt, welcher nicht willig ſeyn ſollte, „ mit ſeinem Leben das Leben des redlichen Man - „ nes, dieſes Vaters des Vaterlandes zu erkau - „ fen; wenn er gewiß hoffen kann, daß noch die En - „ kel ſeiner Mitbuͤrger durch ihn gluͤcklich werden „ muͤſſen! Wie unendlich koſtbar iſt eine Minute „ von dem Leben dieſes wackern Mannes, gegen „ eine lange Reihe nagender Jahre, in denen ſich „ ein vornehmer Boͤſewicht aͤngſtigen muß, wel - „ cher Seufzer der Unterthanen erpreßt, das Ar - „ muth der Stadt verſchwendet, und ſein unge - „ wiſſes Gluͤck auf das Ungluͤck ganzer Familien „ baut! Unter den tiefſten Verehrungen flucht ihm „ der Mund der gedruͤckten Unſchuld, und fleht den „ Himmel um Rache wider dieſen Betruͤger. „ Selbſt diejenigen, welche bey ſeinem Ueberfluſſe „ ‒, ‒ und trunkenen Ehrfurcht ‒ ‒ ‒ das praͤchtig - „ ſte Leichengeruͤſte ‒ ‒ ‒ und allenfalls eine gekuͤn - „ ſtelte ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ſie ſehen jenes als ein„ Scha -73Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. „ Schavot an ‒ ‒ ‒ der verfluchte Ueberreſt des Boͤ - „ ſewichts ‒ ‒ ‒ wenn ich bedenke, daß zweyer - „ ley Umſtaͤnde ‒ ‒ ‒ “
Jch weis nicht mehr, was mein Patriot in ſeinem Eifer geſagt hat. Jch ſchlief ganz natuͤr - licher Weiſe uͤber ſeiner Predigt ein. Selbſt die letzten Vaterlandsgedanken hoͤrte ich nur halb im Schlafe. Jch habe ſie ſo gebrochen hergeſetzt, wie ich ſie hoͤrte, und ich ſchlief ſo lange fort, bis mich der Wachsſtock an die Finger brannte. Jch erwachte daruͤber, und hoͤrte, daß er immer fortre - dete. Er hatte vor großem Eifer nicht gemerkt, daß ich eingeſchlafen war. Jch war nicht im Stande mich zu ermuntern. Jch ſtund auf, und ſagte: Ja ja, auf dieſe zweyerley Umſtaͤnde koͤmmt es freylich an, und wuͤnſchte ihm eine gute Nacht. Sie ſind ſchlaͤfrig, wie ich merke, antwortete er; morgen wollen wir weiter davon reden, und ich will ihnen das Buch hinunter bringen, wovon ich itzo gedacht habe. Schlafen ſie wohl!
Jch bin mit dem uͤbertriebenen Eifer meines Patrioten nicht allemal zufrieden. Er ſieht die Welt an, wie es die alten Betſchweſtern machen, welche uͤber alle Suͤnden ſeufzen, weil man ihren abgelebten Jahren die Gelegenheit benimmt, mit zu ſuͤndigen; ich aber mache es, wie eine bejahrte Buhlſchweſter, welche auch unter den Runzeln hervor liebaͤugelt, und nicht eiferſuͤchtig iſt, wenn auch andre ſich vergnuͤgen. Jch finde dieſe Ge -E 5laſſenheit74Antons Panßa von Manchalaſſenheit meiner Geſundheit ſehr zutraͤglich. Die meiſte Zeit bin ich mit der Welt wohl zufrieden. Jch mache es, wie ich es auf dem Poſtwagen mache, wo ich niemals misvergnuͤgter bin, als wenn ich allein fahre, und wo ich mich mit einem jeden Reiſenden, der neben mir ſitzt, in Bekannt - ſchaft und Geſpraͤche einlaſſe, wenn er auch auſ - ſerdem ſo beſchaffen iſt, daß ich zu Hauſe ſeine Ge - ſellſchaft gewiß meiden wuͤrde.
Jch bleibe dabey, daß es nirgends ehrlicher zugeht, als in der Welt, und daß man ſehr be - hutſam ſeyn muß, wenn man andern ihre Red - lichkeit ſtreitig machen will. Wie viel gehoͤrt da - zu, einen Gelehrten zu uͤberfuͤhren, daß er nichts verſteht? Keine Frauensperſon, ſie mag auch noch ſo frey leben, iſt eine Hure, ehe ſie zu Falle koͤmmt. Sollte es etwas ſo leichtes ſeyn, einem nachzuſa - gen, daß er nicht redlich, daß er ein Schelm ſey? Jch will beweiſen, daß nur wenig Menſchen die - ſen Titel verdienen, und daß es mehr Redliche in der Welt giebt, als man immermehr glauben ſollte.
Den ganzen Grund meines Beweiſes ſetze ich darauf: Vor Gerichte darf kein Dieb zum Stran - ge verurtheilt werden, wenn er nicht ſein Verbre - chen geſteht, und deſſen uͤberfuͤhrt iſt. Da nun, wie bekannt iſt, die Richter die billigſten Leute in der Welt ſind: ſo haben wir Urſache, dieſe Ge - rechtigkeit nachzuahmen. Jeder Mitbuͤrger hat ſich in dergleichen Faͤllen als einen Richter, undſeinen75Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. ſeinen verdaͤchtigen Naͤchſten als einen Delinqven - ten anzuſehen, welcher eher nicht verdammt wer - den darf, bis er ſeiner Unredlichkeit uͤberfuͤhrt iſt; noch mehr, bis ſein eignes Geſtaͤndniß da iſt, daß er ein Schelm ſey. Dieſes iſt der Grund, wor - auf ich den ganzen Bau meines Beweiſes ſetze, und mich duͤnkt, er iſt feſt genug.
Es giebt nur wenig Elende, welche ihre Be - truͤgereyen vor Gerichte geſtehen, und weil ſie ſo thoͤricht ſind, ſo werden ſie andern zum Exempel beſtraft. Wie viele Maͤnner werden kuͤnftig, viel - leicht wider ihr eignes Vermuthen, als redliche Maͤnner gelten, da ich nicht zulaſſe, daß jemand ein Schelm ſey, der es nicht ſelbſt geſteht; und ich wollte faſt wetten, daß nicht ein einziger unter ih - nen ſo treuherzig ſeyn werde, dieſes zu geſtehen.
Wenn meine Leſer von dieſer großen Wahr - heit uͤberzeugt ſind, wie ich hoffe, daß ſie es durch einen ſo klaren Beweis nunmehr ſeyn werden: ſo koͤnnen ſie ſich ſicher in die große Welt wagen, ohne zu befuͤrchten, daß ihnen ein Schelm begeg - nen werde. Jch verſpreche mir eine anſehnliche Belohnung fuͤr dieſe Entdeckung, da ich mich ei - ner unzaͤhligen Menge Maͤnner annehme, deren Redlichkeit bisher ziemlich verdaͤchtig geweſen iſt. Sie duͤrfen ſich nur huͤten zu geſtehen, daß ſie Betruͤger ſind, ſo wird es ihnen nichts ſchaden, wenn ſie auch ihrer Betruͤgereyen ſonnenklar uͤber - fuͤhrt waͤren.
Jch76Antons Panßa von ManchaJch bin ſchon ſo gluͤcklich geweſen, durch dieſe heilſame Erfindung mir einen Vornehmen von Adel zum Freunde zu machen, welcher aus Ver - zweiflung im Begriffe war, zu geſtehen, daß er ein Betruͤger ſey, weil es ihm alle Welt unter die Augen ſagte. Er hatte ſeiner Gemahlinn ein an - ſehnliches Vermoͤgen mit Spielen und luͤderlicher Geſellſchafft verſchwendet, und ſich dennoch im - merzu des Namens eines redlichen Gemahls und zaͤrtlichen Vaters angemaßt, ob es ſich gleich zu - letzt zeigte, daß er keines von beiden ſo gar ſorg - faͤltig geweſen war. Er hatte Gelder aufgenom - men, und bey Cavalierparole verſprochen, ſie wie - der zu bezahlen. Seine ſchriftlichen Verſicherun - gen und Wechſel ſchloß er allezeit mit den Wor - ten: Leiſte gute Zahlung, und nehme Gott zu Huͤlfe. Dem ungeachtet war weder ſeine Cava - lierparole, noch die eidliche Verſicherung vermoͤ - gend geweſen, ihn zu bewegen, daß er ſeine ein - faͤltigen Glaͤubiger bezahlt haͤtte. Der Concurs brach aus. Kein einziger, ausgenommen der Richter, erhielten dabey, was ſie zu fodern hat - ten. War etwas natuͤrlicher, als daß alle Welt ſagte, daß dieſer Cavalier ein unredlicher Gemahl, ein grauſamer Vater, ein zu verabſcheuender Be - truͤger ſey? Jm ganzen Lande gab man ihm die - ſen Titel. Jch habe ihn gerettet! Jch warnte ihn, nicht das Geringſte einzugeſtehen! Einen Theil der Wechſel ſchwur er großmuͤthig ab, und fuͤr die uͤbrigen Schulden waren Ungluͤcksfaͤlle ge - nug da, auf welche er ſich berufen konnte. DieWelt77Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. Welt hat es mir, vornehmlich aber der Geſchick - lichkeit ſeines Advocaten, zu danken, daß ſie nun - mehr einen ehrlichen Mann mehr hat. Und wenn, wie die Rechte ſagen, derjenige der Ehrlich - ſte iſt, welcher ſeine Ehrlichkeit unter den Haͤnden des Scharfrichters, und bey der Tortur behaup - tet hat: ſo iſt niemand ehrlicher, als mein Cava - lier, wider den ſchon fuͤnf Volumina Acten zeug - ten, daß er ein Betruͤger ſey, und welcher doch nunmehr, Trotz allen Geſetzen, in Sicherheit iſt, daß niemand, ohne einen Jnjurienproceß zu be - kommen, es wagen darf, ihn alſo zu nennen. Kurz, er geſtund es nicht, und darum blieb er der ehrliche Mann, der er vorher geweſen war. Es beſteht dieſe Ehrlichkeit nicht etwan nur in einer bloßen Einbildung. Nein, der ganze benachbarte Adel iſt davon uͤberfuͤhrt. Er behauptet nach, wie vor, einen ganz anſehnlichen Charakter, den er ſonſt fuͤhrte. Er heißt noch immer Jhro Gnaden. Selbſt diejenigen, die er betrogen hat, wenn ich mich der Sprache des buͤrgerlichen Poͤbels bedie - nen darf, ſind genoͤthigt, zu bekennen, daß ſie un - terthaͤnige Diener von ihm ſind; ſie empfehlen ſich ſeiner hohen Protection Demuthsvoll. Sein Pfarrer bittet alle Sonntage oͤffentlich Gott fuͤr ſein koſtbares Leben. Man ſieht ihn mit Ver - gnuͤgen, wenn er in Geſellſchafft koͤmmt, und raͤumt ihm eine Stelle ein, welcher ſich ein gemei - ner Mann, wenn er auch noch ſo ehrlich waͤre, niemals anmaßen duͤrfte. Er bleibt der artige Herr, der er ſonſt geweſen iſt. Die gnaͤdigenFraͤu -78Antons Panßa von ManchaFraͤulein laͤcheln, wenn er ihnen die Haͤnde kuͤßt. Der Landadel erkundigt ſich, ob etwas zu ſeinem gnaͤdigen Befehle ſey. Er borgt wieder, er ver - pfaͤndet ſeine Cavalierparole vom neuen; mit ei - nem Worte, er iſt der ehrlichſte Mann von der Welt; er, welcher ſchon ein rechtskraͤftiger Betruͤ - ger war! Und woher alles dieſes? Er geſtand ſeine Betruͤgereyen nicht, und blieb ehrlich!
Die Klagen der Milzſuͤchtigen ſind allgemein, daß unter Freunden weder Treu und Glauben, noch Redlichkeit mehr ſey. Dieſe Klagen ſind ungerecht. Wenigſtens werden ſie kuͤnftig uͤber - fluͤßig ſeyn. Denn durch meine liebreiche Ver - mittelung wird es nunmehr ſo weit kommen, daß man nicht mehr wiſſen wird, wo man mit allen Freunden hin ſoll. Jch verlange, niemanden fuͤr einen falſchen Freund zu halten, der es nicht zu - geſteht, daß er es iſt. Es iſt billig, was ich ver - lange, und nur mir hat man es zu danken, daß kuͤnftig alles von Freunden wimmeln wird. Gluͤck - ſelige Zeiten, welche unſere Vorfahren nicht erleb - ten, und um welche uns jener kleinmuͤthige Weiſe ſehr beneiden wuͤrde, welcher ſich nicht einmal ge - traute, ein kleines Haͤuschen voll Freunde zuſam - men zu bringen! So weit wird es kommen, daß man ſich nicht ſicher auf die Gaſſe wagen darf, ohne zu beſorgen, daß man unter den zaͤrtlichen Umarmungen redlicher Freunde erſticke.
An keinen Ort gehe ich lieber hin, als in Au - erbachs Hof zu Leipzig. Das iſt in der Meſſe derrechte79Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. rechte Sitz von Freundſchaft! Wie kuͤßt man, wie umarmt man einander! Sonſt glaubte man viel - leicht, es waͤren Verſtellungen, falſche Compli - mente, kaltſinnige Freundſchaftsbezeugungen, wohl gar gefaͤhrliche Schmeicheleyen: wie geſagt, ſonſt glaubte man vielleicht dieſes. Aber von der naͤch - ſten Meſſe an, wird man ganz andere Meynungen hegen, da ich die Welt ſo uͤberzeugend belehrt ha - be, daß keiner ein falſcher Freund heißen koͤnne, der es nicht ſelbſt geſtehe.
Ueberhaupt habe ich angemerkt, daß der Menſch unter allen Thieren am artigſten zu leben weis. Wir freuen uns, wenn wir einander geſund ſehen, wenn wir erfahren, daß es uns wohl geht. Wie viel Wuͤnſche verſchwenden wir bey dem Wechſel des Jahrs, bey feyerlichen Tagen, und ſonſt! Ein Fremder, der zum erſten male zu uns koͤmmt, ſollte ſchwoͤren, daß das ganze Land mit unterthaͤnigen, mit gehorſamen, mit ergebenſten Dienern bevoͤl - kert, und nicht einer darunter waͤre, welcher dem andern etwas zu befehlen haͤtte. Es iſt wahr, man hat uns Schuld gegeben, daß dieſes alles nichtsbedeutende Worte waͤren; daß derjenige den meiſten Hochmuth beſaͤße, der am unterthaͤ - nigſten gruͤßte, und daß die im Herzen uns gemei - niglich verfluchten, welche uns mit dem Munde das meiſte Gute wuͤnſchten. Dieſe Beſchuldi - gungen ſind ungerecht, und ich hoffe, ſie werden wegfallen, ſo bald mein Grundſatz wird bekannt, und allgemein werden. Es iſt ohnedem unver -antwort -80Antons Panßa von Manchaantwortlich, von der Freundſchaftsbezeugung und den Complimenten ſo leichtſinnig zu urtheilen, als viele bisher gethan haben. Der Menſch, wenig - ſtens der Menſch, der, nach unſrer Art zu reden, zu leben weis, hat außer den Complimenten, ſo gar wenig Vorzuͤge vor den uͤbrigen Thieren. Will man ihm auch dieſe Vorzuͤge rauben, wie ungluͤck - lich wird er ſeyn! Und will man ihm gar zur Laſt legen, daß er dieſe Vorzuͤge nur gebrauche, andere zu betruͤgen, und ungluͤcklich zu machen, wie tief ſetzen wir alsdann den Menſchen unter das Vieh herab! Haͤtte ich wohl etwas ruͤhmlichers thun koͤnnen, als daß ich die Ehre des groͤßten Theils des menſchlichen Geſchlechtes auf eine ſo uͤberzeu - gende Art gerettet habe?
Weil die Gelehrten die wenigſtenmale unter die Menſchen gerechnet werden, welche zu leben wiſſen: ſo muß ich ihrer hier ausdruͤcklich geden - ken. Sie ſind mir eben die Verbindlichkeit ſchul - dig, welche ich von den uͤbrigen Theilen vernuͤnf - tiger Creaturen erwarte. Man hat die meiſten von ihnen in dem Verdachte gehabt, daß ſie in ih - rer Art ſo wenig redlich ſind, als andere. Kuͤnf - tig darf man ihnen dieſen Ruhm nicht ſtreitig ma - chen, und das haben ſie mir zu danken. Nun - mehr koͤnnen ſie von ihrer großen Beleſenheit, von ihrer Unpartheylichkeit, von ihrem Eifer fuͤr das gemeine Beſte, von dem wichtigen Nutzen reden, mit welchem ſie durch ihre Schriften ein ganzes Land beſeligen. Man iſt ſchuldig, es ihnen zuglau -81Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. glauben. Keiner wird mehr ein Pedant ſeyn, der es nicht ſelbſt von ſich ſagt; keiner wird ſich des Vorwurfs einer dummen Unwiſſenheit wider ſei - nen ausdruͤcklichen Willen befuͤrchten duͤrfen. Alle Vorreden werden untruͤgliche Zeugniſſe ihrer wichtigen Verdienſte, ihrer gruͤndlichen Wiſſen - ſchaften und ihrer Demuth werden, welche man bisher fuͤr laͤcherliche Großſprechereyen gehalten hat; und alle Zueignungsſchriften werden unpar - theyiſche Denkmaͤler ihrer Ehrfurcht gegen ihre Maͤcenaten ſeyn, welche zeither niemand leſen moͤ - gen, weil man in dem Vorurtheile ſtund, daß es niedertraͤchtige und eigennuͤtzige Schmeicheleyen waͤren.
So weit kann ich allein es bringen, und wie gluͤcklich waͤre die Welt, wenn ein jeder ſich des gemeinen Weſens ſo ſorgfaͤltig annaͤhme, als ich es thue, da ich bewieſen habe, daß keines Men - ſchen Ehrlichkeit uns eher verdaͤchtig ſeyn darf, bis er uns das Gegentheil ſelbſt zugeſteht!
Der geneigte Leſer wird mir großguͤnſtig er - lauben, daß ich mich hier ein wenig erhohle. Die - ſer Beweis von der Ehrlichkeit meiner Mitbuͤrger iſt mir ſehr ſchwer geworden. Es war ein ver - zweifelter Handel, den ich unternahm, und ich habe mich ganz aus dem Athem demonſtrirt. Aber was thut man nicht dem Vaterlande zum Beſten?
Nun will ich wieder fortfahren. Da ich dieſe große Wahrheit ausgefuͤhrt, und feſt geſtellet habe,Fdaß82Antons Panßa von Manchadaß niemand ein Schelm iſt, als wer es ſelbſt von ſich geſteht: ſo wird es meinen Leſern nicht mehr paradox vorkommen, wenn ich behaupte, daß ehrlich am laͤngſten waͤhrt. Dieſes giebt uns den Schluͤſſel zu tauſend Begebenheiten, bey wel - chen man lieber den Himmel einer Ungerechtigkeit und zaudernden Rache beſchuldigen moͤchte. Jch will hier ein alphabetiſches Verzeichniß der be - ruͤhmteſten Maͤnner unſerer Zeit einruͤcken, von denen, außer ihnen, alle Welt verſichert, daß ſie die groͤßten Schelme und Betruͤger ſind, und die doch in ſo vergnuͤgten und gluͤcklichen Umſtaͤnden leben, daß ſie nicht noͤthig haben, auf dergleichen Vorwuͤrfe zu achten, welche ihnen ohnedem, we - gen ihrer in Haͤnden habenden Gewalt, niemand ins Geſicht ſagen darf. Sie werden mir verzei - hen, daß ich ihre Namen der Welt bekannter mache. Da ſie es niemals zugeſtehen, daß ſie Betruͤger ſind, ſo zweifle ich nicht eine Minute an ihrer Ehrlichkeit. Sie haben ſich einer des andern nicht zu ſchaͤmen, weil gewiß einer ſo ehr - lich iſt, wie der andre, und ich habe gegen ihre Gluͤcksumſtaͤnde ſo viele Hochachtung, daß ich mir nichts vortheilhafters wuͤnſchen kann, als ihr hohes Wohlwollen und ihre Freundſchaft. Jch werde mich der Kuͤrze, ſo viel moͤglich iſt, und ſo viel es ohne Abbruch der Wahrheit geſchehen kann, befleißigen.
Jhro Hochwuͤrdige Gnaden ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒
„ So83Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern.„ So geht es, wenn man uns Autoren nicht „ „ die gehoͤrige Freyheit laͤßt, die fuͤr die ſchoͤnen „ „ Wiſſenſchaften doch ſo unentbehrlich iſt. Jch „ „ bin mit der Einrichtung gar nicht zufrieden, daß „ „ man erſt alle Buͤcher muß cenſiren laſſen. Jch „ „ bin im Namen meines Verlegers ganz untroͤſt - „ „ bar, daß mir hier eine der ſchoͤnſten und wichtig - „ „ ſten Stellen weggeſtrichen worden iſt. Jch hatte „ „ das alphabetiſche Verzeichniß nach den drey „ „ Hauptſtaͤnden eingetheilt. Jeder Stand nahm „ „ etliche Bogen ein, und ich verſprach alle Jahre „ „ noch eine kleine Nachleſe von den jungen Betruͤ - „ „ gern, welche uns jaͤhrlich zuwachſen. Es haͤtte „ „ dieſes auch alle Meſſen etliche Bogen betragen „ „ koͤnnen, und mein ungluͤckſeliger Verleger hatte „ „ ſchon einen vortheilhaften Ueberſchlag gemacht, „ „ wie hoch es ihm kommen wuͤrde, wenn er in „ „ zwanzig Jahren das ganze Werk in Format des „ „ Theatri Europæi zuſammen drucken ließe. „ „ Aber leider! die ganze Rechnung war vergebens. „ „ Aller triftigen Vorſtellungen ungeachtet war „ „ es nicht moͤglich, es durch die Cenſur zu bringen. „ „ Jch meines Orts verliere am wenigſten dabey. „ „ Mein Entſchluß iſt ſchon gefaßt. Kuͤnftige Meſſe „ „ will ich dieſes Verzeichniß als ein beſonderes „ „ Werk zu Baſel in groß Octav drucken laſſen. „ „ Auf jedes Exemplar werden zwey und vierzig „ „ Kreuzer praͤnumerirt. Fuͤr jede Nachleſe, wel - „ „ che ordentlich kommen ſoll, werden zwoͤlf Kreuzer „ „ gezahlt. Wer zehn angeſehene und gluͤckliche „ „ Betruͤger mit ihrem umſtaͤndlichen Charakter „F 2„ ein -84Antons Panßa von Mancha„ einſendet, erhaͤlt ein Exemplar auf Schreibe - „ „ papier umſonſt. Geht das Werk gut ab, wie „ „ ich gewiß hoffe, ſo verſpricht der daſige Verleger, „ „ bey der neuen Auflage die vornehmſten Betruͤ - „ „ ger in Kupfer ſtechen zu laſſen. Es wird mir „ „ ein Gefallen geſchehen, wenn man mir von Zeit „ „ zu Zeit Nachricht giebt, was der eine oder der „ „ andere fuͤr ein Ende genommen hat. Es kann „ „ geſchehen, daß viele davon auf dem Rabenſteine „ „ ſterben, oder ſich ſelbſt erhaͤngen; und es ſoll „ „ mir ſehr lieb ſeyn, weil ich dadurch Gelegenheit „ „ erhalte, dieſes Werk luſtig, und zugleich er - „ „ baulich zu machen, da ich mir Muͤhe geben „ „ werde, von einem jeden derſelben die Umſtaͤnde „ „ ſeines Todes und ſeiner Auffuͤhrung dabey, ſo „ „ genau als moͤglich iſt, zu beſchreiben. “
Bey dieſer Gelegenheit muß ich eine Thorheit bekennen, welche vielleicht nur um deßwillen noch zu vergeben iſt, weil ich ſie ſo aufrichtig bekenne. Ehe ich noch die vortheilhafte Wahrheit ausfindig gemacht hatte, daß keiner ein Schelm ſey, der es nicht ſelbſt bekenne, und daß alle Leute ehrlich waͤ - ren, welche es von ſich ſelbſt ſagten: ſo war ich mit der ganzen Welt misvergnuͤgt. Beſtaͤndig fand ich an meinen Mitbuͤrgern etwas zu meiſtern. Es kam mir vor, als gienge man mit vereinten Kraͤften darauf um, wie man die Ehrlichkeit ohne alles Erbarmen voͤllig ausrotten wollte. Es gieng mir, wie es aberglaͤubiſchen und furchtſa - men Leuten geht, welche immer Geſpenſter ſehen,wo85Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. wo keine ſind. Jch glaubte, man ſey in dieſem Unternehmen ſchon ſehr weit gekommen, und es ſey hohe Zeit, ſich der guten Ehrlichkeit anzuneh - men, wenn es nicht im Kurzen ganz vergebens ſeyn ſollte. Jn dieſem unbedachten Eifer ſetzte ich mich nieder, mein Vaterland aus dem Verder - ben zu retten, es koſte auch was es wolle. Jch glaubte ſehr weislich zu handeln, wenn ich mehr als eine Wunde auf einmal verbaͤnde, und nahm mir daher vor, beſonders drey Sachen zu verthei - digen, deren, wie ich glaubte, ſich kein Menſch mehr annaͤhme. Mit einem Worte, ich entwarf eine Schrift, worinnen ich meinen verirrten Mit - buͤrgern ſehr patriotiſch zu Gemuͤthe fuͤhrte, wie unrecht ſie thaͤten, daß ſie das ſechſte Gebot auf - heben, die Ehrlichkeit ganz und gar vertilgen, und den Sonntag abſchaffen wollten. Jn kurzer Zeit hatte ich ſo viel zuſammen geſchrieben, daß es ein ziemliches Octavbaͤndchen haͤtte werden koͤnnen, wenn es gedruckt worden waͤre. So weit kann ſich ein Menſch vergehen, der die Welt nicht kennt; und ſo vieles Unrecht kann man ſeinem Naͤchſten anthun, wenn man, von Vorurtheilen eingenom - men, ihn nur nach dem Aeußerlichen beurtheilt! Zu meinem groͤßten Gluͤcke fand ich keinen Verle - ger. Sie entſchuldigten ſich alle, das Werkchen wuͤrde nicht gehen; es wuͤrden ſich keine Kaͤufer finden; man wuͤrde es fuͤr eine Schrift wider den Staat anſehen, und es ſey gefaͤhrlich, dergleichen Verlag zu unternehmen. Jch wuͤrde viele von den Großen beleidigen, wenn ich mich des ſechſtenF 3Ge -86Antons Panßa von ManchaGebotes ſo oͤffentlich annaͤhme. Jch wuͤrde die Armee wider mich aufbringen, und unſere ſtudi - rende Jugend wuͤrde noch ſehr glimpflich urthei - len, wenn ſie mich fuͤr einen traurigen Pedanten hielte. Selbſt viele von denen, welche das ſechs - te Gebot Berufs wegen noch dann und wann er - waͤhnen muͤßten, wuͤrden mirs in ihrem Herzen wenig Dank wiſſen. Wider die Abſtellung des Sonntags zu eifern, ſey gar vergebens. Der Sonntag bleibe wohl ohne meine Predigt, und es ſey noch niemand darauf gefallen, ihn abzuſchaf - fen, ſo wenig als den Montag, und noch viel we - niger. Es liege den Leuten an Beybehaltung des Sonntags gar zu viel. Die Haͤlfte von den vor - nehmen Leuten werde krank werden, wenn kein Sonntag mehr waͤre, weil man an keinem Tage mit mehrerer Beqvemlichkeit Pillen einnehmen koͤnnte, als am Sonntage. Unſer Frauenzim - mer verloͤre gar zu viel, wenn man ihnen den Sonntag entzoͤge, weil ſie an dieſem Tage am be - ſten ſich putzen, am beqvemſten mit einander plau - dern, und den Anzug einer ganzen Gemeine, welche ſie ſonſt nur ſtuͤckweiſe richteten, beurtheilen, und am ſanfteſten ſchlafen koͤnnten. Ein großer Theil der Stadt, welcher die Woche uͤber nur im Ver - borgenen muͤßig gehen muͤßte, haͤtte an dieſem Tage die chriſtliche Gewiſſensfreyheit, es oͤffent - lich zu thun, und thaͤte es mit Vergnuͤgen, weil dieſes der einzige weſentliche Umſtand ihrer Reli - gion waͤre, durch welchen ſie ſich von den blinden Heiden unterſchieden, daß ſie an dieſem Tagemuͤßig87Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. muͤßig giengen. Sollte meine Abſicht etwan dieſe ſeyn, den Leuten die Feyer des Sonntags nach dem Exempel unſrer ungeſitteten Vorfahren anzu - preiſen: ſo moͤchte ich es nur ſelbſt verlegen, oder es dem Waͤiſenhauſe in Halle geben; denn bey uns wuͤrde ſich ſo gar der Setzer ein Gewiſſen daraus machen, dergleichen oft aufgewaͤrmtes Gewaͤſche zu drucken. Was ich mit der Ehrlich - keit haben wollte, das verſtuͤnden ſie gar nicht, und ließen ſich auch nicht darauf ein, weil ſie ſich nicht getrauten, ſo viel damit zu verdienen, als Papier und Druckerlohn betragen wuͤrden.
Das waren ohngefaͤhr die Antworten, welche mir faſt in allen Buchlaͤden gegeben wurden, als ich mit meinem koſtbaren Werke hauſiren gieng. Jch verlangte nicht einmal etwas fuͤr meine Arbeit; aber auch umſonſt, welches faſt unglaublich iſt, woll - te es kein Verleger annehmen. Ein einziger un - ter ihnen war noch ſo billig, und bot mir zur Ver - geltung Scrivers Seelenſchatz an, wofern ich den Vorſchuß auf meine Gefahr thun, zwey hundert Exemplare fuͤr baares Geld annehmen, fuͤr die zweyte Auflage nichts verlangen, und fuͤr alle Ver - antwortung ſtehen wollte.
So empfindlich mir damals dieſe abſchlaͤglichen Antworten fielen: ſo ſehr erfreue ich mich itzo dar - uͤber. Jch habe die Welt ſeit dem viel beſſer ken - nen lernen. Noch auf dem Todbette wuͤrde ich mich uͤber das Unrecht geaͤngſtigt haben, das ich mei - nem Vaterlande angethan haͤtte, und ich bekenneF 4itzo88Antons Panßa von Manchaitzo vor der ganzen Welt meine jugendliche Ueber - eilung, andern zum Exempel, welche eben ſo thoͤ - richt denken, als ich damals dachte. Die eifrigen Abhandlungen zur Vertheidigung des ſechſten Ge - bots habe ich mit eignen Haͤnden in den Camin ge - worfen, und ſie verdienten eine dergleichen Strafe. Die einzige Deduction von dem unentbehrlichen Nutzen der Ehrlichkeit habe ich zu meiner eig - nen Warnung noch aufgehoben, damit ich mich in kuͤnftigen Zeiten daran ſpiegeln, und nicht wieder in die Verſuchung fallen moͤge, etwas ſo kindiſches zu ſchreiben. Man kann es als eine oͤf - fentliche Abbitte und Ehrenerklaͤrung anſehen, und mir eben die Gerechtigkeit wiederfahren laſſen, die jener heilige Heuchler verdiente, wenn ich meine gelehrten Jugendſuͤnden auf eine anmuthige und leſenswuͤrdige Art bekenne. Jch will bey dieſer Gelegenheit etliche Stellen davon hier einruͤcken, und ich verſichere meine Leſer, daß ich uͤber dieſes vor - eilige Beginnen mehr Thraͤnen vergoſſen habe, als nach meinem alten Wahne Betruͤger in der Welt waren. Eine erſtaunende Menge Thraͤnen! Jch wiederhole es noch einmal, itzo bin ich ganz anders geſinnt; itzo weis ich, daß dieſe Welt die beſte iſt; itzo weis ich, daß niemand verdient, ein Schelm ge - nannt zu werden, welcher es nicht ſelbſt bekennt.
Nach dieſem abgelegten Glaubensbekenntniſſe will ich einige Stellen davon hier einruͤcken:
‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ und dieſes waͤren alſodie89Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. die wichtigſten Urſachen, warum ich der Meynung bin, daß man das ſechſte Gebot als ein Caͤrimoni - algeſetz anſehen, und es noch einige Zeit, bis ſich die aͤußerlichen Umſtaͤnde aͤndern, beybehalten moͤge.
Es wird freylich mehr Beredſamkeit erfodern, zu beweiſen, daß die Ehrlichkeit unentbehrlich ſey, und daß ihre Beybehaltung in unſer ganzes Leben und in unſre oekonomiſche Gluͤckſeligkeit einen ſo merklichen Einfluß habe. Dennoch verzweifle ich nicht ganz an meinem Vorhaben, und ich ſchmeichle mir gewiß, da ein jeder nur auf ſeinen Nutzen ſieht, ſo werde auch ein jedweder ſeines eignen Nu - tzens wegen meinen heilſamen Lehren und Vermah - nungen Beyfall geben. Es betrifft hier nicht, wie bey den erſten Puncten, die Seligkeit eines Men - ſchen. So viel beſcheide ich mich wohl, daß ich von etwas wichtigerm handeln muß, wenn ich den Bey - fall meiner Leſer gewinnen will, und daß man mit jenem nur Kinder, und alte Weiber zu fuͤrchten macht. Jch rede auch von etwas wichtigerm; ich rede von ihren zeitlichen Vortheilen, von der Ver - mehrung ihres Vermoͤgens, von der Befeſtigung ihres Gluͤcks, mit einem Worte, von allem dem, was uns in der Welt am noͤthigſten, und vor allen Din - gen, am liebſten iſt; von dem rede ich. Wem die - ſes am Herzen liegt, und ich hoffe, es liege allen am Herzen, der hoͤre auf mich. Durch mich, durch meine Vorſtellungen, durch meine wohlgemeynten Bemuͤhungen, ſoll er groß, ſoll er angeſehen, ſoll erF 5gluͤck -90Antons Panßa von Manchagluͤcklich werden. Jch verlange nicht zu viel von ihm. Jch will nur haben, daß er die Ehrlichkeit nicht als eine gleichguͤltige Sache anſehen, daß er den Ruhm eines ehrlichen Mannes nicht ganz verachten ſoll. Vielleicht ſcheint dieſes Anſinnen noch vielen etwas zu hart, ich will mich naͤher erklaͤren.
‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ Jch wuͤrde ihrer menſchlichen Schwachheit zu viel zumuthen, wenn ich verlangen wollte, daß ſie wirklich ehrlich ſeyn ſollten. Es gehoͤrt die Ehrlich - keit unter diejenigen Tugenden, welche man wie die Gebeine der Heiligen anbetet, ohne den Heiligen ſelbſt nachzuahmen. Jch ſage ſchon ſehr viel, daß ich dieſes einraͤume, und ich meyne nur die mitt - lern Zeiten, in welchen man mit der Ehrlichkeit noch ſo viel Caͤrimonien machte. Jtzo iſt es freylich ſo weit gekommen, daß derjenige ein witziger Kopf heißt, der mit der Religion ſpottet, und niemand zu leben weis, welcher nicht uͤber die Ehrlichkeit lacht. ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ Jn allen Staͤnden, in allen Geſellſchaften, wo ich hinſehe, finde ich Leute, welche mit der Ehr - lichkeit ihren Scherz treiben, wie mit einer alten Mode, und welche noch ſehr billig ſeyn wollen, wenn ſie dieſelbe noch denenjenigen zulaſſen, welche ihr Stand, oder ihr Alter noͤthigen, ſich an die alten Moden zu halten, und die, ohne eine laͤcher - liche Eitelkeit zu begehen, es nicht wagen duͤrfen, die neuen Moden nachzumachen. ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ Hierinnen geht man zu weit! Man ſchadet ſich ſelbſt! Da ich ſo billig bin, und unmoͤgliche Sa -chen91Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. chen von ihnen nicht verlange; da ich ihnen nicht zumuthe, ehrlich zu werden, ſondern nur haben will, daß ſie ehrlich ſcheinen moͤgen: ſo kann ich dieſes als ein Recht von ihnen verlangen. Nicht meinetwegen verlange ich dieſes. Nein, ihres ei - genen Nutzens wegen wuͤnſche ich es. Man ver - ſpotte die Ehrlichkeit nur nicht oͤffentlich; nur oͤf - fentlich ſchaͤme man ſich nicht des Namens eines ehrlichen Mannes! Dieſes verlange ich. Mehr nicht! Man mache es mit der Ehrlichkeit, wie es ein wohlgezogner Juͤngling mit einem ehrwuͤrdi - gen Alten macht, wenn er ihm begegnet. Er gruͤßt ihn, ohne ſich viel um ihn zu bekuͤmmern. Aber er gruͤßt ihn, um nicht ungeſittet zu ſcheinen. Nur darum bitte ich! Bitte ich wohl zu viel? Die Ehrlichkeit iſt alt genug, ſie iſt ehrwuͤrdig ge - nug, daß wir ihr einige aͤußerliche Hoͤflichkeiten erzeigen. Freylich iſt ſie zu alt, und zu muͤrriſch, als daß wir ihren taͤglichen Umgang, und eine naͤhere Bekanntſchaft mit ihr wuͤnſchen ſollten. Das iſt meine Abſicht gar nicht. Ein jeder iſt ſich ſelbſt ſo viel ſchuldig, daß er den aͤußerlichen Wohlſtand in Acht nehme, daß er auf dieſem Theater die Maske eines ehrlichen Mannes vor das Geſicht halte, daß er nicht oͤffentlich mit der Ehrlichkeit ſpotte. Verlange ich denn etwas, das unbillig iſt, oder das uns zu ſchwer fallen ſollte? Uns, die wir von Natur zur Verſtellung ſo ſehr geneigt ſind? Da ich, wie ich hoffe, meinen Le - ſern deutlich genug erklaͤrt habe, wie wenig ich ihnen zumuthe, und wie billig das iſt, was ichvon92Antons Panßa von Manchavon ihnen bitte: ſo will ich auch mit wenigem zei - gen, wie groß der Vortheil iſt, den ſie zu erwar - ten haben, wenn ſie meinem Rathe folgen. ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ Allen Staͤnden, Leuten, die es am wenigſten glau - ben, Leuten, die von der Betruͤgerey leben, dieſen iſt die Ehrlichkeit, oder welches einerley iſt, der Schein der Ehrlichkeit am unentbehrlichſten ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ Jch will mit meinen Beweiſen bey den Richtern und Advocaten anfangen. Von denen rede ich nicht, welche wirklich ehrlich ſind, und es giebt deren noch verſchiedne unter ihnen. Da dieſe die Ehrlichkeit gar zu hoch treiben, und lieber bey einem redlichen Gewiſſen verhungern, als bey ei - nem angenommenen Scheine der Ehrlichkeit groß und reich werden wollen: ſo haben ſie meiner Er - mahnungen nicht noͤthig. Jch rede nur von dem großen Haufen ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ Wer ſich auf die Phyſionomie verſteht, dem ra - the ich, des Mittags von eilf bis zwoͤlf Uhr vor unſere Gerichtsbaͤnke zu gehen. Hier wird er einen Trupp Maͤnner finden, welche alle Prieſter der Gerech - tigkeit heißen, und worunter doch viele ſind, welchen man an ihren hungrigen Mienen anſieht, daß ſie nur da ſtehen, um die armen Clienten zu wegelagern, und der gedruͤckten Unſchuld aufzulauern. Sie ſind ſo wenig beſorgt, ihre Abſichten zu verbergen, daß man ihnen den Galgen an der Stirne anſieht, vondem93Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. dem ſie andere retten wollen. Jn allen ihren Schriften, in ihrem muͤndlichen Verfahren, von dem Provocationsſatze an bis auf die Liquidationes, findet man vielmals nicht den geringſten Schein der Redlichkeit. Wie wenig meynen ſie es mit ſich ſelbſt gut! Wie viel gluͤcklicher wuͤrden ſie bey ihrer Praxi ſeyn, wenn ſie ſich angewoͤhnen koͤnnten, we - nigſtens von außem ehrlich zu ſcheinen! Das Er - ſte, was ſie ihren Clienten fragen, iſt gemeiniglich dieſes, ob er ſchwoͤren koͤnne? ob er Geld habe? Wie viele werden dadurch abgeſchreckt, welche noch einiges Gewiſſen, und wenig Geld haben? Wuͤrden ſie nicht viel weiter kommen, wenn ſie mehrere Gleichguͤltigkeit fuͤr ihren eignen Nutzen blicken lieſ - ſen; wenn ſie thaͤten, als wollten ſie ſich der gerech - ten Sache ihrer Clienten nur darum annehmen, weil ihre Sache die gerechte Sache waͤre; wenn ſie wider die Bevortheilung des Gegenparts, wider die Sportelſucht des Advocaten, wider die vortheil - hafte Langwierigkeit der Proceſſe eiferten! Jhre Clienten wuͤrden bey dieſen einſchmeichelnden Reden betaͤubt werden, und mit Vergnuͤgen den Beutel of - fen halten, um dieſen wackern Rechtsgelehrten, die - ſen Vater der Wittwen und Waiſen, fuͤr ſeine red - lichen Abſichten taxmaͤßig zu bezahlen: Da im Ge - gentheile bey vielen ihre Unverſchaͤmtheit, ihre ſo wenig verſtellte Begierde nach Gelde, die traurige Urſache iſt, daß ein nur einigermaßen vorſichtiger Client ſich ſcheuet, den Weg Rechtens zu ergreifen, und ſich lieber mit Schaden vergleichen, als mit ſei - nem voͤlligen Untergange den Proceß gewinnen will. Dieſe94Antons Panßa von ManchaDieſe Weisheit, ich will es nur geſtehen, habe ich nicht von mir ſelbſt. Sie gruͤndet ſich auf die Erfahrung eines meiner Freunde, welcher weit ehrlicher ausſieht, als er iſt, und er befindet ſich ungemein wohl dabey. ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ Die Richter, denn die Richter ſind auch Men - ſchen, wuͤrden durch den angenommenen Schein der Ehrlichkeit viel leichter zu hintergehen ſeyn, und bewogen werden, ein gutes Urtheil zu ſpre - chen, an ſtatt daß ſie, um den Vorwurf zu ver - meiden, der Ungerechtigkeit ablegen muͤſſen, von welcher viele von ihnen außerdem ſo gar abgeſagte Feinde nicht ſind. Sie ſind ſchon etwas behut - ſamer. Bey einer gerechtigkeitliebenden Miene ſind ſie immer im Stande, alles, was ſie ſagen, von Rechtswegen zu ſagen, und ſie ſind in der Kunſt, ſich zu verſtellen, ſo geſetzt, daß ſie auch in dreyßig Jahren noch, denn ſo lange waͤhrt ge - meiniglich der geringſte Proceß, eben die ehrliche Miene beybehalten, welche ſie gleich Anfangs machten, als der Krieg Rechtens befeſtigt ward. Jch finde um deßwillen bey den Richtern wenig zu erinnern, und es ſind nur einige, welche ſich ſo unvorſichtig bezeigen, daß man es ihnen gleich an dem Maule anſehen kann, daß ſie mit den Ad - vocaten einſtimmig geworden ſind, ſich in die Beute zu theilen. Dieſe wenigen werden ſich ohne mein weiteres Erinnern an dem Exempel anderer erbau - en, und vorſichtiger werden, damit ſie, obſchon nicht ehrlich, doch reich werden moͤgen. ‒ ‒ ‒ ‒
Auf95Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern.Auf der Boͤrſe, (man wird mich vielleicht aus - lachen, daß ich ſo etwas behaupte, aber es ſey drum!) auf der Boͤrſe, ſage ich, iſt die Ehrlichkeit beynahe unentbehrlicher, als irgendswo. ‒ ‒ ‒ Was ich hier ſage, iſt freylich kein allgemeiner Satz. ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒
Man darf nur eine Stunde lang in einer ſol - chen Geſellſchaft ſeyn, ſo wird man von dem, was ich behaupte, uͤberzeugt werden. Mir iſt es ſo gegangen. Jch war vor einiger Zeit an einem Orte, wo verſchiedne zuſammen kamen, von de - nen man mich verſicherte, daß ſie angeſehene Kaufleute waͤren. Sie traten mit einer rechnen - den Miene und einem ſo zerſtreueten Geſichte in das Zimmer, daß ich mir, ehe ich wußte, wer ſie waͤren, nichts gutes zu ihnen verſahe. Jch nahm meine Boͤrſe in Acht, und verbarg meine Uhr, weil ich ſie fuͤr Leute hielt, welche auf der - gleichen Sachen ihre Abſicht haben. Jch fand mich, zu meinem Vergnuͤgen, in meiner Furcht betrogen. Ein Glas Wein machte ſie offenher - zig. Der eine erzaͤhlte, wie viel er bey einem unmuͤndigen Verſchwender gewonnen habe, dem er auf die Verſicherung, daß ſein reicher Vater nicht lange mehr leben koͤnne, ein anſehnliches Capital zu ſeinem nothduͤrftigen Plaiſir, wie er es nennte, theils im baaren Gelde, theils an verſchiednen Waaren, und theils an altem doch ganz brauchbarem Hausgeraͤthe vorgeſchoſſen habe. Ein andrer zog eine Bilance vor, nachwel -96Antons Panßa von Manchawelcher er dreyßig Procent gewinnen koͤnnte, wenn er auf kuͤnftige Meſſe Bankerutt machte, wobey er verſicherte, daß keiner von den Anwe - ſenden, noch von ihren Correſpondenten, ſondern nur einige Muͤndel, einige abgelebte Wittwen, die das Geld ohnedem nicht zu genießen wuͤßten, drey bis vier Geiſtliche, und etliche benachbarte von Adel Einbuße haben ſollten. Noch ein an - drer erzaͤhlte den Profit, den er mit Caſſenſchei - nen gemacht, welche er einigen abgedrungen, die Wechſelzahlung gehabt haͤtten. Weil ſich dieſer unter die Gelehrten rechnet, und in der That noch etwas mehr verſteht, als einen Frachtzeddel zu ſchreiben: ſo las er uns den Plan einer Abhand - lung vor, in welcher er aus dem Lichte der Ver - nunft erwieſen, und mit Exempeln beſtaͤtigt hatte, daß man ſo viel Procent nehmen duͤrfe, als man bekommen koͤnne. Statt einer Vorrede waren die Vortheile ausgefuͤhrt, deren man ſich be - dienen kann, wenn man ohne Beunruhigung ſeines Gewiſſens, einen Wechſel abſchwoͤren wolle. Den Schluß machte ein weitlaͤuftiges Verzeichniß aller moͤglichen Ungluͤcksfaͤlle, die ein jeder zu ſeinem Behuf anziehen koͤnne, welcher einen ehrlichen Bankerutt, ſich und ſeiner Frau zum Beſten, machen wolle. Jch freue mich, wenn das Werkchen wird zu Stande kommen. Der geſchickte Herr Ver - faſſer wird es ſelbſt verlegen, und er hat ausgerech - net, daß er wenigſtens dreytauſend vierhundert und ſechs und funfzig Exemplare vertreiben wolle, wenn ſich ein jeder von ſeinen Freunden, welcherſich97Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. ſich eines oder des andern dieſer gluͤcklichen Hand - griffe mit gutem Vortheil bediente, ein Exemplar davon an ſich zu kaufen, entſchließen ſollte. Jch weis nicht, wie es kam, daß er mich fuͤr einen hol - laͤndiſchen Juden anſahe. Meine Miene, welche freylich die vortheilhafteſte eben nicht iſt, mochte ihn betrogen haben. Ohne weiter zu fragen, ob ich wirklich ein hollaͤndiſcher Jude ſey, bat er mich, ſo viel Exemplare, als ich koͤnnte, unter meine Freunde zu vertheilen. Er verſprach mir drey Groſchen vom Gulden Rabatt, und verſicherte mich, daß ich binnen Jahr und Tag mit leichter Muͤhe fuͤnf hundert Gulden dadurch verdienen koͤnnte. Zu meiner Aufmunterung geſtund er mir im Ver - trauen, daß er noch ein Werk unter der Feder habe, welches den Titel fuͤhre: Praktiſche An - weiſung, wie die Handelsbuͤcher geſchickt zu ver - faͤlſchen waͤren, und worinnen der wahre Nutzen gezeigt wuͤrde, den eine Handlung habe, wenn zweyerley Handelsbuͤcher gefuͤhret wuͤrden. Er machte mir die Schmeicheley, daß er gewiß glaubte, ich wuͤrde ſehr geſchickt ſeyn, ihm bey Verfertigung dieſes Buchs beyzuſtehen, und bat mich ſehr verbindlich darum. Jch ſahe mich ge - noͤthigt, ihm zu bekennen, daß ich kein Kauf - mann, am wenigſten ein hollaͤndiſcher Jude, waͤre. Er, und die ganze Geſellſchaft erſchraken daruͤber, und ich merkte, daß ihre unvorſichtige Offenherzig - keit ſie gereute. Sie drehten ihr Geſpraͤche, ſo viel als moͤglich war, ab, und redeten von gleichguͤltigen Dingen, von den verfallnen Muͤnzſorten, von denGſchwe -98Ant. Panßa von Mancha Abh. ꝛc. ſchweren Jmpoſten, und von den verderbten Zei - ten. ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒
Damit ich zeige, wie gerecht ich in meinen Urtheilen bin, ſo muß ich hier oͤffentlich bekennen, daß nur wenige ſind, welche den Mangel ihrer Ehrlichkeit auf eine ſo ausnehmende Art bloß ge - ben. Die meiſten bekennen durch ihre taͤglichen Handlungen das, was jene mit dem Munde bey einer trunkenen Vertraulichkeit geſtunden. Welche von beiden die ehrlichſten ſind, kann ich nicht wohl entſcheiden.
Wer nicht die eigentliche Bedeutung einer je - den Sylbe von dieſem Spruͤchworte genau beſtimmt, dem wird es eben ſo gehen, wie es mir eine lange Zeit gegangen iſt. Er wird ſich wundern, daß man hat einen Satz zum Spruͤch - worte machen koͤnnen, dem die Erfahrung alle Tage widerſpricht. Sind wohl unter zehen Ehen fuͤnfe, wo die alte Liebe nicht geroſtet iſt? Und auch unter dieſen fuͤnfen ſind wenigſtens drey, wo die Liebe noch nicht gar zu alt iſt.
Dieſe anſcheinenden Widerſpruͤche werden wegfallen, wenn man dieſe Wahrheiten annimmt, daß eine Liebe von vier Wochen ſchon eine alte Liebe, und im Eheſtande ein Jahr ſchon eine Ewigkeit iſt. Setze ich dieſes zum voraus, ſo wird man, wie ich hoffe, noch hin und wieder Exempel finden, wo eine alte Liebe von vier Wo - chen, und eine ewige Liebe von einem Jahre noch nicht geroſtet ſind. Freylich darf man die Sache nicht hoͤher treiben; aber das iſt auch die Abſicht unſers Spruͤchworts nicht.
Man wird ſolches noch allgemeiner machen koͤnnen, wenn man es nicht von der Liebe verhei -G 2ratheter100Antons Panßa von Mancharatheter Perſonen verſteht. Jn der That glaube ich auch, daß es wider die wahre Bedeutung des Wortes, und wider den Sprachgebrauch iſt, wenn man die Liebe auf dieſe Art verſtehen will. Fuͤr den Eheſtand gehoͤrt Pflicht, und fuͤr un - verheirathete Perſonen Liebe.
Es waͤre eine große Uebereilung von meinen Leſern, wenn ſie glaubten, daß ich dieſe Einſchraͤn - kung bloß aus einem misvergnuͤgten Andenken wagte, welches bey mir von einer uͤbelgewaͤhlten, und ungluͤcklichen Ehe herkomme. Es iſt vorbey, und ich habe meiner Frau alle Beleidigungen ver - geben, da ſie ſo billig geweſen, und geſtorben iſt. Jch habe nicht noͤthig, mich weiter zu entſchuldi - gen. Der allgemeine Gebrauch unſrer Sprache iſt fuͤr mich die beſte Entſchuldigung. Jch will nur noch ein paar Exempel anfuͤhren.
Vor Liebe ſterben: Von wem ſagt man das, als von jungen Perſonen, die ſich noch nicht verheirathet haben? Ein verliebtes Paar: Sind das Mann und Frau? Eine ewige Liebe zu - ſchwoͤren: Thut man das nicht vor der Verbin - dung? Die Liebe iſt blind; gewiß nicht in der Ehe, denn alsdenn ſieht eines des andern Fehler nur gar zu genau. Er ſchmachtet vor Liebe. Wer? der Mann? Ja wohl der Mann; aber vor Liebe zum Kammermaͤdchen. Das laß ich gelten! Und die gnaͤdige Frau? die iſt raſend verliebt ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ in den Heyducken. Tau -101Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. Tauſend Redensarten wollte ich anfuͤhren, wo das Wort Liebe nur von unverheiratheten, nie - mals von verehlichten Perſonen, oder in dieſem Falle nur poetiſch und metaphoriſch gebraucht wird. Wenn man dieſes einraͤumt, ſo iſt unſer Spruͤchwort gerettet, und es bleibt allemal wahr, daß alte Liebe gegen Perſonen, die ſich nicht ver - heirathet haben, niemals roſtet.
Aber auch bey verehlichten Perſonen findet es ſeinen Platz, wenn die Liebe von andern Sachen, als von der Frau oder dem Manne verſtanden wird. Mein reicher Nachbar, ein Mann, der niemals denkt, als wenn er Geld zaͤhlt, hat ſeine Frau nur aus Liebe zu ihrem Vermoͤgen geheira - thet. Dieſe Liebe dauert nunmehr ins vierzigſte Jahr, und roſtet nicht, ſo alt ſie auch iſt. Er liebaͤugelt gegen das Geld ſeiner Frau noch eben ſo zaͤrtlich, als er es im erſten Jahre that. Seine Frau iſt vergeſſen; ſchon vor neun und dreyßig Jahren vergeſſen. Er wuͤrde ſich gar nicht mehr darauf beſinnen, daß ſie ſeine Frau waͤre, wofern ſie ihn nicht alle Tage durch ihr eigenſinniges Zan - ken daran erinnerte.
Macht es Climene beſſer? Sie liebt. Jhren Mann? Nichts weniger. Sie liebt die Pracht, welche ſie, in Anſehung des Ranges, fuͤhren darf, den ihr Mann bekleidet. Sie heirathete; nicht ihn, denn ſie hatte bey aller Eitelkeit doch zu viel Geſchmack, einen Mann zu heirathen, den dieG 3vor -102Antons Panßa von Manchavornehmen Ausſchweifungen ſeiner Jugend ekel - haft gemacht hatten. Sie heirathete ſeinen Wa - gen mit ſechs Pferden, und ſechs Bedienten. Dieſe Pracht liebt ſie noch itzt ſo ſehr, als in der erſten Woche ihrer Vermaͤhlung. Jhr Mann, das hochgeborne Vieh, folgt den gewohnten Aus - ſchweifungen nach, und iſt viel zu galant, als daß er ſeine Frau ein einziges mal daran erinnern ſollte, daß er ihr Mann ſey. Climene haßt ih - ren Mann, und liebt ſeine Eqvipage. Eine Lie - be, die gewiß nicht eher roſten wird, als bis man ihren ſtolzen Reſt auf einem praͤchtigen Trauer - wagen zur Ruhe bringen wird!
Jn dieſem Verſtande will ich wohl glauben / daß alte Liebe auch bey verheiratheten Perſonen nicht roſten wird.
Wider den Roſt der Liebe zwiſchen verehlich - ten Perſonen iſt ein abwechſelnder Zank ein be - waͤhrtes Mittel. Durch eine beſtaͤndige Ausſoͤh - nung wird die Liebe immer neu. Eheleute, die ſich die Fehler nicht ſagen, welche ſie an einander wahrnehmen, naͤhren, bey dieſer verſtellten Zu - ruͤckhaltung, beſtaͤndig einen Groll, welcher die Liebe nicht aufkommen laͤßt. Aber ein werthes Paar, das ſich aus voller Lunge zankt, und ſich die Fehler ohne Verſchonung vorwirft; das iſt im - mer geneigt, ſich bald zu verſoͤhnen. Nun iſt ih - nen das Herz leicht. Sie haben beide ihre Fehler erfahren; ſie ſind vom Zanken ermuͤdet, ſie ſchwei - gen beide ſtille. Der Mann, welcher mit zorni -gen103Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. gen Schritten in dem Zimmer auf und ab gieng, ſieht ſeine ſchoͤne Haͤlfte in einem Winkel bittre Thraͤnen vergießen. Er iſt zwar das Haupt, und hat ein Recht zur Herrſchaft, welches ihm Schrift und Geſetze geben; aber ein paar weibliche Thraͤ - nen ſchwemmen dieſes ganze praͤchtige Gebaͤude der Herrſchaft vom Grunde weg. Er bleibt vor ihr ſtehen; mein Kind, ſagt er: aber ſie bleibt ſtumm, und nunmehr verdoppeln ſich ihre Thraͤ - nen, da ſie die Reue ihres Mannes merkt. Er naht ſich ihr, und nimmt ihre beleidigte Hand, die ſich trotzig zuruͤcke zieht. ‒ ‒ ‒ ‒ Aber mein Engel! und er bemaͤchtigt ſich mit einer zaͤrtlichen Gewalt dieſer rebelliſchen Hand. Nun verdop - pelt ſich das Schluchzen. Der Mann ſoll es em - pfinden, wie ſehr ſeine unſchuldige Frau beleidigt worden iſt; denn eine Frau, die ſich mit ihrem Manne zankt, iſt allemal unſchuldig. Er ſetzt ſich neben ſie; ſie weint noch. Er ſchlaͤgt ſeinen Arm ganz bußfertig um ihren Hals; ſie ſieht ihn mit einem Blicke an, der Vergebung hoffen laͤßt. Er kuͤßt ihre Hand, und ſie ſeufzet. Er kuͤßt ihren Mund, und die Thraͤnen vertrocknen. Sie kuͤßt ihn wieder; doch, mitten unter dem Kuͤſſen, murrt ſie noch zaͤrtlich uͤber das erlittene Unrecht. Er weis ſie ganz zu beruhigen. Und nun wundern ſie ſich beide, wie es moͤglich geweſen, daß ſie ſich uͤber eine ſolche Kleinigkeit haben zanken koͤnnen. Sie lieben ſich beide ſo empfindlich, als in den er - ſten vier und zwanzig Stunden ihrer Ehe. Nun ſchwoͤren ſie einander zu, ſich ewig und ohne Ver -G 4druß104Antons Panßa von Manchadruß zu lieben: Und zanken ſich doch in den naͤch - ſten vier und zwanzig Stunden noch einmal, ver - ſoͤhnen ſich auf eben dieſe Art noch einmal, und ſchwoͤren noch einmal. Auf dieſe Art bleibt ihre Liebe immer neu; ſie kann nicht roſten, denn ſie fangen alle vier und zwanzig Stunden vom neuen an, ſich zu lieben. Ein ſolcher Zank iſt in der Ehe, wie ein fruchtbares Gewitter im Sommer.
Vielleicht wundert man ſich, warum ich die - ſes Bild ſo ſorgfaltig ausgemalt habe? Es iſt eine Schmeicheley, die ich meinem Wirthe ſchuldig bin, welcher auf dergleichen Art uͤbermorgen fuͤnf und zwanzig Jahre im Eheſtande lebt. Er und ſeine Frau lieben ſich ſo herzlich, wie die Kinder; ſie zanken ſich aber auch ſo. Vierzehen Jahre hat er ſich mit ihr gezankt, zwoͤlf Jahre mit ihr aus - geſoͤhnt, und ein Jahr ungefaͤhr rechnet er auf die Zeit, wo ſie beide geſchmollt haben. Dieſe beſtaͤndige Abwechſelung hat ihm ſeinen Eheſtand ſo neu gemacht, daß er ſeine Frau noch dieſe Stunde nicht uͤberdruͤßig iſt. Er liebt ſie vom ganzen Herzen; und ſollte ſie ſterben ‒ ‒ ‒ ich wuͤnſche es dem ehrlichen Manne nicht ‒ ‒ ‒ aber ſollte der Himmel uͤber ſie gebieten: er wuͤrde un - troͤſtbar, ganz untroͤſtbar, ſeyn. Wenigſtens in den erſten vier Wochen wuͤrde er nicht heirathen.
Jch habe oben geſagt, daß die Liebe, welche nicht roſtet, vornehmlich nur von der Liebe unver - heiratheter Perſonen zu verſtehen ſey. Michduͤnkt,105Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. duͤnkt, ich habe dieſe Wahrheit ſchon deutlich genug erwieſen, aber zum Ueberfluſſe will ich noch ein paar Geſchichte erzaͤhlen, welche ſie ganz unum - ſtoͤßlich machen ſollen.
Meine alten Landsleute, die Spanier, ſind wohl unſtreitig diejenigen, die bey ihrer ernſthaf - ten Liebe am beſtaͤndigſten lieben. Jn Buentara, einem Staͤdtchen am pyrenaͤiſchen Gebuͤrge, lebten, unter der Regierung Ferdinands, zwo junge Per - ſonen, die ſich ſchon im erſten Jahre zwar kin - diſch, doch vorzuͤglich liebten. Diego und Jſa - belle waren ihre Namen. Beide waren die einzi - gen Erben ziemlich reicher Kaufleute. Die Ael - tern ſchienen mit dem vertrauten Umgange ihrer Kinder ſehr wohl zufrieden zu ſeyn. Die Liebe macht vor den Jahren verſtaͤndig und alt; daher kam es, daß unſer junges Paar ſchon in denen Jahren, wo andre Kinder noch nicht aufhoͤren zu ſpielen, ſich ernſthaft liebten, und eine ewige Treue ſchwuren. Der junge Diego ſaß halbe Naͤchte unter dem Erker ſeiner Gebieterinn, und kratzte ihr, nach der Gewohnheit des Landes, auf der Cither ſeine Liebe vor. Dieſes Vergnuͤgen dauerte nicht lange. Ein ungluͤcklicher Zufall machte, daß ſein Vater auf einmal ſein ganzes Vermoͤgen und ſeine Freyheit verlor. Jſabellen ruͤhrte dieſer Umſtand nicht mehr, als ſie das Ungluͤck eines Freundes ruͤhren mußte. Jn ihrer Liebe machte es keine Aenderung; und weil ſie großmuͤthig genug war, ſo gab ſie ihrer MutterG 5zu106Antons Panßa von Manchazu verſtehen, daß ſie nunmehr durch Beſchleuni - gung der Heirath die beſte Gelegenheit habe, dem Diego zu zeigen, wie uneigennuͤtzig ihre Liebe ſey. Der Vater, ein vollkommener Kaufmann, war ganz andrer Meynung. Er rechnete nach, und fand, daß Diego nicht liebenswuͤrdig genug ſey. Seine Tochter zwang er, einen reichen Wittwer zu heirathen, deſſen kraͤnklicher Koͤrper alle Hoff - nung machte, daß er bald ſterben wuͤrde. Der ungluͤckliche Diego hatte das Verſprechen der Ael - tern, und das Herz der Jſabelle vor ſich; aber er war zu arm, als daß der Richter ſeine Anſpruͤche haͤtte billig finden ſollen. Es war ihm unmoͤg - lich, laͤnger an dieſem Orte zu leben. Er floh in ſeinem achzehnten Jahre aus ſeinem Vater - lande; und Jſabelle, die nur ihr ſechzehntes Jahr erreicht hatte, war bey einem ſehr zaͤrtlichen Ab - ſchiede zu tugendhaft, ihm etwas mehrers zu erlau - ben, als die Hoffnung, daß ſie ihn ewig lieben werde. Diego ſuchte, nach den Regeln der ſpa - niſchen Romane, ſeinen Tod im Kriege. Die - ſen fand er nicht; aber dafuͤr eine traurige Ge - fangenſchaft, welche ihn hinderte, ſeiner Freundinn Nachricht von ihm zu geben. Jſabellens ungluͤck - liche Ehe dauerte nicht laͤnger als acht Jahre, da ihr eiferſuͤchtiger Tyrann ſtarb, und ihr das An - denken vieler misvergnuͤgter Stunden, zugleich aber auch ein anſehnliches Vermoͤgen verließ, wel - ches durch den Tod ihres Vaters um die Haͤlfte vermehrt ward. Nun war ſie Herr von ihren Schaͤtzen, und ihrer Hand. Sie ſuchte ihrenDiego;107Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. Diego; aber es war unmoͤglich, einige Nachricht von ihm zu erlangen. Zehen Jahre lang erwartete ſie ſeine Ruͤckkunft, nach dem Beyſpiele einer zaͤrt - lichen Penelope; welche Geſchichte aber ſo ſonder - bar iſt, daß nicht einmal die Dichter das Herz ge - habt haben, ſie fuͤr etwas anders, als fuͤr eine Fabel, auszugeben. Endlich bekam Jſabelle die ſchreckliche Nachricht, daß ihr Diego ſchon vor funfzehen Jahren in einem ungluͤcklichen Treffen geblieben ſey. Sie weihte ſeinem Andenken die redlichſten Thraͤnen, legte ſeinetwegen oͤffentliche Trauer an, und ließ ſich ſodann das Zureden ih - rer Freunde bewegen, ſich wieder zu verheirathen. Jnzwiſchen hatte Diego das Gluͤck gehabt, aus ſeiner Gefangenſchaft zu entkommen. Er erfuhr in Barcelona, daß Jſabellens Tyrann geſtorben, und ihre Hand noch frey ſey. Er flog nach Buen - tara, und der Ungluͤckliche vernahm, daß ſeine Geliebte, nur vor einigen Wochen eine neue Wahl getroffen habe; aber zugleich erfuhr er auch, zu ſeiner großen Beruhigung, mit wie viel Sehn - ſucht Jſabelle ſeine Ruͤckkunft erwartet, und ſich zur neuen Heirath eher nicht entſchloſſen habe, bis man ihr ſeinen Tod verſichert. Er wagte es nicht, ſie zu ſprechen; denn er hoͤrte, ihr Mann ſey ſo eiferſuͤchtig, daß man ſelbſt in Spanien ſeine Ei - ferſucht tadelte. Er gab ihr ſchriftlich die Verſi - cherung von ſeiner alten unverroſteten Liebe; und eben dergleichen Verſicherung erhielt er von ihr. Er ließ ihr bey ſeinem Abſchiede wiſſen, daß er in die amerikaniſchen Colonien gehen wuͤrde, ſeinGluͤck108Antons Panßa von ManchaGluͤck durch den Handel zu verſuchen. Jſabelle war untroͤſtbar. Diego fand in Amerika ſein Gluͤck, und gelangte durch eine Heirath zu groſ - ſen Schaͤtzen. Er lebte mit ſeiner Frau ſehr zu - frieden, und wußte an ihr nichts zu tadeln, als daß ſie nicht Jſabelle war. Dieſe hatte ſechs Jahre unter der Tyranney ihres Eiferſuͤchtigen ge - ſeufzet, und ihr Ungluͤck alsdenn doppelt empfun - den, wenn es ihr einfiel, daß es ihre eigne Wahl geweſen, und daß ſie mit ihrem Diego haͤtte gluͤck - lich leben koͤnnen, wenn ſie nur noch einen Monat mit dieſer Wahl angeſtanden. Der Tod war zum zweytenmale ſo gefaͤllig, ſie aus dieſem Joche zu reiſſen. So bald die Zeit vorbey war, welche, nicht die Liebe, ſondern der Wohlſtand zur Trauer erfoderte; ſo gab ſie ſich Muͤhe, zu erfahren, ob Diego lebe. Sie erfuhr gar bald, daß er in Me - xiko ſey. Man wußte nichts von ſeiner Heirath; und vor heftiger Liebe vergaß ſie, ſich darnach ge - nauer zu erkundigen. Eben dieſe Liebe verhin - derte ſie, auf den Zweifel zu fallen, ob ſie wohl ih - rem Diego im vierzigſten Jahre noch eben ſo rei - zend ſeyn werde, als ſie es im ſechzehenten geweſen war. Sie eilte von den Fuͤßen der pyrenaͤiſchen Gebuͤrge nach Mexiko, in Begleitung eines ihrer nahen Verwandten, der ein Kaufmann war. Sie kam geſund an, und war trunken von zaͤrtlicher Hoff - nung, daß ſie wenigſtens nunmehro die Gluͤckliche werden wuͤrde, welche ſie ſeit dreyßig Jahren zu ſeyn gewuͤnſcht. Eben war ſie im Begriffe, ans Land zu ſteigen, als ſie ihren Diego an dem Ufer gehenſah,109Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. ſah, um deſſen Arm ſich ein Frauenzimmer ſehr vertraulich geſchlungen hatte. Sie glaubte zu traͤumen; die Kniee zitterten ihr, und ſie fiel in die Arme ihres Vetters zuruͤck. Ohnmaͤchtig? Ja freylich! Was waͤre das fuͤr ein Roman, wo die Heldinn nicht wenigſtens einmal ohnmaͤchtig wuͤrde? Endlich erhohlte ſie ſich; ſie klagte ihr Ungluͤck ihrem Vetter, dem die Urſachen dieſer verliebten Wallfahrt nicht ganz unbekannt waren. Der Schluß ward gefaßt, daß ſie ſich verborgen halten, und mit dem naͤchſten Schiffe nach Cadix zuruͤck gehen ſolle. Es geſchah dieſes nach weni - gen Tagen, die ſie anwandte, von dem Gluͤcke ihres angebeteten Freundes genaue Erkundigung einzuziehen. Sie hielt ſich waͤhrend derſelben ſehr ſorgfaͤltig verborgen; und er hatte keine Vermu - thung, daß ihm diejenige Perſon ſo nahe ſey, wel - che vielleicht allein vermoͤgend geweſen waͤre, ſo viel bey ihm auszuwirken, daß ihn die getroffene Verbindung mit ſeiner liebenswuͤrdigen Frau ge - reuet haͤtte. So großmuͤthig war Jſabelle, ihrem Diego eine Unruhe zu erſparen. Sie blieb in Ca - dix, in dem Hauſe ihres Verwandten. Sie that dieſes, um demjenigen naͤher zu ſeyn, der ihr Herz hatte: So wuͤrde ich ſagen, wenn ich einen foͤrm - lichen Roman ſchriebe. Aber weil ich den nicht ſchreibe, ſo will ich aufrichtig geſtehen, daß ich es nicht weis, warum ſie es tha[t]. Hier brachte ſie dreyzehen Jahre in einer todten Einſamkeit, unter den zaͤrtlichſten Seufzern nach ihrem Diego, zu. Jhr Verwandter gab ihr mit jedem Schiffe Nach -richt,110Antons Panßa von Mancharicht, daß er geſund und vergnuͤgt lebe; Sie freute ſich uͤber ſein Gluͤck, und vergoß ſtille Zaͤhren, daß nicht ſie dieſes Gluͤck mit ihm theilen ſollte. Die beſtaͤndig wiederholte Nachricht, daß die Frau des Diego geſund ſey, benahmen ihr alle Hoffnung, und brachten ſie auf die frommen Gedanken, in ein Kloſter zu gehen. Die Widerwaͤrtigkeit, die ſie in der Welt ausgeſtanden hatte, und der Kum - mer, der ihr freundſchaftliches Herz nagte, mach - ten ihr dieſen Einfall angenehm und ernſtlich. Der Geiſtliche, dem ſie die Sorge fuͤr ihre Seele an - vertraut hatte, ermunterte ſie noch mehr dazu, und freute ſich, daß er dem Himmel ein geheilig - tes Opfer, und dem Kloſter eine reiche Wittwe zufuͤhren ſollte. Binnen der Zeit hatte Diego ſo viel Reichthuͤmer erworben, daß er, ob er ſchon ein Kaufmann war, doch glaubte, er habe genug. Er wuͤnſchte ſich, ſolche in ſeinem Vaterlande ruhig zu genießen, und wer Luſt hat, Boͤſes zu denken, der kann glauben, daß er es auch darum wuͤnſchte, um ſein Leben in der Geſellſchaft der unvergeßnen Jſabelle zu beſchließen. Er eroͤffnete ſein Vorhaben ſeiner Frau, und dieſe widerſprach ihm nicht; denn in der neuen Welt hatte man vor zweyhundert Jahren verſchiedne Exempel, daß die Weiber den Maͤnnern nicht widerſprachen. Sie begaben ſich beide zu Schiffe, und naͤherten ſich gluͤcklich den Kuͤſten von Spanien. Nun wer - den meine Leſer den Ausgang dieſer Geſchichte bald argwohnen koͤnnen. Vielleicht ſind ſie fuͤr mich beſorgt, was ich mit ſeiner Frau anfangenwill,111Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. will, in deren Geſellſchaft er nach ſeinem Vater - lande zuruͤcke kehrte? Der Sache iſt bald abzuhel - fen. Sie ſind noch hundert Meilen von Cadix entfernt. Vielleicht koͤmmt ein Sturm, vielleicht ein Seeraͤuber? Aber ſie naͤhern ſich der Kuͤſte gluͤcklich; ſie erblicken den gewuͤnſchten Hafen ſchon von ferne. Was ſoll ich mit der Frau an - fangen? ‒ ‒ ‒ ‒ Gut; ſie muß ſterben! ‒ ‒ ‒ ‒ Diego, den der Anblick ſeines Va - terlandes vom neuen belebte, hatte in der letzten Nacht das unvermuthete Ungluͤck, daß ſein Weib, das er in der That mehr liebte, als ein Weib, in ſeinen Armen ſtarb. Dieſer Vorfall noͤthigte ihn, einige Monate in Cadix zu bleiben. Er hoͤrte in verſchiednen Geſellſchaften den Ruhm einer hei - ligen Jſabelle, welche der Ueberfluß ihrer zeitli - chen Guͤter nicht abhalten koͤnne, den Ueberreſt ihrer Jahre der Andacht und dem Kloſter zu wid - men. Die Neugier, und vielleicht ein unbekann - ter Trieb, bewegte ihn, dieſe fromme Heldinn kennen zu lernen. Er ſahe ſie, und er glaubte, er ſaͤhe die Mutter ſeiner angebeteten Jſabelle. Sein Herz ſchlug ihm; er betrachtete ſie genauer, und zitterte vor Freuden: denn er ſahe, daß ſie wirk - lich ſeine Jſabelle war. Er naͤherte ſich ihr mit bebenden Schritten, und redete ſie ſtammelnd an. Jſabelle nahm die Brille von ihrem ehrwuͤrdigen Geſichte, und in dem Augenblicke ſagten ihr das Herz, und die Augen, ihr Diego ſey es. Sie ſank vor ‒ ‒ ‒ nein, das war zu viel. Ver - liebte Wittwen von ſechs und funfzig Jahren ſin -ken112Antons Panßa von Manchaken nicht mehr in Ohnmacht. Sie blieb alſo ſte - hen. Sie freute ſich, ihn zu ſehen, wie ſich eine Schweſter uͤber die unerwartete Ankunft eines ge - liebten Bruders freuet. Sie erkundigte ſich nach der Urſache ſeiner tiefen Trauer, und erfuhr eine Neuigkeit, bey der ihre Runzeln erroͤtheten. Diego wiederholte einige Tage hinter einander ſeinen Be - ſuch. Er war frey. Jſabelle hatte den Schritt noch nicht gethan, der ſie genoͤthigt haͤtte, eine Geluͤbde zu halten, die ihr nunmehr gewiß eben ſo unertraͤglich wuͤrde geweſen ſeyn, als ſie ei - nem feurigen Kinde von funfzehn Jahren iſt, wel - che der Geiz des Vaters und der Haß einer eigen - nuͤtzigen Stiefmutter dem Herrn opfert. Diego und Jſabelle geſtunden alſo einander, daß ſie ſich noch beide eben ſo liebten, wie vor vierzig Jah - ren. Nun war keine Hinderung weiter im Wege, welche ſie abhalten konnte, ihre Liebe oͤffentlich zu geſtehen. Sie reiſten nach Buentara, und ſahen einander noch eben ſo zaͤrtlich an, als ſie vor vier - zig Jahren einander gekuͤßt hatten. Wenn Diego recht jugendlich vergnuͤgt ſeyn wollte, ſo ſetzte er ſich mit ſeiner Cither unter eben den Erker, unter welchem er in ſeiner Jugend geſeufzet hatte. Hier ſpielte er zu Ehren ſeiner Jſabelle den horchenden Enkeln die ruͤhrenden Lieder vor, uͤber welche ihre Großvaͤter ſo oft eiferſuͤchtig geworden waren. Sein Gluͤck dauerte nicht lange; er ſtarb, und hinterließ Jſabellen, als eine Wittwe von ein und ſechzig Jahren, welche uͤber dieſen Tod ſo untroͤſtbar war, daß ſie, wie man mich gewißver -113Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. verſichern wollen, ſich nach ſeinem Tode niemals hat entſchließen koͤnnen, wieder zu heirathen. Jſt wohl ein Beweis in der ganzen Welt ſtaͤrker, als dieſer, daß alte Liebe nicht roſtet?
Jch habe meinen Leſern zum Beweis dieſes Satzes noch ein Exempel verſprochen. Es iſt, wie ich hoffe, eben ſo erbaulich, wenn es gleich nicht ſo merkwuͤrdig, und ſo weitlaͤuftig iſt.
Auf der hohen Schule zu Leyden habe ich dem Begraͤbniſſe einer ehrwuͤrdigen Jungfer beyge - wohnt, welche ſich nicht eher, als im ſiebzigſten Jahre durch den Tod in einer Liebe hatte ſtoͤren laſſen, die ſich in dem vierzehnten Jahre angefan - gen hatte. Jn dieſem Jahre ſtund ſie, da ſie einen jungen Baron von gutem Hauſe kennen lernte, der ſich in Leyden ſeiner Studien wegen aufhielt. Brigitta liebte ihn, ſo bald ſie ihn ſahe. Es war ihre erſte Liebe, und die erſte Liebe eines jungen Maͤdchens iſt gemeiniglich ſo heftig, daß ſie ſich ſchwerlich verbergen laͤßt. Am wenigſten hatte ſie in Willens, ſolche vor dem Baron zu ver - bergen. Dieſe jungen Herren verſtehen ſehr oft auf Univerſitaͤten die Sprache der Augen beſſer, als die Sprache des Lehrers. Der Baron glaubte, ſeine muͤßigen Stunden, und deren hatte er taͤg - lich vier und zwanzig, nicht beſſer anwenden zu koͤnnen, als wenn er mit dem huͤbſchen Buͤrger - maͤdchen taͤndelte. Das arme Kind liebte ernſt - hafter. Sie ſchwur, ihn ewig zu lieben; DemHBaron114Antons Panßa von ManchaBarone war es nichts neues, eben ſo zu ſchwoͤren. Die leichtglaͤubige Brigitta war vor Vergnuͤgen ganz außer ſich. Aber die Zeit kam, wo der Ba - ron nach Hauſe gehen mußte. Er verließ die Uni - verſitaͤt, ſchwur beym Abſchiede noch hundertmal, und vergaß Brigitten. Dieſe Ungluͤckliche hatte den Baron zu vertraut geliebt; die Folgen davon waren ihr und ihrer Familie beſchwerlich. Jm kur - zen erfuhr ſie, daß der Baron gleich nach ſeiner Zu - ruͤckkunft geheirathet hatte. Dieſe Nachricht ver - doppelte ihre Thraͤnen; aber ſie hoͤrte nicht auf, ihn zu lieben, auch alsdenn, da ſie ihn ganz ohne Hoff - nung liebte. Jn dieſer Einſamkeit waren zwanzig Jahre vorbey gegangen. Der Sohn ihres Mein - eidigen kam auf eben die hohe Schule, und fand Gelegenheit, Brigitten kennen zu lernen. Es giebt Geſichter, die ſo friſch ſind, daß ſie auch noch in ihrem vier und dreyßigſten Jahre einen jungen Menſchen reizen koͤnnen, der zum erſten mal in die Welt koͤmmt. Ja oft reizen ſie mit beſ - ſerm Erfolge, wenn ihre Annehmlichkeiten mit einer kuͤnſtlichen Coqvetterie verbunden ſind. Brigitta war entzuͤckt, den Sohn desjenigen vor ihren Fuͤſ - ſen zu ſehen, den ſie noch nicht vergeſſen hatte, und den ſie nunmehr in ſeinem Sohne zu lieben glaubte. Sie liebte den jungen Baron, und liebte ihn ſo ernſtlich, wie den Vater; doch mit dem Unterſchiede, daß ſie ihn allein ſchwoͤren ließ, und ſelbſt nicht ſchwur. Die Erfahrung hatte ſie ſeit der Zeit gelehrt, daß ein Univerſitaͤtsroman laͤn - ger nicht, als hoͤchſtens drey Jahre, dauert. Jtztſahe115Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. ſahe ſie der Entwickelung ihres Romans ganz ge - laſſen entgegen, und nutzte die kurze Zeit ſehr vor - ſichtig. Sie ließ ihn endlich aus ihren Armen, nicht mit der wilden Empfindung einer jungen Lieb - haberinn, ſondern mit der ernſthaften Zaͤrtlichkeit einer liebreichen Mutter, welche ihren Sohn von ſich laͤßt, ohne Hoffnung zu haben, ihn wieder zu ſehen. Die Thraͤnen, die ſie bey dem Abſchiede vergoß, waren Thraͤnen, welche ſie dem Anden - ken ſeines Vaters weihte. Der junge Baron machte es, wie ſein Vater. Er ſetzte ſich auf ſeine Guͤter, heirathete, und vergaß Brigitten, wel - che an ihn immer mit Vergnuͤgen, und an ſeinen Vater nicht ohne Seufzer dachte. Unter einer bequemen Ruhe, die ſie bey ihrem anſehnlichen Vermoͤgen ſich verſchaffen konnte, war ſie in ihr neun und funfzigſtes Jahr getreten, da ſie erfuhr, daß der Enkel ihres noch angebeteten Barons, und der Sohn ihres noch unvergeßnen Liebhabers auf die hohe Schule gekommen ſey. Es gieng ihr nahe, da man ihr zugleich die Nachricht gab, daß dieſe Familie durch verſchiednes Ungluͤck in gaͤnz - lichen Verfall gekommen ſey. Dieſes war eine Urſache mehr, warum ſie verlangte, den jungen Baron kennen zu lernen. Sie wollte gegen ſich ſelbſt eine Liebe verbergen, die bey ihren Jahren laͤcherlich war: Sie beredete ſich alſo, es ſey nur ein freundſchaftliches Mitleiden, welches ſie dem Andenken ſeines Vaters und ſeines Großvaters ſchuldig ſey. Aber ſie betrog ſich ſelbſt. Es war die uralte Liebe zu ſeinem Großvater, und die alteH 2Liebe116Antons Panßa von ManchaLiebe zu ſeinem Vater, daß ſie die Freundſchaft des Enkels ſuchte. Dieſes unſchuldige Kind war in ſeinem ſiebzehenten Jahre. Der Mangel noͤ - thigte ihn, eingezogen, demuͤthig, und fleißig zu ſeyn. Brigitta machte ſich dieſen gluͤcklichen Um - ſtand zu Nutze. Sie wußte es durch ihre Freunde ſo einzurichten, daß der Baron[di]e Zimmer von ihr miethete, und an ihrem Tiſche ſpeiſte. Der taͤgliche Umgang und die muͤtterliche Vorſorge der Brigitte wirkte bey dem unerfahrnen Baron eine gewiſſe Empfindung, die er Dankbarkeit nannte. Seine Verſorgerinn hatte noch in ihrem neun und funfzigſten Jahre einigen Reſt derjenigen Annehm - lichkeit uͤbrig, welche ſeinem Großvater ſo gefaͤhr - lich geweſen war. Der taͤgliche Umgang mit ihr machte ihn gegen dieſen Reſt empfindlich. Mit einem Worte; ehe die drey Univerſitaͤtsjahre voͤl - lig verfloſſen waren, ſo bewies Brigitta durch ihre Geſchicklichkeit den wahren Satz, daß gemeinig - lich junge Liebhaber ihre erſten Zaͤrtlichkeiten in den Armen einer alten Buhlerinn verſchwenden. Sie empfand in dieſem angenehmen Augenblicke ein dreyfaches Vergnuͤgen, da ſie bey den Schmei - cheleyen des Enkels ſich mit einem male aller der Entzuͤckungen erinnerte, welche ſie in den Umar - mungen des Vaters und des Großvaters genoſſen hatte. Damit meine Leſer nicht die geringſte Un - wahrſcheinlichkeit in dieſer Geſchichte finden, ſo muß ich erinnern, daß die Mutter der Brigitte keine froſtige Niederlaͤnderinn, ſondern von Caen war.
Wer -117Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern.Werden meine Leſer nunmehr noch einen Au - genblick zweifeln koͤnnen, daß alte Liebe nicht roſtet?
Ehe ich ſchließe, will ich noch eine Anmerkung machen. Jch kenne Leute, welche glauben, daß die Liebe einer unverheiratheten Mannsperſon ge - gen ein verehlichtes Frauenzimmer die empfindlich - ſte und dauerhafteſte Liebe ſey. Die Urſachen, die man davon anfuͤhren wollen, ſind bekannt; man weis auch ſolche durch verſchiedne Exempel erheblich zu machen, da eine ſolche Liebe ſich erſt nach vielen Jahren mit dem Tode geendigt hat. Es kann ſeyn; und dennoch bin ich einer ganz an - dern Meynung. Die Provinz Grenada hatte in vorigen Zeiten verſchiedne beſondere Rechte, die ihren Urſprung noch von den barbariſchen Mauren haben mochten. Unter ſolchen war ein ſchreckli - ches Geſetz, welches dergleichen Liebe auf dieſe Art beſtrafte. Ward eine Frau oder ein Mann eines ſolchen Umganges uͤberzeugt, ſo trennte man zuvoͤrderſt die Ehe, noͤthigte den ungetreuen Theil, diejenige Perſon, welche ſie wider die Geſetze ge - liebt hatte, ſo fort zu heirathen; und eine ſolche Ehe konnte nimmermehr wieder getrennt werden. Jch laͤugne es nicht, dieſe Gerechtigkeit iſt entſetz - lich. Gegen dieſe ſind alle andre Strafen, ſo unnatuͤrlich ſie auch zu ſeyn ſcheinen, doch nur ein Spiel. Man ſtelle ſich einmal eine ungluͤckliche Mannsperſon vor, welche auf eine ſolche Art ge - noͤthigt wird, eine Frau auf ewig zu heirathen, die er nur wegen ihrer Laſter liebt. Hat dieſerH 3Um -118Antons Panßa von ManchaUmgang ſchon einige Zeit gedauert, ſo iſt der ekel - hafte Ueberdruß die natuͤrlichſte Folge; und itzt ſoll er gezwungen werden, ſeinen Eheſtand mit eben dem Widerwillen anzufangen, mit dem ihn andre beſchließen. Er kennt ſchon die Untreue ſeiner itzigen Frau: Hat er wohl den geringſten Grund zu glauben, daß ſie ihm getreuer ſeyn werde? Er hat ſie alle Vortheile gelehrt, ihren erſten Mann zu betruͤgen: nun wird ſie dieſe wi - der ihn anwenden. Er weis dieſes, und darf ihr nicht einmal Vorwuͤrfe daruͤber machen, ohne ſich ſelbſt zu verdammen. Eine Eiferſucht von dieſer Art muß eine Hoͤlle, und ihm deſto ſchrecklicher ſeyn; denn er fuͤhlt, daß er ſie verdient hat. Ein jeder Blick von ſeinen Bekannten, iſt fuͤr ihn eine Spoͤtterey. Man flieht ſeinen Umgang, wie den Umgang eines Ungluͤcklichen, der, wegen ſeiner Verbrechen, auf die Galeeren geſchmiedet iſt. Vielleicht waͤre ſeine Strafe ihm nur halb em - pfindlich, wenn ſeine ungetreue Frau eben ſo ſehr dadurch gezuͤchtiget wuͤrde: Aber er empfindet ſie ganz allein, da dieſe ſich ihren Ausſchweifungen ohne die geringſte Sorge uͤberlaſſen darf. Denn nunmehr iſt ſie dafuͤr ſicher, wegen ihrer Untreue iemals von ihrem itzigen Manne getrennt zu werden, welchen die Geſetze ganz huͤlflos laſſen, da er der erſte gewe - ſen iſt, der ſie gegen ihren vorigen Mann untreu ge - macht hat.
Jch will nicht wuͤnſchen, daß dieſes Geſetz auch unter uns deutſchen Chriſten eingefuͤhrt werden moͤ - ge. Was vor eine jaͤmmerliche Verwuͤſtung wuͤrdedieſes119Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. dieſes unter unſrer galanten Jugend anrichten! Was vor Zerruͤttungen wuͤrden daraus in den an - ſehnlichſten Familien entſtehen! Was vor unnatuͤr - liche Ehen wuͤrden daraus erwachſen; wenn Jhro Excellenz die Tochter des Verwalters, und der Kut - ſcher die gnaͤdige Frau heirathen muͤßte! Deutſch - land wuͤrde zur Hoͤlle, die Haͤlfte der Haͤuſer wuͤrde zu Zuchthaͤuſern werden. Die traurigſten Proben davon habe ich bey verſchiednen Ehen geſehen, wo die Mannsperſonen, ohne einigen Zwang der Ge - ſetze, die verwegne Uebereilung begangen haben, ſich mit derjenigen Frau zu verheirathen, welche ſie beym Leben des erſten Mannes zur Untreue verfuͤhrt hatten. Nicht eine einzige iſt vergnuͤgt geweſen. Der Mann war unter ihnen der Gluͤcklichſte, der zuerſt ſtarb*Man ſieht wohl, daß Herr Anton Panßa dieſes in Weſtphalen geſchrieben hat. Waͤre er in Sachſen ge - weſen; ſo wuͤrde er es mit mehrerer Einſchraͤnkung be - hauptet haben: denn in Sachſen, wo man zu leben weis, giebt es noch hin und wieder ſolche gluͤckliche Ehebrecher..
Jch habe fuͤr noͤthig angeſehen, mich hiebey etwas laͤnger aufzuhalten, da dieſe Nachricht zu einem neuen Beweiſe dienen konnte, daß alte Lie - be hauptſaͤchlich nur bey unverheiratheten Perſo - nen nicht roſtet, bey dem Zwange der Ehe aber ſehr leicht verroſtet.
Jn dieſem Spruͤchworte liegt der Grund aller geſelligen Pflichten, und aller daraus ent - ſpringenden Gluͤckſeligkeit der Menſchen. Unſere Philoſophen moͤgen gleich ganze Laſten moraliſcher Qvartanten auf einander haͤufen, ſo werden ſie doch darinnen weiter nichts ſagen koͤnnen, als was uns dieſes einzige Spruͤchwort lehrt. Wer dieſes in ſeinem ganzen Umfange kennt, und mit der Vor - ſicht eines vernuͤnftigen Mannes ausuͤbt; der kann ſeines Gluͤcks gewiß ſeyn. Er wird bey mittel - maͤßigen Gaben groß, und, wenn er auch Fehler hat, doch bey jedermann beliebt ſeyn. Verſaͤumt er aber die große Pflicht, auf die uns dieſes Spruͤchwort weiſt; ſo iſt er unvermeidlich verlo - ren. Ohne dieſe Tugend ſcheint uns der groͤßte Prinz nur ein veraͤchtlicher Verwalter fremder Guͤter zu ſeyn, der auf Rechnung ſitzt. Der Staatsmann wird zum Finanzenpachter, der Fi - nanzenpachter zum Pedanten, und der Pedant zum Klotze, wenn er vergißt, daß er auch fuͤr an - dere lebt, und daß er nicht gluͤcklich ſeyn kann, ohne vorher andere gluͤcklich zu machen, oder, mit un - ſerm Texte zu reden, wenn er vergißt, daß keine Hand ſich ſelbſt waſchen koͤnne.
Jch gebe mir bey aller Gelegenheit Muͤhe, zu zeigen, daß wir Menſchen ſo verderbt nicht ſind,als121Ant. Panßa von Mancha Abh. ꝛc. als es uns der finſtre Eigenſinn einiger milzſuͤch - tigen Moraliſten bereden will. Jch behalte mir vor, dieſes in einer beſondern Abhandlung zu thun, und freue mich, daß ich alsdenn mein menſchen - freundliches Amt ausuͤben, und diejenigen, welche entweder durch traurige Vorurtheile eingenom - men, oder doch auf die Tugenden anderer Men - ſchen ſo aufmerkſam nicht ſind, als ich es bin; daß ich dieſe uͤberfuͤhren kann, wie aͤngſtlich unſere Nebenmenſchen ſich angelegen ſeyn laſſen, in allen Staͤnden die große Pflicht zu erfuͤllen, welche mein Spruͤchwort predigt.
Jtzo bitte ich mir nur die Erlaubniß aus, ei - nige Betrachtungen uͤber die gewoͤhnlichſten Urſa - chen anzuſtellen, welche die Menſchen bewegen, andern zu dienen.
Hiezu gehoͤrt mehr nicht, als eine nur mittel - maͤßige Aufmerkſamkeit auf die Handlungen, wel - che taͤglich um uns herum vorgehen; ſo wird man ſehen, daß beynahe alle Dienſtgefaͤlligkeiten, wel - che ein Menſch dem andern leiſtet, vornehmlich in der Abſicht geſchehen, ſich ſelbſt einen noch groͤſſern Dienſt zu leiſten. Eine Pflicht, die uns die Na - tur lehret! Der Philoſoph erfindet neue Wahrhei - ten, lauter neue, wichtige Wahrheiten; aber ſeine Schuͤler und der Verleger muͤſſen ſie bezahlen. Der Advocat zankt ſich und laͤſtert fuͤr unſere ge - rechte oder ungerechte Sache; etwan nur aus Lie - be zu uns? Nein, er liquidirt. Umſonſt toͤd -H 5tet122Antons Panßa von Manchatet kein Arzt. Der Poet bewegt Himmel und Hoͤlle, ſeinen Maͤcenat zu vergoͤttern; warum? Das weis ſein Maͤcenat wohl.
Dieſes iſt nur ein einziger Blick, den ich meine Leſer auf die Handlungen einiger Staͤnde thun laſſe, und zwar ſolcher Staͤnde, deren Vortheil es ſchlechterdings verlangt, allen Leuten, mit de - nen ſie zu thun haben, gleich Anfangs die Urſa - chen deutlich zu ſagen, warum ſie eigentlich dienſt - fertig ſind.
Wie viel neue Beweiſe meiner großen Wahr - heit wuͤrden wir finden, wenn wir uns die Muͤhe nicht wollten dauern laſſen, mit einer genauern Aufmerkſamkeit auch diejenigen Handlungen der Menſchen zu betrachten, welche ganz uneigennuͤz - zig zu ſeyn ſcheinen!
Jn einem kleinen Staͤdtchen, drey Meilen von mir, wohnt ein Mann, der ſich von guten Wer - ken naͤhrt. Er verließ eine volkreiche Stadt, und zog an dieſen oͤden Ort, wo ſeine liebreichen Ver - dienſte gegen den Naͤchſten etwas beſſer bemerkt werden, als unter jenem Getuͤmmel. Er erquickt von Zeit zu Zeit einige arme Familien durch klei - ne Wohlthaten, die er ihnen durch verſchiedene Umwege zufließen laͤßt. Er wird es niemals ge - ſtehen, daß ſie von ihm kommen. Sein Geſicht hat er gewoͤhnt, zu erroͤthen, ſo bald man ihm mer - ken laͤßt, daß man nur ihn fuͤr dieſen unbekann - ten Vater der Wittwen und Waiſen haͤlt. Erbetheu -123Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. betheuert uns, er ſey dieſer Gluͤckliche nicht, wel - chem der Himmel ſo vieles Vermoͤgen anvertrau - et habe, daß er andern wohlthun koͤnne. Er be - theuert dieſes; aber nimmermehr wird er es euch verzeihen, wenn ihr ſeinen Betheuerungen glaubt. Er weis die Perſonen ſehr vorſichtig zu waͤhlen, durch die er ſeine guten Werke ausſaͤet. Allzu verſchwiegen duͤrfen ſie nicht ſeyn. Er macht ſie geſchwaͤtzig, indem er ſie beſchwoͤrt, ihn nicht zu ver - rathen. Mit einem Worte: Seine Hand rauſcht im Stillen, um bemerkt zu werden. Thut er dieſes ohne Vortheil? Nichts weniger. Hun - dert erwirbt er mit Hunderten. Selten wird ein Teſtament einer reichen Betſchweſter oder ei - nes bußfertigen Wucherers eroͤffnet, in welchem nicht die anſehnlichſte Summe dieſem Manne zu - faͤllt, welcher nichts fuͤr ſich, ſondern alles fuͤr die nothleidenden Armen beſitzt. Die eintraͤglichſten Aemter uͤberlaͤßt man ihm, da man niemanden kennt, der ſie ſo uneigennuͤtzig verwalte. Die reichſten Familien halten es fuͤr einen Segen, ſich mit ſeiner Familie zu verbinden. Koͤnnte dieſer Heuchler, denn ein Heuchler iſt er, ich kenne ihn beſſer; koͤnnte er durch Straßenraub mehr ver - dienen, als er durch ſeine guten Werke verdient? Dieſer fromme Maͤkler iſt bey ſeinem heiligen Wu - cher, den die Geſetze auf keine pro Cent einſchraͤn - ken, ſo lange ſicher, als er ſich huͤtet, daß der ei - gennuͤtzige Heuchler nicht entdecket wird.
Jch fuͤhle es; ich werde zu ernſthaft: Jch pre - dige Buße, und hatte mir vorgeſetzt, zu lachen. Jch124Antons Panßa von ManchaJch will nicht weiter an dieſen Elenden denken. Meine Leſer werden vielleicht mehr Vergnuͤgen darinnen finden, wenn ich ihnen durch einige Ex - empel zeige, wie allgemein dieſe Wahrheit ſey, daß eine Hand die andere waͤſcht, und wie ſorg - faͤltig unſere Mitbuͤrger andern Gefaͤlligkeiten er - zeigen, um ihren eignen Nutzen deſto mehr zu be - foͤrdern.
Machen Sie Platz! Hier koͤmmt ein armer Bauer, welcher unter der Laſt eines Scheffel Mehls gebuͤckt zu ſeinem Richter kriecht. Seine Frau begleitet ihn mit ſorgſamen Blicken, und traͤgt einen Theil des rechtlichen Beweiſes in ihrer Schuͤrze. An der linken Hand fuͤhrt ſie den aͤlte - ſten ihrer Soͤhne, welcher ſchon ſtark genug iſt, zwo Huͤner zum Opfer zu ſchleppen. Armer Freund! wo willſt du hin? weſſen Hand willſt du waſchen? Wer iſt dein Gegenpart? ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ Einfaͤltiger Tropf! Fuͤr ſo viele Haͤnde ſoll die - ſes Wenige! Den Augenblick begegnete mir dein Widerpart in einer Kutſche mit ſechs Pferden, in welche er ein ganzes Vorwerk aufgeladen hatte. ‒ ‒ ‒ ‒ Die Gerechtigkeit deiner Sache? wie thoͤricht denkſt du? Ehrlich, wie ein Bauer, aber eben ſo dumm! Eine gefuͤllte Boͤrſe thut mehr, als Pergament, und zwanzig Zeugen. Und daruͤber wunderſt du dich noch? Nein, mein gu - tes Weib, mit Thraͤnen macht ihr es nicht aus! Was ſoll des Amtmanns Frau mit dieſem elen - den Flachſe machen ‒ ‒ ‒ ‒ Ja, das glaubeich125Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. ich wohl, daß es euch ſauer wird, ſo viel bey eurer Armuth zu entbehren; aber, mein Kind, fuͤnf Schragen Holz, bedenkt es nur ſelbſt, fuͤnf Schragen hartes Holz! Wie geſchwind wird hier euer Flachs in die Hoͤhe lodern! ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ Nun meinethalben! Wenn ihr glaubt, es beſſer zu verſtehen, ſo geht immer hin. Jch wuͤnſche euch Gluͤck!
Der Mann dauert mich. Er hat ein ehrli - ches Herz, er hat eine gerechte Sache; aber Geld hat der Narr nicht. Jnzwiſchen habe ich doch aus ſeinen Reden ſo viel angemerkt, daß er von der Wahrheit unſers Spruͤchworts: Eine Hand waͤſcht die andere, voͤllig uͤberzeugt iſt. Die Huͤner ſollten dem Schreiber. „ Aber warum eben dieſem? „ fragte ich. Je Herr, ſagte der Bauer, er ſteht gut bey der Frau Amtmanninn. „ Und das Mehl? „ Das kriegt des Buͤrgermeiſters Frau! „ Aber wie koͤmmt dieſe dazu? „ Hum! Unſer Herr Amtmann kann ſie wohl leiden.
Die Logik unſers Bauers iſt gar nicht unrecht; aber der Nachdruck fehlt ſeinen Schluͤſſen. Der Bauer den Schreiber, dieſer die Amtmanninn, dieſe ihren Mann: Auf der andern Seite, der Bauer die Buͤrgermeiſterinn, und dieſe den Amtmann. So waſchen dieſe Haͤnde einander in der ſchoͤnſten Ordnung; und gar weibliche Haͤnde, die waſchen ſcharf!
Und doch verliert der arme Bauer gewiß. Er hat einen zu wichtigen Gegner. Dieſer badetgar.126Antons Panßa von Manchagar. Seine eigennuͤtzige Aufmerkſamkeit erſtreckt ſich bis auf die geringſten Perſonen, von denen er vermuthen kann, daß ſie einen Zutritt zu dem - jenigen haben, der angeſehen und wichtig genug iſt, ſein Gluͤck zu hindern. Der Gerichtsdiener iſt der erſte, welchen er auf ſeine Seite zu bringen ſucht. Dieſer elende Menſch, ſo gering er iſt, hat dennoch ſehr vornehme Fehler. Er iſt hoch - muͤthig; denn er hat keine Verdienſte. Er liebt den Trunk; zwar trinkt er nur Brandtewein; aber waͤre er Rath, ſo wuͤrde er ſich in Rheinweine berauſchen. Er liebt die Geſchenke ſo ſehr, wie ſein Herr. Unſer vernuͤnftiger Beklagte weis ſich dieſes alles zu Nutze zu machen. So bald er aus dem Wagen ſteigt, gruͤßt er mit einer beſon - dern Freundlichkeit den Gerichtsdiener, der ihn an der Thuͤre hungrig erwartet. Er druͤckt ihm die Hand, und in dem Hauſe des Richters iſt die Hand eines Beklagtens niemals ledig, wenn ſie druͤckt. Da er die Hand des Allerniedrigſten mit ſo vieler Aufmerkſamkeit waͤſcht, ſo kann man ſelbſt errathen, wie legal er die uͤbrigen ſchmiert, auf deren verdientes Wohlwollen und erkauften Aus - ſpruch weit mehr, als auf die unmuͤndigen Geſetze, der Ausſchlag ſeines Proceſſes ankoͤmmt. Von dem unterſten Schreiber bis auf den oberſten Rich - ter, uͤberzeugt er durch proportionirliche Geſchen - ke alle von der Ungerechtigkeit des verarmten Klaͤ - gers. Sie bearbeiten ſich nunmehr unter einan - der ſelbſt, ſich von der Billigkeit der Sache dieſes freygebigen Beklagten zu uͤberfuͤhren. Einerarbei -127Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. arbeitet an dem andern, wie bey einer Uhr ein Rad in das andere greift. Der erſte Druck, wo - durch Beklagter den Gerichtsdiener bewegt, bringt die ganze große Maſchine der Gerechtigkeit in Be - wegung, welche faſt bis zu denenjenigen fortge - het, die das Recht haben, im Namen des Fuͤrſten zu ſagen: Wohlgeſprochen, und uͤbel appel - lirt! Das iſt die Waͤſche der Gerechtigkeit, von der ich nicht noͤthig haben werde, noch mehr zu ſagen, da nicht leicht einer von meinen Leſern ſeyn wird, dem nicht die eigne Erfahrung Gelegenheit giebt, meinen Satz weiter auszufuͤhren.
Jch will nicht hoffen, daß iemand ſo kurzſich - tig ſeyn, und glauben wird, das Spruͤchwort: Eine Hand waͤſcht die andre, ſey nur ein juri - ſtiſcher Terminus, der weiter nicht vorkomme, als in Gerichtsſtuben. Auf dem Markte, in der Kuͤ - che, beym Katheder, uͤberall findet man ihn; in dem ſchmuzigen Zimmer eines finſtern Pedanten iſt er eben ſo gemein, als unter dem freundſchaft - lichen Gewaͤſche der Antichambre.
Eiferſucht, bittre Vorwuͤrfe, und kritiſche Grobheiten ſind die Fehler, die man uns Schrift - ſtellern gemeiniglich Schuld giebt. Man thut uns Unrecht; denn, nach einer andern Art von Geſchoͤpfen, ſind wir Autores unſtreitig diejenigen Creaturen, die einander am liebſten krauen, und ſich unter einander gemeinſchaftlich die Haͤnde wa - ſchen. Ein Scribent, welcher der Welt angeprie -ſen128Antons Panßa von Manchaſen ſeyn will, wird nicht leicht ermangeln, mit ei - ner collegialiſchen Vertraulichkeit ſich vor demjeni - gen zu beugen, welchen ſeine kunſtrichterliche Mo - natſchrift in das Recht geſetzt hat, fuͤr andere zu denken. Unſer großer Ariſtarch ‒ ‒ ‒ ſo ſpricht der Stolz des demuͤthigen Autors, der von ſeiner Groͤße uͤberzeugt genug iſt, der aber wegen der Unwiſſenheit der Welt den angeſehenen Mann zu ſeinem Herold werben will. Er kriecht bettelnd zu deſſen Pulte, und ſtreichelt ihm die richtende Hand. Dieſer muͤßte ein Herz von Bley, und Dinte in Adern haben, wenn er bey der Erniedri - gung ſeines Collegen froſtig und unempfindlich bleiben ſollte. Wir haben abermals das Ver - gnuͤgen, unſerm Vaterlande zu der gruͤndli - chen Gelehrſamkeit des ſchon durch viele Schriften verewigten, und unſern witzigen Nachbarn ſchrecklich gewordnen Herrn N. Gluͤck zu wuͤnſchen ꝛc. ꝛc. : So muß es in den naͤchſten vier Wochen heißen, und heißt es nicht ſo, ſo gnade der Himmel unſerm großen Ariſtarch! Der gebuͤckte Autor wird ſich in die Hoͤhe richten; er wird auf ſeinen angebeteten Herold verachtend herabſehn, und der Welt vorſchreyen, wie ſtolz und unwiſſend dieſer partheyiſche Richter ſey, wel - cher ſich anmaße, die Schluͤſſel der Ewigkeit an ſich zu reiſſen.
Auf dieſe Art waſchen die Gelehrten einan - der die Haͤnde. So loben ſie ſich, und ſo ſchim - pfen ſie ſich. Denn das muß man wiſſen, daßſie129Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. ſie in beidem gleich ſtark ſind. Aber die Unſterb - lichkeit iſt auch hier das Geringſte, woruͤber man kaͤmpfet. Sollte dieſes nicht dergleichen Heftig - keiten entſchuldigen, da man gegen die Kutſcher ſo nachſehend und billig iſt, welche ſich oft uͤber weit geringere Sachen, beynahe noch groͤßre Grobheiten ſagen?
Jch finde in den Archiven meiner Familie einen Aufſatz, welcher den Titel hat: Kirchengeſchichte von Mancha. Mein Uraͤltervater hat ihn nicht geſchrieben; ſo viel weis ich, und das wiſſen alle diejenigen, die ſeine Geſchichte geleſen haben: Denn er war einer von den großen Geiſtern, wel - che nichts ſchrieben, und deſto mehr dachten. Jch halte es fuͤr die Hand ſeines Eidams Pedro, oder auch ſeiner Marie. Dem ſey wie ihm wolle; denn dieſe und viele andre Familien Kritiken ſind gemeiniglich nur denen wichtig, welche zur Fami - lie gehoͤren: Genug, es iſt eine Kirchengeſchichte von Mancha. Aber freylich nicht von Mancha allein; denn meine deutſchen Leſer werden den Spaniern die Gerechtigkeit wiederfahren laſſen, daß jene eben ſowohl, als ihre Scribenten, ihre Buͤcher durch fremde Sachen, die zum Buche nicht gehoͤren, zu einer ehrwuͤrdigen Dicke zu brin - gen wiſſen. Jn dieſer Kirchengeſchichte alſo wer - den die Wege und Wendungen erzaͤhlt, welche die Geiſtlichkeit in den gluͤcklichen Zeiten des Don Qvixots angewendet hat, zu ihren Aemtern und Pfruͤnden zu kommen. Die Erzaͤhlung hebt vomJErz -130Antons Panßa von ManchaErzbiſchofe zu Toledo an, und geht bis auf den Kuͤſter zu Mancha. Die Nachricht vom Pfarrer in Mancha iſt eine der leſenswuͤrdigſten; denn kei - ner von allen hat ſo viel Haͤnde und auf ſo vieler - ley Art gewaſchen, als er, um ſich in den geiſtli - chen Schafſtall einzudraͤngen. Selbſt die Ausge - berinn des Don Qvixots, als eines Gerichts - herrns vom Orte, hat einen großen Antheil an dem goͤttlichen Rufe. Bey denen, welche nur die geiſt - lichen Rechte, und nicht die Kunſt zu leben wiſ - ſen, wuͤrde die Erzaͤhlung dieſes Berufs ziemlich Aergerniß erwecken. Jch kann auch nicht laͤug - nen, daß ſie mit vieler Bitterkeit vorgetragen iſt, und eben dieſes bringt mich auf die Vermuthung, daß ſie der Eidam, Pedro, geſchrieben habe, den der Pfarrer ſehr verfolgte, weil er auch ihn fuͤr einen neuen Chriſten hielt. Meine Begierde, nie - manden zu beleidigen, noͤthigt mich, hievon weiter nichts zu ſagen. Da ich mich zu einer andern Kirche gewendet habe, ſo wuͤrde die roͤmiſche Geiſt - lichkeit es fuͤr eine rachſuͤchtige Verlaͤumdung auslegen. Aber eben dieſe Vorſicht noͤthigt mich, von den Geiſtlichen derjenigen Kirche nichts zu er - waͤhnen, zu welcher ich uͤbergetreten bin; denn auch dieſe ſind eben ſo geneigt, diejenigen zu Kaͤ - tzern zu machen, welche das Herz haben, ihren Beruf zu unterſuchen; und doch iſt ihr Beruf nicht allemal erbaulich.
Wer die wichtige Kunſt, die Haͤnde zu wa - ſchen, in ihrer Vollkommenheit ſehen will, dermuß131Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. muß auf diejenigen Acht geben, welche die große Welt vorſtellen. Die wenigen Exempel, die ich bisher angefuͤhrt habe, ſind nur Kleinigkeiten, welche unbemerkt bleiben, ſo bald man ſeine Auf - merkſamkeit auf diejenigen richtet, welche ihre Ge - burt, oder auch eben ſo oft ihre Einbildung uͤber andre erhebt. Eine jede Handlung, die ſie vor - nehmen, wenn man ſie recht betrachtet, iſt nichts anders, als die Beſchaͤfftigung, andern die Haͤnde zu waſchen, damit ſie die ihrigen wieder waſchen moͤgen. Eine Verbeugung verlangt eine Gegen - verbeugung; Ein unterthaͤniger Diener fodert einen ganz unterthaͤnigen Diener heraus. Jn oͤffentlichen Geſellſchaften redet man von demjeni - gen Gutes, den man in ſeinem Herzen, oder in der Geſellſchaft weniger Freunde ſo ſehr verachtet, als er es verdient. Warum? Die Unverſchaͤmt - heit dieſes Mannes kann uns bey dem gefaͤhrlich ſeyn, der unſer Gluͤck in ſeinen Haͤnden hat. Er ſoll wieder Gutes von uns reden. Der eigennuͤtzige Rath, den man in ſeiner Stadt kennen wird, ſo bald ich ihn eigennuͤtzig nenne, verſpielt in einem Abende mit einer gelaßnen Miene hundert Ducaten an die Gemahlinn des Praͤſidenten. Man wundert ſich; aber man weis nicht, daß er im Begriffe iſt, mit Erlaubniß des Praͤſidenten, ſein Amt zu verkau - fen, und ſich fuͤr ſeinen zehenjaͤhrigen patriotiſchen Muͤßiggang eine Penſion von hundert Ducaten zu erbitten. Er wird ſie gewiß erhalten; denn die Gemahlinn verſteht das Spiel, und ſie iſt Praͤſident.
J 2Die132Antons Panßa von ManchaDie Gaſtfreyheit des fuͤrſtlichen Beamten ſetzt euch in Verwunderung! Er iſt praͤchtig; alle die mit ihm ſpeiſen wollen, empfaͤngt er mit offnen Armen; er laͤßt den Wein in euern Keller ſchaf - fen, ohne daß ihr es vorher wißt. So lange er auf der Meſſe zu Frankfurt ſich aufhaͤlt, ſo lange iſt ſeine Tafel die offne Tafel fuͤr alle Diener ſei - nes Prinzen, und fuͤr alle ihre Freunde. Jſt das nicht von einem Pachter unerhoͤrt? Ja wohl! Aber wißt ihr nicht, daß der Prinz tractirt, und niemals der Beamte. Wer ſoll es nun wagen, und dem Prinzen den Betrug verrathen, ohne ſich ſelbſt um ſo viele nahrhafte Mahlzeiten zu bringen, und ohne den Haß ſo vieler auf ſich zu laden, wel - che unmoͤglich reden koͤnnen, da ſie das Maul voll haben? Leben, und leben laſſen! Damit beru - higen ſie ihr Gewiſſen, und werden fett.
Aus dieſem kurzen Abriſſe kann man ſehen, daß in dem Spruͤchworte: Eine Hand waͤſcht die andere, die Philoſophie des Hofs, und alles begriffen iſt, was der Menſch braucht, ſein Gluͤck zu machen.
Wie koͤnnen alſo diejenigen verlangen, gluͤck - lich zu ſeyn, welche zu ungeſchickt oder zu eigen - ſinnig ſind, die Vorſchriften dieſes Spruͤchworts zu beobachten? Es giebt Leute, welche nach ihrer Art zu reden, ſich ein Gewiſſen daraus machen, dergleichen Mittel zur Befoͤrderung ihres Gluͤcks anzuwenden. Sie erwarten es mit aufgeſperrtem Maule. Dieſer ſtolzen Unbewegſamkeit wiſſenſie133Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. ſie verſchiedne Namen zu geben, die ehrwuͤrdig genug ſind, die aber ſogleich verſchwinden, wenn man genauer auf ſie Achtung giebt. Der Hoch - muth iſt wohl die gemeinſte Qvelle davon. Sie kennen ihre Verdienſte; ſie verlangen alſo, daß ſie die Welt auch kennen und belohnen ſoll: und thut ſie es nicht, ſo iſt es ein Ungluͤck fuͤr die Welt, welche dieſe großen Verdienſte nicht zu gebrauchen weis. Sie ſehen, daß andere, welche, wie ſie glauben, gar keine Verdienſte haben, dennoch empor kom - men, da ſie durch allerley Dienſtbefließenheit diejeni - gen auf ihre Seite zu bringen wiſſen, bey denen es ſteht, ihr Gluͤck zu machen. Dieſes ſehn ſie mit neidi - ſchen Augen; aber uns wollen ſie bereden, daß ſie ſich ſchaͤmen, ſo niedertraͤchtige Wege zu waͤhlen. Fehlt es ihnen wirklich an Geſchicklichkeit und Ver - dienſten, ſo gewinnen ſie wenigſtens dadurch, daß ſie der verderbten Welt die Schuld geben, welche Ver - dienſte nicht kennt, nicht ſucht, und nicht belohnet. Bey vielen iſt die Unterlaſſung der Pflicht, andern die Haͤnde zu waſchen, ein unvorſichtiger Eigennutz. Sie bevortheilen ihre Obern vielleicht eben ſo ſehr, als diejenigen, welche leben und leben laſſen: aber ſie wollen dieſe Vortheile allein genießen; und wenn ſie, wie es nicht fehlen kann, darinnen von denen ge - ſtoͤrt werden, welche allemal gerecht ſind, wenn ſie nicht einen Theil von der Beute bekommen, ſo klagen ſie den Himmel an, daß dieſer nicht, zu Rettung der Unſchuld, ihren hungrigen Feinden den Mund ge - ſtopft habe. Eine Sache, die ſie ſelbſt haͤtten thun koͤn - nen, ohne ſie vom Himmel zu erwarten!
Jch bin noch bis auf gegenwaͤrtige Stunde ungewiß, ob ich dieſes Spruͤchwort fuͤr wahr halten, oder glauben ſoll, daß es, wo nicht gar ungegruͤndet, doch bey uns wenigſtens ganz aus der Mode gekommen ſey.
Alle Weltweiſen, in der unendlich langen Reihe, vom großen Sokrates bis auf unſern kleinen ‒ ‒ ‒*)Eine jede philoſophiſche Secte hat die Freyheit, dieſe Luͤcke auszufuͤllen. tummeln ſich mit dieſer alten Wahrheit, an der ſie innerlich ſelbſt zweifeln, weil ein Philoſoph gar ſelten die moraliſchen Wahr - heiten glaubt, die er andern lehrt.
Und wo ſoll ich den Beweis von der Wahr - heit dieſes Spruͤchwortes hernehmen, wenn mir die Philoſophen heucheln, wenn mir die Auffuͤh - rung der halben Welt bezeuget, daß man es fuͤr ungegruͤndet haͤlt, und wenn ich ſo viel Menſchen vor mir ſehe, die in ihrem Alter etwas ganz an - ders thun, als ſie in ihrer Jugend gewohnt ge - weſen ſind?
Glaubte die Welt, daß die erſten Angewohn - heiten der Jugend einen unvermeidlichen Einfluß in den uͤbrigen Theil des Lebens haͤtten; ſo wuͤr - den diejenigen, denen die Natur, oder die Obrig -keit,135Ant. Panßa von Mancha Abh. ꝛc. keit, die Erziehung der Jugend auferlegt, ſehr un - verantwortlich handeln, daß ſie dieſe Pflichten mit der Gleichguͤltigkeit erfuͤllen, die man faſt in allen Familien, und in den meiſten Schulen wahr - nimmt. Weil aber die Welt dieſe Folgen nicht glaubt, ſo iſt es ſehr billig, dieſen Leichtſinn zu entſchuldigen, der ohnedem nunmehr eine Art des Wohlſtandes, und eine Hauptregel von der - jenigen Kunſt geworden iſt, die heut zu Tage die Kunſt zu leben heißt. Jch habe ſchon bey einer andern Gelegenheit das Vergnuͤgen gehabt, die Einſicht der Menſchen zu loben, welche ſich die Pflichten der Erziehung ſo bequem zu machen wiſſen, und der guten Natur alles uͤberlaſſen, ohne ſich mit einer vorwitzigen Verwegenheit in ihre Wirkung zu mengen.
Wie muͤhſam iſt man, junge Hunde zur Jagd, junge Pferde zur Pracht und zum Nutzen, und verſchiedne Thiere in Zeiten an Bewegungen oder Toͤne zu gewoͤhnen, die uns beluſtigen koͤn - nen! Es wuͤrde ganz vergebens ſeyn, derglei - chen Unterweiſungen alsdann erſt vorzunehmen, wenn dieſe Geſchoͤpfe zu alt geworden ſind; ja es wuͤrde gar laͤcherlich ſeyn, wenn man dieſe Sa - chen und Dienſte von ihnen fodern wollte, ohne ſie dazu an zu gewoͤhnen. Alles dieſes raͤume ich ein; aber was will man daraus folgern? Etwan dieſes, daß man mit der Jugend auch ſo muͤhſam und ſorgfaͤltig verfahren muͤſſe? Das heißt die Vorzuͤge der Menſchheit beleidigen, und vernuͤnf - tige Geſchoͤpfe bis zum Viehe herab ſtoßen.
J 4Nur136Antons Panßa von ManchaNur die Vernunft unterſcheidet uns Men - ſchen von dem unvernuͤnftigen Viehe; muͤſſen wir et - wan dieſen Unterſchied erſt durch die Erziehung er - langen? Muͤſſen wir erſt durch Regeln vernuͤnf - tig werden? Wie wenig wuͤrden wir von dem Viehe in den erſten Jahren unterſchieden ſeyn, da wir noch keiner Lehren und Erziehung faͤhig ſind! Jch erſchrecke, wenn ich dieſem verwegnen Gedan - ken weiter nachdenke. Sonſt dachte ich auch ſo, ich laͤugne es nicht; ich war ſo einfaͤltig zu glau - ben, daß die Erziehung Menſchen mache, daß ein Menſch ohne vernuͤnftige Erziehung wenig von dem Viehe unterſchieden ſey: So dachte ich ſonſt, aber nicht laͤnger, als bis ich die Welt kennen lernte. Jch ſchaͤme mich nunmehr meiner buͤr - gerlichen Einfalt.
Poeten werden geboren: das raͤumen alle Gelehrte ein; Und warum nur Poeten allein? Warum denn nicht auch Buͤrgermeiſter, Magni - ficenzen, Hochwuͤrdige Gnaden, Excellenzen, und Vaͤter des Vaterlandes? Jſt es nicht zu pedan - tiſch, wenn man glaubt, nur an Poeten verſchwen - de die Natur ihre muͤtterliche Vorſorge, und ſey gegen diejenigen geiziger, ohne welche die ge - bornen Poeten gewiß verhungern muͤßten? Wel - ches Geſchoͤpf iſt in der Natur wohl wichtiger; ein Poet, oder ein Maͤcenat? Ein Mann, der witzig iſt, oder ein Mann, der Geld hat? Und doch wird jener geboren, und dieſer ſoll erſt durch Kunſt erzwungen werden?
Es137Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern.Es folgt alſo hieraus, daß die Natur alles thut, daß die Erziehung ganz uͤberfluͤßig, wenig - ſtens in dem Falle nicht noͤthig iſt, wo man nur die vornehme Abſicht hat, angeſehen, groß und reich zu werden; mit einem Worte, wo die Ge - burt uns in die gluͤcklichen Umſtaͤnde ſetzet, daß wir Verſtand und Tugend entbehren koͤnnen.
Jch kann den ungeſchickten Einwurf noch immer nicht verſchmerzen, den man mir oben von der noͤthigen Abrichtung unvernuͤnftiger Thie - re gemacht hat. Geſetzt nun auch, es waͤre noͤ - thig, die Jugend eben ſo muͤhſam zu unterrich - ten; folgte denn hieraus, daß man davon eben den Nutzen, wie bey den Thieren, haben koͤnnte, und daß es der Koſten und Muͤhe wohl werth ſey, die man darauf wenden muß?
Sagen ſie mir einmal, gnaͤdiger Junker, was iſt ihnen lieber, ihr Pferd, oder ihre Gemahlinn, ihr Huͤnerhund, oder ihr Sohn? Wahrhaftig, ich muͤßte ſie nicht kennen, ich muͤßte nicht eine Stunde lang bey ihnen geweſen ſeyn, wenn ich nicht wuͤßte, daß ihnen Pferd und Hund lieber ſey, als Frau und Kind. Wie edel denken Jhro Gna - den; wie unendlich iſt ihre Einſicht uͤber die nie - drigen Vorurtheile des unadlichen Poͤbels erha - ben! Jch erinnere mich mit unterthaͤniger Ehr - furcht derjenigen Meſſe noch ſehr wohl, da ſie ih - ren Apfelſchimmel kauften. Sie boten den guten Rath aller ihrer Freunde auf, ſie brauchten drey Tage Zeit, ehe ſie ſich zu dieſem Kaufe entſchlieſ -J 5ſen138Antons Panßa von Manchaſen konnten, und nunmehr ſind ſie von ihrem gu - ten Kaufe ſo entzuͤckt, daß ſie uns Stunden lang mit den Tugenden ihres Apfelſchimmels unterhal - ten. Von ihrer Gemahlinn reden ſie deſto weni - ger, und ſind ſehr zufrieden, wenn andere Leute ſie nicht daran erinnern. Sie verbanden ſich mit ihr ohne lange Ueberlegung, ohne ſie genau zu ken - nen, und kennen ſie noch itzt nicht. Es iſt auch eben nicht noͤthig: Denn ſie heiratheten ſie weder zum Umgange, noch zur Wirthſchaft, ſondern nur Lehnsfolger zu bekommen. Dieſen großen Endzweck haben ſie erlangt; die Guͤter bleiben bey der Familie, und ſie haben alles gethan, was man von ihrer Klugheit erwarten koͤnnen. Es iſt wahr, ihre Gemahlinn iſt liebenswuͤrdig, ſie iſt tugendhaft, ſie nimmt ſich des Armuths, und beſonders ihrer Unterthanen an, ſo viel ſie kann, ſie iſt großmuͤthig, ohne ſtolz zu ſeyn, ſie iſt eine liebreiche und ſorgfaͤltige Mutter, eine gute Chri - ſtinn ‒ ‒ ‒ Geduld, gnaͤdiger Junker! wie verdruͤßlich ſehen ſie aus! Jch will nicht ein Wort mehr von ihrer Gemahlinn ſagen ‒ ‒ ‒ Was das fuͤr ein Apfelſchimmel iſt! Wie die Schenkel arbeiten! Er geht, als wenn er tanzte; Welch ein niedlicher Kopf! Ein ganz vortreffliches Gebaͤu - de! ‒ ‒ ‒ Sind ſie nun wieder beſaͤnftigt, gnaͤdiger Herr? Wie freundlich ſie laͤcheln! Aber, nur noch ein einziges Wort von ihrem jungen Herrn ‒ ‒ ‒ Nein, gewiß nicht mehr, als nur ein einziges Wort. Er waͤchſt heran; die Jahre kommen, wo er eine anſtaͤndige Erziehung noͤthighat.139Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. hat. Sie muͤſſen ihm einen Hofmeiſter halten. Gelehrt ſoll er nicht werden; das wird er ohnedem ſo geſchwind nicht: nur darf er nicht ſo unwiſſend bleiben. Er muß Sprachen lernen, er muß fech - ten und tanzen lernen; ſie muͤſſen ihn unter frem - de Leute thun, damit er die Dorfluft entwohnt. ‒ ‒ ‒ O! Sie verſtehn mich unrecht, gnaͤdiger Herr, laſſen ſie mich nur ausreden; Jch meines Orts halte es ja gar nicht fuͤr noͤthig: Jch kenne ihren alten Adel wohl. Er braucht in der That alle die Pedantereyen nicht, da haben ſie voͤllig recht; aber, der Hof ‒ ‒ ‒ Verſtehn ſie mich ‒ ‒ ‒ es iſt freylich ſchlimm genug, aber es iſt einmal ſo: Der Hof will ſchlechterdings haben, daß un - ſere Cavaliere noch zu etwas mehrerm zu gebrau - chen ſind, als Fuͤchſe zu graben; Vernuͤnftige, gelehrte, geſchickte Maͤnner will er haben, und nicht adliche Bauern. Der Hof ſagt das; ich ſage es ja nicht. Es koſtet etwas Geld; freylich koſtet es Geld; aber was ſie an ſeine Erziehung wenden, iſt ihm nuͤtzlicher, als was er von ihnen erbt. Laſſen ſie alle Jahre ein paar hundert Tha - ler mehr ‒ ‒ ‒ Mein Gott, wie koͤnnen ſie ſo hitzig ſeyn! ‒ ‒ ‒ Sa! Perdrix! apporte! apporte! Das iſt ein praͤchtiger Huͤnerhund! Wie ſchoͤn er behangen iſt! wie ſchoͤn er gezeichnet iſt! Der muß theuer geweſen ſeyn, und ihnen viel ko - ſten, ehe er ſo vollkommen abgerichtet worden iſt ‒ ‒ ‒ Zehn Louis d’or? Jſt das moͤg - lich? Aber dafuͤr haben ſie auch einen Huͤnerhund, der ihrem Reviere Ehre macht!
Was140Antons Panßa von ManchaWas glauben meine Leſer? Hat mein Dorf - junker nicht recht? Jch ſollte es wohl meynen. Und wenn es nun nach ſeinen Grundſaͤtzen wahr iſt, daß ein Fraͤulein, auch ohne alle Erziehung eine rechtſchaffene Frau, und eine redliche Mutter werden, daß ein junger Edelmann die Vorrechte ſeines Adels behaupten kann, ohne in demjenigen unterrichtet zu werden, was man Sitten, Wohl - ſtand, und Gelehrſamkeit nennt; wenn dieſes wahr iſt: Wozu ſind uns denn die koſtbaren Leute noͤthig, die uns alles dieſes erſt lehren ſollen? Und wenn der Adel ſich an der Vorſorge der Natur ge - nuͤgen laͤßt, ohne an ſeinem Verſtande zu kuͤnſteln; was wollen denn wir Buͤrger uns unterſtehen, der Natur durch eine ſorgfaͤltige Erziehung zu Huͤlfe zu kommen? Das iſt ein ſtrafbarer Vorwitz!
Jch habe Leute geſprochen, die meinen gnaͤdi - gen Dorfjunker von ſeiner erſten Jugend an ge - kannt haben. Bey ihm iſt alles lauter Natur. Sein Vater war ein alter guter Biedermann, ſo unwiſſend wie ſeine Ahnen, und eine wahre Zierde Deutſchlands, wenn er mit ſeiner Nachbarſchaft ſoff. Dieſer ehrliche Vater ließ es unſerm Jun - ker Hanns weder am Eſſen noch Trinken fehlen, welche liebreiche Vorſorge der Himmel dergeſtalt ſegnete, daß er ſchon im achten Jahre ſtarke dauer - hafte Knochen kriegte. Nun ſetzte er ihn auf ein Pferd. Jm neunten Jahre ſchoß dieſer hoffnungs - volle Junge ſeinen erſten Haſen, zur Freude der ganzen hohen Familie. Dieſe Ritteruͤbungen trieber141Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. er bis ins zwoͤlfte Jahr, da ſich der Vater ent - ſchloß, ihm zu allen Ueberfluſſe ſo viel Unterricht geben zu laſſen, als noͤthig war, ſeinen Namen zu ſchreiben, und Geſchriebnes zu leſen. Der Schulmeiſter qvaͤlte ihn ein ganzes Jahr damit; er war ſchon ziemlich weit in beidem gekommen, als der Vater ſtarb. Nun hatte die Pedanterey ein Ende. Die Vormuͤnder wollten die Koſten nicht weiter dran wenden, und in der That ſchickte ſichs auch nicht, daß ſo ein anſehnlicher Landſtand in die Schule gieng. Was er als Erb-Lehn - und Gerichtsherr zu wiſſen noͤthig hatte, verſtund er nach ihrer Meynung ſchon. Er konnte eſſen, trinken, ſchlafen, reiten, hetzen, die Bauern pruͤ - geln, den Pfarrer tummeln, wider den Hof eifern, und bey einem gnaͤdigen Fraͤulein ſchlafen; Um deßwillen ließ er ſich muͤndig ſprechen, nahm die Guͤter an, und heirathete. Sollte man wohl glauben, daß Junker Hanns bey dieſer Erziehung derjenige geworden iſt, den ſeine Nachbarn wegen ſeiner guten Tafel lieben, wegen ſeiner vortreffli - chen Pferde und Hunde, als einen Mann von gu - ter Einſicht bewundern, und wegen der Unvorſich - tigkeit, mit welcher er bey Tiſche wider die Regie - rung eifert, als einen Patrioten anbeten? Ver - muthlich haͤtte er alle dieſe Vorzuͤge nicht, wenn er aͤrmer geboren, und ſorgfaͤltiger erzogen wor - den waͤre!
Jch glaube, was ich bisher angefuͤhrt habe, wird hinreichend ſeyn, zu beweiſen, daß man, we - nigſtens in der großen Welt, eine muͤhſame Erzie -hung142Antons Panßa von Manchahung der Jugend fuͤr uͤberfluͤßig haͤlt; daß man glaubt, die Natur bilde die Gemuͤther ſchon ſelbſt, ohne dieſe Erziehung; daß man ſich die geringſte Sorge nicht macht, es werden die uͤbeln Ange - wohnheiten der Jugend einen Einfluß in die maͤnnlichen Jahre haben; mit einem Worte, man werde das im Alter thun, was man in der Ju - gend zu thun gewohnt iſt.
Wer noch einen Augenblick daran zweifelt, der gebe ſich die Muͤhe, und pruͤfe die Kinderzucht ſei - ner Bekannten. Zwey Drittheile von ihnen be - kraͤftigen meinen Satz, und das uͤbrige dritte Theil gehoͤrt zur Ausnahme, die keine Regel macht.
Am allermeiſten beſtaͤtigt die Erfahrung, daß das Spruͤchwort: jung gewohnt, alt gethan, gar keine allgemeine Wahrheit ſey.
Der Graf N. N. war bis in ſein zwanzigſtes Jahr unter der ſtrengen Zucht eines harten und eigenſinnigen Vaters, einer aberglaͤubiſchen Mut - ter, und eines pedantiſchen Jnformators. Der Vater wollte ihn mit Ohrfeigen zwingen, politiſch, und ein Staatsmann zu werden; die Mutter pruͤ - gelte ihn zum Chriſten, und der traurige Jnfor - mator bloͤkte ihn bey jedem Donatſchnitzer men - ſchenfeindlich an. Was waren die Folgen dieſer Zucht? Er war ſehr jung an die Buͤcher und zum Gebete gewoͤhnt: Haͤtte man nicht glauben ſollen daß er ſich bis in ſein Alter damit beſchaͤfftigen wuͤrde? Nichts weniger. Der unvermuthete Todſeines143Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. ſeines Vaters veraͤnderte dieſen ganzen Plan. Er ward im ein und zwanzigſten Jahre muͤndig, und zugleich Herr von weitlaͤuftigen Guͤtern, ohne von ſeiner Mutter und dem Hofmeiſter abzuhangen. Nun fuͤhlte er, daß er ohne Zuͤgel war. Dieſe Freyheit war ihm ganz neu; er wußte ſich nicht darein zu ſchicken. Die vernuͤnftige Mittelſtraße, zwiſchen einer pedantiſchen Sklaverey und einer ausſchweifenden Freyheit, hatte man ihn niemals kennen gelehrt. Von jener riß er ſich mit einer jugendlichen Wildheit los; in dieſe ſtuͤrzte er ſich blindlings. Den Hofmeiſter jagte er auf eine ſchimpfliche Art von ſich, und verſchwur zugleich alles, was zur Gelehrſamkeit und zu den ſchoͤnen Wiſſenſchaften gehoͤrt. Dieſen Schwur hielt er Zeitlebens ſo heilig, daß er duͤmmer ſtarb, als er geboren war. Seine Mutter konnte er nicht lie - ben; er ſcheute ſich noch immer vor ihr, aber er flohe ſie. Und, da er merkte, daß er ſich vor ihr weiter nicht zu fuͤrchten hatte, ſo fieng er an, ſie zu verachten, und endlich ſpottete er ihrer Heilig - keit auf eine unanſtaͤndige Weiſe. Er konnte es nicht vergeſſen, daß er zum Gebete ſo oft gepruͤgelt worden war. Wie ruhig war er nun, da ihn niemand weiter dazu zwang! Noch einige Zeit fuhr er fort, in den gewoͤhnlichen Stunden zu be - ten; ſo wie ein Rad ſich noch einige Minuten durch die Gewalt des letzten Drucks bewegt. Nach und nach ward er in ſeiner maſchinenmaͤßigen An - dacht gleichguͤltig. Ein uͤbelgewaͤhlter Umgang machte ihn im kurzen leichtſinnig. Die Geſell -ſchaft144Antons Panßa von Manchaſchaft roher Jugend brachte ihn ſo weit, daß er uͤber die Religion lachte, und endlich fiel er einem jungen Engellaͤnder in die Haͤnde, der in London ein Narr, und in Deutſchland ein witziger Frey - geiſt war. Dieſer zeigte ihm auf die luſtigſte Art von der Welt, daß die ganze Religion ein Ge - ſpenſt fuͤr kriechende Geiſter, nur fuͤr den gemei - nen Mann, nicht fuͤr erlauchte Grafen ſey. Was konnte unſerm ungluͤcklichen Grafen angenehmer ſeyn, als dieſe Entdeckung, welche ſeinen innerli - chen Haß gegen die ihm eingepruͤgelte Religion rechtfertigte! Ohne weiter nachzudenken, umarmte er ſeinen Engellaͤnder, trank Punſch, und ſpottete uͤber die chriſtliche Dummheit, die einen Gott glaubt. So bald er dieſen wichtigen Schritt ge - than hatte, ſo bald waren ihm alle Verbrechen geringe, zu denen er hingeriſſen ward. Sein ganzes Leben war ein Gewebe von niedertraͤchti - gen Bosheiten, und laſterhaften Ausſchweifun - gen, die ihn ſehr fruͤhzeitig dem Tode entgegen fuͤhrten. Er ſtarb endlich mit der Angſt eines Menſchen, der ſich wider die innern Regungen ſeiner Seele ſo lange Zeit Muͤhe gegeben hat, ſich und andere zu bereden, daß kein Gott ſey. Dieſer Elende, welcher ſeine erſte Jugend unter gelehrter Pedanterey, und einer uͤbertriebnen Froͤmmigkeit zugebracht hatte, lebte, und ſtarb endlich als ein Veraͤchter der ſchoͤnen Wiſſenſchaften, und als ein Feind der Religion. Er war erzogen, wie Ju - lian; und wie Julian ſtarb er, nur unwiſſender, und nicht ſo vornehm verſtockt!
Was145Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern.Was vor ein Laͤrm entſteht unter meinen Fen - ſtern? Jch hoͤre die gebietriſche Stimme trotziger Heyducken, welche das Volk noͤthigen, auszu - weichen. Wer ſitzt in dieſer vergoldeten Saͤnfte? Sejan! Wollen Jhro Excellenz nur einen Au - genblick verziehen; ich brauche ihr Bild.
Dieſer praͤchtig geputzte Klumpen Fleiſch be - ſchaͤfftigt die Haͤnde von ſechs Bedienten; und noch vor zehen Jahren glaubte man, er ſey gebo - ren, andre zu bedienen. Damals machte ihn die Armuth demuͤthig. Er hat alles vergeſſen, und kennt auch die nicht mehr, denen er die Haͤnde kuͤßte, wenn er von ihrer Großmuth ſeinen noth - duͤrftigen Unterhalt erhielt. Er war dienſtfertig und ſparſam; der Sejan, der itzt mit einer fin - ſtern Strenge diejenigen beleidigt, denen er ſeinen Dienſt verſagt, und auch die mit ſeinem Stolze demuͤthigt, denen er ſeinen Dienſt nicht hat ab - ſchlagen koͤnnen. Seine Sparſamkeit war eine Folge des Mangels, und keine Tugend. Jtzt lebt er im Ueberfluſſe, er verſchwendet alſo bey aller Gelegenheit, aber nur da nicht, wo er durch eine maͤßige Freygebigkeit großmuͤthig und edel ſeyn koͤnnte. Die Verfolgungen, welche ſeinen Vater unſchuldiger Weiſe trafen, erweckten in ihm einen billigen Abſcheu vor der Ungerechtigkeit der Obern; er flehte den Himmel mit Thraͤnen um Huͤlfe an: Und itzt laͤßt er unſchuldiger Weiſe die Strenge ſeiner Rache unzaͤhlige Ungluͤckſeli - ge empfinden, die vor ihm mit thraͤnenden AugenKfliehn,146Antons Panßa von Manchafliehn, und ihm in ihren jammernden Herzen flu - chen. Er war in ſeiner Jugend im Schooſe der Muſen erzogen: Nun ſchaͤmt er ſich ihrer, ſieht veraͤchtlich auf ſie herab, und erroͤthet, wenn man ihn erinnert, daß er gelehrt geweſen ſey. Durch eine vernuͤnftige Erziehung brachte man ihm die Hoch - achtung fuͤr die Religion bey, die ein jeder haben muß, wenn er ein guter Buͤrger, und ein recht - ſchaffener Mann ſeyn will. Er verlangt beides weiter nicht zu ſeyn. Fuͤr die Religion iſt er itzt zu groß; er giebt ſich Muͤhe, ſie zu verachten, weil ſie ihm nicht zulaͤßt, daß er ſeine Bosheiten ruhig genieße. Mit einem Worte: Sejan war in ſei - ner Jugend demuͤthig, dankbar, dienſtfertig, auf eine anſtaͤndige Art ſparſam, mitleidig; ſein Herz war freundſchaftlich, ſeine Seele edel; er war zu allen Tugenden angewoͤhnt, und eben daher lie - benswuͤrdig. Jtzt, da er vornehm und aͤlter ge - worden, nun iſt er dieſes alles nicht mehr; man haßt ihn.
Das iſt ihr Bild, gnaͤdiger Herr! Kennen ſie ſich? Jch will ſie nicht laͤnger aufhalten. Tragt ihn fort!
Der Ungluͤckſelige! Wie ſehr waͤre ihm zu wuͤnſchen, daß er noch in ſeinem Alter das thun moͤchte, woran er in ſeiner Jugend gewoͤhnt worden iſt!
Kennen ſie den Greis, welcher dort auf dem Markte unter den Buden herum ſchleicht, und ſichin147Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. in den alten blauen Mantel gehuͤllt hat? Gruͤßen ſie ihn, er kann ihnen nicht danken; denn er traͤgt unter dem Mantel in beiden Haͤnden die Kaͤſe und die Wurzeln, die er ſelbſt eingekauft hat, um ſich die Woche hindurch nothduͤrftig davon zu naͤhren. Wie reich glauben ſie wohl, daß er ſey? Urthei - len ſie nicht nach ſeiner verhungerten Miene, und noch weniger nach den zerriſſenen Kleidern, die ihm an dem Leibe verfaulen. Er hat zehen tau - ſend Thaler auf Hypotheken, und noch uͤberdieß ſo viel baares Geld, daß er der halben Stadt auf Pfaͤnder leiht. Und noch iſt alles dieſes nicht vermoͤgend; ihm die aͤngſtliche Sorge zu beneh - men, daß er in ſeinem acht und ſechzigſten Jahre gar leicht Hungers ſterben koͤnne. Seine naͤch - ſten Anverwandten muͤſſen neben ihm darben. Er laͤßt ſie nichts von ſeinen Schaͤtzen genießen: denn er glaubt, der Himmel habe ſie nicht ohne weiſe Urſachen ſo arm werden laſſen; und den Abſichten des Himmels ſich zu widerſetzen, das haͤlt ſein frommer Geiz fuͤr eine große Suͤnde. Er weis, daß ſeine Anverwandten auf ſeinen Tod aͤngſtlich warten; um deßwillen haͤlt er ſie fuͤr ſeine gefaͤhrlichſten Feinde. Weil er gehoͤrt hat, daß man in jenem Leben weder Nahrung noch Kleider braucht, ſo wuͤnſchte er ſich freylich wohl ein ſanf - tes und ſeliges Ende, wenn er ſich nur nicht vor den Begraͤbnißkoſten ſo ſehr fuͤrchtete. Das kann er gar nicht begreifen, was die liebe Obrigkeit denkt, daß ſie den Geiſtlichen zulaͤßt, ſo viel Un - koſten fuͤr ein kleines Grab zu fodern. Die ErdeK 2iſt148Antons Panßa von Manchaiſt ja des Herrn, wie er immer ſeufzet; und ihm wuͤrde es daher einerley ſeyn, ob man ihn auf den Kirchhof, oder auf den Anger begruͤbe, wenn es nur ohne Unkoſten geſchehen koͤnnte. Seiner Schweſter Sohne, einem vernuͤnftigen und ge - ſchickten Manne, hat er den Fluch gegeben, weil er wider ſeinen Willen ein tugendhaftes Maͤdchen ohne Geld geheirathet hat; und da dieſer aus einer guten Abſicht, und ſeine Freundſchaft wieder zu gewinnen, ihn zu Gevattern bat, ſo ſchwur er, ihn zu enterben, und war durch nichts zu beſaͤnf - tigen, als durch die Erklaͤrung, daß er kein Pa - thengeld geben, und fuͤr die Erziehung des Kin - des auf keine Weiſe ſorgen ſollte. Den Wein flieht er, wie die Peſt; wenigſtens auf ſeiner Stube flieht er ihn. Wenn er ein Maͤdchen ſieht, ſo ſchuͤttelt er den Kopf, und dankt dem Himmel mit gefalteten Haͤnden, der ihm ein keuſches Herz gegeben hat, welches alle uͤppige und koſtbare La - ſter verabſcheut. Die Kleiderpracht iſt ihm was ſchreckliches; man kann es wohl aus ſeinem Anzuge ſehn. Auch alsdann eifert er dawider, wenn jun - ge Verſchwender ihre geſtickten Kleider bey ihm verſetzen. Er thut dieſes allemal mit einem juͤdi - ſchen Wucher, und doch haͤlt er es fuͤr Gott ge - faͤllige Werke, weil er dadurch die eitle Jugend außer Stand ſetzt, ſich durch Hoffart in Kleidern zu verſuͤndigen. Nach der Verſchwendung iſt ihm das Spielen die groͤßte Suͤnde. Liegt ihm ein Kartenblatt im Wege, ſo weicht er mit zitternden Schritten aus; denn er glaubt, daß der Teufeldahin -149Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. dahinter ſtecke, und auf ſeine arme Seele laure. Laͤnger als ein Jahr kann die Welt nun nicht mehr ſtehen; das hat er mir geſtern ſelbſt geklagt, da man ihn beredet hatte, daß ein ſtarker Schoß von den Koͤpfen, ohne Anſehen des Alters, und eine erhoͤhete Abgabe von dem Vermoͤgen entrich - tet werden ſolle. Er bittet Gott, er moͤchte ihn vor dem naͤchſten Termine zu ſich nehmen; und wenn er ihm ja ſein kuͤmmerliches Leben friſten ſollte, ſo koͤnne er doch ganz unmoͤglich von ſeinem bischen Armuth was geben, und wenn es auch zum Schwure kommen muͤßte.
Dieſer niedertraͤchtige Greis iſt in ſeiner Ju - gend der groͤßte Verſchwender geweſen. Von ſei - nem funfzehnten Jahre an, hatte er ſich in die koſtbarſten Ausſchweifungen geſtuͤrzt. Sein Va - ter kraͤnkte ſich uͤber dieſen ungerathenen Sohn und ſtarb. Die Haͤlfte des hinterlaſſenen Vermoͤgens reichte kaum zu, die Schulden zu bezahlen, die er bey Lebzeiten ſeines Vaters durch die hungrige Dienſtfertigkeit der Wucherer gemacht hatte. Nunmehr ward die andere Haͤlfte in der Geſell - ſchaft der luͤderlichſten Weibsperſonen, und der niedertraͤchtigſten Schmarozer verpraßt. Seine Anverwandten merkten, daß er nur noch einen Schritt bis zur aͤußerſten Armuth zu thun haͤtte, und ihnen hernach zur Laſt fallen wuͤrde. Sie ſtellten dieſes der Obrigkeit vor, und man brachte ihn, als einen Verſchwender in das Zuchthaus. Die koſtbaren Kleider, und das praͤchtige Haus -K 3geraͤthe,150Antons Panßa von Manchageraͤthe, ſo noch uͤbrig waren, verkaufte man, und machte ein Capital daraus, wovon er ſehr nothduͤrftig leben ſollte.
Auf dieſe Art brachte er ſechzehen Jahre zu, als ein Vetter von ihm in Batavia ſtarb, und ihm ein anſehnliches Vermoͤgen hinterließ. Man hatte nun keinen Vorwand weiter, ihn eingeſchloſſen zu halten: Er ward frey gelaſſen, und von dieſem Augenblicke an hat er ſo gelebt, wie er itzt lebt.
Wer haͤtte glauben ſollen, daß aus dieſem unſinnigen Verſchwender ein ſo niedertraͤchtiger Wucherer werden ſollte?
Hier habe ich unter ſo vielen hundert Exem - peln nur dreye gewaͤhlt, welche, wie ich glaube, hinreichend ſeyn werden, deutlich zu beweiſen, daß die Wahrheit des Spruͤchworts; Jung gewohnt, alt gethan; gar nicht allgemein iſt.
Und dieſes deutlichen Beweiſes unerachtet, bin ich niemals zweifelhafter geweſen, als itzt, da ich Gelegenheit gehabt habe, weiter nachzudenken, und mich unter meinen Mitbuͤrgern aufmerkſamer umzuſehen.
Es ſind mir ſo viele in die Augen gefallen, welche die guten und boͤſen Angewohnheiten ihrer Jugend, bis in ihr hohes Alter, hartnaͤckig beybe - halten haben. Und wenn man auch beym erſten Anblicke zuweilen glaubt, eine Aenderung an ih -nen151Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. nen zu finden; ſo wird man doch bey einer genau - ern Unterſuchung merken, daß es eben die Leiden - ſchaften, eben die Angewohnheiten ihrer Jugend, nur unter einem andern Anſtriche ſind: So wie das Geſicht des Greiſes in Anſehung der Haupt - lineamente noch eben das Geſicht iſt, das er in der Jugend gehabt hat; die Runzeln haben ihm nur ein anderes Anſehn gegeben.
Wer ſollte glauben, daß die Frau Richard - tinn, dieſe alte Betſchweſter, noch in dieſem Au - genblicke eben die feine Buhlerinn iſt, die ſie vor fuͤnf und dreyßig Jahren war? Damals ſchminkte ſie ſich, um ſchoͤn zu ſehen; itzt thut ſie es nicht, um den heuchleriſchen Ruhm einer frommen und ein - faͤltigen Chriſtinn zu erlangen. Jhre ſchmachten - den Blicke flatterten in Geſellſchaften, und in der Kirche herum, um neue Eroberungen zu machen: Dieſe Bewegungen ſind ihre Augen einmal ge - wohnt; ſie koͤnnen noch itzt nicht ruhen, und weil die verderbte Welt dieſe matten Augen nicht wei - ter bemerken will, ſo waͤlzen ſie ſich andaͤchtig her - um, und ſehen gen Himmel. Man gebe einmal auf ſie Acht, wenn ſie in ihrem Betſtuhle knieet, den ſie aus ihrem alten Triebe, bewundert zu wer - den, mitten in der Kirche, und vor den Augen des Prieſters gemiethet hat; man gebe nur einige Minuten auf ſie Acht. Wenn die ganze Ver - ſammlung ſtille iſt, ſo wird man hoͤren, daß ſie mit den großen ſilbernen Schloͤſſern ihres Gebet - buchs eben ſo kuͤnſtlich rauſcht, als ſie es in jungenK 4Jahren152Antons Panßa von ManchaJahren mit dem Faͤcher that. Vor vierzig Jah - ren ſeufzete ſie; ſie ſeufzt noch itzt. Damals ſang ſie verbuhlte Lieder, und lachte: Was ſoll ſie nun thun? Sie ſingt noch, und weint, nicht uͤber ihre Suͤnden, nein, uͤber ihre Runzeln. Als ein junges Maͤdchen richtete ſie den Putz, die Mienen, die unſchuldigſten Handlungen andrer Maͤdchen; denn aus Hochmuth wollte ſie allein gefallen: Hat ſie wohl eine andere Abſicht, wenn ſie itzt ihren Naͤchſten verdammt? Sonſt gab ſie ſich Muͤhe leb - haft zu ſcheinen, wenn ſie die ſtaͤrkſten Geſellſchaf - ten mit ihren gedankenloſen Reden uͤbertaͤubte, und bey allen Gelegenheiten allein plauderte; Hat ſie ſich vielleicht hierinnen geaͤndert? Nichts weniger. Jhr alter andaͤchtiger Hals uͤberſchreyt eine ganze chriſtliche Gemeine, mit ihrem gedankenloſen Sin - gen. Niemand verlangt weiter mit ihr zu reden; ſie plaudert alſo mit Gott, und das nennt ſie, Be - ten. Es iſt wahr, ſie kleidet ſich ſchlecht, einfoͤr - mig, und bis zum Ekel unachtſam; gleichwohl er - innern ſich noch viel Leute ihrer Eitelkeit, und aus - ſchweifenden Kleiderpracht. Das iſt keine Ver - aͤnderung. Sonſt liebte ſie den Putz, um ihre Schoͤn - heit zu heben; itzt waͤhlt ſie eine unanſehnliche ge - ringe Kleidung, um ihre Haͤßlichkeit zu verbergen. Mit einem Worte, die abgelebte Frau Richardtinn iſt immer noch das kleine, eitle, hochmuͤthige, und boshafte Geſchoͤpf, das ſie in dem Fruͤhlinge ihrer Jahre war; der einzige Unterſchied iſt dieſer: Jn ihrem zwanzigſten Jahre buhlte ſie mit der Welt, im ſechzigſten buhlt ſie mit dem Himmel.
Bey153Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern.Bey Meſſalinen, die wir in voriger Woche begraben haben, konnte man viel leichter entdek - ken, daß ſie in ihrem Alter noch eben diejenige war, die ſie in ihrer Jugend geweſen. Sie war das ſeltene Beyſpiel einer ſtandhaften Jungfer, welche ſich niemals hat entſchließen koͤnnen, eine Mannsperſon ganz und gar zu heirathen. Dieſes hinderte ſie nicht, von ihrem vierzehnten Jahre an bis ins vierzigſte in einem beſtaͤndig abwechſeln - den Eheſtande zu leben. Der Reiz verſchwand mit ihrer Jugend; der Zeit zum Trotz malte ſie den entflohenen Reiz auf ihre Wangen. Noch auf ihrem Todbette, da ihr Beichtvater zu ihr kom - men, und ihr den letzten Dienſt leiſten wollte, den Sterbende verlangen; noch alsdenn ließ ſie ſich den Spiegel vors Bette ſetzen, ſchlug den ſparſamen Reſt ihrer grauen Haare in Locken, druͤckte zwo kleine verraͤtheriſche Muſchen zwiſchen die Runzeln an den Augen, laͤchelte ſich im Spiegel beyfaͤllig an, und ſchob das Halstuch nachlaͤßig zuruͤck. Durch dieſe Zubereitung zu ihrem Ende erkaͤltete ſie ſich, und ſtarb, noch ehe der Beichtvater kam, der beym erſten Eintritt uͤber den unvermutheten Anblick dieſer geſchmuͤckten Mumie allerdings ſehr erſchrak.
Da ich noch in Leyden war, ſtarb die Frau mei - nes Stiefbruders. Sie war in der That ein from - mes ehrliches Weib, das ihren Mann aufrichtig liebte, aller Welt mit Vergnuͤgen diente, keinen Menſchen beleidigte. Den einzigen Fehler hatteK 5ſie154Antons Panßa von Manchaſie von ihrer Mutter, daß ſie ſich ſehr gern, ſehr ſorgfaͤltig, und bey aller Gelegenheit putzte. Aber auch dieſer Fehler war noch zu entſchuldigen, da ſie es weder aus Eitelkeit, noch aus Wolluſt, ſon - dern bloß aus Angewohnheit that, nur, ſich zu putzen. Sie war eben ſo vergnuͤgt, wenn ſie an - dere Frauenzimmer anputzen konnte. Sie ver - ſchwendete nichts; denn ihr Putz war ſehr wohl - feil, aber nur immer neu. Von keinem Menſchen redete ſie in Geſellſchaft Boͤſes; aber von Kleidern, von Spitzen, von neuen Moden, von dergleichen artigen Taͤndeleyen redete ſie beſtaͤndig. Unter dieſer angenehmen Beſchaͤfftigung brachte ſie ihr ſechs und dreyßigſtes Jahr heran, da ſie in eine unvermuthete Krankheit fiel, die auf einmal ſo heftig wurde, daß der Arzt aufrichtig geſtund, es ſey unmoͤglich, daß ſie noch vier und zwanzig Stunden leben koͤnne. Wer ſollte dieſe traurige Botſchaft der Kranken bringen, die ſo gern lebte, und mit ſo vielem Geſchmacke gelebt hatte? Jhr Mann liebte ſie zu ſehr, und war in der That all - zuſehr bewegt, als daß er im Stande geweſen waͤre, ihr den Tod anzukuͤndigen. Der Geiſtliche ſollte es thun. Er that es auch mit der Vorſicht, die man in dergleichen Faͤllen von einem vernuͤnftigen Manne fodern kann. Er beklagte ſie wegen ihrer jaͤhlingen Unpaͤßlichkeit; er machte ihr einige Hoff - nung zu ihrer Geneſung; zugleich ſtellte er ihr auch die Moͤglichkeit eines geſchwinden Todes vor; und zeigte aus verſchiedenen Zufaͤllen, die ſie ſelbſt entdeckte, wie wahrſcheinlich dieſe Moͤglichkeit ſey. Bey155Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. Bey dieſer Vorſtellung hielt er ſich einige Minu - ten auf; nach und nach fuͤhrte er ſie unter den an - genehmſten Beſchreibungen eines ſanften Todes auf den Punct, welcher ſo kuͤtzlich zu ſagen war, und als er ſie endlich mit ſo vielen Umſchweifen zubereitet hatte, ſo wagte er es, und eroͤffnete ihr: Sie muͤſſe ſterben. Jch ſterben? rief ſie, und fuhr in dem Bette auf; ich, in meinem ſechs und dreyßigſten Jahre ſterben? Was fehlt mir? Bin ich ſo krank? Wo iſt der Medicus? Sie ſahe ſich wild in der Stube um; ſie erblickte ihren Mann, und ihre Freunde in der traurigſten Stellung. Das vermehrte ihre Unruhe. Der Geiſtliche wollte noch einen Verſuch ſeiner Redekunſt wagen; aber ſie war außer ſich. Sie fiel ihm mit Unge - ſtuͤm in die Rede, und hieß ihn ſchweigen. Jch ſterbe nicht, rief ſie! Bin ich allein die Suͤnderinn, die ſo fruͤh ſterben ſoll? Sie druͤckte ihrem Manne die Haͤnde, und bat, er moͤchte den Geiſtlichen von ihr gehen laſſen, welcher auch ſo beſcheiden war, und in das naͤchſte Zimmer gieng. Jnzwiſchen kam der Arzt. So bald er herein trat, rief ſie ihm mit einer roͤchelnden Stimme entgegen: Jſt es wahr? Muß ich ſterben? Der Arzt ſchwieg, und zuckte die Achſeln. Sie verſtand dieſe trau - rige Sprache. Verraͤther! durch ihre Verwahr - loſung ſterbe ich! Das ſagte ſie mit einer ihr unge - woͤhnlichen Wut. Der Arzt wollte ihr nach dem Pulſe greifen: Sie ſtieß ihn von ſich, und huͤllte den Kopf in das Bette. Was ſollten wir nun anfangen? Wir ſahen aus ihren Bewegungen dieAngſt156Antons Panßa von ManchaAngſt der Verzweiflung, mit der ſie rang. Der Arzt verſicherte uns, daß dieſes ihren Tod be - ſchleunige, und daß ſie, bey dieſen heftigen Er - ſchuͤtterungen ihres Koͤrpers, kaum noch eine Stunde leben koͤnne. Wir waren außer uns. Endlich trug man es mir auf, ſie zu beſaͤnftigen. Jch nahm mir vor, mir ihre Neigungen zu Nutze zu machen, und ihr den Tod ſo geputzt zu zeigen, als es moͤglich ſeyn wollte. Jch naͤherte mich ganz gelaſſen ihrem Bette. Sie ſchlug die Augen auf, und ſah mich ſchuͤchtern an. Sind ſie auch ein Bote des Todes? Ja, ich will ſterben, ich Un - gluͤckliche, ich will gern ſterben! Das ſagte ſie mit knirſchenden Zaͤhnen. Vielleicht iſt dieſe Furcht noch zu fruͤh; war meine Antwort. Meynen ſie, Herr Schwager, ſollte ich wohl noch leben koͤnnen? Jſt dieſe Furcht noch zu fruͤh? Sie ſind doch ein rechtſchaffener Freund von mir; mit ihnen kann man doch vernuͤnftig reden. Glau - ben ſie in der That noch, daß Hoffnung uͤbrig iſt? Aber ſchmeicheln ſie mir nicht. Bey dieſer Anrede merkte ich gar deutlich, daß ihre Seele die letzten Kraͤfte ſammelte, die Freude auszudruͤcken, die ſie uͤber ein laͤngeres Leben hatte. Jch bemaͤch - tigte mich dieſes vortheilhaften Augenblickes, ſetzte mich an ihr Bette, und faßte ſie bey ihrer ſterben - den Hand. Jch zeigte ihr, daß vielleicht noch Hoffnung zum Leben uͤbrig ſeyn koͤnnte, daß wir es alle ſo ſehr wuͤnſchten, als ſie es ſelbſt kaum wuͤnſchen koͤnne, daß ich als ihr wahrer Freund ganz untroͤſtbar ſeyn wuͤrde, wenn ſie ſterbenſollte.157Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. ſollte. Jch hoffte, es ſolle nicht geſchehen. Weil aber doch ein vernuͤnftiger Menſch ſich auf alle Faͤlle muͤſſe gefaßt halten; ſo baͤte ich ſie, mir zu ſagen, wie ſie auf dieſen unverhofften Fall wuͤnſch - te, im Sarge angekleidet zu ſeyn. Jch hatte dieſe Worte kaum ausgeſprochen, ſo fuͤhlte ich an ihrer Hand, daß der Puls ſtaͤrker ſchlug. Jhre halb ge - brochnen Augen bekamen wieder etwas von ihrem vorigen Feuer; ſie laͤchelte mich mit einer chriſt - lichen Gelaſſenheit an, druͤckte mir die Hand, und ſagte: Wie Gott will! Wir ſind alle ſterblich! Und wenn ich ja ſterben ſoll, ſo beſchwoͤre ich ſie bey ihrer Freundſchaft, laſſen ſie bey meiner Be - erdigung nichts fehlen. Der Sarg muß von eichnem Holze ſeyn; aber, Herr Schwager, ja nicht ſo einen ſchlechten fleckichten Sarg, wie ihn die Stadtrichterinn hatte. Laſſen ſie ihn ſo glatt bo - nen, als es die kurze Zeit erlaubt. Hier fuhr ſie, faſt eine halbe Stunde, mit einer innerlichen Zu - friedenheit fort, mir die Beſchlagung des Sarges, deſſen Bedeckung, die Anzahl der Lichter, ſo um den Sarg ſtehen ſollten, die Leichenproceßion, die Trauer fuͤr die Bedienten, die monatlichen Veraͤnderun - gen, die ihr Mann bey ſeiner Trauer im erſten Jahre beobachten ſollte, mit einem Worte, die geringſten Kleinigkeiten vorzuſchreiben, die ich nicht verſtand, und die ich unmoͤglich merken konnte. Sie war von langen Reden ſehr entkraͤftet; ich bat ſie, ſich zu ſchonen. Lieber Gott, ant - wortete ſie ſeufzend, laſſen ſie mich immer reden; vielleicht habe ich kaum noch eine Viertheilſtundezu158Antons Panßa von Manchazu leben. Dieſe will ich noch anwenden, mich zu meinem Ende zu bereiten. Denn ſehen ſie nur, Herr Schwager, ich habe alles bey mir ſehr ver - nuͤnftig uͤberlegt. Da mich Gott von meinem Manne, und meinen lieben Kindern im ſechs und dreyßigſten Jahre, ja wohl in der Bluͤthe meines Alters! dahin reißt, ſo wird man es mir bey mei - ner Jugend nicht fuͤr eine Eitelkeit auslegen koͤn - nen, wenn ich rothen Atlaß zum Kuͤſſen nehme. Auf eben die Art ſoll auch der Sarg ausgeſchla - gen werden. Jch fuͤhle, daß ich matt werde, ich kann kaum mehr reden. Wie fluͤchtig iſt doch unſer Leben! ‒ ‒ Hier ruhte ſie einige Minu - ten, und ich gab einen Wink, daß man den Geiſt - lichen wiederholen moͤchte. ‒ ‒ ‒ Alſo, mit rothem Atlaß ausgeſchlagen; das waren meine Gedanken, Herr Schwager. Dort in jener Commode, im mittelſten Fache rechter Hand, bey meinem neuen Faͤcher ‒ ‒ ‒ den haben ſie wohl noch nicht geſehen, Herr Schwager? Sie ſollen ihn gleich ſehen ‒ ‒ ‒ dort liegt ein Stuͤck ſilberner Spitzchen. Mit dieſen wollen wir die Kuͤſſen, und den Atlaß im Sarge beſetzen, alles Bogenweiſe; ſehn ſie auf mich, Herr Schwager, ſo wie ichs ihnen hier weiſe; (und ſie wies mir es mit dem Finger auf dem Bette) aber ſo, ja nicht anders, und die Bogen bey Leibe nicht zu klein, es iſt ſonſt gar kein Geſchmack darinnen. Die Haare ſoll mir meine Schweſter friſiren laſſen, ſo, wie ich ſie vor vier Wochen trug, als ich Gevatter ſtund; nur nicht zu weit ins Geſichte; man ſiehtwie159Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. wie eine Eule aus. Mein Sterbekleid aber ‒ ‒ ‒ Hier trat der Geiſtliche ins Zimmer. Kommen ſie, Herr Beichtvater, kommen ſie zu mir her. Gott hat mir die Gnade gegeben, daß ich mich auf alle Faͤlle faſſen koͤnnen. Vielleicht friſtet mir der Himmel das Leben noch; inzwiſchen will ich doch als eine gute Chriſtinn, mich zu meiner Hinfahrt bereiten. Der Geiſtliche war uͤber dieſe geſchwinde Veraͤnderung erſtaunt, und ſchickte ſich an, ſeine Kranke die letzte Handlung eines ſterben - den Chriſten verrichten zu laſſen. Jch wollte mit den uͤbrigen aus der Stube gehen, und ſie allein laſ - ſen: Aber ſie hielt mich feſt beym Rocke, und ſagte ganz ſachte zu mir: Sie muͤſſen bey mir bleiben; ich habe noch verſchiedenes mit ihnen zu reden. Jch blieb alſo bey ihr, und bewunderte nunmehr ihre wahre Standhaftigkeit, mit welcher ſie die Vermahnungen des Geiſtlichen hoͤrte, und ihren Tod mit einer zuverſichtlichen Gelaſſenheit zu er - warten ſchien. Ueber dieſer andaͤchtigen Hand - lung mochte faſt eine halbe Stunde verſtrichen ſeyn. Jhre Freunde traten wieder ins Zimmer, und ſie ward ſo matt, daß ſie in eine Ohnmacht fiel. Durch viele Muͤhe kam ſie wieder zu ſich ſelbſt. Sie fragte, wo ich waͤre, und ich ſtund bey ihr; aber die Augen waren ſchon truͤbe. Sie faßte mich wieder bey der Hand: Nur noch ein Wort, Herr Schwager; denn ich fuͤhle es, es wird bald das Letzte ſeyn. Zu meinem Sterbe - kleide nehmen ſie weißen Atlaß, ſo rein ſie ihn kau - fen koͤnnen. Wir wollen es mit ſilbernen Spitzenbeſe -160Antons Panßa von Manchabeſetzen, von dem Muſter, wie ich auf meiner neuen Andrienne habe ‒ ‒ ‒ Gerechter Gott! Die Andrienne werde ich nun auch nicht wieder anziehen! Was ſind wir elende Menſchen doch mit allen unſern weitausſehenden Anſchlaͤgen! ‒ ‒ ‒ Meine Waͤſche ‒ ‒ ‒ Hier fiel ſie in eine neue Ohnmacht: aber ſie erhohlte ſich geſchwind wieder; denn ſie hatte mir noch zu ſagen, daß ſie nicht wuͤßte, was ſie vor Schuhe anziehen ſollte. Jch ſchlug ihr in der Angſt vor, ſie ſollte die Braut - ſchuhe nehmen; allein ſie ſchuͤttelte mit dem Kopfe, und ſagte: Die altvaͤteriſchen Schuhe! Endlich waͤhlte ſie ein andres Paar Schuhe, ich weis nicht mehr, welches. Die dritte Ohnmacht uͤberfiel ſie. Es koſtete viel Muͤhe, ihre fliehenden Lebens - geiſter zuruͤck zu bringen: Endlich gelung es dem Arzte. Sie erwachte, aber die Sprache hatte ſich verloren. Sie winkte ihrem Manne, den ſie zaͤrtlich umarmte. Man fuͤhrte ihre beiden Kin - der ans Bette, denen ſie die Hand auflegte, und einige Thraͤnen dabey fallen ließ. Gegen die An - weſenden machte ſie eine freundſchaftliche Bewe - gung, die die Stelle eines Abſchiedes vertrat. Wir waren alle aufs aͤußerſte geruͤhrt. Jch mußte noch einmal zu ihr treten: Sie verſuchte zu reden; aber es war ihr unmoͤglich. Sie wies et - liche mal zwiſchen die Bruſt, und ward ungedul - dig, daß ich ſie nicht verſtehen konnte. Sie wie - derholte dieſe Zeichen noch einmal, und druͤckte die zuſammen geballte Hand zwiſchen die Bruſt. Nun verſtand ich ſie, und ſagte: Einen Straus meynenſie?161Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. ſie? Sie ſollen ihn recht ſchoͤn haben! So bald ich dieſes geſprochen hatte, laͤchelte ſie mich dankbar an, druͤckte ſich die Augen ſelbſt zu, und verſchied.
Sieht man wohl oft ein ſo ruhiges Ende, als das Ende dieſer Heldinn war! Noch ihre letzte Miene war ein Beweis, daß man das im Alter, und im letzten Augenblicke des Lebens thut, was man in der Jugend ſich angewoͤhnt hat.
Dieſe drey Exempel ſind ſo uͤberzeugend deut - lich, daß ich nicht Urſache haben wuͤrde, noch weitlaͤuftiger meinen Satz zu beweiſen, daß das Spruͤchwort: Jung gewohnt, alt gethan; eine ziemlich allgemeine Wahrheit ſey. Aber ich darf hiebey nicht ſtehen bleiben. Dieſe Exempel ſind alle drey von dem weiblichen Geſchlechte entlehnet. Dadurch wuͤrde ich mich den empfindlichen Vor - wuͤrfen einer meiner Freundinnen in Cleve bloß ſtellen, welche mir immer Schuld giebt, daß ich mich in meinen Reden und Schriften zu ſehr an dem Frauenzimmer verſuͤndige. Sie lobt mich mit Beyfalle, wenn ſie findet, daß ich keinem Stande und keinem Alter ſchmeichle. Die Ge - lehrten, den Soldatenſtand, auch die Geiſtlichen, alle uͤberlaͤßt ſie mir: Ja, gewiſſer Urſachen we - gen, wuͤrde ſie es gern ſehen, wenn ich weniger behutſam mit den Obern verfuͤhre; denn ſie iſt eine hitzige Patriotinn, und ihr Mann iſt kein Freund von Steuern und Gaben. Aber, das kann ſie durchaus nicht leiden, daß ich das Frauen -Lzimmer162Antons Panßa von Manchazimmer zu oft, und, wie ſie glaubt, immer nicht auf eine Art erwaͤhne, die fuͤr eine Schmeicheley angeſehen werden koͤnne. Daruͤber eifert ſie mit einer Heftigkeit, die dem Zanke ſehr nahe koͤmmt. Sie wuͤrde mich boͤſe machen, wenn ſie nicht ſchoͤn ausſaͤhe: Aber, ihr kleiner Mund bekoͤmmt einen ganz neuen Reiz, wenn er ſchmaͤlt; ihre Augen ſind auf eine beſondere Art angenehm, wenn ſie ein wenig grimmig werden. Jch liebe dieſe kleine Kunſtrichterinn in der wilden Unordnung, worein ſie die Liebe zu ihrem Geſchlechte ſetzt. Jch werde mich wohl noch weiter auf dieſe Art verſuͤndigen. Jch wuͤrde gar zu viel verlieren, wenn ich ſie nicht wider mich erzuͤrnte. Wie reizend wird ſie mit ihren weißen Zaͤhnen knirſchen, wenn ſie dieſe Stelle ſo unvermuthet in meinen Spruͤchwoͤrtern findet! Jch habe ihr gedroht, daß ich ihre Par - theylichkeit der Welt verrathen wollte, wenn ſie nicht aufhoͤrte, mich mit ihrer Kritik zu martern. Jn der That hat ſie bey ihren tugendhaften Voll - kommenheiten gar nicht Urſache, ſich der Fehler ihres Geſchlechts anzunehmen. Sie ſollte beden - ken, daß ihr Geſchlecht die Haͤlfte der Welt aus - macht; ſo wuͤrde ſie ſelbſt nachrechnen koͤnnen, daß ich niemals zwo tugendhafte, oder zwo laͤcherliche Charaktere malen kann, ohne den einen von dem Frauenzimmer zu borgen. Gleichwohl entſchul - dige ich bey ihr dieſe Vorurtheile. Sie thut nichts, als was der groͤßte Theil der Leſer thut, welche zwar geſchehen laſſen, daß man aller ſpot - tet, aber alsdenn die Stirne runzeln, wenn manden163Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. den ihrigen zu nahe koͤmmt. Sehn ſie, Mada - me, wie billig ich bin? Und damit ich ſie noch mehr beruhige, ſo will ich dieſes Spruͤchwort nicht eher ſchließen, bis ich einige Exempel ange - fuͤhrt, daß auch bey uns Mannsperſonen, die Thor - heiten der Jugend noch im Alter ihre volle Kraft unveraͤndert behalten. Koͤnnen ſie wohl mehr von mir verlangen, Madame? Jch kuͤſſe ihnen die Haͤnde!
Der ungerechte Herkommann, dieſer Vater der Sporteln, und Hoheprieſter der Chicane, wird auf dem Rathhauſe unvergeſſen ſeyn, ſo lange man noch einen Schelm nennt. Den erſten Schritt, den er in die hohe Schule that, den that er in das Haus eines Mannes, welches von den Thraͤnen der Wittwen, und dem geraubten Brodte der Waiſen erbaut war. Dieſer geſchworne Feind der Gerechtigkeit empfieng ihn, als den hoffnungs - vollen Sohn ſeines wuͤrdigen Freundes, mit offe - nen Armen. Jch darf nicht vergeſſen zu erwaͤh - nen, daß der Vater unſers Herkommanns im Ge - faͤngniſſe geſtorben war, und dieſes um einer Klei - nigkeit willen: Mit einem Worte, er hatte ein paar falſche Wechſel gemacht; in der That war dieſes unter allen ſeinen Verbrechen das kleinſte. Herkommann entdeckte ſeinem neuen Vater gar zeitig die großen Gaben, die in ihm noch unaus - gebildet lagen. Ohne ſich auf der Univerſitaͤt lan - ge mit dem zu martern, was man Theorie nennt, ſchritt er gleich im erſten Jahre zur Praxi. EsL 2vergien -164Antons Panßa von Manchavergiengen nicht vier Monate, ſo war er im Stande, alle Haͤnde nachzumalen. Bey muͤßigen Nebenſtunden uͤbte er ſich in der Geſchicklichkeit, Siegel nachzudruͤcken, und Briefe unvermerkt zu oͤffnen. Damit er einige Nahrung haben, und deſto mehr aufgemuntert werden moͤchte; ſo lehrte ihn ſein Goͤnner die eintraͤgliche Kunſt, Zeug - niſſe abzulegen, und brachte ihn im Kurzen derge - ſtalt in die Kundſchaft, daß er der ganzen Gegend, in allen moͤglichen Faͤllen, und wo es nur verlangt ward, mit ſeinem Zeugniſſe gegen die Gebuͤhr diente. Hievon hatte er einen dreyfachen Nutzen: Er verdiente Geld; er ward ſo unverſchaͤmt, als nach den Grundſaͤtzen ſeines Lehrers ein Advocat ſeiner Art ſeyn mußte; und endlich lernte er zu - gleich durch eigne Erfahrung, wie man Zeugen abrichtet. Dieſe zween letzten Vortheile bringen noch mehr ein, als alle Titel aus den Pandekten. Nunmehr fand ihn ſein Lehrer faͤhig, der Gerech - tigkeit den Krieg anzukuͤndigen, und zu practici - ren. Seinen erſten Proceß verlor er. Sein Ge - gner war ein Advocat, der geſchickt, ehrlich, und unerſchrocken war: Sein Richter war einſehend und unpartheyiſch. Unſer Herkommann war noch nicht abgehaͤrtet, und unverſchaͤmt genug, vor den Augen eines gerechten Richters, und eines Gegners, den die Wahrheit muthig machte, die augenſcheinliche Ungerechtigkeit ſeiner Sache zu vertheidigen. Er konnte ſich nicht faſſen; der Richter uͤberfuͤhrte ihn ſeiner Bosheit; ſein Client verlor ſeine Anſpruͤche, und ſein baares Geld;der165Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. der ungluͤckliche Herkommann aber ſchlich beſchaͤmt nach Hauſe, und klagte ſeinem Meiſter den trau - rigen Ausgang ſeines erſten Angriffs. Dieſer erfahrne Mann munterte ihn auf. Er geſtund ihm, daß es ſehr ſchwer ſey, vor den Augen eines unpartheyiſchen Richters, und eines erfahrnen Gegners eine ungerechte Sache gelaſſen zu ver - theidigen: Zugleich aber verſicherte er ihm, es ſey ein ſehr ſeltnes Phaͤnomenon, einen ſolchen Richter, und einen ſolchen Gegner beyſammen zu finden. Muth muͤſſe er faſſen, dem Richter be - ſtaͤndig widerſprechen, ſeinen Gegner durch perſoͤn - liche Vorwuͤrfe und Grobheiten erhitzen; mit ei - nem Worte, wenn er ſie nicht mit der Bindigkeit der Beweiſe uͤberfuͤhren koͤnne, ſo muͤſſe er ſie durch die Staͤrke ſeiner Lunge uͤberſchreyen. Oft lernt ein junger Feldherr durch den Verluſt einer Schlacht mehr Kriegskunſt, als durch den vor - theilhafteſten Sieg: Unſerm Herkommann wie - derfuhr eben dieſes. Durch ſein Ungluͤck ward er groß. Bisher hatte er ſich vornehmlich nur die - ſes angelegen ſeyn laſſen, wie er die unbequemen Regungen eines erſterbenden Gewiſſens nieder - druͤcke, und ſein Geſicht gewoͤhne, niemals zu er - roͤthen: Nun arbeitete er auch an ſeiner Lunge, und arbeitete mit einem ſo gluͤcklichen Erfolge, daß er mit der Dreiſtigkeit eines alten legalen Betruͤ - gers in kurzer Zeit den Richter betaͤubte, und den Gegentheil uͤberſchrye. Nunmehr ward er allen Richterſtuben ſchrecklich, und in der ganzen Ge - gend als ein großer Advocat beruͤhmt. WittwenL 3und166Antons Panßa von Manchaund Waiſen zitterten vor ſeinem Namen; aber allen denen war er eine ſichre Zuflucht, welche verdienten, gehangen zu werden. So ſeltne Ver - dienſte ſind einer ſeltnen Belohnung wuͤrdig. Der alte getreue Wegweiſer unſers Herkommanns er - ſtaunte uͤber den geſchwinden Fortgang dieſes jun - gen Rabuliſten. Er freute ſich uͤber dieſes Werk ſeiner Haͤnde, und liebte ihn, wie ein reiſſender Wolf ſeine Jungen liebt. Die Erfahrung hatte ihn gelehrt, wie wenig Zeit dazu gehoͤre, ſich reich zu pluͤndern. Schon im Geiſte ſtellte er ſich die Groͤße, und die Reichthuͤmer ſeines muthigen Herkommanns vor. Zur Belohnung ſeiner ihm geleiſteten Dienſte, wollte er ſein Gluͤck mit dem Gluͤcke dieſes hoffnungsvollen Mannes verbinden: Er gab ihm alſo ſeine einzige Tochter. Die ver - traulichſte Einigkeit der Straßenraͤuber iſt von keiner Dauer, und nimmt oft ein blutiges Ende. Herkommann, und ſein Schwiegervater waren beide zu boshaft, als daß ſie lange Zeit mit einan - der in einem Hauſe ruhig leben konnten. Jhre Feindſchaft brach mit Heftigkeit aus; ſie verklag - ten einander vor dem Richter. Die ganze Stadt war aufmerkſam, wie bey dem raſenden Kampfe zwoer grimmiger Beſtien. Herkommann, wel - chen die Chicane vorzuͤglich liebte, wie das Gluͤck junge Helden liebt, und alten untreu wird; Her - kommann, den ſein Schwiegervater zum Raube eingeſegnet, und zum Betruͤger abgerichtet hatte; dieſer undankbare Herkommann beſtritt ihn mit ſeinen eignen Waffen, und ſiegte. Er war ſogeſchickt,167Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. geſchickt, daß er ſeinen Schwiegervater um das Haus, und um ſein ganzes Vermoͤgen brachte. Er ließ ihn elendiglich verhungern. Nun war ihm weiter nichts im Wege, ungehindert zu wuͤr - gen. Er that es dreyßig Jahre lang, und verwuͤ - ſtete die ganze Gegend. Das war ihm noch nicht genug: Auch nach ſeinem Tode wollte er noch ſchaden. Er machte ein Teſtament, welches ſeine Erben in die groͤßte Verbitterung und in Proceſſe ſtuͤrzte, die ihnen nicht allein die Erbſchaft zernich - teten, ſondern auch noch ihr eignes Vermoͤgen koſteten. Herkommann that alſo in ſeinem Alter das, woran er ſich in ſeiner Jugend gewoͤhnt hatte. Er war ein junger Boͤſewicht, ein alter Raͤuber, und auch nach ſeinem Tode noch ein ſchaͤndlicher Betruͤger. Es faͤllt mir noch eine merkwuͤrdige Handlung ſeiner ſtandhaften Bos - heit ein. Wenige Stunden vor ſeinem Tode entſchloß er ſich, des Wohlſtands wegen den Beichtvater zu ſich kommen zu laſſen. Dieſer ſegnete ihn endlich ein, und beym Einſegnen merkte Herkommann, daß er contrebandes Tuch zum Prieſterrocke hatte. Er ließ den Fiſcal rufen, gab es an, und ſtarb.
N. N. ward durch den Tod ſeiner Aeltern der unwuͤrdige Erbe eines anſehnlichen Vermoͤ - gens. Sein rechtſchaffener Vater kannte ihn ge - nauer, als viele Vaͤter ihre Kinder nicht kennen. Er hatte gemerkt, daß ſein Sohn, von den erſten Jahren an, das Geld, ſo man ihm in die HaͤndeL 4gab,168Antons Panßa von Manchagab, auf die niedertraͤchtigſte Art verſchwendete. Er bemuͤhte ſich, den Folgen davon durch ein ſehr ſorgfaͤltig eingerichtetes Teſtament vorzukommen. Dieſe Sorgfalt war vergebens. Jn der verab - ſcheuungswuͤrdigſten Geſellſchaft von eigennuͤtzigen Freunden, von Spielern und Huren brachte er ſein Vermoͤgen durch, ohne es ſelbſt zu genießen. Jtzt lebt er von dem Almoſen ſeiner Freunde. Weder die Verachtung der ganzen Stadt, noch die na - gende Armuth, noch eine Zeit von funfzig traurigen Jahren ſind vermoͤgend geweſen, ihn vernuͤnftig zu machen. An ſeine raſenden Ausſchweifungen denkt er mit Vergnuͤgen, und verſichert mit den ſchreck - lichſten Fluͤchen alle, die es hoͤren wollen, daß, wenn ſein Vater heute ſtuͤrbe, er noch heute Anſtalt ma - chen wuͤrde, das ererbte Vermoͤgen mit eben der wilden Art zu zerſtreuen, wie er es vor dreyßig Jahren gethan habe.
Veit Knollius war des Verwalters Sohn, und in ſeinem Dorfe der gelehrteſte Bauerjunge. Seine zaͤrtliche Mutter war erkenntlich; drum lobte ihn der Schulmeiſter alle Sonntage. Das machte den albernen Buben hochmuͤthig: Er verachtete die andern Knaben, welche nicht ſo fix leſen und ſchreiben konnten. Es war ihm unleid - lich, wenn ihm einer von ſeinen Mitſchuͤlern wi - derſprach, und da ihm die Natur, außer ſeinem großen Verſtande, auch große Faͤuſte gegeben hatte, ſo pruͤgelte er auf die armen Jungen deſpotiſch los. Jn dieſer Gemuͤthsverfaſſung kam er aufeine169Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. eine Stadtſchule, wo er alle Tage gelehrter, und alle Tage unbeſcheidner ward. Auf hohen Schu - len bildete er ſeine grobe Seele ſorgfaͤltig aus. Er war unermuͤdet fleißig, um andern ins Geſicht ſagen zu koͤnnen, daß ſie unwiſſender Poͤbel waͤren. Jm Kurzen ſagte er dieſes ſeinem eignen Lehrer; und damit er die Freyheit erlangen moͤge, es oͤffent - lich behaupten zu duͤrfen, ſo oͤffnete er ſich den Weg zur Katheder, und wies der Welt in dem ſchoͤnſten Lateine, deſſen ſich in Rom kein Boots - knecht haͤtte ſchaͤmen duͤrfen, daß alle ſeine Col - legen unwiſſende Eſel, und deutſche Ochſen waͤren, und daß nur er von den Muſen geſandt waͤre, ſei - nem blinden Vaterlande die Augen zu oͤffnen, und den hochmuͤthigen Auslaͤndern einen Mann entge - gen zu ſetzen, der Knollius heiße. Es waren ei - nige Theile der Gelehrſamkeit, um die er wahre Verdienſte hatte; Seine Feinde ſelbſt konnten ihm das nicht abſprechen: Aber auch ſeine beſten Freunde mußten geſtehen, daß dieſe Verdienſte durch ſeine Eigenliebe, und beleidigende Grobhei - ten dergeſtalt verdunkelt wuͤrden, daß er allen un - ertraͤglich ſey, und ein unpartheyiſcher Richter im - mer unſchluͤßig bleibe, ob man mehr Urſache habe, ihn hoch zu ſchaͤtzen, oder ihn zu verachten. Dieſe Auffuͤhrung, welche ſo gar die Critici in den Nie - derlanden fuͤr unhoͤflich hielten, erregte ihn viele heftige Gegner. Man griff ihn von allen Seiten unbarmherzig an, und zeigte ihm theils mit einer ernſthaften Gelaſſenheit, theils mit beißender Bit - terkeit, theils aber in ſeiner eignen groben Sprache,L 5daß170Antons Panßa von Manchadaß er der gelehrteſte Thor ſeiner Zeit ſey. Bey allen dieſen Anfaͤllen blieb er muthig ſtehen. Er war von ſeinen Verdienſten ſo trunken, und von der dankbaren Ehrfurcht, die ihm die ſpaͤteſte Nachwelt bezeigen wuͤrde, ſo gewiß uͤberzeugt, daß er die vernuͤnftigen und unvernuͤnftigen Vor - wuͤrfe mit gleichem Hochmuthe verachtete. Gro - tius und Bayle waren große Maͤnner geweſen, und eben um deßwillen waren ſie den feindſeligen Spoͤttereyen ihrer neidiſchen Gegner ausgeſetzt. Dieſes war ſein Troſt; aber er beſann ſich nicht, daß auch Bav und Maͤv verſpottet worden waren. Unſer großer Knollius hatte in lateiniſchen Buͤ - chern geleſen, daß die ungeſittetſten Maͤnner durch die Liebe menſchlich, und beſcheiden geworden wa - ren. Dieſes nannte er weibiſch. Er flohe alſo den Umgang mit Frauenzimmer; er heirathete nicht, er liebte niemals, und fluͤchtete ſich vor der Liebe hinter ſeine fuͤrchterlichen Folianten, um nicht menſchlich, und nicht geſittet zu werden. Denn nun hoffte er, zur Vergeltung ſeiner Un - empfindlichkeit, ein deſto groͤſſerer Gelehrter, ſeinen Feinden nun ſchrecklicher, und unſterblich zu wer - den. Unter dergleichen menſchenfeindlichen Be - ſchaͤfftigungen iſt er alt worden. Man will der Nachwelt ſeinen Ruhm uͤberlaſſen, und faͤngt daher ſchon itzt an, ihn zu vergeſſen. Dieſe Verachtung fuͤhlt er nicht. Noch ſchreibt er muthig fort. Es fehlt ihm nicht ganz an Schuͤlern und Bewun - derern, ſo unbeſcheiden er auch iſt. Dieſe junge grobe Brut giebt ſeinem gelehrten Hochmuthe im -mer171Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. mer neue Nahrung. Er zieht ſie fuͤr die Nachwelt heran, ſo wie er erzogen worden iſt. Er braucht ſie bereits zu kleinen kritiſchen Streifereyen, und ſegnet ſie in ſeinem vaͤterlichen Schooſe, wenn ſie mit Schlaͤgen zuruͤck gejaget werden. Es iſt zu befuͤrchten, daß unſer Knollius noch lange lebt: Man kann aber gewiß glauben, daß er ſich nie - mals aͤndern wird, da er ſich in funfzig Jahren nicht geaͤndert hat. Schon auf dem Dorfe bey ſeinem Vater war er der unertraͤgliche Bube, der mit Faͤuſten drein ſchlug, wenn ihm widerſprochen ward: Noch in dieſem Augenblicke iſt er eben ſo ein kritiſcher Bengel, und verfolgt alle, die mit ſeinen gelehrten Grobheiten, die ſo unbedachtſam ſind, ihm zu widerſprechen. Jch freue mich, daß ich auch unter dem gelehrten Poͤbel Maͤnner finde, die die Wahrheit meines Spruͤchworts beweiſen.
Diejenigen, welche eine buͤrgerliche Erziehung, oder der Mangel, oder der Geiz, oder der Hoch - muth, oder alle dieſe Umſtaͤnde zuſammen noͤthi - gen, zu arbeiten, dieſe ſind immer ungerecht ge - nug, zu behaupten, daß der Muͤßiggang eine ſehr leichte Sache ſey, daß aus demſelben viel Scha - den fuͤr das gemeine Weſen entſtehe, und daß es ihnen ganz unbegreiflich ſey, wie ein vernuͤnftiges Geſchoͤpfe Geduld genug haben koͤnne, ſein ganzes Leben, von den erſten Jahren an, bis in das hoͤchſte Alter in einem ununterbrochnen Muͤßig - gange zuzu bringen. Auf dieſe Vorwuͤrfe will ich nur mit wenigem im Namen der Muͤßiggaͤn -ger172Antons Panßa von Manchager antworten, da es zu viel Arbeit fuͤr ſie ſeyn wuͤrde, wenn ſie es ſelbſt thun ſollten.
Es iſt ungerecht, zu ſagen, daß der Muͤßig - gang eine leichte Sache ſey. Man betrachte nur die unruhige Wirkſamkeit der Seele, welche ſich beſtaͤndig beſchaͤfftigen, beſtaͤndig mit neuen Vor - wuͤrfen unterhalten, niemals, ſo gar im Schlafe nicht, ruhen will. Wie viel Arbeit gehoͤrt dazu, dieſe geſchaͤfftige Seele in eine ruhige Unempfind - lichkeit einzuwiegen? Wie ſchrecklich muß einem Menſchen, der des Muͤßigganges noch ungewohnt iſt, die traurige Ausſicht in das Leere des langen Tages ſeyn, welchen er beym Erwachen anfaͤngt? Er wird es durch die Zeit gewohnt; er gaͤhnt dem Tage entgegen, naͤhrt ſeinen Koͤrper, ſucht ſich in Geſellſchaft anderer Muͤßiggaͤnger zu zer - ſtreuen, und freut ſich, wenn die erqvickende Stunde koͤmmt, wo er ſich vor dem Getoͤſe der arbeitenden Welt in ſein Bette fluͤchten kann. Wie dieſer Tag iſt, ſo ſind die vielen tauſend Tage, die er zu leben hat. Bey einer ſolchen gedanken - loſen Einfoͤrmigkeit wuͤrde ſich ein Engellaͤnder haͤngen, aber ein ſich ſelbſt gelaſſener Deutſcher wird dabey fett. Jſt der Muͤßiggang ſo leicht; warum fliehen ihn diejenigen ſo ſehr, die derglei - chen Vorwuͤrfe machen?
Alſo iſt es nicht leicht, muͤßig zu gehen; ich will aber auch beweiſen, daß aus dem Muͤßiggange nicht allein gar kein Schaden fuͤr das gemeine We - ſen entſteht, ſondern daß ſolcher demſelben unge -mein173Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. mein vortheilhaft iſt. Die Staͤrke eines Landes beſteht in der Nahrung, das iſt ausgemacht; die meiſte Nahrung iſt da, wo das meiſte verzehrt wird, das iſt auch ausgemacht; und nirgends wird mehr verzehrt, als wo viel Muͤßiggaͤnger ſind. Verlangt man davon Beweis? Jch will es nicht hoffen. So bald ein Muͤßiggaͤnger auf - ſteht, ſo bald faͤngt er an zu verzehren, und kaut noch in dem Augenblicke, da er ſich, obwohl ſpaͤt, zu Bette legt. Von den zwoͤlf Stunden, die er wacht, werden achte mit Eſſen und Trinken zuge - bracht, und da er niemals ißt, wenn ihn hungert, und niemals trinkt, wenn ihn duͤrſtet, ſo ſind es nur theure Speiſen, und koſtbare Getraͤnke, die er waͤhlt, ſeinen Geſchmack zu reizen. Ein Mann, der durch Arbeit ſein Brodt verdient, lebt die mei - ſten Tage uͤber ſparſam, und verthut gemeiniglich nur wenige Groſchen. Ein Muͤßiggaͤnger hinge - gen, deſſen Vater ihm das Brodt verdient hat, wird mehr Thaler verzehrrn, als jener Groſchen braucht. Nun rechne man ſelbſt nach, (denn itzt rede ich nur mit denen, die rechnen) welcher von beiden dem Vaterlande am meiſten nuͤtzlich ſey? Jch will weder von dem uͤbrigen Aufwande in Kleidung, in Spielen, noch von dem koſtbaren Viehe reden, das gemeiniglich ein vornehmer Muͤßiggaͤnger zu ſeiner Geſellſchaft unterhaͤlt. Man ſieht hieraus deutlich, wie unentbehrlich die Muͤßiggaͤnger dem Commerze ſind. Das wird man wohl ohne mein Erinnern verſtehn, daß ich nicht vom Poͤbel, oder armen Muͤßiggaͤngern rede;eben174Antons Panßa von Manchaeben darum ſind dieſe zur Arbeit verdammt, weil ſie Poͤbel und arm ſind: Nur von denen rede ich, welche entweder den guten Einfall gehabt haben, ſich von reichen Muͤttern gebaͤren zu laſſen, oder denen die Vorſicht des Himmels eine reiche Frau gegeben, oder, welche die vornehme Kunſt ver - ſtehen, das Vermoͤgen anderer Leute zu ver - zehren.
Außer dieſem Nutzen, welcher dem Vater - lande durch dergleichen Muͤßiggaͤnger in Anſehung des Conſumo, wie man es kunſtmaͤßig nennt, zuwaͤchſt, iſt auch noch ein Vortheil, den die ar - beitenden Mitbuͤrger zu genießen haben. Dadurch, daß jene zu groß ſind, als daß ſie arbeiten ſollten, bleiben Aemter genug uͤbrig, durch welche dieſe ihr Brodt verdienen koͤnnen: Und wenn auch, wie es oft geſchieht, vornehme Muͤßiggaͤnger wichtige Aemter bekleiden; ſo hat doch der Himmel, der alle ſeine Gaben ſo weislich eintheilt, gemeiniglich dasjenige, ſo er durch den Rang, und das Ver - moͤgen an ſie verſchwendet, ihnen wieder am Ver - ſtande abgebrochen, und dadurch ſie in die Noth - wendigkeit geſetzt, diejenigen zu Huͤlfe zu rufen, welche fuͤr ſie und ihr Amt, gegen billige Bezah - lung, Verſtand genug haben.
Was ich hier mit wenigem beruͤhrt habe, iſt weiter nichts, als ein kurzer Entwurf eines weit - laͤuftigen Buchs, welches ich kuͤnftig unter dem Titel: Die ſchwere Kunſt, muͤßig zu gehn, dem geliebten Vaterlande liefern werde, wenn mirder175Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. der Himmel mein Leben, und meine rechte Hand friſtet. Jtzt alſo will ich davon weiter nichts ſa - gen, und nur diejenigen freundſchaftlich warnen, welche immer ſo uͤbereilend ſind, auf den Muͤßig - gang zu ſchmaͤlen, und die Muͤßiggaͤnger zu ver - achten; ohne zu bedenken, daß ſie unrecht haben, und ſich der Feindſchaft ſo vieler Erlauchter und Hochwuͤrdiger Muͤßiggaͤnger ausſetzen.
Der letzte Vorwurf iſt noch zu beantworten uͤbrig. Es koͤnnen naͤmlich meine Gegner nicht begreifen, wie ein vernuͤnftiges Geſchoͤpf Geduld genug habe, ſein ganzes Leben, von den erſten Jahren an, bis in das hoͤchſte Alter, in einem un - unterbrochnen Muͤßiggange zuzu bringen. Jch kann es nicht laͤugnen, mir war es anfaͤnglich auch ganz unbegreiflich; ich fragte alſo Jhro Excellenz, den Herrn Baron von ***, einen meiner groͤßten Goͤnner und Befoͤrderer, darum, welcher nunmehr, durch die Gnade des Himmels, und ſeines ererbten Vermoͤgens, zwey und ſieben - zig Jahre ruͤhmlichſt muͤßig gegangen iſt. Er lag eben auf dem Canapee, und rauchte Tabak, da ich ihm meinen Zweifel vortrug. Allein er laͤ - chelte mich mit einer faulen Miene an, und ſagte: Sind ſie auch ſo ein Narr, Herr Panßa! Wiſſen ſie das noch nicht? Nach Tiſche will ich es ihnen ſagen, wenn ich Zeit haben werde. Aber bis itzt hat er noch keine Zeit gehabt; und er wird ver - druͤßlich, wenn ich ihn an ſein Verſprechen erin - nere. Jch muß alſo warten, bis die gluͤcklicheStunde176Antons Panßa von ManchaStunde koͤmmt, wo er ſich die Zeit nehmen wird, mir das große Geheimniß zu entdecken. Bis da - hin muͤſſen ſich meine Leſer gedulden; ich kann ih - nen nicht helfen.
Damit ich aber doch etwas thue, ſo will ich der Welt eine kurze Nachricht von dieſem patrio - tiſchen Muͤßiggaͤnger geben. Sein Vater, welchen die Nachbarſchaft nur unter dem Namen des alten Junkers kannte, war wegen ſeiner Wuchereyen beruͤhmt. Er hielt die empfindlichſten Vorwuͤrfe aus, um ein pro Cent mehr zu gewinnen. Sein Haus war ein Magazin von Geraͤthe, und andern Sachen, welche die Nothduͤrftigen in daſiger Ge - gend bey ihm, als Pfaͤnder, verſetzten. Durch beſtaͤndige Proceſſe gewann er beynahe noch mehr, als ſein Advocat; er ſtritt mit allen Nachbarn, und brachte die anſehnlichſten Familien an den Bettel - ſtab. Mit einem Worte; er ſcharrte ein erſtau - nendes Vermoͤgen zuſammen, welches er ſeinem einzigen Sohne, meinem großen Maͤcenaten, hin - terließ. Dieſer kam auf die Welt, da ſein Vater ſchon fuͤnf und ſechzig Jahr alt war. Die Feinde ſeiner Mutter, einer jungen, und liebenswuͤrdigen Frau, hielten ſeine Geburt fuͤr ſehr problematiſch, und machten ſeinen Vater, nicht ſowohl durch die Vorſtellungen, daß er ein Hahnrey ſeyn koͤnnte, als vielmehr dadurch unruhig, daß er einen ziem - lichen Theil ſeines Vermoͤgens auf die Erziehung dieſes ungehofften Kindes wuͤrde verwenden muͤſ - ſen. Jn dieſer aͤngſtlichen Ungewißheit blieb erfaſt177Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. faſt ein halbes Jahr, da er endlich merkte, daß dieſes Kind ſehr wenig Nahrung zu ſich nahm, und, wenn es am heftigſten weinte und ſchrye, dennoch den Augenblick beruhigt ward, und mun - ter laͤchelte, ſobald man mit einem Beutel voll Geld klirrte. Dieſe Sparſamkeit, und dieſer natuͤrliche Hang zum Gelde uͤberzeugte ihn, wi - der alle Vorwuͤrfe der Natur, daß dieſes Kind ſein leiblicher Sohn ſey. Er freute ſich uͤber dieſe Entdeckung; er nahm ſich großmuͤthig vor, ſeinem Sohne eine anſtaͤndige Erziehung zu verſchaffen, und ihn ſchreiben und rechnen zu lehren.
Dieſes liebenswuͤrdige Kind gab gar zeitig die deutlichſten Merkmaale von ſich, daß ihn die Na - tur erſchaffen habe, nichts zu thun. Er ſchlief beſtaͤndig, und niemals ruhiger, als an der Bruſt ſeiner Amme. Mit dem erſten Jahre wollte man ihn entwoͤhnen; aber es war ihm viel zu muͤhſam, zu kauen: man ſahe ſich daher genoͤthigt, ihn bis ins dritte Jahr zu ſtillen. Bis ins zehnte Jahr gaͤngelte man ihn, weil er niemals lernen wollte, allein laufen, ſondern beſtaͤndig im Stuhle ſitzen blieb. Um dieſe Zeit fieng er auch an zu reden, aber ſehr langſam; und noch itzt iſt ſeine Sprache ſo lallend, wie die Sprache eines Kindes; denn er glaubt, es entkraͤfte ihn zu ſehr, wenn er or - dentlich, und vernehmlich rede. Des Wohlſtands wegen hielt man ihm einen Hofmeiſter, welcher ſehr ſcharfen Befehl hatte, das gute Kind nicht zu uͤbertreiben, am wenigſten ſtrenge zu halten. MEs178Antons Panßa von ManchaEs blieb ihm alſo weiter nichts zu thun uͤbrig, als dieſes, daß er ſeinen Schuͤler fruͤh um zehn Uhr aufweckte, bis um zwoͤlf Uhr anziehen ließ, uͤber der Tafel fuͤr ſeine Nahrung ſorgte, nach Tiſche ſich neben das Canapee ſetzte, und von dem klei - nen Junker, ſo lange er Mittagsruhe hielt, die Fliegen abwehrte, hernach Caffee mit ihm trank, ein paar Stunden ſpatzieren gieng, um ihn zum Abend - eſſen vorzubereiten, und wenn auch dieſes uͤber - ſtanden war, ihn endlich zu ſeiner Ruhe brachte. Dieſes waren die taͤglichen Beſchaͤfftigungen ſei - nes Hofmeiſters. Wie viel geſchickte Hofmeiſter wuͤrden in der Welt ſeyn, wenn man auch ſo bil - lig waͤre, von ihnen weiter nichts zu fodern, als was der alte Junker von dieſem foderte! Unge - achtet dieſer ſpielenden Art zu unterrichten, war doch unſer junger Herr ſchon im achtzehnten Jahre ſo weit gekommen, daß er buchſtabiren konnte. Um deßwillen ſchickten ihn die Vormuͤnder auf die hohe Schule, wo er drey Jahre lang ſchlief und aß; und nach ruͤhmlichſt abſolvirten akademiſchen Studien, wie ihm alle Profeſſores, und Wein - ſchenken bezeugten, mußte er auf Reiſen gehen. Man packte ihn alſo, unter der Begleitung eines alten Kammerdieners, und eines erfahrnen Kochs, in einen ſehr bequemen Reiſewagen, und fuhr ihn faſt zwey Jahre, in Deutſchland, Frankreich, und den Niederlanden herum. Alsdenn ließ ihn ſeine gnaͤdige Mama nach Hauſe kommen, um zu ſe - hen, wie ſich ihr einziger lieber Sohn in fremden Landen gemaͤſtet habe. Man wog ihn den Augen -blick,179Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. blick, da er vom Wagen ſtieg, denn man hatte ihn bey ſeiner Abreiſe gewogen; und da fand man ihn, zum unausſprechlichen Vergnuͤgen ſeines ho - hen Hauſes, zwanzig Pfund ſchwerer, als vor zwey Jahren. Den naͤchſten Sonntag darauf mußten alle Bauern Gott danken, der dieſe Reiſe ſo augenſcheinlich geſegnet hatte. Es gab in der Nachbarſchaft leichtſinnige Gemuͤther, welche uͤber dieſen zwanzigpfuͤndigen Segen ſpotteten; aber ich glaube nicht, daß ſie recht thaten. Wie viele von unſern jungen Edelleuten gehen in frem - de Laͤnder, und haben von ihren koſtbaren Reiſen ſo vielen Nutzen bey weitem nicht, als dieſer hatte! Durch den Tod ſeiner Mutter, welcher kurz dar - auf erfolgte, ſahe ſich unſer Junker genoͤthigt, die Verwaltung der Guͤter ſelbſt zu uͤbernehmen. Weil er aber noch itzt eben die gemaͤchliche Lebens - art fuͤhrte, die er unter der Aufſicht ſeines Hof - meiſters gefuͤhrt hatte, ſo war es ihm nicht zu zu muthen, daß er ſich um die Einnahme und Aus - gabe ſelbſt bekuͤmmern ſollte. Er trug alſo dieſe gemeine Arbeit einigen ſeiner Bedienten auf, und weil er ſieht, daß ihm weder am Eſſen, Trinken, noch einiger Art der Bequemlichkeit etwas abgeht, ſo iſt er mit ihrer Verwaltung ſehr wohl zufrie - den. Sie werden reich, und er wird fett. Das iſt alles, was er wuͤnſcht; denn dazu iſt er zu faul, daß er geizig ſeyn, und erſt muͤhſam unterſu - chen ſollte, wo ſeine Bedienten in ſo kurzer Zeit zu einem anſehnlichen Vermoͤgen gelangen koͤnnen. Er hat ſich niemals entſchließen koͤnnen, zu heira -M 2then;180Antons Panßa von Manchathen; denn ſeine Lehnsfolger haben ihm bey aller Gelegenheit die ſchrecklichſten Vorſtellungen ge - macht, wie muͤhſam der Eheſtand ſey. Die ſchwerſte Arbeit, die er in ſeinem Leben unternom - men, und gluͤcklich ausgefuͤhrt hat, iſt dieſe, daß er in ſeinem funfzigſten Jahre Baron geworden iſt. Aber auch dieſe hat ihn tauſendmal gereut, wenn er an die unruhigen Zeiten des fuͤrchterlichen Bern - hards von Galen zuruͤck gedacht, und ſich die Moͤglichkeit vorgeſtellt hat, daß bey einem allgemei - nen Aufgebote der Ritterſchaft er vielleicht mit auf - ſitzen, und als Baron ſich an die Spitze ſtellen muͤſſe, da er außerdem, als ein gemeiner Edel - mann, ſich in dem dickſten Haufen unbemerkt ver - bergen koͤnnen. Denn der Blutdurſt iſt ſein Feh - ler nicht, ob er ſich ſchon niemals ohne Harniſch malen laͤßt; und aus Liebe zur Ruhe, und einer guten Gemaͤchlichkeit, bittet er Gott bruͤnſtig um die Erhaltung des lieben Friedens. Vor drey Wochen hat dieſer ehrwuͤrdige Greis ſein zwey und ſiebzigſtes Jahr angetreten, und den billi - gen Vorſatz gefaßt, den Reſt ſeiner Tage in Ruhe zu zu bringen. Zu dem Ende hat er ſich ein ge - raumes Canapee mit Stalfedern machen laſſen, in welchem er von zehen Uhr des Morgens, bis Abends um acht Uhr wohnt, und unter Eſſen, Trinken und Tabakrauchen, in der Geſellſchaft ei - niger artigen Moͤpſe, ſeinen Tod ruhig erwartet. Das Einzige, was ich wuͤnſche, iſt dieſes, daß ihm der Himmel nur ſo lange noch ſein theures Leben friſten moͤge, bis er mir und meinen Leſerndie181Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. die ſchwere Frage aufgeloͤſt hat, wie es moͤglich ſey, daß ein vernuͤnftiges Geſchoͤpfe Geduld ge - nug habe, ſein ganzes Leben, von den erſten Jah - ren an, bis ins hohe Alter in einem ununterbro - chenen Muͤßiggange zu zu bringen. Sollte ihn aber der Tod dahin raffen, ehe wir dieſes von ihm erfuͤhren, ſo wird uns doch ſein ungeſchaͤfftiges Le - ben zu einem Beweiſe dienen, daß auch ein Muͤſ - ſiggaͤnger in ſeinem Alter nichts thue, da er in ſei - ner Jugend nichts zu thun gewohnt geweſen iſt.
Der Satz iſt ſehr richtig, daß man ſchon in dem Knaben den Mann erblickt, und aus den Handlungen der Kinder mit einiger Zuverlaͤßigkeit prophezeihen kann, was fuͤr eine Rolle ſie bey zu - nehmenden Jahren und im Alter ſpielen werden. Mein Onkel iſt ein alter Winkelſchulmeiſter, und hat ſich durch ſeinen Fleiß ſo beliebt gemacht, daß ihm faſt die halbe Stadt ihre Kinder zur Unter - weiſung anvertraut. Dieſer Gelegenheit bediene ich mich, Betrachtungen anzuſtellen. Jch bin beſtaͤndig unter dieſen Kindern, die ich mir durch kleine Gefaͤlligkeiten verbindlich zu machen ge - wußt habe. Da ſie mich gewohnt ſind, und ich bey allen ihren kindiſchen Thorheiten freundlich bleibe, ſo verſtellen ſie ſich in meiner Gegenwart nicht, und ich erlange dadurch das Vergnuͤgen, mit einem prophetiſchen Auge in die Nachwelt unſerer Stadt zu ſehen, und fuͤr ſie tauſend gute und ſchlimme Folgen zu entdecken, die andern, welche nicht ſo aufmerkſam ſind, ganz verborgen bleiben. Ja,M 3ich182Antons Panßa von Manchaich bin ſo weit gekommen, daß ich mir getraue, mit einer ziemlichen Gewißheit zu beſtimmen, was wir in funfzig. Jahren fuͤr neue Secten in der Kirche haben werden, wie es mit der Handlung ſtehen wird, welche Art vom Witze alsdenn mode ſeyn wird, und ob die Aemter auf dem Stadt - hauſe eben ſo unachtſam, und mit eben der Unge - ſchicklichkeit, wie itzt, werden verwaltet werden. *Der Verleger erinnert hiebey, daß Herr Anton Panßa dieſes in J ‒ ‒ ‒, einem Staͤdtchen in Weftphalen ſchreibt, wie im Eingange dieſer Spruͤchwoͤrter angemerkt wor - den iſt.Jch habe hiebey eben die Beluſtigung, die ein Menſch hat, der mit einem Sehrohre meilenweit neue Ausſichten und Gegenden entdeckt, die denen ganz unbekannt bleiben, welche bey ihren ſchwachen Augen nur wenige Schritte vor ſich hin ſehen koͤn - nen. Da ich als ein wahrer Menſchenfreund, nie - mals ein Vergnuͤgen allein genießen kann; So will ich auch dieſes mit meinen Leſern theilen, und ihnen von einigen Knaben die Charaktere be - ſchreiben, die ich an ihnen entdeckt habe. Sie koͤnnen ſolche als moraliſche Aufgaben anſehen; denn ich uͤberlaſſe ihnen das Urtheil, was fuͤr ein Mann aus einem jeden dieſer charakteriſirten Kna - ben werden duͤrfte.
Chriſtoph, der Junge eines Hufſchmidts, hat niederhangende Augenbraunen, unter denen er tuͤckiſch hervor guckt. Er ſpricht wenig mit andern Jungen, mit ſich ſelbſt aber redet er beſtaͤndig. Wenn er allein zu ſeyn glaubt, ſo ſtreichelt er ſichmit183Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. mit einer ſchmeichelhaften und beyfaͤlligen Art auf den Backen, und heißt ſich den großen Chriſtoph. Wenn er zween Jungen auf der Gaſſe beyſammen ſieht; ſo glaubt er, daß ſie mit Bewunderung von den Vocabeln reden, die er geſtern in der Schule gelernt hat. Er weis mit einer wohlausgeſuchten Unachtſamkeit den Donat, oder ein anderes Schul - buch vor der Werkſtatt ſeines Vaters liegen zu laſſen, damit die Vorbeygehenden merken ſollen, daß in dieſem Hauſe der gelehrte Junge wohnt, der lateiniſch lernt. Vor ein paar Wochen warf dieſer Bube dem Capellan vor, daß er in der Kin - derlehre den Spruch unrichtig gebetet habe, und ſo bald er nach Hauſe kam, erzaͤhlte er es ſeiner Mutter mit großem Geſchreye, daß er den Spruch beſſer beten koͤnne, als der Magiſter. Schreiben kann er noch nicht, denn er iſt erſt neun Jahr alt: dem ungeachtet ſchmiert er ſich beſtaͤndig Dinte an die Finger, damit die Buͤrger glauben ſollen, Schmidts Chriſtoph koͤnne ſchon ſchreiben. Ja er geht ſo weit, daß er Dintenflecke in die Waͤſche macht; und als ihm ſeine Mutter unlaͤngſt dieſes mit ein paar Ohrfeigen verwies, ſo war der kleine Schurke ſo boshaft, daß er ſie mit einer veraͤcht - lichen Miene anſah, und ihr vorwarf, ſie rede wie der unwiſſende Poͤbel, der es auch nicht beſſer verſtehe. Nichts thut er lieber, als daß er mit der Feder ein Blatt Papier voll gritzelt, und mir ſodann mit einer tiefen Verbeugung ſolches uͤber - reicht, wobey er mich allemal mit den Worten anredet: Nach Stand und Wuͤrden geehrterM 4Leſer.184Antons Panßa von ManchaLeſer. Jch gebe ihm gemeiniglich dafuͤr einige Kreuzer, und laſſe mir erklaͤren, was er eigent - lich geſchrieben haben wolle. Jm Anfange ſchrieb er nichts, als Geſangbuͤcher. Hiebey haͤtte er gar wohl koͤnnen ſtehen bleiben, da es große Maͤn - ner giebt, die auf die Unſterblichkeit einen Anſpruch machen, wenn ſie die chriſtliche ſingende Gemeine mit einem vermehrten, und verbeſſerten Geſang - buche irre gemacht haben; Aber mein ehrgeiziger Chriſtoph gieng weiter. Denn da er das kleine a. b. c. ſchreiben konnte, ſo ſchmierte er einen Bogen in Qvart voll, und ſagte, er uͤberreiche mir den erſten Band ſeiner Herzenspoſtille. So viel muß ich ihm nachruͤhmen, daß ich dieſen Bo - gen durchſehen konnte, ohne zu gaͤhnen, und ohne zu ſchlafen: Jch vergaß aber damals, ihm ſeine gewoͤhnlichen zween Kreuzer zu geben, welches dem Buben dergeſtalt aͤrgerte, daß er allen Leuten ſagte; Herr Anton Panßa iſt ein Feind der Geiſt - lichen, und kann nicht einmal Geſchriebnes leſen. Noch weit ſchlimmer gieng es in voriger Woche einem von ſeinen Mitſchuͤlern, welchem er einen vollgegritzelten Zeddel wies, und ihn bereden wollte, es ſey ein Kalender, den er geſchrieben habe. Weil aber dieſer arme Knabe in ſeiner Einfalt ſagte, das waͤre nur ein Wiſch, und kein Kalen - der; ſo druͤckte ihn Chriſtoph unter ſich, (denn handfeſte iſt Chriſtoph) und pruͤgelte ihn unbarm - herzig, damit er geſtehen ſollte, es ſey ein Kalen - der; und weil er das nicht thun wollte, denn ge - meiniglich ſind die Leſer eigenſinnig, ſo kniete erihm185Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. ihm auf den Leib, und wollte ihn mit geballter Fauſt zwingen, das Blatt zu freſſen; ja er ſtopfte es ihm bereits ins Maul, als ich unverhofft dazu kam, und den unſchuldigen Knaben rettete. Was glauben meine Leſer, was wird wohl aus dieſem Chriſtoph mit der Zeit werden?
Der Herr Fiſcal, mein Nachbar, hat zween rothkoͤpfigte Jungen, uͤber die ich mir viel Sorge mache. Der aͤlteſte wird ungefaͤhr funfzehn Jahr alt ſeyn. Er weis mit einer gefaͤlligen Art ſich in allen Haͤuſern einzuſchmeicheln, und dieſes thut er nur in der Abſicht, ſeiner neugierigen Mutter ins Ohr zu ſagen, wo friſche Kuchen gebacken wer - den, in welcher Familie Caffeebeſuch erwartet wird, ob es wahr iſt, daß jener Nachbar ſeine Frau pruͤgle, und was eigentlich die Urſache ſeyn muͤſſe, warum dieſe oder jene Frau ihre Magd mit Ohrfeigen aus dem Dienſte gejagt hat. Alle dieſe gleichguͤltigen Zeitungen gewinnen in dem Munde dieſes kleinen Spions ein boshaftes Anſehen; und er hat ſich von ſeiner horchenden Mutter bereits alle die vielbedeutenden, und richtenden Mienen angewoͤhnt, welche ſie bey der Anhoͤrung eines neuen Maͤrchens macht. Dieſe Mienen machen ſeine Erzaͤhlungen doppelt gefaͤhrlich, weil man dabey lachen muß. Kann er ſeiner Mutter keine neuen Klaͤtſchereyen von andern Familien erzaͤh - len, ſo geht er in fremde Haͤuſer herum, und macht ſeine eigne Mutter laͤcherlich.
M 5Der186Antons Panßa von ManchaDer andere Junge, welcher erſt vor ein paar Monaten ins vierzehnte Jahr getreten iſt, ſcheint mir noch weit gefaͤhrlicher zu ſeyn. Er hat durch ſeine Schmeicheleyen das Herz meines Onkels, ſei - nes Schulmeiſters, ſo einzunehmen gewußt, daß er die Schule mehr regiert, als mein Onkel. Schon itzt iſt er ein vollkommner Tartuͤffe. Er begeht alle Bosheiten, deren ein Knabe von ſeinem Alter faͤhig iſt, und dennoch heißt ihn der Schul - meiſter beſtaͤndig ſeinen lieben Sohn, ſein beſtes Kind. Er hat ihm um deßwillen aufgetragen, in ſeiner Abweſenheit auf die uͤbrigen Knaben Acht zu geben, und es ihm treulich zu hinterbringen, wenn einer oder der andere nicht ſtille ſitzt, und kindiſche Ausſchweifungen begeht. Dieſes Amt macht den Buben dem ganzen Haufen ſchrecklich, und er misbraucht es eben ſo, wie mancher fuͤrſt - liche Bediente, dem die Aufſicht uͤber einen Theil des Landes aufgetragen iſt. Die Jungen, die ihn vordem gerauft, oder ihm den Hut vom Kopfe geſchmiſſen haben, verfolgt er unbarmherzig. Eine Rache iſt ihm zu wenig; dadurch wird er noch nicht beſaͤnftigt: er raͤcht ſich, ſo oft er kann. Merkt er, daß einer von ihnen Nuͤſſe, oder Aepfel im Schubſacke hat, ſo ſtellt er ihm ſo lange nach, bis er ihn auf einem Verſehen ertappt, und alsdenn iſt nichts moͤglich, dieſen Ungluͤckſeligen von der Anklage zu retten, als wenn er ihm ſeine Nuͤſſe und Aepfel aufopfert, die er gleichwohl mit der großen Miene eines Richters annimmt, welcher ſich beſtechen laͤßt, und doch auf den Schein einer un -par -187Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. partheyiſchen Gerechtigkeit eiferſuͤchtig iſt. Seine Leichtfertigkeit geht ſo weit, daß er anfaͤnglich die boshafteſten Streiche anſtellt, und ſodann mit der heuchleriſchen Miene, als ob es ihn bitterlich ge - reue, ſich ſelbſt anklagt, um ſeine Geſpielen in Strafe zu bringen. Wenn einer von ihnen we - gen einer That gezuͤchtiget werden ſoll, deren er noch nicht uͤberwieſen iſt; ſo iſt dieſer verraͤtheri - ſche Bube allemal bereit, wider ihn zu zeigen. Findet er gar keine Gelegenheit, dieſen oder jenen zu verklagen, ſo reißt er ſelbſt einige Blaͤtter aus deſſen Buche, und verklagt ihn wegen dieſer Un - ordnung beym Schulmeiſter. Vor kurzem ward er uͤber einer ſolchen Bosheit ertappt. Der ganze Haufe ſeiner Mitſchuͤler wachte wider ihn auf, oͤffnete dem alten Lehrer die Augen, und entdeckte dieſem eine ganze Menge von Bosheiten, die er bisher niemals hatte glauben wollen. Mein Al - ter gerieth in die grimmige Wut eines verſpotteten Lehrmeiſters. Er faßte ihn bey den Hoſen, und ſtaͤupte ihn vor den Augen der jauchzenden Schuͤ - ler, von denen einige ſo dienſtfertig waren, ihn zu halten, um ihm die Strafe beſſer fuͤhlen zu laſſen. Was ſollte der arme Jnqviſit thun, da er uͤberzeugt war, und ſich weder entſchuldigen, noch retten konnte? Er hielt ſeinen Schilling bußfertig aus, kroch zu den Fuͤßen ſeines belei - digten Lehrers, geſtand ſein Verbrechen, verſprach Beſſerung, und bat es ihm mit Thraͤnen ab. Das that er, um das Vertrauen dieſes leicht - glaͤubigen Alten, und ſeinen vorigen Poſten wie -der188Antons Panßa von Manchader zu erlangen, damit er ſich an denen raͤchen koͤnne, welche itzt uͤber ihn triumphirt hatten. Jn wenig Tagen ward er wieder der vertraute Liebling, der er ſonſt geweſen. Nun iſt er ſeinen Mitſchuͤlern weit gefaͤhrlicher, als iemals. Es iſt keine Art der Verfolgung, die er nicht wider ſie ausuͤbt. Mein Onkel iſt ein Liebhaber von jun - gen Tauben; der Boͤſewicht weis das, und dreht ihnen allen in einer Nacht die Haͤlſe um. Den Morgen darauf wird eine ſcharfe Unterſuchung an - geſtellt. Unſer Tartuͤffe tritt auf, und zeiht die That dem Sohne eines Barbiers, deſſen unver - ſoͤhnlicher Feind er iſt, weil dieſer bey der großen Execution ihm die Hoſen gehalten hatte. Was fuͤr Ungerechtigkeiten wird dieſer Knabe in zwan - zig Jahren begehen, wenn er Stadtſchulze wer - den ſollte!
Jch rauche in muͤßigen Stunden eine Pfeife Tabak bey einem Wuͤrzkraͤmer, welcher eine ziem - liche Anzahl Kinder hat. Unter dieſen bin ich beſonders auf zween Knaben und ein Maͤdchen aufmerkſam.
Der aͤlteſte von ihnen iſt ein ſtilles und fleißi - ges Kind, welches alle Tage ſeinen Spruch lernt, weil ihm die Mutter fuͤr ieden Spruch einen Pfen - nig giebt. Er bekoͤmmt auch bey andern Gele - genheiten einige Groſchen in ſeine Sparbuͤchſe, die er ſehr ſorgfaͤltig ſammelt, an ſtatt daß ſeine uͤbrigen Geſchwiſter ihr Geld vernaſchen. So oft er ausder189Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. der Schule koͤmmt, zaͤhlt er nach, ob er ſein Geld noch beyſammen hat. Er iſt in der Kunſt, reich zu werden, ſchon ſo weit gekommen, daß er einige mal den Bettelleuten den Kreuzer, ſo er ihnen bringen ſollen, untergeſchlagen, und ihnen nur einen Heller vor die Thuͤre gebracht hat. Ein alter Buͤrger, ſein Pathe, der auf Pfaͤnder leiht, hat unausſprechliche Freude uͤber die gute Wirth - ſchaft dieſes Knabens. Um ihn beſſer aufzumun - tern, und zugleich ſeinen Scherz mit ihm zu haben, borgt er ihm von Zeit zu Zeit gegen ſchriftliche Verſicherung einige Groſchen auf ein paar Wochen ab, und zahlt ſie ihm ſodann in neuen Muͤnzen, mit einer ſtarken Jntereſſe zuruͤck. Dadurch iſt der Junge ſchon ſo weit gekommen, daß er von Agio, von pro Cent, von Verſicherung, und Wechſelrechte plaudert.
Sein juͤngerer Bruder iſt ein munterer Kopf, und zugleich der feinſte Boͤſewicht, den man unter Kindern von zwoͤlf Jahren ſuchen kann. Er borgt ihm einige Kreuzer ab, und verſpricht ihm nebſt richtiger Bezahlung, die Jntereſſen an Kuchen und Obſte zu geben; Er zahlte auch die Jntereſſen einige Tage richtig, weil er beredt genug war, ſeinem uͤbrigen Geſchwiſter ſolche abzuſchwatzen. Jm Kurzem waren ſie dieſe Freygebigkeit uͤber - druͤßig. Die Jntereſſen blieben alſo außen, und der Glaͤubiger drang auf die Bezahlung. Was ſoll unſer junger Schuldner in dieſer Angſt thun? Er hat von dem alten Nachbar geſehn, daß manein190Antons Panßa von Manchaein Blatt Papier giebt, welches ein Wechſel heißt: Er thut daher ſeinem wuchernden Bruder den Vorſchlag, daß er ihm das uͤbrige Geld gegen Wechſel auch leihen ſolle, verſpricht ihm dafuͤr, nebſt reichen Jntereſſen, alle Zahlpfennige, die er von den andern Jungen gewinnen werde, und nebſt den Zahlpfennigen alle Tage einen Apfel. Dieſe Vorſchlaͤge gefallen; der aͤltere Bruder leiht ihm, in der Hoffnung eines ſo anſehnlichen Ge - winnſtes, die ganze Sparbuͤchſe, und erhaͤlt da - fuͤr ein mit Dinte beſchmiertes Zeddelchen, unge - faͤhr von der Groͤße, wie die Wechſelbriefe des Pa - thens geweſen waren. Endlich ruͤckte die Verfall - zeit heran; aber da war keine Moͤglichkeit, weder Capital, noch Jntereſſen zu bezahlen. Der be - trogne Glaͤubiger klagte es ſeinen Aeltern, und be - ſcheinigte ſeine Foderung mit dem ausgeſtellten Wechſel, von dem aber ſein Bruder durchaus nichts wiſſen wollte. Jch war eben zugegen. Der Vater lachte uͤber dieſe leichtfertigen Betruͤge - reyen, ich aber erſchrak ungemein, weil ich bey bei - den die Folgen uͤberſah, die ihre Wucherey und ihre Verſchwendung in kuͤnftigen Jahren haben wuͤrde. Jnzwiſchen entſchied ſich, auf mein Pa - rere, der ganze Concurs mit ein paar Ohrfeigen, die Klaͤger und Beklagter zu gleichen Theilen bekamen.
Jch war aber doch neugierig, zu erfahren, wo dieſer kleine Bankeruttirer das erborgte Capital hin gethan haͤtte; und die Schuld kam auf ſeine juͤngere Schweſter, welche der Knabe unendlichliebte.191Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. liebte. Dieſe hatte ihm mit guten Worten, oder im Spielen, oder auch unterm Vorwande, ſich einige Taͤndeleyen zu kaufen, das meiſte von dem geborgten Gelde abzuſchwatzen gewußt, und, wenn er etwan einmal unerbittlich war, ihm ge - droht, der Mutter zu entdecken, daß er einen Theil davon vernaſcht habe. Jch erſtaunte uͤber dieſe gewinnſuͤchtige Bosheit, ſo ſehr ihre Mutter daruͤber lachte. Jch drang mit Ernſt darauf, daß das Maͤdchen vorgefodert werden mußte. Sie trat ganz unerſchrocken in die Stube, laͤugnete die ganze Anſchuldigung, fuhr ihrem dienſtferti - gen Bruder, der ſie verrathen hatte, nach den Augen, und trotzte auf ihre Unſchuld. Endlich ward ihre Sparbuͤchſe geholt, und hier fand man das Corpus delicti. Jch, als ein ſtrenger Rich - ter, that den Ausſpruch, daß ſie dem aͤltern Bru - der das Geld wieder geben, und ihm einen Theil ſeines uͤbrigen Verluſts erſetzen ſollte. Sie zit - terte uͤber mein Urtheil, das ich ſogleich ſelbſt voll - zog, und ſie bezeigte ſich dabey ſo jaͤmmerlich, als ſich die Frau eines bankerutten Kaufmanns kaum bezeigen kann, welche durch ihren Aufwand, und Eigennutz ihn in dieſes Ungluͤck geſtuͤrzt hat, und wider alle Landesgeſetze, und Gewohnheiten nun - mehr angehalten werden ſoll, mit ihrem zuſam - mengepluͤnderten Vermoͤgen die betrognen Glaͤu - biger zu bezahlen.
Jch hoffe, es ſoll meinen Leſern nicht ſchwer fallen, zu errathen, was fuͤr Rollen dieſe drey Geſchwiſter in ihren aͤltern Jahren ſpielen werden.
Jch192Antons Panßa von ManchaJch vergnuͤge mich oft durch die Unterredung mit einem Knaben, der bereits in ſeinem dreyzehn - ten Jahre alle Eitelkeiten eines Theatermarqvis hat. Er beſchaͤfftigt ſich beſtaͤndig mit der Erhal - tung ſeiner glatten Haut, er lockt ſeine gelben Haare ſorgfaͤltig, und kleidet ſich ſo reinlich, als es die Armuth ſeiner Aeltern erlaubt. Er laͤchelt immer, er verliert niemals ſeine kleine erobernde Miene, und ſo gar alsdenn ſieht er noch ſuͤße und zaͤrtlich aus, wenn er meinem alten Onkel in ſeine ſtaͤupenden Haͤnde faͤllt. So bald er einige Kreu - zer zuſammen geſpart hat, ſo kauft er ſich ein Baͤndchen, oder eine andere dergleichen Taͤndeley. Er geht ſehr ehrerbietig und geheimnißvoll damit um; und wenn er endlich die andern Jungen neu - gierig gemacht hat, ſo laͤßt er ſich mit vieler Muͤhe das Geheimniß ablocken, daß dieſes Baͤndchen ein vertrautes Geſchenk von Nachbars Lieschen ſey. Er geht oft in Gedanken, ſieht traurig aus, und ſeufzet; zu einer andern Zeit ſtolpert er trium - phirend durch die Gaſſe, und laͤßt die armen Maͤd - chen verzweifeln. Jch bin ſein Vertrauter. Er entdeckt mir alle Anfaͤlle, die die Maͤdchen auf ihn thun, und weil ich weis, daß dieſe Art von Nar - ren nicht leicht anders, als durch die Zeit zu beſſern iſt, ſo laſſe ich ihn ruhig in dieſer Narrheit, damit er nicht in eine noch groͤſſere fallen moͤge. Die einzige Sorge, die ich mir dabey mache, iſt ſeine Dreiſtigkeit, mit welcher er ſich in die Geſellſchaft von Maͤdchen draͤngt, bey denen er oft, und beſon - ders ſeit einigen Wochen, ſo unverſchaͤmt wird,daß193Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. daß die Maͤdchen im Ernſte anfangen, ihn lieb zu gewinnen. Eine von ihnen, die ungefaͤhr in ſei - nem Alter ſeyn wird, iſt ſchon ſo weit verfuͤhrt, daß ſie ihn vorgeſtern ſehr vorſichtig auf die Hand ſchlug, und den loſen Chriſtel hieß.
Damit ich dieſen ſiegenden Corydon ein we - nig in der Demuͤthigung erhalte; So bediene ich mich der Großſprecherey eines andern Knaben, den ich wider ihn zum Nebenbuhler aufhetze. Dieſer beſitzt bey der groͤßten Feichherzigkeit, dennoch, wie gewoͤhnlich, die Gabe, alle Welt zitternd zu machen. Wenn er auf der Gaſſe geht, ſo druͤckt er ſeinen Strohut tief ins Geſicht, iſt in ſeinem Anzuge unordentlich, und faͤhrt allen Jungen in die Haare, die ſchwaͤcher, oder noch furchtſamer ſind, als er. Er iſt ſo ſinnreich, daß er ſich alle Vorfaͤlle zu Nutze machen, und neue Beweiſe ſei - ner Tapferkeit daher nehmen kann. Er mag nun von der Treppe herab gefallen, oder von der Mut - ter blau gepruͤgelt worden ſeyn, ſo erzaͤhlt er die Sache allemal zu ſeinem Vortheile, und verſichert ſeine Mitſchuͤler mit maͤnnlichen Schwuͤren, daß er dieſe Striemen bekommen, als er ein gewiſſes Maͤdchen, das er nicht nennt, einem gewiſſen Jungen, den er auch nicht nennen will, vor einer gewiſſen Hausthuͤre, die ſie wohl ſelbſt errathen wuͤrden, abgejagt, und ſie im Triumph nach Hauſe gefuͤhrt habe.
Jch hoffe, durch dieſe Exempel bewieſen zu haben, daß zwiſchen dem Knaben und dem ManneNkein194Ant. Panßa von Mancha Abh. ꝛc. kein Unterſchied iſt, als die Groͤße, und daß man ſchon aus ſeinen kindiſchen Handlungen die Thor - heiten, oder auch die Bosheiten beſtimmen kann, durch die er ſich bey zunehmenden Jahren laͤcher - lich, oder verhaßt machen wird. Meine Leſer werden ſich eine ganz beſondere Art des Vergnuͤ - gens verſchaffen, wenn ſie mit kritiſcher Aufmerk - ſamkeit, eben ſo, wie ich es in der Schule meines On - kels thue, auf ihre eignen Familien, oder auf die Kinder anderer Leute Acht haben, und urtheilen, was ſich die Nachwelt von dieſen jungen Buͤrgern zu verſprechen habe. Vielleicht hat ſodann dieſe Aufmerkſamkeit auch den Nutzen, daß man die Fehler dieſer Kinder durch eine deſto ſorgfaͤlti - gere Erziehung zu beſſern ſucht.
Da das Geld alle Verdienſte in ſich begreift, deren ein Menſch faͤhig iſt; ſo iſt auch nichts natuͤrlicher, und billiger, als der Stolz eines Menſchen, welcher dergleichen baare Verdienſte beſitzt. Dieſer einzige Umſtand macht den weſent - lichen Unterſchied zwiſchen einem vernuͤnftigen Ge - ſchoͤpfe, das reich, aber geizig iſt, und zwiſchen einem Mauleſel, der die Schaͤtze ſeines Herrn auf dem Buckel traͤgt. Dieſer verſteht die Kraft ſei - ner Schaͤtze nicht, und eben um deßwillen haͤngt er die demuͤthigen Ohren: Jener verſteht die Ver - dienſte, die auf dem Gelde ruhen, und deßwegen verachtet er die Armen.
Das Urtheil der ganzen Welt rechtfertigt den Stolz des Reichen. Er wird geliebt; man be - muͤht ſich, ſeine Freundſchaft zu gewinnen; man verehret, man vergoͤttert ihn. Er iſt von gerin - gem Herkommen; aber er iſt reich. Seine Auf - fuͤhrung iſt ſo niedertraͤchtig, wie ſeine Erziehung; aber er iſt reich. Wenn er lacht, ſo lacht er wie ein Thor, und wenn er ſeine wichtige Amtsmiene annimmt, ſo ſieht er wie ein Narr; aber er iſt reich. Seine Bosheit, mit welcher er das Ar - muth niederdruͤckt, ſeine Ungerechtigkeit verdiente den Strang. Kleinigkeiten! Nur ein Menſch,N 2der196Antons Panßa von Manchader die Welt nicht kennt, wird ſo einfaͤltig urthei - len. Gargil, denn ich weis es doch, du meynſt Gargilen, Gargil, der Sohn des vergeßnen Ta - geloͤhners, iſt hochgeboren, wohlgeſittet, witzig in ſeinem Scherze, und verehrungswuͤrdig in ſei - nen Geſchaͤfften; ein Vater der Armen, ein Pa - triot: Denn Gargil iſt ein Herr von Millionen!
Aber ein Ungluͤcksfall, oder die Gerechtigkeit, welche nie zu ſpaͤt erwacht, raubt dieſe Millionen dem trotzigen Gargil, und macht ihn aͤrmer, als ſein Vater war: Was glaubt die Welt nun von ihm? Man erſchrickt uͤber ſeinen Fall; man ver - flucht ſein Andenken, und morgen iſt er vergeſſen!
Ein ſichrer Beweis, daß man alle dieſe Schmei - cheleyen ſeinem Gelde, und nicht eine einzige ſei - ner Perſon gemacht hat. That Gargil wohl un - recht, wenn er ſich Muͤhe gab, ſeine Schaͤtze zu haͤufen; wenn er nur auf ſeine Schaͤtze ſtolz war; wenn er zweifelte, ob Arme unter die vernuͤnftigen Geſchoͤpfe gehoͤrten, die ſeine Achtung und Vor - ſorge verdienen koͤnnten?
Jch habe angemerkt, daß man wider diejeni - gen, welche wie Gargil denken und ſammeln, die unbarmherzigſten Spoͤttereyen vorbringt. Nie iſt der Gelehrte und der Ungelehrte in ſeinen Vor - wuͤrfen bitterer, als wenn er wider den Geiz und die Reichen eifert. Mich duͤnkt, es iſt hiebey eine ſehr große Ungerechtigkeit. Nicht Gargil, ſondern die Welt iſt an allen dieſen Thorheiten Schuld. Haͤtte197Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. Haͤtte man mehr Hochachtung fuͤr die Tugend; ruͤhmte man denjenigen, als einen verehrungswuͤr - digen Mann, welcher durch ſeine Vorſorge tauſend Familien gluͤcklich zu machen ſucht, welcher an ſeinen eignen Vortheil zuletzt, und zuerſt an das Wohl dererjenigen denkt, die ſeiner Aufſicht em - pfohlen ſind; wuͤßte die Welt dieſe Verdienſte nach Wuͤrden zu ſchaͤtzen; So wuͤrde Gargil ſich eben ſo viel Muͤhe gegeben haben, tugendhaft, mit - leidig, und großmuͤthig zu ſeyn. Es iſt allemal leichter, tugendhaft zu ſeyn, als durch Laſter ſich empor zu ſchwingen. Die beruhigende Zufrieden - heit, welche ein Tugendhafter bey ſeinen Handlun - gen empfindet, iſt der angenehmſte Lohn, von wel - chem der Laſterhafte nichts weis, und deſſen Groͤße ihm doch, mitten in ſeiner Pracht, die empfindlich - ſten Vorwuͤrfe macht. Aber Gargil verlangte, groß und angeſehn zu werden; und er kam in eine Welt, welche nur die blendenden Reichthuͤmer ver - ehrte, die ſtillen Tugenden eines redlichen Herzens aber fuͤr buͤrgerliche Vorzuͤge hielt. Wer hatte nun die meiſte Schuld? Gargil, oder die Welt?
Dieſe ungerechten Vorurtheile der Welt ſind Urſache, daß die Tugend allemal ſchuͤchtern zuruͤcke tritt, und in dem Getuͤmmel der reichen Thoren ſich verdraͤngen laſſen muß. Ein Mann, der die Pflichten gegen Gott, und ſeinen Fuͤrſten kennt, der dieſe Pflichten ſorgfaͤltig beobachtet, der ſie andre lehrt, der durch dieſe Lehren und ſein Exem - pel dem Staate tauſend gute Buͤrger ſchafft:N 3Dieſer198Antons Panßa von ManchaDieſer rechtſchaffene Mann lebt unbemerkt, und ſtirbt unbeklagt; denn er iſt arm. Er hatte nicht Muth genug, ſich der Welt zu zeigen, denn ſeine und anderer Erfahrung hatte es ihn gelehrt, daß die Welt ihn verachten muͤſſe, ſo bald ſie ihn erblicke.
Es kann dieſes genug ſeyn, zu beweiſen, daß das Spruͤchwort: Gut macht Muth, ſehr ge - gruͤndet iſt. Zugleich habe ich die Urſache davon angefuͤhrt; und weil ich eben nicht noͤthig habe, auf die Reichen eiferſuͤchtig zu ſeyn, ſo bin ich ſo gerecht geweſen, zu zeigen, daß die Schuld nicht ſowohl an den Reichen, als an den Vorurtheilen der Welt liegt. Mit einem Worte: Jch glaube, ich habe alles gethan, was man von einem unpar - theyiſchen Moraliſten verlangen kann. Nun will ich auch die andre Seite von meinem Spruͤchworte anſehen, und meine Betrachtungen uͤber diejeni - gen mittheilen, welche ohne Gut muthig genug, und in Geſellſchaften vielmals weit unertraͤglicher ſind, als ein hochmuͤthiger Reicher.
Wer iſt der ſchmuzige Cyniker, welcher dort an ſeinem Pulte die Naͤgel kaut, und mit einer bittern Wut laͤchelt? Es iſt der Sittenrichter, welcher die Welt verachtet, um ſich an der Ver - achtung der Welt zu raͤchen. Sein zerrißner Mantel bedeckt ein ſtolzeres Herz, als unter man - chem Ordensbande nicht bedeckt liegt. Er iſt eben derjenige, der am meiſten wider die eifert, welche Verdienſte nicht belohnen, da ſie doch dieGewalt199Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. Gewalt haͤtten, ihn aus ſeinem gelehrten Staube hervorzuziehen. Jhm fehlt Geburt, und Gluͤck, und Geſchicklichkeit, ſich durch Fleiß und gefaͤlli - gen Umgang beliebt zu machen. Er ſpottet alſo uͤber die Pracht der Großen, und nennt ſie glaͤn - zende Thoren, um einen Vorzug veraͤchtlich zu machen, der ihm mangelt. Haben dieſe Reichen ein Vorrecht vor ihm, gluͤcklich zu ſeyn? Ver - ſteht wohl einer von ihnen die gelehrten Sprachen, die unſer Timon beſſer verſteht, als ſeine Mutter - ſprache? Die Sitten der Griechen ſind ihm be - kannter, als die Sitten der Zeiten, in denen er lebt. Wagt es einmal, und laßt euch mit ihm an ſeinem Pulte in eine Unterredung ein: Er wird eure Unwiſſenheit beſchaͤmen; er wird euch mit Syllogismen ſtumm machen, die ihr nicht einmal zu nennen wißt. Jhr werdet auf ſeiner Studier - ſtube eben ſo unwiſſend und albern vor ihm da ſte - hen, als er in eurer Antichambre vor euch zittert. Sind dieſes nicht Verdienſte genug, welche belohnt werden ſollten, welche dem Timon ein Recht ge - ben, bey ſeiner gelehrten Armuth ſtolz zu ſeyn, und Muth genug zu haben, die Eitelkeit der praͤch - tigen Elenden zu verachten, welche weder Grie - chiſch noch Latein verſtehn, welche den Hektor fuͤr eine große Dogge halten, welche ſich einbilden, bindig zu denken, und doch nicht einmal wiſſen, in welcher Form ſie denken, welche bey aller dieſer Unwiſſenheit dennoch das praͤchtige Gluͤck genießen, das nur der weiſe Timon genießen ſollte, wenn der Himmel gerecht und die Welt erkenntlich waͤre? N 4Mitten200Antons Panßa von ManchaMitten in ſeiner Armuth iſt Timon ſo muthig, daß er mit dem Himmel und der Welt zankt; daß er auf ſein Elend ſtolz iſt, von welchem er ſich nicht los zu wickeln weis.
Man glaube nur nicht, daß Timon beſtaͤndig ſo großmuͤthig gedacht hat. Der erſte Schritt, den er aus der Schule in die Welt that, war, ſei - nem Wuͤnſchen und ſeiner Einbildung nach, der Schritt zu Reichthum und Ehre. Er kroch bettelnd vor den Fuͤßen dererjenigen herum, die itzo ſein pedantiſcher Stolz verachtet. Er ſuchte ihren Beyfall auf eine niedertraͤchtige Art zu ge - winnen. Er ruͤhmte ihre Verdienſte, und ihren Verſtand; zwo Sachen, die er ihnen itzt gar ab - ſpricht. Die Sprache der Goͤtter, welche bey uns der Misbrauch zur Sprache der Bettler gemacht hat, war diejenige, die er mit ihnen am liebſten redete, weil ſie gemeiniglich baar bezahlt wird. Er beunruhigte die Aſche der alten Helden, um wenigſtens einen zu finden, mit dem er ſeinen Maͤ - cenat vergleichen koͤnnte. Nur der Nachwelt ſang er deſſen Ruhm vor: Die Nachwelt horchte er - ſtaunt, wenn er ſang; und ſein unempfindlicher Maͤcenat ſchlief daruͤber ein. Mit einem Worte: Timon erlangte ſeinen Zweck nicht. Er ſchmei - chelte zwar, aber nicht in der Sprache des Hofs; die Sprache eines Pedanten war es. Dieſes machte ihn laͤcherlich; und weil er nicht leiden wollte, daß man uͤber ihn ſpottete, und ihn mit ſeiner Weisheit zum Narren machte; (ein Weg,welcher201Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. welcher zu ſeinem Gluͤcke der naͤchſte haͤtte ſeyn koͤn - nen:) ſo verließ er murrend den undankbaren Hof, verſchloß ſich bey ſeinem Pulte, fuͤhlte ſeinen Hun - ger, aber auch ſeinen Werth, huͤllte ſich alſo ſtolz in ſeine eigne Gelehrſamkeit ein, und verachtete den erlauchten Poͤbel; denn ſo nannte er diejeni - gen, deren Gluͤck er beſungen hatte, und nunmehr beneidete. Zwar anfangs kam es ihm ſchwer an, etwas zu ſagen, was wider ſeine eigene Empfin - dung war: Aber die fortdauernde Verachtung, und die Gewohnheit, dergleichen taͤglich zu ſagen, hat es bey ihm ſo weit gebracht, daß er ſich bere - det, er eifre mit Ueberzeugung, und aus einer philoſophiſchen Großmuth. Nun iſt er bey ſeiner Armuth ſtolz, und verachtet alle diejenigen, wel - che im Anſehen und Ueberfluſſe leben.
Dieſe Anmerkung iſt der wahre Schluͤſſel zu den meiſten Satiren wider den Reichthum, und das Gluͤck der Großen.
Diejenigen, welche reich geweſen, und durch verſchiedne Ungluͤcksfaͤlle arm geworden ſind, ge - hoͤren auch zu denen, die wider den Reichthum eifern. Sie haben ihre Schaͤtze verloren; aber den Muth haben ſie noch behalten, andre zu ver - achten. Wider die Armen duͤrfen ſie ihre Ver - achtung nicht aͤußern; denn ſie ſind ſelbſt arm ge - worden: Sie verachten alſo die Reichen, wie Ti - mon, und mit viel ſtaͤrkerer Bitterkeit, als er, da ſie wirklich dasjenige genoſſen haben, was jener nur wuͤnſchte. Das traurige Andenken ihres vo -N 5rigen202Antons Panßa von Mancharigen Gluͤcks macht ſie wuͤtend, ſo, wie der Haß eines Renegaten weit unverſoͤhnlicher iſt, als der Haß eines gebornen Muſelmanns.
Zu dieſen beiden Exempeln von dem Muthe der Armen, will ich noch das dritte nehmen.
Ein Mann, der ſeine Pracht nur durch das erborgte Geld ſeiner betrognen Glaͤubiger unter - haͤlt, iſt, wie mich duͤnkt, unendlich aͤrmer, als ein Mann, der gar kein Vermoͤgen, aber auch keine Schulden hat; und dennoch iſt der Muth dieſes praͤchtigen Armen weit unertraͤglicher, als der Muth eines Reichen.
Jch rede hier von jenem Manne, der die vor - nehme Kunſt gelernt hat, die Einfalt, oder auch den Wucher ſeiner Mitbuͤrger zu nutzen, und Geld zu borgen, ohne das Vermoͤgen, oder auch nur den Willen zu haben, es jemals wieder zu bezah - len. Anfangs gab er ſich Muͤhe, ſich den noͤthi - gen Credit durch eine ordentliche und eingeſchraͤnkte Wirthſchaft zu erwerben. Es gelang ihm, und man hielt ihn fuͤr reich, weil er beſtaͤndig uͤber ſchwere Zeiten, und die geringe Verlaſſenſchaft klagte, die er von ſeinen Aeltern uͤberkommen haͤtte. Er laͤugnete nicht, daß er Schulden habe, allein er brauchte die Vorſicht, daß er im Stillen borgte, und mit vielem Geraͤuſche dadurch alte Schulden bezahlte. Dieſes oͤffnete ihm die Beutel ſeiner Freunde, ſeiner Clienten, und aller Wucherer. Nun fieng er an, ſeine Mienen zu aͤndern. Erver -203Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. verſchwendete mit großer Pracht. Seine Freunde genoſſen ſeine Verſchwendung, und zogen ihren Beutel zuruͤck. Seine Clienten zuckten die Ach - ſeln, und verloren dadurch ihren Maͤcenaten, ihr Geld und ihre Hoffnung. Aber die Wuchrer draͤngten ſich zu ihm, und hofften bey ſeinem Un - tergange Beute zu machen, ſo, wie etwan ein chriſtlicher Raͤuber am Strande, unter dem Schutze ſeiner Geſetze ungluͤckliche Reiſende pluͤndert, wel - che an ſeinem Ufer geſcheitert ſind.
Aber die Wucherer haben an ihm einen Mann gefunden, der ihrer werth iſt. Sie fodern ihr Geld, aber eher werden ſie den Proteus feſt hal - ten, als dieſen Schuldner. Er empfaͤngt ſie mit offnen Armen, oder er laͤßt ſich auch verlaͤugnen; er ſchmeichelt, er iſt froſtig; er bittet freundſchaft - lich, er trotzt; er kuͤßt ſie, er wirft ſie auch wohl die Treppe herab; er zeigt ihnen neue Hoffnung, oder auch den großen Verluſt: Alles, wie er es nach Beſchaffenheit der Glaͤubiger, und der Zeit fuͤr gut befindet. Nun weis alle Welt, daß er ein Betruͤger iſt; aber fuͤr deſto noͤthiger hielt er es nunmehr, durch einen unverſchaͤmten Hochmuth ſein ſchlechtes Spiel zu verſtecken. Er wirft ſich mit einer ſtolzen Miene in ſeinen vergoldeten Wa - gen, und rollt durch die Gaſſen der Stadt. Der ehrliche Handwerksmann, dem er den Wagen noch nicht bezahlt hat, buͤckt ſich demuͤthig vor ſeinem Wagen, und kaum wird er geſehn. Er faͤhrt vor dem Laden des Kaufmanns vorbey, den erin204Antons Panßa von Manchain voriger Meſſe um das reiche Kleid betrog, das er itzt anhat. Der Kaufmann gruͤßt ihn trotzig: aber ſein vornehmer Schuldner laͤchelt ihn freund - ſchaftlich an; denn im kuͤnftigen Monate iſt große Galla, und er braucht ein neues Kleid. Jn die - ſem Augenblicke koͤmmt der Prinz gegangen. Unſer Hofmann ſpringt aus dem Wagen, kuͤßt ihm die Hand, und ſagt ihm eine wichtige Klei - nigkeit ins Ohr; der Prinz laͤchelt und geht fort. Das ſieht der unzufriedne Kaufmann. Einen Herrn, den der Prinz anlaͤchelt, muß man zur Kunde behalten. Er gruͤßt Jhro Excellenz demuͤ - thig, und bedauert, daß ſeine Waaren ihm gar nicht mehr anſtaͤndig ſind. Dieſer eigennuͤtzige Wunſch wird endlich in Gnaden erhoͤrt, und ein neues Kleid ausgenommen, und ihm zwar kein Geld, aber neue Verſicherung vom Schutze und hohem Wohlwollen gegeben. So muthig iſt die - ſer Elende, welcher weit aͤrmer iſt, als ſein Be - dienter.
Jch erinnere mich bey dieſer Geſchichte eines Geſetzes, welches, nach unſern Familiennachrich - ten, mein Uraͤltervater, Sancho Panßa, ſeinen gluͤcklichen Unterthanen zu Barataria geben wollte. Schon am erſten Tage ſeiner Regierung hatte er wahrgenommen, wie nachtheilig dem gemeinen Weſen dergleichen Schuldner ſind, welche durch ihre Perſon, und ihre Art zu leben, dieſer Betruͤ - gerey ein verfuͤhreriſches Anſehn zu geben wiſſen. Der Handwerksmann verliert ſeinen nothduͤrfti -gen205Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. gen Unterhalt, und wird wider ſeinen Willen un - ter eine Laſt von Schulden gedruͤckt, die er nie - mals bezahlen kann, und doch ehrlich zu bezahlen wuͤnſcht, weil er ein armer Handwerksmann iſt. Der Credit, welcher in einer Handlung ſo unent - behrlich iſt, verliert ſich, ſo bald es erlaubt iſt, ungeſtraft zu betruͤgen. Die Geſetze werden ſtumm, und endlich verachtet. Der große Sancho ſahe dieſes, und ſtampfte dreymal mit ſeinen krum - men Fuͤßen; und dreymal ſtrich er ſich zornig den Bart, und ſchwur bey der heiligen Hermandad*Jſt in Spanien ein heiliges Gericht, wider Diebe und Raͤuber., dieſes ſchaͤndliche Geſchlecht zu demuͤthigen, ja, wo moͤglich, von ſeiner Jnſel zu vertilgen. Er wuͤrde es gewiß gehalten haben; aber dieſe Feinde waren ihm zu maͤchtig. Man erfuhr ſein Vor - haben; und die groͤßten Haͤuſer verſchwuren ſich wider ihn. Mit einem Worte: der patriotiſche Sancho mußte fliehen. Die Welt weis dieſe traurige Geſchichte ſeiner Flucht; mir iſt es zu empfindlich, ſie zu erzaͤhlen. Aber ich, als ſein Nachkomme, bin es ſeinem Andenken ſchuldig, das Project bekannt zu machen, das ich wegen dieſes ruͤhmlichen Vorhabens unter meinen Pa - pieren finde. Er wollte naͤmlich, daß die Glaͤu - biger eines ſolchen allgemeinen Schuldners, aus der Caſſe des Landes bezahlt werden ſollten; aber dafuͤr ſollten dieſe losgekauften Schuldner Knechte des Landes ſeyn, niemals die Freyheithaben,206Ant. Panßa von Mancha Abh. ꝛc. haben, den Hut auf der Straße aufzuſetzen, und wenn ihnen einer von ihren alten Glaͤubigern begegnete, dieſem, und waͤre es auch der geringſte Handwerksmann, knieend die Hand kuͤſſen, und ſeine Befehle erwarten.
So groß mein Eifer fuͤr die Gerechtigkeit iſt, ſo nahe geht mir es doch, wenn ich an dieſes un - gluͤckliche Project gedenke. Ohne dieſes wuͤrde Sancho Regent geblieben ſeyn. Seine Herr - ſchaft waͤre ohne Zweifel erblich, ſeine Kinder wuͤrden Grandes und Biſchoͤfe geworden ſeyn, und ich ‒ ‒ ‒ wenigſtens wuͤrde ich doch nicht noͤthig gehabt haben, mich als Autor ſo kuͤmmerlich zu naͤhren!
Dieſes Spruͤchwort wird auf zweyerley Art verſtanden. Die erſte Art iſt zu wichtig, und allzu ernſthaft, als daß ich in gegenwaͤrtiger Abhandlung weitlaͤuftiger davon reden ſollte. Der andere Verſtand, in welchem es die meiſten neh - men, gehoͤrt zu meinen Abſichten, und ich will mich daruͤber erklaͤren.
Schon unſere Vorfahren haben das Geheim - niß erfunden, ihre Thorheiten dem Himmel Schuld zu geben. Wir ſind noch thoͤrichter, als unſere Vor - fahren; und, wenn der alte Satz wahr iſt, ſo wer - den unſere Nachkommen noch mehrere Thorheiten begehen, als wir, wo es anders moͤglich iſt. Um deßwillen iſt es ſehr erſprießlich, daß wir das Ge - heimniß beybehalten, und auf unſere Nachwelt fortpflanzen. Nichts ſchmeichelt unſrer Eigen - liebe mehr, als das Vergnuͤgen, ſich zu entſchul - digen, und jemanden auszufinden, dem wir unſer Vergehen zur Laſt legen koͤnnen.
Je groͤſſer dieſes iſt, deſto ſorgfaͤltiger ſehen wir uns nach einer Ausflucht um. Und da einer von den griechiſchen Weiſen angemerkt haben will,daß208Antons Panßa von Manchadaß in keinen Handlungen mehr Fehler begangen werden, als bey Schließung der Ehen; ſo ſind dieſe Thorheiten wichtig genug, daß wir ſie dem Himmel Schuld geben. Ein Ueberreſt vom Ge - wiſſen, welchen man nicht allen Leuten abſprechen kann, verhindert uns, auf den Himmel zu laͤſtern; Wir finden alſo wenigſtens bey einem innerlichen Murren eine ziemliche Erleichterung, und wir glauben recht andaͤchtig zu murren, wenn wir ſa - gen, daß unſere Ehen, welche wir oͤfters auf eine ſo naͤrriſche Art anfangen, im Himmel geſchloſſen ſind. Koͤnnen alſo wir etwas fuͤr unſere Thor - heit? Jſt es unſer Fehler, wenn wir Narren ge - weſen ſind? Die Ehen werden im Himmel ge - ſchloſſen! Wir ſind voͤllig entſchuldigt.
Dieſes iſt der wahre Urſprung des Spruͤch - worts in dem allgemeinſten Verſtande.
Die Qvellen ſind vielerley, aus denen ſolche Ehen entſpringen, deren ungluͤcklichen Ausgang der unſchuldige Himmel auf ſeine Rechnung neh - men ſoll.
Die Ehen aus Neigung machen die ſtaͤrkſte Anzahl davon aus. Derjenige iſt der hochdeut - ſchen Sprache noch nicht maͤchtig genug, und kann mich alſo nicht verſtehen, welcher glaubt, Neigung bedeute ſo viel, als eine freundſchaftliche und vorzuͤgliche Liebe, ſo ſich auf Tugend und Verdienſte des geliebten Gegenſtandes gruͤndet. Dieſe Begriffe haben noch itzt einige; es iſt wahr,und209Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. und dieſe Einige ſind beneidenswuͤrdig: Aber un - ſere Mutterſprache iſt viel reicher, als daß ſie ſich auf eine ſo enge Bedeutung einſchraͤnken ſollte. Wenn ich ſage: Jch habe Neigung gegen dieſes Frauenzimmer; ſo heißt das ſo viel: Die Augen dieſes Maͤdchens gefallen mir, ſie hat einen ſchoͤ - nen Mund, ihre runde Hand reizt auch einen Phi - loſophen zum Kuſſe, ſie iſt wohl gebaut, ihr Gang iſt edel, ihr Fuß engliſch, ihr Verſtand ‒ ‒ ‒ Nein, das war falſch, der Verſtand gehoͤrt nicht dazu; genug, das Maͤdchen iſt ſchoͤn, ich liebe ſie, ich bete ſie an, ich ſeufze, ich ſeufze, bis ſie mich er - hoͤrt. Und wenn dieſe Schoͤne ſo fein iſt, daß ſie die Seufzer dieſes ſchmachtenden Seladons nicht allzu zeitig erhoͤrt, ſo hat ſie das gewuͤnſchte Gluͤck, ſeine Frau zu werden. Er hat ſie aus Neigung geliebt, und aus Neigung geheirathet. Noch einige Zeit liebt er auf eben dieſe Art bruͤnſtig. Er wird ihre reizenden Augen, ihren ſchoͤnen Mund gewohnt; er liebt ſie noch, ohne ſie bruͤn - ſtig zu lieben. Das Feuer der Augen verliert ſich; die Liebe zu ihr wird matt. Nun wird er gegen ſeine Frau gleichguͤltig; er wird bey dem taͤglichen Umgange froſtig gegen ſie. Sie hat nicht Verſtand genug, ſeine Liebe ſich zu erhalten. Eine Krankheit ſtuͤrzt mit dem Reſte der Schoͤn - heit, alle Neigung uͤber einen Haufen. Nun iſt ſie ihm ganz unertraͤglich. Er ſeufzet noch, der ungluͤckliche Seladon; aber er ſeufzet nicht mehr fuͤr ſeine Schoͤne. Er ſeufzet uͤber ſich, uͤber die traurige Verwandlung; uͤber den Himmel ſeufzetOer,210Antons Panßa von Manchaer, daß er ihn nicht bey den Haaren von einer Thorheit zuruͤck gezogen, zu welcher ihn ſeine Nei - gung riß. Alle Freunde, welche ſeine Frau nicht vor dem Verfalle ihrer Schoͤnheit gekannt haben, wundern ſich uͤber ſeine laͤcherliche Wahl. Einer von ihnen iſt ſo vertraut, ihn zu fragen, wie er ſich habe entſchließen koͤnnen, eine Frau ohne Schoͤnheit, ohne Geld, ohne Auffuͤhrung, ohne Verſtand zu heirathen. Er zuckt mit den Achſeln; die Ehen werden im Himmel geſchloſſen, antwortet er. Er thut ſehr wohl, daß er ſo antwortet. Soll er etwan ſprechen: Dieſe matten Augen, mein Herr, waren voll Feuer, als ich ſie liebte; ihren unwitzigen Mund kuͤßte ich mit Entzuͤcken, denn er war ſchoͤn; ich liebte die ſchoͤn gemalte Puppe, und war ein Thor, ſie zu heirathen, und war ſo naͤrriſch, daß ich glaubte, ich heirathete ſie aus vernuͤnftiger Neigung? Nein, dieſes offenherzige Geſtaͤndniß kann man ihm, zu thun, nicht zumu - then. Der Himmel, wie geſagt, nur der Him - mel iſt Schuld daran! Seladon bleibt vernuͤnftig; nur iſt er ungluͤcklich.
Nach dieſem Charakter, den ich von ihm ge - macht habe, wird ſeine Frau allein Urſache an dieſer ungluͤcklichen Verbindung ſeyn? Sie hat ihn verfuͤhrt, ſie hat ihn mit ihren fluͤchtigen Rei - zungen geblendet. Nein! Sie iſt eben ſo wohl, wie er, zu entſchuldigen; ſie hat ihn aus Neigung, aus bloßer Neigung geheirathet. Was beym Frauenzimmer Neigung heißt, brauche ich hiernicht211Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. nicht zu erklaͤren; Die Bedeutung ſoll in der neue - ſten Auflage des Frauenzimmerlexikons ausgefuͤh - ret werden. Es war auf einem Balle, wo ſie ihn das erſte mal kennen lernte. Er tanzte, und dieſes mit der Artigkeit eines Menſchen, welcher tanzt, um bewundert zu werden. Ein weißer ſeidener Strumpf hob den Werth eines wohlge - machten Fußes, und einer beredten Wade. Selinde wird niedergeſchlagen; er hat mit ihr noch nicht getanzt. Nun tanzt er mit ihr; ſie bewundert ihn. Alles uͤberfuͤhrt ſie von ſeinen Verdienſten; der Kopf, die Bewegung der Arme, ſeine Blicke. Er fuͤhrt ſie wieder an ihren Ort, er kuͤßt ihr die Hand. Wie zaͤrtlich kuͤßt der artige Seladon? Er nennt ſie eine Goͤttinn. Sie antwortet ihm ganz ſittſam mit einem ſchamhaften: Ach nein! Er kuͤßt ihr die Hand noch feuriger, und ſchwoͤrt, ſie ſey eine engliſche Schoͤne! Soll das gute Kind ſeinem Schwure nicht glauben? Er redet von ſee - lenvollen Augen, von zernichtenden Blicken, von lachenden Gruͤbchen, vom Purpur der Lippen, vom blendenden Schnee ihrer runden Haͤnde; und dreymal hat er ſchon geſeufzet, da er dieſes ſagt. Er ſchwatzt ihr viel Zaͤrtliches von Opfern und Herzen vor, und will in Feſſeln vor ihren Fuͤßen ſterben. Ach nein, mein Herr, ſagt ſie ganz weichmuͤthig zu ihm, ach nein! und uͤberlaͤßt ihm ihre Hand, ohne es zu wiſſen, und ohne etwas weiter zu ſagen, als ein ſtammelndes: O, gehn ſie doch! Sie verſpuͤrt in ſich ſelbſt etwas gegen ihn, das ſie Neigung nennt; ſie iſt ihm gut, demO 2arti -212Antons Panßa von Manchaartigen Seladon. Der Ball endigt ſich. Er fuͤhrt ſeine Schoͤne zum Wagen, und iſt ſo ge - ſchickt, ihr einen Stab in dem Faͤcher zu zerbre - chen, um das Vergnuͤgen zu haben, ihr morgen mit einer neuen Garnitur aufzuwarten. Der ſchalkhafte Seladon! So weit hat er es in einem einzigen Abende gebracht!
Wer die Welt nur ein wenig kennt, der wird mir bezeugen koͤnnen, wie vortheilhaft es einem Liebhaber ſey, wenn er zu rechter Zeit einen Faͤ - cher zerbricht, und auf eine anſtaͤndige und freyge - bige Art dieſen Schaden wieder erſetzt. Auf eine anſtaͤndige Art, ſage ich, damit es ſich derjenige gelehrte Schriftſteller nicht anmaaße, der im vori - gem Sommer einen Faͤcher fuͤr acht Thaler zer - brach, und dafuͤr dem Frauenzimmer zween Baͤnde von ſeinen Schriften verehrte, die in ſeinen Augen einen unendlichen Werth hatten, dem Frauenzim - mer aber nur zu Papilloten nuͤtzlich waren.
Nach dieſer Ausſchweifung komme ich wieder auf unſern Seladon. Man kann glauben, daß ihm ſein Sieg nicht ſchwer gemacht ward. Da er ſchon am erſten Abend es ſo weit gebracht hatte, ſo nahm ſich ſeine Schoͤne nicht mehr Zeit, als es die Vorſicht und der Wohlſtand erfoderte, ihn auf eine verbindende Art der Neigung zu verſi - chern, die ſie gegen ſeine tugendhaften Vollkom - menheiten, oder, die Wahrheit zu reden, gegen ſeine artige Perſon, ſeinen wohlgewachſenen Koͤr -per,213Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. per, ſeinen gut geſtalteten und fluͤchtigen Fuß, gegen ſeinen ſchmeichelhaften Mund, und ſeine erobernden Blicke empfand. Sie gab ihm ihre Hand, und ward ſeine Frau.
Und ſeine Frau mußte ſie bleiben, ungeachtet bey einem taͤglichen Umgange ſich mit ihrem Reize auch ſeine tugendhaften Vollkommenheiten verloren. Seine artige Perſon war nicht mehr fuͤr ſie artig; ſein Mund ſchmeichelte allen Schoͤnen, nur ihr nicht; und ſeine erobernden Blicke, hatten ſich in muͤrriſche Blicke eines misvergnuͤgten Ehemanns verwandelt. Womit beruhigt ſich dieſe Ungluͤck - liche? Mit dem Schickſale, welches ſo grauſam iſt, daß es den Thoren nicht mit Gewalt verwehrt, Thoren zu ſeyn, oder, andaͤchtig zu reden, mit dem Himmel, in welchem ihre naͤrriſche Ehe ſoll geſchloſſen worden ſeyn!
Es kann dieſes genug ſeyn, den Satz von den Ehen zu erlaͤutern, welche aus Neigung geſchloſ - ſen werden. Allemal iſt es nicht noͤthig, daß ſo vielerley reizende Umſtaͤnde zuſammen kommen, welche zwo junge Perſonen zaͤrtlich machen. Ein einziger iſt oft hinreichend. Ein weiße runde Hand, welche zu rechter Zeit aus den Falten eines ſchwar - zen Sammtmantels einen verraͤtheriſchen Ausfall that, hat einen jungen Menſchen um ſeine Frey - heit gebracht, der auf ſeinen flatterhaften Leicht - ſinn ſtolz war. Eine volle Bruſt, welche hinter dem leichten Palatin auf Eroberungen lauerte,O 3hat214Antons Panßa von Manchahat meinen beſten Freund ungluͤcklich gemacht. Ein paar ſchmachtende blaue Augen ſind die erſten Dollmetſcher einer Liebe geweſen, die ſich nun - mehr in die traurigſte Ehe verwandelt hat. Meine ſelige. Frau hatte ein paar ſchwarze Augen, ſo ſchwarz, als keine ſelige Frau in ganz Weſtpha - len! Sie entzuͤckten mich, und machten mir ihre ganze Perſon angenehm. Jch heirathete ſie; Ja wohl heirathete ich ſie! Koͤnnte ſie wohl ein paar ſo ſchwarze Augen haben, wenn ſie nicht den Sitz einer tugendhaften, vernuͤnftigen, und zaͤrtlichen Seele waͤren? So dachte ich bey mir ſelbſt; aber laͤnger als ein Jahr, dachte ich nicht ſo. Schwarz blieben ihre Augen immer, es iſt wahr; Aber Tu - gend, Vernunft, Zaͤrtlichkeit ‒ ‒ ‒ ja, meine Herren, es iſt vorbey! Der Himmel, welcher dieſe Ehe ſchloß, hat ſich meiner Noth erbarmt: Sie iſt todt! O waͤren meine drey Freunde auch ſo gluͤcklich, die unter dem tyranniſchen Joche einer kleinen weißen Hand, einer vollen Bruſt, und ein paar blauer ſchmachtender Augen, uͤber die Strenge des Himmels noch itzt ſeufzen muͤſſen!
Alles was ich hier geſagt habe, wird den Satz beſtaͤtigen, daß die meiſten Ehen, die aus dem Anblicke einer oder mehrerer Schoͤnheiten entſtehn, nicht im Himmel, nein, vor dem Spiegel geſchloſ - ſen werden.
Da ich mit meinem eignen Schaden erfahren habe, was das ſagen wolle; ſo moͤchte ich, als ein wahrer Patriot, wohl wuͤnſchen, daß manſichere215Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. ſichere Mittel ausfindig machte, dieſen gefaͤhrlichen Reizungen zu ſteuern.
Dadurch moͤchte man dergleichen zaͤrtlichen Uebereilungen wohl ſchwerlich vorbeugen, wenn man das Frauenzimmer auf morgenlaͤndiſche Art beſtaͤndig im Zimmer, oder unter Kappen gefan - gen hielte. Ja es wuͤrde die Mannsperſonen zu verliebten Einbruͤchen, und galanten Gewaltthaͤ - tigkeiten verfuͤhren. Die Verhuͤllung des Geſichts wuͤrde nichts helfen; ſie wuͤrde uns nur neugieri - ger machen. Der Ellbogen, die Spitze von einem kleinen Fuße, wuͤrde unter den empfindenden Mannsperſonen alsdenn eben die traurige Verwuͤ - ſtung anrichten, welche wir einem ganz aufgedeck - ten Geſichte Schuld geben.
Waͤre es nicht rathſamer, man gewoͤhnte die Jugend beiderley Geſchlechts gleich in den erſten Jahren dazu an, daß ſie vertraut mit einander umgehen muͤßten? Geſchieht das nicht ſchon mehr, als zu ſehr? wird man ſagen. Nein, ſo ſehr noch lange nicht, als ich will, daß man es thun ſolle.
Bey dem Umgange junger Leute, den man bisher zugelaſſen hat, iſt eine beſtaͤndige Art des Zwanges, den man Wohlſtand nennt. Es ſind nur gewiſſe Jahrszeiten, gewiſſe feyerliche Luſtbar - keiten, gewiſſe Stunden des Tages, wo man der Jugend verſtattet, mit einander umzugehen. Bey dieſen abgemeſſenen Zuſammenkuͤnften bringen die Maͤdchen alle ihre Reize und Schoͤnheiten in dieO 4Waf -216Antons Panßa von ManchaWaffen, und werden gefaͤhrlich. Die jungen Mannsperſonen richten ihre ganze Natur und Klei - dung auf Eroberungen ein. So bald die erſten Gepraͤnge des Wohlſtands vorbey ſind, ſo ſeufzen ſie ein wenig, werden ziemlich unverſchaͤmt, und ſiegen. Man weis wohl, wie gefaͤhrlich eine Mannsperſon iſt, die bey einem wohlgebauten Koͤrper, die vornehme Kunſt weis, mit Anſtand unverſchaͤmt zu ſeyn. Es iſt alſo dieſe Art des Umgangs meinen Abſichten mehr hinderlich, als nutzbar.
Jch will, ich wuͤnſche es wenigſtens, daß man kuͤnftig jungen Perſonen beiderley Geſchlechts, ohne Unterſchied der Stunden, ohne die geringſte Ein - ſchraͤnkung, die Freyheit laſſe, ſich zu ſprechen, und zu beſuchen. Hier muß keine argwoͤhniſche Mutter, keine muͤrriſche Tante in den Weg kom - men. Dieſer Zwang wuͤrde dem Beſuche eine ge - wiſſe Annehmlichkeit geben, deren Folgen gefaͤhr - lich waͤren. Wie viel werden manche Maͤdchen verlieren, wenn man ſie uͤberraſcht, ehe ſie Zeit gehabt haben, ihr Geſicht in Ordnung zu bringen! Nach der Einrichtung, wie junge Leute itzt einan - der beſuchen, iſt es bey nahe nicht moͤglich, den wahren Charakter eines Frauenzimmers zu ent - decken. Sie iſt beſtaͤndig auf ihrer Hut, um ar - tig, um ſittſam, um gefaͤllig, um gelaſſen zu ſchei - nen. Man uͤberfalle ſie einmal alsdenn, wenn ſie noch nicht Zeit gehabt hat, die zornigen Run - zeln aus ihrem kleinen heuchleriſchen Geſichte zu ſtreichen, welche ſich uͤber den Eigenſinn ihrer Mut -ter,217Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. ter, uͤber die Unvorſichtigkeit ihres Bedienten, uͤber andere Kleinigkeiten zuſammen gezogen haben; Alsdenn uͤberfalle man ſie: So wird man in dem Geſichte ſeiner huldreichen Goͤttinn die wuͤtende Miene ſeiner kuͤnftigen Frau ſehen. Wie ſehr kann das zu unſerer Beſſerung dienen! Wuͤrden wir Gelegenheit haben, bey dieſer Wahl vorſichtig zu werden, wenn wir nicht die Freyheit gehabt haͤt - ten, unſere Schoͤne unangemeldet zu beſuchen?
Aber auf dieſe Art iſt dergleichen uneinge - ſchraͤnkter Umgang den Mannsperſonen allein vor - theilhaft, und fuͤr das Frauenzimmer allein ver - raͤtheriſch? Nichts weniger. Ein Maͤdchen, das die Freyheit hat, alle Tage Mannsperſonen, alle Tage ihren Liebhaber um ſich zu ſehen, wird ſich mit ſeinen thoͤrichten Schmeicheleyen, mit ſeinem abgeſchmackten Taͤndeln, mit ſeinen gedankenlo - ſen Seufzern ſo bekannt machen, wie mit der Sonne, die alle Tage ſcheint. Jm Kurzen wird ſie gleichguͤltig dabey werden. Bald wird ſie bey allen dieſen Poſſen, bey dieſen verliebten Verzuͤk - kungen, und zaͤrtlichen Spruͤngen nichts ſehen, nichts hoͤren, und gar nichts fuͤhlen. Wie viel hat ein Maͤdchen ſchon alsdenn gewonnen, wenn ſie vor dergleichen Anfaͤllen ſicher iſt! Die Art, mit welcher dieſe hirnloſen Buhler ſtuͤndlich um ſie her - um faſeln, wird ihr erſt zur Laſt, und endlich ekel - haft. Sie wuͤnſcht ſich einen vernuͤnftigen Um - gang. Sie wird immer Mannsperſonen genug finden, welche vernuͤnftig, und doch im UmgangeO 5artig218Antons Panßa von Manchaartig ſind. Von dieſen wird ſie ſich einen Mann waͤhlen, und wird gluͤcklich ſeyn. Waͤre ſie es wohl geworden, wenn ſie nicht die Erlaubniß ge - habt haͤtte, die Geſellſchaft nach ihrem Gefallen zu waͤhlen? Wuͤrde ſie ſo leicht Gelegenheit gehabt haben, ihren vernuͤnftigen Mann kennen zu ler - nen, wenn nicht der taͤgliche und freye Umgang mit ihren abgeſchmackten Liebhabern, ihr vor den Thorheiten derſelben einen Ekel gemacht haͤtte?
Jch daͤchte, das waͤre genug bewieſen, wie vortheilhaft mein Vorſchlag dem gemeinen Weſen ſey; wie noͤthig es ſey, daß junge Leute durch ei - nen taͤglichen und freyen Umgang ſich genau ken - nen lernen. Jch habe gezeigt, daß man auf dieſe Art die verſtellten Fehler eines Maͤdchens, und das Laͤcherliche eines Liebhabers am leichteſten ent - decken kann. Wie viel ungluͤckliche Ehen wird man dadurch vermeiden! Denn eben dadurch wer - den ſo viel Ehen ungluͤcklich, daß der Mann und die Frau erſt nach ihrer Verbindung die Erlaub - niß haben, ſich taͤglich, zu allen Stunden, und ganz ohne Zwang zu ſprechen. Nun lernen ſie erſt auf beiden Seiten ihre Fehler kennen, aber zu ſpaͤt; ſie geben ſich keine Muͤhe, ſie laͤnger ge - gen einander zu verbergen, und fangen an, kaltſin - nig gegen einander zu werden, und haſſen ſich end - lich, als Mann und Frau.
Aber kann nicht ein dergleichen uneingeſchraͤnk - ter Umgang zwiſchen jungen Perſonen beiderleyGe -219Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. Geſchlechts vielen gefaͤhrlich ſeyn? Das waͤre al - lenfalls ein Einwurf wider meinen redlich gemeyn - ten Vorſchlag. Jch glaube, ich habe ihn ſchon oben im voraus beantwortet. Zum Ueberfluſſe will ich hier noch etwas ſagen. Geſetzt, es kaͤmen aus einem ſolchen Umgange einige traurige Fol - gen; ſo wuͤrden dieſe doch gegen den allgemeinen Nutzen nichts heißen, welchen die ganze Welt da - her zu erwarten haͤtte. Sind einige durch ihre Unvorſichtigkeit ungluͤcklich, ſo werden doch tau - ſend gluͤcklich, welche ſich vorſichtiger dabey auf - fuͤhren. Aber auch an dieſen wenigen Ungluͤcks - faͤllen iſt mein Project nicht Schuld; oder man wuͤrde aus eben dieſem Grunde das Spatziergehen, die Baͤlle, die Komoͤdien, ſelbſt die Zuſammen - kuͤnfte in Kirchen verdammen muͤſſen. Die bil - ligſten, die unſchuldigſten Handlungen werden denen eine Gelegenheit zum Ungluͤcke, welche Thoren ſind.
Jch will noch einen Vorſchlag thun; Man ſieht, wie ſauer ich mir es werden laſſe, mich um meine Landsleute verdient zu machen. Dieſer Vorſchlag entdeckt mein ganzes patriotiſches Herz.
Die Erfahrung lehrt, daß die Menſchen alles dasjenige mit einem unruhigen und hitzigen Ver - langen ſuchen, was ihnen verboten iſt, und im Gegentheile die angenehmſten Pflichten mit Wi - derwillen erfuͤllen, zu denen ſie ein ernſthafter Be - fehl ihrer Obern anweiſt. Kann eine Beſchaͤff -tigung220Antons Panßa von Manchatigung angenehmer ſeyn, als diejenige iſt, wenn wir unſere Naͤchſten gluͤcklich machen? Warum wird uns dieſes Vergnuͤgen ſo ſauer? Weil es eine Pflicht iſt, weil wir es thun ſollen. Die Andacht, die Abwartung des oͤffentliche[n][Go]ttes - dienſtes iſt eine von denen Handlungen, die einem vernuͤnftigen und dankbaren Weſen ſo anſtaͤndig ſind. Wir laſſen unſer Leben dafuͤr, ſo bald ſie uns bey Strafe des Todes verboten wird; verlangen aber die Landesgeſetze, daß wir ſolche mit Eifer thun ſollen, ſo machen wir die Leichtſinnigkeit, und den Ungehorſam zu einer Art der Galanterie. Nur der dumme Poͤbel mag andaͤchtig ſeyn; fuͤr Vornehme, fuͤr Leute, die die Welt kennen, laͤßt es einfaͤltig; denn durch den Befehl iſt es ein Zwang geworden, andaͤchtig zu ſeyn. Soll ich noch ein Wort von der Ehe ſagen? Warum ſind die meiſten Eheleute ſo kaltſinnig in ihrer Liebe? Weil ihnen der Prieſter befiehlt, zu lieben.
Dieſe alten Wahrheiten bringen mich auf den neuen Einfall, daß man jungen Leuten beiderley Geſchlechts durch geſchaͤrfte Landesgeſetze ernſtlich anbefehlen ſolle, von ihrem zwoͤlften Jahre an, taͤglich, ohne Aufſicht ihrer Aeltern, oder Verwand - ten, und ohne den geringſten Zwang mit einander umzugehn, und ſich auf eine vertraute uneinge - ſchraͤnkte Art zu ſprechen. Wer es von ihnen nicht thut, oder bey dieſem Umgange zu vorſichtig iſt, der ſoll in eine namhafte Geldſtrafe verfallen ſeyn. Dieſe wird ihm kuͤnftig von ſeinem Erbe abgezo -gen,221Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. gen, und an das Waiſenhaus gezahlt. Jch muͤßte mich ſehr irren, wenn nicht dieſer Zwang dem Frauenzimmer ſowohl, als den Mannsperſonen Gelegenheit geben ſollte, in ihrem Umgange nicht zu vertraut, ſehr eingeſchraͤnkt, und beſtaͤndig vor - ſichtig zu ſeyn; geſchaͤhe es auch nur um deßwillen, weil ſie es nicht ſeyn ſollen. Den taͤglichen Um - gang wuͤrden ſie zwar nicht vermeiden koͤnnen, weil ſie ſich der Ahndung der Geſetze zu bloß ſtellten; aber dieſer Umgang wuͤrde ſehr behutſam, und alſo ohne gefaͤhrliche Folgen ſeyn, weil die Geſetze dieſe Behutſamkeit zu beſtrafen drohen. Man kann hieraus eine Folge ableiten, die alle Geſetzgeber ſich wohl empfohlen ſeyn laſſen moͤchten. Sie muͤſſen ſich nicht ſowohl angelegen ſeyn laſſen, ihre Unterthanen tugendhaft, und vernuͤnftig zu ma - chen; es iſt ganz unmoͤglich, dieſes durch den Zwang der Geſetze zu bewirken: Sie muͤſſen viel - mehr darauf ſehen, wie ſie ſich die laſterhaften Neigungen, und die Thorheiten ihrer Untertha - nen ſo zu Nutze machen, daß ſie wider ihren Wil - len diejenigen buͤrgerlichen Pflichten ausuͤben, wel - che Tugendhafte, und Vernuͤnftige ohne Geſetze thun. Wie wichtig dieſe Weisheit ſey, das habe ich nunmehr durch mein Exempel, und durch die Verordnung bewieſen, die ich in meiner neuen Re - publik der verliebten Jugend allgemein und gel - tend zu machen wuͤnſche. Man befehle der fluͤch - tigen Jugend mit Ernſt, thoͤricht zu ſeyn, ſo wird ſie alle Kraͤfte daran ſetzen, vernuͤnftig zu lieben; und man wird keine von den traurigen Folgen be -fuͤrchten222Antons Panßa von Manchafuͤrchten duͤrfen, welche aus einem uneingeſchraͤnk - ten Umgange außerdem erwachſen koͤnnten.
Da ich itzt mein Herz wegen der uͤbereilten Ehen ausgeſchuͤttet habe, welche ſich nur auf den fluͤchtigen Eindruck einer Schoͤnheit gruͤnden: So iſt meine Meynung gar nicht, zu behaupten, daß man nicht eben ſo thoͤricht waͤhlen koͤnne, wenn man ein haͤßliches Frauenzimmer heirathet. Die Schoͤnheit macht nicht tugendhaft; aber die Haͤß - lichkeit eben ſo wenig. Das iſt vielleicht noch der einzige Unterſchied, daß ich mit einem ſchoͤnen Bilde ohne Seele wenigſtens einige Minuten ver - gnuͤgt leben kann, mit einem haͤßlichen Frauenzim - mer ohne Verſtand aber, nicht einen Augenblick.
Damit man finden moͤge, daß ich den Werth der Schoͤnheit einſehe; daß ich ſehr wuͤnſche, es moͤge ihn ein jedweder mit Vernunft zu ſchaͤtzen wiſſen, und daß ich nur damit nicht zufrieden bin, wenn man bloß die Schoͤnheit, und, ſobald dieſe verſchwunden iſt, gar nichts mehr an der Perſon liebt: So will ich zwey Recepte geben, welche eine ſolche Wahl dauerhaft machen koͤnnen.
Will ein Liebhaber wiſſen, ob die Schoͤnheit ſeines Maͤdchens dauerhaft ſey, ſo ſehe er auf das Geſicht ihrer Mutter. So ungefaͤhr wird ſein Maͤdchen in zwanzig Jahren auch ausſehen. Wird er dieſes Geſicht noch in zwanzig Jahren lieben koͤnnen? Viele Schoͤnheiten zwingen uns auch alsdann noch zur Hochachtung, und Ehrfurcht,wenn223Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. wenn ſie uns gleich nicht mehr zur Zaͤrtlichkeit be - wegen koͤnnen. Dieſes Recept iſt fuͤr die Mannsperſonen.
Fuͤr die Frauenzimmer will ich ein Mittel be - kannt machen, das ihre Schoͤnheit, und alſo einen großen Theil ihres Werths, ſehr dauerhaft, und ſie ihren Maͤnnern lange Zeit ſchaͤtzbar erhalten ſoll. Sie muͤſſen ſich vor ſolchen unanſtaͤndigen Heftigkeiten huͤten, die ihnen alle Lineamente in Unordnung bringen, und ihnen wirklich ihre gan - zen Geſichtszuͤge verzerren, wenn ſie ſich derglei - chen heftigen Bewegungen zu oft uͤberlaſſen. Ein hochmuͤthiges Frauenzimmer, welches ihre kleine Perſon allen andern vorzieht, laͤuft Gefahr, ſehr geſchwind ungeſtaltet zu werden. Sie bekoͤmmt einen ſteifen Nacken, verruͤckte Schultern, einen ſchweren baͤuriſchen Gang, kurzen Athem, weil ſie ihre Bruſt beſtaͤndig hervorpreßt; ihre Unter - lippe ſenkt ſich, und ſie kann die Zaͤhne kaum be - decken; ihre Naſe verliert die richtige Stellung, und tritt in die Hoͤhe; ihre Augen werden groͤſſer, als ſie ſeyn ſollten, ſie werden ſtarr und ſchielend, weil ſie nichts mit einer gebuͤhrenden Achtſamkeit, ſondern alles nur von der Seite mit halb gebroche - nen Blicken anſieht. Die Sprache ſelbſt leidet durch den Hochmuth; ſie wird unangenehm, weil ſich die Worte wider ihren Willen aus der hohlen Bruſt hervor draͤngen, und durch den fuͤr die Ge - ſellſchaft nur halb geoͤffneten Mund brechen muͤſ - ſen. Ein neidiſches boshaftes Maͤdchen iſt ineben224Antons Panßa von Manchaeben der Gefahr, bald haͤßlich zu werden. Jhr Kopf ſenkt ſich, und der Nacken wird niederge - kruͤmmt. Die Runzeln des Alters ſetzen ſich ſchon in ihren beſten Jahren auf ihrer Stirne feſt; ſie ſieht unter ein paar niederhangenden Augenbrau - nen wild hervor, und ſchielt tuͤckiſch um ſich her - um; die Augen werden roth, und die Wangen gelb; der Mund geifert; mit einem Worte, ſie wird, was der Neid iſt, und mit zunehmenden Jahren wird ſie noch haͤßlicher, als man den Neid malt. So verſtellen auch andere ausſchweifende Leidenſchaften die Geſichtszuͤge unſerer Frauen - zimmer. Jch will mich nicht laͤnger aufhalten, ſie zu ſchildern. Jch uͤberlaſſe dieſe Beſchaͤfftigung der lebhaften Einbildungskraft meiner Leſer; es wird ihnen eine angenehme Beſchaͤfftigung ſeyn, wenn ſie die traurigen Truͤmmer einer Verbuhlten, einer Spielerinn, einer Geizigen, einer Heuchle - rinn malen.
Jch erinnere mich hier eines meiner Freunde, welcher ſich in Utrecht aufhielt, und ſelbſt ein groſ - ſer Maler war. Er malte das Bild ſeiner Frau alle fuͤnf Jahre. Jm erſten Jahre ſeiner Ehe malte er ſie, und vielleicht etwas ſchmeichelhaft; denn im erſten Jahre ſchmeicheln die Maͤnner ihren Weibern. Dem ſey wie ihm wolle; er malte ſie ſo reizend, daß er noch in ſeinem ſiebzigſten Jahre verliebt ward, wenn er dieſes Bild anſahe.
Fuͤnf Jahre darauf malte er ſie noch immer ſchoͤn, aber nicht ſo reizend, wie vorher. Miteinem225Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. einem jeden der folgenden fuͤnf Jahre verſchwanden einige Reizungen, und alſo ward das dritte Bild nicht reizend, nicht ſchoͤn, aber doch angenehm. Dieſes Angenehme behauptete ſich noch beym vierten Bilde. Seine Frau trat eben in das vier - zigſte Jahr, als er ſie zum fuͤnften male zeichnete. Sie ſchwur, ſie ſey gar nicht getroffen; denn ſie fand das Muntere der Farbe nicht mehr, und warf dem Manne vor, er habe zu viel Schatten gemalt. Fuͤnf Jahre drauf vermehrte dieſer unpartheyiſche Maler das Bild mit einigen Runzeln uͤber den Augen. Die Frau ſeufzete, und hatte doch das Herz nicht, ihrem Manne, und ihrem Spiegel zu widerſprechen. Sie faßte ſich endlich; denn ſie war in der That vernuͤnftig. Sie freute ſich, daß das naͤchſte Bild eine geſetzte, und verehrungs - wuͤrdige Miene zeigte. Nach fuͤnf Jahren malte er ſie wieder, und die Miene ward andaͤchtig. Endlich malte er das letzte Bild, da ſie ihrem ſech - zigſten Jahre ſich naͤherte. Sie ſcherzte ſelbſt uͤber die viele Muͤhe, die ihm ihre Runzeln, und grauen Haare machten. Sie wies das Bild Kennern, und man verſicherte ſie, der Maler habe ein Meiſterſtuͤck von einem ſchoͤnen alten Kopfe gezeichnet.
Jch erzaͤhle dieſe Geſchichte nicht umſonſt. Wollte der Himmel, unſere Weiber ließen ſich alle fuͤnf Jahre malen! Wie lehrreich waͤre dieſe Sammlung der Bilder fuͤr ihre Toͤchter! Eine Schoͤne von ſechzehen Jahren wuͤrde vielleichtPetwas226Antons Panßa von Manchaetwas weniger ſtolz ſeyn, wenn ſie die Bilder ih - rer vierzigjaͤhrigen Mutter, und ihrer ſechzigjaͤhri - gen Großmutter betrachtete, welche beide in ihrem ſechzehnten Jahre vermuthlich auf ihre Schoͤnheit eben ſo ſtolz waren. Vielleicht wuͤrde ſie uͤber dieſe großmuͤtterlichen Runzeln manch - mal ernſthafte Gedanken bekommen, welche einer jungen Schoͤne ſehr erbaulich ſeyn koͤnnen. Und wir Mannsperſonen; wie vorſichtig wuͤrden wir waͤhlen, wie vernuͤnftig wuͤrden wir lieben, wenn wir durch eine Reihe von ſolchen Bildern auf die Vorſtellung gebracht wuͤrden, ob wir unſre be - zaubernde Phyllis noch in vierzig Jahren mit Run - zeln und grauen Haaren, werden lieben koͤnnen! Was wuͤrde gewoͤhnlicher ſeyn, als daß ein Liebha - ber mitten unter den groͤßten Schmeicheleyen, die er ſeiner Braut machte, einen Blick in die Zukunft thaͤte! Er wuͤrde ſeine Goͤttinn
finden. Aber das ſetze ich zum voraus, daß ſeine Frau eben ſo tugendhaft, eben ſo vernuͤnftig ſey, als die Frau meines Freundes war; außerdem treffen dieſe Grade nicht ein. Das habe ich doch in der That vergeſſen, ob die Frau meines Freun - des weiß oder braun war: Jch werde dieſes dem Ausſpruche meiner Leſerinnen uͤberlaſſen; denn mir iſt es ganz unmoͤglich, mich darauf zu beſinnen.
Jch habe mich vielleicht zu lange bey dieſen Ehen aufgehalten, an denen die Schoͤnheit mehr Antheil hat, als der Himmel. Aber vielleicht entſchuldigen mich diejenigen, welche bey den Ehen unſerer Mitbuͤrger ſo aufmerkſam ſind, wie ich, und daher auch ſo, wie ich, angemerkt ha - ben, daß eben dieſe Ehen diejenigen ſind, die dem lieben Himmel die meiſte Verantwortung machen. Wir wollen weiter gehen.
Die Ehen, die man aus Eigennutze ſchließt, werden dem Himmel auch ſauer genug. Jch will mich aber wohl huͤten, von dieſen Ehen gar zu viel Boͤſes zu reden; denn meine Freunde geben mir Schuld, daß, wenn ich mich zum zweyten male verheirathen ſollte, ſo wuͤrde meine Ehe gewiß nicht im Himmel, ſondern im Comtoir ge - ſchloſſen werden. Jch kann mich bey dieſem Vor - wurfe beruhigen. Mir, als einem Wittwer, iſt es zu gute zu halten, wenn ich ein wenig mehr aufs Nuͤtzliche und Gruͤndliche in der Ehe ſehe. Da ich jung war, verfuͤhrten mich die ſchwarzenP 2Augen228Antons Panßa von ManchaAugen meiner Frau, und ich war ungluͤcklich ge - nug: da ich ſo jung nicht mehr bin, ſo haͤtte ich wohl Luſt, mir eine reiche Frau zu waͤhlen; die Augen moͤgen ſehen, wie ſie wollen. Bin ich auch wieder ungluͤcklich bey einer reichen Frau, wie ich es bey einer ſchoͤnen war; ſo weis ich doch zum wenigſten, wo ich Troſt ſuchen ſoll. Den fand ich bey meiner erſten Frau nicht, ſo bald ein Jahr vorbey war; denn ihr ganzes Einbringen beſtand in zwey ſchwarzen Augen, bey denen der zaͤrtlichſte Ehemann mit der Zeit verhungern kann. Jch habe die Anmerkung gemacht, daß wir Manns - perſonen bis in unſer zwanzigſtes Jahr vor Liebe zappeln, bis ins fuͤnf und zwanzigſte dahlen, und bis ins dreyßigſte lieben; heirathet man aber im vierzigſten Jahre, ſo handelt man Herz um Geld, Zug fuͤr Zug. Gezappelt habe ich, auch gedahlt, und vielleicht einige Zeit geliebt; Nun wird man es mir in meinem vierzigſten Jahre nicht uͤbel neh - men koͤnnen, wenn ich ein wenig ernſthafter ver - fahre, und ſehr genau uͤberrechne, wie viel ich pro Cent mit einem Seufzer verdienen kann. Wer behaupten will, daß man bey den Ehen nicht aufs Geld ſehen ſoll, den halte ich, mit ſeiner guͤtigen Erlaubniß, fuͤr einen verliebten Pedanten, und wenn er daruͤber boͤſe wird, ſo wuͤnſche ich ihm zur Strafe meine Erfahrung. Da waren die Maͤdchen ohne Geld noch ſehr nuͤtzlich, da ſie wei - ter nichts brauchten, als einen Mann: Jtzt aber, da ſie ſo viele koſtbare Kleinigkeiten verlangen, da der Mann nur ein Nebenwerk, und die Prachtdie229Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. die vornehmſte Abſicht ihrer Liebe iſt, itzo iſt ſo eine poetiſche Schaͤferliebe nicht jedermanns Werk. Man wird mir dieſe Laͤſterung vergeben; Es faͤllt mir alle Augenblicke ein, daß ich auch ſo arkadiſch geliebt habe.
Nach dem Vermoͤgen meiner Frau werde ich meine Liebe einrichten. Jch habe nicht in Wil - lens, ein Maͤdchen zu betruͤgen; ich will alſo die Taxe von meinem Herzen bekannt machen, und der Welt ſagen, wie theuer ich liebe:
ſie an, und ſterbe vor Liebe, aber erſt nach ih - rem Tode.
Mich duͤnkt, ich bin noch ganz billig, und darf den Vorwurf nicht befuͤrchten, daß ich die Maͤd - chen uͤbertheure. Denn das wird doch nicht ſtraf - bar ſeyn, daß ich ein wenig ſproͤde und koſtbar thue. Das iſt immer die Sprache alter Jungge - ſellen, und Wittwer, wenn ſie auch noch haͤßli - cher ausſehen, als ich; aber ſie laſſen mit ſich han - deln, die ehrlichen Leute, und ich will mich auch billig finden laſſen. Kann man wohl mehr von mir verlangen?
P 3Denen -230Antons Panßa von ManchaDenenjenigen, welche ſich einfallen laſſen zu glauben, daß meine Liebe zu eigennuͤtzig ſey, denen will ich beweiſen, daß ich nach der Vorſchrift der Natur liebe. Und dieſes zu beweiſen, brauche ich nichts, als das Beyſpiel des Landmanns, wel - cher unſchuldig, und natuͤrlich liebt, da ihn weder die Eitelkeit des Hofes leichtſinnig, noch der Ei - gennutz der Stadt niedertraͤchtig macht.
Es werden ungefaͤhr ein paar Monate ſeyn, als ich auf dem Landgute eines meiner Freunde das Vergnuͤgen hatte zu hoͤren, wie vorſichtig zween Vaͤter um ihre Kinder handelten. Hanns, der Vater des erwachſenen Jungens, der freyen ſollte, gieng zu ſeinem Nachbar, dem reichen Nik - las, ans Fenſter, und machte ihm ſeine Tochter feil. Gruͤß euch Gott, Niklas, ſagte der zaͤrt - liche Vater; wißt ihr was: Mein Bube ſoll das Guͤtchen annehmen, und ich ſuche ein feines Menſch fuͤr ihn, was gebt ihr eurer Tochter mit? Tau - ſend Gulden, mehr nicht, antwortete ihm der Nachbar ganz gelaſſen. Hum! Nur tauſend Gul - den: das waͤre ja gar nichts. Gebt ihr zweytauſend Gulden, ſo laſſe ich meinem Sohne das Gut heute noch im Amte verſchreiben. Seht nur, Gevatter, ſprach Niklas, das kann ich mein Seele nicht. Zwey - tauſend Gulden iſt zu viel. Mit einem Worte, zwoͤlf - hundert Gulden iſt alles, was ich thun kann, und da nicht einen Kreuzer mehr. Je geht doch, verſetzte Hanns, ihr ſolltet euch ſchaͤmen; ſo ein huͤbſcher Nach - bar im Dorfe! Niklas ſchuͤttelte ſeinen Kopf, undblieb231Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. blieb dabey, er koͤnne nicht mehr geben. Auch nicht funfzehenhundert Gulden? fragte Hanns ihn trau - rig. Nein, war die Antwort, mehr nicht, als zwoͤlf - hundert Gulden. Nun ſo behuͤte euch Gott, Gevat - ter, ſo will ich weiter gehen. Sie ſchieden ziemlich gelaſſen von einander. Hanns hatte kaum zwan - zig Schritte gethan, als er mit einer rechnenden Miene ſtehen blieb, wieder umkehrte, und an des Niklas Fenſter mit ſeinem Stocke pochte. Ge - vatter Niklas, noch auf ein Wort! rief er. Wollt ihr auch nicht vierzehenhundert Gulden? Jch kann, ſtraf mich Gott, nicht! dabey blieb Niklas. Hanns kehrte ſich trotzig um, und ſagte: Nun! ſo muß ich denken, daß es Gottes Wille nicht geweſen iſt. Lebt wohl!
Wer hat dieſe Leute dieſe vorſichtige Art zu lieben gelehrt, wenn es die Natur nicht geweſen iſt? Sollte ich wohl ſo rebelliſch ſeyn, und mich der muͤtterlichen Stimme der Natur widerſetzen? Wie vornehm dachte mein Hanns, welcher wohl wußte, daß keine Ehe unter funfzehenhundert Gul - den im Himmel geſchloſſen werden koͤnnte!
Jn dieſem Augenblicke faͤllt mir ein Aufſatz in die Haͤnde, den ich machte, als ich noch verheira - thet war. Es iſt ein Troſt fuͤr ungluͤckliche Leute, wenn ſie andere finden, die eben ſo ungluͤcklich ſind. Jch war damals ſehr aufmerkſam, Leute kennen zu lernen, die ſich bey der Heirath eben ſo ſehr uͤbereilt hatten, als ich. Jch fand ſie, und alleP 4ſeuf -232Antons Panßa von Manchaſeufzten, wie ich, uͤber den Himmel; keiner von ihnen war Schuld an ſeiner ungluͤcklichen Ehe: Der Himmel blieb es allein, in dem ſie geſchloſ - ſen waren.
Balthaſar Mennig, mein Nachbar, ein Wuͤrzkraͤmer, und ehrlicher Mann, war dreymal Wittwer geworden, und misbrauchte die Geduld des Himmels zum vierten male, da er in ſeinem neun und funfzigſten Jahre ein artiges Maͤdchen von ſiebzehen Jahren heirathete. Sie war eine Waiſe, ohne Vermoͤgen; ſie lebte ſehr nothduͤrf - tig von der Barmherzigkeit ihrer Muhme, welche ſie ſo ſklaviſch und eingezogen hielt, daß das gute Kind keine Kirche verſaͤumte, um Leute zu ſehen. Mein Alter hatte ſeinen Kirchenſtuhl nur wenige Schritte von dem ihrigen; Er freute ſich, als ein guter Nebenchriſt, uͤber dieſe fromme andaͤchtige Seele mit weißen Haaren, blauen Augen, und einer blendenden Haut; er vergaß ſeine Brille her - unter zu nehmen, ſo lange ſie vor ihm ſaß; ja er ward endlich ſo verliebt, daß er in einer elenden Predigt aushalten konnte, ohne zu ſchlafen. Er erfuhr ihre Wohnung, ihre Herkunft, und ihre Armuth. Dieſer letzte Umſtand machte ſein Chri - ſtenthum rege; und weil er ſich ſchaͤmte, noch inſeinem233Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. ſeinem hohen Alter verliebt zu ſeyn, ſo gab er ſich Muͤhe, ſich zu bereden, daß ihm Gott dieſes Maͤd - chen zugewieſen habe, um ſie gluͤcklich zu machen. Er hatte es ſo oft gehoͤrt, und vielleicht ſelbſt er - fahren, daß eigennuͤtzige Ehen gemeiniglich misver - gnuͤgt ausſchlagen; nun wollte er einmal ganz un - eigennuͤtzig, und, nach ſeiner großmuͤthigen Spra - che zu reden, ein nackicht Maͤdchen heirathen. Er ließ der alten Muhme ſeine chriſtlichen Abſichten entdecken. Man freuete ſich, und dankte Gott, der fuͤr arme Waiſen ſo ſichtbarlich ſorgt. Das fromme Maͤdchen ward ſeine Frau. Wie geſchaͤff - tig iſt nicht der boͤſe Feind! Kaum hatte ſich die junge Frau vier Wochen lang ausgefuͤttert, praͤch - tig gekleidet, und ihre vorige Noth vergeſſen; So blies ihr der Teufel, (denn wer ſollte es ſonſt ge - weſen ſeyn?) boshaft ein, daß zur Ehe noch etwas mehr, als Eſſen, Trinken, Kleider, und ein from - mer ruhiger Greis von ſechzig Jahren gehoͤre! Jn ihrer Handlung war ein Ladendiener, welcher der Frau Wuͤrzkraͤmerinn ſo zu ſchmeicheln wußte, daß ſie ſich und Pflicht vergaß, einen ziemlichen Theil des Vermoͤgens mit ihm verſchwendete, ih - ren Mann auf die empfindlichſte Art verachtete, und ſo unvorſichtig buhlte, daß die ganze Stadt daruͤber lachte. Dieſe Ehe war im Himmel, und wenigſtens in der Kirche geſchloſſen; das geſtun - den alle Leute: allein, wo kam der Hahnrey her? Das weis ich nicht; aber das weis ich wohl, daß ſeine Frau einige Monate drauf im Kindbette ſtarb. Mein rechtſchaffener Alter hat mir mit derP 5zufrie -234Antons Panßa von Manchazufriedenen Munterkeit eines ruhigen Gewiſſens geſtanden, daß er an dieſem fruͤhzeitigen Tode nicht Urſache ſey.
Man weis die Noth der armen Wittwen. Faſt ieder ſucht ſie zu bevortheilen, und niemand nimmt ſich ihrer an. Man wird wenig Exempel finden, daß eine Wittwe ſich um deßwillen zum zweytenmale verheirathet, um zum zweytenmale einen Mann zu bekommen; o nein! um deßwillen gar nicht! Nur darum geſchieht es, um eine Stuͤtze in ihrer Noth zu haben, und ſich einen Freund zu verbinden, der ſich ihres Hausweſens annehme, der ſie wider die Zunoͤthigungen ihrer Feinde ſchuͤtze, mit einem Worte, der ihr Mann ſey.
Dieſe Sittenlehren verſtund meine alte Wir - thinn aus dem Grunde. Sie war ſeit zehen Jah - ren Wittwe, und ihre Feinde gaben ihr Schuld, daß ſie bey dem Abſterben ihres Mannes wenig - ſtens acht und vierzig Jahr alt geweſen ſey. Sie keuchte und zitterte ziemlich mit dem Kopfe; aber ihr Arzt, ein junger artiger Doctor, war ſo ga - lant, ihr zu beweiſen, daß es von einem feurigen und wilden Gebluͤte herkomme. Sie brauchte eine Brille, es iſt wahr; aber es geſchahe nur, ihre Augen deſto ſchaͤrfer zu erhalten. Mit einem Worte, es fehlte ihr zu ihrer Zufriedenheit weiter nichts, als ein Freund, der fuͤr ſie ſorgte, der ſich ihrer annaͤhme, und der ihr ziemlich anſehnliches Vermoͤgen wider die eigennuͤtzigen Nachſtellungenihrer235Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. ihrer Feinde vertheidigte. Dieſer Freund haͤtte koͤnnen bey Jahren, und wenigſtens in ihrem Al - ter ſeyn; vielleicht waͤre er alsdenn vernuͤnftiger, und einſehender geweſen: Aber Vernunft und Ein - ſicht war es doch nicht allein, was ſie ſuchte. Bey einem alten Freunde haͤtte ſie noch einmal koͤnnen zur Wittwe werden; das waͤre fuͤr ſie was ſchreck - liches geweſen. Sie ſuchte ſich alſo einen jungen dauerhaften Freund, bey deſſen Umgange ſie, we - nigſtens noch vierzig Jahre, ruhig und vergnuͤgt zu leben hoffte. Gegen niemanden hatte ſie ſo viel Verbindlichkeit, als gegen ihren jungen Arzt, der ihr feuriges und wildes Gebluͤte ſo wohl hatte kennen lernen. Sie bot ihm alſo ihre Hand an, und mit dieſer Hand den ganzen Segen ihres Kaſtens. Er griff zu, denn er war arm. Er verließ ſich auf ſeine Kunſt, und hoffte gewiß, ſie binnen zwey Jahren zu begraben. Und doch be - trog er ſich; ſo ſelten er ſonſt die Erben ſeiner Kran - ken in dergleichen Faͤllen betrogen hatte. Seine Frau lebte noch zehn Jahre. Er gab ihr gute und boͤſe Worte, ſie ſollte ſterben, ſie ſtarb nicht; er verachtete ſie, und aus Demuth blieb ſie leben. Endlich wurden ſie mit einander ſo genau bekannt, daß er ſie pruͤgelte: Allein dieſes machte ſie deſto munterer, denn ſie glaubte, ſie, als eine gute Chri - ſtinn, muͤſſe ſich ſtandhaft in ihrem Leiden erhal - ten. Sie ſeufzete freylich uͤber ihre ungluͤckliche Ehe; aber ſie erwartete Rettung und Huͤlfe vom Himmel, da ſie ihre Ehe gewiß nicht ohne Gebet angefangen hatte. Mit einem Worte, die Frauwar236Antons Panßa von Manchawar ungluͤcklich, und der Mann in der groͤßten Verzweiflung. Zehnjaͤhrige Geduld, Verach - tung gegen ſein ehliches Gerippe, tauſenderley Verdruß, ſo gar Schlaͤge waren alſo nicht ver - moͤgend, ihr einen Ekel gegen dieſe vergaͤngliche Welt zu machen. Sie lebte ihm zum Trotze, und alle ſeine Arzeneyen wuͤrden kaum im Stande ge - weſen ſeyn, ihre hartnaͤckige Seele aus dem alten Neſte zu jagen, wenn ſich nicht der Himmel der Ehen ſeiner angenommen und zugelaſſen haͤtte, daß das unbeſcheidene Weib ihren ſiebzigjaͤhri - gen Hals brach, da ſie eben im Begriffe war, ein Flaͤſchchen Aqvavit aus ihrer Schlafkammer zu holen.
Unſer Herr Doctor Saft war alſo ein Witt - wer. Nun hatte er Vermoͤgen, und nun nahm er ſich vor, vernuͤnftiger zu heirathen: denn das ge - ſtund er, daß er das erſtemal unvernuͤnftig ge - waͤhlt haͤtte. Er glaubte, es fehle ihm weiter nichts, als ein hoͤherer Titel, und die Verbin - dung mit einer anſehnlichen Familie, welche ſein Gluͤck auf eine dauerhafte Art befeſtigen, und ihm das Recht geben koͤnne, eine wichtige Miene zu machen. Er fand beides; denn Titel ſind immer feil, und immer giebt es anſehnliche Familien, mit noch anſehnlichern Schulden; Familien, die ſich bey dem Vermoͤgen ihrer Freunde wohl befinden. Herr Hofrath Saft ſuchte alſo die Tochter eines Geheimen Raths zu erbeuten, welcher an einem kleinen Hofe vornehm genug war, den Ehrgeiz eines Schwiegerſohns zu ſaͤttigen. Man uͤber -win -237Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. windet ſich endlich, ihm die Tochter zu geben, und es ſind kaum zwey Jahre vorbey, als der arme Hofrath durch den Stolz ſeiner neuen Frau zu ei - ner ſolchen Verzweiflung gebracht wird, daß er glaubt, ſeine erſte Frau ſey ihm noch viel zu fruͤh geſtorben. Die Reihe iſt nunmehr an ihm, ver - achtet zu werden. Der meiſte Theil ſeines Ver - moͤgens iſt durch einen praͤchtigen Aufwand ver - ſchwendet worden. Seine Aeltern merken nun - mehr, daß ſeine Reichthuͤmer ſo unerſchoͤpflich nicht ſind, als er es ihnen anfaͤnglich zu bereden geſucht hat. Sie fangen an, ihre Uebereilung zu bereuen, und werfen ihm vor, daß er ſie um ihre Tochter betrogen habe. Jhre Tochter glaubt eben das, und ſieht dem Augenblicke mit Schrek - ken entgegen, wo ſie die Frau eines Mannes ohne Familie, ohne Sitten, ohne Verſtand, und was das allerſchlimmſte iſt, ohne Vermoͤgen bleiben ſoll. Das einzige Mittel ſich zu retten, iſt der Tod ihres Mannes. Sie wuͤnſcht es, ſie ſagt es ihm, daß er ſehr wohl thun werde, wenn er ſtuͤrbe. Alle Kunſtgriffe, die er angewendet hat, ſeiner erſten Frau das Leben verhaßt zu machen, werden itzt verdoppelt, ihn auf eben dieſen guten Einfall zu bringen. Faſt wuͤnſcht er ſich ſelbſt dieſe Art der Erloͤſung. Er koͤnnte ſich, als Medicus, die Muͤhe erleichtern; aber die Pflicht eines Arztes iſt, nur andern in dergleichen Faͤllen zu dienen. Er lebt alſo, und erwartet den Tod ſehnlich. Der Tod iſt taub; denn man weis ſchon, wie viel dem Tode daran liegt, daß ein unwiſſender Medicusleben238Antons Panßa von Manchaleben bleibe. Was ſoll unſer armer Hofrath thun? Was ſoll ſeine troſtloſe Frau thun? Nun fehlt weiter nichts, als daß ſie noch die Schlaͤge raͤcht, die er ſeiner erſten Frau gegeben; Unter der Hand will man erfahren haben, daß ſie zu ein paar Ohr - feigen Anſtalt gemacht hat. Noch lebt er, und ich ver - lange ſehr, den Ausgang dieſer Ehe zu erfahren.
N. S. Sie leben noch beide, da ich dieſes ſchreibe, und beide noch eben ſo misvergnuͤgt. Es geht nun ins achte Jahr, daß ſeine itzige Frau das ſchreckliche Werkzeug iſt, die Beleidigungen zu raͤchen, die er ſeiner alten Wittwe angethan hat.
Zebedaͤus Schlau hatte in einem gelehrten Buche geleſen, daß eine kluge Frau fuͤr ihren Mann eine ſehr gefaͤhrliche Sache ſeyn koͤnnte. Er war alſo ſo fein, und waͤhlte ſich das duͤmmſte Maͤdchen in der Stadt. Sie war ſchoͤn, und aus guter Familie. Er machte ſich Hoffnung, ſie ganz nach ſeinem Willen zu lenken, da ſie ſo al - bern war, daß ſie kaum einen Willen zu haben ſchien. Er irrte ſich ſehr. Ungeachtet ihrer Ein - falt, wußte ſie doch, daß ſie eine Frau war. Jhre Dummheit diente nur dazu, daß ſie auf ihre weib - lichen Rechte trotziger ward. Das Anſehen ihrer Familie noͤthigte den Mann, vorſichtig zu ſeyn; Beleidigen durfte er ſie nicht. Durch den Schutz ihrer Anverwandten bemaͤchtigte ſie ſich nach und nach einer Herrſchaft uͤber ihn. Je duͤmmer ſei - ne Frau war, deſto ſchimpflicher war ihm ſeineSklave -239Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. Sklaverey. Sie ſtarb ſehr jung; Ein Ungluͤck, das ſonſt nur kluge Kinder trifft. Jch ſprach ihn einige Wochen nach ihrem Tode; Er verſicherte mich, daß er in ſeiner ganzen Ehe nur zween ver - gnuͤgte Augenblicke gehabt habe: Jn der Braut - nacht, und bey ihrem Tode.
Valentin Pinſel, deſſen Vater ein beruͤch - tigter Qvaker, und die Mutter eine Betſchweſter geweſen war, hatte ſich in Kopf geſetzt, daß die meiſten Ehen um deßwillen ungluͤcklich waͤren, weil bey der Wahl ſo viel Menſchliches mit unter - laufe, wie er es nannte, oder nach unſerer Art zu reden, weil man mit zu viel Vorſicht heirathe. Dieſe Vorſicht hielt er fuͤr Suͤnde. Er wollte alſo heirathen, ohne den Himmel zu verſuchen. Dieſem uͤberließ er die Wahl. Es war an einem Sonntage ſehr fruͤh, als er ſich mit vieler An - dacht ruͤſtete, der Perſon entgegen zu gehen, die ihm der Himmel zu ſeiner kuͤnftigen Braut zufuͤh - ren wuͤrde. Dieſe ſollte nach ſeinem Geluͤbde, ſo er gethan hatte, das erſte unverheirathete Frau - enzimmer ſeyn, das ihm begegnen wuͤrde. Er blieb an der Kirchthuͤre ſtehen, und erwartete ſein Gluͤck mit aufgeſperrtem Maule. Das erſte unverhei - rathete Frauenzimmer, ſo an die Kirchthuͤre kam, war eine Perſon von etlichen und zwanzig Jahren, welche bisher ſo ausgeſchweift hatte, daß auch die ungeſittetſten Mannsperſonen oͤffentlich ſich ihrer ſchaͤmten. Er wußte dieſes, und eben darinnen fand er einen beſondern Wink des Himmels. Noch240Antons Panßa von ManchaNoch an dieſem Tage wurde die Verbindung rich - tig; und nun werden es bey nahe fuͤnf Jahre ſeyn, daß er der ungluͤcklichſte Ehemann, und ein Spott der ganzen Stadt iſt. Haͤtte er wohl eine Thor - heit andaͤchtiger anfangen koͤnnen, als dieſe, und doch glaubt er noch itzt, daß dieſe Ehe im Him - mel geſchloſſen ſey?
Meiſter Martin ſeliger, hat ſeine Frau aus keiner andern Urſache geheirathet, als weil ſie Chriſtine hieß. Und dieſes liebe Chriſtinchen hat ihn auf gut tuͤrkiſch gepeinigt, bis an ſein ſe - liges Ende, welches drey Tage darauf erfolgte, als ſie ihm einen Tiegel an dem Kopfe zerſchlagen hatte.
N. N. war ein Frauenzimmer von guter Er - ziehung, welche ſie beſonders ihrer Mutter zu dan - ken hatte. Dieſe liebreiche Mutter ſtarb, und uͤberließ die Tochter der Vorſorge ihres Mannes, der weiter keinen Fehler hatte, als dieſen, daß er niedertraͤchtig geizig war. Dieſer Fehler hinderte das Gluͤck ſeiner Tochter; denn ihre Liebhaber hatten gemeiniglich auch den Fehler, daß ſie kei - nen geizigen Schwiegervater leiden konnten. Jhre ſchoͤnſten Jahre, die bey einem Maͤdchen der Liebe ſo heilig ſind, verſtrichen ungenoſſen. Sie war zu tugendhaft, ſich zu vergehen; aber ſie war gar zu ſehr ein Frauenzimmer, als daß ſie bey dieſer Verzoͤgerung ganz gleichguͤltig haͤtte ſeyn koͤnnen. Der Geiz des Vaters verſcheuchte ihre Anbeter. Sie ward traurig uͤber die Einſamkeit, die ſie umſich241Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. ſich herum wahrnahm, und dieſe Traurigkeit ver - mehrte ſich, wenn ſie an die kuͤnftigen Folgen die - ſer Einſamkeit gedachte. Endlich meldete ſich ein junger Menſch, der ſich vornahm, auf Conto zu lieben, und den Tod ihres Vaters zu erwarten. Er hatte kein Vermoͤgen; das war fuͤr einen gei - zigen Vater Urſache genug, ihm die Tochter abzu - ſchlagen. Dieſe Schwierigkeit machte ihn nun - mehro im ganzen Ernſte verliebt. Er verſicherte ſeine Schoͤne, daß ſeine Liebe aufrichtig, und ver - nuͤnftig, und ſeine Abſichten chriſtlich waͤren. Bey einem Frauenzimmer von einer frommen und tu - gendhaften Erziehung, iſt dieſe ehrbare Sprache eben ſo gefaͤhrlich, als bey einem leichtſinnigen Frauenzimmer das Geſchenk eines koſtbaren, und neumodiſchen Putzes. Jhre Standhaftigkeit fieng an zu wanken. Jhres Vaters Haus ward ihr alle Tage unertraͤglicher, und eben um deßwil - len fand ſie ihren Freund alle Tage liebenswuͤrdi - ger. Eine alte Muͤhme, (denn die alten Muh - men ſind immer die Eheſtandsapoſtel,) dieſe ihre alte Muhme miſchte ſich endlich in den Roman, und machte ihr begreiflich, daß eine Ehe zwiſchen einem jungen wohlgewachſenen Menſchen, und der Tochter eines reichen Vaters, dem Himmel nicht anders, als angenehm ſeyn koͤnne. Die vernuͤnf - tigen Lehren ihrer verſtorbenen Mutter erhielten das gute Kind noch einige Tage zweifelhaft. Endlich kam die gefaͤhrliche Stunde. Der ver - doppelte Eigenſinn eines ungerechten Vaters, die Schmeicheleyen eines wohlgebildeten Freundes,Qden242Antons Panßa von Manchaden man liebt, die Befehle der Natur, die man in dieſen Faͤllen empfindet, und gern empfindet, und endlich die Predigt einer alten dienſtfertigen Muhme, dieſe Umſtaͤnde zuſammen muͤſſen wohl die Philoſophie eines fuͤhlenden Maͤdchens, uͤber ei - nen Haufen werfen. Sie ließ ſich entfuͤhren, nachdem ſie vorher den Himmel ſehr andaͤchtig um ſeinen Beyſtand angefleht, und ihm vorgehalten hatte, daß dieſe Ehe durch ihn geſchloſſen waͤre. Um ihr Gewiſſen noch mehr zu beruhigen, raͤumte ſie ihrem Liebhaber die geringſte Freyheit nicht ein, bevor ſie in dem naͤchſten Kloſter auf die feyer - lichſte Art getraut waren. Nun war ſie Braut und Frau, und zugleich, unerachtet ihrer andaͤch - tigen Vorſicht, die ungluͤcklichſte Frau. Jhr harter Vater war beleidigt, und unverſoͤhnlich. Kaum verfloſſen acht Tage, als er ſich ſeiner ent - flohenen Tochter zum Trotze wieder verheirathete, und ſein ganzes Vermoͤgen dieſer Elenden entzohe, welche die Feindſchaft ihres Vaters nicht ertra - gen konnte. Sie lebte mit ihrem Manne nur wenige Jahre, traurig, elend, und ohne Huͤlfe. Der Mangel und Kummer machten dieſer uͤber - eilten Ehe ein betruͤbtes Ende. Ein jeder, nur ihr Vater nicht, bedauerte ſie: Der alten Muh - me aber war das ganz unbegreiflich, wie eine Ehe habe ſo ungluͤcklich ſeyn koͤnnen, welche doch durch ihre Vermittelung im Himmel geſchloſſen wor - den ſey.
Die243Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern.Die Ehen, die man auf den Schulen ſchließt, gehoͤren, nach dem angenommenen Verſtande un - ſers Spruͤchworts, ganz unſtreitig unter die Ehen, die im Himmel geſchloſſen werden; denn der Ver - ſtand hat ſelten einigen Antheil daran. Und den - noch glaube ich, daß ſie ſich nach der heutigen Art zu lieben, und zu heirathen, wohl entſchuldigen laſſen. Man weis das deutſche Spruͤchwort: Jung gefreyt, hat niemanden gereut. Das Spruͤchwort hat Recht. Die Jugend iſt zu aus - ſchweifend, zu ſchwer zu baͤndigen, man laſſe ſie heirathen! Ein Jahr im Eheſtande leben, macht weit zahmer, als zehn moraliſche Folianten leſen. Kann es wohl iemals einen jungen Menſchen ge - reuen, daß er bey Zeiten vernuͤnftig geworden iſt? Die meiſten jungen Leute, wenigſtens diejenigen, die aus vornehmen Haͤuſern ſind, wachſen nur um deßwillen groß, damit ſie eine Frau nehmen koͤnnen: So gebe man ihnen doch eine Frau, ſo - bald ſie groß genug ſind, Vater zu werden. Mit einem Worte: man thut Unrecht, wenn man wi - der dergleichen Univerſitaͤtsromane zu altvaͤteriſch eifert. Es iſt wahr; ſolche verehlichte Kinder werden ſelten, vielleicht niemals, eine gluͤckliche und vergnuͤgte Ehe haben: Aber heirathet man denn heut zu Tage nur um deßwillen, daß man gluͤcklich und vergnuͤgt leben will? Jch wundre mich ſehr, daß man noch itzt ſolche Einwuͤrfe ma - chen kann, die ſich kaum bey unſern einfaͤltigen Voraͤltern entſchuldigen ließen.
Q 2Alles244Antons Panßa von ManchaAlles dieſes fuͤhre ich auf Verlangen eines meiner Freunde an, welcher erſt ſechs und dreyßig Jahre alt, und doch ſchon Großvater, und dem ohnerachtet, noch bis auf dieſe Stunde unmuͤndig iſt. Jch will ſeinen kurzen Lebenslauf hier mit den Worten einruͤcken, wie er mir ihn ſelbſt auf - geſetzt hat.
Jch war ſechzehen Jahre alt, als mich mein Vater nach Duisburg auf die Univerſitaͤt ſchickte. So lange ich bey ihm im Hauſe war, hielt er mich ſtrenge. Es geſchahe dieſes wider den Willen meiner Mutter. Jch war ihr einziger Erbe; ſie liebte mich alſo ſehr zaͤrtlich. Wenn ich fromm und fleißig ſeyn wuͤrde, ſo ſollte ich auch eine huͤb - ſche Frau kriegen; dieſes war ihr taͤglicher Segen, welcher, von meinem vierzehnten Jahre an, ſo ſtark in meiner Seele wirkte, daß ich immer glaubte, fromm und fleißig genug zu ſeyn, und immer mit Ungeduld auf eine huͤbſche Frau war - tete. Die Ernſthaftigkeit meines Vaters ward mir endlich unertraͤglich. Jch gewann meine Mutter, welche auf meine Vorſtellung glaubte, ich ſey gelehrt genug, auf die Univerſitaͤt zu zie - hen; und was ſie glaubte, fand mein Vater immer billig, ſo ſtreng er ſonſt war. Jch kam alſo nach Duisburg, unter den zaͤrtlichen Wuͤnſchen mei - ner Mutter, daß ich recht fromm und fleißig ſeyn moͤchte, damit ſie mir bald eine huͤbſche Frau ge - ben koͤnnte. Dieſer muͤtterliche Segen ward mir verdaͤchtig, weil ich drey Jahre vergebens daraufgewar -245Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. gewartet hatte; ich nahm mir alſo vor, mich ſelbſt zu ſegnen. Hiezu fand ich gar bald Gelegenheit, da man aus meinem Aufwande vermuthete, mein Vater ſey ſehr reich, und da mein Koͤrper liebens - wuͤrdig genug gebauet war. Die Tochter eines Kaufmanns gefiel mir; ich machte mit ihr Be - kanntſchaft, und war vielleicht noch nicht verliebt: Aber binnen kurzer Zeit ward ich es im ganzen Ernſte, da das Maͤdchen ſehr ehrbar und zuͤchtig that, und mich beſtaͤndig vor der Eiferſucht, und ſtrengen Wachſamkeit ihrer Aeltern warnte, welche unerbittlich grauſam gegen ſie ſeyn wuͤrden, ſo bald ſie den geringſten Argwohn von unſerer Ver - traulichkeit faſſen ſollten. Jch war jung genug, alles dieſes zu glauben; und da ich noch ſchlauer ſeyn wollte, als die ſcharfſichtigen Aeltern meiner Schoͤne: ſo verſprach ich ihr ins geheim die Ehe, heirathete ſie eben ſo geheim, und genoß das ſo lange erwartete Vergnuͤgen, welches nach dem Ausſpruche meiner Mutter eine Belohnung fuͤr ihren fleißigen und frommen Sohn bleiben ſollte. Mit einem Worte, im ſechzehnten Jahre meines Alters, und noch im erſten Jahre meines akade - miſchen Lebens war ich verliebt, verheirathet, und Vater. Es war alſo nicht mehr Zeit, das zu verbergen, was wir gethan hatten. Die Aeltern meiner Frau gaben uns einen liebreichen Verweis, an ſtatt daß ich die heftigſten Begegnungen von ihnen erwartete. Dieſe Nachſicht wuͤrde mir un - begreiflich geweſen ſeyn, wenn ich nicht zu gleicher Zeit gemerkt haͤtte, daß dieſe wachſamen, und un -Q 3erbittlich246Antons Panßa von Manchaerbittlich grauſamen Aeltern vom Anfange an, die Vertrauten meiner Frau in ihrer Liebe gewe - ſen waren. Sie nannten es nunmehr einen Ju - gendfehler, und dankten dem Himmel, der fuͤr ihr Kind ſo vaͤterlich geſorgt haͤtte. Meine Aeltern hingegen waren ganz untroͤſtlich. Jch gab mir Muͤhe, meinem Vater begreiflich zu machen, wie vortheilhaft es fuͤr mich ſey, die Tochter eines reichen Kaufmanns auf eine ſo feine Art erhaſcht zu haben; denn das Geld war bey meinem Vater ein Umſtand, der viel Thorheiten entſchuldigte. Allein meine Vorſtellungen fanden kein Gehoͤr. Er wußte bereits mehr, als ich; er wußte die ſchlech - ten Umſtaͤnde meiner neuen Familie, welches ſich in ein paar Monaten noch beſſer aͤußerte, da mein Schwiegervater einen ſo ungeſchickten, und unver - antwortlichen Bankerutt machte, daß er nicht allein den geringſten Vortheil davon nicht hatte, ſondern ſo gar in die aͤußerſte Armuth gerieth: Einen Ban - kerutt wider alle Regeln der Handlung! Nun war ich und das Geld meines Vaters der einzige Troſt dieſer Ungluͤckſeligen; Aber ich blieb es nicht lange. Mein Vater ſtarb; der Hof bemaͤchtigte ſich ſeines Vermoͤgens, welches nicht einmal zureichend war, dasjenige zu erſetzen, was man foderte. Sie koͤnnen glauben, wie ſehr mich dieſes alles beun - ruͤhigte. Ein junger unerfahrner Menſch von ſiebzehen Jahren, welcher nicht Zeit gehabt hat, das Geringſte zu lernen, womit er ſein Brodt ver - dienen koͤnnte; dieſer ſoll fuͤr den Unterhalt ſo vie - ler Perſonen ſorgen, und kann ſich ſelbſt nicht er -naͤhren!247Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. naͤhren! Nunmehr ließ mich es meine Frau em - pfinden, was fuͤr ein ſchreckliches Verbrechen es ſey, kein Geld zu haben. Meine Schwiegeraͤl - tern hielten mich fuͤr den groͤßten Boͤſewicht; und nun erſt fiel es ihnen ein, daß ich ihr armes un - ſchuldiges Kind verfuͤhrt haͤtte. Mit einem Worte, ich habe ſeit achtzehn Jahren, unter der ſtrengen Vormundſchaft meiner Frau, ein trauriges Leben gefuͤhrt. Gleichwohl hat ſie mich immer noth - duͤrftig ernaͤhrt; das kann ich ihr nachruͤhmen. Jch wuͤrde kaum begreifen koͤnnen, wo dieſer Segen herkaͤme; aber der Herr Kammerrath, und der Herr Oberamtmann ſind ein paar liebenswuͤr - dige Maͤnner, und meine Frau ſieht in der That noch reinlich genug aus, chriſtliche und mildthaͤ - tige Seelen zu erwecken. Dieſe rechtſchaffenen Patrone haben auch fuͤr meine aͤlteſte Tochter vaͤ - terlich geſorgt, und ihr in ihrem ſechzehnten Jahre einen Mann gegeben, der beym Herrn Kammer - rathe Verwalter iſt, einen feinen frommen gelaſ - ſenen Mann, wie ich bin, nur noch einmal ſo alt, als ich. Sie leben recht gut mit einander; denn meine Tochter iſt das wahre Ebenbild von ihrer Mutter. Sie hat mich auch ſchon zu einem ver - gnuͤgten Großvater gemacht, und ihrem guten Manne ein Toͤchterchen geſchenkt, welches dem Vater bis auf die grauen Haare ſo aͤhnlich ſieht wie ein Tropfen Waſſer dem andern. Jch habe das aus des Herrn Kammerraths eignem Munde; denn mir kam es nicht ſo vor. Sehen ſie, mein Herr, ſo lebe ich itzt! Der Himmel, der fuͤr eineQ 4Frau248Antons Panßa von ManchaFrau und fuͤr Kinder geſorgt hat, wird auch fuͤr Brodt ſorgen. Er erhalte nur meiner Frau ihre Geſichtsbildung, und dem Herrn Oberamtmanne ſein chriſtliches Herz. Jch will mir alles gefallen laſſen. Das iſt mein Lebenslauf, wie ſie ihn verlangt haben. Leben ſie wohl.
N. N. iſt ein ungluͤckliches Opfer von dem Eigennutze ihres Vaters geworden. Sie beſaß alle Tugenden einer Weibsperſon, und faſt keinen einzigen von den Fehlern derſelben. Sie war ſo ſchoͤn gebildet, daß ſelbſt Frauenzimmer nichts an ihrer Schoͤnheit zu tadeln fanden, und doch war ſie dabey ſo tugendhaft, daß auch die ungezogen - ſten Mannsperſonen Ehrfurcht fuͤr ſie hegten, und in ihrer Gegenwart ſich vernuͤnftig auffuͤhr - ten. Mit einem Worte: Sie war das, was alle ihres Geſchlechts ſeyn wollen, und nicht alle ſind. Sie war alſo eines vernuͤnftigen Vaters, und ei - nes beſſern Gluͤcks wuͤrdig. Jhr ungerechter Va - ter hatte die Vormundſchaft uͤber einen jungen Menſchen gehabt, und dieſe ſo eigennuͤtzig verwal - tet, daß er mit Zittern an die Zeit gedachte, in welcher ihn die Obrigkeit noͤthigen wuͤrde, Rech - nung abzulegen. Dieſer Muͤndel beſaß, außer ei - ner anſehnlichen Herkunft, und einem großen Ver - moͤgen, die geringſten Eigenſchaften nicht, die ihm einiges Vorrecht vor dem Poͤbel gegeben haͤtten. Ein Koͤrper, der nach allen Regeln der Haͤßlich - keit gebaut war, wuͤrde ſich haben entſchuldigen laſſen, wenn ſeine Seele nicht noch haͤßlicher gewe -ſen249Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. ſen waͤre. Von ſeinen erſten Jahren an hatte man ihm alle Ausſchweifungen verſtattet. Nach dem Tode der Aeltern fiel er in die Haͤnde des Vor - mundes, dem ſehr viel daran lag, daß er nicht ver - nuͤnftiger werden ſollte. Er gab ihm, ſo viel er zu ſeinen Ausſchweifungen brauchte, um ihn deſto ſicherer pluͤndern zu koͤnnen. Die Jahre kamen endlich, da er auf Reiſen gehen ſollte; denn zur Schande unſers Vaterlandes kriegen die Auslaͤn - der mehr Narren, als vernuͤnftige Deutſche, zu ſehen. Das Ceremoniell erfoderte, ihm einen Hofmeiſter mit zu geben; unſer Vormund waͤhlte ihn ſelbſt: man kann alſo wohl glauben, daß der Hofmeiſter nicht vernuͤnftiger war, als ſein Un - tergebner, der nunmehr in die Welt geſchickt ward, ohne Wiſſenſchaft, ohne Sitten, ohne Redlichkeit. Nur ſein Koͤrper war noch geſund, und gegen die Religion beobachtete er noch den aͤußerlichen Wohl - ſtand. Nach einigen Jahren kam er zuruͤck, noch unwiſſender, noch weit ungeſitteter, eben ſo un - redlich, als er fortgereiſt war. Nunmehr war das ſein groͤßter Witz, wenn er oͤffentlich der Reli - gion ſpotten konnte; und ſo bald dieſe Spoͤttereyen erſchoͤpft waren, ſo erzaͤhlte er der Geſellſchaft alle Krankheiten, die er in Paris ausgeſtanden hatte, und erzaͤhlte aus Ehrgeiz vielleicht noch mehr, als geſchehen war.
Er hatte die Jahre erreicht, ſein Geld ohne Vormund zu verſchwenden. Was ſollte dieſer nunmehr thun? Seine Tochter ſollte ungluͤcklichQ 5wer -250Antons Panßa von Manchawerden, damit er, als Vater, ehrlich bleiben koͤnn - te. Sie gefiel dieſem jungen Boͤſewichte. An - faͤnglich hatte er die Abſicht gar nicht, ſie zu heira - then; er wollte ſie nur als ein Cavalier, der zu leben weis, ungluͤcklich machen. Jhre Tugend demuͤthigte ihn zeitig genug. Er empfand Hoch - achtung und Ehrfurcht gegen ſie, eine Empfin - dung, die ihm ganz neu war; er wollte ſie alſo heirathen. Er entdeckte es ihrem Vater, welcher dieſen Vorſchlag mit Freuden annahm, und ſeine Tochter auf die grauſamſte Art zwang, ihm die Hand zu geben. Nun waren die Vormundſchafts - rechnungen richtig; ſeine unſchuldige Tochter aber ganz verloren. Sie lebte nur wenige Jahre mit dieſem Unmenſchen, der alle Tage verabſcheuungs - wuͤrdiger, und durch ſeine poͤbelhaften Ausſchwei - fungen ſo ungeſund ward, daß er dieſe Elende in eine Krankheit ſtuͤrzte, die ihrer Noth ein betruͤb - tes Ende machte. Der Mann freute ſich uͤber das Ende ſeines Eheſtandes; der grauſame Vater troͤſtete ſich uͤber den Tod ſeiner Tochter, und war noch unverſchaͤmt genug zu glauben, der Himmel habe dieſe Ehe geſtiftet, um ſeiner Tochter einen reichen Mann zu geben, und ihn, als Vormund, vom Galgen zu retten.
William van Baaken aus Saerdam dachte wie ein alter Hollaͤnder, und faſelte, wie ein jun - ger Franzos. Er fand in Spaa Clarimenen, ein Frauenzimmer, welches die große Welt kannte, welches dieſe große Welt ziemlich genoſſen hatte,und251Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. und ſehr unzufrieden war, wenn man den Selbſt - mord der Lucretia entſchuldigte. Van Baaken ſprach ſie zum erſten male auf einem Balle in einer anſehnlichen Geſellſchaft. Jhre Mienen waren eben nicht aberglaͤubiſch, und dieſes machte ihm Muth, ihr einige galante Unflaͤtereyen oͤffentlich vorzuſagen. Vielleicht haͤtte Clarimene dieſe lie - ber in ihrem Zimmer gehoͤrt, als auf dem Balle: Doch weil des van Baakens Perſon eben nicht ſo gebaut war, daß man aus Liebe zu ihm eine Grobheit uͤberſahe; ſo glaubte ſie, ihrem guten Namen ſo viel ſchuldig zu ſeyn, daß ſie ihren Un - willen daruͤber aͤußerte. Er hatte auf Reiſen wei - ter nichts gelernt, als unverſchaͤmt zu ſeyn; er wiederholte alſo mit lauter Stimme ſeinen Boots - witz, und bekam dafuͤr von Clarimenen ein paar derbe frieslaͤndiſche Ohrfeigen. Van Baaken ward beſtuͤrzt. Er ſah es ein, daß er Unrecht ge - habt hatte, und weil ſein Herz nicht ſowohl bos - haft, als dummkuͤhn war, ſo machte ihn dieſer Zufall ernſthafter, als er ſeit ſeiner Ruͤckkunft von Paris geweſen war. Er hielt dieſe Ohrfeigen fuͤr einen goͤttlichen Wink, Clarimenen zu heira - then; denn er ſchloß von ihrer geaͤußerten Empfind - lichkeit auf ihre Keuſchheit, von ihrer Keuſchheit auf alle uͤbrige weibliche Tugenden, und von dieſen auf das ſeltne Gluͤck, das er in einer Ehe mit ihr zu genießen haben wuͤrde. Er war ſehr eiferſuͤchtig; und bey Clarimenen hoffte er, nicht Urſache zu haben, eiferſuͤchtig zu ſeyn. War etwas natuͤrlicher, als ſeine Hoffnung, Clari -mene,252Antons Panßa von Manchamene, welche als Jungfer eine zaͤrtliche Unflaͤte - rey mit ein paar ſo maͤnnlichen Ohrfeigen beſtraf - te, werde, ſo bald ſie ſeine Frau ſey, diejenigen mit Fuͤßen treten, die die Verwegenheit haͤtten, ihre eheliche Treue wankend zu machen? So ſchloß der unerfahrne Menſch! Der Vorwand, ihr die Beleidigung abzubitten, ſchaffte ihm eine naͤhere Bekanntſchaft. Er verſicherte ſie ſeiner Hochachtung, ſeiner Liebe, ſeiner guten Abſich - ten; und Clarimene, welche ſich ſchon laͤngſt einen ſo reichen, und ſo dummen Mann gewuͤnſcht hatte, ließ ſich nach einigen unumgaͤnglichen Weigerun - gen ſo weit bringen, daß ſie ihm die Hand gab. Er heirathete ſie, ehe er von Spaa gieng. Er fuͤhrte ſie in ſeine Vaterſtadt, und ruͤhmte ſich ſeiner erhaltenen Ohrfeigen mehr, als mancher junge Officier ſeiner Wunden, die er, Gott weis, wo? bekommen hat. Die ganze Ge - gend ward begierig, dieſe wilde Sproͤde kennen zu lernen. Es gab junge muthige Liebhaber, welche dieſe Sproͤdigkeit verwegen machte; und wider Vermuthen fanden ſie dieſe Amazone ſo zahm, wie ein Lamm. Sie war Frau, und hielt alſo weiter nicht fuͤr noͤthig, der Welt ſchrecklich zu ſeyn, da ihr Gluͤck nun gemacht war. Mit einem Worte: Ehe noch ein hal - bes Jahr vergieng, wußte das ganze Land, daß ſie ihrem Manne ungetreu war. Jhr Mann wußte es ſelbſt, und war ganz troſt - los. Er haͤtte ſich die wahrſagenden Ohrfei - gen gern noch einmal vom Himmel ausgebeten,wenn253Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. wenn dieſes ein Mittel geweſen waͤre, von ſei - ner Frau wieder los zu kommen; denn nun merkte er beynahe, daß er dieſen Wink des Himmels falſch verſtanden hatte. Er faßte alſo einen andern Entſchluß: Er floh im er - ſten Jahre ſeines Eheſtandes von ſeiner unge - treuen Tyranninn, und gieng nach Surinam, wo er ſich viele Jahre lang aufhielt, bis er er - fuhr, daß ſie geſtorben war, und ihm, unge - achtet ſeiner Abweſenheit, eine zahlreiche Familie verlaſſen hatte.
Jn denen neblichten Stunden, wo mein Geiſt muͤrriſch iſt, wo er nichts denkt, wo er ſo unwirkſam iſt, wie der Geiſt eines trunknen Fi - nanzenpachters; in dieſen traurigen Stunden be - urtheile ich die Fehler des Staats, und mache Projecte.
Da ich dieſes erinnere, ſo ſollte ich wohl den gemeinen Vorwurf befuͤrchten, daß das Project - machen meiſtentheils die Beſchaͤfftigung ſolcher Koͤpfe ſey, welche zu ungeſchickt ſind, etwas wich - tigers zu thun, und welche weder den Willen, noch das Vermoͤgen beſitzen, ihre Mitbuͤrger gluͤcklich zu machen, dagegen aber, unter dem ſcheinbaren Vorwande, die allgemeinen Einkuͤnfte zu verdop - peln, hungrig und boshaft genug ſind, ſich mit dem Schaden des Armuths zu bereichern, und ihr un - gewiſſes Gluͤck auf das augenſcheinlichſte Elend tauſend entkraͤfteter Familien zu bauen. Allein, ich kann vor dergleichen Vorwuͤrfen ruhig ſeyn, da ich niemals die Abſicht habe, den geringſten Vor - theil von meinen Projecten zu ziehen, und nicht in Willens habe, die oͤffentlichen Einkuͤnfte zu ver - mehren, ſondern nur Mittel ausfindig zu machen, wodurch die Koſten aufgebracht werden koͤnnen,welche255Ant. Panßa von Mancha Abh. ꝛc. welche noͤthig ſind, fuͤr die Bequemlichkeit derer - jenigen unter meinen Mitbuͤrgern auf eine dauer - hafte Art zu ſorgen, fuͤr welche bisher am wenig - ſten geſorgt worden iſt.
Außer dem guten Zeugniſſe, welches mir mein eignes Gewiſſen von der Billigkeit meiner Abſich - ten giebt, rechtfertigt mich noch ein andrer Um - ſtand, der in der ſpaniſchen Geſchichte bekannt ge - nug iſt. Mein Uraͤltervater, Sancho Panßa, war einige Zeit Regent der großen Jnſel Bara - taria*S. Don Qvixote Th. II. Cap. 44., und machte ſich in etlichen Tagen durch ſeine Gerechtigkeit, und tiefe Einſicht in die Kunſt zu regieren, um ſein Land weit verdienter, als viele Prinzen, welche von ihren Unterthanen und Nach - barn dreyßig Jahre lang gefuͤrchtet, und ewig ver - abſcheuet werden. Von dieſer Zeit an haben wir Nachkommen des glorwuͤrdigen Sancho einen in - nerlichen Trieb zu regieren; und weil bereits alle Throne und Regierungen beſetzt ſind, ſo behalten wir doch, ungeachtet des traurigen Verfalls unſrer Familie, beſtaͤndig, auch als Privatperſonen noch, den Trieb, die Fehler der Regenten zu beurthei - len, dem Elende, das ein Land dadurch empfin - det, abzuhelfen, und allerunterthaͤnige Projecte zu machen, da wir nicht im Stande ſind, Gnaden - bezeugungen auszutheilen.
Jch, als der einzige maͤnnliche Erbe des un - ſterblichen Sancho, beſitze dieſen Familienſchatz von einigen hundert Projecten, welche meine Vor -fahren,256Antons Panßa von Manchafahren, und ich, aufgezeichnet haben. Sie be - treffen ſowohl wichtige, als geringere Sachen; denn wir haben nicht allein fuͤr die noͤthige Bevoͤl - kerung des Koͤnigreichs Spanien, ſondern auch fuͤr eine beqvemere Art, weſtphaͤliſche Schinken zu raͤuchern, in unſerm patriotiſchen Eifer geſorgt. Jch werde mich ſehr billig finden laſſen, wenn ich den europaͤiſchen Staaten, oder auch Einem Eh - renveſten Rathe des Staͤdtleins J ‒ ‒ ‒, wo ich mich itzt aufhalte, mit meinen geſammelten Pro - jecten dienen kann. Jch hoffe, das großmuͤthige Anerbieten wird angenommen werden, da nicht der geringſte Eigennutz dabey vorwaltet, ſondern da ich ſolches in der Abſicht thue, der Welt zu die - nen, und mich mit einigen Schritten derjenigen Unſterblichkeit zu naͤhern, welche mein Erlauchter Vater, Sancho, mit ſeinem getreuen Eſel, und vielen großen Projectmachern des itzigen Jahrhun - derts, ruͤhmlichſt erlanget hat.
Jch verlange nicht, daß man mir auf mein Wort glaube; ich will eine Probe von meinem Verſprechen geben. Dieſe Probe biete ich hiemit vorzuͤglich dem heiligen roͤmiſchen Reiche deutſcher Nation an, da ich in Deutſchland die meiſte Zeit uͤber meinen Unterhalt gefunden habe, und um deß - willen gegen dieſes nahrhafte Land erkenntlicher ſeyn will, als ein großer Theil ſeiner Nachbarn, welche ſich viele Jahre von dem deutſchen Brodte maͤſten, und dennoch immer, bey einer ſtolzen Ei - genliebe, undankbar ſind.
Mein257Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern.Mein Project ſoll alle die unentbehrlichen Ei - genſchaften haben, die den meiſten Projecten feh - len. Es ſoll, ohne Anſehen der Perſon, eine durchgaͤngige Gleichheit beobachtet werden; der Arme, und der gemeine Mann ſoll entweder gar frey gelaſſen, oder doch am meiſten geſchont, der Vornehme aber, nach Beſchaffenheit ſeiner Um - ſtaͤnde, und Abſichten, am meiſten zur Mitleiden - heit gezogen werden; die innlaͤndiſchen Manufa - cturen ſollen dadurch auf keinerley Art niederge - druͤckt, und eben ſo wenig der freye Handel mit den Auslaͤndern gehemmet werden; die Einkuͤnfte von dieſem Projecte ſollen nicht durch die eigen - nuͤtzigen Haͤnde einiger Privatperſonen dem gemei - nen Beſten entriſſen, ſondern vor den Augen des ganzen Landes ſo vertheilt, und angewendet wer - den, daß es gewiſſen preßhaften Perſonen vorzuͤg - lich zu Nutzen gereicht, und dieſer Nutzen ſich her - nach wieder durch das ganze Land zertheilt. Jch will es ſo einrichten, daß alle dieſe Einkuͤnfte nur durch wenige Bediente verwaltet werden koͤnnen, und alſo dem gemeinen Weſen wenig dadurch ent - zogen wird. Jch ſchmeichle mir, daß man bey meinem Projecte nicht noͤthig haben wird, die ge - ringſten Zwangsmittel anzuwenden: Es iſt fuͤr alle Staͤnde ſo vortheilhaft, daß ſich gewiß ein je - der von ſelbſt beeifern wird, ſeinen Beytrag zu entrichten, und des Vortheils oͤffentlich zu genieſ - ſen, den er durch ſeine Beyſteuer erlangt. So gar Auslaͤnder werden ſich dazu draͤngen, und zur Bereicherung unſers Landes die Schaͤtze ausRganz258Antons Panßa von Manchaganz Europa zu uns ſchleppen, um die Erlaubniß zu erhalten, daß ſie an den gluͤcklichen Folgen die - ſes Projects Antheil nehmen duͤrfen. Ja, ich will noch mehr thun: Jch will nicht allein keinen Ge - nuß von der Erfindung dieſes Projects haben, ſon - dern auch, als ein billiger Contribuent, meinen Antheil ſelbſt dazu erlegen. So großmuͤthig werden wohl wenig Projectmacher ſeyn!
Da ich auf dieſe Art die betraͤchtlichen Vor - zuͤge meines Projects ſo deutlich gewieſen habe, ſo will ich auch nunmehr mit wenigem meine Ge - danken ſagen, fuͤr wen ich eigentlich die Einkuͤnfte von dieſem geruͤhmten Projecte beſtimmt habe.
Nach der mir angebornen politiſchen Einſicht halte ich es fuͤr einen großen Fehler, daß man zwar diejenigen in Zucht - und Spinnhaͤuſern ernaͤhrt, welche durch ihre uͤble Auffuͤhrung in der Rebublik Unruhen anfangen; gleichwohl fuͤr die Ernaͤhrung dererjenigen niemals ſorgt, welche unter dem ſcheinbarſten Vorwande, und den praͤchtigſten Titeln, in dem gemeinen Weſen erſtaunende Un - ordnung anrichten, und dieſes bloß aus Mangel der Nahrung. Man gebe ihnen Brodt, ſo wer - den ſie aufhoͤren, dem Lande ſchaͤdlich zu ſeyn; denn nur aus Hunger ſchaden ſie.
Dieſes deutlicher zu machen, will ich hier einige von denenjenigen nennen, fuͤr welche ich die Einkuͤnfte meines Projects eben deßwegen be -ſtimmt259Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. ſtimmt habe, weil die Obrigkeit zu großem Scha - den des Landes fuͤr ihren Unterhalt gar nicht ſorgt, und ſie eben dadurch in die verzweifelte Nothwen - digkeit ſetzt, das zu ſeyn, was ſie ſind, und wel - ches ſie gewiß nicht ſeyn wuͤrden, wenn ſie nur ei - nigermaßen Mittel wuͤßten, ſich auf andre Art zu naͤhren. Die wenigen Beweiſe, die ich hier an - fuͤhre, werden von dem großen Umfange meines Geiſtes, und meiner großen Einſicht in die Kunſt zu regieren zeugen.
Unmittelbar nach den Raupen und Heuſchrek - ken kommen die Rabuliſten; ein gefraͤßiges Un - geziefer; Man kennt ſie; ich habe alſo nicht noͤ - thig, ſie zu beſchreiben. Man weis die allgemeine Verwuͤſtung, die ſie in einem Lande anrichten, und doch duldet man ſie, und giebt ihnen Ehrentitel: Man ſcheut ſie, und ſucht doch ihre Freundſchaft. Und erwacht auch einmal die Gerechtigkeit wider ſie, und giebt neue Geſetze zu ihrer Vertilgung: Wer ſoll daruͤber halten? Vielleicht die Richter? Viele Richter wuͤrden untroͤſtbar ſeyn, wenn alle Advocaten gewiſſenhaft waͤren. Dazu habe ich zu viel Menſchenliebe, daß ich glauben ſollte, die Bosheit eines Rabuliſten ſey eine Handlung, de - ren ein Menſch freywillig, und ohne von der aͤu - ßerſten Noth gedrungen, faͤhig ſeyn koͤnne. Zur Ehre meiner Mitmenſchen glaube ich das nicht. Die groͤßte Verzweiflung muß es ſeyn, die ein vernuͤnftiges Geſchoͤpf zu einer ſo abſcheulichen Nahrung treibt. Nicht im Willen, nicht imR 2Her -260Antons Panßa von ManchaHerzen; nein, in einem hungrigen Magen, nur in dieſem allein, iſt die ganze Quelle der Rabuliſte - rey zu ſuchen. Der Hunger iſt es, der Poeten, der Patrioten, der Schriftſteller, der Goldmacher, der Rabuliſten ſchaffet. Jch will dieſem Uebel ſteuern. Von den Einkuͤnften meines Projects ſoll ein Theil angewendet werden, die Rabuliſten zu fuͤttern: Dadurch werde ich ſie nicht allein von ihrer ſchaͤndlichen Rauberey abziehen, ſondern ich werde auch dem gemeinen Weſen an ihnen ſolche Mitglieder ſchaffen, die ihm die wichtigſten Dien - ſte leiſten koͤnnen. Es iſt hier der Ort nicht, wei - ter davon zu reden: Jm Vorbeygehen will ich nur ſo viel gedenken, daß ein dergleichen ausge - fuͤtterter Rabuliſt ſehr geſchickt iſt, in der Gerichts - ſtube Fiſcal zu werden. Er kennt die Schwaͤche der Richter, und die Bosheit der Advocaten. Er wird alsdenn alle Partheylichkeit und Rabuliſte - rey am beſten entdecken koͤnnen, ſo, wie diejenigen die beſten Zollbedienten ſind, die den Zoll am mei - ſten betrogen haben, ehe ſie bankerutt wurden. Dieſes Capitel aus der Finanz verdient eine be - ſondere Abhandlung, die ich mir vorbehalte.
Fuͤr die Freygeiſter will ich auch ſorgen. Sie werden die Einkuͤnfte meines Projects ziem - lich erſchoͤpfen; denn ſie vermehren ſich taͤglich: Aber deſto noͤthiger iſt es auch, daß man ihnen Brodt giebt / damit ſie Chriſten werden; denn nur an Brodte fehlt es ihnen, und nicht an der in -ner -261Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. nerlichen Empfindung. Unter tauſend Freygei - ſtern iſt vielleicht nur einer, der mit Ueberzeugung nichts von Gott und der Religion glaubt, und dieſer Eine wird gewiß am wenigſten ſchaden, weil er zu vernuͤnftig iſt, ſeinen Unglauben merken zu laſſen, und weil er ſich bey ſeiner Vernunft ſchaͤ - men muß, in der Geſellſchaft einer ſo abgeſchmack - ten Bande atheiſtiſcher Gaukler zu ſeyn, welche zu dumm ſind, von der Religion nichts zu glau - ben: Denn von der Religion im Ernſte nichts zu glauben, das iſt weit ſchwerer, als ein guter Chriſt zu ſeyn. Alſo ſorge ich bey meinem Pro - jecte bloß fuͤr dieſe ſtarken Geiſter, die wider ihre Ueberzeugung nur aus Hunger Luͤgen predigen, wie etwan die Zigeuner nur aus Hunger wahrſagen. Jch ſchreibe gar nicht aus muͤtterlichen Vorurthei - len, was ich hier ſchreibe; Jch berufe mich auf die Erfahrung, und bitte mir von meinen Leſern nur eine kleine Aufmerkſamkeit auf dergleichen Ge - ſchoͤpfe aus, welche ſo verwegen ſind, ſich Athei - ſten zu nennen. Bey allen, ich ſage nicht zu viel, wenn ich dieſes ſage; bey allen werden ſie finden, daß ihr Leichtſinn ſich bloß aus einem Mangel der Nahrung herſchreibt. Ein junger Menſch, der ſein Vermoͤgen durchgebracht, dem der wolluͤſtige Muͤßiggang das Gemuͤthe zu hoͤhern Beſchaͤfftigun - gen traͤge gemacht, und die Knochen zur Arbeit entkraͤftet hat, den das Andenken ſeiner vorigen Gluͤckſeligkeit verzweifelnd, und der gegenwaͤr - tige Mangel unverſchaͤmt macht, der es nicht ge -R 3woh -262Antons Panßa von Manchawohnen kann, unbemerkt zu leben, da er nur vor kurzem durch ſeine koſtbaren Thorheiten die Au - gen der ganzen Stadt auf ſich zog; ein Menſch von dieſer Art, und deren ſind unzaͤhlige, wird eine große Beruhigung fuͤr ſeinen Hochmuth, und fuͤr ſeinen Hunger finden, wenn er zuerſt die in - nerlichen Vorwuͤrfe ſeines eignen Gewiſſens da - mit uͤbertaͤuben kann, daß alle heilige und buͤrger - liche Pflichten, die uns die Religion predigt, ein eigennuͤtziges Gewaͤſche der Pfaffen, und daß alle Strafen, mit denen die Offenbarung die Ueber - treter dieſer Pflichten ſo ſchrecklich bedroht, ein kindiſches Maͤrchen chriſtlicher Weiber ſind. Hat er es erſt mit ſich ſelbſt ſo weit gebracht, ſo liegt ihm daran, daß er ſein eingeſchlaͤfertes Gewiſſen in dieſer Betaͤubung erhalte, und daß er auch ge - gen die Welt ſeine Thorheiten rechtfertige. Am fuͤglichſten geſchieht dieſes dadurch, daß er ſich ſelbſt, und allen, die es hoͤren, und die es auch nicht hoͤren wollen, die neuen Entdeckungen taͤg - lich vorſagt, die ſein ſtarker Geiſt aus Scham und Verzweiflung, wider die Religion erfunden hat. Der Mangel hat ihn ſo vorſichtig gemacht, daß er vornehmlich diejenigen von ihrem Aber - glauben zu bekehren ſucht, welche am wenigſten Verſtand haben, ihm zu widerſprechen. Er wird ſich alſo am liebſten reiche bejahrte Thoren, und junge Narren aus guten Haͤuſern waͤhlen. Je - nen iſt es ungemein ſchmeichelhaft, daß man ih - nen bey ihrer reichen Thorheit, den Verſtand zu -traut,263Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. traut, wichtige neue Wahrheiten einzuſehen, die ſo viele vernuͤnftige Leute, und ihre eignen Beicht - vaͤter nicht einſehen koͤnnen. Dieſe kuͤtzelnde Ei - telkeit thut ihnen ſo ſanft, daß ſie mit freygebigen Haͤnden demjenigen ihren Ueberfluß mittheilen, welcher ſo großmuͤthig geweſen iſt, ihnen auf eine ſo bequeme Art, ſo viel Weisheit, ſo viel uner - hoͤrte Wahrheit mitzutheilen, die ihr Verſtand, ſo gar ihr Verſtand, ſo leicht hat faſſen koͤnnen. Am beſten aber befinden ſich unſre predigenden Freygei - ſter bey jungen bemittelten Narren, welche, ſobald ſie die Religion weiter nicht ſchreckt, ganz unge - ſtoͤrt ihren Ausſchweifungen nachhaͤngen koͤnnen. Sie laſſen mit Vergnuͤgen ihren neuen Apoſtel an allen dieſen Ausſchweifungen Antheil nehmen; und dieſer nimmt ihn ſehr gern, weil er ſie gewohnt iſt, und befindet ſich bey dieſen jungen Verſchwen - dern am beſten, weil die alten bemittelten Thoren, mitten in ihrer Thorheit, noch immer rechnen, und gewiſſe Ausſchweifungen verabſcheuen, die ihnen entweder zu theuer, oder fuͤr ihre abgelebten Koͤr - per zu jugendlich ſind. Jch habe hier das Bild eines Freygeiſtes von der mittlern Claſſe gemalt. Denn von dem atheiſtiſchen Troſſe will ich hier gar nicht reden, welche von jenen nur alberne Af - fen ſind, und dasjenige abgeſchmackt nachplaudern, was jene, bey ihrer mittelmaͤßigen Einſicht, vor - ſchwatzen, und welche, ohne zu wiſſen, was ſie eigentlich wollen, ſtarke Geiſter ſeyn wollen, weil dieſes eine Modenarrheit iſt; welche endlich uͤberR 4Him -264Antons Panßa von ManchaHimmel und Hoͤlle ſpotten, weder Engel, noch Teufel glauben, und doch vor jeder alten Frau, die ihnen im Dunkeln begegnet, ein Kreuz ma - chen. Dieſe kleinen Charlatane muß man weder beſtrafen, noch auslachen. Man muß ſie nicht merken: ſo werden ſie ſchon ſelbſt aufhoͤren, naͤr - riſch zu ſeyn; denn nur darum ſind ſie es, damit ſie nicht ganz unbemerkt in der Welt ſeyn wollen. Dieſe uͤberlaſſe ich der Ruthe ihrer Ammen, oder der Fauſt des Vormunds. Nur fuͤr die mittlere Claſſe ſorge ich; und dieſe Vorſorge iſt deſto wich - tiger, je groͤßer der Schade iſt, den ihre eigen - nuͤtzigen Schwaͤrmereyen der Welt, und vornehm - lich der jungen flatterhaften Welt zuziehen. Viel - leicht habe ich mich zu lange bey dieſer Stelle auf - gehalten. Jch bitte meine Leſer um Vergebung. Es war noͤthig, weil nicht alle die Genealogie der Atheiſterey von dieſer Seite kennen; weil keine Thorheit gefaͤhrlicher iſt, als die, welche man fuͤr Verſtand haͤlt; und weil ich es genau beſtimmen mußte, welche Art von Freygeiſtern eigentlich von meinem Projecte ernaͤhrt werden ſolle. Nun - mehr wiſſen dieſe, wer ſie kuͤnftig ernaͤhren wird; und ich hoffe gewiß, ſie werden ſich ſchaͤmen, wi - der ihre eigne Ueberzeugung Narren, und wider ihren natuͤrlichen Ehrgeiz, den ſie aus Noth ver - laͤugnen muͤſſen, niedertraͤchtige Schmeichler des reichen Poͤbels zu ſeyn. Und damit dieſe Ungluͤck - ſeligen wegen ihrer kuͤnftigen Verſorgung recht ruhig und ſicher ſeyn koͤnnen; ſo gebe ich ihnen mein Wort, daß bloß zu ihrer Unterhaltung allesdas -265Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. dasjenige beſtimmt bleiben ſoll, was durch mein Project von den Geiſtlichen, und den Philoſophen einkommen wird. Aus dem Projecte ſelbſt wer - den ſie ſehen, wie anſehnlich der Betrag davon ſeyn muͤſſe. Und ich bin gewiß uͤberzeugt, die Geiſtlichen und Philoſophen werden nun weit mehr beytragen, als von ihnen verlangt wird: Dieſe, weil ſie von der Nichtswuͤrdigkeit des Reichthums uͤberzeugt ſind, und gewiß alles Geld hingeben werden, um einen einzigen Narren weiſe zu machen; jene aber, weil ſie gewohnt ſind, gute Werke zu thun, und ihren verirrten Mitbruͤdern nicht allein mit ihrem Segen, ſondern auch mit ihrem Beutel zu dienen.
Jch habe lange bey mir ſelbſt gezweifelt, ob ich die herumirrenden Goldmacher unter diejeni - gen mitleidenswuͤrdigen Perſonen rechnen ſoll, fuͤr deren Unterhalt ich ſorge, damit ſie aufhoͤren, un - gluͤckliche Thoren zu ſeyn. Sie ſind dem gemei - nen Weſen ſehr verderblich; ſie bringen oft an - ſehnliche Familien um ihr ganzes, oder doch um ihr meiſtes Vermoͤgen: Aber ſie ſind zu entſchuldi - gen, und mehr zu entſchuldigen, als diejenigen, welche ſich von ihnen misbrauchen laſſen. Wer iſt laͤcherlicher: Ein Bettler, welcher, um nicht gar zu verhungern, einem Reichen das wichtige Ge - heimniß lehren will, zu großen Schaͤtzen zu gelan - gən; oder dieſer Reiche, welcher von den Haͤnden eines hungrigen Landſtreichers den Ueberfluß er - wartet? Jnzwiſchen will ich es doch auf einigeR 5Zeit266Antons Panßa von ManchaZeit verſuchen, damit man mir nicht den gering - ſten Vorwurf einer Liebloſigkeit machen koͤnne. Jch will dieſe Elende an meinem Projecte Antheil nehmen laſſen: Und damit ſie zu ihrer Nebenaus - gabe doch etwas noch verdienen, ſo will ich ihnen von der Obrigkeit die Erlaubniß auswirken, daß ſie auf den Jahrmaͤrkten herumziehen, und, in Ge - ſellſchaft anderer Taſchenſpieler, das neugierige Volk mit ihren chymiſchen Taͤndeleyen beluſti - gen moͤgen.
Man hat angemerket, daß dieſe Goldmacher, wenn ſich ihre Betruͤgereyen weiter nicht verſtek - ken laſſen, gemeiniglich anfangen, die quakeriſche Sprache einer dunkeln Heiligkeit und myſtiſchen Andacht anzunehmen. Dieſes bringt mich auf den Einfall, bey meinem Projecte auch fuͤr die engbruͤſtigen Narren mit triefenden Augen, ſchie - fen Haͤlſen, und verkrummteu Haͤnden zu ſorgen, welche der Poͤbel Heilige, und ein vernuͤnftiger Mann heuchleriſche Betruͤger nennt. Sie ſchlei - chen gebuͤckt in die Haͤuſer frommer Thoren, und bemaͤchtigen ſich unter dem Vorwande, mildthaͤti - ge Beyſteuern vor arme Bruͤder zu ſammeln, des Vermoͤgens dieſer Leichtglaͤubigen, welches ſie im Dunkeln wolluͤſtig verſchwenden, und diejenigen hungern laſſen, denen ſie es entreiſſen. Dieſem Uebel will ich ſteuern. Jch will fuͤr den Unterhalt dieſer andaͤchtigen Raͤuber ſorgen; denn aus Mangel des Unterhalts beten die meiſten von ih - nen die treuherzigen Thoren um ihr Vermoͤgen: Ob ich ſchon nicht laͤugnen will, daß viele nur ausHoch -267Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. Hochmuthe heilig herumkriechen, um deſto mehr verehrt zu werden. Fuͤr dieſe mag ich nicht ſor - gen; denn ſie thun dem Vermoͤgen meiner Mit - buͤrger keinen ſonderlichen Schaden.
Jch beluſtige mich beynahe in keiner Geſell - ſchaft mehr, als in der Geſellſchaft dererjenigen, welche unter dem praͤchtigen Namen der Patrio - ten mit der Regierung unzufrieden ſind. Man findet daſelbſt einen wahren Miſchmaſch von Hoch - muthe, von Neide, von Vaterlandsliebe, und von Hunger. Es ſteht in meinem Vermoͤgen nicht, ihnen Aemter und Ehrenſtellen zu geben: Jch wollte es ſonſt mit Vergnuͤgen thun. Jch weis gewiß, ich wuͤrde dadurch ihren Neid und ih - ren Hochmuth zugleich befriedigen. Denn, wie die Englaͤnder ſagen, flucht derjenige der Regierung am meiſten, der am meiſten an der Regierung Antheil zu nehmen wuͤnſcht. Alſo will ich nur fuͤr ihren Hunger, oder welches einerley iſt, fuͤr ihre Vaterlandsliebe ſorgen. Sie ſollen ſatt werden; und wenn ihr Magen noch ſo patrio - tiſch waͤre, ſo ſoll er doch ſatt werden. Wirf dem Hunde Brodt hin, der dich beißen will, ſprechen die Buͤrger in Mancha: Das will ich auch thun; denn ich glaube, daß bey mir in Weſt - phalen der Hunger eben ſo beißend macht, wie bey meines Uraͤltervaters Nachbarn in Mancha. Wie erſtaunend werden die Veraͤnderungen ſeyn, die mein Project in einem Staate macht! Alle po - litiſche Schneider und Schuſter, welche zeither mitauf -268Antons Panßa von Manchaaufgeſtemmten Armen hinter dem Bierkruge dem Fuͤrſten geflucht, werden vor Freuden hervortau - meln, und dem Himmel danken, der ihnen ein ſo weiſes Regiment, und ſo gutes Bier verliehen. Der alte Ritter, welcher ſich voll Misvergnuͤgen uͤber ſeine ungeſuchten Verdienſte ſeit der letzten Regierung auf die Hufe gefluͤchtet, um daſelbſt murrend den Untergang ſeines Vaterlandes zu er - warten, das ohne ihn regieret wird; Dieſer wird ſein beſtes Kleid, in welchem er zum letztenmale gehuldigt hat, aus dem Kaſten hervorſuchen, um bey dem naͤchſten Gallatage mit ſteifer Pracht dem Hofe, und ſeinem Dorfe Ehre zu machen. Und die misvergnuͤgten witzigen Koͤpfe ‒ ‒ ‒! Wel - chen Laͤrm ſehe ich voraus! Wie wimmelt der Parnaß! Denn fuͤr eine Penſion von hundert Gulden ſollen ſich zehen Reimer aus dem Athem ſingen.
Fuͤr dieſe witzigen Geiſter will ich vorzuͤg - lich ſorgen. Vielleicht haben ſie bisher mit Unge - duld gewartet, bis ich ihrer erwaͤhne. Jch habe es mit Fleiß unterlaſſen; denn ich weis, daß ſie fodern koͤnnen. Jch werde ihnen auf eine an - ſtaͤndige Art Unterhalt verſchaffen, damit ſie keine Urſache weiter haben, durch ſchmeichleriſche Thor - heiten die ſchoͤnen Wiſſenſchaften veraͤchtlich zu machen.
Dieſe wenigen Exempel werden genug ſeyn koͤnnen, meinen Leſern einen ehrwuͤrdigen Begriff von dem Nutzen des großen Projects zu machen,wo -269Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. womit ich die Welt begluͤcken will. Vermuthlich ſind ſie nunmehro neugierig genug, es zu erfahren, und vielleicht ſo ungeduldig, als ich es wuͤnſchen kann. Sie werden mir verzeihen, daß ich ihre Neugier - de ſo lange aufgehalten habe. Es war noͤthig, um den Charakter der Projectmacher zu behaup - ten, welche die Welt mit dem erſtaunenden Nuz - zen ihrer Erfindungen lange Zeit betaͤuben, ehe ſie entdecken, was ſie erfunden haben.
Mit einem Worte: Jch bin der große Mann, der zum Beſten ſeiner duͤrftigen und verlaßnen Mitbuͤrger auf den gluͤcklichen Einfall gekommen iſt, eine Gedankenſteuer anzulegen. Jch will mich gleich deutlicher erklaͤren.
Die Eigenliebe der Menſchen hat keine ange - nehmere Beſchaͤfftigung, als wenn ſie ſich mit den Vorzuͤgen, die ihr doch fehlen, ſchmeichelhaft un - terhaͤlt, und ſie dafuͤr denenjenigen abſpricht, wel - che ſie doch wirklich beſitzen.
Von den aͤlteſten Zeiten her haben ſich die Philoſophen bemuͤht, dieſe Leidenſchaft ſowohl ernſtlich, als bitter zu beſtrafen; und auch von den aͤlteſten Zeiten her iſt dieſes Unternehmen ver - gebens geweſen.
Jch will einen Vorſchlag thun, nicht ſowohl wie man die Welt beſſert, denn ich kenne die Welt; ſondern wie man die hartnaͤckigen Thorheiten der Menſchen zum Beſten eines ganzen Landes nutzen ſoll. An ſtatt alſo die Leute in dem angenehmenTraume270Antons Panßa von ManchaTraume ihrer eignen Verdienſte zu ſtoͤren; ſo will ich zufrieden ſeyn, daß ſie ſich fuͤr ihr Geld darin - nen unterhalten: Und an ſtatt, daß ſie bisher nur ſchuͤchtern und im Winkel ihrer Eigenliebe ge - ſchmeichelt haben; ſo moͤgen ſie ſich nunmehr das Recht erkaufen, es oͤffentlich zu thun.
Aber erkaufen muͤſſen ſie dieſes Recht; denn das koͤnnen ſie unmoͤglich verlangen, daß ſie um - ſonſt Narren ſeyn duͤrfen.
Sie ſollen jaͤhrlich eine gewiſſe Steuer erlegen, und ſich dafuͤr die Freyheit loͤſen, oͤffentlich dasje - nige von ſich zu ruͤhmen, was ſie bisher nur heim - lich gedacht haben.
So bald ſie dieſe Gedankenſteuer erlegen, bekommen ſie einen Schein, und damit zugleich das Recht, daß niemand ihrer Eigenliebe wider - ſprechen darf.
Dieſer Schein ſoll ſie wider alle Einwuͤrfe muͤrriſcher Philoſophen, und wider alle bittre Sa - tiren der Spoͤtter ſchuͤtzen. Macht jemand in Ge - ſellſchaft die geringſte Miene, als wolle er an ih - rer Weisheit, an ihrer Tapferkeit, an ihrer Ge - lehrſamkeit, an ihrer Schoͤnheit, an ihrem Reich - thume, mit einem Worte, an ihren Verdienſten zweifeln; ſo duͤrfen ſie nur ihren Gedanken - ſchein vorzeigen, und die ganze Geſellſchaft muß verſtummen. Denn dieſer Schein macht ihre Verdienſte eben ſo unwiderſprechlich, und vor Ge - richte guͤltig, als das oͤffentliche Zeugniß von Ge -ſchick -271Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. ſchicklichkeit und Qualitaͤten, welches man denen fuͤr ihr baares Geld beylegt, die ſich Rang und Ti - tel kaufen.
Nunmehr werden meine Leſer wohl im Stan - de ſeyn, zu uͤberſehen, wie gegruͤndet alles dasje - nige ſey, was ich bisher von den Vortheilen mei - nes Projects geſprochen: Sie werden finden, daß ich aus Beſcheidenheit noch viel zu wenig geſagt habe.
Sie duͤrfen nur die Menge der Menſchen uͤber - denken, welche ſich einbilden, das zu ſeyn, was ſie nicht ſind; ſo werden ſie ſofort eine erſtaunende Menge Contribuenten erblicken.
Sie duͤrfen weiter nachdenken, wie hartnaͤckig die Menſchen auf dergleichen ſchmeichelhaften Vorurtheilen beharren, und wie ſie lieber alles dran wagen, ehe ſie ſich in dieſen Vorurtheilen ſtoͤren laſſen; ſo werden ſie mit einem Blicke uͤberſehen, wie willig dieſe unzaͤhlbare Menge der Contribu - enten herzueilen wird, ſich die Freyheit zu loͤſen, daß ſie ungehindert thoͤricht ſeyn koͤnnen.
Die Summen muͤſſen erſtaunend ſeyn, die da - durch zum Beſten des gemeinen Weſens zuſam - menfließen, und die ohne Bedruckung des Ar - muths, ohne Hinderung des innlaͤndiſchen und auswaͤrtigen Handels, ohne den geringſten Zwang zuſammen gebracht werden. Dieſen einzigen Zwang nehme ich aus, daß niemand, ohne ſeinen Gedankenſchein zu loͤſen, auf Vorzuͤge ſtolz ſeyndarf,272Antons Panßa von Manchadarf, die er nicht beſitzt, und niemand ſich unter - ſtehen darf, demjenigen die geruͤhmten Vorzuͤge ſtreitig zu machen, der einen ſolchen Schein geloͤſt hat. Dieſe zween Puncte ſind die einzigen, in welchen der Beyſtand der Obrigkeit noͤthig iſt.
Es iſt meine Abſicht nicht, und der Raum wuͤrde es auch nicht verſtatten, einen Tarif, oder ein ausfuͤhrliches Verzeichniß von demjenigen zu geben, was eine jede Art der eingebildeten Thoren beyſteuern ſoll. So bald ich aber uͤber dieſes Pro - ject den gewoͤhnlichen Octroy erlange; ſo bald will ich ein vollſtaͤndiges Schatzungsregiſter durch oͤffentlichen Druck bekannt machen. Fuͤr itzo wird es genug ſeyn, eine kleine Probe davon zu geben, nach welcher man die uͤbrige Einrichtung beurtheilen kann.
Dieſes will ich nur noch erinnern, daß die Weſtphaͤlinger nur die Haͤlfte von jeder Anlage entrichten. Jch thue dieſes aus Erkenntlichkeit, da ich unter ihnen wohne, und bey ihnen auch, als ein Fremder, mein Brodt ſo lange Zeit ge - habt habe. Jch will dieſe Proben hinſetzen, ohne Ordnung, wie ſie mir einfallen. Kuͤnftighin werde ich ſchon wiſſen, die Sache kunſtmaͤßiger ein - zurichten.
Die Hageſtolze ſind die erſten, die mir einfal - len. Jch weis nicht, wie es koͤmmt; aber es ſey drum.
Ein273Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern.Ein alter Junggeſelle iſt mehrentheils ein Ge - ſchoͤpf, das ſich viel, und gemeiniglich viel Laͤcher - liches einbildet. Wenn man ihn reden hoͤrt, ſo hat es nur an ihm gelegen, eine tugendhafte, eine reiche, eine ſchoͤne Frau zu haben. Er hat ſie nicht haben moͤgen; denn ſie waͤre doch allemal eine Frau geweſen. Alle Geſellſchaften unterhaͤlt er mit den Fehlern des Frauenzimmers, und glaubt nicht, daß die Geſellſchaft noch weit mehr Urſache habe, ſich mit ſeinen Fehlern zu unterhalten. Dieſer Weiſe lebt frey; denn er hat keine Frau die ihm befiehlt: Aber zu Hauſe hat er eine Magd, die ihn tyranniſirt.
Aus Achtung vor einen meiner beſten Freunde will ich von den Hageſtolzen etwas Nachtheiliges weiter nicht ſagen. Jch wuͤrde ihn beleidigen, und meine Leſer wuͤrden ihn errathen. Er iſt ohnedem argwoͤhniſch, und, wenn ich noch zween Fehler von ihm ſagen darf, eigenſinnig und un - ſchluͤßig. Jch erwaͤhne dieſen Fehler ausdruͤck - lich, damit diejenigen, die ihn von Perſon kennen, ſeinen Hageſtolz entſchuldigen, und nicht einen von denen Fehlern zur Urſache nehmen, die ich oben er - waͤhnt habe. Jch muß ihm Gerechtigkeit wieder - fahren laſſen. Keiner von obigen Fehlern haͤlt ihn ab. Er redet von ſich wenig, und immer beſcheiden. Fuͤr das Frauenzimmer hat er die groͤßte Hoch - achtung; und nur aus Hochachtung kann er ſich nicht entſchluͤßen, zu heirathen, weil er befuͤrch - tet, ſein Eigenſinn werde beleidigen. Dieſe kleineSSchutz -274Antons Panßa von ManchaSchutzrede war ich meinem beſten Freunde ſchul - dig: Jch komme wieder zum Hauptſatze.
Ein alter Junggeſelle, welcher das Recht ha - ben will, zu glauben, daß er nur aus Vorſicht und Klugheit nicht heirathe, ſoll jaͤhrlich Gedan - kenſteuer geben ‒ ‒ ‒ 2 fl. ‒: Und ſo bald er damit den Schein geloͤſt hat, ſo ſoll, bey ſchwerer Strafe, kein Menſch in der Ge - ſellſchaft befugt ſeyn, ihn an die Koͤrbe zu erin - nern, die er, vom zwanzigſten bis ins funfzigſte Jahr, bekommen hat.
Alte Junggeſellen, die ſo unverſchaͤmt ſind, zu glauben, daß es in ihren jungen Jahren Maͤdchen gegeben habe, die aus Liebe zu ihnen jaͤmmerlich da - hin geſtorben ſind; die ſollen geben ‒ 1fl. ‒: Die aber noch in ihrem funzigſten Jahre coquettiren, und albern genug ſind, zu glauben, daß die ſchoͤnen Kinder, ſo bald ſie ihr zaͤrtliches Gerippe erblicken, ſeufzen, und nicht lachen; die geben ‒ 2fl. ‒, und alſo noch einmal ſo viel; denn ſie ſind noch einmal ſo große Thoren.
Bey uns in Weſtphalen, und vielleicht noch an mehrern Orten in Deutſchland, giebt es keine groͤſſern Hahnreye, als die alten Junggeſellen ſind, welche ſich Maitreſſen halten. Da die ganze Stadt dieſes weis, und ſie doch die ganze Stadt von der ſeltnen Keuſchheit ihrer Beyſchlaͤferinnen uͤberfuͤh - ren wollen, ſo werden ſie es nicht unbillig finden, wenn ich die Taxe ein wenig hoch ſetze. DieſerGedan -275Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. Gedanke von der Treue ihrer Haushaͤlterinn, oder wie ſie etwan heißen mag, faßt ſo viel ſtolze Eigen - liebe in ſich, daß ſie fuͤr die Freyheit, ſo zu denken, nicht genug geben koͤnnen. Wie viel Reizungen, wie viel maͤnnliche Vollkommenheiten muͤſſen ſie von ſich ſelbſt traͤumen, wenn ſie glauben, daß ihre Gebieterinnen, (denn Gebieterinnen ſind ſie im - mer,) nur ihnen nicht, ſonſt allen widerſtehen, nur ihnen nicht untreu ſeyn koͤnnen, da ſie es vorher zehen andern geweſen, und, daß ſie gegen alle Welt die unerbittliche Strenge veſtaliſcher Jungfrauen gebrauchen werden, da doch ſie vermoͤgend waren, die zweydeutige Tugend derſelben durch Ueberlaſ - ſung mittelmaͤßiger Vortheile wankend zu machen! Kann wohl etwas laͤcherlicher ſeyn? Mit einem Worte: Sie ſollen geben ‒ ‒ ‒ ‒ 5 fl. ‒, und dafuͤr ſollen ſie das Recht haben, zu glauben, was kein Menſch glaubt.
Alte Junggeſellen, welche an ihre Jugendſuͤn - den ſo wenig zuruͤck denken, daß ſie das Herz ha - ben, noch im funfzigſten Jahre ein Maͤdchen von zwanzig Jahren zu heirathen, ſollen jaͤhrlich 1½ fl. erlegen, und dafuͤr die Freyheit erkaufen, nicht zu glauben, daß ſie was thoͤrichtes gethan haben.
Alte Junggeſellen, die alte reiche Wittwen heirathen, um in den naͤchſten fuͤnf Jahren reich zu ſterben, ſollen nichts geben, und doch die Er - laubniß haben, zu denken, daß ihre Wahl ſehr vernuͤnftig ſey. Die Freude iſt ohnedem vonS 2kur -276Antons Panßa von Manchakurzer Dauer, und ſie werden nicht lange Zeit haben, es zu glauben. Sie ſind zu ungluͤcklich, als daß ſie noch zu einer allgemeinen Schatzung gezogen werden ſollten. Und da ſie bey ihrem zaͤrt - lichen Drachen im Hauſe ſo wenig gute Stunden haben, ſo wollen wir ihnen das Leben nicht noch ſchwerer in Geſellſchaften machen. Jhr Ungluͤck iſt in der That zu groß, als daß ihnen ein einziger ſchmeichelhafter Gedanke einfallen ſollte, es muͤßte denn dieſer ſeyn, daß ihre Frau vor ihnen ſter - ben werde. Und ihnen zum Trotz ſtirbt ſie nicht! Dieſe ungluͤcklichen Leute ſollen alſo zur Gedan - kenſteuer nichts geben. Man wird dieſen Aus - ſpruch billig finden, und niemand wird ihn billiger finden, als mein Freund, deſſen ich oben erwaͤhnt habe, und welcher zu vielen Thorheiten zu klug iſt, nur dieſer nicht.
Die alten Jungfern werden es nicht uͤbel nehmen, wenn ich ſie den alten Junggeſellen an die Seite ſetze; meine Leſer werden es auch zufrie - den ſeyn, denn es giebt kein Aergerniß, und nimmt ſich doch gut aus. Dergleichen Winterſtuͤcke zie - ren eine Galerie ungemein, und heben die Farben der andern Schildereyen.
Es iſt eines der ungegruͤndeſten Vorurtheile der Menſchen, welche gern lachen, daß ſie am bit - terſten uͤber alte Jungfern lachen.
Jſt es etwan laͤcherlicher, keinen Mann zu ha - ben, als es iſt, ohne Frau zu bleiben? Und warumſind277Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. ſind denn die alten Junggeſellen nicht noch laͤcher - licher, da die Mannsperſonen die ungerechte Frey - heit haben, nach den Frauenzimmern zu gehen, und ſich eine Frau nach ihrem guten Gefallen im Lande auszuleſen; die armen eingeſperrten Maͤd - chen aber nur hinterm Vorhange lauern duͤrfen, ob jemand kommen und ſie ſuchen will? Und dieſem ungeachtet iſt man ſo barbariſch, der armen Kin - der zu ſpotten, wenn ſie bis in ihr vierzigſtes Jahr vergebens aufgelauert haben! Jch nehme mich hiermit dieſer Verlaßnen an, und bekenne vor der ganzen deutſchen Welt, daß uͤber eine Jungfer, welche weder durch ihre unvorſichtige Auffuͤhrung, noch durch ihre Sproͤdigkeit, ihr Gluͤck, wie es die Mannsperſonen nennen, von ſich geſtoßen hat, welche nur vielleicht aus Mangel der Schoͤnheit, aus Mangel des Vermoͤgens, oder aus einem ge - woͤhnlichen Eigenſinne, des Schickſals bis in ihr vierzigſtes Jahr einſam, und doch bey ihrer geſit - teten Auffuͤhrung ungeaͤndert geblieben iſt; daß, ſage ich, uͤber dieſes Frauenzimmer nur Thoren ſpotten, und daß ſie bey Vernuͤnftigen unendlich mehr Hochachtung verdient, als eine Frau, welche ſich in die Arme des Mannes geworfen hat, um bey ihren Ausſchweifungen deſto ſichrer zu ſeyn. Jch wuͤrde zu ihrer Vertheidigung noch viel mehr anfuͤhren koͤnnen, wenn ich nicht befuͤrchten muͤß - te, man moͤchte meinen Eifer fuͤr eigennuͤtz hal - ten, und gewiſſe Abſichten darunter ſuchen, da ich ein friſcher Wittwer bin. Jch will alſo ge - genwaͤrtig nur ſo viel noch ſagen, daß alte Jung -S 3fern278Antons Panßa von Manchafern von dieſer Claſſe, von meiner Gedankenſteuer frey ſeyn ſollen: Ja ſie ſollen das Recht haben, ohne Entgeld zu glauben, daß ſie darum gar nicht ungluͤcklich ſind, weil ſie keinen Mann haben, und daß ſie es gewiß ſeyn wuͤrden, wenn die Narren ihre Maͤnner waͤren, welche uͤber ihre alte Jung - ferſchaft ſpotten. Jch will noch mehr thun. Die - jenigen von ihnen, welche ihrer Armuth wegen ungeſucht uͤbrig geblieben ſind, ſollen von den al - ten Junggeſellen, denen ſie nicht reich genug wa - ren, ernaͤhrt werden, und zwar auf die Art, daß ich die Haͤlfte der Gedankenſteuer, ſo dieſe ein - gebildeten Hageſtolze nach meinem Plane erlegen muͤſſen, anwenden werde, ihnen ihr Alter beqvem zu machen.
Bey dieſen Freyheiten, die ich einigen der alten Jungfern ertheile, wird meine Caſſe ſo gar viel nicht verlieren. Es bleibt noch eine unend - liche Menge von ihren Geſpielinnen uͤbrig, die ich bey der Gedankenſteuer zur Mitleidenheit ziehen kann.
Zwiſchen hier und Oßnabruͤck, rechter Hand der Straße, liegt ein Meyerhof, in welchem ein altes Fraͤulein ſpukt. Vor dreyßig Jahren mag ſie den Reiſenden gefaͤhrlich geweſen ſeyn; nun iſt ſie ihnen nur ſchrecklich. Sie wohnt im Fenſter; denn mit dem Anbruche des Tages ſteht ſie am Fenſter im Erker, und erwartet die Reiſenden. So bald ſie von fern einen Wagen merkt, ſo ruͤckt ſie ihr altes Geſicht in Ordnung, und laͤ -chelt279Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. chelt unter einer Wolke von Runzeln dem Wagen entgegen. Vermuthet ſie aus der Menge der Bedienten, daß die Reiſenden von vornehmem Stande ſind: ſo wallt ihr adliches Gebluͤte noch einmal ſo heftig; ſie reißt das warme Halstuch herab, und wirft einen verraͤtheriſchen Palatin fluͤchtig um, unter welchem der traurige Reſt ei - ner vierzigjaͤhrigen Reizung hervorgepreßt wird, der ſich uͤber Luft und Sonne wundert, die er ſeit zwanzig Jahren entwohnt iſt. Jhr Vater war ein ehrlicher Junker, den ſein Acker, und der Han - del mit gemaͤſteten Schweinen naͤhrte; denn ein Kaufmann konnte er nicht werden, ohne ſeinen alten Adel zu beſchimpfen. Ein Soldat haͤtte er werden koͤnnen; aber er hatte ſeine guten Urſa - chen, warum er es nicht ward. Er blieb alſo auf ſeiner vaͤterlichen Hufe, nahm eine gnaͤdige Viehmagd aus eben ſo altem Geſchlechte, erhielt dadurch ſeinen Adel unbefleckt, beſtellte ſeine Fel - der, predigte die tapfern Thaten ſeiner Vorfah - ren, ſoff mit ſeinen Nachbarn, und zeugte Kin - der, von denen keines mehr uͤbrig iſt, als unſer Fraͤulein. Sie ward alſo von den Jhrigen mit verdoppelter Zaͤrtlichkeit erzogen, und ihre hohen Aeltern liebten ſie, wie die Alten ihre Jungen lieben. Sie war noch nicht zwoͤlf Jahr alt, als ihre Mama ſo viel Schoͤnheit an ihr zu merken glaubte, daß ſie fuͤr noͤthig hielt, argwoͤhniſch zu werden. Jeden Reuter auf der Straße ſahe ſie fuͤr einen irrenden Ritter an. Alle Augenblicke unterhielt ſie ihre liebe Tochter mit den Vorzuͤgen,S 4die280Antons Panßa von Manchadie ihr der Himmel vor hundert andern Fraͤulein, bey ihrem Verſtande, und bey ihrer Schoͤnheit, gegoͤnnet haͤtte. Und ſo ſchoͤn war ich auch in meiner Jugend; Himmel, wie die Zeit ver - geht! Mit dieſem Seufzer ſchloſſen ſich ihre Pre - digten allemal. Jhr Herr Vater aber ſchwur bey ſeiner armen Seele: Sie ſey ein braves Menſch, und verdiene einen huͤbſchen Kerl; den wolle er ihr ſchaffen, wenn ſie gute Wirthſchaft lerne. Nach dieſen Gruͤnden richteten Vater und Mut - ter ihre Erziehung ein, welche auch ſo gute Wir - kung hatte, daß ſie, bey einer mittelmaͤßigen Haͤß - lichkeit, einige kleine Romane ſpielte, die ver - drießliche Folgen hatten, und daß ſie dennoch, bey ihrer muͤtterlichen Sproͤdigkeit, ſtolz genug war, alle Heirathen auszuſchlagen, die ihr ſcharfer Ver - ſtand, (denn innerhalb einer Viertheilmeile war ſie das verſtaͤndigſte Fraͤulein,) die ihr Verſtand fuͤr ſich nicht anſehnlich, und vortheilhaft genug fand. Unter dieſem laͤcherlichen Miſchmaſche von Sproͤ - digkeit, und von Wolluſt, hat ſie geſtern ihr ſechs und funfzigſtes Jahr herangebuhlt, und unter - haͤlt ſich in den Stunden, wo ſie nicht betet, (denn ſeit ſechs Jahren betet ſie fleißig,) mit den Ver - dienſten, die die Welt entbehren muß, da ſie nun - mehr ſeit ſechs Jahren ſich im Ernſte entſchloſſen hat, einſam auf ihrem Meyerhofe zu ſterben. Jn dieſem frommen Entſchluſſe mag ich ſie nicht ſtoͤ - ren. Damit ſie aber dem gemeinen Weſen noch zu etwas nuͤtze, und damit ſie mit einem ruhigen Ge - wiſſen ihrem ſtolzen Traume nachhaͤngen koͤnne: ſowill281Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. will ich ſie zu meiner Gedankenſteuer ziehen, und ich hoffe, ein anſehnliches Stuͤck Geld aus ihr zu loͤſen.
So oft ſie die gefaͤhrlichen Schoͤnheiten ihrer Jugend ruͤhmet, ſo oft ſchmeichelt ſie ſich mit einer Einbildung, die ganz falſch iſt. Dieſes aber thun zu duͤrfen, zahlt ſie ein Jahr uͤber, ‒ 1 fl.
Sie erzaͤhlt, eben ſo wie ein junger Officier, ſehr gern die Siege, die ſie gehabt, und erzaͤhlt auch die, die ſie nicht gehabt. Wir wollen ihr nicht wehren, ſich ſo viel Liebhaber zu denken, als ſie fuͤr gut findet: Aber ſie muß dieſe Liebhaber be - zahlen, und giebt fuͤr jedes Stuͤck ‒ 1 Blaffert.
Sie mag ſich gern bunt kleiden, und daher koͤmmt es manchmal, daß ſie in der Ferne Scha - den thut. Mir iſt es leider ſo gegangen. Unge - achtet meines geſchwollnen Fuſſes, bin ich ihr ein - mal in Muͤnſter drey Gaſſen zaͤrtlich nachgehinkt, um ein Geſicht zu ſehen, das ich fuͤr jung und ſchoͤn hielt. Aber die Untreue, die ich dadurch an mei - ner damals noch lebenden Frau erwies, ſtrafte der Himmel ſchrecklich an mir; denn es war unſer Fraͤulein, die ich erblickte. Man wird mir dieſe kleine Rache goͤnnen, und erlauben, daß ich ihr fuͤr die Freyheit, ſich dieſer Maske eines jungen Maͤd - chens zu bedienen, jaͤhrlich abfodre ‒ ½ fl.
Fuͤr die Schminkpflaͤſterchen, die ſie in die Furchen ihres Geſichts ſo haͤufig ſaͤet, muß ſie auch etwas geben. Freylich thut ſie es nicht, wieS 5unſre282Antons Panßa von Manchaunſre Frauenzimmer in der Stadt, ganz ohne Ur - ſache; denn ſie hat eine ungeſunde Haut; und un - ter jedem Pflaͤſterchen einen heimlichen Schaden: Aber ſie thut es doch darum nicht allein, ſondern auch in der Abſicht, hinter dieſen kleinen Raͤubern unſrer Freyheit deſto kraͤftiger zu buhlen. Beſon - ders iſt mir das große Pflaſter verdaͤchtig, wel - ches ſie an die ehrwuͤrdige Hoͤhlung ihres linken Schlafs, den benachbarten grauen Haaren zum Trotze, legt. Was fuͤr Ungluͤck haͤtte es vor dreyßig Jahren anrichten koͤnnen! Freylich hat es itzt nur den Willen zu ſchaden: aber auch dieſer muß beſtraft werden. Sie giebt ihre Beyſteuer fuͤr dieſe Erlaubniß, laͤcherlich zu ſeyn, und zahlt fuͤr ein jedes Schminkpflaͤſterchen woͤchent - lich ‒ ‒ ‒ ‒ 1 Albus.
Seit einiger Zeit habe ich ſie im Verdachte, daß ſie ſich ſchminke. Das waͤre zu arg! Jn ihrer Jugend hat ſie es nicht gethan; denn die Landfraͤu - lein haben immer weniger noͤthig, ihrer Schoͤnheit aufzuhelfen, als die Fraͤulein in der Stadt: Deſto unverantwortlicher waͤre dieſe Thorheit itzo. Ein Freund von mir hat die Muͤhe auf ſich genommen, es auszukundſchaften. Thut ſie es, ſo ſoll ſie bey allen Thorheiten, die ſie aus Eitelkeit begeht, doppelt zahlen; Sie koͤnnte ſich denn uͤberwinden, oͤffent - lich zu geſtehen, daß ſie nur um deßwillen ſich ſchminke, weil ſie ſo gar haͤßlich ſey, daß ſie ihres natuͤrlichen Geſichts ſich ſchaͤmen muͤſſe. Auf die - ſen Fall wollte ich Mitleiden mit ihrer Haͤßlichkeit haben, und ſie ſollte fuͤr dieſes geborgte Geſichtjaͤhr -283Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. jaͤhrlich nur 4. Blafferte Miethzins zu meiner Ge - dankenſteuer geben.
Sie will es nicht geſtehen, daß ihre ſchwarzen Haare ſchon ziemlich ins Weiße fallen. Wenn ſie alle Jahre ‒ ‒ ‒ ½ fl. ‒ zahlt, ſoll niemand das Recht haben, ihren grauen Kopf zu merken.
Das kann ich ihr nicht vergeben, daß ſie oft, und beſonders um die Zeit der Frankfurter Meſſe, am Fenſter ihren Morgenſegen mit entbloͤßter Bruſt betet. Dadurch aͤrgert ſie Himmel und Erde; und wenn ſie es gar nicht unterlaſſen will, kann ich ihr weniger nicht, als 1½ fl. abfodern.
Ein Bedienter, den ſie wegen ſeines Alters fortgejagt hat, will die Leute verſichern, daß ſie ſeit einiger Zeit ſich an abgezogne Waſſer gewoͤhnt habe, um immer lebhaft und munter zu ſeyn. Aus chriſtlicher Liebe halte ich es fuͤr eine Ver - leumdung. Es waͤre doch himmelſchreyend, wenn ſich alte Jungfern wollten zu jungen Maͤdchen ſaufen! Jch kann ihr dieſe Thorheit nicht wohl - feiler, als fuͤr 1 fl. ‒ ‒ verſtatten. Derjenige, der das Herz hat, ſie fruͤh nuͤchtern zu kuͤſſen, um die Wahrheit von dieſer Beſchuldigung zu erfah - ren; der ſoll aus dem gemeinen Kaſten eine an - ſehnliche Penſion auf Lebenszeit erhalten.
Jch habe immer nicht begreifen koͤnnen, war - um ſie bey allen Gelegenheiten in Geſellſchaften, wider die unvorſichtige Zaͤrtlichkeit ungluͤcklicherMaͤdchen284Antons Panßa von ManchaMaͤdchen donnert, welche die Thorheit gehabt ha - ben, den heiligen Schwuͤren ihrer betruͤgeriſchen Liebhaber zu glauben, und ſich zu einem Vorwitze bereden zu laſſen, der ſich nur fuͤr ihre Muͤtter ſchickt. Schon dieſer verdammende Eifer verdient eine Geldbuße; und weil er immer aus einem Hochmuthe herkoͤmmt, der ſeine eignen Tugenden fuͤhlt, ſo wuͤrde ich ihr nicht zugelaſſen haben, ihre ungluͤcklichen Schweſtern zu richten, wenn ſie nicht jaͤhrlich ‒ ‒ ‒ 1 fl. ‒ ‒ gezahlt haͤtte: Da ich aber ſichre Nachrichten bekommen, daß ſie vor acht und zwanzig Jahren nach Spaa ‒ ‒ ‒ Mit einem Worte, ſie ſoll doppelt ſo viel geben; ich habe meine Urſachen, und ich habe es aus - druͤcklich von meiner ſeligen Frau gehoͤrt, die in dergleichen Sachen nichts weniger, als leichtglaͤu - big war; und meine ſelige Frau hatte es auch von guter Hand. Will ſich das Fraͤulein zu dieſem Anſatze nicht beqvemen, ſo will ich es ihr deutlicher erklaͤren; aber ich denke wohl, ſie ſoll ſich geben.
Sie erzaͤhlt ſehr gern in Geſellſchaft ein gewiſ - ſes Maͤrchen, daß ein angeſehener und bemittelter Kaufmann in Emden ſie nur vor fuͤnf Jahren noch, aus einer recht zaͤrtlichen Liebe, und ohne die ge - ringſten Nebenabſichten, heirathen wollen; aber daß ſie, wegen der ehrenruͤhrigen Verwegenheit die - ſes Wuͤrzkraͤmers, ihm die ſchimpfliche Antwort gegeben: „ Es haͤtten ihre gnaͤdigen Aeltern ſie „ nicht gezeugt, um buͤrgerliche Baſtarte in ihre„ Fa -285Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. „ Familie einzupfropfen. „ Dieſes Maͤrchen ko - ſtet vieler Urſachen wegen ‒ ‒ 1 fl.
Gemeiniglich iſt dieſe Moral von dieſer Fabel, daß es nur ihr guter Wille geweſen ſey, unverheirathet zu bleiben, und daß ſie mit Haͤnden und Fuͤßen ſich der Freyer erwehren muͤſſen. Fuͤr die Ver - guͤnſtigung, dieſe Unwahrheit zu ſagen, ohne roth zu werden, giebt ſie jaͤhrlich ‒ 5 Blafferte.
Und wenn ſie gar dem Himmel dafuͤr dankt, ſo koſtet es ‒ ‒ ‒ 10 Blafferte.
Es wiederfaͤhrt ihr ſehr leicht, daß ſie ſich in ihrer veſtaliſchen Grauſamkeit vergißt. Das ſoll ſie nicht thun. Jſt ein junger Cavalier ſo bos - haft, und kuͤßt ihr ſeufzend die Hand, und ſie giebt ihm nicht einen derben muͤtterlichen Verweis; ſo muß ſie fuͤr dieſe hochmuͤthige Leichtglaͤubigkeit erlegen ‒ ‒ ‒ 1 Blaffert.
Nimmt ſie es gar mit einem freundlichen Laͤcheln an, ‒ ‒ ‒ ‒ 2 Blafferte.
Heißt ſie ihn einen loſen Vogel, oder ſchlaͤgt ihn mit dem Faͤcher, ‒ ‒ 3 Blafferte.
Und laͤßt ſie es gar zu, daß er ihr den Palatin ‒ ‒ ‒ O pfuy! das iſt zu arg! das iſt eine Suͤnde wider die Natur! Das ſoll ſie nicht zu - laſſen.
Ein Mann, welcher in ſeinen juͤngern Jah - ren alle wolluͤſtige Ausſchweifungen begangen hat,und286Antons Panßa von Manchaund dennoch ſo ungerecht iſt, zu verlangen, daß die Perſon, die er zu ſeinem Weibe gewaͤhlt hat, tugendhafter gelebt habe, als er; er zahlt fuͤr dieſe Ungerechtigkeit ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ 4 fl. ‒, und kann hernach behaupten, daß dergleichen Ausſchweifungen, welche das weibliche Geſchlecht unvermeidlich um ihren guten Namen bringen, den Mannsperſonen anſtaͤndig, und ein Beweis ſind, daß der Menſch, welcher ſie begeht, zu leben weis.
Ein Mann, welcher ſo oft die Redlichkeit an - drer Weiber verfuͤhrt hat, und nunmehr bey ſeiner Frau die Untreue nicht leiden will, die er ſonſt Galanterie nannte; der ſoll entweder ſein ver - dientes Schickſal ruhig ertragen, und mit geſchloß - nen Augen Abrechnung halten, oder fuͤr eine jede dergleichen Jugendſuͤnde 2 fl. ‒ ‒ Nachſchuß geben, und alsdann verlangen duͤrfen, daß ihm ſeine Frau dieſe gebuͤßten Ausſchweifungen nicht wieder vergelte.
Ein Weib, welches ihrem Manne untreu iſt, und dabey ſich ſchmeichelt, daß diejenigen, denen ſie ihren guten Namen aufopfert, ſie in ihrem Herzen wircklich hochachten, und ſie nicht fuͤr das halten, was ſie in der That iſt, die ſoll nur 1 fl. ‒, und alſo halb ſo viel geben, als in dem vorſte - henden Satze geordnet iſt. Jch finde dieſes um deßwillen billig, weil gemeiniglich ein Frauen - zimmer mehr verfuͤhrt wird, als es ſelbſt verfuͤhrt,und287Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. und weil ihre Liebhaber, nach obgedachter Ver - ordnung, zu ihrer Zeit auch buͤßen muͤſſen.
Jch kenne Vaͤter, welche von den wilden Un - ordnungen ihrer Jugend niemals lebhafter und ſcherzender reden, als in Gegenwart ihrer Kinder. Sie ſind ſtolz auf ihre Thorheiten. Jndem ſie ſolche wieder erzaͤhlen, ſo empfinden ſie alles das - jenige von neuem, was ihnen ſonſt ihre Ausſchwei - fungen ſo angenehm machte. Sie vergehen ſich wohl oft ſo weit, daß ſie Umſtaͤnde erdichten, um ihre jugendlichen Bosheiten recht witzig vorzu - ſtellen. Jhre Kinder hoͤren begieriger auf dieſe Erzaͤhlungen, als auf das Maͤrchen der Amme. Sie lachen ihrem Vater nach, der bey den nieder - traͤchtigſten Thorheiten zuerſt lacht. Sie erwar - ten die Gelegenheit und die Jahre mit Ungeduld, wo es ihnen erlaubt iſt, eben ſo luſtig zu leben, wie ſie es nennen, als ihr Herr Vater gelebt hat. Sie bekommen unvermerkt gegen alle Laſter eine Hochachtung, da es die Laſter ihres Vaters gewe - ſen ſind. Es war freylich nicht recht, was ich that! Aber wie man nun iſt, wenn man jung iſt: Jugend hat Untugend! Mit dieſer Vermahnung ſchließt der unbeſonnene Vater ſei - ne gefaͤhrliche Erzaͤhlung, und laͤchelt ganz beru - higt daruͤber, daß er ein Thor geweſen iſt. Der aͤlteſte Sohn vergißt bey dieſer Erzaͤhlung alle tu - gendhafte Lehren, die ihm ſeine Mutter und ſein Katechiſmus gegeben haben: Er merkt ſich nur dieſe, daß Jugend Untugend hat; und dieſe merkter288Antons Panßa von Manchaer um deßwillen am liebſten, weil er die beſte Ent - ſchuldigung fuͤr alle keimende Bosheiten ſeines Herzens darinnen findet. Er hoͤrt, daß ſein Va - ter ſchon im zehnten Jahre ein leichtfertiger Schelm geweſen, und dem Kammermaͤdchen der Mutter nachgeſchlichen iſt: Nun ſchaͤmt ſich der wuͤrdige Sohn des Vaters, daß er noch nicht einmal in ſeinem eilften Jahre auf dieſen artigen Einfall gekommen iſt. Nur aus kindlichem Ehr - geize ſchleicht er auch dem Kammermaͤdchen ſeiner Mutter nach, und gewoͤhnt ſich ſpielend an eine Ausſchweifung, die ihn mit der Zeit ungluͤcklich macht. Jch fuͤhre hier nur ein einziges Exempel an. Mit dem Spiele, mit dem Trunke, mit der Begierde, andern ihr Vermoͤgen abzuſchwatzen, um ſeine Unordnungen unterhalten zu koͤnnen, mit allen dieſen Laſtern hat es eine gleiche Bewand - niß. Den erſten Trieb dazu empfindet der Sohn bey den luſtigen Erzaͤhlungen des Vaters. Er iſt von Natur boshafter, als ſein Vater; die itzi - gen Zeiten ſind fuͤr einen jungen Menſchen ver - fuͤhrender, als die damaligen Zeiten waren, in de - nen ſein Vater noch als ein junger Thor lebte: Jſt es nunmehr wohl Wunder, wenn der Sohn in ſeinen ſchaͤndlichen Unordnungen viel weiter ausſchweift, als es der Vater gethan; wenn er ſich von ſeiner Verirrung niemals wieder zurecht findet, wie ſich doch der Vater gefunden hat; wenn dieſer ungluͤckliche Greis endlich den klaͤg - lichen Untergang ſeines Sohnes mit Schrecken anſehen, und dabey ſich ſelbſt die nagenden Vor -wuͤrfe289Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. wuͤrfe machen muß, daß nur er durch die unbe - dachtſamen Erzaͤhlungen ſeiner jugendlichen Thor - heiten, ſein Kind zur Bosheit gereizet habe, daß er ſelbſt der Henker ſeines ungluͤcklichen Soh - nes ſey?
Weil eine dergleichen klaͤgliche Erfahrung oft erſt nach ſpaͤten Jahren koͤmmt, und viele Aeltern ſie nicht einmal erleben: ſo will ich verſuchen, ob ich dieſen traurigen Folgen durch meine Ge - dankenſteuer vorbeugen kann.
Fuͤr eine jede Suͤnde ihrer Jugend, deren ſie ſich ruͤhmen, erlegen ſie ‒ 5 fl. Und iſt es nicht einmal wahr, daß ſie dieſe Suͤnde begangen haben, wie es oft nicht wahr, und nur eine unbe - ſonnene Eitelkeit iſt, ſich dergleichen zu ruͤhmen; ſo geben ſie dieſe Summe doppelt.
Fuͤr die ſchaͤndliche Zufriedenheit, die dieſe alten Narren empfinden, daß ſie Thoren geweſen ſind, koͤnnen ſie weniger nicht geben, als ‒ 1 fl. ‒
Wollen ſie verlangen, daß ihre Kinder tugend - hafter ſeyn ſollen, als ſie ſelbſt geweſen ſind; ſo erlegen ſie ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ 2 fl. ‒ ‒
Finden ſie, daß ihre Kinder in ihre Fußtapfen treten, und ſind noch ſo ungerecht, daruͤber zu jam - mern und mit einem albernen: Aber zu unſrer Zeit war es ganz anders! die Schuld von ſich weg, und auf die verſchlimmerten Zeiten zu ſchieben;Tſo290Antons Panßa von Manchaſo werden ſie dieſe Eigenliebe nicht wohlfeiler, als mit ‒ 4 fl. ‒ ‒ buͤßen koͤnnen.
Jch will ſehen, wie weit ich mit dieſer Taxe komme. Finde ich, daß ſie noch zu ſchwach iſt; ſo werde ich ſie kuͤnftig erhoͤhen, und nach den ver - ſchiednen Anmerkungen, die ich in einigen Fami - lien machen werde, neue Taxen beſtimmen.
Jch habe mir ein gewiſſes Haus auf dem Ringe zu F ‒ ‒ ‒ t gemerkt, wo der Vater beym Kamine, und die Mutter bey ihrem Nacht - tiſche alle Anſtalten machen, ihre Kinder auf der - gleichen Art zu verfuͤhren. Der Vater lacht uͤber ſeine begangenen Thorheiten, bey einer Pfeife Ta - bak, und in Gegenwart ſeines Sohnes ſo herzlich, daß ich große Urſache habe zu befuͤrchten, der Kna - be werde gewiß im Hoſpitale ſterben: Und die Mutter buhlt vor ihrem Spiegel, in Gegenwart ihrer Tochter, ſo unvorſichtig mit dem Buchhalter, daß ich ſchon im voraus den ungluͤcklichen Mann herzlich bedaure, welcher dereinſt verdammt iſt, ihr Schwiegerſohn zu werden. An dieſem Hau - ſe will ich wahrnehmen, ob meine Vorſchlaͤge von einiger Wirkſamkeit ſeyn werden. Sind ſie es nicht; ſo will ich meine Streiche verdoppeln, und machen, daß man dieſes Haus fliehen ſoll, wie man das Haus eines Mannes flieht, der an einer anſteckenden Seuche krank liegt.
Ein291Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern.Ein Frauenzimmer buͤrgerlichen Standes, welches fuͤr gut angeſehen hat, ihr Geld an einen von Adel zu verheirathen, und welches ſich doch dabey einbildet, daß ihre Schoͤnheit und ihre Ver - dienſte ſie zur gnaͤdigen Frau gemacht haben, giebt monatlich ‒ 10 fl. ‒. Es iſt viel, und in der That ſcheint ſie fuͤr ihre Thorheit allzutheuer zu buͤßen: Aber es war ſchlechterdings noͤthig, eine ſtarke, und ſo gar monatliche Lieferung anzuord - nen, weil ich beſorge, ihr Vermoͤgen werde bin - nen zwey Jahren zerſtreut, und ſie alſo weiter nicht im Stande ſeyn, dieſe Steuer zu erlegen, wenn ſie auch noch bey ihrer Armuth ſtolz genug bleiben moͤchte, zu glauben, daß ihre Wahl vernuͤnftig geweſen waͤre.
Ein Buͤrger ohne Erziehung und ohne Ver - dienſte, der bey ſeinem und ſeiner Aeltern erwucher - ten Vermoͤgen diejenigen mit Verachtung uͤber - ſieht, welche Erziehung und Geburt, aber nur kein Geld haben; ein ſolcher Buͤrger iſt bey ſei - nem plumpen Stolze gemeiniglich eines der un - ertraͤglichſten Geſchoͤpfe. Jch will ihm zween Vorſchlaͤge thun. Entweder, er ſoll denen von gu - ter Geburt einen Theil ſeines Vermoͤgens leihen, und dadurch das Recht behalten, zu glauben, daß er weſentliche Vorzuͤge vor ihnen habe; oder er ſoll die Erlaubniß, gegen Vornehmere unbeſchei - den, und gegen Geringere trotzig zu ſeyn, jaͤhrlich mit ‒ 20 fl. ‒ ‒ erkaufen. Jch glaube wohl, er wird den letzten Vorſchlag waͤhlen, weilT 2er292Antons Panßa von Manchaer aus der Erfahrung hat, daß man nicht ſicher genug iſt, wenn man ſich bereden laͤßt, Vorneh - mern zu leihen.
Es giebt Buͤrger, welche dem Vaterlande durch ihren Verſtand, durch Tapferkeit und Fleiß ſo heilſame Dienſte geleiſtet, daß ihre Verſetzung in den Adelſtand eine billige Belohnung, und zu - gleich fuͤr andere eine nuͤtzliche Aufmunterung iſt, ſich auf gleiche Art um ihr Vaterland verdient zu machen. Man hat ſich ſchon oft Muͤhe gegeben, zu beweiſen, daß ein ſolcher Mann, welcher durch ſeine eignen Verdienſte den Vorzug erlangt, der erſte Edelmann in ſeinem Hauſe zu ſeyn, mehr Achtung verdiene, als derjenige, welcher durch die Geburt der neunte Edelmann in ſeiner Familie, und alſo dieſes Gluͤck einem ganz ungefaͤhren Zu - falle, wenigſtens ſeinen eignen Verdienſten nicht, ſchuldig iſt. Ungeachtet dieſer gegruͤndeten, und ſo oft wiederholten Moral, lehrt doch die Erfah - rung, daß die Neugeadelten gemeiniglich von je - nen verachtet, oder beneidet werden. Sie aͤußern dieſe unbillige Geſinnung oͤffentlich in Geſellſchaf - ten. Es ſind nur zwo Urſachen, welche ſie von dergleichen Beleidigungen zuruͤckhalten koͤnnen: Der Schutz des Prinzen, der die Verdienſte dieſer neuen Edelleute kennt; oder ihr Geld, welches, ſo neu es auch iſt, denen von altem Adel doch immer angenehm, und oft ſehr unentbehrlich iſt. Da ich ſie nicht abhalten kann, ſo unbillig zu denken: ſo will ich doch wenigſtens Anſtalt machen, daß ſienicht293Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. nicht umſonſt ungerecht denken ſollen. Derglei - chen Edelleute von gutem Hauſe, aber ohne eigne Verdienſte, ſollen fuͤr jeden Ahnen, deſſen ſie nicht werth ſind, und auf den ſie doch ſo gerne ſtolz ſeyn moͤgen, jaͤhrlich 2 fl. ‒, und fuͤr jede gute Eigenſchaft, die ihnen fehlt, und die ſie doch in Anſehung ihrer Ahnen, und ihres Standes vor - zuͤglich haben ſollten, 3 fl. ‒ zahlen; und bevor ſie dieſe Summe erlegt, kein Recht haben, auf Vorzuͤge ſtolz zu ſeyn, welche, als Vorzuͤge des blinden Gluͤcks, auch der unedelſten Seele zufal - len koͤnnen.
Dergleichen Verachtung derer von guten Haͤu - ſern gegen Neugeadelte iſt bey aller dieſer Unbil - ligkeit doch eher zu entſchuldigen, als der unge - ſchickte Spott derer Buͤrger, welche jene fuͤr Ueber - laͤufer anſehen. Je niedriger dieſe zu denken gewohnt ſind, deſto niedertraͤchtiger ſind auch ihre Urtheile uͤber diejenigen, deren verdienſtliche Ei - genſchaften ſo vorzuͤglich belohnt werden. Neid und Eigenliebe ſind die wahren Qvellen, aus de - nen dieſe feindlichen Urtheilſpruͤche fließen. Ein jeder von ihnen glaubt, eben ſo viel Verdienſte zu haben, und der Aufmerkſamkeit des Prinzen eben ſo wohl wuͤrdig zu ſeyn. Da aber der Prinz ſie nicht belohnt, und ihre Verdienſte unbemerkt bleiben: ſo wollen ſie wenigſtens dadurch ſich ſchadlos halten, daß ſie andre zu bereden ſuchen, ihr belohnter Mitbuͤrger ſey der verſtaͤndige, der tapfre, der fleißige Mann gar nicht, fuͤr den ihnT 3der294Antons Panßa von Manchader Prinz halte. Jndem ſie andern dieſes ſo oft vorſagen, ſo fangen ſie unvermerkt an, es ſelbſt zu glauben, und haben gewiſſe ruhige Minuten, in denen ſie froh ſind, daß man ihnen dieſe Wuͤrde nicht angeſonnen, vielmehr ihnen die Freyheit ge - laſſen hat, als gute ehrliche Buͤrger, wie ihr Va - ter und Großvater waren, zu ſterben. Aber dieſe ruhigen Minuten dauern nicht lange. Jhr ein - geſchlaͤferter Hochmuth erwacht von neuem, und ſie ſehen mit neidiſchen Augen neue Fehler an dem Manne, deſſen verliehener Rang ihnen, und noch mehr ihren Weibern ein Graͤuel iſt.
Wenn ein ſolcher Mann jaͤhrlich 10 fl. ‒ abent - richtet, ſo ſoll er die Erlaubniß haben, alles, was ich oben angefuͤhret, im Ernſte zu glauben. Es ſoll ihm vergoͤnnt ſeyn, in ſeiner Tabacksgeſellſchaft ſtolz auf ſeinen Bauch zu ſchlagen, und beym Teu - fel zu ſchwoͤren, daß er es nicht einmal annehmen wuͤrde, wenn man ihn auch aus einem alten Buͤr - ger zum neuen Edelmanne machen wollte. Und giebt er jaͤhrlich noch etwas, als ein freywilliges Geſchenk, in meine Gedankencaſſe; ſo ſoll es ſei - ner Frau erlaubt ſeyn, ſich von ihrem Ladenjun - gen Ew. Gnaden nennen zu laſſen.
Da ich mich hier, wie ich hoffe, ſo billig und unpartheyiſch gezeigt habe; ſo wird man mir ver - zeihen, wenn ich von denenjenigen noch ein Wort ſage, welche bey ihrem angeerbten Vermoͤgen eher nicht ruhig ſeyn koͤnnen, als bis ſie die Vor -zuͤge295Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. zuͤge des Adels an ſich gekauft haben. Weil ſie den gaͤnzlichen Mangel andrer Verdienſte dadurch eingeſtehen, daß ſie dieſe Wuͤrde fuͤr Geld erhan - deln; weil ſie die Thorheit haben, ſich derer zu ſchaͤmen, die ihnen an Geburt gleich ſind, und ſich in die Geſellſchaft dererjenigen einzudraͤngen, die ſich ihrer ſchaͤmen muͤſſen: ſo will ich beiden, ohne Erlegung einiger Taxe, die Erlaubniß zuge - ſtehen, uͤber dieſen ohne alle Verdienſte erlangten, und nur durch baares Geld erhandelten Adel zu ſpotten. Aber dieſer Eitle ſoll jaͤhrlich fuͤr ſich und ſeine Nachkommen 50 fl. ‒ ſteuern. Und hat er ſo gar eine zahlreiche Familie, und dennoch ſo viel Vermoͤgen nicht, daß ein jedes von ſeinen Kindern mit eben der Gemaͤchlichkeit, wie er es vielleicht thut, den noͤthigen Aufwand bey ſeinem neuen Range behaupten kann: ſo ſoll er zu Be - ſtrafung dieſer Liebloſigkeit gegen ſeine unſchuldi - gen Nachkommen, obige Summe doppelt erlegen, und dadurch das Recht erlangen, ſich niemals mit dem traurigen Gedanken zu beunruhigen, daß er durch ſeine eitle Thorheit bemittelte Buͤrgerskin - der zu armen Edelleuten gemacht habe.
Die unerwarteten politiſchen Veraͤnderungen ſind oft fuͤr die groͤßten Staatsmaͤnner ein unauf - loͤsliches Raͤthſel. Man giebt ſie gemeiniglich dem Eigenſinne des Gluͤcks Schuld. Es iſt un - recht. Jch will ſo mitleidig ſeyn, und die Welt aus einem Jrrthume reiſſen, der dem Gluͤcke ſo nachtheilig iſt.
T 4Peter296Antons Panßa von ManchaPeter Hum iſt Schuld daran! Peter Hum? Ja freylich! Dieſer Mann, den die Welt nicht kennt, den ſo gar in der Stadt, worinnen er wohnt, nur wenige kennen; dieſer Mann iſt ſeit Karls des ſechſten Tode an allen Verwirrungen Schuld. Er reſidirt in einem ſehr weitlaͤuftigen, und weichgepolſterten Großvaterſtuhle, in wel - chem ſein politiſcher Bauch, von fruͤh neun Uhr bis Abends um acht Uhr, ausgeſtreckt liegt, und die ganze Welt regiert. Denn das muß man wiſ - ſen, daß dieſer Mann ganz Bauch iſt, nur fuͤr ſeinen Bauch lebt, und mit dem Bauche denkt. Sein Vater, ein geſchickter und vermoͤgender Kaufmann, war uͤber die unempfindliche Traͤg - heit ſeines ſich maͤſtenden Sohnes ſehr bekuͤmmert. Er ſann immer auf Mittel, ihn in Bewegung und Geſchaͤffte zu bringen: Aber alle ſeine guten Ab - ſichten wurden durch die weibiſche Verzaͤrtelung ſei - ner Mutter hintertrieben, welche ihrem einzigen Sohne nichts verſtattete, als zu ſchlafen, und ſich zu fuͤttern. Sie wußte, daß ihr Vermoͤgen hin - reichend genug ſeyn wuͤrde, ihn gemaͤchlich zu naͤhren: Sie konnte es daher nicht uͤber ihr muͤt - terliches Gewiſſen bringen, daß ſie ihm einige Arbeit oder Beſchaͤfftigung haͤtte zulaſſen ſollen, welche ihn an der Verdauung hindern koͤnnen. Jn den wenigen Stunden, wo er nicht ſchlief, und nicht aß, mußte er neben ihr auf dem Cana - pee ſitzen, und ihr politiſche Zeitungen vorleſen, von welchen ſie, in Ermangelung neuer Stadt - zeitungen, eine beſondere Liebhaberinn war. Siefreute297Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. freute ſich uͤber die große Faͤhigkeit ihres lieben Sohnes, welcher ſchon im funfzehenten Jahre vermoͤgend war, ganz deutlich und vernehmlich zu leſen. Sie war gewohnt, alle Staats - und an - dere Neuigkeiten zu beurtheilen, und kraft ihrer Einſicht, die politiſchen Fehler gekroͤnter Haͤupter eben ſo ſcharf zu tadeln, als die wirthſchaftlichen Fehler ihrer Frau Gevatterinn. Dieſe vorwitzi - gen Urtheile gefielen ihrem feiſten Jungen. Er plauderte von den politiſchen Haͤndeln damaliger Zeiten ſo dreiſt, und ſo dumm, wie ſeine werthe - ſte Mama, welche vielmals uͤber ſeinen fruͤhzeiti - gen Verſtand die bitterſten Thraͤnen vergoß, da ſie nicht ohne Grund befuͤrchtete, daß das kluge Kind unmoͤglich lange leben koͤnnte. So war die be - qveme Erziehung, welche ihm die Mutter gab, und uͤber welche ſich der Vater unendlich betruͤbte, ohne daß er im Stande geweſen waͤre, dem Uebel abzuhelfen, weil er nur Vater war, die Mutter aber Europa, und ſein ganzes Haus regierte. End - lich traf er doch die gluͤckliche Stunde, wo er ihr begreiflich machen konnte, daß es der Geſundheit, und dem guten Namen ihres Sohnes ſehr zutraͤg - lich ſeyn wuͤrde, wenn er auf Reiſen gienge. Nach vielen aͤngſtlichen Widerſpruͤchen gab ſie ihre Ein - willigung darein, doch unter der ausdruͤcklichen Bedingung, daß ſeine erſte Reiſe weiter nicht, als nach Holland zu ihren Freunden gehen ſollte; ſo wie ein Vogel mit ſeiner jungen Brut aus dem Neſte zuerſt nur auf die naͤchſten Zweige flattert, wenn er ſie gewoͤhnen will, auszufliegen. Nie -T 5mand298Antons Panßa von Manchamand, als die Mutter, war vermoͤgend, ihren Sohn zu bereden, daß er ſich dieſe Reiſe gefallen ließ. Er wußte wohl, daß er nirgends eine ſo liebe Mama, und nirgends ein ſo weiches Cana - pee finden werde, als in dem vaͤterlichen Hauſe. Endlich aber waͤlzte er ſich doch aus ſeiner Mutter Schooſe, und reiſte von Muͤnſter bis nach Osna - bruͤck, wo er bey ſeinen Freunden etliche Wochen ausruhte. Hier bekam er unvermuthet die Nach - richt, daß ſein Vater an einem Schlagfluſſe ge - ſtorben ſey. Er kroch alſo ohne Verzug in das vaͤterliche Haus zuruͤck, nahm das hinterlaßne Vermoͤgen in Beſitz, ſtreckte ſich ruhig auf ſeinen Sopha, und uͤberſahe von dieſem Poſten, ohne ſich um die Wirthſchaft zu bekuͤmmern, die er, nach dem Tode der Mutter, ſeine ehemalige Am - me beſorgen ließ, alle geheime Bewegungen der Potentaten, und uͤberlegte mit ſeinem Markthel - fer, in wie weit ſie zu billigen waͤren, und dachte auf Vorſchlaͤge, ſie zu hintertreiben, wenn ſie ſei - nen Abſichten gefaͤhrlich zu ſeyn ſchienen. Seit dem Jahre 1740. iſt er in großer Unruhe geweſen. Der Tod des Kaiſers uͤberraſchte ihn zu geſchwind, ehe er ſich in gehoͤriger Poſitur hatte ſetzen koͤnnen. Anfaͤnglich hielt er es mit den Franzoſen: Aber die Sache gieng zu weit, und weil ſein Markthel - fer einen Schwager unter den Huſaren hatte, ſo ſchlug er ſich zum Hauſe Oeſterreich, und gab der Sache bald ein andres Anſehen. Der Aachner Friede iſt gar nicht nach ſeinem Sinne; Er hofft aber auch, ihn noch zu uͤberleben. Perſien hat ernun299Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. nun bald in Ordnung. Anfaͤnglich wollte er, zur Ehre der chriſtlichen Religion, den Prinz Hera - klius auf den Thron bringen: Da er aber von guter Hand erfuhr, daß derſelbe der proteſtanti - ſchen Religion nicht zugethan ſey, ſo ſchickte er ihn wieder nach Hauſe. Der Koͤnig Theodor macht ihm viel Sorge. Er moͤchte ihn, als ſei - nen Landesmann, gern wieder auf den corſiſchen Thron bringen; nur kann er noch kein Mittel aus - finden, die Schulden deſſelben in England zu bezahlen. Er uͤberlegt dieſe Sache mit ſeinem Barbier, den er in wichtigen Faͤllen zu Rathe zieht, wenn er es mit ſeinem Markthelfer nicht allein beſtreiten kann.
Was ſoll ich mit dieſem politiſchen Don Qvi - xote machen? Weil er bey ſeiner Faulheit der Welt gar nichts nuͤtzt: ſo ſoll er doch wenigſtens ſeine Staatsgedanken verzollen.
Fuͤr jeden feindlichen Einfall, den er in frem - de Staaten thut, giebt er ‒ ‒ 5 fl.
Den Aachner Frieden ſoll er nicht wohlfeiler, als fuͤr ‒ ‒ ‒ 20 fl. brechen.
Fuͤr die aſiatiſchen Haͤndel zahlt er in Pauſch und Bogen ‒ ‒ 50 fl.
Erfahre ich, wie ich es vermuthe, daß er mit den ſpaniſchen Kuͤſtenbewahrern unter einer Decke liegt: ſo ſoll er ſich entweder zu den Englaͤndern ſchlagen, oder jaͤhrlich fuͤr ſeine Kaperey 15 fl. erlegen.
So300Antons Panßa von ManchaSo oft er an einem der europaͤiſchen Hoͤfe ei - nen Staatsfehler entdeckt, ſo ſoll er ſchuldig ſeyn, dieſes Vergnuͤgen uͤber ſeine ſchlaue Einſicht mit 20 Stuͤvern zu loͤſen. Jch ſetze mit Fleiß keine große Summe; denn ſonſt wuͤrde ich ihn in kur - zer Zeit an den Bettelſtab bringen, da beynahe kein Poſttag vergeht, wo er nicht einige derglei - chen Fehler entdeckt.
Bringt er die Sache mit dem Koͤnige Theo - dor nicht zu Stande; ſo ſoll er ein vor allemal 10 fl. entrichten, und dafuͤr die Erlaubniß haben, zu glauben, daß er gewiß zu ſeinem Zwecke ge - langt ſeyn wuͤrde, wenn Theodor nicht ſelbſt zu ſchlaͤfrig geweſen waͤre.
Jch will ihm erlauben, daß er ſich zu dieſer Gedankenſteuer von ſeinem Markthelfer, und dem Barbier einen Zuſchuß geben laſſe.
Es iſt mir nahe gegangen, ſo oft ich an die Eiferſucht gedacht habe, welche man an den mei - ſten Orten zwiſchen den Gelehrten und den Kauf - leuten wahrnimmt. Jch ſage gar nichts neues, wenn ich behaupte, daß die Handlung das Leben eines Staats iſt. Sie unterhaͤlt eine Menge von Menſchen in Bewegung, welche den wichtigſten Theil der Unterthanen ausmachen. Hundert aͤmſige Familien haben ihr Brodt durch die Hand eines einzigen Kaufmanns, welcher in ſeiner Schreibeſtube die Correſpondenz fuͤhrt. Dieſes nuͤtzliche Mitglied des gemeinen Weſens ſorgt fuͤrunſre301Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. unſre Beqvemlichkeit, und bringt uns mit den ent - fernteſten Gegenden der Welt in die genaueſte Verbindung, ohne daß wir es merken, und ohne daß wir noͤthig haben, etwas weiter zu thun, als ihm einen geringen Vortheil fuͤr ſeine Muͤhe zu goͤnnen. Wie viel Sachen wuͤrden wir entbeh - ren muͤſſen, welche die Gewohnheit, die Bequem - lichkeit, und, wenn ich es ſagen darf, unſre Wol - luſt unentbehrlich gemacht haben? Ohne die Handlung wuͤrden wir genoͤthigt ſeyn, uns mit der Armuth unſers Vaterlandes kuͤmmerlich zu behelfen, an ſtatt daß wir uns nunmehr den Ue - berfluß der entfernteſten Himmelsgegenden eigen machen. Der Gelehrte ſieht dieſes; er laͤßt ſich den Vortheil gefallen, und verachtet in ſeinem Her - zen den Mann, der ſein Leben und ſeine Beqvem - lichkeit daran wagt, uns ſo viele Beqvemlichkeit des Lebens zu verſchaffen. ‒ ‒ ‒ Aber dieſer Mann weis doch nichts von dem unendlich Theilbaren, nichts von Mitteln und Zwecken, nichts von dem Satze des Widerſpruchs, nichts von der Circu - lirung des Gebluͤts, von ſeinen eignen Muskeln nichts. Er ißt, und weis nicht, wie er verdaut; er trinkt, und weis nicht, wie dieſer Trank ſich in ſo verſchiedne Saͤfte verwandelt. Er wird nach Jtalien reiſen, ohne den Veſuv zu beſehen, und ohne in Rom nach der Gegend zu fragen, in wel - cher das Haus des Cicero geſtanden hat. Er wird ſich die Schaͤtze von Florenz zeigen laſſen; aber nicht den Codex. Er kennt Surinam und die Levante, und weis nicht, wo Troja gelegen hat. Xan -302Antons Panßa von ManchaXanthus iſt ihm ein fremder Name; aber wo die Wolga fließt, das weis er wohl. ‒ ‒ ‒ ‒ Jch gebe das alles zu. Aber ſchadet die Unwiſ - ſenheit dieſes Mannes dem Vaterlande ſo viel, als ſein Fleiß ihm nuͤtzt? Er weis vieles nicht, es iſt wahr; aber er weis Geld zu verdienen: Eine Kunſt, um welcher willen wir Gelehrte Tag und Nacht Qvartanten leſen, und Folianten ſchreiben, und doch oft in einem ganzen Jahre mit unſerm Griechiſchen und Lateine ſo viel nicht verdienen, als der Kaufmann in einem Tage durch Provi - ſion verdient. Da der Kaufmann, und der Ge - lehrte einerley Abſichten, und doch nicht einerley Wege haben, zu dieſer Abſicht zu gelangen: ſo iſt es mir immer unbegreiflich geweſen, wie es kommen muͤſſe, daß ſie ſich unter einander anfein - den; und noch unbegreiflicher iſt es mir, warum der Gelehrte den Kaufmann verachtet, da er ſieht, daß dieſer in Erlangung ſeiner Abſichten viel gluͤcklicher und geſchwinder iſt, und es immer hoͤ - her bringt, als er. Jch wuͤnſchte wohl, daß die Gelehrten hierinnen billiger urtheilen moͤchten. Derjenige, welcher gut rechnet, und der, welcher gut denkt, ſind beide dem Vaterlande unentbehr - lich. Darf ich es wagen, meine Gedanken hievon zu eroͤffnen? Jſt nicht der Hochmuth unſerer Ge - lehrten, und folglich ihre Pedanterey, Schuld an der ſtolzen Miene, die ſie dem Kaufmanne machen?
Jch303Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern.Jch werde dieſen Satz bey meiner Gedanken - ſteuer zum Grunde legen.
Ein Gelehrter, welcher das Recht haben will, zu glauben, daß ſein Handel mit neuen Wahrhei - ten wichtiger, und dem Vaterlande nuͤtzlicher ſey, als der Handel eines Kaufmanns mit Waa - ren aus innlaͤndiſchen Manufacturen, der ſoll ſich dieſes Recht jaͤhrlich mit ‒ ‒ 2 fl. ‒ erkaufen.
Haͤlt ein Mann ſich um deßwillen fuͤr gelehrt, weil er eine weitlaͤuftige Kenntniß von alten Muͤnzen beſitzt, und will er die Freyheit haben, den Kaufmann, weil er alles dieſes nicht weis, als einen Jdioten zu verachten, ob dieſer gleich, zu ſei - nem beſſern Vortheile, den Wechſelcours und die Agiorechnungen gruͤndlicher verſteht: ſo muß er fuͤr dieſe Freyheit geben ‒ ‒ 1 fl. ‒
Will ihm der Philoſoph vorwerfen, daß er nichts verſtehe, da er nichts vom Satze des Wider - ſpruchs, und andern tiefſinnigen Gaukeleyen weis, die mancher Philoſoph ſelbſt nicht verſteht: ſo ſoll er entweder ‒ 3 fl. ‒ ‒ entrichten, oder ſich im Comtoir des Kaufmanns ſeine philoſophiſchen Wahrheiten vom Widerſpruche, vom unendlich Theilbaren, von Mitteln und Zwecken praktiſch lehren laſſen, die der Kaufmann immer am beſten verſteht, und am nuͤtzlichſten ausuͤbt, ohne zu wiſ - ſen, daß ſie dergleichen zaubermaͤßige Namen haben.
Der304Antons Panßa von ManchaDer Kaufmann weis vielleicht nicht, wie ſein Magen die Auſtern verdaut, und in was fuͤr Saͤfte ſich der ungariſche Wein zertheilt, den er trinkt: Aber ich glaube, er wird lieber in dieſer Unwiſſenheit bleiben, als an der ſparſamen Tafel ſeines Arztes eine Gelehrſamkeit erlangen wollen, welche ſo nahrhaft bey weitem nicht iſt, als ſeine bisherige Ungelehrſamkeit, bey der es ihm wohl - geſchmeckt hat. Jch will hier zween Vorſchlaͤge thun: Entweder der Gelehrte ſoll an dem lecker - haften Ueberfluſſe der Tafel ſeines Kaufmanns Antheil nehmen, und, ſo oft er vom Tiſche aufſteht, bekennen, daß dieſer Ungelehrte gruͤndlicher ſpeiſt, wenn auch er gruͤndlicher denkt; oder wofern, wie ich faſt glaube, dieſes ſeinem gelehrten Ehrgeize zu empfindlich waͤre, ſo ſoll er jaͤhrlich zu meiner Caſſe entrichten ‒ ‒ 4 fl. ‒, und ſodann befugt ſeyn, zu glauben, daß es weit anſtaͤndiger ſey, zu hungern, und doch zu wiſſen, wie man verdaut, als bey dem Ueberfluſſe der Mahlzeit aufgeraͤumt, und fett zu werden, ohne zu wiſſen, wie beides zugehe.
Jch bin uͤberzeugt, daß mir dieſe Stelle von den Verdienſten der Kaufleute bey vielen Gelehr - ten eine verdrießliche Miene, und in vielen Schrei - beſtuben einen lauten Beyfall zuwege bringen wird. Jch will hoffen, daß ich dieſen durch das, was ich itzo ſagen will, nicht wieder verlieren werde.
So305Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern.So unertraͤglich mir der Stolz einiger Gelehr - ten iſt, welche den Handelsmann unendlich tief unter ſich zu ſeyn glauben: ſo unertraͤglich, und noch weit abgeſchmackter iſt der poͤbelhafte Hoch - muth einiger Kaufleute, welche die weſentlichen Vorzuͤge eines Menſchen vor andern Geſchoͤpfen nur in der Geſchicklichkeit ſuchen, Reichthuͤmer zu ſammeln; welche diejenigen ihrer Achtung nicht wuͤrdig ſchaͤtzen, deren Beruf es iſt, mehr fuͤr die Ausbildung der Seele, als fuͤr die Fuͤllung des Beutels zu ſorgen; mit einem Worte, welche alle Gelehrte anders nicht anſehen, als ihren Jnfor - mator. Dieſe wuchernden Creaturen, welche nicht weiter denken, als ſie rechnen koͤnnen, ſollten uͤber - legen, daß ſie nicht einmal rechnen koͤnnten, wenn nicht der Gelehrte dieſe Kunſt zu der gegenwaͤrti - gen Vollkommenheit gebracht haͤtte. Ohne die Entdeckung der Gelehrten, wuͤrden die Kaufleute Batavia und Braſilien nicht zu finden wiſſen; und bey allen Reichthuͤmern, die der Kaufmann gerechter, oder auch ungerechter Weiſe zuſammen geſcharret hat, kann er nicht gluͤcklich ſeyn, wenn er nicht denkt, wie der Philoſoph.
Jch will verſuchen, ob ich dieſen Unbilligkei - ten durch meine Gedankenſteuer Einhalt thun kann. Vielleicht erhalte ich hier meinen End - zweck eher, als bey den Gelehrten, da die Ge - lehrten immer hartnaͤckiger ſind, und lieber den letzten Groſchen hingeben, als geſtehen, daß ſie Unrecht haben; viele Kaufleute aber alles einraͤu -Umen,306Antons Panßa von Manchamen, was man von ihnen verlangt, wenn man nur kein Geld verlangt.
Ein Kaufmann, welcher glauben will, das edelſte Geſchoͤpf unter der Sonne ſey dasjenige, welches weder ißt, noch trinkt, noch ſchlaͤft, von wahrer Liebe, von wahrer Freundſchaft, von Ge - ſelligkeit nichts weis, außer der Rechenkunſt alle Kuͤnſte verachtet, aber welches an ſtatt deſſen Reichthuͤmer ſammelt; ein Kaufmann, der die - ſes glauben will, der ſoll alle Jahre zehen pro Cent von demjenigen abgeben, was er durch Bevorthei - lung, und dergleichen ungerechte Wege erbeutet. Das wird meiner Caſſe erſtaunende Summen ein - bringen. Denn ein Kaufmann, der im Stande iſt, ſo niedertraͤchtig zu denken, dem iſt auch kein Mittel zu niedertraͤchtig, um reich zu werden. Jch kenne zwey gute Haͤuſer, eines in Maynz, das andre in Straßburg, von denen ich durch dieſen Satz jaͤhrlich, wenigſtens drey tauſend Gulden zu heben hoffe.
Ein Kaufmann, welcher von allen ſchoͤnen Wiſſenſchaften ein ſo unwiſſender Feind iſt, daß er die Koſten ſcheut, ſeinem einzigen Sohne eine anſtaͤndige Erziehung zu geben, und ihn noch et - was mehr lehren zu laſſen, als was zum Buch - halten gehoͤrt, der ſoll jaͤhrlich geben 100 fl. ‒ Es iſt eine große Summe, ich laͤugne es nicht: Aber er iſt auch ein großer Narr, da er ſeinem Sohne auf dieſe Art alle Mittel benimmt, das bereits erworbne Vermoͤgen vernuͤnftig zu ge -nießen,307Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. nießen, und da er ihn verdammt, in ſeinem gan - zen Leben weiter nichts zu thun, als Geld zu ſam - meln, und es auch nicht zu nutzen.
Glaubt ein Kaufmann, ſeine todten Reich - thuͤmer, die er vor ſich ſelbſt ſorgfaͤltig verſchließt, waͤren vermoͤgend genug, ihm die Hochachtung der Vernuͤnftigen, die zaͤrtliche Liebe ſeiner Kin - der, und die ſegnenden Wuͤnſche der Armen zu - wege zu bringen: ſo ſoll er ſich mit der Vorſtellung eines ſolchen Gluͤckes, das nur vernuͤnftigen Rei - chen gehoͤrt, nicht laͤnger ſchmeicheln, oder, wenn er es doch thun will, jaͤhrlich 200 fl. beyſteuern; und alsdenn ſoll kein Menſch befugt ſeyn, ihm zu ent - decken, daß er ſeinen vernuͤnftigen Mitbuͤrgern laͤ - cherlich und veraͤchtlich iſt, daß ſeine Kinder mit ungeduldiger Sehnſucht auf ſeinen Tod warten, daß die Armen, die er Noth leiden laͤßt, und de - nen er wohl nicht einmal das Schuldige bezahlt, ihn in ihrem bekuͤmmerten Herzen, und oͤffentlich verfluchen, und daß alle Patrioten dem Vater - lande zum Beſten wuͤnſchen, daß er ſich noch heuer uͤber ſeiner Caſſe aufhaͤngen moͤge.
Dieſes waͤre alſo ein kurzer Entwurf von dem, was ich zur Abſtellung der Eiferſucht zwiſchen den Gelehrten und den Kaufleuten bey meiner Gedan - kenſteuer anzuordnen gedenke. Jch will dadurch entweder der Verachtung, und den unbilligen Vorurtheilen beider Theile gegen einander, vorbeu - gen; oder, wenn dieſes ja nicht moͤglich ſeynU 2wollte,308Antons Panßa von Manchawollte, ſo hoffe ich doch wenigſtens dadurch fuͤr das Vaterland einigen Nutzen von ihrer unverbeſ - ſerlichen Thorheit zu ziehen.
Von dieſer Claſſe allein werde ich in Deutſch - land und in den Niederlanden jaͤhrlich ſo anſehnli - che Summen heben, daß ich einen großen Theil meiner wohlthaͤtigen Ausgaben damit zu beſtrei - ten, und, nach dem Plane, den ich im Eingange dieſes Projects geaͤußert, wenigſtens ein paar tau - ſend ſchwaͤrmende Freygeiſter, und noch etliche verhungerte Goldmacher zu fuͤttern im Stande bin.
Aus England verſpreche ich mir wenig Vor - theil, wenn auch ſchon dieſer Artikel daſelbſt ange - nommen werden ſollte. Denn bey den Englaͤn - dern iſt der Kaufmann ehrgeizig genug, ſich den Namen eines Gelehrten zu verdienen, und der Gelehrte niemals beredter und witziger, als wenn er auf die Vorzuͤge, und nuͤtzlichen Verdienſte der Kaufleute zu reden koͤmmt.
Auch in Frankfurt, und in Hannover hat man dieſe engliſche Art zu denken, in etlichen Haͤuſern, zugleich mit dem Roaſtbeef angenommen.
Auf meiner letzten Reiſe nach Leipzig habe ich das unerwartete Vergnuͤgen gehabt, viele Fa - milien kennen zu lernen, wo ſchon die Vaͤter ſo billig gedacht hatten. Ja, es behauptete ſo gar in oͤffentlicher Geſellſchaft ein alter bemittelter Banqvier: Der Kaufmann belohne ſich ſelbſtdurch309Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. durch ſeinen eignen Fleiß: Aber Gelehrte muͤſſe man durch Hochachtung und Belohnung auf - muntern, da ſie gemeiniglich erſt von der Nachwelt belohnet wuͤrden. Ein Kaufmann, der dieſe Pflicht verſaͤume, ſey des Vermoͤ - gens unwuͤrdig, das ſein Fleiß erworben habe. Jch freute mich uͤber dieſe großmuͤthigen Gedan - ken, und war dafuͤr ſo erkenntlich, daß ich dieſem rechtſchaffenen Patrioten die Warnung ins Ohr ſagte: Er moͤchte es ja nicht wagen, eine ſolche Meynung in ‒ ‒ ‒ zu aͤußern, weil er dadurch auf dem ganzen Platze ſeinen Credit verlieren wuͤrde.
Jch werde mich bey dieſem Artikel von den Gelehrten noch etwas laͤnger aufhalten. Die Materie iſt unerſchoͤpflich.
Wenn es in andern Kreiſen ſo iſt, wie bey uns: ſo wimmelt Deutſchland von laͤcherlichen Geſchoͤpfen, welche ſich unter einander Gelehrte nennen, und doch auf dieſen ſo anſehnlichen Titel gar keinen Anſpruch weiter haben, als dieſen, daß ſie keine Handwerksleute ſind. Bisher hat man immer geglaubt, daß dieſe Leute dem Lande, wo nicht zur Laſt, doch wenigſtens unnuͤtze waͤren. Jch aber bin dieſer Meynung niemals geweſen; denn ich habe nachgerechnet, daß allein in ‒ ‒ ‒ die Acciſe jaͤhrlich neunhundert bis tauſend Gul - den, nur von Papier, Federn, und Dintenpul - ver gewinnt, welche daſelbſt conſumiret werden.
U 3Deſto -310Antons Panßa von ManchaDeſtomehr freue ich mich, da ich eine Gele - genheit habe, dieſen ſogenannten Gelehrten ein Mittel an die Hand zu geben, wodurch ſie ſich von allem Vorwurfe befreyen, und der Welt zeigen koͤnnen, wie nuͤtzlich ſie einem Lande ſind. We - nigſtens zur Contribution ſind ſie vortrefflich zu ge - brauchen: Ein Beweis, daß in der Welt nichts ſo ſchlecht und geringe ſey, es ſey wenigſtens zu etwas gut!
Jch will ihrentwegen einen Vorſchlag thun, und ich muͤßte mich ſehr irren, wenn ſie nicht alle mit dem offnen Beutel in der Hand gelaufen kom - men ſollten, um ihre Schatzung zu entrichten.
Von den Gelehrten, die ſich Dichter, die aber Vernuͤnftige nur Schmierer, und, wenn ſie recht glimpflich urtheilen, Gratulanten nennen, will ich anfangen, da ſie ſelbſt gemeiniglich von ſich und ihren Schriften zuerſt anfangen. Denn nach derjenigen Rangordnung, welche dieſe Herren auf dem Parnaſſe eingefuͤhrt haben, kommen ſie un - mittelbar nach den Halbgoͤttern. Ja, man hat die Anmerkung gemacht: Je ſchlechter ein Poet iſt, deſto hoͤher iſt auch der Rang, deſſen er ſich uͤber andre anmaßt. Um mich bey dieſen verewi - genden Reimern einzuſchmeicheln, ſollen ſie unter meinen Gelehrten die erſten ſeyn, die ich in das Schatzungsregiſter bringe.
Diejenigen Dichter, welchen die Kritik dieſen Titel zugeſteht, mag ich nicht einmal ſchaͤtzen; eswuͤrde311Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. wuͤrde ſich die Muͤhe nicht verlohnen. Legte ich auch einen jeden mit zwanzig Gulden an, ſo wuͤr - den doch kaum zweyhundert Gulden heraus kom - men. Was will das ſagen? Und auch dieſe We - nige wuͤrden zu furchtſam ſeyn, es zu geſtehen, daß ſie wirklich gute Poeten ſind. Denn das iſt im - mer der Fehler von guten Dichtern, daß ſie es am wenigſten glauben, und bey dem verdienten Lobe, das ihnen andre geben, noch immer ſchuͤchtern bleiben, und es eher fuͤr eine Schmeicheley, als fuͤr ein verdientes Lob halten. Dieſe Wenigen moͤ - gen frey bleiben, da ich ſie ohnedem nach meinem erſten Entwurfe nicht fuͤglich zu meiner Gedan - kenſteuer ziehen kann, als welche den Contribuen - ten ein Recht geben ſoll, ſich das zu duͤnken, was ſie nicht ſind, und da Dichter von dieſer Gattung immer, wie geſagt, weniger von ſich denken, als ſie zu denken wohl befugt waͤren.
Es giebt noch tauſend andre, welche dieſen Mangel reichlich erſetzen, und welche von ſich ſelbſt ſo viel unverdiente gute Einbildung haben, daß ſie die Erlaubniß dazu nicht theuer genug loͤſen koͤnnen.
Keiner von ihnen ſoll kuͤnftig das Recht ha - ben, ſich des Titels eines unſterblichen Dichters anzumaßen, wenn er nicht ſeinen Lorber mit 5 Gul - den loͤſt.
Die Anzahl dieſer Dichter hat ſich im vorigen Jahre in Ober - und Niederſachſen, auf ſechs tau - ſend fuͤnf hundert und ſechs und achzig Stuͤck be -U 4laufen,312Antons Panßa von Manchalaufen, worunter diejenigen nicht einmal gerechnet ſind, welche dann und wann noch ein leidliches Gedicht machen. Dieſes traͤgt richtig gerechnet, in einem Jahre ‒ ‒ 32930 fl.
Wer dieſe 5 fl. erlegt hat, und bey den Kunſt - richtern gehoͤrige Qvittung vorzeigt, dem ſoll nie - mand den Titel eines goͤttlichen Poeten abſpre - chen, bey Strafe von 20 Goldguͤlden Rheiniſch.
Wer von ihnen die Gewalt haben will, andre mit Vorleſung ſeiner Gedichte zu qvaͤlen; der muß dieſe Gewalt mit Geld erkaufen. Es iſt billig, daß die Angſt, welche einzelne Perſonen dabey ausſtehen, dem ganzen Lande zu gute kom - me. Umſonſt wenigſtens koͤnnen ſie nicht verlan - gen, daß man ihnen zuhoͤre. Fuͤr das erſte Vor - leſen zahlen ſie 2 Stuͤver; fuͤr das zweyte, 4 Stuͤ - ver; und fuͤr die dritte Wiederholung, 8 Stuͤver. Oefter duͤrfen ſie es nicht thun. Die Zuhoͤrer wuͤr - den es in die Laͤnge nicht ausſtehen koͤnnen; und es iſt doch gleichwohl billig, daß man bey einer oͤf - fentlichen Anlage mit darauf ſehe, daß wegen des gemeinen Beſten einzelne Unterthanen nicht ganz ruiniret werden. Weil nun vermoͤge der Erfah - rung alle ſchlechte Poeten ihre Schriften wenigſtens dreymal vorleſen: ſo betraͤgt dieſe Anlage 14 Stuͤver.
Und da nach dem ordentlichen Laufe der Na - tur, ein jeder ſchlechter Poet das Jahr uͤber, zum wenigſten dreyhundert und fuͤnf und ſechzig elendeGedichte313Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. Gedichte verfertigt, ſo koͤmmt eine anſehnliche Summe heraus.
Alte Poeten, die uͤber ſechzig Jahre ſind, zah - len dieſe Taxe doppelt; denn unter allen ſind ſie am unertraͤglichſten.
Wer 30 Stuͤver zahlt, ſoll befugt ſeyn, die Leute auf der Gaſſe anzufallen, und ihnen vor - zuleſen.
Alle Poeten behalten die natuͤrliche Freyheit, ihre Arbeiten, wenn ſie ganz allein ſind, laut zu leſen, ſo oft ſie wollen. Sie duͤrfen auch daruͤber lachen, ohne einen Deut Contribution zu ent - richten. Doch iſt wohl zu merken: Wenn ſie dieſes thun, ſo muͤſſen ihre Stuben abgelegen, und die Vorhaͤnge feſt zugezogen ſeyn, damit nie - mand von der Nachbarſchaft dadurch geaͤrgert werde.
Die Dichter, welche mit dem Weihrauche unter dem Volke herumgehen, und ihren Segen Bekannten und Unbekannten ertheilen, werden es nicht unbillig finden, daß ſie auch einen Beytrag geben. Sie wuͤnſchen den Leuten beſtaͤndig Gu - tes; nun moͤgen ſie ihnen auch einmal Gutes thun. Jch will nicht ſo lieblos ſeyn, wie die Kunſtrichter, welche dieſe gratulirenden Jnſecten lieber gar vom Parnaſſe vertilgen moͤchten, und ſie mit ihren ſchoͤnen Spielwerken und bunten Rari - taͤten, nicht einmal in den ſtillen Moraͤſten des Parnaſſes ruhig qvaken laſſen. Deſto billiger will ich ſeyn, da ich uͤberzeugt bin, daß die Natur nicht einmal den verachtetſten Wurm umſonſtU 5ſchafft,314Antons Panßa von Manchaſchafft, geſchweige einen Gratulanten. Wie ge - ſagt, ich will es billig mit ihnen machen; und ich erwarte auf meinen Geburtstag, welcher der drey - zehnte October ſeyn wird, die gereimte Dankſa - gung dafuͤr.
Hier iſt meine Taxe. Und wenn ich ſelbſt ein Gratulant waͤre, ſo koͤnnte ich die Preiſe nicht leidlicher ſetzen.
Ein Maͤcenat; Wer dieſen in ſeinen Ver - ſen braucht, giebt ‒ ‒ 1 Stuͤver.
Geprieſner Maͤcenat, 2 Stuͤver.
Saiten, Leyer, Rohr, fuͤr jedes 1 Deut.
Ein Haberrohr, eben ſo viel.
Beſchwoͤrung der Alten, ‒ 1 Schilling:
Und wer den Achill bannt, zahlt 2 Schillinge.
Ein Gott durch die Bank, ‒ 1 Stuͤver: Aber Apoll geht umſonſt mit darein.
Fama, nachdem ſie ſtark, oder ſchwach blaͤſt, ‒ ‒ ‒ ½ Stuͤver, oder auch ‒ ‒ 1 Stuͤver.
Blitz, Hagel, Donner, oder andere Meteo - ren werden geſchaͤtzt auf ‒ 1 Deut.
Jſt die Doſis gar zu ſtark, ſo zahlt der Dich - ter ‒ ‒ ‒ 4 Deute:
Der Zeiten Zahn zu wetzen, 1 Deute.
Liebesgoͤtter und Grazien werden in dem Preiſe bezahlt, wie die Goͤtter uͤberhaupt.
Wenn315Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern.Wenn die Grazien wiegen muͤſſen, koſtet es ‒ ‒ ‒ 1 Fettmaͤnnchen.
Flohr, Boy, Cypreſſen, wenn ſie zu der Leiche eines Handwerksmanns gebraucht werden, koſten ‒ ‒ ‒ 1 Stuͤver.
Sind ſie aber fuͤr eine Standesperſon, nur ‒ ‒ ‒ ½ Stuͤver.
Ein Wortſpiel auf den Namen desjenigen, den der Gratulant beſingt, koſtet billig ‒ 1 Schill. und es iſt nicht zu viel; denn in der That iſt das Wortſpiel gemeiniglich das Hauptwerk vom Ge - dichte.
Nach dieſen Preiſen werden die uͤbrigen Ta - xen gar leicht feſt zu ſtellen ſeyn.
Nun mache man einmal den Ueberſchlag auf folgende Art. Unter 6586. elenden Dichtern ſind wenigſtens 4000. Gratulanten. Jn einem Jahre haben die Maͤcenaten in Ober - und Niederſach - ſen, ich will nur wenig ſagen,
3000. außerordentliche Begebenheiten, die nothwendig beſungen werden muͤſſen. Jn einem jeden Liede, welches der Nachwelt angeſtimmt wird, kommen wenigſtens 30. Stuͤcke vor, die tax -maͤßig316Antons Panßa von Manchamaͤßig ſind. Dieſes betraͤgt nach einem Ueber - ſchlage, den ich ſehr ſorgfaͤltig gemacht habe, ‒ ‒ 105426 fl. 1½ Stuͤver. ſaluo errore calculi. Man kann mir nachrech - nen, ſo wird man finden, daß die Summe rich - tig iſt. Unter dieſe Gedichte muß der Gedan - kencontributionseinnehmer pflichtmaͤßig atteſtiren, daß die Taxe ohne Reſte, in guten gangbaren Muͤnzſorten, erlegt ſey: Und alsdenn hat der Ver - faſſer die Erlaubniß, ſich mit der Unſterblichkeit zu ſchmeicheln; kein Menſch ſoll ſich unterſtehen, ihn einen elenden Reimer zu nennen, und niemand von der Geſellſchaft ſoll, bey ſchwerer Poͤn, und bey Strafe, das ganze Gedicht ſiebenmal durchzu - leſen, befugt ſeyn, in das geiſtvolle Carmen eher, als nach voͤllig aufgehobener Tafel, Confect zu wickeln.
Da die arkadiſchen Dichter ſich nur mit Klee und Milch behelfen: ſo wird ihnen das Geld oh - nedem nichts nuͤtze ſeyn, und deſto eher koͤnnen ſie einen Beytrag geben. Zu Vermeidung aller Streitigkeiten, will ich auch den vornehmſten Haus - rath eines Schaͤferdichters taxiren.
Wer in eine Buche den Namen ſchneidet, giebt, nach dem Holzmandate, ein altes Schock; thut nach unſrer Muͤnze ‒ ‒ 6½ Schilling.
Eine317Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern.Wer ſich dieſen leidlichen Taxen unterwirft, dem gebe ich die Erlaubniß, zu glauben, daß ſein Schaͤfergedicht witzig, artig, und ſchalkhaft ſey. Er ſoll niemals an den Virgil und Fontenelle ge - denken, ohne mit der beruhigenden Zufriedenheit eines elenden Poeten uͤber die unendlichen Vor - zuͤge, die er vor jenen hat, beyfaͤllig zu laͤcheln. Mit einem Worte: kraft dieſer erlegten Gedan - kenſteuer ſoll er der goͤttlichſte Dichter in Ober - und Niederſachſen ſeyn, da er außerdem freylich der unſinnigſte Narr in ganz Arkadien ſeyn wuͤrde.
Da318Antons Panßa von ManchaDa gegenwaͤrtige Abhandlung nur eine vor - laͤufige Probe von dem Tarife ſeyn ſoll, welchen ich kuͤnftig wegen dieſer Gedankenſteuer bekannt machen will, wofern mein Vorſchlag den gehofften Beyfall finden ſollte: ſo werde ich fuͤr itzo nicht noͤthig haben, die uͤbrigen Arten der Gedichte auf eben dieſe Weiſe zu taxiren. Jm Vorbeygehen will ich nur erinnern, daß in einem Trauerſpiele
koſten ſolle. Und wer ein gar zu elendes Trauer - ſpiel verfertigt, wenn es auch ſchon nach allen Regeln des Ariſtoteles elend waͤre, der ſoll es entwe - der in ſeinem eignen Kamine verbrennen; oder, wenn er doch ſo hartnaͤckig iſt, es oͤffentlich auf - fuͤhren zu laſſen, ſo ſoll er dem Publico pro re - dimenda vexa ‒ ‒ ‒ 5 fl. ‒ erlegen, die ich zu meiner Gedankenſteuer nehmen, und ſodann auf meine Koſten die oͤffentliche Kritik veranlaſ - ſen will: Daß wir nunmehr in unſerm Va - terlande endlich einmal auch ein Original ha - ben, welches wir unſern ſtolzen Nachbarn ent - gegen ſetzen koͤnnen.
Bey den Luſtſpielen werde ich mich ſchon et - was laͤnger aufhalten muͤſſen. Da der Verfaſſer,und319Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. und die Komoͤdianten mit den artigen Unflaͤte - reyen den meiſten Beyfall, und das meiſte Geld verdienen; ſo werde ich wohl auf dieſe die ſtaͤrk - ſte Taxe legen. Jch werde aber einen ſehr ſorg - faͤltigen Unterſchied zwiſchen den witzigen Zoten des Dichters, zwiſchen dem zweydeutigen Schwun - ge, den die Mienen, die Ausſprache, und beſon - ders die Stellung des Frauenzimmers, welches die Rolle hat, einem oft gleichguͤltigen Ausdrucke ge - ben, und endlich zwiſchen den unflaͤtigen Ausle - gungen machen, welche der Parterrepoͤbel, (denn auch in Deutſchland giebt es auf dem Parterre viel witzigen und angeſehnen Poͤbel,) bey einer Stelle macht, die weder der Dichter unvorſichtig gedacht, noch der Komoͤdiant leichtſinnig vorge - ſtellt hat.
Wegen unſrer hoͤhern Gedichte bin ich bey mir ſelbſt noch ſehr unſchluͤßig. Jch weis in der That noch nicht, wodurch ich am meiſten verdienen wer - de: Ob durch das hoch am Olympe dahin er - toͤnende Bruͤllen der Donner einiger ungluͤck - lichen Nachahmer des Hexameters; oder durch die glaͤnzende Sonne und liebliche Wonne un - ſrer kriechenden Reimer. Jch will die Sache uͤberlegen.
Weil meine patriotiſche Vorſorge ſich auf alle Arten des Witzes erſtreckt: ſo kann man wohl glauben, daß ich auch fuͤr diejenigen ſorge, welche in den uͤbrigen Arten der Gedichte unſterblichwer -320Antons Panßa von Manchawerden wollen, ob man gleich einem ehrlichen Man - ne, nicht einmal ihre Proſa zu leſen anſinnen darf. Jch gebe ihnen mein Wort: Sie ſollen in Geſellſchaften alle Vorzuͤge eines wahren Dich - ters haben; aber freylich fuͤr baares Geld, denn ohne dieſes koͤnnen ſie unmoͤglich verlangen, er - traͤglich zu ſeyn.
Noch ein paar Worte will ich von den andern Arten des Scribenten ſagen, welchen ich durch meine Taxen das Recht gebe, ſich unter die Ge - lehrten zu mengen, ob ihnen gleich die Welt, die Kunſtrichter, und vielmals ihr eignes Gewiſſen ſagen, daß ſie in dieſe ehrwuͤrdige Zunft nicht gehoͤren.
Jch habe an verſchiednen meiner Landsleute*)Daran duͤrfen wir unſre Leſer nicht mehr erinnern, in welchem Lande Herr Anton Panßa dieſes ſchreibt. wahrgenommen, daß ihr Witz und ihr Verſtand mit den reifenden Jahren auf eben die Art ab - nimmt, wie er in andern Gegenden Deutſchlands, und, wie ich vermuthe, in der ganzen Welt zunimmt. Wo das herkommen mag, weis ich nicht; daß es aber in der That ſo iſt, lehrt mich die Erfahrung alle Meſſen. Jch habe weiſe Knaben kennen ler - nen, welche in ihrem ſechzehnten Jahre, durch ver - ſchiedne Blaͤtter in moraliſchem Formate, ſtrenge und einſehende Sittenrichter der Welt waren; und im dreyßigſten Jahre waren ſie kaum noch geſchickt, einen Winkelſchulmeiſter abzugeben. Andere321Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. Andere verfochten ſchon im funfzehenten Jahre das Anſehen, und die Wahrheiten ihrer Kirche mit einer heiligen Wut, die man kaum von ihren Vaͤtern, ſo gern auch dieſe verkaͤtzerten, er - wartete; und zum großen Ungluͤck unſrer Kirche waren ſie in ihrem vierzigſten Jahre ſo unwiſſend, daß man ihnen kaum mit gutem Gewiſſen eine Heerde Bauern anvertrauen konnte. Jch habe einen Vetter gehabt, der in ſeinen erſten Univerſi - taͤtsjahren neue Lesarten in den Pandekten er - fand, und dem Juſtinianus Schnitzer wies: Aber was nahm es fuͤr ein Ende? Sein Verſtand hatte ſich uͤbertrieben, wie eine fruͤhzeitige Frucht, welche welkt, wenn ſie reifen ſoll. Je aͤlter er ward, je weniger verſtand er; und itzo iſt er in ſeinem funf - zigſten Jahre Pedell in Duisburg. Mit der Poeſie iſt es eben ſo. Unſre witzigen Kinder fan - gen mit Heldengedichten an, und hoͤren mit Sinn - gedichten auf.
Jch habe keine Hoffnung, dieſe jungen Greiſe zu beſſern, wenn ich ihnen gleich aus unwider - ſprechlichen Gruͤnden darthun wollte, daß ſie ge - wiß laͤnger verſtaͤndig ſeyn wuͤrden, wenn ſie etwas ſpaͤter anfiengen, witzig zu ſeyn, und daß die Be - hutſamkeit, ſich in der erſten Jugend nicht allzu geſchwind zu verewigen, das ſicherſte Mittel eines Schriftſtellers ſey, ſich nicht zu uͤberleben. Alles dieſes wuͤrde ich ihnen ſagen, und wuͤrde es ihnen beweiſen; aber die guten Kinder ſind gar zu ſcharf -Xſinnig,322Antons Panßa von Manchaſinnig, als daß ſie es einſehen, und gar zu gelehrt, als daß ſie es verſtehen ſollten. Sie moͤchten weinen, wenn ich ihnen ihre Puppe naͤhme. Jch will ſie ihnen alſo laſſen, und ich will ihnen ſo gar die Freyheit laſſen, zu glauben, daß ſie erfahrne, beleſne, ſcharfſinnige, geiſtvolle, ‒ ‒ ‒ was weis ich alles, was ſie ſeyn wollen? mit einem Worte: ſie ſollen die Erlaubniß haben, zu glauben, daß ſie in der That das ſind, was ſie gewiß nicht ſind. Aber, meine Kinder, umſonſt kann ich ihnen eine ſolche Thorheit nicht verſtatten. Sie muͤſſen mir fuͤr dieſe Erlaubniß etwas zu meiner Gedanken - ſteuer beytragen. Viel will ich von ihnen nicht nehmen, weil ſie groͤßtentheils noch unmuͤndig, und außer dem, was ihnen ihr mildthaͤtiger Verle - ger großmuͤthig zuwirft, noch nicht Herren uͤber ihr Vermoͤgen ſind: Aber gar umſonſt koͤnnen ſie es auch gewiß nicht verlangen. Und wenn ihnen auch die Taxe ein wenig zu hoch vorkaͤme; ſo duͤr - fen ſie ja nur bedenken, daß dergleichen Abgaben nicht lange, und nicht viel laͤnger, als zehn Jahre dauren. Denn, wer in ſeinem zwanzigſten Jahre ein unſterblicher Autor in Qvart iſt, der iſt gemei - niglich im dreyßigſten Jahre Corrector in einer Druckerey, und alſo von dieſer Auflage befreyt.
So ſoll, zum Exempel, ein moraliſcher Knabe, welcher nur vor ein paar Jahren noch am Kinder - zaume lief, und itzo ſchon die Welt lehrt, wie ſie auf dem Wege der Tugend wandeln ſolle, fuͤrdas323Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. das Vergnuͤgen, ein lehrreicher Scribent zu heißen, in meine Caſſe geben ‒ ‒ ½ fl. ‒ ‒.
Jſt er in ſeinen Schriften ſatiriſch, und macht die Welt laͤcherlich, ſo giebt er doppelt ſo viel.
Dieſe beiden Saͤtze verſtehen ſich nur von dem Falle, wenn unſer Autor noch ſo billig iſt, und es bey Verſuchen, und Gluͤckwuͤnſchungsſchrei - ben auf den Geburtstag ſeines Herrn Vaters, oder auf den Namenstag ſeines Onkels, oder auf eine andre dergleichen Familienfeyer bewenden laͤßt. Jn dieſen Faͤllen erlaube ich ihm, fuͤr die - ſen Preis, ſich einer Arbeit, und des damit ver - knuͤpften Titels anzumaßen, der ſonſt nur Maͤn - nern gehoͤrt, welche ſchon ſeit vielen Jahren ge - wohnt ſind, zu denken, welche die große Welt, und alſo mehr Leute kennen, als ihre Muͤtter, und ihre lieben Ammen. Wagt ſich aber unſer ſchreiben - der Knabe weiter, und ſucht ſeine Stadt mit mo - raliſchen Wochenblaͤttern heim, ſo muß er woͤchent - lich geben 4 Schill. Dieſe giebt er ſo lange, bis er ſich barbieren laͤßt. Damit aber auch hiebey kein Unterſchleif vorgehe, und er nicht etwan, wie verſchiedne Autores thun, ſich nur pro Forma barbieren laſſe: ſo ſoll die erſte Verwuͤſtung ſei - nes Barts, in Gegenwart eines Notarien ge - ſchehen. Bezeugt dieſer ihm die erfoderliche Reife: ſo giebt er nur monatlich 4 Schillinge. Jch wollte es gern auf eine jaͤhrliche AblieferungX 2ſetzen:324Antons Panßa von Manchaſetzen: Jch darf es aber um deßwillen nicht wa - gen, weil die Kraͤfte eines ſo zarten Moraliſten es ſelten ein Jahr lang aushalten; und gleichwohl mache ich mir ein Gewiſſen, dieſe Taxe, wie ich ſonſt in Anſehung der Hinfaͤlligkeit ihres Verſtan - des und Witzes wohl thun koͤnnte, zu erhoͤhen, da vielleicht dieſe guten Kinder, ohne es oͤffentlich zu geſtehen, die billige Abſicht haben, nach dem bekannten Spruͤchworte, etwas zu lernen, da ſie andre lehren.
Mit den unbaͤrtigen Zeloten werde ich gelin - der verfahren muͤſſen. Es iſt gefaͤhrlich, ſie in ihrem heiligen Koller aufzuhalten; ſie kratzen, und ſprudeln lauter Kaͤtzer um ſich. Aber ich habe noch mehrere Urſachen, als dieſe, ſie zu verſchonen. Vielleicht hat es kuͤnftigen Zeiten fuͤr ihre Kirche einen guten Nutzen: So wie ich immer gern ſehe, wenn unſre Jungen auf der Gaſſe als Soldaten ſpielen, weil ich mir Hoffnung mache, daß mit der Zeit aus dieſen Buben ſtreitbare Maͤnner wer - den koͤnnen. Hiezu koͤmmt noch dieſes, daß ge - meiniglich ihre eignen Verwandten an den Ver - kaͤtzerungen dieſer Unmuͤndigen Urſache ſind. Sie fuͤhren gar oft ihre eignen Kriege durch die Feder dieſer jungen Helden. Sie freuen ſich, daß ihre Sache ſo gerecht iſt, daß ſie auch der Mund der Kinder und Saͤuglinge vertheidigen kann. Jn dergleichen Faͤllen alſo will ich ſie fuͤr ihre Per - ſon, mit einem Beytrage zu meiner Gedanken -ſteuer325Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. ſteuer verſchonen: Aber ihre Aeltern, oder ihre Verwandten, oder auch ihre Lehrer, welche den Unverſtand dieſer guten Kinder misbrauchen, ſollen fuͤr ſie bezahlen. Jnzwiſchen iſt es doch noͤthig, zu ſorgen, daß dieſe orthodoxen Buben nicht gar zu ungezogen werden, und wie es immer geſchieht, den Wohlſtand nicht gar zu ſehr belei - digen. Wagen ſie ſich zum Exempel an einen Mann, deſſen Gelehrſamkeit, und wahre Ver - dienſte um alle Arten der Wiſſenſchaften die un - partheyiſche Welt erkennt, deſſen Stand und ehr - wuͤrdiges Alter die Hochachtung aller Vernuͤnf - tigen verdient, und welcher weiter keinen Fehler hat, als dieſen, daß er nicht eben das glaubt, was unſer Knabe und ſeine Mutter glauben; wagt er ſich an dieſen Mann, und beobachtet nicht alle Beſcheidenheit, die geſittete Maͤnner auch alsdann einander ſchuldig ſind, wenn ſie ſchon nicht einerley Meynung haben; redet er die Sprache des Poͤbels, wenn er die Sprache des Glaubens zu reden vermeynt: So ſoll ihn ſein Praͤceptor ſtaͤupen, und fuͤr ieden ungeſitteten Ausdruck einen Streich geben. Und dafuͤr er - laube ich ihm das Vergnuͤgen, ſich einzubilden, daß er nicht wegen ſeines Muthwillens, ſondern als ein junger Maͤrtyrer gepeitſchet werde.
Dieſe zwo Proben werden genug ſeyn, mei - nen Leſern einen Begriff von dem Plane zu ma - chen, nach welchem ich junge Scribenten zu mei -X 3ner326Antons Panßa von Manchaner Gedanſteuer ziehen will. Man wird daraus wahrnehmen koͤnnen, daß ich diejenigen Schrift - ſteller und Gelehrte gewiß nicht vergeſſen werde, welche ihre Jahre vernuͤnftig gemacht haben ſoll - ten, und welche dem ohnerachtet ſich von ihrer Groͤße, von ihrer Gelehrſamkeit, von ihren Ver - dienſten um die Welt, und endlich von ihrer Un - ſterblichkeit ganz falſche, oder doch allzu ſchmeichel - hafte Begriffe machen. Jch habe ſchon oben Ge - legenheit gehabt, einige Proben davon zu geben. Damit ich dieſen Entwurf in ein noch deutlicheres Licht ſetze, ſo will ich ihn mit einigen Zuͤgen ver - mehren.
Kommen ſie naͤher, meine Herren! Kriechen ſie einmal aus ihren gelehrten Loͤchern hervor! Sie ſollen die Muſterung paſſiren.
War fuͤr ein ungeheurer Schwarm von ge - lehrtem Poͤbel laͤuft hier zuſammen! Was fuͤr finſtre und unbekannte Geſichter erblicke ich!
Aber ſie, mein Herr, mit der ſtolzen Autor - miene, ſie kenne ich gar wohl. Dieſe hochmuͤthige Zuͤge habe ich vor dem großen Qvartanten geſe - hen, in welchem ſie die Menſchen alle Pflichten lehren wollen, die ein geſittetes und tugendhaftes Leben erfodert. Jhr ſtolzes Laͤcheln verraͤth die Zufriedenheit, die ſie empfinden, indem ſie ſehen, wie genau ich von ihrem Buche unterrichtet bin. Aber, huͤten ſie ſich wohl, daß ſie nicht gar zu zeitigſtolz327Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. ſtolz werden. Jch habe ihren Qvartanten gele - ſen: aber zugleich habe ich auch die zehen Qvar - tanten geleſen, aus welchen ſie den ihrigen zuſam - men gepluͤndert haben. Dieſen Raub muͤſſen ſie buͤßen. Wenn die gelehrte Welt das Recht nicht haben ſoll, ſie wegen ihres Diebſtahls vor das kritiſche Gerichte zu ziehen: ſo geben ſie mir jaͤhr - lich fuͤr dieſen ſaluum conductum ‒ 10 fl. Warum ſchuͤtteln ſie mit dem Kopfe? Jſt es zu viel? ‒ ‒ ‒ ‒ Sie haben Recht: Aber ſie geben dieſes auch nur ſo lange, bis ihre gelehrte Schrift Maculatur wird, und ich hoffe, ſie werden dieſe Steuer kaum ein Jahr lang entrichten.
Aber, warum verkriecht ſich ihr College hinter ſie? Scheut er ſich vor meiner Taxe, oder vor ſei - nem Gewiſſen? Nur heran, mein Freund! Warum verbergen ſie mir ein Geſicht, das ſich an dem La - den ihres Verlegers der Straße oͤffentlich zeigt? Jch kenne dieſe tartuͤffiſchen Zuͤge noch wohl. Eben dieſe iſt die heuchleriſche, und traurige Miene, die der Autor hat, welcher uns die Verderbniß des menſchlichen Herzens, die verborgenſten Urſachen dieſer Verderbniß, ihre ungluͤcklichen Folgen, ſo wohl fuͤr den ganzen Staat, als fuͤr eine jede Fa - milie insbeſondre, die wahren Mittel, wie man die - ſer allgemeinen Verderbniß ſteuern, und ſich ſelbſt vorſichtig darwider verwahren ſoll; mit einem Worte, der uns den Reiz der Tugend, und das Verabſcheuungswuͤrdige aller laſterhaften Aus -X 4ſchwei -328Antons Panßa von Manchaſchweifungen auf eine ſo gruͤndliche, und ſo ange - nehme Art gezeigt hat, daß dieſe Schrift einen allgemeinen Beyfall, und die groͤßte Hochachtung verdient, ſo bald man vergeſſen haben wird, daß der Urheber derſelben ſie ſind. ‒ ‒ ‒ ‒ Faſſen ſie ſich! Jhre drohende Blicke ſchrecken mich gar nicht. Niedertraͤchtiger! der ſie die Verderbniß des Menſchlichen Herzens ſo genau kennen, und doch vor ſich ſelbſt die Augen zudruͤcken! Der ſtrenge Sittenrichter erlaubt ſich die poͤbelhafteſten Aus - ſchweifungen. Er ſchleicht ſich von der Seite einer liebenswuͤrdigen Frau hinweg, um ſich in die Arme einer unzuͤchtigen Perſon zu werfen, die er mit der ganzen Stadt gemein hat. Es kom - men noch immer Augenblicke, wo ihm ſein eignes Gewiſſen nagende Vorwuͤrfe macht: Er kann ſich gegen die Vorwuͤrfe nicht verantworten; er iſt aber auch zu verhaͤrtet, als daß er ſich dieſelben zu Nutze machen ſollte. Um deßwillen unterdruͤckt er dergleichen beunruhigende Empfindungen durch den Wein. Es vergeht faſt kein Tag, wo man nicht dieſen ſtrengen Richter des menſchlichen Her - zens trunken nach Hauſe ſchleppt. Seine Kinder ſehen dieſes. Die Toͤchter weinen in dem Schooſe der untroͤſtlichen Mutter: Aber ſein Sohn er - wartet ſchon mit Ungeduld die Jahre, und die Gelegenheit, wo es ihm erlaubt ſeyn wird, ſich auch zu berauſchen. Eine ſolche Unordnung muß allerdings die voͤllige Zerruͤttung ſeiner Wirthſchaft nach ſich ziehen. Er ſinnt alſoauf329Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. auf Mittel, den außerordentlichen Aufwand be - ſtreiten zu koͤnnen. Er borgt, und hat ſchon ſo viel geborgt, daß ihm niemand mehr leihen will. Der ungluͤckliche Muͤndel, den man ſeiner Vor - ſorge anvertraute, hat ſeine Ausſchweifungen noch einige Jahre lang unterhalten koͤnnen. Nun iſt dieſe Quelle auch erſchoͤpfet, und die Zeit koͤmmt, da er Rechnung ablegen ſoll. Er zittert, wenn er an dieſen ſchrecklichen Augenblick gedenkt: Aber durch die freundſchaftliche Beyhuͤlfe eines eben ſo großen Betruͤgers, als er iſt, hat er ſich mit untergeſchobnen Qvittungen verſehn, und ſich gefaßt gemacht, einen Eid zu ſchwoͤren. Jch zweifle, daß die Rache des Himmels ihn dieſe Zeit wird erleben laſſen. Seine taͤglichen Aus - ſchweifungen, und ein Gewiſſen, welches ſich nicht ganz uͤbertaͤuben laͤßt, verzehren die uͤbrigen Kraͤfte ſeines Koͤrpers. Seine ungluͤckliche Wittwe wird er in der aͤußerſten Armuth verlaſſen. Sein Sohn wird, durch das Beyſpiel des Va - ters geſtaͤrkt, ein wuͤrdiger Sohn ſeines Vaters, und, wie er, ein elender Boͤſewicht ſeyn. Die betrognen Glaͤubiger werden ſein Andenken ver - fluchen; und wie viel Unſchuldige werden nach ſeinem Tode noch hungern muͤſſen, denen er ihr Vermoͤgen geraubt hat! ‒ ‒ ‒ Und ſie, mein Herr, der ſie dieſer Boͤſewicht ſind, ſie ſchaͤmen ſich nicht, uns ein ſo vortreffliches Buch von der Verderbniß des menſchlichen Herzens zu ſchrei - ben, in welchem eine jede Zeile fuͤr ſie einX 5ſchreck -330Antons Panßa von Manchaſchreckliches Urtheil iſt? Jch mache mir ein Be - denken, ſie zu meiner Gedankenſteuer zu ziehen. Die ganze Geſellſchaft der andern Contribuenten wuͤrde ſich ihrer ſchaͤmen muͤſſen: Denn dieſe Steuer iſt nur fuͤr laͤcherliche Thoren entworfen, und nicht fuͤr Boͤſewichter, welche die Hand des Richters zuͤchtigen muß. Und dieſer will ich ſie, Nichtswuͤrdiger! uͤberlaſſen.
Wer iſt der Unbeſcheidne, der mich ſo gewalt - ſam bey der Bruſt anfaßt? Bin ich an einem oͤffentlichen Orte, und in Gegenwart ſo vieler Perſonen nicht ſicher? Hier iſt meine Uhr, und meine Boͤrſe; mehr habe ich nicht bey mir. ‒ ‒ Sie wollen beydes nicht? Alſo ſind ſie kein Stra - ſenraͤuber? Aber warum packen ſie mich ſo moͤrde - riſch an? ‒ ‒ ‒ ‒ O das haͤtte ich nimmermehr erra - then! Alſo ſind ſie ein Advocat, der dieſen ungluͤck - lichen Moraliſten, wider den Richter, und wider mich beyſtehen will? Aber warum wollen ſie mich Jnjuriarum belangen? Jch habe ja nichts geſagt, als was ſie ſelbſt geſtehen muͤſſen. Womit koͤn - nen ſie es verantworten, daß ſie dieſem Manne die falſchen Qvittungen gefertigt, und ihn aufge - muntert haben, einen ungerechten Eid zu ſchwoͤ - ren? ‒ ‒ ‒ ‒ Jn ihre Jnauguraldiſputation haͤt - ten ſie dieſes mit einfließen laſſen? Und man hat ihnen den Doctorhut aufgeſetzt, an ſtatt daß man ſie an den Pranger haͤtte ſchließen ſollen? Ueberhaupt iſt mir es ganz unbegreiflich, wasſie331Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. ſie hier unter den Gelehrten wollen, und warum ſie hervor kommen, da ich die Gelehrten auffodre? ‒ ‒ Halten ſie dieſes etwan fuͤr eine neue Beleidi - gung? Es iſt nur fuͤr ſie eine neue Wahrheit. ‒ ‒ Beruhigen ſie ſich: Jch will ein Mittel vorſchla - gen, wie wir uns verſoͤhnen koͤnnen; aber ver - ſprechen ſie mir auch, daß ſie mich los laſſen, und keine Klage wider mich anſtellen wollen. Wiſſen ſie was: Fuͤr einen ehrlichen Mann kann ich ſie unmoͤglich halten, und daran kann ihnen auch wenig liegen, da ſie ſo wenig Muͤhe anwenden, als ein ehrlicher Mann vor der Welt zu erſchei - nen: Aber fuͤr einen gelehrten Mann will ich ſie halten, und auch andere ſollen ſie dafuͤr halten, wenn ſie die Gebuͤhr erlegen. Gelehrte Spra - chen verſtehn ſie zwar nicht; aber deſto beſſer die Sprache der Rabuliſterey, welche die Gelehrten auch nicht verſtehn. Vernuͤnftige Buͤcher haben ſie zwar niemals geleſen; aber dieſes hindert ſie nicht, zum Beweiſe einer einzigen Unwahrheit, hundert große Rechtsgelehrte anzufuͤhren, deren Namen ſie kaum zu ſchreiben wiſſen. Dieſe gelehrte Pralerey haben ſie mit vielen großen Maͤnnern gemein. Was ihnen an Kenntniß der Buͤcher abgeht, das erſetzt ihre Kenntniß von al - ten und neuen Manuſcripten, da ſie die Geſchick - lichkeit haben, alte Documente nachzumachen, und falſche Qvittungen unterzuſchieben. Jn der Beredſamkeit haben ſie ihre Staͤrke. Jwar denken ſie nicht; aher deſto gruͤndlicher ſchreyenſie:332Antons Panßa von Manchaſie: Und kommen ſie einmal zur Feder, ſo ſchmie - ren ſie, trotz unſern arbeitſamen Schriftſtellern, und werden auch ſo wenig, als ſie geleſen. Es iſt wahr, ſie ſind in ihren Ausdruͤcken beleidigend, grob, und poͤbelmaͤßig; aber man thut unrecht, wenn man ihnen einen Vorwurf uͤber eine Sache machen will, welche die Gewohnheit, und ihr Nutzen rechtfertigt. Schimpften ſie in altem und gutem Lateine, ſo wuͤrden ſie die Sprache unſrer beleſenſten Kritiker reden: Aber, da ſie nur deutſch ſchimpfen, ſo ſagt man, ſie redeten die Sprache des Poͤbels. Neue Wahrheiten erfin - den ſie freylich nicht; aber dafuͤr ſind ſie auch im Stande, zu machen, daß man die alten Wahr - heiten gar verliert. Die Arithmetik iſt der Grund aller mathematiſchen Wiſſenſchaften; und mich duͤnkt, ihre Liquidationes ſind Zeugen, daß ſie vortrefflich rechnen koͤnnen. Mit einem Wor - te: Wenn ſie mich aus ihren juriſtiſchen Klauen laſſen, und einen jaͤhrlichen Beytrag zu meiner Gedankenſteuer erlegen wollen; ſo ſollen ſie, un - geachtet ihrer Unwiſſenheit, und ihrer Niedertraͤch - tigkeit, dennoch das Recht haben, zu glauben, daß ſie ein großer Rechtsgelehrter ſind. Aber, das wiederhole ich noch einmal: Fuͤr einen ehrli - chen Mann kann ich ſie unmoͤglich halten. ‒ ‒ ‒ ‒ Wie? Und damit ſind ſie noch nicht zufrie - den? ‒ ‒ ‒ Gut! ſo muß ich mir einen Mann ſuchen, der meine Sache vertheidigt.
O,333Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern.O, mein Herr! ſie kommen mir gewuͤnſcht. Das Amt, bey welchem ſie als oͤffentlicher Lehrer beider Rechte beſoldet werden, verbindet ſie, ſich meiner vor dem Richter anzunehmen, und mich wider dieſen Zungendreſcher zu vertheidigen. Legen ſie dieſes Buch nur auf einen Augenblick aus ihren Haͤnden, und hoͤren ſie mein Anliegen. Dieſer ungerechte Mann, welcher, wie ſie ſelbſt ſehen, mich bey der Gurgel feſt haͤlt ‒ ‒ ‒ Jch verſtehe ſie nicht. Was wollen ſie mit ihrer formula actio - nis ſagen? Dieſer Mann hat mich hier an einem oͤffentlichen Orte gewaltſam angefallen; ich will beweiſen, daß er mich nicht haͤtte anfallen ſollen: Jſt das nicht deutlich genug? ‒ ‒ ‒ ‒ Sie laͤcheln, ſie ſehen mich und meinen Gegner mit Verach - tung an, und verlaſſen mich? Nur auf ein Wort! Verziehn ſie noch einen Augenblick: Jch weis nunmehr, wer ſie ſind. Ein Boͤſewicht ſind ſie nicht, wie mein Gegner; aber eben ſo ein großer Thor. Der Misbrauch unſrer Rechtsgelehr - ſamkeit hat ihnen einen Ekel davor beygebracht; allein eben dadurch ſind ſie auf die Unbilligkeit ver - fallen, alles dasjenige zu verachten, was prakti - ſche Rechtsgelehrſamkeit heißt. Jhre angewohnte Gemaͤchlichkeit, nichts zu thun, als an ihrem Pulte ruhig zu leſen, hat ihnen dieſen Einfall angenehm gemacht. Der Hochmuth, und zwar ein pedantiſcher Hochmuth, hat ſie in dem Vor - haben beſtaͤrkt, den betretnen Weg dererjenigen zu verlaſſen, die Advocaten heißen, und einenWeg334Antons Panßa von ManchaWeg zu waͤhlen, der einſam iſt, auf welchem ſie aber auch deſto beſſer bemerkt werden. Sie ver - achten alle diejenigen, welche dieſen Weg nicht gehen, und ſind mit ſich ſelbſt ſehr zufrieden, daß ſie alles dasjenige nicht wiſſen, was ein Rechtsge - lehrter unſrer Zeit wiſſen muß: Aber dafuͤr wiſſen ſie von den Alterthuͤmern der roͤmiſchen Rechte die kleinſten Umſtaͤnde, die man bey unſern Zeiten gar fuͤglich nicht wiſſen kann. Es iſt ein Ungluͤck, daß ſie keinen Unterſchied zwiſchen einem Zungen - dreſcher, und einem vernuͤnftigen Rechtsgelehrten zu machen wiſſen. Dieſer wuͤrden ſie ſeyn koͤn - nen, ohne in den erſten Fehler zu fallen. Ein ganzes Land braucht kaum zween Gelehrte von ihrer Art: Aber niemals kann man zu viel ge - ſchickte, und ungewiſſenhafte Rechtsgelehrte haben. Daß ſie in ihrer Art gelehrt, und, wenn ich ſo ſagen darf, ſehr gut ſind, eine Univerſitaͤt aufzu - putzen, das will ich ihnen noch wohl einraͤumen: Aber, daß ſie ein Recht zu haben glauben, andre neben ſich zu verachten; daß ſie glauben, ſie waͤren dem Vaterlande nuͤtzlicher, als ein Rechtsgelehr - ter, der ſich ſeiner Clienten vor Gerichte anzuneh - men weis, welches ſie, mein Herr, bey allen ihren Alterthuͤmern nicht verſtehen, wie ich leider er - fahren muß; daß ſie ſich ſchmeicheln, von der ſpaͤteſten Nachwelt mit Bewunderung geleſen zu werden, wenn ſie uͤber die wahre Lesart eines alten vergeßnen Geſetzes kritiſche Anmerkungen ſchreiben, die nicht einmal itzt iemand leſen mag;wenn335Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. wenn ſie alles dieſes glauben, mein Herr, ſo ſind ſie ein Thor. Und wenn ſie das Recht haben wol - len, noch ferner ſo ein eingebildeter Thor zu ſeyn, ſo muͤſſen ſie mir in meine Gedankencaſſe jaͤhrlich 10 fl. ſteuern. ‒ ‒ ‒ ‒ Nur fort, halten ſie ſich nicht auf! Jch brauche ſie weiter nicht.
Soluentur riſu tabulae, tu miſſus abibis.
Und doch gefaͤllt ihnen dieſer Vers? ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ Nein, ich mag weiter nichts von ihnen hoͤren. Vermuthlich wollen ſie mir bey dieſer Stelle ihre tiefe Kenntniß der Alterthuͤmer ſehen laſſen. Jch mag nicht ein Wort weiter von ihnen wiſſen. Jch brauche itzo keinen Kritiker; einen geſchickten Ad - vocaten brauche ich, der ſich meiner wider die Ge - waltthaͤtigkeiten dieſes Mannes annimmt. Wo werde ich einen finden!
Aber hier koͤmmt ein Richter, und, wie ich ge - wiß glaube, ein billiger Richter. Gut! Der wird mich ſchuͤtzen. Dieſer große anſehnliche Mann mit der ernſthaften Miene, der ehrwuͤrdigen Unter - kehle, und dem Domherrnbauche iſt vermuthlich der Richter, den ich wuͤnſche. Ja, mein Herr, ich kenne ſie, da ſie mir naͤher kommen. Erbarmen ſie ſich eines Ungluͤckſeligen! Sie ſind ein Zeuge, wie gewaltſam mich dieſer Verraͤther haͤlt. Die oͤffentliche Sicherheit verlangt meine Rache. Jhre Unpartheylichkeit ‒ ‒ ‒ ‒ Warum bleiben ſie nicht hier? Warum wollen ſie weiter gehen? Ein Vaterder336Antons Panßa von Manchader Wittwen und Waiſen ‒ ‒ ‒ Aber, mein Gott, warum eilen ſie ſo misvergnuͤgt von mir? Den Ruhm, den ſie als ein Beſchuͤtzer der unterdruͤckten Unſchuld, als ein Vertheidiger der Verlaßnen, als ein Chriſt ‒ ‒ ‒ Gerechter Himmel! Jſt denn gar kein Mittel, ſie nur einen Augenblick aufzuhalten? Nehmen ſie dieſe Boͤrſe von mir, mein Herr, und erwarten ſie von meiner ſchuldigen Erkenntlichkeit noch ein weit mehrers. ‒ ‒ ‒ Wie gefaͤllig ſind ſie, mein Herr! Nunmehr ſetzen ſie ſich gar zu uns nieder, und noch vor einem Augenblicke hatten ſie ſo viel Zeit nicht, mich nur im Vorbeygehen an - zuhoͤren. Dieſer Mann hat mich, unter dem Vor - wande, einen Betruͤger zu vertheidigen, hier auf oͤffentlicher Straße angefallen. ‒ ‒ ‒ Jch werde gewiß erkenntlich ſeyn. ‒ ‒ ‒ Er faßte mich mit der moͤrderiſchen Grauſamkeit eines Straßenraͤu - bers bey der Bruſt an. ‒ ‒ ‒ Wie gefaͤllt ihnen meine Uhr? Jch warte ihnen damit auf. ‒ ‒ ‒ Alle glimpfliche Vorſtellungen, die ich ihm that, waren vergebens. ‒ ‒ ‒ Unter uns; eine Gar - nitur Spitzen vor die Frau Liebſte. ‒ ‒ ‒ Jch fuͤhrte dieſem Verraͤther zu Gemuͤthe ‒ ‒ ‒ Ereifern ſie ſich nicht, mein Herr, ſie erzuͤrnen ſich zu heftig! So laſſen ſie den Elenden wirklich ins Gefaͤngniß fuͤhren, ohne ihn zu hoͤren? Wie gerecht ſind ſie! Und wie uͤberzeugend muß mein Vortrag geweſen ſeyn, da ſie meinen Gegner verdammen, ohne ihm Zeit zu laſſen, ſich zu ver - antworten! Jch will gewiß halten, was ich ver -ſprochen337Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. ſprochen habe; ja ich will noch mehr thun. Ohne einen Kreuzer zu meiner Gedankenſteuer geben zu duͤrfen, ſollen ſie, ein ganzes Jahr uͤber, das Recht haben zu glauben, daß ſie wirklich ein Mann von Einſicht, ein unpar - theyiſcher Richter, ein Vertheidiger der Verlaß - nen, ein Retter der unterdruͤckten Unſchuld ſind. Dieſe Zeit uͤber ſoll es keinem Menſchen erlaubt ſeyn, ihnen die verdrießlichen Wahrheiten zu ſagen, daß ſie ein ungeſchickter, ein unwiſſender Mann ſind; daß ſie auf die gerechte Sache der Nothleidenden eher nicht Acht haben, als bis ihr niedertraͤchtiger Geiz durch Geſchenke aufgemuntert wird; daß ſie ihre große Uner - fahrenheit unter einer viel bedeutenden Miene zu verſtecken, und ihre natuͤrliche Dummheit durch ein vornehmes Stillſchweigen zu verber - gen wiſſen; daß ſie kaum Thuͤrſteher ſeyn wuͤr - den, wenn ſie nicht die Untreue ihrer gefaͤlligen Frau aus dem Poͤbel, fuͤr den ſie geboren wa - ren, hervorgezogen, und auf den Richterſtuhl gepflanzt haͤtte. Nicht einen einzigen von die - ſen Vorwuͤrfen ſoll man ihnen, binnen dieſem Jahre machen. Ja, damit ſie ſehen ſollen, wie wichtig der Dienſt iſt, den ſie mir itzo geleiſtet haben, ſo ſollen ſie auf ihre ganze Le - benszeit das Recht haben, alle Zueignungsſchrif - ten ihrer demuͤthighoffenden Clienten fuͤr Wahr - heiten anzunehmen. Jch erlaube ihnen, bey Leſung dieſer Zueignungsſchriften zu glauben, daß ſie ein gelehrter Mann, daß ſie der MundYder338Antons Panßa von Manchader Weisheit ſind, und daß Ulpianus kaum ver - diente, der Famulus von Jhro Hochweisheiten zu ſeyn.
Dem Himmel ſey Dank, aus dieſer Noth waͤre ich! Wie habe ich mich geaͤngſtiget! Jch bin außer mir. Kaum bin ich noch im Stan - de, mich auf den Fuͤßen zu erhalten.
Wer ſind ſie, mein Herr? Was wollen ſie mit meiner Hand machen? Jſt das ein neuer Angriff?
O nun merke ich es wohl an ihrer horchenden Miene; mein Puls iſt es, den ſie ſuchen. Gut, Herr Arzt, ſie kommen mir gleich zu rechter Zeit. Hier haben ſie meine Hand. Fuͤhlen ſie einmal, recht aufmerkſam fuͤhlen ſie; koͤnnen ſie wohl aus dem Schlage des Pulſes errathen, uͤber wen ich mich am meiſten ereifert habe; ob uͤber den Moraliſten, oder die Advocaten, oder den Richter? ‒ ‒ ‒ ‒ Und dieſe Frage nehmen ſie ſo unguͤtig auf? Der Vorwurf, den ſie mir machen, iſt ungerecht. Jch bin nichts weniger, als ein Veraͤchter der Arzneykunſt; Jch kenne ihren Werth gar wohl. Aber eben ſo wohl kenne ich auch den Unwerth der Pfuſcher, welche nichts verſtehen; welche, wie ſie, um den Puls fingern, eine Menge unnuͤtzer Arzeneyen zum Beſten der Apotheker, ohne Verſtand verſchreiben, und, wenn endlich der Patient daran erſtickt iſt, die Belohnung fuͤr den kunſtmaͤßigen Mord von denErben339Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. Erben fodern wollen. Jch ſage eben nicht, daß ich ſie, mein Herr, fuͤr einen ſolchen Marktſchrey - er halte; aber das werden ſie mir doch erlauben, zu ſagen, daß ſie die Miene eines ſolchen Char - latans eher haben, als die Miene eines erfahr - nen Leibarztes. ‒ ‒ ‒ ‒ Jm Ernſte? und ſie ſind wirklich ein Leibarzt? und durch den Ruhm ihrer Schriften ſind ſie das geworden? Wer haͤtte ſich dieſes ſollen traͤumen laſſen! Aber, mein Herr, unter uns geſprochen: Ma - chen ſie ſich denn gar kein Gewiſſen, ein Leib - arzt zu ſeyn, und ſich einen Gelehrten zu nen - nen? Jch habe nur einige Augenblicke mit ih - nen geſprochen, und doch habe ich auch in die - ſen wenigen Minuten Gelegenheit genug ge - habt, mich zu uͤberzeugen, daß ſie beides nicht ſind. Geſtehn ſie mir es aufrichtig: Wir ſind hier ganz allein, und es hoͤrt uns keine Seele! ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ Nun das war in der That aufrich - tig! Alſo iſt es nur die Thorheit der Kranken, und die Unwiſſenheit ihrer Leſer, welche ſie zum Boerhave macht? Jch will ihre Treuherzigkeit nicht misbrauchen; die Welt mag auf ihre eigne Gefahr glauben, was ſie will. Und, mein Herr, wenn ſie mich nicht toͤdten wollen, ſo will ich ihnen einen wichtigen Dienſt leiſten. Sie ſollen das Recht erlangen, ſelbſt im Ernſte zu glauben, daß ſie wirklich geſchickt und gelehrt ſind, und kein Menſch ſoll das Recht haben, ſie in dieſer Einbildung zu ſtoͤren, wofern ſie einen Beytrag zu meiner Gedankenſteuer geben. Er -Y 2legen340Antons Panßa von Manchalegen ſie fuͤr jeden Kranken, den ſie Kraft ihrer Kunſt erwuͤrgen; 1 fl. Und fuͤr jeden Para - graph ihrer Schriften, den man nicht leſen mag, 1 Stuͤver: ſo ertheile ich ihnen Macht und Gewalt, ohne Widerſpruch ein beruͤhmter Arzt, und ein gelehrter Scribent zu heißen. Leben ſie wohl!
Er geht fort. Dieſer war doch ein beſcheid - ner Arzt, der ſeine Schwaͤche erkannte. Ob es wohl noch viele ſo beſcheidne Aerzte im weſt - phaͤliſchen Kreiſe geben mag? Das wird ge - wiß einen anſehnlichen Beytrag ausmachen, wenn er mir fuͤr jede Leiche 1 fl. giebt. Und wenn ich auch ein Jahr uͤber, nur hundert ſolche Maͤrtyrer ſeiner Kunſt ‒ ‒ ‒
Wer lacht hinter mir? ‒ ‒ ‒ Spotten ſie uͤber mich, mein Herr, oder was iſt ihnen ſonſt an meiner Berechnung laͤcherlich? Mich duͤnkt, es iſt ſo gar beſcheiden nicht, einem Fremden, den man nicht kennt, ins Geſicht zu lachen ‒ ‒ ‒ ‒ Alſo lachen ſie nicht uͤber mich, ſondern uͤber dieſen Arzt? und woher kennen ſie ihn? ‒ ‒ ‒ ‒ Der Ungluͤckliche! Wie ſehr dauert er mich nunmehr! Und bey allen dieſen bittern Boshei - ten glauben ſie doch, mein Herr, noch ein Recht zu haben, ſich einen Satirenſchreiber zu nennen? Haͤtten ſie ihm das Leben genommen; ſo wuͤr - den ſie barmherziger geweſen ſeyn, als da ſie ihn um ſeinen guten Namen, und zugleich, da er durch ſie einmal laͤcherlich geworden, um weitreBefoͤr -341Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. Befoͤrderung, und den groͤßten Theil ſeines Gluͤcks gebracht haben. Er iſt vielleicht ſo gar gelehrt nicht, ich habe es auch vermuthen koͤn - nen: Aber er hat auch, nach ſeinem eignen Ge - ſtaͤndniſſe, nicht in Willens gehabt, eine Haupt - rolle in der gelehrten Welt zu ſpielen. Jch will es ihnen glauben, daß ſeine Schriften feh - lerhaft, und ſehr elend geweſen ſind: Aber er kann ungelehrt und elend ſchreiben, und dennoch in ſei - ner Art ein ehrlicher und ein nuͤtzlicher Mann ſeyn. Da er weiter nichts verlangte, als an dem kleinen Hofe bekannt zu ſeyn, wo er ſein Gluͤck ſuchte; was war ihre Abſicht, als ſie ihn vor der ganzen gelehrten Welt durch ihren ungluͤcklichen Witz laͤcherlich machten? Wollen ſie ſo aufrichtig ſeyn, zu geſtehen, daß ſie ihn nur um deßwillen niedergetreten haben, weil ſie befuͤrchteten, er moͤchte durch ſeine Befoͤrderung ihr Gluͤck oder das Gluͤck ihrer Freunde hindern? Wollten ſie etwan zeigen, wie gelehrt ſie ſelbſt waͤ - ren, da ſie die Unwiſſenheit dieſes Mannes laͤcher - lich machten? Wie unruͤhmlich iſt ihr Sieg uͤber einen ſolchen Jgnoranten? ‒ ‒ ‒ Alſo war keine von dieſen die Urſache ihres feindſeligen An - griffs? Deſto ſtrafbarer ſind ſie, da ſie mit kal - tem Gebluͤte einen Mann ſo lieblos wuͤrgen konn - ten, der ihnen gleichguͤltig ſeyn mußte. ‒ ‒ ‒ Aber warum ruhten ſie wenigſtens nicht nun - mehr, da ſie ſahen, daß er dem ungeachtet auf gewiſſe Maaße ſein Gluͤck gemacht hatte? Jſt es nicht wahr, nun arbeitete ihr Hochmuth anY 3ſeinem342Antons Panßa von Manchaſeinem Untergange? Jhre Abſicht war geweſen, dieſen Mann ſo veraͤchtlich zu machen, daß ein jeder ſich des Umgangs mit ihm ſchaͤmen ſollte; und doch gab ihm der Fuͤrſt ein kleines Amt, und einen Rang. Das war ihrem Ehrgeize empfindlich. Die Welt wuͤrde an der Staͤrke ihres Witzes gezweifelt haben; dieſer wuͤrde der Welt nicht laͤnger ſo fuͤrchterlich geweſen ſeyn. Es war alſo noͤthig, noch einen Angriff zu wa - gen. Sie verdoppelten ihren Witz und ihre Bos - heit. Und konnte denn dieſes nicht anders ge - ſchehen, als wenn ſie die Welt an den Stand und an die Thorheiten ſeines verſtorbenen Va - ters erinnerten? Die Fehler des Vaters ſollten alſo noch den unſchuldigen Sohn niederdruͤcken? Jhre Wut ‒ ‒ ‒ ‒ fallen ſie mir nicht in die Re - de! ihre Wut gieng ſo weit, daß ſie ihm auch ſeine zufriedne Ehe vergaͤllten. Was waren ih - re grauſamen Abſichten, da ſie die Auffuͤhrung ſeiner Frau der Stadt zum Geſpoͤtte machten? Vielleicht war ſie mehr unvorſichtig, als ſtraf - bar; vielleicht erdichtete ihr tuͤckiſcher Witz Laſter, wo er nur Fehler fand. Aber dieſe Ungluͤckſelige war die Frau ihres Feindes; eines Feindes, der ſie niemals beleidigt hatte. Sie ſtoͤrten ihn alſo in dem Vergnuͤgen ſeines Ehe - ſtandes. Er mußte ſich einer Frau ſchaͤmen, die er geliebt hatte, von der er keine Untreue vermuthen konnte, die vielleicht die redlichſte Frau geweſen war: Aber dennoch mußte er ſich ihrer ſchaͤmen, weil ihn die ganze Stadtwegen343Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. wegen ſeiner Frau verſpottete. Ueberlegen ſie nun einmal, mein Herr, was waren die ſchreck - lichen Folgen ihres unmenſchlichen Witzes? Sie ſcheinen noch daruͤber zu frohlocken, da ſie unverſchaͤmt genug ſind, mir alles mit einer ſo heitern, und zufriednen Miene zu erzaͤhlen. Sie haben gemacht, daß dieſer Mann mit dem erſten Schritte, den er in die Welt that, um ſein Gluͤck zu machen, unſrer gelehrten Welt veraͤchtlich wurde. Sie haben ihn an dem Fortgange ſeines Gluͤcks gehindert. Er wuͤrde bey ſeinem Fleiße vielleicht ein geſchickter Arzt geworden ſeyn: Aber man trug Bedenken, ſich einem Manne anzuvertrauen, deſſen Name ſchon laͤcherlich war. Gleichwohl noͤthigten ihn ſeine Umſtaͤnde, von dieſer Profeſſion zu leben: Er ward alſo ein Qvackſalber, durch deſſen Haͤnde ſo viele Unſchuldige ihr Leben verlieren. Faͤllt es ihnen niemals ein, daß ſie durch ihren wuͤ - tenden Witz die erſte Urſache aller dieſer Mord - thaten ſind? Jch habe nicht Urſache zu zweifeln, daß ſeine Frau tugendhaft, und, wenn ich viel einraͤumen ſoll, nur nicht vorſichtig genug gewe - ſen iſt: Wenigſtens waren ſie der erſte, der ihre Auffuͤhrung der Stadt verdaͤchtig machte. Dadurch verlor ſie ihren guten Namen ohne Rettung. ‒ ‒ ‒ Gut, ich will es zugeben, daß ſie in den folgenden Jahren ſich der groͤßten Ausſchweifungen auch oͤffentlich nicht geſchaͤmt hat: Aber wer war ſonſt Schuld daran, als ſie? Die Verzweiflung hat dieſe UngluͤcklicheY 4laſter -344Antons Panßa von Manchalaſterhaft gemacht. Jhr guter Name war nun ſchon einmal auf ewig verloren. Sie gab ſich vielleicht eine Zeitlang Muͤhe, durch ihre einge - ſchraͤnkte Auffuͤhrung die Stadt eines Beſſern zu uͤberreden: Aber ſie, Grauſamer, ließen ſie nicht aufkommen. Je vorſichtiger ſie lebte, de - ſto verdaͤchtiger wußten ſie ihre Vorſicht zu ma - chen. Wie ſtandhaft muß eine Frauensperſon ſeyn, welche dennoch tugendhaft bleibt, wenn ſie auch ſieht, daß es ganz vergebens iſt, die Welt von ihrer Tugend zu uͤberzeugen! Sie ſehen hier den klaͤglichen Beweis davon. Sie ſtuͤrzte ſich aus Verzweiflung in den Abgrund, aus welchem ſie hernach nicht wieder in die Hoͤ - he kommen konnte. Aller ihrer Verbrechen ha - ben ſie, eben ſie, mein Herr, haben ſich aller dieſer ſchaͤndlichen Ausſchweifungen theilhaftig gemacht. Die Voͤllerey des Mannes iſt auch eine betruͤbte Folge von ihrer Feindſeligkeit. Er wollte ſich der nagenden Gedanken von ſeiner Schande, und ſeiner ungluͤcklichen Ehe entſchlagen: War ein Mann von ſeiner Erzie - hung nicht zu entſchuldigen, daß er dieſes durch die Voͤllerey that? Noch eins, mein Herr, und zwar etwas, welches mir das Schrecklich - ſte zu ſeyn ſcheinet: Zittern ſie nicht, wenn ſie an die ungluͤcklichen Kinder dieſer Ehe geden - ken? Wer iſt Urſache, denken ſie einmal ernſt - haft nach, wer iſt die wahre Urſache ihres Ver - derbens? Niemand, als derjenige, der den Va - ter ungluͤcklich, und die Mutter laſterhaft gemachthat.345Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. hat. ‒ ‒ Und bey dem allen koͤnnen ſie mich noch ſo ruhig anſehen; noch immer ſo zufrieden mit ihren Handlungen ſeyn? Waͤren ſie wohl ſtra - fenswuͤrdiger geweſen, wenn ſie dieſem Elenden gleich anfangs den Dolch in die Bruſt geſtoßen haͤtten? Wenigſtens wuͤrde er auf dieſe Art, aller der Schande und allem Jammer entgan - gen ſeyn, worein er durch ihre Pasqville geſtuͤrzt worden iſt. ‒ ‒ ‒ Ja, allerdings, durch ihre Pasquille. Sie ſchaͤmen ſich des Namens ei - nes Pasqvillanten; und ſchaͤmen ſich doch nicht, ihn zu verdienen? Nun ſind ſie doppelt ſtra - fenswuͤrdig, da ſie ihre Unverſchaͤmtheit ſo weit treiben, daß ſie ihre ehrenruͤhrigen Schriften Satiren nennen. Entheiligen ſie, Nieder - traͤchtiger, einen Namen nicht, welcher ſo einen wichtigen Theil unſrer Sittenlehre ausmacht, und deſſen niemand wuͤrdig ſeyn kann, als wer ein Verehrer der Religion, ein Freund der Tu - gend, und ein Menſch iſt! Durch ihren Mis - brauch machen ſie der Welt die Satire ver - daͤchtig. Man zittert vor der Satire, weil man ſie nicht kennt, und weil man vor dem Pasqvillanten zittert. Die raͤchenden Geſetze ‒ ‒ ‒ Nein, mein Herr, ich kenne nun ihre ſpottende Miene. Jch weis es gar wohl, daß ſie das nicht im Ernſte von mir bitten: Aber, einer ſo anſtaͤndigen Strafe ſind ſie auch nicht werth. Die jaͤhrliche Gedankenſteuer von 100 Gulden, die ſie mir anbieten, damit ſie die Er - laubniß von mir loͤſen moͤgen, zu glauben, daßY 5ihre346Antons Panßa von Manchaihre Pasqville Satiren ſind, daß ihre Wut. Scherz, ihr wuͤrgender Unſinn geſalzner Witz, und ihr menſchenfeindlicher Haß Liebe zur Wahrheit ſey; dieſer Vorſchlag iſt ein neuer Beweis ihrer verſtockten Unbilligkeit. Jch uͤberlaſſe ſie der Zuͤchtigung der Geſetze, und, wenn ſie verwegen genug ſind, auch dieſe zu trotzen, ſo uͤberlaſſe ich ſie der Empfindung ihres eignen Gewiſſens, welches Zeit genug ihr un - erbittlichſter Richter ſeyn wird. Aber das Ei - nige will ich ſie noch bitten: Halten ſie diejeni - gen nicht fuͤr ihre Freunde, welche uͤber ihren Witz lachen, oder ihnen gar Lobeserhebungen daruͤber machen. Man ſchmeichelt ihnen, wie man einem wuͤtenden Hunde ſchmeichelt, daß er uns nicht zerreiſſen ſoll. So bald ſie nicht mehr im Stande ſeyn werden, zu ſchaden; ſo bald werden ſie ſehen, wer ihre Freunde waren, und daß ſie die ganze Welt verflucht. ‒ ‒ ‒ Wie, raſen ſie! Nein, mein Herr, alle dieſe wilden Drohungen ſchrecken mich nicht! Jch weis ein Mittel, mich zu vertheidigen. Nunmehr kennt ſie die Welt zu genau, als daß mir dieſe Dro - hungen fuͤrchterlich ſeyn ſollten. Habet foenum in cornu! ‒ ‒ ‒
Was geht denn ſie dieſes Spruͤchwort an mein Herr? Wer ſind ſie? und wer hat ihnen - das Recht gegeben, mich mit geballter Fauſt zu uͤberfallen? Jch ſehe ſie in dieſem Augenblicke zum erſten male, und ſie wollen glauben, ich ha -be347Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. be ſie beleidigt? Kann man denn nicht von ei - nem Ochſen reden, der Heu zwiſchen den Hoͤr - nern hat, ohne daß ſie dadurch beleidigt werden? Und dennoch drohen ſie mir in der Stellung eines Mannes, der den Verſtand in der Fauſt hat? Halten ſie an ſich, oder ich werde um Huͤl - fe rufen! Zum wenigſten ſagen ſie mir nur ihren Namen; und aus welchem Dorfe ſind ſie? ‒ ‒ ‒ O! mein Herr, ich bitte um Vergebung; das haͤtte ich mir nimmermehr traͤumen laſſen. Alſo ſind ſie ein deutſcher Kunſtrichter? Und dieſer handfeſte Schwarm, der mit aufgehabnen Faͤuſten, und bloͤkenden Zaͤhnen ihnen beyzuſte - hen droht; Wer ſind denn dieſe? ‒ ‒ ‒ Auch Kunſtrichter! So errette mich der Himmel! Gnade, meine Herren! Jch will gern keine Ge - dankenſteuer von ihnen fodern: Nur laſſen ſie mich in Ruhe.
Wie unvorſichtig habe ich gehandelt, daß ich die Gelehrten aus ihren Loͤchern hervorge - bannt habe! O! meine Herren, gehen ſie zu - ruͤck; Jch bitte ſie innſtaͤndigſt, gehen ſie alle wieder zuruͤck in ihre Studierſtuben. Die Meſſe iſt vor der Thuͤre; die Preſſen warten auf ihre gelehrten Schriften; bringen ſie die Nachwelt nicht um das Vergnuͤgen, ihre Werke zu bewun - dern; eilen ſie der Unſterblichkeit mit ſtarken Schritten entgegen; nicht einen Augenblick duͤr - fen ſie verſaͤumen.
Sie348Antons Panßa von ManchaSie kehren ſich um; ſie verlaſſen mich; ſie eilen fort; ſie fliegen nach ihren gelehrten Winkeln zuruͤck! Gluͤckliche Nachwelt, die du von dieſem ſchreibenden Poͤbel nichts erfahren wirſt! Und gluͤcklich bin auch ich, der ich mich auf eine ſo gute Art von ihnen habe loswickeln koͤnnen!
Da ich mich zu weiter nichts anheiſchig ge - macht, als nur eine Probe von meinem Gedan - kenſteuertarife zu geben; ſo werde ich nunmehro, wie ich glaube, dieſes Verſprechen zur Genuͤge er - fuͤllt haben. Man kann aus dieſem Entwurfe die Abſicht und die Einrichtung des Ganzen wahr - nehmen. Jch hoffe, die billige Welt wird mich hierinnen unterſtuͤtzen, da ich hiebey ohne den geringſten Eigennutz handle; da man ſieht, wie viel Thoren durch dieſe Gedankenſteuer ge - beſſert, oder, wenn dieſes zu bewerkſtelligen auch nicht moͤglich waͤre, wie es in der That ſchwer iſt, wie viel Nutzen zum wenigſten die Welt aus ihren Thorheiten ziehen; und wie viel andre Thoren, die aus Hunger unvernuͤnftig gewe - ſen ſind, durch dieſe Gedankenſteuer vernuͤnftig gemacht werden koͤnnen.
Es wird uͤberfluͤßig ſeyn, daß ich mich wei - ter dabey aufhalte: Damit ich aber doch die Vortheile meines Projects in ein deſto deutli - cheres Licht ſetze, ſo will ich eine Geſellſchaft beſchreiben, in der ich mich vor etlichen Mona -ten349Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. ten befand. Jch will zu einem jeden Charak - ter die Taxe ſetzen: Daraus wird man ſehen, was fuͤr erſtaunliche Summen in ganz Deutſch - land zuſammen kommen muͤſſen, wenn meine Gedankenſteuer allgemein werden ſollte, da ſchon von der kleinen Geſellſchaft, in der ich war, der Beytrag ſo anſehnlich ausfaͤllt.
Jch fuhr mit dem Marktſchiffe von Frank - furt nach Maynz. Da ich gewohnt bin, in un - bekannten Geſellſchaften ſehr wenig zu reden, und ſehr gern viel zu hoͤren; ſo ſetzte ich mich in einen einſamen Winkel, wo ich die meiſten der Geſellſchaft uͤberſehen und hoͤren konnte.
Ein Kaufmann, der mit Weinen handelte, war der erſte, der meine Aufmerkſamkeit auf ſich zog. Er trat eben in das Schiff, als ſich ein erſchreckliches Gelaͤchter unter den Schiffern, und einigen von der Geſellſchaft erhob. Jch fragte eine Frau, die nicht weit von mir ſaß, nach der Urſache davon, welche mir antwortete: „ Der Herr haͤtte einen kleinen Spaß gemacht. „ Es werde was zu lachen ſetzen, da dieſer Herr „ bey uns waͤre: er ſcheine auf guter Laune zu „ ſeyn, und wenn er einmal anfange zu ſpaßen, „ ſo muͤſſe man vor Lachen berſten. „ Jch erſchrak ſehr uͤber dieſe Nachricht, welche leider mehr als zu gegruͤndet war. Der Kaufmann, welcher ſich außer ſeiner Lebhaftigkeit, auch dießmal witzig geſoffen haben mochte, trat bey dem Maſtbaume in die Hoͤhe, und uͤberſchuͤtteteuns350Antons Panßa von Manchauns mit ſeinen ungluͤcklichen Scherzen. Wort - ſpiele, ſchmuzige Zweydeutigkeiten, und andere Beluſtigungen des Poͤbels waren der Jnnhalt ſeiner Erzaͤhlungen, welche immer mit einem beyfaͤlligen Gelaͤchter aufgenommen wurden. Jch merkte gar deutlich, daß er nur aus Ehr - geiz ein Narr war; denn wenn das Volk uͤber ſeine Scherze nicht lachte, ſo ward er beſchaͤmt, und verdoppelte ſeinen Unſinn, um den Zuhoͤ - rern den Zweifel an ſeinem Witze zu benehmen. Dieſer Mann wird mir ein Anſehnliches in mei - ne Caſſe bringen!
Fuͤr das Vergnuͤgen zu glauben, daß er ein witziger Kopf ſey, ſoll er geben. 2 fl. ..
Wenn er ſich einbilden will, daß man ihn bewundert, und nicht fuͤr das, was er eigentlich iſt, fuͤr einen Stocknarren haͤlt; ſo kann er we - niger nicht geben, als. 1 fl.
Fuͤr eine jede Unflaͤterey, die er ſagt, um die Aufmerkſamkeit der Zuhoͤrer zu ermuntern, zahlt er 1 Stuͤver. Jch habe auf dieſer Reiſe, dreyßig Zoten von Wichtigkeit gehoͤrt; dieſe thun zuſammen 30 Stuͤver.
Alle Wortſpiele, wenn ſie nur albern ſind, hat er frey; fallen ſie aber ins Grobe und Un gezogne, ſo zahlt er dafuͤr halb ſo viel, als fuͤr eine Zote.
Lacht351Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern.Lacht er zuerſt uͤber ſeine Einfaͤlle, wie er immer zuerſt lachte, ſo giebt er 1 Albus. Und weil ſich dieſes nicht ſo genau nachrechnen ließ, ſo rechne ich ihm fuͤr dieſe Freyheit ein fuͤr alle - mal an 1½fl.
Hebt er einen aus der Geſellſchaft heraus, ihn zu beleidigen, oder, wie er es nennt, ihn zu tummeln, ſo giebt er 4 Schillinge; es waͤre denn, daß ihm dieſer mit ein paar Ohrfeigen antwortete: auf ſolchen Fall iſt er ſteuerfrey. Jch habe fuͤnfe von der Geſellſchaft gezaͤhlt, mit denen er ſich auf dieſe Art luſtig machte, und dieſes betraͤgt. 3½fl. Er war damals ſo vorſich - tig, ſich an niemanden zu wagen, von dem er eine reelle Antwort beſorgen konnte.
Jch habe an ihm wahrgenommen: So oft es mit ſeinem Witze gar nicht mehr fort wollte, und auch nicht einmal die Schiffer mehr daruͤber lachten; ſo oft brachte er unvermuthet eine An - ſpielung auf eine Stelle der Bibel, oder einen ver - drehten Spruch hervor. Es hatte allemal ſei - ne gehoffte Wirkung; und der Poͤbel, vor dem er ausſtund, wollte faſt raſend vor Lachen wer - den, ſo oft er nach ſeiner Sprache zu reden, der - gleichen Schwaͤnke machte. Jch wollte wohl wuͤnſchen, daß ihn die Obrigkeit fuͤr dergleichen leichtſinnigen Muthwillen an den Kirchenpran - ger ſtellen moͤchte: Weil aber dieſes nicht ge - ſchehen wird, und nicht fuͤglich eingefuͤhrt wer - den kann, ohne die anſehnlichſten Geſellſchaftenum352Antons Panßa von Manchaum ihre witzigſten Koͤpfe zu bringen; ſo will ich auf dieſen poͤbelhaften Witz eine deſto hoͤhere Steuer legen. Ein ſolcher unanſtaͤndiger Scherz wird mit ½ fl. bezahlt. Jch rechne ihm nach, daß er ſich fuͤnfmal damit geholfen hat; das thaͤte alſo 2½ fl.
Auf dieſe Art haͤtte ich von dieſem einzigen Manne, in den wenigen Stunden, uͤber 11 fl. bekommen. Nun rechne man ſelber nach, was dieſes wohl in Deutſchland auf ein ganzes Jahr betragen werde. Denn das glaube man ja nicht, daß nur allein auf meinem Schiffe ein Original von dieſer Art ſich befunden habe: Faſt in allen Geſellſchaften der Handwerksleute, der Kaufleute, der Soldaten, giebt es dergleichen Originale; Jn Geſellſchaften der Gelehrten, und in Anti - chambern herrſchen ſolche witzige Koͤpfe; Ja ſo gar, wenn nur zwanzig ehrwuͤrdige Herren Confratres auf Kirchmeſſen zuſammen kommen, ſo getraue ich mir, wo nicht eher, doch nach Tiſche, wenigſtens einen unter ihnen zu finden, der es meinem Kaufmanne in der Art zu ſcherzen, und witzig zu ſeyn, gleich thun ſoll, wo er ihn nicht gar uͤbertrifft.
Die Komoͤdie dieſes Harlekins ward unver - muthet durch ein andaͤchtiges Zwiſchenſpiel un - terbrochen.
Eine bejahrte Frau fieng an, einen Pſalm zu ſingen. Jch war mit dieſer unzeitigenAn -353Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. Andacht ſehr unzufrieden; Denn ich befuͤrchtete von dem Leichtſinne der meiſten in der Geſell - ſchaft, ſie wuͤrden eine neue Gelegenheit daher nehmen, uͤber die Religion zu ſpotten: Allein wider Vermuthen ward eine große Stille auf dem Schiffe, obwohl dieſe Heilige niemanden fand, als zwo Weiber, und einen jungen Men - ſchen, die mit einſtimmten.
Der Pſalm kam zu Ende, und ſie ſperrte ſchon das Maul auf, einen neuen anzufangen, als ein alter Officier von den fraͤnkiſchen Kreistruppen zu ihr ſagte: „ Aber, Mutter, wie lange iſt es „ denn, daß du ſo fromm biſt? „ Die Geſell - ſchaft, welche das Singen ſchon lange uͤberdruͤßig war, empfieng dieſen Einfall mit freudigem Ge - bloͤke; die Frau hingegen verſtummete. Der Officier machte ſich den Beyfall der Zuſchauer zu Nutze, und nachdem er etliche Millionen Teufel geſchworen hatte, ſo ſagte er: „ Es trifft doch im - „ mer ein: Junge Huren, alte Betſchweſtern. „ Er erinnerte ſie an vielerley Sachen, daran ſie vermuthlich nicht gern erinnert ſeyn wollte; Aber am allerempfindlichſten war ihr dieſer Vorwurf, daß ſie bey zunehmenden Jahren eine Geſellſchaft von jungen Maͤdchen unterhalte, um von deren Schoͤnheit zu leben, da ihre eigne Schoͤnheit, wie er ſagte, zum Teufel gegangen waͤre. Jch freu - te mich uͤber die Angſt, welche dieſer beſchaͤmten Betſchweſter auf dem Geſichte ſaß. Sie ſahe ſich verwirrt in der Geſellſchaft um, ohne imZStande354Antons Panßa von ManchaStande zu ſeyn, dem Officier etwas anders zu antworten, als dieſes, daß ſie ihn einen alten Luͤgner, einen alten Hund, und dergleichen nannte, welches ihr boͤſes Gewiſſen noch mehr verrieth. Dieſer blieb auch ganz gelaſſen bey dieſen Schimpf - woͤrtern, und begegnete ihr mit nichts, als der immer wiederholten Antwort: „ Aber Gott „ ſtraf mich, Mutter; Was willſt du viel laͤugnen? „ Rechne einmal nach, wie viel du allein von mir „ verdient haſt! „ Hier verdoppelte ſich das elen - de Lachen der Geſellſchaft. Der Officier nahm dieſen Beyfall fuͤr eine Auffoderung an, die Streiche zu erzaͤhlen, die er geſpielt hatte; Und waͤre von allen auch nur die Haͤlfte gegruͤn - det geweſen, ſo war doch dieſe ſchon hinreichend, ihn vor den Augen der Geſitteten zum ungeſittet - ſten Manne zu machen.
Jch hoffe, an dieſen beiden Contribuenten ein paar eintraͤgliche Kunden zu bekommen.
Die Frau will mit ihrer laͤrmenden Andacht die Schande ihrer ehmaligen Lebensart verber - gen. Sie mag von der Abſcheulichkeit ihrer Auf - fuͤhrung uͤberzeugt ſeyn: Allein ſie hat entweder nicht Muth genug, oder ſie iſt ſchon gar zu bos - haft, ſich von derſelben loszureiſſen. Jhre Jahre verhindern ſie, ſelbſt laſterhaft zu ſeyn; ſie iſt es nun durch andre, und verdoppelt ſo gar dadurch ihre ſtrafwuͤrdigen Laſter, daß ſie andre Maͤdchen verfuͤhrt, und vielleicht unſchuldige Perſonen inden355Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. den Abgrund ſtuͤrzt, aus dem ſie ſich nicht zu ret - ten weis. Sie ſchaͤmte ſich vor ſich ſelbſt. Denn auch die Laſterhafteſten haben gewiſſe Augenblicke, in denen ſie vor ſich erſchrecken. Sie war, ihrer Frechheit unerachtet, ganz verwirrt, da man ihr ihre Ausſchweifungen zu eben der Zeit vorwarf, als ſie ſich den Namen einer frommen und erba - ren Frau erſingen wollte. Sie fuͤhlte den Werth der Tugend; Sie wollte tugendhaft ſcheinen: Aber ſie war der Laſter gewohnt, und hielt die Belohnungen der Tugend fuͤr zu ungewiß, als daß ſie den gegenwaͤrtigen Vortheil haͤtte aufge - ben ſollen, den ſie von ihrer und anderer Aus - ſchweifung zog. Alles dieſes machte ſie zur Heuchlerinn. Da ſie mir gleich gegen uͤber ſaß, ſo hatte ich Gelegenheit, ſie, waͤhrend ihres Singens, ſehr genau zu bemerken. Weil ſie zur Unzeit heilig ſeyn wollte: ſo war mir, gleich mit dem erſten Augenblicke, ihre Andacht ver - daͤchtig. Jch ſpaͤhete alle Zuͤge ihres Geſichtes aus. Sie ſpielte die Rolle einer Betſchweſter vortrefflich. Sie hieng ihren grauen Kopf buß - fertig nach der linken Schulter; ſie preßte die Seufzer mit einem heiligen Ungeſtuͤme aus der verſtockten Bruſt hervor; ſie drehte die Augen mit einer qvakeriſchen Entzuͤckung gegen den Himmel, einen Ort, der ihnen ganz fremde war; und zu einer andern Zeit uͤberſahe ſie mit einem ehrgeizigen Blicke die Geſichter der Geſellſchaft, und ſuchte den Beyfall, welchen ſie wohl nicht fand, und den ſie doch durch ein heuchleriſchesZ 2Ringen365[356]Antons Panßa von ManchaRingen ihrer beſudelten Haͤnde zu erzwingen ſuchte. Die ehrerbietige Stille der Geſellſchaft nahm ſie auf ihre Rechnung. Vermuthlich hat - te ſie die Abſicht, durch einen neuen Pſalm noch einen Anfall auf unſre Hochachtung zu thun: Man kann alſo wohl urtheilen, wie em - pfindlich es ihr ſeyn mußte, da ſie durch die Frechheit des Officiers ſo unerwartet in ihren ſtolzen Abſichten gehindert, und ſo ſehr gede - muͤthigt ward.
Aus dieſer Abſchilderung werden meine Leſer ziemlich im Stande ſeyn, zu errathen, wie die Taxe fuͤr dieſe Betſchweſter eingerichtet werden ſoll.
Fuͤr das heuchleriſche Kopfhaͤngen ſoll ſie geben ‒ ‒ ‒ ½ fl.
Ein Seufzer koſtet 1 Schilling. Sie kann dieſes gar wohl zahlen, da ſie in ihrer Jugend durch verbuhlte Seufzer das meiſte Geld verdienet hat. Sie ſeufzete achtmal unter dem Pſalme, das thut ‒ ‒ ‒ 1½ fl.
Das Verdrehen der Augen bezahlt ſie mit 1 Stuͤver. Es war mir nicht moͤglich zu zaͤhlen, wie oft ſie dieſes that; ich will ihr alſo nur uͤberhaupt ‒ 1fl. ‒ abfodern.
Das Ringen der Haͤnde muß ſie wenigſtens mit ‒ ½ Stuͤver verbuͤßen, da es Urſache war, daß ſie waͤhrend ihrer Andacht ſehr unge -berdig357Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. berdig that. Sie ſoll wegen dieſes Satzes ein - mal fuͤr allemal geben ‒ ‒ ½ fl.
So oft ſie uns fuͤr ſo einfaͤltig hielt, zu glau - ben, daß wir ihre Gottesfurcht bewunderten, ſo oft hat ſie 1 Schilling verwirkt. Sie glaubte es wohl, ſo lange der Pſalm waͤhrte; ich will ihr aber doch die Zahlung nicht mehr, als einfach, abfodern.
Da ſie ohne Zweifel durch ihre uͤbertriebene Andacht fich den Namen einer frommen Matrone auch in der Abſicht erheucheln wollte, um kuͤnf - tig bey ihren Ausſchweifungen deſto ſicherer zu ſeyn; ſo ſtrafe ich ſie um ‒ ½ fl.
Sie ſollte wohl nicht umſonſt ſo unbeſcheiden gegen den Officier geweſen ſeyn, und ein jedes Schimpfwort verdiente wenigſtens eine Poͤn von 1 Stuͤver. Allein zu geſchweigen, daß der Officier ſelbſt nicht beſcheiden gegen ſie verfuhr, und eben nicht ſo empfindlich daruͤber zu ſeyn ſchien; ſo will ich ihr die Strafe auch um deßwil - len erlaſſen, weil ſie in der groͤßten Verwirrung ſich befand, und dieſe poͤbelhafte Art, ſich zu vertheidigen, die deutlichſte Sprache eines boͤ - ſen Gewiſſens war.
Alſo bekaͤme ich von dieſer Betſchweſter zu meiner Gedankenſteuer uͤberhaupt 4 fl. und noch etwas druͤber; und dieſes binnen einer Zeit vonZ 3zehen358Antons Panßa von Manchazehen Minuten. Was werden nicht unſre Bet - ſchweſtern im ganzen Lande, binnen einem Jahre, erlegen muͤſſen!
Der Officier war gleich das Widerſpiel von die - ſer Heuchlerinn und dennoch eben ſo laͤcherlich, und eben ſo ſtrafbar. Aus Ehrgeiz wollte jene fromm ſeyn; und dieſer war leichtſinnig aus Ehrgeiz. Er warf ihr vor, daß ſie der Jugend Gelegenheit gegeben haͤtte, auszuſchweifen, und um deßwillen gab er ihr die ſchaͤndlichſten Beynamen: Gleich - wohl hielt er es nicht fuͤr ſchaͤndlich, zu geſtehen, daß er fuͤr ſein baares Geld an dieſen Ausſchwei - fungen Theil genommen habe. Er beleidigte die uͤbrige Geſellſchaft beſonders dadurch, daß er uns fuͤr ſo ungeſittet hielt, zu glauben, wir wuͤrden ihn wegen ſeiner vormaligen Auffuͤhrung bewun - dern. Sein Alter machte dieſe Thorheit noch ſtrafbarer. Wie viel ſollen wir einem jun - gen Officier zu gute halten, wenn ein alter Mann, den die Suͤnde verlaſſen hat, ſich ſo unanſtaͤndig auffuͤhrt? Es iſt ein Ungluͤck, daß junge Hel - den ſehr oft ſo unrichtige Begriffe vom Muthe, von einer maͤnnlichen Freyheit, und von dem Wohlſtande ihres Amtes haben: Aber deſto ge - faͤhrlicher iſt ihnen das Exempel eines alten Of - ficiers, welcher Kenntniß der Welt, Erfahrung, Tapferkeit, und vielleicht viele Tugenden, aber keine Sitten hat. Es koſtet ihnen die wenigſte Muͤhe, es ihm in dieſer letzten Eigen - ſchaft gleich zu thun; aber ſie vergeſſen, daß die -ſes359Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. ſes ein Fehler iſt, den man ihm wegen ſeiner uͤbri - gen Tugenden zu gute haͤlt, und mit ſeiner ſchlech - ten Erziehung entſchuldigt. Jn Anſehung dieſes Umſtandes will ich auch mit unſerm Officier bil - lig verfahren. Er ſoll fuͤr alle Thorheiten, die er auf der Reiſe begieng, mehr nicht, als das hal - be Tractament von einem Monate bezahlen. Es wird ungefaͤhr 7½ Gulden betragen. Jch ſchenke ihm noch alſo alle Fluͤche, die er that, und die er ſehr haͤufig that, ohne es zu wiſſen, weil er ſie ſchon als Musketier gewohnt geweſen war.
Binnen der Zeit, da der Officier ſeine witzi - gen Grobheiten gegen die alte Betſchweſter vor - brachte, merkte ich, daß man mich etlichemal beym Aermel zupfte. Jch war zu aufmerkſam, als daß ich mir die Zeit haͤtte nehmen ſollen, mich umzuwenden: Endlich faßte man mich bey der Hand, und ich ſahe mich um. Es war ein jun - ger Menſch, den ich noch fuͤr einen Schuͤler hielt, der aber, wie ich bald darauf aus ſeinen Reden vernahm, ein junger Richter, und ein Mit - glied einer gar anſehnlichen Geſellſchaft zu ‒ ‒ war. „ Was halten ſie, mein Herr, von dieſer iniuria verbali? „ Und ohne mir Zeit zu laſſen, ihm zu ſagen, was ich davon hielte, fuhr er mit der praktiſchen Geſchwaͤtzigkeit eines jungen Rich - ters alſo fort; „ Jch moͤchte der Advocat von die - „ ſer Frau ſeyn. Zwar, wegen der Unkoſten, ſieht „ es auf beiden Seiten mißlich aus: O! da mußZ 4wohl360Antons Panßa von Mancha„ wohl Rath werden. Fiat executio! Jch habe „ den caſum etlichemal in terminis gehabt ‒ ‒ „ Warum ſehn ſie mir ſo ſteif ins Geſicht? Jch „ habe drey Jahr in Franecker, und ein Jahr in „ Rinteln ſtudirt, und ohne Ruhm zu melden ‒ ‒ „ aber ich will weiter nichts ſagen. So bald ich „ nach Hauſe kam, heirathete ich die Tochter eines „ bey uns angeſehenen Mannes, welcher mir ſeine „ Stelle abtrat. Es geht ſchon in den fuͤnften „ Monat, daß ich Beyſitzer in dieſem Gerichte bin. „ Sie koͤnnen nicht glauben, mein Herr, was fuͤr „ Jgnoranz unter den alten Graubaͤrten, meinen „ Herren Collegen, herrſcht. Gar keine Principia, „ nicht die geringſten! Lauter Schlendrian! Aber „ ich ſage ihnen auch meine Meynung deutſch her - „ aus. Es macht mir allerdings ſehr viel Ver - „ druß; aber ich kann mir nicht helfen. Meine „ Schuld iſt es gar nicht, daß dieſe alten Maͤnner „ ſo unwiſſend ſind: Doch koͤnnen ſie auch mir „ es nicht uͤbel nehmen, daß ich, ohne mich zu ruͤh - „ men, gelehrter und einſehender bin. Es iſt wahr, „ ſo oft ich eine Meynung vorbringe, ſo oft wider - „ ſprechen ſie mir alle; aber dafuͤr laſſe ich ihnen „ auch niemals Recht. Was meynen ſie wohl: „ Jch will ihnen einmal einen Caſum proponi - „ ren. „ Hier ward mir angſt, und ich ſann auf ein Mittel, mich von Jhro Hochweisheit loszuma - chen. Jch fand es bald ‒ ‒ „ Geben ſie einmal „ Achtung, mein Herr, der Caſus iſt ſonderbar! „ Aber eins muß ich vorher erinnern. Sie wiſ - „ ſen den Huber ‒ ‒ ‒ „ O! mein Herr,ſagte361Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. ſagte ich, den kenne ich recht wohl; was macht der ehrliche Mann? Jch habe ihm noch in vori - ger Meſſe abgekauft ‒ ‒ „ Wem? fragte er „ mich mit weit aufgeſperrten Augen; dem Hu - „ ber? Der Mann iſt ja lange todt. Er war ein „ großer Rechtsgelehrter in Franecker! „ So bitte ich um Vergebung, mein Herr; ich glaubte, ſie meynten den Kaufmann in Frankfurt, von dem ich meine Haarſiebe nehme. Der gute Richter ſahe mich vom neuen mit Erſtaunen an. „ Sind ſie denn kein Gelehrter, mein Herr? „ O! nein, mein Herr, antwortete ich ganz demuͤ - thig, und ſchuͤchtern; ich bin ein ehrlicher Schnei - der aus Sachſenhauſen ‒ ‒ ‒ Das war ein Donnerſchlag fuͤr meinen weiſen Richter, wel - cher vermuthlich in Willens gehabt haben mochte, mir noch viele juriſtiſche Weisheit vorzupredigen. Nun ſah er mich mit der Verachtung an, mit welcher Gelehrte ſeiner Art auf Handwerksleute herabſehen: und nachdem ſein Hochmuth es michgenug hatte em - pfinden laſſen, daß er ein Richter, und ich, wie er glaubte, nur ein armer Schneider war, ſo ſprach er endlich mit einer trotzigen Miene: „ Aber, mein „ Freund, das haͤtte er gleich ſagen koͤnnen, daß er „ ein Schneider iſt; ich wuͤrde mir nicht haben „ einfallen laſſen, mit ihm von gelehrten Sachen, „ und ſo vertraut, zu reden! „ Jch beugte mich tief, und freute mich, daß ich Gelegenheit gehabt hatte, einen neuen Narren kennen zu lernen, und zwar einen ſo ergiebigen Narren, den ich auf vielerley Art bey meiner Gedankenſteuer nutzen kann.
Z 5Die362Antons Panßa von ManchaDie Verwegenheit, die er gehabt, das wich - tige Amt eines Richters in denen Jahren zu uͤber - nehmen, in welchen er noch billig, mit dem Buche unter dem Arme, in die Schule haͤtte gehen ſol - len; die dreiſte Geſchwaͤtzigkeit, mit ſeiner weni - gen und unvollkommenen Wiſſenſchaft alle Ge - ſellſchaften zu uͤbertaͤuben; die Begierde, uͤber alle Vorfaͤlle ſeine entſcheidenden Gedanken zu ſagen; die Empfindlichkeit, die er aͤußerte, wenn man an ſeiner Weisheit und Unfehlbarkeit zweifeln wollte: Alle dieſe Thorheiten werden mir ein anſehnliches Stuͤck Geld einbringen; denn ihm wird es un - moͤglich ſeyn, ſich ſolche abzugewoͤhnen, und mir ſoll er ſie theuer genug bezahlen.
Aber am allerſtaͤrkſten ſoll er die thoͤrichte Un - verſchaͤmtheit buͤßen, die er hat, ſeinen erfahrnen, und einſehenden Collegen ſo muthwillig zu wider - ſprechen, und ſie gegen andre, die es von ihm nicht einmal zu wiſſen verlangen, fuͤr Maͤnner ohne Einſicht, und fuͤr eigenſinnige Jgnoranten auszu - ſchreyen. Dieſen jungen Stolz werde ich um ſo viel mehr exemplariſch ſtrafen, da er ſo viele ſchaͤdliche Folgen hat, und, nicht allein bey uns, ſondern, wie ich erfahre, auch in Sachſen und in andern Laͤndern unter denen ſo allgemein iſt, wel - chen man aus guter Abſicht, einen leeren Platz in der Verſammlung der Richter und Raͤthe goͤnnt, um das zu hoͤren, was ſie auf Univerſitaͤ - ten unmoͤglich hoͤren konnten, und aus der Erfah - rung ihrer einſehenden Collegen diejenige Geſchick -lichkeit363Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. lichkeit zu erwerben, die man von ihrer fluͤchtigen und unerfahrnen Jugend nicht verlangte. Aber gemeiniglich verſtehen dieſe wohlweiſen Knaben die Abſicht der Obern ganz unrecht. Sie ſtrotzen von dem Ueberfluſſe einer uͤbelverdauten Schul - weisheit. Sie ſehen ihre Collegen fuͤr Zuhoͤrer, und ihren Stuhl fuͤr die Katheder an, auf wel - cher ſie gewohnt geweſen ſind, einige aufgegebne Saͤtze gegen Mitſchuͤler hartnaͤckig zu vertheidigen. Sie vergeſſen, daß ſie nur die Anfangsgruͤnde der Rechtsgelehrſamkeit erlernet haben, welche aller - erſt die Erfahrung brauchbar machen muß. Es iſt ſehr zu beſorgen, daß ihnen dieſe eitlen Vor - urtheile eine beſtaͤndige Hinderung bleiben muͤſſen, ſich durch eine beſcheidne Lehrbegierde zu geſchick - ten, und dem Vaterlande nuͤtzlichen Maͤnnern zu machen, da ſie das Ungluͤck haben, zu glauben, daß ſie es bereits ſind. Man hat zwar Exempel, daß ein junger Richter, der in den erſten zwey Jahren voll von ſeiner neuen Weisheit, brauſt, im dritten Jahre zu verſtummen anfaͤngt, weil er ſeine Unwiſſenheit fuͤhlt: Allein dieſe Exempel ſind ſo gar haͤufig nicht, daß ich wegen der ſchaͤd - lichen Folgen ihrer unreifen Gelehrſamkeit und pedantiſchen Eigenliebe außer Sorgen ſeyn ſollte. Jch werde mir alſo kuͤnftig, bey voͤlliger Einrich - tung meiner Gedankenſteuer Muͤhe geben, ſie in Contribution zu ſetzen, daß ſie es fuͤhlen. Fuͤr meinen Reiſegefaͤhrten aber hatte ich ungefaͤhr die - ſen Anſatz gemacht.
Fuͤr364Antons Panßa von ManchaFuͤr die Begierde, die ihn juckte, mir zu ſa - gen, daß er ein Richter ſey, bezahlt er 4 fl. ‒
Er ward empfindlich, daß ich ihm ſo ſteif ins Geſicht ſah, weil er glaubte, ich zweifelte an ſei - ner Einſicht, und an ſeinen Verdienſten. Er hatte Recht; aber weil er ſeinen Stolz dabey ver - rieth, ſo giebt er ‒ ‒ 1 fl.
Dafuͤr, daß er glaubt, er ſey wegen ſeiner Verdienſte zu dieſem Amte gewaͤhlt worden, da er doch nur durch die Frau in dieſe Stelle eingedrun - gen iſt, ſoll er erlegen ‒ ‒ ½ fl.
Fuͤnf Monate haͤlt er fuͤr zureichend, auf ſeine Erfahrung zu trotzen. Es verraͤth dieſes ſeine er - ſtaunende Unwiſſenheit. Fuͤr jeden Monat zahlt er einen Gulden, und faͤhrt damit ſo lange fort, bis er kluͤger wird.
Fuͤr einen jeden Vorwurf, den er ſeinen er - fahrnen Collegen macht, buͤßt er 1 Schilling.
Ein caſus in terminis koſtet 1 Schilling.
Die Narrheit ſoll er vor dieſesmal umſonſt begangen haben, daß er mich ſo trotzig verachtete, als ich ihn beredete, ich ſey ein Schneider. Es konnte ihm freylich nicht anders, als hoͤchſt em - pfindlich ſeyn, da er ſo große Anſtalten machte, mit ſeiner juriſtiſchen Weisheit zu paradiren, und den demuͤthigen Beyfall eines Mannes zu verdienen, von dem er erfahren mußte, daß er nur ein un - wuͤrdiger Handwerksmann ſey.
Nach365Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern.Nach dieſen Saͤtzen und einem genauen Ue - berſchlage, den ich gemacht, haͤtte ich alſo von ihm binnen einer Zeit von fuͤnf Minuten verdient 7 fl.
Durch dergleichen Betrachtungen ſuchte ich mir die Unannehmlichkeit der Reiſe und der ſchlech - ten Geſellſchaft zu erleichtern. Jnzwiſchen waren wir in die Gegend gekommen, wo ich wegen mei - ner Geſchaͤffte ans Land ſteigen mußte. Jn der That verließ ich das Schiff ſehr ungern, da ich unter dem Haufen bereits einige Originale be - merkt hatte, die ich wohl etwas genauer haͤtte kennen moͤgen.
Unter vielen andern fiel mir ein junger Menſch am meiſten in die Augen, welcher nur zwo Stellen von mir in einem dunkeln Winkel ſaß, den Hut tief ins Geſicht gedruͤckt hatte, immer mit ſich ſelbſt ſprach, bisweilen die Augen gen Himmel richtete, manchmal mit den Fuͤßen ſtampfte, und anders nicht die misvergnuͤgte Mine ablegte, als wenn er durch ein bittres Laͤcheln ſeine Unzufriedenheit aus - druͤcken wollte. Einige Tage darauf erfuhr ich, daß er der Sohn eines bemittelten Kaufmanns ſey, daß er bey einem ganz geſunden Koͤrper, bey reichem Ueberfluſſe, bey aller Bequemlichkeit, die das menſchliche Leben wuͤnſchen kann, und, was das Laͤcherlichſte iſt, bey einem wirklich vergnuͤg - ten Herzen dennoch die Thorheit begehe, ſich krank, milzſuͤchtig, und mit der ganzen Welt unzufrieden zu ſtellen, und alles dieſes nur in der Abſicht, um in Geſellſchaften bemerkt zu werden. Er hat dieſeRolle366Antons Panßa von ManchaRolle in London gelernt, wo er ſich etliche Mo - nate aufgehalten: Aber er iſt eine eben ſo un - gluͤckliche Copie von einem ſchwermuͤthigen En - gellaͤnder, wie viele unſrer abgeſchmackten Landes - leute naͤrriſche Copien eines lebhaften, und gau - kelnden Franzoſen ſind, welchen ſie ſich bey ihrem kurzen Aufenthalte in Paris zum Originale ge - waͤhlt haben. Dieſe huͤpfen und pfeifen, wenn ſie am meiſten Urſache haben, ernſthaft, oder trau - rig zu ſeyn: Und jener wird gemeiniglich zu der Zeit, wo er am wenigſten Urſache hat, misver - gnuͤgt zu ſeyn, und wo er es auch in der That am wenigſten iſt, dennoch am meiſten vom Erhaͤngen und Erſchießen reden. Noch zur Zeit bin ich un - gewiß, wer von beiden der groͤßte Narr iſt: Aber, ohne es weiter zu unterſuchen, will ich mir beider Thorheit zu Nutze machen.
Vor mir ſaßen zween Kaufleute, welche, wie ich aus ihrem eifrigen Geſpraͤche abnehmen konnte, ſehr unzufrieden mit ihrer Obrigkeit waren. Sie eiferten heftig wider einige erhoͤhte Auflagen; ſie ſeufzeten uͤber den Verfall der Nahrung, uͤber theure Zeiten, uͤber Mangel des Silbergeldes, und uͤber die große Verſchwendung: Denn, in ih - rer Jugend ward ganz anders gewirthſchaftet, und da konnte man doch einen Thaler Geld zuruͤck legen.
Jch werde ſie bey meiner Gedankenſteuer ge - wiß nicht vergeſſen. Sie uͤberlegen nicht, daß die Obrigkeit beſſer, als ſie, einſehen muß, was zumBeſten367Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. Beſten des Staats erfodert wird. Gemeiniglich eifert niemand ſo ſehr, als der Kaufmann, uͤber die erhoͤhten Auflagen, und er bedenkt nicht, daß man die Handlung vornehmlich um deßwillen in Aufnahme zu bringen ſucht, damit der Staat Buͤr - ger habe, welche von ihrem Ueberfluſſe dasjenige abgeben koͤnnen, was zu Beſchuͤtzung des Landes, und zu Erhaltung der innerlichen Sicherheit un - entbehrlich iſt. Die Seufzer uͤber den Verfall der Nahrung ſind oft ungegruͤndet, und gemei - niglich nur eine Folge ihres Geizes, und des Nei - des uͤber die beßre Nahrung andrer Haͤuſer. Ueber den Mangel des guten Geldes koͤnnen ſie nicht klagen, ohne zugleich ihren eigennuͤtzigen Wucher zu verdammen, der an dieſem Mangel die meiſte Schuld hat. Eben ſo ungerecht ſind ihre Klagen uͤber die Verſchwendung. Jn der That wuͤrde es ſehr ſchlecht um die Handlung ausſehen, wenn die Welt anfienge, ſparſam zu ſeyn, und ſich nur mit dem Nothduͤrftigen zu behelfen. Leute von dergleichen ungegruͤndeten Vorurtheilen glauben immer, die meiſte Einſicht in Sachen zu haben, die den Staat und die Handlung angehen. Dieſe Thorheit giebt mir das Recht, ſie zu meiner Ge - dankenſteuer zu ziehen, wenn ſie noch laͤnger die Erlaubniß haben wollen, ſo patriotiſch zu murren.
Beym Eingange des Verdecks ſaß ein junger Menſch, welcher, wie ich aus ſeiner Kleidung vermuthen konnte, ſich dem geiſtlichen Stande gewidmet hatte. Gleich ſein Eintritt in das Schifffiel368Antons Panßa von Manchafiel mir in die Augen, weil er mehr gekrochen, als gegangen kam. Er ſetzte ſich ganz ſchuͤchtern auf den erſten Platz, den er ledig fand, und ſchien die ganze Geſellſchaft wegen ſeiner Gegenwart um Vergebung zu bitten. Nur ſelten ſchlug er die Augen auf; die uͤbrige Zeit ſaß er ſo aͤngſtlich und gebuͤckt, wie ein Schuͤler, der ſich vor den Strei - chen ſeines erzuͤrnten Lehrers fuͤrchtet. Eine Tu - gend, die zu ſehr in die Augen faͤllt, iſt mir alle - mal verdaͤchtig geweſen: Um deßwillen war es mir auch dieſe allzugroße Beſcheidenheit. Deſto - mehr gab ich auf ihn Acht. Jch fieng an, mich ſeinetwegen zu beruhigen, da ich die Unzufrie - denheit merkte, die er uͤber den abgeſchmackten Witz des Weinhaͤndlers aͤußerte. Beym Geſange der Betſchweſter war er die einzige Mannsper - ſon, die mit einſtimmte; dieſes vergab ich ſeinem Stande. Er ſchien bey den Vorwuͤrfen, die der Officier dieſer Frau machte, und bey der unge - ſchickten Vertheidigung der Heuchlerinn ſehr em - pfindlich zu ſeyn, und beide zu misbilligen: Mit einem Worte, ich fieng an, mich zu freuen, daß ich einen jungen Menſchen ſehen ſollte, deſſen De - muth, Beſcheidenheit, und gute Sitten dem Amte, fuͤr das er beſtimmt war, viel Ehre und Vortheile zu verſprechen ſchienen. Bey der Un - terredung mit dem jungen Richter hatte ich ihn aus dem Geſichte verloren; ich wuͤrde auch viel - leicht nicht weiter an ihn gedacht haben, wenn ich ihn nicht beym Ausſteigen aus dem Schiffe in ei - nem mehr entfernten Winkel mit einer unanſtaͤn -digen369Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. digen Vertraulichkeit neben einer jungen Frau - ensperſon erblickt haͤtte, welche, wie mir der Schiffer ſagte, fuͤr eine Tochter der alten Bet - ſchweſter ausgegeben ward. Nun kannte ich den jungen Tartuͤffe. Da er mich in Anſehung ſeiner verſtellten Sittſamkeit betrogen; ſo hatte ich Urſache zu fuͤrchten, daß ſeine Beſcheiden - heit und Demuth eben ſo geheuchelt waͤren. Jch bedauerte diejenigen im voraus, welche kuͤnf - tig in einer genauern Verbindung mit ihm ſte - hen ſollen. So kriechend, und ſchuͤchtern er gegenwaͤrtig zu ſeyn ſcheint; ſo unertraͤglich wird ſeine Eigenliebe, und ſein geiſtlicher Hochmuth ſeyn, welcher deſto gefaͤhrlicher iſt, da er die Ehrenbezeugungen niemals fuͤr ſich, ſondern alle - mal fuͤr ſein Amt fodert. Kann man wohl von ihm hoffen, daß ſeine Auffuͤhrung exem - plariſch ſeyn wird? Anfaͤnglich wird er ſich al - le Ausſchweifungen verſtatten, die er genießen kann, ohne verrathen zu werden: Endlich aber wird er mit weniger Vorſicht laſterhaft ſeyn, da ihn die Gewohnheit unverſchaͤmt und ſicher macht. Jch will dafuͤr ſorgen, daß er nicht um - ſonſt hochmuͤthig und laſterhaft ſey. Er und ſeine ihm aͤhnlichen Collegen koͤnnen die Erlaubniß, ehr - wuͤrdig zu heißen, nicht theuer genug bezahlen.
Auf ein Wort, nur auf ein einziges Wort, Herr Panßa, rief mir eine bekannte Stimme zu, da ich ſchon den einen Fuß aus dem Schiffe geſetzt hatte. Jch ſahe mich um, und erblickte den alten Buͤrgermeiſter aus meinem Staͤdt -A achen,370Antons Panßa von Manchachen, welcher das gewoͤhnliche Ungluͤck hat, zu reimen, und dabey zu glauben, daß er ein Poet ſey.
Er war ſehr erfreut mich zu ſehen, da er mich hier am wenigſten vermuthet hatte. „ Se - „ hen ſie, Herr Panßa: Monumentum aere per - „ ennius! „ und wies mir einen großen Stoß ge - druckter Gluͤckwuͤnſche auf den Geburtstag ei - nes ſeiner Goͤnner in Maynz, wohin er itzo rei - ſte, um ſie ins Geld zu ſetzen. Er wollte ſie mir vorleſen; allein ich ſchuͤtzte meine Eilfertig - keit vor. Das half. mir nichts; er vertrat mir wirklich den Weg, und fieng an auszupacken. „ Jch kann ihnen nicht helfen, ſagte er; das Car - „ men muͤſſen ſie anhoͤren, wenn ſie mein Freund „ ſeyn wollen. „ Jch verdoppelte meine Vor - ſtellungen, ihm begreiflich zu machen, wie noͤ - thig es ſey, zu eilen; Der Schiffer fluchte ihm etliche Donner in den Bart, daß er das Schiff nicht aufhalten ſollte; ich verſuchte, ob ich mir den Weg mit einiger Gewalt frey machen koͤnnte: Aber alles vergebens.
Geprieſner Maͤcenat! Jtzt, da das Purpurlicht Dort aus Aurorens Schoos ‒ ‒ ‒
So fieng er wirklich ſchon an zu leſen. Jch draͤngte ihn auf die Seite, und floh; aber un - gluͤcklicher weiſe gleitete ich von dem Brete ins Waſſer, da ich nicht wahrgenommen hatte, daß er mich bey dem Rocke feſt hielt. O! ihr Goͤt - ter! rief er. Aber der Schiffer reichte mir die Hand, und ich ſprang ans Ufer, ohne mich wei - ter umzuſehen; ſo erſchrecklich war mir der Ge - danke, daß er mir mit ſeinem Buͤndel Verſe nachſez -zen371Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. zen moͤchte. Aber er ſoll mir dieſe Angſt bezah - len: Denn da er ein Dichter ſchon bey Jahren iſt, ſo habe ich das Recht, ihn bey meiner Ge - dankenſteuer doppelt anzuſetzen.
Jch habe durch dieſe kurze Reiſebeſchreibung eine Gelegenheit geſucht, meinen Leſern eine Probe zu geben, wie eintraͤglich dieſe Gedanken - ſteuer ſeyn wird. Wir wollen einmal annehmen:
Nun bedenke man einmal: wenn eine ſo kleine Geſellſchaft von neun Contribuenten, binnen einer Zeit von wenigen Stunden ſo viel beyſteu - ern ſoll; was fuͤr unſaͤgliche Summen wird es ein Jahr uͤber in ganz Deutſchland ausmachen? Jch bin vor Freuden ganz außer mir, daß ich ei -A a 2nen372Antons Panßa von Manchanen ſo gluͤcklichen Einfall gehabt habe, dieſe Ge - dankenſteuer in Vorſchlag zu bringen. Wie viel tauſend Mitbuͤrger, fuͤr die niemand bisher ge - ſorgt hat, werde ich kuͤnftig von der Thorheit an - derer ernaͤhren koͤnnen!
Hier koͤnnte ich ſchließen; aber ich muß noch auf einen Einwurf antworten: Jſt es wohl iemals moͤglich, dieſe Gedankenſteuer wirk - lich einzufuͤhren, da es nicht moͤglich iſt, die Gedanken anderer zu wiſſen, und da die Menſchen gemeiniglich ihre Einbildungen, je laͤcherlicher ſie ſind, deſto ſorgfaͤltiger zu verbergen wiſſen?
Vielleicht haͤtte ich gar nicht noͤthig, mich auf dieſe Frage einzulaſſen. Ein Projectmacher entwirft den Plan; er macht weitlaͤuftige Be - rechnungen von den großen Einkuͤnften, welche die Caſſe davon zu erwarten hat: Mehr darf man von ihm nicht verlangen. Ob es eine Moͤglichkeit ſey, dieſen Plan einzufuͤhren? das iſt ſeine Sache nicht; dafuͤr moͤgen andre ſorgen: Genug, ſein Project ſteht richtig berechnet auf dem Papiere.
Aber ich bin meiner Sachen ſo gewiß, daß ich mehr antworten will, als man berechtigt iſt, mich zu fragen.
Der obige Einwurf ſchickt ſich nicht auf al - le Faͤlle. Viele Handlungen der Menſchen brauchen gar keine Erklaͤrung. Viele Menſchen ſind nicht im Stande, oder geben ſich doch keineMuͤhe,373Abhandlung von Spruͤchwoͤrtern. Muͤhe, ihre Gedanken zu verbergen. Was ſoll ich von den Werken der Schriftſteller ſagen? Sie liegen am Tage, und mein Tarif ſoll ſo deutlich ſeyn, daß ein jeder Leſer die Taxe ſelbſt beyſetzen kann. Die Strafe des vierfachen Erſatzes wird meine Contribuenten noch mehr abhalten, ihre Gedanken zu laͤugnen. Aber ich glaube, daß ich nicht einmal noͤthig haben wer - de, zu ſtrafen, da es fuͤr die Eitelkeit der Men - ſchen ſo vortheilhaft iſt, daß ſie fuͤr eine ſo gerin - ge Beyſteuer ſich das Recht loͤſen koͤnnen, un - gehindert, und ohne Widerſpruch Thoren zu ſeyn, und die Welt, ſie mag wollen, oder nicht, zum Beyfalle zu zwingen. Da es aber doch geſchehen kann, daß es Leute giebt, welche ſich verſtellen, und zu Bevortheilung meiner Ge - dankenſteuer, durch verſchiedne Umwege den Bey - fall der Welt zu erſchleichen ſuchen; ſo habe ich ſchon Anſtalt gemacht, dieſen Contrebandierern Einhalt zu thun. Jch will naͤmlich Gedanken - fiscale ſetzen. Das ſind Leute, die aus den Unterredungen mit andern, ſo gar aus ihren Mienen, aus ihrem Gange, aus ihrer Kleidung, die innerſten Bewegungen des Herzens entdek - ken ſollen. Fuͤr einen aufmerkſamen Zuſchau - er, und fuͤr einen Menſchen, der die Welt kennt, iſt dieſes ſo ſchwer nicht, als vielleicht manche glauben. Und was will man dazu ſa - gen, wenn ich beweiſe, es ſey die angenehmſte Beſchaͤfftigung vieler Menſchen, wenn ſie, ob ſie gleich oft ſich ſelbſt nicht kennen, dennoch dieA a 3klein -374Antons Panßa von Manchakleinſten Handlungen, und die Gedanken an - drer ſehr ſorgfaͤltig ausſpaͤhen, und, daß ſie ſol - che entdeckt haben, mit vieler Zuverſicht behaup - ten? Durch eine vorſichtige Wahl der Perſonen, die ich zu Gedankenfiscalen beſtaͤtigen will, wer - de ich mir die Sache noch leichter machen. Jch werde Leute darzu nehmen, welche neugierig und argwoͤhniſch ſind, welche in ihrem Hauſe wenig Geſchaͤffte, und alſo mehr Zeit haben, auf die Handlungen anderer Acht zu geben. Zwo Gattungen der Menſchen, werden mir hiezu am beſten dienen koͤnnen: Frauenzimmer von einem gewiſſen Alter, die ſich in juͤngern Jahren mit allen Fehlern ihres Geſchlechts bekannt ge - macht haben, gegen welche ſie bey zunehmenden Jahren ganz unerbittlich ſind; und Gelehrte, welche der Welt ihre periodiſchen Betrachtungen uͤber Staatsſachen mittheilen. Da dieſe mit ihren ſcharf urtheilenden Blicken bis in die geheimſten Cabinette der Prinzen dringen; ſo wird es ihnen nur ein Spiel ſeyn, die Gedanken ihrer Mitbuͤrger zu entdecken.
Aber hiebey will ich es noch nicht bewenden laſſen. Jch will uͤber die Geſchicklichkeit, die Gedanken anderer zu erforſchen, eine Abhand - lung in ſyſtematiſcher Ordnung entwerfen, und oͤffentlich daruͤber leſen.
Der Plan zu dieſer Unterweiſung, die Ge - danken andrer zu errathen, oder, daß ich mich, nach der Mode unſrer Zeit, etwas kunſtmaͤßiger und dunkler ausdruͤcke, der
Ich finde in der Utrechter Zeitung, daſs Sie heuer den ordentlichen Preis für eine kurze Abhandlung in Proſa beſtimmet haben, in wel - cher unterſuchet werden ſoll: Ob die Begierde, von andern Uebels zu reden, eben ſowohl von dem Stolze, als von der Bosheit des Herzens herkomme? *In der Utrechter Zeitung Num. XXV. ao. 1754. L’Aca - demie Royale des Sciences, et des beaux Arts établie a Pau dans le Bearn adjugera le Prix ordinaire de cha - que année â un Ouvrage en Proſe, qui n’excédera pas une demie heure de lecture, et dont le ſujet ſera: La médi - ſance, eſt-elle autant l’effét de l’orgueil, qui de la mâ - lignité?
Ich werde Gelegenheit haben, Ihnen zu er - zaehlen, wie ich bey dieſer Aufgabe durch einen ſonderbaren Zufall aufmerkſam geworden bin. Dieſer iſt die Urſache gegenwaertiger Schrift; aber zugleich auch die Urſache, warum ich be - wieſen habe: Daſs die Begierde, Uebels von andern zu reden, weder vom Stolze, noch von der Bosheit des Herzens, ſondern von einer wahren Menſchen - liebe herrühre.
In der That beweiſe ich alſo das, was Sie nicht wollen bewieſen haben. Aber ich hoffe, Sie, meine Herren, ſollen eben ſo groſsmüthig ſeyn, als es die Academie zu Dijon war. Ia ichhabe394habe vielleicht mehr Urſache, auf den geſetzten Preis Anſpruch zu machen, als Monſieur Rouſ - ſeau hatte, da ich eine Leidenſchaft vertheidige, die uns allen ſo natürlich iſt, und da ich einen Satz behaupte, der dem ganzen menſchlichen Geſchlechte zur Ehre gereichen muſs; an ſtatt, daſs Monſieur Rouſſeau etwas zu beweiſen ſuch - te, welches alle koenigliche Academien der ſchoe - nen Wiſſenſchaften und freyen Künſte um ihren Credit bringen muſste, wenn die Welt ſeinen Beweis für Ernſt angenommen haette.
Aber ich glaube, daſs ich auſser dieſem noch mehrere Verdienſte habe. Sie verlangen aus - drücklich, daſs man zu Verleſung dieſer Ab - handlung nicht mehr, als eine halbe Stunde, Zeit noethig habe. Ein ſchreckliches Geſetz für einen Deutſchen! und dennoch habe ich es ge - nau beobachtet. Ich machte einen Verſuch da - mit, ſo bald ich fertig war; ich las es auf mei - nem Zimmer laut, und es war nicht voellig eine Minute über die geſetzte Zeit, als ich zum Ende kam. Sie haben vergeſſen, zu ſagen, ob man langſam, oder geſchwind leſen ſoll? Ziemlich geſchwind habe ich geleſen, das iſt wahr: ohn - gefähr ſo geſchwind, als ein junger Geiſtlicher ſeine Meſſe lieſt, wenn er weis, daſs eine artige Geſellſchaft mit dem Eſſen auf ihn wartet. Dieſe Selbſtverlaeugnung verdient, wie mich dünkt, noch wohl eine billige Belohnung.
Ich habe ein Recht zu verlangen, daſs Sie, meine Herren, mich ſchadlos halten, da ichGefahr395Gefahr laufe, bey meinen ſchreibenden Landes - leuten alle Achtung zu verlieren. Diejenigen in meinem Vaterlande, die mich kennen, wer - den mir gewiſs vorwerfen, daſs ich meine Ael - tern noch in ihrer Gruft beſchimpfe. Denn mein Groſsvater, ein orthodoxer Mann, ſchrieb Poſtillen in Quart; mein ſeliger Vater ſchrieb beynahe einen Centner geheime Nachrichten in Folio vom ſpaniſchen Succeſſionskriege; und ich, meine Herren, ich, der ich nach dem ordentli - chen Laufe der Natur wenigſtens Opera omnia in Regal ſchreiben ſollte, ich, faſt ſchaeme ich mich vor mir ſelbſt, ich ſchreibe ein Werkchen in Octav, und dieſes nur in der Abſicht, mich dem Preiſe zu naehern, den Sie ausbieten.
Die Unbilligkeit will ich Ihnen nicht zu - trauen, daſs Sie mir den Preis um deſswillen ent - ziehen werden, weil ich ein Deutſcher bin. Bey uns giebt man Ihren Landesleuten die Parthey - lichkeit Schuld, daſs ſie behaupten, der Rhein beſtimme die unüberſteiglichen Graenzen des Witzes. Aus dem Erfolge werde ich ſehn, ob dieſer Vorwurf gegründet ſey. Ich will es nicht hoffen. Ihnen, meine Herren, traue ich die Einſicht zu, daſs Sie von der Erfindſamkeit der Deutſchen richtigere Begriffe haben werden. Deutſche waren es, die das Pulver, die Ameri - ca,*Man hat ſich, bey Gelegenheit dieſer Stelle, im Iournal Etranger und zwar im Novembre 1754. viel Mühe gege - ben, zu beweiſen, daſs die Erfindung der neuen Weltkein die die Buchdruckerkunſt, ja, wo ichmich396mich nicht ganz irre, ſo gar auch Acroſticha und Chronodiſticha erfanden; und mit Ihrer Erlaub - niſs, meine Herren, ein Deutſcher iſt es, der die Ehre hat, die unerhoerte neue Wahrheit zu erfinden: Daſs die Begierde, von andern Uebels zu reden, nur aus einer edlen Menſchenliebe entſpringe.
Ich weis nicht, meine Herren, ob Sie in gegenwaertiger Ausarbeitung das Mühſame und Schwerfaellige wahrnehmen werden, welches Ihre witzige Schriftſteller uns Deutſchen ſo gern Schuld geben. Ich ſollte es kaum meynen. So viel kann ich ihnen bey meiner Autorparole ver - ſichern, daſs ich zu dieſer Abhandlung, nicht voellige zwoelf Stunden noethig gehabt habe We - nigſtens hat mir mein Barbier, der ein Mann von Einſicht iſt, und den meiſten von der franzoeſi - ſchen Colonie den Bart putzt, die Schmeicheley geſagt: Meine Abhandlung ſey ſo leicht und flüchtig geſchrieben, daſs ſie wohl verdiene, von einem gebornen Franzoſen geſchrieben zu ſeyn.
Aber, wenn ich nun den Preis nicht erhal - ten ſollte? Der Gedank iſt mir ſchrecklich! Ich weis nicht, was ich thun würde. Raechen würde ich mich gewiſs. Bey den meiſten unſrer deutſchen Hoefe wollte ich Ihre ganze Academiedurch*kein Werk für einen deutſchen Kopf ſey. Der Streit iſt mir gleichgültig: Ich bin ſchon zufrieden, daſs man uns die Acroſticha und Chronodiſticha nicht ſtreitig gemacht hat, zu denen doch die Ausländer vielleicht noch mehr Recht haben dürften, als wir Deutſche. 397durch ſatiriſche Leberreime laecherlich machen; bey unſern Gelehrten wollte ich Sie durch No - ten, Lesarten, und Anmerkungen in Verach - tung bringen; aber Sie, meine Herren, erſchrek - ken Sie vor meiner Rache, Sie wollte ich mit dem erſten Folianten, den ich ſchreibe, heim - ſuchen, und Ihnen ſolchen zueignen, es müſs - ten denn, wie es beynahe das Anſehen gewin - nen will, Ihre Gelehrte im kurzen auch Ge - ſchmack an Folianten finden; alsdenn würde ich auf einen noch groeſſern Format, mich zu rae - chen, denken. Aber ich hoffe gewiſs, alle dieſe Sorge wird vergebens ſeyn.
Ich habe die Ehre, mit der demüthigſten Hochachtung eines Autors, der um den Preis buhlt, zu ſeyn
Meine Herren, Ihr ergebener Diener.
N. S.
Den Augenblick faellt mir ein Zweifel ein, der mich auſserordentlich unruhig macht, und der alle meine groſsen Abſichten zerſtoeren kann. Vielleicht verſteht von Ihnen, meine Herren, kein Einziger deutſch? und vielleicht haben Sie auch im ganzen Bearn niemanden, der es Ihnen verdollmetſchen kann? Ich unglücklicher Autor! wie werden wir zuſammen kommen? Latein zu ſchreiben iſt in Deutſchland faſt gar nicht mehrmode,398mode, und in Frankreich iſt es ſchon lange nicht mehr mode geweſen, es zu verſtehen. Von Ih - rer Sprache verſtehe ich zu wenig, als daſs ich es wagen moechte, in ſelbiger zu ſchreiben. Ich dürfte Ihnen wohl zumuthen, deutſch zu lernen, damit Sie meine Schrift leſen und verſtehen moechten; denn faſt in keinem Lande iſt ein Autor, der ſeine Schrift nicht für wichtig genug halten ſollte, den Auslaendern dergleichen anzu - muthen: aber ich kenne die Herren Franzoſen ſchon. Sie glauben, daſs alle Deutſche reden, wie ihre Schweizer, und um deſswillen wollen ſie ihre Gurgel nicht dran wagen, deutſch zu lernen. Was ſoll ich thun? Denn oeconomiſch von der Sache zu urtheilen, muſs mir mehr dran liegen, daſs Sie mich verſtehen, als Ihnen dran liegen kann, meine Schrift zu leſen. Wiſſen Sie was? Damit Sie vor den gothiſchen Charac - cteren meiner Sprache nicht erſchrecken; ſo will ich mich überwinden, die Abhandlung mit lateiniſchen Buchſtaben drucken zu laſſen. Sehn Sie, meine Herren, ich thue den erſten und wichtigſten Schritt: Es iſt billig, daſs Sie den andern thun. Lernen Sie deutſch!
Es iſt gemeiniglich eine Folge unſrer hypo - chondriſchen Philoſophie, wenn wir die - jenigen Handlungen der Menſchen, die wir ſelbſt zu begehen nicht im Stande, oder nicht geneigt ſind, dadurch verdaechtig zu machen ſuchen, daſs wir ihre Quellen vergiften, und ihnen einen thoerichten oder laſterhaften Urſprung andich - ten. Wir empfinden bey dergleichen Ent - deckungen der Fehler anderer Menſchen eine gewiſſe ſchmeichelhafte Beruhigung, die der Theolog ein zufriednes Gewiſſen, der Philo - ſoph das innere Bewuſstſeyn eigner Vollkom - menheiten, und ein Unpartheyiſcher einen men - ſchenfeindlichen Stolz nennet.
Es würde mir leicht ſeyn, dasjenige, was ich hier behaupte, weitlaeuftiger zu beweiſen; aber ich muſs befürchten, daſs ich eben dadurch den Vorwurf, den ich andern machen will, zu - erſt verdiene. Ich würde vielleicht einen ſehr gelehrten Beweis führen, daſs der Theolog aus einem frommen Stolze verdamme, und derſchlieſ -400ſchlieſſende Philoſoph ſeinen eignen Hochmuth demonſtrire; aber was würde ich Ihnen, meine Herren, antworten koennen, wenn Sie mich fragten, ob ich dieſen gelehrten Beweis aus De - muth führte? Ob ich nicht in dem Augenblicke, da ich andere richte, über mich ſelbſt das Ur - theil ſpraeche? Ob ich nicht dadurch doppelt ſtrafbar waere, da ich eben den Fehler, den ich an andern ſo mühſam tadelte, aus Hochmuth und Eigenliebe ſelbſt begienge? Ein Vorwurf, bey dem nur ein Moraliſt nicht erroethen darf!
Ich erſuche Sie alſo, meine Herren, daſs Sie dasjenige, was ich hier geſagt habe, für nichts anders, als für eine gelehrte Aufgabe, und für eine von denen problematiſchen Wahrheiten an - ſehen, welche eben ſo leicht nicht ſeyn koennen, als ſie ſind. Wenigſtens wünſche ich dieſes.
Da ich mich überwunden habe, dieſe Ehren - erklaerung zu thun: ſo werde ich es wagen dür - fen, oeffentlich zu geſtehen, daſs ich bey mir ſelbſtüberzeugt bin, daſs alle Handlungen der Men - ſchen, auch diejenigen unter ihnen, die den Sit - tenrichtern am meiſten verdaechtig ſind, aus einer guten Quelle, und, wenn ich meinen Geg - nern ja noch was einraeumen ſoll, aus guten, doch übelverſtandnen Abſichten herkommen.
Wie viel Ehre macht dieſe patriotiſche Ent - deckung dem ganzen menſchlichen Geſchlechte! Wie tugendhaft werden die Menſchen, wie ſehr werden, ſie wenigſtens zu entſchuldigen ſeyn! In401In dieſem Augenblicke ſchenke ich meinen Mit - bürgern eine unendliche Menge rechtſchaffner Maenner, die ſie bisher entweder für Thoren oder für Boeſewichter hielten. Die Laſter flie - hen, die Welt wird tugendhaft! Die Welt, über welche der Fromme ſeufzet, und die der Weiſe verachtet; dieſe mache ich itzt dem Frommen und dem Weiſen zur beſten Welt.
Da ich gegenwaertig die Rolle eines Autors übernommen habe; ſo iſt man ſchuldig, mir ei - nen gewiſſen Hochmuth zu verzeihen, der den Autoren, und vornehmlich jungen Autoren ſo wohl anſteht. Ich glaube, daſs ich itzt an mei - nem Pulte, in einer Minute, eben die Thaten ruhig verrichte, welche zu verrichten Hercules ſo viel Iahre lang den groeſsten Theil der Welt durchirren muſste. Er reinigte die Welt von Ungeheuern; die Fabel ſagt es: Iſt der Dienſt, den ich der Welt leiſte, weniger wichtig? Aber ich glaube auch, daſs man die Fabel ganz unrecht verſteht. Haette Hercules wirklich gethan, was die Poeten von ihm erzaehlen; ſo würde er mehr ein gewaltthaetiger Raeuber, oder wenigſtens mehr ein Don Qvixote des Alterthums, als ein Held geweſen ſeyn. Eine Heerde Ochſen zu plündern, und einen Stall auszumiſten; verdient dieſes, vergoettert zu werden? Die Weisheit der Fabel hat unter dieſen Erzaehlungen etwas viel wichtigers verborgen. Hercules war ein Welt - weiſer, der ſeine Schüler lehrte: Daſs die Hand - lungen der Menſchen im Grunde tugendhaft,C cund,402und, wenigſtens durch die guten Abſichten zu entſchuldigen ſind. Dieſer Satz fand allgemei - nen Beyfall. Nun war niemand mehr laſterhaft. Vom aeuſserſten Ende Heſperiens bis an den Ganges ſahe man nichts als menſchenfreundliche Mitbürger, als tugendhafte Handlungen, als Vertraulichkeit, als Nachbarn, die einander entſchuldigten. Bittern Haſs, Verkaetzerun - gen, denn auch die Prieſter des Saturnus ver - kaetzerten ſchon, ungerechte Laeſterungen; alle dieſe Ungeheuer des menſchlichen Geſchlechts rottete der Philoſoph aus. Dieſes waren die vergoetterten Thaten, die Hercules, der Welt - weiſe, verrichtete, ohne vielleicht jemals aus ſeinem Vaterlande zu kommen. Das kriegeri - ſche Alterthum machte daraus einen bewaffne - ten Held, mühſame Abentheuer, Hydren, und, was das billigſte war, ihn endlich zum Gott.
So weit geht mein Ehrgeiz nicht. Die Schriftſteller haben das alte Recht, ſich ſelbſt zu vergoettern; aber auch dieſem Rechte entſage ich. Ich werde mich für voellig be - lohnt halten, wenn Sie, meine Herren, mei - ner neuen Wahrheit Ihren Beyfall nicht ent - ziehen, und wenn mein geſelliges Beyſpiel andre aufmuntert, die Handlungen ihrer Mit - bürger als billig und gerecht zu vertheidigen, oder, wo ſie das nicht thun dürfen, ſie doch zu entſchuldigen. Wie ſehr wird dieſes der Menſch - heit zur Ehre gereichen! Wie beneidenswerth würde dieſe glückliche Verwandlung unſern Vor -fahren403fahren ſcheinen, wenn ſie zurück kommen, und die Vollkommenheiten ihrer tugendhaften Kin - der ſehn ſollten! Sie würden keine Geizige mehr finden, ſondern nur Patrioten, welche mitten unter ihren geſammelten Schaetzen liebreich ver - hungern, um ihren Kindern, oder welches noch eine ſtaerkere Groſsmuth beweiſt, ganz Frem - den, die ſie vielleicht nicht einmal kennen, Reich - thümer zu hinterlaſſen, daſs ſie ſolche in Ver - gnügen und Ueberfluſs zerſtreuen koennen. Der Mann, den ſie einen ungerechten Richter hieſsen, iſt dieſes nicht mehr, ſondern ein theuer erkauf - tes Werkzeug der Gerechtigkeit, welche durch ihn den ſtreitenden Partheyen ihre feindſelige Thorheit koſtbar machen will, um ſie zu einem friedfertigen Betragen zu zwingen, und welche zugleich durch die ungeſchickten Ausſprüche dieſes Richters den Stolz der Geſetzgeber demü - thiget, deren wohlüberlegte, und weitausſehende Vorſicht oft durch ein geringes Geſchenk verei - telt wird. Dieſe mürriſchen Alten würden keine Urſache weiter haben, die Jugend vor dem Umgange mit Frauenzimmern zu warnen, deren Aufführung ihnen verdaechtig ſchiene. Sie wür - den oeffentlich geſtehen müſſen, denn innerlich waren ſie es ohnedem ſchon überzeugt, daſs dieſe reizenden Geſchoepfe nichts thun, als die Natur predigen; daſs ſie nur der Jugend Gele - genheit verſchaffen, die angeborne Empfindung ihres Frühlings zu genieſsen, daſs ſie für das Va - terland ſich ſelbſt aufopfern, um die Mannsper -C c 2ſonen404ſonen von gefaehrlichern Ausſchweifungen zu - rückzuziehen; daſs ſie in trunkner Wolluſt ſehr geſchwind leben, da ſie wohl wiſſen, wie flüch - tig dieſe Wolluſt ſey. Sollten wohl unſre Alten noch ſo hart ſeyn, unſre Alten, deren Herz im - mer auch zaertlich war, ſollten ſie ſo hart ſeyn, und die freundſchaftliche Wolluſt dieſer kleinen dienſtfertigen Geſchoepfe mit dem beleidigen - den Namen einer verführeriſchen Ausſchweifung belegen?
Hier habe ich nur drey Proben gegeben, welche, wie ich hoffe, die Wahrheit meines Satzes deutlich genug unterſtützen werden.
Der kurze Raum einer halben Stunde, den mir die Geſetze der Academie verſtatten, er - laubt mir nicht, weitlaeuftiger zu ſeyn; ich würde es auſserdem mit Vergnügen und gewiſs nicht ohne Nutzen ſeyn, wenn ich durch noch mehrere Beyſpiele zeigte, daſs die Handlungen der Menſchen, welche unſrer mürriſchen Ernſt - haftigkeit oft ſo verdaechtig ſind, immer noch eine gute Seite haben, von welcher man ſie der Welt zeigen kann, woferne man billig ſeyn will. Für itzo mag dieſes genug ſeyn, mein Vorhaben zu rechtfertigen, da ich beweiſen will: daſs die Begierde, Uebels von andern zu re - den, weder aus Hochmuth, noch aus Bosheit des Herzens, ſondern aus einer wahren Men - ſchenliebe herrühre. Dieſes zu beweiſen, und von jenem den Ungrund zu zeigen, braucheich405ich weiter nichts, als Sie, meine Herren, von dem groſsen Einfluſſe zu überführen, den dieſe Begierde, Uebels zu reden, in das Beſte des gemeinen Weſens, und in die Glückſeligkeit eines jeden einzelnen Mitbürgers hat! Ein Be - weis, welchen man ſich von demjenigen gewiſs mit Erfolge verſprechen kann, der Muth und Menſchenliebe genug hat, den Geizigen zum Patrioten, den ungerechten Richter zum nütz - lichen Mitgliede des Staats, und Frauenzimmer von einem ſchlüpfrigen Character zu Prieſterin - nen der Natur zu machen.
Ich verzeihe es den angeerbten Vorurthei - len unſerer Welt, welche von dieſer Begierde, Boeſes zu reden, ſich die fürchterlichſten Be - griffe macht. Unſre Ammen, die uns Ge - ſpenſter bereden, machen uns auch vor dieſer Begierde zu fürchten; und in dem Augenblicke, da ſie dieſes thun, reden ſie immer von ihren Nachbarinnen am meiſten Boeſes. Ein Beweis, daſs die Triebe der Natur, denn eben darunter gehoeren die Triebe, Boeſes zu reden, ſich nie - mals ganz unterdrücken laſſen!
Unſre deutſche Sprache, ſo reich ſie iſt, iſt doch zu arm, dieſe Pflicht, Boeſes zu reden, mit einem anſtaendigen, wenigſtens gelinden, Worte auszudrücken. Schmaehen, Laeſtern, Verun - glimpfen, Splitterrichten, Verlaeumden etc. dieſes ſind etwan die gemeinſten Ausdrücke, die man braucht, wenn man von dieſer groſsenC c 3Pflicht,406Pflicht, Boeſes zu reden, ſich erklaeren will. Lauter verhaſste Namen! Aber ich halte dieſes mehr für einen Fehler der Grammatik, als des Herzens. Wir ſind von der Nothwendigkeit dieſer Pflicht allzuwohl überzeugt, als daſs wir im Ernſte ſo verhaſste Begriffe damit verknüpfen ſollten. Unſre Auflührung widerſpricht dieſem am meiſten. Denn zum Ruhme meiner Deut - ſchen muſs ich hier bekennen, daſs wir in der Kunſt Boeſes zu reden, es beynahe unſern Nach - barn gleich thun. Der Aberglaube der Maler hat dieſe mütterlichen Vorurtheile noch mehr geſtaerket. Dieſe Herren ſind nicht allemal ge - wohnt, ihre Gemaelde den Originalen gemaeſs einzurichten. Sie ſchmeicheln den Leidenſchaf - ten der Menſchen, oder copiren denen nach, die vor ihnen gemalt haben. Und daher koemmt es, daſs ſie alle Prinzen weiſe und groſsmüthig, alle Richter ehrwürdig ernſthaft, alle Braeute mit einer reizenden Unſchuld, alle Geiſtliche fromm und heilig, alle Teufel mit Hoernern und Schwaenzen, und die Begierde, Boeſes zu re - den, mit Schlangen und ſpitzigen Zungen ma - len. Lauter Fehler wider die Wahrſchein - lichkeit!
Und würden wir wohl im Stande ſeyn, der - gleichen übereilte Fehler zu begehen, wenn wir bedenken wollten, daſs die Begierde Uebels zu reden nichts anders ſey, als ein von der Natur uns vernünftigen Geſchoepfen eingepflanzterTrieb,407Trieb, die wirklichen, oder auch die eingebil - deten Fehler einzelner Menſchen, und wohl ganzer Geſellſchaften und Voelker, gemeinig - lich auf eine luſtige, oft auch ernſthafte Weiſe, andern bekannt zu machen, um ſich und andre dadurch zu ergetzen, denen, die dergleichen Fehler wirklich haben, einen Abſcheu davor beyzubringen, andre, die ſie nicht haben, da - vor zu warnen, einen ieden aber gegen ſich und andre aufmerkſam, einen ieden tugendhaft, oder doch vorſichtig, mit einem Worte: die ganze Welt zu guten Mitbürgern zu machen!
Ich empfinde in mir ſelbſt einen heiligen Schauer, wenn ich an die groſse Pflicht, Ue - bels von andern zu reden, gedenke. Ein pa - triotiſches Mitleiden empfinde ich, wenn ich die unglückliche Blindheit derer erwaege, welche dieſe groſse Pflicht nicht allein ſelbſt nicht beob - achten, ſondern auch andern davor einen Ab - ſcheu beyzubringen ſuchen. Ein Werk der Na - tur, ein Werk, das ſie nur vernünftigen Weſen vorzüglich gegoennet hat, dieſes wollten wir den Menſchen entreiſſen? So ſtoſsen wir ihn herab zu den nicht denkenden Geſchoepfen, die die weiſe Natur dieſes Vorzugs unwürdig ge - halten hat; So reiſſen wir die vornehmſte Stütze über den Haufen, auf welcher das Vergnü - gen, die Sitten, und das Wohl der Men - ſchen ſich gründen.
C c 4Ich408Ich hoffe, aus wahrer Menſchenliebe hoffe ich es gewiſs, daſs dieſe unerwarteten, und doch unum - ſtoeſslichen Wahrheiten bey Ihnen, meine Herren, einen beſondern Eindruck machen werden. Noch ſcheinen Sie zweifelhaft. Ueberwinden Sie ſich! Nehmen Sie eine Wahrheit an, deren Gewalt Sie fühlen. Ein Weiſer ſchaemt ſich niemals, ſeine Vorurtheile zu erkennen.
Geſtehn Sie es nur, meine Herren; Sie em - pfinden nunmehr das Unrecht, das Sie der gan - zen menſchlichen Geſellſchaft angethan, da Sie den Trieb von andern Uebels zu reden, in einem eitlen Hochmuthe, und in der Bosheit des menſchlichen Herzens geſucht haben? Aber ich will Ihnen aufrichtig geſtehen, was ich zu Ih - rer Rechtfertigung von Ihnen glaube. Waren Sie vielleicht ſchon von der Wahrheit meines Satzes überzeugt? Wollten Sie etwan eine ſo neue Meynung noch nicht oeffentlich wagen? Vermuthlich war es nur Ihre Abſicht, den witzi - gen Koepfen unvermerkt Gelegenheit zu geben, von der ganzen Welt Uebels zu reden, da ſie eine Handlung, die allen vernünſtigen Geſchoe - pfen ſo eigen iſt, vom Hochmuthe und der Bos - heit des Herzens ableiten ſollten. Wie glück - lich wiſſen Sie, meine Herren, den Menſchen, auch wider Willen, auf ſeine Pflicht zurückzu - führen! Ich bewundre dieſe Vorſicht, und ſehe auch unter dieſer angenommenen Maſque den rechtſchaffnen Patrioten.
Nun -409Nunmehr, da ich Ihre wahre Abſicht ent - deckt habe, kann ich mit Ihnen ſchon ein we - nig vertrauter reden, und ich habe weniger Ur - ſache, dasjenige mühſam zu erlaeutern, was ich bereits oben gründlich erwieſen habe. Was ich alſo hievon noch ſagen werde, das ſage ich nur in der Abſicht, mich gegen Sie deutlicher zu erklaeren, nicht aber in der Meynung, Ihnen ei - ne Wahrheit begreiflich zu machen, von der Sie lange vorher überzeugt waren, noch ehe Sie mir die Gelegenheit wieſen, ihr ſelbſt nachzu - denken.
Dieſe neue Vertraulichkeit, die ich mit Ih - nen itzo geſtiftet habe, verbindet mich, Ihnen aufrichtig zu bekennen, was die Zweifel, die ich hier ausführe, bey mir zuerſt veranlaſst habe. Ich las in der Utrechter Zeitung die Stelle von Ihrer Aufgabe, mit eben der gleichgültigen Un - achtſamkeit, mit der ich die Nachricht von den Actien der oſtindiſchen Compagnie leſe. In dem Augenblicke kam meiner Frau Bruder ins Zimmer geſtolpert, ſtürzte auf mich los, um - armte mich, fluchte ſein Cadedis, und fragte mich mit gebrochnem Deutſche: Wo hat der Donner deine Frau? Glauben Sie vielleicht, daſs dieſer Menſch aus dem Tollhauſe entſprungen ſey? Unwahrſcheinlich iſt es nicht. Allein, mit Ihrer Erlaubniſs, es war ein junger Deutſcher, der den Augenblick aus Paris kam, wo er ſich ſechs Wochen aufgehalten hatte. Meine Frau empfieng ihn ſchweſterlich; aber das Erſte, wasC c 5er410er ihr ſagte, waren ein paar Unflaetereyen, we - gen ihrer Schwangerſchaft. In dieſem Tone fuhr er fort, und rühmte ſeine Ausſchweifungen, die er in Paris begangen, und die er auch wohl nicht begangen hatte. Alle verdaechtige Haeu - ſer zaehlte er in einer ſo richtigen Ordnung her, wie Homer die Schiffe der Griechen. Wir er - fuhren die ſchaendlichſten Krankheiten, die er gehabt haben wollte, und von wem er ſie be - kommen; wenigſtens eine Marqviſinn muſste dieſe ſeyn. Er vertraute uns, in welchen zwey - deutigen Umſtaenden ſein entkraefteter Koerper noch itzt ſey. Dieſes alles ſagte er uns mit ei - ner faſelnden Lebhaftigkeit, die man nur von einem Raſenden erwarten kann.
Meine Frau, welche ſich nicht ſchaemt, eine vernünftige Chriſtinn zu ſeyn, ſchlug die Haen - de zuſammen. Biſt du es denn, Bruder! ſagte ſie, haſt du denn vor Gott und vor Menſchen keine Scheu? Du deutſche Beſtie! war ſeine Antwort; Schweſter, du weiſst nicht, was Le - ben iſt; komm mit nach Paris! Ihr Deutſchen lebt hier ſo ordentlich und geſund, wie das liebe Vieh, und daher koemmt es, daſs ihr auch ſo denkt. Mit deiner Gottesfurcht! Die Reli - gion eines ehrlichen Mannes, die laſse ich noch gelten; das andere iſt alles Qvakerey, hol mich der Teufel Qvakerey! Eure Pfaffen machen euch zu Narren. In Paris haben wir ein Sprüchwort ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ Meine Frau hielt ihm den Mund zu, und lieſs ihn nicht weiter reden. Er411Er ſchwieg endlich; aber das muſsten wir ihm erlauben, daſs er uns zwey Gaſſenlieder vorheul - te, eines wider den Koenig, und das andre wi - der die Beichtzeddel.
Was halten Sie, meine Herren, von dieſem deutſchen Franzoſen? und von ſeiner Begierde, Boeſes zu reden, von welchem gewiſs die Haelf - te erdichtet war? Das meiſte Boeſe redete er von ſich ſelbſt; Sollte er das aus Hochmuth, oder aus Bosheit des Herzens gethan haben? Wie wenig wahrſcheinlich iſt dieſes! Aus Hoch - muth konnte es nicht ſeyn; denn alles, was er erzaehlte, war zu ſeiner Schande. Aus Bosheit gegen ſich ſelbſt konnte es noch viel weniger ſeyn; denn das Zeugniſs kann ich ihm geben, daſs er nichts in der Welt ſo ſehr liebt, als ſeine kleine Perſon. Alſo muſste wohl noch eine an - dre Urſache übrig ſeyn, die ihn bewegte Boeſes von ſich und von ſeinen Freunden zu reden. Noch zweifelhafter machten mich die Gaſſen - lieder, die er uns ſang. Wenn das Volk in Paris ſchaendliche Lieder von dem ſingt, der ih - nen ihr Liebſter iſt; und darüber ſpottet, wovor es nieder kniet; Sollte es dieſes wohl aus Hoch - muth oder aus Bosheit thun? Das war mir un - wahrſcheinlich. Ich dachte weiter nach, und endlich war ich ſo glücklich, dieſe neue Ent - deckung zu machen, daſs die Begierde, Boeſes zu reden, aus einer ganz andern Quelle abzu - leiten ſey.
Wenn412Wenn ich beweiſen will, daſs dieſe Begierde, Boeſes zu reden, lediglich aus einer wahren Menſchenliebe herrührt; ſo habe ich nicht noe - thig, etwas weiter zu thun, als daſs ich den un - entbehrlichen Nutzen zeige, den ſie in der menſchlichen Geſellſchaft hat. Und beynahe iſt auch dieſes überflüſsig, da der gemeinſte Mann ſolches aus der taeglichen Erfahrung lernt. Ich will alſo weiter nichts thun, als meine Leſer an diejenige Empfindung erinnern, die Sie ge - habt haben, ohne vielleicht aufmerkſam dabey geweſen zu ſeyn, weil ſie Ihnen gar zu ge - woehnlich war.
Das Band der bürgerlichen Geſellſchaft, wor - auf ſich die ganze Republik gründet, iſt das Ver - gnügen, welches die Innwohner einer Stadt in dem Umgange mit einander empfinden. Der Satz iſt klar, und wer daran noch zweifelt, der ſtelle ſich eine Stadt vor, wo alle Thüren ver - ſchloſſen bleiben, wo die Fenſter verhangen ſind, wo niemand auch nicht den Nachbar kennt, und wo derjenige, welcher nicht ver - meiden kann auszugehn, doch nur im Finſtern ausgeht, um nicht geſehn, und von niemanden angeredt zu werden. Dieſe traurige Stadt ſtelle er ſich vor. Würde Peau, würde Leipzig an - ders ſeyn, wenn ſeine Bürger nicht mit Vergnü - gen einer des andern Geſellſchaft ſuchte? Und würden ſie dieſes Vergnügen genieſsen, wenn ſie nicht eben dadurch Gelegenheit faenden, Uebels von andern zu reden? Nur dieſer Unterſcheidiſt413iſt dabey, daſs eine jede Geſellſchaft ihre eigne Art hat, Boeſes zu reden.
Der Greis ſeufzt über die ſchlimmen Zeiten; die Jugend über den Eigenſinn und Geiz des Greiſes. Ehrwürdige alte Jungfern reden Boe - ſes von den flatterhaften Maedchen, die ſchon gern ſündigen, und doch nur achtzehn Jahr alt ſind; und dieſe lachen über die fromme Buhle - rey der alten Heiligen. Die Bürger reden Boe - ſes von den Preſſungen und der Partheylichkeit des Magiſtrats; und dieſer noch mehr Boeſes von dem Ungehorſame und müſsigen Leben des Bürgers. Der Narr redet Boeſes von der Reli - gion, und der Kaetzermacher zankt ſich mit dem Teufel. Der junge Marquis iſt nie witziger und muthwilliger, als wenn er etwas Boeſes von ei - nem Philoſophen erzaehlen kann, und der Phi - loſoph unterſucht, ob dieſer Muthwille aus Hochmuth, oder aus Bosheit herrühre. Mit einem Worte: die ganze Stadt redet Uebels, und die ganze Stadt eilt mit Vergnügen in die Geſellſchaften, wo ſie es reden kann. Man nehme ihnen die Erlaubniſs Boeſes zu reden, ſo nimmt man der Welt ihre Sonne.
Diejenigen, welche die unglückliche Leiden - ſchaft des Spielens zu Sclaven gemacht hat, wiſ - ſen ſich immer damit zu entſchuldigen, daſs man alsdann, wenn geſpielt wird, nicht Zeit habe, Uebels von andern zu reden. Welche Thorheit! Einen Fehler damit entſchuldigen,daſs414daſs man eine Tugend unterlaeſst! Aber ich will mir dieſe Art der Entſchuldigung zu Nutze machen. Die Begierde, und die Gelegenheit Boeſes zu reden, iſt ein bewaehrtes Mittel, un - zaehlige Thorheiten zu vermeiden. Zu der Zeit, wenn die Geſellſchaft Boeſes redet, entfernt ſie ſich von der Seuche zu ſpielen, und ein müh - ſam verdientes Vermoegen durch einen un - glücklichen Augenblick unter aengſtlicher Hoff - nung zu zerſtreuen. Der Richter verſaeumt, ungerecht zu ſeyn, wenn er Boeſes von andern redet. Der Advocat merkt es nicht, daſs zween Nachbarn in vertraulicher Einigkeit leben, und laeſst ihnen daher dieſes Glück ungeſtoert. Der Arzt, wenn er Uebels von andern ſpricht, ver - giſst ſein Amt, und die Menſchen bleiben leben!
Die erſte Regel, die uns der Moraliſt ein - praegt, iſt dieſe, daſs man alle Mühe anwenden ſoll, ſich und die Welt kennen zu lernen. Iſt wohl eine bequemere Art dieſes zu lernen, als wenn man die Geſellſchaften fleiſsig beſucht, wo am meiſten Boeſes geredet wird? Man waehle ſich nur zwo der beſten, und die beſten ſind dieſe, wo eine Betſchweſter oder ein Müſsig - gaenger das groſse Wort führen; ſo lernt man die ganze Stadt kennen, und auch dieſe beiden Geſellſchaften lerne man kennen, weil gewiſs keine die andere ſchonen wird. Philen iſt mild - thaetig. Er ernaehrt mit ſeinem eignen Brodte die Kinder einer Wittwe, welche der Mann in aeuſserſter Armuth hinterlieſs, weil er zu ehr -lich415lich war. Philen hat wohl Urſache mildthaetig zu ſeyn, denn drey von dieſen Kindern ſind ſein. Herkommann iſt ein Gerechtigkeit lieben - der Advocat, welcher ſich ein Vergnügen dar - aus macht, Wittwen und Waiſen beyzuſtehen. Im Ernſt? Warum nicht? Denn Herkommann iſt ein Erbſchleicher. Aber Suffen, der Patriot, wird doch ohne Tadel ſeyn? Suffen, welcher mit Thraenen die Noth der Unterthanen ſieht, und der Regierung flucht? Suffen iſt ein Misver - gnügter, den der Hof beleidigt hat, weil er ihm das Amt nicht geben wollte, das er ſuchte, um die Unterthanen ſelbſt zu drücken. Wie lehr - reich iſt die Schule derer, die von andern Boe - ſes reden! Ohne dieſe Geſellſchaft würde ich niemals Gelegenheit gehabt haben, den Philen, den Herkommann, den Suffen kennen zu lernen.
Aber werde ich auch Gelegenheit haben, mich ſelbſt kennen zu lernen? ‒ ‒ Warum nicht? mein Herr. Sind ſie allein ſo tugendhaft, oder ſo ehrwürdig, daſs man von ihnen allein nichts Boeſes reden wird? Ich moechte es ihnen wohl im Vertrauen entdecken, was man von ihnen ſagt, aber verdrieſslich müſſen ſie nicht werden. Man ſpottet über ihre pedantiſche Mühe, die ſie ſich machen, andre kennen zu lernen. Der gute Menſch glaubt, er ſey weiſe genug, die Feh - ler andrer zu entdecken; bey der klugen und geſetzten Miene, die er ſich giebt, iſt es nur der Geiz und der Hochmuth, der ihn abhaelt, laſterhaft zu ſeyn. In Geſellſchaft redet er we -nig,416nig, damit man glauben ſoll, er ſey im Stande, ſehr vernünftig zu reden, wenn er ſich nur ent - ſchlieſsen wollte zu reden. Sein Anzug iſt rein - lich und ohne Pracht; aber er hat keinen Cre - dit. Wenn er von der Religion mit Ehrfurcht ſpricht, ſo geſchieht es, um diejenigen in der Stadt auf ſeine Seite zu ziehn, deren Zorn am gefaehrlichſten iſt. Ungeachtet er unverheira - thet iſt, ſo wird er doch niemals anders, als mit einer gewiſſen Ehrfurcht, vom weiblichen Ge - ſchlechte reden; aber, wollen ſie etwan ſeinen Roman wiſſen? In zwo Minuten will ich ‒ ‒ ‒ ‒ Verzeihen ſie, mein Herr; Warum ſehen ſie ſo wütend aus? Sie verſtehn mich unrecht. Ich hatte gar nicht in Willens, ſie zu beleidigen. Nur aus Freundſchaft gab ich mir die Mühe, ihnen das Boeſe wieder zu erzaehlen, das man in allen Geſellſchaften von ihnen ſpricht. Sie ſollten das Glück haben, ſich kennen zu lernen, und nur in dieſer Abſicht redete ich ſo viel Uebels von ihnen.
Und wenn die Begierde Boeſes zu reden weiter gar keinen Nutzen haette, als dieſen, daſs ſie uns gegen andere und gegen uns ſelbſt auf - merkſam und vorſichtig macht; ſo verdiente ſie ſchon, auch dieſes einzigen Nutzens wegen, alle Hochachtung. So gar diejenigen, die am mei - ſten eigenſinnig und von dem Vorurtheile nicht abzubringen ſind, daſs die Begierde Boeſes zu reden ein Laſter ſey; auch dieſe würden ſiewenig -417wenigſtens für ein ganz unentbehrliches Laſter halten, wenn ſie dieſen Nutzen gelaſſen über - denken wollten. Die Dieberey, ob ſie ſchon ihren eignen Gott hatte, war dennoch auch bey denen ein Laſter, die dieſen Gott anbete - ten; und gleichwohl fanden die Lacedaemonier einen ſo groſsen Nutzen darinnen, daſs ihre Ju - gend ſchlechterdings eine Geſchicklichkeit im Stehlen erlangen muſste, wenn man ihr nicht den Vorwurf machen ſollte, daſs ſie künftig ein ſehr unnützes Mitglied des Staats ſeyn würde. O, machten doch dieſe Worte einen Eindruck in die Herzen unſrer Aeltern! O, koennten ſie ſich doch entſchlieſsen, ihre Kinder, die ihnen die Natur anvertraut hat, in Zeiten an die wich - tige Kunſt, Uebels zu reden, zu gewoehnen! Zu ihrer eignen Ehre, zum Nutzen des Vater - landes, und vornehmlich zum Nutzen ihrer Kinder würde es gereichen, wenn ſie dadurch vorſichtig gegen ſich ſelbſt, und gegen andre gewoehnt würden. Dieſer Theil der Erzie - hung iſt vornehmlich ein Werk der Mütter. Von ihren Haenden wird es das Vaterland fo - dern. Die Natur verlangt es ſelbſt. Sollte wohl die Natur, die nichts umſonſt thut, den Müttern die Triebe, Boeſes von andern zu re - den, umſonſt ſo verſchwenderiſch mitgetheilt haben?
Es giebt wenige Fehler, die der menſchli - chen Geſellſchaft ſo beſchwerlich ſind, als der Hochmuth. Der Hochmüthige ſelbſt leidet da -D dbey;418bey; aber derjenige noch mehr, der ſeinen Um - gang nicht vermeiden kann. Der Theolog und der Philoſoph, arbeiten gemeinſchaftlich daran, das Herz des Menſchen demüthig zu machen. Jener beweiſt es ihm aus Staub und Erde, und dieſer noch gründlicher daraus, daſs unmoeg - lich ein Ding zugleich ſeyn und auch nicht ſeyn koenne. Für beide Beweiſe habe ich alle die Ehrfurcht, die ein unphiloſophiſcher Laye für die Theologen und Philoſophen haben muſs; und dem unerachtet bin ich verſtockt genug zu glauben, daſs man einen Hochmüthigen dadurch, daſs man Uebels von ihm ſpricht, in einer vier - thel Stunde weit zahmer und menſchlicher ma - chen kann, als durch eine lange traurige Pre - digt, und eine Reihe von finſtern Schlüſſen.
Ehe ich ſchlieſse, werde ich Gelegenheit ha - ben, hievon noch einmal zu reden. Bis dahin verſpare ich es, weitlaeuftiger zu ſeyn.
Ich übergehe zugleich noch eine unzaehlige Menge andrer Vortheile, welche ein jeder Menſch für ſich, und das ganze gemeine We - ſen überhaupt dadurch erlangt, wann einer von dem andern Uebels ſpricht. Da das Vergnü - gen, welches wir dabey empfinden, ſo groſs iſt; ſo iſt wohl nichts geſchickter, uns in den traurigen Stunden unſers Lebens aufzuheitern. Wir vergeſſen unſre eigne Thorheit, da wir uns mit der Thorheit andrer beluſtigen. Durch ei - ne beſtaendige Uebung, Boeſes von andern zureden,419reden, machen wir den Witz lebhaft. Kann wohl bey unſern Zeiten etwas wichtiger ſeyn, als dieſes, da ein lebhafter Witz mehr gilt, als ein ſcharfer Verſtand? Auch diejenigen werde ich auf meiner Seite haben, die den Werth ei - ner Sache finanzmaeſsig beurtheilen. Wie groſs iſt der Einfluſs, den die Begierde, Uebels von andern zu ſchreiben, und dieſes zu leſen, in Handel und Wandel hat! Holland iſt nie reicher geweſen, als eben zu der Zeit, da alle Preſſen beſchaefftigt waren, über die Schwachheiten eines alten Koenigs zu ſpotten, deſſen Jugend ihm ſo ſchrecklich geweſen war. Holland zog durch dieſe Schatzung die Reichthümer ganzer Laender an ſich, und gab aus dafür ſeinen Witz. Peter Marteau in Coeln, den die witzige Welt auch alsdenn noch nennen wird, wenn ſeine Schriftſteller laengſt vergeſſen ſind, der ward reich, und wodurch anders, als durch die Be - gierde der Welt, Boeſes zu reden?
Sollte wohl, meine Herren, noch iemand an der Wahrheit meines behaupteten Satzes zweifeln, daſs dieſe Begierde, Boeſes von an - dern zu reden, einen unendlichen Einfluſs in die Glückſeligkeit eines ganzen Staates habe? Und müſſen Sie nunmehr nicht geſtehen, daſs eine Handlung, welche der Grund der menſchli - c〈…〉〈…〉 en Geſellſchaft iſt, welche das Vergnügen über alle Familien ausbreitet, welche uns Gele - genheit ſchafft, andre und uns ſelbſt kennen zu lernen, welche uns aufmerkſam und vorſichtigD d 2macht,420macht, welche den Stolz des menſchlichen Her - zens ſo ſehr demüthigt, welche macht, daſs wir das Bittre dieſes kümmerlichen Lebens vergeſſen, welche ganze Laender bereichert, und die Seele eines Staats belebt, müſſen Sie nicht geſtehn, ſage ich, daſs eine ſolche Handlung keinen ge - ringern Urſprung, als die Menſchenliebe, haben kann, und daſs derjenige wohl verdient, als ein wahrer Patriot verehrt zu werden, der ſich angelegen ſeyn laeſst, dieſe Handlung allgemein zu machen?
Ich erſuche Sie, meine Herren, noch um eine kleine Aufmerkſamkeit, und bitte mir die Erlaubniſs aus, gelehrt zu ſeyn. Ich habe mir dieſe ganze Zeit über Gewalt angethan, mit mei - ner Gelehrſamkeit an mich zu halten: Laenger iſt mir es nicht moeglich. Ich ſtehe zu viel aus. Ich muſs mich ſchlechterdings meiner Beleſen - heit entſchütten, oder ich erlebe den Preis ge - wiſs nicht, den ich von Ihrer Academie erwarte. Ich will Ihnen die Wahrheit meines Satzes aus dem Alterthume unterſtützen. Mit einem Worte, ich muſs allegiren; denn ich bin ein Gelehrter. Ich werde Ihre Gedult nicht misbrauchen, dar - auf koennen Sie ſich verlaſſen.
Die Goetter würden ohne den Momusa)Momus, μωμος, Deus reprehenſor Heſiodo in Theogonia. Was ich ſonſt noch hievon haetteſagen einen ſehr unvollkommenen Himmel gehabt ha -ben. 421ben. Es war jemand unter ihnen noethig, vor deſſen Begierde, Boeſes zu reden, ſie ſich ſcheuen muſsten. Ihr Umgang würde endlich zu ſchlaef - rig geworden ſeyn; ſie würden zu wenig auf ſich ſelbſt Acht gegeben haben.
Dieſes ſahe Julianb)Vid. ΙΟΥΛΙΑΝΟΥ ΑΥΤΟΚΡΑΤΟΡΟΣ Και - σαρες. wohl ein. Damit es an der Tafel ſeiner Goetter nicht zu traurig ſeyn moechte, ſetzte er den Silen an die Seite des Bacchus; denn ohne ihn würde auch Bac - chus, der Gott der Freuden, ſchlaefrig gewe - ſen ſeyn. Silen muſste von den Goettern und von den Kaiſern Uebels reden, und die Goetter vergnügten ſich dabeyc)Παντων οὐν των Θεων κυκλῳ καθημενων ὁ Σειληνος, ἐρωτικως ἐχειν δοκων μοι του Διονυσου καλου και νεου, και τῳ πατρι τῳ Δϊι παραπλησιου, πλησιον ἀυτου, τροφευς τις ὁια και παιδαγωγος καθηστο, τατ᾽ ἀλλα φιλοπαιγμονα και φιλογελωτα και χαρι - τοδοτην ὀντα τον Θεον ἐυφραινων, και δη και τῳ σκωπτειν τα πολλα, και γελοιαζειν.. Wollen wir Men - ſchen über eine Sache eifern, die Jupiter ſich ſelbſt gefallen laeſst? Wollen wir ein Vergnügen von uns verbannen, ohne welches auch die Goetter nicht aufgeraeumt ſeyn koennen?
D d 3Diea)ſagen koennen, das findet der geneigte Leſer in Baſilii Fabri Sorani Theſauro eruditionis ſchola - laſticae.
422Die Fabel vom Prometheusd)Prometheus Iapeti, vnius ex Titanibus et Clyme - nes Filius. Fabula nota ex Heſiodo et Metamor - phoſi Ovidii. Wie viel koennte ich hier abſchrei - ben, wenn ich wollte! hat man bis - her ganz unrecht verſtanden. Sie ſagt, er habe Menſchen geſchaffen. Koennen wir dieſes nach den Worten nehmen, da wir wiſſen, daſs Men - ſchen waren, ehe Jupiter und Prometheus ge - boren wurden? Die Begierde Boeſes zu reden, war damals nur ein Vorzug der Goetter. Pro - metheus lernte es unter ihnen, und brachte die - ſes Geheimniſs unter die Menſchen. Dadurch machte er ſie geſellſchaftlich, vorſichtig, witzig, mit einem Worte, er machte ſie menſchlich. Dieſes, und nichts anders, war das Feuer, das er vom Himmel entwandte, und wodurch er die kalten und ſchlaefrigen Menſchen belebte. Durch dieſes Feuer, durch dieſen vom Himmel ent - wandten Trieb, Boeſes zu reden, ſchuf er die Menſchen, die vorher nur Creaturen waren, zu vernünftigen Creaturen, und machte ſie den Goettern aehnliche)Lucian, im Geſpraeche: Prometheus oder Caucaſus. ᾽Εγω δε ‒ ‒ ἐνενοησα ὡς ἀμεινον εἰη ὀλιγον ὁσον του πηλου λαβοντα, ζωα τινα συστησασϑαι καὶ ἀνα - πλασαι (das muſs alles figürlich verſtanden wer - den:) τας μορφας μεν ἡμιν ἀυτοις προσεοικοτα ‒ ‒ Ταυτ᾽ ἐστιν ἁ μεγαλα ἐγω τους Θεους ἠδικηκα.. Jupiter ward eiſerſüch - tig darüber. Sonſt hatte er nur Urſache gehabt, ſich vor den zuſammengeſetzten Kraeften derrebelli -423rebellirenden Menſchen zu ſcheuen: Nun ward ihm auch ihr Witz furchtbar. Für dieſe Ver - raetherey ſollte Prometheus büſsen. Daſs er die Menſchen glücklich und witzig gemacht, daſs er die Begierde Boeſes zu reden, dieſes Feuer vom Himmel entwandt, das durfte Zevs nicht be - ſtrafen; ſeine misgünſtige Eiferſucht würde zu merklich geweſen ſeyn: Man ſuchte alſo, ſo lan - ge man konnte, einen ſcheinbaren Vorwand zur Ungerechtigkeit. Er hatte dem Jupiter Knochen für Fleiſch vorgelegtf)Lucian hat im nur angeführten Geſpraeche alle Klagen zuſammengenommen, wenn er den Mercur mit dem Pro - metheus dieſe Unterredung halten laeſst: ΠΡΟΜΗΘ. Ω Κρονε, και Ἰαπετε, και συ, Γη μητερ, ὁια πε - πονϑα ὁ κακοδαιμων, οὐδεν δεινον εἰργασμενος; ἙΡΜ. Ὀυδεν δεινον εἰργασω, ὠ Προμηθευ, ὁς πρωτα μεν την νομην των κρεων ἐγχειρισϑεις, ουὑτως ἀδικον ἐποιησω και ἀπατηλην, ὡς ἀυτῳ μεν τα καλλιστα ὑπεξελεσϑαι, τον Δια δε παραλογισασϑαι, ὀστα καλυψας ἀργετι δημῳ; ‒ ‒ ἐπειτα δε τους ἀνθρωπους ἀνεπλασας, πανουργοτατα ζωα, και μαλιστα γε τας γυναικας. Ἐπι πασι δε το τι - μιωτατον κτημα των Θεων (Dieſe Worte ſind wohl zu merken) το πυρ κλεψας, και τουτο ἐδωκας τοις ἀνθρωϖοις. Τοσαυτα δεινα εἰργασμενος, φῃς, μηδεν ἀδικησας δεδεσϑαι; κ. τ. λ.; dafür ſollte er büſsen. Man fühlte gleichwohl, daſs dieſe Urſache laecherlich war: Er hatte alſo Menſchen geſchaffen, boshafto Geſchoepfe, und beſon - ders Frauenzimmerg)In dem darauf folgenden Geſpraeche des Lucians, zwi -ſchen. Aber würde JupiterD d 4Gele -424Gelegenheit gehabt haben, ſich bald in einen Stier, bald in einen Schwan zu verwandeln, wenn Prometheus dieſes grauſame Verbrechen nicht begangen haetteh)Ich bleibe beym Lucian, weil ich ihn einmal vor mir lie - gen habe. Prometheus ſagt: ὁ δε μαλιστα με πνιγει, τουτ᾽ ἐστιν〈…〉〈…〉 ὁι μεμφομενοι την ἀνθρωποπο〈…〉〈…〉 αν, και μαλιστα τας γυναικας, ὁμως ὁρατε ἀυτων, και οὐ διαλειπετε κατιοντες, ἀρτι μεν ταυροι, ἀρτι δε σα - τυροι και κυκνοι γενομενοι ϑεους ἐξ ἀυτων ποιεισϑαι ἀξιουντες.? Prometheus blieb im - mer unſchuldig; man muſste alſo das wahre Verbrechen nennen. Er hatte das Feuer vom Himmel geſtohlen, und es den Menſchen mitge - theilti)Vulcan war darüber am meiſten empfindlich. Seine Ver - bitterung wider den Prometheus gieng ſo weit, daſs er nicht einmal ſein Richter, ſondern ſein Anklaeger ſeyn wollte. Μα Δἰ, heiſst es, ἀλλα κατηγορον ἀντι δικαστου, ἰσϑι με ἑξων, ὁς το πυρ ὑφελομενος ψυχραν μοι την καμινον ἀπολελοιπας. Kann man dieſes wohl nach dem todten Buchſtaben verſtehn, ohne etwas unge - reimtes zu denken? . Ohne ſich nunmehr weiter entſchul - digen zu dürfen, (denn ein Prinz, der Unrecht hat, laeſst ſich zum drittenmale nicht widerſpre - chen) ward er aus dem Himmel geſtoſsen, und vor den Augen der beneidenswürdigen Men - ſchen, ſeiner Geſchoepfe, an den Caucaſus ge -ſchmie -g)ſchen dem Prometheus und dem Jupiter, findet dieſer das groeſste Verbrechen darinnen, und ſagt dem Prome - theus, er habe noch viel ſchwerere Feſſeln und ſchwerere Strafe verdient: ἀνϑ᾽ ὡν τοιαυϑ᾽ ἡμιν ζωα τους ἀνϑρωπους ἐπλασας ‒ ‒ και τας γυναικας ἐδη - μιουργησας.425ſchmiedetk)Dieſes ſagt der Anfang des lucianiſchen Geſpraechs. Ich koennte ihn auch abſchreiben. ‒ ‒ Eheu! jam ſatis eſt! Gelehrt genug ſehn meine Noten aus, ſo gelehrt, daſs, ſo Gott will, ſie niemand leſen wird. Aber ich leſe ſie ſelbſten; und ein wahrer Gelehrter ſchreibt allemal mehr für ſich, als für andere. . Koennen Sie es verantworten, meine Herren, wenn Sie ein Geſchenk des Pro - metheus verdaechtig machen wollen, welches die Goetter nur für ſich allein zu beſitzen wünſchten, welches ſie den Sterblichen misgoenn - ten, und worüber der groſsmüthige Prometheus zum Maertyrer werden muſste?
Bey den weiſen und vernünftigen Griechen war die Kunſt, Uebels zu reden, ein Theil des oeffentlichen Gottesdienſtes. Maenner und Weiber ſtunden bey den Eleuſiniſchen Feſten zu beiden Seiten der Brücke, und ſagten denen, die in Proceſſion über dieſe Brücke giengen, die bitterſten Vorwürfel)Vid. Meurſius Attic. Lect. V. 31. Graecia feriata p. 73. Eleuſin. 27. Caſaubonus ad Strabon. p. 400. Suidas in Γεφυριζων et Αχαια, et ibi Kuſter. Kuſter ad Ariſtoph. Acharn: v. 709. Bochart Geogr. Sacr. S. II. L. 1. c. 21. Valckenner. Animadu. ad Ammonium p. 209. Heſychius v. Γεφυρισται et ibi Alberti. Wie gelehrt muſs der Mann ſeyn, der ſo viel Titel von Büchern weis! werden meine Leſer von mir denken, wenn ſie billig ſind. . Gleiche Freyheit hatte das Volk bey den Ithyphalliſchen Feſtenm)‒ ‒ ‒ Sed truncum forte dolatum, Arboris antiquae numen, venerare Ithyphalli. Columell. L. X. . Den Epheſiern war zu dergleichen feyerlichem Muthwillen ein Tag im Januar heilig. Das trau -D d 5rige426rige Beyſpiel des Timotheus haette Sie, meine Herren, wohl abſchrecken ſollen, wider der - gleichen Freyheit zu eifernn)Epheſii die 22. Januarii celebrabant feſtum καταγωγια dictum, quo licebat honeſtos quosque viros et foeminas verbis et factis vexare et inſultare. Quod cum Timo - theus, ad quem Paulus epiſtolam ſcripſit, tollere vellet, trucidatus a plebe fuit. Conf. du Cange Gloſſ. Graec. ſub Καταγωγια..
Auch bey den Roemern hatte die Gewohn - heit Boeſes zu reden, einen heiligen Urſprungo)Liv. L. VII. c. 2. etc. Et hoc et inſequenti anno peſti - lentia fuit. ‒ ‒ quum vis morbi nec humanis conſiliis nec ope diuina leuaretur, victis ſuperſtitione animis ludi quo - que ſcenici ‒ ‒ inter alia coeleſtis irae placamina inſtituti dicuntur ‒ ‒ ‒ ludiones ex Etruria acciti ‒ ‒ imitari dein - de eos iuuentus ſimul inconditis inter ſe iocularia funden - tes verſibus coepere ‒ ‒ Iuuentus hiſtrionibus fabularum actu relicto, ipſa inter ſe more antiquo ridicula intexta verſibus iactitare coepit. etc. . Man ſuchte die erzürnten Goetter durch Spiele zu verſoehnen, welche der Grund zu den Fe - ſcenniniſchen Bitterkeiten und vielen feyerlichen Gelegenheiten waren, von andern Uebels zu reden. Caeſar, welcher Gallien und Germanien zitternd gemacht hatte, war bey dem oeffent - lichen Einzuge eine Spoetterey ſeiner eignen Sol - daten. Seinen Stolz zu demüthigen, ſeine Feh - ler ihm mitten unter dieſem ſchmeichelnden Pompe erinnerlich zu machen, ihm zu zeigen, daſs er noch ein Menſch ſey, dieſen Zweck zu erlangen, ſangen ſie bey ſeinem Triumphwa -gen427gen oeffentlich: Er ſey ein kahler Ehebrecherp)Sueton. in Caeſ. c. 51. Ne prouincialibus quidem matri - moniis abſtinuiſſe vel hoc diſticho apparet, jactato aeque a militibus per Gallicum triumphum. Vrbani ſeruate vxores, moechum caluum adducimus. Aurum in Gallia effutuiſti (ein vornehmer Troſt für unſre junge Deutſche, die nach Paris reiſen) heic ſumſiſti mutuum! Im 49. Cap. ſagt Sueton: Gallico denique triumpho mi - lites eius inter caetera carmina, qualia currum proſequen - tes joculariter canunt, etiam vulgatiſſimum illud pronun - ciaverunt: Gallias Caeſar ſubegit, Nicomedes Caeſarem, etc. . Ein ſchrecklicher Vorwurf für einen Kaiſer, der ſich über keine von ſeinen Handlungen, aber über ſeinen kahlen Kopf untroeſtlich, ſchaemteq)Caluitii deformitatem iniquiſſime tulit, ſaepe obtrecta - torum jocis obnoxiam expertus. Ideoque et deficientem capillum reuocare a vertice aſſueuerat, et ex omnibus de - cretis ſibi a ſenatu populoque honoribus, non aliud aut recepit aut vſurpauit libentius, quam jus laureae perpetuo geſtandae. Suet. in Caeſ. c. 45. Dieſes war auch einer von den bitterſten Vorwürfen des Silens, da er vom Caeſar ſagte: Καιγαρ, ὡς ὁρας, ἐστι μεγας και καλος, ἐμοι γουν, εἰ και μηδεν ἀλλο, τα γουν περι την κεφαλην ἐστι προσομοιος. S. Jul. Caeſ. !
Wünſchen Sie es nicht, meine Herren, daſs ich anfange, von den Saturnalien zu predi - genr)V. Macrobium, Athenaeum, und alle Gelehrte, die dieſe beide geplündert haben. . Sie würden erſchrecklich viel Gelehrſam - keit auszuſtehen haben. Ich würde von dem Ju - piter, da er noch als ein Kind den Zaehnen ſei - nes Vaters entflohs)Πρωτον δε φασι ῾Ρεαν ἡσϑεισαν τῃ τεχνῃ ‒ ‒ κα οὐ τα μετρια ὠνατο της τεχνης ἀυτων. ὁι γαξπεριορ -, anfangen, und beymDavus428Davus des Horaz auf hoeren, und vielleicht auch da noch nicht aufhoerent)Horat. Sat. 7. L. II. .
Alle dieſe gelehrten Nachrichten, die ich hier angeführt, und die ich aus Mitleiden gegen Sie auch nicht angeführt habe, erlaeutern meinen Satz, daſs die Erlaubniſs von andern Boeſes zu reden, vornehmlich auch dieſe Abſicht gehabt, diejenigen in einem gewiſſen Grade der Demuth zu erhalten, welche das Glück oder ihre Tapfer - keitu)‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ et ſibi conſul Ne placeat, curru ſeruus portatur eodem. Wer von meinen Leſern nicht begreifen kann, wie dieſe Stelle hier herkoemmt, der bedenke nur, daſs ich den Juvenal noch nicht angeführt hatte. , oder ihre Weisheit weit über andere Men - ſchen zu erheben ſchienen. Wie heiligx)Der berühmte Rabbi Ben-Maimon in ſeinem〈…〉〈…〉 ſagt hievon nicht ein Wort. ſoll - ten uns diejenigen Mittel ſeyn, welche die Men - ſchen ſo tugendhaft machen!
Weil man nur von griechiſchen und lateini - ſchen Sachen gelehrt reden kann; ſo will ich mich bey dem nicht aufhalten, was ich zum Beweiſe meines Satzes aus den folgenden und neuern Zei - ten anführen koennte. Ich finde darinnen un - zaehlige Exempel.
Der Koenig der Britten wird von den witzi - gen Koepfen, und Bootsknechten in Londonalles)περιορχουμενοι, διεσωσαντο ἀυτῃ τον Δια, ὡστε και σωστρα εικοτως ἀν ὁ Ξευς ὀφειλειν ὁμολογοιη ἀυτοις ἐκφυγων δια την ἀυτων ὀρχησιν τους πατρῳους ὀδοντας. S. den Lucian vom Tanzen. 429alle Tage daran erinnert, daß er ein Menſch ſey. Nirgends iſt ſeine Majeſtaet kleiner, als auf der Themſe.
War bey Ihnen, in Frankreich, das berühmte Narrenfeſt etwas anders, als eine Schule der De - muth für die Geiſtlichen Ihres Landes? Sie war ein wenig ausſchweifend, und beynahe raſend, ich kann es nicht laeugnen; aber eben dieſe Ra - ſerey hatte einen myſtiſchen Verſtand, den Herr Tilliot nicht wahrnehmen wollte, weil er gar zu vorſichtig wary)Memoires pour ſervir à l’ hiſtoire de la Fête des Foux, qui ſe faiſoit autrefois dans pluſieurs egliſes, par Mr. du Tilliot. .
Ich wundre mich, daß die Engellaender, und auch Ihre Landesleute, uns Deutſchen die Hof - narren vorwerfenz)Von hundert Stellen will ich nur das XLVII. Stück im I. Theile des engliſchen Zuschauers anführen. , welche bey uns ſo einen großen Theil der fürſtlichen Beluſtigungen, und dieſes mit Recht, ausmachen. Sie ſuchen darin - nen einen Beweis eines unausgearbeiteten Ge - ſchmacks; ich aber ſehe ſie an, als einen Beweis der deutſchen Freyheit, die uns billig ſo ſehr am Her - zen liegt, und die wir, beſonders gegen Sie, meine Herren, nicht eiferſüchtig genug vertheidigen koennen. Ich koennte zum Ruhm unſrer auto - riſirten Narren ſehr vieles ſagen: aber das iſt ſchon Ruhm genug, daß ſie den Beyfall unſrer Fürſten mit Lachen erlangen, um welchen ſich ſo viele Hofleute Zeitlebens, aengſtlich und koſt -bar,430bar, und oft wohl umſonſt bemühen. Es iſt wahr: Die Scherze dieſer Narren ſind immer nie - drig; aber wie vortheilhaft iſt dieſes für den Witz mancher Hofleute, die auch ſcherzen! Wer - fen Sie uns nicht vor, daß ihr Anzug etwas bar - bariſches und gothiſches an ſich habe. Bey uns gehen die Narren buntſchaeckig und reden albern. In Frankreich gehen ſie ſchwarz, und plappern die witzige Sprache eines jungen Abbé. In Engel - land hüllen ſie ſich in einen Frack, und murren politiſch: Mit einem Worte, jedes Land hat ſeine Narren, nur geſtehn ſie es nicht in allen Laendern. Alle dieſe Vorzüge unſerer deut - ſchen Hofnarren, und noch hundert andere, übergehe ich mit Stillſchweigen, und will nur dieſes erinnern, daß ſie wegen ihrer privilegir - ten Freyheit, Uebels zu reden, einem Hofſtaate ganz unentbehrlich zu ſeyn ſcheinen. Der Hofmann muß ſich ſcheuen, Thorheiten zu be - gehen, um ihren oeffentlichen Vorwurf zu ver - meiden; und der Prinz lernt durch dieſes Mittel ſeine Hofleute kennen, die ſich ſonſt ſo wohl vor ihm zu verſtellen wiſſen. Mit einem Worte; derjenige weiſe Spruch: Wenn man die Wahrheit nirgends faende, ſo muß man ſie doch bey den Prinzen finden! Dieſer weiſe Spruch, den man ſo oft hoert, und doch ſo oft nicht verſteht, re - det nur von unſern deutſchen Hofnarren!
Welches alles zu erweiſen war!
Viel -431Vielleicht haben Sie, meine Herren, in Wil - lens, mir noch einige Einwürfe wider den bisher behaupteten Satz von der edlen Quelle der Be - gierde Boeſes zu reden, und wider den allgemei - nen Nutzen zu machen, den dieſe Begierde über die ganze menſchliche Geſellſchaft ausbreitet. Sie wollen etwan ſagen: Ich haette einen deut - lichern Unterſchied feſt ſetzen ſollen, zwiſchen der nothwendigen Verbindlichkeit, andern ihre Fehler liebreich vorzuhalten, und zwiſchen der boshaften Neigung, die Uebereilungen anderer auszubreiten, oder gar denen, die unſchuldig ſind, Fehler anzudichten; ich haette das Heilige einer vernünftigen und beſſernden Satire mit dem niedertraechtigen Splitterrichten, und den Pasquillen des Poebels nicht vermengen ſollen; es ſey eine Tugend offenherzig zu ſeyn, es ſey eine wichtige Kunſt, dieſe Offenherzigkeit durch einen muntern und lebhaften Scherz angenehm, und zugleich die bitterſten Wahrheiten ertraeg - lich zu machen; aber eben dieſe Kunſt ſey un - endlich weit von derjenigen Bosheit unterſchie - den, welche man mit keinem gelindern Namen, als mit dem Namen einer niedertraechtigen Ver - unglimpfung belegen koenne; dieſe ſey ein Grund zu ewigen Verbitterungen zwiſchen de - nen, die ſonſt die beſten Freunde waren; nie - mand ſey empfindlicher, wenn Boeſes von ihm geredet werde, als derjenige, der es von andern am meiſten rede, und dieſer verdiene es doch am meiſten; ein Menſch, der in den Geſellſchaf -ten432ten herumſchleiche, Unſchuldige zu laeſtern, ſey weit gefaehrlicher, als jener, der uns den ver - borgenen Dolch in die Bruſt ſtoeßt; die ab - ſcheulichſten Verbrechen ‒ ‒ ‒
Gut, meine Herren! ich verſtehe alles, was Sie ſagen wollen! Ich koennte Sie widerlegen; aber ich ſehe an meiner Uhr, daß ich ſchon eine Minute laenger geredet habe, als es die Geſetze der Academie erlauben. Ich würde noch eine halbe Stunde Zeit noethig haben, Ihnen Ihren Irrthum zu benehmen; aber darüber würde ich den aufgeſetzten Preis verlieren. Glauben Sie denn, daß ein Philoſoph um deßwillen ſchreibt, damit er Wahrheiten ausfindig mache? Er ſchreibt, um bezahlt zu werden: Und ich, meine Herren, ich bin ein Philoſoph!
Ich habe, wie es bey uns immer ge - woehnlich iſt, vorſtehende Schrift von einer unbekannten Hand zuge - ſendet bekommen. Der Verfaſſer bit - tet mit einer wahren Autordemuth, daß ich mich entſchließen moechte, ſie zum Drucke zu befoerdern: Er thut dieſes auf eine ſo verbindliche Art, daß ich unmoeglich ſo hart ſeyn koen - nen, ihm ſein Bitten abzuſchlagen. Inzwiſchen befürchte ich, wenn ich es aufrichtig geſtehen ſoll, daß ich da - bey ſchwerlich auf meine Koſten kommen dürfte. Ich weis in der That nicht, was ich aus dem Werkchen eigentlich machen ſoll. Es ſcheint mir ein Zwit -E e 2ter434ter von Witze und von Gelehrſam - keit zu ſeyn. Und ich weis nicht, ob ich es ſagen darf; beynahe bin ich auf die Gedanken gekommen, daß es, ich moechte mich zwar nicht gern an dem Herrn Autor verſündigen, aber, wie geſagt, Gott gebe, daß ich lüge, mit einem Worte, ich halte es gar für eine Satire! Mein Herr Gevatter, ein Mann, der nicht unrecht iſt, und immer weiter ſieht, als andere, fin - det ſehr vieles darinnen, das ſich auf die corſiſchen Unruhen bezieht. Das daechte ich nun eben nicht, wenigſtens ſteht nicht ein Wort von den Corſen darinnen; Aber der Henker mag den Schriftſtellern trauen. Dem ſey aber, wie ihm ſey, ich halte es für eine ge - lehrte Abhandlung; denn witzig kann ſie unmoeglich ſeyn, weil ſo erſchreck -lich435lich vieles Griechiſch darinnen ſteht. Inzwiſchen iſt es freylich wahr, daß ſie weit über die Haelfte ſehr ungelehrt ausſieht; denn auf den erſten Seiten iſt nicht eine einzige kleine Note. Das iſt noch mein Troſt, daß ſie lateiniſch gedruckt iſt. Aber zur Hauptſache zu kommen. Damit dieſes Büchlein eine recht gründlich gelehrte Miene erlangen, und auch denen nützlich ſeyn moege, welche, als maennliche Ge - lehrte nicht den ſpielenden Witz, ſon - dern das Solide lieben; So habe ich mir die Mühe gegeben, bey einer Pfeife Tabac einen Verſuch vom nachſtehen - den Realregiſter daraus zu fertigen, das ich künftig weiter ausführen werde. Der unbekannte Herr Autor wird mir dieſe Freyheit nicht ungütig neh - men. Haette ich gewußt, wo er an -E e 3zutref -436zutreffen waere, ſo würde ich ihn um Erlaubniß hiezu gebeten haben. Aber der Himmel mag wiſſen, unter wel - chem Dache er ſteckt; Denn, als ein witziger Autor, der er doch wohl ſeyn will, wohnt er vermuthlich fünf Trep - pen hoch. Wie geſagt, das Realregi - ſter habe ich ſelbſt dazu gemacht. Sollte der Herr Autor den Preis von der Academie zu Pau erlangen; ſo will ich nun eben nicht ſagen, daß er ihn in Anſehung meines Realregiſters er - langt habe: Aber man weis doch das zehntemal die Urſachen nicht, warum etwas in der Welt geſchieht. Inzwi - ſchen mag er ihn behalten.
Gewiſſenhafter, iſt einmal einer geweſen 24. Ob das Ernſt ſey? ib. iſt als ein ehrlicher Mann verhungert 25. Ein Kennzeichen einer weiſen Regierung, wo die Advocaten verhungern 26. Sind einem Staate nothwendig 27. Geſchichte von Heuſchrecken 27. Von welchen Advocaten eigentlich die Rede ſey? 28. Warum die Rich - ter wider die Advocaten eifern? 30. Die Fa - bel vom Wieſel und der Katze. ib. Anatomie eines Advocaten 39.
Die zu Dijon iſt großmüthig 5. die zu Pau ſoll ſich daran ſpiegeln ib. Der Autor iſt in Leipzig zu erfragen. ib. Der Autor droht, die Acade - mie laecherlich zu machen 9. Wie er ſich ſonſt an der Academie raechen will, wenn er den Preis nicht kriegt 10. In dieſem Falle ſchreibt er nur für die Ehre, und iſt zu groß, als daß er ſich aus dem Preiſe etwas machen ſollte 11. Klagen des Autors über die Partheylichkeit der Franzoſen 12. Will dieſe Klage widerrufen, wenn er den Preis kriegt ib.
iſt demüthig 3. und droht ib. koennte ſich ſelbſt vergoettern 9. will es aber nicht thun ib. ſchreibt nur wegen der Ehre 7. bittet flehentlich um den Preis 7. 8. 9. 10. 11. 29. 30. 32. Autor ſchaemt ſich 5. in welchen Faellen ſich ein Autor ſchaemen dürfe 6. Autor beweiſt gründ - lich 8. denkt mit den Fingern 8. Autor giebt ſeinen Gegnern einen Stich 15. ſchimpft ib. hat noch mehr Verdienſte 19. iſt be - rühmt ib. ſchreibt mehr für ſich, als für an - dere 20. iſt mit ſich wohl zufrieden 14.
Siehe Meineide.
lehren uns die Geſpenſter 19. Vom Einfluſſe der Ammen in unſern Gemüthscharacter 20. Wie die Amme eines Kunſtrichters geweſen ſeyn müſſe 21.
ſind würdige Praeſidentinnen in der Geſellſchaft, wo Uebels geredet wird 24. Warum die lüder - lichſten Weibsperſonen in ihrem Alter die grau - ſamſten Betſchweſtern werden? 39.
Ob aus der Beluſtigung eines Menſchen ſein Ge - müthscharacter zu ſchließen 9. Wird verneint, ib. und mit Exempeln bewieſen ib. Gelehrte beluſtigen ſich mit ſich ſelbſt 10.
iſt eine Art von Tapeten 15. Ein deutſcher Graf fodert ſechs Ellen Bücher, um ein Locat auszufüllen 19.
15. der Autor buhlt um den Preis der Academie zu Pau 7. das Buhlen iſt allen Staenden gemein 15. von der geiſtlichen Coqvetterie, ib. daß ſie eine ehrgeizige Begierde ſey, fromm zu ſchei - nen ib. Die meiſten Verkaetzerungen entſprin - gen daraus ib. Ob ein Autor mit ſich ſelbſt coqvettire? ib. Mannsperſonen coqvettiren mehr, als die Frauenzimmer 16.
ſiehe Buhlen.
Julius, viel Boeſes von ihm 37.
machen ihrem Erfinder Ehre 18. ſind der ein - zige Witz gewiſſer Gelehrten 30. der Witz wird dadurch geſchaerft, und der Verſtand ruht dabey aus 31. Angſt eines Verfaſſers, dem noch ein L. fehlt ib. Welche Koepfe dazu die geſchickteſten ſind ib.
warum diejenigen am heftigſten dawider eifern, die die meiſten Comoedien ſpielen 32. Beytrag aus der Kirchengeſchichte ib.
ſiehe Marktſchreyer.
ſchreiben nicht gern kleine Werkchen 4. War - um junge Deutſche ſo gern nach Paris reiſen? 7. warum ſie gemeiniglich naerriſch und ungeſund zurück kommen? ib. Warum die Franzoſen die Deutſchen verachten? 19. Warum die Deutſchen ihre eignen Landesleute verachten, wenn ſie aus Paris zurücke kommen? ib. war - um die deutſche Sprache den Franzoſen ſo ekel - haft iſt? 37. Eine Stelle aus dem Sueton: au - rum in Gallia effutuiſti, heic ſumſiſti mutuum, wird jungen Deutſchen zum Troſt angeführt 38. Deutſche lieben die Hofnarren 40. thun daran Recht ib. iſt ein Zeichen der alten deutſchen Freyheit ib.
Ein Mittel reich zu werden 16. In welchen Staenden man am meiſten damit verdienen kann? 16. Klugheit hat mehr Leute unglücklich ge - macht, als die Dummheit ib. Iſt eine große Kunſt, zu rechter Zeit dumm zu ſeyn 17.
Warum itzt alles von Poeten wimmelt? 19. Ob es bey des Horaz Zeiten nicht eben ſo viel Dich - ter gegeben habe, als itzt? ib. wo ſie hin ſind? ib. Welche Art von Dichtern bey Hofe noch in einigem Anſehen iſt? 27. Woher das komme? ib. Wodurch ſich die Poeten um ih - ren Credit bringen? 14. Ob ſie mehr ſchuld daran ſind, als der Hof 15. Ein Vorſchlag,wie443[441]wie das Anſehen der guten Dichter zu retten 16. Warum unſre Maecenaten, wenn ſie auch noch ſo billig und vernünftig ſind, zwar einen wirk - lich großen Dichter bewundern, aber doch verhungern laſſen? 17. Lob der Koeche ib.
was das heiße, wenn ein Autor ehrgeizig heißt? 19. Berechnung des Autorehrgeizes nach itzi - gem Münzcours ib.
warum alte Junggeſellen am liebſten über die Ehen ſpotten? 34. Warum die Ehen nicht mehr im Himmel geſchloſſen werden? 36.
iſt gemeiniglich ein Kennzeichen eines boeſen Gewiſſens 13. Maenner, die als Junggeſellen am meiſten geſündiget haben, ſind am meiſten eiferſüchtig 14. Eiferſucht eines witzigen Kopfes geht über alle Eiferſucht 19.
dem Autori werden verſchiedne Einwürfe wi - der ſeinen Satz gemacht 43. Hat nicht Zeit ſie zu beantworten ib. Koennte es wohl thun ib. Einem Schriftſteller Einwürfe zu machen, iſt ge - faehrlich 17. bey welchen Gelehrten es am meiſten gefaehrlich ſey? ib.
werden durch die Begierde, Boeſes zu reden, vermehrt 28. S. Projectmacher.
Die von einer zweydeutigen Aufführung werden entſchuldigt 11. Warum alte Jungfern gern be - ten? 13. Wie lange ſie verliebt ſeyn dürfen 14. Warum ſie über junge Maedchen ſich ſo chriſt - lich aergern? 14. Ob junge Maedchen Unrecht thun, wenn ſie im ſechzehnten lahre das wün - ſchen, was alte Jungfern ſchon vor 40 Jahren ſich gewünſcht haben? ib. Warum alte Jung - geſellen ſo gern Boeſes von Frauenzimmern re - den 43. Frauenzimmer geht auf die Heirath 37. Warum das billig ſey? ib. Liebaeugeln, und coqvettiren, iſt nichts anders, als auf die Hei - rath ausgehen ib.
die Deutſchen geben ihnen viel Vorurtheile Schuld 18. Der Autor wird binnen Jahr und Tag ſehen, ob dieſer Vorwurf gegründet iſt ib. Der Autor bewundert ihre Academien, beſon - ders weil ſie Preiſe austheilen 29. Der Autor verharrt mit Demuthsvoller Hochachtung 7. Hat ein großes Vertrauen zu ihrer Einſicht ib. Iſt wegen des aufgeſetzten Preiſes ſehr gleichgültig ib. und droht ib.
In welchen Faellen das Gewiſſen zu brauchen 18. Erklaerung einer Stelle aus dem Panciroll, de rebus deperditis 19. des gemeinen Mannes alt - vaeteriſche Begriffe vom Gewiſſen 30. Be - ſchreibung vom Gewiſſen eines Hofmanns 32. eines545[443]eines Generalpachters 32. eines Domherrn ib. Der Autor macht ſich ein Gewiſſen 40. Ob das Heucheley ſey, wenn der Autor das ſagt? ib.
ſind Patrioten, weil ſie für andere verhungern 13. Warum die Autores beſtaendig wider den Geiz eifern? 29. Autores ſind ſelbſt geizig ib. in wel - chen Faellen ſie es nicht ſind ib.
ſind bey uns nicht gebraeuchlich 13. Was an deren Stelle eingeführt iſt 14. Wie ſie nach dem Stylo curiae genennet werden 15. von ſchuldiger Erkenntlichkeit ib. von gehorſamſter Bezeigung ib. von geringer Vergeltung auf Ab - ſchlag wegen außerordentlicher Bemühung ib. von einer Hand voll Devotion ib. Was das heißt: Mit Devotion klimpern ib. Ob das ein Nationalwort ſey? ib. Vom Porte-bras eines Clienten ib. Was das in Sachſen heiße: Der Candidat hat ſchoene Studia! ib.
warum alle herumirrende Goldmacher Bettler ſind? 29. Von ihrer Qvakerey 40. Von der Großmuth dieſer Goldmacher, die allemal an - dere, und niemals ſich ſelbſt, reich machen wollen ib. Daß ſie den Galgen nicht ver - dienen 43.
wo ſie herkommen? 16. Warum ſie an den we - nigſten Orten mehr mode ſind? 19. warum ſich der Teufel am liebſten von alten Weibern ſehen laeßt? 33.
Werth eines deutſchen Buchs wird nach Pfun - den ausgerechnet 9. Des Autoris Vater ſchrieb einen Centner geheime Nachrichten 6. Wo - her die Berechnung der Verdienſte nach Pfun - den bey den Deutſchen komme? 7. Iſt ein be - quemes Mittel, den Werth eines Buchs zu be - ſtimmen ib. alle Partheylichkeit der Kunſt - richter wird dadurch vermieden ib. Dieſe Ur - theile ſind gemeiniglich eben ſo zuverlaeſſig, als die übrigen Urtheile von Büchern ib. Vor - ſchlag zu einer Kunſtrichterwage ib. Autor ſeufzt über die Kunſtrichter 13. Fürchtet ſich aber gar nicht ib. Thut wenigſtens ſo ib. Zu - ruf des Autoris an ſeine Collegen, wie ſie es ma - chen ſollen, daß ihre Bücher bey den Kunſt - richtern ins Gewichte fallen ib.
waren weiſe 37. Griechiſche Noten ſehen ge - lehrt aus 36. Warum der Autor ſo gerne grie - chiſch allegirt 37. ob man noethig habe, die Sprache zu verſtehen, die man allegirt? ib. Es giebt ſich, wie das Griechiſche, wo das her - komme? 19. warum die Gelehrten kein Grie - chiſch mehr lernen? 30.
was das heißt? 8. warum ein jeder glaubt, daß ſein Geſchmack der beſte ſey? 9. ob nicht oft der Geſchmack des Kutſchers beſſer ſey, als deſſen, den er faehrt? 10. Recept, wie ein gu - ter Geſchmack zuwege zu bringen, wenn man den Geſchmack eines Cammerjunkers und eines Profeſſors zuſammen miſcht 10.
ein Criticus, 4. miſtet aus ib. wird vergoet - tert 5. der Autor ſieht ein, daß er wichtigere Thaten verrichtet, als Hercules 9. verlangt dem ungeachtet nicht vergoettert zu werden ib. ob dieſes Compliment einem Schriftſteller von Herzen gehen koenne? 10. Schuldigkeit der Leſer in dergleichen Faellen 11. Wie die Fabel zu verſtehen, daß Hercules geſponnen habe? 19. Vom Zeitvertreibe junger Officiers, die in Gar - niſon müßig ſtehen ibid.
wer wider den Hof am meiſten eifre? 24.
Schon die Prieſter des Saturnus verkaetzerten 12. Kaetzerfabrik 13. Warum gemeiniglich da die meiſten Kaetzer gemacht werden, wo die Geiſt - lichen am dümmſten ſind? 14.
Warum die Schriftſteller ſich ſo gern in Kupfer ſtechen laſſen? 19. wie es komme, daß die Kupferſtiche der Gelehrten meiſtentheils ernſt - haft und tiefſinnig ausſehen? 20. warumMon -448[446]Monſieur Rouſſeau wider das Kupfer geſchrie - ben hat? 39.
Darinnen redet man Uebels von andern 22. Han - del und Wandel wird dadurch in die Hoehe ge - bracht 22. warum daſelbſt mehr Uebels geredet wird, als anderwaerts? 23. Verdienſte der Ge - lehrten um die Kunſt, Uebels von andern zu reden ib. In welcher gelehrten Sprache ſich am beſten Uebels reden laeßt? 24. Der Autor iſt in Leipzig zu erfragen 5.
Siehe Roemer.
Siehe Zueignungsſchrift. Warum es keine armen Maecenaten gebe? 59. Wie man es anfangen müſſe, einen Maecenaten freygebig zu machen? 60. Ob ein deutſcher Kaufmann ein Maecenat ſeyn koenne? 61. Der Autor erinnert ſich eines Exempels 62. Maecenat ſchenkt einem Autori ein abgetragenes Kleid 64. wird bey der zwoten Auflage abgeſetzt ib.
ſind ſchuldig, ihre Kinder die Kunſt zu lehren, Boeſes von andern zu reden 19. Ihnen hat die Natur dazu die Gaben im reichen Maaße ver - liehen ib.
begehen Fehler wider die Wahrſcheinlichkeit 16. haben mit den Poeten große Freyheit 19. werden449[447]werden beſſer bezahlt, als Poeten. ib. bilden ſich auch mehr ein ib. warum ein ſchlechter Maler ertraeglicher ſey, als ein elender Poet? 36.
Siehe Vaeter der Stadt.
wenn ein junger Geiſtlicher die Meſſe geſchwind zu leſen pflegt 4.
Deſſen Unterſchied von einem Gelehrten, der lauter neue Wahrheiten ankündigt 19.
Für die Nachwelt ſchreiben die Schriftſteller 13. Ob die Itztlebenden verbunden ſind, ihre Bü - cher zu leſen? ib. Grammaticaliſche Anmerkung über das Wort: Nachwelt 14. Nachwelt heißt im myſtiſchen Verſtande der Autorn, ſo viel als der Magen ib.
Ieder ahmt die Natur nach 3. Was daraus für den Witz für traurige Folgen kommen ib. Ho - razens Maev glaubte auch, er ahme die Natur nach ib. Und ‒ ‒ ‒ glaubt es noch itzt ib. Was der Natur ſchwerer ſey, einen witzigen Kopf, oder einen Wechsler hervorzubringen? ib. Wie man den Fehlern der Natur zu Hülfe kom - men koenne? 4. Ob es nicht dadurch am leichteſten geſchehe, wenn die Wechsler genoe - thigt würden, die witzigen Koepfe zu Erben ein - zuſetzen? ib. Warum die Frauenzimmer ſo gernF fan450[448]an der Natur meiſtern? 7. Was die erſte Gelegenheit zur Schminke gegeben? ib. ſiehe Schminke.
ſiehe Magiſtrat.
ſind gemeiniglich hypochondriſch 9. wie das komme? ib. Ob ſie über die Thorheiten der Menſchen ſich wirklich aergern? 10. warum ſie ſich über die ihrigen nicht aergern? 11.
ob ſie die Projecte für ſich oder für den Staat machen 19. die leichteſten Projecte ſind, wenn man die Abgaben verdoppelt 24. warum die Projectmacher nur vom landesherrlichen Intereſſe, und von ihrem niemals, reden 25. Warum ſie ſo gern Patrioten heißen 26.
geheime politiſche Nachrichten ſchrieb des Au - tors ſeliger Herr Vater in folio 4. einen ganzen Centner ib warum man ſo gern geheime Nach - richten ſchreibt? 6 Ein Gelehrter überſieht in ſeinem Großvaterſtuhle die ganze politiſche Welt 9.
Wer der erſte geweſen 5. Bey Hofe giebt es mehr Pedanten, als auf Schulen 6. Von Frauenzim - merpedanten 9. Von der Pedanterey eines Pe - tit Maitre ib.
ſiehe Dichter.
Cardinal, warum unſre Gelehrten ſo gern an ihn ſchreiben? 19.
Wie nützlich ein ungerechter Richter ſey 13. von der Gewohnheit, im Finſtern zu richten 19. Warum dieſe abgeſchafft ib. Warum ſie wieder eingeführt werden koennte ib. Daß man auf dieſen Fall dem Richter nur die Haende frey laſ - ſen dürfe 20.
Wer darüber ſpottet 22. Die Religion eines ehrlichen Mannes 39. ihre große Beqvemlich - keit ib. Junge Deutſche, wenn ſie aus Paris kommen, bringen gemeiniglich die Religion eines ehrlichen Mannes, einen entkraefteten Koerper, und Schulden mit 40.
Der berühmte Rabbi Ben-Maimon ſagt davon nichts 43.
trugen keine Hüte 40. Wie es gekommen, daß ihre Kinder ſchon im fünften Jahre Latein rede - ten 32. Ob alle diejenigen Gelehrte ſind, die Latein koennen ib. Latein iſt nicht mehr mode 33. Ob ein Gelehrter in der lateiniſchen Sprache beſſer ſchimpfen koenne, als ein Kut - ſcher in der deutſchen? 15. Ob es ſchon bey den Roemern Pedanten gegeben? 13. Warum man diejenigen ſo gern Pedanten nennt, dieF f 2critiſch452[450]critiſch Latein lieben? 14. Anecdoten von deutſchen Micheln ib. Daß dieſe oft die groeß - ten Pedanten ſind ib. in der Note b.
Durch welchen Zufall gegenwaertige Schrift ent - ſtanden 3. Nachricht von vielen andern Schrif - ten des Verfaſſers, die alle wichtig ſind 4. War - um die Autores mit ihren Schriften ſo wohl zu - frieden ſind? 5.
Was der kriechende Stolz ſey 27. Warum die - jenigen am meiſten ſtolz ſind, die ſich am tief - ſten beugen 29. Berechnung der Grade des Stolzes, vom Portier bis in die Garderobe 30. Warum ein armer Poet mehr Stolz habe, als ein reicher Wechsler? 32. Ob ein witziger Kopf bey einer Zueignungsſchrift an einen Wuchrer im Ernſte ſtolz bleiben koenne? 33. Warum ein Frauenzimmer, die auf ihre Schoen - heit ſtolz iſt, doch bey zunehmender Haeßlich - keit nicht demüthig wird? 17. Daß man nur aus Stolz andern ihren Hochmuth vorwirft 18. Der Autor weis ſich dabey auf eine feine Art zu entſchuldigen. ib.
Was die erſte Gelegenheit zum Schminken gege - ben 7. War bey den Bactriern in den aelteſten Zeiten eine Art der Strafe für Weibsperſonen,welche453[451]welche nicht mehr erroetheten 8. Ward in fol - genden Zeiten bey ihnen eine Art der Galante - rie ib. Scholia zur Stelle des Lucans: ‒ ‒ ‒ ‒ tinxere ſagittas ib. Die Mode zu ſchminken, wie ſie auf uns gekommen ib. Ob ſie die Go - then eingeführt ib. Ob man ſich von einem Frauenzimmer um deßwillen koenne ſcheiden laſſen, weil ſie ſich beſtaendig geſchminkt, und man das vor der Hochzeit nicht gewußt hat 19.
warum eine junge Wittwe in der Trauer am mei - ſten reizend ſieht 11. Vier Exempel aus dem Alterthume, von jungen Wittwen, die ihre al - ten Maenner im Ernſte betrauert haben 12. Ei - nes von dieſen Exempeln iſt noch zweifelhaft 13. Der Autor giebt der Academie zu Pau einen wohlgemeynten Rath, im künftigen Jahre demje - nigen den Preis zuzutheilen, welcher vier der - gleichen Exempel aus neuern Zeiten beybrin - gen wird 14. Die Bedingungen, ſo dabey er - fodert werden ib. Ein Exempel weis der Autor in ſeinem Lande ib. Zu noch einem iſt ihm Hoffnung gemacht ib. ſagt ſich vom Preiſe los ib.
ein Weiſer ſchaemt ſich nicht, ſie zu beken - nen 18. Sind der Grund aller menſchlichen Zufriedenheit 33.
warum der Magiſtrat mit den Bürgern unzu - frieden iſt 22. wie alt ein Vater der Stadt ſeyn muß 39. Von einem Vater der Stadt im Flü - gelkleide ib. Vater der Stadt laeßt ſich zum er - ſten male barbiren ib. Freude ſeiner Mama über die Erſtlinge des Barts ihres wohlweiſen Sohnes ib.
eines Autoris 4. ſind unendlich 5. jeder Autor iſt darinnen ſein eigner Zeuge ib. warum ihre Verdienſte ſo ſelten belohnet werden 3. Ein herzlicher Seufzer über alle Verleger ib.
Gelehrte ſuchen lauter neue 22. Warum ſie mit den alten nicht zufrieden ſind ib. Defini - tion einer neuen Wahrheit 23. die meiſten Wahrheiten erfinden die, ſo die Wahrheit am wenigſten leiden koennen 24. Nachricht von einem Gelehrten, welcher nach vielen Wahr - heiten endlich auch die erfunden, daß er gar nichts weis 30. ein alphabetiſches Verzeichniß vieler itztlebenden Gelehrten, welche dieſes noch nicht erfunden 31. Der Autor erwaehnt ſeiner eignen Perſon hiebey mit einem ſehr be - ſcheidenen Stolze 32. Erwartet von ſeinen Le - ſern darüber eine Schmeicheley ib.
ſchoene, ſiehe Caſtraten.
ſind gemeiniglich Satiren auf die Maecenaten 49. aus der Zueignungsſchrift kann man ſchließen, wie hungrig der Autor ſey 50. Warum die Dedicationen abkommen 62. Nachricht von verſchiednen Maecenaten, die nicht leſen koennen, und doch gut bezahlen 63.
Warum die Moraliſten gemeiniglich ſo viel Galle haben? 26. Ueber wen ſich die Schriftſteller am meiſten erzürnen? ib.
ſiehe Marktſchreyer.
Ich war halb todt, da ich nach Hauſe kam, und vorſtehendes Realregiſter ſo gedruckt fand, wie es hier iſt. Im Concepte hatte ich die Seiten des Manuſcripts beygeſetzt; und bey meiner Abweſenheit hatte der Corrector vergeſ - ſen, ſie nach dem gedruckten Exemplare zu aen - dern. Es iſt alſo nicht eine einzige Zahl rich - tig allegirt; Und die Meſſe iſt zu nahe vor der Thüre, als daß ich Zeit haette, es umdrucken zu laſſen. Wer kann ſich helfen! Es wird die - ſes Regiſter noch immer ſeinen Nutzen haben: Denn man kann doch mit einem Blicke die Rea - lien überſehen, ſo in dieſem Werkchen anzutref - fen ſind. Bey einer zwoten Auflage will ich es aendern; Itzo werden es meine Kaeufer thun.
Jch erinnere mich der langen Abende noch im - mer mit Vergnuͤgen, an denen ich, als ein junger Knabe, auf deinem Schooſe ſaß, und meinen zitternden Arm aͤngſtlich um deinen Hals ſchlung, wenn du uns das fuͤrchterliche Maͤr - chen vom Seehunde, das traurige Maͤrchen vom verwuͤnſchten Prinzen ohne Kopf, oder das from - me Maͤrchen vom lahmen Eſel erzaͤhlteſt. Da - mals konnte ich mir noch nicht vorſtellen, daß der Nutzen hievon, und die Luſt zu Maͤrchen, die mir durch dergleichen Erzaͤhlungen beygebracht ward, einen ſo wichtigen Einfluß in mein Gluͤck, und in mein ganzes Leben haben ſollten. Nur dir habe ich es zu danken, meine liebe Amme, daß ich inmaͤnn -460[458]maͤnnlichen Jahren, alle Maͤrchen von den Ver - dienſten gewiſſer Gelehrten, von neuen tiefſinni - gen Wahrheiten, und von der Einſicht einiger Pri - vatperſonen in die Cabinette der Prinzen mit eben dem Vergnuͤgen habe leſen und anhoͤren koͤnnen, wie dein Maͤrchen vom redenden Affen. Jch bin an Hoͤfen geweſen, und man hat mich lieb gewon - nen, da ich auf ihre Maͤrchen von Gnadenverſi - cherungen, von Freundſchaft, von Verdienſten um das Vaterland eben ſo aufmerkſam war, als ich auf dich hoͤrte, wenn du uns das luſtige Maͤr - chen vom bezauberten Schloſſe in der Luft erzaͤhl - teſt. Du ſieheſt wohl, liebe Amme, daß dein Saͤugling ſich aller deiner Wohlthaten mit Ver - gnuͤgen erinnert. Damit du aber auch ſehen ſollſt, daß ich nicht unerkenntlich bin; ſo ſchenke ich dir hier ein Maͤrchen vom erſten Aprile, welches ich bey meinem letzten Aufenthalte in Batavia von einem Braminen bekommen habe. Nimm es an, und lies es, und behalte mich lieb. Lebe wohl.
Es war einmal ein alter Koͤnig auf der maͤch - tigen Jnſel Chiekock, welchen die Goͤtter und ſeine Unterthanen liebten, weil er fromm und gerecht war. Juocamoſamma hieß ſein wahrer Name, ob ihn ſchon einige Chroniken ohne Grund Camoſamma nennen. Zur Belohnung ſeiner Tugenden ließ ihn der Himmel alle Gluͤckſeligkei - ten eines Fuͤrſten genießen. Die Nachbarn ſuch - ten ſeine Freundſchaft, und uͤberließen ihre Strei - tigkeiten ſeinen billigen und uneigennuͤtzigen Aus - ſpruͤchen. Seine Feinde unterſtunden ſich nicht, ihn zu beleidigen; denn ſie wuͤrden dadurch den Zorn aller benachbarten Prinzen wider ſich erreget haben. Er hatte viele getreue Diener an ſeinem Hofe, und nicht einen einzigen Schmeichler. Er gab nur wenige Geſetze, weil ſein Exempel das Land tugendhaft machte; und wenn er ein Geſetz gab, ſo war es noch in zwanzig Jahren eben ſo unverbruͤchlich, und eben ſo heilig, als es in der erſten Woche geweſen. Die Unterthanen waren in ihrer Arbeit freudig, und unermuͤdet, weil ſie wußten, daß ſie fuͤr ſich und ihre Kinder arbeite - ten. Jn ſeinem ganzen Lande war kein Bettler, denn niemand gieng muͤßig, niemand verſchwen - dete, und ein jeder war genuͤgſam; ſo gar die Prieſter ſeiner Goͤtter waren es. Er ſtrafte ſel - ten, denn ſein Volk war tugendhaft, nicht aus Furcht vor der Strafe, ſondern aus Furcht, ſeinemFuͤr -464[462]Das Maͤrchen vom erſten April. Fuͤrſten zu misfallen. Mit einem Worte: Ein jeder Unterthan war ſein Freund. So gluͤcklich war der alte Juocamoſamma!
Aber er hatte keinen Erben; und auch damit war er zufrieden, weil er mit allem zufrieden war, was er fuͤr den Willen der Goͤtter hielt. Deſto untroͤſtbarer war ſeine Gemahlinn. Sie kniete Tag und Nacht vor dem Bilde der Fekula-Puſſa, und bat um einen Sohn. Sie that ſieben Wall - fahrten auf den Gipfel des Fuſinogamma. Der Koͤnig war mit dieſer ungeſtuͤmen Andacht wenig zufrieden: aber er ſchwieg ſtill, ſo bald ſie ihm vorſtellte; Das Wohl der Unterthanen erfodere einen Thronerben. Jhre Unfruchtbarkeit war eine Folge der Bosheit des alten Zauberers Cion - gock, den ihr Großvater beleidigt hatte. End - lich erbarmte ſich die Goͤttinn Puſſa uͤber ſie, und gab ihr von ihren ſchwarzen Kirſchen aus Japan zu eſſen: Sogleich hoͤrte die Bezauberung auf, und ſie ward ſchwanger.
Ciongock gerieth daruͤber in Wut; er ſchwur den Untergang der Mutter, und das Ungluͤck des Sohnes. Die guten Feen, welche allerſeits Freun - dinnen der tugendhaften Koͤniginn waren, hoͤrten den Schwur, und erzitterten; denn ſie kannten die Gewalt des Zauberers, welcher verwegen ge - nug war, die Goͤtter und die Feen zu trotzen. Jhre Freundſchaft verband ſie, auf Mittel zu den - ken, wie ſie den traurigen Folgen dieſes Schwurs vorbeugen koͤnnten.
Sie465[463]Erſtes Buch.Sie verſammelten ſich bey der Niederkunft der Koͤniginn. Zoimane, die anſehnlichſte unter den Feen, nahm den neugebornen Prinz auf ihren Schoos; ſie kuͤßte ihn dreymal auf das Herz, und ſprach: Sey ein Freund der Goͤtter! Aſaide, eine guͤtige Fee, und große Freundinn der Men - ſchen, nahm ihn in die Arme, und ſprach: Re - giere, wie dein Vater! Zimzime, welcher Name eine einſame, und wohlthuende Fee bedeutet, be - ruͤhrte ſiebenmal mit ihrem Daume ſeine Zunge, und ſeine Hand, und ſprach: Sey weiſe und reich! Alcimedore, eine junge, und lebhafte Fee, kuͤßte ihm die Augen, und den Mund, und ſprach: Sey liebenswuͤrdig!
Als dieſes geſchehen war, legten ſie das Kind an die Bruſt ſeiner Mutter, welche vor Freuden außer ſich, und eben im Begriffe war, ihnen die aufrichtigſten Verſicherungen ihrer Dankbarkeit zu geben, als der Zauberer Ciongock in einer fin - ſtern Wolke uͤber ihrem Sopha erſchien, das Kind mit einem grauſamen Laͤcheln anſah, und mit einer fuͤrchterlichen Stimme herabrief: Jch aber will dein Feind ſeyn! So bald er dieſes geſagt hatte, huͤllte er ſich in einen ſchwarzen Dampf, und zog langſam und brauſend uͤber die Gefilde von Chie - kock. Die Feen erblaßten, und die ungluͤckliche Mutter uͤberlebte dieſe ſchreckliche Erſcheinung nur wenige Minuten.
Zoimane uͤbernahm die Erziehung des Prin - zen. Zwar wußte ſie wohl, daß ein Zauberer zuG gunver -466[464]Das Maͤrchen vom erſten April. unvermoͤgend ſey, die Geſchenke der Feen zu ver - nichten; und um deßwillen war ſie uͤberzeugt, daß der junge Prinz, der den Namen T’ Siamma bekommen hatte, ein Freund der Goͤtter, und ein guter Regent, liebenswuͤrdig, weiſe und reich werden wuͤrde: Aber ſie kannte auch die Gewalt des ſchrecklichen Ciongock, und wußte, daß dieſer tauſend Wege erfinden wuͤrde, den Ruhm und die Vortheile zu verhindern, welche der Prinz von dieſen Geſchenken der Feen erwarten konnte. Um deßwillen wandte ſie bey ſeiner Erziehung alle Sorgfalt an, ihn zur Standhaſtigkeit, und Gelaſſenheit zu gewoͤhnen. Sie wiederholte ihm dieſe Vermahnungen bis in ſein achtzehntes Jahr, da er nach den Geſetzen des Landes die Regierung uͤbernehmen konnte. Sie fuͤhrte ihn ſelbſt zu dem erledigten Throne, uͤbergab ihn dem Beyſtande der verſammelten Raͤthe, umarmte ihn noch ein - mal mit einer muͤtterlichen Zaͤrtlichkeit, und ſprach: Prinz! ſey deines Vaters wuͤrdig, und ver - giß nicht, daß die Tugend ihre Freunde be - lohnt, wenn ſie auch von der ganzen Welt verkannt wird! Hier ſchwieg ſie, ſah ihn zum letztenmale liebreich und mitleidig an, und ſchwung ſich auf einer blauen Wolke in die Hoͤhe, um nach ihren gluͤcklichen Wohnungen zuruͤck zu kehren, oder in einem andern Lande die Erziehung eines jungen Prinzen zu uͤbernehmen, welches ſie, als eine Freundinn der Menſchen, ihre einzige und liebſte Beſchaͤfftigung ſeyn ließ, da ſie wußte, daß durch die tugendhafte Erziehung eines ein -zigen467[465]Erſtes Buch. zigen Prinzen, Millionen Menſchen gluͤcklich werden.
Ciongock ſaß eben an dem Eingange ſeiner traurigen Hoͤhle, und ſann auf Verderben, als er die Zoimane in der Luft erblickte. Er verbarg ſich; denn der verruchteſte Boͤſewicht erſchrickt bey dem unvermutheten Anblicke eines Tugendhaften. Nunmehr wußte er, daß T’ Siamma den Thron beſtiegen hatte, und weiter nicht unter dem Schutze der Fee war. Er bruͤllte vor Freuden, und ruͤſtete ſich, ſein Vorhaben auszufuͤhren. „ Ja, T’ „ Siamma, dein Feind will ich ſeyn, wie ich der „ Feind deiner Aeltern geweſen bin. Sey immer - „ hin ein Freund der Goͤtter, ſey tugendhaft, ſey „ weiſe und gerecht; alle dieſe Geſchenke der Feen „ ſollen dir unnuͤtze ſeyn. Jch will mich der Herzen „ der Unterthanen und deiner Nachbarn bemaͤchti - „ gen. Deine Froͤmmigkeit ſollen ſie fuͤr Heuche - „ ley halten. Du wirſt regieren, wie dein Vater, „ und doch wird ſich das Volk wider dich auflehnen. „ Sey immerhin liebenswuͤrdig und weiſe; man „ wird dich doch verachten. Du ſollſt nach Schat - „ ten greifen; deine groͤßten Unternehmungen ſollen „ ſich endigen, wie ein laͤcherlicher Traum ver - „ ſchwindet. „
Das ſagte der drohende Ciongock mit einer rauhen Stimme. Er lachte dreymal, und drey - mal ſeufzete die Natur. Er ſetzte ſich auf ſeinen Wagen, welchen vier graue Drachen zogen, und eilte nach der Jnſel Chiekock, ſein Vorhaben aus -G g 2zufuͤhren.468[466]Das Maͤrchen vom erſten April. zufuͤhren. Die Dichter erzaͤhlen, daß die Blu - men unter ihm verwelkt, und die Voͤgel ver - ſtummt ſind, da er durch die Luͤfte fuhr.
Jnzwiſchen hatte das Volk erfahren, daß T’ Siamma den vaͤterlichen Thron beſtiegen habe. Es verſammelte ſich vor den Thoren des Palaſts, und verlangte, ſeinen neuen Koͤnig zu ſehen. Der Ruhm von ſeiner Weisheit und Guͤ - te hatte ſich ſchon ſeit vielen Jahren im Lande ausgebreitet. Das Volk betete ihn um deßwillen an; und haͤtte er auch dieſe großen Gaben nicht beſeſſen, ſo wuͤrde es ihn doch geliebt haben, weil er der Sohn ihres Juocamoſamma war.
T’ Siamma wollte ſich dieſe Gelegenheit zu Nutze machen, und ſowohl die Ehrfurcht, als die Liebe ſeiner Unterthanen gewinnen, wenn er ſich in der Majeſtaͤt eines Koͤnigs, und zugleich in der Freundlichkeit eines liebreichen Vaters zeigte. Die Koͤnige in Chiekock redeten, wider die Ge - wohnheit der morgenlaͤndiſchen Koͤnige, oͤffentlich zu ihren Unterthanen. T’ Siamma, deſſen Zunge die goͤttliche Fee ſiebenmal beruͤhrt hatte, nahm ſich vor, ſeinen Unterthanen bey dieſer fey - erlichen Gelegenheit zu ſagen, daß er ſie liebe. Er freuete ſich, als ein guter Koͤnig, daß er ihnen die - ſes ſagen konnte. Die Thuͤren des Palaſtes wurden geoͤffnet. Und der Koͤnig erhob ſich vom Throne zu ſeinem Volke.
Jn eben dieſem Augenblicke langte der Zaube - rer uͤber der koͤniglichen Burg an. Er ſahe diefreu -469[467]Erſtes Buch. freudige Ungeduld des Volks, und knirſchte mit den Zaͤhnen. Er murmelte drey ſchreckliche Worte: Sogleich kehrte ſich das bezauberte Volk um, und lief nach einer andern Seite des Schloſſes, eine Bande chineſiſcher Gaukler zu ſehen, die der Zau - berer dahin geſtellt hatte, den Poͤbel zu beluſtigen. Man urtheile einmal von der Beſtuͤrzung des T’ Siamma, welcher bey dem Austritt aus dem Zimmer keinen von ſeinen Unterthanen fand, und welcher erfahren mußte, daß ſie ihn verlaſſen hat - ten, um einer Bande Gaukler nachzulaufen. Er betruͤbte ſich daruͤber; aber er gab ſich auch alle Muͤhe, die Leichtſinnigkeit des Volks zu entſchul - digen. Er wartete lange Zeit vergebens auf die Zuruͤckkunft des Volks, und kehrte endlich bekuͤm - mert in ſein Schloß zuruͤck. Sogleich endigte ſich die Bezauberung. Das Volk verfammelte ſich vom neuen, und ward ungeduldig, daß es ſo lange auf ſeinen Koͤnig warten ſollte.
Man hinterbrachte dem Koͤnige dieſe Ungeduld des Volks, welches ihn zu ſehen verlangte. T’ Siamma war ein zu guͤtiger Fuͤrſt, als daß er vermoͤgend geweſen waͤre, ſeinen Unterthanen eine Bitte abzuſchlagen, welche ein Beweis ihrer Ehrfurcht und Liebe war. Er gieng etlichemal in ſeinem Zimmer auf und ab, um ſich von der vorigen Beſtuͤrzung zu erhohlen, und zu uͤberle - gen, wie er in wenigen Worten ſeine Unterthanen am nachdruͤcklichſten an ihre Pflicht erinnern, und ſie zugleich von der liebreichen Vorſorge, mit wel -G g 3cher470[468]Das Maͤrchen vom erſten April. cher er ihr Koͤnig ſeyn werde, verſichern koͤnne. Er eilte nunmehr, ſeinem Volke ſich vorzuſtellen, welches ihn mit einem jauchzenden Zurufe, und allgemeinen Haͤndeklatſchen empfieng. Einem guͤtigen Koͤnige kann nichts angenehmers ſeyn, als die Freude ſeiner Unterthanen. Er wartete, bis das Geraͤuſch des Volks ſich wuͤrde gelegt ha - ben, um mit ihm zu reden. Das Jauchzen ver - doppelte ſich, und T’ Siamma brannte vor Be - gierde, ihnen die Worte zu ſagen, von denen er hoffte, daß ſie bey der Freude ſeines Volks einen noch einmal ſo ſtarken Eindruck haben muͤßten. Da das Volk nicht aufhoͤren wollte, zu jauchzen; ſo gab er ihm das gewoͤhnliche Zeichen, daß er re - den wolle, und erwartete ein ehrerbietiges Still - ſchweigen: Aber das Laͤrmen verdoppelte ſich. Nun - mehr war es kein Jauchzen oder Haͤndeklatſchen mehr; es war ein wildes und wuͤſtes Geſchrey eines trunkenen Poͤbels. Der Koͤnig erſchrak, ſeine Raͤthe erblaßten. Sie wuͤrden es fuͤr einen Aufruhr gehalten haben: aber ſie ſahen, daß das Volk ſich ruhig hielt, und nur bey einem unauf - hoͤrlichen Jauchzen und Haͤndeklatſchen zu raſen ſchien. Mit einem Worte: Es war dem Koͤnige nicht moͤglich, zu ſeinem Volke zu reden. Er kehrte zuruͤck, und uͤberdachte ſein Schickſal mit der Trau - rigkeit eines liebreichen Vaters, welcher nicht mehr weis, wie er ſeinen Kindern helfen ſoll, die auf ihn nicht hoͤren wollen.
Alles471[469]Erſtes Buch.Alles dieſes war ein Werk des Zauberers, welcher die Freude ſeiner Unterthanen in einen ausſchweifenden Unſinn verwandelt hatte, damit ſie, wie die Trunknen, nicht wiſſen ſollten, was ſie ſaͤhen, oder was ſie hoͤrten.
T’ Siamma merkte wohl, daß ihm eine maͤchtigere Hand widerſtund. Er erinnerte ſich der weiſen Vermahnung ſeiner guͤtigen Zoimane, welche ihn beſtaͤndig aufgemuntert hatte, ſtand - haft und gelaſſen zu ſeyn, wenn er auch ungluͤck - lich waͤre. Sie hatte ihm merken laſſen, daß er einen maͤchtigen Feind habe; aber daß dieſer Feind ein Zauberer, und zwar der grauſame Ciongock ſey, das hatte ſie ihm niemals ſagen wollen, da - mit er den Muth nicht gaͤnzlich ſinken laſſen, und nicht muͤde werden moͤchte, ſeinem Ungluͤcke zu widerſtehen.
Ciongock freute ſich, wie ſich ein Boͤſewicht freut. Er ſann auf neue Mittel, wie er den tu - gendhaften T’ Siamma kraͤnken koͤnne: und da er einer von den gefaͤhrlichſten und grauſamſten Zauberern war; ſo nahm er ſich vor, die Froͤm - migkeit und Weisheit des guͤtigſten Koͤnigs ſeinen Unterthanen und Nachbarn laͤcherlich zu machen.
Die Geſetze des Reichs erfoderten, daß der neue Koͤnig in den erſten dreyßig Sonnen ſeiner Regierung eine Wallfahrt zu dem Haine des gro - ßen Namu-Amida thun ſollte. T’ Siamma unterwarf ſich dieſem Geſetze mit Vergnuͤgen, da es ihn zu einer heiligen Handlung verband, und da er den meiſten Theil ſeiner Unterthanen bey -G g 4ſam -472[470]Das Maͤrchen vom erſten April. ſammen ſehen ſollte. Er zog fort in Begleitung der Aelteſten ſeines Reichs, und hatte die anſehn - lichſten Geſchenke auf einen weißen Elephanten geladen, um ſie ſeinem Gotte zu heiligen.
Ciongock ſahe wohl, daß er alles verlieren wuͤrde, wenn er geſchehen ließe, daß die Unter - thanen ein oͤffentliches Zeugniß ſeiner Froͤmmig - keit und Andacht ſaͤhen; aber daß er deſto mehr gewinnen wuͤrde, wenn er dem Volke dieſe Froͤm - migkeit verdaͤchtig machen koͤnnte. Er that es.
Der Koͤnig naͤherte ſich dem Haine, und legte ſich dreymal auf ſein Angeſicht nieder, um ſich zu dem Anſchauen des Namu-Amida zu heiligen. Seine Unterthanen, die ihn in unzaͤhliger Menge am Haine erwarteten, freuten ſich uͤber ihren Koͤ - nig, und fielen dreymal mit ihm nieder, und be - teten fuͤr ihn: Denn das fromme Beyſpiel eines Koͤnigs macht fromme Unterthanen, und die Froͤmmigkeit macht treue Buͤrger. Nun zog er mit ſeinem Gefolge nach dem Tempel. Die Prie - ſter tanzten ihm in langen weißen Kleidern, und mit Kraͤnzen in den Haͤnden entgegen, um ihn zu ſegnen, und ſeine Geſchenke unter ſich zu theilen. Sie ließen ihn ihre Kraͤnze kuͤſſen, und fragten im Namen ihres großen Gottes nach den Ge - ſchenken. Er befahl, daß man den Elephanten herbey fuͤhren ſollte: Aber, wie beſtuͤrzt war er, und wie wuͤtend waren die Prieſter, als man, an ſtatt des aufgeputzten Elephanten, einen grauen Eſel brachte, der zween Koͤrbe mit Reiß und Boh - nen trug! Sie warfen den Staub gen Himmel,hoͤr -473[471]Erſtes Buch. hoͤrten die Entſchuldigungen des Koͤniges nicht, und riefen dem Volke zu: Sie ſollten die Beſchimp - fungen ihres Gottes raͤchen, und den unglaͤubi - gen T’ Siamma erwuͤrgen. Das Volk fieng ſchon an zu murren. Kaum konnte der ungluͤck - liche Koͤnig noch ſo viel Zeit gewinnen, ſich in ſein Schloß zu fluͤchten, wo er drey Tage lang ver - ſchloſſen blieb, und auf ſeinen Knieen rohe Bohnen aß, um den Zorn des ſchrecklichen Namu-Amida zu verſoͤhnen; denn er glaubte, daß dieſer auf ihn erzuͤrnt ſey, und aus Zorn ſeine Geſchenke in ſo veraͤchtliche Sachen verwandelt habe. Am vierten Tage verſammelte er den großen Rath. Es ward beſchloſſen, der Koͤnig ſolle durch einen ſeiner verſchwiegenſten Knechte den Prieſtern Ge - ſchenke ſenden, und ſolche verdoppeln. Er that es. Die Prieſter ließen ſich bewegen, die Ge - ſchenke anzunehmen, und ihr Gott ward ver - ſoͤhnet.
Seit dieſem Zufalle blieb der Koͤnig immer traurig; denn die Gnade ſeiner Goͤtter, und die Liebe ſeiner Unterthanen verloren zu haben, das waren dieſem guten Koͤnige zwo ſchreckliche Sa - chen. Die Raͤthe merkten ſeine Schwermuth, welche weder die Geſchaͤffte ſeiner Regierung, noch die oͤftern Luſtbarkeiten zerſtreuen konnten. Sie riethen ihm am, er ſolle ſich vermaͤhlen. Es vergiengen dreyßig Monden, ehe er ſich entſchlieſ - ſen konnte. Endlich ſtellten ſie ihm vor: Das Wohl ſeines Landes erfodere dieſes; und ſogleich entſchloß er ſich.
G g 5Man474[472]Das Maͤrchen vom erſten April.Man ſchickte Geſandten an den Koͤnig der benachbarten Jnſel Saykock, die um ſeine En - kelinn werben ſollten, eine Prinzeſſinn, welche ſo tugendhaft, ſo weiſe, und ſo ſchoͤn war, daß man ihr den ſchmeichelhaften Namen, Zizizi beygelegt hatte. Der Koͤnig freute ſich uͤber die Gelegen - heit, die man ihm gab, ſich mit dem Sohne ſei - nes alten und beſten Freundes auf eine ſo genaue Art zu verbinden. Er gab ſeine Einwilligung zur Vermaͤhlung; er bat aber zugleich, daß T’ Siamma ſelbſt zu ihm kommen, und die Prin - zeſſinn von ſeiner Hand annehmen ſollte, damit ſie ſich muͤndlich unterreden koͤnnten, wie das gute Vernehmen zwiſchen beiden Reichen, und das Wohl ihrer beiderſeitigen Unterthanen am ſicher - ſten zu befeſtigen ſey. Eine einzige von dieſen Urſachen waͤre ſchon vermoͤgend geweſen, den T’ Siamma zu dieſer Reiſe zu bewegen.
Er ſegelte alſo mit einem praͤchtigen Gefolge von hundert Schiffen ab. Zur Ueberfahrt nach Saykock brauchte man nur wenige Zeit. T’ Si - amma ſahe ſchon den Hafen. Er naͤherte ſich ihm, ungeduldig vor Liebe, Freundſchaft, und Begierde, ſeine Unterthanen gluͤcklich zu machen. Der alte Koͤ - nig von Saykock ſtand mit ſeinen Dienern und ſei - nem Volke am Ufer, ſeinen Freund zu erwarten; als ein jaͤhlinger Sturm ſeine Flotte ergriff, aus dem Hafen zuruͤck warf, und mit ſolcher Heftigkeit um die ganze Jnſel Saykock herum trieb, daß er mit der dritten Sonne ſchon wieder vor dem Hafenwar.475[473]Erſtes Buch. war. Die Jnnwohner entdeckten ſeine Flotte, die Freude breitete ſich durch die ganze Stadt aus, und der Koͤnig eilte mit ſeinem Hofe nach dem Hafen, ſeinen Freund und Sohn zu empfangen, den er ſchon verloren gegeben hatte. Sie ſahen ſich, ſie winkten einander, um ihr Vergnuͤgen uͤber dieſe unvermuthete Zuruͤckkunft auszudruͤcken; das Ufer und die Flotte ertoͤnten von dem Jauchzen des freudigen Volks: Aber, eine ſchreckliche Nacht umhuͤllte die Flotte. Es war nicht moͤglich, wei - ter zu kommen; man zog die Segel ein, damit die Schiffe nicht an einander ſcheiterten. Jn dieſer aͤngſtlichen Unbewegſamkeit blieb die Flotte liegen. Der Nebel verzog ſich: Aber wie erſchrak T’ Siamma, da er ſah, daß er nicht mehr vor dem Hafen, ſondern an den Ufern von Chiekock, nicht weit von ſeiner Burg, war. Er warf ſich auf dem Verdecke ſeines Schiffes nieder, betete zu ſei - nen Goͤttern, und befahl, die Segel vom neuen aufzuſpannen. Er flog zum drittenmale nach der Jnſel Saykock ſeinen Wuͤnſchen entgegen. Zum drittenmale kam er in den Hafen, und fand den Koͤnig mit ſeinem Volke wieder verſammelt, welche eine außerordentliche Freude uͤber dieſe dritte Ankunft empfanden. Der alte Koͤnig ſtand am Ufer; er reichte ſeinem Freunde die Hand, welcher eben im Begriffe war, aus dem Schiffe zu ſteigen, als das Volk auf dem Schiffe und auf dem Lande, Verraͤtherey! Verraͤtherey! rief. T’ Siamma ſprang ins Schiff zuruͤck, und ſuchte ſein Volk zu beſaͤnftigen. Der alteKoͤnig476[474]Das Maͤrchen vom erſten April. Koͤnig riß ſeinen Unterthaneu die Waffen aus den Haͤnden. Er rief ihnen zu: aber niemand hoͤrte auf ihn. Das Geſchrey auf dem Lande, und auf den Schiffen war, wie das Geſchrey zweyer feindlichen Heere, die ſich erwuͤrgen. Die Flotte des T’ Siamma kehrte zuruͤck, und floh, und keiner von ſeinem Gefolge hatte den Muth ſich umzuſehn, bis ſie in dem Hafen von Chie - kock angelangt waren. Hier verſammelten ſich die zerſtreueten Schiffe. T’ Siamma, wel - cher wohl merkte, daß ihn eine maͤchtigere Hand hinderte, trat traurig ans Land. Sein Gefolge erwachte, wie von einem unruhigen Traume, und ſie wußten nicht, was ihnen wiederfahren war, oder warum ſie geflohen waren. Sie ſchaͤmten ſich vor ihren Weibern, ſie ſchlugen die Augen vor ihrem Koͤnige nieder; aber dieſer gute Koͤnig erkannte wohl, daß es nicht ihre Schuld ſey. Er richtete ſie auf, und unterwarf ſich dem Willen der Goͤtter, welcher ihm unbegreiflich war.
Ciongock freuete ſich grimmig; denn er ſahe die Angſt des Koͤnigs, welche dieſer vor ſeinem Volke zu verbergen ſuchte. Seine Verbindung mit der tugendhaften, weiſen, und ſchoͤnen Zizizi war ein zu großes Gluͤck fuͤr den T’ Siamma, als daß ihm dieſer wuͤtende Zauberer ſolches unge - ſtoͤrt haͤtte uͤberlaſſen ſollen. Denn er war es, welcher den Sturm erregte, welcher die Nacht uͤber die Schiffe verbreitete, und welcher Wut und Mord unter das Volk hauchte.
Der477[475]Erſtes Buch.Der alte Koͤnig von Saykock war fromm, aber nicht aberglaͤubiſch. Dieſer dreyfache Zu - fall hielt ihn nicht ab, die Unterhandlungen vom neuen anzufangen. Das ſahe er wohl, daß dieſe Hinderungen kein Werk der Goͤtter waͤren: Er kannte ſeine Goͤtter, und wußte, daß dieſe das Vergnuͤgen zwoer tugendhaften Perſonen, und das Gluͤck zweyer maͤchtigen Reiche nicht hinderten. Er hielt alſo alles, was begegnet war, fuͤr einen ungefaͤhren Zufall, und wollte, daß die Vermaͤh - lung vollzogen werden ſollte; nur das wollte er nicht zulaſſen, daß T’ Siamma zum viertenmale zu ihm kaͤme. Um deßwillen ſetzte er ſich ſelbſt mit einem kleinen Gefolge in ein Schiff, und lan - dete in Chiekock an, ohne daß ſich T’ Siamma deſſen verſah. Man meldete ihm die Ankunft des alten Koͤnigs. Er erſtaunte, und eilte ihm mit offnen Armen entgegen, den Freund ſeines Va - ters und ſeine goͤttliche Zizizi zu umarmen. Er kuͤßte dem Alten den Bart; und als ihn der Alte geſegnet hatte, ſo uͤbergab er ihm die Prinzeſſinn, welche ſich zu den Fuͤßen des T’ Siamma nie - derwerfen wollte. Dieſer fieng ſie in ſeine Arme auf, und zog ihr, zur Verſicherung ſeiner ewigen Treue, nach der Gewohnheit des Landes, in Ge - genwart des Hofs und des ganzen Volks, den Schleyer vom Geſichte.
Man kann wohl glauben, wie heftig ſein zaͤrt - liches Verlangen war, diejenige zu ſehen, welche ganz Morgenland fuͤr die ſchoͤnſte Prinzeſſinn hielt:Aber478[476]Das Maͤrchen vom erſten April. Aber man ſtelle ſich auch das Schrecken vor, das ihn uͤberfiel, als er die unangenehmſte und haͤßlich - ſte Geſtalt vor ſich erblickte. Ein uͤbelverwachſe - ner Zwerg mit einem kahlen Haupte, einer gerun - zelten und mit Haaren bewachſenen Stirne, trie - fenden und ſchielenden Augen, herabhangenden welken Backen, einem ſpitzigen Kinne, und her - vorragenden ſchwarzen Zaͤhnen; das war die Ge - ſtalt der goͤttlichen Zizizi.
T’ Siamma blieb einige Minuten unbewegt vor ihr ſtehen. Er ſahe ſie, er ſahe ihren Vater, er ſahe das Volk an, und warf ihr endlich den Schleyer uͤber das Geſicht. Die ungluͤckliche Prin - zeſſinn weinte, und wußte die Urſachen dieſes all - gemeinen Erſtaunens, und traurigen Stillſchwei - gens nicht. Der ehrwuͤrdige Greis verhuͤllte das graue Haupt in ſeinen Rock; unter dem Volke erhob ſich ein misvergnuͤgtes Murren; und hoch in der Luft hoͤrte man ein lautes Lachen, wie das Lachen eines Rieſen iſt, der in ſeiner gewoͤlbten Hoͤhle vom Weine taumelt und jauchzet. Der alte Koͤnig erkannte dieſe Stimme des Zauberers. Er enthuͤllte ſein Geſicht, warf den Staub gen Himmel, und rief dreymal den Namen des maͤch - tigen Namu-Amida. Das Lachen des Zauberers verwandelte ſich in ein wildes Heulen, welches ſich in den entfernten Wolken verlor: Aber die un - gluͤckliche Prinzeſſinn behielt ihre Haͤßlichkeit, von der ſie nichts wußte.
Der479[477]Erſtes Buch.Der alte Koͤnig nahm ſie bey der Hand, und gieng mit ihr, und dem T’ Siamma, in das Zimmer, wo er ſie alſo anredete: Jch ſehe nun - mehr, meine Kinder, daß die alten Drohungen eines der maͤchtigſten Zauberer erfuͤllt ſind: Aber zu meiner Beruhigung weis ich auch dieſes, daß ich nur noch wenige Monden lebe, und mit meinem Tode die Zauberey ſich endigen wird. T’ Siam - ma, ſey großmuͤthig und gerecht; verſtoß meine Tochter nicht; liebe ſie, und erwarte bald ein beßres Vergnuͤgen. Und du, meine Tochter, hier umarmte er ſie, du wirſt nicht immer ungluͤcklich bleiben. Ertrage dein Ungluͤck! Tugend und Weisheit hat dir die Hand des maͤchtigſten Zau - berers nicht rauben koͤnnen; nur die vergaͤngliche Schoͤnheit war es, die er auf einige Zeit verſtoͤ - ren konnte. Hier ſtellte er ſeine Tochter vor den Spiegel, damit ſie die traurige Verwandlung erfahren ſollte. Sie ſahe ſich, ſie erſchrak, ſie fiel halb ohnmaͤchtig in die Arme des Vaters zuruͤck, und vergoß uͤber den Verluſt ihrer Schoͤnheit bit - tere Thraͤnen, denn ſie war ein Frauenzimmer: Aber ſie faßte ſich auch nach einigen Minuten wie - der, denn ſie war ein vernuͤnftiges Frauenzim - mer. Die Hand unſers Feindes, ſagte ſie, hat eine Zerſtoͤrung angerichtet, die ich ohnedem eini - ge Jahre ſpaͤter, vor der Zeit erwarten mußte. Jch werde mich zu beruhigen ſuchen; aber, du, Prinz, ſo redete ſie den T’ Siamma an, du biſt von deinem Verſprechen befreyt. Jch kehre wie - der mit meinem Vater zuruͤck. Jch liebe dich zuſehr,480[478]Das Maͤrchen vom erſten April. ſehr, als daß ich von dir verlangen ſollte, mich zu lieben. Lebe ohne mich vergnuͤgt.
T’ Siamma, welcher Zeit gehabt hatte, ſich von ſeiner erſten Betaͤubung zu erhohlen, ward durch dieſe Anrede empfindlich geruͤhrt. Er nahm ſie bey der Hand, umarmte ſie, und ſchwur, ſie ewig zu lieben. Die feyerliche Vermaͤhlung ward vollzogen. T’ Siamma bewunderte ſeine Gemahlinn; aber der Poͤbel in Chiekock ſang ſpoͤttiſche Lieder von ſeiner neuen Koͤniginn. Sie erfuhr es, und lachte; denn ein Weiſer lacht mit - leidig uͤber den Witz des Poͤbels. Sie bemuͤhte ſich, ihrem Gemahle zu gefallen; und dieſer war ſo weiſe und gerecht, daß er ihre Verdienſte bald einſah, und ſie mit Hochachtung liebte. Sie be - muͤhete ſich auch, das Volk von ihrer Tugend und ihrem Verſtande zu uͤberfuͤhren; und dieſe Muͤhe blieb vergebens, denn ſie war haͤßlich. Lag ſie in dem Tempel vor ihren Goͤttern, und betete an - daͤchtig; ſo ſagten die ſtarken Geiſter zu Chiekock, daß ſie, wie der fromme Poͤbel, andaͤchtig bete, weil ſie nicht vernuͤnftig denken koͤnne. Redete ſie, wie der weiſeſte Bramine von den Goͤttern, von der Natur, und von den heiligſten Pflichten der Menſchen; ſo nannte man ſie eine traurige Pedantinn. War ſie gefaͤllig und freundlich ge - gen die, mit denen ſie ſprach; ſo gab man ihr eine gemeine und niedrige Auffuͤhrung Schuld. War ſie freygebig; ſo nannte man es eine uͤbelange - brachte Verſchwendung. Mit einem Worte:Der481[479]Erſtes Buch. Der Poͤbel am Hofe, und der Poͤbel in der Stadt, fand nichts als Untugenden und laͤcherliche Feh - ler an ihr; denn ſie war ſehr haͤßlich.
Dieſe allgemeine Verachtung war ihr ſehr empfindlich. Sie wußte die Urſachen derſelben, ſie wußte, daß dieſe Urſachen aufhoͤren wuͤrden, ſo bald ihre Bezauberung aufhoͤrte. Sie wuͤnſchte aus Liebe zu ihrem Gemahle, zu ihrem Volke, und zu ſich ſelbſt, daß ſie ihre vorige Geſtalt wieder be - kommen moͤchte: Aber mitten in dieſem Wunſche hielt ſie inne, und zitterte, wenn es ihr einfiel, daß dieſer Wunſch nicht anders, als durch den Tod ihres Großvaters, den ſie ſo ſehr liebte, erfuͤllt werden koͤnnte. Sie wuͤnſchte, daß er noch lange leben moͤchte: und damit dieſes deſto gewiſſer ge - ſchaͤhe; ſo verlangte ſie, haͤßlich und ungeſtalt zu bleiben. *Hier muß ein Fehler im Originale ſeyn; denn kein Frauen - zimmer, wenigſtens in Europa keines, wird einen ſo wi - dernatuͤrlichen Wunſch fuͤr das Leben ihres Mannes, ge - ſchweige ihres Großvaters, thun.
Jhr gemeinſchaftlicher Feind, der unverſoͤhn - liche Ciongock, wußte wohl, daß dieſe Zauberey durch den Tod des alten Koͤniges aufhoͤren werde; er wußte auch, daß dieſer Tod in wenigen Mon - den erfolgen muͤſſe. Er konnte urtheilen, wie ſehr T’ Siamma und ſeine Gemahlinn ſich als - denn lieben wuͤrden, da nicht einmal ihre Haͤßlich - keit dieſe Liebe hatte hindern koͤnnen. Ein ſolchesGluͤckH h482[480]Das Maͤrchen vom erſten April. Gluͤck goͤnnte der Grauſame ſeinem Feinde nicht. Er merkte wohl, daß T’ Siamma, ſo großmuͤ - thig er auch war, doch mit Ungeduld auf die Zeit ihrer Verwandlung wartete. Er, als ein Zau - berer, war allein vermoͤgend, die ſtillen Wuͤnſche der Koͤniginn zu entdecken, die ſie nach ihrer Schoͤnheit that, ſo oft ihr die Verachtung des Volks unertraͤglich ward. Alles dieſes ſahe er, und ſpot - tete ihrer Wuͤnſche; denn er hatte einen grauſa - men Einfall, den Koͤnig durch die Schoͤnheit ſei - ner Gemahlinn noch weit ungluͤcklicher zu machen, als er ihn durch ihre Haͤßlichkeit gemacht hatte.
Es war an einem Morgen, als die Koͤniginn mit Anbruch der Sonne in ihrem Zimmer vor dem Bilde des Gottes Yſum lag, und fuͤr die Seele ihres ſterbenden Großvaters betete, deſſen gefaͤhrliche Krankheit man ihr gemeldet hatte. Sie war eben im Begriffe, vom Gebete aufzuſtehen, als ſie von einem Schlage, wie der Schlag eines ſtarken Donners iſt, niedergeworfen ward. T’ Siamma hoͤrte es; er eilte nach ihrem Zimmer, und fand ſie ohnmaͤchtig auf der Erde liegen, aber mit einer Schoͤnheit, die ihn blendete, ſo ſchrecklich ihm ſonſt dieſer Anblick war. Er nahm ſie in ſeine Arme, und ſie kam in wenigen Augenblicken wieder zu ſich ſelbſt. Der Koͤnig war in großer Unruhe, wie er ihr dieſe gluͤckliche Verwandlung entdecken ſollte, da er es nicht anders thun konnte, als ihr zugleich die Nachricht von dem Tode ihres Großva - ters, den ſie ſo zaͤrtlich liebte, zu entdecken. Sie ſaßnoch483[481]Erſtes Buch. noch auf ſeinen Knieen, und zitterte vor Schwach - heit. Sie ſahe ihren Gemahl und die Umſtehen - den mit einer wilden Unordnung an, wie ein Kran - ker, der von einem ſchweren Traum erwacht. End - lich erblickte ſie ihre eigne Geſtalt in einem Spiegel. Sie riß ſich aus den Armen ihres Gemahls, draͤngte ſich durch die Bedienten des Hofs, und blieb einige Minuten unbeweglich vor dieſem Spiegel ſtehen. Ja! ich bin es! rief ſie mit einer ungemaͤßigten Freude. Sie ſetzte ſich vor dem Spiegel nieder, zog ihre ſchwarzen Haarlocken durch die weiße Hand, und bewunderte die Schoͤnheit von beiden. Von ungefaͤhr laͤchelte ſie, und ſie fand dieſes Laͤcheln ſchoͤn. Sie wiederholte es, und gab ſich Muͤhe auf verſchiedne Art zu laͤcheln, um zu verſuchen, welches Laͤcheln eigentlich ihrem Munde, und ih - ren Zaͤhnen am vortheilhafteſten ſey. Sie ward nicht muͤde, ihre Augen zu betrachten. Jn einer einzigen Minute machte ſie die Blicke einer Zaͤrt - lichen, einer Sproͤden, einer Gebieterinn, einer Schmachtenden, einer Traurigen, und tauſend Blicke, in welchen ſich der Leichtſinn eines euro - paͤiſchen Frauenzimmers vor dem Spiegel uͤbt. Mit einem Worte; ſie buhlte mit ſich ſelbſt, und fand endlich, daß die Blicke der Gebieterinn ihren ſchwarzen Augen am anſtaͤndigſten waͤren. Mit dieſer Miene wandte ſie ſich um, und erwartete die Anbetung derer, die um ſie waren. Jhr Ge - mahl, welcher mit Erſtaunen alle dieſe ungewohnten Bewegungen an ihr wahrgenommen hatte, ſtund ganz betruͤbt neben ihr, ohne von ihr geſehen zuH h 2wer -484[482]Das Maͤrchen vom erſten April. werden. Er nahm ſie bey der Hand; aber ſie zog ihre Hand kaltſinnig zuruͤck, und ſah ihn an. Endlich ſchien ſie ſich zu erinnern, daß er ihr Ge - mahl ſey. Sie uͤberließ ihm die Hand nachlaͤßig, ohne auf die Zaͤrtlichkeit Acht zu haben, mit wel - cher er ſie kuͤßte. Er wagte es endlich, ſie an den Tod ihres Großvaters zu erinnern. Der Wille der Goͤtter, ſagte er mit einer aͤngſtlichen Miene zu ihr, ſeine Weisheit, ſeine Tugend, das Gluͤck der Todten, das ſchwaͤchliche Alter deines Großvaters ‒ ‒ ‒ Jſt er todt? unterbrach ſie ihn ganz gelaſſen. T’ Siamma ſah traurig auf die Erde. Alſo iſt er todt, wiederholte ſie nochmals, und zuckte mit den Achſeln. Aber er war alt, und verdrießlich; ſein ‒ ‒ ‒ Jndem ſie dieſes ſagen wollte, ſo entdeckte ſie im Spiegel, unter ihrem linken Auge, ein kleines faſt unmerk - liches Blaͤtterchen. Aber, große Goͤtter! ſchrye ſie, was iſt dieſes? Sie ward unruhig, ſie ver - langte die Aerzte, und ſank kraftloͤs auf einen Sopha nieder.
T’ Siamma ſtand vor ihr, wie ein Traͤu - mender. Er ſah ſeine Gemahlinn, als die ſchoͤnſte Perſon des Morgenlandes, vor ſich; aber ohne Zaͤrtlichkeit, ohne Empfindung der Tugenden, die ihr ſonſt ſo eigen waren. Er ſah einen ſchoͤn ge - malten Koͤrper, welcher nur mit ſich beſchaͤfftigt war, nur ſich liebte, und die Hochachtung der Menſchen erwartete, ohne ſie verdienen zu wollen. Er ſchlug an ſeine Stirne, und bat die Goͤtter, ſiemoͤchten485[483]Erſtes Buch. moͤchten ihm dieſe Schoͤnheit wieder nehmen, wel - che ſo viele Tugenden verdraͤngt haͤtte: Aber die Goͤtter wollten ihn noch nicht hoͤren, und der Zauberer freute ſich uͤber ſeine Verwuͤſtung.
Bey dem Poͤbel hatte dieſe Verwandlung eine ganz andre Wirkung. Er betete ihre Schoͤnheit an. Wenn ſie nur die Lippen oͤffnete, ſo ward ſie bewundert, noch ehe ſie redete. Sie redete mit ihrem Papagoy, und was ſie mit ihm redete, war Weisheit. Unter dieſem Poͤbel waren viel Dichter: Sie beſungen ihre Schoͤnheit, und die Koͤniginn ſpendete Reiß unter ſie aus. An ge - wiſſen feyerlichen Tagen theilte ſie ein ſparſames Almoſen unter die Armen der Stadt, um dem Volke ihre weißen Haͤnde zu zeigen: Man nannte dieſen eitlen Hochmuth, wohlthaͤtige Tugend, denn ihre Haͤnde waren rund und wohl gemacht. Mit einem Worte: Der Poͤbel in Chiekock, der die tugendhafteſte Koͤniginn verachtet hatte, weil ſie haͤßlich war, der vergoͤtterte nunmehr ihre Schoͤn - heit, und hielt ihre Thorheiten fuͤr Tugend.
Der ungluͤckliche Gemahl ward durch dieſe Schoͤnheit nicht verblendet. Er liebte ſie noch: aber weit zaͤrtlicher liebte er ſie damals, als ſie, zwar haͤßlich, aber tugendhaft war. Er brachte die Stunden in ihrer Geſellſchaft ſehr misvergnuͤgt zu; denn gegen alle war ſie freundlich, gefaͤllig und aufgeraͤumt, nur gegen ihren Gemahl nicht. Gegen ſeine Liebkoſungen war ſie immer unem -H h 3pfindlich486[484]Das Maͤrchen vom erſten April. pfindlich und kalt. Wollte er ſie kuͤſſen; ſo klagte ſie uͤber Schmerzen am Haupte. Verlangte er, daß ſie mit an ſeiner Tafel ſpeiſen ſollte; ſo wen - dete ſie eine Andacht vor, und faſtete. Redete er mit ihr, und ſagte ihr die zaͤrtlichſten Schmei - cheleyen; ſo ſpielte ſie mit ihrem kleinen Drachen. Redete er nicht mit ihr; ſo warf ſie ihm ſeine Un - empfindlichkeit vor. Was ihm gefiel, tadelte ſie. War er aufgeraͤumt, ſo vergoß ſie Thraͤnen, daß er bey ihrem Kummer noch ſcherzen koͤnne. Jn den traurigen Stunden, wenn er ſeinen Schmerz weiter nicht bergen konnte, machte ſie ihm bittre Vorwuͤrfe, und klagte, daß er ſie nicht mehr liebe, daß er allemal aufgeraͤumt, und nur in ihrer Ge - genwart immer traurig ſey.
Das Exempel der Koͤniginn breitete ſich durch die ganze Stadt aus. Die Weiber der Vorneh - men ahmeten ſie nach. Die Aerzte hielten es fuͤr eine Krankheit, aber ſie wußten kein Mittel da - wider. Sie gaben dieſer Krankheit einen gelehr - ten Namen, und nannten ſie: Ongaſauwara - Sinano;*Der beruͤhmte Pere du Halde erzaͤhlt eben dieſe Geſchichte, aber nur mit einigen Veraͤnderungen. Er druͤckt das Ongaſauwarg-Singno durch ſein Vapeurs aus, und ich weis nicht, ob er es getroffen hat. Das war alles, was ſie thun konnten. Unerachtet dieſes gelehrten Namens, blieben die Maͤnner bey dem misvergnuͤgten, und ſich widerſprechenden Eigenſinne ihrer Weiber un - gluͤcklich. T’ Siamma ſahe die Zerruͤttung mitBetruͤb -487[485]Erſtes Buch. Betruͤbniß, welche dadurch in den anſehnlichſten Familien verurſachet ward. Er gewoͤhnte ſich, gegen ſeine Gemahlinn gelaſſen, nachſehend, und immer gefaͤllig zu ſeyn. Die Großen im Reiche ahmten ihn hierinnen nach. Sie machten dadurch ihren Eheſtand ertraͤglich, aber ihre Weiber nicht vernuͤnftiger. Die Chronikenſchreiber von Chie - kock wollen behaupten, daß ſich um dieſe Zeit die Herrſchaft der Weiber angefangen habe; Aber der gelehrte T’ Sintiſa macht dieſe Gewohnheit noch etliche tauſend Jahr aͤlter.
Jn dieſen bekuͤmmerten Umſtaͤnden lebte T’ Siamma etliche Jahre lang, und war end - lich ſo gluͤcklich, ſein Elend gewohnt, und ruhig zu werden. Aber auch dieſe traurige Ruhe goͤnnte ihm der Zauberer nicht.
Es breitete ſich ein Geruͤcht in Chiekock aus, daß zween maͤchtige Prinzen in Siam mit einan - der in Krieg verwickelt waͤren. Der Schwaͤchſte von ihnen war ein Freund, und Bundsgenoſſe des T’ Siamma. Dieſer brach mit ſeiner Ar - mee auf, ihm beyzuſtehen. Er landete gluͤcklich an, ſchiffte ſeine Truppen aus, und fand, daß das ganze Land in Ruhe war. Sein Freund hielt dieſes fuͤr einen feindlichen Einfall, und ward entruͤſtet. Er verband ſich in Eil mit andern be - nachbarten Fuͤrſten, und uͤberfiel die Voͤlker des T’ Siamma, welcher nicht im Stande war, der Macht zu widerſtehen, und mit vieler Noth den Reſt ſeiner Truppen auf die Schiffe fluͤchten konnte.
H h 4Dieſer488[486]Das Maͤrchen vom erſten April.Dieſer ungluͤckliche Zufall ſchlug ſeinen Muth gaͤnzlich nieder. Es war ihm unertraͤglich, daß er ein Spott der benachbarten Fuͤrſten ſeyn, und fuͤr einen bundbruͤchigen Freund angeſehen wer - den ſollte. Er eilte nach ſeinem Lande zuruͤck, um ſich vor den Augen der Welt, und ſeiner Unter - thanen zu verbergen.
Er kam an den Hafen, aber er fand ſeine Un - terthanen in den Waffen, welche ihm und den Seinigen den Eingang verwehrten. Der Zau - berer, welcher wußte, daß die Goͤtter ihm nur wenige Zeit noch ſeine Bosheiten ungeſtraft zu - laſſen wuͤrden, hatte ſich vorgenommen, den letz - ten und empfindlichſten Streich wider den T’ Siam - ma auszufuͤhren. Er hatte, als dieſer abweſend war, ſeine Geſtalt angenommen, und das Volk in die Waffen gebracht, da er ausſprengte, daß eine fremde Macht ſein Reich uͤberfallen wollte. Das war die Urſache des Widerſtandes, welchen T’ Siamma fand. Aber ſein Muth, und ſeine gerechte Sache uͤberwanden auch dieſe Hinderniſſe. Er trat an das Land. Das Volk ſahe ihn, und erſtaunte; denn es ſahe auch den Zauberer in der Geſtalt des T’ Siamma. Der Zauberer hatte die Prieſter durch Geſchenke gewonnen. Die un - gluͤckliche Zizizi hielt ihn fuͤr ihren Gemahl, und liebte ihn ſeit einiger Zeit wirklich, weil er ihr tau - ſend kindiſche Schmeicheleyen vorſagte, und ihr alle Stunden neue Gelegenheit gab, ihre Eitelkeit zu beruhigen. Die Weiber der Großen im Reichehatten489[487]Erſtes Buch. hatten gar zu viel Urſache, auf ihrer Seite zu ſeyn: Sie bedienten ſich alſo der Gewalt uͤber ihre Maͤn - ner, und noͤthigten ſie, die Parthey der Koͤniginn zu nehmen. Der Poͤbel war ohnedem ſchon auf ihrer Seite. Alſo blieben nur noch wenige Tu - gendhafte und Getreue uͤbrig, welche dem wahren T’ Siamma anhiengen. Er verlangte, in Ge - genwart ſeiner Gemahlinn, und des Volks, ſeinen Feind zu ſehen, und mit ihm um ſein Recht zu kaͤmpfen. Der Zauberer gieng es ein, da er ſei - ner Macht gewiß genug zu ſeyn glaubte. Sie begegneten beide einander in einer fruchtbaren Ebene vor der Stadt. Der Zauberer fuͤhrte die Koͤniginn an der Hand, und ward von einer un - zaͤhlbaren Menge Volks begleitet. T’ Siamma erſtaunte nunmehr ſelbſt uͤber die Aehnlichkeit ſei - nes Feindes. Er ward wuͤtend, daß er ſeine Ge - mahlinn an der Hand dieſes Raͤubers ſehen ſollte. Er zog das Schwerdt, und rief: Goͤttliche Zoimane! ſtaͤrke meinen Muth, und dieſen Arm! So bald er dieſes geſagt hatte, ſprang er auf den Zauberer los, welcher ihn aber, ohne aus ſeiner Gelaſſenheit zu kommen, zu Boden warf, und erwuͤrgen wollte.
Jn dieſem Augenblicke ſtuͤrzte die goͤttliche Zoimane, die Freundinn und Beſchuͤtzerinn ihres T’ Siamma, in einer Wolke von Feuer auf den Zauberer herab. Jn ihrer linken Hand hielt ſie einen Talismann, welchen der eingegrabene Name des Namu-Amida den Gottloſen ſchrecklichH h 5machte.490[488]Das Maͤrchen vom erſten April. machte. Der Zauberer erblickte dieſen Namen, und zitterte. Er wollte fliehen, aber er ſank zur Erde nieder. Er verwandelte ſich in einen ſchrecklichen Rieſen, und war ſo verwegen, wider die Fee zu kaͤmpfen. Dieſe hielt ihm den Talismann vor; und er ſtuͤrzte zum zweytenmale, wie ein Kind, zur Erde. Er verwandelte ſich in einen ho - hen Felſen, um gegen die Kraft des Talis - manns unempfindlich zu ſeyn; aber er ſchmolz, wie Schnee, zuſammen. Noch zum dritten male verſuchte er zu entkommen, verwandelte ſich in einen Strom, und riß den ungluͤcklichen T’ Siamma, welcher ohnmaͤchtig auf der Erde lag, mit ſich fort. Die Fee merkte die - ſes zu ſpaͤt. Sie warf ſich in den Strom, den T’ Siamma zu retten. Durch die Ge - walt des Talismanns vertrocknete der Strom, und es blieb nichts uͤbrig, als ein faules ſtehen - des Waſſer; Aber mitten in demſelben lag der T’ Siamma ohne Empfindung ausgeſtreckt, und blieb todt.
Das war das Ende des grauſamen Zau - berers, welcher noch in dem letzten Augenblicke ſeiner Wut den tugendhaften T’ Siamma zu - gleich mit in ſein Verderben hinriß. Nur die weiſen Goͤtter wußten, warum ſie dieſes geſche - hen ließen.
Die Fee netzte den Leichnam mit ihren Thraͤnen. Sie wollte der Nachwelt ein An -denken491[489]Erſtes Buch. denken ſeines großen Muths, und ſeiner ſtand - haften Tugend hinterlaſſen: Sie hielt alſo den Talismann an ſeine Stirne, und es erhob ſich mitten aus dieſem todten See ein Fels von weißem Marmor, welcher den Leichnam des T’ Siamma in ſich verſchloß.
Unter dieſem ſchrecklichen Kampfe der Fee und des Zauberers war das Volk geflohen. Die Koͤniginn lag ohnmaͤchtig an dem Fuße eines Baumes, und wußte von allen dieſen traurigen Veraͤnderungen nichts. Sie ermun - terte ſich durch ein Wort der Fee, welche ihr das Schickſal ihres Gemahls, die Bosheit des Zauberers, und die Rache der Goͤtter erzaͤhlte. Sie legte ihr den Talismann auf die Bruſt, und in dieſem Augenblicke verſchwand alle Eitel - keit und Thorheit, welche durch die Zauberey des Ciongock zeither ihren Verſtand umnebelt hatte. Sie war vor Bekuͤmmerniß außer ſich. Sie wollte mit den Goͤttern zanken; aber die Fee erinnerte ſie an ihre Gottesfurcht, an ihre Tugend, und an ihre Weisheit. Sie ward ruhig; ſie kuͤßte den Namen des maͤchtigen Namu-Amida, und beweinte ihren Gemahl, ohne ungeduldig zu murren. Die Fee verließ ſie. Zizizi baute ihrem Gemahle einen praͤchti - gen Tempel auf dem Marmorfelſen, welcher ſeinen Leichnam verſchloſſen hielt. Jn dieſemTempel492[490]Das Maͤrchen vom erſten April. Tempel war ſie die oberſte Prieſterinn bis an ihren Tod. Das Volk betete ihn an. Er ward der Gott der Ungluͤcklichen, welche ih - ren Wuͤnſchen immer nahe ſind, ohne ſie jemals zu erlangen, und welche, ſo lange ſie leben, vergebens hoffen.
Sein Tod geſchahe, nach der Zeitrechnung der Jnnwohner zu Chiekock, am ſiebenten des Monden Ni-ada, welcher nach dem europaͤi - ſchen Calender der erſte April iſt. Dieſer Tag war dem Volke beſonders heilig. Sie giengen hinaus in die Ebene nach dem Tempel ihres Gottes T’ Siamma, und ſtellten ſich, als wenn ſie ihn aͤngſtlich ſuchten. Sie riefen ihn, und wenn ſie ihn nicht fanden, ſo war - fen ſie Steine in den faulen See Ciongock, um das Andenken des Zauberers zu verfluchen. Die Aeltern ſagten an dieſem feyerlichen Tage zu ihren Kindern: Gehet hinaus, und ſucht den T’ Siamma, er wird euch etwas ſchen - ken: Die Kinder giengen, und warfen Steine in den See, wenn ſie ihn nicht fanden. Das Weib ſagte zu ihrem Manne: Gehe hinaus, und ſuche den T’ Siamma, er wird dir ſa - gen, ob ich dich mehr liebe, als andre Maͤn - ner: Der Mann gieng, und raͤchte ſich an dem See, wenn er ihn nicht fand. Die Mut - ter ſagte zu ihrer Tochter: Gehe hinaus, und ſuche den T’ Siamma, er wird dir den Mannnennen,493[491]Erſtes Buch. nennen, durch deſſen Liebe du gluͤcklich werden ſollſt: Die Tochter gieng, und kehrte traurig zuruͤck, weil ſie dieſen Mann nicht erfuhr. Der Weltweiſe ſagte zu ſeinen Schuͤlern: Gehet hinaus, und ſuchet den T’ Siamma, er wird euch eine Weisheit lehren, gegen welche die meinige nur Thorheit iſt: Sie giengen, und ſuch - ten ihn, und klagten es ihrem Lehrer, daß ſie keine Weisheit gefunden haͤtten.
Dieſes war die Art, mit welcher die Jnn - wohner das Andenken ihres unvergeßlichen T’ Siamma feyerten. Sie faſteten an dieſem Tage, und das ganze Land war traurig.
Nach tauſend Jahren ward die Religion in Chiekock veraͤchtlich, da das Land einen Koͤnig bekam, der ſich der Religion ſeiner Vaͤter ſchaͤmte. Die Großen des Volks waren ſtarke Geiſter, und nur der arme Poͤbel betete noch. Um dieſe Zeit fiel auch die Hochachtung, die man fuͤr das Andenken des T’ Siamma hatte. Sein Got - tesdienſt verkehrte ſich in Voͤllerey, und poͤbel - hafte Ausſchweifungen. Sie ſandten einander noch immer zu dem T’ Siamma, aber nicht tugendhaft, nicht weiſe zu werden, nein, nur ihren Muthwillen zu kuͤtzeln. Und fanden ſie noch einen, welcher fromm und treuherzig genug war, ſich zu dem T’ Siamma ſchicken zu laſ - ſen, den hielten ſie fuͤr einen Narren. DemPoͤbel494[492]Das Maͤrchen vom erſten April. Poͤbel gefiel endlich dieſer Scherz auch, und fuͤr den Poͤbel gehoͤrte er eigentlich. Er bemaͤch - tigte ſich dieſes Witzes, und behielt ihn bey, nachdem die Vornehmen des Landes anfiengen, ſich deſſelben zu ſchaͤmen. Dieſe Gewohnheit brei - tete ſich durch Siam in Japan aus, und iſt end - lich auch zu uns Europaͤern heruͤber gebracht worden.
Nunmehr iſt der ſiebente Tag des Monden Ni-ada ein Feſt der Narren in Chiekock; und der europaͤiſche Poͤbel feyert ihn zu gleicher Zeit am erſten April.
So viel Muͤhe ſich der Autor auch gegeben hat, alles zu vermeiden, was den zaͤrt - lichen Ohren ſeiner Leſerinnen, und deſon - ders unverheiratheter Frauenzimmer, an - ſtoͤßig ſeyn moͤchte; ſo wenig hat er es doch von der achten dis zur neunzehnten Wahr - ſagung vermeiden koͤnnen. Er warnt ſie daher wohlmeynend, dieſe Stellen vorſich - tig zu uͤberſchlagen. Es wuͤrde ihm nahe gehen, wenn ſie darinnen etwas finden ſoll - ten, woruͤber ſie erroͤthen, oder empfindlich werden muͤßten.
Einem von meinen Leſern ſind ſieben mal ſie - ben Wahrſagungen verdaͤchtig. So bald er dieſen Titel zu Geſichte bekoͤmmt, ſo bald faͤllt ihm das Spruͤchwort ein: daß Sie - ben gemeiniglich die Zahl eines Luͤgners ſey; und um deßwillen hat er ein ſchlechtes Vertrauen zu dieſen Wahrſagungen, Sie irren ſich, mein Freund; leſen ſie weiter: Es iſt auch fuͤr ſie eine Wahrſagung darinnen. Sie werden geſtehen muͤſſen, daß ich nicht luͤge, wenn ſie anders ſich ſelbſt kennen.
Phaͤneſt(1)Kennen ſie den Herrn V ‒ ‒ T ‒ ‒ nicht? hat an einem feyerlichen Tage die Pracht und die Luſtbarkeiten des Hofs mit angeſehen; dieſe Lebensart gefaͤllt ihm. Er ver - ſetzt einen Theil ſeines vaͤterlichen Gutes, kauft ſich reiche Kleider dafuͤr, und laͤßt ſich heute um eilf Uhr zum erſtenmale bey Hofe ſehen. Man bewundert ſeinen Verſtand, und ſeinen Rock; man ſucht ſeine Freundſchaft; man erbietet ſich zu allen moͤglichen Dienſten. Der unerfahrne Phaͤneſt kennt die Sprache des Hofs noch nicht. Er traͤumt ſchon von lauter hohen Ehrenſtellen,J i 2von500[498]Das Maͤrchen vom erſten April. von Gewalt und Reichthume: Aber im Kurzen wird er merken, daß alles nur ein Traum gewe - ſen iſt. Er wird wieder auf ſein Landgut fluͤch - ten, und ſuchen, durch eine genau eingeſchraͤnkte Wirthſchaft in zehn Jahren ſo viel zu erſparen, als er es ſich in einem Jahre hat koſten laſſen, dem Hofe laͤcherlich zu ſeyn.
Naſidien(2)Seine Glaͤubiger werden es gleich errathen, daß ich den Herrn von N ‒ ‒ meyne. hat in der Stadt, wo der Hof wohnt, ſeit zwanzig Jahren ein anſehnliches Ver - moͤgen, durch alle nur erſinnliche, ſowohl vor - nehme, als niedertraͤchtige Ausſchweifungen zer - ſtreut. Weil er fuͤr den Prinzen ein beſondres Gallakleid, ein anderes fuͤr die Gemahlinn des Prinzen, und fuͤr einen jeden Vetter und eine je - de Muhme des fuͤrſtlichen Hauſes wenigſtens eine reiche Weſte gehabt; weil er zwanzig Jahre in der Antichambre muͤßig geplaudert hat; weil er ſich ſein Geld bey Hofe hat abgewinnen laſſen; weil er ſeine Geſundheit, in der Geſellſchaft eini - ger Frauensperſonen vom Theater eingebuͤßt hat: So glaubt er, ein Recht zu haben, von dem Prin - zen eine Belohnung ſeiner treuen Dienſte, und eine Schadloshaltung fuͤr das anſehnliche Ver - moͤgen zu fodern, welches er, nach ſeiner Art zu reden, im Dienſte des Fuͤrſten zugeſetzt hat. Er entſchließt ſich alſo, dieſen Morgen ernſtlich um ein Amt, oder, welches bey ihm einerley iſt, umeine501[499]Zweytes Buch. eine Penſion anzuſuchen. Man hoͤrt ſein Bitten an, und macht ihm ein gnaͤdiges Compliment; er bittet noch einmal, und man verweiſt ihn zur Ge - duld; er bittet zum drittenmale, und nunmehr findet man ſeine Bitte ſehr unbeſcheiden. Man wird ihn fragen, worinnen denn eigentlich die wichtigen Dienſte beſtehen, die er dem Hofe mit Aufwendung eines ſo anſehnlichen Vermoͤgens geleiſtet habe? Dieſer Frage hatte er ſich nicht verſehen. Er geht, misvergnuͤgt uͤber den Hof, zuruͤck, lebt noch einige Zeit in der Stadt von den Wohlthaten ſeiner Bekannten, von der Leicht - glaͤubigkeit einiger Wucherer, und von ſeiner eig - nen Unverſchaͤmtheit. Endlich flieht er aufs Land, und fuͤttert ſich in etlichen adlichen Familien zu Tode, wo er der gnaͤdigen Frau viel Nachtheili - ges von den Hofdamen erzaͤhlt, der Fraͤulein ein paar abgeſetzte Operarien vorheult, den Junker die Geographie von allen verdaͤchtigen Haͤuſern der Reſidenz lehrt, und mit dem alten Ritter, beym Kamine, uͤber die Regierung, und den Un - dank des Hofs patriotiſch ſeufzet.
Der Prinz wird nach der Tafel einige Minu - ten mit dem Grafen N. ‒ ‒(3)Der Graf E ‒ ‒, iſt ihnen der unbekannt? am Fenſter ſtehen, ſehr vertraut mit ihm reden, und ihm einigemal etwas ins Ohr ſagen. Es ſind in der That nur gleichguͤltige Dinge, die er mit ihm ſpricht, undJ i 3die502[500]Das Maͤrchen vom erſten April. die Geheimniſſe, die er ihm ins Ohr ſagt, duͤrfen alle wiſſen, nur die Prinzeſſinn nicht. Gleich - wohl macht dieſe gnaͤdige Vertraulichkeit eine große Bewegung am Hofe, und im Gehirne des armen Grafen. Der Hof weis, daß der Prinz den Grafen zu gut kennt, als daß er ihn hoch ſchaͤz - zen, oder ihn ſeiner Vertraulichkeit wuͤrdigen ſollte. Man haͤlt ihn fuͤr einen Mann, der zu den kleinen Beluſtigungen des Hofs zu trocken, und zu ernſthaften Verrichtungen zu albern ſey; in der That hat der Prinz auch bisher niemals mit ihm geredet, als wenn er nach der Uhr, oder nach dem Wetter fragte. Und gleichwohl redet er itzo mit ihm allein, und redet ihm ins Ohr, und klopft ihn auf die Achſel. Nunmehr aͤndert auch der Hof ſeine Begriffe, die er ſich von dem Gra - fen machte. Kaum hat ihn der Prinz verlaſſen, ſo draͤngt ſich die ganze Antichambre zu ihm. Die Großen reden vertraut mit ihm, und bitten, daß er morgen mit ihnen ſpeiſen moͤge; die Hofleute von der mittlern Claſſe laͤcheln zu allem, was er ſpricht, finden ſeine Scherze ſehr fein, und zucken die Achſeln geheimnißvoll, wenn er ſeiner Natur die Gewalt anthut, ernſthaft und vernuͤnftig zu reden; die Kleinen weichen ihm ehrerbietig aus dem Wege, damit er deſto vornehmer auf und abgehen, und ſie deſto mehr bemerken koͤnne. Der gute Graf taumelt von dieſem ungewohnten Gluͤk - ke. Er kann es noch nicht begreifen, daß er es iſt, dem man alle dieſe Freundſchaft und Hoch - achtung bezeugt. Endlich laͤßt er ſichs gefallen,und503[501]Zweytes Buch. und er laͤßt ſichs um ſo viel lieber gefallen, da er bisher der einzige am Hofe geweſen iſt, der an ſei - nen Verdienſten nicht gezweifelt hat. Nun uͤber - rechnet er ſchon ſein kuͤnftiges Gluͤck, da er gewiß glaubt, daß er der Vertraute des Prinzen ſey. Er hat Feinde, und dieſen will er es empfinden laſſen, daß ſie ſeine Feinde geweſen ſind. Er hat Schulden; dieſe will er nicht bezahlen, denn nun - mehr wuͤrde ſich das noch weniger fuͤr ihn ſchicken, als vorher. Aber er will Schaͤtze ſammeln, und was ihn noch beunruhiget, iſt die Ungewißheit, welche Guͤter im Lande er eigentlich an ſich kau - fen will. Zu ſeinem guten Gluͤcke iſt er noch nicht vermaͤhlt. Er laͤßt in Gedanken alle Fraͤulein die Muſterung paſſiren, und bedauert die guten Kinder, daß er nur eine von ihnen heirathen kann. Mit dergleichen angenehmen Traͤumen beſchaͤfftigt ſich der arme Graf, und weis nicht, daß es nur Traͤume vom erſten Aprile ſind. Noch an eben dem Tage koͤmmt er an den Hof zuruͤck. Er naͤ - hert ſich dem Prinzen mit einer gewiſſen Vertrau - lichkeit, zu welcher er ſeit drey Stunden berech - tigt zu ſeyn glaubt. Der Prinz ſieht ihn gleich - guͤltig an; er redet mit allen, die um ihn ſtehen, nur mit dem Grafen nicht. Dieſe veraͤnderte Scene iſt ihm ein Raͤthſel. Er wagt es endlich, dem Prinzen etwas ins Ohr zu ſagen; der Prinz hoͤrt es, ohne ſeine Miene zu aͤndern, oder ihm zu antworten. Er wiederholt ſeine ſtille Frage noch einmal; der Prinz antwortet ihm mit einem un - zufriedenen, Nein! und kehrt ihm den Ruͤcken zu. J i 4Der504[502]Das Maͤrchen vom erſten April. Der arme Graf tritt beſchaͤmt zuruͤck; er vergißt alle Schloͤſſer, die er kaufen, und alle Fraͤulein, die er heirathen wollte. Die Antichambre ver - achtet ihn eben ſo ſehr, wie geſtern. Er ſteht uͤberall im Wege; man draͤngt ihn zuruͤck. Er bietet ſich an, daß er morgen mit Jhro Excellenz ſpeiſen wolle; aber nun beſinnen ſich Jhro Excel - lenz, daß ſie morgen ſelbſt zu Gaſte ſind. Er ſagt etliche artige Einfaͤlle, und niemand laͤchelt mehr. Er geht zu denen, die ihm vor drey Stun - den ehrerbietig auswichen; ſie bleiben ſtehen, ſie merken ihn nicht, und, die ihn noch merken, die ſind ſo vertraut, Tabak von ihm zu fodern. Zum groͤßten Ungluͤcke koͤmmt der Kaufmann in das Vorzimmer, dem der ganze Hof ſchmeichelt, weil der ganze Hof ihm ſchuldig iſt. Er hat in ſeiner Schreibeſtube von der gnaͤdigen Vertraulichkeit des Prinzen gegen den Grafen gehoͤrt; um deß - willen ließ er alles liegen, und eilte nach Hofe, um dem Grafen ſein ganzes Vermoͤgen anzubie - bieten, in der Hoffnung, dasjenige wieder zu be - kommen, was er ihm bereits ſchuldig war. Aber ſchon auf der großen Treppe erfaͤhrt er die ge - ſchwinde Veraͤnderung: Er geht alſo in das Vor - zimmer, ſucht den Grafen, und mahnet ihn troz - zig. Der Graf eilt befchaͤmt nach Hauſe, ver - flucht den Hof, und den ungluͤcklichen Tag, ohne ſich zu beſinnen, daß dieſer Tag der erſte April iſt.
Endlich hat Hypſaͤus(4)Der Herr Rath M ‒ ‒ mit der wichtigen Miene eines O ‒ ‒ den Schritt ge - than, den er ſich ſeit langer Zeit zu thun wuͤnſchte. Er hat heute das anſehnliche Amt uͤberkommen. Zwar den Verſtand hat er nicht, der zu dem Amte erfodert wird; aber den hat er ſich auch eben nicht gewuͤnſcht. Genug, daß er die Beſoldung und den Rang hat. Er wird dafuͤr ſorgen, daß er jemanden miethet, der in ſeinem Namen den Ver - ſtand und Fleiß anwendet, den das Amt erfodert. Nunmehr glaubt Hypſaͤus vollkommen gluͤcklich zu ſeyn. Aber ſeine große Dummheit, und Nach - laͤßigkeit wird nun deſtomehr in die Augen fallen, je anſehnlicher der Poſten iſt, in welchem er ſte - het. Die Stadt faͤngt an, oͤffentlich uͤber ihn zu lachen, da ſie ihn vorher nur im Stillen ver - ſpottet hat. Die Einkuͤnfte muß er denen abge - ben, die fuͤr ihn arbeiten. Er wird alſo auf den erſten April kuͤnftigen Jahres von ſeiner Ehren - ſtelle nichts uͤbrig haben, als die Schande, und die Verantwortung.
Sehen ſie jenen Mann mit der tuͤckiſchen und menſchenfeindlichen Miene, welcher ſich die Stirne wiſcht, und ſich ganz ermuͤdet auf das Canapee wirft? Das iſt Neran! (5)Der Mann iſt mir zu tuͤckIſch, den mag ich nicht nennen.Erſt vor einer Mi - nute hat er das große Werk zu Stande gebracht, an dem er ſeit einem halben Jahre gearbeitet hat. J i 5Durch506[504]Das Maͤrchen vom erſten April. Durch die niedertraͤchtigſten Schmeicheleyen, durch Beſtechungen, die ihm den dritten Theil ſeines Vermoͤgens gekoſtet haben, durch Verunglimp - fung der redlichſten Maͤnner, die er fuͤr Neben - buhler hielt, hat er ſich dieſen Morgen in das Amt gedraͤngt, bey welchem er hofft, daß man ihm eben ſo niedertraͤchtig ſchmeicheln werde, als er gethan, und ihn eben ſo beſtechen werde, als er es thun muͤſſen. Hier ſitzt er, und dichtet, an welchem von ſeinen Feinden er ſich zuerſt raͤchen will. Schon hungert ihn nach dem Vermoͤgen anderer, welches er, als ſeine Beute, anſieht. Jn der That wird er Verſchiedne ungluͤcklich machen. Aber der Elende, der heute hier auf dem Canapee von ſei - nem Gluͤcke, und dem Untergange ſeiner Feinde traͤumt, weis nicht, daß, ehe noch ein Jahr ver - laͤuft, Unſchuld und Tugend ſiegen werden, und er in dem Gefaͤngniſſe verſchmachten ſoll.
Wer iſt das kleine junge Maͤnnchen, welches dort an jener Tafel eine ganze Geſellſchaft ehr - wuͤrdiger und erfahrner Maͤnner mit einer ſo un - anſtaͤndigen Lebhaftigkeit zu uͤbertaͤuben ſucht? Und wer iſt die anſehnliche Frauensperſon, wel - che dort an der Thuͤre horcht, und vor Freuden Thraͤnen vergießt? ‒ ‒ ‒(6)Viel Gluͤcks, hochweiſer N ‒ ‒ d. Jſt das moͤg - lich? Alſo iſt dieſer Knabe heute zum erſtenmale von dem Prinzen in die Verſammlung der Raͤthe aufgenommen worden? Und gleichwohl iſt er ſchonſo507[505]Zweytes Buch. ſo weiſe, daß er denenjenigen unbeſcheiden wider - ſpricht, die ihn vor zwanzig Jahren auf den Ar - men trugen? Und das iſt ſeine Frau Mutter? Sie weint vor Freuden, daß der Himmel ihren Sohn mit ſo vieler Weisheit, und Lunge ausge - ruͤſtet hat. Jhre Freude wird nicht lange dauern. Das weiſe Kind, welches heute vor Gelehrſam - keit berſten moͤchte, wird in drey Monaten erfah - ren, daß er ein elender Jgnorant ſey. Er wird verſtummen, und alsdann erſt wird er ertraͤg - lich ſeyn.
Heute wird der ungluͤckliche Ball ſeyn, auf welchem ſo viele zaͤrtliche Thoren den Grund zu ihrem Misvergnuͤgen legen.
Der junge Herr(7)Der ſuͤſſe Herr S ‒ ‒, der dort rechter Hand wohnt, wenn man nach dem Markte zugeht. in weißen Struͤmpfen und mit den reichen Aufſchlaͤgen, flattert um ſeine Schoͤne, wie die Motte ums Licht. Er ſieht ein paar ſchwarze Augen, er fuͤhlt eine weiche Hand, er ſchielt nach dem Palatine, und wird ſo heiß vor Liebe, daß er ſchmelzen moͤchte. Morgen wird er ſeine Goͤttinn beſuchen, und ſeufzen; uͤber - morgen wird er ſeine Liebe entdecken; in vier Wo - chen wird er ihr Mann ſeyn; und in vier Mona - ten moͤchte er ſich vor den Kopf ſchießen, ſo oft es ihm einfaͤllt, daß er die Thorheit gehabt hat, der Mann eines Frauenzimmers zu werden, deſſen unvorſichtige Ausſchweifungen ihn vor der ganzen Stadt laͤcherlich machen.
Selinde,(8)Arme E ‒ ‒! du dauerſt mich, und doch weis ich nicht, wie deinem guten Namen wieder aufzuhelfen iſt. ein ſtilles, tugendhaftes, und wie man verſichern will, faſt einfaͤltiges Maͤdchen, nimmt die Schmeicheleyen des jungen Seladons fuͤr Ernſt an. Er thut ihr Verſicherungen und Schwuͤre, die ſie in dem Hauſe ihrer Mutter, die eben ſo ſtille, tugendhaft, und eben ſo einfaͤltig iſt, niemals gehoͤrt hat. Sie nimmt dieſe Schwuͤre fuͤr Ernſt auf, und faͤngt an, dieſen Flatterhaften zu lieben. Die Mutter laͤßt es ge - ſchehen, daß er ſie oft und zu allen Zeiten beſucht: Die zufriedne Tochter kuͤßt der gefaͤlligen Mutter die Haͤnde dafuͤr. Seladon redet von nichts, als von dem Gluͤcke, das er ſich wuͤnſcht, die Hand eines ſo liebenswuͤrdigen Kindes ewig zu beſitzen. Das einfaͤltige Kind ſchweigt ſittſam, und wuͤnſcht es in ihrem Herzen ſelbſt. Die Mutter laͤchelt, halb andaͤchtig, und halb, als erinnerte ſie ſich ih - rer Jugend, und ſagt: Wie Gott will, ihr Kin - der! Der Leichtſinnige hat die Abſicht gar nicht, Selinden zu heirathen. Er liebt ihre Schoͤnheit, und will verſuchen, wie weit er dieſen Roman ausfuͤhren koͤnne. Aber die Tugend des Maͤd - chens, und der Mutter ſind ihm beſtaͤndig ein un - uͤberwindliches Hinderniß. Man warnt die gute Mutter. Sie bittet ihn, ſeine Beſuche zu unter - laſſen, welche der ganzen Stadt ſo verdaͤchtig wuͤr - den: Aber er iſt ſo niedertraͤchtig, daß er ſich in oͤffentlichen Geſellſchaften gewiſſer Vertraulichkei -ten509[507]Zweytes Buch. ten ruͤhmt, die den guten Namen der treuherzigen Selinde zweydeutig machen. Sie hoffte, der Ball wuͤrde die erſte Gelegenheit zu ihrem kuͤnfti - gen Gluͤcke ſeyn: aber durch eben dieſe einfaͤltige Treuherzigkeit hat ſie ihren guten Namen verloren, welchen ihre Unſchuld nicht retten kann. Sela - don iſt ein Boͤſewicht: Und einem Boͤſewichte, der etwas Nachtheiliges von einem Frauenzimmer er - zaͤhlt, glaubt die laͤſternde Welt immer lieber, als einem Frauenzimmer, welches ſeine Unſchuld eid - lich erhaͤrtet.
Aber Seladon bleibt nicht ungeſtraft. Er hat an eben dieſem Abende eine Bekanntſchaft mit der Tochter(9)Die Mademoiſelle S ‒ ‒ iſt es, die der Himmel geſchaf - fen hat, den ungetreuen Seladon zu beſtrafen. eines Kaufmanns gemacht, die er nebſt der Bekanntſchaft mit Selinden zugleich un - terhaͤlt. Denn ein junger Menſch von Verdien - ſten, wie Seladon, muß mehr, als ein Maͤdchen auf einmal betruͤgen. Und dieſesmal wird Sela - don ſelbſt betrogen. Die Tochter des Kaufmanns hat nicht Urſache, ſproͤde zu ſeyn. Jhr Vater hat ausgerechnet, daß er kaum noch ein Jahr lang im Stande ſeyn werde, ſeinen ehrlichen Na - men vor der Welt zu erhalten. Seladon iſt be - mittelt genug, ihn noch einige Zeit zu retten. Der Vater raͤth der Tochter, dieſe Beute nicht fahren zu laſſen. Sie thut alle Anfaͤlle einer verſchlag - nen Buhlerinn auf ihn, und thut ſie mit gutemErfolge,510[508]Das Maͤrchen vom erſten April. Erfolge, weil ihr dergleichen Anfaͤlle nicht neu ſind. Noch einige Zeit bleibt Seladon ungewiß, weil er ſehen will, wie weit er ſein Gluͤck bey Selin - den treiben koͤnne. Sobald aber dieſer Roman abgeriſſen wird, ſo kann er ſich weiter nicht aus dem Netze entwickeln, das ihm die Tochter des Kaufmanns legt. Nun iſt der Flatterhafte ge - fangen; und kurz nach der Hochzeit erfaͤhrt er die zerruͤttete Wirthſchaft ſeines Schwiegervaters, ja, was noch weit empfindlicher iſt, er erfaͤhrt, daß ſeine Frau ihn nicht zuerſt geliebt hat. Er muß zu beidem ſtillſchweigen; denn ein Mann, dem ſein eignes Gewiſſen Vorwuͤrfe macht, wird ſelten Muth genug haben, ſeiner Frau dergleichen Aus - ſchweifungen vorzuwerfen, und zwar einer Frau, welche ſo viel Muth hat, wie dieſe, ihrem Manne es fuͤhlen zu laſſen, daß ſie Frau iſt. Nun haͤngt Seladon traurig den Kopf. Er verliert ſein Ver - moͤgen, welches er in die Haͤnde des Schwieger - vaters geben muͤſſen. Er verflucht ſeine Wahl; aber ganz im Stillen verflucht er ſie, damit es ſeine Frau nicht hoͤre, vor der er ſich ſcheut. Er kann niemals Selinden begegnen, ohne ſich zu ſchaͤmen. Wie ungluͤcklich iſt der Ball vom erſten April fuͤr den armen Seladon! (10)Der leichtſinnige E ‒ ‒, er iſt ungluͤcklich, aber er hat die Strafe verdient.
T ‒ ‒(11)Jch koͤnnte wohl ihre Namen ganz nennen; denn und E ‒ ‒(12)Jch koͤnnte wohl ihre Namen ganz nennen; dennT ‒ ‒ ſehen ſich dieſenAbend511[509]Zweytes Buch. Abend zum erſtenmale; ſie finden in ihrem beider - ſeitigen Umgange etwas, das ihnen gefaͤllt; ſie fangen an, ſich zu lieben; noch an dieſem Abende entdecken ſie einander ihre Liebe. T ‒ ‒ freut ſich, und uͤberlaͤßt es aus Beſcheidenheit dem Ausſpruche ihrer Mutter. E ‒ ‒ iſt ein tugendhafter und ehr - licher Menſch; aber er hat kein Geld, kein Amt, und weis auch noch nicht, wenn? und wo? er beides finden ſoll: T ‒ ‒ hat eben ſo wenig Ver - moͤgen, und kann ſich nur ſehr kuͤmmerlich mit ihrer Mutter ernaͤhren. Sie lieben ſich beide zu aufrichtig, als daß ſie einander dieſes verſchweigen ſollten; aber ſie lieben ſich auch beide zu ſtark, als daß ſie vernuͤnftig nachrechnen ſollten, wie viel ſie etwan kuͤnftig brauchen moͤchten. Jhre Mutter, ein chriſtliches Weib, und eine große Freundinn des Eheſtandes, macht ihnen Muth; Sie ſollen beten und arbeiten, ſo wird es ihnen nicht feh - len! Wie ſehr beruhigt dieſer muͤtterliche Segen unſer zaͤrtliches Paar! Sie heirathen ſich, und vor großer Liebe merken ſie in den erſten vier Wo - chen ihren Mangel nicht. Nun wird ihre jugend - liche Liebe etwas ernſthafter. Sie vermiſſen die unentbehrlichſten Sachen in ihrer Wirthſchaft: Sie klagen es der Mutter, und dieſe zuckt die Achſeln. Sie beten, und haben doch kein Brodt. Sie wollen arbeiten, und es findet ſich keine Arbeit, und kein Amt fuͤr ihren Stand. Sie lieben ein -ander(12)T ‒ ‒ und E ‒ ‒ ſind zu arm, als daß ſie ſehr bekannt waͤren; aber doch dauern ſie mich, daß ſie nunmehr be - kannt werden ſollen.512[510]Das Maͤrchen vom erſten April. ander noch eben ſo aufrichtig; aber deſto empfind - licher iſt ihnen der Mangel, den keines vor dem andern verbergen kann. Sie und ihre Mutter koͤnnen nicht begreifen, wie das moͤglich iſt, daß der Himmel eine ſo aufrichtige Liebe darben laͤßt: Aber ſie bedenken nicht, daß die aufrichtigſte Liebe unvernuͤnftig ſeyn kann, und daß der Himmel nicht ſchuldig iſt, unſere Thorheiten zu ſegnen, wenn wir auch ſchon dieſe Thorheiten mit Gebet an - fangen.
Kleant ‒ ‒(13)Mit ihrer Erlaubniß, Herr N ‒ ‒ T ‒ ‒, daß ich ſie ein wenig bekannter mache. ich weis nicht, ob ihr ihn kennt? Kleant, der eigennuͤtzige Hageſtolz, hat ſelbſt keine Verdienſte, als das Geld, und alſo kennt er auch, außer dem Gelde, keine Verdienſte weiter. Man hat immer die Abſicht gehabt, ſein Vermoͤgen in vernuͤnftigere Haͤnde zu bringen, und um deßwillen hat man ſich Muͤhe gegeben, ihn zu verheirathen. Man ſchlaͤgt ihm ein Frauenzim - mer vor, die ſehr tugendhaft iſt. Aber hat ſie Geld? fragt er. „ Sie iſt von einer guten an - „ ſehnlichen Familie. „ Aber vielleicht hat ſie eben um deßwillen kein Geld? „ Sie iſt zu allen denen „ Kuͤnſten und Wiſſenſchaften angefuͤhrt worden, „ die ein Frauenzimmer zu einer vernuͤnftigen Mut - „ ter, einer haͤuslichen Frau, und einer liebens - „ wuͤrdigen Freundinn machen. „ Hum! ſpricht Kleant, aber was bringt ſie mit? Dort tanzt dieſer Kleant, und zwar tanzt er mit Orime -nen,513[511]Zweytes Buch. nen,(14)Das iſt meine Nachbarin, die koſtbare A ‒ ‒. einem Frauenzimmer von dreyßig Jah - ren, welche von ihrem Vater die Kunſt gelernet hat, bey einem mittelmaͤßigen Vermoͤgen die Miene ei - nes Frauenzimmers zu behaupten, welches große Reichtuͤmer beſitzt, und nur aus Beſcheidenheit, und guter Wirthſchaft dieſe Reichthuͤmer nicht geſtehen will. Mit dieſer tanzt er, und mitten im Tanzen rechnet er nach, wie viel er wohl gewinne, wenn er dieſes Frauenzimmer zur Frau bekommen koͤnne. Alle ihre Capitalien tanzen vor ſeinen Au - gen herum, und wenn er ihr die Hand reicht, ſo geſchieht es mehr mit der Bewegung eines Men - ſchen, der Geld empfangen ſoll, als der die Hand einem Frauenzimmer zum Tanze giebt. Die Me - nuet iſt geſchloſſen. Er fuͤhrt ſie an das Fenſter, er redet ſchuͤchtern mit ihr, ſie wird roth; er kuͤßt ihr die Hand, ſie neigt ſich, und er druͤckt die Hand mit Entzuͤckung an ſeinen Mund. Nun ſind ſie einig. Des Wohlſtands wegen will man noch vorher den Vormund darum fragen. Der arme Kleant! Er iſt ſeines Gluͤcks gewiß; gleich nach Oſtern wird die Hochzeit vollzogen. Nun fragt Kleant nach ihrem Vermoͤgen, und ihr Ver - moͤgen beſteht in unguͤltigen Papieren, weitlaͤufti - gen Anſpruͤchen, und in der Hoffnung, einen rei - chen Vetter in Oſtindien zu beerben, wenn er un - verheirathet, und ohne Teſtament ſterben ſollte.
Warum iſt Leonore,(15)Die ungluͤckliche T ‒ ‒ ‒. die Tochter des reichen Kaufmanns, ſo aufgeraͤumt? Noch vor einer Stunde ſaß ſie ganz tiefſinnig und unzufrieden, und war gegen alle, die ſie zum Tanze auffoderten, froſtig und beleidigend, nur gegen den Baron von N ‒ ‒(16)Zu deutſch, der Herr Baron von D ‒ ‒. nicht. Der ver - goldete Baron, der eben itzo mit ihr tanzt, hat ihr, oder vielmehr ihrem Gelde, vor einigen Minu - ten eine foͤrmliche Liebeserklaͤrung gethan. Leo - nore iſt ein hochmuͤthiges Buͤrgermaͤdchen, welches nichts ſo ſehr wuͤnſcht, als einen hohen Rang, und den Titel einer Excellenz: Der Baron hat beides, aber auch viele Schulden. Sind wohl in der Welt zwo Perſonen, die ſich beſſer fuͤr ein - ander ſchicken? Die Liebeserklaͤrung von dieſem Abende iſt der Grund zu einer Vermaͤhlung, mit welcher der Baron ſo geſchwind, als moͤglich eilen wird, um eine ruhige Meſſe zu haben. Nun iſt der Baron Herr von ihrem Vermoͤgen, und nun laͤßt er es die ungluͤckliche Leonore empfinden, daß ihre Perſon, ohne dieſes Vermoͤgen, gar keinen Werth hat. Er ſchaͤmt ſich, ſie an den Hof zu bringen, an welchen doch zu kommen die eitle Leonore ſo ſehr gewuͤnſcht hat. Sie fuͤhlt die Spoͤtterey ſeiner Familie, und daruͤber wuͤrde ſie ſich allenfalls troͤſten laſſen: Aber das iſt fuͤr ſie eine ſchreckliche Sache, daß ſie ſich auf ein entfern -tes515[513]Zweytes Buch. tes Landgut ihres Gemahls begeben ſoll, um da - ſelbſt einſam und unbemerkt, in der Geſellſchaft der Weiber ihrer Verwalter und Pachter zu le - ben, um ihren Mann dadurch von dem ſchimpfli - chen Vorwurfe einer ungleichen Heirath zu be - freyen. Wuͤrde Leonore wohl ſo luſtig tanzen, wenn ſie die ungluͤcklichen Folgen dieſes Balls vor - aus wiſſen ſollte!
Was muß wohl dort der Herr Secretaͤr(17)Der Herr Secretair E ‒ ‒, ein Mann, deſſen ganze Lunge witzig iſt. mit der großen Perucke in ſeine Tafel ſchreiben? Er lacht ſo laut, daß man kaum noch den Baß von der Muſik hoͤrt, und laͤßt ſich von der witzigen Kalliſte etwas dictiren. Kalliſte(18)Die gekroͤnte S ‒ ‒. iſt ein Frau - enzimmer, welches von allem dem nichts verſteht, was man gemeiniglich von der Sorgfalt und dem Fleiße eines Frauenzimmers fodert: Aber ſie hat viel geleſen, ſie iſt witzig, und ſo gelehrt, daß ſie in Geſellſchaft anderer Frauenzimmer gaͤhnt, und andere Frauenzimmer in ihrer Geſellſchaft einſchla - fen. Der Secretaͤr lieſt Acten und Zeitungen, und iſt gleich ſo witzig, als er es bey ſeinem Amte noͤthig hat: Aber gleichwohl macht er die Mode unſrer Zeit mit. Er bewundert den Witz, wo er ihn findet, und bewundert ihn allemal aus vollem Halſe. Kalliſte ſagt ihm ein Sinngedicht auf eine Frau vor, die das Ungluͤck hat, dem HerrnK k 2Secre -516[514]Das Maͤrchen vom erſten April. Secretaͤr zu misfallen. Das iſt ſchon Urſache genug fuͤr ihn, dieſen Witz zu bewundern. Er ſchreibt es in ſeine Tafel, er fragt nach dem Verfaſſer: Kalliſte erroͤthet. Ha! Ha! ſchreyt der Secretaͤr, ſoll mich der Teufel, das Ding haben ſie gemacht! Kalliſte muß es geſtehen. Der Secretaͤr bloͤkt ihr einige Schmeichelyen vor, und ſpricht: So eine Frau moͤchte ich haben, wie ſie ſind! Gott ſtraf mich, ſo eine Frau! Er laͤßt es bey dieſem zaͤrtli - chen Sturme nicht bewenden. Weil aber Kalli - ſte des Wohlſtandes wegen ihn noch dieſen Abend in Ungewißheit laſſen muß, ſo wird er morgen von neuem anſetzen, er wird auch morgen noch das Jawort, und in vierzehn Tagen Kalliſten zur Frau bekommen: Aber in vier Wochen moͤchte er ſie gern wieder los ſeyn. Wenn er zu Bette gehen will, ſo fehlt Kalliſten noch ein Reim: Er muß allein ſchlafen. Wenn er aufſteht, ſo ſchlaͤft Kal - liſte noch, weil ſie geſtern den Reim ſehr ſpaͤt fand. Wenn er nach Hauſe koͤmmt, und eſſen will; ſo hat Kalliſte uͤber einer ſchoͤnen Stelle aus dem Voltaire vergeſſen, die Kuͤche zu beſtellen. Geht er wieder in ſein Amt, ſo verſammlet ſich eine Men - ge witziger Herren bey ſeiner Frau, welche ſich der ſchoͤnen Kuͤnſte und Wiſſenſchaften wegen, allemal in Abweſenheit des Mannes bey ſeiner Frau ver - ſammeln. Er koͤmmt Abends nach Hauſe; er findet den Tiſch voll Buͤcher, und wieder kein Eſſen darauf. Er flucht, und ſie erklaͤrt ihm aus dem Seneca eine vortreffliche Stelle vom Zorne. Er fragt: Ob ſie ihn ganz wollte verhungern laſſen? und517[515]Zweytes Buch. und ſie antwortet ihm mit einem gelehrten: natura paucis contenta! Er laͤrmt uͤber die witzigen Ge - ſellſchaften, die ſeiner Ehre ziemlich zweydeutig waͤren: Aber ſie erklaͤrt ihm ſehr tiefſinnig, die be - ruhigende Lehre von der harmonia praeſtabilita. Er legt ſich vor Verdruß zu Bette: Aber die witzige Kalliſte weckt ihn wieder auf, und lieſt ihm ein Sonnet vor. Wie ungluͤcklich wird der unwitzige Secretaͤr mit der witzigen Kalliſte leben!
Glauben ſie etwan, daß dort im Erker der jun - ge Menſch bey ſeiner Großmutter ſitzt? Nichts weniger. Er ſagt einer alten reichen Wittwe(19)So zaͤrtlich waren die Schmeicheleyen ihres erſten Mannes C ‒ ‒ nicht. zaͤrtliche Schmeicheleyen vor, welche bey ihrem fuͤnf und funfzigſten Jahre noch wolluͤſtig genug iſt, ſie anzuhoͤren. Die Frau beſitzt ein erſtau - nendes Vermoͤgen, iſt immer ungeſund, nimmt von drey Aerzten Arzeney, und alſo wird ſie in fuͤnf Jahren gewiß ſterben. So rechnet Adraſt,(20)Der Herr Liecntiat E ‒ ‒ ‒. welcher geſchickt, aber arm iſt. Jn der Hoff - nung, daß er ſich laͤnger nicht, als fuͤnf Jahre, mit ihr qvaͤlen werde, verlangt er ihre Hand, und be - koͤmmt ſie, und dieſer neue Eheſtand gedeiht der alten Frau ſo gut, daß ſie noch in ihrem fuͤnf und ſiebzigſten Jahre ſo munter ſeyn wird, als heuer. Armer Adraſt!
Roſamunde(21)Dieſes Schlachtopfer heiſt N ‒ ‒ in. ſteht ganz tiefſinnig unter dem Spiegel. Murner,(22)Und dieſer ihr Henker heiſt ‒ ‒ ‒ D. ein alter Wucherer von zwey und ſechzig Jahren, fordert ſie zum Tanze auf, und taumelt mit ihr eine Menuet. Dieſer verdrieß - liche Alte wird morgen ihr Braͤutigam. Roſa - munde wird von ihrem Vater gezwungen, dem Manne, der Tonnen Goldes hat, ihre Hand zu geben. Das gute Kind dauert mich: Denn Mur - ner wird noch zehn Jahre nach ihrem Tode leben, welcher in den erſten fuͤnf Jahren ihres Eheſtan - des vor Verdruß uͤber ihren geizigen, ekelhaften, und plumpen Mann erfolgt. Aber ſie wuͤrde mich noch mehr dauern, wenn ich nicht wuͤßte, daß ſie ihren natuͤrlichen Widerwillen gegen den verdrieß - lichen Alten durch die eigennuͤtzige Hoffnung beru - higte, daß er in ein paar Jahren ſterben, und ſie durch ſein Vermoͤgen in den Stand ſetzen werde, den jungen Erill(23)Jch habe ihn ſchon genennt; er heiſt Erill gluͤcklich zu machen.
Warum eilt Polidor24)Der getreue R ‒ ‒. ſo geſchwind, und ſo unruhig nach Hauſe? ‒ ‒ ‒ Jſt das moͤglich! So iſt ſeine Frau in dieſem Augenblicke geſtorben, welcher er ſeit etlichen Jahren durch tauſend nie - dertraͤchtige Beleidigungen das Leben bitter, unddie519[517]Zweytes Buch. die Luſt zum Tode angenehm machen wollen! Er findet ſie todt. Wie leicht iſt ihm das Herz! Er ſchickt noch dieſen Abend zu Agneſen,(25)Wie geſagt: AgnE ſen. die er ſeit einigen Jahren mehr geliebt hat, als ſeine Frau, und laͤßt ihr den Tod der letztern melden. Agneſe verſteht dieſe Botſchaft, und freut ſich; und Polidor freut ſich noch mehr, da er nun keine Hinderung weiter ſieht, Agneſen oͤffentlich fuͤr ſei - ne Frau zu erkennen. Was fuͤr aufrichtige Thraͤ - nen wuͤrde itzo Polidor uͤber den Tod ſeiner recht - ſchaffenen und ungluͤcklichen Frau vergießen, wenn er wiſſen ſollte, daß ihn heute uͤber ein Jahr, um eben dieſe Zeit, ſeine goͤttliche Agneſe bey den Haa - ren zum Zimmer hinausſchleppen wird, weil er ſie in ihrer Einſamkeit mit einem Kaufmannsdie - ner ſtoͤren wolte, deſſen Gluͤck ſie, durch das Geld ihres Mannes, zu machen denkt!
Florinde(26)N ‒ ‒ a, welche dort ſo vergnuͤgt unter ihrem Flore lacht. war auch auf den Ball gebeten; aber ſie begraͤbt dieſen Abend ihren alten Mann. Sie geht hinter ſeinem Sarge weit vergnuͤgter, als ſie hier in dieſer muntern Geſellſchaft tanzen wuͤr - de, wenn ihr Mann noch lebte. Sie hat in drey Jahren viel mit ihm ausgeſtanden; aber er liebte ſie aufrichtig, und zum Beweiſe ſeiner Liebe ſetzte er ſie zum einzigen Erben ein. Nunmehr theilt ſie ihre Reichthuͤmer mit dem Herrn LieutenantK k 4von520[518]Das Maͤrchen vom erſten April. von ‒ ‒, welcher hier in Garniſon ſtehet, ein ir - render Ritter, und ein ungluͤcklicher Spieler iſt. Wie oft wird ſie in drey Jahren an ihren verſtor - benen Mann mit Thraͤnen zuruͤck dencken, wenn ſie bey ſeinen Freunden um das Gnadenbrodt bit - ten muß!
N ‒ ‒ wird heute dieſe Weiſſagungen in der Stille leſen, ohne ſich es merken zu laſſen. Jch habe ſie auf dem Titelblatte gewarnet, ſie ſolle die - ſelben vom achten bis zum neunzehnten Artikel uͤberſchlagen, weil fuͤr das Frauenzimmer, und beſonders fuͤr unverheirathetes Frauenzimmer, viel anſtoͤßige Stellen darinnen waͤren. Dieſe War - nung iſt Urſache, daß ſie den achten und die fol - genden Artikel bis zum neunzehnten zuerſt geleſen hat. Sie weis gar nicht, was ich will; denn in allen dieſen Stellen findet ſie nichts Anſtoͤßiges fuͤr das Frauenzimmer. Jm Ernſte, gar nichts. Deſto zufriedner bin ich, meine Schoͤne! Aber doch werden ſie hier vieles finden, das ihnen ſehr nuͤtzlich ſeyn kann. Haͤtte ich ihnen gerathen, dieſe zwoͤlf Artikel wegen ihrer erbaulichen Moral zu leſen, ſo wuͤrden ſie dieſelben vieleicht gar nicht, oder nach ihrer guten Bequemlichkeit, oder doch mit ih - rer gewoͤhnlichen Unachtſamkeit geleſen haben. Aber da ich bat, ſie moͤchten dieſe Stellen nicht leſen, da ich ſie davor warnte, weil viel Anſtoͤßi - ges darinnen waͤre, welches die Ohren der Frauen - zimmer beleidigen koͤnnte; mit einem Worte, daich521[519]Zweytes-Buch. ich es ihnen verbot: ſo ſchlichen ſie ſich ganz in der Stille auf die Seite, nahmen mein Maͤrchen vom erſten April, ſuchten begierig die achte Wahr - ſagung, und laſen unermuͤdet, bis hieher. Und nunmehr aͤrgern ſie ſich, daß ich das alles voraus gewußt habe. Werden ſie nun bald glauben, daß meine Wahrſagungen vom erſten April gegruͤndet genug ſind? Stecken ſie nur das Buch ein, gehen ſie wieder zur Geſellſchaft, ich will ſie nicht ver - rathen.
Wie vielerley Wege ſucht ſich der Menſch aus, zu ſeinem Gluͤcke zu kommen, und wie ſelten trifft er die rechten Wege! Jch ſehe, daß Frontin(27)Sein Vater, der reiche E ‒ ‒, haͤtte ſein Geld vorſichti - ger ausgelehnt. mit einem kleinen Blaͤttchen Papier ſehr vergnuͤgt aus dem Zimmer eines Großen(28)Man wird auf verſchiedene rathen, aber es iſt niemand, als Jhro Excellenz der Graf M ‒ ‒. des Hofs zu - ruͤcke koͤmmt, von dem er ſein Gluͤck gehofft hat, und von dem er es nunmehro deſto gewiſſer er - wartet, da er ihm itzo 6000 Fl. gegen einen Wechſel geliehen hat. Frontin iſt ganz außer ſich uͤber die gnaͤdige und vertraute Art, mit wel - cher ihm ſein Maͤzenat ein Amt, und ſeine ganze Gnade verſprochen hat. Aber er wird es ihm noch oft verſprechen, und wenn Frontin es ſich iemals einfallen laͤßt, die Jntereſſen, oder das Capital wieder zu fodern, ſo iſt er ohne Huͤlfe ver - loren. Er haͤtte wiſſen ſollen, daß die Wechſel -K k 5briefe522[520]Das Maͤrchen vom erſten April. briefe eines Maͤchtigern weiter nichts ſind, als ſchriftliche Complimente.
Wen muß heute Harpax(29)Marx Jſrael O ‒ ‒. betrogen ha - ben, daß er dort bey ſeinem Geldkaſten ſo vergnuͤgt laͤchelt? Nun weis ich es. Vor einer Stunde hat er die letzten hundert Thaler verdient, die ihm noch an dem erſparten Vermoͤgen von 50000 Thalern fehlten. Nun ſetzt er ſich auf die Geld - ſaͤcke, und rechnet. Wir wollen ihm zuhoͤren, ohne ihn zu ſtoͤren. ‒ ‒ ‒ ‒ Das waͤren alſo 20. 9. 5. 14. 1. gut! Das waͤren alſo 49000 Tha - ler! Hier in dem Sacke 500. und 300. und 100. und hier in der Hand die 100 Thaler ‒ ‒ ‒ Es iſt richtig! Das macht zuſammen 50000 Thaler. Gott Lob! Nun will ich nur noch 1000 Thaler dazu verdienen, und hernach mein Alter ruhig beſchließen, und dem lieben Armuthe nach mei - nem wenigen Vermoͤgen Gutes thun, ſo bald ich dieſe 60000 Thaler beyſammen haben werde. Wie gluͤcklich wird mein Sohn leben! Jch habe mit hundert Thalern angefangen, und hoͤre mit 60000 Thalern auf. Gluͤcklicher Sohn! wie viel kannſt du zuſammen ſparen, da du mit 60000 Thalern anfaͤngſt! Gott erhalte mir nur mein Biß - chen Armuth! Jch will es gewiß auch denen ge - nießen laſſen, die darben muͤſſen, wenigſtens nach meinem Tode; denn ſo lange man lebt, weis man nicht, was man ſelbſt braucht, und mein lieberSohn523[521]Zweytes Buch. Sohn iſt mir doch der naͤchſte. ‒ ‒ ‒ Wollen ſie den lieben Sohn kennen lernen? Dort ſitzt er in einem verdaͤchtigen Hauſe, unter der Geſell - ſchaft einiger Spieler, die ſeine Freunde ſind, und einiger luͤderlicher Weibsperſonen. Jn eben der Stunde, da ſein Vater die letzten hundert Thaler ſo andaͤchtig in ſeinen Kaſten ſperrt, ſchreibt der Sohn einen Wechſel auf 4000 Thaler, und be - koͤmmt von einem Wucherer, der faſt ſo ſchlimm, wie ſein Vater, iſt, 1500 Thaler dafuͤr. Von dieſem Gelde wird er mit ſeinen Freunden, und Freundinnen, ein paar Wochen vergnuͤgt leben. Der Sohn wird von neuem, und mit noch meh - rerm Verluſte borgen, und wird nach und nach ſo viele Schulden haͤufen, daß nicht einmal die vaͤ - terliche Erbſchaft zulangt, ſie zu tilgen. Armer Harpax! Wie ſehr haſt du dich heute verrechnet!
Wie zaͤrtlich druͤcken Aranth(30)Mich duͤnckt, er heiſt A ‒ ‒. und Ja - volen(31)T ‒ ‒, Juris utriusque Doctor. einander die Haͤnde! Aranth, als ein geſchickter Kaufmann, hat ausgerechnet, daß er 15000 Thaler gewinnen kann, wenn er in der kuͤnftigen Meſſe Bankerutt macht. Aber es iſt eine gewiſſe Vorſicht dabey noͤthig, um den Na - men eines ehrlichen Mannes zu behaupten, und zugleich zu vermeiden, daß man mit den Geſetzen keine Haͤndel bekoͤmmt. Er hat die Sache itzt mit ſeinem Advocaten, dem Javolen, uͤberlegt. Der Plan iſt gemacht; die Ungluͤcksfaͤlle ſind alleaufs524[522]Das Maͤrchen vom erſten April. aufs reine gebracht, und Aranth findet das Un - ternehmen ſicher genug. Jn kuͤnftiger Meſſe alſo wird er den Streich wagen. Er und ſein Advo - cat uͤberrechnen ſchon den Vortheil, den ſie ma - chen wollen. Saͤhen ſie zukuͤnftige Dinge vor - aus, wie ich ſie voraus ſehe, ſo wuͤrden ſie beyde die Koͤpfe haͤngen. Jhre Bosheit wird entdeckt werden. Den Kaufmann wird man auf ſeine ganze Lebenszeit in den Schuldthurm werfen; und den Advocaten wird man zu einer oͤffentlichen Handarbeit verdammen. Wie ungluͤcklich iſt ih - nen der heutige Tag zu dieſem Unternehmen! Aber ſie ſind zu entſchuldigen. Haben ſie wohl Urſache gehabt, eine ſo ſtrenge Gerechtigkeit zu befuͤrchten, von welcher man ſeit funfzig Jahren keine Exem - pel weis?
Unter allen Tagen im ganzen Jahre iſt beſon - ders der erſte April der Geldmacherkunſt geheiligt: Jch wuͤrde alſo Unrecht thun, wenn ich nicht ein paar Worte davon ſagen wolte.
Der Mann mit der heitern und ehrlichen Mie - ne, welcher dort vor den Ofen ſitzt, und gedan - kenvoll das kuͤnftige Gluͤck uͤberrechnet, an welchem er ſo viele Menſchen will Antheil nehmen laſſen, ſo bald er die große Sache wird zu Stande ge - bracht haben; dieſer Mann verdient unſere Hoch - achtung, und unſer Mitleid. Es iſt geſtern gleich zwanzig Jahre geweſen, daß er angefangen hat zu laboriren, und allemal ungluͤcklich: Aber heutehat525[523]Zweytes Buch. hat er einen Proceß angefangen, der ihm gewiß alle ſeine Muͤhe auf einmal belohnen wird. Nun ſinnt er nach, was er mit den unſaͤglichen Schaͤtzen anfangen will, von denen er kuͤnftig Herr ſeyn wird. Jn ſeiner Vaterſtadt will er eine Stiftung fuͤr hundert Arme machen. Unter ſeinen Ver - wandten hat er viele, die Noth leiden; denen will er unter die Arme greifen, daß ſie Brodt verdie - nen koͤnnen. Fuͤr die Geiſtlichen und Schulen ſetzt er jaͤhrlich dreytauſend Thaler aus, die er nach ſeinem Gutbefinden unter ſie theilen will. Alle Jahre will er fuͤnf Knaben auf ein Handwerck thun, und fuͤnf armen Maͤdchen will er eine Aus - ſtattung geben. Er kennt zween Kaufleute, die fleißig und ehrlich, aber in ihrer Handlung ungluͤck - lich ſind; denen will er ohne Zinſen ſo viel Geld leihen, als ſie brauchen, damit ſie fuͤr ſich und die Jhrigen Brodt erwerben koͤnnen. Hundert tau - ſend Thaler will er alle Jahre verbauen, damit diejenigen ihren Unterhalt bekommen koͤnnen, die Luſt haben zu arbeiten. So menſchenfreundlich traͤumt Philet! (32)Schon die ehrliche Miene macht den leichtglaͤubigen P ‒ ‒ kenntlich, wenn ich ihn auch nicht nennte.Dieſer rechtſchaffe Mann iſt der einzige, dem ich die Entdeckung eines Ge - heimniſſes goͤnnen wollte, welches außerdem, wenn es zu entdecken, und mehr als einer Perſon be - kannt waͤre, das groͤßte Ungluͤck fuͤr ein Land ſeyn muͤßte.
Dort ſitzt Argyl(33)Der Taugenichts R ‒ ‒ k. vor dem Ofen, undblaͤſt,526[524]Das Maͤrchen vom erſten April. blaͤſt, daß ihm Schweiß und Ruß uͤber das Ge - ſicht laufen. Er arbeitet auch an der Erfindung des großen Geheimniſſes: Aber wie ſehr iſt er von dem tugendhaften Philet unterſchieden! Argyl hat ein anſehnliches Vermoͤgen auf die niedertraͤch - tigſte Art verſchwendet, und noch viele Leute bos - haft um das Jhrige gebracht. Nun macht ihn die Verzweiflung zum Narren. Er iſt einem bet - telnden Landſtreicher in die Haͤnde gefallen, wel - cher ihn dieſe wichtige Kunſt lehren will. Argyl lechzet nach den verſprochnen Schaͤtzen, nicht, daß er tugendhaft leben, andre gluͤcklich machen, und ſeine Schulden bezahlen will: Keinesweges! Er will Gold machen, damit er eine unerſchoͤpfliche Quelle habe, ſeine gewohnten Ausſchweifungen fort zu ſetzen. Er hat heute einen neuen Proceß angefangen. Er macht ein großes Geheimniß daraus; aber ich will ihn verrathen:
„ Rec. ☽. fin. ſolvire ſolche in aquafort. Ziehe „ das aquafort davon, und dieſes wiederhole „ zum drittenmale. Nun gießet deſtillir ten acet, „ drauf, und ſolvir et darinnen alles, was ſich „ ſolvir en will, ziehet den acet. deſtill. davon, „ und ſolches wiederholt auch zum drittenmale: „ Das hinterbliebene Salz ſolvire in aqua plu - „ viali, filtrir e und coagulir e es ad conſiſtentiam „ discretam, ſo iſt es fertig. „
Nun hat Argyl alles, was er ſich wuͤnſcht. Aber ich weis es beſſer, was er hat: Er hat ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ die Narrentinctur.
Blaſewind,(34)‒ ‒ A ‒ ‒, und wer ihn von Perſon will kennen lernen, der leſe die Zeitungen, wo er in Kurzem mit Steckbrie - fen verfolgt werden wird. ein herumirrender Gold - macher, iſt es, welcher den rechtſchaffnen Philet, und den unartigen Argyl betruͤgt. Er hat ſich ſchon einige Zeit von ihrer Leichtglaͤubigkeit ſehr beqvem unterhalten. So ungeſchickt und unwiſ - ſend er auch iſt; ſo iſt er doch fein genug, ſich die Schwaͤche eines jeden zu Nutze zu machen. Mit dem Philet redet er von nichts, als von guten Werken, und mit dem Argyl von nichts, als von den wolluͤſtigen Tagen, die auf ihn warten. Er hofft an dem Orte, wo er itzo iſt, noch viele zu hintergehen, weil es bey uns noch einige Philete, und unzaͤhlige Argyle giebt. Aber Blaſewind be - truͤgt ſich. Die Schulden, die er an andern Or - ten gemacht, verfolgen ihn. Er hat hier zu ſei - nen Ausſchweifungen noͤthig gehabt, neue Schul - den zu machen; und er flieht. Er ſchmeichelt ſich an einem kleinen Hofe ein, welcher gewohnt iſt, mehr Aufwand zu machen, als die Einkuͤnfte ſei - nes Landes ertragen: Er verſpricht, dieſem Man - gel abzuhelfen. Man hoͤrt ihn, man giebt ihm, was er verlangt; aber man giebt auch ſehr ſorg - faͤltig auf ihn Acht. Er wird uͤber einer Betruͤ - gerey ertappt, er geſteht noch mehrere, und dort vor dem Thore auf der Hoͤhe rechter Hand der Straße, dort wird ein vergoldeter Galgen hinge - baut werden, an dem dieſer tuͤckiſche Landſtreicher haͤngen ſoll.
Moran(35)E ‒ ‒ heißt dieſer praͤchtige Narr. hat gehoͤrt, daß Kleider Leute machen. Bisher haben ihm ſeine Umſtaͤnde nicht erlaubt, daß er viel auf die Kleider haͤtte wenden koͤnnen; und eben dieſes hat er fuͤr die einzige Ur - ſache gehalten, warum er ſo wenig bemerkt, und ſo wenig geſchaͤtzt worden iſt. Nun will er der Welt die Augen oͤffnen. Er uͤberlegt dieſen Mor - gen die Sache mit ſeinem Schneider. Er laͤßt ſich einige praͤchtige Kleiter verfertigen, und damit ihm dieſe neue Eqvipage nicht gar zu koſtbar falle, ſo kauft er ein paar reiche Weſten von einem Kam - merdiener. Nun bricht er hervor, und laͤßt ſich in allen Spatziergaͤngen, in den Luſtſpielen, und Antichambern ſehen. Er erlangt ſeinen Zweck. Alle Welt ſieht auf dieſe unbekannte Figur, wie man auf einen unerwarteten Kometen ſieht, der einige Zeit unter den Sternen herum irrt. Man fragt, wer er ſey? man erfaͤhrt es endlich, und in kurzer Zeit weis die ganze Stadt, daß er ein Menſch ohne Erziehung, ohne Wiſſenſchaften, ohne Sitten, mit einem Worte, daß er ein unnuͤz - zes glaͤnzendes Geſchoͤpf iſt. Haͤtte Moran nicht beſſer gethan, wenn er in ſeinem alten Kleide un - bemerkt geſtorben waͤre? Man wuͤrde nicht ge - wußt haben, daß er lebe; aber das wuͤrde fuͤr ihn ſehr vortheilhaft geweſen ſeyn.
Der heutige Tag iſt fuͤr die Pracht des Nar -ciß529[527]Zweytes Buch. ciß(36)Sein wahrer Name iſt C ‒ ‒, und wer mir nicht glau - ben will, der frage nur den Jubelierer. nicht gluͤcklicher. Narciß, nachdem er lange genug ſich in ſich ſelbſt verliebt hatte, ver - liebt ſich nun auch in ein vornehmes Frauenzim - mer, und iſt ſo ungerecht, zu glauben; die Auf - merkſamkeit eines Frauenzimmers zu gewinnen, dazu gehoͤre weiter nichts, als ein wohl gepuder - ter Kopf, ein koſtbares Kleid, feine Waͤſche, ein Band im Degen, ein paar koſtbare Doſen, eine goldne Uhr, und ein Ring, von deſſen Werthe man ſich eine Weile unterhalten kann, wenn man ſonſt nichts zu reden weis. Alles dieſes ſchafft ſich Narciß, und borgt es, da er kein Vermoͤgen hat, es zu bezahlen. Er hat das Gluͤck, ein paar Tage in dem Hauſe des Frauenzimmers gelitten zu werden: Aber in Kurzem erfaͤhrt der Jubelierer, daß er ſeinen Ring ſehr unſichern Haͤnden anver - trauet habe. Er nimmt ihn zuruͤck; die uͤbrigen Glaͤubiger folgen ihm nach, und in Kurzem iſt Narciß ganz ausgekleidet, und kriecht wieder in ſeinen alten Rock.
Heute iſt in dem Hauſe des alten Marcils(37)Bisher hat er E ‒ ‒ geheißen; aber vermuthlich wird ihn der Sohn noͤthigen, dieſen Namen zu aͤndern, den in ganz Paris keine Markiſinn ausſprechen kann, ſo deutſch klingt er. alles vor Freuden außer ſich; denn eben heute iſt ſein Sohn aus Paris zuruͤcke gekommen. JmvorigenL l530[528]Das Maͤrchen vom erſten April. vorigen Jahre reiſte er dahin, als ein junger, be - ſcheidener, und geſitteter Menſch, ein wenig ein - faͤltig, und hieß Hanns: Heute koͤmmt Monſieur Jean zuruͤck, ohne Geſundheit, ohne Sitten, ohne Religion, und ſagt ſeinem deutſchen Vater und ſeiner deutſchen Mutter Thorheiten vor, und beide ſind vor Freuden außer ſich. Monſieur Jean geht in Geſellſchaften; alle ſehen auf ihn, wie auf ein fremdes Thier. Der Einfaͤltige haͤlt dieſe Auf - merkſamkeit fuͤr Beyfall; aber er wird in dieſer vergnuͤgten Einbildung nicht lange bleiben. Jn vier Wochen wird er einen alten, und angeſehe - nen Kaufmann auf dem Caffeehauſe finden; er wird vor ihm herum gaukeln, und ihn ſo lange be - leidigen, bis dieſer ehrliche Mann ihn vor der gan - zen Geſellſchaft verſichern wird, daß Monſieur Jean ein Narr ſey. Die ganze Geſellſchaft wird dieſe Wahrheit durch ihren lauten Beyfall un - terſtuͤtzen.
Celſus(38)Auf ſeinen Ballen ſteht ein D ‒ ‒, und uͤber die Haus - thuͤre wird es auch mit dem gewoͤhnlichen Kaufmanns - zeichen, und einem heuchleriſchen Soli Deo Gloria kom - men, um zugleich ſeinen Vornamen, und ſein Vaterland auszudruͤcken. hat dieſen Morgen den Grund - ſtein zu einem praͤchtigen Gebaͤude gelegt, welches er vor dem Thore auffuͤhren will, um ſeinem Na - men ein ewiges Andenken zu ſtiften, und ſeinen Nachkommen eine anſtaͤndige Wohnung zu bauen. Wuͤßte Celſus, daß ihm dieſer Bau ſein ganzes Vermoͤgen koſten wird, daß er noch eben ſo vielauf -531[529]Zweytes Buch. aufborgen muß, um nicht die Schande und den Vorwurf eines unuͤberlegten Unternehmens zu haben, das er nicht ausfuͤhren kann; wuͤßte er, daß ihn ſeine Glaͤubiger durch die Hand des Rich - ters aus dem Hauſe werfen werden, ſo bald er es voͤllig ausgebaut hat, daß dieſer praͤchtige Palaſt den Namen eines ganz Fremden und Unbekannten bekommen wird, der itzo nur noch eine kleine ver - achtete Handlung durch ſeinen Fleiß und ſein Gluͤck unterhaͤlt; wuͤßte Celſus, daß ſeine ungluͤcklichen Kinder in eben dieſem Hauſe um das Brodt die - nen werden: Wie traurig wuͤrde er ſeyn, wie ſehr wuͤrde er ſich ſeines unuͤberlegten Ehrgeizes ſchaͤmen!
Argyr(39)Wer kann ſonſt ein ſolcher Thor ſeyn, als Herr E ‒ ‒? hat heute zum erſtenmale den ungluͤcklichen Einfall, ein Muͤnzcabinet anzulegen. Sein Vermoͤgen iſt geringe, ſeine Einkuͤnfte ſind ungewiß: aber deſto gewiſſer die Ausgaben, die er auf die Ecziehung einer ſtarken Familie wenden muß. Das alles hindert ihn nicht. Er hat heute fruͤh das anſehnliche Muͤnzcabinet eines ſeiner rei - chen Freunde geſehen; um deßwillen nimmt er ſich vor, auch eines anzufangen. Er putzt alle Tha - ler rein, die er bekommen kann, und, wo er eine Muͤnze findet, die recht glaͤnzt, und neu ausſieht, die traͤgt er in ſeinen Schatz. Jn ein paar Jah - ren wird ein ſtaͤrkeres Vermoͤgen in dieſer Samm - lung ſtecken, als er entbehren kann. Seine Kin - der leiden Noth, er ſieht es, es jammert ihn, aberL l 2er532[530]Das Maͤrchen vom erſten April. er ſammelt immer noch mehr in ſein Muͤnzcabinet. Er borgt Geld mit ſechs pro Cent auf, um ſchoͤne Muͤnzen zu kaufen. Endlich draͤngen ihn ſeine Schuldner, und da er nicht bezahlen kann, ſo bemaͤchtigen ſie ſich ſeines Cabinets. Der unbe - dachtſame Argyr! Seine Kinder ſind halb ver - hungert, er ſelbſt hat kein Brodt, und ſein ſchoͤn aufgeputztes Cabinet haben die Goldſchmiede.
Das iſt heute zum fuͤnftenmale, daß ſich Men - tor(40)Und dieſer iſt mein Freund N ‒ ‒ h. in ein Joch ſpannen laͤßt, aus dem er ſchon viermal, zu ſeinem großen Vergnuͤgen, erloͤſt worden iſt. Aber das mal iſt es eine ganz andre Sache; denn der Vater des jungen Menſchen, von dem er heute Hofmeiſter werden muͤſſen, iſt einer der Vornehmſten bey Hofe, und hat ihm eine ge - wiſſe und anſtaͤndige Verſorgung verſprochen. Ar - mer Mentor! Deſto ſchlimmer iſt es fuͤr dich, wenn der Vater deines Telemachs ſo vornehm und maͤch - tig iſt. Fuͤhrt ſich dieſer auf, wie es die Wuͤnſche der Aeltern, und deine unermuͤdete Sorgfalt ver - langen; ſo iſt es nur ſein guter natuͤrlicher Cha - rakter, dem man es zu danken hat. Schweift er aus; ſo iſt kein Menſch Schuld daran, als der Hof - meiſter. Jch habe Mitleiden mit dem rechtſchaf - fenen Manne. Sein Amt iſt in vielerley Abſicht eines der wichtigſten, und doch iſt ein alter Hof - meiſter immer derjenige, welcher am meiſten geta - delt, und am wenigſten belohnt wird. Er machtviel -533[531]Zweytes Buch. vielleicht einen jungen Cavalier nach dem andern geſchickt, ſein Gluͤck bey Hofe, und in dem Lande zu finden: Aber er bleibt immer Hofmeiſter; un - gefaͤhr ſo, wie ein alter Faͤhrmann das halbe Land uͤber den Fluß geſetzt hat, und immer auf der Faͤhre grau wird, und immer nicht viel mehr da - von hat, als ein kleines Trinkgeld, und ein nichts bedeutendes: Behuͤt euch Gott, mein Freund!
Wie luſtig geht es dort am Markte in des jun - gen Lindors(41)Der junge T ‒ ‒ und, wenn es nach ihm geht, in Kurzem der Herr von T ‒ ‒. Hauſe zu! Heute iſt der feyer - liche Tag, an welchem ihn der Prinz muͤndig ge - ſprochen hat. Er verkuͤndigt dieſes Gluͤck der Stadt mit Trompeten und Pauken, und feyert dieſes Feſt in Geſellſchaft einiger nichtswuͤrdigen Leute, die ſchon lange auf ſein Vermoͤgen gelauert haben, und deren Nahrung es iſt, die Freundſchaft junger Thoren zu ſuchen, die ſich muͤndig ſprechen laſſen. Das Recht, das er ſich erkauft hat, drey Jahr eher muͤndig zu ſeyn, als er es nach der Ord - nung der Geſetze ſeyn ſollte, iſt nichts anders, als das Recht, drey Jahr eher zum Bettler zu werden.
Endlich hat es Polydor(42)Seit dieſem Augenblicke, Jhro Hochwohlgebornen Gnaden, der Herr von J ‒ ‒, Erb-Lehn - und Gerichts - herr auf ꝛc. ꝛc. ꝛc. ſo weit gebracht, als er es ſchon ſeit vielen Jahren gewuͤnſcht hatte, zu bringen, und als es weder ſein Vater, nochL l 3Groß -534[532]Das Maͤrchen vom erſten April. Großvater haben bringen koͤnnen. Hier ſitzt er im Lehnſtuhle, und uͤberdenkt ſein Gluͤck, und das Gluͤck ſeiner Kinder, bis auf die ſpaͤteſten Urenkel. Seine Frau haͤngt ihm zaͤrtlich am Halſe, und dankt Gott und ihrem Manne, daß ſie den heuti - gen großen Tag noch hat erleben koͤnnen. Der gluͤckliche Polydor! Vier Wochen wird das ganze Land von nichts reden, als von ihm. Seine Feinde werden vor Verdruß raſen, und ſeine Freun - de werden ſtolz ſeyn, daß ſie ſeine Freunde ſind. Er wird auch noch immer ihr Freund ſeyn, ob es ihm gleich ſeine Umſtaͤnde nicht erlauben, ſo ver - traut mit ihnen umzugehen, wie vorher. Er muß den Hof ſchonen; denn nunmehr giebt der Hof auf alle ſeine Schritte Acht. Was iſt denn das fuͤr ein ſchreckliches Gluͤck, das Polydor heute erlebt hat? Er hat ſich fuͤr 3000 Gulden Ahnen gekauft.
Nun wird die Sache ſchon anders gehen. Sempron(43)Der ſtreitbare S ‒ ‒. koͤmmt eben itzt vom Rathhauſe, und hat eine Klage uͤbergeben. Sein Nachbar ſoll es ſchon erfahren, daß er das Recht nicht hat, in Semprons Hof zu ſehen. Wenn er mir fol - gen wollte; ſo wuͤrde er es ihm nicht verwehren. Aber ſein Advocat hat es ihm aus einem großen Folianten bewieſen, daß er gerechte Sache hat, und daß der Streit in vier Wochen entſchieden ſeyn muß. Auf den erſten April 1775. wird ſichSem -535[533]Zweytes Buch. Sempron vergleichen, und dem Nachbar erlau - ben, in ſeinen Hof zu ſehen. Die Unkoſten wer - den aus bewegenden Urſachen compenſirt: Und damit Sempron den Advocaten bezahlen kann, ſo verkauft er das Haus. Nun hat er doch ſo viel erlangt, daß der Nachbar nicht mehr in ſeinen Hof ſieht.
Das war alles, was man von Philanders(44)Seine gebietende Magd wird ihn zwar nur den alten Hund nennen; eigentlich aber heißt er P ‒ ‒ E ‒ ‒. Klugheit und Wirthſchaft erwarten konnte. Er hat ausgerechnet, daß es ihm ſehr viel koſten wuͤrde, eine Frau zu nehmen. Er iſt zu ſchlau, als daß er nicht wohl merken ſollte, eine Frau wuͤrde mehr Herrſchaft verlangen, als ihm ertraͤg - lich ſey. Er nimmt alſo heute eine Magd zu ſich, und macht eine Maitreſſe aus ihr. Ehe noch ein Jahr vergeht, wird ihn dieſe Magd zur Treppe hinunter werfen, und ehe zehen Jahre vergehn, wird dieſe Magd ſein ganzes Vermoͤgen an ſich ge - zogen haben, und wenn Philander eſſen will, ſo itzt er das Gnadenbrodt aus der mildthaͤtigen Hand ſeiner Magd.
Dort ſteigt Gurdus(45)Der Herr von C ‒ ‒, ſo lange er außerhalb Landes war, aber bey uns C ‒ ‒ ſchlecht weg. vom Wagen, nach - dem er vier Wochen außer Landes geweſen, undL l 4von536[534]Das Maͤrchen vom erſten April. von dem Prinzen in einer kleinen Verrichtung ge - braucht worden iſt. Es waren ſeine erſten Ver - richtungen; darum hielt er ſie fuͤr ſehr wichtig. So lange er abweſend war, bildete er ſich ein, daß das ganze Land nur von ihm und ſeinen Verrich - tungen rede. Er koͤmmt zuruͤck, er wundert ſich, daß ihn das Land nicht durch Bevollmaͤchtigte an der Graͤnze einholen laͤßt. Er koͤmmt in die Stadt, und faͤhrt unbemerkt durch die Gaſſen. Er ſteigt vor ſeinem Hauſe ab, und der Wirth fragt ihn, ob er ſpatzieren gefahren ſey? Alſo hat nicht ein - mal der Wirth ihn vermißt? Haͤtte wohl dem Gurdus, der ſich alle Wochen in den Zeitungen ſuchte, eine groͤſſere Demuͤthigung begegnen koͤnnen?
Nun wird Coͤleſtine(46)Wenn es doch T ‒ ‒ geſtehen wollte, daß ſie nur die Eiferſucht zu dieſem Entſchluſſe gebracht hat! ihre Lebenszeit recht vergnuͤgt zubringen. Sie hat heute den Handel uͤber ein Landgut geſchloſſen, auf welches ſie nach den Feyertagen ziehen, und nicht wieder in die Stadt kommen will. Sie iſt die Stadt uͤber - druͤßig. Man ſieht da nichts, als den Himmel und die Gaſſe. Tag und Nacht iſt kein Ruhe; jede Familie iſt der Spion der andern. Den be - ſten Freunden darf man nicht trauen, und unter dieſe beſten Freunde gehoͤrt Pattine, die den rei - chen Kaufmann geheirathet hat, auf deſſen HerzCoͤleſti -537[535]Zweytes Buch. Coͤleſtine eine Hypothek hatte. Mit einem Worte, ſie iſt die Stadt uͤberdruͤßig: Aber vor Eintritt des Winters wird ſie das Landleben noch mehr uͤber - druͤßig ſeyn. Die Natur iſt ihr zu einfoͤrmig; die Baͤume ſtehen einen Tag, wie den andern, auf ihren Plaͤtzen. Niemand iſt da, der ihren Putz ſieht; niemand, der ihr eine Schmeicheley von ihren Haͤnden ſagt; und niemand, der ſich zaͤrtlich aͤngſtigt, wenn es ihr einfaͤllt, unpaß zu ſeyn. Sie hat keinen Zeitvertreib. Von wem ſoll ſie Boͤſes reden? Aber der Pfarrer und ſeine Frau ſpielen Lombre ‒ ‒ Ja, ja! ſie ſpielen es freylich, aber das Fiſchgen nur um einen Kreuzer. Die ungluͤck - liche Coͤleſtine! wie ſehr wird ſie der Kauf reuen, uͤber den ſie heute ſo viel Vergnuͤgen bezeigt!
Guten Morgen, Junker Weſter,(47)Junker A ‒ ‒, der Fuchsjaͤger. gu - ten Morgen! Was macht die Frau Gemahlinn, die kleine Familie, und ihr Huͤnerhund? ‒ ‒ ‒ Das iſt ja recht gut. Jch freye mich uͤber das Wohl - ſeyn der lieben Jhrigen. Aber was haben ſie ſo fruͤh in dieſem Hauſe gemacht? ‒ ‒ ‒ ‒ Jm Ern - ſte? Sie haben alſo das Haus itzo gekauft, und wollen vom Lande in die Stadt ziehen? Der Ver - druß mit ihren Nachbarn, der Proceß mit ihren unruhigen Unterthanen, die Chicanen der Advo - caten, die Unredlichkeit der Pachter, und, was das Klaͤglichſte iſt, der Verluſt der Mitteljagd, das ſind freylich Urſachen genug, die ihnen dasL l 5Land -538[536]Das Maͤrchen vom erſten April. Landleben verhaßt machen koͤnnen. Aber werden ſie in der Stadt vergnuͤgter ſeyn? Man wird ſie auslachen, wenn ſie geſtiefelt in Spielgeſellſchaf - ten gehen wollen. Wenn man von Operarien ſpricht, ſo werden ſie zeigen, wie der Hirſch auf der Brunſt ſchreyt. Man wird ihnen ſagen, daß morgen ein Gallatag iſt, und ſie werden antwor - ten, daß morgen auch die Jagd aufgeht. Man wird ſie fragen, ob ſie morgen auf den Abend den Tamerlan mit anſehen wollen; und ſie werden ſehr neugierig fragen, ob er ſchon eingehetzt iſt? Die ganze Stadt wird uͤber ſie ſpotten, und ſie wer - den glauben, daß die ganze Stadt naͤrriſch ſey. Tauſchen ſie noch heute mit Coͤleſtinen. Ziehn ſie wieder aufs Land, und bereden ſie Coͤleſtinen, daß ſie bey uns bleibt: ſo iſt jedes an ſeinem Orte.
Timoleon(48)Mein Nachbar T ‒ ‒. wird heute ſein Teſtament bey den Stadtgerichten niederlegen. Er vermuthet wohl nicht, daß es ſeine Kinder umſtoßen werden. Er iſt immer ein ſtrenger Vater gegen ſeine Kin - der geweſen; und dieſe haben mit Zittern ſeine Befehle befolgt. Aber Timoleon hat vergeſſen, ihre Liebe zu erwerben: und das iſt die Urſache, daß ſie nach ſeinem Tode uͤber keine von ſeinem Ver - ordnungen halten werden, weil ſie weiter nicht Urſache haben, ſich vor ſeiner Strenge zu fuͤrch - ten. Bey der Unfreundlichkeit, mit welcher er ſeine Kinder regierte, haben ſie keine Gelegenheitgehabt539[537]Zweytes Buch. gehabt zu lernen, wie man ſich gegen einander liebreich bezeigen muͤſſe. Die traurigen Folgen davon werden ſich bey der Erbtheilung zuerſt aͤußern. Ein jedes wird nur auf ſeinen Nutzen ſehen, und daraus entſteht ein ungeſitteter Zank, der ohne - dem unter den Geſchwiſtern immer am heftigſten iſt. Dieſer Zank erwaͤchſt zu einer oͤffentlichen Verbit - terung, und es giebt Advocaten, welche ſich dieſe Uneinigkeit ſo wohl zu Nutze zu machen wiſſen, daß ſie in zehen Jahren die einzigen Erben dieſer rei - chen Verlaſſenſchaft ſeyn werden.
Opim(4[49])Der praͤchtige Name V ‒ ‒ R ‒ ‒ M ‒ ‒ wuͤrde ſich gewiß auf ſeinem Grabmaale vortrefflich ausgenommen haben. iſt nicht gluͤcklicher. Er weis, daß er fremde und lachende Erben hat, die, uner - achtet aller legalen Muͤhe, die er anwenden wird, dennoch ſeinen letzten Willen nicht ſorgfaͤltig genug beobachten werden. Opim iſt ein Mann, der bey einem ſehr großen Vermoͤgen viel Ehrgeiz, und keinen Verſtand beſitzt. Er hat ſich niemals Muͤhe gegeben, ſich um ſeine Mitbuͤrger verdient zu ma - chen: Was wird er nach ſeinem Tode fuͤr Nach - ruhm von ihnen erwarten koͤnnen? Opim hat ei - nen guten Einfall: Er will ſich ſeinen Nachruhm ſelbſt beſtellen. Der Bildhauer koͤmmt; er ſoll ihm ein marmornes Grabmaal bauen. Ein halb Dutzend ſteinerne Tugenden ſollen um daſſelbe herum ſitzen, und bittre Thraͤnen vergießen. Selbſtder540[538]Das Maͤrchen vom erſten April. der unerbittliche Tod ſoll unzufrieden ausſehen, daß er den großen Opim hat von der Erde weg - raffen muͤſſen. Die Fama bekoͤmmt auch ihre Rolle. Jn der Mitte des Grabmaals ſollen zween kleine gefluͤgelte Buben, die ganz erbaͤrmlich grei - nen, das Schild halten, welches ſich Opim ſo groß, als moͤglich, beſtellt, um ſeinen ganzen Titel, alle ſeine Tugenden, und alle ſeine Verdienſte dar - auf ſetzen zu laſſen, damit die Welt doch ſehen moͤge, daß es auch in unſern Tagen große und tugendhafte Maͤnner, und einen Patrioten gege - ben habe, der Opim hieß. So macht er es, wie es Alexander mit ſeinem Lager in Jndien machte, welches er ſo groß und weitlaͤuftig einrichten ließ, daß die Nachwelt glauben ſollte, ſeine Macedo - nier waͤren Rieſen geweſen. Das Grabmaal wird fertig, und es fehlt nichts, als daß noch die Schrift in das Schild eingehauen werde. Was fuͤr ein ſchweres Ende wuͤrde der ſtolze Opim haben, wenn er wiſſen ſollte, daß ſeine Erben ſich nicht einmal uͤber die Koſten werden vereinigen koͤnnen, ſeinen Namen auf das Grabmaal ſetzen zu laſſen! Das praͤchtige Monument wird unvollkommen ſtehen bleiben. Jn funfzig Jahren wird man nicht mehr wiſſen, wer darunter liegt: Jn hundert Jahren wird es der Magiſtrat an ſich nehmen, und es zu einem Grabmaale ſeines alten Buͤrgermeiſters brauchen, welcher ſehr tugendhaft, aber zu arm war, als daß ihm ſeine Erben ein ſo verdientes Denkmaal haͤtten ſtiften koͤnnen.
Nunmehr wird ſich der unzufriedene Timon(50)Der redliche, aber unzufriedne A ‒ ‒. wohl beruhigen; er hat endlich ein anſehnliches und eintraͤgliches Amt bekommen, wie er es ſchon lan - ge gewuͤnſcht hat. Jch zweifle doch noch daran; denn die Unzufriedenheit iſt ſein Fehler, und vielleicht ſein einziger Fehler, weil er außerdem ein ſehr liebens - wuͤrdiger Menſch iſt. Schon als ein Kind war er unzufrieden. Wenn man ihm erlaubte, zu ſpie - len; ſo wuͤnſchte er ſich ein Buch. Wenn er ſtu - diren ſollte, ſo ſetzte er ſich auf ſein hoͤlzernes Pferd. Der Vater widmete ihn dem geiſtlichen Stande, und der Sohn hatte Luſt dazu; aber mit einem male fiel es ihm ein, ein Soldat zu werden. Er ward es, und wollte ſtudiren. Auch dazu ver - half man ihm, und nachdem er etliche Jahre ſehr fleißig ſtudirt, und viel gelernt hatte, ſo waͤhlte er die Jagd. Auch die gefiel ihm nicht lange, und er verſuchte ſein Gluͤck am Hofe. Der Zwang des Hofes machte ihm dieſe Lebensart in den er - ſten zween Monaten verhaßt; er wuͤnſchte ſich alſo ein Amt, wo er Gelegenheit haͤtte, ſeine Gelehr - ſamkeit zu brauchen, und dafuͤr belohnt zu wer - den. Das haͤlt ſchwer: Denn Rang und Titel kann man bey Hofe immer eher erlangen, als Amt und Belohnung. Endlich hat er beides heute be - kommen, und er iſt fuͤr Freuden außer ſich. Jn Kurzem wird er die muͤhſamen Beſchaͤfftigungen des Amtes uͤberdruͤßig ſeyn. Er wird eine reiche Wittwe heirathen, und ſich auf ihr Landgut ſetzen. Aber542[540]Das Maͤrchen vom erſten April. Aber mit einem Landgute hat man nichts, als Verdruß: Er wird ſich dafuͤr ein Haus in der Stadt kaufen. Aber in dem naͤchſten Sommer iſt ihm auch die Stadt zu enge. Es faͤllt ihm ein - mal wieder ein, daß er ohne Frau vergnuͤgter ge - lebt hat. Nun waͤre er es wohl zufrieden, wenn ſeine Frau ſtuͤrbe. Sie ſtirbt: Timon iſt untroͤſt - bar? denn er hat ſie in der That geliebt. Nun will er wieder heirathen, und ehe ein halbes Jahr vergeht, heirathet er ein junges lebhaftes Maͤd - chen. Der ungluͤckliche Timon! Jtzt haͤtte er wohl Urſache, ſich ein beſſeres Gluͤck zu wuͤnſchen: Aber der Tod wird ihn uͤberraſchen, eben da er den Mund aufthut, etwas zu wuͤnſchen.
Sehen ſie dort den dicken Buͤrger,(51)Meiſter N ‒ ‒, Buͤrger und Zinngießer allhier. welcher ſich am Kamine mit einer kurzen Tabakspfeife auf ſeinen Bierkrug gelehnt hat? Jn dieſem Au - genblicke iſt er dahinter gekommen, ob Oßmann wider Rußland, oder wider Perſien zu Felde zie - hen wird. Sehen ſie einmal, mit welcher Zufrie - denheit er laͤchelt! Die Czarinn mag ſich wohl in Acht nehmen; denn ſie hat an dieſem politiſchen Buͤrger einen heimlichen Feind. Jn ſeinem Handwerke iſt er ein ehrlicher Mann; aber ein Narr, ſo bald er ein Stuͤck Zeitung in die Haͤnde bekoͤmmt. Und daß er heute ein doppelter Narr iſt, das macht der erſte April.
Beobachten ſie einmal die Phariſaͤermiene, mit welcher Orgon(52)Dieſer laͤrmende Wohlthaͤter heißt T ‒ ‒. von ſeinem Fenſter herab auf eine Menge armer Buͤrger ſieht, die ſich vor ſeinem Hauſe verſammelt haben, um einen kleinen Theil von denen zwanzig Thalern zu bekommen, die er unter ſie ausſpenden laͤßt, und allemal auf den heutigen Tag auszuſpenden verordnet hat. Be - trachten ſie aber auch zugleich ſeine Aufmerkſamkeit, mit welcher er die Fenſter der Gaſſe, und die Ge - ſichter der Vorbeygehenden unterſucht: Ob ſie auch ſein mildthaͤtiges Chriſtenthum genug bewun - dern, und ob ſie auch denjenigen am Fenſter ſte - hen ſehen, aus deſſen wohlthuender Hand ſo viel Segen auf das arme Volk herabtraͤufelt? Wie ſehr betruͤgt ſich Orgon, wenn er glaubt, daß er durch dieſe milde Stiftung die Hochachtung ſeiner Mitbuͤrger erlangen, und bey den Nachkommen ſein Andenken erhalten werde! Die ganze Stadt redet heute von dieſer neuen Stiftung, das iſt wahr: Aber die ganze Stadt erinnert ſich auch heute zugleich der Ungerechtigkeiten und der Meinei - de, mit welchen Orgon ſein Vermoͤgen zuſammen ge - ſcharret hat. Die Nachkommen, ſo lange ſie noch von ihm etwas wiſſen, werden eben das ſagen, und erſt alsdann, wenn man ſeinen Namen ganz wird vergeſſen haben, alsdann erſt wird dieſes Geſtifte erbaulich, und von einigem Werthe ſeyn. Orgon iſt nicht ganz ohne Gewiſſen. Er fuͤhlt ſeine Bosheiten; er weis, daß er nur wenige Jah -re544[542]Das Maͤrchen vom erſten April. re noch leben kann; er erſchrickt, wenn er an das denkt, was auf ihn wartet. Was ſoll er thun? Er will das thun, womit er ſich ſo oft auf dem Rathhauſe geholfen hat. Um nach dem Tode ei - nen gnaͤdigen Richter zu haben, druͤckt er heute Gott vier Louisdor in die Haͤnde; denn er hat gehoͤrt, man leihe dem Herrn, was man den Ar - men giebt, und die Armen, die hier vor ſeinem Hauſe auf ein paar Kreuzer warten, werden es ſchon bey ihrem Gott zu ruͤhmen wiſſen.
Es iſt wohl noch niemals ein Menſch ſich ſelbſt ſo ungleich, und in ſeinem Charakter ſo widerſpre - chend geweſen, als Chamaͤleon. (53)Sein Name heißt J ‒ ‒ ‒. Jch wundre mich, daß er ihn nicht auch ſchon etlichemal veraͤndert hat.Seine Fehler, und ſeine Tugenden ſind uͤbertrieben. Er kauft ſich eine praͤchtig eingebundene Bibliothek, und redet von nichts, als von Gelehrten, und von Editionen. Mit einem male faͤllt es ihm ein, daß alle Gelehrſamkeit Pedanterey ſey; er verkauft alle Buͤcher, und kauft ſich eine Ruͤſtkammer von Flinten und anderm Gewehre. Dieſe weis er noch weniger zu brauchen, als die Buͤcher; er kauft ſich alſo Uhren dafuͤr. Von ungefaͤhr ſieht er eine praͤchtige Eqvipage; ſie gefaͤllt ihm, er muß auch eine haben. Jn vier Wochen jagt er den Kut - ſcher und die Bedienten fort, verkauft ſeine reichen Kleider an die Juden, und geht ohne Lackey in einem alten Regenrocke durch die Gaſſen. Erwar545[543]Zweytes Buch. war einmal in die Geſellſchaft eines rohen Engel - laͤnders gekommen, und ſo lange er in deſſen Ge - ſellſchaft herum ſchwaͤrmte, ſo lange that er nichts, als daß er ſich in Punch beſoff, und die Religion laͤſterte. Sein alter Onkel, ein aberglaͤubiſcher Mann, brachte ihn von dieſer Ausſchweifung zu - ruͤck, und nun gieng er mit ihm in alle Predigten und Betſtunden, ſah Geſpenſter, und that Ge - luͤbde. Seit einem Monate hatte er ſich in den Kopf geſetzt, ein alter ehrlicher Deutſcher zu ſeyn. Er redete Vornehme und Geringe mit einer qua - keriſchen Vertraulichkeit an. Nichts war ihm beſchwerlicher, als zu gruͤßen und zu danken, denn das hielt er fuͤr eine franzoͤſiſche Taͤndeley. Er ſagte allen Leuten Grobheiten, in der Meynung, daß es Wahrheiten waͤren. Er ward dadurch ver - haßt, man litt ihn in keinen Geſellſchaften mehr, und erſt geſtern hat er eine Verdrießlichkeit gehabt, die ihm ſehr empfindlich geweſen iſt. Heute hat er ſich alſo vorgenommen, artig und lebhaft zu ſeyn, und aller Welt zu ſchmeicheln. Er wird es eben ſo ungeſchickt anfangen; ſeine Schmeicheley wird noch mehr beleidigen, als ſeine Grobheit: denn allemal wird er zur Unzeit, und ſehr unuͤber - legt ſchmeicheln. Einem Kammerjunker wird er ſagen, daß er in ſeinen Scherzen ſehr tiefſinnig und gelehrt ſey: Und an einem Profeſſor wird er den ſchoͤnen Fuß bewundern, und ihn noͤthigen, ei - ne Menuet zu tanzen. Coͤlimenen wird er ſagen, daß ſie ein maͤnnliches und friſches Geſicht habe: Aber an dem Hauptmanne, der neben ihr ſitzt, wirdM mer546[544]Das Maͤrchen vom erſten April. er die glatte Haut, und die weichen Haͤnde bewun - dern. Seinen Beichtvater wird er umhalſen, und zu ihm ſagen: Der Teufel ſolle ihn holen, wenn er iemals ſo einen guten Geſellſchafter gefunden habe, als Jhro Hochehrwuͤrden: Aber mit dem Schmarozer, den er ſeit vielen Jahren als ſeinen gefaͤlligſten Freund um ſich hat, wird er uͤber die Bulle Unigenitus diſputiren. Das iſt die Lebens - art, die Chamaͤleon heute anfaͤngt; in ein paar Monaten wird er ſie wieder aͤndern, weil er ſich dadurch noch mehr Feinde, als durch ſeine Grob - heit gemacht hat. Er wird ſie wieder aͤndern; aber er wird nur in neue Ausſchweifungen ver - fallen.
Nun iſt er(54)Wer ſonſt, als Er? Quam pulchrum eſt, digitis mon - ſtrari et dicier: HIC eſt! fertig! Das war der letzte Vers. Gluͤckliches Vaterland! Endlich hat einer von deinen witzigen Soͤhnen ein deutſches Original zu Stande gebracht, deſſen ſich kein Cor - neille ſchaͤmen darf. Was fuͤr ein Laͤrm wird in den gelehrten Zeitungen daruͤber entſtehen! Die Engellaͤnder werden es gleich uͤberſetzen laſſen; die Franzoſen nicht, denn dieſe ſind auf den deut - ſchen Witz zu eiferſuͤchtig. Noch iſt er unſchluͤſ - ſig, auf welchem Theater er es ſoll auffuͤhren laſ - ſen. Koch? ‒ ‒ Je nun, ich will es ihm endlich goͤnnen ‒ ‒ Aber ſeine Frau muß die Hauptrolle nehmen, ſonſt mache ich Schoͤnemannen dadurchgluͤck -547[545]Zweytes Buch. gluͤcklich. ‒ ‒ So denkt der arme Autor, und weis es noch nicht, daß bey der erſten Vorſtellung das Parterre lachen wird, und die Logen gaͤhnen werden.
Nun iſt er unſterblich! Wer? Unſer deutſcher Burmann. (55)Der handfeſte C ‒ ‒. Cur non dictus Hylax? Er hat es aus einer Stelle des Plautus bewieſen, daß ſein Gegner ein Ochſe ſey. Aber er weis es nicht, daß die Welt mit einer bos - haften Freude, auf den Beweis ſeines Gegners wartet, und daß ſie Luſt hat, beide fuͤr Thoren zu halten, und, ehe fuͤnf Jahre verfloſſen ſind, beide zu vergeſſen.
Aber Scriblern(56)Κατ᾽ ἐξοχὴν, vom Au TorE. wird man doch nicht vergeſſen, welcher fuͤr die Nachwelt ſchreibt? Ge - wiß wird man ihn vergeſſen; denn er ſchreibt fuͤr die Wuͤrzkraͤmer, und Staͤrkeweiber. Was hat denn ihm die Nachwelt gethan, daß er ihr zumu - then will, ſeine Schmiererey zu leſen?
(57)Damit ich dem Witze meiner Leſer etwas zu thun ge - be, ſo will ich hier Platz zu einer Wahrſagung laſſen, undihnen‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒
Herr Autor! Auf ein Wort! Jhnen muß ich an dieſem feyerlichen Tage auch etwas ins Ohr ſagen. Alſo waͤren ſie mit ihren ſieben mal ſieben Wahrſagungen zu Stande. Und vermuthlich ſind ſie mit ſich ſelbſt wohl zufrieden, daß ſie etwas geſchrieben haben, welches ganz Deutſchland ge - fallen wird, weil es die Ehre hat, ihnen zu gefal - len. Was erwarten ſie fuͤr ihre Bemuͤhung? Beruͤhmt zu werden? Man weis ja ihren Namen nicht. Geleſen zu werden? Vielleicht. Bewun - dert zu werden? Sachte, mein Herr Autor, ſie verlangen zu viel! Weil ſie heute allen wahrſa - gen, ſo will ich auch ihnen wahrſagen. Wiſſen ſie, was die Welt von ihrem Werkchen ſprechen wird? Der deutſche Roͤmer(58)Clarisſimus Dominus R. wird es im Buchladen ſehen. Hum! wird er ſprechen, wie - der ein deutſcher Wiſch! Aber es geht ab, wird der Buchhaͤndler ſagen. ‒ ‒ ‒ Ja, ja! es geht wohl ab, aber in zehen Jahren lieſt niemand dergleichen Qvark mehr. Der Rechtsgelehrte(59)Und zwar Herr Doctor G ‒ ‒. wird es in die Hand nehmen; man wird glauben, er leſe darinnen: Aber eben uͤberdenkt er gewiſſe Ge -gen -(57)ihnen das Vergnuͤgen machen, daß ein ieder an dieſe Stel - le einen ſeiner Bekannten ſetze, von deſſen laͤcherlichen Thorheiten er etwas wahrſagen will. Jch weis, die Wahl wird ihnen ſchwer werden; aber das weis ich noch gewiſ - ſer, daß keiner von meinen Leſern, ich nehme dreye von ih - nen aus, hiebey an ſich ſelbſt denken wird. War dieſe Wahrſagung richtig?549[547]Zweytes Buch. genbeweisartikel, die noch morgen uͤbergeben wer - den muͤſſen. Hier koͤmmt ein Philoſoph!(60)Man darf nur die Qvartanten leſen, die ſeit zehen Jahren herausgekommen ſind, ſo wird man auf den mei - ſten Titeln finden: Autore O ‒ ‒ P ‒ ‒ E ‒ ‒. ein Erzautor! Der wird ſich gewiß daruͤber freuen; denn er wird auf die moraliſche Abſicht, und nicht auf die Einkleidung ſehen. Was ſoll das ſeyn? wird er ſprechen. Ein Maͤrchen! Sieben mal ſie - ben! Wie ſpielt man mit der Moral! Der Autor iſt gewiß noch ein Kind, oder er ſieht ſeine Leſer fuͤr Kinder an. Ganz hinten im Buchladen hat ſich ein finſterer Menſch(61)Eigentlich heißt er R ‒ ‒ S ‒ ‒: aber der finſtre Menſch ſieht es nicht gern, daß man ſeinen Namen nennt. an den Tiſch gelehnt, und lieſt ihre Schrift, und lieſt ſie ganz durch, und ſchmeißt ſie unter den Tiſch, und geht verdrießlich hinaus, ohne ein Wort zu ſagen. Wer muß die - ſer Menſch ſeyn? Aber hier koͤmmt ein freundli - cher ſchwarzer Mann,(62)Jhro Wohl Ehrwuͤrden Herr J ‒ ‒, Paſtor zu U ‒ ‒ welcher dem Verleger ein ganz neuvermehrtes und durch und durch ver - beſſertes Geſangbuch anbietet. Er blaͤttert in der Auslage; er findet ihr Maͤrchen, er lieſt es fluͤch - tig durch, und legt es ſeufzend wieder weg. Dar - innen ſteckt viel Gift! Der Verfaſſer ſcheint ein Spinoſiſt zu ſeyn. Jch will nicht richten; aber wenigſtens ein Feind der Geiſtlichen muß er ſeyn. Sehen ſie, ſpricht er zum Buchhaͤndler, ſehen ſie ein - mal die beiden Stellen hier im Maͤrchen. Es ſind die letzten Zeiten, gewiß mein Herr, die letzten Zeiten! M m 3Mada -550[548]Das Maͤrchen vom erſten April. Madame N ‒ ‒(63)Madame S ‒ ‒! Jch kuͤſſe ihnen die Haͤnde. hat von dieſer Schrift ge - hoͤrt; ſie laͤßt ſie gleich holen. Das muͤſſen ſie wiſ - ſen, Herr Autor, daß Madame N ‒ ‒ eine ar - tige und lebhafte Frau iſt, die von aller Welt Boͤ - ſes ſpricht, und die ſehr empfindlich iſt, wenn man etwas ſagt, das auf ſie gehen kann. Sie lieſt ihr Maͤrchen, und verſteht es nicht. Sie lieſt die Wahrſagungen, und freut ſich, und lacht, und koͤmmt endlich auf eine Stelle, in welcher ſie glaubt, ge - troffen zu ſeyn, ob ſie gleich auf hundert Perſonen von ihrem Charakter gehen kann. Sie beißt in die Lippen, legt das Buch weg, und ſagt zu ihren Toͤchtern: Der Autor iſt ein Menſch, vor dem man ſich huͤten muß. Sehen ſie, Herr Autor, das wird die Welt von ihrer Schrift ſagen, und das wird die Belohnung fuͤr ihre Muͤhe ſeyn! We - nigſtens acht und vierzig Feinde haben ſie ſich durch ihre Wahrſagungen gemacht. Wie ſehr haben ſie ſich in ihrer ſchmeichelhaften Hoffnung betro - gen! Aber ſie hatten vergeſſen, daß auch ſie zu der Welt gehoͤren, die heute den erſten April feyert.
Nach dem Urtheile der meiſten Leſer iſt eine Satire ohne Schluͤſſel ein ſehr un - nuͤtzes und unangenehmes Werk. Die - ſes Urtheil wuͤrde ungerecht ſeyn, wenn man Satiren ſchriebe, um der Welt eine Ver - achtung, oder einen Abſcheu vor den Thorheiten beyzubringen, und wenn man Satiren laͤſe, um ſich zu beſſern. Da wir aber aus der Erfah - rung wiſſen, daß nur wenige in dieſer Abſicht Sa - tiren ſchreiben, und faſt niemand in der Abſicht ſie lieſt: So ſehe ich nicht, warum ich ein ſolches Urtheil verdammen ſoll. Meine Wahrſagungen werden um deßwillen gefallen, da ich die Origi - nale meinen Leſern ſchon einigermaßen durch die Anmerkungen kenntlich gemacht habe, und da ich ſie in gegenwaͤrtigem Schluͤſſel der ganzen Welt bloß ſtellen will. Wie ſehr wird dieſe Schrift geleſen wer - den, da ich keinen Menſchen ſchone, und da die ehr -
M m 5wuͤr -[552]Die Fortſetzung folgt kuͤnftig.
Wenn ein Satirenſchreiber die billige Abſicht hat, durch ſeine Schriften nur die ſchaͤdli - chen und unanſtaͤndigen Thorheiten der Menſchen verhaßt, oder laͤcherlich zu machen, ohne einen Menſchen perſoͤnlich zu beleidigen: ſo kann ihm allerdings nichts empfindlicher ſeyn, als der lieb - loſe Vorwitz dererjenigen, welche zu allen Charak - tern ein Original aufſuchen, und ſich mit Ferti - gung der Schluͤſſel zu ſeinen Satiren, ohne Beruf beſchaͤfftigen.
Jch habe mich, gleich bey dem Anfange meiner Schriften ſehr weitlaͤuftig uͤber dieſen Punct er - klaͤrt, und meinen Leſern, ſo wohl durch eine Auf - gabe allgemeiner Abſchilderungen, als durch Be - kanntmachung verſchiedner Briefe uͤber die ver - meynten Entdeckungen dieſer Abſchilderungen, ge - zeigt(*)S. den Vorbericht vom Misbrauche der Satire, im erſten Theile der ſatiriſchen Schriften., wie ungewiß ihre Vermuthungen ſind, wie beleidigend eine ſolche Beſchaͤfftigung, und wie unanſtaͤndig ſie ſey.
Das ſchmeichelhafte Vergnuͤgen, die laͤcherli - chen Thorheiten an andern zu ſuchen, um ſelbſt deſto vollkommener zu ſcheinen, iſt vermuthlich einem großen Theile meiner Leſer zu angenehm, als daß dergleichen Vorſtellungen vermoͤgend geweſenwaͤren,556[554]Das Maͤrchen vom erſten April. waͤren, ſie davon abzubringen. Jch habe ſie bey aller Gelegenheit wiederholt, ich habe glimpflich, und auch bitter gebeten, daß ſie durch Fertigung ihrer Schluͤſſel mich nicht verhaßt, und ſich nicht laͤcherlich machen ſollten: Aber meiſtentheils habe ich vergebens gebeten.
Da dieſer vierte Theil der letzte Theil meiner ſatiriſchen Schriften ſeyn ſoll, und ich wohlbedaͤch - tig den Entſchluß gefaßt habe, niemals, ſo lange ich noch leben werde, einige Aufſaͤtze dieſer Art der Welt bekannt zu machen(*)S. den Vorbericht zum vierten und letzten Theile der ſatiriſchen Schriften.: So hielt ich es fuͤr noͤ - thig, noch einen Verſuch zu thun, ob es denn gar nicht moͤglich ſey, meinen Leſern einen Widerwil - len gegen dieſe liebloſe Deutungsbegierde beyzu - bringen, und ob ich ſie nicht wenigſtens auf dieſe Art uͤberfuͤhren koͤnne, wie ungerecht ſich ihr men - ſchenfeindlicher Witz beſchaͤfftige, wenn ſie nur auf - merkſam ſind, Thoren unter ihren Mitbuͤrgern zu ſuchen, ohne ſich ſelbſt zu finden.
Jch ließ vor einigen Wochen das Maͤrchen vom erſten April an einem auswaͤrtigen Orte, unter verſtelltem Namen, und auf ſo eine Art dru - cken, daß ich gewiß hoffte, unerkannt zu bleiben. Die ſieben mal ſieben Wahrſagungen, welche in der That nichts, als ganz allgemeine Charaktere enthalten, bezeichnete ich in den Anmerkungen durch willkuͤhrliche Buchſtaben, und ſagte meinen Leſern in das Ohr, wie etwan die Originale heiſ -ſen557[555]Drittes Buch. ſen moͤchten. Jm dritten Buche verſprach ich ei - nen deutlichern Schluͤſſel dazu zu geben, und brach eben da ab, wo ich glaubte, daß die deutende Neu - gier gewiſſer Leſer am ſtaͤrkſten ſeyn wuͤrde.
Jch habe dadurch alles erlangt, was ich ſuch - te, und noch mehr, als ich zu erlangen wuͤnſchte. Jch habe erfahren, daß beynahe keine Hoffnung mehr uͤbrig ſey, dieſen Leſern eine Schoosſuͤnde abzugewoͤhnen, die ihrer Neugier und ihrer Eigen - liebe ſo angenehm iſt. Viele haben ſich die weni - gen Wochen hindurch beſchaͤfftigt, theils abge - ſchmackte, theils laͤcherliche, theils gefaͤhrliche Aus - legungen zu machen, nachdem einer, oder der an - dere von ihnen abgeſchmackt, laͤcherlich oder bos - haft war. Und am meiſten haben ſich diejenigen mit Fertigung der Schluͤſſel den Kopf zerbrochen, von denen ich doch mit gutem Gewiſſen nicht ein - mal verlangen kann, daß ſie denken ſollen. Viele haben ihre Vermuthungen aus dem Formate, an - dre aus einer gewiſſen Art der Orthographie, und noch andere von dem Drucke und Papiere abge - leitet. Man hat den Verfaſſer an verſchiednen Orten geſucht, und ich habe das Vergnuͤgen ge - habt, unbemerkt, hinter meinem ausgeſtellten Bil - de gute und boͤſe, gegruͤndete und unvernuͤnftige Urtheile, von Schuſtern und von Kennern zu hoͤ - ren. Jch werde keine von allen beantworten: Aber das iſt mir nahe gegangen, daß ich habe er - fahren muͤſſen, wie man rechtſchaffne und unſchul - dige Maͤnner, die ich zum Theil vorher niemalsgekannt558[556]Das Maͤrchen vom erſten April. gekannt habe, durch dergleichen ungerechte Aus - legungen laͤcherlich zu machen, und zu beſchaͤmen geſucht hat.
Dieſer ehrenruͤhrige Muthwille einiger meiner Leſer noͤthigt mich, nicht laͤnger verborgen zu blei - ben. Sie werden ſich ſchaͤmen, wofern es an - ders nicht zu ſpaͤt iſt, dergleichen von ihnen zu hoffen, wenn ich ihnen den Schluͤſſel zu denen Anmerkungen gebe, die den Charakteren in den ſieben mal ſieben Wahrſagungen untergeſetzt ſind. Sie werden nunmehr finden, und ich wuͤnſchte, ſie faͤnden es zu ihrer Demuͤthigung, wie ſehr ſie ſich uͤbereilt haben, wenn ſie glaubten, den ſuͤßen Herrn S ‒ ‒ zu kennen, welcher dort rechter Hand wohnen ſollte, wenn man nach dem Markte zu geht. a)S. in den ſiebenmal ſieben Wahrſagungen, Anmerk. 7.Sie werden ſich wundern, daß der eigennuͤtzige Hageſtolz N ‒ ‒ T ‒ ‒ derjenige nicht iſt, an den ſie dachten. b)Ebendaſ. Anmerk. 13.Sie werden es dem Herrn Secretaͤr E ‒ ‒ abbitten, daß ſie ihm Liebe zum Witze Schuld gegeben haben, wel - ches doch ſein Fehler gar nicht iſt. c)Ebendaſ. Anmerk. 17.Der Cla - riſſimus Dominus R. kann vielleicht ein Pe - dant ſeyn: aber ich kenne ihn nicht, und verlange nicht, ihn zu kennen, und doch dauert er mich, weil ich nicht ihn, ſondern alle Pedanten gemeynt habe. d)Ebendaſ. Anmerk. 58.Herr I ‒ ‒ Paſtor zu V ‒ ‒e)Ebendaſ. Anmerk. 62. iſteine559[557]Drittes Buch. eine Wohlehrwuͤrden in der Luft; ich weis von ihm nicht ein Wort, und der ehrliche Mann, den man dafuͤr ausgeben wollen, hat es bloß der Ue - bereilung eines ſeiner Collegen zu danken, der vielleicht eiferſuͤchtig iſt, daß er ſich nicht auch durch Verſtuͤmmelung eines Geſangbuchs in ſeinem Marktflecken hat verewigen koͤnnen. Die uͤbri - gen Auslegungen uͤbergehe ich mit Stillſchweigen; theils ſind ſie mir zu empfindlich, theils kann ich nicht glauben, daß man ſie wirklich gemacht hat, und viele habe ich auch wegen der kurzen Zeit, ſeit welcher das Maͤrchen bekannt worden iſt, noch nicht erfahren. Aber daß ſie alle ungegruͤndet ſind, das will ich gleich erweiſen.
Auf dem Titelblatte zum dritten Buche ſteht der Vers:
Setzt man nun nus den ſieben mal ſieben Wahrſagungen die Buchſtaben, welche, wie die Anmerkungen ſagen, die Anfangsbuchſtaben von den Namen der geſchilderten Originale ſeyn ſollen, zuſammen; ſo koͤmmt dieſer Vers in ſeiner richti - gen Ordnung heraus. Das iſt der Schluͤſſel! Jch will ihn hier ganz einruͤcken, damit ich meine Ausleger ganz beſchaͤme.
1. Ken -560[558]Das Maͤrchen vom erſten April.Alſo liegt der Schluͤſſel zu den ſieben mal ſie - ben Waͤhrſagungen in den Verſen des Perſius:
Damit mich auch diejenigen verſtehen, welche der lateiniſchen Sprache nicht kundig ſind, und viel - leicht die meiſten Schluͤſſel zu den ſieben mal ſieben Wahrſagungen gefertigt haben; ſo will ich ihnen, zu ihrer Erbauung ſagen, was dieſe Verſe heißen:
Wie thoͤricht ſind wir Menſchen, daß wir niemals in unſern eignen Buſen greifen, nie - mals unſre eignen Fehler ſehen wollen; und daß wir nur alsdenn ſcharfſichtig ſind, wenn wir die Fehler unſrer unſchuldigen Mit - buͤrger ausſpaͤhen!
Da ich itzt von meinen Leſern mit dem ernſt - lichen Vorſatze Abſchied nehme, niemals wieder einige ſatiriſche Schriften der Welt bekannt zu machen: So betrachte ich mich als einen Sterbenden, der ſeinen umſtehenden Freunden die Hand giebt, und diejenigen von ih - nen beweglichſt um Vergebung bittet, von denen ihm ſein erwachendes Gewiſſen ſagt, daß er ſie beleidigt habe.
Jn den vier Theilen meiner ſatiriſchen Schrif - ten iſt nicht eine Seite, wo nicht zum wenigſten Ein Thor in ſeiner angenehmen Eigenliebe, und der beruhigenden Zufriedenheit uͤber ſeine Verdien - ſte geſtoͤrt worden iſt. Jch habe ihm nichts, als nur Wahrheiten geſagt: Aber auch ſchon das iſt heut zu Tage ein unverantwortliches Verbrechen! Haͤtte ich Vernuͤnftige und Tugendhafte beleidigt, ſo wuͤrde die Anzahl meiner Feinde vielleicht noch zu uͤberſehen ſeyn: Aber ich ſpottete der Thoren, und die halbe Welt ward erbittert. Jch erſchrek - ke, wenn ich itzt mit gelaſſenem Gemuͤthe an die Verwegenheit gedenke, die ich gehabt habe. Was ſoll ich anfangen? Das einzige Mittel, welches noch uͤbrig iſt, meine Fehler zu verbuͤßen, iſt eine oͤffentliche Abbitte und Ehrenerklaͤrung, die ich denenjenigen thun will, an welchen ich mich mit meinen beleidigenden Wahrheiten verſuͤndigt habe. Die Meſſe iſt zu nahe, und mein Verle -N n 4ger568[566]Abbitteger zu ungeduldig, als daß ich bey allen denjeni - gen, welche meine Satire gegeißelt hat, um Ver - gebung bitten koͤnnte. Es mag itzt bey einer Pro - be ſein Bewenden haben, die ich von meinem reui - gen Autorgewiſſen, und von dem ernſtlichen Ver - langen geben will, das ich habe, mich mit allen Thoren auszuſoͤhnen. Jch hoffe, ſie ſollen nicht unerbittlich ſeyn; und erlange ich durch dieſen Verſuch die gewuͤnſchte Vergebung, ſo ſoll es ei - ne von meinen erſten und wichtigſten Beſchaͤfftigun - gen ſeyn, allen denenjenigen Abbitte und Ehrener - klaͤrung zu thun, die ich in gegenwaͤrtiger Abhand - lung nicht habe nennen koͤnnen.
Meine Spoͤttereyen uͤber diejenigen Maͤcena - ten, welche nur der Misbrauch, und der Hunger unſrer Schriftſteller zu Maͤcenaten macht, ſind un - gerechte Spoͤttereyen geweſen. Was habe ich noͤthig gehabt, ihnen ihre Unwiſſenheit, ihren ſchlechten Geſchmack, und ihre Haͤrte gegen die nothleidenden Muſen vorzuwerfen, da alles die - ſes ſo vornehme Fehler ſind, welche die Mode rechtfertigt? Nicht an ihnen liegt die Schuld, ſon - dern an ihren bettelnden Clienten. Wer heißt denn dieſen, einen Mann zum Maͤcenaten zu ma - chen, der vielleicht ein guter Maͤkler iſt? Von ſchoͤnen Wiſſenſchaften hat er gar keinen Geſchmack: Aber fragt ihn etwas von reichen Stoffen, von Spitzen, von einer Tracht, von Aufputzung der Zimmer, von Einrichtung der Eqvipage, von ei -nem569[567]und Ehrenerklaͤrung. nem Lotterieplane; ihr werdet uͤber ſeinen Ge - ſchmack erſtaunen! Gegen die Muſen iſt er hart; aber warum koͤnnen die Muſen nicht bellen und wiehern? Denn gegen ſeine Hunde und Pferde iſt er ſehr großmuͤthig. Mit einem Worte: Die Schuld liegt nur an unſern Scribenten, welche bey der Wahl ihrer Goͤnner ſo unvorſichtig, und eigennuͤtzig ſind. Wenn ſie einen reichen Mann finden, den macht ihr Hunger gleich zum Maͤce - naten. Dieſer erſchrickt, er widerſetzt ſich, er ſchaͤmt ſich, er will es nicht ſeyn: Aber er muß es ſchlechterdings werden, denn er kann es bezah - len. Das heißt Maͤcenaten preſſen, wie man Matroſen preßt. Jſt es ihre Schuld, wenn ſie ungeſchickte und unwiſſende Maͤcenaten ſind?
Jch geſtehe es, an unſern Dichtern habe ich mich oft verſuͤndigt: Jch wuͤrde untroͤſtbar ſeyn, wenn ich es an guten Dichtern gethan haͤtte; aber ich habe mich nur an unſern Reimern verſuͤndigt. Jch habe ſie fuͤr niedertraͤchtige Schmeichler ge - halten, fuͤr Leute, welche die goͤttlichſte der ſchoͤ - nen Wiſſenſchaften, den Vornehmen und dem Poͤbel veraͤchtlich machen; ich hielt ſie fuͤr uͤber - muͤthig, und dieſen Uebermuth fuͤr deſto laͤcher - licher, da es gemeiniglich nur der Stolz eines ſchmuzigen Bettlers war; mit einem Worte, ich lachte uͤber ſie; und eben das geht mir nahe: Jch haͤtte uͤber ſie weinen ſollen. Kann wohl irgend ein Menſch eine traurigere Rolle zu ſpielen haben,N n 5als570[568]Abbitteals ein Poet von dieſer Art? Ungeachtet des zu - verſichtlichen Stolzes, welcher ihn von ſeiner eig - nen Groͤße uͤberzeugt, kriecht er vor den Fuͤßen eines kargen Wohlthaͤters herum. Nectar und Ambroſia iſt die taͤgliche Koſt, womit er ſich an der Tafel ſeiner Goͤtter ſpeiſt; und doch ſingt er um einen Biſſen Brodt, vor der Tafel ſeines Maͤ - cenaten. Die Schaͤtze beider Jndien ſind in ſei - nen großmuͤthigen Augen eine verachtungswuͤrdi - ge Laſt fuͤr den, der ſie beſitzt; nur die Tugend macht reich: Das hat er heute fruͤh einem reichen Wucherer zum Geburtstage vorgereimt; und nun wartet er vor der Thuͤre deſſelben ſchon vier Stun - den lang vergebens, und mit hungriger Ungeduld auf einen Louisdor. Wie empfindlich muß es dieſen ungluͤcklichen Creaturen ſeyn, die muthig auf die Unſterblichkeit trotzen, und gleichwohl ſchon itzt unbemerkt, und ungeleſen ſterben! Und doch habe ich ſo lieblos ſeyn koͤnnen, uͤber derglei - chen preßhafte Perſonen zu ſpotten! Es reut mich, und die nachdruͤcklichſte Abbitte und Ehrenerklaͤ - rung wird dieſe ſeyn, wenn ich ſie verſichere, daß ich den Frevel, mit welchem ich mich an ihrem Lorber vergriffen, nunmehr eben ſo ernſtlich ver - abſcheue, als ſie den Eigennutz, den Hochmuth, die Wolluſt, und die bettelnde Niedertraͤchtigkeit verabſcheuen.
Wie ungerecht die Spoͤttereyen uͤber den Gei - zigen ſind, das kann man auch daraus abnehmen,daß571[569]und Ehrenerklaͤrung. daß uͤber ſeinen Geiz niemals die naͤchſten Erben, es muͤßten denn junge Verſchwender ſeyn, ſon - dern nur Fremde ſpotten, fuͤr die er nicht geizig iſt. Jch habe ſchon bey einer andern Gelegen - heit geſagt, daß eine mehr als ſtoiſche Tu - gend dazu gehoͤrt, wenn ein Geiziger ſeine ganze Lebenszeit hindurch ſorgen, ſich aͤngſtigen, an den nothduͤrftigſten Sachen Mangel und Gebruch lei - den ſoll, und dieſes nur darum, damit er ſein Geld einem Fremden, den er oft nicht einmal kennt, uͤberlaſſen moͤge, und damit dieſer Fremde deſto ruhiger und vergnuͤgter lebe, und mit - ten in ſeinen Verſchwendungen uͤber den alten Narren lachen koͤnne, den er beerbt hat. Jn meinen Augen verdient jener weiſe Thor, welcher, um ruhig zu ſeyn, ſein Geld ins Waſſer warf, die Bewunderung bey weitem nicht, welche dieſer Geizige verdient, der Reichthuͤmer zuſammen ſcharrt, um zu verhungern: Denn daruͤber iſt gar keine Frage, welcher von beiden am meiſten ver - dient, ein Patriot zu heißen. Aber man thut ſehr unrecht, wenn man glaubt, daß ein Geiziger gar kein Vergnuͤgen habe. Jn der ganzen Welt kann, wie ich mir gewiß vorſtelle, kein Vergnuͤ - gen groͤſſer ſeyn, als das Vergnuͤgen eines Gei - zigen in dem Augenblicke iſt, wenn er vor dem Kaſten knieet, und die gefuͤllten Saͤcke anſieht. Hier uͤberſieht er in einem engen Raume alle Pracht, allen Rang, alle Wolluſt, alle Verdien - ſte, alle Freundſchaft. Jn dieſem Kaſten vollver -572[570]Abbitteverpfaͤndeter Jubelen faͤhrt eine Excellenz mit ſechs Pferden, zwoͤlf Bedienten, und einem brei - ten Bande. Hier bindet er einen Sack auf, und ſieht darinnen den unausgebildeten Stoff zu einem Barone. Sechs Ritterguͤter liegen darneben in etlichen andern Beuteln. Hinter jenen Wechſel - briefen eines großen Hofmanns guckt deſſen Fraͤu - lein Tochter, ein liebenswuͤrdiges Kind, hervor, die der Vater gewiß gegen dieſe Wechſelbriefe ver - tauſchte, wenn unſer alter Geizige ſich entſchlieſ - ſen wollte, Rang und Guͤter zu kaufen, und die Hand ſeiner Tochter an ſich zu handeln. Gaͤr - ten, koſtbare Kleider, Muſik, und Gaſtereyen ſtek - ken alle in dieſem einzigen Sacke. Wenn er je - nen Beutel mit tauſend Ducaten daran wagen will: So ſchaffe ich ihn fuͤr vier hundert Ducaten zum Vater des Vaterlandes; vier hundert Duca - ten will ich einer gewiſſen ehrwuͤrdigen Geſell - ſchaft geben, und in Kurzem ſoll er der heilige Harpax ſeyn; fuͤr hundert und acht und achzig Du - caten will ich ihm ein Dutzend Zueignungsſchriften gewaͤhren, die ihn, ungeachtet ſeiner Barbarey, zum Beſchuͤtzer der Muſen, ungeachtet ſeiner Dummheit zum Maͤcenaten, ja, wenn er es verlangt, zum Apoll machen ſollen, ob er ſchon beynahe weiter nichts, als zaͤhlen, ſchreiben, und leſen kann. Zwoͤlf Ducaten ſind von dieſem Sacke noch uͤbrig; was fange ich damit an? Gut! fuͤr zwoͤlf Duca - ten ſoll ihn der fließendreimende Bav verewigen, und ihm einen Theil ſeiner Unſterblichkeit abtre - ten. Alle dieſe Gluͤckſeligkeiten ſieht Harpax vorſich573[571]und Ehrenerklaͤrung. ſich in ſeinem Kaſten liegen. Er koͤnnte ſie ge - nießen; er laͤchelt auch in der That ſchon, welches er ſeit der letzten Meſſe nicht gethan hat. Sehe ich recht? Er bindet wirklich ſchon einen kleinen Sack auf, und nun wird der reiche Harpax an - fangen, großmuͤthig, mildthaͤtig, vernuͤnftig zu ſeyn; nun wird er doch endlich einmal ſein Geld mit Verſtande genießen! ‒ ‒ O, nein! Er nimmt nur einen halben Gulden heraus, um ſich die Schuhe beſolen zu laſſen. Er ſieht ſeinen halben Gulden freundſchaftlich an, nimmt mit traurigen Blicken auf ewig von ihm Abſchied, ſchließt den Kaſten ſorgfaͤltig zu, und bittet den Himmel, daß er ihm ſein Bißchen Armuth behuͤten, und nicht zulaſſen wolle, daß er noch in ſeinem hohen Alter Noth leiden muͤſſe. Wie viel gluͤckliche Vorzuͤge hat dieſer Geizige, welche diejenigen nicht wiſſen, oder nicht wiſſen wollen, die ihn fuͤr einen Thoren halten!
Die Ordnung, meine Abbitte und Ehrener - klaͤrung zu thun, trifft nun den Erben des Geizi - gen, den Verſchwender. Da ich ihn itzt recht betrachte, ſo finde ich ſo viel Gutes an ihm, als ich an vielen kaum finde, die man doch fuͤr Ver - nuͤnftige haͤlt. Nur aus Hochachtung fuͤr ſeinen Geizigen, rechtfertigt er deſſen Thorheiten durch weit groͤßre Thorheiten. Durch unſinnige Ver - ſchwendung verbuͤßt er den ſuͤndlichen Wucher ſei - nes Erblaſſers, und ſtoͤßt die erpreßten Reichthuͤ -mer574[572]Abbittemer von ſich. Er wagt Ehre und Gluͤck daran, um ein Maͤrtyrer der großen Wahrheit zu wer - den, daß heut zu Tage das ganze Verdienſt der Menſchen im Gelde beſtehe. Denn ehe er noch erbte, war er unbekannt, und verachtet; itzt zieht er die Augen der ganzen Stadt auf ſich, und alle, die ſchmeicheln und verdauen koͤnnen, ſind ſeine Freun - de: Aber in Kurzem wird er arm, und alſo wieder eben ſo unbekannt, und verachtet ſeyn, wie vor - her. Alle ſeine Handlungen, die uns ſo raſend ſcheinen, ſind unumſtoͤßliche Beweiſe, daß er denkt, wie ein Philoſoph. Er kennt die Fluͤchtigkeit des Lebens; er weis, daß alles Vergnuͤgen ungewiß und vergaͤnglich iſt, daß derjenige ſein Alter am hoͤchſten gebracht hat, welcher nicht eine Minute ungenuͤtzt, und ohne Vergnuͤgen verſtreichen laͤßt; er weis, daß allemal das Andenken der vergange - nen Wolluſt ſtaͤrker und empfindlicher iſt, als das Vergnuͤgen des gegenwaͤrtigen Genuſſes: Das alles weis unſer Philoſoph, und eben das iſt die Urſache, warum er heute ſo lebt, als ob er mor - gen todt ſeyn wuͤrde. Wie viel ungerechte Ur - theile wuͤrde ich vermieden haben, wenn ich alles dieſes ſo uͤberlegt haͤtte, wie ich es itzt uͤberlege! Meine Uebereilung gieng ſo weit, daß ich dieſen Verſchwender in das Hoſpital bringen wollte, nach welchem er doch ſelbſt mit ſtarken Schritten zueilt! Damit er ſehen ſoll, daß dieſe Abbitte und Ehren - erklaͤrung mir ein Ernſt ſey, ſo will ich ihn mit meiner Aufmerkſamkeit, bis an die Thuͤre des Hoſpitals begleiten, und alsdenn will ich derein -575[573]und Ehrenerklaͤrung. einzige von ſeinen Freunden ſeyn, der ihn be - dauert.
Jch habe Unrecht gethan, daß ich die herum - irrenden Goldmacher fuͤr Betruͤger angeſehen, die ſich von der Leichtglaͤubigkeit derer ernaͤhren, die von ihren hungrigen und bettelnden Haͤnden Reich - thuͤmer hoffen. Warum giebt man ihnen den verhaßten Namen eines Betruͤgers, da ſie nichts thun, als was man in den artigſten und anſehn - lichſten Geſellſchaften taͤglich thut, da ſie naͤm - lich nur andern etwas verſprechen, das ſie nicht halten koͤnnen, da ſie andre etwas lehren wollen, das ſie ſelbſt nicht verſtehen, und da ſie von ihrer Unwiſſenheit, und der Leichtglaͤubigkeit anderer ſich ein wolluͤſtiges und beqvemes Leben zu ver - ſchaffen wiſſen? Jhro Gnaden borgen, ſie verſpre - chen Jntereſſen zu geben, das Capital richtig wie - der zu bezahlen, ſie nehmen dabey Gott zu Huͤlfe, und noch uͤber dieſes thun ſie ihren treuherzigen Glaͤubigern tauſend gnaͤdige Verſicherungen: Aber Jhro Gnaden bezahlen weder Jntereſſen, noch Ca - pital; die gnaͤdigen Verſicherungen verwandeln ſich in einen unverſoͤhnlichen Haß, ſobald der Glaͤubiger ungeſittet genug iſt, ſein Geld wieder zu fodern. Der treuherzige Thor, welcher ſo viel von der Gnade ſeines Schuldners hoffte, buͤßt ſei - ne Hoffnung, und ſein baares Geld ein. Jch will ihm nicht rathen, daß er ſo verwegen ſey, ſeinen Schuldner das zu nennen, was er iſt: Wenn er mir folgen will, ſo ſoll er hingehen, ihm die We -ſte576[574]Abbitteſte kuͤſſen, und ſich zu gnaͤdiger Protection em - pfehlen. Meine Leſer, die zu leben wiſſen, werden dieſes billig finden. Aber warum finden ſie es denn nicht auch billig, daß man die Betruͤgerey des elenden Goldmachers entſchuldigt, den nur der Hunger zum Betruͤger macht, da im Gegen - theile unſer vornehmer Schuldner die armen Glaͤu - biger an den Bettelſtab bringt, nur um ſeine Wol - luſt und Pracht, noch einige Zeit zu unterſtuͤz - zen; da dieſer Schuldner ſeinen Glaͤubigern an einem einzigen Gallatage mehr koſtet, als der Goldmacher ſeinen Freunden in einem Jahre? Dieſer iſt noch ſo billig, und entflieht dem Galgen, ſo bald er merkt, daß ſeine Betruͤgereyen entdeckt ſind: Aber jener rollt trotzig mit ſeiner praͤchtigen Eqvipage durch die Gaſſen, ſein verarmter Glaͤu - biger, der eben itzt an dem Laden eines Kauf - manns um ein Almoſen bittet, ſpringt auf die Seite, um von den Pferden nicht zertreten zu wer - den; er buͤckt ſich demuͤthig vor ſeinem Schuldner, und wird kaum angeſehen. Mich duͤnkt, dieſes Exempel, ſo wahr es iſt, ſo deutlich und ſo uͤber - zeugend iſt es auch, daß man kuͤnftig einen herum - ſtreichenden Goldmacher ſo gar einen ehrlichen Mann nennen wird, ſobald man ſich auf Jhro Gnaden beſinnet.
Es iſt ein paar mal geſchehen, daß ich diejenigen getadelt habe, die ſich von den Gaukeleyen der herumirrenden Goldmacher verfuͤhren laſſen, und von einem nackichten Bettler unſaͤgliche Schaͤtzehoffen.577[575]und Ehrenerklaͤrung. hoffen. Jch habe die Sache beſſer uͤberlegt, und nun glaube ich, daß ſie zu entſchuldigen ſind. Jhr ganzer Fehler beſteht darinnen, daß ſie hoffen: Ein Fehler, der uns Menſchen ſo natuͤrlich, und ſo ſchmeichelhaft iſt! Kleant hofft Schaͤtze von ſei - nem Goldmacher zu erlangen; und Ariſt hofft nunmehr zwanzig Jahre auf ſein Gluͤck bey Hofe. Patin, ein kuͤnſtlicher Erbſchleicher, uͤberhaͤuft ſei - nen alten Nachbar nun ſchon in das zehnte Jahr mit Geſchenken, und weis nicht, daß ſein alter Nachbar ohne Teſtament ſterben wird. Wie vie - le Schriftſteller durchwachen ihr ganzes Leben, ſchreiben ſich hypochondriſch, ſchimpfen, und ma - chen ſich laͤcherlich, und erwarten die Belohnung von dem Beyfalle der Nachwelt; aber ſchon ze - hen Jahre vor ihrem Tode ſind ſie vergeſſen! Ent - ſchuldigt man die Hoffnung des Ariſts, des Pa - tins, und unſrer großen Gelehrten, und will doch die Hoffnung des ehrlichen Kleants nicht ent - ſchuldigen?
Kein Maͤkler, der von einem unmuͤndigen Ver - ſchwender fuͤnf und zwanzig pro Cent genommen hat, kann ſo aͤngſtliche Gewiſſensbiſſe empfinden, als ich itzt empfinde, da ich diejenigen Stellen uͤber - ſehe, wo ich von dem Frauenzimmer mit einer Art geredet habe, die freylich einer Schmeicheley nicht gar zu aͤhnlich ſieht. Jtzo fuͤhle ich erſt, Madame, wie gerecht die Vorwuͤrfe geweſen ſind, welche ſie mir oft daruͤber gemacht haben. Jch ſehe ſie, als eine Bevollmaͤchtigte ihres ganzen Ge -O oſchlechts578[576]Abbitteſchlechts an; und eben um deßwillen werfe ich mich vor ihnen auf meine Kniee, bezeuge ihnen die bußfertigſte Reue, kuͤſſe ihre Haͤnde, und bitte um Vergebung. Koͤnnte man wohl eine verwegnere Laͤſterung erdenken, als die war, da ich ſagte, daß man den Frauenzimmern wenigſtens die Haͤlfte der menſchlichen Fehler vorwerfen koͤnne, da ſie die Haͤlfte des menſchlichen Geſchlechts ausmachten? Jch habe die Verwegenheit gehabt, zu ſagen, daß Selinde eitel genug iſt, auf ihre Schoͤnheit ſtolz zu ſeyn; daß Orimene die Verdienſte anderer nur nach dem aͤußerlichen Putze ſchaͤtzt; daß Leo - nore von der ganzen Stadt Boͤſes ſpricht; daß Celſa durch ihre Rangſtreitigkeiten die freund - ſchaftlichſten Familien in Uneinigkeit verwickelt; daß Alcimedore durch ihren unuͤberlegten Auf - wand den Mann an den Bettelſtab, und ihre Kin - der um das Brodt bringt; daß die fromme Agneſe unverſoͤhnlich wuͤtet, ſobald ſie beleidigt wird; daß es bey Roſamunden ein Theil ihres Gottes - dienſtes iſt, wenn ſie ſich geputzt in der Kirche ſehen laͤßt; daß Florinde ſich weder der Wirth - ſchaft, noch der Erziehung ihrer Kinder annimmt, welche doch gewiſſer ihre, als ihres Mannes Kin - der ſind; daß Kalliſte pedantiſch ſtolz iſt, weil ſie noch etwas mehr verſteht, als das Kochen; daß eine Frau aus der großen Welt zu heirathen, fuͤr viele ein gewiſſer Schritt zum Hoſpitale iſt; daß Gurda eine Thoͤrinn iſt, weil ſie noch ſo eitel ſeyn kann, ihrem verrunzelten Geſichte Anbeter zu erbuhlen.
Das579[577]und Ehrenerklaͤrung.Das alles, und vielleicht noch mehr zu ſagen, habe ich die Verwegenheit gehabt! Jch erſchrecke uͤber dieſes Suͤndenregiſter! Es iſt alles wahr, was ich geſagt habe; es iſt vielleicht nur der drit - te Theil von dem, was ich haͤtte ſagen koͤnnen; ich habe nur eine Gurda genennt, und doch ken - ne ich in der Stadt, wo ich itzt wohne, zweyhun - dert Schweſtern von ihr, und hundert in der Stadt, wo ich ſonſt gewohnt habe: Aber alles dieſes recht - fertigt mich nicht. Haͤtte ich nicht uͤberlegen ſol - len, daß man einem Frauenzimmer niemals ver - drießliche Wahrheiten ſagen darf, daß man ihnen nur ſchmeichelt, daß eine Schmeicheley von dieſer Art bey vielen das einzige Mittel iſt, ihre Freund - ſchaft zu erhalten, daß man ihre Thorheiten we - nigſtens entſchuldigen muß, wenn ſie gar zu merk - lich ſind, als daß man ſie ganz uͤberſehen koͤnnte? Und wie unbeſonnen habe ich gehandelt! Wie viel wuͤrden wir Mannsperſonen verlieren, wenn das Frauenzimmer durch dergleichen Vorwuͤrfe und lehrende Satiren anfienge, ſeine Fehler zu er - kennen! Den Augenblick darauf wuͤrden ſie auch unſere Fehler kennen, und die Haͤlfte der Anbeter wuͤrde von ihren Nachttiſchen verſcheucht werden, wenn ſie durch die Erkenntniß ihrer eigenen Feh - ler lernen ſollten, daß die Haͤlfte ihrer Anbeter laͤcherliche Thoren ſind. Was fuͤr Verwuͤſtun - gen haͤtte ich in der galanten Welt anrichten koͤn - nen! Tauſend Mannsperſonen haͤtte ich grauſam um ihre Verdienſte gebracht, deren ganze Ver - dienſte in einer feinen Manſchette, in einem wohlO o 2zuge -580[578]Abbittezugeſchnittenen Kleide, in neumodiſch gekraͤuſel - ten Haaren, in einer unverſchaͤmten Lebhaftig - keit, und in einem allerliebſtartigen Faſeln be - ſtehen.
Gnade, Madame! Jch will mich auf den Mund ſchlagen. Nur noch das einzigemal wir - ken ſie mir bey ihrem Geſchlechte Vergebung aus. Sehen ſie meine Wahrheiten fuͤr un - uͤberlegte Jugendfehler an. Seit geſtern bin ich aͤlter geworden; heute denke ich viel gruͤnd - licher, und weit gefaͤlliger. Dieſes iſt mei - ne Abbitte; ſind ſie damit zufrieden? ‒ ‒ Auch noch einen Widerruf wollen ſie haben? Gut! Hier haben ſie eine foͤrmliche Palinodie: Fragen ſie Kalliſten, was das heiße?
Hatte Selinde nicht Urſache, auf ihre Schoͤn - heit ſtolz zu ſeyn, da dieſe Schoͤnheit ihren ganzen Werth ausmacht, und da ſie alle Tage hoͤrt, daß man nichts, als dieſe Schoͤnheit an ihr bewun - dert? Schon in ihren erſten kindiſchen Jahren, ward ſie daran gewoͤhnt, daß man ſie ein allerliebſt ſchoͤnes Kind nannte. Jn den Jahren, wo die Maͤdchen anfangen, die Aufmerkſamkeit der Mannsperſonen zu verſtehen, verdoppelten ſich dieſe Schmeicheleyen. Einer von ihren Anbetern zerſchmolz vor den feurigen Blicken ihrer ſtralen - den Augen; ein anderer beſang ihren Mund; der dritte kuͤßte ihre runde Hand mit einer ehrerbieti - gen Entzuͤckung; alle bewunderten ihre Schoͤnheit, und keiner ſagte ein Wort von ihrem Verſtande,oder581[579]und Ehrenerklaͤrung. oder ihrer Tugend. War es wohl anders moͤg - lich, als daß Selinde ſich von Jugend auf ge - woͤhnen mußte, zu glauben, der ganze Werth ei - nes Frauenzimmers beſtehe in der Schoͤnheit, und daß ſie Verſtand und Tugend, als einen ſehr ent - behrlichen Nebenumſtand anſahe, da Mannsper - ſonen, welche ſich das Recht anmaßen, vom Ver - ſtande und von der Tugend zu urtheilen, davon gegen ſie niemals, und nur einigemal gegen ihre alte Mutter etwas erwaͤhnten? Daß ſie Klean - tens Frau geworden iſt, das hat ſie weder ihrem Verſtande, noch ihrer Tugend, ſondern bloß ihrer reizenden Miene, und einem wohlgewaͤhlten An - putze zu danken, welcher vor etlichen Jahren auf einem Balle ihrem Manne ſo gefaͤhrlich war. Noch itzt, da ihr Mann, welcher zu leben weis, ſie, als ſeine Frau, weiter nicht liebt, noch itzt fin - det man ſie von einer Menge Maͤnner, und unver - heiratheter Mannsperſonen belagert, von denen ſie weiter nichts, als Lobſpruͤche ihrer Schoͤnheit hoͤrt. Verſtuͤnde Selinde dieſe eigennuͤtzigen Schmeicheleyen der Mannsperſonen, ſo wuͤrde ſie dadurch ſehr gedemuͤthigt werden; denn ſie wuͤrde ſehen, daß dieſe Schmeichler aus eiteln, und ge - meiniglich unanſtaͤndigen Abſichten, ſehr fluͤchtige, und zufaͤllige Vorzuͤge an ihr bewundern, und daß ein jedes Lob, welches man nur ihrer Schoͤnheit giebt, nichts anders, als ein ſtillſchweigender Vor - wurf iſt, daß man ſie in zehn Jahren, und viel - leicht noch eher, mit Verachtung anſehen werde. Mit einem Worte: Nur wir Mannsperſonen ſindO o 3Schuld582[580]AbbitteSchuld daran, daß die ſchoͤne Selinde eine eitle Thoͤrinn iſt. Und doch bin ich ſo ungerecht ge - weſen, ihr einen Vorwurf zu machen, der nur auf uns Mannsperſonen zuruͤck fallen ſollte! Ver - ſichern ſie Selinden, Madame, daß mir dieſe Ue - bereilung ſehr nahe geht, und daß ich aus wahrer Reue ein Geluͤbde gethan habe, alle Leute zu ver - ſichern, daß ſie anfange, haͤßlich, aber auch ver - nuͤnftig zu werden. Wird Selinde wohl mit die - ſer Schmeicheley zufrieden ſeyn? Was glauben ſie davon, Madame?
Sonder Zweifel erwartet Orimene eben der - gleichen Abbitte, und Ehrenerklaͤrung von mir, da ich ihr Schuld gegeben habe, daß ſie die Ver - dienſte anderer nur nach ihrem aͤußerlichen Putze zu ſchaͤtzen gewohnt ſey. Wenn ſie zwar dieſen Vorwurf unpartheyiſch uͤberlegen will, ſo wird ſie geſtehen muͤſſen, daß ich Recht habe: Aber auch nicht einmal gegruͤndete Vorwuͤrfe ſoll man dem Frauenzimmer machen, da die meiſten nur Schmeicheleyen von den Mannsperſonen verlan - gen. Es iſt wahr, Orimene, welche das Un - gluͤck hat, nicht gar zu ſchoͤn zu ſeyn, iſt den gan - zen Tag uͤber beſchaͤfftigt, den Mangel ihrer Schoͤn - heit durch einen wohlgewaͤhlten, und in die Augen fallenden Anputz zu verbergen. Sie ißt, und trinkt, ſie ſchlaͤft, ſie putzt ſich, und unterſucht den Putz anderer; das iſt ſeit funfzehn Jahren ihr Beruf, den ſie mit ſolcher Sorgfalt beobachtet, als wenig Leute ihren Beruf in Obacht zu neh -men583[581]und Ehrenerklaͤrung. men pflegen. Sie ſteht mit einer kunſtrichterli - chen Miene am Fenſter, und laͤßt alle Weſten und Manſchetten, alle Andriennen und Kopfputze die Muſterung paſſiren. Der junge Herr, welcher dort die Allee herunter getanzt koͤmmt, hat eine reiche Weſte, und dergleichen Aufſchlaͤge, von einem ganz neuen und ſehr guten Geſchmacke. Sie kann gar nicht begreifen, warum der Hof dieſem liebenswuͤrdigen Menſchen die Praͤſidentenſtelle abgeſchlagen hat. Wer iſt der finſtre Mann in dem abgetragnen Sammetkleide, und der altvaͤ - teriſch geſtickten Weſte, welcher dort in der Haus - thuͤre mit zween armen Buͤrgern, ſo gelaſſen und freundſchaftlich ſpricht? ‒ ‒ Jſt das moͤglich! Alſo iſt dieſer der wuͤrdige Praͤſident, an welchem der Hof ſo viele Verdienſte gefunden hat? Was iſt das fuͤr eine Perucke! Unfehlbar muß er dieſe Perucke auch an ſtatt der Nachtmuͤtze brauchen; denn ſonſt koͤnnte ſie unmoͤglich ſo verwirrt ausſe - hen. Und die Manſchetten! Ganz gewiß ſind das noch Erbſtuͤcken von ſeinem ſeligen Vater. Sehe ich recht? Unmoͤglich! Doch wahrhaftig, ja! Zwey Loͤcher hat er in den ſchwarzen Struͤmp - fen! Gerechter Himmel! Und einen ſolchen Mann macht der Hof zum Praͤſidenten! Das arme Land! Auf dieſe Art beurtheilt Orimene die Ver - dienſte der Menſchen, wenn ſie in ihrem Erker Ge - richt haͤlt; auf dieſe Art theilt ſie Aemter aus, und ſetzt andere von ihren Aemtern ab; auf dieſ Art pruͤft ſie ihre Freunde und Freundinnen; ſ[ie]lobt und tadelt auf dieſe Art. Aber thut Ori -O o 4mene584[582]Abbittemene etwas anders, als was wir alle Tage thun? Bey dem erſten Anblicke eines Menſchen iſt ſein Anzug der entſcheidende Umſtand, ob wir ihn hoch ſchaͤtzen, oder verachten ſollen. Sind dieſe Vor - urtheile uͤbereilt, ſo wird gemeiniglich viel Zeit, und ein genauer Umgang erfodert, wenn wir dieſe uͤbereilten Vorurtheile aͤndern ſollen. Ein vernuͤnftiger Menſch wird die Gelegenheit zu der - gleichen Vorurtheilen wider ſich vorſichtig vermei - den, und nach ſeinen Umſtaͤnden den aͤußerlichen Putz ſorgfaͤltig einrichten, weil dieſer allemal eher in die Augen faͤllt, als ſein Verſtand, den man erſt ſuchen muß. Und doch will man Orimenen es uͤbel nehmen, daß ſie es ihre einzige Beſchaͤff - tigung ſeyn laͤßt, den Anputz zu unterſuchen, und nach ſolchem die Verdienſte der Menſchen zu be - ſtimmen? Jſt dieſes ein Fehler von ihr, ſo ſind auch an dieſem Fehler nur die Mannsperſonen Schuld. Alle, die mit ihr umgegangen ſind, ha - ben ſich mehr von Spitzen und Stoffen mit ihr un - terhalten, als von ernſthaften Sachen. Ein je - der hat darinnen des andern beſondern Geſchmack zu uͤbertreffen geſucht: Und weil ein jeder Eigen - liebe genug gehabt, Orimenen zu verſichern, daß er Verſtand und Verdienſte beſitze; ſo hat endlich Orimene glauben muͤſſen, daß in dem aͤußerli - chen Anputze, und in der Kunſt, ſelbigen zu be - urtheilen, Geſchmack und Verdienſte beſtehen. Sind alſo wir Mannsperſonen nicht die ungluͤck - liche Urſache, daß Orimene alle ihre Tugenden dem Schneider und der Putzmacherinn zu dankenhat,585[583]und Ehrenerklaͤrung. hat, und daß ſie ganz ohne Verdienſte iſt, ſo bald ſie ſich ausgekleidet hat?
Leonore, welche von der ganzen Stadt Boͤ - ſes ſpricht, hat es bloß meinem zerknirſchten Ge - wiſſen, und meiner uͤbertriebnen Buße zu danken, daß ich auch ihr eine Abbitte und Ehrenerklaͤrung thue, da ſie doch von mir ſelbſt ſo oft, und ſo viel Boͤſes geſprochen hat. Der nachdruͤcklichſte Wi - derruf, den ich thun kann, wird dieſer ſeyn, wenn ich die Urſachen anzeige, warum ſie von der gan - zen Welt in einem Tage mehr Boͤſes ſpricht, als die ihr ſo fuͤrchterlichen Satirenſchreiber in zwan - zig Jahren nicht koͤnnen drucken laſſen. Leonore hat Witz; ſie fuͤhlt ihn, und wuͤnſcht, daß dieſer Witz bemerkt, und bewundert werden moͤge. Jſt dieſes ja ein Fehler, ſo iſt es doch ein maͤnnlicher Fehler, den ſie mit vielen Gelehrten, und mit allen witzigen Scribenten gemein hat. Duns ſpottet der Religion, um geleſen, und von an - dern Narren bewundert zu werden. Puff ſchmiert die groͤbſten Spoͤttereyen wider den Prin - zen, wider die Regierung, wider ſeine Obern, und wider alle, denen er Hochachtung und Ehrfurcht ſchuldig iſt: Warum? Um geleſen, und von an - dern Narren bewundert zu werden. Und Leonore redet von der ganzen Stadt Boͤſes, damit ſie in Geſellſchaften gehoͤrt, und ihr Witz bewundert werde. Wie viele Sittenlehrer predigen Tugend, ohne die Tugend zu kennen! Unendliche VorzuͤgeO o 5vor586[584]Abbittevor ihnen hat Leonore, welche alle Ausſchweifun - gen, alle laͤcherlichen Fehler, alle Thorheiten, die ſie von andern erzaͤhlt, ſelbſt, und aus der Erfah - rung ſehr genau kennt. Niemand weis die klei - nen Hahnreyhiſtorien ſo gut, wie ſie, zu erzaͤh - len; aber auch niemand weis ſo gut, wie ſie, was dazu gehoͤrt. Der Hochmuth ihrer Nachbarinn iſt fuͤr ihre Spoͤtterey eine unerſchoͤpfliche Qvelle: Aber dieſe hochmuͤthige Nachbarinn hat ihr den Rang ſtreitig gemacht. Wollen ſie Leonoren recht lebhaft und beredt ſehen, ſo bringen ſie nur ſelbige auf Henriettens Spielſucht; denn Henriette hat ihr in voriger Woche zwanzig Ducaten abge - wonnen. Die Frau Doctorinn iſt ein eitler, laͤ - cherlicher, und bettelſtolzer Affe: Warum? Leo - nore hat mirs geſagt; denn die Frau Doctorinn hat ihr den reichen Stoff vorgekauft, mit dem ſie bey dem letzten Balle ſich ſelbſt ausputzen wollte. Habe ich alſo nicht recht geſagt, daß Leonorens Spoͤttereyen weit erbaulicher ſind, als alle mora - liſche Tugendpredigten unſrer finſtern Sittenrich - ter, da Leonore alle Thorheiten ſelbſt kennt, und aus eigner Erfahrung uͤber ſie ſpottet? Aber Leo - nore gewinnt bey dieſen bittern Spoͤttereyen ſehr viel. Wenn ſie mit dem Finger auf einen Tho - ren weiſt, ſo ſieht jedermann auf dieſen Thoren, und auf ſie niemand. Wie ruhig kann nunmehr Leonore ihre eignen Fehler genießen! Jch habe ſchon oben geſagt, daß Leonore vornehmlich um deßwillen ſo viel Boͤſes von andern ſpricht, damit ſie ihren Witz zeigen koͤnne: Es faͤllt mir gleichein,587[585]und Ehrenerklaͤrung. ein, daß dieſe Entſchuldigung darum ſehr erheb - lich iſt, weil man niemals aufmerkſamer iſt, und niemals mit mehrerm Beyfalle lacht, als wenn ſie Boͤſes ſpricht. Zwingt ſie ſich aber ja einmal, und redet von ihren Nachbarn Gutes, ſo wird ſie nicht bemerkt, am wenigſten bewundert: Denn Seladon pfeift gedankenlos, ohne auf ſie zu hoͤ - ren; Narciß legt die Falten ſeiner Manſchetten in Ordnung, und trellert; der fuͤrſtliche Rath gaͤhnt, und ſeine alte Gemahlinn ſpricht mit einer verdrieß - lichen Beyfaͤlligkeit, wenn ſie hoͤrt, daß Leonore ſo viel Gutes von ihrer Freundinn erzaͤhlt: Jſt das moͤglich! Hum! Ja, es mag eine ganz ehrbare Frau ſeyn. Je nun! man muß zu allen Sachen das Beſte reden! Aber es iſt heute erſchrecklich ſchwuͤles Wetter; wir krie - gen auf den Abend gewiß ein liebes Gewitter. Koͤnnen ſie es Leonoren, die auf ihren Witz ſo ſtolz iſt, wohl verdenken, wenn ſie durch Spoͤttereyen die Aufmerkſamkeit und den Beyfall der Geſellſchaft zu erhalten ſucht, da ſie beides verliert, wenn ſie von ihrem Naͤchſten Gutes ſpricht? Hat ſie ja Un - recht, ſo faͤllt die Haͤlfte der Verantwortung auf ihre Geſellſchaft, welche die Verleumdung liebt. Jch bitte ſie, Madame; ſagen ſie es Leonoren, wie vortheilhaft ich ihre ungerechte Sache vertheidigt habe. Es iſt gewiß Schade, daß ich kein Advo - cat geworden bin!
Aber wie werde ich es machen, daß die hoch - muͤthige Celſa auf ihren unterthaͤnigſten Wurmherab -588[586]Abbitteherabſieht, da ich ſie mit der unehrerbietigen Wahr - heit beleidigt habe, daß ſie durch ihre Rangſtrei - tigkeiten, auch die freundſchaftlichſten Familien in bittere Feindſchaft verwickele? Dieſen Ehrgeiz werde ich nicht beſſer entſchuldigen koͤnnen, als wenn ich die Urſachen getreu erzaͤhle, welche Cel - ſen zu dieſen Feindſeligkeiten bewegen. Celſa hat das ſeltne Gluͤck, ſich ſelbſt zu kennen; und dieſes hat ſie von ihren Vorzuͤgen dergeſtalt uͤberzeugt, daß ſie die Pflichten gegen ſich ſelbſt verletzen wuͤr - de, wenn ſie nicht dieſen Vorzuͤgen ihr Recht wie - derfahren laſſen wollte. Da ſie es einmal ſo weit gebracht hat, von ihren eignen Vollkommenhei - ten uͤberfuͤhrt zu ſeyn; ſo iſt, wie man leicht glau - ben kann, dieſes eine von ihren angenehmſten Be - ſchaͤfftigungen, daß ſie taͤglich neue Vollkommen - heiten an ſich ausſpaͤhet, und ihrem Schoͤpfer die Ehre thut, ſich zu bewundern. Dieſe eigne Be - wunderung wuͤrde fuͤr ſie nur halb ſo angenehm und erbaulich ſeyn, wenn ſie nicht mit einer bittern Aufmerkſamkeit die Unvollkommenheiten anderer unterſuchte. Aus dieſer Unterſuchung kann nichts anders, als Mitleid, oder Verachtung kommen; denn alle Perſonen, die ſie noch zur Zeit hat kennen lernen, ſtehen ſo unendlich weit unter ihr, daß ſie es bloß der unerforſchlichen Langmuth des Himmels zuſchreibt, daß dergleichen unedle Geſchoͤpfe mit ihr in die Welt geſetzt ſind, und mit ihr leben. Sie will, ſo viel moͤglich, dieſes Ver - ſehen der Natur wieder gut machen; ſie entzieht ſich daher des Umganges mit dieſen veraͤchtlichenGe -589[587]und Ehrenerklaͤrung. Geſchoͤpfen, die ſich auch Menſchen nennen, gaͤnz - lich, oder, wenn ſie das nicht thun kann, ſo will ſie doch ihre Vorzuͤge vor ihnen behaupten. Sie weis das Spruͤchwort, daß man nicht mehr Ehre hat, als man ſich ſelbſt giebt; ſie giebt ſich alſo ſo viel Ehre, als ſie ihren Vollkommenheiten ſchul - dig zu ſeyn glaubt. Und da dieſe freylich andern Leuten ſo deutlich nicht in die Augen fallen, ſo be - hauptet ſie dieſe Vorzuͤge mit Zank und Heftig - keit: Und wenn jemand ſo verwegen iſt, ihr zu widerſtehen, ſo iſt ihr Mann, wenn er anders ih - rer nicht unwuͤrdig ſeyn will, allerdings ſchuldig, ſie zu vertheidigen, und ihr durch den Beyſtand des Richters Gerechtigkeit zu verſchaffen. Das nennen ihre Feinde Rangſtreitigkeiten: Aber ſie nennt es eine Pflicht gegen ſich ſelbſt. Wem alle dieſe Entſchuldigungen ein wenig zu tiefſinnig, und metaphyſiſch vorkommen moͤchten, dem will ich noch deutlichere Urſachen angeben, die aller - dings mehr in die Augen fallen. Wollen wir es etwan der Celſa verdenken, daß ſie mit feindſeli - gem Sturme, und mit Beleidigung anderer einen Rang behauptet, der ihr, wie ſie uͤberzeugt iſt, gehoͤrt? Wie viel hat es ſich Celſa koſten laſſen, in dieſen Stand zu kommen, in dem ſie itzo lebt! Sie uͤberließ ihre Hand einem Manne, welcher wie der Poͤbel dachte, und wie der Poͤbel lebte. Durch ſeine Ausſchweifungen war ſein gebrechli - cher Koͤrper noch ekelhafter, und ſeine dicke Seele noch duͤmmer geworden. Er hatte ſich in eine druͤckende Laſt von Schulden geſteckt, die er nichtbezah -590[588]Abbittebezahlen konnte: Aber ſeine Geburt, und ſein Amt gaben ihm einen gewiſſen Rang, welcher Celſen ſo anſehnlich vorkam, daß ſie ihm alle ſeine Maͤn - gel und Untugenden verzieh, und auch ihre Reich - thuͤmer ihm uͤberließ. Jſt es wohl unbillig, daß ſie ſich dafuͤr bezahlt macht, und den Rang mit Gewalt behauptet, dem ſie ihren Geſchmack, und ihr Vermoͤgen aufgeopfert hat? Noch eins: Jhr Vater war der niedertraͤchtigſte Wucherer in der Stadt; um ſich einen kleinen Vortheil zu ver - ſchaffen, war ihm keine Erniedrigung zu ſchimpf - lich: Dieſen Fehler ihres Vaters muß ſie wieder gut machen. So oft ſie einen Rangſtreit anfaͤngt, ſo oft glaubt ſie das Andenken ihres Vaters aus dem Staube zu erheben, und einen Theil ihrer kindlichen Pflicht zu erfuͤllen. Sehen ſie, gebie - tende Celſa, wie viel Gewalt ich mir, und der Wahr - heit anthue, ihren Ehrgeiz zu vertheidigen! Ver - zeihen ſie mir meinen Autorfehler, den ich began - gen habe. Jch lege mich zu ihren Fuͤßen, und ſchwoͤre ihnen bey ihnen ſelbſt, daß ich es kuͤnftig keinem Menſchen wieder ſagen will, daß ſie eine hoch - muͤthige Thoͤrinn ſind, welche den Mangel eigner Vollkommenheiten dadurch verbergen will, wenn ſie andern ihre Vorzuͤge ſtreitig macht.
Jch kann es nicht laͤugnen; ich habe geſagt, daß Alcimedore durch einen unuͤberlegten Auf - wand ihren Mann an den Bettelſtab, und ihre Kinder um das Brodt bringt: Aber ich haͤtte be - denken ſollen, daß dieſes ein ſehr gemeiner Fehleriſt,591[589]und Ehrenerklaͤrung. iſt, der Alcimedoren bey der heutigen Welt eben ſo viel Ehre bringt, als nachtheilig er ihr vor hun - dert Jahren geweſen ſeyn wuͤrde. Jhr Mann heirathete ſie, weil er ſie fuͤr reich hielt: Er ver - langte alſo von ihr Geld, nicht aber, daß ſie eine vernuͤnftige Frau, eine vorſichtige Wirthinn, oder eine ſorgfaͤltige Mutter ſeyn ſollte. Was er ver - langte, hat ſie ihm gegeben; alſo kann er weiter nichts von ihr fodern. Jhr Vermoͤgen war bey weitem ſo anſehnlich nicht, als er glaubte. Dem ungeachtet hat ſie als Frau ein Recht, noch zehn - mal ſo viel aufzuwenden, als ihr Vermoͤgen be - traͤgt. Wird ihr Mann bankerutt, was kann das ihr ſchaden? Deſto vortheilhafter wird es fuͤr ſie ſeyn. Ja, wenn man die Sache genau, und recht unpartheyiſch anſehen will, ſo iſt ihre Ver - ſchwendung nichts, als eine Art von guten Wer - ken, zu denen ſie ihre Pflicht und ihr Gewiſſen verbindet; denn ſie bringt dasjenige Vermoͤgen wieder unter die Leute, das ihr Mann auf ſo vie - lerley unverantwortliche Art zuſammen wuchert. Aber ſie bringt doch ihre unſchuldigen Kinder um das Brodt! Was fuͤr ein altvaͤteriſcher Gedanke! Sorgt denn bey uns die Mutter fuͤr das Brodt der Kinder, oder muß das der Vater thun? Bey dem vertrauteſten Umgange mit ihrem Manne, und ihres Mannes Freunden, iſt das niemals ihre Hauptabſicht geweſen, Mutter zu werden: Da nun die Kinder wider ihren Willen leben, koͤnnen ſie der Mutter wohl zumuthen, daß ſie fuͤr ihr Le - ben ſorgen ſoll? Mit einem Worte: Alcime -dore592[590]Abbittedore verſchwendet; ſie bringt ihren Mann an den Bettelſtab; ſie ſtuͤrzt ihre Kinder in die veraͤcht - lichſte Armuth: Aber Alcimedore iſt eine Frau, die zu leben weis.
Daß die fromme Agneſe unverſoͤhnlich wuͤ - tet, wenn ſie beleidigt wird; das iſt auch eine von den unuͤberlegten Wahrheiten, die mir itzo viel Gewiſſensunruhe machen. Agneſe hat gute Urſachen, ſich ſehr leicht zu erzuͤrnen. Sie weis ihre tugendhaften Vollkommenheiten, die ihr ei - nen ſo anſehnlichen Rang uͤber alle ſuͤndige Men - ſchen verſchaffen. Jſt es nicht eine Verwegen - heit, wenn ein Menſch, der kaum halb ſo viel be - tet, ſich unterſtehen will, ſie zu beleidigen? Das Andenken ihrer jugendlichen Ausſchweifungen muß ihr empfindlich ſeyn, wenn man ſie daran er - innert, und ſie dadurch in der ſchmeichelhaften Einbildung einer heiligen Vollkommenheit ſtoͤrt. Wer ſie beleidigt, der beleidigt die ganze Kirche. Sie iſt ihre unverſoͤhnliche Wut der Religion ſchul - dig, um andere abzuſchrecken, daß ſie diejenigen nicht verwegen antaſten, welche der Religion ſo viel Ehre machen. Agneſe verdammt mit einer liebloſen Zuverſicht: Aber ſie verſaͤumt keine Kirche. Sie iſt neidiſch uͤber das unverdiente Gluͤck ande - rer Menſchen: Aber ſie hat eine Predigt geſtiftet. Es iſt wahr, ſie wuchert mit Pfaͤndern, und druͤckt ihre armen Schuldner unbarmherzig: Aber ſie hat auch der Kirche einen koſtbaren Schmuck geſchenkt. Sie laͤßt die Duͤrftigen hungern, und preßt einemarmen593[591]und Ehrenerklaͤrung. armen Bettler durch ihre grauſamen Vorwuͤrfe Thraͤnen aus, ehe ſie ihm ein trocknes Stuͤck Brodt zuwirft: Aber ſie faſtet alle Wochen einmal. Sie iſt rachſuͤchtig, und wuͤtet unverſoͤhnlich, wenn ſie beleidigt wird: Aber ſie iſt fromm.
Jch will es geſtehen, es iſt von mir ein großer Leichtſinn geweſen, daß ich Roſamunden Schuld gegeben habe, es ſey ein Theil ihres Gottesdien - ſtes, wenn ſie ſich geputzt in der Kirche ſehen laͤßt. Roſamunde thut in der Kirche mehr nicht, als was andre Frauensperſonen, an ihrem Nachttiſche thun. Sie bewundert ſich, und laͤßt ſich bewun - dern. Ein jeder, von welcher Secte er auch ſey, verdient eine gewiſſe Hochachtung, wenn er das, was er in ſeiner Religion glauben ſoll, mit Ueber - zeugung, und mit einem beſcheidnen Eifer glaubt: Und dieſe Hochachtung verdient Roſamunde dop - pelt. Sie hat es der Unterweiſung ihrer Mutter, deren voͤlliges Ebenbild ſie iſt, zu danken, daß ſie von der Religion uͤberhaupt ſehr beqveme Begriffe, und insbeſondere vom Sonntage dieſen hat, daß er nichts anders ſey, als ein gewiſſer Tag in der Woche, wo das Frauenzimmer zwo Stunden eher aufſteht, als an den andern Tagen, um ſich die Haare auf das ſorgfaͤltigſte friſiren zu laſſen, und ein Kleid anzulegen, welches die andaͤchtige Auf - merkſamkeit der Nebenchriſten auf ſich ziehen kann, in deren Geſellſchaft man drey Stunden lang ſtilleP pſitzt,594[592]Abbitteſitzt, um bewundert zu werden, und andere zu richten. Roſamunde glaubt, daß nur zu dieſem Ende der Sonntag erdacht ſey, und das glaubt ſie mit einer ſo lebhaften Ueberzeugung, daß ſie ſeit ihrem vierzehnten Jahre nicht einen einzigen Sonntag ausgeſetzt hat, ihren Gottesdienſt auf dieſe Art zu verrichten. Haͤtte man ihr beſſere Begriffe von der Religion beygebracht, ſo wuͤrde ſie eben ſo wohl im Stande ſeyn, ſich nach dieſen beſſern Begriffen mit Eifer zu richten. Aber, da ſie nur das erbauende Exempel ihrer wertheſten Mama vor ſich gehabt hat, da alle, die mit ihr re - den, nur von Goͤttinn und Anbetung reden: So kann man es ihr gar nicht verdenken, daß Exem - pel und Schmeicheley ſie, bey ihrer natuͤrlichen Eigenliebe, zu einer ſolchen Abgoͤtterey gegen ihre kleine Perſon gebracht haben. Das muß man wohl bedenken, wenn man billig ſeyn will: Und ſo billig haͤtte ich auch ſeyn ſollen!
Wie werde ich es bey Florinden verantwor - ten koͤnnen, von der ich geſagt habe, daß ſie ſich weder der Wirthſchaft, noch ihrer Kinder annehme, welche doch gewiſſer von ihr, als von ihrem Manne ſind? Vielleicht hat ſie es nicht einmal uͤbel ge - nommen; denn Florinde kennt die Welt. Die Zucht ihrer Kinder uͤberlaͤßt ſie dem Geſinde. Sie wuͤrde es fuͤr einen ſehr empfindlichen Vor - wurf halten, wenn ich ihr nachruͤhmen wollte, daßſie595[593]und Ehrenerklaͤrung. ſie eine gute Wirthinn ſey, weil ſie wohl weis, daß dieſes eine ſehr buͤrgerliche Tugend iſt. Und am allerwenigſten wird ſie daruͤber empfindlich, wenn man ihre Treue gegen den Mann in Zweifel zieht, da dieſes nur ein deſto ſtaͤrkerer Beweis ih - rer Schoͤnheit, ihrer Verdienſte, und der Hoch - achtung iſt, welche die Welt fuͤr ſie hat. Und alſo hat ſie vielleicht meine Wahrheit nicht einmal uͤbel genommen! Aber geſetzt auch, es waͤre ge - ſchehen, ſo weis ich ein Mittel, ſie wieder zu be - ſaͤnftigen. Bey der naͤchſten Gelegenheit will ich ihr eine Schmeicheley auf Unkoſten anderer Frauen - zimmer ſagen; ich will ſie mit boshaften Neuig - keiten von ihrer Freundinn verſehen, damit ſie in Zuſammenkuͤnften Gelegenheit habe, witzig zu ſeyn; allenfalls ſpiele ich mit ihr, und laſſe ſie ge - winnen; und wenn ſie bey aller dieſer Buße noch unverſoͤhnlich bleibt, ſo will ich die Rolle eines An - beters nehmen, damit ich die Zahl ihres zaͤrtlichen Troſſes vermehre, und ihr das Vergnuͤgen mache, mich verachten zu koͤnnen. Denn das wuͤnſcht ihr Ehrgeiz, daß ſich die Anzahl ihrer Anbeter ver - mehre, und daß ſie einige darunter habe, bey wel - chen es ihr nicht ſchwer ankomme, grauſam zu ſeyn. Jch glaube, ich bin gedemuͤthigt genug, wenn ich mich dieſer Strafe unterwerfe.
Kalliſte iſt pedantiſch ſtolz, weil ſie etwas mehr verſteht, als das Kochen. Jch habe das geſagt, es iſt wahr: Aber wenn auch Kalliſte dieſenP p 2Feh -596[594]AbbitteFehler hat, ſo iſt ſie wenigſtens zu entſchuldigen. Und am meiſten muͤſſen wir Mannsperſonen ſie entſchuldigen, weil nur wir an dieſem Fehler, wie an den meiſten Fehlern der Frauenzimmer, Urſache ſind. Wir fuͤrchten uns zu ſehr vor dem faͤhigen Verſtande und Witze des weiblichen Geſchlechts, als daß wir uns Muͤhe geben ſollten, ihren Ver - ſtand und Witz ſorgfaͤltig zu bilden, und ſie an dem Ruhme der Gelehrſamkeit Antheil nehmen zu laſ - ſen. Sie wuͤrden uns einen gewiſſen Vorzug ent - reiſſen, welcher beynahe der einzige noch iſt, den wir vor ihnen behaupten. Wir ſind ſchon eifer - ſuͤchtig genug, daß fuͤr ſie die Schoͤnheit ein vor - zuͤgliches Geſchenk der Natur iſt: Jch nehme unſre maͤnnlichen Puppen zu Zeugen, daß wir auf dieſes Geſchenk eiferſuͤchtig ſind. Schon der na - tuͤrliche Verſtand unſrer Frauensperſonen iſt ſo durchdringend, daß es fuͤr unſre angemaßte Herr - ſchaft doppelt gefaͤhrlich ſeyn wuͤrde, wenn wir dieſen natuͤrlichen Verſtand durch Fleiß, Buͤcher, und gelehrte Bemuͤhungen noch mehr ausbilden wollten. Es iſt dieſes ohnedem nur noch der Schatten der Herrſchaft, mit der wir uns bruͤſten, da wir alle andre Arten der Herrſchaft, ſchon ſeit undenklichen Jahren an das weibliche Geſchlecht verloren haben. Wir erſticken daher mit einer tyranniſchen Vorſicht alle Begierde, welche das Frauenzimmer bewegen koͤnnte, ihren Verſtand durch Schriften und Gelehrſamkeit noch mehr aus - zubilden. Und weil wir es nicht wagen duͤrfen,den597[595]und Ehrenerklaͤrung. den Frauenzimmern ſolches ernſtlich zu verbieten, da ſie, als Frauenzimmer, gewohnt ſind, dasjenige am eifrigſten zu thun, was ihnen am ſchaͤrfſten ver - boten wird: ſo wiſſen wir ſie ſchon durch andere Beſchaͤfftigungen zu zerſtreuen. Jn vorigen Zei - ten ließ man ſie fuͤr den groͤßten Theil der Wirth - ſchaft ſorgen, und uͤbergab ihnen die Erziehung der Kinder; und dieſe zwo Beſchaͤfftigungen wa - ren weitlaͤuftig genug, ſie von der gelehrten Neu - gierde abzuhalten. Da in neuern Zeiten die mei - ſten unſrer Weiber auf den beqvemen Einfall ka - men, die Laſt der Wirthſchaft, und der Kinder - zucht auf ihre niedrigſten Bedienten zu legen: ſo waren die Maͤnner ſo ſinnreich, ihnen Tonnen vorzuwerfen, mit denen ſie ſich ber ihrem Muͤßig - gange beſchaͤfftigen ſollten. Man gab ihnen bunte Karten in die Haͤnde, und war ſo gluͤcklich, ihnen dieſen Zeitvertreib ſo angenehm zu machen, daß ſie gar keine Buͤcher weiter, als dieſe, ver - langten, und daß viele von ihnen ganz außer Stande waren, bey einer andern Gelegenheit, als beym Spielen, zu denken. Durch eine uͤbertrie - bene Schmeicheley uͤber ihre Schoͤnheit, brachte man ihnen von ihrer erſten Jugend an die eiteln Begriffe bey, daß ihr ganzer Werth nur in der Schoͤnheit beſtehe. Die Folge davon war natuͤrlich: Jhre Bemuͤhung zog ſich von allen andern Beſchaͤffti - gungen ganz ab, und gieng bloß auf die Erhal - tung dieſes Vorzugs. Weil aber doch die Manns - perſonen nicht im Stande waren, bey allen Frauen -P p 3zimmern598[596]Abbittezimmern die Begierde zu ſchoͤnen Wiſſenſchaften zu unterdruͤcken; ſo fiel man auf ein ſehr boshaf - tes Mittel. So bald ein Frauenzimmer nur ein wenig mehr verſtund, als man wollte, daß ein Frauenzimmer von der Gelehrſamkeit verſtehen ſollte; ſo machte man ſie durch uͤbertriebne Lob - ſpruͤche ſchwindlicht, und beredete ihre Eigenliebe, welche ſchon vorhin geneigt genug war, es ſich be - reden zu laſſen, daß ſie das witzigſte, gelehrteſte, vollkommenſte Frauenzimmer, und wo nicht gar Minerva, doch zum wenigſten eine zehnte Muſe ſey. Dadurch benahm man ihr den Gedanken, weiter zu gehen, welches ſie bey ihrer Vollkom - menheit nunmehr fuͤr uͤberfluͤßig hielt. Sie blieb an dem Fuße des Parnaſſes ſtehen, beſchaͤfftigte ſich mit witzigen Taͤndeleyen, und wurde von dem verraͤtheriſchen Lobe der Mannsperſonen trunken. So iſt es Kalliſten gegangen. Habe ich alſo etwas unrechtes geſagt, wenn ich behauptete, daß ihr pedantiſcher Stolz ein Fehler der Mannsper - ſonen ſey? Verſtuͤnde Kalliſte dieſe Sprache unſrer Schmeicheley, ſo wuͤrde ſie daruͤber ſehr kleinmuͤthig werden. Man erſtaunt, daß ſie ein wenig von Gelehrſamkeit, und wohl gar Verſe plaudern kann: So wie man einen Papagoy be - wundert, welcher menſchliche Toͤne nachplaudern kann, ungeachtet ihn die Natur nur zu einem Pa - pagoy erſchuf. Koͤnnte fuͤr Kalliſtens Stolz wohl etwas demuͤthigender ſeyn, als dieſer belei - digende Beyfall?
Daß599[597]und Ehrenerklaͤrung.Daß ich behauptet habe, eine Frau aus der großen Welt zu heirathen, ſey fuͤr viele ein ge - wiſſer Schritt zum Hoſpitale; das iſt das We - nigſte, was ich von den Ehen Nachtheiliges ge - ſagt habe. Aber doch erkenne ich mein Unrecht. Und damit ich die Welt von meiner Reue recht nachdruͤcklich uͤberzeuge, ſo will ich mir oͤffentlich alles das Boͤſe vorhalten, das ich, von den Ehen zu ſagen, die Verwegenheit gehabt habe. Jch habe uͤber Maͤnner geſpottet, welche, weder nach Verſtande, noch Tugend, noch Erziehung zu fra - gen, ſich auf ewig mit Frauenzimmern, bloß we - gen ihrer Schoͤnheit verbanden, von welchen ſie wiſſen konnten, daß ſie nach einem Jahre nicht mehr, wenigſtens fuͤr ſie nicht mehr reizend ſeyn wuͤrden. Aber Greif ließ ſich von keiner Schoͤn - heit blenden. Zwar Verſtand, und Tugend, und Erziehung waren das auch nicht, was er ver - langte: Er ſuchte Geld; und doch hielt ich ihn fuͤr einen Thoren. Ein Mann, der, zum gemeinen Beſten, in ſeinem funfzigſten Jahre ein feuriges Maͤdchen von funfzehn Jahren heira - thet, war vor meinem Spotte eben ſo wenig ſicher, als eine Frau von funfzig Jahren, welche ſich einbildet, daß die Schmeicheleyen ihres jun - gen Braͤutigams ihr, und nicht ihrem Gelde ge - macht werden. Jch hatte angemerkt, daß Frauenzimmer, ſobald ſie ihrem Manne die ewige Treue zugeſchworen, ſich mit einem male vonP p 4dem600[598]Abbittedem jungfraͤulichen Zwange des Wohlſtandes losriſſen, und ohne Vorſicht alle Ausſchweifun - gen begiengen, die ſie vorhin nur in ſtillem ge - wuͤnſcht, oder mit der groͤßten Behutſamkeit be - gangen hatten. Zuweilen ſtellte ich ſehr erbauli - che Betrachtungen an, wie es kommen muͤſſe, daß wir Mannsperſonen allen Frauenzimmern mit aller nur erſinnlicher Hoͤflichkeit begegnen, und allen offenbare Schmeicheleyen ſagen, nur un - ſern Weibern nicht: Und ich glaubte, gefun - den zu haben, daß ſich Mann und Frau vornehmlich um deßwillen ſo kaltſinnig begeg - nen, weil es unter ihnen eine heilige Pflicht iſt, ſich zu lieben. Der Aufwand, den heut zu Tage der Wohlſtand, oder welches einerley iſt, der Hochmuth vieler Weiber erfodert, ſchien mir eine ſehr gegruͤndete, und beynahe die vornehmſte Ur - ſache zu ſeyn, daß die anſehnlichſten Haͤuſer am meiſten in Schulden ſtecken. Eine Frau von die - ſer Art zu heirathen, war in meinen Augen der deutlichſte Beruf, bankerutt zu werden. Jch zittere, wenn ich die Verwegenheit uͤberdenke, die ich gehabt habe, ſo viele Bitterkeiten von den Frauenzimmern, und von der Ehe zu ſagen! Es wuͤrde ſich entſchuldigen laſſen, ja gewiſſer ma - ßen waͤre es meine Pflicht geweſen, dergleichen zu ſagen, wenn es Frauenzimmer von dieſer Art in der Welt gaͤbe. Aber da bekannt iſt, daß kein Frauenzimmer, welches ſchoͤn iſt, nicht auch zu - gleich Verſtand, und Tugend, und Erziehunghabe;601[599]und Ehrenerklaͤrung. habe; daß eine Frau, welche ihren Mann reich macht, ihn auch durch Beſcheidenheit, und an - ſtaͤndige Wirthſchaft gluͤcklich macht; daß ein jun - ges Maͤdchen von funfzehn Jahren, welches einen abgelebten Mann heirathet, den Wohlſtand, und ihre Pflicht niemals vergißt; daß eine alte Witt - we ihren jungen Braͤutigam nicht aus Wolluſt, ſondern nur aus Freundſchaft liebt; daß unſre Frauenzimmer, ſo bald ſie verheirathet ſind, bey - nahe noch vorſichtiger und tugendhafter leben, als vorher, da ſie wohl wiſſen, daß eine unbedacht - ſame Auffuͤhrung nicht allein die ſchaͤndlichſten Vorwuͤrfe uͤber ihr ganzes Haus bringt, ſondern auch ihren eignen Anbetern veraͤchtlich iſt; da es bekannt, wenigſtens bey uns ausgemacht iſt, daß die Weiber durch eine gefaͤllige Freundlichkeit ſich nur ihrer Maͤnner Liebe und Hochachtung zu er - halten ſuchen, ohne um den Beyfall anderer Manns - perſonen zu buhlen; daß in vornehmen Haͤuſern die Weiber bey ihrem Aufwande niemals vergeſ - ſen, was ſie dem ehrlichen Namen ihrer Maͤnner, und dem kuͤnftigen Wohle ihrer Kinder ſchuldig ſind; Da alles dieſes bekannt iſt, da man nicht ein einziges Exempel anfuͤhren kann, welches mei - ne Vorwuͤrfe und Spoͤttereyen rechtfertigen koͤnnte: So weis ich meine Verleumdung mit gar nichts zu entſchuldigen; ich habe nicht einmal das Herz, um Vergebung zu bitten.
P p 5Gewiß,602[600]AbbitteGewiß, Gurda, ſie haͤtten keinen vortheil - haftern Augenblick, als dieſen, erwarten koͤnnen, eine Abbitte und Ehrenerklaͤrung von mir daruͤber zu verlangen, daß ich ſie fuͤr eine Thoͤrinn erklaͤrt habe, weil ſie noch ſo eitel ſind, ihrem verrunzel - ten Geſichte Anbeter zu erbuhlen. Jch bin itzo ſo zerknirſcht, und niedergeſchlagen, daß ich nicht einmal dieſe Wahrheit zu vertheidigen Muth ge - nug habe. Jch will es ihnen abbitten. Jch will ſagen, daß ihre duͤrren Haͤnde die Wolle, den Schnee, und ich weis ſelbſt nicht was, uͤbertref - fen; daß die Blicke ihrer Augen noch eben ſo rei - zend und gefaͤhrlich ſind, wie ſie vor vierzig Jah - ren geweſen ſeyn moͤgen; daß ihr alter Mund be - zaubert, wenn er laͤchelt, daß ‒ ‒ ‒ mit einem Worte, ich will ſie ſo unverſchaͤmt loben, daß ſie es ſelbſt fuͤr eine Unwahrheit halten ſol - len, ſo groß auch ſonſt ihre Eigenliebe iſt. Koͤn - nen ſie wohl mehr von mir verlangen?
Sehen ſie, Madame, ich habe mein Wort redlich gehalten. Sind ſie mit dieſen Abbitten und Ehrenerklaͤrungen zufrieden? Mich duͤnkt, ſie koͤnnen es wohl ſeyn. Jch will noch mehr thun, damit ich mich mit ihnen, und ihren Freundinnen ganz ausſoͤhne. Der fuͤnfte Theil meiner ſatiri - ſchen Schriften ſoll von nichts, als von dem Lobe der Frauensperſonen handeln: Aber ich erſucheſie,603[601]und Ehrenerklaͤrung. ſie, Madame, die Guͤtigkeit zu haben, und ihre Freundinnen dahin zu vermoͤgen, daß mir eine jede von ihnen ein ausfuͤhrliches Verzeichniß ihrer Tugenden und Vollkommenheiten einſende, weil ich vielleicht ſelbſt nicht ſcharfſichtig genug ſeyn moͤchte, ſolche bey allen wahrzunehmen, und weil ich weis, daß viele von ihren eignen Vorzuͤgen weit mehr uͤberzeugt ſind, als ſich ein Fremder da - von uͤberzeugen kann. Madame, ich kuͤſſe ihnen die Haͤnde!
Daß in meinen Augen die Heuchler ſo ab - ſcheuliche Creaturen waren, daran iſt niemand Schuld, als meine fromme Mutter, welche mir immer vorſagte, daß in einem Heuchler der Stoff zu einer jeden Art von Schelmen liege. Jch dan - ke es dem Umgange mit der großen Welt, daß ich itzt billiger von den Heuchlern urtheile. Und war - um ſoll ich nicht billiger urtheilen, da ein Heuch - ler nichts thut, als was alle diejenigen zu ihrem guten Nutzen, und mit großem Beyfalle thun, die zu leben wiſſen? Sie verſtellen ſich, ſie halten ei - ne Maske vor das Geſicht, um nicht erkannt zu werden, ſie wollen die Welt bereden, daß ſie ge - wiſſe Vollkommenheiten beſitzen, die ihnen wirk - lich fehlen; das thun die Heuchler, es iſt wahr: Aber ſind ſie um deßwillen ſo verabſcheuungswuͤr - dig? Dort vor dem Zimmer des Prinzen umar - men ſich zween vornehme Freunde. Sie verſpre -chen604[602]Abbittechen einander eine Freundſchaft, dergleichen man ſeit den Zeiten des Oreſt nicht gehoͤrt hat; ſie wer - den dieſen Mittag mit einander trinken, und ſich kuͤſſen, und ewige Treue ſchwoͤren: Und morgen wird einer von ihnen den andern ſtuͤrzen. Thut ein Heuchler mehr, als dieſe thun? Der Mann, der nur von Tonnen Goldes ſpricht, deſſen fuͤrſt - liche Pracht der Poͤbel bewundert, und ſein Glaͤu - biger beſeufzet; dieſer Mann hat die große Abſicht, noch mehrere zu betruͤgen, und alsdenn mit einer guten Art Bankerutt zu machen: Hat man wohl viel Exempel von Heuchlern, die ihre Glaͤubiger auf dieſe Art betruͤgen? Und was ſoll ich von der Verſtellung dererjenigen Gelehrten ſagen, die ihre Dummheit unter einer weiſen Miene verbergen? Soll ich von den Großſprechern etwas gedenken, die den Hut trotzig in die Augen druͤcken, und zit - tern? Wie gefaͤhrlich heuchelt ein Geliebter! Wie verfuͤhrend iſt die Heucheley einer ungetreuen Frau, die ihren Mann mit zaͤrtlichen Liebkoſungen ein - ſchlaͤfern will! Und alle dieſe Laſter, alle dieſe Thorheiten entſchuldigt man, oder belacht ſie wohl gar: Aber unerbittlich verdammt man den from - men Heuchler, der Almoſen giebt, mit bußferti - ger Miene durch die Gaſſen ſchleicht, knieend und mit Thraͤnen vor dem Angeſichte der Gemeine be - tet, und ein Schelm iſt. Macht ihn vielleicht nur das vor andern ſo verhaßt, daß er mit der Reli - gion ſpottet? Das will ich doch nimmermehr hof - fen! Vielleicht moͤchte es vor hundert Jahren dieUrſache605[603]und Ehrenerklaͤrung. Urſache geweſen ſeyn: Aber itzt denkt unſre auf - geklaͤrte Welt ſchon anders, und man weis beſ - ſer, als damals, zu welchem Ende die Religion er - dacht iſt. Man bewundert ja diejenigen, als ſtar - ke Geiſter, die mit der Religion ſpotten: Jſt es wohl billig, daß man diejenigen, als Schandflecke der Natur verabſcheut, die mit der Religion heu - cheln?
Ungluͤckliche Leute noch mehr zu kraͤnken, iſt gewiß eine der grauſamſten Ungerechtigkeiten, die ein Menſch begehen kann. Und doch ‒ ‒ ich ſchaͤ - me mich es zu geſtehn! ‒ ‒ und doch habe ich die - ſe Ungerechtigkeit begangen, und zwar habe ich ſie an den erbarmenswuͤrdigen, ungluͤcklichen, und elenden Menſchen begangen, die man Freygei - ſter nennt. Dieſe ſind die mitleidenswuͤrdigen Menſchen, welche, um zwanzig Jahre lang von wenigen wegen ihres ſcharfen Verſtandes bewun - dert zu werden, von den uͤbrigen verabſcheuet, und ewig ungluͤcklich werden wollen. Sie wenden viele Muͤhe an, ſich eine Hoffnung auszureden, von welcher ſich ein vernuͤnftiger Mann, ich will gar nicht ſagen, ein Chriſt, mit ſo vieler Muͤhe zu uͤberzeugen ſucht. Sie haben beſtaͤndig mit den innerlichen Widerſpruͤchen ihres eignen Gewiſ - ſens zu kaͤmpfen, welches ſie zu ihrem großen Ver - druſſe immer daran erinnert, daß ſie vernuͤnftige Geſchoͤpfe ſind. Sie haben Ehrgeiz genug, in derWelt606[604]AbbitteWelt eine Rolle ſpielen zu wollen, die bemerkt wird: Weil es ihnen aber am Verſtande und Willen fehlt, ſo raſen ſie, um ſtarke Geiſter zu heißen. Die Ausſchweifungen ihrer Jugend ſind mit nichts zu entſchuldigen: Sie gerathen alſo auf den alber - nen Einfall, ſich und andere zu bereden, daß es keine hoͤhern Geſetze gebe, welche dieſe Ausſchwei - fungen verdammen; und bey dieſem Einfalle ha - ben ſie eben die ſichere Beruhigung, die ein Dieb haben mag, welcher ſich zu bereden ſucht, daß kei - ne Geſetze ſind, die den Diebſtahl verbieten, und welcher dieſen Unſinn gegen andere ſo lange be - hauptet, bis er unter dem Galgen ſteht. Gemei - niglich iſt eine ſchimpfliche Armuth die Folge ihrer jugendlichen Ausſchweifungen; und alsdenn ſind dieſe ſtarken Geiſter, welche ſo ſtolz von ihrem Witze denken, doch niedertraͤchtig genug, Schma - rozer zu werden, und ſich durch ihren witzigen Un - ſinn an die Tafel junger reicher Thoren zu draͤn - gen. Dieſe Elende, welche Verzweiflung und Hunger zu Narren macht, habe ich ſo oft verſpot - tet: Wie ungerecht, und lieblos habe ich gehan - delt! Waͤre es mein Ernſt geweſen, ſie zu retten, und haͤtte ich es wirklich gut mit ihnen gemeynt: ſo haͤtte ich die Barmherzigkeit an ihnen erzeigen, und ſie in das Tollhaus einkaufen ſollen.
Die Abbitte und Ehrenerklaͤrung, die ich hier den ſtarken Geiſtern thue, bringt mich ganz na -tuͤrlich607[605]und Ehrenerklaͤrung. tuͤrlich auf ihre Antipoden, die aberglaͤubiſchen Seelen. Auch an dieſen habe ich mich verſuͤn - digt: Denn Aberglaͤubiſche zu verſpotten, iſt eben ſo ungerecht, als einen Wahnwitzigen zu verſpot - ten, der immer Geſpenſter ſieht. Dieſe Ungluͤck - liche werden ohnedem ſchon unbarmherzig genug von gewiſſen Tyrannen gepeinigt, deren Eigen - nutz, unter dem frommen Vorwande, die heiligen Pflichten ihres Amtes zu erfuͤllen, ſie immer mit neuen Larven ſchreckt, und ihnen immer den Ver - ſtand verdaͤchtig macht, damit ſie ihr Joch nicht fuͤhlen; welche ſich und der Religion zu Ehren, dieſe Milzſuͤchtigen in einer andaͤchtigen Dumm - heit erhalten; mit einem Worte, welche eher nicht ruhen, als bis ſie aus einem vernuͤnftigen Weſen ein betendes Vieh gemacht haben. Es waͤre bil - liger von mir geweſen, wenn ich dieſen elenden Sclaven Muth gemacht haͤtte, ſich von ihren Ban - den loszureiſſen; an ſtatt daß ich ihres Aberglau - bens ſpottete. Sie dauern mich, ſo oft ich an ſie denke. Alles Vergnuͤgen der Welt iſt ihnen ein Ab - ſcheu. Der Fruͤhling iſt ihnen ſchrecklich, weil im Fruͤhlinge die erwachende Natur laͤchelt, und den Menſchen von neuem belebt: Nur der Win - ter iſt ihnen noch ertraͤglich, und dieſes bloß wegen ſeiner langen und traurigen Naͤchte. Sie ſtehen ſeufzend von ihrem Bette auf, wachen den Tag uͤber mit Angſt, mit Thraͤnen legen ſie ſich nieder, und ihr ſchwarzes Gebluͤte macht ihnen auch die Traͤume ſchrecklich. Das einzige wahre, und be -ruhi -608[606]Abbitte und Ehrenerklaͤrung. ruhigende Vergnuͤgen, welches ſie empfinden, iſt dieſes, wenn ſie andere verdammen. Verdienten dieſe Aberglaͤubiſche mein Mitleiden nicht?
So weit geht die Probe der verſprochenen Abbitte und Ehrenerklaͤrung! Jch werde nicht einen Augenblick verſaͤumen, die Fortſetzung be - kannt zu machen, wenn ich finde, daß ſich durch dieſe Probe diejenigen verſoͤhnen laſſen, die ich im Vorſtehenden genennt habe; und daß diejenigen, welche ich hier noch nicht genennet, eine Abbitte und Ehrenerklaͤrung von dieſer Art verlangen.
ENDE des vierten und letzten Theils.
CLARIN-DNote: Langfristige Bereitstellung der DTA-Ausgabe
Fraktur
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