PRIMS Full-text transcription (HTML)
Clariſſa, Die Geſchichte eines vornehmen Frauenzimmers,
von demjenigen herausgegeben, welcher die Geſchichte der Pamela geliefert hat: und nunmehr aus dem Engliſchen in das Deutſche uͤberſetzt.
Sechſter Theil.
GOETTJNGEN, VerlegtsAbram Vandenhoeck, Univerſitaͤts-Buchh. 1750.
Mit Koͤm. Kayſerlichen, Koͤnigl. Großbrit. und Churf. Braunſchw. wie auch Koͤnigl. Pohln. und Churf. Saͤchſ. allergnaͤdigſten Privilegiis.
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Clariſſa. Der ſechſte Theil.

Der erſte Brief von Herrn Lovelace an Herrn Joh. Belford.

Jch bin hin, verlohren, zu nichte, zu Grunde gerichtet und aͤrger, als zernich - tet, das iſt gewiß! Aber war denn die Zeitung ſelbſt nach deinen Gedan - ken nicht hart genug: wenn du nicht in die ſchon allzuſehr uͤberwiegende Schale noch deine Vor - wuͤrfe legeteſt, die du nicht einmal zu machen Ge - legenheit haben koͤnnteſt, wofern ich dir nicht frey - willig alles offenbaret haͤtte? Und dieß ſo gar eben zu der Zeit, da ich noch ein anderes ſehr em - pfindliches Misvergnuͤgen, wie der Ausgang zeigt, uͤber eine fehlgeſchlagene Hoffnung zu be - ſtreiten habe?

Jch ſtelle mir vor; wo wirklich ein ſolches Ding iſt, das man zukuͤnftige Strafe nennet; es muͤſſe keine der geringſten Kraͤnkungen ſeyn, daß ein neuer Teufel von einem alten und aͤr - gern geſtraft werden ſoll, und ertragen muß, daß dieſer, wie ein alter Satyr mit gekruͤmmten Schwanze, ihm bey ſeinem Leiden und Klagege -Sechſter Theil. Aſchrey2ſchrey zurufe: das ſollſt du haben! und das ſollſt du haben! und jedesmal, wenn er es ausgeſprochen hat, mit gluͤendem Erz eines ver - ſetze. Und warum denn! warum denn! Die Wahrheit frey heraus zu ſagen, weil du nicht ein ſo arger Teufel biſt, als ich ſelbſt.

Du verſtehſt dich, gewiß, gut genug auf die Entſcheidung der Gewiſſensfragen, und kannſt alſo wohl wiſſen; wie ich ehedem nachdruͤcklich vorgeſtellet habe(*)Siehe den III. Th. S. 543. fg.; daß es eben ſo große Suͤn - de iſt ein leichtglaͤubiges und williges Maͤgdchen zu verfuͤhren, als ein nicht leichtglaͤubiges und wach - ſames ins Garn zu bringen.

Es mag das, was ich zu ſagen willens bin, fuͤr mich und fuͤr meine Feder auch noch ſo we - nig edelmuͤthig ſcheinen: ſo muß ich es dir doch ſagen. Wenn ſolch ein Frauenzimmer, als Fraͤu - lein Harlowe; ich habe mir vorgenommen, dir deine Hoffnung, uͤber meine Wuth und Verzweifelung zu frohlocken, zu nichte zu machen; es fuͤr das beſte hielte, ſich in den Stand der heiligen Ehe zu begeben, und, nach der alten Ordnung der Erzvaͤter, das Jhrige zur Zeugung von Soͤhnen und Toͤchtern beyzutragen; in keiner andern Abſicht, als ſie gottſelig zu er - ziehen, damit ſie gute und brauchbare Glieder des gemeinen Weſens ſeyn moͤchten: was, Teufel, kam ihr denn an, daß ſie ſich in den Kopf ſetzte, ſich an einen liederlichen Kerl zu haͤngen? Aneinen,3einen, von dem ſie wußte, daß er ein liederli - cher Kerl war.

Ey wahrlich, ſie hoffete nur, ſich ein Verdienſt zu machen und ihn auf beſſere Wege zu bringen. Sie hatte ſich artige Vorſtellungen gemacht, wie ſchoͤn es laſſen wuͤrde, wenn ſie einen Bekehrten haͤtte, der ihr eignes Machwerk waͤre, der zu ihrer Seiten durch die Nachbarſchaft unter all - gemeinem Beyfall zur Kirche ſchlaͤnderte, und, wie ihre Familie anwuͤchſe, an der Spitze ihrer Buͤbchen und Maͤgdchen, nicht anders als in ei - nem feyerlichen Zuge durch die Gaſſen, mit ihr dahin gienge, ſo daß ſich beyde mit den Fruͤchten ihres loͤblichen Verlangens; mit meinem guͤ - tigen Lord Biſchoff in ſeinem Trauſchein zu re - den; groß machten. Und was wuͤrde es ferner fuͤr ein artiger Anblick ſeyn: wenn alle mit ein - ander in einem Kirchenſtuhl nach dem Alter kniee - ten! wie wir im Gemaͤhlde auf einem alten Denkmal eine ganze Familie geſehen haben, wo der ehrliche Ritter in ſeiner Ruͤſtung mit aufge - habenen Haͤnden knieend vorgeſtellt wird, und hinter ihm ein halb Dutzend großkoͤpfichter und kurzoͤhrichter Jungen, die ſtuffen - oder trup - penweiſe nach ihrem Alter und ihrer Groͤße ge - ordnet ſind, alle in eben der Stellung Mit ſeinem Geſichte gegen ſeine gottſelige Gattinn ge - kehrt, die einen großen Halskragen, und eben ſo viele Maͤgdchen mit molkenhaften Geſichtern, als er Buͤbchen, auf den Knien hinter ſich hat Mit einem Altar zwiſchen beyden, und einemA 2offenen4offenen Buche auf demſelben Mit glaͤnzen - den Strahlen in Geſtalt eines halben Mondes uͤber ihren Haͤuptern, die aus verguͤldeten Wol - ken herabſchießen und rund um einen herrlichen Wahlſpruch herumgehen: IN COELO SALVS oder QVIES vielleicht, wenn es ſich ſo gefuͤ - get hat, daß ſie das bey der Ehe gewoͤhnliche Leben von Zank und Widerſpruch gefuͤhret haben.

Es iſt gewiß fuͤr mich eben ein ſo großes Un - gluͤck, daß ich an die Fraͤulein Clariſſa Harlowe gerathen bin, wenn ich meinen guten Namen oder meine Bequemlichkeit achtete, als es fuͤr die Fraͤu - lein Harlowe iſt, daß ſie mit mir bekannt geworden. Und wenn endlich alles um und um kommt: ſo habe ich nichts mehr gethan, als daß ich denjeni - gen Grundregeln nachgegangen bin, von welchen du, und ich, und alle liederliche Leute ſich leiten laſſen, und welche wir, ehe ich dieſe Fraͤulein kannte, bey einem artigen Maͤgdchen nach dem an - dern ausgeuͤbet haben, ſo daß wir eben ſo ge - ſchwinde, als wir nur die eine niedergeſetzt, die andere wieder aufgenommen; nicht anders, als wie es die Leute mit ihren Schaukelwagen oder Schaukelpferden bey einer Kirmeſſe auf dem Lande machen Mit ihrem: Wer ſchaukelt ſich hernach zu erſt? Wer ſchau - ckeit ſich hernach zuerſt?

Aber hier, in dem gegenwaͤrtigen Fall, damit ich die fliegende Metapher fortſetze; denn ich muß entweder luſtig oder raſend ſeyn; hier iſt eine ſehr kleine Fraͤulein, die eben aus ihrem langenRocke5Rocke mit hangenden Ermeln gekrochen und auf einen Jahrmarkt gebracht iſt, eine ſehr kleine Meſſe einzukaufen: denn die Welt, Bruder, weißt du wohl, iſt nur ein großer Jahrmarkt; und, daß ich deine ernſthafte Betrachtung wie - derum mit einer ernſthaften Betrachtung bezah - le, alle ihre Kramereyen ſind nichts, als Ste - ckenpferde mit Flittergold, verguͤldete Pfefferku - chen, quickende Trompeten, bunte Trommeln und ſo weiter

Nun ſiehe, wie dieſe ſehr kleine Fraͤulein auf eine recht artige Weiſe von einer Bude zur an - dern flattert. Ein ſehr kleiner Bube, vielleicht Wyerley genannt; ein anderer baͤuriſcher Kerl, der Biron heißt; ein dritter laͤchelnder Lumpen - hund, Symmes mit Namen; und noch ein weit ſcheuslicherer Boͤſewicht, als einer von den uͤbri - gen, mit einem langen Sack unter dem Arm, und mit pergamentnen Urkunden bis an die Fer - ſen beſteckt, Solmes zubenahmet, folgen ihr be - ſtaͤndig von dieſen Raritaͤten zu jenen, ſtoßen bey jeder Wendung mit den Schultern an einander, bleiben ſtehen, wenn ſie ſtehen bleibt, und kom - men wieder in Bewegung, wenn ſie ſich bewe - get Unter dieſem bey ihr bammelnden Ge - folge, jedoch beſtaͤndig in den Augen ihrer wach - ſamen Aufſeher, durchſtreicht die ſehr kleine Fraͤu - lein den ganzen Jahrmarkt und ergoͤtzet ſich nicht weniger, als ſie andere ergoͤtzet: bis ſie endlich durch die Einladung eines Redners mit einem Treſſenhut eingenommen wird; und, da ſie ver -A 3ſchiedne6ſchiedne ſehr kleine Laͤtzgentraͤger mit einander in den Schaukelwagen geſetzt, und unbeſchaͤdigt in dem an der einen Seite auf, an der andern nie - dergehenden Fahrzeuge, einem Bilde der Welt, alle mit eben ſo weniger Furcht als Verſtand, die ausweichende Luft durchſchneiden ſiehet, in die Verſuchung geraͤth, ſich hernach zuerſt zu ſchau - keln.

Alsdenn ſetze, daß ſie liſtigerweiſe, wenn kei - ne von ihren Freunden nahe bey ihr find, unverſehens in den Schaukelwagen ſteigt. Wo ihr nun, nachdem ſie ſich zwey oder dreymal auf und nieder geſchaukelt, der artige Kopf ſchwind - licht wird, und ſie aus dem Wagen, indem er eben ſeine Hoͤhe erreichet hat, herausſtuͤrzet, und ſo ihr ſehr kleines Gehirn verſchuͤttet: wer kann es denn aͤndern? Wolltet ihr wohl den Kerl aufhaͤngen, der oͤffentlich ſeine Handthierung daraus machte, die ſehr kleinen Creaturen ins Fliegen zu bringen?

Es iſt wahr, dieſe ſehr kleine Fraͤulein, die eine recht ſehr kleine Fraͤulein iſt, eine recht ſehr bewunderte kleine Fraͤulein, eine recht fromme kleine Fraͤulein; die allezeit an ihr Buch gedach - te, und mit großem Beyfall durch ihre Schule gekommen war, daß ſie alle Muſter vollkommen kannte; dieſe ſehr kleine Fraͤulein hatte ſo gar ſchon einen Abraham, der ſeinen Sohn opferte, einen Simſon und die Philiſter, und Blumen, und Knospen, und Baͤume, und die Sonne, und den Mond, und das Siebengeſtirn mitbunten7bunten Farben, wie es ſich gehoͤrte, ausgeſticket, welches alles, zur Bewunderung ihrer kuͤnftigen Enkel, in Raͤhmen, und mit Glaß bedecket, auf - gehangen war. Sie hatte auch ein Recht auf ein gar ſehr kleines Gut. Sie war aus einer ſehr kleinen Familie von einem hundertjaͤhrigen Adel entſproſſen, welche eine recht ſehr kleine Le - bensart fuͤhrte, und in Betrachtung ihrer ſelbſt ſehr wenig, in Betrachtung dieſer Tochter aber ſehr viel geachtet wurde.

Fuͤr ſo eine ſehr kleine Fraͤulein, als dieß iſt, muß es eine recht betruͤbte Sache ſeyn, daß ſie in ein ſo ſehr großes Ungluͤck geraͤth. Aber ſage mir einmal: Wuͤrde der Verluſt eines gemeinen Kindes, von einer andern noch weniger betraͤcht - lichen Familie, von geringern oder nicht ſo lie - benswuͤrdigen Gaben, nicht eben ſo groß und eben ſo ſchwer fuͤr die Familie geweſen ſeyn, als der Verluſt dieſer ſehr kleinen Fraͤulein fuͤr ihre Fa - milie iſt?

Jch will mich herablaſſen und ein recht niedri - driges Beyſpiel geben, bloß damit ich bey der Perſon bleibe. Zweifelſt du wohl, daß dein ſtarkſehnichtes und beinichtes Geſicht von deiner Mutter eben ſo ſehr bewundert worden, als wenn es das Geſicht eines Lovelace oder eines andern leidli - chen Kerls geweſen waͤre? Und wuͤrde ſie, wenn du abgemahlet waͤreſt, es dem Mahler vergeben ha - ben, wenn er deine Zuͤge nicht ſo genau ausge - druͤcket haͤtte, daß ein jeder die Aehnlichkeit be - merkt haben ſollte? Die ziemliche Aehnlich -A 4keit8keit iſt alles, was man wuͤnſchet. Wenn wir einmal an Haͤßlichkeit gewohnt ſind: ſo wird ſie, bey der natuͤrlichen Parteylichkeit eingenommener Eltern, Schoͤnheit ſeyn, ſo lange die Welt ſte - het. Mache du ſelbſt die Anwendung.

Aber, ach! Bruder, alles dieß iſt nur ein Abriß von meiner Gemuͤthsfaſſung, der bloß deswegen entworfen iſt, damit ich deiner boshaf - tigen Geſinnung gegen mich ausweichen moͤch - te! Ob du gleich deine unfreundliche Abſicht durch mein Geſtaͤndniß erhaͤltſt: ſo kann ich doch nicht umhin, es zu geſtehen; ich bin bis in die Seele verwundet, durch dieſen ungluͤcklichen Zufall muß ich es nennen! Habe ich denn niemand, dem ich, entweder wegen ſeiner Unacht - ſamkeit, oder wegen ſeiner Verraͤtherey die Kaͤhle abſchneiden muß, damit ich meine Rache be - friedige!

Wenn ich meine letzte boͤſe Abſicht bedenke; da die Fraͤulein doch gegen die erſte gewaltſame Beſchimpfung einen ſo edlen Unwillen bezeiget, und auch, ſo weit ſie im Stande geweſen war, einen ſo edlen Widerſtand gethan hatte: ſo muß ich nothwendig ſchließen, daß ich von dieſen verfluchten Circen bezaubert geweſen, die ſich anmaßeten, ihr eignes Geſchlecht zu kennen, und mit Gewalt behaupten wollten, daß bey einem jeden Frauenzimmer eine Stunde zu treffen ſey, da ſie nachgiebet oder wenig widerſtehet; und daßich9ich noch, und noch, und noch nicht genug ver - ſuchet haͤtte; aber daß, wenn ſie einmal durch Huͤlfe ihrer verfluchten Kuͤnſte uͤberwunden waͤre, wofern ich weder durch Liebe noch Schre - cken die gluͤckliche Stunde treffen koͤnnte, ſie fuͤr allemal uͤberwunden ſeyn wuͤrde; wobey ſie ſich zur Rechtfertigung ihres Ausſpruchs auf alle meine Erfahrung, auf alle meine Kenntniß von dem Geſchlechte beriefen.

Meine Erfahrung, worauf ſie ſich beriefen, muß ich geſtehen, war ihrer Ausſage nur allzu vortheilhaft. Denn meynſt du, daß ich meinen Vorſatz gegen einen ſolchen Engel, als ſie iſt, haͤt - te behalten koͤnnen: wenn ich vorher jemals eine gefunden haͤtte, welche ihre Ehre gegen die uner - muͤdeten Kuͤnſte und Standhaftigkeit derjenigen Mannsperſon, gegen die ſie ſelbſt Liebe hegte, ſo ernſtlich zu vertheidigen geneigt geweſen waͤre? Warum waren denn nicht mehrere Beyſpiele ei - ner ſo unbeweglichen Tugend? Oder warum mußte dieſes, als das einzige, mir eben zu Theil werden? Wo es nicht darum geſchehen iſt, daß meine Schuld verdoppelt und zu gleicher Zeit, alle, denen ihre Geſchichte zu Ohren kommen ſollte, uͤberfuͤhret wuͤrden, daß es ſo wohl einge - fleiſchte Engel, als eingefleiſchte Teufel gebe.

So viel: mein Bekenntniß darzulegen, und meinem Gewiſſen zu Gefallen zu ſeyn. Jedoch habe ich auch dieß Abſehen dabey, daß ich durch mein eignes Geſtaͤndniß deine Bosheit entwaff -A 5nen10nen will: denn niemand ſoll etwas aͤrgeres von mir ſagen, als ich ſelbſt bey dieſer Gelegenheit von mir ſagen werde.

Eines will ich inzwiſchen noch beyfuͤgen, da - mit ich dir die Aufrichtigkeit meiner Reue zei - ge Wo du ſie durch irgend einige Mittel bin - nen dieſen dreyen Tagen auffinden kannſt; oder, es ſey wann es wolle, nur vorher, ehe ſie hinter die wahre Beſchaffenheit der Hiſtoͤrchen mit Ca - pitain Tomlinſon, und ihrem Onkel, kommt; und wo du ſie alsdenn gewinnen kannſt, daß ſie ihre Einwilligung giebet: ſo will ich mich wirklich in deiner, und Tomlinſons Gegenwart, indem er die Perſon ihres Onkels vertreten ſoll, mit ihr trauen laſſen.

Jch mache mir noch immer Hoffnung, daß es ſo kommen moͤge Sie kann nicht lange verborgen-bleiben. Jch habe bereits alle Triebfedern in den Gang gebracht, ſie aufzuſpuͤ - ren. Finde ich ſie: wer wird denn wohl von ſolchen Leuten, welche die Sache nichts an - gehet, Luſt haben, ſich mit einem Manne von meinem Anſehen, von meinem Vermoͤgen, und von meiner Kuͤhnheit zu verwickeln? Und von ihren Freunden wird niemand, wie du bemer - keſt, auf ſie ſehen. Zeige ihr alſo dieſe oder eine andere Stelle von dem gegenwaͤrtigen Briefe, nach deinem eignen Gutbefinden: wo du ſie auf - finden kannſt. Denn, alles wohl erwogen, deucht mich, es wuͤrde mir lieb ſeyn, daß dieſe Sache, welche an ſich ſelbſt ſchlimm genug iſt,ohne11ohne ſchlimmere Folgen fuͤr eines andern Perſon ablaufen moͤchte. Gleichwohl ſagt mir mein Herz zu, ich weiß nicht warum, daß ſie fruͤher oder ſpaͤter einige Tropfen Bluts nach ſich ziehen wuͤrde: wofern die Fraͤulein und ich ſie nicht et - wa unter uns abthun koͤnnen. Und dieß mag ein anderer Grund ſeyn, warum ſie ihren Unwillen nicht zu weit treiben ſollte Jedoch nicht ſo, als wenn ich mich uͤber eine ſolche Sache viel be - kuͤmmern wuͤrde; wofern ich nur meinen Mann oder meine Maͤnner ſelbſt ausſuchen ſollte: denn ich haſſe ihre ganze Familie, ſie allein ausge - nommen, von ganzen Herzen, und werde ſie be - ſtaͤndig haſſen.

Jch muß noch dieſes hinzuthun, daß die Er - findung der Fraͤulein, ihre Flucht ins Werk zu richten, mir nichts beſonderes und außerordentli - ches zu ſeyn ſcheinet. Es iſt mehr Gluͤck dabey geweſen, als Wahrſcheinlichkeit, daß ſie einen guten Erfolg haben ſollte. Denn, wenn ſie gelingen ſollte: mußten Dorcas, Wilhelm, Sinclair und ihre Nymphen nothwendig alle ent - weder betrogen werden, oder von der Wache ge - gangen ſeyn. Es kommt mir zu, ihnen, wenn ich ſie ſpreche, meinen herzlichen Dank abzuſtat - ten, daß ſie wirklich von der Wache gegangen ſind, und daß ihre Sorge fuͤr ſich ſelbſt und fuͤr ihre eigne kuͤnftige Sicherheit ſie verleiten ſollen, ihre Thuͤre nach der Gaſſe, bloß mit einem Rie -gel12gel zu verwahren: ich wollte, daß ſie verflucht waͤren!

Mabelle verdient vielmehr ein Pechkleid und ein Freudenfeuer, als den Rock von glaͤnzender Seide. Da ihre Kleider wiedergebracht ſind: ſo laß die Kleider der Fraͤulein wieder zu den an - dern legen; damit ſie ihr zugeſchickt werden, wenn man ſagen kann, wohin; aber doch nicht eher als bis ich mein Wort dazu gebe: denn wir muͤſſen den lieben Fluͤchtling wieder zuruͤckbringen, wo es moͤglich iſt.

Jch vermuthe, daß mein einfaͤltiger Bube, der ein Frauenzimmer, wie eine Goͤttinn von Per - ſon, und von einem ſo edlen Anſtande, nicht von der ungeſchickten und krummſchultrichten Mabelle zu unterſcheiden gewußt hat, in Hampſtead gewe - ſen ſey, ſich nach ihr umzuſehen. Jedoch kann ich ſchwerlich denken, daß ſie dahin gehen ſollte. Er muß durch alle Gaſſen gehen, wo Zimmer zu vermiethen angeſchlagen ſind, und ſich nach ei - nem neuen Ankoͤmmling erkundigen. Die Haͤu - ſer, welche mit Weiberſachen, mit Thee, Coffee und dergleichen zu thun haben, ſind diejenigen, wo Nachfrage geſchehen muß. Wo nicht bald einige Zeitung von ihr gehoͤrt wird: ſo wollte ich eben nicht, daß Dorcas, Wilhelm, oder Ma - belle mir vor Augen kaͤmen; ihre Herrſchaf - ten moͤgen fuͤr gut zu thun befinden, was ſie wollen.

Dieß iſt ein ziemlich langer Brief, ob er gleich mit abgekuͤrzten Zeichen geſchrieben iſt, inBe -13Betrachtung, daß er keine Erzaͤhlung oder kein Verzeichniß von Unternehmungen, wie einige meiner vorigen, in ſich enthaͤlt: denn Briefe von der Art werden ſich unvermeidlich, und natuͤrli - cherweiſe, ſo zu ſagen, in die Laͤnge dehnen. Al - lein ich habe mich ſeit einiger Zeit ſo gewoͤhnet, viel zu ſchreiben, daß ich nicht weiß, wie ich es aͤndern ſoll. Dennoch muß ich ſeiner Laͤnge noch etwas hinzuſetzen, damit ich mich uͤber den Wink, den ich dir beym Anfange deſſelben gegeben habe, erklaͤre. Er beſtand darinn, daß ich, außer dem Misvergnuͤgen uͤber die Flucht der Fraͤulein Har - lowe, noch eine fehlgeſchlagene Hoffnung zu be - dauren habe.

Und was meynſt du wohl? Der alte Lord; ich wollte daß der Henker ſeine zaͤhe Natur geho - let haͤtte! denn das wuͤrde ihn fortgeholfen haben; hat Feuer und Schwefel, und der Teufel weiß was, verſuchet, das Podagra zu noͤthigen, daß es die aͤußere Boͤſchung ſeines Herzens verlaſſen muͤſſen, als es eben alle ſeine Macht zuſammen - gezogen hatte, die Schanze ſeines Herzens zu ſtuͤrmen. Kurz, man hat den langſamen Schanzengraͤber bloß durch Dampfkugeln, Hand - granaten und kleine Kugelbuͤchſen aus dem Rumpf in die aͤußerſten Theile getrieben: und da liegt er nun, und zwackt und nagt an ſeiner großen Zehe; da ich mir ein gutes Ende von der Krank - heit ſo wohl als dem Kranken verſprochen hatte.

Aber ich habe verdienet, mit beißendem Verdruſſe gekraͤnket zu werden: da ich dir vor -mals14mals rathen konnte, das laudanum, dieſen ein - ſchlaͤfernden und betaͤubenden Trank, und das naſſe Tuch zu gebrauchen(*)Siehe den IV. Theil. S. 127. 128.; und doch acht tau - ſend Pfund jaͤhrlicher Einkuͤnfte mir durch die Finger weggleiten laſſen mochte, da ich ſie mir ſchon mehr, als durch bloße Vorſtellung, zuge - eignet hatte. Denn ich hatte wirklich angefangen, die Verwalter zu befragen, und ſie anzuhoͤren, wenn ſie von Handgeld, von Erneurung der mit ihnen gemachten Vergleiche, und dergleichen Zeuge mehr ſchwatzten.

Du kannſt dir nicht einbilden, wie ſich ſeit geſtern das Bezeigen der Bedienten und ſo gar meiner Baſen veraͤndert haͤt. Weder dieſe noch jene buͤcken und neigen ſich halb ſo tief mehr. Jch heiße nicht den vierten Theil ſo viel ſeine Gnaden, und ihre Gnaden, bey den erſtern, als ich es vor dieſen wenigen Stunden bey ihnen hieß: und in Anſehung der letztern, iſt es nun wieder Vetter Robert, mit der gewoͤhnlichen Vertraulichkeit, ſtatt Herr, und Herr, und, wenn es ihnen gefaͤllig iſt, Herr Lovelace. Ja ſie ſind nun ſo vermeſſen, daß ſie mir zur Ge - neſung des guͤtigſten Onkels Gluͤck wuͤnſchen: und ich bin genoͤthigt, mich eben ſo vergnuͤgt zu ſtellen, als ſie ſind; da ich doch, wenn es helfen wollte, mich hinſetzen und mir die Augen aus - heulen koͤnnte.

Jch hatte in Gedanken meine Trauer ſchon beſprochen; nach dem Beyſpiel eines gewiſſenStaats -15Staatsbedienten von einem auswaͤrtigen Hofe, der vor dem Tode, oder gar noch vor der letzten Krankheit Carls II, wie uns der ehrliche White Kennet erzaͤhlet, Blackwell-Hall halb von ſchwar - zen Tuͤchern ledig gemacht hatte: eine Anzeige, nach der Abſicht des Geſchichtſchreibers, daß dem Koͤnig mit Gift fortgeholfen werden ſollte und der Geſandte mit darum wußte. Gleichwohl ha - be ich wunderlicher Thor mir den Wink nicht zu Nutze zu machen gewußt. Wozu, fuͤr den Teu - fel, lieſet ein Menſch Geſchichtbuͤcher, wenn er aus den Beyſpielen, die er darinn findet, nicht ſeinen Vortheil ziehen kann?

Aber ſo, Bruder, iſt eine Anmerkung des alten Lords wahr geworden, daß ein Ungluͤck ſelten allein kommt: und ſo ſchließet

dein zwiefach gekraͤnkter Lovelace.

Der zweyte Brief von Fraͤulein Clariſſa Harlowe an Fraͤu - lein Howe.

O! meine allerliebſte Fraͤulein Howe!

Noch einmal bin ich entkommen Aber, ach! Jch, mein beſtes ſelbſt, bin nicht entkommen! O! Jhre arme Clariſſa Harlo -we!16we! Sie werden mich auch haſſen: davor iſt mir nur bange! Doch Sie wuͤrden es nicht thun: wenn Sie alles wiſſen ſollten!

Allein nicht mehr von meinem ſelbſt, mei - nem verlohrnen ſelbſt! Sie, welche des Mor - gens, begluͤckt zu ſeyn und begluͤckt zu machen, aufſtehen; des Abends, in Jhren eignen Be - trachtungen vergnuͤgt, zur Ruhe gehen; und in Jhrem ungeſtoͤrten ſanften Schlummer mit Hei - ligen und Engeln, wovon die erſtern nur in ſo fern reiner, als Sie ſelbſt, ſind, weil ſie den beſchwerlichen und hinderlichen Koͤrper abgeleget haben, umgehen koͤnnen; Sie ſollen es ſeyn, wovon ich denken und reden will: wie Sie ſchon lange, lange, mein einziges Vergnuͤgen geweſen ſind. Erlauben Sie mir, daß ich, in einer ehrfurchtsvollen Entfernung, meine geliebte Anna Howe als ehrwuͤrdig verehre, und in Jhr erwaͤ - ge, was Jhre Clariſſa Harlowe vormals gewe - ſen iſt!

Verzeihen Sie, o! verzeihen Sie mir mei - ne ſchwaͤrmende Ausſchweifung! Meine Ruhe iſt zerſtoͤret. Mein Verſtand iſt angegriffen. Was fuͤr hochfliegenden Unſinn muͤſſen Sie leſen: wo Sie ſich nun noch, wie vorher, gefallen laſſen wollen, mit mir Briefe zu wechſeln!

O! meine beſte, meine liebſte, meine ein - zige Freundinn! Was habe ich zu erzaͤhlen! Aber das kommt ja noch immer auf das Selbſt, auf das ſchaͤndliche, das verhaßte Selbſt hin - aus! Jch will es ablegen; wo es moͤglich iſt:und17und warum ſollte ich es nicht thun? da ich, wie ich denke, einen Boͤſewicht ausgenommen, nichts ſo ſehr haſſe. So ſey denn das verhaßte Selbſt von dem Selbſt, auf einen Augenblick, verban - net; denn ich vermuthe wohl, daß es ſich nicht laͤnger verbannen laſſen will; damit ich mich nach einem wuͤrdigern und werthern Gegenſtande, nach meiner geliebten Anna Howe, erkundige! Deren Gemuͤth, in dem unbefleckten weißen Kleide der Unſchuld, reizet und durch helle Strahlen erleuchtet. Doch was wollte ich ſagen?

Und wie, meine wertheſte Freundinn; nach dieſem Miſchmaſch, den ich nicht abſchicken wuͤr - de, da ich ihn wieder durchgeſehen habe, wenn Sie nicht daraus erkennen koͤnnten, was ein ver - wirrtes Gemuͤth mir bey zitternden Haͤnden in die Feder giebt; Wie befinden ſie ſich? Sie ſind ſehr krank geweſen, wie es ſcheint. Daß Sie wieder beſſer ſind, das laſſen Sie mich hoͤren! Daß Jhre Frau Mutter ſich wohl befindet, das, bitte ich Sie, laſſen Sie mich hoͤren, laſſen Sie mich bald hoͤren! Auf dieß Vergnuͤgen habe ich gewiß ein Recht, Anſpruch zu machen. Denn wo das Leben nicht noch aͤrger, als ein gemiſch - tes Farbenwerk, iſt: ſo muß nun auch einmal ein wenig Weißes an mich ankommen; nachdem ich, eine lange, lange, Weile, nichts als Schwarzes, lauter ſchrecklich Schwarzes, ohne die geringſte Miſchung, geſehen habe.

Sechster Theil. BAber18

Aber wozu ſoll alle dieß wilde und nicht zu - ſammenhangende Zeug? Nur dazu, daß ich Sie bitte, mich wiſſen zu laſſen, wie Sie ſich befunden haben, und wie Sie ſich itzt befin - den. Eine Zeile wird mir genug ſeyn, die Sie an Frau Rahel Clark, in Herrn Smiths Hauſe, einem Handſchuhladen, auf der Koͤnigsſtraße, bey Covent-Garden richten koͤnnen. Unter dieſer Aufſchrift wird ſie, ob gleich mein Aufenthalt ſonſt fuͤr jedermann ein Geheimniß iſt, zu Haͤn - den kommen Jhrer ungluͤcklichen ab er das iſt noch nicht genug

Jhrer elednen Clariſſa Harlowe.

Der dritte Brief von der Frau Howe an Fraͤulein Clariſſa Harlowe.

(Unter derjenigen Aufſchrift, die in dem vorher - gehenden Briefe gegeben iſt.)

Fraͤulein Clariſſa Harlowe,

Sie werden ſich wundern, daß ſie einen Brief von mir bekommen. Jch bedaure das großeUn -19Ungluͤck, worinn ſie zu ſeyn ſcheinen. Solch eine Hoffnungsvolle junge Fraͤulein, als ſie wa - ren! Aber ſehen ſie, was der Ungehorſam gegen Eltern nach ſich ziehet!

Jch meines Theils habe zwar Mitleiden mit ihnen: jedoch habe ich noch mehr Mitleiden mit ihrem armen Vater und ihrer armen Mutter. Wie wohl haben dieſe ſie erzogen! Wie ſchoͤn hatten ſie zugenommen! Was fuͤr Vergnuͤgen machten ihre Eltern ſich aus ihnen! Und nun faͤllt alles ſo aus!

Aber, ich bitte, Fraͤulein, machen ſie nicht, daß auch mein Annchen ihres Fehlers, des Un - gehorſams, ſchuldig werde. Jch habe ihr ein - mal uͤber das andere ernſtlich befohlen, mit einer Perſon, die einen ſo unbeſonnenen Schritt ge - than hat, keine Briefe zu wechſeln. Es gereicht ihr nicht zur Ehre, bin ich verſichert. Sie haben gewußt, daß ich ihr dieß befohlen hatte: und doch ſetzen ſie beyde ihren Briefwechſel fort, zu meinem groͤßten Verdruſſe; denn ſie iſt mehr als einmal recht wunderlich daruͤber geweſen. Boͤſer Umgang, oder boͤſe Gemeinſchaft, Fraͤulein Sie wiſſen, wie es weiter heißt.

Hier koͤnnen keine Leute fuͤr ſich ſelbſt un - gluͤcklich ſeyn: ſondern ſie muͤſſen auch ihre Freunde und Bekannte, die ſich durch ihre Vor - ſichtigkeit von den Fehlern derſelben frey und rein erhalten haben, mit ſich beynahe in eben ſo großes Ungluͤck ziehen, als wenn ſie ſich durch ihren eignen Kopf in gleiches Unheil geſtuͤrzt haͤt -B 2ten.20ten. So weint und klagt meine arme Tochter beſtaͤndig. Sie hat in Wahrheit ihre eigene Gluͤckſeligkeit aus der Acht gelaſſen: weil ſie un - gluͤcklich ſind!

Wenn Leute, die ihr eignes Verderben ſu - chen, allein fuͤr ihr ſtarrkoͤpfigtes Verfahren lei - den koͤnnten: ſo waͤre es noch etwas. Allein, o Fraͤulein, Fraͤulein, was haben ſie zu verant - worten: da ſie eben ſo viele betruͤbte Herzen ge - macht, als nur Leute geweſen ſind, die ſie ge - kannt haben? Das ganze Geſchlecht hat in der That durch ſie eine empfindliche Wunde bekom - men. Denn wer ſonſt, als Fraͤulein Clariſſa Harlowe, wurde von allen Vaͤtern und Muͤt - tern ihren Toͤchtern zu einem Muſter vorge - ſtellet?

Jch ſchreibe einen langen Brief, indem ich willens war nur wenige Worte zu ſagen. Jch wollte ihnen nur bloß verbieten, an mein Ann - chen zu ſchreiben: und das ſo wohl, weil ſie einen ſolchen Fehltritt gethan haben, als weil es ihr armes Herz nur kraͤnken, und ihnen nichts hel - fen wird. Wo ſie ihnen alſo lieb iſt: ſo ſchreiben ſie ihr nicht. Der traurige Brief von ihnen iſt mir in die Haͤnde gefallen: da Annchen nicht zu Hauſe geweſen, und ich werde ihn ihr nicht zeigen. Denn ſie wuͤrde kein Vergnuͤgen davon haben, wenn ſie ihn ſehen ſollte, und ich auch nicht, die ich an ihr mein Vergnuͤgen habe. Wie ehe - dem an ihnen ihre Eltern.

Jedoch21

Jedoch ſie ſcheinen itzt uͤber ihr Vergehen empfindlich genug! So ſind alle unbeſonnene Maͤdchen: wenn es zu ſpaͤt Was fuͤr eine betruͤbte und niedergeſchlagene Perſon noͤthigt ſie alsdenn, ihre eigenwillige Widerſpenſtigkeit und ihr ſtarrkoͤpfigtes Weſen zu ſpielen!

Jch ſage vielleicht zu viel: bloß weil ich es fuͤr dienlich achte, das Zeugniß gegen ihre Unbe - dachtſamkeit abzulegen, welches allen ſorgfaͤlti - gen Eltern abzulegen zuſtehet; und keinem mehr, als

Jhrer mitleidigen und ihnen alles Gute anwuͤnſchenden Annabella Howe.

Jch ſende gegenwaͤrtiges durch einen beſondern Bothen, der nicht weiter, als zu Barnet, zu thun hat: weil ſie nicht noͤthig haben wer - den wieder zu ſchreiben; da ich weiß, wie gern ſie ſchreiben moͤgen, und auch weiß, daß Un - gluͤck die Leute zum Klagen aufgelegt machet.

Der vierte Brief von Fraͤulein Clariſſa Harlowe an Frau Howe.

Erlauben Sie mir, gnaͤdige Frau, Jhnen mit einigen Zeilen beſchwerlich zu ſeyn:B 3wenn22wenn ich Jhnen auch nur fuͤr Jhre Verweiſe danken ſollte; ob dieſe gleich aus einem bluten - den Herzen neue Stroͤhme von Blut gezogen haben.

Meine Geſchichte iſt erſchrecklich. Sie be - greift Umſtaͤnde, welche Mitleiden erwecken, und vielleicht ein nicht gaͤnzlich ungeneigtes Urtheil fuͤr mich zu wege bringen wuͤrden, wenn ſie bekannt waͤren. Allein meine Bemuͤhung iſt nur, und es ſoll alle meine Bemuͤhung ſeyn, daß ich meine Fehler bereue, und ſie nicht geringer zu machen trachte.

Jedoch ich will Jhr edles Gemuͤth nicht zu kraͤnken ſuchen. Wo ich nicht alleine leiden kann: ſo will ich ſo wenige Perſonen, als moͤg - lich iſt, an meinem Leiden Theil nehmen laſſen. Jch ergriff in der That mit dieſem Entſchluſſe auch damals die Feder, als ich den Brief ſchrieb, der Jhnen in die Haͤnde gefallen iſt. Jch woll - te nur wiſſen, und zwar ſo wohl aus einer ganz beſondern Urſache, als aus uneingeſchraͤnkter Lie - be, ob meine werthe Fraͤulein Howe, von der ich lange Zeit nicht gehoͤrt hatte, krank geweſen waͤ - re, wie man mir geſagt hatte; und, wenn es an dem waͤre, wie ſie ſich nun befaͤnde. Weil aber die mir wiederfahrne Beleidigungen noch neu ſind, und mein Ungluͤck ausnehmend groß gewe - ſen iſt: ſo wollte ſich das Selbſt, einmal uͤber das andere, haufenweiſe in meinen Brief hinein - draͤngen. Das menſchliche Gemuͤth iſt im Un - gluͤck geneigt, ſich an einen jeden, an dem es ei -niges23niges Antheil zu haben ſich einbildet oder wuͤn - ſchet, zu wenden, und Mitleiden und Troſt zu ſuchen Oder; damit ich mich beſſer und kuͤr - zer mit ihren eignen Worten ausdruͤcke, Un - gluͤck macht die Leute zum Klagen aufge - legt. Und gegen wem kann die bedraͤngte Per - ſon ſich beklagen, wenn ſie es nicht gegen einen Freund oder Freundinn thun kann?

Da Fraͤulein Howe nicht zu Hauſe geweſen iſt, als mein Brief gekommen: ſo ſchmeichle ich mir, daß ſie wieder geneſen iſt. Es wuͤrde mir zu einiger Befriedigung dienen, wenn ich Nach - richt bekommen koͤnnte, ob ſie krank geweſen iſt. Noch eine Zeile von Jhrer Hand wuͤrde eine allzu große Gewogenheit fuͤr mich ſeyn. Al - lein, wenn Sie die Guͤte haben wollen, mir durch einen Bedienten auf dieſe Frage ja oder nein antworten zu laſſen: ſo will ich nicht weiter beſchwerlich ſeyn.

Nichts deſto weniger muß ich geſtehen, daß die Freundſchaft meiner Fraͤulein Howe aller Troſt war, den ich in dieſer Welt hatte oder erwartete: und eine Zeile von ihr wuͤrde eine Staͤrkung fuͤr mein ohnmaͤchtiges Herz geweſen ſeyn. Urthei - len Sie dann, gnaͤdige Frau, wie ſchwer es mir werden muͤſſe, ihrem Verbot zu gehorchen! Aber dennoch will ich mich bemuͤhen, demſelben zu gehorchen: ob ich mir gleich, ſo wohl wegen der Beſchaffenheit alles deſſen, was zwiſchen Fraͤulein Howe und mir vorgegangen iſt, als auch wegen ihrer wohlgegruͤndeten Tugend,B 4Hoff -24Hoffnung gemacht haben ſollte, daß ſie nicht durch boͤſe Gemeinſchaft angeſteckt werden koͤnnte; wenn ein oder zween Briefe waͤren er - laubet worden. Dieß verlange ich inzwiſchen nicht: da ich denke, daß ich nichts anders zu thun habe, als Gott zu bitten, der, wie ich hoffe, mir ſeine Gnade noch nicht entzogen hat, ob es ihm gleich gefaͤllt, ſeine Gerechtigkeit ge - gen meine Fehler walten zu laſſen, damit er mir einen wahrhaftig zerſchlagenen Geiſt verleihe, wo er nicht ſchon genug zerſchlagen iſt, und als - denn zu ſeiner Gnade und Barmherzigkeit auf - nehme,

die ungluͤckliche Clariſſa Harlowe.

Eine gedoppelte Gewogenheit, gnaͤdige Frau, habe ich noch von Jhnen zu erbitten. Die eine daß Sie keinen von meinen Anver - wandten wiſſen laſſen, daß Sie von mir Nachricht haben. Die andere daß keine Seele erfahren moͤge, wo man von mir Nach - richt haben, oder unter welcher Aufſchrift man ſich an mich wenden kann. Dieß iſt ein Punct, woran mir mehr gelegen iſt, als ich mit Worten auszudruͤcken vermoͤgend bin. Kurz, meine Sicherheit vor fernern Uebeln mag davon abhangen.

Der25

Der fuͤnfte Brief von Fraͤulein Clariſſa Harlowe an Hanna Burton.

Meine liebe Hanna,

Es iſt mir ſehr wunderlich gegangen, ſeit dem ihr von meinen Dienſten, ſo ſehr wider meinen Willen, genommen, und nur eingebil - dete Mitgeſellinn uͤber mich geſetzet worden. Aber das muß nun alles vergeſſen ſeyn

Wie befindet ihr euch, meine Hanna? Seyd ihr von eurer Krankheit wieder geneſen? Wo ihr wieder beſſer ſeyd: wollt ihr denn zu mir kommen und bey mir ſeyn? Oder koͤnnt ihr es fuͤglich?

Jch bin in großes Ungluͤck gerathen, und da ich unter lauter fremden Leuten bin, wuͤrde es mir lieb ſeyn, euch bey mir zu haben, von deren Treue und Liebe ich ſo viele angenehme Proben gehabt.

Jch lebe oder ſterbe: ſo will ich mich be - muͤhen, daß es euch nicht gereuen ſoll, meine Hanna.

Wo ihr wieder beſſer ſeyd, wie ich hoffe, und einen guten Dienſt habt: ſo moͤchten viel -B 5leicht26leicht die Leute auf einen Monath, oder ſo ungefaͤhr, euch gehen laſſen, und ſo lange ſonſt jemand an eure Stelle nehmen. Unter der Zeit hoffe ich verſehen zu ſeyn, und ihr koͤnnt alsdenn wieder zu eurem Dienſte zuruͤckkehren.

Laßt keinen von meinen Freunden wiſſen, daß ich dieß von euch verlange: ihr moͤgt kommen koͤn - nen, oder nicht.

Jch bin in Herrn Smiths Hauſe, einem Strumpf - und Handſchuhladen, in der Koͤnigs - ſtraße bey Covent-Garden.

Jhr muͤßt unter dem Namen Rahel Clark die Aufſchriften an mich richten.

Kommt, meine liebe Hanna, wo ihr koͤnnt, zu eurer armen und jungen Fraͤulein, die allezeit viel von euch gehalten hat und allezeit halten wird, ihr moͤget kommen, oder nicht.

Jch ſende gegenwaͤrtiges an eure Mutter zu St. Albans, weil ich nicht weiß, wohin ich an euch ſchreiben muß. Antwortet mir mit einer Zeile, damit ich wiſſe, wie ich daran bin: und ich werde daraus ſehen, daß ihr die artige Hand noch nicht vergeſſen habt, die euch in gluͤcklichen Tagen lehrte.

Eure wahre Freundinn Clariſſa Harlowe.

Der27

Der ſechſte Brief von Hanna Burton zur Antwort.

Gnaͤdige Freilein!

Jch habe nicht fergeſſen zu ſchreiben und werde niemals etwas fergeſſen, das ſie, meine werte Freilein, ſo gut geweſen ſind mich zu ler - nen. Jhr Ungluͤck meine gnaͤtige Freilein, thut mier ſehr leit, ſo leit, ich weis nicht, was ich thun ſol. Von Hertſen wolte ich mich frauen, wen ich in Stande waͤhre, zu ihnen zu kommen. Aber in der That, ich bin nicht in Stande gewe - ſen, hier bei meiner Mutter aus der Stube einen Fus zu ſetſen, ſeit dem ich gezwungen wahr, meinen Dienſt zu ferlaſſen, wegen der lauffen - den Gicht, die mich gans und gahr huͤlflos ge - machet hat. Jch wil Nacht und Tach fuͤr ſie betten, meine allerliebſte, meine guͤtichſte, meine beſte Freilein, mit der man ſo uͤbel umge - gangen iſt: und es thut mir ſehr leit, das ich nicht kommen kan, ihnen Liebe und Dienſte zu thun, welches ich allezeit von Hertſen gern thun will, wen es in meinem Vermoͤgen waͤhre, die ich bin

Jhre gehorſamſte Dienerin Hanna Burton.

Der28

Der ſiebende Brief von Fraͤulein Clariſſa Harlowe an Frau Judith Norton.

Meine wertheſte Frau Norton!

Jch wende mich an Sie, nach einem recht lan - gen Stillſchweigen; das aber doch keinen Mangel der Liebe oder Pflicht zum Grunde ge - habt; vornehmlich in der Abſicht, Sie zu bitten, daß Sie mich von zween oder dreyen Puncten verſichern, welche ich zu wiſſen noͤthig habe.

Mein Vater, und die ganze Familie, ſo hat man mir geſaget, ſollen heute, wie gewoͤhnlich, bey meinem Onkel Harlowe ſeyn. Haben Sie die Guͤte, mir Nachricht zu geben, ob ſie wirk - lich da geweſen ſind; ob ſie bey Gelegenheit des Geburthsfeſtes vergnuͤgt waren; und ob Sie von einer Reiſe oder vorgehabten Reiſe meines Bru - ders mit dem Capitain Singleton und Herrn Solmes gehoͤret haben.

Mir iſt es wunderlich gegangen, meine liebe, werthe und recht muͤtterliche Freundinn! Sehr wunderlich! Herr Lovelace hat ſich als einen hoͤchſt grauſamen und undankbaren Kerl gegen mich bewieſen. Aber, Gott ſey Dank, ich bin von ihm entkommen. Weil ich unter ganz fremden, ob gleich, wie ich denke, rechtſchaffenenLeuten29Leuten bin: ſo habe ich an Hanna Burton ge - ſchrieben, daß ſie zu mir komme und bey mir ſey. Wo Sie das gute Maͤdchen etwa ſehen ſollten: ſo bereden Sie daſſelbe, ich bitte Sie, zu mir zu kommen. Jch bin allezeit willens geweſen, mei - ne Hanna bey mir zu haben; das weiß ſie wohl aber ich hoffete, ich wuͤrde in gluͤcklichern Umſtaͤn - den ſeyn.

Sagen Sie keinen von meinen Freunden, daß Sie von mir gehoͤret haben.

Glauben Sie, daß mein Vater, wenn ich ihm ſchriftlich darum anflehete, ſich gewinnen laſſen wuͤrde, den ſchweren Fluch, den er bey meinem Abgange von Harlowe-Burg auf mich geleget, von mir zu nehmen? Jch kann ſonſt keine Gewogenheit von ihm erwarten: aber da ſein Fluch, in Anſehung aller gluͤcklichen Umſtaͤnde, die ich in dieſem Leben vor mir ſahe, ſelbſt nach dem Buchſtaben erfuͤllet iſt; ſo hoffe ich, man werde denken, daß er Wirkung genug gehabt habe.

Jch befuͤrchte, daß meine Armen, wie ich die guten Leute zu nennen gewohnet war, de - ren Nothdurft ich durch Jhre treue Haͤnde zu ſtatten zu kommen pflegte, mich ſeit einiger Zeit vermiſſet haben. Aber nun bin ich, leider! ſelbſt arm. Es macht mir mein Vergehen und meine Reue nicht wenig ſchwerer, daß ich, bey ſolchen Neigungen, als mir Gott gegeben hat, mich ſelbſt außer Stande geſetzt habe, das Gute zu thun, wozu ich vormals mit Vergnuͤgen geboh -ren30ren zu ſeyn dachte. Es iſt eine betruͤbte Sache, meine wertheſte Frau Norton, wenn wir uns ſelbſt derer Gaben, die uns die Vorſicht anver - trauet hat, unwuͤrdig machen.

Allein dieſe Betrachtungen ſind nunmehr zu ſpaͤt: und vielleicht haͤtte ich ſie bey mir behalten ſollen. Erlauben Sie mir inzwiſchen, zu hoffen, daß Sie mich noch lieben. Jch bitte Sie, laſſen Sie mich hoffen, daß Sie es thun: ſo werde ich doch; ungeachtet meiner Ungluͤcksfaͤlle, welche ge - macht haben, daß ich gegen die guͤtige und recht muͤtterliche Bemuͤhungen, die Sie von meiner Wiegen an auf mich gewandt, undankbar ſchei - ne; ſo gluͤcklich ſeyn, daß ich denken darf, es ſey doch noch Eine rechtſchaffene Perſon, die nicht haſſe

die ungluͤckliche Clariſſa Harlowe.

Erinnern Sie meinen Mitſaͤugling an mich. Jch hoffe, er werde ſich noch beſtaͤndig gehorſam und gut gegen Sie erhalten.

Haben Sie die Guͤte ihren Brief an Rahel Clark, in Herrn Smiths Hauſe auf der Koͤ - nigsſtraße, bey Covent-Garden, zu richten. Aber behalten Sie die Aufſchrift als ein vollkom - menes Geheimniß bey ſich.

Der31

Der achte Brief. Frau Nortons Antwort.

Jhre Zuſchrift, meine wertheſte Fraͤulein, geht mir durch die Seele! Warum wollen Sie mich nicht alle ihre Ungluͤcksfaͤlle wiſſen laſ - ſen! Jedoch Sie haben ſchon genug geſagt.

Mein Sohn bezeiget ſich recht gut gegen mich. Seit einigen Stunden hat er einen fieberhaften Anfall gehabt. Jch hoffe aber, daß es gluͤcklich voruͤber gehen wird: wo ſein Eifer zu arbeiten ihm die Ruhe zulaͤſſet, welche ſein guter Herr ihm zu erlauben geneigt iſt. Er empfiehlt ſich Jh - nen in ſchuldiger Unterthaͤnigkeit, und vergoß viel Thraͤnen, als er Jhren traurigen Brief an - hoͤrte.

Sie ſind falſch berichtet, daß Jhre Familie bey Jhrem Onkel Harlowe ſeyn ſollte. Sie ſind es nicht einmal willens geweſen. Der Tag iſt gar nicht gefeyert worden. Sie ſind in der That nicht aus dem Hauſe gekommen, als nur in die Kirche zu gehen, und das auch nicht mehr als dreymal: ſeit dem Sie von hier gegangen ſind Ein ungluͤcklicher Tag fuͤr dieſelben, und fuͤr al - le, welche Sie kennen! Fuͤr mich, gewiß, am meiſten! Mein Herz faͤngt nun immer mehr und mehr fuͤr Sie zu bluten an.

Jch32

Jch habe nicht ein Wort von einer ſolchen Reiſe ihres Bruders, Capitain Singletons, und Herrn Solmes, gehoͤrt, als Sie erwaͤhnen. Es iſt wahr, man hat von einer Reiſe ihres Bruders zu ſeinen Guͤtern in den noͤrdlichen Gegenden die - ſes Reichs geſchwatzet, aber ich habe kuͤrzlich nichts davon gehoͤret.

Jch beſorge, man werde keinen Brief von ihnen annehmen. Es kraͤnkt mich ſehr, meine wertheſte Fraͤulein, daß ich Jhnen die Nachricht geben muß. Es kann Jhnen kein Uebel bege - gnet ſeyn, das man nicht vermuthet. So groß iſt ihrer aller Haß gegen den gottloſen Menſchen; und ſo boͤſe iſt ſein Ruf.

Jch kann mir ihre Unverſoͤhnlichkeit kaum vor - ſtellen. Allein man darf von andern nicht nach ſich ſelbſt urtheilen. Jedoch will ich noch ſo viel ſagen, daß, wenn Sie mit ſo ſanften und gelin - den Gemuͤthern, als Jhr eignes, oder, ich will ſo kuͤhn ſeyn, auch dieß zu ſagen, als das meinige iſt, zu thun gehabt haͤtten, weder jenen noch Jh - nen jemals dieſe Uebel begegnet ſeyn wuͤrden. Jch kannte Jhre Tugend, und Jhre Liebe zur Tugend, ſelbſt von der Wiegen an, und zweifelte gar nicht, daß dieſe Jhnen durch Gottes Gnade allezeit zur Huth und Wache dienen wuͤrde. Aber Sie konnten ſich niemals zwingen laſſen, und es war auch nicht noͤthig, Sie zu zwingen. So groß - muͤthig, ſo edel geſinnt, ſo klug und bedaͤcht - lich. Wie ſehr vergroͤſſert die Liebe Jhrer angenehmen Eigenſchaften meinen Kummer! Und33Und wie viel muͤſſen dieſe Erinnerungen auch bey Jhnen den Schmerz vermehren!

Sie ſind entkommen, meine allerliebſte Fraͤu - lein Jch hoffe, gluͤcklich das iſt, mit ihrer Ehre Wo nicht: wie groß muß Jhr Jammer ſeyn! Nach Jhrem Briefe be - fuͤrchte ich das aͤrgſte.

Jch bin ſehr ſelten zu Harlowe-Burg. Das Haus iſt nicht mehr das Haus, das es zu ſeyn pflegte: ſeit dem Sie daraus gegangen ſind. Außer dem ſind ſie ſo unerweichlich! Und weil ich von dem geliebten Kinde, das ich ſo wohl alle - zeit in meinem Herzen getragen, als mit meiner Bruſt geſaͤuget habe, nichts hartes reden kann: ſo ſehen ſie es nicht ungern, daß ich wegbleibe.

Jhre Hanna hat vor einiger Zeit ihren Dienſt krank verlaſſen. Da ſie noch bey ihrer Mutter zu St. Albans iſt: ſo beſorge ich, daß es noch nicht beſſer mit ihr geworden. Sollte es ſeyn: ſo werde ich, da Sie unter ganz fremden Leuten ſind, und ich Jhnen itzo eben nicht rathen kann, in dieſe Gegenden zu kommen, es fuͤr meine Schuldigkeit halten, Jhnen aufzuwarten, man mag es hier nehmen, wie man will; ſo bald als es meines Thomas Unpaͤßlichkeit erlauben wird, welches bald ſeyn wird, wie ich hoffe.

Jch habe ein wenig Geld bey mir ſtehen. Sie ſagen, daß Sie ſelbſt arm ſind Wie be - truͤbt ſind dieſe Worte von einer Perſon, die zu allem Ueberfluß Recht hat und gewoͤhnet iſt! Wollen Sie ſo gut ſeyn und befehlen, daß ich esSechſter Theil. Cſchicke,34ſchicke, meine geliebte Fraͤulein? Es iſt groͤßten - theils von Jhrer Guͤte gegen mich: und ich wer - de mir eine Ehre daraus machen, es ſeinem er - ſten Eigenthuͤmer wieder zuzuſtellen.

Jhre Armen wuͤnſchen Jhnen lauter Segen und beten beſtaͤndig fuͤr Sie. Jch habe mit den letzten Proben Jhrer Gewogenheit ſo hausgehal - ten, und die guten Leute ſind ſo geſund geweſen, haben ſo beſtaͤndig Arbeit gefunden, daß der Vorrath hingereichet hat und noch hinreichen wird, bis ihrer unvergleichlichen Wohlthaͤterinn gluͤck - lichere Tage, wie ich hoffe, zu Theil werden.

Erlauben Sie mir zu bitten, meine allerliebſte Fraͤulein, daß Sie ſich aller Huͤlfsmittel zu Nu - tze machen, welche gottſelige Perſonen, wie Sie, zum Troſt in ihrem Elende, aus der Religion nehmen. Jhr Leiden mag beſchaffen ſeyn, wie es will: ſo bin ich verſichert, daß Jhre Abſicht unſchuldig geweſen iſt. Daher laſſen Sie den Muth nicht ſinken. Es wird keinem mehr zu leiden aufgeleget, als er tragen kann, und des - falls auch tragen muß.

Wir kennen die Wege der Fuͤrſehung nicht. Wir wiſſen nicht, was fuͤr Abſichten durch ihre Verwaltung gegen die armen Geſchoͤpfe erhalten werden moͤgen.

Wenige Leute haben mehr Urſache, dieß zu ſa - gen, als ich ſelbſt. Und da wir im Elende mehr Troſt aus Beyſpielen, als aus Gruͤnden, ziehen koͤnnen: ſo werden Sie mir erlauben, daß ichSie35Sie an meine Schickſale erinnere. Denn wer hat mehr Kreuz gehabt, als ich?

Jch will von dem Verluſte einer unvergleich - lichen Mutter, zu der Zeit, da man die muͤtter - liche Fuͤrſorge am meiſten brauchet, nichts ge - denken. Der Tod eines lieben Vaters, der eine Zierde des geiftlichen Standes war, und mich geſchickt gemacht hatte, ſeine Schreiberinn zu ſeyn, trieb mich eben, als er eine Befoͤrderung zu ei - ner Pfarre vor ſich ſahe, welche ſeine Familie in gute Umſtaͤnde geſetzt haben wuͤrde, ohne irgend einen Freund in die weite Welt, und einem ſehr unachtſamen, und, welches noch aͤrger war, einen ſehr unfreundlichen Manne in die Arme. Ein elender Mann! Aber er hatte, Gott ſey Dank, bey einer verdrieslichen Krankheit, noch Zeit genug, ſeine verſaͤumte Gelegenheit, und ſeine ſchlechten Grundſaͤtze zu bereuen. Daran habe ich allezeit mit Vergnuͤgen gedacht: ob ich gleich ſeiner beſchwerlichen Krankheit wegen noch deſto duͤrftiger hinterlaſſen wurde, und eben mit meinem Thomas niederkommen ſollte, als er ſtarb.

Dieſen Umſtand hielte ich fuͤr den ungluͤcklich - ſten, worinn ich haͤtte koͤnnen hinterlaſſen wer - den. So kurzſichtig iſt die menſchliche Klugheit. Aber er ward eben das gluͤckliche Mittel, mich Jhrer Mutter zu empfehlen, welche in Betrach - tung meines guten Rufes, und aus Mitleiden gegen meinen recht duͤrftigen Zuſtand, mir er - laubte, weil ich mir ein Gewiſſen machte, meinC 2armes36armes Buͤbchen von mir zu thun, daß ich Sie und ihn mit einander ſtillen moͤchte, da ſie nur weni - ge Tage nach einander gebohren waren. Und ſeit der Zeit hat es mir niemals an dem geringen Segen gefehlet, mit welchem mich Gott zufrie - den gemachet hat.

Jch habe auch, von dem Sterbetage meines armen Mannes an, nicht gewußt, was ein recht großer Kummer waͤre, bis auf den Tag, als Jhre Eltern mir ſagten, wie feſt ſie ſich vorgeſe - tzet haͤtten, daß Sie Herrn Solmes nehmen ſoll - ten: da ich nicht nur von ihrer Abneigung von ihm verſichert war; ſondern auch gewiß wußte, wie unwuͤrdig er Jhrer waͤre. Denn damals fing ich an, die Folgen zu befuͤrchten, welche ent - ſtehen wuͤrden, wenn man ein ſo edles Gemuͤth zwingen wollte. Bis auf die Zeit hatte ich auch vor Herrn Lovelace keine Furcht gehabt: ſo ein - nehmend ſeine Perſon, und ſo ſcheinbar ſeine Auffuͤhrung und ſein Antrag war. Denn ich wußte gewiß, daß Sie ihn niemals nehmen wuͤr - den, bis Sie durch gute Gruͤnde von ſeiner Beſ - ſerung uͤberzeugt, und Jhre Freunde damit eben ſo wohl, als Sie ſelbſt, zufrieden waͤren. Aber das ungluͤckliche Misverſtaͤndniß zwiſchen Jhrem Bruder und Herrn Lovelace, und die heftige Vereinigung der Jhrigen, Jhnen Herrn Solmes aufzudringen, brachte alle das Ungluͤck zuwege, welches Jhnen und jenen ſo theuer zu ſtehen ge - kommen iſt, und mich Elende alle meine Ruhe ge -koſtet37koſtet hat. O! was hat dieſer undankbare und zwiefachſchuldige Menſch nicht zu verantworten!

Jnzwiſchen wiſſen ſie nicht, was Jhnen Gott noch aufbehalten hat. Sollten Sie aber, zur Lehre und Warnung anderer, in einem ſo wichtigen Falle, um eines einzigen Fehltrittes willen, Jhre ganze Lebenszeit hier Strafe leiden muͤſſen: ſo belieben Sie zu erwaͤgen, daß dieß Le - ben nur ein Stand der Pruͤfung ſey. Sind Sie in demſelben gelaͤutert: ſo werden Sie hiernaͤchſt in groͤßerem Maaße belohnet werden, daß Sie ſich mit Gedult und gaͤnzlicher Ergebung in den goͤttli - chen Willen der weiſen Fuͤgung uͤberlaſſen haben.

Sie ſehen, meine liebſte Fraͤulein Claͤrchen, daß ich kein Bedenken trage, den Schritt, den Sie gethan haben, einen Fehltritt zu nennen. An Jhnen war er ſo viel weniger, als an einer andern jungen Fraͤulein, zu entſchuldigen: weil Sie nicht allein hoͤhere Gaben hatten; ſondern Jhre und ſeine Gemuͤthsart einander ſo ſehr ent - gegen waren. Haͤtte man Sie gereizet, Jhres Vaters Haus zu verlaſſen: ſo war es doch eben nicht noͤthig, bey ihm zu ſeyn. Aber es war auch, in der That, nicht noͤthig, daß ich Jhnen dieß ſchriebe: ohne nur, um Jhnen ein Beweis von meiner unpartheyiſchen Liebe zu geben(*)Frau Norton urtheilte nur nach den Vorſtellun - gen und harten Reden der Familie. Sie wußte nicht, daß Clariſſa ſich feſt entſchloſſen hatte, nicht mit dem Herrn Lovelace fortzugehen: auchnicht,.

C 3Nach38

Nach dieſem Geſtaͤndniſſe wird es unfreundlich, und vielleicht, itzo, zur ungelegenen Zeit ſcheinen, wenn ich Jhnen ſage, wie ſehr ich bedaure, daß Sie mich nicht eher mit einer Zeile beehret ha - ben. Jedoch, wenn Sie ihr Stillſchweigen gegen ſich ſelbſt rechtfertigen koͤnnen: ſo muß ich, das darf ich frey geſtehen, billig zufrieden ſeyn. Denn ich bin verſichert, daß Sie mich lieben: gleichwie ich Sie liebe und ehre, auch beſtaͤndig lieben und ehren werde, und das noch deſto mehr um Jhres Ungluͤcks willen.

Einen Troſt, deucht mich, habe ich, ſelbſt wenn mich Jhr Elend kraͤnket: und das iſt die - ſer. Jch kenne keine junge Perſon, die ſo voll - kommen alle Eigenſchaften haͤtte, mit deſto helle - rem Glanze in Jhrer wahren Groͤße zu erſchei - nen, je mehr ſie Verſuchungen auszuſtehen hat. Gleichwohl aber iſt dieß ein Troſt, der zuletzt auf eine Vergroͤßerung meiner Traurigkeit uͤber Jhre bedraͤngte Umſtaͤnde hinauslaͤuft: weil Sie mit einem Gemuͤthe begabet ſind, das ſo wohl ge - ſchickt iſt, gluͤckliche Tage zu er tragen und alle und jede um Sie herum nur deſto mehr zu beſſern. Wehe ihm! O der nichtswuͤrdige, nichts - wuͤrdige Menſch! Allein ich will mich ent - halten, bis ich mehr erfahren habe.

Jndem

(*)nicht, wie ſorgfaͤltig Sie ſich bemuͤhet hatte, ſich einen andern, als ſeinen Schutz, zu verſchaffen; als Sie beſorgte, Sie wuͤrde kein Mittel finden, die Vermaͤhlung mit Herrn Solmes zu vermei - den, wofern Sie da bliebe.

39

Jndem ich alles wohl uͤberlege, was mir Jhr trauriger Brief zu denken Gelegenheit giebet; und nach Jhrem holdſeligen Gemuͤthe, nach der Liebenswuͤrdigkeit Jhrer Perſon, und nach Jhrer Jugend fernere Ungluͤcksfaͤlle und Ungelegenhei - ten befuͤrchte, denen Sie vielleicht unterworfen ſeyn koͤnnten: ſo kann ich nicht ſchließen, ohne Sie um Erlaubniß zu bitten, und zwar in rechtem Ernſt, daß Jch Jhnen aufwarten duͤrfe. Jch er - ſuche Sie, mir dieß nicht, aus irgend einer Be - trachtung in Abſicht auf mich ſelbſt, oder auf die Unpaͤßlichkeit meines andern geliebten Kin - des, abzuſchlagen: wo ich Jhnen irgend nuͤtzlich oder zum Troſte ſeyn kann. Sollte es auch nur auf zween oder drey Tage ſeyn: ſo erlauben Sie mir, Jhnen aufzuwarten; wenn gleich meines Sohnes Krankheit zunehmen, und, nach Verlauf dieſer zween oder dreyen Tage, mich wieder her - unter zu kommen, noͤthigen ſollte. Jch wie - derhole gleichfalls meine inſtaͤndigſte Bitte, daß Sie befehlen wollen, Jhnen den kleinen Ueber - reſt an Gelde zuzuſchicken, der noch in meinen Haͤnden iſt, von Jhrer Guͤtigkeit gegen Jhre Armen ſo wohl, als gegen

Jhre beſtaͤndig ergebene und getreue Dienerinn. Judith Norton.

C 4Der40

Der neunte Brief von Fraͤulein Clariſſa Harlowe an Lady Eliſabeth Lawrance.

Gnaͤdige Frau,

Jch hoffe, Sie werden die Freyheit entſchuldi - gen, womit ſich eine Perſon zu Jhnen wen - det, die nicht die Ehre hat, Jhnen perſoͤnlich be - kannt zu ſeyn, ob Sie gleich viel von Clariſſa Harlowe muͤſſen gehoͤret haben. Es geſchieht in keiner andern Abſicht, als nur um die Beguͤnſti - gung mit einer Zeile von Jhrer Gnaden Hand, wo es ſich fuͤglich thun laͤſſet, bey naͤchſter Poſt zur Antwort auf folgende Fragen zu bitten.

  • 1. Ob Sie Mittwoch den 7ten Jun. wie ich auf - gezeichnet, einen Brief geſchrieben haben, wo - rinn Sie Jhrem Enkel Lovelace zu ſeiner vermeynten Vermaͤhlung, die Jhnen, als eine Nachricht von einem gewiſſen Capitain Tomlinſon, durch Jhrer Gnaden Hofmeiſter, Herrn Spurrier, hinterbracht worden ſey, Gluͤck wuͤnſchen, und ihm verweiſen, daß er ſich einer Geringſchaͤtzigkeit gegen Sie ſchuldig gemacht ꝛc. weil er Jhrer Gnaden und der Familie ſeine Vermaͤhlung nicht gemeldet?
  • 2. Ob Jhre Gnaden an Fraͤulein Montague ge - ſchrieben, Jhnen zu Reading entgegen zukommen,41kommen, damit ſie dieſelben zu Jhrer Baſe Leeſon in Abemarle-Street begleiten moͤchte: weil Sie wegen Jhrer alten Kanzeley-Sa - che; dieß beſinne ich mich, war der Ausdruck; genoͤthigt wuͤrden, in der Stadt zu ſeyn? Und ob ſie Jhren Enkel beſchieden, Jhnen daſelbſt Sonnabend Abends den 11ten ſeine Aufwar - tung zu machen?
  • 3. Ob Jhre Gnaden und Fraͤulein Montague zu der beſtimmten Zeit nach London gekommen, und am Montage in einer Miethkutſche mit vier Pferden, weil ihre eigne ausgebeſſert wur - de, nach Hampſtead gefahren, und die junge Perſon, welche Sie daſelbſt beſuchten, von dannen nach London gefuͤhret?

Jhre Gnaden werden wahrſcheinlicher weiſe wohl errathen koͤnnen, daß dieſe Fragen nicht aus ſolchen Urſachen, die Jhrem Enkel Lovelace vortheil - haft ſeyn moͤchten, geſchehen. Allein die Antwort mag ſeyn, was ſie will: ſo kann es ihm keinen Schaden und mir keinen Vortheil bringen. Nur denke ich, daß ich dieſe Erkundigung meiner ehe - maligen Hoffnung, ob ich mich darinn gleich be - trogen habe, und ſelbſt der Menſchenliebe ſchuldig ſey, damit eine Perſon, von der ich vormals beſſere Gedanken zu hegen geneigt gewe - ſen bin, nicht ſo vollkommen verderbt befunden werde, daß er in allen und jeden Faͤllen die Wahrheitsliebe verlaſſen ſollte, welche zu dem Character eines Cavalliers unumgaͤnglich noͤ - thig iſt.

C 5Haben42

Haben Sie die Gewogenheit, gnaͤdige Frau, den Brief ſo an mich zu richten, daß er in dem Hauſe, zur ſchoͤnen Wilden genannt, auf Lud - gate-Hill abgegeben, und daſelbſt aufbehalten werde, bis man ihn abholet. Jch bitte aber dieſen Weg, an mich zu ſchreiben, fuͤr itzo noch geheim zu halten, und bin

Jhrer Gnaden gehorſamſte Dienerinn Clariſſa Harlowe.

Der zehnte Brief von Lady Eliſabeth Lawrance an Fraͤulein Clariſſa Harlowe.

Wertheſte Fraͤulein,

Jch befinde, daß zwiſchen Jhnen und meinem Enkel Lovelace nicht alles ſo iſt, wie es ſeyn ſollte. Es wird mich und alle ſeine Freunde un - gemein kraͤnken, wo er ſich gegen ein Frauenzim - mer von Jhrem Stande und von Jhren Ver - dienſten irgend einer vorſetzlichen Niedertraͤchtig - keit ſchuldig gemachet hat.

Wir haben lange auf eine bequeme Gelegen - heit gewartet, Jhnen und uns ſelbſt zu einem Er - folg, den wir alle mit dem ernſtlichen Verlangen wuͤnſchen, Gluͤck zu wuͤnſchen: indem alle unſereHoffnung43Hoffnung von ihm auf die Gewalt, welche Sie uͤber ihn haben, gebauet iſt. Denn wo jemals eine Mannsperſon ein Frauenzimmer angebetet hat: ſo iſt er die Mannsperſon, und Sie das Frauenzimmer.

Fraͤulein Montague ſchreibt in ihrem letzten Briefe an mich, zur Antwort auf einen von mir, worinn ich mich nach ihren Nachrichten von ihm erkundige, ob er Sie die Seinige nennen koͤnn - te, oder ob es wahrſcheinlich waͤre, daß er bald dieſe Ehre haben wuͤrde, folgende Worte: Jch weiß nicht, was ich in Anſehung der Sache, welcher ſich Jhre Gnaden ſo ernſtlich annehmen, aus meinem Vetter Lovelace machen ſoll. Er ſagt bisweilen, er ſey wirklich mit Fraͤulein Cla - riſſa Harlowe vermaͤhlet: zu andern Zeiten aber, es ſey ihre eigne Schuld, wenn es nicht ge - ſchieht. Er ſpricht von ihr nicht allein mit Liebe, ſondern auch mit Ehrerbietung: beken - net aber doch, daß zwiſchen ihnen beyden ein Misverſtaͤndniß ſey, und geſteht zugleich, ſie habe nicht die geringſte Schuld daran. Ein Engel, ſagt er, ſey ſie, und kein Frauenzimmer: keine Mannsperſon in der Welt koͤnne ihrer wuͤrdig ſeyn. Dieß iſt es, was meine Neffe Montague ſchreibet.

Gott gebe, meine liebſte Fraͤulein, daß er Sie nicht ſo abſcheulich beleidigt haben moͤge, daß Sie ihm nicht vergeben koͤnnen. Wo Sie nicht ſchon mit ihm vermaͤhlet ſind, und ſeine Hand ausſchlagen: ſo werde ich alle meine Hoffnungverlieren,44verlieren, daß er jemals heyrathen und der Mann werden wird, den ich aus ihm zu haben wuͤnſche. So wird es auch bey dem Lord M. ſo wird es auch bey der Lady Sarah Sadleir heißen.

Jch will nunmehr Jhre Fragen beantworten. Aber ich weiß in der That kaum, was ich ſchrei - ben ſoll, aus Beyſorge, die ungluͤckliche Mishel - ligkeit zwiſchen ihnen noch groͤßer zu machen. Gleichwohl muß ich einer ſolchen Fraͤulein in al - len Stuͤcken zu Befehl ſtehen. Hier iſt denn meine Antwort.

  • Jch habe weder den 7ten Jun. noch um die Zeit herum, irgend eine Zeile an ihn geſchrieben.
  • Weder ich, noch mein Hofmeiſter, kennen einen Capitain Tomlinſon.
  • Jch habe nicht an meine Neffe geſchrieben, mir zu Reading entgegen zu kommen, noch mich zu meiner Baſe Leeſon nach London zu begleiten.
  • Meine Kanzeley-Sache iſt zwar, wie die mei - ſten Kanzeley-Sachen, langweilig: aber nichts deſto weniger itzo auf einem ſo guten Fuße, daß ich deswegen nicht noͤthig haben kann, nach London zu gehen.
  • Jch bin auch binnen dieſen ſechs Monathen, nicht zu London: und ſeit verſchiedenen Jahren nicht zu Hampſtead geweſen.
  • Eben ſo wenig werde ich Luſt haben, nach London zu kommen: ausgenommen wenn ich Gele - genheit haben ſollte, Herrn Lovelace Gluͤck zu wuͤnſchen. Jn dem Fall wuͤrde ich mit dem groͤßten Vergnuͤgen hinreiſen, und mir Hoff -nung45nung machen, daß Sie die Gewogenheit ha - ben wuͤrden, mich nach Glenham-Hall zu be - gleiten und wenigſtens auf einen Monath bey mir zu bleiben.

Die Urſache ihrer Nachfrage mag nun ſeyn, was ſie will: ſo erlauben Sie mir, meine wer - theſte Fraͤulein, Sie um des Lords M. willen, um mein ſelbſt willen, um dieſes unbeſonnenen Menſchen willen, ſo wohl in Abſicht auf ſeine Seele, als in Abſicht auf ſeinen Leib, und end - lich um unſerer ganzen Familie willen, inſtaͤndigſt zu bitten, daß Sie durch dieſe Antwort die Mis - helligkeiten ſich nicht ſo weit vermehren laſſen wol - len, daß Sie deswegen ſeine Hand ausſchlagen moͤchten, wo er noch nicht die Ehre hat, Sie die Seinige zu nennen; welches ich daher beſorge, weil Sie ſich mit Jhrem Geburtsnamen unter - ſchrieben haben.

Erlauben Sie zugleich, daß ich meine Ver - mittelung anbiete, die Uneinigkeit zwiſchen Jhnen beyzulegen, ſie beſtehe, worinn ſie wolle. Jhre Sache, meine liebſte Fraͤulein, kann in keine Haͤn - de irgend einer lebendigen Seele gerathen, die mehr zu Jhren Dienſten ergeben waͤre, als

Jhre aufrichtige Bewunderinn und gehorſame Dienerinn, Eliſab. Lawrance.

Der46

Der eilfte Brief von Fraͤulein Clariſſa Harlowe an Frau Hodges.

Frau Hodges,

Jch werde gewiſſermaßen genoͤthigt, an ſie zu ſchreiben: da ich unter meinen Verwandten niemand habe, an den ich ſchreiben, oder von dem ich, wenn ich ſchriebe, eine Zeile erwarten darf. Jch bitte mir nur auf eine Frage Ant - wort aus. Es iſt dieſe:

  • Ob ſie einen gewiſſen Capitain Tomlinſon ken - nen? Und, wo ſie ihn kennen, ob er ein ſehr vertrauter Freund von meinem Onkel Har - lowe iſt?

Jch will ihn von Perſon beſchreiben: ſonſt moͤchte er etwa unter einem andern Namen bey ihnen bekannt ſeyn; ob ich gleich nicht weiß, war - um das ſeyn ſollte.

Er iſt ein ſchmaler laͤnglichter Mann, ein wenig pockengruͤbicht, von blaſſer Farbe, funf - zig Jahr alt, oder daruͤber, und von gutem An - ſehen, wenn er in die Hoͤhe ſiehet. Er ſcheint ein ernſthafter Mann zu ſeyn, und einer, der die Welt kennet. Er traͤgt ſich ein wenig gebogen in den Schultern. Er iſt von Berkshire, ſei - ne Frau von Oxfordshire, und hat verſchiedneKinder.47 Kinder. Er iſt noch nicht lange von Nort - hamptonshire in ihre Gegenden heruͤber ge - kommen.

Jch muß bitten, Fr. Hodges, weder mei - nen Onkel, noch ſonſt jemand von meinen Ver - wandten wiſſen zu laſſen, daß ich an ſie ſchreibe.

Sie pflegten zu ſagen, ſie wollten ſich freuen, wenn es in ihrer Macht ſtuͤnde, mir zu dienen. Das ſagten ſie freylich, als ich noch in meinem Gluͤcke ſaß. Aber dennoch darf ich vermuthen, daß ſie mir eine Kleinigkeit, wodurch mir ein Gefallen, ohne einiges Nachtheil fuͤr ſie ſelbſt, geſchehen wird, nicht abſchlagen werden.

Jch vernehme, daß mein Vater, meine Mutter, meine Schweſter, vermuthlich auch mein Bruder und mein Onkel Anton heute bey meinem Onkel Harlowe ſind. Gott erhalte ſie alle, daß ſie noch viele gluͤckliche Geburtstage mit Vergnuͤgen begehen moͤgen. Sie werden ſo gut ſeyn, mir in wenigen Worten von ihrer aller Befinden Nachricht zu geben.

Richten ſie ihre Antwort, aus einer beſon - dern Urſache, an Frau Dorothea Salcomb, daß ſie in dem Wirthshauſe zu den vier Schwanen, auf der Biſchofsthorſtraße, abgegeben und be - halten werde, bis jemand ſie abholet.

Sie kennen meine Hand gut genug, wenn auch der Jnhalt des Briefes nicht hinlaͤnglich waͤre, daß es noͤthig ſeyn ſollte, meinen Namen auszudruͤcken, oder mich anders zu unterſchreiben, als wie

Jhre Freundinn

Der48

Der zwoͤlfte Brief Die Antwort von Frau Hodges.

Gnaͤdiche Freilein!

Jch ſchreibe Jhnen Antwort, wie Sie verlan - gen. Der Her iſt mit keinem ſulchen Manne bekant. Jch weis gewis, das ſo ein Man niemals in unſer Hauß gekommen, und der Her gieht wenig aus. Es iſt ihm nicht ums Hertſe auszugiehn. Warum? Jhre Wider - ſpenſtigkeit macht, das ſie nicht viel darnach fra - gen, einander zu ſehn. Des Hern Geburthstag iſt ſunſt niemals ſo gehalten: denn nicht eine Sele war hier, und nichts als Seuftſen und Trauren bey dem Hern, wen er dagte, wie es ſunſt zu ſeyn pflechte.

Jch fragte den Hern, ob er ſo einen Man kente, als Capitain Tomlinſon, aber ſagte nicht, warum ich fragte. Er ſagte nein, er kente keinen.

Es iſt doch wol kein Poſſen oder Betriegerei gegen den Hern von einem Tomlinſon angeſtif - tet Man weis nicht, was ſie fuͤr Geſelſchaft zu haben genoͤthigt ſind, ſeitdem ſie weggegangen, wie ſie wiſſen, gnaͤdiche Freilein. Verzeihen ſie mier gnaͤdiche Frailen, aber Lunden iſt ein ge -waltich49waltich boͤßer Ort, und der Riter Luveleß ein Teufel, wie ich habe ſagen gehoͤhrt. Alle hal - ten ihn fuͤr einen ſulchen Cavlier, dafuͤr man ſich in acht nehmen mus, und ich denke, das ſie ihn hierinn ſo befunten haben.

Jch habe zu Jhnen das Vertrauen, gnaͤdi - che Freilein, das ſie dem Hern kein Leid wuͤrden geſchehen laſen, wen ſie es wuͤsten, von je - mand, der ſich fuͤr ſeinen bekanten ausgiebt. Aber aus Furcht wahr ich mit mier ſelbſt nicht einich, ob ich es ihm nicht ſagen ſolte. Aber ich wolte Jhnen gern zeigen, das ich im Ungluͤck ſo wol, wo ſie ungluͤcklig ſind, als im Gluͤck zu Gefallen ſein wolte. Den ich bin nicht von de - nen, die anders tuhn wuͤrden. So nicht mehr von

Jhrer gehorſammen Dienerin, die Jhnen alles gute wuͤnſcht, Sarah Hodges.

Der dreyzehnte Brief von Fraͤulein Clariſſa Harlowe an Lady Eli - ſabeth Lawrance.

Gnaͤdige Frau,

Jch kann nicht umhin, Jhrer Gnaden noch einmal beſchwerlich zu ſeyn, damit ich Jh -Sechſter Theil. Dnen50nen von ganzem Herzen fuͤr die guͤtige Zuſchrift danke.

Jch muß geſtehen, gnaͤdige Frau, daß die Ehre, mit Frauenzimmern, die ihre Tugend ſo wohl, als ihre hohe Geburt erhebet, verwandt zu werden, anfangs keine geringe Reizung bey mir geweſen, dem Antrage des Herrn Lovelace ein geneigtes Ohr zu goͤnnen: und zwar um ſo viel mehr, da ich entſchloſſen war, wann es wirk - lich geſchehen waͤre, alles, was in meinem Ver - moͤgen ſtehet, zu thun, damit ich die vortheil - hafte Meynung, welche Sie von mir haben, ver - dienen moͤchte.

Jch hatte auch noch einen andern Bewe - gungsgrund, der mir an ſich ſelbſt, wie ich wußte, bey Jhrer ganzen Familie zu einem Ver - dienſte gereichen wuͤrde. Aber er iſt ſo beſchaffen, daß ich mir dabey zuviel herausgenommen, und, wie der Erfolg gezeiget hat, auf eine ſtrafbare Weiſe zu viel herausgenommen habe. Jch mach - te mir Hoffnung, daß ich ein geringes Werkzeug in den Haͤnden der Vorſicht ſeyn moͤchte, einen Menſchen auf beſſere Wege zu bringen, der im Grunde, wie ich dachte, Verſtand genug haͤtte, ſich auf beſſere Wege bringen zu laſſen; oder we - nigſtens dankbar genug waͤre, den ihm zugedach - ten Dienſt zu erkennen, es moͤchte nun die edel - muͤthige Hoffnung gelingen oder nicht.

Allein ich habe mich bey dem Herrn Lovelace ungemein geirret. Er iſt der einzige, ſtelle ich mir gewiß vor, der ein Cavallier ſeyn will undbey51bey dem ich mich ſo ſehr haͤtte irren koͤnnen. Denn indem ich mich bemuͤhete, einen Elenden, der erſaufen wollte, zu retten: ſo bin ich, nicht zufaͤlliger, ſondern vorſetzlicher Weiſe, und mit einem aus Vorbedacht gefaßten Schluſſe, nach ihm hineingezogen worden. Er hat alſo den Ruhm gehabt, zu der Liſte derer, die er ungluͤck - lich gemacht, einen Namen hinzuzuthun, der, wie ich zuverſichtlich ſagen darf, ſeinem eignen Namen nicht zur Verkleinerung wuͤrde gereichet haben: und zwar durch ſolche Mittel, gnaͤdige Frau, welche die Menſchlichkeit beleidigen wuͤr - den, wenn man ſie erfuͤhre.

Meine ganze Abſicht iſt durch Jhrer Gna - den Antwort auf die Fragen, welche ich mir die Freyheit genommen habe, Jhnen ſchriftlich vor - zulegen, ſchon erreichet. Jch wuͤnſche nicht, den ungluͤcklichen Menſchen bey Jhnen verhaßter zu machen, als ich nothwendig deswegen thun muß, damit ich mich entſchuldige, daß ich Jhre angebotene Vermittelung ſchlechterdings aus - ſchlage.

Jhre Gnaden laſſen ſich daher folgende Um - ſtaͤnde melden:

Nachdem er mich mit Zwang, wie ich ſagen mag, auf eine hinterliſtige Art dazu gebracht hatte, daß ich mit ihm davon gegangen war: iſt er im Stande geweſen, mich in eines der ſchaͤnd - lichſten Haͤuſer zu London, wie der Erfolg gezei - get hat, zu bringen.

D 2Da -52

Daſelbſt hat er ſich nicht geſchaͤmet, ſich ei - nes gottloſen Verſuchs gegen meine Ehre ſchuldig zu machen, uͤber den ich mich mit Recht unwil - lig bezeiget, und Mittel gefunden habe, von ihm nach Hampſtead zu fliehen.

Als er mich aber dort aufgefunden hatte, ich weiß nicht wie: hat er ein paar Weibsleute, in reicher Kleidung, zu bereden gewußt, daß ſie die Perſon Jhrer Gnaden und der Fraͤulein Montague nachaͤffeten. Dieſe haben mich un - ter dem Vorwand, daß ich bey Jhrer Baſe Leeſton zu London einen Beſuch ablegen ſollte, mit dem Verſprechen, noch eben den Abend nebſt mir nach Hampſtead zuruͤckzukehren, betruͤgeriſcher - weiſe wiederum in das ſchaͤndliche Haus gebracht. Da bin ich aufs neue gefangen gehalten, und zuerſt meiner Sinne, hierauf aber; denn warum ſollte ich die Schande vor andern zu verheelen ſu - chen, die ich vor mir ſelbſt nicht verbergen kann? meiner Ehre beraubet worden.

Wenn Jhre Gnaden nun dieß wiſſen; und ferner vernehmen werden, daß, in dem aͤrgerli - chen Fortgange zu dieſem ungluͤcklichen Zweck, vor - ſetzliche Unwahrheiten, wiederholte Raͤnke, falſche Briefe zu ſchmieden; ſonderlich einen von Jhrer Gnaden, einen andern von der Fraͤulein Mon - tague, einen dritten von dem Lord M.; und un - zaͤhlige Meineide, nicht die geringſten von ſeinen Vergehungen geweſen ſind:

So werden Sie ſelbſt urtheilen, daß ich keine ſo gute Grundſaͤtze haben koͤnnte, die micheiner53einer Verbindung mit Perſonen von Jhrer und Jhrer edlen Schweſter vortrefflichen Gemuͤths - art wuͤrdig machen wuͤrden, wenn ich mich nicht von ganzem Herzen erklaͤren koͤnnte, daß eine ſolche Verbindung nunmehr niemals ſtatt ha - ben kann.

Jch will mich nicht gaͤnzlich von allem Tadel loszuſpre chen ſuchen: aber, in Abſicht auf ihn, habe ich mir keinen Fehler vorzuwerfen. Mein Verſehen iſt geweſen, daß ich anfangs einen Briefwechſel mit ihm fortgeſetzet, da es mir von denen verboten war, die ein Recht hatten, Ge - horſam von mir zu fordern. Dieß Verſehen iſt dadurch noch mehr vergroͤßert und deswegen noch weniger zu entſchuldigen, daß ich ihm eine heim - liche Zuſammenkunft mit mir geſtattet habe, wel - che mich ſeinen Raͤnken bloßgeſtellet hat. Daß ich dafuͤr Strafe leide, laſſe ich mir gern gefal - len, und danke Gott, daß ich endlich von ihm entkommen bin, und es in meiner Gewalt habe, einen ſo gottloſen Menſchen nicht zu meinem Manne anzunehmen. Jch werde mich freuen, wenn ich nur andern zur Warnung dienen mag: da ich ihnen nicht zum Beyſpiel dienen kann; wie ich mir vormals, ſo eitel und eingebildet war ich! vorgenommen hatte.

Alles boͤſe, was ich ihm wuͤnſche, iſt, daß er ſich beſſern und ich das letzte Opfer fuͤr ſeine Niedertraͤchtigkeit ſeyn moͤge. Vielleicht kann dieſer gute Wunſch erhalten werden: wenn er ſe - hen ſollte, wie ſich ſeine Bosheit, ſeine unver -D 3ſchuldete54ſchuldete Bosheit gegen ein armes Frauenzimmer, das durch ſeine grauſame Raͤnke aller Freunde beraubet iſt, endigen wird.

Jch ſchließe mit meinem gehorſamen Dank fuͤr Jhrer Gnaden vortheilhafte Meynung von mir, und mit der Verſicherung, daß ich, ſo lan - ge mir noch das Leben gegoͤnnet wird, allezeit ſeyn werde

Jhrer Gnaden dankbare und verpflich - tete Dienerinn Clariſſa Harlowe.

Der vierzehnte Brief von Fraͤulein Clariſſa Harlowe an Frau Norton.

Wie guͤtig meine geliebte Fr. Norton, wie guͤtig lindern Sie die Angſt eines bluten - den Herzens! Gewiß Sie ſind meine rechte Mutter. Jch muß durch ein unbegreifliches Verſehen in eine Familie untergeſchoben ſeyn, die mich, nachdem ſie neulich den Betrug entde - cket, oder wenigſtens einen Argwohn davon be - kommen hat, mit einem ſolchen Unwillen, als ei - ne ſolche Entdeckung gewiß verſprechen wird, aus ihrer aller Herzen verbannet hat.

O! waͤre ich doch in der That Jhr eignes Kind geweſen! Waͤre ich doch nur dazu gebohrenworden,55worden, daß ich an ihren geringen Gluͤcksum - ſtaͤnden Theil haͤtte, und von dem Vergnuͤgen, worinn ſie ſo gluͤcklich ſind, eine Erbinn waͤre! Alsdenn haͤtte ich mit einem recht ſanften Ge - muͤthe zu thun gehabt: und dieß wuͤrde mein folgſames Herze, zu dem ſich Zwang und unedel - muͤthige Begegnung ſo uͤbel ſchicket, wohl gelei - tet haben. Denn wuͤrde nichts von dem geſche - hen ſeyn, was geſchehen iſt.

Jedoch ich muß mich billig in Acht nehmen, daß ich die Luͤcke, welche ich ſchon ohne das durch meine Unbeſonnenheit in meiner Pflicht gemacht habe, durch Ungedult nicht vergroͤßern. Haͤtte ich nicht gefehlet: ſo haͤtte meine Mutter we - nigſtens nicht fuͤr unerweichlich und unverſoͤhn - lich gehalten werden koͤnnen. Habe ich denn nicht ſelbſt, nicht nur meine eigne Fehler, ſondern auch die Folgen derſelben zu verantworten, wel - che einer muͤtterlichen Gemuͤthsart, woran vor - her niemals etwas auszuſetzen geweſen iſt, zur Verkleinerung und Unehre gereichen?

Jnzwiſchen iſt es eine Guͤtigkeit von Jhnen, daß Sie das Vergehen einer Perſon, der daſſel - be ſo hoͤchſtempfindlich iſt, geringer zu machen ſuchen Koͤnnte es gaͤnzlich ausgeloͤſchet wer - den: ſo wuͤrde mich das der vielen Muͤhe, die Sie ſich bey meiner Erziehung gegeben haben, wuͤr - diger machen. Denn es muß ihren Kummer ſo, wie meine Schaam und Verwirrung, noth - wendig vermehren, daß ich mich, nach einem ſo hoffnungsvollen Anfange, ſo aufgefuͤhret habe,D 4daß56daß ich, ſtatt einer Ehre fuͤr Sie und meine andere Freunde, ihnen allen nun eine Schande bin.

Allein, damit ich Jhnen nicht ſelbſt Urſache gebe, mich fuͤr ſchuldiger anzuſehen, als ich bin: ſo erlauben Sie mir, mit wenigen zu verſichern, daß, wenn meine Geſchichte bekannt wird, ich mehr Mitleiden, als Tadel, auch ſo gar in Ab - ſicht auf meine Flucht mit dem Herrn Lovelace, verdienen werde.

Jn Betrachtung alles deſſen, was hiernaͤchſt vorgefallen iſt, will ich nur dieß ſagen, daß ich mich zwar fuͤr dieſe Welt verlohren nennen muß, aber doch noch einen Troſt uͤbrig habe. Jch ha - be mir mein Leiden weder durch Unvorſichtigkeit, noch durch Leichtglaͤubigkeit, noch durch Freyheit zugezogen. Es iſt kein Augenblick hingegangen, da ich nicht auf meiner Huth geweſen waͤre, oder ihre fruͤhe Lehren nicht im Gedaͤchtniſſe gehabt haͤtte. Aber, nachdem ich im Stande geweſen war, viele niedertraͤchtige Raͤnke zu Schanden zu machen, bin ich zuletzt durch die unmenſch - lichſten Kuͤnſte entehret. Waͤre ich nur nicht von allen Freunden verſtoßen worden: ſo haͤtte ſich gewiß dieſer niedertraͤchtige Menſch nicht un - terſtanden, und auch nicht die Gelegenheit ge - habt, mir ſo zu begegnen, als er mir begegnet hat.

Mehr kann ich jetzo nicht ſagen; mehr iſt auch itzo nicht noͤthig; und dieß ſelbſt, bitte ich Sie, bey ſich zu behalten, damit nicht Feindſe -lig -57ligkeiten nach meinem Hintritt entſtehen moͤgen, welche das Uebel weiter ausbreiten koͤnnten, das ich, wie ich hoffe, mit mir endigen ſoll.

Jch bin falſch berichtet, ſagen Sie, daß meine vornehmſten Anverwandten bey meinem Onkel Harlowe ſeyn ſollten. Der Tag, ſchrei - ben Sie, iſt nicht gefeyret. Auch mein Bruder und Herr Solmes haben nicht Etwas er - ſtaunliches! Was fuͤr eine vielfache ver - wickelte Bosheit hat dieſer nichtswuͤrdige Menſch zu verantworten! Sollte ich es Jhnen er - zaͤhlen: ſo wuͤrden Sie kaum glauben, daß ein ſolches Herz in einem Menſchen ſeyn koͤnnte

Aber es kann eine Zeit kommen, da Sie meine ganze Geſchichte erfahren werden! Jtzo habe ich weder Luſt, noch Worte O wie berſtet mir das Herz! Jedoch noch eine gluͤckliche, eine gewuͤnſchte Erleichterung! waͤ - ren Sie gegenwaͤrtig: ſo wuͤrden meine Thraͤnen das Uebrige erſetzen!

Jch nehme meine Feder wieder.

So beſorgen ſie wirklich, daß man keinen Brief von mir annehmen werde. Laſſen ſie ſich es nur nicht kraͤnken, daß ſie mir dieß ſagen muͤſſen! Jch vermuthe alles Boͤſe! Mein Jammer iſt ſo groß, daß, wenn Sie mir nicht zugeredet haͤtten, von dem Throne der Gna - den Gnade zu hoffen, ich beſorget haben wuͤrde, derD 5ſchreck -58ſchreckliche Fluch meines Vaters moͤchte in Abſicht auf beyde Welten in Erfuͤllung gehen.

Denn noch ein neues Ungluͤck! Jn ei - nem Anfall von Verruͤckung und Unbeſonnenheit habe ich an meine geliebte Fraͤulein Howe einen Brief abgeſchickt, ohne mich auf den geheimen Weg, wodurch ſonſt meine Briefe an Sie kom - men, zu beſinnen. Der iſt Jhrer zornigen Mutter in die Haͤnde gefallen: und ſo hat viel - leicht dieſe werthe Freundinn ſich um meinetwil - len ein neues Misvergnuͤgen zugezogen. Dazu iſt noch Jhr wuͤrdiger Sohn krank, und meine arme Hanna, glauben Sie, kann nicht zu mir kommen O meine liebe Frau Norton, wol - len Sie, koͤnnen Sie diejenigen tadeln, de - ren Unwillen gegen mich der Himmel ſelbſt zu billigen ſcheinet? und wollen Sie die losſprechen, die der verdammet?

Jedoch, Sie gebieten mir, den Muth nicht ſinken zu laſſen Jch will auch nicht: wo ich es aͤndern kann Und in der That Jhr guͤti - ger Brief hat mir zu rechter Zeit Troſt verliehen Allein Gott dem Allmaͤchtigen ſtelle ich meine Sache heim: Er raͤche mein Unrecht und rette meine Unſch

Aber wie reißen mich meine ſtuͤrmiſche Leiden - ſchaften hin! Habe ich nicht erſt dieſen Augenblick geſagt, daß Jhr Brief mir Troſt mitgetheilet haͤtte? Gott vergebe es denen, die meinen Vater hindern, mir zu vergeben! Dieß ſolldas59das haͤrteſte gegen ſie ſeyn, was meiner Feder entfahren ſoll.

Wenn auch Jhr Sohn wieder geneſen ſollte: ſo lege ich Jhnen doch auf, meine liebe Frau Norton, daß Sie nicht daran gedenken, zu mir zu kommen. Jch weiß noch nicht anders, als daß mir Jhre Vermittelung, ob gleich gegen - waͤrtig auf Jhre Fuͤrbitte ſo wenig wuͤrde geach - tet werden, bey meiner Mutter wohl nuͤtzlich ſeyn koͤnne, mir die Wiederrufung des ſchrecklichſten Theils von meines Vaters Fluch, der noch al - lein erfuͤllt zu werden uͤbrig iſt, auszuwirken. Gewiß die Stimme der Natur muß endlich zu meinem Beſten gehoͤret werden. Sie wird an - fangs mir bey meinen Freunden nur in der Stille das Wort reden, mit der bewußten Klage-ſucht eines jungen und noch nicht unverſchaͤmten Bett - lers! Aber ſie wird allmaͤhlig heller ſchreyen; wenn ich Muth habe, es zu thun; und vielleicht gar den vaͤterlichen Schutz vor fernerem Ungluͤck und diejenige Vergebung fordern, welche jene fuͤr ihre eigene Fehler zu erwarten nicht berechtigt ſeyn werden, die ſich einmiſchen moͤgen. Damit ſie mir um eines zufaͤlligen, nicht eines vorſetz - lichen Vergehens willen abgeſchlagen werde, um eines Vergehens willen, deſſen ich mich; wenn ſie nicht geweſen waͤren, niemals ſchuldig gemacht haͤtte.

Aber ſchon wieder hat die Ungedult, die ſich vielleicht auf parteyiſche Selbſtliebe, den verfuͤh - reriſchen Jrrwiſch, gruͤndet, die Oberhand.

Jch60

Jch will Jhnen kurz ſagen, es iſt zu meiner gegenwaͤrtigen und zukuͤnftigen Hoffnung noth - wendig, daß Sie es mit meiner Familie halten und ferner gut bey ihr ſtehen. Außerdem koͤnnte ich leicht, wenn Sie kaͤmen, vermittelſt Jhrer von dem verruchteſten Menſchen aufgeſpuͤret wer - den. Sagen Sie alſo nicht, daß Sie denken, Sie muͤßten billig zu mir kommen, man moͤge es nehmen wie man wolle Nein, um meinetwillen, ich wiederhole es noch einmal, muͤſſen Sie nicht kommen: wenn auch mein Mitſaͤugling, wie ich es hoffe, geneſen waͤre. Es kann mir auch an Jhrem Rath nicht fehlen, ſo lange ich noch ſchreiben kann, und Sie mir antworten koͤnnen. Und ſchreiben will ich, ſo oft als ich Jhres Raths benoͤthigt bin.

Hiernaͤchſt ſcheinen die Leute, bey denen ich nun bin, ſo wohl ehrlich als hoͤflich. Es iſt noch in eben dem Hauſe eine Witwe zur Miethe von geringen Umſtaͤnden, aber von großen Vor - zuͤgen Beynahe eine eben ſo ernſthafte und fromme Frau, als die werthe Perſon, an die ich eben ſchreibe. Sie hat, wie ſie ſagt, alle andere Gedanken von der Welt aufgegeben, außer de - nen, die ihr behuͤlflich ſeyn, gluͤcklich davon zu ſcheiden. Wie ſchoͤn ſchickt ſich das zu meinen eignen Abſichten! Hierinn, ſcheint wenig - ſtens eine troſtreiche Vorſicht fuͤr mich zu wal - ten! Alſo iſt gegenwaͤrtig nichts, das es noͤ - thig machen, nichts, das es erfordern, oder nur einmal entſchuldigen kann, daß Sie kom -men:61men: da ſo viele und beſſere Abſichten zu errei - chen ſeyn moͤgen, wenn Sie bleiben, wo Sie ſind. Es kann eine Zeit kommen, da ich Jhre letzte und beſte Huͤlfe noͤthig haben werde: und alsdenn, meine liebe Frau Norton als - denn will ich ſie mir beſtellet haben und von gan - zem Herzen annehmen alsdenn wird ſie mir von niemand verſaget werden.

Es iſt eine beſondere Hoͤflichkeit, womit Sie mir Geld anbieten. Allein, ob ich gleich genoͤ - thigt war, meine Kleider im Stiche zu laſſen: ſo nahm ich doch verſchiedne Koſtbarkeiten mit mir, die vor der Hand meinen Mangel erſetzen werden. Sie werden ſagen, ich habe mein Geld ſchlecht angeleget Das habe ich auch in der That! und wenn ich zuruͤckſehe, noch dazu in gar kurzer Zeit.

Allein, was ſoll ich thun, wo mein Vater nicht kann gewonnen werden, ſeinen harten Fluch zu wiederrufen? Unter allen recht ſchweren Uebeln, die mich getroffen haben, iſt dieß nun das ſchwereſte. Denn ich kann unter demſelben weder leben, noch ſterben.

O meine liebe Frau Norton, wie ſchwer muß eines Vaters Fluch ein Gemuͤth druͤcken, das ſich davor ſo ſehr fuͤrchtet, als das meinige! Dachte ich wohl, daß ich jemals um die Befrey - ung von demſelben zu bitten Urſache haben wuͤrde?

Sie muͤſſen nicht mit mir zuͤrnen, daß ich nicht eher an Sie geſchrieben habe. Sie habenvoll -62vollkommen recht, und ſind vollkommen guͤtig, wenn Sie ſagen, daß Sie verſichert ſind, ich liebe Sie. Ja in Wahrheit ich liebe Sie. Und wie edelmuͤthig, ſich ſelbſt ſo vollkommen aͤhnlich, beweiſen Sie ſich in Jhren Lobeserhebungen, daß Sie mir mehr beylegen, als ich verdiene, damit Sie einen Eifer in mir erwecken moͤgen, ihre Lobeserhebungen zu verdienen! Sie ſagen mir, was Sie von mir in dieſem Elende, welches mir zu ertragen aufgelegt iſt, erwarten. Jch wuͤnſche nur, daß ich mich Jhrer Erwartung gemaͤß verhalten moͤge.

Jch kann mir ſelbſt eine kleine Rechen - ſchaſt von meinem Stillſchweigen gegen Sie, meine guͤtige, meine werthe muͤtterliche Freun - dinn, geben Wie gelinde und hoͤflich druͤcken Sie ſich bey dieſer Gelegenheit aus! Jch wollte gar zu gern, ſo wohl Jhrentwegen, als um mein ſelbſt willen, daß Sie mit Grunde ſagen koͤnnten, wir wechſelten keine Briefe mit einan - der. Haͤtte man geglaubt, wir thaͤten es: ſo wuͤrde ein jedes Wort, das Sie zu meinem Be - ſten koͤnnten geſprochen haben, verworfen worden ſeyn; und meiner Mutter wuͤrde man verboten haben, Sie zu ſprechen, oder das, was Sie ſa - gen moͤchten, einiger Achtung wuͤrdig zu hal - ten.

Außerdem war die Ausſicht in meine kuͤnfti - ge Umſtaͤnde, die ich vor mir hatte, bald beſſer, bald ſchlechter. Das Schlechtere wuͤrde Sie nur beunruhigt haben; wenn Sie es erfahrenhaͤtten;63haͤtten: das Beſſere aber machte mir oft Hoff - nung, daß ich mit der naͤchſten und dann wieder mit der naͤchſten Poſt, und ſo von einer Woche zur andern, Jhnen das Beſte, was mir damals begegnen konnte, zu melden haben wuͤrde; ſo kaltſinnig auch nunmehr der nichtswuͤrdige Menſch mein Herz gegen das Beſte gemachet hat. Wie konnte ich mir in den Sinn kommen laſſen, an Sie zu ſchreiben und dadurch Jhnen zu ge - ſtehen, daß ich nicht verheyrathet waͤre, und doch mit einem ſolchen Menſchen, wiewohl ich es nicht aͤndern konnte, in einem und eben demſelben Hauſe lebte? Der noch dazu gegen ver - ſchiedne Perſonen vorgegeben hatte, daß wir wirk - lich vermaͤhlet waͤren, ob gleich mit gewiſſen Be - dingungen, die von der Ausſoͤhnung mit meinen Freunden abhingen? Daß ich Jhnen aber die Wahrheit vorenthalten, oder mich entweder of - fenbar, oder durch Zweydeutigkeiten einer Un - wahrheit ſchuldig machen ſollte, das war etwas, das Sie mich niemals gelehret hatten.

Vielleicht aber werden Sie denken, ich haͤtte um Jhren Rath in meinen gefaͤhrlichen Umſtaͤn - den an Sie ſchreiben moͤgen. Allein in der That, meine liebe Fr. Norton, ich bin nicht aus Mangel an gutem Rath ins Verderben gera - then. Das werden Sie aus dem, was ich ſchon beruͤhret habe, augenſcheinlich erkennen: wenn ich mich auch nicht weiter erklaͤren ſollte. Denn wie haͤtte der grauſame Raͤuber noͤthig gehabt, zu unverſchuldeten Kuͤnſten ich will freyerheraus -64herausreden, aber Sie muͤſſen es gegenwaͤrtig noch nicht wieder erzaͤhlen zu berauſchenden und betaͤubenden Traͤnken, und zu der grauſam - ſten und ſchimpflichſten Gewaltthaͤtigkeit ſeine Zuflucht zu nehmen: wenn ich meine Pflicht nicht ſorgfaͤltig beobachtet haͤtte?

Nur noch wenige Worte von dieſer betruͤbten Sache

Wenn ich alles uͤberlege, was mir begegnet iſt: ſo ſehe ich offenbar, daß dieſer Verfuͤhrer, den man gemeiniglich fuͤr gedankenlos gehal - ten, gegen mich nach einem regelmaͤßigen und vor - her verabredeten Entwurf zu ſeiner niedertraͤchti - gen Schandthat gehandelt hat.

Damit er alle ſeine ſchaͤndliche Raͤnke in den Gang braͤchte, war anfangs nichts weiter noͤthig, als daß er mich entweder mit Gewalt oder mit Liſt bewegte, mich in ſeine Gewalt zu begeben: und nachdem dieß ins Werk gerichtet war, haͤtte mich nichts, als der Einſpruch von dem vaͤterli - chen Anſehen, deſſen Gebrauch zu meinem Be - ſten, ich aber nicht verdienet hatte, von den Wirkungen ſeiner unergruͤndlichen Anſchlaͤge ret - ten koͤnnen. Ein Widerſtand von irgend einem andern Theile wuͤrde nur nach allzu vieler Wahr - ſcheinlichkeit, ſeine unmenſchliche und undankba - re Gewaltthaͤtigkeit beſchleuniget haben. Ja, waͤren Sie ſelbſt bey mir geweſen: ſo wuͤrden Sie auf eine oder die andere Art, wie ich nun - mehr Grund zu denken habe, fuͤr Jhre Bemuͤ - hung mich zu retten gelitten haben. Denn nie -mals65mals iſt ein gemachter Entwurf zur Bosheit, wie ich itzo ſehe, ſo ſtandhaft und allezeit gleich - maͤßig verfolget worden, als er den ſeinigen ge - gen eine ungluͤckliche Perſon, die es beſſer von ihm verdiente, verfolget hat. Allein der All - maͤchtige hat es, nach dem gemeinen Lauf ſeiner Fuͤrſehung, fuͤr gut befunden, daß der Fehler ſei - ne eigne Strafe mit ſich fuͤhren ſollte: und dieß vielleicht zur Erfuͤllung des ſchrecklichen Fluchs von meinem Vater, daß ich hier; o meine lie - be Mutter Norton, beten Sie mit mir, daß hier das Ende ſeyn moͤge; durch eben den nichtswuͤrdigen Menſchen, auf den ich meine gottloſe Zuverſicht geſetzet hatte, geſtraft werden moͤchte.

Es iſt mir Jhrentwegen leid, daß ich ſo ſchwer - muͤthig beſchließen ſoll: und gleichwohl muß das Uebrige kurz ſeyn.

Erlauben Sie mir zu bitten, daß Sie das, was ich Jhnen eroͤffnet habe, geheim halten: we - nigſtens bis Sie meine Einwilligung haben, es bekannt zu machen.

Gott erhalte Jhnen Jhr anderes Kind, das reiner von Fehlern iſt.

Jch will auf ſeine Gnade hoffen, wenn ich auch von keinem Menſchen Barmherzigkeit er - langen ſollte.

Jch wiederhole noch einmal mein Verbot: Sie muͤſſen nicht daran denken, daß Sie herauf kommen wollten zu

Jhrer beſtaͤndig gehorſamen Cl. Harlowe.

Sechſter Theil. EDie66

Die dienſtfertige Perſon, welche Jhr Schrei - ben heute fuͤr mich abgegeben, hat verſpro - chen, morgen nachzufragen, ob ich etwas wieder zuruͤckzuſchicken haͤtte. Eine ſo gu - te Gelegenheit habe ich nicht vorbeylaſſen wollen.

Der funfzehnte Brief von Frau Norton an Fraͤulein Clariſſa Harlowe.

O! ungeheure Bosheit von dieſem abſcheuli - chen Menſchen!

Jſt jemand in der Welt, der einer ſo hold - ſeligen Perſon Gewalt thun koͤnnte!

Sind Sie verſichert, daß Sie nunmehr vor ſeinen Haͤnden zu weit zu erreichen ſind?

Sie befehlen mir, die Umſtaͤnde der ſchaͤnd - lichen Begegnung, die Jhnen widerfahren iſt, geheim zu halten: ſonſt wuͤrde ich bey einem un - vermutheten Beſuch, den mir Fraͤulein Harlo - we, bald nach dem Empfang Jhres betruͤbten Briefes, goͤnnete, in die Verſuchung gerathen ſeyn, zu geſtehen, daß ich von Jhnen gehoͤret haͤt - te, und ihr ſolche Stellen aus Jhren beyden Briefen mitzutheilen, die von Jhrer Reue und von Jhrem ſehnlichen Verlangen, ſo wohl die Wiederrufung des Fluchs, als auch den Schutzvor67vor ferneren gewaltſamen Beſchimpfungen, wel - che vielleicht noch gegen Sie koͤnnten unternom - men werden, von Jhrem Vater zu erlangen, voll - kommenen Beweis gegeben haͤtten. Aber als - denn wuͤrde Jhre Schweſter vermuthlich die Briefe zu ſehen und mit ſich zu Jhrer Familie zu nehmen verlanget haben.

Sie muͤſſen doch einmal die betruͤbte Ge - ſchichte erfahren. Es iſt unmoͤglich, daß ſie nicht Mitleiden mit Jhnen haben, und Jhnen nicht vergeben ſollten: wenn ſie Jhre ſruͤhe Reue und Jhr unverſchuldetes Leiden erfahren; wenn ſie hoͤren, daß Sie durch die unmenſchliche Ge - walt eines ungeheuren Raͤubers, und nicht durch die ſchaͤndlichen Kunſtgriffe eines verfuͤhreriſchen Liebhabers, gefallen ſind.

Der gottloſe Menſch giebt bey dem Lord M. vor, wie mir Fraͤulein Harlowe erzaͤhlet, daß er wirklich mit Jhnen vermaͤhlet ſey. Jedoch glaubet ſie es nicht: und ich hatte auch nicht das Herz, ihr die Wahrheit zu ſagen.

Sie legte es mir ſehr nahe, ob ich nicht mit Jhnen von der Zeit an, da Sie weggegangen waͤren, Briefe gewechſelt haͤtte. Jch konnte ihr ſicher Nachricht geben, wie ich that, daß es nicht geſchehen waͤre. Allein ich geſtand zu - gleich, mir waͤre zuverlaͤßig gemeldet, daß Sie Jhres Vaters Fluch ungemein zu Herzen naͤh - men, und ſetzte hinzu, es wuͤrde ein gutes und ſchweſterliches Werk von ihr ſeyn, wenn ſie ſichE 2ange -68angelegen ſeyn laſſen wollte, Sie davon frey zu machen.

Unter andern harten Dingen, verſetzte ſie, meine parteyiſche Affenliebe gegen Sie machte, daß ich die Ehre der Uebrigen von der Familie wenig bedaͤchte. Wo ich dieß aber nicht von Jhnen ſelbſt gehoͤret haͤtte: ſo vermuthete Sie, ich waͤre von der Fraͤulein Howe angeſtiftet.

Sie erklaͤrte ſich mit vieler Bitterkeit gegen dieſe Fraͤulein: welche, wie es ſcheint, allenthal - ben und gegen jedermann; denn Sie muͤſſen ge - denken, daß Jhre Geſchichte in allen Geſellſchaf - ten den Stoff zur Unterredung hergiebet; wider Jhre Familie losziehet, und dieſelbe, wie Jhre Schweſter ſagt, veraͤchtlich, ja gar laͤcherlich machet.

Mir iſt es aus einem gedoppelten Grunde nicht lieb, daß ſolche Freyheiten, die von einem Zorn zeugen, gebraucht werden. Einmal thun dergleichen Freyheiten niemals gut. Jch habe von Jhnen ſelbſt das Geſtaͤndniß gehoͤret, daß Fraͤulein Howe zur Satyre ſehr aufgeleget ſey: allein ich ſollte hoffen, eine junge Fraͤulein von Jhrer Einſicht und rechtſchaffener Gemuͤthsart, muͤßte wiſſen, daß der Endzweck der Satyre nicht ſey, zu erbittern, ſondern, zu beſſern, und daß ſie daher niemals auf Perſoͤnlichkeiten hinauslaufen muͤſſe. Geſchieht das letzte: ſo kann es bey ei - ner unparteyiſchen Perſon, wie mein frommer Vater zu ſagen pflegte, den Verdacht erwecken, daß derjenige, der die Satyre braucht, eine na -tuͤrliche69tuͤrliche Neigung zu bittern Urtheilen habe und dieſer Genuͤge zu thun ſuche; welches an ihm ein eben ſo großer Fehler ſeyn mag, als irgend einer von denen, die er an andern zu tadeln und in ihrer Bloͤße darzuſtellen meynet.

Es wird vielleicht nicht vergeblich ſeyn, wenn Sie ihr hievon einen kleinen Wink geben.

Mein anderer Grund iſt dieſer, daß ſolche Freyheiten, die ſich eine ſo feurige Freundinn von Jhnen, als Fraͤulein Howe nach aller Wiſ - ſen iſt, herausnimmt, hoͤchſtwahrſcheinlicher Wei - ſe auf Jhre Rechnung geſchrieben werden koͤnnen.

Mein Unwillen gegen den ſchaͤndlichſten Menſchen iſt ſo groß, daß ich die aͤrgerlichen Umſtaͤnde, welche Sie von ſeiner Niedertraͤchtig - keit melden, nicht beruͤhren darf. Wie war es wohl moͤglich, daß Sie ſich gegen einen ſo ver - meſſenen und ſchluͤßigen Boͤſewicht vertheidigen konnten, nachdem Sie einmal in ſeiner Gewalt waren? Jch will nur meine inſtaͤndige Bitte an Sie wiederholen, daß Sie der Verzweifelung nicht Platz geben, ſo traurig und ſchrecklich der Anſchein von Jhren Umſtaͤnden ſeyn mag. Jhr Elend iſt uͤber die Maaßen groß: aber Sie ha - ben auch Gaben, die der Groͤße Jhrer Verſu - chungen gemaͤß ſind. Das geſteht ein jeder.

Setzen Sie das Aergſte, und daß Jhre Fa - milie ſich nicht zu Jhrem Beſten wolle bewegen laſſen: ſo wird ja Jhr Vetter Morden bald an - langen; wie mir Fraͤulein Harlowe erzaͤhlet hat. E 3Sollte70Sollte der auch ſelbſt auf der Familie Seite ge - bracht werden: ſo wird er doch zuſehen, daß Jhnen Gerechtigkeit widerfahre. Alsdenn koͤn - nen Sie allen zum Beyſpiel ein gottſeliges Leben fuͤhren, noch viele hundert gluͤcklich machen und junge Frauenzimmer lehren, die Fallſtricke zu vermeiden, worinn Sie ſo ſchrecklich verwickelt ſind.

Was aber den Mann betrifft, den Sie ver - lohren haben: Jſt wohl eine Vereinigung mit einem ſo meineidigen Herzen, als er hat, fuͤr ein ſo unvergleichliches Herz, als das Jhrige iſt, zu wuͤnſchen? Er iſt ein ſchaͤndlicher, niedertraͤch - tiger Kerl, wie Sie ihn mit Recht nennen, bey allem ſeinen Stolz auf ſeine Ahnen: mehr ein Feind gegen ſich ſelbſt, in Betrachtung ſeiner gegenwaͤrtigen und zukuͤnftigen Gluͤckſeligkeit, als gegen Sie, in den unmenſchlichen und un - dankbaren Beleidigungen, wodurch er Jhnen ſo viel boͤſes gethan hat. Jch darf Sie gewiß nicht ermahnen, einen ſolchen Mann, als der iſt, zu verachten. Denn waͤren Sie das nicht zu thun im Stande: ſo wuͤrde es ein Vorwurf gegen ein Geſchlecht ſeyn, dem Sie allezeit eine Ehre ge - weſen ſind.

Jhre gute Gemuͤthsart iſt unbeflecket. Das beweiſet ſelbſt die Beſchaffenheit Jhres Leidens, wie Sie gar wohl bemerken. Sprechen Sie alſo Jhrem werthen Herzen Muth ein, und verzwei - feln nicht. Jſt es nicht Gott, der die Welt re - gieret, und nach ſeinem Wohlgefallen einige Din -ge71ge zulaͤſſet, andere ſelbſt ſchicket? Will er nicht zeitliche Leiden, die ohne Schuld zugefuͤget und gottſelig ertragen werden, mit ewiger Gluͤckſelig - keit belohnen? Und was, meine Wertheſte, was iſt dieß kleine Nun, dieſe Nadelſpitze, ge - gen eine unumſchraͤnkte Ewigkeit?

Unterdeſſen leidet mein Herz doch unter ei - nem gedoppelten Kummer. Denn mein armer Sohn iſt recht, recht krank! Ein heftiges Fieber! Es iſt nicht dahin zu bringen, daß es nachlaͤſſet! Beten Sie fuͤr ihn, meine liebſte Fraͤulein fuͤr ſeine Geneſung, wo es Gottes Wille iſt. Jch hoffe, es werde Got - tes Wille ſeyn! Wo nicht: Wie uner - traͤglich iſt es mir, das zu vermuthen! ſo be - ten Sie fuͤr mich, daß er mir die Gedult und Ergebung in ſeinen Willen verleihe, die ich Jh - nen gewuͤnſchet habe. Jch verbleibe, Wertheſte Fraͤulein,

Jhre ewig ergebene Judith Norton.

E 4Der72

Der ſechzehnte Brief von Fraͤulein Clariſſa Harlowe an Fr. Judith Norton.

Jch ſollte billig Jhren Kummer, ſonderlich itzo, nicht vermehren Aber ich kann es nicht aͤndern, ich muß Jhnen, da Sie itzo meine einzige Freundinn ſind, die meine Wunden lin - dert, eine neue Unruhe entdecken, die mich befal - len hat.

Jch hatte nur eine Freundinn in der Welt, außer Jhnen: und dieſe iſt aͤußerſt misvergnuͤgt mit mir(*)Man ſehe den folgenden Brief.. Es iſt ein großer Schmerz, auch nur auf einen Augenblick dem Tadel einer gelieb - ten Perſon unterworfen zu ſeyn: ſonderlich wenn uns etwas beygemeſſen wird, das Ehre und Klugheit betrifft. Es giebt gewiſſe ſo zaͤrtliche, ſo bedenkliche Punkte, wie Sie wiſſen, meine liebe Frau Norton, daß es ſchon einigermaßen eine Schande iſt, wenn es noͤthig ſcheint, ſich desfalls zu rechtfertigen. Jn dem gegenwaͤrtigen Falle iſt mein Ungluͤck, daß ich von einigen Begeben - heiten, die ich erklaͤren ſoll, nicht anders, als durch Muthmaßung, Rechenſchaft geben kann: ſo fein und liſtig hat die ſcheusliche Seele, welche michſo73ſo ungluͤcklich verſtricket hat, ihr Werk zu treiben gewußt.

Fraͤulein Howe, mit einem Worte, meynet in meiner Gemuͤthsart einen Flecken gefunden zu haben. Jhr harter Brief iſt mir eben erſt zu Haͤnden gekommen: aber ich werde darauf vielleicht bey beſſerem Sinne antworten; wenn ich erſt das Schreiben von Jhnen wohl uͤberle - ge. Denn, in der That, meine Gedult iſt bey - nahe zu Ende. Und gleichwohl muß ich beden - ken, daß die Wunden, welche ein Freund ſchlaͤget, wohl gemeynet ſind. Aber ſo viele Dinge auf einmal! O, meine liebe Fr. Nor - ton, wie ſoll eine ſo junge Schuͤlerinn in der Lei - densſchule im Stande ſeyn, ſo ſchwere und ſo man - nichfaltige Uebel zu ertragen!

Jedoch ich will dieß auf eine Weile beyſeite ſetzen und mich zu Jhrem Briefe wenden.

Es iſt mir ſehr leid, daß Fraͤulein Howe ih - ren Unwillen meinetwegen ſo lebhaft und hitzig zeiget. Jch habe ihr allemal die Freyheiten von dieſer Art, welche ſie ſich gegen meine Freunde genommen, recht dreiſte verwieſen. Vormals hatte ich einen großen Einfluß uͤber ihr freund - ſchaftliches Herz, und ſie nahm alles, was ich ſagte, als ein Geſetz an. Allein Leute, die im Ungluͤck ſind, haben in allen Stuͤcken, oder bey allen und jeden, wenig Gewicht. Gluͤck und Ununterwuͤrfigkeit ſind in der Betrachtung wirk - lich reizend, daß ſie dem guten Rath eines freundſchaftlichen Herzens Nachdruck geben: daE 5es74es hingegen an einem Elenden fuͤr eine Unver - ſchaͤmtheit gehalten wird, Rath zu ertheilen oder Vorſtellungen zu thun.

Jnzwiſchen iſt Fraͤulein Howe eine unſchaͤtz - bare Perſon. Jſt es zu vermuthen, daß ſie noch eben die Achtung gegen mein Urtheil behalten ſollte, die ſie vorher gehabt, ehe ich alles Recht, fuͤr verſtaͤndig und klug gehalten zu werden, ver - ſcherzet hatte? Mit was fuͤr einem Geſichte kann ich mich unterſtehen, ihr einen Mangel der Klug - heit vorzuhalten? Kann ich aber ſo gluͤcklich ſeyn, mich wieder in eine gute Meynung bey ihr zu ſe - tzen, welches mir allezeit ſchaͤtzbar geweſen iſt: ſo werde ich mich bemuͤhen, Jhre gegruͤndete An - merkungen in dieſem Stuͤcke ihr nachdruͤcklich vorzuſtellen.

Sie duͤrfen mich nicht ermahnen, ſagen Sie, einen ſolchen Mann, als der iſt, durch den ich gelitten habe, zu verachten Jn Wahrheit, Sie duͤrfen nicht: denn ich wollte lieber den grau - ſamſten Tod waͤhlen, als die Seinige zu ſeyn. Dennoch, meine liebe Fr. Norton, will ich Jh - nen geſtehen, daß ich ihn vormals haͤtte lieben koͤnnen Der undankbare Menſch! Haͤt - te er es mir zugelaſſen: ſo haͤtte ich ihn vor - mals lieben koͤnnen. Gleichwohl verdiente er meine Liebe niemals. Und war dieß nicht ein Fehler? Aber wenn ich nunmehr nur aus ſeinen Haͤnden errettet bleiben und es dahin bringen kann, daß mein Vater ſeinen Fluch wiederrufet: ſo iſt das alles, was ich wuͤnſche.

Eine75

Eine Ausſoͤhnung mit meinen Freunden er - warte ich nicht; auch keine Verzeihung: wenig - ſtens nicht eher, als in meinen letzten Noͤthen, und wie eine Mitgabe auf den Weg.

O meine geliebte Fr. Norton, Sie koͤnnen ſich nicht einbilden, was ich ausgeſtanden habe! Jn der That iſt mein Herz gebrochen. Jch weiß gewiß, ich werde nicht ſo lange leben, daß ich zu der Ununterwuͤrfigkeit komme, welche mich nach Jhren Gedanken in den Stand ſetzen wuͤr - de, meine vergangene Auffuͤhrung einigermaßen gut zu machen.

Da ich dieſer Meynung bin: ſo koͤnnen Sie leicht glauben, daß ich nicht geruhig ſeyn werde, bis ich mir die Widerrufung des ſchrecklichen Fluchs, und, wo moͤglich, auf mein Ende eine Vergebung auswirken kann.

Jch wuͤnſche, daß man mir ſelbſt uͤberlaſſe, den Weg zu waͤhlen, durch welchen ich mich be - muͤhen werde, mir dieſe Gewogenheit zu ver - ſchaffen. Jedoch weiß ich itzo noch nicht, was das fuͤr ein Weg ſeyn ſoll.

Jch will ſchreiben. Aber an wen? Das iſt nur mein Zweifel. Ungluͤck und Noth haben mich noch nicht ſo dreiſte gemacht, daß ich mich ſelbſt an meinen Vater wenden ſollte. Meine Onkels, ſo ſehr ſie mich auch vormals liebten, haben ein hartes Herze. Jhre maͤnnliche Lei - denſchaften ſind niemals durch den zaͤrtlichen Vaternamen gemildert. Von meinem Bru - der mache ich mir keine Hoffnung. Alſo habeich76ich nur meine Mutter und meine Schweſter, an die ich mich wenden kann Und mag es mir nicht erlaubt ſeyn, allerliebſte Mutter, mein zitterndes Auge zu ihrem alles ermunternden, und vormals mehr als nachſehenden, zu ihrem zaͤrtlich eingenommenen Auge, aufzuſchla - gen; in Hoffnung, eben zu rechter Zeit die noͤ - thige Barmherzigkeit fuͤr ein armes ſieches Herz zu erlangen, das noch von demjenigen Leben ſchlaͤgt, welches ihm von ihrem eignen und wer - thern Herzen mitgetheilet iſt? Sonderlich, da nur allein um Verzeihung, nicht um Auf - nahme zu dem vorigen Stande, flehentlich ge - beten wird?

Allein koͤnnte ich meine Mutter zum Mitlei - den bewegen: wuͤrde das nicht ein Mittel ſeyn, ſie durch den Widerſtand, welchen ſie finden wuͤrde, wenn ſie dieſem Mitleiden einigen Nach - druck zu geben verſuchen wollte, noch immer un - gluͤcklicher zu machen, als ich ſie ohne das ſchon gemacht habe?

Alſo denke ich mich an meine Schweſter zu wenden Aber wie unerweichlich hat ſich meine Schweſter bewieſen! Jedoch ich will ja nicht um Schutz bitten: ob ich gleich ſtuͤndlich fuͤrchten muß, daß ich Schutz noͤthig haben werde Alles, was ich bitten will, ſoll dieß einzige ſeyn, daß ich von dem ſchweren Fluch, der, ſo weit er wirken kann, in Anſehung des gegen - waͤrtigen Lebens, ſchon ſeine Wirkung gehabt hat, befreyet werde. Und gewiß, es iſt nurhitziger77hitziger Zorn, kein bedachter Vorſatz geweſen, der ihn bis auf das kuͤnftige Leben ausgedehnet hat!

Aber warum vermehre ich ſo Jhren Jam - mer? Wahrlich nicht deswegen, meine lie - be Frau Norton, weil ich ſo viel Geſuͤhl von meiner eignen Noth habe, daß ich davor die Jhrige nicht empfinden kann! Nein, Jhr Kummer vergroͤßert gewiß meinen eignen noch mehr. Allein ſie haben einen Troſt, einen ſehr wichtigen Troſt, ten ich nicht habe: daß Jhre Truͤbſal, es ſey in Anſehung Jhres mehr, oder in Anſehung Jhres weniger wuͤrdigen Kin - des, nicht von irgend einem Fehler, deſſen Sie ſelbſt ſchuldig waͤren, herruͤhret.

Was kann ich mehr fuͤr Sie thun, als be - ten? Glauben Sie ſicherlich, daß ich in ei - nem jeden Gebete, welches ich fuͤr mich ſelbſt ab - ſchicke, mit gleichem Eifer ſo wohl Jhrer, als Jh - res Sohnes, gedenken werde. Denn ich bin und werde allezeit ſeyn

Jhre wahrhaftig gleichgeſinnte und gehorſame Clariſſa Harlowe.

Der78

Der ſiebzehnte Brief von Fraͤulein Howe an Fraͤulein Cl. Harlowe. Unter der Aufſchrift: an Frau Rahel Clark ꝛc.

Meine liebe Clariſſa,

Endlich habe ich von Jhnen gehoͤrt; durch ei - nen Weg, wodurch ich es mir gar nicht vermuthete.

Von meiner Mutter.

Sie hatte mich einige Zeit her unruhig und betruͤbt geſehen, und vermuthete mit Grunde, daß es um Sie waͤre. Heute fruͤhe ließ ſie ſich etwas entfallen, woraus ich muthmaßete, daß ſie etwas von Jhnen gehoͤrt haben muͤßte, mehr als ich ſelbſt erfahren haͤtte. Da ſie nun befand, daß dieß meine Unruhe nur vermehrte: ſo geſtand ſie, daß ſie einen Brief an mich vom 29ten Jun. von Jhnen in Haͤnden haͤtte.

Sie koͤnnen wohl errathen, daß dieß eine klei - ne Hitze zwiſchen uns veranlaſſete, welche niemand von uns eben wuͤnſchen moͤchte.

[Es nimmt mich Wunder, meine Wertheſte, gewaltig Wunder, daß, da Sie wiſſen, wieernſt -79ernſtlich mir verboten ſey, Briefe mit Jhnen zu wechſeln, Sie doch einen Brief an mich in unſer Haus haben ſchicken koͤnnen: indem unter funf - zigen kaum einer ſeyn muß, der nicht meiner Mutter in die Haͤnde fallen ſollte; wie Sie bey dieſem befinden.]

Kurz, ſie bezeigte ſich unwillig, daß ich ihr ungehorſam ſeyn ſollte: und ich war eben ſo em - pfindlich, daß ſie mir meine Briefe erbrechen und vorenthalten moͤchte. Endlich gefiel es ihr doch, ſich mit mir zu vergleichen, daß ſie mir den Brief hergeben, und mir ein oder zweymal an Sie zu ſchreiben erlauben, aber den Jnhalt mei - ner Briefe ſelbſt ſehen wollte. Denn außer der Achtung, welche ſie fuͤr Sie heget, mußte ſie noth - wendig ſehr neubegierig ſeyn, die Gelegenheit zu ſo betruͤbten Umſtaͤnden, als Jhnen nach dem niedergeſchlagenen Gemuͤthe, das Jhr Brief verraͤth, zu Theil geworden ſeyn muͤſſen, zu er - fahren.

Jch werde ſie aber bereden, ſich damit be - gnuͤgen zu laſſen, daß ich ihr vorleſe, was ich ſchreibe: und was ich ihr nicht vorzuleſen wil - lens bin, will ich, ſo [], in Haͤckchen ein - ſchließen.]

Muß ich Sie, Fr. Cl. Harlowe, an drey Brie - fe noch erſt erinnern, die ich an Sie geſchrieben, ohne, auf irgend einen, Antwort zu bekommen; ausgenommen den erſten, und das nur in we - nigen Zeilen, mit dem Verſprechen, weitlaͤuftiger zu ſchreiben: ob Sie ſich gleich den Tag her -nach,80nach, als Sie meinen zweyten Brief bekommen hatten, wohl genug befunden haben, mit ihm froͤhlich wieder zu dem ſchaͤndlichen Hauſe zuruͤck - zukehren? Allein nach und nach mehr hievon. Jch muß eilen, ihres Briefes vom vergangenen Mittwochen Erwaͤhnung zu thun, mit dem Sie es ſo wohl zu ſpielen gewußt haben, daß er meiner Mutter in die Haͤnde fallen ſollte.

Jch muß Jhnen ſagen, daß der Brief mir beynahe das Herz gebrochen hat. Lieber Gott! wozu haben Sie ſich ſelbſt gebracht, Fraͤulein Clariſſa Harlowe! Haͤtte ich wohl glauben koͤnnen, daß Sie, nach Jhrer Flucht von dem Boͤſewicht, Jhrer ſo muͤhſamen und ernſtlich ge - wuͤnſchten Flucht, und nach einen ſolchen Ver - ſuch, als er gethan hatte, ſich gewinnen laſſen wuͤrden, nicht nur ihm zu vergeben, ſondern gar mit ihm, noch dazu ohne vermaͤhlt zu ſeyn, in das ſcheusliche Haus zuruͤckzugehen! Ein Haus, von dem ich Jhnen eine ſolche Nachricht gegeben hatte! Etwas erſtaunliches! Was fuͤr ein berauſchendes Ding iſt die Liebe! Jch habe allezeit beſorget, daß Sie, auch ſo gar Sie, dawider nicht die Probe halten wuͤrden.

Sie, Jhr beſtes Selbſt, ſind nicht entkom - men! Jn der That, ich ſehe nicht, wie Sie haben erwarten koͤnnen zu entkommen.

Was haben Sie zu erzaͤhlen! Sie duͤrfen es nicht erzaͤhlen, meine Wertheſte: ich wollte mich anheiſchig gemacht haben, Jhnen al - les, was geſchehen iſt, vorher zu prophezeyen; haͤt -ten81ten Sie mir nur geſagt, daß Sie ſich noch ein - mal in ſeine Gewalt begeben wollten, nachdem Sie ſich ſo viele Muͤhe gemacht, aus derſelben zu entgehen.

Jhre Ruhe iſt zerſtoͤret! Jch wun - dere mich nicht daruͤber: indem Sie ſich nun ſelbſt eine ſo uͤbel angebrachte Leichtglaͤubigkeit vorwer - fen muͤſſen.

Jhr Verſtand iſt angegriffen! Ge - wiß mein Herz blutet fuͤr Sie: aber verzeihen Sie mir, meine Werthe, ich vermuthe, Jhr Ver - ſtand iſt ſchon angegriffen geweſen, ehe Sie Hampſtead verlaſſen haben; ſonſt wuͤrden Sie ſich daſelbſt nimmermehr von ihm haben auffin - den laſſen, oder, da er Sie gefunden, zu gewin - nen geweſen ſeyn, in das ſcheusliche Hurenhaus zuruͤckzukehren.

Jch ſage Jhnen, ich habe drey Briefe an Sie abgelaſſen. Der erſte vom 7ten und 8ten Jun.(*)Siehe den V. Th. S. 135.; denn er war auf zweymal geſchrie - ben; iſt Jhnen ſicher zu Haͤnden gekommen: wie Sie mir in wenigen Zeilen vom 9ten Nach - richt gegeben haben. Waͤre es nicht geſchehen: ſo wuͤrde ich meiner eignen Sicherheit wegen be - ſorgt geweſen ſeyn; indem ich Jhnen darinn ſol - che Nachricht von dem abſcheulichen Hauſe, und ſolche Warnungen in Abſicht auf den Tomlinſon gegeben habe, daß ich deſto mehr erſtaunet bin, wie Sie ſich haben in den Sinn kommen laſſenkoͤnnen,Sechſter Theil. F82koͤnnen, wieder dahin zuruͤckzugehen, nachdem Sie einmal von demſelben und von Lovelace ent - flohen waren O meine Werthe! Nun will ich mich uͤber nichts jemals mehr wun - dern!

Der zweyte vom 10ten Jun.(*)Eben daſelbſt S. 509. u. f. iſt Jhnen ſelbſt am Sonntage, den 11ten, zu Hampſtead in die Haͤnde geliefert: da Sie, nach meines Bo - then Erzaͤhlung von Jhnen, in wunderlichem Zuſtande auf einem Ruhebette gelegen; aufge - ſchwollen und roth von Farbe, ich weiß nicht wie.

Der dritte war vom 20ten Jun.(**)Siehe eben daſelbſt den LVI. Brief.. Da ich nach den wenigen Zeilen vom 9ten, worinn Sie mir weitlaͤuftiger zu ſchreiben verſprechen, nicht ein Wort von Jhnen gehoͤrt hatte: ſo ge - ſtehe ich, daß ich Jhrer darinn nicht geſchonet habe. Jch wagte es, ihn den gewoͤhnlichen Weg, durch Wilſons Hand, gehen zu laſſen; weil ich keinen andern wußte: daher kann ich nicht ſicher wiſſen, ob Sie ihn bekommen haben. Jn der That glaube ich vielmehr, daß Sie ihn nicht moͤ - gen bekommen haben: weil Sie in Jhrem Schreiben, das meiner Mutter in die Haͤnde ge - rathen iſt, deſſelben gar nicht erwaͤhnen. Haͤtten Sie ihn empfangen: ſo denke ich, er wuͤrde Sie zu ſehr geruͤhrt haben, daß Sie ihn haͤtten ohne die geringſte Anzeige vorbey laſſen ſollen.

Sie83

Sie haben gehoͤrt, daß ich krank geweſen ſey, ſchreiben Sie. Es iſt wahr, ich habe einen An - ſtoß vom kalten Fieber gehabt: allein es war ſo wenig, daß es mich kaum eine Stunde im Bette zu ſeyn genoͤthiget hat. Aber ich zweifle nicht, daß Sie wunderliche Dinge gehoͤrt, und ſich ha - ben erzaͤhlen laſſen muͤſſen, damit Sie beredet werden koͤnnten, den Schritt zu thun, den Sie gethan haben. So lange, bis Sie dieſen Schritt gethan hatten; ich meyne, bis Sie mit dem nie - dertraͤchtigen Kerl wieder zuruͤck gegangen waren; habe ich keine Begebenheit gewußt, die mehr Mit - leiden verdiente, als Jhr Zufall. Denn vor - her mußte Sie ein jeder entſchuldiget haben, der nur gewußt, wie man zu Hauſe mit Jhnen um - gegangen, und Jhre Klugheit und Wachſamkeit gekannt haͤtte. Aber nun leider! meine Werthe, ſehen wir, daß man ſich auch auf die weiſeſten Leute nicht verlaſſen kann, wenn die Liebe, wie ein Jrrwiſch, ihr verfuͤhreriſches Feuer den Augen vorhaͤlt.

Meine Mutter ſagt mir, ſie habe Jhnen ge - antwortet, und Sie gebeten, nicht an mich zu ſchreiben, weil es mich nur kraͤnken wuͤrde. Ge - wiß ich bin gekraͤnket, uͤber alle Maßen gekraͤn - ket, und noch dazu in meiner Hoffnung betro - gen; das muͤſſen Sie mir erlauben zu ſagen: denn ich hatte allezeit gedacht, daß niemals ein ſolches Frauenzimmer, als Sie, bey Jhren Jah - ren, in der Welt geweſen waͤre.

F 2Jedoch84

Jedoch ich erinnere mich eines Entſcheidungs - grundes, den Sie einmal gebrauchten; bey Gele - genheit eines Vorwurfs, der in Geſellſchaft ge - gen einen vortrefflichen Prediger, welcher keinen gar vortrefflichen Wandel fuͤhrte, gemacht wur - de. Predigen und darnach thun, ſagten Sie, erforderten ganz unterſchiedne Gemuͤthsgaben. Wenn dieſe in einer Perſon vereinigt waͤren; ſo machten ſie einen Mann zu einem Heiligen: gleichwie Witz und Beurtheilungskraft, wenn ſie beyſammen waͤren, einen großen Geiſt aus - machten.

Sie entſchieden es damals, wie ich mich be - ſinne, ſehr artig: aber, halten Sie mich entſchul - digt, meine Werthe, niemals haben Sie es auf eine mehr uͤberzeugende Art entſchieden, als durch den Theil von Jhrer letzten Auffuͤhrung, woruͤber ich mich beklage.

Meine Liebe zu Jhnen und meine Beyſorge fuͤr Jhre Ehre haben vielleicht verurſachet, daß ich ein wenig auf das haͤrteſte geſchrieben. Wo - fern Sie ſo denken: ſo ſchreiben Sie es auf die gehoͤrige Rechnung; auf die Rechnung dieſer Liebe und dieſer Beyſorge. Dadurch wird nichts mehr, als Gerechtigkeit, widerfahren

Jhrer gekraͤnkten und getreuen A. H.

Poſtſcript.

Meine Mutter wollte ſich nicht zufrieden geben, ohne daß ſie ſelbſt meinen Brief laͤſe, und zwar ehe ich meine Haͤckchen, wie ich mirvor -85vorgenommen, geſetzet hatte. Auf die Art hat ſie unſern vorigen Briefwechſel erfahren und ihn entſchuldiget.

Sie hat in Wahrheit ſchon vorher Argwohn gehabt; und auch wohl haben moͤgen: da ſie mich kannte und meine Liebe zu Jhnen wußte.

Sie nimmt an Jhrem Ungluͤck ſo viel Antheil, daß, weil ſie denkt, es werde Jhnen ein Troſt, und mir eine Gefaͤlligkeit ſeyn, ſie ihre Einwilligung dazu giebt, daß Sie mir die Umſtaͤnde von Jhrer traurigen Geſchichte weitlaͤuftig ſchreiben moͤgen: jedoch unter der Bedingung, daß ich ihr alles zeige, was zwiſchen uns, in Abſicht auf Sie ſelbſt und auf den ſchaͤndlichſten Kerl, vorgefallen iſt. Jch habe mich ihr hierinn um ſo viel williger gefaͤllig erklaͤret: weil die Mittheilung dieſer Nachrichten Jhnen nicht zum Nachtheil gerathen kann.

Sie moͤgen alſo frey ſchreiben, und die Briefe an unſer eignes Haus richten.

Meine Mutter verſpricht, mir die Abſchrift von ih - rem eigenen Briefe an Sie und auch Jhre Ant - wort darauf zu zeigen. Von der letzten hat ſie mir eben erſt geſaget. Sie ſuchet ſchon itzo die Haͤrte ihres Briefes zu entſchuldigen: und meynt, ich wuͤrde zu ſehr geruͤhret werden, wenn ich ihn ſehen ſollte. Aber da ich einmal ihr Wort habe, will ich mich nicht damit abweiſen laſſen.

Jch vermuthe, ihre Zuſchrift wird hart genug gewe - ſen ſeyn. Das beſorge ich, werden Sie auch von der meinigen denken. Allein Sie haben mich ſelbſt gelehret, daß man des Fehlers niemals um des Freundes willen ſchonen ſolle, und daß viel - mehr ein großes Verſehen an der Perſon, die wir hochachten, weniger zu entſchuldigen ſey, als an einer andern, die uns gleichguͤltig iſt: weil es ei - nen Vorwurf gegen unſere Wahl, von dieſer Per - ſon ausmachet, und die Gemuͤthsliebe zu zerſtoͤrenF 3und86und uns den Urtheilen 'der Welt wegen unſerer Parteylichkeit bloßzuſtellen dienet. Die Ge - muͤthsliebe, ſage ich noch einmal: denn es iſt un - moͤglich, daß die Fehler des liebſten Freundes unſere innere Meynung ihm nicht verſchlimmern, und dadurch nicht einen Grund zu kuͤnftiger Kalt - ſinnigkeit und vielleicht zu kuͤnftigem Misvergnuͤ - gen legen ſollten.

Gott gebe, daß Sie im Stande ſeyn moͤgen, Jhre Auffuͤhrung, nachdem Sie von Hampſtead abge - gangen ſind, zu rechtfertigen: gleichwie vor der Zeit alles edel, großmuͤthig und klug geweſen iſt; der Kerl ein Teufel, und Sie eine Heilige! Jch hoffe inzwiſchen noch, daß Sie es thun koͤn - nen, und erwarte es daher von Jhnen.

Jch ſende gegenwaͤrtiges durch einen eignen Bothen. Er wird Jhre Antwort zu der von Jhnen ſelbſt beſtimmten Zeit abfordern.

Mir iſt bange, der ſcheusliche Boͤſewicht werde bey dem Poſtamte aufſpuͤren, wo Sie ſich aufhalten, wofern Sie nicht ſehr behutſam ſind.

Geld und den Willen und den Kopf haben, ein ſchaͤndlicher Betruͤger zu ſeyn, iſt fuͤr die Uebri - gen in der Welt zu viel, wenn es bey einem Men - ſchen zuſammen kommt.

Der87

Der achtzehnte Brief von Fraͤulein Clariſſa Harlowe an Fraͤulein Howe.

Wenige Perſonen von jungen Jahren haben wohl uͤberzeugendere Proben geben koͤn - nen, als ich ſelbſt, wie wenig wahre Gluͤckſelig - keit in dem Genuſſe desjenigen, was wir ſelbſt gewuͤnſchet, zu finden ſey.

Jch will nur ein Beyſpiel von der Wahr - heit dieſer Anmerkung anfuͤhren. Was wuͤrde ich vor einigen Wochen darum gegeben haben: wenn ich von meiner lieben Fraͤulein Howe, auf de - ren Freundſchaft ich allen meinen uͤbrigen Troſt und Hoffnung ſetzte, mit einem Briefe beguͤnſti - get waͤre? Jch ließ mir nicht in den Sinn kom - men, daß der erſte Brief, mit dem Sie mich be - ehren wuͤrde, eine ſolche Sprache fuͤhren ſollte, daß ich deswegen mehr als einmal auf die Un - terſchrift zuruͤck ſehen muͤßte, damit ich verſichert waͤre, weil der Name nicht ganz ausgeſchrieben, daß er nicht von einer andern A. H. unterzeich - net worden. Denn gewiß, dachte ich, dieß iſt meiner Schweſter Arabellens Schreibart. Wahrlich, Fraͤulein Howe; Sie mag mich in andern Stuͤcken tadeln, ſo viel es Jhr gefaͤllt;F 4hat88hat niemals ſo beißend gegen Jhre Freundinn dergleichen Worte, die bey einem erbitterten Ge - muͤthe und einem verruͤckten Kopfe geſchrieben ſind, wiederholen koͤnnen. Sie iſt auch nimmer - mehr im Stande geweſen, Jhrer Freundinn mit unfreundlicher Haͤrte und untermengten witzigen Stichen einen Entſcheidungsgrund wieder zu Gemuͤthe zu fuͤhren, der vormals von ihr gebrau - chet worden, als ihr Herz in Luſt und Froͤhlich - keit durch gute Tage aufgeblaſen war, wie es meinem Herzen damals ging, und gar nicht be - fuͤrchtete, daß eben der Grund einſtens ſo ſtrenge gegen ſie ſelbſt angewandt werden moͤchte.

Allein wie ſchickt es ſich; da meine Gluͤcks - umſtaͤnde verſchwunden ſind; da mein guter Na - me verſcherzet, meine Ehre verlohren iſt; denn weil ich es weiß, bekuͤmmere ich mich nicht dar - um, wer es mehr wiſſe; da ich aller Freunde, ja gar aller Hoffnung beraubet bin; wie ſchickt es ſich, daß ich gegen eine werthe Freundinn mit hitzigem Muthe deswegen murre und mich be - ſchwere, weil Sie nicht guͤtiger iſt, als eine leib - liche Schweſter?

Jch finde bey der aufſteigenden Bitterkeit, die ſich mit der Galle in meiner Dinte vermi - ſchen will, daß ich noch nicht genug nach meinen Umſtaͤnden gedemuͤthiget bin. Daher bitte ich Sie um Verzeihung, daß ich meine Hoffnung zu einiger erwarteten Gewogenheit vielmehr auf die zaͤrtliche Liebe, die Sie mir ſonſt zu bezeigen pflegten, als auf das, was ichnun89nun verdiene und mir billig bezeiget werden mag, gebauet habe. Jch will mich bemuͤhen, eine umſtaͤndliche Antwort auf Jhren Brief zu geben: ob ſie gleich zu viel Zeit wegnehmen wird, daß ich gedenken ſollte, ſie ſchon morgen mit Jh - rem Bothen abzuſenden. Er kann ſeine Reiſe, wie er ſagt, bis den Sonnabend aufſchieben. Jch will alſo die ganze Erzaͤhlung am Sonna - bend fuͤr Sie bereit zu halten ſuchen.

Aber, wie ich mich in allem, was mir begeg - net iſt, vertheidigen ſoll, kann ich nicht ſagen. Denn in einem Theil eben der Zeit, in welcher meine Auffuͤhrung tadelnswuͤrdig geweſen zu ſeyn ſcheinet, bin ich nicht bey mir ſelbſt geweſen: und ich weiß bis dieſe Stunde noch nicht alle Mittel, die man gebrauchet hat, mich zu betruͤgen und zu ſchanden zu machen.

Sie berichten, daß Sie mir in Jhrem erſten Briefe eine ſolche Nachricht von dem ſchaͤndli - chen Hauſe, worinn ich geweſen bin, und des Tomlinſons wegen ſolche Warnungen gegeben haben, daß Sie ſich wundern, wie ich mir habe in den Sinn kommen laſſen koͤnnen, wieder zu - ruͤckzugehen.

Ach! meine Wertheſte, ich bin betruͤgeriſcher Weiſe, hoͤchſt ſchaͤndlicher und betruͤgeriſcher Weiſe zuruͤckgebracht: wie Sie an ſeinem Orte hoͤren ſollen.

Ohne aus Jhrer mir etwa zugedachten Nachricht zu wiſſen, daß das Haus ſo ſehr ſchaͤndlich waͤre, misſielen mir die Leute viel zuF 5ſehr,90ſehr, daß ich jemals freywillig dahin zuruͤckge - kehret ſeyn wuͤrde. Allein haͤtten Sie mir wirk - lich ſolche Warnungen vor Tomlinſon und dem Hauſe geſchrieben, als Sie zu thun willens geweſen zu ſeyn ſcheinen: ſo haͤtten dieſelben mir nothwendig, wenn ſie beyzeiten an mich gekom - men waͤren, unbeſchreibliche Dienſte thun muͤſ - ſen. Aber Sie haben nicht ein Wort weder von dem einen noch dem andern in Jhren erſten, oder denen dreyen Briefen gedacht, wovon Sie mir ſo hitzig vorhalten, daß Sie ſie an mich abgelaſſen haͤtten. Jch will den, welchen ich habe, einſchließen, um Sie zu uͤberzeu - gen(*)Der Brief, den ſie einſchloß, war derjenige, den Herr Lovelace geſchmiedet hatte. Siehe den V. Th. S. 358. u. f..

Wenn Sie mir noch dazu erzaͤhlen, daß Jhr Bothe mir ſelbſt Jhren zweyten Brief uͤberlie - fert und mich ſo beſchrieben habe, als wenn ich, in einem wunderlichen Zuſtande, auf einem Ruhebette gelegen, aufgeſchwollen, und roth von Farbe, und Sie wiſſen nicht wie: ſo machen Sie mich ganz irre und verwirrt.

Gott erbarme ſich der armen Clariſſa Har - lowe! Was kann dieß zu bedeuten haben! Wer war der Bothe, den Sie an mich ſchickten? War er auch einer von Lovelacens Werkzeugen? Konnte denn keiner, ohne nur Bundsgenoſſen von dem Menſchen, die entweder ſich als ſolche auf den Weg begeben hat -ten,91ten, oder hernach zu ſolchen gemacht waren, zu mir kommen? Jch weiß nicht was ich aus einer Sylbe hievon machen ſoll! Jn Wahrheit, ich weiß es nicht.

Wir wollen einmal ſehen. Sie ſagen, dieß ſey geſchehen, ehe ich von Hampſtead abgegan - gen! Damals war mein Verſtand noch nicht angegriffen Auch war mir der Kopf niemals vom Wein eingenommen geweſen! Es waͤre et - was ſeltſames, wenn das geweſen ſeyn ſollte! Wie konnte man mich denn in einem wunder - lichen Zuſtande, aufgeſchwollen und roth von Farbe, Sie wiſſen nicht wie, antreffen! Was fuͤr eine ſchaͤndliche, was fuͤr eine haſ - ſenswuͤrdige Perſon ſoll ich gleichwohl, nach Jh - res Bothen Vorſtellung, geſpielet haben!

Allein in der That, ich weiß nichts von ir - gend einem Bothen von Jhnen.

Weil ich mich zu Hampſtead geſichert glaub - te: blieb ich laͤnger da, als ich ſonſt gethan haben wuͤrde; in Hoffnung, den Brief zu bekommen, welchen Sie mir in der kurzen Zuſchrift vom 9ten verſprochen hatten, die mir von meinem eignen Bothen uͤberbracht war, und in der Sie uͤber ſich nehmen, nach Fr. Townſend zu ſchicken und dieſelbe zu meinem Beſten zu beſprechen(*)Siehe den V. Th. S. 347. u. f..

Jch wunderte mich, daß ich nichts von Jhnen hoͤrte: und man ſagte mir, Sie waͤren krank. Zu anderer Zeit erzaͤhlte man mir, Jhre Mutter und Sie haͤtten meinetwegen einen harten Wort -wechſel92wechſel gehabt, und Sie haͤtten darauf Herrn Hickmanns Beſuch nicht annehmen wollen. Auf die Art vermuthete ich zu einer Zeit, daß Sie nicht im Stande waͤren zu ſchreiben: zu einer andern, daß Jhrer Mutter Verbot gehoͤriges Gewicht bey Jhnen haͤtte. Allein nunmehr zweifle ich gar nicht, daß der boͤſe Menſch Jhre Briefe aufgefangen habe: und wuͤnſche nur, daß er nicht auch Mittel gefunden, Jhren Bothen zu beſtechen, damit er Jhnen eine ſo ſeltſame Geſchichte erzaͤhlen moͤchte.

Es waͤre am Sonntage, den 11ten Jun. ge - weſen, ſagen Sie, daß der Bothe mir den Brief gegeben. Jch war an dem Tage zweymal mit Frau Moore in der Kirche. Herr Lovelace war unterdeſſen in ihrem Hauſe, wo er ſeinen Tiſch hatte, und auch ſeine Wohnung aufſchlagen woll - te: aber dieß wollte ich nicht zulaſſen, ob ich gleich das andere nicht hindern konnte. Jn ei - ner von dieſen Zeiten muß es geweſen ſeyn, daß er Gelegenheit gehabt, an dem Menſchen zu ar - beiten. Das werden Sie leicht herausbringen, meine Werthe: wenn Sie ſich nur nach der Zeit, da er in Frau Moorens Haus angekommen, und nach andern Umſtaͤnden von dem wunderlichen Zuſtande, worinn er mich auf einem Ruhebette und ſo weiter gefunden zu haben vorgiebet, er - kundigen.

Haͤtte mich jemand nachher geſehen, da ich verraͤtheriſcher Weiſe wieder in das ſchaͤndliche Haus zuruͤckgebracht war, unter der Wirkungboͤſer93boͤſer Traͤnke arbeitete und in der That 'meines Verſtandes beraubet war; denn dieß iſt mein ſchreckliches Schickſal geweſen, wie Sie hoͤren ſollen: ſo haͤtte ich vielleicht aufgeſchwollen, und roth, und ich weiß ſelbſt nicht wie, ausſehen moͤgen. Allein ſollten ſie nun ihre arme Clariſſa ſehen, oder haͤtten Sie dieſelbe zu Hampſtead geſe - hen, ehe ſie die ſchaͤndlichſte unter allen gewaltſa - men Beſchimpfungen gelitten hatte: Sie wuͤr - den ſie gewiß nicht fuͤr aufgeſchwollen und rothgefaͤrbet halten; nein in Wahrheit nicht.

Mit einem Worte, ich habe die Perſon nim - mermehr ſeyn koͤnnen, die ihr Bothe geſehen hat: und kann auch nicht errathen, wo es mirklich je - mand geweſen iſt, wer es geweſen.

Nun will ich, ſo kurz, als es die Beſchaffen - heit der Sache leiden will, den ſcheuslichern Theil meiner betruͤbten Geſchichte vorzuſtellen anfangen. Jch muß doch etwas umſtaͤndlich ſchreiben, da - mit Sie mich nicht zu einiger Zuruͤckhaltung oder Bemaͤntelung aufgelegt anſehen. Das letztere brauche ich nicht: ſo viel ich mir bewußt bin. Machte ich mich aber des erſtern gegen Sie ſchuldig: ſo wuͤrde keine Entſchuldigung fuͤr mich ſeyn. Gleichwohl wuͤrden Sie Mitleiden mit mir haben: wenn Sie wuͤßten, wie mein Herz unter der Laſt der Vorſtellungen, daß ich an ſo betruͤbte Dinge wieder gedenken und ſie nach der Reihe erzaͤhlen ſoll, verſinket.

Weil es vielleicht nicht moͤglich ſeyn wird, alles, was ich zu ſchreiben habe, auch einmal inzween94zweeu oder dreyen Briefen zuſammenzufaſſen: ſo will ich mit meiner Geſchichte einen neuen Brief anfangen und alles mit einander uͤberſen - den; ob es gleich zu verſchiedenen Zeiten, ſo wie ich dazu geſchickt ſeyn mag, geſchrieben ſeyn wird.

Erlauben Sie mir, meine Werthe, hier ein wenig inne zu halten, und mich zu unter - ſchreiben

Jhre beſtaͤndig ergebene und verbundene Clariſſa Harlowe.

Der neunzehnte Brief von Fraͤulein Clariſſa Harlowe an Fraͤulein Howe. Worauf der Leſer im V. Theil S. 596. verwieſen iſt.

Er hatte mich zu Hampſtead aufgeſpuͤret. Es war etwas wunderbares: denn ich weiß noch nicht, durch was fuͤr Mittel.

Jch wollte Jhnen in meinem Briefchen vom 9ten(*)Siehe den V. Th. S. 369. u. f. nicht gern etwas davon melden: weil ich beſorgte, Sie wuͤrden meinetwegen in Furcht daruͤber gerathen; und außer dem damals noch hoffete, Jhnen einen kuͤrzern und gluͤcklichernAus -95Ausgang der Sache, durch Jhren Beyſtand, eheſtens melden zu koͤnnen, als der wirkliche Er - folg fuͤr mich geweſen iſt.

  • Hierauf giebet ſie Nachricht von allem, was zu Hampſtead zwiſchen ihr, Herrn Lovelace, Capitain Tomlinſon und den Weibsleuten daſelbſt vorgegangen iſt. Es iſt eben das, was Herr Lovelace ſchon ſo weitlaͤuftig erzaͤhlet hat.

Da Herr Lovelace alles, was er ſagte, und alles, was Capitain Tomlinſon auf das nach - druͤcklichſte vorſtellen konnte, nicht tuͤchtig befand, mich zu bereden, daß ich eine ſo offenbar vorſetz - liche und ſo gewaltſame Beſchimpfung vergeben ſollte: ſo gruͤndete er alle ſeine Hoffnung auf ei - nen Beſuch, den mir die Lady Eliſabeth Lawran - ce und Fraͤulein Montague abſtatten ſollten.

Unter meinen ungewiſſen Umſtaͤnden, da alle meine Ausſichten ſo finſter waren, wußte ich nicht, zu wem ich noch zuletzt meine Zuflucht zu neh - men genoͤthigt werden moͤchte. Und weil dieſe Frauenzimmer den beſten Ruf hatten, ſo daß ich Urſache hatte zu bedauren, daß ich mich nicht ſchon anfangs, als ich den Schutz meiner eignen Freunde verſcherzet, in ihren Schutz begeben haͤtte: ſo dachte ich, ich wollte eine Unterredung mit ihnen eben nicht fliehen; ob ich gleich gegen ihren Verwandten viel zu gleichguͤltig war, daß ich ſie haͤtte ſuchen ſollen, da ich nicht zweifelte, es wuͤr -de96de eine von den Abſichten ihres Beſuchs auf meine Ausſoͤhnung mit ihm zielen.

Am Montage, den 12ten Jun. kamen dieſe vermeynte vornehme Frauenzimmer nach Hamp - ſtead: und ihr Anverwandter ſtellte mich ihnen, und ſie mir, vor.

Sie waren reich geputzet und mit Juwelen behangen. Die, welche die vorgegebene Lady Eliſabeth trug, waren ſonderlich ſehr fein.

Sie kamen in einer Kutſche mit vier Pfer - den, die nach ihrem Geſtaͤndniſſe nur gemiethet war, weil ihre eigne unterdeſſen zu London aus - gebeſſert werden ſollte: ein Vorgeben, welches, wie ich nun merke, dazu gebraucht wurde, damit ich den Betrug nicht daraus muthmaßen moͤch - te, daß die Wapen der wirklichen Lady auf der Kutſche fehlten. Die Lady Eliſabeth hatte ihre Kammerfrau bey ſich, welche ſie Morriſon nann - te, eine ſittſame landmaͤßige Perſon.

Jch hatte gehoͤrt, daß die Lady Eliſabeth eine feine Frau, und die Fraͤulein Montague ein jun - ges ſchoͤnes Frauenzimmer, hoͤflich, angenehm und voller Lebhaftigkeit waͤre. So waren auch dieſe Betruͤgerinnen. Da ich keine von beyden jemals geſehen hatte: ſo fiel mir nicht der geringſte Argwohn ein, daß ſie nicht in der That die Frau - enzimmer, deren Perſon ſie vorſtelleten, ſeyn ſoll - ten. Ja weil mich ihre reiche Kleidung ein we - nig ſtutzig machte: ſo konnte ich mich nicht em - brechen, ich Thoͤrinn! meinen Anzug zu entſchul - digen.

Die97

Die vermeynte Lady Eliſabeth erzaͤhlte mir hierauf, daß ihr Enkel ihnen Nachricht gegeben haͤtte, wie die Sachen zwiſchen uns ſtuͤnden. Und ob ſie gleich geſtehen muͤßte, es waͤre ihr ſehr lieb, daß er keine ſolche Geringſchaͤtzung gegen den Lord und ſie bewieſen haͤtte, als ſie nach dem ausgebreiteten Geruͤchte, welches ſie gleichwohl in Anſehung der dazu gehabten Urſachen ſehr billig - ten, zu befuͤrchten Grund gehabt: ſo waͤre es doch ihr und ihrer Neffe Montague ſehr nahe ge - gangen, und wuͤrde der ganzen Familie eben ſo nahe gehen, daß ſie ein ſo großes Misverſtaͤndniß zwiſchen uns noch gegenwaͤrtig finden ſollte, wel - ches alle ihre Hoffnungen, wofern es nicht abge - than wuͤrde, weit hinausſetzen moͤchte.

Sie koͤnnte leichtlich ſagen, ſprach ſie, wer Schuld haͤtte, und warf dabey einen ſo wohl zornigen als veraͤchtlichen Blick auf ihn. Sie fragte ihn, wie es ihm moͤglich geweſen waͤre, ei - ne ſo reizende Fraͤulein; ſo nannte ſie mich; auf eine ſolche Art zu beleidigen, daß es zu einem ſo heftigen Unwillen Anlaß geben ſollte.

Er ſtellte ſich, als wenn er vor Ehrfurcht zur Schaam und zum Stillſchweigen gebracht waͤre.

Meine wertheſte Baſe, fuhr ſie fort und faßte mich bey der Hand; ich muß ſie meine Baſe nennen, ſo wohl aus Liebe, als auch damit ich dem loͤblichen Vorſchlag ihres Onkels gemaͤß handeln; erlauben ſie mir, nicht eine Fuͤrſpreche - rinn, ſondern nur eine Mittelsperſon fuͤr ihn zuSechſter Theil. Gſeyn:98ſeyn: und das nicht ſo viel ſeinetwegen, als um mein ſelbſt, um meiner Charlotte und um unſerer ganzen Familie willen. Seine unanſtaͤndige Auf - fuͤhrung gegen ſie mag vielleicht von einer allzu zaͤrtlichen und bedenklichen Beſchaffenheit ſeyn, daß man ſich genau darnach erkundigen duͤrfte. Aber, da er verſichert, daß es keine vorſetzliche Beleidigung geweſen, es mag nun ſeyn, meine Wertheſte; denn ich fing ſchon an, unwillig dar - uͤber zu werden; oder nicht ſeyn; da er ſeine Reue daruͤber bezeiget; und niemals habe ich jemand eine empfindlichere Reue uͤber eine Beleidigung an den Tag legen geſehen, als er hierbey wircklich that; und da endlich die Beleidigung ſelbſt noch wieder gut zu machen iſt: ſo laſſen ſie Uns fuͤr dieß einzige mal ihm noch vergeben, und dadurch dieſem ſo oft fehlenden Menſchen eine Verbind - lichkeit auflegen. Laſſen ſie Uns, ſage ich, meine Wertheſte: denn, mein Herr; und ſo wandte ſie ſich zu ihm; eine Beleidigung gegen eine ſo unvergleichliche Fraͤulein, als dieß iſt, muß eine Beleidigung gegen mich, gegen ihre Baſe allhier, und gegen alle tugendhafte Per - ſonen unſeres Geſchlechtes, ſeyn.

Sehen Sie, meine liebe Freundinn, was er fuͤr eine Creatur ausgeſucht hatte! Haͤtten Sie wohl denken koͤnnen, daß eine Weibsperſon in der Welt waͤre, die ſich ſo ausdruͤcken und doch von ſchaͤndlichem Gemuͤthe ſeyn koͤnnte? Allein ſie hatte ihren Unterricht hauptſaͤchlich von ihm, und das noch dazu ſchriftlich, wie ich Urſache ha -be99be zu denken. Denn ich habe mich nachher be - ſonnen, daß vor meinen Augen dieſe Lady Eliſa - beth; welche oft von ihrem Stuhl aufſtand, und mit ſolcher Bewegung, als wenn ſie vor herzli - cher Freude nicht ſtill ſitzen koͤnnte, an das andere Ende des Zimmers ſpatzieren gieng; einmal ein Papier aus ihrer Schnuͤrbruſt hervorzog, hinein - ſahe, und es darauf wieder hinſteckte. Sie mag es wohl oͤfterer gethan, und ich es nicht bemerket haben: denn ich ließ mir gar nicht in den Sinn kommen, daß ſolche Betruͤgerinnen in der Welt ſeyn ſollten.

Jch konnte mich nicht entbrechen, auf das, was ſie ſagte, viele Aufmerkſamkeit zu richten. Jch fand, daß die Thraͤnen ſchon heraus brechen wollten. Jch zog mein Schnupftuch aus und ſchwieg ſtille. Mir war ſeit langer Zeit von kei - ner Perſon von Stande und Vorzuͤgen; und da - fuͤr ſahe ich ſie an; ſo leutſelig begegnet worden: und ich durfte dem Ton von meiner Stimme nicht trauen.

Die vermeynte Fraͤulein Montague ſtimmte bey dieſer Gelegenheit mit ein. Sie zog ihren Stuhl ganz nahe an mich, faßte mich bey der an - dern Hand, und bat mich, ihrem Vetter zu ver - geben und mir gefallen zu laſſen, mich ſelbſt als eine der vornehmſten Perſonen einer Familie, die lange, ſehr lange, nach der Ehre einer Verbin - dung mit mir begierig geweſen waͤre, in dieſe Fa - milie zu verſetzen.

G 2Jch100

Jch ſchaͤme mich itzo, werthe Freundinn, da ich weiß, was es fuͤr nichtswuͤrdige Perſonen ge - weſen ſind, Jhnen alle das Zaͤrtliche, das Verbind - liche, und das Ehrerbietige zu wiederholen, was ich zu denſelben ſagte.

Darauf kam der nichtswuͤrdige Menſch ſelbſt hervor. Er warf ſich zu meinen Fuͤßen. Wie war ich beſetzt! Die Weibsleute hielten, ei - ne, meine rechte, die andere, meine linke Hand. Die vermeynte Fraͤulein Montague druͤckte mehr als einmal die Hand, welche ſie gefaßt hatte, an ihre Lippen. Der boͤſe Menſch bat auf den Knie - en flehentlich um Vergebung, und ſtellte mir meine gluͤcklichen und ungluͤcklichen Umſtaͤnde vor Augen, die ich zu erwarteu haben wuͤrde, nachdem ich ihm entweder vergeben oder nicht vergeben wollte. Al - les, was er unter den vorhergehenden Vorſtellungen von ihm und von dem Capitain Tomlinſon fuͤr geſchickt hielte, mich zu ruͤhren, wiederholte er. Er gelobte, er verſprach, er bat die vermeynten ehrlichen Frauenzimmer, fuͤr ihn gut zu ſagen: und dieſe ſetzten ihre Ehre fuͤr ihn zum Pfande.

Jn Wahrheit, meine Wertheſte, ich war in der Enge, vollkommen in der Enge. Es war mir leid, daß ich dieſen Beſuch zugelaſſen hatte. Denn ich wußte nicht, wie ich, bey der Zaͤrtlichkeit gegen ſo wuͤrdige Anverwandten, wofuͤr ich ſie anſahe, einem ſo nahen Angehoͤrigen von ihnen ſo frey begegnen ſollte, als er es verdiente. Dadurch verlohren meine Gruͤnde und meine Entſchließungen ihre groͤßte Staͤrke.

Jch101

Jch ſtellte inzwiſchen vor, daß ich mich an Sie gewandt haͤtte. Jch erwartete alle Stunden, ſagte ich, von Jhnen eine Antwort auf einen mei - ner Briefe, welche mein kuͤnſtiges Schickſal ent - ſcheiden wuͤrde.

Sie erboten ſich dagegen, ſich ſelbſt in Per - ſon zu ihrem eignen Beſten, wie ſie es mit vie - ler Hoͤflichkeit ausdruͤckten, an Sie zu wenden. Sie baten mich, an Sie zu ſchreiben, daß Sie Jhre Antwort beſchleunigen moͤchten.

Jch verſetzte, ich wuͤßte gewiß, daß Sie den Au - genblick ſchreiben wuͤrden, ſo bald der Erfolg von einem Geſuch bey einer dritten Perſon Sie in den Stand dazu ſetzen wuͤrde Allein was die Er - fuͤllung ihres Begehrens fuͤr ihren Anverwandten betraͤfe: ſo kaͤme die nicht auf die erwartete Ant - wort an. Denn davon, ſie wuͤrden es mir ver - verzeihen, waͤre die Frage nicht. Jch wuͤnſchte ihm alles Gutes. Jch wuͤnſchte, daß er gluͤcklich ſeyn moͤchte. Aber ich waͤre uͤberzeuget, daß we - der ich ihn, noch er mich, gluͤcklich machen koͤnnte.

O! wie verſprach hierauf der nichtswuͤrdige Menſch von neuem! Wie gelobte er! Wie flehentlich bat er! Und wie nachdruͤck - liche Vorſtellungen thaten die Weibsleute! Sie verpfaͤndeten ſich ſelbſt und die Ehre ihrer ganzen Famlie fuͤr ſein gerechtes, ſein liebreiches, ſein zaͤrtliches Bezeigen gegen mich.

Kurz, meine werthe Freundinn, mir ward ſo hart zugeſetzet, daß ich einen vortheilhafternG 3Vertrag,102Vertrag, als ich willens geweſen war, einzuge - hen genoͤthigt wurde. Jch wollte Jhre Ant - wort auf meinen Brief erwarten, ſagte ich: und wo dieſe die Maaßregeln, wozu ich mich ent - ſchloſſen, und die Lebensart, die ich mir vorge - nommen haͤtte, zweifelhaft und ſchwierig machte; ſo wollte ich alsdenn die Sache uͤberlegen, und wenn ſie es erlauben wollten, ihnen alles vorſtel - len, und gemeinſchaftlich mit Jhnen, meine lieb - ſte Freundinn, ihren Rath daruͤber hoͤren, als wenn die eine meine eigne Tante, und die andere meine eigne Baſe waͤre.

Daruͤber vergoſſen ſie Thraͤnen Freu - denthraͤnen hießen es bey ihnen Aber ich halte ſie nach der Zeit zu ihrer eignen Ehre, ſo gottlos ſie auch ſind, fuͤr Thraͤnen, die eine voruͤ - bergehende Regung des Gewiſſens erzeugte. Denn die vermeynte Fraͤulein Montague, wandte ſich um, und ſagte, wie ich mich beſinne, es waͤ - re nicht auszuhalten.

Hingegen Herr Lovelace ließ ſich nicht ſo leicht befriedigen. Vielleicht hatte er ſeine ſchaͤndliche Maaßregeln ſchon feſt geſetzet, und mochte alſo gern einen Vorwand wider mich haben wollen. Er biß ſich auf die Lefzen. Er waͤre nur all - zuviel, ſprach er, zu ſolcher Gleichguͤltigkeit und ſolcher Kaltſinnigkeit ſelbſt mitten unter dem gluͤck - lichſten Anſchein fuͤr ſich gewoͤhnet Jch haͤt - te ihm wohl bey zwanzig Gelegenheiten zu ſeinem groͤßten Leidweſen gezeiget, daß alle Gewogenheit, die ich ihm haͤtte erweiſen wollen, ſich auf Hier103Hier brach er ab und nicht auf meine Nei - gung gruͤnden ſollte.

Dieß haͤtte beynahe alles wieder umgeſtoßen. Jch ward ausnehmend dadurch beleidiget. Aber die vermeynten Anverwandtinnen ſchlugen ſich ins Mittel. Die aͤltere gab ihm einen ernſtlichen Verweis. Er muͤßte, ſprach ſie, mit dem, was ich geſagt haͤtte, zufrieden ſeyn. Sie verlangte keine andere Bedingung. Und was, mein Herr, fuhr ſie mit einer gebieteriſchen Miene fort, woll - ten ſie Fehler begehen und dafuͤr Belohnung erwarten?

Hiernaͤchſt unterhielten ſie mich mit einer an - genehmen Unterredung Die vermeynte La - dy erklaͤrte ſich, daß ſie, der Lord M. und die Lady Sarah ſich unmittelbar und perſoͤnlich an - gelegen ſeyn laſſen wollten, eine allgemeine Aus - ſoͤhnung zwiſchen den beyden Familien zu Stande zu bringen, und dieß entweder in offenbarer oder geheimer Verabredung mit meinem Onkel Harlo - we, wie man es fuͤr gut finden wuͤrde. Die Feindſeligkeiten waͤren an einer Seite ſehr weit getrieben, ſagte ſie: und an der andern haͤtte man zu wenig Sorgfalt bewieſen, die erbitterten Ge - muͤther zu beſaͤnftigen oder zu heilen. Mein Vater ſollte ſehen, daß ſie mit ihm als einem Bruder und einem Freunde umgehen koͤnnten: und mein Bruder und meine Schweſter ſollten uͤberzeuget werden, daß keine Urſache zu der Ei - ferſucht oder dem Neide vorhanden waͤre, welchenG 4ſie104ſie aus allzu unanſtaͤndigen Bewegungsgruͤnden, als daß man ſie geſtehen moͤchte, gefaſſet haͤtten.

Konnte, ich wohl anders, als vergnuͤgt mit ihnen ſeyn, wertheſte Freundinn?

Erlauben Sie mir, hier abzubrechen. Die Arbeit wird itzo zu ſchwer fuͤr das Herz

Jhrer Clariſſa Harlowe.

Der zwanzigſte Brief Die Fortſetzung von Fraͤulein Clariſſa Harlowe.

Jch befand mich ſehr uͤbel, und ward genoͤthigt, meine Feder niederzulegen. Jch dachte, ich wurde eine Ohnmacht bekommen haben. Aber nun iſt mir beſſer Alſo will ich fortfahren.

Je mehr wir ſchwatzten: deſto mehr ſchienen die verſtellten Frauenzimmer fuͤr mich eingenom - men zu werden. Die Lady Eliſabeth hatte Fr. Moore heraufgerufen, und fragte ſie, ob ſie fuͤr ihre Neffe und ſie ſelbſt, ingleichen fuͤr ihre Kam - merfrau und zween Diener auf drey oder vier Tage noch Gelegenheit haͤtte?

Herr Lovelace antwortete an ihrer Stelle, ja ſie haͤtte noch Gelegenheit.

Sie105

Sie wollte ihre werthe Baſe Lovelacen nicht fragen; erlauben ſie mir, meine Allerliebſte, ſagte ſie dabey leiſe zu mir, dieſe Art zu reden vor Fremden zu gebrauchen! Jch will ihres Onkels Geheimniß nicht verrathen; ob ſie willkommen ſeyn wuͤrde, oder nicht, wenn ſie ihr ſo nahe waͤre. Allein ſo lange ſie in dieſen Gegenden bleiben ſollte, wollte ſie alle Abend herauf kommen Was ſagen ſie dazu, Baſe Charlotte?

Die vermeynte Charlotte antwortete, ihr wuͤr - de es vor allen Dingen angenehm ſeyn.

Die Lady Eliſabeth nannte ſie ein gefaͤlliges Maͤgdchen. Jhr gefiele der Ort, ſagte ſie, Jh - re Baſe Leeſon wuͤrde ſie entſchuldigt halten. Die Luft und meine Geſellſchaft wuͤrde ihr gut ſeyn. Sie waͤre niemals gern in dem raͤucherich - ten London, wenn ſie es aͤndern koͤnnte. Kurz, meine Wertheſte, ſprach ſie zu mir, ich will hier bleiben, bis ſie von der Fraͤulein Howe Nach - richt haben und mir ihr Wort geben, mit mir nach Glenham-Hall zu gehen. Nicht einen Au - genblick will ich aus ihrer Geſellſchaft ſeyn, wenn ich ſie haben kann. Stedman, mein Anwald, mag hierher zu mir kommen, meinen Willen zu vernehmen: da der Weg von London bis hierher ſo kurz iſt. Baſe Charlotte, ein Wort mit ih - nen, Kind.

Sie gingen an das andere Ende des Zim - mers, und ſchwatzten von ihren Nachtkleidern.

G 5Die106

Die Fraͤulein Charlotte ſagte, man koͤnnte Morriſon darnach ſchicken.

Das iſt wahr, verſetzte die andere Aber ſie haͤtte einige Briefſchaften in ihrem geheimen Kaͤſtchen, die ſie herauf haben muͤßte. Und ſie wiſſen, Charlotte, daß ich die Schluͤſſel dazu nie - mand anvertraue.

Koͤnnte Morriſon das Kaͤſtchen nicht herauf - bringen?

Nein. Sie glaubte, es waͤre am ſicherſten da, wo es waͤre. Sie haͤtte von einem Stra - ßenraub gehoͤrt, der erſt ſeit zween Tagen unten am Huͤgel von Hampſtead veruͤbet worden: und ſie wuͤrde ungluͤcklich ſeyn, wenn ſie ihr Kaͤſtchen verloͤre.

Alſo muͤßte ſie nur nach London fahren und ſich abkleiden. Sie wollte ihre Juwelen dort zu - ruͤcklaſſen und ſo wiederkommen. Alsdenn wuͤr - de es ihr in allen Stuͤcken ein großes Theil be - quemer ſeyn.

Jch meines Theils wunderte mich, daß ſie mit ihren Juwelen herauf kamen. Allein das ſollte als eine Achtung fuͤr mich angeſehen wer - den. Außerdem ließen ſie ſich verlauten, daß ſie noch einen andern Staatsbeſuch abzulegen wil - lens geweſen waͤren, wenn ſie mich nicht ſo un - ausſprechlich einnehmend befunden haͤtten.

Sie ſchwatzten laut genug, daß ich ſie hoͤren konnte: ſonder Zweifel mit Fleiß, ob ſie ſich gleich ſtelleten, als wenn ſie leiſe reden woll -ten.107ten. Jhre Unterredung endigte ſich mit großen Lobeserhebungen von mir.

Jch war nicht ſo thoͤricht, daß ich ihre Lob - ſpruͤche glaubte oder dadurch aufgeblaſen wurde. Jnzwiſchen, weil ich keinen Argwohn gegen ſie hatte: war ich nicht uͤbel mit einem ſo vortheil - haften Anfange einer Bekanntſchaft mit vorneh - men Frauenzimmern, von denen ich allemal mit Ruhm und Ehre hatte reden gehoͤret, zufrieden; ich mochte nun ihre Verwandtinn werden, oder nicht. Und gleichwohl dachte ich ſchon damals, ſo hoch ich auch von ihnen erhoben wurde, daß ſie in einer oder der andern Betrachtung; ob ich gleich nicht eben wußte, in welcher; lange nicht an dasjenige reichten, was ich mir von ihnen vorgeſtellet hatte.

Der große Betruͤger war unterdeſſen auch an dem andern Ende des Zimmers, nur auf ei - ner andern Seite: nach aller Wahrſcheinlichkeit aus keiner andern Urſache, als damit er mir Ge - legenheit geben moͤchte, jene verabredete Lobeser - hebungen zu hoͤren. Er ſahe in ein Buch, welches ſeine Aufmerkſamkeit nicht auf einen Au - genblick an ſich gezogen haben wuͤrde, wenn nicht alles ſo verabredet geweſen waͤre. Es war Tay - lors heiliges Leben und Sterben.

Als die verkleideten Frauenzimmer wieder zu mir gingen, kam er auch zu mir, und hatte das Buch in der Hand. Ein lebhaftes Buch, meine Wertheſte! Dieſer alte Gottesgelehr - te nimmt, wie ich ſehe, eine gewaltig blumen -reiche108reiche Schreibart an, bey einer ſehr ernſthaften und wichtigen Sache. Es faͤllt mir dabey ein auf dem Lande gewoͤhnliches Leichenbegaͤngniß ein, wo die jungen Weibsperſonen, zu Ehren ihrer verſtorbenen Geſpielinn, ſonderlich wenn ſie eine Jungfer geweſen, oder dafuͤr gehalten worden iſt, aus ihrem Sarge ein Blumenbette machen.

Darauf legte er das Buch weg, und drehete ſich mit einer von ſeinen gewoͤhnlichen luſtigen Mienen auf einem Fuße herum. So haben ſie ſich wirklich vorgenommen, meine Lady und Fraͤulein, ihren Aufenthalt bey meiner reizenden Schoͤnen zu nehmen?

Ja, in Wahrheit.

Es ſind wohl niemals verſchmitztere und liſti - gere Betruͤgerinnen in der Welt geweſen, als dieſe Weibsleute. Gewiß ſie hatten recht aus - gelernt und den Handel lange getrieben. Jedoch waren ſie artig und mußten eine gute Erziehung gehabt haben Vielleicht moͤgen ſie vormals eben ſo gut, als ich, ihrer Eltern Luſt und Ver - gnuͤgen geweſen, und wer weiß durch was fuͤr Kuͤnſte, an Seel und Leib verderbet worden ſeyn! O meine liebe Freundinn, wie frucht - bar iſt dieſe Betrachtung!

Aber der Kerl! Es muß niemals ein ſo unergruͤndlicher Menſch, ein ſo vollkommener Betruͤger auf Erden geweſen ſeyn: den abſcheu - lichen Tomlinſon ausgenommen, dem ſeine Jahre und Ernſthaftigkeit, bey einer Gruͤndlichkeit im Denken und Urtheilen, die etwas außerordent -liches109liches ſchien, Vorzuͤge in der Betruͤgerey gaben, wie man gedacht haben moͤchte, welche jener noch nicht Zeit gehabt hatte zu erlangen. Es iſt et - was hartes, recht ſehr hartes, daß ich in die Be - kanntſchaft mit zween ſolchen Buben habe gera - then ſollen; da nicht zween von der Art mehr, wie ich hoffe, in der Welt zu finden ſind: die beyde ſo feſt entſchloſſen geweſen ſind, die un - menſchlichſten und treuloſeſten Anſchlaͤge gegen eine arme junge Perſon, welche keinem von ihnen jemals Leid gethan oder gewuͤnſchet hatte, fort - zutreiben.

Laſſen Sie ſich mit der folgenden kurzen Nach - richt von dem Betragen jener Weibsbilder und dieſes Menſchen gegen einander dienen.

Herr Lovelace wandte ſich mit großer Ehrer - bietung zu ſeiner vorgegebenen Tante, und be - zeigte gegen alles, was ſie ſagte, viele Achtung. Er ließ ihr bey den Antworten und eintreibenden Vorwuͤrfen, welche zwiſchen ihnen vorfielen, al - len Vortheil uͤber ſich. Jch konnte in der That leicht ſehen, daß er es mit Vorbedacht geſche - hen ließ, und den ſcharfſinnigen Witz, die Geſchwindigkeit in lebhaften Antworten mit Fleiß zuruͤckhielte, welche er gegen die vermeynte Fraͤu - lein Montague niemals ſparte, und welche ein witziger Kopf ſelten zu ſparen weiß, wenn ſich eine Gelegenheit zeiget, ſeinen Witz auszukramen.

Die untergeſchobene Fraͤulein Montague war noch ehrerbietiger in ihrem Bezeigen gegen ihre Tante. Die Tante aber beobachtete allezeitdas110das Anſehen desjenigen Standes, den ſie ange - nommen hatte, und machte ſich uͤber beyde luſtig: mit dem Weſen einer Perſon, die ſich auf den Vorzug ihrer Jahre und Gluͤcksumſtaͤnde uͤber juͤngere Perſonen, welche eine Abſicht haben mochten, ihr entweder in ihrem Leben, oder nach ihrem Tode, verbunden zu ſeyn, verlaͤſſet.

Das Haͤrteſte in ihren Scherzreden fiel in - zwiſchen auf Herrn Lovelace, bey Gelegenheit des Rufs, in dem die Leute ſtuͤnden, welche un - ſere vorigen Zimmer zu London vermietheten. Jch haͤtte wohl gethan, ſagte ſie, daß ich mich am beſten geſichert gehalten, wenn ich ſie in ge - heim verließe.

Dieß machte mich ſtutzig. Denn, da ich da - mals noch keinen Verdacht auf den ſchaͤndlichen Tomlinſon hatte: ſo ſchloß ich; und Jhr Brief vom 7ten(*)Der von ihm geſchmiedete Brief in dem V. Theile, S. 358. u. f. kam meinen Schluͤſſen zu ſtatten; daß, wenn das Haus beruͤchtigt waͤre, entweder er, oder Herr Mennell, mir oder ihm etwas da - von wuͤrde zu verſtehen gegeben haben. Jch hatte auch, ob mir gleich die Leute nicht gefielen, nichts ſehr tadelnswuͤrdiges an ihnen bemerket, bis auf den Mittwochen Abend vorher, da ſie mir nicht zu Huͤlfe kommen wollten, ob ſie gleich ſo nahe waren, wie ich verſichert bin, daß ſie meine Beklemmung hoͤren konnten, und auch uͤber das Feuer, wenn es nicht bloß etwas ver -abredetes111abredetes geweſen waͤre, eben ſo viel Urſache hatten, erſchrocken zu ſeyn, als ich.

Jch warf bey dieſem Wink einen unwilligen Blick auf Herrn Lovelace.

Er ſchien beſchaͤmt zu ſeyn. Jch habe nicht Gedult, mich nur einmal der ſcheinbaren Blicke dieſes ſchaͤndlichen Betruͤgers zu erinnern. Aber wie war es moͤglich, daß ſelbſt dieſe redneriſche Gewalt, die er uͤber ſeine Mienen hat, ihn in den Stand ſetzen ſollte eine Schaamroͤthe nach ſeinem Belieben zu Dienſte zu haben? Denn roth ward er wirklich, mehr als einmal: und die Roͤthe bey dieſer Gelegenheit war hochgefaͤrbt Karmeſin; nicht erzwungen, ſondern ganz na - tuͤrlich, wie ich dachte Jedoch er beſitzt ſo viel von der Kunſt, fremde Perſonen zu ſpielen, daß er geſchickt ſcheinet, einen jeden Character anzu - nehmen: und es hat das Anſehen, als wenn ſei - ne Muskeln und Geſichtszuͤge ſeinem boͤſen Wil - len gaͤnzlich zu Gehorſam unterworfen ſind(*)Es iſt noͤthig zu erinnern, daß des Herrn Love - lacens Erroͤthung eine weit natuͤrlichere Urſache hatte, als dieſe, welche die Fraͤulein angiebet. Er ward vor Unwillen roth, wie er nachher ſei - nem Freunde, Belford, im Umgange erzaͤhlet hat. Denn ſeine vorgegebene Tante hatte dar - inn ihre Rolle verfehlet, daß ſie das Haus ver - warf: und er hatte viele Muͤhe, das Verſehen wieder gut zu machen; indem er genoͤthigt wurde, ſich nach ihr zu richten, und ſeinen erſten Vor - ſatz zu aͤndern. Dieſer war aber, daß von den Leuten in dem Hauſe gut ſollte geſprochen wer -den.

Die112

Die vermeynte Lady fuhr fort, und ſagte, ſie haͤtte ſich die Muͤhe genommen, von den Leu - ten Erkundigung einzuziehen, da ſie gehoͤret, daß ich das Haus mis vergnuͤgt verlaſſen haͤtte. Nun waͤre ihr zwar nichts ſehr uͤbels, aber doch genug zur Nachricht geworden, daß ſie ſich wundern koͤnnte, daß er den Schluß gefaßt, ſei ne Braut, eine Perſon von ſo ſehr zaͤrtlicher Ge - muͤthsart, in ein Haus zu bringen, welches, wo nicht einen boͤſen, doch auch keinen guten Ruſ haͤtte.

Sie muͤſſen nothwendig gedenken, werthe Freundinn, daß mir die falſche Lady Eliſabeth hieruͤber noch beſſer gefallen habe. Jch vermu - the, daß eben dieſe Abſicht dabey geweſen ſey.

Es machte ihn beſtuͤrzt, ſagte er, daß die Lady von den Leuten etwas Boͤſes gehoͤrt haben ſollte. Er haͤtte noch niemals gehoͤrt, daß ſie ei - nen ſolchen Ruf verdienten. Es waͤre freylich leicht zu ſehen, daß ſie eben nicht von ſehr zaͤrtli - cher Gemuͤthsart waͤren: jedoch waͤren ſie auch nicht ganz ohne Bedenklichkeit. Die Beſchaf - fenheit der Mittel, wodurch ſie ihren Unterhalt ſuchen muͤßten, da ſie Zimmer vermietheten, und Koſtgaͤnger hielten, veranlaſſete ſie, ſich eines freyen und gefaͤlligen Bezeigens zu befleißigen: und gleichwohl haͤtte er vernommen, daß ſie ſichviel(*)den, damit ſie ſich bereden ließe, wieder dahin zuruͤck zu kehren, wenn es auch nur unter dem Vorwand geſchehen moͤchte, daß ſie ihre Kleider nach Hampſtead bringen ließe.113viel Bedenken bey der Wahl ihrer Leute mach - ten. Es waͤre ſchwer fuͤr Perſonen von munte - rer Gemuͤthsfaſſung, ſich ſo zu verhalten, daß ſie allem Tadel entgingen. Offenherzigkeit und ein freyes Anſehen ſtellten nur gar zu oft rechtſchaffe - ne Frauenzimmer, deren Gluͤcksumſtaͤnde ſie nicht uͤber die Urtheile der Welt hinausſetzten, liebloſen Vorwuͤrfen bloß: deſto mehr waͤren ſie zu bedauren.

Er wuͤnſchte inzwiſchen, Jhre Gnaden moͤch - ten erzaͤhlen, was ſie gehoͤrt haͤtten: ob es gleich itzo wenig bedeutete; weil er niemals von mir verlangen wollte, einen Fuß wieder in ihr Haus zu ſetzen. Er baͤte zugleich, die Sache nicht ge - ringer zu machen, als ſie waͤre.

Es ſey nichts großes, verſetzte ſie. Sie haͤt - te nur gehoͤrt, daß mehr Weibsleute, als Manns - perſonen, in dem Hauſe wohnten: aber mehr Mannsperſonen, als Weibsleute, zum Beſuche zu ihnen kaͤmen. Und dieß waͤre ihr; vielleicht von Uebelgeſinnten, dafuͤr koͤnnte ſie nicht ſtehen; auf eine ſolche Art hinterbracht worden, als wenn etwas mehr damit gemeynet waͤre, als geſaget wuͤrde.

Dieß, antwortete er, waͤre der eigentliche Weg, andere durch verdeckte Anzeige zu beurthei - len, der bey Verlaͤumdern gewoͤhnlich waͤre. Ein jeder Menſch, und ein jedes Ding, haͤtte eine ſchwarze und eine weiſſe Seite, nach dem es Uebelgeſinnten und Wohlgeſinnten gefiel es vor - zuſtellen. Er haͤtte bemerkt, daß die ZimmerSechſter Theil. Hvorn114vorn heraus wohl vermiethet waͤren, und, wie er glaubte, mehr an Perſonen von dem einen als von dem andern Geſchlechte. Denn er haͤtte bey Gelegenheit verſchiedne artige Frauenzimmer von ſittſamen Weſen hin und her gehen geſehn, die nach aller Wahrſcheinlichkeit nicht ſo unbeliebt waͤren, daß ſie nicht Beſuch und Freundſchaft von Perſonen beyderley Geſchlechts haben ſollten. Allein die gingen uns alle nichts an, noch wir ihnen. Wir waͤren niemals in einer von ihren Geſell - ſchaften geweſen: ſondern haͤtten uns in dem ar - tigſten und ſtilleſten Hauſe von beyden aufgehal - ten, welches wir gewiſſermaßen fuͤr uns allein gehabt, nebſt dem Gebrauch eines Saals nach der Gaſſe zu, um als ein Zimmer fuͤr Bediente, oder zu geringerm Beſuch, oder bloß fuͤr unſere Handwerksleute, die wir nicht haͤtten hinauf kom - men laſſen wollen, zu dienen.

Er haͤtte gern allezeit ſo reden moͤgen, wie er es befunden. Niemand in der Welt haͤtte mehr durch Verlaͤumdung gelitten, als er ſelbſt.

Frauenzimmer, geſtuͤnde er, muͤßten ſich mehr Bedenken machen als Mannsperſonen, wo ſie wohnten. Unterdeſſen wuͤnſchte er, daß ſie ihr Urtheil vielmehr auf wirklich geſchehene Din - ge als auf bloßen Verdacht gruͤnden moͤchten, ſonderlich wenn ſie ſelbſt von einander redeten.

Er wollte hiemit eben denen Perſonen, wel - che Jhrer Gnaden die Nachricht gegeben, oder vielmehr den Argwohn beygebracht haͤtten, kei - ne Vorwuͤrfe machten, ſie moͤchten ſeyn, wer ſiewoll -115wollten. Auch hielte er ſich nicht verbunden, anderer Gemuͤthsart, die angegriffen waͤre, oder wovon tugendhafte und ehrliebende Frauenzim - mer keine gute Meynung hegten, zu vertheidigen. So haͤtten auch dieſe Leute zu wenig zu bedeu - ten, daß man von ihnen ſo viel Worte machte.

Die vermeynte Lady Eliſabeth verſetzte, alle, die ſie kenneten, wuͤrden ſie von der Tadelſucht freyſprechen. Sie muͤßte geſtehen, es braͤchte ihr einige gute Meynung von den Leuten bey, daß er ſo lange mit mir bey ihnen geweſen waͤre, daß ich vielmehr verneinende als bejahende Gruͤnde haͤtte, warum ſie mir nicht gefielen, und daß ein ſo verſchmitzter Mann, als Capitain Tomlinſon ſeyn ſollte, keine Einwendungen ge - gen ſie gemacht haͤtte.

Jch denke, Baſe Charlotte, fuhr ſie fort, weil mein Enkel dieſe Zimmer noch nicht verlaſ - ſen hat, ſo wollen wir, ſie und ich; denn da mei - ner werthen Fraͤulein Harlowe die Leute nicht ge - fallen, ſo moͤchte ich ſie nicht um ihre Geſellſchaft erſuchen; einige Schaͤlchen Thee daſelbſt mit meinem Enkel nehmen, ehe wir aus London ge - hen: und dann werden wir ſehen, was es fuͤr Leute ſind. Jch habe gehoͤrt, daß Fr. Sinclair eine gewaltig widrige Frau ſey.

Von Herzen gern, gnaͤdige Frau. Jn ihrer Gnaden Geſellſchaft werde ich kein Bedenken haben allenthalben hinzugehen.

Es war ihre Gnaden bey jedem Worte: und da ſie auf ihren Titel und ſo gar auf ihrenH 2Putz116Putz ſtolz zu ſeyn ſchiene, haͤtte ich wohl vermu - then moͤgen, daß ſie zu keinem von beyden ge - wohnt waͤre.

Was ſagen ſie, Vetter Lovelace? Die Lady Sarah fragt ſehr genau nach allen ihren Sachen: ob ſie gleich niedergeſchlagenen Gemuͤths iſt. Jch muß ihr von allen und jeden Umſtaͤnden Nach - richt geben, wenn ich hinunter reiſe.

Von Herzen gern. Er wollte ihr, wenn es ihr gefiele, zu Befehl ſtehen. Sie wuͤrde ſehr artige Zimmer und recht hoͤfliche Leute finden.

Der Henker muß in ihnen ſeyn, ſagte die Fraͤulein Montague, wo ſie uns anders vor - kommen.

Hierauf fiel die Unterredung auf Familien - ſachen: auf die Gluͤckſeligkeit der Familie durch meinen gehofften Beytritt zu derſelben. Sie beruͤhrten das große Verlangen, welches der Lord M. und die Lady Sarah truͤgen, mich zu ſehen und zu ſprechen. Wie viele Freunde und Be - wunderer, mit aufgehabenen Haͤnden, wuͤrde ich haben! O! meine Wertheſte, wie mußten dieſe Weibsbilder, und er, alle dieſe Zeit herdurch uͤber das arme Schlachtopfer frohlocken! Was wuͤrde er fuͤr ein gluͤck - licher Mann ſeyn! Sie wollten ſich ſelbſt, ſprach die Lady Eliſabeth, nicht den Kummer machen, nur einmal zu vermuthen, daß ich nicht mit Jhnen ſollte vereinigt werden!

Man ließ ſich etwas von Geſchenken merken. Sie haͤtte ſich vorgeſetzet, hieß es, daß ich mit ihrnach117nach Glenham-Hall gehen ſollte. Sie wollte es ſich nicht abſchlagen laſſen: wenn ſie auch ei - ne ganze Woche uͤber ihre Zeit um meinetwillen bleiben muͤßte.

Es verlangte ſie nach dem Briefe, den ich von Jhnen erwartete. Jch muͤßte ſchreiben, ihn zu beſchleunigen, und der Fraͤulein Howe zu wiſ - ſen zu thun, wie die Sachen ſtuͤnden, ſeit dem ich zuletzt geſchrieben haͤtte. Das koͤnnte mich viel - leicht ganz zu ihrem und ihres Enkels Beſten ſchluͤßig machen: und alsdenn, hoffete ſie, wuͤrde ich nicht mehr Urſache haben, mich auf neue Maaßregeln einzulaſſen.

Jn der That, liebſte Freundinn, ich war da - mals willens, wo ich nicht des folgenden Tages Nachricht von Jhnen bekaͤme, einen Kerl zu Pferde mit dem Bericht von allen Umſtaͤnden an Sie abzufertigen, damit Sie, wo Sie es fuͤr gut befaͤnden, wenigſtens Fr. Townſend auf ei - nen andern Tag beſtellen moͤchten. Aber man kam mir auf eine jaͤmmerliche Art zuvor.

Sie noͤthigte mich, zu verſprechen, daß ich der Sache wegen an Sie ſchreiben wollte, ich moͤchte von Jhnen Zeitung haben, oder nicht. Einer von ihren Bedienten ſollte, mit meinem Briefe, als eine Poſt reiten und der Fraͤulein Howe Antwort erwarten.

Bey der Gelegenheit ertheilte ſie Jhnen, mei - ne liebe Freundinn, reichlich die verdienten Lob - ſpruͤche. Wie ungemein wuͤrde ſie die Ehre ih - rer Bekanntſchaft reizen!

H 3Die118

Die vermeynte Fraͤulein Montague ſtimmte mit ihr ein, ſo wohl fuͤr ſich, als fuͤr ihre Schwe - ſter.

Beyde hatten ihre abſcheuliche Rolle vor - trefflich gelernet.

O meine Wertheſte! Was fuͤr mannichfal - tiger Gefahr ſetzen ſich arme unbeſonnene Maͤgd - chen aus: wenn ſie ſich ſelbſt dem Schutz ihrer natuͤrlichen Freunde entziehen, und der weiten Welt uͤberlaſſen?

Hiernaͤchſt ſchwatzten ſie wieder von Ausſoͤh - nung und vertrauter Freundſchaft mit allen mei - nen Freunden, ſonderlich mit meiner Mutter. Sie gaben dieſer wertheſten und rechtſchaffenen Frauen den Ruhm, den ihr jedermann giebet, der das Gluͤck hat, ſie zu kennen.

Ach, liebſte Fraͤulein Howe! Jch hatte bey - nahe meinen Unwillen gegen den vorgegebenen Enkel vergeſſen! So viele angenehme Din - ge, die man mir vorſagte, brachten mich auf die Gedanken, daß, wenn Sie dazu rathen ſollten, und ich mich uͤberwinden konnte, dem nichtswuͤr - digen Menſchen eine ſo vorſetzlich veruͤbte, ſo ſchaͤndliche, und gewaltſame Beſchimpfung zu vergeben, auch im Stande ſeyn wuͤrde, mich der Verachtung gegen ihn, wegen dieſer und anderer bey ihm gewoͤhnlichen undankbaren und boͤſen Unternehmungen zu erwehren, ich vielleicht in der Verbindung mit einer ſolchen Familie nicht ungluͤcklich ſeyn moͤchte. Jedoch dachte ich zu - gleich: Mit was fuͤr Miſchungen kommt allesan119an mich, das den Schein des Guten hat! Weil inzwiſchen meine ſcheinbare Hoffnung mich weniger Fehler in der Auffuͤhrung dieſer unter - geſchobenen Frauenzimmer ſehen ließ, als ich nachher, mit Huͤlfe einer wiederholten Ueberle - gung und des gegen ſie gefaßten Abſcheues, geſe - hen habe: fo fing ich an, mir ſelbſt Vorwuͤrfe zu machen, daß ich mich nicht gleich anfangs in ih - ren Schutz begeben haͤtte.

Aber bey allen dieſen ergoͤtzlichen Ausſichten in die Zukunſt, ſprach die Lady Eliſabeth, muß ich nicht vergeſſen, daß ich nach London zu fahren habe.

Sie befahl ſo dann, daß ihre Kutſche an die Thuͤr kaͤme Wir wollen alle mit einander nach London fahren, ſagte ſie, und mit einander wieder zuruͤckkommen. Morriſon ſoll hier blei - ben, und alles in Anſehung meines Zimmers und Bettes beſorgen, wie ich es zu haben ge - wohnt bin: denn ich bin in einigen Stuͤcken ſehr eigen. Meiner Baſe Leeſons Kammermaͤgdchen koͤnnen alles thun, was ich bey meinen Nacht - kleidern und dergleichen Dingen mehr gebrau - che. Es wird fuͤr ſie, meine Allerliebſte, eine kleine Veraͤnderung der Luft, und fuͤr Hrn. Love - lace eine bequeme Gelegenheit ſeyn, anzuordnen, daß alles, was ſie von ihrem Anzuge gebrauchen, von dem vorigen Hauſe zur Fr. Leeſon geſchickt werde: und wir koͤnnen es von dannen mit uns herauſbringen.

H 4Jch120

Jch war nicht willens, ihr hierinn gefaͤllig zu ſeyn. Weil ich mir aber nicht einbildete, daß ſie auf dieſe Zumuthung, mit ihnen nach London zu fahren, beſtehen wuͤrde: ſo antwortete ich dar - auf nicht.

Hier muß ich meine ermuͤdete Feder nieder - legen.

O Angedenken! O herznagendes Angeden - ken! Wie ſehr quaͤlet es mich!

Der ein und zwanzigſte Brief von Fraͤulein Clariſſa Harlowe an Fraͤulein Howe.

Mitten unter jenen angenehmen Unterredun - gen kam die Kutſche vor die Thuͤr. Die falſche Lady Eliſabeth bat mich, ſie zu ihrer Ba - ſe Leeſon zu begleiten. Jch bat um Entſchuldi - gung: aber hatte dabey keinen Argwohn. Sie wollte es ſich nicht abſchlagen laſſen. Wie gluͤck - lich wuͤrde ein Beſuch, mit einer ſo gefaͤlligen Herablaſſung an meiner Seite, ihre Baſe Leeſon machen! Jhre Baſe Leeſon waͤre meiner Bekanntſchaft nicht unwuͤrdig: und wuͤrde es fuͤr die groͤßte Gewogenheit von der Welt an - ſehen.

Jch ſchuͤtzte meine Kleidung vor. Allein die Einwendung ward nicht angenommen. Sie be -ſtellte121ſtellte bey Fr. Mooren eine Abendmahlzeit, die um neune bereit ſeyn ſollte.

Herr Lovelace, der ſchaͤndliche Heuchler und gottloſe Betruͤger, bat die Lady, weil er, wie er ſagte, meinen Widerwillen mitzufahren ſaͤhe, nicht darauf zu beſtehen.

Man ſtellte dagegen vor, wie ſehr man von meiner Geſellſchaft eingenommen waͤre. Sie erſuchte mich inſtaͤndigſt, ihr die Gefaͤlligkeit zu erweiſen, machte eine Bewegung, mir ſelbſt zu meinem Fecher zu helfen, und, kurz, drang ſo ſehr in mich, daß meine Fuͤße, wider meine aus - druͤckliche Erklaͤrung und Abſicht, ihr zu Gefal - len waren. Nachdem ſie mich gewiſſermaßen gegen meinen Willen zur Kutſche geleitet, und zuerſt hatte hineinſteigen laſſen: ſo folgte ſie mir nach. Jhr folgten die untergeſchobene Baſe und der nichtswuͤrdige Kerl: und ſo ging es fort.

Den ganzen Weg uͤber fiel nichts anders vor, als ungemeine und liebreiche Hoͤflichkeit. Einmal uͤber das andere hieß es: Was wuͤrde dieſer unverhoffte Beſuch ihrer Baſe Leeſon fuͤr eine Freude machen! Und was fuͤr ein Vergnuͤ - gen muͤßte es einem ſolchen Gemuͤthe, wie ich haͤtte, ſeyn, daß ich im Stande waͤre, allen und jeden, zu denen ich nur kaͤme, ſo viele Freude zu verurſachen!

Der grauſame, der unmenſchliche Verfuͤhrer war den ganzen Weg uͤber, wie ich mich nochber beſonnen habe, in Entzuͤckung: aber in einer ſol -H 5chen122chen Art der Entzuͤckung, die er augenſcheinlich mit großer Muͤhe zu unterdruͤcken ſuchte.

Der haſſenswuͤrdige Boͤſewicht! O wie verabſcheue ich ihn! Was fuͤr Ungluͤck muß - te er damals in ſeinem tuͤckiſchen Herzen haben! Was fuͤr ein verbanntes Schlachtopfer muß - te ich in ihrer aller Augen ſeyn!

Jch war dabey zwar nicht eben vergnuͤgt: aber ließ mir zu der Zeit doch nicht das geringſte von einiger Gefahr traͤumen; da ſie ſich ſo eifrig bemuͤheten, mich uͤber alle Furcht davor, und gar uͤber mich ſelbſt, hinauszuſetzen.

Aber, denken Sie, wertheſte Freundinn, wie ſchrecklich alles fuͤr mich umſchlug: als die Kut - ſche, mit langſamer Bewegung, durch verſchiedne Straſſen und Wege, die mir ganz fremd waren, ſo weit kam, daß mir das ſchreckliche Haus des ſchrecklichſten Weibes, wie der Erfolg mir ſie zeig - te, in die Augen fiel.

Gott ſey mir gnaͤdig! ſchrie ich arme Thoͤ - rinn, da ich aus der Kutſche ſahe Herr Lo - velace! Gnaͤdige Frau! So wandte ich mich zu der vermeynten Tante! Liebe Fraͤu - lein! So wandte ich mich zu der Baſe, mit auf - gehabenen Augen und Haͤnden Gott ſey mir gnaͤdig!

Was! Was! Was, meine Allerliebſte!

Er zog die Schnur in der Kutſche an Was hat euch den genoͤthigt eben dieſen Weg zu kommen? ſprach er Jedoch, weil wir ein -mal123mal da ſind, will ich nur noch etwas fragen. Mein liebſtes Leben! warum ſo furcht - ſam?

Der Kutſcher hielte ſtille. Sein Diener, der mit einem von ihren Bedienten hinten auf ſtand, ſtieg herunter Fragt, ſagte er, ob etwa Briefe fuͤr mich da ſind? Wer weiß, meine Allerliebſte; ſo wandte er ſich zu mir; ob wir nicht ſchon einen Brief von Capitain Tomlinſon haben moͤgen? Wir wollen nicht aus der Kutſche ſteigen Fuͤrchten ſie ſich vor nichts Warum ſo furchtſam? O, was fuͤr eine bedenkliche Sache mit ſo zarten Gemuͤthern! rief der verfluchte Spoͤtter.

Zu der Zeit ſagte mir mein Herz ſchrecklich viel Boͤſes zu: ich war einer Ohnmacht nahe. Wozu dieß Schrecken, mein werthes Leben? Sie ſollen nicht einen Fuß aus der Kutſche ſe - tzen! Jch will ja nur eine Frage thun, da uns der Kerl dieſen Weg doch gefahren hat!

Jhre Fraͤulein wird in Ohnmacht fallen! ſchrie die verdammte Lady Eliſabeth ihm zu Meine wertheſte Baſe! ſo will ich ſie nennen, ſprach ſie, und faßte mich bey der Hand; wir muͤſſen ausſteigen, wo ihnen ſo uͤbel wird Laſſen ſie uns ausſteigen Nur ein Glaß Waſſer mit Hirſchhorn zu nehmen Jn Wahrheit wir muͤſſen ausſteigen.

Nein, nein, nein Mir iſt wohl Ganz wohl Will denn der Kutſcher nicht weiter ſahren? Mir iſt wohl Ganz wohl Jn124Jn der That mir iſt wohl Kutſcher, fah - ret zu Jch reckte den Kopf hiebey aus dem Wagen Kutſcher, fahret zu! Wie wohl meine Stimme war zu ſchwach, daß man ſie haͤtte hoͤren koͤnnen.

Die Kutſche blieb vor der Thuͤre halten. O wie zitterte ich!

Dorcas kam heraus, als ſie hier ſtille hielte.

Mein liebſter Engel! ſprach der ſchaͤndliche Kerl, und ſchnappete nach der Luft, als wenn er nicht Athem holen koͤnnte; ſie ſollen nicht aus - ſteigen Sind Briefe an mich da, Dorcas?

Ja es ſind zween da, gnaͤdiger Herr. Es iſt auch ein Cavallier, Herr Belton, hier, der auf ihre Gnaden wartet, und ſchon uͤber eine Stunde gewartet hat.

Jch habe ihn eben zu ſprechen. Macht den Schlag auf Sie ſollen nicht ausſteigen, mei - ne Allerliebſte Vielleicht iſt ſchon ein Brief von dem Capitain da Sie ſollen nicht aus - ſteigen, meine Allerliebſte.

Jch ſeufzete, als wenn mir das Herz berſten wollte.

Aber wir muͤſſen ausſteigen, Vetter: ihre Fraͤulein wird in Ohnmacht fallen Maͤgd - chen, ein Glaß mit Waſſer und Hirſchhorn! Meine Wertheſte, ſie muͤſſen ausſteigen Sie werden eine Ohnmacht bekommen, Kind Wir muͤſſen ihre Schnuͤrbaͤnder aufſchneiden (Jch glaube, meine Farbe war wechſelsweiſe al -lerley,125lerley, bald dieſe, bald jene) Jn Wahrheit, ſie muͤſſen ausſteigen, meine liebe Fraͤulein.

Er wuͤßte, ſprach er, mir wuͤrde den Augen - blick wohl ſeyn, wenn die Kutſche nur von der Thuͤre fortginge. Jch ſollte nicht ausſteigen. Bey ſeiner Seele, ich ſollte nicht.

Himmel, Himmel, mein Engel, Himmel, Himmel, Vetter; riefen beyde Weibsleute in ei - nem Athem; was machen ſie fuͤr Weſens uͤber nichts und wieder nichts! Sie uͤberreden ihre Fraͤulein, daß ſie ſich ſcheue auszuſteigen! Sehen ſie nicht, daß ſie eben itzo in Ohn - macht ſinken wird?

Jn Wahrheit, gnaͤdige Frau, verſetzte der ſchaͤndliche Betruͤger, mein liebſter Engel muß in dieſem Stuͤcke nicht gegen ihren Willen getrieben werden! Jch bitte, man beſtehe nicht dar - auf.

Wiſchwaſch, alberner Menſch! Was ſteckt dahinter! Jch vermuthe, wie es ſeyn wird. Sie ſchaͤmen ſich, uns ſehen zu laſſen, unter was fuͤr Leute ſie ihre Fraͤulein gebracht ha - ben! Aber ſteigen ſie denn einmal aus, und ſprechen mit ihrem Freunde, und holen ihre Briefe.

Er trat hierauf heraus, machte aber den Schlag hinter ſich zu, um mir gefaͤllig zu ſeyn.

Die Kutſche mag wegfahren, gnaͤdige Frau, ſprach ich.

Die Kutſche ſoll wegfahren, mein liebſtes Leben, waren ſeine Worte Allein er befahlnicht,126nicht, und war nicht willens zu befehlen, daß es geſchehen ſollte.

Laſſen ſie die Kutſche zufahren, ſagte ich Herr Lovelace mag uns nachkommen.

Jn der That, meine Allerliebſte, ihnen iſt uͤbel Jn der That ſie muͤſſen ausſteigen Steigen ſie nur auf eine Viertelſtunde aus Steigen ſie nur aus, ihrer Sachen wegen ſelbſt Befehl zu geben. Vor wem koͤnnen ſie ſich in meiner und meiner Neffe Geſellſchaft fuͤrchten? Dieſe Leute muͤſſen ſich ſehr aͤrgerlich gegen ſie aufgefuͤhret haben! Jch will mich mit Got - tes Huͤlfe darnach erkundigen! Jch will ſe - hen, was es fuͤr Art Leute ſind!

Den Augenblick kam das alte Geſicht vor die Thuͤr. Tauſendmal um Verzeihung, Ma - dame; mit den Worten trat ſie an den Schlag der Kutſche; wo wir ſie auf irgend eine Art be - leidigt haben! Laſſen ſie ſich gefallen, ihre Gnaden, ſprach ſie zu den andern beyden, aus - zuſteigen.

Ey, meine Wertheſte, fliſperte die Lady Eliſabeth, ich finde nun, daß eine ſchlimme Be - ſchreibung einer Perſon, die wir niemals geſe - hen haben, ein Vortheil fuͤr ſie ſey. Jch dachte, dieſe Frau waͤre ein Ungeheuer! Aber, in Wahr - heit, ſie ſcheinet leidlich.

Mir war bange, ich wuͤrde in Ohnmacht ge - fallen ſeyn: dennoch weigerte ich mich beſtaͤndig auszuſteigen Kutſcher! Kutſcher! Kutſcher; rief ich außer Athem, und reckte dabeyin127in Geſchwindigkeit ein halb Dutzent mal meinen Kopf aus der Kutſche, und zog ihn wieder hin - ein; fahret zu! Laßt uns weiter ge - hen.

Mein Herz ſagte mir mehr Boͤſes zu, als ich ſelbſt Grund daſuͤr angeben konnte. Denn ich hatte noch keinen Verdacht gegen dieſe Weibs - leute. Allein, der Widerwillen, welchen ich ge - gen das ſchaͤndliche Haus gefaßt hatte, und der Zufall, daß ich mich ſo nahe bey demſelben be - fand, da ich dergleichen gar nicht vermuthete, nebſt dem Anblick des alten Unthiers, alles zu - ſammengenommen, machte, daß ich mich wie ei - ne verruͤckte Perſon bezeigte.

Das Waſſer und Hirſchhorn ward gebracht. Die vermeynte Lady Eliſabeth machte, daß ich es trank. Der Himmel weiß, ob ſonſt etwas darinn geweſen iſt.

Außerdem muß ich ſehen, fliſperte ſie, was die Baſen fuͤr Creaturen ſind. Fehlt es einer Perſon an der geziemenden Zaͤrtlichkeit der Ge - muͤthsart: ſo kann es meinem Auge nicht entge - hen. Sie koͤnnten gewiß keinen ſolchen Abſcheu haben, meine Wertheſte, in unſerer Geſellſchaft auf wenige Augenblicke wieder in ein Haus zu treten, in welchem ſie ſich verſchiedne Wochen aufgehalten und am Tiſche geweſen ſind: wo - fern ſich dieſe Weibsleute nicht ſo vermeſſen ſchaͤndlich gegen ſie moͤchten aufgefuͤhret haben, daß es mein Enkel nicht wiſſen muͤßte.

Hiemit128

Hiemit ſtieg die vermeynte Lady aus: nach - dem der Bediente auf ihren Befehl den Schlag aufgemacht hatte.

Meine Wertheſte, ſprach die andere, ich wer - de die Ehre haben Jhnen zu folgen Denn ich war am naͤheſten bey dem Schlage Fuͤrchten ſie ſich vor nichts: ich will nicht einen Fuß von ihnen ſetzen.

Kommen ſie, meine Geliebte, ſagte die auf - geſtellte Lady. Geben ſie mir ihre Hand Und dabey reichte ſie mir die ihrige: Thun ſie mir nur dieß einzige mal einen Gefallen.

Jch will ihre Fußſtapſen heilig halten, fuͤgte das alte Ungeheuer hinzu, wenn ſie mein Haus noch einmal mit ihrer Gegenwart beehren.

Unter der Zeit hatte ſich ein Schwarm von Leuten um uns geſammlet. Jch war aber zu ſehr in Bewegung, daß ich darauf haͤtte Acht geben ſollen.

Die untergeſchobene Fraͤulein Montague drang aufs neue in mich. Sie ſtand auf, als wenn ſie im Begriff waͤre auszuſteigen, wo ich ihr nur Platz machen wollte. Himmel, ſprach ſie, wer kann dieſen Schwarm ertragen! Was werden die Leute denken.

Die vermeynte Lady ſetzte mir auch wieder zu, und reckte ihre beyden Haͤnde aus Kom - men ſie, meine Wertheſte, nur bloß ihrer Sachen wegen Befehl zu geben.

Da man mich ſo draͤngte, und angaffete; denn eben ſahe ich um mich herum; da dieWeibs -129Weibsleute ſo reich geputzet waren, und das Volk daruͤber murmelte: ſo ſtieg ich in einem ungluͤcklichen Augenblick mit Zittern heraus, und war genoͤthigt, mich mit beyden Haͤnden auf der vorgegebenen Lady Eliſabeths Arm zu lehnen; viel zu ſehr erſchrocken, daß ich die gewoͤhnlichen Regeln des aͤußerlichen Wohlſtandes haͤtte beob - achten ſollen. O daß ich auf der Schwelle des ſchaͤndlichen Hauſes todt niedergeſunken waͤre!

Wir werden nur wenige Augenblicke hier bleiben, meine Wertheſte! nur wenige Au - genblicke, ſagte eben dieſe ſcheinbare, und doch liederliche, Betruͤgerinn außer Athem vor Freude, wie ich nachher gedacht habe, daß ſie uͤber das ungluͤckliche Schlachtopfer ſo geſiegt hatten.

Kommen ſie, Frau Sinclair; ſo, denke ich, heißen ſie; zeigen ſie uns den Weg Sie folgte alſo derſelben, und leitete mich. Jch bin ſehr durſtig. Sie haben mich mit ihrer wun - derlichen Furcht, meine Wertheſte, in Schrecken geſetzt. Jch muß Thee gemacht haben: wo es in einem Augenblick geſchehen kann. Wir ha - ben noch weiter zu gehen, Frau Sinclair, und muͤſſen dieſen Abend nach Hampſtead zuruͤck.

Er ſoll im Augenblick bereit ſeyn, ſchrie das nichtswuͤrdige Weib. Wir haben kochend Waſſer.

So machen ſie denn geſchwinde Kom - men ſie, fuhr ſie gegen mich fort, wie ſie michSechſter Theil. Jdurch130durch den Gang zu dem verderblichen Hinter - hauſe leitete Lehnen ſie ſich auf mich! Wie zittern ſie! Wie wankend ſind ihre Schritte! Allerliebſte Baſe, Lovelacen; ſo nannte ſie mich, weil das alte Ungeheuer es hoͤren konnte; warum iſt ihr Gemuͤth in ſo heftiger Bewegung? Wir wollen in einem Augen - blick wieder von hier gehen.

Und ſo leitete ſie das arme Schlachtopfer in den allzu wohl bekannten Saal des alten Un - thiers.

Niemals habe ich jemand ſo ſanftmuͤthig, ſo leutſelig, ſo leiſe mit der Sprache geſehen, als das verhaßte Weib war. Sie dehnte alles, was ſie nur gefaͤlliges ſagen konnte, in einem feinen Tone heraus: aus Ehrfurcht, wie ich damals dachte, gegen die erhabenen und bewußten Vor - zuͤge einer Standesperſon, die von Juwelen funkelte.

Der verlangte Thee war den Augenblick bereit.

Es war kein Herr Belton da, wie ich glau - be. Denn der Boͤſewicht ging zu keinem Men - ſchen: es moͤchte denn damals geſchehen ſeyn, als wir in der Kutſche mit einander redeten. Jnzwiſchen erſchien keine ſolche Perſon bey dem Theetiſche.

Jch mußte zwey Schaͤlchen mit Milch trin - ken: weil mich die verſtellten Frauenzimmer; ei - ne jede zu einem Schaͤlchen, hoͤflich noͤthigten und mir dazu halfen. Jch war unter ihrenHaͤn -131Haͤnden ganz betaͤubt, und, als ich den Thee nahm, von den mir zu Kopfe ſteigenden Duͤnſten beynahe erſticket. Jch konnte kaum ſchlucken.

Jch dachte, ohne dieſem Gedanken wei - ter nachzuhangen dachte ich es, daß der Thee, ſonderlich das letzte Schaͤlchen, einen ſeltſamen Geſchmack haͤtte. Die Weibsleute im Hauſe erwaͤhnten, weil ich darnach ſchmeckte, daß es Milch aus London waͤre, die lange nicht ſo gut, als diejenige, welche ſie von ihren eignen Milchweibern zu bekommen pflegten.

Jch zweifle gar nicht, daß meine zwey Schaͤlchen, und vielleicht auch mein Hirſchhorn, fuͤr mich zubereitet geweſen. Jn dem Fall ſchickte es ſich freylich beſſer, daß ſie mir dazu halfen, als daß ich mir ſelbſt dazu haͤtte helfen ſollen. War mir vorher uͤbel geweſen: ſo fand ich nun immer mehr und mehr Unordnung in meinem Kopfe; indem ein ſchwerer und betaͤu - bender Schmerz bey mir geſchwinde zunahm. Jch ſchrieb es aber meinem Schrecken zu.

Nichts deſto weniger ging ich auf der unter - geſchobenen Frauenzimmer Zureden, die Treppen hinauf: und Dorcas war mir zu Dienſten; wel - che ſich zwang vor Freuden zu weinen, daß ſie mein geſegnetes Antlitz, dieß war der ſchaͤndli - chen Magd eignes Wort, noch einmal ſehen ſoll - te. Jch machte mich alſobald daruͤber, einige von meinen Kleidern herauszunehmen, und ord - nete an, was man aufbehalten, und was man mir nachſchicken ſollte.

J 2Jndem132

Jndem ich mich hiemit beſchaͤfftigte: kam die vermeynte Lady Eliſabeth eilfertig zu mir her - auf Sie werden bald fertig ſeyn, meine Wertheſte. Mein Enkel iſt ſehr geſchaͤfftig, ſei - ne Briefe zu beantworten. Alſo will ich nur in Geſchwindigkeit wegfahren, mich umkleiden, und ſie den Augenblick abholen.

O gnaͤdige Frau! Jch bin fertig! Jch bin ſchon itzo fertig! Sie muͤſſen mich hier nicht verlaſſen. Und ſo ſank ich vor Schrecken in einen Stuhl.

Den Augenblick, den Augenblick, will ich wiederkommen Ehe ſie noch einmal fertig ſeyn koͤnnen Ehe ſie ihre Sachen koͤnnen zu - ſammengepackt haben Wir wollen ja nicht ſpaͤt fahren Die Straßenraͤuber, wovon wir gehoͤrt haben, moͤchten auf der Lauer ſeyn Laſſen ſie uns nicht ſpaͤt fortkommen.

Hiemit eilte ſie davon: ehe ich noch ein Wort ſagen konnte. Jhre vermeynte Baſe ging mit ihr fort, ohne mir davon Nachricht zu geben.

Jch hatte gleichwohl noch keinen Verdacht, daß dieſe Weibsbilder nicht wirklich die vorneh - men Frauenzimmer ſeyn moͤchten, deren Perſon ſie ſpielten, und machte mir ſelbſt aus meiner feigen Furcht einen Vorwurf Es kann un - moͤglich ſeyn, dachte ich, daß ſolche Frauenzim - mer gegen eine arme Perſon; wofuͤr ſie ſo einge - nommen ſind, Verraͤtherey anſtiften ſollten. Sie muͤſſen unſtreitig die Perſonen ſeyn, die ſie zu ſeyn ſcheinen Was iſt es fuͤr eine Thorheit,daran133daran zu zweifeln! Sie haben die Miene, die Kleidung, den wuͤrdigen Anſtand von vornehmen Frauenzimmern. Wie wenig ſchickt es ſich fuͤr ſie, und fuͤr meine Menſchenliebe, ſchloß ich, dieſem Schatten eines unedelmuͤthigen Argwohns nachzugehen!

So brachte ich meine betaͤubte Lebensgeiſter wieder zu rechte, ſo gut als es ſich thun laſſen wollte. Denn mir ward immer ſchwerer und ſchwerer. Jch wunderte mich gegen Dorcas, was mir feh - len moͤchte, rieb meine Augen, nahm etwas von ihrem Schnupftoback, und nieſete einmal uͤber das andere, mit gar wenigen Nutzen. Jnzwi - ſchen ſetzte ich meine Beſchaͤfftigung fort. Als dieſe aber vorbey war; als ich alles, was ich mir einzupacken vorgenommen, eingepacket, und nichts mehr zu thun hatte, als zu denken; als ich noch dazu fand, daß ſie ſo lange verzogen: ſo dachte ich, ich wuͤrde ganz von Sinnen gekommen ſeyn. Jch ſchloß mich in die Kammer, die vorher mein geweſen war, ein. Jch knieete. Jch betete: doch wußte ich ſelbſt nicht, was. Dann lief ich wieder heraus. Es waͤre ja faſt finſtere Nacht, ſprach ich. Wo, wo iſt Herr Lovelace?

Er kam zu mir und gab anfangs auf meine Beſtuͤrzung und wildes Weſen nicht Acht Was ſie mir beygebracht hatten, das machte mich in meinen Reden und Handlungen unordentlich und verwildert Es geht alles gut, ſagte er, meine Allerliebſte! Eine Zeile von Capitain Tomlinſon!

J 3Jn134

Jn der That ging alles gut zu dem ehrloſen Anſchlag des grauſamſten und ſchaͤndlichſten Kerls.

Jch fragte nach ſeiner Tante. Jch fragte nach ſeiner Baſe. Der Abend, fprach ich, ginge ja zu Ende Mit meinem Kopfe, ſagte ich auch, wie ich mich beſinne, waͤre es ſehr, ſehr ſchlimm Und es ward beſtaͤndig aͤrger.

Gleichwohl hielte das Schrecken meine Le - bensgeiſter noch in Bewegung, und ich drang darauf, daß er ſelbſt hingehen ſollte, ſie anzu - fordern.

Er rief ſeinem Diener, und ſchmaͤhlte auf unſer Geſchlecht, wie es ſo zauderhaft waͤre. Es waͤre gut, daß ſelten wichtige Sachen auf ſolche Taͤndler ankaͤmen, die mit ihrem Putz ſo viel zu thun haͤtten und keine Zeit genau beob - achteten.

Sein Diener kam.

Er befahl ihm, eiligſt zu ſeiner Baſe Leeſon zu gehen, und ſeiner Tante und Baſe zu vermel - den, wie unruhig uns beyde ihr Verzug machte. Aus eigenem Triebe ſetzte er noch hinzu: bitte ſie, woferne ſie nicht den Augenblick kommen, uns nur ihre Kutſche zu ſenden; ſo wollen wir ohne ſie wegfahren. Sage ihnen, ich wundere mich, daß ſie mir ſo dienen wollen.

Jch dachte, dieß waͤre bedaͤchtlich und auf - richtig geredet. Aber nun hatte ich ein wenig Zeit, ſo mittelmaͤßig es auch mit meinem Kopfeſtand,135ſtand, auf den Menſchen und ſein Bezeigen Ach - tung zu geben. Er jagte mir durch ſeine Blicke und ſeine heftige Regungen, wie er mich ſtarr anſahe, Schrecken ein. Augenſcheinliche Regun - gen von heimlicher Freude. Darauf habe ich mich nachher beſonnen. Seine Reden waren kurz und alle ſo ausgeſprochen, als wenn ihm der Athem zuruͤckgehalten wuͤrde. Niemals hatte ich ſo abſcheuliche Blicke in ſeinen Augen geſe - hen, als ſie damals waren Sieg und Froh - locken mahlte ſich in denſelben ab. Sie waren grimmig und wild, und mir noch mehr zuwider, als mir die Blicke der Weibsleute in dem ſchaͤnd - lichen Hauſe ſchienen, da ich ſie das erſte mal ſa - he. Bisweilen warf er einen ſo ſcheelen und Ungluͤck bedeutenden Blick auf mich! Jch wuͤrde die ganze Welt darum gegeben haben, daß ich hundert Meilen von ihm geweſen waͤre. Jn - zwiſchen war ſein Bezeigen wohlanſtaͤndig Doch war es ein Wohlſtand, weswegen er ſich Gewalt anthun mußte: wie ich wohl haͤtte ein - ſehen koͤnnen Denn er erhaſchte zwey oder dreymal meine Hand mit einer ſolchen Heftigkeit in ſeinem Zugreifen, daß es mir wehe that, und ſprach dabey durch ſeine zuſammengeſchloſſene Zaͤhne, wie es ſchien, einige zaͤrtliche Worte. Er ließ zwar auch die Hand wieder los, mit einem bettlermaͤßig demuͤthigen Tone, wie das ſchaͤnd - liche Weib eben vorher angenommen hatte, der halb inwendig ſchallte: jedoch ließ ſich unter ſei - nen Worten und ſeiner Art zu handeln eine ſtar -J 4ke136ke und beynahe bis zu Verzuͤckungen in dem Koͤr - per getriebene Leidenſchaft erblicken. O mei - ne liebe Freundinn, was fuͤr Ungluͤck hatte er nicht damals im Sinne!

Jch klagte ein oder zweymal uͤber Durſt. Mein Mund ſchien vom Feuer ausgedoͤrret. Damals meynte ich, es waͤre mein Schrecken, weil ich ſo oft nach Athem ſchnappete, das mir, als ein Feuer, den Gaumen ausdoͤrrete. Jch forderte Waſſer: man brachte mir Tiſchbier. Bier, vermuthe ich, war beſſer geſchickt, mir ih - re Traͤnke darinn beyzubringen: wo ich vorher nicht genug davon bekommen hatte. Jch ſagte zwar zu dem Maͤgdchen, ſie wuͤßte ja, daß ich ſelten Bier in den Mund naͤhme: jedoch, weil ich nichts dergleichen argwoͤhnte und ausnehmend durſtig war, trank ich, was zuerſt da war; und den Augenblick befand ich mich weit ſchlimmer, als vorher; wie berauſcht, moͤchte ich mir einbil - den; ich weiß nicht wie.

Sein Diener war zweymal ſo lange weg, als noͤthig war. Ein wenig vorher, ehe er zuruͤck kam, kam einer von der vermeynten Lady Eliſa - beths Bedienten mit einem Briefe an Herrn Lovelace.

Er ſchickte ihn zu mir herauf. Jch las ihn; und von der Zeit an hielte ich mich fuͤr verlohren: weil ſie in demſelben ihre Farth nach Hampſtead fuͤr dieſen Abend verſchob; unter dem Vorwande heftiger Ohnmachten, womit die Fraͤulein Mon - tague uͤberfallen ſeyn ſollte. Denn alſobald fielmir137mir ſein ſchaͤndlicher Verſuch ein, welchen er in dieſem Hauſe ſchon gegen mich unternommen hatte. Mir fiel die Rache ein, welche ihm mei - ne Verachtung und die Schwierigkeit, die ich machte, ihm zu vergeben und mich mit ihm aus - zuſoͤhnen, bey dieſer Gelegenheit nur allzu wahr - ſcheinlicher Weiſe einfloͤßen mochte. Mir fielen feine Blicke ein, die ſelbſt wild und ſchrecklich fuͤr mich waren. Mir fielen die Weibsleute in dem Hauſe ein, vor denen ich itzo mehr, als jemals, auch ſo gar wegen der Winke, die mir die vermeynte Lady Eliſabeth gegeben, mich zu fuͤrchten Urſache hatte. Da ſich dieß alles in meinem furchtſamen Gemuͤthe mit einander, wie ein Schwarm haͤufete: ſo fiel ich in eine Art von Raſerey.

Jch kann mich nicht erinnern, wie mir war, ſo lange dieſelbe dauerte. Aber dieß weiß ich, daß ich in meinen erſten Bewegungen mein Kopfzeug abwarf, meine Manſchetten wohl in zwanzig Stuͤcken zerriß, und hin rannte, ihn auf - zufinden.

Als ich ein wenig zu mir ſelbſt gekommen war, beſtand ich auf das, was er ſich von ihrer Kutſche hatte verlauten laſſen. Allein der Bo - the, ſagt er, haͤtte ihm gemeldet, daß die Kutſche ausgeſchickt waͤre, einen Arzt zu holen, wenn et - wa deſſen Wagen ſchon an ſeine Stelle gebracht, oder nicht bereit ſeyn ſollte.

Dann beſtand ich darauf, alſobald gerades Weges zu der Lady Eliſabeth zu gehen.

J 5Frau138

Frau Leeſons Haus, antwortete er, waͤre itzo voller Unruhe; und da meine Heftigkeit von nichts, als von ungegruͤndeter Furcht her - ruͤhren koͤnnte; O was fuͤr Gelobungen, was fuͤr Betheurungen auf ſeine Ehre that er hiebey! ſo hoffete er, ich wuͤrde ihre ge - genwaͤrtige Unruhe nicht vermehren wollen. Charlotte waͤre in der That bey unerwarteten Begebenheiten, es moͤchte Freude, oder Traurig - keit ſeyn, Ohnmachten zu haben gewohnt: und die wuͤrden eine ganze Woche bey ihr anhalten; wo ſie nicht in wenigen Stunden vertrieben waͤren.

Sie geben fleißig auf die Augen Ach - tung und verſtehen wohl daraus zu urthei - len, ſagte der Boͤſewicht, vielleicht meiner in ge - heim zu ſpotten. Sahen ſie nicht bisweilen in den Augen der Fraͤulein Montague, zu Hamp - ſtead, etwas verwildertes? Jch war ſchon damals ihretwegen beſorgt Stille und Ruhe thun ihr allein gut. Jhre Beyſorge fuͤr dieſel - be, und derſelben Liebe fuͤr ſie, wuͤrde die Krank - heit des armen Maͤgdchens nur vermehren, wenn ſie dahin kommen ſollten.

Jch erklaͤrte mich noch immer, ganz unge - dultig vor Kummer und Furcht, daß ich feſt ent - ſchloſſen ſey, nicht bis morgen in dem Hauſe zu bleiben. Alles, was ich in der Welt haͤtte, mei - ne Ringe, meine Uhr, mein weniges Geld, woll - te ich fuͤr eine Kutſche hingeben: oder wo keine zu bekommen waͤre, wollte ich noch die Nacht zuFuße139Fuße nach Hampſtead gehen, wenn ich auch al - lein die ganze Nacht durch gehen ſollte.

Hierauf ward nach einer Kutſche geſchickt, oder vorgegeben, als wenn darnach geſchickt wuͤr - de. Sie moͤchte koſten, was ſie wollte, ſagte er: ſo wollte er es geben, mir gefaͤllig zu ſeyn, ob es gleich ſo ſpaͤt waͤre; und wollte mich herzlich gern begleiten Aber es war keine Kutſche zu be - kommen.

Erlauben Sie mir das Uebrige kurz zuſam - menzuziehen. Es ward von Zeit zu Zeit ſchlim - mer mit meinem Kopfe. Bald war ich betaͤubt, bald in Raſerey, bald ohne Empfindung. Das ſchaͤndlichſte Weib, das auf Erden lebet, mußte herbeykommen, mich zu ſchrecken. Niemals iſt wohl ein ſo ſcheusliches Ungeheuer auf der Welt geweſen, als ſie mir zu der Zeit ſchien.

Jch erinnere mich, daß ich um Barmherzig - keit flehete Jch erinnere mich, daß ich ſagte, ich wollte die Seinige ſeyn in Wahr - heit, ich wollte die Seinige ſeyn damit ich nur Barmherzigkeit erlangte Allein ich fand keine Barmherzigkeit! Meine Kraft, mein Verſtand, verließ mich! Und dann folgten ſolche Aufzuͤge O meine Wertheſte, ſolche ſchreckliche Aufzuͤge! Ohnmachten uͤber Ohnmachten, derer ich mich freylich nur ſchwach und unvollkommen erinnere, wirkten fuͤr mich kein Mitleiden Aber der Tod ward mir nicht gewaͤhret. Das wuͤrde eine allzu große Barmherzigkeit fuͤr mich geweſen ſeyn.

So140

So ward ich durch ſcheuslichere Herzen von meinem eignen Geſchlechte, als ich glaubte, daß auf der Welt waͤren; die ich fuͤr Perſonen von Stande und Ehre hielte; beruͤckt und betruͤgeri - ſcher Weiſe zuruͤckgebracht: und ſo unmenſchlich ward mir von dieſem Boͤſewicht, da ich in ſeiner Gewalt war, begegnet.

Jch war meiner Sinne ſo weit beraubet, daß ich nicht fuͤr gewiß ſagen darf, daß die ab - ſcheulichen Weibsbilder in dem Hauſe perſoͤnlich geholfen, oder ihn aufgehetzet haben: aber doch ſchweben mir noch einige traͤumeriſche Vorſtel - lungen von weiblichen Geſtalten, die vor meinen Augen, ſo zu ſagen, herumflatterten, ſonderlich von dem verruchten Weibe, in Gedanken. Allein, da dieſe verworrene Begriffe von dem Schrecken herruͤhren mochten, welches mir die aͤrger als kerlsmaͤßige Wuth, die ihr verſtattet war, weil ich meinen Abſcheu vor ihrem Hauſe bezeugte, eingejaget hatte; und da das, was ich von ſeiner ungeheuren Grauſamkeit gelitten habe, dieſe Ver - groͤßerung nicht braucht: ſo will ich von einer ſo anſtoͤßigen Sache, als dieſe meinem Angedenken beſtaͤndig ſeyn muß, nichts mehr ſagen.

Jch habe die nichtswuͤrdigen Creaturen, wel - che fremde Perſonen ſpielten, nachher niemals wie - der geſehen. Er beſtand aͤußerſt darauf, und rief den Himmel fuͤrchterlich zum Zeugen fuͤr die Wahrheit ſeiner Ausſage, daß ſie wirklich, undin141in Wahrheit die Frauenzimmer geweſen, wofuͤr ſie ſich ausgegeben haͤtten, an. Er bezeugte, daß ſie nicht haͤtten Abſchied von mir nehmen koͤnnen, da ſie von London abgegangen waͤren, weil ich ohne Empfindung und in der Raſerey geweſen. Denn ihre berauſchende oder vielmehr betaͤuben - de Traͤnke hatten beynahe ſolche Wirkungen uͤber meinen Verſtand, die ihn gaͤnzlich vertilgten, ſo daß ich einige Tage uͤber auf eine wunderliche Art verruͤckt war. Bald war ich daͤmiſch, bald ſchlafſuͤchtig, bald weinte ich, bald raſete ich, bald ſchrieb ich, und zerriß, was ich ſchrieb, eben ſo geſchwinde, als ich es geſchrieben hatte. Am aller elendeſten war ich daran, wenn bisweilen ein kleiner Strahl der Vernunft mir das, was ich gelitten hatte, ins Gedaͤchtniß brachte.

Der zwey und zwanzigſte Brief. Eine Fortſetzung von der Fraͤulein Clariſſa Harlowe.

Die Fraͤulein giebt hierauf Nach - richt

  • Von ihrer Geneſung aus der Raſerey und Schlafſucht;
  • Von ihrem Verſuch, in ſeiner Abweſenheit davon zu gehen;
Von142
  • Von denen Unterredungen, die nach ſeiner Zu - ruͤckkunſt zwiſchen ihnen erfolgten;
  • Von der elenden Perſon, die er als ein armer Suͤnder ſpielte;
  • Von ihrer Entſchließung, ihn nicht zu neh - men;
  • Von ihren verſchiedenen Bemuͤhungen zu ent - fliehen;
  • Von ihrer Unterhandlung mit Dorcas, ihr dabey huͤlfliche Hand zu leiſten;
  • Von der Handſchrift uͤber ihr gethanes Ver - ſprechen, welche Dorcas verlohren, ſonder Zweifel, wie ſie ſagt, aus Vorſatz, um ſie zu verrathen;
  • Von ihrem Siege uͤber alle Weibsbilder in dem Hauſe, die verſammlet waren, ſie zu ſchrecken und vielleicht ihr aufs neue Ge - walt anzuthun.
  • Von ſeiner Abreiſe nach M. Hall.
  • Von ſeinen oͤftern Briefen, wodurch er ſie zu bereden ſuchte, mit ihm an ihres Onkels Geburtstage zum Altar zu kommen.
  • Von ihrem ſtandhaften Stillſchweigen auf alle dieſe Briefe;
  • Von ihrer zwoten Flucht, die wider ihre ei - gne Vermuthung, wie ſie ſchreibt, ge - lungen iſt; da der Verſuch anfangs nach ihrer Abſicht nur das Vorſpiel zu einem andern, von dem ſie ſich mehr verſprachund143und den ſie in ihren Gedanken entworfen hatte, ſeyn ſollte;
  • Und von andern Umſtaͤnden, welche hier ausgelaſſen ſind, weil man ſie in den vorhergehenden Briefen, theils von Herrn Lovelace, theils von ſeinem Freunde Belford, findet. Hiernaͤchſt faͤhret ſie fort:

So bald ich mich an einem ſichern Ort be - fand, ergriff ich zur Stunde die Feder, an Sie zu ſchreiben. Da ich anfing: war ich nur wil - lens ſechs oder acht Zeilen zu ſchreiben, damit ich mich nach ihrem Befinden erkundigte. Denn weil ich keine Nachricht von ihnen hatte: ſo be - ſorgte ich wirklich, daß Sie allzu krank geweſen waͤren und noch waͤren, ſchreiben zu koͤnnen. Kaum aber fing meine Feder an, das Papier zu beſchmieren: ſo uͤbereilte ſie mein trauriges Herz, und der Brief gerieth in die Laͤnge. Die Furcht, worinn ich geſtanden, daß ich nicht vermoͤgend ſeyn wuͤrde, davon zu kommen; die Beſchwerde, welche ich bey Vollziehung meiner Flucht gehabt, die Schwierigkeit, ein Zimmer fuͤr mich zu fin - den, da mir ſchon in zweyen Haͤuſern die Leute nicht gefallen hatten, und in einem dritten ich den Leuten nicht gefiel, denn Sie muͤſſen geden - ken, daß ich ein ſchreckliches Anſehen hatte Dieß alles, nebſt dem Angedenken deſſen, was ich von ihm gelitten, nebſt meiner ferneren Sorge we - gen meiner Unſicherheit, und endlich meinen ver -laſſe -144laſſenen Umſtaͤnden, hatte mich ſo verwirrt, daß ich in dem Briefe, wie ich mich beſinne, wunder - lich ausſchweifete.

Kurz ich hielte ihn ſelbſt, als ich ihn noch einmal uͤberſahe, fuͤr einen halb unſinnigen Brief. Allein ich verzweifelte daran, daß ich beſſer ſchrei - ben wuͤrde, wenn ich wieder anfinge. Daher ließ ich ihn abgehen: und kann keine Entſchul - digung haben, warum ich ihn durch den Weg geſchickt, durch welchen ich ihn wirklich ſchickte, wo mir nicht der Grund von dem ſo wenig zu - ſammenhangenden Jnhalt deſſelben eine ſehr klaͤgliche Entſchuldigung an die Hand geben wird.

Der Brief, den ich von Jhrer Mutter em - pfing, war ein ſchrecklicher Streich fuͤr mich. Unterdeſſen hatte er die gute Wirkung uͤber mich, da ich eben damals unter einem heftigen Anfall benebelnder Kleinmuͤthigkeit arbeitete, und beyna - he unterliegen wollte, welche bey ſtarken Anfaͤllen von der Gicht oder dem Schlage, haͤufiges Ader - laſſen und ſpaniſche Fliegen haben. Er erweckte meine Aufmerkſamkeit, und machte mir wieder Muth, die Uebel, mit denen ich umgeben war, zu beſtreiten: indem er, wenn mir noch eine andere Vergleichung zu gebrauchen erlaubt iſt, die Wehen, womit ich uͤberladen war, ableitete, und in einen neuen Canal fuͤhrte; als ſie mei - nen Verſtand noch einmal zu uͤberſchwemmen droheten.

Den -145

Dennoch aber beklagte ich von ganzem Her - zen, und beklage es noch, mit den eignen Wor - ten Jhrer Frau Mutter, daß ich nicht fuͤr mich allein ungluͤcklich ſeyn kann. Es kraͤnkte mich nicht allein die Unruhe, welche ich ihnen vorher verurſachet hatte, ſondern auch dieſe, die ich ihnen aufs neue durch meine Unachtſam - keit zuwege gebracht.

  • Hierauf meldet ſie den Jnhalt derer Briefe, die ſie an Frau Norton, an die Lady Eliſabeth Lawrance, und Frau Hodges geſchrieben, wie auch der Antworten von dieſen Perſonen, wodurch ſie alle Betruͤgereyen des Herrn Lovelace ent - deckte.

Bey dem allen, faͤhrt ſie fort, kann ich nicht umhin, mich zu verwundern, wie der ſchaͤndliche Tomlinſon zu der Wiſſenſchaft verſchiedner Din - ge, welche er mir erzaͤhlte, und welche vieles bey - trugen, mir ein Vertrauen zu ihm zu machen, gelangen konnte(*)Der aufmerkſame Leſer darf nicht erſt auf das - jenige zuruͤckgewieſen werden, was die Fraͤulein gleichwohl nicht erklaͤren konnte, weil ſie nicht wußte, daß Herr Lovelace zu den Briefen der Fraͤulein Howe, ſonderlich dem, der im IV. Th. S. 55. u. f. ſtehet, und woruͤber er S. 203 Anmer - kungen macht, gekommen war..

Jch zweifle nicht, daß die Hiſtorien von der Frau Fretchvilla und ihrem Hauſe als eben ſoſchaͤndlicheSechſter Theil. K146ſchaͤndliche Betruͤgereyen, wie eine von den vori - gen, wuͤrde befunden werden, wenn ich Nachfra - ge thun wollte, und nicht ſchon genug, ja allzu viel, gegen den meineidigen Kerl haͤtte.

Wie bin ich angefuͤhret! Was wird es mit einem ſo falſchen und eidbruͤchigen Boͤſewicht fuͤr ein Ende nehmen: da der Himmel nicht we - niger von ihm entehret und trotzig aufgefordert iſt, als ich betrogen und gemishandelt bin! Dieß muß ich inzwiſchen wider mich ſelbſt ſagen, daß, wofern dasjenige, was ich gelitten habe, eine na - tuͤrliche Folge von meinem erſten Vergehen iſt, ich mir ſelbſt niemals vergeben kann: ob Sie gleich ſo parteyiſch fuͤr mich ſind, daß Sie mich wegen alles deſſen, was vor meiner erſten Flucht vorgegangen iſt, von allen Vorwuͤrfen frey - ſprechen.

Nun, gnaͤdige Frau, und meine wertheſte Fraͤulein Howe, die uͤber meine Sache das Ur - theil ſprechen ſollen, erlauben Sie mir die Feder niederzulegen, mit einer einzigen Bitte, die ich auf das inſtaͤndigſte an Sie beyde thue. Jch bitte, daß ſich keine von Jhnen jemals das ge - ringſte Wort von den Traͤnken und Gewaltthaͤ - tigkeiten, die ich mit einigen Winken angedeutet habe, verlauten laſſen wolle Nicht, weil ich etwa Sorge tragen wollte, daß meine Schande vor der Welt verborgen bleiben moͤchte, oder daß es nicht uͤberall bekannt werden ſollte, daß der Kerl ſich als einen ſchaͤndlichen Betruͤger gegen mich bewieſen habe: denn dieß hat ein jeder, nurich147ich allein nicht, von ſeiner beſchrieenen Gemuͤths - art, wie es ſcheint, erwartet. Aber geſetzt, man beſtuͤnde darauf, weil ſeine Handlungen gegen mich wirklich Lebensſtrafe verdienen, daß ich ihn und ſeine Mitſchuldige oͤffentlich vor Gericht belangen ſollte: wie, denken Sie, koͤnnte ich das ertragen?

Da mein guter Name, ſchon vor der ab - ſcheulichen und des Todes wuͤrdigen That, ja ſelbſt von der Stunde an, als ich meines Va - ters Haus verließ, in den Augen der Welt ver - lohren geweſen: und da alle meine Hoffnung zur Gluͤckſeligkeit in dieſer Welt gaͤnzlich verſchwun - den iſt: ſo laſſen Sie mich in Ruhe unvermerkt zu Grabe gehen; und laſſen nicht anders, als durch eine einzige Freundſchaftsthraͤne, und nicht mehrere, die von Jhrem holdſeligen Auge, mei - ne eigne, allerliebſte, Anna Howe, an dem gluͤck - lichen Tage, der allen meinen Kummer verſchar - ren ſoll, herabfließe, das Angedenken erneuret werden, daß eine ſolche Perſon in der Welt ge - weſen ſey als

Sonnabends, den 8ten Jul. Clariſſa Harlowe.

K 2Der148

Der drey und zwanzigſte Brief von Fraͤulein Howe an Fraͤulein Clariſſa Harlowe.

Odaß der Himmel doch ſeine Rache uͤber den verruchteſten und verderbteſten Kerl auf die merklichſte Art, vor den Augen aller Welt, ſe - hen laſſen moͤchte! Jch zweifle nicht, er wird es zu ſeiner Zeit thun Und wir muͤſ - ſen, zur Belohnung unſers Leidens, auf eine Welt nach dieſer hinausſchauen!

Noch eine aͤrgerliche Entdeckung! Wie ſind Sie hinter das Licht gefuͤhret worden! Jch habe Sie fuͤr recht wachſam, fuͤr recht ſcharf - ſichtig gehalten: aber, leyder! fuͤr den ſcheus - lichen Betruͤger, mit dem Sie zu thun gehabt haben, ſind Sie nicht wachſam, nicht ſcharfſich - tig genug geweſen!

Der Brief, den Sie, als den meinigen vom 7ten Jun. an mich eingeſchloſſen uͤberſandt haben, iſt betruͤglich geſchmiedet und untergeſchoben(*)Siehe den V. Th. S. 358. u. f.. Die Hand, in der That, iſt der meinigen bis zum Erſtaunen aͤhnlich; und der Umſchlag, ſehe ich, iſt wirklich mein Umſchlag: dennoch iſt die Nach - ahmung in dem Briefe nicht ſo genau und voll - kommen, daß Sie, die meine Hand ſo wohl ken -nen,149nen, es nicht haͤtten entdecken moͤgen; wenn Sie damals einigen Argwohn von ſeinem ſchaͤndlichen Gemuͤthe gehabt haͤtten.

Kurz, dieſer betruͤgeriſch geſchmiedete Brief iſt zwar ziemlich lang, aber enthaͤlt doch nur we - nige Auszuͤge aus dem meinigen. Der meinige war ſehr lang. Er hat, wie ich ſehe, alles aus - gelaſſen, was Jhnen haͤtte zeigen koͤnnen, wie ſcheuslich das Haus ſey, und gegen den ſchaͤndli - chen Tomlinſon einigen Verdacht beyzubringen vermoͤgend geweſen waͤre. Sie werden dieß aus dem bloßen Entwurf des eigentlichen Brie - fes, den ich einſchließen will (**)(*)Siehe den V. Th. S. 135. u. f., ſehen, und bemerken, wie er, verfluchter Betruͤger! die Nachricht von der Fraͤulein Lardner und meine Erinnerungen zu ſeinem abſcheulichen Zweck ver - drehet hat.

Da ich fuͤr unſerer beyden Sicherheit vor einem ſo kuͤhnen und verruchten Raͤnkeſchmieder beſorgt bin: ſo muß ich Sie auffordern, werthe - ſte Freundinn, daß Sie ſich entſchließen, geſetz - maͤßige Rache an dem hoͤlliſchen Boͤſewicht zu nehmen; und dieß nicht allein um unſerer ſelbſt willen, ſondern auch um derer Unſchuldigen wil - len, die ſonſt von ihm noch koͤnnen betrogen und geſchaͤndet werden.

  • Hiernaͤchſt ertheilet ſie die eigentlichen Um - ſtaͤnde von der Ausſage des jungen Kerls, den ſie mit ihrem Brief nach Hampſtead geſchickt hatte, und der ſich einbildete,K 3daß150daß er ihn ihr ſelbſt in die Haͤnde gelie - fert haͤtte
    (*)Siehe den V. Th. S. 509. u. f.
    (*). Alsdenn faͤhret ſie fort:

Jch bin erſtaunet, daß der ehrloſe Kerl, der doch nichts von der Zeit wiſſen konnte, da mein Bothe, fuͤr deſſen Ehrlichkeit ich ſtehen kann, kommen wuͤrde, ein Weibsbild hat bey der Hand haben koͤnnen, das Jhre Perſon ſpielete! Es iſt etwas ſeltſames, daß der Bothe eben zu der Zeit, als Sie in der Kirche geweſen ſind, hat ankom - men ſollen; wie ich es aus der Vergleichung ſei - ner Ausſage mit Jhrer Nachricht, daß Sie an dem Tage zweymal in die Kirche gegangen, wirk - lich befinde: da er eben ſo leicht zwo Stunden vorher bey der Frau Moore haͤtte anlangen koͤn - nen. Allein haͤtten Sie mir nur gemeldet, liebſte Freundinn, daß der Betruͤger Sie aufge - ſpuͤret haͤtte und um Sie waͤre! Das haͤtten Sie thun ſollen! Jedoch ich tadle Sie nach einem Urtheil, das bloß auf den Ausgang der Sache gegruͤndet iſt.

Jch habe niemals die Hiſtoͤrchen, die unter den Maͤgdchen auf dem Lande herumgehen, von Geſpenſtern, Schutzengeln, und Geiſtern geglau - bet: doch aber ſehe ich keinen andern Weg, den gluͤcklichen Erfolg dieſes nichtswuͤrdigen Kerls in ſeiner Bosheit, und die Mittel, wodurch er ſeine ſcheinbare Betruͤgereyen ins Werk richtet, zu er - klaͤren, als wenn man annimmt, wo er nicht der Teufel ſelber iſt, daß er beſtaͤndig einen vertrau - ten Geiſt zur Seiten hat. Bisweilen ſcheint es,nimmt151nimmt dieſer Vertraute die Geſtalt des feyerli - chen Betruͤgers Tomlinſons an; bisweilen die Geſtalt der verfluchten Sinclair, wie er ſie nen - net: bisweilen wird ihm auch erlaubt, die Ge - ſtalt der Lady Eliſabeth Lawrance anzunehmen Allein, man ſehe, was er fuͤr ein aufgeſchwolle - nes Bild vorſtellte, als er die engliſche Geſtalt und das engliſche Weſen meiner geliebten Freun - dinn annehmen wollte!

Jch bin der Meynung, meine Wertheſte, daß Sie da, wo Sie ſind, nicht laͤnger ſicher ſeyn werden, als ſo lange der Boͤſewicht auf dem Lan - de iſt. Worte ſind zu wenig! Wie koͤnnte ich ihn ſonſt verfluchen. Jch zweifle kaum, daß er ſich auf eine Zeit ſelbſt verkauft habe. O moͤch - te doch die Zeit nur kurz ſeyn: Oder moͤch - te ſein hoͤlliſcher Eingeber mit ihm den Bund nicht beſſer halten, als mit andern!

Jch ſchließe nicht allein den erſten Entwurf von meinem langen und oben beruͤhrten Briefe ein: ſondern auch ein Verzeichniß des Hauptin - halts von demjenigen, den der junge Kerl Jhnen zu Hampſtead ſelbſt in die Haͤnde geliefert zu ha - ben glaubte. Wenn Sie beydes durchgeſehen haben: ſo will ich Jhnen zu urtheilen uͤberlaſſen, wie viel ich Urſache gehabt, mich zu wundern, daß Sie auf keinen von dieſen Briefen antworte - ten; da Sie ſelbſt bekannten, daß Sie den einen bekommen haͤtten; und ich verſichert ward, daß der andere Jhnen ſelbſt in die Haͤnde geliefert waͤre; an beyden aber Jhrer Ehre ſo viel gelegenK 4war.152war. Sie moͤgen auch ſelbſt urtheilen, wie viel mehr ich mich wundern mußte, als ich einen Brief von Frau Townſend, vom 15ten Jun. aus Hampſtead bekam, der folgende Nachrichten ent - hielte: Herr Lovelace waͤre verſchiedne Tage bey Jhnen geweſen, und haͤtte am Montage vorher ſeine Tante und Baſe, in einem reichen Putz und einer Kutſche mit vier Pferden, hingebracht, Sie zu beſuchen. Dieſe haͤtten Sie mit Jhrem guten Willen mit ſich nach London genommen und in ihre vorige Wohnung gefuͤhret, wo Sie ſich noch aufhielten. Die Weibsleute zu Hamp - ſtead glaubten, daß Sie mit ihm vermaͤhlet waͤ - ren, und machten ihre Anmerkungen uͤber mich, als eine Perſon, die zwiſchen Mann und Weib Uneinigkeiten ſtiftete. Er ſelbſt waͤre des Ta - ges zuvor, Mittwoch. den 14ten, zu Hampſtead geweſen, und haͤtte ſich geruͤhmet, wie gluͤcklich er mit Jhnen waͤre, auch Frau Moore, Frau Bevis und Jungfer Rawlins eingeladen, nach London zu kommen und ſeine Gemahlinn zu be - ſuchen; welches ſie verſprochen haͤtten. Er haͤt - te verſichert, daß Sie mit Jhrer vorigen Woh - nung vollkommen wieder vergnuͤgt waͤren. End - lich haͤtten noch die Weibsperſonen zu Hamp - ſtead der Frau Townſend erzaͤhlet, daß er ihre Zimmer gar wohl bezahlet haͤtte .

Jch geſtehe Jhnen, werthe Freundinn, ich wunderte mich ſo ſehr, und war ſo misvergnuͤgt uͤber dieſen widrigen Anſchein gegen eine Auffuͤh - rung, wider die bis dahin nichts einzuwenden ge -weſen,153weſen, daß ich mir vornahm, mich ſo gut, als ich koͤnnte, zu beruhigen, und zu warten, bis Sie es fuͤr dienlich finden wuͤrden, an mich zu ſchreiben. Allein ich konnte meine Ungedult nur auf wenige Tage im Zaum halten: und den 20ten Jun. ſchrieb ich einen harten Brief an Sie; den Sie, wie ich finde, nicht bekommen haben.

Was fuͤr ein ungluͤckliches Schickſal, liebſte Freundinn, hat ſich, von dem erſten Anfange an bis auf dieſe Stunde, in Jhrer Begebenheit ge - zeiget! Haͤtte meine Mutter erlaubet

Jedoch kann ich dieſe tadeln: da Jhr Va - ter und Jhre Mutter am Leben ſind, die ſo viel zu verantworten haben? So viel! als kein Vater und keine Mutter, in Betrachtung des Kindes, das ſie getrieben, verfolget, bloßge - ſtellet, aufgegeben haben jemals zu verant - worten gehabt!

Noch einmal muß ich den verruchten Boͤſe - wicht verfluchen Wiewohl, ich habe es ſchon vorher geſagt, alle Worte ſind zu wenig und rei - chen nicht ſo weit, als es noͤthig waͤre!

Sehen wir aber nicht an den erſchrecklichen Meineiden und Betruͤgereyen dieſes Menſchen, was liederliche Leute und Liebhaber der ſo genann - ten freyen Lebensart zu thun geneigt ſind, wenn ſie ein junges Frauenzimmer in ihre Gewalt be - kommen? Es iſt wahrſcheinlich, daß er die un - leidliche Vermeſſenheit haben mochte, einen leich - tern Sieg zu hoffen. Allein da Jhre Wach - ſamkeit und erhabne Tugend, die ihres gleichenK 5nicht154nicht haben, verurſacheten, daß Traͤnke, Noth - zwang, und die aͤußerſten Gewaltthaͤtigkeiten zur Erreichung ſeines abſcheulichen Zwecks noͤthig waren: ſo ſehen wir, daß er ſich niemals ein Be - denken daruͤber machte. Jch zweifle gar nicht, daß eben dieſe oder eine gleiche Bosheit von Leu - ten dieſer ſchaͤndlichen Art oͤfterer wuͤrde ausgeuͤ - bet werden, wenn die Thorheit und Leichtglaͤubig - keit der elenden und unvorſichtigen Perſonen, die ſich ſelbſt in ihre Haͤnde werfen, ihnen nicht einen leichtern Sieg zuwege braͤchte.

Mit wie großem Vergnuͤgen muͤſſen diejeni - gen Eltern, welche ihre Toͤchter durch die Ver - maͤhlung mit einem tugendhaften Mann gluͤcklich berathen haben, dieſe Dinge uͤberlegen! Und wie gluͤcklich ſind die jungen Weibsperſonen, die ſich ſelbſt unter einem anſtaͤndigen Schutz ſicher befinden! Konnte eine ſolche Perſon, als Fraͤu - lein Clariſſa Harlowe, nicht entgehen: wer kann wohl ſicher ſeyn? Denn ob gleich ein jeder liederlicher Kerl nicht ein Lovelace iſt: ſo iſt doch auch nicht ein jedes Frauenzimmer eine Cla - riſſa; und ſeine Unternehmungen ſind nur mit Jhrem Widerſtande und Jhrer Wachſamkeit in gleichem Verhaͤltniſſe geweſen.

Meine Mutter hat mir befohlen, Jhnen ih - re Gedanken uͤberhaupt von Jhrer traurigen Ge - ſchichte zu eroͤffnen. Jch will es in einem andern Briefe thun, und denſelben nebſt dieſem durch einen eignen Bothen an Sie ſchicken.

Kuͤnftig155

Kuͤnftig aber, wenn Sie es genehm halten, will ich meine Briefe durch die gewoͤhnliche Hand, durch Collins, ſenden, daß ſie im Sara - cenen-Kopfe auf dem Schneehuͤgel abgegeben werden: und dahin koͤnnen Sie auch die ihrigen ſchicken; wie wir ſie ſonſt beyde in Wilſons Haus zu ſenden pflegten. Jch nehme diejenigen aus, welche wir durch die Poſt abzulaſſen fuͤr gut be - finden werden, und bin beſorgt, daß dieſe, nach meinem naͤchſtkuͤnftigen, wieder an Herr Hick - mann, wie zuvor, gerichtet werden muͤſſen. Denn meine Mutter ſetzet unſerm Briefwechſel eine ſol - che Bedingung, welche Sie vermuthlich nicht zu erfuͤllen geneigt ſeyn werden, ob ich es gleich wuͤn - ſchen moͤchte. Jch werde Jhnen dieſe Bedin - gung bald melden.

Unterdeſſen bitte ich wegen aller Haͤrte in mei - nem letzten Schreiben um Entſchuldigung, und erſuche Sie, meine Wertheſte, zu glauben, ich ſey

Jhre wahrhaftig gleich geſinnte, und unveraͤnderliche Freundinn, Anna Howe.

Der156

Der vier und zwanzigſte Brief von Fraͤulein Howe an Fraͤulein Clariſſa Harlowe.

Jch nehme nun meine Feder wieder, theureſte Freundinn, damit ich meiner Mutter ge - horche und Jhnen ihre Meynung uͤber Jhre un - gluͤckliche Geſchichte entdecke.

Sie redet beſtaͤndig aus dem alten Tone, und will behaupten, daß alle Jhre Ungluͤcksfaͤlle von dem erſten verderblichen Schritte herruͤhren, den Sie gethan haben. Denn ſie glaubt; ich kann es aber nicht glauben; daß Jhre Verwand - ten willens geweſen waͤren, nach noch einem ge - meinſchaftlichen Verſuch, Jhrer Abneigung nach - zugeben, wenn ſie dieſelbe ſo feſtgegruͤndet gefun - den haͤtten, als man, erlauben Sie mir es zu ſa - gen, durch eine thoͤrichte Vermuthung, nach ſo vielen, laͤcherlicherweiſe wiederholten Verſu - chen, ſie nicht zu finden dachte.

Jn Anſehung deſſen, was ſie von dem ſchaͤnd - lichen Freygeiſte zuletzt gelitten haben, bleibt ſie unveraͤnderlich der Meynung, daß, wo ſich alles, in Abſicht auf die Traͤnke und die Gewaltthaͤtig - keiten, die Sie ausgeſtanden haben, ſo verhaͤlt, wie Sie berichtet haben; woran dieſelbe nicht zweifelt; Sie vor allen Dingen eine gerichtlicheKlage157Klage wider ihn und ſeine teufliſche Mitgenoſſen anſtellen muͤſſen.

Sie fragt, welche Moͤrder, welche Raͤuber wohl wuͤrden vor Gericht gebracht werden: wenn ein jeder die Schamhaftigkeit vorwenden woll - te, und das zugelaſſen wuͤrde, damit er nicht vor Gericht erſcheinen duͤrfte, jemand daſelbſt zu ver - folgen.

Das Wohl der Geſellſchaft erfordere, ſagt ſie, daß ſolch ein Raubvieh daraus gejaget werde. Wo Sie ihn nicht verfolgen: ſo werden Sie, nach ihren Gedanken, alles Ungluͤck zu verantworten haben, was er in dem Fortgange ſeines ſchaͤndli - chen Lebens noch thun mag.

Wird man wohl denken, Annchen, ſagte ſie, daß es der Fraͤulein Harlowe ein Ernſt ſey, wenn ſie ſpricht, Sie trage keine Sorge, ihre Schande vor der Welt verborgen zu halten, wo Sie ſich fuͤrchtet oder ſchaͤmet, vor Gericht zu erſcheinen, und dadurch ſich und ihrem Geſchlechte Gerech - rechtigkeit wider ihn zu verſchaffen? Wird man nicht vielmehr auf den Verdacht gerathen, daß Sie beſorgt ſeyn moͤge, es werde ſich bey der Un - terſuchung der wunderlichen Sache einige Schwachheit oder heimliche Liebe zeigen? Wo eine ſo mannichfaltig verwickelte Bosheit, ſchloß ſie, als dieſe iſt, ungeſtraft hingehen ſoll; eine Bosheit, wobey Meineid, Miſchung ſchaͤdlicher Traͤnke, Unterſchiebung erdichteter Briefe, Auf - ſtellung falſcher Perſonen, alle zuſammenkom - men, eine unſchuldige Perſon ungluͤcklich zu ma -chen158chen und eine anſehnliche Familie zu entehren; eine Bosheit, wobey dieſe Laſter ſelbſt, wie man vermuthen mag, Beweisthuͤmer ihrer Unſchuld ſind: was fuͤr ein Fall wird denn wohl verdie - nen, vor Gericht gebracht zu werden; oder wel - cher Ubelthaͤter ſoll an den Galgen kommen?

Hiernaͤchſt meynt ſie, und ich bin eben der Meynung, daß vor allen Dingen die ſchaͤndlichen Creaturen, welche an ſeiner Bosheit Theil haben, zu verdienter Strafe gezogen werden ſollen; wie geſchehen muß und geſchehen wird, wenn man ihn zu ſeinem Verhoͤr bringet: und dieß kann ein Mittel ſeyn ein ganzes Otternneſt zu zerſtoͤren und auszurotten, und viele unſchuldige Seelen zu retten.

Sie fuͤgte hinzu, wo es der Fraͤulein Clariſſa Harlowe um ihrer ſelbſt willen ſo gleichguͤltig ſeyn koͤnnte, ob an einem ſolchen Boͤſewicht dieſe oͤffentliche Gerechtigkeit ausgeuͤbet wuͤrde, oder nicht: ſo waͤre Sie ſchuldig, in Betrachtung Jh - rer Familie, Jhrer Bekannten und Jhres Ge - ſchlechts, die alle durch ſeine Schandthaten gegen Sie beleidigt und geaͤrgert waͤren, ihre Zweifel zu uͤberwinden.

Waͤre ſie Jhre Mutter, erklaͤrt ſie ſich; ſo wuͤrde ſie ihres Theils Jhnen unter keinen andern Bedingungen vergeben: und wo Sie ſich dieſel - ben gefallen laſſen, will ſie es ſelbſt uͤber ſich neh - men, Sie mit Jhrer Familie wieder auszu - ſoͤhnen.

Dieß,159

Dieß, werthe Freundinn, ſind meiner Mut - ter Gedanken von Jhrer betruͤbten Geſchichte.

Jch muß geſtehen, ſie ſind gegruͤndet und gerecht. Meiner Meynung nach wuͤrde es den Geſetzen gar wohl gemaͤß ſeyn, ein ſchimpflich be - leidigtes Frauenzimmer anzuhalten, daß ſie die Mannsperſon vor Gericht verfolgete, und die Verfuͤhrung, wobey ſich ſeine vorſetzliche Bos - heit und kein Fehler in ihrem Willen zeigte, an ſeiner Seite des Todes wuͤrdig erklaͤren ließe.

Zu dem Ende iſt die Gewohnheit auf der Jn - ſel Man ſehr gut

Wenn daſelbſt eine ledige Weibsperſon ei - nen ledigen Kerl wegen einer gewaltſamen Ent - ehrung belanget: ſo ernennen die geiſtlichen Richter einen Geſchwornen. Findet dieſer Ge - ſchworne ihn ſchuldig: ſo wird er als ſchuldig den weltlichen Gerichten wieder uͤberliefert. Hier uͤberreicht der Richter, wofern er uͤberwie - ſen wird, der Weibsperſon einen Strick, ein Schwerdt und einen Ring: und ſie hat die freye Wahl, ob er gehangen, enthauptet oder mit ihr getrauet werden ſoll .

Eines von den beyden erſten ſollte ſie, mei - nen Gedanken nach, allemal waͤhlen.

Mich verlangt ſehr, die Umſtaͤnde von Jh - rer Geſchichte vollſtaͤndig zu erfahren. Sie muͤſ - ſen bey einem ſo geſchaͤfftigen Gemuͤthe, als Sie beſitzen, mehr als zu viele Zeit uͤbrig haben: wo Sie ſich nur leidlich befinden und einigermaßen munter ſeyn koͤnnen.

Die160

Die Bosheit des aͤrgſten Kerls auf der Welt und die Tugend des vortrefflichſten Frauenzim - mers auf Erden, vermuthe ich, wuͤrde in dieſer Erzaͤhlung durch ausnehmende Beyſpiele vorge - ſtellt werden: wenn ſie auf die zuſammenhangen - de und beſondere Art, wie Sie zu ſchreiben pfleg - ten, aufgeſchrieben wuͤrde.

Verſuchen Sie es, liebſte Freundinn: und da Sie das Beyſpiel nicht ohne die Warnung geben koͤnnen; ſo geben Sie beydes, zum Be - ſten aller derer, die von Jhrem ungluͤcklichen Schickſal hoͤren werden. Fangen Sie von Jh - rem Schreiben vom 5ten Jun. an, zu welcher Zeit eine nicht unangenehme Ausſicht in die Zu - kunft vor Jhnen war. Jch bedaure Sie wegen der Arbeit: kann Sie aber derſelben nicht willig uͤberheben.

Meine Mutter verlangt, ich ſoll noch beyfuͤ - gen, daß ſie auf die gerichtliche Ausfuͤhrung Jh - rer Sache beſtehen muͤſſe. Sie wiederholt es, daß ſie dieß zu einer Bedingung ſetze, unter wel - cher ſie unſern kuͤnftigen Briefwechſel erlaubet. Melden Sie mir alſo Jhre Gedanken daruͤber. Jch fragte ſie, ob ſie zulaſſen wollte, daß ich vor Gericht erſcheinen moͤchte, Sie zu unterſtuͤtzen, wenn Sie ſich gefaͤllig erklaͤrten? Allerdings, war ihre Antwort, wenn das Sie bewegen koͤnn - te, mit ihm und den ſcheuslichen Weibsleuten an - zubinden. Jch denke, ich koͤnnte zu Jhnen kom -men;161men; ich bin verſichert, ich koͤnnte es: wenn nur eine Wahrſcheinlichkeit vorhanden waͤre, dem Un - geheuer ſein verdientes Ende zu verſchaffen.

Noch einmal: ertheilen Sie mir Jhre Ge - danken daruͤber; und ſetzen den Fall, daß es mit Genehmhaltung Jhrer Anverwandten geſchehen ſollte.

Sie moͤgen ſich aber in dieſem Stuͤcke ent - ſchließen, wozu Sie wollen: ſo werde ich beſtaͤn - dig beten, daß Gott Jhnen Gedult verleihe, Jhr ſchweres Leiden zu ertragen, wie eine Perſon thun muß, die ſich daſſelbe nicht durch einen ſtrafbaren Willen zugezogen hat; daß er Jhrem verwunde - ten Gemuͤthe Friede und Troſt zuſpreche, und Jhnen viele begluͤckte Tage ſchenke.

Jch bin, und werde allezeit ſeyn,

Jhre ergebene und getreue Anna Howe.

Die beyden vorhergehenden Briefe wur - den durch einen eignen Bothen abge - ſchickt: und in dem Umſchlage waren noch die folgenden Zeilen geſchrieben.

Montags, den 10ten Jul.

Jch kann den Einſchluß nicht ohne Begleitung von einigen Zeilen abgehen laſſen, um Jhnen, wertheſte Freundinn, anzuzeigen, daß beyde Brie - fe in einigen Stellen nicht ſo zaͤrtlich ſind, als ich wuͤrde geſchrieben haben, wenn ſie nicht vor mei - ner Mutter die Muſterung haͤtten leiden muͤſſen. Sechſter Theil. LDie162Die Haupturſache aber, warum ich ſo beſonders ſchreibe, iſt dieſe, daß ich Sie um Erlaubniß bit - te, Jhnen Geld, Kleider und Waͤſche, welches Sie nothwendig brauchen muͤſſen, zu ſenden, und dabey erſuche, mich wiſſen zu laſſen, ob entweder ich, oder ſonſt jemand, bey dem ich etwas gelten mag, Jhnen dienen kann. Jch bin aus - nehmend beſorgt, daß Sie da, wo Sie ſich auf - halten, noch nicht genug vor ſeinen Haͤnden geſi - chert ſind. Gleichwohl iſt London, wie ich ver - ſichert bin, vor allen andern der Ort, wo man geheim bleiben kann.

Jch moͤchte mir vor Verdruß die Haare aus - raufen, daß ich es nicht in meiner Gewalt habe, Jhnen perſoͤhnlichen Schutz zu ertheilen! Jch bin

Jhre ewig ergebene Anna Howe.

Der fuͤnf und zwanzigſte Brief von Fraͤulein Clariſſa Harlowe an Fraͤulein Howe.

Jch laſſe mir den Weg gefallen, allerliebſte Freundinn, den Sie vorſchreiben, unſere Briefe zu uͤbermachen; und habe es ſchon mit dem Waͤrter in dem Wirthshauſe verabredenlaſſen,163laſſen, daß er mir die ihrigen den Augenblick uͤberbringe, wenn Collins mit denſelben ankommt: da es hinwiederum dem Hausknecht hier, wo ich bin, erlaubt ſeyn wird, die meinigen fuͤr Sie zu Collins zu tragen.

Weil Sie ſo inſtaͤndig alle Umſtaͤnde meiner traurigen Geſchichte zu wiſſen verlangen: ſo will ich Jhnen, wo mir Leben und Kraft verliehen wird, von allem, was mich ſeit der Zeit, wel - che Sie benennen, betroffen hat, eine weitlaͤuf - tige Nachricht aufſetzen. Aber es iſt ſehr wahr - ſcheinlich, daß Sie dieſelbe nicht eher ſehen wer - den, als bis mein letzter Auftritt in der Welt ge - endiget iſt. Da ich dieſen, indem ich ſchreibe, beſtaͤndig vor Augen haben werde: ſo wird es nicht noͤthig ſeyn, daß ſonſt jemand fuͤr die Wahrhaftigkeit der Perſon, welche die Feder fuͤhret, Gewaͤhr leiſte.

Es iſt ferne von mir, daß ich mich vor wei - terer Gewaltthaͤtigkeit dieſes Kerls geſichert hal - ten ſollte. Aber was kann ich thun! Wohin kann ich fliehen? Vielleicht mag der ſchlechte Zuſtand meiner Geſundheit, welcher nothwen - dig immer aͤrger werden muß, wie die Erinne - rung und Betrachtung der vergangenen Uebel mir von Zeit zu Zeit ſchwerer zuſetzet, mein Schutz ſeyn. Jch dachte freylich einmal, weit von hier zu gehen; und wenn ich noch viele Jahre vor mir ſaͤhe, wuͤrde ich es wirklich thun aber, wertheſte Freundinn, der toͤdtliche Streich iſt mir ſchon verſetzet. Sie habenL 2auch164auch nicht Urſache, nach den Umſtaͤnden, wor - unter ich itzo bin, daruͤber bekuͤmmert zu ſeyn. Was fuͤr ein Herz muͤßte ich haben: wenn es nicht gebrochen ſeyn ſollte! Und, in Wahr - heit, meine liebſte, meine beſte, ich haͤtte bey - nahe geſagt, meine einzige Freundinn, ich tra - ge ein ſo ſehnliches Verlangen nach meinem letz - ten und beſchließenden Auftritte, und ſehe meine Abnahme mit ſo vielem Vergnuͤgen an, daß ich ſo gar bisweilen undankbarlich uͤber die von Na - tur geſunde Leibesbeſchaffenheit, welche die Em - pfindung alles erlangten Vergnuͤgens bey mir zu verdoppeln pflegte, misvergnuͤgt bin.

Was die mir ernſtlich empfohlne Ausfuͤh - rung meiner Sache vor Gericht anlanget: ſo kann ich dieſelbe vielleicht nach dieſem weitlaͤuftiger be - ruͤhren; wo ich jemals mehr Kraͤfte und Mun - terkeit haben werde. Denn gegenwaͤrtig ſind ſie ſehr niedergeſchlagen und ſchwach. Nur das will ich itzo ſagen, daß ich eher alles Uebel, ausgenommen die Wiederhohlung meines groͤßten Ungluͤcks, erdulden wollte, als oͤffentlich vor Gericht erſcheinen, mir Gerechtigkeit zu ver - ſchaffen(*)D. Lewin ſuchet fie, wie man in dem folgenden ſehen wird, zu dieſer oͤffentlichen Belangung ih - res Beleidigers, durch ſolche Gruͤnde, die ſeinem Character gemaͤß ſind, zu bereden: und ſie be - antwortet dieſelben auf eine dem ihrigen gemaͤße Art. Jch bedaure von Herzen, daß Jh - re Mutter eine ſolche Regel, als die Bedingung unſers kuͤnftigen Briefwechſels vorſchreibet. Denn165Denn Jhre fernere Freundſchaft, meine Wer - theſte, und das Verlangen, welches ich hatte, bis an das Ende meines Lebens Briefe mit Jh - nen zu wechſeln, waren alle Hoffnung und aller Troſt, den ich fuͤr mich uͤbrig ſahe. Jnzwi - ſchen, da dieſe Freundſchaft in der Gewalt des Herzens, nicht der Hand allein, ſtehet, hoffe ich, dieſelbe nicht zu verlieren.

O! meine Allerliebſte! was fuͤr ein ſchweres Gewicht hat eines Vaters Fluch! Sie koͤn - nen es ſich nimmermehr einbilden Jedoch ich will gegen Sie hievon nichts gedenken; da Jhnen meine Angehoͤrigen niemals gefallen ha - ben. Eine Ausſoͤhnung mit denſelben iſt nicht zu hoffen!

Jch habe einen Brief an Jungfer Rawlins, zu Hampſtead, geſchrieben. Die Antwort darauf, welche ich eben itzo bekommen habe, hat mir ge - holfen, daß ich hinter die ſchaͤndliche Erfindung gekommen bin, wodurch dieſer gottloſe Kerl Jh - ren Brief vom 10ten Jun. aufzufangen gewußt. Jch will Jhnen den Jnhalt von beyden mit - theilen.

Jn meiner Zuſchrift an ſie melde ich ihr was mich durch die Bosheit der Weibsleute, welche bey mir fuͤr die Tante und Baſe des gottloſeſten Menſchen ausgegeben waren, betrof - fen habe, und bekenne, daß ich niemals mit ihm verheyrathet worden. Jch erſuche ſie, ge - naue Nachfrage zu thun, und mich wiſſen zu laſſen, wer es in Frau Moorens Hauſe gewe -L 3ſen166 ſen waͤre, der am Sonntage, Nachmittags, den 11ten Jun. unter der Zeit, da ich in der Kirche war; einen Brief von der Fraͤulein Ho - we, mit dem Vorgeben daß ich es ſelbſt waͤre, angenommen, und dabey auf einem Ruhebette gelegen haͤtte. Jch bezeuge ihr, daß eben der Brief mich von dem Verderben gerettet ha - ben wuͤrde, wenn er mir zu Haͤnden gekommen waͤre. Jch entſchuldige mich mit der Raſerey, worein mich das unmenſchliche Verfahren gegen mich geſtuͤrzet hatte, und mit der eben ſo un - menſchlichen und widerrechtlichen Einſperrung, daß ich mich nicht ſchon eher an Frau Moore gewandt, und die Rechnung von dem, was ich ihr ſchuldig waͤre, verlanget haͤtte: wie ich ſie mir nun ausbaͤte. Endlich bitte ich, ihre Ant - wort, aus Beyſorge, ich moͤchte ſonſt von Herrn Lovelace aufgeſpuͤret werden, an Frau Maria Akkins zu richten, ſo, daß ſie in dem Wirths - hauſe zur ſchoͤnen Wilden auf Ludgate-Hill ab - gegeben und aufbehalten werde, bis man ſie ab - fordert.

Jn ihrer Antwort berichtet ſie, der ehrloſe Kerl haͤtte Frau Bevis gewonnen, m eine Per - ſon vorzuſtellen Ein ploͤtzlicher Einfall von ihm, wie es ſcheint, als Jhr Bothe ſich ſehen ließ Sie waͤre beredet, ſich auf ein Ruhebette zu legen, ein Schnupftuch uͤber den Hals und das Geſicht zu ziehen, und vor - zugeben, daß ſie ſich nicht wohl befaͤnde. Die falſchen Vorſtellungen von den uͤbeln Dienſtenmeiner167 meiner liebſten Freundinn, zwiſchen einem Manne und ſeiner Frauen eine Uneinigkeit zu unterhalten, haͤtten ſie verleitet. und ſo haͤt - te ſie, als wenn ich es ſelbſt waͤre, den Brief von Jhrem Bothen angenommen.

Jungfer Rawlins giebt ſich Muͤhe, Frau Be - vis in ihrer Abſicht zu entſchuldigen. Sie bezeuget ihre Beſtuͤrzung und ihr Beyleid wegen desjeni - gen, was ich ihr eroͤffne: aber freuet ſich gleich - wohl, ſo wie ſie alle, daß ſie noch zu rechter Zeit die ſchaͤndliche Gemuͤthsart des niedertraͤchtigen Menſchen erfahren haͤtten; indem die beyden Witwen, und ſie ſelbſt, auf ſeine ernſtliche Ein - ladung; willens geweſen waͤren, mich in Frau Sinclairn Hauſe zu beſuchen; in der Meynung, daß alles zwiſchen ihm und mir, wie er ſie ver - ſichert haͤtte, in gluͤcklichem Stande waͤre. Herr Lovelace, meldet ſie mir, haͤtte Frau Moo - ren ganz wohl befriediget. Sie beſchließet mit dem Wunſch, einer Nachricht von den eigentli - chen Umſtaͤnden einer ſo außerordentlichen Bege - benheit gewuͤrdiget zu werden, da dieſelben dien - lich ſeyn moͤgen, ihr zu zeigen, was fuͤr gottloſe Creaturen, unter Weibsleuten ſo wohl als un - ter Mannsperſonen, in der Welt ſind.

Jch danke Jhnen fuͤr die Entwuͤrfe von ih - ren zween Briefen, die von dieſem abſcheulichen Kerl aufgefangen ſind. Jch ſehe, wie großen Vortheil er, in der Vollfuͤhrung ſeiner ehrloſen Anſchlaͤge gegen die elende Perſon, die er ſo lan -L 4ge168ge zu einem Spiel ſeiner verdammten Erfindun - gen gemacht hat, davon gezogen habe.

Jch muß es noch einmal ſagen, ich bin des Lebens ganz uͤberdruͤßig; und einer Erde muͤde, auf welcher unſchuldige und gutwillige Ge - muͤther gewiß als Fremdlinge anzuſehen ſind, und von den aͤchten Soͤhnen und Toͤchtern der Erde allen Jammer leiden muͤſſen.

Wie ungluͤcklich, daß dieſe Briefe allein, welche mir ſeine ſcheusliche Abſichten haͤtten ent - decken, und mich gegen dieſelben, und gegen die Bosheit der ehrloſen Weibsleute, haͤtten bewaff - nen koͤnnen, in ſeine Haͤnde fallen ſollten! Noch ungluͤcklicher, daß ſelbſt meine Flucht nach Hampſtead ihm die Gelegenheit geben mußte, ſie zu bekommen!

Nichts deſto weniger kann ich nicht anders, als mich wundern, wie es dem Tomlinſon moͤg - lich geweſen, das zu erfahren, was zwiſchen Herrn Hickmann und meinem Onkel Harlowe vorgegangen war(*)Man ſehe die Anmerkung unter dem XXII. Briefe.: ein Umſtand, der dem niedertraͤchtigen Betruͤger den meiſten Glauben bey mir verſchaffete.

Wie der gottloſe Kerl ſelbſt mich zu Hamp - ſtead hat auffinden koͤnnen, muß ebenfalls fuͤr mich ganz und gar ein Geheimniß bleiben. Er mag ſich mit ſeinen Raͤnken ruͤhmen Er, der mehr Bosheit, als Witz hat, mag ſich mit ſei -nen169nen Raͤnken ruͤhmen! Aber, bey dem allen, werde ich, wie ich mich in Demuth zu hoffen unterfange, gluͤckſelig ſeyn, wenn er, elender Menſch Ach! wer kann ſagen was ſeyn wird.

Leben Sie wohl, meine theureſte Freun - dinn! Jch wuͤnſche, daß Sie gluͤcklich ſeyn moͤgen! Alsdenn kann Jhre Clariſſa Harlo - we nicht gaͤnzlich elend ſeyn!

Der ſechs und zwanzigſte Brief von Fraͤulein Howe an Fraͤulein Clariſſa Harlowe.

Jch ſchreibe, meine Allerliebſte, ich kann nicht anders, als ſchreiben, um meinen Kum - mer uͤber Jhre Kleinmuͤthigkeit zu bezeugen. Erlauben Sie mir zu bitten, reizender Ausbund aller Vorzuͤge, erlauben Sie mir zu bitten, daß Sie derſelben nicht freyen Lauf laſſen.

Troͤſten Sie ſich im Gegentheil, ſelbſt, in dem ſiegreichen Gepraͤnge einer unbefleckten Tu - gend, eines ganz unſtraͤflichen Willens. Wer haͤtte die Verſuchungen aushalten koͤnnen, die Sie uͤberſtiegen haben? Jhr Vetter Mor - den wird bald anlangen. Er wird ſchon zuſehen,L 5daran170daran zweifle ich gar nicht, daß Jhnen, ſo wohl fuͤr Jhre Perſon, als in Anſehung Jhres Guts, Gerechtigkeit widerfahre. Sie koͤnnen noch vie - le begluͤckte Tage erleben, und noch viel Gutes thun: wenn Sie nur unvermeidliche Zufaͤlle nicht bis zu einer ſuͤndlichen Kleinmuͤthigkeit erhoͤhen wollen.

Wozu, meine Wertheſte, dauret noch dieſe nagende Sorge um eine Ausſoͤhnung mit Ver - wandten, die eben ſo nichtswuͤrdig als unver - ſoͤhnlich ſind, die ihren Willen von einem nach allem greifenden Bruder lenken laſſen, welcher ſeine Rechnung dabey findet, daß er den Riß of - fen erhaͤlt? Jch ſehe nun augenſcheinlich, daß der ſchaͤndlichſte Kerl alle ſeine Anſchlaͤge auf dieſe uͤbertriebene Sorge gebauet habe. Er hat ge - merket, daß Sie mehr, als jemals Grund zu hoffen war; nach der Ausſoͤhnung lechzeten. Die Abſicht, die Hoffnung, geſtehe ich, iſt ausneh - mend reizungsvoll: waͤren Jhre Angehoͤrigen nur Chriſten, oder auch nur Heiden mit menſch - lichen Herzen geweſen.

Jch werde dieſen kurzen Brief; denn ich bin genoͤthigt ihn kurz zu machen; durch den jungen Rogers, wie wir ihn nennen, abſenden. Es iſt eben der, den ich zu Jhnen nach Hampſtead ſchickte: ein unſchuldiger Bauer; ob er ſich gleich gern in fremde Sachen menget. Haben Sie die Guͤte, ihn vor ſich zu laſſen: damit er mir er - zaͤhlen koͤnne, wie Sie ausſehen, und wie Sie ſich befinden.

Herr171

Herr Hickmann ſollte Jhnen aufwarten: al - lein ich beſorge, daß alle ſeine Bewegungen, und auch meine eigne, von dem verfluchten Boͤſe - wicht bewachet werden; wie ich in der That deſ - ſelben Bewegungen von einem meiner Unterhaͤnd - ler bewachen laſſe. Denn ich geſtehe, ich fuͤrch - te mich, da ich nunmehr weiß, daß er meine heftigen Briefe gegen ihn aufgefangen hat, ſo ſehr vor ſeinen Raͤnken und vor ſeiner Rache, daß er mir ſo wohl in allen Traͤumen vorkommt, als beym Wachen die Urſache aller meiner Furcht iſt.

Meine Mutter hat mir eben, auf mein ernſt - liches und kuͤhnes Anhalten, die Erlaubniß ge - geben, an Sie zu ſchreiben und Jhre Briefe anzunehmen. Aber ſie hat die Erlaubniß an dieſe Bedingung gebunden, daß Jhre Briefe unter einem Umſchlag an Herr Hickmann gehen muͤſſen; vermuthlich mit einer Abſicht, ihn bey mir geltend zu machen: und an dieſe fernere Be - dingung, daß ſie alles ſehen ſoll, was wir ſchrei - ben Wenn die Maͤgdchen , hat ſie gegen jemand geſagt, der es mir wieder erzaͤhlet hat, ſich etwas in den Kopf geſetzet haben: ſo iſt es beſſer fuͤr eine Mutter, wo moͤglich, ſelbſt von ihrer Partey zu ſeyn, als ſich ihnen zu widerſe - tzen; indem alsdenn Hoffnung ſeyn wird, daß ſie noch den Zaum in ihren eignen Haͤnden be - halten werde .

Haben Sie die Gewogenheit, mir zu mel - den, was es fuͤr Leute ſind, bey denen Sie woh -nen172nen. Soll ich Frau Townſend ſchicken, Jh - nen entweder ſichrere oder fuͤr Sie bequemerere Wohnungen anzuweiſen?

Seyn Sie ſo gut, und ſchreiben durch Ro - gers. Er wird um Jhre Antwort bey Jhnen zu der Jhnen beliebigen Zeit anfragen.

Leben Sie wohl, meine liebſte Freundinn. Troͤſten Sie ſich ſelbſt, wie Sie in dergleichen ungluͤcklichen Umſtaͤnden troͤſten wuͤrden

Jhre eigne Anna Howe.

Der ſieben und zwanzigſte Brief. von Fraͤulein Clariſſa Harlowe an Fraͤulein Howe.

Jch bin ausnehmend bekuͤmmert, meine liebe Fraͤulein Howe, daß ich die Haupturſache zu der Furcht bin, die Sie vor den rachgierigen Unternehmungen dieſes gottloſen Kerls haben. O! wie weit breitet ſich mein Verſehen aus!

Wo ich finde, daß er den geringſten Anſchlag gegen Sie, oder Herrn Hickmann, auf die Bahn bringet: ſo, verſichere ich Sie, will ich mich er - klaͤren, ihn vor Gericht zu verfolgen; wenn ichauch173auch gewiß wuͤßte, daß ich das erſte mal, da ich vor dem Richterſtuhl, vor welchen er gefordert ſeyn moͤchte, erſcheinen wuͤrde, nicht uͤberleben ſollte.

Jch geſtehe, daß die Gruͤnde ihrer Mutter wegen dieſer Sache ihre Richtigkeit haben: aber ich muß auch ſagen, daß, nach meinen Gedan - ken, in meiner beſondern Begebenheit Umſtaͤnde vorkommen, die mich entſchuldigen werden, wenn ich, auf eine jede geringere Veranlaſſung, als die oben beruͤhrte, nicht geneigt ſeyn ſollte, ge - gen ihn zu erſcheinen. Jch habe ſchon gemeldet, daß ich mich hieruͤber vielleicht einmal genauer erklaͤren kann.

Jhr Bothe hat mich nun wirklich geſehen. Jch habe mit ihm von dem Betrug, der ihm zu Hampſtead geſpielet worden, geredet. Es iſt mir leid, daß ich Urſache habe, zu ſagen, daß, wenn der arme junge Kerl nicht ſehr einfaͤltig und ſehr klugduͤnkend geweſen waͤre, er nicht ſo groͤblich hinters Licht gefuͤhret ſeyn wuͤrde. Frau Bevis hat eben die Vertheidigung fuͤr ſich. Ein gutartiges, gedankenloſes Weib, das nicht gewohnt iſt mit einem ſo ehrloſen und doch ſo ſcheinbaren Betruͤger umzugehen, der ſich dieſe beyden einfaͤltigen Leute zu Nutze gemacht hat.

Jch denke, ich kann nicht geheimer ſeyn, als wo ich bin. Jch hoffe ach ſicher zu ſeyn. Alle Gefahr, die ich laufe, iſt, wenn ich fruͤhe in die Bethſtunde gehe und wieder herauskomme. Das habe ich zwey oder dreymal gewaget: einmal inder174der Kapelle bey Lincolns-Jnn, um eilfe; einmal zu St. Dunſtans in der Fleet-Street, um ſie - ben des Morgens, jedesmal in einer Saͤnfte; und zweymal fruͤhe um ſechſe in der Kirche hier in der Nachbarſchaft im Covent-Garden. Die gottloſen Weibsbilder, von denen ich entflohen bin, werden nicht in die Kirche kommen, wie ich hoffe, nach mir zu ſehen; ſonderlich bey ſo fruͤhen Bethſtunden: und ich habe mir in der letzten Kirche den geheimſten Stuhl ausgeſuchet, mich darinn zu verbergen. Vielleicht mache ich auch wenig Anſehen in einem alltaͤglichen Rock; als wenn ich verkleidet waͤre: da uͤber dieß mein Geſicht halb von meiner Kappe bedeckt wird. Jch bekuͤmmere mich nun ſehr wenig darum, mei - ne Wertheſte, wie ich ausſehe. Sauber und rein iſt alles, was ich ſuche.

Der Name des Mannes in deſſen Hauſe ich wohne, iſt Smith Er iſt ein Handſchuh - macher und Handſchuhkraͤmer. Seine Frau haͤlt den Laden, und handelt auch mit Struͤm - pfen, Baͤndern, Schnupftaback und Raͤuch - werk: eine ehrbare Frau, aufrichtig und klug. Der Mann iſt ehrlich und fleißig. Beyde leben in einem guten Vernehmen mit einander. Ein Beweis bey mir, daß ihre Herzen rechter Art ſind! Denn wo ein paar Eheleute uͤbel mit ein - ander leben, da iſt es ein Zeichen, wie ich denke, daß ein jedes etwas unrechtes von dem andern weiß, entweder in Anſehung der Gemuͤthsart, oder der ſittlichen Grundſaͤtze, weswegen ſie derWelt,175Welt, wenn es ihr ſo gut, als ihnen ſelbſt, be - kannt waͤre, eben ſo wenig gefallen wuͤrden, als dergleichen Leute einander gefallen. Gluͤcklich iſt der Eheſtand, wo weder Mann noch Weib dem andern Theil irgend etwas Boͤſes, das von ei - nem freyen Willen oder von einem Vorſatz ab - hinge, uͤberhaupt in der Auffuͤhrung vorzuwer - fen hat! Denn ſelbſt diejenigen Perſonen, welche boͤſe Herzen haben, werden fuͤr Leute von guten Herzen Ehrerbietung hegen.

Zwey ſaubere Zimmer, mit nicht außeror - dentlichem, aber reinem Aufputze, in dem erſten Stockwerk, gehoͤren mir. Das eine davon nen - nen ſie den Speiſeſaal.

Noch eine Treppe hoͤher hat eine rechtſchaffene Witwe, Frau Lovick mit Namen, eingemiethet, welche zwar von geringen Gluͤcksumſtaͤnden iſt, aber, wie mich Frau Smithen verſichert, bey vornehmen Leuten von ihrer Bekanntſchaft, we - gen ihrer Gottſeligkeit, ihrer Klugheit und ihres Verſtandes, in großem Anſehen ſtehet. Mit dieſer bin ich geſonnen, mich wohl bekannt zu machen.

Jch danke Jhnen, liebſte Freundinn, fuͤr ih - ren guͤtigen, ihren zu recht gelegener Zeit ertheil - ten Zuſpruch und Troſt. Jch hoffe, der Him - mel werde mir mehr Gnade verleihen, als daß ich in Verzweifelung gerathen ſollte, wenn man das Wort in geiſtlichem Verſtande nimmt: ſonderlich da ich mir ſelbſt den Troſt, welchen Sie mir geben, zueignen kann, daß weder meinWille,176Wille, noch meine Unvorſichtigkeit etwas zu mei - nem Ungluͤck beygetragen hat. Jedoch die Un - verſoͤhnlichkeit meiner Angehoͤrigen, die ich mit ei - ner ungekraͤnkten Ehrerbiethung liebe; meine Furcht vor neuen Gewaltthaͤtigkeiten, weil ich vermuthe, der gottloſe Kerl werde mich noch nicht ruhen laſſen; mein verlaſſener Zuſtand ohne einigen Schutz, da meine Jugend, mein Ge - ſchlecht, meine geringe Bekanntſchaft mit der Welt mich betruͤbten Anfaͤllen unterwerfen; mei - ne Betrachtung des Aergerniſſes, das ich gege - ben habe, nebſt der Empfindung der Schande, die mir von einem Menſchen angethan iſt, von dem ich nichts boͤſes verdiente, alles zuſammen genommen wird ohne allen Zweifel die Wirkung hervorbringen, welche mir nicht unangenehm ſeyn kann: ob gleich vielleicht um ſo viel langſa - mer; weil ich von Natur eine gute Leibesbeſchaf - fenheit, und hiernaͤchſt, wie ich mich zu glauben unterfange, auch gute Grundſaͤtze habe, die mich zu gehoͤriger Zeit und bey gehoͤriger Ueberlegung, meiner Hoffnung nach, uͤber die Empfindung aller weltlichen Widerwaͤrtigkeiten hinaus - ſetzen werden.

Jtzo iſt mein Kopf ſehr in Unordnung. Jch habe ihn in der That, ſeit der Gewalt, die ihm, und meinem Herzen ſelbſt, durch die gottloſen Kuͤnſte der verruchten Seelen, unter welche ich verſtoßen war, geſchehen iſt, nicht zu irgend deutlichen Vorſtellungen gebrauchen koͤnnen.

Jch177

Jch muß noch mehr Widerwaͤrtigkeiten ha - ben. Bisweilen finde ich mich zu meinen Um - ſtaͤnden noch nicht genug gedemuͤthiget. Es ſol - len mir dieſe Widerwaͤrtigkeiten, wie ſie kom - men, als Pruͤfungs und Bewaͤhrungs - mittel willkommen ſeyn. Nur noch meines Vaters Fluch Jedoch auch dieſer, hoffe ich, mag mir ſo viel nuͤtzen, daß er mich veranlaſſe, meine Aufmerkſamkeit zu verdoppeln, da - mit ich ihn kraftlos mache.

Nun will ich nichts mehr beyfuͤgen, als mei - nen gehorſamſten Dank an Jhre Frau Mutter, fuͤr ihre guͤtige Nachſicht gegen uns; meine ſchuldige Empfehlung an Herrn Hickmann; und meine inſtaͤndigſte Bitte, daß Sie glauben wollen, ich ſey bis an meine letzte Stunde, und noch nach derſelben, wo moͤglich, meine geliebte Freundinn, und mein wertheres Selbſt; denn was iſt nun mein eignes Selbſt?

Jhre verbundene und ergebene Clariſſa Harlowe.

Der acht und zwanzigſte Brief. von Herrn Lovelace an Herrn Johann Belford.

Jch habe drey Briefe von dir auf einmal vor mir zu beantworten. Jn einem jeden be -Sechſter Theil. Mklagſt178klagſt du dich uͤber mein Stillſchweigen: und in einem erzaͤhlſt du mir, daß du nicht leben koͤn - neſt, wo ich dir nicht alle Tage, oder wenigſtens einen Tag um den andern ſchreibe.

Wohlan denn, Bruder, ſtirb, wo du willſt Was fuͤr Luſt, meynſt du, kann ich zu ſchreiben haben: da der einzige Gegenſtand, der es verdiener, daß man davon ſchreibe, mir entriſſen iſt.

Hilf mir wieder zu meinem Engel, zu mei - ner Clariſſa: ſo ſollſt du alle Stunden einen Brief, oder wenigſtens etwas geſchriebenes, ein Stuͤck von einem Briefe, von mir bekommen. Alles, was die Beherrſcherinn meines Herzens ſagen wird, will ich niederſchreiben. Eine jede Bewegung, eine jede Miene an ihrer liebens - wuͤrdigen Perſon, einen jeden Blick, will ich zu beſchreiben verſuchen: und wenn ſie ſtille ſchwei - get, will ich mich bemuͤhen, dir ihre Gedanken zu erzaͤhlen, entweder was ſie ſind, oder was ſie nach meinem Wunſche ſeyn ſollten. So wird es mir, wenn ich ſie habe, niemals an Stoffe zu ſchreiben fehlen. Da ich ihrer verluſtig bin, iſt meine ganze Seele ein Blanket: die ganze Schoͤpfung um mich herum, die Elemente oben, unten, und alle Dinge, die ich ſehe; denn ge - nießen kann ich nichts; ſind ohne ſie ein Blanket.

O kehre wieder, kehre wieder, allerliebſte Beherrſcherinn meiner Seele! Kehre wieder zu deinem Anbeter Lovelace! Was iſt das Licht,was179was die Luft, was die Stadt, was das Land, was iſt alles, ohne dich? Licht, Luft, Freude, reizende Toͤne, ſind nach meiner Vorſtellung nur Theile von dir: und koͤnnten ſie alle mit einem Worte ausgedruͤcket werden; ſo wuͤrde das Wort Clariſſa ſeyn.

O! meine geliebte Clariſſa, ſo kehre dann wieder. Noch einmal: kehre wieder, deinen Lovelace zu begluͤcken, der nun, bey dem Ver - luſt von dir, den Werth des Kleinods erkennet, das er geringe geſchaͤtzet hat, und nur alle Mor - gen aufſtehet, die Sonne zu verfluchen, welche uͤber einen jeden, uͤber ihn allein nicht, ſcheinet!

Aber, Bruder, es iſt etwas erſtaunliches fuͤr mich, daß man die fluͤchtig gewordne Schoͤne gar nicht antreffen, daß man gar nichts von ihr hoͤ - ren kann. Sie iſt ſo ſchlecht auf Raͤnke abge - richtet; denn dieß iſt ihre Gabe nicht; daß ich feſt verſichert bin, wenn ich meine Freyheit gehabt haͤtte, ich wuͤrde ſie ſchon laͤngſt aufgeſpuͤret ha - ben: ob gleich die verſchiednen Kundſchafter, welche ich um London, um die nahe gelegenen Fle - cken herum, und in der Fraͤulein Howe Nach - barſchaft, gebraucht habe, bisher in ihren Be - muͤhungen nicht gluͤcklich geweſen ſind. Allein mein Lord bleibt noch ſo ſchwach und niederge - ſchlagen, daß nicht von ihm zu kommen iſt. Jch wollte einem Manne, den ich annoch in Gefahr halte, auch nicht gerne misfaͤllig werden. Denn wollte ſein Podagra nun, da es ihn niederge -M 2bracht180bracht hat, ihm nur, wie ein guter Schlaͤger, den letzten Stoß verſetzen: ſo wuͤrde alles mit ihm vorbey ſeyn. Jtzt aber muß ich hier ganze Stunden bey ihm ſitzen; der Henker hohle ſeine thoͤrichte Liebe zu mir! ſie kommt mir zu ſehr un - gelegner Zeit; und muß ihm meine Schelmſtuͤ - cke erzaͤhlen. Eine artige Beluſtigung fuͤr einen kranken Mann! Und gleichwohl betet er, wenn er das Podagra hat, Abends und Morgens mit ſeinem Kapelan. Was muß er ſich fuͤr Begrif - fe von der Religion machen, der, nachdem er ſeine Gebetsformeln hergeſchnaubt oder gemum - melt hat, mit voͤlliger Beruhigung ſeufzen oder aͤchzen kann, als wenn er mit dem Himmel alles abgethan haͤtte, und mit neuer Begierde meine Hiſtoͤrchen wieder anzuhoͤren im Stande iſt? Ja, der mich noch dazu aufmuntert, uͤber ſie la - chet, daß ihm die Seiten beben, und mich einen loſen Schelm mit einem ſolchen Tone nennet, welcher genugſam zeiget, daß er ſich uͤber ſeinen Anverwandten nicht wenig vergnuͤge.

Der alte Lord iſt in ſeinen Tagen ein Suͤnder geweſen, und leidet nun dafuͤr: aber ein heimli - cher Suͤnder, der mehr in die Laſter hinein ge - ſchlichen als gehuſchet; aus Furcht vor ſeinem guten Namen; oder vielmehr aus Furcht entde - cket und offenbar uͤberwieſen zu werden; denn dieſe Art Leute, Bruder, haben keine wahre Ach - tung fuͤr einen guten Namen Er hat oft be - zahlet, was er niemals bekommen hatte, und ſich nie zu der Freude uͤber eine Unternehmungdurch181durch die erſte Hand erheben duͤrfen, welche ihm zu einem Zweykampf oder zu der Ehre, vor Ge - richt als der Anfuͤhrer angeſehn zu werden, einen Anſchein geben konnte.

Wenn man einen ſolchen alten Trojaner an - ſiehet, der eben in das Grab ſinket, welches, meiner Hoffnung nach, ſchon eher gegraben und mit ihm ausgefuͤllet ſeyn ſollte; der vor Schmer - zen ſchreiet und vor Zagheit aͤchzet; und dennoch eben den Augenblick ſein ledernes Geſicht mit ei - nem abſcheulichen Gelaͤchter in Falten ziehet, ei - nen jungen Suͤnder einen trefflichen Schalk nen - net, und ihn noch mehr ermuntert, wie er vor - dem die Verſchnittenen in Jtalien anzureizen pflegte: was iſt das fuͤr eine widerſinniſche, fuͤr eine unnatuͤrliche Liebe zu alten Gewohnheiten!

Meine beyden Baſen ſind gemeiniglich zuge - gen, wenn ich die Zeit vertreibe, wie es der alte Lord nennet. Es muͤſſen ſcheusliche Hiſtorien ſeyn, die nicht mehr Hoͤrer und Bewunderer fin - den als Erzaͤhler.

Bewunderer!

Ja, Belford, Bewunderer, ſage ich noch einmal. Denn ob dieſe Maͤgdchen mich gleich bisweilen der veruͤbten Thaten wegen tadeln wollen: ſo ruͤhmen ſie doch meine Art ſie auszufuͤhren, meine Erfindung, meine Uner - ſchrockenheit Außerdem nenne ich das Ruhm, was andere Tadel nennen. Das habe ich alle - zeit gethan: und auf die Weiſe beyzeiten die Schaam abgeleget, welche einen zu Unterneh -M 3mun -182mungen geſchickten Geiſt, wie das kalte Waſſer die Hitze, daͤmpfet.

Dieß ſind muntere Maͤgdchen. Sie haben Leben und Witz. Als geſtern Charlotte uͤber ei - ne erzaͤhlte Unternehmung gegen mich loszog: ſagte ich ihr, daß ich einige male bey mir ſelbſt daruͤber geſtritten, ob ſie mir zu nahe verwandt waͤre, oder nicht; und daß es einmal eine Streit - frage bey mir geweſen, ob ich ſie nicht auf einen Monath oder ſo ungefaͤhr herzlich lieben koͤnnte. Vielleicht, ſetzte ich hinzu, waͤre es gut fuͤr ſie geweſen, daß mir eben zu der Zeit, als ich auf Mittel und Wege zu meiner Abſicht dachte, ein anderes artiges kleines Puͤpchen aufgeſtoßen und meine Gedanken auf ſich gerichtet.

Alle drey ſchlugen hieruͤber zugleich ihre Haͤn - de und Augen in die Hoͤhe. Jch bemerkte aber, daß die Maͤgdchen, ob ſie gleich wider mich aus - riefen, doch uͤber dieſe freye Sprache nicht ſo zor - nig waren, als ich meine Geliebte, ſelbſt bey ſo verſteckten und dunkeln Winken, daß ich mich uͤber ihre geſchwinde Einſicht gewundert, befun - den habe.

Jch bezeugte gegen Charlotte, daß, ſo ernſt - haft ſie auch in ihrem laͤchelnden Unwillen bey dieſer Erklaͤrung gern ſeyn wollte, ich dennoch verſichert waͤre, es wuͤrde mich nicht uͤber zween oder drey Kunſtgriffe gekoſtet haben; denn nie - mand bewunderte eine gute Erfindung mehr, als ſie: wofern ich ihr Gewiſſen nur von dem be -ſchwer -183ſchwerlichen Zweifeln wegen der Blutsfreund - ſchaft loszumachen gewußt haͤtte.

Sie wollte hoͤchſt unwillig ſeyn: und auch ihre Schweſter, ihretwegen. Jch ſagte ihr aber, daß ſie mir ſo ernſtlich ſchiene, als wenn ſie gedacht haͤtte, es waͤre mein Ernſt, und mich zu der Probe herausforderte. Klare Worte, fuͤgte ich hinzu, waͤren in dieſen Faͤllen dem ſchoͤ - nen Geſchlechte anſtoͤßiger, als allmaͤhlige Unter - nehmungen. Jch bat Martha, uber den Vor - zug, den ich ihrer Schweſter zu geben ſchiene, nicht unwillig zu werden: indem ich fuͤr ſie eben - falls große Hochachtung haͤtte.

Eine italiaͤniſche Aria, nach meiner gewoͤhn - lichen ungezwungenen Art, ein halb verweigerter Kuß von mir, ein Achſelzucken von beyden arti - gen Baſen, als wenn ſie ſich verwunderten, und ein: Loſer, loſer Schelm, von dem alten Lord, mit einem ſo heftigen Lachen, daß ihm die Seiten bebeten, machte uns alle wieder zu guten Freunden.

Da, Bruder! Willſt du dieß fuͤr einen Brief annehmen, oder nicht? Es iſt gewiß Zeuges genug Wie habe ich einen ganzen Bogen; jedoch eben nicht mit abgekuͤrzten Zeichen; voll geſchmieret, ohne daß ich etwas zu ſchreiben gehabt haͤtte! Mein Kerl ſoll dieß mitnehmen: denn er wird nach London gehen. Und wo du von ſolchem verfluchten Zeuge leidlich denken kannſt: ſo will ich dir bald noch einen ſchicken.

M 4Der184

Der neun und zwanzigſte Brief von Herrn Lovelace an Herrn Johann Belford.

Habe ich nichts neues, nichts luſtiges, bey mei - ner grillenfaͤngeriſchen Lebensart, fragſt du mich in einem von deinen dreyen Briefen, dich damit vergnuͤgt zu unterhalten? Du ſagſt mir zugleich, daß, wenn ich nur das Geringſte zu verzaͤhlen habe, damit die niederſaͤchſiſche Redensart ja angebracht werde, ich am meiſten beluſtige. Eine artige Hoflichkeit, ent - weder gegen dich ſelbſt, oder gegen mich! Jn Wahrheit gegen beyde! Ein Zeichen, daß du ein eben ſo windichtes Herz, als ich einen win - dichten Kopf habe. Allein kannſt du vermuthen, daß die unvergleichliche Fraͤulein nicht Alles, nicht Alles in Allen, bey mir ſey? Gleichwohl fuͤrch - te ich mich auch ſo gar, an ſie zu gedenken. Denn ſonder Zweifel muß dieß das erſte ſeyn, daß alle meine Anſchlaͤge und Erfindungen verrathen werden.

Der alte Lord hat gleichfalls den Kopf ganz voll von der Fraͤulein Harlowe: und meine Baſen nicht weniger. Er hoffet, ich werde doch nicht ein ſolcher Hund ſeyn; hier haſt du eine Probe von ſeiner Lordmaͤßigen Art zu reden; daß ich gegen ein Frauenzimmer von ſo vielen Verdien -ſten,185ſten, von ſo vieler Schoͤnheit und ſo vielem Ver - moͤgen, er ſetzt auch hinzu, von einer ſo guten Familie, wider die Ehre zu handeln gedenke. Allein ich ſage ihm, das letzte ſey etwas, das er nicht ruͤhmen muͤſſe: es ſey eine ſehr zaͤrtliche Sache; kurz, es ſey das Fleckchen, wo es mir wehe thue, und ich beſorge, er moͤchte es zu hart angreiffen, wenn ich mich in die Gewalt eines ſo unglimpflichen Wundarztes geben wollte.

Er ſchuͤttelt ſeinen kraͤnklichen Kopf. Er denkt, es ſey nicht alles zwiſchen uns ſo, wie es ſeyn ſollte. Jhn verlangt, daß ich ſie ihm, als meine Frau, vorſtellen moͤchte. Er ſagt mir oft vor, was fuͤr große Dinge er noch uͤber ſeine vo - rigen Anerbietungen thun, und was fuͤr Geſchenke er bey der Geburt des erſten Kindes machen wolle. Aber ich hoffe, es werde alles noch eher in mei - nen Haͤnden ſeyn, als ſich ein ſolcher Vorfall zu - traͤgt. Hoffen thut keinen Schaden, Bruder. Wenn die Hoffnung nicht waͤre, ſagt mein Onkel: ſo wuͤrde das Herz brechen.

Es iſt acht Uhr mitten im Sommer: und die faulen Maͤgdchen, bey vollkommener Geſund - heit, ſind noch nicht herunter gekommen, das Fruͤhſtuͤck zu halten! Wie verzweifelt ſchlecht ſchickt es ſich fuͤr junge Frauenzimmer, einen lie - derlichen Kerl wiſſen zu laſſen, daß ſie ihre Bet - ten ſo herzlich lieben, und zu gleicher Zeit, wo man ſie finden kann! Allein ich will ſie ſtraſen. M 5Sie186Sie ſollen mit ihrem alten Onkel fruͤh ſtuͤcken und einander angaͤhnen, als gieng es um eine Wette. Jch will unterdeſſen in meinem offnen Wagen zu dem Obriſten Ambroſius fahren, der mich geſtern ſo wohl zum Fruͤhſtuͤck als zum Mittagsmahl ein - geladen hat, weil zwo Baſen von Yorkshire, ge - prieſene Schoͤnheiten, bey ihm ſind, welche ſchon vierzehn Tage da geweſen, und mich, wie er ſagt, gern ſehen wollen. So, Bruder! laufen doch noch nicht alle Weibsleute von mir weg, Gott ſey Dank! Jch wuͤnſchte, daß mein Herz mir zuließe, da die entflohene Schoͤne ſo undankbar iſt, ſie durch eine andere Schoͤnheit aus demſelben zu vertreiben. Aber wer kann ſie verdraͤngen? Wer kann einen Platz in demſelben haben: nachdem Fraͤulein Clariſſa Harlowe es eingenommen hat?

Wenn ich wieder komme, will ich fortſchrei - ben, dir einen Gefallen zu thun, wo ich etwas zu ſchreiben finden kann.

Mein Wagen ſteht bereit. Meine Baſen laſſen mir ſagen, daß ſie den Augenblick herunter kommen. So will ich ihnen zum Poſſen ſchon weg ſeyn.

Sonnabends, Nachmittags.

Jch blieb bey dem Obriſten, und ſpeiſete zu Mittage mit ihm, und ſeiner Frauen, und ſei - nen Baſen: aber den Nachmittag konnte ich nicht mit ihnen zubringen; das wollte mein Herz nicht lei - den. Es war genug an den Perſonen und Geſich -tern187tern der beyden jungen Fraͤulein, das mich veranlaſ - ſen konnte, Vergleichungen anzuſtellen. Beſondere Zuͤge unterhielten meine Aufmerkſamkeit einige Au - genblicke: allein dieſe dienten nur, meine Ungedult nach der bezaubernden Gebieterinn uͤber mein Herz zu vermehren, welche an Perſon, an Weſen, an Verſtand niemals ihres gleichen gehabt. Mein Herz empfand einen Ekel und ward krank, wenn ich ihren Verſtand und Umgang mit jenem ver - gleichen wollte. Es war nur ein lebhafter Witz, und ein allzu gekuͤnſteltes Verlangen zu gefallen. Jede war mit ſich ſelbſt hoͤchſt zufrieden. Beyde hielten auf eine gezwungene Art den Mund of - fen, weiße Zaͤhne zu zeigen, als wenn daß der Hauptvorzug waͤre; und durch die Lockung eines angenehmen Athems zu verliebter Vertraulichkeit zu reizen: wobey ſie zugleich ſtillſchweigend ſich uͤber anderer Athem aufhielten, indem ſie hoch - muͤthig zu verſtehen geben wollten, daß der nicht ſo rein waͤre.

Vordem haͤtte ich ſie leiden koͤnnen.

Sie ſchienen ſich in ihrer Erwartung betro - gen zu finden, daß ich ſo bald im Stande war, ſie zu verlaſſen. Jedoch habe ich itzo nicht ſo vie - le Eitelkeit; meine Clariſſa hat mich von meiner Eitelkeit geheilet; daß ich ihr Misvergnuͤgen daruͤber ſo viel einem beſondern Wohlgefallen an mir, als ihrer Bewunderung ihrer ſelbſt zuſchrei - ben ſollte. Sie ſahen mich als einen Kenner der Schoͤnheit an. Sie wuͤrden ſich eine Ehre dar - aus gemacht haben, wenn ſie meine Aufmerkſam -keit188keit als Schoͤnheiten an ſich gezogen haͤtten. Al - lein ſo gezwungene, ſo flatterwitzige, bloß, ſo weit die Haut geht, leidliche Schoͤnheiten! Sie hatten ſich ſelbſt nicht weiter unterſucht, als was ihre Spiegel ſie zu ſehen in den Stand geſetzt hatten: und ihre Spiegel hatten ihnen noch da - zu geſchmeichelt. Denn ich hielte ſie fuͤr un - wirkſame Geſichter, die niemand ruͤhren koͤnnen, und fuͤr Geſichter ohne alle Lebhaftigkeit. Jedoch waren ihre Augen auf Eroberungen aus, und ſuchten anderer Aufmerkſamkeit an ſich zu ziehen, damit ſie der ihrigen zu ſtatten kaͤmen. Jch glaube, ich haͤtte mit weniger Muͤhe ihnen Seel und Leben und allen Zuͤgen ihres Geſichts einen Glanz geben koͤnnen Aber meine Clariſſa! O Belford, meine Clariſſa hat mich gegen alle andere Schoͤnheit blind und unempfindlich ge - macht. Suche ſie fuͤr mich auf, daß meine Feder eine wuͤrdige Beſchaͤfftigung habe, ſonſt ſoll dieß der letzte Brief ſeyn von

deinem Lovelace.

Der dreyßigſte Brief von Herrn Lovelace an Herrn Johann Belford.

Nun, Bruder, habe ich etwas zu ſchreiben, aber auch eine Rache uͤber mich. Jch bin in deraͤußer -189aͤußerſten Anfechtung fuͤr alle meine Suͤnden ge - gen meine fluͤchtig gewordne Geliebte. Denn geſtern um fuͤnfe ſind hier Lady Sarah Sadleir und Lady Eliſabeth Lawrance, eine jede in ihrer Kutſche mit ſechs Pferden, angekommen. Wit - wen lieben einen großen Aufzug, und dieſe in - ſonderheit koͤnnen nicht zehn Meilen ohne ein Ge - ſpann Pferde und ein halb Dutzent Reitknechte reiſen.

Die Zeit war mir gewaltig lang geworden. Daher gieng ich nach Tiſche in die Kirche. War - um moͤgen nicht huͤbſche Mannsleute, dachte ich, eben ſo wohl Vergnuͤgen finden, ſich anſehen zu laſſen, als huͤbſche Weibsbilder? Als der Gottesdienſt vorbey war, gerieth ich an den Ma - jor Warneton: und ſo kam ich nicht eher, als nach ſechſen zu Hauſe. Jch wunderte mich, wie ich in den Hof kam, daß ich ihn mit Kutſchen und Bedienten beſetzt fand. Jch wußte gewiß, daß die Eigenthuͤmer davon nicht eben zu meinem Beſten gekommen waren.

Lady Sarah war zu dieſem Beſuch, wie ich gar bald befand, von der Lady Eliſabeth aufge - bracht, welche noch geſund genug iſt, aus ſich ſelbſt und aus ihren eignen Sachen heraus zu ge - hen und ſich andere Beſchaͤfftigungen zu ſuchen. Jedoch war dem Vorgeben nach ihr Gewerbe, meinem Onkel zu ſeiner Beſſerung Gluͤck zu wuͤn - ſchen. Boshafte Teufel in beyder Betrachtung! Weil ſie aber in meiner Abweſenheit ankamen: ſo war ihre Unterredung vornehmlich von mir,und190und ſie hatten bequeme Zeit, ſich einander wider mich in Harniſch zu jagen.

Simon Parſons gab mir hievon einen Wink: wie ich vor der Hofmeiſterſtube vorbey gieng. Denn es ſchien, als wenn ſie laut geredet haͤtten; und er hatte einige Rechnungen mit dem alten Pritchard zur Richtigkeit zu bringen gehabt.

Dennoch eilte ich, ihnen meine Schuldigkeit zu bezeigen. Wenn andere gleich ihre Pflicht nicht beobachten, weißt du wohl, iſt das doch keine Entſchuldigung fuͤr unſere Nachlaͤßigkeit.

Nun trete ich hinein zu meinem Verhoͤr.

Mit ſchrecklich ernſthaften Geſichtern ward ich empfangen. Die beyden Ueberbleibſel des Al - terthums nickten nur ihre altfraͤnkiſchen Koͤpfe und verzogen ihre Geſichter, daß ſie laͤnger, als ge - woͤhnlich wurden. Alle alte Zuͤge an ihren runz - lichten Stirnen und verfallenen Wangen, ließen ſich ſtark ſehen. Wasmachen ſie gutes, Vetter? und was machen ſie, Herr Lovelace? Dabey ſa - hen ſie ſich rund herum einander an, als wenn ſie ſagen wollten: Reden ſie zuerſt, und Reden ſie. Denn ſie ſchienen ſich entſchloſſen zu haben, keine Zeit zu verlieren.

Jch machte mir nichts weiter daraus, als daß ich ihnen dafuͤr ein eben ſo maͤnnliches We - ſen zeigte, als ihr Weſen weibiſch war. Jhr Diener, gnaͤdige Frau, ſagte ich zu der Lady Eli - ſabeth, und, Jhr Diener, gnaͤdige Frau Es iſt mir lieb, daß ich ſie im Stande ſehe, von Hau - ſe zu ſeyn, zu der Lady Sarah.

Jch191

Jch nahm meinen Stuhl. Der Lord M. ſa - he ſchrecklich muͤrriſch aus, hatte die Haͤnde ge - falten, drehete ſeine eben vom Chiragra befreyte Daumen in die Ruͤnde, bald oben, bald unten, und wandte ſein blaſſes Geſicht und ſeine heraus - ſtehende Augen wechſelsweiſe auf den Fußboden, auf den Kamin, auf ſeine zwo Schweſtern, und ſeine zwo Verwandtinnen: mich aber wuͤrdigte er nicht einmal ſeiner Blicke.

Dabey fing ich an, auf das Laudanum und das weiße Tuch, wovon ich dir ſchon laͤngſt ge - ſagt hatte, zu denken, und mir ſelbſt eine zaͤrtli - che Gemuͤthsart, die niemals gut thun wird, zu verweiſen.

Endlich machte die Lady Sarah mit Stottern den Anfang. Herr Lovelace Vetter Lo - velace! Hem! Hem! Jch bedaure, daß keine Hoffnung iſt, daß ſie jemals aufhoͤren

Was giebt es denn nun, gnaͤdige Frau?

Was es giebt! Ja! Lady Eliſabeth hat zween Briefe von der Fraͤulein Harlowe, die uns berichtet haben, was es giebt Sind denn alle Frauenzimmer gleich bey ihnen?

Jch haͤtte Ja ſagen koͤnnen: wenn man den Unterſchied ausnimmt, den Stolz und Ehrgeiz machen.

Hierauf ſchrieen ſie alle einmuͤthig wider mich Eine Perſon von ſolcher Gemuͤthsart, als die Fraͤulein Harlowe! rief die eine! Ein Frauenzimmer von ſo edler Geſinnung und ſo feinem Verſtande! ſchrie die andere Wievor -192vortrefflich ſie ſchreibet! riefen die juͤngferlichen Meerkaͤtzchen und ſahen ihre ſaubere Hand an. Jhre Vollkommenheiten gereichen mir zum Verbrechen. Was koͤnnen ſie wohl fuͤr ein Ende von dieſen Dingen erwarten? rief die Lady Sarah Verdammte, verdammte Haͤn - del! ſchrie der Lord, und ſchuͤttelte ſein lockeres und wackelndes Fleiſch an den Kinnbacken, wel - ches, wie die Wammen an dem Halſe einer al - ten Kuhe, herunter hing.

Jch meines Theils wußte kaum, ob ich ſin - gen oder ſagen ſollte, was ich auf dieſe vereinigte Angriffe von allen zu antworten hatte. Fein ſachte und gemach, liebe Frauenzimmer Ei - ne auf einmal, ich bitte ſie. Jch ſoll doch, wie ich hoffe, nicht niedergehetzt werden, ohne daß man mich auch hoͤre. Haben ſie die Guͤte, mir dieſe Briefe zu zeigen. Jch bitte, zeigen ſie mir dieſelben.

Da ſind ſie! Das iſt der erſte Le - ſen ſie ihn laut, wo ſie koͤnnen.

Jch oͤffnete einen Brief von meiner Schoͤnen, der am Donnerſtage, den 29ten Jun. das ſollte unſer Hochzeittag ſeyn; geſchrieben und an die Lady Eliſabeth Lawrance gerichtet war. Aus dem Jnhalt ſehe ich, zu meinem großen Ver - gnuͤgen, daß das liebe Kind noch am Leben, noch geſund und trefflich munter iſt. Aber die Aufſchrift und Anzeige des Orts, wohin die Antwort zu ſenden waͤre, war ſo ausgekratzt, daß ich ſie nicht leſen konnte: welches mich ſehr kraͤnkte.

Sie193

Sie legt in dieſem Schreiben der Lady Eli - ſabeth drey Fragen vor.

Erſtlich, wegen eines Briefes von ihr, vom 7ten Jun. worinn ſie uns zu unſerer Ver - maͤhlung Gluͤck wuͤnſchet; und wobey ich meine Tante der Muͤhe zu ſchreiben guͤtigſt uͤberhoben habe: eine rechte Hoͤflichkeit von mir, ſollte ich denken!

Hernach: Ob ſie und eine von ihren Nef - fen, Montague, geſonnen geweſen, wegen einer alten Kanzeleyſache nach London zu kommen? Ob ſie auch wirklich dieſem Vorſatz gemaͤß nach London und hiernaͤchſt nach Hampſtead gegangen waͤren, und von dannen die junge Perſon, wel - che ſie beſucht, mit ſich nach London gebracht haͤtten? Dieß war der Jnhalt der zwoten und dritten Frage.

Ein lieber kleiner nachforſchender Schalk! Was wollte ſie durch dieſe Fragen gebeſſert ſeyn? Aber Neubegierde, verdammte Neu - begierde iſt der Kitzel, der das ſchoͤne Geſchlecht zu ſtechen pflegt Wenn haſt du inzwiſchen wohl erfahren, daß es zu ihrem Beſten ausge - ſchlagen waͤre? Denn ſie forſchen ſelten nach, als wenn ſie etwas befuͤrchten Und das Sprichwort iſt, wie mein Lord ſagt: Was man fuͤrchtet, das kommt. Das heißt, meiner Vermuthung nach, was ſie fuͤrchten, das traͤgt ſich gemeiniglich zu, weil gemeiniglich Urſache zu fuͤrchten da iſt.

Sechſter Theil. NSie194

Sie geſteht in der That, ihr einziger Bewe - gungsgrund zu dieſen Fragen ſey die Neugierig - keit. Wenn gleich Jhre Gnaden vermuthen moͤchten, ſchreibt ſie, daß dieſe Fragen nicht zu meinem Vortheil gereichten: ſo koͤnne doch die Antwort mir keinen Schaden, noch ihr einigen Vortheil bringen, ohne nur, daß ſie erfuͤhre, ob ich ihr eine verdammte Luͤgen vorgeſagt haͤtte; dieß heißt es auf gut deutſch, was ſie mit ihrer Nachfrage haben will.

Gut, gnaͤdige Frau, ſprach ich, mit ſo vie - ler philoſophiſchen Gleichguͤltigkeit, als ich nur annehmen konnte: darf ich aber fragen, was Jh - re Gnaden darauf geantwortet haben?

Da iſt eine Abſchrift von meiner Antwort, verſetzte ſie, und ſtieß mir dieſelbe mit ſehr weni - ger Achtung in die Hand.

Dieſe Antwort war vom 1ten Jul. ſehr guͤ - tig und hoͤflich gegen die Fraͤulein, aber gegen ih - ren armen Verwandten nur recht ſo ſo Daß Leu - te ihr eignes Fleiſch und Blut ſo leicht aufgeben koͤnnen! Sie ſchreibt ihr was fuͤr eine groͤße Ehre ſich unſere ganze Familie aus einer Verbindung mit einer ſo vortrefflichen Fraͤulein machen wuͤrde. Sie laͤßt mir Gerechtigkeit widerfahren, wenn ſie meldet, wie ſehr ich ſie als einen Engel von einem Frauenzimmer anbe - te, und bittet, ich weiß nicht um wie vieler Din - ge willen, außer um meiner Seele willen, daß ſie ſo guͤtig ſeyn wolle, mich zu einem Man - ne anzunehmen. Sie antwortet endlich du195du wirſt wohl errathen, wie auf die Fragen der Fraͤulein.

Auch gut, gnaͤdige Frau! Kann ich die Ge - wogenheit erwarten, den andern Brief der Fraͤu - lein ebenfalls zu ſehen? Er iſt vermuthlich eine Antwort auf das vorige Schreiben von Jhnen.

Ja, ſagte der alte Lord: aber, Herr, ich muß ſie erſt etwas fragen, ehe ſie ihn leſen. Ge - ben ſie mir den Brief, Lady Eliſabeth.

Da iſt er, mein Lord.

Nun ward die Brille aufgeſetzt und der Kopf von einer Zeile zur andern bewegt. Eine unvergleichlich artige Hand! Jch habe oft gehoͤrt, daß dieſe Fraͤulein einen herrlichen Kopf hat.

Jch will meines Lords weiſe Anmerkungen und Fragen wiederholen, Bruder, und dich ſo auf den Jnhalt dieſes unbarmherzigen Briefes fuͤhren.

Montags, den 3ten Jul. So lieſet mein Lord. Laß ſehen! das war verwichnen Montag: ja, nicht laͤnger! Montags den 3ten Jul. Gnaͤdige Frau Jch kann nicht umhin um, um, um, um, um, um So mummelte er, daß es niemand ver - ſtehen konnte, und uͤb rhuͤpfte ganze Zeilen Jch muß Jhnen geſtehen gnaͤdige Frau, daß die Ehre mit Frauenzimmern verwandt zu ſeyn

Hier ward die Brille abgenommen Nun ſagen ſie mir, Herr, hat nicht dieſe Fraͤu -N 2lein196lein um ihretwillen alle ihre Freunde, die ſie in der Welt hatte, verlohren?

Sie hat ſehr unverſoͤhnliche Freunde, mein Lord: das wiſſen wir alle.

Aber hat ſie nicht um ihretwillen alle verloh - ren? das ſagen ſie mir nur.

Jch glaube es, mein Lord.

Gut! Jch freue mich denn wenigſtens, daß du nicht ſo unverſchaͤmt biſt, das zu leugnen.

Die Brille ward wieder aufgeſetzt Jch muß Jhnen geſtehen, gnaͤdige Frau, daß die Ehre mit Frauenzimmern verwandt zu ſeyn, die ſo wohl ihre Tugend, als ihre Geburt erhe - bet Recht artig, in Wahrheit! ſagte mein Lord und las noch einmal, die ſo wohl ihre Tugend, als ihre Geburt erhebet, anfangs keine geringe Reizung bey mir geweſen, dem Antrag des Herrn Lovelace ein geneigtes Ohr zu goͤnnen.

Es iſt etwas erhabenes in dieſer Fraͤu - lein, etwas erhabenes, das ihr angebohren iſt, ſchrie mein Lord.

Lady Sarah. Sie wuͤrde eine Zierde fuͤr unſere Familie geweſen ſeyn.

Lady Eliſab. Jn der That, das wuͤrde ſie geweſen ſeyn.

Lovel. Ja, ich unterſtehe mich zu ſagen, fuͤr eine koͤnigliche Familie.

Lord M. Was fuͤr ein Teufel hat denn

Lovel. Haben ſie die Gewogenheit, weiter zu leſon, mein Lord. Es kann nicht ihr Briefſeyn,197ſeyn, wo er ſie nicht immer mehr und mehr, je weiter ſie leſen, in Verwunderung uͤber ſie ſetzet. Baſe Charlotte, Baſe Martha, ich bitte, geben ſie Achtung Leſen ſie weiter, mein Lord.

Fraͤulein Charlotte. Erſtaunliche Uner - ſchrockenheit!

Fraͤulein Martha ſchlug nur ihre Tauben - augen in die Hoͤhe.

Lord M. welcher weiter lieſet. Und zwar um ſo viel mehr, da ich entſchloſſen war, wenn es wirklich geſchehen waͤre, alles, was in meinem Vermoͤgen ſtehet, zu thun, damit ich die vortheilhafte Meynung, welche ſie von mir haben, verdienen moͤchte.

Darauf vereinigten ſie ihre Stimmen wieder gegen mich.

Eine erwuͤnſchte Zeit dazu! Jch ar - mer! Jch hatte nichts dagegen zu thun als unverſchaͤmt zu ſeyn.

Lovel. Jch bitte, leſen ſie weiter, mein Lord Jch habe ihnen ja geſagt, wie ſie alle die Fraͤulein bewundern wuͤrden Oder ſoll ich leſen?

Lord M. Verdammte Dreiſtigkeit! Er las aber fort. Jch hatte auch noch ei - nen andern Bewegungsgrund, der mir an ſich ſelbſt, wie ich wußte, bey ihrer ganzen Familie zu einem Verdienſt gereichen wuͤrde. Alle waren hier die Aufmerkſamkeit ſelbſt Aber er iſt ſo beſchaffen, daß ich mir dabey zu viel herausgenommen, und, wie der Erfolg ge -N 3zeiget198 zeiget hat, auf eine ſtrafbare Weiſe zu viel her - ausgenommen habe. Jch machte mir Hoff - nung, daß ich ein geringes Werkzeug in den Haͤnden der Vorſicht ſeyn moͤchte, einen Men - ſchen auf beſſere Wege zu bringen, der im Grunde, wie ich dachte, Verſtand genug haͤtte, ſich auf beſſere Wege bringen zu laſſen; oder wenigſtens dankbar genug waͤre, den ihm zuge - dachten Dienſt zu erkennen, es moͤchte nun die edelmuͤthige Hoffnung gelingen oder nicht. Unvergleichliche Fraͤulein!

Eine unvergleichliche Fraͤulein! war der Wie - derſchall, den die Frauenzimmer hoͤren ließen, mit ihren Schnupftuͤchern an den Augen, und dann mit einer Naſenmuſik.

Lovel. Bey meiner Seele, Fraͤulein Mar - tha, ſie weinen bey der unrechten Stelle: ſie ſol - len niemals mit mir in ein Trau rſpiel gehen.

Lady Eliſab. Verhaͤrteter Menſch!

Der Lord hatte ſeine Brille abgenommen, um ſie abzuwiſchen. Seine Augen waren be - nebelt: und er gedachte, die Schuld laͤge an ſei - ner Brille.

Jch ſahe, daß ſie alle aufgebracht waren und ſproͤde thaten Gewiß, ſprach ich daher, dieß iſt recht lehrreich geſchrieben Das iſt eben das Vortreffliche an dieſer Fraͤulein, daß ſie in jeder Zeile, wie ſie fortſchreibet, ſich ſelbſt zu beſ - ſern ſuchet. Haben ſie die Gewogenheit, mein Lord, fortzufahren. Jch kenne ihre Schreib -art:199art: der folgende Ausſpruch wird ebenfalls noch ruͤhrend fuͤr uns ſeyn.

Lord M. Verdammter Kerl! Jn - zwiſchen ſattelte er wieder und las weiter Allein ich habe mich bey den Herrn Lovelace un - gemein geirret. Da ſchrieen ſie wieder al - le Er iſt der einzige, ſtelle ich mir gewiß vor

Lovel. Frauensperſonen koͤnnen ſich alles und jedes gewiß vorſtellen Wie kann ſie aber Rede und Antwort von dem geben, was andere unter eben den Umſtaͤnden wuͤrden ge - than, oder nicht gethan haben?

Jch war genoͤthigt, alles, was mir einfiel, zu ſagen, damit ich nur ihr Schreien ſtillte. Der Henker hole euch alle mit einander, dachte ich! als wenn ich doch nicht ſchon Verdruß genug haͤt - te, da ich ſie verlohren habe!

Lord M. welcher fortlieſet. Er iſt der einzige, ſtelle ich mir gewiß vor, der ein Caval - lier ſeyn will, und bey dem ich mich ſo ſehr haͤt - te irren koͤnnen.

Sie wollten ſchon wieder alle anfangen Jch bitte, mein Lord, fahren ſie fort! Hoͤ - ren ſie, hoͤren ſie Jch bitte, meine wertheſten Frauenzimmer, hoͤren ſie! Nun, mein Lord, haben ſie die Guͤte weiter fortzufahren. Die Frauenzimmer ſchweigen ſchon ſtille.

Sie thaten es auch wirklich: weil ſie vor Verwunderung uͤber mich außer ſich waren, und Haͤnde und Augen aufhuben.

N 4Lord200

Lord M. Jch will, zu deiner Beſchaͤmung: denn er hatte das folgende uͤbergeſehen.

Was fuͤr elende Geſchoͤpfe, Belford, was fuͤr boshaftige und elende Geſchoͤpfe ſind die armen Sterblichen! Die ſich ſo freuen, einander zu kraͤnken, einander gekraͤnkt zu ſehen!

Lord M. welcher lieſet. Denn indem ich mich bemuͤhete, einen Elenden, der erſaufen wollte, zu retten: ſo bin ich, nicht zufaͤlliger, ſon - dern vorſetzlicher Weiſe, und mit einem aus Vorbedacht gefaßten Schluſſe, nach ihm hinein - gezogen worden Was ſagen ſie dazu, Herre?

    • Lady S.
    • Lady El.
    Ja, Herr, was ſagen ſie dazu?

Lovel. Was ich ſage! Ey! ich ſage, es iſt ein recht artiges Gleichniß, wenn es bey der An - wendung nur Stich halten wollte Aber, wo es ihnen gefaͤllig iſt, mein Lord: ſo leſen ſie weiter. Erlauben ſie mir zu hoͤren, was ferner geſagt wird. Jch will auf alles mit einander zugleich antworten.

Lord M. Jch will Er hat alſo den Ruhm gehabt, zu der Liſte derer, die er ungluͤck - lich gemacht, einen Namen hinzuzuthun, der, wie ich zuverſichtlich ſagen darf, ſeinem eignen Namen nicht zur Verkleinerung wuͤrde gereicht haben.

Sie ſahen mich alle an: als wenn ſie von mir erwarteten, daß ich reden ſollte.

Lovel. 201

Lovel. Seyn ſie ſo guͤtig und fahren fort, mein Lord. Jch will bald darauf antworten. Wer hat ihr geſagt, daß ich eine Liſte hielte Jch will bald darauf antworten.

Lord M. der weiter lieſet. Und zwar durch ſolche Mittel, gnaͤdige Frau, welche die Menſchlichkeit beleidigen wuͤrden, wenn man ſie erfuͤhre.

Hier mußte die Brille, in der Hitze, wieder herunter.

Jn der That war dieß ein verfluchter Streich fuͤr mich. Jch dachte, ich haͤtte eine eiſerne Stirn zur Unverſchaͤmtheit: allein, bey meiner Treue, dieß haͤtte ſie beynahe doch zerſchlagen.

Lord M. Was ſagen ſie hierzu, Herr-e!

Vergiß nicht, Bruder, allemal in dieſer Un - terredung ihr Herr mit einem angehaͤngten e und langgezogenen r, Herr-e zu leſen wel - ches vielmehr Unwillen als Hochachtung an - zeigte.

Alle ſahen mich an, als wenn ſie ſehen woll - ten, ob ich auch roth werden koͤnnte.

Lovel. Die Augen weg! mein Lord! Die Augen weg! Frauenzimmer! Jch glaube, daß ich ziemlich verſchaͤmt ausſahe. Was ich hierzu ſage, mein Lord! Jch ſage, dieſe Fraͤulein weiß ſich auf eine ſehr nach - druͤckliche Art auszudruͤcken! Das iſt alles Es giebt viele Dinge, die zwiſchen Verlieb - ten vorgehen, und woruͤber ſich eine Mannsper - ſon vor ernſthaften Leuten nicht erklaͤren kann.

N 5Lady202

Lady Eliſab. Zwiſchen Verliebten, Herr - e! Aber Herr Lovelace, koͤnnen ſie ſa - gen, daß ſich dieſe Fraͤulein entweder als eine ſchwache oder eine leichtglaͤubige Perſon aufge - fuͤhret habe? Koͤnnen ſie das ſagen?

Lovel. Jch bin bereit, der Fraͤulein auf alle Art Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen Al - lein nun bitte ich, wenn ich ſo befragt werden ſoll, daß ſie mich den uͤbrigen Jnhalt des Brie - fes hoͤren laſſen, damit ich zu meiner Vertheidi - gung vorbereitet ſey, wie ſie ſich alle zu meinem Verhoͤr vorbereitet haben. Denn daß man von einem ſo ſtuͤckweiſe Antwort verlangt, wenn er nicht weiß, was folgen wird, iſt eine verfluchte Art zu verfahren, wodurch man jemand faͤngt.

Sie gaben mir den Brief. Jch las ihn fuͤr mich durch Aus der Wiederholung deſſen, was ich ſagte, wirſt du den uͤbrigen Jnhalt leicht errathen.

Sie ſollen finden, wertheſte Frauenzimmer; ſie ſollen finden, mein Lord, daß ich meiner ſelbſt nicht ſchonen will. Jch hielte den Brief vor mir in der Hand, und ſahe darauf, als ein Rechtsge - lehrter auf ſein Geſetzbuch. Und ſo fing ich an zu reden.

Fraͤulein Harlowe ſchreibt, wenn Jhre Gnaden wiſſen werden dabey wandte ich mich zu der Lady Eliſabeth daß in dem Fortgang zu ihrem Ungluͤck vorſetzliche Unwahrheiten, wiederholte Raͤnke falſche Briefe zu ſchmieden, und unzaͤhlige Meineide nicht die geringſten von203 von meinen Vergehungen geweſen ſind: ſo werden ſie urtheilen, daß ſie keine ſo gute Grund - ſaͤtze haben koͤnnte, die ſie einer Verbindung mit Perſonen von ihrer und ihrer edlen Schweſter vortrefflichen Gemuͤthsart wuͤrdig machen wuͤr - den, wenn ſie ſich nicht von ganzem Herzen er - klaͤren koͤnnte, daß eine ſolche Verbindung nun - mehr niemals ſtatt haben koͤnne.

Gewiß, meine liebe Frauenzimmer, dieß iſt parteyiſch und hitzig, nicht vernuͤnftig. Wenn unſere Familie ſich durch meine Vermaͤhlung mit einer Perſon, der ich ſo begegnet habe, nicht ent - ehret achten will, ſondern ſich im Gegentheil freuen wuͤrde, daß ich ihr dieſe Gerechtigkeit wi - derfahren ließe; und wenn ſie nach der Probe als reines Gold befunden iſt, und ſich ſelbſt nichts vorzuwerfen hat: warum ſollte es denn wider ih - re gute Grundſaͤtze ſtreiten, ihren Willen dazu zu geben, daß eine ſolche Verbindung Platz finden moͤchte?

Sie kann ſich ſelbſt um desjenigen willen, was wider ihren Willen geſchehen iſt, nicht fuͤr ſchlechter halten, mit Recht kann ſie es nicht.

Jtzt droheten ihre Blicke einen allgemeinen Aufſtand aber ich fuhr fort.

Mein Lord hat uns vorgeleſen, ſie habe ſich eine Hoffnung gemacht, wobey ſie ſich zu viel herausgenommen, ja auf eine ſtrafbare Weiſe zu viel herausgenommen, wie ſie ſich ausdruͤckt, daß ſie ein Werkzeug in den Haͤnden der Vorſicht ſeyn moͤchte, mich auf beſſere We - ge204 ge zu bringen: und dieß, wuͤßte ſie, wuͤrde ihr bey ihnen allen zu einem Verdienſte gereichen, wenn es ins Werk gerichtet waͤre. Aber was war es denn, wovon ſie mich auf beſſere We - ge bringen wollte? Sie hatte gehoͤrt, wer - den ſie ſagen; aber ſie hatte auch nur bloß ge - hoͤret, ſo lange ſie dieſe Hoffnung behielte; daß ich ein recht gottloſer Kerl waͤre, damit ich mich nach der Weiber Mundart ausdruͤcke. Was nun weiter? Wahrlich, den Augenblick, da ſie durch ihre eigne Erfahrung uͤberzeugt war, daß die Anklage gegen mich etwas mehr als Hoͤrenſagen, und ich folglich fuͤr ihre edel - muͤthige Bemuͤhungen eine geſchickte Perſon waͤre, bey der ſie ihr Werk faͤnde, wollte ſie nichts weiter thun, als mich aufgeben. So flieht ſie davon, und erklaͤret ſich, daß der feyerliche Kir - chengebrauch, der alles wieder gut machen wuͤr - de, niemals ſtatt haben ſoll! Kann dieß aus einem andern Bewegungsgrunde geſchehen, als aus Weiberzorn?

Hiedurch brachte ich ſie alle wider mich auf: und das war meine Abſicht. Es diente mir ſtatt einer Tonne, die man dem Wallfiſche zuwirft: und nachdem ich ſie eine Zeitlang damit hatte ſpielen laſſen, forderte ich ſie zur Aufmerkſamkeit auf. Weil ich wußte, daß ſie mich allezeit gern ſchwatzen gehoͤrt: fuhr ich fort zu reden.

Die Fraͤulein hat gedacht, das ſieht man of - fenbar, daß es eine weit leichtere Arbeit waͤre, jemand von boͤſen Gewohnheiten auf beſſere We -ge205ge zu bringen, als es nach der Natur der Sa - che ſeyn kann.

Sie ſchreibet, wie mein Lord geleſen hat, Jn - dem ſie ſich bemuͤhet haͤtte, einen Elenden, der erſaufen wollen, zu retten, waͤre ſie, nicht zufaͤl - liger, ſondern vorſetzlicher Weiſe, und mit einem aus Vorbedacht gefaßten Schluſſe, nach ihm hineingezogen. Aber wie kann dieß ſeyn, lieb - ſte Frauenzimmer? Sie ſehen aus ihren eignen Worten, daß ich ſelbſt noch lange nicht aus der Gefahr bin. Haͤtte ſie mich, wir wol - len ſetzen in einem tiefen Sumpf, gefunden, und ich waͤre durch ihre Huͤlfe aus demſelben gekom - men, haͤtte aber ſie darinn umkommen laſſen: ſo wuͤrde das in der That ein großes Verbrechen geweſen ſeyn Allein verhaͤlt ſich die Sache nicht ganz anders? Jſt ſie nicht ſelbſt herausge - kommen, wo ihr Gleichniß beweiſet, was ſie da - durch bewieſen haben will, und hat mich zuruͤck - gelaſſen, daß ich immer tiefer einſinke? Waͤ - re es ihr ein Ernſt geweſen, mich zu retten: ſo haͤtte ſie mir ihre Hand reichen ſollen, daß wir mit vereinigten Kraͤften einander ausgeholfen haͤtten Jch hielte meine Hand ausgereckt, und bat ſie, mir ihre Hand zu geben Aber nein, in Wahrheit! ſie hatte ſich vorgenommen, ſich ſelbſt ſo geſchwinde, als ſie koͤnnte, herauszu - bringen, und mich ſinken oder ſchwimmen zu laſſen: indem ſie, gegen ihre eigne Grundſaͤtze, mir ihre Huͤlfe verſagte; weil ſie ſahe, daß ich ſie gebrauchte. Sie ſehen, wertheſte Frauenzimmer,ſie206ſie ſehen, mein Lord, wie leicht ſich Ohren, welche an angenehmen Toͤnen Luſt zu haben geneigt ſind, durch wohlklingende Worte uͤberraſchen laſſen!

Alle waren im Begriff wieder auszurufen: allein ich kam ihnen zuvor, und fuhr fort, ehe ſie ihre Stimme erheben und reden konnten.

Meine ſchoͤne Anklaͤgerinn bringet vor, Jch haͤtte zu der Liſte derer, die ich ungluͤcklich ge - macht, einen Namen hinzugefuͤget, der meinem eignen Namen nicht zur Verkleinerung gereicht haben wuͤrde. Es iſt wahr, ich bin luſtig, und zu Unternehmungen aufgelegt geweſen. Es liegt in meiner Natur, daß ich ſo bin. Jch weiß nicht, wie ich zu einer ſolchen Natur gekom - men bin: aber ich bin hingegen niemals gewohnt geweſen, zu ſchelten oder zu tadeln; das wiſſen ſie alle. Wenn ein Menſch durch eine heſtige Leidenſchaft zu einer geringen Beleidigung hinge - riſſen iſt, die man ihm, ſo geringe ſie auch iſt, nicht vergeben will; ſo kann er leicht zur Ver - zweifelung gebracht werden: wie ein Dieb, der nur einen Raub im Sinne hat, oft, durch Wi - derſtand, und zu ſeiner eignen Erhaltung, verlei - tet wird, einen Mord zu begehen.

Jch mußte hier ein wund rlicher, ein ſcheus - licher Boͤſewicht heißen. Allein das muß ein einfaͤltiger Tropf ſeyn, der nichts fuͤr ſich ſelbſt zu ſagen weiß, da doch eine jede Sache ihre ſchwar - ze und ihre weiße Seite hat. Jn Weſtmin -ſter -207ſter-Hall, Bruder, findet man alle Tage eben ſo kuͤhne Vertheidigungen, als die meinige war.

Aber was hat dieſe Fraͤulein fuͤr ein Recht, fuhr ich fort, uͤber mich zu klagen: da es ſo gut iſt, als wenn ſie ſagte: Herr Lovelace, ſie haben als ein Betruͤger bey mir gehandelt Sie wollten gern ihren Fehler wieder gut ma - chen: ich werde es ihnen aber nicht zulaſſen, da - mit ich das Vergnuͤgen habe, ſie preiszugeben, und die Ehre, ihre Hand auszuſchlagen.

Allein man fragte mich hiebey: Ob das der Fall waͤre? Ob ich nun vorgeben wollte, daß ich die Fraͤulein heyrathen wuͤrde, wenn ſie mich haben wollte?

Lovel. Sie ſehen, daß ſie die Vermittelung der Lady Eliſabeth ausſchlaͤgt

Lord M. der mir in die Rede fiel. Worte ſind Wind: aber Werke zeigen, wie jemand geſinnt. Was ſoll euer verfluch - tes Wortſpiel bedeuten, Robert? Sagt rein heraus: Wollt ihr ſie haben, wo ſie euch haben will? Antwortet mir Ja, oder Nein: und fuͤh - ret uns nicht ſo herum, eure Meynung zu erfah - ren, als wenn wilde Gaͤnſe gejagt werden.

Lovel. Sie weiß, daß ich ſie nehmen wuͤr - de. Aber, mein Lord, wo ſie ſo fortfaͤhret, ſich ſelbſt und mich preiszugeben: ſo wird ſie ma - chen, daß es fuͤr uns beyde eine Schande wird, zu heyrathen.

Charlotte. Allein, wie muß mit ihr um - gegangen ſeyn?

Lovel. 208

Lovel. Wie nun, Baſe Charlotte, fiel ich ihr ins Wort und griff ihr unter das Kinn, woll - ten ſie wohl haben, daß ich ihnen alles, was zwi - ſchen der Fraͤulein und mir vorgegangen iſt, er - zaͤhlen ſollte? Wuͤrden Sie es gern ſehen, wenn ſie einen dreiſten und kuͤhnen Liebhaber haͤtten, daß ein jeder kleiner Streich von verliebter Schel - merey, den er gegen ſie vornaͤhme, unter die Leu - te gebracht wuͤrde?

Charlotte ward roth. Alle fingen an aus - zurufen. Jch ließ mich nichts anfechten und ſetzte meine Vertheidigung fort.

Die Fraͤulein ſchreibt: Sie ſey von mir ihrer Ehre beraubt worden; Der Teufel hole mich, wo ich meiner ſchone! durch ſolche Mit - tel, welche die Menſchlichkeit beleidigen wuͤrden, wenn man ſie erfuͤhre. Sie iſt ein ſehr un - ſchuldiges Frauenzimmer, und kann uͤber die Mittel, worauf ihre Worte zielen, nicht Richter ſeyn. Zu viele Zaͤrtlichkeit mag in der That zu wenige Zaͤrtlichkeit ſeyn. Haben ſie nicht etwa ein ſolches Sprichwort, mein Lord? Es iſt wohl eben ſo viel als dieß: Eine Aus - ſchweifung fuͤhrt zu der andern! Ein ſolches Frauenzimmer, wie dieſe Fraͤulein, mag vielleicht ihre Begebenheit fuͤr etwas außeror - dentlichers halten, als ſie wirklich iſt. So viel will ich uͤber mich nehmen zu behaupten, daß, wo ſie an mir die einzige Mannsperſon in der Welt gefunden hat, die ſo mit ihr umgegangen ſeyn wuͤrde, als ich, nach ihrer Sage, mit ihr umge -gangen209gangen bin, ich an ihr die einzige Weibsperſon in der Welt gefunden habe, welche ſo viel We - ſens uͤber einen Fall, der bloß wegen der damit verknuͤpften Umſtaͤnde außerordentlich iſt, gemacht haben wuͤrde.

Dieß brachte ſie alle wider mich auf, und Haͤnde, Augen, Stimmen, alle wurden auf ein - mal erhoben. Nur mein Lord M. der in ſeinem Kopfe, dem letzten Sitze einer ſich zuruͤckziehen - den Leichtfertigkeit, eben ſo viel Bosheit hat, als ich in meinem Herzen habe, ward gezwungen, uͤber die Miene, womit ich dieß ſagte, und Char - lottens ſo wohl, als aller Uebrigen, Erroͤthung, ein ſolches Maul zu machen, das groß genug war, die andere Haͤlfte von ſeinem Geſichte zu ver - ſchlingen, indem er, um ſich des Lachens zu er - waͤhren, aus vollem Halſe ſchrie, O! O! als wenn er einen gewaltigen Stich vom Poda - gra fuͤhlte.

Haͤtteſt du geſehen, wie die beyden altfraͤn - kiſchen Geſichter, und die beyden jungen Kaͤtz - chen wechſelsweiſe ſich einander, meinen Lord und mich anſahen: ſo haͤtteſt du ſelbſt dein haͤß - liches Geſicht mitten von einander ſpalten moͤ - gen. Dein großes Maul hat es ohne das ſchon halb fuͤr dich gethan. Und bey dem allen be - fand ich nicht ſelten in dieſer Unterredung, daß meine aufgeweckte und unerſchrockne Art zu han - deln ein Laͤcheln, zu meinem Vortheil, von den ſproͤden Maͤulern, ſonderlich der juͤngern Frauen - zimmer, erzwang. Denn da es ben nicht wahr -Sechſter Theil. Oſchein -210ſcheinlich iſt, daß ein ſolcher Fall ſie treffen moͤch - te: ſo konnten ſie dadurch nicht ſo geruͤhret wer - den, als die aͤltern; welche ſelbſt Roͤschen von ihrem eignen Stocke gehabt hatten, und ſehr un - gern wuͤrden geſehen haben, wenn jemand ſie in der Knoſpe gebrochen, und nicht einmal, mit ih - rer Erlaubniß, Frau Roſenſtrauch, zu der Mutter geſagt haͤtte.

Der naͤchſte Punct, woruͤber ich angeklagt wurde, war die Unterſchiebung falſcher Briefe und die Nachaͤffung der Perſonen von Lady Eli - ſabeth und meiner Baſe Charlotte. Zween har - te Vorwuͤrfe! wirſt du ſagen: und es iſt auch wahr. Der Lord war uͤber die geſchmiede - ten Briefe ſehr ungehalten. Die Frauenzim - mer gelobten, die Nachaͤffung ihrer Perſonen niemals zu vergeben. Niemand war da, der unter ihnen Friede ſtiftete. Alſo wurden wir alle Weiber und zankten uns mit einander.

Mein Lord erklaͤrte ſich, daß er nach ſeinem Gewiſſen dafuͤr hielte, es waͤre kein aͤrgerer Bube auf Gottes Erdboden, als ich Was braucht es, ſich in alle Kleinigkeiten bey der Sache einzulaſſen? ſprach er. Es waͤre nicht das erſte mal, daß ich ſeine Hand nachgemacht haͤtte.

Hierauf antwortete ich, daß ich vermuthete, es waͤren damals, als man die Verordnung: Scandalum magnatum, ausgeſonnen haͤtte, viele unter den Lords geweſen, welche gewußt, daß ſie harte Namen verdienten, und waͤre daher dießGeſetz211Geſetz vielmehr gemacht, ihnen einen Freybrief fuͤr ihren Stand zu geben, als, ihre wirkliche Be - ſchaſfenheit zu rechtfertigen.

Daruͤber forderte er mich auf, mich zu erklaͤ - ren, mit einem Herr-e, welches ſo ausgeſprochen wurde, daß es genugſam zeigte, daß er eines der ſchimpflichſten Woͤrter in unſerer Sprache im Sinne hatte.

Leute, denen ihr Stand und ihre Jahre zum Schutz dienten, verſetzte ich, ſollten ſich nicht ſol - che Freyheiten heraus nehmen, die ein Menſch, dem das Herz auf der rechten Stelle ſaͤße, nicht anders hingehen laſſen koͤnnte, als wenn er im Stande waͤre, denjenigen, der ihn ſchimpfte, von ganzem Herzen zu verachten.

Dieß brachte ihn in eine gewaltige Hitze. Er wollte den Augenblick nach ſeinem Pritchard ſchicken. Pritchard ſollte gerufen werden. Er wollte ſein Teſtament aͤndern: und alles, was er mir nehmen koͤnnte, wollte er mir nehmen.

Thun ſie es, thun ſie es immerhin, mein Lord. Jch habe mein eignes Vergnuͤgen allezeit hoͤher geachtet, als ihr Gut. Aber ich werde Prit - chard wiſſen laſſen, daß, wenn er den Aufſatz macht, er auch unterzeichnen und ſiegeln ſoll.

Was, was wollte ich Pritcharden thun? fragte er und ſchuͤttelte ſeinen kranken Kopf wi - der mich.

Was er, oder ſonſt jemand, mit ſeiner Feder ſchreibt, mir das zu entziehen, was mir, meinerO 2Mey -212Meynung nach, von Rechts wegen gehoͤret, das ſoll er nur mit ſeinen Ohren ſiegeln: dieß iſt al - les, mein Lord.

Nun ſchlugen ſich meine beyden Tanten ins Mittel.

Lady Sarah gab mir zu verſtehen, ich triebe die Sache ſehr weit: weder der Lord M. noch ei - ne von ihnen, verdiente die Begegnung von mir, welche ihnen widerfuͤhre.

Jch antwortete, ich haͤtte eine gedoppelte Ur - ſache, warum ich nicht leiden koͤnnte, daß mir von meinem Lord uͤbel begegnet wuͤrde: einmal, weil ich mehr Hochachtung gegen ihn hegte, als gegen irgend eine Perſon auf der Welt; und hier - naͤchſt, weil es das Anſehen haben wuͤrde, als wenn ich durch eigennuͤtzige Abſichten bewogen waͤre, das von Jhm anzunehmen, was mir ſonſt kein Menſch bieten duͤrfte.

Und was, verſetzte er, ſoll mich denn bewe - gen, das von ihnen anzunehmen, was ich anneh - men muß? Haͤ, Herr?

Jn der That, Vetter Lovelace; ſagte darauf Lady Eliſabeth mit anſehnlicher Ernſthaftigkeit; wir verdienen nicht, keine von uns, wie Lady Sa - rah ſagt, daß ſie uns ſo begegnen, wie ſie thun. Sie moͤgen wiſſen, daß ich es nicht fuͤr billig hiel - te, meine, und ihrer Baſe Charlottens Ehre kraͤnken zu laſſen, damit ſie ein unſchuldiges Frau - enzimmer ungluͤcklich machen koͤnnen. Sie muß gar bald gewußt haben, was fuͤr eine gute Mey - nung wir alle von ihr hegen, und wie ſehr wirwuͤnſch -213wuͤnſchten, daß ſie ihre Frau werden moͤchte. Dieſe gute Meynung, welche ſie von unſerer Ge - ſinnung gehabt, iſt eine Reizung fuͤr ſie geweſen; das, ſehen ſie, ſchreibt ſie ſelbſt; ihrem Antrage Gehoͤr zu geben. Aber auch eben dieſelbe hat, nebſt ihrer Freunde wunderlichem Bezeigen, dazu geholfen, daß ſie ſich in ihre Gewalt begeben. Wie ſie ihr vergolten haben, liegt nur allzu offen - bar am Tage. Es iſt unſerer aller Ehre und gutem Namen gemaͤß, ihr Verfahren bey ihr fuͤr ſtrafwuͤrdig zu erkennen, und uns deſſen nicht theilhaftig zu machen. Ja, ich muß ihnen ſagen, wir haben aus der Urſache, weil ſie die Fraͤulein durch gottloſe Leute, welche ſie aufgebracht, un - ſere Perſonen faͤlſchlich vorzuſtellen, hinters Licht geſuͤhret haben, eine gedoppelte Verbindlichkeit, uns ihres ſtrafbaren Verfahrens nicht theilhaftig zu machen.

Lovel. Wohlan! das laſſe ich gelten. Jch wollte, daß ſie alle mit einander mein Verfahren fuͤr verwerflich erklaͤrten. Jch geſtehe, ich habe ſchaͤndlich bey dieſer Fraͤulein gehandelt. Ein Schritt hat mich zu dem andern gefuͤhret. Jch bin zu einer Gemuͤthsart verdammt, die mich, kuͤh - ne Unternehmungen zu wagen, antreibet. Jch kann nichts weniger leiden, als daß ich unterlie - gen ſoll.

Unterliegen! fiel mir die Lady Sarah ins Wort. Was fuͤr eine Schande, ſo zu ſchwatzen! Hat die Fraͤulein ſich mit ihnen jemals im einen Streit eingelaſſen? Fraͤulein Clariſſa Har -O 3lowe,214lowe, habe ich gehoͤret, iſt auf eine edelmuͤthige Art aufrichtig und offenherzig: uͤber alle Kuͤnſte, uͤber alle Verſtellung erhaben; weder buhleriſch, noch ſproͤde! Die arme Fraͤulein! Sie hat gewiß von einem Menſchen, fuͤr welchen ſie den Schritt gethan, den ſie ſo freymuͤthig tadelt, ein beſſeres Schickſal verdienet!

Dieß ruͤhrte mich mehr, als halb Waͤ - re die Sache, woruͤber wir ſtritten, von allen auf die Art angegriffen worden: ſo haͤtte ich mich ge - ſchaͤmet, die Augen aufzuſchlagen. Jch fing ſchon an mich zu ſchaͤmen.

Charlotte fragte, ob ich nicht noch geneigt ſchiene, ihr Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen, wenn ſie mich haben wollte? Sie unterſtuͤnde ſich zu ſagen, daß es die groͤßte Gluͤckſeligkeit ſeyn wuͤrde, welche die Familie haben koͤnnte, daß die - ſe vortreffliche Fraͤulein zu ihr gehoͤrte: und fuͤr eine Perſon wollte ſie es verantworten.

Sie erklaͤrten ſich alle fuͤr dieſe Meynung: und die Lady Sarah ſtellte mir die Sache heim.

Allein mein Lord Sauertopf wollte behau - pten, daß ich nicht ſechs Minuten nach einander ernſthaft ſeyn koͤnnte!

Jch verſicherte ſeine Gnaden, daß ſie ſich ſehr irreten. So wenig ich mir nach ſeinen Gedan - ken aus dieſer Sache machen ſollte: ſo haͤtte ich doch niemals etwas empfunden, das mir ſo nahe zu Herzen gegangen waͤre.

Die215

Die Fraͤulein Martha ſagte, es waͤre ihr lieb, das zu hoͤren; in der That es waͤre ihr lieb, das zu hoͤren: und ihre liebreiche Augen glaͤnzeten vor Vergnuͤgen.

Der Lord M. nannte ſie eine hoͤchſtliebens - wuͤrdige Seele, und haͤtte beynahe geheulet und geſchrieen.

Du mußt ja nicht glauben, Bruder, daß dieß aus Menſchenliebe geſchehe. Nein, dieſer Lord hat kein menſchliches Herz. Das kannſt du wohl aus ſeinem Bezeigen gegen mich ab - nehmen. Aber wenn Leuten ihr Gemuͤth durch eine Empfindung ihrer eigenen Schwachheiten erweicht iſt, und wenn ſie ſich ihrem letzten Ende naͤhern: ſo werden ſie durch die geringſten Vor - faͤlle, ſie moͤgen ſich ihnen von innen, oder von außen darſtellen, geruͤhret werden. Dieß nennet die kurzſichtige Welt oft Menſchenliebe: da ſie doch alle die Zeit uͤber, indem ſie mit dem Elen - de menſchlicher Natur ein Mitleiden bezeugen, nur gegen ſich ſelbſt mitleidig ſind; und, wenn ſie vollkommen geſund und munter waͤren, eben ſo wenig, als du, oder ich, um ſonſt jemand be - kuͤmmert ſeyn wuͤrden.

Hier brachen ſie mein Verhoͤr ab, ſo weit die Verſammlung dießmal Sitz dazu genommen hatte. Die Lady Sarah war ſehr ermuͤdet. Es ward beſchloſſen, die Sache morgen weiter vor - zunehmen. Jnzwiſchen traten ſie alle mit ein - ander ab, und hielten eine geheime Berathſchla - gung.

O 4Der216

Der ein und dreyßigſte Brief. Eine Fortſetzung von Herrn Lovelace.

Statt daß man die Sache da, wo man ſie ge - laſſen hatte, wieder anfangen ſollte, mußten die Frauenzimmer nothwendig einige Stellen in dem Briefe meiner ſchoͤnen Anklaͤgerinn beruͤh - ren: da ich mir Hoffnung gemacht, daß ſie die - ſelben wuͤrden haben ruhen laſſen; weil wir auf einem leidlichen Fuß mit einander ſtunden. Al - lein, in Wahrheit, hieß es, ſie muͤßten von un - ſerer Geſchichte alles hoͤren, was ſie hoͤren koͤnn - ten, und was ich zu dieſen Stellen zu ſagen haͤt - te, damit ſie deſto beſſer im Stande waͤren, die Vermittelung zwiſchen uns zu uͤbernehmen, wo ich wirklich und in der That geneigt waͤre, ihr die gehoffete Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen.

Dieſe Stellen waren, erftlich, daß, nach - dem ich ſie hinterliſtiger Weiſe wider ihren Wil - len dahin gebracht, wirklich mit mir davon zu gehen, ich ſie in eines der aͤrgſten Haͤuſer zu Lon - don gefuͤhret haͤtte;

Zweytens, daß ich einen gottloſen Verſuch gegen ſie unternommen, woruͤber ſie unwillig geworden, und in geheim nach Hampſtead ge - flohen waͤre.

Drittens217

Drittens kamen die Beſchuldigungen, daß ich falſche Briefe geſchmiedet, und falſche Perſo - nen aufgeſtellet haͤtte, wieder vor: und wir waͤren daruͤber beynahe aufs neue in Zank gerathen, ehe wir zu der folgenden Beſchuldigung kommen konn - ten; die noch aͤrger war. Denn

Viertens ward mir vorgeworfen, daß, nachdem ich ſie betruͤgerifcher Weiſe in das ſchaͤndliche Haus zuruͤckgebracht, ich ſie erſtlich ihrer Sinne, alsdenn ihrer Ehre, beraubet, und nachher daſelbſt gefangen gehalten haͤtte.

Was wuͤrde es anders ſeyn, wenn ich dir die Bemaͤntelungen dieſer ſchweren Vorwuͤrfe erzaͤh - len ſollte, als eine Wiederholung vieler von denen Gruͤnden, die mein Verbrechen geringer vorſtel - len koͤnnen, und die ich ſchon in meinen Briefen an dich gebrauchet habe. Es mag alſo genug ſeyn, nur dieß zu ſagen, daß ich, zur Beſchoͤni - gung meiner Anſchlaͤge, auf die ausnehmende Bedenklichkeit der Fraͤulein, auf ihr Mistrauen, das ſie in meine Ehre geſetzet, auf das zu Raͤn - ken aufgelegte Gemuͤth der Fraͤulein Howe, wo - durch es geſchehen, daß Raͤnke an ihrer Seite, auch an meiner Seite Raͤnke veranlaſſet haͤtten, und auf den heftigen Zorn des ſchoͤnen Gefchlechts ſehr beſtand. Jch betheurte, daß meine ganze Abſicht, warum ich ſie mit einem gelinden Zwange feſtgehalten, nur dieſe geweſen waͤre, ſie dadurch zu noͤthigen, daß ſie mir vergeben, und mich hey - rathen moͤchte, und dieß um der Ehre beyder Familien willen. Jch ruͤhmte mich mit meinenO 5guten218guten Eigenſchaften, unter welchen einige waͤren, die mir niemand, der mich kennte, abſpraͤche, und auf die wenige von den Freunden der ſo genann - ten freyen Lebensart einen Anſpruch machen koͤnnten.

Nach dieſen Unterredungen fingen ſie an, die Fraͤulein mit vielem Eifer zu bewundern und zu erheben. Das war alles, wie ich gar wohl wuß - te, eine Vorbereitung zu der Hauptfrage: und dieſe ward von der Lady Sarah folgendergeſtalt auf die Bahn gebracht.

Wir haben ſo viel von den Briefen der ar - men Fraͤulein geſagt, als wir, meinen Gedanken nach, ſagen koͤnnen. Wollten wir uns bey dem Ungluͤck aufhalten, das aus der Mishandlung ei - ner Perſon von ihrem Range leicht entſtehen mag; wofern es nicht, auf alle nun moͤgliche Art, wieder gut gemacht wird: ſo wuͤrde das vielleicht wenig nuͤtzen. Aber, mein Herr, ſie ſcheinen noch ſo wohl eine gute Meynung, die ſie vollkom - men verdienet, von ihr zu begen, als Zuneigung zu ihr zu haben. Jhrer Tugend kann nicht der geringſte Vorwurf gemacht werden. Sie koͤnn - te nicht ſo zuͤrnen, wie ſie thut: wenn ſie ſich ſelbſt etwas vorzuwerfen haͤtte. Sie iſt, nach jeder - manns Geſtaͤndniſſe, ein feines Frauenzimmer, hat ein artiges Gut, als ihr Eigenthum, iſt von keiner ſchlechten Familie, ob dieſelbe gleich in Anſehung ihrer ſo wenig klug, als ihren Vorzuͤ - gen gemaͤß gehandelt hat. Wegen ihres vor - treſflichen Gemuͤths und ihrer Geſchicklichkeit inder219der Haushaltung, geht die gemeine Sage von ihr, wie der rechtſchaffene D. Lewin mir einmal erzaͤhlet hat, daß ihre Klugheit einen armen Mann reich machen, und ihre Gottſelig - keit einen Freydenker in der Lebensart auf beſſere Wege bringen wuͤrde. Jch bin bloß in der Abſicht hierher gekommen, ſo wie auch die Lady Eliſabeth, da ich ſonſt in den letzten zwoͤlf Monaten nicht zweymal von Hauſe geweſen, daß ich ſehen wollte, ob es nicht moͤglich ſey, ihr Ge - rechtigkeit widerſahren zu laſſen, und ob wir und der Lord M. ihre naͤchſten Anverwandten, mein Herr, noch etwas bey ihnen gelten, oder nicht. Was mich betrifft: ſo ſoll ſich meine Entſchlie - ßung, wie ich es mit allem, woruͤber ich Gewalt habe, gehalten wiſſen will, nach ihrer Entſchlie - ßung in dieſem Stuͤcke richten.

Lady Eliſabeth. Auch meine.

Und meine auch, ſagte meine Lord, und ſchwur tapfer dazu.

Lovel. Es ſey ferne von mir, daß ich die Gunſtbezeigungen geringe ſchaͤtzen ſollte, welche ſie, irgend jemand von ihnen, mich gerne verdie - nen ſehen moͤchten. Aber es ſey auch eben ſo ferne von mir, aus eigennuͤtzigen Abſichten Be - dingungen einzugehen, die mir nicht gefallen! Was das Ungluͤck anlanget, das kommen ſoll: ſo mag es kommen. Jch bin mit den Harlowes noch nicht zur Richtigkeit. Sie ſind der angrei - fende Theil geweſen: und es wuͤrde mir lieb ſeyn, wenn ſie mich auf die Art, wie ſie in dergleichenFall220Fall von mir hoͤren ſollten, von ſich hoͤren ließen. Es ſollte mir nicht leid ſeyn, mich bey dieſer Ge - legenheit finden zu laſſen: ja es ſollte mir viel angenehmer ſeyn, als daß ich genoͤthigt bin, ſie zu ſuchen.

Fraͤulein Charlotte, welche dabey roth ward. Das heißt vielmehr, wie ein ungeſtuͤmer, als wie ein vernuͤnftiger Menſch, geſprochen. Jch hoffe, das werden ſie zugeben, Herr Vetter.

Lady Sarah. Da aber einmal, was ge - ſchehen iſt, geſchehen iſt, und nicht ungeſchehen ſeyn kann: ſo laſſen ſie uns darauf denken, was nun zunaͤchſt das beſte ſeyn moͤge. Haben ſie etwas wider ihre Vermaͤhlung mit der Fraͤulein Harlowe einzuwenden, wofern dieſelbe ſie nehmen will?

Lovel. Es kann, nach aller Moͤglichkeit, nichts mehr, als eines, eingewendet werden: daß ſie naͤmlich allenthalben ſo wohl, als gegen die La - dy Eliſabeth, die Regel beobachten wird, welche ihr beſonders eigen iſt, und auch, erlauben ſie es mir, ihnen zu ſagen, beſonders eigen ſeyn muß, daß ſie das, was ſie vor ſich ſelbſt nicht verbergen kann, aller Welt bekannt machen wolle.

Fraͤulein Martha. Gewiß, das ſchreibt die Fraͤulein in heftiger Betruͤbniß, und in Ver - zweifelung.

Das ſagen ſie, Baſe Martha! Ange - nehmes Maͤgdchen! Wollten ſie, meine Wer - theſte, in einem ſolchen Falle, ſagte ich leiſe zuihr,221ihr, mit dergleichen Ausrufungen nicht mehr ge - meynet wiſſen?

Hiefuͤr trug ich einen Schlag mit ihrem Fe - cher, eine Erroͤthung an ihrer Seite, und von dem Lord M. eine Anmerkung, davon, daß ich alles, was ſie ſagten, zu einem Scherze machte.

Jch fragte, ob ſie gedaͤchten, daß die Harlo - wes einige Achtung von mir verdienten: und ob dieſe Familie nicht uͤber mich hoͤhniſch frohlocken wuͤrde, wenn ich ihre Tochter heyrathen ſollte, als wenn ich es nicht anders thun duͤrfte?

Lady Sarah. Vormals war ich ſelbſt uͤber dieſe Familie zornig: wie wir alle waren. Al - lein itzo bedaure ich ſie, und glaube, daß ſie, Herr Lovelace, die aͤrgſte Begegnung, welche ihnen von denſelben widerfahren iſt, durch ihre Auffuͤhrung nur allzu wohl, als verdient, gerechtfertiget haben.

Lord M. Jhre Familie iſt alt, zaͤhlt lau - ter rechtſchaffene Cavallier, iſt reich und anſehn - lich. Jch kann ihnen ſagen, daß viele von un - ſerm Stande ſich freuen wuͤrden, wenn ſie ihre Ahnen von keinem ſchlechtern Stamme, als der Harloweiſche iſt, ableiten koͤnnten.

Lovel. Es iſt eine unedelmuͤthige und un - verſoͤhnliche Familie. Jch haſſe ſie: und ob ich gleich gegen die Fraͤulein Ehrerbietung hege; ſo iſt mir doch ſonſt alles, was zu ihnen gehoͤret, veraͤchtlich.

Lady Eliſab. Jch moͤchte wuͤnſchen, daß man von dem, der uͤber gemeine Fehler an an -dern222dern eine ſolche Verachtung bezeiget, nichts aͤr - gers ſagen koͤnnte.

Lord M. Wie wuͤrde ſich meine Schwe - ſter Lovelacen alle ihre thoͤrichte Nachſicht gegen dieſen ihren Liebling verwieſen haben: wenn ſie bis itzo gelebt, und bey dieſer Gelegenheit gegen - waͤrtig geweſen waͤre!

Lady Sarah. Es mag ſeyn: aber erlau - ben ſie, mein Lord, daß wir zuſehen, ob etwas fuͤr dieſe arme Fraͤulein auszurichten iſt.

Fraͤulein Charlotte. Wo Herr Lovelace nichts gegen die Gemuͤthsbeſchaffenheit der Fraͤu - lein einzuwenden hat; und ich darf glauben, daß er ſich nicht ſchaͤmen werde, ihr Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen, wenn es auch gegen ihn ſelbſt ausfallen ſollte: ſo kann ich nicht anders ſe - hen, als daß Ehre und Großmuth ihn zu allem dem bewegen werde, was wir von ihm erwarten. Waͤren der Fraͤulein einige Leichtſinnigkeit und Schwachheiten vorzuwerfen: ſo wollte ich zu ih - rem Beſten den Mund nicht aufthun; ob ich gleich in geheim Mitleiden mit ihr haben, und ihr hartes Verhaͤngniß bedauren wuͤrde. Und gleichwohl moͤchte es auch denn, bey einem ſo be - ſondern Falle, nicht an Bewegungsgruͤnden feh - len, welche Ehre und Dankbarkeit an die Hand geben wuͤrden, ſie zu verbinden, mein Herr, daß ſie ihre Geluͤbde, welche ſie offenbar gebrochen ha - ben, wieder beſtaͤtigten und erfuͤlleten.

Lady Eliſabeth. Meine Neffe Charlotte hat ſie mit ſo vieler Gerechtigkeit aufgefordert,und223und ihnen die Frage ſo eigentlich vorgeleget, daß ich nicht anders, als wuͤnſchen kann, ſie moͤchten ſich frey heraus, und ohne Ausflucht, daruͤber er - klaͤren.

Hierauf forderten mich alle in einem Athem zur Ernſthaftigkeit und Gerechtigkeit auf: und ich brachte meine Meynung mit einem aufrichtig feyerlichen Weſen ſolgendermaßen vor.

Jch ſehe vollkommen ein, daß die Erfuͤl - lung deſſen, was ſie mir aufgeleget haben, mir kei - ne Entſchuldigung uͤbrig laſſen werde. Nichts deſto weniger aber will ich meine Zuflucht we - der zu Ausfluͤchten noch zu Bemaͤntelungen nehmen.

Jch ſchaͤme mich nicht, wie meine Baſe Charlotte in voͤlligem Ernſt angemerket hat, den Verdienſten der Fraͤulein Harlowe in Wor - ten Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen: ob ich gleich geſtehen will, daß ich billig erroͤthen muß, daß ich es in Werken ſo wenig gethan habe.

Jch bekenne ihnen allen, und, was noch mehr iſt, ich bekenne mit der groͤßten Reue; wo nicht mit Schaam, Baſe Charlotte; daß ich bey meinem Verfahren mit dieſer Fraͤulein viel zu verantworten habe. Unter dem ſchoͤnen Geſchlechte iſt keine edlere Seele, und keine lie - benswuͤrdigere Perſon bey derſelben. Und was die Tugend betrifft: ſo haͤtte ich niemals glau - ben koͤnnen; verzeihen ſie mir, wertheſte Frau - enzimmer, daß eine Weibsperſon jemals vor - handen geweſen waͤre, die ſolche vortreffliche, ſolche224 ſolche beſtaͤndig gleichmaͤßige Proben derſelben gegeben haͤtte, oder koͤnnte gegeben haben. Denn in ihrer ganzen Auffuͤhrung hat ſie ſich gleich weit uͤber Verſuchung, und Raͤnke, und, ich haͤtte beynahe geſagt, uͤber menſchliche Schwachheit erhaben bewieſen.

Der Schritt, den ſie gethan, und ſich ſo frey zu einem Vorwurfe macht, war in Wahr - heit erzwungen, wie ſie ihn nennet. Denn ob ſie gleich ſo weit gereizet war, daß ſie daran gedachte, mit mir davon zu gehen: ſo war ſie es doch nicht willens, und hatte ſich auch mit nichts dazu verſorget. Ja ſie wuͤrde nie - mals nur einmal daran gedacht haben: wenn ihre Verwandten, auf die von ihr ſelbſt vorge - ſchlagene Vermittelung, ihr frey gelaſſen haͤt - ten, dem Manne zu entſagen, den ſie nicht haſſete, damit ſie des Mannes, den ſie wirklich haßte, los werden moͤchte.

Es reizte meinen Ehrgeiz ich geſtehe es, daß ich mich ſo wenig auf die Kraft des Ein - drucks, welchen ich nach meiner Eitelkeit in ei - nem ſo zaͤrtlichen Herzen gemacht zu haben hof - fete, verlaſſen konnte: und in meinen aͤrgſten Raͤnken gegen ſie, munterte ich mich ſelbſt da - mit auf, daß ich kein Vertrauen dabey mis - brauchte; denn ſie hatte gar keines zu meiner Ehre.

Es wuͤrde mehr, als ein Wunderwerk ge - weſen ſeyn: wenn ſie den Uebeln entgangen waͤ - re, die ſie gelitten hat. Jhre Wachſamkeit machte,225 machte, daß mehr Anſchlaͤge misriethen, als diejenigen waren, welche ihren Fall befoͤrderten: und dieſe waren viel und mancherley. Alle haͤrtere Verſuche gegen ſich, und alle groͤßere Beſchwerlichkeiten, hatte ſie ihrem edlen Wi - derſtande und gerechten Unwillen zu danken.

Jch weiß, fuhr ich fort, wie ſehr ich mich ſelbſt verurtheile, indem ich dieſer unvergleichli - chen Fraͤulein Gerechtigkeit widerfahren laſſe. Aber dennoch will ich ihr Gerechtigkeit wider - fahren laſſen: und kann mich nicht entbrechen; wenn ich auch wollte. Dieß zeigt, wie ich hof - fe, daß ich noch nicht ſo ganz verrucht bin, als man von mir gedacht hat.

Bey mir, in der That, hat ſie dem ſchoͤnen Geſchlechte in ihrem Fall, wo es ein Fall zu nennen iſt; in Wahrheit ſollte es nicht ſo hei - ßen; mehr Ehre gemacht, als irgend eine an - dere Perſon jemals in ihrem Stehen thun konnte.

Da ich mit der Zeit endlich ihrer wachſa - men Tugend Urſache zum Verdacht gegeben hatte: ſo ward ich freylich genoͤthigt, Gewalt und Kuͤnſte zu gebrauchen, damit ſie mir nicht entkommen moͤchte. Darauf fing ſie an, liſtige Anſchlaͤge zu erſinnen, damit ſie meine Raͤnke unkraͤftig machte. Aber alle ihre Anſchlaͤge waren von der Art, daß die ſtrengſte Wahrheit und genaueſte Ehre ſie rechtfertigen wuͤrde. Sie konnte ſich zu Betrug und Unwahrheit nicht herunterlaſſen: nein; auch nicht einmalSechſter Theil. P um226 um ihrer eignen Rettung willen. Mehr als einmal ſagte ſie mir mit Recht, durch das Be - wußtſeyn ihrer Vorzuͤge angeflammet, daß ihre Seele weit uͤber die meinige erhoben waͤre! Verzeihen ſie mir, wertheſte Frauenzimmer, wenn ich ſage, daß ich ſo lange, bis ich dieſe Fraͤulein kennen lernte, den Perſonen von dem ſchoͤnen Geſchlecht eine Seele ſtreitig machte: weil ſie, wie ich anzunehmen geneigt war, nur zu voruͤbergehenden Abſichten erſchaffen waͤren. Man kann ſich nicht einbilden, auf was fuͤr ungereimte Dinge Leute von ungebundenen Grundſaͤtzen verfallen, damit ſie ihre freye Le - bensart fuͤr ſich ſelbſt rechtfertigen, und ſich ei - ne Religion nach ihrem Sinne machen. Je - doch bin ich in dieſem Stuͤcke nicht ſo vielen Feh - lern unterworfen geweſen, als einige andere.

Kein Wunder, daß eine ſo edelgeſinnte Perſon, als meine Clariſſa, einen jeden aus - geſonnenen Kunſtgriff als eine gewiſſe Art der Schande anſahe, die nicht zu vergeben waͤre! Kein Wunder, daß ſie ſo leicht gegen den Mann, den ſie zu vorſetzlichen Verbrechen aufgelegt hielte, einen Abſcheu bekommen konnte: ob ſie ihn gleich vormals mit einem nicht ganz gleich - guͤltigen Auge anſahe! Aber es iſt auch nicht zu verwundern; erlauben ſie mir dieß an der andern Seite zu ſagen; daß der Menſch, welcher es ſo ſchwer fand, der geringern Be - leidigungen wegen, Vergebung zu erlangen, und nicht die Gabe hatte, nachzulaſſen oder Reue227 Reue zu empfinden, zur Verzweifelung ge - bracht, und, die groͤßern zu begehen, hinge - riſſen werden moͤchte.

Kurz, liebe Frauenzimmer, mit einem Wort, mein Lord, Fraͤulein Clariſſa Harlo - we iſt ein Engel: wo jemals ein Engel in menſchlicher Natur geweſen, oder ſeyn konnte. Sie iſt in Anſehung ihres Wil - lens ſo rein, als ein Engel, und iſt es alle - zeit geweſen. Dieſe Gerechtigkeit muß ich ihr widerfahren laſſen: ob man gleich im Begriff iſt, wie ich an allen blinzenden Augen merke, die Frage zu thun: Was ſeyd ihr denn, Lo - velace?

Lord M. Ein Teufel! Ein verdamm - ter Teufel! muß ich antworten. Jch wuͤnſche, daß Gottes Fluch ihnen in allem, was ſie un - ternehmen, folge: wo ſie es bey ihr nicht auf alle Art und Weiſe, ſo viel nun noch in ihrer Gewalt iſt, wieder gut machen.

Lovel. Von ihnen, mein Lord, konnte ich nichts anders erwarten: allein von den Frauen - zimmern hoffe ich weniger Ungeſtuͤm, weil ich ein ſo aufrichtiges Bekenntniß abgeleget habe.

Die Frauenzimmer, ſo wohl die aͤltern, als die juͤngern, hatten ihre Schnupftuͤcher an den Augen: da ich den Verdienſten dieſer erhabenen Fraͤulein ein ſo gerechtes Zeugniß gab; welches ich mir kein Bedenken machen wollte, vor einem Richterſtuhl, wenn ich dazu gefordert wuͤrde, abzulegen.

P 2Lady228

Lady Eliſab. Das iſt eine edle Gemuͤths - art, mein Herr. Wofern ſie ſo denken, als ſie reden: ſo koͤnnen ſie ſich gewiß nicht weigern, der Fraͤulein alle Gerechtigkeit zu thun, die nun - mehr noch in ihrer Gewalt ſtehet.

Dieſe Forderung ließen ſie alle einhellig an mich ergehen.

Jch ſtellte vor, daß ich verſichert waͤre, ſie wollte mich nicht haben. Wenn ſie einmal ei - nen Entſchluß gefaßt haͤtte: ſo waͤre ſie nicht zu bewegen. Unbeweglichkeit waͤre eine Harlowei - ſche Suͤnde. Dieſe, und ihr Name, waͤre al - les, was ſie von ihren Anverwandten haͤtte.

Allein ſie waren alle der Meynung, daß ſie in ihren gegenwaͤrtigen verlaſſenen Umſtaͤnden zu bewegen ſeyn wuͤrde, mir zu vergeben. Die La - dy Sarah ſagte, ihre Schweſter und ſie wollten ſich Muͤhe geben, die Edle Leidenstraͤgerinn, wie ſie dieſelbe mit Recht nannten, aufzuſuchen; ſie wollten dieſelbe in ihren Schutz nehmen, und ihr fuͤr die Gerechtigkeit, welche ich ihr ſo wohl nach, als vor der Heyrath thun wuͤrde, Gewaͤhr leiſten.

Es war mir einigermaßen ein Vergnuͤgen, daß ich die Verſoͤhnlichkeit dieſer Frauenzimmer von meiner eignen Familie wahrnahm, wenn ſie, eine oder die andere von ihnen, mit einem Love - lace zu thun gehabt haͤtten. Aber es wuͤrde etwas hartes fuͤr uns ehrliche Leute geweſen ſeyn, Bruder: wenn alle Weibsperſonen Clariſſen waͤren.

Hier werde ich genoͤthigt abzubrechen.

Der229

Der zwey und dreyßigſte Brief. Die Fortſetzung von Herrn Lovelace.

Es iſt weit beſſer, Bruder, daß man ſeine Hiſtorie ſelbſt erzaͤhlet, wenn ſie doch be - kannt werden muß, als daß man ſie fuͤr ſich von einem Feinde erzaͤhlen laſſe. Weil ich dieß wohl wußte: ſo gab ich ihnen eine umſtaͤndliche Nach - richt, wie ſehr ich bey ihr darauf gedrungen haͤt - te, nachdem ich von ihr gereiſet waͤre, den Don - nerſtag, der ihres Onkels Geburtstag geweſen, und ihr zu gefallen ernannt worden, zu der ge - heimen Vollziehung unſerer Heyrath zu beſtim - men; da ich einige Tage vorher ſchon wirklich einen Trauſchein ausgewirkt haͤtte, der noch bey ihr waͤre.

Jch erzaͤhlte, daß ich mich erboten haͤtte; weil ich ſie nicht gewinnen koͤnnen, mir das ge - ringſte zu verſprechen, ſo lange ſie unter einem vermeynten Zwange waͤre; ihr vollkommene Frey - heit zu laſſen, wofern ſie mir auf den Tag die geringſte Hoffnung machen wollte. Allein auch dieß Erbieten haͤtte mir nicht geholfen.

Da dieſe Unbiegſamkeit mich zur Verzweife - lung gebracht: ſo haͤtte ich mich entſchloſſen,P 3mei -230meine vorhergehenden Fehler durch die ausge - ſtellten Befehle zu vermehren, daß ſie nicht eher, als bis ich von M. Hall zuruͤck kaͤme, aus dem Hauſe gehen oder Briefe wechſeln ſollte; weil ich wohl gewußt, daß ich ſie auf ewig verlieren muͤßte, wenn ſie in voͤlliger Freyheit waͤre.

Dieſer Zwang haͤtte ſie ſo erbittert, daß ich mir, ob ich gleich nicht weniger als vier ver - ſchiedne Briefe geſchrieben, nicht eine Sylbe zur Antwort von ihr haͤtte auswirken koͤnnen: da ich doch nur um vier Worte, den Tag und die Kirche zu bezeichnen, inſtaͤndigſt gebeten.

Jch berief mich auf meine beyden Baſen, daß ſie die außerordentlichen Maaßregeln bezeug - ten, die ich genommen haͤtte, Bothen nach Lon - don abzufertigen: ob ſie die Urſache gleich nicht gewußt; welche dieſe geweſen waͤre, wie ich ih - nen nunmehr ſagte.

Jch eroͤffnete ihnen, daß ich ſo gar an euch, Bruder, und an einen andern Cavallier, von dem ſie, meinen Gedanken nach, eine gute Mey - nung gehabt, geſchrieben haͤtte, ihr aufzuwarten, und auf das nachdruͤcklichſte bey ihr um ihre Einwilligung anzuhalten: da ich mich unterdeſ - ſen den letzten Tag zu Salt-Hill in Bereitſchaft gehalten, dem Bothen, welchen man ſenden wuͤrde, zu begegnen, und, wo ſeine Bothſchaft vortheilhaft waͤre, nach London fortzugehen. Aber, ehe meine Freunde noch haͤtten zu ihr kom - men koͤnnen, haͤtte ſie Mittel gefunden, noch einmal von mir zu fliegen: und nun ſaͤße ſievielleicht231vielleicht irgendwo unter dem Fenſter der Lady Eliſabeth zu Glenham-Hall; und wirbelte da - ſelbſt, wie die angenehme Philomela, mit einem Dorn in der Bruſt, ihre traurigen Klagen gegen ihren grauſamen Tereus heraus.

Die Lady Eliſabeth erklaͤrte ſich, daß ſie nicht bey ihr waͤre, und ſie auch nicht wuͤßte, wo ſie ſich aufhielte. Sie ſollte ſonſt, ſetzte die Lady hinzu, ihr der willkommenſte Gaſt ſeyn, den ſie jemals aufgenommen haͤtte.

Jn Wahrheit, ich hatte einen Verdacht, daß ſie ſchon wuͤßten, wo ſie waͤre, und ſie auch in ihren Schutz genommen haͤtten. Denn ich bildete mir ein, die Lady Sarah koͤnnte unmoͤg - lich bloß durch einen Brief von der Fraͤulein Harlowe, der noch dazu nicht an ſie ſelbſt gerich - tet war, zu einem ſolchen Eifer ermuntert ſeyn: da ſie eine ſehr unempfindliche und niedergeſchla - gene Frau iſt. Aber ihre Schweſter, finde ich, hatte ſie dazu aufgebracht. Denn die Lady Eli - ſabeth iſt eben ſo dienſtfertig, und weiß eine Sa - che eben ſo wohl zu treiben, als die Fraͤulein Howe: aber ſie iſt von großmuͤthigerer und edle - rer Neigung Sie iſt meine Tante, Bruder.

Jch vermuthete, ſprach ich, ihre Gnaden wuͤrden eine geheime Anweiſung des Orts haben, wohin man an ſie ſchicken koͤnnte. Jch ſprach, wie ich wuͤnſchte: ich haͤtte die ganze Welt dar - um gegeben, daß ich gehoͤrt haͤtte, ſie waͤre ge - neigt, ſich bey irgend jemand von meiner Fami - lie Gunſt zu erwerben.

P 4Die232

Die Lady Eliſabeth antwortete, ſie haͤtte kei - ne andere Anweiſung dazu, als die in dem Briefe ſtuͤnde, und die ſie ausgekratzt haͤtte. Es waͤre auch ſehr wahrſcheinlich, daß dieſe nur auf eine kurze Zeit zu gebrauchen geweſen; damit die Fraͤu - lein vor mir verborgen bleiben moͤchte: ſonſt wuͤr - de ſie ſchwerlich ein Wirthshaus angewieſen ha - ben, wo die Antwort abgegeben werden ſollte. Sie waͤre der Meynung, daß der einzige ſichere Weg, in dem Geſuch gluͤcklich zu ſeyn und Ver - gebung zu erlangen, dieſer ſeyn wuͤrde, daß man ſich an die Fraͤulein Howe wendete: wofern ich dieſelbe in den Stand ſetzen wollte, ſich die Be - foͤrderung der Sache angelegen ſeyn zu laſſen.

Fraͤulein Charlotte. Erlauben ſie mir ei - nen Vorſchlag zu thun. Weil wir alle von der Gerechtigkeit, die der Fraͤulein Harlowe bil - lig geſchehen muß, einerley Gedanken hegen: ſo will ich, wo Herr Lovelace ſich verbinden wird, ſie zu heyrathen, einen Beſuch bey der Fraͤulein Howe abſtatten, ſo wenig ich auch mit ihr bekannt bin; und ſie zu bereden ſuchen, daß ſie ſich der Sache annehme und die erwuͤnſchte Ausſoͤhnung befoͤrdere. Und kann dieß nur geſchehen: ſo zweifle ich gar nicht, daß alles gluͤcklich beygelegt werden moͤge. Denn jedermann kennt die Liebe, welche die Fraͤulein Harlowe und die Fraͤulein Howe fuͤr einander haben.

Heyrathen, Bruder, wie du ſiehſt, iſt bey dieſen Weibsperſonen ein Suͤhnopferfuͤr233fuͤr alles, was wir ihnen zuwider thun koͤnnen. Eine recht ſchauſpielmaͤßige Be - lohnung.

Dieſer Rath ward vollkommen gebilliget: und ich verpflichtete mich, wie man verlangte, bey meiner Ehre, auf die feyerlichſte Weiſe, die ſie nur wuͤnſchen konnten.

Lady Sarah. Wohlan denn, Baſe Char - lotte, fangen ſie alſobald ihre Unterhandlung mit der Fraͤulein Howe an.

Lady Eliſab. Ja, ich bitte, thun ſie es: und laſſen ſie der Fraͤulein Harlowe vermelden, daß ich bereit ſey, ſie als den willkommenſten Gaſt aufzunehmen, und ſie nicht eher aus meinen Au - gen laſſen wolle, bis das Band geknuͤpfet iſt.

Lady Sarah. Sagen ſie ihr in meinem Namen, daß ſie meine Tochter ſeyn ſoll ſtatt meiner armen Eliſabeth! Dabey ver - goß ſie noch ein Thraͤnlein zum Andenken ihrer verlohrnen Tochter.

Lord M. Was ſagen ſie hiezu, Herr?

Lovel. Zufrieden, mein Lord Jch rede die Sprache ihres Hauſes.

Lord M. Wir wollen uns nicht aͤffen laſ - ſen, Vetter. Kein leeres Wortſpiel. Wir wollen nicht bey der Naſe herumgefuͤhrt ſeyn.

Lovel. Sie ſollen auch nicht, mein Lord. Jedoch war ich nicht willens zu heyrathen; wo ſie den dazu beſtimmten Donnerſtag vorbeygehen ließe. Allein ich denke, nach ihren eignen Be - griffen, daß ich ſie zu ſehr beleidiger habe, esP 5wieder234wieder gut machen zu koͤnnen, wenn ich auch der be - ſte Ehemann gegen ſie waͤre, wie ich zu ſeyn ent - ſchloſſen bin, wo ſie ſich herab laſſen will; ſo will ich es nennen; mich zu nehmen. Dieß mag ihnen, Baſe Charlotte, von meiner Seite aufgetragen ſeyn zu ſagen.

Das gefiel ihnen allen.

Lord M. Gieb deine Hand, Robert! Endlich redeſt du, wie ein rechtſchaffener Mann. Jch hoffe, wir werden uns auf dein Wort ver - laſſen koͤnnen?

Die Frauenzimmer legten mir durch ihre Augen eben dieſe Frage vor.

Lovel. Sie koͤnnen, mein Lord; ſie koͤnnen, wertheſte Frauenzimmer; ſie koͤnnen ſich gaͤnzlich darauf verlaſſen.

Nun fing man wieder an, weitlaͤuftig von der perſoͤnlichen Beſchaffenheit der Fraͤulein ſo wohl, als von ihren außerordentlichern Eigen - ſchaften und Gaben zu reden. Fraͤulein Martha, welche ſie einmal geſehen hatte, ließ ihrer Zunge mehr, als alle uͤbrigen, den freyen Lauf zu ihrem Ruhme. Auf dieſe Geſpraͤche folgten die Unter - ſuchungen von den Vortheilen der Familie, wornach man ſich bey den Unterhandlungen zu ei - ner Heyrath niemals zu erkundigen vergißt: da ſie bey den Altklugen einer Familie die vor - nehmſten Bewegungsgruͤnde ſind, und bey den Parteyen ſelbſt die geringſten, deren Erwaͤhnung geſchehen muß; ob ſie gleich auch bey dieſen vielleicht das erſte ſeyn moͤgen,woran235woran gedacht wird. Man erkundigte ſich nach dem Vermoͤgen der Fraͤulein, nach der ei - gentlichen Bewandniß, die es mit dem Gute von ihrem Großvater haͤtte, und uͤberlegte, was ihr Vater und ihre unverheyrathete Onkels, nach wahrſcheinlicher Vermuthung, zu ihrem Beſten thun wuͤrden, wenn eine Ausſoͤhnung ausgewir - ket waͤre: welche ſie durch ihre Vermittelung gewiß zwiſchen beyden Familien zu Stande zu bringen hoffen; wo es nicht von mir verſehen wird. Die beyden ehrwuͤrdigen Frauenzimmer, welche nun nicht mehr altfraͤnkiſche Geſichter bey mir heißen, ließen ſich etwas von reichen Ge - ſchenken an ihrem Theile verlauten: und mein Lord bezeugte, daß er ſich ſo zu meinem Vortheil erklaͤren wollte, daß meine Vermaͤhlung mit der Fraͤulein Harlowe dadurch das beſte wuͤrde, was ich jemals an einem Tage in meinem Leben gethan haͤtte; und es auch jener Familie eben ſo ange - nehm, als mir ſelbſt ſeyn ſollte, wie er im gering - ſten nicht zweifelte.

Auf die Art haͤngt itzo das Eheſtandsſchwerdt bloß an einem einzigen Haar uͤber meinem Hau - pte. Auf die Art endigte ſich mein Verhoͤr, und auf die Art ſind wir alle wieder Freunde, Vetter und Vetter, Enkel und Enkel bey einem jeden Worte.

Hat wohl jemals ein Luſtſpiel einen gluͤckli - chern Ausgang gehabt, als dieß lange Verhoͤr?

Der236

Der drey und dreyßigſte Brief von Herrn Lovelace an Herrn Joh. Belford.

So denken ſie nun, Bruder, daß ſie gewaltig viel gewonnen haben. Allein ſollte ich an - deres Sinnes werden; ſollte es mich reuen: ſo, glaube ich, bin ich ſicher Und gleichwohl faͤllt es mir dieſen Augenblick in den Sinn, daß dem Dinge doch ſchwerlich zu trauen ſey. Denn es muß gewiß da, wo erſt vor ſo kurzer Zeit Feuer geweſen iſt, noch etwas unter der Aſche glimmen, das ſich aufruͤhren laͤßt, verbrennliche Waare, die los daruͤber geſtreuet iſt, in Flamme zu ſetzen. Mit der Liebe iſt es nicht anders, als wie mit ei - nigen Pflanzen oder Wurzeln, die ſich ſelbſt fort - pflanzen, und ſchon ſtark in die Erde eingegriffen haben. Wenn ſie einmal tief in das Herz ge - drungen: ſo laͤßt ſie ſich ſchwerlich jemals ganz und gar ausrotten; ausgenommen, in Wahr - heit, durch die Ehe, welche das Grab fuͤr die Liebe iſt, weil ſie leidet, daß die Liebe ein En - de nehme. Dazu kommen noch dieſe Frauenzim - mer, alle als Fuͤrſprecherinnen fuͤr ſie, mit ihr, und vielleicht mit der Fraͤulein Howe, an ihrer Spitze Nicht zu meinem Beſten; das erwarte ich von der Fraͤulein Howe nicht: ſon -237ſondern vielleicht ihres eignen Vortheils wegen. Denn Fraͤulein Howe, denke ich, hat Urſache, Rache von mir zu befuͤrchten. Auch Herr Hick - mann wird in Sicherheit ſeyn, wie ſie ſich vor - ſtellen mag: wenn ich ihre geliebte Freundinn heyrathe. Er hat ſich geſchaͤfftig genug bewieſen: und ich habe lange gewuͤnſchet, ihm eines beyzu - bringen Ueberdieß iſt die Fraͤulein ſelbſt in verzweiflungsvollen Umſtaͤnden in Anſehung ihrer Freunde: und wird wahrſcheinlicher Weiſe ſo bleiben, ſo lange ſie unverheyrathet, und ihr guter Name widrigen Urtheilen ausgeſetzet iſt.

Ein Ehemann iſt ein trefflicher Deckmantel, eine Schuͤrze von Feigenblaͤttern, fuͤr eine Frau. Wenn ein Frauenzimmer in ihren Freyheiten, in denen Ausſchweifungen, nach welchen ihr Herz ſich ſehnet, Schutz findet und alle ihre Fehler, auch die ſtrafbareſten, wenn ſie darinn entdeckt werden ſollte; ja ſelbſt das Laͤcherliche in ihrer Auffuͤhrung; auf den Mann geſchoben werden koͤnnen: ſo iſt das ja etwas unvergleichliches fuͤr eine Frau, das ſie ſich wohl wuͤnſchen mag.

Allein ein Vergnuͤgen werde ich doch haben, wo ich heyrathe, welches mir nicht wenig ange - nehm iſt. Wenn eines Mannes Frau eine wer - the Freundinn hat: ſo koͤnnen hundert Freyhei - ten gegen dieſe Freundinn genommen werden, die ſich ſonſt nicht nehmen ließen; wo das ledige Frauenzimmer, welches weiß, was fuͤr ein Recht zu Freyheiten ihm die Ehe bey ihrer Freundinn gegeben hat, ſich nicht weniger Bedenken, in An -ſehung238ſehung ihrer ſelbſt, gegen ihn machte, als ſie ſich machen ſollte. Hiernaͤchſt giebt es weitlaͤuftige Freyheiten; ſoll ich ſie ſo nennen? die ſich der Mann bey ſeiner Frau nehmen kann, und die nicht ganz anſtoͤßig ſeyn moͤgen. Leidet die Frau dieſe vor ihrer Freundinn Augen: ſo werden ſie der Freundinn zu einer Belehrung dienen. Und kann die Freundinn dabey ohne Scheu und Erroͤthung gegenwaͤrtig ſeyn: ſo wird das einem klugen Kerl zeigen, daß ſie ſelbſt zu gelegener Zeit und an gelegenem Orte eben ſo viel leiden kann. Keuſchheit, Bruder, iſt, wie Gottſe - ligkeit, eine ſich allemal ſelbſt vollkommen aͤhn - liche Sache. Laͤßt ein Maͤgdchen einer unziemlichen Leichtſinnigkeit, in Anſehung der Augen, in Anſehung der Ohren, Raum und Platz: ſo verlaß dich nur darauf, daß der Teufel ſchon einen von ſeinen geſpaltenen Fuͤßen in ihrem Herzen habe. Alſo nimm dich in acht, Hick - mann, ich rathe es dir: ich mag heyrathen, oder nicht.

So, Bruder, habe ich mir auf einmal alle meine Verwandten wieder zu Freunden gemacht: und, wo die Fraͤulein meine Hand ausſchlaͤgt, die Schuld auf ſie geſchoben. Dieß, wußte ich wohl, wuͤrde allezeit in meiner Gewalt ſeyn, zu thun. Jch bezeigte mich deswegen eben ſo viel ſtolzer gegen ſie alle, damit ich mir durch meine Willfahrung ein deſto groͤßeres Verdienſt machen koͤnnte.

Bey239

Bey dem allen aber wuͤrde es recht ſeltſam ſeyn; nicht wahr? wuͤrde es nicht ſeltſam ſeyn, wenn alle meine Raͤnke und geſpielte Streiche auf das Heyrathen hinauslaufen ſollten? Was fuͤr eine Strafe wuͤrde es noch dazu fuͤr mich ſelbſt werden, daß ich alle dieſe Zeit uͤber meinen eignen Schatz gepluͤndert habe?

Sollte dieß geſchehen: ſo muß ich bey dir, Bruder, um zwey Dinge inſtaͤndigſt anhalten. Da ich ſo wichtige Geheimniſſe, zwiſchen mir und meiner Frauen, deinen Haͤnden anvertrauet habe: ſo muß ich, um meiner eignen Ehre willen, und zur Erhaltung der Ehre meiner Gattinn und mei - ner erlauchten Erben, erſtlich dich verbinden, die Briefe, mit welchen ich ſo verſchwenderiſch gegen dich geweſen bin, herauszugeben; und hernach das an dir thun, was in Frankreich, wie ich ver - ſchiedne Leute einander habe ins Ohr ſagen hoͤren, an dem wirklichen Vater eines gewiſſen Monar - chen geſchehen ſeyn ſoll; das heißt, dir die Kehle abſchneiden, damit du nicht aus der Schule plau - dern koͤnneſt.

Jch habe Mittel gefunden, die guͤtige Mey - nung, welche meine Freunde allhier von mir zu hegen angefangen, noch zu erhoͤhen: indem ich ihnen den Jnhalt der vier letzten Briefe, worinn ich meine kuͤnftige Gemahlinn auß nachdruͤcklich - ſte um die feyerliche Vollziehung unſerer Ver - maͤhlung erſuchte, eroͤffnet habe. Mein Lord hat einen von ſeinen Spruͤchen zu meinem Vortheil wiederholet: er hoffet, es werde noch ſo ausfallen,daß240daß der Teufel nicht voͤllig ſo ſchwarz iſt, als man ihn mahlet.

Nun bitte ich dich, lieber Bruder, bedenke, wie viele gute Folgen aus unſerer Vermaͤhlung fließen koͤnnen. Bedenke, daß eine hievon auf dich ſelbſt kommen muß! Denn je eher du ſtirbſt: deſto weniger haſt du zu verantworten; ja bisweilen bin ich nicht ungeneigt zu glauben, daß wohl etwas wahres in den Gedanken des alten Mannes ſeyn mag, der uns einmal erzaͤhlte, daß derjenige, welcher einen Menſchen toͤdte, alle Suͤnden dieſes Menſchen, ſo wohl als ſeine eigne, zu verantworten habe, weil er ihm nicht die Zeit zur Buße ließe, welche der Himmel ihm zu goͤn - nen beſchloſſen haͤtte. Eine feine Sache fuͤr dich; wo du dir den Kopf abſchlagen laſſen willſt: nur ein verfluchtes Ding fuͤr den Todtſchlaͤger! Be - denke aber auch, daß wir Urſache haben zu beſor - gen, die Fraͤulein Howe moͤge uns ihre Huͤlfe verſagen: und deswegen bemuͤhe dich ſelbſt, ich bitte dich, meine Clariſſa Harlowe aufzuſuchen, damit ich eine Lovelacen aus ihr machen koͤnne. Beſtelle alle Waͤchter in London, und alle Aus - ruͤfer auf dem Lande, zehn Meilen in die Runde um die Hauptſtadt herum, mit ihrem Hoͤret und merket! wo jemand, er ſey Mann, Weib, oder Kind, Nachricht geben kann Zeige in al - len Zeitungen an, und melde ihr, daß, wo ſie ſich zu der Lady Eliſabeth Lawrance, oder zu der Fraͤulein Charlotte Montague, verfuͤgen will, ſie etwas erfahren moͤge, woran ihr ſehr viel gelegen ſey. .

Meine241

Meine beyden Baſen Montague werden ſich wirklich morgen zu der Fr. Howe auf den Weg machen, um ihre ungeſtuͤme Tochter zu gewin - nen, daß ſie ſich meiner Sache bey ihrer Freun - dinn annehme. Sie werden in einer Kutſche mit ſechs Pferden ſtutzen: damit ſie deſto mehr Staat machen und deſto mehr Anſehen haben.

Ein verzweifelter Verdruß, daß ich ſo weit heruntergebracht bin! Mein Stolz weiß ſich kaum darein zu ſchicken.

Der Lord M. hat die beyden ehrwuͤrdigen Frauenzimmer beredet, hier zu bleiben, und den Ausgang zu erwarten: und ich, der ich itzo bey ih - nen in ſehr großen Gnaden ſtehe, werde die Eh - re haben ſie zu bedienen, und nach Oxford, nach Blenheim und an verſchiedne andere Oerter zu fuͤhren.

Der vier und dreyßigſte Brief von Fraͤulein Howe an Fraͤulein Clariſſa Har - lowe.

Collins geht morgen nicht ab. Einige Haus - angelegenheiten hindern ihn. Rogers iſt eben erſt von Jhnen zuruͤckgekommen: und manSechſter Theil. Qkann242kann ſeiner nicht wohl entbehren. Herr Hick - mann iſt wegen einer Sache fuͤr meine Mutter ausgereiſet, und hat ſeine beyden Bedienten mit - genommen, der Perſon, die ihn gebrauchet, Eh - re zu machen. Daher bin ich genoͤthigt, gegen - waͤrtiges auf gut Gluͤck unter ihrem angenomme - nen Namen mit der Poſt abzulaſſen.

Jch habe ihnen zu melden, daß ich die Ehre gehabt, von der Fraͤulein Montague und ihrer Schweſter, in der Kutſche des Lords M. mit ſechs Pſerden, einen Beſuch zu bekommen. Des Lords Cavallier kam geſtern hierher geritten, und bat, daß ich, wegen einer ganz beſondern An - gelegenheit, einen Beſuch von dieſen beyden jungen Frauenzimmern annehmen moͤchte: wenn es des folgenden Tages ſeyn koͤnnte; wuͤrde es eine deſto groͤßere Gefaͤlligkeit ſeyn.

Da ich ſo wenig perſoͤnliche Bekanntſchaft mit der einen und der andern habe: ſo zweifelte ich nicht, daß es die Sachen meiner liebſten Freundinn betreffen wuͤrde. Jch fragte deswe - gen meine Mutter um Rath, und ließ ſie hier - auf, weil es ſo weit iſt, einladen, mir ihre Geſell - ſchaft zum Mittagsmahl zu goͤnnen; welches ſie freundlich annahmen.

Jch hoffe, meine Wertheſte, da die Sachen bisher ſo ſehr uͤbel geſtanden, daß ihre Geſand - ſchaft an mich ihnen ſo angenehm ſeyn werde, als irgend etwas, das nun geſchehen kann. Sie ka - men im Namen des Lords M. und ſeiner beyden Schweſtern, mich zu erſuchen, daß ich mir ange -legen243legen ſeyn ließe, ſie zu bereden, daß ſie ſich in den Schutz der Lady Eliſabeth Lawrance begeben moͤchten, welche ſich nicht von ihnen entfernen will, bis ſie ihnen alle Gerechtigkeit gethan ſie - het, die ihnen nunmehr noch widerfahren kann. Die Lady Sarah Sadleir hatte ſeit zwoͤlf Mona - ten, ſeit dem ſie ihre angenehme Tochter, welche Sie und ich bey Fr. Benſon geſehen, verlohren hat, nicht einen Fuß von Hauſe geſetzet. Aber dieſe Reiſe hat ſie auf Zureden ihrer Schweſter bloß zu dem Ende uͤbernommen, daß ſie Jhnen, wo moͤglich, eine Erſetzung des gelittenen Nach - theils verſchaffen moͤchte. Jhre vereinigte Muͤ - he, nebſt dem Beſtreben des Lords M. iſt ihnen bey vereinigten Kraͤften ſo weit gelungen, daß der nichtswuͤrdige Menſch ſich gegen ſie, und gegen dieſe jungen Fraͤuleins, auf die feyerlichſte Art verbunden hat, Sie in ihrer Gegenwart zu hey - rathen, wofern Sie von Jhnen zu gewinnen ſind, ihm Jhre Hand zu geben.

Dieſen Troſt moͤgen ſie fuͤr ſich nehmen, daß dieſe ganze anſehnliche Familie eine gebuͤhren - de, das iſt, die hoͤchſte Ueberzeugung von Jh - rem Verdienſte hat, und Sie ſehr bewundert. Der ſcheusliche Kerl hat ſeiner ſelbſt nicht geſcho - net; indem er Jhrer Tugend Gerechtigkeit hat widerfahren laſſen: und die beyden Fraͤuleins ga - ben uns eine ſolche Nachricht von ſeinen Bekennt - niſſen, und von ſeiner Verurtheilung, die er wi - der ſich ſelbſt ausgeſprochen, daß meine Mutter ganz von Jhnen eingenommen ward. Wir alleQ 2viere244viere vergoſſen Freudenthraͤnen, daß eine Perſon von unſerm Geſchlechte da iſt; und ich ins beſon - dere, daß dieſe eine Perſon meine Freundinn iſt; welche demſelben ſo viel Ehre gemacht hat, daß ſie die aus eigner Ueberzeugung gefloſſenen Lobes - erhebungen, welche er Jhnen ertheilet hat, ver - dienet: ob gleich mit der vergnuͤgten Regung ein Mitleiden gegen die unvergleichliche Perſon ge - miſchet war.

Er verſpricht durch ſie, ſich als den beſten Mann zu beweiſen. Der Lord, und ſeine beyden Schweſtern, wollen alle die Gewaͤhr leiſten, daß er es wirklich thun werde. Sie ſchwatzten von anſtaͤndigen Eheſtiftungen, von anſehnlichen Ge - ſchenken. Sie ſagten, ſie haͤtten den Lord M. und ſeine zwo Schweſtern ſo verlaſſen, daß ſie von nichts, als von dieſen Geſchenken und Ehe - ſtiftungen geredet, wie ſie am beſten einzurichten waͤren, Jhnen dadurch Ehre zu bezeigen, auch um ſo viel groͤßer, je groͤßer das ſchimpfliche Lei - den geweſen, das Sie ausgeſtanden haben; im - gleichen von Veraͤnderung der Namen durch ei - nen Parlamentsbrief, als einer Vorbereitung zu der Muͤhe, die ſie ſich alle mit vereinigten Kraͤf - ten geben wollen, die Titel auf eben denjenigen zu bringen, auf den das Stammgut fallen muß, wenn der Lord ſtirbt, deſſen Ende ſie naͤher beſor - gen, als ſie wuͤnſchen. Auch zweifeln ſie nicht an ei - ner gaͤnzlichen Beſſerung in ſeinen ſittlichen Grund - ſaͤtzen und in ſeiner Lebensart, welche von JhremBey -245Beyſpiele und Jhrer Gewalt uͤber ihn zu erwar - ten ſtehet.

Jch machte ſehr viele Einwendungen fuͤr ſie alle, glaube ich, die ſie ſelbſt haͤtten machen koͤnnen, wenn ſie zugegen geweſen waͤren. Aber ich trage kein Bedenken, meine liebſte Freundinn, Jhnen zu rathen; und das thut auch meine Mut - ter, daß Sie ſich alſobald in den Schutz der La - dy Eliſabeth begeben, mit dem Entſchluſſe, den elenden Menſchen zum Manne zu nehmen. Alle ſeine kuͤnftige Groͤße; und es fehlt ihm nicht an Ehrgeiz; haͤnget von ſeiner Aufrichtigkeit gegen Sie ab. Die Fraͤuleins betheuren, daß ihn das Unrecht, welches er Jhnen gethan hat, ſchmerzlich reue.

Alle ſeine Furcht iſt, daß Sie ſo bereit ſind, einem jeden, wie er beſorget, das Uebel, welches Sie gelitten haben, zu entdecken; dieß, glaubt er, werde ſie beyde widrigen Urtheilen bloßſtellen. Allein haͤtten Sie es der Lady Eliſabeth nicht ent - decket: ſo wuͤrden Sie nicht eine ſo eifrige Freun - dinn gehabt haben; indem alle dieß Gute, ſo, hof - fe ich, wird es ausſchlagen, von zween Briefen, die Sie ihr zugeſchrieben, herruͤhret. Jedoch rathe ich Jhnen, mit der Erzaͤhlung deſſen, was vergangen iſt, etwas ſparſamer zu ſeyn: Sie moͤgen ihn anzunehmen gedenken; oder nicht. Denn wozu, wertheſte Freundinn, kann das nun - mehr dienen, als nur ſchaͤndlichen Gemuͤthern Anlaß zu geben, uͤber Jhre Freunde zu froh -Q 3locken:246locken: da doch ein jeder nicht wiſſen wird, wie viel Ehre Jhnen Jhr Leiden ſelbſt gemacht habe?

Jhr trauriger Brief, den mir Rogers ge - bracht hat(*)Siehe den vorhergehenden XXVII Brief., nebſt ſeiner Nachricht von Jhrem ſehr mittelmaͤßigen Befinden, wovon er ſo wohl durch die Weibsleute in dem Hauſe, als durch Jhr Anſehen, und Jhre Mattigkeit, da Sie mit ihm geredet, verſichert iſt, wuͤrde mir einen un - beſchreiblichen Kummer verurſachet haben: wenn ich nicht durch dieſen angenehmen Beſuch von den Fraͤuleins aufgemuntert waͤre. Jch mache mir Hoffnung, Sie werden ſich gleichfalls auf - muntern laſſen, indem ich Jhnen das, was da - bey vorgegangen iſt, eroͤffne.

Jn der That, liebſte Freundinn Sie muͤſſen ſich nicht bedenken; Sie muͤſſen ihnen willfah - ren: die Verbindung iſt anſehnlich und gereicht zur Ehre. Sehr wenige Leute werden etwas von ſeiner greulichen Niedertraͤchtigkeit gegen Sie erfahren. Alles muß ſich endlich in eine allge - meine Ausſoͤhnung aufloͤſen: und Sie werden im Stande ſeyn, Jhre vorige Weiſe wieder zu beobachten, und einem jeden, der es verdient, das Gute zu erweiſen, welches Jhnen vormals allent - halben, wohin Sie nur den Fuß ſetzten, Segens - wuͤnſche verſchaffete.

Es kraͤnkt mich, wenn ich befinde, daß Jh - res Vaters uͤbereilter Wunſch Sie ſo viel ruͤh - ret, als er es thut. Auf mein Wort, liebe Freun - dinn, Jhr Gemuͤth iſt ſchrecklich geſchwaͤchet. Sie247Sie muͤſſen, in Wahrheit, Sie muͤſſen ſich nicht ſelbſt verlaſſen. Die Buße, wovon Sie ſchwa - tzen Es gehoͤrt fuͤr diejenigen, Buße zu thun, welche Sie in Ungluͤck geſtuͤrzet haben, das Sie nicht wohl vermeiden konnten. Sie urthei - len vielmehr nach dem ungluͤcklichen Ausgange, als nach der wahren Beſchaffenheit, von Jhrem Zufalle. Auf meine Ehre, ich halte Sie faſt in einem jeden Schritt, den Sie gethan haben, fuͤr untadelhaft. Was hat nicht der ſchaͤndlich uͤber - muͤthige und ehrgeizige, doch dumme, Bruder von Jhnen zu verantworten! Ja auch das boshafte Ding, Jhre Schweſter!

Allein was geſchehen iſt, ſteht nicht zu aͤn - dern. Wohlan denn, laſſen Sie uns in die Zu - kunft hinausſehen. Es oͤffnen ſich itzo gluͤckliche Ausſichten fuͤr Sie: da eine ſchon itzo edle Fa - milie bereit iſt, Sie aufzunehmen, und Sie mit offenen Armen und freudigen Herzen zu empfan - gen; und, durch ihre Liebe fuͤr Sie, eine andere Familie, welche nicht weiß, was fuͤr ein unver - gleichliches Muſter der Tugend ſie alle zu verfol - gen in ein Buͤndniß getreten ſind, lehren will, wie man Sie ſchuͤtzen muͤſſe. Jhre Klugheit, Jhre Gottſeligkeit, wird alles kroͤnen: ſie wird einen Boͤſewicht auf beſſere Wege bringen, den man, um hundert anderer willen mehr, als um ſein ſelbſt willen, auf beſſere Wege gebracht wuͤn - ſchen wuͤrde.

Wie ein Wandersmann, der durch die aus - getretene Fluth eines reiſenden Strohmes vonQ 4ſeinem248ſeinem Wege verſchlagen iſt, haben Sie nur die gerade und richtige Bahn, worauf Sie waren, uͤberſchwemmet geſehen. Es kommt nur auf ei - nen Umweg von wenigen Meilen, auf den Ver - luſt eines oder zween Tage, ſo zu ſagen, an: ſo ſind Sie auf der Spur, dieſelbe wieder zu fin - den; und durch Jhre Geſchwindigkeit, fortzuei - len, wird die verlohrne Zeit eingebracht werden. Mittlerweile wird die Anſtrengung Jhrer Lebens - geiſter alle Jhre Ungelegenheit ſeyn: denn es war nicht Jhr Fehler, daß Sie in Jhrem Fort - gange aufgehalten wurden.

Bedenken Sie dieß, wertheſte Freundinn und machen ſich das Gleichniß zu Nutzen: Sie wiſſen ſchon, wie. Wenn Sie, ohne Hinderniß in Jhrem eignen Fortgange, das Werkzeug ſeyn koͤnnen, die Ueberſchwemmung zu hemmen, das Waſſer in ſeine natuͤrliche Gaͤnge zuruͤckzutrei - ben, und dadurch, zum Beſten der kuͤnftigen Wanderer, welche eben den Weg ziehen, die uͤber - ſchwemmte Bahn wieder frey zu machen: wie groß wird Jhr Verdienſt ſeyn!

Jch werde mit Ungedult auf Jhren naͤchſten Brief warten. Die Fraͤuleins ſchlugen vor, daß Sie ſich, wofern Sie in London, oder in der Naͤ - he waͤren, auf die Readinger Landkutſche ſetzen moͤchten, welche irgendwo auf der Fleet-Street einkehret. Wo Sie nur den Tag melden: ſo werden Jhnen auf dem Wege, und zwar ſehr bald nach Jhrer Abreiſe, einige Perſonen vonbeyder -249beyderley Geſchlecht, worunter Sie vielleicht eine nicht ungern ſehen wuͤrden, entgegen kommen.

Herr Hickmann ſoll Jhnen zu Slough auf - warten: und die Lady Eliſabeth ſelbſt, nebſt einer von den Fraͤulein Montague, will mit Wagen und Pferden, wie es ſich ſchicket, zu Reading ſeyn, Sie zu empfangen, und gerades Weges mit ſich zu ihrem Gut zu nehmen. Denn ich habe aus - druͤcklich bedungen, daß der Boͤſewicht ſelbſt Jh - nen nicht eher vor Augen kommen ſoll, bis Jhre Hochzeit vollzogen wird: wo Sie es nicht ſelbſt erlauben.

Leben Sie wohl, meine wertheſte Freundinn. Jch wuͤnſche, daß Sie gluͤcklich ſeyn moͤgen. So werden viele hundert dem zufolge gluͤcklich ſeyn. Unbeſchreiblich begluͤckt wird gewiß alsdenn ſeyn

Jhre ewig ergebene Anna Howe.

Der fuͤnf und dreyßigſte Brief von Fraͤulein Howe an Fraͤulein Clariſſa Har - lowe.

Meine Allerliebſte Freundinn.

Warum wollen Sie ein Gemuͤth, das ſich ſo ſehr zu Jhren Dienſten ergeben hat, un -Q 5ter250ter einer ſolchen Ungedult arbeiten laſſen, als es in vergeblicher Erwartung einer Antwort auf ei - nen Brief, woran Jhnen und folglich mir ſo viel gelegen iſt, arbeiten muß: wie Jhnen ſelbſt nicht unbekannt ſeyn kann? Rogers erzaͤhlte mir verwichenen Donnerſtag, daß es ſo uͤbel mit Jhrer Geſundheit ſtuͤnde! Jhr Brief zeugte von einem ſo niedergeſchlagenen Gemuͤthe! Jn der That aber muͤßten Sie ſich ſehr uͤbel befinden: wenn Sie auf einen ſolchen Brief nicht etwas antworten koͤnnten; ſollte es auch nur eine Zeile ſeyn, um zu melden, daß Sie ſo bald, als Sie koͤnnten, ſchreiben wollten. Sie haben ihn ge - wiß bekommen. Der Aufſeher von unſerm naͤchſten Poſtamte will ſeine Ehre zum Pfande ſetzen, daß er ſicher gegangen iſt. Jch habe ihn beſonders deswegen erſuchen laſſen.

Gott verleihe mir gute Zeitungen von Jh - rer Geſundheit, und daß Sie im Stande gewe - ſen ſind, zu ſchreiben: ſo will ich Sie ſcheuren Jn Wahrheit ich will Sie ſcheuren als ich Sie noch niemals geſcheuret habe.

Jch vermuthe, Sie werden ſich damit ent - ſchuldigen, daß die Sache Ueberlegung erforder - te Gott! meine Wertheſte, das moͤchte ſeyn: aber Sie haben einen ſo guten Verſtand, und die Sache, wovon die Rede iſt, faͤllt ſo leicht in die Augen, daß Sie nicht eine halbe Stunde brauchen konnten, ſich zu entſchließen Hier - naͤchſt ſind Sie vermuthlich willens geweſen, Col - lins Anfrage nach Jhrem Briefe, als morgen,zu251zu erwarten! Geſetzt Fraͤulein! Jn der That ich bin boͤſe auf Sie Geſetzt es fiele etwas vor, wie am verwichnen Freytage, daß es ihm nicht moͤglich waͤre, morgen nach London zu kommen! Kind, wie koͤnnten Sie mir ſo dienen? Jch weiß nicht, wie ich aus dem Gezaͤnke mit Jhnen herauskommen ſoll!

Lieber, ehrlicher Collins, eile! Er will: er will. Er macht ſich auf den Weg und reiſet die ganze Nacht uͤber. Denn ich habe ihm geſagt, daß die liebſte Freundinn, die mir in der Welt verliehen iſt, es in Jhren eignen Haͤnden habe, gluͤcklich zu ſeyn und mich gluͤcklich zu machen; und daß der Brief, den er mir von Jhnen uͤber - bringen wird, mich davon verſichern werde.

Jch habe ihm befohlen, gerades Weges zu Jhrer Wohnung zu gehen, ohne ſich bey dem Wirthshauſe zum Saracenen-Kopf aufzuhalten. Die Sachen ſtehn itzo auf einem ſo guten Fuß, daß er es ſicher thun kann.

Jhr erwarteter Brief, hoffe ich, iſt fertig: wo nicht, ſo wird er zu der von Jhnen geſetzten Stunde deswegen anfragen.

Sie koͤnnen nicht ſo gluͤcklich ſeyn, als Sie verdienen. Allein ich zweifele doch nicht, daß Sie wenigſtens ſo gluͤcklich ſeyn wollen, als Sie ſeyn koͤnnen: das iſt, daß Sie ſich entſchließen werden, ſich alſobald in den Schutz der Lady Eli - ſabeth zu begeben. Wo Sie ihn etwa nicht um Jhrer ſelbſt willen nehmen wollten: ſo muͤſſen Sie ihn um meinetwillen, um Jhrer Familie,um252um Jhrer Ehre willen nehmen! Lieber, ehrlicher Collins eile! eile! und erleichtere das unruhige Herz der meiner Geliebten

Ewig getreuen und ewig ergebenen Anna Howe.

Der ſechs und dreyßigſte Brief von Fraͤulein Howe an Fraͤulein Charlotte Montague.

Wertheſte Fraͤulein.

Jch nehme mir die Freyheit, durch dieſen be - ſondern Bothen, an Sie zu ſchreiben. Jn hoͤchſter Verwirrung meiner Seele ſchreibe ich an Sie, von Jhnen, und einem jeden in Jhrer Fa - milie, der etwas davon weiß, Nachricht von mei - ner geliebten Freundinn zu verlangen, welche, wie ich beſorge, hinterliſtiger Weife entfuͤhret iſt; durch die ſchaͤndlichen Kunſtgriffe eines der ſcheuslichſten O helfen Sie mir zu einem Namen, der arg genug ſey, ihn damit zu bele - gen! Jhre Gottſeligkeit iſt ein ſicheres Un - terpfand, daß Sie ſich niemals ſelbſt Gewalt thun werde. Es muß, es muß Er ſeyn: Er allein, der im Stande geweſen iſt, eine unſchul -dige253dige Perſon ſchimpflich zu beleidigen; und nun wer weiß, was er mit ihr gemacht hat!

Wo ich nur ſo viel Gedult habe: ſo will ich Jhnen die Urſache zu dieſer verwirrungsvollen und heftigen Unruhe entdecken.

Jch ſchrieb den Augenblick an ſie, als Sie und Jhre Schweſter mich verlaſſen hatten. Weil ich aber keinen eignen Bothen haben konnte; wie ich willens war: ſo ward ich genoͤ - thigt, den Brief mit der Poſt abzuſchicken. Jch drang bey ihr darauf; Sie wiſſen, daß ich es Jhnen zu thun verſprach; ich drang ernſt - lich bey ihr darauf, daß ſie ſich bequemen moͤchte, das Verlangen Jhrer ganzen Fa - milie zu erfuͤllen. Da ich keine Antwort bekam: ſchrieb ich am Sonntage, Abends, noch einmal; und ſandte den Brief mit einem eignen Bothen fort, der die ganze Nacht reiſete. Jch ſchalt in demſelben auf ſie, daß ſie ein ſo ungedultiges Herz, als ich habe, bey einer Sache, woran ihr, und folglich mir auch, ſo viel gelegen waͤre, in unge - wiſſer Erwartung ſtecken ließe. Jn meinem Sinne war ich recht boͤſe auf ſie.

Allein urtheilen Sie, wie groß meine Be - ſtuͤrzung, wie groß meine Verwirrung ſeyn muß - te: da geſtern Abends der Bothe, ſo eilfertig, als eine Poſt reiten kann, zuruͤckkam, und mir die Nachricht brachte, daß man ſeit Freytags fruͤhe nicht von ihr gehoͤret haͤtte; und daß ein Brief, der mit der Poſt gekommen waͤre, und von mir ſeyn muß, fuͤr ſie in ihrer Wohnung laͤge.

Sie254

Sie iſt am Freytage fruͤhe, um ſechs, ausge - gangen: bloß in der Abſicht, wie die Leute glau - ben, in die Kirche beym Covent-Garden, die ganz nahe bey dem Hauſe iſt, zur Bethſtunde des Morgens zu gehen; wie ſie ſchon vorher verſchie - dene male gethan hatte. Sie iſt zu Fuße gegan - gen, und hat es ſo verlaſſen, daß ſie binnen einer Stunde wieder zu Hauſe ſeyn wollte Jn ei - nem ſehr ſchlechten Zuſtande mit ihrer Geſund - heit!

Gott ſey mir gnaͤdig! Was ſoll ich machen! Jch bin die ganze verwichne Nacht uͤber voͤllig außer mir geweſen.

O wertheſte Fraͤulein! Sie wiſſen nicht, wie lieb ich dieſe Freundinn habe! Sie iſt, ſo zu ſagen, mein irdiſcher Heyland geweſen! Meine eigne Seele iſt mir nicht werther, als meine Clariſſa Harlowe! Ja, ſie iſt meine Seele! Denn nun habe ich keine! We - nigſtens nur eine ſehr elende! Denn ſie war die Freude, die Staͤrke, die Stuͤtze meines Lebens! Niemals hat eine Weibsperſon die andere ſo ge - liebet, als wir einander lieben. Es iſt unmoͤg - lich, Jhnen ihre ausnehmende Vorzuͤge nur halb zu erzaͤhlen. Jch machte mir einen Ruhm und eine Ehre daraus, daß ich zu einer ſo brennenden Liebe einer ſo unbefleckten und unvergleichlichen Perſon geſchickt war! Aber nun! Wer weiß, ob die theure und beleidigte Seele nicht durch den Tod das volle Maaß ihres Elendes,ihres255ihres unverdienten Elendes, bekommen hat, oder noch zu einem aͤrgern Schickſal aufbehalten iſt! Dieß uͤberlaſſe ich Jhnen zur Nachfrage Denn Jhr ſoll ich denn Menſchen nen - nen Jhr Verwandter, hoͤre ich, iſt noch bey Jhnen.

Gewiß, meine liebe Fraͤulein, Sie waren doch beyde zu den Vorſchlaͤgen, die Sie mir in Gegenwart meiner Mutter thaten, wohl bevoll - maͤchtiget. Gewiß er darf ſich nicht unterſtehen, Jhre Vertraulichkeit und die Vertraulichkeit Jh - rer edlen Angehoͤrigen zu misbrauchen. Jch entſchuldige dieſe Unruhe nicht, welche ich Jhnen verurſache, auch nicht die Bitte, die ich hiemit an Sie ergehen laſſe, durch dieſen Bothen mit einer Zeile zu beehren

Jhre beynahe verwirrte Anna Howe.

Der ſieben und dreyßigſte Brief von Herrn Lovelace an Hrn. Joh. Belford.

Alles zu nichte, zu nichte, beym Jupiter! Henker, Bruder, was ſoll ich nun machen! Ein Fluch treffe alle meine Raͤnke und Kuͤn -ſte!256ſte! Jedoch ich habe ihn ſchon! Selbſt in meinem Herzen und in meiner Seele habe ich ihn!

Du ſagteſt mir, daß ſich meine Strafe nur erſt anfienge! Kannſt du, ungluͤcklicher Wahr - ſager, kannſt du mir auch ſagen, wo ſie ſich en - digen werde?

Deinen Beyſtand fordere ich. Den Au - genblick, da du dieß bekommſt, fordere ich deinen Beyſtand. Dieſer Bothe reitet auf Leben und Tod! Und ich hoffe, er wird euch in eurer Wohnung zu London finden: wenn er euch nicht zu Edgware antrifft, wo er am Sonntage ſeyn und anfragen wird.

Das verfluchte, verfluchte Weib, fertigte am Freytage einen Kerl zu Pferde mit der frohen Zeitung, nach ihren Gedanken, in einem froh - lockenden Briefe von Sarah Martin an mich ab, daß ſie meinen Engel am verwichnen Mitt - wochen aufgefunden, und am Freytag fruͤhe, da ſie zur Bethſtunde in der Kirche beym Covent - Garden geweſen vielleicht fuͤr meine Beſſe - rung zu beten! als ſie wieder zu Hauſe ge - hen wollen, durch zween Gerichtsbediente haͤtte anhalten laſſen, welche ſie in einer Saͤnfte, die man in Bereitſchaft gehabt, geſetzet, und in eines von den Haͤuſern dieſer verdammten Kerl gebracht haͤtten.

Sie hat dieſelbe unter dem Vorwand, daß ſie ihr fuͤr Tiſch und Wohnung hundert und ſunfzig Pfund St. ſchuldig waͤre, in Verhaftneh -257nehmen laſſen: eine Summe; nichts von der niedertraͤchtigen Bosheit bey dieſem Verfahren zu ſagen; welche die liebe Seele unmoͤglich auf - bringen koͤnnte; da alle ihre Kleider und Sachen, ausgenommen was ſie an und bey ſich hatte, als ſie davon ging, in dem Hauſe des alten Teufels ſind.

Und hier, was noch ſo viel ſchlimmer iſt, hat das liebe Kind ſchon zween Tage liegen muͤſſen. Denn ich mußte meine beyden Tanten und mei - ne zwo Baſen bedienen, und dem Lord M. nach ſeinem langwierigen Lager bey einer Luſtreiſe zur Veraͤnderung der Luft Geſellſchaft leiſten. Der Henker hole unſere ganze Familie! Jch bin nicht eher, als dieſe Stunde, zuruͤckgekom - men, und nun bin ich zu meiner Verwirrung zu - ruͤckgekommen: da ich die verfluchte Zeitung und den frohlockenden Brief erhalten habe.

Eile, eile, lieber Bruder, um Gottes willen eile zu der beleidigten Schoͤnen! Mein Herz blu - tet fuͤr ſie Dieß hat ſie nicht verdienet! Jch darf keinen Fuß von hier ſetzen. Man wird glauben, daß es auf meinen Anſchlag ge - ſchehen ſey Und wo ich von der Stelle ge - he: ſo wird das den Verdacht beſtaͤtigen.

Verdammt ſey den Augenblick dieß verfluch - te Weib! Gleichwohl denkt ſie, daß ſie hie - durch nicht wenig Dank bey mir verdienet habe! Ungluͤcklicher, hoͤchſt ungluͤcklicher Umſtand! Noch dazu eben zu einer Zeit, da ſich beſſereSechſter Theil. RAus -258Ausſichten fuͤr die liebenswuͤrdige Fraͤulein oͤffneten.

Eile zu ihr! Rette und bezeuge ihr meine Unſchuld bey dieſem verdammten Anſchla - ge. Jch ſchwoͤre aufrichtig bey allem, was hei - lig iſt, daß du es ſicher thun kannſt! Je - doch ich habe ſo ſchaͤndliche Raͤnke geſchmiedet, daß die leidende Schoͤne es ſchwerlich glauben wird: ob das Verafhren gleich ſo poͤbelhaft nie - dertraͤchtig iſt.

Setzt ſie in Freyheit, den Augenblick, wenn ihr ſie ſehei: ohne die geringſte Bedingung vor - zuſchreiben, ſetzet ſie in Freyheit Auf euren Knieen bittet fuͤr mich um Verzeihung: und verſichert ſie, daß, wohin ſie auch immer gehe, ich ihr nicht beſchwerlich ſeyn; nein, auch mich nicht zu ihr naͤhern wolle, ohne ihre eigne Erlaubniß. Vor allen Dingen laßt niemand von der verfluchten Rotte zu ihr kommen. Bit - tet ſie nur, euch zu erlauben, daß ihr von Zeit zu Zeit ihre Befehle annehmen duͤrfet. Jhr ſeyd allemal ihr Freund und Fuͤrſprecher gewe - ſen. Was wollte ich itzo darum geben, daß ich es euch nicht haͤtte umſonſt ſeyn laſſen!

Laßt ihr alſobald alle ihre Kleider und Sa - chen zuſchicken, als eine geringe Probe meiner Aufrichtigkeit. Und dringet dem lieben Kinde, das ohne Geld ſeyn muß, ſo viel Geld auf, als ihr ſie nur immer anzunehmen gewinnen koͤnnet. Meldet mir, wie man ihr begegnet habe. Wehedem,259dem, der Schuld daran hat: wo man hart mit ihr umgagangen iſt!

Nimm deine Taſchenuhr in die Hand, wenn du ſie befreyet haſt, und verdamme die ganze Bruth, den Drachen und die Schlangen, nach der Uhr, bis du muͤde biſt: und ſage es ihnen, ich befehle es dir, daß dieß die Bezahlung fuͤr ihre verfluchte Dienſtfertigkeit ſey.

Es kam ihnen nicht zu, nachdem ſie ſie ge - funden hatten, etwas weiter zu thun, als auf meine Verordnung zu warten, wie ſie verfahren ſollten.

Der große Teufel fliege mit ihnen allen, einzeln nach der Reihe, durch das Dach ihres verfluchten Hauſes davon, und zerſtoße ſie, wie er fliegt, gegen die Spitzen der Schorſteine in Stuͤcken: und laſſe denn die kleinern Teu - fel die zerſtreueten Ueberbleibſel von ihnen auffammlen, und in Saͤcke werfen, damit ſie wieder an ihrem beſtimmten Orte, in dem Feu - erelemente, mit Loͤthe von geſchmolzenem Bley zuſammengeſetzt werden.

Eine Zeile! Eine Zeile! Ein Koͤnig - reich fuͤr eine Zeile! nur mit ertraͤglichen Nach - richten, den erſten Augenblick, da du ſchreiben kannſt! Dieſer Kerl wartet, ſie mir zu bringen.

R 2Der260

Der acht und dreyßigſte Brief von Fraͤulein Charlotte Montague an Fraͤulein Howe.

Liebe Fraͤulein Howe.

Jhre Zuſchrift hat uns allen unausſprechliche Unruhe gemacht.

Der hoͤſe Menſch iſt beſtaͤndig ſeit Sonnabend Abends halb außer ſich geweſen.

Wir wußten nicht, was ihm fehlte, bis uns Jhr Brief gebracht ward.

So ein ſchaͤndlicher Boͤſewicht er auch iſt: ſo iſt er doch an dieſem neuen Uebel unſchuldig.

Jn der That er iſt es; er muß es ſeyn: wie ich Jhnen umſtaͤndlicher melden werde.

Jtzo will ich Jhren Bothen aber nicht auf - halten.

Jhre gerechte Ungedult zu ſtillen, will ich Jhnen nur ſo viel melden, daß die liebe Fraͤu - lein ſicher, und, wir hoffen, wohl auf iſt.

Ein abſcheulicher Misverſtand ſeiner uͤber - haupt und ohne genaue Beſtimmung gegebenen Befehle, hat ihr das Schrecken und den Schimpf von einem Verhaft zuwege gebracht.

Die261

Die arme liebe Fraͤulein Harlowe! Jhr Leiden hat ſie uns beynahe eben ſo theuer und werth gemacht, als ihre ausnehmenden Vorzuͤge ſie Jhnen kann gemacht haben.

Allein ſie muß nun ſchon voͤllig in Freyheit ſeyn.

Er iſt beſtaͤndig außer ſich geweſen; ſeit dem er die Zeitung bekommen hatte: und wir wußten nicht was ihm fehlte.

Jedoch das habe ich ja ſchon geſchrieben.

Der Lord M. die Lady Sarah Sadleir und Lady Eliſabeth Lawrance, wollen alle noch dieſen Nachmittag an Sie ſchreiben.

Eben das will der boͤſe Menſch ſelber auch thun.

Sie wollen die Briefe durch ihren eignen Bedienten uͤberbringen laſſen, ihren Bothen nich aufzuhalten.

Jch weiß nicht, was ich ſchreibe.

Aber Sie ſollen alle Umſtaͤnde, genau, wahr und aufrichtig erfahren,

Wertheſte Fraͤulein, von Jhrer getreueſten und gehorſamen Dienerinn Charlotte Montague.

R 3Der262

Der neun und dreyßigſte Brief von Fraͤulein Montague an Fraͤulein Howe.

Wertheſte Fraͤulein.

Zur Erfuͤllung meines Verſprechens will ich Jhnen genau und umſtaͤndlich alles melden, was wir von dieſem aͤrgerlichen Vorfall wiſſen.

Da wir am Donnerſtag, Abends, von Jh - nen zuruͤckkamen, und unſern Bericht von der guͤtigen Aufnahme abſtatteten, welche ſo wohl wir als unſer Gewerbe bey Jhnen gefunden; indem Sie die Gewogenheit haͤtten, zu verſprechen, daß Sie ſich bey Jhrer liebſten Freundinn unſerer Sache annehmen wollten: ſo machte uns dieß alle ſo wohl zufrieden mit einander, und mit mei - nem Vetter Lovelace, daß wir uns zu einer klei - nen Ausfarth auf zween Tage, den Freytag und Sonnabend, entſchloſſen; damit der Lord und die Lady Sarah die Luſt ein wenig veraͤndern moͤch - ten, weil beyde, der eine ſeiner Krankheit wegen, die andere wegen ihres niedergeſchlagenen Ge - muͤths, lange nicht ausgekommen waren. Mein Lord, ſeine beyden Schweſtern, und ich, waren in einer Kutſche: und alle unſer Geſpraͤch war vonder263der lieben Fraͤulein Harlowe und von unſerer kuͤnftigen Gluͤckſeligkeit mit ihr. Herr Lovelace und meine Schweſter, die ſein Liebling, wie er der ihrige, iſt, waren in ſeinem offenen Wagen: und ſo oft wir mit einander Geſellſchaft mach - ten, gab eben das beſtaͤndig den Stoff zu unſerer Unterredung.

Was ihn betrifft: ſo hat wohl niemals eine Mannsperſon ein Frauenzimmer ſo hoch geprie - ſen, als er die Fraͤulein. Niemals hat wohl ein Menſch groͤßere Hoffnung von ſich gegeben und einen beſſern Vorſatz gefaſſet. Er iſt nicht von denen Leuten, die ſich durch Eigennutz regieren laſſen. Dazu iſt er zu ſtolz. Allein er ließ das auſrichtigſte Vergnuͤgen blicken, wenn er von ihr und von ſeiner Hoffnung, ihre Gewogenheit wieder zu erlangen redete. Jedoch ſagte er mehr, als einmal, daß er beſorgte, ſie wuͤrde ihm nicht vergeben: denn aus Herzens Grunde muͤßte er geſtehen, er verdiente ihre Vergebung nicht. Einmal uͤber das andere betheurte er, daß kein ſolches Frauenzimmer mehr in der Welt waͤre.

Dieß beruͤhre ich nur, um Jhnen zu zeigen, daß er zu eben der Zeit nicht an einem ſo unge - heuren und ſchimpflichen Verfahren Theil haben konnte.

Wir kamen nicht eher zuruͤck, als Sonnabend Abends, und waren noch alle ſo wohl mit einan - der zufrieden, wie wir ausgereiſet waren. Wir haben ſonſt niemals ſo viel Vergnuͤgen in ſeinerR 4Ge -264Gefellſchaft gehabt. Wenn er gut ſeyn wollte, und ſo, wie er ſeyn wollte: ſo wuͤrde kein Menſch von ſeinen Verwandten mehr geliebet werden, als er. Allein niemals ging wohl eine groͤßere Veraͤnde - rung mit einem Menſchen vor, als mit ihm, da er zu Haufe kam und einen Brief von einem Bothen empfing, der ſich, wie es ſcheinet, mit der Hoffnung, eine gute Belohnung von ihm zu bekommen, geſchmeichelt, und von dem vorigen Abend an auf ſeine Ruͤckkunft gewartet hatte. Jn einer ſolchen Wuth! Der Kerl fuͤrch - tete ſich nur, er moͤchte uͤbel angelaufen ſeyn. Er aber ſchloß ſich den Augenblick ein, und be - fahl, daß ein Kerl zu Pferde bereit ſeyn ſollte, des folgenden Morgens vor Tageslicht abzuge - hen, und den Brief an einen Freund in London zu bringen.

Er wollte uns den ganzen Abend nicht ſehen, auch des folgenden Tages mit uns weder Fruͤh - ſtuͤck, noch Mittagsmahlzeit halten. Er verdien - te, ſprach er, niemals das Licht zu ſchauen. Er nannte meine Schweſter eine Unſchuldige: da ſie ſehr begierig war, die Veranlaßung zu dem allen erfahren. Er gebot ihr, ihn zu meiden: und ſagte, er waͤre ein elender Meufch, und durch ſeine eigne Erfindungen, und die Folgen derſel - ben, dazu gemacht.

Niemand unter uns konnte von ihm heraus - bringen, was ihn ſo beunruhigte. Wir ſollten es nur allzu bald hoͤren, waren ſeine Worte, zuraͤußer -265aͤußerſten Zernichtung aller ſeiner und aller un - ſerer Hoffnung.

Wir konnten leicht vermuthen, daß nicht alles recht mit der ruhmwuͤrdigen Fraͤulein ſte - hen mußte.

Er war alle Tage aus: und ſagte, er moͤchte aus ſich ſelbſt entlaufen.

Am Montage, ſpaͤt des Abends, bekam er einen Brief durch ſeinen eignen Bothen, der mit ſolcher Eilfertigkeit zuruͤckkehrte, daß Kerl und Pferd rauchten, von Herrn Belford, ſeinem Lieb - ling unter ſeinen Freunden. Der Jnhalt mag geweſen ſeyn, was er will: er ward dadurch nicht geruhiger, ſondern vielmehr wie ein Unſinniger. Jedoch wollte er uns die Urſache noch nicht wiſ - ſen laſſen. Nur ſprach er zu meiner Schweſter: kein Menſch, meine liebe Martha, der ſich nur halb die Plagen vorſtellen koͤnnte, welche einen zu Raͤnken geneigten Kopf verfolgen, wuͤrde je - mals die rechte Bahn verlaſſen.

Er war nicht zu Hauſe, als Jhr Bothe kam: aber er kam bald, und ward von uns allen uͤbel ge - nug empfangen. Seine eigne Marter, ſagte er dagegen, waͤre groͤßer, als die, welche wir, welche Fraͤulein Harlowe, welche Sie, wertheſte Fraͤu - lein, empfaͤnden, alle zuſammen genommen. Er wollte Jhren Brief ſehen. Er muß allemal al - les vor ſich haben. Nachdem er ihn geleſen hat - te: ſprach er, er dankte Gott, daß er nicht ein ſolcher Boͤſewicht waͤre, als Sie, nur mit allzu vielem Grunde, von ihm daͤchten.

R 5Darauf266

Darauf geſtand er uns, die Sache verhielte ſich alſo:

Er haͤtte den Leuten in dem Hauſe, woraus die werthe Fraͤulein entflohen waͤre, uͤberhaupt und ohne genaue Beſtimmung aufgetragen, wo moͤglich ausfuͤndig zu machen, wohin ſie gegan - gen waͤre, damit er Gelegenheit haben moͤchte, ſie duͤrch unablaͤßliches Anhalten zu bewegen, daß ſie ſeine Hand annaͤhme, ehe ihre Mishelligkeiten uͤberall bekannt wuͤrden. Die gottloſen, wenig - ſtens allzudienſtfertigen, wo nicht gottloſen Leute, entdeckten am Mittwochen, wo ſie ſich auf - hielte: und weil ſie beſorgten, ſie moͤchte von dannen wieder aufbrechen, ehe ſie von ihm Ver - haltungsbefehle haben konnten; brachten ſie die - ſelbe in eine gelinde Verwahrung, wie ſie es nennen, und fertigten einen Bothen ab, ihm Nach - richt davon zu geben und Verhaltungsbefehle von ihm einzuholen.

Dieſer Bothe langte hier am Freytage, Nach - mittags, an, und wartete, bis wir am Sonna - bend, Abends, zu Hauſe kamen. Jch habe Jhnen ſchon gemeldet, liebſte Fraͤulein, in was fuͤr eine Wuth er gerieth, da er den Brief las, welchen jener brachte.

Der Brief, den er, nach ſeiner zu dem Ende geſchehenen Abſonderung von uns, ſchrieb, und am Sonntag Morgen ſo fruͤhe abfertigte, hatte den Zweck, ſeinen Freund, Herrn Belford, zu be - ſchwoͤren, daß er bey dem Empfang deſſelben al - ſobald zu der Fraͤulein eilte, ſie in Freyheit ſetzte,ihr267ihr alle ihre Sache zuſchicken ließe, und ſeine Un - ſchuld, bey einer ſo ſcheuslichen und niedertraͤch - tigen That, wie er ſie mit Recht nannte, rettete.

Gegenwaͤrtig zweifelt er nicht, daß alles gluͤcklich vorbey, und die Geliebte ſeiner Seele; ſo nennt er ſie bey jedem Worte; unter beque - mern und gluͤcklichern Umſtaͤnden, als vor der ſchrecklichen That, ſeyn werde. Er bekennet itzo, daß die Urſache, warum ihn der Brief von Hrn. Belford noch unruhiger und wunderlicher ge - macht, dieſe geweſen: weil er ihn aus Vorſatz, und in der Abſicht, ihn zu quaͤlen, in ungewiſſer Erwartung gehalten; ihm ſchwere Vorwuͤrfe ge - macht; und bloß gemeldet, daß er ihr aufgewartet; die weitern Umſtaͤnde aber, welche er ihm damals zugleich haͤtte eroͤffnen koͤnnen, bis zu ſeinem naͤch - ſten Schreiben verſparet haͤtte. Herr Belford, ſagt er, iſt allemal ein Freund und Fuͤrſprecher der Fraͤulein geweſen.

Er verſichert, und wir koͤnnen es fuͤr ihn betheuren, daß er beſtaͤndig, ſeit verwichenen Sonnabends Abend, der elendeſte Menſch gewe - ſen ſey.

Er hat ſich deswegen enthalten, ſelbſt nach London zu gehen, damit man ſich nicht einbilden moͤchte, daß er an einem ſo ſcheuslichen Anſchla - ge Schuld haͤtte, und hinauf kaͤme, einige ſchaͤnd - liche Abſichten dem zu Folge zu vollfuͤhren.

Glauben Sie, wertheſte Fraͤulein Howe, daß wir alle uͤber dieſen ungluͤcklichen Zufall den empfindlichſten Schmerzen fuͤhlen. Wir beſor -gen,268gen, er werfe die vortreffliche und bedraͤngte Fraͤu - lein, zwar nicht zu viel fuͤr die Veranlaßung dazu, aber zu viel fuͤr unſere Hoffnung, er - bittern.

O was fuͤr elende Leute ſind dieſe Freygeiſter in der Lebensart, die gern ungebahnte und ver - worrene Wege betreten, und, wenn ſie einmal irren, nicht wiſſen, wie weit ihr eigenſinniger Lauf ſie von der rechten Bahn abfuͤhren moͤge!

Meine Schweſter danket, nebſt mir, Jhrer guͤtigen Frau Mutter und Jhnen fuͤr die Gunſt - bezeigungen, womit Sie uns am verwichenen Donnerſtage uͤberhaͤufet haben. Wir bitten, ſich ferner die Sache, worauf unſer Beſuch zielte, angelegen ſeyn zu laſſen. Wir werden auf nichts anders ſinnen, als wie wir der liebenswuͤrdigen Fraͤulein gefaͤllig ſeyn, und ihr nach unſerm aͤu - ßerſten Vermoͤgen das, was ſie von dem un - gluͤcklichen Menſchen gelitten hat, gut machen koͤnnen.

Wir verbleiben, wertheſte Fraͤulein, Jhre verbundne und getreue Dienerinnen

    • Charlotte
    • Martha
    Montague.
Liebe Fraͤulein Howe.

Wir vereinigen unſere Bitte mit dem obigen Er - ſuchen der Fraͤulein Charlotte und Fraͤulein Martha Montague, daß Sie die Guͤte haben wol - len, ſich der Sache anzunehmen: da wir uͤberzeugtſind,269ſind, daß der Zufall ein bloßer Zufall, und kein geſpielter Streich oder Anſchlag von einem Boͤ - ſewicht, der ſonſt nur allzu voll davon iſt, gewe - ſen ſeyn. Wir verharren, wertheſte Fraͤulein

Jhre gehorſamſte Diener und Dienerinnen M. Sarah Sadleir. Eliſabeth Lawrance.

Werthgeſchaͤtzte Fraͤulein Howe.

Nach dem, was oben von ſolchen Namen und Haͤnden geſchrieben iſt, wider deren Ehre ſo unſtreitig nichts einzuwenden ſeyn kann, haͤtte ich entſchuldigt und uͤberhoben ſeyn moͤgen, einen Namen unterzuſchreiben, der mir ſelbſt beynahe eben ſo verhaßt iſt, als ich weiß, daß er Jhnen iſt. Allein die obigen wollen es ſo haben. Da ich alſo ſchreiben muß: ſo ſoll es die Wahrheit ſeyn. Hier iſt ſie. Wo mir noch einmal zuge - laſſen wird, der am meiſten wohlverdienten und am meiſten beleidigten Perſon ihres Geſchlechts meine Schuldigkeit zu bezeigen: ſo will ich mir gefallen laſſen, es mit einem Halfter um den Hals zu thun, und mich, von einem Pfarrer, zu mei - ner rechten, und dem Henker, zu meiner linken Hand, begleitet, nach ihrem Willen entweder zur Kirche oder zum Galgen verurtheilen laſſen.

Jhr gehorſamſter Diener Robert Lovelace.

Der270

Der vierzigſte Brief von Hrn. Belford an Hrn. Robert Lovelace.

Was fuͤr einen verfluchten Handel haſt du mit dem vortrefflichſten unter allen Frau - enzimmern getrieben! Es mag nun ein Vorge - ben Ernſt, oder Scherz ſeyn; wie du willſt: ſo wird die arme Fraͤulein gewiß nicht lange dein, oder des Gluͤckes, Spiel ſeyn.

Jch will dir eine Nachricht von einem Auf - zuge geben, dem nur ihre ruͤhrende Feder fehlet, ihn recht vorzuſtellen: ſo wuͤrde er alle dein ſchwarzes Blut aus deinem ſchwielichten Herzen preſſen.

Du allein, der du die Urſache ihrer Drang - ſale biſt, haͤtteſt ihr in ihrem Gefaͤngniſſe auf - warten ſollen. Jch bin einem ſolchen Amte nicht gewachſen: und weiß auch nicht anders, als daß es ein jeder anderer Menſch eben ſo wenig ſeyn wuͤrde.

Dieſe letzte That hat dein grauſames Werk vollendet. Wenn ſie gleich wider deine Abſicht geſchehen iſt: ſo iſt ſie doch eine Folge von deinen uͤberhaupt ausgeſtellten Befehlen; und konnte nur mit allzu vieler Wahrſcheinlichkeit von denen, die deine andere Schandthaten gegen die Fraͤu - lein wiſſen, fuͤr einen dir angenehmen Dienſt an -geſe -271geſehen werden. Nun rathe ich dir, ohne Scheu allenthalben auszupoſaunen, wie ernſtlich du wuͤn - ſcheſt, mit ihr vermaͤhlet zu werden: es mag dein Ernſt ſeyn, oder nicht.

Du kannſt es ſicher thun. Sie wird nicht ſo lange leben, daß du auf die Probe geſtellet wuͤrdeſt: und es wird doch eine kleine Bemaͤn - telung fuͤr dein ungeheures Verfahren mit ihr ſeyn; und ein Mittel, zu machen, daß Leute, die nicht das, was ich, von der Sache wiſſen, dich ein wenig laͤnger unter ſich, und in ihrer Gemein - ſchaft, dulden, ohne dich zu deinen Bruͤdern, den Wilden in den Wuͤſten Libyens, zu jagen.

Euer Bothe ſand mich zu Edgware, da ich verſchiedne gute Freunde zum Mittagseſſen bey mir erwartete, die ich drey Tage vorher eingela - den hatte. Jch ſchickte zu ihnen, daß ſie mich, wegen einer Sache, die auf Leben und Tod ankaͤ - me, entſchuldigt hielten: und eilte nach London zu dem gottloſen Weibe. Denn wie wußte ich, ob nicht von den verfluchten Weibsleuten, viel - leicht auf dein Angeben, damit du die Fraͤulein muͤrbe und zu deinen Maaßregeln bequem ma - chen moͤchteſt, aͤrgerliche Verſuche auf ſie gethan wuͤrden?

Es iſt wenig in der Welt bekannt, was fuͤr Schandthaten in dieſen abſcheulichen Haͤuſern ge - gen unſchuldige und in ihr Garn gezogene Per - ſonen veruͤbet werden!

Da ich die Fraͤulein hier nicht fand: machte ich mich alſobald auf zu dem Gerichtsbedienten;ob272ob mir gleich Sarah erzaͤhlte, daß ſie eben daher gekommen waͤre, und daß die Fraͤulein weder ſie, noch ſonſt jemand, wie ſie haͤtte herunter ſagen laſſen, zu ſehen willens waͤre, indem ſie die noch uͤbrige Zeit dieſes Sonntages fuͤr ſich haben woll - te, weil es vielleicht der letzte ſeyn moͤchte, den ſie erlebte.

Als ich dahin kam: ward mir eben der Be - ſcheid gegeben.

Jch ſchickte hinauf, und ließ ihr ſagen, daß ich deswegen kaͤme, weil mir aufgetragen waͤre, ſie in Freyheit zu ſetzen. Jch ſcheuete mich, den Na - men von einem Menſchen, der fuͤr einen Freund von dir bekannt iſt, hinaufſagen zu laſſen. Sie erklaͤrte ſich inzwiſchen, ſchlechterdings memand, er ſey, wer er wolle, fuͤr den Tag, vor ſich zu laſſen, noch auf irgend etwas, das von mir geſagt wuͤrde, weiter Antwort zu geben.

Nachdem ich mich alſo nach allem erkundigt hatte, was der Gerichtsbediente, ſeine Frau und ſeine Magd mir von dem ſcheuslichen Verhaft, von ihrem Betragen, von dem Verhalten der Weibsleute gegen ſie, und von ihrem ſchlechten Geſundheitszuſtande melden konnten: ſo ging ich wieder zu Sinclairs Hauſe, wie ich ſie noch nen - nen will, zuruͤck, und hoͤrte die Erzaͤhlung der drey Weibsleute an. Dieß alles hat mich in den Stand geſetzt, dir folgende Nachricht von den aͤrgerlichen Umſtaͤnden zu erth ilen, welche dir genug ſeyn mag, bis ich dis ungluͤckliche Fraͤu - lein morgen ſelbſt ſehen kann, wo es moͤglich iſt,alsdenn273alsdenn vor ſie zu kommen. Du wirſt finden, daß ich in meinen Erkundigungen mich ſehr ge - nau um alle Umſtaͤnde bekuͤmmert habe.

Dein ſchaͤndlicher Kerl war es, der die arme Fraͤulein ihren Faͤngern anwieß, und die Unver - ſchaͤmtheit hatte, ſich ſehen zu laſſen, und die Ge - richtsbedienten bey der verfluchten Handlung an - zufriſchen. Er dachte, ſonder Zweifel, ſeinem loͤblichen Herrn den angenehmſten Dienſt zu thun. Man hatte eine Saͤnfte bey der Hand, und der Raͤdelsfuͤhrer hielte ſich bereit, ſo bald der Gottesdienſt vorbey war. Da die Fraͤulein aus der Kirche, zu der Thuͤre, die auf die Bed - fordſtraße geht, heraus kam: traten die Gerichts - bedienten zu ihr, und ſagten ihr ins Ohr, daß ſie einen Handel gegen ſie haͤtten.

Sie erſchrack, zitterte und erblaßte.

Handel! ſprach ſie. Was iſt das? Jch habe an keinem boͤſen Handel Theil! Gott ſey mir gnaͤdig! meine guten Leute, was meynet ihr?

Daß ſie unſere Gefangene ſind, Madame.

Gefangene, meine Herren! Was Wie Warum Was habe ich gethan?

Sie muͤſſen mit uns gehen. Laſſen ſie ſich gefallen, Madame, in dieſe Saͤnfte zu ſteigen.

Mit euch! Mit Mannsleuten! Soll ich mit Mannsleuten gehen! Jch bin nicht gewohnt, mit fremden Mannsleuten zu gehen! Jn Wahrheit, ihr muͤſſet mich entſchuldigt halten!

Sechſter Theil. SWir274

Wir koͤnnen ſie nicht entſchuldigt halten: wir ſind Gerichtsbediente Wir haben einen ſchriftlichen Befehl gegen ſie. Sie muͤſſen mit uns gehen, und ſollen ſchon erfahren, auf weſſen Ruͤge.

Ruͤge! verſetzte die unſchuldige Schoͤne: ich weiß nicht, was ihr meynet. Jch bitte euch, Leute, legt keine Hand an mich Man wollte ſie in die Saͤnfte heben Jch bin nicht ge - wohnt, ſo mit mir umgehn zu laſſen! Jch habe nichts gethan, wodurch ich es verdiente.

Darauf bekam ſie deinen gottloſen Kerl zu Geſichte O du Boͤſewicht, ſprach ſie, wo iſt dein ſchaͤndlicher Herr? Soll ich wieder ſei - ne Gefangene ſeyn? Helft, lieben Leute!

Es hatte ſich ſchon vorher ein Schwarm zu ſammlen angefangen.

Mein Herr iſt auf dem Lande, Madame, viele Meilen von hier. Wenn ſie ſich nur belie - ben laſſen, mit dieſen Leuten zu gehen: ſo werden ſie ihnen mit aller Hoͤflichkeit begegnen.

Das Volk hatte groͤßtentheils Mitleiden mit ihr. Ein feines junges Frauenzimmer! Tauſend Schade! ſagten einige Einige we - nige machten unterdeſſen ſchaͤndliche und aͤrger - liche Anmerkungen. Ein anſehnlicher Mann aber ſchlug ſich ins Mittel, und verlangte die Vollmacht der Leute zu ſehen.

Sie zeigten ihm dieſelbe. Jſt ihr Name Clariſſa Harlowe, Madame? fragte der Herr.

Ja,275

Ja, ja, in der That, antwortete ſie, und waͤ - re beynahe zu Boden geſunken, mein Name iſt vormals Clariſſa Harlowe geweſen: aber nun iſt er Jammer und Elend! Gott ſey mir gnaͤdig! was wird weiter folgen.

Sie muͤſſen mit dieſen Leuten gehen, Ma - dame, ſagte der Herr: ſie haben Vollmacht zu dem, was ſie thun. Er bezeugte ihr ſein Mit - leiden und ging fort.

Jn der That, ſie muͤſſen, ſprach einer von den Saͤnftentraͤgern.

Jn der That, ſie muͤſſen, ſagte der andere.

Kann man ſich, fiel noch ein anderer Herr ein, an niemand wenden, der zuſehe, daß einem ſo feinen Frauenzimmer nicht uͤbel begegnet werde?

Dein ſchaͤndlicher Kerl antwortete: Es waͤre dazu beſonders Befehl gegeben. Sie haͤtte rei - che Anverwandten. Sie duͤrfte nur fordern: ſo wuͤrde ſie alles bekommen. Man wuͤrde ſie bloß in eines Gerichtsbedienten Haus fuͤhren: bis die Sachen abgethan werden koͤnnten. Die Leute, bey denen ſie gewohnt haͤtte, hegten viele Liebe gegen ſie: allein ſie haͤtte ihre Zimmer heimlich verlaſſen.

Ey! hatte ſie ſchon ſolche Streiche im Kopfe? riefen einer oder zween.

Dieß hoͤrte ſie nicht Aber ſagte: Wohl - an, wenn ich gehen muß: ſo muß ich! Jch kann nicht widerſtehen Nur will ich nicht zu dem Weibe gehracht ſeyn! Jch will lieber zuS 2euren276euren Fuͤßen ſterben, als mich zu dem Weibe bringen laſſen.

Sie werden nicht dahin gebracht werden, Madame, rief dein Kerl.

Nur in mein Haus, Madame, ſagte einer von den Gerichtsbedienten.

Wo iſt das?

Jn High-Holborn, Madame.

Jch weiß nicht, wo High-Holborn iſt: al - lein es mag ſeyn, wo es will, nur nicht zu dem Weibe. Aber ſoll ich bloß mit Mannsleu - ten gehen?

Da ſie um ſich ſahe und gewahr ward, daß die drey Wege, naͤmlich nach der Henriettenſtraße, nach der Koͤnigsſtraße und gerade zu nach der Bedfordſtraße, voll Gedraͤnge von dem zuſam - mengelaufenen Volke waren: ſo ſtutzte ſie Es ſey, wohin es wolle Es ſey, wohin es wolle, ſprach ſie: nur nicht in des Weibes Haus! Hiemit trat ſie in die Saͤnfte, und warf ſich, in der aͤußerſten Beklemmung und Verwirrung, auf den Sitz Tragt mich, tragt mich aus den Augen Bedeckt mich Bedeckt mich auf ewig! Das waren ihre Worte.

Dein gottloſer Kerl zog die Vorhaͤnge zu. Sie war kraftlos. So gingen ſie mit ihr durch einen ungeheuren Schwarm des Volkes fort.

Hier muß ich ausruhen. Jch kann itzo nicht mehr ſchreiben. Nur erinnere dich, Lovelace, alles dieß widerfuhr einer Clariſſa!!!

Die277

Die ungluͤckliche Fraͤulein ſank in Ohnmacht nieder, als ſie in des Gerichtsbedienten Hauſe aus der Saͤnfte gehoben ward.

Einige von dem Volke folgten der Saͤnfte gar bis an das Haus nach, welches in einem elen - den Hofe iſt. Sarah war da; und befriedigte einige von den Nachfragenden damit, daß dem jungen Frauenzimmer uͤber alle Maaßen wohl wuͤrde begegnet werden. Alſo zerſtreueten ſie ſich bald.

Dorcas war auch da: aber kam ihr nicht zu Geſichte. Sarah bot ihr, als eine beſondere Gefaͤlligkeit an, ſie in ihre vorige Wohnung zu bringen. Allein ſie erklaͤrte ſich, daß man ſie nicht anders als todt dahin bringen ſollte, wenn man es thaͤte.

Die Weibsleute machen ſich mit der ſehr ge - linden Begegnung groß, die der Fraͤulein wider - fahren iſt. Das wuͤrde auch eben ſo gut ein Geier thun, koͤnnte er nur ſprechen: wenn er das Eingeweide von ſeinem Raube auf ſeinen raͤube - riſchen Klauen hat. Dieſes wirſt du aus dem urtheilen, was ich zu erzaͤhlen habe.

Sie fragte, was man mit dieſer Begegnung haben wollte, die ihr widerfahren waͤre? Die Leute ſagten mir, ſprach ſie, daß ich mit den Mannsperſonen gehen muͤßte! Sie haͤtten Vollmacht, mich zu nehmen. Alſo unterwarfS 3ich278ich mich. Aber was ſoll denn nun die Abſicht dieſer ſchimpflichen Gewaltthaͤtigkeit〈…〉〈…〉

Die Abſicht, antwortete die ſchaͤndliche Sa - rah Martin, iſt, daß ehrliche Leute zu dem Jhri - gen kommen.

Gott behuͤte mich! Habe ich etwas genom - men, das denen zugehoͤrt, die ſich dieſe Gewalt uͤber mich ausgewirkt haben? Jch habe ſehr koſtbare Sachen zuruͤckgelaſſen: aber nichts mit mir genommen, das nicht mein eigen iſt.

Wer denken ſie, Fraͤulein Harlowe; denn ich vernehme, ſagte das verfluchte Weibsbild, daß ſie nicht verheyrathet ſind; wer denken ſie, ſoll fuͤr ihren Tiſch und ihre Zimmer bezahlen; fuͤr ſo ſchoͤne Zimmer! auf eine ſo lange Zeit, als ſie bey der Fr. Sinclair geweſen ſind?

Gott ſey mir gnaͤdig! Jungfer Martin! Jch denke, ſie ſind Jungfer Martin Jſt das die Urſache eines ſo ſchmaͤhligen Schimpfes, der mir auf freyer Gaſſe angethan iſt?

Urſache genug, Fraͤulein Harlowe Sie hatte ihre innige Freude daran, ihrer eifer - ſuͤchtigen Rachbegierde dadurch Genuͤge zu thun, daß ſie ſie Fraͤulein nannte Hundert und funfzig Guineas oder Pfund iſt nicht eine Klei - nigkeit zu verlieren und zwar bey einer jun - gen Perſon, die fuͤr ihre Zimmer betruͤgen wollte!

Sie ſetzen mich in Erſtaunen, Jungfer Mar - tin! Was iſt das fuͤr eine Sprache, die ſiereden?279reden? Fuͤr meine Zimmer betruͤgen! Was iſt das?

Sie ſtand beſtuͤrzt und ſchwieg auf einige Augenblick ſtille.

Aber ſie faßte ſich wieder, wandte ſich von ihr zum Fenſter, rang ihre Haͤnde. Die ver - fluchte Sarah zeigte mir, wie! und hub ſie in die Hoͤhe. Nun, Lovelace! Nun den - ke ich in der That, daß ich dir haͤtte vergeben ſollen! Aber wer ſoll Clariſſa Harlowen vergeben! O meine Schweſter! O mein Bruder! Gegen dieß waren eure Grauſamkei - ten noch zaͤrtliche Liebesbezeigungen!

Nachdem ſie ein wenig inne gehalten hatte; wobey ihr Schnupftuch die fallenden Thraͤnen in ſich zog: wandte ſie ſich zu Sarah. Nun ha - be ich nichts anders zu thun, als mich zufrieden zu geben. Nur dieß will ich ſagen, wo dieſe ihre Tante, dieſe Fr. Sinclair, oder dieſer Kerl, dieſer Herr Lovelace, zu mir kommt; oder ich in das ſcheusliche Haus gebracht werde; denn das, vermuthe ich, iſt die Abſicht bey dieſer neuen Ge - waltthaͤtigkeit und Beſchimpfung; Gott ſey der armen Clariſſa Harlowe gnaͤdig! ſo ſehen ſie, was es fuͤr Folgen haben wird! Sehen ſie zu, ich rathe es ihnen, was es fuͤr Folgen haben wird!

Das ſchaͤndliche Weibsbild antwortete ihr, es waͤre nicht darauf angeſehen, ſie gegen ihren Wil - len irgendwohin zu bringen: aber wenn es waͤre, ſo wuͤrden ſie ſich in Acht nehmen, ſich nicht wie -S 4der280der durch ein Federmeſſer erſchrecken zu laſſen.

Sie ſchlug ihre Augen auf zum Himmel, ſchwieg ſtille ging in die entferntſte Ecke des Zimmers, ſetzte ſich nieder und zog ihr Schnupf - tuch uͤber das Geſicht.

Sarah that ihr verſchiedne Fragen. Da ſie ihr aber nicht antwortete: ſagte ſie zu ihr, ſie wollte ihr alſobald wieder aufwarten, wenn ſie ihre Sprache bekommen haͤtte.

Sie trug den Leuten auf, ſie zu noͤthigen, daß ſie aͤße und traͤnke. Sie muß immer faſten: nichts als ihr Gebet und ihre Thraͤnen, armes Ding! waren die Worte des unbarmherzigen Teufels, wie ſie mir geſtanden hat Meynſt du, daß ich nicht auf ſie fluchte?

Sie ging weg, und nach ihrer Mittagsmahl - zeit kam ſie wieder dahin.

Die ungluͤckliche Fraͤulein ſchien dann, nach der Erzaͤhlung dieſes Teufels von ihr, entweder durch den Kummer muͤrbe und ſanftmuͤthig ge - macht zu ſeyn, oder einen Entſchluß gefaßt zu haben, daß ſie ſich durch die Beſchimpfungen von dieſem verfluchten Weibsbilde nicht reizen laſſen vollte.

Sarah erkundigte ſich in ihrer Gegenwart, ob ſie etwas gegeſſen oder getrunken haͤtte. Da die Frau ihr Nachricht gab, ſie haͤtte es bey ihr nicht dahin bringen koͤnnen, daß ſie einen Biſſen gekoſtet oder einen Tropfen getrunken haͤtte: ſagte ſie: Dieß iſt arg, Fraͤulein Harlowe! Sehrarg!281arg! Jhre Religion, denke ich, ſollte ſie leh - ren, daß es ein Selbſtmord iſt, wenn ſie Hun - gers ſterben wollen.

Sie antwortete nicht.

Das gottloſe Menſch hat mir geſtanden, ſie haͤtte ſich vorgenommen gehabt, ſie dahin zu brin - gen, daß ſie ſpraͤche.

Sie fragte, ob Mabelle ihr aufwarten ſollte, bis man ſaͤhe, was ihre Freunde fuͤr ſie, in Be - zahlung der Schuld, thun wollten? Mabelle, ſagte ſie, hat die Kleider noch nicht verdient, die ſie ſo guͤtig geweſen ſind ihr zu geben.

Bin ich nicht einer Antwort werth, Fraͤu - lein Harlowe?

Jch wollte ihnen antworten, ſprach die ſanft - muͤthige Bedraͤngte, ohne die geringſte Bewe - gung, wenn ich wuͤßte, wie.

Jch habe Anſtalt gemacht, daß ihnen Feder, Dinte und Papier gebracht werde, Fraͤulein Harlowe. Da iſt es. Jch weiß, ſie ſchreiben gern. Sie moͤgen ſchreiben, an wen es ihnen be - liebt. Jhre Freundinn, die Fraͤulein Howe wird warten, Nachricht von Jhnen zu haben.

Jch habe keinen Freund oder Freundinn, verſetzte ſie. Jch verdiene keine.

Rowland, das iſt des Gerichtsbedienten Na - me, ſagte zu ihr: Sie haͤtte Freunde genug, ihre Schuld zu bezahlen, wenn ſie ſchreiben wollte.

Sie wollte niemand beſchweren: ſie haͤtte keine Freunde. Das war alles, was ſie aus ihr bringen konnten, ſo lange als Sarah da blieb. S 5Jedoch282Jedoch redete ſie es mit einem gedultigen Gemuͤ - the, als wenn ſie ihre Schmerzen fuͤhlte.

Das vermeſſene Weibsbild ging weg, und verordnete vor ihren Ohren, daß ſie ihr ſehr hoͤf - lich begegnen, und nichts mangeln laſſen ſollten. Nun haͤtte ſie, geſtand ſie mir, ihren gewuͤnſchten Sieg uͤber dieſe hochmuͤthige Schoͤne, die gegen ſie alle in ihrem eignen Hauſe ſo fremde und vor - nehm gethan.

Was denkſt du hievon, Lovelace! Der Sieg dieſes nichtswuͤrdigen Weibsbil - des war uͤber eine Clariſſa.

Um ſechſe, des Abends, noͤthigte ſie Rowlands Weib, daß ſie Thee trinken moͤchte. Sie wollte lieber ein Glaß Waſſer haben, ſagte ſie: denn ihre Zunge wollte ihr beynahe an dem Gaumen kleben.

Das Weib brachte ihr ein Glaß, und etwas Brodt und Butter. Sie verſuchte das letztere zu koſten: aber konnte es nicht niederſchlucken. Al - lein das Waſſer trank ſie mit heißer Begierde, und ſchlug ihre Augen in Dankbarkeit dafuͤr in die Hoͤhe!!!

Die goͤttliche Clariſſa, Lovelace ſo weit gebracht, daß ſie ſich uͤber einen Be - cher kalten Waſſers freuen muß! Durch wen ſo weit gebracht!

Um neun Uhr fragte ſie, ob jemand bey ihr ſchlafen ſollte?

Jhre Magd; wo es ihr gefaͤllig waͤre: oder, weil ſie ſo ſchwach und krank waͤre, ſollte dasMaͤgd -283Maͤgdchen bey ihr aufſitzen, wenn ſie es haben wollte.

Sie wollte am liebſten ſo wohl bey Nacht als bey Tage alleine ſeyn, verſetzte die Fraͤulein. Aber koͤnnten ihr nicht die Schluͤſſel zu dem Zimmer, wo ſie liegen ſollte, anvertrauet werden? denn ſie wuͤrde ihre Kleider nicht ablegen.

Das, ſagten ſie ihr, koͤnnte nicht geſchehen.

Sie haͤtte wohl beſorgt, erwiederte ſie, daß es nicht geſchehen wuͤrde Allein in der That, ſie wollte nicht weggehen, wenn ſie auch koͤnnte.

Die Leute erzaͤhlten mir, daß ſie außer dem Bette, worinn ſie ſelbſt ſchliefen, welches ſie gern von ihr wuͤrden angenommen geſehen haben, und außer dem, worinn ihre Magd laͤge, nur noch ein einziges oben in einer Kammer, wie ſie es nann - ten, einem Loche von einer Kammer, haͤtten: und das waͤre der Gefangenen Bette. Sie machten deswegen verſchiedne Entſchuldigungen gegen mich. Jch gedenke, es iſt aͤrgerlich genug.

Aber die Fraͤulein wollte in ihrem Bette nicht liegen. Waͤre ſie nicht eine Gefangene? ſprach ſie. Man ſollte ihr den gewoͤhnlichen Platz der Gefangenen anweiſen.

Jedoch geſtunden ſie, daß ſie ſtutzig geworden waͤre, als man ſie dahin gefuͤhret haͤtte. Aber ſie faßte ſich wieder. Gar gut, ſagte ſie War - um ſollte nicht alles von einem Schlage ſeyn? Warum ſollte mein Elend nicht ganz voll - kommen ſeyn?

Sie284

Sie hatte nur das dabey auszuſetzen, daß alle Befeſtigungen von auſſen, und keine von innen waͤren. Sie koͤnnte nicht ruhig ſeyn, ſprach ſie, in einem Zimmer, wo andere nach ihrem Belie - ben hinein, und ſie nicht herauskommen koͤnnte. Sie waͤre dazu nicht gewoͤhnt!!!

Die theure, theure Seele! Meine Thraͤnen fließen, wie ich ſchreibe. Jn der That, Lovelace, ſie war einer ſolchen Begegnung nicht gewohnt!

Die Leute verſicherten ſie, es waͤre eben ſo viel ihre Schuldigkeit, ſie vor anderer Gewalt und Spott zu beſchuͤtzen, als ſie zu bewahren, daß ſie nicht davon ginge.

So waͤren ſie Leute, auf deren Ehrlichkeit man ſich mehr verlaſſen koͤnnte, als ſie ſeit einiger Zeit zu finden gewohnt waͤre.

Sie fragte, ob ſie Herrn Lovelace kennten?

Nein, war ihre Antwort.

Habt ihr von ihm gehoͤrt?

Nein.

Nun ſo moͤcht ihr wohl gute Leute in eurer Art ſeyn.

Halte hier einen Augenblick inne, Love - lace! und uͤberlege Jch muß.

Man fragte ſie wieder, ob man auch etwas in ihrer Wohnung anſagen laſſen ſollte?

Dieß iſt nun meine Wohnung: nicht? Das war alle ihre Antwort.

Sie285

Sie ſaß die ganze Nacht in einem Stuhl auf, mit dem Ruͤcken gegen die Thuͤr: und hatte, wie es ſcheint, ein zerbrochnes Stuͤck Holz in die Hen - kel geſteckt, worinn von innen ein Riegel geweſen war.

Des folgenden Tages fruͤhe kamen Sarah und Marichen beyde, ſie zu beſuchen.

Sie hatte ſich des vorhergehenden Tages von Sarah ausgebeten, daß ſie weder Fr. Sinclair, noch Dorcas, noch den Diener mit den abgebroch - nen Zaͤhnen, der Wilhelm hieße, ſehen duͤrfte.

Marichen wollte ſich gern bey ihr in Gunſt ſetzen, und ſtellte ſich, als wenn ſie an ihrem Un - gluͤck viel Theil naͤhme. Aber die Fraͤulein mach - te ſich nicht mehr aus ihr, als aus der andern.

Sie fragten, ob ſie etwas zu befehlen haͤtte? Wo ſie etwas haͤtte: duͤrfte ſie nur ſagen, was es waͤre; ſo ſollte ihr gehorchet werden.

Nein, gar nichts, ſagte ſie.

Wie gefielen ihr die Leute im Hauſe? Waͤ - ren ſie hoͤflich gegen ſie?

Sehr gut, in Betrachtung, daß ſie kein Geld haͤtte, welches ſie ihnen geben koͤnnte.

Wollte ſie Geld annehmen? Sie koͤnnten es zu ihrer Rechnung ſetzen.

Sie wollte keine Schulden machen.

Haͤtte ſie etwas Geld bey ſich?

Sie fuͤhlte mit Gelaſſenheit in ihre Taſche, und zog eine halbe Guinea und etwas Silbergeld heraus. Ja, ich habe ein wenig. Allein hierſollten286ſollten Sporteln bezahlt werden, glaube ich. Nicht wahr? Jch habe von gewiſſem Gelde zum Eingange gehoͤrt, zur Befriedigung dafuͤr, daß man nicht ausgezogen werde. Aber dieſe Leute, bilde ich mir ein, ſind ſehr hoͤflich: denn ſie ha - ben ſich nicht merken laſſen, daß ſie mir meine Kleider wegnehmen wollten.

Sie haben Befehl, hoͤflich gegen ſie zu ſeyn.

Das iſt ſehr guͤtig.

Aber wir beyde wollen Buͤrgſchaft fuͤr ſie ſtel - len, Fraͤulein, wo ſie mit uns zu Fr. Sinclairn zuruͤckgehen wollen.

Nein, um aller Welt willen nicht.

Jhre Zimmer ſind ſehr artig.

Deſto beſſer fuͤr die, denen ſie zugehoͤren!

Dieſe ſind ſehr traurig.

Deſto beſſer fuͤr mich!

Sie koͤnnen noch ſehr gluͤcklich ſeyn, Fraͤu - lein, wo ſie wollen.

Jch hoffe es.

Wo ſie ſich weigern zu eſſen, oder zu trinken: ſo wollen wir Buͤrgſchaft ſtellen, und ſie mit uns nehmen.

So will ich verſuchen zu eſſen und zu trin - ken. Alles, nur nicht, mit ihnen zu gehen.

Wollen ſie nicht zu ihrer neuen Wohnung ſchicken? Die Leute werden erſchrocken ſeyn.

Das werden ſie ſeyn, wo ich hinſchicke. Das werden ſie ſeyn, wenn ſie erfahren, wo ich bin.

Allein, haben ſie nach nichts von dannen zu ſchicken?

Da287

Da iſt ſo viel, daß ſie fuͤr ihre Zimmer und fuͤr die gemachte Unruhe bezahlt ſeyn werden. Jch werde ihre Sicherheit nicht ſtoͤren.

Aber vielleicht moͤgen Briefe oder Nachrich - ten fuͤr ſie daſelbſt gelaſſen ſeyn.

Jch habe ſehr wenige Freunde: und denen, die ich habe, will ich die Kraͤnkung erſparen, daß ſie wiſſen ſollten, was mich befallen hat.

Wir wundern uns ungemein uͤber ihre Gleich - guͤltigkeit, Fraͤulein Harlowe. Wollen ſie nicht an jemand von ihren Freunden ſchreiben?

Nein.

Ey! ſie denken hier doch wohl nicht beſtaͤn - dig zu bleiben?

Jch werde nicht beſtaͤndig leben.

Gedenken ſie denn hier ſo lange zu bleiben, als ſie leben?

Wie es Gott, und denen, die mich hierher ge - bracht haben, gefallen wird.

Wuͤrde es ihnen lieb ſeyn, in Freyheit zu kom - men?

Jch bin elend! Was hilft die Freyheit einer Elenden mehr, als nur noch elender zu ſeyn!

Wie, elend, Fraͤulein? Sie koͤnnen ſich ſelbſt ſo gluͤcklich machen, als ihnen beliebt.

Jch hoffe, ſie ſind beyde gluͤcklich.

Ja, das ſind wir.

Sie moͤgen immer gluͤcklicher werden!

Allein das wuͤnſchen wir Jhnen auch.

Jch288

Jch glaube, ich werde niemals ihrer Mey - nung ſeyn, in dem, was Gluͤckſeligkeit heißt.

Was, denken ſie, ſey unſere Meynung von der Gluͤckſeligkeit?

Jn Fr. Sinclairs Hauſe zu leben.

Vielleicht ſind wir auch einmal ſo ekel, und ſo voll Bedenklichkeit geweſen.

Wie iſt es denn bey ihnen voruͤber gegangen?

Weil wir geſehen haben, wie laͤcherlich das ſproͤde Weſen ſey.

Kommen ſie etwa hierher, mich zu bereden, daß ich das ſproͤde Weſen, wie ſie es nennen, eben ſo ſehr haſſen ſoll, als ſie thun?

Wir ſind gekommen, ihnen unſere Dienſte anzubieten.

Es ſteht nicht in ihrer Gewalt, mir zu die - nen.

Vielleicht iſt es nicht alſo.

Jch bin nicht geneigt, ihnen Muͤhe zu ma - chen.

Sie moͤgen ſchlecht bedient werden.

Es kann vielleicht ſeyn.

Sie ſind gewaltig kurz, Fraͤulein.

Wie ich ihren Beſuch zu ſeyn wuͤnſchte, Jungfern.

Leben ſie wohl, verkehrte Schoͤnheit!

Jhre Dienerinn, Jungfern.

Leben ſie wohl, uͤbermuͤthiges Geſicht!

Sie ſehen mich erniedriget

Wie ſie verdienen, Fraͤulein Harlowe. Der Stolz will einen Fall haben.

Beſſer,289

Beſſer, mit dem, was ſie Stolz nennen, fal - len, als mit Niedertraͤchtigkeit ſtehen.

Wer thut das?

Jch habe ſonſt eine beſſere Meynung von ihnen gehabt, Jungfer Horton! Jn der That, ſie ſollten einer Elenden nicht ſpotten.

Die Elende, ſagte Sarah, ſollte auch ande - rer Leute fuͤr ihre Hoͤflichkeit nicht ſpotten.

Es ſollte mir leid ſeyn, wenn ich es thaͤte.

Fr. Sinclair ſoll alſobald zu ihnen kommen, um zu wiſſen, ob ſie ihr etwas zu befehlen haben.

Jch wuͤnſche mir gar keine Freyheit, als dieſe, daß ich es abſchlagen koͤnne, ſie und noch eine Perſon zu ſehen.

Die Urſache, warum wir gekommen ſind, iſt keine andere geweſen, als zu erfahren, ob ſie zu ihrer Erlaſſung einige Vorſchlaͤge zu thun haͤt - ten.

Darauf, ſcheint es, kam der Gerichtsdiener herein. Sie haben ſehr gute Freunde, Mada - me, wie ich vernehme. Jſt es nicht beſſer, daß ſie es abthun? Die Koſten werden hoch auflau - fen. Hundert und funfzig Guineas laſſen ſich eher bezahlen, als zwey hundert. Laſſen ſie dieſe Jungfern fuͤr ſich gut ſagen, und gehen mit ihnen, oder ſchreiben ſie an ihre Freunde, es abzuthun.

Sarah ſagte: Es iſt ein anſehnlicher Herr, der ſie einfuͤhren ſahe und ſo viel Mitleiden fuͤr ſie hatte, Fraͤulein Harlowe, daß er das Geld fuͤr ſie gern vorſchießen, und ihnen, wenn ſie koͤn - nen, zu bezahlen freylaſſen wollte.

Sechſter Theil. TSiehe,290

Siehe, Lovelace, was dieß fuͤr verfluchte Teufel ſind. Dieß, wiſſen wir, iſt der Weg, wie manches unſchuldiges Herz verleitet iſt, ſich erſt einem zu Gefallen, und dann fuͤr die ganze Stadt, halten zu laſſen. Aber daß ſolche nichts - wuͤrdige Weibsbilder mit einem ſolchen Engel, als dieß iſt, ſo zu Werke gehen ſollten! Wie wuͤrde ſich die teufliſche Sarah gefreuet haben: wenn ſie den geringſten Anlaß gehabt haͤtte, dir zu erzaͤhlen, daß dieſer Wink mit einem horchen - den Ohr, oder nicht unwilligen Gemuͤthe, aufge - nommen waͤre.

Herr, ſprach die Fraͤulein, mit dem groͤßten Unwillen, zu dem Gerichtsdiener, habt ihr mir nicht geſtern Abends geſagt, daß es euch eben ſo viel zuſtuͤnde, mich vor anderer Gewalt und Spott zu beſchuͤtzen, als mich zu bewahren, daß ich nicht davon gienge? Kann mir nicht er - laubt ſeyn, zu ſehen, wen es mir beliebt, und de - nen, die mir nicht gefallen, den Zutritt zu mir zu verſagen?

Jhre Glaͤubiger, Madame, werden vermu - then, daß ſie zu ihnen kommen duͤrfen.

Nein: wenn ich mich erklaͤre, daß ich mich in keine Unterhandlung mit ihnen einlaſſen will.

So wird man ſie ins Gefaͤngniß ſchicken, Madame.

Gefaͤngniß, Freund! Wofuͤr giebſt du denn dein Haus aus?

Fuͤr kein Gefaͤngniß, Madame.

Was291

Was bedeuten denn dieſe Fenſter mit eiſer - nen Gittern? Was dieſe gedoppelten Schloͤſſer und Riegel, alle von außen, keine von innen!

So ſank ſie auf einen Stuhl nieder: und ſie konnten nicht ein Wort mehr von ihr heraus - bringen. Sie zog ihr Schnupftuch wieder, wie vorher einmal, uͤber das Geſicht; welches bald von Thraͤnen durchnetzet war: und gluchſete hef - tig, wie ſie geſtehen.

Eine feine und gelinde Begegnung, Lovelace! Vielleicht wirſt du ſie eben ſo wohl, als dieſe nichtswuͤrdigen Weibs - leute, dafuͤr anſehen!

Sarah beſtellte hierauf ein Mittagseſſen, und ſagte, ſie wuͤrden bald wieder da ſeyn, und zuſehen, daß ſie aͤße und traͤnke, wie eine gute Chriſtin thun muͤßte, ſich alſo in ihre Um - ſtaͤnde ſchickte, und ſie ſo gut machte, als moͤglich waͤre.

Was hat dieß reizende Frauenzimmer nicht gelitten! Was fuͤr Schulen iſt ſie nicht dieſe letzten drey Monathe, wovon ich weiß, durchgegangen! Wer ſollte denken, daß eine Perſon von ſo zarter Leibesbeſchaffenheit das haͤtte ausſtehen koͤnnen, was ſie ausgeſtanden hat. Wir ſchwa - tzen bisweilen von Herzhaftigkeit, von Muth, von Tapferkeit! Hier ſind dieſe Tugenden in ihrer vollkommenſten Groͤße! Solche Groß - ſprecher, als du und ich, wuͤrden niemals im Stande geweſen ſeyn, nur unter der Haͤlfte derer Verfolgungen, derer fehlgeſchlagenen Hoffnungen,T 2derer292derer Verſchmaͤhungen, die ihr begegnet ſind, auszudauren: ſondern wuͤrden, wie feige Maͤm - men, auf eine niedertraͤchtige Weiſe durch eine Hinterthuͤr, das iſt, durch ein Schwerdt, durch eine Piſtole, durch einen Strick, oder durch ein Meſſer, aus der Welt geſchlichen ſeyn Aber hier iſt ein Frauenzimmer von fei - nen Grundſaͤtzen, das durch den kraͤftigen Ein - druck dieſer Betrachtung, wie ich es mir vor - ſtelle; denn was kann ſie ſonſt unterſtuͤtzen? Daß ſie die Uebel, mit welchen ſie kaͤm - pfet, nicht verdienet hat; daß dieſe Welt nur zu einem voruͤbergehenden Stande der Pruͤfung beſtimmet; und daß ſie auf der Reiſe zu einer andern und beſſern iſt; alle harte Beſchwerden der Reiſe verlieb nimmt, und durch die Anfaͤlle von Dieben und Raͤubern, oder von anderm Schrecken und andern Schwie - rigkeiten ſich nicht von ihrer Bahn abfuͤhren laͤſ - ſet; weil ſie einer reichlichen Belohnung am Ende derſelben verſichert iſt.

Wo du dieſe Betrachtung dem Character eines deiner Mitgeſellen und Freunde nicht ge - maͤß achteſt: ſo frage ich dich, ob du dir einbil - deſt, daß ich von der Geſellſchaft, die ich meinem Onkel auf eine ſo lange Zeit bey ſeinem toͤdtlichen Zuſtande geleiſtet, und von den gottſeligen Be - trachtungen des frommen Geiſtlichen, der Tag vor Tag, auf des armen Mannes eignes Ver - langen, zu ihm gekommen und ihm vorgebetet, keinen Vortheil gezogen habe? Koͤnnte ichwohl293wohl noch eine ſolche Gelegenheit haben, als dieß geweſen iſt, mir alle dieſe Betrachtungen ins Gewiſſen zu ſchieben?

Wer kann auch hiernaͤchſt von frommen Perſonen und gottſeligen Dingen ſchreiben und ſie bewundern: und doch auf die Zeit nicht ernſthaft werden; wo er der Beſchaffenheit die - ſer Gegenſtaͤnde gemaͤß ſchreibet? Und hier - aus moͤgen wir abnehmen, was fuͤr ein Vortheil es fuͤr den ſittlichen Zuſtand der Menſchen ſeyn muͤſſe, gute Geſellſchaft zu halten: da diejenigen, welche nur boͤſe Geſellſchaft haben, nothwendig immer mehr und mehr verhaͤrten und verhaͤrtet werden muͤſſen.

Es iſt zwoͤlf Uhr am Sonntage in der Nacht Jch kann an nichts, als an dieſe vortreffliche Fraͤulein gedenken. Jhre Ungluͤcksfaͤlle nehmen meinen ganzen Kopf und mein ganzes Herz ein. Jch bin auf eine Viertelſtunde ſchlaͤfrig geweſen: aber der Anfall iſt vorbeygegangen. Alſo will ich die traurige Erzaͤhlung aus den Nachrichten der nichtswuͤrdigen Weibsleute fortſetzen. Jn dem Beſuch, den ich ablegen ſoll, wo ich mor - gen vorgelaſſen werde, darf ich wohl ſagen, wird genug vorfallen, in Anſehung der Umſtaͤnde, worinn ich ſie aller Vermuthung nach antreffen muß, was ich dir durch deinen Bedienten uͤber - ſchreiben kann.

T 3Nach -294

Nachdem die Weibsbilder ſie verlaſſen hat - ten, klagte ſie uͤber ihren Kopf, und uͤber ihr Herz; und ſchien durch die Furcht, noch einmal wieder in Sinclairs Haus gebracht zu werden, in Schre - cken geſetzt zu ſeyn.

Da ſie gar nichts zum Fruͤhſtuͤck haben wollte: kam Rowlands Frau zu ihr herauf und ſagte ihr; wie dieſe gottloſen Weibsleute, nach ihrem eigenen Geſtaͤndniſſe gegen mich, befohlen hatten, aus Beyſorge, ſie moͤchte ſich ſelbſt durch Hunger den Tod zuziehen; daß ſie Thee, Brodt und Butter nehmen ſollte und muͤßte. Weil ſie Freunde haͤtte, welche ſie unterſtuͤtzen koͤnnten; wenn ſie an dieſelben ſchriebe: ſo waͤre es eine ſchlimme Sache fuͤr die Fraͤulein ſelbſt und fuͤr ſie, ſich ſo durch Hunger hinzurichten.

Wo es um eurer ſelbſt willen ſeyn muß, antwortete ſie: ſo iſt es eine andere Sache. Laßt Caffee, Thee oder Chocolate, oder, was ihr wollt, gemacht werden: und bringt mir alle Tage ein junges Huhn zur Rechnung, wo es euch beliebt, und eſſet es ſelb ſt. Jch will es koſten, wo ich kann. Jch wollte nichts thun, euch Ungelegen - heit zu machen. Jch habe Freunde, die euch alles reichlich bezahlen werden, wenn ſie wiſſen, daß ich dahin bin.

Sie wunderten ſich uͤber ihre außerordentli - che geſetzte Gemuͤthsfaſſung in ſolchen Ungluͤcks - faͤllen.

Dieſe waͤren nichts, ſagte ſie, gegen das, was ſie ſchon von dem ſchaͤndlichſten Kerl in derWelt295Welt gelitten haͤtte. Der Schimpf, daß ſie auf der Gaſſe ergriffen waͤre, da eine Menge von Leu - ten um ſie herum geweſen, und aͤrgerliche Be - ſchuldigungen ihre Ohren beleidigt haͤtten, haͤtten ſie in der That ſehr geruͤhret. Aber das waͤre vorbey Alles wuͤrde auch bald vorbey ſeyn! Sie wuͤrde noch weit geſetzter ſeyn: wenn ſie nicht die Furcht, einen Kerl und ein Weib zu ſehen, und hinterliſtiger, oder gewaltſamer Wei - ſe wieder in das ſchaͤndlichſte Haus von der Welt gebracht zu werden, daran hinderte.

Waͤre es denn nicht beſſer, dem Anerbieten der beyden artigen Frauenzimmer, daß ſie Buͤrg - ſchaſt ihretwegen ſtellen wollten, Gehoͤr zu geben? Sie koͤnnten ihr ſagen, daß es ein ſehr guͤti - ges Erbieten waͤre, und das man nicht alle Tage antraͤffe.

Sie glaubte es.

Vielleicht moͤchten die Jungfern ihr darum nachſehen, daß ſie nicht wieder in das Haus zu - ruͤckgehen duͤrfte, gegen welches ſie einen ſo gro - ßen Widerwillen hegte. Auch was ferner den anſehn lichen Herrn betraͤffe, der geneigt waͤre, al - les mit ihren Glaͤubigern auf eine ihr ſelbſt be - liebige Verſchreibung, abzuthun: ſo waͤre es ih - nen ſehr ſeltſam vorgekommen, daß ſie einen ſo edelmuͤthigen Vorſchlag nicht einmal geachtet haͤtte.

Haben euch die beyden Jungfern erzaͤhlt, wer der Herr waͤre? Oder haben ſie ſonſt etwas mehr von der Sache geſagt?

T 4Ja!296

Ja! Sie haben mir auch zu verſtehen ge - geben, ſagte das Weib, daß ſie nichts thun duͤrf - ten, als nur einen Beſuch von dem Herrn anneh - men: ſo, glaubeten ſie, wuͤrde das Geld auf eine ihnen beliebige Verſchreibung oder Handſchrift, ausgezahlt werden.

Sie fuhr vor Schrecken auf.

Jch rathe euch, ſprach ſie, da ihr meinen Freunden einmal Rede und Antwort davon ge - ben werdet, daß ihr keinen Herrn zu mir bringet. Jch rathe euch, thut es nicht. Thut ihr es: ſo wißt ihr nicht, was es fuͤr Folgen haben mag.

Sie fuͤrchteten keine boͤſe Folgen, verſetzten ſie: wenn ſie ihre Pflicht thaͤten. Wenn ſie ihr ei - gen Beſtes nicht wuͤßte: ſo wuͤrden ihre Freun - de es ihnen danken, daß ſie einige unſchuldige Schritte gethan, ihr, ob gleich wider ihren Wil - len, zu dienen.

Treibt mich nicht auf das aͤußerſte, Freund! Bringt mich nicht zur Verzweifelung, gute Frau! Es wird mir nicht wenig ſchwer, un - geachtet der ſcheinbaren Gemuͤthsfaſſung, welcher ihr eben itzo Erwaͤhnung gethan habt, alles Un - gemach, das ich leide, ſo zu ertragen, wie ich es billig ertragen ſollte. Aber, wo ihr eine Mannsperſon, oder Mannsleute zu mir bringet; es ſey, unter welchem Vorwand es wolle: ſo

Hier brach ſie ab, und ſahe ſo ernſtlich und verwildert aus, wie ſie mir ſagten, daß ſie nicht anders wuͤßten, als daß ſie ſich ſelbſt auf eineoder297oder die andere Art Leid thun wollte, wo ſie ihr nicht gehorchten: und das wuͤrde in ihrem Hau - ſe eine betruͤbte Sache, und vielleicht ihr Ungluͤck ſeyn. Daher verſprachen ſie ihr, es ſollte keine Mannsperſon anders, als mit ihrer eignen Ge - nehmhaltung, zu ihr gebracht werden.

Rowlands Frau beredete ſie, Sonnabends fruͤhe um eilfe ein Schaͤlchen Thee zu trinken, und ein wenig Brod und Butter zu koſten. Dieß that ſie vermuthlich deswegen, damit ſie eine Entſchuldigung haͤtte, nicht mit den Weibs - leuten zu Mittage zu eſſen, wenn ſie wieder kaͤmen.

Aber ihre Gefaͤngnißkammer, wie ſie ſich ausdruͤckte, wollte ſie nicht verlaſſen, um in ihren Saal zu gehen.

Fenſter ohne eiſerne Gitter und ein helleres Gemach, ſagte ſie, haͤtten ein allzu froͤhliches Anſehen fuͤr ihr Gemuͤth.

Zu einer andern Zeit waren ihre Worte: Das Licht der Sonne waͤre ihr zuwider. Die Sonne ſchien hereinzuſtrahlen, ihres Ungluͤcks zu ſpotten.

Und da bald ein Platzregen fiel: ſahe ſie durch das Gitter nach demſelben. Wie guͤ - tig, ſprach ſie, weinen die Elemente, mir Geſell - ſchaft zu leiſten!

Mich dauchte, ſetzte ſie hinzu, die Sonne, welche vor einer Weile herumſtrahlte, und dieſe eiſerne Gitter verguͤldete, triebe ihr Spiel mit mir, wie die beyden Weibsleute, welche meinesT 5 wil -298 wilden und verfallenen Anſehens durch das Wort, Schoͤnheit, und meines niedergeſchla - genen Herzens durch die Worte, uͤbermuͤthiges Geſicht, zu ſpotten ſuchten!

Sarah kam zur Mittagszeit wieder, um zu ſehen, wie ſie fuͤhre, und daß ſie ſich nicht durch Hunger vom Leben haͤlfe. Das ſagte ſie ihr ſelbſt. Weil ſie gern mit ihr etwas ſchwa - tzen wollte, fuͤgte ſie hinzu: ſo wollte ſie mit ihr Mittagsmahlzeit halten, wenn ſie ihr die Erlaub - niß gaͤbe.

Jch kann nicht eſſen.

Sie muͤſſen verſuchen, Fraͤulein Har - lowe.

Weil das Eſſen eben bereit war: ſo bot ſie der Fraͤulein ihre Hand, und erſuchte ſie hinunter zu gehen.

Nein: ſie wollte keinen Fuß aus ihrer Ge - faͤngnißkammer ſetzen.

Die haͤmiſchen Mienen werden es nicht gut machen, Fraͤulein Harlowe: in der That nicht.

Sie ſchwieg ſtille.

Sie werden haͤrtere Begegnung zu erwarten haben, als ſie jemals noch erfahren, das kann ich ihnen ſagen: wo ſie ſich nicht einiger maßen be - quemen, die Sachen abzuthun.

Sie ſchwieg noch ſtille.

Kommen ſie, Fraͤulein, gehen ſie herunter zum Eſſen. Jch bitte, thun ſie es. Jungfer Horton iſt unten: ſie war ja vordem ihr Guͤnſtling.

Sie299

Sie wartete anf eine Antwort: aber bekam keine.

Wir ſind hergekommen, ihnen zu ihrem Be - ſten einige Vorſchlaͤge zu thun: ob ſie uns gleich noch vor ſo kurzem erſt ſchimpflich beleidigt ha - ben. Wir haben Frau Sinclair nicht wollen in Perſon kommen laſſen: weil wir ihnen eine Ge - faͤlligkeit zu thun gedacht.

Das iſt in der That eine Gefaͤlligkeit.

Kommen ſie, geben ſie mir ihre Hand, Fraͤu - lein Harlowe. Sie haben mir Verbindlich - keit: das kann ich ihnen ſagen. Laſſen ſie uns zur Jungfer Horton hinuntergehen.

Halten ſie mich entſchuldigt: ich will nicht einen Fuß aus dieſer Kammer ſetzen.

Wollten ſie haben, daß ich und Jungfer Hor - ton in dieſer garſtigen Bettkammer ſpeiſen ſollten?

Es iſt keine Bettkammer fuͤr mich. Jch bin nicht zu Bette geweſen, und werde auch nicht zu Bette gehen, ſo lange ich hier bin.

Und doch geben ſie nichts darum, wie ich ſe - he, das Haus zu verlaſſen So wollen ſie nicht hinunter gehen, Fraͤulein Harlowe?

Jch will nicht: es waͤre denn, daß man mich mit Gewalt zwaͤnge.

Gut, gut, laſſen ſie es bleiben. Jch werde von Jungfer Horton nicht verlangen, daß ſie in dieſer Kammer ſpeiſe, ich verſichere ſie. Jch will eine Schuͤſſel herabſchicken.

So300

So flatterte die kleine naſeweiſe Kroͤte hinunter.

Als ſie ihre Mittagsmahlzeit gehalten hat - ten: kamen ſie mit einander herauf.

Sie haben nichts eſſen wollen, Fraͤulein, wie es ſcheint! Das ſind recht ſehr haͤmiſche Mienen! Kein Wunder, daß der ehrliche Cavallier ſo viel mit ihnen zu thun gehabt hat.

Sie hielte nur ihre Augen und Haͤnde in die Hoͤhe: und ihre Thraͤnen troͤpfelten an ihren Wangen herunter.

Vermeſſene Teufel! Wie viel grau - ſamer und ſpoͤttiſcher ſind boͤſe Weibsbil - der, als boͤſe Mannsleute ſelbſt!

Mich deucht, Fraͤulein, ſagte Sarah, ſie ſind ein wenig ſchmutzig, gegen ſonſt, da wir ſie geſehen haben. Jammer und Schade, daß eine ſo zaͤrtliche und ekele Fraͤulein nicht ihren Anzug ſollte wechſeln koͤnnen. Warum wollen ſie nicht zu ihrer Wohnung ſchicken, wenigſtens Waͤſche holen zu laſſen?

Jch bin nun nicht zaͤrtlich und ekel.

Die Fraͤulein ſieht in allem gut und ſauber aus, ſprach Marichen. Aber, wertheſte Fraͤulein, warum wollen ſie nicht zu ihrer Wohnung ſen - den? Es iſt nichts mehr, als eine Freundſchaft gegen die Leute. Sie muͤſſen um ſie bekuͤmmert ſeyn. Und ihre Fraͤulein Howe wird ſich wun - dern, wo ſie geblieben ſind: denn ſonder Zweifel wechſeln ſie mit ihr Briefe.

Sie301

Sie wandte ſich von ihnen, und ſagte zu ſich ſelbſt: Allzu viel! Allzu viel! Sie warf ihr Schnupftuch, das ſchon vorher von ihren Thraͤnen durchnetzet war, von ſich, und hielte ih - re Schuͤrze an die Augen.

Weinen ſie nicht, Fraͤulein, ſagte die ſchaͤnd - liche Marichen.

Ey ja! weinen ſie nur, ſchrie die noch ſchaͤndlichere Sarah, wo es eine Erleichterung iſt. Nichts, wie Herr Lovelace mir einmal ſagte, trock - net eher, als Thraͤnen. Denn vormals weinte ich auch maͤchtig.

Jch konnte mir dieß nicht mit Gelaſſenheit erzaͤhlen laſſen. Jedoch fluchte ich nicht halb ſo viel auf ſie, als ich wuͤrde gethan haben, wenn ich nicht geſonnen geweſen waͤre, alle Umſtaͤnde von ihrer gelinden Begegnung herauszubringen. Dieß wollte ich aber aus einer gedoppelten Urſa - che: einmal, damit ich dich durch die Wiederholung herzlich kraͤnken und ruͤhren moͤchte; hiernaͤchſt, damit ich wuͤßte, auf was fuͤr Art ich wahrſchein - licher Weiſe morgen die Fraͤulein ſehen koͤnnte.

Allein, Fraͤulein Harlowe, rief Sarah, halten ſie dieſen verlohrnen Anſtand fuͤr artig? Sie ſind eine gute Chriſtinn, Kind. Fr. Row - land ſagt mir, ſie habe ihnen eine Bibel gebracht O da liegt ſie! Jch zweifle nicht, ſie werden die dienſamen Stellen, wie der ehrliche Matthaͤus Prior ſagt, eingeſchlagen haben.

Hiemit ſtand ſie auf und nahm die Bibel Ey, wahrlich, ſie haben es gethan DasBuch302Buch Hiob! Dieß faͤllt von ſelbſt auf, wie ich ſehe Meine Mutter hat mich in der Bibel fein unterrichtet Das Buch Jeſus Si - rach auch! Das iſt ein apocryphiſches Buch, wie man es nennt. Sie ſehen, Jungfer Hor - ton, ich weiß etwas von dem Buche.

Sie ſchlugen noch einmal vor, daß ſie Buͤrg - ſchaft fuͤr ſie ſtellen wollten, und ſie mit ihnen in ihr Haus gehen ſollte. Ein Anſchlag, den ſie wieder eben ſo unwillig, als vorher, aufnahm.

Sarah erzaͤhlte ihr, daß ſie auf eine ſehr vor - theilhafte Art, zu ihrem Beſten, an euch geſchrie - ben haͤtte, und alle Stunden Antwort erwartete, auch nicht zweifelte, daß ihr mit dem Bothen ſelbſt heraufkommen, die ganze Schuld guͤtigſt bezah - len, und ſie wegen Verabſaͤumung deſſelben um Verzeihung bitten wuͤrdet.

Dieß brachte ſie in ſolche Unruhe und Ver - wirrung, daß ſie beſorgten, ſie wuͤrde in Ohnmacht gefallen ſeyn. Sie koͤnnte euren Namen nicht ertragen, ſagte ſie. Sie hoffete, daß ſie euch nie - mals wieder ſehen ſollte: und wuͤrdet ihr euch aufdringen; ſo moͤchten ſchreckliche Folgen dar - aus entſtehen.

Es wuͤrde ihr doch gewiß lieb ſeyn, ant - worteten ſie, ihrer Gefangenſchaft erlaſſen zu werden.

Ja, in Wahrheit, es wuͤrde ihr nun lieb ſeyn: da ſie ihr Furcht und Schrecken mit dem Namen desjenigen eingejagt haͤtten, der an allem ihren Ungemach ſchuld waͤre, und, wie ſienun303nun offenbar ſaͤhe, dieſe neue Beſchimpfung an - geſtiftet haͤtte, damit er ſie noͤthigen moͤchte, ſeine ſchaͤndliche Bedingungen anzunehmen.

Warum, fragten ſie, wollte ſie denn nicht an ihre Freunde ſchreiben, die Forderung der Frau Sinclair richtig zu machen?

Weil ſie hoffete, daß ſie nicht lange irgend je - mand beſchwerlich ſeyn wuͤrde, und weil ſie wuͤß - te, daß die Bezahlung des Geldes, wenn ſie es im Stande waͤre zu bezahlen, nicht dasjenige waͤre, worauf man ſein Abſehen gerichtet haͤtte.

Sarah hat mir bekannt, daß ſie der Fraͤu - lein geantwortet haͤtte, ſie glaubte in der Wahr - heit eben ſo guten Herkommens und eben ſo wohl erzogen zu ſeyn, als ſie, ob ſie gleich auf kein ſo anſehnliches Vermoͤgen Anſpruch gehabt haͤtte. Ja ſie war ſo unverſchaͤmt, gegen mich darauf zu beſtehen, daß es die Wahrheit ſey.

Sie hatte die Vermeſſenheit, gegen die Fraͤu - lein noch dieß hinzuzuſetzen, daß ſie eben ſo viel Urſache haͤtte, als ſie, zu erwarten, daß Herr Lovelace ſie heyrathen wuͤrde: indem er mit ihr einen Vertrag gemacht, es zu thun, ehe er jemals die Fraͤulein Clariſſa Harlowe gekannt. Sie haͤtte daruͤber noch dazu ſeine Hand und Siegel: ſonſt wuͤrde er ſeine Abſicht nicht erreicht haben. Daher waͤre es nicht glaublich, daß ſie ſo dienſtfertig ſeyn ſollte, ſeine Sache ge - gen ſich ſelbſt zu treiben: wenn ſie gedaͤchte, daß Herr Lovelace dergleichen Abſichten auf ſie haͤtte,als304als ſie ſich anzudeuten herausnaͤhme. Sie fuͤr ihr Theil haͤtte keinen andern Vorſatz, als einem jungen Frauenzimmer, welches ſich Dinge zu ei - nem wirklichen Kummer machte, woruͤber ſonſt von niemand ſo viel Weſens wuͤrde gemacht wer - den, die Freyheit zu verſchaffen und ihrer Freundinn, der Frau Sinclair, zur Bezahlung einer rechtmaͤßigen Forderung zu helfen.

Die Fraͤulein bat ſie, ſie zu verlaſſen. Sie brauchte dieſe Beyſpiele nicht, ſagte ſie, ſich zu uͤberzeugen, in was fuͤr Geſellſchaft ſie waͤre: und erklaͤrte ſich, daß ſie, dergleichen Beſuche, und noch aͤrgerer, wovor ſie ſich fuͤrchtete, los zu wer - ben, an eine Freundinn ſchreiben wollte, das Geld fuͤr ſie aufzubringen; ob es gleich der Tod fuͤr ſie ſeyn wuͤrde, das zu thun. Denn die Freundinn koͤnnte ihr nicht ohne ihre Mutter willfahren: und in deren Augen wuͤrde dieß einer Freundſchaft, die uͤber alle niedertraͤchtige Nebenabſichten erhaben waͤre, ein eigennuͤtziges Anſehen geben.

Sie riethen ihr, alſobald zu ſchreiben.

Aber um wie viel muß ich ſchreiben? Wie hoch belaͤuft es ſich? Sollte mir nicht eine Rech - nung daruͤber eingehaͤndiget ſeyn? Gott weiß, ich habe ihre Zimmer nicht gemiethet. Nur derjenige konnte das thun, der mir ſo begegnen konnte, als er gethan hat.

Reden ſie nicht wider Hrn. Lovelace, Fraͤu - lein Harlowe. Er iſt ein Herr, gegen den ich große Hochachtung habe verfluchte Kroͤte! Und, wenn man ausnimmt, daß er ſeinenVor -305Vortheil, wo er kann, bey Uns einfaͤltigen und leichtglaͤubigen Maͤgdchens zu machen ſuchet, iſt er ein Mann, der auf ſeine Ehre haͤlt.

Sie hub ihre Haͤnde und Augen auf, an ſtatt zu reden. Sie hatte es auch wohl Urſache. Denn keine Worte, die ſie zu gebrauchen vermoͤ - gend geweſen waͤre, haͤtten die Angſt ausdruͤcken koͤnnen, welche ſie fuͤhlen mußte, da ſie in dem Uns mit begriffen war.

Sie muͤßte wenigſtens um hundert und funf - zig Guineas ſchreiben. Um zwey hundert moͤch - te eben ſo gut geſchrieben werden, wo ſie nicht viel Geld mehr haͤtte.

Frau Sinclair, ſagte die Fraͤulein, haͤtte alle ihre Kleider. Die moͤchten verkauft werden, frey ver - kauft werden, und das Geld moͤchte ſo weit reichen, als es wollte. Sie haͤtte auch noch einige andere Koſt - barkeiten aber kein Geld, gar keines, außer der elen - den halben Guinea und dem wenigen Silbergelde, das ſie geſehen haͤtten. Sie wollte eine Ver - ſchreibung geben, alles zu bezahlen, was aus ih - ren Kleidern und den andern Sachen, die ſie haͤtte, zu wenig heraus kaͤme. Sie haͤtte anſehn - liche Guͤter, die ihr von Rechts wegen zugehoͤr - ten. Jhre Handſchrift wuͤrde und muͤßte bezahlt werden, wenn ſie auch auf tauſend Pfund. Aber ihre Kleider wuͤrde ſie niemals gebrauchen. Sie glaubte, wenn dieſe nicht allzu ſehr unter ihrem Werth verkauft wuͤrden, ſo wuͤrden dieſelben, und ihre wenigen Koſtbarkeiten, fuͤr alles hinreichen. Sie wuͤnſchte keinen Ueberſchuß zu haben, als zuSechſter Theil. Uden306den letzten Koſten: und dazu wuͤrden vierzig Schillinge eben ſo gut, als vierzig Pfund, genug ſeyn. Laſſen ſie mein Ungluͤck, ſagte ſie mit auf - geſchlagenen Augen, in dieſem Leben groß, in dieſem Leben vollkommen ſeyn! Um einen guͤtigen Vergleich, laſſen ſie es voll - kommen ſeyn Hier brach ſie ab. Sonder Zweifel zielte ſie auf ihres Vaters Fluch, der bis auf das kuͤnftige Leben ausgedehnet war.

Die gottloſen Weibsbilder konnten ſich nicht entbrechen, gegen mich zu wuͤnſchen, daß ſie eine bequeme Gelegenheit haben moͤchten, einen ſol - chen Kauf fuͤr ſich, zu ihrer Kleidung, zu thun. O, wie fluchte ich auf ſie! und, in meinem Her - zen, auf dich Aber es iſt mehr als zu wahr - ſcheinlich, dachte ich, daß ſich dieſe ſchaͤndliche Sarah Martin Hoffnung macht; ob du gleich der Schande nicht faͤhig biſt; daß ihr Lovelace, wie ſie ſich unterſteht, dich kuͤhnlich hinter deinem Ruͤcken zu nennen, ſie mit einem oder dem andern von dem Raube beſchenken moͤge, der an der ar - men Fraͤulein geſchehen iſt!

Will Frau Sinclair, fuhr ſie fort, meine Kleider nicht fuͤr eine hinlaͤngliche Sicherheit an - ſehen, bis ſie verkauft werden koͤnnen? Es ſind ſehr gute Kleider. Eine oder zween Anzuͤge ſind uur eben angelegt, wie ſie aus der Arbeit kamen; niemals getragen. Sie koſten weit mehr, als die Forderung an mich iſt. Mein Vater moch - te mich gern fein gekleidet ſehen Sie ſollen alle fort. Aber laſſen ſie mir eine genaue -re307re Rechnung uͤber die zugemuthete Schuld ge - ben. Jch vermuthe, ich muß fuͤr meinen Ver - derber; das war ihr vollkommen bequemes Wort; und fuͤr ſeine Bedienten, eben ſo wohl, als fuͤr mich ſelbſt, bezahlen. Jch bin damit zu - frieden Jn der That, ich bin damit zufrieden Jch bin weit daruͤber hinaus, daß ich wuͤn - ſchen ſollte, daß mit jemand, der ſo zu handeln im Stande geweſen iſt, uͤber die Gerechtigkeit und Billigkeit dieſer Sache nur einmal Worte gewechſelt werden ſollten. Wenn ich nur genug habe, die Forderung zu bezahlen: ſo werde ich vergnuͤgt ſeyn, und will die Niedertraͤchtigkeit ei - ner ſolchen Handlung, wie dieß iſt, als eine Ver - groͤßerung einer Schuld, die meiner Meynung nach nicht vergroͤßert werden konnte, hingehen laſſen.

Jch geſtehe, Lovelace, es iſt Bosheit dabey, wenn ich dir dieſe Umſtaͤnde ſo genau erzaͤhle, da - mit ich dich bis zum Herzen verwunde. Erlau - be mir, dich zu fragen: Was kannſt du nun von deiner Grauſamkeit, deiner unerhoͤrten Grauſam - keit, gedenken, daß du eine Perſon von ihrem Stande, von ihrem Vermoͤgen, von ihren Gaben, und von ihrer Tugend, ſo weit heruntergebracht haſt?

Die nichtswuͤrdigen Weibsleute, muß man geſtehen, handeln nur ihrer ordentlichen Handthie - rung gemaͤß: einer Handthierung, wozu du, als das vornehmſte Werkzeug, dieſe beyden gebracht haſt. Und ſie wiſſen, was deine Abſichten gewe - ſen, und wie weit ſie verfolget ſind. Es heißt,U 2nach308nach ihrer Meynung, ihr gelinde begegnen, daß ſie das Weib, welches ihr mit ſo großem Rechte verhaßt iſt, nicht zu ihr gebracht; daß ſie ihr nicht gedrohet, fremde Mannsperſonen zu ihr zu fuͤh - ren; und daß ſie ihre Baͤndiger und Demuͤ - thiger, Kerls, die nicht die geringſte Regung des Gewiſſens fuͤhlen koͤnnen, noch nicht in ihre Ge - ſellſchaft gebracht haben, um ſie zu ihrem abſcheu - lichen Hauſe mit Gewalt zuruͤckzuſchleppen, und hernach, wenn ſie da waͤre, zu allen ihren Maaß - regeln zu noͤthigen.

Bis zu meiner Ankunft gedachten ſie, dir wuͤrde nichts von dem, was ſie litte, misfallen; nichts, was ſie muͤrbe machen koͤnnte, einen Stand voll Schaam und Schande einzugehen; und vermoͤgend waͤre, ſie dahin zu bringen, daß ſie ſich deinen Abſichten gefaͤllig bezeigte, wenn du kommen und ſie von dieſen gottloſen Weibsleu - ten, einem groͤßern Uebel, als deine Beyſchlaͤfe - rinn zu ſeyn, befreyen ſollteſt.

Wenn du dieſe Dinge uͤberlegeſt: ſo wirſt du keine Schwierigkeit machen, zu glauben, daß dieſe ihre eigne Erzaͤhlung von ihrem Betragen gegen die unvergleichliche Fraͤulein, noch viel zu wenig von ihren unverſchaͤmten Verſpottungen ſage; und zwar um ſo viel weniger, wenn ich dir ſage, daß endlich ihre Begegnung ſolche Wirkun - gen uͤber ſie hatte, daß ſie in heftigen Mutterbe - ſchwerden von ihnen verlaſſen wurde. Die Weibs - bilder verordneten deswegen, wo es damit anhal - ten und aͤrger werden ſollte, nach einem Apothe -ker309ker zu ſchicken: und ins beſondere, wie ſie von Anfange befohlen hatten, keine ſcharfe oder ſpi - tzige Geraͤthe, ſonderlich kein Federmeſſer, wel - ches ſie vielleicht, unter dem Vorwand, eine Fe - der umzuſchneiden, fordern moͤchte, ihr in die Haͤnde kommen zu laſſen.

Um zwoͤlfe des Sonnabends in der Nacht, ließ ihnen Rowland ſagen, es waͤre ſo ſchlecht mit ihr, daß er nicht wuͤßte, was es fuͤr einen Aus - gang nehmen moͤchte, und wuͤnſchte, ſie aus ſei - nem Hauſe gebracht zu ſehen.

Dieß veranlaſſete ſie eben ſo ſehr eine Nach - richt von euch zu wuͤnſchen. Denn ihr Bothe war zu ihrer groͤßten Verwunderung noch nicht wieder von M. Hall zuruͤckgekommen: und ſie waren verſichert, daß er ſchon am Freytag, Abends, daſelbſt angelanget ſeyn muͤßte.

Am Sonntag, Morgens fruͤhe, gingen beyde Teufel hin, zu ſehen, wie ſie ſich befaͤnde. Sie bekamen eine ſolche Nachricht von ihrer Schwach - heit, Niedergeſchlagenheit und Angſt, daß ſie ſich aus Mitleiden, wie ſie ſagten, enthielten, ſie zu ſehen, weil ſie befanden, daß ihre Beſuche ihr ſo unangenehm waͤren. Allein die Furcht vor dem Ausgange war ſonder Zweifel ihre vornehmſte Bewegurſache: nichts anderes haͤtte ſo ſteinerne Herzen erweichen koͤnnen.

Sie ſchickten nach dem Apotheker, den Row - land bey ihr gehabt hatte, und knuͤpften Rowlan - den, und ſeinem Weibe, und ſeiner Magd feyer - lich ein, die aͤußerſte Sorge fuͤr ſie zu tragen:U 3ſonder310ſonder Zweifel mit einer eigennuͤtzigen Vorſich - tigkeit. Sie ſandten auch hinauf, und ließen ihr ſagen, was ſie verordnet haͤtten; daß ſie ihr aber nicht beſchwerlich fallen wollten, weil ſie gehoͤret, daß ſie etwas, ſich in Ordnung zu bringen, einge - nommen haͤtte.

Die Fraͤulein hatte Bedenken gehabt, wie es ſcheint, des Apothekers Beſuch in der Nacht an - zunehmen; weil er eine Mannsperſon waͤre und hatte nicht eher dazu beredet werden koͤn - nen, als bis ſie ihr vorſtellten, daß ihre eigne Sicherheit es erforderte.

Die Weibsbilder kamen aus der Kirche wie - der hin O Himmel! Robert, dieſe Unthiere gehen in die Kirche! Allein die Fraͤulein ließ ihnen herunter ſagen, daß ſie alle uͤbrige Zeit von dem Tage fuͤr ſich ſelbſt haben muͤßte.

Als ich zuerſt kam, und ihnen meldete, wie du auf ſie wegen desjenigen, was ſie gethan hat - ten, flucheteſt; und auch dazu ſelbſt auf ſie fluch - te: erſtaunten ſie. Die Mutter ſagte, ſie haͤtte gedacht, daß ſie Herrn Lovelace beſſer kennete; und von ihm Dank, aber keine Fluͤche erwartet.

Unterdeſſen, da ich bey ihnen war, kam ihr Bothe wieder zuruͤck, und fluchte ganz erſchreck - lich uͤber die uͤble Aufnahme, welche er bey dir gefunden hatte, ſtatt der Belohnung, dazu man ihm fuͤr die vermeynte gute Zeitung, daß die Fraͤulein aufgefunden und in Sicherheit gebracht waͤre, Hoffnung gemacht hatte. Biſt dunicht311nicht ein artiger Kerl, daß du andere Leute fuͤr die Folgen deiner eignen Fehler mishandelſt!

Unter was fuͤr aͤrgerlichen und nachtheiligen Umſtaͤnden, die ſich dadurch noch vermehren, daß ich dein Freund und Vertrauter bin, muß ich morgen fruͤhe dieſe ungluͤckliche Fraͤulein beſu - chen! Noch dazu in deinem Namen! Schon genug, abgewieſen zu werden, daß ich von einem Geſchlechte bin, vor dem ſie, um deinet - willen, einen ſo gerechten Abſcheu heget! Und da ſie einen ſolchen Tyrannen zum Vater, und ei - nen ſolchen unverſoͤhnlichen Bruder hat: hat ſie, in Betrachtung derſelben, auch keine Urſache, zum Vortheil fuͤr irgend jemand von dem maͤnn - lichen Geſchlechte, eine Ausnahme zu machen.

Es iſt drey Uhr. Jch will hier ſchließen, und mich ein wenig zur Ruhe begeben. Was ich geſchrieben habe, das wird dich gehoͤrig zu dem - jenigen vorbereiten koͤnnen, was bald erfolgen wird.

Dein Bedienter ſagt mir, daß er nicht ohne einen Brief zuruͤckkommen ſoll, und daß du ihn morgen erwarteſt. Du haſt da, wo du biſt, Leu - te genug zu deinem Befehl. Wo ich irgend Schwierigkeit finde, vor die Fraͤulein zu kommen: ſo ſoll dein Bothe mit dem gegenwaͤrtigen abge - hen. Er mag gebrochne Beine und andere Folgen erwarten, wo das, was er mitbringt, dei - ne Hoffnung nicht erfuͤllet! Wo ich aber vorgelaſſen werde: ſo ſollſt du dieß Schreiben, und die Nachricht, wie mein Beſuch abgelaufenU 4iſt,312iſt, beyde zugleich haben. Jm erſtern Fall, magſt du einen andern Bedienten ſchicken, auf die naͤch - ſte Zeitung zu warten, von

J. Belford.

Der ein und vierzigſte Brief von Herrn Belford an Hrn. Robert Lovelace.

Heute fruͤhe um ſechſe ging ich zu Rowland. Fr. Sinclair mußte mir folgen, die Klage aufzuheben, aber ſich nicht ſehen zu laſſen.

Rowland vermeldete mir, auf meine Anfra - ge, daß die Fraͤulein ſich ausnehmend uͤbel be - faͤnde, und verlangt haͤtte, niemand, als ſeine Frau, oder Magd, zu ihr kommen zu laſſen.

Jch ſagte, ich muͤßte ſie ſehen. Jch haͤtte ihm ſchon geſtern Abends mein Gewerbe geſagt: und ich muͤßte ſie ſehen.

Sein Weib ging hinauf: kam aber den Au - genblick wieder zuruͤck, und ſagte, ſie koͤnnte kein Wort aus ihr bringen, jedoch haͤtte ſie die Au - genlieder bewegt, ob ſie die Augen gleich entwe - der nicht aufſchlagen wollte, oder nicht aufſchla - gen koͤnnte, ſie anzuſehen.

Hohl euch der Henker, Weib, ſprach ich, die Fraͤulein mag in einer Ohnmacht liegen: dieFraͤu -313Fraͤulein mag wohl gar in den letzten Zuͤgen ſeyn. Laßt mich hinaufgehen. Zeigt mir den Weg.

Ein ſchreckliches Loch von einem Hauſe; in einem Gange, den ſie einen Hof nennen: mit jaͤmmerlich engen Treppen, ſelbſt zu den Stuben im erſten Stockwerk! Sie fuͤhrten mich in eine Hoͤhle, mit zerfallenen Waͤnden, die mit Papier beſchlagen geweſen waren, wie ich an einer Men - ge von kleinen Naͤgeln, und an einigen zerriſſenen Stuͤcken, die noch an den verroſteten Naͤgelkoͤ - pfen hingen, ſehen konnte.

Der Fußboden war rein: aber die Decke war mit mancherley Figuren und Anfangsbuch - ſtaben von Namen beraͤuchert; welches die klaͤg - liche Beſchaͤfftigung elender Leute geweſen war, die kein anderes Mittel gehabt hatten, ſich die Zeit zu vertreiben.

An der einen Ecke ſtand ein Bette mit gro - ben Vorhaͤngen, die man zu den Fuͤßen oben an die Decke genagelt hatte, weil die Ringe abgeriſ - ſen waren: aber mit einer Bettdecke, die reinlich ausſahe, ob ſie gleich gewaltig zerlumpet und die Ecken in Knoten aufgeknuͤpfet waren, damit die Riſſe nicht weiter darinn gingen.

Die Fenſter waren dunkel und mit gedoppel - ten Gittern, oben mit Brettern vernagelt, die Ausbeſſerung zu erſparen, und nur mit einem klei - nen viereckichten Kuckloch, die Luft herein zu laſ - ſen: wiewohl mehr durch zerbrochene Fenſter -U 5ſcheiben314ſcheiben herein ging, als dadurch hinein kommen konnte.

Vier alte Stuͤhle von tuͤrkiſcher Arbeit, un - ten geborſten, daß die Ausſtopfung hervorkam.

Ein alter, wacklichter, wurmſtichichter Tiſch, worauf mehr Naͤgel verwendet waren, ihn aus - zubeſſern, daß er ſtehen konnte, als der Tiſch ſelbſt vor funfzig Jahren, da er neu geweſen, gekoſtet hatte.

Auf dem Geſimſe war ein eiſerner Schiebe - leuchter mit einem brennenden Lichte, das nur eben, eben, ſchimmerte, vier auf einen Pfennig, vermuthe ich.

Nicht weit davon, auf eben dem Geſimſe ſtand ein alter Spiegel, mitten durch in tauſend Stuͤcken zerknickt, dem vielleicht in einer Wuth der Stoß von einem Elenden gegeben war, wel - chem er den Jammer ſeines Herzens in ſeinem Geſichte vorgeſtellet hatte.

Jn dem Camin waren zween halbe Ziegel, an einer, und ein ganzer an der andern Seite; welches zeigte, daß er in beſſerm Stande geweſen war: nun aber war der Moͤrtel den uͤbrigen Zie - geln an allen andern Stellen nachgefolget, und hatte die Mauerſteine bloß gelaſſen.

Ein alter Ofenroſt mit halben Gittern war in eben dem Camin, und in dem Roſt ſtand eine große ſteinerne Flaſche ohne Hals, die mit trau - rigem Eibenbaum, als einem Jmmergruͤn, mit verwelktem Stabwurz, mit Feldroſen, und mitSproͤß -315Sproͤßlingen von Raute in der Bluͤte, gefuͤllet war.

Die aͤrgerliche Beſchreibung zu beſchließen; in einem dunkeln Winkel ſtand noch ein altes hoͤlzernes Ruhebette, worinn der Boden gebro - chen war, ohne ein Polſter oder Bettdecke. Es war auf einer Ecke geſunken und hielte nicht zu - ſammen, weil einer von ſeinen wurmſtichichten Fuͤßen fehlte, der in zwey Stuͤcken unter dem jaͤmmerlichen Hausrath lag, den er nicht laͤnger hatte halten koͤnnen.

Und dieß, du ſcheuslicher Lovelace, war die Schlafkammer der goͤttlichen Cla - riſſa!!!

Jch hatte Zeit, meine Augen auf dieſe Din - ge zu werfen. Denn weil ich leiſe hinauf ging: wandte ſich die arme Fraͤulein nicht um, als wir hineintraten, und bewegte auch den Kopf nicht eher, als bis ich redete.

Sie lag auf den Knieen in einer Ecke von dem Gemach, bey dem wunderlichen Fenſter, ge - gen den Tiſch, auf einem alten Polſter, wie es ſchien, von dem hoͤlzern Ruhebette; halb mit ih - rem Schnupftuch bedecket; mit dem Ruͤcken nach der Thuͤre zu, die bloß zugemacht war; Schloͤſſer brauchte es nicht! mit ihren Armen creutzweiſe uͤber den Tiſch und mit dem Voͤrder - finger ihrer rechten Hand in der Bibel. Sie hatte vielleicht darinn geleſen und nicht laͤnger le - ſen koͤnnen. Papier, Feder und Dinte waren bey ihrem Buche auf dem Tiſche. Jhr Anzugwar316war von weiſſem Damaſt, ausnehmend ſauber: aber ihre Schnuͤrbruſt ſchien nicht feſt geſchnuͤ - ret. Man erzaͤhlte mir nachher, daß ihre Schnuͤr - baͤnder zerſchnitten waͤren, als ſie bey ihrer An - kunft an dieſen verfluchten Ort in Ohnmacht ge - fallen: und ſie hatte ſich um ihren Anzug nicht genug bekuͤmmert, andere holen zu laſſen. Jhr Kopfzeug war ein wenig in Unordnung, und ihr ſchoͤnes Haar warf in natuͤrlichen Locken, wie ihr es vordem beſchrieben habt, aber ein wenig ver - wirrt, als wenn es kuͤrzlich nicht gekaͤmmet waͤ - re, einen unordentlichen Schatten auf eine Seite von dem liebenswuͤrdigſten Halſe in der Welt, wie die andern von ihrem verzogenen und zer - knuͤllten Halstuche beſchattet ward. Jhr Ge - ſicht, o wie veraͤndert! wie verſchieden von dem, was ich geſehen hatte! Doch liebenswuͤrdig, Trotz allem ihrem Kummer und Leiden! war auf ihre creutzweiſe uͤber einander geſchlagene Arme geleget, als wir herein traten: aber ſo, daß nicht mehr als die eine Seite davon bedeckt war.

Da ich das Gemach uͤberſahe, und die Fraͤu - lein auf den Knieen zu Geſichte bekam, welche in ihr weiſſes und weites Kleid; denn ſie hatte kei - nen Reiffenrock an; das ſich uͤber den finſtern, ob gleich nicht unreinen, Boden ausbreitete, und den ſcheuslichen Winkel erleuchtete, ſo gar mit einem majeſtaͤtiſchen Weſen geſunken war; mit ſo weiſer Waͤſche, als man ſich nicht einbilden konnte, in Betrachtung, daß ſie ſeit der Zeit, da ſie hier geweſen, ſich niemals abgekleidet hatte:ſo317ſo haͤtte mich der Kummer, womit ich fuͤr ſie ge - ruͤhret ward, beynahe erwuͤrget. Es ſtieg mir etwas in die Kehle, ich weiß nicht was, das ich ſchlucken und gluchſen mußte, die Sprache zu be - kommen. Endlich brach ſie mit Gewalt hervor der Hen Hen Henker hole euch beyde, ſagte ich zu dem Kerl und dem Weibe, iſt dieß ein Zimmer fuͤr eine ſolche Fraͤulein? Und konnten die verfluchten Teufel von ihrem eignen Geſchlechte, die dieſen geplagten Engel beſuchten, ſie in einem ſo verdammten Winkel ſehen und doch darinn zuruͤcklaſſen?

Wir haͤtten gern geſehn, mein Herr, daß die Fraͤulein unſere eigne Schlafkammer genommen haͤtte: aber ſie wollte nicht. Wir ſind arme Leute und vermuthen nicht, daß jemand laͤn - ger bey uns bleiben werde, als ſo lange es nicht zu aͤndern iſt.

Jhr ſeyd gewiß, ich zweifele gar nicht, mit Vorbedacht von den verdammten Weibsbildern, die euch gebraucht haben, ausgeſucht: und wo euer Bezeigen gegen dieſe Fraͤulein nur halb ſo arg geweſen iſt, als euer Haus, ſo waͤre es beſſer geweſen, daß ihr nie das Tageslicht geſehen haͤttet.

Darauf hub die reizungsvolle und geplagte Fraͤulein ihr liebenswuͤrdiges Geſicht in die Hoͤ - he. Allein es breitete ſich ein ſo merklicher Kum - mer uͤber daſſelbe aus, daß ich mich nicht enthal - ten konnte, wenn es auch mein Leben gekoſtet haͤt - te, augenſcheinlich geruͤhret zu werden.

Sie318

Sie bewegte ihre Hand zwey oder dreymal auf und nieder gegen die Thuͤre, als wenn ſie mir befehlen wollte, wegzugehen, und uͤber mein Zu - dringen misvergnuͤgt waͤre: ſprach aber nicht.

Goͤnnen ſie mir, gnaͤdige Fraͤulein Jch will ohne ihre Erlaubniß nicht einen Schritt naͤ - her kommen Goͤnnen ſie mir auf einen Au - genblick ein geneigtes Ohr.

Nein Nein Weg, weg, Mannsper - ſon das Wort ſprach ſie mit beſonderm Nachdruck aus; und wuͤrde mehr geſagt haben: allein ſie ſchien die Sprache als verlohren aufzu - geben, nicht anders, als wenn ſie ſich vergebens beſtrebte, Worte herauszubringen; und ließ noch einmal ihren Kopf, mit einem tiefen Seufzer, auf ihren linken Arm niederſinken, indem der rechte von ſelbſt, als wenn ſie ihn nicht in ihrer Gewalt haͤtte, an ihrer Seite, betaͤubt, wie ich vermuthe, herunter fiel.

O daß du da geweſen waͤreſt! und an mei - ner Stelle! Jedoch bin ich durch dasjenige, was ich damals in mir ſelbſt fuͤhlte, uͤberzeuget worden, daß eine Faͤhigkeit, ſich durch das Un - gluͤck unſerer Mitgeſchoͤpfe ruͤhren zu laſſen, kei - nesweges einem maͤnnlichen Herzen ſchaͤndlich ſey. Mit was fuͤr einem Vergnuͤgen haͤtte ich, in dem Augenblick, mein eignes Leben aufgeben koͤnnen: wenn ich nur vorher dieß reizende Frau - enzimmer zu raͤchen, und ihrem Verderber, wie ſie dich auf eine nachdruͤckliche Art nennet, ob es gleich der Freund iſt, den ich am meiſten liebe,die319die Kehle abzuſchneiden, vermoͤgend geweſen waͤ - re! Und dennoch ließ, zu gleicher Zeit, mein Herz nebſt meinen Augen einer ſo ſanftmuͤthigen Re - gung freyen Lauf, als es niemals vorher zu fuͤh - len geſchickt geweſen iſt, ob ich gleich kein ſo ver - haͤrteter Boͤſewicht bin, als du.

Jch darf mich nicht zu ihnen nahen, werthe - ſte Fraͤulein, ohne ihre Erlaubniß: aber auf meinen Knieen bitte ich, erlauben ſie mir, ſie von dieſem verdammten Hauſe, und von der Gewalt des verfluchten Weibes, die ſchuld daran iſt, daß ſie hier ſind, zu befreyen!

Sie hub ihr angenehmes Geſicht noch einmal wieder auf, und ſahe mich auf meinen Knieen. Niemals habe ich ſonſt gewußt, was es hieße, ſo herzlich zu bitten.

Sind ſie nicht Sind ſie nicht Herr Bel - ford, mein Herr? Jch denke, ihr Name iſt Bel - ford?

Ja, gnaͤdige Fraͤulein, und ich bin allezeit ein eifriger Verehrer ihrer Tugenden, und ein Fuͤr - ſprecher fuͤr ſie geweſen. Jch komme nur in der Abſicht, ſie aus den Haͤnden, worinn ſie ſind, frey zu machen.

Und in weſſen Haͤnde zu bringen? O gehen ſie von mir, gehen ſie von mir! Laſſen ſie mich niemals von dieſer Stelle aufſtehen! Laſſen ſie mich niemals, niemals, einer Mannsperſon mehr glauben.

Dieſen Augenblick, wertheſte Fraͤulein, ſelbſt dieſen Augenblick, wo es ihnen beliebt, koͤnnen ſiegehen,320gehen, wohin es ihnen zu gehen beliebt. Sie ſind vollkommen frey, und haben Macht, mit ſich zu thun, was ſie wollen.

Jch moͤchte nun hier an dieſem Orte eben ſo gern, als ſonſt irgendwo, ſterben. Jch will kei - nem Freunde von demjenigen, in deſſen Geſell - ſchaft ich ſie geſehen habe, eine Verbindlichkeit haben. Alſo bitte ich, mein Herr, gehen ſie weg.

Hierauf wandte ſie ſich zu dem Gerichtsdie - ner. Herr Rowland, das, denke ich, iſt euer Name, ich bin beſſer mit eurem Hauſe zufrieden, als ich anfangs war. Wenn ihr nur gut dafuͤr ſeyn koͤnnet, daß niemand zu mir kommen ſoll, als eure Frau; keine Mannsperſon! auch kei - ne von denen Weibsleuten, die mit meinem Elen - de ihren Spott getrieben haben: ſo will ich bey euch, und eben hier in dieſem Winkel, ſterben. Jhr ſollt fuͤr die Muͤhe, die ihr mit mir gehabt habt, wohl vergnuͤget werden Jch habe da - zu Geldes werth genug denn ſeht, ich habe einen diamantenen Ring Sie zog ihn aus ihrem Buſen hervor und ich habe Freunde, die ihn um einen hohen Preiß ausloͤſen werden, wenn ich dahin bin.

Aber was ſie betrifft, mein Herr Sie ſahe mich an ſo bitte ich ſie, wegzugehen. Wo ſie es gut mit mir meynen: ſo hoffe ich, wird Gott ihnen ihre gute Meynung belohnen; aber dem Freunde meines Verderbers will ich keine Verbindlichkeit haben.

Sie321

Sie werden weder mir, noch ſonſt jemand, Verbindlichkeit haben. Sie ſind wegen einer Schuldforderung, die ſie nicht erkennen, in Ver - haft geweſen. Die Klage iſt aufgehoben: und ſie werden nur ſo gut ſeyn, mir ihre Hand bis an die Kutſche zu geben, die ſo nahe bey dieſem Hau - ſe ſtehet, als ſie hat herauf kommen koͤnnen. Jch will ſie entweder an dem Schlage der Kutſche verlaſſen, oder ſie begleiten, wohin es ihnen be - liebt, und ihnen ſo lange aufwarten, bis ich ſie ſicher dahin gekommen ſehe, wo ſie zu ſeyn wuͤn - ſchen moͤchten.

Wollen ſie mich denn zwingen, mein Herr, ihnen verbunden zu ſeyn?

Sie werden mich vielmehr unausſprechlich verbinden, gnaͤdige Fraͤulein, wenn ſie mir befeh - len, ihnen einen Dienſt oder etwas gefaͤlliges zu erweiſen.

Wohlan denn, mein Herr Sie ſahe mich an Aber warum treiben ſie in der de - muͤthigen Stellung Spott mit mir! Stehen ſie auf, mein Herr! Jch kann ſonſt nicht mit ihnen reden.

Jch ſtand auf.

Nehmen ſie nur dieſen Ring, mein Herr. Jch habe eine Schweſter, die ihn, um des vori - gen Beſitzers willen, gern fuͤr den Preiß, wie man ihn ſchaͤtzen mag, nehmen wird! Von dem Gelde, was ſie dafuͤr giebet, laſſen ſie dieſen Mann bezahlet, gut bezahlet werden. Jch habe noch einige Koſtbarkeiten in dem vorigen Hauſe;Sechſter Theil. XDor -322Dorcas, oder die Mannsperſon Wilhelm, kann ſagen, wo die ſind. Laſſen ſie die und meine Kleider bey dem gottloſen Weibe, wo ſie mich ge - ſehen haben, verkaufen, daß davon erſt meine Zimmer, und dann ihres Freundes Schulden, weswegen ich in Verhaft gezogen bin, bezahlet werden, ſo weit es reichen will: wenn nur ſo viel zuruͤck behalten wird, als genug iſt, mich irgend - wo, oder auf irgend eine Art, es iſt gleich gut, wo oder wie, zur Erde zu ſchaffen. Sagen ſie ihrem Freunde, ich wuͤnſche, daß es genug ſeyn moͤge, die ganze Forderung abzuthun: wo es aber nicht iſt, ſo muß er ſie ſelbſt richtig machen; oder ſich deswegen, wo er es fuͤr gut befindet, an Fraͤulein Howe wenden; die wird es wieder er - ſtatten, und mit den Zinſen, wenn er darauf be - ſtehet Wenn ſie mir verſprechen, mein Herr, dieß auszurichten: ſo werden ſie mir, wie ſie ſich erbieten, ſo wohl etwas gefaͤlliges, als einen Dienſt erweiſen. Sagen ſie nur, daß ſie es thun wollen, und nehmen den Ring, und gehen. Wo ich noͤthig habe, ihnen noch etwas mehr zu ſagen; ſie ſcheinen eine leutſelige Mannsperſon zu ſeyn: ſo will ich ſie es wiſſen laſſen. Und ſo leben ſie wohl, mein Herr.

Jch nahete mich zu ihr, und wollte reden

Reden ſie nicht, mein Herr: hier iſt der Ring.

Jch trat zuruͤck.

Wollen ſie ihn nicht nehmen? Wollen ſie mir nicht dieſen letzten Liebesdienſt erweiſen? Jch323Jch habe keine andere Perſon, von der ich ihn verlangen koͤnnte: ſonſt, glauben ſie mir, wuͤrde ich ſie nicht darum erſuchen. Aber ſie moͤgen ihn nehmen oder nicht und ſo legte ſie ihn auf den Tiſch ſie muͤſſen weggehen, mein Herr. Mir iſt ſehr uͤbel. Jch wollte gern ein wenig ruhen, wenn ich koͤnnte. Jch finde, daß mir wieder uͤbel wird.

Jndem ſie nun aufſtehen wollte: ſank ſie vor allzu großem Leidweſen und Kummer in Ohnmacht.

Warum, Lovelace, wareſt du nicht ſelbſt ge - genwaͤrtig? Warum begehſt du ſolche Schandthaten, daß ſo gar du ſelbſt dich ſcheueſt, dabey zu erſcheinen; und traͤgſt es doch einem weichlichern Herzen und Kopfe auf, damit zu thun zu haben?

Die Magd kam eben herein. Das Weib und dieſe huben ſie auf das veraltete Ruhebette: und ich ging mit dieſem Rowland weg; der wie ein Kind weinte, und ſagte, daß er in ſeinem Le - ben niemals ſo geruͤhrt geweſen waͤre.

Jedoch du biſt ein ſo verhaͤrteter Boͤſe - wicht, daß ich zweifele, ob du bey meiner Erzaͤhlung eine Thraͤne vergießen wirſt.

Die Frau und ihre Magd brachten ſie durch Waſſer und Hirſchhorn wieder zu ſich. Jch ging unterdeſſen hinunter: denn das abſcheuliche Weib war ſchon eine Weile unten geweſen. O wie fluchte ich auf ſie! Das Fluchen iſt mir nie mals ſo gut gefloſſen.

X 2Sie324

Sie ſuchte mich durch glatte Worte einzu - nehmen: aber ich entſagte ihr, und ſchickte ſie nach Aufhebung der Klage fort; mit Heulen und Schreien, oder mit dem Schein davon, uͤber mein Bezeigen gegen ſie.

Jhr werdet bemerken, daß ich gegen die Fraͤulein nicht ein Wort von euch erwaͤhnte. Jch ſcheuete mich davor. Denn es war augen - ſcheinlich, daß ſie euren Namen nicht leiten konn - te. Jhr Freund und die Geſellſchaft, worinn ſie mich geſehen haben, das waren allein die Worte, die ſie ſprechen konnte, euch auf das naͤ - heſte zu nennen. Und doch haͤtte ich eure Ge - ſinnung gern ſo weit gerechtfertiget, daß ſie von dieſer groben, dieſer filzicht ausſehenden Schand - that, freygeſprochen waͤre.

Jch ſchickte, durch Rowlands Weib, wieder hinauf, als ich hoͤrte, daß die Fraͤulein wieder zu ſich gekommen waͤre, und bat ſie, den teufeliſchen Ort zu verlaſſen. Das Weib verſicherte ſie, ſie haͤtte voͤllige Freyheit, es zu thun, weil die Klage aufgehoben waͤre.

Allein ſie gab nicht ſo viel darauf, ihr ein - mal zu antworten, und war ſo ſchwach und nie - dergeſchlagen, daß es beynahe eben ſo wenig in ihrer Macht, als nach ihrer Neigung war, zu re - den; wie mir das Weib erzaͤhlte.

Jch wuͤrde zu meinem Freunde, Doct. H - geeilet haben: aber das Haus iſt eine ſolche Hoͤhle, und das Gemach, worinn ſie war, ein ſol - ches Loch, daß ich mich ſchaͤmte, mich von einemſo325ſo angeſehenen Manne, ſenderlich mit einem Frauenzimmer von ſolcher Geſtalt, und in ſo außerordentlichem Jammer, darinn ſehen zu laſ - ſen; und ich ſand, daß ſie nicht zu bereden war, daſſelbe mit der Schlafkammer der Leute, die rein und helle war, zu verwechſeln.

Das wunderliche Gemach, worinn ſie ſich befand, ſagten mir die elenden Leute, haͤtte in beſ - ſerer Ordnung ſeyn ſollen: allein es waͤre erſt eben den Morgen, da ſie hereingebracht waͤre, von einem ungluͤcklichen Manne verlaſſen worden; ſonder Zweifel, ein leidlichers Gefaͤngniß zu ha - ben; da wohl ſchwerlich ein aͤrgeres ſeyn konnte.

Weil man mir vermeldete, daß ſie nicht ge - ſtoͤret ſeyn wollte, und geneigt ſchiene zu ſchlum - mern: ſo nahm ich dieſe Gelegenheit, zu ihrer Wohnung im Covent-Garden zu gehen. Dor - cas, welche ſie daſelbſt zuerſt entdeckte, wie Wil - helm ſie von der Kirche zum Verhaft anwies, hatte mir ſchon vorher die noͤthige Nachricht da - zu gegeben.

Der Mann heißt Smith und handelt mit Handſchuhen, Schnupſtaback, und dergleichen kleinen Waaren. Seine Frau haͤlt den Laden: er macht die Handſchuhe, welche ſie verkaufen. Ehrliche Leute, wie es ſcheint.

Jch gedachte die Frau mit mir zu der Fraͤu - lein zu nehmen: aber ſie war nicht zu Hauſe.

Jch ſchwatzte mit dem Manne, und erzaͤhlte ihm, was der Fraͤulein begegnet waͤre. Jch ſagte, daß es von einem Misverſtande ausgeſtell -X 3ter326ter Befehle hergekommen ſey. Jch gab ihr den Ruhm, den ſie verdiente: und bat ihn, ſeine Frau, den Augenblick wenn ſie zu Hauſe kaͤme, zu der Fraͤulein zu ſchicken; gab ihm auch die Anwei - ſung, wohin; weil ich nicht zweifelte, daß ihr Beſuch derſeiben ſehr willkommen ſeyn wuͤrde. Er verſprach es.

Jch hoͤrte von ihm, daß am Sonnabend ein Brief fuͤr ſie, und etwa eine halbe Stunde vor - her, ehe ich gekommen, noch einer, mit einer Auf - ſchrift von eben der Hand, daſelbſt abgegeben waͤre: der erſte von der Poſt; der andere von einem Landmanne; welcher in großer Eilfertig - keit, nachdem er ihre Abweſenheit und alle Um - ſtaͤnde, die ſie ihm ſagen konnten, erfahren haͤtte, betruͤbt wieder abgegangen waͤre, und geſagt haͤt - te, die Fraͤulein, von der er geſchickt waͤre, wuͤr - de ſich uͤber die Zeitung bis zum Tode kraͤnken.

Jch hielte fuͤr gut, die beyden Briefe mit mir zuruͤckzunehmen, ließ meine Kutſche wegfahren, und nahm eine Saͤnfte, weil dieſe bequemer war, die Fraͤulein fortzubringen, wenn ich, der Freund ihres Verderbers, ſie etwa gewinnen koͤnnte, Rowlands Haus zu verlaſſen.

Weil ich hier genoͤthigt werde, mich einer un - vermeidlichen Verhinderung zu unterziehen: ſo ſoll nun die Reihe an dich kommen, auch ein we - nig von der Quaal zu ſchmecken, die mit einer ungewiſſen Erwartung verbunden iſt. Daher will ich abbrechen, ohne dir den geringſten Wink von dem Ausgange meines fernern Verfahrenszu327zu geben. Jch weiß, daß diejenigen Leute, wel - che am liebſten andere herumfuͤhren moͤgen, am wenigſten leiden koͤnnen, daß man ſie wieder her - umfuͤhret. Wohl in zwanzig Faͤllen haſt du die - ſe Anmerkung an dir wahr gemacht. Und ich frage nichts nach deinem Toben.

Jnzwiſchen ſoll doch ein anderer Brief wie - der bereit ſeyn. Du magſt darnach ſchicken: ſo bald als du willſt. Wenn aber das auch nicht waͤre: habe ich denn nicht ſchon genug geſchrie - ben, dich zu uͤberzeugen, daß ich ſey

Dein bereitwilliger und dienſtgefliſſener J. Belford:

Der zwey und vierzigſte Brief von Herrn Lovelace an Herrn Joh. Belford.

Verflucht ſey dein hartes Herz, du ſchaͤndlicher Galgenſchwengel! Wie haſt du mich durch dein vorſetzliches Abbrechen gemartert! Nim - mermehr kann die Fraͤulein Harlowe ſo gelitten haben, als ich durch deine Schuld habe leiden muͤſſen, und nun leide.

Das weibliche Geſchlecht iſt dazu gemacht, Quaal und Pein zu ertragen. Dieß iſt ein Fluch,X 4den328den die erſte Weibsperſon allen ihren nachfolgen - den Toͤchtern erblich hinterlaſſen hat, da ſie den Fluch uͤber uns alle brachte. Und ſie haben die - jenigen am liebſten, es ſey Mann oder Kind, die ihnen am meiſten Quaal machen. Aber ſoll - teſt du einen ſolchen Geiſt, als ich habe, uͤber dei - ne verdammte Spannbank ziehen! Keine Folter, keine Marter, kann meiner Marter gleich ſeyn!

Muß ich noch erſt auf die Ruͤckkunft eines andern Bothen warten? Der Henker hole dich, boshaftiger Teufel! Jch moͤchte nur wuͤnſchen, daß du ein Poſtpferd waͤreſt und ich auf deinen Ruͤcken ſaͤße! Wie wollte ich peitſchen und ſpor - nen und deine traͤge Seiten aufreißen, bis ich dich zu einem voͤllig geroſteten, voͤllig geſchundenen Gerichte fuͤr eine Hundemahlzeit machte, daß alle Hunde in der Graſſchaft, ſo wie ich dich forttrie - be, hinter dir her heulen follten, auf mein Abſtei - gen zu warten, damit ſie dich in kleine Stuͤcke zerreißen und ſo auf einmal verzehren moͤchten, wenn ſich noch jedes zerpreßtes Mundvoll vom Leben bewegte!

Gieb dieſem Kerl die Fortſetzung von deiner quaͤlenden Schreiberey. Fertige ihn damit ei - ligſt ab. Du haſt verſprochen, daß ſie bereit ſeyn ſoll. Jedes Kuͤſſen, oder jeder Stuhl, worauf ich ſitzen, das Bette, worinn ich liegen werde, wo ich ja zu Bette gehe, wird mit gerade aufgerich - teten Pfriemen, Haarnadeln, Pfloͤcken und Pack - nadeln ausgeſtopfet ſeyn. Jch kann mir bereitsvor -329vorſtellen, daß, wenn mein Leib ſo, wie mein Ge - muͤth, durchbohret werden ſoll, ich nur in ein gro - ßes Faß, das mit eiſernen Stacheln von ſtaͤhler - nen Spitzen ausgeſchlagen iſt, eingeſteckt, und ei - nen Berg, der dreymal ſo hoch iſt, als die Seu - le zu London, das Denkmaal genannt, herunter gerollt werden darf.

Jedoch ich verliere hiedurch nur Zeit: wie - wohl ich nicht weiß, wie ich ſie hinbringen ſoll, bis dieſer Kerl mit dem Verfolg deiner innigſtquaͤ - lenden Nachrichten zuruͤckkommt.

Der drey und vierzigſte Brief von Hrn. Belford an Hrn. Robert Lovelace.

Da ich wieder in Rowlands Haus kam: be - fand ich, daß der Apotheker eben hinauf gegangen war. Weil Rowlands Frau mit ihm eben war: ſo machte ich mir deſto weniger Be - denken, auch hinauf zu gehen. Denn es war hoͤchſtwahrſcheinlich, daß, wenn ich erſt um Er - laubniß bitten ließe, es eben ſo gut ſeyn wuͤrde, als wenn ich abgewieſen zu werden verlangte: und außerdem hoffete ich, daß die Briefe, welche ich bey mir hatte, mir eine gute Entſchuldigung an die Hand geben wuͤrden.

X 5Sie330

Sie ſaß zur Seiten des zerbrochenen Ruhe - bettes, ausnehmend ſchwach und niedergeſchlagen, und hatte nicht Luſt, wie ich bemerkte, mit dem Manne zu reden. Es war auch kein Wunder. Denn ich habe niemals einen aͤrgerlichern Kerl, von einem leidlich artigen Stande, geſehen, nie - mals einen unwiſſendern ſchwatzen gehoͤrt Der ordentliche Arzt von dieſem und andern der - gleichen Haͤufern, wie ich vermuthe! Mir fiel dabey Otways Apotheker in ſeinem Cajus Ma - rius ein:

Betruͤbt und mager ſah er aus;
Schon bis auf Mark und Bein hinaus
War ihm die Duͤrftigkeit gegangen;
Der Hunger ſaß auf beyden Wangen;
Noth und Bedruck kam aus den Blicken
Jn ſeinen Augen klar herbey;
Veraͤchtlichkeit und Betteley
Hing hinter ihm auf ſeinem Ruͤcken;
Die Welt war nicht ſein Freund,
Und ihr Geſetz ſein Feind.

Weil ich ſchwarz gehe: ſo glaube ich, ſahe er mich, indem ich herein trat, fuͤr einen Doctor an, und ſchlich hinter mich, mit ſeinem Huthe auf beyden Daumen. Er ſahe nicht anders aus, als wenn er nur erwartete, daß ſich das Orakel aufthun und ihm Verhaltungsbeſehle geben ſollte.

Die Fraͤulein warf misvergnuͤgte Blicke ſo wohl auf mich, als auf Rowland, der mir folgte,und331und auf den Apotheker. Es waͤre nicht das ge - ringſte unter ihrem gegenwaͤrtigen Ungluͤck, ſprach ſie, daß ſie nicht Perſonen von ihrem eignen Ge - ſchlechte uͤberlaſſen ſeyn, und die freye Wahl ha - ben koͤnnte, zu ſehen, wen es ihr zu ſehen be - liebte.

Jch bat ſie um Entſchuldigung, und winkte dem Apotheker, wegzugehen, welches er that. Jch vermeldete ihr hierauf, daß ich in ihrer neu - en Wohnung geweſen waͤre, damit man alles be - reit halten ſollte, ſie zu empfangen: weil ich ver - muthete, ſie wuͤrde es fuͤr das beſte halten, dahin zu gehen. Zu dem Ende haͤtte ich eine Saͤnfte vor der Thuͤre. Herr Smith und ſeine Frau; ich nannte mit Fleiß ihre Namen, damit ſie nicht Urſache haben ſollte, ſich im geringſten vor Sin - clairs Hauſe zu fuͤrchten; waͤre ihrer Sicherheit wegen voller Sorge geweſen. Jch haͤtte zween Briefe bey mir, welche dort fuͤr ſie abgegeben waͤren: der eine von der Poſt, der andere erſt heute fruͤhe.

Dieß machte ſie aufmerkſam. Sie reckte ihre ſchoͤne Hand aus, nahm die Briefe, und druͤck - te ſie an ihre Lippen Von der einzigen Freundinn, die ich auf der Welt habe! ſagte ſie dabey, kuͤßte ſie noch einmal, und ſahe die Sie - gel an, als wenn ſie zuſehen wollte, ob ſie auch offen geweſen waͤren. Jch kann ſie nicht leſen, ſetzte ſie hinzu: meine Augen ſind zu dunkel; und ſteckte ſie in ihren Buſem.

Jch332

Jch bat ſie, darauf bedacht zu ſeyn, daß ſie das jaͤmmerliche Loch verlaſſen moͤchte.

Wohin koͤnnte ſie gehen, war ihre Frage, fuͤr den kurzen Ueberreſt ihres Lebens ſicher und ungeſtoͤrt zu ſeyn, und neuen Beſuchen von de - nen Weibsleuten, die ihren Spott vorher mit ihr getrieben haͤtten, zu entgehen?

Jch gab ihr die feyerlichſten Verſicherungen, daß ſie in ihrer neuen Wohnung von keiner See - le ſollte beunruhigt werden, und ich meine Ehre insbeſondere dafuͤr zum Pfande ſetzen wollte, daß diejenige Perſon, von der ſie am meiſten be - leidigt waͤre, nicht, ohne ihre eigne Ein - willigung, zu ihr kommen ſollte.

Jhre Ehre, mein Herr! Sind ſie nicht des Menſchen Freund?

Jch bin kein Freund, gnaͤdige Fraͤulein, von ſeinen ſchaͤndlichen Handlungen gegen das vor - trefflichſte Frauenzimmer auf der Welt.

Schmeicheln ſie mir, mein Herr? Hiernaͤchſt ſind ſie ja eine Mannsperſon Aber o! mein Herr, was hat ihr Freund, ihr unmenſchlicher Freund, nicht zu verantworten! Jndem ſie dieß ſagte: reckte ſie ihren Kopf mit großem Ernſt hervor.

Sie brach aber damit ab. Das Herz ward ihr ſchwer und war zu voll. Sie hielte ihre Hand uͤber die Augen und uͤber die Stirn: und die Thraͤnen fielen tropfenweiſe durch ihre Fin - ger. Es ſchien, als wenn ihr deine unmenſch -liche333liche Grauſamkeit ſo empfindlich war, als Caͤ - ſarn der Stich von ſeinem Liebling, Brutus!

Ob ſie gleich ſo ſehr in Unordnung war: ſo dachte ich doch, daß ich dieſe Gewogenheit nicht vor - beylaſſen wollte, eure Unſchuld an dieſem ſchaͤnd - lichen Verhaft zu betheuren.

Man kann den ungluͤcklichen Menſchen un - moͤglich in irgend einer von den ehrloſen Hand - lungen gegen ſie vertheidigen, gnaͤdige Fraͤulein: aber an dieſer letzten Gewaltthaͤtigkeit iſt er, bey allem, was gut und heilig heißt, unſchuldig!

O elende Leute! Wie ſeltſam iſt das maͤnn - liche Geſchlecht! Fuͤhren ſie denn alle eine Sprache? Was gut und heilig heißt! Wo ſie einen Eid, oder ein Geluͤbde, oder eine Be - ſchwoͤrung finden koͤnnen, mein Herr, wodurch meine Ohren nicht zwanzig mal an einem Tage beleidigt ſind: ſo moͤgen ſie dieſelbe ausſprechen; und dann mag ich wieder einer Mannsperſon glauben.

Dieſe Worte ruͤhrten mich uͤber alle Maaße: weil ich wußte, wie niedertraͤchtig du geweſen wareſt, und was ſie deswegen fuͤr Urſache hatte, ſo zu reden.

Aber ſagen ſie, mein Herr; denn mich deucht, ich wollte gern, daß der elende Menſch nicht ei - ner ſo poͤbelhaften Niedertraͤchtigkeit faͤhig ſeyn moͤchte! Sagen ſie, daß er an dieſer letzten Schandthat unſchuldig ſey? Koͤnnen ſie das mit Wahrheit ſagen?

So wahr Gott im Himmel lebt!

Ey,334

Ey, mein Herr, wo ſie ſchwoͤren: ſo muß ich ein Mistrauen in ſie ſetzen. Halten ſie ſelbſt ihr Wort fuͤr unzulaͤnglich: wie kann ich mich denn auf ihren Eid verlaſſen! O daß mir dieſe Erfahrung nicht ſo theuer zu ſtehen gekom - men waͤre! Sollte ich aber tauſend Jahr leben: ſo wuͤrde ich allemal die Wahrhaftigkeit eines Schwoͤrers fuͤr verdaͤchtig halten. Entſchuldi - gen ſie mich, mein Herr! Allein iſt es wohl glaub - lich, daß derjenige, welcher ſo frey mit ſeinem Gott verfaͤhret, ſich bey ſeinen Mitgeſchoͤpfen uͤber irgend etwas, das zu ſeinem Zweck dienen mag, ein Bedenken machen werde?

Dieß war ein ſehr ruͤhrender Verweis.

Jch halte auf mein Wort, gnaͤdige Fraͤu - lein, ſprach ich; ich halte darauf, wie einem Ca - vallier zuſtehet: und wo ich es ihnen jemals breche

Zuͤrnen ſie nicht uͤber mich, mein Herr. Es geht mir nahe, daß ich die Wahrheitsliebe eines Cavalliers in Zweifel ziehen ſoll. Aber ihr Freund nennt ſich einen Cavallier Sie wiſſen nicht, was ich von einem. Cavallier gelit - ten habe. Und darauf weinte ſie wieder.

Jch wuͤrde ihnen vollkommenen Beweis ge - ben, gnaͤdige Fraͤulein, wenn es ihre Betruͤbniß und ihr niedergeſchlagenes Gemuͤth litte, daß er an dieſer unmenſchlichen Schandthat kein Theil hat, und ſie ſo uͤbel empfindet, als ſie billig zu empfinden iſt.

Es335

Es mag ſeyn, mein Herr, verſetzte ſie mit heftiger Lebhaftigkeit: er wird ſeine Rechenſchaft ſonſt irgendwo, nicht mir, zu geben haben. Es wuͤrde mir nicht unangenehm ſeyn, wenn ich ihn im Stande befaͤnde, ſeine Geſinnung in dieſem Vorfall zu rechtfertigen. Laſſen ſie ihn nur dieß einzige wiſſen, mein Herr, daß ich eben damals, da ſie mich in bitterem Kummer uͤber ſein un - verſchuldetes Verfahren mit mir die heftigſten Klagen fuͤhren gehoͤret haben; eben in dem Au - genblick, da ich ſo geruͤhret geweſen bin; noch die - ſes habe ſagen koͤnnen; und niemals hatte ich eine ſo ernſtliche und ruͤhrende Erhe - bung der Haͤnde und Augen geſehen: Gieb ihm, gnaͤdiger Gott! Buße und Beſſerung, da - mit ich die letzte arme Perſon ſeyn moͤge, die durch ihn ungluͤcklich gemacht ſeyn ſoll! Und zu rechter, zu dir gefaͤlliger Zeit, nimm den elen - den Menſchen, der gegen mich keine Barmher - zigkeit gehabt hat, zu deiner Gnade und Barm - herzigkeit auf!

Bey meiner Seele, ich konnte nicht ſprechen. Sie hatte ihre Bibel nicht umſonſt vor ſich.

Jch ward gezwungen, mein Geſicht wegzu - kehren, und mein Schnupftuch auszuziehen.

Was iſt dieß fuͤr ein Engel! Selbſt der Kerkermeiſter und ſeine Frau und Magd, weinten.

Noch einmal wuͤnſche ich, daß du da gewe - ſen, daß du zu ihren Fuͤßen niedergeſunken waͤ -reſt,336reſt, und den Augenblick die Frucht ihrer edelmuͤ - thigen Wuͤnſche fuͤr dich eingeerndtet haͤtteſt: ſo wenig du auch etwas anders, als das Verderben, verdienet haſt!

Jch ſtellte ihr vor, ſie wuͤrde da, wo ſie itzt waͤre, weniger von ſolchen Beſuchen, die ihr nicht gefielen, frey ſeyn, als in ihrer eignen Wohnung. Jns beſondre wuͤrde es ihr nach aller Wahr - ſcheinlichkeit, den Beſuch von jemand zuzie - hen, der ſonſt, wie ich Buͤrge ſeyn wollte; ich durfte aber nicht wieder ſchwoͤren, nachdem ſie mir einen ſo harten Verweis desfalls gegeben hatte; ohne ihre Einwilligung nicht zu ihr kommen ſoll - te. Jch bezeugte, wie ſehr ich mich wunderte, daß ſie nicht geneigt waͤre, einen ſolchen Ort, als dieſer, zu verlaſſen: da es doch mehr als wahr - ſcheinlich waͤre, daß einige von ihren Freunden, wenn ſie erfuͤhren, wie uͤbel ſie ſich befaͤnde, ſie beſuchen wuͤrden.

Der Ort, ſagte ſie, waͤre ihr in der That, als man ſie zuerſt dahin gebracht, ſehr aͤrgerlich und zuwider geweſen. Allein ſie haͤtte ſich ſo ſchwach und uͤbel befunden, und ihr Kummer haͤtte ſie ſo niedergeſchlagen, daß ſie nicht vermu - thet, bis itzo zu leben. Daher waͤren ihr alle Oerter gleichguͤltig geweſen. Denn in einem Gefaͤngniſſe ſterben, waͤre ſterben, und eben ſo angenehm, als in einem Palaſt ſterben, Palaͤſte, ſagte ſie, koͤnnten fuͤr einen Sterbenden keine Rei - zungen haben. Weil ſie aber nunmehr beſorgte, ſie wuͤrde nicht ſo bald aufgeloͤſet werden, als ſie ge -hoffet337hoffet haͤtte; weil ſie ferner hier ſo wenig ſich ſelbſt gelaſſen waͤre; und weil ſie endlich durch die Verwechſelung dieſes Ortes die Bequemlich - keit haben moͤchte, die Briefe ihrer theureſten Freundinn leichter zu bekommen: ſo wollte ſie hoffen, ſie wuͤrde ſich auf die Verſicherungen, welche ich ihr gaͤbe, verlaſſen koͤnnen, daß ſie die Freyheit haͤtte, zu ihrer letztern Wohnung zuruͤck - zukehren; ſonſt wollte ſie ſich mit andern Zim - mern aufs neue verſehen, die ſo wenig in meiner, als eurer Kundſchaft waͤren. Sie haͤtte das Vertrauen, ich wuͤrde ein allzu rechtſchaffener Cavallier ſeyn, als daß ich Theil daran nehmen ſollte, ſie zu dem Hauſe zuruͤck zu bringen, wel - ches ſie ſo viele Urſache zu verabſcheuen haͤtte, und wohin ſie vorher betruͤgeriſcher Weiſe, auf die ſchaͤndlichſte Art, zu ihrem Ungluͤck gebracht waͤre.

Jch verſicherte ſie mit den nachdruͤcklichſten Worten, aber ſchwur nicht, daß ihr euch ent - ſchloſſen haͤttet, ihr nicht beſchwerlich zu fallen. Zu einem Beweiſe von der Aufrichtigkeit meiner Erklaͤrungen bat ich ſie, mir, auf meines Freun - des ausdruͤckliches Verlangen, Befehl zu geben, daß alle ihre Kleider, und was ihr ſonſt zugehoͤr - te, zu ihrer neuen Wohnung geſendet wuͤrden.

Hieruͤber ſchien ſie vergnuͤgt zu ſeyn, und gab mir alſobald ihre Schluͤſſel aus der Taſche. Sie fragte mich, ob Frau Smithen, die ich ge - nannt haͤtte, nicht zu mir kommen duͤrfte? Sie wollte ihr weiter Nachricht und Anweiſung ge -Sechſter Theil. Yben.338ben. Jch willigte mit Vergnuͤgen darein: und hierauf erklaͤrte ſie ſich, daß ſie die Saͤnfte, wel - che ich ihr angeboten haͤtte, annehmen wollte.

Jch ging hinaus: und bediente mich der Gelegenheit, mich gegen Rowland und ſeine Magd guͤtlich zu beweiſen. Denn die Fraͤulein hatte in Betrachtung deſſen, was ſie waren, an ihrem Bezeigen nichts auszuſetzen: und der Kerl ſcheint jaͤmmerlich arm zu ſeyn. Jch ſchickte auch nach dem Apotheker, der eben ſo arm iſt, als der Kerkermeiſter; ja ich darf wohl ſagen, noch aͤrmer, in Anſehung der Wiſſenſchaft, die zu ſeinem Geſchaͤffte erfordert wird; und befriedigte ihn beſſer, als er gehoffet hatte.

Die Fraͤulein verſuchte, nachdem ich weg - gegangen war, die Briefe zu leſen, welche ich ihr gebracht hatte. Aber ſie konnte nur ein kleines Stuͤck von dem einen leſen, und gerieth uͤber den - ſelben ſehr in Bewegung.

Sie vermeldete dem Weibe, daß ſie alſobald Gelegenheit nehmen wollte, ihrer aller Muͤhe zu verguͤtigen, und den Apotheker zu befriedigen, welcher ſeine Rechnung zu ihrer Wohnung ſen - den moͤchte.

Der Magd gab ſie etwas: vermuthlich die einzige halbe Guinea, die ſie hatte. Und ſodann kam ſie mit großer Muͤhe die Treppen hinunter: indem ihre Fuͤße unter ihr zitterten, und Row - lands Weib ihr zu einer Stuͤtze diente.

Jch reichte ihr meinen Arm. Sie ließ ſich gefallen, ſich darauf zu lehnen. Jch beſorge,mein339mein Herr, ſprach ſie im Gehen, daß ich unhoͤf - lich gegen ſie geweſen bin: allein, wenn ſie alles wuͤßten; ſo wuͤrden ſie mir vergeben.

Jch weiß genug, gnaͤdige Fraͤulein, mich zu uͤberfuͤhren, daß keine ſo unbefleckte Tugend und Ehre in irgend einem Frauenzimmer auf der Welt iſt, und keines, mit dem ſo unmenſchlich umgegangen waͤre.

Sie ſahe mich ſehr ernſtlich an. Was ſie denken mochte, das kann ich nicht ſagen: aber uͤberhaupt habe ich niemals ſo viel Geiſt in eines Frauenzimmers Augen geſehen, als in ihren.

Jch befahl meinem Bedienten, der wegen der Trauer weniger dafuͤr angeſehen werden konnte, und der Fraͤulein nicht vor Augen gekom - men war, die Saͤnfte im Geſichte zu behalten, und mir Nachricht zu bringen, wie ſie ſich be - faͤnde, wenn ſie ausſtiege. Der Kerl hatte den Einfall eben in den Laden zu treten, ehe die Saͤnf - te hineinkam, unter dem Vorwand, Schnupfta - back zu kaufen: und alſo war er im Stande, mir eine Nachricht zu geben, daß ſie von der gu - ten Frauen im Hauſe mit großer Freude empfan - gen worden, und dieſe ihr geſagt haͤtte, ſie waͤre eben erſt zu Hauſe gekommen und im Begriff geweſen, ihr in High-Holborn aufzuwarten O Frau Smithen, waren die Worte der Fraͤu - lein, ſo bald ſie dieſelbe ſahe, dachten ſie nicht, daß ich davon gelaufen waͤre? Sie wiſſen nicht, was ich ausgeſtanden habe, ſeit dem ich ſie zu - letzt geſehen. Jch bin in einem Gefaͤngniſſe ge -Y 2weſen!340weſen! Wegen Schulden, die ich nicht er - kenne, in Verhaft gezogen! Aber Gott ſey Dank, daß ich wieder hier bin! Wollen ſie ihrem Maͤgdchen erlauben Jch habe ihren Namen ſchon vergeſſen

Cathrine, Madame

Wollen ſie Catharine mir zu Bette helfen laſſen? Jch habe meine Kleider ſeit Don - nerſtag Abends nicht vom Leibe gehabt.

Was ſie weiter ſagte, das hoͤrte der Kerl nicht: weil ſie ſich auf das Maͤgdchen ſtuͤtzte, und die Treppen hinauf ging.

Allein bemerkeſt du nicht, was fuͤr eine wun - derbare, was fuͤr eine außerordentliche Offenher - zigkeit in dieſer Fraͤulein herrſchet. Sie waͤre in einem Gefaͤngniſſe geweſen, ſagte ſie vor einem Fremden in dem Laden und vor dem Maͤgd - chen: und ſo wuͤrde ſie, nach wahrſcheinlicher Vermuthung, geſagt haben, wenn auch zwanzig Leute in der Bude geweſen waͤren.

Die Schande, welche ſie vor ſich ſelbſt nicht verbergen kann, wie ſie in ihrem Briefe an die Lady Eliſabeth ſaget, bemuͤht ſie ſich nicht, vor der Welt zu verheelen!

Aber dieß zeigt mir offenbar, daß ſie ſich vorgenommen hat, deiner auf keine Art zu ſcho - nen. Da ſie dennoch im Stande iſt, ein ſolches Gebeth fuͤr dich abzulaſſen, als ſie in ihrem Ge - faͤngniſſe that; ich will der Gefaͤngnißkammer oft erwaͤhnen, dich zu quaͤlen: zeiget denn das nicht, daß die Rache ſehr wenig in ihrem Gemuͤ -the341the herrſche; ob ſie gleich ſo gebuͤhrlich zuͤrnen kann?

Dieß iſt ein anderer unvergleichlicher Vorzug an dieſer bewundernswuͤrdigen Fraͤulein. Denn haben wir wohl vorher jemand unter dem ganzen weiblichen Geſchlechte, oder auch dem unfrigen angetroffen, der gewußt haͤtte, wie man im Werk und in der Ausuͤbung zwiſchen Rache und Unwillen uͤber niedertraͤchtige und undankbare Begegnung einen Unterſcheid machen muͤßte?

Bey dem allen iſt es ein verfluchtes Ding, daß einem ſolchen Frauenzimmer, als dieß iſt, ſo hat begegnet werden ſollen, wie ihr begegnet iſt. Waͤreſt du ein Koͤnig geweſen, und haͤtteſt gegen eine ſo wohlverdiente und unſchuldige Per - ſon ſo gehandelt, als du gehandelt haſt: ſo, glau - be ich nach meinem Gewiſſen, wuͤrde es dem ganzen Volk zur Suͤnde zugerechnet ſeyn, und muͤßte durch Schwerdt, Peſt oder Hunger ſeyn gebuͤßet worden! Aber da du keine oͤffentli - che Perſon biſt: ſo wirſt du gewiß, außer dem, was du von der Gerechtigkeit deines Landes, und der Rache ihrer Freunde, erwarten magſt, nach dieſem deine Strafe, wie ſie ihre Belohnung, finden.

Es muß nothwendig ſo ſeyn: wo wirklich eine kuͤnftige Belohnung vorhanden iſt. Jch werde aber nun immer mehr und mehr uͤberzeu - get, daß ſie ſtatt haben muß Wie hart iſt ſonſt ihr Schickſal: da ihre Strafe, allem Anſe - hen nach, ſo viel zu groß fuͤr ihren Fehltritt iſt? Y 3Und342Und was dein Verbrechen betrifft: wie kann wohl deine abſcheuliche Bosheit gegen ſie, wodurch du alle natuͤrliche und goͤttliche Verbindlichkeiten gebrochen haſt, durch ein zeitliches Feuer, wenn du etwa durch einen Zufall in deinem Bette von der Flamme verzehret wuͤrdeſt, gebuͤßet werden?

Jch hatte mir vorgenommen, keine Zeit zu verſaͤumen, daß der Fraͤulein alles, was ihr in dem Hauſe des verfluchten Weibes zugehoͤrte, geſendet wuͤrde. Zu dem Ende nahm ich eine Kutſche fuͤr Frau Smithen, ließ der Fraͤulein meine Empfehlung hinauf ſagen, und mich er - kundigen, wie ſie ſich nach der Veraͤnderung des Orts befaͤnde, und brachte es dahin, ſo uͤbel ſie ſich auch befand, wie ſie mir herunter ſagen ließ, daß ſie der Frau Smithen gehoͤrige Anweiſung gab. Dieſe Frau nahm ich mit mir zu Sin - clairs Hauſe: und ſie ſahe zu, wie alles ausge - nommen, in eben die Kiſten und Kaſten, worinn es anfangs hingebracht war, geleget, und auf zween Wagen weggefuͤhret wurde.

Waͤre ich nicht da geweſen: ſo wuͤrden Sa - rah und Marichen, jede etwas, als einen Raub von der armen Fraͤulein fuͤr ſich behalten haben. Dieß ſagten ſie frey heraus: und ich hatte Muͤhe ein Kopfzeug von Bruͤßler-Spitzen wieder von Sarah zuruͤck zu bekommen. Sie hatte die Dreiſtigkeit, ſich verlauten zu laſſen, daß ſie es der Fraͤulein Harlowe zu Ehren tragen woll - te. Weder ich, noch Frau Smithen, ſollten et -was343was davon gewußt haben, daß ſie es genommen: wenn ſie nicht nach den Manſchetten, die dazu gehoͤrten, geſucht haͤtte.

Mein Unwillen bey dieſer Gelegenheit, und die Unterredung, welche ich mit Frau Smithen hatte, brachte mir eine ſehr gute Meynung bey dieſer Frauen zuwege: indem ich nicht allein die Verdienſte der Fraͤulein mit vielen Worten ruͤhm - te, ſondern auch mein Beyleid uͤber ihr Leiden be - zeugte; ob ichihr gleich Raum ließ, zu vermuthen, daß ſie verheyrathet waͤre, jedoch ohne es zu bekraͤf - tigen. Alſo ſind wir ſchon itzo vollkommen wohl mit einer bekannt. Hiedurch werde ich im Stande ſeyn, euch von Zeit zu Zeit zu melden, was vor - geht. Das will ich auch ſorgfaͤltig thun: wo - fern ich mich nur auf die Erfuͤllung der feyerli - chen Verſprechungen, welche ich der Fraͤulein ſo wohl in eurem, als in meinem Namen, gethan habe, verlaſſen kann, daß ſie von aller perſoͤnli - chen Belaͤſtigung von euch frey ſeyn ſoll. Und ſo wird es in meiner Gewalt ſeyn, auf gleiche Art eure Gefaͤlligkeit im Schreiben wieder zu vergelten, und außer dem meine Fertigkeit, mit Abkuͤrzungen zu ſchreiben, welche ich bis auf die - ſen Briefwechſel ſehr aus der Acht gelaſſen hatte, zu erhalten.

Jch befahl den verruchten Weibsleuten, eure Rechnung auſzuſetzen. Das wollten ſie thun, war ihre Antwort, und ſich dabey raͤchen. Jn der That belebet ſie nichts, als Rache. Denn nun, ſagen ſie, werdet ihr gewiß heyrathen, undY 4eurem344eurem Beyſpiel werden alle eure Freunde und Mitgeſellen folgen wie die Alte ſagt, zum aͤußerſten Ungluͤck ihres armen Hauſes.

Der vier und vierzigſte Brief von Hrn. Belford an Herrn Robert Lovelace.

Weil ich ſpaͤt geſeſſen habe, meinen Brief bis zu dem obigen Abſatze zu vollenden und zu verſiegeln, damit er in Bereitſchaft waͤre: ſo bin ich eher, als ich aufzuſtehen wuͤnſchte, durch die Ankunft deines zweyten Bothens, an wel - chem alles, wie an ſeinem Pſerde, rauchete, ge - ſtoͤret worden.

Unter der Zeit, da er ein wenig zur Erfri - ſchung zu ſich nimmt, will ich noch ein paar Zei - len ſchreiben, dir von Herzen zu deiner Wuth und Ungedult, die ich erwartet habe, und zur Wiedererlangung des Gefuͤhls in deinem Gemuͤ - the, Gluͤck zu wuͤnſchen.

Wie ſehr vergnuͤgt mich die Vorſtellung, die du mir durch deine aufgerichtete Pfriemen, Haarnadeln, Pfloͤcke und Packnadeln, durch dein rollendes Faß mit eiſernen Stacheln, und durchdeine345deine zerſtochene Seiten, von deiner verdienten Marter giebeſt!

Jch will bey jeder Gelegenheit, die ſich dar - bietet, mehr Stacheln in dein Faß ſchlagen, und dich Berg ab, und auf, rollen, wie du wieder zu Gefuͤhl kommſt, oder vielmehr wieder unem - pfindlich wirſt. Du weißt alſo die Bedingun - gen, unter welchen du den Briefwechſel mit mir haben ſollſt. Bin ich nicht berechtiget, dein bis - her ſchwielichthartes Herz, wo moͤglich, zu Re - gungen des Gewiſſens zu erweichen: da ich be - ſtaͤndig, bey dem ganzen Verlauf der Sache, und beyzeiten, wider deine unmenſchliche und un - dankbare Treuloſigkeit gegen ein ſo edles Frauen - zimmer, Vorſtellungen gethan habe?

Nur muß ich dir eines noch einmal nach - druͤcklich vorhalten, wovon ich vorher vielleicht zu ſehr obenhin Erwaͤhnung gethan. Die Fraͤu - lein iſt bloß durch meine feyerliche Verſicherun - gen, daß ſie ſich feſt darauf verlaſſen koͤnnte, ſie wuͤrde von euren Beſuchen frey ſeyn, gewonnen worden, ſich nicht zu einer neuen Wohnung zu begeben, wo weder ihr noch ich im Stande ſeyn ſollten, ſie zu finden.

Jch glaubte, daß ich ihr dieſe Verſicherun - gen geben moͤchte: nicht allein, weil ihr es ver - ſprochen habt; ſondern auch weil es fuͤr euch noͤ - thig iſt, ihren Aufenthalt zu wiſſen, damit ihr euch durch eure Freunde an ſie wenden koͤnnet.

Setze mich daher in den Stand, ihr dieſe meine feyerlichen Verbindungen zu leiſten: oderY 5gute346gute Nacht, auf ewig, aller Freundſchaft, wenig - ſtens allem Briefwechſel, mit dir.

J. Belford.

Der fuͤnf und vierzigſte Brief von Herrn Belford an Herrn Robert Lovelace.

Jch ließ mich heute fruͤhe wieder nach dem Be - finden der Fraͤulein durch meinen Bedien - ten erkundigen: und ſo bald als ich zu Mittage gegeſſen hatte, ging ich ſelbſt hin.

Jch bekam nur ſchlechte Nachricht: jedoch ließ ich meine Empfehlung hinauf ſagen. Sie ließ mir dagegen fuͤr alle meine Hoͤflichkeiten Dank abſtatten, und ſich entſchuldigen, daß ſie es zu der Zeit eben nicht in Perſon thun koͤnnte, weil ſie ſehr ſchwach und matt waͤre: wenn ich mich aber dieſen Abend um ſechſe bemuͤhen woll - te, ſo hoffete ſie im Stande zu ſeyn, ein Schaͤl - chen Thee mit mir zu trinken und mir alsdenn ſelbſt zu danken.

Jch mache mir eine große Ehre aus dieſer Gefaͤlligkeit, und glaube, daß es fuͤr euch nicht uͤbel ausſieht, da ich ihr als ein Freund von euch bekannt bin. Mich deucht, ich muß nur alleZwei -347Zweifel wider euch, wegen dieſer letzten ſchaͤndli - chen Handlung, aus ihrem Gemuͤthe vertreiben. Wer weiß alsdenn, was eure edle Verwandten vielleicht bey ihr fuͤr euch ausrichten koͤnnen, wo ihr bey eurer Geſinnung bleibt? Denn euer Be - dienter hat mir erzaͤhlet, daß ſie wirklich die Fraͤu - lein Howe zu ihrem und eurem Beſten gewon - nen haͤtten, ehe dieſe verfluchte Sache vorgefal - len waͤre. Jch bitte mir von dir ſelbſt alle Um - ſtaͤnde aus, damit ich deſto beſſer wiſſen moͤge, wie ich dir dienen koͤnnen.

Die Fraͤulein hat hier zwey artige Zimmer, eine Schlafkammer und einen Saal, und bey je - dem ein helles Cloſet. Sie hat ſchon eine Waͤr - terinn; weil die Leute im Hauſe nur eine Magd haben; ein Weib, deren Sorgfalt, Fleiß und Ehrlichkeit Fr. Smithen ſehr ruͤhmet. Außer dem hat ſie auch den Vortheil, daß ihr eine Wit - we von gutem Herkommen freywillig an die Hand gehet, und ſie liebet, wie es ſcheint. Fr. Lovick iſt ihr Name, und ſie wohnt uͤber dem Zim - mer der Fraͤulein, welche ſehr fuͤr ſie eingenom - men ſcheinet, weil ſie etwas an ihr gefunden hat, wie ſie denket, das der Gemuͤthsart ihrer wuͤrdi - gen Fr. Norton aͤhnlich iſt.

Heute fruͤhe um ſieben, ſcheint es, befand ſich die Fraͤulein ſo ſchlecht, daß ſie ſich auf aller Verlangen gefallen ließ, nach einem Apotheker zu ſchicken Nicht nach dem Kerl, kannſt du leicht glauben, den ſie in Rowlands Hauſe gehabt hatte: ſondern nach einem gewiſſen HerrnGod -348Goddard, einem geſchickten, anſehnlichen und auch gewiſſenhaften Manne. Dafuͤr iſt er ſo wohl durch den allgemeinen Ruf bekannt, als er ſich auch durch ſeine Fuͤrſchriften, die er dieſer Fraͤulein gegeben, ſelbſt ſo bewieſen hat. Denn da er geſagt, ihr Zufall ſey Gram und Traurig - keit: ſo hat er ihr fuͤr itzo bloß unſchaͤdliche Saͤf - te, als Herzſtaͤrkungen, und, ſo bald als es ihr Magen zu leiden im Stande ſeyn wuͤrde, leichte Nahrungsmittel verordnet, und der Fr. Lovick die Verſicherung gethan, daß ihr dieß, nebſt der Luft, einer maͤßigen Bewegung, und angeneh - men Geſellſchaft, mehr helfen wuͤrde, als alle Arzneymittel in ſeiner Apotheke.

Dieß hat mir eine ſehr gute Meynung von dem Manne beygebracht: wie, dem Anſehen nach, auch der Fraͤulein; welche ebenfalls ſein ſittſa - mes Bezeigen, ſein vaͤterliches Weſen, und hoͤf - liche Auffuͤhrung ruͤhmet. Jch bin willens, mich mit ihm bekannt zu machen, und wo er fuͤr rath - ſam findet, einen Arzt zu Huͤlfe zu nehmen, ihm meinen werthen Freund Dr. H. mehr um der ſchoͤnen Kranken, als um des Arztes willen, dem es nicht an Kundſchaft fehlet, vorzuſchlagen. Der Ruf deſſelben iſt ſo beſchaffen, daß nicht das geringſte daran auszuſetzen iſt: und ſeine Leutſe - ligkeit, bin ich verſichert, wird ihn bey der Fraͤu - lein vorzuͤglich angenehm machen.

Fr. Lovick hat mir den Gefallen erwieſen, mir den Jnhalt eines Briefes an Fraͤulein Ho - we mitzutheilen, den ihr die Fraͤulein in die Fe -der349der gegeben hatte, weil ſie ſelbſt nicht mit feſter Hand ſchreiben koͤnnen. Es war eine Antwort, wie es ſcheint, auf ihre beyden Briefe, was dieſe auch in ſich halten mochten, und begriff folgen - des:

Sie waͤre in ein ſchreckliches Ungluͤck ver - wickelt geweſen, welches ſie, wenn es ihrer Freun - dinn bekannt waͤre, von den Wirkungen ihres freundſchaftlichen Misvergnuͤgens uͤber ihr bis - heriges Stillſchweigen freyſprechen wuͤrde: in - dem ſie in Verhaft geſeſſen haͤtte. Haͤtte ſie das wohl glauben koͤnnen? Sie waͤre erſt des Tages vorher freygekommen: und itzt ſo ſchwach und matt, daß ſie genoͤthigt waͤre, eine ehrbare Witwe in eben dem Hauſe zu erſuchen, von ihrem Stillſchweigen auf die beyden Briefe vom 13ten und 16ten auf dieſe Art Rechenſchaft zu geben. So bald als ſie im Stande ſeyn wuͤrde, wollte ſie auf dieſelben antworten. Un - terdeſſen baͤte ſie, ihre Freundinn moͤchte ſich ihretwegen keinen Kummer machen: indem dieß nur ein Ungluͤcksfall geweſen, der ſie be - troffen haͤtte, als ſie ſich ſchon im geringſten nicht wohl befunden; eine Laſt, die einer elenden Perſon auf die Schultern geleget worden, wel - che bereits vorher unter einer allzuſchweren Buͤrde beynahe geſunken waͤre; und gar nichts gegen das Uebel, welches ſie vorher erduldet haͤtte. Es ſchiene auch vermuthlich eine Gluͤck - ſeligkeit daraus zu entſtehen; daß ſie naͤmlich in einem ehrlichen Hauſe, bey klugen und guͤtigge - ſinnten350 ſinnten Leuten, in Ruhe ſeyn wuͤrde: weil ihr die Verſicherung gegeben waͤre, daß der elende Menſch, deſſen Anblick der Tod fuͤr ſie ſeyn wuͤr - de, ihr nicht beſchwerlich fallen ſollte. Daher duͤrfte die Fraͤulein Howe ihre Briefe nicht mehr durch geheime und koſtbare Wege uͤber - ſenden. Auch Collins duͤrfte keine Vorſichtig - keit weiter gebrauchen, aus Furcht, daß ihm zu ihrer Wohnung nachgelauret wuͤrde. Jhre Freundinn ſelbſt haͤtte endlich ebenfalls nicht Ur - ſache laͤnger unter einem angenommenen Na - men ihre Zuſchrift an ſie zu richten: ſondern koͤnnte unter ihrem wirklichen Namen ſchrei - ben.

Jhr ſehet, daß ich wirklich in dem Gleiße bin, euch einen Dienſt zu erweiſen. Jhr ſehet, wie viel ſie auf meine Verpflichtung, daß ihr euch nicht in ihre Geſellſchaft eindraͤngen ſollet, baue. Laßt eure hitzige Ungedult nicht alles verderben, und nicht verurſachen, daß ich fuͤr ei - nen Betruͤger bey einer Fraͤulein angeſehen wer - de, die Urſache hat, eine jede Mannsperſon, die ihr zu Geſichte kommt, als einen ſolchen in Verdacht zu haben. Unter dieſer Bedin - gung moͤcht ihr alle Dienſte erwarten, die aus wahrer Freundſchaft kommen koͤnnen, und von

Eurem aufrichtig wohlwuͤnſchenden Joh. Belford.

Der351

Der ſechs und vierzigſte Brief von Herrn Belford an Hrn. Robert Lovelace.

Jch bin eben von der Fraͤulein gekommen. Jch ward in den Saal gelaſſen, wo ſie, in ei - nem ſehr ſchwachen und matten Zuſtande, in ei - nem Lehnſtuhl ſaß. Sie bemuͤhete ſich, aufzu - ſtehen, als ich hinein trat: aber war gezwungen, ſitzen zu bleiben. Sie werden mich entſchuldi - gen, Herr Belford: ich ſollte aufſtehen, ihnen fuͤr alle ihre Hoͤflichkeit gegen mich Dank zu ſa - gen. Jch bin tadelnswuͤrdig geweſen, daß ich den betruͤbten Ort ſo ungern verlaſſen wollte. Denn hier bin ich im Himmel, gegen dort: und habe noch dazu gute Leute um mich! Jch habe lange, lange Zeit vorher, keine gute Leute um mich gehabt, ſo daß ich anfing mich zu wun - dern; dieß ſagte ſie mit einem halben Laͤcheln; wo ſie alle hin gekommen waͤren.

Jhre Waͤrterinn und Fr. Smithen, welche gegenwaͤrtig waren, nahmen Gelegenheit, abzu - treten. Als wir alleine waren: ſprach ſie: Sie ſcheinen ein Freund der Leutſeligkeit, mein Herr. Sie ließen ſich merken, da ich mein Gefaͤng - niß verließ, daß ihnen meine traurige Geſchichte nicht ganz unbekannt waͤre. Wo ſie dieſelbenach352nach der Wahrheit wiſſen: ſo muͤſſen ſie wiſ - ſen, daß mir hoͤchſt unmenſchlich begegnet iſt, und ich es an dem Menſchen, durch deſſen Haͤn - de ich gelitten, nicht verdienet habe.

Jch wuͤßte genug, war meine Antwort, uͤber - zeugt zu ſeyn, daß ſie nach ihrem Verdienſt eine Heilige, und nach ihrer reinen Tugend ein Engel waͤre. Jch wollte weiter reden, als ſie mich un - terbrach. Keine hochfliegende Schmeicheleyen! Keine ungebuͤhrliche Lobſpruͤche, mein Herr! Jch verſuchte fuͤr meine Aufrichtigkeit eine Vertheidi - gung zu fuͤhren: indem ich das Wort Hoͤflich - keit auf die Bahn brachte; und zwiſchen dieſer, und der Schmeicheley einen Unterſchied machen wollte. Allein, nichts, ſagte ſie, kann hoͤflich ſeyn, was nicht gerecht und billig iſt. Jtzo ha - be ich keine Eitelkeit mehr zu befriedigen: wenn ich ſie etwa ſonſt ja gehabt haben ſollte.

Jch lehnte alle Abſicht ſchmeichleriſcher Re - den von mir ab. Alles, was ich geſagt haͤtte, und was ich ſagen wuͤrde, waͤre die Wirkung einer aufrichtigen Ehrerbietung geweſen, und ſoll - te es ferner ſeyn. Meines ungluͤcklichen Freun - des Erzaͤhlung von ihr haͤtte ihr ein Recht dar - auf gegeben.

Hierauf erwaͤhnte ich eurer Betruͤbniß, eurer Buße, eurer Entſchließungen, es bey ihr, auf alle euch itzo moͤgliche Art, wieder gut zu machen: und betheurte auf das feyerlichſte eure Unſchuld, in Anſehung der letzten ſchaͤndlichen Beſchim - pfung.

Es353

Es iſt mir eine Quaal, verſetzte ſie, an ihn zu gedenken. Das wieder gut machen, wovon ſie reden, kann nicht ſtatt haben. Die letzte Ge - waltthaͤtigkeit, von der ſie ſprechen, iſt nichts ge - gen das, was vorhergegangen iſt. Das kann nicht ausgeſoͤhnet; nicht bemaͤntelt werden: dieſe kann vielleicht; und es wird mir nicht zuwider ſeyn, wenn ich uͤberfuͤhret werde, daß er einer ſo ſehr niedertraͤchtigen Bosheit nicht ſchuldig ſeyn kann. Jedoch da er ſich der Schande theil - haftig gemacht, fremde Haͤnde faͤlſchlich nachzu - ahmen da er die Niedertraͤchtigkeit began - gen, untergeſchobene Perſonen aufzuſtellen: was ſind denn wohl fuͤr Gottloſigkeiten, wozu er nicht aufgeleget iſt?

Hiernaͤchſt haͤtte ich ihr gern Nachricht von dem Verhoͤr gegeben, das ihr bey euren Freun - den auszuſtehen gehabt; von eurer ſchon vorher gefaßten Entſchließung, ſie zu heyrathen, wenn ſie euch mit den vier ausgebetenen Worten be - ehret haͤtte; von dem ſehnlichen Verlangen eurer ganzen Familie, die Ehre der Verwandtſchaft mit ihr zu haben; von dem Antrage eurer beyden Baſen bey der Fraͤulein Howe, mit aller Einwil - ligung, damit dieſe Fraͤulein ſie zu gewinnen ſuchte: allein, da ich dieſe Dinge nur eben be - ruͤhrt hatte, wies ſie mich kurz ab, und ſagte, das waͤre eine Sache, die vor einen andern Richter - ſtuhl gehoͤrte; die Briefe der Fraͤulein Howe be - traͤffen eben das; und ſie wuͤrde ihre GedankenSechſter Theil. Zan354an ſie ſchreiben, ſo bald als ſie nur im Stande waͤre.

Darauf verſuchte ich noch genauer, euch von allem Verdacht frey zu machen, daß ihr bey dem dienſtfertigen Verhaſt der ſchaͤndlichen Sinclair eine Hand mit im Spiel gehabt haben ſolltet. Sie war ſo edelmuͤthig, daß ſie wuͤnſchte, euch davon vollkommen befreyet zu ſehen: und weil ich des heftigen Briefes, den ihr bey dieſer Gele - genheit an mich geſchrieben haͤttet, Erwaͤhnung gethan: ſo fragte ſie, ob ich den Brief bey mir haͤtte?

Jch geſtand, daß ich ihn haͤtte.

Sie wuͤnſchte, ihn zu ſehen.

Dieß ſetzte mich in Verwirrung. Denn ihr muͤßt denken, daß die meiſten freyen Dinge, wel - che bey uns liederlichen Bruͤdern fuͤr Witz und Lebhaftigkeit hingehen, fuͤr die Ohren und Augen zaͤrtlicher Perſonen von dem ſchoͤnen Geſchlecht, aͤrgerliches Zeug ſeyn muͤſſen. Außer dem herrſcht durch und durch in deinen ernſthafte - ſten Briefen ein ſo leichtſinniges Weſen, eine ſo falſche Herzhaftigkeit, mit welcher du dich bemuͤ - heſt, die Dinge, die dich am meiſten ruͤhren, zu einem Kurzweil zu machen, daß uͤberhaupt dieje - nigen Briefe, welche dir am meiſten Ehre ma - chen, und andern eine gute Meynung von dir bey - bringen ſollten, am wenigſten bequem ſind, geſe - hen zu werden.

Etwas dem aͤhnliches gab ich der Fraͤulein zu verſtehen: und wollte mich gern entſchuldigen,ihn355ihn zu zeigen. Aber ſie beſtand ſo ernſtlich dar - auf, daß ich einige Stellen davon zu leſen unter - nahm, und diejenigen, woran das meiſte auszu - ſetzen war, vorbeyzulaſſen ſchluͤßig wurde.

Jch weiß