PRIMS Full-text transcription (HTML)
Sammlung ſatyriſcher Schriften.
Dritter Theil.
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Mit allergnaͤdigſten Privilegien.
Leipzig,Jm Verlage Johann Gottfried Dycks.1752.

Vorbericht.

Es iſt noch gar nicht lange, daß man uͤber den Mangel deut - ſcher Briefe klagte, und viel - leicht mit gutem Grunde. Man beſchwerte ſich, daß dieſe Gegend des deutſchen Witzes noch am wenigſten angebaut, oder doch nur hin und wie - der von Pedanten, lateiniſchen und deut - ſchen Pedanten, Pedanten vom Hofe und von der Stadt, bewohnt ſey.

Seit einigen Jahren haben wir nicht mehr Urſache, uͤber dieſen Mangel uns zu beſchweren. Wir ſind mit Brie -* 2fenVorbericht. fen und Briefſtellern in ziemlicher Men - ge verſorgt. Bald werden wir wuͤn - ſchen, daß unſre Landsleute ſich mit ei - ner andern Art von Witze beſchaͤfftigen moͤchten.

Es iſt vielen unter unſern Deutſchen ſehr gewoͤhnlich, daß ihr Witz langſam und ſpat erwacht; erwacht er aber auch einmal, ſo ſind ſie bis zum Ekel witzig. Der Beyfall, den einige anakreontiſche Oden verdienten, machte das halbe Land anakreontiſch. Man ſang von Wein und Liebe, man taͤndelte mit Wein und Liebe, und die Leſer gaͤhnten bey Wein und Liebe. Ein Heldengedichte, deſſen Vorzuͤge vielleicht erſt in hundert Jah - ren den verdienten Beyfall allgemein ha - ben werden, macht zwey Drittheile des Volks epiſch. Aus allen Winkeln, wo ein Autor ſchwitzt, kriechen epiſche Hoch - zeitwuͤnſche, epiſche Todenfluͤche, epiſcheWiegen -Vorbericht. Wiegenlieder hervor, und der kleinſte Geiſt flattert, ſo weit er kann, in die Hoͤhe, um uͤber den geſchwaͤrzten Wol - ken rauſchend hoch daher zu donnern. Mit den Briefen gehet es uns eben ſo, und wir ſind in Gefahr, bey dieſer Art des Witzes noch mehr auszuſtehn, ie ge - wiſſer ein jeder glaubt, daß es ſehr leicht ſey, Briefe zu ſchreiben, und ie leich - ter es iſt, aus allem, was man geſchrie - ben hat, einen Brief zu machen.

Mit Erlaubniß dieſer meiner Her - ren Collegen, will ich hier die Kunſt ih - res Handwerks ein wenig verrathen. Sie haben geleſen, daß man einen Brief ſo ſchreiben ſoll, wie man rede; aber weiter haben ſie nicht geleſen, ſonſt wuͤr - den ſie gefunden haben, daß man vor - her im Stande ſeyn muͤſſe, vernuͤnftig zu reden und zu denken, wenn man es wagen wolle, vernuͤnftige Briefe zu* 3ſchrei -Vorbericht. ſchreiben. Viele von ihnen reden und denken poͤbelmaͤßig, und wie ſie reden und denken, ſo ſchreiben ſie auch ihre Briefe; ſie ſchreiben ſehr viele Briefe, weil ihnen der Mangel des Verſtandes den Vortheil verſchafft, daß ſie mit gro - ßer Geſchwindigkeit wenig denken, und viel plaudern. So muß man es machen, wenn man, nach ihrer Art, ſcherzhafte, freundſchaftliche, oder vertraute Briefe der Welt mittheilen will. Der ſteife und ſtrotzende Witz, den uns die Aus - laͤnder ſo oft vorwerfen, aͤuſſert ſich be - ſonders bey denen, welche fuͤhlen, daß ſie gelehrt und beleſen ſind, auf eine an - dre Art. Sie machen ſehr tiefſinnige Abhandlungen von uralten Wahrhei - ten, jagen ſolche durch alle Faͤcher der Dialektik und Schulberedtſamkeit durch, machen dieſes gothiſche Gewebe mit Sentenzen der Alten erbaulich, und mitſchoͤnenVorbericht. ſchoͤnen Sinnbildern anmuthig, und wenn ſie endlich unter Muͤhe und Angſt ſechs Bogen zuſammen gepredigt haben: ſo ſetzen ſie daruͤber: Hochedelgebohrner Herr, Hochzuehrender Herr, und vornehmer Goͤnner! den Augenblick wird dieſes gelehrte Werk ein Brief!

Das iſt das große Geheimniß, und der wahre Kunſtgriff, deſſen ſich ein ar - beitſamer Deutſcher bedienen kann, wenn er ein gelehrter Briefſteller von vier Quartbaͤnden werden will. Durch dieſes vortreffliche Mittel getraue ich mir aus allen Folianten meines Vater - landes Briefe zu machen. Sollte die - ſes nicht ein Weg ſeyn, der aſiatiſchen Baniſe, welche bey Kennern und an - dern ihren vorigen Werth verlohren hat, zu ihrem alten Anſehn wieder zu* 4ver -Vorbericht. verhelfen, wenn man nach dem itzigen herrſchenden Geſchmacke einen Brief daraus machte? Wie das angehn koͤn - ne? Sehr leicht. Wir wollen es ver - ſuchen:

Gnaͤdiges Fraͤulein,

Blitz, Donner und Hagel, als die raͤ - chenden Werkzeuge des erzuͤrnten Him - mels, zerſchmettern die Pracht der mit Gold bedeckten Thuͤrme,

und wie es etwan weiter lautet. Dieſes: Gnaͤdiges Fraͤulein wiederholt man auf allen Seiten ein paar mal, ſo iſt es ein Brief, oder der Leſer, der es laͤugnen will, muß gar keinen Geſchmack, und gar keine geſunden Begriffe von einem Briefe haben. Das will ich doch nicht wuͤnſchen, daß ſich iemand dieſen kriti - ſchen Fluch muthwillig auf den Hals laden moͤchte, welcher bey andern Gelegenhei - ten ſchon vielen ſo ſchrecklich geweſen iſt!

DaVorbericht.

Da ich der ſchreibenden Welt dieſe beyden Handgriffe bekannt gemacht ha - be: ſo ſcheint es faſt uͤberfluͤßig zu ſeyn, weitere Anleitung zu Briefen zu geben. Nun weiß man, wie man artig, ver - traut und geſchwind, man weiß auch, wie man gelehrt ſchreiben ſolle.

Jn dieſe Claſſen werden ſich, glau - be ich, die meiſten Briefe einſchraͤn - ken laſſen. Allenfalls nehme ich diejeni - gen aus, welche man Amts - und Be - rufsbriefe nennen koͤnnte, und welchen der Kanzleyſtyl eigen iſt. Die Ge - wohnheit rechtfertigt dieſe Schreibart, und macht ſie unentbehrlich. Wer die - ſen Kanzleyſtyl zur Unzeit unterlaͤßt, iſt eben ſo wohl ein laͤcherlicher Pedante, als derjenige, der ihn zur Unzeit braucht.

Von dem aͤuſſerlichen Baue und Wohlſtande eines Briefs werde ich nicht viel ſagen. Man kann ihn bey einem* 5Schrei -Vorbericht. Schreibemeiſter, oder bey einem Copi - ſten lernen. Einen Brief zu beſchnei - den, einen Brief zu brechen, einen Brief zu uͤberſchreiben, ſind Sachen, die in ihrer Art wichtig genug, aber auch leicht zu lernen ſind.

Nur von der Titulatur muß ich noch etwas gedenken. Es iſt uns Deut - ſchen nicht zuzumuthen, daß wir unſer gezwungnes und buntes Wortgepraͤnge auf einmal verlaſſen ſollen, mit dem wir die Eingaͤnge unſrer Briefe praͤchtig machen. Am wenigſten wollte ich, daß die witzigen Koͤpfe die erſten waͤren, die - ſe Gewohnheit laͤcherlich, und das Mein Herr, oder Madame allgemein zu machen. Jhnen wird man es ge - wiß als eine ungeſittete Vertraulich - keit, oder eine Verabſaͤumung des Wohlſtandes auslegen. Diejenigen, welche durch die Gewohnheit ein Rechthaben,Vorbericht. haben, weitlaͤuftige und praͤchtige Ti - tel zu fodern, haben auch allein das Recht, ſich davon los zu ſagen. Es waͤre zu wuͤnſchen, daß ſie es nach und nach thaͤten, und dadurch unſre deut - ſche Ehrenbezeugungen biegſamer und natuͤrlicher machten. So lange ſie ſich dieſes Rechts nicht ſelbſt begeben; ſo lange gehoͤren dergleichen verzerrte Ti - tulaturen unter die nothwendigen Un - bequemlichkeiten des Ceremoniels. Jn erdichteten Briefen, und bey unſern Freunden koͤnnen wir das vertraute Mein Herr ohne Gefahr brauchen, und wir thun wohl, wenn wir es in der - gleichen Faͤllen allgemein machen.

Jch wollte wuͤnſchen, daß ſich je - mand die Muͤhe gaͤbe, eine chronologi - ſche Geſchichte der Complimente und Ti - tulaturen zu ſchreiben. Jch habe ange - merkt, daß das Laͤcherliche der Titula -turenVorbericht. turen in eben dem Grade geſtiegen, in welchem der gute Gehalt der Muͤnzen gefallen iſt. Als wir noch nach zinni - ſchem Fuße ausmuͤnzten, da war ein Edler ein wichtiger, und verehrungs - wuͤrdiger Mann. Nach und nach ſtieg man auf Wohledler, auf Hochwohledler, auf Hochedel. Jtzt hat noch nicht ein - mal Hochedelgebohrner den innerlichen Werth, den ſonſt Edler hatte, und der Himmel weiß, ob wir nicht in funfzig Jahren ſo hoch hinauf getrieben werden, daß wir denjenigen, den wir vor hun - dert Jahren Edler hießen, alsdann in Gott Vater und Herrn nennen muͤſſen.

Da ich ſo viel nachtheiliges von den Briefen, von ihren Verfaſſern, und von andern dabey vorfallenden aͤuſſerli - chen Umſtaͤnden ſage: ſo werden meine Leſer vermuthen, daß ich mich dieſes Augenblicks bediene, deſto vortheilhaf -terVorbericht. ter von mir und meinen Briefen zu ſprechen, um auch fuͤr mich das ange - maßte Recht der Autorn zu behaupten, die gemeiniglich nicht eher zu ihrem Lobe ſchreiten, als wenn ſie zehn andre Schriftſteller der Welt verdaͤchtig ge - macht haben. Jch werde es nicht thun. Jch will mich und meine Sammlung dem Urtheile der Leſer uͤberlaſſen, ohne zu flehen, und ohne zu trotzen. Man kann leicht glauben, daß ich als Autor zu viel Empfindung habe, bey dieſem Urtheile gleichguͤltig zu bleiben. Der Beyfall der Kenner macht mich ſtolz; der Beyfall derer, die nicht Kenner ſind, macht mir ein Vergnuͤgen. Jch wuͤn - ſche mir von keinem von beiden getadelt zu werden, es ſey mit Grunde, oder ohne Grund. Jch bin noch kein ſo ab - gehaͤrteter Autor, daß ich bey dem Ta - del meines Leſers, wer der auch ſey, ge - laſſen ſeyn koͤnnte.

DieVorbericht.

Die Einrichtung meiner ſatyriſchen Briefe iſt ungefaͤhr dieſe. Jch habe ge - wiſſe Anmerkungen von dem Laͤcherli - chen, oder Laſterhaften der Menſchen gemacht. Dieſe Anmerkungen habe ich durch Briefe erlaͤutert. Um meinen Le - ſern durch die Abwechslung die Sache angenehm zu machen, habe ich hin und wieder dieſen Briefen die Geſtalt einer zuſammenhangenden Geſchichte gegeben. Da ſie alle nur erdichtet ſind, ſo habe ich beſonders in Anſehung der Titulaturen nicht noͤthig gehabt, ſorgſam zu ſeyn. Es iſt meine Abſicht nicht geweſen, mei - nen Leſern durch dieſe Sammlung For - mulare in die Haͤnde zu geben, die ſie bey andern Gelegenheiten brauchen koͤnnten. Jch wollte es wohl wuͤnſchen, daß man in der Welt ſchriebe, wie man daͤchte; auf dieſen Fall wuͤrde mei - ne Sammlung ungemein praktiſch ſeyn,undVorbericht. und ich wuͤrde vor andern Briefſtellern unendliche Vorzuͤge erlangen. Weil man aber in der Welt gemeiniglich an - ders ſchreibt, als man denkt: ſo will ich zufrieden ſeyn, wenn man durch meine Bemuͤhung, und durch mein gegebnes Beyſpiel nur ſo viel lernt, wie man ei - nen Brief verſtehen ſoll, in welchem der Verfaſſer anders gedacht hat, als er ſchreibt.

Das nachſtehende Verzeichniß der in dieſer Sammlung befindlichen Briefe wird die ganze Einrichtung des Werks, und meine Abſichten naͤher entdecken.

Von der Behutſamkeit, die ich ge - braucht habe, auch in dieſem Theile mei - ner Schriften weder den Wohlſtand zu verletzen, noch iemanden perſoͤnlich zu beleidigen, will ich weiter nichts ſagen. Die gerechteſte Sache wird verdaͤchtig, wenn man ſie zu oft, und zu muͤhſament -Vorbericht. entſchuldigt. Zugleich wuͤrde ich meine Leſer beleidigen, wenn ich an ihrer Bil - ligkeit und Einſicht bey aller Gelegen - heit zweifeln wollte. Das einzige, was ich hierbey thun kann, iſt dieſes, daß ich denen, welche mich und meine Schriften noch nicht kennen, das Glaubensbe - kenntniß meiner Satyre empfehle, wel - ches ich in der Vorrede zum erſten Theile meiner Schriften abgelegt habe(*)Siehe Sammlung ſatyriſcher Schriften, Erſten Theil, und deſſen Vorbericht auf der ſieben und zwanzigſten Seite bis zum Ende des Vorberichts..

Leipziger Oſtermarkt 1752. Gottlieb Wilhelm Rabener.

Verzeich -

Verzeichniß

der in nachſtehender Sammlung befind - lichen Briefe und Abhandlungen.

  • Schreiben, eines von Adel an einen Pro - feſſor, in welchem einen guten Hof - meiſter zu waͤhlen gebeten, und ge - ſagt wird, was man von ihm fuͤr Faͤhig - keiten verlangeS. 10
  • Antwort des Profeſſors, nebſt zwo Taxen von einem geſchickten und eilf ungeſchick - ten Hofmeiſtern13
  • Empfehlungsſchreiben an ein Kammermaͤd - chen, wegen der erledigten Hofmeiſter - ſtelle25
  • Antwort im Kammermaͤdchenſtyle26
  • Ein kleiner Roman zwiſchen einer jungen Prieſterwittwe, und einem Herrn Candi - daten. Beſteht aus folgenden Briefen:
  • Schreiben der Prieſterwittwe an den Can -dida -Verzeichniß. didaten, worinnen ihm ein Wink von dem goͤttlichen Berufe gegeben wird28
  • Einladungsſchreiben des Kirchenpatrons an den Candidaten30
  • Antwort des Candidaten an den Kirchen - patron31
  • Dergleichen an die Prieſterwittwe. 32
  • Schreiben der Prieſterwittwe an den Kir - chenpatron33
  • Deſſen lehrreiche Antwort an die Wittwe34
  • Ein Oberſter empfiehlt ſeinen Feldprediger zu einem Dorfpfarr38
  • Bittſchreiben des Feldpredigers an den Ober - ſten wegen dieſer Sache40
  • Ein abgeſetzter Schulmeiſter bittet um einen Schuldienſt, und liefert drey Proben von ſeiner Staͤrke in Gevatter und Hochzeit - briefen42
  • Chria Aphthoniana, worinnen um eine Rekto - ratſtelle in einem kleinen Staͤdtchen gebe - ten wird52
  • Eine praktiſche Abhandlung von der Kunſt zu beſtechen, imgleichen ſich beſtechen zu laſſen. Beſteht aus folgenden Briefen:
  • Schreiben, wie ein ungewiſſenhafter Vor - mund den Richter nicht beſtechen ſoll62
Der -Verzeichniß.
  • Dergleichen, wie ein Rittergutsbeſitzer den Commiſſar nicht beſtechen ſoll64
  • Dergleichen, wie ein Kaufmann ſeinen Rich - ter nicht beſtechen ſoll65
  • Eine ungeſchickte Art, wie ein Bauer ſeine gnaͤdige Frau Amtmanninn zu beſtechen ſucht66
  • Schreiben, wie ein ungewiſſenhafter Vor - mund es machen ſoll, wenn er den Rich - ter beſtechen will71
  • Dergleichen fuͤr einen Rittergutsbeſitzer an den Commiſſar74
  • Anweiſung, wie man einen Richter beym Spiele beſtechen kann77
  • Formular, eines leeren Briefs allen ſtreiten - den Partheyen zur Warnung geſchrieben. 80
  • Eines ungerechten Richters unpartheyiſche Antwort darauf81
  • Ein Handgriff, wie man einen Richter, den man beſticht, die ſaure Muͤhe erſparen kann, roth zu werden83
  • Des Richters Antwort auf den ſtummen Brief84
  • Gebeſſertes Formular, wie ein Kaufmann ſeinen Richter beſtechen ſoll. 87
** 2An -Verzeichniß.
  • Anleitung, einen Richter mit Holze zu beſte - chen89
  • Jngleichen mit alten Muͤnzen und Gem - mis90
  • Recept, wie eine ſchoͤne Frau den Richter gewinnen ſoll96
  • Des Richters vielbedeutende Antwort dar - auf98
  • Ein Brief, wie man einen Commiſſar mit der Furcht vor ſeinen Obern beſticht100
  • Dergleichen mit der Furcht vor ſeinem eig - nen boͤſen Gewiſſen101
  • Dergleichen mit der Furcht vor Wechſel - ſchulden102
  • Eine arme gedruckte Wittwe bittet um Ge - rechtigkeit bey ihrem Richter106
  • Des Richters Antwort108
  • Vier Formulare von der mittelbaren Be - ſtechung durch die Weiber der Richter, nach ihren verſchiednen herrſchenden Lei - denſchaften111
  • Schreiben an einen Amtmann, der viel von der Kuͤche, und nichts von der Amtsſtube verſteht118
  • Dergleichen an ſeine juriſtiſche Tochter, ſo das Directorium Actorum fuͤhrt119
  • Von der Kunſt ſich beſtechen zu laſſen, inglei -chenVerzeichniß. chen von einer ganz neuentdeckten compu - tatione graduum122
  • Bittſchreiben eines jungen Menſchen, der zur Zierde des Vaterlandes Rathsherr werden will. 135
  • Empfehlungsſchreiben eines Mannes, der aus Bequemlichkeit Rathsherr werden will140
  • Schreiben des bequemen Candidaten142
    • Nota. Beide ſind aus dem Alciphron getreu - lich uͤberſetzt.
  • Charakter eines juriſtiſchen Polyphems145
  • Vier Briefe, denen zum Beſten geſchrieben, die Gerichtsbeſtallungen ſuchen157
  • Ein Brief von der Gefahr, die man laͤuft, wenn man einen jungen und noch ungeuͤb - ten Mann zum Richter oder Commiſſar bekoͤmmt170
  • Zwey Formulare fuͤr diejenigen, welche in vornehmen Haͤuſern Sekretarien werden wollen, um die Hofluft zu gewohnen174
  • Roman einer alten Sproͤden. Darinnen ſind folgende Briefe enthalten:
  • Schreiben der alten Sproͤden an den Ver - faſſer der ſatyriſchen Briefe181
  • Der Hofrath R wirbt um die Sproͤde183
** 3Ab -Verzeichniß.
  • Abſchlaͤgige Antwort der Sproͤden an den Hofrath R 186
  • Ein mediciniſcher Doctor wirbt um die Sproͤ - de189
  • Zaͤrtliches Schreiben des Herrn Lieutenants an die Sproͤde192
  • Abſchlaͤgige Antwort der Sproͤden an den Doctor193
  • Ein Profeſſor wirbt um die Sproͤde199
  • Abſchlaͤgige Antwort der Sproͤden an den Profeſſor202
  • Herzbrechendes Schreiben der Sproͤden an ihren Lieutenant204
  • Des Lieutenants ſchreckliche Antwort dar - auf207
  • Ein Advocat wirbt um die Sproͤde212
  • Abſchlaͤgige Antwort der Sproͤden darauf214
  • Ein Wuͤrzkraͤmer wirbt um die Sproͤde216
  • Abſchlaͤgige Antwort der Sproͤden darauf218
  • Die alte Sproͤde wirbt um ihres Vaters Schreiber221
  • Abſchlaͤgige Antwort des Schreibers darauf225
  • Die alte Sproͤde wirbt um den Hofrath230
  • Abſchlaͤgige Antwort des Hofraths darauf232
DieVerzeichniß.
  • Die alte Sproͤde wirbt um den mediciniſchen Doctor235
  • Abſchlaͤgige Antwort des mediciniſchen Doc - tors darauf237
  • Die alte Sproͤde wirbt um den Profeſſor241
  • Des Profeſſors Frau antwortet der alten Sproͤden, daß ihr Mann ſchon eine Frau habe245
  • Die alte Sproͤde wirbt um den Advocaten248
  • Abſchlaͤgige Antwort des Advocaten in hoͤch - ſter Eil251
  • Befehdungsbrief der alten Sproͤden an den Wuͤrzkraͤmer252
  • Deſſen Antwort an die alte Sproͤde mit Proteſt257
  • Antwort des Verfaſſers der ſatyriſchen Schriften an die alte Sproͤde264
  • Extrafavorable Auswuͤrflung der alten Sproͤden276
  • Ein Roman von einer Fraͤulein, die der Großvater, und der Enkel zugleich liebt. Beſteht aus folgenden Briefen:
  • Anwerbungsbrief, und vier Poſtſcripte eines alten Cavaliers an ein junges Fraͤulein278
** 4Schrei -Verzeichniß.
  • Schreiben des Enkels an ſeine Tante281
  • Troſtſchreiben der Tante an den eyferſuͤchti - gen Enkel282
  • Der Enkel ſeufzt284
  • Liebeserklaͤrung des Enkels an das junge Fraͤulein285
  • Die Tante ſagt, daß der Enkel thoͤricht ſey286
  • Freundſchaftliches Schreiben der jungen Fraͤulein an die Tante288
  • Der Tante Antwort darauf291
  • Schreiben der Fraͤulein an ihren Onkel293
  • Antwort des Onkels an das Fraͤulein295
  • Der Enkel verzweifelt vor Liebe, und klagt es ſeiner Tante296
  • und klagt es ſeiner Fraͤulein298
  • und klagt es ihrem Onkel299
  • Der eyferſuͤchtige Enkel bittet ſeinen Groß - papa um Erlaubniß, die Fraͤulein heira - then zu duͤrfen301
  • Antwort der Tante an den Vetter304
  • Dem Vetter wird angſt, und er antwortet der Tante309
  • Antwort der Tante309
  • Antwort des Vetters an die Tante310
Ant -Verzeichniß.
  • Antwort der Tante311
  • Umſtaͤndlicher Statuscauſaͤ des Großvaters an ſeine Tochter, daß der Enkel uͤber und uͤber ein Narr ſey312
  • Schreiben der Fraͤulein an die Tante315
  • Schreiben des Onkels der Fraͤulein, an den Großvater316
  • Schreiben des Großvaters an die Tochter, worinnen er geſteht, daß der Enkel ein ſo gar großer Narr doch nicht ſey, als er ge - glaubt haͤtte319
  • Schreiben des Großvaters an den Onkel der Fraͤulein, welches den Roman aufloͤſt320
  • Liebestractaten eines rechtſchaffnen, aber eigenſinnigen Freyers mit einem Frauen - zimmer326
  • Das Frauenzimmer fragt ihre Tante um Rath331
  • ingleichen ihren Onkel332
  • Antwort der Tante333
  • Antwort des Frauenzimmers an die Tante335
  • Antwort des Onkels an das Frauenzimmer336
  • Gutachten einer Freundinn des Frauenzim - mers338
** 5Der -Verzeichniß.
  • Dergleichen340
  • Dergleichen344
  • Noch dergleichen von einer andern Art346
  • Excitatorium des zaͤrtlichen, und eigenſin - nigen Liebhabers an das Frauenzimmer347
  • Entſchluß und Erklaͤrung des Frauenzim - mers an den Liebhaber348
  • Eigennuͤtzige Liebeserklaͤrung eines jungen Menſchen an eine alte Frau350
  • Zaͤrtlicher Liebesbrief einer alten Frau an einen jungen Menſchen353
  • Liebeserklaͤrung eines Menſchen, der zaͤrtlich liebt, aber nicht vernuͤnftig357
  • Antwort und freundſchaftlicher Korb358
  • Liebesflammen eines Pedanten362
  • Ehrendienſtwillige Antwort darauf364
  • Hanns liebt Grethen365
  • Grethe Hannſen366
  • Ein Buͤrger, der reich und vernuͤnftig iſt, wirbt um ein Fraͤulein368
  • Ein Fraͤulein, das arm und vernuͤnftig iſt, ſchlaͤgt es ihm ab371
  • Ein ſtrotzender Landjunker will ſeine Liebe an ein reiches Buͤrgermaͤdchen verkaufen377
EinVerzeichniß.
  • Ein einfaͤltiges Buͤrgermaͤdchen nimmt den Vorſchlag mit demuͤthigem Danke an381
  • Ein hochmuͤthiges Buͤrgermaͤdchen nimmt den Vorſchlag mit Verachtung an384
  • Ein vernuͤnftiges Buͤrgermaͤdchen verſichert den gnaͤdigen Junker, daß er ein Narr ſey390
  • Leben und Thaten eines ehrlichen Bankru - tirers, worinnen folgende Briefe ſind:
  • Der ehrliche Bankrutirer will ſo gnaͤdig ſeyn, und tauſend Thaler borgen392
  • Wird unterthaͤnig abgeſchlagen393
  • Conſilium medicum394
  • Recept394
  • Schreiben des Bankrutirers an den Advo - caten396
  • Antwort des Advocaten ſehr praktiſch einge - richtet397
  • Antwort des ehrlichen Bankrutirers an den boshaften Advocaten400
  • Schreiben des verjagten Bankrutirers an ſeinen Sekretair405
  • Ein Mahnbrief auf 2000 Thlr. 406
  • Freundliche Antwort darauf406
  • Mahnbrief auf 600 Thlr. fuͤr Waaren407
Troſt -Verzeichniß.
  • Troſtſchreiben darauf408
  • Mahnbrief wegen eines Wechſelbriefs von 2500 Thlr. 408
  • Fuͤr 2500 Thlr. Complimente409
  • Wehmuͤthiges Bittſchreiben einer verarmten Wittwe, wegen ſchuldiger 550 Thlr. 410
  • Eine ehrliche Antwort im Ernſte411
  • Bruͤderliche Drohungen eines Junkers an den ehrlichen Bankrutirer412
  • Antwort darauf ziemlich kurz, aber doch deutlich413
  • Trotziger Mahnbrief von Hanns Puff und Compagnie414
  • Freundſchaftliche Antwort darauf415
  • Schreiben des Sekretairs an ſeinen Princi - pal, den ehrlichen Bankrutirer, worinnen die ganze Verwirrung aufgeloͤſt wird416

Fehler, ſo in dieſem dritten Bande zu aͤndern ſind.

S. 10. Z. 18. von fuͤr vom. S. 18. Z. 8. 258. fuͤr 257. S. 20. Z. 11. 2100. fuͤr 2000. S. 59. Z. 5. Formalien fuͤr Formulare. S. 81. Z. 2. verlangen fuͤr erlangen. S. 122. Z. 19. Hodegetæ, fuͤr Hodogetæ. S. 139. Z. 9. Pagoden fuͤr Bago - den. und Z. 23. ζυδον fuͤr ξύδον. S. 191. Z. 25. ihm fuͤr ihn. S. 184. Z. 11. Jhre fuͤr Jhrer. S. 281. Z. 3. d aylhoudi - ſchen fuͤr alliotiſchen. S. 280. Z. 4. 1740. fuͤr 1750.

Saty -
[1]

Satyriſche Briefe.

A[2][3]

Die Klagen wegen der Kinderzucht ſind ſo alt, und ſo allgemein, daß ich nicht Willens bin, mich gar zu lange da - bey aufzuhalten. Diejenigen, welche Kinder haben, beſchweren ſich mit der groͤßten Bitterkeit, daß es ſo viele Muͤhe koſte, Jeman - den zu finden, der den Willen und das Geſchicke habe, die Kinder redlich zu unterweiſen, und ver - nuͤnftig anzufuͤhren. Eben ſo unzufrieden und misvergnuͤgt ſind auf der andern Seite diejeni - gen, welche ſich, unter dem Titel der Hofmeiſter und Jnformatoren, der Unterweiſung der Kinder in Familien unterziehen. Denn von dieſer Art der Kinderzucht rede ich itzt; die Fehler der oͤffentlichen Schulen verdienen eine beſondere Be - trachtung. Jch glaube, man hat auf beiden Seiten Urſache ſich zu beſchweren, und gemeinig - lich ſind beide Schuld daran.

Aeltern, welche die Pflichten der Aeltern nicht verſtehen, und wie viele verſtehen ſie nicht? Aeltern, welche in ihrer Jugend ſelbſt keine Er -A 2ziehung4Satyriſche Briefe. ziehung gehabt, und nicht verlangen, daß ihre Kinder vernuͤnftiger werden, als ſie ſind, die viel - mehr nur darauf ſehen, daß ſie mit einer ſorgfaͤl - tigen Erſparung alles Aufwands dieſelben heran ziehen moͤgen; ſolche Aeltern verdienen das Gluͤck kaum, einen geſchickten Mann in ihr Haus zu bekommen, welcher es getreuer und redlicher mit ihren Kindern meynt, als ſie es ſelbſt mit ihnen meynen.

Kinder, und beſonders Kinder, vornehmer Aeltern zu ziehen, iſt die wichtigſte, aber auch die ſchwerſte Arbeit, die man ſich vorſtellen kann. Wird ſich wohl ein Mann, der Gelehrſamkeit, Geſchmack, und gute Sitten beſitzet, ſo leicht entſchließen koͤnnen, ein Amt uͤber ſich zu nehmen, bey dem ſo wenig Vortheil, und oft noch weniger Ehre, allemal aber viel Verdruß und Arbeit iſt?

Ein Vater, welcher niemals gewohnt iſt, vernuͤnftig zu denken, iſt auch nicht im Stande, ſich vernuͤnftige Vorſtellungen von der Verbind - lichkeit zu machen, die er einem Manne ſchuldig iſt, der das ſchwere Amt der Erziehung mit ihm theilt. Er ſieht dieſen Mann als einen ſeiner Bedienten, und wenn er recht artig denkt, als den Vornehmſten ſeiner Bedienten an. Er wird ihm nicht mehr Achtung erweiſen, als er einem ſeiner Bedienten erweiſt; und kann er alsdann wohl verlangen, daß ſeine Kinder dieſen ihren Hof -5Satyriſche Briefe. Hofmeiſter mehr ehren ſollen? Wie viel ungluͤck - liche Folgen fließen aus dieſer einzigen Qvelle, wenn die Kinder ſich durch das Beyſpiel der Ael - tern berechtiget halten, denjenigen zu verachten, der ihr Fuͤhrer und Lehrer ſeyn ſoll!

Die Beſoldung, oder wie es in vielen vor - nehmen Haͤuſern genannt wird, der Lohn, den man dem Hofmeiſter giebt, iſt ſo kuͤmmerlich und geringe, daß ein rechtſchaffner Mann unmoͤglich Muth genug behalten kann, ſein ſklaviſches Amt mit dem Eifer und der Munterkeit zu verwalten, die bey dieſer Verrichtung ſo noͤthig ſind.

Und, damit der Hofmeiſter ſein Geld ja nicht mit Muͤßiggehen verdiene, ſo ſind viele ſo ſinn - reich, daß ſie von ihm alle Wiſſenſchaften, und uͤber die Wiſſenſchaften alle moͤgliche Handdienſte fordern, und es gern ſaͤhen, wenn er Hofmeiſter, und Peruͤkenmacher, und Hausvoigt, und Korn - ſchreiber zugleich waͤre.

Koͤnnen dergleichen unbillige Aeltern ſich es wohl befremden laſſen, wenn ihre Kinder ſchlecht, und niedertraͤchtig erzogen werden, da ſie mit demjenigen, der ſie erziehen ſoll, ſo niedertraͤchtig, und eigennuͤtzig verfahren?

Da ich dieſes ſage, ſo weis ich, daß ich alle diejenigen auf meiner Seite habe, denen in adli -A 3 chen6Satyriſche Briefe. chen Haͤuſern und andern Familien die Erziehung und Unterweiſung der Jugend anvertraut iſt. Sie werden ſo billig ſeyn und mir in demjenigen auch Beyfall geben, was ich itzt anfuͤhren will.

Sie geben den Aeltern eben ſo oft, und noch oͤfter, Gelegenheit, unzufrieden mit ihnen zu ſeyn.

Viele ſind verwegen genug, dieſes Amt auf ſich zu nehmen, und die anvertraute Jugend in Wiſſenſchaften, und guten Sitten zu unterweiſen, welche bey ihrer tiefen Unwiſſenheit, eine ſo ſchlech - te Auffuͤhrung haben, daß ſie ſelbſt noch verdien - ten, unter der Hand eines Zuchtmeiſters zu ſtehen. Die Sorgfalt, welche man wegen des aͤußerlichen Wohlſtandes auch in den kleinſten Umſtaͤnden beobachten muß, iſt ihnen auf niedern und hohen Schulen ſo gleichguͤltig, und wohl oft ſo laͤcher - lich geweſen, daß ſie es fuͤr brav gehalten haben, ungezogen zu ſeyn. Nun kommen ſie in ein Haus, wo rechtſchaffne Aeltern eben ſo ſorgfaͤltig verlan - gen, daß ihre Kinder wohlgeſittet erzogen, als daß ſie in Wiſſenſchaften unterrichtet werden moͤ - gen. Wie empfindlich muß es ihnen ſeyn, wenn ſie dieſem ſich ſelbſt gelaſſenen Hofmeiſter ihre Kinder zur Aufſicht anvertrauen ſollen, welche gar leicht, ihrer Jugend ungeachtet, das Unan - ſtaͤndige an ihrem Lehrer wahrnehmen muͤſſen, da ſie dergleichen weder bey ihren Aeltern, noch bey ihren Bedienten, zu ſehen gewohnt ſind. Die Be -7Satyriſche Briefe. Bedienten ſelbſt finden ihn laͤcherlich, und er wird es endlich dem ganzen Hauſe, da er ſich ſo wenig Muͤhe giebt, ſeine Fehler zu verbergen, oder zu aͤndern. Und dennoch wird eben dieſer ungeſittete Menſch die bitterſten Klagen fuͤhren, daß man ihm in dieſem Hauſe nicht mit der Achtung und Ehrerbietung begegne, die er im Namen ſeines Amtes fordert.

Es iſt ein Ungluͤck, daß gemeiniglich nur die - jenigen ſich dieſer Lebensart widmen, welchen die Armuth ihrer Aeltern, und ihre niedrige Geburt die Hoffnung benimmt, ihre Abſichten auf etwas hoͤheres als auf die Erlangung einer Dorfpfarre zu richten. Es geſchieht alsdann gar zu leicht, daß ihre Auffuͤhrung entweder zu ſchuͤchtern und kleinmuͤthig iſt, weil ſie gewohnt ſind, einſam und im Dunkeln zu leben; oder ſie iſt zu trotzig und zu ſtolz, weil ſie zu wenig Gelegenheit gehabt ha - ben, ſich und die Welt kennen zu lernen. Bey - des ſind Folgen, welche ihnen bey der Unterwei - ſung der Jugend nachtheilig ſind. Koͤmmt end - lich dieſes noch dazu, daß ihre Abſichten allzuei - gennuͤtzig ſind, daß ſie die Befoͤrdrung in ein Amt, ie eher ie lieber zu erlangen wuͤnſchen, es geſchehe auch wie es wolle: ſo wird ihnen die uͤbernommene Arbeit deſto verdruͤßlicher, und die geringſte Ver - zoͤgerung ihrer Hoffnung unertraͤglich fallen.

A 4Aber8Satyriſche Briefe.

Aber darum getraue ich mir noch nicht, zu behaupten, daß ein Menſch deswegen, weil er nicht von armen Aeltern, und nicht von niedriger Ge - burt herſtammt, weil er vielleicht hoͤhere Abſichten ſeines kuͤnftigen Gluͤcks hat, als eine mittelmaͤßige Befoͤrderung, weil er nicht einſam und im Dunkeln, ſondern vor den Augen der Welt erzogen worden, daß, ſage ich, ein ſolcher Menſch ſtets geſchickt ſey, die Jugend zu unterrichten, und vernuͤnftig zu erziehen. Nein, dieſes getraue ich mir nicht zu behaupten; die Erfahrung wuͤrde mir wider - ſprechen. Man bemerket es nur gar zu oft, daß diejenigen am meiſten ungeſittet ſind, welche die beſte Gelegenheit gehabt haben, wohl erzogen zu werden.

Jch kann mir kein lebhafter Vergnuͤgen vor - ſtellen, als wenn vernuͤnftige Aeltern, die keine Muͤhe und Koſten ſparen, ihren Kindern eine anſtaͤndige Erziehung zu verſchaffen, einen Mann finden, der bey einer geſitteten Auffuͤhrung ein redliches Herz und die Geſchicklichkeit beſitzt, ſeinem Amte vollkommen vorzuſtehen; wenn ſie die Fruͤchte ſeiner redlichen Bemuͤhungen von Zeit zu Zeit wahrnehmen; und wenn ſie alsdenn eine Gele - genheit erlangen, das Gluͤck dieſes rechtſchaffenen Mannes auf eine vortheilhafte Art zu befeſtigen.

Jch will hier mit einer Anmerkung ſchließen, die ich aus einem lateiniſchen Buche entlehne, undzwar9Satyriſche Briefe. zwar aus einem Buche, das viele von denen Her - ren nicht geleſen haben, welche doch glauben, daß ſie gelehrt, geſchickt, und beredt genug ſind, die Jugend, und kuͤnftig eine ganze Gemeine zu unterweiſen. Es faſſet dieſe Stelle ein unver - gleichliches Recept in ſich, wie man bey der Wah eines Jnformators, und Hofmeiſters verfahren ſoll. Wer Kinder hat, und dieſe Stelle, darum weil ſie lateiniſch iſt, nicht verſteht, der laſſe ſich ſolche von ſeinem Jnformator verdeutſchen, und gebe ihm dabey genau auf die Augen acht, ob er ſich im Geſichte verwandele. Jſt er gelehrt, und geſchickt, und wohlgeſittet: ſo wird er dieſe Stelle ſehr billig finden. Jſt er alles dieſes nicht, ſo wird er es ſehr uͤbel nehmen, daß man ihm die Erklaͤrung einer ſo pedantiſchen Aufgabe, die ſich auf unſere Zeiten gar nicht mehr ſchickt, zumuthen koͤnnen. Aber vielleicht verſteht er zu ſeiner innerlichen Beruhigung ſo viel Latein nicht, als noͤthig iſt, ſie deutſch zu erklaͤren. Hier iſt die ganze Stelle:

De pædagogis hoc amplius, ut aut ſint eruditi plane, quam primam eſſe curam ve - lim: aut, ſe non eſſe eruditos, ſciant. Nihil enim pejus eſt iis, qui paulum aliquid ultra primas literas progreſſi, falſam ſibi ſcientiæ perſuaſionem induerunt. Nam et cedere præ - cipiendi peritis indignantur et, velut jure quo - dam poteſtatis, quo fere hoc hominum ge -A 5nus10Satyriſche Briefe. nus intumeſcit, imperioſe atque interim ſæ - vientes, ſtultitiam ſuam perdocent. Nec minus error eorum nocet moribus. qvin - tilianvs.

Damit ich nicht das geringſte verabſaͤume, meinen Satz deutlich und begreiflich zu machen, ſo will ich ein paar Briefe einruͤcken, welche das - jenige naͤher beweiſen werden, was ich hier, viel - leicht ein wenig zu ernſthaft, voraus erinnert habe.

Hochzuehrender Herr Profeſſor,

Meine Jungen wachſen heran, und es iſt nun Zeit, daß ich ihnen einen geſcheiden Hofmei - ſter halte. Bisher habe ich den Schulmeiſter laſ - ſen zu ihnen gehen; aber er kann ſie nicht mehr baͤn - digen. Jch weiß, in welchem Anſehen Sie in Leipzig ſtehn, und daß Jhr Vorzimmer beſtaͤndig vom ſolchen krummgebuͤckten Creaturen voll iſt, welche Hofmeiſterſtellen, oder Jnformationes ſu - chen. Leſen Sie mir einen huͤbſchen geſunden Kerl aus. Sie wiſſen es ſelbſt, daß bey mir weder Menſchen noch Vieh Noth leiden. Fritze, der aͤl - teſte, iſt ein durchtriebner Schelm. Er hat einen offenen Kopf, und iſt auf die Maͤgde, wie ein klei - ner Teufel; ich darf es den Buben nicht merken laſ -ſen,11Satyriſche Briefe. ſen, daß ich ihn lieb habe; der leichtfertge Schelm! Er iſt noch nicht vierzehn Jahr alt, und hat in hu - manioris gar feine principio. Ferdinand, iſt meiner Frau ihr Junge. Er iſt immer kraͤnklich, und das geringſte Aergerniß kann ihm ſchaden. Das gute Kind will mit lauter Liebe gezogen ſeyn, und meine Frau hat ſchon zween Bediente wegge - jagt, die ihm unfreundlich begegnet haben. Das aͤlteſte Maͤdchen iſt zwoͤlf Jahre. Sie ſoll noch ein bißchen Catechiſſen lernen, und hernach will ich dem kleinen Nickel einen Mann geben, der mag ſehn wie er mit ihr zu Rechte koͤmmt. Mit dem kleinen Maͤdchen hat der Hofmeiſter gar nichts zu thun, die behaͤlt die Mamſell bey ſich. Sehn Sie nun, Herr Profeſſor, das iſt die Arbeit alle. Jch wer - de Jhnen ſehr verbunden ſeyn, wenn Sie mir einen huͤbſchen Menſchen vorſchlagen. Jch verlange wei - ter nichts von ihm, als daß er gut Latein verſteht, ſich in Waͤſche und Kleidung reinlich und ſauber haͤlt, Franzoͤſiſch und Jtaliaͤniſch ſprechen kann, eine ſchoͤne Hand ſchreibt, die Mathimatik verſteht, Verſe macht, ſo viel man fuͤrs Haus braucht, tan - zen, fechten und reuten kann, und wo moͤglich, ein wenig zeichnet. Jn der Hiſtorie muß er auch gut beſchlagen ſeyn, vor allen Dingen aber in der Wap - penkunſt. Jſt er ſchon auf Reiſen geweſen; deſto beſſer. Aber er muß ſich gefallen laſſen, bey mir auf meinem Gute zu bleiben, und ſich wenigſtens auf ſechs Jahre bey mir zu vermiethen. Dafuͤr ſoll er bey meinen Kindern auf der Stube freyeWohnung12Satyriſche Briefe. Wohnung haben, mit dem Cammerdiener eſſen, und jaͤhrlich 50 Gulden bekommen. Zum heili - gen Chriſte und zur Meſſe gebe ich nichts; derglei - chen Betteleyen kann ich nicht leiden. Sind die ſechs Jahre um, ſo kann er in Gottes Namen hinge - hen, wohin er will. Jch will ihn ſodann an ſei - nem Gluͤcke nicht hindern. Mich duͤnkt, die Vor - ſchlaͤge ſind ganz billig. Hat der Menſch Luſt zur Wirthſchaft, ſo kann er meinem Verwalter mit an die Hand gehen. Es wird ſein Schade nicht ſeyn, denn er weiß doch nicht, wozu ers einmal brau - chen kann. Jch werde fuͤr Jhre Bemuͤhung er - kenntlich ſeyn, und bin

Hochzuehrender Herr Profeſſor Jhr dienſtbereitwilligſter

Hoch -13Satyriſche Briefe.
Hochwohlgebohrner Herr, Gnaͤdiger Herr,

Ew. Excellenz gnaͤdigſt mir ertheiltem Befehle un - terthaͤnigſt nachzuleben, habe ich mir Muͤhe gegeben, alle diejenigen ſubjecta quovis modo zu ſondiren, von denen ich geglaubt, daß ſie der hohen Gnade nicht ganz unwuͤrdig waͤren, welche Ew. Hochwohlgebohrne Excellenz, als ein wahrer Maͤcenat, und Beſchuͤtzer der ſchoͤnen Kuͤn - ſte und Wiſſenſchaften, ſo großmuͤthig zu offeri - ren geruht haben. Es fehlt nicht an Leuten, wel - che conditiones ſuchen, aber es iſt zu beklagen, daß heut zu Tage junge Leute zu zeitig vornehm ſeyn, und ſich nicht gefallen laſſen wollen, durch einen kleinen Anfang den gewiſſen Grund zu ihrem groͤßern Gluͤcke zu legen. Die wenigen Wiſſen - ſchaften ſo ſie etwan beſitzen, machen ſie ſo ſtolz, daß ſie unverſchaͤmt genug ſind, fuͤr ihre kleinen Bemuͤ - hungen, die doch in weiter nichts beſtehen, als Kinder zu informiren, ſo viel zu fordern, daß man dafuͤr gar reichlich drey Bediente in Livrey halten koͤnnte. Jch habe einen jungen Menſch bey mir gehabt, welcher in der That alle diejenigen Faͤ -higkei -14Satyriſche Briefe. higkeiten beſitzt, ſo Ew. Excellenz bey einem Hofmei - ſter fuͤr Dero gnaͤdige junge Herrſchaft verlangen. Ueberdieſes iſt er von einem geſetzten Weſen, tu - gendhaft, und ſo gar, welches Ew. Excellenz nicht ungnaͤdig vermerken werden, fromm und chriſtlich. Es wird keiner, ſo wie dieſer, vermoͤgend ſeyn, Dero junge Herren zu wackern Maͤnnern fuͤrs Vaterland, und zur Ehre Dero hohen Hauſes zu erziehn. Aber was hilft das? Seine Forderun - gen ſind ungeheuer, und Ew. Excellenz ſind viel zu einſehend, als daß Sie wider die Gewohnheit Dero hoher Ahnherren ſo vieles Geld wegwerfen, und dennoch nichts weiter dadurch erlangen ſollten, als rechtſchaffene Kinder. Wollen Sich Dieſelben eine Luſt machen, ſo geruhen Sie gnaͤdig, deſſen eigenhaͤndigen Aufſatz ſeiner laͤcherlichen Præten - ſion in der copeylichen Anfuge ſub A. zu leſen. Mit einem Worte, ein ſo theurer Hofmeiſter iſt fuͤr Ew. Excellenz keine Sache. Es ſind noch einige andre bey mir geweſen, welche ſichs fuͤr eine große Gnade halten, als Hofmeiſter in Ew. Excel - lenz Dienſte zu treten. Sie verſtehn freylich das wenigſte von dem, was Dieſelben verlangen; und ich kann nicht laͤugnen, daß bey den meiſten die Auffuͤhrung nicht die beſte iſt. Jnzwiſchen kann ich ihnen doch nachruͤhmen, daß ſie Leute ſind, welche mit ſich handeln laſſen, und die Ew. Excellenz ge - wiß nicht uͤbertheuern werden. Mehrere Nach - richt davon, werden Sie in der Beylage ſub B. von ihnen finden. Ew. Excellenz gnaͤdigſten Dispoſitiondie -15Satyriſche Briefe. dieſerhalb bin in Unterthaͤnigkeit ich erwartend. Mein Rath hierbey waͤre, ſonder alles unziemende Maaßgeben, ich ließe dieſe Candidaten alle auf einmal zu mir kommen und ſie auf die Hofmeiſter - ſtelle licitiren. Demjenigen, welcher am wenig - ſten fuͤr ſeine Bemuͤhung haben wollte, koͤnnte ich ſodann gedachte Hofmeiſterſtelle zuſchlagen. Doch uͤberlaſſe alles zu Dero erleuchtem Ermeſſen ich ledig - lich, und verharre mit der tiefſten Devotion

Hochwohlgebohrner Herr, Gnaͤdiger Herr, Ew. Excellenz, unterthaͤnig gehorſamſter Diener

N. S. Wollten Ew. Excellenz die hohe Gna - de haben, und das Stipendium, ſo Dieſelben zu disponiren haben, meinem aͤlteſten Sohne gnaͤdig conferiren: ſo wuͤrde dieſes mit der groͤßten Un - terthaͤnigkeit ich Lebenslang veneriren.

A. En -16Satyriſche Briefe.

A.

Endesbenannter glaubt, daß er, ohne unbillig zu ſeyn, fuͤr die von Jhro Excellenz geforderten Bemuͤhungen und Dienſte als Hofmeiſter der jun - gen Herrſchaft jaͤhrlich folgendes verlangen koͤnne:

  • 1.) Fuͤr Aufſicht, Unterweiſung im Chriſtenthu - me, und in der Lateiniſchen Sprache uͤberhaupt50 Thlr.
  • 2.) Fuͤr die Franzoͤſiſche Jnformation monatlich zwey Thaler, thut auf dreyzehn Mo - nate 26 Thlr.
  • 3.) Dergleichen im Jtaliaͤ - niſchen, zwey Thaler 26 Thlr.
  • 4.) Als Schreibemeiſter, mo - natlich einen Thaler, zwoͤlf Groſchen 19 Thlr. 12 gl.
  • 5.) Fuͤr Lection im Rechnen, und in der Mathematik, mo - natlich drey Thaler 39 Thlr.
  • 6.) Mit den Verſen, bittet er, ihn gnaͤdig zu verſchonen.
7.) Als17Satyriſche Briefe.
  • 7.) Als Tanzmeiſter, monat - lich einen Thaler, und will da - fuͤr die Woche zwo Stunden geben. 13 Thlr.
  • 8.) Als Fechtmeiſter, taͤglich eine Stunde, zwey Thaler, zwoͤlf Groſchen. 32 Thlr. 12 gl.
  • 9.) Als Bereuter, auch taͤg - lich eine Stunde, vier Thaler. 52 Thlr.
  • und verſpricht er hierbey weder Accidentien zu fo - dern, noch ſonſt einigen Aufwand zu veranlaſſen.
  • 10.) Fuͤr die Anleitung in der Geſchichte, Wap - penkunſt und dergleichen, wird weiter nichts ver - langt, und gehoͤrt dieſes zum erſten Capitel.
  • 11.) Man hofft, die gnaͤdige Erlaubniß zu erhal - ten, mit der jungen Herrſchaft zu ſpeiſen, um Gele - genheit zu haben, derſelben auch einige Anweiſung in der Kunſt zu geben, wie ſie mit Anſtand eſſen ſolle, und ſich bey der Tafel vernuͤnftig aufzufuͤh - ren habe, welches vielen jungen Leuten fehlt.
  • 12.) Junker Ferdinand muß der Aufſicht und Zucht des Hofmeiſters lediglich uͤberlaſſen bleiben, ohne von der gnaͤdigen Frau geſchuͤtzt zu werden, welches man zu ſeinem eigenen Beſten wuͤnſcht.
B13.) Bey18Satyriſche Briefe.
  • 13.) Bey dieſer Arbeit wird keine Zeit uͤbrig bleiben, dem Verwalter an die Hand zu gehen, welches durch einen Kornſchreiber am beſten ver - richtet werden kann.
  • 14.) Nach Verlauf der ſechs Jahre hoffet man gnaͤdige Befoͤrderung.
  • Obige Koſten betragen zuſammen257. Thlr.

Es ſoll weder Treue noch Fleiß geſparet werden, die Pflicht eines Hofmeiſters, nach allem Vermoͤ - gen, redlich zu erfuͤllen.

Elias Pfaffendorff.

B.

Verzeichniß derer Candidaten, die ſich zur Hofmeiſterſtelle ange - geben haben.

  • 1.) N. N. Ein junger Menſch, 22. Jahre alt, hat ziemliche Studia. Jch habe ihn aber bey mir zu Tiſche gehabt, und gefunden, daß er zu viel ißt. Verlangt auſſer den zwey ordentlichen Mahlzeiten, annoch Fruͤhſtuͤck und Veſperbrod, und uͤber dieſes taͤglich drey Kannen Bier. Will 50. Thaler haben.
2.) N.19Satyriſche Briefe.
  • 2.) N. N. Artium Magiſter. 40 Jahre alt. Scheint ein geſetzter Menſch zu ſeyn. Hat ſchon ſeit 20. Jahren als Jnformator unter adli - chen Herrſchaften gedient, aber niemals laͤnger, als ein Jahr, an einem Orte aushalten koͤnnen. Mag ehedem in ſeinen Wiſſenſchaften nicht unrecht ge - weſen ſeyn, doch hat er in dieſen 20. Jahren alles wieder ausgeſchwitzt. Jnzwiſchen weiß er immer noch ſo viel, als Ew. Excellenz junge Herrſchaft zu lernen noͤthig hat. Bittet ſich uͤber die 50. Gulden freyes Bier und Taback aus, ſo viel er braucht. NB. Raucht nur Bremer.
  • 3.) N. N. 29. Jahre alt, friſch und geſund vom Koͤrper, der Gottesgelahrheit Befliſſener, predigt einen ziemlichen Baß, und beſitzet eine große Staͤrke in Poſtillen. Will mit 50. Gul - den zufrieden ſeyn, wenn er in 6. Jahren Subſti - tute werden kann.
  • 4.) N. N. hat zehn Jahre lang auf Univerſi - taͤten gelebt, aber noch nicht abſolvirt, da er im - mer das Ungluͤck gehabt, relegirt zu werden. Jch glaube, er wird in den 6. Jahren Zeit haben, nachzuholen, was er verſaͤumt hat. Er iſt ein luſtiger Kopf, und wird ſich fuͤr Junker Fritzen gut ſchicken. Bittet flehentlich um Verſorgung und Brod, da er ſich mit einem Naͤdermaͤdchen verſprochen hat. Er ficht.
B 25.) N.20Satyriſche Briefe.
  • 5.) N. N. 27. Jahre alt, iſt uͤberſichtig, re - det lateiniſch und griechiſch, kann aber kein Deutſch. Deſto beſſer ſchickt er ſich zu einem Jnformator in ein adliches Haus. Es iſt ewig zu bejammern, daß man itzt anfangen will, nicht allein von Ge - lehrten, ſondern auch von dem Adel zu verlangen, daß ſie die ſogenannten deutſchen witzigen Schrif - ten mit Geſchmack leſen, und Deutſch lernen ſol - len. Als wenn ein Deutſcher noͤthig haͤtte, Deutſch zu lernen. Quæ! qualis! quanta! Er verlangt c c I I c H. S. ſage 2000. Seſterzen, thut, nach unſerer Muͤnze, etwan ſiebenzig Thaler leich - te Geld.
  • 6.) N. Seines Handwerks ein Poet, ſchreibt einen fließenden Vers, alles in Reimen, und iſt ein Todfeind von den itzigen ſchweren ſtrotzenden Ge - dichten ohne Reime. Dem Himmel ſey Dank, daß es noch hin und wieder Leute giebt, die Ge - ſchmack haben! Auſſer der Mythologie, die er Trotz zehn andern verſteht, hat er nichts gelernt. Er hat itzt ein wichtiges Werk unter der Feder, da er alle Sonn - und Feſttagsepiſteln in Reime bringt, ohne ein Wort vom Grundtexte zu aͤndern, oder zu verſetzen. Wenn er damit fertig iſt, will er ſich ein wenig auf die Humaniora legen. Cor - deri Colloqvia exponirt er ziemlich. Jn Wuͤn - ſchen iſt er unerſchoͤpflich. Er erbietet ſich, ohne Beſoldung zu dienen, wenn ihm fuͤr eine jede Gra -tulation21Satyriſche Briefe. tulation von zweyhundert Verſen baar vier Gro - ſchen gegeben werden, wobey er es jaͤhrlich we - nigſtens auf 80 Thaler zu bringen gedenkt. Er verlangt alle Weihnachten ein abgeſetztes Kleid, es mag ſo alt ſeyn, als es wolle. Um ein paar ganze Hofen wollte ich Ew. Excellenz ſelbſt fuͤr den armen Schelm, ſtatt des Handgeldes, gebeten ha - ben. NB. Er iſt auch witzig, und ſatyriſch, man moͤchte ſich vor Lachen ausſchuͤtten. Ew. Excellenz koͤnnen tauſend Spaß mit ihm haben. Boͤſe wird er nicht leicht, man muͤßte denn ſeine Verſe tadeln.
  • 7.) Da Ew. Excellenz gar wohl bedaͤchtig zu ſagen pflegen, daß ein junger Edelmann, der nicht denkt, weit ertraͤglicher ſey, als einer, der keinen Haſen hetzen kann: ſo wollte ich Jhnen wohl N. N. vorſchlagen. Er hat wider ſeinen Willen ſtu - diren muͤſſen, weil es ſein Vormund ſchlechter - dings verlangt; er hat aber vor allen Wiſſenſchaf - ten ſo einen Abſcheu, und dagegen zu den Jagd - hunden eine ſolche Neigung, daß man ſeine Mut - ter, ſo des herrſchaftlichen Verwalters Frau gewe - ſen, nicht ohne Grund im Verdacht gehabt, daß ſie mit ihrem gnaͤdigen Herrn vertraut gelebt. We - nigſtens hat ſie ſich an ihm verſehen. Gelernt hat er alſo wenig oder nichts; aber er iſt ein ganzer Jaͤ - ger. Lerchennetze ſtrickt er als ein Meiſter, und in der ganzen Gegend iſt keiner, der den VogelheerdB 3ſo22Satyriſche Briefe. ſo geſchickt anrichten kann. Er will 50 Thaler, und alle Fuchsbaͤlge. Faͤngt auch Hamſter.
  • 8.) N. N. iſt kurz, unterſetzt, und im Durch - ſchnitte wenigſtens zwey und eine halbe Elle ſtark, welches er dem fetten Biere zu danken hat. Als er bey mir war, konnte ich nicht erfahren, ob er etwas gelernt hatte, weil er ein wenig taumelte, doch habe ich viele ſchoͤne teſtimonia von ihm ge - ſehen, die er von Schulen mit gebracht. Jch glaube, wenn er als Hofmeiſter nicht ſonderlich zu brauchen iſt, ſo wird er doch alsdann ſehr gut ſeyn, wenn Ew. Excellenz Gaͤſte haben. Denn ob er gleich nur ein ſchlechter Buͤrger iſt, ſo ſaͤuft er doch Trotz manchem Cavalier. Er iſt mit 50 Gulden zufrieden, wenn er einen Ducaten fuͤr ieden Rauſch bekoͤmmt, den er ſich trinkt, ſo oft er die hon - neurs vom Hauſe macht.
  • 9.) N. N. ein guter, ſtiller, ehrlicher Menſch. Jch habe ihn zwo Stunden bey mir gehabt, aber auf alle meine Fragen keine Antwort erhalten koͤnnen, als: O ja! Hochedler Patron! Jch glaube, daß er grundgelehrt iſt, weil er gar keine Condui - te hat. Ew. Excellenz werden mit ihm anfangen koͤnnen, was Sie wollen, und er wird ſich alles ge - fallen laſſen. Jch fragte, was er zur Beſoldung haben wollte; aber er buͤckte ſich ſehr tief, und ſag - te: Wie ſie befehlen, Hochedler Patron! NB. Traͤgt keine Manſchetten.
10.) N.23Satyriſche Briefe.
  • 10.) N. N. Ein ſuͤſſes artiges Herrchen. Jſt geputzt, wie eine Puppe, und denkt auch ſo. Hat vier Jahre in Leipzig ſtudirt, und in vier Jahren keinen Huth auf den Kopf gebracht. Hat ſich, wie er ſagt, vornehmlich nur auf galante Studien gelegt. Erbietet ſich, die junge Herrſchaft zu friſiren. Macht Dintenflecke aus der Waͤſche, bohnt Schraͤn - ke, und kann allerhand artige Figuren in Papier ausſchneiden. Als ich von ihm wiſſen wollte, wie viel er an Beſoldung verlangte, ſo machte er ein Ruͤckpas, und ſagte ganz klar: Siebenzig Thaler, zu dienen, Jhre Hochedlen! Er gefaͤllt meiner Frau.
  • 11.) Wenn Ew. Excellenz einen Menſchen haben wollen, der im Lateiniſchen, Franzoͤſiſchen, Jtalie - niſchen, und der Hiſtorie, im Tanzen, Reiten und Fechten, und in allen moͤglichen Wiſſenſchaften Un - terweiſung geben ſoll, ſo ſchlage ich Jhnen N. N. vor. Er verſteht zwar von allen dieſen nichts, er iſt aber meiner Schweſter Sohn, und koͤmmt alle Wochen wenigſtens zweymal zu mir, mich mit vieler Demuth ſeiner Devotion zu verſichern, um deswillen moͤchte ich ihm gern geholfen wiſſen. Jch habe ihn zeither, mit gutem Erfolge, jungen Leuten zur Privatinformation vorgeſchlagen, welche ſo bil - lig geweſen ſind, ihn monatlich, in Anſehung mei - ner, zu bezahlen, ohne ſeine Stunden abzuwarten. Er repetirt mit ihnen meine juriſtiſchen Collegia, ungeachtet er ein Theologus iſt. Achtzig Thaler Beſoldung duͤrften wohl nicht zu viel ſeyn, denn er iſt mein Vetter.
B 4Der24Satyriſche Briefe.

Der Schleifwege zum geiſtlichen Schafſtal - le ſind ſo viel, daß jemand dieſer Gegend ſehr kundig ſeyn muß, wenn er es unterneh - men will, ſie alle, oder doch nur die meiſten davon zu beſchreiben. Eines der ſicherſten und gewoͤhn - lichſten Mittel iſt dieſes, wenn ſich der Candidat durch das Kammermaͤdchen dem Herrn darſtellen laͤßt. Jch glaube nicht, daß jemand ſo aberglaͤu - biſch ſeyn und hierbey etwas bedenkliches finden wird. Wider das Recht der Natur laͤuft es we - nigſtens nicht, und die Kirchengeſchichte unſrer Zeit rechtfertigt den Gebrauch. Die Gelegenheit und der Raum verſtatten mir nicht, weitlaͤuftig zu ſeyn; auſſerdem wuͤrde ich mir Muͤhe geben, zu be - weiſen, daß die Vocation in der Hand eines ſol - chen Frauenzimmers einen doppelten Werth er - halte. Ein Mann, der Muth genug hat, dieſen Schritt zu wagen; den weder Exempel noch Ver - nunft abhalten koͤnnen, ſich mit einer Perſon auf ewig zu verbinden, welche zwar nicht allemal, doch ſehr oft, von einer problematiſchen Tugend iſt, und gewiß nicht vergeſſen wird, bey der ge - ringſten Gelegenheit ihm vorzuſagen, daß er durch ſie Schutz und Amt gefunden hat; ein ſolcher Mann ohne Gefuͤhle wird gewiß auch in ſeinem Amte ſtandhaft, und immer unempfindlich bleiben; und die groͤßten Verfolgungen, die uͤber ſein Amt er - gehn,25Satyriſche Briefe. gehn, werden ihn nicht niederbeugen, da er weit groͤßere in ſeinem Hauſe zu erdulden ge - wohnt iſt.

Dieſe Betrachtungen bewegen mich, jungen Leuten wohlmeynend zu rathen, daß ſie ſo bald, als es moͤglich iſt, dergleichen Bekanntſchaften ſuchen, um ſich ihrem Gluͤcke zu naͤhern. Jch will es beiden Theilen leicht machen, und fuͤr bei - de ein Formular liefern, wie man ſein Herz in der - gleichen Faͤllen ausſchuͤtten muͤſſe.

An ein Cammermaͤdchen.

Mademoiſelle,

Da ich weiß, wie viel Sie zu gewiſſen Stunden uͤber den gnaͤdigen Herrn vermoͤgen: ſo glau - be ich, daß ich mein Gluͤck in keine beſſern Haͤnde, als in die Jhrigen, empfehlen kann. Jch wuͤnſche mir, an die Stelle des vorigen Jnformators zu kommen; und dieſes durch Jhren Vorſpruch. Sie werden keine Urſache finden, es zu bereuen, da ich mir vorgeſetzt habe, die Hochachtung mit Jhnen zu theilen, welche ich ſonſt der gnaͤdigen Herrſchaft ganz ſchuldig bin, und da ich mich von meinem Vor - fahren wenigſtens dadurch unterſcheiden werde, daß ich weder zu muͤrriſch, noch zu pedantiſch bin,B 5Jhnen,26Satyriſche Briefe. Jhnen bey muͤſſigen Stunden auf vielerley Art zu ſagen, daß ich ſey.

Mademoiſelle, der Jhrige.

N. S. Jch bin Magiſter, drey Ellen drey Zoll lang, ſechs und zwanzig Jahre alt, ha - be, wie man mir ſagt, einen feinen Fuß, und bin ſehr geneigt, zu ſeiner Zeit in den Stand der heiligen Ehe zu treten.

Antwort.

Mein Herr Magiſter,

Jch habe mit ihm geredet, mit dem gnaͤdigen Herrn. Er ſagte, nein, gewiß nein, ich kanns Jhnen nicht ſagen, was er ſagte; erſt ſagte er gar nichts, aber hernach ich werde ganz roth, er kriegte mich beym Kinne, und ſagte, wie er immer ganz ſpashaft iſt: He! kleine Hure, willſt du dir den Jnformator ich kanns bey meiner Ehre nicht raus ſagen; er fragte mich, ob ich Sie kennte? Bey meiner Frau Muhme ha - be ich ihn geſtern geſehn, ſagte ich, und da ſagte ich weiter nichts. Mit einem Worte, mein Herr Magiſter, es iſt ſo gut, als richtig. Die gnaͤdige Frau moͤchte des Teufels werden; aber es hilft nichts. Der Vorreiter hat ihr des Schulmeiſters aͤlteſten Sohn vorgeſchlagen, und ſie hat es auchdem27Satyriſche Briefe. dem Vorreiter verſprochen. Nein, da wird nichts draus. Herr Jemine! das fehlte uns noch, ſo einen rothkoͤpfichten Jnformator! den ſollten wir noch ins Haus kriegen? Machen Sie ſich immer fertig. So bald der gnaͤdige Herr wieder einen Anfall von der Kolike kriegt, will ich ihn noch ein - mal daran erinnern. Er iſt ein gar zu lieber Herr! Wenn Sie zu uns kommen, das will ich Jhnen nur ſagen, daß Sie Sich aus der gnaͤdigen Frau gar nichts zu machen haben. Sie hat noch ein Menſche bey ſich, das Maulaffengeſichte moͤchte auch gern Cammermaͤdchen heißen. Der vorige Jnformator ſagte immer, ſie haͤtte ſchoͤne weiße Zaͤhne; ich denke der Balg wird ihm wohl nach - ziehn, wenn er weg iſt. Aber, ich weiß nun nicht, was ſie thun wird, wenn ſie nun, ich ſetze nun den Fall, ſie bliebe noch da, da nehmen Sie Sich ja vor ihr in Acht, es iſt ein boͤſes gefaͤhrliches Thier, ſie hat ein meſchantes Maul. Gott bewahre einen jeden Chriſten vor ihr; der Nickel! Nun, wie ge - ſagt, machen Sie immer ihre Sachen fertig, daß Sie auf Weihnachten anziehen koͤnnen. Jch bin Jhre Dienerinn

N. S. Wie Gott will! Jch bin immer noch ein und zwanzig Jahre alt. Unſer alter Pfar - rer wird doch nicht ewig leben. Koͤmmt Zeit, koͤmmt Rath. Jhre Dienerinn. Fuͤr das ſchoͤne Band danke ich; es iſt auch ein gar zu niedliches Baͤndchen. Leipzig bleibt wohl Leipzig.

Adjeu.

Wem28Satyriſche Briefe.

Wem etwa dieſe Art, ſeine Abſichten zu erklaͤren, zu dreiſt, und nicht fein genug vorkoͤmmt, den will ich durch den klei - nen Roman befriedigen, welcher in den nachſte - henden ſechs Briefen erzaͤhlt wird. Hat jemand von meinen Leſern Zeit und Luſt, ſich ſelbſt im Briefſchreiben zu uͤben, der wird wohl thun, wenn er den zweyten Theil dazu verfertigt, und die Neubegierde ſeiner Freunde befriediget, welche vielleicht gern moͤchten wiſſen wollen, ob der Can - didat die Pfarre wirklich angenommen; ob ſeine, und der jungen Wittwe Wuͤnſche erfuͤllt wor - den; und ob der Kirchenpatron noch oft noͤthig gehabt, ſie uͤber ihren ſeligen Mann zu troͤſten.

Schreiben einer Prieſterwittwe an den Candidaten.

Hochgeehrter Herr Magiſter,

Es hat der gnaͤdige Herr mir befohlen, Jhnen innliegenden Brief zu uͤberſenden. Er betrifft Jhre Befoͤrderung an die Stelle meines ſeligen Mannes. Sollte die Sache zur Richtigkeit kom - men, ſo wuͤnſche ich Jhnen im voraus Gluͤck, und beſonders dieſes, daß Sie des Amts laͤnger genies - ſen moͤgen, als mein ſeeliger Herr, welcher es nurvier29Satyriſche Briefe. vier Jahre lang verwaltet hat, und deſſen Tod mir deſto ſchmerzhafter faͤllt, da er mich nach einem drey - jaͤhrigen Eheſtande, in meinem zwey und zwanzig - ſten Jahre als eine ungluͤckliche Wittwe verlaſſen hat. Das Amt iſt ſehr muͤhſam wegen der ſtar - ken Wirthſchaft, die damit verknuͤpft iſt, und die ohne großen Schaden nicht verpachtet werden kann. Das Jnventarium betraͤgt wenigſtens ſiebenhun - dert Thaler, und mein ſeliger Herr wuͤrde ſich da - durch unfehlbar ruinirt haben, wenn er nicht mit einem Theile meines Vermoͤgens ſolches beſtreiten, und die Wittwe des Vorfahren befriedigen koͤnnen, welche ſolches allemal auf einem Brete ausgezahlt bekommen muß. Sollten Sie veranlaßt werden, eine Gaſtpredigt zu thun: ſo ſteht Jhnen mein Haus und Tiſch zu Dienſten, wenn es Jhnen gefiele, bey mir abzutreten. Faͤnden ſich noch einige Schwierigkeiten wegen Jhrer Befoͤrderung: ſo haben Sie das Vertrauen zu mir, daß ich Jhnen nach Vermoͤgen, und vielleicht mit gutem Erfolge dienen werde, da ich ſeit vielen Jahren mich der Gnade unſers Kirchenpatrons ruͤhmen kann. Jch erwarte baldige Antwort, und bin

Meines Hochgeehrten Herrn ehrendienſtwillige, N. Witwe.

N. S.30Satyriſche Briefe.

N. S. Jch habe von meinem ſeligen Herrn, troͤ - ſte ihn Gott, ein einziges Kind, und das ar - me Wuͤrmchen iſt immer kraͤnklich, daß es wohl nicht lange leben duͤrfte. Was fuͤr Herz - leid muß ich nicht bey allen meinem Gelde als eine ungluͤckliche Wittwe im zwey und zwanzigſten Jahre erleben! Antworten Sie ja bald.

Mein Herr,

Der Herr Stifftsrath hat mir ſo viel gutes von Jhnen zu ruͤhmen gewußt, daß ich glaube, kei - ne beſſere Wahl treffen zu koͤnnen, als wenn ich Jh - nen die durch den Tod meines Pfarrers erledigte Stelle anbiete. Das Amt iſt eines der austraͤg - lichſten; doch muß ich Jhnen auch dieſes ſagen, daß die meiſten Einkuͤnfte in der Wirthſchaft beſtehen. Es wird noͤthig ſeyn, daß Sie wenigſtens tauſend Thaler in Haͤnden haben, um das Jnventarium anzuſchaffen. Koͤnnten Sie Sich mit der Wittwe verſtehn, daß ſie Jhnen das gegenwaͤrtige Jnven - tarium fuͤr ein billiges uͤberließe: ſo waͤren einige hundert Thaler zu erſparen. Sie iſt ein billiges Weib, und ich habe ſie allemal als eine gute Frau gefunden. Noch eins will ich Jhnen rathen. Wenn die Sache zur Richtigkeit koͤmmt, ſo ſehn Sie Sich nach einer guten Wirthinn um, welche auf dem Lan - de erzogen iſt, und die Haushaltung, beſonders diehieſige31Satyriſche Briefe. hieſige Landesart, wohl verſteht, denn darauf koͤmmt viel an, ſonſt ſind ſie gleich im erſten Jahre ruinirt. Jch uͤberlaſſe alles Jhrer Einſicht, denn ich bin kei - ner von denen, welche die Vocationes mit ſolchen Bedingungen uͤbergeben, die eigennuͤtzig ſind, oder dem Candidaten zur Laſt fallen koͤnnen. Melden Sie mir Jhre Entſchließung, und ob Sie eine Gaſtpre - digt thun koͤnnen. Da ich als Officier wenig auf meinem Guthe, und unverheirathet bin, auch keine eigene Wirthſchaft habe, und auf dem Schloſſe bauen laſſe: ſo will ich Ordre ſtellen, daß Sie in der Pfar - re abtreten koͤnnen, wenn Sie die Gaſtpredigt thun. Die Wittwe wird Jhnen alle Hoͤflichkeit erweiſen. Schreiben Sie mir, ſo bald Sie koͤnnen. Mein Reitknecht ſoll die Antwort bey der Wittwe ab - holen.

Leben Sie wohl!

N. S. Sie ſind doch nicht ſchon mit einem Maͤd - chen verſprochen?

Gnaͤdiger Herr,

Da ich groͤßten Theils nur um deswillen Theolo - gie ſtudirt habe, um bald ein Amt, und eine Frau zu bekommen: ſo ſehe ich das Anerbieten Ew. Gnaden, die Austraͤglichkeit des Amts, eine junge Wittwe, mit einem einzigen, und noch dar - zu kraͤnklichen Kinde, ihr Vermoͤgen, und eine ganz eingerichtete Wirthſchaft, billig als einen goͤttlichenBeruf32Satyriſche Briefe. Beruf an. Geſchieht es mit Dero gnaͤdigen Er - laubniß, ſo will ich auf kuͤnftigen Sonntag die Gaſtpredigt thun, und ſodann weitern Befehl von Jhnen erwarten. Jch werde mich bey meinem Amte ſo bezeigen, daß Ew. Gnaden mit der ge - troffenen Wahl zufrieden ſeyn ſollen; zu Dero gnaͤdigen Protection empfehle mich gehorſamſt, und bin ꝛc. ꝛc.

Hochgeehrte Frau.

Jch habe nicht einen Augenblick noͤthig gehabt, mich uͤber das mir angetragene Amt zu beſin - nen. Jch folge dem mir gegebenen Winke mit Freuden, und verlaſſe mich auf Dero Vorſpruch bey dem gnaͤdigen Herrn. Da ich auf dieſe Art Jhnen lediglich mein ganzes Gluͤck zu danken ha - be: ſo werde ich mich weiter Jhres wohlgemeyn - ten Raths bedienen; und weil ich mich wegen der ſtarken Wirthſchaft, nothwendig bald verheira - then muß: ſo werde ich keine Frau, als von Jhrer Hand annehmen. Jch weiß, daß Sie bey Jhrer guten Einſicht nach meinem Wunſche waͤhlen, und mich auch auf dieſe Art gluͤcklich machen werden. Kuͤnftigen Sonntag, ſo Gott will, ein mehrers. Jch werde alsdann meine Gaſtpredigt thun, und Gelegenheit haben, Jhnen ausfuͤhrlicher die Ver - ſicherung zu thun, daß ich mit wahrer Hochach - tung ſey ꝛc. ꝛc.

Gnaͤdi -33Satyriſche Briefe.
Gnaͤdiger Herr,

Ew. Hochwohlgebohrnen Gnaden uͤberſende durch den alten Hanns die Antwort des Herrn Ma - giſters, welche, wie ich aus dem Briefe an mich urtheile, nach Wunſche lauten wird. Jch erkenne mit demuͤthigem Danke die Gnade, welche Sie bey dieſer Gelegenheit auf eine ſo vorſichtige Art gegen mich hegen. Nehmen Sie Sich einer ar - men verlaſſenen Wittwe ferner an, und ſeyn Sie verſichert, daß ich nach meinem wenigen Vermoͤ - gen nicht unerkenntlich ſeyn werde. Jch glaube ſeit ſechs Jahren einiges Recht auf Jhre gnaͤdige Vorſorge erlangt zu haben, und alles, was ich wuͤn - ſche, iſt dieſes, daß ich ferner auf Jhrem Gute blei - ben, und ſo oft als moͤglich Sie muͤndlich uͤberzeu - gen koͤnne, daß ich unveraͤndert ſey,

Gnaͤdiger Herr, Dero demuͤthige Dienerinn

CKleiner34Satyriſche Briefe.
Kleiner Narr,

Thuſt du doch ſo demuͤthig und erbar, als wenn wir einander erſt geſtern haͤtten kennen lernen. Verlaß dich auf mich! Habe ich dich das erſtemal mit Ehren unter die Haube gebracht: ſo will ich dich auch itzt gewiß mit Ehren unter der Haube er - halten. Dein neuer Herr Candidat iſt verflucht hitzig. Wer Teufel hat ihn ſo kirre gemacht? Jch glaube, wenn es nach ihm gienge: ſo machte er mit dir Hochzeit, ehe er noch die Gaſtpredigt thaͤte. Er wird auf den Sonnabend anmarſchirt kommen. Neige dich fein tief, und werde huͤbſch roth, wenn er dir einen demuͤthigen Buckel macht. Aber, das rathe ich dir, Hanchen, gieb ja wohl auf deine ſchelmiſchen Augen acht. Dein ſchwarzer Ritter, ſo hitzig er iſt, ſcheint mir kein ſolcher ehrfurchtsvol - ler Pinſel zu ſeyn, wie der ſelige gute Mann, dem ich wohl haͤtte ein laͤngeres Leben wuͤnſchen wollen. Laß es gut ſeyn, wir wollen ihn ſchon dreſſiren, wenn wir ihn nur einmal da haben, wo wir ihn haben wollen. Stell dich ja recht zuͤchtig und fromm; wenn er dein Mann iſt, kannſt du ſchon wieder ein - bringen, was du itzt verſaͤumſt. Fromme Witt - wen, boͤſe Weiber! Nicht wahr? Kann ich Urlaub erhalten, ſo komme ich auf den Sonntag fruͤh ſelbſt. Da mußt du recht erſchrecken, wenn ich komme. Je! Gnaͤ -35Satyriſche Briefe. Gnaͤdiger Herr, mußt du rufen, und dich tief tief buͤcken. Thu nur, als wenn du mir die Hand kuͤſſen wollteſt. Jch werde kein Narr ſeyn, und es zulaſſen. Bedaure, daß du nicht im Stande waͤreſt daß du dir die hohe Gnade nicht verſehen haͤtteſt daß du, da ich dir das erſtemal die Gnade meines Zuſpruchs goͤnnete, ſo wenig geſchickt daß du bey deinen betruͤbten Umſtaͤnden (ge - ſchwinde fahre nach dem Schnupftuche, und reibe dir die Augen) daß dein ſeliger Mann (im - mer beſſer geweint) daß du als eine ungluͤckliche verlaſſene Wittwe Siehſt du, ſo mußt du recht beſtuͤrzt reden, immer von vorne anfangen, und nichts ausreden. Jch will dir zu rechter Zeit in die Rede fallen. Meine liebe Frau Magi - ſtrinn (will ich mit einem huldreichen Tone auf dich herab reden) faſſen Sie Sich, es iſt Gottes Wille, und Sie ſind eine zu gute Chriſtinn, als daß Sie unter Jhrem Kreuze murren ſollten. Tragen Sie es, als eine vernuͤnftige Frau, in Geduld. Der Himmel, der Sie auf eine ſo ſchmerzliche Art betruͤbt hat, wird Sie vielleicht auf andere Art wieder erfreuen. Sie ſind dieſe fromme Gelaſſenheit ſich ſelbſt, und ihrem ar - men Kinde ſchuldig. Sind Sie bey Jhren gluͤcklichen Umſtaͤnden andern, als eine vernuͤnf - tige Frau, ein Exempel geweſen: ſo ſeyn Sie es auch itzt bey ihrem Ungluͤcke. Verſichern Sie Sich meiner Dienſtbereitwilligkeit auf alle moͤgliche Art. Der Herr Candidat ſcheint mir ein ver -C 2nuͤnftiger36Satyriſche Briefe. nuͤnftiger Mann zu ſeyn, der gewiß keiner armen Wittwe Unrecht thun wird. Jch werde Jhnen die Freundſchaft, die ich gegen Jhren ſeligen rechtſchaffenen Mann gehabt, (geſchwind wieder ein bißchen geweint) gewiß niemals entziehn. Jhre Tugend und ihr Ungluͤck verdienen meine ganze Vorſorge. Nun fahre mir hurtig nach der Hand, oder nach der Weſte, was du am er - ſten kriegen kannſt. Jch werde mich vornehm zu - ruͤck ziehen, und dir die Hand vaͤterlich druͤcken. Siehſt du Hannchen, das iſt ungefaͤhr der Text zu unſrer Comoͤdie. Spiele deine Rolle ja gut. Jch ſtehe dir fuͤr das uͤbrige. Je kluͤger dein kuͤnftiger Mann iſt, ie lieber wollen wir ihn betruͤgen. Der vorige war, unter uns geredt, ein wenig gar zu dumm. Der Verwalter ſoll dir Fiſche und Wildpret geben, ſo viel du brauchſt. Du weißt doch, daß auf dem Schloſſe gebaut wird, und kein Zimmer fuͤr mich zu rechte gemacht iſt. Weißt du das nicht? Jm Ernſte nicht? Freylich wird gebaut. Jch werde den Abend in der Pfar - re bleiben muͤſſen. Der Herr Candidat mag oben im Studirſtuͤbchen ſchlafen. Jch will mein Plaͤtzchen ſchon finden. Verſtehſt du mich? Nun fuͤhre dich fein ſchlau auf. Es wird ſchon gehn.

Lebe wohl. Es bleibt beym alten.

N. S. Zerreiß den Brief ja, der Teufel moͤchte ſein Spiel damit haben.

Ein37Satyriſche Briefe.

Ein ſehr wichtiger Beweis von der Groͤße und Staͤrke unſrer Religion iſt gewiß dieſer, daß ſie auch an denenjenigen Or - ten gewaltig und fruchtbar iſt, wo die geiſtlichen Aemter zu ihrer Schande durch die Vorſorge ſol - cher Maͤnner beſetzt werden, welche kaum unver - nuͤnftiger ſeyn koͤnnten, als ſie ſind, wenn ſie auch gar keine Religion haͤtten.

Jch habe ſchon ſonſt Gelegenheit gehabt, mei - ne Gedanken davon bekannt zu machen*Siehe Antons Panßa von Mancha Abhandlung von dem Spruͤchworte: Wem Gott ein Amt giebt, dem giebt er auch den Verſtand, in der Sammlung vermiſchter Schriften zum Vergnuͤgen des Verſtandes und Witzes. II Th. 33 S.. Da - mit das Unſinnige deſto beſſer in die Augen falle, welches diejenigen begehn, die auf eine ſo unvor - ſichtige Art das wichtige Recht misbrauchen, welches die Obrigkeit ihren vernuͤnftigern Vor - fahren gegoͤnnt hat; und damit das Unanſtaͤn - dige denen deſto mehr in die Augen falle, welche, ungeachtet ihrer ungeſitteten Lebensart und poͤ - belhaften Unwiſſenheit, unverſchaͤmt gnug ſind, die ewigen Wahrheiten eine Gemeine zu leh - ren, die ihnen nicht einmal ihr Vieh zu huͤ - ten anvertrauen wuͤrde: ſo habe ich die Zuͤ - ge in nachſtehenden beiden Briefen ziemlich ſtark und deutlich gemacht, und von einem ieden dergleichen Charaktere einen Strich entlehnt, umC 3meine38Satyriſche Briefe. meine Copey recht verabſcheuungswuͤrdig zu ma - chen. Sie werden darum nicht unwahrſchein - lich; ich glaube, daß faſt in einer jeden Dioͤces wenigſtens ein Original ſeyn wird.

Jch habe dieſen Eingang etwas ernſthaft abfaſſen muͤſſen, weil ich hier mit einer Art Le - ſer zu thun bekomme, unter denen verſchiedene ſind, welche nebſt vielen andern Sachen, die ſie nicht verſtehn, auch dieſes nicht wiſſen, was die Eigenſchaft der Satyre und Jronie erfodere, und daher ſchon oͤfters auf den ungluͤcklichen Einfall gekommen ſind, mich in ihrem kleinen unwiſſenden Herzen, und wohl oͤffentlich, zu ver - ketzern, wenn ich von dem Thoͤrichten ihres Standes, und von den unbilligen Abſichten ih - rer Befoͤrderer, in der lachenden Sprache der Satyre geredet habe, um diejenigen deſto ver - ehrungswuͤrdiger zu machen, welche eine wahre Zierde ihres Amts, und alſo ganz anders ſind, als ſie.

Lieber Herr Bruder.

Es iſt mir recht lieb, daß dein Alter ſich abge - fuͤhrt hat. Das verdammte Schmaͤlen hatte kein Ende. Jch weiß nicht, ob die Leute ſich ein - bilden, daß wir ihnen darum Amt und Brodt ge - ben, daß ſie uns alle Sonntage die bitterſten Wahrheiten vorpredigen, und uns dem Teufel in den Rachen ſchieben ſollen. Fuͤr die Bauern iſtdas39Satyriſche Briefe. das gut genug, und wenn ich ein Bauer waͤre, ſo lebte ich vielleicht auch fromm, weil ich ſonſt nichts zu thun haͤtte; aber fuͤr Maͤnner vom Stande, und fuͤr uns, die wir alte Landedelleute ſind, ſieht das andaͤchtige Kopfhaͤngen ſehr albern aus. Waͤ - re es nach deinem alten Murrkopfe gegangen, ſo wuͤrdeſt du ein erbarer, frommer, chriſtlicher Buͤr - ger, und dem ganzen Adel laͤcherlich geworden ſeyn. Was meynſt du, Bruͤderchen, was iſt ruͤhmlicher, uͤber der Poſtille, oder beym Deckelglaſe einzu - ſchlafen? Laß die Pfaffen fuͤr uns beten, wir wol - len fuͤr ſie ſaufen. Jeder nach ſeinem Berufe! Aber auf dieſe Art fahrt ihr dahin, wie das Vieh, ſagte dein Alter. Gut! Wer weiß denn auch, obs wahr iſt. Fahren wir, wie unſere Alten, ſo wol - len wir auch leben, wie unſere Alten. Es waren doch beym Henker ganze Leute, die auf ihren alten Adel hielten. Laͤndlich, ſittlich! Ein rechtſchaff - ner Deutſcher muͤßte ſein Vaterland wenig lieben, wenn er deswegen nach Frankreich reiſen wollte, daß er Waſſer trinken lernte. Aber zum Haupt - werke zu kommen. Du brauchſt einen neuen Pfar - rer. Jch will dir einen vorſchlagen, das iſt ein gan - zer Kerl. Er iſt zehn Jahre als Feldprediger bey mei - nem Regimente mit herum gelaufen, und er iſt recht, wie ich mir ihn wuͤnſche. Er hat an mich geſchrieben, und gebeten, dir ihn vorzuſchlagen. Da, lies den Brief ſelbſt. Jch verliere ihn un - gern. Der iſt recht nach deinem Herzen. Und wenn du gar nicht in die Kirche kaͤmſt, ſo wird erC 4nicht40Satyriſche Briefe. nicht mukſen. Gieb ihm alle Wochen ein paar - mal zu freſſen, ſo iſt er zahm, wie ein Lamm. Du wirſt deine Freude mit ihm haben. Er ſaͤuft dich und deine hochadlichen Gaͤſte alle unter den Tiſch, und wenn er die ſchwarze Kutte ausgezogen hat, ſo flucht er, wie ein Corporal. Nimm ihn, Bruͤ - derchen, ich rathe dirs, es wird dich nicht gereuen. Gelernt hat er nichts; aber er predigt dir, der Henker hole mich, ſeinen Stiefel weg, daß es eine Art hat; und der Heuchler ſteht ſo fromm da, als wenn er von der Kanzel gen Himmel fahren wollte. Meine Cathrine konnte ihn recht gut lei - den. Jch glaube gar, der Ketzer gieng mir manch - mal ins Gehege! Nun Bruͤderchen, wie geſagt, nimm ihn. Seinethalben magſt du leben, wie du willſt. Und wenn du heute zum Teufel faͤhrſt, ſo faͤhrt er morgen nach. Es iſt ein braver Kerl. Gruͤße mir deine Menſcher.

Lebe wohl.

Gnaͤdiger Herr Obriſter,

Es iſt beym Herrn von eine austraͤgliche Pfarre offen, und ich moͤchte ſie gern haben. Kathrinchen ſagte, Sie waͤren ein guter Freund von ihm, und koͤnnten mir leicht dazu helfen. Jch bin das wilde Leben uͤberdruͤßig, und moͤchte gern einmal meinen eignen Heerd, und meine eigne Frau haben. Haben Sie die Gnade, und ſorgen Sie fuͤr mich. Jch habe gehoͤrt, daß der alte Pfarrer mit ſeinem Patrone in großer Feindſchaftgelebt41Satyriſche Briefe. gelebt hat; aber die Schuld war ſeine. Jch ge - traue mir beſſer mit ihm auszukommen. Jch ken - ne die Herren ſchon. Wenn er mir giebt, was mir gehoͤrt, ſo mag er leben, wie er will. Mit Schmaͤ - len und Predigen, halten Sie mirs zur Gnade, macht man euch Herren nicht froͤmmer. Sie ſind zu vornehm, als daß Sie uns zu Gefallen fromm und chriſtlich leben ſollten. Und, unter uns geſpro - chen, aus dem beſtaͤndigen Poltern koͤmmt auch nicht viel heraus. Mit den Jahren aͤndert ſichs ſo wohl. Es iſt ſchlimm gnug, wenn die Herren einmal bey Hofe ſind, und ein paar Wochen er - bar thun muͤſſen: ſollen wir ihnen auch das Leben noch ſauer machen, wenn ſie ſich beym Regimente oder auf ihren Guͤtern aufhalten? Jch kenne die Welt beſſer. Saufen und Huren iſt bey Herren von Jhrer Art und Erziehung außer den Ahnen immer noch das einzige, womit ſie ſich von uns buͤrgerlichem Poͤbel unterſcheiden. Halten Sie mir dieſen Scherz zur Gnade; ich rede, wie ichs meyne. Sie kennen mich ſchon. Mit einem Worte, gnaͤdi - ger Herr Obriſter, ſchaffen Sie mir die Pfarre, oder ich trinke nicht ein Glas Wein mehr mit Jhnen. Jn dieſer Hoffnung verharre ich mit aller Hochachtung,

Gnaͤdiger Herr Obriſter, Dero zum Gebethe und unterthaͤnig zu dienen ſtets willigſter N. Feldprediger.

C 5Jch42Satyriſche Briefe.

Jch bin uͤberzeugt, daß dem gemeinen Vol - ke, und beſonders dem Landvolke, ein ge - ſchickter und fleißiger Schulmeiſter faſt noch unentbehrlicher ſey, als ein gelehrter, und beredter Prediger. Und dennoch iſt man an vielen Orten bey der Beſetzung dieſes Amts bey - nahe noch leichtſinniger, und noch weniger beſorgt, als bey den andern geiſtlichen Aemtern. Jch will mich nicht dabey aufhalten. Jch will mei - nen Schulmeiſter reden laſſen. Noch zur Zeit iſt er nicht befoͤrdert; ich weiß aber ein gewiſſes Ritterguth, wo ich ihn in Vorſchlag bringen will, und ich hoffe gewiß, er wird ſein Gluͤck daſelbſt machen.

Hochwuͤrdiger, Hochgelahrter Herr, Gnaͤdiger Herr Lieutenant,

Unſer Schaͤfer hat mir erzaͤhlt, daß ihr Schul - meiſter in voriger Woche geſtorben iſt, und daß Sie bemuͤht ſind, dieſe Stelle, ſo bald moͤglich, wieder zu beſetzen. Da ich in vorigem Jahre den Lerchenſtrich von Ew. Gnaden gepachtet, und zwey Gulden mehr gegeben habe, als mein Vorfahr: ſo nehme ich mir die Freyheit, Ew. Excellenz dienſt - freundlichſt zu bitten, Sie wollen die hohe Gnade haben und mich zu Jhrem allerunterthaͤnigſten Schulmeiſter machen. Meine Stimme iſt gut,und43Satyriſche Briefe. und ich getraue mir, die groͤßte Kirche zu fuͤllen. Die Orgel ſchlage ich friſch, und in Fugen bin ich ſtark. Jch habe das Ungluͤck gehabt, dreymal ab - geſetzt zu werden; aber meine Feinde ſind Schuld dran, und vielleicht waͤre es das letztemal auch nicht geſchehen, wenn ich dem Superintendenten zu rechter Zeit einen gemaͤſteten Truthahn geſchickt haͤtte. Das erſtemal kam es uͤber des Schulzens Frau her. Der Corporal gab mich an; aber er mochte wohl ſeine Urſachen haben. Es giebt boͤſe Leute, die alles zu Bolzen drehn, und ich war noch nicht verheirathet. Das zweytemal war mein eigener Pfarrer Schuld dran. Jch wei - gerte mich, ihm den Prieſterrock aufs Filial nach - zutragen; und deswegen machte er dem Kirchen - patrone weiß, ich ſey alle Tage im Brandtweine beſoffen. Der Himmel iſt mein Zeuge, daß es alle Wochen nur ein paarmal geſchahe, und noch dazu war es im damaligen Winter grimmig kalt. Das drittemal war ich vollends gar unſchuldig. Es fiel dem Superintendenten ein, daß ich in ſei - ner Gegenwart catechiſiren mußte. Freylich gieng es nicht recht, wie es ſeyn ſollte, und meine Jun - gen wußten mehr, als ich ſie fragen konnte; aber der Catechismus iſt auch niemals mein Hauptſtu - dium geweſen, weil ich mich von Jugend an, aufs Vogelſtellen gelegt habe. Soll man deswegen ei - nen ehrlichen Mann abſetzen, wenn er das nicht verſteht, was zu ſeinem Amte gehoͤrt? Wie viel Pfarrer und Superintendenten wuͤrden ohne Amtherum44Satyriſche Briefe. herum laufen, wenn das eingefuͤhrt werden ſollte! Wie geſagt, wenn ich in Zeiten geſchmiert haͤtte, ſo waͤre ich wohl beſſer gefahren. Aber meine Frau wollte nicht dran; ſie hatte den Truthahn gar zu lieb. Sehn Sie, gnaͤdigſter Herr Lieutenant, das iſt nun alles, und davon macht man ſo ein Aufhebens. Jch denke in Jhr Dorf werde ich mich ganz gut ſchicken. So viel Jhre Bauerjungen von Gottes Worte brauchen, will ich ihnen doch wohl vorſagen. Fuͤr armer Leute Kinder mag es halbweg ſeyn. Auf den Reſpect halte ich; da gebe ich Jhnen mein Wort. Jch will die Jungen zuſammen peitſchen, ſie ſollen Oel geben, wenn ſie nicht gut thun wollen. Was mir am Chriſtenthume und dem Catechiſmus ab - geht, das erſetze ich auf eine andere Art. Sie haben keinen Barbier im Dorfe, den Sie doch ſo nothwen - dig brauchen, da Sie Sich beſtaͤndig daſelbſt aufhal - ten. Das verſtehe ich perfect. Jch will Ew. Gna - den umſonſt ſcheren, nach dem Striche und wider den Strich, wie Sie es verlangen, und alles umſonſt, dar - auf koͤnnen ſich Ew. Excellenz verlaſſen. Die gnaͤ - dige Frau Gemahlinn iſt eine Liebhaberinn vom Brandtweine. Das ſage ich Jhnen, ſo ſchoͤn muß ihn kein Menſch abziehn, als ich. Meine Frau hat ein beſondres Geheimniß, Froſchleichwaſſer zu ma - chen, welches zu einer reinen Haut, und wider die Sommerſproſſen hilft. Das wird ſehr gut fuͤr den aͤlteſten Junker ſeyn, welcher ſehr viel auf ein huͤb - ſches weißes Geſichtchen haͤlt. Jch glaube, Ew. Mag - nificenz ſollen ſo viel Einſicht haben, und finden, daßſich45Satyriſche Briefe. ſich niemand beſſer zu Jhrem Schulmeiſter ſchickt, als ich. Rechnen und Schreiben iſt auch meine Sache nicht; aber was thut das? Jch will mir einen gro - ßen Jungen aus der Gemeine halten, der es an mei - ner ſtatt thut. Jch denke ja wohl, das geſchieht in den meiſten Aemtern, daß einer den Titel und die Beſoldung hat, und einen großen Jungen fuͤr ſich arbeiten laͤßt. Was vornehmen Leuten recht iſt, das wird doch bey einem armen Dorfſchulmeiſter auch angehn. Mit einem Worte, ich verlaſſe mich darauf, daß ich den Dienſt kriege. Gevatterbrie - fe, und Hochzeitbriefe, das iſt mein Werk, die kann ich ſchreiben, trotz zehn andern! Jch ſchicke Jhnen von beiden eine Probe mit, die ſich gewaſchen hat. Wenn Sie mir den Dienſt geben, gnaͤdigſter Herr Lieutenant, ſo ſchenke ich ihnen den beſten Lockfinken, den ich habe, einen Reiter, uͤber den nichts geht. Der junge Herr ſoll meinen Staar kriegen, das iſt ein Staar! Er kann Ew. Gnaden in dreyerley Spra - chen einen Hahnrey heißen, und hat mehr gelernt, als mancher Magiſter. Laſſen Sie mir durch Jhren Pachter antworten, gnaͤdiger Herr. Er darf mir nur den Brief mit dem Dreſcher uͤberſchicken. Jch halte mich mit meiner Frau itzt, weil ich keinen Dienſt habe, hauſſen in der Kneipſchenke am Anger auf. Und hiermit Gott befohlen. Der ich allſtets beharre

Gnaͤdiger Herr Lieutenant, Ew. Excellenz allerunterthaͤnigſt, treugehorſamſt pflichtſchuldigſter

N. S.46Satyriſche Briefe.

N. S. Meine Frau meynte, ob ich nicht, wenn ich das Schuldienſt kriegte, von Ew. Gna - den den Titel als Cantor bekommen koͤnnte? Da bey allen Aemtern die Titulaturen ſteigen, ſo moͤchte ich auch nicht gern zuruͤck bleiben. Es wird ſich wohl geben.

A.

Formular zu einem Gevatterbriefe, à 8. gl. T. T.

Nachdem es dem großen Gott gefallen hat, mei - ne liebe Hausfrau in Gnaden zu entbin - den, und uns beiderſeits Aeltern mit einem jungen Toͤchterlein zu erfreuen, und aber uns, als chriſtli - chen Aeltern, obliegen will, dieſes Kindlein dem Herrn vorzutragen, und hierzu chriſtliche Taufzeu - gen zu erbitten, worzu wir Ew. ꝛc. vorlaͤngſt in un - ſer Herz eingeſchloſſen haben:

Als ergeht an meinen Hochzuehrenden Herrn, und zukuͤnftig werthgeſchaͤtzten Herrn Gevatter, mein dienſtfreundlichſtes Suchen und Bitten, Die - ſelben wollen Sich gefallen laſſen, morgen des Nachmittags um drey Uhr, wird ſeyn der ſiebente May, ſich allhier einzufinden, dieſes chriſtliche Werk zu verrichten, und ſodann in unſrer Behau -ſung47Satyriſche Briefe. ſung mit Speis und Trank, ſo viel Gott beſchert hat, großguͤnſtig vorlieb zu nehmen. Dafuͤr werde ich ſeyn

T. T. Meines Hochzuehrenden Herrns, und zukuͤnftigen werthgeſchaͤtz - ten Herrn Gevatters dienſtwilligſter ꝛc. ꝛc.

B.

Detto ein Formular, noch etwas feiner; koſtet ei - nen Gulden Trankgeld fuͤr den Schulmeiſter.

HochEdler, Veſt, und Hochgelahrter, Jnſonders Großguͤnſtiger Hochzuehrender Herr Gevatter, Vornehmer Freund,

Denenſelben kann aus erfreutem Gemuͤthe nicht verhalten, welchergeſtalt der allgewaltige Gott meine Eheliebſte ihrer bisher getragenen weib - lichen Buͤrde heute Morgens um acht Uhr in Gna -den48Satyriſche Briefe. den entbunden, und uns beiderſeits mit einem wohlgeſtalten jungen Soͤhnlein verehret.

Wenn denn ſolches unſer Kindlein gleich an - dern Menſchen in Suͤnden empfangen und geboh - ren, und dahero uns Aeltern obliegen will, ſolches zur heiligen Taufe befoͤrdern zu laſſen, dazu aber chriſtliche Mittelsperſonen, und Taufzeugen erfo - dert werden, und zu unſerm hochzuehrenden Herrn Gevatter das Vertrauen haben, daß Dieſelben ne - benſt andern dieſes chriſtliche Werk auf ſich nehmen werden;

Als ergehet an Dieſelben mein und meiner Eheliebſten dienſt - und ehrenfreundliches Bitten, Sie wollen von Jhren vornehmen Geſchaͤfften ſich ſo viel abmuͤſſigen, ſonder Beſchwerde morgen des Tages, goͤnnets Gott, gegen drey Uhr in der Kir - che allhier zu erſcheinen, obgedachtes unſer Kind - lein in der Taufe vortragen zu helfen, darauf mit Jhrer Frau Eheliebſte in meiner Behauſung einzu - ſprechen, und mit den Tractementen, ſo der liebe Gott an Speiſe und Trank beſcheeren wird, vor - lieb und willen zu nehmen.

Solches, wie es Denenſelben zu Ehren, mir und meiner Eheliebſten aber zu ſonderbarem Gefal - len, und unſerm Kindlein zur zeitlichen und ewigen Wohlfarth gereicht; alſo ſind wir es andere Wegezu49Satyriſche Briefe. zu verdienen, und zu verſchulden gefliſſen, unter goͤttlicher Obhut verbleibende

Hochedler, Veſt, und Hochgelahrter Herr, Meines Hochzuehrenden Herrn Gevatters, dienſtwilliger N. N.

C. Formular zu einem Hochzeitbriefe.

Hochedler, Veſt und Hochgelahrter, Jnſonders großguͤnſtig Hochgeehrter Herr, Vornehmer Freund,

Denenſelben gebe hiermit zu vernehmen, wel - chergeſtalt uf vorher abgeſchicktes Gebet, und darauf erfolgte goͤttliche Fuͤgung, auch mit Genehmhaltung und Einwilligung beiderſeits Ael - tern, ich mich unlaͤngſt mit Jungfer N. N. Herrn N. N. allhier eheleiblichen juͤngſten Tochter in ein beſtaͤndiges Ehegeloͤbniß eingelaſſen, und ſolches uf den funfzehnten innſtehenden Monats vermit - telſt prieſterlicher Copulation zu vollziehn ent - ſchloſſen.

DWenn50Satyriſche Briefe.

Wenn denn dabey meinen Hochgeehrten Herrn nebſt deren Eheliebſte auch gerne ſehen und haben moͤchte; als ergeht an Dieſelben mein dienſt - und ehrenfreundlich Bitten, Sie wollen belieben, Sich ſo viel von ihren obhabenden vornehmen Verrich - tungen dießmal zu entbrechen, bemeldten Tages in meiner Behauſung alhier einzufinden, der prie - ſterlichen Trauung beyzuwohnen, und Gott um eine gedeyliche Ehe anzurufen, und ſodann nach beſchehenem ſolchen Actu das der Zeit und Gele - genheit nach angeſtellte Hochzeitmahl zu genießen, und vollenden zu helfen.

Wie nun ſolches zufoͤrderſt dem Stifter des heiligen Eheſtandes zu Ehren, mir und meiner Verlobten, und beiderſeits Anverwandten zu ſon - derbarem Gefallen und Freundſchaft gereicht; al - ſo bin ich ſothane hohe Ehrenerweiſung in derglei - chen, und andern Begebenheiten zu verdienen ohn - vergeßlich, maßen unter Gottes Schutz und Ob - hand verharre,

Hochedler, Veſt und Hochgelahrter, Meines großguͤnſtig Hochgeehrten Herrn, allezeit dienſtwilliger N. N.

Damit51Satyriſche Briefe.

Damit ich meine Briefe auch fuͤr diejenige Art der Gelehrten brauchbar mache, wel - che ganz anders denken und anders reden, als Vernuͤnftige denken und reden: ſo will ich nachſtehenden Brief einruͤcken. Man gebe mir nur nicht Schuld, daß die Sache uͤbertrieben ſey. Findet man nicht allemal aphthonianiſche Chrien, und iſt auch nicht allemal auf dem Rande beyge - ſetzt, wie der Gedanke im Griechiſchen oder La - teiniſchen heißt, den man vorbringt: ſo findet man doch das Weſentliche dieſer Pedanterey ſehr oft. Man mache mit einem jeden Briefe, den ein Pedant mit Fleiß, und, nach ſeiner Art, mit Ueberlegung ſchreibt, die Probe, und zer - gliedre ihn nach den Regeln der Schulkunſt: ſo wird man das Steife, und Schematiſche auch alsdann finden, wenn ſich ſchon der Verfaſſer die Gewalt angethan hat, weder Sentenzen ſeiner Alten, die er Weisheit nennt, noch todte Sprachen, die ſeine Gelehrſamkeit ausmachen, darunter zu miſchen. Jch bin von dieſer Wahr - heit ſo uͤberzeugt, daß ich mir gewiß zu behaup - ten getraue, mein Brief wuͤrde bey dieſer Art Schriftſtellern großen Beyfall gefunden haben, wenn ich ihn nicht durch dieſen Vorbericht ver - daͤchtig gemacht haͤtte.

D 2CHRIA52Satyriſche Briefe.

CHRIA APHTHONIANA. Wird um eine Rectoratſtelle in einem kleinen Staͤdtchen gebeten.

Hochedelgebohrne Frau, Hochzuehrende Frau Buͤrgermeiſterinn,
Laus auto - ris & di - ctum.

Sokrates, die Zierde Griechenlandes, der Phoͤ - nix ſeiner Zeit, der Weiſe, welcher unter den andern Weiſen hervor leuchtete, gleichſam als der Mond unter den kleinen Feuern, tanquam inter ignes luna minores, Sokrates, ſage ich, den Hochedelgebohrne Frau, Xantippe ſelbſt nicht von ſeiner philoſophiſchen Hoͤhe herunter zanken konnte; dieſer hat ſehr wohl und gelehrt geſagt apud Xe - nophontem, memor. Lib. IV. c. I.

Αἱ ἀρισται δοκουσαι εἰναι φυσεις, μαλιστα παιδειας δεονται,

zu deutſch alſo lautend:

Drum glaubet mir zu dieſer Friſt,
Daß die Natur, ſo ſchoͤn ſie iſt,
Dennoch den Unterricht vermißt.
Paraphra - ſis.

Er wollte damit gleichſam andeuten, daß die vortrefflichſten Gemuͤther der Jugend die meiſte Zucht noͤthig haͤtten, oder, wie es nach dem eigent - lichen Verſtande unſers Grundtextes lauten moͤch -te,53Satyriſche Briefe. te, daß ſie mehr als andre der vernuͤnftigen An - weiſung eines gelehrten Schulmannes beduͤrften, und zwar ſchlechterdings und unumgaͤnglich be - duͤrften, wie das Woͤrtlein δεονται ſolches klaͤrer, als die Mittagsſonne, anzeigt.

Denn wie nothwendig iſt es nicht, Hochzueh -Cauſſa. rende Frau Buͤrgermeiſterinn, daß man der Na - tur zu Huͤlfe komme, welche nur den rohen Stoff zu großen Geiſtern ſchafft, und das uͤbrige der ſorg - faͤltigen Ausbildung der Schulleute uͤberlaͤßt.

Unrecht, ja dreymal und viermal unrecht thunContrari - um. diejenigen, welche dieſe Vorſorge verabſaͤumen, und, da ſie der Himmel in ein Amt, quaſi in ſpe - culam geſetzt hat, darauf zu ſehn, daß das Beſte einer Stadt, und des gemeinen Weſens uͤberhaupt, befoͤrdert werde, dennoch die Sorge fuͤr die Schu - len verabſaͤumen, und die Sache nicht fuͤr ſo wich - tig halten, allen Stein zu bewegen, damit ſie flei - ßige und geſchickte Lehrer dahin ſetzen, und dieſen die Unterweiſung der Jugend anvertrauen moͤch - ten, die dieſe Unterweiſung deſto noͤthiger hat, ie hoffnungsvoller ſie iſt, και μαλιστα παιδειας δεονται, zu reden aus dem Sokrates, und deſſen obange - fuͤhrten Worten.

Pferde von der beſten Art muͤſſen am mei -Parabola. ſten durchgearbeitet werden. Sie machen es bey dem edlen Feuer ihren Herren oft am ſchwerſten;D 3aber54Satyriſche Briefe. aber deſto noͤthiger iſt es, ſie ſorgfaͤltig zuzureiten. Ein traͤges unedles Pferd braucht dieſe Bemuͤhung nicht; aber es iſt auch nur fuͤr den Pflug ge - bohren.

Exemplum.

Wer war groͤßer, als Dionyſius, der zweyte, da er noch Tyrann, und das Schrecken von Si - cilien war? Das widrige Gluͤck konnte ihm den Thron nehmen, aber niemals die Begierde, der Welt zu nutzen. So groß er geweſen war, ſo wenig ſchaͤmte er ſich doch, die griechiſche Jugend zu lehren, und mit der Hand, womit er ganze Laͤnder zerſtoͤrt hatte, mit eben der Hand ſuchte er die Kinder der Corinthier zur Weisheit zu fuͤhren.

Teſtimo - nium.

Wie ungluͤcklich diejenigen ſind, ſo die Zucht ihrer Kinder verabſaͤumen, das beweiſen die trau - rigen Folgen, welche zuerſt ihre eignen Familien empfinden, und welche nach dieſen das ganze ge - meine Weſen treffen. Dieſe ungluͤcklichen Aeltern moͤchten ſich wohl laſſen vom Homer zurufen:

Ἀιϑ᾽ ὀφελον ἀγαμος τ᾽ ἐμεναι, ἀγονος τ᾽ ἀπο - λεσϑαι.
Epilogus.

Sie ſehn hieraus deutlich, Hochedelgebohrne Frau, wie noͤthig es iſt, daß E. E. Wohlw. Rath dieſer Stadt das erledigte Schulrechtorat ungeſaͤumt beſetze, und mit einem Manne beſetze, deſſen Standhaftigkeit, deſſen Fleiß, deſſen Treue, deſſen Anſehn, deſſen Gelehrſamkeit, deſſen weiſeEin -55Satyriſche Briefe. Einſicht in die großen Wahrheiten, die uns So - krates und Homer hinterlaſſen haben, deſſen iedoch, ich ſage nichts weiter, Sie werden mich verſtehn. Jch habe mich mit meinem Suchen an Sie gewandt, da ich weis, daß Jhr theurer Ehe - gemahl in dieſem Jahre unter Jhren auſpiciis an der Regierung iſt. Erlange ich das Vergnuͤgen, daß Sie mit Jhren vielgeltenden, und erleuchte - ten Fuͤßen in meine Meynung herabſteigen: ſo bin ich gluͤcklich, und ich weis gewiß, daß ſodann der ganze Ehrenveſte Rath hinter drein ſteigt, et ma - nibus pedibusque in Tuam deſcendit ſen - tentiam.

Jch verharre in dieſer großen Hoffnung ad ex - tremum uſque uitæ halitum, Hochedelgebohrne Frau, Hochzuehrende Frau Buͤrgermeiſterinn, Ew. Hochedelgeb. gehorſamſt, ergebenſter, und ehrendienſtwilligſter N. N.

D 4Es56Satyriſche Briefe.

Es iſt bey nahe keine Handlung und Be - ſchaͤfftigung in der Welt, welche man nicht in gewiſſe Regeln gebracht, mit Grundſaͤtzen befeſtiget, und mit Exempeln erlaͤu - tert hat. Wir haben eine Kunſt zu lieben, eine Kunſt zu trinken, eine Kunſt zu regieren, eine Kunſt zu leben. Mit ſolchen Kleinigkeiten be - ſchaͤfftigt ſich unſer ſpielender Witz, wichtigere Sachen verabſaͤumen wir. Sind wohl alle dieſe Kuͤnſte dem Menſchen ſo noͤthig, als ihm die Kunſt zu beſtechen iſt? Jch ſchaͤme mich, daß ich der erſte ſeyn muß, der meinen Landsleuten die Augen oͤffnet, meinen Landsleuten, die ſo oft mit einem patriotiſchen Stolze die Gluͤckſeligkeit ihrer aufgeklaͤrten, und erleuchteten Zeiten ruͤh - men. Jch will es thun, wenigſtens will ich ei - nen Verſuch davon liefern. Es iſt mir vielmals ganz unbegreiflich geweſen, durch welches Schick - ſal ich zu dem Amte verſtoßen worden bin, das ich fuͤhre; nunmehr glaube ich, es einzuſehn. Die Kunſt zu beſtechen habe ich meine Landsleute lehren ſollen; dazu war mir mein Amt noͤthig. Jch will dieſem deutlichen Berufe folgen. Man wird meiner Lehre glauben koͤnnen, da ich mit Ueberzeugung lehre. Der zaͤrtliche Ovid lehrte die Kunſt zu lieben; der feurige Horaz die Kunſt zu dichten; und ich, berechtiget durch mein Amt, ich lehre die Kunſt zu beſtechen.

Es57Satyriſche Briefe.

Es wird nicht leicht jemand zu finden ſeyn, der in ſeinem Leben nicht wenigſtens einmal, es ſey nun als Klaͤger, oder als Beklagter, in die traurige Nothwendigkeit waͤre gebracht worden, daß er einen Theil ſeines Gluͤcks, oder wohl gar ſein ganzes Gluͤck der zufaͤlligen Einſicht des Richters, und den von deſſen Willkuͤhr abhan - genden Geſetzen Preis geben muͤſſen*So oft ich in dieſer Abhandlung eines Richters erwaͤhne, ſo oft nehme ich dieſes in dem allgemeinſten Verſtande und begreife darunter alle diejenigen, denen Amts - oder Commiſ - ſionswegen, oder auf andere Art die Entſcheidung, oder auch nur die Unterſuchung einer Sache aufgetragen iſt.. Und was iſt hierbey wohl noͤthiger, als die Kunſt zu beſte - chen? Will er ſich auf ſeine gerechte Sache ver - laſſen, das iſt ein leerer Name, ein Wort ohne Beſtimmung. Wer ſoll entſcheiden, ob ſeine Sache gerecht iſt; da man noch in den wenigſten Richterſtuben einig iſt, was Gerechtigkeit ſey? Soll man dieſe Entſcheidung aus den Geſetzen nehmen? Aber muͤſſen die Geſetze nicht ſo wollen, wie der Richter will? Oder iſt der Richter etwan wegen der Geſetze da? Vielleicht; aber ſelten. Jſt es wohl ſicher, ſich auf die Erfahrung und billige Einſicht des Richters zu verlaſſen? Wer leiſtet uns die Gewaͤhr, daß der Richter er - fahren, und billig, und einſehend ſey? Es iſt moͤglich, daß er es ſeyn kenn; doch Sachen, die moͤglich ſind, machen noch keine Wahr - ſcheinlichkeit aus; und was dann und wann ge - ſchieht, das kann keine allgemeine Regel werden. D 5Rich -58Satyriſche Briefe. Richterſtuben werden beſetzt, wie andere Aemter; wollen wir von ihnen mehr verlangen, als von andern Aemtern? Oftmals, und nur gar zu oft nimmt der Richter zwey Dritttheile von der ge - rechten Sache fuͤr ſich; in das uͤbrige Dritttheil theilen ſich ſeine Schreiber, die Advocaten, und die Partheyen. Was hilft mir bey dieſer Pluͤn - derung die augenſcheinlichſte Gerechtigkeit, die auf meiner Seite iſt? Wie gluͤcklich bin ich, wie viel gewinne ich nicht, wenn ich die hohe Kunſt verſtehe, einem eigennuͤtzigen und unwiſſenden Richter auf eine anſtaͤndige Art, und mit gutem Nachdrucke begreiflich zu machen, daß meine Sache gerechter iſt, als die Sache meines Gegenparts, oder, im Kanzleyſtyl zu reden, wenn ich weis, meinen Richter zu beſtechen.

Das iſt alles Pedanterey, was der unnuͤtze Fleiß muͤßiger Rechtsgelehrten von der Erklaͤ - rung der Geſetze geſchrieben hat. Fuͤr wen ſchreiben ſie dieſes? Fuͤr den Richter? Viele von ihnen leſen nicht einmal die Geſetze, wie ſollen ſie Geduld genug haben, die trocknen Erklaͤrungen zu leſen? Fuͤr die Advocaten? Den wenigſten un - ter ihnen iſt daran etwas gelegen, daß die Ge - ſetze deutlich ſind. Fuͤr die Partheyen? Was hilft es den Partheyen, Erklaͤrungen zu wiſſen, die dem Richter zu ekelhaft, und den Advocaten in ihrer Nahrung ſo nachtheilig ſind? Die ſi - cherſte, die beſte, die vortheilhafteſte Art, denwahren59Satyriſche Briefe. wahren und eigentlichen Sinn der Geſetze ſeinem Richter deutlich zu machen, iſt die Kunſt, ihn zu beſtechen.

Ein Richter wird noch immer, wenigſtens um die Formulare ſeines Amts zu beobachten, un - partheyiſch, und gewiſſenhaft thun. Jſt er noch nicht gar zu lange Richter, oder iſt er ſonſt von einer gemeinen und ſchlechten Erziehung: ſo wird er von Zeit zu Zeit etwas fuͤhlen, das ihm ſagt, es ſey unbillig, partheyiſch zu ſeyn. Dieſes Etwas nennt der Poͤbel Gewiſſen, und es iſt vielmal fuͤr einen Theil der Partheyen von ſchlim - men Folgen. Durch die Kunſt zu beſtechen er - leichtern wir unſerm Richter dieſe Unbequemlich - keit des Gewiſſens.

Jch verlange aber ſchlechterdings, daß man ſolches als eine Kunſt anſehe, und ſehr vorſich - tig dabey verfahre. Man muß die Geſchicklich - keit beſitzen, die Gemuͤther der Menſchen, und, in gegenwaͤrtigem Falle, die Leidenſchaften eines Richters zu erforſchen. Kein Umſtand in ſeiner Verwandſchaft, in ſeinem Hauſe iſt zu klein, den man nicht ſorgfaͤltig bemerken und ſich zu Nutze machen muͤßte. Der Angriff muß von der Sei - te geſchehn, wo der Richter uns die Bloͤße giebt, ſonſt wird er ſich vertheidigen, und der Gegner wird ſich unſere Unvorſichtigkeit zu Nutze machen.

Wie60Satyriſche Briefe.

Wie die Arten der Beſtechung ſehr verſchie - den ſind, ſo iſt die erſte Regel dieſe: Man muß ſich durchaus nicht merken laſſen, daß man be - ſtechen will.

Einmal iſt der Satz richtig und ausgemacht: ein jeder will fuͤr einen ehrlichen Mann gelten, der ſich auſſerdem ſehr viel Muͤhe giebt, es nicht zu ſeyn. So niedertraͤchtig unſer Richter iſt, ſo hungrig er iſt, ſich beſtechen zu laſſen: ſo ſehr werden wir ihn beleidigen, wenn wir ihm mer - ken laſſen, daß wir die Abſicht haben, ihn zu be - ſtechen. Er muß ſich ſchaͤmen, nicht vor ſich, ſondern vor uns; er wird den Namen eines un - partheyiſchen Richters behaupten, er wird ſeiner Natur Gewalt anthun, gerecht zu ſeyn, um uns das nachtheilige Vorurtheil zu benehmen, daß er das ſey, was er iſt. Er muß befuͤrchten, daß wir die Einſicht ſeines Fehlers misbrauchen, und entweder den Werth der Gefaͤlligkeit nicht erken - nen, die er uns durch ſeine Nachſicht bezeigt, oder ihm gar ſeinen Fehler oͤffentlich vorruͤcken, wenn wir etwan eine andre