PRIMS Full-text transcription (HTML)
Clariſſa, Die Geſchichte eines vornehmen Frauenzimmers,
von demjenigen herausgegeben, welcher die Geſchichte der Pamela geliefert hat: und nunmehr aus dem Engliſchen in das Deutſche uͤberſetzt.
Sechſter Theil.
GOETTJNGEN, VerlegtsAbram Vandenhoeck, Univerſitaͤts-Buchh. 1750.
Mit Koͤm. Kayſerlichen, Koͤnigl. Großbrit. und Churf. Braunſchw. wie auch Koͤnigl. Pohln. und Churf. Saͤchſ. allergnaͤdigſten Privilegiis.
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Clariſſa. Der ſechſte Theil.

Der erſte Brief von Herrn Lovelace an Herrn Joh. Belford.

Jch bin hin, verlohren, zu nichte, zu Grunde gerichtet und aͤrger, als zernich - tet, das iſt gewiß! Aber war denn die Zeitung ſelbſt nach deinen Gedan - ken nicht hart genug: wenn du nicht in die ſchon allzuſehr uͤberwiegende Schale noch deine Vor - wuͤrfe legeteſt, die du nicht einmal zu machen Ge - legenheit haben koͤnnteſt, wofern ich dir nicht frey - willig alles offenbaret haͤtte? Und dieß ſo gar eben zu der Zeit, da ich noch ein anderes ſehr em - pfindliches Misvergnuͤgen, wie der Ausgang zeigt, uͤber eine fehlgeſchlagene Hoffnung zu be - ſtreiten habe?

Jch ſtelle mir vor; wo wirklich ein ſolches Ding iſt, das man zukuͤnftige Strafe nennet; es muͤſſe keine der geringſten Kraͤnkungen ſeyn, daß ein neuer Teufel von einem alten und aͤr - gern geſtraft werden ſoll, und ertragen muß, daß dieſer, wie ein alter Satyr mit gekruͤmmten Schwanze, ihm bey ſeinem Leiden und Klagege -Sechſter Theil. Aſchrey2ſchrey zurufe: das ſollſt du haben! und das ſollſt du haben! und jedesmal, wenn er es ausgeſprochen hat, mit gluͤendem Erz eines ver - ſetze. Und warum denn! warum denn! Die Wahrheit frey heraus zu ſagen, weil du nicht ein ſo arger Teufel biſt, als ich ſelbſt.

Du verſtehſt dich, gewiß, gut genug auf die Entſcheidung der Gewiſſensfragen, und kannſt alſo wohl wiſſen; wie ich ehedem nachdruͤcklich vorgeſtellet habe(*)Siehe den III. Th. S. 543. fg.; daß es eben ſo große Suͤn - de iſt ein leichtglaͤubiges und williges Maͤgdchen zu verfuͤhren, als ein nicht leichtglaͤubiges und wach - ſames ins Garn zu bringen.

Es mag das, was ich zu ſagen willens bin, fuͤr mich und fuͤr meine Feder auch noch ſo we - nig edelmuͤthig ſcheinen: ſo muß ich es dir doch ſagen. Wenn ſolch ein Frauenzimmer, als Fraͤu - lein Harlowe; ich habe mir vorgenommen, dir deine Hoffnung, uͤber meine Wuth und Verzweifelung zu frohlocken, zu nichte zu machen; es fuͤr das beſte hielte, ſich in den Stand der heiligen Ehe zu begeben, und, nach der alten Ordnung der Erzvaͤter, das Jhrige zur Zeugung von Soͤhnen und Toͤchtern beyzutragen; in keiner andern Abſicht, als ſie gottſelig zu er - ziehen, damit ſie gute und brauchbare Glieder des gemeinen Weſens ſeyn moͤchten: was, Teufel, kam ihr denn an, daß ſie ſich in den Kopf ſetzte, ſich an einen liederlichen Kerl zu haͤngen? Aneinen,3einen, von dem ſie wußte, daß er ein liederli - cher Kerl war.

Ey wahrlich, ſie hoffete nur, ſich ein Verdienſt zu machen und ihn auf beſſere Wege zu bringen. Sie hatte ſich artige Vorſtellungen gemacht, wie ſchoͤn es laſſen wuͤrde, wenn ſie einen Bekehrten haͤtte, der ihr eignes Machwerk waͤre, der zu ihrer Seiten durch die Nachbarſchaft unter all - gemeinem Beyfall zur Kirche ſchlaͤnderte, und, wie ihre Familie anwuͤchſe, an der Spitze ihrer Buͤbchen und Maͤgdchen, nicht anders als in ei - nem feyerlichen Zuge durch die Gaſſen, mit ihr dahin gienge, ſo daß ſich beyde mit den Fruͤchten ihres loͤblichen Verlangens; mit meinem guͤ - tigen Lord Biſchoff in ſeinem Trauſchein zu re - den; groß machten. Und was wuͤrde es ferner fuͤr ein artiger Anblick ſeyn: wenn alle mit ein - ander in einem Kirchenſtuhl nach dem Alter kniee - ten! wie wir im Gemaͤhlde auf einem alten Denkmal eine ganze Familie geſehen haben, wo der ehrliche Ritter in ſeiner Ruͤſtung mit aufge - habenen Haͤnden knieend vorgeſtellt wird, und hinter ihm ein halb Dutzend großkoͤpfichter und kurzoͤhrichter Jungen, die ſtuffen - oder trup - penweiſe nach ihrem Alter und ihrer Groͤße ge - ordnet ſind, alle in eben der Stellung Mit ſeinem Geſichte gegen ſeine gottſelige Gattinn ge - kehrt, die einen großen Halskragen, und eben ſo viele Maͤgdchen mit molkenhaften Geſichtern, als er Buͤbchen, auf den Knien hinter ſich hat Mit einem Altar zwiſchen beyden, und einemA 2offenen4offenen Buche auf demſelben Mit glaͤnzen - den Strahlen in Geſtalt eines halben Mondes uͤber ihren Haͤuptern, die aus verguͤldeten Wol - ken herabſchießen und rund um einen herrlichen Wahlſpruch herumgehen: IN COELO SALVS oder QVIES vielleicht, wenn es ſich ſo gefuͤ - get hat, daß ſie das bey der Ehe gewoͤhnliche Leben von Zank und Widerſpruch gefuͤhret haben.

Es iſt gewiß fuͤr mich eben ein ſo großes Un - gluͤck, daß ich an die Fraͤulein Clariſſa Harlowe gerathen bin, wenn ich meinen guten Namen oder meine Bequemlichkeit achtete, als es fuͤr die Fraͤu - lein Harlowe iſt, daß ſie mit mir bekannt geworden. Und wenn endlich alles um und um kommt: ſo habe ich nichts mehr gethan, als daß ich denjeni - gen Grundregeln nachgegangen bin, von welchen du, und ich, und alle liederliche Leute ſich leiten laſſen, und welche wir, ehe ich dieſe Fraͤulein kannte, bey einem artigen Maͤgdchen nach dem an - dern ausgeuͤbet haben, ſo daß wir eben ſo ge - ſchwinde, als wir nur die eine niedergeſetzt, die andere wieder aufgenommen; nicht anders, als wie es die Leute mit ihren Schaukelwagen oder Schaukelpferden bey einer Kirmeſſe auf dem Lande machen Mit ihrem: Wer ſchaukelt ſich hernach zu erſt? Wer ſchau - ckeit ſich hernach zuerſt?

Aber hier, in dem gegenwaͤrtigen Fall, damit ich die fliegende Metapher fortſetze; denn ich muß entweder luſtig oder raſend ſeyn; hier iſt eine ſehr kleine Fraͤulein, die eben aus ihrem langenRocke5Rocke mit hangenden Ermeln gekrochen und auf einen Jahrmarkt gebracht iſt, eine ſehr kleine Meſſe einzukaufen: denn die Welt, Bruder, weißt du wohl, iſt nur ein großer Jahrmarkt; und, daß ich deine ernſthafte Betrachtung wie - derum mit einer ernſthaften Betrachtung bezah - le, alle ihre Kramereyen ſind nichts, als Ste - ckenpferde mit Flittergold, verguͤldete Pfefferku - chen, quickende Trompeten, bunte Trommeln und ſo weiter

Nun ſiehe, wie dieſe ſehr kleine Fraͤulein auf eine recht artige Weiſe von einer Bude zur an - dern flattert. Ein ſehr kleiner Bube, vielleicht Wyerley genannt; ein anderer baͤuriſcher Kerl, der Biron heißt; ein dritter laͤchelnder Lumpen - hund, Symmes mit Namen; und noch ein weit ſcheuslicherer Boͤſewicht, als einer von den uͤbri - gen, mit einem langen Sack unter dem Arm, und mit pergamentnen Urkunden bis an die Fer - ſen beſteckt, Solmes zubenahmet, folgen ihr be - ſtaͤndig von dieſen Raritaͤten zu jenen, ſtoßen bey jeder Wendung mit den Schultern an einander, bleiben ſtehen, wenn ſie ſtehen bleibt, und kom - men wieder in Bewegung, wenn ſie ſich bewe - get Unter dieſem bey ihr bammelnden Ge - folge, jedoch beſtaͤndig in den Augen ihrer wach - ſamen Aufſeher, durchſtreicht die ſehr kleine Fraͤu - lein den ganzen Jahrmarkt und ergoͤtzet ſich nicht weniger, als ſie andere ergoͤtzet: bis ſie endlich durch die Einladung eines Redners mit einem Treſſenhut eingenommen wird; und, da ſie ver -A 3ſchiedne6ſchiedne ſehr kleine Laͤtzgentraͤger mit einander in den Schaukelwagen geſetzt, und unbeſchaͤdigt in dem an der einen Seite auf, an der andern nie - dergehenden Fahrzeuge, einem Bilde der Welt, alle mit eben ſo weniger Furcht als Verſtand, die ausweichende Luft durchſchneiden ſiehet, in die Verſuchung geraͤth, ſich hernach zuerſt zu ſchau - keln.

Alsdenn ſetze, daß ſie liſtigerweiſe, wenn kei - ne von ihren Freunden nahe bey ihr find, unverſehens in den Schaukelwagen ſteigt. Wo ihr nun, nachdem ſie ſich zwey oder dreymal auf und nieder geſchaukelt, der artige Kopf ſchwind - licht wird, und ſie aus dem Wagen, indem er eben ſeine Hoͤhe erreichet hat, herausſtuͤrzet, und ſo ihr ſehr kleines Gehirn verſchuͤttet: wer kann es denn aͤndern? Wolltet ihr wohl den Kerl aufhaͤngen, der oͤffentlich ſeine Handthierung daraus machte, die ſehr kleinen Creaturen ins Fliegen zu bringen?

Es iſt wahr, dieſe ſehr kleine Fraͤulein, die eine recht ſehr kleine Fraͤulein iſt, eine recht ſehr bewunderte kleine Fraͤulein, eine recht fromme kleine Fraͤulein; die allezeit an ihr Buch gedach - te, und mit großem Beyfall durch ihre Schule gekommen war, daß ſie alle Muſter vollkommen kannte; dieſe ſehr kleine Fraͤulein hatte ſo gar ſchon einen Abraham, der ſeinen Sohn opferte, einen Simſon und die Philiſter, und Blumen, und Knospen, und Baͤume, und die Sonne, und den Mond, und das Siebengeſtirn mitbunten7bunten Farben, wie es ſich gehoͤrte, ausgeſticket, welches alles, zur Bewunderung ihrer kuͤnftigen Enkel, in Raͤhmen, und mit Glaß bedecket, auf - gehangen war. Sie hatte auch ein Recht auf ein gar ſehr kleines Gut. Sie war aus einer ſehr kleinen Familie von einem hundertjaͤhrigen Adel entſproſſen, welche eine recht ſehr kleine Le - bensart fuͤhrte, und in Betrachtung ihrer ſelbſt ſehr wenig, in Betrachtung dieſer Tochter aber ſehr viel geachtet wurde.

Fuͤr ſo eine ſehr kleine Fraͤulein, als dieß iſt, muß es eine recht betruͤbte Sache ſeyn, daß ſie in ein ſo ſehr großes Ungluͤck geraͤth. Aber ſage mir einmal: Wuͤrde der Verluſt eines gemeinen Kindes, von einer andern noch weniger betraͤcht - lichen Familie, von geringern oder nicht ſo lie - benswuͤrdigen Gaben, nicht eben ſo groß und eben ſo ſchwer fuͤr die Familie geweſen ſeyn, als der Verluſt dieſer ſehr kleinen Fraͤulein fuͤr ihre Fa - milie iſt?

Jch will mich herablaſſen und ein recht niedri - driges Beyſpiel geben, bloß damit ich bey der Perſon bleibe. Zweifelſt du wohl, daß dein ſtarkſehnichtes und beinichtes Geſicht von deiner Mutter eben ſo ſehr bewundert worden, als wenn es das Geſicht eines Lovelace oder eines andern leidli - chen Kerls geweſen waͤre? Und wuͤrde ſie, wenn du abgemahlet waͤreſt, es dem Mahler vergeben ha - ben, wenn er deine Zuͤge nicht ſo genau ausge - druͤcket haͤtte, daß ein jeder die Aehnlichkeit be - merkt haben ſollte? Die ziemliche Aehnlich -A 4keit8keit iſt alles, was man wuͤnſchet. Wenn wir einmal an Haͤßlichkeit gewohnt ſind: ſo wird ſie, bey der natuͤrlichen Parteylichkeit eingenommener Eltern, Schoͤnheit ſeyn, ſo lange die Welt ſte - het. Mache du ſelbſt die Anwendung.

Aber, ach! Bruder, alles dieß iſt nur ein Abriß von meiner Gemuͤthsfaſſung, der bloß deswegen entworfen iſt, damit ich deiner boshaf - tigen Geſinnung gegen mich ausweichen moͤch - te! Ob du gleich deine unfreundliche Abſicht durch mein Geſtaͤndniß erhaͤltſt: ſo kann ich doch nicht umhin, es zu geſtehen; ich bin bis in die Seele verwundet, durch dieſen ungluͤcklichen Zufall muß ich es nennen! Habe ich denn niemand, dem ich, entweder wegen ſeiner Unacht - ſamkeit, oder wegen ſeiner Verraͤtherey die Kaͤhle abſchneiden muß, damit ich meine Rache be - friedige!

Wenn ich meine letzte boͤſe Abſicht bedenke; da die Fraͤulein doch gegen die erſte gewaltſame Beſchimpfung einen ſo edlen Unwillen bezeiget, und auch, ſo weit ſie im Stande geweſen war, einen ſo edlen Widerſtand gethan hatte: ſo muß ich nothwendig ſchließen, daß ich von dieſen verfluchten Circen bezaubert geweſen, die ſich anmaßeten, ihr eignes Geſchlecht zu kennen, und mit Gewalt behaupten wollten, daß bey einem jeden Frauenzimmer eine Stunde zu treffen ſey, da ſie nachgiebet oder wenig widerſtehet; und daßich9ich noch, und noch, und noch nicht genug ver - ſuchet haͤtte; aber daß, wenn ſie einmal durch Huͤlfe ihrer verfluchten Kuͤnſte uͤberwunden waͤre, wofern ich weder durch Liebe noch Schre - cken die gluͤckliche Stunde treffen koͤnnte, ſie fuͤr allemal uͤberwunden ſeyn wuͤrde; wobey ſie ſich zur Rechtfertigung ihres Ausſpruchs auf alle meine Erfahrung, auf alle meine Kenntniß von dem Geſchlechte beriefen.

Meine Erfahrung, worauf ſie ſich beriefen, muß ich geſtehen, war ihrer Ausſage nur allzu vortheilhaft. Denn meynſt du, daß ich meinen Vorſatz gegen einen ſolchen Engel, als ſie iſt, haͤt - te behalten koͤnnen: wenn ich vorher jemals eine gefunden haͤtte, welche ihre Ehre gegen die uner - muͤdeten Kuͤnſte und Standhaftigkeit derjenigen Mannsperſon, gegen die ſie ſelbſt Liebe hegte, ſo ernſtlich zu vertheidigen geneigt geweſen waͤre? Warum waren denn nicht mehrere Beyſpiele ei - ner ſo unbeweglichen Tugend? Oder warum mußte dieſes, als das einzige, mir eben zu Theil werden? Wo es nicht darum geſchehen iſt, daß meine Schuld verdoppelt und zu gleicher Zeit, alle, denen ihre Geſchichte zu Ohren kommen ſollte, uͤberfuͤhret wuͤrden, daß es ſo wohl einge - fleiſchte Engel, als eingefleiſchte Teufel gebe.

So viel: mein Bekenntniß darzulegen, und meinem Gewiſſen zu Gefallen zu ſeyn. Jedoch habe ich auch dieß Abſehen dabey, daß ich durch mein eignes Geſtaͤndniß deine Bosheit entwaff -A 5nen10nen will: denn niemand ſoll etwas aͤrgeres von mir ſagen, als ich ſelbſt bey dieſer Gelegenheit von mir ſagen werde.

Eines will ich inzwiſchen noch beyfuͤgen, da - mit ich dir die Aufrichtigkeit meiner Reue zei - ge Wo du ſie durch irgend einige Mittel bin - nen dieſen dreyen Tagen auffinden kannſt; oder, es ſey wann es wolle, nur vorher, ehe ſie hinter die wahre Beſchaffenheit der Hiſtoͤrchen mit Ca - pitain Tomlinſon, und ihrem Onkel, kommt; und wo du ſie alsdenn gewinnen kannſt, daß ſie ihre Einwilligung giebet: ſo will ich mich wirklich in deiner, und Tomlinſons Gegenwart, indem er die Perſon ihres Onkels vertreten ſoll, mit ihr trauen laſſen.

Jch mache mir noch immer Hoffnung, daß es ſo kommen moͤge Sie kann nicht lange verborgen-bleiben. Jch habe bereits alle Triebfedern in den Gang gebracht, ſie aufzuſpuͤ - ren. Finde ich ſie: wer wird denn wohl von ſolchen Leuten, welche die Sache nichts an - gehet, Luſt haben, ſich mit einem Manne von meinem Anſehen, von meinem Vermoͤgen, und von meiner Kuͤhnheit zu verwickeln? Und von ihren Freunden wird niemand, wie du bemer - keſt, auf ſie ſehen. Zeige ihr alſo dieſe oder eine andere Stelle von dem gegenwaͤrtigen Briefe, nach deinem eignen Gutbefinden: wo du ſie auf - finden kannſt. Denn, alles wohl erwogen, deucht mich, es wuͤrde mir lieb ſeyn, daß dieſe Sache, welche an ſich ſelbſt ſchlimm genug iſt,ohne11ohne ſchlimmere Folgen fuͤr eines andern Perſon ablaufen moͤchte. Gleichwohl ſagt mir mein Herz zu, ich weiß nicht warum, daß ſie fruͤher oder ſpaͤter einige Tropfen Bluts nach ſich ziehen wuͤrde: wofern die Fraͤulein und ich ſie nicht et - wa unter uns abthun koͤnnen. Und dieß mag ein anderer Grund ſeyn, warum ſie ihren Unwillen nicht zu weit treiben ſollte Jedoch nicht ſo, als wenn ich mich uͤber eine ſolche Sache viel be - kuͤmmern wuͤrde; wofern ich nur meinen Mann oder meine Maͤnner ſelbſt ausſuchen ſollte: denn ich haſſe ihre ganze Familie, ſie allein ausge - nommen, von ganzen Herzen, und werde ſie be - ſtaͤndig haſſen.

Jch muß noch dieſes hinzuthun, daß die Er - findung der Fraͤulein, ihre Flucht ins Werk zu richten, mir nichts beſonderes und außerordentli - ches zu ſeyn ſcheinet. Es iſt mehr Gluͤck dabey geweſen, als Wahrſcheinlichkeit, daß ſie einen guten Erfolg haben ſollte. Denn, wenn ſie gelingen ſollte: mußten Dorcas, Wilhelm, Sinclair und ihre Nymphen nothwendig alle ent - weder betrogen werden, oder von der Wache ge - gangen ſeyn. Es kommt mir zu, ihnen, wenn ich ſie ſpreche, meinen herzlichen Dank abzuſtat - ten, daß ſie wirklich von der Wache gegangen ſind, und daß ihre Sorge fuͤr ſich ſelbſt und fuͤr ihre eigne kuͤnftige Sicherheit ſie verleiten ſollen, ihre Thuͤre nach der Gaſſe, bloß mit einem Rie -gel12gel zu verwahren: ich wollte, daß ſie verflucht waͤren!

Mabelle verdient vielmehr ein Pechkleid und ein Freudenfeuer, als den Rock von glaͤnzender Seide. Da ihre Kleider wiedergebracht ſind: ſo laß die Kleider der Fraͤulein wieder zu den an - dern legen; damit ſie ihr zugeſchickt werden, wenn man ſagen kann, wohin; aber doch nicht eher als bis ich mein Wort dazu gebe: denn wir muͤſſen den lieben Fluͤchtling wieder zuruͤckbringen, wo es moͤglich iſt.

Jch vermuthe, daß mein einfaͤltiger Bube, der ein Frauenzimmer, wie eine Goͤttinn von Per - ſon, und von einem ſo edlen Anſtande, nicht von der ungeſchickten und krummſchultrichten Mabelle zu unterſcheiden gewußt hat, in Hampſtead gewe - ſen ſey, ſich nach ihr umzuſehen. Jedoch kann ich ſchwerlich denken, daß ſie dahin gehen ſollte. Er muß durch alle Gaſſen gehen, wo Zimmer zu vermiethen angeſchlagen ſind, und ſich nach ei - nem neuen Ankoͤmmling erkundigen. Die Haͤu - ſer, welche mit Weiberſachen, mit Thee, Coffee und dergleichen zu thun haben, ſind diejenigen, wo Nachfrage geſchehen muß. Wo nicht bald einige Zeitung von ihr gehoͤrt wird: ſo wollte ich eben nicht, daß Dorcas, Wilhelm, oder Ma - belle mir vor Augen kaͤmen; ihre Herrſchaf - ten moͤgen fuͤr gut zu thun befinden, was ſie wollen.

Dieß iſt ein ziemlich langer Brief, ob er gleich mit abgekuͤrzten Zeichen geſchrieben iſt, inBe -13Betrachtung, daß er keine Erzaͤhlung oder kein Verzeichniß von Unternehmungen, wie einige meiner vorigen, in ſich enthaͤlt: denn Briefe von der Art werden ſich unvermeidlich, und natuͤrli - cherweiſe, ſo zu ſagen, in die Laͤnge dehnen. Al - lein ich habe mich ſeit einiger Zeit ſo gewoͤhnet, viel zu ſchreiben, daß ich nicht weiß, wie ich es aͤndern ſoll. Dennoch muß ich ſeiner Laͤnge noch etwas hinzuſetzen, damit ich mich uͤber den Wink, den ich dir beym Anfange deſſelben gegeben habe, erklaͤre. Er beſtand darinn, daß ich, außer dem Misvergnuͤgen uͤber die Flucht der Fraͤulein Har - lowe, noch eine fehlgeſchlagene Hoffnung zu be - dauren habe.

Und was meynſt du wohl? Der alte Lord; ich wollte daß der Henker ſeine zaͤhe Natur geho - let haͤtte! denn das wuͤrde ihn fortgeholfen haben; hat Feuer und Schwefel, und der Teufel weiß was, verſuchet, das Podagra zu noͤthigen, daß es die aͤußere Boͤſchung ſeines Herzens verlaſſen muͤſſen, als es eben alle ſeine Macht zuſammen - gezogen hatte, die Schanze ſeines Herzens zu ſtuͤrmen. Kurz, man hat den langſamen Schanzengraͤber bloß durch Dampfkugeln, Hand - granaten und kleine Kugelbuͤchſen aus dem Rumpf in die aͤußerſten Theile getrieben: und da liegt er nun, und zwackt und nagt an ſeiner großen Zehe; da ich mir ein gutes Ende von der Krank - heit ſo wohl als dem Kranken verſprochen hatte.

Aber ich habe verdienet, mit beißendem Verdruſſe gekraͤnket zu werden: da ich dir vor -mals14mals rathen konnte, das laudanum, dieſen ein - ſchlaͤfernden und betaͤubenden Trank, und das naſſe Tuch zu gebrauchen(*)Siehe den IV. Theil. S. 127. 128.; und doch acht tau - ſend Pfund jaͤhrlicher Einkuͤnfte mir durch die Finger weggleiten laſſen mochte, da ich ſie mir ſchon mehr, als durch bloße Vorſtellung, zuge - eignet hatte. Denn ich hatte wirklich angefangen, die Verwalter zu befragen, und ſie anzuhoͤren, wenn ſie von Handgeld, von Erneurung der mit ihnen gemachten Vergleiche, und dergleichen Zeuge mehr ſchwatzten.

Du kannſt dir nicht einbilden, wie ſich ſeit geſtern das Bezeigen der Bedienten und ſo gar meiner Baſen veraͤndert haͤt. Weder dieſe noch jene buͤcken und neigen ſich halb ſo tief mehr. Jch heiße nicht den vierten Theil ſo viel ſeine Gnaden, und ihre Gnaden, bey den erſtern, als ich es vor dieſen wenigen Stunden bey ihnen hieß: und in Anſehung der letztern, iſt es nun wieder Vetter Robert, mit der gewoͤhnlichen Vertraulichkeit, ſtatt Herr, und Herr, und, wenn es ihnen gefaͤllig iſt, Herr Lovelace. Ja ſie ſind nun ſo vermeſſen, daß ſie mir zur Ge - neſung des guͤtigſten Onkels Gluͤck wuͤnſchen: und ich bin genoͤthigt, mich eben ſo vergnuͤgt zu ſtellen, als ſie ſind; da ich doch, wenn es helfen wollte, mich hinſetzen und mir die Augen aus - heulen koͤnnte.

Jch hatte in Gedanken meine Trauer ſchon beſprochen; nach dem Beyſpiel eines gewiſſenStaats -15Staatsbedienten von einem auswaͤrtigen Hofe, der vor dem Tode, oder gar noch vor der letzten Krankheit Carls II, wie uns der ehrliche White Kennet erzaͤhlet, Blackwell-Hall halb von ſchwar - zen Tuͤchern ledig gemacht hatte: eine Anzeige, nach der Abſicht des Geſchichtſchreibers, daß dem Koͤnig mit Gift fortgeholfen werden ſollte und der Geſandte mit darum wußte. Gleichwohl ha - be ich wunderlicher Thor mir den Wink nicht zu Nutze zu machen gewußt. Wozu, fuͤr den Teu - fel, lieſet ein Menſch Geſchichtbuͤcher, wenn er aus den Beyſpielen, die er darinn findet, nicht ſeinen Vortheil ziehen kann?

Aber ſo, Bruder, iſt eine Anmerkung des alten Lords wahr geworden, daß ein Ungluͤck ſelten allein kommt: und ſo ſchließet

dein zwiefach gekraͤnkter Lovelace.

Der zweyte Brief von Fraͤulein Clariſſa Harlowe an Fraͤu - lein Howe.

O! meine allerliebſte Fraͤulein Howe!

Noch einmal bin ich entkommen Aber, ach! Jch, mein beſtes ſelbſt, bin nicht entkommen! O! Jhre arme Clariſſa Harlo -we!16we! Sie werden mich auch haſſen: davor iſt mir nur bange! Doch Sie wuͤrden es nicht thun: wenn Sie alles wiſſen ſollten!

Allein nicht mehr von meinem ſelbſt, mei - nem verlohrnen ſelbſt! Sie, welche des Mor - gens, begluͤckt zu ſeyn und begluͤckt zu machen, aufſtehen; des Abends, in Jhren eignen Be - trachtungen vergnuͤgt, zur Ruhe gehen; und in Jhrem ungeſtoͤrten ſanften Schlummer mit Hei - ligen und Engeln, wovon die erſtern nur in ſo fern reiner, als Sie ſelbſt, ſind, weil ſie den beſchwerlichen und hinderlichen Koͤrper abgeleget haben, umgehen koͤnnen; Sie ſollen es ſeyn, wovon ich denken und reden will: wie Sie ſchon lange, lange, mein einziges Vergnuͤgen geweſen ſind. Erlauben Sie mir, daß ich, in einer ehrfurchtsvollen Entfernung, meine geliebte Anna Howe als ehrwuͤrdig verehre, und in Jhr erwaͤ - ge, was Jhre Clariſſa Harlowe vormals gewe - ſen iſt!

Verzeihen Sie, o! verzeihen Sie mir mei - ne ſchwaͤrmende Ausſchweifung! Meine Ruhe iſt zerſtoͤret. Mein Verſtand iſt angegriffen. Was fuͤr hochfliegenden Unſinn muͤſſen Sie leſen: wo Sie ſich nun noch, wie vorher, gefallen laſſen wollen, mit mir Briefe zu wechſeln!

O! meine beſte, meine liebſte, meine ein - zige Freundinn! Was habe ich zu erzaͤhlen! Aber das kommt ja noch immer auf das Selbſt, auf das ſchaͤndliche, das verhaßte Selbſt hin - aus! Jch will es ablegen; wo es moͤglich iſt:und17und warum ſollte ich es nicht thun? da ich, wie ich denke, einen Boͤſewicht ausgenommen, nichts ſo ſehr haſſe. So ſey denn das verhaßte Selbſt von dem Selbſt, auf einen Augenblick, verban - net; denn ich vermuthe wohl, daß es ſich nicht laͤnger verbannen laſſen will; damit ich mich nach einem wuͤrdigern und werthern Gegenſtande, nach meiner geliebten Anna Howe, erkundige! Deren Gemuͤth, in dem unbefleckten weißen Kleide der Unſchuld, reizet und durch helle Strahlen erleuchtet. Doch was wollte ich ſagen?

Und wie, meine wertheſte Freundinn; nach dieſem Miſchmaſch, den ich nicht abſchicken wuͤr - de, da ich ihn wieder durchgeſehen habe, wenn Sie nicht daraus erkennen koͤnnten, was ein ver - wirrtes Gemuͤth mir bey zitternden Haͤnden in die Feder giebt; Wie befinden ſie ſich? Sie ſind ſehr krank geweſen, wie es ſcheint. Daß Sie wieder beſſer ſind, das laſſen Sie mich hoͤren! Daß Jhre Frau Mutter ſich wohl befindet, das, bitte ich Sie, laſſen Sie mich hoͤren, laſſen Sie mich bald hoͤren! Auf dieß Vergnuͤgen habe ich gewiß ein Recht, Anſpruch zu machen. Denn wo das Leben nicht noch aͤrger, als ein gemiſch - tes Farbenwerk, iſt: ſo muß nun auch einmal ein wenig Weißes an mich ankommen; nachdem ich, eine lange, lange, Weile, nichts als Schwarzes, lauter ſchrecklich Schwarzes, ohne die geringſte Miſchung, geſehen habe.

Sechster Theil. BAber18

Aber wozu ſoll alle dieß wilde und nicht zu - ſammenhangende Zeug? Nur dazu, daß ich Sie bitte, mich wiſſen zu laſſen, wie Sie ſich befunden haben, und wie Sie ſich itzt befin - den. Eine Zeile wird mir genug ſeyn, die Sie an Frau Rahel Clark, in Herrn Smiths Hauſe, einem Handſchuhladen, auf der Koͤnigsſtraße, bey Covent-Garden richten koͤnnen. Unter dieſer Aufſchrift wird ſie, ob gleich mein Aufenthalt ſonſt fuͤr jedermann ein Geheimniß iſt, zu Haͤn - den kommen Jhrer ungluͤcklichen ab er das iſt noch nicht genug

Jhrer elednen Clariſſa Harlowe.

Der dritte Brief von der Frau Howe an Fraͤulein Clariſſa Harlowe.

(Unter derjenigen Aufſchrift, die in dem vorher - gehenden Briefe gegeben iſt.)

Fraͤulein Clariſſa Harlowe,

Sie werden ſich wundern, daß ſie einen Brief von mir bekommen. Jch bedaure das großeUn -19Ungluͤck, worinn ſie zu ſeyn ſcheinen. Solch eine Hoffnungsvolle junge Fraͤulein, als ſie wa - ren! Aber ſehen ſie, was der Ungehorſam gegen Eltern nach ſich ziehet!

Jch meines Theils habe zwar Mitleiden mit ihnen: jedoch habe ich noch mehr Mitleiden mit ihrem armen Vater und ihrer armen Mutter. Wie wohl haben dieſe ſie erzogen! Wie ſchoͤn hatten ſie zugenommen! Was fuͤr Vergnuͤgen machten ihre Eltern ſich aus ihnen! Und nun faͤllt alles ſo aus!

Aber, ich bitte, Fraͤulein, machen ſie nicht, daß auch mein Annchen ihres Fehlers, des Un - gehorſams, ſchuldig werde. Jch habe ihr ein - mal uͤber das andere ernſtlich befohlen, mit einer Perſon, die einen ſo unbeſonnenen Schritt ge - than hat, keine Briefe zu wechſeln. Es gereicht ihr nicht zur Ehre, bin ich verſichert. Sie haben gewußt, daß ich ihr dieß befohlen hatte: und doch ſetzen ſie beyde ihren Briefwechſel fort, zu meinem groͤßten Verdruſſe; denn ſie iſt mehr als einmal recht wunderlich daruͤber geweſen. Boͤſer Umgang, oder boͤſe Gemeinſchaft, Fraͤulein Sie wiſſen, wie es weiter heißt.

Hier koͤnnen keine Leute fuͤr ſich ſelbſt un - gluͤcklich ſeyn: ſondern ſie muͤſſen auch ihre Freunde und Bekannte, die ſich durch ihre Vor - ſichtigkeit von den Fehlern derſelben frey und rein erhalten haben, mit ſich beynahe in eben ſo großes Ungluͤck ziehen, als wenn ſie ſich durch ihren eignen Kopf in gleiches Unheil geſtuͤrzt haͤt -B 2ten.20ten. So weint und klagt meine arme Tochter beſtaͤndig. Sie hat in Wahrheit ihre eigene Gluͤckſeligkeit aus der Acht gelaſſen: weil ſie un - gluͤcklich ſind!

Wenn Leute, die ihr eignes Verderben ſu - chen, allein fuͤr ihr ſtarrkoͤpfigtes Verfahren lei - den koͤnnten: ſo waͤre es noch etwas. Allein, o Fraͤulein, Fraͤulein, was haben ſie zu verant - worten: da ſie eben ſo viele betruͤbte Herzen ge - macht, als nur Leute geweſen ſind, die ſie ge - kannt haben? Das ganze Geſchlecht hat in der That durch ſie eine empfindliche Wunde bekom - men. Denn wer ſonſt, als Fraͤulein Clariſſa Harlowe, wurde von allen Vaͤtern und Muͤt - tern ihren Toͤchtern zu einem Muſter vorge - ſtellet?

Jch ſchreibe einen langen Brief, indem ich willens war nur wenige Worte zu ſagen. Jch wollte ihnen nur bloß verbieten, an mein Ann - chen zu ſchreiben: und das ſo wohl, weil ſie einen ſolchen Fehltritt gethan haben, als weil es ihr armes Herz nur kraͤnken, und ihnen nichts hel - fen wird. Wo ſie ihnen alſo lieb iſt: ſo ſchreiben ſie ihr nicht. Der traurige Brief von ihnen iſt mir in die Haͤnde gefallen: da Annchen nicht zu Hauſe geweſen, und ich werde ihn ihr nicht zeigen. Denn ſie wuͤrde kein Vergnuͤgen davon haben, wenn ſie ihn ſehen ſollte, und ich auch nicht, die ich an ihr mein Vergnuͤgen habe. Wie ehe - dem an ihnen ihre Eltern.

Jedoch21

Jedoch ſie ſcheinen itzt uͤber ihr Vergehen empfindlich genug! So ſind alle unbeſonnene Maͤdchen: wenn es zu ſpaͤt Was fuͤr eine betruͤbte und niedergeſchlagene Perſon noͤthigt ſie alsdenn, ihre eigenwillige Widerſpenſtigkeit und ihr ſtarrkoͤpfigtes Weſen zu ſpielen!

Jch ſage vielleicht zu viel: bloß weil ich es fuͤr dienlich achte, das Zeugniß gegen ihre Unbe - dachtſamkeit abzulegen, welches allen ſorgfaͤlti - gen Eltern abzulegen zuſtehet; und keinem mehr, als

Jhrer mitleidigen und ihnen alles Gute anwuͤnſchenden Annabella Howe.

Jch ſende gegenwaͤrtiges durch einen beſondern Bothen, der nicht weiter, als zu Barnet, zu thun hat: weil ſie nicht noͤthig haben wer - den wieder zu ſchreiben; da ich weiß, wie gern ſie ſchreiben moͤgen, und auch weiß, daß Un - gluͤck die Leute zum Klagen aufgelegt machet.

Der vierte Brief von Fraͤulein Clariſſa Harlowe an Frau Howe.

Erlauben Sie mir, gnaͤdige Frau, Jhnen mit einigen Zeilen beſchwerlich zu ſeyn:B 3wenn22wenn ich Jhnen auch nur fuͤr Jhre Verweiſe danken ſollte; ob dieſe gleich aus einem bluten - den Herzen neue Stroͤhme von Blut gezogen haben.

Meine Geſchichte iſt erſchrecklich. Sie be - greift Umſtaͤnde, welche Mitleiden erwecken, und vielleicht ein nicht gaͤnzlich ungeneigtes Urtheil fuͤr mich zu wege bringen wuͤrden, wenn ſie bekannt waͤren. Allein meine Bemuͤhung iſt nur, und es ſoll alle meine Bemuͤhung ſeyn, daß ich meine Fehler bereue, und ſie nicht geringer zu machen trachte.

Jedoch ich will Jhr edles Gemuͤth nicht zu kraͤnken ſuchen. Wo ich nicht alleine leiden kann: ſo will ich ſo wenige Perſonen, als moͤg - lich iſt, an meinem Leiden Theil nehmen laſſen. Jch ergriff in der That mit dieſem Entſchluſſe auch damals die Feder, als ich den Brief ſchrieb, der Jhnen in die Haͤnde gefallen iſt. Jch woll - te nur wiſſen, und zwar ſo wohl aus einer ganz beſondern Urſache, als aus uneingeſchraͤnkter Lie - be, ob meine werthe Fraͤulein Howe, von der ich lange Zeit nicht gehoͤrt hatte, krank geweſen waͤ - re, wie man mir geſagt hatte; und, wenn es an dem waͤre, wie ſie ſich nun befaͤnde. Weil aber die mir wiederfahrne Beleidigungen noch neu ſind, und mein Ungluͤck ausnehmend groß gewe - ſen iſt: ſo wollte ſich das Selbſt, einmal uͤber das andere, haufenweiſe in meinen Brief hinein - draͤngen. Das menſchliche Gemuͤth iſt im Un - gluͤck geneigt, ſich an einen jeden, an dem es ei -niges23niges Antheil zu haben ſich einbildet oder wuͤn - ſchet, zu wenden, und Mitleiden und Troſt zu ſuchen Oder; damit ich mich beſſer und kuͤr - zer mit ihren eignen Worten ausdruͤcke, Un - gluͤck macht die Leute zum Klagen aufge - legt. Und gegen wem kann die bedraͤngte Per - ſon ſich beklagen, wenn ſie es nicht gegen einen Freund oder Freundinn thun kann?

Da Fraͤulein Howe nicht zu Hauſe geweſen iſt, als mein Brief gekommen: ſo ſchmeichle ich mir, daß ſie wieder geneſen iſt. Es wuͤrde mir zu einiger Befriedigung dienen, wenn ich Nach - richt bekommen koͤnnte, ob ſie krank geweſen iſt. Noch eine Zeile von Jhrer Hand wuͤrde eine allzu große Gewogenheit fuͤr mich ſeyn. Al - lein, wenn Sie die Guͤte haben wollen, mir durch einen Bedienten auf dieſe Frage ja oder nein antworten zu laſſen: ſo will ich nicht weiter beſchwerlich ſeyn.

Nichts deſto weniger muß ich geſtehen, daß die Freundſchaft meiner Fraͤulein Howe aller Troſt war, den ich in dieſer Welt hatte oder erwartete: und eine Zeile von ihr wuͤrde eine Staͤrkung fuͤr mein ohnmaͤchtiges Herz geweſen ſeyn. Urthei - len Sie dann, gnaͤdige Frau, wie ſchwer es mir werden muͤſſe, ihrem Verbot zu gehorchen! Aber dennoch will ich mich bemuͤhen, demſelben zu gehorchen: ob ich mir gleich, ſo wohl wegen der Beſchaffenheit alles deſſen, was zwiſchen Fraͤulein Howe und mir vorgegangen iſt, als auch wegen ihrer wohlgegruͤndeten Tugend,B 4Hoff -24Hoffnung gemacht haben ſollte, daß ſie nicht durch boͤſe Gemeinſchaft angeſteckt werden koͤnnte; wenn ein oder zween Briefe waͤren er - laubet worden. Dieß verlange ich inzwiſchen nicht: da ich denke, daß ich nichts anders zu thun habe, als Gott zu bitten, der, wie ich hoffe, mir ſeine Gnade noch nicht entzogen hat, ob es ihm gleich gefaͤllt, ſeine Gerechtigkeit ge - gen meine Fehler walten zu laſſen, damit er mir einen wahrhaftig zerſchlagenen Geiſt verleihe, wo er nicht ſchon genug zerſchlagen iſt, und als - denn zu ſeiner Gnade und Barmherzigkeit auf - nehme,

die ungluͤckliche Clariſſa Harlowe.

Eine gedoppelte Gewogenheit, gnaͤdige Frau, habe ich noch von Jhnen zu erbitten. Die eine daß Sie keinen von meinen Anver - wandten wiſſen laſſen, daß Sie von mir Nachricht haben. Die andere daß keine Seele erfahren moͤge, wo man von mir Nach - richt haben, oder unter welcher Aufſchrift man ſich an mich wenden kann. Dieß iſt ein Punct, woran mir mehr gelegen iſt, als ich mit Worten auszudruͤcken vermoͤgend bin. Kurz, meine Sicherheit vor fernern Uebeln mag davon abhangen.

Der25

Der fuͤnfte Brief von Fraͤulein Clariſſa Harlowe an Hanna Burton.

Meine liebe Hanna,

Es iſt mir ſehr wunderlich gegangen, ſeit dem ihr von meinen Dienſten, ſo ſehr wider meinen Willen, genommen, und nur eingebil - dete Mitgeſellinn uͤber mich geſetzet worden. Aber das muß nun alles vergeſſen ſeyn

Wie befindet ihr euch, meine Hanna? Seyd ihr von eurer Krankheit wieder geneſen? Wo ihr wieder beſſer ſeyd: wollt ihr denn zu mir kommen und bey mir ſeyn? Oder koͤnnt ihr es fuͤglich?

Jch bin in großes Ungluͤck gerathen, und da ich unter lauter fremden Leuten bin, wuͤrde es mir lieb ſeyn, euch bey mir zu haben, von deren Treue und Liebe ich ſo viele angenehme Proben gehabt.

Jch lebe oder ſterbe: ſo will ich mich be - muͤhen, daß es euch nicht gereuen ſoll, meine Hanna.

Wo ihr wieder beſſer ſeyd, wie ich hoffe, und einen guten Dienſt habt: ſo moͤchten viel -B 5leicht26leicht die Leute auf einen Monath, oder ſo ungefaͤhr, euch gehen laſſen, und ſo lange ſonſt jemand an eure Stelle nehmen. Unter der Zeit hoffe ich verſehen zu ſeyn, und ihr koͤnnt alsdenn wieder zu eurem Dienſte zuruͤckkehren.

Laßt keinen von meinen Freunden wiſſen, daß ich dieß von euch verlange: ihr moͤgt kommen koͤn - nen, oder nicht.

Jch bin in Herrn Smiths Hauſe, einem Strumpf - und Handſchuhladen, in der Koͤnigs - ſtraße bey Covent-Garden.

Jhr muͤßt unter dem Namen Rahel Clark die Aufſchriften an mich richten.

Kommt, meine liebe Hanna, wo ihr koͤnnt, zu eurer armen und jungen Fraͤulein, die allezeit viel von euch gehalten hat und allezeit halten wird, ihr moͤget kommen, oder nicht.

Jch ſende gegenwaͤrtiges an eure Mutter zu St. Albans, weil ich nicht weiß, wohin ich an euch ſchreiben muß. Antwortet mir mit einer Zeile, damit ich wiſſe, wie ich daran bin: und ich werde daraus ſehen, daß ihr die artige Hand noch nicht vergeſſen habt, die euch in gluͤcklichen Tagen lehrte.

Eure wahre Freundinn Clariſſa Harlowe.

Der27

Der ſechſte Brief von Hanna Burton zur Antwort.

Gnaͤdige Freilein!

Jch habe nicht fergeſſen zu ſchreiben und werde niemals etwas fergeſſen, das ſie, meine werte Freilein, ſo gut geweſen ſind mich zu ler - nen. Jhr Ungluͤck meine gnaͤtige Freilein, thut mier ſehr leit, ſo leit, ich weis nicht, was ich thun ſol. Von Hertſen wolte ich mich frauen, wen ich in Stande waͤhre, zu ihnen zu kommen. Aber in der That, ich bin nicht in Stande gewe - ſen, hier bei meiner Mutter aus der Stube einen Fus zu ſetſen, ſeit dem ich gezwungen wahr, meinen Dienſt zu ferlaſſen, wegen der lauffen - den Gicht, die mich gans und gahr huͤlflos ge - machet hat. Jch wil Nacht und Tach fuͤr ſie betten, meine allerliebſte, meine guͤtichſte, meine beſte Freilein, mit der man ſo uͤbel umge - gangen iſt: und es thut mir ſehr leit, das ich nicht kommen kan, ihnen Liebe und Dienſte zu thun, welches ich allezeit von Hertſen gern thun will, wen es in meinem Vermoͤgen waͤhre, die ich bin

Jhre gehorſamſte Dienerin Hanna Burton.

Der28

Der ſiebende Brief von Fraͤulein Clariſſa Harlowe an Frau Judith Norton.

Meine wertheſte Frau Norton!

Jch wende mich an Sie, nach einem recht lan - gen Stillſchweigen; das aber doch keinen Mangel der Liebe oder Pflicht zum Grunde ge - habt; vornehmlich in der Abſicht, Sie zu bitten, daß Sie mich von zween oder dreyen Puncten verſichern, welche ich zu wiſſen noͤthig habe.

Mein Vater, und die ganze Familie, ſo hat man mir geſaget, ſollen heute, wie gewoͤhnlich, bey meinem Onkel Harlowe ſeyn. Haben Sie die Guͤte, mir Nachricht zu geben, ob ſie wirk - lich da geweſen ſind; ob ſie bey Gelegenheit des Geburthsfeſtes vergnuͤgt waren; und ob Sie von einer Reiſe oder vorgehabten Reiſe meines Bru - ders mit dem Capitain Singleton und Herrn Solmes gehoͤret haben.

Mir iſt es wunderlich gegangen, meine liebe, werthe und recht muͤtterliche Freundinn! Sehr wunderlich! Herr Lovelace hat ſich als einen hoͤchſt grauſamen und undankbaren Kerl gegen mich bewieſen. Aber, Gott ſey Dank, ich bin von ihm entkommen. Weil ich unter ganz fremden, ob gleich, wie ich denke, rechtſchaffenenLeuten29Leuten bin: ſo habe ich an Hanna Burton ge - ſchrieben, daß ſie zu mir komme und bey mir ſey. Wo Sie das gute Maͤdchen etwa ſehen ſollten: ſo bereden Sie daſſelbe, ich bitte Sie, zu mir zu kommen. Jch bin allezeit willens geweſen, mei - ne Hanna bey mir zu haben; das weiß ſie wohl aber ich hoffete, ich wuͤrde in gluͤcklichern Umſtaͤn - den ſeyn.

Sagen Sie keinen von meinen Freunden, daß Sie von mir gehoͤret haben.

Glauben Sie, daß mein Vater, wenn ich ihm ſchriftlich darum anflehete, ſich gewinnen laſſen wuͤrde, den ſchweren Fluch, den er bey meinem Abgange von Harlowe-Burg auf mich geleget, von mir zu nehmen? Jch kann ſonſt keine Gewogenheit von ihm erwarten: aber da ſein Fluch, in Anſehung aller gluͤcklichen Umſtaͤnde, die ich in dieſem Leben vor mir ſahe, ſelbſt nach dem Buchſtaben erfuͤllet iſt; ſo hoffe ich, man werde denken, daß er Wirkung genug gehabt habe.

Jch befuͤrchte, daß meine Armen, wie ich die guten Leute zu nennen gewohnet war, de - ren Nothdurft ich durch Jhre treue Haͤnde zu ſtatten zu kommen pflegte, mich ſeit einiger Zeit vermiſſet haben. Aber nun bin ich, leider! ſelbſt arm. Es macht mir mein Vergehen und meine Reue nicht wenig ſchwerer, daß ich, bey ſolchen Neigungen, als mir Gott gegeben hat, mich ſelbſt außer Stande geſetzt habe, das Gute zu thun, wozu ich vormals mit Vergnuͤgen geboh -ren30ren zu ſeyn dachte. Es iſt eine betruͤbte Sache, meine wertheſte Frau Norton, wenn wir uns ſelbſt derer Gaben, die uns die Vorſicht anver - trauet hat, unwuͤrdig machen.

Allein dieſe Betrachtungen ſind nunmehr zu ſpaͤt: und vielleicht haͤtte ich ſie bey mir behalten ſollen. Erlauben Sie mir inzwiſchen, zu hoffen, daß Sie mich noch lieben. Jch bitte Sie, laſſen Sie mich hoffen, daß Sie es thun: ſo werde ich doch; ungeachtet meiner Ungluͤcksfaͤlle, welche ge - macht haben, daß ich gegen die guͤtige und recht muͤtterliche Bemuͤhungen, die Sie von meiner Wiegen an auf mich gewandt, undankbar ſchei - ne; ſo gluͤcklich ſeyn, daß ich denken darf, es ſey doch noch Eine rechtſchaffene Perſon, die nicht haſſe

die ungluͤckliche Clariſſa Harlowe.

Erinnern Sie meinen Mitſaͤugling an mich. Jch hoffe, er werde ſich noch beſtaͤndig gehorſam und gut gegen Sie erhalten.

Haben Sie die Guͤte ihren Brief an Rahel Clark, in Herrn Smiths Hauſe auf der Koͤ - nigsſtraße, bey Covent-Garden, zu richten. Aber behalten Sie die Aufſchrift als ein vollkom - menes Geheimniß bey ſich.

Der31

Der achte Brief. Frau Nortons Antwort.

Jhre Zuſchrift, meine wertheſte Fraͤulein, geht mir durch die Seele! Warum wollen Sie mich nicht alle ihre Ungluͤcksfaͤlle wiſſen laſ - ſen! Jedoch Sie haben ſchon genug geſagt.

Mein Sohn bezeiget ſich recht gut gegen mich. Seit einigen Stunden hat er einen fieberhaften Anfall gehabt. Jch hoffe aber, daß es gluͤcklich voruͤber gehen wird: wo ſein Eifer zu arbeiten ihm die Ruhe zulaͤſſet, welche ſein guter Herr ihm zu erlauben geneigt iſt. Er empfiehlt ſich Jh - nen in ſchuldiger Unterthaͤnigkeit, und vergoß viel Thraͤnen, als er Jhren traurigen Brief an - hoͤrte.

Sie ſind falſch berichtet, daß Jhre Familie bey Jhrem Onkel Harlowe ſeyn ſollte. Sie ſind es nicht einmal willens geweſen. Der Tag iſt gar nicht gefeyert worden. Sie ſind in der That nicht aus dem Hauſe gekommen, als nur in die Kirche zu gehen, und das auch nicht mehr als dreymal: ſeit dem Sie von hier gegangen ſind Ein ungluͤcklicher Tag fuͤr dieſelben, und fuͤr al - le, welche Sie kennen! Fuͤr mich, gewiß, am meiſten! Mein Herz faͤngt nun immer mehr und mehr fuͤr Sie zu bluten an.

Jch32

Jch habe nicht ein Wort von einer ſolchen Reiſe ihres Bruders, Capitain Singletons, und Herrn Solmes, gehoͤrt, als Sie erwaͤhnen. Es iſt wahr, man hat von einer Reiſe ihres Bruders zu ſeinen Guͤtern in den noͤrdlichen Gegenden die - ſes Reichs geſchwatzet, aber ich habe kuͤrzlich nichts davon gehoͤret.

Jch beſorge, man werde keinen Brief von ihnen annehmen. Es kraͤnkt mich ſehr, meine wertheſte Fraͤulein, daß ich Jhnen die Nachricht geben muß. Es kann Jhnen kein Uebel bege - gnet ſeyn, das man nicht vermuthet. So groß iſt ihrer aller Haß gegen den gottloſen Menſchen; und ſo boͤſe iſt ſein Ruf.

Jch kann mir ihre Unverſoͤhnlichkeit kaum vor - ſtellen. Allein man darf von andern nicht nach ſich ſelbſt urtheilen. Jedoch will ich noch ſo viel ſagen, daß, wenn Sie mit ſo ſanften und gelin - den Gemuͤthern, als Jhr eignes, oder, ich will ſo kuͤhn ſeyn, auch dieß zu ſagen, als das meinige iſt, zu thun gehabt haͤtten, weder jenen noch Jh - nen jemals dieſe Uebel begegnet ſeyn wuͤrden. Jch kannte Jhre Tugend, und Jhre Liebe zur Tugend, ſelbſt von der Wiegen an, und zweifelte gar nicht, daß dieſe Jhnen durch Gottes Gnade allezeit zur Huth und Wache dienen wuͤrde. Aber Sie konnten ſich niemals zwingen laſſen, und es war auch nicht noͤthig, Sie zu zwingen. So groß - muͤthig, ſo edel geſinnt, ſo klug und bedaͤcht - lich. Wie ſehr vergroͤſſert die Liebe Jhrer angenehmen Eigenſchaften meinen Kummer! Und33Und wie viel muͤſſen dieſe Erinnerungen auch bey Jhnen den Schmerz vermehren!

Sie ſind entkommen, meine allerliebſte Fraͤu - lein Jch hoffe, gluͤcklich das iſt, mit ihrer Ehre Wo nicht: wie groß muß Jhr Jammer ſeyn! Nach Jhrem Briefe be - fuͤrchte ich das aͤrgſte.

Jch bin ſehr ſelten zu Harlowe-Burg. Das Haus iſt nicht mehr das Haus, das es zu ſeyn pflegte: ſeit dem Sie daraus gegangen ſind. Außer dem ſind ſie ſo unerweichlich! Und weil ich von dem geliebten Kinde, das ich ſo wohl alle - zeit in meinem Herzen getragen, als mit meiner Bruſt geſaͤuget habe, nichts hartes reden kann: ſo ſehen ſie es nicht ungern, daß ich wegbleibe.

Jhre Hanna hat vor einiger Zeit ihren Dienſt krank verlaſſen. Da ſie noch bey ihrer Mutter zu St. Albans iſt: ſo beſorge ich, daß es noch nicht beſſer mit ihr geworden. Sollte es ſeyn: ſo werde ich, da Sie unter ganz fremden Leuten ſind, und ich Jhnen itzo eben nicht rathen kann, in dieſe Gegenden zu kommen, es fuͤr meine Schuldigkeit halten, Jhnen aufzuwarten, man mag es hier nehmen, wie man will; ſo bald als es meines Thomas Unpaͤßlichkeit erlauben wird, welches bald ſeyn wird, wie ich hoffe.

Jch habe ein wenig Geld bey mir ſtehen. Sie ſagen, daß Sie ſelbſt arm ſind Wie be - truͤbt ſind dieſe Worte von einer Perſon, die zu allem Ueberfluß Recht hat und gewoͤhnet iſt! Wollen Sie ſo gut ſeyn und befehlen, daß ich esSechſter Theil. Cſchicke,34ſchicke, meine geliebte Fraͤulein? Es iſt groͤßten - theils von Jhrer Guͤte gegen mich: und ich wer - de mir eine Ehre daraus machen, es ſeinem er - ſten Eigenthuͤmer wieder zuzuſtellen.

Jhre Armen wuͤnſchen Jhnen lauter Segen und beten beſtaͤndig fuͤr Sie. Jch habe mit den letzten Proben Jhrer Gewogenheit ſo hausgehal - ten, und die guten Leute ſind ſo geſund geweſen, haben ſo beſtaͤndig Arbeit gefunden, daß der Vorrath hingereichet hat und noch hinreichen wird, bis ihrer unvergleichlichen Wohlthaͤterinn gluͤck - lichere Tage, wie ich hoffe, zu Theil werden.

Erlauben Sie mir zu bitten, meine allerliebſte Fraͤulein, daß Sie ſich aller Huͤlfsmittel zu Nu - tze machen, welche gottſelige Perſonen, wie Sie, zum Troſt in ihrem Elende, aus der Religion nehmen. Jhr Leiden mag beſchaffen ſeyn, wie es will: ſo bin ich verſichert, daß Jhre Abſicht unſchuldig geweſen iſt. Daher laſſen Sie den Muth nicht ſinken. Es wird keinem mehr zu leiden aufgeleget, als er tragen kann, und des - falls auch tragen muß.

Wir kennen die Wege der Fuͤrſehung nicht. Wir wiſſen nicht, was fuͤr Abſichten durch ihre Verwaltung gegen die armen Geſchoͤpfe erhalten werden moͤgen.

Wenige Leute haben mehr Urſache, dieß zu ſa - gen, als ich ſelbſt. Und da wir im Elende mehr Troſt aus Beyſpielen, als aus Gruͤnden, ziehen koͤnnen: ſo werden Sie mir erlauben, daß ichSie35Sie an meine Schickſale erinnere. Denn wer hat mehr Kreuz gehabt, als ich?

Jch will von dem Verluſte einer unvergleich - lichen Mutter, zu der Zeit, da man die muͤtter - liche Fuͤrſorge am meiſten brauchet, nichts ge - denken. Der Tod eines lieben Vaters, der eine Zierde des geiftlichen Standes war, und mich geſchickt gemacht hatte, ſeine Schreiberinn zu ſeyn, trieb mich eben, als er eine Befoͤrderung zu ei - ner Pfarre vor ſich ſahe, welche ſeine Familie in gute Umſtaͤnde geſetzt haben wuͤrde, ohne irgend einen Freund in die weite Welt, und einem ſehr unachtſamen, und, welches noch aͤrger war, einen ſehr unfreundlichen Manne in die Arme. Ein elender Mann! Aber er hatte, Gott ſey Dank, bey einer verdrieslichen Krankheit, noch Zeit genug, ſeine verſaͤumte Gelegenheit, und ſeine ſchlechten Grundſaͤtze zu bereuen. Daran habe ich allezeit mit Vergnuͤgen gedacht: ob ich gleich ſeiner beſchwerlichen Krankheit wegen noch deſto duͤrftiger hinterlaſſen wurde, und eben mit meinem Thomas niederkommen ſollte, als er ſtarb.

Dieſen Umſtand hielte ich fuͤr den ungluͤcklich - ſten, worinn ich haͤtte koͤnnen hinterlaſſen wer - den. So kurzſichtig iſt die menſchliche Klugheit. Aber er ward eben das gluͤckliche Mittel, mich Jhrer Mutter zu empfehlen, welche in Betrach - tung meines guten Rufes, und aus Mitleiden gegen meinen recht duͤrftigen Zuſtand, mir er - laubte, weil ich mir ein Gewiſſen machte, meinC 2armes36armes Buͤbchen von mir zu thun, daß ich Sie und ihn mit einander ſtillen moͤchte, da ſie nur weni - ge Tage nach einander gebohren waren. Und ſeit der Zeit hat es mir niemals an dem geringen Segen gefehlet, mit welchem mich Gott zufrie - den gemachet hat.

Jch habe auch, von dem Sterbetage meines armen Mannes an, nicht gewußt, was ein recht großer Kummer waͤre, bis auf den Tag, als Jhre Eltern mir ſagten, wie feſt ſie ſich vorgeſe - tzet haͤtten, daß Sie Herrn Solmes nehmen ſoll - ten: da ich nicht nur von ihrer Abneigung von ihm verſichert war; ſondern auch gewiß wußte, wie unwuͤrdig er Jhrer waͤre. Denn damals fing ich an, die Folgen zu befuͤrchten, welche ent - ſtehen wuͤrden, wenn man ein ſo edles Gemuͤth zwingen wollte. Bis auf die Zeit hatte ich auch vor Herrn Lovelace keine Furcht gehabt: ſo ein - nehmend ſeine Perſon, und ſo ſcheinbar ſeine Auffuͤhrung und ſein Antrag war. Denn ich wußte gewiß, daß Sie ihn niemals nehmen wuͤr - den, bis Sie durch gute Gruͤnde von ſeiner Beſ - ſerung uͤberzeugt, und Jhre Freunde damit eben ſo wohl, als Sie ſelbſt, zufrieden waͤren. Aber das ungluͤckliche Misverſtaͤndniß zwiſchen Jhrem Bruder und Herrn Lovelace, und die heftige Vereinigung der Jhrigen, Jhnen Herrn Solmes aufzudringen, brachte alle das Ungluͤck zuwege, welches Jhnen und jenen ſo theuer zu ſtehen ge - kommen iſt, und mich Elende alle meine Ruhe ge -koſtet37koſtet hat. O! was hat dieſer undankbare und zwiefachſchuldige Menſch nicht zu verantworten!

Jnzwiſchen wiſſen ſie nicht, was Jhnen Gott noch aufbehalten hat. Sollten Sie aber, zur Lehre und Warnung anderer, in einem ſo wichtigen Falle, um eines einzigen Fehltrittes willen, Jhre ganze Lebenszeit hier Strafe leiden muͤſſen: ſo belieben Sie zu erwaͤgen, daß dieß Le - ben nur ein Stand der Pruͤfung ſey. Sind Sie in demſelben gelaͤutert: ſo werden Sie hiernaͤchſt in groͤßerem Maaße belohnet werden, daß Sie ſich mit Gedult und gaͤnzlicher Ergebung in den goͤttli - chen Willen der weiſen Fuͤgung uͤberlaſſen haben.

Sie ſehen, meine liebſte Fraͤulein Claͤrchen, daß ich kein Bedenken trage, den Schritt, den Sie gethan haben, einen Fehltritt zu nennen. An Jhnen war er ſo viel weniger, als an einer andern jungen Fraͤulein, zu entſchuldigen: weil Sie nicht allein hoͤhere Gaben hatten; ſondern Jhre und ſeine Gemuͤthsart einander ſo ſehr ent - gegen waren. Haͤtte man Sie gereizet, Jhres Vaters Haus zu verlaſſen: ſo war es doch eben nicht noͤthig, bey ihm zu ſeyn. Aber es war auch, in der That, nicht noͤthig, daß ich Jhnen dieß ſchriebe: ohne nur, um Jhnen ein Beweis von meiner unpartheyiſchen Liebe zu geben(*)Frau Norton urtheilte nur nach den Vorſtellun - gen und harten Reden der Familie. Sie wußte nicht, daß Clariſſa ſich feſt entſchloſſen hatte, nicht mit dem Herrn Lovelace fortzugehen: auchnicht,.

C 3Nach38

Nach dieſem Geſtaͤndniſſe wird es unfreundlich, und vielleicht, itzo, zur ungelegenen Zeit ſcheinen, wenn ich Jhnen ſage, wie ſehr ich bedaure, daß Sie mich nicht eher mit einer Zeile beehret ha - ben. Jedoch, wenn Sie ihr Stillſchweigen gegen ſich ſelbſt rechtfertigen koͤnnen: ſo muß ich, das darf ich frey geſtehen, billig zufrieden ſeyn. Denn ich bin verſichert, daß Sie mich lieben: gleichwie ich Sie liebe und ehre, auch beſtaͤndig lieben und ehren werde, und das noch deſto mehr um Jhres Ungluͤcks willen.

Einen Troſt, deucht mich, habe ich, ſelbſt wenn mich Jhr Elend kraͤnket: und das iſt die - ſer. Jch kenne keine junge Perſon, die ſo voll - kommen alle Eigenſchaften haͤtte, mit deſto helle - rem Glanze in Jhrer wahren Groͤße zu erſchei - nen, je mehr ſie Verſuchungen auszuſtehen hat. Gleichwohl aber iſt dieß ein Troſt, der zuletzt auf eine Vergroͤßerung meiner Traurigkeit uͤber Jhre bedraͤngte Umſtaͤnde hinauslaͤuft: weil Sie mit einem Gemuͤthe begabet ſind, das ſo wohl ge - ſchickt iſt, gluͤckliche Tage zu er tragen und alle und jede um Sie herum nur deſto mehr zu beſſern. Wehe ihm! O der nichtswuͤrdige, nichts - wuͤrdige Menſch! Allein ich will mich ent - halten, bis ich mehr erfahren habe.

Jndem

(*)nicht, wie ſorgfaͤltig Sie ſich bemuͤhet hatte, ſich einen andern, als ſeinen Schutz, zu verſchaffen; als Sie beſorgte, Sie wuͤrde kein Mittel finden, die Vermaͤhlung mit Herrn Solmes zu vermei - den, wofern Sie da bliebe.

39

Jndem ich alles wohl uͤberlege, was mir Jhr trauriger Brief zu denken Gelegenheit giebet; und nach Jhrem holdſeligen Gemuͤthe, nach der Liebenswuͤrdigkeit Jhrer Perſon, und nach Jhrer Jugend fernere Ungluͤcksfaͤlle und Ungelegenhei - ten befuͤrchte, denen Sie vielleicht unterworfen ſeyn koͤnnten: ſo kann ich nicht ſchließen, ohne Sie um Erlaubniß zu bitten, und zwar in rechtem Ernſt, daß Jch Jhnen aufwarten duͤrfe. Jch er - ſuche Sie, mir dieß nicht, aus irgend einer Be - trachtung in Abſicht auf mich ſelbſt, oder auf die Unpaͤßlichkeit meines andern geliebten Kin - des, abzuſchlagen: wo ich Jhnen irgend nuͤtzlich oder zum Troſte ſeyn kann. Sollte es auch nur auf zween oder drey Tage ſeyn: ſo erlauben Sie mir, Jhnen aufzuwarten; wenn gleich meines Sohnes Krankheit zunehmen, und, nach Verlauf dieſer zween oder dreyen Tage, mich wieder her - unter zu kommen, noͤthigen ſollte. Jch wie - derhole gleichfalls meine inſtaͤndigſte Bitte, daß Sie befehlen wollen, Jhnen den kleinen Ueber - reſt an Gelde zuzuſchicken, der noch in meinen Haͤnden iſt, von Jhrer Guͤtigkeit gegen Jhre Armen ſo wohl, als gegen

Jhre beſtaͤndig ergebene und getreue Dienerinn. Judith Norton.

C 4Der40

Der neunte Brief von Fraͤulein Clariſſa Harlowe an Lady Eliſabeth Lawrance.

Gnaͤdige Frau,

Jch hoffe, Sie werden die Freyheit entſchuldi - gen, womit ſich eine Perſon zu Jhnen wen - det, die nicht die Ehre hat, Jhnen perſoͤnlich be - kannt zu ſeyn, ob Sie gleich viel von Clariſſa Harlowe muͤſſen gehoͤret haben. Es geſchieht in keiner andern Abſicht, als nur um die Beguͤnſti - gung mit einer Zeile von Jhrer Gnaden Hand, wo es ſich fuͤglich thun laͤſſet, bey naͤchſter Poſt zur Antwort auf folgende Fragen zu bitten.

  • 1. Ob Sie Mittwoch den 7ten Jun. wie ich auf - gezeichnet, einen Brief geſchrieben haben, wo - rinn Sie Jhrem Enkel Lovelace zu ſeiner vermeynten Vermaͤhlung, die Jhnen, als eine Nachricht von einem gewiſſen Capitain Tomlinſon, durch Jhrer Gnaden Hofmeiſter, Herrn Spurrier, hinterbracht worden ſey, Gluͤck wuͤnſchen, und ihm verweiſen, daß er ſich einer Geringſchaͤtzigkeit gegen Sie ſchuldig gemacht ꝛc. weil er Jhrer Gnaden und der Familie ſeine Vermaͤhlung nicht gemeldet?
  • 2. Ob Jhre Gnaden an Fraͤulein Montague ge - ſchrieben, Jhnen zu Reading entgegen zukommen,41kommen, damit ſie dieſelben zu Jhrer Baſe Leeſon in Abemarle-Street begleiten moͤchte: weil Sie wegen Jhrer alten Kanzeley-Sa - che; dieß beſinne ich mich, war der Ausdruck; genoͤthigt wuͤrden, in der Stadt zu ſeyn? Und ob ſie Jhren Enkel beſchieden, Jhnen daſelbſt Sonnabend Abends den 11ten ſeine Aufwar - tung zu machen?
  • 3. Ob Jhre Gnaden und Fraͤulein Montague zu der beſtimmten Zeit nach London gekommen, und am Montage in einer Miethkutſche mit vier Pferden, weil ihre eigne ausgebeſſert wur - de, nach Hampſtead gefahren, und die junge Perſon, welche Sie daſelbſt beſuchten, von dannen nach London gefuͤhret?

Jhre Gnaden werden wahrſcheinlicher weiſe wohl errathen koͤnnen, daß dieſe Fragen nicht aus ſolchen Urſachen, die Jhrem Enkel Lovelace vortheil - haft ſeyn moͤchten, geſchehen. Allein die Antwort mag ſeyn, was ſie will: ſo kann es ihm keinen Schaden und mir keinen Vortheil bringen. Nur denke ich, daß ich dieſe Erkundigung meiner ehe - maligen Hoffnung, ob ich mich darinn gleich be - trogen habe, und ſelbſt der Menſchenliebe ſchuldig ſey, damit eine Perſon, von der ich vormals beſſere Gedanken zu hegen geneigt gewe - ſen bin, nicht ſo vollkommen verderbt befunden werde, daß er in allen und jeden Faͤllen die Wahrheitsliebe verlaſſen ſollte, welche zu dem Character eines Cavalliers unumgaͤnglich noͤ - thig iſt.

C 5Haben42

Haben Sie die Gewogenheit, gnaͤdige Frau, den Brief ſo an mich zu richten, daß er in dem Hauſe, zur ſchoͤnen Wilden genannt, auf Lud - gate-Hill abgegeben, und daſelbſt aufbehalten werde, bis man ihn abholet. Jch bitte aber dieſen Weg, an mich zu ſchreiben, fuͤr itzo noch geheim zu halten, und bin

Jhrer Gnaden gehorſamſte Dienerinn Clariſſa Harlowe.

Der zehnte Brief von Lady Eliſabeth Lawrance an Fraͤulein Clariſſa Harlowe.

Wertheſte Fraͤulein,

Jch befinde, daß zwiſchen Jhnen und meinem Enkel Lovelace nicht alles ſo iſt, wie es ſeyn ſollte. Es wird mich und alle ſeine Freunde un - gemein kraͤnken, wo er ſich gegen ein Frauenzim - mer von Jhrem Stande und von Jhren Ver - dienſten irgend einer vorſetzlichen Niedertraͤchtig - keit ſchuldig gemachet hat.

Wir haben lange auf eine bequeme Gelegen - heit gewartet, Jhnen und uns ſelbſt zu einem Er - folg, den wir alle mit dem ernſtlichen Verlangen wuͤnſchen, Gluͤck zu wuͤnſchen: indem alle unſereHoffnung43Hoffnung von ihm auf die Gewalt, welche Sie uͤber ihn haben, gebauet iſt. Denn wo jemals eine Mannsperſon ein Frauenzimmer angebetet hat: ſo iſt er die Mannsperſon, und Sie das Frauenzimmer.

Fraͤulein Montague ſchreibt in ihrem letzten Briefe an mich, zur Antwort auf einen von mir, worinn ich mich nach ihren Nachrichten von ihm erkundige, ob er Sie die Seinige nennen koͤnn - te, oder ob es wahrſcheinlich waͤre, daß er bald dieſe Ehre haben wuͤrde, folgende Worte: Jch weiß nicht, was ich in Anſehung der Sache, welcher ſich Jhre Gnaden ſo ernſtlich annehmen, aus meinem Vetter Lovelace machen ſoll. Er ſagt bisweilen, er ſey wirklich mit Fraͤulein Cla - riſſa Harlowe vermaͤhlet: zu andern Zeiten aber, es ſey ihre eigne Schuld, wenn es nicht ge - ſchieht. Er ſpricht von ihr nicht allein mit Liebe, ſondern auch mit Ehrerbietung: beken - net aber doch, daß zwiſchen ihnen beyden ein Misverſtaͤndniß ſey, und geſteht zugleich, ſie habe nicht die geringſte Schuld daran. Ein Engel, ſagt er, ſey ſie, und kein Frauenzimmer: keine Mannsperſon in der Welt koͤnne ihrer wuͤrdig ſeyn. Dieß iſt es, was meine Neffe Montague ſchreibet.

Gott gebe, meine liebſte Fraͤulein, daß er Sie nicht ſo abſcheulich beleidigt haben moͤge, daß Sie ihm nicht vergeben koͤnnen. Wo Sie nicht ſchon mit ihm vermaͤhlet ſind, und ſeine Hand ausſchlagen: ſo werde ich alle meine Hoffnungverlieren,44verlieren, daß er jemals heyrathen und der Mann werden wird, den ich aus ihm zu haben wuͤnſche. So wird es auch bey dem Lord M. ſo wird es auch bey der Lady Sarah Sadleir heißen.

Jch will nunmehr Jhre Fragen beantworten. Aber ich weiß in der That kaum, was ich ſchrei - ben ſoll, aus Beyſorge, die ungluͤckliche Mishel - ligkeit zwiſchen ihnen noch groͤßer zu machen. Gleichwohl muß ich einer ſolchen Fraͤulein in al - len Stuͤcken zu Befehl ſtehen. Hier iſt denn meine Antwort.

  • Jch habe weder den 7ten Jun. noch um die Zeit herum, irgend eine Zeile an ihn geſchrieben.
  • Weder ich, noch mein Hofmeiſter, kennen einen Capitain Tomlinſon.
  • Jch habe nicht an meine Neffe geſchrieben, mir zu Reading entgegen zu kommen, noch mich zu meiner Baſe Leeſon nach London zu begleiten.
  • Meine Kanzeley-Sache iſt zwar, wie die mei - ſten Kanzeley-Sachen, langweilig: aber nichts deſto weniger itzo auf einem ſo guten Fuße, daß ich deswegen nicht noͤthig haben kann, nach London zu gehen.
  • Jch bin auch binnen dieſen ſechs Monathen, nicht zu London: und ſeit verſchiedenen Jahren nicht zu Hampſtead geweſen.
  • Eben ſo wenig werde ich Luſt haben, nach London zu kommen: ausgenommen wenn ich Gele - genheit haben ſollte, Herrn Lovelace Gluͤck zu wuͤnſchen. Jn dem Fall wuͤrde ich mit dem groͤßten Vergnuͤgen hinreiſen, und mir Hoff -nung45nung machen, daß Sie die Gewogenheit ha - ben wuͤrden, mich nach Glenham-Hall zu be - gleiten und wenigſtens auf einen Monath bey mir zu bleiben.

Die Urſache ihrer Nachfrage mag nun ſeyn, was ſie will: ſo erlauben Sie mir, meine wer - theſte Fraͤulein, Sie um des Lords M. willen, um mein ſelbſt willen, um dieſes unbeſonnenen Menſchen willen, ſo wohl in Abſicht auf ſeine Seele, als in Abſicht auf ſeinen Leib, und end - lich um unſerer ganzen Familie willen, inſtaͤndigſt zu bitten, daß Sie durch dieſe Antwort die Mis - helligkeiten ſich nicht ſo weit vermehren laſſen wol - len, daß Sie deswegen ſeine Hand ausſchlagen moͤchten, wo er noch nicht die Ehre hat, Sie die Seinige zu nennen; welches ich daher beſorge, weil Sie ſich mit Jhrem Geburtsnamen unter - ſchrieben haben.

Erlauben Sie zugleich, daß ich meine Ver - mittelung anbiete, die Uneinigkeit zwiſchen Jhnen beyzulegen, ſie beſtehe, worinn ſie wolle. Jhre Sache, meine liebſte Fraͤulein, kann in keine Haͤn - de irgend einer lebendigen Seele gerathen, die mehr zu Jhren Dienſten ergeben waͤre, als

Jhre aufrichtige Bewunderinn und gehorſame Dienerinn, Eliſab. Lawrance.

Der46

Der eilfte Brief von Fraͤulein Clariſſa Harlowe an Frau Hodges.

Frau Hodges,

Jch werde gewiſſermaßen genoͤthigt, an ſie zu ſchreiben: da ich unter meinen Verwandten niemand habe, an den ich ſchreiben, oder von dem ich, wenn ich ſchriebe, eine Zeile erwarten darf. Jch bitte mir nur auf eine Frage Ant - wort aus. Es iſt dieſe:

  • Ob ſie einen gewiſſen Capitain Tomlinſon ken - nen? Und, wo ſie ihn kennen, ob er ein ſehr vertrauter Freund von meinem Onkel Har - lowe iſt?

Jch will ihn von Perſon beſchreiben: ſonſt moͤchte er etwa unter einem andern Namen bey ihnen bekannt ſeyn; ob ich gleich nicht weiß, war - um das ſeyn ſollte.

Er iſt ein ſchmaler laͤnglichter Mann, ein wenig pockengruͤbicht, von blaſſer Farbe, funf - zig Jahr alt, oder daruͤber, und von gutem An - ſehen, wenn er in die Hoͤhe ſiehet. Er ſcheint ein ernſthafter Mann zu ſeyn, und einer, der die Welt kennet. Er traͤgt ſich ein wenig gebogen in den Schultern. Er iſt von Berkshire, ſei - ne Frau von Oxfordshire, und hat verſchiedneKinder.47 Kinder. Er iſt noch nicht lange von Nort - hamptonshire in ihre Gegenden heruͤber ge - kommen.

Jch muß bitten, Fr. Hodges, weder mei - nen Onkel, noch ſonſt jemand von meinen Ver - wandten wiſſen zu laſſen, daß ich an ſie ſchreibe.

Sie pflegten zu ſagen, ſie wollten ſich freuen, wenn es in ihrer Macht ſtuͤnde, mir zu dienen. Das ſagten ſie freylich, als ich noch in meinem Gluͤcke ſaß. Aber dennoch darf ich vermuthen, daß ſie mir eine Kleinigkeit, wodurch mir ein Gefallen, ohne einiges Nachtheil fuͤr ſie ſelbſt, geſchehen wird, nicht abſchlagen werden.

Jch vernehme, daß mein Vater, meine Mutter, meine Schweſter, vermuthlich auch mein Bruder und mein Onkel Anton heute bey meinem Onkel Harlowe ſind. Gott erhalte ſie alle, daß ſie noch viele gluͤckliche Geburtstage mit Vergnuͤgen begehen moͤgen. Sie werden ſo gut ſeyn, mir in wenigen Worten von ihrer aller Befinden Nachricht zu geben.

Richten ſie ihre Antwort, aus einer beſon - dern Urſache, an Frau Dorothea Salcomb, daß ſie in dem Wirthshauſe zu den vier Schwanen, auf der Biſchofsthorſtraße, abgegeben und be - halten werde, bis jemand ſie abholet.

Sie kennen meine Hand gut genug, wenn auch der Jnhalt des Briefes nicht hinlaͤnglich waͤre, daß es noͤthig ſeyn ſollte, meinen Namen auszudruͤcken, oder mich anders zu unterſchreiben, als wie

Jhre Freundinn

Der48

Der zwoͤlfte Brief Die Antwort von Frau Hodges.

Gnaͤdiche Freilein!

Jch ſchreibe Jhnen Antwort, wie Sie verlan - gen. Der Her iſt mit keinem ſulchen Manne bekant. Jch weis gewis, das ſo ein Man niemals in unſer Hauß gekommen, und der Her gieht wenig aus. Es iſt ihm nicht ums Hertſe auszugiehn. Warum? Jhre Wider - ſpenſtigkeit macht, das ſie nicht viel darnach fra - gen, einander zu ſehn. Des Hern Geburthstag iſt ſunſt niemals ſo gehalten: denn nicht eine Sele war hier, und nichts als Seuftſen und Trauren bey dem Hern, wen er dagte, wie es ſunſt zu ſeyn pflechte.

Jch fragte den Hern, ob er ſo einen Man kente, als Capitain Tomlinſon, aber ſagte nicht, warum ich fragte. Er ſagte nein, er kente keinen.

Es iſt doch wol kein Poſſen oder Betriegerei gegen den Hern von einem Tomlinſon angeſtif - tet Man weis nicht, was ſie fuͤr Geſelſchaft zu haben genoͤthigt ſind, ſeitdem ſie weggegangen, wie ſie wiſſen, gnaͤdiche Freilein. Verzeihen ſie mier gnaͤdiche Frailen, aber Lunden iſt ein ge -waltich49waltich boͤßer Ort, und der Riter Luveleß ein Teufel, wie ich habe ſagen gehoͤhrt. Alle hal - ten ihn fuͤr einen ſulchen Cavlier, dafuͤr man ſich in acht nehmen mus, und ich denke, das ſie ihn hierinn ſo befunten haben.

Jch habe zu Jhnen das Vertrauen, gnaͤdi - che Freilein, das ſie dem Hern kein Leid wuͤrden geſchehen laſen, wen ſie es wuͤsten, von je - mand, der ſich fuͤr ſeinen bekanten ausgiebt. Aber aus Furcht wahr ich mit mier ſelbſt nicht einich, ob ich es ihm nicht ſagen ſolte. Aber ich wolte Jhnen gern zeigen, das ich im Ungluͤck ſo wol, wo ſie ungluͤcklig ſind, als im Gluͤck zu Gefallen ſein wolte. Den ich bin nicht von de - nen, die anders tuhn wuͤrden. So nicht mehr von

Jhrer gehorſammen Dienerin, die Jhnen alles gute wuͤnſcht, Sarah Hodges.

Der dreyzehnte Brief von Fraͤulein Clariſſa Harlowe an Lady Eli - ſabeth Lawrance.

Gnaͤdige Frau,

Jch kann nicht umhin, Jhrer Gnaden noch einmal beſchwerlich zu ſeyn, damit ich Jh -Sechſter Theil. Dnen50nen von ganzem Herzen fuͤr die guͤtige Zuſchrift danke.

Jch muß geſtehen, gnaͤdige Frau, daß die Ehre, mit Frauenzimmern, die ihre Tugend ſo wohl, als ihre hohe Geburt erhebet, verwandt zu werden, anfangs keine geringe Reizung bey mir geweſen, dem Antrage des Herrn Lovelace ein geneigtes Ohr zu goͤnnen: und zwar um ſo viel mehr, da ich entſchloſſen war, wann es wirk - lich geſchehen waͤre, alles, was in meinem Ver - moͤgen ſtehet, zu thun, damit ich die vortheil - hafte Meynung, welche Sie von mir haben, ver - dienen moͤchte.

Jch hatte auch noch einen andern Bewe - gungsgrund, der mir an ſich ſelbſt, wie ich wußte, bey Jhrer ganzen Familie zu einem Ver - dienſte gereichen wuͤrde. Aber er iſt ſo beſchaffen, daß ich mir dabey zuviel herausgenommen, und, wie der Erfolg gezeiget hat, auf eine ſtrafbare Weiſe zu viel herausgenommen habe. Jch mach - te mir Hoffnung, daß ich ein geringes Werkzeug in den Haͤnden der Vorſicht ſeyn moͤchte, einen Menſchen auf beſſere Wege zu bringen, der im Grunde, wie ich dachte, Verſtand genug haͤtte, ſich auf beſſere Wege bringen zu laſſen; oder we - nigſtens dankbar genug waͤre, den ihm zugedach - ten Dienſt zu erkennen, es moͤchte nun die edel - muͤthige Hoffnung gelingen oder nicht.

Allein ich habe mich bey dem Herrn Lovelace ungemein geirret. Er iſt der einzige, ſtelle ich mir gewiß vor, der ein Cavallier ſeyn will undbey51bey dem ich mich ſo ſehr haͤtte irren koͤnnen. Denn indem ich mich bemuͤhete, einen Elenden, der erſaufen wollte, zu retten: ſo bin ich, nicht zufaͤlliger, ſondern vorſetzlicher Weiſe, und mit einem aus Vorbedacht gefaßten Schluſſe, nach ihm hineingezogen worden. Er hat alſo den Ruhm gehabt, zu der Liſte derer, die er ungluͤck - lich gemacht, einen Namen hinzuzuthun, der, wie ich zuverſichtlich ſagen darf, ſeinem eignen Namen nicht zur Verkleinerung wuͤrde gereichet haben: und zwar durch ſolche Mittel, gnaͤdige Frau, welche die Menſchlichkeit beleidigen wuͤr - den, wenn man ſie erfuͤhre.

Meine ganze Abſicht iſt durch Jhrer Gna - den Antwort auf die Fragen, welche ich mir die Freyheit genommen habe, Jhnen ſchriftlich vor - zulegen, ſchon erreichet. Jch wuͤnſche nicht, den ungluͤcklichen Menſchen bey Jhnen verhaßter zu machen, als ich nothwendig deswegen thun muß, damit ich mich entſchuldige, daß ich Jhre angebotene Vermittelung ſchlechterdings aus - ſchlage.

Jhre Gnaden laſſen ſich daher folgende Um - ſtaͤnde melden:

Nachdem er mich mit Zwang, wie ich ſagen mag, auf eine hinterliſtige Art dazu gebracht hatte, daß ich mit ihm davon gegangen war: iſt er im Stande geweſen, mich in eines der ſchaͤnd - lichſten Haͤuſer zu London, wie der Erfolg gezei - get hat, zu bringen.

D 2Da -52

Daſelbſt hat er ſich nicht geſchaͤmet, ſich ei - nes gottloſen Verſuchs gegen meine Ehre ſchuldig zu machen, uͤber den ich mich mit Recht unwil - lig bezeiget, und Mittel gefunden habe, von ihm nach Hampſtead zu fliehen.

Als er mich aber dort aufgefunden hatte, ich weiß nicht wie: hat er ein paar Weibsleute, in reicher Kleidung, zu bereden gewußt, daß ſie die Perſon Jhrer Gnaden und der Fraͤulein Montague nachaͤffeten. Dieſe haben mich un - ter dem Vorwand, daß ich bey Jhrer Baſe Leeſton zu London einen Beſuch ablegen ſollte, mit dem Verſprechen, noch eben den Abend nebſt mir nach Hampſtead zuruͤckzukehren, betruͤgeriſcher - weiſe wiederum in das ſchaͤndliche Haus gebracht. Da bin ich aufs neue gefangen gehalten, und zuerſt meiner Sinne, hierauf aber; denn warum ſollte ich die Schande vor andern zu verheelen ſu - chen, die ich vor mir ſelbſt nicht verbergen kann? meiner Ehre beraubet worden.

Wenn Jhre Gnaden nun dieß wiſſen; und ferner vernehmen werden, daß, in dem aͤrgerli - chen Fortgange zu dieſem ungluͤcklichen Zweck, vor - ſetzliche Unwahrheiten, wiederholte Raͤnke, falſche Briefe zu ſchmieden; ſonderlich einen von Jhrer Gnaden, einen andern von der Fraͤulein Mon - tague, einen dritten von dem Lord M.; und un - zaͤhlige Meineide, nicht die geringſten von ſeinen Vergehungen geweſen ſind:

So werden Sie ſelbſt urtheilen, daß ich keine ſo gute Grundſaͤtze haben koͤnnte, die micheiner53einer Verbindung mit Perſonen von Jhrer und Jhrer edlen Schweſter vortrefflichen Gemuͤths - art wuͤrdig machen wuͤrden, wenn ich mich nicht von ganzem Herzen erklaͤren koͤnnte, daß eine ſolche Verbindung nunmehr niemals ſtatt ha - ben kann.

Jch will mich nicht gaͤnzlich von allem Tadel loszuſpre chen ſuchen: aber, in Abſicht auf ihn, habe ich mir keinen Fehler vorzuwerfen. Mein Verſehen iſt geweſen, daß ich anfangs einen Briefwechſel mit ihm fortgeſetzet, da es mir von denen verboten war, die ein Recht hatten, Ge - horſam von mir zu fordern. Dieß Verſehen iſt dadurch noch mehr vergroͤßert und deswegen noch weniger zu entſchuldigen, daß ich ihm eine heim - liche Zuſammenkunft mit mir geſtattet habe, wel - che mich ſeinen Raͤnken bloßgeſtellet hat. Daß ich dafuͤr Strafe leide, laſſe ich mir gern gefal - len, und danke Gott, daß ich endlich von ihm entkommen bin, und es in meiner Gewalt habe, einen ſo gottloſen Menſchen nicht zu meinem Manne anzunehmen. Jch werde mich freuen, wenn ich nur andern zur Warnung dienen mag: da ich ihnen nicht zum Beyſpiel dienen kann; wie ich mir vormals, ſo eitel und eingebildet war ich! vorgenommen hatte.

Alles boͤſe, was ich ihm wuͤnſche, iſt, daß er ſich beſſern und ich das letzte Opfer fuͤr ſeine Niedertraͤchtigkeit ſeyn moͤge. Vielleicht kann dieſer gute Wunſch erhalten werden: wenn er ſe - hen ſollte, wie ſich ſeine Bosheit, ſeine unver -D 3ſchuldete54ſchuldete Bosheit gegen ein armes Frauenzimmer, das durch ſeine grauſame Raͤnke aller Freunde beraubet iſt, endigen wird.

Jch ſchließe mit meinem gehorſamen Dank fuͤr Jhrer Gnaden vortheilhafte Meynung von mir, und mit der Verſicherung, daß ich, ſo lan - ge mir noch das Leben gegoͤnnet wird, allezeit ſeyn werde

Jhrer Gnaden dankbare und verpflich - tete Dienerinn Clariſſa Harlowe.

Der vierzehnte Brief von Fraͤulein Clariſſa Harlowe an Frau Norton.

Wie guͤtig meine geliebte Fr. Norton, wie guͤtig lindern Sie die Angſt eines bluten - den Herzens! Gewiß Sie ſind meine rechte Mutter. Jch muß durch ein unbegreifliches Verſehen in eine Familie untergeſchoben ſeyn, die mich, nachdem ſie neulich den Betrug entde - cket, oder wenigſtens einen Argwohn davon be - kommen hat, mit einem ſolchen Unwillen, als ei - ne ſolche Entdeckung gewiß verſprechen wird, aus ihrer aller Herzen verbannet hat.

O! waͤre ich doch in der That Jhr eignes Kind geweſen! Waͤre ich doch nur dazu gebohrenworden,55worden, daß ich an ihren geringen Gluͤcksum - ſtaͤnden Theil haͤtte, und von dem Vergnuͤgen, worinn ſie ſo gluͤcklich ſind, eine Erbinn waͤre! Alsdenn haͤtte ich mit einem recht ſanften Ge - muͤthe zu thun gehabt: und dieß wuͤrde mein folgſames Herze, zu dem ſich Zwang und unedel - muͤthige Begegnung ſo uͤbel ſchicket, wohl gelei - tet haben. Denn wuͤrde nichts von dem geſche - hen ſeyn, was geſchehen iſt.

Jedoch ich muß mich billig in Acht nehmen, daß ich die Luͤcke, welche ich ſchon ohne das durch meine Unbeſonnenheit in meiner Pflicht gemacht habe, durch Ungedult nicht vergroͤßern. Haͤtte ich nicht gefehlet: ſo haͤtte meine Mutter we - nigſtens nicht fuͤr unerweichlich und unverſoͤhn - lich gehalten werden koͤnnen. Habe ich denn nicht ſelbſt, nicht nur meine eigne Fehler, ſondern auch die Folgen derſelben zu verantworten, wel - che einer muͤtterlichen Gemuͤthsart, woran vor - her niemals etwas auszuſetzen geweſen iſt, zur Verkleinerung und Unehre gereichen?

Jnzwiſchen iſt es eine Guͤtigkeit von Jhnen, daß Sie das Vergehen einer Perſon, der daſſel - be ſo hoͤchſtempfindlich iſt, geringer zu machen ſuchen Koͤnnte es gaͤnzlich ausgeloͤſchet wer - den: ſo wuͤrde mich das der vielen Muͤhe, die Sie ſich bey meiner Erziehung gegeben haben, wuͤr - diger machen. Denn es muß ihren Kummer ſo, wie meine Schaam und Verwirrung, noth - wendig vermehren, daß ich mich, nach einem ſo hoffnungsvollen Anfange, ſo aufgefuͤhret habe,D 4daß56daß ich, ſtatt einer Ehre fuͤr Sie und meine andere Freunde, ihnen allen nun eine Schande bin.

Allein, damit ich Jhnen nicht ſelbſt Urſache gebe, mich fuͤr ſchuldiger anzuſehen, als ich bin: ſo erlauben Sie mir, mit wenigen zu verſichern, daß, wenn meine Geſchichte bekannt wird, ich mehr Mitleiden, als Tadel, auch ſo gar in Ab - ſicht auf meine Flucht mit dem Herrn Lovelace, verdienen werde.

Jn Betrachtung alles deſſen, was hiernaͤchſt vorgefallen iſt, will ich nur dieß ſagen, daß ich mich zwar fuͤr dieſe Welt verlohren nennen muß, aber doch noch einen Troſt uͤbrig habe. Jch ha - be mir mein Leiden weder durch Unvorſichtigkeit, noch durch Leichtglaͤubigkeit, noch durch Freyheit zugezogen. Es iſt kein Augenblick hingegangen, da ich nicht auf meiner Huth geweſen waͤre, oder ihre fruͤhe Lehren nicht im Gedaͤchtniſſe gehabt haͤtte. Aber, nachdem ich im Stande geweſen war, viele niedertraͤchtige Raͤnke zu Schanden zu machen, bin ich zuletzt durch die unmenſch - lichſten Kuͤnſte entehret. Waͤre ich nur nicht von allen Freunden verſtoßen worden: ſo haͤtte ſich gewiß dieſer niedertraͤchtige Menſch nicht un - terſtanden, und auch nicht die Gelegenheit ge - habt, mir ſo zu begegnen, als er mir begegnet hat.

Mehr kann ich jetzo nicht ſagen; mehr iſt auch itzo nicht noͤthig; und dieß ſelbſt, bitte ich Sie, bey ſich zu behalten, damit nicht Feindſe -lig -57ligkeiten nach meinem Hintritt entſtehen moͤgen, welche das Uebel weiter ausbreiten koͤnnten, das ich, wie ich hoffe, mit mir endigen ſoll.

Jch bin falſch berichtet, ſagen Sie, daß meine vornehmſten Anverwandten bey meinem Onkel Harlowe ſeyn ſollten. Der Tag, ſchrei - ben Sie, iſt nicht gefeyret. Auch mein Bruder und Herr Solmes haben nicht Etwas er - ſtaunliches! Was fuͤr eine vielfache ver - wickelte Bosheit hat dieſer nichtswuͤrdige Menſch zu verantworten! Sollte ich es Jhnen er - zaͤhlen: ſo wuͤrden Sie kaum glauben, daß ein ſolches Herz in einem Menſchen ſeyn koͤnnte

Aber es kann eine Zeit kommen, da Sie meine ganze Geſchichte erfahren werden! Jtzo habe ich weder Luſt, noch Worte O wie berſtet mir das Herz! Jedoch noch eine gluͤckliche, eine gewuͤnſchte Erleichterung! waͤ - ren Sie gegenwaͤrtig: ſo wuͤrden meine Thraͤnen das Uebrige erſetzen!

Jch nehme meine Feder wieder.

So beſorgen ſie wirklich, daß man keinen Brief von mir annehmen werde. Laſſen ſie ſich es nur nicht kraͤnken, daß ſie mir dieß ſagen muͤſſen! Jch vermuthe alles Boͤſe! Mein Jammer iſt ſo groß, daß, wenn Sie mir nicht zugeredet haͤtten, von dem Throne der Gna - den Gnade zu hoffen, ich beſorget haben wuͤrde, derD 5ſchreck -58ſchreckliche Fluch meines Vaters moͤchte in Abſicht auf beyde Welten in Erfuͤllung gehen.

Denn noch ein neues Ungluͤck! Jn ei - nem Anfall von Verruͤckung und Unbeſonnenheit habe ich an meine geliebte Fraͤulein Howe einen Brief abgeſchickt, ohne mich auf den geheimen Weg, wodurch ſonſt meine Briefe an Sie kom - men, zu beſinnen. Der iſt Jhrer zornigen Mutter in die Haͤnde gefallen: und ſo hat viel - leicht dieſe werthe Freundinn ſich um meinetwil - len ein neues Misvergnuͤgen zugezogen. Dazu iſt noch Jhr wuͤrdiger Sohn krank, und meine arme Hanna, glauben Sie, kann nicht zu mir kommen O meine liebe Frau Norton, wol - len Sie, koͤnnen Sie diejenigen tadeln, de - ren Unwillen gegen mich der Himmel ſelbſt zu billigen ſcheinet? und wollen Sie die losſprechen, die der verdammet?

Jedoch, Sie gebieten mir, den Muth nicht ſinken zu laſſen Jch will auch nicht: wo ich es aͤndern kann Und in der That Jhr guͤti - ger Brief hat mir zu rechter Zeit Troſt verliehen Allein Gott dem Allmaͤchtigen ſtelle ich meine Sache heim: Er raͤche mein Unrecht und rette meine Unſch

Aber wie reißen mich meine ſtuͤrmiſche Leiden - ſchaften hin! Habe ich nicht erſt dieſen Augenblick geſagt, daß Jhr Brief mir Troſt mitgetheilet haͤtte? Gott vergebe es denen, die meinen Vater hindern, mir zu vergeben! Dieß ſolldas59das haͤrteſte gegen ſie ſeyn, was meiner Feder entfahren ſoll.

Wenn auch Jhr Sohn wieder geneſen ſollte: ſo lege ich Jhnen doch auf, meine liebe Frau Norton, daß Sie nicht daran gedenken, zu mir zu kommen. Jch weiß noch nicht anders, als daß mir Jhre Vermittelung, ob gleich gegen - waͤrtig auf Jhre Fuͤrbitte ſo wenig wuͤrde geach - tet werden, bey meiner Mutter wohl nuͤtzlich ſeyn koͤnne, mir die Wiederrufung des ſchrecklichſten Theils von meines Vaters Fluch, der noch al - lein erfuͤllt zu werden uͤbrig iſt, auszuwirken. Gewiß die Stimme der Natur muß endlich zu meinem Beſten gehoͤret werden. Sie wird an - fangs mir bey meinen Freunden nur in der Stille das Wort reden, mit der bewußten Klage-ſucht eines jungen und noch nicht unverſchaͤmten Bett - lers! Aber ſie wird allmaͤhlig heller ſchreyen; wenn ich Muth habe, es zu thun; und vielleicht gar den vaͤterlichen Schutz vor fernerem Ungluͤck und diejenige Vergebung fordern, welche jene fuͤr ihre eigene Fehler zu erwarten nicht berechtigt ſeyn werden, die ſich einmiſchen moͤgen. Damit ſie mir um eines zufaͤlligen, nicht eines vorſetz - lichen Vergehens willen abgeſchlagen werde, um eines Vergehens willen, deſſen ich mich; wenn ſie nicht geweſen waͤren, niemals ſchuldig gemacht haͤtte.

Aber ſchon wieder hat die Ungedult, die ſich vielleicht auf parteyiſche Selbſtliebe, den verfuͤh - reriſchen Jrrwiſch, gruͤndet, die Oberhand.

Jch60

Jch will Jhnen kurz ſagen, es iſt zu meiner gegenwaͤrtigen und zukuͤnftigen Hoffnung noth - wendig, daß Sie es mit meiner Familie halten und ferner gut bey ihr ſtehen. Außerdem koͤnnte ich leicht, wenn Sie kaͤmen, vermittelſt Jhrer von dem verruchteſten Menſchen aufgeſpuͤret wer - den. Sagen Sie alſo nicht, daß Sie denken, Sie muͤßten billig zu mir kommen, man moͤge es nehmen wie man wolle Nein, um meinetwillen, ich wiederhole es noch einmal, muͤſſen Sie nicht kommen: wenn auch mein Mitſaͤugling, wie ich es hoffe, geneſen waͤre. Es kann mir auch an Jhrem Rath nicht fehlen, ſo lange ich noch ſchreiben kann, und Sie mir antworten koͤnnen. Und ſchreiben will ich, ſo oft als ich Jhres Raths benoͤthigt bin.

Hiernaͤchſt ſcheinen die Leute, bey denen ich nun bin, ſo wohl ehrlich als hoͤflich. Es iſt noch in eben dem Hauſe eine Witwe zur Miethe von geringen Umſtaͤnden, aber von großen Vor - zuͤgen Beynahe eine eben ſo ernſthafte und fromme Frau, als die werthe Perſon, an die ich eben ſchreibe. Sie hat, wie ſie ſagt, alle andere Gedanken von der Welt aufgegeben, außer de - nen, die ihr behuͤlflich ſeyn, gluͤcklich davon zu ſcheiden. Wie ſchoͤn ſchickt ſich das zu meinen eignen Abſichten! Hierinn, ſcheint wenig - ſtens eine troſtreiche Vorſicht fuͤr mich zu wal - ten! Alſo iſt gegenwaͤrtig nichts, das es noͤ - thig machen, nichts, das es erfordern, oder nur einmal entſchuldigen kann, daß Sie kom -men:61men: da ſo viele und beſſere Abſichten zu errei - chen ſeyn moͤgen, wenn Sie bleiben, wo Sie ſind. Es kann eine Zeit kommen, da ich Jhre letzte und beſte Huͤlfe noͤthig haben werde: und alsdenn, meine liebe Frau Norton als - denn will ich ſie mir beſtellet haben und von gan - zem Herzen annehmen alsdenn wird ſie mir von niemand verſaget werden.

Es iſt eine beſondere Hoͤflichkeit, womit Sie mir Geld anbieten. Allein, ob ich gleich genoͤ - thigt war, meine Kleider im Stiche zu laſſen: ſo nahm ich doch verſchiedne Koſtbarkeiten mit mir, die vor der Hand meinen Mangel erſetzen werden. Sie werden ſagen, ich habe mein Geld ſchlecht angeleget Das habe ich auch in der That! und wenn ich zuruͤckſehe, noch dazu in gar kurzer Zeit.

Allein, was ſoll ich thun, wo mein Vater nicht kann gewonnen werden, ſeinen harten Fluch zu wiederrufen? Unter allen recht ſchweren Uebeln, die mich getroffen haben, iſt dieß nun das ſchwereſte. Denn ich kann unter demſelben weder leben, noch ſterben.

O meine liebe Frau Norton, wie ſchwer muß eines Vaters Fluch ein Gemuͤth druͤcken, das ſich davor ſo ſehr fuͤrchtet, als das meinige! Dachte ich wohl, daß ich jemals um die Befrey - ung von demſelben zu bitten Urſache haben wuͤrde?

Sie muͤſſen nicht mit mir zuͤrnen, daß ich nicht eher an Sie geſchrieben habe. Sie habenvoll -62vollkommen recht, und ſind vollkommen guͤtig, wenn Sie ſagen, daß Sie verſichert ſind, ich liebe Sie. Ja in Wahrheit ich liebe Sie. Und wie edelmuͤthig, ſich ſelbſt ſo vollkommen aͤhnlich, beweiſen Sie ſich in Jhren Lobeserhebungen, daß Sie mir mehr beylegen, als ich verdiene, damit Sie einen Eifer in mir erwecken moͤgen, ihre Lobeserhebungen zu verdienen! Sie ſagen mir, was Sie von mir in dieſem Elende, welches mir zu ertragen aufgelegt iſt, erwarten. Jch wuͤnſche nur, daß ich mich Jhrer Erwartung gemaͤß verhalten moͤge.

Jch kann mir ſelbſt eine kleine Rechen - ſchaſt von meinem Stillſchweigen gegen Sie, meine guͤtige, meine werthe muͤtterliche Freun - dinn, geben Wie gelinde und hoͤflich druͤcken Sie ſich bey dieſer Gelegenheit aus! Jch wollte gar zu gern, ſo wohl Jhrentwegen, als um mein ſelbſt willen, daß Sie mit Grunde ſagen koͤnnten, wir wechſelten keine Briefe mit einan - der. Haͤtte man geglaubt, wir thaͤten es: ſo wuͤrde ein jedes Wort, das Sie zu meinem Be - ſten koͤnnten geſprochen haben, verworfen worden ſeyn; und meiner Mutter wuͤrde man verboten haben, Sie zu ſprechen, oder das, was Sie ſa - gen moͤchten, einiger Achtung wuͤrdig zu hal - ten.

Außerdem war die Ausſicht in meine kuͤnfti - ge Umſtaͤnde, die ich vor mir hatte, bald beſſer, bald ſchlechter. Das Schlechtere wuͤrde Sie nur beunruhigt haben; wenn Sie es erfahrenhaͤtten;63haͤtten: das Beſſere aber machte mir oft Hoff - nung, daß ich mit der naͤchſten und dann wieder mit der naͤchſten Poſt, und ſo von einer Woche zur andern, Jhnen das Beſte, was mir damals begegnen konnte, zu melden haben wuͤrde; ſo kaltſinnig auch nunmehr der nichtswuͤrdige Menſch mein Herz gegen das Beſte gemachet hat. Wie konnte ich mir in den Sinn kommen laſſen, an Sie zu ſchreiben und dadurch Jhnen zu ge - ſtehen, daß ich nicht verheyrathet waͤre, und doch mit einem ſolchen Menſchen, wiewohl ich es nicht aͤndern konnte, in einem und eben demſelben Hauſe lebte? Der noch dazu gegen ver - ſchiedne Perſonen vorgegeben hatte, daß wir wirk - lich vermaͤhlet waͤren, ob gleich mit gewiſſen Be - dingungen, die von der Ausſoͤhnung mit meinen Freunden abhingen? Daß ich Jhnen aber die Wahrheit vorenthalten, oder mich entweder of - fenbar, oder durch Zweydeutigkeiten einer Un - wahrheit ſchuldig machen ſollte, das war etwas, das Sie mich niemals gelehret hatten.

Vielleicht aber werden Sie denken, ich haͤtte um Jhren Rath in meinen gefaͤhrlichen Umſtaͤn - den an Sie ſchreiben moͤgen. Allein in der That, meine liebe Fr. Norton, ich bin nicht aus Mangel an gutem Rath ins Verderben gera - then. Das werden Sie aus dem, was ich ſchon beruͤhret habe, augenſcheinlich erkennen: wenn ich mich auch nicht weiter erklaͤren ſollte. Denn wie haͤtte der grauſame Raͤuber noͤthig gehabt, zu unverſchuldeten Kuͤnſten ich will freyerheraus -64herausreden, aber Sie muͤſſen es gegenwaͤrtig noch nicht wieder erzaͤhlen zu berauſchenden und betaͤubenden Traͤnken, und zu der grauſam - ſten und ſchimpflichſten Gewaltthaͤtigkeit ſeine Zuflucht zu nehmen: wenn ich meine Pflicht nicht ſorgfaͤltig beobachtet haͤtte?

Nur noch wenige Worte von dieſer betruͤbten Sache

Wenn ich alles uͤberlege, was mir begegnet iſt: ſo ſehe ich offenbar, daß dieſer Verfuͤhrer, den man gemeiniglich fuͤr gedankenlos gehal - ten, gegen mich nach einem regelmaͤßigen und vor - her verabredeten Entwurf zu ſeiner niedertraͤchti - gen Schandthat gehandelt hat.

Damit er alle ſeine ſchaͤndliche Raͤnke in den Gang braͤchte, war anfangs nichts weiter noͤthig, als daß er mich entweder mit Gewalt oder mit Liſt bewegte, mich in ſeine Gewalt zu begeben: und nachdem dieß ins Werk gerichtet war, haͤtte mich nichts, als der Einſpruch von dem vaͤterli - chen Anſehen, deſſen Gebrauch zu meinem Be - ſten, ich aber nicht verdienet hatte, von den Wirkungen ſeiner unergruͤndlichen Anſchlaͤge ret - ten koͤnnen. Ein Widerſtand von irgend einem andern Theile wuͤrde nur nach allzu vieler Wahr - ſcheinlichkeit, ſeine unmenſchliche und undankba - re Gewaltthaͤtigkeit beſchleuniget haben. Ja, waͤren Sie ſelbſt bey mir geweſen: ſo wuͤrden Sie auf eine oder die andere Art, wie ich nun - mehr Grund zu denken habe, fuͤr Jhre Bemuͤ - hung mich zu retten gelitten haben. Denn nie -mals65mals iſt ein gemachter Entwurf zur Bosheit, wie ich itzo ſehe, ſo ſtandhaft und allezeit gleich - maͤßig verfolget worden, als er den ſeinigen ge - gen eine ungluͤckliche Perſon, die es beſſer von ihm verdiente, verfolget hat. Allein der All - maͤchtige hat es, nach dem gemeinen Lauf ſeiner Fuͤrſehung, fuͤr gut befunden, daß der Fehler ſei - ne eigne Strafe mit ſich fuͤhren ſollte: und dieß vielleicht zur Erfuͤllung des ſchrecklichen Fluchs von meinem Vater, daß ich hier; o meine lie - be Mutter Norton, beten Sie mit mir, daß hier das Ende ſeyn moͤge; durch eben den nichtswuͤrdigen Menſchen, auf den ich meine gottloſe Zuverſicht geſetzet hatte, geſtraft werden moͤchte.

Es iſt mir Jhrentwegen leid, daß ich ſo ſchwer - muͤthig beſchließen ſoll: und gleichwohl muß das Uebrige kurz ſeyn.

Erlauben Sie mir zu bitten, daß Sie das, was ich Jhnen eroͤffnet habe, geheim halten: we - nigſtens bis Sie meine Einwilligung haben, es bekannt zu machen.

Gott erhalte Jhnen Jhr anderes Kind, das reiner von Fehlern iſt.

Jch will auf ſeine Gnade hoffen, wenn ich auch von keinem Menſchen Barmherzigkeit er - langen ſollte.

Jch wiederhole noch einmal mein Verbot: Sie muͤſſen nicht daran denken, daß Sie herauf kommen wollten zu

Jhrer beſtaͤndig gehorſamen Cl. Harlowe.

Sechſter Theil. EDie66

Die dienſtfertige Perſon, welche Jhr Schrei - ben heute fuͤr mich abgegeben, hat verſpro - chen, morgen nachzufragen, ob ich etwas wieder zuruͤckzuſchicken haͤtte. Eine ſo gu - te Gelegenheit habe ich nicht vorbeylaſſen wollen.

Der funfzehnte Brief von Frau Norton an Fraͤulein Clariſſa Harlowe.

O! ungeheure Bosheit von dieſem abſcheuli - chen Menſchen!

Jſt jemand in der Welt, der einer ſo hold - ſeligen Perſon Gewalt thun koͤnnte!

Sind Sie verſichert, daß Sie nunmehr vor ſeinen Haͤnden zu weit zu erreichen ſind?

Sie befehlen mir, die Umſtaͤnde der ſchaͤnd - lichen Begegnung, die Jhnen widerfahren iſt, geheim zu halten: ſonſt wuͤrde ich bey einem un - vermutheten Beſuch, den mir Fraͤulein Harlo - we, bald nach dem Empfang Jhres betruͤbten Briefes, goͤnnete, in die Verſuchung gerathen ſeyn, zu geſtehen, daß ich von Jhnen gehoͤret haͤt - te, und ihr ſolche Stellen aus Jhren beyden Briefen mitzutheilen, die von Jhrer Reue und von Jhrem ſehnlichen Verlangen, ſo wohl die Wiederrufung des Fluchs, als auch den Schutzvor67vor ferneren gewaltſamen Beſchimpfungen, wel - che vielleicht noch gegen Sie koͤnnten unternom - men werden, von Jhrem Vater zu erlangen, voll - kommenen Beweis gegeben haͤtten. Aber als - denn wuͤrde Jhre Schweſter vermuthlich die Briefe zu ſehen und mit ſich zu Jhrer Familie zu nehmen verlanget haben.

Sie muͤſſen doch einmal die betruͤbte Ge - ſchichte erfahren. Es iſt unmoͤglich, daß ſie nicht Mitleiden mit Jhnen haben, und Jhnen nicht vergeben ſollten: wenn ſie Jhre ſruͤhe Reue und Jhr unverſchuldetes Leiden erfahren; wenn ſie hoͤren, daß Sie durch die unmenſchliche Ge - walt eines ungeheuren Raͤubers, und nicht durch die ſchaͤndlichen Kunſtgriffe eines verfuͤhreriſchen Liebhabers, gefallen ſind.

Der gottloſe Menſch giebt bey dem Lord M. vor, wie mir Fraͤulein Harlowe erzaͤhlet, daß er wirklich mit Jhnen vermaͤhlet ſey. Jedoch glaubet ſie es nicht: und ich hatte auch nicht das Herz, ihr die Wahrheit zu ſagen.

Sie legte es mir ſehr nahe, ob ich nicht mit Jhnen von der Zeit an, da Sie weggegangen waͤren, Briefe gewechſelt haͤtte. Jch konnte ihr ſicher Nachricht geben, wie ich that, daß es nicht geſchehen waͤre. Allein ich geſtand zu - gleich, mir waͤre zuverlaͤßig gemeldet, daß Sie Jhres Vaters Fluch ungemein zu Herzen naͤh - men, und ſetzte hinzu, es wuͤrde ein gutes und ſchweſterliches Werk von ihr ſeyn, wenn ſie ſichE 2ange -68angelegen ſeyn laſſen wollte, Sie davon frey zu machen.

Unter andern harten Dingen, verſetzte ſie, meine parteyiſche Affenliebe gegen Sie machte, daß ich die Ehre der Uebrigen von der Familie wenig bedaͤchte. Wo ich dieß aber nicht von Jhnen ſelbſt gehoͤret haͤtte: ſo vermuthete Sie, ich waͤre von der Fraͤulein Howe angeſtiftet.

Sie erklaͤrte ſich mit vieler Bitterkeit gegen dieſe Fraͤulein: welche, wie es ſcheint, allenthal - ben und gegen jedermann; denn Sie muͤſſen ge - denken, daß Jhre Geſchichte in allen Geſellſchaf - ten den Stoff zur Unterredung hergiebet; wider Jhre Familie losziehet, und dieſelbe, wie Jhre Schweſter ſagt, veraͤchtlich, ja gar laͤcherlich machet.

Mir iſt es aus einem gedoppelten Grunde nicht lieb, daß ſolche Freyheiten, die von einem Zorn zeugen, gebraucht werden. Einmal thun dergleichen Freyheiten niemals gut. Jch habe von Jhnen ſelbſt das Geſtaͤndniß gehoͤret, daß Fraͤulein Howe zur Satyre ſehr aufgeleget ſey: allein ich ſollte hoffen, eine junge Fraͤulein von Jhrer Einſicht und rechtſchaffener Gemuͤthsart, muͤßte wiſſen, daß der Endzweck der Satyre nicht ſey, zu erbittern, ſondern, zu beſſern, und daß ſie daher niemals auf Perſoͤnlichkeiten hinauslaufen muͤſſe. Geſchieht das letzte: ſo kann es bey ei - ner unparteyiſchen Perſon, wie mein frommer Vater zu ſagen pflegte, den Verdacht erwecken, daß derjenige, der die Satyre braucht, eine na -tuͤrliche69tuͤrliche Neigung zu bittern Urtheilen habe und dieſer Genuͤge zu thun ſuche; welches an ihm ein eben ſo großer Fehler ſeyn mag, als irgend einer von denen, die er an andern zu tadeln und in ihrer Bloͤße darzuſtellen meynet.

Es wird vielleicht nicht vergeblich ſeyn, wenn Sie ihr hievon einen kleinen Wink geben.

Mein anderer Grund iſt dieſer, daß ſolche Freyheiten, die ſich eine ſo feurige Freundinn von Jhnen, als Fraͤulein Howe nach aller Wiſ - ſen iſt, herausnimmt, hoͤchſtwahrſcheinlicher Wei - ſe auf Jhre Rechnung geſchrieben werden koͤnnen.

Mein Unwillen gegen den ſchaͤndlichſten Menſchen iſt ſo groß, daß ich die aͤrgerlichen Umſtaͤnde, welche Sie von ſeiner Niedertraͤchtig - keit melden, nicht beruͤhren darf. Wie war es wohl moͤglich, daß Sie ſich gegen einen ſo ver - meſſenen und ſchluͤßigen Boͤſewicht vertheidigen konnten, nachdem Sie einmal in ſeiner Gewalt waren? Jch will nur meine inſtaͤndige Bitte an Sie wiederholen, daß Sie der Verzweifelung nicht Platz geben, ſo traurig und ſchrecklich der Anſchein von Jhren Umſtaͤnden ſeyn mag. Jhr Elend iſt uͤber die Maaßen groß: aber Sie ha - ben auch Gaben, die der Groͤße Jhrer Verſu - chungen gemaͤß ſind. Das geſteht ein jeder.

Setzen Sie das Aergſte, und daß Jhre Fa - milie ſich nicht zu Jhrem Beſten wolle bewegen laſſen: ſo wird ja Jhr Vetter Morden bald an - langen; wie mir Fraͤulein Harlowe erzaͤhlet hat. E 3Sollte70Sollte der auch ſelbſt auf der Familie Seite ge - bracht werden: ſo wird er doch zuſehen, daß Jhnen Gerechtigkeit widerfahre. Alsdenn koͤn - nen Sie allen zum Beyſpiel ein gottſeliges Leben fuͤhren, noch viele hundert gluͤcklich machen und junge Frauenzimmer lehren, die Fallſtricke zu vermeiden, worinn Sie ſo ſchrecklich verwickelt ſind.

Was aber den Mann betrifft, den Sie ver - lohren haben: Jſt wohl eine Vereinigung mit einem ſo meineidigen Herzen, als er hat, fuͤr ein ſo unvergleichliches Herz, als das Jhrige iſt, zu wuͤnſchen? Er iſt ein ſchaͤndlicher, niedertraͤch - tiger Kerl, wie Sie ihn mit Recht nennen, bey allem ſeinen Stolz auf ſeine Ahnen: mehr ein Feind gegen ſich ſelbſt, in Betrachtung ſeiner gegenwaͤrtigen und zukuͤnftigen Gluͤckſeligkeit, als gegen Sie, in den unmenſchlichen und un - dankbaren Beleidigungen, wodurch er Jhnen ſo viel boͤſes gethan hat. Jch darf Sie gewiß nicht ermahnen, einen ſolchen Mann, als der iſt, zu verachten. Denn waͤren Sie das nicht zu thun im Stande: ſo wuͤrde es ein Vorwurf gegen ein Geſchlecht ſeyn, dem Sie allezeit eine Ehre ge - weſen ſind.

Jhre gute Gemuͤthsart iſt unbeflecket. Das beweiſet ſelbſt die Beſchaffenheit Jhres Leidens, wie Sie gar wohl bemerken. Sprechen Sie alſo Jhrem werthen Herzen Muth ein, und verzwei - feln nicht. Jſt es nicht Gott, der die Welt re - gieret, und nach ſeinem Wohlgefallen einige Din -ge71ge zulaͤſſet, andere ſelbſt ſchicket? Will er nicht zeitliche Leiden, die ohne Schuld zugefuͤget und gottſelig ertragen werden, mit ewiger Gluͤckſelig - keit belohnen? Und was, meine Wertheſte, was iſt dieß kleine Nun, dieſe Nadelſpitze, ge - gen eine unumſchraͤnkte Ewigkeit?

Unterdeſſen leidet mein Herz doch unter ei - nem gedoppelten Kummer. Denn mein armer Sohn iſt recht, recht krank! Ein heftiges Fieber! Es iſt nicht dahin zu bringen, daß es nachlaͤſſet! Beten Sie fuͤr ihn, meine liebſte Fraͤulein fuͤr ſeine Geneſung, wo es Gottes Wille iſt. Jch hoffe, es werde Got - tes Wille ſeyn! Wo nicht: Wie uner - traͤglich iſt es mir, das zu vermuthen! ſo be - ten Sie fuͤr mich, daß er mir die Gedult und Ergebung in ſeinen Willen verleihe, die ich Jh - nen gewuͤnſchet habe. Jch verbleibe, Wertheſte Fraͤulein,

Jhre ewig ergebene Judith Norton.

E 4Der72

Der ſechzehnte Brief von Fraͤulein Clariſſa Harlowe an Fr. Judith Norton.

Jch ſollte billig Jhren Kummer, ſonderlich itzo, nicht vermehren Aber ich kann es nicht aͤndern, ich muß Jhnen, da Sie itzo meine einzige Freundinn ſind, die meine Wunden lin - dert, eine neue Unruhe entdecken, die mich befal - len hat.

Jch hatte nur eine Freundinn in der Welt, außer Jhnen: und dieſe iſt aͤußerſt misvergnuͤgt mit mir(*)Man ſehe den folgenden Brief.. Es iſt ein großer Schmerz, auch nur auf einen Augenblick dem Tadel einer gelieb - ten Perſon unterworfen zu ſeyn: ſonderlich wenn uns etwas beygemeſſen wird, das Ehre und Klugheit betrifft. Es giebt gewiſſe ſo zaͤrtliche, ſo bedenkliche Punkte, wie Sie wiſſen, meine liebe Frau Norton, daß es ſchon einigermaßen eine Schande iſt, wenn es noͤthig ſcheint, ſich desfalls zu rechtfertigen. Jn dem gegenwaͤrtigen Falle iſt mein Ungluͤck, daß ich von einigen Begeben - heiten, die ich erklaͤren ſoll, nicht anders, als durch Muthmaßung, Rechenſchaft geben kann: ſo fein und liſtig hat die ſcheusliche Seele, welche michſo73ſo ungluͤcklich verſtricket hat, ihr Werk zu treiben gewußt.

Fraͤulein Howe, mit einem Worte, meynet in meiner Gemuͤthsart einen Flecken gefunden zu haben. Jhr harter Brief iſt mir eben erſt zu Haͤnden gekommen: aber ich werde darauf vielleicht bey beſſerem Sinne antworten;